Die Akten des Hl. Pionius und seiner Genossen

Märtyrerakten

Daß man die Verdienste der Heiligen im Andenken erhalten müsse, befiehlt der Apostel, weil er weiß, daß durch die Erinnerung an ihre Taten bei tüchtigen Männern die Flamme in ihrer Brust zunimmt, besonders bei jenen, die tatkräftig solche Männer nachzuahmen sich bestreben und mit vorzüglichem Eifer sie zu erreichen suchen. Darum darf das Leiden des Märtyrers Pionius nicht verschwiegen werden, weil er, als er noch im Leben war, bei vielen Brüdern die Finsternis der Unwissenheit verscheucht hat und, als er später Märtyrer wurde, denjenigen, denen er im Leben seine Lehre beigebracht hatte, in seinem Leiden ein Beispiel gezeigt hats.

Am zweiten Tage also des sechsten Monates, am 11. März, einem großen Sabbatein der Verfolgung des Decius, hat die Gewalt der Verfolgung denPriester

Als sie am Sabbat ihr Gebet verrichtet und heiliges Brot und Wasser genossen hatten, kam der Tempelwächter Polemon an mit einer Schar solcher, welche das höhere Gericht dem Polemon zur Aufspürung der Christen beigegeben hatte. Als er den Pionius sah, brachte er folgende Worte aus seinem unheiligen Munde hervor: Wisset ihr, daß der Kaiser deutlich geboten hat, die Opfer mitzufeiern? Pionius antwortete: Gewiß kennen wir Gebote, aber jene allein, die uns gebieten, Gott zu verehren. Der Tempelwächter sagte: Kommet zum Gerichtshofe, damit ihr erkennet, daß mein Ausspruch wahr ist! Sabina aber und Asklepiades sagten mit lauter Stimme: Wir gehorchen dem wahren Gotte. Und als sie nun als Opfer zur Gerichtsstätte geführt wurden, da gewahrte das Volk die Stricke an ihrem Halse und, wie das bei dem unvernünftigen, neugierigen Volke gewöhnlich ist, es drängte sich verwundert so, daß der eine den andern fortstieß und dann wieder fortgestoßen wurde. Als nun der Zug im Gerichtshof angekommen war, da füllte sich der ganze Platz, soviel Raum er hatte, ja sogar die Dächer der heidnischen Häuser mit einer ungeheuren Volksmasse. Auch große Scharen von Weibern waren da; denn es war Sabbat und die Weiber der Juden waren wegen des Festtags frei von Arbeit. Von allen Seiten trieb die Neugierde Menschen jedes Alters zusammen, und denen die nötige Körperlänge fehlte, um alles sehen zu können, die stellten sich auf die Bänke oder bestiegen die Bogen, damit ihnen das Wunder nur nicht entginge; so suchten sie künstlich zu ersetzen, was ihnen die Natur versagt hatte.

Als nun die Märtyrer in der Mitte standen, sagte Polemon: Es wäre gut, Pionius, wenn du und die andern gehorchtet, die Befehle erfülltet und so den Strafen entginget. 2 Jedoch der selige Märtyrer Pionius antwortete auf diese Worte mit erhobener Hand und mit fröhlichem, heiterem Angesicht in folgender Rede:

