Rede über den Text: Wehe uns, dass wir gesündigt haben!

Von Ephräm d. Syrer

Zwei bittere Erinnerungen voll Schrecken und Schauder erheben sich täglich in mir in allen Gedanken und setzen mich in Furcht. Zwei fürchterliche Gegenstände regen mich auf und ängstigen mich, jagen meinen Gliedern Entsetzen ein und öffnen in meinen Augen Tränenquellen. Zwei Dinge sind es, bei denen die Seele erschaudert, so oft sie daran denkt oder darüber nachsinnt; denn die Erinnerung an sie ist bitter. Zwei Dinge sind es, über die am Ende jeder sich entweder freut oder betrübt. So oft sie mir in den Sinn kommen, erwecken sie in mir Schrecken und Entsetzen.

Vernehmet nun, meine Brüder, welches diese Dinge sind, die mich so erschrecken, und erschrecket und zittert auch ihr; denn sie sind für jeden überaus schrecklich! Die Last der Schulden, die ich mir aufgehäuft, und die Gerechtigkeit, welche dafür Rechenschaft fordert: diese sind es, von denen ich sagte, dass sie mich aufregen und erschüttern. Das große Verzeichnis meiner Schulden und das fürchterliche Gericht der Gerechtigkeit sind die zwei Dinge, welche meinen Geist beunruhigen und mich in Bestürzung versetzen. An das Unrecht, das ich in meiner Nachlässigkeit verübte, und an die Strafen, die meiner warten, denke ich, und deshalb zittern meine Gebeine und befallen mich Furcht und Schrecken. An die schwere Bürde meiner Sünden und an ihre entsetzliche Strafe erinnere ich mich in meinen Gedanken, und deshalb bemächtigt sich Furcht meiner Glieder. An die Vergehen, die ich verübt, denke ich und an die Vergeltung, die meiner wartet, und deshalb bemächtigt sich Jammer meiner Gedanken, und Leid und Furcht erschüttern mich. Dies sind, wie gesagt, die zwei bitteren Erinnerungen, welche sich in mir erheben, mich in Furcht setzen und meinen Gebeinen Schrecken einjagen. Dies sind die Erinnerungen, die in mir aufsteigen und mir Schauder erregen, die mich von allen Seiten verwirren und mein Herz tief betrüben. Das Gewissen mahnt mich in meinem Innern an meine Missetaten, stellt sie vor mir in Reihen auf und flößt so meinen Gliedern Schrecken ein. Es ruft mir die Verschuldungen meiner Jugend und die in mir verborgenen Geschwüre der Unsittlichkeit ins Gedächtnis zurück und läßt dadurch meine Augen von Tränen überfließen und erfüllt vor Furcht und Entsetzen meine Gedanken mit Betrübnis. Dabei denke ich tagtäglich an die Verfehlungen in den Tagen meiner Kindheit; denn von all dem, was ich auf der Welt beging, bleibt meinen Augen nichts verborgen. Ich denke an die Missetaten, die ich in der Zeit meiner Jugend verübte, und denke zugleich an die Gerechtigkeit und rufe Wehe über mich selbst. Ich denke an alle meine Schandflecken und zugleich an das furchtbare Gericht, das meiner wartet, und die Seufzer ersticken meinen Geist; denn wohin soll ich gehen? Ich denke an das, was ich mir gesät habe und was ich einst dafür ernten werde. Ich gedenke des Tages der Vergeltung, und es ergreifen mich Angst und Schrecken.

