Die Akten der Hl. Perpetua und Felizitas

Märtyrerakten

Wenn die alten Beispiele des Glaubens, die von der Gnade Gottes Zeugnis geben und zugleich die Erbauung des Menschen bewirken, darum schriftlich aufgezeichnet worden sind, damit bei ihrer Lesung durch eine gewisse neue Vergegenwärtigung der Dinge sowohl Gott geehrt als auch der Mensch gestärkt werde, warum sollten dann nicht auch neue Denkmäler, die in gleicher Weise zu beiden Zwecken dienen, schriftlich abgefaßt werden? Werden doch auch diese einmal in gleicher Weise alt und den Nachkommen nötig sein, wenn sie in ihrer gegenwärtigen Zeit wegen der nun einmal bestehenden Verehrung für das Altertum in geringerem Ansehen stehen. Die aber die gleiche Kraft des einen Heiligen Geistes allen Zeitaltern zuschreiben, mögen sich vorsehen, da das Neuere für größer zu halten ist, weil es dem Ende näher steht und ein Überfluß der Gnade gerade für die letzten Zeiten vorbehalten ist. Denn in den letzten Tagen, spricht der Herr, werde ich von meinem Geiste ausgießen über alles Fleisch und ihre Söhne und Töchter werden weissagen; auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geiste ausgießen, Jünglinge werden Gesichte sehen und Greise Traumerscheinungen haben. Darum müssen wir, da wir, wie die Prophezeiungen, so auch die neuen gleichfalls verheißenen Gesichte anerkennen und verehren und auch die übrigen Gnadenwirkungen des Heiligen Geistes als bestimmt zur Unterstützung der Kirche ansehen — dieser ist er gesandt worden, der alle Gaben in allen wirkt, wie der Herr einem jeden zuerteilt hat –, das aufzeichnen und durch Lesung zur Ehre Gottes verherrlichen, damit nicht Schwachheit oder Verzweiflung am Glauben meine, nur mit den Alten sei die Gnade Gottes gewesen und habe sie der Märtyrer und Offenbarungen gewürdigt, da doch Gott immer wirkt, was er verheißen hat, den Ungläubigen zum Zeugnis, den Gläubigen zum Troste. Daher verkündigen wir euch, Brüder und Söhne, was wir gehört und mitgemacht haben, damit einerseits ihr, die ihr dabei wart, euch wieder erinnert der Herrlichkeit des Herrn, anderseits ihr, die ihr es jetzt erst hört, Gemeinschaft habet mit den heiligen Märtyrern und durch sie mit dem Herrn Jesus Christus; ihm sei Herrlichkeit und Ehre in alle Ewigkeit. Amen.

Es wurden junge Katechumenen ergriffen; Revokatus und seine Mitsklavin Felizitas, Saturninus und Sekundulus, unter ihnen auch Vibia Perpetua von vornehmer Geburt, fein erzogen und ehrbar verehelicht. Sie hatte einen Vater, eine Mutter, zwei Brüder von denen einer ebenfalls Katechumene war, und einen Sohn als Säugling. Sie war ungefähr 22 Jahre alt. Diese erzählt hier selbst den ganzen Hergang ihres Martyriums, wie sie ihn mit eigener Hand und in ihrem Sinne geschrieben hinterlassen hat.