„Ihr Männer, die ihr frohlocket über die Schönheit eurer Mauern, die ihr euch freuet der Zierde eurer Stadt Smyrna und euch rühmt des Dichters Homer, und wenn etwa unter euch auch Juden sind, höret auf die wenigen Worte, die ich zu euch rede. 3 Ich höre nämlich, daß ihr über die spottet, die entweder freiwillig sich zum Opfern melden oder bei Anwendung von Zwang sich zu opfern nicht weigern, daß ihr in diesen die Seelenschwäche, in jenen die freiwillige Irrung verurteilt; 4 ihr müßtet vielmehr eurem Lehrer und Meister Homer folgen, der es für unrecht erklärt, sich über die Toten zu freuen, da mit den des Lichtes Beraubten kein Streit, mit den Toten kein Kampf mehr sein soll. 5 Ihr Juden aber solltet den Gesetzen des Moses folgen, der sagt : Wenn deines Feindes Tier fällt, so sollst du nicht vorbeigehen, ohne ihm aufzuhelfen. 6 Im gleichen Sinne und in ähnlicher Rede hat Salomon gesagt: Über einen gefallenen Feind frohlocke nicht und erfreue dich nicht an fremdem Unglücke. 7 Darum will ich lieber sterben und alle Strafen erdulden und, in die größten Drangsale gebracht, unermeßliche Qualen empfinden wenn ich nur nicht das, was ich gelernt oder was ich gelehrt habe, verkehre. 8 Wie aber können Juden in ein schallendes Gelächter ausbrechen, um die zu verspotten, die gezwungen oder freiwillig opfern? Auch uns verschonen sie nicht mit ihrem Hohngelächter und rufen es mit schmähsüchtigen Worten uns nach, daß wir Zeit genug zur Freiheit gehabt haben. Sind wir auch ihre Feinde, so sind wir doch auch Menschen. 9 Was für Verluste haben sie denn durch uns erlitten? Welche Strafen haben sie durch uns zu fühlen bekommen? Wen haben wir mit Worten verletzt? Wen haben wir mit ungerechtem Hasse verfolgt? Wen haben wir, mit viehischer Grausamkeit einschreitend, zum Opfern getrieben? 10 Haben sie nicht die nämlichen Sünden auf sich, die jetzt aus Menschenfurcht begangen werden? Es ist ein großer Unterschied, ob man wider Willen oder mit Willen sündigt; und zwar ist zwischen dem, der gezwungen wird, und dem, welchen niemand zwingt, der Unterschied, daß bei diesem die Seele, bei jenem die Umstände die Schuld tragen. 11 Wer hat die Juden gezwungen, den Götzendienst des Beelphegor mitzumachen oder den Totenfeiern beizuwohnen oder von den Opfern der Toten zu essen oder mit den Töchtern der Madianiter schändliche Unzucht und hurerische Wollust zu treiben? Oder ihre Kinder zu verbrennen, gegen Gott Murren zu erregen oder von Moses heimlich Böses zu reden? Wer hat so viele Wohltaten vergessen, wer hat solche Undankbarkeit bewirkt? Wer hat sie gezwungen, daß sie wieder nach Ägypten zurückkehren wollten? Oder wer hat, als Moses zum Empfang des Gesetzes auf den Berg gestiegen war, den Aaron dazu gebracht, zu sprechen: Mach uns Götter, mach uns ein Kalb, und das andere, was sie getan haben? 12 Allerdings euch, Heiden, könnten sie vielleicht betrügen, durch irgendeine List eure Ohren täuschen; bei uns aber wird keiner von ihnen eine Lüge anbringen können. Sie mögen euch die Bücher der Richter, der Könige und den Exodus hersagen und das übrige zeigen, wodurch sie überführt werden. 13 Allein ihr fragt, warum so viele freiwillig zum Opfern hingehen, und wegen dieser wenigen verspottet ihr die übrigen. 14 Stellt euch eine Tenne vor, die mit Weizen angefüllt ist. Ist der Haufen der Spreu größer oder der des Weizens? Wenn nämlich der Bauer mit der zweispitzigen Gabel oder mit der Hand den Weizen umwendet, so wird die leichte Spreu vom Winde weggeweht, das schwere und feste Korn aber bleibt an seinem Orte liegen. 15 Wenn man im Meere die Netze auswirft, kann dann alles, was man herauszieht, vortrefflich sein? Wisset also, daß die, welche ihr sehet, solche sind und daß das der Grund dafür ist, daß Böses mit Gutem und Gutes mit Bösem vermischt ist; wenn du die Wage nehmen willst, zeigt sich der Unterschied, und was das Bessere ist, wird beim Vergleich offenkundig. 16 Auf welche Weise also wollt ihr, daß wir die Strafen, die ihr uns antut, ertragen? Als Gerechte oder als Ungerechte? Wenn als Ungerechte, so beweiset ihr euch auf diese Weise als noch ungerechter, da gar kein Grund da ist, uns zu verfolgen. Wenn aber als Gerechte, so bleibt euch keine Hoffnung, da schon Gerechte so viel leiden müssen. Denn wenn der Gerechte kaum selig wird, wie wird es dem Sünder und Gottlosen ergehen? 17 Denn ein Gericht steht der Welt bevor, über dessen Nähe wir aus vielen Anzeichen gewiß sind. 18 Denn ich habe das ganze Land der Juden durchwandert und habe alles gesehen; ich bin über den Jordan gegangen und habe das Land gesehen, das in seiner Verwüstung ein Zeuge war für den Zorn Gottes, weil seine Einwohner entweder Fremde ohne alle Menschlichkeit töteten oder mit Verletzung des Gastrechtes Männer in unnatürlicher Unzucht wie Weiber vergewaltigten. 19 Ich habe den Boden gesehen, der, durch die Gewalt himmlischen Feuers ausgebrannt, in Staub und Asche verwandelt ist, trocken und unfruchtbar da liegt. 20 Ich habe das Tote Meer gesehen, in welchem das flüssige Element aus Furcht vor Gott seine Natur geändert hat; ich sah das Wasser, das kein Lebewesen ernährt und aufnimmt, sogar den Menschen, wenn es ihn aufnimmt, sofort wieder auswirft, damit es nicht wieder wegen des Menschen in Schuld und Strafe falle. 21 Doch was rede ich zu euch von so weit entlegenen Dingen? Ihr Heiden seht und erzählet von dem Brande, von dem an Felsen glühenden Feuer, berichtet auch von dem in Lykien und auf verschiedenen Inseln aus dem Innersten der Erde hervorbrechenden Feuer. 22 Oder wenn ihr das nicht sehen konntet, so betrachtet die heißen Wasser, ich meine nicht jene, die man warm macht, sondern die es von Natur sind; blicket auf die lauen und dort kochenden Quellen, wo sonst das Feuer zu erlöschen pflegt; woher soll dies Feuer sein, wenn es nicht mit dem Höllenfeuer in Verbindung steht? 23 Ihr sagt ja, daß die Welt teils durch Feuer, teils durch Überschwemmungen gelitten habe, nach eurer Auffassung unter Deukalion, nach der unsrigen unter Noe. So kommt es, daß aus den verschiedenen Tatsachen die allgemeinen Wahrheiten erkannt werden. 24 Darum predigen wir euch von dem Gerichte durch den Logos Gottes, Jesus Christus, der im Feuer kommen wird. Darum beten wir eure Götter nicht an und verehren auch eure goldenen Statuen nicht, weil in ihnen nicht die Religion geübt, sondern die Menge geschätzt wird.“