Ich denke an die Zeit, wo jeder ins Gericht muß, und es wird mir Angst, und meine Knie zittern; denn wohin werde ich dann kommen? Ich denke auch an jene Stunde, wo der Bräutigam zum Gastmahl eintreten wird, um die Geladenen zu besehen, und Tränen entströmen meinen Augen. Ich denke an die Zeit, wo man jeden, der schmutzige Kleider anhat, in die Finsternis hinauswerfen wird, und wehklage über mich. Ich denke daran, wie an jenem Tage meine Werke offenkundig werden und ich vor aller Welt beschämt dastehen werde, und die Seufzer ersticken meinen Geist. Ich betrachte alle meine Heimlichkeiten und sehe, wie abscheulich sie sind; ich weiß auch, daß sie offenbar werden, und Schmerz foltert meine Glieder. Ich betrachte das Kleid der Herrlichkeit, das ich in der Taufe angezogen, aber durch meine Vergehungen beschmutzt habe, und Schrecken bemächtigt sich meines Sinnes. Ich betrachte die strahlende Schönheit, mit der mich der Allgütige bei meiner Erschaffung schmückte, die ich mir aber durch die Sünden entstellte, und Zähne und Lippen beben mir. Ich betrachte die Herrlichkeit, welche die Gerechten am Ende erben, und denke zugleich an das schreckliche Feuer, und mein Herz pocht vor Furcht. Ich betrachte das Entsetzen, das die Sünder dort ergreift, und Zittern bemächtigt sich meiner Glieder, und Schrecken bringt sie in Bestürzung. Schrecken bemächtigt sich meiner Glieder und Schaudern meiner Gedanken. Brüder! An all dies erinnert mich jederzeit mein Gewissen, es stellt mir meine Missetaten in Reihen vor Augen und verbittert mir dadurch täglich das Leben. Wenn ich alle meine geheimen Verschuldungen überschaue, dann rufe ich über mich Wehe und preise die Fehlgeburten selig, welche das Licht dieser Welt nicht erblickten. Besser ist es, ohne Sündenschuld im Grabe zu liegen, als mit Sünden bedeckt das Licht zu schauen. Wer sich hienieden schuldig macht, über den bricht am Ende die Finsternis herein.

Was soll ich nun beginnen, meine Lieben? Ich bin ja hier und dort von Leiden bedrängt: hier durch die Furcht wegen meiner Sünden, jenseits durch die drohende Strafe. Als ich in meiner Jugend sündigte, da dachte ich in meinem Sinn: „Wenn ich ins Greisenalter eintreten werde, dann werde ich schon das Sündigen lassen.“ Ich überlegte in meinen Gedanken: „Wenn der Körper im Greisenalter erkalten wird, dann wird auch die Glut meiner Sünden sich abkühlen.“ Aber jetzt sehe ich, daß mein Wille selbst im Greisenalter nicht von Missetaten abläßt; denn hat sich auch der Körper verändert, der Wille ist doch nicht anders geworden. In meiner Jugend lebte ich ausgelassen, und in meinem Alter lebe ich schimpflich, und am Ende wartet meiner das Gericht. Beladen mit Schuldenlasten, vergingen und entschwanden meine Jugendtage; die Tage des Greisenalters kamen, und auch sie sind mit allerlei Missetaten belastet. Die Zeit der Jugend verbrachte ich im Dienste der Sünde, und da nun das Alter herbeigekommen ist, wandle ich doch noch in meinen Sünden. Meine Lieben! Es ist doch wunderlich, dass zwar der Körper seine Leidenschaftlichkeit verloren, der Wille aber seine Gewohnheiten nicht abgelegt hat. Der Körper ist durch das Greisenalter geschwächt, der Wille dagegen nicht. Grau ist wohl das Haupt, nicht aber das Herz; gealtert ist der Körper, aber alle meine Gedanken verjüngen sich immer wieder. Je weißer das Haar des Hauptes wird, desto schwärzer wird das Herz durch die Sünden, und je siecher der Körper ist, desto kräftiger ist der Wille zum Sündigen. Der Wille meiner Jugend ist der gleiche noch in meinem Alter; in Ausgelassenheit habe ich beide [Jugend und Alter] zugebracht. Nach meinem Greisenalter kommt aber die Zeit des Todes und nach dem Tode die Auferstehung und das furchtbare Strafgericht. Wenn ich aber dazu in diese Welt voll Übel gekommen bin, dann wäre es besser gewesen, ich hätte sie nie betreten; denn in ihr traf mich nichts als Unglück. Warum mußte ich denn in diese Welt kommen und in ihr alles mögliche Schlimme sehen, um dann aus ihr eine solche Sündenlast mitfortzunehmen? Job, der ihre Übel erfahren hat, sehnte sich zu den verscharrten Fehlgeburten, daß er wie sie in der Erde verscharrt wäre und die arge Welt nie gesehen hätte. Welchen Gewinn habe ich davon, daß ich in diese böse Welt kam? In ihr gibt es eine Unzahl von Feinden, und die Anfechtungen hören nicht auf. Es gibt aber auch in ihr Schriften, welche mir von Gericht und Vergeltung predigen. Meine Begierden treiben mich an, zu sündigen; die Schriften dagegen jagen mir Furcht ein. Ich schwanke zwischen Furcht und Begierde; was soll ich tun, meine Lieben? Dem schrecklichen Gerichte zu entfliehen, ist unmöglich, Freunde! Ich weiß aber, daß meine Vergeltung unheilvoll sein wird. Wohin soll ich vor beiden [Furcht und Begierde] meine Zuflucht nehmen?

