Große Katechese

Von Gregor von Nyssa

Vorwort

Individueller Unterricht! ― Nur ein Gott!

Die Unterweisung in der Glaubenslehre ist eine Pflicht für die Vorsteher des Geheimnisses der Religion, damit die Kirche durch den Zuwachs der Auserwählten dadurch voll werde, daß das Wort des Glaubens auf dem Wege des Unterrichtes dem Ohr der Ungläubigen vermittelt wird. Doch nicht dieselbe Art des Unterrichtes wird für alle, die zu dem Worte herantreten, passen, sondern man muß die Belehrung jedesmal nach der Verschiedenheit ihrer Religion einrichten, so daß man zwar dasselbe Lehrziel im Auge hat, aber bei allen nicht die nämliche Lehrmethode in Anwendung bringt. Von einer anderen Ansicht ist ja der Jude befangen und von einer anderen der im Heidentum Lebende; desgleichen werden der Anomöer, der Manichäer, die Anhänger des Marcion, Valentin, Basilides und wie die übrige Liste der in Ketzerei Gefallenen lautet, von denen jeder von eigentümlichen Ansichten beherrscht ist, naturgemäß fordern, daß man den Kampf gegen ihre Sondermeinungen aufnimmt; denn nach der Art der Krankheit muß auch das Heilverfahren sich richten. Darum darfst du die Vielgötterei des Heiden und den Unglauben des Juden gegenüber dem Eingebornen Gottes nicht mit denselben Mitteln behandeln; ebensowenig kannst du den in Ketzereien Verirrten die trugvollen Märchen ihrer Lehrsätze mit den nämlichen Gründen umstoßen; und was den Sabellius zurechtbringen könnte, wird schwerlich auch den Anomöer bekehren; gerade so überwinden die Waffen, welche den Manichäer besiegen, nicht auch den Juden. Vielmehr muß man, wie gesagt, auf die Meinungen der einzelnen Rücksicht nehmen und die Belehrung jedesmal im Hinblick auf die besonderen Irrtümer des betreffenden Gegners einrichten; dazu gehört ferner, daß man bei jedem Unterricht gewisse Grundwahrheiten und wohlbegründete Prämissen im voraus feststellt, so daß man, von dem von beiden Teilen Zugestandenen ausgehend, in Form von Folgerungen die ganze Wahrheit entwickelt.

Bei einer Unterredung mit einem Heiden wird es also gut sein, an ihn in erster Linie die Frage zu richten, ob er sich zum Glauben an ein göttliches Wesen bekenne oder ob er der Lehre der Atheisten beipflichte. Leugnet er nun etwa die Existenz eines göttlichen Wesens, so wird er auf Grund der weisen und kunstvollen Weltordnung überzeugt, daß er annimmt, es gebe eine hierin sich offenbarende und über dem Universum stehende Macht.

Zweifelt er aber nicht an der Existenz dieser höheren Macht, schweift er jedoch in seinen Gedanken zu einer Vielheit von Göttern aus, so werden wir an ihn die Frage stellen, ob er die göttliche Natur für vollkommen oder für mangelhaft halte. Wenn er nun der göttlichen Wesenheit unausweichlich die Vollkommenheit zugesteht, so werden wir verlangen, daß er diese Vollkommenheit auf alle Eigenschaften, die nach unserer Erkenntnis zur Gottheit gehören, gleichmäßig ausdehne, damit dieselbe nicht etwa aus Gegenteiligem zusammengesetzt erscheine, nämlich aus Mangelhaftigkeit und Vollkommenheit. Eben wegen dieser von unserer Vernunft verlangten Folgerung muß er auch zugleich einräumen, daß jene der göttlichen Natur zukommende Vollkommenheit uns entgegentrete, sowohl in bezug auf die Macht als auch in bezug auf die Güte und die Weisheit, Unvergänglichkeit und Ewigkeit wie überhaupt in bezug auf jede Eigenschaft, die ein seiner würdiger Begriff Gottes in sich schließt.

Ist aber dies zugegeben, dann dürfte es nicht mehr schwer sein, die Ausschweifung des Geistes auf viele Götter zum Bekenntnis einer Gottheit zurückzuführen. Würde er nämlich in bezug auf unseren Gegenstand die durchgängige Vollkommenheit zugeben, aber doch behaupten, es gäbe vielevollkommene Wesen mit den gleichen Vorzügen, so muß er bei diesen durch keine Abweichung unterschiedenen, sondern in ganz gleichen Eigenschaften sich darstellenden Wesen entweder die charakteristische Eigentümlichkeit nachweisen oder aber, weil vernünftiges Denken an dem, was kein unterscheidendes Merkmal hat, keine Eigentümlichkeit entdecken kann, die Verschiedenheit ebenfalls ablehnen. Wenn man nämlich weder einen Unterschied von Mehr und Minder auffindet ― denn der Begriff der Vollkommenheit schließt jedes Minder, ebenso jedes Schlechter und Besser aus ― denn von Gottheit kann man da nicht mehr reden, wo Mangelhaftigkeit vorhanden ist ―, noch von Ursprünglich und Neuentstanden ―, denn was nicht ewig ist, liegt außerhalb des Begriffes der Gottheit ―, wenn vielmehr ein und derselbe Begriff der Gottheit bei allen angeblichen Göttern zugrunde gelegt werden muß, so wird auch, weil keine sie unterscheidende Eigentümlichkeit von der Vernunft zugelassen wird, die irrtümliche Meinung von vielen Göttern notwendig zu dem Bekenntnis eines göttlichen Wesens hingedrängt. Wenn man nämlich die Güte und Gerechtigkeit, die Weisheit und Macht von allen sogenannten Göttern ganz gleichmäßig aussagt und einem jeden derselben alle von der Ehrfurcht geforderten Eigenschaften in derselben Weise zugesteht, so wird eben jeder Unterschied in jeder Beziehung aufgehoben, und damit muß notwendig die Vielheit von Göttern aus der Vorstellung verschwinden, weil die durchgängige Gleichheit zum Glauben an die Einheit zurückführt.Kapitel 1. Eine göttliche Natur, aber mehrere göttliche Personen! Das Wort Gottes (═ der Sohn Gottes) ist dem Vater gleichwesentlich.

Kapitel 1. Eine göttliche Natur, aber mehrere göttliche Personen! Das Wort Gottes [- der Sohn Gottes] ist dem Vater gleichwesentlich.

Doch da auch die christliche Religionslehre einen Unterschied von Personen in der Einheit der Natur annimmt, so müssen wir, damit wir nicht etwa bei der Bekämpfung der heidnischen Vielgötterei unversehens in den Irrtum des Judentums fallen, letzteren durch genaue, sozusagen kunstmäßige Unterscheidung berichtigen. Denn nicht einmal den außerhalb unserer Glaubenslehre Stehenden ist die Gottheit ohne Wort; dies Zugeständnis wird unsere Auffassung vom Worte des Vaters gut anbahnen1. Wer nämlich bekennt, Gott sei nicht ohne Wort, wird jedenfalls von ihm auch zugeben, daß er ein Wort habe, eben weil er nicht ohne Wort ist.

Nun aber wird das Wort des Menschen mit dem nämlichen Ausdruck bezeichnet; wer sich nun entschließt, sich das Wort Gottes ähnlich vorzustellen wie das unsere, kann auf diese Weise zur richtigen Auffassung des Höheren geführt werden. Nur muß er beachten, daß das Wort Gottes, wie alles andere an Gott, seiner Natur entspreche. Denn man sieht an der menschlichen Natur auch Kraft, Weisheit und Leben; aber niemand wird sich durch die Gleichheit der Worte zur Annahme verleiten lassen, die Kraft oder die Weisheit oder das Leben Gottes wären ganz gleicher Art; sondern die Bedeutung solcher Begriffe erniedrigt sich in Beziehung auf uns nach dem Maße unserer Natur: weil vergänglich und schwach unsere Natur, darum ist kurz unser Leben, vergänglich unsere Kraft, flüchtig unser Wort. Dagegen die Bedeutung aller Aussagen, die wir von Gott machen, steigt hoch empor, gemäß der Erhabenheit dessen, auf den sie sich beziehen. Darum darf man, wenn man vom Worte Gottes spricht, keineswegs meinen, dasselbe habe nur in der Anstrengung des Sprechenden seinen Bestand und trete, wie unser menschliches Wort, alsbald wieder in das Nichtsein zurück; sondern wie unsere Natur, weil hinfällig, auch ein hinfälliges Wort hat, so hat die unvergängliche und immer bestehende Natur auch ein ewiges und festbleibendes Wort.

Ist nun folgerichtig zugestanden, das Wort Gottes sei ewig, so muß man notwendig auch zugeben, daß die Subsistenz des Wortes eine lebendige sei; denn es ist unstatthaft zu glauben, das Wort subsistiere nach der Art der Steine leblos. Vielmehr wenn es als etwas Geistiges und Unkörperliches subsistiert, so lebt es jedenfalls. Wäre es ohne Leben, so hätte es überhaupt keinen Bestand; nun aber hat sich die Meinung, das Wort Gottes habe keinen Bestand, als gottlos erwiesen; folgerichtig ist damit auch zugleich erwiesen, daß dieses Wort als ein lebendiges aufzufassen ist. Da ferner die Natur des Wortes mit Recht für einfach gehalten wird und man weder Zweifachheit noch Zusammensetzung bei ihr zuläßt, so wird wohl niemand demselben ein solches Leben zuschreiben, das es bloß auf Grund der Teilnahme besitzt ― eine derartige Meinung würde die Annahme einer Zusammensetzung einschließen, weil damit gesagt wäre, eines existiere durch das andere ―, sondern sobald man seine Einfachheit anerkennt, muß man auch einräumen, das Wort sei selbständiges Leben, nicht nur teilnehmend am Leben. Wenn nun das Wort lebt, weil es selbst Leben ist, so besitzt es auch Willenskraft; denn es gibt nichts Lebendiges, das ohne Willen wäre.

Die Ehrfurcht gegen Gott verlangt aber die weitere Folgerung, daß dieser Wille mächtig sei. Denn wollte jemand ihm keine Macht zuschreiben, so müßte er von ihm Ohnmacht behaupten. Aber Ohnmacht liegt fernab vom Begriff Gottes; denn nichts Widersprechendes läßt sich von der göttlichen Natur denken ― und man ist zu dem Bekenntnis gezwungen, die Macht des Wortes sei so groß wie sein Wille, damit an dem Einfachen nicht eine Vermischung oder Verbindung von Gegensätzen sich zeige, nämlich Macht und Ohnmacht in ein und demselben Willen, insofern dieser zwar einiges vollbrächte, zu anderem aber unvermögend wäre. Eine Folge der Allmacht ist es sodann, daß der Wille des Wortes keine Neigung zum Bösen hat ― eine solche Neigung ist von der göttlichen Natur ausgeschlossen ―, sondern daß er alles Gute will, ferner daß er, was er will, auch kann, aber auch, daß er, was er kann, auch nicht ungeschehen läßt, vielmehr die guten Entschlüsse auch in die Wirklichkeit überführt. Gut ist nun die Welt und all das, was in ihr sich uns als weise und kunstvoll darstellt. Demnach sind alle Dinge das Werk des Wortes ― jenes Wortes, welches lebt und besteht, da es Gottes Wort ist, jenes Wortes, welches alles, was es will, vermag, jenes Wortes, welches alles Gute und Weise und überhaupt alles Treffliche will.

Da nun einerseits zugestanden ist, daß die Welt gut ist, andererseits soeben der Beweis geliefert wurde, die Welt sei das Werk des Wortes, welches da das Gute sowohl will als auch ausführt, weil ferner das Wort von dem, der es ausspricht, verschieden ist ― denn dies bringt der korrelative Charakter des Ausdruckes „Wort“ mit sich, insofern man, sobald man „Wort“ sagt, auch an den Vater des Wortes denken muß, weil es kein Wort gibt, ohne daß es von jemand herrührt ―, unterscheiden wir also, sage ich, wegen des soeben erwähnten korrelativen Charakters, welcher dem Worte als solchem zukommt, verstandesmäßig und notwendig das Wort, sobald wir davon hören, von dem, von welchem es ist, so entrinnen wir der Gefahr, daß wir, während wir den heidnischen Anschauungen entgegentreten, in bedenklicher Weise den Bekennern der jüdischen Religion uns nähern; vielmehr vermeiden wir den Widersinn beider: wir anerkennen das Wort Gottes als lebendig, als wirkend und als schöpferisch, was der Jude nicht annimmt; zugleich aber leugnen wir im Unterschied von Heiden den Unterschied der Natur zwischen dem Worte selbst und dem, von welchem es ist.

Wie wir nämlich von unserem menschlichen Worte sagen, es habe seinen Ursprung im Verstande, ohne es weder mit demselben ganz zu identifizieren, noch für völlig verschieden von ihm zu erklären ― denn weil das Wort aus dem Verstande ist, ist das Wort etwas anderes und nicht er; aber weil es ihn zur Offenbarung und zum Ausdruck bringt, wird man es auch nicht für etwas vollständig von ihm Verschiedenes halten können, sondern es bleibt der Natur nach mit ihm eins, wenn es auch der Existenz nach von ihm verschieden ist ―, ebenso ist auch das Wort Gottes durch sein selbständiges Sein von dem verschieden, von welchem es dieses selbständige Sein hat; aber dadurch, daß es an sich selbst aufweist, was wir an Gott erkennen, ist es der Natur nach mit jenem identisch, an dem sich die gleichen charakteristischen Eigenschaften finden. Denn mag man Güte oder Macht oder Weisheit oder Ewigkeit und Erhabenheit über Sünde, Tod und Verderben oder Allvollkommenheit und sonst etwas Derartiges als Kennzeichen des Vaters aufstellen; die nämlichen Kennzeichen muß man auch an dem Worte finden, das von ihm ausgeht.

Kapitel 2. Der Heilige Geist ist ebenfalls eine göttliche Person.

Wie wir von menschlichen Verhältnissen aus durch eine hoch emporsteigende Betrachtung in der göttlichen Natur das Wort erkannten, so werden wir auf dem nämlichen Wege noch auf den Begriff des Geistes oder des Odems geführt, wenn wir gewisse Abschattungen und Abbilder der unaussprechlichen Macht in unserer eigenen Natur ins Auge fassen. Freilich ist bei uns der Odem eine Bewegung der Luft, die nicht zu unserer Natur gehört, die aber zur Erhaltung des Körpers notwendig ein- und ausgeatmet wird; durch sie wird, wenn wir ein Wort aussprechen, die Stimme erzeugt, durch die erst der Sinn des Wortes anderen zugänglich wird. Bei der göttlichen Natur ist ebenfalls die Existenz eines Odems oder Geistes frommgläubig gesetzt (gleichwie die Existenz des Wortes Gottes zugegeben wurde), wenn das göttliche Wort nicht unvollkommener sein kann als das menschliche; außerdem würden wir ja das menschliche Wort mit Geist und Odem ausstatten, das göttliche aber dessen berauben.

Jedoch gebührt es sich in bezug auf Gott zu glauben, daß der Odem nicht nach Art des unsrigen als etwas zu Gott ursprünglich nicht Gehörendes ihm von außen zuströme und in ihm erst zum Odem werde, sondern es verhält sich hier ähnlich wie beim Worte: wie dieses weder etwas für sich Nichtbestehendes ist, noch durch Erlernung entstanden, noch durch die Stimme hervorgebracht, noch nach dem Entstehen vergänglich, noch mit den Mängeln belastet, an denen unser Wort leidet, sondern wesenhaft subsistierend, willenskräftig, wirkend und allmächtig ist, so verstehen wir auch, wenn wir vom Odem Gottes hören, der das Wort begleitet und seine Wirksamkeit offenbart, darunter keinen leeren Hauch des Atems ― denn eine Auffassung, welche Gottes Odem ganz nach Art des menschlichen sich vorstellt, würde die göttliche Erhabenheit zu unserer Niedrigkeit herabziehen ―, sondern eine wesenhafte Macht, welche in eigener Subsistenz, auf sich selbst fußend, uns entgegentritt, welche auch weder von Gott, in dem sie ist, noch vom Worte Gottes, das von ihr begleitet wird, losgetrennt werden kann, oder welche sich je in das Nichtsein ergießt, sondern welche, dem Worte Gottes ähnlich, hypostatisch existiert, ebenfalls willenskräftig, frei in der Bewegung, wirksam ist, das Gute will und für jeden Plan mit dem Willen zugleich die Macht zur Ausführung hat.

 

 

Kapitel 3. Das Geheimnisvolle der Trinität und ihr Verhältnis zum heidnischen und jüdischen Gottesglauben.

Wer die Tiefen des Geheimnisses mit aller Genauigkeit durchforscht, gewinnt in seiner Seele eine bescheidene der Unergründlichkeit desselben angemessene Einsicht in die Lehre von der Gotteserkenntnis, jedoch in Worten vermag er die unaussprechliche Tiefe des Geheimnisses nicht darzulegen, wie es zählbar ist und doch der Zählung sich entzieht, wie es getrennt zu betrachten und doch als Einheit zu erfassen ist, wie hinsichtlich der Person eine Unterscheidung gemacht werden muß und hinsichtlich der Substanz eine solche Trennung nicht vorgenommen werden darf. Denn hinsichtlich der Person ist der Geist ein anderer und ein anderer das Wort und wieder ein anderer der, von dem Wort und Geist ausgehen. Und wenn du in denselben die Unterscheidung erkannt hast, so gestattet die Einheit der Natur eine Trennung nicht.

Darum geht die Macht des einen höchsten Wesens1 nicht in verschiedene Gottheiten auseinander, indem man es spalten würde, noch trifft unsere Lehre mit dem Glauben der Juden zusammen, sondern die Wahrheit hat ihren Platz in der Mitte zwischen beiden Anschauungen, indem sie die Häresie, welche in jeder der zwei Religionen enthalten ist, verwirft, das Wahre aber, was jede hat, aufnimmt. Die jüdische Lehre schließt sie nämlich durch die Annahme des Wortes und durch den Glauben an den Heiligen Geist aus; der vielgötterische Irrtum der Heiden wird dadurch beseitigt, daß die Einheit hinsichtlich der Natur das Trugbild der Vielheit aufhebt. Andererseits muß von der jüdischen Auffassung die Einheit, nämlich der Natur, festgehalten, desgleichen aus dem Heidentum nur die Unterscheidung hinsichtlich der Personen; hiedurch wird der unwürdigen Vorstellung von Gott, die auf beiden Seiten besteht, die entsprechende Heilung zuteil. Denn sozusagen bewährt sich als Heilmittel für die, welche bezüglich der Einheit sich irren, die Dreizahl, und für die, welche bezüglich der Vielheit auf Abwege kamen, die Lehre von der Einheit.

Wenn ein Jude diesen Darlegungen widerspräche, so würden wir ihn ungleich leichter widerlegen als er uns. Denn gerade aus jenen Lehren, in denen er aufgewachsen ist, ergibt sich mit aller Klarheit die wahre Anschauung. Denn daß Gottes Wort und Gottes Odem (= Geist) wesenhaft existierende Mächte sind, welche sowohl die schöpferische Ursache des Weltalls als auch die es erhaltende Kraft sind, erhellt deutlich genug aus den inspirierten Schriften. Es genügt aber, wenn wir eines einzigen Zeugnisses gedenken; die vielen anderen können wir größerer Mühewaltung überlassen. Es heißt nämlich: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel befestigt und durch den Odem seines Mundes all ihre Macht“ (Ps. 32, 6 [hebr. Ps. 33, 6]). Was ist nun das für ein Wort, und was für ein Odem? Denn sicher ist dieses Wort kein bloß gesprochener Laut und dieser Odem nicht bloßer Hauch. Wer lehren wollte, der Schöpfer des Weltalls habe sich eines gewöhnlichen Wortes und Odems bedient, würde die Ähnlichkeit unserer Natur mit Gott so weit ausdehnen, daß Gott ganz vermenschlicht würde.

Und wäre eine Macht, die von bloßen Lauten und einem bloßen Odem ausgeht, so groß, daß sie genügt hätte, die Himmel und alle Kräfte derselben zu erschaffen? Würde nämlich Gottes Wort ganz unseren Worten und Gottes Odem völlig dem unserigen gleichen, so würde aus dieser Gleichheit folgen, daß auch deren Macht die gleiche wäre, und so würde Gottes Wort nur so viel vermögen als unser Wort. Nun sind aber unsere Worte und der mit ihnen ausgehende Odem ohne Kraft und ohne Selbstand; infolgedessen rauben auch jene, welche die Gottheit restlos zur Ähnlichkeit mit unserem Worte herabziehen wollen, dem Worte Gottes und dem Odem Gottes ihre Kraft und ihren Selbstand. Wenn nun aber, wie David sagt, die Himmel durch Gottes Wort befestigt wurden und die Kräfte der Himmel durch Gottes Odem ihr Dasein bekamen, so ist unerschütterlich das Geheimnis der Wahrheit, welches da lehrt, daß Gottes Wort wesenhaft existiere und Gottes Geist persönlich sei.

Kapitel 5. Bei der Darlegung der Menschwerdung des Wortes Gottes muß vom Urzustand des Menschen ausgegangen werden.

Der Lehre von der Existenz des Wortes Gottes und des Odems Gottes wird sich der Heide aus allgemeinen Vernunftgründen und der Jude aus Schriftgründen wohl nicht allzulange verschließen, aber die Menschwerdung des göttlichen Wortes werden beide gleichmäßig als unglaublich und als Gottes unwürdig verwerfen. Dennoch dürfen wir hoffen, die Gegner auch zu diesem Glaubensgeheimnis führen zu können; nur müssen wir einen anderen Ausgangspunkt wählen.

Zuerst müssen wir die Frage aufwerfen, ob die Gegner glauben, daß vom Schöpfer des Universums alles durch Wort (Vernunft) und Weisheit geschaffen wurde, oder ob sie nicht einmal diesem Satze einen rechten Glauben entgegenbringen. Freilich wenn sie nicht einräumen würden, daß Wort (Vernunft) und Weisheit bei der Schöpfung den Vorsitz innehatten, so würden sie dem Weltprinzip unleugbar Unvernunft und Ungeschick als Beiständer an die Seite geben. Da aber derartiges als ungereimt und als gottlos verworfen werden muß, so sind sie zu dem Zugeständnis gezwungen, daß Wort (Vernunft) und Weisheit an der Spitze des Seins stehen. Wie wir aber bereits dargetan, ist Gottes Wort nicht ein bloß gesprochener Laut oder eine durch Wissenschaft und Weisheit erworbene Kunst, sondern eine wesenhaft subsistierende Macht, die alles Gute will und auch alles, was sie will, ausführen kann; und gerade deshalb, weil es jene Macht ist, welche das Gute will und ausführt, ist sie die schöpferische Ursache der Welt, da diese gut ist. Hängt nun, wie unsere Schlußfolge bewies, die Existenz der ganzen Welt von der Macht des göttlichen Wortes ab, so läßt sich für einzelne Bestandteile der Welt unmöglich eine andere Ursache denken als das nämliche Wort Gottes, durch welches die ganze Welt den Eintritt in das Sein gewann. Ob man dasselbe aber Wort oder Weisheit oder Macht oder Gott nennt oder dafür irgendeinen der erhabenen und ehrfurchtsvollen Namen gebraucht, darauf legen wir kein Gewicht. Denn welchen Namen oder welchen Ausdruck man auch immer für das, was wir meinen, verwenden mag, es ist immer ein und dasselbe, was wir mit den Worten bezeichnen, nämlich die ewige göttliche Macht, die Schöpferin alles Seienden, die Erfinderin dessen, was nicht war, die Erhalterin des Gewordenen, die Seherin der Zukunft.

