Gegen Vigilantius

Von Hieronymus (420)

Der Erdkreis hat vielerlei Ungeheuer hervorgebracht. Wir erfahren bei Isaias von Zentauren, Sirenen, Waldkäuzen und Nachteulen. Job beschreibt in geheimnisvollen Worten den Leviathan und die Behemoth. Die Sagen der Dichter erzählen vom Cerberus und den Stymphaliden, von dem erymanthischen Eber und dem nemäischen Löwen, von der Chimäre und der vielköpfigen Schlange. Den Cacus schildert Virgil. Den dreileibigen Geryon hat Spanien hervorgebracht. Nur Gallien nannte noch kein Ungeheuer sein eigen; vielmehr ragte es stets hervor durch seinen Überfluß an tüchtigen und überaus beredten Männern. Da erschien plötzlich Vigilantius, oder besser gesagt, Dormitantius, um mit seinem unreinen Geiste den Geist Christi zu bekämpfen. Er verbietet, den Gräbern der Märtyrer Ehre zu erweisen; die Vigilfeier verurteilt er; das Alleluja will er nur Ostern gesungen wissen; die Enthaltsamkeit ist ihm eine Irrlehre, die Schamhaftigkeit eine Pflanzstätte der bösen Lust. Wie in Pythagoras Euphorbus wieder zum Leben gekommen sein soll, so hat in diesem der verkommene Geist des Jovinian seine Auferstehung gefeiert, so daß ich gezwungen bin, jetzt bei diesem, wie einst bei jenem, gegen die teuflischen Schliche anzugehen. Ihm gilt mit Recht das Wort: „Nichtswürdiger Sproß, bringe deine Söhne als Schlachtopfer dar für die Sünden deines Vaters“. Der eine hat, nachdem er durch die Autorität der römischen Kirche verurteilt worden war, bei Fasanen und Schweinefleisch seinen Geist ausgehaucht, ja herausgebrochen. Dieser ist ein Kneipwirt aus Calagurris und, wenn ich zu seinen Ungunsten deuten darf, wegen seines Heimatsortes ein stummer Quintilian, der Wasser mit Wein mischt. Seinem früheren Gewerbe entsprechend versucht er, sein treuloses Gift der katholischen Glaubenslehre einzuträufeln. Er tritt auf gegen die Jungfräulichkeit und befehdet die Schamhaftigkeit. Bei den Gelagen der Weltleute zetert er gegen das Fasten der Heiligen. Während er bei vollen Flaschen philosophiert und lüstern nach den Kuchen blickt, bezaubert ihn Psalmengesang. Allerdings läßt er sich nur bei besetzter Tafel herab, die Lieder Davids und Idithuns, Asaphs und der Söhne Kores zu vernehmen. Wenn ich mit diesen Worten meinem Herzen Luft gemacht habe, so war es weniger Ironie als Schmerz, da ich mich nicht fassen kann und nicht in der Lage bin, tauben Ohres über die den Aposteln und Märtyrern zugefügten Beleidigungen hinwegzugleiten.

O Schande! Er soll Bischöfe zu Genossen seiner Freveltat haben, wofern man jene noch Bischöfe nennen kann, welche keinen zum Diakon weihen, der nicht vorher eine Gattin heimgeführt hat, die keinem Ehelosen Keuschheit zutrauen, offenbar weil sie dar tun wollen, wie heilig sie leben, die bei allen Böses vermuten, die nur dann die Sakramente Christi spenden, wenn sie wahrnehmen, daß die Frauen der Kleriker in Hoffnung sind und Kinder auf den Armen der Mütter schreien. Was sollen die Kirchen des Orientes tun? Was die Ägyptens und des Apostolischen Stuhles, die nur Jungfräuliche und Enthaltsame zu Priestern annehmen oder solche, welche zwar Frauen gehabt haben, aber aufhörten, ein eheliches Leben zu führen? In diesem Geleise bewegen sich der „Schlafmütze“ Lehren, die ihren Lüsten die Zügel schießen läßt und den natürlichen Brand des Fleisches, der in der Jugend zumeist zu größerer Glut angefacht wird, durch ihre Ratschläge verdoppelt, oder besser gesagt, zum Erlöschen bringt durch den Beischlaf mit Frauen. Schließlich unterscheiden wir uns durch nichts mehr von den Schweinen, es bleibt kein Abstand zwischen uns und den unvernünftigen Tieren, zwischen uns und den Pferden, von denen eine Schriftstelle sagt: „Gegen die Frauen sind sie geworden gleich tollen Pferden; ein jeder wieherte nach der Gattin seines Nächsten“. Der Heilige Geist aber spricht durch David: „Werdet nicht wie Pferd und Maultier, die keinen Verstand besitzen“. Über die „Schlafmütze“ und ihre Gesinnungsgenossen äußert er sich: „Mit Trense und Zügel schnüre die Kinnladen derer zusammen, die sich dir nicht nahen“.

