Mystagogische Katechesen an die Neugetauften

Von Cyrill von Jerusalem (387)

I. MYSTAGOGISCHE KATECHESE

 

An die Neugetauften

Lesung aus dem ersten katholischen Briefe Petri von „Seid nüchtern und wachsam“ bis zum Schluß des Briefes.

Schon längst habe ich darnach verlangt, mit euch, ihr wahren, ersehnten Kinder der Kirche, mich über diese geistigen, himmlischen Geheimnisse zu unterhalten. Da ich jedoch gut wußte, daß man sich auf das, was man sieht, viel mehr verläßt als auf das, was man hört, so wartete ich auf den heutigen Tag. (Erst jetzt), da ihr auf Grund dessen, was ihr nun erlebt habt, für die Lehre empfänglicher geworden seid, will ich euch auf die lichte, wohlriechende Wiese dieses Paradieses führen. Von besonderer Bedeutung ist es, daß ihr, nachdem ihr der göttlichen, lebenspendenden Taufe gewürdigt worden seid, auch noch der göttlicheren Geheimnisse teilhaftig wurdet. Da es notwendig ist, euch jetzt erhabenere Lehren aufzutragen, wohlan, so wollen wir euch darin genau unterrichten, damit ihr das wertvolle Erlebnis jenes Taufabendes versteht.

Zuerst tratet ihr in die Vorhalle des Baptisteriums. Nachdem ihr euch gegen Westen aufgestellt hattet, fingt ihr an zu hören.. Dann wurde euch befohlen, die Hand auszustrecken, und ihr widersagtet dem Satan, als wäre er anwesend gewesen.

In der alten Geschichte — das müßt ihr wissen — ist dieser Vorgang angedeutet. Als Pharao, dieser grausame, rohe Tyrann, das freie, edle Volk der Hebräer knechtete, da sandte Gott den Moses, um sie aus der schlimmen Knechtschaft der Ägypter zu befreien. Mit dem Blute eines Lammes wurden die Türpfosten bestrichen, damit der Verderber an den Häusern vorüberginge, welche das Zeichen des Blutes hatten. Wunderbar war es, wie das Volk der Hebräer befreit wurde. Als der Feind, dieselben auch noch nach ihrer Befreiung verfolgend, sah, wie sich das Meer wunderbar für sie teilte, rückte er trotz allem ihnen auf dem Fuße nach, wurde aber plötzlich in den Wogen des Roten Meeres versenkt.

Wende dich von der alten Geschichte zur neuen, vom Vorbild zur (vorgebildeten) Wahrheit! Dort wird Moses von Gott nach Ägypten geschickt, hier wird Christus vom Vater in die Welt gesandt. Dort soll (Moses) das bedrückte Volk aus Ägypten führen, hier soll Christus die in der Welt unter der Sünde leidenden Menschen erlösen. Dort hatte das Blut des Lammes den Würger abgewandt, hier vertreibt das Blut des unbefleckten Lammes Jesus Christus die Dämonen. Der erwähnte Tyrann setzte jenem alten Volke nach bis zum Meer; dich verfolgte dieser freche, unverschämte, grundschlechte Dämon noch bis zu der Quelle des Heiles. Jener versank im Meer; dieser verschwindet im Wasser des Heiles.

Wahrlich, trotz allem hörst du, wie man, die Hand gegen den Dämon ausgestreckt, als wäre er anwesend, erklärt: „Ich sage mich von dir los, Satan“.

Ich will auch auseinandersetzen, warum ihr euch gegen Westen aufstelltet. Es ist notwendig. Da der Westen die Gegend der sichtbaren Finsternis ist, der Satan aber, die Finsternis, in der Finsternis regiert, darum schaut ihr, um dies sinnbildlich auszuprägen, gegen Westen, wenn ihr jenem dunklen, finsteren Herrscher widersaget. Was hat nun jeder von euch stehend gesprochen? „Ich sage mich los von dir, Satan“, von dir, dem schlimmen, grausamsten Tyrannen. Nicht mehr — sagtest du — fürchte ich deine Macht. Denn Christus hat, indem er gleich mir Fleisch und Blut angenommen hat, um dadurch den Tod im Tode abzutun, jene Macht zerstört, damit ich nicht ständig der Knechtschaft unterworfen bin. Ich sage mich los von dir, der schlauen und gar verschmitzten Schlange. Ich sage mich los von dir, dem hinterlistigen Feinde, der unter dem Vorwand der Freundschaft nur Sünden angestiftet und unseren Stammeltern den Abfall bewirkt hat. Ich sage mich los von dir, o Satan, dem Urheber und Diener aller Bosheit.

Eine zweite Formel lehrt dich sodann sagen: „und von allen deinen Werken“. Zu den Werken des Satans gehört jede Sünde. Von ihr muß man sich lossagen, gleichwie der, welcher sich von einem Tyrannen losgesagt hat, auch dessen Waffen vollständig wegwirft. Jede Art von Sünde wird zu den Werken des Teufels gerechnet. Wahrlich, du sollst wissen, daß vor allem das, was du in jener so weihevollen Stunde sagst, eingeschrieben ist in den Büchern Gottes: Wenn du nun etwas tust, was jenen Erklärungen widerspricht, wirst du als wortbrüchig verurteilt werden. Du sagst dich also los von den Werken des Satans, nämlich von allen vernunftwidrigen Handlungen und Gedanken.

Weiter erklärst du: „und von allem seinem Gepränge“. Zu diesem Pomp des Teufels aber gehören Bühnenleidenschaft, Pferderennen, Treibjagden und alle derartigen Eitelkeiten, wovon der Heilige bittet, befreit zu werden, indem er zu Gott spricht:„Wende ab meine Augen, daß sie nichts Eitles schauen!“ Verlange nicht gierig nach den Leidenschaften der Bühne, wo frech und ohne allen Anstand schlüpfrige Schauspiele der Mimen aufgeführt werden und rasende Tänze weibischer Männer!Verlange nicht gierig nach den Leidenschaften derer, welche, um ihren elenden Bauch zu befriedigen, auf der Jagd sich dem Kampfe mit wilden Tieren aussetzen! Sie möchten ihren Bauch füttern, werden aber tatsächlich selbst zur Nahrung im Bauche wilder Tiere im Kampfe — um es richtig zu sagen — für ihren Gott, den Bauch. Meide auch die Pferderennen, das rasende Schauspiel, wo Seelen stürzen! All das gehört zum Gepränge des Teufels.

