Das Gebet des Herrn

Von Gergor von Nyssa

Erste Rede

Über das Gebet gibt uns das göttliche Wort selbst einen Unterricht, in welchem es seinen würdigen Schülern, die da ernstlich nach dem wahren Verständnis des Gebetes trachten, schon durch das Gebetsformular den Weg weist, auf welchem sie sich die Erhörung bei Gott verschaffen können. Falls es aber nicht zu kühn ist, möchte ich meinerseits zu den Worten der Schrift einen kleinen Zusatz machen. In der heutigen Versammlung will ich nämlich ausführen, nicht wie wir beten sollen, sondern daß wir überhaupt beten müssen, ― eine Wahrheit, die das Ohr gar vieler wohl noch nicht so ganz erfaßt hat. Von nicht wenigen wird ja im Leben dieses heilige und göttliche Werk vernachlässigt und zurückgesetzt, das Gebet. Deshalb halte ich für angezeigt, zuerst in meiner Rede eindringlich die Pflicht zu bezeugen, daß wir, wie der Apostel sagt, im Gebete anzuhalten haben (Röm. 12, 12); dann erst wollen wir auf das Wort Gottes hören, das uns die Art und Weise angibt, wie wir unser Gebet dem Herrn vortragen sollen.

Klar sehe ich nämlich, daß heutzutage allem möglichen mit größtem Eifer nachgegangen wird, indem der eine sein Herz an dieses, der andere an jenes hängt; das kostbare Gut des Gebetes aber lassen sich die Menschen nicht angelegen sein. In aller Frühe eilt der Kaufmann an sein Geschäft, eifersüchtig bemüht, eher als seine Gewerbsgenossen seine Waren den Käufern anzubieten, um deren Wünsche zuerst zu befriedigen und die Waren schnell anzubringen. Ebenso eilt der Käufer aus Besorgnis, ein anderer könnte ihm das, was er benötigt, vorwegkaufen, nicht zum Bet-, sondern zum Kaufhaus. Und weil alle die gleiche Gewinnsucht haben, und jeder dem anderen zuvorkommen will, so wird vor lauter Geschäftseifer die Zeit, welche dem Gebete gewidmet werden sollte, in mißbräuchlicher Weise auf Handel und Verdienst verwendet. So macht es der Handwerker, so der Gelehrte, so der Prozeßführende, so der Richter: jeder verlegt sich ganz und gar auf Geschäft und Beruf; der Gebetsdienst aber wird völlig vergessen, in dem Wahn, die Zeit, welche man auf den Umgang mit Gott verwendet, bedeute einen Schaden für unsere irdischen Obliegenheiten. Denn der, welcher dem Handwerke nachgeht, meint, ein ganz unnützes und unwirksames Ding sei die Hilfe Gottes zu seiner Verrichtung. Deshalb unterläßt er das Gebet und setzt seine Hoffnung auf seine Hände, ohne an den zu denken, der ihm die Hände gegeben. Ebenso denkt der Mann der Wissenschaft nicht an den, der ihm die Wissenschaft gegeben, sondern geradeso, als ob er sich selbst in unser menschliches Dasein eingeführt hätte, richtet er seine ganze Aufmerksamkeit auf sich und auf den eifrigen Betrieb der Studien, und im Wahne, die Hilfe Gottes verschaffe ihm keinen Nutzen, gibt er der Forschung und dem Unterricht den Vorzug vor dem Gebete.

In gleicher Weise verdrängen auch die übrigen Berufe die Beschäftigung der Seele mit den höheren und himmlischen Dingen durch die Sorge um die leiblichen und irdischen. Infolgedessen ist die Sünde so mannigfach im Leben verbreitet, nimmt stets wachsend immer größeren Umfang an und dringt immer mehr in das Tun und Lassen der Menschen ein, weil allenthalben Gottvergessenheit herrscht und die Menschen den Segen des Gebetes nicht an ihre Beschäftigungen knüpfen wollen. Mit dem Handel zieht die Habsucht einher; die Habsucht ist aber Götzendienst (Kol. 3, 5). Ähnlich betreibt der Landmann den Feldbau nicht nach Maßgabe seiner Bedürfnisse, sondern indem er seiner Begierde gestattet, immer mehr zu verlangen, gewährt er der Sünde weiten Zutritt zu seiner Tätigkeit, so daß er sogar seine Grenzmarken auf Kosten anderer ausdehnt. Daher jene schwer schlichtbaren Streitigkeiten, wenn die Leute, von der nämlichen Krankheit der Habsucht ergriffen, wegen der Feldmarken aneinander geraten. Daraus entspringen dann die Zornausbrüche und die Pläne der Rachsucht und die gegenseitigen Händel, die oft genug mit Blut und Mord endigen. Ebenso bietet der Eifer, mit dem man dem Gerichtswesen nachgeht, Anlaß zu Sünden verschiedener Art, indem er auf tausend Mittel sinnt, das Unrecht zu verteidigen. Der Richter beugt entweder wissentlich die Wage der Gerechtigkeit nach der Seite seines Vorteils, oder er bestätigt ohne es zu wollen, das Unrecht, getäuscht durch die Schliche derer, welche die Wahrheit trüben. Wozu sollte man noch weiter die vielen und verschiedenartigen Wege im einzelnen aufweisen, auf denen die Sünde in das menschliche Leben eindringt? Und daran trägt nur der Leichtsinn die Schuld, mit dem man es unterläßt, die Hilfe Gottes zur Verrichtung der irdischen Geschäfte herbeizurufen.

Geht jedoch Gebet unserem Tun und Lassen voraus, so wird die Sünde keinen Zugang zur Seele finden. Denn wenn die Erinnerung an Gott Wurzel gefaßt hat, so bleiben die Anschläge des Prozeßgegners erfolglos, weil die Gerechtigkeit die Entscheidung in der Verhandlung gibt. Auch den Landmann hält das Gebet von der Sünde ab, da es die Früchte auf einem kleinen Fleckchen Erde vermehrt, so daß nicht mehr mit der Begierde nach immer größerem Besitz die Sünde sich einschleicht. Das nämliche gilt von dem, der eine Reise antritt, auch von dem, der in den Krieg zieht oder eine Ehe schließt, überhaupt von jedem, der ein Werk beginnt; wenn der Mensch alles mit Gebet unternimmt, so wird er, auch wenn er noch so ernstlich nach seinem irdischen Ziel strebt, doch von der Sünde abgehalten, da ihm nichts begegnen kann, was imstande wäre, ihn zur Leidenschaftlichkeit hinzureißen. Wenn dagegen jemand unter Beiseitesetzung Gottes ganz in seinem Geschäfte aufgeht, so wird er schon dadurch, daß er sich außerhalb Gottes stellte, notwendig in dem sein, was Gott widerstrebt. Außerhalb Gottes stellt sich aber jeder, der sich nicht durch das Gebet mit Gott verbindet. Demnach müssen wir uns durch das Wort der Heiligen Schrift dahin belehren lassen, daß „wir immer beten und darin nicht ermüden sollen“ (Luk. 18, 1); denn durch das Gebet wird die Verbindung mit Gott hergestellt; wer aber mit Gott verbunden ist, ist notwendig von dem geschieden, was Gott widerstrebt.

Das Gebet ist der Schutz der Mäßigung, die Zügelung des Zornes, die Unterdrückung des Hochmutes, die Befreiung von Rachsucht, die Ausrottung des Neides, die Vernichtung der Ungerechtigkeit, die Errettung aus der Gottlosigkeit. Gebet ist Stärke des Leibes, Gedeihen der Familie, Gesetzlichkeit im Staate, Stütze der Herrschaft, Sieg im Kriege, Bürgschaft des Friedens, Versöhnung der Feinde, Bewahrung der Freundschaft. Das Gebet ist das Siegel der Jungfräulichkeit, die Treue in der Ehe, die Wehr der Wanderer, der Wächter der Schlafenden, die Zuversicht der Wachenden, die Bürgschaft der Ernte für die Landwirte, die Rettung der Seefahrer. Gebet ist der Anwalt der Angeklagten, die Erlösung der Gefangenen, die Erholung der Müden, die Wonne der Fröhlichen, die Aufrichtung der Gedrückten, der Trost der Trauernden, der Kranz der Brautleute, die Verherrlichung der Geburtsfeier, das Sterbegewand der Verscheidenden. Das Gebet ist Umgang mit Gott, Schauen der unsichtbaren Dinge, Erfüllung der Sehnsucht, Verähnlichung mit den Engeln, Fortschritt im Guten, Zerstörung des Bösen, Bekehrung der Sünder, Genuß der Gegenwart, Zuversicht auf die Zukunft. Das Gebet machte dem Jonas das Seeungeheuer zur Wohnung (Jon. 2, 3), brachte den Ezechias, als er schon hart an den Pforten des Todes war, zum Leben zurück (4 Kön. 20, 5 [2 Kön. nach neuerer Zählart]); den drei Jünglingen im Feuerofen verwandelte es die Flammenglut in Tauwind (Dan. 3, 50); den Israeliten errang es im Kampfe mit den Amalekitern den Siegeskranz (Exod. 17, 11), und in einer einzigen Nacht tötete es 185,000 Assyrier mit unsichtbarem Schwerte (4 Kön. 19, 35 [2 Kön. nach neuerer Zählart]). Außer diesen lassen sich noch tausend Beispiele aus der Vergangenheit anführen, die beweisen, daß es unter allem, was im Leben kostbar ist, nichts Höheres gibt als das Gebet.

Es wäre wohl an der Zeit, an das Gebet selbst heranzutreten; doch wollen wir zu unserer Rede noch einen kleinen Zusatz darüber beifügen, daß wir, während uns von der göttlichen Vorsehung viele und mannigfaltige Güter zuteil wurden, nur dieses eine als Gegengabe für das Empfangene zur Verfügung haben: die Möglichkeit, unserem Wohltäter durch Gebet und Danksagung zu vergelten. Ich halte nun dafür: auch wenn wir während unseres ganzen Lebens den Verkehr mit Gott fortsetzen, indem wir danken und beten, so bleiben wir hinter der durch die empfangenen Gaben uns auferlegten Verpflichtung so weit zurück, als wenn wir von Anfang an uns kaum vorgenommen hätten, dem Wohltäter zu danken. Die Dimension der Zeit pflegt man in drei Abschnitte einzuteilen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und über diese drei Teile erstrecken sich die Wohltaten, die der Herr uns erweist. In bezug auf die Gegenwart gilt, daß du sie durch ihn erlebst; hinsichtlich der Zukunft gibt er dir sichere Gewähr für all das, was du erwartest und wünschest; und was die Vergangenheit betrifft, so wärest du nicht in ihr gewesen, wenn er dich nicht erschaffen und erhalten hätte. Ja, reine Wohltat war es, daß du von ihm das Dasein empfangen hast, und abermals reine Wohltat war es, daß du, nachdem du geworden, „in ihm lebest und dich bewegest,“ wie der Apostel sagt (Apg. 17, 28); und die Hoffnungen, die du für die Zukunft hegst, hängen von der nämlichen Macht ab. Nur die Gegenwart steht dir einigermaßen zur freien Verfügung. Darum kannst du, wenn du nicht aufhörest, Gott zu danken, kaum für die Gegenwart deinen Dank voll erstatten; für die Zukunft und Vergangenheit wirst du überhaupt keinen Weg ausfindig machen, um eine Art Wiedervergeltung für alles zu leisten, was du empfangen. Doch obgleich wir weit entfernt sind, den gebührenden Dank abzustatten, wollen wir uns nicht einmal nach unseren Kräften dankbar erweisen, da wir ― ich sage nicht, den ganzen Tag, nein, ― nicht einmal einen kleinen Teil des Tages auf den Umgang mit Gott verwenden.

Wer hat mir die Erde unter die Füße gebreitet? Wer hat das nasse Element so geschaffen, daß es der erfinderische Menschengeist schiffbar machen konnte? Wer hat mir den Himmel gefestigt wie ein Gewölbe? Wer trägt mir die Fackel der Sonne voraus? Wer entsendet die Quellen in den Schluchten? Wer hat den Flüssen ihre Rinnsale bereitet? Wer hat mir zur Hilfe die unvernünftigen Tiere unterworfen? Wer hat mich, als ich seelenloser Staub war, gerufen zur Teilnahme an Leben und Vernunft? Wer hat jenen Lehm nach dem Gleichnis des göttlichen Vorbildes gestaltet? Wer hat das in mir durch die Sünde entstellte göttliche Ebenbild wieder zur ursprünglichen Schönheit zurückgeführt? Wer zieht mich, nachdem ich aus dem Paradiese ausgeschlossen, vom Baum des Lebens weggetrieben und in den Abgrund der Sinnlichkeit geworfen bin, wieder zu jener Glückseligkeit empor, die zuerst uns geworden war? „Keiner ist, der es erfaßte“, ― sagt die Schrift (Röm. 3, 11). Denn wenn wir darauf unseren Blick richten würden, so würden wir gewiß in keinem Augenblick unseres Lebens aufhören, Gebete des Dankes zu verrichten. So aber sind fast alle Menschen nur auf das Sinnliche und Irdische aufmerksam und bedacht: auf dieses richtet sich ihr Eifer, um dieses dreht sich ihr Verlangen; an dieses hängen sie ihre Erinnerung und ihre Hoffnung. Vor lauter Gier nach mehr sind die Menschen schlaf- und ruhelos in bezug auf all das, was nur immer ein Mehr zuläßt: in bezug auf Ehre und Ruhm, in bezug auf Reichtum an Hab und Gut, in bezug auf die Befriedigung krankhaften Zornes. In all diesen Dingen trachten die Menschen auf jede mögliche Weise nach mehr; dagegen den wahren Gütern Gottes wenden sie keinen Gedanken zu, weder denen, die bereits vorhanden sind, noch jenen, die uns in Aussicht gestellt wurden.

Doch es dürfte Zeit sein, uns dem Gebetsformular zuzuwenden und zu untersuchen, welcher Sinn den einzelnen Worten desselben zukommt. Es ist klar, daß die Erhörung unserer Gebete von der rechten Art und Weise abhängt, wie wir unsere Gebete verrichten. Wie lautet nun die Unterweisung hierüber? Es heißt: „Wenn ihr betet, so plappert nicht wie die Heiden; sie glauben nämlich, wegen ihrer vielen Worte erhört zu werden“ (Matth. 6, 7). Das Verständnis dieser Lehre ist leicht, da sie uns in ziemlich einfachen Worten gegeben ist, die keine scharfsinnige Untersuchung erheischen, höchstens mit der Ausnahme, daß wir den Ausdruck „Geplapper“ (βαττολογία) [battologia] untersuchen müssen, damit wir die Bedeutung auch dieses Wortes kennenlernen und das Untersagte meiden. Wie es scheint, will der Herr die Hohlheit der Gesinnung derjenigen zurechtweisen und beseitigen, welche in falschen Ansichten versunken sind; gerade deshalb wählte er den fremdartigen und seltenen Ausdruck „Geplapper“, um den Unverstand aller zu tadeln, die sich unnützen Gedanken und eitlen Begierden hingeben. Die vernünftige, verständige Rede nämlich, welche Nützliches im Auge hat, wird im eigentlichen Sinne „Rede“ genannt; wenn aber das Herz, weil von nichtigen Begierden erfaßt, törichte Wünsche und Gedanken ausspricht, so haben wir keine wirkliche Rede, sondern „Geplapper“, oder um den nämlichen Gedanken in besserer schönerer Sprache wiederzugeben: „Wortschwall“ (Φλυαρία) [phlyaria], „Posse“ (λῆρος) [lēros], „leeres Geschwätz“ (φλήναφος) [phlēnaphos] und was sonst von derartiger Bedeutung ist. Wozu mahnt uns also das Wort der Schrift? Daß es uns im Augenblick des Betens nicht ergehe, wie den Kindern, in deren Seele sich gerne eitle Gedanken und Wünsche erheben. Beim Beten sollen wir nicht den Kleinen ähnlich werden, die, weil sie noch nicht zum vollen Gebrauch der Vernunft gelangt, nicht darnach fragen, ob ihre Einfälle und Wünsche sich verwirklichen lassen, sondern ganz willkürlich allerlei Glücksgüter sich lebhaft vorstellen: Reichtümer, Hochzeiten, Königskronen, herrliche Städte, denen sie selbst Namen geben. Nicht selten bilden sie sich sogar ein, als lebten sie schon in den Verhältnissen, die ihnen ihre alberne Phantasie vorspiegelt. Manche treiben diese Torheit in noch mehr lächerlicher Weise, indem sie, die Schranken der Natur durchbrechend, in ihrer Einbildung Flügel bekommen, Berge mit der Hand bewegen, wie die Sterne leuchten, am Himmel gehen, Greisenalter in Jugend verwandeln, zehntausend Jahre alt werden oder was sonst alles für leeres Gebilde, den Seifenblasen gleich, die Vorstellungskraft in den Kindern erzeugt.

