Acht Homilien über die acht Seligkeiten

Von Gregor von Nyssa

Erste Rede: „Selig die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich!“  

Einleitung.

Als er die Scharen erblickte, stieg er auf den Berg, und nachdem er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm. Da öffnete er seinen Mund und lehrte sie, indem er sprach: „Selig die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich!“

Wer unter den Versammelten ist wohl imstande, in der Gefolgschaft des Wortes Gottes mit diesem von der Erde, hinweg aus dem Gesichtskreis beschränkter, niedriger Anschauungen, emporzusteigen auf den geistigen Berg erhabenster Betrachtung? Dieser Berg ist jedem Schatten entrückt, der von den nur allzu hohen Erdhügeln des Bösen ausgeht, und läßt, auf allen Seiten vom Strahle des wahren Lichtes beleuchtet, in der reinen Himmelsluft der Wahrheit uns alles ringsumher zu unseren Füßen sehen, was jene nicht schauen können, die in engen Tälern eingeschlossen sind. Die Beschaffenheit und die Größe dessen aber, was man von dieser Höhe aus erblickt, legt Gott durch sein Wort selbst dar, indem es seligpreist, welche mit ihm emporsteigen, und dabei gleichsam mit dem Finger zeigt sowohl auf das Himmelreich und auf das Land da droben als auch auf die Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Tröstung und auf die Verwandtschaft mit Gott, dem Herrn des Universums, dann auf die Frucht ausgestandener Verfolgung, die in der Vereinigung mit Gott besteht, sowie noch auf alles andere, was wir, vom Worte Gottes aufmerksam gemacht, hoch oben auf dem Berge, gleichsam wie von hoher Warte aus mit dem Auge der Hoffnung zu sehen vermögen. Weil also der Herr den Berg besteigt, so wollen wir auf Isaias hören, der uns zuruft: „Kommet, lasset uns emporsteigen auf den Berg des Herrn!“ (Is. 2, 3). Und wenn wir infolge unserer Sündhaftigkeit schwach werden, so wollen wir nach des Propheten Wort die müden Arme und die ermattenden Knie aufs neue stärken (Is. 35, 3). Denn wenn wir auf dem Gipfel angelangt sind, so werden wir dort den finden, der jede Krankheit und Schwäche heilt, der unsere Ohnmacht auf sich nimmt und unser Elend trägt (Is. 53, 4). Wollen daher auch wir zum Aufstieg uns beeilen, damit wir, mit Jesus auf dem (aus Ber. lies: „dem“ statt „den“) ersehnten Gipfel angelangt, ringsumher all die Güter sehen, welche das Wort jedem zeigt, der ihm auf die Höhe folgt. Nun, so möge denn Gott, das Wort, auch für uns seinen Mund öffnen und uns lehren, was zu hören Seligkeit ist.

Machen wir den Anfang der Betrachtung mit dem Anfang der Bergpredigt! Derselbe lautet: „Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich!“ Wenn ein Mensch, voll Gier nach Geld, auf Schriften stößt, die ihm einen Schatz an einem bestimmten Ort verraten, der Platz aber, der den Schatz enthält, dem Geldgierigen viel Schweiß und Mühe schon im voraus ankündigt, wird dieser nun den Anstrengungen gegenüber erschlaffen, auf den Gewinn leichthin verzichten und trotz seines Gelddurstes es für süßer halten, keine Mühe aufzuwenden als reich zu werden? Nein, abermals nein! Im Gegenteil, rasch wird er seine Freunde rufen, von allen Seiten Hilfe herbeiholen und mit einem ganzen Aufgebot von Arbeitskräften darangehen, den verborgenen Schatz zu seinem Eigentum zu machen. Damit ist, meine Brüder, jener Schatz gemeint, auf den die Heilige Schrift aufmerksam macht und der auch unter einem gewissen Dunkel verborgen liegt. Verlangend nach lauterem Golde, wollen wir uns daher eifriger Gebete wie vieler Hände bedienen, damit wir den Reichtum heben und dann gleichmäßig den Schatz teilen, so daß jeder ihn ganz erwerbe. Denn, handelt es sich um eine Verteilung der Tugend, so kann sie allen, die nach ihr streben, gegeben werden, und jedem fällt sie ganz zu, ohne daß die Mitbesitzer irgendwie benachteiligt werden. Bei der Verteilung von irdischem Reichtum allerdings schädigt einer, der mehr an sich reißt, die anderen, mit denen er teilen soll; denn wer einen größeren Anteil nimmt, vermindert notwendig den Anteil seiner Genossen. Der geistige Reichtum aber macht es wie die Sonne, indem er allen Anteil an sich gewährt, die ihr Augenmerk auf ihn richten, und ganz in das Eigentum eines jeden übergeht. Da demnach alle den gleichen Gewinn aus ihrer Anstrengung erhoffen dürfen, so mögen uns alle in gleicher Weise durch ihre Gebete bei unserer Betrachtung unterstützen.

An erster Stelle müssen wir nun, wie ich glaube, erwägen, was denn Seligkeit an und für sich bedeutet. Seligkeit ist nach meinem Dafürhalten der Inbegriff alles Guten, worin auch die Erfüllung eines jeglichen berechtigten Verlangens eingeschlossen ist. Auch aus der Vergegenwärtigung des Gegenteils von dem, was Seligkeit bedeutet, können wir zu größerer Klarheit gelangen. Das Gegenteil von „glückselig“ ist „mühselig“. Mühseligkeit hinwiederum ist die Plage, welche unangenehme, schmerzliche Gefühle erzeugt. Je nachdem der Mensch glückselig oder mühselig ist, ist seine Gemütsverfassung ganz verschieden: wer glückseliggepriesen wird, kann sich freuen und froh genießen, was die Gegenwart ihm bietet; wer aber unselig oder unglücklich genannt wird, kann sich über seine Lage nur betrüben und Leid empfinden. Was nun aber in Wahrheit glückselig ist, das ist das göttliche Wesen. Denn was wir uns immer auch darunter vorstellen mögen, auf jeden Fall ist voll Seligkeit jenes reine Leben, das unendliche, unbegreifliche Gut, die unaussprechliche Schönheit, die lautere Anmut, Weisheit und Kraft, das wahrhaftige Licht, die Quelle alles Guten, die das Universum beherrschende Macht, das einzig Liebenswerte, das stets Unveränderliche, das immerfort in Wonne Strahlende, die ewige Freude, jenes Wesen, das wir nie nach Gebühr schildern können, auch wenn wir alles Herrliche von ihm aussagen, was wir nur immer ersinnen können. Denn teils erreicht unser Denken die Wirklichkeit nicht, teils können wir unsere Gedanken, falls sie sich hoch emporschwingen, nicht in die entsprechenden Worte kleiden.

Da aber Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, so wird an zweiter Stelle derjenige seligzupreisen sein, dem wir auf Grund seiner Teilnahme an der wirklichen, unendlichen Glückseligkeit diesen Namen geben. Denn wie hinsichtlich der leiblichen Wohlgestalt das schöne Original in der lebendigen Person vorliegt und den zweiten Rang die in einer Nachbildung dargestellte Schönheit einnimmt, so trägt die menschliche Natur als Abbild der höheren göttlichen Glückseligkeit die Züge edler Schönheit an sich, so lange sie auch die übrigen dem unendlich Glückseligen zukommenden guten Eigenschaften, ebenfalls abbildungsweise, an sich aufweist. Als aber der Schmutz der Sünde die Schönheit des Abbildes verwischt hatte, erschien der, welcher mit seinem lebendigen und ins ewige Leben fortströmenden Wasser uns abwäscht, so daß wir die Häßlichkeit der Sünde ablegen und in seliger Schönheit wieder erneuert werden. Und wie der Kunstverständige hinsichtlich der Gemälde zu den Unkundigen sagen kann, jene Person sei schön gemalt, die so und so beschaffene Körperteile hat, z.B. solche Haare, solche Augen, so gezeichnete Brauen, so eine Gestaltung der Wangen und alle anderen Erfordernisse, die zu einer vollkommenen Schönheit gehören, so beschreibt auch der, welcher die Seele wie in einem Gemälde dem allein wahrhaft Seligen nachbilden möchte, in seiner Zeichnung alle Einzelheiten, die in uns vereinigt sein müssen, um mit Recht seliggepriesen werden zu können. Zuerst nun verkündet er: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich!“

Doch was würden wir aus dem vom Herrn so freigebig erteilten Unterricht für einen Gewinn ziehen, wenn uns nicht der in den Worten liegende Sinn enthüllt würde? Denn auch in der Heilkunde bleiben viele wertvolle und seltene Arzneimittel für den hierin Unwissenden unverwendbar und unnütz, bis uns die medizinische Wissenschaft lehrt, wozu jedes dienlich ist. Was bedeutet nun „das Armsein im Geiste“, als dessen Frucht der Besitz des Himmelreiches verheißen wird? Einen doppelten Reichtum lernen wir aus der Schrift kennen: einen, der hochgeschätzt, und einen, der verworfen wird. Hochgeschätzt wird der Reichtum an Tugenden, verworfen der materielle, irdische, weil jener ein Gut der Seele, dieser dagegen geeignet ist, den sinnlichen Menschen zu täuschen und zu verführen. Letzteren zu sammeln, verbietet der Herr, weil er der Verzehrung durch Motten und den Nachstellungen der Diebe ausgesetzt ist; den Reichtum an höheren Gütern dagegen befiehlt er, eifrig anzustreben, weil keine Macht der Zerstörung an ihn heranreicht (Matth. 6, 19 f.); mit der Motte und dem Diebe hat er auf den hingewiesen, der die Schätze der Seele rauben möchte. Wenn nun die Armut das gerade Gegenteil des Reichtums ist, so liegt es nahe, auch eine doppelte Armut anzunehmen: eine, die zu verwerfen, und eine, die seligzupreisen ist. Wer arm ist an Mäßigung oder an dem kostbaren Gut der Gerechtigkeit oder an Weisheit oder an Klugheit, oder wer überhaupt an einem der wirklich kostbaren Güter Mangel leidet und wie ein Bettler erscheint, ist unglücklich wegen seiner Dürftigkeit und bedauernswert wegen seiner Armut an den wahrhaft wertvollen Gütern. Wer aber an allem, was böse ist, kraft seiner freien Willensentscheidung Not leidet und von den teuflischen Gütern nichts in seinen Kammern hinterlegt hat, sondern im Geiste glüht und durch diesen die Armut am Bösen für sich als Schatz aufbewahrt, der ist es wohl, dem das Wort Gottes die Armut, welche es seligpreist, zuerkennt und deren Lohn das Himmelreich ist.

Doch kehren wir zu unserem Gegenstande zurück, um nach Schätzen zu graben, und lassen wir nicht ab, wie ein Bergmann zu forschen, um das Verborgene an das Tageslicht zu befördern. Es heißt: „Selig sind die Armen im Geiste!“ Schon früher wurde es in gewisser Hinsicht hervorgehoben und soll jetzt wiederholt werden, daß das Ziel und Ende des Tugendstrebens in unserer Verähnlichung mit Gott besteht. Nun entzieht sich aber Gott, weil er vollständig ohne Leidenschaft und ohne Makel ist, einer durchaus vollkommenen Nachahmung von seiten der Menschen; denn es ist unmöglich, daß sich das in Leidenschaften befangene Menschenleben allseitig jener Natur angleiche, die keiner Leidenschaft fähig ist. Wenn nun Gott nach dem Apostel „allein selig“ ist (1 Tim. 1, 11), die Menschen aber einerseits nur durch ihre Angleichung an Gott an der Seligkeit teilnehmen, andererseits die allseitige Nachahmung Gottes durch uns ausgeschlossen ist, so ist folglich eine vollkommene Seligkeit für das menschliche Leben unerreichbar. Teilweise jedoch bietet sich Gott den Menschen, die wollen, zur Nachahmung dar. Inwiefern? Mit „der Armut im Geiste“ scheint mir das Wort die freiwillige Verdemütigung zu bezeichnen. Als Beispiel hiefür stellt uns der Apostel jene „Armut“ Gottes vor, die er im Auge hat, wenn er von Gott sagt, daß er „unsertwegen arm wurde, damit wir durch seine Armut reich würden“ (2 Kor. 8, 9). Da nun alle anderen Eigenschaften, die wir an Gott erkennen, das Maß der menschlichen Natur übersteigen, die Demut und die Erniedrigung aber uns gewissermaßen angeboren ist und innig mit uns verwachsen ist, die wir da auf Erden wandeln, aus der Erde unser Dasein fristen und zur Erde wieder zurückkehren, so hast du, wenn du Gott in dem nachahmst, was deiner Natur entspricht, auch die selige Schönheit angezogen.

Niemand aber glaube, daß die Tugend der Demut mühelos und leicht erworben werde! Im Gegenteil ist sie schwerer zu erlangen als jede andere Tugend, wie sie auch heiße. Warum? Deshalb, weil, während der Mensch nach Aufnahme des guten Samens sich dem Schlaf überließ, gerade der gefährlichste Bestandteil des entgegengesetzten Samens, nämlich das Unkraut des Hochmutes vom Feinde unseres Lebens ausgestreut ward und Wurzel faßte. Denn durch dieselbe Sünde, durch die unser Widersacher sich auf die (aus Ber. lies: „die“ statt „der“) Erde herabstürzte, riß er das unglückliche Menschengeschlecht in gemeinsamem Falle mit sich; und kein anderes Übel ist für uns so schlimm, wie das des Hochmutes. Da nun die Leidenschaft des Hochmutes fast mit jedem, der an der menschlichen Natur teilnimmt, sozusagen verwachsen ist, so stellt der Herr, um denselben gewissermaßen als das Grundübel aus unseren Seelen zu entfernen, die Mahnung an die Spitze der Seligpreisungen, den freiwillig arm Gewordenen nachzuahmen, der wahrhaft glückselig ist, damit wir in dem Punkte, in welchem wir es vermögen, das heißt durch freiwillige Armut nach Kräften ähnlich werden und dadurch auch Anteil an der Seligpreisung erhalten.

Denn so heißt es: „Ihr sollt so gesinnt sein, wie Jesus Christus, der, obschon er göttlichen Wesens war, es nicht für Raub ansah, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm“ (Phil. 2, 5). Was ist armseliger für Gott als die Knechtsgestalt? was ist niedriger für den König der Welt als die Niedrigkeit unserer Natur zu teilen? Der König der Könige und der Herr der Herren nimmt freiwillig Knechtsgestalt an; der Richter über die ganze Menschheit wird einem irdischen Fürsten zinspflichtig! Der Herr der Schöpfung kehrt in einer Höhle ein; er, der das Weltall umfangen hält, findet keinen Platz in der Herberge, sondern muß sich ausgestoßen in die Krippe unvernünftiger Tiere legen lassen! Der ganz Reine und Unbefleckte läßt sich zur Annahme der schmutzigen menschlichen Natur herab; und nachdem er den Weg durch unsere ganze Armseligkeit zurückgelegt hatte, geht er so weit, daß er auch dem Tod sich unterzieht! Sehet da das Vollmaß der Demut: das Leben verkostet den Tod, der Richter wird vor den Richterstuhl geschleppt, der Herr, durch den alle leben, unterwirft sich dem Todesurteil des Richters; der Gebieter über alle himmlischen Mächte und Gewalten stößt nicht die Hände der Schergen von sich! Nach diesem Beispiele, mahnt der Apostel, richte sich das Maß deiner Demut!

Es wird gut sein, auch das Unvernünftige jener Leidenschaft des Hochmuts zu betrachten, damit wir, wenn wir die Demut leichter und sicherer erlangen, auch die Seligpreisung leichter erwerben. Wie erfahrene Ärzte dadurch, daß sie zuvor die Ursache der Krankheit aus dem Körper entfernen, leichter die Krankheit bewältigen, so wollen auch wir den Hochmütigen dadurch, daß wir ihrer nichtigen Aufgeblasenheit mit Gründen der Vernunft auf den Leib rücken, den Weg zur Demut erleichtern. Womit könnte man wohl das Törichte des Hochmutes kräftiger nachweisen als damit, daß man aufweist, welche Bewandtnis es mit unserer Menschennatur hat? Denn wer auf sich selbst sieht, und nicht auf das Äußere, das ihn umgibt, von dem ist es nicht gut denkbar, daß er in jene Leidenschaft verfällt. Was ist nun der Mensch? Willst du, daß ich eine Art Lobeshymnus auf dich anstimme? Nein, sogar derjenige, der unsere Natur verherrlichen und den Adel des Menschen ziemlich stark preisen möchte, führt seine Entstehung auf ― Lehmerde zurück, und die vornehme Abstammung, mit dem der Hochmütige prunken will, macht ihn verwandt mit ― dem Backstein! Willst du aber deinen unmittelbaren, allernächsten Ursprung hervorheben ― weg damit! Sprich hierüber kein Wort! enthülle nicht, wie es im Gesetze heißt, die Scham deines Vaters und deiner Mutter (Lev. 18, 6)! ziehe nicht in die Öffentlichkeit, was vergessen und in tiefes Schweigen gehüllt werden soll!

Und da schämst du dich nicht, du Erdenkloß, der bald wieder in Staub zurücksinkt, der du, einer Wasserblase gleich, schnell zerstiebende Luft in dir birgst, ― da schämst du dich nicht, mit Hochmut dich zu füllen, vor Eigendünkel aufzuschwellen und deinen Geist in törichter Einbildung emporzurecken? Offensichtlich vergissest du ganz auf die beiden Pole des Menschenlebens, wie es nämlich anfängt und wie es aufhört, sondern bist stolz auf deine Jugend, schaust auf dein blühendes Alter und gefällst dir in deiner Lebensfrische, weil deine Arme voll strotzender Kraft sich bewegen, deine Füße behend im Springen sich zeigen, deine Locken in den Lüften wehen, der Flaum deine Lippen untermalt und weil dir dein Kleid in Purpurfarbe leuchtet und deine seidenen Gewebe dir bunt geschmückt sind mit Bildern von Schlachten und Jagden und ähnlichen Darstellungen! Oder du siehst vielleicht mit Stolz auf deine Fußkleidung, die in tadellosem Schwarz funkelt und in überkünstlicher Weise noch durch ihre eingesteppten Zieraten ergötzen soll! Auf solche Sachen fällt dein Blick, und auf dich selbst schaust du nicht? Ich will dir wie in einem Spiegel zeigen, wer du bist und welches deine Beschaffenheit ist. Hast du noch auf keinem Beerdigungsplatz die Geheimnisse unserer Natur beobachtet? Hast du nicht die aufeinandergehäuften Knochen gesehen, die von Fleisch entblößten Schädel, wie sie furchtbar und gräßlich mit den leeren Augenhöhlen uns anstieren? Hast du den zähnefletschenden Mund gesehen und die übrigen Gliedmaßen, wie sie umherliegen, aufs Geratewohl hingestreut? Hast du dies gesehen, so hast du darin ― dich selbst gesehen. Wo sind die Zeichen deiner gegenwärtigen Blüte? wo die schöne Farbe deiner Wange? wo deine reizenden Lippen? wo die kecke Schönheit deiner Augen, die unter geschwungenen Brauen hervorleuchtet? wo die geradlinige Nase im feinen Antlitz? wo die um den Nacken wallenden Haare und die Locken um die Schläfe? Wo sind die Hände, die den Pfeil vom Bogen schnellen, die Füße, die das Pferd spornen? Wo ist der Purpur, wo das feine Linnenkleid aus Byssos, wo der Mantel, der Gürtel, die Schuhe? Wo ist das Pferd und sein Lauf, sein Übermut? Wohin ist alles, was jetzt deinen Hochmut nährt? Sag an, wo ist hier das zu finden, weshalb du dich überhebst und dich groß dünkst? Wo ist hier noch ein so eitler Traum? wo noch solche Wahnvorstellungen eines Schlafenden, wo ein so schwaches, ungreifbares Schattenbild wie das der Jugend? Alles erscheint wie ein Traum, der kaum gekommen, sogleich vorüberhuscht!

Soviel für die Jugend, welche infolge der Unreife ihres Alters noch der Torheit sich hingibt! Was soll man aber von den Menschen gesetzten Alters sagen, wenn zwar das leibliche Wachstum zum Stillstand kam, ihre Sinnesart jedoch noch ohne Halt ist und die Krankheit ihres Hochmutes noch zunimmt? Man nennt eine solche Geistesschwäche nicht selten „Selbstgefühl“. Bei solchen ist gewöhnlich hohe Stellung und der damit verbundene Einfluß der Grund des Hochmutes. Sie ergeben sich ihm entweder, wenn sie zu jener angesehenen Stellung gelangen, oder auch schon, wenn sie sich darauf vorbereiten, oder die bloße Rede, wenn sie sich damit befaßt, weckt die Krankheit aufs neue, auch wenn sie fast schon erloschen war. Welche Belehrung vermöchte in ihre Ohren zu dringen, da sie schon angefüllt sind von der Stimme der Herolde, die ihre hohe Stellung ausrufen? Wer könnte Menschen von solcher Geistesverfassung davon überzeugen, daß sie sich nicht im geringsten von den Leuten unterscheiden, welche auf der Bühne einherstolzieren. Denn auch diese haben, wie es ihr Beruf mit sich bringt, nicht selten eine glänzende Rolle zu übernehmen und tragen infolgedessen auch ein goldbesetztes Purpurgewand, oder sie fahren gar stattlich zu Wagen daher. Aber gleichwohl beschleicht sie nicht die Krankheit des Hochmutes, sondern die Meinung, die sie von sich vor dem Auftreten im Theater hatten, bewahren sie auch bei ihrem prunkvollen Aufzuge und betrüben sich auch nachher nicht, wenn sie aus dem Wagen steigen und ihr Kostüm wieder ablegen müssen. Gar viele aber, welche während ihrer Amtsführung feierlich auf der Bühne des Lebens einherziehen, bedenken weder, was sie vor kurzem waren, noch was sie in kurzem sein werden, sondern wie die Wasserblasen infolge der aufblähenden Luft sich ausdehnen, spreizen sie sich bei dem Ausrufen des Herolds und setzen selbst eine andere Larve auf, indem sie ihre natürliche Miene in ein strenges Gesicht verwandeln, um Furcht einzujagen. Auch nehmen sie eine Kraftstimme an und gebrauchen starke Ausdrücke, um alle einzuschüchtern, die sie hören. Nicht mehr innerhalb der Grenzen, welche den Menschen gezogen sind, wollen sie bleiben, sondern sie drängen sich in die göttliche Macht und Gewalt. Denn sie bilden sich ein, Herr über Leben und Tod zu sein, weil sie über den einen, der vor ihrem Richterstuhl steht, ein freisprechendes Urteil fällen, den anderen zum Tod verurteilen. Nicht einmal das sehen sie mehr, wer in Wahrheit der Herr des menschlichen Lebens ist, der den Anfang und das Ende unseres Daseins bestimmt. Und doch wäre dies allein schon geeignet, dergleichen Aufgeblasenheit zu dämpfen, wenn man sieht, daß viele Hochgestellte gerade in dem Augenblick, wo sie ihre Hoheit zur Schau stellen wollten, vom Herrscherstuhl herabgerissen und ins Grab gelegt wurden, wo Trauergesang das Geschrei des Herolds ablöst. Wie soll also der über fremdes Leben Herr sein, dem nicht einmal sein eigenes Leben gehört? Im Hinblick aber auf den, der für uns freiwillig arm geworden, und in Erinnerung an die Armseligkeit der uns allen gemeinsamen Natur sollen auch Hochgestellte im Geiste arm sein und sich infolgedessen keinen Übermut gegen einen Mitmenschen wegen ihrer eitlen Machthaber-Rolle erlauben; auf diese Weise nehmen sie teil an der Seligpreisung ob der Demütigung, die sie während eines kurzen Lebens geübt haben und für die sie das Himmelreich eintauschen.

Verschmähe, mein Bruder, auch die andere Auffassung der Armut nicht, die dir den Reichtum des Himmels verschaffen kann. Der Herr sagt nämlich: „Verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen, dann komm und folge mir nach, und du wirst einen Schatz im Himmel haben“ (Matth. 19, 31). Auch diese Armut stimmt gewiß mit der seliggepriesenen Armut überein. Ein Jünger sprach zum Herrn: „Siehe, alles, was wir hatten, haben wir verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür zuteil werden?“ (Matth. 19, 27). Und wie lautete die Antwort: „Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich!“ Willst du wissen, wer arm im Geiste ist? Derjenige, welcher den Reichtum der Seele für das Wohlergehen des Leibes eintauscht; der um des Geistes wegen Not leidet, der den irdischen Reichtum wie eine Last abschüttelt, damit er sich emporheben und durch die Lüfte nach oben sich schwingen kann, um, wie der Apostel sagt: „dem Herrn entgegen auf den Wolken dahinzuziehen“ (1 Thess. 4, 17). Ein gar schweres Ding ist das Gold, schwer der ganze materielle Besitz, den man im Reichtum erstrebt, eine gar leichte und aufwärts führende Sache aber ist die Tugend. Die Schwere und die Leichtigkeit sind Gegensätze, die einander ausschließen. Darum kann keinem Leichtigkeit zukommen, der sich an die Schwere der Materie heftet. Wenn wir also zum Höchsten uns erheben wollen, so lasset uns arm sein an dem, was nach unten zieht, damit wir zu dem gelangen, was oben ist. Auf welche Weise das geschieht, lehrt der Psalmist: „Er streute aus und gab den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich“ (Ps. 112, 9 [= hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 111, 9]). Wer den Armen mitteilt, darf sich auf die Seite dessen stellen, der unsertwegen arm geworden. Der Herr ist arm geworden; darum fürchte auch du die Armut nicht! Aber siehe! derjenige, der unsertwegen arm geworden war, herrscht jetzt über die ganze Welt. Wenn du demnach mit dem arm Gewordenen arm wirst, so wirst du auch herrschen mit dem, der jetzt herrscht. Selig sind also die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich! Mögen auch wir desselben gewürdigt werden ― durch Christus Jesus, unseren Herrn, dem die Ehre und Macht sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.Zweite Rede: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“

Zweite Rede: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“

Einleitung.