Als wir noch, sagt sie, mit den Häschern zusammen waren und mein Vater in seiner Liebe nicht aufhörte, mir zuzureden, um mich zum Abfall zu bringen, da sagte ich: Siehst du beispielsweise dieses hier liegende Gefäß, ein Krüglein oder sonst etwas? Er antwortete: Ich sehe es. Darauf sagte ich: Kann man es wohl anders nennen, als was es ist? Und er sagte: Nein. So kann auch ich mich nicht anders nennen, als was ich bin, eine Christin. Der Vater, durch dieses Wort aufgebracht, stürzte sich auf mich, um mir die Augen auszureißen; aber er quälte mich nur und ging davon, überwunden wie seine Teufelsredekünste. Da habe ich dann in den wenigen Tagen, wo ich den Vater los war, dem Herrn gedankt und mich durch seine Abwesenheit erholt. In dieser Frist von wenigen Tagen wurden wir getauft, und mir gab der Geist es ein, um nichts anderes zu bitten nach der Taufe als um das Ausharren des Fleisches. Nach einigen Tagen wurden wir in den Kerker gesteckt und ich entsetzte mich, da ich noch nie eine solche Finsternis erfahren hatte. O schrecklicher Tag! Eine gewaltige Hitze; denn in ganzen Haufen wurden die Leute von den Soldaten hineingeworfen, und zuletzt quälte mich auch noch die Sorge um mein Kind daselbst. Da haben die guten Diakonen Tertius und Pomponius, die uns dienten, mit Geld erreicht, daß wir für einige Stunden an einer besseren Stelle des Kerkers uns erfrischen konnten. Da gingen alle aus dem Kerker und erholten sich: ich säugte mein schon halb verschmachtetes Kind, um das besorgt ich die Mutter tröstete, meinen Bruder aber stärkte und ihm den Sohn empfahl; ich litt schwer, weil ich sie meinetwegen leiden sah. Solche Ängsten habe ich viele Tage ausgestanden, erreichte aber, daß das Kind in meiner Pflege im Kerker blieb; es erholte sich und ich fühlte mich erleichtert durch die Mühe und die Sorge um das Kind; das Gefängnis wurde mir auf einmal zum Palaste, so daß ich dort lieber als anderswo sein wollte.

Da sagte mein Bruder zu mir: Frau Schwester, du hast schon eine solche Begnadigung, daß du eine Offenbarung erbitten kannst, damit dir gezeigt werde, ob es zum Leiden kommt oder ob wir frei werden. Und ich, die ich wohl wußte, daß ich mit Gott reden würde, von dem ich schon so viele Wohltaten erfahren hatte, versprach es ihm vertrauensvoll und sagte: Morgen werde ich es dir melden. Ich betete und es wurde mir folgendes gezeigt: Ich sah eine eherne, sehr hohe Leiter, die bis an den Himmel reichte, aber so eng war, daß immer nur einer hinaufsteigen konnte; an den Seiten der Leiter waren allerlei Eisenwerkzeuge eingesteckt: Schwerter, Lanzen, Sicheln, Messer und Spieße, so daß, wer saumselig und nicht mit dem Blicke nach oben hinaufstieg, zerfleischt wurde und sein Fleisch an den Eisen hängen blieb. Unten an der Leiter lag ein gewaltig großer Drache, der den Aufsteigenden nachstellte und sie vom Aufstieg abschrecken sollte. Saturninus stieg zuerst hinauf, der sich nachträglich aus freien Stücken gemeldet und uns so zur Erbauung gedient hatte; als wir nämlich ergriffen wurden, war er nicht dabei. Er kam bis auf die Spitze der Leiter, wandte sich um und sagte zu mir: Perpetua, ich erwarte dich; doch sieh zu, daß dich dieser Drache nicht beißt! Und ich entgegnete: Er wird mir nicht schaden, im Namen Jesu Christi. Und er steckte unten von der Leiter her, als ob er mich fürchtete, sachte seinen Kopf hervor; ich aber trat ihm auf den Kopf, gleich als wenn ich auf die erste Stufe träte, und stieg hinauf. Und ich sah einen weit ausgedehnten Garten und in seiner Mitte einen altersgrauen Mann sitzen im Gewande eines Hirten; der war groß und molk die Schafe, und viele Tausende in weißen Kleidern standen umher und er erhob sein Haupt, sah mich an und sagte zu mir: Willkommen, Kind. Er gab mir von dem Käse der Milch, die er molk, einen Bissen; ich empfing ihn mit zusammengelegten Händen und aß ihn, wobei die Umstehenden sagten: Amen. Und beim Laut der Stimme erwachte ich, noch essend das Süße, was immer es auch war. Das habe ich sofort meinem Bruder berichtet und wir erkannten daraus, daß Leiden uns bevorstehen; da fing ich auch schon an, keine Hoffnung mehr auf die Welt zu setzen.