Wenn ich an dies alles denke, dann ergreifen mich Jammer und Entsetzen, foltern mich Leiden und Schmerzen, und Kummer verbittert mir das Leben. Stunde für Stunde erinnere ich mich an all dies, indem ich meine Heimlichkeiten betrachte, und bittere Seufzer entringen sich in Menge meinem Herzen. Schaue ich auf den Tag des Hinscheidens, so sehe ich, daß allerdings dann meine bösen Taten ein Ende nehmen werden; ich sehe aber auch das Grab voll Finsternis und erzittere dann wieder vor dem Tode. Ich bete, von hier scheiden zu dürfen und durch den Tod den Verschuldungen zu entgehen; allein bei dem Gedanken an den Tag des Hinscheidens erbeben meine Knie vor Angst. In zwei Dingen liegt für mich Qual und in dreien Pein; sie alle aber bringen mir Verdammung, Gram und Elend. Sie rufen mir zwar zu, vom Sündigen abzulassen, aber ich vermehre trotzdem meine Schuld. Sterbe ich, so haften sie mir noch im Grabe an, und werde ich am Jüngsten Tage auferweckt, so muß ich geraden Weges in die Hölle wandern. Betrachte und überblicke ich nun dies alles, so ziehe ich das Grab allem anderen vor; denn in ihm wohnt es sich doch besser als hier und als dort in der Hölle. Groß ist für mich, Brüder, die Qual sowohl in dieser als in der künftigen Welt; denn hier gibt es Sünden und Versuchungen, und dort droht die Höllenpein. Hier quälen mich die Versuchungen, und der Böse überhäuft mich mit allen möglichen Sündenmakeln; im Jenseits martert mich die Pein für das, was ich in dieser Welt verübt habe.