Dieser Gott nun, das Wort, die Weisheit, die Macht ward folgerichtig auch als Schöpfer der menschlichen Natur dargetan, nicht als ob er durch eine Notwendigkeit zur Erschaffung des Menschen getrieben worden wäre, sondern in übergroßer Liebe rief er dieses Lebewesen in das Dasein. Denn Gottes Licht sollte nicht ungeschaut, seine Herrlichkeit nicht unbezeugt, seine Güte nicht ungenossen, und die Reichtümer, die wir sonst noch an der Gottheit erkennen, nicht ungenützt bleiben, ohne daß jemand wäre, der daran teilnehmen und davon genießen könnte. Wenn nun der Mensch zu dem Zwecke ins Dasein trat, damit er an den Gütern Gottes Anteil habe, so mußte er notwendig eine solche Ausstattung empfangen, die ihn zur Teilnahme an jenen Gütern befähigt. Wie nämlich das Auge durch den von Natur in ihm vorhandenen Strahl das Licht aufnimmt, indem es durch seine angeborne Kraft das Verwandte an sich zieht, so mußte auch der menschlichen Natur etwas mit Gott Verwandtes verliehen werden, auf daß sie auf Grund der damit hergestellten Wechselbeziehung eine Neigung zu dem ihm Verwandten habe. Auch im Reiche der unvernünftigen Geschöpfe sind die Wasser- und Lufttiere alle ihrer Lebensart entsprechend ausgerüstet, so daß infolge der besonderen Körperbildung den einen die Luft, den anderen das Wasser als das ihnen verwandte und angemessene Lebenselement erscheint.

Ähnlich mußte der Mensch, weil zum Genusse der göttlichen Güter geschaffen, zur Verwandtschaft mit dem erhoben werden, an dem teilzunehmen er bestimmt war. Darum ward er mit Leben, Vernunft und Weisheit und überhaupt mit allen gotteswürdigen Gaben gar herrlich ausgestattet, damit er durch jedes dieser Geschenke Verlangen trage nach dem, was ihm verwandt ist. Da nun zu den der göttlichen Natur zukommenden Gütern die Ewigkeit gehört, so durfte auch dieses Gut nicht völlig in der Ausrüstung unserer Natur fehlen, vielmehr mußte sie Unsterblichkeit besitzen, damit sie durch eine ihr angeborne Kraft imstande sei, das über sie Erhabene zu erkennen und Verlangen habe nach dem ewigen Gott. All dies will der Bericht über die Weltentstehung in einem einzigen Worte zusammenfassen und aussprechen, indem er nämlich erklärt, der Mensch sei nach „dem Bilde Gottes“ geschaffen worden (Gen. 1, 36 f.); denn in der Ähnlichkeit, die bis zur Ebenbildlichkeit sich erhebt, ist die ganze Reihe der Eigenschaften enthalten, welche der göttlichen Natur zukommen. Das Gesagte wird auch durch die Belehrungen bestätigt, welche Moses weiterhin, mehr in erzählender Form, uns gibt. Denn das Paradies und die Eigentümlichkeit seiner Früchte, deren Genuß den davon Kostenden Erkenntnis und ewiges Leben verleiht, sowie alle ähnlichen Ausführungen stimmen mit den Darlegungen überein, die wir soeben über die Menschennatur gegeben haben, nämlich, daß unsere Natur im Anfange gut und im Besitze von hohen Gütern war.

Aber vielleicht widerspricht jemand unseren Erörterungen im Hinblick auf die Gegenwart und vermeint, unsere Anschauung deshalb als unrichtig darstellen zu können, weil die Menschheit jetzt nicht mehr im Besitze jener Güter ist, sondern von den entgegengesetzten Übeln heimgesucht wird. Denn wo ist jetzt die Gottähnlichkeit der Seele? wo die Schmerzlosigkeit des Leibes? wo die Ewigkeit des Lebens? Die kurze Dauer unseres Daseins, Krankheiten, Mühseligkeiten, Gebundenheit an jede Art von Leiden an Leib und Seele ― dies und dergleichen anführend ― kann man unter schweren Anklagen unserer Natur die Ansichten, welche wir über den Menschen vorgetragen haben, auf den Kopf zu stellen suchen. Allein wir wollen auch hierüber, damit unsere Rede an keinem Punkte die folgerichtige Beweisführung vermissen lasse, in eine kurze Besprechung eintreten. Die Mißstände, welche jetzt das Menschenleben drücken, beweisen noch lange nicht, daß der Mensch sich niemals in durchaus glücklicher Lage befand. Denn da der Mensch ein Werk Gottes ist, der aus Güte dieses Lebewesen ins Dasein rief, so kann niemand den Verdacht hegen, Gott selbst habe uns, nachdem ihn lautere Liebe zu unserer Erschaffung bestimmte, in eine Welt des Bösen und der Übel gesetzt; vielmehr müssen wir anderswo die Ursache dafür suchen, daß wir das frühere Glück verloren haben und uns jetzt in dem gegenwärtigen Zustand befinden.

Der Grund hiefür liegt wiederum innerhalb der Zugeständnisse, welche unsere Gegner machen müssen. Derjenige nämlich, welcher den Menschen zum Zwecke der Teilnahme an seinen eigenen Gütern schuf und ihm die Keime zu allen Vorzügen in die Natur einpflanzte, damit durch jeden derselben unser Verlangen nach der entsprechenden verwandten Vollkommenheit in Gott entzündet werde, wollte uns gewiß nicht das edelste und wertvollste Gut vorenthalten, ― ich meine die Gnadengabe der Selbstbestimmung und der Freiheit unseres Willens. Würde nämlich der Zwang der Notwendigkeit über dem menschlichen Leben walten, so wäre das Abbild nach dieser Seite hin mißraten, insofern es durch diese Unähnlichkeit zu sehr vom Urbild abstechen würde. Denn wie könnte eine gewissen Notwendigkeiten unterworfene und von ihnen geknechtete Natur ein getreues Abbild von jener sein, die da königlich herrscht und regiert? Daher mußte der Mensch, weil in allen Stücken zur Ähnlichkeit mit Gott berufen, des Selbstbestimmungsrechtes und der Freiheit teilhaftig werden; infolgedessen ist allerdings auch die Erlangung aller Güter als Kampfpreis an die Tugend geknüpft.

Wie kommt es nun, wirst du fragen, daß der Mensch, nachdem er in allen Stücken so herrlich ausgestattet ward, doch das Schlimme an Stelle des Guten eintauschte? Der Grund auch hiefür liegt offen da. Die Entstehung auch nicht des geringsten Bösen nahm ihren Anfang im Willen Gottes ― keine Schuld könnte das Böse treffen, falls Gott als dessen Urheber und Vater betrachtet werden könnte ―, sondern das Böse sproßt irgendwie aus unserem Inneren hervor, indem es durch die freie Entscheidung unseres Willens entsteht, sobald ein Abgehen unserer Seele von dem Guten stattfindet. Gleichwie das Sehen eine Tätigkeit der Natur, die Blindheit aber ein Verlust dieser Tätigkeit ist, so steht auch die Tugend der Schlechtigkeit gegenüber. Ein anderer Ursprung der Schlechtigkeit kann nicht gedacht werden als die Entfernung der Tugend; wie nämlich durch die Hinwegnahme des Lichtes die Dunkelheit eintritt, bei dessen Gegenwart aber aufhört, so hat, solange das Gute in der Natur vorhanden ist, die Schlechtigkeit keine Existenz für sich; die Entfernung des Guten bedeutet aber die Entstehung seines Gegenteils. Da nun das Merkmal des Selbstbestimmungsrechtes darin besteht, den Gegenstand des Wollens frei zu wählen, so ist nicht Gott für dich die Ursache der gegenwärtigen Übel, sondern die Unüberlegtheit, welche das Schlechtere an Stelle des Besseren wählte.

Kapitel 6. Vom Entstehen der Sünde in der Welt der reinen Geister und der Menschen.

Du wirst aber auch nach der Ursache des soeben erwähnten Fehlers im Willen fragen; denn darauf führt die logische Ordnung der Rede. Daher müssen wir in verstandesmäßiger Überlegung nach einem Ausgangspunkt forschen, der auch diese Frage richtig beantwortet. Wir haben nun von unseren Vätern eine Überlieferung erhalten, welche aber keine fabelhafte Erzählung ist, sondern durch unsere Natur selbst genügende Bürgschaft empfängt.

Eine zweifache Erkenntnis der Dinge können wir unterscheiden, insofern sich unser Wahrnehmen teils auf Sinnliches teils auf Geistiges richtet; und es dürfte in der Natur der Dinge sich wohl nichts finden, was außerhalb dieser Einteilung läge. Die genannten Gebiete sind aber durch eine große Kluft voneinander getrennt, so daß weder die sinnliche Natur geistige Merkmale hat, noch die geistige etwa sinnliche, sondern beide haben entgegengesetzte Kennzeichen. Denn die geistige Natur ist unkörperlich, unberührbar, gestaltlos, die sinnliche dagegen liegt, wie schon der Name sagt, innerhalb der Wahrnehmung durch die Sinne. Allein wie sogar für die sinnliche Welt, trotz des vielfachen Gegensatzes der Elemente untereinander, eine gewisse gerade durch die Gegensätze vermittelte Harmonie von der göttlichen, das All durchdringenden Weisheit erfunden ward und auf diese Weise ein großer Einklang die ganze Schöpfung durchzieht, ohne daß der Gegensatz irgendwo das Band der Eintracht lösen würde: so findet vermöge der göttlichen Weisheit auch zwischen dem Sinnlichen und Geistigen eine Mischung und Verschmelzung statt, damit alles gleichmäßig an der Schönheit teilnehme und nichts von dem, was existiert, der besseren Natur entbehre.

Darum ist zwar die feine und leichtbewegliche Substanz, welche gemäß ihrer überweltlichen Beschaffenheit in ihren Eigenschaften eine große Verwandtschaft mit dem Geistigen besitzt, die eigentlich entsprechende Wohnstätte für die geistige Natur; durch eine wunderbare Vorsehung aber findet eine Verbindung der geistigen Natur mit der sinnlichen statt, damit nach des Apostels Lehre nichts von der Schöpfung verwerflich (1 Tim. 4, 4) oder von der Gottesgemeinschaft ausgeschlossen erscheine. Als diese Vereinigung von geistiger und sinnlicher Natur wurde denn der Mensch von Gott dargestellt, wie der Schöpfungsbericht lehrt; denn wie es im Schöpfungsberichte heißt (Gen. 2, 7 ff.), nahm Gott Staub von der Erde und bildete daraus den Menschen, und dann pflanzte er dem Gebilde durch Anhauchen das Leben ein, damit so eine Verbindung von Erdhaftem und Göttlichem erreicht werde und von diesem einen Gnadenwerk die gleiche Ehre auf die ganze Schöpfung überströme, insofern im Menschen das Irdische mit dem Überirdischen eine enge Vereinigung feierte.

Damals, als die rein geistige Welt schon bestand und jede der Engelmächte von der über alles herrschenden Majestät eine besondere Tätigkeit zur Instandhaltung des Universums angewiesen erhielt, hatte eine dieser Engelmächte von der höchsten Kraft unter Verleihung besonderer Gewalt den Auftrag bekommen, die untere Region innezuhaben und zu regieren. Als nun das aus Erde stammende Geschöpf als Ebenbild der höchsten Macht geschaffen ward ― dieses Lebewesen war der Mensch ― und durch eine geheimnisvolle Kraft die gottähnliche Schönheit der geistigen Natur mit ihm verbunden war, da hielt jener Geist, dem die Verwaltung des Irdischen zugeteilt war, es für schrecklich und unerträglich, daß aus der ihm untergeordneten Natur ein Wesen hervorginge, das Ähnlichkeit mit der höchsten Majestät habe. Wie aber dieser Geist, obwohl ihn der Schöpfer, der nur aus Güte alles ins Dasein rief, zu nichts Bösem erschaffen hatte, in die Leidenschaft des Neides versank, dies ausführlich zu erörtern gehört zwar zur gegenwärtigen Abhandlung nicht, aber vielleicht ist es angezeigt, auf die Sache in Rücksicht auf solche, welche hartgläubig sind, etwas einzugehen.

Der Unterschied zwischen Gut und Bös darf nicht so aufgestellt werden, als wenn es sich um zwei wirklich existierende Dinge handeln würde, sondern wie man bezüglich des Gegensatzes zwischen Existierendem und Nichtexistierendem nicht so verfahren darf, als ob das Nichtexistierende dem Existierenden als etwas Existierendes gegenüberstände, sondern nur erklären kann, die Nichtexistenz bilde den Gegensatz zur Existenz; auf die nämliche Weise steht die Schlechtigkeit dem Begriff der Tugend gegenüber, nicht als ob sie etwas für sich Existierendes wäre, sondern als etwas, was wir bei Abwesenheit des Guten zu denken haben. Und wie wir sagen, die Blindheit sei der Gegensatz zum Sehen, nicht als ob die Blindheit für sich in der Natur bestünde, sondern als Mangel einer vorher vorhandenen Fähigkeit, so erklären wir, die Schlechtigkeit trete durch die Beraubung des Guten ein, wie das Dunkel durch das Verschwinden des Lichtes. Da nun bloß die ungeschaffene Natur einer Bewegung im Sinne von Wechsel und Veränderung unfähig ist, alles andere dagegen der Veränderung unterliegt, weil es ausnahmslos, insofern es vom Nichtsein in das Sein überführt wurde, selbst durch eine Veränderung zu existieren begann, da ferner der erwähnte geschaffene Geist auf Grund seiner freien Willensentschließung wählte, was er wollte, und da er endlich seinen Blick nicht auf den unendlich Guten und völlig Neidlosen richtete: so hat er, wie jeder, der mitten im Sonnenlicht das Auge mittels der Lider schließt, bloß Dunkelheit wahrnimmt, nur das dem Guten Entgegengesetzte erblickt. Und dies war der Neid.

Allgemein gilt der Anfang dessen, was geschieht oder ist, als die Ursache der daraus sich ergebenden Folgen. Auf Gesundheit folgt z. B. Wohlbehagen, Arbeitsfreudigkeit und Frohsinn, auf Krankheit dagegen Unbehagen, Untätigkeit und Mißmut. Ähnlich folgt auch alles übrige den Ursachen, mit denen es kraft des natürlichen Zusammenhanges verknüpft ist. Gleichwie also Leidenschaftslosigkeit den Anfang und die Grundlage des Tugendlebens bildet, so erscheint die durch den Neid entstandene Hinneigung zum Bösen als der erste Schritt zu allen nachher eingetretenen Übeln.

Nachdem nämlich jener Geist in sein Inneres durch Abkehr vom Guten den Neid zugelassen und die Neigung zum Bösen in sich aufgenommen hatte, so ward er, wie ein von der Bergspitze losgerissener Stein durch die eigene Schwere in die Tiefe stürzt, in ähnlicher Weise, sobald er seine Verbindung mit dem Guten löste und dem Bösen entgegenwankte und zustimmte, von selbst wie durch eine Schwerkraft zur äußersten Grenze der Bosheit hingerissen, und die Denkkraft, welche er vom Schöpfer als Gehilfin erhalten hatte, um sich seine Teilnahme am Besseren zu sichern, als Gehilfin zur Erfindung boshafter Pläne verwendend, hinterging er den Menschen listig durch Trug und überredete ihn, zum Mörder und Henker an sich selbst zu werden. Denn da der Mensch, mit dem göttlichen Segen reichlich ausgerüstet, durch seine Hoheit erhaben dastand (er sollte ja über die Erde und über alles auf ihr herrschen), schön von Gestalt (denn er war Ebenbild der Urschönheit), von Natur keinem Leiden ausgesetzt (er war ja Nachahmung des Leidenslosen), voll Zuversicht, weil die Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht genießend, diese Vorzüge aber gerade für den Widersacher Zündstoff zur Leidenschaft des Neides waren, derselbe jedoch seine schlimmen Absichten auf dem Wege der Gewalt und des Zwanges nicht auszuführen vermochte (denn die Kraft des göttlichen Segens im Menschen war größer als seine Gewalt), so sann er darauf, den Menschen von der ihn stärkenden Macht Gottes abwendig zu machen, damit er dann als leichte Beute ihm in die Schlinge seiner Hinterlist falle.

Und wie jemand, falls er an einer Lampe, deren Docht vom Feuer ganz ergriffen wurde, die Flamme durch Blasen nicht auslöschen kann, Wasser unter das Öl mischt und durch dieses klug erdachte Mittel die Flamme schwächt, so mischte der Widersacher hinterlistigerweise in das Verlangen des Menschen Böses und bewirkte so ein Verlöschen und eine Minderung des göttlichen Segens; mit dessen Abnahme trat notwendig das Gegenteil an seine Stelle; das Gegenteil aber vom Leben ist der Tod, von der Kraft die Schwäche, vom Segen der Fluch, von der Zuversicht die Scham, und so erblicken wir von jedem Guten ein böses Gegenstück in uns. Darum steht es jetzt so schlimm um die Sache des Menschengeschlechtes, weil der dargelegte Anfang den Grund zu einem solchen Ende legte.Kapitel 7. Trotz aller irdischen Übel ist und bleibt Gott der Schöpfer des Menschengeschlechtes. Es gibt nur ein Übel ― die Sünde, und an dieser ist Gott nicht schuld.

Kapitel 7. Trotz aller irdischen Übel ist und bleibt Gott der Schöpfer des Menschengeschlechtes. Es gibt nur ein Übel – die Sünde, und an dieser ist Gott nicht schuld.

Keiner frage, warum denn Gott, obgleich er das Unglück voraussah, das über den Menschen infolge seiner Torheit kam, zur Erschaffung des Menschen schritt, für den es vielleicht besser gewesen wäre, nicht erschaffen zu werden, als von Übeln umgeben zu sein. Derartiges pflegen die durch Täuschung verführten Anhänger der manichäischen Lehren zur Aufrechterhaltung ihres Irrtums vorzubringen, um dadurch nachzuweisen, daß der Schöpfer der menschlichen Natur ein böses Wesen sei. Denn wenn Gott alles weiß, der Mensch aber voll Elend ist, so könnten wir vielleicht gar unseren Begriff von der göttlichen Güte nicht mehr festhalten, wenn er ja den Menschen dazu ins Dasein rief, damit er nachher mitten im Elend lebe. Kommt es nämlich einer guten Natur durchaus zu, nur Gutes zu schaffen, so können wir, wirft man ein, unser trauriges und hinfälliges Leben nicht auf die schöpferische Tätigkeit des guten Gottes zurückführen, sondern müssen für den Schöpfer eines solchen Lebens einen anderen halten, dessen Natur starke Neigung zum Bösen hat. Denn dies und Ähnliches scheint allerdings denen, welche den häretischen Irrtum wie eine Beize tief in sich aufgenommen haben, wegen der oberflächlichen Wahrscheinlichkeit eine gewisse Stärke zu besitzen, alle aber, welche gründlicher nach Wahrheit forschen, sehen deutlich, daß eine solche Ansicht falsch und leicht als trügerisch zu erweisen ist.

Wir werden gut daran tun, den Apostel als Wortführer bei der Widerlegung der Gegner zu wählen. In seinem Brief an die Korinther (1 Kor. 2, 15 ff.) unterscheidet er zwischen fleischlichen und geistigen Seelenverfassungen und mahnt in seinen Darlegungen, wie ich glaube, man solle das Gute und Schlimme nicht nach dem sinnlichen Eindruck beurteilen, sondern, ohne die Wirkungen auf den Leib zu beachten, die Natur des Guten und seines Gegenteils an und für sich untersuchen; denn der Geistige, sagt er, beurteilt alles. Wie ich vermute, wurden unsere Gegner zu ihrem erwähnten Irrtum dadurch veranlaßt, daß sie den Begriff des Guten nach dem Genuß, den es für den Leib gewährt, umschrieben und folgerichtig alsdann, da nun einmal unser Körper, weil zusammengesetzt und der Auflösung entgegengehend, notwendig Leiden und Krankheiten unterworfen ist, diese aber wiederum im Körper Schmerzen hervorrufen, zu der Meinung kamen, die Erschaffung des Menschen sei das Werk eines bösen Gottes.

Nun ― wenn doch ihr Verstand mehr in die Höhe blicken und sie, ihren Geist mehr von der Genußsucht losmachend, unbefangen die Natur der Dinge betrachten würden, so könnten sie nicht meinen, daß es außer der Sünde noch ein Übel gäbe. Alle Sünde aber besteht ihrem Wesen nach in der Beraubung des Guten, da sie nicht an sich selbst etwas ist und keine eigene Existenz zeigt; denn nichts Böses existiert außerhalb des Willens für sich, sondern deshalb, weil es nicht das Gute ist, wird es so genannt. Das Nichtseiende existiert nicht, und Schöpfer des Nichtexistierenden kann nicht der sein, der nur das Existierende geschaffen hat. Also hat Gott keine Verantwortung für das Böse, er, der da der Urheber des Seienden, keineswegs aber des Nichtseienden ist, der das Sehvermögen, nicht die Blindheit bildete, der die Tugend, nicht deren Beraubung schuf, der den nach der Tugend Wandelnden als Kampfpreis für die freie Willensentscheidung das Ehrengeschenk großer Güter vorlegt, nicht aber die menschliche Natur mit Zwangsanwendung unter seinen Willen knechtet, indem er die Menschen wie ein lebloses Gerät willenlos zum Guten hinziehen würde. Wenn aber einer beim hellen Strahl des Himmelslichtes freiwillig die Augen schließt, so ist die Sonne ohne Schuld, wenn er nicht sieht.Kapitel 8. Der Tod ist kein Übel. Gott schuf den Menschen, obgleich er dessen Fall voraussah. Gott ist aber auch der Erlöser des Menschengeschlechtes.

Kapitel 8. Der Tod ist kein Übel. Gott schuf den Menschen, obgleich er dessen Fall voraussah. Gott ist aber auch der Erlöser des Menschengeschlechtes.

Wer aber auf die Auflösung unseres Leibes hinblickt, wird schmerzlich berührt und hält die Zerstörung des Lebens für ein hartes Geschick; ja das Verlöschen unseres Daseins im Tode bezeichnet er für das größte Übel. So erwäge er denn die übergroße Wohltat, die uns Gott durch dieses dunkle Los erweist, vielleicht wird er dann dahingebracht, daß er die Gnade der göttlichen Fürsorge für den Menschen bewundert! Wer lebt, hat das Verlangen in sich, sein Leben im Genuß des Angenehmen zu verbringen; wer daher sein Leben in Leid verbringen muß, wird das Nichtsein einem leidvollen Dasein vorziehen. Fragen wir nun, ob der Spender des Lebens für uns beim Tode einen anderen Wunsch hat, als daß wir ganz glücklich leben. Da wir nämlich durch freie Willenstat, indem wir das Böse wie ein mit Honig versüßtes Gift aus Lüsternheit unserer Natur beimischten und da wir hierdurch der offenbar in Leidensfreiheit bestehenden Glückseligkeit verlustig gingen und eine Umgestaltung erfuhren, wie es unserer Sünde entsprach, so wird der Mensch wie ein irdenes Gefäß wieder in Erde aufgelöst, damit er nach Ausscheidung des Schmutzes, den er jetzt an sich trägt, durch die Auferstehung zu seiner ursprünglichen Schönheit umgebildet werde, vorausgesetzt, daß er im gegenwärtigen Leben die Ebenbildlichkeit mit Gott sich zu retten wußte.