Doch es ist allmählich an der Zeit, seine Worte anzuführen und dann den Versuch zu machen, auf das einzelne einzugehen. Nicht ausgeschlossen bleibt, daß wiederum ein böswilliger Leser die Vermutung ausspricht, der Stoff sei von mir erdichtet, um mit rhetorischem Gepränge mich dagegen aussprechen zu können, wie es bei einem Briefe der Fall war, den ich an zwei gallische Frauen, Mutter und Tochter, gerichtet habe, die miteinander im Streite lagen. Veranlassung zu meinem Schriftchen gaben die heiligen Presbyter Riparius und Desiderius, welche schreiben, daß ihre Pfarreien durch die Nachbarschaft jenes Menschen verseucht worden seien. Durch den Bruder Sisinnius schickten sie mir die Bücher, die er im Weinrausch schnarchend gebrochen hat. Sie behaupten, es hätten sich einige gefunden, die seinen Lästerungen zustimmten, um ihren Lastern nachgehen zu können. Er ist unerfahren, unbedeutend sein Wissen, kunstlos sein Wort und seine Redeweise. Nicht einmal das, was wahr ist, vermag er zu verteidigen. Aber wegen der Weltleute und der mit Sünden beladenen Frauen, die stets lernen und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit durchdringen, will ich mich eine Nacht gegen seine Torheiten wenden. So vermeide ich auch den Anschein, als nähme ich keine Rücksicht auf die Briefe derjenigen, welche mich um die Widerlegung gebeten haben.

Der Kirche Gottes in dieser Weise nachzustellen, paßt natürlich ganz zur Art eines Mannes, der von Räubern und zusammengelaufenem Volke abstammt, welches Cn. Pompejus nach der Unterwerfung Spaniens, ehe er zur Feier seines Triumphzuges nach Hause eilte, von den Berghöhen der Pyrenäen herab ins Tal verpflanzt und in einer Stadt angesiedelt hat, die infolge dieses Ereignisses den Namen „Convenae“ erhielt. Der Abkömmling der Vektonen, Arrebacer und Keltiberen stürmt los gegen die Kirchen Galliens und statt des Kreuzesbanners trägt er des Teufels Feldzeichen. Pompejus hat auch im Orient ein gleiches wie in Spanien getan, wo er nach Besiegung der kilikischen und isaurischen See- und Strandräuber zwischen Kilikien und Isaurien eine nach ihm benannte Stadt gründete. Aber diese Stadt lebt noch heute nach den Satzungen der Väter; keine „Schlafmütze“ ist in ihr geboren. Nur Gallien muß sich einen einheimischen Feind gefallen lassen und muß sehen, daß ein Mann mit verdrehtem Kopf, würdig der Hippokratischen Zwangsjacke, in der Kirche sein Unwesen treibt und neben anderen Blasphemien auch folgende Behauptung aufstellt: „Wozu mußt du jenem Etwas, dem du, wenn es in einem kleinen Gefäße in Prozession einhergetragen wird, deine Verehrung zollst, mit so großer Ehrfurcht entgegenkommen, ja es sogar anbeten?“ An einer anderen Stelle desselben Buches lesen wir: „Wozu verehrst und küssest du den in ein Leintuch eingehüllten Staub?“ Und im weiteren Verlauf seiner Ausführungen finden sich die Worte: „Wir sehen, wie unter dem Vorwande der Gottesverehrung beinahe heidnische Gebräuche in die Kirche eingeführt werden. Während die Sonne noch leuchtet, werden ganze Massen von Kerzen angezündet. Allenthalben wird, ich weiß nicht was für ein Staub, der in einem kleinen kostbaren Gefäße, in ein Leintuch gehülltr geborgen ist, geküßt und angebetet. Auf diese Weise erzeigen die Menschen den heiligen Märtyrern hohe Verehrung. Diese glauben sie mit wohlfeilen Wachskerzen beleuchten zu müssen, während doch das Lamm, das auf der Mitte des Thrones sitzt, sie durch die ganze Herrlichkeit seiner Majestät im Glänze erstrahlen läßt.“

