Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit

Von Cyrillus von Alexandrien (444)

Schwer zu erfassen sind die göttlichen Dinge auch für Diejenigen, die sehr geübt und befähigt sind, die Geheimnisse betrachten und das allen Verstand Übersteigende doch wenigstens im Spiegel und Räthsel, wie Paulus sagt, schauen zu können. Ein sehr grober menschlicher Verstand aber ist nicht im Stande, bei der Feinheit der Gedanken mit nebenherzugehen. Darum ist es sehr bedenklich, von den göttlichen Dingen zu reden, und sehr weise, hierin wenigstens das Schweigen zu wählen; indeß ist es doch nicht straflos für Diejenigen, die den Auftrag haben, zu lehren. Und Dieses wohl wissend sprach der heilige Paulus: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ Ich habe mich also an die Zusammenschreibung des vorliegenden Buches gemacht und für dich, o lerneifrigster Bruder Nemesius, wieder die Abhandlung über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit ausgearbeitet. Im Allgemeinen und Besonderen aber haben wir unsere Gedanken über jeden der Fragepunkte zusammengetragen und in sieben Gesprächen den ganzen Leib des Buches zusammengestellt und es dem höchst trefflichen Hermias als einem sehr gelehrten und über derlei Dinge sehr viel forschenden Manne gewidmet. Die Rede ist nachläßig, bewegt sich aber in Frage und Antwort zwischen zwei Personen, und das Zeichen des Ersten ist A, der erste der Buchstaben, des Zweiten aber B. Denn da die Feinheit in den Untersuchungen sehr groß ist, so war, damit durch die Fragen und Antworten das zu Prüfende dargelegt und scharf widerlegt würde, die Einführung der Personen nöthig. Man muß also die vorangestellten Buchstaben derselben fleissig beachten. Denn so werden wir die untermischte und in der besten Ordnung liegende Erfindung der Gedanken und die Anordnung und Bedeutung des ganzen Buches beobachten. Ich wünsche dir Lebewohl im Herrn, Geliebter.

Erstes Gespräch. Daß der Sohn Gott dem Vater wesensgleich und gleichewig ist.

A. Unseren ehrwürdigen Hermias konnten wir gestern und vorgestern nicht sehen, da es ihm weder öffentlich aufzutreten beliebte, wie mir scheint, noch überhaupt auszugehen; aber dich scheuchte gewiß das stürmische Wetter zu Hause. Ein solches Verhalten war ja auch ganz natürlich. Jetzt aber hat dich kaum das herrliche, schöne Wetter sichtbar gemacht.

B. Du sprichst wahr. Das Alter ist ja immer unaufgelegt und zum Ausgehen höchst langsam, besonders wenn es regnet.

A. Witzig also und gerade heraus redend könnte man dich, wenn man wollte, den Fischen im Meere vergleichen, welche, wenn ein wilder und tosender Wind den Wogenandrang aufrührt und sausend niederstürzt, einzeln sowohl als schaarenweise in die Schlupfwinkel in der Tiefe sich ergießen und, wie in einen Wald oder dichtes Gebüsch sich bergend, ihre Sicherheit suchen; wenn aber der Schimmer des Sonnenstrahles auf den Wellen schwimmt und sie bereits wieder das ganze Meer gleichsam lachen sehen, herauf kommen und herauf schwimmen und auf den oberen Wellen springen mit Ablegung der Furcht sowohl als der Trägheit.

B. Du sollst wissen, mein Lieber, daß es sich mit mir in der That nicht anders als so verhält.

A. Von der Menge aber und von Geschäften bist du indessen weit entfernt und am Herde ist das Gemüth dir ruhig, wie ich glaube.

B. Und was ergibt sich daraus?

A. Ein gar großer und für Fromme sich geziemender Nutzen. Oder werden wir nicht auch der Ruhe etwas Gutes zuschreiben?

B. O ja, gewiß.

A. Das durch göttliche Eingebung zur psallirenden Leier gesungene Lied wird ja in der That diese Ansicht als vollkommen wahr erweisen.

B. Was für eines meinst du?

A. „Ruhet und erkennet, daß ich Gott bin.“ Denn das körperliche Auge, wenn es von Staub und Rauch und Allem, was sonst es trüben kann, frei ist, gewährt Dem, was ihm aufzustoßen pflegt, eine leichte und ungehinderte Wirksamkeit; wenn aber irgend ein Leiden es beschädigt, wird es weniger, als es soll, seinen Gegenständen sich zuwenden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß es bisweilen auch seiner Schärfe ermangeln wird. Auch der menschliche Geist, wenn er ruhig ist und gesetzt und von eitler und schmutziger Phantasie sich fern zu halten gewohnt, sieht scharf und klar und gewinnt eine irrthumsfreie Erkenntniß des Seienden (Wirklichen); wenn er aber durch irgend ein Gebrechen stumpf wird, wird er selbst die göttliche Schönheit nicht sehen, sondern gleichsam auf das Irdische sich hinsetzen wie die naßgewordenen Spatzen, die durch die Gebundenheit am Flug in die Höhe gehindert sind.

B. Du hast Recht.

A. Du meinst also doch, o Hermias, während du müssig zu Hause weiltest, daß es sich geziemte, dieses göttlichen Ausspruches eingedenk zu sein? Auch sind dir so zu sagen seit gestern und vordem heilige Bücher in Händen und ein sehr großer Lerneifer ist deinem Geiste eingepflanzt, der wie einen feinnasigen Spürhund dich treibt zur Jagd nach Dem, was zu wissen sich ziemt. Oder vielleicht auch werden wir die Ursachen der Unlust an einer derartigen Arbeit dem über die Jugend des Leibes bereits hinausgehenden Alter zutreiben, oder wirst du wenigstens etwas Anderes sagen, auch wenn es nicht wahr ist? Ich aber möchte dich auf’s freundlichste schelten und etwa sagen, ein alter Mensch lüge gern und verlange noch dazu, daß man Das, was er will und sagt, höchst bereitwillig gläubig annehme.

B. Viel zwar hätte ich zu klagen über die Schwäche des Leibes; denn wir sind bereits an der Neige des Lebens angekommen; aber Solches jetzt bei Seite lassend will ich also das Nothwendige sagen. Wißbegierig nämlich ist mein Geist zwar gewissermaßen immer, und er trachtet vielleicht nach Nichts als nach Dem allein; aber wie ein edles und schnelläufiges Füllen, obwohl es die Kraft der Füße zeigen will, durch die Unebenheiten der Felder auch wider Willen genöthigt wird, den Erweis seiner Stärke für abgeschnitten zu halten: auf dieselbe Weise, meine ich, hindern auch mich, der ich von einer warmen und unhemmbaren Neigung eingenommen bin, mich eifrig mit den heiligen Schriften zu beschäftigen, die unzugänglichen und unwegsamen Stellen, die nicht, wie man vermuthen möchte, einen einfachen und gut gebahnten Zugang haben, der Denen, die ihn nehmen wollen, offen stünde. So scheucht also gleichsam das schwierige Terrain den Geist bisweilen zur Trägheit herab; vor allen anderen aber scheue ich am allermeisten noch die Untersuchung über den Glauben, obwohl er die Grundlage unserer Hoffnung ist.

A. Nun ja denn, ich will dir ja beistimmen, wenn du Recht hast. Indeß ist doch Jedem klar, daß man sich den Besitz eines der von oben kommenden und von Gott geschenkten Güter nicht wohl ohne Schweiß, meine ich, verschaffen kann. Denn was ganz übernatürlich ist und eine hochragende Herrlichkeit hat, ist nicht Allen zugänglich, sondern nicht leicht zu erreichen, schwer hineinzukommen und steil und mit allerlei Schwierigkeit und Mühe verbunden.