Nach wenigen Tagen ging das Gerücht, wir sollten verhört werden. Es kam aber auch aus der Stadt mein Vater, ganz von Gram verzehrt; er stieg zu mir hinauf, um mich zu Fall zu bringen, und sagte: Tochter, erbarme dich meiner grauen Haare, erbarme dich deines Vaters, wenn du mich noch für wert hältst, dein Vater zu heißen; wenn ich dich mit diesen Händen zu solcher Blüte des Alters aufgezogen, wenn ich dich allen deinen Brüdern vorgezogen habe, so gib mich nicht dem Spotte der Menschen preis. Blicke auf deine Brüder, blicke auf deine Mutter und deine Tante, blicke auf dein Kind, das nach deinem Tode nicht wird fortleben können. Beuge deinen Sinn, richte uns nicht alle zugrunde, denn keiner von uns wird freimütig reden, wenn dir etwas Schlimmes zustößt. Das sagte er in seiner väterlichen Liebe; er küßte mir die Hände, warf sich zu meinen Füßen und nannte mich unter Tränen nicht mehr Tochter, sondern Frau. Mich schmerzte das Schicksal meines Vaters, daß er allein von meiner ganzen Familie sich über meine Leiden nicht freuen würde; ich tröstete ihn mit den Worten: Das wird auf jener Bühne geschehen, was Gott will; denn wisse, daß wir nicht in unserer, sondern in Gottes Gewalt sein werden. Und er ging traurig von mir hinweg.

Als wir am anderen Tage eben frühstückten, wurden wir plötzlich fortgeholt, um verhört zu werden, und kamen in den Gerichtshof. Sofort verbreitete sich der Ruf davon in die Nachbarschaft, und es kam viel Volk zusammen. Wir stiegen die Bühne hinauf. Die andern bekannten alle, als sie gefragt wurden; dann kam man zu mir. Sofort erschien auch der Vater wieder mit meinem Kinde, zog mich von der Stufe hinab und sagte: Bitte um Gnade, erbarme dich deines Kindes! Und der Prokurator Hilarianus, der damals an Stelle des verstorbenen Prokonsuls Minucius Timinianus die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod hatte, sagte: Schone der grauen Haare deines Vaters, nimm Rücksicht auf die Kindheit des Knaben, opfere für das Wohl der Kaiser! Ich antwortete: Das tu ich nicht. Darauf Hilarianus: Bist du eine Christin? Und ich entgegnete: Ich bin eine Christin. Und da mein Vater da stand, um mich abzuziehen, wurde er auf Befehl des Hilarianus hinabgestoßen und auch mit der Rute geschlagen. Das Unheil meines Vaters ging mir zu Herzen; als wäre ich selbst geschlagen worden, so schmerzte mich sein unglückliches Alter. Darauf sprach er über uns alle das Urteil, daß wir den wilden Tieren vorgeworfen werden sollten, und wir stiegen heiter in den Kerker hinab. Weil aber das Kind gewohnt war, von mir die Brust zu empfangen und bei mir im Kerker zu bleiben, schickte ich sogleich den Diakon Pomponius zu meinem Vater und bat um das Kind. Aber der Vater wollte es nicht geben. Und nach Gottes Willen hat es weiter die Brust nicht begehrt und diese hat mir auch keinen Schmerz gemacht, damit ich nicht durch die Sorge um das Kind und den Schmerz der Brüste zugleich gequält würde.

Nach wenigen Tagen, während wir alle beteten, brach mir plötzlich mitten im Gebete die Stimme hervor und ich nannte den Dinokrates. Ich staunte, daß er mir nie in den Sinn gekommen war als nur in diesem Augenblicke, und ich dachte mit Trauer an sein Schicksal. Ich erkannte auch sofort, daß ich würdig sei und für ihn beten müsse, und fing an, für ihn viele Gebete zu sprechen und zum Herrn zu seufzen. Sofort noch in derselben Nacht hatte ich folgendes Gesicht. Ich sehe den Dinokrates aus einem finsteren Orte, wo viele ganz erhitzt und durstig waren, in schmutziger Kleidung und blasser Farbe hervorkommen mit einer Wunde im Gesicht, die er hatte, als er starb. Dieser Dinokrates war mein leiblicher Bruder, der im Alter von sieben Jahren aus Schwäche wegen eines Krebsleidens im Gesichte elend starb, so daß sein Tod allen Menschen ein Abscheu war. Für diesen also hatte ich gebetet, und es war zwischen mir und ihm ein großer Zwischenraum, so daß wir beide nicht zueinander kommen konnten. Es war ferner an dem Orte, an welchem Dinokrates sich befand, ein Bassin voll Wasser, dessen Rand aber höher war als die Größe des Knaben, und Dinokrates streckte sich aus, als ob er trinken wollte. Ich war traurig darüber, daß jenes Bassin voll Wasser war und er doch wegen der Höhe der Umfassung nicht trinken konnte. Da erwachte ich und wurde inne, daß mein Bruder leide; aber ich vertraute, daß ich seiner Not abhelfen werde, an all den Tagen, bis wir in den Kerker des Lagers übersiedelten; denn bei den Spielen nahe dem Lager sollten wir kämpfen; es war damals der Geburtstag des Cäsars Geta. Und ich betete für ihn Tag und Nacht mit Seufzen und Tränen, damit er mir geschenkt werde.