Wer auf einer Leiter in die Höhe steigt, erhebt sich, nachdem er die erste Sprosse betreten, über diese hinweg zur nächst höheren, die zweite führt ihn wiederum zur dritten, diese zur folgenden, diese wiederum zu der, die nach ihr kommt, und so gelangt er beim Emporsteigen, indem er sich von seinem Standpunkt immer zur nächsthöheren Sprosse erhebt, weiter bis auf die höchste Stufe der Leiter. Was beabsichtige ich mit diesem Eingang? Ich glaube, die Reihe der Seligpreisungen ist wie das Sprossenwerk einer Leiter angelegt, und macht es für die Betrachtung leicht, von Stufe zu Stufe emporzusteigen. Denn, wer im Geiste die erste Stufe der Seligpreisung betreten hat, den nimmt gewissermaßen mit zwingender Notwendigkeit die nächste auf.

Allerdings klingt das Gesagte auffällig, denn wer es hört, könnte einwenden: unmöglich könne man wie in der Weise einer Stufenfolge die Erbschaft des Erdreiches über dem Himmelreiche antreffen, eher wäre, wenn die Rede dem natürlichen Verhältnis der Dinge sich anschließen will, es viel folgerichtiger, daß die Erde ihren Platz vor dem Himmel fände, da wir ja von dieser zu jenem emporsteigen müßten. Doch wenn unsere Gedanken sozusagen Flügel bekämen und uns über das Himmelsgewölbe tragen könnten, so würden wir jene über dem Himmel liegende Erde finden, die den Tugendhaften als Erbe versprochen ist. Demnach ist die Ordnung in der Reihenfolge nicht verfehlt, wenn uns Gott in seinen Verheißungen zuerst den Himmel, dann die Erde vor Augen stellt. Denn alles, was man sieht, ist für die sinnliche Wahrnehmung durch das Auge miteinander nahe verwandt, insofern auch das, was der räumlichen Dimension nach hoch erscheint, doch unterhalb der geistigen Natur liegt. Zu dieser aber kann sich unser Denken nicht erheben, wenn es nicht zuvor geistig das Reich des sinnlich Wahrnehmbaren durchschritten hat. Darüber, daß mit dem Ausdruck „Erdreich“, die höhergelegene Region bezeichnet wird, darfst du dich nicht wundern; denn das Wort Gottes läßt sich zur Niedrigkeit unseres Gehörsinnes herab, das deshalb zu uns herabgestiegen ist, weil wir nicht imstande waren, uns zu seiner Höhe zu erheben. Mit den uns bekannten Ausdrücken und Namen unterrichtet es uns über die göttlichen Geheimnisse, indem es Worte gebraucht, die im menschlichen Leben gang und gäbe sind. Auch in der vorausgehenden Verheißung hat es die unaussprechliche Seligkeit im Himmel ein „Reich“ genannt. Wollte es damit vielleicht etwas bezeichnen, was den irdischen Reichen zukommt, z. B. Diadem, vom Glanz der Edelsteine umstrahlt, Purpurkleider, die das lüsterne Auge mit leuchtender Farbenpracht ergötzen, Vorzimmer, Vorhänge, hohe Thronsessel, Soldaten in Reih und Glied und all den anderen überschwenglichen Prunk, womit diejenigen, welche den majestätischen Eindruck des Herrschertums noch steigern wollen, das große Schaustück auf der Bühne des Lebens ausstatten? Aber nachdem nun einmal der Ausdruck „Reich“ etwas Großes bedeutet und die erste Stelle unter allem einnimmt, was von den Menschen hochgeschätzt wird, so bediente sich das Wort Gottes gerade dieser Bezeichnung, um uns die Größe der geistigen Güter besser zu veranschaulichen. Würde es jedoch bei den Menschen noch etwas Höheres geben als Reich, so würde es sicher auch diese Namen verwenden, um die Seele des Zuhörers zum Verlangen nach jener Glückseligkeit zu entzünden, die unaussprechlich ist; denn unmöglich können die himmlischen Güter, die all unser menschliches Wahrnehmen und Erkennen übersteigen, uns mit ihren eigentlichen Namen enthüllt werden. Denn „kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz ist es gedrungen“ (1 Kor. 2, 9). Damit jedoch die Glückseligkeit, auf die wir hoffen dürfen, nicht ganz unserem Vorstellungsvermögen sich entziehe, so werden wir mit ihrer unaussprechlichen Herrlichkeit in einer Weise bekannt gemacht, die der Niedrigkeit unserer Natur entspricht. Der Doppelsinn des Wortes „Erde“ darf also deinen Geist nicht wieder aus der Welt jenseits des Himmels auf die niedrige Erde herabziehen, sondern wenn dich das Wort Gottes durch die vorausgehende Seligpreisung emporführte und du den Boden der himmlischen Hoffnung betreten hast, so fasse jene Erde ins Auge, die nicht allen als Erbe zufällt, sondern denen, die durch ihre im Leben geübte Sanftmut jener Verheißung für würdig erachtet werden.

Diese jenseitige Erde, glaube ich, hat auch der große David, dem die Göttliche Schrift das Zeugnis gibt, vor allen seinen Zeitgenossen sanft und geduldig gewesen zu sein, durch die Eingebung des Heiligen Geistes vorauserkannt und im Glauben deren Besitz erhofft, als er sagte: „Ich glaube, damit ich sehe die Güter des Herrn im Lande der Lebendigen“ (Ps. 27, 13 [= hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 26, 13]). Denn ich nehme nicht an, der Prophet habe unsere Erde als „Land der Lebendigen“ bezeichnet, da sie doch alles Sterbliche erzeugt und alles, was sie erzeugt, wieder in Erde auflöst. Vielmehr hatte er eine Erde der Lebendigen im Sinne, die der Tod nicht betritt, auf der niemals der Weg der Sünde beschritten wird, auf welche die Bosheit ihren Fuß nicht setzt, welche der Sämann des Unkrautes nicht mit seinem Pfluge aufreißt, die keine Disteln und Dornen trägt, wo das Wasser der Ruhe und der Ort des ewig frischen Grüns sich findet und die vierfach geteilte Quelle und der vom Herrn der Welt gepflegte Weinstock und alles, was wir sonst noch durch die von Gott angegebene Belehrung in Bildern kennenlernen. Wenn wir nun jene höhere Erde im Auge behalten, die wir über dem Himmel sehen, auf der die Stadt des Königs erbaut ist, über die nach dem Propheten Herrliches gesprochen wurde (Ps. 87, 3 [= hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 86, 3]), so wird uns die Reihenfolge der Seligpreisungen nicht mehr befremden. Denn es wäre wohl etwas ungereimt, wenn die Erde hienieden den Segenshoffnungen derer in Aussicht gestellt wäre, die nach der Lehre des Apostels auf Wolken entrückt werden in die Luft, um immerdar beim Herrn zu sein. Was brauchen wir also noch diese Erde hier unten, da unser Leben auf Hoffnung nach oben gestellt ist? Denn „wir werden auf den Wolken entrückt, dem Herrn entgegen, in die Luft und werden immerdar beim Herrn sein“ (1 Thess. 4, 17).

Doch laßt uns sehen, für welche Tugend die Erbschaft jener Erde als Ehrenpreis gesetzt ist. Es heißt: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen!“ Worin besteht die Sanftmut und in welcher Hinsicht preist das Wort Gottes die Sanftmut selig? Ich glaube nämlich nicht, daß man alles in gleicher Weise für Tugend halten darf, was mit Sanftmut geschieht, falls man darunter nur ein schwerbewegliches und gelassenes Wesen versteht; denn weder bekommt unter den Läufern der Langsame den Vorrang vor dem Flinken, noch trägt im Faustkampfe der Schwerfällige den Siegeskranz über seinen Gegner davon; und in bezug auf unsere Aufgabe, nach dem Kampfpreis unserer höheren Bestimmung zu laufen, mahnt uns Paulus zu angestrengter Eile, indem er uns zuruft: „Laufet so, daß ihr ihn erlanget“ (1 Kor. 9, 24). Auch er strebte ja in stets größerer Beweglichkeit vorwärts und vergaß, was hinter ihm lag. Ebenso war er im Kampfe flink; denn er achtete genau auf den Vorstoß seines Gegners, hielt fest stand und schwang sein Schwert mit starker Hand nicht ins Blaue und Leere, sondern führte die Schläge nach den verwundbaren Stellen des Gegners und gegen den Körper desselben. Willst du dich überzeugen von der Fechtkunst des Paulus? Betrachte die Wunden seines Gegners, betrachte seine Beulen, betrachte die Verletzungen des Besiegten! Zweifellos kennst du den Gegner, der ihn im Fleische bekämpft, dem er aber mit starker Faust erwidert, den er mit den Nägeln der Enthaltsamkeit durchbohrt, dessen Glieder er durch Hunger, Durst, Kälte und Blöße abtötet, dem er die Wundmale des Herrn eindrückt, den er im Laufe besiegt und hinter sich läßt, damit nicht Todesdunkel auf seine Augen falle, wenn der Feind ihn überholen würde. Wenn nun Paulus feurig und gewandt im Kampfe ist, wenn David im Ansturm gegen die Feinde seine Schritte vergrößert, wenn der Bräutigam im Hohenliede an Schnelligkeit mit der Gazelle verglichen wird, der über Berge springt und auf den Hügeln hüpft, und wenn man viele ähnliche Beispiele anführen kann, in denen Raschheit der Bewegung den Vorzug vor der Langsamkeit verdient ― warum preist dennoch das Wort Gottes hier die Sanftmut selig wie eine herrliche Errungenschaft? Es verkündet ja: „Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“, jenes Erdreich ohne Zweifel, das reich ist an edlen Früchten, beschattet vom Baume des Lebens, bewässert von den Quellen der geistigen Gnadengaben, in dem der wahre Weinstock blüht, den, wie wir hören, der Vater des Herrn pflanzte (Joh. 15, 1).

Mir scheint nun das Wort ungefähr dies zu lehren, daß die Bereitwilligkeit zum Bösen groß ist und sich unsere Natur rasch auf die Seite des Schlechten neigt, ähnlich wie die schweren Körper in der Richtung nach oben ganz unbeweglich bleiben, dagegen, wenn sie von einer hohen Bergspitze über den Abhang gestoßen werden, mit sausender Gewalt nach unten stürzen, so daß ihre Schnelligkeit unbeschreiblich ist, weil eben die eigene Schwere den Sturz beschleunigt. Da demnach das Ungestüm in dieser Richtung ein widrig Ding ist, so ist gewiß seligzupreisen, was man unter dem entgegengesetzten Streben versteht. Das ist aber die Sanftmut, welche einen gegenüber solchen Triebkräften der Natur zögernden, schwerbeweglichen Zustand bezeichnet. Wie nämlich das Feuer seinem Wesen nach stets nach oben strebt, nach unten gar keine Beweglichkeit zeigt, so ist auch die Tugend in der Richtung nach oben und nach dem Höheren gar rührig und in ihrer Behendigkeit unermüdlich, nach der entgegengesetzten Richtung jedoch überaus langsam. Weil nun in unserer Natur die Schnelligkeit zum Bösen überwiegt, so wird mit Recht jener seliggepriesen, der in dieser Beziehung unbeweglich bleibt; denn wer nach dieser Richtung in voller Ruhe verharrt, liefert hierdurch den Beweis, daß er nach oben strebt.

Besser noch dürfte es sein, durch Beispiele aus dem Leben selbst die Sache zu erklären. Zweifach ist bei jedem Menschen die Bewegung des Willens, der in Freiheit sich dahin wendet, wohin es ihm beliebt: auf der einen Seite zur Mäßigung, auf der anderen zur Zügellosigkeit. Und was von den einzelnen Betätigungen der Tugend und der Lasterhaftigkeit gilt, das gilt von unserem ganzen Wesen. Der Mensch hat nämlich bei seinem Handeln überhaupt zwischen Gegensätzen zu wählen; so steht der Zorn im Gegensatz zur Gelassenheit, der Hochmut zur Demut, die Mißgunst zum Wohlwollen, der Haß zur liebevollen und der damit verwandten friedfertigen Gesinnung. Da nun unser Leben ein materielles ist, die Leidenschaften so zum Bereiche der Materie gehören und jede Leidenschaft einen heftigen, unwiderstehlichen Drang zur Befriedigung in sich schließt, ― schwer und nach abwärts ziehend ist die Materie ―, so preist der Herr nicht diejenigen selig, die ganz frei und unberührt von Leidenschaft leben; denn es ist unmöglich, sich in einem sinnlichen Leben vollkommen über Leidenschaft und Sinnlichkeit zu erheben. Er bezeichnet vielmehr die Sanftmut als die im fleischlichen Leben erreichbare höchste Stufe der Tugend und erklärt, daß es zur Seligkeit genüge, sanftmütig zu sein. Nicht gänzliche Unempfindlichkeit fordert er von der menschlichen Natur, weil ja nur ein ungerechter Gesetzgeber verlangen könnte, was die menschliche Natur nicht zu leisten vermag. Denn ein solches Verlangen wäre so, wie wenn man den Wassertieren das Leben in der Luft und den Vögeln den Aufenthalt im Wasser anweisen wollte; vielmehr muß ein Gesetz den besonderen und natürlichen Kräften der verschiedenen Wesen entsprechen. Deshalb befiehlt die Seligpreisung nur Mäßigung und Sanftmut, nicht gänzliche Unempfindlichkeit; letztere überschreitet die Kräfte unserer Natur, erstere aber lassen sich durch Tugend erreichen. Würde also die Seligpreisung gänzliche Unempfänglichkeit gegenüber der Begierde zu ihrer Grundlage machen, so wäre sie für das Leben unnütz und unbrauchbar. Wie könnte ein solches Verlangen von dem erfüllt werden, der an Fleisch und Blut gebunden ist? So aber erklärt sie nicht den für verdammenswert, der zufällig von der Begierde erfaßt wird, sondern den, der die Begierde vorsätzlich an sich heranzieht. Denn daß zuweilen eine leidenschaftliche Begierde in uns sich regt, das veranlaßt oft die mit unserer Natur engverbundene Schwäche auch gegen unseren Willen. Daß man sich aber nicht wie ein Gießbach vom Drange der Leidenschaft fortreißen lasse, sondern mannhaft einem solchen Triebe widerstehe und durch Gründe des Geistes die Leidenschaft zurücktreibe, das muß die Tugend bewirken. Selig sind also jene, die den leidenschaftlichen Regungen der Seele nicht schnell nachgeben, sondern durch Mäßigung die Ruhe im Innern bewahren, jene, bei denen die Vernunft wie ein Zügel die Triebe im Zaume hält und die Seele nicht zur Ausschreitung durchgehen läßt.

Mehr noch kann man an der Leidenschaft des Zornes ersehen, wie die Sanftmut seligzupreisen ist. Wenn nämlich ein nicht ganz angenehmes Wort, eine Tat oder auch nur eine Vermutung diese Krankheit erregt und das Blut im Herzen kocht und die Seele zur Rache sich erhebt, so kann man, wie in den Göttermärchen infolge von Zaubertränken Verwandlungen in unvernünftige Tiere vorkommen, oft genug beobachten, wie ein Mensch durch den Zorn plötzlich in ein Schwein, in einen Hund oder Panther oder sonst in ein wildes Tier verwandelt wird. Das Auge ist mit Blut unterlaufen, die Haare stehen starr zu Berge, die Stimme wird heiser und stößt heftige Ausdrücke hervor; die Zunge wird durch die Leidenschaft fast gelähmt und ist kaum mehr imstande, den Anweisungen des Willens zu gehorchen, die Lippen sind steif und unfähig, die Worte richtig zu bilden; auch können sie die Feuchtigkeit, die infolge der Aufregung im Munde entsteht, nicht zurückhalten, sondern speien beim Sprechen den Geifer in unanständiger Weise aus. Ähnliches gilt von den Händen, von den Füßen, ja vom ganzen Körper: jedes Glied wird von der Leidenschaft gar übel beeinflußt. Wenn sich nun der eine also gebärdet, der andere aber im Hinblick auf die Seligpreisungen die Zorneskrankheit mit Vernunftgründen meistert, so daß sein Blick ruhig und seine Stimme gelassen bleibt, dem Arzte ähnlich, der mit seiner Kunst dem Irrsinnigen, der sich unanständig benimmt, zu Hilfe kommt: wenn du das zweite Bild mit dem ersten vergleichst, wirst du nicht selbst zugeben, daß der Zornwütige in seinem tierischen Benehmen kläglich und abscheuerregend, der Sanftmütige aber seligzupreisen ist, weil er sich durch die Schlechtigkeit des Nächsten nicht gleichfalls in einen Zustand versetzen ließ, der des Menschen unwürdig ist?

Daß das Wort Gottes ganz besonders die Leidenschaft des Zornes im Auge hat, geht daraus hervor, daß es uns nach der in der ersten Seligpreisung empfohlenen Demut in der zweiten die Sanftmut vorschreibt. Beide Tugenden scheinen eng zusammenzuhängen und die demütige Gesinnung die Mutter eines sanftmütigen Herzens zu sein. Denn sobald du aus deinem Geiste den Hochmut entfernest, hat die Leidenschaft des Zornes keinen Anhaltspunkt mehr, aufzuwallen. Schimpf und Entehrung nämlich veranlassen zumeist die Seelenkrankheit der Zornwütigen; Beschimpfung nimmt sich aber der nicht übermäßig zu Herzen, der sich zur Demut erzogen hat. Denn wenn jemand seine Vernunft von Täuschung fernhält und erwägt, welchem Anfang die hinfällige Natur, an der er teilnimmt, ihr Entstehen verdankt und welchem Ende das kurze, schnell zerrinnende Leben entgegeneilt, wenn er den Schmutz beachtet, der an seinem Fleische klebt, und die Armseligkeit seiner Natur, die nicht durch sich selbst zu bestehen vermag, sondern ihren Verbrauch durch den Überfluß der unvernünftigen Geschöpfe ergänzen muß, wenn er dazu die Leiden, Trübsale, Unglücksfälle und die verschiedenartigen Krankheiten beherzigt, denen das menschliche Leben ausgesetzt ist und von denen keiner ganz verschont bleibt ―: wenn jemand das alles mit dem Auge der Seele betrachtet, ohne sich selbst zu belügen, so wird er wohl nicht leicht ungehalten, falls ihm nur wenig Ehre zuteil wird. Im Gegenteil wird er es für eine Art Betrug ansehen, wenn er vom Nächsten wegen irgendeines Vorzuges eine Ehrenbezeigung empfängt, da wir ja an unserer Natur nichts haben, was auf Ehre Anspruch machen könnte, außer an unserer Seele, deren Ehre aber nicht in den Gütern besteht, die man auf dieser Welt vor allem schätzt. Denn wer kann im Ernste mit seinem Reichtum großtun, auf seine Abkunft stolz sein, auf Ansehen und Rang pochen? Das sind lauter Dinge, in denen zwar menschliche Ehrsucht ihre Befriedigung sucht, die aber sogar geeignet sind, die wahre innere Ehre zu zerstören und Schande zu bereiten, so daß kein Besonnener sich herbeilassen wird, ihretwegen irgendwie die Reinheit der Seele zu beflecken. Eine solche Gesinnung führt zu einem Leben in tiefer Herzensdemut, und wenn diese vollkommen in uns hergestellt ist, wird der Zorn keinen Eingang in unsere Seele finden. Ist aber der Zorn verbannt, so ist ein ruhiges, stilles Leben erreicht und dieses ist gleichbedeutend mit der Sanftmut, deren letztes Ende die Seligkeit und die Erbschaft des himmlischen Erdreiches ist ― in Christus Jesus, dem die Ehre und die Macht sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Dritte Rede: „Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“

Dritte Rede: „Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“

Einleitung.

Noch haben wir den Gipfel des Berges nicht betreten, sondern befinden uns im unteren Bereiche der Erkenntnisse, wenn wir auch gewissermaßen schon zwei Hügel erreicht haben, als wir zur seliggepriesenen Armut und zu der noch höher als diese stehenden Sanftmut emporstiegen. Von diesen Hügeln führt uns das Wort Gottes höher hinauf und zeigt uns zunächst eine dritte Höhe in den Seligkeiten, zu der wir nun mit aller Kraft emporeilen sollen, während wir alles Bedenken und die uns umstrickende Sünde ablegen, wie der Apostel sie nennt (Hebr. 12, 1), damit wir unbeschwert und wohlgerüstet auf der Spitze anlangen und das Licht der Wahrheit, dem wir uns mit unserer Seele nahen, uns desto heller leuchte.

Was bedeutet nun der Ausspruch: „Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“ Allerdings könnte einer, der seinen Blick auf die Welt richtet, lächeln und über den Ausspruch sich spöttisch also auslassen: „Wenn man diejenigen im Leben seligpreist, die von lauter Mißgeschick verzehrt werden, dann sind folgerichtig jene unglücklich, die ihr Leben ohne Leid und Schmerz genießen!“ Und er wird noch mehr spotten, wenn er, sich anschickend die verschiedenen Arten von Mißgeschicken aufzuzählen, das Elend des Witwenstandes und dessen Jammer vorführt, Vermögensverluste, Schiffbrüche, Kriegsgefangenschaft, ungerechte Verurteilungen bei Gericht, Verbannungen, Gütereinziehung, Aberkennung der bürgerlichen Rechte, Heimsuchungen durch Krankheit wie Erblindung, Verletzung und überhaupt die mannigfachen Leiden des Körpers. Und wenn sonst dem Menschen in diesem Leben ein Übel an Leib oder Seele zustößt, so wird er auf sie alle hinweisen, um die Lächerlichkeit des Ausspruches darzutun, der die Trauernden seligpreist. Aber unbekümmert um solche, welche die göttlichen Worte mit kleiner, niedriger Seele betrachten, wollen wir nach Kräften den Reichtum, der, wenn auch verborgen, im Ausspruche liegt, zu erkennen suchen, damit auch dadurch der große Unterschied offenbar werde, welcher zwischen irdischer, fleischlicher Auffassung und hoher himmlischer Gesinnung besteht.

Nahe liegt es, vor allem jene Trauer glückselig zu preisen, die wir über Verfehlungen und Sünden empfinden, gemäß der Lehre des Paulus über die Traurigkeit; nach derselben gibt es nicht bloß eine Art Traurigkeit, sondern eine weltliche und auch eine nach dem Herzen Gottes: die weltliche bereite den Tod, die andere bringe den Trauernden das Heil durch die Reue (2 Kor. 7, 10). Und in der Tat eignet sich zur Seligpreisung eine Seelenverfassung, in welcher der Mensch das Böse merkt und sein in Sünden verbrachtes Leben bejammert. Es geht nämlich wie bei Erkrankungen des Leibes: ist ein Teil des Körpers durch einen Schaden schlaff geworden, so ist die Unempfindlichkeit ein sicheres Zeichen dafür, daß der schlaffe Teil bereits abgestorben ist; sobald aber durch ärztliche Kunst das Gefühl des Lebens dem Körperteil wiedergebracht worden, so beginnen, obgleich noch Schmerzen vorhanden, der Kranke und seine Pfleger sich zu freuen, indem sie gerade aus dem Umstand, daß das kranke Glied wieder den Schmerz empfindet, mit Recht schließen, der Anfang der Genesung sei bereits vorhanden. Ähnlich gibt es Menschen, welche sich der Sünde vollständig in die Arme geworfen haben, daß sie, wie der Apostel sagt, ganz abgestumpft wurden (Eph. 4, 19); sie sind gleichsam Leichname: sie haben keine Empfindung mehr für die Tugend, aber auch kein Gefühl für das Böse, das sie tun. Wenn aber eine heilkräftige Mahnung gleichsam wie eine brennende, heiße Arznei sie erfaßt, etwa eine ernste Androhung des künftigen Gerichtes, wenn diese ihr Herz durch die Furcht vor den kommenden Dingen tief erschüttert, wenn sie das unauslöschliche Feuer, den nie ersterbenden Wurm, das Zähneknirschen, das unaufhörliche Heulen, die äußerste Finsternis und alles Derartige wie scharfe, herbe Arznei einem durch die Leidenschaft der Wollust Erstarrten beibringt, ihm gleichsam einheizt und ihn so weit bringt, daß er den schlimmen Zustand fühlt, in welchem er sich befindet, so bereitet eine solche Mahnung gerade dadurch, daß sie der Seele die Empfindung des Schmerzes einflößt, seine Seligpreisung vor. Daher geißelte auch Paulus jenen, der in wütiger Lust gegen das Lager des Vaters gefrevelt, mit seinem Tadel nur so lange, als er sich gegen seine Sünde unempfindlich zeigte; als aber die Arznei der Züchtigung ihre Wirkung tat, begann Paulus den Mann als einen, der durch die Traurigkeit schon glückselig geworden, zu trösten, damit er nicht, wie er sagt, vom Übermaß des Schmerzes verzehrt werde. Auch dieser Gedanke soll nicht unnütz für das Tugendstreben sein, weil ja die Sünde im menschlichen Leben überfließend vorhanden ist: als ihr Heilmittel wurde die Trauer nachgewiesen, die durch die Reue hervorgerufen wird.

