Abhandlung über die Ausstattung des Menschen

Von Gregor von Nyssa

Gregor, Bischof von Nyssa, an seinen Bruder Petrus, den Knecht Gottes.

Wenn man durch Gaben an Hab’ und Gut die durch Tugend sich Auszeichnenden ehren müßte, so würde die ganze Welt der Schätze, wie Salomo sagt, zu klein erscheinen, um deine Tugend aufzuwiegen. Da jedoch größer als nach Reichthums Werth der deiner Ehrwürdigkeit schuldige Dank ist, das heilige Osterfest aber die gewohnte Gabe der Liebe fordert, so bringen wir Deinem Hochsinne ein Geschenk, o Mann Gottes, das zwar geringer ist, als daß es werth wäre, dir dargebracht zu werden, doch gewiß nicht dürftiger als unser Vermögen. Das Geschenk aber ist eine Abhandlung, gleichsam ein dürftiges, aus unserem ärmlichen Denken nicht ohne Mühe gewebtes Kleid; der Stoff der Abhandlung aber wird vielleicht den Meisten als kühn erscheinen, indeß ward er nicht als ungemessen erachtet. Allein nämlich in würdiger Weise hat die Schöpfung Gottes betrachtet der wahrhaft nach Gott geschaffene und an der Seele nach dem Bilde des Schöpfers gestaltete Basilius, unser gemeinsamer Vater und Lehrer, der die erhabene Einrichtung des Alls durch seine Betrachtung der Menge faßlich gemacht hat, indem er die in wahrer Weisheit von Gott gegründete Schöpfung denen erkennbar machte, die durch seine Einsicht zur Betrachtung sich anleiten lassen. Wir aber, obwohl wir ihn nicht einmal nach Gebühr bewundern können, haben dennoch uns vorgenommen, den Betrachtungen des großen Mannes das Fehlende beizufügen, nicht um durch Überbietung seine Arbeit zu entwerthen (denn es wäre auch nicht Recht, jenen erhabenen Mund durch unsere Nachreden zu beschimpfen), sondern damit nicht der Ruhm des Lehrers in seinen Schülern erloschen zu sein scheine. Denn wenn, da in dem „Sechstagewerk“ die Rücksichtnahme auf den Menschen fehlt, keiner seiner Schüler einen Fleiß auf die Ergänzung des Fehlenden verwenden würde, so hätte natürlich gegen seinen großen Ruhm der Tadel eine Angriffswaffe, als habe er seinen Zuhörern keine wissenschaftliche Tüchtigkeit beibringen wollen. Nun aber, wo wir nach Vermögen uns an die Ausführung des Fehlenden wagen, wird, falls in unseren Leistungen Etwas gefunden werden sollte, was seiner Unterweisung nicht unwürdig ist, Dieses jedenfalls auf Rechnung des Lehrers kommen; falls aber an seine großartige Anschauung unsere Darstellung nicht hinanreicht, so wird er zwar von einer solchen Anklage frei sein und dem Tadel, er scheine nicht gewollt zu haben, daß in seinen Schülern etwas Rechtes entstehe, entgehen, wir aber dürften mit Recht den Tadelsüchtigen als schuldig erscheinen, als hätten wir in der Kleinheit unseres Herzens die Weisheit des Lehrmeisters nicht gefaßt.

Es ist aber nicht klein der uns zur Betrachtung vorliegende Gegenstand, noch steht er irgend einem von den Wundern in der Welt nach, ja vielleicht ist er sogar größer als alle, die wir kennen, weil kein anderes unter den Seienden Gott ähnlich geschaffen ist ausser der menschlichen Kreatur. Darum wird von den billig Denkenden unter den Zuhörern uns bereitwillige Nachsicht bei unserem Vortrage zu Theil werden, wenn etwa weit hinter der Gebühr die Rede zurückbleibt. Denn es darf, meine ich, von Allem, was den Menschen betrifft, sowohl von dem, was wir als früher geschehen glauben, als dem, was wir jetzt sehen, als auch dem, was wir als künftig eintretend erwarten, Nichts ununtersucht bleiben. Denn fürwahr als zurückbleibend hinter der Ankündigung würde sich die Arbeit erweisen, wenn, wo der Mensch der Betrachtung vorliegt, Etwas von dem zur Sache Gehörigen übergangen würde. Vielmehr auch das, was an ihm als ein entgegengesetzter Zustand erscheint, weil nicht mehr dasselbe mit dem, was am Anfange war, auch jetzt noch an seiner Natur sich zeigt, muß man in einer gewissen nothwendigen Abfolge gemäß der Lehre der Schrift sowohl als der durch Vernunftschlüsse sich ergebenden verknüpfen, damit der ganze Stoff mit sich übereinstimme durch Verbindung und Ordnung, indem die scheinbaren Widersprüche in ein und dasselbe Ziel zusammen treffen, da eben die göttliche Macht Hoffnung erfindet für das, was über Hoffnung ist, und einen Ausweg für das Unmögliche. Der Deutlichkeit wegen aber hielt ich es für gut, die Abhandlung Dir in Kapiteln vorzulegen, damit Du von dem ganzen Werke in Kürze den Inhalt der einzelnen Untersuchungen übersehen könnest.

Eine theilweise Naturbeschreibung von der Welt und eine anziehende Schilderung dessen, was der Schöpfung des Menschen vorausging.

„Dieß ist das Buch der Entstehung von Himmel und Erde,“ sagt die Schrift, als alles Sichtbare vollendet wurde und jedes der Wesen abgesondert an seinen gehörigen Ort hinging, als der Himmelskörper Alles rings umfing, die schweren und niedersinkenden Körper, Erde und Wasser, in wechselseitigem Festhalten den Mittelraum des Alls einnahmen und zum Verband und Bestand des Gewordenen die göttliche Kunst und Kraft in die Natur der Wesen niedergelegt wurde, mit zweifacher Thätigkeit Alles lenkend. Durch Stillstand nämlich und Bewegung bewirkte sie dem Nichtseienden die Entstehung und dem Seienden den Fortbestand, indem sie um das Schwere und Unverrückbare der unbewegten Natur, wie um eine feste Achse, die blitzschnelle Bewegung der Himmelskugel einem Rade ähnlich kreisen ließ und beiden durch einander Unauflösbarkeit sicherte, indem sowohl die kreisende Substanz durch ihre schnelle Bewegung den Ball der Erde rings zusammendrängt, als auch das Dichte und Unnachgiebige durch seine unverrückbare Festigkeit den Wirbel der Kreisläufer ununterbrochen anspannt. Gleich aber beiderseits wurde bei den durch ihre Thätigkeiten geschiedenen Theilen die Überbietung gemacht, sowohl in der standfesten Natur als in dem rastlosen Umkreise; denn weder weicht die Erde von ihrem Standort, noch gibt je der Himmel seine Hast auf und läßt nach in seiner Bewegung.

Das aber ward auch zuerst gemäß der Weisheit des Schöpfers gleichsam als ein Anfang des ganzen Werkes vor den Dingen geschaffen, indem meines Erachtens der große Moses dadurch, daß er sagt, am Anfange sei der Himmel und die Erde von Gott geschaffen worden, anzeigt, von Bewegung und Stillstand ausgegangen sei alles in der Schöpfung Erscheinende, nach dem göttlichen Willen zur Existenz gebracht. Indem also der Himmel und die Erde durch ihre Thätigkeiten in diametralem Gegensatze zu einander stehen, bildet die zwischen den Gegensätzen befindliche Schöpfung, die theilweise an dem nebenan Liegenden Theil hat, durch sich die Vermittlung der Extreme, damit offenbar werde die wechselseitige Verknüpfung der Gegensätze durch das Mittlere. Denn der steten Bewegtheit und Feinheit der Feuersubstanz ähnelt gewissermaßen die Luft, sowohl in der Leichtigkeit ihrer Natur als in ihrer Beweglichkeit. Gleichwohl ist sie nicht derartig, daß sie der Verwandtschaft mit dem Festen entfremdet wäre, indem sie weder stets unbewegt bleibt, noch durchaus verfließt und verfliegt, sondern durch ihre Verwandtschaft mit beiden ist sie eine Art Grenzgebiet zwischen dem Gegensatze der Thätigkeiten, indem sie durch sich zugleich verbindet und trennt das von Natur Geschiedene. Auf dieselbe Weise schließt sich auch die nasse Substanz durch zweifache Eigenschaften an beiderlei  Gegensätze an. Denn durch ihre Schwere und ihren Zug nach unten hat sie eine große Verwandtschaft mit dem Erdartigen, durch ihren Antheil aber an einer gewissen fließenden und unstäten Thätigkeit ist sie dem nicht ganz fremd, was von beweglicher Natur ist, sondern auch hiedurch findet eine gewisse Verbindung und Vereinigung der Gegensätze statt, indem die Schwere in Bewegung übergeht und die Bewegung in der Schwere kein Hinderniß findet, so daß das von Natur extremst auseinander Liegende mit einander zusammen kommt, durch die Mittelglieder gegenseitig vereint. Ja sogar bei genauer Betrachtung bleibt nicht einmal die Natur des Gegentheiligen selbst in ihren Eigenheiten ganz unvermischt gegen die andere, damit, glaub’ ich, alles in der Welt Erscheinende sich gegen einander neige und die in den Eigenheiten der Gegensätze sich darstellende Schöpfung mit sich selbst zusammenstimme. Da nämlich die Bewegung nicht bloß in der Ortsveränderung besteht, sondern auch in Wechsel und Umwandlung sich zeigt, anderseits aber die unveränderliche Natur die Bewegung durch Umwandlung nicht zuläßt, so hat die Weisheit Gottes die Eigenthümlichkeiten vertauscht und dem stets Bewegten die Unwandelbarkeit, dem Unbewegten aber die Wandelbarkeit verliehen, indem er es mit Vorbedacht vielleicht so ordnete, damit nicht die Eigenthümlichkeit der göttlichen Natur, nämlich die Wandellosigkeit und Unveränderlichkeit, wenn sie an irgend einem von den Schöpfungswesen wahrgenommen würde, bewirke, daß man für Gott halte das Geschöpf. Denn kaum wird das noch die Vermuthung der Göttlichkeit für sich haben, was in Bewegung oder Veränderung begriffen ist. Darum ist die Erde feststehend und nicht wandellos, der Himmel aber umgekehrt, der keinen Wandel hat, hat auch die Ständigkeit nicht, damit, durch Verbindung des Wechsels mit der stillstehenden und der Bewegung mit der unwandelbaren Natur, die göttliche Macht Beide sowohl im Austausch ihrer Eigenheiten mit einander befreunde als auch dem Scheine der Göttlichkeit entrücke. Denn keines von beiden, wie gesagt, wird man für Sache der göttlichen Natur halten, weder das, was nicht feststeht, noch das, was sich ändert.

Schon also war Alles zu seinem Ende gelangt. Denn vollendet war, wie Moses sagt, der Himmel und die Erde und alles dazwischen Liegende, und mit der entsprechenden Schönheit das Einzelne geschmückt, der Himmel mit den Strahlen der Lichter, Meer und Luft mit den schwimmenden und fliegenden Thieren, die Erde mit den mannigfachen Unterschieden von Gewächsen und Weidevieh, welche sie allesammt, durch den göttlichen Willen dazu befähigt, auf einmal hervorbrachte. Und voll war die Erde von den Jahrzeitfrüchten, indem sie zugleich mit den Blüthen die Früchte trieb, voll waren die Wiesen von Allem, was auf den Wiesen wächst, und alle Riffe und Höhen, und alles Flach- und Hügelland und alle Thalgründe waren mit frisch grünendem Grase und der bunten Pracht der Bäume geschmückt, die soeben aus der Erde sich erhoben, schnell aber zur vollendeten Schönheit emporwuchsen. Lustig aber war Alles, natürlich, und umhersprang das auf Geheiß Gottes zum Leben gelangte Gethier, heerden- und artenweise in den Gebüschen geborgen, von den Liedern aber der Singvögel ertönte allenthalben jeglicher Strauch und Schattenbusch. Der Anblick des Meeres dann war natürlich ein anderer von der Art, indem es sich soeben in den Sammlungen der Höhlen zur Ruhe und Stille niederließ, längs welchem Buchten und Häfen, durch göttlichen Willen von selbst in die Ufer eingehöhlt, das Meer mit dem Festland befreundeten; und die sanften Bewegungen der Wogen wetteiferten mit der Schönheit der Wiesen, indem sie unter leichten und spielenden Lüften auf der oberen Fläche zierlich sich kräuselten — und der gesammte Reichthum der Schöpfung zu Land und zu Wasser war fertig, aber der Nutznießer war nicht.

Warum der Mensch nach der Schöpfung zuletzt kommt.

Noch nicht nämlich war dieses große und werthvolle Wesen, der Mensch, in der Welt der Dinge ansässig. Denn es war auch nicht billig, daß der Herrscher vor den Beherrschten erschien, sondern erst nach Zubereitung des Herrschergebietes war es an der Zeit, daß der König auftrat. Nachdem also gleichsam einen königlichen Aufenthalt für den künftigen König der Schöpfer des Alls zurecht gemacht hatte, — das war aber Erde, Inseln, Meer und der wie ein Dach darüber sich wölbende Himmel, — und nachdem allerlei Reichthum in diesen Königssitz niedergelegt war, — unter Reichthum aber verstehe ich die ganze Schöpfung, was da ist an Pflanzen und Gewächsen, und Alles, was Empfindung und Leben und Seele hat, und, muß man auch die Stoffe zum Reichthum zählen, alle, welche wegen eines gewissen Glanzes den menschlichen Augen als kostbar gelten, wie Gold und Silber, auch den der Steine, nämlich derjenigen, welche die Menschen lieben, — und nachdem er von alle dem einen Überfluß gleich wie in einer königlichen Schatzkammer im Schooße der Erde geborgen hatte, ließ er sodann den Menschen in der Welt erscheinen, um von den Wunderwerken in ihr theils Zeuge zu sein, theils Herr, damit er einerseits durch den Genuß die Erkenntniß des Spenders erlange, anderseits aus der Schönheit und Größe die unaussprechliche und unbeschreibliche Macht des Schöpfers erspüre. Darum wurde zum Schluß nach der Schöpfung der Mensch eingeführt, nicht als verächtlich unter das Letzte hingeworfen, sondern als gewürdigt, gleich bei seiner Entstehung König des ihm Untergebenen zu sein. Und wie ein guter Wirth nicht vor der Zubereitung der Speisen den Gast in sein Haus führt, sondern erst, wenn er Alles geziemend zubereitet und mit dem gehörigen Schmucke das Haus, das Lehnpolster, den Tisch geziert hat und das zur Nahrung Dienende bereits fertig ist, den zu Gast Geladenen in sein Haus aufnimmt, auf dieselbe Weise führt der reiche und freigebige Bewirther unserer Natur, nachdem er mit allen möglichen Zierden die Wohnung geschmückt und dieses große und aufwandvolle allgemeine Gastmahl zubereitet hat, da erst den Menschen ein, zur Arbeit ihm gebend nicht den Erwerb des noch nicht Vorhandenen, sondern den Genuß des Gegenwärtigen. Darum legt er auch zweierlei Naturanlagen in ihn, in das Irdische das Göttliche mischend, damit er durch beide für beiderlei Genuß befähigt und empfänglich sei, Gottes genießend durch die gottverwandte Natur, der irdischen Güter aber durch die gleichartige Sinnesempfindung.

Die Menschennatur ist werthvoller als die ganze Erscheinungswelt.

Es verdient aber auch das nicht unbeachtet zu bleiben, daß, als die so herrliche Welt und die Theile in ihr elementarisch zum Aufbau des Alls festgestellt wurden, die Schöpfung von der göttlichen Macht gewissermaßen improvisirt wird und sofort mit dem Befehle dasteht, der Ausstattung des Menschen aber eine Berathung vorangeht und von dem Künstler das, was werden soll, durch das Wort vorher beschrieben wird, und, wie es beschaffen sein, mit welchem Urbild es Ähnlichkeit haben, wozu es werden, was es nach dem Werden wirken, und worüber es herrschen solle, das Alles das Wort vorher überlegt, damit derselbe schon vor seiner Erschaffung den Vorrang erhalte und noch vor seinem Eintritt in das Sein die Herrschaft über das Seiende bekomme. Denn es sprach Gott, heißt es: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und die Thiere der Erde und die Vögel des Himmels und die Haustiere und über die ganze Erde.“ O des Wunders! Die Sonne wird erschaffen, und keine Berathung geht voraus, ebenso der Himmel, welchen beiden Nichts in der Schöpfung gleich kommt; durch einen bloßen Ausspruch wird dieses Wunder hergestellt, ohne daß das Wort andeutet, woher oder wie oder sonst etwas dergleichen. So wird auch alles Einzelne, Äther, Gestirne, die Luft in der Mitte, Meer, Erde, Thiere, Pflanzen, Alles durch ein Wort zur Entstehung gebracht. Bloß zur Erschaffung des Menschen schreitet der Schöpfer des Alls überlegungsweise, um ihm sowohl einen Stoff des Bestehens zu bereiten als seine Form einer gewissen urbildlichen Schönheit ähnlich zu machen, als auch das vorgesteckte Ziel, weßwegen er werden soll, für ihn passend und angemessen den Thätigkeiten seine Natur zu machen, tauglich zu seiner Bestimmung.

Die Ausstattung des Menschen zeigt durchgängig seine Herrschermacht.

Gleichwie nämlich in diesem Leben von den Künstlern das Werkzeug dem Gebrauch entsprechend geformt wird, so hat als ein zur Herrscherthätigkeit taugliches Rüstzeug der höchste Künstler unsere Natur geschaffen, indem er durch die Vorzüge an der Seele und sogar durch die Gestalt des Leibes es derartig ausstattete, daß es tauglich ist zur Herrschaft. Denn die Seele zeigt ihre von der gemeinen Niedrigkeit geschiedene königliche Würde und Erhabenheit sogleich darin, daß sie unabhängig ist und selbständig, nach eigenen Entschlüssen selbstmächtig waltend. Denn wessen sonst ist Dieß und nicht eines Königs? Und noch dazu die Ebenbildlichkeit mit der über Alles herrschenden Natur besteht in nichts Anderem, als daß unsere Natur sogleich als Königin geschaffen wurde. Denn wie nach menschlichem Brauch die Verfertiger der Fürsten-Bilder sowohl den Charakter der Gestalt nachahmen als auch durch den Umwurf des Purpurs die königliche Würde mit andeuten und gewöhnlich auch das Bild König genannt wird, so ward auch die menschliche Natur, da sie zur Herrschaft über das Andere ausgestattet wurde, durch ihre Ähnlichkeit mit dem König des Alls, als ein lebendiges Bild aufgestellt, das mit dem Urbild sowohl die Würde als den Namen gemein hat. Zwar trägt sie keinen Purpur, noch deutet sie durch Scepter und Diadem ihre Würde an (auch das Urbild hat ja das nicht), aber statt des Purpurs ist sie mit der Tugend bekleidet, was wohl von allen Gewändern das königlichste ist, statt des Scepters stützt sie sich auf die Seligkeit der Unsterblichkeit, und statt des königlichen Diadems ist sie mit der Krone der Gerechtigkeit geschmückt. So zeigt sie sich durchaus in der Würde des Königthums, als genaue Nachahmung der urbildlichen Schönheit.

Der Mensch ist das Abbild des göttlichen Königthums.

Die göttliche Schönheit aber prangt eben nicht in einem Schmuck und Glücksloos der Gestalt durch ein gewisses Wohlaussehen, sondern besteht in unaussprechlicher Glückseligkeit der Vollkommenheit. Gleichwie nun die Maler die menschlichen Gestalten mittelst Farben auf die Tafeln übertragen, indem sie die gehörigen und entsprechenden Tinten auf das Portrait pinseln, damit die urbildliche Schönheit genau übergetragen werde auf das Abbild, so, denke mir, habe auch unser Bildner wie mit Farben mit dem Umwurf der Tugenden nach der eigenen Schönheit das Bild umblümt und so an uns dargestellt seine eigene Hoheit. Vielartig aber und mannigfach sind die gleichsam-Farben des Bildes, durch welche die wahrhaftige Gestalt abgemalt ist, nicht Röthe und Helle und die wie immer beschaffene Verbindung dieser mit einander, noch ein Braue und Aug’ untermalender und mischungsweise die Vertiefungen des Bildes schattirender Auftrag von Schwärze, und was immer dergleichen die Hände der Maler dazuzukünsteln pflegen, sondern statt dessen Reinheit, Leidlosigkeit, Glückseligkeit, Freiheit von allem Bösen und was immer von solcher Art ist, wodurch den Menschen die Gottähnlichkeit gestaltet wird. Mit solcher Farbenpracht hat der Verfertiger seines eigenen Bildes unsere Natur gemalt. Forschest du aber auch nach dem Übrigen, wodurch die göttliche Schönheit ausgedrückt wird, so wirst du auch in Bezug auf dieses in dem Bild an uns die Ähnlichkeit genau bewahrt finden. Geist und Vernunft (=Wort) ist die Gottheit; denn „im Anfange war das Wort,“ und die nach Paulus „haben Christi Geist, der in ihnen redet.“ Nicht fern von Diesen ist auch das Menschenwesen. Du siehst in dir die Vernunft und den Denkgeist, ein Abbild des Ur-Geistes und Wortes. — Liebe hinwieder ist Gott und Liebesquelle; denn so sagt der große Johannes: „Die Liebe ist aus Gott, und Gott ist die Liebe.“ Das hat auch zu unserem Gesichtsausdrucke gemacht der Bildner unserer Natur. Denn „daran“, sagt er, „sollen Alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet.“ Ist also diese nicht da, so ist der ganze Charakter des Bildes verändert. — Alles sieht und Alles hört die Gottheit, und Alles durchforscht sie. Auch du hast die Wahrnehmung der Dinge durch Gesicht und Gehör und die die Dinge untersuchende und durchforschende Denkkraft.

Erörterung der Verwandtschaft des Geistes mit der Natur, wobei auch nebenher die Lehre der Anomöer widerlegt wird.

Und Niemand meine, als sagte ich, nach Art der menschlichen Thätigkeit durch verschiedene Vermögen erfasse die Gottheit das Seiende. Denn es ist nicht möglich, in der Einfachheit des göttlichen Wesens eine Mannigfaltigkeit und Vielfachheit der aussagenden Thätigkeit zu bemerken. Denn nicht einmal bei uns sind vielfach die die Thatsachen (Dinge) auffassenden Kräfte, wenn wir auch auf vielfache Weise durch die Sinne das Wirkliche erfassen. Denn eine einzige Kraft ist es, der inwohnende Geist selbst, der durch jedes der Sinneswerkzeuge hindurchdringt und die Dinge ergreift. Dieser beschaut durch die Augen das Erscheinende, dieser vernimmt durch das Gehör das Gesprochene, liebt das Erwünschte und flieht das Unangenehme und bedient sich der Hand, wozu er will, indem er durch sie ergreift und zurück stößt, je nachdem er es für gut findet, die Mithilfe des Werkzeuges hiezu gebrauchend. Wenn also beim Menschen, wiewohl da verschieden sind die von der Natur zur Wahrnehmung eingerichteten Organe, der in allen Wirkende und Bewegte und ein jedes in entsprechender Weise zu dem, was vorliegt, Gebrauchende Einer und Derselbe ist, der mit den Unterschieden der Thätigkeiten nicht zugleich seine Natur ändert, wie sollte Jemand bei Gott wegen seiner mannigfaltigen Kräfte eine Vieltheiligkeit des Wesens vermuthen? Denn der das Auge gebildet hat, wie der Prophet sagt, und das Ohr gepflanzt, hat nach den Mustern in ihm selbst diese Kräfte gleich wie Erkennungszeichen der Natur der Menschen eingeprägt. Denn „laßt uns“, sagt er, „den Menschen machen nach unserem Bilde.“ Aber wo ist mir die Häresie der Anomöer? Was werden sie zu diesem Ausspruche sagen? Wie werden sie in diesen Worten die Nichtigkeit ihrer Lehre retten? Werden sie etwa sagen, es sei möglich, daß sein Bild verschiedenen Gestalten ähnlich gemacht wurde? Wenn der Sohn der Natur nach dem Vater unähnlich ist, wie schafft er dann als ein einziges das Abbild der verschiedenen Naturen? Denn der sprach: „Laßt uns (den Menschen) machen nach unserem Bilde“ und durch die Mehrheitsbezeichnung die heilige Dreiheit zu erkennen gab, hätte nicht des Abbildes in der Einheit gedacht, wenn unähnlich wären unter einander die Urbilder. Es war ja gar nicht möglich, von den einander nicht Gleichenden ein Gleichbild herzustellen, sondern, wenn verschieden waren die Naturen, dann machte er verschieden jedenfalls auch deren Abbilder, das einer jeden entsprechende schaffend. Allein wenn Eines ist das Abbild, nicht Eines aber das Urbild des Abbildes, wer ist so ohne Verstand, um nicht einzusehen, daß die dem Einem Ähnlichen jedenfalls auch unter einander ähnlich sind. Darum sagt, um gleich bei der Schöpfung des menschlichen Lebens diese Lästerung abzuschneiden, das Wort: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse.“

Warum der Mensch der natürlichen Waffen und Bedeckungen entbehrt.