Diesen Glaubenssatz verkündet uns, wenngleich in der Form von Erzählungen und Rätseln oder Gleichnissen, auch Moses; doch blickt auch in letzteren die Lehre deutlich hindurch. Nach seinem Bericht (Gen. 3, 21) legte der Herr, nachdem die ersten Menschen das Verbot übertreten hatten und ihrer Glückseligkeit entblößt waren, den Stammeltern Kleider aus Fellen an. Hiebei scheint aber die Absicht der Erzählung nicht gewöhnliche Felle im Auge zu haben; denn was für Tiere hätten denn wohl geschlachtet und abgehäutet werden müssen, um jene zu bekleiden? Vielmehr, da jede vom lebenden Tiere abgetrennte Haut tot ist, so glaube ich, daß der göttliche Arzt unserer Verderbtheit die Fähigkeit zu sterben, welche von den unvernünftigen Tieren entlehnt ist, aus treuer Sorge für uns den Menschen gleichsam wie ein Kleid umlegte ― jedoch um nicht für immer die menschliche Natur damit zu umgeben. Das Kleid ist ja etwas äußerlich Umgehängtes, das eine Zeitlang dem Körper Dienste leistet, aber nicht mit der Natur verwächst. Sonach wurde die Sterblichkeit der Natur der unvernünftigen Tiere entnommen und in weiser Absicht der zur Unsterblichkeit geschaffenen Natur umgelegt in einer Weise, daß sie nur deren Äußeres, nicht deren Inneres umhüllt und nur den sinnlichen Teil berührt, ohne das göttliche Ebenbild selbst zu verletzen. Aber auch der sinnliche Teil wird bloß aufgelöst, jedoch nicht vernichtet. Vernichtung bedeutet nämlich den Übergang in das Nichtsein, Auflösung dagegen die Zurückführung in die kosmischen Elemente, aus denen das Betreffende besteht. Was aber in diese übergeht, ist nicht verloren, auch wenn es sich unserer sinnlichen Wahrnehmung entzieht.

Die Ursache der Auflösung ergibt sich klar aus der angezogenen (biblischen) Erzählung. Weil nämlich die geistige Natur hoch über den Sinnesempfindungen steht, die Sinnlichkeit aber mit dem Gröberen und Irdischen verwandt ist und weil deshalb auf Grund der durch die Sinne vorgenommenen Prüfung die Entscheidung über das Gute in die Irre geführt wurde, dieser Irrtum hinsichtlich des Guten die Veränderung des ursprünglichen Zustandes in das gerade Gegenteil verschuldete, so wird der leibliche Teil von uns, weil er durch die Aufnahme des Bösen (= der verbotenen Frucht) von seiner Würde herabsank, der Auflösung preisgegeben. Der Gedanke, welcher der Erzählung zugrunde liegt, hat Ähnlichkeit mit folgendem: nehmen wir an, ein Gefäß bestehe aus Ton, dasselbe sei aber heimtückisch mit Blei ausgefüllt worden, welches sich dann, nachdem es hart geworden, nicht mehr entfernen lasse; wenn nun der Besitzer gerade dieses Gefäß wünscht und sich auf das Töpferhandwerk versteht, so kann er es zerbrechen und nach Beseitigung des Bleis in seine frühere Gestalt umformen, damit es seinem Gebrauche entspricht. Ähnlich wird der Bildner unseres Gefäßes, nachdem dem sinnlichen, das ist dem körperlichen Teile die Schlechtigkeit beigemischt ward, den Stoff, der das Böse in sich aufgenommen hatte, auflösen, von dem Beisatz reinigen und durch die Auferstehung neu formen, so daß das Gefäß wieder zur ersten Schönheit umgestaltet wird.

Da aber Leib und Seele an den sündhaften Affekten gemeinsam beteiligt sind und auch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Tod des Leibes und der Seele besteht ― wie wir bezüglich des Leibes dessen Trennung vom sinnlichen Leben allgemein Tod nennen, so geben wir bezüglich der Seele der Trennung derselben vom wahren Leben den nämlichen Namen, weil nun, wie gesagt, die Beteiligung am Bösen für Leib und Seele die gleiche ist (durch beide tritt ja die Sünde in die Wirklichkeit), darum erfaßt zwar der Auflösungstod infolge des Anlegens jener Felle die Seele nicht (denn wie sollte das Nichtzusammengesetzte aufgelöst werden?), aber auch an ihr haften Sündenflecken, welche getilgt werden müssen, und deshalb ist ihr im gegenwärtigen Leben das Tugendstreben als Mittel zur Heilung solcher Wunden dargeboten. Bleibt sie aber ungeheilt, so wird die Kur im zukünftigen Leben vorgenommen.

Allein wie es verschiedene Krankheiten des Leibes gibt, von denen die einen leicht, die anderen schwieriger zur Heilung gelangen, wobei Schnitte, Brenneisen und bittere Tränke zur Hebung des dem Körper zugestoßenen Leidens angewendet werden, so stellt auch das künftige Gericht zur Heilung der Seelengebrechen Ähnliches in Aussicht was zwar für die Leichtfertigeren eine Androhung und Vorhaltung von Schrecknissen bedeutet, damit sie durch Furcht vor den schmerzlichen Gegenmitteln zur Besinnung gebracht werden und das Böse meiden, von den Einsichtigeren aber als ein Heil- und Kurverfahren von Seite Gottes angesehen wird, der sein Gebilde in den früheren Gnadenstand zurückversetzen will. Denn wie diejenigen, welche die am Körper widernatürlich entstandenen Hühneraugen und Warzen durch Schneiden und Brennen beseitigen wollen, zwar den von ihnen Behandelten nicht ganz schmerzlos die Heilung verschaffen, aber doch nicht zum Schaden der Patienten den Schnitt vornehmen, so werden auch alle Auswüchse der Materie, welche sich an unseren durch die Teilnahme an sündhaften Affekten verfleischlichten Seelen verhärtet haben, zur Zeit des Gerichtes ausgeschnitten und abgefeilt durch die unaussprechliche Weisheit und Macht dessen, der, wie das Evangelium sagt (Matth. 9, 12; Mark. 2, 17; Luk, 5, 31), die Kranken gesund macht; denn es heißt dort: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.“

Weil aber die Seele enge mit dem Bösen verwachsen ist . . . ., gleichwie das Ausschneiden der Warzen die Oberhaut schmerzt (denn der mit der Natur verwachsene Auswuchs hält mit einer Art Anhänglichkeit an seiner Grundlage fest, und es entsteht eine eigentümliche Verbindung des Fremdartigen mit unserem Körper, so daß, wenn der Auswuchs beseitigt wird, unser Gefühl Schmerz und Pein empfindet), ebenso stellen sich auch, wenn die Seele wegen der Vorwürfe über die Sünde, wie der Prophet irgendwo sagt (Ps. 39, 11 [hebr. Ps. 40, 11]), sich abhärmt und abquält, wegen der tiefgehenden Verknüpfung mit dem Bösen gewisse unaussprechliche und unbeschreibliche Schmerzen ein, die sich ebensowenig schildern lassen, wie die Natur der Güter, die wir hoffen; denn weder diese noch jene erreicht die Macht der Rede oder das Forschen des Verstandes.

Wer also auf das Ziel der Weisheit dessen, der die Welt regiert, hinblickt, dürfte wohl nicht mehr mit stichhaltigen Gründen den Schöpfer der Menschen als Urheber des Bösen bezeichnen, indem er behauptet, derselbe kenne entweder die Zukunft nicht oder er sei, wenn er sie kannte und dennoch zur Erschaffung schritt, von der Hinneigung zum Bösen nicht freizusprechen. Im Gegenteil: Gott wußte sehr wohl, was eintrat, und doch hinderte er mit vollem Bewußtsein den Lauf der Dinge nicht, die da kommen sollten. Denn der Abfall der Menschen vom Guten konnte dem nicht verborgen sein, der durch seine Vorsehung alles beherrscht und das Künftige ebensogut kennt wie das Vergangene. Allein wie er jenen Abfall voraussah, so nahm er zugleich auch die Zurückrufung des Menschen zum Guten in seinen Plan auf. Was war nun besser, in der Voraussicht, daß der Mensch vom Guten abweiche, ihn überhaupt nicht ins Dasein zu rufen, oder aber ihn dennoch zu erschaffen und nach dem Falle wieder durch Buße zur ursprünglichen Gnade zurückzurufen? Um der körperlichen Schmerzen willen, welche den vergänglichen Teil unserer Natur mit Notwendigkeit treffen, Gott als den Urheber des Bösen zu bezeichnen oder gar ihn nicht einmal für den Schöpfer des Menschen zu halten, um ihm nicht die Schuld an unserem Elende beizumessen, dies verrät die äußerste Kurzsichtigkeit von Menschen, die da das Gute und Böse nach der Wirkung auf die Sinnesempfindung beurteilen und nicht wissen, daß seiner Natur nach sehr wohl gut sein kann, was unseren sinnlichen Teil nicht berührt, und daß das Böse nur die Entfremdung vom Guten ist. Nach Schmerz und Lust das Gute und Nichtgute unterscheiden ist ein Kennzeichen der unvernünftigen Natur, weil bei dieser wegen Mangel an Vernunft und Verstand die Erkenntnis dessen, was wahrhaft gut ist, nicht vorhanden sein kann. Allein daß der Mensch von Gott geschaffen wurde sowie daß er gut und zur Glückseligkeit bestimmt ist, ergibt sich nicht bloß aus dem Gesagten, sondern aus unzähligen anderen Gründen, welche wir jedoch jetzt übergehen müssen, um uns nicht in Weitläufigkeit zu verlieren.

Wenn wir aber Gott als den Schöpfer des Menschen festhalten, so dürfen wir nicht vergessen, was wir in der Einleitung gegen die Heiden bemerkten. Dort haben wir gezeigt, daß das Wort Gottes, wesenhaft und persönlich existierend, sowohl Wort als auch Gott ist und alle Schöpfermacht besitzt oder vielmehr die Allmacht selbst ist, ferner daß es nur das Gute anstrebt und soweit es will, auch ausführt, weil seinem Willen die entsprechende Macht zur Seite steht, desgleichen daß das Leben der Geschöpfe sein Wille und Werk ist, und daß von ihm zumal der Mensch ins Dasein gerufen und durch herrliche Gaben zur Ähnlichkeit mit Gott erhoben wurde. Da nun das Unerschaffene von Natur aus unwandelbar ist, alles dagegen, was durch die unerschaffene Natur erschaffen wurde, eben als Geschaffenes durch eine Veränderung sein Dasein begann und in steten Veränderungen sich weiterentwickelt, sei es daß bei naturgemäßer Entfaltung eine stete Veränderung zum Besseren stattfindet, sei es, daß beim Abgehen vom rechten Wege eine Wendung zum Schlimmen eintritt, und da nun auch der Mensch zu dieser Gattung gehört und seine Veränderlichkeit zum Schlimmen ausglitt, die einmalige Aufgabe des Guten alle Art von Übeln mit Notwendigkeit zur Folge hatte, so daß durch die Abkehr vom Leben der Tod eingeführt wurde, durch die Wegnahme des Lichtes die Finsternis entstand, durch die Entfernung der Tugend die Schlechtigkeit eintrat und statt der größten Fülle von Gütern ein ganzes Heer von Übeln einzog, ― durch wen sollte nun der Mensch, nachdem er aus Torheit in solches Unheil gefallen war (unmöglich konnte er weise sein, da er der Weisheit den Rücken gekehrt hatte, unmöglich klug, da er der Klugheit entflohen war), wieder zur ursprünglichen Gnade zurückgerufen werden? Wem ziemte wohl die Aufrichtung des Gefallenen? wem die Heimholung des Verlornen? wem die Zurechtweisung des Verirrten? Wem sonst als jedenfalls dem Herrn der Natur? Denn nur für jenen, der ursprünglich das Leben verliehen hatte, war es möglich und geziemend, das verlorne Leben wieder zu erschaffen. Und dies gerade lernen wir durch das Geheimnis der Wahrheit, indem wir durch dasselbe belehrt werden, daß Gott es ist, der den Menschen im Anfange schuf und dann nach dem Falle wieder errettete.Kapitel 9. Die Menschwerdung Gottes ist seiner nicht unwürdig.

Kapitel 9. Die Menschwerdung Gottes ist seiner nicht unwürdig.

Wer auf die Folgerichtigkeit meiner Darlegungen achtet, wird ihnen bis hieher zustimmen, weil keine meiner Aufstellungen etwas enthält, was dem richtigen Gottesbegriff zuwider wäre. Anders wird aber das Verhalten gegen das Folgende sein, worin gerade der Kern des Glaubensgeheimnisses liegt; ich meine die menschliche Geburt, das Wachstum von der Kindheit bis zum Mannesalter, Essen und Trinken, Ermüdung und Schlaf, Trauer und Tränen, Anklage und Gericht, Kreuz und Tod und Grablegung. Diese Überlieferungen, welche wir zugleich mit dem Geheimnis überkommen haben, erschweren für die Kurzsichtigen den Glauben nach einer Richtung, so daß sie wegen der soeben berührten Tatsachen das Folgende nicht annehmen wollen: sie sträuben sich nämlich, die Auferstehung von den Toten, welche ohne allen Zweifel, Gottes sehr würdig ist, anzunehmen, und zwar wegen des Todes, den sie voraussetzt, und der Unziemlichkeit für Gott bedeute.

Dagegen glaube ich, daß man vor allem seinen Geist von fleischlicher, niedriger Auffassungsweise losmachen und das Gute an und für sich samt seinem Gegensatz untersuchen muß, um die Merkmale zu finden, welche jedes von beiden aufweist. Wie ich nämlich glaube, wird niemand den Satz bestreiten, Schande bringe seiner Natur nach lediglich das Schlechte, keineswegs aber das Nicht-Schlechte, ferner alles, was keine Schande bringt, sei etwas wahrhaft Gutes ohne jeden Beigeschmack des Gegenteils; für Gott schickt sich wieder gewiß alles, was zum Bereiche des Guten gehört. Daher müssen die Gegner entweder beweisen, etwas Schlechtes sei die Geburt, die Ernährung, das Wachstum, die Entwicklung der Natur bis zur Mannesreife, das Kosten des Todes, die Rückkehr aus dem Tode, oder aber sie müssen, wenn sie zugestehen, diese Dinge seien unmöglich als schlecht zu bezeichnen, notwendig auch zugeben, daß sie, eben weil sie nicht schlecht sind, auch keine Schande bringen können. Wenn nun aber das, was von aller Schlechtigkeit und Schändlichkeit weit entfernt ist, unabweisbar als gut angesehen werden muß, wie können sie dann jene wegen ihrer Unvernunft nicht anklagen und bedauern, welche die Behauptung aufstellen, für Gott gezieme sich das Gute nicht.Kapitel 10. Die Menschwerdung scheitert nicht an der Unendlichkeit Gottes einerseits und an der Endlichkeit des Menschen anderseits.

Kapitel 10. Die Menschwerdung scheitert nicht an der Unendlichkeit Gottes einerseits und an der Endlichkeit des Menschen anderseits.

Aber die menschliche Natur, wirft man ein, ist etwas gar Kleines und Begrenztes, die Gottheit dagegen etwas Unendliches; wie könnte denn das unendlich Große von dem unendlich Kleinen umschlossen werden? Allein wer sagt denn, daß die Unendlichkeit Gottes von den Schranken des Fleisches wie von einem Gefäß umschlossen ward? Nicht einmal in unserem menschlichen Leben bildet die Grenze des Fleisches eine Schranke für den Geist; nur das massige Fleisch wird durch seine eigenen Bestandteile umgrenzt; die Seele dagegen breitet sich auf den Schwingen des Gedankens frei in der ganzen Schöpfung aus, indem sie ebenso bis zum Himmel hinauf- als in die Tiefen hinabsteigt, über die Oberfläche der Erde wandelt und auch unterhalb derselben ihre Forschungen anstellt, oft aber auch in die Wunder der jenseitigen Welt betrachtend sich erhebt, ohne daß sie durch die Last des Körpers daran gehindert wäre.

Wenn also unsere Seele trotz ihrer von der Natur notwendig geforderten Verbindung mit dem Körper überall gegenwärtig sein kann, was zwingt uns denn, zu sagen, die Gottheit werde von der Natur des Fleisches eingeschlossen, anstatt lieber durch schickliche Beispiele uns eine würdigere Vorstellung von dem göttlichen Heilswerke zu machen? Wie man nämlich an einer Fackel das Feuer den Brennstoff umzingeln sieht und der Verstand das Feuer am Stoffe ganz gut von dem das Feuer nährenden Stoff zu unterscheiden vermag, in Wirklichkeit aber beide nicht voneinander getrennt werden können, so daß man etwa das Feuer losgelöst vom Brennstoff, zu zeigen vermöchte, vielmehr beide eine untrennbare Einheit ausmachen, ― niemand übertrage mir jedoch die Vergänglichkeit des Feuers in das Vergleichsobjekt, sondern jeder möge nur das Entsprechende am Beispiele annehmen, alles Nicht-Entsprechende oder Unpassende bei Seite lassen ―, auf dieselbe Weise also wie wir die Flamme zwar mit dem Brennstoff enge verbunden, aber doch keineswegs von ihm eingeschlossen sehen, was hindert uns dann noch, eine gewisse Einheit und Verbindung der göttlichen Natur mit der menschlichen anzunehmen und trotz dieser Verbindung den richtigen Gottesbegriff festzuhalten, in der Überzeugung, daß die Gottheit von den Schranken der Endlichkeit frei bleibt, auch wenn sie in einem Menschen wohnt?

 

Kapitel 11. Das beste Analogon zur Verbindung der Gottheit mit der Menschheit ist die Verbindung der Seele mit dem Leibe.

Wenn du aber frägst, wie die Gottheit mit der Menschheit sich verbinde, so mußt du zuvor fragen, welches die Verbindung der Seele mit dem Leibe sei. Bleibst du aber über die Art und Weise der Verbindung der Seele mit dem Leibe im Unklaren, so darfst du dir nicht einbilden, jenes liege innerhalb der Grenzen unseres Begreifens; vielmehr wie wir hier, weil das Fleisch losgetrennt von der Seele, tot und ohnmächtig ist, überzeugt sind, daß der Leib etwas anderes ist als die Seele, und doch die Art der Verbindung nicht begreifen, so bekennen wir auch dort, daß die göttliche Natur wegen ihrer unvergleichlichen Herrlichkeit von der sterblichen und hinfälligen Menschennatur verschieden sei, aber wir können nicht zugeben, daß wir die Art und Weise der Verbindung des Göttlichen und Menschlichen begreifen, sondern daß zwar Gott in der menschlichen Natur geboren wurde, bezweifeln wir wegen der berichteten Wunder nicht, das Wie aber zu erforschen, lehnen wir, als unseren Verstand übersteigend, ab.

Denn wenn wir auch glauben, daß die ganze körperliche und geistige Schöpfung durch die unkörperliche und ungeschaffene Natur ihre Existenz empfangen habe, so lassen wir uns durch diesen Glauben keineswegs dazu verleiten, das Woher oder das Wie zu durchforschen, sondern wir nehmen die Tatsache an, lassen aber die Art und Weise der Erschaffung des Universums unerörtert, weil sie unaussprechlich und nicht erklärlich ist.

Kapitel 12. Die Gottheit Christi erhellt aus seinen Werken.

Wer aber dafür, daß Gott im Fleische sich geoffenbart habe, die Beweise sucht, der sehe hin auf seine Werke. Denn auch für die Existenz Gottes überhaupt haben wir wohl auch keinen anderen Beweis als den, der in seinen Werken liegt. Wie wir nun im Hinblick auf das Universum und in ernster Würdigung der Einrichtungen der Welt und der Wohltaten, die uns Gott während unseres Lebens spendet, zur Einsicht gelangen, daß über uns eine Macht thront, welche alles Werdende erschafft und alles Seiende erhält, so dürfen wir auch hinsichtlich der Offenbarung Gottes im Fleische als völlig genügenden Beweis die machtvollen Wunder betrachten, weil wir an den vom Herrn berichteten Werken alle jene Merkmale wahrnehmen, welche die göttliche Natur auszeichnen. Gott nur kann die Menschen ins Leben rufen, Gott nur den Lebenden durch seine Vorsehung erhalten, Gott nur ihnen Speise und Trank geben, so lange sie im Fleische leben, Gott nur die Natur durch Heilung wiederherstellen, wenn sie durch Krankheit gelitten, Gott nur in gleicher Weise die ganze Schöpfung beherrschen: Erde, Meer, Luft und die Regionen über der Luft, Gott nur eine Macht besitzen, die alles vermag und vor allem Tod und Verwesung überwindet.

Wenn nun die Geschichte des Herrn in diesen und ähnlichen Punkten ein Zurückbleiben aufweisen würde, so hätten die Ungläubigen das Recht, unser Glaubensgeheimnis zu verwerfen; wenn aber alle Merkmale, die Gott kennzeichnen, in den Berichten über ihn sich finden ― was kann man dann noch als Hindernis des Glaubens angeben?Kapitel 13. Geburt und Tod beweisen nicht die bloße Menschheit Jesu.

Kapitel 13. Geburt und Tod beweisen nicht die bloße Menschheit Jesu.

Aber, wirft man ein, Geburt und Tod sind ein Merkmal der fleischlichen Natur. Auch ich gebe dies zu. Doch das, was bei Jesus der Geburt vorausging und dem Tode nachfolgte, weist weit über die Zugehörigkeit zu unserer Natur hinaus. Denn wenn wir die beiden Grenzpunkte des menschlichen Lebens ins Auge fassen, so wissen wir, von woher wir unseren Anfang nehmen und womit wir endigen. Durch Leidenschaft nämlich erhält der Mensch den Anfang des Seins, und in Leiden endet er. Dort aber begann weder die Geburt durch Leidenschaft, noch endigte der Tod in Leiden; denn weder ging der Geburt die Lust voraus, noch folgte dem Tode die Verwesung. Glaubst du nicht dem Wunder? Ich freue mich über deinen Unglauben; denn damit gibst du zu, daß die Vorgänge, um derentwillen du das Gesagte für unglaubenswürdig hältst, über die Natur hinausgehen; aber gerade dies kann dir zum Beweis für die Gottheit des Erschienenen werden, weil die Berichte über ihn sich nicht im Geleise des bloß Natürlichen bewegen. Denn wenn die Berichte über Christus innerhalb der Grenzen der Natur bleiben würden, wo wäre dann das Göttliche? Wenn sie aber die Schranken der Natur überschreiten, so beweisen gerade jene Stücke, die du nicht glauben willst, die Gottheit dessen, der gepredigt wird.