B. Was sollen dann Diejenigen thun, die ein Verlangen und eine Neigung haben nach diesen herrlichen und schönen Dingen, die aber zu erringen so schwierig ist?

A. Unseren ehrwürdigen Hermias konnten wir gestern und vorgestern nicht sehen, da es ihm weder öffentlich aufzutreten beliebte, wie mir scheint, noch überhaupt auszugehen; aber dich scheuchte gewiß das stürmische Wetter zu Hause. Ein solches Verhalten war ja auch ganz natürlich. Jetzt aber hat dich kaum das herrliche, schöne Wetter sichtbar gemacht.

B. Du sprichst wahr. Das Alter ist ja immer unaufgelegt und zum Ausgehen höchst langsam, besonders wenn es regnet.

A. Witzig also und gerade heraus redend könnte man dich, wenn man wollte, den Fischen im Meere vergleichen, welche, wenn ein wilder und tosender Wind den Wogenandrang aufrührt und sausend niederstürzt, einzeln sowohl als schaarenweise in die Schlupfwinkel in der Tiefe sich ergießen und, wie in einen Wald oder dichtes Gebüsch sich bergend, ihre Sicherheit suchen; wenn aber der Schimmer des Sonnenstrahles auf den Wellen schwimmt und sie bereits wieder das ganze Meer gleichsam lachen sehen, herauf kommen und herauf schwimmen und auf den oberen Wellen springen mit Ablegung der Furcht sowohl als der Trägheit.

B. Du sollst wissen, mein Lieber, daß es sich mit mir in der That nicht anders als so verhält.

A. Von der Menge aber und von Geschäften bist du indessen weit entfernt und am Herde ist das Gemüth dir ruhig, wie ich glaube.

B. Und was ergibt sich daraus?

A. Ein gar großer und für Fromme sich geziemender Nutzen. Oder werden wir nicht auch der Ruhe etwas Gutes zuschreiben?

B. O ja, gewiß.

A. Das durch göttliche Eingebung zur psallirenden Leier gesungene Lied wird ja in der That diese Ansicht als vollkommen wahr erweisen.

B. Was für eines meinst du?

A. „Ruhet und erkennet, daß ich Gott bin.“ Denn das körperliche Auge, wenn es von Staub und Rauch und Allem, was sonst es trüben kann, frei ist, gewährt Dem, was ihm aufzustoßen pflegt, eine leichte und ungehinderte Wirksamkeit; wenn aber irgend ein Leiden es beschädigt, wird es weniger, als es soll, seinen Gegenständen sich zuwenden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß es bisweilen auch seiner Schärfe ermangeln wird. Auch der menschliche Geist, wenn er ruhig ist und gesetzt und von eitler und schmutziger Phantasie sich fern zu halten gewohnt, sieht scharf und klar und gewinnt eine irrthumsfreie Erkenntniß des Seienden (Wirklichen); wenn er aber durch irgend ein Gebrechen stumpf wird, wird er selbst die göttliche Schönheit nicht sehen, sondern gleichsam auf das Irdische sich hinsetzen wie die naßgewordenen Spatzen, die durch die Gebundenheit am Flug in die Höhe gehindert sind.

B. Du hast Recht.

A. Du meinst also doch, o Hermias, während du müssig zu Hause weiltest, daß es sich geziemte, dieses göttlichen Ausspruches eingedenk zu sein? Auch sind dir so zu sagen seit gestern und vordem heilige Bücher in Händen und ein sehr großer Lerneifer ist deinem Geiste eingepflanzt, der wie einen feinnasigen Spürhund dich treibt zur Jagd nach Dem, was zu wissen sich ziemt. Oder vielleicht auch werden wir die Ursachen der Unlust an einer derartigen Arbeit dem über die Jugend des Leibes bereits hinausgehenden Alter zutreiben, oder wirst du wenigstens etwas Anderes sagen, auch wenn es nicht wahr ist? Ich aber möchte dich auf’s freundlichste schelten und etwa sagen, ein alter Mensch lüge gern und verlange noch dazu, daß man Das, was er will und sagt, höchst bereitwillig gläubig annehme.

B. Viel zwar hätte ich zu klagen über die Schwäche des Leibes; denn wir sind bereits an der Neige des Lebens angekommen; aber Solches jetzt bei Seite lassend will ich also das Nothwendige sagen. Wißbegierig nämlich ist mein Geist zwar gewissermaßen immer, und er trachtet vielleicht nach Nichts als nach Dem allein; aber wie ein edles und schnelläufiges Füllen, obwohl es die Kraft der Füße zeigen will, durch die Unebenheiten der Felder auch wider Willen genöthigt wird, den Erweis seiner Stärke für abgeschnitten zu halten: auf dieselbe Weise, meine ich, hindern auch mich, der ich von einer warmen und unhemmbaren Neigung eingenommen bin, mich eifrig mit den heiligen Schriften zu beschäftigen, die unzugänglichen und unwegsamen Stellen, die nicht, wie man vermuthen möchte, einen einfachen und gut gebahnten Zugang haben, der Denen, die ihn nehmen wollen, offen stünde. So scheucht also gleichsam das schwierige Terrain den Geist bisweilen zur Trägheit herab; vor allen anderen aber scheue ich am allermeisten noch die Untersuchung über den Glauben, obwohl er die Grundlage unserer Hoffnung ist.

A. Nun ja denn, ich will dir ja beistimmen, wenn du Recht hast. Indeß ist doch Jedem klar, daß man sich den Besitz eines der von oben kommenden und von Gott geschenkten Güter nicht wohl ohne Schweiß, meine ich, verschaffen kann. Denn was ganz übernatürlich ist und eine hochragende Herrlichkeit hat, ist nicht Allen zugänglich, sondern nicht leicht zu erreichen, schwer hineinzukommen und steil und mit allerlei Schwierigkeit und Mühe verbunden.

B. Was sollen dann Diejenigen thun, die ein Verlangen und eine Neigung haben nach diesen herrlichen und schönen Dingen, die aber zu erringen so schwierig ist?

A. Was Anderes meinst du, daß sie thun sollen, als den Reden der Heiligen gehorchen, welche recht sehr (uns) zurufen: „Wenn Einer von euch an Weisheit Mangel hat, erbitte er sie von Gott, der Allen ohne weiters gibt und es nicht vorrückt, und sie wird ihm gegeben werden“? Denn von dem göttlichen und geistigen Lichte wird doch gewiß erleuchtet, was des Lichtes entbehrt, und fürwahr, auch die Weisheit macht weise, was der Einsicht und Weisheit ermangelt. Als Licht aber und Weisheit ist Christus zu denken, „der unsere Herzen erleuchtet hat, um seine Erkenntniß leuchten zu lassen“. Denn Gott, der Vater, „hat uns errettet,“ wie der heilige Paulus sagt, „aus der Gewalt der Finsterniß und uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe,“ im Lichte. Und fürwahr, auch „Tagesanbruch“ hat ihn einer der Heiligen genannt und Morgenstern überdieß. Denn er sagt: „Bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eueren Herzen,“ indem er Tagesanbruch und aufgehenden Morgenstern nannte, wie ich meine, die Erleuchtung durch Christus im Geiste.

B. Allerdings, daß Christus Licht sei und in der That auch Tag und Glanz und Morgenstern Derer, die einmal zu den im Glauben Berufenen gehören, wird wohl Niemand bezweiseln. Wenn wir nun aber bitten würden, würdest du uns wohl in ganz übersichtlicher Weise die unverfälschte und irrthumslose Lehre des Glaubens darlegen, oder wirst du dich weigern, zu reden, und die nur zur Gewohnheit gewordene Bedenklichkeit ebenfalls in Ehren halten? Denn tausendfältig sind die Faseleien von Vielen, welche die richtige Lehre der Wahrheit trügerisch auf schlaue Weise verkehren nach ihrem Gutdünken und wilden Wespen gleich Städte und Landstriche durchfliegend gewaltigen Lärm machen, indem sie Dinge reden, die aus ihrem eigenen Herzen kommen und nicht aus dem Munde des Herrn, wie geschrieben steht.