Allein was will das Aufrechte der Gestalt? und warum sind die Kräfte zum Leben dem Körper nicht angeboren, sondern wird entblößt der natürlichen Bedeckungen, wehrlos und arm und alles Nothdürftigen ermangelnd, der Mensch in’s Leben gesetzt, der Erbarmung vielmehr als der Seligpreisung werth, wie es scheint? Nicht mit Sprossen von Hörnern ist er bewaffnet, nicht mit Krallenspitzen, nicht mit Hufen oder Hauzähnen oder einem von Natur tödtliches Gift enthaltenden Stachel, dergleichen doch die Mehrzahl der Thiere zur Abwehr der Verfolger besitzt, nicht mit einer Hülle von Haaren ist sein Leib bedeckt. Und doch sollte füglich der zur Herrschaft über die Andern Bestimmte von der Natur mit eigenthümlichen Waffen bewehrt sein, damit er zur eigenen Sicherheit nicht fremden Beistandes bedürfe. Nun aber haben Löwe, Eber, Tiger, Panther und andre dergleichen eine zu ihrer Sicherheit ausreichende Kraft, und dem Stier ist das Horn, dem Hasen die Schnelligkeit, dem Rehe die Sprungkraft und die Sicherheit des Auges, einem andern Thiere die Größe, anderen der Rüssel, den Vögeln der Fittig, der Biene der Stachel und allen überhaupt Etwas zur Schutzwehr von Natur aus angeboren. Einzig dagegen von allen der Mensch ist in Vergleich mit den schnellläufigen langsamer, mit den fleischreichen kleiner, mit den durch angeborne Waffen geschützten leichter besiegbar; und wie, wird man fragen, hat der so Beschaffene die Herrschaft über Alle bekommen? Allein es ist, glaub’ ich, nicht schwer, zu zeigen, daß die scheinbare Dürftigkeit unserer Natur der Anlaß zur Herrschaft über das Unterworfene ist. Denn hätte der Mensch eine solche Kraft, daß er an Schnelligkeit das Pferd überliefe und einen durch Festigkeit unaufreibbaren, mit Hufen und Klauen versehenen Fuß hätte und Hörner und Stachel und Krallen an sich trüge, so wäre er erstens thierisch und widrig, wenn derlei seinem Körper angewachsen wäre, sodann aber würde er sich um die Herrschaft über die andern nichts kümmern, da er der Beihilfe der Unterthanen nicht bedürfte. Nun aber sind die Lebensdienste deßwegen auf die einzelnen uns unterworfenen Wesen vertheilt worden, um die Herrschaft über sie nothwendig zu machen. Die Langsamkeit nämlich und Schwerbeweglichkeit unseres Körpers verwendete das Pferd zum Dienste und zähmte es, die Nacktheit unseres Fleisches aber machte die Schafzucht nöthig, die aus dem jährlichen Ertrag der Wolle den Mangel unserer Natur ergänzt. Die Einfuhr der Lebensmittel zu uns auch aus der Fremde unterwarf die Lastträger unter den Thieren diesen Dienstleistungen. Ferner, daß wir nicht nach Art der Weidethiere Gras fressen können, machte den Ochsen dem Leben dienstbar, der durch seine Arbeiten uns den Lebensunterhalt gewinnen hilft. Da wir aber auch Zähne und Gebiß brauchten, um irgend eines der anderen Thiere zu bewältigen durch den Angriff der Zähne, so lieh der Hund nebst der Schnelligkeit seinen Kinnbacken unserem Bedarfe, indem er gleichsam ein lebendiges Messer für den Menschen ist. In Vergleich mit Hörnerwehr aber und Krallenspitze als stärker und schärfer ward von den Menschen das Eisen erfunden, das uns nicht auf immer angewachsen ist, wie jene den Thieren, sondern nach zeitweiliger Kampfeshilfe im Übrigen für sich bleibt. Und statt des Krokodil-Panzers kann auch er sich diese Rüstung machen, indem er zeitweilig das Lederwamms anlegt; oder, wenn das nicht, so wird auch hiezu durch die Kunst das Eisen geformt, welches, nachdem es zeitweilig zum Kriege gedient, im Frieden den Gewappneten von der Last wieder frei läßt. Es dient aber dem Leben auch die Schwinge der Vögel, so daß wir erfinderisch auch der Flugschnelligkeit nicht entbehren. Denn einige von ihnen werden gezähmt und sind den Jägern behilflich, andere aber werden erfindsam durch jene unseren Bedürfnissen zugeführt, ja sogar die Pfeile hat erfinderisch die Kunst uns befiedert, und schenkt durch den Bogen unseren Bedürfnissen die Flugschnelligkeit. Daß aber unsere Fußsohlen empfindlich sind und leicht aufreiblich im Marsche, macht die Beihilfe von Seite der uns untergebenen Dinge nöthig; denn daher kommt es, daß wir den Füßen die Schuhe anpassen.

Warum die Gestalt des Menschen aufrecht ist, und daß die Hände wegen des Wortes (= Sprache = Vernunft) sind, nebst einer Betrachtung über den Seelenunterschied.

Aufrecht aber ist die Gestalt des Menschen und zum Himmel gerichtet, und in die Höhe blickt er. Fürstlich ist auch Dieß und ein Abzeichen der königlichen Würde. Denn daß allein unter den Geschöpfen der Mensch so beschaffen ist, allen anderen aber die Leiber nach unten sich neigen, zeigt deutlich den Rangunterschied zwischen den der Herrschaft Unterwürfigen und der über ihnen stehenden Herrschermacht. Bei allen andern nämlich sind die Vorderglieder Füße, weil das Gebeugte durchaus der Stütze bedurfte, bei der Ausstattung des Menschen aber sind diese Glieder Hände geworden; denn bei der aufrechten Gestalt genügte zum Bedarfe eine Basis, die durch zwei Füße ein sicheres Stehen verleiht. Übrigens aber auch dem Gebrauche des Wortes ist der Dienst der Hände behilflich, und wer den Dienst der Hände für eine Eigenheit der sprachbegabten (=vernünftigen) Natur erklärt, wird nicht ganz Unrecht haben, nicht bloß im Hinblick auf jenes Bekannte und Alltägliche, daß wir durch das Geschick der Hände das Wort mit Schriftzeichen andeuten; denn es ist wohl auch Dieß nicht ohne Antheil an der Gabe des Wortes, daß wir schriftlich sprechen und gewissermaßen mit der Hand reden, indem wir durch die Züge der Buchstaben die Worte bewahren: — sondern in anderer Hinsicht nenne ich die Hände der Aussprache des Wortes behilflich. Vielmehr aber, bevor wir Dieß genauer erforschen, wollen wir den vorgesetzten Gegenstand erwägen (denn beinahe wäre uns das Ordnungsgemäße der Entwicklung entgangen), warum nämlich vorausgeht das Sprossen der Erdgewächse, hernach aber die unvernünftigen Thiere kommen, und erst nach der Erschaffung von diesen der Mensch. Vielleicht nämlich lernen wir hiedurch nicht bloß das zunächst zu Denkende, daß dem Schöpfer für die Thiere das Gras als dienlich erschien, für den Menschen aber das Vieh, weßhalb vor den Weidethieren ihre Nahrung, vor dem Menschen aber das der menschlichen Lebsucht dienen Sollende kam, — sondern mir scheint hiedurch Moses eine der verborgenen Lehren anzudeuten und die Philosophie über die Seele geheimnißweise vorzutragen, von der zwar auch die heidnische Wissenschaft einen Schein hatte, die sie jedoch nicht hellklar einsah. Es lehrt nämlich, glaube ich, hiedurch das Wort, daß in drei Unterschieden die belebende und beseelende Kraft sich darstelle. Denn die eine ist nur mehrsam und nährsam, zur Zunahme des Ernährlichen das Entsprechende beitragend, welche wachsthümlich heißt und an den Gewächsen sich zeigt; denn es ist auch an dem, was wächst, eine gewisse, der Empfindung untheilhafte Lebenskraft zu bemerken. Eine andere Art aber von Leben ausserdem ist die, welche sowohl Dieß hat als auch das Empfindungsgeschäft dazu bekam, die in der Natur der Thiere ist; denn sie nährt sich nicht bloß und mehrt sich, sondern hat auch Sinnesthätigkeit und Empfindung. Das vollkommene leibhafte Leben aber erblickt man in der vernünftigen, nämlich der menschlichen Natur, das sowohl sich nährt und empfindet als auch am Worte (der Vernunft) Theil hat und mit Verstand waltet. Wir könnten aber die Eintheilung des in Rede stehenden Gegenstandes etwa so machen: Von dem Seienden ist jedenfalls das Eine geistig, das Andere aber körperlich. Indeß vom Geistigen mag für jetzt die Zerlegung in die Arten beiseit bleiben, denn davon ist nicht die Rede. Von dem Körperlichen aber hat das Eine gar kein Leben, das Andere aber besitzt Lebensthätigkeit. Von den lebendigen Körpern ferner leben die einen mit Empfindung, die andern aber sind empfindungslos. Das Empfindungsfähige dann theilt sich wieder in Vernünftiges und Unvernünftiges. Darum läßt unmittelbar nach der leblosen Materie gleichsam als Grundlage der Gattung der beseelten Wesen der Gesetzgeber dieses pflanzliche Leben gegründet worden sein, welches vorerst in dem Wachsthum der Pflanzen besteht. Dann erst führt er die Entstehung der Empfindungsfähigen auf; und da nach derselben Reihenfolge von den mit fleischlichem Leben Begabten die Empfindsamen an sich auch ohne die geistige Natur sein können, das Vernünftige aber wohl nicht anders in einem Körper sein kann, als in Verbindung mit dem Empfindsamen, darum wurde zuletzt nach den Pflanzen und den Thieren der Mensch geschaffen, indem in geordnetem Stufengang die Natur zum Vollkommenen fortschritt. Denn aus jeder Gattung der Seelen zusammen gemischt ist dieses vernünftige Lebewesen, der Mensch. Er nährt sich nämlich nach Art der Pflanzenseele, zur Wachskraft aber kam die empfindende hinzu, die ihrer Natur nach in der Mitte steht zwischen der denkfähigen und der mehr stofflichen Wesenheit, und um so gröber ist denn die erstere als reiner denn die letztere. Dann kommt eine Vermählung und Vereinigung der denkfähigen Wesenheit mit dem Feinen und Lichtartigen der empfindungsfähigen Natur, so daß in diesen Dreien der Mensch seinen Bestand hat, wie wir Solches auch von dem Apostel lernen in dem, was er zu den Ephesiern sagte, wo er fleht, es möge ihnen die vollständige Gnade an Leib, Seele und Geist bei der Erscheinung des Herrn bewahrt werden, indem er statt des ernährlichen Theils den Leib nennt, den empfindsamen aber durch die Seele andeutet und den denkfähigen durch den Geist. Ebenso lehrt auch den Schriftkundigen durch das Evangelium der Herr, höher als jedes Gebot zu stellen die Liebe zu Gott, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus ganzem Gemüthe. Denn auch hier scheint mir das Wort den nämlichen Unterschied zu erklären, indem es den mehr körperlichen Bestandtheil Herz nennt, Seele aber den mittleren, und Gemüth die höhere Natur, die Denk- und Besinnungskraft. Daher kennt der Apostel auch dreierlei Arten von Bestrebungen, die fleischliche, wie er sie nennt, welche dem Bauche und den einschlägigen Wollüsten fröhnt, die seelische, welche mitten inne steht zwischen Tugend und Laster, über dieses zwar erhoben, an jener aber nicht ausschließlich Theil habend, und die geistige, welche das Vollkommene des Gott-gemäßen Wandels im Auge hat. Darum sagt er zu den Korinthern, ihre Genußsucht und Leidenschaftlichkeit schmähend: „Ihr seid fleischlich und der vollkommeneren Lehren unempfänglich;“ anderswo aber einen Vergleich zwischen dem Mittleren und dem Vollkommenen ziehend, sagt er: „Der seelische Mensch faßt nicht, was des Geistes ist, denn es ist ihm Thorheit; der Geistige aber richtet zwar Alles, er selbst aber wird von Niemand gerichtet.“ Wie also der Seelische das Fleischliche überragt, so steht in gleicher Weise der Geistige über diesem. Wenn also zuletzt nach allem Beseelten die Schrift den Menschen entstanden sein läßt, so trägt der Gesetzgeber nichts Anderes als eine Philosophie über die Seele uns vor, indem er nach einer nothwendigen Reihenfolge das Vollkommene in dem, was zuletzt kommt, sieht. Denn in dem Vernünftigen ist auch das Übrige inbegriffen, in dem Empfindsamen aber ist durchaus auch das Pflanzenartige; dieses aber zeigt sich nur am Stofflichen. Demnach macht allerdings die Natur schrittweise, d. h. durch die Lebens-Eigenthümlichkeiten hindurch, einen Fortschritt vom Geringeren zum Vollkommenen.

Da also der Mensch ein vernünftiges (sprachfähiges) Lebewesen ist, so mußte das Werkzeug des Leibes für den Gebrauch der Sprache tauglich eingerichtet werden. Wie man bei den Musikern sehen kann, daß sie je nach der Art ihrer Instrumente die Musik betreiben und weder auf Leiern flöten, noch auf Flöten leiern, auf dieselbe Weise mußte die Einrichtung der Organe für das Wort (die Sprache) geeignet sein, damit es, je nach dem Bedarfe der Wörter, von den Stimmorganen gebildet, in gehöriger Weise ertöne. Darum wurden dem Körper die Hände beigefügt. Denn wenn man auch zehntausend Dienste für’s Leben aufzählen kann, wozu diese geschickten und vielleistenden Werkzeuge der Hände dienlich sind, die bei jeder Kunst und Thätigkeit in Krieg und Frieden geschäftig mitthun, so hat aber doch vorzugsweise des Wortes wegen die Natur sie dem Körper verliehen. Denn wenn der Mensch die Hände nicht hätte, so wären ihm gewiß nach Art der Vierfüßer, dem Nahrungs-Bedürfniß entsprechend, die Theile seines Gesichts eingerichtet worden, so daß dessen Gestalt vorgestreckt sein und zu Schnauzen sich zuspitzen und die Lippen des Mundes hervorragen würden wulstig, ungelenk und grob, um zum Rupfen des Grases geschickt zu sein; inner den Zähnen aber läge eine andere Zunge, etwa fleischig, zäh und rauh, und zugleich mit den Zähnen das unter das Gebiß Gekommene verarbeitend, oder schlüpfrig und hin und her schlappend, wie die der Hunde und der übrigen Fleischfresser ist, die in dem Gezack der Zähne zwischen den Abständen sich schlängelt. Fehlten also dem Leibe die Hände, wie würde dann in ihm eine artikulirte Stimme gebildet, da ja die Einrichtung der Mundtheile nicht für den Dienst des Lautes gestaltet wäre? Es müßte daher der Mensch jedenfalls entweder blöcken oder mäckern oder bellen oder wiehern, oder Ochsen und Eseln ähnlich schreien, oder ein anderes thierisches Gebrüll ausstoßen. Nun aber, da die Hand dem Leibe eingefügt ist, hat der Mund Muße zum Dienste des Wortes. Sonach haben als eine Eigenthümlichkeit der sprachfähigen Natur sich die Hände erwiesen, indem so der Schöpfer durch sie der Sprache die Leichtigkeit erfand.

Die Gestalt des Menschen ist organisch eingerichtet zum Dienste der Sprache.

Da also der Schöpfer unserem Gebilde eine göttliche Schönheit verlieh, indem er die Nachahmungen seiner eigenen Vollkommenheiten in das Ebenbild legte, hat er dadurch zwar die übrigen Güter aus Großmuth der menschlichen Natur geschenkt, Geist und Erkenntniß aber hat er, man kann eigentlich nicht sagen ihr geschenkt, sondern sie daran Theil nehmen lassen, indem er den eigenthümlichen Schmuck seiner eigenen Natur dem Ebenbilde verlieh. Da nun der Geist etwas Denkendes und Unkörperliches ist, so hätte er eine unmittheilsame und ungesellige Schönheit, wenn nicht durch eine sinnige Erfindung seine Thätigkeit kund würde. Darum bedurfte er dieser organischen Ausstattung, um wie ein Plektrum die Stimmorgane betastend durch die so oder so beschaffene Gestaltung der Töne die innere Thätigkeit zum Ausdruck zu bringen. Und wie ein Musikkundiger, wenn er in Folge eines Leidens keine eigene Stimme hat, aber doch seine Kunst an den Tag legen will, mit fremden Stimmen melodirt, indem er durch Flöten und Leier seine Kunst veröffentlicht, so bedient sich auch der menschliche Geist, als Erfinder von allerlei Gedanken, weil er den durch Sinnesempfindungen Vernehmenden durch die bloße Seele die Gedanken nicht zeigen kann, wie ein geschickter Künstler, dieser lebendigen Organe und macht durch den in ihnen enthaltenen Klang die verborgenen Gedanken kund. Gemischt aber ist die Musik beim menschlichen Organ gewissermaßen aus Flöte und Leier, die wie bei einer Harmonie in eins zusammen tönen. Denn der von den Athmungsgefäßen durch die Luftröhre heraufgetriebene Odem, der, wenn das Bestreben des Sprechenden den Theil zur Stimme anspannt, an die inneren Wände anstößt, die ringsum diesen flötenartigen Durchgang einschließen, ahmt gewissermaßen den durch die Flöte entstehenden Ton nach, indem er durch die häutigen Hervorragungen im Kreise herumgetrieben wird. Der Gaumen aber nimmt den von unten herkommenden Laut in seine Höhlung auf, in die zwei zur Nase führenden Vorhöfe, und indem er durch plättchenartige Hervorragungen, den Siebbeinknorpeln, die Stimme zertheilt, macht er den Ton heller. Wange aber und Zunge und der Bau der Kehle, wonach das Kinn in eine Wölbung übergeht und spitzig ausläuft, all’ diese Dinge stellen verschieden und mannigfach die Bewegung des Plektrums in den Saiten vor, indem sie rechtzeitig mit großer Schnelligkeit je nach Bedürfniß die Töne modificiren. Das Öffnen und Schließen der Lippen aber bewirkt dasselbe, wie wenn man mit den Fingern den Hauch der Flöte je nach der Harmonie des Liedes anhält.

In den Sinneswahrnehmungen wirkt der Geist.

Indem also auf solche Art der Geist durch diese organische Einrichtung in uns die Sprache musikmeistert, sind wir redende Wesen, während wir, wie ich glaube, die Gabe der Sprache nicht hätten, wenn wir die Last und Mühe des Nahrungserwerbes für das Bedürfniß des Leibes mit den Lippen besorgen müßten. Nun aber haben diese Leistung die Hände auf sich genommen und so geeignet für den Dienst des Wortes den Mund gelassen. Zweifach aber ist die Thätigkeit des Organs, die eine zur Hervorbringung des Tones, die andere zur Aufnahme fremder Gedanken. Und es vermengt sich nicht die eine mit der anderen, sondern bleibt bei dem Geschäfte, wozu die Natur sie bestellte, ohne Beeinträchtigung der Nachbarin, da weder das Gehör redet noch die Stimme hört. Denn die eine gibt immer nur Etwas von sich, das Gehör aber nimmt fortwährend auf und wird doch nicht satt, wie Salomo irgendwo sagt; und gerade das scheint mir auch am meisten bewunderungswürdig zu sein an uns, wie geräumig jenes innere Behältniß ist, in welches alles durch das Gehör Einströmende zusammen fließt, wer die Aufschreiber der in dasselbe eingeführten Reden sind, und wie beschaffen die Behältnisse der in’s Gehör eingelegten Gedanken, und wie, da doch Vieles und Allerlei auf einander gehäuft wird, doch keine Vermischung und Verwechslung in der Aufeinanderlage der Aufbewahrungsgegenstände entsteht. Ebenso dürfte man sich wohl auch über die Thätigkeit des Gesichtes wundern. Denn auf gleiche Weise erfaßt auch hiedurch der Geist das ausser dem Körper Befindliche und zieht die Bilder der Erscheinungen an sich, indem er die Merkmale des Gesehenen in sich abzeichnet. Und wie bei einer geräumigen Stadt, welche von verschiedenen Zugängen her die in sie Einströmenden aufnimmt, nicht allesammt auf den nämlichen Platz in der Stadt zusammenlaufen, sondern die Einen auf den Markt, die Andern in die Häuser, Andere in die Kirchen oder Strassen und Gäßchen oder in die Theater dahingehen, ein Jeder nach seiner Absicht, als eine solche betrachte ich auch die in unserem Innern angelegte Stadt des Geistes, welche die verschiedenen Zugänge durch die Sinne voll machen, während prüfend und forschend der Geist jeden der Eintretenden an den entsprechenden Erkenntnißorten unterbringt. Und wie es bei dem Beispiele von der Stadt ist, daß oft Landsleute und Verwandte nicht durch das nämliche Thor hineinkamen, indem der Eine auf diesem, der Andere auf einem andern Wege nach Zufall hineinging, nichts desto weniger aber innerhalb der Ringmauer sie wieder beisammen sind, als Bekannte, und wie auch der umgekehrte Fall stattfinden kann, daß nämlich Fremde und einander Unbekannte oft denselben Weg in die Stadt nehmen und die Wegesgemeinschaft sie doch nicht an einander knüpft (denn sie können sich ja auch drinnen nach der Landsmannschaft scheiden), etwas Ähnliches erblicke ich auch in der Weiträumigkeit des Geistes. Denn oft wird auch durch verschiedene Sinne uns eine Erkenntniß versammelt, indem derselbe Gegenstand mehrheitlich sich auf die Sinne vertheilt. Umgekehrt aber wieder kann man durch eine einzige Wahrnehmung Vieles und Mancherlei inne werden, was seiner Natur nach Nichts mit einander gemein hat. Z. B. (denn es ist besser, an einem Beispiele die Sache zu verdeutlichen) es liege etwas Geschmacksthümliches zu untersuchen vor, was nämlich süß schmecke, und was widerwärtig beim Kosten sei. Nun findet man durch den Versuch sowohl die Bitterkeit der Galle als die Annehmlichkeit des Honigs. Während aber diese verschieden sind, bewirkt von demselben Ding, auch wenn es in getheilter Weise in das Bewußtsein einzieht — der Geschmack, der Geruch, das Gehör, oft aber auch das Gefühl und das Gesicht eine einzige Erkenntniß. Denn sowohl wenn man den Honig sieht, als den Namen hört, und davon kostet und den Duft riecht und ihn betastet, erkennt man durch jedes der Sinneswerkzeuge dieselbe Sache. Dagegen nehmen wir wieder Vielerlei und Verschiedenartiges durch einen einzigen Sinn wahr, indem das Gehör mancherlei Stimmen aufnimmt und die Wahrnehmung durch die Augen unterschiedslos ihre Thätigkeit übt beim Sehen von Verschiedenartigem. Denn gleichmäßig geht sie auf Weiß und Schwarz und Alles, was durch die Farbe von einander absticht. So führt der Geschmack, so der Geruch, so die Betastung, ein Jedes durch die ihm eigene Wahrnehmung uns die Kenntniß von allerlei Dingen zu.

Unerkannt ist die Natur des Geistes.

Was ist nun seiner eigenen Natur nach der Geist, der in Empfindungs-Kräften sich vertheilt und durch eine jede in entsprechender Weise die Kenntniß der Dinge aufnimmt? Denn daß er etwas Anderes ist als die Sinnesempfindungen, darüber wird, glaube ich, kein Verständiger im Zweifel sein. Wäre er nämlich identisch mit der Sinneswahrnehmung, so wäre er jedenfalls mit einer der Sinnesthätigkeiten verwandt, weil er einfach ist, in dem Einfachen aber keine Mannigfaltigkeit bemerkt wird. Nun aber, da Alle zugeben, etwas anderes sei der Tastsinn und etwas Anderes der Geruch, und da ebenso auch die übrigen sich selbständig und unvermischt gegen einander verhalten, so muß man, da er gleichmäßig einem Jeden in entsprechender Weise innewohnt, ihn durchaus für eine andere Natur als die sinnliche halten, damit man dem Geistigen nicht eine Mannigfaltigkeit beimenge. „Wer hat den Geist des Herrn erkannt?“ sagt der Apostel. Ich aber sage ausserdem: Wer hat seinen eigenen Geist begriffen? Mögen Diejenigen, welche die Natur Gottes für innerhalb ihres Begreifens gelegen erachten, sagen, ob sie sich selbst begriffen, ob sie die Natur ihres eigenen Geistes erkannt haben. Ist er vieltheilig und zusammengesetzt? Und wie kann das Intellektuelle zusammengesetzt sein, oder welches ist die Weise der Mischung des Verschiedenartigen? Ist er aber einfach und unzusammengesetzt, wie verbreitet er sich dann in die Vieltheiligkeit der Sinneswahrnehmung? Wie ist in der Einheit das Mannigfaltige, wie in der Mannigfaltigkeit das Eine? Aber ich erfahre die Lösung der Schwierigkeiten, wenn ich auf die Stimme Gottes selbst zurückgehe. Denn „Laßt uns den Menschen machen,“ sagt er, „nach unserem Bilde und Gleichnisse.“ Solange nämlich dem Bilde keines der Merkmale des Urbildes fehlt, ist es wahrhaftig ein Ebenbild; sofern es aber von der Ähnlichkeit mit dem Vorbilde abweicht, insofern ist es nicht Bild. Mithin da eines der Merkmale der göttlichen Natur die Unbegreiflichkeit des Wesens ist, so muß durchaus auch hierin das Abbild dem Urbilde gleichen. Denn wenn die Natur des Abbildes begriffen würde, das Urbild aber überbegrifflich wäre, so würde die Entgegengesetztheit der Merkmale die Verfehltheit des Bildes beweisen. Da jedoch der Erkenntniß sich entzieht die Natur unseres Geistes, welcher nach dem Bilde des Schöpfers ist, so hat er eine genaue Ähnlichkeit mit dem Allerhabenen, indem er durch seine eigene Unerkennbarkeit die unbegreifliche Natur (Gottes) charakterisirt.

Untersuchung über den Sitz der Seelen im Körper, nebst einer Physiologie über das Weinen und Lachen und einer Betrachtung über die Verbindung der Materie, der Natur und des Geistes.