Wie im Leben jemand, der bei dem Entwurf seiner Pläne sich nicht vom Nutzen, sondern von Phantastereien bestimmen läßt, unverständig und zugleich unglücklich ist, weil er die kostbare Zeit, in der er über Nützliches hätte nachdenken sollen, an Träumereien vergeudet, so wird jeder, der im Augenblick des Gebetes nicht auf den Nutzen der Seele achtet, sondern verlangt, Gott solle auf seine von der Leidenschaft gebornen Gedanken und Wünsche eingehen, ein rechter Schwätzer und Plapperer, weil er betet, Gott möge sich zum Helfer und Handlanger seiner menschlichen Torheiten hergeben. Ein Beispiel! Es naht sich einer im Gebete Gott, und ohne die Erhabenheit der himmlischen Macht, vor die er hintritt, zu bedenken, verunehrt er, ohne es zu merken, die unendliche Majestät durch seine ganz irdischen und niedrigen Zumutungen. Setzen wir folgenden Fall: ein König schickt sich an, Reichtümer und Würden zu verteilen; nun geht aber ein Untertan, der, sei es aus übergroßer Armut, sei es aus Unkenntnis, irdene Geräte für kostbar hält, zum Könige und verlangt, statt Bitten zu stellen, wie man sie an Könige richtet, von ihm, er, der da auf dem Throne sitzt, möge Ton formen und ihm eines von den Dingelchen machen, die der Armselige im Kopfe hat. Einem solchen Toren gleicht derjenige, der ohne Vernunft und Überlegung sich des Gebetes bedient: nicht zur Höhe des Gebers erhebt er sich, sondern er mutet der göttlichen Majestät zu, daß sie zu der irdischen Niedrigkeit und Erbärmlichkeit menschlicher Leidenschaften herabsteige. Seine krankhaften Triebe hält er dem, der die Herzen kennt, nicht zu dem Zwecke vor, daß er sie heile, sondern daß sie noch schlimmer würden, falls sie nämlich durch die Hilfe Gottes zur Verwirklichung kämen. „Weil mich der oder jener beleidigt, und mein Herz ihm daher feindlich gesinnt ist, treffe ihn!“ ― sagt er zu Gott. Es fehlt nur, daß er geradezu schreie: „Meine Leidenschaft soll sich auch in dir erheben, o Gott; meine Bosheit sich dir mitteilen!“ Wie nämlich bei menschlichen Streitigkeiten jemand unmöglich mit der einen Partei sich verbinden kann, ohne an deren Feindschaft gegen den Gegner teilzunehmen, so ist es klar, daß jener, der Gott gegen seinen Feind in Bewegung setzen will, ihn auffordert, sich mit ihm zu erzürnen und Genosse seines Grimmes zu werden. Das heißt aber, an Gott das Ansinnen stellen, in Leidenschaft zu verfallen, in Zornesaufwallung wie ein Mensch zu kommen und die Güte seines Wesens in tierische Wildheit zu verwandeln. Das gleiche gilt aber auch von dem, der dem Ruhme nachjagt, der in Stolz noch immer nach Höherem strebt, der im Streit um Vorrechte nach dem Siege trachtet, der in den turnerischen Wettkämpfen nach dem Kranze strebt, der auf der Schaubühne sich um den Beifall der Zuschauer bewirbt oder der an der tollwütigen Leidenschaft der Jugend dahinschmilzt: alle diese bringen ihre Bitten vor Gott, nicht um von der Krankheit, die sie beherrscht, befreit zu werden, sondern um sie bis auf den höchsten Grad zu steigern. Und da es jeder von ihnen für ein Unglück betrachten würde, nicht an das Ziel seiner irdischen Wünsche zu gelangen, so plappern sie wirklich, wenn sie Gott anflehen, Helfershelfer ihrer Seelenschwäche zu werden, und was das Allerärgste ist, sie verlangen, Gott solle sich von Beweggründen bestimmen lassen, die einander entgegengesetzt sind d. h. Gott solle sich im Handeln einmal von Hartherzigkeit leiten lassen, das andere Mal von lauter Menschenfreundlichkeit. Ihn nämlich, den sie anflehen, daß er gegen sie selbst gnädig und milde sei, rufen sie an, gegen ihre Feinde hart und unerbittlich sich zu zeigen. O über die Torheit solcher „Plapperer“ (βαττολογούντων) [battologountōn]! Denn wenn Gott gegen jene hart ist, so kann er gegen dich nicht von Milde überfließen. Neigt er sich zum Erbarmen gegen dich, wenigstens nach deiner Hoffnung, wie könnte er dann plötzlich ins Gegenteil, in Härte umschlagen, sobald deine Feinde in Betracht kommen.

Doch Spitzfindige bringen schnell einen Einwand auf derartige Mahnungen vor. Zur Rechtfertigung ihrer Rachsucht führen sie Prophetenstimmen an: den David, der den Untergang der Sünder wünscht und Schmach und Schande auf seine Feinde herabfleht (Ps. 9, 4 [hebr. Ps. 9, 4]), den Jeremias, der die Vergeltung Gottes an seinen Feinden zu sehen begehrt (Jer. 16, 25), den Oseas, welcher betet, seinen Feinden mögen unfruchtbarer Mutterleib und trockene Mutterbrüste beschert werden (Os. 9, 14). Und manches andere dergleichen, das in den hl. Schriften da und dort vorkommt, führen sie zum Beweise dafür an, daß sie ihre Feinde verwünschen und die göttliche Güte zur Mithelferin ihrer Hartherzigkeit machen dürften. Um dem Schwatzen solcher, welche, auf derartigen Einwendungen fußend, zu einer von der unserigen abweichenden Meinung kommen, ein für allemal ein Ende zu machen, so wollen wir zu jeder der angezogenen Stellen, wenn auch nur wie im Vorbeigehen, eine Bemerkung machen. Von keinem der wahrhaft Heiligen, die vom Heiligen Geiste erfüllt waren und deren Worte auf göttliche Anregung hin zur Beherzigung für die Nachwelt aufgeschrieben sind, wird sich nachweisen lassen, er habe etwas Böses erfleht; vielmehr haben sie bei allen ihren Gebeten nichts anderes im Auge als die Besserung des Sündhaften, das sich unter den Menschen findet. Wenn jemand betet, es möge keine Kranken, keine Bettler geben, so wünscht er gewiß nicht den Untergang der Menschen, sondern das Verschwinden von Krankheit und Armut; und so vermag jeder der Heiligen wegen seines Gebetes, es möge alles, was unserem Geschlechte verderblich und böse ist, verschwinden, nur ganz Unverständige zu der Meinung verführen, er wäre gegen die Menschen selbst erzürnt und erbittert.

Denn wenn der Psalmist ausruft: „Verschwinden mögen die Sünder und Ungerechten von der Erde, damit sie nicht mehr sind!“ (Ps. 9, 18 [hebr. Ps. 9, 18]), so betet er, daß die Sünde und die Ungerechtigkeit aufhören möchten. Der Mensch ist ja nicht als solcher der Feind seiner Mitmenschen, sondern die Richtung seines Willens zum Bösen hin läßt den natürlichen Träger dieses verkehrten Willens in der Rolle eines Feindes erscheinen. Also betet David, das Böse möge aufhören; der Mensch als solcher ist aber nichts Böses. Wie wäre das Ebenbild des unendlich Guten an sich etwas Böses? Ebenso will dich David, so oft er Schmach und Schande auf seine Feinde herabfleht, hinweisen auf die Menge jener Widersacher, die auf seiten des unsichtbaren Feindes immer wieder Krieg in das Leben der Menschen tragen. Diese hat noch offensichtlicher Paulus im Auge, wenn er sich dahin äußert, daß „wir zu kämpfen hätten gegen Fürsten und Mächtige, gegen die Beherrscher dieser Welt, gegen die Geister der Bosheit unter dem Himmel“ (Eph. 6, 12). Die Nachstellungen der Dämonen, durch welche sie den Zunder des Bösen in die Menschheit werfen, bald gereizte Begegnungen, bald Anlässe zu Begierden des Neides, der Überhebung, des Hasses und andere Sündenwurzel ― all diese Angriffe sieht der große Prophet, wenn er sein Gebet gegen seine Widersacher verrichtet, auf die Seele eines jeden einstürmen und betet deshalb, sie möchten zuschanden werden. Die Beschämung seiner Feinde ist aber gleichbedeutend mit der Rettung seiner selbst. Naturgemäß kommt es dem im Ringkampf Besiegten zu, sich über seine Niederlage zu schämen, wie dem Sieger, sich über den Sieg zu freuen. Daß dem so ist, erhellt auch aus der Form des Gebetes, das da lautet: „Beschämt sollen werden und in Verwirrung geraten, die meiner Seele nachstellen“ (Ps. 6, 11 [hebr. Ps. 6, 11]). Der Psalmist verwünscht demnach nicht solche, welche ihm Schaden an Geld zufügen wollen, auch nicht solche, welche der Feldgrenzen wegen Prozesse gegen ihn anstrengen, oder die ihm eine körperliche Schädigung anzutun beabsichtigen, sondern diejenigen, welche seiner Seele nachstellen. Was ist aber die Nachstellung der Seele anders als der Versuch, eine Gottentfremdung herbeizuführen? Gott wird aber die Seele dadurch entfremdet, daß sie sich an eine Leidenschaft hingibt. Da nun Gott frei von Leidenschaftlichkeit ist, so löst der Leidenschaftliche die Verbindung mit Gott auf. Um solches Unheil von sich abzuwenden, betet der Psalmist um die Beschämung seiner Widersacher und damit für sich um den Sieg über seine Feinde; die Feinde aber sind die Leidenschaften.

Ebenso muß das Gebet des Jeremias aufgefaßt werden. Während nämlich der König und seine von der gleichen Anschauung erfüllten Untertanen wahnwitzigem Götzendienst huldigten, will Jeremias, von Eifer für die Verehrung des wahren Gottes beseelt, nicht irgendein persönliches Mißgeschick durch sein Gebet abwenden, sondern bringt sein Anliegen für die Gesamtheit der Menschen vor, indem er bittet, durch das Einschreiten Gottes gegen die gottlos Gewordenen möge das ganze Menschengeschlecht zur Besinnung gebracht werden. Das nämliche gilt vom Propheten Oseas. Weil er sah, wie äußerst fruchtbar die Bosheit unter den Israeliten sich erwiesen hatte, so wünschte er mit Recht die Strafe der Unfruchtbarkeit über sie herab, von der Absicht geleitet, daß die unheilvollen Brüste der Sünde vertrocknen sollten, damit das Böse unter den Menschen weder geboren noch genährt werde. In diesem Sinne betet der Prophet: „Gib ihnen, o Herr, einen unfruchtbaren Leib und trockene Brüste“ (Osee 9, 14).

Und wenn sonst ein derartiges Wort in den hl. Schriften sich findet, das irgendwie Rachsucht zu bezeichnen scheint, so hat es ganz bestimmt nur die Bedeutung, daß es lediglich das Böse ausrotten, nicht aber den Menschen verderben will. „Gott hat den Tod nicht gemacht“ (Weish. 1, 13). Hörst du das Wort? Wie hätten da die Propheten Gott zur Tötung ihrer persönlichen Feinde auffordern dürfen, ihn, dem das Wesen und Wirken des Todes fremd ist? Gott freut sich nicht an dem Verderben Lebendiger! Nur ein Schwätzer, der gegen seine Feinde die Menschenliebe Gottes aufreizen möchte, wagt es, ihn aufzufordern, sich über die Heimsuchungen der Menschen zu freuen.

„Aber“, wendet jemand ein, „manche haben doch schon Ämter, Ehren- und Wohlstand erlangt, weil sie darum gebetet hatten, und durch derartiges Glück wurde sogar die Meinung hervorgerufen, daß sie Lieblinge Gottes seien. Willst du also“, heißt es weiter, „uns abhalten, um derartige Dinge unsere Gebete vor Gott zu bringen?“ Doch hört! Daß alles vom göttlichen Ratschluß abhängt und das Leben hier unten von oben aus regiert wird, ist jedem klar, und niemand dürfte dem widersprechen; aber hinsichtlich solcher Gebetserfolge haben wir andere (als irdische) Ursachen kennengelernt. Gott gewährt nämlich diese Dinge nicht als ob sie durchaus gut wären den Bittenden, sondern in der Absicht, daß durch sie bei den oberflächlicheren Naturen das Vertrauen auf Gott gefestigt werde, nämlich allmählich dadurch, daß wir in den niedrigeren Angelegenheiten die Erfahrung machen, wie Gott die Gebete erhört, und daß wir so schließlich zur Sehnsucht nach den hohen, Gottes wahrhaft würdigen Gaben gelangen. Ähnliches sehen wir auch an unseren Kindern! Eine Zeitlang hängen sie einzig an der Mutterbrust, wobei sie nur soviel, als ihre Natur verträgt, bei der Mutter suchen; wenn aber das kleine Kind allmählich größer wird und einige Fähigkeit zu sprechen gewinnt, so verschmäht es die Brust und fängt an, anderes zu wünschen, etwa ein Bändchen für das Haar, ein Kleid und derlei Dinge, an denen sich ein Kindesauge ergötzt; wenn es aber erwachsen ist und der Verstand mit dem Leibe zugenommen hat, dann wird es alle kindischen Wünsche von sich weisen und von den Eltern nur mehr solche Dinge erbitten, die dem reifen Lebensalter entsprechen. So verfährt auch Gott. In dem Bestreben, die Menschen durch alles daran zu gewöhnen, ihn selbst zu verlangen und zu suchen, verschließt er oft auch wertloseren Bitten nicht sein Ohr, um durch seine Güte in Kleinigkeiten den Empfänger der Wohltat zum Verlangen nach den höheren Gütern emporzuheben. Auch du also bedenke, wenn der oder jener durch die göttliche Vorsehung aus der Menge der gewöhnlichen Sterblichen herausgehoben wurde und zu Ruhm und Ansehen gelangte oder sonst ein von den Menschen begehrtes Glück erwarb wie Macht, Reichtum, Achtung ― bedenke wohl den Zweck, den Gott mit solcher Freigebigkeit verfolgt, nämlich, daß dir seine Güte in diesen Dingen ein Beweis seiner großen Macht werde, damit du, durch das Gewähren dieser kindischen Spielereien belehrt, auch um Größeres und Vollkommeneres deine Bitten vor den Vater bringst, d. h. um das, was der Seele nützt.

Welch’ ein Unverstand; vor Gott hintreten und von dem Ewigen verlangen das Zeitliche, von dem Himmlischen das Irdische, von dem Höchsten das Niedrige, von ihm, der das Königreich der Himmel zu verschenken hat, armseliges Erdenglück, von ihm, der Unverlierbares verleihen kann, den kurzen Gebrauch von Dingen, deren Genuß rasch vergeht, deren Verwaltung gefährlich ist! Treffend bringt der Herr das Ungereimte derartiger Bitten zum Bewußtsein durch den Zusatz „wie die Heiden“. Nur auf das Sichtbare allen Fleiß verwenden ist denen eigen, die keine Hoffnung auf das künftige Leben sich zu Gemüte führen, keine Furcht vor dem göttlichen Gerichte, keine Androhung der Hölle, keine Erwartung ewiger Güter, überhaupt nichts, was auf Grund der Auferstehung gehofft wird, ihnen, die wie das liebe Vieh nur auf das gegenwärtige Leben schauen und als höchstes Gut betrachten, dem Trunke, der Völlerei und den übrigen sinnlichen Lüsten frönen zu können, den ersten Platz oder wenigstens einen hohen Rang unter den (aus Ber.: lies „den“ statt „der“) Menschen einzunehmen, Reichtümer zu hüten oder sonst einer Täuschung des Lebens sich hinzugeben. Redet einer diesen gegenüber von der künftigen Hoffnung, so dünkt er ihnen mit seinen Darlegungen über Paradies, Reich Gottes, Wohnung im Himmel usw. geradezu als Schwätzer. Nachdem es also denen bloß, die keine Hoffnung auf Überirdisches haben, eigen ist, ausschließlich am gegenwärtigen Leben zu hängen, so bezeichnet das Wort treffend die Hingabe an ganz irdische, eitle Wünsche, deren Erfüllung die Genußsüchtigen durch das Gebet für sich zu erreichen wähnen, als Sache der Heiden, die da glauben, sie würden wegen dringenden Betens um jene albernen Dinge Gott als Helfershelfer zu Törichtem und Unnützem gewinnen. „Sie glauben nämlich,“ heißt es, „sie würden wegen ihres Plapperns Erhörung finden“ (Mark. 6, 7).

Unsere bisherige Ausführung zeigte, um was wir nicht bitten sollen. Wie aber tatsächlich die Bitten beschaffen sein müssen, die wir Gott vortragen, werden wir in den folgenden Darlegungen hören mit der Gnade unseres Herrn Jesu Christi, dem Ehre und Macht sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.Zweite Rede: „Vater unser, der du bist in dem Himmel!“

Zweite Rede: „Vater unser, der du bist in dem Himmel!“

Als der große Moses das Volk Israel an den Berg führte, damit es dort in die heiligen Lehren eingeweiht werde, hielt er es der Erscheinung Gottes nicht eher für würdig, bevor er nicht für das Volk eine Reinigung durch Enthaltsamkeit und Waschung angeordnet hatte. Aber auch so waren die Israeliten nicht ohne Furcht vor dem Erscheinen der göttlichen Majestät, sondern bei jedem Zeichen derselben erschraken sie: beim Feuer, bei der Finsternis, beim Rauche und bei den Posaunen. Und als sie sich von diesen Schrecknissen wieder etwas erholt hatten, baten sie Moses, für sie der Vermittler des göttlichen Willens zu werden, da sie fühlten, daß ihre Kraft nicht ausreiche, Gott zu nahen und seine Erscheinung zu empfangen. Unser Gesetzgeber, unser Herr Jesus Christus, der uns der göttlichen Gnade zuführen will, zeigt uns in seiner Verkündigung keinen Berg Sinai, in Finsternis gehüllt und von Feuer rauchend, keine Posaunenstöße, die geheimnisvoll und schrecklich widerhallen. Auch reinigt er die Seelen nicht etwa durch dreitägige Enthaltsamkeit und mit Wasser, das den Schmutz wegwäscht; ebensowenig läßt er die ganze Gemeinde am Fuße des Berges zurück, um nur einem Einzigen den Aufstieg zum Gipfel des Berges zu gestatten, den der Rauch einhüllt, um die Herrlichkeit Gottes zu verbergen. Nein! statt nur auf den Berg führt er zum Himmel empor, indem er ihn für alle, welche der Tugend nachstreben, zugänglich macht. Auch macht er die Menschen nicht bloß zu Zuschauern der göttlichen Herrlichkeit, sondern sogar zu Teilhabern an derselben und führt jene, welche sich ihr nahen, gewissermaßen zur Verwandtschaft mit der göttlichen Wesenheit. Desgleichen verbirgt er nicht die alles überragende Majestät in Dunkel, so daß sie für die, welche sie suchen, schwer zu schauen wäre, sondern mit dem weithin strahlenden Licht seiner Lehre hat er das Dunkel erhellt und in leuchtender Klarheit allen, die reinen Herzens sind, die unaussprechliche Herrlichkeit sichtbar gemacht. Und Wasser zum Besprengen gewährt er nicht aus Bächen, die nicht unser sind, sondern solches, das in uns selbst emporquillt, mag man darunter den Quell der Augen oder das reine Gewissen des Herzens verstehen. Ferner nicht dadurch, daß er den erlaubten ehelichen Verkehr untersagt, will uns der Herr heiligen, sondern dadurch, daß er jede auf das Sinnliche und Irdische gerichtete leidenschaftliche Seelenverfassung verbietet. Solche Reinigung verlangend, führt er uns durch das Gebet zu Gott. Das ist die Absicht seiner Gebetsunterweisung, durch die wir befähigt werden sollen, nicht zur Hervorbringung bestimmter Töne durch das Aussprechen vorgeschriebener Worte, sondern zu höherem Streben und damit zum Aufstieg der Seele zu Gott.