An dem Tage, an welchem wir im Kerker gefesselt blieben, hatte ich folgende Erscheinung. Ich sehe jenen Ort, den ich früher gesehen hatte, und den Dinokrates mit gewaschenem Leibe, gut gekleidet und sich erholend; wo die Wunde gewesen war, sehe ich eine Narbe, und die Umfassung jenes Teiches war tiefer geworden bis an den Nabel des Knaben; ohne Aufhören schöpfte er Wasser aus dem Bassin. Über der Umfassung war auch eine goldene Schale voll Wasser; Dinokrates trat hinzu und fing an, aus der Schale zu trinken, und diese wurde nicht leerer; nachdem er genug Wasser getrunken hatte, fing er froh nach Art der Kinder an zu spielen. Da erwachte ich und erkannte, daß er aus der Strafe entlassen war.

Wenige Tage darnach ließ der Unteroffizier Pudens, der die Kerkeraufsicht führte und uns hochzuschätzen anfing, in der Erkenntnis, daß eine große Kraft in uns sei, viele zu uns herein, daß wir uns einander erheitern könnten. Als aber der Tag des Festspieles herankam, trat mein Vater zu mir herein, ganz von Gram verzehrt; er fing an, seinen Bart auszureißen und auf die Erde zu werfen, sich mit dem Gesichte auf den Boden hinzustrecken, seine Jahre zu verwünschen und solche Worte zu sprechen, die jeden Menschen ergreifen mußten. Mich schmerzte sein unglückseliges Alter.

Am letzten Tage vor unserem Kampfe sah ich in einer Erscheinung folgendes. Der Diakon Pomponius trete an die Türe des Kerkers und klopfe heftig; ich ging zu ihm hinaus und öffnete ihm; er trug ein weißes, ungegürtetes Gewand mit allerlei Verzierungen am unteren Saume. Er sprach zu mir: Perpetua, dich erwarten wir, komm! Er hielt mich bei der Hand und wir fingen an, auf rauhen und windungsreichen Wegen zu gehen. Kaum waren wir endlich keuchend am Amphitheater angekommen, da führte er mich mitten in den Kampfplatz und sagte zu mir: Fürchte dich nicht; ich bin hier bei dir und helfe dir im Streite; dann ging er fort. Und ich sehe eine gewaltige, erstaunte Volksmenge. Und weil ich wußte, daß ich zu den Tieren verurteilt worden war, wunderte ich mich, daß keines von diesen auf mich losgelassen wurde. Es kam aber ein Ägypter heraus, häßlich von Ansehen, der mit seinen Helfern gegen mich kämpfen sollte; es kamen aber auch schöne Jünglinge zu mir, um mir zu helfen und mich zu schützen; ich wurde entkleidet und war ein Mann. Meine Beschützer fingen an, mich mit Öl einzureiben, wie man das zum Wettkampfe zu tun pflegt; meinen Gegner dagegen, den Ägypter, sehe ich sich im Sande wälzen. Dann kam ein Mann heraus, gewaltig groß, derart, daß er sogar den Giebel des Amphitheaters überragte; er hatte auf seinem Gewande Purpur, zwischen den zwei Purpurstreifen noch mitten auf der Brust und unten am Gewande allerlei Anhängsel von Gold und Silber; er trug auch einen Stab wie ein Kampfrichter und einen grünen Zweig, an dem goldene Äpfel hingen. Er gebot Stillschweigen und sagte: Wenn der Ägypter da diese überwindet, wird er sie mit dem Schwerte töten; überwindet sie ihn, bekommt sie diesen Zweig. Dann ging er zurück. Wir traten einander gegenüber und begannen den Faustkampf; er suchte mir die Füße zu fassen, ich aber stieß ihn mit den Fersen ins Gesicht; ich wurde von der Luft in die Höhe gehoben und fing an, ihn so zu schlagen, als wenn ich nicht mehr auf der Erde stände; als ich aber Zeit fand, schlug ich die Hände zusammen, Finger an Finger, und faßte seinen Kopf; da fiel er auf das Angesicht und ich trat ihn auf den Kopf. Das Volk fing an zu schreien und meine Beschützer an zu singen; ich aber trat herzu zum Kampfrichter und empfing den Zweig. Er küßte mich und sagte zu mir: Tochter, der Friede sei mit dir! Und ruhmvoll schritt ich zum sanavivarischen Tore hin. Da erwachte ich und erkannte, daß ich nicht gegen die Tiere, sondern gegen den Teufel kämpfen werde; aber ich wußte auch, daß mir der Sieg bevorstand. Das habe ich am Tage vor dem Festspiele geschrieben; was aber beim Festspiele selbst geschieht, möge aufschreiben, wer will.