A. Wie bewundere ich dich, o Guter, wegen deiner unvergleichlichen Gottesliebe und bitte ich dich, niemals abzulassen von der so richtigen und höchst lobenswerthen Gesinnung! Indeß, o Freund, kannst du ganz ohne Mühe und in umfassender Weise Das erlangen, was du liebst, und ich behaupte nicht den geistigen Sinn ausgeforscht zu haben, als verspräche ich etwas Besseres als unsere Vorfahren zu sagen und zu lehren. Denn hinreichend, hinreichend sind die Schriften der heiligen Väter hierüber, und wenn Einer mit diesen sich verständig beschäftigen und aufmerksam abgeben wollte, so möchte er wohl alsbald den eigenen Geist mit dem göttlichen Lichte erfüllen. Denn nicht sie selbst waren es, die in ihnen redeten. „Jede von Gott eingegebene Schrift aber ist auch nützlich.“ Oder nicht?

B. Ja, auch Das ist wahr. Aber wenn du selbst zögern und gar nicht mithelfen, sondern gleichsam die Zunge inner den Zähnen verschließend rathen wirst, Nichts zu thun, indem du Das, daß über dergleichen Dinge die Väter uns hinreichend und zur Genüge gesprochen haben, als unumstößlichen und unbestreitbaren Vorwand Denen entgegenzustellen suchst, welche hierüber gern Etwas hören möchten, so werde ich wohl dieses Verhalten nicht loben und bitte, mir auf meine Frage zu antworten.

A. Was willst du denn von mir erfragen? Verhöhne doch nicht meinen geringen Verstand, o Trefflicher!

B. Höhnen ist meine Absicht nicht, daran fehlt viel; antworte aber und halte mich nicht auf schlaue Weise ab von der Jagd nach Dem, was ich von dir zu erfragen wünsche.

A. Aber frage doch einmal, wenn es dir beliebt.

B. Wenn es Einem der Unsrigen gefiele, etwa die Feldschafe oder Ziegen zu hüten, meinst du nicht, er brauche einen Krummstab und Hunde, damit er selbst es vertreibe, wenn etwa eines der wilden Thiere heranspränge, diese aber durch ihr Gebell zum voraus Schrecken einjagend die Keckheit des Angriffes verhindern und die Heerde unverletzt bewahren?

A. Du hast Recht.

B. Wenn es sich nun im Zeitverlauf zutrüge, daß einige der Hunde sterben und der Hirt andere einführte, ist dann bei den zweiten das Bellen und die Wachsamkeit überflüssig, da doch die früheren hiedurch in Ansehen zu stehen schienen?

A. Und wie sollte man, was nützlich ist, für überflüssig halten oder erklären?

B. Wirst dann du selber ohne Vorwurf schweigen, der du uns nur auf die Schriften der Väter anweisest, indem du sagst, ihren vortrefflichen Arbeiten gleichkommen zu wollen sei eine vergebliche Sache, da indessen die ungeschlachten Häretiker mit thür- und thorlosem Munde die Seelen der Einfältigen aufzehren?

A. Nun, da mich ein heftiges Verlangen erfaßte (denn nicht wenig ermuntert und hinreichend aufgefordert zur Übernahme der Mühe bin ich durch deine Worte, mein Bester), wohlan denn, wollen wir also die genau und sorgfältig gefaßten Beschlüsse der heiligen und allberühmten Synode, die seiner Zeit in der Stadt Nicäa versammelt war, vornehmen und sehen, wenn es beliebt, was den Häretikern nicht tadellos zu sein scheint. Denn wenn Jemand den von jener heiligen und großen Synode auf’s Beste und mit Gott festgestellten und ausgelegten Glauben für die feste und unerschütterliche Grundlage und Stütze unserer Seelen erklären will, so wird er ganz Recht haben und wird Lob erlangen bei Christus und als treuester und wahrer Anbeter leuchten. Wörtlich aber sei uns aufgeschrieben das göttliche und höchst ehrwürdige Orakel jener heiligen Synode, das heißt das durch die sorgfältigsten Erwägungen geglättete und ausgearbeitete Symbolum des Glaubens, damit Denen, die gern über unsere Geschwätzigkeit schmähen, durchaus kein Anlaß bleibe, als haschten wir nach fremden Lehren und unterließen es, den königlichen Weg zu gehen, beugten aber ab nach der anderen Seite, bloß nach dem eigenen Gutdünken. Denn Das möchte wohl auch ich selbst für eine unbehandelbare Geisteskrankheit erklären. Denn „die ungeprüfte Weisheit irrt“, wie geschrieben steht. Die Auslegung des Glaubens aber lautet also: Wir glauben an einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren; und an einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, geboren als Eingeborener aus dem Vater, das heißt aus der Wesenheit desselben, Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahren Gott vom wahren Gott; gezeugt, nicht gemacht, wesensgleich mit dem Vater, durch welchen Alles geworden ist, sowohl was im Himmel als was auf Erden ist; der wegen uns Menschen und wegen unseres Heiles herabkam und Fleisch annahm und Mensch wurde, der litt und begraben wurde und auferstand am dritten Tage; der zu Himmel fuhr und kommen wird zu richten Lebendige und Todte; und an den heiligen Geist. Die aber sagen: „Es war einmal, da er nicht war,“ oder: „Er war nicht, bevor er geboren wurde,“ oder: „Aus dem Nichtsein ist er geworden,“ oder die sagen, der Sohn Gottes sei aus einer anderen Hypostase oder Substanz oder geschaffen oder wandelbar oder veränderlich, Solche belegt die katholische und apostolische Kirche mit dem Banne.

B. Ah, der lauteren und bis zur höchsten Vollendung gekommenen Nüchternheit! Boanerges, das heißt Donnerssohn, wird, meine ich, Jeder von Denen genannt werden, die Dieses festgestellt haben. Denn etwas Ausserordentliches und Übernatürliches haben sie ausgesprochen.

A. Auf’s Beste also glaube ich so mich umgesehen und gethan zu haben. Denn nichts Anderes als Dieß zu denken und auf der Zunge zu haben, sondern vielmehr dem Urtheile und den Reden, die durch den heiligen Geist erdacht sind, zu folgen, Das möchte ich, wisse es wohl, über Alles schätzen.

B. Du hast Recht. Aber du wirst die Gegner nicht überreden, das Gleiche wie du denken zu wollen. Denn wie heerdescheue und wilde Kälber laufen sie keck dahin nach ihrem Gutdünken, und gleichsam die beste und in der That ganz schöne Weide bei Seite lassend streben sie nach Dornen und Stacheln, indem sie die Reden unverständiger Irrlehrer abweiden, über welche vielleicht auch das Wort der Weisheit selbst geweint hat. Denn es heißt: „O ihr, die ihr die geraden Wege verlassen habt, um auf Wegen der Finsterniß zu wandeln, die ihr am Bösen euch ergötzet und euch freuet an böser Verkehrung, deren Pfade krumm und deren Gleise gebogen sind!“

A. Du hast Recht. Es geziemte sich wohl auch, sie sehr zu beklagen, indem wir mit dem Propheten Jeremias sagen: „Wer wird meinem Haupte Wasser geben und meinen Augen einen Thränenquell, und ich werde dieses Volk beweinen Tag und Nacht?“ Denn wer, da es ihm dochsrei stand, die Erkenntniß der Wahrheit zu erwählen, unverständiger Weise auswich zu Trug und Verderbniß und zu unheiligen Irrlehren, wie sollte Der nicht im Übrigen beweinenswerth sein? „Sie sind zwar von uns ausgegangen,“ wie Einer von den heiligen Jüngern des Heilandes im Briefe geschrieben hat, aber sie waren nicht ans uns. Denn wenn sie aus uns gewesen wären, wären sie bei uns geblieben.“ Worin nun aber belieben sie auch den so richtigen und höchst genauen und keinerlei Berichtigung bedürftigen Glauben oder das Bekenntniß des Glaubens zu tadeln?

