Rede über den Text: „der Sünder werde hinweggenommen, damit er Gottes Herrlichkeit nicht schaue!“

Von Ephräm d. Syrer (373)

Vorbemerkung.

Der syrische Text ist der Handschrift Cod. vat. 117, sect. 89 entnommen und in der römischen Ausgabe im II. syrisch-lateinischen Bande S. 344-350 abgedruckt. Die Autorschaft Ephräms ist noch durch den Cod. Musei Britannici Addit. 14 615 [10.-11. Jahrh.] und Cod. vat. 155, sect. 27 [16. Jahrh.] belegt, allerdings späte und daher nicht einwandfreie Zeugnisse.

Inhalt: Nach einer kurzen Vorbemerkung über das richtige Lesen der Hl. Schrift legt der Verfasser den erschütternden Sinn der gewählten Bibelstelle aus. Der Sünder, der sich nicht bekehrt, hat nichts anderes zu erwarten als die Hölle [1]; darum Aufforderung zur Traurigkeit nach dem Beispiel der Heiligen und unseres Herrn selbst [2]. Darstellung des Unglücks der Seele infolge der Sünde und der Liebe Gottes zu den Seelen [3]. Dann wird eifrige Sorge für die durch die Sünde getötete Seele empfohlen, sowie Trauer über ihren Verlust [4 u. 5]. Dringende Ermahnung zum Wiederaufbau der Seele, für die Christus starb, und deren Wert unermeßlich ist [6 u. 7]. Das Ganze ist nachdrückliche Zurede, die Seele zu retten. Im letzten Abschnitt wird dann noch vom Nutzen einer frommen Seele für andere Seelen und von den Wundern durch Reliquien hl. Märtyrer gehandelt [8]. [Nach Zingerle a. a. O. I,385.]

Der letzte Abschnitt [8] enthält einen Gedanken, bei dem wir noch etwas verweilen müssen. Dort bezeichnet nämlich der Redner die Gebeine der hl. Märtyrer als lebend und Leben spendend, als Schutzmauern gegen Räuber und Plünderer. „Siehe doch, welch’ ein Leben in den Gebeinen der Märtyrer! Wer sollte meinen, daß sie nicht leben? Siehe, wie ihre Grabstätten leben; wer kann daran zweifeln? Sie sind feste Burgen, die vor den Räubern erretten; ummauerte Städte, die vor den Plünderern schützen; hohe und starke Türme für den, der zu ihnen seine Zuflucht nimmt; denn sie retten aus den Händen der Mörder, und der Tod wagt es nicht, sich ihm zu nähern.“

Damit vergleiche man die Strophen 19-21 des 13. Carmen Nisibenum des hl. Ephräm. In diesen schreibt er die Errettung der Stadt Nisibis aus den Belagerungen der Perser in den Jahren 346 und 350 dem Umstände zu, daß sie das Grab ihres Bischofs, des hl. Jakobus [297- 338], in sich barg und damit ein unvergleichliches Palladium besaß. Er ermahnt daher die Nachbarstädte, ebenfalls ein solches Palladium in ihre Mauern aufzunehmen. „Kluge Töchter Nisibis, ahmt Nisibis nach, das in seinem Innern einen Leichnam beisetzte, damit er ihm nach außen zur Mauer sei. Setzet ebenso einen lebenden Leichnam bei euch bei, damit er euch zur Mauer für euer Leben sei“.

Dieser lebende Leichnam findet seine Erklärung in 8 unserer Rede, wonach die toten Gebeine der Heiligen Leben haben und spenden.

Aus dieser Gedankenverwandtschaft kann man nun allerdings noch nicht schließen, daß die Rede von Ephräm sein muß; aber der ephrämische Ursprung wird dadurch wahrscheinlicher.