Aber auch der selige Saturus hat folgende Erscheinung, die er selbst gehabt hat, aufgeschrieben und bekannt gemacht. Wir hatten, sagt er, gelitten und gingen aus dem Fleische hinaus; da wurden wir von vier Engeln, deren Hände uns nicht berührten, nach Osten getragen. Wir machten den Weg aber nicht mit dem Rücken liegend und aufwärts gerichtet, sondern so, als wenn wir einen sanften Hügel hinanstiegen. Und als wir aus der ersten Welt heraus waren, sahen wir ein großes Licht, und Perpetua, die an meiner Seite war, sagte: Das ist, was uns der Herr verheißen hat, wir haben die Verheißung empfangen. Und indem wir so von den vier Engeln getragen wurden, öffnete sich uns ein weiter Raum, wie ein Lustgarten; darin waren Rosenbäume und Blumen aller Art. Die Bäume waren so hoch wie Zypressen und ihre Blätter fielen ohne Unterlaß herab. Dort in dem Lustgarten waren vier andere Engel, herrlicher als die vorigen; als diese uns sahen, erwiesen sie uns Ehre und sagten zu den anderen Engeln: Da sind sie, da sind sie! Mit Verwunderung und staunend setzten uns nun jene Engel, die uns getragen hatten, ab und wir durchschritten den Raum zu Fuß auf einem breiten Wege. Dort fanden wir den Jokundus, den Saturninus und den Artaxius, die in derselben Verfolgung lebendig verbrannt wurden, und den Quintus, der als Märtyrer im Kerker gestorben war, und fragten sie, wo die übrigen seien. Die Engel aber sprachen zu uns: Kommt zunächst hinein und grüßet den Herrn.

Und wir kamen zu einem Orte, dessen Wände aus Licht gebaut zu sein schienen; vor dem Eingange dieses Ortes bekleideten uns, als wir eintraten, vier Engel mit weißen Gewändern. Wir traten ein und hörten eine vereinte Stimme, die unaufhörlich: Heilig, heilig, heilig rief. Und wir sahen in diesem Orte einen alten Mann sitzen, der schneeweißes Haar, aber ein jugendliches Angesicht hatte; seine Füße aber sahen wir nicht. Zu seiner Rechten aber und zu seiner Linken standen vier Älteste und hinter ihnen noch mehrere andere Älteste. Voller Bewunderung traten wir ein und standen vor dem Throne; die vier Engel hoben uns in die Höhe, wir küßten ihn und er warf es uns von seiner Hand ins Antlitz zurück. Die übrigen Ältesten aber sagten uns: Laßt uns stehen! Und wir stellten uns und gaben den Friedenskuß. Und die Ältesten sagten zu uns: Gehet jetzt und spielet! Da sagte ich zu Perpetua: Da hast du, was du verlangst. Und sie entgegnete mir: Gott sei Dank; wie ich im Fleische fröhlich war, will ich es jetzt noch mehr sein.