Am Tage des Gerichtes hat jeder Angst; denn jeder empfindet an jenem Tage Reue, die große Schar der Vollkommenen allein ausgenommen, Schon dem, der nur hinter ihnen zurückblieb und das Maß der Vollkommenen nicht erreichte, macht das Gewissen darüber Vorwürfe, daß er jenen nicht gleich geworden ist; denn alle Klassen von Menschen, welche die Stufe der Vollkommenen nicht erreichten, betrüben sich darüber, daß sie den Oberen nicht gleich geworden sind. Ich aber und meinesgleichen, o Brüder, wir bedauern dort nicht so sehr, daß wir des Reiches verlustig gehen, sondern wir rufen in großer Pein und mit kläglichem Stöhnen, daß wir doch wenigstens vor dem Feuer bewahrt werden möchten; denn anders ist der Kummer dessen, der die Güter des Reiches verloren hat, und anders ist das Leid dessen, der von Martern gepeinigt wird und vor Schmerzen aufschreit. Wenn dann schon jener, der das Maß der Vollkommenen nicht erreicht hat, dort Reue empfindet, was werden erst wir, die im Feuer gepeinigt werden sollen, an jenem Tage beginnen? Den Beweis dafür, daß das Feuer, von dem die Hl. Schrift redet, heftig ist, entnehme ich von dem irdischen Feuer und seiner bitteren Glut; denn sicher bereitet das jenseitige Feuer denen, die in dasselbe geworfen werden, eine viel größere Pein als das Feuer dieser Welt. Ich weiß, daß das Feuer jener Welt viel härter zu ertragen ist als das diesseitige. Das muß jeder ohne Widerrede bestätigen und glauben. Wenn das diesseitige Feuer auch heftig ist, so ist doch mit seiner Glut auch sein Glanz verbunden; das jenseitige dagegen verzehrt und ist dabei schreckliche Finsternis und Nacht. Das diesseitige verzehrt nur, solange es Nahrung hat, und wenn es den Vorrat aufgebraucht hat, dann erlischt, verglimmt und verschwindet es. Jenes nie erlöschende Feuer verzehrt seine Nahrung nicht; denn nicht zu vernichten, sondern zu martern und zu peinigen ist ihm geheißen. Das Feuer dieser Welt verbreitet während des Brennens auch Glanz; allein jenes brennt, indem Finsternis und Zähneknirschen mit ihm verbunden sind. Es frißt, zerstört, vernichtet in lichtlosem Dunkel, es peinigt, ohne je zu erlöschen; denn nach dem Ausspruche der Hl. Schrift dauert es ewig.

Daran denke ich, meine Lieben, und seufze; denn ich weiß, daß ich wegen der in mir verborgenen Missetaten dafür aufbewahrt bin. Ja, an jenen strengen Urteilsspruch erinnere ich mich jederzeit und beklage beständig mein Leben, weil mir eine solche Qual bereitet ist. Zugleich gedenke ich jener Beschämung, die mir bevorsteht; denn dort kommen alle Heimlichkeiten vor den Welten und den Geschöpfen an das Licht, und alle, die mich erblicken, werden mich darum ansehen, daß ich so tief stehe. Nicht so, wie sie bisher von mir dachten, werden sie mich dort sehen; denn sie glaubten hienieden von mir, ich sei innerlich ebenso, wie ich äußerlich scheine. Ich bin aber in der Tat nicht so. Dort schauen sie meine Makeln, die in dieser Welt in mir verborgen sind, und verwundern sich höchlich und staunen über die in mir versteckten Geschwüre. Dort sehen sie gleich Dornen die Missetaten, die ich in mir ausgesät habe, und meine Heimlichkeiten treten ans Licht, und jedermann verwundert sich über mich. Dort erblicken sie gleichsam im Sonnenscheine die Flecken, die ich in mir heimlich hege, und schauen klar wie im Lichte alle meine Verfehlungen. Dort stehen die Verschuldungen, die in mir verborgen liegen, sichtbar vor Augen, und alle Völker erblicken sie am Gerichtstage wie im Sonnenlichte. Dort werden alle meine Sünden vor jedermann bekannt, und keine meiner Missetaten, weder eine große noch eine kleine, wird dort vergessen. Dort ruft man mir alle meine Sünden und Schulden ins Gedächtnis zurück; denn alle meine Werke sind im Buche verzeichnet und aufgeschrieben.