Aber noch etwas Tieferes als das Gesagte scheint das Wort Gottes zu enthalten; indem es von einer fortgesetzten Übung der Trauer spricht, fordert es uns nämlich auf, noch an etwas anderes zu denken. Denn wenn es nur auf die Reue über die Sünde hätte hinweisen wollen, so hätte es folgerichtiger diejenigen seliggepriesen, welche getrauert haben, nicht jene, welche immerfort trauern. So preisen wir ― um abermals den Krankheitszustand zum Vergleiche beizuziehen ― diejenigen glücklich, welche mit Erfolg eine Kur gemacht haben, nicht jene, welche immerfort eine Kur machen; denn die Fortsetzung der Kur verrät die Fortdauer der Krankheit. Aber daß das Wort Gottes nicht bloß in dem oben dargelegten Sinne, als ob es nur den Reumütigen die Seligkeit zuspräche, aufgefaßt werden darf, ergibt sich uns noch aus einem anderen Grunde. Wir finden nämlich gar viele, die ein ganz tadelloses Leben führen, so daß es vom Worte Gottes selbst als tugendhaft bezeugt wird. Welche Habgier gab es an einem Johannes? welchen Götzendienst bei einem Elias? welche andere größere oder kleinere Sünde nennt die Geschichte ihres Lebens? Wie nun? Wird nun das Wort Gottes verkünden, sie stünden außerhalb der Seligpreisung, sie, die niemals in eine Seelenkrankheit gefallen sind und daher auch nicht nötig hatten, das oben dargelegte Heilmittel, nämlich den Reueschmerz, anzuwenden? Wäre es nicht ungereimt, solche Männer von der göttlichen Seligkeit ausgeschlossen zu wähnen, deshalb, weil sie weder gesündigt noch die Sünde durch Trauer getilgt haben? Oder wäre es da nicht besser, zu sündigen als ohne Sünde zu leben, wenn einzig und allein den Reumütigen die Gnade des Trösters in Aussicht steht? Es heißt ja: „Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden!“

Wir wollen daher nach Möglichkeit, wie Habakuk sagt, dem folgen, der uns nach oben führt (Hab. 3, 19) und den im Worte liegenden Sinn erforschen, damit wir sehen, welcher Trauer die Tröstung des Heiligen Geistes versprochen ist. Erwägen wir also, was denn zunächst die Traurigkeit an sich ist im menschlichen Leben und wodurch sie hervorgerufen ist. Soviel liegt klar vor aller Augen, daß die Trauer eine trübe Stimmung der Seele ist, hervorgerufen durch den Verlust eines geliebten Gegenstandes; dieser Zustand greift nicht Platz bei jenen, welche ihr Leben in lauter Freude zubringen. Recht glücklich z. B. ist einer im Leben: alle seine Geschäfte gehen ausgezeichnet; er hat seine Freude an seiner Ehegattin, ist stolz auf seine Kinder, hat Sicherheit durch Eintracht mit seinen Verwandten, genießt Ansehen in der Gemeinde und Ehre von seiten der Mächtigen, ist furchtbar seinen Gegnern, geschätzt von seinen Untergebenen, seinen Freunden zugänglich, prangend in Reichtum, fähig, das Leben zu genießen, frei von Kummer, von kräftiger Gesundheit, im Besitz alles dessen, was in dieser Welt als wertvoll gilt: ein solcher lebt gewiß in Frohsinn, weil ihm Freude aus allen seinen gegenwärtigen Verhältnissen zuströmt. Falls aber ein Umschwung am heiteren Himmel seines Glückes eintritt, etwa eine Scheidung von seinen Lieben, ein Vermögensverlust oder eine durch welchen Zufall nur immer herbeigeführte Schädigung seines körperlichen Wohlbefindens, so entsteht durch die Trennung von dem, was ihm Freude verschaffte, die entgegengesetzte Stimmung, die wir Trauer nennen. Demnach ist die aufgestellte Begriffsbestimmung richtig, daß die Traurigkeit ein schmerzliches Empfinden des Verlustes von Dingen ist, welche uns erfreuen.

Haben wir nun die Traurigkeit begrifflich erfaßt, so möge uns das Bekannte zum Unbekannten führen, damit wir auch einsehen, worin noch die seliggepriesene Traurigkeit besteht, auf welche Tröstung folgen soll. Wenn der Verlust von Gütern des gegenwärtigen Lebens die Traurigkeit hienieden bewirkt, niemand aber über die Einbuße eines unbekannten Gegenstandes klagen kann, so müssen wir zuerst untersuchen, welches das wahre Gut ist, und darauf das Verhältnis, in welchem die Menschen zu diesem wahren Gute stehen; so wird es uns gelingen, die seligmachende Traurigkeit zu finden. ― Einen Vergleich bieten die Blinden; wenn einer in Blindheit geboren ist, der andere aber, nachdem er an das Licht gewöhnt war, in einen finsteren Kerker geworfen wurde, so werden beide von ihrem Geschick nicht in gleicher Weise getroffen; denn der eine weiß, wessen er beraubt ist, und empfindet daher die Entziehung des Lichtes schwer; der andere, der eine solche Wohltat überhaupt nicht kennt, wird sein Leben ohne allzu große Traurigkeit verbringen, weil er, in Blindheit aufgewachsen, kein Gut verloren zu haben glaubt. Infolgedessen wird den einen die Sehnsucht nach dem Lichte antreiben, auf allerlei Mittel und Wege zu sinnen, um wieder all das sehen zu können, was ihm mit Gewalt entzogen wurde. Der andere aber wird bis in sein Greisenalter in seiner Blindheit gelassen dahinleben, weil er von dem höheren Gut (der Sehkraft) keine Ahnung hat und seine Lage für ganz annehmbar erachtet. Ähnlich ist es auch bei dem Gegenstand, der uns jetzt beschäftigt: wer es so weit gebracht hat, das wahre Gut zu erkennen, und dann die Armseligkeit der menschlichen Natur betrachtet, wird sich in seiner Seele sicher unglücklich fühlen, weil ihn darüber Trauer erfaßt, daß sein gegenwärtiges Leben nicht jenes höchste Gut besitzt. Nicht so fast die Traurigkeit an sich scheint vom Worte Gottes seliggepriesen zu sein, als vielmehr die Erkenntnis des höchsten Gutes, verbunden mit der Empfindung der Traurigkeit darüber, daß unserem Leben jenes heißersehnte Gut mangelt.

Den angezogenen Vergleich weiter verfolgend, müssen wir nunmehr erforschen, welches denn jenes Licht sei, von welchem diese dunkle Höhle der menschlichen Natur nicht mehr erleuchtet wird. Oder stellen wir uns hiemit eine Aufgabe, die leicht gelöst werden könnte? Denn welche Geisteskraft in uns wäre fähig, die Natur des gesuchten Gutes zu ergründen? welche Namen und Worte stünden uns zur Verfügung, uns eine würdige Vorstellung von dem Lichte über uns zu verschaffen? Wie soll ich das Ungesehene nennen? wie das Unstoffliche darstellen? wie das Unsichtbare zeigen? wie das erfassen, was ohne Größe, ohne Quantität, ohne Qualität, ohne Gestalt ist, was weder im Raume noch in der Zeit sich findet, was außerhalb jeder Begrenzung und jeder begrifflichen Vorstellung liegt, dessen Werk das Leben und der Inbegriff alles Guten ist, an dem man alles Hohe, das sich denken und sagen läßt, erschaut: Gottheit, Herrscherwürde, Macht, Ewigkeit, Unvergänglichkeit, Freude und Jubel und überhaupt alles Erhabene, was wir nur immer ersinnen und aussprechen können? Wie also und durch welche Gedanken kann man sich dieses unser höchstes Gut vor Augen stellen, das nur innerlich geschaut, nicht äußerlich gesehen wird, das allem, was ist, Dasein gibt, selbst aber seit Ewigkeit existiert und nicht erst entstehen mußte? Damit meine Rede nicht vergeblich sich abmühe, das Unerfaßliche zu erreichen, wollen wir aufhören, über die Natur des höchsten Gutes nachzugrübeln, da es unmöglich ist, so Erhabenes zu begreifen, und wollen es schon als einen Gewinn aus unserer Untersuchung betrachten, wenn wir gerade infolge der Unmöglichkeit, das Gesuchte zu ergründen, einigermaßen eine Ahnung von der unendlichen Größe des Gesuchten bekommen. Je mehr wir aber einsehen, daß jenes Gut über unser Erkenntnisvermögen erhaben ist, desto höher wollen wir auch die Trauer darüber in uns steigern, daß das Gut, von dem wir getrennt sind, von solcher Beschaffenheit und Hoheit ist, daß wir es nicht einmal mit unseren Gedanken erschließen können.

An diesem Gute, das alle Fassungskraft übersteigt, hatten wir Menschen einst Anteil, und in solchem Maße fand es sich auch in unserer Natur, daß jene Menschheit, die da in getreuester Nachahmung nach dem Urbilde geschaffen war, eine Änderung erfahren zu haben schien. Denn was wir jetzt an jenem Urbilde auf dem Wege des Glaubens erkennen, das alles befand sich auch einstens im Menschen: Unverweslichkeit, Glückseligkeit, Bedürfnislosigkeit, Unabhängigkeit, Schmerzlosigkeit und Mühelosigkeit des Lebens, Unterhaltung mit göttlichen Dingen und die Gabe, mit offenem, von jeder Täuschung freiem Geiste das Gute zu sehen. Dies alles lehrt uns in wenigen Worten der Bericht über die Weltschöpfung, indem er darlegt, daß der Mensch nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen worden sei, im Paradiese lebte und in dessen Erzeugnissen schwelgte; die Frucht der paradiesischen Bäume und Pflanzen war Leben, Erkenntnis und andere ähnliche Güter. Da wir all diese Vorzüge besaßen, wie ist es da möglich, wenn wir unser gegenwärtiges Elend mit der damaligen Glückseligkeit vergleichen, nicht über unseren tiefen Fall zu trauern? Das Hohe ist erniedrigt, das Ebenbild des Himmlischen ward der Erde verwandt, was zum Herrschen bestimmt war, zum Sklaven gemacht, was zur Unsterblichkeit geschaffen war, dem Tode preisgegeben; was in Paradieses Freuden lebte, wurde in dieses Land voll Krankheit und Mühsal verbannt; was den Vorzug haben sollte, von jeder Leidenschaft frei zu sein, hat dafür ein Leben eingetauscht, das angefüllt ist mit Leidenschaften heftigster Art; was sich voller Freiheit erfreute, schmachtet unter der Gewalt vieler Tyrannen. Denn jede Leidenschaft wirft sich, wenn sie die Oberhand gewonnen hat, zum Zwingherrn über den auf, der sich ihr einmal unterwarf. Und sobald sie die Burg der Seele eingenommen hat, läßt sie jeden, der ihr gehorcht, durch seine eigenen Untergebenen knechten, indem sie des Menschen Gedanken und Entschlüsse nach ihrem Gutdünken mißbraucht. So verfährt der Zorn, so die Furcht, die Feigheit, die Unbotmäßigkeit, die Leidenschaft des Schmerzes und der Lust, Haß, Zank, Unbarmherzigkeit, Härte, Neid, Schmeichelei, Rachgier, Gleichgültigkeit und all die Leidenschaften, die in unserem Innern kämpfen und streiten, ― eine ganze Menge von Gebietern und Tyrannen, die vermöge der Macht, die ihnen zur Verfügung steht, die Seele wie eine Kriegsgefangene zur Sklavin machen. Und wenn wir noch dazu die Mißgeschicke des Leibes in Erwägung ziehen, die mit unserer Natur so innig verbunden sind, ich meine, die verschiedenartigen Krankheiten, die das Menschengeschlecht im Anfang nicht kannte, so werden wir noch viel reichlicher Tränen vergießen, da wir bei einem Vergleich deutlich sehen, daß an Stelle der Freude das Leid, an Stelle des Guten das Böse getreten ist.

Diese Lehre scheint der Herr mit seiner Seligpreisung der Traurigkeit, wenn auch etwas verborgen, zu verkünden, indem er jene Traurigkeit meint, die da bewirkt, daß die Seele das wahre Gute voll Sehnsucht im Auge behalte und sich nicht in die Täuschungen des gegenwärtigen Lebens hinabziehen lasse. Denn beides ist unbestreitbar: einerseits, wer die Dinge dieser Welt richtig beurteilt, kann nicht ohne Tränen leben; andererseits, wer in den Lüsten dieses Lebens versinkt, von dem kann man nicht annehmen, daß er trauere. Letzteres beweisen auch die unvernünftigen Tiere; diese befinden sich zwar von Natur aus in einem bedauernswerten Zustand, ― denn was ist jammervoller, als der Vernunft beraubt zu sein? ― aber ein Gefühl ihres Unglückes haben sie nicht; vielmehr verläuft ihr Leben in einer gewissen Freude: das Pferd ist voll Übermut, der Stier tummelt sich, daß der Staub auffliegt, das Schwein sträubt seine Borsten, die jungen Hunde scherzen, die Kälber hüpfen; jedes Lebewesen kann auch durch mancherlei Zeichen seine Freude ausdrücken. Hätten sie jedoch eine Ahnung von der Vernunft, die sie entbehren, sie verbrächten ihr stumpfes, niedriges Leben nicht in Freude. So ist es auch bei den Menschen: solange sie die kostbaren Güter, deren wir nunmehr beraubt sind, nicht kennen und würdigen, überlassen sie sich ganz der Freude an dem gegenwärtigen Leben. Wer sich aber mit der Freude an der irdischen Gegenwart zufrieden gibt, kennt folgerichtig kein Streben nach Höherem; wer aber nicht strebt, wird auch nicht finden, was nur dem Strebenden beschert wird. Deshalb also preist das Wort Gottes die Traurigkeit selig, nicht als ob es diese um ihrer selbst willen für beseligend halten würde, sondern wegen des Segens, der aus ihr erwächst.

Der Zusammenhang beweist, daß das Trauern im Hinblick auf die Tröstung seliggepriesen wird; denn es heißt: „Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“ Dieses Verständnis besaß bereits, wie es scheint, im voraus der große Moses ― oder vielmehr das Wort, das durch ihn die geheimnisvollen Anordnungen für die Paschafeier traf. Er schrieb nämlich ungesäuertes Brot für die Festtage vor und als Zukost bitteren Lattich; aus solchen Andeutungen sollen wir lernen, daß wir an dem Paschafest nur dann Anteil haben, wenn wir die Bitterkeiten des Lebens mit einem lauteren, sozusagen ungesäuerten Wandel verbinden. Aus dem nämlichen Grund mischt auch der große David, obgleich er mit dem höchsten Maße irdischen Glückes, d. i. mit der Königswürde, ausgestattet war, reichlich Bitterkeiten in sein Leben, indem er seufzend, wehklagend und weinend über die Verlängerung seines Aufenthaltes im Fleische und erfüllt von heißer Sehnsucht nach dem Lande da droben ausruft: „Wehe mir, daß mein Aufenthalt verlängert wird“ (Ps. 120, 5 [= hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 119, 5]). Und unverwandten Auges auf die Schönheit der himmlischen Hütten blickend, sagt er anderswo, er vergehe vor Sehnsucht, weil er es für vorzüglicher halte, dort unter die Letzten zu gehören, als in dieser Welt der Erste zu sein (Ps. 83, 11 [= Septuag. u. Vulgata] [hebr.= Ps. 84, 11]).

Wenn aber jemand den wahren Begriff der seliggepriesenen Traurigkeit finden will, so betrachte er sie in der Erzählung von Lazarus und dem Reichen; in derselben wird uns die vorgetragene Auffassung noch klarer verkündet. Abraham sagt nämlich zum Reichen: „Erinnere dich, daß du viel Gutes in deinem Leben empfangen hast, ebenso wie Lazarus viel Schlimmes; darum wird dieser getröstet, du aber gepeinigt.“ (Luk. 16, 25). Das ist billig, nachdem ein unberatener oder richtiger ein übelberatener Sinn uns von dem Plane, den Gottes Güte mit uns vorhatte, weit entfernt hat. Nach Gottes Willen sollten wir nämlich nur das Gute ohne jegliches Schlimme genießen, das Schlimme aber nicht zugleich mit dem Guten verkosten; da wir jedoch mit freiem Entschluß, verleitet von unserer Gier, vom Gegenteil, d. h. vom Ungehorsam gegen das göttliche Gebot, kosteten, so muß der Mensch in beide Zustände geraten und sowohl an Leid als auch an Freud seinen Anteil bekommen. Da es nun zwei Welten gibt und ein zweifaches Leben in jeder dieser Welten und demgemäß auch eine doppelte Freude, die eine in dieser Welt, die andere in jener, die uns nach unserer Hoffnung in Aussicht steht, so ist es wohl als Seligkeit zu betrachten, wenn man seinen Anteil an der Freude sich in den wahren Gütern der Ewigkeit sichern will, seine Schuldigkeit aber im Ertragen von Leid in diesem kurzen, vergänglichen Leben auf sich nimmt. Dementsprechend wird man es für einen Verlust ansehen, in diesem Leben nicht manche Freuden zu entbehren, sondern gerade durch deren Vollgenuß einstens der höheren Güter verlustig zu gehen. Wenn es also seligzupreisen ist, in unendlichen Ewigkeiten eine unbegrenzte und immerdar dauernde Freude zu genießen, die Menschen aber auch das Gegenteil kosten müssen, so ist der Sinn des Ausspruches wohl klar und leicht einzusehen, warum jene selig sind, welche jetzt trauern; denn sie werden für ewige Zeit getröstet werden.

Der Trost aber entspringt aus der Gemeinschaft mit dem Tröster; denn die Gabe des Trostes ist eine besondere Wirkung des Heiligen Geistes. Mögen auch wir derselben gewürdigt werden durch die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, welchem Ruhm sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.Vierte Rede: „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“

Vierte Rede: „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“

Einleitung.

Von solchen, die magenkrank sind und keine Eßlust haben, behaupten die Arzneikundigen, daß sie infolge gewisser schlechter Säfte und Fremdstoffe, die sich in der oberen Magengegend gesammelt hätten, immer voll und satt zu sein glauben und deshalb zuträglicher Nahrung abgeneigt seien, weil das natürliche Verlangen in ihnen durch ein falsches Sattgefühl erstorben sei. Wenn aber einige ärztliche Sorgfalt auf sie verwendet werde und die in den Höhlungen des Magens aufgenommenen und eingeschlossenen Speisen durch eine auflösende Arznei fortgeschafft würden, dann sei die Folge, daß den Kranken, weil Fremdartiges nicht mehr die Natur belästige, das Verlangen nach nützlicher und nahrhafter Speise wiederkehre; ein Zeichen der Gesundheit sei es, daß man nicht gezwungen, sondern mit Begierde und Verlangen die Speisen zu sich nehme.

Was will nun diese Einleitung? Das Wort Gottes, das uns immer höher auf der Stufenleiter der Seligpreisungen emporführt, indem es nach dem Ausspruch des Propheten, eine herrliche Leiter in unserem Herzen herstellt (Ps. 84, 5 [= hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 83, 5]), zeigt uns nach Besteigung der früheren Sprossen eine weitere Stufe mit den Worten: „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; sie werden gesättigt werden.“ Es wird gut sein, unsere Seelen kräftig von Übersättigung und Überfüllung zu befreien, um so das seliggepriesene Verlangen nach solcher Speise und solchem Trank, die hier gemeint sind, in uns hervorzurufen. Der Mensch kann nicht erstarken, wenn nicht genügende Nahrung seine Kraft aufrechterhält, noch wird er Nahrung aufnehmen ohne zu essen, noch essen ohne Verlangen nach Nahrung. Da nun die Kraft im Leben ein Gut ist, diese aber nur durch genügende Sättigung erlangt wird, die Sättigung aber durch Essen zustande kommt, das Essen hinwiederum infolge des Verlangens, so ist das Verlangen seligzupreisen, weil es sich als Anfang und Quelle unserer Kraft darstellt.

Wir wissen nun, daß sich die Menschen zur sinnlichen Nahrung verschieden verhalten, indem sich nicht alle nach der gleichen Speise sehnen, sondern die Wünsche der Gäste hinsichtlich der eßbaren Dinge auseinandergehen: der eine findet Vergnügen am Süßen, der andere hat Verlangen nach herben scharfen Sachen, ein dritter mag Salziges, ein vierter Saueres usw. Dabei kommt es vor, daß viele nicht nach den Speisen verlangen, die ihnen zuträglich sind; mancher nämlich, der infolge seiner eigentümlichen Säftemischung zu einem Leiden neigt, nährt seine Krankheit noch durch die Beschaffenheit von Speisen, die die krankhafte Anlage begünstigen; wer dagegen sein Verlangen nur nach den ihm zuträglichen Speisen richtet, erhält sich gesund, weil eine solche Nahrung zu seiner Gesundheit beiträgt. In ähnlicher Weise sind auch hinsichtlich der Nahrung der Seele die Begierden der Menschen keineswegs auf den gleichen Gegenstand gerichtet: die einen verlangen nach Reichtum oder Ruhm oder sonst dergleichen, was in der Welt Glanz verschafft; bei anderen ist der Wunsch nach Tafelfreuden rege; wieder andere sättigen sich gierig mit Neid wie mit einer giftigen Nahrung. Einige aber verlangen nach dem, was von Natur aus gut ist; von Natur aus gut ist aber stets und für alle das, was nicht wegen eines anderen Gegenstandes erwünscht, sondern was um seiner selbst willen begehrenswert ist, sich stets gleich bleibt und niemals durch Sättigung seinen Reiz verliert. Darum preist das Wort Gottes nicht die einfach Hungernden selig, sondern die hungern nach der Gerechtigkeit.

Welche Gerechtigkeit ist dies nun? Denn hierüber müssen wir uns zuerst Klarheit verschaffen, damit, nachdem wir die Schönheit dieser Tugend ans Licht gestellt haben, in uns die Sehnsucht nach dem zur Erkenntnis gebrachten Liebreiz derselben erwache. Denn unmöglich können wir ein Verlangen nach uns Unbekanntem tragen, sondern Unbekanntem gegenüber verhält sich unsere Natur untätig und unbeweglich, wenn sie nicht zuvor durch Gehör oder Gesicht eine Vorstellung von dem betreffenden Gegenstand erlangt. Nun sagen einige, die über solche Dinge nachgeforscht haben, Gerechtigkeit bestehe in der Bereitwilligkeit, jedem das zuzuteilen, was billig ist und ihm gebührt. Wenn z. B. jemand die Vollmacht hat, Gelder zu verteilen, so nennt man ihn gerecht, falls er bei der Verteilung auf die Billigkeit schaut und die einzelnen Spenden nach dem Bedürfnis der Empfänger bemißt. Und wenn ein Richter nicht nach Gunst und Mißgunst seine Urteile fällt, sondern die Schuldigen straft und die Unschuldigen freispricht, und wenn er bei den übrigen Gerichtssachen seine Entscheidung nur auf Grund des wirklichen Sachverhaltes trifft, so nennt man ihn ebenfalls gerecht. Ferner wenn einer bei der Auferlegung von Steuern diese in voller Berücksichtigung der Steuerkraft der Untertanen festsetzt; desgleichen wenn der Herr eines Hauswesens, der Vorstand einer Stadt, ein König über ganze Völker die Untergebenen entsprechend ihren Verhältnissen leitet, indem er sich in seinem Machtgefühl nicht von unvernünftigen Beweggründen hinreißen läßt, sondern schlicht und ehrlich in seinem Bereiche waltet und in seinen Anordnungen den Wünschen der ihm Unterstellten entgegenkommt ― all das rechnen diejenigen zum Wesen der Gerechtigkeit, welche den Begriff derselben im Hinblick auf das vorgeführte Verhalten gegen Mitmenschen geben.

Wenn ich aber meinen Blick auf die hohe Warte der göttlichen Gesetzgebung richte, so komme ich zu der Annahme, daß unter der Gerechtigkeit, um die es sich hier handelt, noch etwas mehr als das Gesagte zu verstehen ist. Denn wenn das Wort des Heiles alle Menschen ohne Ausnahme in gleicher Weise im Auge hat, aber nicht alle in einem der erwähnten Stände leben, ― nur wenige ja können Herrscher, Vorstände, Richter sein oder die Vollmacht über Gelder oder sonst einen Gegenstand der Verwaltung bekommen; die Mehrzahl gehört vielmehr zu den Untergebenen und Regierten ― wie könnte man da annehmen, die wahre Gerechtigkeit wäre derartig, daß ihre Erlangung nicht allen ohne Ausnahme offenstünde? Denn wenn nach der Anschauung außerchristlicher Kreise der Gerechte die Ausgleichung sich zum Ziele setzt, der Vorrang aber auf Ungleichheit beruht, so kann man die gegebene Begriffsbestimmung der Gerechtigkeit nicht für richtig halten, weil sie schon durch die Ungleichheit im Leben widerlegt wird.