Wir gingen hinaus und sahen vor der Türe den Bischof Optatus zur Rechten und den Priester und Lehrer Aspasius zur Linken; sie standen da voneinander getrennt und traurig, warfen sich uns zu Füßen und sagten: Stiftet Frieden unter uns, weil ihr hinausgegangen seid und uns so zurückgelassen habt. Und wir sagten zu ihnen: Bist du nicht unser Bischof und du unser Priester, daß ihr euch uns zu Füßen leget? Und wir wurden gerührt und umarmten sie. Perpetua redete griechisch mit ihnen und wir gingen mit ihnen in den Lustgarten unter einen Rosenbaum. Und während wir mit ihnen redeten, sagten die Engel zu ihnen: Lasset sie, sie sollen sich ergötzen; und wenn ihr Streitigkeiten untereinander habt, so vergebet einander; sie trieben sie fort und sagten zu Optatus: Bessere dein Volk. Denn so kommt man bei dir zusammen, als ob man aus dem Zirkus zurückkehrte und in Parteien geteilt stritte. Es schien uns aber, als wollten sie die Tore schließen. Und wir erkannten dort viele Brüder, die auch Märtyrer waren; wir alle wurden mit einem unbeschreiblichen Wohlgeruche erfüllt, der uns sättigte. Darauf erwachte ich in freudiger Stimmung.

Das sind die vorzüglicheren Gesichte dieser heiligen Märtyrer Saturus und Perpetua, die sie selbst niedergeschrieben haben. Den Sekundulus aber hat Gott durch einen frühern Ausgang aus der Welt noch im Kerker abgerufen, nicht ohne besondere Gnade, da die Tiere ihm erspart blieben. Wenn auch nicht seine Seele, so hat doch sicherlich sein Leib das Schwert kennen gelernt.

Was aber die Felizitas angeht, so wurde ihr die Gnade des Herrn auf folgende Weise zuteil. Als sie schon acht Monate schwanger war – denn in diesem Zustande wurde sie festgenommen – und der Tag des Schauspieles näher kam, war sie in tiefer Trauer, sie möchte wegen ihrer Schwangerschaft zurückbleiben müssen, da es nicht gestattet ist, Schwangere hinzurichten, und möchte später unter anderen Verbrechern ihr heiliges und unschuldiges Blut vergießen. Aber auch ihre Mitmärtyrer waren darüber sehr betrübt, daß sie eine so gute Genossin wie eine Begleiterin allein auf demselben hoffnungsvollen Wege zurücklassen sollten. Sie flehten und beteten daher einmütig drei Tage vor dem Festspiele zum Herrn. Und gleich nach dem Gebete befielen sie die Wehen. Als sie wegen der Schwierigkeiten, die immer eine Geburt im achten Monate macht, viele Schmerzen litt, sagte einer von den wachhaltenden Dienern: Wenn du jetzt so jammerst, was wirst du erst tun, wenn du den Tieren vorgeworfen bist, die du, als du nicht opfern wolltest, verachtetest? Sie aber antwortete: Jetzt leide ich selbst, was ich leide; dort aber wird ein anderer in mir sein, der für mich leidet. weil auch ich für ihn leiden werde. So hat sie ein Mädchen geboren, welches sich dann eine Schwester zur Tochter auferzogen hat.

Da nun der Heilige Geist es gestattete, ja es bestimmte, daß der Verlauf dieses Festspieles beschrieben werde, so erfüllen wir, obgleich wir der Vollendung der Beschreibung einer solchen Herrlichkeit unwürdig sind, dennoch in gewissem Sinne ein Gebot, ja den letzten Willen der heiligen Perpetua, indem wir noch einen Beweis ihrer Standhaftigkeit und Geistesgröße beifügen. Als sie von dem Tribunen deshalb in der Nahrung knapper gehalten wurden, weil er nach den Zuflüsterungen einfältiger Menschen fürchtete, sie möchten durch gewisse Zauberkünste aus dem Kerker entführt werden, sagte sie ihm ins Gesicht: Warum gestattest du denn nicht, daß wir, die wir doch so vornehme Verbrecher sind, daß wir am Geburtstage des Cäsar zu seiner Ehre in den Kampf gehen sollen, ordentlich genährt werden? Oder ist es nicht dein Ruhm, wenn wir stark und fett dort vorgeführt werden? Der Tribun erschrak, schämte sich und befahl, sie menschlicher zu behandeln, erlaubte auch, daß ihre Brüder und andere zu ihnen gehen und sich mit ihnen erheitern konnten. Damals wurde sogar der Kerkeraufseher gläubig.