Es schweige also alles muthmaßende Geschwätz Derer, die in gewissen Körpertheilen die geistige Thätigkeit einschließen, von denen die Einen behaupten, im Herzen sei das die Herrschaft Führende, die Andern aber sagen, im Gehirn halte der Geist sich auf, indem sie mit oberflächlichen Wahrscheinlichkeitsgründen derlei Einfälle bekräftigen. Wer nämlich dem Herzen den Vorrang einräumt, macht dessen örtliche Lage zum Beweise seiner Behauptung, weil es gewissermaßen den Mittelpunkt des ganzen Leibes einzunehmen scheint, da ja die Willensbewegung sich leicht von der Mitte aus auf den ganzen Körper vertheile und so zur Thätigkeit fortgehe. Und zum Zeugniß hiefür muß ihm der Trauer- und Muth-Affekt des Menschen dienen, weil derlei Leidenschaften diesen Theil in Mitleidenschaft zu ziehen scheinen. Die aber das Gehirn dem Denkvermögen weihen, lassen als eine Akropolis des ganzen Leibes das Haupt gebaut sein von der Natur und darin wie einen König wohnen den Geist, gleichsam als von Botschaftern und Trabanten von den Sinnesorganen rings umgeben. Als Beweis aber für diese Ansicht führen auch Diese an das aus dem Geleis Gerathen des Denkens bei den an der Hirnhaut Verletzten und den Verlust der Erkenntniß des Schicklichen bei den im Rausche schwerköpfig Gewordenen. Es fügen aber auch gewisse natürliche Gründe für derlei Vermuthungen über das Hauptseelenvermögen hinzu die Vertreter von beiderlei Ansichten. Der Eine nämlich läßt mit dem Feuer verwandt sein die Denkthätigkeit, wegen der rastlosen Thätigkeit sowohl des Feuers als des Denkens, und da anerkanntermaßen im Herzen die Wärme quillt, deßhalb behauptet er, die Regsamkeit des Geistes stehe mit der Beweglichkeit der Wärme in Verbindung, und erklärt als Gefäß der Denkkraft das Herz, in welchem die Wärme ihren Sitz habe. Der Andere aber sagt, für alle Sinneswerkzeuge sei gleichsam eine Grundlage und Wurzel die Hirnhaut (denn so nennt man die das Gehirn umgebende Haut), und bekräftigt seine Behauptung damit, daß sonst nirgend die Denkthätigkeit ihren Sitz habe als dort, wo sowohl das dazu eingerichtete Ohr die in es einfallenden Töne anschlägt, als auch die in der Augensitzhöhle befindliche Sehkraft mittelst der in die Pupillen einfallenden Bilder den Abdruck nach innen bewerkstelligt, als auch die Beschaffenheiten der Dünste durch den Zug der Nüstern unterschieden werden, als auch der Geschmack durch das Urtheil der Hirnhaut geprüft wird, welche aus der Nähe gewisse durch sie empfindsame Nervenausläufer durch die Halswirbel bis in den trichterartigen Durchgang (Schlund) an den dortigen Muskeln hinablaufen läßt. Ich aber erkenne zwar die vielfachen Störungen der Denkkraft der Seele in Folge der Einflüsse von Krankheiten und die Abstumpfung des Denkens in seiner natürlichen Thätigkeit in Folge eines körperlichen Umstandes als wahr an; auch daß eine Art Quelle der Körperwärme das Herz sei, welches bei Gemüthsbewegungen miterregt wird, und überdieß noch, daß den Sinnesorganen die Hirnhaut zur Grundlage diene, welche nach der Lehre der Physiologen das Gehirn in sich einschließt und von den von dort kommenden Dünsten angefeuchtet wird, — wenn ich von den in anatomischen Studien Bewanderten derlei höre, so stelle das Gesagte nicht in Abrede. Indeß erachte ich Dieß nicht als Beweis dafür, daß in örtlichen Schranken eingeschlossen sei die unkörperliche Natur. Denn einerseits entstehen die Verrücktheiten, wie wir wissen, nicht bloß aus Kopfleiden, sondern auch wenn die die Brustseiten umschließenden Häute krankhaft afficirt sind, ist die Denkkraft gleichfalls geschwächt, wie die Ärzte behaupten, welche die Krankheit Phrenitis (Wahnsinn) nennen, weil diese Häute den Namen Zwerchfell (φρένες) [phrenes] haben. Anderseits beruht die aus Gram entstehende Mitempfindung im Herzen auf einer irrthümlichen Meinung. Da nämlich nicht das Herz, sondern der Magenmund verbittert ist, so führen sie aus Unkenntniß das Leiden in’s Herz zurück. Es sagen aber die genauen Kenner der Krankheiten, daß, wenn in traurigen Stimmungen im ganzen Körper eine Verengung und Schließung der Kanäle entsteht, alles in seiner Ausdünstung Gehinderte in die unteren Höhlungen zusammen gedrängt wird. Daher entsteht auch bei Beklemmung der Lungen durch die Umgebung oft ein etwas gewaltsamer Athemzug durch die Natur, welche zum Zweck der Ausdehnung der Zusammendrängung die Enge erweitert. Dieses Schwerathmen halten wir für ein Symptom der Trauer und nennen es Seufzen und Stöhnen. Aber auch der scheinbare Druck in der Herzgegend ist nicht ein Mißbehagen des Herzens, sondern des Magenmundes, aus demselben Grunde, nämlich der Verengung der Kanäle, indem die Gallenblase jenen scharfen und bitteren Saft in Folge der Zusammenpressung in den Magenmund ergießt. Beweis aber dafür ist das blasse und gelbliche Aussehen, das die Trauernden bekommen, indem durch den großen Druck die Galle ihren Saft in die Adern ergießt. Aber auch der entgegengesetzte Affekt, der der Freude nämlich und des Lachens, bestätigt unsere Ansicht noch mehr. Es erweitern sich nämlich gewissermaßen und erschließen sich bei der Freude die Kanäle des Leibes, wenn man durch eine erfreuliche Nachricht erheitert wird. Denn wie dort durch die Trauer die feinen und unsichtbaren Ausdünstungen der Durchgänge in Stocken gerathen und durch Hemmung der Funktion in den Eingeweiden nach dem Kopfe und der Hirnhaut den feuchten Dunst hinauf treiben, welcher bei reichlicher Ansammlung in den Gehirnhöhlen durch die Öffnungen nach unten zu den Augen heraus getrieben wird, indem die Zusammenziehung der Wimpern die Feuchtigkeit tropfenweise auspreßt (der Tropfen aber heißt Thräne), so, denke ich mir, werde, wenn bei der entgegengesetzten Stimmung mehr als gewöhnlich die Kanäle sich erweitern, ein Lufthauch durch sie nach der Tiefe eingezogen und von dort von der Natur durch die Mundöffnung wieder ausgestoßen, indem alle Eingeweide und vorzüglich die Leber, wie man sagt, mit Geräusch und erschütternder Bewegung diese Luft zumal austreiben. Um daher dem Durchgang der Luft eine gewisse Leichtigkeit zu bewirken, erweitert die Natur die Mundöffnung, indem sie beim Keuchen beiderseits die Backen aus einander treibt; dieser Vorgang heißt Lachen. Weder also darf man deßhalb der Leber das herrschende Vermögen zuschreiben noch wegen der Wallung des Herzblutes bei den muthvollen Affekten glauben, im Herzen sei der Sitz des Geistes, sondern man muß diese Dinge auf die so oder so beschaffenen Einrichtungen der Körper zurückführen, vom Geiste aber glauben, daß er nach einem geheimnißvollen Verhältnisse der Mischung mit jedem der Glieder je nach dem Werthe desselben verbunden sei. Und wollten Einige die (heilige) Schrift uns entgegenhalten, die dem Herzen das herrschende Vermögen zuspreche, so werden wir die Sache nicht ununtersucht annehmen. Denn der des Herzens erwähnt, gedenkt auch der Nieren, da er sagt: „Gott, der Herzen und Nieren erforscht,“ so daß sie entweder in beide oder in keines von beiden den Denkgeist verschließen. Wenn ich aber von der Abstumpfung der Denkkräfte oder auch ihrer gänzlichen Unthätigkeit bei irgend einer Körperverfassung höre, so halte ich das für keinen hinreichenden Beweis der Eingeschlossenheit der Geisteskraft an einem Orte, als würde sie durch die die Theile befallenden Geschwulste aus dem ihr gehörigen Raum verdrängt. Körperhaft ist eine solche Vorstellung, daß, wenn das Gefäß schon von irgend einem Inhalte eingenommen ist, etwas Anderes darin keinen Platz finden könne. Denn die geistige Natur weilt weder gern in den Höhlungen der Körper, noch wird sie durch die Überfülle des Fleisches vertrieben, sondern, da der ganze Körper wie ein Musikinstrument eingerichtet ist, gleichwie es oft der Fall ist bei Denen, die zwar zu spielen verstehen, aber ihre Kunst nicht zeigen können, weil die Unbrauchbarkeit der Instrumente die Kunst nicht annimmt (denn das entweder durch Alter verdorbene oder durch Herabfall geborstene oder durch Rost und Moder unbrauchbar gewordene bleibt ton- und wirkungslos, auch wenn es von einem als Meister in der Flötenkunst Geltenden geblasen wird), so wirkt auch der Geist, der das ganze Instrument durchdringt und den geistigen Thätigkeiten entsprechend jeden der Theile, so wie er eben ist, handhabt, in den naturgemäß disponirten zwar das Verwandte, in den seine Kunstbethätigung nicht aufzunehmen fähigen aber bleibt er unwirksam und unthätig. Denn dem Geiste ist es gewissermaßen natürlich, mit dem in naturgemäßem Zustande Befindlichen befreundet, gegen das davon Abgewichene aber fremd zu sein.

Und mir scheint in dieser Hinsicht sehr naturgemäß zu sein eine Betrachtung, wodurch wir eine der sinnreicheren Lehren lernen können. Da nämlich das Schönste von Allem und das allerhöchste Gut die Gottheit selbst ist, zu der Alles sich neigt, was nach dem Schönen ein Verlangen hat, darum, sagten wir, verbleibe auch der Geist, der ja nach dem Bilde des Schönsten geworden ist, solange er an der Ähnlichkeit mit dem Urbild, soviel als möglich, Theil hat, auch selbst in dem Schönen; wenn er aber gewissermaßen ausserhalb desselben geräth, verliere er die Schönheit, worin er war. Gleichwie wir aber sagen, mit dem Abglanz der urbildlichen Schönheit sei der Geist geschmückt, wie ein die Gestalt des gespiegelten Gegenstandes an sich tragender Spiegel, auf ähnliche Weise, denken wir, hänge (sich) (aus Ber.: streiche „sich“) auch die unter seine Verwaltung gestellte Natur am Geiste, und durch seine Schönheit werde auch sie geschmückt, indem sie gleichsam ein Spiegel des Spiegels wird, beherrscht aber werde von ihr und gehalten die materielle Grundlage, an der die Natur sich darstellt. So lange nun das Eine am Andern hängt, geht ebenmäßig durch Alles hindurch die Gemeinschaft der wahrhaften Schönheit, durch das Höhere das daran Haltende verschönend. Wenn aber eine Zerreissung dieser guten Verbindung eintritt oder in umgekehrter Ordnung dem Niederen das Höhere nachgeht, dann verräth sich sowohl von der Materie selbst, sobald sie von der Natur verlassen ist, die Unform (denn etwas Ungestaltes und Unförmliches ist die Materie an sich), als auch wird durch diese Unform zugleich die Schönheit der Natur zerstört, zu der sie durch den Geist verschönt wird. Und so geht das Unschöne der Materie durch die Natur auf den Geist selbst über, so daß das Bild Gottes in dem Ausdrucke des Gebildes nicht mehr zu sehen ist. Denn indem der Geist das Bild der Vollkommenheiten wie ein Spiegel von hinten aufnimmt, wirft er die Spiegelbilder der Einstrahlung des Guten hinaus und sudelt die Ungestalt der Materie an sich selbst hin, und auf diese Weise entsteht das Böse, das in Folge der Hinwegnahme des Schönen sich einstellt. Schön aber ist Alles, was immer mit dem Urguten im Einklang steht; was aber ausser dem Verhältniß und der Ähnlichkeit mit diesem ist, hat am Schönen durchaus nicht Theil. Wenn nun unserer bisherigen Betrachtung gemäß das wahrhaft Gute nur Eines ist, der Geist aber durch seine Ebenbildlichkeit mit dem Schönen auch selbst schön ist, die vom Geiste zusammen gehaltene Natur aber gleichsam ein Bild des Bildes ist, so erhellt hieraus, daß unser materieller Theil Bestand zwar hat und festhält, wenn er von der Natur in Ordnung gehalten wird, sich wieder auflöst aber und hinfällt, wenn er von dem, was ihm Halt und Bestand gibt, getrennt und losgerissen wird von der Verbindung mit dem Schönen. Das geschieht aber nur, wenn eine Umkehr der Natur zum Gegentheil stattfindet, indem das Verlangen nicht zu dem Schönen sich hinneigt, sondern zu dem der Verschönung Bedürftigen. Denn ganz nothwendig muß das, was der um ihre eigene Gestaltung bettelnden Materie ähnlich wird, ebenfalls nach ihrer Unform und Unschöne umgeändert werden.

Allein Dieß ist von uns nur so gelegentlich beibemerkt, indem es sich bei der Untersuchung über den Hauptpunkt hereinschlich. Die Hauptfrage nämlich war, ob in einem der Theile in uns die Denkkraft ihren Sitz habe, oder ob sie gleichmäßig alle durchdringe. Denn hinsichtlich Derer, welche in örtlichen Theilen den Geist einschließen und zur Bestätigung dieser ihrer Annahme die Hemmung der Denkkraft bei widernatürlicher Verfassung der Gehirnhäute anführen, hat die Untersuchung gezeigt, daß in jedem Theile des menschlichen Organismus, je nachdem ein jeder zu wirken bestimmt ist, die Kraft der Seele in gleicher Weise unwirksam bleibe, wenn der Theil nicht in der Natur beharrt. Und darum wob sich folgerichtig in die Untersuchung die vorige Betrachtung ein, woraus wir lernen, daß in dem Menschengebilde der Geist von Gott, von diesem aber unser materielles Leben gelenkt werde, sofern es in der Natur bleibt; wenn es aber von der Natur abweicht, es auch der dem Geiste gemäßen Thätigkeit entfremdet werde. Doch kehren wir wieder dahin zurück, wovon wir ausgingen, daß in den nicht durch ein Leiden von der natürlichen Einrichtung abgewichenen Theilen der Geist seine eigenthümliche Kraft übt und stark ist in den gesunden, ohnmächtig aber dagegen in den seine Wirksamkeit nicht zulassenden. Es läßt sich nämlich der dießbezügliche Lehrsatz auch durch Anderes beglaubigen, und wenn es dem Ohre der durch die Rede bereits Ermüdeten nicht lästig ist, so wollen wir auch hierüber, so kurz als möglich, verhandeln.

Von den Ursachen des Schlafes, des Gähnens und der Träume.

Dieses materielle und vergängliche Leben der Leiber, das fortwährend in Bewegung dahingeht, hat darin die Kraft des Seins, daß es nie still steht in der Bewegung. Gleichwie aber ein seinen Lauf verfolgender Fluß zwar ein volles Bett zeigt, in dem er dahin strömt, jedoch nicht mit demselben Wasser immer an derselben Stelle [S. 243] erblickt wird, sondern ein Theil davon ab- und der andere zuströmt, so wechselt auch das Materielle des Lebens hinieden durch Bewegung und Fluß in steter Folge der Gegensätze, so daß es nie von der Veränderung abstehen kann, sondern in der Unmöglichkeit zu ruhen eine rastlose im Ähnlichen abwechselnde Bewegung hat. Wenn es aber je aufhörte sich zu bewegen, so hätte es durchaus auch das Ende des Seins. Auf das Vollsein z. B. folgt die Entleerung, und wieder tritt die Fülle an die Stelle der Leerheit; Schlaf läßt die Anspannung des Wachens nach, das Wachen sodann spannt das Nachgelassene an; und keines von beiden bleibt immerfort da, sondern Eines entweicht in Gegenwart des Andern, indem die Natur derart sich durch die Abwechslungen erneuert, daß sie theilweise an beiden Theil habend ohne Zerreissung vom Einen zum Andern übergeht. Denn die fortwährende Kraftanstrengung des Lebewesens bewirkt ein gewisses Brechen und Zerreissen der überspannten Theile, und die andauernde Erschlaffung des Körpers verursacht Schwächung und Auflösung des Bestehenden. Die rechtzeitige und maßvolle Berührung mit beiden aber trägt bei zum Fortbestand der Natur, wenn sie durch den steten Übergang zum Entgegengesetzten in beiden sich von den andern ausruht. So also den durch’s Wachen angespannten Körper erfassend, bringt sie durch den Schlaf Lösung in die Spannung, indem sie die Sinneskräfte eine Zeit lang von den Thätigkeiten ruhen läßt und wie Pferde nach den Wagenkämpfen ausspannt. Nothwendig aber für den Bestand des Körpers ist die rechtzeitige Abspannung, damit ungehemmt im ganzen Körper durch die Kanäle in ihm die Nahrung sich verbreite, ohne daß eine Spannung den Durchgang hindert. Denn wie aus der durchnäßten Erde, wenn die Sonne mit heisseren Strahlen darauf scheint, gewisse neblige Dünste von der Tiefe emporgezogen werden, etwas Ähnliches geschieht auch in der Erde in uns, wenn die Nahrung in uns durch die natürliche Wärme aufwallt. Da aber die Dünste ihrer Natur nach aufsteigen und luftartig und in die Höhe strebend sind, so gelangen sie in die Räume des Kopfes, wie [S. 244] ein Dampf durch eine Wandfuge dringt; von da dringen sie verdunstend in die Öffnungen der Sinneswerkzeuge, in denen nothwendig die Sinneswahrnehmung unthätig wird, da sie beim Eintritt jener Dünste entschwindet. Denn die Sehkraft wird durch die Lider gelähmt, als wenn ein Bleigewicht, eine solche Schwere nämlich, das Lid über die Augen zöge; abgestumpft aber durch eben diese Dünste feiert das Gehör, wie wenn ein Brett auf den Gehörtheilen läge, von seiner natürlichen Thätigkeit, und diese Affektion ist der Schlaf, indem die Empfindung im Körper rastet und ihre natürliche Wirksamkeit einstellt, damit die Verdauung der Nahrung ungehindert vor sich gehe, indem sie zugleich mit den Dünsten durch alle Kanäle dringt. Und darum streckt, wenn etwa durch die innere Dunstentwicklung der Sinneswerkzeug-Apparat beklommen, der Schlaf aber durch irgend eine Noth gehindert ist, das von den Dünsten voll gewordene Generv naturnothwendig sich von selbst aus, so daß durch die Ausdehnung der von den Dünsten aufgeschwellte Theil verdünnert wird; wie es Diejenigen machen, die durch strengeres Winden das Wasser aus der Wäsche herauspressen. Und da die Theile um den Schlund herum rundlich sind, das Generv aber in diesen zahlreich, so wird, wenn auch aus diesen die Dichtigkeit der Dünste entfernt werden soll, weil es unmöglich ist, den rundlichen Theil gerade auszustrecken, wenn er nicht kreisförmig ausgespannt wird, darum im Gähnen der Athem aufgefangen, während der Kinnbacken nach unten in der Gurgel sich aushöhlt, und drinnen Alles kreisförmig ausgespannt und so dann jener in den Theilen befindliche dampfige Qualm zugleich mit dem Ausgang des Odems ausgeathmet. Dieß pflegt aber auch oft nach dem Schlafe einzutreten, falls Etwas von jenen Dünsten unverdaut und unverhaucht in den Räumen zurückgeblieben ist.

Hiedurch also zeigt der menschliche Geist handgreiflich, daß er an der Natur hänge, da er, wenn diese selbstmächtig und wach ist, auch selbst mitthätig und rege ist, wenn sie aber im Schlafe liegt, unthätig bleibt; wenn man nicht etwa die Traumphantasie für eine im Schlafe wirksame Geistes-Thätigkeit halten wollte. Wir aber sagen, nur die bewußte und selbstmächtige Thätigkeit des Denkens sei auf den Geist zurückzuführen, die Traumpossen des Schlafes aber, glauben wir, werden als gewisse Nachäffungen der Thätigkeit des Geistes durch die mehr unvernünftige Art der Seele nach Zufall gebildet. Denn die im Schlafe von den Sinnes-Empfindungen abgelöste Seele ist damit nothwendig auch den geistigen Thätigkeiten entrückt; denn durch jene ist der Geist mit dem Menschen verbunden. Wenn also die Sinne in Ruhe sind, muß auch das Denken unthätig sein. Beweis dafür aber ist, daß der Träumende oft auch in Albernem und Unmöglichem sich zu bewegen meint, was wohl nicht geschehen würde, wenn die Seele zu der Zeit von Besinnung und Überlegung gelenkt würde. Vielmehr scheint mir, daß, wenn die Seele in den vorzüglichsten ihrer Kräfte rastet, nämlich den Thätigkeiten des Geistes und der Sinnes-Wahrnehmung, nur ihr ernährender Theil im Schlafe wirksam sei, in diesem aber gewisse Schattenbilder der Begegnisse des Wachens und Nachklänge der Thätigkeiten der Sinnes-Wahrnehmung und des Denkens, die ihm durch das Erinnerungsvermögen der Seele eingeprägt wurden, wie es eben kommt, sich wieder darstellen, weil ein gewisser Nachhall der Erinnerung in diesem Seelenvermögen zurückblieb. In diesen also phantasirt der Mensch, nicht durch einen gewissen Zusammenhang in den Verkehr mit der Erscheinungswelt geführt, sondern in wirren und unsteten Trugbildern umherirrend. Gleichwie aber bei den körperlichen Thätigkeiten, während jedes der Glieder je nach der von Natur ihm inwohnenden Kraft in eigenthümlicher Weise wirkt, eine gewisse Mitaffektion auch des ruhenden Gliedes mit dem bewegten stattfindet, in ähnlicher Weise wird auch bei der Seele, obwohl ein Theil von ihr eben ruht, der andere aber thätig ist, zugleich mit dem Theile auch das Ganze afficirt. Es ist ja auch nicht möglich, daß die natürliche Einheit völlig zerrissen werde, wenn theilweise eines ihrer Vermögen vorherrschend thätig ist. Vielmehr wie im Wachen und bei der Arbeit der Geist herrscht, die Sinnesempfindung aber dient, von diesen sich aber die Verdauungskraft des Körpers nicht trennt (denn der Verstand erwirbt dem Bedürfniß die Nahrung, die Sinnesempfindung nimmt das Erworbene in Empfang, die Nährkraft des Körpers aber eignet sich das Dargereichte an), so stellt auch im Schlafe die Oberherrschaft dieser Vermögen in uns sich gewissermaßen um, und indem der unvernünftige Theil vorherrscht, ruht zwar die Thätigkeit der übrigen, ist jedoch nicht gänzlich erloschen. Indem aber inzwischen während des Schlafes die ernährende Kraft sich auf die Verdauung verlegt und die ganze Seele mit sich beschäftigt, trennt sich weder die Empfindungskraft gänzlich von ihr (denn es geht nicht, daß das einmal Zusammengewachsene zerschnitten werde), noch auch kann ihre Thätigkeit hervorleuchten, da sie durch die Unthätigkeit der Sinneswerkzeuge im Schlafe gebunden ist. Da aber ebenso auch der Geist zu dem Empfindungsvermögen in Beziehung steht, so wird man wohl mit Recht sagen, wenn dieses thätig ist, sei auch er thätig, und wenn dieses ruht, feire auch er. Wie es aber beim Feuer geschieht, daß, wenn es ganz und gar in der Spreu verdeckt ist, indeß kein Luftzug die Flamme anfacht, es weder weiter um sich greift noch gänzlich erlischt, sondern statt der Flamme ein Qualm durch die Spreu in die Luft aufsteigt, wenn es aber von einem Luftzug erfaßt wird, den Rauch zur Flamme vollendet: auf dieselbe Weise ist auch der Geist, wenn er bei der Unthätigkeit der Sinne im Schlafe zugleich verhüllt ist, weder durch sie hervorzuleuchten im Stande, noch auch gänzlich erloschen, sondern bewegt sich gleichsam rauchartig, theils zwar wirkend, theils aber unvermögend. Und wie ein Musiker, der aus abgespannten Saiten der Lyra das Plektrum anschlägt, das Lied nicht im Rhythmus dahinführt (denn das Nichtgespannte kann wohl nicht tönen, sondern die Hand zwar bewegt kunstfertig sich oftmals, je nach der örtlichen Lage der Töne das Plektrum schlagend, das Klingen aber erfolgt nicht, nur daß bei der Bewegung der Saiten ein undeutliches und ungeordnetes Geräusch nachklingt), so ist auch, wenn im Schlafe der Organismus der Sinneswerkzeuge erschlafft ist, der Künstler entweder völlig in Ruhe, wenn anders das Organ aus Überladung und Schwere eine völlige Abspannung erleidet, oder er wird schwach und undeutlich wirken, wenn das Sinnesorgan seine Kunst nicht vollkommen aufnimmt. Daher phantasirt die verworrene Erinnerung und die wie bei halbdunklen Vorhängen eingeschlafene Voraussicht in Bildern der Beschäftigungen des Wachens und deutet oft Etwas an, was eintrifft. Denn durch die Feinheit ihrer Natur hat sie vor der körperlichen Grobtheiligkeit Etwas voraus, so daß sie Etwas von dem Wirklichen erblicken kann. Indeß kann sie das Betreffende nicht geradewegs verdeutlichen, so daß die Belehrung über das Bevorstehende klar und offenbar wäre, sondern schief und zweideutig geschieht die Andeutung der Zukunft, was die Traumdeuter Räthsel nennen. So preßt der Weinschenk die Traube für den Becher des Pharao, so träumte der Bäcker, Körbe zu tragen, da Jeder von beiden mit dem, womit er sich im Wachen beschäftigte, auch im Traume sich zu befassen meinte. Denn die der Vorahnung ihrer Seele eingeprägten Bilder der ihnen gewohnten Beschäftigungen gaben gelegentlich Anlaß, mittelst jener Vorhersagung des Geistes das Künftige zu wahrsagen.

Wenn aber Daniel und Joseph und Andere dergleichen durch göttliche Kraft, ohne eine Sinnesverdunkelung, eine Vorkenntniß der Zukunft erlangten, so hat das mit dem vorliegenden Gegenstande Nichts zu schaffen. Es wird ja auch Niemand Dieß der Kraft der Träume zuschreiben, da er sonst durchaus folgerichtig auch die im Wachen stattfindenden Gottes-Erscheinungen nicht für ein Gesicht, sondern für eine von selbst erfolgende Naturwirkung halten müßte. Wie es also, während alle Menschen nach dem eigenen Geiste gelenkt werden, einige Wenige gibt, die des göttlichen Umgangs in klarer Weise gewürdigt werden, so wird auch, während Allen gemeinsam und gleichheitlich das Träumen im Schlafe naturgemäß zukommt, Einigen, nicht Allen, eine mehr göttliche Erscheinung in den Träumen zu Theil, bei allen Anderen aber, wenn auch eine Vorkenntniß aus Träumen über irgend Etwas stattfindet, geschieht es auf die genannte Art. Wenn aber auch der ägyptische und assyrische Tyrann durch Gott zur Erkenntniß der Zukunft geführt werden, so hat es damit eine andere Bewandtniß. Kund werden nämlich sollte die verborgene Weisheit der Heiligen, damit sie nicht ohne Nutzen für das Allgemeine am Leben vorüberginge. Denn wie wohl wäre Daniel als ein Solcher erkannt worden, wenn nicht die Beschwörer und Magier zur Deutung des Traumbildes unfähig waren? Und wie wäre Ägypten gerettet worden, da Joseph im Gefängniß eingesperrt war, wenn nicht die Deutung des Traumes ihn in die Öffentlichkeit führte? Das ist also etwas Anderes und darf nicht nach den alltäglichen Traumbildern beurtheilt werden. Dieses gewöhnliche Traumgesicht aber ist Allen gemein, da es mannigfaltig und vielgestaltig in den Traumbildern vorkommt. Entweder nämlich bleiben, wie gesagt, in der Erinnerung der Seele die Nachklänge der täglichen Beschäftigungen, oder oft auch gestaltet sich die Traumvorstellung je nach den so oder so beschaffenen Körperzuständen. So meint ja der Durstige an Quellen zu sein, und bei Zechgelagen der nach Nahrung Verlangende, und der Jüngling, wenn die Jugend ihm strotzt, träumt gemäß seiner Leidenschaft. Ich habe aber auch eine andere Ursache der Traumräthsel wahrgenommen, da ich einen vom Fieberwahnsinn (Phrenitis) befallenen Verwandten pflegte, der, mit mehr Speise, als er ertragen konnte, beschwert, schrie und die Umstehenden schalt, daß sie Gedärme mit Koth gefüllt und ihm aufgelegt hätten, und, da ihm bereits der Körper nach Schweiß strebte, die Anwesenden beschuldigte, sie hätten Wasser zur Hand, womit sie ihn im Liegen durchnäßten, und nicht nachließ mit Schreien, bis der Ausgang die Ursachen dieser Beschuldigungen erklärte. Denn plötzlich überströmte sowohl reichlicher Schweiß den Körper, als auch brachte der berstende Bauch die Last in den Eingeweiden zu Tage. Was also in Folge getrübter Nüchternheit die durch das Körperleiden mitaffizirte Natur erlitt, da sie gegen das Beschwerende zwar nicht empfindungslos war, das Schmerzende deutlich kund zu geben aber vermöge der aus der Krankheit entspringenden Verrücktheit nicht vermochte, das würde wahrscheinlich, wenn nicht aus Krankheit, sondern durch natürlichen Schlaf die Denkkraft der Seele entschlummert wäre, dem in solcher Lage Befindlichen als Traum erscheinen, so daß das Wasser das Überströmen des Schweißes, die Last der Gedärme aber die Nahrungsbeschwerniß andeutete. Das scheint auch Vielen von den in der Heilkunde Erfahrenen, daß je nach den Verschiedenheiten der Leidenszustände auch die Traumgesichte den Kranken entstehen, andere bei den Magenleidenden, andere bei den an den Hirnhäuten Beschädigten, bei den Fieberkranken wieder andere, bei den an der Galle und den an Schleimsucht Erkrankten nicht dieselben, und bei den Vollblütigen und den Ausgezehrten wieder andere. Hieraus kann man ersehen, daß die nährende und mehrende Kraft der Seele Etwas auch von der Denkkraft hat, als mischungsweise mit ihr verbunden, was dem so oder so beschaffenen Zustand des Körpers ähnlich wird, indem es je nach der herrschenden Affektion in den Traumgebilden sich umändert. Ferner aber auch nach den Charakterbestimmtheiten gestalten sich bei den Meisten die Träume. Andere sind die Phantasiegebilde des Mannhaften, und andere des Feigen, andere die Träume des Zuchtlosen und andere des Enthaltsamen, andere Phantasien hat der Freigebige und andere der Nimmersatt, wobei nirgends die Überlegung, sondern die mehr unvernünftige Seelenverfassung diese Phantasiebilder gestaltet, indem sie, woran sie gewohnt ist im Geschäfte des Wachens, davon die Bilder auch in den Träumen abzeichnet.