Welches ist nun jene Gerechtigkeit, die alle erreichen können und nach welcher das Verlangen aller geht, die auf den Tisch des Evangeliums blicken, reich oder arm, Diener oder Herr, frei oder Sklave, so daß kein äußeres Verhältnis imstande ist, den Begriff der Gerechtigkeit zu erweitern oder zu verengern? Denn fände sich die Gerechtigkeit nur bei dem, der durch eine bestimmte Macht und Auszeichnung über andere hervorragt, wie wäre dann Lazarus gerecht, der vor der Türe des Reichen hingestreckt lag, er, der keine Unterlage für die vorher dargelegte Gerechtigkeit besaß! kein Amt, keine Macht, kein Haus, keinen Tisch oder sonst eine Ausstattung im Leben, vermöge deren man jene Gerechtigkeit betätigen kann. Wenn nämlich die Gerechtigkeit nur im Befehlen, im Verteilen oder überhaupt in einer ordnenden Tätigkeit möglich ist, so ist einer, der an jenen Lebensstellungen keinen Anteil hat, von der Gerechtigkeit ganz ausgeschlossen. Mit welchem Rechte könnte also der noch einer Erquickung oder Belohnung für würdig erachtet werden, wer nichts von dem hat oder tut, was nach der Ansicht vieler zum Begriff der Gerechtigkeit gehört? Wir müssen daher jene wahre Gerechtigkeit erst suchen, deren Lohn nach der Verheißung jedem zuteil wird, der nach ihr verlangt; heißt es ja doch: „Selig, die nach der Gerechtigkeit hungern; denn sie werden gesättigt werden.“

Da sich uns Vieles und Mannigfaltiges zum Genusse darbietet, worauf sich das Verlangen der Seele richten kann, so brauchen wir einen hohen Grad von Einsicht, um das Nahrhafte vom Schädlichen zu unterscheiden, [S. 187] damit nicht eine Speise, welche die Seele als kräftigende Nahrung aufzunehmen glaubt, in uns Verderben und Tod statt des Lebens bewirkt. Da ist es vielleicht nicht unpassend, durch die Untersuchung einer anderen Stelle im Evangelium den Sinn unserer Seligpreisung aufzuhellen. Der uns in allem gleich geworden ist außer der Sünde und an denselben Bedürfnissen wie wir seinen Anteil nahm, wies das Gefühl des Hungers nicht ab, als es ihn befiel, sondern unterwarf sich dem natürlichen Trieb des Verlangens nach Nahrung. Denn nachdem er vierzig Tage gefastet hatte, hungerte ihn zuletzt, als es ihm gefiel, der Natur zu erlauben, daß sie auch an ihm ihre Kraft äußere. Als nun der Urheber aller Versuchungen wahrnahm, daß die Empfindung des Hungers auch in ihm sich rege, riet er ihm, sein Verlangen mit Steinen zu befriedigen, wodurch aber das Begehren von der natürlichen Nahrung auf die unnatürliche gelenkt wurde. Er sprach nämlich zum Herrn: „Sprich, daß diese Steine zu Brot werden!“ Was hat der Ackerbau verbrochen? Warum verabscheut der Widersacher den Samen und die daraus gewonnene Nahrung? Weshalb verachtet er die Weisheit des Schöpfers, ob sie nicht in entsprechender Weise das Menschengeschlecht ernähre? Denn wenn auf einmal die Steine geeigneter zur menschlichen Nahrung erscheinen, dann hat die göttliche Weisheit nicht die nötige Vorsorge für das menschliche Leben getroffen. „Befiehl, daß diese Steine Brot werden!“ So spricht der Satan bis zur Stunde zu allen, denen er durch ihre Begierlichkeit Versuchungen bereitet, und er will sie dadurch überreden, auf sein Geheiß hin sich aus Steinen ihr Brot zu bereiten.

Denn wer seine Begierde über die vom Bedürfnis gezogenen Grenzen hinausschreiten läßt, befolgt den Rat des Teufels, der immer aufs neue die aus der Saat gewonnene natürliche Nahrung verwirft und in den Seelen ein Verlangen nach Unnatürlichem weckt. Von Steinen essen in gewissem Sinne diejenigen, welche sich das Brot der Habsucht vorsetzen lassen, ebenso jene, die sich kostspielige schwelgerische Mahlzeiten durch Werke der Ungerechtigkeit bereiten, desgleichen auch alle, bei welchen die Zubereitung der Tafel nicht nach Maßgabe des Notwendigen erfolgt und nur darauf berechnet ist, möglichst prunkvoll zu sein und das Staunen der Gäste zu erregen. Denn was hat der ungenießbare Stoff des Silbers, der in schwerer, kaum zu tragender Last vorgesetzt wird, mit dem Bedürfnisse der Natur gemein? Was ist denn die Empfindung des Hungers? Nicht etwa das Verlangen nach dem, was unserem Leibe mangelt? Denn wenn die leibliche Kraft verbraucht ist, wird der hierdurch hervorgerufene Mangel durch einen entsprechenden Ersatz ergänzt; Brot ist es also oder sonst etwas Eßbares, wonach die Natur beim Hunger verlangt. Wird diesem Verlangen aber abgeholfen, wenn Gold statt Brot zum Munde geführt wird? Wenn einer auf ungenießbare Stoffe ausgeht, statt auf genießbare, so bemüht er sich um Steine, da die Natur etwas anderes verlangt, als worauf er seine Sorgfalt verwendet. Fast mit lauter Stimme sagt die Natur durch die Empfindung des Hungers, daß sie jetzt Speise bedürfe, weil sie die verflüchtigte Kraft dem Körper wiederersetzen müsse. Du aber hörst nicht auf die Natur; denn du gibst ihr nicht, was sie sucht, sondern bist besorgt, daß dir eine schwere Last Silber auf dem Tisch liege; du siehst dich um Bearbeiter des Metalls um und entwickelst wegen der Fertigung der Bilder, die in das Metall einziseliert werden, eine emsige Tätigkeit, darauf bedacht, daß durch die Arbeit des Künstlers die Leidenschaften und Gemütsstimmungen scharf ausgeprägt werden, daß man genau erkenne den Zorn des Schwerbewaffneten, wenn er mit dem Schwerte zum tödlichen Schlage ausholt, und den Schmerz des Verwundeten, wenn er sich in seinem Blute krümmt und schmerzlich stöhnt, was in seiner ganzen Haltung zum Ausdruck kommen soll. Völlig naturgetreu soll in der Darstellung auch hervortreten die Erregtheit des Jägers, die Wildheit des Tieres, sowie alles andere, was sonst noch die eitlen Toren in ihrer Geschäftigkeit an den für ihren Tisch bestimmten Metallen und Stoffen durch künstlerische Arbeiten darstellen wollen. Zu trinken begehrt die Natur, du aber lässest kostspielige Dreifüße bereiten, Waschbecken, Mischkrüge, Henkelkrüge und unzählig anderes, was mit der Befriedigung des Bedürfnisses nichts zu tun hat. Gehorchst du da in einem derartigen Tun nicht offenbar dem, der in dich dringt, deinen Blick auf Steine zu richten? Wozu soll ich noch die übrigen Arten von solcher Steinliebhaberei durchgehen? Dazu wären noch z. B. zu rechnen schändliche Schaustellungen, aufregende Musikaufführungen und Deklamationen, wodurch man den Weg zu einer ganzen Reihe von Sünden betritt und den Begierden zur Ausschweifung neue Nahrung zuführt. Das ist der Rat des Widersachers in bezug auf die Nahrung; dies beabsichtigt er, wenn er unseren Blick auf die Steine lenken will statt auf den der Natur entsprechenden Brotgenuß.

Doch der Überwinder der Versuchungen verbannte nicht den Hunger aus der Natur, als wäre er eine Ursache von Sünden, sondern er wies nur die übertriebene Sorge, die sich nach dem Rate des Widersachers zum unabweisbaren Bedürfnis gesellen sollte, von sich, und gestattete, daß die Natur innerhalb der von ihr gezogenen Grenzen ihren Haushalt decke. Wie nämlich jene, die den Wein wegen der ihm anhaftenden Unreinigkeit abseihen, durchaus nicht seinen Nutzen übersehen, sondern nur das Schädliche mit Hilfe des Seihers ausscheiden und dann den so geläuterten Wein recht gerne gebrauchen, so hat das ewige Wort, welches das der Natur Fremdartige wohl zu erkennen und von ihr genau zu scheiden weiß, in seiner gründlichen und treffenden Darlegung den Hunger, weil er die Aufgabe hat, bei der Erhaltung des Lebens mitzuwirken, nicht verworfen, wohl aber die übergroßen Sorgen, die sich leicht in das Bedürfnis einmischen, gleichsam durchgeseiht und ausgeschieden, indem es verkündete, wahrhaft nährendes Brot kenne jener, der sich nach der Anleitung des Wortes Gottes in das rechte Verhältnis zur Natur setzt.

Hat nun Jesus Hunger empfunden, so ist jener Hunger wohl seligzupreisen, der in uns so wirkt, wie in ihm selbst. Wenn wir also erkennen, wonach den Herrn hungert, so haben wir auch den Sinn unserer Seligpreisung gefunden. Welche Speise ist es also, nach welcher zu verlangen Jesus nicht unter seiner Würde erachtet? Er sagte es selbst, als er nach der Unterredung mit der Samariterin zu seinen Jüngern sprach: „Meine Speise ist es, den Willen meines Vaters zu tun“ (Joh. 4, 34). Und den Willen seines Vaters kennen wir genau durch den Apostel: „Er will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim. 2, 4). Wenn also der Vater will, daß wir gerettet werden und unser Heil die Speise Jesu ist, so unterliegt es auch keinem Zweifel mehr, nach welchem Gegenstand wir den Hunger unserer Seele zu lenken haben: lasset uns hungern nach unserem Heile! lasset uns dürsten nach dem göttlichen Willen, der dahin geht, daß wir gerettet werden! Wie wir nun diesen Hunger in uns hervorrufen sollen, haben wir jetzt durch die Seligpreisung kennengelernt; wer sich nämlich nach der Gerechtigkeit Gottes sehnt, hat entdeckt, was wahrhaft begehrenswert ist.

Die Sehnsucht darnach will aber Jesus nicht nur nach der einen der beiden Seiten stillen, nach welchen der Appetit in uns sich betätigt. Denn die Teilnahme an der Gerechtigkeit hat er nicht bloß wie eine Speise verlangt; alsdann würde ja das Verlangen, wenn es nur auf die Aufnahme von Nahrung abzielte, nur zur Hälfte befriedigt. Tatsächlich hat er jenes hohe Gut der Gerechtigkeit auch als Trank hingestellt, um das heiße, ja flammende Begehren unserer Seele nach demselben mit dem Bilde vom Durste zu bezeichnen. Da uns der Durst gewissermaßen ganz trocken und glühend macht, so nehmen wir den Trank als ein Heilmittel gegen diesen Zustand mit einem Wonnegefühl zu uns. Weil nun das Verlangen nach Speise und Trank der Art nach gleich, der Zustand aber, der beiden zugrunde liegt, verschieden ist, so preist das ewige Wort, um uns die höchste Begierde nach dem Guten zur Aufgabe zu machen, diejenigen selig, die beide Empfindungen, Hunger und Durst, hinsichtlich der Gerechtigkeit haben, da der Gegenstand des Sehnens dergestalt ist, daß er beiden Trieben zu entsprechen vermag: feste Nahrung zu werden für die Hungernden und ein Trank für alle, welche dürstend die Gnade an sich ziehen möchten. Daher heißt es: „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden!“

Wenn nun das Verlangen nach der Gerechtigkeit seligzupreisen ist, spricht dann das ewige Wort den nicht selig, der gleiche Sehnsucht hat z.´B. nach der Mäßigung, Weisheit, Klugheit oder nach sonst einer Art von Tugend? Doch die Seligpreisung hat etwa folgenden Sinn: Zwar ist die Gerechtigkeit nur ein Teil von dem, was zum Begriff der Tugend gehört; häufig aber hat die Heilige Schrift, wenn sie auch bloß einen Teil ausdrücklich nennt, trotzdem oft das Ganze im Auge, z. B. wenn sie die göttliche Natur mit dem einen oder anderen Namen umschreibt. Denn einmal spricht der Prophet im Namen Gottes: „Ich bin der Herr; das ist mein ewiger Name und ein Gedächtnis den Geschlechtern der Geschlechter“ (Is. 42, 8); anderswo aber sagt Gott: „Ich bin, der ich bin“ (Exod. 3, 11), und an einer anderen Stelle: „Ich bin barmherzig“ (Jer. 3, 12). Und noch mit zahlreichen anderen Namen, welche die Erhabenheit und Würde Gottes ausdrücken, pflegt ihn die Heilige Schrift zu benennen; daraus ergibt sich ganz klar, daß sie, wenn sie auch bloß einen Namen nennt, doch mit demselben die ganze Reihe seiner Namen stillschweigend ausgesprochen haben will; denn es ist unmöglich, daß, wenn er Herr genannt wird, er nicht zugleich auch das wäre, was die übrigen Benennungen besagen; vielmehr wird durch den einen Namen von Gott ausgesagt, was alle enthalten.

Hieraus ergibt es sich, daß die Heilige Schrift oftmals sehr viel einschließt, auch wenn sie nur einen Teil ausdrücklich nennt. Dementsprechend bezeichnet das Wort Gottes auch hier, wo es die Gerechtigkeit als den Gegenstand für die glückselig Hungernden angibt, damit überhaupt jede Art von Tugend, so daß in gleicher Weise auch der seligzupreisen ist, der nach Klugheit, Starkmut und Mäßigung hungert oder nach dem, was wir sonst noch Tugend nennen. Denn es ist unmöglich, daß eine Seite der Tugend, losgetrennt von den übrigen, für sich allein schon als vollkommene Tugend bezeichnet werden kann. Wenn nämlich bei unserem Streben nach einer bestimmten Tugend eine andere, die zum Begriff des Guten gehört, nicht mit inbegriffen wäre, so würde mit Notwendigkeit die entgegengesetzte Untugend in uns Raum gewinnen; die Mäßigung z. B. hat als Gegensatz die Zügellosigkeit, die Klugheit die Unbesonnenheit; und so hat jede Tugend ihren Gegensatz. Wenn nun nicht alle Tugenden zum Begriff der Gerechtigkeit gerechnet würden, so wäre sie, für sich allein bleibend, kein Gut mehr; denn niemand wird die Gerechtigkeit unbesonnen, keck, zügellos oder sonst etwas von dem nennen, was wir als schlecht ansehen. Wenn aber der Begriff der Gerechtigkeit keine Vermischung mit etwas Schlechtem gestattet, so faßt er jegliches Gute in sich; gut ist aber alles, was zur Tugend gehört. Folglich ist hier jede Art von Tugend unter dem Namen Gerechtigkeit gemeint, wenn das ewige Wort jene seligpreist, die nach ihr hungern und dürsten; er verspricht ihnen die Erfüllung ihrer Wünsche; es heißt ja: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“

Unser Ausspruch scheint uns etwa noch folgenden Gedanken in sich zu bergen. Keine Lust der Welt, welche der Mensch um ihrer selbst willen anstrebt, befriedigt ihn; vielmehr ist derartiges Luststreben nach dem Ausdruck der Weisheit (Sprichw. 27, 22) mit einem Faß ohne Boden zu vergleichen. In ein solches schöpfen jene, welche den Lüsten nachjagen; sie gehen ihnen mit unermüdlichem Eifer nach und bieten doch ganz vergeblich und zwecklos alle Kräfte auf, indem sie beständig in den Abgrund der Begierde gießen und außerdem noch all das, was der Lust Vorschub leisten könnte, hinzuschütten, ohne daß es ihnen gelingt, die Lust zur dauernden Sättigung und Befriedigung zu bringen. Denn wer hat je erlebt, daß die Gier nach Geld aufhörte, wenn die Habsüchtigen schon einen großen Reichtum erworben hatten? Wer ließ von seinem krankhaften Ehrgeiz ab, nachdem er sein Ziel erreicht hatte? Und wenn jemand seine Lust zu stillen gesucht hatte an Konzerten, an Schauspielen, an dem rasenden Wahnsinn der Völlerei oder an dem, was der Völlerei zu folgen pflegt, was war ihm schließlich von dem Genuß geblieben? Verfliegt nicht jede Art körperlicher Lust sofort mit ihrer Befriedigung, ohne auch nur ganz kurze Zeit bei denen zu verweilen, die nach ihr griffen? Wir empfangen also vom Herrn die erhabene Lehre, daß nur das Verlangen, welches auf die Tugend gerichtet ist, bleibenden Wert und wirklichen Inhalt besitzt. Denn wer eines der höheren Güter errungen hat, wie Enthaltsamkeit, Mäßigung, Ehrfurcht gegen Gott oder irgendeine der himmlischen Tugenden, die das Evangelium lehrt, empfindet bei jeder Tugendübung nicht bloß ein vorübergehendes, seichtes Vergnügen, sondern eine tiefgegründete, dauernde Freude, die sich auf die ganze Lebenszeit erstreckt. Warum? Weil man diese Tugenden immer betätigen kann, so gibt es keinen Augenblick im Leben, der Überdruß am Vollbringen des Guten einflößte. Denn die Mäßigung und Reinheit, die Beharrlichkeit im Guten und die Fernhaltung vom Bösen wird stets geübt, solange wir unseren Blick auf die Tugend richten, und die Freude, die sie gewährt, dauert so lange als das Tugendstreben.

Diejenigen aber, welche sich törichten Begierden ohne Einschränkung hingeben, können sich, wenn ihr Verlangen auch ununterbrochen auf zügelloses Genießen geht, doch nicht steter Freude rühmen. Denn dem Lustgefühl im Genuß von Speisen setzt die Sättigung ein Ziel; das Vergnügen am Trinken erlischt zugleich mit dem Durste; in ähnlicher Weise bedürfen auch die anderen sinnlichen Freuden von Zeit zu Zeit einer Unterbrechung, damit das Verlangen nach dem Genuß wiederkehre, wenn es durch die Sättigung abgestumpft ist1. Der Besitz der Tugend unterliegt aber für die, bei denen sie Wurzel gefaßt hat, keiner Zeitgrenze noch einer Unterbrechung infolge von Übersättigung, sondern er gewährt allen, die in ihm leben, einen ungetrübten, stets neuen und reichen Genuß all des Guten, das mit der Tugendübung verbunden ist. Darum stellt Gott, das ewige Wort, denen, die nach der Tugend hungern, Sättigung in Aussicht, eine Sättigung, die durch die Befriedigung erst recht entzündet, nicht abgestumpft wird.

Das also ist die Lehre dessen, der vom hohen Berge der Erkenntnis uns predigt. Darnach sollen wir unser Verlangen nicht auf Dinge richten, welche den nach ihnen Strebenden kein Ziel und Ende in Aussicht stellen, so daß ihr Bemühen so nichtig und töricht erscheint wie das derer, die dem Kopf ihres eigenen Schattens nachjagen: ihr Lauf gilt Unerreichbarem, weil der verfolgte Schatten stets mit gleicher Schnelligkeit dem Nachlaufenden entwischt. Dagegen sollen wir dorthin unser Verlangen richten, wo das Erstrebte als Eigentum allen Eifrigen zufällt. Denn wer nach der Tugend strebt, erwirbt das Gute als sicheren Besitz und kann das, was er erstrebt, in seinem eigenen Innern schauen. Selig ist also, wer nach Mäßigung hungert; er wird mit Befriedigung gesättigt werden. Diese Sättigung bewirkt aber, wie schon gesagt, keine Abnahme, sondern eine Steigerung des Verlangens, und das eine nimmt mit dem anderen in gleichem Verhältnis zu: auf die Begierde nach Tugend folgt die Besitzergreifung des Begehrten, und das erworbene Gut trägt unaufhörliche Freude in unsere Seele. Denn die Natur dieses Gutes bringt es mit sich, daß es uns nicht bloß im Augenblick des Genusses mit Süßigkeit erfüllt, sondern in jedem Teil der Zeit lebendige Freude zu gewähren imstande ist. Denn Freude weckt die Erinnerung an ein gerechtes Leben in allen, die es geführt haben, Freude auch die Gegenwart, wenn sie im Einklang mit der Tugend verbracht wird, Freude auch die Erwartung des Lohnes. Letzterer wird vor allem wiederum in der Tugend bestehen, die einerseits als das Werk der Braven erscheint, andererseits als der göttliche Lohn für das vollbrachte Gute.

Soll ich aber noch ein etwas kühnes Wort wagen, so halte ich dafür, daß der Herr, wenn er von Tugend und Gerechtigkeit spricht, sich selbst seinen Jüngern als Gegenstand des Verlangens darbietet. Er ist uns ja Weisheit von Gott, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung geworden (1 Kor. 1, 30), aber auch das Brot, das vom Himmel kommt (Joh. 6, 41) und lebendiges Wasser (Joh. 4, 10). Darnach hat auch David gedürstet, wie er in seinem Psalm gesteht, in welchem er dies beseligende Gefühl seines Herzens Gott mit den Worten darbringt: „Meine Seele dürstet nach dem starken, lebendigen Gott; wann werde ich dahin kommen und vor dem Angesichte Gottes erscheinen?“ (Ps. 41, 2 [ber.: = Ps. 41, 3 Septuag. u. Vulgata] [hebr. = Ps. 42, 3]). Durch die Kraft des Heiligen Geistes wurde David, wie es scheint, im voraus in die vorgeführten, erhabenen Lehren des Herrn eingeweiht, und befähigt, auch die Erfüllung eines solchen Verlangens für sich selbst zu ahnen; denn er ruft aus: „Durch Gerechtigkeit werde ich vor deinem Angesichte erscheinen und mich sättigen am Anblicke deiner Herrlichkeit“ (Ps. 17, 15 [= hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 16, 15]).

Die hier gemeinte Gerechtigkeit ist demnach die wahre Tugend, die Vollkommenheit, die keinen Makel aufweist, sondern alles Gute in sich schließt, Gott selbst, das Wort, jene Tugend, welche, wie Habakuk sagt (3, 3), die Himmel bedeckt. Und mit Recht werden die seliggepriesen, welche nach dieser Gerechtigkeit Gottes hungern. Denn wer nach dem Ausdruck des Psalmisten den Herrn gekostet (Ps. 33, 8 [ber.: = Ps. 33, 9 Septuag. u. Vulgata] [hebr. = Ps. 34, 9]), das heißt Gott in sich aufgenommen hat, wird von dem erfüllt, nach welchem er gehungert und gedürstet hat ― gemäß der Verheißung dessen, der da versprochen: „Ich und der Vater werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen (Joh. 14, 22), während der Heilige Geist gewiß schon vorher in ihm Wohnung genommen hatte. Auch der große Paulus, der von den geheimnisvollen Früchten des Paradieses kosten durfte, ist einerseits von dem, was er genossen, schon gesättigt, andererseits empfindet er noch Hunger. Daß er nämlich von dem, welchen er ersehnt, gesättigt ist, spricht er in den Worten aus: „Christus lebt in mir“ (Gal. 2, 20); aber zugleich streckt er sich wie ein noch Hungernder nach dem aus, was vor ihm liegt, indem er erklärt: „Nicht als ob ich es bereits ergriffen hätte, oder als ob ich schon vollkommen wäre, sondern ich jage ihm nach, damit ich es auch ergriffe“ (Phil. 3, 12).

In unserer Darlegung wird es noch gestattet sein, etwas ausnahmsweise als Tatsache anzunehmen, was in der Natur niemals vorkommt. Wenn nämlich bei der leiblichen Speise nichts von dem, was wir uns zu unserer Ernährung zuführen, ausgeschieden, sondern alles zur Vermehrung der Körpergröße verwendet würde, so könnte der Körper bald zu einer gewaltigen Höhe emporwachsen, indem alsdann die tägliche Nahrung immer aufs neue die Größe vermehren würde. Tatsächlich aber macht die Gerechtigkeit und die mit ihr verbundene Tugendfülle, da sie vermöge ihres geistigen Charakters keine Ausscheidung des Genossenen kennt, jene, die sie zu sich nehmen, immer größer und größer, indem sie durch ihre Aufnahme unsere Seelengröße stets vermehrt.

Indem wir demnach den seliggepriesenen Hunger recht auffassen, wollen wir jeder Sättigung, die vom Bösen kommt, entsagen, und nur nach der Gerechtigkeit Gottes hungern, auf daß wir mit ihr gesättigt werden ― in Christus Jesus unserem Herrn, dem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.Fünfte Rede: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Fünfte Rede: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Einleitung.