Diesen und ähnlichen Reden, die sich lange hinzogen, weil der Märtyrer nicht schweigen wollte, hörten Polemon und das ganze Volk so aufmerksam zu, daß keiner ihn zu unterbrechen wagte. Als dann Pionius wiederholte: Eure Götter beten wir nicht an und goldenen Statuen zollen wir keine himmlische Verehrung, führte man sie in den Vorhof. Hier suchte das herumstehende Volk mit Polemon den seligen Märtyrer zu bereden und redete ihm also zu: Pionius, folge uns; denn vieles ist an dir, wegen dessen zu wünschen wäre, daß du am Leben bleibest. Denn du bist wert zu leben sowohl wegen deiner Rechtschaffenheit als auch wegen deiner Sanftmut. Es ist ja schön, zu leben und den Odem dieses Lichtes zu schöpfen. Als sie noch vieles andere sagten, erklärte Pionius: Auch ich sage, daß es schön ist, zu leben und das Licht zu genießen, aber jenes, nach dem wir verlangen. Es ist ein anderes Licht, das wir begehren, und diese Gaben Gottes verlassen wir nicht als Undankbare, sondern wir verlassen sie, weil wir größere hoffen, für Besseres verachten wir sie. Ich lobe euch, daß ihr mich der Liebe und Ehre für würdig haltet; aber wir vermuten, daß das nur Hinterlist ist; immer aber hat ausgesprochener Haß weniger geschadet als hinterlistige Schmeichelei.

Nach diesen Worten sagte ein gewisser Alexander, ein boshafter Mensch aus dem Volke, zu Pionius: Du mußt auch unseren Reden Gehör schenken. Er aber antwortete: Du vielmehr mußt hören; denn was du weißt, weiß ich auch, aber du verstehst das nicht, was ich weiß. Da sagte jener, spottend über die Ketten des Märtyrers: Was bedeuten denn diese Ketten? Er antwortete: Damit man nicht glaube, wenn wir durch die Stadt geführt werden, wir gingen zum Opfer, und damit ihr uns nicht, wie die andern, zu den Tempeln führet, zugleich auch, damit ihr einsehen könnt, daß ihr uns nicht zu fragen braucht, da wir ja freiwillig in den Kerker gehen. Als er nun schwieg und das Volk fortfuhr, ihn zu beschwören und ihm zuzureden, antwortete der selige Märtyrer noch einmal: Das haben wir beschlossen und es steht fest, daß wir bei dem beharren, was wir gesagt haben. Und als er nun die Umstehenden mit scharfen Worten entschieden zurechtwies, das Vergangene ihnen vorhielt und sie auf die Zukunft aufmerksam machte, sagte Alexander: Was haben wir eure Predigten nötig, da ihr die Möglichkeit nicht habt, länger zu leben, vielmehr die Notwendigkeit groß ist, daß ihr sterbet?

Als aber das Volk sich anschickte, ins Theater zu gehen, um dort auf den Sitzen im Schauplatz die Worte des seligen Märtyrers besser hören zu können, traten einige zu Polemon hin und sagten ihm etwas ins Ohr, um ihn zu überzeugen, im Volke werde eine Bewegung und ein Aufstand entstehen, wenn er dem seligen Märtyrer Gelegenheit zu reden gebe. Als Polemon das hörte, redete er den Pionius also an: Wenn du dich zu opfern weigerst, so komme wenigstens zum Tempel. Jener antwortete: Es nützt eurer Sache nichts, wenn wir zu den Tempeln kommen. Darauf Polemon: Also so verstockt ist dein Sinn, daß man dich nicht überzeugen kann! Und Pionius: O möchte ich doch euch bewegen und bereden können, Christen zu werden. Über diese Rede lachten einige und sagten laut: So etwas wirst du nicht erreichen, auch wenn wir lebendig verbrannt werden. Jener entgegnete: Noch schlimmer ist es, nach dem Tode zu brennen. Bei diesem Wortwechsel sahen einige die Sabina lachen und sagten zu ihr, wie drohend, mit starker Stimme: Du lachst? Sie antwortete: Ich lache, wenn Gott es will; wir sind Christen. Da sagten sie zu ihr: Du wirst leiden, was du nicht willst; denn die nicht opfern, müssen in den Hurenhäusern den Dirnen zur Gesellschaft und den Kupplern zur Befriedigung ihrer Lust dienen. Jene antwortete: Wie es Gott gefällt.

Wiederum sagte Pionius zu Polemon: Wenn du den Auftrag hast, uns zu überreden oder zu bestrafen, dann mußt du zum Bestrafen übergehen, da du uns nicht überreden kannst. Da erklärte Polemon, durch diese scharfe Rede gereizt: Opfere. Pionius antwortete: Das werde ich nicht tun. Wieder sagte er zu ihm: Warum nicht? Jener darauf: Weil ich ein Christ bin. Polemon fragte weiter: Welchen Gott verehrst du? Pionius antwortete: Den allmächtigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darin ist, und uns alle; der uns alles gibt und darreicht, den wir durch seinen Logos Jesus Christus kennen gelernt haben. Darauf Polemon: Opfere wenigstens dem Kaiser! Jener antwortete: Einem Menschen werde ich nicht opfern.

Als nun der Notar alle Antworten in die Wachstafel eingetragen hatte, sagte Polemon zu Pionius: Wie heißest du? Pionius antwortete: Christ. Polemon: Von welcher Kirche? Pionius antwortete: Von der katholischen. Nun wandte sich Polemon von Pionius weg und richtete seine Rede an Sabina, welcher Pionius früher, damit sie nicht in die Gewalt ihrer heidnischen Herrin zurückfalle, gesagt hatte, sie möchte ihren Namen verändern und unter dem Namen Theodota der Gewalt der Grausamkeit entgehen. die Sabina vom Glauben abbringen wollen und sie gefesselt ins Gebirge verstoßen, wo sie heimlich von den Brüdern Nahrungsmittel erhielt; darnach trug man Sorge, daß sie sowohl von der Politta wie auch von den Fesseln loskam; sie lebte nun gewöhnlich bei Pionius und war mit ihm in dieser Verfolgung verhaftet worden. Da sagte Polemon: Wie heißt du? Sie antwortete: Theodota und Christin. Polemon: Wenn du Christin bist, welcher Kirche gehörst du an? Sie antwortete: Der katholischen. Polemon: Welchen Gott verehrst du? Sie antwortete: Den allmächtigen Gott, der Himmel und Erde, das Meer und alles, was darin ist, erschaffen hat, den wir durch seinen Logos Jesus Christus erkannt haben. Als er dann den nahe dabei stehenden Asklepiades fragte, wie er heiße, antwortete Asklepiades: Christ. Polemon: Von welcher Kirche? Asklepiades: Von der katholischen. Polemon: Welchen Gott verehrest du? Er antwortete: Christus. Polemon: Wie, ist das ein anderer? Er antwortete: Nein, es ist derselbe, den auch diese soeben bekannt haben.