Daß nicht in einem Theile des Körpers der Geist ist, wobei auch der Unterschied der körperlichen und psychischen Thätigkeiten erörtert wird.

Allein wir sind weit von unserem Gegenstande abgekommen. Es handelte sich uns nämlich darum, zu zeigen, daß der Geist nicht an irgend einen Theil des Leibes gebunden sei, sondern, daß er an jedem gleichmäßig hafte, indem er entsprechend der Natur des vorliegenden Theiles die Thätigkeit ausübt. Bisweilen aber auch folgt der Geist den natürlichen Trieben und wird gleichsam Diener. Denn voran geht oft die Natur des Körpers, indem sie eine Empfindung des Schmerzhaften erregt oder ein Verlangen nach dem Ergötzlichen, so daß diese zwar den ersten Anstoß gibt, entweder Eßgier oder überhaupt den Trieb nach irgend etwas Angenehmem bewirkend, der Geist aber, derlei Triebe aufnehmend, durch die ihm eigene Umsicht die Bestrebungen nach dem Verlangten in Verbindung mit dem Körper in’s Werk setzt. Dieß ist jedoch nicht bei Allen der Fall, sondern nur bei den mehr sklavisch Gesinnten, welche, die Vernunft unter die Triebe der Natur knechtend, durch die Mithilfe des Geistes dem sinnlich Angenehmen sklavisch fröhnen. Bei den Vollkommeneren aber ist das nicht so. Denn voran geht da der Geist, nach Vernunft und nicht nach Leidenschaft das Nützliche wählend, die Natur aber folgt dem Führer auf dem Fuße. Da aber drei Unterschiede der Lebenskraft unsere Untersuchung gefunden hat, die empfindungslos nährende, die nährende und empfindende, aber der Vernunftthätigkeit entbehrende, endlich die vernünftige und vollkommene, die das Gesammtvermögen durchdringt, so daß sie sowohl in jenen ist, als auch den Vorzug der Denkkraft hat, so soll darum Niemand meinen, es seien in dem menschlichen Gebilde drei Seelen zusammengeschweißt, als in eigenen Grenzen befindlich, so daß er glaubte, eine Mischung aus mehreren Seelen sei die menschliche Natur. Vielmehr die wahre und vollkommene Seele ist ihrer Natur nach eine, die vernünftige und immaterielle, durch die Sinne mit der materiellen Natur verbundene. Alles Materielle, in Wandel und Veränderung Liegende aber, wenn es der beseelenden Kraft theilhaft ist, wird wachsthümlich sich bewegen; wenn es aber der Lebensthätigkeit entfällt, wird es in Untergang auflösen die Bewegung. Weder also findet Sinnesempfindung ohne materielles Wesen noch Thätigkeit der Denkkraft ohne Empfindung statt.

Daß vorzugsweise die vernünftige Seele Seele ist und heißt, die andern aber nur uneigentlich so genannt werden; und daß die Kraft des Geistes den ganzen Leib durchdringe, indem sie mit jedem Gliede in entsprechender Weise verbunden ist.

Wenn aber einige Geschöpfe die ernährende Thätigkeit haben oder wieder andere mit Empfindungskraft begabt sind, ohne daß weder jene der Empfindung, noch diese der denkenden Natur theilhaftig sind, und darum Jemand eine Mehrheit von Seelen argwöhnt, so wird ein Solcher nicht nach der richtigen Unterscheidung die Verschiedenheit der Seelen als Lehre aufstellen. Alles Seiende nämlich wird, wenn es vollkommen das ist, was es ist, im eigentlichen Sinne auch so genannt, wie man es heißt; was aber nicht durchaus dasj ist, was es heißt, hat auch seinen Namen nur uneigentlich. Z. B. wenn Jemand das wirkliche Brod zeigte, so sagen wir, ein Solcher gebe im eigentlichen Sinne dem Ding seinen Namen; wenn aber Einer ein aus Stein gefertigtes dem natürlichen gegenüber zeigte, das zwar dieselbe Gestalt und die gleiche Größe und ähnliche Farbe hat, so daß es in den meisten Stücken dem Urbilde gleich sieht, dem aber die Fähigkeit, auch Nahrung zu sein, abgeht, so sagen wir dessentwegen, nicht eigentlich, sondern mißbräuchlich habe der Stein die Benennung Brod erhalten. Und ebenso trägt Alles, was nicht vollständig ist, was es heißt, mißbräuchlich seinen Namen. So kann nun auch hinsichtlich der Seele, die ja in der Geistigkeit und Vernünftigkeit ihre Vollendung hat, Alles, was nicht so beschaffen ist, zwar gleichnamig sein mit der Seele, nicht jedoch auch wahrhaft Seele, sondern eine gewisse Lebenskraft, der man den Namen der Seele beigelegt hat. Darum hat auch die Natur der Thiere, als nicht weit entfernt vom Pflanzenleben, in gleicher Weise dem Gebrauche des Menschen übergeben der allgemeine Gesetzgeber, um statt des Krautes den Besitzern zu dienen; denn „alles Fleisch,“ sagt er,  „esset wie Kräuter des Feldes;“ nur wenig ja scheint sie durch ihre Empfindungsfähigkeit voraus zu haben vor dem, was ohne diese wächst und sich mehrt. Zur Lehre sei Dieß den fleischlich Gesinnten, nicht zu sehr an die sinnlichen Dinge das Denken zu fesseln, sondern in den seelischen Vorzügen geschäftig zu sein, da die wahre Seele in diesen sich zeigt, die Sinnesempfindung aber ebenso auch in den Thieren ist. — Aber auf etwas Anderes abgeschweift ist der Gang der Rede. Denn nicht das lag der Betrachtung vor, daß von den Eigenschaften des Menschen die Thätigkeit des Geistes vorzüglicher sei als das Materielle seines Bestandes, sondern, daß nicht in einem bestimmten Theil in uns der Geist eingeschlossen ist, sondern gleichmäßig in allen ist und durch alle hindurch geht, weder von aussen umschließend noch innen festgehalten; denn das sagt man eigentlich nur von Gefäßen oder anderen in einander befindlichen Körpern. Die Gemeinschaft aber des Geistes mit dem Leibe hat eine unaussprechliche und unbegreifliche Verbindung, da er weder innen ist (denn nicht wird vom Körper umschlossen das Unkörperliche), noch äusserlich umgebend (denn das Unkörperliche umgrenzt Nichts); vielmehr als auf eine unerklärbare und unerforschliche Weise mit der Natur verbunden und zusammenhängend, zeigt sich der Geist sowohl in ihr als um sie herum, aber weder d’rin sitzend noch sie umringend, sondern so, wie man es weder sagen noch denken kann, ausser daß, wenn gemäß ihres eigenthümlichen Gefüges die Natur in gutem Gang ist, auch der Geist thätig ist, wenn aber eine Verletzung an ihr Statt hat, demgemäß auch die Bewegung des Denkens erlahmt.

Betrachtung des göttlichen Ausspruches: Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse, worin der Begriff des Bildes untersucht wird; und ob zwischen dem Glückseligen und Leidenslosen und dem Leidensfähigen und Hinfälligen eine Gleichheit besteht; und wie in dem Abbilde das Männliche und Weibliche ist, da Dieß doch in dem Urbilde nicht ist.

Nehmen wir aber wieder den göttlichen Ausspruch auf: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse.“ Wie kleine und der Hoheit des Menschen unwürdige Vorstellungen haben Manche unter den Heiden gehabt, indem sie durch den Vergleich mit dieser Welt groß machten, wie sie meinten, das Menschliche! Sie sagen nämlich, eine kleine Welt sei der Mensch, da er aus den nämlichen Elementen wie das All bestehe. Denn die mit dem Prunke des Namens der menschlichen Natur ein solches Lob spenden, merken nicht, daß sie mit den Eigenschaften der Mücke und Maus den Menschen prangen lassen. Denn auch in Jenen ist eine Mischung aus den vier Elementen, weil überhaupt von allem Seienden ein größerer oder geringerer Antheil an dem Beseelten bemerkt wird, ohne den keines der mit Empfindung begabten Wesen zu bestehen vermag. Was ist’s also Großes, für ein Gepräge und Gleichniß der Welt den Menschen zu halten, des umlaufenden Himmels, der sich ändernden Erde, da alles in diesen Befaßte mit dem Vorübergang des Umfassenden zugleich vorübergeht? Allein worin besteht nach der kirchlichen Lehre die menschliche Größe? Nicht in der Ähnlichkeit mit der geschaffenen Welt, sondern der Gestaltung nach dem Bilde der schaffenden Natur. Worin also besteht das Bild? wirst du vielleicht fragen; wie ist dem Unkörperlichen ähnlich das Körperhafte, wie dem Ewigen das Hinfällige, dem Unveräußerlichen das im Wechsel sich ändernde, dem Leidlosen und Unvergänglichen das Leidensfähige und Vergehende, dem von allem Bösen Unberührten das durchweg damit Verbundene und Verwachsene? Denn groß ist der Abstand zwischen der Idee des Urbildes und dem zum Abbilde Gewordenen. Wenn nämlich ein Abbild Ähnlichkeit hat mit dem Urbilde, dann nennt man es im eigentlichen Sinne so; wenn aber abweicht von der Vorlage das Nachbild, dann ist dieses etwas Anderes und nicht Abbild von jenem. Wie also ist der Mensch, dieses sterbliche, leidvolle und kurzlebige Wesen, ein Abbild der lauteren und reinen und ewigen Natur? — In der That, den wahren Aufschluß hierüber dürfte wohl nur die wahrhaftige Wahrheit allein genau wissen; wir aber, die wir, so gut wir vermögen, durch Vermuthungen und Schlüsse dem Wahren nachspüren, haben über das Gefragte folgende Ansicht. Weder lügt das göttliche Wort, das da sagt, nach dem Bilde Gottes sei der Mensch geworden, noch ist das klägliche Elend der menschlichen Natur der Seligkeit des leidenslosen Lebens ähnlich. Man muß nämlich, wenn man unser Loos mit Gott vergleichen wollte, eines von beiden zugeben, entweder leidensfähig sei die göttliche, oder leidenslos die menschliche Natur, um durch die gleichen Eigenschaften den Begriff der Ähnlichkeit bei beiden festhalten zu können. Wenn aber weder die göttliche leidensfähig noch die unsrige ohne Leiden ist, so bleibt also noch eine andere Rücksicht übrig, wonach wir als wahr erklären das göttliche Wort, das nach dem Bilde Gottes den Menschen geworden sein läßt. So wollen wir denn die heilige Schrift selbst wieder hernehmen, ob wir vielleicht durch das, was geschrieben steht, eine Hinleitung erhalten zu dem Gesuchten. Nach den Worten: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde“ und nach Angabe des Wozu der Erschaffung, fügt sie noch folgenden Satz hinzu: „Und es schuf Gott den Menschen, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, Mann und Weib schuf er sie.“ Nun wurde zwar auch früher schon bemerkt, daß diese Worte schon im voraus zur Widerlegung der ketzerischen Gottlosigkeit gesprochen sind, damit wir erführen, daß den Menschen der eingeborne Gott schuf nach dem Bilde Gottes, und wir darum in keiner Weise die Gottheit des Vaters und des Sohnes trenneten, da ja die heilige Schrift beide gleichmäßig Gott nennt, den, der den Menschen schuf, und den, nach dessen Bilde er wurde. Allein die Erörterung hierüber wollen wir lassen und auf die vorliegende Frage die Untersuchung hinlenken, wie nämlich Gott selig, der Mensch aber unglücklich ist, und doch dieser Jenem von der Schrift ähnlich genannt wird. Prüfen wir also genau die Worte. Wir finden nämlich, daß etwas Anderes ist das nach dem Bilde Gewordene, etwas Anderes aber das jetzt im Elende Befindliche. „Es schuf Gott,“ heißt es, „den Menschen nach dem Bilde Gottes schuf er ihn.“ Damit ist die Schöpfung des nach dem Bilde Gewordenen fertig. Hierauf folgt die weitere Beschreibung der Ausstattung und es heißt: „Mann und Weib schuf er sie.“ Jeder nämlich, glaube ich, sieht ein, daß Dieß sich nicht auf das Urbild bezieht. Denn „in Christo Jesu,“ wie der Apostel sagt, „ist weder Mann noch Weib.“ Aber doch, sagt die Schrift, sei in diese der Mensch getheilt worden. Also eine doppelte ist die Ausstattung unserer Natur, die eine nach Gott gestaltet, die andere nach diesem Unterschiede getheilt. Denn so Etwas deutet die Schrift durch den Zusammenhang der Sätze an, indem sie zuerst sagt: „Es schuf Gott den Menschen, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn,“ dann aber dem Gesagten beifügt: „Mann und Weib schuf er sie,“ was dem, was wir von Gott denken, fremd ist. Ich glaube nämlich, eine große und erhabene Lehre werde durch das Gesagte von der heiligen Schrift überliefert; die Lehre aber ist diese. Zwischen zwei äussersten Gegensätzen steht in der Mitte das Menschenwesen, zwischen der göttlichen und unkörperlichen Natur nämlich und dem vernunftlosen und thierischen Leben. Von beiden nämlich kann man in dem menschlichen Doppelwesen den Antheil sehen, vom Göttlichen die Vernunft und Denkkraft, welche den Unterschied von männlich und weiblich nicht zuläßt, vom Vernunftlosen aber die in Mann und Weib getheilte körperliche Ausstattung und Bildung (diese beiden nämlich sind durchaus in jedem Inhaber des menschlichen Lebens); aber das Geistige geht voran, wie wir von dem Berichterstatter der Erschaffung des Menschen vernahmen, und erst später kommt dem Menschen die Gemeinschaft und Verwandtschaft mit dem Vernunftlosen zu. Denn zuerst sagt er: „Gott schuf nach dem Bilde Gottes den Menschen,“ und zeigt durch diese Worte an, daß, wie der Apostel sagt, „in diesem weder Mann noch Weib ist;“ dann fügt er die Eigenthümlichkeiten der menschlichen Natur hinzu: „Mann und Weib schuf er sie.“ Was lernen wir also hieraus? Und Niemand zürne mir, wenn ich bei der vorliegenden Frage weiter aushole.

Gott ist seiner Natur nach alles Gute, was man immer im Denken erfassen kann, ja, er ist sogar über alles Gute, was man denken und vorstellen kann, erhaben und schafft daher aus keinem anderen Grunde das menschliche Leben, als weil er gut ist. Weil er aber so ist und deßhalb sich zur Erschaffung der menschlichen Natur entschloß, so hat er die Macht seiner Güte wohl nicht halb bewiesen, so daß er von seinem Vorrathe das Eine zwar gab, die Theilnahme am Andern aber versagte, sondern der vollkommene Erweis seiner Güte besteht darin, daß er den Menschen sowohl aus dem Nichtsein in’s Dasein rief als auch mangellos an Gütern machte. Da aber das Verzeichniß der einzelnen Güter lang ist, so ist es in der That nicht leicht, dieß aufzuzählen. Darum hat die Schrift Alles in einen kurzen Satz zusammengefaßt und angedeutet durch den Ausspruch, nach dem Bilde Gottes sei der Mensch geworden. Denn das heißt ebensoviel als: Er machte die menschliche Natur alles Guten theilhaftig. Ist nämlich Gott die Fülle der Güter, jene aber sein Ebenbild, so beruht natürlich die Ähnlichkeit des Ebenbildes mit dem Urbilde in dem Vollbesitz alles Guten. Somit ist in uns die Idee alles Schönen, alle Tugend und Weisheit und Alles was je zur Vollkommenheit gehört. Eines aber von Allem ist, daß der Mensch frei ist vom Zwange und nicht unterworfen einer physischen Gewalt, sondern freie Wahl hat zu dem, was ihm gut dünkt. Denn etwas Zwangloses und Freiwilliges ist die Tugend, das Abgenöthigte aber und Gezwungene kann nicht Tugend sein. Würde nun das Ebenbild in Allem das Gepräge der urbildlichen Schönheit an sich tragen und nicht in irgend Etwas verschieden sein, so wäre es offenbar kein Gleichniß mehr, sondern als durchaus identisch würde sich erweisen das völlig Ununterschiedene. Welchen Unterschied also bemerken wir zwischen Gott selbst und dem Gott-ähnlich Geschaffenen? Er besteht darin, daß jener ungeschaffen ist, dieser aber durch Schöpfung existirt. Dieser eigenthümliche Unterschied aber hat wieder andere Eigenthümlichkeiten zur Folge. Es wird nämlich allgemein und allseitig zugestanden, daß die ungeschaffene Natur auch unveränderlich sei und immer sich gleich bleibe, die geschaffene aber nicht ohne Veränderung bestehen könne. Denn eben der Übergang aus dem Nichtsein in das Sein ist eine gewisse Bewegung und Veränderung des Nichtseienden, das nach dem göttlichen Willen in das Sein übertritt. Und wie das Evangelium das Erzgepräge des Kaisers Bild nennt, woraus wir lernen, in der Gestalt liege die Ähnlichkeit der Abbildung mit dem Kaiser, in dem Stoffe aber beruhe die Verschiedenheit, so finden wir auch bei der gegenwärtigen Untersuchung, wenn wir statt des Gepräges die Merkmale (Eigenschaften) der göttlichen und der menschlichen Natur betrachten, worin die Ähnlichkeit liegt, in dem Subjekte (Wesen) die Verschiedenheit, die in dem Unerschaffenen und dem Erschaffenen beruht. Da nun Jenes sich immer gleich bleibt, das durch Schöpfung Entstandene aber mit Veränderung sein Dasein begann und mit solchem Wandel stammverwandt ist, darum brachte der, welcher Alles weiß, bevor es geschieht, wie die Prophezie sagt, nachgehends oder vielmehr kraft seiner Vorsicht vorsehend, wohin zufolge der Freiheit und Selbstmacht die Bewegung des menschlichen Willens sich neigen würde, da er das Künftige wußte, an dem Bilde den Unterschied von Mann und Weib an, welcher sich nicht mehr auf das göttliche Urbild bezieht, sondern, wie gesagt, der mehr vernunftlosen Natur angehört. Die Ursache aber dieser weisen Einrichtung dürften wohl nur die Schauer der Wahrheit und Diener des Wortes kennen, wir dagegen, die wir nur, so viel als möglich, in Vermuthungen und Bildern die Wahrheit uns vorstellen, wollen unsere Gedanken nicht behauptungsweise darlegen, sondern gleichsam in Form eines Versuchs den geneigten Hörern vorlegen. Was ist es also, was wir uns hierüber ausgedacht haben? Wenn die Schrift sagt: „Gott schuf den Menschen,“ so wird durch das Unbestimmte des Ausdrucks die Menschennatur überhaupt bezeichnet. Denn es wird dem Geschöpfe hier nicht sogleich der Name „Adam“ beigelegt, wie im Folgenden die Erzählung thut, sondern der Geschaffene heißt Mensch, nicht ein einzelner, sondern allgemein. Somit werden wir durch die allgemeine Nennung der Natur dahin gebracht, etwa zu denken, daß durch die göttliche Vorsehung und Macht die ganze Menschheit in der ersten Zubereitung zusammengefaßt wurde; denn bei Gott darf man keine Unbestimmtheit in seinen Werken annehmen, sondern vielmehr daß jedes der Wesen sein durch die Weisheit des Schöpfers abgemessenes Ziel und Maß habe. Gleichwie also der einzelne Mensch durch die Körpergröße umschrieben ist und sein Maß der zugleich mit seiner Körpergestalt gegebene Umfang seiner Leiblichkeit ist, so, glaube ich, sei wie in einem Leibe die ganze Fülle der Menschheit von dem Gott aller Wesen durch seine vorsehende Macht umfaßt worden, und das lehre die Schrift, wenn sie sagt: Gott schuf den Menschen, und nach dem Bilde Gottes schuf er ihn. Denn nicht in einem Theile der Natur ist das Bild, und nicht in einer einzelnen ihrer Eigenschaften die Gnade (Schönheit), sondern über das ganze Geschlecht gleichmäßig erstreckt sich diese Kraft. Beweis dafür aber ist, daß Allen gleicher Weise der Geist (νοῦς) [nous] innewohnt. Alle haben das Vermögen zu denken und zu beschließen und alles Andere, wodurch die göttliche Natur in dem nach ihr Geschaffenen sich abbildet. Gleichmäßig verhält sich sowohl der mit der ersten Weltschöpfung in’s Leben gerufene Mensch, als auch der am Ende der Welt geboren Werdende; in gleicher Weise tragen sie an sich das göttliche Ebenbild. Darum ward ein Mensch genannt das Ganze, weil für die Macht Gottes weder Etwas vergangen ist noch künftig, sondern auch das Zukünftige ebenso wie das Gegenwärtige durch die das All umfassende Thätigkeit beherrscht wird. Die ganze Natur also, wie sie von den Ersten bis zu den Letzten sich erstreckt, ist gleichsam ein Bild Dessen, der da ist. Der Geschlechtsunterschied aber von Mann und Weib wurde dem Gebilde zuletzt hinzu geschaffen, und zwar, wie ich glaube, aus folgendem Grunde.

Was man antworten müsse auf die Einwurfsfrage, wie denn, wenn die Kindererzeugung erst nach der Sünde eintrat, die Seelen entstanden wären, wenn die Urmenschen sündelos geblieben wären.

Indeß, bevor wir diesen Punkt erforschen, ist es vielleicht besser, für den von unseren Gegnern vorgebrachten Einwurf die Lösung zu suchen. Sie sagen nämlich, vor der Sünde werde weder eine Geburt erzählt noch Geburtswehen noch ein Trieb nach Kindererzeugung. Nach Vertreibung aber aus dem Paradiese in Folge der Sünde und nach Verurtheilung des Weibes zur Strafe der Geburtsschmerzen, da erst sei Adam daran gegangen, seine Genossin ehelich zu erkennen, und da sei der Anfang der Kindererzeugung gewesen. Wenn es also im Paradiese keine Ehe gab, noch Wehen noch Geburt, so müsse man, sagen sie, folgerichtig schließen, es hätten sich die Seelen der Menschen nicht vervielfältigt, wenn nicht die Gnade der Unsterblichkeit in die Sterblichkeit umschlug und die Ehe mittels der Nachkömmlinge die Natur forterhielt, indem sie statt der Wegsterbenden deren Kinder hereinbrachte. Daher habe die Sünde, die in’s Leben der Menschen eindrang, gewissermaßen Vortheil gebracht. Denn es wäre das Menschengeschlecht auf das Paar der Erstgeschaffenen beschränkt geblieben, wenn nicht die Furcht vor dem Tode die Natur zur Fortpflanzung angeregt hätte. — Allein hierin möchte wohl wieder die wahre Antwort, welche immer es sein mag, nur Denen offenbar sein, welche wie Paulus in die Geheimnisse des Paradieses eingeweiht sind. Die unsere aber ist diese. Als einst die Sadducäer der Lehre von der Auferstehung widersprachen und zur Bekräftigung ihrer Lehrmeinung jenes mehrfach verheirathete Weib, das sieben Brüdern gehört hatte, anführten und dann fragten, wem sie nach der Auferstehung gehören würde, da gab der Herr auf ihre Rede eine Antwort, wodurch er nicht bloß die Sadducäer zurechtwies, sondern auch allen später Lebenden das Geheimniß des Lebens in der Auferstehung offenbarte. Denn „in der Auferstehung,“ sprach er, „nehmen sie weder noch geben sie zur Ehe; sie können ja auch nicht mehr sterben; denn wie Engel sind sie und Kinder Gottes, da sie Kinder der Auferstehung sind.“ Die Gnade der Auferstehung aber verheißt uns nichts Anderes, als die Zurückversetzung der Gefallenen in den früheren Zustand. Eine Art Rückkehr nämlich zum ursprünglichen Leben ist die erwartete Gnade, die den aus dem Paradiese Vertriebenen wieder in dasselbe zurückführt. Wenn nun das Leben der Wiederhergestellten mit dem der Engel verwandt ist, dann war offenbar auch das Leben vor der Übertretung ein englisches. Darum wird auch die Rückkehr zum früheren Zustand unseres Lebens den Engeln gleich gestellt. Nun aber sind, obschon, wie gesagt, eine Ehe bei ihnen nicht statt hat, die Heere der Engel in zahllosen Myriaden; denn so hat in seinen Gesichten Daniel erzählt. Auf dieselbe Weise also hätten auch wir, wenn eben keine Verkehrung und Entsetzung von der engelgleichen Würde durch die Sünde bei uns erfolgt wäre, der Ehe nicht bedurft zur Vermehrung; sondern welches immer bei der Natur der Engel die Art der Vermehrung sein mag (unsäglich zwar und unergründlich den menschlichen Vermuthungen, jedenfalls aber findet sie statt), diese wäre wohl auch bei den „nur wenig unter die Engel Erniedrigten“ wirksam gewesen, um bis zu dem durch den Rathschluß des Schöpfers bestimmten Maße das Menschengeschlecht zu vermehren. Besteht aber Jemand hartnäckig auf der Frage nach der Entstehungsart der Seelen, falls der Mensch der Vermittlung durch die Ehe nicht bedurfte, so werden auch wir entgegenfragen um die Art der englischen Existenz, wie diese in zahllosen Myriaden sind, eine Natur ausmachend und doch eine Vielzahl. Denn auf die Frage: Wie wäre denn ohne die Ehe der Mensch? werden wir antworten: Wie ohne Ehe die Engel sind. Denn daß vor der Übertretung der Mensch diesen ähnlich war, das beweist seine Wiederherstellung in jenen Zustand. Nachdem wir nun Dieses also entschieden haben, müssen wir zur vorigen Untersuchung zurückkehren, wie denn Gott nach der Verfertigung des Bildes den Unterschied von Mann und Weib an dem Gebilde angebracht habe. Denn hiezu, meine ich, ist die eben abgestellte Betrachtung dienlich. Derjenige nämlich, der Alles in’s Sein gerufen und in seinem Willen den ganzen Menschen nach dem göttlichen Bilde gestaltet hat, wartete nicht erst, um durch den allmähligen Zuwachs der Nachkommen die Menge der Seelen zu ihrer Vollzahl sich vollenden zu sehen, sondern, indem er durch seine vorsehende Thätigkeit auf einmal in ihrer Gesammtheit die ganze menschliche Natur überschaute und mit dem erhabenen und engelgleichen Loose beehrte, da er durch seine Sehkraft vorhersah, daß ihr Wille nicht auf das Schöne sich hinrichte und darum von dem englischen Leben abfalle, darum legte er, damit nicht die Menge der menschlichen Seelen, die jener Art, nach der die Engel vervielfältigt wurden, entfallen war, verstümmelt werde, das den in Sünde Gefallenen entsprechende Verfahren der Vermehrung in die Natur, indem er statt der englischen Edelgeburt die thierische und unvernünftige Art des aus einander Hervorgehens der Menschennatur einpflanzte. Aus diesem Grunde scheint mir auch der große David, das Elend des Menschen bejammernd, mit folgenden Worten seine Natur beklagt zu haben: „Der Mensch, da er in Ehre war, hat es nicht verstanden,“ indem er „Ehre“ nennt seine Gleichstellung mit den Engeln. „Darum,“ sagt er, „ward er den vernunftlosen Thieren beigezählt und ihnen gleichgestellt.“ Denn wahrhaftig thierartig ist geworden der, der durch seine Neigung zum Materiellen diese flußartige Erzeugung in seine Natur aufnahm.