Wegen dieser bösen Werke, die ich verübt habe, fürchte ich mich und erschaudere Tag für Tag weine ich, Brüder, über das, was meiner in jener Welt wartet. Ich bin mir in meinen Gedanken wohl bewußt, daß ich nichts Gutes getan habe. Darnach wird auch meine Vergeltung am Tage des Gerichtes ausfallen, weil ich mir nur einen Schatz des Bösen hinterlegt habe. Wehe mir, wenn dort am Jüngsten Tage all dieses über mich kommt: Feuer, Finsternis, Pein, die große Beschämung vor der ganzen Welt! Wehe mir dort, wenn der Bräutigam zürnend auf die Gäste blicktl Wohin werde ich dann fliehen, und an welchem Orte mich verbergen? Wehe mir, wenn er den Dienern befiehlt, mir Hände und Füße zu binden und mich aus dem Speisesaale hinauszuwerfen, da sie sehen, daß meine Kleider schmutzig sind! Wehe mir, wenn sie mich von den Schafen auf der rechten Seite entfernen und zu den Böcken auf die linke Seite stellen und mich hinauswerfen! Wehe mir, wenn ich sehen muß, wie die Heiligen die [himmlischen] Güter erben, während ich im Feuer brenne! Wohin werde ich mich in jener Zeit wenden? Wehe mir auch, wenn ich in Beschämung und Zittern in der Ferne stehe und meine Augen nicht zu erheben vermag, um jenen Richter anzuschauen! Wehe mir, wenn der Bräutigam mich dort verleugnet, als kenne er mich nicht, die Türe vor mir verschließt und mich in die Hölle sendet! Wehe mir, wenn ich sehen muß, wie die Auserwählten ihre Anteile erhalten, die Pforte des Reiches dann geschlossen wird und jeder sein Erbe antritt! Wehe mir, wenn der Ausspruch über mich ergeht, daß mir die Pforte verschlossen sei und daß ich draußen bleiben müsse in Qual, Heulen und Zähneknirschen!

Dies macht mich, meine Lieben, immer beben und zittern, wenn ich meine geheimen Sünden betrachte und meine Werke erwäge. Diese furchtbare Erinnerung an meine Sünden und an den Tag des Gerichtes flößt meinen Gliedern Schrecken ein und erfüllt meine Gedanken mit Angst. Wunderlich ist aber dies, meine Lieben, daß ich dies alles weiß und klar erkenne, was mir frommen würde, und dennoch alles Böse verübe. Ich weiß, wie bitter mir vergolten werden wird, aber ich tue trotzdem Verkehrtes; ich kenne die guten Werke, begehe aber die bösen. Ich lese die Bücher des Geistes, welche vom Hl. Geiste geschrieben sind und Gericht und Strafe, aber auch das Brautgemach des Lichtes und das Himmelreich verkünden. Ich lese, aber ich befolge nichts; ich lehre, aber ich lerne nichts. Ich bin in den Büchern und in den Schriftlesungen wohl bewandert, bin aber von meiner Pflicht weit entfernt. Ich lese anderen die Hl. Schrift vor, allein nichts dringt in meine Ohren ein. Den Unwissenden gebe ich Erklärungen und Ermahnungen, aber mir selbst zu nützen, das bringe ich nicht zuwege. Wohl öffne ich das Buch und lese und seufze, schließe es dann wieder und habe schon wieder vergessen, was darin steht. Sind die Schriften meinen Augen entschwunden, dann sind auch schon ihre Lehren ebenfalls aus meinem Gedächtnis entschwunden. Was soll ich also, meine Lieben, mit dieser Welt anfangen, in die ich [nun einmal] eingetreten bin, und mit dem Körper voll Übel, der mich zu Begierden reizt? Die hl. Schriften erschrecken mich wegen des Gerichtes und der Vergeltung; die Begierden dagegen drängen mich, die Werke des Fleisches zu tun. So bin ich in Wahrheit zwischen Gericht und Furcht gestellt; darum rufe ich Tag für Tag Wehe über mein Leben und preise mit Recht die verscharrten Fehlgeburten und die Kinder selig, die nie in diese Welt der Übel eingetreten sind und daher auch keine [Sünden-] Last aus ihr weggetragen haben. Wer in ihr tugendhaft leben, Ruhe finden und dem Kampfe und dem Gerichte entgehen will, den überwältigen Krieg und Kampf [schließlich doch]. Hienieden Krieg zu führen und tugendhaft zu leben, gestattet mir der Leib nicht. Gebe ich mich aber meinen Begierden hin, so ist am Ende meine Vergeltung bitter. So nehme ich denn zu dir, o Herr, meine Zuflucht vor dieser argen Welt und vor dem Leibe voller Übel, dieser Ursache aller Sünden. Daher sage ich, wie einst der Apostel Paulus gesagt hat: „Wann werde ich doch von diesem Leibe des Todes befreit werden?“