O du Tor! Wer hat denn jemals Märtyrer angebetet? Wer hat in einem Menschen Gott gesehen? Haben nicht Paulus und Barnabas ihre Kleider zerrissen, als die Lykaonier sie für Jupiter und Merkur hielten und ihnen Opfer darbringen wollten? Haben sie nicht darauf hingewiesen, daß sie nur Menschen seien? Nicht als ob sie nicht besser wären als die längst gestorbenen Menschen Jupiter und Merkur, sondern weil ihnen gemäß irrigem heidnischen Gebrauche Gott geschuldete Ehre erwiesen werden sollte. Ein gleiches lesen wir von Petrus, der den Cornelius, als er ihn anbeten wollte, mit der Hand emporrichtete und sprach: „Stehe auf; denn auch ich bin ein Mensch!“ Und du wagst zu sagen: „Du verehrst jenes Etwas — ich weiß nicht was — in einem kleinen zum Umhertragen dienenden Gefäße“? Ich wünsche zu wissen, was jenes „Ich weiß nicht“ bedeutet. Drücke dich deutlicher aus, nimm kein Blatt vor den Mund, wenn du schimpfst über jenen Staub, der in einem kleinen kostbaren Gefäße, in ein Leintuch gehüllt, aufbewahrt wird. Es schmerzt ihn, daß die Reliquien der Märtyrer mit einem kostbaren Schleier bedeckt werden, daß man sie nicht in Lumpen und grobe Tücher zusammenbindet oder gar auf den Düngerhaufen wirft, damit allein der versoffene und verschlafene Vigilantius angebetet werde. Sind wir etwa Gottesschänder, wenn wir die Basiliken der Apostel besuchen? War der Kaiser Constantius ein Gottesschänder, der die Reliquien der heiligen Andreas, Lukas und Timotheus nach Konstantinopel überführen ließ, in deren Nähe die Dämonen heulten, deren Gegenwart jene zu verspüren bekommen, von denen Vigilantius besessen ist? Soll am Ende auch noch der Kaiser Arkadius ein Gottesschänder genannt werden, der die Gebeine des seligen Samuel nach langer Zeit von Judäa nach Thracien hat bringen lassen? Sind nicht alle Bischöfe als Gottesschänder, und njcht bloß dies, sind sie nicht geradezu als Toren einzuschätzen, da sie einen wertlosen Stoff und zerfallene Asche in Seide und in einem goldenen Gefäße getragen haben? Hat sich nicht auch das Volk all der Kirche albern benommen, welches den heiligen Reliquien entgegengezogen ist und sie mit solcher Freude aufgenommen hat, als ob es den lebenden Propheten vor sich gegenwärtig sähe? War es nicht blöde, daß von Jerusalem bis Chalzedon ein Volksschwarm den den andern ablöste und sich einhellig zusammenfand im Lobpreise Christi? Sie haben wohl den Samuel angebetet statt Christus, dessen Priester und Prophet Samuel war. Du hältst ihn für einen Toten daher deine Lästerung. Lies die Worte des Evangeliums: „Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs ist kein Gott der Verstorbenen, sondern der Lebendigen“. Wenn sie also leben, dann sind sie nicht in einem Kerker eingeschlossen, magst du ihn auch einen ehrenvollen nennen.

Du sagst, die Seelen der Apostel und Märtyrer wohnten im Schöße Abrahams oder im Orte der Erquickung oder unter dem Altare Gottes. Sie könnten sich nicht von ihren Grabstätten entfernen, um überall, wo sie wollten, gegenwärtig zu sein. Sie besitzen Senatorenwürde. Nicht in einem abscheulichen Kerker unter Menschenmördern werden sie gehalten, sondern in freier, ehrbarer Haft wohnen sie auf den Inseln der Seligen in in den elysäischen Gefilden. Willst du Gott Vorschriften machen? Willst du den Aposteln Ketten anlegen und sie bis zum Gerichtstage in Haft setzen, so daß sie nicht beim Herrn verweilen können, während die Schrift von ihnen sagt: „Sie folgen dem Lamm, wohin es immer geht“. Wenn das Lamm überall ist, dann muß man annehmen, daß auch die, welche bei dem Lamme sich aufhalten, überall sind. Wenn der Teufel und die Dämonen auf dem ganzen Erdkreis umherschweifen und vermöge ihrer außergewöhnlichen Schnelligkeit überall zugegen sind, sollen dann die Märtyrer, die ihr Blut vergossen haben, im Altare eingeschlossen bleiben, ohne sich von dort fortbewegen zu können. Du sagst in deinem Büchlein, daß wir, solange wir am Leben sind, gegenseitig für einander beten können. Sind wir aber gestorben, da fände kein Gebet für einen anderen Erhörung, zumal die Märtyrer nicht einmal Rache für ihr Blut erlangen konnten, worum sie gebetet hatten. Wenn die Apostel und Märtyrer für andere beten konnten, als sie noch von ihrem Leibe umgeben waren, also zu einer Zeit, in welcher sie noch für sich zu sorgen hatten, um wieviel mehr vermögen sie es, nachdem sie Krone, Sieg und Triumph davongetragen haben. Ein einzelner Mann, Moses, verlangte von Gott Verzeihung für 600 000 Bewaffnete. Stephanus, der erste Märtyrer für Christus, bat in Nachahmung seines Herrn um Verzeihung für seine Verfolger. Sollen sie weniger Einfluß besitzen, seitdem sie angefangen haben, bei Christus zu sein? Der Apostel Paulus berichtet, daß ihm zweihundertsechsundsiebzig Seelen, die mit ihm im Schiffe waren, geschenkt worden seien. Wird er etwa den Mund verschließen, seitdem er aufgelöst und bei Christus ist? Soll er sich nicht rühren können im Interesse jener, die auf dem ganzen Erdkreise an sein Evangelium geglaubt haben? Wird der lebende Hund Vigilantius besser sein als jener tote Löwe? Mit mehr Recht würde ich dieses Wort des Predigers anbringen, wenn ich zugäbe, daß Paulus dem Geiste nach tot sei. Die Heiligen werden nicht als tot, sondern als schlafend bezeichnet. Deshalb heißt es von Lazarus vor seiner Auferstehung, daß er geschlafen habe, und der Apostel verbietet den Einwohnern von Thessalonich, über die Schlafenden zu trauern. Du aber schläfst wachend und schreibst schlafend und hältst mir eine apokryphe Schrift vor, die von dir und deinesgleichen unter dem Namen Esdras gelesen wird. Dort findet sich geschrieben, es möge nach dem Tode keiner wagen, für die andern zu beten. Ich habe dies Buch niemals gelesen. Wozu soll ich es in die Hände nehmen, wenn die Kirche es nicht anerkennt? Schließlich führst du mir auch noch den Balsamus, den Barbelus, den Thesaurus des Mani und den komischen Namen Leusiboras an. Weil du an den Füßen der Pyrenäen zu Hause und nicht weit von Iberien entfernt bist, läufst du den mystischen Gestalten des Basilides, dieses ältesten, durch seine Unwissenheit hervorragenden Irrlehrers, nach und berufst dich auf Zeugnisse, welche die ganze Welt verwirft. Denn in deiner kleinen Abhandlung führst du ein Zeugnis Salomons, das für dich sprechen soll, an, welches Salomon überhaupt nicht geschrieben hat. Neben deinem zweiten Esdras wirst du wohl noch einen zweiten Salomon besitzen. Wenn es dir Spaß macht, dann lies die erdichteten Offenbarungen aller Patriarchen und Propheten. Bist du mit ihnen bekannt geworden, dann singe sie den Frauen bei den Webstühlen vor, oder besser, laß sie in deinen Kneipen vorlesen! Durch diese Torheiten wirst du das ungelehrige Volk leichter zum Trinken reizen.