Auch das, was in Götzentempeln und auf festlichen Märkten aufgehängt ist, sei es Fleisch oder Brot oder anderes dergleichen, gehört, weil durch Anrufung der unreinen Dämonen beschmutzt, zum Pompe des Teufels. Gleichwie nämlich das Brot und der Wein der Eucharistie vor der Anrufung der heiligen, anbetungswürdigen Dreifaltigkeit gewöhnliches Brot und gewöhnlicher Wein ist, nach der Anrufung aber das Brot zum Leibe Christi und der Wein zum Blute Christi wird, ebenso werden solche Eßwaren vom Pompe des Satans, obwohl sie von Natur aus gewöhnliche Dinge sind, durch die Anrufung der Dämonen unrein.

Hierauf sagst du: „und deinem Dienste“. Teufelsdienst aber ist das Beten in den Götzentempeln und, was zur Ehre der leblosen Götterbilder geschieht, das Anzünden der Lampen oder das Räuchern an Quellen oder Flüssen; denn manche sind, von Träumen oder Dämonen getäuscht, dahingegangen und meinten, Heilung in ihren körperlichen Leiden zu finden. Gib dich damit nicht ab! Beobachtung des Vogelfluges, Wahrsagerei, Zeichendeuterei, Amulette, beschriebene Täfelchen, Zauber- oder andere böse Künste und, was es dergleichen gibt, gehören zum Teufelsdienst. Meide sie! Würdest du, nachdem du dich vom Satan losgesagt und für Christus verpflichtet hast, in diese Sünden fallen, dann bekämst du noch mehr die Bitterkeit des Tyrannen zu erfahren, den du jetzt sehr erbitterst, zumal wenn er dich einst als Freund geehrt und dich vor seiner bitteren Knechtschaft bewahrt hatte. Christi würdest du beraubt werden und den Satan bekämst du zu fühlen.

Hast du nicht gehört, was uns die alte Geschichte über Lot und seine Töchter berichtet? Ist er nicht mit seinen Töchtern, nachdem er den Berg erreicht hatte, gerettet worden, während sein Weib zu einer Salzsäule wurde, ein Denkmal für ewige Zeit, eine Erinnerung an ihr unseliges Verlangen und Umschauen. Habe acht auf dich! Wenn du die Hand an den Pflug gelegt hast, wende dich nicht wieder um nach dem salzigen Treiben dieses Lebens! Fliehe vielmehr auf den Berg zu Jesus Christus, dem Stein, der ohne menschliches Zutun sich losgerissen und den Erdkreis erfüllt hat!

Wenn du dich nun vom Satan lossagst und den ganzen Bund mit ihm, die alten Verträge mit der Hölle, vollständig auflösest, dann öffnet sich dir das Paradies Gottes, welches er gegen Osten gepflanzt hatt , woraus aber unser Stammvater seiner Sünde wegen vertrieben worden war. Zum Zeichen dafür wandtest du dich von Westen nach Osten, der Gegend des Lichtes. Dann wurde dir befohlen, zu sagen: „Ich glaube an den Vater und an den Sohn und an den Hl. Geist und an eine Taufe der Buße.“ Darüber wurde in den früheren Katechesen, wie es die Gnade Gottes gegeben hat, ausführlich zu dir gesprochen.

Stelle dich durch diese Worte (des Glaubens) sicher und sei wachsam! Denn unser „Widersacher, der Teufel, geht“ — wie vorhin vorgelesen wurde — “wie ein Löwe umher und sucht, wen er verschlingen könne“. Zuvor hatte wahrlich der Tod noch die Macht und verschlang. Im heiligen Bade der Wiedergeburt aber „trocknete Gott jede Träne in jedem Angesicht“. Denn da du den alten Menschen ausgezogen hast, trauerst du nicht mehr; vielmehr bist du in festlicher Stimmung, da du das Gewand des Heiles, Jesus Christus, angezogen hast.

Was ich da erwähnte, geschah in dem äußeren Hause. Wenn wir bei den folgenden Erklärungen der Geheimnisse in das Allerheiligste eintreten, dann werden wir, so Gott will, dort die Bedeutung der daselbst (═ im Baptisterium) sich vollziehenden Handlungen kennen lernen.

Gott dem Vater sei Ehre, Herrschaft, Herrlichkeit mit dem Sohne und dem Hl. Geiste in alle Ewigkeit. Amen.II. MYSTAGOGISCHE KATECHESE Über die Taufe.

II. MYSTAGOGISCHE KATECHESE

 

Über die Taufe

Lesung aus dem Briefe an die Römer von der Stelle:
„Oder wisset ihr nicht, daß wir alle, die wir in Christus Jesus getauft wurden, in seinen Tod getauft wurden?“ bis zu den Worten: „Denn ihr seid nicht unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade“
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Die jetzigen täglichen mystagogischen Lehren, welche auf die letzten Vorgänge eingehen, sind wertvoll für uns, ganz besonders aber für euch, die ihr aus dem Alter in die Neuheit erneuert worden seid. Notwendig ist es daher, dem gestrigen mystagogischen Vortrag für euch eine Fortsetzung zu geben. Ihr sollt die Bedeutung dessen lernen, was ihr in dem inneren Hause getan habt.

Gleich nachdem ihr eingetreten wart, habt ihr euch entkleidet. Dadurch war versinnbildet, daß ihr den alten Menschen mit seinen Handlungen ausgezogen habt. Nachdem ihr die Kleider abgelegt hattet, waret ihr nackt. Auch hierin habt ihr Christus nachgeahmt, der da am Kreuze entblößt worden war und durch seine Entblößung die Herrschaften und Mächte bloßgestellt hatte, indem er am Kreuze offen über sie triumphierte. Weil nämlich in euren Gliedern die feindlichen Mächte hausten, dürft ihr nimmermehr jenes alte Kleid tragen. Ich meine durchaus nicht dieses sichtbare Kleid, sondern „den alten, von trügerischen Begierden verderbten Menschen“. Die Seele möge diesen, wenn sie ihn einmal ausgezogen hat, nicht wieder anziehen, sondern wie die Braut Christi im Hohen Liede sprechen: „Ich habe mein Kleid ausgezogen, wie soll ich es anziehen?“ Merkwürdig! Ihr waret nackt vor den Augen aller und schämtet euch nicht. Ihr waret in der Tat dem ersten Menschen Adam gleich, der im Paradiese nackt war und sich nicht schämte.

