Angeblicher Brief an den Mönch Demophilus

Von Dionysius Areopagita, (geschrieben vor 476)

An den Mönch Demophilus
Über eigenmächtiges Handeln und Milde
 

Die Geschichtsbücher der Hebräer, edler Demophilus, erzählen, daß der heilige Moses wegen seiner großen Milde der Schau Gottes gewürdigt worden. Und wenn sie ihn irgendeinmal der Gottesschau beraubt darstellen, so lassen sie ihn erst um die Milde und dann um die Anschauung Gottes gebracht sein. Sie berichten nämlich, daß der Herr ihm zürnte, weil er eigenmächtig den göttlichen Ratschlüssen widerstrebte. Wenn sie ihn dagegen schildern, wie er durch die von Gott ihm bestimmten Würden hochgefeiert erscheint, so wird er deshalb so ehrenvoll gepriesen, weil er die Güte Gottes auf vorzügliche Weise nachgeahmt hat. Er war ja sehr sanftmütig — er wird deshalb der Diener Gottes genannt — und mehr als alle Propheten der Anschauung Gottes würdig. Ja, als einige Verwegene aus Ehrgeiz gegen ihn und Aaron um das Hohepriestertum und die Führung des Volkes stritten, zeigte er sich über alle Ehrsucht und Herrschsucht erhaben und überließ dem Erwählten Gottes die Vorsteherschaft über das Volk. Als sie aber sogar wider ihn sich zusammenrotteten, ihn unter Schmähungen auf seine Vergangenheit mit Drohungen überhäuften und beinahe schon zum Angriff auf ihn übergingen, rief der Milde zum guten Gott um Hilfe und sprach freimütig, aber überaus gemäßigt, daß er an all den Übeln, die den Untergebenen zugestoßen, unschuldig sei. Denn er wußte, daß der, welcher mit dem guten Gott vertrauten Umgang pflegt, in möglichster Verähnlichung, soweit es immer geschehen kann, nach ihm umgebildet werden und das Bewußtsein haben müsse, daß er gerne der guten Werke sich befleißige. — Was machte ferner David, den Urahn Gottes, zum Liebling Gottes? Eben auch der Umstand, daß er gut, und zwar auch gegen die Feinde gut war. „Ich habe, sagt der Übergute (Gott) und Freund der Gutheit, den Mann gefunden, der nach meinem Herzen ist. Und es war sogar ein gütiges Gesetz gegeben, auch für das Zugvieh eines Feindes Sorge zu tragen.“ Job ferner wurde gerechtfertigt, weil er von Ungute sich fernehielt. Auch Joseph (von Ägypten) nahm an den Brüdern, die ihm nachstellten, keine Rache, und Abel ging schlicht und ohne Arg mit dem Brudermörder (auf das Feld hinaus). Und die göttliche Offenbarung verkündet das Lob aller Guten (Gerechten), die das Böse nicht im voraus planen und nicht zur Schau tragen, ja nicht einmal durch die Bosheit der andern von dem Guten abwendig gemacht werden, sondern vielmehr im Gegenteil die Bösen nach Gottes Weise zu Guten umformen, eingestaltig machen und den Reichtum ihres Gutseins auf sie ergießend sie freundlich zum Ähnlichen anlocken. — Aber laßt uns zum Höheren emporblicken, bleiben wir nicht stehen bei den Güteerweisen heiliger Männer, künden wir nicht die Guttaten der den Menschen befreundeten Engel, die Mitleid mit den Menschen haben und beim Guten (Gott) Fürbitte für sie einlegen, die verderbenbringenden und böse wirkenden Scharen bedräuen, über das Unglück sich betrüben und über die Rettung der zum Guten Bekehrten sich freuen, und was sonst alles die göttliche Offenbarung über die wohltätigen Engel überliefert. Wollen wir vielmehr die heilsam wirkenden Strahlen des wahrhaft guten und überguten Christus ruhig in uns aufnehmen und durch sie zu seinen göttlichen Gnadenwirkungen lichtvoll emporgeleitet werden! Oder ist es nicht ein Zeichen seiner unaussprechlichen, alle Begriffe übersteigenden Güte, daß er allem, was ist, das Sein verleiht und all das ins Dasein gebracht hat, und daß er nach seinem