Die Kerzen zünden wir nicht am hellen Tage an, wie du fälschlich annimmst. Vielmehr wollen wir die Finsternis der Nacht durch dieses Trostmittel verscheuchen. Wir wachen bei dem Lichte, damit wir nicht als Blinde mit dir in der Finsternis schlafen. Wenn aber einige Weltleute oder fromme Frauen, von denen wir in Wahrheit sagen können: „Ich gebe zu, daß sie Eifer für Gott haben; es mangelt ihnen aber an Einsicht“, aus Unwissenheit oder Einfältigkeit den Märtyrern zu Ehren anders handeln, was hast du dabei zu verlieren? Auch die Apostel ließen sich darüber aus, daß die Salbe verloren gehe. Aber des Herrn Tadel traf sie. Weder bedurfte Christus der Salbe, noch bedürfen die Märtyrer des Kerzenlichtes. Trotzdem hat jene Frau gehandelt Christo zu Ehren, und ihre fromme Gesinnung wurde angenommen. Alle, die Kerzen anzünden, empfangen nach ihrem Glauben Lohn; denn der Apostel sagt: „Ein jeder handle nach seiner Überzeugung rechtschaffen“. Nennst du solche Leute Götzendiener? Ich leugne nicht, daß wir alle, die wir an Christus glauben, von dem Irrtum des Götzendienstes stammen. Denn wir werden nicht als Christen geboren, sondern wiedergeboren. Weil wir ehedem Götzenbilder verehrten, sollen wir jetzt Gott nicht verehren, nur um nicht in den Schein zu kommen, als verehrten wir ihn auf gleiche Weise wie die Götzen? Die eine Art der Verehrung bezog sich auf die Götzen, und deshalb ist sie zu verabscheuen. Die andere hat die Märtyrer zum Gegenstand, darum verdient sie Billigung. Auch zündet man — um einmal von den Reliquien der Märtyrer abzusehen — in allen Kirchen des Orients Lichter an, wenn das Evangelium gelesen werden soll, und zwar, wenn die Sonne bereits scheint. Natürlich geschieht es nicht, um die Finsternis zu vertreiben, sondern um der Freude Ausdruck zu verleihen. Deshalb halten auch jene im Evangelium erwähnten Jungfrauen ihre Lampen stets brennend bereit. Und an die Apostel ergeht die Mahnung: „Eure Lenden seien gegürtet und brennende Lichter in euren Händen!“ Von Johannes dem Täufer heißt es: „Er war die brennende, lichtspendende Leuchte“, um unter dem Sinnbilde des stofflichen Lichtes auf jenes Licht hinzuweisen, über welches wir im Psalter lesen: „Dein Wort, o Herr, ist eine Leuchte für meine Füße und ein Licht auf meinen Wegen“.