Als ihr entkleidet wart, wurdet ihr mit exorzisiertem Öle vom Scheitel bis zu unterst gesalbt und erhieltet Anteil an dem edlen Ölbaum Jesus Christus. Ihr wurdet nämlich vom wilden Ölbaum abgeschnitten und auf den edlen Ölbaum aufgepfropft und erhieltet Anteil an der Fettigkeit des wahren Ölbaumes. Das exorzisierte Öl versinnbildete also die Teilnahme an der Fettigkeit Christi; es vertrieb jede Spur feindlicher Kraft. Gleichwie das Anblasen der Heiligen und die Anrufung des Namens Gottes gleich der heftigsten Flamme die Dämonen brennt und vertreibt, so vermag dieses exorzisierte Öl durch die Anrufung Gottes und durch Gebet nicht nur die Spuren der Sünden auszubrennen und wegzuwischen, sondern auch alle unsichtbaren Mächte des Bösen zu vertreiben.

Hierauf wurdet ihr zum heiligen Bade der göttlichen Taufe geführt, wie Christus vom Kreuze weg zu dem in der Nähe gelegenen Grabe gebracht wurde. Und jeder einzelne wurde gefragt, ob er an den Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes glaube. Jeder legte das heilsame Bekenntnis ab und tauchte dreimal in das Wasser unter und wieder auf, hierdurch das dreitägige Begräbnis Christi sinnbildlich andeutend. Wie nämlich unser Heiland drei Tage und drei Nächte im Schoße der Erde verbrachte, so stiegt ihr das erste Mal empor, um den ersten Tag Christi unter der Erde anzudeuten, und tauchtet unter, um die Nacht darzustellen. Wie man nämlich bei Nacht nicht mehr sieht, bei Tag aber im Lichte wandelt, so saht ihr beim Untertauchen nichts wie bei Nacht, während es euch beim Emporsteigen Tag wurde. Im gleichen Augenblick starbt ihr und wurdet ihr geboren; jenes heilsame Wasser wurde für euch zugleich Grab und Mutter. Was Salomon bei anderer Gelegenheit gesagt hat, mag für euch passen. Er sagte dereinst: „Eine Zeit des Gebärens und eine Zeit des Sterbens“. Bei euch heißt es allerdings umgekehrt: eine Zeit des Sterbens und eine Zeit des Geborenwerdens. Eine einzige Zeit wirkt das eine wie das andere: zugleich mit eurem Tode erfolgte eure Geburt.

Etwas Ungewöhnliches und Wunderbares! Eigentlich sind wir nicht gestorben, eigentlich wurden wir nicht begraben. Wir sind auferstanden, ohne eigentlich gekreuzigt worden zu sein. Es sind (nur) Bilder, Nachahmungen. Doch Tatsache ist die Erlösung. Tatsächlich ist Christus gekreuzigt worden, tatsächlich ist er begraben worden, wahrhaft ist er auferstanden. Alle diese Gnaden hat er uns geschenkt, damit wir, wenn wir durch Nachahmung an seinen Leiden teilhaben, in Wahrheit das Heil gewinnen. O überströmende Liebe zu den Menschen! Christus hat an seinen makellosen Händen und Füßen die Nägel empfangen und Schmerzen erduldet, und mir, der ich keine Schmerzen und Mühsale hatte, schenkt er auf Grund der Teilnahme an seinem Schmerz die Erlösung.

Niemand glaube, der Zweck der Taufe sei nur Nachlassung der Sünden und Verleihung der Sohnschaft, wie die Taufe des Johannes nur Nachlassung der Sünden wirkte. Man möge sich genau merken, daß die Taufe nicht nur von Sünden reinigt und die Gabe des Hl. Geistes verleiht, sondern auch ein Abbild der Leiden Christi ist. Daher hat Paulus soeben ausgerufen: „Oder wisset ihr nicht, daß wir alle, die wir in Christus Jesus getauft wurden, in seinen Tod getauft wurden? Mit ihm wurden wir begraben durch die Taufe in den Tod“. Damit wandte er sich gegen die Behauptung, die Taufe verleihe Sündennachlaß und Sohnschaft, nicht aber sei sie durch Nachahmung auch Teilnahme an den wahren Leiden Christi.

Damit wir lernen, daß Christus alles, was er litt, unsertwegen, um unseres Heiles willen, in Wahrheit und nicht zum Scheine gelitten hat, und daß wir teilnehmen an seinen Leiden, rief Paulus mit aller Deutlichkeit aus: „Wenn wir nämlich eingepflanzt worden sind der Ähnlichkeit mit seinem Tode, werden wir es auch sein mit seiner Auferstehung“. Mit Recht heißt es „eingepflanzt“, weil nämlich hier der wahre Weinstock gepflanzt worden ist und wir ihm eingepflanzt werden durch die in der Taufe erfolgende Teilnahme an seinem Tode. Achte genau auf die Worte des Apostels! Nicht sagte er: „wenn wir nämlich eingepflanzt worden sind dem Tode“, sondern: „der Ähnlichkeit mit seinem Tode“. In der Tat erhielt nämlich der Tod Gewalt über Christus, denn tatsächlich trennte sich seine Seele von seinem Leibe. Wirklichkeit war auch das Grab; denn in reine Leinwand wurde sein heiliger Leib gewickelt. Überhaupt seine ganze Geschichte ist Wirklichkeit. Das Leiden und Sterben unsererseits aber ist (nur) Ähnlichkeit. Die Erlösung allerdings ist nicht Ähnlichkeit, sondern Wahrheit.