Wer in den hl. Schriften liest und ihre Worte aufmerksam hört, der versteht den Sinn ihrer Aussprüche, wenn sein Geistesauge lauter ist. Erschütternd und schrecklich ist die Stelle, die uns soeben aus der Hl. Schrift vorgelesen wurde. Zuhörern, welche sie mit Verständnis anhören, flößt sie Schrecken ein. Sie enthält eine fürchterliche Sentenz, die über den Sünder ergeht: „Der Sünder“, so lautet sie, „werde hinweggenommen, damit er die Herrlichkeit des Herrn nicht schaue!“ Es werde also der Gottlose dahingerafft an den Ort, wo kein Lobgesang ertönt! Aber alles ruft zu Gott und verkündet täglich seine Herrlichkeit; selbst die sprachlosen Geschöpfe unterlassen es nicht, ihn zu preisen. „Die Himmel erzählen seinen Ruhm und das Firmament das Werk seiner Hände“. Die Erde ruft sein Lob aus, und das Meer ist ein Herold seiner Wundermacht. Nichts gibt es, das nicht den Ruhm Gottes, seines Herrn, erzählen würde, selbst die kleinste Mücke verkündet die Herrlichkeit ihres Herrn. Wohin kann also der Sünder kommen, daß er die Herrlichkeit des Herrn nicht schaue? An welchen Ort soll man ihn stürzen, damit er von seinem Lobe entfernt sei? Wenn er in den Himmel hinaufsteigt, dann schilt ihn dieser und nimmt ihn nicht auf. Wenn er auf der Erde bleiben will, so gestattet sie es ihm nicht. Wenn er sich ins Meer stürzt, so wirft es ihn aus. Daher glaube ich, meine Freunde, daß er aus der Welt hinaus in jene äußerste Finsternis wandern muß, die voll Furcht und Schaudern ist, wohin kein Loblied dringt und wo kein Ruhm verkündigt wird, weil sie fern von Gott ist und er dort seine Verherrlichung nicht gestattet. Die Qualen und Seufzer, die Bedrängnisse und Peinen, der unaufhörlich verzehrende Wurm und das unablässig brennende Feuer verschließen den Mund der Sünder jedem Rühmen und Preisen. Ihr Elend läßt sie weder sehen noch hören, ihr zähneknirschender Mund vermag keinen Laut des Lobes von sich zu geben, und ihre Zunge kann nur Wehe über Wehe kreischen, aber keine Silbe eines Preises hervorbringen. Die Augen voll Finsternis sehen das Licht der Glorie nicht. Wem der Wurm an den Gliedern nagt, der denkt nur an seinen Jammer, und wen die Hölle brennt, der sieht nur ihr Feuer.