B. Ja, sagen sie, wir werden nämlich mit Recht den Ausdruck „wesensgleich“ (homousios) tadeln, indem wir behaupten, er sei neutönend und ungeschrieben, das heißt nicht in den heiligen Schriften enthalten.

A. Höchst unverständig wohl möchten sie Dieses sagen, o Freund! Denn der Ausdruck ist durchaus nicht anstößig, wofern überhaupt wahr ist, was durch ihn bezeichnet wird. Oder wirst du nicht auch selbst zugeben, daß es wahr ist, was ich sage?

B. Allerdings.

A. Siehe also zu, ob wir nicht auch andere dergleichen Ausdrücke der Natur Gottes bisweilen zuzueignen pflegen, die gleichwohl den heiligen und göttlichen Schriften unbekannt sind!

B. Welche meinst du denn?

A. Wird wohl, wenn Einer Gott unkörperlich und gestaltlos, ohne Quantität und Größe nennt, seine Rede über das Richtige hinausgehen? Wenn er ihn aber auch unbegrenzt und unbeherrscht nennt, wird wohl Jemand meinen, er sage Nichts von dem Nothwendigen, da er gleichwohl das Wahre meint?

B. In der That, Das wäre doch wohl eine Albernheit.

A. Was also brauchten sie vielmehr mit vorschneller Keckheit auf knabenhafte Weise das „wesensgleich“ zu tadeln, indem sie das Fremde und Ungewohnte des so bezeichnenden und philosophischen Ausdruckes bemängeln, da ja doch die Sache wahr ist und auch zugestanden von Denen wenigstens, welche die göttlichen Dinge genau verstehen und unterwiesen sind in den Geheimnissen; denn der für uns aus der Wesenheit Gottes des Vaters selbst stammende Sohn wird doch nicht von anderer Natur sein, wie sie meinen, noch auch fremd dem Erzeuger, sondern wesensgleich mit ihm, von gleicher Beschaffenheit und Natur. Denn ich werde mich keineswegs schämen, jeden Ausdruck zu gebrauchen, der zur Bezeichnung Dessen, was richtig und wahr ist, dient. Denn zwar über Gattung und Art bildenden Unterschied ist Gott durchaus erhaben ; allein wenn wir Das abweisen wollten, wodurch Jemand doch wohl zu einer wenn auch geringen Erkenntniß der über Alles erhabenen Wesenheit geführt werden dürfte, so werden wir dadurch ungläubig und unwissend sein, von nirgends her unterwiesen, wer der wesentliche und wahrhaftige Gott ist, sondern „gleichsam den Wellen preisgegeben und umhergetrieben von jedem Winde,“ wie geschrieben steht. Wenn wir es aber scheuen und zurückweisen, und zwar überhaupts, wenigstens „im Spiegel und Räthsel zu schauen und theilweise zu erkennen,“ dann werden wir doch wohl alle tauben und empfindungslosen Steinen gleich sein, „eine unnütze Last des Erdbodens,“ wie Einer der griechischen Dichter gesagt hat.

B. Aber wo denn, sagen sie, nennt die Schrift das „wesensgleich“?

A. Daß wir zur nämlichen Rede zurückkehren, verlangst du, mein Bester ! Denn wo nennt sie den Gott des Alls unkörperlich und gestaltlos und unbegrenzt und unbeherrscht? Aber er ist Dieß seiner Natur nach, auch wenn Jene es nicht wollten. Wenn wir also richtig denken wollen, so dürfen wir ja doch nicht die zur Erkenntniß der Wahrheit führenden Bezeichnungen verwerfen. Oder sollten sie denn etwa nicht glauben, daß Gott nicht gelogen habe, wenn er zu dem ehrwürdigen Moses sagte: „Ich bin der Seiende.“ Denn „Dieß ist mein Name,“ sprach er, „und mein Merkmal auf ewig von Geschlecht zu Geschlecht.“ Aber ich meine ja doch, sie sollten nicht so weit in der Bornirtheit gekommen sein, daß sie sogar zu denken wagten, daß Gott nicht der Seiende sei. Denn seiend ist er in Wahrheit, und so zu heissen geziemt sich für ihn und für ihn allein im höchsten und eigentlichen Sinne, wenn auch auf Anderes vielleicht im uneigentlichen Sinne der Name übergeht. Hieraus aber, sagen wir, sei auch der Name „Wesenheit“ (ουσία — Seinsheit) von den Alten gebildet worden, und mit vollem Rechte, so daß, wenn auch Jemand den Sohn als ebenbürtig und wesensgleich (seinsgleich) mit dem Vater bezeichnet, wir von ihm nicht denken werden, er habe gleichsam in der Namengebung eine ungewohnte Neuerung eingeführt, sondern er wird sich dieses Ausdruckes bedienen als eines solchen, der in der heiligen Schrift wenigstens so zu sagen die ersten Sitze einnimmt. Denn die abgeleiteten Namen haben ihren Stamm durchaus nicht in sich selbst, nach eigener Satzung, sondern entspringen gleichsam aus ihrer Wurzel auch in den Anfängen. Wenn sie also behaupten, das „wesensgleich“ sei ausser Übung und dem heiligen Sprachgebrauch, so sind sie gewiß ungerecht gegen die rechtmäßige Art der Namensableitung. Denn aus dem Seienden stammt Seinsheit (Wesenheit) und seinsgleich (wesensgleich). Indem sie aber so sehr unwissend sind, heben sie zugleich mit diesem Ausdrucke auch die anderen auf, durch welche es uns möglich sein dürfte, wenigstens doch im Spiegel und Räthsel zu sehen und schwache Vorstellungen von der Gottheit in den Geist aufzunehmen.

B. Wie nun, wenn sie zwar nicht, der Sohn sei dem Vater wesensgleich, wohl aber sagen würden, er sei ihm wesensähnlich?

A. Nicht richtig werden sie sprechen, mein Bester, sondern für’s Erste werden sie als sich selbst widersprechend gefangen werden, da sie ja den Ausdruck als unschriftgemäß verwerfen. Denn ob man nun meine, daß man den Sohn wesensgleich oder, wenn Dieß durchaus nicht, daß man ihn wesensähnlich nennen müsse, nichtsdestoweniger läuft uns durch beide Bezeichnungen der Name „Wesenheit“ neben herein. Indem sie aber den Ausdruck für falsch erklären, das „wesensgleich“ nämlich, und ihn als unächt, irrthümlich, mit den heiligen Schriften nicht übereinstimmend und als was nicht noch Alles verschreien, lassen sie ihn wieder zu und schreiben ihn unter die am allermeisten beglaubigten. Wenn man es ihnen also auch hingehen ließe, zu sagen, der Sohn sei dem Vater wesensähnlich, was scheinen dir dann wohl diese Leute zu thun?

B. Nicht wenig ungerecht zu sein und die Bedeutung jenes Ausdruckes zu fürchten, wahrend er doch trefflich und sehr klar das Wahre anzeigt.