Der Mensch allerdings wird durch Paarung erzeugt und nach seinem Tod verfällt er der Verwesung. Würde die Predigt dieses vom Herrn verkünden, so könntest du niemals an seine Gottheit glauben, weil alsdann Merkmale unserer Menschennatur wie unwiderlegliche Zeugnisse an ihm haften würden. Wenn dir dagegen gesagt wird, er sei zwar geboren worden, er sei aber auch sowohl durch die Art und Weise seiner Geburt als auch durch die Fernhaltung der Verwesung dem gewöhnlichen Verlauf des menschlichen Lebens entrückt worden, so wird es nur gut und folgerichtig sein, wenn du deinem Denken eine andere Richtung gibst und dich zu dem Glauben entschließest, Jesus Christus gehöre nicht zu den Menschen, die durch ihre ganze Natur als solche sich erweisen; denn wer nicht glaubt, daß ein mit solchen Merkmalen Ausgestatteter ein bloßer Mensch sei, muß notwendig zum Glauben gelangen, daß dieser wirklich Gott sei. Denn der nämliche, der uns seine Geburt berichtet, berichtet auch, daß er aus einer Jungfrau geboren sei. Ist es nun auf Grund der Berichte glaublich, daß er geboren ward, so kann es auf den nämlichen Grund hin nicht unglaubhaft sein, daß er in der angegebenen Weise geboren wurde; denn derselbe, der uns seine Geburt erzählt, fügt auch bei, daß sie eine jungfräuliche war. Und ebenso legt jener, der uns seinen Tod berichtet, auch Zeugnis dafür ab, daß er nach dem Tode auferstanden sei. Willst du nun auf Grund dessen, was dir gepredigt wird, seine Geburt und seinen Tod zugeben, so wirst du unter allen Umständen aus dem nämlichen Grund auch zugeben müssen, daß seine Geburt fern von Leidenschaft und sein Tod fern von Leiden gewesen sei; dies geht aber über die Natur hinaus; folglich steht jener auch nicht innerhalb der Grenzen der Natur, von dem nachgewiesen wurde, daß er auf übernatürliche Weise geboren wurde.

Kapitel 14. Seine Liebe zu uns veranlaßt Gott, Mensch zu werden.

Aus welchem Grunde wohl, frägt man, stieg Gott zu solcher Niedrigkeit herab, daß unser Glaube wanken möchte, ob Gott, der doch das unfaßbare, undenkbare und unaussprechliche Wesen ist, das über alle Herrlichkeit und Hoheit ist, sich wirklich mit der armseligen Hülle der menschlichen Natur umkleidet habe, so daß durch diese Verbindung mit dem Niedrigen auch seine unendlichen Kräfte in Mitleidenschaft gezogen wurden? Auch hierauf sind wir um eine Antwort nicht verlegen, welche der Hoheit Gottes Rechnung trägt. Du fragst also nach dem Grunde, warum Gott unter den Menschen geboren werden wollte. Wenn du die Wohltaten, die uns Gott erweist, aus unserem Leben streichest, so wirst du kaum noch etwas finden, das dich zur Erkenntnis Gottes führen könnte; denn aus den Wohltaten, die wir empfangen, erkennen wir den Wohltäter. Indem wir nämlich auf das Gute, das uns zuteil wird, unser Augenmerk richten, ziehen wir daraus einen Schluß auf die Natur dessen, der es uns spendet.

Hast du nun auf diesem Wege gefunden, daß die Liebe zu uns Menschen ein besonderes Merkmal der göttlichen Natur ist, so hast du damit auch den Grund, nach dem du fragest, hast die Ursache, warum Gott unter den Menschen weilte. Es bedurfte ja des Arztes unsere kranke Natur, es bedurfte des Aufhebers der gefallene Mensch, es bedurfte des Lebendigmachers der des Lebens Verlustige; es bedurfte des Zurückführers zum Guten der der Verbindung mit dem Guten Beraubte; es sehnte sich nach der Ankunft des Lichtes der in Finsternis Gehüllte, es verlangte nach dem Retter der Gefangene, nach dem Erlöser der Gebundene, nach dem Befreier der vom Sklavenjoch Niedergedrückte. Sind dies zu geringfügige und zu unbedeutende Dinge als daß sie hätten Gott bestimmen dürfen, wie ein Arzt zum Besuche der menschlichen Natur herabzusteigen, nachdem nun einmal die Menschheit in einer so kläglichen und armseligen Lage sich befand?

Kapitel 15. Warum erlöste uns Gott nicht durch einen bloßen Willensakt?

Aber, wirft man ein, es wäre doch für Gott möglich gewesen, der Menschheit zu helfen und dabei selbst leidlos zu bleiben! Denn wenn er durch sein bloßes Denken das Universum schaffen und schon durch eine Bewegung seines Willens das Nicht-Seiende ins Dasein rufen konnte, warum wollte er nicht auch den Menschen durch eine souveräne und göttliche Verfügung der Gewalt des Feindes entreißen und in den ursprünglichen Zustand zurückführen, sobald es ihm beliebte? Warum machte er vielmehr große Umwege, indem er eine körperliche Natur annimmt, durch eine Geburt ins Leben eintritt, folgerichtig auch jedes Alter durchläuft, dann den Tod kostet und so durch seine Auferstehung zum Ziele gelangt, gerade als ob es ihm nicht freigestanden wäre, auf der Höhe der göttlichen Herrlichkeit zu verbleiben und unter Vermeidung aller Umwege durch eine göttliche Anordnung den Menschen zu erretten? ― Solchen Einwänden müssen wir nun die Wahrheit entgegenstellen, damit der Glaube aller, welche die Vernunftgemäßheit unseres Geheimnisses prüfen wollen, kein Hindernis findet. In erster Linie wollen wir, was wir teilweise bereits oben untersucht haben, in Erwägung ziehen, nämlich was im Gegensatz zur Tugend steht.

Wie dem Lichte die Finsternis, dem Leben der Tod, so steht der Tugend das Böse als Gegensatz gegenüber und sonst nichts in der Welt. Denn gleichwie unter den vielen Dingen, welche wir in der Schöpfung wahrnehmen, keines, weder Stein noch Holz, weder Wasser noch Mensch, noch irgendein anderes von den existierenden Wesen zum Licht und Leben in Gegensatz steht als einzig das, was wir als begrifflichen Gegensatz hiezu feststellen, nämlich Finsternis und Tod, so kann hinsichtlich der Tugend auch niemand behaupten, irgend etwas anderes in der ganzen Schöpfung sei ihr Gegensatz als nur das, was zum Begriff des Bösen gehört. Würde also unsere Lehre die Anschauung vertreten, Gott habe eine Verbindung mit dem Bösen eingegangen, so hätten die Gegner allerdings Veranlassung, unseren Glauben anzugreifen, weil wir Widersprechendes und Ungereimtes über die göttliche Natur aufstellten. Es wäre ja frevelhaft zu sagen, die ewige Weisheit, Güte und Unvergänglichkeit oder was sonst Erhabenes gedacht und genannt werden kann, sei in das gerade Gegenteil verfallen. Wenn nun Gott die unendliche Vollkommenheit selbst ist, der Gegensatz zur Vollkommenheit aber nicht in einer Natur, sondern einzig und allein in der Schlechtigkeit besteht, Gott ferner nicht in der Schlechtigkeit, sondern in der menschlichen Natur erschien, ungeziemend und entehrend aber lediglich der Zustand der Schlechtigkeit heißen kann, in welchen Gott jedoch niemals geriet und auch seiner Natur nach niemals geraten kann, ― was schämen sie sich also, zu bekennen, daß Gott die menschliche Natur angenommen habe, da doch an der menschlichen Ausstattung sich nichts findet, was an sich einen Gegensatz zum Guten bildet? Denn weder die Vernunft, noch der Verstand, noch die Fähigkeit zur Kunst und Wissenschaft, noch etwas anderes, was zur menschlichen Wesenheit gehört, ist dem Begriff des Guten entgegengesetzt.

Kapitel 16. Die Menschwerdung versetzte Gott auch nicht in einen seiner unwürdigen Leidenszustand.

Aber die Veränderlichkeit unseres Körpers, sagt man, bedeutet einen Zustand des Leidens; und wer immer einen solchen Körper hat, befindet sich auch in einem Leidenszustand, die Gottheit aber ist leidenslos; eine Gottes unwürdige Annahme ist es daher, wenn man meint, der von Natur aus Leidenslose habe sich in eine Verbindung mit dem Leiden eingelassen. ― Doch auch gegen diesen Einwurf können wir uns des nämlichen Vernunftgrundes bedienen, nämlich des Umstandes, daß man Leiden bald im eigentlichen Sinne nimmt, bald im uneigentlichen. Was sich nun des freien Willens bemächtigt, um ihn vom Guten zum Bösen zu verführen, all das bringt ein wahres und eigentliches Leiden mit sich; alles in unserer Natur aber, was nach bestimmten Gesetzen seinen regelmäßigen Verlauf nimmt, das dürfte man eher ein Tätigsein nennen als ein Leiden oder Dulden; dazu gehört z. B. die Geburt, das Wachstum, die Erhaltung des Subjekts durch die Nahrung, welche aufgenommen, aber auch wieder ausgeschieden wird, ebenso die Vereinigung der Elemente zum Aufbau des Ganzen, desgleichen der Zerfall des Leibes in seine Bestandteile und die darauf folgende Rückkehr derselben in verwandte Stoffe. Womit läßt nun das Geheimnis unseres Glaubens die Gottheit in Verbindung treten? Etwa mit dem wahren und eigentlichen Leiden, oder aber nur mit der naturgemäßen Entwicklung? Würde nämlich die Behauptung vertreten, die Gottheit sei sündhaft geworden, so müßte man ein solch alberne Verkündigung ablehnen, weil sie nichts Vernünftiges über Gott verbreiten würde. Wenn dagegen die Verkündigung dahin geht, er habe die menschliche Natur angenommen, deren Entstehen und Bestehen von ihm ausging, wo verstößt sie alsdann gegen den würdigen Begriff von Gott, da doch dadurch auch vom Glauben kein Leidenszustand in den Gottesbegriff hineingetragen wird? Denn auch vom Arzte sagen wir keineswegs, er verfalle in Krankheit, wenn er Kranke heilt, vielmehr bleibt der Arzt, selbst wenn er den kranken Körperteil berührt, frei von Krankheit.

Wenn nun, wie dargetan, die Geburt an sich kein Leiden im eigentlichen Sinne genannt werden kann, dann auch nicht das Leben. Freilich gibt die Wollust den Anstoß zur Geburt des Menschen, und die Neigung zum Bösen haftet wie eine Krankheit an unserer Natur: aber der Menschgewordene blieb von beiden Übeln frei, wie das Geheimnis lehrt. War nun die Wollust bei seiner Geburt ausgeschlossen und das Böse aus seinem Leben, wo bliebe dann noch Platz für ein wirkliches Leiden im dargelegten Sinn, mit welchem Gott nach unserer Glaubenslehre in Verbindung getreten wäre?

Wollte aber jemand die Trennung der Seele und des Leibes als ein Leiden bezeichnen, so hätte er mehr Grund, die Verbindung beider so zu nennen. Ist nämlich die Trennung des Verbundenen ein Leiden, dann verdient auch die Verbindung des Getrennten diesen Namen; denn eine Veränderung bedeutet sowohl die Verbindung des Getrennten als auch die Trennung des Verbundenen; daher muß man der letzteren Veränderung den nämlichen Namen geben wie der ersteren. Ist aber die erste Veränderung, welche wir Geburt nennen, kein eigentliches Leiden, so auch nicht die zweite Veränderung, welche wir Tod nennen, durch den nämlich Leib und Seele geschieden werden. Von Gott nun glauben wir, daß er die beiden Veränderungen, die unserer Menschennatur zukommen, an sich erfahren habe: sowohl diejenige, durch welche die Seele sich mit dem Körper verbindet, als auch jene, durch welche die Seele vom Körper geschieden wird.

Da ferner das Menschengebild aus Zweifachem, aus Sinnlichem und Geistigem zusammengesetzt ist, so traf Gott bei jener geheimnisvollen und unaussprechlichen Verbindung, die er einging, die Einrichtung, daß das einmal Verbundene, nämlich Leib und Seele, auch für immer verbunden bleibe. Denn da unsere Natur nach dem ihr gegebenen Gesetze auch in ihm zur Scheidung des Leibes und der Seele fortschritt, so verband er das Geschiedene durch die göttliche Macht wie mit einem Leim, indem er das Getrennte zu unauflösbarer Einheit zusammenführte. Und dies ist die Auferstehung, bei der die zuerst schon verbundenen, aber dann voneinander getrennten Bestandteile zu einer Einheit zurückkehren oder sozusagen verschmolzen werden, die keine Lösung mehr kennt, damit der ursprüngliche Gnadenstand der Menschennatur wieder hergestellt wird und die Menschen das ewige Leben zurückgewinnen, nachdem das Böse, das in unsere Natur eindrang, durch unsere Auflösung gleichsam ausrann, ähnlich wie die Flüssigkeit, sobald das Gefäß zerbricht, ausläuft und verschwindet, weil nichts mehr da ist, was sie zusammenhält. Wie aber der Tod bei einem Menschen begann und dann auf alle Menschen überging, so fing auch die Auferstehung bei Einem an und verbreitet sich von demselben auf die ganze Menschheit. Wie er nämlich die von ihm angenommene Seele wieder mit ihrem Leib vereinigt auf Grund jener höheren Macht, die vom ersten Augenblick des Lebens zu beiden gehörte, so vereinigte er in allumfassender Weise die geistige Substanz mit der sinnlichen, so daß sich, was bei ihm begann, sich bis zum Letzten der Menschen fortsetzt. Da nämlich in dem von ihm angenommenen menschlichen Doppelwesen die Seele nach dem Tode wieder in den Leib zurückkehrte, so geht von ihm wie von einem Urquell die Vereinigung des Getrennten durch göttliche Macht auf die ganze Menschheit über. Und darin liegt das Geheimnis der göttlichen Heilsordnung hinsichtlich des Todes und der Auferstehung, daß auch bei ihm, weil er dem gewöhnlichen Gang der Natur nicht hindernd in den Weg trat, durch den Tod zwar die Seele vom Leibe sich trennte, dann aber bei der Auferstehung beide wieder miteinander vereinigte, damit er selbst die Grenzscheide von beiden werde, des Todes und des Lebens, indem er einerseits in sich der weiteren natürlichen Auflösung des von der Seele getrennten Körpers Stillstand gebot, andererseits der Anfang der Wiedervereinigung der getrennten menschlichen Wesensbestandteile wurde.

Kapitel 17. Die Frage, warum uns Gott nicht durch einen Machtspruch, sondern durch die Menschwerdung erlöste, erfordert eingehendere Untersuchung.

Allein mancher wird behaupten, daß der gegen uns erhobene Einwurf noch nicht zurückgewiesen sei, ja, daß durch das Gesagte der Vorhalt der Ungläubigen noch eine Stütze erhalten habe. Wenn nämlich, wie unsere Rede hervorhob, eine so große Macht ihm zur Verfügung steht, daß von ihm sowohl die Aufhebung des Todes als auch die Wiedereinführung ins Leben abhängt, warum führt er denn seinen Heilsplan nicht durch seinen bloßen Willen aus, sondern vollzieht unsere Erlösung auf solchem Umwege, indem er sich, um den Menschen zu erretten, geboren werden und sich ernähren läßt und sogar in den Tod geht, während es ihm doch freistand, uns unter Vermeidung all dieser Umständlichkeiten das Heil zu erwerben? ― Solchen Einreden gegenüber könnte vor Gutgesinnten zwar schon der Hinweis darauf genügen, daß auch die Kranken dem Arzte durchaus nicht das Kurverfahren vorschreiben, noch mit diesem ihrem Wohltäter wegen seiner Behandlungsart ins Gericht gehen, weshalb er etwa den leidenden Körperteil berührt habe und gerade auf dieses Heilmittel verfallen sei, während ein ganz anderes am Platz gewesen wäre; sondern sie behalten das Endziel des ganzen Verfahrens im Auge und nehmen mit Dank die Wohltat entgegen, die er ihnen erweisen will. Aber weil nach den Worten des Propheten der Reichtum der göttlichen Güte ihren Segen im Verborgenen ausstreut (Ps. 30, 23 [hebr. Ps. 31, 23]) und dieselbe für uns, solange wir im gegenwärtigen Leben weilen, nicht taghell sichtbar wird, ― denn alle Einwände des Unglaubens wären sogleich abgeschnitten, wenn der Gegenstand unserer Hoffnung ganz klar vor aller Augen daläge; nun soll uns erst in der Zukunft ganz offen enthüllt werden, was wir jetzt lediglich im Glauben sehen ― so wird es wohl gut sein, hinsichtlich der noch nicht beantworteten Fragen nach Kräften eine Lösung zu suchen, die auch denen genügen dürfte, welche von Vorurteilen befangen sind.

Kapitel 18. Die Angemessenheit der Menschwerdung ergibt sich schon aus den segensreichen Wirkungen derselben.

Schwer verständlich ist es aber, daß manche, wenn sie das Weilen Gottes in einem menschlichen Lebensgang glauben sollen, in seiner Herabkunft auf Erden manche Aussetzungen zu machen haben, als ob sie nicht aus weisen und guten Gründen erfolgt sei. Denn für alle, welche der Wahrheit nicht zu schroffen Widerstand leisten, gibt es für das Wohnen Gottes hienieden einen Beweis, der von nicht geringer Bedeutung ist und schon in dem gegenwärtigen Leben in die Erscheinung tritt, ich meine den Beweis, der durch Tatsachen geliefert wird. Denn wer wüßte nicht, wie der Trug der Dämonen über alle Teile der Erde sich ausgedehnt und den höchsten Grad erreicht hatte, indem er durch den Götzenwahn das Leben der Menschen beherrschte, wie es bei allen Völkern der Welt Sitte geworden war, durch Schlachtopfer und Greuel vor den Altären den Dämonen in den Götzen zu huldigen? Seitdem aber, wie der Apostel sagte, die Heilsgnade Gottes für alle Menschen erschienen war (Tit. 2, 11), die in der menschlichen Natur zu uns herniederstieg, da verschwand all das einem Rauche gleich in Nichts, so daß aufhörte der Wahnsinn der Orakel und Zeichendeuterei, aufgehoben wurden die jährlichen Festzüge und die blutigen und unsauberen Metzeleien bei den Hekatomben und bei den meisten Völkern beseitigt wurden Altäre, Vorhöfe, Haine und Bildsäulen, sowie die übrigen Einrichtungen, welche die Götzendiener zur Täuschung ihrer selbst und ihrer Anhänger getroffen hatten, so daß man in vielen Gegenden sich gar nicht einmal erinnert, ob dies je einmal stattgefunden habe, dagegen einzogen im Namen Christi auf dem ganzen Erdenrund Tempel und Altäre, der heilige und unblutige Priesterdienst, die mehr im Werke als im Worte gepflegte erhabene Weisheitsliebe, die Geringschätzung des irdischen Lebens und die Verachtung des Todes, welche unleugbar die von den Tyrannen zur Glaubensleugnung Gedrängten an den Tag legten, da sie die Qualen des Leibes und die Verurteilung zum Tode für nichts achteten, wozu sie nicht fähig gewesen wären, wenn sie nicht einen klaren und unzweifelhaften Beweis von der Erscheinung Gottes auf Erden gehabt hätten.

Das nämliche können wir auch gegen die Juden als genügendes Zeugnis dafür verwenden, daß derjenige auf Erden erschienen ist, an den sie nicht glauben. Denn bis zur Gotteserscheinung Christi hatten sie in Jerusalem ihren glänzenden Königsthron, ihren hochberühmten Tempel, ihre alljährlichen Feste; und alles, was sonst noch in Bildern für solche, welche mit dem tieferen, mystischen Verständnis noch nicht vertraut sind, vom Gesetze vorgeschrieben war, blieb ihnen nach ihrer altehrwürdigen, verordneten Religionsübung völlig unverwehrt. Da sie aber den Erwarteten und den durch die Propheten und durch das Gesetz Vorherverkündeten gesehen hatten und doch fernerhin dem Glauben an den Erschienenen jenen trügerischen Aberglauben vorzogen, welchen sie infolge falscher Auslegung der Gesetzesworte aufrechthielten, mehr der Gewohnheit als vernünftiger Erwägung gehorchend, und die erschienene Gnade nicht annahmen, so sind die Feierlichkeiten ihres Kultus nur noch in Erzählungen vorhanden, welche keine Verwirklichung mehr finden, ihr Tempel vollends ist kaum mehr in seinen Spuren zu erkennen, von jener herrlichen Stadt aber sind nur Trümmer vorhanden, so daß also den Juden von ihrem Nationalkultus nichts mehr geblieben ist, ja sogar ihre Kultusstätte in Jerusalem durch den Befehl der Herrscher ihnen unzugänglich gemacht wurde.

Kapitel 19. Noch andere Gründe für die Menschwerdung.

Da aber weder die Heiden noch die Anhänger der jüdischen Lehrmeinungen geneigt sind, die angeführten Tatsachen als Beweise für das Herniedersteigen Gottes anzusehen, so wird es sich empfehlen, noch in einer besonderen Untersuchung der Frage näherzutreten, warum Gott unsere Natur annahm, um in seiner Person die Menschheit zu retten, statt durch einen Machtspruch diese eine Absicht auszuführen. Welchen Ausgangspunkt werden wir wählen, um die Rede zum vorgesteckten Ziele fortzuführen? Keinen anderen als die Vorstellungen, die die Ehrerbietigkeit von Gott hat und die wir in der Hauptsache noch durchgehen wollen.

Kapitel 20. Gott wirkt nicht auf Grund einer einzelnen guten Eigenschaft, sondern auf Grund aller zusammen.

Allgemein wird zugestanden, daß man Gott nicht bloß für mächtig halten müsse, sondern auch für gerecht und gütig und weise und was sonst unser Denken zur Vollkommenheit rechnet. Folglich darf man auch hinsichtlich des Heilsratschlusses der Menschwerdung, die nun zur Erörterung steht, auch nicht verlangen, daß nur eine der göttlichen Eigenschaften hervortrete, alle übrigen dagegen ausgeschaltet würden. Überhaupt kann keine der herrlichen Eigenschaften, die wir Gott zugestehen, als eine Vollkommenheit angesehen werden, wenn sie für sich allein, losgelöst von den übrigen, betrachtet wird; so ist weder die Güte wahre Güte, wenn sie nicht mit Gerechtigkeit, Weisheit und Macht gepaart ist ― denn was ungerecht, unweise und schwach ist, ist keine wahre Güte ―; noch sieht man die Macht, wenn sie von Gerechtigkeit und Güte getrennt ist, als eine Vollkommenheit an; denn eine solche Art von Macht wäre Brutalität und Willkür. Und dies gilt von allen göttlichen Attributen. Wäre die Weisheit nicht von der Gerechtigkeit oder die Gerechtigkeit nicht von Macht und Güte begleitet, so würde man diese Eigenschaften eher als Untugenden denn als Tugenden bezeichnen.