Wohlan denn, Sünder, weinen wir hier, damit wir nicht dort weinen müssen! Kommt, wir wollen hienieden Trauer und Leid tragen, damit unsere Trauer nicht jenseits groß sei! Alle Gerechten und Heiligen gefielen dem Herrn durch Trauer und Schmerz und versöhnten ihn durch Tränen. 930 Jahre lang beweinte Adam seinen Fall, durch den er sich von Gottes Herrlichkeit im Paradiese entfernt hatte. Die Schönheit seiner Wangen wurde durch die Tränen entstellt, die seine Augen vergossen, und die heißen Zähren verursachten ihm schmerzhafte Geschwüre. Henoch, der Gott wohlgefällig war und den Tod nicht kostete, sah das Ende des Abel und trug darüber Leid und Kummer 320 Jahre lang. Er sah den ersten Toten stinkend, vermodert und entstellt, und weinte und klagte darüber sehr, bis er entrückt wurde, ohne den Tod zu kosten. Der gerechte Noë trauerte über jenes sündige Geschlecht, von dem er wußte, daß es durch die Wasserflut des [göttlichen] Zornes vernichtet werde. 500 Jahre hindurch hatte er die Jungfräulichkeit rein bewahrt, und darum bewahrte ihn auch Gott, daß er nicht mit jenem Geschlechte unterging. Abraham, Isaak und Jakob hatten in dieser Welt ein mühseliges und beschwerliches Leben, voll Nöten und Prüfungen, durchgemacht und gingen dann aus ihr hinüber. Wer vermöchte wohl die Prüfung zu schildern, die über Job gekommen ist? Eine ganze Jahreswoche saß er auf dem Aschenhaufen. Wie viele Tränen, wie viele Zähren mögen seine Augensterne vergossen und geweint haben, da er sehen mußte, wie die Würmer sein Fleisch zernagten und verzehrten, so daß nur mehr das Gebein übrig blieb? Wer hat wohl soviel gelitten wie er? Wenn man seine Geschichte nur hört, so wird schon die Seele von Wehmut ergriffen. David benetzte sein Lager mit nächtlichen Tränen, aß Asche wie Brot und mischte seinen Trank mit Zähren. Wie viele Tränen entströmten nicht den Augen des Jeremias, des Mannes der Schmerzen, der alle Tage seines Lebens mit Weinen und unter Tränen zubrachte! Seine Betrübnis überstieg alles Maß; darum flehte er zu Gott, daß er seinem Haupte Wasser und seinen Augen eine Wasserquelle geben möchte. Ezechiel, der die mit Wehklagen, Trauerliedern und Drohworten beschriebene Buchrolle aß, lag, weil er die Sündhaftigkeit seines Volkes zu tragen hatte, 390 Tage auf beiden Seiten, da die Sünde seines Volkes ihn niederdrückte, und sein Haus wurde ihm zum Grabe. Die große Schuld jenes Volkes band ihn gleichsam mit Ketten, so daß er auf jeder Seite 195 Tage liegen musste. Vom Herrn der Höhen und der Tiefen, der Grenzen und Gegenden der Welt steht geschrieben, daß er, als er herabgestiegen war und auf Erden wandelte, über Jerusalem geweint hat. Es steht über unseren Herrn nicht geschrieben, daß er gelacht habe, wohl aber, daß er geweint und Tränen vergossen hat. Als er über den Lazarus weinte, weinte er zugleich über alle Toten; denn er sah sein Abbild vom Tode zerbrochen und in die Verwesung weggeworfen. In seiner Güte schmerzte es ihn tief, daß er sein geliebtes Ebenbild entstellt und ins Grab geworfen, ja zum Entsetzen und zum Abscheu geworden sehen mußte.

Die durch die Sünde getötete Seele bedarf des Schmerzes, der Wehklage, der Tränen, der Trauer und der Klageseufzer über die Gottlosigkeit, welche sie verdorben und zugrunde gerichtet hat. Weil sie von Gott entfernt ist, darum wehklage, weine und seufze über sie und bringe sie so wieder in Gottes Nähe, und zwar klage mehr als eine Mutter, welcher der Tod den Sohn entriß und ins Grab warf, darüber wehklagt, daß ihr Liebling dahingeschieden ist! Ebenso trennt die Sünde den Menschen von Gott, und seine Güte betrübt sich darüber, daß sein Ebenbild, voll von Schönheit, zugrunde ging. Wenn du ein dir gehöriges Tier verlierst, so ist es dir leid; selbst wenn du es auch nur kurze Zeit in deinem Besitze gehabt hast, so betrübt dich dennoch sein Verlust. Noch vielmehr bedauert es Gott, wenn sein Ebenbild verloren ging. Eine Seele ist ja Gott viel teurer als die ganze übrige Schöpfung, Durch die Sünde aber stirbt sie, und du, o Sünder, nimmst es nicht zu Herzen! Betrübe dich doch Gottes wegen, der sich deinetwegen betrübt! Infolge der Sünde ist deine Seele tot; laß deine Tränen fließen und erwecke sie dadurch wieder von dem Tode! Bereite doch Gott diese Freude; denn er freut sich, wenn du deine Seele wieder auferweckst! Es gibt einen Vogel, welcher seine Jungen auferweckt; stirbt seine Brut weg, erweckt er sie sofort wieder zum Leben. Wenn er Junge bekommen hat, so freut er sich darüber ungemein und erstickt sie durch viele Liebkosung, so daß sie sterben. Wenn er nun sieht, daß sie tot sind, daß sie sich nicht mehr rühren und regen, so ist er darüber drei Tage lang traurig und betrübt; vor Schmerz und Leid nimmt er weder Futter noch Trank zu sich, weicht aber nicht von ihrer Seite, sondern bleibt bei ihnen und bewacht sie. Dann rizt er sich den Leib auf und beträufelt sie mit seinem Blute, und nach Gottes Anordnung werden die toten Jungen wieder lebendig. Wenn nun ein Vogel seine Brut in solcher Weise vom Tode zu erwecken versteht, dann erwecke auch du, Sünder, deine durch die Sünde gestorbene Seele wieder zum Leben! Wenn nun Gott schon mit dem Pelikan Mitleid hat, so daß er dessen Junge wieder belebt, um wieviel mehr wird er erst mit deiner Seele Mitleid haben, die du nicht auferwecken willst! Wenn der Pelikan aus Gram über seine Brut sich selbst zu töten sucht, ergreift den Schöpfer Mitleid, und er erweckt seine Jungen vom Tode. Wenn aber eine Seele durch die Gottlosigkeit stirbt und sich von Gott trennt, dann grämt sich Gott noch viel mehr über das von ihm getrennte Ebenbild.