Nun wollen wir an der Hand der einzelnen Worte die göttliche Unterweisung genauer kennenlernen! ― „Ὅταν προσεύχησθε“ [Hotan proseuchēsthe] = „wenn ihr betet“, heißt es (Matth. 6, 7): Der Herr hat also nicht gesagt: „ὅταν εὔχησθε“ [hotan euchēsthe] = wenn ihr gelobet“, sondern: „ὅταν προσεύχησθε“ [hotan proseuchēsthe] = „wenn ihr betet“, weil es nach seiner Lehre geziemend ist, daß das Gelöbnis vorher schon erfüllt sei, ehe man sich im Gebete Gott naht. Welches ist der Unterschied dieser Ausdrücke gemäß ihrer Bedeutung? Εὐχή [Euchē] (Gelöbnis) ist das Versprechen einer Sache, die aus Frömmigkeit Gott geweiht wird; προσευχή [proseuchē] (Gebet) hingegen ist das Verlangen nach Gütern, das mit demütigem Flehen verbunden, Gott dargebracht wird. Weil wir denn, wenn wir zu Gott hintreten, um unsere Bitten um unser Heil zu stellen, zuversichtlich reden sollen, so werden wir notwendig zuvor unser Gelübde einlösen, damit wir dann nach Erfüllung unserer Leistung getrost um Gottes Gegengabe bitten können. Darum sagt auch der Prophet: „Meine Gelübde will ich dir entrichten, o Herr, die meine Lippen gesprochen“ (Ps. 65, 15 [auch: V. 13.14] [hebr. Ps. 66, 13.14]), und abermals: „Gelobet und entrichtet das Gelobte dem Herrn, unserem Gotte!“ (Ps. 75, 13 [auch: V. 12] [hebr. Ps. 76, 12]). An vielen Stellen der Schrift kann man eine derartige Bedeutung des Ausdruckes „ἡ εὐχή“ [hē euchē] (Gelöbnis) finden; darum verstehen wir, daß εὐχή [euchē] (Gelöbnis), wie gesagt, das Versprechen einer Gabe ist, zu dem Zwecke angeboten, um Gott wohlgefälliger zu werden, während προσευχή [proseuchē] (Gebet) den Hintritt vor Gott bedeutet, der erst nach der Erfüllung des Versprechens stattfindet. Es lehrt uns also das Wort, nicht eher Gott um etwas zu bitten, als bis wir ihm ein Geschenk gemacht haben, das ihn erfreut. Man soll nämlich zuerst geloben, und dann beten, wie auch nach dem Sprichwort die Aussaat der Ernte vorangeht. Demnach sollen wir vorher die Samenkörner des Gelöbnisses ausstreuen und dann erst, wenn dieselben zur Reife gediehen, zur Ernte schreiten d. h. auf unser Gebet hin die göttliche Gnade als Gegengabe in Empfang nehmen. Weil es also außer Zweifel steht, daß unser Hintritt zu Gott nicht zuversichtlich ist, wenn er nicht auf ein vorhergehendes Gelübde oder Geschenk sich stützen kann, so wird das Gelübde notwendig dem Gebete vorausgehen.

Unter der Voraussetzung nun, daß die Erfüllung des Gelübdes bereits erfolgt sei, spricht der Herr zu seinen Jüngern also: „Vater unser, der du bist in dem Himmel!“ „Wer wird mir Flügel geben wie einer Taube?“ ― sagt irgendwo in den Psalmen der große David (Ps. 54, 7 [hebr. Ps. 55, 7]). Ich möchte ebenfalls so rufen, wenn ich es wagen soll, das gleiche Wort wie Jesus zu sprechen. Wer wird mir jene Flügel geben, damit ich die Kraft erhalte, mich im Geiste, wie es der Großartigkeit des Ausdruckes entspricht, soweit aufzuschwingen, daß ich, die ganze Erde unter mir lassend und das darüber liegende Luftmeer durchdringend, die Schönheit des Äthers erreiche und zu den Gestirnen aufsteige, mit Entzücken ihre volle Pracht und Ordnung schauend? Daß ich aber selbst hier noch nicht Halt mache, sondern weiter eilend dem Bereich alles dessen entfliehe, das sich bewegt und verändert, und endlich zu jener Natur komme, die keine Veränderung kennt, zu jener Macht, die ihre Stütze in sich selbst hat, die alles trägt und leitet, was Dasein hat, alles, was von dem unaussprechlichen Willen der göttlichen Weisheit abhängt. Daß ich allem, was der Veränderung und dem Wechsel unterworfen ist, vollständig entronnen in unbewegter, ruhiger Seelenverfassung den Unwandelbaren und Unveränderlichen zuvor durch meine Gesinnung mir geneigt mache und dann mit dem vertrautesten Namen anrufe, indem ich spreche: „Vater!“ Welche Seele ist zu diesem Worte notwendig! welches Vertrauen! welches Gewissen! Wenn wir von den dem Begriff Gottes möglichst entsprechenden Namen geleitet nur einigermaßen zur Erkenntnis seiner unaussprechlichen Herrlichkeit gelangt sind und nur etwas eingesehen haben, daß die göttliche Natur, was sie auch sonst noch an sich sein mag, wenigstens Güte, Heiligkeit, Seligkeit, Macht, Majestät, Reinheit, Ewigkeit, Unveränderlichkeit ist; wenn wir ferner von diesen und ähnlichen Eigenschaften des göttlichen Wesens an der Hand der Heiligen Schrift und auf Grund des eigenen Nachdenkens uns die höchste Vorstellung gemacht haben ― wer von uns dürfte es dann wagen, ein derartiges Wort über seine Lippen zu bringen und solch ein Wesen Vater zu nennen?

Soviel ist gewiß: wer nur irgendwie zu denken imstande ist, wird sich, wenn er nicht die nämlichen Eigenschaften, wie an ihm, auch an sich selbst sieht, niemals erkühnen, jenes Wort Gott gegenüber auszusprechen und ihn „Vater“ zu nennen. Denn Vater für Bösewichter zu werden, dazu hat er, der seinem Wesen nach Gute, nicht die Fähigkeit: weder für den durch sein Leben Befleckten der Heilige, noch für den Wankelmütigen der Unveränderliche, noch für die durch die Sünde dem Tode Verfallenen der Urheber des Lebens, noch für die durch schändliche Leidenschaften Entstellten der Reine und Unversehrte, noch für die Habsüchtigen der Barmherzige, noch überhaupt für in irgendwelchem Bösen Befangenen der, welchen wir als den vollkommen Guten erkennen. Denn wenn einer noch der Sühne für sich selbst bedarf, wenn er sein eigenes böses Gewissen wahrnimmt, voll von Flecken und schlimmen Brandmalen und ohne vorausgehende Reinigung sich in die Verwandtschaft mit Gott eindrängen wollte, indem er ihn als „Vater“ anreden würde, der Ungerechte den Gerechten, der Unreine den Reinen: geradezu eine Beschimpfung und Lästerung wären solche Worte, da er doch Gott als den Vater seiner Verworfenheit bezeichnen würde; denn der Ausdruck „Vater“ bezeichnet den Urheber dessen, der von ihm stammt. Wenn wir also mit schuldbeladenem Gewissen Gott unseren Vater nennen, so werden wir nichts anderes tun, als wider Gott aussagen, er sei der Urheber und die Ursache unserer Fehler. Aber „keine Gemeinschaft hat das Licht mit der Finsternis“, sagt der Apostel (2 Kor. 6, 14), sondern mit dem Lichte ist nur Licht verwandt und mit dem Gerechten nur der Gerechte, mit dem Guten nur der Gute und mit dem Unversehrten bloß der Unversehrte. Diejenigen, welche solche Eigenschaften haben, die denen Gottes entgegengesetzt sind, müssen sich als jenem verwandt betrachten, der gleicher Art ist, wie sie selbst. Denn „kein guter Baum kann schlechte Früchte hervorbringen“ (Matth.7,18). Wenn demnach einer, der verstockten Herzens ist und die Lüge sucht, wie die Schrift sagt (Ps. 4, 3 [hebr. Ps. 4, 3]), es wagt, die Worte des Gebetes zu gebrauchen, so soll er wissen, daß nicht der Himmlische es ist, den ein solcher Mensch Vater nennt, sondern der Unterirdische, der selbst ein Lügner ist (Is. 8, 44) und jedesmal, sooft jemand eine Lüge tut, als deren Vater angesehen werden muß, er, der die Sünde selbst und der Vater der Sünde ist. Deshalb werden die, welche leidenschaftlichen Herzens sind, als Kinder des Zornes vom Apostel angesprochen (Eph. 2, 3), und wer vom Leben abgefallen ist, wird Sohn des Verderbens genannt (Joh. 17, 12), ebenso ein schlaffer, weibischer Mensch als Sohn entlaufener Dirnen bezeichnet (Judith 16, 13). Aber auch umgekehrt heißen die, welche ein leuchtend reines Gewissen haben, Söhne des Lichtes und des Tages (Eph. 5, 8) und Söhne der Kraft jene, die sich an der Stärke Gottes Kraft geholt haben.

Wenn uns also der Herr lehrt, beim Beten Gott unseren Vater zu nennen, so tut er, wie mir scheinen will, nichts anderes, als daß er uns ein reines, erhabenes Leben anbefiehlt. Denn der, welcher die Wahrheit selber ist, lehrt uns doch nicht lügen, so daß wir vorgeben sollten, etwas zu sein, was wir nicht sind, und daß wir uns einen Namen geben dürften, der uns unserer Beschaffenheit nach nicht zusteht, sondern er verlangt, daß wir eben deshalb, weil wir den Unversehrten, Gerechten und Gütigen unseren Vater nennen, eine enge Verwandtschaft mit ihm durch ein makelloses Leben in Wirklichkeit herstellen. Siehst du also, welch ernste Vorbereitung wir zum Gebete notwendig haben! Welch untadeliges Leben müssen wir führen, welch glühenden Eifer müssen wir haben, wenn wir uns mit gutem Gewissen zu solch weitgehender Vertraulichkeit sollen erheben dürfen, daß wir es wagen können, zu Gott „Vater unser“ zu sprechen! Wenn du dagegen nach Geld oder Ehre hungern würdest, wenn du deine Zeit hinbrächtest in Irrfahrten des Lebens, wenn du unheilvollen Begierden fröntest und dann doch ein solches Gebetswort in den Mund nehmen solltest ― was meinst du, wird dazu derjenige sagen, der das Leben prüft und den Sinn des Gebetes wohl versteht? Mir ist es, als hörte ich Gott zu einem solchen Menschen ungefähr also sprechen: „Du, dessen Leben befleckt ist, nennst Vater jenen, der der Vater der Unversehrtheit ist? Was besudelst du mit deiner unsauberen Zunge den reinsten Namen? Was mißbrauchst du das Wort des Gebetes zur Lüge? Was verunehrst du die makellose Natur? Wärest du mein Kind, so müßte dein Leben meine guten Eigenschaften aufweisen! Nimmer kann ich in dir das Abbild meines Wesens erkennen; vielmehr drücken dir die entgegengesetzten Eigenschaften den Stempel der Nichtverwandtschaft auf! Welche Gemeinschaft hat „das Licht mit der Finsternis“ (2 Kor. 6, 14), das Leben mit dem Tode? Welche Verwandtschaft hat der von Natur aus Reine mit dem Unreinen? Eine große Kluft trennt den Freigebigen von dem Habsüchtigen! Unvereinbare Gegensätze sind der Barmherzige und Hartherzige! Ein ganz anderer ist der Vater deiner schlimmen Eigenschaften. Meine wahren Kinder schmücken sich mit den Eigenschaften ihres Vaters: Kind des Barmherzigen ist der Barmherzige, des Reinen der Reine; die Verkommenheit hat einen anderen Erzeuger als den Unverderbbaren. Kurz: aus dem Guten stammt der Gute, aus dem Gerechten der Gerechte. „Von euch aber weiß ich nicht, von wannen ihr seid“ ― (Joh. 9, 29). ― Gefährlich ist es also, sich dieses Gebet anzumaßen und Gott seinen Vater zu nennen, ehe man sein Leben geläutert hat.

Doch hören wir abermals die Worte des Gebetes, ob wir nicht etwa eine sichere Erkenntnis des darin eingeschlossenen Sinnes durch häufigere Wiederholung gewinnen! „Vater unser, der du bist in dem Himmel!“ Durch die bisherige Darlegung haben wir die Wahrheit genügend beleuchtet, daß wir uns durch ein tugendhaftes Leben mit Gott verwandt machen müssen. Doch scheint uns die Anrede noch eine weitere Belehrung zu geben. Jene Worte erinnern uns nämlich auch an das Vaterland, aus dem wir vertrieben, und an den Adel, dessen wir verlustig gegangen sind. Denn in der Parabel von dem Jüngling (Luk. 15, 12 ff.), der den Herd des Vaters verließ und zu einem Leben, wie es die Schweine führen, herabsank, zeigt uns das göttliche Wort das menschliche Elend, indem es uns in der Erzählung seine Entfernung und seine Verkommenheit vor Augen stellt; und nicht eher führt es ihn zu seinem früheren Glücke zurück, als bis er sein nunmehriges Unglück fühlt, in sich geht und auf Worte der Reue sinnt. Letztere stimmen so ziemlich mit den Worten des Gebetes überein. Er sprach dort nämlich: „Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir“ (Luk. 15, 21). In seinem Bekenntnis hätte er sicher nicht von einer Sünde wider den Himmel gesprochen, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, daß der Himmel sein Vaterland sei und daß er dasselbe verlassen habe, als er zu sündigen begann. Deshalb machte ihm auch die Ablegung eines solchen Bekenntnisses den Vater so zugänglich, daß dieser sogar auf ihn zueilt und ihm unter Küssen um den Hals fällt ― hiedurch wird auf das geistliche Joch hingewiesen, das dem Menschen durch den Mund, das ist durch die Offenbarung des Evangeliums auferlegt wurde, nachdem er dem ersten Joch des Gesetzes sich entzogen und das Gebot abgeschüttelt hatte, das ihm zu seinem Schutze gegeben war. Auch zieht er ihm das Gewand an und zwar kein anderes, sondern das erste, dessen er sich durch den Ungehorsam entledigt hatte, mit anderen Worten, sobald er von der verbotenen Frucht genoß, sah er sich in seiner Blöße. Und der Ring an der Hand deutet durch das dem Stein eingegrabene Siegel die Wiedergewinnung des göttlichen Ebenbildes an, nach welchem er geschaffen wurde. Er schützt ferner seine Füße mit den Schuhen, damit er, wenn er mit der nackten Ferse dem Kopf der alten Schlange nahe komme, nicht ihrem Bisse ausgesetzt sei.

Wie also dort die Rückkehr ins Vaterhaus den Vater so gütig gegen den verirrten Jüngling stimmte ― das Vaterhaus versinnbildet den Himmel, gegen den gesündigt zu haben er dem Vater bekennt, ― so scheint mir auch hier der Herr durch seine Weisung, den Vater, der im Himmel ist, anzurufen, dich an jenes herrliche Vaterland erinnern zu wollen, um dir ein heißes Verlangen nach dessen Schönheit einzuflößen und dich dann auf den rechten Weg zu geleiten, der wieder zum Vaterland zurückführt. Der Weg aber, der die Menschen zum Himmel emporführt, ist kein anderer als die völlige Abkehr von den Sünden der Welt, und das Mittel, um die Sünden zu meiden, scheint mir kein anderes zu sein als unsere Verähnlichung mit Gott. Gott ähnlich werden ist aber gleichbedeutend mit: gerecht, fromm, gut und dergleichen werden. Hat nun jemand das Gepräge dieser Tugenden seiner Seele möglichst deutlich eingedrückt, so wird er mühelos, wie von selbst, aus dem irdischen Leben in das himmlische Land übersiedeln. Denn nicht ein räumlicher Abstand trennt Gott und die Menschen, so daß wir irgendeine Vorrichtung oder Erfindung nötig hätten, um unser schwerfälliges irdisches Fleisch in die Wohnung des Geistes und des Körperlosen zu versetzen, sondern da die Scheidung der Tugend vom Bösen in unserem Innern vollzogen wird, bewirkt unser Willensentscheid allein schon, daß wir geistig dort sind, wohin wir uns mit unserer Gesinnung stellen. Weil demnach keine körperliche Anstrengung mit der Entscheidung für das Gute verbunden ist ― der Entscheidung aber folgt auch schon der geistige Besitz dessen, wofür man sich entscheidet ― so kannst du schon dadurch sogleich im Himmel sein, daß du Gott in deinen Geist aufnimmst. Wenn nämlich, wie der Prediger (Ekkle. 5, 1) sagt, „Gott im Himmel wohnt“, der Gerechte aber nach dem Propheten (Ps. 73, 28 [ = hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 72, 28]) eng mit Gott verbunden ist, so wirst du, falls du so mit Gott verbunden bist, mit zwingender Notwendigkeit dort sein, wo Gott ist, das ist im Himmel. Mit seiner Anordnung also, Gott im Gebete unseren Vater zu nennen, hat uns der Herr anbefohlen, durch einen Gott gefälligen Wandel dem himmlischen Vater ähnlich zu werden. Die nämliche Mahnung, nur noch deutlicher, gibt er anderwärts mit den Worten: „Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matth. 5, 48).