Auf die nämliche Belehrung, welche dem Jakob in einem Gesichte durch ein Gleichnis gegeben wurde, indem er sah, wie eine Leiter von der Erde bis zum Himmel reichte und Gott selbst auf ihr thronte, zielt ungefähr auch die Unterweisung ab, die uns durch die Seligpreisungen zuteil wird; wer sich von ihnen emporführen läßt, wird zu immer höheren Gedanken erhoben. Dort war es, wie ich glaube, das tugendhafte Leben, das dem Patriarchen unter dem Sinnbild der Leiter vorgestellt wurde, damit er selbst lerne und seinen Nachkommen mitteile, zu Gott könne man unmöglich anders gelangen, als wenn man stets nach oben blickt und ein unaufhörliches Verlangen nach immer Höherem trägt, so daß man sich nicht mit dem schon Erreichten begnügt, sondern es für einen Verlust erachtet, nicht die höhere Stufe zu erklimmen. Hier nun in den Seligkeiten, die aufeinanderfolgen, werden wir durch ihre Hoheit in den Stand gesetzt, Gott selbst näherzukommen, dem wahrhaft Seligen, der über aller Seligkeit seinen Thron hat. Wie wir dem Weisen durch Weisheit, dem Reinen durch Reinheit uns verähnlichen, so werden wir dem Seligen auf dem Weg der Seligpreisung uns angleichen; denn Gottes Eigenschaft ist in Wahrheit die Seligkeit, weshalb auch Jakob Gott auf der Leiter thronen sah. Die Teilnahme an den Seligpreisungen ist also nichts anderes als eine Teilnahme an der Gottheit, zu der uns der Herr durch seine Worte emporführt.

Der Inhalt der Seligpreisung, die uns der Reihenfolge nach jetzt beschäftigen soll, scheint mir den, der das Wort Gottes hört und versteht, in gewisser Weise zu Gott zu machen. Es heißt nämlich: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Ich weiß nun, daß die heiligen Männer an vielen Stellen der Schrift das Wort „barmherzig“ für die göttliche Macht selbst gebrauchen, so David in seinen Psalmen, so Jonas in seiner Prophetie, so der große Moses oftmals in seiner Gesetzgebung. Wenn also die Bezeichnung „barmherzig“ Gott selbst zukommt, will dich da nicht das Wort einladen, Gott zu werden, um dich nach den die Gottheit auszeichnenden Merkmalen zu gestalten? Denn wenn Gott in der von ihm eingegebenen Schrift barmherzig genannt wird, Gott aber der wahrhaft Seligzupreisende ist, so ergibt sich wohl als einleuchtende Folgerung, daß der Barmherzige, auch wenn er nur Mensch ist, doch der göttlichen Glückseligkeit für würdig gilt, weil er in jene Eigenschaft eintrat, nach welcher Gott besonders genannt wird. „Barmherzig ist der Herr und gerecht, und Gott erbarmt sich unser“ (Ps. 114, 5 [= Septuag. u. Vulgata] [hebr. Ps. 116, 5]). Wie sollte es also nicht beseligend für den Menschen sein, durch sein Benehmen das zu heißen und das zu werden, wonach Gott genannt wird. Das Streben nach den höheren Gnadengaben empfiehlt in seinen Worten der göttliche Apostel (1 Kor. 12, 34).

Unsere Absicht zielt aber nicht dahin, uns zu überzeugen, daß wir nach dem Guten streben sollen, ― die Hinneigung zum Guten liegt ja ohnehin schon in unserer Natur ―, sondern dahin, daß wir in dem Urteil über das, was gut ist, nicht irre gehen; denn unser Leben irrt sich am meisten nach der Seite, daß wir nicht richtig unterscheiden zwischen dem, was seinem Wesen nach wirklich gut ist, und dem, was nur aus Täuschung dafür gehalten wird. Wenn nämlich das Böse in aller Nacktheit im Leben vor unseren Augen läge und nicht mit dem Schein des Guten übertüncht wäre, so wäre der Mensch niemals zu ihm übergegangen. Wir haben daher Klugheit nötig, um unseren Ausspruch richtig aufzufassen, damit wir über die wahre Schönheit des darin liegenden Gedankens belehrt, uns nach demselben gestalten. Denn wie der Glaube an die Gottheit zwar schon von Natur aus in allen Menschen liegt, sie aber trotzdem, weil sie den wahren Gott nicht kennengelernt haben, im Forschen nach demselben in die Irre gehen, ― viele beten die wahre Gottheit an, die sich im Vater, im Sohne und im Heiligen Geiste darstellt, andere aber sind auf falsche Vorstellungen geraten, indem sie Gott in der Kreatur suchen; nicht selten hat hierin schon eine kleine Abweichung von der Wahrheit der Gottlosigkeit Tür und Tor geöffnet ―, so würde auch bei der uns vorliegenden Seligpreisung, falls wir nicht den wahren Sinn erkannten, der Nachteil für uns nicht gering sein, weil wir von der Wahrheit abirrten.

Was ist nun die Barmherzigkeit und wie wird sie geübt? Und wie ist der selig, der wieder empfängt, was er gibt? Es heißt: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ In seinem zunächstliegenden Sinn fordert uns der Ausspruch zur gegenseitigen Liebe und zum Mitleid auf, weil wegen der Ungleichheit und wegen des Gegensatzes der Lebensverhältnisse nicht alle in der gleichen Lage sich befinden, weder in bezug auf das Ansehen, noch auf die Körperbeschaffenheit noch auf die übrigen Annehmlichkeiten. Das Leben geht nämlich häufig in Gegensätze auseinander: in Knechtschaft und Herrschaft, in Reichtum und Armut, in Achtung und Verachtung, in Gesundheit und Krankheit und so auch hinsichtlich der meisten anderen Verhältnisse. Damit nun zwischen dem Zu-Viel und dem Zu-Wenig ein Ausgleich stattfinde und der Mangel durch den Überfluß ersetzt werde, schrieb das göttliche Wort Barmherzigkeit gegen die Geringeren vor. Denn das Bestreben, das Unglück des Menschen zu heilen, wird in uns nur dann entstehen, wenn die Barmherzigkeit unsere Seele zu solchem Entschluß erweicht. Die Barmherzigkeit ist begrifflich der Hartherzigkeit entgegengesetzt; wie der Hartherzige und Unmenschliche unzugänglich ist für alle, welche sich ihm bittend nahen wollen, so geht der Barmherzige in seinem Gemüte gewissermaßen eine Verbindung mit den Dürftigen ein, indem er für die Leidenden so wird, wie deren gedrückter Sinn es wünscht. In der Tat ist die Barmherzigkeit, wie man sie begrifflich erklären und umgrenzen kann, eine Traurigkeit, welche der Mensch aus freien Stücken über fremde Leiden trägt.

Genügt jedoch unsere bisherige Darstellung nicht, so dürfte der Begriff Barmherzigkeit durch eine andere Wendung noch klarer werden. Wir können nämlich die Barmherzigkeit auch als eine liebevolle Teilnahme des Herzens bezeichnen denen gegenüber, welche von schwerem Ungemach heimgesucht sind. Wie nämlich das harte, unmenschliche Wesen vom Hasse seinen Ausgang nimmt, so erblüht die Barmherzigkeit sozusagen aus der Nächstenliebe; sie hat letztere zur notwendigen Voraussetzung. Wenn wir aber das Charakteristische der Barmherzigkeit hervorheben wollen, so können wir sie als einen hohen Grad der Liebe bestimmen, verbunden mit dem Gefühl des Mitempfindens. Am Glücke des Mitmenschen allerdings möchten alle teilnehmen, Feind und Freund; aber die Bereitwilligkeit, an fremdem Unglück teilzunehmen, findet sich nur bei denen, welche sich von der Liebe leiten lassen. Nun ist aber ausgemacht, daß unter allen Tugenden die Liebe den ersten Platz einnimmt; die Barmherzigkeit ist aber ein höherer Grad der Liebe; darum ist derjenige, welcher seine Seele in dieser Stimmung erhält, wahrhaft seligzupreisen, weil er in der Tugend nach dem Höchsten ringt. Dabei soll niemand unsere Tugend bloß nach den äußeren Leistungen beurteilen, ― alsdann könnten sie nur solche erlangen, welche in der Lage sind, Wohltaten zu spenden ―, sondern mir scheint es gerechter, den Sitz der Barmherzigkeit in das Wollen und Wünschen zu verlegen. Denn wer das Gute ernstlich will und verlangt, steht, auch wenn er nicht imstande ist, ein löbliches Werk zu vollbringen, hinsichtlich seines seelischen Wertes durchaus nicht hinter dem zurück, der seine edle Gesinnung auch in Taten umsetzen kann.

Welch großer Gewinn für das Leben erwächst, wenn wir den Sinn der Seligpreisung so auffassen, wie ich dargelegt habe, ist wohl überflüssig auszuführen, da auch für Einfältige die Vorteile auf der Hand liegen, die das Leben aus dieser Mahnung des Herrn ziehen könnte. Sobald nämlich eine solche Gesinnung gegen die Geringeren eingepflanzt wird, gibt es kein Zu-Viel und auch kein Zu-Wenig; nicht mehr wird das Leben in Gegensätze gespalten: keine Armut wird den Menschen plagen, keine Knechtschaft ihn erniedrigen, kein Mangel an Ansehen ihn betrüben. Denn allen wird alles gemeinsam sein; Gleichheit der Gesetze und der Rechte bürgert sich im Leben der Menschen ein, da der Mitbürger freiwillig den Rückstand der Geringeren ausgleicht. Tritt dies alles ein, dann ist kein Zündstoff zur Feindschaft vorhanden; zur Untätigkeit ist der Neid verurteilt, tot der Haß, verbannt die Rachgier, die Lüge, der Betrug, der Krieg ― lauter Dinge, welche der Begierde nach Mehr entspringen. Ist einmal die mitleidslose Gesinnung entfernt, dann werden mit ihr von Grund aus, wie mit einer bösen Wurzel, die Schößlinge der Bosheit verschwinden und mit der Austilgung des Bösen hält zugleich die ganze Reihe der Tugenden ihren Einzug: Friede, Gerechtigkeit und die ganze Gefolgschaft dessen, was man zum Begriff „Gut“ zählt. Was wäre denn seliger zu preisen als ein Leben, in welchem man die Sicherheit seines Leibes und seiner Habe nicht mehr Riegeln und Schlössern anvertrauen muß, sondern das richtige Verhalten der Menschen zueinander volle Sicherheit verbürgt! Denn wie der Hartherzige und Unmenschliche sich die zu Feinden macht, die seine Mitleidslosigkeit erfahren mußten, so werden wir die Freunde desjenigen, der barmherzig ist; denn Barmherzigkeit erzeugt Liebe in allen, welche sie verkosten durften. Wie die Darlegung zeigt, ist daher die Barmherzigkeit die Mutter des Wohlwollens, das Pfand der Liebe, das Band jeder freundschaftlichen Gesinnung; die Sicherheit, die hiedurch gegeben wird, ist zuverlässiger als jede andere. Daher preist das göttliche Wort mit Recht den Barmherzigen selig, da soviel des Guten in diesem Namen eingeschlossen ist.

Aber wenngleich jedem der große Nutzen einleuchtet, der aus unserer Seligpreisung für das Leben erwächst, so will doch, wie mir dünkt, ihr wahrer Gehalt dadurch, daß die zukünftige Zeitform gewählt ist, noch Größeres enthalten, als der Wortlaut auf den ersten Blick anzudeuten scheint. Es heißt nämlich: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“, in dem Sinne, daß die Barmherzigen später eine Vergeltung erwarten dürfen, nach Maßgabe der Barmherzigkeit, die sie geübt. Wollen wir daher den dargelegten, leichtfaßlichen und von den meisten unschwer gefundenen Sinn unserer Seligpreisung verlassen und, soweit es uns möglich ist, mit forschendem Geist hinter den Vorhang zu blicken versuchen!

„Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Man kann in der Tat eine höhere Lehre in dem Ausspruche entdecken, nämlich ungefähr folgende: Der ewige Schöpfer, welcher den Menschen nach seinem Ebenbilde gestaltete, legte in die Natur seines Geschöpfes die Keime zu jeglichem Guten, so daß nichts Gutes erst von außen her in uns hineinkommen muß, sondern jedes, das wir zu besitzen wünschen, in unserer Gewalt ist, und wir das Gute nur aus der eigenen Natur wie aus einer Vorratskammer hervorholen können. An einer Tugend sollen wir lernen, was von allen Tugenden gilt: niemand kann das Gute, das er zu erlangen sich sehnt, auf eine andere Weise erreichen als dadurch, daß er es sich selbst spendet. Darum sagt der Herr irgendwo zu seinen Jüngern: „Das Reich Gottes ist in euch“ (Luk. 17, 14); ebenso: „Wer bittet, empfängt; wer sucht findet, und wer anklopft, dem wird aufgetan“ (Matth. 7, 7); demnach hängt es bei allen unseren Bestrebungen von unserem freien Willen ab, das Ersehnte zu bekommen, das Gesuchte zu finden und das Gewünschte zu erhalten. Wollen wir konsequent sein, so müssen wir das Gesagte auch auf das Gegenteil des Guten anwenden: auch der Fall in die Sünde wird nicht durch einen Zwang von außen hervorgerufen, sondern das Böse kommt dadurch zustande, daß wir uns für dasselbe entscheiden, indem es nämlich dann ins Dasein tritt, wenn wir es frei wollen und wählen; außerhalb unseres Willens aber wird das Böse als etwas für sich selbst Bestehendes nirgends vorgefunden. Daraus erweist sich deutlich die unabhängige und selbstherrliche Macht, die der Schöpfer in unsere Natur legte, da alles von unserem Willen abhängt, sowohl das Gute wie das Böse.

Darum wird aber auch der göttliche Richterspruch in unbestechlichem und gerechtem Urteil nur demjenigen Richterspruch sich anschließen, der von uns selbst durch unsere Gesinnung gefällt wird, und jedem lediglich das zuteilen, was er sich selbst zuspricht: Den einen, die nach der Wendung des Apostels Ehre und Ruhm durch Beharrlichkeit in guten Werken suchen (Röm. 2, 6), ewiges Leben, den anderen aber, welche nicht der Wahrheit, sondern der Ungerechtigkeit gehorchen, Zorn und Trübsal und wie alles das heißt, was zur schrecklichen Wiedervergeltung gehört. Wie nämlich genaue Spiegel vom Antlitz ein solches Bild zeigen, wie es tatsächlich ist, also heiter das der Freudigen, niedergeschlagen das der Traurigen, und niemand diese Eigenschaft des Spiegels tadeln kann, wenn er ein finsteres Gesicht von dem sehen läßt, der in Trübsinn versunken ist, so richtet sich auch der gerechte Urteilsspruch Gottes vollständig nach unserem Zustand; er handelt seinerseits mit uns so, wie wir gehandelt haben. Darum sagt er sowohl: „Kommet ihr Gesegneten!“ als auch: „Weichet ihr Verfluchten“ (Matth.25, 34. 41). Findet hierbei vielleicht ein äußerer Zwang statt, der denen zur Rechten das süße Wort, denen zur Linken aber das zürnende aufnötigen würde? Haben nicht vielmehr die einen durch ihre eigene Barmherzigkeit ebenfalls Barmherzigkeit gefunden, die anderen hingegen durch ihre eigene Hartherzigkeit gegen ihresgleichen Gott gegen sich hartherzig gemacht? Der in Üppigkeit schwelgende Reiche erbarmte sich nicht des Armen, der in Elend vor der Türe lag; damit schneidet er für sich selbst die Möglichkeit des Erbarmens ab, so daß er zwar um Barmherzigkeit fleht, aber nicht erhört wird, nicht als ob ein einziger Tropfen für den mächtigen Strom des Paradieses einen Verlust bedeutet hätte, sondern weil der Tropfen des Erbarmens keine Verbindung mit der Hartherzigkeit einzugehen vermag; denn „welche Gemeinschaft hat das Licht mit der Finsternis“ (2 Kor. 6, 15). Desgleichen heißt es: „Was der Mensch sät, das wird er auch ernten; wer in das Fleisch sät, wird aus dem Fleische Verderben ernten; wer aber in den Geist sät, wird aus dem Geiste ewiges Leben ernten“ (2 Kor. 6. 14 vgl. 9, 6 Gal. 6, 8). Die Saat, glaube ich, ist die Willensentscheidung des Menschen, die Ernte die Vergeltung, die der Willensentscheidung entspricht. Reich an Ertrag ist die Ähre des Guten für die, welche eine solche Saat wählen, qualvoll aber die Distelernte für die, welche Distelsamen im Leben ausstreuen. Denn es muß einer mit Notwendigkeit das ernten, was er eben gesät hat; eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

„Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Welche Rede vermöchte die Tiefe der in dem Ausspruch liegenden Gedanken erschöpfend darzustellen? Denn das Allgemeine und Unbestimmte des Ausdruckes, daß er nämlich nicht beifügt, gegen wen wir Barmherzigkeit üben sollen, sondern einfach sagt: „Selig sind die Barmherzigen“, gestattet uns, in unseren Betrachtungen noch weiterzugehen, als es [S. 204] schon geschehen ist. Vielleicht will uns hierdurch das ewige Wort zu verstehen geben, daß die barmherzige Gesinnung, die jetzt seliggepriesen wird, in engem Zusammenhang mit der Traurigkeit stehe, welche unmittelbar vorher seliggepriesen ward. Fast scheint das göttliche Wort in beiden Seligkeiten ungefähr die gleiche Belehrung zu geben. Denn wie wir bei fremden Unglücksfällen schmerzlich berührt werden, wenn etwa gute Freunde unerwartet heimgesucht werden, sei es, daß sie vom Vaterhaus verjagt werden oder aus einem Schiffbruch nur das nackte Leben retten, zu Wasser oder zu Land Räubern in die Hände fallen, Sklaven aus freien Menschen, Kriegsgefangene aus schönen Lebensverhältnissen heraus werden oder sonst ein Leid erfahren, nachdem ihnen bisher das Glück lächelte, ― wie also bei derartigen Vorkommnissen ein gewisser schmerzlicher Zustand der Teilnahme in unserer Seele entsteht, so ist es im Hinblick auf uns selbst wohl noch passender, daß eine solche Stimmung in uns über den unwürdigen Sturz eintrete, den unser Leben erlitt. Wenn wir nämlich erwägen, aus welch herrlicher Wohnung wir vertrieben wurden, wie wir in die Gewalt von Räubern fielen, wie wir, in den Abgrund des Lebens hienieden versenkt, nackt und bloß dastehen, wie viele und wie schreckliche Gewaltherren wir uns auf den Hals zogen, statt unser Leben in Freiheit und Unabhängigkeit zu verbringen, wie wir ein Leben voll Seligkeit durch Tod und Verderben zerstörten, wenn wir, sage ich, diese Erwägungen anstellen, ist es dann noch möglich, daß sich unser Mitleid nur fremdem Unglücke [sich] (aus Ber.: „sich“ streichen) zuwende und unsere Seele nicht auch von Mitleid gegen sich selbst erfüllt werde, eingedenk dessen, was sie besessen und was sie verloren hat?

Was ist bemitleidenswerter als diese Gefangenschaft? Statt des wonnevollen Lebens im Paradiese haben wir ein Land voll Krankheit und Mühsal geerbt; statt jenes leidlosen Zustandes haben wir unzählige Leidensgeschicke geerntet; statt jene erhabene Gesellschaft genießen und mit den Engeln leben zu dürfen sind wir verurteilt, in Gemeinschaft mit den Tieren der Erde zu leben, weil wir für das engelgleiche und leidenschaftslose Leben ein tierisches eintauschten. Wer könnte wohl die grausamen Tyrannen unseres Lebens alle aufzählen, diese rasenden, wütenden Gewaltherren? Ein grausamer Despot ist der Zorn, ein anderer der Neid, der Haß; der leidenschaftliche Hochmut ist ebenfalls ein gar schlimmer Tyrann. Ärger als ein Herr, der seine um Geld gekauften Sklaven seinen Übermut fühlen läßt, knechtet eine auf Ausschweifung gerichtete Lust die menschliche Natur zum unreinen Dienst der Leidenschaft. Und die Tyrannei der Habsucht! Welches Übermaß der Grausamkeit überschreitet sie nicht? hat sie die Seele zur Sklavin gemacht, so zwingt sie dieselbe, ihre unersättlichen Begierden zu sättigen, immer zu sich nehmend, um nie satt zu werden, wie ein vielköpfiges Ungeheuer, das durch tausend Mäuler unaufhörlich Futter dem nimmersatten Bauch zuführt; an keinem Gewinne bekommt sie genug, sondern jeder Gewinn reizt sie zu noch größerer Begierde. Wer könnte, wenn er dieses unglückliche Leben betrachtet, unbarmherzig und hart gegen solches Elend bleiben?

Der Grund, weshalb wir gegen uns selbst so wenig Mitleid haben, liegt darin, daß wir unseren Jammer nicht genug fühlen. Fast geht es uns hier wie denen, die der Wahnsinn aus dem rechten Geleise gebracht und denen das Übermaß des Unglückes auch noch das Gefühl für ihre Leiden geraubt hat. Wer aber sich selbst recht erkennt und einsieht, was er früher war und was er jetzt ist, ― Salomo sagt irgendwo, daß Selbsterkenntnis Weisheit verrate (Prov. 43, 10) ― wird stets mit sich selbst Mitleid tragen; dieses wird aber auch gewiß das göttliche Mitleid zur Folge haben, denn es heißt: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“, wohlgemerkt, sie selbst, keine anderen. Darin drückt das göttliche Wort einen ähnlichen Gedanken aus, wie wenn man sagt: „Selig, wer für die körperliche Gesundheit sorgt; denn wer dafür sorgt, wird selbst der Gesundheit sich erfreuen.“ So ist der Barmherzige seligzupreisen, weil die Barmherzigkeit von Seiten Gottes als Frucht in den Besitz des Barmherzigen übergeht, sei es daß wir die Barmherzigkeit in der soeben gefundenen Auffassung nehmen oder in der zuvor erörterten, nämlich in dem Sinne Teilnahme der Seele an fremden Unglücksfällen. Beides ist gleich gut: sowohl sich selbst in der dargelegten Weise bemitleiden, als auch Mitleid mit dem Unglück des Mitmenschen tragen. Denn das gerechte Urteil Gottes erhebt die Gesinnung des Erbarmens, die wir Geringeren entgegenbringen, zu einer übergroßen Macht, indem wir auf diese Weise gewissermaßen unsere eigenen Richter werden, da wir in unserem Urteil über bedauernswerte Mitmenschen uns selbst das Urteil sprechen.

Da nach unserem Glauben nun, der auf Wahrheit beruht, einstens die ganze Menschheit vor den Richterstuhl Jesu Christi treten wird, damit jeder auch an seinem Leibe empfange nach seinen Werken, mögen sie gut oder böse sein, so darf ich vielleicht sogar ein kühnes Wort sagen: wenn es überhaupt angeht, Geheimnisvolles und Verborgenes in seinen Gedanken zu erfassen, so können wir schon die Seligkeit uns ausdenken, die uns von seiten derer zuteil wird, die unsere Barmherzigkeit erfuhren. Gegen diejenigen, welche uns während ihres ganzen Lebens durch ihr Tun und Lassen Barmherzigkeit erwiesen haben, fühlen wir herzliches Wohlwollen und dieses bleibt billigerweise immerfort und zwar in allen, welche Wohltaten von ihnen genossen haben. Wenn nun beim Gerichte die Empfänger von Guthaben ihren Wohltäter wiedererkennen, was wird dessen Seele empfinden bei den Stimmen der Dankbarkeit, welche laute Segenswünsche über ihn aussprechen vor dem Herrn der ganzen Schöpfung? Wird er noch einer anderen Seligpreisung bedürfen, er, dessen Name vor einer solch gewaltigen Zuschauermenge neben den Besten aufgerufen wurde? Denn daß die Empfänger der Wohltaten zugegen sein werden, lehrt der Wortlaut, welchen nach dem Evangelium der Richterspruch des Königs über die Gerechten und Sünder haben wird; zu beiden spricht er nämlich in der hinweisenden Form, als deute er mit dem Finger auf die Betreffenden: „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan, das habt ihr mir getan“ (Matth. 25, 40). Mit der Wendung „diesen“ zeigt er die Gegenwart derer an, welche die Wohltaten empfangen haben.

Wer nun auch die leblose Materie des Geldes höher schätzt als die künftige Seligkeit, sage mir nun doch: welches Gold verbreitet solchen Glanz? welches Funkeln kostbarer Edelsteine, welcher Kleiderschmuck ist so herrlich wie jenes Gut, das uns die christliche Hoffnung verbürgt? Ja, wenn der König der Schöpfung sich dem Menschengeschlecht enthüllt, sitzend in Herrlichkeit auf seinem auserlesenen Thron, wenn um ihn die unzähligen Myriaden von Engeln sichtbar werden, wenn sodann einerseits vor allen Augen das Geheimnis des Himmelreiches entschleiert wird und andererseits die furchtbaren Strafen in die Nähe rücken, in der Mitte aber die ganze Menschheit, wie sie vom Beginn der Schöpfung bis zum Ende aller Tage gelebt hat, dasteht zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, bezüglich des Ausganges oft nach beiden Seiten schwankend, weil sogar diejenigen, welche sich während des Lebens ein gutes Gewissen bewahrt haben, wegen der kommenden Dinge in Angst geraten, angesichts dessen, daß andere von ihrem bösen Gewissen wie von einem Henker in die schauerliche Finsternis gezerrt werden, ― wenn dann der Barmherzige unter den segnenden und dankenden Worten derer, die Wohltaten von ihm empfingen, ob dieser Werke mit freudigem Vertrauen vor den Richter hin treten kann, wird da jemand ein solches Glück noch mit dem materiellen und irdischen Reichtum zu vergleichen wagen? würde da auch nur einer an Stelle jener himmlischen Güter alle Berge, Ebenen, Wälder und die Meere annehmen, selbst wenn sie für ihn in Gold verwandelt würden?