Weine und trauere daher über deine von Gott getrennte Seele; er ist ja auch deinetwegen betrübt, wie eine Mutter um ihren einzigen Sohn! Wer bei einem Toten lacht, haßt dessen Eltern; fühlt er aber Schmerz und Leid, so zeigt er durch Weinen seine Liebe. Und wer, obwohl durch die Sünde gestorben, fröhlich ist, haßt Gott, der um ihn Leid und Trauer hegt. Gott trauert und härmt sich über eine gestorbene Seele; wer dabei lacht und scherzt, vergrößert Gottes Schmerz. Gleichwie derjenige, der [bei einem Toten] lacht und scherzt, den Schmerz und das Weh dessen vermehrt, der seinen Toten begräbt, ebenso vermehrt Gottes Leid, wer sich beim Sündigen freut. Kein Vater, der seinen Liebling begraben muß, empfindet solches Weh, wie Gott über eine Seele, welche die Sünde gemordet hat. Trauere daher über deine Seele und zeige dadurch Gott deine Liebe, der über die Seele, welche gesündigt hat und gestorben ist, Leid und Kummer trägt! Gott trauert über das Sterben der Seele, die ja sein Ebenbild ist; wer sich also freut und keinen Schmerz fühlt, gleicht ganz dem Teufel. Wer zu einem Toten kommt, wird beim Anblick der über ihn herrschenden Trauer innigst gerührt und trauert mit den Trauernden. Wenn aber eine Seele durch Gottlosigkeit ihr Leben verloren hat, dann steigt die Trauer um sie sogar zum Himmel empor, und die Engelscharen trauern, und Gott selbst ist tiefbetrübt. Wer nun da noch an Freude Lust hat und nicht vielmehr über seine Seele weint, der ist in Wahrheit ein Verworfener, der nicht einmal weiß, daß er eine Seele hat.

Weine also über deine Seele, o Sünder; laß Tränen auf sie herabströmen und erwecke sie dadurch wieder zum Leben! Siehe, ihre Auferweckung liegt an deinen Augen, und ihre Auferstehung ist deinem Herzen anheimgegeben. Du bist tot, und dennoch weinst du nicht darüber, daß deine Seele sich von dir trennte! Weine doch zuerst über deine Seele, dann magst du andere beweinenl Du weinst über einen toten Körper, weil die Seele von ihm geschieden ist; allein über die Seele, welche tot und von Gott getrennt ist, weinst du nicht! Die Tränen, welche auf eine Leiche niederfallen, erwecken den toten Körper nicht mehr zum Leben; strömen sie aber auf die Seele nieder, so erwecken sie dieselbe und machen sie wieder auferstehen. Nicht wegen des Leibes gibt es Tränen, Betrübnis und Trauer; sondern der Seele wegen hat sie Gott gemacht, damit du sie dadurch wieder zum Leben erweckest. Weihe daher Gott Zähren und vergieße Tränenbäche aus deinen Augen; dann wird durch die Tränen und durch seine Gnade die tote Seele wieder zum Leben erweckt. Siehe, der Barmherzige wartet auf dich, daß du ihm die Tränen deiner Augen vergießest, damit er durch sie sein entstelltes Ebenbild, die Seele, reinige und erneue. Du hast deine Seele getötet; erwecke sie nun selbst wieder aus der Gottlosigkeit! Nicht jemand anderer hat dich getötet und vernichtet, dein eigener Wille hat dich getötet und niedergeworfen. Hätte dich jemand anderer getötet, so müßte dieser dich auferwecken; weil aber dein eigener Wille dich getötet hat, muß er selbst dich wieder auferwecken.