Willen alles stets sich verähnlicht und alles nach der Fähigkeit eines jeden einzelnen an ihm Anteil haben soll? Wie erst dann, wenn er sogar die Abtrünnigen mit Liebe umfängt und sich um sie, seine ins Elend versunkenen Lieblinge, bemüht und sie bittet, daß sie ihn nicht verschmähen, wenn er sie erträgt trotz ihrer grundlosen Klagen und selbst sie noch entschuldigt? Und wenn er noch mehr ihnen zu dienen verspricht und ihnen, da sie noch ferne sind, gleich bei ihrer Annäherung entgegeneilt und mit ihnen zusammentrifft und sie Leib an Leib umarmend küßt und über das Vergangene gar keine Vorwürfe erhebt, sondern nur für das Gegenwärtige Liebe hat und ein Fest veranstaltet und seine Freunde zusammenruft, die guten natürlich, damit das Haus von lauter Fröhlichen erfüllt sei? Demophilus aber, und wenn sonst ein anderer über gute Handlungen sich ärgert, wird mit vollem Rechte zurechtgewiesen, über das, was gut und recht ist, belehrt und so zu einem guten Menschen umgewandelt. Denn wie hätte sich nicht, sagt die Schrift, der Gute über die Rettung der Verlorenen und über das Leben der Toten erfreuen sollen? Sicher nimmt er sogar den kaum von der Verirrung Bekehrten auf seine Schultern und ruft die guten Engel zur Freude auf und ist gütig gegen den Undankbaren und läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und die Guten und gibt sein eigenes Leben für die Entlaufenen hin. Du aber hast, wie dein Brief zeigt, sogar den Menschen, der vor dem Priester sich niedergeworfen, den Gottlosen und Sünder, wie du sagst, nachdem du, ich weiß nicht wie, auf eigene Faust zur Stelle gekommen, mit Fußtritten hinweggestoßen. Da bat dann der Arme um Schonung und bekannte, daß er gekommen sei, um Heilung von seinen Sünden zu finden. Du aber fühltest kein Schaudern und hast auch den guten Priester voll Übermut beschimpft, weil er in der Überzeugung, der Mensch sei zu bemitleiden, den Sünder in den Stand der Gerechtigkeit versetzte. Und das Ende! „Hinaus mit dir und deinesgleichen!“, schrieest du den Priester an und bist ins Adyton (ins unzugängliche Heiligtum) eingebrochen wider Fug und Recht und hast das Allerheiligste entehrt. Und da schreibst du uns: „Ich habe das Heilige, das in Gefahr war, besudelt zu werden, vorsichtigerweise gerettet und halte es unversehrt noch in Gewahrsam.“ Jetzt aber vernimm unsere Meinung. Es ist nicht erlaubt, daß ein Priester von den über dir stehenden Liturgen (Diakonen) oder von Mönchen deines eigenen Standes zurechtgewiesen werde, auch wenn er gegen das Göttliche zu fehlen scheint, und wenn er überführt werden sollte, irgend etwas anderes, was verboten ist, getan zu haben. Denn wenn Mangel an Ordnung und rechter Einstellung im Göttlichen herrscht und Übertretung der Gebote und Satzungen ins Spiel kommt, dann ist es sinnlos, für Gottes Ehre die von Gott gesetzte Ordnung umzustoßen. Denn Gott ist nicht in sich geteilt. Wie wird sonst sein Reich festbestehen bleiben? Wenn nämlich, wie die Schrift sagt, Gott das Gericht zusteht, die Priester aber Engel und nach den Hierarchen Boten und Künder der göttlichen Gerichte sind, so lasse dich von ihnen im Göttlichen auf dir geziemende Weise durch Vermittlung der Priester zu gegebener Zeit belehren, durch welche du auch in den Mönchsstand einzutreten gewürdigt wurdest. Oder rufen nicht schon die heiligen Symbole uns dieses zu? Denn nicht so einfachhin ist das Allerheiligste von allem abgeschlossen. In höherem Grade nähert sich ihm die Ordnung der Hochgeweihten (Bischöfe), dann die Rangstufe der Priester, im Anschluß an sie der Stand der Liturgen (Diakone). Dem Chor der Mönche