Daß die unvernünftigen Leidenschaften in uns aus der Verwandtschaft mit der unvernünftigen Natur ihren Ursprung haben.

Ich glaube nämlich, daß aus diesem Anfange auch alle Leidenschaften wie aus einer Quelle zumal strömend das menschliche Leben überfluthen. Beweis aber für diese Behauptung dürfte die Verwandtschaft der Triebe sein, die in gleicher Weise an uns sowohl als an den Thieren sich zeigt. Denn es ist gewiß nicht Recht, der nach dem Bilde Gottes gestalteten Menschennatur die ersten Anfänge der leidenschaftlichen Affizirtheit zuzuschreiben, sondern da das Leben der unvernünftigen Thiere zuerst in diese Welt eintrat, Etwas aber von jener Natur aus dem genannten Grunde auch der Mensch erhielt, die Art der Erzeugung nämlich, so nahm er dadurch auch an dem Übrigen Theil, was an jener Natur bemerkt wird. Denn nicht im Zornesaffekt liegt die Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, noch kennzeichnet durch die Lust sich die allerhöchste Natur, und Feigheit und Keckheit, die Sucht nach Erhöhung und der Haß gegen Verringerung und Alles dergleichen ist ferne von dem Gottes würdigen Charakter. Dieß also hat aus dem unvernünftigen Theile die menschliche Natur zu sich herangezogen. Denn, womit das thierische Leben zu seiner Erhaltung ausgerüstet wurde, das wurde, in’s menschliche Leben übertragen, zu Leidenschaften. Durch Zorn nämlich erhalten sich die Fleischfressenden, Wollust bewahrt die vielzeugenden Thiere, die schwachen die Zaghaftigkeit, die für die stärkeren leicht bezwingbaren die Furcht, die fleischreichen die Gefräßigkeit, und das Nichterlangen von irgend Etwas, wonach sie gelüsten, ist bei den unvernünftigen Thieren ein Anlaß zu Mißmuth. Dieß alles und dergleichen ist durch die thierartige Erzeugung in die Natur des Menschen mit hereingekommen. Und man gestatte mir, nach einem gewissen Bildkunstwerke das Menschenbild mit Worten zu zeichnen. Gleichwie man nämlich unter den Bildwerken Doppelgestalten sehen kann, welche die Liebhaber solcher Kunstwerke zur Überraschung Derer, die sie erblicken, verfertigen, indem sie an einem Kopfe zwei Gesichter anbringen, so scheint mir der Mensch eine doppelte Ähnlichkeit mit dem Entgegengesetzten an sich zu tragen, indem er einerseits durch das Gott-ähnliche der Vernunft nach der göttlichen Schönheit gestaltet ist, anderseits durch die inwohnenden Leidenschaften die Verwandtschaft mit dem Thierischen an sich trägt. Oft aber verthiert er auch ganz durch die Hinneigung und den Hang zum Unvernünftigen, indem er das Gute durch das Böse ganz verhüllt. Denn wenn Einer hiezu die Vernunftthätigkeit herabzieht und den Verstand zwingt, ein Diener der Leidenschaften zu werden, so geschieht eine Verkehrung des guten Bildes in die thierische Fratze, so daß die ganze Natur hiezu umgemodelt wird, indem der Verstand die Keime der Leidenschaften gleichsam kultivirt und von wenigen zur Menge vermehrt. Denn indem er der Leidenschaft seinen Beistand leiht, macht er üppig und ergiebig den Wachsthum der Thorheiten. So hat die Wollust ihren Anfang zwar in der Ähnlichkeit mit dem vernunftlosen Thiere; allein in den menschlichen Vergehungen hat sie zugenommen, indem sie so vielerlei Wollustsünden erzeugte, als unter den unvernünftigen Thieren nicht zu finden sind. So ist die Aufwallung des Zornes stammverwandt mit dem Triebe der unvernünftigen Thiere, vermehrt aber wird sie durch die Beihilfe der Überlegung. Denn daher kommt der Groll, der Neid, die Lüge, die Hinterlist, die Heuchelei; Das alles kommt von der schlechten Anwendung des Verstandes. Entbehrte nämlich die Leidenschaft der Beihilfe des Verstandes, so bliebe der Zorn kurzdauernd und unnachhaltig, einer Wasserblase gleich zumal entstehend und schnell vergehend. So hat die Gefräßigkeit der Schweine die Habgier eingeführt, und der Stolz des Pferdes ist der Anfang des Übermuthes geworden, und Alles, was je aus der thierischen Unvernunft entspringt, ist durch den schlimmen Gebrauch des Verstandes zum Laster geworden, wie denn auch umgekehrt, wenn der Verstand die Herrschaft über dergleichen Regungen ergreift, jede derselben zu einer Art von Tugend verwandelt wird. Es bewirkt nämlich der Zorn die Mannhaftigkeit, die Zaghaftigkeit Behutsamkeit, die Furcht Folgsamkeit, der Haß Verabscheuung des Bösen, die Liebe das Verlangen nach dem wahrhaft Schönen, der Stolz der Gesinnung erhebt über die Leidenschaften und bewahrt ungeknechtet vom Bösen den Sinn (es lobt aber diese Art der Erhebung auch der große Apostel, indem er stets mahnt, den Sinn nach oben zu richten); und so kann man finden, daß jede derartige Regung, durch die Hoheit der Vernunft mit emporgehoben, nach der Schönheit des göttlichen Bildes mitgestaltet wird. Allein da der Hang zur Sünde gleichsam schwer ist und abwärts zieht, so geschieht öfter das Gegentheil. Denn eher wird durch die Schwere der unvernünftigen Natur das Obere der Seele hinabgezogen als durch die Hoheit der Vernunft das Schwere und Erdhafte emporgehoben. Darum macht unser Elend oft das göttliche Geschenk unerkennbar, indem es wie eine häßliche Larve auf die Schönheit des Ebenbildes die Leidenschaften des Fleisches hinschmiert. Es sind also einigermaßen entschuldbar Diejenigen, welche auf dergleichen hinblicken und dann nicht gerne zugeben, daß hierin die göttliche Bildung sei. Aber durch die, welche ein rechtschaffenes Leben führen, kann man das göttliche Bild in den Menschen sehen. Denn wenn ein Leidenschaftsvoller und fleischlich Gesinnter es unglaublich macht, daß der Mensch wie mit göttlicher Schönheit geschmückt ist, so wird gewiß der an Tugend Erhabene und von Sünden Reine Dir die bessere Ansicht von den Menschen bestätigen. Z. B. (denn es ist besser, durch ein Beispiel die Sache darzuthun) verwischt hat durch den Schmutz der Bosheit die Schönheit der Natur ein bekannter Bösewicht, etwa Jechonias oder ein anderer durch Bosheit Berüchtigter; hingegen in Moses und seines Gleichen hat sich rein erhalten die Wohlgestalt des Bildes. In welchen also die Schönheit nicht getrübt wurde, an Diesen hat man den thatsächlichen Beweis für die Wahrheit, daß der Mensch ein Abbild Gottes ist.

Aber es schämt sich vielleicht Jemand, daß wir nach Art der unvernünftigen Thiere das Leben durch Speise fristen, und hält darum den Menschen für unwürdig, um als nach dem Bilde Gottes gestaltet zu gelten. Allein er hoffe, daß der Natur dereinst im künftigen Leben Befreiung von diesem Geschäfte zu Theil werden wird. Denn, wie der Apostel sagt, „das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken“, „noch lebt der Mensch,“ wie der Herr verkündet hat, „vom Brod allein, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Aber auch das, daß die Auferstehung uns ein engelgleiches Leben in Aussicht stellt, Essen aber bei den Engeln nicht stattfindet, ist eine hinreichende Bürgschaft dafür, daß der Mensch, der einst nach Art der Engel leben soll, von diesem Geschäfte werde befreit werden.

Gegen Diejenigen, welche sagen, daß der Genuß der gehofften Güter wiederum in Speise und Trank bestehe, weil geschrieben stehe, daß am Anfang im Paradiese der Mensch davon lebte.

Aber vielleicht sagt Jemand, es werde ja nicht wieder zur nämlichen Lebensweise der Mensch zurückkehren, wenn anders wir ehedem zwar auf’s Essen angewiesen waren, künftig aber von diesem Geschäfte befreit werden sollen. Allein ich, der ich die heilige Schrift höre, kenne nicht bloß eine körperliche Nahrung und fleischliche Erquickung, sondern ich weiß noch eine andere Speise, die eine gewisse Ähnlichkeit hat mit der des Leibes, deren Genuß aber nur auf die Seele geht. „Esset von meinen Broden,“ ruft die Weisheit den Hungrigen zu, und selig preist die nach solcher Speise Hungernden der Herr. Und: „Wenn Jemand dürstet,“ sagt er, „der komme zu mir und trinke.“ Und: „Trinket Frohsinn“, ruft der große Jesaias Denen zu, die seine Erhabenheit zu verstehen vermögen. Es besteht aber auch eine prophetische Drohung gegen die Strafwürdigen, daß sie mit Hunger sollen gezüchtigt werden. Der Hunger aber ist nicht ein Mangel an Brod und Wasser, sondern ein Fehlen des Wortes. Denn „nicht Hunger nach Brod,“ sagt er, „oder Durst nach Wasser, sondern Hunger zu hören Worte des Herrn.“ Also an eine der Pflanzung Gottes in Eden (Eden aber bedeutet Wohlleben) würdige Frucht muß man denken und nicht zweifeln, daß hievon der Mensch genährt werde, und darf keineswegs an diese vergängliche und hinfällige Nahrung da während des Lebens im Paradiese denken. „Von allem Baume im Paradiese,“ heißt es, „magst du essen.“ Wer wird dem auf gesunde Weise Hungernden jenen Baum geben, der im Paradiese ist, der alles Gute in sich schließt, der da heißt: Alles, dessen Genuß das Wort dem Menschen gewährt? Denn in dem allgemeinen und allerhabenen Worte sind alle Arten der Güter unter sich verbunden, und eine Einheit ist das Ganze. Wer aber wird mich abwenden von dem gemischten und zweideutigen Genusse des Baumes? Denn gewiß nicht unbekannt ist den Tiefersehenden, was jenes „Alles“ sei, dessen Frucht das Leben ist, und wiederum, was jenes Beigemischte sei, dessen Ende der Tod ist. Denn der den Genuß von Allem neidlos gewährt, der hält gewiß mit Grund (λόγῳ τινί) [logō tini] und mit Vorsicht den Menschen von dem Genusse des Gemeinen zurück. Und ich will den großen David und den weisen Salomo als Lehrer zur Erklärung dieses Wortes herbeiziehen. Beide nämlich halten für die eine Gnade des eingeräumten Wonnegenusses das wahrhafte Gut selbst, welches eben auch alles Gute ist, David, indem er sagt: „Habe deine Wonne an dem Herrn,“ Salomo aber, indem er die Weisheit selbst, welche der Herr ist, „Baum des Lebens“ nennt. Also identisch ist mit dem Baume des Lebens „aller Baum,“ dessen Genuß dem nach Gott Gebildeten (Menschen) das Wort gewährt. Gegenüber aber diesem Baume steht ein anderer Baum, dessen Genuß Erkenntniß des Guten und Bösen ist, nicht als ob er jede von beiden entgegengesetzten Erscheinungen gesondert und theilweise als Frucht trüge, sondern weil er eine Bastard- und Mischlingsfrucht hervorbringt, die aus entgegengesetzten Eigenschaften gemischt ist. Dessen Genuß verbietet der Urheber des Lebens, die Schlange aber räth dazu, um dem Tode den Eingang zu verschaffen. Und der Rathgeber findet Glauben, weil er die Frucht mit schöner Farbe und Süßigkeit umgab, damit sie lieblich aussehe und das Verlangen zum Kosten reize.

Welches das Leben im Paradiese und was der verbotene Baum war.

Was ist nun das, was die Erkenntniß von Gut und Böse gemischt in sich enthält, im Blüthenschmuck sinnlicher Lüste? Ich werde wohl nicht weit von der Wahrheit vorbeitreffen, wenn ich den Begriff des „Erkennens“ zum Ausgangspunkt der Betrachtung nehme. Denn ich glaube, daß die Schrift hier unter der „Erkenntniß“ nicht eine Wissenschaft verstehe, sondern ich finde einen Unterschied in dem Sprachgebrauche der Schrift zwischen Erkenntniß und beurtheilender Unterscheidung. Denn die einsichtige Unterscheidung des Guten vom Bösen sei Sache höherer Vollkommenheit, sagt der Apostel, und geübter Sinne. Darum befiehlt er auch, Alles zu prüfen, und Sache des Geistigen sei es, sagt er, zu beurtheilen. „Erkenntniß“ aber bedeutet nicht überall das Wissen und die Einsicht, sondern die Neigung zu dem, was man lieb hat. Z. B.: „Es kennt der Herr die Seinigen;“ und zu Moses spricht Er: „Ich erkannte dich vor Allen.“ Von den in Bosheit Mißerkannten aber sagt er, der Alles weiß: „Ich habe euch nie erkannt.“ Der Baum also, von dem man die gemischte Erkenntniß als Frucht bekommt, gehört zu den verbotenen Dingen. Gemischt aber aus Entgegengesetztem ist jene, von der Schlange empfohlene, Frucht, vielleicht in Anbetracht dessen, daß nicht nackt das Böse sich darstellt, an sich selbst in seiner eigenen Natur erscheinend. Denn in der That unwirksam wäre das Böse, wenn es mit nichts Schönem übertüncht wäre, welches zum Verlangen nach jenem den Getäuschten anreizt. Nun aber ist gewissermaßen gemischt die Natur des Bösen, indem es in der Tiefe zwar das Verderben wie eine Falle versteckt enthält, in dem Truge seiner Erscheinung aber einen Anschein des Schönen vorzeigt. Schön scheint den Geldliebhabern der Glanz des Metalls, aber Wurzel aller Übel ist die Geldsucht. Wer aber würde sich in den stinkenden Koth der Unzucht versenken, wenn nicht die Lust für schön und lieblich hielte der durch diesen Köder zur Leidenschaft Hingerissene? So scheinen auch die übrigen Sünden, während sie versteckt die Verderbniß enthalten, im Anfange lieblich und werden in Folge einer Täuschung von den Unachtsamen wie ein Gut erstrebt. Da nun die Meisten das Gute in dem suchen, was die Sinne erfreut, und eine Gleichnamigkeit besteht zwischen dem wahrhaft und dem scheinbar Guten, darum wird die auf das Böse als auf ein Gut gehende Begierde von der Schrift Erkenntniß des Guten und Bösen genannt, um eine gewisse Zusammensetzung und Mischung der Erkenntniß zu bezeichnen. Nicht für absolut schlecht, weil sie umblümt ist mit dem Guten, noch für rein gut, weil darunter versteckt ist das Böse, sondern für gemischt aus beiden erklärt sie die Frucht des verbotenen Baumes, deren Genuß in den Tod stürze, wie es heißt, die davon Kostenden, indem sie beinahe deutlich die Lehre ausspricht, das wahrhaft Gute sei einfach und einheitlich von Natur, aller Zwiespaltigkeit und Verbindung mit dem Gegentheil fremd; das Böse aber sei bunt und aufgeputzt, etwas Anderes scheinend und als etwas Anderes in der Erfahrung sich zeigend, dessen Erkenntniß, d. h. erfahrungsmäßige Bekanntschaft damit, des Todes und Verderbens Anfang und Grundlage sei. Darum zeigt die Schlange die schlimme Frucht der Sünde vor, indem sie nicht, wie es von Natur ist, das Böse offen herzeigte (denn nicht täuschen hätte der Mensch sich lassen durch das offenbare Böse), sondern indem sie mit einem gewissen Blüthenschmuck dessen Erscheinung zierte und eine gewisse Sinnenlust dem Geschmacke einzauberte, erschien sie dem Weibe glaubwürdig, wie die Schrift erzählt. Denn „es sah das Weib,“ heißt es, „daß der Baum gut sei zum Essen und reizend für die Augen zum Ansehen und lieblich zum Kosten, und sie nahm und aß von seiner Frucht.“ Jene Speise aber wurde den Menschen Mutter des Todes. Das also ist die Mischlingsfrucht, indem die Schrift deutlich den Sinn erklärt, in welchem Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen genannt ward jener Baum, weil er nämlich wie die mit Honig versetzten schädlichen Gifte, sofern er die Sinnesempfindung kitzelt, gut zu sein scheint, sofern er aber den Kostenden zu Grunde richtet, das Äusserste alles Übels ist. Nachdem also das verderbliche Gift wider das Leben des Menschen gewirkt hat, da ist der Mensch, das der Sache und dem Namen nach hohe Wesen, das Ebenbild der göttlichen Natur, der Nichtigkeit, wie der Prophet sagt, ähnlich geworden. Also das Ebenbild gehört zu dem besseren Theile unseres Wesens; Alles aber, was an unserem Leben traurig und elend ist, ist ferne von der Ähnlichkeit mit Gott.

Daß die Auferstehung nicht sowohl auf Grund der Botschaft der Schrift, als der Nothwendigkeit der Dinge folgerichtig gehofft wird.

Allein nicht so mächtig ist das Böse, daß es die gute Macht überwände, noch ist stärker und dauerhafter als die Weisheit Gottes die Unbesonnenheit unserer Natur. Es ist ja nicht möglich, daß das Wandelbare und Veränderliche siegreicher und dauerhafter sei als das stets sich gleich Bleibende und im Guten Gefestete; sondern der göttliche Wille ist überall und durchaus unabänderlich, die Wandelbarkeit unserer Natur aber bleibt nicht einmal im Bösen beharrlich. Denn was jedenfalls immer in Bewegung ist, wird, wenn es zum Guten vorangeht, wegen der Unendlichkeit des zu durchschreitenden Gebietes die Vorwärtsbewegung nie endigen; es wird ja des Erstrebten (des Guten) kein Ende finden, mit dessen Erreichung es die Bewegung einmal einstellen müßte. Wenn es sich aber in entgegengesetzter Richtung bewegt, so muß, wann es den Lauf der Bosheit vollendet hat und am Grenzziel des Bösen angelangt ist, alsdann die Rastlosigkeit des Dranges, die keinen natürlichen Stillstand findet, nachdem sie den Raum der Bosheit durchlaufen hat, die Bewegung nothwendig zum Guten hinwenden. Da nämlich die Bosheit nicht in’s Endlose fortgeht, sondern durch nothwendige Schranken begrenzt ist, so beginnt natürlich an der Grenze der Bosheit wieder die Macht des Guten, und so läuft, wie gesagt, die Rastlosigkeit unserer Natur zuletzt wieder auf den guten Weg zurück, durch das Andenken an die vorherigen Unfälle gewitzigt, nicht wieder in ähnliche sich zu verfangen. Somit wird wieder im Guten dahingehen unser Lauf, weil mit nothwendigen Grenzen umschränkt ist die Natur des Bösen. Gleichwie nämlich die Himmelskundigen sagen, vom Lichte sei die ganze Welt erfüllt, die Finsterniß aber entstehe als Schattenwurf durch den Widerstand des Erdkörpers; allein diese zwar werde gemäß der Gestalt des kugelförmigen Körpers rückwärts vom Sonnenstrahle kegelförmig abgeschlossen, die Sonne aber, welche die Erde an Größe vielmal übertrifft und sie von allen Seiten mit ihren Strahlen rings umgibt, vereinige am Ende des Kegels die Lichtströme, so daß, gesetzt es könnte Jemand den ganzen Raum durchschreiten, soweit der Schatten sich erstreckt, er jedenfalls in nicht vom Dunkel unterbrochenes Licht gelangte; — so, glaube ich, muß man auch von uns annehmen, daß wir nach Überschreitung der Grenze des Bösen, wenn wir an der Spitze des Sündenschattens angelangt sind, wieder im Lichte wandeln werden, weil unendlichfach über das Maaß des Bösen die Natur des Guten hinausragt. Wieder also wird kehren das Paradies, wieder jener Baum, der ja auch Lebensbaum ist, wieder die Schönheit des Ebenbildes und die Würde der Herrschaft. Ich meine damit Nichts von alle dem, was dermalen zur Nothdurft des Lebens Gott den Menschen unterworfen hat, sondern auf ein anderes Reich geht die Hoffnung, dessen Wesen ein Geheimniß bleibt.

Gegen Diejenigen, welche sagen: Wenn die Auferstehung etwas Schönes und Gutes ist, warum ist sie nicht schon eingetreten, sondern wird erst in gewissen Zeitläuften erhofft?

Doch halten wir uns an die Reihenfolge der Untersuchungen. Denn vielleicht hält Mancher, der nach dem Süß der Hoffnung im Geiste sich beschwingt, es für Beschwer und Verlust, nicht schneller zu jenen Gütern zu gelangen, welche über menschliche Empfindung und Erkenntniß hinausgehen, und stellt sich als schrecklich vor die Länge der Zwischenzeit bis zu dem Ersehnten hin. Allein er gräme sich nicht wie ein Kind, das den kurzen Aufschub seiner Vergnügen schwer erträgt. Denn da durch Vernunft (Wort) und Weisheit Alles verwaltet wird, so muß man durchaus glauben, daß Nichts geschehe ohne die Vernunft (das Wort) selbst und die darin enthaltene Weisheit. Du frägst nun, was das für ein Vernunftgrund (λόγος) [logos] sei, wonach die Umwandlung des trauervollen Daseins in den ersehnten Zustand nicht sogleich geschieht, sondern dieses lästige und körperhafte Leben bis zu gewissen bestimmten Zeiten fortwährt und das Ziel der Vollendung des Alls abwartet, damit erst dann, wie von einem Zaume befreit, das menschliche Leben wieder entbunden und frei zu dem seligen und leidenslosen Dasein zurücklaufe? Allein ob zwar der Wahrheit nahe komme die Antwort auf diese Frage, wird genau wohl die Wahrheit selbst wissen; was nun aber in unseren Sinn kam, ist Dieses. Ich beginne mit Wiederaufnahme der vorigen Rede. „Laßt uns,“ spricht Gott, „den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse; und es schuf Gott den Menschen, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn.“ Das Bild Gottes also, das in der ganzen menschlichen Natur sich zeigt, war vollendet, Adam aber war noch nicht; denn nach etymologischer Bedeutung heißt Adam das Erdgebilde, wie die Kenner der Sprache der Hebräer sagen. Darum nennt auch der Apostel, der die Muttersprache der Israeliten genau kannte, den aus Erde gebildeten Menschen irdisch (choisch), indem er den Namen Adam gleichsam in’s Griechische übersetzte. Es entstand also nach dem Bilde der Mensch, die Gesammt-Natur, das gottähnliche Wesen, es entstand aber durch die allmächtige Weisheit nicht ein Theil des Ganzen, sondern zumal die ganze Fülle der Natur. Es sah der alle Enden Umfassende, wie die Schrift sagt in der Stelle: „In seiner Hand sind die Enden der Erde,“ es sah der Alles Wissende und, bevor es geschieht, mit seiner Erkenntniß Umgreifende, wie groß an Zahl in den einzelnen Individuen die Menschheit sein werde. Da er aber in unserem Gebilde die Neigung zum Bösen erkannte und daß es, seiner Gleichstellung mit den Engeln freiwillig entlaufen, die Gemeinschaft mit dem Niedrigen sich aneignen werde, darum mischte er auch von dem Unvernünftigen Etwas in sein Ebenbild. Denn in der göttlichen und seligen Natur ist der Unterschied nach Mann und Weib nicht; sondern die Eigenthümlichkeit der thierischen Ausstattung auf den Menschen übertragend, gibt er unserem Geschlechte eine Vermehrung, die der Erhabenheit unserer Erschaffung nicht entspricht. Denn nicht damals, als er das Ebenbildliche schuf, verlieh er dem Menschen die Macht, zu wachsen und sich zu mehren, sondern als er ihn durch den Unterschied nach Mann und Weib unterschied, da sprach er: „Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde.“ Denn das ist keine Eigenschaft der göttlichen Natur, sondern der thierischen, wie die Erzählung nebenbei bemerkt, indem sie anführt, daß Gott Dieß zuerst in Betreff der Thiere gesprochen habe. Falls er daher, bevor er der Natur den Unterschied nach Mann und Weib beifügte, dem Menschen die durch diesen Ausspruch verliehene Macht sich zu mehren gegeben hätte, so bedürften wir wohl nicht dieser Art der Erzeugung, durch welche die Thiere erzeugt werden.

Da also durch die vorwissende Thätigkeit diese Gesammtheit der Menschen vorgesehen war, welche durch die mehr thierartige Erzeugung in’s Leben treten sollte, so hat der Alles nach Ordnung und Zusammenhang lenkende Gott, weil gerade diese Art der Erzeugung für die Menschheit nöthig machte der Hang unserer Natur zu dem Niedrigen, den vor seinem Entstehen kannte der das Künftige ebenso wie das Gegenwärtige Schauende, deßhalb auch das der Natur der Menschen angemessene Zeitmaaß vorgesehen, so daß mit dem Vorübergang der vorbestimmten Seelen zugleich auch die Dauer der Zeit sich abschließt und dann die flußartige Bewegung der Zeit stillsteht, wenn nicht mehr sich fortpflanzt in ihr die Menschheit; nach vollendeter Erzeugung der Menschen aber zugleich mit dem Ende dieser auch die Zeit ein Ende hat und so die Auflösung des Alls in seine Elemente eintritt und zugleich mit der Umwandlung des Ganzen auch die Menschheit versetzt wird aus dem verweslichen und erdhaften in den leidenslosen und ewigen Zustand. Das scheint mir auch der göttliche Apostel im Sinne gehabt zu haben, wenn er im Briefe an die Korinther den plötzlichen Stillstand der Zeit und die Auflösung des in Bewegung Begriffenen in den früheren Zustand vorhersagt mit den Worten: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis; wir werden zwar nicht alle entschlafen, aber alle verwandelt werden, im Momente, im Augenblick, bei der letzten Posaune.“ Denn damit hat er, wie ich glaube, gelehrt: Wenn die Vollzahl der menschlichen Natur nach dem vorgesehenen Maaße zum Abschluß gelangt sein werde, weil Nichts mehr fehlt an der Zahl der Seelen zu weiterer Vermehrung, dann werde im Nu der Zeit die Umwandlung der Dinge geschehen, indem er Moment und Augenblick nennt jenen Punkt der Zeit und das ausdehnungslose Ende, so daß es dem am letzten und äussersten Grenzpunkte der Zeit Angekommenen, weil an der Grenze kein Theil mehr übrig ist, nicht mehr möglich sei, diese allmählige Umwandlung mittelst des Todes durchzumachen, sondern, wenn einmal die das Todte erweckende Posaune der Auferstehung erschollen sei, dann würden auch die noch im Leben Befindlichen gleich den aus der Auferstehung sich Verwandelnden auf einmal zur Unsterblichkeit umgewandelt werden, so daß nicht mehr die Last des Fleisches nach unten zieht und an die Erde fesselt die Masse, sondern erhaben durch die Luft der Flug geht. Denn „entrückt werden“, sagt er, „werden wir auf Wolken dem Herrn entgegen in die Luft und so allzeit bei dem Herrn sein.“

Man warte also die Zeit ab, die nothwendig so lange dauert als die Vermehrung der Menschheit. Denn auch die Patriarchen um Abraham hatten das Verlangen, die Güter zu schauen, und ließen nicht ab, das himmlische Vaterland zu suchen, wie der Apostel sagt; aber gleichwohl sind sie noch in Erwartung der Gnade, indem Gott nach dem Ausspruche des Paulus „etwas Besseres für uns vorgesehen hat, damit sie“, sagt er, „nicht ohne uns vollendet würden.“ Wenn also Jene den Aufschub ertragen, die von ferne bloß im Glauben und der Hoffnung die Güter schauten und begrüßten, indem sie, wie der Apostel bezeugt, die Sicherheit des Genusses ihrer Hoffnungen in den Glauben an die Treue des Verheissenden setzten, was müssen wir, die große Masse, thun, die auf Grund des Lebenswandels das Bessere gar nicht hoffen können? Es schmachtete vor Verlangen auch des Propheten Seele, und er bekennt im Psalmgesang diese Liebessehnsucht, indem er sagt, es sehne sich und schmachte seine Seele, in die Vorhöfe des Herrn zu gelangen, wenn er auch unter die Letzten sollte verworfen werden, weil es besser und Wünschenswerther sei, unter Jenen der Letzte zu sein, als in den sündhaften Wohnungen des Lebens der Erste. Aber gleichwohl ertrug er den Aufschub, indem er zwar selig preist den Aufenthalt dortselbst und den kurzen Genuß der Zeit von tausenden vorzieht (denn „besser,“ sagt er, „ein Tag in deinen Vorhöfen als tausende“), aber er grollte nicht über die nothwendige Ordnung der Dinge und hielt es für hinlänglich zur Seligpreisung für die Menschen, auch nur in Hoffnung die Güter zu besitzen. Darum sagt er am Ende des Psalmes: „Herr, Gott der Mächte, selig der Mensch, der auf dich hofft.“ Auch wir also müssen uns nicht grämen über den kurzen Aufschub des Gehofften, sondern uns beeifern, damit wir nicht etwa des Gehofften verlustig werden. Denn gleichwie, wenn Jemand Einem der Unerfahrneren vorhersagen würde, daß zur Sommerszeit die Einsammlung der Früchte stattfinden, und daß voll die Magazine, und angefüllt mit Speisen der Tisch sein werde zur Zeit des Überflusses, Derjenige ein Thor sein würde, der die Ankunft der Zeit beschleunigen wollte, da man ja erst Samen streuen und mit Sorgfalt die Früchte sich zubereiten muß (denn die rechte Zeit wird, man mag wollen oder nicht, jedenfalls zur bestimmten Frist kommen, nicht auf gleiche Weise aber werden sie sehen der, welcher sich den Überfluß der Früchte vorherbereitet hat, und der, welcher aller Vorarbeit baar von der Früchtezeit überrascht wird): so, glaube ich, darf man, da durch die göttliche Verkündung Allen bekannt ist, daß die Zeit der Umwandlung kommen wird, nicht vorwitzig sein um die Zeiten (denn es sei nicht an uns, sprach er, die Zeiten zu kennen und Fristen) noch Berechnungen anstellen, wodurch man die Seele nur schwächt in der Hoffnung auf die Auferstehung, sondern muß auf den Glauben an das zu Erwartende gestützt durch einen guten Wandel um die künftige Gnade sich vorbewerben.