„Bei Lässigkeit der Hände wird das Haus durchlässig, fällt ein und geht zugrunde.“ So belehrt dich der Prediger. Baue denn deine Seele, die verwüstet und zerfallen ist, wieder auf! Wenn dein Haus einfällt, so baut es dir kein anderer auf; wenn du selbst deine Wohnung nicht wiederherstellst, so bleibt sie immerfort zerstört. Durch die Sünde hast du deine Seele zerstört, richte sie wieder auf durch die Buße! Durch die abscheuliche Sünde hast du sie niedergeworfen, richte sie wieder auf durch schöne Taten! Wenn du die Sonne tötest, so magst du wie Gott sprechen: „Ich bin’s, der tötet, und ich bin’s, der Leben gibt“. Ich töte die Sünde, damit sie nicht mehr in meinen Gliedern herrsche, und rufe die Gerechtigkeit ins Leben zurück, indem ich Gutes tue. Ich schlage die abscheuliche Sünde und vertreibe sie aus der Seele; ich heile sie wieder durch Tugend und Rechtschaffenheit. Die Gedanken der Seele sind verstreut wie die verdorrten Gebeine; sammle sie aus der ganzen Welt und erwecke sie in Gott wieder zum Leben! Weissage wie Ezechiel über deine verdorrten Gedanken und laß sie die Worte Gottes vernehmen, der die Toten belebt! Überziehe durch einen nie versagenden Geist die Gebeine mit einer Haut, und durch einen festen Sinn verbinde sie mit Gott! Weissage und rufe den Geist, daß er in die Getöteten eingehe und sie belebe! Hauche in sie den Hauch des Lebens, die göttlichen Lehren! An dem Eingang der Hölle, wo die häßliche Sünde, diese Mörderin, haust, liegen die Gebeine der Seele, ihre Gedanken an Irdisches, verstreut. Rufe, erwecke sie [die Gebeine d. h. die Gedanken], laß sie auferstehen, tue das Wunder und das Zeichen kund, an dir selbst kannst du so die Auferstehung darstellen, die der Prophet geschaut hat. Wenn im Himmel Freude herrscht über den Sünder, der sich bekehrt, sich der Buße zuwendet und bei Gott Aufnahme findet, so herrscht dort umgekehrt Trauer über den Sünder, der sich nicht bekehrt, und es schmerzt Gott sehr, daß du dich der Buße nicht zuwendest. Kommst du aber zu ihm, so bereitest du den Engeln Freude, welche über dich erfreut sind.