Wenn nun bei den Großtaten Gottes alle seine herrlichen Eigenschaften notwendig zusammenwirken, so wollen wir zusehen, ob der Ratschluß der Menschwerdung eine der Vollkommenheiten vermissen läßt, die wir geziemenderweise Gott zuschreiben! Vor allem verlangen wir nun, daß sich in diesem Geheimnis die Güte Gottes offenbare; wie könnte aber Gott seine Güte deutlicher zeigen als dadurch, daß er dem Menschen, nachdem er zum Feinde übergegangen war, nacheilte, um ihn zu erretten, daß er seiner im Guten beharrlichen und unveränderlichen Natur treu blieb trotz der Veränderlichkeit des menschlichen Willens? Denn er wäre nicht gekommen, um uns zu erlösen, wenn ihm nicht, wie David sagt, seine Güte diesen Plan eingegeben hätte (Ps. 105, 4 [hebr. Ps. 106, 4] vgl. Ps. 118, 55 [hebr. Ps. 119, 55]). Aber die Güte, die in diesem Plane zum Ausdruck kam, hätte nichts genützt, wenn nicht die Weisheit seiner Liebe zu uns Menschen zur Ausführung des Heilsplanes beigestanden wäre. Denn wenn jemand erkrankt, so gibt es zwar viele, welche den Wunsch haben, ihn bald wieder von seinen Leiden befreit zu sehen; nur diejenigen aber können ihren guten Willen zur Ausführung bringen, welche Verständnis und Geschicklichkeit zur Krankenheilung haben. Also muß sich Weisheit mit der Güte verbinden.

Wie zeigt sich nun bei der Menschwerdung, die uns jetzt beschäftigt, die Verbindung von Weisheit und Güte? Dadurch, daß wir den guten Vorsatz gar nicht hätten erkennen können, wenn er für sich allein geblieben wäre. Denn wie käme der Vorsatz zur Erscheinung, wenn er nicht in den entsprechenden Taten zur Äußerung kommt? Die Ereignisse aber beweisen durch ihre treffliche Verknüpfung und durch ihre richtige Reihenfolge deutlich, welche große Weisheit und Kunst die göttliche Heilsordnung in sich schließt. ― Da jedoch die Weisheit erst durch ihre Verbindung mit der Gerechtigkeit zur Vollkommenheit wird, ohne diese aber nicht als gut bezeichnet werden könnte, so geziemt es sich, diese beiden, ich meine die Weisheit und die Gerechtigkeit, auch hinsichtlich der Menschwerdung ins Auge zu fassen.

Kapitel 21. Die Menschwerdung beweist auch die Gerechtigkeit Gottes.

Wie zeigt sich nun die Gerechtigkeit Gottes in der Menschwerdung? Zunächst müssen wir uns an das, was wir der Ordnung halber am Anfang der Untersuchung gesagt haben, wieder erinnern, nämlich, daß der Mensch als Abbild der göttlichen Natur geschaffen wurde und sowohl durch manch andere Vorzüge als auch durch die Freiheit des Willens die Ähnlichkeit mit Gott an sich trägt, aber auch, daß er mit einer gewissen Notwendigkeit eine veränderliche Natur besitzt. Denn weil er den Anfang seiner Existenz durch Veränderung gewann, so war es unmöglich, daß er unwandelbar sei. Der Übergang aus dem Nichtsein in das Sein bedeutet eine gewisse Veränderung, indem sich die Nicht-Existenz durch die Macht Gottes in Existenz verwandelt. Auch aus dem Grunde haftet die Veränderlichkeit notwendig am Menschen, weil er ein Nachbild der göttlichen Natur ist, das Nachbild aber, wenn es sich nicht einigermaßen unterschiede, ganz dasselbe wäre, was das Urbild ist. Die Verschiedenheit zwischen dem geschaffenen Nachbild und dem Urbild besteht nun darin, daß letzteres seiner Natur nach unwandelbar ist, ersteres aber nicht; entsprechend der Veränderung, welcher das Nachbild seine Existenz verdankt, verharrt es aber als Verändertes nicht in der Existenz.

Die Veränderung aber ist eine nie ruhende Fortbewegung eines Dinges von dem Zustand, in dem es ist, in einen anderen. Diese Bewegung jedoch verläuft in zwei Richtungen: entweder nie rastend zum Guten, wodurch der Fortschritt entsteht, der keinen Stillstand kennt, da das Endziel in unabsehbarer Ferne ist, oder aber zum Gegenteil des Guten, dessen Existenz in der Nicht-Existenz besteht ― wenn wir vom Gegenteil des Guten reden, haben wir eine Gegenüberstellung im Sinne, wie wir sie zwischen dem Seienden und Nicht-Seienden, zwischen Existenz und Nicht-Existenz feststellen. ― Da nun also unsere menschliche Natur wegen ihrer Wandelbarkeit und Veränderlichkeit, sowie wegen ihres Drängens und Strebens unmöglich in sich selbst ruhig verharren kann, sondern der Wille stets und unaufhörlich nach etwas verlangt, weil das Begehren nach dem Schönen ihn naturnotwendig in Bewegung setzt, da ferner nur das Gute wahrhaft ist, nicht aber sein Gegenteil, das bloß der Schein des Schönen umgibt, hierüber aber die in uns wohnende Vernunft das Urteil fällt, so daß wir das wahrhaft Schöne ebensowohl erlangen, als es, wenn wir durch den trügerischen Schein verführt, zum Gegenteil uns hinziehen lassen, verlieren können, ― wie es nach der Fabel dem Hunde erging, welcher den Schatten von dem Fleischstück, das er im Munde hatte, im Wasser sah und voll Gier darnach schnappend, die wirkliche Nahrung fahren ließ, so daß er seinen Hunger nicht stillen konnte ―; da also die Vernunft, in ihrem Verlangen nach dem wahrhaft Schönen in die Irre gehend, sich dem Nicht-Seienden zuwendete, weil sie sich durch den Trug des Ratgebers und Erfinders des Bösen bereden ließ, daß das Gegenteil des wirklich Schönen schön wäre ― nimmer hätte der Trug sein Ziel erreicht, wenn nicht wie ein Köder der Schein des Schönen am Angelhaken des Bösen befestigt gewesen wäre ― und da also der Mensch, in sinnlicher Lust dem Feinde des Lebens sich unterwerfend, in dieses Unglück stürzte, so betrachte von diesem Falle aus alle Eigenschaften, welche Gott seinem Begriffe nach zukommen: die Güte, die Weisheit, die Gerechtigkeit, die Macht, die Unvergänglichkeit und was sonst noch zur höheren Vollkommenheit gehört! Weil er die Güte selbst ist, so hat er Mitleid mit dem gefallenen Menschen, und in seiner Weisheit ist er auch nicht im Unklaren über die Art, wie er ihn wieder erheben kann. Die Weisheit schließt aber auch die Fähigkeit in sich, ein gerechtes Urteil zu fällen; denn niemand wird wahre Gerechtigkeit bei der Torheit suchen.

Kapitel 22. Die Gerechtigkeit Gottes selbst gegen den Satan.

Worin zeigt sich nun bei unserem Geheimnisse die Gerechtigkeit Gottes? Darin, daß er sich gegen den Satan, der uns in Besitz genommen hatte, nicht gleichsam tyrannischer Gewalt bediente und ihm, obgleich er den Menschen nur durch sinnliche Lust sich unterworfen hatte, einen gewissen Rechtsanspruch zugestand und infolgedessen uns ihm nicht auf Grund seiner Übermacht entriß. Alle, welche um Geld ihre Freiheit hingaben, werden Sklaven ihrer Käufer, da sie ihre eigenen Verkäufer waren, und weder sie noch andere haben das Recht, ihre Freigebung zu verlangen, selbst wenn es Adelige waren, welche sich freiwillig in ein solches Geschick begeben haben; und wenn jemand selbst aus Teilnahme für den Verkauften gegen den Käufer Gewalt anwenden würde, so müßte er als ungerecht erscheinen, da er den auf gesetzlichem Wege Erworbenen auf ungesetzlichem Wege in Freiheit versetzen wollte; dagegen wenn er Lust hat, ihn durch Kauf zu erwerben, so verbietet ihm dies kein Gesetz; in ähnlicher Weise war es, nachdem wir uns selbst freiwillig verkauft hatten, für Gott, als er uns gemäß seiner Güte wieder in Freiheit versetzen wollte, eine Art Notwendigkeit, nicht auf einen gewalttätigen, sondern auf einen gerechten Weg der Befreiung bedacht zu sein. Dieser besteht aber darin, daß man dem Besitzer alles anbietet, was er etwa als Lösegeld für sein Eigentum verlangt.

Kapitel 23. Fortsetzung.

Was hat nun der Besitzer lieber haben wollen? Über seine Forderung können wir auf dem Wege der Schlußfolgerung eine Vermutung uns bilden, wenn wir von bereits Gesagtem ausgehen. Um was wohl hätte der, welcher nach den im Anfange unserer Untersuchung gegebenen Darlegungen in Neid gegen den glückseligen Menschen seine Augen gegen das Gute verschlossen und die Finsternis des Bösen in sich hervorgerufen hatte und in die Krankheit des Stolzes, welcher der Anfang oder gleichsam die Mutter aller übrigen Sünden ist, gefallen war, um was hätte dieser sein Eigentum anders wieder herausgegeben als nur um einen höheren und größeren Preis, um durch den Eintausch eines wertvolleren Gutes gegen ein geringeres seiner Leidenschaft des Stolzes noch mehr Nahrung zu geben? Nun hatte er an keinem der Großen, von denen die Geschichte von Anfang an zu berichten weiß, so Wunderbares geschaut wie an dem damals auf Erden Erschienenen: gattenlose Schwangerschaft, unversehrte Geburt, jungfräuliche Mutterbrust, Stimmen vom Himmel, welche seine übernatürliche Würde bezeugten, Krankenheilungen, einzig durch seinen bloßen Befehl und Willensakt bewirkt, Zurückrufung von Toten ins Leben, die Verzeihung von Sünden, Einschüchterung der Dämonen, Macht über das Toben des Windes, Wandeln auf dem Meere, wobei nicht, wie beim Wunder des Moses, das Wasser sich teilte und den Meeresgrund den Hindurchziehenden zum Vorschein kommen ließ, sondern wobei die Oberfläche des Wassers zum festen Boden für den Schritt wurde und für den Fuß sichere Unterlage gewährte, ferner das Fasten, so lange geübt, als er wollte, die reichlichen Speisungen in der Wüste, bei der viele Tausende Sättigung fanden, denen weder der Himmel das Manna taute, noch die Erde durch ihren naturgemäßen Getreidewuchs den Hunger stillte, sondern denen aus den unsichtbaren Vorratskammern der göttlichen Allmacht die köstliche Gabe zukam, fertiges Brot, das in den Händen der Austeilenden wuchs und während der Sättigung der Essenden sich mehrte, wozu noch die Fisch-Zuspeise kam, nicht vom Meere geliefert, sondern von dem, der das Geschlecht der Fische ins Meer säte ― doch wie könnte man jedes einzelne Wunder anführen, welches das Evangelium berichtet?

 

Da demnach der Feind des Menschengeschlechtes diese große Macht an jenem sah, erkannte er, daß er bei einem Tausche mehr bekommen könnte, als was er besaß. Deshalb wählte er sich ihn als Lösegeld für die in der Todeshaft Gefangenen. Doch war es auch für ihn unmöglich, die Gotteserscheinung unmittelbar und unverhüllt wahrzunehmen, wenn er nicht an ihr die Natur des Fleisches, das von ihm bereits durch die Sünde unterjocht worden, hätte schauen können. Deshalb umgab sich die Gottheit mit dem Fleisch, damit er gerade im Hinblick auf die ihm bekannte und sogar ihm unterworfene Natur nicht scheue, an die alles überragende Hoheit heranzutreten, und den Erschienenen, als seine Macht in den Wundern immer stärker hervorleuchtete, viel mehr als begehrenswert, denn als furchtbar erachtete. Siehst du, wie sich hier die Güte mit der Gerechtigkeit verband, und wie auch die Weisheit nicht fehlte? Denn in seinem Ratschluß, durch die göttliche Macht mittels der Hülle des Fleisches sich zugänglich und faßbar zu machen, damit nicht der Heilsplan zu unserer Erlösung etwa durch die Furcht vor der himmlischen Erscheinung vereitelt würde, liegt der Erweis der drei erwähnten göttlichen Eigenschaften zugleich: sowohl der Güte als auch der Weisheit und Gerechtigkeit. Sein Wille, uns zu retten, ist ein Zeugnis für seine Güte, die Erlösung des Geknechteten auf dem Wege des Tausches ein Zeichen seiner Gerechtigkeit, die geschickte Zugänglichmachung des Unzugänglichen für den Feind ein Erweis der höchsten Weisheit.

Kapitel 24. Außer der Güte, Weisheit und Gerechtigkeit offenbart sich in der Menschwerdung auch die Macht Gottes.

Wer aber dem Gang der Erörterung mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wird wohl fragen: wo ist in diesem Geheimnis die Macht der Gottheit, wo die Unüberwindlichkeit der göttlichen Kraft wirksam? Damit nun auch diese Vollkommenheit deutlich erkannt werde, wollen wir noch tiefer in das Geheimnis eindringen, um zu sehen, worin sich die Macht Gottes im Verein mit seiner Liebe zu uns Menschen am herrlichsten offenbare. Vor allem liegt darin, daß die allmächtige Natur imstande war, auch zur Niedrigkeit der Menschheit herabzusteigen, ein viel deutlicherer Erweis ihrer Macht als in der Größe ihrer Wunder, die alle natürlichen Kräfte übersteigen. Denn wenn sie Großes und Erhabenes wirkt, so gehört dies zur Natur und zum Begriffe der göttlichen Macht; und es hat nichts Befremdendes für das Ohr, zu vernehmen, das ganze Universum und alles, was wir noch außerhalb der sichtbaren Welt erkennen, habe in der Macht Gottes seinen Bestand, da sein Wille jede Verwirklichung findet, die er wünscht. Sein Herabsteigen in die Niedrigkeit ist aber ein gewisses Übermaß von Macht, für die es auch in dem kein Hindernis gibt, was sozusagen gegen seine Natur ist. Denn wie es der Flamme eigen ist, nach oben zu streben, und daher niemand diese ihre natürliche Wirksamkeit für auffällig findet, dagegen alle, welche die Flamme, einem schweren Körper gleich, nach abwärts sinken sähen, so etwas für verwunderlich halten würden, wie das Feuer zwar Feuer bliebe, aber doch in seiner Bewegung nach unten eine Richtung einschlägt, die gegen seine Natur geht, so beweist die Größe der Himmel, der Glanz der Gestirne, die Einrichtung des Universums oder die stete und planmäßige Leitung aller Dinge die göttliche und überschwengliche Macht nicht in dem Grade als das Herabsteigen zur Schwachheit unserer Natur, wie nämlich das Hohe zum Niedrigen sich neigt und in Niedrigkeit erscheint, ohne jedoch von seiner Hoheit herabzusteigen, wie die Gottheit mit der menschlichen Natur sich vereinigt und diese wird, dabei aber jene bleibt. Weil nämlich, wie oben gezeigt wurde, die uns feindselige Macht nicht imstande war, sich mit dem unverhüllt gegenwärtigen Gott in Verbindung zu setzen und seine rein himmlische Erscheinung zu ertragen, so hat sich Gott, um dem sein Lösegeld für uns Verlangenden zugänglich zu werden, unter der Hülle unserer Natur verborgen, damit, wie es bei gierigen Fischen zu geschehen pflegt, mit dem Köder des Fleisches zugleich der Angelhaken der Gottheit verschluckt werde, und so durch Überführung des Lebens in den Tod und durch Aufgang des Lichtes in der Finsternis das dem Leben und dem Tode Entgegengesetzte vernichtet werde; denn weder kann die Finsternis fortbestehen, wenn das Licht erscheint, noch der Tod existieren, wo das Leben wirkt.

Haben wir somit den inneren Zusammenhang des Geheimnisses in seinen Hauptpunkten wieder aufgenommen, so wollen wir die Verteidigung desselben gegen die Tadler der göttlichen Heilsordnung vollständig zu Ende führen und nachweisen, warum Gott persönlich die Erlösung der Menschen unternahm. Man muß nämlich den richtigen Begriff von Gott haben und ihn nach allen Seiten durchführen und nicht hier erhaben von Gott denken, dort aber ihn entwürdigen, sondern eine allseits geziemende Vorstellung von ihm haben und auf Grund derselben seine Eigenschaften miteinander richtig verbinden. Nun haben wir gezeigt, daß die Güte, die Weisheit, die Gerechtigkeit, die Macht, die Unversehrtheit im Geheimnis der Menschwerdung sich offenbart. Die Güte ergibt sich schon aus dem Willen, den Verlorenen zu retten, die Weisheit und Gerechtigkeit erhellt aus der Art und Weise unserer Errettung, die Macht zeigt sich darin, daß er zwar in Menschenähnlichkeit und Menschengestalt gemäß der Niedrigkeit unserer Natur erschien und sogar in der klar hervortretenden Absicht, sich ebenso wie wir dem Tode zu unterwerfen, dann aber, als er die Menschennatur angenommen hatte, dennoch wirkte und leistete, was seiner höheren Natur angemessen und entsprechend war. Die Natur des Lichtes aber bringt es mit sich, die Finsternis zu vertreiben, und die des Lebens, den Tod zu vernichten. Da wir nun gleich anfangs vom rechten Wege abirrten und uns dadurch dem Leben ab- und dem Tode zuwandten, was stellt uns da das Geheimnis Unwahrscheinliches vor, wenn es uns lehrt, die Reinheit habe sich zu den von Sünde Befleckten herabgeneigt, das Leben zu den Toten, der Wegweiser zu den Verirrten, damit die Befleckten gereinigt, die Toten zum Leben erweckt und die Verirrten auf den rechten Weg zurückgeleitet werden?

Die Menschwerdung stimmt mit der Allgegenwart Gottes überein.

Keinem, der die Dinge nicht mit allzu kurzsichtigem Auge betrachtet, durfte die Botschaft, Gott habe unsere Natur angenommen, irgendwie einen begründeten Anstoß bereiten. Denn wer ist wohl so unmündigen Geistes, daß er beim Anblick des Universums nicht glauben wollte, daß er in allen Dingen sei, indem er sie durchdringt, umschließt und in ihnen gegenwärtig ist. Denn von dem wahrhaft Seienden hängen alle Dinge ab, und es kann keines existieren, falls es nicht in ihm seine Existenz hat. Wenn nun alles in Gott ist und Gott in allem, warum stoßen sich dann so viele an der Heilsordnung wegen jenes Geheimnisses, das da lehrt, Gott sei zu den Menschen gekommen, während man doch davon überzeugt ist, er sei jetzt den Menschen nicht fern? Denn wenn Gott jetzt nicht auf dieselbe Art unter uns weilt wie damals, so ist doch seine jetzige wie seine damalige auf die nämliche Weise bezeugt und erkennbar. Jetzt ist er bei uns, insoferne er alles im Sein erhält, damals aber hatte er sich auf das innigste mit unserer Natur vereinigt, damit dieselbe durch ihre Verbindung mit Gott göttlich werde, indem er sie dem Tod entriß und aus der Zwingherrschaft des Feindes befreite; denn seine Erhebung vom Tode ist für das sterbliche Geschlecht der Anfang der Erhebung zum unsterblichen Leben.

Kapitel 26. Gott verfuhr bei der Menschwerdung auch gegen Satan nicht ungerecht.

Aber vielleicht wird jemand bei Überprüfung der göttlichen Gerechtigkeit und Weisheit, welche von uns hinsichtlich dieser Heilsordnung wahrgenommen wird, zu der Meinung verleitet, Gott habe in der Absicht, zu täuschen, den Plan entworfen, uns auf diese Weise zu retten. Denn darin, daß Gott nicht in der reinen, sondern in der mit der Menschennatur verhüllten Gottheit, ohne vom Feinde erkannt zu werden, dem Machthaber sich überlieferte, liegt eine Art Täuschung und Verstellung, insofern alle, welche auf Täuschung ausgehen, darauf ausgehen, bei den Gegnern falsche Erwartungen hervorzurufen und anders zu handeln, als sie hoffen. Aber wer auf die Wirklichkeit schaut, wird zugeben, daß auch dies ein Werk der Gerechtigkeit und Weisheit sogar in hohem Maße ist. Denn vom Gerechten wird verlangt, daß er jedem das Seine nach Gebühr zuerkenne, vom Weisen aber, daß er weder von der Gerechtigkeit abweiche, noch das geplante Liebeswerk unterlasse, um nach der Gerechtigkeit entscheiden zu können, sondern daß er beides geschickt miteinander verbinde, indem er aus Gerechtigkeit jedem das ihm Gebührende zuweist, aber der Absicht, Gutes zu tun, getreu bleibt. Sehen wir daher zu, ob beides nicht auch bei der Menschwerdung hervortritt.

Die Wiedervergeltung nach Gebühr, nach welcher der zuerst Täuschende ebenfalls getäuscht wird, zeigt die Gerechtigkeit; der Zweck der Menschwerdung aber bezeugt die Güte dessen, der sie vollzog. Denn Sache der Gerechtigkeit ist es, jedem das zuzuweisen, wozu er selbst zuvor den Grund legte, wie ja auch die Erde je nach der Art des in sie gestreuten Samens die derselben entsprechenden Früchte hervorbringt; der Weisheit kommt es aber zu, bei der Absicht, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, die Güte nicht außer acht zu lassen. Denn wie sowohl der Feind wie der Arzt, der den Angefeindeten heilen will, in gleicher Weise in die Speise Gift mischt, freilich der eine als todbringendes Mittel, der andere als Gegengift, und diese Methode des Kurierens die edle Absicht des Wohltuns nicht zu beeinträchtigen vermag ― denn wenn auch beide Gift in die Speisen mischen, so werden wir doch im Hinblick auf ihre Absicht den einen loben, den anderen verurteilen ― so empfing auch hier jener, welcher uns getäuscht hatte, auf Grund der Gerechtigkeit nur das zurück, was er mit voller Überlegung und Freiheit vorher gesät hatte (denn weil er zuvor den Menschen durch den Köder der Sinnenlust getäuscht hatte, wird nun er dadurch getäuscht, daß sich Gott mit der Hülle der Menschheit umgab); der Zweck aber, den Gott mit seinem Verfahren verfolgte, bewirkt, daß wir es in den Bereich des Guten verweisen. Jener nämlich beging die Täuschung zum Verderben der Menschheit, Gott aber, der gerecht, gütig und weise zugleich ist, bediente sich eines gut erdachten Mittels der Täuschung zur Errettung des ins Verderben gefallenen Menschengeschlechtes, wobei er nicht bloß dem Verunglückten eine Wohltat ererwies [ber.: erwies], sondern auch dem Urheber des Unglücks. Denn wenn der Tod dem Leben, die Finsternis dem Lichte, die Verderbtheit der Unversehrtheit sich naht, wird das Böse verschwinden und in das Nichtsein versinken; dem davon Gereinigten erwächst aber hierdurch Gewinn. Gleichwie nämlich, wenn ein unedleres Metall mit dem Gold vermengt ist, die Goldarbeiter mittels Anwendung von Feuer den fremdartigen Unrat beseitigen und das Gold in seiner natürlichen strahlenden Lauterkeit wiederherstellen ― allerdings ist die Scheidung nicht mühelos, weil das Feuer durch seine aufzehrende Kraft das Unechte nur nach und nach zu lösen vermag; aber dennoch ist es sozusagen eine Heilung des Goldes, wenn aller Schmutz, der die ursprüngliche Reinheit trübt, ausgeschieden ist ― ebenso hat, während Tod, Verderben und Finsternis und was es sonst noch Schlimmes gibt, den Urheber des Bösen umringte, das Nahekommen der göttlichen Macht wie ein Feuer alles Widernatürliche vertilgt und durch diese Reinigung der Natur eine Wohltat erwiesen, wenn die Scheidung auch mühselig war.