Nach diesen Worten und Verhandlungen wurden sie zum Kerker geführt, wobei ein großer Teil des Pöbels und eine gewaltige Volksmenge ihnen das Geleite gab, welche so zahlreich herbeigeströmt war, daß sie den Platz Martha erfüllte und daß der Zugang durch die Volkeswogen fast versperrt wurde. Da sagten einige, als sie die schöne rote Farbe im Angesichte des seligen Märtyrers bemerkten, voll Verwunderung: Was ist das, daß der immer so bleiche Mensch auf einmal seine Farbe in Rot verändert hat? Und als Sabina aus Furcht vor dem Volksgedränge sich fest an seiner Seite hielt, sagte jemand: Du hältst dich so an ihn, als ob du fürchtetest, von deiner Amme weggerissen zu werden. Ein anderer aber rief mit lauter Stimme: Sie sollen gezüchtigt werden, wenn sie nicht opfern wollen. Dem erklärte Polemon: Wir können es nicht; denn wir haben keine Rutenbündel und Stöcke. Ein anderer sagte spöttisch: Sieh, wie das Männlein zum Opfern wandert! Das bezog sich auf den Asklepiades, der bei Pionius war. Pionius aber entgegnete: Das wird der nicht tun. Ein anderer aber sagte laut: Dieser oder jener wird opfern. Pionius erklärte: Jeder hat seinen eigenen Willen; ich heiße Pionius; es geht mich nicht an, daß einer opfert; wer es tut, soll seinen Namen angeben. Während sie so miteinander redeten, sagte einer aus dem Volke zu Pionius: Warum eilst du, da du doch so wißbegierig und so gelehrt bist, hartnäckigen Sinnes zum Tode? Diesem antwortete Pionius: Weil ihr an meine Hinrichtung glaubt, muß ich umsomehr halten, was ich begonnen habe. Denn auch ihr wisset, wie viele Todesfälle und wie schrecklichen Hunger und wieviel anderes ihr erfahren habt. Einer aus dem Volke sagte zu ihm: Auch du hast mit uns Not gelitten. Er antwortete: Ja, aber mit der Hoffnung, die ich im Herrn hatte.

Kaum aber konnten die Kerkeraufseher wegen des Gedränges durch die Türe hineinkommen. Als sie endlich durchdrangen und den Pionius und die übrigen einsperrten, fanden diese daselbst einen Priester der katholischen Kirche mit Namen Lemnus und ein Weib namens Makedonia aus dem Dorfe Karina von der Sekte der Phryger. Als nun die frommen Diener Gottes beisammen waren, bemerkten die Kerkerwächter, daß Pionius das, was ihm von den Gläubigen gebracht wurde, festen Willens mit den Seinigen zurückwies und sagte: Ich bin oft in großer Not und doch niemandem zur Last gewesen; wie sollte ich nun gezwungen sein, etwas anzunehmen? Darüber gerieten die Kerkerwächter, welche sie früher mit großer Menschlichkeit behandelt hatten, in Zorn und schlossen sie in den inneren Teil des Kerkers ein, damit sie dort ohne alle humane Behandlung und ohne Licht in einem finstern, stinkenden Loche große Qualen erdulden müßten. An dieser Stelle ganz abgeschnitten, priesen sie Gott und sangen viele Hymnen zu seiner Ehre. Nachdem sie lange in diesem Lobe Gottes verharrt hatten, schwiegen sie eine Zeitlang und besorgten ihre gewöhnlichen Verrichtungen. In den Herzen der Wächter aber hat, was der Zorn ihnen eingegeben hatte, die nachfolgende Strafe wieder verdammt: sie wollten sie zu dem anderen Teile wieder zurückbringen. So kamen sie wieder an den Ort, wo sie früher gewesen waren, und sagten laut: Dir, o Herr, wollen wir ohne Unterlaß lobsingen; denn das, was geschehen ist, gereichte uns zum besten.

Da sie nun die Freiheit erhalten hatten, zu tun, was sie wollten, brachten sie Tag und Nacht mit Lesungen und im Gebete zu, so daß ihre Beharrlichkeit ein religiöser Wettstreit, ein Zeugnis des Glaubens und eine Arznei für ihr Leiden war. Während sie in diesem Gottesdienst verharrten, kamen viele Heiden, um den Pionius zu überreden; als sie aber diesen Mann reden hörten, hörten sie wunderbarerweise ihre eigene Strafpredigt, sie, die gekommen waren, ihn zu tadeln. Jene aber, die dort mit Gewalt festgehalten wurden, benetzten mit vielen Tränen, die sie stromweise vergossen, ihre Wangen, so daß keinen Augenblick die Seufzer aufhörten und daß in dem wiederholten Schluchzen nur wieder neue Trauer entstand, besonders bei jenen, die bisher immer in unbeflecktem Rufe gestanden hatten. Als Pionius diese in beständiger Trauer und im größten Schmerze sah, sprach er unter Tränen also zu ihnen:

„Ich leide eine neue Art Strafe und werde so gepeinigt, als ob mir die Gelenke aller Glieder auseinander gerissen würden, da ich die Perlen der Kirche unter den Füßen der Schweine liegen und die Sterne des Himmels von dem Schwanze des Drachen bis zur Erde herabgezogen, den Weinstock, den Gottes Hand gepflanzt hatte, von einem einzigen Schweine zerwühlt und von jedem Vorübergehenden nach Belieben abgerupft sehe. Meine Kinder, die ich neu gebare, bis Christus in euch ausgestaltet ist, meine zarten Zöglinge, sind harte Wege gegangen, Jetzt wird Susanna von den Boshaften vor Gericht gestellt, von gottlosen Ältesten überlistet; um der Schönheit der zarten und wohlgestalteten Frau zu genießen, entkleiden sie dieselbe und sagen mit lasterhafter Lüsternheit falsche Zeugnisse gegen sie aus. Jetzt höhnt und schweigt Aman, während Esther und die ganze Gemeinde beunruhigt wird; jetzt herrscht Hunger und Durst, nicht aus Mangel an Brot oder Wasser, sondern wegen der Verfolgung. Jetzt also, wo alle Jungfrauen eingeschlafen sind, haben sich die Worte des Herrn Jesu erfüllt; Wo auf Erden wird der Menschensohn, wenn er kommt, Glauben finden können? Denn ich höre, daß ein jeder seinen Genossen verrät, damit erfüllt werde das Wort; Der Bruder wird den Bruder zum Tode überliefern. Oder glaubt ihr, weil der Satan selbst uns verlangt und mit feuriger Hand seine Tenne reinigt, daß auch das Salz verdorben sei und von den Füßen der Menschen zertreten werde? Niemand von euch, meine Kinder, glaube, daß Gott schwach geworden sei, sondern wir sind schwach geworden; er sagt: Meine Hand ist nicht ermüdet zum Befreien und meine Ohren nicht betäubt, daß sie nicht hören. Unsere Sünden trennen uns von Gott, und daß er uns nicht erhört, macht nicht Christi Unbarmherzigkeit, sondern unsere Treulosigkeit. Denn was haben wir nicht Übles getan? Wir haben Gott vernachlässigt, einige haben ihn verachtet, andere in Begierde und in Leichtsinn gesündigt und sind an den Wunden, die sie sich gegenseitig durch Anklage und Verrat schlugen, zugrunde gegangen. Wir müßten aber etwas mehr Gerechtigkeit haben als die Schriftgelehrten und Pharisäer.“

„Ich höre nämlich, daß die Juden einige von euch in die Synagoge rufen. Weil der, welcher das tun wollte, in eine größere Sünde fiele, so sehet wohl zu, daß nicht einer ein so unerlaubtes Verbrechen begehe, das gar nicht mehr vergeben werden kann, weil es zur Lästerung gegen den Heiligen Geist gehört. Seid doch nicht wie die Fürsten von Sodoma und die Richter von Gomorrha, deren Hände von dem Blute der Unschuldigen, von dem Blute der Heiligen trieften. Denn wir haben weder Propheten getötet noch den Heiland überliefert. Doch wozu soll ich noch vieles erzählen? Erinnert euch nur an das, was ihr gehört habt. Denn ich habe erfahren, daß die Juden mit gottlosem Munde Lästerworte vorbringen, indem sie sich rühmen und mit eitlem Munde allerorten ausstreuen, der Herr Jesus Christus sei wie ein Mensch mit Gewalt zum Tode geführt worden. Saget mir doch, ich bitte: Wie konnten denn die Jünger eines Menschen, der eines gewaltsamen Todes gestorben ist, so viele Jahre hindurch Teufel austreiben und sie werden es auch noch tun? Wie hätten denn so viele Jünger und so viele andere für den Namen eines gewaltsam getöteten Meisters freudigen Herzens schwere Leiden erduldet? Was soll ich noch andere Wunderdinge erwähnen, die sich in der katholischen Kirche zugetragen haben? Sie wissen nicht, daß nur jener böse und gewaltsam stirbt, der, des Lebens überdrüssig, mit eigener Hand und freiwillig aus diesem Leben scheidet. Doch das ist diesen gotteslästerischen Seelen noch keineswegs genug; sie sagen, daß der Herr Jesus Christus durch eine Totenbeschwörung mit dem Kreuze zum Leben zurückgekehrt sei, und alles, was die Schrift bei uns oder bei ihnen von Christus dem Herrn sagt, das verkehren sie mit gottloser Rede zur Lästerung. Sind nicht, die so reden, Sünder, Treulose, Gottlose?“