Wenn wir daher den Sinn so erhabener Gebetsworte recht erfaßt haben, so dürfte es an der Zeit sein, unsere Seele zu bereiten, daß wir es wagen dürfen, diese Worte in den Mund zu nehmen und in zutraulichem Freimut zu sprechen: „Vater unser, der du bist in dem Himmel!“ Doch wie es deutliche Kennzeichen der Gottähnlichkeit, durch die wir Kinder Gottes werden können ― „allen nämlich, die ihn aufnahmen“, heißt es, „gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh. 1, 12) ― so gibt es auch gewisse, dem bösen Wesen eigentümliche Zeichen, mit denen behaftet man unmöglich ein Kind Gottes ist, weil man das Abbild seines Widersachers an sich trägt. Willst du die Merkmale des bösen Abbildes erfahren? Der Neid, der Haß, die Verleumdung, der Stolz, die Habgier, die leidenschaftliche Begierde, krankhafter Ehrgeiz, diese und ähnliche Eigenschaften sind es, an denen man das Abbild des Widersachers erkennt. Wenn also jemand, dessen Seele mit solchen Flecken und Brandmalen verzerrt ist, im Gebete „Vater“ ruft, was für ein Vater wird auf ihn hören? Gewiß nur derjenige, welcher mit dem Rufer verwandt ist; dies ist aber nicht der himmlische, sondern der unterirdische; denn der, von dessen Sippe er die Zeichen an sich trägt, wird ganz genau seine Verwandtschaft an ihm erkennen. Daher wird das Gebet des schlechten Mannes, so lange er in der Schlechtigkeit verharrt, sogar zu einer Anrufung des Teufels; das Rufen dessen aber, der sich von der Sünde losgesagt hat und ernstlich nach dem Guten strebt, gilt dem guten Vater im Himmel.

Wenn wir also vor Gott hintreten, wollen wir zuvor unser Leben prüfen, ob wir etwas der Gottesverwandtschaft Würdiges an uns tragen; nur in diesem Falle können wir den Mut fassen, so zu beten. Denn der, welcher uns angewiesen hat, zu Gott „Vater“ zu sagen, gestattet uns nicht, zu lügen. Wer demnach ein Leben führt, das dem Adel unserer göttlichen Verwandtschaft entspricht, darf allein getrost zur himmlischen Stadt sein Auge erheben, wenn er den König der Himmel Vater und die himmlische Glückseligkeit sein Vaterland nennt. Welchen Rat geben wir nun? Nach oben sollen wir schauen, wo Gott ist, dort das Fundament unseres Heilsgebäudes legen, dort Schätze sammeln, dorthin die Wohnung unseres Herzens verlegen! Denn, „wo dein Schatz, ist auch dein Herz“ (Matth. 6, 21). Immerdar sollen wir auf die Vollkommenheit des Vaters blicken und nach ihr unsere Seele ausstatten. „Es gibt kein Ansehen der Person“, sagt die Schrift (Röm. 2, 11). Von deiner Seele sei fern ein solcher Schmutz: von Neid ist das göttliche Wesen rein und von jedem Fehler der Leidenschaft; darum mögen auch dich derartige Leidenschaften nicht beflecken: weder Neid, noch Hoffart noch anderes dergleichen, was die Schönheit des göttlichen Abbildes in dir entstellen könnte. Wenn du so beschaffen bist, dann fürchte dich nicht, Gott mit vertrautem Namen anzureden und den Herrn des Alls deinen Vater zu nennen. Mit väterlichen Augen wird er auf dich herabsehen, dich bekleiden mit dem göttlichen Gewande und dir den Ring an den Finger stecken. Auch deine Füße wird er mit den Schuhen der frohen Botschaft rüsten zur Wanderung nach oben und dich wieder in das himmlische Vaterland zurückführen, ― in Christo Jesu, unserem Herrn, dem die Herrlichkeit und die Macht gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Dritte Rede: „Geheiligt werde dein Name! Zu uns komme dein Reich.“

Das Gesetz, welches in Umrissen das Schattenbild der künftigen Güter entwirft und in gewissen vorbildlichen Rätseln die Wahrheit schon vorher verkündet, sucht den Hohenpriester, sooft es ihn in das sonst unzugängliche Allerheiligste im Tempel führt, damit er zu Gott bete, vorher mit bestimmten Sühnopfern und Besprengungen zu reinigen. Wenn es ihn darauf mit der priesterlichen Kleidung geschmückt hat, die mit Gold, Purpur und verschiedenem Farbenglanz prächtig geziert war, wenn es ihm die Brustbinde angelegt und die Glöcklein an den Quasten mit den Granatäpfelchen angeheftet hat, wenn es oben auf den Schultern das Überkleid festgeschnürt, das Haupt mit dem Sternband umkränzt und reichlich Salböl ihm ins Haar gegossen hat: dann erst führt es ihn ins Allerheiligste, damit er allein und insgeheim das Opfer darbringe. Der Gesetzgeber des Geistes jedoch, unser Herr Jesus Christus, der das Gesetz von den sinnlichen Einkleidungen befreit und die Rätsel der Vorbilder löst, hat erstens nicht einen einzelnen Mann von der Gesamtheit abgesondert, um ihn allein zum Verkehr mit Gott zu führen, sondern verleiht diese Würde ganz gleichmäßig, da er die Gnade des Priestertums für alle, die sie wünschen, ohne Unterschied bereit hält; zweitens: nicht mit äußerem Schmucke, der nach bestimmtem Farbenmuster und aus sorgsam gefertigtem Gewebe hergestellt wird, kleidet er künstlich den Priester in Schönheit und Pracht, sondern innerer und persönlicher Schmuck ist es, den er ihm anlegt, indem er ihn statt mit einem bunten Purpurgewand mit dem Prachtgewand der Tugend umgibt. Aber auch die Brust schmückt er, nicht mit irdischem Golde, sondern stattet durch ein unversehrtes, reines Gewissen das Herz mit Schönheit aus; dazu fügt er in die Brustbinde auch die Strahlen kostbarer Steine, das heißt die Leuchten der heiligen Gebote, wie der Apostel sie auslegt. Auch mit der Hüftbinde schmückt er jenen Teil, für den sie bestimmt ist; du wirst wohl wissen, daß dieses Gewandstück zur herrlichen Tugend der Keuschheit mahnt. Und wenn der neue Gesetzgeber an die Quasten des Lebens geistige Granatäpfel und Glöckchen gehängt wissen will, so kann man unter denselben passend die auch den Augen der Öffentlichkeit zugänglichen Äußerungen des Tugendstrebens verstehen, durch welche unser Erdenwandel sich auszeichnen soll. Nachdem er also für diese Quasten statt der Glöcklein das wohltönende Wort des Glaubens bestimmte und statt des Granatapfels die zuversichtliche Hoffnung auf die jenseitigen Güter, die gerade im Schatten eines strengeren Lebens erblüht, führt er uns in den innersten Teil des Tempels, der nicht betreten werden darf. Doch ist dieser nicht etwas Lebloses und von Menschenhänden Gebautes, sondern die Geheimkammer unseres Herzens, wenn es in Wahrheit keiner Sünde, ja keinem sündhaften Gedanken Zutritt gewährt. Ebenso ziert er das Haupt statt mit einem metallenen Stirnband mit himmlischer Klugheit, nicht indem er Worte in eine goldene Platte einpreßte, sondern indem er Gott selbst in seine Vernunft abprägte, welche da zur Führerin auf dem Lebensweg berufen ist. Endlich gießt er ein Salböl ins Haar, aber ein solches, das von der Seele selbst duftend bereitet wird. So rüstet der neue Gesetzgeber die Seinigen, in mystischem Opferritus ein Brand- und Schlachtopfer darzubringen ― kein anderes jedoch als sich selbst. Wer sich von ihm auf die geschilderte Weise zum Altare bereiten läßt, hat nämlich das eigene Fleisch mit seinen bösen Begierden zu Tode gebracht mit dem geistigen Opfermesser, welches da das Wort Gottes ist, und daher vermag er Gott zu versöhnen, wenn er in das Allerheiligste kommt, weil er sich selbst zum Opfer eingeweiht und seinen Leib dargebracht hat als „lebendiges, heiliges Opfer für Gott“ (Röm. 12, 1.).

Freilich wird mancher sagen, daß diese Betrachtungen nicht zu einem besseren Verständnis des Gebetes verhelfen, das uns heute beschäftigen soll, und daß wir über Sachen herumredeten, die gar nicht zu unserem Unterrichtsgegenstand gehören. Doch wenn jemand unsere jetzigen Ausführungen mit den ersten Darlegungen verbindet, die wir bereits über das Gebet gegeben, so erkennt er gewiß einen tadellosen Zusammenhang. Wer nämlich seine Seele so bereitete, daß er zuversichtlich wagen kann, Gott seinen Vater zu nennen, der ist vollauf mit jener hohenpriesterlichen Kleidung angetan, welche uns die Heilige Schrift so genau schildert: er läßt die Glöckchen ertönen und erstrahlt im Schmucke der Granatäpfel; es leuchten um seine Brust die Strahlen der göttlichen Gebote und er trägt auf seinen Schultern die Patriarchen und Propheten, indem er statt ihrer Namen ihre Tugenden zu seiner Ausrüstung nahm. Sein Haupt ziert er mit dem Kranze der Gerechtigkeit; sein Haar ist durchnetzt mit Balsam aus dem Himmel, und er befindet sich in einem überirdischen Allerheiligsten, das für jeden unheiligen Gedanken vollständig unzugänglich und unbetretbar ist.

Doch, wie der Betende gerüstet sein soll, hat unsere Rede an der vorbildlichen Kleidung des Hohenpriesters genügend gezeigt. Es dürfte daher angemessen sein, die Bitte selbst ins Auge zu fassen, die nach dem Willen des Herrn der in das Allerheiligste Eingetretene Gott vortragen soll. Denn wenn wir sie uns in ihrem Wortlaute vorführen, so scheint uns die Bitte keineswegs leicht verständlich zu sein.

„Geheiligt werde dein Name,“ heißt es, „zu uns komme dein Reich!“ „Welchen Wert haben wohl diese Worte in meiner Not?“ ― könnte vielleicht jemand sagen, der entweder für die begangenen Sünden in bitterer Reue Buße tut oder zur Errettung aus der Versuchung, die ihn mächtig bedrängt, Gott zu Hilfe rufen möchte. Vor seinem Blicke steht drohend immerdar derjenige, der ihm durch Anreizung zur Sünde unaufhörlich zusetzt: hier suchen Zornesausbrüche den Verstand außer Fassung zu bringen; dort wollen törichte Begierden die Spannkraft der Seele entnerven; wieder von einer anderen Seite zieht die Habsucht den Schleier der Blindheit über das sonst so klare Auge des Geistes; oder auch Hochmut, Stolz, Haß und die ganze übrige Reihe der wider uns kämpfenden Feinde umlagern wie ein wütender Haufe, der uns umkreist, unsere Seele und stürzen sie in die äußerste Gefahr. Wer nun nach einem mächtigeren Helfer gegen solche Feinde sich sehnt, um ihnen zu entrinnen: welche Worte könnte dieser mit größerem Rechte gebrauchen, als die des großen David, der da also flehte: „Möge ich gerettet werden aus der Hand derer, die mich hassen!“ (Ps. 68, 15 [hebr. Ps. 69, 15]) oder „Rückwärts mögen sich wenden meine Feinde!“ (Ps. 55, 10 [hebr. Ps. 56, 10]) und „Verleihe uns, o Gott, deine Hilfe in unserer Bedrängnis!“ (Ps. 59, 13 [hebr. Ps. 60, 13]) oder wie immer die Anrufungen lauten, durch die wir uns den Beistand Gottes gegen unsere Widersacher herabrufen könnten. Was sagt nun dagegen das Gebet, das der Herr uns aufgetragen? „Geheiligt werde dein Name!“ Wie? Wäre es denkbar, daß, wenn wir nicht darum bitten, der Name Gottes nicht heilig wäre? Und brauchen wir zu beten: „Zu uns komme dein Reich“? Was wäre denn dem Reiche oder der Macht Gottes nicht unterworfen? ― Gottes, der mit seiner Spanne den ganzen Himmel umfaßt, wie Isaias sagt (40, 12) ― Gottes, der dem Festland mit Allgewalt gebietet und das Meer völlig beherrscht, ― Gottes, der die ganze Schöpfung, sowohl die irdische wie die überirdische, auf seinen Händen trägt? Wenn also der Name Gottes immer schon heilig ist, und nichts der Herrschaft Gottes sich entziehen kann, vielmehr Gott ohnehin alles und jedes beherrscht und an Heiligkeit, weil durchaus fehlerlos und ganz vollkommen, nicht mehr zunehmen kann, was bedarf es noch der Bitte: „Geheiligt werde dein Name, zu uns komme dein Reich“?

Oder gibt uns vielleicht das göttliche Wort in der Form dieser Bitte die Lehre, daß die menschliche Natur aus sich ohnmächtig ist, Gutes zu erreichen, und daß all unser Streben nicht ans Ziel kommt, wenn Gottes Hilfe nicht mit uns ist? Das höchste und notwendigste Gut besteht nun darin, daß der Name Gottes durch mein Leben verherrlicht werde. Was aber hiermit gemeint ist, dürfte uns klar werden, wenn wir das Gegenteil in Betracht ziehen. Irgendwo in der Heiligen Schrift habe ich gelesen, daß sie jene verdammt, welche sich einer Lästerung Gottes schuldig machen. So sagt sie: „Wehe denen, durch die mein Name unter den Völkern gelästert wird!“ (Is. 52, 5; Röm. 2, 21). Dies Wort ist also zu verstehen: alle, welche noch nicht an die Verkündigung der Wahrheit glauben, schauen begierig auf das Leben derer, welche sich zu dem Glauben an die hochheilige Lehre bekennen. Wenn nun manche zwar den Namen eines Gläubigen angenommen haben, ihr Leben aber diesem Namen widerspricht, weil sie entweder durch Habsucht Götzendienst treiben oder in Trunkenheit und Ausgelassenheit den Anstand verletzen oder sich im Schlamme der Liederlichkeit wie Schweine wälzen: so kann man von Seiten der Ungläubigen gar leicht Reden hören, die ihre Anklage nicht gegen die Gesinnung derer richten, die ein schlechtes Leben führen, sondern sich dahin äußern, die heilige Lehre gestatte ein solches. Hiebei lassen sie sich von der Ansicht leiten: der oder jener Gläubige würde nicht so schmähsüchtig, habgierig, räuberisch oder sonst so schlecht sein, wenn es nicht von seiner Religion irgendwie erlaubt wäre. Deshalb richtet die Heilige Schrift gegen solche Gläubige eine schwere Drohung, indem sie ihnen zuruft: „Wehe denen, durch welche mein Name unter den Völkern gelästert wird.“

Dieser Schriftstelle entgegengesetzt ist unser Gebetswort; es dürfte an der Zeit sein, es reiflich zu erwägen. So muß ich denn, glaube ich, vor allem darum beten und das zur Hauptangelegenheit meines Gebetes machen, daß der Name Gottes durch mein Leben nicht gelästert, sondern verherrlicht und geheiligt werde. Durch dich demnach, will der Herr sagen, soll mein herrlicher Name, den du anrufst, geheiligt werden, „auf daß die Menschen die guten Werke sehen und den Vater preisen, der im Himmel ist“ (Matth. 5, 46). Wer ist so tierisch und unvernünftig, um, wenn er an den Gottesgläubigen ein Leben sieht, ganz lauter, von Tugend getragen, rein sich haltend von allen Befleckungen der Sünde, selbst jedem geheimen bösen Gedanken abgeneigt, leuchtend durch seine Keuschheit, ehrwürdig durch seine Klugheit, voll männlicher Kraft gegen die Anstürme der Leidenschaft streitend, nach keiner Seite sinnlicher Verweichlichung nachgebend, von Üppigkeit, Schlaffheit und Stolz ganz entfernt, an der Welt nur soweit teilhabend, als es durchaus notwendig ist, gleichsam nur mit der Fußspitze die Erde berührend, nicht durch Sinnengenuß in dieses Leben sich vergrabend, sondern über jeder Täuschung, welche durch das Sinnenleben entsteht, hoch stehend, obgleich mit dem Fleische belastet, eifrig nach einem gleichsam körperlosen Leben strebend, nur einen Reichtum kennend, den Besitz der Tugend, nur einen Adel, die Verwandtschaft mit Gott, nur eine Würde und nur eine Macht schätzend, die der Selbstbeherrschung und der Zügelung der Leidenschaften, die lange Dauer des Erdenlebens als Beschwerde fühlend, voll Sehnsucht wie bedrängte Seefahrer, nach dem Hafen der Ruhe zu gelangen ― wer, sage ich, könnte solche Gläubige sehen, ohne den Namen zu preisen, der zu einem derartigen Leben angerufen wird. Wer also betet: „Geheiligt werde dein Name durch mich“, spricht dem Sinne nach zu Gott etwa also: „Möchte ich mit dem Beistand deiner Gnade untadelig, gerecht, gottesfürchtig werden, ein Mensch, der sich jeder schlechten Tat enthält, die Wahrheit redet, Gerechtigkeit übt, in Geradheit wandelt, durch Keuschheit leuchtet, mit Unverdorbenheit sich schmückt, mit Weisheit und Mäßigkeit sich ziert, nach dem trachtet, was oben ist, das Irdische geringschätzt, durch engelgleiches Betragen glänzt!“ Dies und Ähnliches umfaßt die kurze Bitte: „Geheiligt werde dein Name!“ Denn unmöglich kann Gott durch uns anders verherrlicht werden als dadurch, daß die Tugend, die wir betätigen, auf die göttliche Macht, als auf die Ursache und Quelle des Guten hinweist.