Nicht einmal bei dem Widersacher dürfte daher ein Zweifel darüber bestehen, daß das Geschehene nicht gerecht und heilsam sei, wenn anders er zur Erkenntnis der Wohltat gelangt. Jetzt ist (dies noch nicht der Fall); denn wie diejenigen, welche bei einer Kur geschnitten und gebrannt werden, dem Arzt darüber böse sind, solange der Schmerz des Schneidens sie durchzuckt, später aber, sobald die Genesung eintritt und der Schmerz des Brennens vorüber ist, allen, welche die Kur an ihnen vorgenommen haben, Dank wissen, ebenso wird die Danksagung, wenn schließlich nach langer Zeit das jetzt mit der Natur vermischte und verwachsene Böse aus ihr entfernt ist und die Wiederherstellung der jetzt im argen Liegenden zum Urstand stattgefunden hat, in der ganzen Schöpfung einmütig dargebracht werden, sowohl von Seiten jener, welche bei der Reinigung Züchtigung ausstanden, als auch von Seiten jener, welche von Anfang einer Reinigung nicht bedürftig waren.

Dies und Ähnliches lehrt uns das große Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Denn gerade dadurch, daß er sich mit der Menschennatur so innig vereinigte und dabei allen Eigentümlichkeiten derselben wie der Geburt, der Ernährung, dem Wachstum, ja selbst dem Tode sich unterzog, hat er alles soeben Erwähnte bewirkt, indem er sowohl den Menschen vom Bösen erlöste, als auch den Urheber des Bösen selbst heilte. Denn wahre Heilung von Krankheit bedeutet Beseitigung des Krankheitsstoffes, wenn sie auch mit Mühseligkeiten verbunden ist.

Kapitel 27. Gott nahm die volle menschliche Natur an.

1.

Als Gott unsere menschliche Natur annahm, war es durchaus notwendig, daß er diese Vereinigung mit ihr bis in alle Eigentümlichkeiten derselben durchführte. Denn wie die Kleiderreiniger nicht den einen Teil der [S. 55] Flecken beseitigen, den anderen aber nicht, sondern das Kleid vom Anfang bis zum Ende von allen Unsauberkeiten reinigen, damit das ganze Gewand nach der Waschung wieder sauber und schön sei, so mußte auch, weil nun einmal das menschliche Leben sowohl in seinem Anfang als auch in seinem Ende und in allem, was dazwischen liegt, durch die Sünde befleckt war, die reinigende Macht Gottes sich auf alles erstrecken und nicht bloß den einen Teil durch Reinigung heilen, den anderen aber ungeheilt lassen. Weil nun das menschliche Leben von zwei Grenzen eingeschlossen wird, d. h. vom Anfang und vom Ende, so finden wir jene reinigende Macht an jeder der beiden Grenzen tätig, indem sie mit dem Anfang beginnt, bis zum Ende sich erstreckt, aber auch noch alles durchschreitet, was dazwischen liegt.

Da aber der Eintritt in das Leben für alle Menschen ein und derselbe ist, von woher nun mußte der zu uns Kommende ins Leben eintreten? Vom Himmel aus ― werden alle antworten, welche die Art und Weise der menschlichen Geburt als schmählich und gemein verabscheuen. Allein der Mensch war nicht im Himmel, und im überirdischen Leben kennt man auch nicht die Krankheit der Sünde. Als er sich aber mit der Menschheit vereinigte, vollzog er die Vereinigung, um der Menschheit zu helfen. Wie kann man sich also der Erwartung hingeben, von dort aus, wo doch die Sünde keinen Platz hatte, und wo das Leben nicht nach Art der Menschen geführt wurde, würde Gott seine Verbindung mit dem Menschen anknüpfen, oder, richtiger gesagt, nicht mit einem wahren Menschen, sondern mit einem Schein- oder Nachbild eines Menschen? Wie hätte aber dann die Wiederherstellung unserer menschlichen Natur stattfinden können, wenn zwar der irdische Mensch erkrankt gewesen, aber ein himmlisches Lebewesen in die Verbindung mit Gott eingegangen wäre? Ist es doch unmöglich, daß der Kranke genese, wenn nicht gerade jener Körperteil von ihm in Kur genommen wird, der leidet. Wenn nun der Kranke auf Erden weilte, die göttliche Macht aber im Hinblick auf die ihr geziemende Zurückhaltung sich nicht mit dem Kranken befaßt hätte, so wäre daraus für den Menschen kein Gewinn erwachsen, wenngleich die Bemühung der göttlichen Macht um andere Geschöpfe noch so groß gewesen wäre, die aber nicht in Verwandtschaft mit unserer Natur stehen. Die Frage aber, ob für Gott geziemend oder nicht geziemend, ist für alle seine Werke in gleicher Weise dahin zu beantworten, daß einzig und allein das Böse für ihn als ungeziemend und unstatthaft zu betrachten ist.

Wenn aber doch Engherzige die Größe Gottes darin erblicken wollen, daß er an den Eigentümlichkeiten unserer Natur nicht teilnehme, so hätte sich Gott zu einer ebenso unrühmlichen Handlungsweise herbeigelassen, wenn er sich mit einem himmlischen statt mit einem irdischen Leibe verbunden hätte. Denn der Abstand Gottes als des Allerhöchsten und seiner Natur nach gänzlich Unerreichbaren von allen seinen Geschöpfen ist gleich groß, und für ihn haben alle Wesen, die unter ihm stehen, gleichen Wert. Denn was überhaupt unzugänglich ist, kann nicht für das eine erreichbar, für das andere unerreichbar sich zeigen, sondern thront über allem in gleicher Höhe. Daher ist der Würdigkeit nach die Erde Gott nicht ferner und der Himmel ihm nicht näher; ebensowenig unterscheiden sich die Bewohner der beiden Regionen in dieser Hinsicht voneinander, als ob die einen dem Unerreichbaren näher, die anderen ihm ferner stünden. Man müßte denn annehmen, daß die alles regierende Macht nicht alles in gleicher Weise durchdringe, sondern in den einen Geschöpfen mehr, in den anderen weniger gegenwärtig sei; alsdann aber würde die Gottheit auf Grund dieses Unterschiedes zwischen Mehr und Weniger, zwischen Höherem und Niedrigerem sich notwendig als zusammengesetzt darstellen, ohne Einheit mit sich, insofern sie nach einer solchen Auffassung schon ihrer Natur uns Menschen ferne, anderen Geschöpfen dagegen nahe stünde, so daß sie mit diesen leicht in enge Verbindung treten könnte, weil mit ihnen verwandt. Doch die wahre Anschauung zieht, wenn die unendliche Majestät Gottes in Betracht kommt, keine Vergleiche zwischen höheren und niedrigeren Geschöpfen; denn alle stehen gleich tief unter der alles regierenden Macht, so daß, wenn man die irdische Natur des Menschen einer Verbindung mit Gott für durchaus unwürdig halten will, man kaum eine andere finden wird, die einer solchen Vereinigung würdiger wäre. Steht nun alles hinsichtlich der Würdigkeit gleich weit von Gott ab, so bleibt doch das eine Gottes würdig und ihm angemessen, jenen Wohltaten zu erweisen, die deren bedürftig sind. Wenn wir also bekennen, Gott sei dahin gegangen, wo die Krankheit war, was glauben wir damit, was dem Begriffe Gottes unangemessen wäre?

Kapitel 28. Auch die menschliche Geburt ist Gottes nicht unwürdig.

Aber sie witzeln über unsere Natur und setzen die Art unserer Geburt herab und meinen, dadurch unser Geheimnis lächerlich zu machen, als ob es für Gott unschicklich wäre, in das menschliche Leben einzutreten. Allein dagegen wurde schon früher betont, daß nur die Sünde und was mit ihr in Zusammenhang steht, für das göttliche Wesen unwürdig und unpassend ist. Die Ordnung in der Natur aber, die durch Gottes Gesetz und Willen festgestellt wurde, ist über den Vorwurf der Sündhaftigkeit hoch erhaben; außerdem würde die Anklage gegen die Natur auf den Schöpfer zurückfallen, falls man etwas an ihr als an sich schon schmählich und schimpflich tadeln wollte. Wenn also nur das Böse von Gott fernbleiben muß und keine Natur etwas aufweist, was an sich böse wäre, das Geheimnis aber ferner lehrt, Gott sei als Mensch, jedoch nicht als Sünder befunden worden, und wenn es endlich für den Menschen nur einen einzigen Eintritt in das Erdenleben gibt, mit welchem Recht verlangen sie von Gott einen anderen Eintritt in das Menschenleben, sie, die es einerseits für durchaus angezeigt halten, daß Gott unser krankes Geschlecht heimsuche, anderseits aber mit der Art und Weise, wie er diese Heimsuchung antrat, unzufrieden sind, ohne zu bedenken, daß die ganze Ausstattung des Leibes an sich den gleichen Wert hat und nichts an ihm, was zur Lebenserhaltung beiträgt, als schändlich und böse Tadel verdient?

Die gesamte Ordnung der Glieder, die am menschlichen Leibe arbeiten, dienen einem einzigen Zweck, und dieser Zweck ist die Erhaltung des menschlichen Lebens. Die übrigen Organe nun erhalten in der Gegenwart das Leben des Menschen, indem die einen nach dieser Richtung, die anderen nach jener tätig sind, um die Sinne zu ihren Funktionen zu befähigen und den Menschen die Arbeitskraft zu verschaffen; den Zeugungsgliedern obliegt dagegen die Sorge für die Zukunft, indem sie dem Menschengeschlecht immer neuen Nachwuchs zuführen. Welchen Gliedern, die für ehrenvoll gehalten werden, könnten jene, vom Standpunkt des Nutzens aus betrachtet, nachgesetzt werden? Welchen wären sie mit gutem Grund nicht vielmehr vorzuziehen? Denn nicht durch das Auge oder das Ohr oder die Zunge oder durch ein anderes Sinneswerkzeug wird unser Geschlecht fortgepflanzt ― denn diese sind, wie gesagt, für die Gegenwart nützlich ― sondern durch jene wird der Menschheit die Unsterblichkeit vermittelt, so daß der Tod, obgleich er unaufhörlich gegen uns arbeitet, in gewisser Hinsicht doch keinen Erfolg erzielt, weil sich unsere Natur für den erlittenen Abgang selbst immer wieder Ersatz verschafft. Was enthält also unser Geheimnis Unziemliches, wenn Gott sich der Menschheit durch das eingliedert, durch das unsere Natur gegen den Tod ankämpft?

Kapitel 29. Warum erschien Gott so spät?

Diesen Standpunkt verlassend, wollen sie von einem anderen aus unseren Glauben angreifen, indem sie fragen: „Wenn die Menschwerdung so gut und geziemend war, warum zögerte er mit der Erweisung dieser Wohltat so lange? Warum trat er damals, als das Böse noch in den Anfängen war, seiner Ausdehnung nicht hindernd entgegen? ― Hierauf antworten wir kurz, daß Gott nur aus Weisheit und in der Absicht, uns zu nützen, die Wohltat in eine spätere Zeit verlegte. Denn auch bei Krankheiten des Leibes, z. B. wenn unter den Poren der Haut verdorbene Säfte stecken, wird von den Ärzten ihren wissenschaftlichen Grundsätzen gemäß der Körper nicht eher mit zusammenziehenden oder schließenden Mitteln bestrichen, als bis der naturwidrige Krankheitsstoff, der im Innern sitzt, ganz an die Oberfläche trat; sie warten zu, bis alles, was inwendig sich verbirgt, an den Tag kommt, um dann erst das bloßgelegte Übel zu heilen. Nachdem nun die Krankheit der Sünde in die Menschennatur eingedrungen war, wartete der Arzt der Welt, bis keine Art der Bosheit sich mehr verborgen halten konnte.

Deshalb also wollte Gott nach dem Neid und dem Brudermord des Kain nicht sofort mit seiner Heilkunst an die Menschheit herantreten; denn weder war die Verkommenheit derer, die zur Zeit Noes zugrunde gingen, hervorgetreten, noch war die unnatürliche Krankheit des sodomitischen Frevels offenbar geworden, noch der Krieg der Ägypter gegen Gott, noch der Hochmut der Assyrer, noch die Bluttat, welche die Juden an den Heiligen Gottes verübten, noch der entsetzliche Kindermord des Herodes, noch soviel anderes Böses, das teils Aufzeichnung fand, teils aber, ohne überliefert zu werden, in den verschiedenen Zeitperioden begangen wurde, nachdem die Wurzel des Bösen Sprossen der verschiedensten Art in dem Willen der Menschen getrieben hatte. Als nun die Bosheit den höchsten Grad erreicht hatte und kein Frevel mehr übrig war, den die Menschen nicht gewagt hätten, da erst machte er sich an die Heilung, nicht beim Beginne der Krankheit, sondern erst nach ihrem vollen Ausbruche, um die Rettung auf den ganzen Umfang des Elendes auszudehnen.

Kapitel 30. Warum ist die Erlösung noch nicht allseitig vollendet?

Wenn aber jemand meint, unsere Glaubenslehre durch den Hinweis auf die Tatsache widerlegen zu können, daß auch nach Abschluß des Heilverfahrens das Leben der Menschen mit Sünden angefüllt sei, so möge er sich durch ein bekanntes Beispiel zur richtigen Auffassung führen lassen. Wie nämlich bei der Schlange, wenn sie einen tödlichen Schlag auf den Kopf erhält, der übrige nachschleppende Teil keineswegs zugleich mit dem Kopfe zu Tode gebracht wird, sondern, sie selbst zwar tot ist, der Schwanz aber noch durch seine eigene Triebkraft beseelt wird und der lebensvollen Beweglichkeit noch nicht ganz verlustig geht, so kann man auch hinsichtlich der Bosheit beobachten, daß sie zwar aufs Haupt geschlagen ist, in den übrigen Teilen aber unser Leben noch stört.

Aber wenn sie davon abstehen, von diesem Gesichtspunkt aus unsere Glaubenslehre über das Geheimnis zu tadeln, so erheben sie doch darüber Klage, daß der Glaube nicht zu allen Menschen gelangt sei; dabei werfen sie die Frage auf: „Warum kam die Gnade nicht zu allen, sondern ist, während einige sich zur Lehre bekennen, die Zahl derer, die zurückbleiben, nicht klein, sei es, daß Gott nicht den Willen hatte, die Wohltat neidlos allen zuzuwenden, oder daß er nicht die Macht hiezu besaß? In beiden Fällen würde Gott ein Vorwurf treffen; denn weder ist es Gottes würdig, das Gute nicht zu wollen, noch dasselbe nicht vollbringen zu können. Wenn der Glaube aber ein Gut ist, fragen sie, warum kam die Gnade nicht zu allen?“

Wenn dergleichen Sätze auch wirklich von unserer Lehre aufgestellt würden, nämlich der Glaube werde von Seite des göttlichen Willens den Menschen in der Weise zuteil, daß die einen berufen würden, die andern aber nicht, dann wäre allerdings der erwähnte Vorwurf berechtigt; tatsächlich ergeht jedoch der Ruf zum Glauben an alle gleichmäßig, ohne Unterschied des Ranges, des Alters oder der Nationalität; denn darum hatten beim Beginn der christlichen Predigt ihre Verkünder, die Diener des Wortes, durch göttliche Eingebung plötzlich die Gabe empfangen, in gleicher Sprache zu allen Völkern zu reden, damit niemand der segenspendenden Lehre entbehre. Wie können sie da noch mit Grund gegen Gott die Klage erheben, als ob ihn die Schuld träfe, wenn das Wort (vom Christentum) noch nicht die Herrschaft über alle erlangt hat? Denn der Herr, der über alles gebietet, hat, um die Menschheit überschwänglich auszuzeichnen, etwas auch in unsere Hand gelegt, worüber ein jeder allein Herr ist. Dies ist der freie Wille, ein Vermögen, das keiner Knechtung unterliegt, sondern nur selbst über sich verfügt, die Grundlage für die Freiheit unserer Entschlüsse. Den erhobenen Vorwurf dürfte man daher mit Recht auf diejenigen übertragen, die sich nicht zum Glauben bestimmen lassen, nicht auf den, der sie zum Glauben berief. Denn auch damals, als im Anfang des Christentums Petrus in einer großen Versammlung predigte und an dreitausend Juden sich bekehrten, haben die anderen, welche ungläubig blieben, dem Apostel keinen Vorwurf darüber gemacht, daß sie sich nicht bekehrten. Denn unbillig ist es, wenn, nachdem die Gnade allen ausnahmslos angeboten wurde, derjenige, der sie freiwillig ausschlägt, statt sich selbst jemand anderen wegen seines Unglückes anschuldigt.

Kapitel 31. Auch der Glaube hängt von der freien Willensentschließung des Menschen ab.

Aber auch gegen das Gesagte erheben die Gegner aus Streitsucht eine Widerrede. Sie sagen nämlich, Gott könnte doch, wenn er nur wollte, auch den Widerspenstigen zwangsweise zur Annahme der Heilsbotschaft führen. ― Wo wäre aber dann die Freiheit? wo die Tugend? wo das Lob des Gerechten? Denn nur den leblosen oder den unvernünftigen Wesen kommt es zu, nach Gutdünken von dem Willen eines anderen bestimmt und gelenkt zu werden. Die vernünftige und denkende Natur aber würde, sobald sie das Recht der Selbstbestimmung aufgäbe, damit ihre hohe Ausstattung mit dem Denkvermögen verlieren. Denn wozu brauchte sie noch die Fähigkeit, selbst zu denken und zu überlegen, wenn das Recht, nach Gutdünken zu entscheiden, bei einem anderen liegen würde? Wenn aber das Recht der Entscheidung außer Kraft gesetzt wird, dann ist es notwendigerweise vorbei mit der Tugend, da sie durch die Unfähigkeit des Willens, sich selbst in Bewegung zu setzen, am Entstehen gehindert ist; gibt es aber keine Tugend mehr, so verliert das Leben allen Wert, das Verhängnis tritt an die Stelle der Vernunft, das Lob der Gerechten scheidet aus, die Sünde wird gefahrlos, es ist dann ganz gleichgültig, ob man ein gutes oder ein schlechtes Leben führt. Denn mit welchem Rechte könnte man den Wildling tadeln oder den Gesitteten loben? Denn jeder hätte die Antwort zur Hand, daß keiner unserer Entschlüsse von uns abhänge, sondern daß die menschlichen Willensentscheidungen von einer höheren Macht zu dem bestimmt würden, was diesem Herrscher gutdünkt; demnach trifft der Vorwurf, daß nicht alle zum Glauben gelangen, nicht die Güte Gottes, sondern den freien Willen derjenigen selbst, welche die Heilsverkündigung verschmähen.

Kapitel 32. Auch der Kreuztod Christi spricht nicht gegen seine Gottheit.

Was wird außerdem noch von unseren Gegnern eingewendet? Vor allem der Hinweis darauf, daß die allerhabene Natur überhaupt nicht hätte sterben dürfen, sondern, daß sie wegen der Überschwänglichkeit ihrer Macht hätte imstande sein sollen, ihren Heilsplan ohne den Tod zur Ausführung zu bringen. Sodann meinen sie, daß Gott, selbst wenn der Tod aus einem verborgenen Grunde unumgänglich notwendig gewesen wäre, wenigstens die Schmach einer entehrenden Todesart hätte vermeiden müssen. Denn was könnte schimpflicher sein, sagen sie, als der Tod am Kreuze? ―

Was werden wir auf solche Einwände erwidern? Wir antworten, daß die Geburt den Tod als notwendige Folge bewirkt. Denn hatte er einmal beschlossen, die Menschheit anzunehmen, so mußte er sich allem unterziehen, was zu ihrem Wesen gehört. Hätte er nun, nachdem unser Leben zwischen zwei Grenzpunkten verläuft, den einen durchschritten, den anderen aber nicht berührt, so wäre sein Plan bloß zur Hälfte ausgeführt worden, weil er in diesem Fall eine der Eigentümlichkeiten unserer Natur an sich nicht erfahren hätte. Wer aber das Geheimnis gründlich erwogen hat, dürfte mit größerem Rechte sagen, daß der Tod nicht wegen der Geburt eintrat, sondern daß umgekehrt wegen des Todes die Geburt übernommen wurde. Denn derjenige, der da ewig lebt, unterzieht sich nicht des Lebens wegen der leiblichen Geburt, sondern um uns durch den Tod ins Leben zurückzurufen. Da nun die Rückkehr aus dem Tode unserer ganzen Natur zuteil werden sollte, so wollte er, indem er dem Daliegenden die Hand reichte und sich gleichsam zu unserem Leichnam niederbückte, dem Tode so weit sich nahen, daß er die Sterblichkeit austrank und an seinem eigenen Leibe die Auferstehung der Menschheit einleitete, indem er durch seine Macht das ganze Menschengeschlecht mit auferweckte. Denn da jenes die Gottheit beherbergende Fleisch, welches in der Auferstehung zugleich mit der Gottheit erhöht wurde, nirgends anderswoher stammte, als aus der Masse, aus der wir bestehen, so muß, wie bei unserem Leibe die Tätigkeit eines einzelnen Sinneswerkzeuges allen übrigen mit ihm verbundenen Organen eine Mitempfindung verschafft, in ähnlicher Weise die Auferstehung des Teiles, wie wenn die ganze Menschheit nur eine Person wäre, auch auf das Ganze übergehen, indem sie kraft des engen Zusammenhanges unserer Natur von dem Teil auf das Ganze sich fortpflanzt. Was lernen wir also Unwahrscheinliches in unserem Glaubensgeheimnis, wenn der Stehende zu dem Gestürzten sich niederbeugt, um den Daliegenden aufzurichten?

Ob aber das Kreuz noch einen anderen und tieferen Sinn enthalte, werden wohl alle wissen, welche sich mehr auf die Deutung der Geheimnisse verstehen. Folgendes aber erfahren wir durch die Überlieferung. Da nämlich allen Handlungen und Reden, welche uns durch das Evangelium berichtet werden, eine höhere und göttliche Absicht zugrunde liegt und sich nichts findet, was nicht außer den menschlichen Zügen auch den göttlichen Charakter trüge, so daß, auch wenn die Reden und Handlungen rein menschliches Gepräge aufzuweisen scheinen, der verborgene Sinn die göttliche Grundlage entdecken kann, so verlangt die Folgerichtigkeit auch hier die eine Seite ins Auge zu fassen, die andere aber nicht zu übersehen, sondern beim Tode das Menschliche zu betrachten, in der Art und Weise desselben aber die göttliche Bedeutung, die noch klarer hervortritt, mit allem Ernste in Erwägung zu ziehen. Da es nämlich der Gottheit zukommt, alles zu durchdringen und sich, der Natur der Dinge entsprechend, in alle Teile derselben auszudehnen (denn nichts vermag im Sein zu verharren, wenn es nicht in dem Seienden verbleibt; das selbständig und zuerst Seiende ist aber die göttliche Natur, von der wir, durch die Fortdauer der Dinge genötigt, annehmen müssen, daß sie in allem sei), so will uns das Kreuz durch seine Gestalt, die nach vier Seiten auseinandergeht, indem von seinem Mittelpunkt, durch den es zusammengehalten wird, deutlich vier Balken vorspringen, die Lehre geben, daß er, der da im Augenblicke seines nach dem göttlichen Heilsplan erlittenen Todes daran ausgestreckt war, derjenige ist, welcher das Universum in sich eint und harmonisch verbindet, indem er die verschiedenartigen Dinge zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfaßt. Denn bei den Dingen blicken wir entweder nach oben oder nach unten, oder unser Forschen bezieht sich auf die beiden Seiten. Magst du nun an das denken, was am Himmel oder was unter der Erde oder was zu beiden Seiten ist, überall tritt deinem betrachtenden Blick die Gottheit entgegen, welche allein an den Dingen und zwar an jedem Teil derselben erkannt wird, und die alle in ihrem Sein erhält. Ob wir nun diese allgegenwärtige Natur Gott oder Wort oder Weisheit oder Allmacht nennen sollen oder sonst etwas, was erhaben ist und den Allerhöchsten besser zu bezeichnen vermag, unser Glaube führt wegen Worte und Ausdrücke und bildlicher Wendungen keinen Streit. Da nun die ganze Schöpfung auf ihn hinsieht und um ihn ist und durch ihn ihre Einheit und Geschlossenheit erhält, so sollten wir nicht allein durch das Ohr zur rechten Erkenntnis Gottes gebracht werden, sondern auch das Auge sollte ein Lehrer der höheren Wahrheiten werden.