Es liegt also [nach deiner Ansicht] seitens des römischen Bischofes eine verwerfliche Handlungsweise vor, da er über den Gebeinen verstorbener Menschen, der Apostel Petrus und Paulus, die nach unserer Auffassung Gegenstand der Verehrung, nach der deinen dagegen wertloser Staub sind, Gott Opfer darbringt und ihre Grabstätten zu Altären Christi macht? Aber nicht nur in einer Stadt, sondern auf dem ganzen Erdkreise sind die Bischöfe im Irrtume, welche, ohne sich um den Kneipwirt Vigilantius zu kümmern, die Basiliken der Toten besuchen, in denen völlig wertloser Staub und wer weiß was für eine Asche, in ein Leintuch eingehüllt, aufbewahrt liegt. Sie, die selbst unrein ist, verunreinigt natürlich alles, und die Gräber, die wie pharisäische außen weiß getüncht, innen aber alle voll unreiner Asche sind, wie du meinst, riechen übel und starren vor Schmutz. Dann speit Vigilantius aus dem Abgrund seines Innern seinen kotigen Unflat heraus und sagt: „Die Seelen der Märtyrer haben also eine Vorliebe für ihre Asche, umschweben sie und sind beständig gegenwärtig, damit sie nicht gerade dann abwesend seien, wenn irgendein Beter kommt, so daß sie ihn nicht hören könnten?“ O du Ungeheuer, das man an das Ende der Welt bringen sollte! Du spottest über die Reliquien der Märtyrer und verleumdest wie Eunomius, der Urheber dieser Häresie, die Kirche Christi. Du solltest vor einer solchen Gesellschaft zurückschrecken; aber du sprichst gegen uns wie jener gegen die Kirche Christi. Denn alle seine Anhänger halten ihren Fuß von den Basiliken der Apostel und Märtyrer fern, um dafür den toten Eunomius anzubeten, dessen Schriften sie einen höheren Wert beimessen als den Evangelien. Sie glauben, daß in ihm das Licht der Wahrheit sei, ähnlich wie andere Häresien behaupten, daß der Heilige Geist in Montanus sich niedergelassen habe oder daß Manes selbst der Paraklet sei. Gegen deine Häresie, die früher schon auf die Kirche einstürmte — du brauchst dich nicht etwa mit der Erfindung eines neuen Verbrechens zu rühmen —, hat Tertullian, ein Mann von hervorragender Gelehrsamkeit, ein Buch geschrieben, welches er mit dem passenden Namen „Scorpiacum“ betitelt, weil diese Lehre eine gelbanlaufende Wunde verursacht und so das Gift in den Körper der Kirche verbreitet, das früher Kainitische Irrlehre hieß, die lange Zeit hindurch in Ruhe begraben war, jetzt aber von einer „Schlafmütze“ wieder zum Leben erweckt worden ist. Es wundert mich, daß du nicht sagst, man dürfe den Märtyrertod nicht erdulden; denn Gott, den es nicht verlangt nach dem Blute von Böcken und Stieren, gelüste es noch viel weniger nach Menschenblut. Magst du nun diese Ansicht vertreten oder nicht, auf jeden Fall hält man dich für fähig, für eine solche Meinung einzustehen. Denn wenn man, wie du dich auslassest, die Reliquien der Märtyrer mit Füßen treten muß, dann verbietest du damit, Blut zu vergießen, das keiner Verehrung würdig ist.

Über die öftere Feier der Vigilien und über die nächtlichen Zusammenkünfte in den Basiliken der Märtyrer habe ich mich in einem anderen Briefe, den ich vor etwa zwei Jahren an den heiligen Priester Riparius geschrieben habe, kurz ausgesprochen. Wenn du sie deshalb für verwerflich erachtest, weil wir uns sonst den Anschein geben, als hätten wir öfters Ostern, hielten aber keine feierliche Vigil nach Ablauf eines Jahres ab, dann darf man wohl auch am Sonntage Christo kein Opfer darbringen, damit wir nicht öfters die Erinnerung an die Auferstehung des Herrn begehen und schließlich statt eines Osterfestes mehrere haben? Sünde und Schuld junger Leute und gemeiner Frauen, wie sie allerdings öfters in der Nacht vorkommen, darf den gottesfürchtigen Menschen nicht angerechnet werden, da ja auch, wie allgemein bekannt ist, in der Ostervigil derartige Dinge sehr häufig sich ereignen, ohne daß die Schuld einiger weniger, die auch ohne Vigilfeier in ihrem oder in fremden Häusern sündigen können, der Gottesverehrung Eintracht tut. Der Verrat des Judas hat die Treue der übrigen Apostel nicht erschüttert. So werden auch unsere Vigilien nicht berührt durch die schlechten Vigilien anderer Personen. Es sollen vielmehr jene gezwungen werden, in Keuschheit zu wachen, welche in der Fleischeslust schlafen. Was gut ist, wenn es einmal getan wird, kann deshalb noch nicht schlecht werden, weil es öfter getan wird. Oder wenn es eine Schuld zu meiden gilt, dann ist die Sache nicht darum schuldbar, weil sie öfters, sondern weil sie überhaupt geschieht. Laßt uns also auch an den Ostertagen keine Vigilien feiern, damit die schon lange gehegten Gelüste der Ehebrecher keine Verwirklichung finden, damit sich der Gattin keine Gelegenheit zur Sünde biete, damit sie ins Ehegemach eingeschlossen werden könne! Glühender ist die Begierde nach dem, was nur selten zu erreichen ist.