Das folgende Wort fleht, daß das Reich Gottes kommen möge. Verlangt es etwa, derjenige solle erst König werden, welcher der König des Alls ist, der immer schon ist, was er ist, der, während alles andere steten Wechsel erleidet, allein unveränderlich ist, der keine höhere Machtfülle finden kann, zu der er sich erheben könnte? Was will also die Bitte, welche nach dem Reiche Gottes ruft? Freilich, ihren vollen Sinn werden jene erkennen, denen der Geist der Wahrheit die verborgenen Geheimnisse enthüllt; wir aber haben etwa folgendes als die Bedeutung der Bitte gefunden. Eine einzige Macht und Stärke gibt es, die über das ganze Universum gesetzt ist, die alles leitet und regiert, ohne durch Vergewaltigung und Tyrannei, durch Mittel der Furcht und des Zwanges, alles, was ihr untergeben ist, unter das Joch der Botmäßigkeit zu zwingen; denn frei von Furcht soll die Tugend sein und ohne Knechtung; mit freier Entscheidung soll sie das Gute wählen. Das Wesen des Guten besteht aber stets in der Unterordnung unter jene Macht, von der alles Dasein und Leben stammt. Nachdem nun die menschliche Natur von der Fähigkeit, das Gute zu erkennen, durch Täuschung sich hat abbringen lassen, nachdem die Schwerkraft unseres Willens dem Verbotenen sich zuneigt und das Leben der Menschen allen Unvollkommenheiten unterworfen ist, da der Tod tausend Wege kennt ― jede Erscheinungsform des Bösen wird ja gleichsam ein Weg, auf dem der Tod uns naht ― nachdem wir also von solcher Gewaltherrschaft eingeengt sind und von den anstürmenden Leidenschaften wie von Henkern und Feinden alle Augenblicke dem Tode überantwortet werden, so flehen wir mit Recht, Gottes Reich und Herrschaft möge zu uns kommen. Denn nur dann sind wir imstande, der Todesherrschaft mit all ihren Schrecken zu entrinnen, wenn jene Macht, die allein Leben zu spenden vermag, ihre gütige Herrschaft über uns führt. Wenn wir also die Bitte stellen, es möge das Reich zu uns kommen, so flehen wir damit Gott dem Sinne nach ungefähr also an: gerettet möge ich werden vom Untergang, befreit werden vom Tode, losgelassen aus den Fesseln der Sünde; nicht mehr solle herrschen über mich der Tod, nicht mehr soll wirksam sein die Zwangsherrschaft des Bösen, nicht soll Gewalt über mich haben der Feind, nicht die Sünde mich gefangennehmen; nein, kommen soll zu mir dein Reich, auf daß von mir zurückweichen oder vielmehr in das Nichts übergehen die Leidenschaften, die mich jetzt zu beherrschen und zu knechten suchen! Denn wie der Rauch vergeht, so werden sie vergehen, und wie Wachs vor dem Αngesichte des Feuers, so werden sie verschwinden. Weder läßt der Rauch, sobald er in die Luft emporgestiegen, eine Spur von seinem Wesen zurück; noch wird das Wachs, wenn es ins Feuer geworfen ist, mehr gefunden, sondern auch dieses wird, nachdem es mit seinem Stoff die Flamme genährt hat, in Dunst und Luft verwandelt, und der Rauch tritt in völliges Nichts über. Ähnlich wird, wenn das Reich oder die Herrschaft Gottes zu uns kommt, alles, was bisher die Herrschaft geführt hat, in das Nichts gestürzt werden. Denn die Finsternis verträgt nicht die Gegenwart des Lichtes; nicht bleibt die Krankheit im Körper, wenn die Gesundheit einzieht. Und so weicht die Leidenschaftlichkeit, wenn mit dem Reiche Gottes Leidenschaftslosigkeit in die Seele eingetreten ist; dahin ist der Tod und verschwunden die Verderbnis, wenn das Leben in uns zur Herrschaft gelangt ist und die Unverderbbarkeit (aus Ber.: lies: „Unverderbbarkeit“ statt „Underbbarkeit“) die Oberhand gewonnen hat.

O süßes Wort: „Zu uns komme dein Reich“! Durch dasselbe tragen wir ungefähr folgende Bitte Gott vor: vernichtet werde die Schlachtreihe, verschwinden mögen die Heereshaufen der Feinde; beendet werde der Krieg des Fleisches gegen den Geist; nicht sei der Leib ein Stützpunkt des Feindes unserer Seelen; es erscheine mir die Macht des Königs, das Heer der Engel, die Tausende der Gewalten, die Zehntausend, die zu seiner Rechten stehen, auf daß auf der Seite des Widersachers tausend Streiter fallen! Zahlreich zwar ist der Gegner, aber nur für den von deiner Hilfe Verlassenen furchtbar, und unbesiegbar bloß so lange, als der Bekriegte allein steht. Wenn aber dein Reich anbricht, so entweichen Trauer und Jammer; dafür kehren ein Leben, Freude, Frohlocken!

Rufen wir aber nicht mit der Bitte, Gottes Reich möge zu uns kommen, nicht auch zugleich die Hilfe des Heiligen Geistes an, wie uns Lukas den nämlichen Gedanken noch klarer erläutert? Statt: „Zu uns komme dein Reich“ heißt es nämlich (― nach einer spärlich bezeugten Lesevariante ―) in seinem Evangelium: „Der Heilige Geist komme zu uns und reinige uns.“ Was werden nun die frechen Redner gegen den Heiligen Geist angesichts dessen sagen? Wie können sie nunmehr ihren Versuch aufrechthalten, die Hoheit des Reiches in die Niedrigkeit der Knechtschaft zu verwandeln? Was nämlich Lukas Heiligen Geist nennt, nennt Matthäus Reich. Wie können sie es verantworten, wenn sie trotzdem den Heiligen Geist zu einer untergeordneten Kreatur herabziehen und ihn statt mit der herrschenden, mit der beherrschten Natur auf gleiche Linie stellen? Die Kreatur dient. Dienen ist aber gleichbedeutend mit Beherrschtwerden. Nun bedeutet der Heilige Geist, wie es sich aus dem angeführten Vergleich des ersten mit dem dritten Evangelium ergibt, das Reich und die Herrschaft Gottes; ist er aber Reich und Herrschaft, so folgt notwendig, daß er herrscht und nicht beherrscht wird. Wird er aber nicht beherrscht, so ist er auch nicht etwas Geschaffenes; denn alles, was geschaffen ist, muß seinem Begriff nach unbedingt beherrscht werden oder dienen. Wenn nun der Heilige Geist unleugbar Gottes Reich und Herrschaft in sich schließt, mit welchem Recht weigern sich jene, ihm die unbeschränkte Herrschermacht einzuräumen, sie, die niemals beten gelernt haben, sie, die auch nicht einmal wissen, was der sein muß, der die befleckten Seelen zu reinigen vermag, und was der, der Gottes Herrschaft übernommen hat. Es heißt ja ausdrücklich: „Es komme dein Heiliger Geist und reinige uns!“ Also ist dem Heiligen Geiste als besondere Kraft und Wirksamkeit die Fähigkeit eigen, die Seele zu läutern und die Sünden nachzulassen, wie es eben das Evangelium klar bezeugt. Mit diesem Zeugnis aber, daß er die Macht der Sündenvergebung besitze, hat es auch zugleich Zeugnis von seiner Gottheit abgelegt. Die nämliche Aussage macht der Apostel über den Eingebornen, nämlich daß er, nachdem er Sündenreinigung bewirkt, zur Rechten der Herrlichkeit des Vaters sich gesetzt habe (Hebr. 1, 3). Demnach bewirken beide dasselbe: der Geist, der uns reinigt, und Christus, der die Reinigung von Sünden bewerkstelligt hat. Diejenigen aber, welche dieselbe Wirkung hervorzubringen vermögen, haben auch dieselbe Macht; denn jede Wirkung ist die Äußerung einer Macht. Wenn also sowohl die Wirksamkeit als auch die Macht ganz dieselbe ist, wie wäre es dann möglich, an eine Verschiedenheit der Natur bei solchen zu denken, bei denen wir keinen Unterschied der Macht und Wirksamkeit ausfindig machen können? Es geht durchaus nicht an, falls die beiden Merkmale des Feuers: Leuchten und Brennen in ganz gleicher Weise auftreten, auf wesensverschiedene Ursachen zu schließen; ebensowenig kann ein Vernünftiger, sobald er aus der Schrift ersieht, wie der Sohn und der Heilige Geist die ganz gleichen Wirkungen hervorbringen, irgendwie annehmen, Sohn und Geist besäßen eine verschiedene Natur.

Schon früher wurde ferner durch Aussprüche der Heiligen Schrift bewiesen, daß der Vater und der Sohn die nämliche Natur haben, da es nicht möglich ist, Wesen verschiedener Art den Namen „Gott“ zu geben. Nie wird auch z. B. eine Bank als ein Sohn des Zimmermanns bezeichnet, und kein Vernünftiger wird sagen, ein Baumeister habe ein Haus gezeugt, sondern mit dem Namen Vater und Sohn wird erklärt, daß beide der Natur nach zusammengehören. Daraus folgt mit Notwendigkeit: wenn zwei ein und demselben Dritten gleich sind, so können sie auch unter sich nicht verschieden sein. Wenn also der Sohn mit dem Vater gleichen Wesens ist, wenn ferner durch die Identität ihrer Wirkung bewiesen wird, daß der Sohn und der Heilige Geist der Natur nach gleich sind, so ergibt sich daraus die Folgerung: die Natur der heiligen Dreifaltigkeit ist nur eine, ohne daß sich aber die einzelnen Personen, weil an jeder eine besondere Eigentümlichkeit wahrzunehmen ist, miteinander vermengen ließen, und ohne daß sie diese besonderen Merkmale gegenseitig vertauschen könnten. Welcher Wahnwitz ist es also, wenn die Bekämpfer des Heiligen Geistes behaupten, der Geist diene! Ihnen ist nicht einmal das Zeugnis des heiligen Paulus maßgebend, der da sagt: „Der Herr aber ist der Geist“ (2 Kor. 3, 17). Oder meinen sie vielleicht gar, der Ausdruck: „er möge zu uns kommen“, wäre geeignet, seine Würde herabzusetzen? Da würden sie nicht einmal auf den großen David achten, der sogar den Vater zu sich herabziehen möchte, indem er fleht: „Komme, uns zu retten“ (Ps. 79, 3 [hebr. Ps. 80, 3]). Wenn also das Kommen beim Vater ehrenvoll ist, wie soll es dann beim Geiste entwürdigend sein? Oder wollen sie in dem Reinigen von Sünden ein Anzeichen dafür sehen, daß er an Würde dem Vater und dem Sohne nachstehe? Nun höre, wie die ungläubigen Juden schreien, daß Sündenvergebung einzig Sache Gottes sei, wobei sie den Vater im Auge haben. So wird ja berichtet: „Was redet dieser Lästerungen! Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?“ (Mark. 2, 7). Wenn demnach der Vater Sünden nachläßt, der Sohn aber die Sünden der Welt hinwegnimmt und der Heilige Geist alle von den Befleckungen der Sünde reinigt, in welche er kommt, was werden dann noch diejenigen einwenden können, welche gegen ihr eigenes Leben (d. i. gegen den Heiligen Geist) ankämpfen?

Doch es komme zu uns der Heilige Geist, er reinige uns und befähige uns, die erhabenen, gotteswürdigen Gedanken aufzunehmen, die uns in den Gebetsworten durch den Mund des Heilandes geoffenbart werden, dem Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Vierte Rede: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden; unser tägliches Brot gib uns heute!“a) „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden.“

Einen Arzt hörte ich einmal auf Grund seiner medizinischen Kenntnisse über die natürlichen Voraussetzungen der Gesundheit sprechen. Vielleicht leisten seine  Ausführungen einen nützlichen Beitrag zur Gesunderhaltung der Seele. Nach ihm läßt sich nämlich jede Krankheit auf eine Verrückung des richtigen Verhältnisses zurückführen, in welchem die verschiedenen Bestandteile unseres Körpers zueinander stehen sollen; und umgekehrt besteht die Heilung der Krankheit in der Zurückversetzung der zu Unrecht verschobenen Teile in die ihnen zukommende naturgemäße Ordnung. Daraus folgerte er, man solle zuerst untersuchen, welches von den Elementen, die in uns in Unordnung gerieten, am meisten den Einfluß des gerade entgegengesetzten Grundstoffes schwächt, der zur Gesundung mitzuwirken berufen ist. Wenn daher z. B. die Hitze überhand nimmt, so müsse man allen davon betroffenen Teilen zu Hilfe kommen und ihnen, bevor sie austrocknen, Feuchtigkeit zuführen, damit nicht etwa durch Vernichtung des Stoffes die Wärme völlig verzehrt werde und in sich selbst erlösche. Desgleichen solle man auch, wenn eine der anderen körperlichen Kräfte, die nach dem Prinzip des Gegensatzes in Betracht kommen, ihre Grenze überschreitet, dem übermächtig gewordenen Teile entgegentreten und dem geschwächten die Hilfe der ärztlichen Kunst angedeihen lassen. Wenn dies geschieht und nichts mehr das Gleichgewicht der Elemente stört, ist die Gesundheit wieder hergestellt, weil die Unordnung aufgehoben ist. Doch wozu diese lange Einleitung zu meiner Rede? Ich hoffe aber, daß die vorgetragene ärztliche Theorie ganz gut zu unserem Zwecke paßt und von unserem heutigen Thema nicht abseits liege. Zur Erwägung soll zunächst die Bitte kommen: „Dein Wille geschehe!“ Alsbald werden wir sehen, warum wir an die arzneiwissenschaftlichen Grundsätze erinnert haben.

Einstens erfreute sich die Menschheit voller geistiger Gesundheit, da sozusagen ihre Grundstoffe, ich meine die Regungen der Seele, in schönster Ordnung und Eintracht im Sinne der Tugend zusammenwirkten. Als aber die Begierde nach dem Bösen die Oberhand gewann, und die ihr entgegengesetzte Selbstbeherrschung von jenem übermächtigen Teile besiegt war, und es nichts gab, was den überschäumenden Drang nach dem Unerlaubten hätte zurückweisen können, da gesellte sich eine den Tod bringende Krankheit, die Sünde, zur menschlichen Natur. Der wahre Arzt der Seelenkrankheiten nun, welcher aus Liebe zu den Kranken in das menschliche Leben eintrat, beseitigt durch die Unterweisungen, welche er im Gebete erteilt, die Ursachen der Krankheit und führt uns wieder zur geistigen Gesundheit zurück. Die Gesundheit der Seele besteht nun in der Entschlossenheit, immerdar den Willen Gottes zu tun, wie umgekehrt das Aufgeben dieser Bereitwilligkeit in die Seele die Krankheit trägt, die schließlich zum Tode führt. Nachdem nun der Mensch durch das Gift des Ungehorsams, das er reichlich in sich aufgenommen, in schwere tödliche Krankheit gefallen und verurteilt war, das herrliche Leben des Paradieses zu verlassen, da erschien der wahre Arzt, um, wie es die anfangs dargelegte ärztliche Theorie verlangt, das Übel durch entgegengesetzte Mittel zu heilen; weil wir dadurch von Krankheit ergriffen wurden, daß wir uns vom Willen Gottes trennten, so heilt er uns dadurch von unseren Leiden, daß er uns wieder mit dem Willen Gottes vereinigt. So aufgefaßt, bewirken die Worte des Gebetes die Heilung unserer Seelenkrankheit. Wer nämlich ausruft: „Dein Wille geschehe“, betet, wie wenn seine Seele gleichsam von Schmerzen heimgesucht wäre. Der Wille Gottes aber ist das Heil der Menschen. Wenn wir uns nun entschließen, zu Gott zu sagen: „Dein Wille geschehe auch in mir“, so müssen wir vorher jenem Leben widersagen, das im Gegensatz zum göttlichen Willen steht, und ungefähr folgende Meinung mit unserem Gebete verbinden: „Während meines früheren Lebens trieb ein Wille, der dem deinigen, o Gott, entgegengesetzt war, in mir sein Unwesen und ich war ein Knecht des höllischen Zwingherrn, so daß ich gleichsam wie ein Henker die Blutbefehle jenes bösen Feindes an mir selbst ausführte; erbarme dich über meine Verkommenheit und gib, daß endlich dein heiliger Wille in mir geschehe! Wie nämlich in den dunklen Winkeln der Höhlen, sobald man ein Licht hineinbringt, die Finsternis verschwindet, so weicht, wenn dein Wille in mir geschieht, alsbald jene schlechte, ungehörige Regung des Willens!“ Denn die Mäßigung wird das zügellose leidenschaftliche Begehren des Herzens stillen, die Demut den Hochmut vernichten, die Bescheidenheit die Krankheit der Selbstüberhebung heilen, die Tugend der Liebe auch die längste Reihe von Lastern aus der Seele vertreiben. Vor ihr flieht der Haß, der Neid, der Groll, der Zorn, die verdrießliche Stimmung, die Hinterlist, die Heuchelei, die Erinnerung an Kränkungen, das Verlangen nach Rache, das Aufwallen des Herzblutes, der gehässige Blick: überhaupt die ganze Schar der Laster wird durch die Gesinnung der Liebe in die Flucht geschlagen. Zumal vertreibt der Wille Gottes, wenn er in uns zur Entfaltung kommt, den zweifachen Götzendienst: den Wahnsinn mit den Götterbildern und den mit Silber und Gold, die ein Prophetenwort „die Götzenbilder der Heiden“ nennt. „Es geschehe also dein Wille“, damit der Wille des Teufels zunichte werde.

Weshalb beten wir aber, daß von Gott her uns der Wille zum Guten zuteil werde? Deshalb, weil die menschliche Natur zum Guten zu schwach ist, nachdem sie die Kraft hiezu durch die Sünde einbüßte. Denn keineswegs mit derselben Leichtigkeit, mit welcher sich der Mensch zum Bösen wendet, kehrt er von diesem wieder zum Guten zurück, wie sich auch am Leib ein ähnliches Verhältnis bemerken läßt; nicht auf die gleiche Weise und nicht mit derselben Leichtigkeit wird nämlich das Gesunde krank und das Kranke gesund. Oft kam ein bis dahin ganz rüstiger Mann durch eine einzige Verwundung in die äußerste Gefahr; ein einziger Fieberanfall oder eine Wiederholung desselben lähmte schon die ganze Spannkraft des Körpers, eine geringe Giftdosis schwächte oder zerstörte sie; auf den Biß einer Schlange, auf den Stich eines giftigen Insektes, auf bloßes Ausgleiten oder Fallen, auf eine Übersättigung oder auf etwas Ähnliches erfolgte nicht selten rasch eine Erkrankung oder sogar der Tod. Die Beseitigung der Krankheit hingegen erfordert, wenn sie überhaupt erzielt wird, in der Regel reifliche Überlegung, die Ertragung vieler Beschwerden und den Aufwand großer ärztlicher Kunst. Dem entspricht es auf geistigem Gebiete, daß wir zum Fortschreiten auf der Bahn des Bösen, keinen Helfer benötigen, weil das Böse in unserem verderbten Willen wie von selbst zur vollen Entfaltung sich entwickelt; soll sich aber die Wagschale zum Guten neigen, so brauchen wir die Hilfe Gottes, damit er das Wollen bis zum Vollbringen geleite. Darum geht unsere Bitte dahin: „Da dein Wille, o Herr, die Mäßigung selbst ist, ich aber fleischlich gesinnt und unter die Herrschaft der Sünde verkauft bin, so möge der Wille zum Guten durch deine Kraft in mir hergestellt werden: die Gerechtigkeit, die Frömmigkeit, die Zügelung der Leidenschaften!“ Denn der Begriff Wille schließt sämtliche Tugenden keimhaft in sich und der Wille Gottes enthält alles Gute, was wir nur denken können.