„Ich will nun wiederholen, was die Juden oft in meinen jungen Jahren vorbrachten, und will ihnen im folgenden zeigen, daß es eine Lüge ist. Es steht nämlich geschrieben: Saul fragte die Wahrsagerin und sagte zu ihr: Erwecke mir den Propheten Samuel. Und das Weib sah einen Mann im Mantel emporsteigen. Saul glaubte, daß es Samuel sei, und fragte ihn das, was er zu hören wünschte. Wie denn? Konnte jene Wahrsagerin den Propheten auferwecken? Wenn sie das zugestehen, so bekennen sie damit, daß die Gottlosigkeit mehr als die Gerechtigkeit vermag; leugnen sie, daß das Weib ihn so zurückrufen konnte, so sind sie damit überführt, daß der Herr Jesus nicht so zum Leben zurückkehren konnte. So müssen sie in diesem Streite entweder den Rückzug antreten oder sie sind des Irrtums überführt. Der Beweis dafür ist folgender: Wie konnte der böse Geist einer Wahrsagerin die Seele des Propheten herbeirufen, die schon im Schoße Abrahams war und im Paradiese ruhte, da doch immer das Schwächere vom Stärkeren überwunden wird? Ist also, wie sie glauben, Samuel zum Leben zurückgeführt worden? Keineswegs. Wie liegt denn die Sache? Wie allen, die Gott reinen Herzens aufnehmen, die Engel beizustehen eilen, so dienen den Giftmischern, Beschwörern, Schwarzkünstlern oder denen, die in abgelegenen Gegenden unter dem Scheine der Wahrsagung Unsinn verkaufen, die Teufel. Es sagte aber der Apostel: Wenn sich der Satan in einen Engel des Lichtes verwandelt; es ist also nichts Großes, wenn auch seine Diener eine andere Gestalt annehmen wie auch der Antichrist sich für Christus ausgeben wird. Darum ist auch Samuel nicht wirklich zurückgeführt worden, sondern die Dämonen haben dem Weibe und dem Sünder Saul sich in seiner Gestalt gezeigt, was auch im folgenden die Schrift bestätigt. Denn Samuel sprach zu Saul: Auch du wirst heute bei mir sein. Wie konnte der Götzen- und Teufelsdiener sich mit Samuel zusammenfinden? Wem ist es nicht klar, daß Samuel nicht bei den Ungerechten war? Wenn es also nicht möglich war, daß jemand die Seele des Propheten hervorrief, wie kann man dann glauben, daß Christus der Herr, den die Jünger zum Himmel auffahren sahen, für welches Zeugnis sie willig den Tod erlitten haben, durch Zauberformeln aus der Erde und aus dem Grabe auferweckt worden sei? Wenn ihr ihnen das nicht entgegenhalten könnt, Lernet aus der Geschichte derer, die Übertreter und Teufelsdiener geworden sind, freiwillig vollkommen und besser zu sein.“

Als er das weit und breit auseinandergesetzt hatte und ihnen sofort den Tempel zu verlassen befahl, kamen Polemon mit einem großen Gefolge an und riefen mit dröhnender Stimme: Euer Vorsteher hat schon geopfert, und nun hat die Obrigkeit verlangt, daß auch ihr rasch zum Tempel kommet;. Pionius antwortete ihm: Die, welche im Gefängnisse festgehalten werden, haben nach dem Herkommen die Ankunft des Prokonsuls abzuwarten. Was maßt ihr euch etwas an, was einem anderen zusteht? Nach dieser Weigerung traten sie zurück und gingen wieder mit einer noch größeren Schar in den Kerker hinein. Darauf redete der Reiteroberst in hinterlistiger und versteckter Rede den Pionius an: Uns, die du hier anwesend siehst, hat der Prokonsul geschickt und befohlen, daß ihr nach Ephesus wandern sollt. Pionius entgegnete: Der Abgesandte soll kommen und wir werden ohne Säumen hinausgehen. Darauf kam der Hyparch oder, wie die Henker ihn nannten, der Turmarius, ein angesehener Mann, und sagte: Wenn du den Befehlen zu gehorchen dich weigerst, wirst du zu fühlen bekommen, was für eine Gewalt ein Turmarius haben kann. Als er das redete, faßte er den Pionius so fest an der Gurgel, daß er nicht Atem schöpfen konnte; dann übergab er ihn seinen Dienern, um ihn wegzuführen; diese banden ihn so fest, daß er den Atem weder einziehen noch ausstoßen konnte. Er und die übrigen, auch Sabina, wurden zum Gerichtshof geschleppt und riefen mit lauter Stimme: Wir sind Christen. Und wie die tun, welche ungern gehen, so warfen sie sich auf die Erde, damit ihre Leiber langsamer fortgeschleppt würden und ihr Zutritt zum Tempel erschwert werde. Den Pionius haben sechs Knechte teils getragen, teils gezogen. Und da ihre Schultern ermüdet waren und sie auf beiden Seiten schon nachließen, stießen sie mit den Fersen gegen seine Rippen, damit er ihnen die Last erleichtere oder von Schmerz überwunden ihnen folge. Doch ihre Roheit nützte nichts und ihre Mißhandlung hatte keinen Erfolg; denn er blieb so unbeweglich, als wenn das Gewicht seines Körpers durch die Fersenstöße der Diener noch vermehrt würde. Als sie ihn bei all ihrer Anstrengung so unbeweglich sahen, forderten sie noch Hilfskräfte, um wenigstens durch die Zahl zu ersetzen, was an Kraft fehlte.

Sie schleppten also den Pionius, der schrie, mit großen Freudenbezeugungen weg und stellten ihn wie ein Schlachtopfer vor den Altar, dort, wo der noch stand, von dem sie sagten, daß er kurz vorher geopfert habe. Da sagten die Richter mit strenger Stimme: Warum opfert ihr nicht? Jene antworteten: Weil wir Christen sind. Die Richter fragten wiederum: Welchen Gott verehrt ihr? Pionius antwortete: Den, der den Himmel gemacht und mit Sternen geschmückt hat, der die Erde gegründet und mit Blumen und Bäumen geziert hat, der es so geordnet hat, daß die Meere die Erde umfließen, der ihnen auch Grenzen gesetzt und Ufer angewiesen hat, Da sagten jene: Meinst du den, der gekreuzigt worden ist? Und Pionius: Den meine ich, den der Vater für das Heil der Welt gesandt hat. Die Richter sagten untereinander, jedoch so, daß Pionius es hören konnte: Zwingen wir sie, zu reden. Pionius sagte zu ihnen: Schämt euch vor den Gottesverehrern und übt wenigstens einigermaßen Gerechtigkeit, wo nicht, so tut nach euren Gesetzen, Warum handelt ihr gegen eure Gesetze, indem ihr nicht ausführt, was euch geboten ist? Denn es ist euch geboten, die, welche sich weigern, nicht zu vergewaltigen, sondern zu töten.