Ich kann nicht alles durchgehen, was in dem Briefe der heiligen Presbyter steht, will mich vielmehr begnügen, einiges aus des Vigilantius Schriften hervorzuheben. Er nimmt auch Stellung gegen die Zeichen und Wunder, die in den Basiliken der Märtyrer geschehen, indem er meint, sie nützen nur den Ungläubigen, nicht aber den Gläubigen, als ob es sich darum handele, in wessen Interesse sie geschehen, und nicht vielmehr darum, auf wessen Macht sie zurückzuführen sind. Gut, ich will einmal zugeben, es seien Wunder zum Nutzen der Ungläubigen, die, weil sie der Predigt und der Lehre nicht glauben wollen, durch Wunder zum Glauben gebracht werden sollen. Auch der Herr hat Wunder für die Ungläubigen gewirkt. Trotzdem darf man deshalb die Wunder des Herrn nicht schmähen, weil die Zeugen ungläubig waren. Im Gegenteil, sie fordern in höherem Maße unser Erstaunen heraus, weil sie so mächtig wirkten, daß sie selbst über die härtesten Gemüter Gewalt bekamen und sie zum Glauben zwangen. Komme mir deshalb nicht damit, die Wunder seien für Ungläubige! Gib mir lieber Aufschluß darüber, wie in dem wertlosen Staub und in, ich weiß nicht was für einer Asche, solche Wunderkraft vorhanden sein kann! Ich weiß, ich weiß, was dich schmerzt, was du fürchtest, o Unglückseligster der Sterblichen! Jener unreine Geist, der dich antrieb, dies zu schreiben, ist oft von diesem wertlosen Staub gequält worden und wird heute noch von ihm gepeinigt. Vor dir schweigt er über die Schläge, die er vor anderen eingesteht, es wäre denn, daß du nach Art der Heiden und der Gottlosen, des Porphyrius und des Eunomius, hierin nur Blendwerk der Dämonen sähest und leugnetest, daß die Teufel wirklich schreien, daß sie ihre Qualen nur heuchelten. Ich gebe dir einen Rat: „Besuche die Märtyrerbasiliken, und du wirst endlich auch einmal gereinigt werden!“ Dort kannst du viele deiner Genossen finden. Nicht durch die Kerzen der Märtyrer, die dir mißfallen, sondern durch unsichtbare Flammen wirst du entzündet werden. Dann wirst du zugeben, was du jetzt leugnest; dann wirst du, der du jetzt als Vigilantius sprichst, deinen wahren Namen offen bekennen. Du wirst zugeben, daß du Merkur seist wegen deiner Geldsucht, oder Nocturnus, mit dessen Gattin Alcmena, während er schlief, Jupiter Ehebruch trieb, indem er zwei Nächte zu einer einzigen verband, wie Plautus es in seinem Amphitryon schildert, damit der starke Held Herkules erzeugt werden könne, Du wirst zugestehen, daß du wegen deiner Trunkenheit und des von der Schulter herabhängenden Humpens, wegen deines stets geröteten Gesichtes, deiner schäumenden Lippen und deiner zügellosen Schmähreden der Vater Bacchus bist.

Als in unserer Provinz ein plötzliches Erdbeben, das mitten in der Nacht entstand, alles aus dem Schlafe aufgeweckt hatte, da hast du, Klügster und Weisester aller Sterblichen, nackt Gebete gesprochen und uns Adam und Eva im Paradiese vorgeführt. Sie erröteten zwar, als ihnen die Augen aufgingen, da sie bemerkten, daß sie nackt seien. Sie bedeckten ihre Scham mit Blättern von Bäumen, du aber hast, der Tunika und des Glaubens ledig, von plötzlicher Furcht ergriffen, und noch etwas unter deinem nächtlichen Weinrausch leidend zur Illustration deiner Klugheit vor den Augen der Mönche deine Scham zur Schau getragen. Solche Wortführer hat die Kirche, solche Leute sind tonangebend im Kampfe gegen das Blut der Märtyrer, solche Redner donnern gegen die Apostel, oder besser, solche wütende Hunde kläffen gegen die Jünger Christi.

Ich gestehe meine Furcht, selbst wenn sie abergläubischer Herkunft sein sollte. Wenn ich zornig gewesen bin und über etwas Böses nachgedacht habe, wenn ein nächtliches Traumbild sein Spiel mit mir getrieben hat, dann wage ich es nicht, die Basiliken der Märtyrer zu betreten, so sehr erzittere ich an Leib und Seele. Du lachst vielleicht und spöttelst über derartige weibische Phantastereien. Doch ich schäme mich nicht des Glaubens der Frauen, die zuerst den auferstandenen Herrn zu sehen bekamen, die zu den Aposteln gesandt, die in der Mutter unseres Herrn und Heilandes den heiligen Aposteln empfohlen wurden. Du rülpse weiter mit den Weltmenschen, ich will mit den Frauen und auch mit den Mönchen fasten, deren Schamhaftigkeit ihrem Antlitz aufgeprägt ist, deren von ständiger Enthaltsamkeit gebleichte Wangen die Ehrbarkeit Christi widerspiegeln.