Doch was bedeutet der Zusatz: „Wie im Himmel, also auch auf Erden“? Dies Wort weist, wie mir scheint, auf eine tiefere Wahrheit hin und leitet zu einer Auffassung der gesamten Schöpfung ein, wie sie Gottes würdig ist. Was ich meine, läuft auf folgendes hinaus: die vernünftigen Geschöpfe lassen sich in solche mit einem Körper und in solche ohne Körper einteilen; die körperlose Klasse bilden die Engel, die körperliche wir Menschen. Weil des schwerfälligen Leibes ledig – ich meine unseren festen, zur Erde niederziehenden Leib – bewegen sich die reinen Geister in jener Region der Welt, die oberhalb der Erde ist, wo sie mit ihrer flüchtigen und rasch beweglichen Natur an leichten und ätherischen Orten wohnen; wir dagegen haben wegen der Verwandtschaft unseres Leibes mit der Erde das irdische Leben, das einem schmutzigen Bodensatz gleicht, als Anteil erhalten, dem wir nicht entfliehen können. Ich kann nicht unfehlbar sagen, was Gott hiebei bezweckte: vielleicht wollte er die ganze Schöpfung unter sich dadurch verwandt machen, daß weder die Erde hier unten ohne allen Anteil an dem Himmel droben wäre noch der Himmel ohne Anteil an der Erde, insofern im Menschengebilde beide eine Vereinigung ihrer Gegensätze feiern, die ihr Begriff mit sich bringt. Denn einerseits wohnt die geistige Seele, die doch gleicher Abstammung und gleichen Geschlechtes mit den Engeln des Himmels zu sein scheint, in Leibern, die aus der Erde ihren Ursprung ableiten; andererseits wird dies aus der Erde genommene Fleisch bei der Wiederherstellung aller Dinge in das Reich des Himmels zugleich mit der Seele versetzt. Der Apostel sagt ja: „Wir werden auf den Wolken dem Herrn entgegen dahingerafft werden in die Luft und immerdar beim Herrn sein“ [1 Thess. 4, 17]. Mag nun die Weisheit Gottes dieses oder noch etwas anderes bezwecken, tatsächlich sind die mit Vernunft begabten Geschöpfe in diese zwei Klassen geschieden und dabei ist die körperlose Natur zur himmlischen Seligkeit berufen worden, die körperliche dagegen wurde wegen ihrer Verwandtschaft mit der Erde auf diese verbannt. Doch beide Naturen, die körperliche und körperlose, haben große Vorzüge gemeinsam: vor allem ist das Verlangen nach dem sittlich Guten mit dem Wesen beider Naturen in gleichem Grade verbunden, und die Persönlichkeit, Unabhängigkeit und Freiheit hat der Herr des Weltalls beiden gleichmäßig anerschaffen, so daß alle Geschöpfe, welche mit Vernunft und Denkvermögen ausgestattet sind, durch ihre eigene freie Willensentscheidung sich selbst bestimmen und leiten. Allein das überirdische Leben ist in jeder Beziehung frei von Unvollkommenheit und auch nicht der geringste Schatten von Unordnung findet sich in demselben; dagegen umgibt jede Art von leidenschaftlicher Erregung und Stimmung das Leben hier unten; das Menschengeschlecht ist hievon wie umlagert. Das göttliche Wort bezeugt, daß das Leben der heiligen Mächte ([d. i. der Engel] frei von Unvollkommenheit und unberührt von jeglicher sündhafter Befleckung ist; alles Böse aber, was es außerhalb des Guten, eben durch die Trennung von diesem überhaupt gibt, ist in die Niederung dieses Erdenlebens wie eine Art Hefe oder Schlamm zusammengeschlossen, und dadurch wird die Menschheit verunreinigt, weil es durch solche Finsternis verhindert wird, das göttliche Licht der Wahrheit zu schauen.

Wenn nun das Leben da droben kein Übel und keine Sünde kennt, das armselige Leben hienieden aber in mannigfache Leidenschaften und Mühseligkeiten versenkt ist, so wird offenbar jenes überirdische Leben, weil rein von jeglicher Unvollkommenheit, in seinem makellosen Zustand durch die Erfüllung des Willens Gottes erhalten – denn wo nichts Böses ist, muß mit Notwendigkeit Gutes sein – unser Leben auf Erden dagegen ist dadurch, daß es aus der engen Verbindung mit dem sittlichen Guten austrat, auch aus dem Willen Gottes ausgetreten. Deshalb werden wir durch das Gebetswort aufgemuntert, unser Leben so von allem Bösen zu reinigen, daß nach dem Vorbild des Lebens im Himmel auch in uns der göttliche Wille restlos zur Geltung und Herrschaft komme. Wir sagen mit unserer Bitte gleichsam zu Gott: „Wie von den Thronen, Mächten und Gewalten und überhaupt von dem ganzen überirdischen Heere dein Wille geschieht und das Böse in keiner Weise die Entfaltung des Guten hindert, so gelange das Gute auch in uns zur vollen Verwirklichung, damit nach Beseitigung jeder Unvollkommenheit dein Wille einen wohlbereiteten Weg in unsere Seele finde!“

b) Gib uns heute unser tägliches Brot!

Aber, könnte jemand einwenden, wie ist es möglich, daß die Menschen, denen ein Leben im Fleische beschieden worden, die Reinheit der körperlosen Mächte erreichen, sie, deren Seele infolge der körperlichen Bedürfnisse in unzählige Schwierigkeiten verstrickt ist? Einen derartigen Einwand scheint nun Gott zu beseitigen, indem er in der folgenden Bitte alles aus dem Wege räumt, was dem Streben nach voller Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes hinderlich sein könnte. Denn, soweit ich sehe, verkündet er durch diese Worte, in denen er uns befiehlt, um das tägliche Brot zu bitten, die Lehre, die Menschen würden dadurch, daß sie genügsam sind und in allem Maß halten, in bezug auf Leidenschaftslosigkeit den Engeln gleich, welche ihrer Natur nach über alle körperlichen Bedürfnisse erhaben sind. Die Engel bitten nämlich in ihren Gebeten Gott nicht um Darreichung von Brot, weil sie dergleichen nicht bedürfen; um Brot zu bitten, wurde nur den Menschen befohlen, weil das, was verbraucht wird, notwendig Ersatz heischt. Flüchtig wie die Welle und vergänglich ist die menschliche Natur in ihrer ganzen Anlage, und für das Verbrauchte muß sie eine Ergänzung suchen. Wer nun bloß den Fortbestand seines Wesens im Auge hat und nicht, durch törichte Sorgen verleitet, Unnötiges anhäuft, wird nicht weit hinter dem Leben der Engel zurückbleiben, indem er ihrer Bedürfnislosigkeit seinerseits durch seine Genügsamkeit nacheifert. Deshalb wurde uns aufgetragen, zu Gott zu sprechen: „Gib uns unser Brot!“ und auf diese Weise lediglich um das zu bitten, was zur Erhaltung des leiblichen Daseins ausreicht, nicht um Üppigkeit und Reichtum, nicht um farbenprächtige Purpurgewänder, nicht um Goldschmuck und glitzernde Edelsteine, nicht um Silbergeschirr, nicht um Überfluß an Landbesitz, nicht um den Oberbefehl über Heerhaufen, nicht um die Herrschaft über Städte und Völker, nicht um Herden von Pferden und Rindern oder um große Mengen von anderem Vieh, nicht um Überfluß an Sklaven, nicht um glanzvolles Auftreten auf öffentlichen Plätzen, nicht um Gedenksäulen, nicht um Seidengewebe, nicht um musikalischen Ohrenschmaus oder um sonst Derartiges, wodurch die Seele von dem ungleich wichtigeren Streben nach Gott abgezogen wird, sondern nur um unser tägliches Brot.

Siehst du die Tiefe der Weisheit und die Fülle von Lehren, welche dieses kurze Wort in sich birgt! Ganz offen beinahe ruft der Herr damit allen, die es verstehen wollen, zu: Höret auf, ihr Menschen, euch in Begierden nach törichten Dingen zu verlieren; höret auf, euch selbst noch mehr Quellen von Schwierigkeiten zu schaffen! Wenig nur ist es, was du im Hinblick auf deine Menschennatur wirklich notwendig hast; Nahrung bist du deinem armseligen Fleisch schuldig, ― eine Kleinigkeit und leicht zu beschaffen, wenn du im Ernst nur auf das Bedürfnis schaust! Warum vermehrst du selbst deine Steuersumme dem Leibe gegenüber? Warum hast du dich mit so vielen Schulden an ihn beladen, zu deren Abtragung du nun Silber ausgräbst, Gold aus der Tiefe holst und nach glänzendem Stoffe ausspähest? Damit dir durch solcherlei Dinge der nimmersatte Abgabenforderer, der Bauch, in Überfluß schwelge? Er bedarf doch nur des Brotes, das dem Leibe alles bietet, was er zu seinem Fortbestehen braucht! Du aber ziehst bis zu den Indern, setzest dich auf weitem Meere allen Gefahren aus, begibst dich jahraus jahrein auf Seefahrten, um mit aus großer Ferne bezogenen Waren deine Nahrung zu würzen, ohne zu bedenken, daß das Gefühl des Wohlgeschmackes sich nur auf den Gaumen erstreckt! Ebenso gewährt das, was schön aussieht, wohl riecht und angenehm mundet, nur ein hinfälliges, kurzes Behagen. Vom Gaumen an läßt sich kein Unterschied der genossenen Speisen mehr erkennen, weil die Natur alles in gleicher Weise in eine übelriechende Masse verwandelt. Siehst du das Ende aller Kochkunst? Siehst du den schließlichen Ausgang der ganzen Zauberei, mit der man Leckerbissen bereitet? Um das Brot bitte, weil du es zum Leben brauchst. Alles aber, was die Schwelger durch vieles Nachgrübeln außerdem noch ausfindig machen, gehört zum Unkraut, das daneben gesät wurde. Die Aussaat des Hausvaters ist der Weizen und aus dem Weizen wird das Brot bereitet; die Schwelgerei aber ist das Unkraut, das vom Feinde unter den Weizen gesät wurde (Luk. 8. 14). Wenn aber die Menschen es verschmähen, unserer Natur bloß mit den ihr wirklich unentbehrlichen Mitteln den notwendigen Dienst zu leisten, so ersticken sie förmlich, wie das göttliche Wort irgendwo sagt (Mark. 4, 7. 19) in ihren törichten Bestrebungen und bringen keine Frucht, da sich ihre Seele einzig immerdar derartigen Gedanken hingibt.

Wahrscheinlich will die Schrift, so dünkt mir, die nämliche Lehre mehr bildlich und verhüllt vortragen, wenn sie die Schlange als diejenige hinstellt, welche der Eva riet, der Gaumenlust zu frönen. Wenn nämlich dieses Tier, die Schlange, ihren Kopf in die Spalte, in welche sie schlüpfen will, gebracht hat, so kann sie, ― so erzählt man ― am Schwanze nicht mehr leicht zurückgezogen werden, weil die Schuppen auf ihrem Rücken gegen die Gewalt der Anziehenden sich naturgemäß sträuben. Und während sie, weil alsdann ihr Schuppengewand glatt anliegt und das Dahingleiten erleichtert, in der Bewegung nach vorwärts ganz ungehindert fortkriechen kann, ist es ausgeschlossen, sie an ihrem Hinterteile rückwärts zu ziehen, weil sie durch das Sträuben ihrer Schuppen zurückgehalten wird. Dadurch zeigt uns also das Wort, daß man vor der bösen Lust, welche in die Seele eindringen und ihr gleichsam auf den Rücken kommen möchte, mit aller Sorgfalt sich hüten und alle Spalten verstopfen muß, die ein unvorsichtiger Wandel ihr öffnen könnte; alsdann wird unser Leben rein von der befleckenden Berührung durch das giftige Getier bleiben. Hat allerdings die Schlange der sündhaften Lust den Zugang in unser Inneres gefunden, weil sich das Gefüge oder die Ordnung unseres Lebenswandels gelockert hatte, so wird sie schnell vollends eindringen und sich nicht mehr leicht aus den Räumen der Seele entfernen ― wegen ihrer Schuppen. Unter letzteren sind im bildlichen Sinne die verschiedenen Gelegenheiten zur Lust zu verstehen. Im allgemeinen betrachtet ist nämlich die Leidenschaft der Lust, bildlich gesprochen, nur ein einziges Tier; die bunten und mannigfachen Formen der Lust, die sich durch die Sinne in das Leben des Menschen eindrängen wollen, gleichen den Schuppen der Schlange, die wie die Leidenschaften in buntem Farbenspiele schillern.

Willst du also das Zusammenwohnen mit dem Getier meiden, so hüte dich vor dem Kopfe, das heißt vor dem ersten Anlauf des Bösen; denn darauf zielt, bildlich genommen, die Wendung der Heiligen Schrift: „Sie wird deiner Ferse auflauern und du sollst auf ihren Kopf treten“ (Gen. 3, 15). Nicht den geringsten Zutritt gestatte der Schlange, die in dein Inneres sich schleichen will und nach dem ersten geglückten Versuch sofort ihren ganzen langen Körper nachziehen möchte! Überschreite nicht das Bedürfnis! Das Maß deiner Sorge für das Leben sei die Befriedigung dessen, was hiezu wirklich notwendig ist, durch das, was sich dir gerade darbietet. Wenn aber die Ratgeberin der Eva ein Gespräch über feine Schleckereien anknüpfen würde und du daraufhin zu dem Brote solche und ähnliche Reizmittel als Zukost wünschest, so daß deine Wünsche die Grenzen des Nötigen überschreiten, so würdest du bald erfahren müssen, wie die Schlange sachte weiterkriecht, ein Verlangen nach dem anderen weckend. Wenn sie nämlich von der unentbehrlichen Nahrung zur Schlemmerei gekrochen ist, so wird sie zur Augenlust weiterschleichen und dein Verlangen nach den verschiedensten Luxusartikeln reizen wie nach prächtigen Gewändern, nach Dienern von üppiger Schönheit, silbernen Ruhebetten, weichlichen Lagern, durchsichtigen, goldgestickten Kleidern, Thronsesseln, Dreifüßen, Badewannen, Waschkrügen, Trinkhörnern, Kühlgefäßen, Schenkkannen für den Wein, Waschbecken, Leuchtern, Weihrauchgefäßen u. dgl. Hiermit findet aber auch die Begierde nach Vermehrung des Besitzes bei dir Eingang; damit es nämlich nicht an Mitteln zur Beschaffung der genannten Dinge fehlt, sind entsprechend große Einkünfte erforderlich. Infolgedessen wird mancher weinen, der Lebensgefährte seufzen, viele durch den Verlust ihres Eigentums in Trauer geraten, damit jenem Prasser der gewünschte Pomp ermöglicht werde. Ist es aber der Schlange gelungen, zu den angeführten Dingen sich hinanzuwinden und ihren Bauch mit dem anzufüllen, was sie wünscht, so kriecht sie nach der Sättigung weiter und wälzt sich fort zu toller Ausschweifung. Damit ist dann der Gipfelpunkt menschlichen Elendes erreicht.

Damit dir nun keines dieser Übel zustoße, so beschränke dein Leben auf ausreichenden Broterwerb und als Zukost strebe an, was unsere Natur selbst an die Hand gibt. In erster Linie ist dies ein gutes Gewissen, das da durch die Gerechtigkeit des Erwerbs das Brot wohlschmeckend macht. Willst du aber auch am Gaumenreiz dich ergötzen, dann diene dir der Hunger als Würze und die feste Regel, nicht Sättigung auf Sättigung zu häufen und nicht durch die Unmäßigkeit und ihre Folgen den Appetit abzustumpfen. Im Gegenteil soll dem Essen der Schweiß vorausgehen, wie es das Gebot verlangt: „In Schweiß und Arbeit sollst du dein Brot essen“ (Gen. 3, 19). Siehst du, wie das Wort Gottes dich auf die vorzüglichste Würze der Speise hinweist. Du darfst deinen Geist soweit bemühen, daß du das Notwendige habest; richtiger aber sollst du deinen Geist um das Brot nicht in Sorgen verstricken, sondern dich an denjenigen wenden, der das Brot aus der Erde hervorbringt (Ps. 103, 14 [hebr. Ps. 104, 14]); rufe zu dem, der die Raben ernährt (Ps. 146, 9 [hebr. Ps. 147, 9]), der allem Fleische Nahrung gibt (Ps. 135, 25 [hebr. Ps. 136, 25]), der die Hand öffnet und jedes lebende Wesen mit Freude erfüllt (Ps. 144, 16 [hebr. Ps. 145, 16]); zu diesem sprich also: „Von dir habe ich mein Leben; von dir werde mir auch der Unterhalt des Lebens zuteil! Gib du mir das Brot, d. h. durch Arbeit in Gerechtigkeit will ich mir meine Nahrung verschaffen.“ Denn wenn Gott die Gerechtigkeit ist, so haben alle jene ihr Brot nicht von Gott, die sich ihren Unterhalt durch habsüchtiges Treiben verdienen. Du hast selbst die Erhörung deines Gebetes in der Hand, nämlich dann, wenn du dein Hab und Gut nicht aus dem Eigentum des Nächsten gestohlen hast, wenn du nicht aus den Tränen anderer erntest, wenn um deiner Sättigung willen niemand hungern, wenn um deiner Befriedigung willen niemand seufzen muß. Gottes Brot dürfen wir vor allem jenes nennen, das da ist die Frucht der Gerechtigkeit, die Ähre des Friedens, nicht vermischt und verunreinigt mit dem Samen des Unkrautes. Wenn du aber fremdes Ackerland bebaust, auf Übervorteilung des Nächsten sinnest, ungerechten Besitz urkundlich verbriefen lässest und dann beten willst: „Gib mir das Brot!“, so verlangst du Erhörung nicht von Gott, sondern von einem anderen; denn die Frucht der Ungerechtigkeit stammt von Gottes Widersacher. Nur wer nach Gerechtigkeit strebt, empfängt das Brot von Gott; wer aber die Ungerechtigkeit ausübt, wird vom Beförderer der Ungerechtigkeit ernährt. Prüfe daher dein Gewissen, wenn du deine Bitte um Brot vor den Herrn bringen willst. Nicht darfst du vergessen, daß „Christus keine Gemeinschaft mit Belial hat“ (2 Kor. 6, 15). Wenn du aus ungerechtem Erwerb eine Gabe reichest, so ist dein Geschenk ein Hundelohn und ein Hurensold, und wenn du von Ehrgeiz geleitet noch so großartige Beiträge leistest, so gilt dir doch das Wort des Propheten, der Gaben aus solcher Quelle mit Abscheu zurückweist: „Was soll mir die Menge der Opfer? spricht der Herr! Ich bin satt von den Opfern der Widder; das Fett der Lämmer, das Blut der Stiere und Böcke verlange ich nicht. Räucherwerk ist mir ein Greuel“ (Is. 1, 11 ff.). Anderswo (Is. 66, 3) setzt er den, der ein Kalb opfert, auf gleiche Linie mit dem, der einen Hund tötet. Nur dann, wenn du dein Brot von Gott hast, d. h. erworben durch Arbeit in Gerechtigkeit, kannst du ihm daraus auch angenehm ein Erstlingsopfer der Gerechtigkeit darbringen.