A. Glaube nur nicht, daß es sich anders als so verhalte, mein Lieber; jugendlich übermüthig aber gleichsam auf ihre lose Geschwätzigkeit und die höchst unheiligen Lehren ihrer Führer schneiden sie den Sohn ab von seinem natürlichen Verhältniß und Verwandtschaft zu Gott dem Vater und lassen ihn kaum, vielleicht noch aus Mitleid, eine Nachbildung und Ähnlichkeit mit ihm haben, damit er endlich als wenig verschieden erscheine von Dem, was nach seinem Bilde geschaffen oder wenigstens in Bezug auf die Beschaffenheit der Sitten gleichsam nach der göttlichen und lauteren Schönheit ausgebildet ist.

B. Wie meinst du Das?

A. Hörst du denn nicht, mein Lieber, daß Christus befiehlt und sehr deutlich sagt: „Werdet barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel es ist“?

B. Jawohl.

A. Verstehst du also nicht, daß auch die Beschaffenheit der Sitten uns eine Gestalt gibt und durch die wirkliche Tugend gewissermaßen der göttliche Charakter uns eingeprägt wird? Denn die Gottheit ist auf nicht nachgebildete und wesenhafte Weise gut; daß aber als Dieses [sc. Gut] nachahmungsweise auch wir selbst erscheinen durch Betragen und Sitten, gehört doch wohl zu den Möglichkeiten, wenn wir das Streben und Trachten nach allem Vortrefflichen freiwillig erwählen. Denn wir werden ja doch nicht meinen, wenn wir an Verstand und Herz im Rechten sind, daß Diejenigen, welche das göttliche Ebenbild, durch die Beschaffenheit ihrer Sitten schimmernd, in ihren Seelen haben, eine wesenhafte und unveränderliche Ähnlichkeit mit ihm haben, die bis zur durchgängigen Gleichheit mit seinen Eigenschaften fortginge und sich erstreckte, da wir ja damit zugeben würden, daß Gott uns selber ähnlich sei, indem überhaupt Nichts einen trennenden Unterschied mache. Wir sind nämlich geschaffen nach seinem Bilde und Gleichnisse. Allein so verhält es sich nicht; viel wenigstens fehlt auch daran; denn unendlich viel liegt dazwischen. Wir nämlich sind nicht einfach von Natur, die Gottheit aber ist durchaus einfach und ohne Zusammensetzung, reich aber ist das Allvollkommene an sich selbst und bedarf Nichts. Alle körperliche Natur aber ist zusammengesetzt aus Theilen, die zur Erfüllung eines vollkommenen Wesens zusammentreffen. Und wir sind aus Erde, wenigstens dem Fleische nach, verweslich und verwelklich, Gräsern gleich und den Lilien des Feldes ähnlich; Gott aber ist hierüber erhaben. Und leicht umkehrbar ist des Menschen Seele und hat verschiedene Wandlungen, sowohl vom Guten zum Schlechten als von der Schlechtigkeit wieder zum Guten. Befestiget aber gleichsam und fest gegründet ist Gott in seinen Gütern, einen Übergang zu Anderem zu erleiden unfähig; und wesenhaft ist seine Festigkeit, nicht ein Erwerb freiwilliger Sicherheit. Es ist also offenbar, daß für die Geschöpfe die Ähnlichkeit mit Gott keine natürliche ist, sondern gewissermaßen im Handeln und in der Beschaffenheit der Sitten sich zeigt.

B. Diese Ansicht dürfte wohl richtig sein, da ja sowohl von den Engeln diejenigen, welche ihren Anfang nicht bewahrten, als auch wir selbst der Verwandtschaft mit Gott verlustig gingen, an der Natur aber nicht beschädigt wurden. Denn wir sind keineswegs in das völlige Nichtsein dahingegangen, sondern wir existiren, auch ohne den Besitz der Tugend. Der Erkenntniß einer gewissen Wissenschaft und Kunst aber durch die allzu große Leichtigkeit und Hinneigung zum Bösen verlustig geworden sind wir zur Annahme des Früheren wieder berufen worden durch Christus, der uns umbildet, um zu jener ersten und urbildlichen Schönheit erneuert zu werden. Und wir sagen doch nicht, daß er uns eine solche Herrlichkeit zu erreichen gebe, als gingen wir aus der Menschheit in eine andere Natur über, sondern weil wir aus einer schlechten Willensrichtung umgeändert werden, das Bessere thun und denken zu wollen.

A. Es ist also einleuchtend, o Hemias: wenn die Merkmale des göttlichen Ebenbildes in uns leuchten, sofern wir gerne geneigt sind, das Gute thun zu wollen, wie du auch selbst soeben zugegeben hast, so sind wir doch nicht unverschieden von Gott durch die Ähnlichkeit mit ihm. Denn wenn es sich wirklich so verhielte, so würde Nichts hindern, daß wir derselben Natur wären mit dem Schöpfer. Denn was eine durchgängige natürliche Ähnlichkeit mit einander hat, Das wird, glaube ich, kein Grund von der natürlichen Verwandtschaft zu einander scheiden. Oder ist denn etwa nicht der Engel dem Engel und ein Mensch dem anderen an und für sich der Natur nach ähnlich?

B. So ist es.

A. Indem also sie, die nur das Verkehrte denken, das „wesensgleich“, obwohl es die Identität der Natur sehr gut ausdrückt, als schaal bei Seite lassen, lassen sie das von ihnen Erfundene, nämlich das „wesensähnlich“, sehr gerne zu, indem sie dem „Worte“ eine äussere Ebenbildlichkeit beilegen; indem sie aber schlau die Schmähung verbergen, nennen sie ihn Gott und Sohn und sogar auch Heiland und Erlöser, obwohl sie durch gewisse elende Erwägungen, die sie aus der Weltweisheit hernehmen, überzeugt sind, daß er weder von Natur Sohn noch in Wahrheit Gott sei, stellen ihn aber, die Unglückseligen, sofern es wenigstens auf sie ankommt, mit den durch Willensähnlichkeit nach Gott gestalteten Menschen zusammen und rechnen ihn zur Schöpfung (Kreatur), ohne irgend eine Scheu vor dem Schöpfer von Allem, indem sie sagen, wesensgleich sei er nicht, aber wesensähnlich. Indessen warum denn doch, so könnte Jemand und zwar ganz mit Recht sie fragen, lasset ihr, während ihr den Ausdruck verwerfet und das Ungewohnte und Fremde desselben tadelt, Den nicht unbewundert, wenn nur Einer mit euch „wesensähnlich“ sagen will? Allein ich meine, hierüber werden sie in Verlegenheit kommen. Ist es ja doch nicht schwer einzusehen, auch wenn sie es nicht sagen, daß sie die Bedeutung des „wesensgleich“ fürchten und verfälschen, nicht weil das Wort von uns,  wie sie meinen und sagen, aus einem in der Schrift nicht stehenden Ausdruck gemacht worden ist, sondern weil es geeignet ist, die Wahrheit darzustellen, da es anzeigt, der Sohn sei nicht von anderer Natur, sondern in der That aus der Gottes des Vaters selber.

B. Du hast ganz Recht.

A. Vergessen nämlich, glaube ich, haben, wie es wenigstens scheint, die Widersacher Gottes den Ausspruch des Heilandes, der deutlich verkündet hat, daß er die Frucht der unaussprechlichen und nicht der in’s Dasein nebenhereingeführten und in der Zeit zur Existenz gelangten Natur sei. Denn „ich“, sprach er, „bin nicht von dieser Welt, ihr seid von dieser Welt.“ Und abermals: „Ihr seid von unten, ich bin von oben.“ Und auch der weise Johannes schreibt von ihm: „Der von oben kommt, ist über Allen.“ Was sollte denn wohl das „von oben“ sein als jedenfalls „von der höchsten und Alles überragenden Natur“? Und was das „nicht von der Welt sein“, als daß er von der Verwandtschaft mit Allem, was immer geschaffen ist, verschieden ist, da er allein Gott seinen Vater zur Quelle hat?