aber sind die Pforten des Allerheiligsten zugewiesen, an denen sie die Weihe empfangen und ihren Standort haben, nicht um sie zu bewachen, sondern zur Wahrung der Rangstufe und zu ihrer eigenen Erkenntnis, daß sie, hinter den Priestern, näher dem Volke stehen. Deshalb stellt der heilige Urheber jeglicher Stufenordnung die heilige Satzung auf, daß sie (die Mönche) an dem Heiligen Anteil haben dürfen; anderen aber, nämlich denen, die dem Innern (des Heiligtums) näher stehen, gewährt sie die Mitteilung (der Mysterien). Denn diejenigen, welche den göttlichen Opferaltar in sinnbildlicher Weise immer umstehen, sehen und hören das Göttliche, das leuchtend vor ihnen enthüllt wird, und gütigen Willens aus den Vorhängen des Göttlichen nach außen hervortretend, zeigen sie nach Gebühr den untergeordneten Mönchen und dem heiligen Volke und den auf dem Wege der Reinigung befindlichen Graden das Heilige, das unberührt bewahrt geblieben ist, bis du gewalttätig in dasselbe eingebrochen bist und das Allerheiligste gegen seinen Willen vor dein Angesicht gewaltsam gezerrt hast. Und da rühmst du dich, das Allerheiligste zu haben und zu hüten, obwohl du nichts gesehen, nichts gehört hast und nichts von dem besitzest, was den Priestern zusteht, gleichwie du nicht die Wahrheit der heiligen Schriften kennst und sie Tag für Tag zum Verderben der Zuhörer in deinen Reden bestreitest. Wenn irgendein Ethnarch (Statthalter) etwas unternehmen wollte, was ihm vom König nicht aufgetragen worden, würde er mit Recht gestraft werden. Und wenn dem Herrscher, da er freispricht oder verurteilt, jemand aus den umstehenden Untertanen die richterliche Sentenz umzuändern wagte — das nenne ich noch nicht einmal eine förmliche Beschimpfung —, würde er ohne Verzug seines Amtes sicherlich verlustig gehen. Du aber, Mensch, bist so vermessen gegen den Milden und Guten (Gott) und seine hierarchische Satzung. Und das müßte man selbst in dem Falle sagen, daß einer bei ungebührlichem Unterfangen immerhin doch Geziemendes zu tun vermeinte. Denn auch das ist keinem gestattet. Oder was hat denn Ozias Ungehöriges begangen, als er Gott ein Rauchopfer darbrachte? Was Saul, da er opferte? Was die grimmigen Dämonen, da sie wahrheitsgemäß die Gottheit Jesu bekannten? Aber durch die göttliche Offenbarung ist jeder Eindringling in ein fremdes Amt ausgestoßen, und jeder soll nur auf der Stufe des ihm zustehenden liturgischen Dienstes tätig sein. Bloß der Hohepriester wird ins Allerheiligste eintreten, und zwar nur einmal im Jahre; die Priester decken das Heilige zu, und die Leviten dürfen auf keinen Fall das Heilige berühren, damit sie nicht des Todes seien. Es zürnte der Herr über das vorschnelle Handeln des Ozias, und Maria wird mit dem Aussatz geschlagen, weil sie versuchte, dem Gesetzgeber Gebote vorzuschreiben; in die Söhne des Skevas fuhren die bösen Geister. Er sagt: „Ich habe sie nicht gesendet, und sie liefen von selbst.“ Und hinwieder: „Ich habe nicht zu ihnen gesprochen, und sie prophezeien nach eigener Willkür. Und abermals: „Wer mir ein Kalb opfert, gilt mir wie ein Hundetöter.“ Um es kurz zu sagen, die vollkommene Gerechtigkeit Gottes duldet nicht die Übertreter des Gesetzes, und auf ihre Rede: „In deinem Namen haben wir viele Krafttaten vollbracht“, antwortet er: „Ich kenne (euch) nicht; weichet von mir alle, ihr Übeltäter!“ Mithin ist es also nicht einmal erlaubt, wie die Heilige Schrift sagt, das Rechte auf ungeziemende Weise zu vollziehen. Jeder muß auf sich acht haben, daß er nicht zu Hohes und zu Tiefes im Sinne trage und nur das erwäge, was ihm nach Gebühr zugeordnet ist.