Daß Derjenige, welcher den Anfang der Schöpfung der Welt zugibt, nothwendig auch das Ende einräumen muß.

Wenn aber Jemand im Hinblick auf den gegenwärtigen in gewisser Stetigkeit dahingehenden Lauf der Welt, worin der Zeitunterschied statt hat, es für unmöglich erklärt, daß der vorher verkündete Stillstand des Bewegten eintreten werde, so glaubt ein Solcher offenbar auch nicht, daß im Anfange Himmel und Erde durch Gott geworden sei. Denn wer der Bewegung einen Anfang zugesteht, der zweifelt gewiß nicht bezüglich des Endes, und wer das Ende nicht zuläßt, der nimmt auch den Anfang nicht an. Allein gleichwie wir denken, daß die Welten durch das Wort Gottes vollendet wurden, indem wir glauben, wie der Apostel sagt, daß aus dem Unsichtbaren das Sichtbare geworden sei, denselben Glauben müssen wir auch dem Ausspruche Gottes schenken, der den nothwendigen Stillstand der Dinge angekündigt hat. Das Wie aber ist von der Nachforschung auszunehmen; denn auch dort haben wir durch den Glauben die Verwirklichung des Sichtbaren aus dem noch nicht Erscheinenden angenommen, die Frage nach dem Unerforschbaren bei Seite lassend. Und doch hat uns die Sache in vielen Stücken Schwierigkeiten gemacht, da sie nicht geringe Anlässe zum Zweifel an dem Geglaubten darbietet. Denn auch dort war für die Disputirer Gelegenheit, durch Vernunftgründe folgerungsweise den Glauben zu bestreiten, um nicht als wahr gelten zu lassen die der materiellen Schöpfung vorangehende Erzählung, welche die heilige Schrift bezeugt, indem sie versichert, alle Dinge hätten aus Gott ihren Ursprung. Denn die Vertreter der gegentheiligen Ansicht behaupten, gleichewig mit Gott sei die Materie, indem sie derlei Schlüsse gegen das Dogma vorbringen: Wenn Gott einfach ist von Natur, immateriell, ohne Qualität und Quantität, unzusammengesetzt und frei von gestalthafter Umgrenzung, alle Materie aber in räumlicher Ausdehnung wahrgenommen wird und sich der Wahrnehmung durch die Sinne nicht entzieht, indem sie in Farbe, Gestalt, Schwere, Größe, Widerstand und den übrigen Merkmalen, die sie hat, sich darstellt, wovon Nichts an der göttlichen Natur zu bemerken möglich ist, wie konnte dann aus dem Immateriellen die Materie hervorgehen, aus dem Unräumlichen die räumliche Natur? Glaubt man nämlich, aus Jenem habe Dieses seinen Bestand, so ist es offenbar als in ihm seiend auf geheimnißvolle Weise so in’s Dasein hervorgetreten. War aber in Jenem das Materielle, wie ist dann immateriell der die Materie in sich Habende? Ebenso aber ist es auch mit allen übrigen Kennzeichen der materiellen Natur. Wenn in Gott die Quantität ist, wie ist Gott ohne Quantität? Wenn in ihm das Zusammengesetzte, wie ist er einfach und ohne Theile und Zusammensetzung? Daher muß er entweder materiell sein, dazu nöthigt die Logik, weil die Materie von ihm herrührt, oder, will man das nicht, so muß man annehmen, die Materie sei von ihm zur Erschaffung des Alls von aussen herzugebracht worden. War sie nun ausser Gott, so war sie jedenfalls etwas Anderes neben Gott, was in Hinsicht der Ewigkeit mit dem ungeworden Seienden zugleich gedacht wird, so daß man zwei Anfangslose und Ungewordene im Denken mit einander in Eins zusammenfaßt, das künstlerisch Wirkende und das diese planvolle Wirksamkeit Aufnehmende. Und wollte man demgemäß annehmen, von ewig her sei dem Werkmeister aller Dinge die Materie zur Hand, welch’ große Unterstützung für seine Glaubenssätze wird da der Manichäer finden, welcher das materielle Prinzip der Ursprunglosigkeit nach der guten Natur an die Seite stellt? Nun aber sind wir sowohl davon, daß Alles aus Gott sei, auf die Versicherung der Schrift hin überzeugt, als auch nehmen wir uns nicht heraus, das, wie es in Gott war, als etwas unseren Begriff Übersteigendes, zu ergrübeln in der Überzeugung, der göttlichen Macht sei Alles möglich, sowohl das Nichtseiende in’s Dasein zu rufen, als auch dem Seienden nach Gutdünken die Beschaffenheiten zu verleihen. Folgerichtig also, wie wir für das Seiende zu seiner Erschaffung aus Nichts für genügend halten die Macht des göttlichen Willens, so werden wir auch, wenn Wir die Wiederauslösung des Bestehenden auf dieselbe Macht zurückführen, für nichts Unglaubliches den Glauben in Anspruch nehmen. Und doch ist es vielleicht wohl möglich, durch eine gewisse Begriffserfindung die über die Materie Nergelnden zu überzeugen, daß sie nicht meinen dürfen, man könne Nichts erwidern auf den Angriff gegen unseren Glauben.

Replik auf die Behauptung, die Materie sei gleichewig mit Gott.

Keineswegs nämlich ausserhalb der folgerichtigen Denkbestimmungen erscheint die Annahme hinsichtlich der Materie, welche behauptet, dieselbe habe aus dem Intelligiblen und Immateriellen ihren Bestand; denn wir werden finden, daß die ganze Materie aus gewissen Qualitäten bestehe, mit deren Hinwegnahme sie an sich gar nicht mehr durch den Begriff kann erfaßt werden. Nun aber wird jede Art von Eigenschaft begrifflich von ihrem Subjekte (dessen sie ist) getrennt. Der Begriff aber ist eine geistige und keine körperhafte Anschauung. Zum Beispiel, wenn ein Thier oder ein Baum der Betrachtung vorliegt, oder sonst etwas Materielles, so bemerken wir durch die gedankenmäßige Unterscheidung an dem Gegenstande Vieles, wovon der Begriff eines Jeden mit den übrigen Merkmalen Nichts gemein hat. Denn ein anderer ist der Begriff der Farbe und ein anderer der der Schwere, deßgleichen der der Größe und der der eigenthümlichen Beschaffenheit bei der Betastung. Denn die Weichheit und die Zweielligkeit und die übrigen Prädikate sind dem Begriffe nach weder zu einander noch zum Körper gehörig. Denn die begriffliche Bestimmung eines jeden derselben wird als eine besondere für sich gedacht, die Nichts gemein hat mit irgend einer andern der an dem Subjekte bemerkbaren Eigenschaften. Ist nun begrifflich die Farbe, begrifflich aber auch die Festigkeit und die Größe und die übrigen derartigen Eigenschaften, und wird, falls eine jede derselben von dem Gegenstande hinweggenommen würde, damit zugleich auch der Begriff des Körpers aufgelöst, so dürfte es wohl folgerichtig sein, anzunehmen, daß, welcher Merkmale Abwesenheit wir als Ursache der Auflösung des Körpers erkannten, dieser Zusammentreffen die materielle Natur constituire. Denn wie das kein Körper ist, dem die Farbe, die Gestalt, der Widerstand, die Ausdehnung, die Schwere und die übrigen Merkmale nicht zukommen, jedes aber von diesen nicht Körper ist, sondern als etwas Besonderes, vom Körper Verschiedenes sich zeigt, so machen umgekehrt die genannten Merkmale, wo sie zusammentreffen, die körperliche Substanz aus. Nun aber, wenn geistig (νοητή) [noētē] ist die Auffassung dieser Eigenschaften, geistig aber von Natur die Gottheit, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß aus der unkörperlichen Natur diese geistigen Anfänge zur Entstehung der Körper herrühren, indem die geistige Natur die geistigen Kräfte hergibt, die Vereinigung dieser aber mit einander die materielle Natur in’s Dasein führt. Allein Dieß soll uns nur nebenbei untersucht sein. Wir müssen aber wieder auf den Glauben die Rede zurücklenken, durch den wir annahmen, aus dem Nichtsein sei das All entstanden, und, von der Schrift belehrt, nicht zweifeln, es werde auch wieder in einen ganz andern Zustand umgesetzt werden.

Wie auch ein Nichtchrist dazu gebracht werden könnte, der Lehre der Schrift über die Auferstehung Glauben zu schenken.

Indeß vielleicht erklärt Jemand, auf die aufgelösten Körper hinblickend und nach dem Maße der eigenen Kraft die Gottheit beurtheilend, die Auferstehung für ein unmögliches Ding, indem er behauptet, es gehe nicht an, daß das jetzt sich Bewegende dereinst stillstehen und das jetzt Bewegungslose (Todte) dereinst auferstehen solle. Allein ein Solcher erachte als ersten und größten Beweis für die Wahrheit der Auferstehung die Glaubwürdigkeit ihrer Verkündung. Der Glaube aber an die Verheissungen hat in dem Eintreffen der übrigen Vorhersagungen seine Bürgschaft. Denn da die heilige Schrift viele und allerlei Aussprüche hingestellt hat, so kann man, wenn man darauf achtet, wie die übrigen Aussprüche sich zu Lüge oder Wahrheit verhalten, nach diesen auch die Lehre von der Auferstehung beurtheilen. Wenn nämlich in den übrigen Dingen als falsch und unwahr ihre Aussprüche sich erweisen, so ist allerdings auch diese Lehre nicht untrüglich; hat aber alles Übrige als Zeugin für seine Wahrheit die Erfahrung, so dürfte es wohl folgerichtig sein, um dessen willen auch die Vorhersagung betreffs der Auferstehung für wahr zu halten. Erinnern wir uns also einer oder zweier Weissagungen und vergleichen wir mit dem Vorhergesagten den Ausgang, um daraus zu erkennen, ob das Wort der Wahrheit gemäß sei. Wer weiß nicht, in welcher Blüthe vor Alters das israelitische Volk stand, da es sich gegen alle Herrschaften auf Erden erhob? wie prächtig die Königsburg in der Stadt Jerusalem war? wie herrlich die Mauern, die Thürme, der Prachtbau des Tempels? Dinge, die auch den Jüngern des Herrn staunenswerth erschienen, und auf die sie auch den Herrn aufmerksam zu machen für werth hielten, indem sie, verwundert über den Anblick, wie die Evangelien-Geschichte berichtet, zu ihm sagten: „Was sind das für Werke, und was sind das für Gebäude!“ Er aber verkündete den das Gegenwärtige Bewundernden die künftige Verödung des Ortes und die Vernichtung jener Pracht, indem er sagte, in Kurzem werde Nichts von dem, was man sehe, mehr da sein. Aber auch zur Zeit des Leidens folgten ihm die Frauen, seine ungerechte Verurtheilung beklagend; denn sie hatten noch keinen Einblick in die Heilsordnung der Dinge. Er aber heißt sie über sein Schicksal schweigen, es sei ja auch nicht der Thränen werth; verschieden aber sollten sie den Jammer und Weheruf auf die wahre Zeit der Thränen, wann von den Belagerern die Stadt umzingelt sein und bis zu solcher Drangsal gestiegen sein würden die Leiden, daß man für glücklich halten würde den Nichtgebornen. Hiebei prophezeite er auch den Greuel der Mutter, die ihr Kind aß, indem er sprach, selig preisen werde man in jenen Tagen den Leib, der nicht gebar. — Wo ist nun jene Königsburg? wo der Tempel? wo die Mauern? wo die Schutzwehren der Thürme? wo die Herrschaft der Israeliten? Sind sie nicht beinahe über die ganze Erde da- und dorthin zerstreut worden und zugleich mit ihrem Untergange auch die Königsburg gestürzt? Mir scheint nämlich Dieß und dergleichen der Herr vorausgesagt zu haben nicht der Ereignisse selbst wegen (denn welch’ ein so großer Gewinn war für die Hörer die Weissagung der jedenfalls kommenden Dinge? Sie hätten ja, auch ohne Vorbelehrung, durch Erfahrung inne geworden, was kommen sollte), sondern damit hiedurch auch ihr Glaube an das Größere eine Bürgschaft erhalte. Denn die Bestätigung des Einen durch den Erfolg ist auch für die Wahrheit des Andern ein Beweisgrund. Denn gleichwie, wenn bei der Erzählung eines Landmannes von der Kraft der Samenkörner ein des Feldbaues Unkundiger etwa ungläubig wäre, es zum Beweis der Wahrheit für den Landmann hinreichen würde, an einem der im Schäffel befindlichen Körner die Kraft zu zeigen und hinsichtlich der übrigen zu verbürgen (denn wer das eine Waizen- oder Gerstenkorn, oder was etwa sonst im vollen Schäffel ist, nach dem Einsenken in die Erdscholle zur Ähre geworden sieht, der dürfte wohl im Hinblick auf das eine auch betreffs der übrigen nicht zweifeln), ebenso scheint mir zum Zeugnisse für das Geheimniß der Auferstehung hinzureichen die den übrigen Aussagen allgemein zugestandene Wahrheit, mehr aber noch die Erfahrung der Auferstehung selbst, die wir nicht so fast durch Worte als durch die Werke selbst erfahren haben.

Denn da groß und schwer zu glauben war das Auferstehungswunder, so begann Er mit den geringeren Wunderthaten und gewöhnte so gewissermaßen allmählig unseren Glauben an die größeren. Denn wie eine ihr Kind auf entsprechende Art nährende Mutter dem annoch zarten und weichen Munde die Milch durch die Brust reicht, dem bereits zahnenden und erstarkenden aber das Brod zuführt, nicht rauhes und unverarbeitetes, damit nicht etwa durch die Härte der Nahrung das zarte und ungeübte Zahnfleisch zerrissen werde, sondern solches, das sie zuerst mit den eigenen Zähnen zermalmt und so der Kraft des Genießenden angemessen und entsprechend gemacht hat, und dann nach Maßgabe der zunehmenden Kraft, das an zartere Kost gewohnte Kind allmählig der festeren Nahrung zuführt, — so gibt, die menschliche Kleinherzigkeit wie ein unmündiges Kind durch die Wunder nährend und ammelnd, der Herr zuerst bei einer hoffnungslosen Krankheit ein Vorspiel von der Macht der Auferstehung, was zwar an sich ein großes Wunder war, aber doch nicht von der Art, daß man es nicht glauben sollte, wenn es erzählt wird. Indem er nämlich das Fieber bedrohte, welches heftig die Schwiegermutter des Simon quälte, bewirkte er eine so große Änderung des Übels, daß zur Bedienung der Anwesenden erstarkte die schon dem Tode nahe Geglaubte. — Sodann legt er der Kraft ein wenig zu, und an dem Sohne des königlichen Beamten, der in anerkannter Gefahr lag (denn so erzählt der Bericht, daß er am Sterben war, als der Vater rief: „Komm’ herab, ehe der Knabe stirbt“), bewirkt er wieder die Auferstehung des schon fast für todt Gehaltenen, indem er mit größerer Kraft das Wunder vollbrachte, da er ja dem Orte gar nicht nahe kam, sondern von ferne durch die Macht des Befehls das Leben sendete. — Und wiederum steigt er stufenweise zu höheren Wundern hinan. Denn als er zur Tochter des Synagogenvorstehers ging, verzögerte er absichtlich seinen Gang, indem er die heimlich geschehene Heilung des Blutflusses öffentlich bekannt werden ließ, damit unterdessen über die Kranke der Tod Herr würde. Als nun soeben die Seele sich vom Leibe getrennt hatte und im Wehe-Geschrei stöhnten die den Unfall Bejammernden, da ruft er wie aus Schlaf durch sein Befehlswort wieder zum Leben das Mädchen, indem er methodisch und stufenweise zum Größeren emporhob die menschliche Schwäche. — Dann geht er auch darüber hinaus im Wunder und bahnt durch einen noch höheren Machterweis den Menschen den Weg zum Glauben an die Auferstehung. Von Naim, einer Stadt in Judäa, erzählt die Schrift: In ihr war ein Jüngling, der Eingeborne einer Wittwe, nicht mehr so jung, daß er zu den Knaben gehörte, sondern bereits von den Knaben zu den Männern übertretend; Jüngling nennt ihn die Schrift. Vieles in Wenigem erzählt die Geschichte; ein Klagelied geradezu ist die Erzählung. Eine Wittwe, heißt es, war die Mutter des Todten. Siehst du die Schwere des Unglücks, wie in Wenigem den Schmerz der Bericht tragisch darstellte? Denn was ist es, was gesagt wird? Sie hatte auf Kindersegen keine Hoffnung mehr, welche das Unglück dieses Verlustes hätte mildern können; denn Wittwe war das Weib. Sie konnte auf keinen Anderen statt des Dahingeschiedenen blicken, denn ihr einziger Sohn war es. Wie groß aber das dießfällige Unglück ist, wird Jeder leicht einsehen, der sich der Natur nicht entfremdet hat. Ihn allein hat sie in Wehen erkannt, ihn allein an ihren Brüsten genährt, er allein machte ihr fröhlich den Tisch, er allein war der Grund der häuslichen Fröhlichkeit. Bei Spiel und ernster Beschäftigung, bei Körperübung und Erlustigung, auf Vorplätzen, in Ringschulen und Jugend-Genossenschaften war Alles, was den Augen der Mutter lieb und werth war, er allein, er, der bereits das für die Ehe geeignete Alter hatte, der Stammhalter des Geschlechts, der Sprosse der Nachfolgerschaft, die Stütze des Alters. Aber auch die beigefügte Erwähnung seiner Jugend ist ein anderes Klagelied. Denn der ihn einen Jüngling nennt, bezeichnete damit die Blüthe der nun verwelkten Jugendzeit, einen eben in den Flaumhaaren Grünenden, noch nicht tief hinein mit Bart Überwachsenen, noch in der Schönheit der Wangen Glänzenden. Was also mußte wohl die Mutter um ihn dabei leiden? Wie Feuer mußte es ihr im Innern brennen. Wie bitter mußte sie um ihn die Wehklage hindehnen, zerschmelzend vor dem daliegenden Leichnam, so daß sie dem Todten die Bestattung wohl nicht beschleunigte, sondern ihrem Leid sich überließ, die Klagen um ihn so lang als möglich hinausdehnend! Und auch das hat der Bericht nicht übergangen. Denn „als Jesus sie sah“, heißt es, „da ward er gerührt, und hinzutretend berührte er den Sarg, die Träger aber hielten still. Und er spricht zum Todten: Jüngling, ich sage dir, steh’ auf! Und er übergab ihn lebend seiner Mutter.“ Nachdem er also bereits seit geraumer Zeit todt und nur noch nicht in’s Grab gelegt war, geschieht von dem Herrn das noch größere Wunder, wiewohl durch gleichen Befehl. — Aber zu noch Höherem schreitet das Wunderwirken fort, damit die sichtbaren Vorgänge dem noch nicht geglaubten Auferstehungswunder noch näher kämen. Krank war Einer der Vertrauten und Freunde des Herrn; Lazarus hieß der Kranke. Und es lehnt der Herr den Besuch des Freundes ab, indem er von dem Kranken ferne blieb, damit in Abwesenheit des Lebens der Tod Gelegenheit und Macht finde, durch die Krankheit sein Werk zu thun. Es eröffnete den Jüngern der Herr in Galiläa den Trauerfall mit Lazarus, aber auch seinen Aufbruch zu ihm, um den darnieder Liegenden wieder aufstehen zu machen. Furchtvoll aber waren Jene wegen der Wildheit der Juden, indem sie es für bedenklich und gefährlich hielten, sich wieder nach Judäa mitten unter die Mordthäter zu begeben. Und darum machen sie zögernd und zaudernd den Hinaufgang von Galiläa. Es obsiegte nämlich die Übermacht, und getrieben wurden von dem Herrn die Jünger, gleich als sollten sie die Vorweihe der allgemeinen Auferstehung in Bethanien feiern. Vier Tage bereits waren es nach dem Tode. Alle Herkömmlichkeiten waren an dem (aus Ber.: lies „dem“ statt „den“) Gestorbenen vollzogen; im Grabe geborgen war der Leib. Natürlich war er bereits aufgeschwollen und löste sich auf zur Verwesung, indem in der Fäulniß der Erde moderte und naturnothwendig zerfiel der Leib. Widerlich war der Anblick, da die Natur gezwungen wurde, das bis zum Gestank Aufgelöste wieder herauszugeben zum Leben. Da wird für das unglaubliche Werk der allgemeinen Auferstehung durch ein recht augenfälliges Wunder der Beweis geführt. Denn nicht von einer schweren Krankheit wird Jemand aufgerichtet, noch ein in den letzten Zügen Liegender in’s Leben zurückgebracht, noch ein eben gestorbenes Kind neu belebt, noch ein eben zu begrabender Jüngling wieder aus dem Sarge befreit; sondern ein Mann von reifem Alter, ein abgestandener Todter, der schon fault und verwest, so daß sogar seine Verwandten nicht dulden wollten, daß der Herr dem Grabe sich nähere, wegen der darin befindlichen Widrigkeit des Leichnams, wird durch einen einzigen Ruf wiederbelebt und beglaubigt so die Botschaft von der Auferstehung d. h. den künftigen Eintritt Dessen im Allgemeinen, was wir im Einzelnen durch die Erfahrung gelernt haben. Denn gleichwie bei der Wiederauflösung des Alls nach dem Zeugnisse des Apostels der Herr selbst herabkommen wird im Aufgebot, mit der Stimme eines Erzengels, und mit der Posaune die Todten zur Unsterblichkeit erwecken wird, so schüttelt auch jetzt auf die Stimme des Machtspruches der im Grabe Liegende wie einen Schlaf den Tod ab, und nachdem er von sich geworfen die durch den Tod eingetretene Verwesung, springt er gesund und unversehrt aus dem Grabe, nicht einmal durch das Band der Grabtücher um Füße und Hände gehindert am Hervorgehen.

Ist Dieß etwa gering zur Beglaubigung der Auferstehung der Todten? Begehrst du, daß noch durch Anderes dir das Urtheil hierüber befestigt werde, nun so scheint mir nicht umsonst zu den Kapharnaiten, gleichsam Namens der Menschen zu sich selbst sprechend, der Herr Folgendes gesagt zu haben: „Allerdings werdet ihr mir das Sprüchwort sagen: Arzt, hilf dir selbst.“ Er mußte nämlich, nachdem er an anderen Leibern die Menschen an das Wunder der Auferstehung gewöhnt hatte, an dem eigenen Menschen die Lehre bestätigen. Du sahst an Anderen die Verkündigung wirksam, sahst die im Sterben Begriffenen, das soeben verlebte Mädchen, den Jüngling am Grabe, den in Verwesung übergehenden Todten — Alle in gleicher Weise auf einen Befehl in’s Leben zurückkehren. Verlangst du auch Solche, die durch Wunden (aus Ber.: lies: „Wunden“ statt „Wunder“) und Blut im Tode waren, damit nicht eine an ihnen eingetretene Ohnmacht das Wunder der lebendig machenden Kraft zu nichte mache? Siehe den an den Händen mit Nägeln Durchbohrten, siehe den an der Seite mit der Lanze Durchstochenen, lege deine Finger in die Male der Nägel, stecke deine Hand in die von der Lanze herrührende Wunde, rathe doch, wie tief hinein die Spitze gedrungen sein mußte, indem du aus der Breite der Schramme die Tiefe derselben ermissest. Denn ein wie tiefes Eindringen [S. 290] des Eisens läßt die das Hineinlegen einer menschlichen Hand gestattende Wunde vermuthen? Wenn nun dieser auferstanden ist, da dürfte es wohl angemessen sein, das apostolische Wort auszurufen: „Wie sagen Einige, es gebe keine Auferstehung der Todten?“

Da also jede Weissagung des Herrn durch das Zeugniß der Erfolge als wahr sich erweist, Dieß aber wir nicht durch sein Wort bloß gehört, sondern an den durch Auferstehung zum Leben Zurückgekehrten selbst durch die That die Bestätigung der Verkündung erhalten haben, was bleibt da für die Nichtglaubenden für ein Anhalt noch übrig? Werden wir nicht Fahrwohl sagen den durch die Philosophie und eitle Täuschung vom unverfälschten Glauben Abgewichenen und uns an das einfache Bekenntniß halten? indem wir in Kurzem von dem Propheten lernen die Weise der Gnadenspendung durch das, was er sagt: „Du nimmst hinweg ihren Odem, und sie vergehen und kehren in ihren Staub zurück; Du sendest aus Deinen Hauch, und sie werden geschaffen, und Du erneuerst das Antlitz der Erde;“ wo er auch sagt, „es erfreue sich der Herr an seinen Werken,“ während „die Sünder von der Erde verschwinden.“ Denn wie wird Einer noch von der Sünde den Namen haben, wenn keine Sünde mehr ist?