B. Wenn sie nun aber wollten, man müsse das „von oben“ nicht so verstehen, wie du selbst jetzt gesagt hast, sondern so, daß er nicht von der unteren und irdischen Menschheit sei, sondern entweder vom Himmel etwa oder aus einer anderen Natur, die viel besser ist als die unsrige, — was sollen wir ihnen auch hiegegen sagen?

A. Was sonst als Dieses? Was sollte man wohl noch Ausgezeichnetes in der Natur und Herrlichkeit des Sohnes erblicken, wenn sie sagen, sie verhalte sich so, wie sie auch dieselbe sich zu denken belieben? Ist denn nicht auch Jeder der heiligen Engel von oben und kommt zu uns, das heißt vom Himmel? Sehr viel höher gestellt aber als wir, wenigstens nach den der Natur inwohnenden Beziehungen, ist der „Thron“ und die „Macht“ und „Herrschaft“ und gar erst die „Seraphim“. Wenn also nichts Überragendes im Sohne ist, sondern auch er selbst in diesen natürlichen Maßverhältnissen erblickt wird, so wird er sich eben, wie ich glaube, in Nichts mehr von den vernünftigen Geschöpfen unterscheiden, welche zu Zeiten von oben zu uns kommen „als dienende Geister, abgesendet zur Dienstleistung um Derer willen, die das Heil erlangen sollen,“ sondern gleichsam als geliehen wird die Würde der Gottheit ihn umgeben, und er wird lügen, wenn er sagt: „Ich bin die Wahrheit.“ Denn wo oder wie wird Das Wahrheit sein, was nicht so ist, wie es von den heiligen Schriften genannt wird? Wie aber überhaupt auch sagen sie, daß der Sohn nicht von dieser Welt sei?

B. Ich will es sagen, Wesensgleich nämlich, sagen sie, sei er zwar nicht mit Gott dem Vater; indeß, während sie ihn ich weiß nicht wie von der unaussprechlichen Natur herunterdrücken, haben sie ihm doch die Auszeichnung gegenüber der Kreatur bewahrt. Denn er sei nicht, sagen sie, ebenbürtig mit den Geschöpfen, sondern nehme gleichsam eine mittlere Stelle ein oder übersteige doch die Bedingung der [geschöpflichen] Natur, da er weder ganz nahe und wesenhaft mit dem Erzeuger zusammenhänge, noch auch durchaus zu den Niederen gehöre, das heißt zu den Geschöpfen.

A. Wenn sie also klar und deutlich die Natur des Sohnes angeben wollten, so würden sie, ohne mehr zu erröthen, glaube ich, sagen, daß er weder Gott ist von Natur noch auch geworden. Denn wenn er von der Wesenheit Gottes des Vaters sich entfernte, aber doch wieder vorzüglicher ist, als es der Natur der gewordenen Dinge gemäß ist, so hat er sicher aufgehört, wahrer Gott zu sein; wann er aber entrinnen wird, unter die Geschöpfe gezählt zu werden, weiß ich nicht.

B. Du verstehst es sehr wohl. Und endlich sagen sie zur Bekräftigung ihrer Ansicht, Mittler Gottes und der Menschen heisse er aus keinem anderen Grunde, als, wie ich glaube, ebendeßhalb.

A. Und was ist ungereimter als Dieses? Unsere Feinde sind Thoren, wie geschrieben steht. Denn wie sollten sie nicht von weiser und tadelloser Denkart soweit als möglich entfernt sein, da sie mit ihren kühlen Denkerfindungen die Lehren der Wahrheit niederkämpfen zu können wähnen? Denn unser in der That ehrwürdiger und höchst weiser Paulus oder vielmehr der gesammte Chor der Heiligen haben gleichsam eine doppelte Bewandtniß mit dem Sohne erkannt und uns überliefert, nach seiner Vereinigung mit dem Fleische, das heißt nachdem er wie wir geworden ist in vollständiger Ähnlichkeit, nur die Sünde ausgenommen. Daher stellen sie, eine bunte Unterweisung uns auswehend, den Eingeborenen bald als noch unbekleidet und den Maßverhältnissen der Schöpfung entrückt und ganz unverbunden mit unserer Natur dar, bald aber wieder als durch die Knechtsgestalt fast beschattet, aber doch unablässig haftend und festhaltend an den seiner eigenen Natur zukommenden Gütern und unveränderlich mit den Würden der Gottheit bekränzt. Denn als immer sich gleichbleibend und unfähig, einen Schatten von Wandel und Veränderung zu erleiden, stellt ihn der vom Geiste Erleuchtete dar, da er sagt: „Jesus Christus, gestern und heute Derselbe und in Ewigkeit.“

B. Was soll nun Dieses gegen die Behauptungen Jener?

A. Während man in die heiligen Schriften keinen fahr- und nachlässigen Geist hineinlassen soll, spielen sie gewissermaßen in den so ehrwürdigen Sachen, abweichend ich weiß nicht wie von dem geraden Wege und ausgleitend und abschweifend auf den Seitenpfad. Denn daß man den königlichen Weg gehen solle, ist doch wohl, meine ich, nichts Anderes, als daß man weder zu weit nach rechts noch auch nach links ablenken soll. Denn schau, wie unbesonnen sie nach Gutdünken dahinfahren, ohne zu erwägen oder zu bedenken, welche von den Schriftstellen auf das nackte Wort, das heißt wie es vor der Menschwerdung ist und gedacht wird, passen, welche dagegen auf das bereits die Ähnlichkeit mit uns angezogen habende. Denn wenn sie meinen, hierauf keine Rücksicht nehmen und so ohne weiters und ohne Umschau Alles, was geschrieben ist, aufnehmen zu sollen, was hindert dann noch, sag’ mir, sie selber sollen es lehren, wenn es auch von ihm heißt, er habe gegessen und geschlafen und nicht ohne Mühe umherwandern können (denn er war ermüdet von der Reise), und was noch mehr ist als Dieß, daß er nämlich gestorben ist, [dennoch] zuzugestehen, das Wort Gottes sei nahrungsbedürftig, für Mühsal und Schwäche empfänglich und sogar auch sterbensfähig? Meinen sie also nicht, es sei uns hierin höchst nothwendig die Unterscheidung, die das für jede Zeit Geziemende gehörig auseinanderhält und sondert?