Tags vorher, als sie jenes letzte Mahl, das man das freie nennt, soviel es ihnen möglich war, nicht als freies, sondern als Liebesmahl hielten, richteten sie mit derselben Unerschrockenheit Worte an das Volk, drohten mit dem Gerichte Gottes, beteuerten die Glückseligkeit ihrer Leiden und verspotteten die Neugierde des zusammengelaufenen Volkes, wobei Saturus sagte: Ist euch der morgige Tag nicht genug, weil ihr das gerne sehet, was ihr hasset? Heute seid ihr noch Freunde, morgen Feinde. Merkt euch aber nur gut unsere Gesichter. damit ihr uns am Gerichtstage wiedererkennet. Da gingen alle erschüttert von dannen und viele von ihnen glaubten.

Nun brach der Tag ihres Sieges an und sie traten hervor aus dem Kerker in das Amphitheater, als ob sie in den Himmel gingen, heitern und schönen Antlitzes, und wenn sie zitterten, so war es vor Freude, nicht aus Furcht. Perpetua kam langsamen Schrittes, wie eine Braut Christi, wie eine Dienerin Gottes; durch den hellen Blick ihrer Augen schlug sie die Blicke aller nieder. Ebenso kam Felizitas, froh, daß sie glücklich geboren hatte, um mit den Tieren zu kämpfen, von dem einen Blutvergießen zum anderen, zuerst Wehmutter, dann Fechterin, im Begriffe, sich nach der Geburt durch eine zweite Taufe zu reinigen. Als sie zum Tore geführt worden waren und die Kleider anlegen sollten, die Männer die der Saturnuspriester, die Frauen die der Ceresdienerinnen, da hat jene großmütige Standhaftigkeit bis zum Ende sich geweigert. Sie sagte nämlich: Darum sind wir freiwillig hierhin gekommen, damit uns unsere Freiheit nicht genommen werde; darum haben wir unser Leben preisgegeben, um nichts derartiges tun zu müssen; diesen Vertrag haben wir mit euch abgeschlossen. Die Ungerechtigkeit hat hier das Recht anerkannt; der Tribun gestattete, daß sie so, wie sie waren, ohne weiteres hereingeführt würden. Perpetua sang, indem sie schon dem Ägypter den Kopf zertrat; Revokatus, Saturninus und Satyrus wiesen das zuschauende Volk auf das kommende Strafgericht hin. Als sie darauf vor das Angesicht des Hilarianus kamen, sagten sie ihm mit Gebärden und Mienen: Du richtest uns, Gott wird dich richten. Das hierüber ergrimmte Volk verlangte, daß sie der Reihe nach von den Jägern mit Geißeln sollten gezüchtigt werden; sie allerdings freuten sich, daß sich auch etwas von den Leiden des Herrn erlangt hatten.

Aber der gesagt hatte: Bittet und ihr werdet empfangen, hat ihnen auf ihre Bitte den Ausgang gewährt, den ein jeder gewünscht hatte. Denn wenn sie so untereinander von dem Verlangen nach ihrem Martyrium redeten, dann bekannte Saturninus immer, er wünsche allen Tieren vorgeworfen zu werden, um nämlich eine herrlichere Krone zu bekommen. Und so wurden er und Revokatus beim Beginne des Schauspieles von einem Leoparden ergriffen und dann noch über das Gerüste hinaus von einem Bären zerrissen. Saturus aber scheute nichts mehr als den Bären und wünschte sich, schon allein durch den Biß eines Leoparden getötet zu werden. Als er daher einem Eber vorgeworfen wurde, wurde vielmehr der Jäger, der ihn dem Eber vorgeführt hatte, von dieser Bestie verwundet und starb nach den Festtagen; Saturus aber wurde nur geschleift. Und als man ihn dann für einen Bären an die Brücke band, wollte der Bär nicht aus seiner Höhle heraus; so wurde Saturus zum zweiten Mal unverletzt zurückgeführt.