Worüber ihr zur Genüge belehrt worden seid, das behaltet — bitte — im Gedächtnis, damit ich, obwohl unwürdig, von euch sagen kann: Ich liebe euch, weil ihr alle Zeit „meiner gedenket und an den Überlieferungen, welche ich euch gegeben habe, festhaltet“.

Gott, der euch aus dem Tode zum Leben erweckt hat, vermag euch die Gnade zu geben, „in der Neuheit des Lebens zu wandeln“, denn ihm ist Ehre und Herrlichkeit jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.III. MYSTAGOGISCHE KATECHESE Über die Firmung

III. MYSTAGOGISCHE KATECHESE

 

Über die Firmung

Lesung aus dem ersten katholischen Briefe des Johannes von den Worten: „und ihr habt die Salbung von Gott und wisset alles“ bis zu der Stelle: „damit wir von ihm nicht beschämt werden bei seiner Ankunft“.

Da ihr in Christus getauft worden seid und Christum angezogen habt, seid ihr dem Sohne Gottes gleichförmig geworden. Da uns Gott zur Annahme an Kindesstatt vorherbestimmt hat, hat er uns dem verherrlichten Leibe Christi gleichförmig gemacht. Nachdem ihr nun an dem Gesalbten Anteil erhalten habt, werdet ihr mit Recht Gesalbte genannt. Von euch hat Gott gesagt: „Vergreifet euch nicht an meinen Gesalbten!“ Gesalbte aber seid ihr geworden, weil ihr das Abbild (ἀντίτυπον) [antitypon] des Geistes empfangen habt. Alles ist bildlich an euch vorgenommen worden, weil ihr Bilder Christi seid.

Als Christus bei der Taufe im Jordan den Wassern vom Wohlgeruch seiner Gottheit mitgeteilt hatte, stieg er heraus, und der Hl. Geist kam persönlich auf ihn herab, so daß der Gleiche auf dem Gleichen ruhte. So wurde euch, als ihr dem heiligen Bade entstiegen waret, die Salbung gegeben, ein Abbild (ἀντίτυπον) [antitypon] jener Salbung, welche Christus empfangen hatte. Diese ist der Hl. Geist, von welchem der selige Isaias in seiner Prophetie im Namen des Herrn gesagt hatte: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat; den Armen das Evangelium zu verkünden, hat er mich gesandt“.

Christus ist nicht mit irdischem Öle oder irdischer Salbe von Menschen gesalbt worden, sondern sein Vater, der ihn zum Erlöser der ganzen Welt vorherbestimmt hatte, hat ihn mit dem Hl. Geiste gesalbt. Denn Petrus sagt: „Jesum von Nazareth hat Gott mit dem Hl. Geiste gesalbt“. Und der Prophet David rief aus: „Dein Thron, o Gott, ist in alle Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter deiner Herrschaft. Du liebst Gerechtigkeit und hassest das Unrecht. Darum salbte dich Gott, dein Gott, mit dem Öle der Freude zur Auszeichnung vor deinen Genossen“. Wie Christus in Wirklichkeit gekreuzigt und begraben wurde und auferstand, während ihr in der Taufe gewürdigt werdet, in „Ähnlichkeit“ mit ihm gekreuzigt und begraben zu werden und aufzuerstehen, so ist es auch bei der Firmung. Während Christus mit dem geistigen Öl der Freude gesalbt wurde, d. i. mit dem Hl. Geist, der als Quelle der geistigen Freude das Öl der Freude heißt, wurdet ihr mit Salbe (μύρον) [myron] gesalbt, nachdem ihr Teilnehmer und Genossen Christi geworden waret.

Doch darfst du ja nicht meinen, jene Salbe sei nur Salbe. Denn gleichwie das Brot der Eucharistie nach der Anrufung des Hl. Geistes nicht mehr gewöhnliches Brot ist, sondern der Leib Christi, so ist diese heilige Salbe nach der Anrufung nicht mehr einfache Salbe und nicht, wie man sagen möchte, gemein, vielmehr ist sie Gnade Christi und wirkt durch die Gegenwart von Christi Gottheit den Hl. Geist. Mit der Salbe werden dir die Stirne und die übrigen Sinne gesalbt in sinnbildlicher Weise. Mit irdischer Salbe wird der Körper gesalbt, mit dem heiligen, lebenspendenden Geiste wird die Seele geheiligt.

Zuerst wurdet ihr auf die Stirne gesalbt, um von der Schande, welche der erste sündige Mensch überallhin trug, befreit zu werden und um „die Herrlichkeit des Herrn mit unverhülltem Antlitz widerzuspiegeln“. Darauf wurdet ihr an den Ohren gesalbt, damit ihr Ohren erhieltet, welche die göttlichen Geheimnisse hören, Ohren, von welchen Isaias sagte: „Und der Herr gab mir ein Ohr zu hören“, und der Herr Jesus in den Evangelien sprach: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Sodann wurdet ihr an der Nase gesalbt, damit ihr nach Empfang der göttlichen Salbe saget: „Christi Wohlgeruch sind wir für Gott unter den Geretteten“. Hierauf wurdet ihr auf der Brust gesalbt, damit ihr, „angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit“, „gegen die Schliche des Teufels fest stehet“. Gleichwie Jesus nach der Taufe und nach der Herabkunft des Hl. Geistes hinausging (in die Wüste) und den Widersacher bekämpfte, so sollt ihr nach der heiligen Taufe und nach der geistigen Salbung, angetan mit der ganzen Waffenrüstung des Hl. Geistes, euch der feindlichen Macht entgegenstellen und sie bekämpfen und sagen: „Alles vermag ich in Christus, der mich stärkt“.

Dieser heiligen Salbung gewürdigt, werdet ihr Christen genannt; eure Wiedergeburt bestätigt die Richtigkeit des Namens. Ehe ihr dieser Gnade gewürdigt wurdet, verdientet ihr eigentlich nicht diese Bezeichnung, ihr waret vielmehr erst auf dem Wege dazu, schicktet euch erst an, Christen zu sein.