Während aber mein Inneres bei dieser schmerzlichen Erwägung fiebert, dringt eine andere Regung auf mich ein und entfernt aus meinem Herzen die Trauer. Heimlich erhebt sich in meinem Sinn ein ermutigender Gedanke, erteilt mir einen guten Rat und bietet mir die Hand zur Hoffnung. Ich sehe im Geiste die Buße ermutigend vor mir stehen, wie sie mir eine tröstliche Verheißung ins Ohr flüstert. Ermutigend spricht sie zu mir: „Wenn du dich als Sünder darüber betrübst, daß die Reue unnütz sei, wozu betrübst du dich dann, o Sünder, [über deine Sünden]?“ [Darauf erwidere ich:] „Eben deshalb, weil Reue und Tränen ohne irgendeinen Gewinn mich brennen und martern, gerate ich beim Anblick meiner Sündenmenge in Verzweiflung.“ „Vernimm, o Sünder“ , flüstert mir wieder die Buße ins Ohr, „ich will dir eine sehr heilsame Lehre und einen lebenspendenden Rat geben. Höre mich an, ich will dir zeigen, wie du auf die rechte Weise trauern mußt, damit der Schmerz dir zum Nutzen gereiche und dein Weinen dir Hilfe bringe. Falle nicht in Mutlosigkeit und überlasse dich nicht der Verzweiflung! Laß beim Anblicke deiner Verschuldungen den Mut nicht sinken und übersieh deinen Vorteil nicht! Gütig und huldreich ist ja dein Herr; er sehnt sich, dich an seiner Pforte zu sehen und freut sich über dich, wenn du dich bekehrst, und nimmt dich mit Freuden wieder auf. Deine große Schuld kommt nicht einmal dem kleinsten Tröpflein seiner Barmherzigkeit gleich; er reinigt dich von der Sünde, welche in dir herrscht, durch seine Gnade. Das Meer deiner Sünden vermag nicht den leisesten Hauch seiner Erbarmung zu überwinden, ja selbst die Ungerechtigkeit der ganzen Welt überwältigt nicht das Meer seiner Gnade.

Wenn du auch mit Sündenschuld behaftet einhergehst, so halte dich nur von Missetaten zurück, gehe an seine Pforte, er wird dich hineinlassen. Denke ja nicht, du habest zuviel gefrevelt und werdest nicht aufgenommen, wenn du zurückkehrst, damit du nicht etwa dich dadurch abhalten lassest, Buße zu tun! Schaue nicht auf die Menge deiner geheimen Sünden, damit du nicht vernachlässigest, was dir zum [ewigen] Leben dient! Denn dein Herr kann dich rein machen und von deiner Befleckung weiß waschen. Sollte der Sündenschmutz auch noch so tief in dich eingedrungen sein, wie die Farbe in die Wolle, er macht dich weiß wie Schnee, wie beim Propheten geschrieben steht. O Sünder, laß nur von deinen Missetaten ab und bereue, was du gesündigt hast, dann wird er dich in seiner Erbarmung wieder aufnehmen. Laß deine früheren Makeln und komme zu ihm, dann wird er dich wieder aufnehmen. „Ja“, sagt zu mir die Buße, „ich bürge dir dafür. Tue nur, wie ich dir sage, o Sünder und Unreiner, dann nimmt dich der gütige Herr wieder auf und umarmt dich wie ich. O Sünder, wenn du beweinst und bereust, was du gefrevelt, und ihn gläubig anflehst, dann läßt er dir deine Missetaten nach und ergießt über dich die Fülle seines Erbarmens; denn er dürstet und lechzt nach deiner Umkehr und sähe dich so gerne an seiner Pforte, weil er sich selbst dem Tode und der Schmach für die Bösen und die Sünder überliefert hat.“