Wie also, sagst du, muß man nicht solche Priester, die gottlosen Tuns oder sonst irgendeiner ungehörigen Handlung überführt sind, zurechtweisen? Soll es ihnen, die im Gesetze sich rühmen, allein erlaubt sein, durch die Übertretung des Gesetzes Gott zu verunehren? Wie sind denn die Priester Dolmetscher Gottes? Wie werden sie denn dem Volke die göttlichen Tugenden predigen, da sie deren Bedeutung nicht kennen? Oder wie werden sie, die verfinstert sind, Licht verbreiten? Wie werden sie den göttlichen Geist mitteilen, wenn sie weder in Haltung noch in Wahrheit an ihn glauben?

Ich werde dir auf diese Einwände eine befriedigende Antwort geben, denn Demophilus ist mir nicht verhaßt und ich werde es nicht dahin kommen lassen, daß du vom Satan betrogen wirst. (Höre also), daß jede um Gott stehende Ordnung (der Engel) größere Gottähnlichkeit besitzt als eine entferntere, daß lichtreicher und reicheres Licht spendend ist, was dem wahren Lichte näher steht. Verstehe das Nahesein aber nicht im räumlichen Sinne, sondern als die Empfänglichkeit, Gott aufzunehmen. Wenn nun die Ordnung der Priester die lichtspendende ist, so ist der, welcher nicht lichtspendend ist, ganz und gar der priesterlichen Rangstufe und Gewalt unteilhaftig. Und noch mehr fürwahr der Unerleuchtete. Mir wenigstens scheint ein solcher vermessentlich an den priesterlichen Funktionen sich zu vergreifen. Er fürchtet und schämt sich nicht, unwürdig an das Göttliche sich heranzudrängen; er glaubt, Gott wisse nicht, wessen er sich selbst bewußt ist; er vermeint, den betrügen zu können, den er mit unwahrem Namen seinen Vater nennt; er wagt es, seine verfluchten Blasphemien — denn ich möchte sie nicht Gebete nennen — bei der Feier der göttlichen Symbole (Geheimnisse) gleichwie Christus auszusprechen. Nicht Priester, nicht Priester ist ein solcher Mensch, sondern ein Feind, ein Betrüger, ein Spötter seiner selbst, ein Wolf, der gegen die Herde Christi mit dem Schafspelz sich ausgerüstet hat.

Aber Demophilus hat nicht das Recht, derartige Fehler zu korrigieren. Denn wenn die göttliche Offenbarung befiehlt, dem Rechten auf rechte Weise nachzustreben — Rechtem nachstreben bedeutet, jedem das nach Gebühr Zuständige mitteilen —, so müssen ihm alle in gerechter Weise, im Einklang mit ihrem Rang und ihrer Stellung nachstreben. Gerechtigkeit verlangt, daß auch den Engeln nur die ihnen gebührenden Funktionen zuerteilt und genau abgegrenzt werden, natürlich nicht von uns, Demophilus, sondern von seiten Gottes für uns durch sie und für sie durch die höherstehenden Engel. Und um es kurz zu sagen, in allen Bereichen des Seienden wird von der wohlgeordneten und gerechten Vorsehung durch die ersten Ordnungen den andern das ihrer Rangstellung Entsprechende zugewiesen. Die mithin, welche von Gott zur Regierung der andern aufgestellt sind, sollen der nachfolgenden Ordnung und den ihnen Unterstellten das Entsprechende mitteilen, Demophilus aber soll seinen Worten, seinem Zorn und seiner Leidenschaftlichkeit, dem standesmäßigen Rang entsprechend, eine feste Grenze ziehen und seine eigene Rangstufe nicht entehren, sondern die übergeordnete Vernunft soll über die niedern Triebe herrschen. Wenn wir auf dem Markte sähen, daß ein Diener seinen Herrn, ein jüngerer Mensch einen älteren Mann oder sogar ein Sohn seinen Vater mit Schmähungen überschüttete, zugleich auch auf ihn losgehend ihm Schläge versetzte, da schienen wir doch gegen die schuldige Ehrerbietung zu sündigen, wenn wir nicht herzueilten und den Angesehenern zu Hilfe kämen, und das selbst für den Fall, daß sie zuerst ein Unrecht verübt hätten? Wie werden wir uns nicht schämen müssen, wenn wir es gleichgültig hingehen lassen, daß die Vernunft von Zorn und Leidenschaft getrübt und aus der von Gott ihr erteilten Herrscherwürde verdrängt wird? Wenn wir in uns selbst eine gottlose, ungerechte Verkehrung der Standesunterschiede, Empörung und Unordnung hervorrufen? Mit Recht betrachtet es unser göttlicher Gesetzgeber als unzulässig, daß derjenige, der seinem eigenen Hause nicht geziemend vorsteht, an der Spitze der Kirche Gottes stehe. Denn nur, wer sich selbst an die rechte Stelle setzt, wird auch einen andern in der rechten Ordnung bewahren, und wer einen andern am geziemenden Platz erhält, wird auch ein Haus in guter Ordnung erhalten; und wer ein Haus in gutem Stand bewahrt, wird das gleiche auch in einer Stadt vermögen, und wer die Stadt recht in Ordnung hält, kann es auch im Volke. Um es kurz zu sagen: Wer gemäß dem Worte der Schrift im Kleinen getreu ist, der ist auch treu im Großen; und wer ungetreu im Kleinen ist, der wird auch ungetreu im Großen sein.