Auf das Kreuz Bezug nehmend, erteilt auch der große Paulus der Gemeinde von Ephesus einen tieferen Unterricht, indem er sie durch seine Belehrung befähigen will, zu verstehen, was die Tiefe und die Höhe, die Breite und die Länge sei (Eph. 3, 18). Denn jeden Kreuzesbalken führt er mit einem besonderen Namen vor Augen: den nach oben gehenden Balken bezeichnet er als Höhe, den nach unten gehenden als Tiefe, die Seitenbalken aber als Breite und Länge. Noch deutlicher setzt er diese Auffassung anderwärts auseinander, wie ich glaube, im Briefe an die Philipper, denen er also schreibt: „Im Namen Jesu Christi sollen sich die Knie aller beugen: derer, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind“ (Phil. 2, 10). Hier gebraucht er für den mittleren Balken und den in der Quere liegenden nur ein Wort (ἐπίγειον) [epigeion], indem er alles, was zwischen den Himmlischen und Unterirdischen sich befindet, zur Erde zählt (ἐπίγειον) [epigeion].

Die Ereignisse aber, welche nach unserer Glaubenslehre auf den Kreuzestod folgten, sind sämtlich derartig, daß auch die Ungläubigen zugeben, keines enthalte etwas Gottes Unwürdiges. Denn wenn er nicht im Tode blieb und alle Wunden, die das Eisen seinem Leibe zufügte, die Auferstehung nicht zu verhindern vermochten, wenn er dann nach der Auferstehung ganz nach seinem Ermessen den Jüngern erschien, sooft er, ohne von anderen gesehen zu werden, bei ihnen sein und in ihrer Mitte verweilen wollte, wobei er nicht nötig hatte, durch die Türe einzutreten, wenn er ferner den Jüngern durch die Verleihung des Heiligen Geistes Stärke verleiht und ihnen die Verheißung gibt, bei ihnen zu verbleiben und durch keine Scheidewand von ihnen getrennt zu werden, und wenn er endlich seiner sichtbaren Erscheinung nach zum Himmel auffährt, dem Geiste nach überall ist und was sonst dergleichen der Bericht von ihm erzählt ― so bedarf all das nicht erst der Hilfe vieler Vernunftgründe, um als göttlich und der allerhabenen, höchsten Macht würdig befunden zu werden. Hierüber sind, wie ich glaube, Einzeluntersuchungen nicht nötig, da der Bericht selbst die Übernatürlichkeit ganz klar hervorhebt.

Allein da zu den geheimnisvollen Lehren unseres Glaubens auch die Heilsordnung des Wasserbades gehört, das man Taufe oder Erleuchtung oder Wiedergeburt nennen mag (denn wegen Namen streiten wir nicht), so dürfte es gut sein, auch hievon in Kürze zu handeln.

Kapitel 33. Die Wiedergeburt durch die Taufe und die natürliche Geburt des Menschen.

1.

Sobald sie nämlich von uns hören, daß, wenn das Sterbliche zum Leben übergehen soll, notwendigerweise im Unterschied von der ersten Geburt, welche nur in das sterbliche Leben führt, noch eine andere Geburt erfunden werden mußte, die weder mit Verderbnis beginnt noch in Verderbnis endigt, sondern in das ewige Leben führt, damit, wie das in sterblicher Geburt Geborene notwendig als sterblich entstand, so das in verderbnisfreier Geburt Geborene Siegeskraft über den Vernichter Tod gewinne ― sobald sie dies und Ähnliches hören und auch die Art und Weise kennen lernen, nämlich daß Gebet zu Gott und Anrufung der göttlichen Gnade und Wasser und Glaube die Mittel seien, wodurch die geheimnisvolle Wiedergeburt zustande kommt, so erfaßt sie, indem sie nur auf das, was sie sehen, ihr Augenmerk richten, ein Mißtrauen, als ob der äußere Vorgang der inneren Wirkung, die hervorgebracht werden soll, nicht entsprechen würde. Wie kann, sagen sie, Gebet und Anrufung der göttlichen Macht, wenn sie über dem Wasser erfolgen, Quelle des Lebens werden für die, welche sich so einweihen lassen?

Diesen gegenüber wird, falls sie nicht zu hartnäckig sind, eine kurze Bemerkung genügen, um sie dahin zu bringen, daß sie unserer Glaubenslehre zustimmen. Wir wollen eine Gegenfrage stellen und zwar in bezug auf die allen bekannte Art und Weise der menschlichen Geburt, nämlich wie das zum Menschen sich entwickelt, was als Grundlage für die Entstehung des lebenden Wesens ausgesät wird. Hierüber allerdings haben wir keinen Beweis, der auf Grund eines Vernunftschlusses Gewißheit verschaffen würde. Denn was hätte der Begriff des Menschen mit den Eigenschaften zu tun, die jenem Dinge zukommen? Der Mensch ist seinem Begriffe nach ein vernunftbegabtes und denkendes Wesen, fähig, Wissen und Können sich anzueignen; jenes aber verrät sich für das Auge nur als eine gewisse feuchte Substanz und mehr als sinnlich Wahrnehmbares kann hier auch der Verstand nicht entdecken. Die nämliche Antwort nun, welche wir auf unsere Frage, wie aus jenem ein Mensch entstehen könne, wahrscheinlich bekommen werden, geben wir auf die an uns gestellte Frage zurück, wie durch das Wasser eine Wiedergeburt bewirkt werden soll. Allgemein lautet nun die Antwort in bezug auf die erste Geburt: durch die göttliche Kraft wird aus jenem ein Mensch; fehlt dieselbe, so bleibt es unwirksam und leblos. Wenn nun dort die stoffliche Grundlage allein den Menschen nicht schafft, sondern die göttliche Macht das Sinnenfällige zum Menschenwesen gestaltet, so verraten doch argen Unverstand alle, welche hinsichtlich der ersten Geburt zwar Gott eine große Macht zuschreiben, hinsichtlich der Wiedergeburt dagegen Gott eine solche Schwäche zutrauen, daß er seinen Willen nicht durchsetzen kann. „Was ― sagen sie ― haben Wasser und Leben miteinander gemeinsam?“ Wir aber stellen die Gegenfrage: „Was haben Feuchtigkeit und Ebenbild Gottes gemeinsam?“ Gewiß ist es hier nicht befremdlich, wenn durch Gottes Willen die Feuchtigkeit in das edelste Lebewesen umgebildet wird. Ebenso aber ist es, folgern wir, nicht zu verwundern, wenn die göttliche Macht durch ihre Gegenwart imstande ist, eine verwesliche Natur zur Unverweslichkeit umzugestalten.

Kapitel 34. Die Wirksamkeit der Taufe steht außer allem Zweifel.

Allein sie fordern einen Beweis dafür, daß Gott auf unsere Anrufung hin wirklich zur Heiligung der Handlung gegenwärtig werde. Wer ein solches Verlangen stellt, möge nochmals durchlesen, was wir oben dargelegt haben. Denn der Beweis, daß die im Fleische erschienene Macht wirklich göttlich sei, dient zur Beantwortung der nunmehr zur Erörterung gestellten Frage. Ist nämlich vom Fleischgewordenen, der seine höhere Natur durch seine Wunder offenbart, nachgewiesen, daß er wahrer Gott ist, so ist damit auch schon bewiesen, daß er stets auf die Anrufung zur Taufe gegenwärtig wird. Denn wie jedes Ding gewisse Eigentümlichkeiten hat, wodurch es seine Natur verrät, so besteht eine Eigentümlichkeit der göttlichen Natur in der Wahrhaftigkeit. Nun hat er verheißen, daß er bei denen, die ihn anrufen, sein werde, daß er mitten unter den Gläubigen weile, bei allen bleibe und jedem beistehe. Demnach bedürfen wir für die Gegenwart Gottes bei der Taufhandlung kaum noch eines anderen Beweises, weil wir uns einerseits auf Grund seiner Wunder von seiner Gottheit überzeugt haben, anderseits wissen, daß Gott mit Naturnotwendigkeit unmöglich mit der Lüge Gemeinschaft haben kann. Und so dürfen wir keinen Zweifel daran haben, daß in dem untrüglichen Versprechen schon das Versprochene enthalten ist. Wenn aber bei der heiligen Verrichtung Gott im Gebete vorher angerufen wird, so liegt hierin ein mehr als genügender Beweis dafür, daß sie von Gott mit wirksamer Kraft gekrönt wird.

Wenn nämlich bei der anderen Art der Menschengeburt, wie bereits erwähnt, das Bestreben der Eltern, selbst wenn sie nicht darum bitten, doch nur mit Hilfe des göttlichen Beistandes, ohne den ihr Bemühen fruchtlos und unwirksam bliebe, ein neues Menschenwesen hervorzubringen vermag, um wieviel mehr wird unser Streben bei der geistigen Geburt erfolgreich sein, da einerseits Gott nach dieser Glaubenslehre seinen Beistand verheißen und seine Kraft in die Handlung gelegt hat, andererseits wir mit unserem Willen zur Erreichung des hohen Zieles beitragen, insofern die Mitwirkung des Gebetes mit dem Akte sich verbindet, wie es sich geziemt. Denn gleichwie diejenigen, welche um den Aufgang der Sonne beten, dem wirklich eintretenden Naturvorgang keinen Eintrag tun, auch niemand derartigen Gebetseifer, der Gott um solches anfleht, was jedenfalls geschieht, für unnütz erklären möchte, so werden auch wir, wenn wir trotz unserer festen Überzeugung, Gott werde seinem untrüglichen Versprechen gemäß den durch jene mystische Handlung Wiedergebornen auf jeden Fall Gnade verleihen, dennoch beten, hiedurch einen Gnadenzuwachs erwerben oder die Gnadenspende wenigstens nicht verhindern. Denn daß die Gnadenmitteilung auf jeden Fall erfolge, glauben wir bestimmt, da derjenige, der sie versprochen hat, Gott ist; der Beweis für seine Gottheit liegt aber in seinen Wundern vor; sonach kann kein Zweifel bestehen, daß Gott durch die Taufe seine Gnade spende.

Kapitel 35. Dem dreimaligen Untertauchen kommt eine hohe Bedeutung zu. – Es gibt auch eine Reinigung durch Feuer.

Das Hinabsteigen in das Wasser aber und das dreimalige Eintauchen des Menschen enthält ein anderes Geheimnis. ― Da der Menschgewordene unsere Erlösung nicht so fast durch seine Lehrunterweisung, sondern mehr durch das, was er tat, bewerkstelligen wollte, indem er freiwillig in das menschliche Leben eintrat, damit er mittels des Fleisches, das er angenommen und zur Göttlichkeit erhoben hatte, alles damit Verwandte und Gleichartige miterrette, so mußte er einen Weg ausfindig machen, um durch Handlungen eine gewisse Ähnlichkeit und Verwandtschaft zwischen Meister und Jünger herbeizuführen. Wir müssen daher untersuchen, welche Handlungen an dem Vorbild unseres Lebens sich finden, damit wir nach den Worten des Apostels (Hebr. 2, 10) auf den Urheber unseres Heiles sehend, unsere Nachfolgerschaft und Nachahmung einrichten können. Denn wie die Soldaten, welche zu gewandtem Waffengebrauch unterrichtet werden sollen, von den im Kriegshandwerk Erfahrenen durch das, was sie sehen, zu militärischen Übungen herangeführt werden, solche aber, welche das Vorgezeigte nicht nachahmen, niemals soldatische Tüchtigkeit erlangen, ebenso müssen alle, welche den gleichen Eifer für das Gute haben, ihrem Meister, der sie zum Heile führen möchte, notwendig dadurch nachfolgen, daß sie ihn nachahmen und ebenfalls vollbringen, was er vor ihnen tat. Denn man kann nicht zum gleichen Ziele gelangen, wenn man nicht die gleichen Wege geht.

Wie nämlich selbst jene, welche für sich die Irrgänge der Labyrinthe nicht zu durchschreiten vermögen, sobald sie nur einen darin Bewanderten treffen und ihm auf den Fuß nachfolgen, gar schnell die vielfachen und trügerischen Windungen im Bauwerk sicher durchqueren können, während sie keinen Ausweg finden, wenn sie ihrem Führer nicht unmittelbar sich anschließen, so ― bedenke es wohl ― ist auch das Labyrinth dieses Lebens für unsere menschliche Natur undurchschreitbar, wenn wir nicht den nämlichen Weg einschlagen, durch den der Herr entrann, dem Zirkelkreis entkam, als er sich in demselben befand. Mit dem Labyrinth meine ich aber bildlich den Kerker des Todes, der keinen Ausgang hat und in dem das unglückliche Menschengeschlecht eingeschlossen war. Was sehen wir nun an dem Urheber unseres Heiles? Ein dreitägiges Verharren im Tode und seine darauffolgende Wiederbelebung. Darum war es notwendig, etwas zu erdenken, wodurch wir ihm in diesem Punkte ähnlich würden. Welches Mittel wurde nun erfunden, durch dessen Gebrauch wir dieses sein Erlebnis nachahmen können? Als der naturgemäße und passende Ort kommt für alles Tote zunächst die Erde in Betracht, in welche es gesenkt und verborgen wird; aber enge ist mit der Erde das Wasser verwandt, da sie beide allein unter den Elementen schwer sind und abwärts streben, ineinander verharren und sich miteinander verbinden. Da nun der Tod den Urheber unseres Lebens, wie es unserer Natur entsprach, unter die Erde führte, so gelangt die Nachahmung dieses Todes, die von unserer Seite erfolgt, in dem der Erde benachbarten Elemente, im Wasser, zum sinnbildlichen Ausdruck. Und wie jener vom Himmel herabgestiegene Mensch, nachdem er den Tod auf sich genommen, drei Tage unter der Erde sich befand und dann zum Leben zurückkehrte, so soll jeder, der auf Grund der menschlichen Natur mit ihm verbunden ist, um den nämlichen Zweck, d. h. die gewünschte Belebung zu erreichen, statt mit Erde mit Wasser sich überschütten lassen und dreimal in das Element eintauchen, um dadurch die nach drei Tagen erfolgte Gnade der Wiederbelebung nachzuahmen.

Wie schon oben ausgeführt, verhängte die göttliche Natur über die menschliche Natur den Tod gemäß der Heilsordnung in der Absicht, daß durch die Trennung des Körpers von der Seele das Böse ausgeschieden und der Mensch bei der Auferstehung in einem ganz neuen Zustande wieder hergestellt werde, gesund, leidlos, unversehrt und frei von allem Bösen. Dieses Endziel, welches die Heilsordnung hinsichtlich des Todes verfolgt, wurde bei dem Urheber des Lebens vollständig erreicht, indem sie ihre damit verbundene besondere Absicht restlos zur Erfüllung brachte: was verbunden war, wurde durch den Tod getrennt und dann das also Getrennte wieder vereinigt und zwar so, daß zuerst durch die Trennung der miteinander verbundenen Bestandteile, nämlich des Leibes und der Seele, eine Läuterung der Natur stattfand und infolgedessen eine Wiedervereinigung der Getrennten unter Ausscheidung alles Fremdartigen und Unvollkommenen erfolgen konnte. Bei den Jüngern dagegen gestattet die menschliche Natur nicht eine durchgängige Nachahmung des Meisters, sondern sie übernimmt jetzt von ihm nur soviel als möglich ist, und verspart das noch Übrige auf eine spätere Zeit.

Was ist es nun, was sie jetzt schon nachahmt? Dies, daß sie durch den Tod, welcher durch das Wasserbad versinnbildet wird, die Vernichtung des ihr beigemischten Bösen bewirkt, freilich nicht eine vollständige Vernichtung, aber immerhin sozusagen eine Durchschneidung des engen Zusammenhangs, in welchem wir mit dem Bösen stehen, indem zur Entfernung des Bösen ein Zweifaches zusammenhilft: nämlich die Reue des Sünders und die Nachahmung des Todes; hiedurch wird der Mensch aus seiner Verbindung mit dem Bösen befreit, indem er durch die Reue zum Haß und zur Verabscheuung der Sünde kommt und durch den Tod auf die Vernichtung des Bösen hinarbeitet. Freilich wenn der Nachahmende in den völligen Tod gehen könnte, so würde dies nicht mehr eine bloße Nachahmung, sondern die ganz gleiche Handlung darstellen, und das Böse wäre gänzlich aus unserer Natur entfernt, so daß er, wie der Apostel sagt (Röm. 8, 4), der Sünde ein für allemal absterben würde. Da wir aber, wie gesagt, die allerhabene Macht nur soviel nachahmen können, als die Armseligkeit unserer Natur es gestattet, so ahmen wir durch die dreimalige Eintauchung in das Wasser und die Wiedererhebung aus demselben das Begräbnis unseres Heilbringers und seine nach drei Tagen erfolgte Auferstehung nach; dabei erinnern wir uns, daß, wie uns die Kraft zukommt, sowohl in das Wasser ein- als auch aus demselben emporzutauchen, ebenso der Träger der Herrschaft über alle Dinge, die Macht besaß, einerseits in den Tod, wie wir ins Wasser, unterzutauchen, anderseits aber auch in seine Herrlichkeit zurückzukehren.

Wer nun auf das Verhältnismäßige sieht und die Handlungen, Leistungen unter Berücksichtigung der beiderseitigen Macht beurteilt, wird in den Handlungen keinen wesentlichen Unterschied finden, da jeder von beiden tut, was in seiner Macht steht. Denn wie es in der Gewalt des Menschen steht, wenn er will, das Wasser ohne Gefahr zu berühren, so ist es für Gottes Macht unendlich leichter, sich dem Tode zu nahen, ohne irgendwie Schaden zu nehmen. Deshalb müssen wir durch das Wasserbad die Gnade der Auferstehung uns erwerben, damit wir uns bewußt werden, Taufe und Auferstehung sei uns in gleicher Weise leicht zugänglich gemacht. Aber wie im menschlichen Leben eines dem anderen vorausgehen muß und ohne das eine das andere nicht eintreten kann, obschon gar oft bei einem Vergleich zwischen Anfang und Ende der Anfang im Verhältnis zum Endziel fast als nichts erscheint, (welche Ähnlichkeit besteht zwischen dem Menschen und dem zur Erzeugung des Lebewesens dienenden Samen? Und doch könnte ohne das Erste das Zweite nicht entstehen) ― so hat die wunderbare Auferstehung, obgleich sie ihrer Natur nach größer ist als die Taufe, ihre Anfänge und Ursachen in dieser; denn sie kann nicht erfolgen, wenn nicht die Taufe vorausgeht.

Unmöglich also kann der Mensch ohne die im Wasserbad vor sich gehende Wiedergeburt zur Auferstehung gelangen, ich meine dies nicht im Hinblick auf die Umbildung und den Wiederaufbau unserer Bestandteile (denn hiezu muß unsere Natur infolge der inneren Notwendigkeit, die ihr Schöpfer in sie legte, auf jeden Fall gelangen, mag sie zur Gnade der Taufe kommen oder dieser Einweihung unteilhaftig bleiben), sondern im Hinblick auf die Wiederherstellung zu jenem Leben, das da voll Seligkeit, göttlicher Art und frei von jeder Trübsal ist. Denn keineswegs gelangen alle, welche durch die Auferstehung die Rückkehr in das Sein erhalten, zu dem nämlichen Leben, sondern es wird ein großer Unterschied sein zwischen denen, welche schon die Reinigung empfingen, und jenen, die derselben noch bedürfen. Die bereits hier durch die Taufe gereinigten Seelen bekommen Zutritt zu den ihnen nun verwandten guten Geistern; mit der Reinheit ist aber auch Schmerzlosigkeit verbunden; in der Schmerzlosigkeit liegt aber nach allgemeinem Zugeständnis die Seligkeit. Diejenigen Menschen hingegen, deren Leidenschaften sich verhärteten und die kein Mittel zur Reinigung der Befleckung anwandten: weder das geheimnisvolle Wasser, noch die Anrufung der göttlichen Macht, noch reumütige Besserung, müssen ebenfalls in jenen Zustand gelangen, der ihrem Wesen entspricht ― dem ungeläuterten Golde aber entspricht nur der Schmelzofen ―, damit das ihnen beigemengte Böse ausgeschieden werde und sie so später nach langen Zeitläuften für Gott noch Rettung finden. Da also eine reinigende Kraft im Wasser wie auch im Feuer liegt, so bedürfen diejenigen, welche durch das geheimnisvolle Wasser den Schmutz der Unreinheit abgewaschen haben, des zweiten Reinigungsmittels nicht mehr; jene dagegen, welche der Weihe durch das Wasser der Reinigung nicht teilhaftig wurden, müssen durch Feuer geläutert werden.

 

Kapitel 37. Von der eucharistischen Nahrung.

Allein da der Mensch ein Doppelwesen ist, indem er aus Leib und Seele besteht, so müssen alle, welche gerettet werden wollen, den beiden Bestandteilen nach mit dem Urheber des Lebens verbunden werden. Die Seele also, welche durch den Glauben mit ihm in Verbindung trat, trägt eben hierdurch die Wurzel der Rettung in sich (denn die Vereinigung mit dem Leben bewirkt auch Teilnahme am Leben); der Leib aber kommt auf eine andere Weise zur engsten Verbindung mit seinem Erretter. Denn wie die, welche auf hinterlistige Weise Gift bekommen haben, die todbringende Macht desselben durch ein Gegengift tilgen, dabei letzteres aber dem verderblichen Trank ähnlich in die menschlichen Eingeweide einführen müssen, damit die Kraft des Heilmittels auf diesem Wege auf den ganzen Körper übergehe, so bedurften auch wir, nachdem wir von einer Speise gekostet hatten, welche die Auflösung unseres Körpers zu bringen drohte, einer anderen, welche die Auflösung hemmt, damit sie als Gegenmittel von uns genommen, den Schaden wieder verdränge, den die erwartete schlimme Nahrung in unseren Körper getragen. Was ist nun diese Speise? Keine andere als jener Leib, der den Tod überwunden und uns das Leben gebracht hat. Denn gleichwie nach den Worten des Apostels (1 Kor. 5, 5) ein wenig Sauerteig die ganze Teigmasse sich ähnlich macht, so bildet jener von Gott mit Unsterblichkeit ausgestattete Leib den unsrigen nach sich um und verwandelt ihn. Denn wie unfehlbar, wenn Verdorbenes mit Gesundem gemischt, die ganze Mischung verdorben wird, so formt umgekehrt der unsterbliche Leib jeden, der ihn aufnimmt, ganz nach seiner Natur um.