Ihr sollt wissen, daß in der Alten Schrift diese Salbung vorgebildet ist. Als nämlich Moses den Auftrag Gottes seinem Bruder mitteilte und ihn zum Hohenpriester bestellte, wusch er ihn mit Wasser und salbte ihn hierauf, und er wurde Gesalbter genannt infolge der offenbar vorbildlichen Salbung. Als der Hohepriester Salomon zum König erhob, salbte er ihn zu Gibon nach vorangegangener Waschung. Was an diesen Männern geschah, war Vorbild; was an euch geschah, ist nicht Vorbild, sondern Wahrheit. Denn in Wahrheit seid ihr gesalbt worden vom Hl. Geist. Der Anfang eures Heiles ist Christus; er ist wahrhaft das Erstlingsbrot, während ihr die Masse des Teiges seid. Wenn aber das Erstlingsbrot heilig ist, dann geht offenbar die Heiligkeit auf die Masse über.

Bewahret diese Gnade unbefleckt! Denn sie wird euch, wenn sie euch bleibt, alles lehren, wie ihr vorhin1 von dem heiligen Johannes gehört habt, der uns viele weise Lehren über die Firmung gibt. Diese heilige Gabe ist ein geistiges Schutzmittel für den Leib und Rettung der Seele.

Auf die Firmung hat schon der selige Isaias in alten Zeiten prophetisch hingewiesen, wenn er sagt: „Es wird der Herr an allen Völkern dies auf dem Berge wirken: sie werden Wein trinken, Freude trinken, mit Salbe gesalbt werden“; als Berg bezeichnet der Prophet die Kirche auch an einer anderen Stelle, wo er sagt: „In den letzten Tagen wird der Berg des Herrn sichtbar sein“. Um dich von ihm überzeugen zu lassen, höre auf das, was er über diese geistige Salbung spricht: „Gib dies alles den Völkern; denn es ist der Ratschluß des Herrn über alle Völker!“

Da ihr mit dieser heiligen Salbe gefirmt seid, so bewahret sie fleckenlos und rein in euch, indem ihr im Guten fortschreitet und dem Urheber eures Heiles, Christus Jesus, dankbar werdet, dem die Ehre sei in alle Ewigkeit. Amen.

IV. MYSTAGOGISCHE KATECHESE

 

Über den Leib und das Blut Christi

Lesung aus dem Briefe Pauli an die Korinther: „Ich habe von dem Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe usw.“

Schon diese Lehre des heiligen Paulus genügt, euch von der Wahrheit der göttlichen Geheimnisse völlig zu überzeugen, durch welche ihr gewürdigt wurdet, ein Leib und ein Blut mit Christus zu werden. Soeben rief euch nämlich Paulus zu: „In der Nacht, da unser Herr Jesus Christus verraten wurde, nahm er Brot, dankte, brach es und gab es seinen Jüngern mit den Worten: nehmet hin und esset, das ist mein Leib! Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: nehmet hin und trinket, das ist mein Blut!“ Da er nun selbst vom Brote ausdrücklich erklärte „das ist mein Leib“, wer wird es wagen, noch zu zweifeln? Und da er selbst versicherte „das ist mein Blut“, wer wird je Bedenken haben und sagen, es sei nicht sein Blut?

Wenn Jesus einst zu Kana in Galiläa durch seinen (bloßen) Wink Wasser in Wein verwandelt hat, soll ihm dann nicht zuzutrauen sein, daß er Wein in Blut verwandelt hat? Wenn Jesus, zu irdischer Hochzeit geladen, dieses seltsame Wunder gewirkt hat, soll man dann nicht noch viel mehr zugeben, daß er den Söhnen des Brautgemaches seinen Leib und sein Blut zum Genusse dargeboten hat?

Aus voller Glaubensüberzeugung wollen wir also am Leibe und Blute Christi teilnehmen! In der Gestalt des Brotes wird dir nämlich der Leib gegeben, und in der Gestalt des Weines wird dir das Blut gereicht, damit du durch den Empfang des Leibes und Blutes Christi ein Leib und ein Blut mit ihm werdest. Durch diesen Empfang werden wir Christusträger; denn sein Fleisch und sein Blut kommt in unsere Glieder. Durch diesen Empfang werden wir, wie der heilige Petrus sagte, der göttlichen Natur teilhaft.

In einem Disput mit den Juden sagte Christus einmal: „Wenn ihr mein Fleisch nicht esset und mein Blut nicht trinket, habt ihr das Leben nicht in euch“. Jene nahmen, da ihnen beim Hören der Worte der Geist fehlte, Ärgernis und gingen fort; denn sie meinten, er halte sie zu fleischlichen Gerichten an.

Im Alten Bunde hatte man Schaubrote. Doch diese Brote des Alten Bundes hatten ein Ende. Im Neuen Bunde aber gibt es ein himmlisches Brot und einen Kelch des Heiles; sie heiligen Seele und Leib. Während das (Schau)brot dem Körper entspricht, entspricht der Logos der Seele.

Betrachte daher Brot und Wein nicht als rein irdische Dinge! Denn nach der Versicherung des Herrn sind sie Leib und Blut Christi. Wenn dich auch die Sinne hier im Stiche lassen: der Glaube möge dir Festigkeit geben! Nicht nach dem Geschmack darfst du hier urteilen, der Glaube muß dir die zweifellose Sicherheit geben, daß du des Leibes und Blutes Christi gewürdigt wurdest.

Der selige David deutet dir die Kraft (von Brot und Wein) an, wenn er sagt: „Du hast vor meinen Augen den Tisch gedeckt gegenüber denen, welche mich bedrängen“. Der Sinn der Worte ist: „Ehe du erschienen bist, hatten die Dämonen den Menschen den Tisch gedeckt, und zwar einen schmutzigen, unreinen, reich an teuflischer Macht. Nachdem du aber erschienen bist o Herr, hast du vor meinen Augen den Tisch gedeckt.“ Wenn der Mensch zu Gott spricht: „Du hast vor meinen Augen den Tisch gedeckt“, was meint er darunter anders als den mystischen, geistigen Tisch, welchen uns Gott gedeckt hat gegenüber den Dämonen, d. h. zum Kampfe gegen die Dämonen? Und so ist es in der Tat. Denn während jener Tisch die Gemeinschaft mit den Dämonen verlieh, verleiht dieser die Gemeinschaft mit Gott. „Mit Öl hast du mein Haupt gesalbt.“ Mit Öl hat er die Stirne deines Hauptes gesalbt, damit Gott dich besiegle und du „ein Ausdruck der Besiegelung, ein Heiligtum Gottes“ werdest. „Und wie kostbar ist dein Kelch, der mich berauscht!“ Wie du siehst, ist hier von dem Kelch die Rede, welchen Jesus in seine Hand nahm, um zu danken und zu sagen: „Dies ist mein Blut, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“.