Wenn dagegen der, welcher den Mammon unter Siegeln und Schlössern, hinter eisernen Türen und in festen Truhen verwahrte und die geheime Aufspeicherung der Materie höher als jegliches Gebot schätzte, zum dunklen Feuer kopfüber hingeschleppt wird, während alle ihm seine Härte und Unmenschlichkeit vorwerfen, die sie in ihrem Leben an sich erfahren mußten, und ihm zurufen: „Gedenke, daß du dein Gutes schon im Leben erfahren hast! du hast in deinen festen Geldschränken auch das Mitleid mit eingesperrt; du hast auf Erden Barmherzigkeit nicht geübt, Menschenliebe nicht gekannt; du bekommst jetzt nicht, was du nicht besessen; du findest nicht, was du nicht hinterlegt; du wirst nicht ernten, was du nicht gesät; deine Ernte entspricht deiner Aussaat: Härte hast du gesät, davon ernte die Garben; die Unbarmherzigkeit hast du hochgehalten, nimm in Besitz, was du liebtest; du hattest kein mitleidiges Auge, auch auf dir wird kein mitleidiger Blick ruhen; um Bedrängte hast du dich nicht gekümmert, auch um dich wird sich niemand kümmern, wenn du zugrunde gehst; verabscheut hast du den Armen, verabscheuen wird dich derjenige, der deinetwegen arm geworden ist“ ― wenn diese und ähnliche Rufe ertönen, wo ist dann das Gold? wo die glänzenden Geräte? wo die unter Siegel verwahrten Schätze? wo die zur Nachtwache bestellten Hunde und die gegen Diebe bereit gehaltenen Waffen? wo die Einträge in die Geschäftsbücher? Was ist das alles in Vergleich mit dem Weinen und Zähneknirschen? Wer wird die Finsternis erhellen? wer die Flammen auslöschen? wer den nie sterbenden Wurm töten?

Darum, geliebte Brüder, wollen wir die Stimme des Herrn beherzigen, der uns in wenigen Worten so vieles über die künftigen Dinge offenbart, und wollen barmherzig sein, auf daß wir dadurch selig werden ― in Christus Jesus, unserem Herrn, dem Ruhm und Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Sechste Rede: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen.“

Sechste Rede: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen.“

Einleitung.

Was denen, die von hoher Felsspitze in ein weit gähnendes Meer hinabschauen, in der Regel begegnet, das stößt mir heute im Geiste zu, da ich von dem erhabenen Ausspruche des Herrn, gleichsam wie von einem ragenden Berggipfel aus in die unermeßliche Tiefe der in ihm enthaltenen Gedanken hinabsehe. Denn wie man an vielen Meeresufern eine ganz steile, der See zu vollständig senkrecht abfallende Bergwand sehen kann und hoch oben auf derselben einen Felsvorsprung, der über dem Abgrund hängt, und wie es nun dem gewöhnlich ergeht, der auf solch hoher Warte stehend in die Tiefe hinabschaut, so ergreift jetzt auch meine Seele eine Art Schwindel, da sie hoch emporgehoben wird durch dieses so große Wort des Herrn: „Selig, die eines reinen Herzens sind; denn sie werden Gott anschauen.“

Denen, welche ihr Herz gereinigt haben, wird also in Aussicht gestellt, daß sie Gott schauen dürfen, Gott, den doch niemand noch gesehen, wie der große Johannes sagt (Joh. 1, 18). Aber auch der erhabene Paulus stimmt dieser Meinung bei, indem er sagt: „Niemand hat Gott gesehen; niemand kann ihn sehen“ (1 Tim. 6, 16). Dies ist der steil und jäh abfallende Fels, der dem Denken keine Stelle bietet, um Fuß zu fassen, den auch Moses durch seine Lehren als so unzugänglich bezeichnet, daß ihn unser Geist von keiner Seite aus ersteigen könne, weil ihm jeder Stützpunkt durch die gegebene Darstellung abgeschnitten ist. Denn Moses erklärt geradezu: „Es gibt niemanden, der Gott sehen und am Leben bleiben könnte“ (Exod. 33, 20). Besteht aber nicht das ewige Leben in der Anschauung Gottes? Und scheint diese nicht von den Säulen des Glaubens: von Johannes, Paulus und Moses als unmöglich bezeichnet zu werden? Merkst du also den Schwindel der Seele, den die Tiefe der Gedanken erzeugt? Wenn Gott das ewige Leben ist, so kann der, welcher Gott nicht sieht, auch das ewige Leben nicht sehen. Aber gerade dies, daß man Gott nicht sehen könne, verkünden deutlich die gotterleuchteten Propheten und Apostel. In welche Not und Bedrängnis gerät da die Hoffnung der Menschen? Aber der Herr kommt dem sinkenden Mut zu Hilfe, wie einstens dem Petrus, als er in Gefahr war unterzugehen, indem er ihn auf das Wasser wie auf eine feste Fläche stellte, stark genug, um auf ihr dahinzuschreiten. Wenn nun das Gotteswort auch uns die rettende Hand entgegenstreckt und uns wegen unserer Unfähigkeit, bei der Tiefe der Gedanken aus eigener Kraft sicheren Schrittes einherzugehen, auf den festen Boden wahrer Erkenntnis stellt, so werden wir diese starke Hand des Gotteswortes ständig umklammern und jegliche Furcht ablegen.

Es lautet also die Seligpreisung: „Selig, die eines reinen Herzens sind; denn sie werden Gott anschauen.“ Diese Verheißung ist so groß, daß sie die höchste Stufe der Seligkeit noch zu überschreiten scheint. Denn welches Gut könnte nach diesem noch jener wünschen, der alles in dem besitzt, den er schaut. „Schauen“ ist nämlich nach dem Sprachgebrauch der Schrift gleichbedeutend mit „haben“. So will die Schrift mit dem Ausdruck: „Sehen sollst du die Güter Jerusalems“ (Ps. 125, 5 [ber.: Ps. 127, 5 Septuag. u. Vulgata] [Ps. 128, 5 hebr.]) sicher versprechen: „Du wirst sie finden“ oder „erhalten“; desgleichen will der Prophet in seiner Drohung: „Der Gottlose werde entfernt, damit er die Herrlichkeit des Herrn nicht sehe“ (Is. 26, 10) mit der Wendung „nicht sehen“ bestimmt „ein Nicht-Teilnehmen“ ausdrücken. Wer also Gott sieht, ist durch dieses Sehen in den Besitz aller Güter gelangt, die sich nur immer aufzählen lassen, wie: das ewige Leben, die immerwährende Unversehrtheit, die unverlierbare Seligkeit, die endlose Herrschaft, die unaufhörliche Freude, das wahre Licht, die geistige und süße Speise (bzw. Sprache), die unentreißbare Herrlichkeit, der beständige Jubel, überhaupt jedes Gut. So Vieles und so Großes ist es also, was die Seligpreisung unserer Hoffnung in Aussicht stellt.

Da aber als Mittel, dieses Schauen zu erlangen, die Reinheit des Herzens angegeben wird, so wird mein Verstand auch hier von einem Schwindel ergriffen, weil mich die Furcht befällt, es möchte die Reinheit des Herzens etwa zu den Dingen gehören, die unmöglich und für unsere Natur unerreichbar sind. Denn wenn man hiedurch zur Anschauung Gottes kommen soll, Moses aber Gott nicht gesehen hat und Paulus beteuert, weder er noch ein anderer könne ihn sehen, so scheint diese Reinheit, welche vom Worte selbst als Bedingung angegeben wird, um der Seligpreisung teilhaftig zu werden, tatsächlich in die Unmöglichkeiten eingereiht zu sein. Welchen Gewinn haben wir also davon, wenn wir zwar das Mittel kennenlernen, um zur Anschauung Gottes zu gelangen, wenn wir aber keine Möglichkeit finden, dieses Mittel zu erreichen? Es ist, als wenn jemand sagen würde: „Selig, wer in den Himmel kommt; denn dort sieht er, was im Leben nicht gesehen werden kann.“ Denn nur dann, wenn uns durch ein Wort Gottes, auch das Mittel zur Himmelsreise angegeben wird, ist uns der Hinweis auf die Herrlichkeit des Himmels nützlich. So lange es uns jedoch unmöglich bleibt, nach oben zu gelangen, welchen Gewinn hätten wir dann von dem bloßen Wissen um die Schönheit dort oben? Vielmehr würde es uns bloß in Traurigkeit versetzen, wenn wir nur von der himmlischen Seligkeit hören würden, aber kein Mittel wüßten, uns dieselbe zu verschaffen!

Befiehlt uns also der Herr etwas, was außerhalb unserer Natur ist, oder überschritt er mit seinem großartigen Gebot die Grenzen der menschlichen Kraft? Keineswegs! Weder befiehlt er denen, welchen er keine Flügel anerschuf, sie sollten sich in die Lüfte erheben, noch verlangt er, daß die Landtiere unter dem Wasser leben. Wenn nun auf allen übrigen Gebieten das Gesetz vollständig der Kraft derjenigen Rechnung trägt, für die es gegeben wird, und nirgend der Natur Gewalt geschieht, so müssen wir folgerichtig auch in unserem Fall annehmen, daß die in der Seligpreisung enthaltene Verheißung nicht außerhalb des Bereiches unserer Hoffnung liegt, daß vielmehr auch Johannes und Paulus wie auch Moses und andere ihnen ähnliche Lehrer der Seligkeit nicht verlustig gingen, welche aus der Anschauung Gottes erwächst, weder jener, der da sagen durfte: „Aufbewahrt ist mir die Krone der Gerechtigkeit, die mir der gerechte Richter übergeben wird“ (2 Tim. 4, 8), noch der Jünger, der an Jesu Brust gelegen hatte, noch derjenige, der die Stimme Gottes vernahm: „Vor allen habe ich dich erkannt“ (Exod. 33, 17).

Wenn daher zweifellos selbst jene, welche das Sehen Gottes als die menschliche Kraft übersteigend dargestellt haben, zur Seligkeit gelangten, die Seligkeit aber aus dem Schauen Gottes fließt, dieses hinwiederum nur der Herzensreinigkeit zuteil wird, so ist Herzensreinigkeit, die uns die Seligkeit erwirbt, kein Ding der Unmöglichkeit. Wie kann man nun sagen, einerseits hätten die Freunde des Paulus mit ihrer Behauptung, das Sehen Gottes gehe über die Kraft der menschlichen Natur, nur die Wahrheit verkündet, andererseits widerstreite ihnen das Wort des Herrn nicht, das da verspricht, auf Grund der Reinheit des Herzens werde Gott geschaut? Es dürfte gut sein, hierüber einige Bemerkungen vorauszuschicken, damit dann die Erörterung über die übrigen Punkte unseres Themas desto leichter vor sich gehe. Was die göttliche Natur an sich, ihrem innersten Wesen nach ist, übersteigt jegliche Fassungskraft, weil sie für alle Vorstellungen unzugänglich und unerreichbar ist; noch immer ist für die Menschen keine Kraft ausfindig gemacht, um Unbegreifliches zu begreifen, noch immer kein Weg ersonnen worden, um Unerklärbares zu erklären. Deshalb nennt der große Apostel die Wege Gottes unaufspürbar und zeigt durch diese Wendung zur Genüge an, daß die menschliche Vernunft keinen Weg betreten kann, der sie zur Erkenntnis der göttlichen Wesenheit führen würde, weil von allen, die uns im Leben vorangegangen, noch keiner auch nur eine Spur eines Vorstellungsmittels für das hinterlassen hätte, was sich unserer Erkenntnis entzieht. Wenn aber Gott seiner Natur nach über jede Natur erhaben ist, so wird er auf andere Weise gesehen und erfaßt, wenn er auch an sich unsichtbar und unfaßbar ist.

Es gibt nun vielfache Arten solchen Erkennens. So kann man auf Grund der Weisheit, die sich im Weltall zeigt, schlußfolgernd denjenigen erkennen, der das Weltall in Weisheit geschaffen hat, ähnlich wie bei Menschenwerken ihr Hersteller gewissermaßen mit dem Geiste gesehen wird, weil er seine Kunst in sein Erzeugnis niederlegte; hiebei sieht man zwar nicht die Wesenheit des Künstlers selbst, sondern sein künstlerisches Können, das er in seine Arbeit legte; ebenso vermögen wir, wenn wir auf die Ordnung in der Schöpfung unser Augenmerk richten, in unserer Vorstellung kein Bild von der göttlichen Wesenheit hervorzurufen, wohl aber von der Weisheit dessen, der das All in solcher Weisheit erschuf. Und wenn wir den Ursprung unseres Lebens erwägen und dabei beachten, daß Gott nicht gezwungenerweise, sondern aus freiem Wohlwollen zu unserer Erschaffung schritt, so können wir sagen, daß wir auch auf diesem Wege Gott anschauen, indem wir freilich nicht in sein Wesen, aber doch in seine Güte einen Einblick gewinnen. So können wir auch alles andere, was unseren Geist zu Vollkommenerem und Höherem führt, als ein Mittel zur Erkenntnis Gottes betrachten, da der Gedanke einer jeden größeren Vollkommenheit uns Gott vor Augen führt; denn die Macht und die Reinheit, die Unveränderlichkeit und das Freisein des Gegenteiligen ruft in unseren Seelen die Vorstellung irgendeiner göttlichen und erhabenen Eigenschaft hervor. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß einerseits der Herr die Wahrheit spricht, wenn er der Reinheit des Herzens die Anschauung Gottes verhieß, andererseits Paulus nicht lügt, wenn er lehrt, niemand habe Gott gesehen und niemand könne Gott sehen. Denn Gott ist an und für sich unsichtbar, wird aber sichtbar in seinen Werken, insofern durch dieselben manche seiner Eigenschaften gesehen werden.

Allein nicht bloß darauf geht der Sinn der Seligpreisung, daß wir aus den Werken auf den Schöpfer schließen können; denn auch die Verständigen dieser Welt sind wohl imstande, auf Grund der Ordnung des Universums die überirdische Weisheit und Macht zu erkennen. Vielmehr will unsere herrliche Seligpreisung alle, die es fassen, zur Einsicht bringen, daß sie das ersehnte Gut noch in anderer Weise sehen werden. Meine Ansicht will ich durch Beispiele erläutern. Ein hohes Gut für das menschliche Leben ist die Gesundheit des Körpers. Doch das Beseligende liegt nicht darin, daß man weiß, was Gesundheit ist, sondern daß man sich im Leben derselben erfreut. Denn wenn jemand die Gesundheit noch so sehr preisen, aber doch ungesunde, schädliche Nahrung zu sich nehmen würde, was würde ihm dann, wenn er von Krankheit aufgerieben wird, aller Lobpreis nützen? Wenden wir dies auf die Frage an, die uns beschäftigt, so drängt sich uns die Einsicht auf, der Herr preise nicht jene selig, welche ihn nach irgendeiner Seite erkennen, sondern nur jene, welche ihn besitzen.

„Selig,“ heißt es dann, „die ein reines Herz haben; sie werden Gott anschauen.“ Damit wird dem, dessen Seelenauge gereinigt ist, Gott keineswegs wie ein Bild bloß äußerlich gegenübergestellt, sondern durch die großartige Seligpreisung wird uns jene Wahrheit nahegelegt, die uns das Wort (Gottes) anderwärts deutlicher verkündet, indem es lehrt, daß das Reich Gottes in uns selbst sei (Luk. 17, 21). Hierdurch sollen wir lernen, daß alle, die ihr Herz von allem Bösen und von jeder Leidenschaftlichkeit gereinigt haben, in ihrer eigenen Schönheit das Abbild des göttlichen Wesens sehen. In seiner kurzen Fassung scheint das Wort der Seligpreisung allen ungefähr folgende Mahnung zuzurufen: O ihr Menschen! wenn so manche von euch sich nach der Anschauung Gottes sehnen und wenn ihr doch zugleich höret, daß die göttliche Majestät über die Himmel erhaben ist, ihre Herrlichkeit unbeschreiblich, ihre Schönheit unaussprechlich und ihre Wesenheit unbegreiflich, so lasset euch die Hoffnung nicht rauben, als ob ihr nicht imstande wäret, dieses Gut der Sehnsucht zu schauen. Denn ein bestimmtes Maß von Gotteserkenntnis, wie es dir entspricht, trägst du in dir selbst, indem der Schöpfer jenes hohe Gut gewissermaßen zu einem Bestandteil deiner eigenen Natur gemacht hat; denn Abbilder jener Vollkommenheiten, die seiner Wesenheit selbst zukommen, prägte er dir ein, als er dich erschuf, ähnlich wie man in ein Wachssiegel die Figur des Stempels eindrückt.

Die Sünde jedoch, die sich um die gottähnliche Gestalt legte, hat die Gottesgabe in dir entwertet, weil sie gleichsam mit häßlichen Decken überzogen wurde. Wenn du nun den Schmutz, der sich auf dein Herz gelagert, durch vorsichtigen Wandel wieder wegspülest, so wird dir deine schöne Gottesebenbildlichkeit aufleuchten, wie du es auch am Stahle sehen kannst. Sobald dieser durch den Schleifstein vom Roste, der ihn soeben noch schwärzte, befreit wird, gehen von ihm, sooft du ihn gegen die Sonne hältst, Strahlen und Glanz aus; so wird auch der innere Mensch ― der Herr nennt ihn Herz ―, wenn wir ihn vom Rostschmutz, welchen der Moderfraß der Sünde um ihn gelegt hatte, sorgsam reinigen, wieder die Ähnlichkeit mit seinem erhabenen Urbild erlangen und damit wieder gut werden; denn wer dem Guten ähnlich wird, wird sicher auch gut werden.

Wenn ein so Gereinigter auf sich selbst seinen Blick richtet, so sieht er in sich auch den Gegenstand seiner Sehnsucht. Daher kann jeder, der ein reines Herz hat, auf seine eigene Reinheit blickend, in diesem Abbilde das ewige Urbild anschauen. Denn wie die, welche die Sonne im Spiegel sehen, auch wenn sie nicht unverwandten Blickes zum Himmel emporschauen, die Sonne im Glanze des Spiegels fast nicht weniger deutlich sehen, als diejenigen, welche die Sonnenscheibe selbst anschauen, so seid ihr, will er euch zurufen, zwar zu schwach, um das unzugängliche Licht selbst zu schauen; wenn ihr jedoch zu der ursprünglichen, bei der Erschaffung euch verliehenen Gnade der Ebenbildlichkeit mit Gott zurückkehrt, so traget ihr das Gesuchte in euch selbst. Gott ist nämlich Reinheit, Freiheit von Leidenschaft und Abwesenheit jeglicher Sünde; wenn dies in deiner Seele wohnt, so besitzest du auch Gott in dir. Wenn also dein Sinnen und Trachten jegliche Bosheit zurückweist, von aller Leidenschaftlichkeit sich frei bewahrt und jede Befleckung fernehält, so bist du selig zu nennen wegen deiner weitreichenden Sehkraft; denn du kannst das, was der Ungereinigte nicht erschauen kann, infolge deiner Reinigung sehen und es bietet sich dir, nachdem die dicke Finsternis von deinen Seelenaugen hinweggenommen ist, ein beseligender Anblick dar an dem klaren Himmel deines Herzens. Und was erblickst du da? Die Reinheit, die Heiligkeit, die Einfalt ― alles herrliche Abstrahlungen des göttlichen Wesens, in denen also Gott selbst in denselben geschaut werden darf. Und daß es sich so verhalte, können wir nach dem Gesagten nicht in Zweifel ziehen.

Aber noch einen Punkt haben wir zu untersuchen, der uns schon im Anfange Schwierigkeiten machte und der noch jetzt ungeklärt ist. Denn wie die Seligen an den Wundern des Himmels teilnehmen, die Gewißheit hierüber uns aber, solange die Erreichung des Himmels uns unmöglich scheint, keinen Gewinn bringen kann, so unterliegt es zwar auch keinem Zweifel, daß wir durch die Reinheit des Herzens seligzupreisen sind, aber mit der Art und Weise, diese Reinheit nach eingetretener Befleckung wieder herzustellen, scheint es eine ähnliche Bewandtnis zu haben, wie mit der Erlangung des Himmels, falls man darüber nicht unterrichtet ist. Denn wo ist denn die Jakobsleiter, auf der man zum Himmel aufsteigt? Wo findet sich nach dem Vorbild des Feuerwagens, der den Propheten Elias in den Himmel emportrug, auch für uns der Wunderwagen, der unsere Seele zu den Herrlichkeiten dort oben emporheben und von aller Erdenlast befreien könnte? Denn wer die Leidenschaften erwägt, die unaufhaltsam auf unsere Seele einstürmen, kann es leicht für ganz ausgeschlossen erachten, dieser förmlichen Kette von Übeln zu entrinnen. Aus Leidenschaft sind wir geboren, durch Leidenschaft vollzog sich unsere Entwicklung, in Leidenschaft neigt sich unser Leben seinem Ende zu. So ist das Böse gleichsam zu einem Wesensbestandteil unserer Natur geworden durch die Schuld der Stammeltern, welche im Anfang der Leidenschaft sich hingaben und durch ihren Ungehorsam der Krankheit Eingang verschafften. Wie aber bei allen Tiergattungen durch die ununterbrochene Aufeinanderfolge der Generationen die Wesensbeschaffenheit immer forterhalten wird, so daß die Nachkommenschaft von den Vorfahren ganz die gleiche Natur ererbt, so entsteht auch aus dem Menschen wieder ein Mensch von der nämlichen Beschaffenheit, also aus einem leidenschaftlichen Menschen ein leidenschaftlicher, aus einem sündhaften ein sündhafter. Demnach wird, wenn der Mensch geboren wird, sozusagen die Sünde mitgeboren; und wie sie mit ihm ins Leben eingetreten, so entfaltet sie sich mit ihm und endigt erst in seiner Todesstunde.

Daß aber die Tugend mit tausendfachen Schweißtropfen und Anstrengungen nur schwer erworben, ja mit aller Sorgfalt und Mühe kaum errungen werden kann, lehrt die Heilige Schrift an vielen Stellen. So hören wir in ihr, daß eng und schmal der Weg sei, der ins Himmelreich emporführt, dagegen breit und leicht und geebnet die Sündenbahn, die abwärts ins Verderben geht (Matth. 7, 13 f.). Freilich für ganz unerreichbar hat die Schrift das erhabene Leben nicht erklärt, da sie in den heiligen Büchern das wundervolle Leben so vieler tadelloser Männer erzählt. Da aber die Verheißung von der Anschauung Gottes eine zweifache Auffassung zuläßt, einmal die, daß wir die alles übersteigende Wesenheit ganz erkennen würden, dann die, daß wir zur Vereinigung mit Gott auf Grund eines reinen Lebens gelangen werden, so erklärt zwar die Stimme der heiligen Schriftsteller, die erste Auffassung von einer vollen Gotteserkenntnis sei unmöglich, die zweite aber stellt der Herr dem Menschengeschlechte vor Augen durch seine Verkündigung, die uns gerade beschäftigt: „Selig, die eines reinen Herzens sind; denn sie werden Gott anschauen.“

Hinsichtlich des Weges aber, der zur Reinheit führt, gibt uns fast jede Seite des Evangeliums ungefähr folgende Unterweisung. Denn wenn du die in demselben enthaltenen Verkündigungen der Reihe nach rasch durchgehst, so wirst du ganz deutlich das Reinigungsmittel für das Herz finden. Der Herr unterscheidet nämlich zwei Gattungen von Sünden: Sünden in Handlungen und Sünden in Gedanken; die erstere Gattung züchtigt er durch das alte Gesetz; er dehnt das Gesetz aber auch auf die zweite Gattung aus und droht nicht bloß den bösen Handlungen Strafe an, sondern will auch die Quelle der bösen Taten treffen, damit überhaupt nichts Böses geschieht. Denn das Böse aus dem Willen entfernen, ist von größerer Bedeutung, als die bösen Handlungen aus dem Leben beseitigen. Da aber das Böse in verschiedener Gestalt und nach verschiedenen Seiten auftritt, so schreibt er jeder Übertretung gegenüber ein besonderes Heilverfahren in seiner Predigt vor.

Weil man nun das ganze Leben hindurch am meisten zur Krankheit des Zornes geneigt ist, so beginnt er mit der Heilung dieses so einschneidenden und weitverbreiteten Fehlers, indem er die Beherrschung des Zornes an die Spitze stellt. Deshalb erklärt er: „Im alten Gesetz hast du das Gebot vernommen: Du sollst nicht töten!“ (Exod. 20, 3.) Jetzt aber lerne, auch den Zorn gegen den Nächsten aus deinem Herzen zu entfernen. Denn nicht den Zorn überhaupt will er verbieten, weil wir diesen Trieb der Seele öfter auch zum Guten verwenden können, sondern das Ziel seiner Verkündigung ist, daß man in keiner schlimmen Absicht den Zorn gegen die Mitmenschen aufkommen lassen solle; denn es heißt: „Jeder, der ohne Grund seinem Bruder zürnt, ist des Gerichtes schuldig“ (Matth. 5, 22). Der Zusatz „ohne Grund“ zeigt an,daß es manchmal gut ist, den Zorn anzuwenden, nämlich wenn wir ihn zur Züchtigung der Sünde auflodern lassen. Eine derartige Äußerung des Zornes schreibt das Schriftwort dem Phinees zu, als er durch Hinrichtung der Frevler die Drohung abwendet, die Gott gegen sein Volk ausgesprochen hatte (Num. 25, 11). In der Heilung des Bösen weiterfahrend, wendet er sich gegen die Sünden der Wollust und entfernt durch sein Verbot die sündhafte Begierde nach Ehebruch aus dem Herzen. Und wenn du der Reihe nach alle Übertretungen durchforschest, so wirst du finden, wie der Herr in seiner Predigt ein Heilmittel gegen jede Sünde angibt. So verhindert er den ungerechten Angriff auf den Nächsten dadurch, daß er nicht einmal eine Verteidigung gestattet; die Leidenschaft der Habgier vertreibt er durch das Geheiß, dem, der uns mit Gewalt etwas genommen hat, auch noch das zu geben, was er uns gelassen; die Feigheit heilt er durch die Mahnung, den Tod zu verachten. Und so wirst du in allem finden, daß das Gotteswort, wie ein Pflug tief einschneidend, die gefährlichen Wurzeln der Sünden aus den Tiefen der Seele herauswirft, damit wir vor einer Dornen- und Distelernte bewahrt bleiben.