Nach diesen Worten sagte ein gewisser Rufinus, ein durch Beredsamkeit ausgezeichneter Mann: Sei ruhig Pionius! Was suchst du leeren Ruhm in eitler Prahlerei? Ihm antwortete Pionius: Hast du das aus deinen Geschichtsbüchern gelernt, zeigen dir das deine Handschriften? Solches hat der weise Sokrates von den Athenern nicht erlitten. Waren etwa Sokrates, Aristides und Anaxarchus Toren, waren sie soldatischem Übermut, der Kriegskunst und nicht vielmehr den Gesetzen ergeben, sie, die ebenso beredt wie gelehrt waren? Sie haben nicht mit hochtrabenden Worten und Wetteifer im Reden den Ruhm der Beredsamkeit gesucht, sondern sind durch ihre philosophische Wissenschaft zur Gerechtigkeit, zur Bescheidenheit und zur Mäßigung gelangt. Denn wenn es sich um das eigene Lob handelt, ist die Mäßigung ebenso zu loben, wie die Prahlerei häßlich ist. Als Rufinus diese Rede des Märtyrers gehört hatte, verstummte er, wie von einem Blitze getroffen.

Einer aber, der eine hohe Stellung in der Welt bekleidete, sagte: Schrei nicht so, Pionius. Diesem entgegnete er: Sei nicht heftig, sondern bereite den Scheiterhaufen, damit wir freiwillig uns in die Flammen stürzen. Von einer anderen Seite sagte ein Unbekannter: Bedenket, daß auch andere durch seine Rede und sein Ansehen darin bestärkt werden, nicht zu opfern. Darauf suchten sie Kränze, wie sie die Heiden zu tragen pflegen, dem Pionius aufs Haupt zu setzen, die er aber zerriß, so daß sie vor den Altären, die sie zu schmücken pflegen, in Stücken lagen. Dann kam ein Priester und trug an Spießen warme Eingeweide herum, wie um sie dem Pionius zu geben. Aber sofort wurde es ihm leid; er wagte zu keinem hinzuzutreten und stopfte die unreine Speise vor allen in seinen eigenen Leib hinein. Als jene dann mit lauter Stimme riefen: Wir sind Christen, wußte man nicht, was man mit ihnen machen sollte, und während das Volk sie ins Gesicht schlug, wurden sie in den frühern Kerker zurückgebracht. Auf dem Wege dorthin taten ihnen die Heiden viel Spott und Schmach an. So sagte einer zu Sabina: Konntest du nicht in deinem Vaterlande sterben? Sabina antwortete: Wo ist mein Vaterland? Ich bin des Pionius Schwester. Zu Asklepiades aber sagte der Veranstalter der Spiele: Ich werde dich als einen Verurteilten zu den Fechterkämpfen begehren. Als Pionius in den Kerker trat, schlug ihn einer der Diener so heftig aufs Haupt, daß diesem selbst durch den Anprall Seiten und Hände in Geschwulst gerieten. Im Kerker aber sangen sie dem Herrn ein Danklied dafür, daß sie in seinem Namen bei dem katholischen Glauben verblieben waren.

Nach wenigen Tagen kam der Prokonsul der Gewohnheit gemäß nach Smyrna zurück. A1s ihm Pionius vorgestellt wurde. find er also an, ihn zu verhören: Wie heißt du? Pionius antwortete: Pionius. Der Prokonsul: Opfere! Jener antwortete: Nein. Wiederum der Prokonsul: Von welcher Sekte bist du? Pionius antwortete: Von der katholischen. Der Prokonsul: Von welcher katholischen? Er antwortete: Ein Priester der katholischen Kirche. Wiederum der Prokonsul: Du warst ihr Lehrer? Jener: Ich lehrte. Wiederum der Prokonsul: Du warst ein Lehrer der Torheit. Jener antwortete: Vielmehr der Gottseligkeit. Der Prokonsul: Welcher Gottseligkeit? Er antwortete: Jener, welche auf den Gott gerichtet ist, der Himmel, Erde und Meer erschaffen hat. Wiederum der Prokonsul: Opfere also! Er antwortete: Ich habe den lebendigen Gott anzubeten gelernt. Darauf der Prokonsul: Wir verehren alle Götter, auch den Himmel und die darin sind. Was aber schaust du in die Luft hinein? Opfere! Jener antwortete: Ich schaue nicht in die Luft, sondern auf Gott, der die Luft gemacht hat. Der Prokonsul: Sag, wer hat sie gemacht? Jener antwortete: Ich darf ihn nicht nennen. Wiederum der Prokonsul: Du mußt den Jupiter nennen, der im Himmel ist, bei dem alle Götter und Göttinnen sind. Ihm also opfere, der aller Götter und des Himmels Herr ist.