Du selbst also setze der Leidenschaftlichkeit, dem Zorne und der Rede die gebührende Grenze, dir aber sollen es die göttlichen Liturgen tun, diesen die Priester, den Priestern die Hierarchen, den Hierarchen die Apostel und Nachfolger der Apostel. Und wenn irgend einer unter ihnen von dem geziemenden Wege abweichen sollte, wird er von den Heiligen der gleichen Rangstufe zurechtgewiesen werden, nicht wird die eine Ordnung wider die andere sich kehren, sondern jeder wird in seiner eigenen Ordnung und in seinem Dienstkreise verbleiben. Soviel sei dir von uns gesagt, damit du wissest und tuest, was dir zusteht. Was aber dein unmenschliches Benehmen gegen jenen Menschen betrifft, den gottlosen und frevelhaften, wie du ihn nennst, so weiß ich nicht, wie ich den tiefen Fall meines Lieblings genugsam beweinen soll. Denn wer meinst du, daß jener sei, als dessen Therapeut (Diener im Mönchsstande) du von mir eingeweiht worden bist? Wenn du nämlich nicht als Diener des Guten geweiht worden, dann bist du notwendig uns und unserm ganzen Kult Gottes entfremdet. Dann ist es Zeit für dich, einen andern Gott zu suchen und andere Priester, und daß du bei ihnen eher mit tierischer Wildheit als mit heiliger Weihe bekleidet werdest und ein unversöhnlicher Knecht deiner beliebten Unmenschlichkeit seiest. Sind wir nicht selbst für das ganz und gar Heilige geweiht worden und bedürfen wir nicht für uns selbst der göttlichen Menschenfreundlichkeit? Oder wollen wir die doppelte Sünde, wie die Schrift sagt, nach Art der Gottlosen begehen, nicht wissend, worin wir anstoßen, und uns auch noch entschuldigend und doch zu sehen glaubend, während wir nicht sehen? Der Himmel erstaunte hierüber, und ich erschauderte. Wisse es wohl, wenn ich nicht deinen Brief in die Hände bekommen hätte — o daß es doch nicht geschehen wäre—und wenn irgendwelche andere Leute mich über deinen Fall zu überzeugen für nötig erachtet hätten, so hätten sie mich nicht überzeugt, daß Demophilus glaubt, der gegen alles gütige Gott sei nicht auch menschenfreundlich, und er (Demophilus) selbst bedürfe nicht des erbarmungsvollen und rettenden Gottes. Aber sogar den Priestern spricht er die Gültigkeit ihrer Wahl ab, die gewürdigt sind, die Unwissenheit des Volkes in Güte zu ertragen, wohl wissend, daß auch sie mit Schwachheit behaftet sind. Der urgöttliche Weihespender geht einen ganz andern Weg. Und hierin, wie die Schrift sagt, von den Sündern abgesondert, erklärt er als Beweis der Liebe zu ihm die rechte milde Hirtensorge für die Schafe. Böse nennt er den Knecht, der seinem Mitknecht die Schuld nicht nachließ und nicht einmal zum Teile an der ihm selbst erwiesenen übergroßen Güte Anteil gewährte. Da hielt es der Herr für angemessen, daß der (böse) Knecht auch das Seine nicht zu genießen bekam. Vor solchem Gebaren muß ich und muß Demophilus auf der Hut sein. Sogar seinen gottlosen Feinden erbittet Jesus gerade in der Stunde seines Leidens vom Vater Verzeihung und tadelt anderseits die Jünger, weil sie mitleidlos gefordert hatten, daß er die Samariter, die ihn verfolgten, verdamme. Das ist in der Tat das tausendmal in deinem Briefe Wiederholte — von Anfang bis zu Ende redest du davon —, daß du nicht dich selbst, sondern Gott gerächt habest. Sage mir, ob durch böses Handeln den Guten?