Nun kann nichts auf andere Weise in unseren Leib gelangen als dadurch, daß es in der Form von Speise und Trank in unsere Eingeweide eingeht; daher müssen wir auch die Leben spendende Kraft in den Körper aufnehmen, die unserer Natur entspricht. Da nun jener Leib, der Gott in sich getragen, allein die Gnade besitzt, unsterblich zu machen, unser Körper aber, wie gezeigt, nur dadurch zur Unsterblichkeit gelangt, wenn er durch die Vereinigung mit jenem unsterblichen Leib die Gabe der Unvergänglichkeit empfängt, so müssen wir nur noch die Frage untersuchen, wie es möglich ist, daß jener Leib, obgleich er an so viele Tausende von Gläubigen auf dem ganzen Erdenrund immerfort verteilt wird, einem jeden in der großen Reihe der Teilnehmer doch ganz zuteil wird, und wie er für sich selbst ganz bleibt. Damit unser Glaube, der auf die Forderungen der Vernunft achtet, auch hinsichtlich der vorliegenden Frage keinen Zweifel aufkommen lasse, müssen wir einen kurzen Seitenblick auf die Physiologie des Leibes werfen. Wer weiß nämlich nicht, daß unser Leib seiner ganzen Natur nach nicht durch und aus sich selbst zu leben vermag, sondern durch eine Kraft, die ihm von außen zufließt und die ihn sowohl in seiner Existenz wie in seinem Bestand dadurch erhält, daß in ununterbrochener Tätigkeit, was mangelt, aufgenommen, und, was überflüssig ist, ausgeschieden wird? Und wie ein mit Flüssigkeit gefüllter Schlauch, wenn am unteren Ende der Inhalt auszurinnen anfängt, seine bauchige Gestalt nicht gut bewahren kann, falls nicht Neues von oben zur Behebung der entstehenden Leere hinzugegossen wird, so daß man beim Anblick der Rundung erkennt, sie gehöre trotz des gegenteiligen Scheines nicht zur Gestaltung des Schlauches, sondern der Zufluß von oben gebe der Hülle die Form eines Bauches ― so ist auch unser Leib nicht so ausgestattet, daß er selbst seinen Bestand sichern könnte, sondern eine Kraft, die ihm von außen zufließt, erhält ihn in seiner Existenz, und diese Kraft ist und heißt Nahrung. Doch ist dieselbe nicht für alle Körper, die ihrer bedürfen, gleich, sondern jedem Leib ist die ihm entsprechende Nahrung vom Schöpfer der Natur zugewiesen. Manche Tiere nähren sich von Wurzeln, die sie ausgraben, andere von Gras, wieder andere von Fleisch; für den Menschen aber ist die Hauptnahrung das Brot und sein Trank zur Erhaltung und Bewahrung der Flüssigkeit nicht lediglich Wasser, sondern häufig mit Wein verbessert, um die Wärme in uns zu fördern. Wer demnach diese Dinge sieht, sieht unseren ganzen Körper, weil derselbe in ihnen der Potenz (Möglichkeit) nach enthalten ist; denn wenn ich dieselbe in mich aufgenommen habe, so wird daraus Blut und Leib, indem der Körper durch eine verändernde (assimilierende) Kraft sie entsprechend in seine Wesenheit (Substanz) überführt.

Haben wir nun die näheren Unterscheidungen in dieser Richtung angegeben, so können wir wieder unsere Gedanken auf den Hauptgegenstand zurücklenken. Es wurde nämlich die Frage aufgeworfen, wie jener eine Leib dem ganzen Menschengeschlecht ewiges Leben zu verleihen vermöge, das heißt allen, welche nur immer glauben und wie er an alle ausgeteilt werden könne, ohne selbst vermindert zu werden. Bald kommen wir an eine befriedigende Antwort heran. Denn wenn der Bestand des ganzen Körpers auf der Nahrung beruht und diese Speise und Trank umfaßt, und zwar Brot als Speise und Wasser, mit Wein verbessert, als Trank, wenn ferner, wie gleich anfangs dargelegt wurde, Gottes Wort in seiner Eigenschaft als Gott und Wort mit der menschlichen Natur sich verband, und dabei, obgleich einen wahren menschlichen Leib annehmend an den Bedingungen seines Bestandes keine Änderung vornahm, sondern die Existenz seines Menschenleibes auf die gewöhnliche und ihm angemessene Weise sicherte, indem er ihm Speise und Trank zu seiner Erhaltung zuführte, wobei Brot als Speise diente, ― so war also, gleichwie bei uns nach unserer wiederholten Darlegung, daß man, wenn man Brot sieht, gewissermaßen den menschlichen Leib sieht, weil ersteres durch den Genuß zu letzterem wird, auch, beim menschgewordenen Worte der Leib, der Gott in sich trug, weil auch er die Nahrung des Brotes zu sich nahm, in gewisser Hinsicht mit dem Brote identisch, weil dieses als Speise, wie gesagt, in die Natur des Leibes übergeht. Denn was von allen menschlichen Leibern gilt, wird auch bei jenem Leibe zugestanden, daß er nämlich durch Brot erhalten wurde; aber derselbe Leib ist es auch, der durch das Einwohnen des Wortes Gottes zur göttlichen Würde erhoben wurde. Mit Recht also glauben wir, daß auch jetzt das durch das Wort Gottes geheiligte Brot in den Leib des Wortes Gottes verwandelt werde; denn auch jener Leib war der Potenz nach Brot, geheiligt aber wurde er durch das Einwohnen des Wortes Gottes, das im Fleische sein Gezelt aufschlug.

Wie sonach das Brot, das in jenen Leib umgewandelt wurde, in die göttliche Macht überging, so wird auch jetzt noch auf dieselbe Weise Brot zum nämlichen Leibe. Denn damals machte die Gnade des Wortes den Leib heilig, der durch Brot in seinem Bestand erhalten wurde und in gewissem Sinne selbst Brot war, so wird jetzt in gleicher Weise das Brot geheiligt, wie der Apostel sagt (1 Tim. 4, 5), durch das Wort Gottes und durch Gebet, jedoch nicht so, daß es erst durch Essen allmählich in den Leib des Wortes überging, sondern so, daß es sofort durch das Wort in den Leib verwandelt wird, gemäß dem (aus Ber.: lies: „dem“ statt „dessen“), daß das Wort Gottes selbst erklärte: „Dies ist mein Leib.“

Da aber jeder Mensch auch durch Flüssigkeit genährt wird (denn ohne derartige Zufuhr würde das Erdhafte in uns kaum am Leben bleiben), so gewähren wir, gleich wie wir den festen Bestandteil unseres Körpers durch feste und harte Speise aufrecht erhalten, auch unserem flüssigen Bestandteil eine Nachhilfe aus der nämlichen Natur; diese wird dann, wenn es in uns eingeführt wird, durch die Kraft der Assimilation zu Blut, und zwar zumal dann, wenn es durch Wein die Fähigkeit erhalten hat, in Wärme umgesetzt zu werden. Da nun jenes Gott in sich bergende Fleisch auch den flüssigen Bestandteil des menschlichen Körpers zu seiner Wesenheit und Erhaltung aufnahm, Gott aber sich deshalb mit unserer hinfälligen Natur vereinigte, um den Menschen zur Verbindung mit der Gottheit emporzuheben, so will er mittels des Fleisches, das aus Brot und Wein bereitet wird, allen gläubigen Anhängern der Gnadenordnung, indem er sich mit ihren Leibern vereinigt, sich selbst gleichsam einsäen, damit auch der Mensch durch sein Einswerden mit dem Unsterblichen der Unsterblichkeit teilhaftig werde. Diese Gaben spendet er durch die Kraft der Segnung, indem er die Natur des Sinnenfälligen in jenes umwandelt.

Kapitel 38. Übergang zum nächsten Punkt, das heißt zum Beginn des Glaubens.

Unseren Darlegungen über die verschiedenen Punkte unserer Lehre dürfte kaum etwas fehlen, ausgenommen die Erörterung über den Anfang des Glaubens, die wir nun noch in der gegenwärtigen Abhandlung geben wollen. Für solche aber, welche eingehendere Untersuchungen wünschen, haben wir, indem wir mit möglichster Hingabe und Gründlichkeit den Gegenstand erörterten, derartige bereits in anderen Werken geboten, in welchen wir uns teils in einen Kampf mit den Gegnern einließen, teils aus Eigenem die betreffenden Fragen zu lösen suchten. Bezüglich der folgenden Darlegung glaubten wir, es würde genügen, soviel hinsichtlich des Übertritts zum Glauben darzutun, als der Wortlaut des Evangeliums fordert, damit jeder, der die Wiedergeburt des Geistes anstrebt, zweifaches kennen lerne: den Vater, von dem er wiedergeboren, und das Leben, für das er wiedergeboren ward. Denn nur bei dieser Art von Geburt hat der Mensch die Möglichkeit in der Hand, zu werden, was er will.

Kapitel 39. Die Wiedergeburt erfolgt aus dem dreieinigen Gott; darum ist der Glaube an denselben notwendig.

Bei allem, was sonst geboren wird, hängt dessen Eintritt in das Sein von dem Willen der Erzeugenden ab; nur die geistige Geburt hängt von der Macht dessen ab, der geboren wird. Da nun gerade darin, das heißt in dem Umstande, daß jedem die Wahl freisteht, die Gefahr liegt, das Zuträgliche zu verfehlen, so ist es, meine ich, nur vorteilhaft, wenn alle, welche wiedergeboren werden wollen, zuerst sich reiflich überlegen, wer ihnen als Vater einen Nutzen verschaffen kann und von wem ihre Natur mit größerem Gewinn ihre Existenz bekäme; denn wie bemerkt, wählt man bei dieser Art von Geburt seine Erzeuger selbst.

Da man nun zwischen geschaffener und nicht geschaffener Natur unterscheidet, und erstere der Veränderung und dem Wechsel unterliegt, letztere aber als besondere Auszeichnung die Unveränderlichkeit und Unwandelbarkeit besitzt, wessen Kind wird nun der, welcher mit dreifacher Überlegung das ihm Nützliche wählt, werden wollen: ein Kind jener Natur, welche dem Wechsel steter Veränderung unterliegt, oder aber jener, welcher eine für immer unveränderliche und im Guten stets gleichbleibende Wesenheit zukommt? Da nun im Evangelium die drei Personen und ihre Namen überliefert werden, durch welche die Gläubigen ihre Wiedergeburt gewinnen, der aus jener Dreiheit Wiedergeborene aber in gleicher Weise vom Vater, vom Sohne und vom Heiligen Geiste sein neues Leben empfängt, ― so heißt es nämlich im Evangelium vom Geiste: Was aus dem Geiste geboren ist, ist „Geist“ (Joh. 3, 6) und Paulus „zeugt in Christus“ (1 Kor. 4, 15) und „der Vater ist der Vater aller“ (Eph. 4, 6) ― so muß der Verstand des Gläubigen recht ernstlich darauf achten, daß er sich nicht selbst zu einem Kinde der veränderlichen Natur mache, während es ihm doch freisteht, die unveränderliche Wesenheit zur Quelle des eigenen Lebens zu haben.

Vom Glauben der zur neuen Heilsordnung Übertretenden hängt nämlich die Wirkungsweise ihrer Wiedergeburt ab: wer die heilige Dreiheit ohne Ausnahme als unerschaffen bekennt, geht in deren wechsel- und wandelloses Leben ein; wer dagegen infolge seines Irrwahnes innerhalb der Dreiheit eine geschaffene Natur annimmt, und sich auf dieselbe taufen läßt, wird zu einem wandelbaren und veränderlichen Leben wiedergeboren; denn der Erzeugte hat notwendig die nämliche Natur wie der Erzeugende. Was möchte also mehr frommen: in das unveränderliche Leben einzugehen oder aber wiederum in das Gewoge des veränderlichen Lebens geworfen zu werden? Da nun jeder, der auf Verstand Anspruch macht, ohne weiteres einsieht, daß das Unveränderliche dem Veränderlichen, das Vollkommene dem Unvollkommenen, das nichts Bedürfende dem Mangel Leidenden, das keines Fortschrittes mehr Fähige und im Guten immerdar Beharrliche dem noch auf dem Wege des Fortschrittes sich Befindlichen bei weitem vorzuziehen ist, so muß, wer irgend Einsicht hat, notwendig eines von beiden wählen: entweder glauben, die ganze heilige Dreiheit sei von unerschaffener Natur, und dieselbe sich zum Urheber seines neuen Lebens bei der Wiedergeburt bestellen, oder, wenn er den Sohn und den Heiligen Geist außerhalb der Natur des Vaters als des obersten und wirklichen und guten Gottes stellen will, diese Meinung nicht in die Zeit der Wiedergeburt hinübernehmen, damit er nicht unversehens der mangelhaften und der Verbesserung bedürftigen Natur sich anheimgebe und sich sozusagen in die nämliche Art einführe, weil er mit seinem Glauben von der allerhabenen Natur abfiel. Denn wer einem Geschöpfe sich unterwürfig macht, der stellt, selbst wenn er es nicht beabsichtigt, die Hoffnung des Heiles nicht auf Gott.

Allem Geschaffenen kommt nämlich auf Grund der Tatsache, daß es in ganz gleicher Weise aus dem Nichtsein zum Sein gelangte, eine Verwandtschaft untereinander zu; denn gleichwie beim Baue unseres Körpers alle Glieder, mögen sie ihre Stelle mehr oben oder mehr unten haben, unter sich verwandt sind, so ist auch die geschaffene Natur eben auf Grund der gleichen Erschaffung in Verwandtschaft miteinander verbunden und der Unterschied zwischen größerer oder geringerer Vollkommenheit, den wir Menschen aufstellen, vermag nicht, dieses verwandtschaftliche Verhältnis zu zerstören. Denn an welchen Dingen sich vorher die gleiche Nichtexistenz feststellen läßt, an denen findet sich, so sehr sie auch in anderen Punkten eine Verschiedenheit aufweisen, doch in diesem Punkt keine Wesensverschiedenheit. Wenn nun der Mensch, der ein geschaffenes Wesen ist, auch den Heiligen Geist und ebenso den Eingebornen für ein Geschöpf halten wollte, so hätte er sich, indem er nur zu sich selbst zurückkehren würde, in seiner Hoffnung, in einen besseren Zustand versetzt zu werden, sicher getäuscht. Eine solche Auffassung würde der des Nikodemus ähnlich zu erachten sein, der da, als der Herr zu ihm von der Wiedergeburt sprach, in seinen Gedanken auf den Mutterschoß verfiel. Wer sich daher bei der Wiedergeburt nicht mit der unerschaffenen Natur verbinden will, sondern mit einem ihm verwandten und gleichfalls abhängigen Geschöpf, dessen Wiedergeburt kommt nicht von oben, sondern von unten. Das Evangelium aber lehrt, daß diejenigen, welche selig werden wollen, von oben her wiedergeboren werden müssen (Joh. 3, 3).

Kapitel 40. Die Wiedergeburt muß einen neuen Lebenswandel zur Folge haben. – Schluß mit dem Ausblick auf die Ewigkeit.

Doch scheint mir die Katechese mit dem Dargelegten die Unterweisung noch nicht erschöpfend gegeben zu haben. Denn nach meinem Dafürhalten muß man auch das, was auf die Wiedergeburt folgt, in Betracht ziehen, weil dies viele von denen, welche zur Gnade der Taufe herantreten, übersehen und so sich selbst betrügen, indem sie nur dem Scheine nach, nicht aber wirklich wiedergeboren sind. Denn die Umwandlung unseres Lebens, welche durch die Wiedergeburt geschehen soll, wird doch nicht als Umwandlung anzusprechen sein, wenn wir in dem Zustande bleiben, in welchem wir vorher waren. Denn von jenem, der nach der Taufe noch der nämliche ist, weiß ich nicht, wie man annehmen könnte, er sei ein anderer geworden, während keine seiner in seinem Wandel sich zeigenden Eigenschaften eine Änderung erfuhren. Denn jedermann begreift, daß die heilbringende Geburt die Erneuerung und Umwandlung unserer Natur zum Ziele hat. Nun aber bewirkt die Taufe keine Veränderung der Menschennatur an sich; weder die Vernunft, noch der Verstand, noch die Fassungskraft wird geändert, noch sonst eine Fähigkeit, welche zur menschlichen Natur gehört; denn falls eine derartige Fähigkeit unserer Menschennatur eine Veränderung erführe, so würde dies eine Veränderung zum Schlechtern bedeuten. Da also in der genannten Beziehung eine Änderung nicht eintreten kann, die Wiedergeburt von oben aber dennoch eine Änderung bewirkt, so entsteht die Frage, in welcher Beziehung die Änderung sich vollzieht, welche die volle Gnade der Wiedergeburt mit sich bringt. Klar ist, daß eine Veränderung zum Bessern vorliegt, falls die schlechten Eigenschaften unserer Natur beseitigt werden. Wenn wir nun, in diesem geheimnisvollen Bade gewaschen, in unseren Gesinnungen nach dem Worte des Propheten (Is. 1, 16) geläutert wurden und unsere Missetaten gewaschen sind, dann sind wir besser geworden und haben uns zum Besseren verändert. Wird dagegen dieses Bad nur dem Körper zuteil, während sich die Seele von den Flecken ihrer Krankheit nicht reinigt, sondern das Leben nach der Weihe dem vor der Weihe gleicht, so will ich, wenn es auch ein kühnes Wort ist, es dennoch aussprechen, daß das Wasser bei diesen nur Wasser war, weil die Gabe des Heiligen Geistes an dem Wiedergebornen in keiner Weise sich offenbarte, falls nicht bloß das häßliche Laster des Zornes das göttliche Ebenbild entstellt oder die Leidenschaft der Habsucht oder zügellose und schmähliche Gesinnung oder Stolz und Neid und Hochmut, sondern auch der ungerechte Gewinn bei ihm bleibt und das Weib, das er sich auf ehebrecherische Weise erworben, seinen Lüsten auch nachher noch dient.

Wenn dies und Ähnliches nach wie vor im Leben des Getauften sich findet, so vermag ich nicht einzusehen, was geändert worden wäre, weil ich ja den nämlichen vor Augen habe, den ich vorher erblickte. Auch derjenige, den der Getaufte vorher gekränkt, verleumdet und aus seinem Besitztum vertrieben hat, merkt an ihm keine Veränderung. Nicht hören sie aus seinem Munde das Wort des Zachäus: „Wenn ich jemand betrogen, so ersetze ich es ihm vierfach“ (Luk. 19, 8). Was sie ihm vor der Taufe nachredeten, das erzählen sie auch nachher von ihm; mit demselben Namen nennen sie ihn auch jetzt noch einen Habsüchtigen, einen Menschen, der nach fremdem Eigentum verlangt und vom Unglück des Nächsten schwelgt. Wer also sich gleichbleibt und dennoch sich einreden möchte, durch die Taufe sei eine Veränderung bei ihm eingetreten, der beachte das Wort des heiligen Paulus: „Wenn einer, der nichts ist, etwas zu sein dünkt, der betrügt sich selbst“ (Gal. 6, 3). Denn was du nicht geworden bist, das bist du nicht.

Von den Wiedergebornen sagte aber das Evangelium: „So viele ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh. 1, 12). Wer aber jemands Kind geworden, der hat jedenfalls die nämliche Natur, wie sein Vater. Hast du nun Gott aufgenommen und bist du ein Kind Gottes geworden, so zeige durch dein Tun und Lassen, daß Gott in dir wohnt, zeige, wer dein Vater ist! Durch die nämlichen Merkmale, durch die wir Gott erkennen, wird sich auch die Gottesverwandtschaft der wahren Kinder Gottes verraten. Gott nun „tut seine Hand auf und erfüllt alles, was da lebt, mit Freude“ (Ps. 144, 16 [hebr. Ps. 145, 16]); „er hasset das Unrecht“ (Mich. 7, 8); „er verabscheut das Böse“ (Jer. 26, 3); „mild ist der Herr gegen alle“ (Ps. 144, 9 [hebr. Ps. 145, 9]); „nicht alle Tage zürnt er“ (Ps. 7, 12 [hebr. Ps. 7, 12]); „gerade ist Gott der Herr und keine Ungerechtigkeit ist in ihm“ (Ps. 91, 15 [hebr. Ps. 92, 15]) [ber.: Ps. 91, 16 bzw. 92, 16], und was wir sonst an verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift über Gott hören. Wenn du solch gute Eigenschaften aufweisest, bist du wirklich ein Kind Gottes geworden; wenn du aber in deinen schlimmen Eigenschaften verharrst, so redest du dir vergeblich ein, von oben wiedergeboren zu sein; dann gilt das Wort des Propheten von dir: „Du bist eines Menschen Kind“ (Ps. 81, 6 [hebr. Ps. 82, 6]) und nicht Kind des Allerhöchsten. „Du liebst Eitelkeit und suchst Lüge“ (Ps. 4, 3 [hebr. Ps. 4, 3]). Weißt du nicht, auf welche Weise der Mensch wunderbar erhöht wird? Nicht anders als dadurch, daß er heilig wird.

 

 

 

 

 

 

 

Es dürfte notwendig sein, zu dem bereits Gesagten folgendes beizufügen, nämlich, daß die Güter, welche den Guten in Aussicht stehen, von der Art sind, daß sie sich nicht in Worten schildern ließen. Wie sollte dies von dem möglich sein, was „kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und was in keines Menschen Herz eingedrungen ist“ (1 Kor. 2, 9)? Aber auch das qualvolle Leben der Gottlosen im Jenseits ist nicht mit irgend etwas von dem gleichbar, was hienieden Schmerz bereitet. Denn wenn auch die eine oder andere der dortigen Strafen mit Namen aufgeführt werden, welche hienieden gebräuchlich sind, so ist der Unterschied doch nicht gering. Denn wenn du vom Feuer hörst (Matth. 3, 10), so wirst du an ein anderes als an das irdische denken müssen, dadurch belehrt, daß jenes eine gewisse Eigenschaft besitzt, die dieses gewöhnliche nicht hat. Jenes nämlich erlischt nicht, für dieses aber hat man durch die Erfahrung viele Löschmittel entdeckt; zwischen Löschbarem und Unlöschbarem ist aber ein großer Unterschied; folglich ist das jenseitige Feuer ein anderes als das diesseitige. Ebenso wenn du von einem Wurm hörst (Is. 66, 24), so darfst du wegen des gleichen Namens mit deinen Gedanken nicht auf das irdische Tierlein verfallen. Denn der Zusatz, daß er nicht stirbt, gibt uns sofort die Gewißheit, daß derselbe eine andere Natur habe wie der Wurm auf Erden.

Da nun dies für das künftige Leben in Aussicht gestellt ist und je nach der freien Willensentscheidung eines jeden gemäß dem gerechten Urteil Gottes in entsprechender Weise dem Erdendasein zuwächst, so wird es der Weise für notwendig erachten, seinen Blick nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Zukunft zu richten und in diesem kurzen und hinfälligen Leben den Grund zu unaussprechlicher Seligkeit zu legen und durch einen guten Willen der Berührung mit dem Bösen zu entrinnen, und zwar mit dem Bösen sowohl, wie es jetzt im Leben droht und wie es nachher bei der Wiedervergeltung verhängt wird.

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