Durch das Blut des Sohnes Gottes wurde deine Seele, o Sünder, erlöst; denn alle Welten insgesamt reichten nicht hin, dein Lösegeld zu sein. Die Erde und das Meer und alles, was in ihnen ist, waren zu geringfügig, um dein Lösegeld zu sein. Alle himmlischen Scharen, die Feuer und Geist sind, nahmen den Tod nicht auf sich, um für deine Seele das Lösegeld zu sein. Den geliebten Sohn selbst gab der Vater dem Tode als Lösegeld hin. Er hatte nur einen Eingeborenen, und dennoch, schonte er seiner nicht, sondern gab ihn für dich hin. Ihn, den Ursprung alles Lebens, überlieferte er für dein Leben dem Tode. Ihn, vor dem der Tod zittert, band er und warf er dem Tode hin. Der Tod heftete ihn ans Kreuz und schrieb mit den Nägeln deinen Kaufbrief. Siehe also, um welchen Preis du erkauft bist! Geh’ doch deinem Käufer nicht verloren! Sein Leben fordert dein Leben, wenn du in der Sünde lebst, und sein Tod fordert deinen Tod, wenn du Werke des Todes tust. Siehe, sein kostbares Blut schreit am Throne der Gottheit, daß es deinetwegen vergossen wurde, und du gehst trotzdem durch die Sünde verloren! Wer sich einen Sklaven gekauft hat, verliert durch den Verlust desselben nicht bloß den Gekauften, sondern mit ihm auch seinen Kaufpreis. Ebenso geht auch an uns das Leiden und Sterben Gottes verloren, der deinetwegen dahingegeben wurde, und du bist vom Tode nicht erlöst. Wenn deine Seele [durch die Reue] zerschlagen ist, dann reut ihn ihr Lösegeld nicht; geht sie aber verloren, dann reut ihn der Tod seines Sohnes. Er schonte nicht seines geliebten Sohnes, sondern gab ihn für dich dem Tode preis; wenn du aber dann durch Gottlosigkeit zugrunde gehst, so bereitest du jenem, der dich erkauft hat, Trauer. Der Tod hat deinen Lösepreis, das Leiden und Sterben Gottes, empfanden; da nun deine Seele zum Leben erkauft ist, so soll der Tod dein Leben nicht mehr vernichten.

Eine Seele, die in Gott lebt, kann auch anderen das Leben wieder geben. Wenn du dies klar hören willst, so steht dir folgendes Zeugnis zu Gebote. Elisäus, der das Leben seiner Seele bewahrte, erweckte zwei Tote wieder zum Leben: den einen, als er [Elisäus] noch auf unserer Welt war, den andern, nachdem er schon dahingegangen war. Seine Seele lebte in Gott und gab dem einen Leichnam das Leben wieder, und nachdem sie ihn bereits verlassen hatte, gab er noch dem andern das Leben wieder zurück. Die Seele des Propheten hatte von Gott das Leben empfangen, und nachdem sie schon von ihm geschieden war, gab er noch einem das Leben wieder, der gleich ihm tot war. Siehe doch, welch ein Leben in den Gebeinen der Märtyrer! Wer sollte meinen, daß sie nicht leben? Siehe, wie ihre Grabstätten leben; wer kann daran zweifeln? Sie sind feste Burgen, die vor den Räubern erretten; ummauerte Städte, die vor den Plünderern schützen; hohe und starke Türme für den, der zu ihnen seine Zuflucht nimmt; denn sie retten aus den Händen der Mörder, und der Tod wagt es nicht, sich ihm zu nähern. Wer vom Neide und von der Hinterlist, diesem verderblichen Seelengifte, angesteckt ist, erhält von ihnen Heilmittel, die das Gift unwirksam machen, so daß es nicht schadet. Wer Unrecht getan, bete, daß er nicht mehr Unrecht tue; wer gestohlen hat, bete, daß er nicht mehr stehle; wer der Liebe bar und voll des Grolles gegen den Nächsten ist, erflehe von ihnen durch Gebet Friedfertigkeit, auf daß er sich mit dem Nächsten wieder versöhne! Wer vom Teufel der Unzucht besessen und von schändlicher Lust entbrannt ist, der salbe sich mit dem Öle, das vor ihnen gebrannt wird, und der böse Geist wird von ihm weichen. Sie sind Ärzte, die um die Heilung eifrig bemüht sind; sie tragen die Heilwurzeln des Lebens bei sich, Genesung für Seele und Leib, geistige Arznei, die Seele und Leib heilt. Sie fordern von dir nur Glauben und gewähren dir dann, was immer du begehrst. Hegst du in deinem Geiste keinen Zweifel, so wirst du, auch wenn du schon gestorben bist, wieder aufleben. Gott wohnt in ihren Gebeinen, und durch ihn wirken sie alle Wunder. Dir sei Preis, über uns aber komme deine Barmherzigkeit, o Gott, der du in den Gerechten wohnst!

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