Für die Frauen aber hat der Teufel eine sehr wilde Kuh bestimmt, die gegen die Gewohnheit hierfür herbeigeschafft worden war, damit auch die Bestie desselben Geschlechtes wäre. Sie wurden also entkleidet und mit Netzen umhüllt vorgeführt. Das Volk aber schauderte, da es in der einen ein zartes Mädchen, in der anderen eine junge Mutter mit noch milchtropfenden Brüsten sah. Darum wurden sie zurückgerufen und mit losen Gewändern bekleidet. Zuerst wurde Perpetua hingeworfen und fiel auf die Lenden; sie setzte sich aufrecht und zog ihr Kleid, das an der Seite zerrissen war, zurück zur Verhüllung ihres Oberschenkels, mehr um ihre Scham als um ihren Schmerz besorgt. Darauf flocht sie mit einer Nadel ihre Haare in einen Bund zusammen; denn es war ungeziemend, daß eine Märtyrin mit fliegenden Haaren litt, damit es nicht schien, als ob sie bei ihrer Verherrlichung trauere. So stand sie auf, und als sie die Felizitas am Boden liegend sah, trat sie zu ihr hinzu, reichte ihr die Hand und hob sie auf. Nun standen beide da und wurden, da die Grausamkeit des Volkes besiegt war, zum sanavivarischen Tore zurückgebracht. Dort wurde Perpetua von einem gewissen Rustikus, der damals noch Katechumene war und ihr anhing, aufgenommen; wie vom Schlafe erwacht – so sehr war sie im Geiste und in Verzückung gewesen – fing sie an, sich umzusehen und sagte zum Staunen aller: Wann werden wir denn jener, ich weiß nicht welcher, Kuh vorgeworfen werden? Als sie dann hörte, daß es schon geschehen war, glaubte sie es nicht eher, als bis sie einzelne Merkmale des überstandenen Leidens an ihrem Leibe und an ihrer Kleidung erkannte. Darauf ließ sie ihren Bruder kommen und redete ihn und den Katechumenen also an: Stehet fest im Glauben, liebet einander und nehmt an unseren Leiden keinen Anstoß!

Inzwischen redete Saturus an einem anderen Tore dem Soldaten Pudens zu und sagte: Bis jetzt habe ich überhaupt, sowie ich vorausgesehen und vorhergesagt habe, noch mit keinem der Tiere zu tun gehabt. Glaube jetzt von ganzem Herzen: Siehe ich gehe jetzt hier heraus und werde von einem einzigen Bisse eines Leoparden getötet. Und sofort wurde er am Ende des Schauspieles, als ein Leoparde losgelassen worden war, durch einen einzigen Biß desselben so mit Blut übergossen, daß das Volk ihm bei seiner Rückkehr Zeugnis von seiner zweiten Taufe gab, indem es rief: Möge dir das Bad wohl bekommen, möge dir das Bad wohl bekommen! Freilich war er in jeder Hinsicht geheilt, der also gewaschen worden war. Er sagte noch zu dem Soldaten Pudens: Lebe wohl, gedenke des Glaubens und meiner, und das hier möge dich nicht irre machen, sondern bestärken! Zugleich erbat er sich den Ring von seinem Finger, tauchte ihn in sein Blut und gab ihn ihm als Erbstück zurück, indem er ihm ein Unterpfand und ein Andenken an sein Blut hinterließ. Darauf wurde er, schon fast entseelt, mit den übrigen an die gewohnte Stelle geworfen, um den Todesstreich zu erhalten. Und da das Volk sie in der Mitte zu sehen verlangte, um seine Augen an ihrem Tode zu weiden, wenn das Schwert in ihren Leib drang, da erhoben sie sich selbst und begaben sich dahin, wohin das Volk wollte, nachdem sie vorher einander geküßt hatten, um ihr Martyrium mit dem feierlichen Friedenskusse zu vollenden. Die übrigen empfingen regungslos und lautlos den Todesstoß, am meisten Satyrus; er, der zuerst die Leiter hinaufgestiegen war, gab auch zuerst den Geist auf und erwartete die Perpetua. Perpetua aber, um doch auch etwas von Schmerzen zu kosten, schrie auf, als sie zwischen die Rippen getroffen wurde, und führte die schwankende Hand des noch unerfahrenen Gladiators zu ihrer Kehle. Vielleicht hätte eine solche Frau anders nicht getötet werden können, da sie von dem unreinen Geiste gefürchtet wurde, wenn sie nicht selbst gewollt hätte.

O heldenmütige und hochheilige Märtyrer! O wahrhaft Berufene und Auserwählte zur Herrlichkeit unseres Herrn Jesu Christi! Wer diese verherrlicht, ehrt und anbetet, der muß ohne Zweifel auch solche Beispiele, die den alten nicht nachstehen, zur Erbauung der Kirche lesen, damit auch die neuen Wunderkräfte dafür Zeugnis ablegen, daß ein und derselbe Geist bis jetzt noch fortwirkt und Gott der allmächtige Vater und sein Sohn Jesus Christus unser Herr, dem Ehre sei und unermeßliche Macht in alle Ewigkeit. Amen.

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