B. Höchst nothwendig; wie denn nicht?

A. Da es sich demnach durchaus als nothwendig und höchst gut erwiesen hat, alles Einzelne, was von ihm verkündet ist, zu unterscheiden, so höre nun, wie Paulus beschreibt, was er seiner Natur nach ist; denn „der da ist,“ sagt er, „der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters und das Ebenbild seines Wesens und Alles trägt durch das Wort seiner Macht“. Und anderswo wieder: „Denn lebendig ist das Wort Gottes und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch bis zur Theilung von Seele und Leib, Gelenken und Mark; es richtet Gedanken und Gesinnungen des Herzens. Und kein Geschöpf ist unsichtbar vor ihm, sondern Alles ist nackt und aufgedeckt vor seinen Augen, an den unsere Rede sich wendet.“ Und Dieß zwar sagt er von dem Eingeborenen, sofern er noch nicht mit dem Fleische gedacht wird. Von demselben aber, sofern er bereits wie wir geworden und im Fleische war, sagt er: „Er hat in den Tagen seines Fleisches Gebete und Bitten mit lautem Ruf und mit Thränen an Den, der ihn vom Tode erretten konnte, gerichtet und ist erhört worden wegen seiner Ergebenheit, und obwohl er Sohn ist, hat er an Dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“ Steht denn nicht ganz bestimmt, wenigstens nach Dem, was in beiden Stellen ausgesprochen ist, die Natur der Thatsachen mit sich selbst im Widerstreit? Der Abglanz der Herrlichkeit Gottes des Vaters, das Ebenbild des göttlichen Wesens, der Alles trägt durch das Wort seiner Macht, das lebendige, kräftige und scharfschneidige Wort, heißt es, habe Gebete und Bitten dargebracht und zwar Thränen vergießend, um den Andrang des Todes abzuwehren; allein „in den Tagen“, sagt er, „seines Fleisches“, das heißt als das Wort, das Gott ist, Fleisch wurde, gemäß den Schriften, und nicht im Menschen war wie auch in den Heiligen, in denen es wohnt durch die Theilnahme, nämlich am heiligen Geiste. Doppelt also ist die Bewandtniß mit dem Sohne. Zuschreiben muß man ihm also als Gott, was Gottes ist, und als uns gleich geworden das Unsrige, das heißt das Menschliche. Die unpassende und nicht wohl unterscheidende Vermengung der Sachen aber muß man gar sehr verwerfen, da sie die genaue und sorgfältige Auffassung der Begriffe benimmt und die Schönheit der Wahrheit nicht wenig verunstaltet.

B. Du hast Recht.

A. Wenn er also Mittler genannt wird, so darf man den Namen nicht für eine Bezeichnung der Wesenheit des Eingeborenen halten; Das wäre weit gefehlt, sondern man muß ihn vielmehr auf den Gehorsam Christi beziehen. Denn so wird er „niederreissen die unverständigen Rathschläge und alle Hoheit, die sich erhebt wider die Erkenntniß Gottes, und gefangen nehmen jeglichen Verstand zum Gehorsam gegen Gott,“ wie geschrieben steht.

B. Was du sagst, ist wahr. Aber, o Trefflicher, genug hievon, da es ja auch nicht zweifelhaft ist! Gern aber möchte ich von dir erfahren, wie wir uns die Mittlerschaft des Sohnes zu denken haben. Denn Dieß wird die verführerische Lehre der Irrlehrer als schal darstellen.

A. Wohlan denn, wenn es beliebt, und es wende sich uns jetzt zu Diesem die Rede! Vor allem Anderen aber ist zu untersuchen, ob die Schrift den Sohn in den Rang eines Mittlers gestellt hat. Es sprach also Paulus: „Mittler zwischen Gott und Menschen (ist) der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösepreis für uns gegeben hat,“ indem er feststellt, wie ich glaube, daß keine andere Zeit der Mittlerschaft des Sohnes zukomme als die zuletzt gewesene, als, wie er selbst sagt, derselbe, „da er in der Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst erniedrigte, Knechtsgestalt annehmend,“ obwohl er Gott ist und Herr, um durch sich selbst für Gott den Vater zu erwerben und Alles zu versöhnen, wie geschrieben steht, „in Frieden setzend durch sein Kreuz, sowohl was im Himmel, als was auf Erden ist,“ als Vermittler und Mensch. „Wir bitten an Christi Statt, laßt euch versöhnen mit Gott,“ sprach darum, die Rolle Christi annehmend, wiederum Paulus. Denn da zu der gleichsam nackten und lauteren Herrlichkeit der Gottheit hinzugelangen die Natur des Menschen nicht im Stande war, wegen der ihr inwohnenden Schwachheit, zog zu unserem Nutzen der Eingeborene die Ähnlichkeit mit uns an, um, den geheimen Willen Gottes des Vaters offenbarend, geistige Verehrer herzustellen, die nicht mehr am Schatten der Vorbilder hingen und das Nichts zu vollenden vermögende Gesetz befolgten, sondern damit, da Gott Geist ist, auch wir ihn im Geiste und in der Wahrheit anzubeten und zu verehren trachten sollten. Denn sagt nicht auch der höchst treffliche Isaias selbst,  „ein Kind sei uns geboren worden, ein Sohn, und sein Name heisse: Engel des großen Rathschlusses“?

B. Vortrefflich gesprochen. Wenn du aber überdieß gar sehr Genüge leisten wolltest, indem du auch aus dem Alterthum Etwas zum Beweise der Mittlerschaft Christi vorbrächtest, so würde ich dir wahrhaftig den größten Dank wissen.

A. Indem wir also an den Hierophanten Moses selbst uns wenden und die Macht (den Gehalt) seiner Handlungen und Aussprüche gleichsam als leuchtendes Bild der Mittlerschaft Christi aufzurichten uns beeilen, wollen wir jetzt, richtig durchgeführt, unsere Ansicht gewissermaßen in’s Licht setzen. Denn die Gegner zu tadeln, meine ich, und ihnen immer vorzuwerfen, daß sie denken wollen, was ihnen beliebt, auch wenn es nicht mit den heiligen Schriften übereinstimmt, und dann in den gleichen Fehlern sich zu verfangen, möchte ich wenigstens für eine der höchsten Thorheiten halten.

B. Du hast Recht.

A. Als somit die Israeliten nach Abschüttelung der Last der Zwangsdienstschaft und nach Zerbrechung des Joches der Knechtschaft das Land der Ägyptier verließen und um den Berg Sina sich ansiedelten, und es nun Gott gefiel, Gesetze als Norm ihrer Handlungen vorzuschreiben, da wurde ihnen befohlen, am Fuße des Berges sich zu versammeln, ihre Kleider zu waschen und so gereinigt zu der damals ungewohnten Gottesschau heranzutreten. Als aber Dieses, wie Moses es ihnen anbefahl, vollbracht wurde, „stieg der Herr herab in Feuersgestalt; Rauchwolken aber entwickelten sich und stiegen auf, und finsteres Gewölk war und hin- und herfahrende Feuerflammen und Finsterniß und Sturm und höchsten Schrecken einjagende Erscheinungen und durchdringender Schall von Trompeten. Und es führte Moses das Volk heraus zur Begegnung mit Gott an den Fuß des Berges.“ So steht es nämlich geschrieben. Ein Vorbild aber von der Mittlerschaft Christi war, glaube ich, die Sache. Denn er spricht deutlich: „Niemand kommt zum Vater ausser durch mich.“ Wir kommen nämlich nicht anders als durch ihn zu Gott dem Vater, jede alte Strieme wegschaffend und jede Art von Verunreinigung vorher austilgend, den Geist aber gleichsam umkleidend mit der Reinheit Christi. „Ziehet aber den Herrn Jesum Christum an.“ spricht zu uns das göttliche Wort. So also sinnbildete die Auswaschung der Gewänder die Macht der Reinigung im Geiste. Oder hältst du nicht auch Dieses für wahr, wenigstens aus Wahrscheinlichkeit überzeugt?