Als er aber schwieg, befahl der Prokonsul, ihn festzubinden, um, was er mit Worten nicht konnte, durch die Folter auszupressen. Als er nun auf der Folter lag, sagte der Prokonsul: Opfere! Er antwortete: Nein. Wiederum der Prokonsul: Viele haben geopfert, sind den Qualen entgangen und freuen sich des Lichtes; opfere! Er antwortete: Ich opfere nicht. Wiederum der Prokonsul: Opfere! Er antwortete: Nein. Der Prokonsul: Durchaus nicht? Er antwortete: Auf keine Weise. Der Prokonsul: In welcher Überzeugung gehst du so hochmütig dem Tode entgegen? Tu, was dir befohlen ist! Er antwortete: Ich bin nicht hochmütig, sondern ich fürchte den ewigen Gott. Der Prokonsul: Was sagst du? Opfere! Jener antwortete: Du hast gehört, daß ich den lebendigen Gott fürchte. Wiederum der Prokonsul: Opfere den Göttern! Er antwortete: Ich kann es nicht. Nach dieser klaren und festen Willenserklärung des seligen Märtyrers hielt der Prokonsul lange Beratung mit seinen Räten und wandte sich dann wieder an Pionius: Du bleibst bei deinem Vorsatze und gibst auch jetzt noch kein Zeichen von Reue? Jener antwortete: Keines. Der Prokonsul: Du hast die Freiheit, reiflicher zu überlegen und zu ermessen, was für dich zu tun das Beste sei. Jener antwortete: Keineswegs. Darauf der Prokonsul: Weil du denn so zum Tode eilst, sollst du lebendig verbrannt werden. Und er ließ von einer Tafel das Urteil verlesen: Wir befehlen, daß Pionius, ein Mann von gotteslästerischem Sinn, der sich als Christen bekannt hat, durch die rächenden Flammen verbrannt werde, damit die Menschen abgeschreckt und die Götter gerächt werden.

So ging der große Mann, den Christen als Vorbild, den Heiden als Augenweide, nicht wie die andern zum Tode, nicht mit wankenden Schritten, zitternden Knien und gelähmten Gliedern. Nicht wurde sein Geist in der Vorahnung des Leidens bedenklich und auch hinderte das übrige beim Herannahen der Todesschrecken seinen Schritt nicht, sondern in schnellem Gange, mit heiterem Angesichte, ruhigen Sinnes und entschlossenen Mutes schritt er zum Tode. Und als er beim Ziele angelangt war, entblößte er sich selbst, ehe noch der Aufseher es befahl; beim Anblicke seines reinen und unbefleckten Leibes richtete er seine Augen zum Himmel und dankte Gott, daß er durch seine Frömmigkeit so bewahrt worden war. Angekommen am Scheiterhaufen, den heidnische Wut errichtet hatte, richtete er seine Glieder zurecht, um mit Balkennägeln angeheftet zu werden. Als das Volk ihn nun angenagelt sah, rief es aus Mitleid oder auch aus Besorgnis: Geh in dich, Pionius, die Nägel werden weggenommen, wenn du zu tun versprichst, was dir befohlen ist. Darauf sagte er: Ich fühle die Wunden und weiß wohl, daß ich angenagelt bin. Nach einer Weile sagte er: Vor allem aus dem Grunde leide ich den Tod, damit das ganze Volk erkenne. daß es eine Auferstehung nach dem Tode gibt. Darauf wurden Pionius und der Priester Metrodorus mit den Pfählen, an die sie angenagelt waren, aufgerichtet und es kam Pionius zur Rechten, Metrodorus zur Linken zu stehen, Augen und Herz gegen Osten gewendet. Als nun Holz herzugetragen wurde und das Feuer durch untergelegte Nahrung Kraft bekam und der brennende Scheiterhaufen in verheerender Flamme krachte, betete Pionius mit geschlossenen Augen stille zu Gott um einen guten Tod. Gleich darnach sah er mit heiterem Blick das gewaltige Feuer an und hauchte mit dem Worte Amen seine Seele aus, indem er seinen Geist dem empfahl, der ihm den verdienten Lohn zu geben, von Seelen aber, die wegen ihrer Ungerechtigkeit verurteilt sind, Rechenschaft zu fordern versprochen hat, mit den Worten: Herr, nimm meine Seele auf!

Das ist das Ende des seligen Pionius, dies das Leiden des Mannes, dessen Leben immer unbefleckt und frei von jeder Schuld war, der eine reine Einfalt, einen festen Glauben und eine beständige Unschuld besaß, dessen Brust den Lastern verschlossen war, weil sie Gott offen stand. So eilte er durch die Finsternis zum Lichte und durch die enge Pforte zu dem ebenen und weiten Gefilde. Der allmächtige Gott gab auch sofort ein Zeichen von seiner Krone; denn alle, die das Mitleiden oder die Neugierde dorthin geführt hatte, sahen den Leib des Pionius so, als ob er neue Glieder bekommen hätte. Er hatte erhobene Ohren, schönere Haare, einen jung aufsprossenden Bart; alle seine Glieder waren so wohlgestaltet, daß man ihn für einen Jüngling hielt; das Feuer hatte seinen Leib gleichsam verjüngt, ihm zur Ehre und zum Beweise der Auferstehung. Aus seinem Angesichte lächelte eine wunderbare Anmut, und viele andere Zeichen englischen Glanzes leuchteten an ihm, so daß es den Christen Vertrauen, den Heiden aber Furcht machte.

Dieses ist geschehen, als Julius Proklus Quintilianus Prokonsul von Asien war, unter dem Konsulate des Kaisers Gajus Messius Quintus Trajanus Decius zum zweiten Male und des Vettius Gratus, nach dem römischen Kalender am 11. März, nach asiatischer Zählung am 19. des sechsten Monates, an einem Sabbate, um die zehnte Stunde. Es ist aber so geschehen, wie wir es beschrieben haben, unter der Herrschaft unseres Herrn Jesu Christi, dem Ehre und Ruhm sei in alle Ewigkeit. Amen.

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