Auf zweifache Weise kommt also der Herr uns zu Hilfe, sowohl dadurch, daß er uns die Seligkeit verheißt, als auch dadurch, daß er uns den Weg lehrt, der zu derselben führt. Meinst du aber, das Streben nach den höheren Gütern, sei mühevoll, so vergleiche es mit dem entgegengesetzten Streben, und du wirst finden, daß die Sünde unvergleichlich mehr Mühsal bereitet, wenn du deinen Blick nicht bloß auf das gegenwärtige Leben richtest, sondern auf das zukünftige, das nach diesem anfängt. Wer jemals von der Hölle gehört, für den ist wenig Anstrengung und Kraft erforderlich, um die sündige Lust abzuweisen, sondern die Furcht allein schon, die sein Herz ergriffen, wird genügen, um die Leidenschaften zu zügeln. Noch von größerer Wirkung ist es, wenn wir aus der Seligpreisung noch einen Gedanken, auch wenn er nicht geradezu ausgesprochen ist, mit heraushören und beherzigen, um durch denselben unser Verlangen nach dem Guten um so mehr zu entzünden. Denn wenn nur jene selig sind, welche ein reines Herz haben, so sind sicher die zu beklagen, welche ein beflecktes Herz haben, weil sie das Antlitz des Widersachers schauen. Und wenn dem Leben der Guten das Bild Gottes eingedrückt ist, so muß unleugbar das Leben der Bösen Gestalt und Antlitz des Widersachers verraten. Ja, wenn Gott, da er unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet wird, und sehr viele Vollkommenheiten zum Begriff des Guten gehören, mehrere Namen gegeben werden können wie Licht, Leben, Unverweslichkeit und ähnliches dieser Art, so müssen andererseits dem Erfinder des Bösen Namen zukommen, welche das Gegenteil der genannten Vorzüge ausdrücken wie Finsternis, Tod, Verweslichkeit und andere damit verwandte Bezeichnungen.

Da wir nun die wichtigsten Bedingungen und Äußerungen sowohl des guten wie des bösen Wandels kennengelernt, so lasset das (aus Ber. lies: „uns“ statt „das“), weil uns wegen unseres freien Willens die Entscheidung nach den beiden Richtungen freisteht, die Ähnlichkeit mit dem Teufel fliehen, indem wir die bösen Eigenschaften ablegen, dagegen nach der Ebenbildlichkeit mit Gott trachten und reinen Herzens werden, auf daß wir zur Seligkeit gelangen, nachdem wir durch einen reinen Wandel Gottes Bild in uns gestaltet haben, in Jesus Christus unserem Herrn, dem die Ehre und Macht sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.Siebente Rede: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“

Siebente Rede: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“

In dem heiligen Zelte des Zeugnisses, welches der Gesetzgeber nach dem Muster, das Gott ihm auf dem Berge gezeigt, für die Israeliten errichtete, war innerhalb der Umzäunung alles und jedes heilig und geweiht; das Innerste desselben war aber abgeschlossen und unzugänglich. Es wurde das Heilige des Heiligen (das Allerheiligste) genannt, um, wie ich glaube, schon durch den umständlichen Namen anzuzeigen, daß es nicht bloß den gleichen Grad von Heiligkeit wie alles andere besitze, sondern daß es die übrigen geweihten und heiligen Bestandteile in einem solchen Maße überrage, in welchem das Heilige und Geweihte über dem Gewöhnlichen und Ungeweihten steht. Ohne Zweifel ist ähnlich hinsichtlich der Seligpreisungen, die auf diesem Berge uns gezeigt wurden, alles und jedes, was wir vorher schon durch das Wort Gottes hörten, heilig und geweiht, das aber, was uns jetzt zur Betrachtung vorliegt, ist in Wahrheit das Innerste und das Allerheiligste. Denn wenn es auch kein höheres Gut gibt, als Gott zu sehen, so übertrifft es doch wahrhaft jedes Glück, ein Gotteskind zu werden. Welche Worte können ersonnen, welche Namen erdacht werden, um das Gnadengeschenk einer solch erhabenen Verheißung würdig darzustellen? Was sie uns offenbart, geht über das Höchste hinaus, zu dem sich einer im Geiste zu erheben vermag. Wenn du auch den Inhalt der Verheißung als herrlich, als ehrenvoll oder als großartig bezeichnest, so ist in derselben mehr enthalten, als solche Worte besagen. Es wird ein Glück versprochen, das unsere Wünsche, ein Geschenk, das unsere Hoffnung, eine Gnade, die unsere Natur weit übersteigt. Denn was ist der Mensch im Vergleich zum göttlichen Wesen? Von welchem der Heiligen soll ich Aussprüche anführen, um die Niedrigkeit des Menschen zu beleuchten? Nach Abraham ist er Staub und Asche (Gen. 18, 27), nach Isaias Heu (Is. 40, 6), nach David nicht einmal Gras, sondern nur etwas dem Gras Ähnliches (Ps. 36, 2 [= Septuag. u. Vulgata] [hebr. Ps. 37, 2]) ― denn ersterer sagt wenigstens: „Alles Fleisch ist Heu“, letzterer aber: „Der Mensch ist wie Gras“ ― nach dem Ekklesiastes Eitelkeit (1, 2), nach Paulus Elend (1 Kor. 15, 19). ― Denn die Bezeichnung, die Paulus auf sich anwendet, gilt für jeden Menschen.

Das ist der Mensch. Was ist aber Gott? Wie soll ich das Wesen schildern, das unser Auge nicht sehen, unser Ohr nicht vernehmen, unser Herz nicht begreifen kann? Mit welchen Worten soll ich seine Natur beschreiben? Oder wo finde ich ein uns zugängliches Gut, mit dem ich Gott irgendwie vergleichen könnte? Oder finde ich neue Worte, um den darzustellen, der unaussprechlich und unbeschreiblich ist? Wohl lese ich in der von Gott eingegebenen Schrift großartige Schilderungen Gottes; aber was sind diese im Vergleiche zu seiner wirklichen Wesensbeschaffenheit? Nur soviel als ich zu fassen vermag, sagt mir das Wort Gottes, ohne mir die volle Erkenntnis des erhabenen Gegenstandes zu vermitteln. Wie jeder nur nach dem Grade seiner Aufnahmsfähigkeit Luft einatmet, der eine mehr, der andere weniger und keiner, auch nicht jener, der sehr viel davon zurückbehalten kann, imstande ist, die ganze Luft in sich aufzunehmen, sondern nur soviel als er vermag, so daß das Element als Ganzes in seinem Bestand unberührt bleibt, so ist auch die Gotteserkenntnis, welche uns in der Heiligen Schrift unter Eingebung des Heiligen Geistes geboten wird, an unserer Einsicht gemessen, unvergleichlich groß und erhaben, aber trotzdem wird die wahre Größe Gottes nicht erreicht. So lesen wir dort: „Wer hat die Himmel mit der Spanne gemessen und mit der Hand das Wasser und die ganze Erde mit der Fläche der Hand“ (Is. 40, 12). Fühlst du nicht die Kühnheit, mit welcher hier die unaussprechliche Macht beschrieben wird? Aber was ist diese großartige Schilderung gegenüber der Wirklichkeit? Denn nur einen Bruchteil des göttlichen Wirkens hat das Prophetenwort in seinen wuchtigen Sätzen uns vorgeführt; die Macht selbst, von der dieses Wirken ausgeht, geschweige die Natur, von der die Macht stammt, hat er uns nicht vorgestellt und auch nicht vorstellen wollen. Vielmehr tadelt er diejenigen, welche es wagen, nach ihren Mutmaßungen ein Bild von Gott zu entwerfen; im Namen Gottes redet er sie nämlich also an: „Mit wem vergleicht ihr mich, spricht der Herr“ (Is. 40, 18). Die nämliche Mahnung gibt auch der Prediger, wenn er schreibt: „Bringe nicht vorschnell ein Wort über Gottes Antlitz vor; denn Gott wohnt im Himmel oben, du aber bist auf Erden hier unten“ (5, 1). Schon durch die Gegenüberstellung von Himmel und Erde will er darauf hinweisen, wie sehr Gott unsere Gedanken überragt, die da an der Erde haften.

Und diesem Wesen von solcher Vollkommenheit und Größe, das weder Auge noch Ohr noch Verstand erfassen kann, soll der Mensch, der unter den Geschöpfen für nichts erachtet wird, der nur Asche, Gras und Eitelkeit ist, in die engste Beziehung treten, indem er von Gott, dem Herrn der ganzen Welt, an Kindes Statt angenommen wird. Was gäbe es, um Gott für solche Huld würdig zu danken? Welches Wort, welcher Gedanke, welche Begeisterung wäre hinreichend, um das Übermaß der Gnade zu preisen und zu verherrlichen? Weit schreitet der Mensch über seine Natur hinaus, da er aus einem Sterblichen ein Unsterblicher, aus einem Vergänglichen ein Unvergänglicher, kurz, aus einem Menschen Gott wird. Denn wer so hoch erhoben wurde, ein Kind Gottes zu werden, muß auch die Würde des Vaters erhalten und die väterlichen Güter erben. O Freigebigkeit des reichen Herrn! O offene Hand! O mächtiger Arm! Wie unermeßlich sind die Gnaden, die er aus seiner verborgenen Schatzkammer hervorholt, um sie uns zu spenden! Aus reiner Liebe zu uns Menschen erhebt er unsere Natur, welche durch die Sünde ihre Ehre und Hoheit verlor, fast zu seiner eigenen Würde. Denn wenn er den Menschen in die Verwandtschaft mit dem, was er selbst seiner Natur nach ist, in freier Liebe aufnehmen will, was bedeutet dies anders, als daß er ihn auf Grund der genannten Verwandtschaft zur nämlichen Würde erhebt?

Wie herrlich ist also der Kampfpreis! Welches ist aber der Kampf, der ihn uns verschafft? Die Antwort des Herrn lautet: „Wenn du friedfertig bist, so sollst du mit der Gnadenkrone der Kindschaft Gottes gekrönt werden.“ Ich halte dafür, daß selbst die Leistung, für welche dir ein so großer Lohn verheißen wird, ein zweites Geschenk ist. Denn was ist für den Genuß aller Güter, welche die Erde kennt, notwendiger und süßer als ein Leben im Frieden? Denn alles, was wir hienieden als angenehm zu bezeichnen pflegen, bedarf des Friedens, um wirklich angenehm zu sein. Wenn nämlich alles zur Verfügung stünde, was nur immer im Leben geschätzt wird: Reichtum, Gesundheit, Gattin, Kinder, Wohnung, Eltern, Diener, Freunde, Erzeugnisse von Land und Meer, Parkanlagen, Jagden, Bäder, Turnschulen, Übungsplätze, Gelegenheit zum Schlemmen und Schwelgen und überhaupt alle Mittel, die man zur Befriedigung der Vergnügungssucht erfand, wie, wenn du sie nennen willst, Theater und Konzerte und die anderen Freuden, welche die Genußsüchtigen noch sonst am Leben haben, ― wenn all das vorhanden wäre, das Gut des Friedens aber fehlen würde, welchen Nutzen hätten wir von all den aufgezählten Annehmlichkeiten und Freuden, falls der Krieg ihren Genuß beeinträchtigen würde? Demnach ist der Friede an sich schon angenehm für uns, wenn wir ihn besitzen, und zudem versüßt er alles, was im Leben geschätzt wird.

Sogar wenn, wie es das Menschenleben mit sich bringt, ein Unglück uns trifft, jedoch zur Zeit des Friedens, so ist doch mit dem Unglück noch ein Glück verbunden, so daß das Mißgeschick von den davon Heimgesuchten leichter ertragen wird. Wenn aber Krieg das Leben bedrängt, so sind wir für andere noch so schmerzliche Ereignisse gewissermaßen unempfindlich; denn das gemeinsame Unglück wird schmerzlicher empfunden als das Unglück des einzelnen. Und wie nach der Meinung der Ärzte von zwei Krankheiten nur die schwerere empfunden wird, das Schmerzliche des geringeren Übels aber sozusagen verborgen bleibt und die Heftigkeit des stärkeren Leidens über das kleinere hinwegtäuscht, so pflegen auch die Leiden des Krieges, weil sie an Schmerzlichkeit das Mißgeschick der einzelnen übertreffen, in der Regel zu bewirken, daß man gegen letzteres sich unempfindlich verhält. Wenn die Seele das Gefühl für die eigenen Leiden verloren hat, wie könnte sie, wenn sie durch die gemeinsamen Leiden des Krieges in Schrecken gerät, noch eine Empfindung für Annehmlichkeiten haben? Waffen, Pferde, geschliffener Stahl, Trompetenstöße, von Lanzen starrende Schlachtreihen, Schild an Schild, furchtbar mit den Büschen nickende Helme, Zusammenstöße, Gedränge, Handgemenge, Schlachten, Metzeleien, Flucht, Verfolgung, Wehklagen, Kriegsgeschrei, blutgetränkter Boden, zertretene Leichen, verlassene Verwundete und was sonst an Schrecknissen des Krieges zu sehen und zu schildern ist ― wer würde, falls er von solchen Übeln umgeben ist, sich bemüßigt fühlen, seine Sinne auf Freude und Lust zu lenken? Und gesetzt, es würde in der Seele der Gedanke an irgend etwas recht Erfreuliches auftauchen, würde es nicht unser Unglück vermehren, wenn die Erinnerung an so Liebes und Teueres gerade im Augenblick der Gefahr in unserem Geiste erwacht?

Wer dir also dafür, daß du dich von den Übeln des Krieges fernhältst, eine Belohnung geben will, begnadigt dich mit einem zweifachen Geschenk. Das eine Geschenk ist nämlich der Kampfpreis, das andere der Kampf. Daher würde, selbst wenn kein Lohn dafür in Aussicht gestellt wäre, der Friede an sich in den Augen aller Verständigen es verdienen, daß er mehr als andere Güter angestrebt werde. Das Übermaß der Liebe Gottes zu uns Menschen läßt sich also gerade daraus deutlich erkennen, daß er so herrliche Belohnungen nicht etwa auf Schweiß und Mühe gesetzt hat, sondern sozusagen auf Wohlleben und Vergnügen, weil ja der Friede von allem Schönen und Erfreulichen die Hauptsache ist. Und sein Wille geht dahin, dieser Friede möge bei allen in solcher Fülle vorhanden sein, daß ihn jeder nicht bloß selbst besitze, sondern aus seinem reichen Überfluß davon auch jenen mitteile, die ihn nicht haben. Es heißt ja: „Selig die Friedfertigen“; friedfertig ist aber jener, welcher den Frieden einem anderen verschafft; freilich kann man nur das anderen gewähren, was man selbst besitzt. Er will demnach, daß du vor allem selbst mit den Segnungen des Friedens gesättigt seiest, dann aber auch, daß du denen davon mitteilest, welche an diesen Gütern Mangel haben.

Hiebei brauchen wir keine allzu tiefgründigen Betrachtungen über die Seligpreisung anzustellen; schon ihr zunächstliegender Sinn genügt, um uns das hohe Gut anzupreisen. „Selig sind die Friedfertigen“. In diesem kurzen Satz vollzieht das Gotteswort unsere Heilung von vielen Krankheiten, indem es in dieser allgemeinen, umfassenden Form viele einzelne Wahrheiten uns zugleich nahelegt. Erwägen wir zuerst, was unter Frieden zu verstehen ist. Nichts anderes als eine liebevolle Übereinstimmung mit unseren Mitmenschen. Was ist aber der Liebe zum Nächsten entgegengesetzt? Haß, Zorn, Neid, Groll, Rachsucht, Heuchelei, Streit. Daraus schon kannst du erkennen, für welch zahlreiche und schlimme Krankheiten jenes eine Wort der Seligpreisung als heilendes Gegenmittel dient; denn all den Verfehlungen, die ich soeben aufgezählt, tritt der Friede in gleicher Weise entgegen und sein Kommen genügt, um diese Übel sämtlich zu beseitigen. Gleichwie nämlich die Krankheit durch das Eintreten der Gesundheit weicht und die Finsternis beim Erscheinen des Lichtes schwindet, ebenso müssen beim Nahen des Friedens alle Leidenschaften fliehen, die ihm entgegengesetzt sind. Welch großes Glück damit begründet wird, meine nicht ich erst dir darlegen zu müssen; sondern vergegenwärtige dir selbst, welches Leben die Menschen haben, die einander beargwöhnen und anfeinden. Sie verkehren miteinander voll Ingrimm; sie fühlen sich gegenseitig in allen Dingen abgestoßen; geschlossen ist der Mund, abgewendet die Augen, versperrt das Ohr, mag der Hassende oder der Gehaßte reden; was dem einen lieb ist, ist dem anderen zuwider, und umgekehrt, was der eine verabscheut, liebt der Gegner.

Wie nun wohlriechende Gewürze die Luft in weitem Umkreis mit angenehmem Dufte erfüllen, so möchte dir der Herr die Gnade des Friedens in überfließendem Maße bescheren, damit dein Wandel die Krankheiten deiner Mitmenschen heile. Welch hohen Wert dieses Gut hat, wirst du einsehen, wenn du die schlimmen Folgen erwägest, welche aus einer feindseligen Gesinnung für die Seele entstehen. Wer könnte die Zornesausbrüche gebührend beschreiben? Und welche Rede vermag die ganze Häßlichkeit dieser Leidenschaft entsprechend darzustellen? All die Schrecknisse, welche du an Besessenen wahrnimmst, wiederholen sich bei den Zornmütigen. Wenn wir die Wirkungen des Satans und die des Zornes miteinander vergleichen, welchen Unterschied könnten wir dann noch feststellen? Blutunterlaufen und verdreht ist das Auge der Besessenen, unbeholfen ihre Zunge, rauh ihre Sprache, bellend ihre Stimme ― diese Übel ruft der Zorn ebenso hervor wie der Satan. Heftiges Schütteln des Kopfes, wilde Bewegungen der Hände, Beben des ganzen Körpers, Wanken der Füße ― diese eine Schilderung zeichnet zugleich die zwei Krankheiten der Besessenheit und des Zornes. Nur insofern unterscheiden sich die beiden Übel, daß das eine freiwillig ist, das andere aber die Menschen gegen ihren Willen befällt. Aber um wieviel bejammernswerter sind diejenigen, welche nach ihrem eigenen Willen unglücklich wurden, als jene, die es gegen ihren Willen geworden sind! Und wer immer die satanische Arbeit sieht, wird von Mitleid ergriffen, aber den Wahnsinn des Zornes sieht man und ― ahmt ihn nach, in der Meinung, zurückzustehen, wenn man es dem anderen an Leidenschaftlichkeit nicht zuvor tun würde, der von der Krankheit zuerst befallen war.

Und wenn Satan den Leib seines Opfers anfällt, so begnügt er sich trotz seiner Bosheit damit, daß er die Hände des Besessenen in die leere Luft schleudert, der Satan des Zornes ruft aber keineswegs so harmlose Bewegungen des Körpers hervor. Wenn nämlich die Leidenschaft sich ganz entfaltet und das Herzblut ins Kochen gerät, während die schwarze Galle ― so sagt man ― infolge der Zorneserregung durch den ganzen Körper sich ergießt, dann wird von den inwendig zusammengepreßten Dünsten ein starker Druck auf alle Sinneswerkzeuge ausgeübt, die sich am Kopfe befinden. Die Augen treten nun unter den Wimpern hervor und blicken bluttriefend und schlangengiftig auf das, was den Grimm verursacht hat, schwerer Atem beengt das Herz, die Adern am Halse schwellen an, schwer wird die Zunge, die Stimme tönt, weil die Luftröhre sich zusammengezogen hat, kreischend, die Lippen werden infolge jener Gallenergießung starr und bläulich und sind unfähig, sich naturgemäß zu öffnen und zu schließen, ja sie können nicht einmal mehr den überschüssigen Speichel zurückhalten, sondern lassen ihn beim Sprechen aus dem Munde treten, so daß mit den heftig hervorgestoßenen Lauten der Geifer herausspritzt. Zugleich kann man sehen, wie die Hände von der Krankheit hin und her bewegt werden, desgleichen die Füße. Doch ist diese Bewegung keineswegs wie bei den Besessenen unschuldiger Natur, sondern durch die feste Absicht veranlaßt, dem Gegner zu schaden. Denn sobald es zum Streite kommt, gehen die Feinde darauf aus, beim Ringen gerade die empfindlichsten Stellen der Sinneswerkzeuge zu treffen. Und wenn hiebei vielleicht der eine den Mund dem Körper des anderen nahe bringt, so bleiben nicht einmal die Zähne untätig, sondern beißen, wie es bei wilden Tieren vorkommt, in das Fleisch des Gegners wie es sich gerade trifft. Doch wer vermöchte alles Schlimme einzeln aufzuführen, welches der Zorn anrichtet! Darum verdient derjenige, welcher so große und so viele Übel verhindert, als umfassender Segensstifter seliggepriesen und hoch geehrt zu werden. Wenn schon der Arzt, der den Menschen von körperlichem Leid befreit, überaus geschätzt wird, um wieviel mehr muß dann derjenige, welcher die Seele aus so schlimmer Krankheit rettet, von allen Einsichtigen als wahrer Wohltäter des Lebens geachtet werden. Denn um wieviel die Seele den Leib an Wert überragt, um soviel ist derjenige, welcher die Seele gesund macht, höher zu schätzen als derjenige, der den Leib gesund macht.

Trotzdem darf niemand meinen, daß ich etwa den Zorn als das größte Übel hinstellen möchte, das die Feindschaft erzeugt. Nein, nach meinem Ermessen ist die Leidenschaft des Neides und der Falschheit noch schlimmer als der Zorn und zwar in dem Maße schlimmer als versteckte Übel mehr zu fürchten sind als offen daliegende. Müssen wir uns ja auch am meisten vor jenen Hunden hüten, welche weder durch Gebell ihren Zorn verraten noch uns von vorne offen anfallen, sondern unter dem Schein der Ruhe und der Zahmheit auf den günstigen Augenblick lauern, wo sie uns ungesehen und unbeachtet beikommen können. Ähnlich verhält es sich mit der Krankheit des Neides und der Falschheit, bei denen im Innern, tief im Herzen, der Haß wie ein Feuer im Verborgenen glimmt, während voll Heuchelei die Maske der Freundschaft nach außen aufgesetzt wird. Wie nämlich das Feuer, das unter Spreu verborgen loht, anfangs nur im Innern die nächste Umgebung versengt, nach außen aber keine Flamme emporsendet, sondern nur einen beißenden Qualm, der mit Gewalt im Innern zurückgehalten wird, etwas aufsteigen läßt, und wie jedoch dann, wenn ein Luftzug hinzutritt, alsbald eine lichte, helle Flamme emporzüngelt, so frißt auch der Neid inwendig am Herzen wie das Feuer am dichten Spreuhaufen und verbirgt, von Scham ergriffen, seine Krankheit. Freilich gelingt es ihm nicht, sie vollständig verborgen zu halten, sondern jenem beißenden Qualme ähnlich, kommt seine Bitterkeit manchmal in schwachen Äußerungen an das Tageslicht. Wenn aber dem Beneideten ein Unglück zustößt, dann verrät er seine Krankheit deutlich durch die Freude und Lust, die ihm das Leid desselben bereitet.