Um auf diese Gnade hinzuweisen, sagt ferner Salomon im Prediger: „Komm! Iß in Freuden dein Brot“, das geistige Brot! „Komme — eine heilbringende, seligmachende Einladung! — trinke mit frohem Herzen deinen Wein“, den geistigen Wein! „Und Öl werde ausgegossen über dein Haupt!“ Wie du siehst, deutet er auch die mystische Salbung an. „Und stets seien deine Gewänder weiß, denn der Herr hatte Wohlgefallen an deinem Tun!“ Ehe du nämlich zu der Gnade hinzutratest, war dein Tun Eitelkeit der Eitelkeiten. Nachdem du aber die alten Kleider ausgezogen und die geistigen weißen Kleider angezogen hast, mußt du stets weiß gekleidet sein. Keineswegs sagen wir, daß du immer weiße Kleider tragen sollst.Vielmehr behaupten wir, daß du mit den wahrhaft weißen und glänzenden, den geistigen Kleidern angetan sein sollst. Mit dem seligen Isaias sollst du sagen können: „Meine Seele frohlocke in dem Herrn; denn er kleidete mich mit dem Gewande des Heiles und umgab mich mit dem Kleide der Freude“.

Da du es nun weißt und davon überzeugt bist, daß das, was als Brot erscheint und den Geschmack von Brot hat, doch nicht Brot ist, sondern Christi Leib, und daß das, was als Wein erscheint und den Geschmack von Wein hat, doch nicht Wein ist, sondern Christi Blut, und da David hierüber in den Psalmen einstens gesagt hat: „Und das Brot stärkt des Menschen Herz, so daß er mit Öl sein Angesicht erheitert“, darum genieße von dem geistigen Brote und stärke dein Herz und erheitere das Antlitz deiner Seele! Möchtest du durch reines Gewissen dein Gesicht unverhüllt erhalten, die Herrlichkeit des Herrn widerspiegeln und von Herrlichkeit zu Herrlichkeit schreiten in Christus Jesus, unserem Herrn! Ihm sei Ehre, Macht und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.

V. MYSTAGOGISCHE KATECHESE

 

Lesung aus dem katholischen Briefe Petri: „Daher leget ab alle Unreinigkeit und allen Trug und Verleumdung usw.“

In den vorausgehenden Versammlungen habt ihr dank der Güte Gottes genug über die Taufe, die Firmung und den Empfang des Leibes und Blutes Christi erfahren. Nun ist es noch notwendig, zu dem Folgenden überzugehen. Wir werden heute dem geistigen Bau eures Heiles den krönenden Abschluß geben.

Ihr habt gesehen, wie der Diakon dem Zelebranten und den den Altar Gottes im Kreise umgebenden Priestern das Wasser zum Waschen reicht. Er reichte es aber keineswegs zur Abwaschung körperlichen Schmutzes. Dazu dient es nicht. Denn körperlich beschmutzt traten wir nicht einmal ehedem in die Kirche. Die Handwaschung ist ein Symbol, daß ihr von allen Sünden und Ungerechtigkeiten rein sein sollt. Da nämlich durch die Hand das Handeln versinnbildet wird, so deuten wir selbstverständlich durch die Handwaschung an, daß unser Handeln rein und unbefleckt ist. Hast du nicht das Wort des seligen David gehört, in welchem er auf eben dieses Geheimnis hinweist: „Unter den Unschuldigen werde ich meine Hände waschen und werde deinen Altar umgeben, o Herr“? Die Handwaschung ist also ein Symbol der Sündenreinheit.

Hierauf ruft der Diakon: „Gebet euch einander hin und geben wir einander den Kuß!“ Nicht darfst du glauben, dieser Kuß sei der Art, wie ihn gewöhnliche Freunde auf dem Marktplatz zu geben pflegen! Solcher Art ist er nicht. Dieser Kuß verbindet die Seelen miteinander und gelobt, alles Unrecht zu vergessen. Der Kuß ist ein Zeichen der Seelenvereinigung und der Verzeihung jeglichen Unrechts. Daher sagte Christus: „Wenn du deine Gabe an den Altar bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas wider dich hat, so lasse deine Gabe am Altare, gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder! Alsdann komme und opfere deine Gabe!“ Der Kuß ist also Versöhnung und deshalb heilig. Der heilige Paulus rief ja einmal: „Grüßet einander mit heiligem Kusse!“Und Petrus schreibt: „mit dem Kusse der Liebe“.

Sodann ruft der Zelebrant: „Himmelwärts die Herzen!“ Wahrlich, in jener schauererregenden Stunde soll das Herz aufwärts zu Gott gerichtet sein und nicht abwärts zur Erde und den irdischen Geschäften. Eindringlich befiehlt also der Priester in jener Stunde, alle sollen die Kümmernisse des Lebens und die häuslichen Sorgen beiseite lassen und ihr Herz bei dem barmherzigen Gott im Himmel haben.

Eure Antwort lautet hierauf: „Wir erheben sie zum Herrn“. Durch dieses Bekenntnis gebt ihr dem Priester eure Zusage. Keiner der Beteiligten spreche aber mit dem Munde „Wir erheben sie zum Herrn“, während seine Gedanken bei den Sorgen des Lebens weilen! Zwar sollte man immer an Gott denken; doch wenn dies wegen der menschlichen Schwäche unmöglich ist, muß man sich wenigstens zu jener Stunde darum bemühen.

Hierauf sagt der Priester: „Lasset uns dem Herrn Dank sagen!“ Fürwahr, wir müssen Dank sagen, da er uns, obwohl wir unwürdig waren, zu solcher Gnade berufen, da er uns, die wir Feinde waren, versöhnt, da er uns des Geistes der Kindschaft gewürdigt hat. Ihr entgegnet: „Es ist würdig und gerecht.“ Wenn wir nämlich Dank sagen, tun wir etwas, was würdig und gerecht ist. Wenn aber Gott uns Gutes tat und uns solcher Wohltaten würdigte, so erfüllte er nicht eine Forderung der Gerechtigkeit, sondern handelte darüber hinaus.