Das sei ferne! Wir haben nicht einen Hohepriester, der mit unsern Schwächen kein Mitleid haben könnte; nein, er ist mitleidig ohne Bosheit. Nicht wird er streiten, nicht laut schreien, er selbst ist milde, er selbst ist die Versöhnung für unsere Sünden. Daher billigen wir durchaus nicht dein Ungestüm, das nicht nachzuahmen ist, wenn du auch tausendmal einen Phinees und Elias vorschützest. Als Jesus solche Worte hörte, gefielen ihm die damals des milden und guten Geistes ledigen Jünger keineswegs. Denn unser göttlicher Gesetzgeber belehrt in Sanftmut auch die Widersacher gegen die Lehre Gottes. Muß man doch die Unwissenden belehren, nicht züchtigen, wie wir auch die Blinden nicht strafen, sondern sogar an der Hand führen. Du dagegen hast dem Menschen, der im Begriffe war, zum Lichte emporzublicken, Backenstreiche versetzt ihn weggestoßen und voll Übermut fortgewiesen, da er mit großer heiliger Scheu herzutrat — darüber muß man wahrlich einen heftigen Schauer empfinden —, den Menschen, den Christus in seiner Güte aufsuchte, als derselbe in den Bergen umherirrte, zu sich heranrief, da er vor ihm floh, und den mühsam Gefundenen auf seine Schultern hob. Wollen wir nicht, ich bitte dich, so schlimm über uns selbst beraten sein, wollen wir nicht uns selbst das Schwert in die Brust stoßen. Denn diejenigen, welche versuchen, irgendwelchen Mitmenschen zu schaden oder im Gegenteil ihnen Gutes zu erweisen, können keineswegs im vollen Umfange ihre Absichten verwirklichen, sich selbst aber bereiten sie Schlechtigkeit oder Gutheit, erfüllen sich entweder mit göttlichen Tugenden oder mit unbändigen Leidenschaften. Und die einen werden als Nachahmer und Gefährten der Engel hier und im Jenseits, im vollsten Frieden und frei von allem Übel, für alle Ewigkeit das Erbe glückseligster Ruhe antreten. Die anderen aber werden den Frieden mit Gott und zugleich mit sich selbst verlieren und hier und nach ihrem Tode mit den wilden Teufeln zusammenleben.

Deshalb müssen wir uns mit großem Eifer bemühen, daß wir mit dem guten Gott verbunden bleiben und alle Zeit mit Christus vereinigt seien und nicht zusamt mit den Bösen nach dem gerechtesten Richterspruche (Gottes) ausgeschlossen werden und die von unserer Seite wohl verdiente Strafe erleiden. Das ist es, was ich am meisten von allem fürchte, und mein Wunsch (Gebet) ist es, von allem Übel frei zu bleiben. Und wenn du willst, will ich dich an die Vision eines heiligen Mannes erinnern; lache aber nicht, denn ich werde Wahres erzählen.