Doch selbst solange es ihm gelingt, seine Leidenschaft zu verbergen, kommt sie durch Zeichen zum Vorschein, die sich seinem Antlitz einprägen. Die Todesanzeichen nämlich, welche wir bei Schwerkranken beobachten können, treten auch bei ihm auf, da er infolge des Neides hinzuwelken beginnt: starre Augen, die ausgetrocknet tief in den Höhlen liegen, Augenbrauen, die sich zusammenziehen, Knochen, die an Stelle des Fleisches hervorstechen. Und was hat die Erkrankung veranlaßt? Das Glück, das ein Bruder oder ein Verwandter oder ein Nachbar erlebt. Welch neue Art von Ungerechtigkeit liegt doch darin, daß man dem, dessen Glück einen ärgert, es zum Vorwurf anrechnet, daß er nicht  unglücklich ist. Wohlgemerkt, nicht in einem Übel, das er etwa erfahren hätte, erblickt der Neidische ein ihm angetanes Unrecht, sondern einfach in dem Umstande, daß der Nächste, der ihm gar kein Leid zufügte, lediglich seine Wünsche erfüllt sieht. Man möchte ihm zurufen: Was ist dir zugestoßen, du Unglücklicher? Warum härmst du dich ab und schauest mit giftigem Blick auf das Glück deines Nachbarn? Kannst du Vorwürfe gegen ihn erheben, wenn er von schöner Körpergestalt ist, wenn ihn Beredsamkeit ziert, wenn er durch seine Abkunft hervorragt, wenn er ein Staatsamt erlangt und sich nun im Glanze seiner Würde sehen läßt, wenn er Geld in großer Fülle besitzt, wenn sein Wort wegen seiner Einsicht hoch in Ehren steht, wenn er wegen seiner Wohltätigkeit allgemeine Achtung genießt, wenn er stolz auf Kinder sein kann, wenn er an seiner Gattin Freude erlebt, wenn er wegen seiner reichen Einkünfte ein vornehmes Haus führt? Warum bohren denn diese Vorzüge deines Nächsten sich wie spitze Pfeile in dein Herz? Du schlägst die Hände zusammen und verschränkst die Finger, bist von beängstigenden Gedanken verfolgt und stoßest tiefe und schmerzliche Seufzer aus, vergällt ist dir der Genuß deiner Güter, unschmackhaft dein Tisch und trübselig dein Heim. Wird der Glückliche, den du beneidest, verleumdet, so bist du ganz Ohr; wenn er dagegen gelobt wird, so willst du kein Wort davon hören. Obwohl deine Seele in einem derartigen Zustande ist, warum verhüllst du durch Heuchelei ihre Krankheit? Wie kannst du dir die Maske der Freundschaft aufsetzen, indem du heuchlerisch großes Wohlwollen zur Schau trägst? Warum begrüßest du deinen Nächsten mit freundlichen Worten, als ob du nichts sehnlicher verlangtest als sein Glück und sein Wohlergehen, während du im tiefsten Herzen auf ihn das gerade Gegenteil herabwünschest? ― So machte es Kain, der da in Wut geriet wegen des Wohlgefallens, das sein Bruder Abel bei Gott gefunden: Der Neid, den er im Herzen hatte, trieb ihn zum Morde und Heuchelei leistete Beihilfe. Indem er sich nämlich den Anschein der Liebe und Freundlichkeit gab, gelang es ihm, den Bruder aus dem Bereich der Eltern, die dem Abel hätten beistehen können, fort auf das Feld zu führen; und jetzt riß er den Schleier weg, den er über den Neid gedeckt hatte.

Wer also eine so schlimme Krankheit aus dem Leben der Menschen beseitigt und sie, die doch dem nämlichen Geschlechte angehören, durch das Band des Friedens und des Wohlwollens aneinanderkettet und zu erquickender Eintracht veranlaßt, vollbringt dieser nicht ein Werk von wahrhaft göttlicher Kraft, indem er das Elend des Erdenlebens entfernt, dagegen Gütergemeinschaft einführt? Deshalb wird der Friedfertige Kind Gottes genannt, weil er den wahren Sohn Gottes nachahmt, der ebenfalls die genannten Gnaden dem Menschenleben erwies. Darum „selig die Friedfertigen; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“

Wann sind wir nun friedfertig? Dann, wenn wir die Liebe Gottes zu den Menschen nachahmen, dann, wenn wir jenes Wirken, das Gott auszeichnet, zum Vorbild für unser eigenes Wirken wählen. Der Spender und Herr des Guten geht nun darauf aus, alles ganz und gar zu vernichten, was dem Guten widerstrebt oder fremd ist. Ein solches Vorgehen verlangt er daher auch von dir, daß du also ausrottest den Haß, beilegest den Krieg, vertreibest den Neid, entfernest den Zwist, beseitigest die Heuchelei, auslöschest die Rachsucht, auch wenn sie nur tief im Herzen glimmt, daß du hingegen in die Seele all die Tugenden einführest, die aufblühen, sobald ihr Gegenteil weggeschafft wird. Denn wie das Licht kommt, wenn die Finsternis weicht, so wird an Stelle der vorhin erwähnten Übel die Frucht des Geistes einziehen: Liebe, Freude, Friede, Rechtschaffenheit, Geduld, kurz, die ganze Reihe von Geistesgaben, die der Apostel aufzählt (Gal. 5, 22 f.). Wie sollte nicht seligzupreisen sein der Vermittler solch göttlicher Gaben, der Nachahmer des Gnadenspendens Gottes, der da durch Wohltun der unermeßlichen göttlichen Freigebigkeit gleichkommen möchte.

Vielleicht wird aber die Seligpreisung nicht bloß auf jene zu beziehen sein, welche den Mitmenschen Gutes erweisen, sondern den Namen eines Friedfertigen verdienen ganz besonders auch diejenigen, welche den im eigenen Innern tobenden Streit zwischen Fleisch und Geist und den mit unserer Natur gegebenen Zwiespalt zu friedlicher Ausgleichung führen, bei welcher das Gesetz des Fleisches, das dem Gesetze des Geistes widerspricht, nicht mehr in Kraft bleibt, sondern in Unterwerfung unter den besseren und höheren Herrn zum Vollzieher der göttlichen Gebote wird. Vielmehr richtig gesprochen: wir dürfen nicht meinen, das Wort Gottes vertrete die Ansicht, das Leben der Gerechten wachse aus zwei Wurzeln (Fleisch und Geist) hervor, sondern dadurch, daß die Scheidewand des Bösen in der Wohnung unseres Herzens niedergerissen wird, sollen sie, zu höherer Harmonie emporgehoben, zusammenwachsen und eins werden. Wenn nämlich Gott nach unserem Glauben einfach, ohne Zusammensetzung und gestaltlos ist, so soll auch der Mensch, falls er durch die anbefohlene Friedfertigkeit sich von der Zusammensetzung aus zwei Teilen (Prinzipien) erlösen und vollständig zum Guten zurückführen läßt, ebenfalls einfach, gestaltlos und eine wahre Einheit werden, in welcher das Äußere mit dem Innern und das Innere mit dem Äußeren sich vollkommen deckt; alsdann erst kommt die Seligpreisung und der Ehrentitel „Kind Gottes“ zur vollen Auswirkung, entsprechend der Verheißung unseres Herrn Jesus Christus, dem die Herrlichkeit und die Macht sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.Achte Rede: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden; denn ihrer ist das Himmelreich.“

Achte Rede: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden; denn ihrer ist das Himmelreich.“

Die Ordnung, welche der Herr in seiner Unterweisung voll Weisheit und Erhabenheit eingehalten hat, führt uns zur achten Stufe und damit zu dem vorgesetzten Ausspruch; es dürfte aber am Platze sein, zuerst zu untersuchen, welches Geheimnis in der Oktave enthalten ist, die der Prophet in der Überschrift zweier Psalmen erwähnt (Ps. 6 u. 11 [Septuag. u. Vulgata] [hebr. Ps. 6 u. 12]), und welche Bedeutung dem Gebote der Reinigung und Beschneidung zukommt, welche das Gesetz auf den achten Tag verlegte. Vielleicht hat diese Zahl eine Beziehung zur achten Seligpreisung, welche gleichsam wie der Höhepunkt aller Seligpreisungen die letzte Sprosse der herrlichen geistigen Leiter einnimmt. Dort nämlich meint der Prophet mit dem Symbol der Oktave den Tag der Auferstehung; die Reinigung weist hin auf die Läuterung des befleckten Menschen und auf seine Rückkehr zum naturgemäßen Zustand, und die Beschneidung zeigt die Ablegung der Tierfelle an, welche der Mensch (im Paradiese) nach dem Sündenfall und nach Verwirkung des Lebens angezogen hatte. Unter diesem Gesichtspunkte verkündet die achte Seligpreisung, daß den Menschen wieder der Eintritt in den Himmel offen steht, nachdem sie zwar in Knechtschaft verfallen waren, nunmehr aber in Freiheit versetzt wurden.

Es heißt also: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Siehe, dies ist das Ende der Kämpfe für Gott, der Ehrenpreis für die Mühen, der Siegeslohn für den Schweiß, daß du für würdig erachtet wirst des Himmelreiches! Nicht mehr braucht dein Sehnen nach Glück auf Vergängliches und Wechselvolles umherirrend sich zu richten. Denn nur die Erde ist das Land der Veränderlichkeit und des Wechsels; unter allem aber, was am Himmel sich bewegt und zeigt, findest du nichts, das heute so und morgen anders wäre, sondern sämtliche Himmelskörper gehen in ununterbrochener Ordnung und Harmonie ihre vorgeschriebene Bahn. Siehst du dennoch die unvergleichliche Größe der Gabe, welche die Seligpreisung dir anbietet! Denn nicht in etwas Veränderlichem besteht ihr hoher Lohn, so daß dann die Furcht vor Wechsel die herrliche Hoffnung trüben könnte, sondern ihr klarer Hinweis auf das Reich der Himmel zeigt genugsam an, daß das Gnadengeschenk, das sie uns hoffen läßt, unveränderlich und ewig gleichbleibend ist.

Doch könnte die Seligpreisung nach zwei Seiten eine gewisse Verlegenheit bereiten; erstens: Warum stellt der Herr der Armut im Geiste und der Verfolgung um seinetwillen den gleichen Lohn in Aussicht, indem er beiden das Himmelreich verheißt? Setzt der gleiche Siegespreis denn nicht nach allgemeiner Erwartung die gleichen Kämpfe voraus? Zweitens: Warum gibt er beim Weltgericht, wenn er die Rechtsstehenden von den Linksstehenden trennt und zum Himmelreich zuläßt, etwas anderes als Verdienst an, das diese Auszeichnung ihnen einträgt? Denn dort gibt er als solches Barmherzigkeit, Freigebigkeit und Liebe zum Mitmenschen an, erwähnt dabei aber in keiner Weise weder die Armut noch die Verfolgung um seinetwillen. Und doch muß man die Verfolgung ihrem ganzen Begriffe nach von den anderen genannten Tugendübungen wohl unterscheiden! Denn was hat sie mit der Armut gemeinsam? Und worin berührt sie sich mit den Werken der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe? Wenn nämlich jemand einen Dürftigen speist oder einen Nackten kleidet oder einen Fremden beherbergt oder einem Kranken oder Gefangenen nach Möglichkeit beisteht, wird bei Verrichtung dieser guten Werke wirklich etwas Ähnliches geleistet wie beim Ertragen von Armut und Verfolgung? Der Barmherzige kommt ja fremder Not zu Hilfe, die beiden anderen aber, der Arme sowohl wie der Verfolgte, bedürfen selbst der Hilfe, und doch ist das Endlos und der Lohn für alle drei gleich. Der Herr öffnet in gleicher Weise den Himmel sowohl den Armen im Geiste als auch den um seinetwillen Verfolgten und ebenso den Barmherzigen. Wie stellen wir uns hiezu? Wir meinen: alle diese Tugendübungen hängen auf das innigste zusammen und streben einmütig ein und demselben Ziele zu. Denn die Armut ist zur Ertragung von Verfolgung bereit, und die Liebe zur Armut ist gerüstet zur Ertragung von Gütereinziehung. Doch dürfte es passend sein, zuerst den vorliegenden Ausspruch zu untersuchen und dann erst wollen wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf den eben berührten Zusammenhang und dessen richtige Auffassung lenken.

„Selig, die um der Gerechtigkeit wegen verfolgt werden.“ Welches ist der Beweggrund zur Verfolgung und von wem geht sie aus? Der Gang der Untersuchung führt uns also hinab in die Arena der Märtyrer und auf den Kampfplatz des Glaubens. Denn Verfolgung ruft die Vorstellung vom Wettläufer hervor, der sich bemüht, möglichst schnell zu laufen, oder richtiger, der den Sieg im Wettlauf erringt; denn man kann im Wettrennen nur siegen, wenn man den Nebenbuhler überholt. Die Gläubigen, welche um den Siegespreis der Seligkeit laufen, haben die anderen Mitkämpfer, welche erlahmen, im Rücken, diejenigen aber, welche um den Siegespreis in der vom Feinde betriebenen Verfolgung laufen, den Verfolger ― letzteres gilt von den Märtyrern, welche in den Glaubenskämpfen verfolgt, aber nicht eingeholt wurden und so die Laufbahn der Blutzeugenschaft glücklich vollendeten. Demnach ist im letzten Ausspruch das hohe Gut, das uns die Seligpreisung hoffen läßt, als Siegeskranz uns vorgelegt. Denn beseligend ist es, um des Herrn willen verfolgt zu werden. Warum? Weil die Verfolgung durch den Schlechten das Mittel wird zur Erlangung des Guten; denn mit der Feindschaft des Schlechten beginnt die Freundschaft mit dem Guten. Das Gute aber und zwar das höchste, das es gibt, ist der Herr, und dieser ist das Ziel, dem der Wettlauf des Verfolgten gilt. Selig ist wahrhaftig, dem sogar der Feind zum Guten verhelfen muß. Denn da das menschliche Leben auf der Grenzscheide zwischen Schlecht und Gut liegt, so wird einerseits, wer sich von der schönen und erhabenen Hoffnung abbringen läßt, in den Abgrund geraten, andererseits wird, wer von der Sünde sich zurückgezogen und vom Verderben sich entfernt hat, teilnehmen an der Gerechtigkeit und Unveränderlichkeit. Die Verfolgung, welche die Tyrannen gegen den Märtyrer bewerkstelligen, bringt daher fürs erste und äußerlich betrachtet nur Schmerz, zum Schlusse jedoch eine Seligkeit, die alle Begriffe übersteigt.

Vorteilhafter aber dürfte es sein, den Sinn des Gotteswortes an Beispielen zum Verständnis zu bringen. So ist nach allgemeinem Urteil Erdulden von Feindseligkeit doch viel bedauernswerter als der Empfang von Liebeserweisen; und dennoch verschafft Unglück, so schmerzlich es auch empfunden wird, nicht wenig Glück sogar schon in diesem Leben, wie die Schrift von Joseph, der von seinen Brüdern verfolgt und gerichtet wurde, ausführlich bezeugt, daß er gerade dadurch, daß sie ihn in die Sklaverei verkauften, zur Würde eines Königs gelangte, der auch als Gebieter seinen ehemaligen Feinden Befehle geben konnte, während er wohl niemals zu einer solch hohen Stellung gekommen wäre, wenn ihm nicht der Neid durch jene Verfolgungen den Weg zum Königsthron geebnet hätte. Wie nun ein über die Zukunft unterrichteter Prophet, der dem Joseph das große Glück vorausgesagt hätte, das ihm durch die neidische Nachstellung zuteil wurde, im Hinblick auf den Schmerz des Augenblickes schwerlich Glauben gefunden hätte, ― wie sollte man bei einem schlechten Anfang ein gutes Ende erwarten ― so wird auch hier bei der Verfolgung der Gläubigen durch die Tyrannen, weil sie so bittere Pein verursacht, ein etwas fleischlich Gesinnter sich schwer zu der Meinung emporschwingen, so schmerzliches Leid gebe Anlaß, auf Seligkeit zu hoffen; der Herr nun, der die Gebrechlichkeit unserer Natur kennt, kündigt den allzu Schwachen im voraus an, welch herrlichen Ausgang der Kampf nehmen werde, damit sie, durch die Hoffnung auf das Himmelreich gestärkt, den Sieg über alle Schmerzempfindungen erringen. Darum freute sich der große Stephanus, als die tobende Menge ihn umringte, und empfing die schweren Tropfen des dichten Steinregens wie einen angenehmen Tau und vergalt seinen Mördern mit Segenswünschen, indem er betete, es möge ihnen die Sünde nicht angerechnet werden ― alles deshalb, weil er sowohl jene selige Verheißung vernommen hatte als auch mit eigenen Augen sah, wie seine Hoffnung mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Denn nachdem er schon vorher belehrt worden war, daß die um des Herrn willen Verfolgten in das Himmelreich aufgenommen würden, sah er noch während der Verfolgung die Herrlichkeit wirklich, die er sich erwartete. Denn als er noch im Wettlauf wegen des Bekenntnisses begriffen war, erschien ihm seine ganze Hoffnung: der Himmel öffnete sich und die göttliche Majestät neigte sich von den höheren Regionen herab zur Arena, in der der Märtyrer stritt; ja derjenige zeigte sich selbst als Helfer seinem Auge, für den der Wettkämpfer ringend Zeugnis ablegte. Der Kampfrichter hat nämlich dadurch, daß er stehend erschien, sinnbildlich seine Hilfsbereitschaft für den Kämpfer geoffenbart, zum klaren Zeichen, daß der Herr den Seinigen die Kämpfe nicht nur auferlegt, sondern daß er ihnen in ihrem Wettkampfe gegen die Feinde beisteht. Was wäre also beseligender als um des Herrn willen Verfolgungen zu leiden, da wir das Glück haben, daß uns der Kampfrichter auch als Mitkämpfer zur Seite steht?

Schwer, um nicht zu sagen unmöglich ist es, daß man das unsichtbare Gut den sichtbaren Freuden und Gütern dieses Lebens vorzieht und den Entschluß faßt, von seinem Hause zu scheiden, Weib und Kinder, Eltern und Geschwister, Jugendfreunde und alle Annehmlichkeiten dieses Lebens zu verlassen, wenn nicht der Herr selbst den von ihm Erwählten und Berufenen beistünde, damit sie jenes Gut erlangen. Denn der Apostel sagt: „Wen er im voraus erkennt, den bestimmt er vorher, beruft, rechtfertigt und verherrlicht ihn“ (Röm. 8, 29). Da nun die Seele durch die Organe des Körpers mit den Annehmlichkeiten des Lebens gleichsam verwachsen ist, z. B. durch das Auge an der Schönheit der Malerei sich ergötzt und durch das Ohr nach Wohlklang sich sehnt, desgleichen durch den Geruch, den Geschmack und das Gefühl auf eine diesen Sinnen entsprechende Weise Freude einatmet, so ist die Seele durch die Macht der Sinne wie mit einem Nagel an die Lebenslust geheftet und gebunden und läßt sich von ihr infolgedessen, weil sie fast zu ihrer Natur gehören, nur schwer losreißen und wird, weil sie nun einmal darin den Schildkröten und Schnecken ähnlich wie in (aus Ber.: „in“ einfügen) eine Schalenhülle eingenistet ist, nicht leicht zum Entschluß der Lossagung gebracht, weil das Leben mit Allgewalt sie festhält. Wegen dieses ihres Zustandes läßt sich die Seele demgemäß von den Verfolgern (nicht) (aus Ber.: „nicht“ ist zu streichen) leicht einnehmen und deren Wünschen rasch gefügig machen, wenn sie mit Vermögenseinziehung oder mit dem Verluste eines anderen geschätzten Erdengutes drohen. Wenn aber das lebendige Gotteswort, das nach dem Apostel schärfer und kräftiger ist als jedes zweischneidige Schwert (Hebr. 4, 12), in den wahrhaft Gläubigen eindringt und die schlimmen Verwachsungen (der Seele) mit der Weltlust und die Bande der Gewohnheit durchschneidet und zerhaut, so kann er, nachdem er die Erdenfreuden als eine seiner Seele aufgeladene Last wie ein Wettläufer entschlossen von seinen Schultern weggeworfen hat, leicht und unbeschwert durch die Kampfarena eilen, und beim Laufe steht ihm mit Macht zur Seite der Kampfesordner selbst.

Denn er überlegt nicht, wieviel er verlassen hat, sondern wieviel er empfangen wird. Sein Auge richtet er nicht auf das Angenehme, das er hinter sich ließ, sondern auf das hohe Gut, das vor ihm liegt; auch schmerzt ihn nicht der Verlust des Irdischen, sondern er frohlockt über den Gewinn des Himmlischen. Deshalb begrüßt er jede Strafe, die über ihn verhängt wird, als Mittel und Hilfe, um die verheißene Freude zu erreichen: das Feuer, weil es die Materie läutert, das Schwert, damit es die Verbindung des Geistes mit Fleisch und Welt trennt, überhaupt jede Art von Trübsal und Pein nimmt er bereitwillig an, weil er darin ein Arzneimittel erblickt gegen das Sündengift, das die Sinnenlust enthält. Denn wie die Kranken, welche an unreinen Säften und an Galle leiden, selbst bittere Medizin schlucken, um die Krankheitskeime wegzuspülen, so ist der Gläubige, der, vom Feinde bedrängt, zu Gott eilt, bereit, den Leidensansturm hinzunehmen als ein Mittel, um die Macht der Lust zu brechen; denn wer von Schmerz gepeinigt wird, kann sich nicht der Lust hingeben. Da nun die Sünde durch die Lust eintrat, so wird sie notwendig durch das Gegenteil wieder vertrieben. Wenn also die Tyrannen die Gläubigen wegen ihres Bekenntnisses zum Herrn verfolgen, und unerträgliche Martern ersinnen, so bereiten sie durch die Schmerzen eine Seelenarznei, weil sie gerade durch die Leiden, die sie ihnen zufügen, die Krankheit heilen, welche aus der Lust geboren wird. So nimmt Paulus das Kreuz an, Jakobus das Schwert, Stephanus die Steinigung, der selige Petrus die Kreuzigung mit dem Kopfe nach unten, alle späteren Glaubenskämpfer die mannigfaltigsten Strafarten wie wilde Tiere, Abgründe, Scheiterhaufen, Erfrieren, Abreißen des Fleisches von den Rippen, Eindrücken des Hauptes, Ausstechen der Augen, Abhauen der Finger, Auseinanderreißen des ganzen Körpers von den Schenkeln aus, Hungertod ― all diese und ähnliche Qualen ließen die Heiligen mit Freude über sich ergehen als Reinigungsmittel, damit im Herzen keine Spur von Sünde zurückbliebe, die durch Lust in die Seele dringt, indem sie hofften, daß durch die große und grimmige Schmerzempfindung alle Wunden ganz geheilt würden, welche die Lust etwa der Seele geschlagen hatte. „Selig also, die Verfolgung leiden um meinetwillen.“

Das ist aber ― um auch die andere Seite des Ausspruches in Erwägung zu ziehen ― wie wenn die Gesundheit die Fähigkeit der Rede erhielte und also spräche: „Selig, wer um meinetwillen von der Krankheit befreit wird; denn die Ertragung der Schmerzen bewirkt, daß die ehemals Kranken Anteil an mir haben.“ So wollen wir auf den Ausspruch hören, als ob uns das Leben selbst diese Seligpreisung zuriefe: „Selig, die vom Tod verfolgt werden meinetwegen“ oder wie wenn das Licht spräche: „Selig, die von der Finsternis verfolgt werden meinetwegen.“ Ähnliches gilt von der Gerechtigkeit, der Heiligkeit, der Unvergänglichkeit, der Güte, und so von jeder Eigenschaft, die zum Begriff des Guten gehört und gerechnet wird. Im Hinblick auf jede der genannten hervorragenden Eigenschaften sagt dir ― dies darfst und sollst du annehmen ― der Herr gleichsam: „Selig, wer von dem geraden Gegenteil derselben verfolgt wird und von ihm sich entfernt wie von der Vergänglichkeit, Finsternis, Sünde, Ungerechtigkeit, Habgier und von allem Schlimmen, das im Gegensatz zur Tugend steht, wie sie sich sowohl in Werken wie in Gedanken zeigt.“ Wer nämlich aus dem Umkreis des Bösen scheidet, tritt in den des Guten ein.

So spricht ja der Herr: „Wer Sünde tut, macht sich zum Knecht der Sünde“ (Joh. 8, 34). Wer also die Sklaverei aufgibt, in der er bisher schmachtete, erlangt die Würde eines Freien. Der wesentlichste Vorzug des Freien besteht jedoch darin, daß er sein eigener Herr ist; eine höhere Herrschaft gibt es aber nicht als die des Königs. Wenn nun der aus der Sündenknechtschaft Entronnene sein eigener Herr ist, die hauptsächlichste Auszeichnung der Königswürde darin besteht, daß man selbst Gesetze vorschreibt, von niemandem aber Gesetze empfängt, so ist folgerichtig seligzupreisen, wer von der Ungerechtigkeit verfolgt wird, weil er durch eine solche Verfolgung zur Königswürde emporsteigt. Laßt uns also, o Brüder, kein Bedauern haben, wenn wir von dem Irdischen vertrieben werden; denn eine derartige Vertreibung führt uns hinauf in die himmlische Königsburg, daß wir dort unsere Wohnung bekommen. Denn das sind die zwei Regionen, welche bei der Schöpfung der vernunftbegabten Geschöpfe zum Aufenthalt bestimmt wurden: die Erde und der Himmel. Die Erde ist der Ort jener Wesen, denen das Leben im Fleische eignet, der Himmel ist aber der Ort für die Körperlosen. An einem dieser zwei Orte müssen wir notwendig leben; werden wir nun von der Erde nicht verfolgt und vertrieben, so müssen wir auf Erden bleiben; wenn wir dagegen von hier scheiden müssen, so werden wir in den Himmel versetzt. Du siehst also, wohin die Seligpreisung uns geleitet, weil sie uns durch scheinbare Trübsal zu einem solch hohen Gut verhilft. Dies hat offenbar auch der Apostel im Auge, wenn er sagt: „Jede Züchtigung scheint für den Augenblick keine Freude zu sein, sondern Trübsal; nachher bringt sie allen, die darin geübt werden, die Friedensfrucht der Gerechtigkeit“ (Hebr. 12, 11). Die Trübsal ist also die Blüte, die zu so herrlicher Frucht sich entwickelt; darum müssen wir um dieser Frucht willen auch die Blüte pflücken.

 

 

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