Daß die Auferstehung nicht unwahrscheinlich sei.

Allein es gibt Solche, welche, indem sie in der Ohnmacht menschlicher Schlüsse die göttliche Macht nach unseren Maßen beurtheilen, das für uns Unerreichbare auch für Gott nicht als möglich gelten lassen. Sie weisen nämlich auf die Vernichtung der längst Gestorbenen und auf die Überreste der durch Feuer zu Asche Verbrannten, und ausserdem noch führen sie die fleischfressenden Thiere zum Beweis an und den Fisch, der in seinen Leib das Fleisch des Schiffbrüchigen aufnimmt und selbst wieder zur Nahrung der Menschen dient und in die Masse Dessen, der ihn ißt, übergeht durch die Verdauung. Und viele dergleichen kleinliche und der großen Macht Gottes unwürdige Dinge zählen sie auf zur Widerlegung des Glaubenssatzes, als könnte Gott nicht wieder auf denselben Wegen, durch Auflösung dem Menschen das Seinige zurückstellen. Allein wir schneiden uns die langen Umschweife ihrer nichtigen Beweisführung kurz ab, indem wir zugeben, daß die Auflösung des Leibes in seine Bestandtheile allerdings geschieht, und daß nicht bloß die Erde dem göttlichen Worte gemäß wieder zur Erde wird, sondern auch die Luft und die Feuchtigkeit zum Gleichartigen zurückkehren, und daß jeder unserer Theile zu dem Verwandten übergeht, mag nun mit den fleischfressenden Vögeln oder den wilden Raubthieren sich vermischt haben der menschliche Leib durch den Fraß, oder mag er unter den Zahn der Fische gekommen oder in Dünste und Asche verwandelt worden sein durch das Feuer. Wo immer aber Einer annahmsweise in Gedanken den Menschen herumfahren lassen will, jedenfalls ist er innerhalb der Welt. Daß aber diese von der Hand Gottes umfaßt sei, lehrt das göttliche Schriftwort. Wenn nun dir Etwas, was in deiner Hand ist, nicht unbekannt ist, meinst du denn, das Wissen Gottes sei schwächer als deine Kraft, so daß er nicht von dem von der göttlichen Spanne Umfaßten die genaueste Kenntniß hätte?

Daß es möglich ist, daß nach Auflösung des menschlichen Körpers in die Elemente des Alls aus dem Gemeinsamen einem Jeden wieder das Eigene hergestellt werde.

Aber vielleicht hältst du im Hinblick auf die Elemente des Alls es für schwierig, daß, wenn die Luft in uns in das verwandte Element sich ergossen und die Wärme und Feuchtigkeit und das Erdartige gleichfalls mit dem Stammverwandten sich vermischt hat, das Angehörige aus dem Gemeinsamen wieder zu dem Seinigen zurückkehre. So kommst du denn nicht durch die menschlichen Beispiele zu dem Schlusse, daß auch das nicht die Grenzen der göttlichen Macht übersteige? Gewiß hast du schon in den menschlichen Wohnstätten eine aus Gemeingut bestehende Gemeindeheerde von Thieren gesehen; aber wenn sie wieder an die Besitzer vertheilt wird, so stellen theils die Gewohntheit (der Thiere) an die Häuser, theils die anhaftenden Zeichen einem Jedem das Seinige zurück. Wenn du dir etwas Ähnliches auch in Bezug auf dich selber vorstellst, so wirst du das Richtige nicht verfehlen. Denn da die Seele eine gewisse natürliche Anhänglichkeit und Zuneigung zu dem Leibe, mit dem sie gelebt hat, hegt, so ist in ihr in Folge der Verbindung mit ihm ein gewisser geheimer Zug nach dem ihr Zugehörigen und eine Wiedererkennung desselben, gleich als ob durch die Natur gewisse Zeichen daran wären, durch welche die Gemeinsamkeit unvermengt bleibt, als unterschieden durch die besonderen Merkmale. Wenn also die Seele das Angestammte und Eigene wieder an sich zieht, welche Mühe, sag’ mir, ist es für die göttliche Macht, die Vereinigung des Verwandten zu vollziehen welches durch einen geheimnißvollen Zug der Natur nach dem ihm Eigenen hinstrebt? Denn daß in der Seele auch nach der Auflösung gewisse Zeichen unseres Körpergefüges zurückbleiben, beweist das Gespräch im Todtenreich, wo zwar die Leiber dem Grabe übergeben waren, ein gewisses leibhaftes Kennzeichen aber den Seelen verblieb, wodurch sowohl Lazarus erkannt wurde, als auch der Reiche nicht unerkannt blieb.

Also nichts Unwahrscheinliches liegt darin, zu glauben, daß wieder eine Rückkehr der auferstehenden Leiber aus dem gemeinsamen zum Eigenen stattfinde, und besonders ja für den, der sorgfältiger unsere Natur erforscht. Denn es ist auch nicht durchaus in Fluß und Veränderung unser Wesen (in der That ja wäre es völlig unfaßlich, wenn es naturgemäß keinen Stillstand hätte), sondern, genauer gesprochen, Etwas in uns steht still, Etwas aber geht in Veränderung dahin. Es verändert sich nämlich durch Zuwachs und Abnahme der Leib, indem er wie Kleider die auf einander folgenden Lebensalter anzieht. Fest aber steht in allem Wechsel unverändert für sich die Wesensform, welche die einmal ihr von der Natur aufgedrückten Zeichen nicht verliert, sondern bei allen Veränderungen des Körpers mit den ihr eigenen Merkmalen sich darstellt. Auszunehmen aber ist davon die Veränderung durch Krankheit, die der Wesensform (zufällig) zustößt. Denn wie eine fremde Maske verhüllt die krankhafte Mißform die Wesensform, nach deren Hinwegnahme, wie bei Neeman dem Syrer, oder bei den im Evangelium Erwähnten, die durch die Krankheit verdeckte Wesensform im gesunden Zustande wieder in ihren eigenen Merkmalen erscheint.

Mit dem Gott-ebenbildlichen Theile der Seele nun verwächst sich nicht das im Wechsel Fließende und sich Ändernde, sondern das Beharrende und sich gleich Bleibende in diesem unserem Körpergefüge; und da die Unterschiede in der Form von den Abwechslungen in der Art der Mischung herrühren, die Mischung aber nichts Anderes ist als die Verbindung der Elemente, Elemente wir aber die der Ausstattung des Alls zu Grunde liebenden Bestandtheile heissen, aus welchen auch der menschliche Leib besteht, so ist natürlich, da die Form wie in weicher Masse ein Siegel in der Seele bleibt, auch das, was durch das Siegel sein Gepräge erhalten hat, ihr nicht unbekannt, sondern zur Zeit der Wiederherstellung nimmt sie alles Das wieder an sich, was zum Gepräge der Form paßt. Passen aber wird wohl all Das, was von Anfang mit der Form beprägt worden ist. Es ist also nicht unwahrscheinlich, daß aus dem Gemeinsamen zum Einzelnen wieder zurückkehre das Eigene. Sagt man doch auch vom Quecksilber, daß es, wenn es aus seinem Gefäße an einen flachen und staubigen Ort hingeschüttet wird, in kleine Kügelchen geballt auf der Erde sich zerstreue, ohne sich mit irgend Etwas, womit es in Berührung kommt, zu vermischen; wenn man aber das vielfach Zerstreute wieder in Eins sammelt, so verbinde es sich von selbst wieder mit dem Gleichen, ohne durch ein Mittleres an der Vermischung mit dem Verwandten sich hindern zu lassen. Etwas Ähnliches, glaube ich, muß man sich bei der menschlichen Mischnatur denken: wenn nur von Gott der Anstoß geschieht, so vermischen sich die entsprechenden Theile mit den Verwandten, ohne daß für den durch sie die Natur Wiederherstellenden irgend eine Schwierigkeit stattfindet. Auch in den Gewächsen der Erde ja sehen wir keine Mühsal der Natur am Waizen oder der Hirse oder einem andern der Getreide- oder Hülsenfrucht-Samen bei deren Umwandlung in Halm und Spitzen und Ähren. Mühelos nämlich von selbst geht die entsprechende Nahrung aus dem Gemeinsamen in die Besonderheit der einzelnen Samen über. Wenn also, während gemeinsam für alle Pflanzen der Nahrungssaft da ist, eine jede der davon genährten das Entsprechende an sich zieht zur Vermehrung des Verwandten, was Wunder, wenn auch in Ansehung der Auferstehung, bei Jedem der Auferstehenden, wie bei den Samen, ein solches Ansichziehen des Verwandten stattfindet? Demnach kann man aus Allem lernen, die Botschaft von der Auferstehung enthalte Nichts, was ausserhalb dem durch die Erfahrung Bekannten läge. Und doch haben wir das Bekannteste von dem Unsrigen noch verschwiegen, den ersten Anfang nämlich unseres eigenen Entstehens. Wer kennt nicht das Wunderwerk der Natur, was der mütterliche Schooß empfängt, und was er daraus macht? Oder siehst du nicht, wie einfach gewissermaßen gleichtheilig das ist, was zur Begründung der Existenz des Körpers in den Eingeweiden niedergelegt wird? Die Mannigfaltigkeit aber des sich bildenden Gefüges, welche Rede vermag sie zu schildern? Wer aber, wenn ihn nicht die gemeinsame Natur hierüber belehrt, sollte die Sache für möglich halten, daß jenes Winzige und Unbedeutende Anfang von etwas so Großem ist? Groß aber nenne ich’s, nicht bloß im Hinblick auf das Gebilde des Leibes, sondern, was noch bewunderungswürdiger ist, die Seele selbst meine ich, und was man an ihr bemerkt.

Gegen Diejenigen, welche behaupten, die Seelen existirten vor den Leibern, oder umgekehrt, die Körper würden vor den Seelen gebildet; worin auch eine Widerlegung der Fabelei von den Seelenwanderungen.

Vielleicht nämlich liegt es nicht ausserhalb der uns vorliegenden Verhandlung, die in den Kirchen erhobene Streitfrage über Seele und Leib zu erörtern. Einige nämlich unserer Vorfahren, von denen über die Urgründe gehandelt wurde, sind der Ansicht, daß wie ein Volk in einer besonderen Staatsverfassung die Seelen präexistiren. Es lägen aber auch dort die Beispiele des Bösen und Guten vor. Und wenn sie nun im Guten verharren, so bleibe die Seele der Verbindung mit dem Körper enthoben; wenn sie aber aus der Gemeinschaft mit dem Guten heraustrete, so gleite sie in das irdische Leben herab und gerathe so in einen Körper. Andere aber, die sich an die Mosaische Ordnung von der Erschaffung des Menschen halten, sagen, die Seele sei der Zeit nach später als der Leib, da Gott zuerst Lehm von der Erde nahm und den Menschen bildete und dann erst ihn beseelte durch den Anhauch. Und durch diese Lehre beweisen sie, werthvoller als die Seele sei das Fleisch, als die erst nachher dazukommende das schon vorher gestaltete. Sie sagen nämlich, wegen des Leibes sei die Seele geworden, damit nicht leblos und regungslos wäre das Gebilde. Alles aber, was wegen Etwas ist, ist jedenfalls weniger werth als das, weßwegen es ist, wie das Evangelium sagt: Mehr als die Nahrung ist das Leben und der Leib mehr als die Kleidung, weil um dieser willen jene. Denn nicht der Nahrung wegen ist das Leben, auch sind nicht um der Kleidung willen die Leiber geschaffen, sondern, weil diese sind, wurden jene des Bedürfnisses wegen dazu erfunden. Da nun in beiden Annahmen die Rede tadelnswerth ist, sowohl Derer, welche von einer Präexistenz der Seelen in einer eigenen Staatsverfassung fabeln, als Derer, welche dieselben erst nach den Leibern geschaffen sein lassen, so dürfte es wohl nöthig sein, Nichts von dem in diesen Lehrsätzen Ausgesprochenen ununtersucht zu übersehen. Allein die eingehende Bekämpfung der beiderseitigen Behauptungen und die Aufdeckung aller in diesen Annahmen enthaltenen Ungereimtheiten möchte wohl eine lange — Zeit sowohl als Rede erfordern. So kurz aber als möglich wollen wir beiderlei Behauptungen erwägen und dann wieder unser Hauptthema aufnehmen.

Die zur ersteren Lehre stehen und für älter als das Leben im Fleische den Staat der Seelen erklären, scheinen mir von den griechisch-heidnischen Lehren nicht rein zu sein, die bei ihnen über die Seelenwanderung gefabelt wurden. Wenn man nämlich genau nachforscht, so wird man finden, daß auf Das ganz nothwendig ihre Ansicht hinauslaufe, was Einer von den Weisen bei Jenen gesagt haben soll: er selber sei Mann gewesen, habe eines Weibes Körper angezogen, sei mit den Vögeln geflogen, sei als Strauch gewachsen und habe im Wasser gelebt; indem nicht weit von der Wahrheit, nach meinem Urtheile wenigstens, abschweift, der von sich selbst das sagt. Denn in der That, des Geschwätzes von Fröschen oder Krähen oder der Stummheit (und Dummheit) der Fische oder der Empfindungslosigkeit der Bäume würdig sind derlei Lehren, zu sagen, eine Seele gehe durch so Vielerlei hindurch. Von dieser Ungereimtheit aber ist Dieß die Ursache, daß man eine Präexistenz der Seelen glaubt. Denn folgerichtig kommt der Anfang einer solchen Lehre, indem er zu dem damit Zusammenhängenden und daneben Liegenden die Rede forttreibt, zuletzt soweit in der Faselei. Wenn nämlich durch irgend eine Verkehrtheit von dem höheren Zustande losgerissen die Seele, nachdem sie, wie sie sagen, einmal das körperliche Leben gekostet hat, wieder Mensch wird, das Leben im Fleische aber eingestandener Maßen (aus Ber.: lies: „eingestandener Maßen“ statt „ingestandener Massen“) jedenfalls elender ist als das ewige und unkörperliche, so muß sie nothwendig nach ihrem Eintritt in ein solches Leben, in welchem die Anlässe zum Sündigen mehrfacher sind, in noch mehrfachere Verkehrtheit und in einen noch elenderen Zustand gerathen als vorher. Das Elend der menschlichen Seele aber ist ihre Verähnlichung mit dem Unvernünftigen, und daß sie, wenn sie an dieses sich gewöhnt, zur thierischen Natur herabsinkt, wenn sie aber einmal im Bösen dahingeht, im Zustande der Unvernunft auch niemals vom Fortschritt zum Bösen abläßt. Denn der Stillstand im Bösen ist der Anfang des Tugend-Strebens; Tugend aber gibt es in der Unvernunft nicht. Demnach wird sie nothwendig immer zum Schlechteren sich verändern, indem sie stetig zum Niedrigeren fortschreitet und immer Schlechteres aussucht als die Natur, in der sie ist. Wie aber unter dem Vernünftigen das Empfindende steht, so geht es auch von diesem zu dem Empfindungslosen herab. Indeß bis hieher folgt im Verlauf ihrer Rede, wenn sie auch ausserhalb der Wahrheit sich bewegt, doch wenigstens mit einer gewissen Folgerichtigkeit Ungereimtes aus Ungereimtem; im Weiteren aber verliert sich ihre Lehre bereits in zusammenhangslose Fabeln. Denn die Folgerichtigkeit stellt einen völligen Untergang der Seele in Aussicht. Denn die einmal von ihrem erhabenen Zustande herabgeglitschte wird in keinem Maaße von Schlechtheit stehen bleiben können, sondern in Folge ihres Hanges zu den Leidenschaften wird sie von der Vernunft zur Unvernunft übergehen, von dieser aber zur Empfindungslosigkeit der Pflanzen herabsinken. Der Empfindungslosigkeit aber gewissermaßen benachbart ist die Leblosigkeit, auf diese aber folgt die Existenzlosigkeit. Somit wird folgerichtig ganz in’s Nichtsein ihnen die Seele übergehen. Folglich wird ihr nothwendig die Rückkehr zum Besseren unmöglich sein. Nun aber führen sie die Seele aus einem Strauche zum Menschen zurück. Damit beweisen sie also, daß das Leben im Strauche vorzüglicher sei als der körperlose Zustand. Es wurde ja gezeigt, daß der Fortschritt der Seele zum Schlechteren natürlich immer mehr abwärts gehen wird. Unter der empfindungslosen Natur aber steht das Leblose, in welches folgerichtig das Prinzip ihrer Lehre die Seele führt. Da sie aber das nicht wollen, so schließen sie die Seele entweder in die Empfindungslosigkeit, oder falls sie dieselbe von da in’s menschliche Leben zurückkehren lassen, so werden sie das holzartige Leben, wie gesagt, für vorzüglicher erklären als den ursprünglichen Zustand, sofern ja von dort der Abfall zum Bösen geschah, von hier aber die Rückkehr zur Tugend erfolgt. Mithin als kopflos und ziellos erweist sich diese Lehre, welche behauptet, die Seelen lebten vor dem Leben im Fleische an sich selbst und würden wegen Schlechtigkeit an die Körper gebunden.

Von Denen aber, welche die Seele jünger sein lassen als den Leib, wurde schon durch das vorher Gesagte die Ungereimtheit dargelegt. Gleich verwerflich also ist die Ansicht Beider. Mitten aber durch die Meinungen hindurch geradeaus, glaube ich, muß gehen in der Wahrheit unsere Glaubenslehre. Diese aber ist die, daß wir weder gemäß dem griechischen Wahne meinen, durch Verderbtheit schwer geworden fielen die mit dem All herumkreisenden Seelen, aus Unvermögen die Raschheit der Bewegung des Himmels mitzumachen, zur Erde herab, noch hinwieder sagen, zuerst durch das Wort als thönerne Statue gebildet werde der Mensch um dieser willen zur Seele (denn in der That geringer als das thönerne Gebilde wäre demnach die geistige Natur), sondern daß wir, da der Mensch, obwohl aus Seele und Leib bestehend, doch nur Einer ist, ihm auch einen einzigen und gemeinsamen Anfang des Bestehens zuschreiben, damit er nicht etwa älter und jünger sei als er selbst, wenn das Körperliche in ihm früher da wäre, das Andere aber erst dazu käme. Vielmehr sagen wir, in der vorsehenden Macht Gottes zwar, nach der kurz vorher gegebenen Erklärung, präexistire die ganze Menschheit (was auch die Prophezie bezeugt wenn sie sagt, Gott wisse Alles, bevor es geschieht), bei der Erschaffung im Einzelnen aber lassen wir nicht das eine vor dem Andern entstehen, weder die Seele vor dem Leibe, noch umgekehrt, damit nicht der Mensch, durch den Zeitunterschied getheilt, mit sich selbst in Zwiespalt komme.

Beweis, daß Seele und Leib eine und dieselbe Ursache ihres Daseins haben.

Da nämlich unsere Natur als eine zweifache zu denken ist, gemäß der apostolischen Lehre, des sichtbaren Menschen und des verborgenen, so würde, falls das Eine früher wäre, das Andere aber darnach käme, als unvollkommen sich erweisen die Macht des Schöpfers, als die nicht für das Ganze zumal genügte, sondern ihr Werk zertheilte und theilweise an jeder der beiden Hälften arbeitete. Vielmehr, wie wir sagen, im Waizen oder einem andern Samen sei der Kraft nach das ganze Wesen der Ähre enthalten, das Gras, der Halm, die Mittelknoten, die Frucht, die Hacheln, und wir von keinem von diesen sagen, es existire in dem Begriff der Natur oder entstehe der Natur des Samens nach früher, sondern, in einer gewissen natürlichen Ordnung zwar komme die im Samen enthaltene Kraft zum Vorschein, keineswegs aber trete eine andere Natur dazu, auf dieselbe Weise nehmen wir auch vom menschlichen Samen an, daß er schon im ersten Anfang der Existenz zugleich in sich trage die Kraft der Natur, sich aber entwickle und offenbare in einer gewissen natürlichen Folge zur Vollendung fortschreitend, indem er nicht Etwas von aussen dazunimmt als Vollendungsgrund, sondern sich selbst ordnungsmäßig zur Vollendung forttreibt. Daher ist es weder richtig, zu sagen, die Seele sei vor dem Leibe, noch ohne Seele sei der Leib, sondern beide haben einen Anfang, der nach der höheren Rücksicht in dem Urwillen Gottes begründet ist, nach der andern aber auf den Gründen der Zeugung beruht. Denn wie in dem zur Empfängniß des Leibes Niedergelegten (dem Samen) vor seiner Ausgestaltung keine Gliederverbindung zu sehen ist, so ist es auch nicht möglich, die Eigenschaften der Seele darin zu bemerken, bevor sie in Thätigkeit hervorgehen. Und gleichwie wohl Niemand zweifelt, daß zu den Verschiedenheiten der Glieder und Eingeweide jenes Eingelegte sich gestalte, indem nicht eine andere Kraft dazu hineinkommt, sondern die darin enthaltene naturgemäß in ihre Thätigkeit übergeht, so ist auch hinsichtlich der Seele analog das Gleiche zu denken, daß sie, wenn sie auch nicht durch gewisse Thätigkeiten in dem Sichtbaren sich kund gibt, nichts desto weniger darin ist. Denn auch die Wesensform des in der Entstehung begriffenen Menschen ist darin der Kraft nach, aber verborgen, weil es nicht möglich ist, daß sie vor dem nothwendigen Stufengang zum Vorschein komme. So ist zwar auch die Seele darin, obwohl unbemerkbar, sie wird sich aber bemerklich machen durch die ihr eigene und naturgemäße Thätigkeit, indem sie zugleich mit dem körperlichen Wachsthum sich entwickelt. Da nämlich nicht von einem todten Leibe die Kraft zur Empfängniß ausgeht, sondern von einem beseelten und lebendigen, deßhalb, sagen wir, sei es ganz richtig, nicht für todt und unbeseelt zu halten das von einem Lebendigen zur Lebensbegründung Ausgehende. Denn das im Fleische Seelenlose ist jedenfalls auch todt; die Todtheit aber erfolgt durch Beraubung der Seele. Würde man aber nicht in diesem Falle die Beraubung für älter erklären als das Haben, wenn man nämlich die Unbeseeltheit, d. h. die Todtheit, früher sein läßt als die Seele?

Verlangt man aber einen noch deutlicheren Beweis dafür, daß jener Theil, welcher zum Anfang des entstehenden Lebewesen wird, lebendig ist, so kann man noch aus anderen Zeichen, wodurch das Beseelte vom Todten sich unterscheidet, auch hierüber eine Wahrnehmung machen. Als Beweis nämlich des Lebens bei den Menschen sehen wir es an, daß Einer warm ist und thätig und sich bewege. Die Kälte aber und Regungslosigkeit an den Körpern ist nichts Anderes als Todtheit. Da wir nun als warm und wirksam erfinden das, wovon wir reden, so erkennen wir daraus auch, daß es nicht leblos sei. Allein wie wir es nach seinem körperlichen Theile nicht Fleisch nennen und Knochen und Haare, und was man sonst am Menschen sieht, sondern sagen, der Kraft nach zwar sei es jedes von diesen, sichtbar aber erscheine es noch nicht als solches, so sagen wir auch in Bezug auf den seelischen Theil, es sei zwar noch nicht das Denken und Begehren und der Muthaffekt, und was man sonst an der Seele wahrnimmt, schon in jenem vorhanden, analog aber mit der Gestaltung und Ausbildung des Körpers entwickeln sich auch die Thätigkeiten der Seele zugleich mit dem Stofflichen. Denn wie der schon größer gewachsene Mensch eine offen hervortretende Thätigkeit der Seele besitzt, so gibt er im Anfang der Entstehung die entsprechende und dem dermaligen Bedürfnisse angemessene Mitthätigkeit der Seele in ihm darin kund, daß sie sich aus dem eingelegten Stoffe die ihr angeborne Wohnung bereitet. Denn gar nicht für möglich erachten wir es, daß einer fremden Behausung die Seele sich anbequeme, gleichwie sich das Siegel im Wachs nicht an ein fremdes Petschaft passen läßt.

Wie nämlich der Leib vom Kleinsten zur Vollendung fortschreitet, so wird auch die Thätigkeit der Seele, die in entsprechender Weise mit dem Stofflichen verwachsen ist, mitzunehmen und mitwachsen. Zuerst nämlich zeigt sich von ihr im ersten Entwicklungsstadium wie eine noch in der Erde versteckte Wurzel bloß die vermehrende und ernährende Kraft; denn mehr läßt die Kleinheit des Gefäßes noch nicht zu. Sodann, wenn das Gewächs ans Licht tritt und der Sonne den Sproß zeigt, blüht die Empfindungsgabe auf. Wird es aber bereits stark und schießt zur entsprechenden Höhe auf, so beginnt wie eine Frucht die Denkkraft durchzuleuchten, nicht auf einmal ganz hervortretend, sondern mit der Ausbildung des Organs sorgfältig mitwachsend, immer so viel Frucht bringend als die Kraft des Substrates erlaubt. Fragst du aber um die Seelenthätigkeiten bei der Bildung des Leibes, so „nimm dich in Acht,“ sagt Moses, und du wirst wie in einem Buche lesen die Geschichte von den Werken der Seele. Denn die Natur selbst erzählt dir, deutlicher als alle Rede, die mannigfachen Geschäfte der Seele im Leibe bei der Bildung sowohl des Ganzen als der Theile. Allein für überflüssig halte ich es, mit Worten die Vorgänge in uns selber zu schildern, wie Berichterstatter von ausländischen Wunderdingen. Denn wer braucht, wenn er sich selbst betrachtet, durch Worte über seine eigene Natur belehrt zu werden? Es kann ja, wer die Weise des Lebens beachtet und bemerkt, wie zu jeder Lebensthätigkeit geschickt der Leib ist, erkennen, womit das Physische der Seele sich beschäftigte bei der ersten Bildung des werdenden Menschen. So ist denn für die nicht Unachtsamen auch hieraus klar, daß nicht als todt und unbeseelt in die Werkstätte der Natur komme, was zur Pflanzung des Lebewesens als Ableger aus einem lebendigen Leibe hineingethan wird. Denn auch die Kerne der Früchte und die Ableger der Wurzeln legen wir nicht, wenn die von Natur in ihnen vorhandene Lebenskraft erstorben ist, in die Erde, sondern, wenn sie noch in sich tragen, verborgen zwar, aber jedenfalls lebendig, die Eigenthümlichkeit der Stammart. Diese Kraft aber legt nicht die umgebende Erde, von aussen aus sich sie herzubringend, hinein (sonst müßte ja auch erstorbenes Holz Sprossen treiben), sondern die schon drinliegende bringt sie zum Vorschein, indem sie das Gewächs durch ihre Feuchtigkeit nährt und es zu Wurzel, Rinde, Mark und Zweigsprossen vollendet. Das wäre nicht möglich, wenn nicht eine natürliche Kraft schon darin läge, welche aus der Umgebung die verwandte und entsprechende Nahrung an sich zieht, wodurch dann ein Strauch oder eine Ähre oder irgend ein Ruthengeschoß entsteht.

Eine kurze, mehr ärztliche Betrachtung über die Einrichtung unseres Leibes.