Es ist in Wahrheit so, o Sünder, wie ich sagte: grausam und bitter ist die Pein, welche der Übeltäter wartet. Im furchtbaren, unauslöschlichen Feuer und vom unsterblichen Wurme werden, wie die Schrift sagt, die Sünder gepeinigt, wenn am Ende das Gericht stattfindet. „Wisse aber auch dies, o Sünder“, spricht die Buße weiter zu mir, „daß es nicht in meiner Macht steht, dem Sünder im Jenseits irgendwie nützen zu können. Wer mich hier nicht hört und nicht unter meinen Flügeln Schutz sucht, dem vermag ich auch dort in jener Welt nicht mehr zu helfen. Dort werde ich nicht mehr zugelassen, für den Sünder Fürbitte einzulegen, der hier nicht zu mir eilte und unter meine Flügel flüchtete. Darum rate ich dir, o Sünder, zu deinem Heile dieses: Komm zu mir, solange du noch in dieser Welt bist, und du wirst durch mich leben! Ich bitte für dich bei seiner Gnade um Verzeihung deiner Schulden und rühre sie [die Gnade Gottes] durch meine Tränen, daß sie die Gerechtigkeit um Schonung anflehe. Ich trete mit dir vor die Gnade hin, um abzubitten, und beschwöre sie mit Tränen, daß sie um Erbarmung für deine Makeln anhalte, Ich vertraue auf die Gnade, sie werde meine Fürbitte für dich hören und sofort hingehen, um die Gerechtigkeit deinetwegen zu besänftigen. Ja, die Gnade faßt selbst deine Hände, o Sünder, unsichtbar und tritt fürbittend vor die Gerechtigkeit und redet sie mit folgenden Worten an: ,O über alles furchtbare Gerechtigkeit, schau doch diesen Büßer an! Wohl war er ein Sünder und Befleckter, allein jetzt ist er zum Büßer geworden. Schau ihn an, wie er in Schauder, Furcht und Beschämung über seine früheren Sünden dasteht und mit Seufzen dich um Vergebung anfleht! Schau auf seine Seufzer und Tränen, auf seine Reue und sein Herzeleid und laß ihm alle seine Fehltritte nach, wenn er nie mehr zu ihnen zurückkehrt! Schau ihn an, wie er vor Traurigkeit seines Herzens in Verzweiflung zu fallen im Begriffe steht! Wird er bei dem Falle nicht ermutigt, so geht er verloren. Reiche ihm also die Hand und laß ihn den Ruf der Vergebung hören, auf daß er sich eilends erhebe in der Hoffnung, aufgenommen zu werden, wenn er zu dem barmherzigen Herrn zurückkehrt.’“

Meine Lieben! Diese Worte bildeten sich heimlich in meinem Geiste nach der Furcht und nach dem Schrecken, die sich in mir wegen meiner Sünden geregt haben. Mit Recht habe ich die Buße personifiziert und redend eingeführt, um aus meinem schwachen Herzen Schmerz und Entmutigung zu vertreiben. Um allen meinen Sündengenossen Veranlassung des Trostes, der Hoffnung und der Bekehrung zu werden, habe ich dies gesagt, meine Lieben! Gepriesen sei der Allgütige und Huldreiche, der sich über uns freut, wenn wir uns bekehren, und uns freudig ohne Vorwurf aus Liebe aufnimmt! Gepriesen sei der Gnädige, dessen Pforte Guten und Bösen zum Eintritt offen steht und der den Bösen die Türe seiner Gnade nicht verschließt, wenn sie umkehren! Gepriesen sei er, der allen die Möglichkeit gibt, das Reich zu erben: den Gerechten durch ihre Tugenden, den Sündern durch die Buße! Gepriesen sei er, der für die Sünder sich selbst dem Tode und der Schmach hingab und die schimpfliche Kreuzigung erduldete, nur damit die Sünder das Leben erlangen möchten! Gepriesen sei er, der uns aus Gnade erschuf und dann kam, um uns durch sein Kreuz zu erlösen! Er wird wiederkommen und uns am großen Tage seiner Ankunft auferwecken. Mache uns, o Gütiger, durch deine Gnade würdig, daß wir am Tage des Gerichtes deine Barmherzigkeit schauen und dir, o Gott, mit den Gerechten Verherrlichung darbringen in alle Ewigkeit!

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