Sodann denken wir1 an Himmel und Erde und Meer, an Sonne, Mond und Sterne, an die ganze vernünftige und unvernünftige, sichtbare und unsichtbare Schöpfung, an Engel, Erzengel, Kräfte, Mächte, Herrschaften, Gewalten, Throne und an die vieläugigen Cherubim und sprechen mit Nachdruck das Wort Davids> „Preiset den Herrn mit mir!“ Wir denken auch an die Seraphim, welche Isaias im Hl. Geiste den Thron Gottes umstehen sah, welche mit zwei Flügeln das Angesicht, mit zwei Flügeln die Füße verhüllen und mit zwei Flügeln fliegen und welche sprechen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Sabaoth. Wir sprechen diese von den Seraphim her uns überlieferte göttliche Lobpreisung, um an dem Lobgesang der überirdischen Heerscharen teilzunehmen.

Nachdem wir uns durch diese geistigen Lobgesänge geheiligt haben, rufen wir die Barmherzigkeit Gottes an, daß er den Hl. Geist auf die Opfergaben herabsende, um das Brot zum Leibe Christi, den Wein zum Blute Christi zu machen. Denn was der Hl. Geist berührt, ist völlig geheiligt und verwandelt.

Nach Vollendung des geistigen Opfers, des unblutigen Gottesdienstes, rufen wir über jenes Opfer der Versöhnung Gott an um den allgemeinen Frieden der Kirchen, um Ruhe und Ordnung im politischen Leben, für die Kaiser, für das Heer und die Bundesgenossen, für die Kranken und die Bedrückten. Kurz, wir alle beten überhaupt für alle, die der Hilfe bedürfen, und bringen für sie dieses Opfer dar.

Alsdann gedenken wir derer, die bereits entschlafen sind, vor allem der Patriarchen, Propheten, Apostel, Märtyrer, damit Gott durch deren Gebete und Fürbitten unser Flehen erhöre. Dann beten wir für die bereits entschlafenen heiligen Väter und Bischöfe und überhaupt für alle unsere Verstorbenen. Wir glauben nämlich, daß die Seelen, für welche während des heiligen, erhabensten Opfers gebetet wird, sehr großen Nutzen davon haben.

Um euch davon zu überzeugen, will ich euch ein Beispiel geben. Denn gewiß erklären viele: „Was soll es einer Seele, welche mit Sünden aus dieser Welt geschieden ist oder ohne Sünden, nützen, wenn ihrer während des Opfers gedacht wird?“ Nehmen wir an: es haben sich einige gegen ihren König vergangen und wurden deshalb von ihm in die Verbannung geschickt; deren Angehörige aber flechten nun einen Kranz und bringen ihn dem König, um Fürbitte für die Bestraften einzulegen. Wird der König ihnen nicht etwa die Strafe nachlassen? Ebenso ist es bei uns. Wir bringen Gott für die Verstorbenen, trotzdem sie Sünder waren, unsere Gebete dar. Wir winden keinen Kranz, sondern opfern den für unsere Sünden geschlachteten Christus. Dadurch versöhnen wir den barmherzigen Gott mit ihnen und mit uns.

Nach jener Fürbitte sprechen wir das Gebet, welches der Heiland seine eigenen Jünger gelehrt hat. Mit reinem Herzen bezeichnen wir Gott als unseren Vater und beten: „Vater unser, der du bist in den Himmeln.“ Wie groß ist Gottes Liebe zu den Menschen! Denen, welche von ihm abgefallen sind und sich in die schwersten Sünden gestürzt haben, gibt er in einer Weise Verzeihung der Sünden und Teilnahme an der Gnade, daß er sich geradezu Vater nennen läßt. „Vater unser, der du bist in den Himmeln.“ Unter den „Himmeln“ dürften auch jene zu verstehen sein, welche ein Abbild des Himmels sind und in welchen Gott wohnt und wandelt.

„Geheiliget werde dein Name!“ Heilig ist der Name Gottes schon seiner Natur nach, gleichviel, ob wir so beten oder nicht. Da aber sein Name durch die Sünder gelästert wird gemäß dem Worte: „Euretwegen wird mein Name ständig von den Heiden gelästert“, beten wir, daß der Name Gottes durch uns geheiligt wird. Nicht beten wir, daß er aus dem Nichtheiligsein zum Heiligsein gelange, sondern daß er in uns heilig werde, sofern wir uns heiligen und heilige Werke verrichten.

„Es komme dein Reich!“ Nur eine reine Seele kann mit Zuversicht sprechen: „Es komme dein Reich!“ Wer auf das Wort Pauli hört: „Nicht herrsche also die Sünde in eurem sterblichen Leibe!“, wer in seinem Handeln, Denken und Reden sich rein gehalten hat, wird zu Gott sagen: „Es komme dein Reich!“

„Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden!“ Die göttlichen, heiligen Engel Gottes tun Gottes Willen. Denn der Psalmist David sagte: „Preiset den Herrn, alle seine Engel, ihr Mächtigen, die ihr seinen Willen tut!“ Durch dein Gebet bekennst du es laut: Wie von den Engeln dein Wille geschieht, so soll er, o Herr, auf Erden von mir geschehen!

„Gib uns heute unser zum Wesen gehörendes Brot!“ Unser gewöhnliches Brot gehört nicht zum Wesen, aber dieses heilige Brot gehört zum Wesen, d. i. zum Wesen der Seele. Dieses Brot kommt nicht „in den Magen und findet seinen natürlichen Ausgang“, es verteilt sich vielmehr in dein ganzes Wesen zum Nutzen von Leib und Seele. — Das Wörtchen „heute“ bedeutet so viel als „tagtäglich“; denn Paulus sagte: „so lange es heute heißt“.

„Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ Zahlreich sind unsere Sünden. Wir verfehlen uns in Worten und in Gedanken und tun sehr viel Verdammungswürdiges. Würden wir sagen, daß wir keine Sünden haben, dann lügen wir, wie Johannes erklärt. Es ist ein Vertrag mit Gott, wenn wir beten, er möge uns unsere Sünden verzeihen, wie wir unsererseits dem Nächsten die Schulden erlassen. Bedenken wir nun, wofür wir so große Nachsicht erhalten, und säumen wir doch nicht länger, einander zu verzeihen! Die Verfehlungen gegen uns sind klein, unbedeutend und leicht gut zu machen, während unsere Beleidigungen Gottes groß sind und nur von Gottes Barmherzigkeit erlassen werden können. Habe acht, daß du dir nicht etwa wegen der kleinen, unbedeutenden Beleidigungen, die du erfahren hast, die göttliche Verzeihung deiner gar schweren Sünden verschließest!

„O Herr, führe uns nicht in Versuchung!“ Lehrt uns etwa der Herr, wir sollen beten, daß wir überhaupt nicht versucht werden? Wie könnte dann an anderer Stelle gesagt sein: „Ein Mann, der nicht versucht wird, ist nicht erprobt“, und wiederum: „Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallet“. Ist denn nicht etwa unter jener Versuchung (vor welcher uns der Herr bewahren möge) das Untergehen in der Versuchung zu verstehen? Die Versuchung gleicht nämlich einem Strome, der schwer zu durchschreiten ist. Wer ein tüchtiger Schwimmer ist und sich nicht fortreißen läßt, geht in den Versuchungen nicht unter, sondern schreitet durch sie hindurch. Wer aber jene Gabe nicht hat, geht in der Versuchung unter. So geriet z. B. Judas in die Versuchung der Habsucht; er schwamm aber nicht hindurch, sondern versank und ging an Körper und Geist zugrunde. Petrus geriet in die Versuchung, zu verleugnen; doch er versank nicht in der Versuchung, vielmehr schwamm er mutig hindurch und wurde gerettet.

Vernimm noch den Chor der wahrhaft Heiligen, welcher für Errettung aus der Versuchung dankt! „Du hast uns geprüft, o Gott, im Feuer hast du uns geläutert, wie man Silber läutert. Du führtest uns ins Netz hinein, legtest uns Beschwernisse auf den Rücken, Menschen setztest du über unsere Häupter. Durch Feuer und Wasser sind wir gegangen. Aber du führtest uns heraus in die Erfrischung.“ Siehst du, wie sie sich offen freuen, weil sie sich durchgearbeitet haben und nicht versunken sind? „Du hast uns“ — heißt es — „herausgeführt in die Erfrischung.“ „Sie wurden erfrischt“ ist soviel als „sie wurden aus der Versuchung errettet“.

„Doch befreie uns von dem Bösen!“ Wenn die Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ so viel wäre als „Lasse uns gar nicht versucht werden“, dann wäre nicht beigefügt „doch befreie uns von dem Bösen“. Der Böse, von dem wir befreit zu werden bitten, ist der Widersacher, der Teufel.

Am Schlusse des Gebetes sprichst du „Amen“. Durch das Wörtchen „Amen“ ═ „es geschehe“ besiegelst du, was in dem von Gott gelehrten Gebete gesagt ist.

Hierauf spricht der Priester: „Das Heilige den Heiligen.“ Heilig ist das aufliegende Opfer, weil der Hl. Geist darauf herabgekommen ist. Heilig seid andererseits ihr, weil ihr des Hl. Geistes gewürdigt wurdet. Das Heilige gehört also den Heiligen. Ihr erwidert: „ Einer ist heilig, einer der Herr, Jesus Christus“. In der Tat ist nur einer heilig, seinem Wesen nach heilig. Zwar sind auch wir heilig, jedoch nicht unserem Wesen nach, sondern infolge Teilnahme, durch Abtötung und Gebet.

Alsdann hört ihr, wie der Psalmensänger euch mit göttlicher Melodie zur Teilnahme an den heiligen Geheimnissen einlädt und spricht: „Kostet und sehet, daß süß der Herr ist!“1 Urteilet nicht nach dem Gaumen, sondern nach dem festen Glauben! Denn wer zum Mahle kommt, der wird nicht eingeladen, Brot und Wein zu kosten, sondern das Abbild des Leibes und Blutes Christi.

Trittst du vor, dann darfst du nicht die Hände flach ausstrecken und nicht die Finger spreizen. Da die rechte Hand den König in Empfang nehmen soll, so mache die linke Hand zum Throne für denselben! Nimm den Leib Christi mit hohler Hand entgegen und erwidere: Amen! Berühre behutsam mit dem heiligem Leibe deine Augen, um sie zu heiligen! Dann genieße ihn, doch habe acht, daß dir nichts davon auf den Boden falle! Was du davon fallen ließest, wäre natürlich so viel als Verlust eines deiner eigenen Glieder. Sage mir doch: Würdest du nicht, wenn dir jemand Goldstaub gäbe, denselben recht sorgfältig aufheben, damit ja nichts verloren gehe und du keinen Schaden erleidest! Solltest du also nicht viel mehr darauf bedacht sein, daß dir kein Brosämlein von dem verloren gehe, was kostbarer ist als Gold und Edelstein?

Nach der Kommunion des Leibes Christi gehe auch zum Kelche des Blutes, nicht jedoch mit ausgestreckten Händen! Verbeuge dich, sprich zur Anbetung und Verehrung das Amen und genieße, um dich zu heiligen, auch vom Blute Christi! So lange noch Feuchtigkeit auf deinen Lippen ist, berühre sie mit den Fingern und heilige (mit jener Feuchtigkeit) Augen, Stirne und die übrigen Sinne! Alsdann warte das Gebet ab, um Gott zu danken, da er dich solcher Geheimnisse gewürdigt hat!

Bewahret unversehrt diese Überlieferungen und haltet euch rein! Verzichtet nicht auf die Kommunion! Beraubet euch nicht durch Sündenschmutz dieser heiligen, geistigen Geheimnisse! „Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar! Und möge euer Leib, eure Seele und euer Geist vollkommen bleiben bis zur Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!“ Ihm sei Ehre, Ruhm und Macht mit dem Vater und dem Hl. Geist jetzt und immer und in alle Ewigkeit. Amen.

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