Allein über die genaue Einrichtung unseres Leibes belehrt zwar ein Jeder sich selbst aus dem, was er sieht und erlebt und empfindet, indem er seine eigene Natur als Lehrerin hat. Es kann aber auch, wer die in Büchern von den Fachgelehrten bearbeitete Beschreibung davon hernimmt, Alles genau kennen lernen. Von diesen haben die Einen über die Lage der einzelnen Theile in uns durch die Anatomie sich belehrt, die Andern auch die Bestimmung aller Theile des Leibes erforscht und erörtert, so daß hieraus eine hinreichende Kenntniß des menschlichen Baues für die Studienfreunde sich ergibt. Will aber Einer für all Dieses die Kirche als Lehrerin haben, um für Nichts eine fremde Stimme zu brauchen (denn das ist der geistigen Schafe Gesetz, wie der Herr sagt, auf eine fremde Stimme nicht zu hören), so wollen wir in Kürze die Untersuchung auch hierüber aufnehmen.

Dreierlei erkennen wir an der Natur des Leibes, um deß willen die einzelnen Theile in uns zubereitet sind. Die einen nämlich dienen zum Leben, die andern um schön zu leben, noch andere zur Fortpflanzung der Nachkommen. Was nun in uns von der Art ist, daß ohne dasselbe das menschliche Leben nicht bestehen kann, finden wir in drei Theilen, in Gehirn, Herz und Leber. Was aber eine Zugabe von Gütern ist und eine Freigebigkeit der Natur, welche dadurch dem Menschen ein angenehmes Leben verleiht, das sind die Sinneswerkzeuge. Denn diese begründen uns zwar nicht das Leben, da auch in deren Ermangelung der Mensch oft nichts desto weniger am Leben ist, aber unmöglich kann man ohne diese Thätigkeiten an den Annehmlichkeiten des Lebens Theil haben. Der dritte Zweck aber geht auf die Nachfolge und Fortpflanzung. Es gibt aber ausserdem noch andere Theile, die gemeinsam allen zur Erhaltung dienen, indem sie durch sich die geeigneten Zuflüsse hereinführen, wie Magen und Lunge, von welchen diese durch den Athem das Feuer im Herzen anfacht, jener aber den Eingeweiden die Nahrung zuführt. Bei dieser Eintheilung nun der Einrichtung in uns kann man deutlich sehen, daß nicht einförmig durch ein Glied die Lebenskraft in uns waltet, sondern daß die Natur die Bedingungen zu unserer Subsistenz an mehrere Glieder vertheilt und so die Mitwirkung jedes einzelnen zum Ganzen nothwendig macht, so daß, was immer sowohl zur Erhaltung als Verschönerung des Lebens die Natur kunstvoll eingerichtet hat, mehrfältig ist und sehr von einander verschieden. Allein zuerst, glaube ich, müssen wir in Kürze von dem, was uns zur Erhaltung des Lebens dient, die ersten Anfänge unterscheiden.

Von dem den einzelnen Gliedern gemeinsam zu Grunde liegenden Stoffe des ganzen Leibes sei für jetzt nicht die Rede; denn Nichts zum Zwecke wird uns beitragen die allgemeine Naturlehre für die besondere Untersuchung. Da also von Allen anerkannt ist, daß von allem elementarisch in der Welt Befindlichen in uns ein Theil ist, vom Warmen und Kalten, und von dem anderen Paare, dem Feuchten und Trockenen, so müssen wir das Einzelne durchnehmen. Nun sehen wir dreierlei das Leben erhaltende Mächte, von denen die eine Alles mit Wärme durchdringt, die andere das Erwärmte mit Feuchtigkeit netzt, damit durch das Gleichgewicht der Qualität der Gegensätze in der Mitte erhalten werde das Lebewesen, und weder das Nasse vertrockne durch das Übermaß der Wärme, noch das Warme verlösche durch Überhandnahme der Durchnässung. Die dritte Macht aber erhält durch sich in einer gewissen Fuge und Harmonie die Unterschiede der Glieder, indem sie dieselben durch ihre Bande verknüpft und Allen die Kraft der Selbstbewegung und Lebendigkeit zutheilt, in deren Ermangelung schlaff wird und wie todt das Glied, als des Lebensgeistes verlustig.

Noch mehr aber als Dieß werth der Beachtung ist das Kunstwerk unserer Natur in der Einrichtung des Leibes selbst. Da nämlich das Harte und Feste die empfindenden Thätigkeiten nicht zuläßt (wie zu sehen ist sowohl an den Knochen in uns als an den Pflanzen der Erde, an denen wir zwar eine Art von Leben bemerken im Wachsthum und der Ernährung, bei denen jedoch dagegen die Ungeschmeidigkeit des Stoffes die Empfindung nicht zuläßt), darum mußte den Sinnesthätigkeiten eine gleichsam wachsartige Ausstattung untergelegt werden, welche für die Empfindungs-Eindrücke empfänglich ist und weder verfließt vor übermäßiger Feuchtigkeit (denn nicht haften würde im Flüssigen der Eindruck), noch widersteht im Übermaß der Härte (denn unempfänglich für Eindrücke ist das Unnachgiebige), sondern die Mitte hält zwischen Weichheit und Starrheit, damit nicht der schönsten unter den natürlichen Verrichtungen, der Sinnenthätigkeit nämlich, entbehre das Lebewesen. Da nun das Weiche und leicht Nachgiebige ohne die Kraft des Festen ganz unwirksam wäre und ungegliedert, wie die See-Molusken, darum mischt die Natur in den Leib die Starrheit der Knochen, und indem sie diese durch die geeignete Harmonie mit einander verband und durch die Nervenbänder deren Fugen verknüpfte, umgab sie so dieselben mit dem empfindungsfähigen Fleische, das als minder empfindlich und kräftiger an der Oberfläche sich vertheilt. Indem sie nun auf diese feste Knochennatur, wie auf lasttragende Säulen, die ganze Schwere des Leibes legte, anerschuf sie nicht ohne Gliederung dem Ganzen den Knochen (das Gebein). Denn wahrlich unregsam und unthätig bliebe, wenn so es mit seiner Ausstattung stünde, der Mensch, wie ein Baum, der an einem Orte bleibt, sofern weder die Aufeinanderfolge der Beine nach vorwärts fortführen würde die Bewegung noch die Geschäftigkeit der Hände Dienst leisten würde dem Leben. Nun aber hat sie durch diese sinnreiche Einrichtung den Organismus zum Wandeln und Handeln befähigt, indem sie durch den die Nerven durchdringenden Lebensgeist dem Körper den Trieb und die Kraft zu seinen Bewegungen einpflanzte. Dadurch wird der mannigfaltige, vielgewandte und zu jeder Erfindung dienliche Beistand der Hände, dadurch werden die Wendungen des Halses, die Neigungen und Erhebungen des Kopfes, die Thätigkeit der Kinnlade, die zugleich mit dem Wink erfolgende Öffnung der Augenlider und die Bewegungen der übrigen Glieder in gewissen Nerven zwar, die sich an- und abspannen, wie mittelst einer Maschine, bewerkstelligt; die durch diese hindurchgehende Kraft aber hat einen gewissen selbstständigen Antrieb, indem sie gemäß einer gewissen Naturordnung selbstthätigen Geistes in den einzelnen Theilen wirkt.

Als Wurzel aber und Anfang aller Nervenbewegungen erwies sich das das Gehirn umgebende Nervengewebe. Nicht mehr also glauben wir viel forschen zu müssen nach einem der zum Leben nothwendigen Theile, welcher ein solcher sei, nachdem in diesem sich gezeigt hat die bewegende Kraft-Thätigkeit. Daß aber sehr viel zum Leben beiträgt das Gehirn, beweist klar der Fall einer Verletzung. Denn wenn die es umgebende Haut eine Verwundung oder Zerreissung erleidet, so erfolgt gleich darauf der Tod, indem nicht im Geringsten die Natur der Verwundung widersteht, wie beim Abbruch einer Grundmauer das ganze Gebäude zugleich mit dem Theile einstürzt. Bei wessen Verletzung also offenbar die Zerstörung des ganzen Lebewesens erfolgt, das dürfte man wohl als den Hauptsitz der Ursache des Lebens anerkennen.

Da aber auch von den aus dem Leben Geschiedenen beim Erlöschen der der Natur einwohnenden Wärme der Leichnam erkaltet, darum erkennen wir auch in der Wärme eine Lebensursache. Denn mit wessen Entschwinden die Todtheit eintritt, durch dessen Gegenwart, das muß man zugeben, besteht das Lebewesen. Von dieser Kraft aber gleichsam als einen Quell und Anfang erkennen wir das Herz, von welchem aus röhrenartige, vielfach aus einander sich verzweigende Durchgänge durch den ganzen Leib den feuerartigen und warmen Lebensgeist verbreiten. Da aber dem Warmen von Natur aus auch eine Nahrung zu Gebot stehen mußte (denn das Feuer kann nicht für sich bestehen, ohne daß es eine entsprechende Nahrung erhält), darum gehen die Blutkanäle, die wie aus einer Quelle von der Leber ausgehen, zugleich mit dem warmen Lebensgeiste überall hin im Körper, damit nicht die Trennung des einen vom andern zur Krankheit werde und die Natur zerstöre. Zur Lehre sei Dieß den Verletzern des Rechts und der Billigkeit, und sie sollen von der Natur lernen, daß die Habgier eine Verderben bringende Krankheit ist. Indeß da bedürfnißlos nur die Gottheit ist, die menschliche Armuth aber zum eigenen Bestehen der äusseren Dinge bedarf, darum führt sie jenen drei Kräften, durch welche, wie gesagt, der ganze Leib versorgt wird, einen reichlichen Stoff von aussen her zu, indem sie durch verschiedene Zugänge das ihnen Entsprechende hineinbringt. Der Quelle des Blutes nämlich, welche die Leber ist, vertraute sie die Beschaffung des Nahrungsbedarfes; denn die Zufuhr bewirkt durch die Leber, daß beständig davon die Quellen des Blutes sprudeln, wie der Schnee auf dem Berge durch seine Feuchtigkeit die Quellen am Fuße des Berges schwellt, indem er sein Naß bis tief zu den untern Adern treibt. Der Lebensgeist aber im Herzen wird durch das benachbarte Eingeweide eingeführt, welches Lunge heißt und ein Luftbehälter ist, der durch die innere bis zum Mund gehende Röhre die äussere Luft durch die Athemzüge an sich zieht. Und das in der Mitte davon befindliche Herz, das nach Art der Thätigkeit des stets bewegten Feuers unaufhörlich auch selber bewegt ist, zieht sie, ungefähr wie in den Schmieden die Blasbälge, aus der benachbarten Lunge an sich, durch seine Ausdehnung die Höhlungen füllend, und bläst dann, seine eigene Wärme anfachend, dieselbe in die angrenzenden Kanäle; und das thut es ohne Unterlaß, indem es das von aussen Kommende durch seine Ausdehnung in seine Höhlungen einzieht, das von ihm selbst Kommende aber durch seine Zusammenziehung in die Adern aussendet. Das scheint mir auch dieses unwillkürlichen Athmens Ursache für uns zu sein. Oft ja beschäftigt der Geist zwar sich mit Anderem, oder er feiert auch gänzlich, wenn der Körper im Schlafe gelöst ist; das Athmen der Luft aber hört nicht auf, wenn auch gar nicht dazu mitwirkt die Willkür. Ich meine nämlich, weil umfangen von der Lunge das Herz ist und verwachsen mit ihr an seinem hinteren Theile, so bewegt es bei seinen Ausdehnungen und Zusammenziehungen das Eingeweide mit und bewirkt so das Anziehen und Blasen der Luft in der Lunge. Denn da diese schwammig und sehr porös ist und all’ ihre Höhlungen in den Schlund der Luftröhre münden läßt, so preßt sie, wenn sie sich zusammenzieht und verengert, den in den Höhlen zurückgebliebenen Odem heraus; wenn sie sich aber erweitert und öffnet, so zieht sie bei der Ausdehnung durch den Athemzug in den leeren Raum die Luft ein. Und das ist dieses unwillkürlichen Athmens Ursache, daß nämlich das Feuerartige nicht ruhen kann. Da nämlich die Bewegungsthätigkeit der Wärme eigenthümlich ist, von dieser wir aber die Anfänge im Herzen bemerkt haben, so bewirkt die Stetigkeit der Bewegung in diesem Theile den ununterbrochenen Aus- und Eingang der Luft durch die Lunge. Daher wird auch bei unnatürlicher Steigerung der Hitze das Athemholen der Fieberkranken heftiger, als ob das Herz sich beeilte, die in ihm vorhandene Gluth durch den frischeren Hauch zu löschen.

Allein da unsere Natur eine arme ist und der Mittel zur eigenen Existenz in Allem bedürftig, so ist sie nicht bloß an eigener Luft arm und an dem die Wärme erweckenden Odem, welcher ja zur Erhaltung des Lebewesens beständig von aussen hereinkommt, sondern sie bezieht auch die die Körpermasse unterstützende Nahrung aus fremder Quelle. Darum befriedigt sie mit Speisen und Getränken das Bedürfniß, wozu sie eine das Fehlende anziehende und das Überflüssige ausstoßende Kraft in den Körper legte, indem auch hiefür das Herzfeuer der Natur keinen geringen Beistand leistet. Da nämlich der vornehmste unter den zum Leben gehörigen Theilen der abgegebenen Erklärung zufolge das Herz ist, das durch seinen warmen Hauch die einzelnen Glieder belebfeuert, so hat ihm unser Schöpfer eine durch die Rührigkeit seiner Kraft nach allen Seiten hin gehende Wirksamkeit verliehen, damit kein Theil desselben unthätig und unnütz für den Haushalt des Ganzen bliebe. Deßhalb geht es hinten unter die Lunge hinein, und indem es in unaufhörlicher Bewegung einmal das Eingeweide zu sich herabzieht, erweitert es zum Einziehen der Luft dessen Poren; indem es aber dasselbe wieder zurückdrängt, bewirkt es das Aushauchen des Eingeathmeten; an seinem Vordertheile dagegen hängt es mit dem Raume des Magens zusammen und verleiht ihm Wärme und Bewegung zu seinen Thätigkeiten, durch Anregung nicht zum Athemholen, sondern zur Aufnahme der geeigneten Nahrung. Denn nahe zwar an einander liegen die Eingänge des Odems und der Nahrung, laufen auch der Länge nach neben einander herauf und schließen sich oben gleichmäßig zusammen, so daß sie sowohl in einander einmünden als auch in einem Munde ihre Kanäle enden, von wo durch den einen die Nahrung, durch den andern der Odem eingeht; allein unten besteht keineswegs mehr die enge Verbindung der beiden Kanäle. Denn mitten zwischen den Sitzen beider liegt das Herz und gibt dem einen zur Athmung, dem andern zur Nahrung die Kräfte. Denn es ist die Natur des Feuerartigen, Brennmaterial zu verlangen, was eben nothwendig auch beim Nahrungsbehälter der Fall ist. Denn je mehr er durch die benachbarte Erwärmung erhitzt wird, desto mehr zieht er das, was die Wärme nährt, an sich; dieses Verlangen aber nennen wir Hunger. Falls aber den genügenden Stoff der Nahrungsbehälter gefaßt hat, so ruht auch dann die Thätigkeit des Feuers nicht, sondern bewirkt wie in einem Ofen eine Zerkochung des Stoffes, und die Substanzen auflösend und wie aus einem Tiegel ausgießend ergießt sie dieselben in die nächsten Kanäle; sodann das Gröbere von dem Dünneren ausscheidend, führt sie das Feine durch gewisse Röhrchen zu den Pforten der Leber, den stoffischen Bodensatz aber der Nahrung treibt sie in die geräumigeren Kanäle der Gedärme und in deren vielfachen Windungen sie herumführend behält sie die Nahrung eine Zeit lang in den Eingeweiden, damit nicht etwa durch die Geradheit des Kanals leicht sich entleerend sogleich wieder Hunger bekäme das Lebewesen und niemals von dieser Arbeit abließe nach Art der Thiere der Mensch. Da aber auch die Leber gar sehr die Hilfe der Wärme bedarf zur Verwandlung der Flüssigkeiten in Blut, abseit [abseits?] aber diese vom Herzen gelegen ist (es konnte ja nicht, glaube ich, die eine Quelle und Wurzel der Lebenskraft eng an die andere Quelle sich drängen), so nimmt, damit nicht durch die Entfernung von der Wärmesubstanz Etwas vom Haushalte Schaden leide, ein nervigter Kanal (Arterie heißt dieß beim Fachgelehrten) den feurigen Hauch des Herzens auf und trägt ihn der Leber zu, gerade am Eingang der Flüssigkeiten mündend, und indem er durch die Wärme die Flüssigkeit aufkocht, bringt er in das Nasse Etwas von der Verwandtschaft des Feuers, mit Feuerfarbe das Aussehen des Blutes röthend. Von da dann gehen Zwillingskanäle aus, die rinnenförmig jedweder das Seine enthalten, Odem und Blut, damit die Flüssigkeit, durch die Bewegung des Warmen gehoben und mitlaufend, leicht durchgehe, und diese verbreiten sich vieltheilig durch den ganzen Leib, in viele tausend Kanalanfänge und Verzweigungen nach allen Seiten hin sich spaltend.

Diese zwei mit einander verbundenen Hauptquellen aber der Lebenskräfte, die das Warme und die das Nasse überall im Körper verbreitende, bringen gleichsam einen nothwendigen Tribut von dem Ihrigen der obersten Kraft des Lebenshaushaltes dar. Das ist aber die an den Hirnhäutchen und dem Gehirne sich zeigende, von der alle Gelenkbewegung, alles Muskelzusammenziehen und aller Selbstthätigkeitsgeist in die einzelnen Glieder ausgeht und so unser irdenes Gebilde als thatkräftig und wie durch eine Maschine bewegt erscheinen läßt. Von dem Warmen nämlich das Reinste und von dem Nassen das Feinste aus beiden Kräften, durch Mischung und Mengung vereint, ernährt und constituirt durch seine Dünste das Gehirn, von welchem wieder auf’s Reinste verfeinert der Rückfluß aus ihm die das Gehirn umhegende Hirnhaut befeuchtet, die, röhrenförmig durch die an einander hängenden Wirbelknochen von oben nach unten hinablaufend und sich und das in ihm befindliche Mark fortsetzend, zugleich mit der Basis des Rückgrats endigt, allen Knochen und Gelenkfugen und Muskelanfängen wie ein Wagenlenker zu jeder Bewegung sowohl als Ruhe den Antrieb und die Kraft verleihend. Darum scheint sie mir auch eines sichereren Schutzes gewürdigt zu sein, indem sie einerseits im Kopfe von doppelten Knochenwänden rings umschlossen ist, anderseits in den Wirbeln durch die Knotenvorsprünge und die vielfachen Verschlingungen in der Stellung, wodurch sie jeder Verletzung entrückt ist, mittels der sie umgebenden Schutzwehr gesichert ist. Ebenso aber kann man sich wohl auch beim Herzen denken, daß es wie eine Schanze auf’s Festeste verwahrt ist durch die Ringmauern der Knochen. Hinten nämlich ist das durch die Schulterblätter von beiden Seiten geschützte Rückgrat, auf beiden Brustseiten umhegt die Rippenwand das Innere und schützt es vor Verletzung; vorne aber bildet die Brust und die beiden Schlüsselbeine eine Schutzwehr, damit es von allen Seiten gegen Anfälle von aussen sicher gestellt sei.

Ein Gleichniß aber kann man am Landbau sehen, wenn der Regen aus den Wolken oder die Bewässerung durch Kanäle den Boden tränkt; — man denke sich einen Garten, der tausenderlei verschiedene Bäume und allerlei Arten von Erdgewächsen in sich nährt, an denen man eine vielfache Verschiedenheit der Gestalt, der Beschaffenheit, der eigenthümlichen Farbe im Einzelnen wahrnimmt; — von so vielen nun auf einem Raume durch die Feuchtigkeit genährten Gewächsen die jedes einzelne benetzende Kraft zwar ist der Natur nach eine, die Eigenthümlichkeit der genährten aber verwandelt die Feuchtigkeit in verschiedene Qualitäten; denn die nämliche wird bitter im Wermuth, verwandelt sich in tödtlichen Saft im Schierling, und wird je anders im Safran, im Balsam, im Mohn (dort nämlich hitzig, da kühl, hier temperirt), im Lorber, im Mastix und dergleichen ist sie wohlduftig, im Feigen- und Birnbaum wird sie süß, im Weinstock wird sie zu Traube und Wein; und der Saft des Apfels, das Roth der Rose, das Weiß der Lilie, das Blau des Veilchens, der Purpur der Hyacinthentinte, und Alles, was auf der Erde zu sehen ist, sproßt aus einer und derselben Feuchtigkeit auf, obwohl es in so viele Verschiedenheiten an Gestalt, Aussehen und Beschaffenheiten aus einander geht. Ein ähnliches Wunder geschieht auch auf unserem beseelten Acker durch die Natur oder vielmehr durch den Herrn der Natur. Knochen und Knorpeln, Adern, Arterien, Nerven, Gelenke, Fleisch, Haut, Fett, Haare, Drüsen, Nägel, Augen, Nase, Ohren, alles Dieß und ausserdem tausend Anderes, was durch verschiedene Eigenthümlichkeiten von einander gesondert ist, wird durch eine einzige Art von Nahrung seiner Natur entsprechend ernährt, so daß die einem jeden der zu Grunde liegenden Theile zugeführte Nahrung, auch gemäß dem, dem sie zugebracht wird, sich verändert, indem sie angemessen und entsprechend wird der Eigenthümlichkeit des Theiles. Denn falls sie an’s Auge kommt, so verbindet sie sich mit dem Sehorgan und vertheilt sich entsprechend den Verschiedenheiten der Hüllen um’s Auge auf jede; strömt sie aber den Gehörstheilen zu, so vermischt sie sich dem Gehörorgan; an die Lippe kommend wird sie zur Lippe, im Knochen erstarrt sie, im Mark wird sie weich, spannt sich mit dem Nerven, und an der Hautfläche dehnt sie sich mit dieser herum; in Nägel geht sie über und zur Haarerzeugung verfeinert sie sich durch die entsprechenden Dünste, indem sie, wenn sie durch krumme Poren hervordringt, krausere und geringelte Haare erzeugt, wenn aber in gerader Linie der Austritt der haarbildenden Dünste geschieht, glatte und gerade hervorbringt.

Aber weit vom Hauptgegenstande ist die Rede uns abgeschweift, indem sie in die Werke der Natur sich vertiefte und zu skizziren versuchte, wie in uns und woraus das Einzelne bestehe, was zum Leben, und was zum schön Leben gehört, und was wir ausserdem noch bei der ersten Eintheilung im Sinne hatten. Denn die Aufgabe war, zu zeigen, die Keimursache unseres Daseins sei weder eine unkörperliche Seele, noch ein unbeseelter Körper, sondern werde aus beseelten und lebendigen Leibern als ein von Anfang an lebendiges und beseeltes Lebewesen erzeugt; sie aufnehmend aber ziehe die menschliche Natur wie eine Amme mit ihren Kräften dieselbe auf; sie werde aber ernährt nach beiden Seiten, und nehme augenscheinlich in beiden Theilen in entsprechender Weise zu. Denn sogleich gibt sie durch diese kunstvolle und weise Gestaltung die mit ihr verbundene Kraft der Seele kund, die Anfangs zwar etwas dunkel erscheint, hernach aber zugleich mit der Vollendung des Organismus klar hervortritt. Ein Beispiel aber kann man bei den Bildhauern sehen: ein Vorwurf nämlich für den Künstler ist es, die Gestalt eines Lebewesens in Stein darzustellen; zu diesem Behufe bricht er zuerst den Stein aus der naturwüchsigen Materie, dann das Überflüssige davon rings abhauend bringt er ihn einigermaßen in der ersten Gestalt zum vorhablichen Ausdruck, so daß auch der Unwissende aus dem, was er sieht, die Absicht der Kunst erräth; dann wieder fortarbeitend nähert er ihn noch mehr der Ähnlichkeit mit dem, worauf er hinstrebt; endlich die vollendete und genaue Form dem Stoffe beibringend führt er seine Kunst zu Ende, und es ist ein Löwe oder Mensch oder was etwa sonst der Künstler gemacht hat, der vor Kurzem noch formlose Stein, indem nicht der Stoff in die Form sich verwandelte, sondern die Form dem Stoffe beigebracht wurde. Etwas Ähnliches wenn man sich bei der Seele denkt, wird man das Richtige nicht verfehlen. Die Allkünstlerin Natur nämlich, sagen wir, nimmt aus dem gleichartigen Stoffe den vom Menschen kommenden Theil in sich auf und schafft daraus ein Menschengebilde. Wie aber der allmähligen Bearbeitung des Steins die Form auf dem Fuße folgte, weniger deutlich zwar am Anfang, vollkommener aber nach der Vollendung der Arbeit, so kommt auch in der Bildung des Organismus die Form der Seele im entsprechenden Verhältniß zum Stoffe des Leibes zum Vorschein, unvollkommen im unvollkommenen, und im vollkommenen vollkommen. Indeß sie wäre von Anfang an vollkommen, wenn nicht durch die Sünde die Natur verstümmelt wäre. Darum läßt die Verwandtschaft mit der leidenschaftlichen und thierischen Erzeugung in dem Gebilde das göttliche Ebenbild nicht sogleich hervorleuchten, sondern führt in einer gewissen Stufenreihe und Folge durch die materiellen und mehr thierischen Eigenschaften der Seele den Menschen zur Vollendung. Diese Lehre aber lehrt auch der große Apostel im Korintherbriefe, da er sagt: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind; da ich aber Mann wurde, legte ich ab, was kindisch war.“ Nicht so, daß im Manne eine andere Seele hinzutritt, ausser der im Knaben vorhandenen, wird die mehr kindische Denkweise abgelegt und tritt die mannhafte ein, sondern so, daß die nämliche in jenem das Unvollkommene, in diesem aber das Vollkommene sehen läßt. So sagen wir ja auch von den Pflanzen und Gewächsen, daß sie leben, und Alles, was Leben und natürliche Bewegung hat, wird wohl Niemand unbeseelt nennen, und doch kann man von einem solchen Leben nicht sagen, daß es einer vollkommenen Seele theilhaftig sei. Denn ist auch in den Pflanzen eine gewisse seelenhafte Thätigkeit, so reicht sie doch nicht bis zu den Empfindungsbewegungen. Und ist auch in noch höherem Grade eine seelische Thätigkeit in den Thieren, so gelangt auch diese nicht zur Vollkommenheit, da sie die Gabe der Vernunft und Urtheilskraft nicht in sich begreift. Darum sagen wir, die wahre und vollkommene Seele sei die menschliche, an der sich jede Thätigkeit erkennen läßt. Wenn aber sonst noch Etwas des Lebens theilhaftig ist, so nennen wir es in einem gewissen Mißbrauch von Gewohnheit beseelt, nicht weil in ihnen eine vollkommene Seele ist, sondern gewisse Theile von seelischer Thätigkeit, die, wie wir gesehen haben, nach der mystischen Darstellung der Menschenschöpfung bei Moses auch beim Menschen hinzugekommen sind vermöge seiner Verwandtschaft mit der niedern Natur. Darum gibt Paulus, indem er die, die ihn hören wollen, ermahnt, nach der Vollkommenheit zu streben, auch die Weise an, wie sie dieses Ziel erreichen könnten, indem er sagt, sie sollten ausziehen den alten Menschen und anziehen den neuen, der erneuert werde nach dem Bilde des Schöpfers. So laßt uns denn zurückkehren Alle zu jener Gottebenbildlichkeit, in der im Anfange den Menschen Gott geschaffen hat, da er sprach: Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse. Ihm sei die Ehre und die Kraft in alle Ewigkeit! Amen.

 

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