Trefflich ist endlich der Zusatz „heute“, indem er uns beten lehrt: „Unser tägliches Brot gibt uns heute.“ Auch in diesem Wörtlein liegt tiefe Weisheit; aus ihm kannst du lernen, daß das Leben des Menschen nur auf einen einzigen Tag beschränkt ist. Nur die Gegenwart gehört uns; die Hoffnung auf die Zukunft ist unsicher; denn wir wissen nicht einmal, was der folgende Tag bringt. Was mehren wir unsere Mühsal durch Sorgen um die Zukunft? „Genug des Schlimmen hat jeder Tag“, heißt es (Matth. 6, 34), wobei unter dem Ausdruck „Schlimmes“ Plag und Mühe zu verstehen ist. Was sorgen wir uns also ab um den morgigen Tag? Indem er dir daher den Zusatz „heute“ anbefiehlt, untersagt der Herr die Sorge für das Morgen; denn mit diesem Wörtchen ruft er dir ungefähr dieses zu: „Wer dir den Tag gibt, gibt dir auch, was zum Tage gehört!“ Wer läßt die Sonne aufgehen, wer das Dunkel der Nacht verschwinden? Wer zeigt dir den Strahl des Lichtes? Wer bewegt den Himmel im Kreise, so daß die Leuchte über der Erde erscheint? Wer dir diese großartigen Dinge gibt, bedarf der etwa deiner Hilfe, um deinem Leibe zu geben, was er benötigt? Welchen Fleiß verwenden die unvernünftigen Geschöpfe auf ihren Lebensunterhalt? Welche Felder bestellen die Raben? Welche Vorratskammern haben die Adler? Verschafft nicht allen ihre Lebensmittel der Wille Gottes, der das Universum mit seiner Macht umfaßt? Ochs und Esel und andere unvernünftige Tiere besitzen von Natur aus genügend Weisheit, um über das, was sie gerade haben, richtig zu verfügen und sich über die Zukunft nicht den geringsten Kummer zu machen. Brauchen wir da erst noch einen Lehrmeister, der uns über die Vergänglichkeit und zeitliche Begrenztheit unseres fleischlichen Lebens aufklärt? Lassen wir uns nicht durch das Geschick anderer zur Einsicht bringen? Öffnen sich nicht unsere Augen durch die Erfahrungen in unserem eigenen Leben? Was haben jenem Reichen seine umfangreichen Zurichtungen genützt, ihm, der sich eitlen Plänen töricht hingab, der niederreißen, aufbauen, sammeln, schwelgen und von nichtiger Hoffnung verführt für viele Jahre in seinen Vorratskammern aufspeichern wollte? Hat nicht eine einzige Nacht alle seine Zukunftsphantasien zuschanden gemacht wie ein ganz nichtiges Traumgebilde, dem jedes Fundament fehlt? Das Leben des Leibes gehört nur der Gegenwart an; dasjenige Leben hingegen, auf das wir bestimmt in der Zukunft hoffen dürfen, kommt bloß der Seele zu. Menschlicher Unverstand zieht daraus aber nicht die richtige Folgerung: das leibliche Leben stellt er sich in seinen Hoffnungen viel länger vor, das der Seele aber will er ganz zum Genießen der Gegenwart herabziehen; infolgedessen wird die Seele notwendig von jenem Gegenstand der Hoffnung, dem allein Wahrheit und Wirklichkeit eignet, abgezogen, indem ihre Tätigkeit nur von den äußerlichen Dingen in Anspruch genommen wird. Auf diese Weise kann die Seele weder diese besitzen, noch das große Gut der Hoffnung erlangen, da sie sich auf Unbeständiges stützt.

Lassen wir uns also durch die gegebene Erörterung belehren, um was wir für heute und um was wir für später bitten müssen! Das Brot gehört für den Gebrauch des heutigen Tages, das Reich Gottes aber zur seligen Hoffnung. Mit dem Worte „Brot“ will der Herr alles zusammenfassen, was wir für den Leib bedürfen. Wenn wir um dieses bitten, so wird dem Beter zum Bewußtsein kommen, daß er hiermit um Vergängliches bittet, während hingegen, wenn wir um ein Gut der Seele flehen, unsere Bitte auf Immerwährendes und Ewiges abzielt. Auf Letzteres sollen wir aber zumeist unseren Blick richten, voll der Zuversicht, daß doch mit dem Wichtigeren auch alles Übrige, dessen wir bedürfen, zugleich erreicht wird. Der Herr versprach nämlich: „Bittet um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dieses alles wird euch dazugegeben werden“ (Matth. 6, 33). In Christo Jesu, unserem Herrn, dem die Herrlichkeit und die Macht sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Fünfte Rede „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“ a) Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!

In seinen Unterweisungen fortschreitend, ist das Wort Gottes mit der vorliegenden Bitte auf den höchsten Gipfel der Gottseligkeit angelangt; denn in ihr gibt es an, wie der Mensch beschaffen sein soll, der sich Gott nahen will: fast nicht mehr in den Grenzen seiner Natur soll sich darnach der Mensch befinden, sondern sich Gott selbst durch Tugend ähnlich machen, so daß er ein anderer zu sein scheint, indem er tut, was Gott allein zukommt. Denn Sündenvergebung ist Gott ausschließlich eigen und ihm vorbehalten; heißt es ja doch: „Niemand kann Sünden vergeben als Gott allein“ (Luk. 5, 21).Wenn also jemand die besonderen Kennzeichen Gottes nachahmt, so wird er in gewissem Sinn selbst Gott, weil er hiedurch den Beweis dafür liefert, daß er sich ihm getreu verähnlicht. Was lehrt uns also das Wort Gottes? Dies: im Vertrauen auf unsere Lebensführung müssen wir uns zuerst das Zeugnis geben können, uns zur Ähnlichkeit mit Gott erhoben zu haben; dann erst dürfen wir es wagen, ihn Vater zu nennen, und ihn wegen unserer bisher begangenen Sünden um Verzeihung zu bitten. Denn auf unser bloßes Beten allein hin können wir nicht Erhörung erwarten, sondern wir müssen uns durch unsere Werke die Berechtigung verdient haben, vertrauensvoll zu bitten. Denn in den angeführten Worten spricht der Herr zu uns geradezu folgendes: Wer dem Barmherzigen sich naht, soll selbst barmherzig sein, wer dem Guten, gut, wer dem Gerechten, gerecht; nur der Geduldige nahe sich dem Geduldigen, nur der Menschenfreundliche dem Menschenfreundlichen. Und in gleicher Weise sollen wir den Gütigen, den Milden, den Spender der Gnaden, den Allerbarmer und überhaupt jede gute Eigenschaft, die wir an Gott wahrnehmen, getreulich in unserem Tun und Lassen nachahmen und uns dadurch die Möglichkeit erwerben, vertrauensvoll zu beten. Wie daher ein Schlechter unmöglich mit dem Guten vertraut werden oder einer, der sich in unreinen Gedanken wälzt, mit dem Reinen und Unbefleckten in Freundschaftsverhältnis stehen kann, so führt die Hartherzigkeit des Beters eine Trennung zwischen ihm und unserem menschenfreundlichen Gott herbei. Wer demnach seinen Schuldiger in bezug auf seine Schulden hart behandelt, der scheidet sich durch sein Benehmen von Gott, der die Menschenfreundlichkeit selbst ist. Denn welche Gemeinschaft besteht zwischen Menschenfreundlichkeit und Hartherzigkeit, zwischen einem liebevollen und einem gefühllosen Herzen? Und so scheiden alle guten Eigenschaften, die sich nur immer durch ihre Gegensätzlichkeit zum Bösen, als dessen Gegenteil erkennen lassen, unerbittlich von den ihnen gegensätzlichen schlimmen Eigenschaften; wer demnach diese oder jene Eigenschaft hat, ist von der gegenteiligen völlig geschieden. Wie etwa ein Verstorbener nicht mehr am Leben Anteil hat und ein Lebender vom Tode geschieden ist, so müssen alle, die sich der Menschenfreundlichkeit Gottes nahen, notwendig jede Hartherzigkeit ablegen. Wer aber alles, was wir als bös bezeichnen, ganz abgelegt hat, wird durch eine solche Seelenverfassung gewissermaßen göttlich, weil er in sich jene Vollkommenheit hergestellt hat, die unsere Vernunft dem göttlichen Wesen zuerkennt.

Siehst du, zu welcher Höhe der Herr durch die Gebetsworte alle, die auf ihn hören, erhebt, indem er die menschliche Größe in eine mehr göttliche umwandelt und die Menschen, die sich Gott nahen, auffordert, selbst göttlich zu werden. Er ruft dir gleichsam zu: warum trittst du vor Gott wie ein Sklave, von Furcht niedergebückt und von Gewissensbissen gepeinigt? Warum raubst du dir selbst den Mut zu vertrauensvollem Gebete, der nur in einer freien Seele wohnt und der ursprünglich zu unserem Wesen gehörte? Warum gebrauchst du Schmeichelreden dem gegenüber, der sich nicht durch Schmeichelei gewinnen läßt? Warum wendest du dich in wohldienerischen, gleißnerischen Worten an den, der auf die Werke sieht? Alles Gute, das Gott uns geben kann, kannst du auf Grund eigener Entscheidung erlangen, wenn du nämlich zu guter, edelmütiger Gesinnung dich entschließest. Werde dein eigener Richter und fälle selbst ein freisprechendes Urteil über dich. Du begehrst von Gott Nachlaß deiner Schulden; laß du sie nach, und Gott hat gerichtet; denn dein Urteil über deinen Nächsten ― es steht in deiner Gewalt ― verschafft dir den gleichen Urteilsspruch von Gott, ob es so oder anders lautet. Worauf du bei dir selbst erkennst, das wird dir vom Gerichte Gottes bestätigt.

Doch wie könnte jemand würdig die Großartigkeit des göttlichen Wortes enthüllen! Der Gedanke, welcher in der Bitte: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ liegt, geht weit über die Erklärung hinaus, welche durch die Worte selbst nahegelegt wird. Ein kühnes Unterfangen ist es, das, was mir hierüber in den Sinn kommt, verstandesmäßig zu erfassen, ein kühnes Unterfangen, die Gedanken in Worten darzulegen. Was enthält nun das Gebetswort? Wie der Apostel sagt: „Seid meine Nachfolger, wie ich Christi Nachfolger bin“ (1 Kor. 11, 1), schwebt Gott den Guten für ihr Handeln als Muster vor; unser Gebetswort will aber, daß im Gegenteil unsere Gesinnung das Vorbild für Gott abgebe. Die Ordnung wird also hier umgekehrt: wie sonst in uns das Gute durch die Nachahmung Gottes zustande kommt, so dürfen wir in diesem Falle zu hoffen wagen, Gott werde unser Beispiel nachahmen. Wenn wir das verlangte Gute vollbringen, wird es uns gestattet, zu Gott ungefähr zu sprechen: Tue, was ich getan habe; folge deinem Diener nach, obgleich du der Herr bist, du, der Gebieter der Welt, dem armen Bettler. Ich habe die Schulden erlassen, fordere auch du sie nicht von mir ein; meinen Schuldner habe ich entlassen, daß er fröhlich scheiden konnte; so geschehe auch dem deinen: mache du deinen Schuldner nicht trauriger als ich den meinigen! Gleichen Dank sollen beide dem erstatten, der die Schuld zu fordern hatte. Gleiche Nachlassung soll von uns beiden dem Schuldner zuteil werden: dem meinigen und dem deinigen. Er ist mein Schuldner, ich der deine: dasselbe, was ich über meinen Schuldner beschlossen habe, sei auch bei dir zum Beschluß über mich erhoben; ich ließ ihn frei, laß auch mich frei; ich vergab ihm, vergib du mir! Große Barmherzigkeit habe ich meinem Mitmenschen erwiesen; ahme, o Herr, die Menschenfreundlichkeit deines Knechtes nach! Freilich schwerer sind meine Verfehlungen gegen dich, als die seinigen gegen mich; ich gebe es zu. Indes erwäge auch, wie du in allem Guten uns unendlich weit überragest; deshalb ist es doch billig, daß du nach Maßgabe deiner unaussprechlichen Macht uns Sündern dein Erbarmen schenkest. Gering ist die Menschenfreundlichkeit, die ich erwies; denn meine Natur vermochte nicht mehr zu fassen; du aber bist imstande, eine so große aufzunehmen, welche du willst; deine Macht kennt keine Grenze in der Spendung von Wohltaten.

Doch wir wollen noch eingehender unsere Gebetsworte betrachten, ob uns nicht durch Ergründung des in ihnen liegenden Sinnes nicht noch weitere Anleitung zu einem gottseligen Leben gegeben werde. Untersuchen wir daher, wodurch einerseits die menschliche Natur schuldbeladen ist und worin wir andererseits eine Vergebung gewähren können; denn aus dieser Erkenntnis werden wir aufs neue das Übermaß der göttlichen Güter einsehen.

Beginnen wir also mit der Aufzählung der menschlichen Verfehlungen gegen Gott! Die erste strafwürdige Schuld zog sich der Mensch vor Gott dadurch zu, daß er von Gott abfiel und zu dessen Widersacher überging, so daß er zum abtrünnigen Flüchtling vor seinem natürlichen Herrn wurde. Die zweite Schuld besteht darin, daß er die harte Knechtschaft der Sünde an Stelle seiner Freiheit und Unabhängigkeit eintauschte und es vorzog, der Macht des Verderbens als Sklave zu dienen, statt in der Gemeinschaft mit Gott zu verbleiben. Aber auch dadurch fehlte er, daß er seinen Blick nicht unverrückbar auf die Schönheit Gottes richtete, sondern sein Antlitz der Häßlichkeit der Sünde zuwendete. Welch größeres Unrecht ließe sich denken als diese Geringschätzung der göttlichen Güter und diese Bevorzugung der Lockungen des Bösen? Welch schwere Strafe verdiente sich dadurch der Mensch? Dazu kommt noch die Zerstörung der Ebenbildlichkeit Gottes, die Entstellung des Merkmales der Göttlichkeit, das uns bei der ersten Erschaffung aufgedrückt wurde, der Verlust der Drachmen, das Aufgeben des väterlichen Tisches, die schmutzige Lebensgemeinschaft mit den Schweinen, das Verprassen des kostbaren Reichtums und alle derartigen Verfehlungen, die man durch die Schrift und durch eigenes Nachdenken erkennen kann ― wer könnte sie sämtlich aufzählen? Weil daher der Mensch wegen so vieler und so bedeutender Vergehen von Gott die verdiente Strafe zu gewärtigen hat, so will uns das Wort Gottes durch unsere Bitte belehren, daß wir, selbst wenn wir uns mit aller Sorgfalt vor Verirrungen gehütet hätten, keineswegs mit dem Wahne uns zum Gebete anschicken sollten, als wäre unser Gewissen gänzlich schuldlos. Denn wer wie jener reiche Jüngling sein Leben nach den Geboten einrichtete, möchte vielleicht von seinem Leben das gleiche rühmen, indem er zu Gott spräche: „Das alles habe ich seit meiner Jugend beobachtet“ (Matth. 19, 20), und zur Meinung sich versteigen, daß die Abbitte, die ja nur für Sünder passe, für ihn unnötig sei, weil er nicht gegen die Gebote sich vergangen habe. Und so könnte er zu der Ansicht kommen, dem Unzüchtigen gezieme eine solche Bitte, oder wer durch Habsucht Götzendienst getrieben, müsse um Verzeihung flehen, oder überhaupt für jeden, der durch einen Fehltritt sein Gewissen befleckt habe, sei es geziemend und notwendig, zur Barmherzigkeit seine Zuflucht zu nehmen. Und wenn es gar der große Elias wäre, oder jener, der im Geiste und in der Kraft des Elias erschien, der Herrlichste unter den vom Weibe Gebornen (Matth. 11, 11; Luk. 7, 28) oder Petrus oder Paulus oder Johannes oder sonst einer, dessen überragende Hoheit von der Heiligen Schrift bezeugt ist ― wozu könnte jemand fragen, würde ein solcher eine Bitte an Gott richten, durch die er um Vergebung der Schuld fleht, während er sich doch keine Schuld durch Sündigen zugezogen hat?