Es kommt mir vor, als ob dich noch etwas anderes schmerze, nämlich die Furcht, deine Kneipen möchten keinen Gewinn mehr abwerfen, wenn bei den Galliern Enthaltsamkeit, Mäßigkeit und Fasten sich eingebürgert haben, es möchte dann unmöglich sein, die ganze Nacht hindurch Teufelsvigilien und lärmende Gelage zu veranstalten. Außerdem ist mir im gleichen Briefe mitgeteilt worden, daß du gegen den ausgesprochenen Willen des Apostels Paulus, ja auch der Apostel Petrus, Jakobus und Johannes, die dem Paulus und Barnabas die Rechte reichten zum Zeichen der Zusammengehörigkeit und ihnen auftrugen, der Armen eingedenk zu sein, davor warnst, tröstliche Spenden zur Unterstützung der Mönche nach Jerusalem abzusenden. Natürlich wirst du, wenn ich mich hiergegen wehre, sofort bellen, ich verfolge egoistische Interessen, du, der du alle so freigebig beschenkt hast, daß wir insgesamt Hungers gestorben wären, wenn du dich nicht in Jerusalem gezeigt und deine und deiner Auftraggeber Gelder so reichlich gespendet hättest. Ich sage dasselbe, was der hl. Apostel Paulus in fast allen seinen Briefen sagt und den Kirchengemeinden unter den Heidenchristen vorschreibt, alle sollten am Tage nach dem Sabbate, also am Sonntage, zusammenlegen. Die so gesammelte Summe sollte dann nach Jerusalem gesandt werden zur tröstlichen Unterstützung der Christen, entweder durch Jünger oder durch andere als zuverlässig erprobte Leute, oder wenn es sich der Mühe lohne, werde er persönlich über den Ertrag bestimmen oder ihn abholen. In der Apostelgeschichte spricht Paulus zu dem Statthalter Felix: „Nach mehreren Jahren bin ich nach Jerusalem gekommen, um meinem Volke Almosen zu bringen, zu opfern und ein Gelübde zu erfüllen. Darüber fanden sie mich, nachdem ich gereinigt war, im Tempel“. Konnte er nicht in einem anderen Erdteile und in den Kirchen, die er in ihrem Werden in seinem Glauben unterwiesen hatte, verteilen, was ihm andere spendeten? Aber er wünschte damit die Armen an den heiligen Stätten zu beschenken, die Christi wegen ihr eigenes geringes Vermögen verlassen hatten, um sich voll und ganz in den Dienst des Herrn zu stellen. Es würde zu weit führen, wollte ich aus seinen gesamten Briefen alle Stellen zusammensuchen, an welchen er, und zwar mit allem Nachdruck, darauf hinarbeitet, daß nach Jerusalem und an die heiligen Stätten für die Gläubigen Geld abgeführt werde nicht aus habsüchtigen Gründen, sondern zum Zwecke der Unterstützung, nicht um Reichtümer aufzuspeichern, sondern um den Bedürfnissen des Leibes zu genügen, um gegen Kälte und Hunger geschützt zu sein. Diese Gewohnheit hat sich im Judenlande bis heute erhalten, nicht nur bei uns, sondern auch bei den Hebräern, damit diejenigen, die bei Tage und bei Nacht im Gesetze des Herrn forschen, die auf Erden außer Gott keinen Vater haben, durch das Almosen der Synagogen des ganzen Erdkreises unterstützt werden, natürlich entsprechend den Rücksichten, welche die Billigkeit fordert, nicht so, daß die einen Hilfe erhalten, die anderen dagegen in Not geraten, sondern so, daß der Überfluß der einen den Mangel der anderen abstellt.

Du wirst zur Antwort geben, dies könne ein jeder in seinem Vaterlande tun. Es werde nie an Armen fehlen, die aus den Kirchengütern zu unterhalten seien. Ich leugne nicht, daß man, falls die Umstände es erlauben, allen Armen, selbst den Juden und Samaritanern Almosen spenden soll. Aber der Apostel lehrt, daß man zwar alle unterstützen soll, jedoch an erster Stelle die Glaubensgenossen. Über diesen Punkt läßt sich auch der Erlöser im Evangelium aus mit den Worten: „Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen!“ Können denn jene Armen, in denen trotz Lumpen und schmutzigem Körper die Begierlichkeit ständig auflodert, ewige Wohnungen haben, sie, die weder in der Gegenwart noch in der Zukunft Wohnungen besitzen? Nicht die Armen schlechtweg, sondern die Armen im Geiste werden selig genannt. Von ihnen gilt das Sprichwort: „Selig, wer Einsicht übt gegenüber den Armen und Dürftigen. Am Unglückstage wird der Herr ihn erretten“. Bei der Unterstützung der Armen aus dem gemeinen Volke bedarf es keineswegs der Einsicht, sondern des Almosens. Bei den heiligen Armen besteht die Seligkeit in der Erkenntnis, daß man einem Armen mitteilt, der nur errötend die Gabe annimmt und, nachdem er sie angenommen hat, schmerzlich davon berührt wird, daß er Fleischliches erntet, obwohl er Geistiges gesät hat. Aber auf des Vigilantius Behauptung, jene, welche die Nutznießung ihres Eigentums beibehalten und allmählich den Ertrag ihrer Besitztümer unter die Armen austeilen, handeln besser als die anderen, die das Ihrige verkaufen und alles auf einmal verschenken, gebe nicht ich die Antwort, sondern der Herr, der spricht: „Willst da vollkommen sein, dann gehe hin, verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen, und dann komme, und folge mir nach!“ Er wendet sich an den, der vollkommen sein will, der mit den Aposteln Vater, Schifflein und Netze verläßt. Was du rühmend erwähnst, das ist erst der zweite oder dritte Grad, den auch ich gelten lasse, aber unter dem Vorbehalte, daß der erste vor dem zweiten oder dritten den Vorzug hat.