Als ich einst nach Kreta gekommen war, nahm mich der heilige Karpus gastfreundlich auf, ein Mann, der wenn irgendeiner durch seine große Geistesreinheit für die Anschauung Gottes geeignet war. Er wagte sich nämlich nicht an die Feier der heiligen Mysterien, wenn ihm nicht vorher bei den heiligen Vorbereitungsgebeten eine gnädige Vision gewährt worden war. Er erzählte also, daß ihn einst einer aus den Ungläubigen betrübt hätte. Der Grund der Trauer war, daß jener (Heide) einen Christ zum Atheismus verführt hatte zu der Zeit, wo noch die Hilarien von ihm gefeiert wurden. Es wäre nun notwendig gewesen, für beide Fürbittgebete zu verrichten und den rettenden Gott zum Mithelfer zu nehmen, um den einen zu bekehren und den andern durch Güte zu besiegen. Man durfte nicht nachlassen in lebenslanger Mahnung bis auf den heutigen Tag und mußte sie auf diese Weise zur Kenntnis Gottes führen, so daß sie die von ihnen bestrittene Wahrheit richtig beurteilten und ihr vermessenes Tun nach Gesetz und Recht vernünftig gutzumachen gezwungen würden. Aber während Karpus früher nie eine derartige innere Erfahrung gemacht hatte, wurde er damals unbegreiflicherweise von einer heftigen Mißstimmung und Bitterkeit erfaßt und schlief in solcher übler Verfassung ein, denn es war Nacht. Um Mitternacht aber — er pflegte nämlich auf diese Stunde zum göttlichen Lobgesang von selbst zu erwachen — erhob er sich, nachdem er vom mehrfach unterbrochenen Schlaf keine ungestörte Ruhe genossen hatte. Obschon er nun trotzdem in den Verkehr mit Gott eingetreten war, ärgerte er sich in unfrommer Weise und war voll Widerwillen und sagte, es sei nicht gerecht, daß gottlose Menschen am Leben blieben und die geraden Wege des Herrn verkehrten. Und bei diesen Worten bat er Gott, das Leben der beiden durch einen Blitzstrahl zu vernichten. Als er aber ausgeredet hatte, schien es, daß das Gemach, in dem er wohnte, erst plötzlich erkrachte und dann an der Decke mitten entzwei gerissen wurde und eine mächtige Feuersäule vor ihm aufloderte, die — denn die Stelle schien bereits unter dem freien Himmel zu sein — vom Himmel bis zu ihm herabreichte; der Himmel aber sei offen gewesen und Jesus auf der Fläche des Himmels erschienen, von zahllosen Engeln wie nach Menschenart umgeben. Dieses Schauspiel habe er in der Höhe gesehen und sich gewundert. Als dann Karpus sich niederbückte, habe er, wie er sagte, auch den Fußboden in einen weitklaffenden und finstern Schlund auseinandergebrochen und jene Männer, die er verflucht hatte, vor sich an dem Rande des Schlundes stehen sehen, wie sie, zitternd und erbarmungswürdig, vor lauter Schwäche in den Füßen schon nahe daran waren, hinabzustürzen. Von unten krochen, wie er sah, aus dem Abgrund Schlangen herauf und ringelten sich um ihre Füße und suchten bald sie wegzuziehen, indem sie durch Heben und Drücken sie an den Schlund heranzubringen trachteten, bald mit den Zähnen oder Schwänzen ihnen heißmachten oder sie kitzelten und auf jede Weise in den Abgrund zu stürzen suchten. Es seien auch einige Mannsgestalten mitten unter den Schlangen gewesen, die zugleich mit ihnen die beiden Männer angriffen, sie rüttelnd, stoßend und schlagend. Es hätte den Anschein gehabt, daß jene Armen bereits dem Sturze nahe waren, einerseits unfreiwillig, anderseits freiwillig, weil von dem Bösen nahezu gezwungen und zugleich überredet. Karpus erzählte, daß er sich beim Blick nach unten gefreut habe, ohne sich um die Vision in der Höhe zu kümmern. Und da er voll Mißmut und Rücksichtslosigkeit war, weil sie noch nicht hinuntergestürzt waren, obwohl er, ohne etwas auszurichten, die Sache wiederholt in Angriff genommen, habe er im Zorn und Ärger ihnen sogar geflucht. Als er endlich einmal wieder emporblickte, habe er wie vorhin den Himmel wieder gesehen, wie Jesus aber aus Mitleid über das Geschehene von seinem überhimmlischen Throne sich erhoben hatte und bis zu ihnen herabgestiegen wäre und seine milde Hand über sie ausstreckte, wie dann die Engel mit Hand an legten und der eine diesen, der andere jenen der beiden Männer zurückhielten, und wie Jesus zu Karpus sagte: „Erhebe deine Hand und schlage mich weiterhin, denn ich bin bereit, wiederum für die Rettung der Menschen zu leiden. Und das tue ich gerne, wenn nur andere Menschen nicht sündigen. Übrigens siehe du zu, ob es gut für dich ist, den Aufenthalt im Abgrund unter den Schlangen gegen die Gesellschaft Gottes und der guten, menschenfreundlichen Engel einzutauschen.“ Das ist es, was ich gehört habe und für wahr halte.

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