Damit nun niemand, von solchen Vorstellungen verleitet, sich brüste wie jener Pharisäer (Luk. 18, 11), der von seiner wirklichen Natur kein Verständnis besaß ― wäre er sich recht bewußt gewesen, daß er ein Mensch sei, so hätte er sich wenigstens durch die Heilige Schrift belehren lassen, weil nach ihrem Zeugnis infolge der Verderbtheit unserer Natur kein Mensch sich findet, der auch nur einen Tag vollständig makellos leben würde (Sprichw. 24, 16) ― damit also, sage ich, keine solch hochmütigen Gedanken in den Seelen der Beter entstünden, fordert uns das Wort Gottes durch unsere Bitte auf, nicht auf unsere guten Werke zu sehen, sondern uns immer wieder an die gemeinsame Schuld der Menschennatur zu erinnern, an der jeder so gewiß teilnimmt, wie er an der gleichen menschlichen Natur teilnimmt, und im Andenken daran den ewigen Richter anzuflehen, er möge uns unsere Schulden vergeben. So lange wir Menschen alle, ausnahmslos, als lebte Adam in uns, an unserer Natur diese Kleider aus Fellen und die vergänglichen Blätter dieses körperlichen Lebens sehen müssen, die wir uns nach dem Verlust der ewigen, herrlichen Gewänder notdürftig zusammengeflickt haben, indem wir Schwelgerei, Ruhmsucht, hinfällige Ehren, und die schnell vorübergehende Befriedigung der Fleischeslust an Stelle der göttlichen Kleider anzogen, so lange wir den Ort des Jammers schauen, an dem wir zusammen zu wohnen verurteilt wurden, so brechen wir, wenn wir uns gegen Osten wenden ― nicht als ob Gott nur dort zu finden wäre (denn der Allgegenwärtige ist, weil das Universum gleichmäßig umfassend, an keinem Ort in besonderer Weise zu finden), sondern weil im Osten unsere ursprüngliche Heimat ist, das heißt das Paradies, aus dem wir verstoßen wurden: „Gott pflanzte das Paradies in Eden gegen Osten“ (Gen. 2, 8) ― wenn wir also gegen Osten blicken und im Geiste die Erinnerung an unsere Verbannung aus den lichten Räumen der Glückseligkeit durch den Aufgang der Sonne erwecken, so brechen wir mit Recht in unsere Bitte um Vergebung aus, wir, die wir beschattet sind vom schlimmen Feigenbaum des Erdenlebens, aus dem Anblick Gottes verwiesen, übergelaufen zur Schlange, welche Erde frißt, auf der Erde sich windet, auf Brust und Bauch kriecht und die uns verführen will, das gleiche zu tun, das heißt, uns irdischem Genuß hinzugeben, unser Herz über niedrige und gemeine Gedanken hinschleppen zu lassen und auch auf dem Bauch zu kriechen, ich meine, alle Zeit und Mühe auf Sinneslust zu verwenden. In solcher Lage uns befindend, sollen wir dem verlorenen Sohn gleichen, wie er nach dem langen Elend, das er als Schweinehirt ertrug, reumütig unsere Gedanken auf den himmlischen Vater richten, und ihn mit den Worten anflehen, die für uns alle ganz passend sind: „Vergib uns unsere Schulden!“ Daher wird jeder, selbst wenn er Moses, Samuel oder sonst einer der hervorragenden Tugendhelden wäre, diese Bitte auch für sich ganz geeignet finden, insofern er Mensch ist, da er an der Natur des Adam und damit auch an seiner Verbannung teilnimmt. Weil wir alle nach den Worten des Apostels in Adam sterben (1 Kor. 15, 22), so werden die Worte der Reue, die sich für Adam schicken, sich auch für uns alle, die wir mit Adam gestorben sind, ebenfalls geziemen, auf daß wir Sündenvergebung erlangen und vom Herrn in Gnaden gerettet werden, wie der Apostel sagt (Eph. 2, 5).

Dies habe ich jedoch nur dargelegt, damit man einmal das vorliegende Gebetswort unter dem Gesichtspunkt des Zustandes betrachte, in welchem das ganze Menschengeschlecht sich befindet. Wenn wir aber den Sinn des Wortes noch näher erforschen, so glaube ich, daß wir nicht gezwungen sind, unseren Blick erst auf die Gemeinsamkeit unserer Natur zu richten. Vielmehr genügt für jeden schon das Bewußtsein dessen, was er im Leben getan hat, um ihn zur Bitte um Barmherzigkeit zu nötigen. Denn da unsere Lebenstätigkeit auf dieser Erde sich mannigfach äußert: nämlich teils mittels der Seele und des Geistes, teils mittels der leiblichen Sinne, so ist es, fürchte ich, schwer oder fast ganz unmöglich, sich nicht durch irgendeine Leidenschaft zur Sünde hinreißen zu lassen. Ich meine also: da das Leben des Körpers, das auf Genießen ausgeht, mittels der Sinne sich vollzieht, das Leben des Geistes aber in der Tätigkeit des Denkens und in der Bewegung des Willens, wer steht da so fest und ist so erhabener Sinnesart, daß er auf beiden Gebieten von der Befleckung der Sünde sich rein bewahre? Wer ist in bezug auf das Auge ohne Sünde? Wer hat keine Verantwortung in bezug auf das Gehör? Wer steht jeder tierischen Gaumenlust ganz ferne? Wer ist hinsichtlich des Tastgefühles ganz frei geblieben von verbotener Berührung? Wer kennt nicht die bildliche Wendung der Schrift, durch die Fenster sei der Tod eingedrungen (Jer. 9, 21)? Die Sinne, durch welche die Seele nach außen wirkt und alles, was ihr behagt, erfaßt, hat nämlich die Heilige Schrift Fenster genannt, durch welche, wie es weiter heißt, der Tod Eingang findet. Und tatsächlich gewährt z. B. das Auge dem Tode vielfach Eingang, so wenn der Mensch durch dasselbe einen Zornigen erblickt und zur gleichen Leidenschaft sich entzünden läßt, oder einen Glücklichen, der es nicht verdient, und in Neid gerät, oder einen Hochmütigen, und in Haß aufflammt, oder eine ungewöhnlich schöne Körpergestalt, und ganz in Verlangen nach dem Gegenstand seines Wohlgefallens aufgeht. Ähnlich öffnet auch das Ohr dem Tode die Fenster, durch das, was es hört, und nimmt viele Leidenschaften in die Seele auf: Furcht, Jammer, Zorn, Lust, Begierde, ausgelassene Heiterkeit und ähnliches. Die Befriedigung des Geschmacksinnes ist sozusagen die Mutter aller Übel; denn wer wüßte nicht, daß die unbeschränkte Sorge für den Gaumenkitzel so ziemlich die Wurzel aller Fehltritte im Leben ist? Ihr entspringen Weichlichkeit, Trunkenheit, Schlemmerei, Verschwendung, Völlerei, Blasiertheit, Nachtschwärmerei, der tierische und unvernünftige Trieb zu entehrenden Lastern. Ebenso erzeugt der Tastsinn Verirrungen schlimmster Art; denn alles, was Unzüchtige mit ihrem Körper treiben, sind Krankheiten, welche der Tastsinn hervorruft; sie einzeln aufzuzählen, würde zu weit führen; auch würde es gegen den Anstand verstoßen, wollte man in einer ernsten Rede alle Vorwürfe aufnehmen, welche gegen den Tastsinn erhoben werden können.

Wer könnte aber die Unzahl der Sünden aufzählen, die im Geiste und im Willensvermögen begangen werden? Die Schrift sagt: „Von innen heraus kommen die bösen Entschlüsse“ und fügt auch eine Aufzählung der Gedanken bei, welche uns verunreinigen können (Matth. 15, 19). Wenn uns demnach dergestalt die Netze der Sünde umstricken ― durch alle Sinneswerkzeuge und die Regungen der Seele ―, „wer wird sich“, um mit der Schrift zu reden, „rühmen, ein reines Herz zu haben?“ (Sprichw. 20, 9). „Wer ist frei geblieben von Schmutz?“ (Job 14, 4). Eine Befleckung ihrer Reinheit droht der Seele durch die Lust, welche sich vielfach und auf mancherlei Weise in das menschliche Leben einschleicht: durch Seele und Leib, durch Gedanken, durch Empfindungen, durch die Bewegungen des Willens, durch die leiblichen Tätigkeiten. Wer hat da eine Seele, die von diesem Schmutz ganz rein bliebe? Wie sollte er nicht vom Hochmutsdünkel berührt, wie nicht vom Fuße des Stolzes getreten worden sein? Wen hat nicht die Hand zum Sündigen und damit zum Wanken gebracht? Wessen Fuß ist nicht dem Bösen nachgelaufen? Wen hat das unbezähmte Auge nicht befleckt, wen das unbewachte Ohr nicht verunreinigt, der Geschmacksinn nicht gefesselt? Und wessen Herz hat allen törichten Regungen Widerstand geleistet? Da nun diese Zustände bei den mehr tierisch Gesinnten schlimmer, bei den für ihr Heil Besorgteren zwar milder sind, die Gebrechen der Natur aber bei allen Menschen, weil sie an der gleichen Natur teilnehmen, tatsächlich sich vorfinden, so müssen wir alle vor Gott niederfallen und ihn anrufen, er möge uns unsere Schulden vergeben.

Doch bleibt ein solches Flehen wirkungslos und findet bei Gott keine Erhörung, wenn uns das Gewissen nicht zugleich Zeugnis gibt, daß es für Gott am Platze sei, uns Barmherzigkeit zu gewähren. Wer also da glaubt, für Gott sei es geziemend, die Menschen zu lieben ― hätte er diese Meinung nicht, so würde er wähnen, Gott lasse sich zu Ungeziemendem und Unpassendem durch unser Gebet verleiten ― der muß auf Grund der Gerechtigkeit sein Urteil über das, was sich geziemt, durch sein eigenes Verhalten gegen die Mitmenschen bekräftigen, damit er nicht vom göttlichen Richter so etwas höre, wie: „Arzt, heile dich selbst! Mich flehst du um Menschenfreundlichkeit an, die du selbst deinem Nebenmenschen nicht erweisen willst? Du betest um Nachlassung der Schulden, warum würgst du deinen Schuldner? Du bittest, daß dein Schuldbrief ausgelöscht werde, während du die Schuldbriefe deiner Schuldner sorgfältig aufbewahrst? Du bittest um Schuldentilgung, und bist dabei entschlossen, das Geld, das du ausgeliehen hast, noch durch Zins zu vermehren! Dein Schuldner sitzt im Gefängnis, du im Hause des Gebetes! Jener jammert, daß er zahlen soll, du aber erachtest es für angemessen, daß deine Schuld dir geschenkt werde! Dein Gebet bleibt unerhört; denn das Wehegeschrei des von dir Bedrückten übertönt es.“ Wenn du die leibliche (= materielle) Schuld lösest, werden die Fesseln deiner Seele gelöst; wenn du verzeihest, wird dir verziehen. Du wirst dein eigener Richter sein, dir selbst das Gesetz (Norm) vorschreiben, indem du durch dein Verhalten gegen den Schuldiger dir selbst den Urteilsspruch von oben bestimmest.

Eine ähnliche Lehre scheint mir der Herr auch an einer anderen Stelle zu geben, wo er seine Forderung in der Form einer Erzählung verkündet. Dort tritt nämlich ein König auf, der mit furchtbarer Strenge zu Gericht sitzt, seine Diener einem peinlichen Verhör unterzieht und von einem jeden Rechenschaft über seine Verwaltung fordert. Einer seiner Schuldner nun, der herbeigeschleppt war, hatte, da er vor ihm niederfiel und ihn, statt das Geld zu bezahlen, anflehte, Barmherzigkeit erlangt; dann aber zeigte er sich gegen seinen Mitknecht wegen einer geringen Schuld lieblos und hart; diese Härte versetzte den König in Zorn, und er befahl den Folterknechten, ihn aus dem königlichen Haus zu werfen und so lange in Strafe zu nehmen, bis er die ganze Schuld abgetragen habe. In der Tat sind es nur einige Pfennige, unbedeutend und leicht abtragbar im Vergleich zu Zehntausenden von Talenten, wenn wir die Schulden unserer Brüder gegen uns mit unseren Verfehlungen gegen Gott zusammenstellen. Allerdings ein Unrecht ist die Beleidigung, die der Stolz des anderen dir zufügt, die Bosheit eines Untergebenen oder gar ein Anschlag auf Leib und Leben. Hierüber voll Zorn im Herzen lässest du dich zum Entschluß hinreißen, dies alles zu rächen und bietest deine ganze Erfindungskraft auf, um Rache an deinen Beleidigern zu nehmen. Wenn du aber gegen deinen Knecht in Zorn aufloderst, so bedenkst du nicht, daß nicht die Natur, sondern Macht und Zwang die Menschheit in Knechte und Herren geteilt hat. Denn zum Dienste bestimmte der Ordner des Weltalls nur die vernunftlose Natur, wie der Prophet sagt: „Alles hast du unter seine Füße gelegt, die Schafe, die Rinder, die Vögel, die wilden Tiere und die Fische“ (Ps. 8, 8 [hebr. Ps. 8, 8]). Diese nennt er auch Diener, indem er anderswo in seiner Weissagung schreibt: „(Lobsinget) dem, der den Tieren ihre Nahrung gibt und Gras der Dienerschaft der Menschen“ (Ps. 146, 8 f. [hebr. Ps. 147, 8 f.]; vgl. Ps. 103, 14 [hebr. Ps. 104, 14]). Den Menschen dagegen hat er mit dem Gnadengeschenk der Freiheit ausgestattet. Daher steht dir nach seiner natürlichen Würde der gleich, der dir nach Gesetz und Herkommen untergeben ist; er hat weder sein Dasein von dir, noch lebt er durch dich, noch hat er seine leiblichen und geistigen Kräfte von dir empfangen. Was brausest du also voll Zorn so sehr gegen ihn auf, wenn er leichtsinnig oder untreu ist, oder wenn er dich verächtlich behandelte? Solltest du nicht vielmehr dich selbst ernstlich prüfen, wie du dich gegen deinen Herrn benommen hast, der dich erschaffen und durch die Geburt ins Dasein geführt und an den Wundern der Welt hat teilnehmen lassen, der dir die Sonne hingesetzt, daß du dich ihrer erfreuest, und dir alle Mittel zum Leben aus den Elementen gewährt hat: aus Erde, Feuer, Luft und Wasser; der dir die Fähigkeit des Denkens, die Sinne zur Aufnahme der Außenwelt, die Gabe, Gutes und Böses zu unterscheiden, verliehen hat? Wie nun? Leistest du einem solchen Herrn Gehorsam und gibst du ihm keinen Grund zur Klage? Hast du dich nicht seiner Botmäßigkeit entzogen? Bist du nicht zur Sünde übergelaufen und hast seine Herrschaft mit der des bösen Feindes vertauscht? Hast du nicht das Haus deines Herrn, soweit es auf dich ankam, der Verödung preisgegeben und die Stätte verlassen, wo du auftragsgemäß hättest arbeiten und wachen sollen? Und begehst du nicht durch unerlaubte Taten, Worte und Gedanken so viele Beleidigungen sogar vor seinem Angesichte, da er allgegenwärtig ist und alles sieht? Und in einem derartigen Zustand befindlich und mit so vielen Schulden beladen, vermeinst du deinem Mitknechte eine gar große Gunst zu erweisen, wenn du ihm etwas von seinen Verfehlungen nachsiehst! Wenn wir also Gott um Barmherzigkeit und Verzeihung anflehen wollen, so müssen wir unserem Gewissen das Vertrauen zu dieser Bitte dadurch verschaffen, daß wir vor dieselbe unser Leben als Anwalt hinstellen und in Wahrheit sagen können: „Auch wir haben denen vergeben, die uns schuldig waren.“

b) Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Was will nun das bedeuten, was sich an die besprochenen Worte sogleich anschließt? Es dürfte gut sein, auch an diesem nicht vorüberzugehen, sondern es zu betrachten, damit wir, wohl unterrichtet, unsere Bitte zu dem, zu dem wir beten, mit dem Herzen und nicht bloß mit den Lippen emporsenden: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Was, meine Brüder, bedeuten diese Worte? Wie mir scheint, gebraucht der Herr für den bösen Feind verschiedene Namen, indem er ihm nach seinen verschiedenen schlimmen Kraftäußerungen auch verschiedene Bezeichnungen gibt: Teufel, Beelzebub, Mammon, Fürst der Welt, Menschenmörder, der Böse, Vater der Lüge usw. Doch auch „die Versuchung“ weist auf etwas hin, was zu ihm gehört. Diese unsere Vermutung wird durch den Zusammenhang bestätigt; denn auf die Worte: „Führe uns nicht in Versuchung!“ läßt der Herr folgen: „Erlöse uns von dem Bösen“, gerade wie wenn durch beides der nämliche bezeichnet würde. Denn wenn bloß derjenige, der nicht in Versuchung gerät, dem Bösen vollständig entrinnt, so nähert sich auch jener, der in Versuchung geraten ist, notwendig dem Bereiche des Bösen; also sind „Versuchung“ und „der Böse“ ihrem Wesen nach ein und dasselbe.

Wozu mahnt uns die Lehre, die uns damit das Gebet erteilt? Wir sollen frei werden von allem, was man in dieser Welt wahrnimmt, in Übereinstimmung mit dem, was der Herr an einer anderen Stelle sagt: „Die ganze Welt liegt im argen“ (Joh. 5, 19). Darum muß sich jeder, der vor dem Bösen bewahrt bleiben will, notwendig von der Welt entfernen. Denn die Versuchungen hätten nicht die Macht, die Seele gefangenzunehmen, wenn sie nicht das Tun und Treiben der Welt den Naschhaften, wie einen Köder an gefährlichem Angelhaken hinhielten. Noch deutlicher kann uns der Gedanke durch andere Gleichnisse werden. Furchtbar ist oft das Meer im Wogenschwall, aber nicht für solche, welche entfernt von ihm wohnen; verheerend wirkt das Feuer, aber nur für den Brennstoff, der in seine Gewalt fällt; schrecklich wütet der Krieg, aber nur für jene, welche an den Schlachten teilnehmen. Wie nun alle, die den Unfällen und Schrecknissen des Krieges entgehen wollen, bitten und flehen, in keinen Krieg verwickelt zu werden, und jene, die das Feuer fürchten, nicht in die Flammen zu geraten, und wer Angst vor dem Meere hat, keine Seefahrt unternehmen zu müssen, so muß auch jeder, der die Tyrannei des Bösen fürchtet, bitten und rufen, ihm nicht überliefert zu werden. Nachdem jedoch, wie schon bemerkt, das Wort Gottes sagt, daß die Welt im argen liege, die Dinge der Welt aber die Anlässe zu den Versuchungen bieten, so fleht, wer bittet, vor dem Bösen beschützt zu werden, gut und passend zugleich, er möge frei von Versuchungen bleiben. Denn keiner wird den Angelhaken verschlucken, wenn er nicht in Lüsternheit die Lockspeise an sich gezogen und verkostet hätte. Wohlan, erheben auch wir uns und rufen zu Gott: „Führe uns nicht in Versuchung!“ das heißt, laß uns nicht in die Verderbnisse des Lebens geraten, „sondern erlöse uns vor dem Bösen“, der die Herrschaft in dieser Welt führt und vor dem wir beschützt werden mögen durch die Gnade Christi. Denn ihm gebührt Ehre und Herrlichkeit zugleich mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

 

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