Deine Schlangenzunge mit ihrem giftigen Bisse darf auch die Mönche ihrem Streben nicht abwendig machen, wie du es tust, wenn du ausführst: „Falls alle sich einschließen und in der Einsamkeit leben, wer wird dann den Kirchendienst versehen? Wer wird die Weltmenschen für die Seligkeit gewinnen? Wer wird die Sünder zur Tugend anhalten können?“ Gerade so könnte ich fragen: „Wenn alle mit dir Toren sind, wer wird dann noch vernünftig sein können?“ Dann wird man auch die Jungfräulichkeit nicht billigen können; denn wenn alle jungfräulich bleiben, dann werden keine Eheschließungen stattfinden, dann wird das menschliche Geschlecht dem Untergange geweiht sein. Die Kinder schreien nicht mehr in der Wiege, die Hebammen haben kein Verdienst mehr und müssen betteln gehen, und bei der ärgsten Kälte wird unsere „Schlafmütze“ allein und zusammengekauert in ihrem Bettlein wachen müssen. Die Tugend ist etwas Seltenes, nicht von allzu vielen wird sie erstrebt. Ja, möchten doch alle sein wie die wenigen, von denen es heißt: „Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt“, dann wäre die Hölle leer. Der Mönch hat nicht die Aufgabe zu lehren, sondern zu trauern, betrübt zu sein über sich oder über die Welt und in Furcht die Ankunft des Herrn zu erwarten. Er kennt seine Schwäche, er fürchtet, mit dem zerbrechlichen Gefäße, das er trägt, anzustoßen, so daß es hinfällt und in Stücke geht. Deshalb hütet er sich vor dem Anblick der Frauen, zumal wenn sie jugendlichen Alters sind. Er kasteit sich selbst so weit, daß er auch dort vorsichtig ist, wo ihm keine Gefahr droht.

Du wirst mich fragen: „Warum gehst du in die Einöde?“ Selbstverständlich, um dich nicht zu hören und zu sehen, um deine Wut nicht kosten zu müssen, um unter deinen Anfeindungen nicht zu leiden, um nicht eingefangen zu werden durch den Blick einer Dirne, um nicht durch eine schöne Gestalt zu unerlaubten Umarmungen verlockt zu werden. Du wirst erwidern: „Das nennt man nicht Kampf, sondern Flucht“. Bleib du in der Schlachtreihe, tritt den Feinden entgegen mit den Warfen in der Hand, siege, um dann gekrönt zu werden! Ich gebe meine Schwachheit zu. Ich will nicht kämpfen in der Hoffnung auf Sieg, um am Ende um den Sieg zu kommen. Fliehe ich, dann gehe ich dem Schwert aus dem Wege. Stelle ich mich, dann muß ich entweder siegen oder fallen. Wozu ist es denn nötig, die sichere Stellung aufzugeben und ins Ungewisse hineinzusteuern? Der Tod muß überwunden werden mit dem Schild oder mit den Füßen. Du, der du kämpfst, kannst überwunden werden oder siegen. Ich aber, der ich fliehe, siege nicht deshalb, weil ich fliehe, sondern ich fliehe, um nicht besiegt zu werden. Man hat keine Sicherheit, wenn man in der Nähe einer Schlange schläft. Es ist möglich, daß sie mich nicht beißt, es ist jedoch auch möglich, daß sie mich einmal beißt. Mit dem Namen Mutter bezeichnen wir [geistliche] Schwestern und Töchter, und wir schämen uns nicht, in ehrerbietigen Bezeichnungen unseren Lastern einen Riegel vorzuschieben. Was hat der Mönch in den Zellen der Frauen zu suchen? Was sollen diese Privatunterhaltungen zu zweien? Wozu geht man Zeugen aus dem Wege? Die heilige Liebe kennt keine Ungeduld. Was ich von der bösen Begierlichkeit gesagt habe, gilt auch vom Geize und von allen Lastern, denen man in der Einsamkeit entgeht. Deshalb meiden wir die verkehrsreichen Städte, um nicht zu Handlungen gereizt zu werden, für welche der Grund weniger in unserer Natur als in unserem Willen hegt.

Diese Ausführungen habe ich, wie bereits gesagt, auf Bitten der heiligen Presbyter in einer einzigen Nacht diktiert, da der Bruder Sisinnius drängte, um mit Almosen für die Mönche nach Ägypten zu eilen. Übrigens liegt in dieser Sache die Gotteslästerung so klar zutage, daß es dem Schreiber mehr darauf ankommen mußte, seinem Unwillen Ausdruck zu verleihen als Schriftzeugnisse anzuhäufen. Wenn aber diese „Schlafmütze“ noch einmal eine Nachtwache halten will, um seine Schmähreden gegen mich loszulassen, wenn er glaubt, auch mich mit dem gleichen Lästermaule in den Kot ziehen zu müssen, mit dem er über die Apostel und Märtyrer herfällt, dann will ich mich nicht auf eine kurze Nachtarbeit beschränken, sondern ich will eine ganze Nacht wachbleiben und mich mit ihm beschäftigen und seinen Genossen, einerlei ob Schüler oder Lehrer, welche die Ehemänner nur dann, wenn ihre Frauen in Hoffnung sind, des Dienstes Christi würdig erachten.

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