B. Allerdings.

A. Da also Gott in Feuersgestalt herabstieg und doch eine sinnliche und den Zuschauern nicht allzu ungewohnte Herrlichkeit zeigte, hielt Israel die Schau von Angesicht zu Angesicht für ganz unerträglich; furchtsam aber und zitternd baten sie den Führer, den Moses nämlich, und sagten auch: „Rede du zu uns, und nicht Gott soll zu uns reden, damit wir nicht sterben!“ Siehe, deutlich riefen sie ihn an, zu vermitteln, offenbar, weil sie nicht im Stande waren, der lauteren Herrlichkeit Gottes zu nahen! Wohlan nun, gleichsam von dem deutlichen Bilde des soeben Gesagten laß uns auf den Eingeborenen kommen, welcher, da er ja nicht in der nackten göttlichen Herrlichkeit zu uns gelangen konnte, um den Willen Gottes des Vaters zu lehren, uns gleich geworden ist als Mittler Gottes und der Menschen. Denn „er ist unser Friede“, wie die Schrift sagt. Glaube aber, daß ich nicht lüge, wenn ich die Dienstleistung Christi mit der durch Moses vergleiche! Von daher aber, glaube ich, wirst du es leichter verstehen. Rekapitulirend nämlich im Deuteronomium die Umstände der Versammlung der Kinder Israels sagt er etwa so: „Du sollst vollkommen sein vor dem Herrn, deinem Gott; denn diese Völker, die du zum Erbe erhältst, werden hören auf Vorbedeutungen und Wahrsagungen; dir aber hat es der Herr, dein Gott nicht also gegeben. Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, aus deinen Brüdern erwecken; ihn sollt ihr hören; gemäß Allem, was du verlangt hast von dem Herrn, deinem Gott, in Choreb am Tage der Versammlung, da ihr sprächet: Wir wollen nicht länger hören die Stimme des Herrn, unseres Gottes, und dieses große Feuer nicht mehr sehen, damit wir nicht sterben. Und es sprach der Herr zu mir: Richtig ist Alles, was sie geredet haben. Einen Propheten werde ich ihnen erwecken mitten aus ihren Brüdern wie dich; und ich werde mein Wort in seinen Mund geben, und er wird zu ihnen reden, wie ich es ihm befehlen werde. Und derjenige Mensch, der etwa nicht hört auf seine Reden, die der Prophet reden wird in meinem Namen, ich werde Rache nehmen an ihm.“ Hat denn nicht deutlich, als in Vorbildern und Schatten, zur Zeit des Moses wenigstens, die menschliche Schwachheit den Gebrauch eines Vermittlers als höchst nothwendig erwiesen? Indeß ist Dieß zu beachten.

B. Was meinst du?

A. Den Moses angehend sprachen die Israeliten: „Rede du zu uns, und nicht Gott soll zu uns reden, damit wir nicht sterben.“ Und Dieß begehrten sie in Choreb am Tage der Versammlung, als Gott in Feuersgestalt war auf dem Berge Sina. Aber als ganz richtig Dieses sagend und erwägend nahm der Schöpfer sie an, und gleichsam auch die Wahrheit selbst in Bildern im voraus uns darstellend versprach er uns die Mittlerschaft durch Christus, da er sprach: „Richtig ist Alles, was sie geredet haben. Einen Propheten will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erwecken wie dich,“ einen Mittler, versteht sich, der sowohl die von oben kommenden und göttlichen Reden dollmetsche als auch dem Volke den Willen der unaussprechlichen und geheimnißvollen Natur verkünde, was man auch ganz ohne Mühe und zwar durch Christus selbst vollendet sehen kann. Er rief nämlich deutlich aus: „Ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der mich gesandt hat, der Vater selbst, gab mir Auftrag, was ich sagen und was ich reden soll.“ Und abermals: „Die Worte, die ich rede, sind nicht mein, sondern Dessen, der mich gesandt hat.“ Es schreibt aber auch der weise Johannes von ihm: „Wer sein Zeugniß annimmt, besiegelt es, daß Gott wahrhaft ist. Denn Der, den Gott gesandt hat, redet die Worte Gottes.“ Wirst du nun, mein Lieber, Dem, was ich sage, Wahrheit zuerkennen, oder wirst du den Beifall verweigern?

B. Keineswegs.

A. So möge denn Dieß uns über Moses gesagt sein. Willst du, daß wir ausserdem noch etwas Anderes sagen, was uns die Weise der Mittlerschaft des Sohnes geheimnißvoll vorbildet? Oder meinst du, wir sollen Das lassen und einen anderen Weg einschlagen?

B. Aber, o Trefflicher, warum denn sollen wir, lassend, was uns in Händen ist, und wovon wir erwarten, daß es uns sehr fördern werde, auf eine andere Jagd von Gedanken gehen und eilen, da auch bei Muße Dieß zu thun doch wohl besser sein wird, wo Nichts uns hindert?

A. Ich will mich also zu Dem wenden, was dir selbst lieb ist, und nun auch reden. Kore nämlich, Dathan und Abiron stammten zwar aus dem Stamme und Geschlechte des Levi, gehörten aber nicht zu Denen, die das Priesterthum erlangt hatten, sondern zu Denen, die den Hilfsdienst vollbrachten im Zelte des Zeugnisses. Das waren aber Leviten, und Dieß war ihnen genug. Hierauf, als sie zur Unzeit nach dem Glanze der Priesterwürde dürsteten und das von Gott zugemessene Maß der Ehre unverständiger Weise nicht genehm hielten, gingen sie verrätherisch und keck auf das Höhere los und empörten die Versammlung gegen Moses und Aaron, und mit bitteren Worten auf den Sanftmüthigen zuschlagend reizten sie ihn schon einigermaßen zum Unmuth. Strafe aber erleidend für ihre Verwegenheit von Dem, der gerecht richtet, gingen sie mit ihrem ganzen Hause zu Grunde. Denn es öffnete die Erde ihren Mund und verschlang sie und ihre Kinder und ihr Vieh und Alles, was ihnen gehörte. Als aber wegen der durch Gottesgericht Gestraften aufgebracht Einige der Gleichgesinnten wie Schlangen auf die Anhänger des Moses losstürzten und über sie herfielen, wurde endlich die göttliche Natur zum Zorne gereizt. Denn so steht geschrieben: „Und es redete der Herr zu Moses und Aaron, indem er sprach: Gehet hinweg aus dieser Versammlung, und ich werde sie auf einmal vertilgen. Und sie fielen auf ihr Angesicht. Und Moses sprach zu Aaron: Nimm das Rauchfaß und lege darauf Feuer vom Altar und streue darauf Räucherwerk und trag’ es schnell fort in’s Lager und bring’ eine Sühnung dar ihretwegen! Denn es ging Zorn aus von dem Angesichte des Herrn und begann das Volk zu zermalmen. Und es nahm Aaron, wie Moses ihm sagte, und lief in die Versammlung. Und schon hatte die Aufreibung im Volke begonnen; und er streute das Räucherwerk auf und brachte eine Sühne für das Volk und stand in Mitte der Todten und der Lebendigen, und die Zerstörung hörte auf.“ Ist dir nun die Sache der Mittlerschaft des Sohnes auch auf Dieses hin noch unklar, o Hemias?

B. Ja. Denn ich wenigstens meine, man müsse genau nachsehen, was durch diese Geschichte angedeutet wird. Erkläre es also; denn es wird dir nicht anstehen, auch Dieses zu übergehen.

A. Meinst du denn nicht, daß Aaron zum Bilde und Typus des Priesterthumes unseres Heilandes gesetzt worden sei von Anfang an, er, der mit dem Talare gegürtet war und dem sogenannten Schultertuch und der goldenen Platte auf der Spitze der Stirne und den geschnittenen Steinen, und der, was noch beachtenswerter ist als Dieß, nur einmal des Jahres in das Allerheiligste eintreten durfte und nicht ohne Blut das Opfer für das ganze Volk vollbrachte?

B. Du hast Recht, da ja auch der heilige Paulus schreibt: „Christus aber kam, ein Hohepriester der künftigen Güter, und durch ein herrlicheres und vollkommeneres Zelt, das nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, und nicht durch das Blut von Widdern und Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ging er einmal ein in das Heiligthum, nachdem er eine ewige Erlösung vollbracht hatte.“ Und daß das Alte Typen waren und Schatten. Dieses aber, das heißt was durch Christus geschah, bereits ganz helle und klareste Wahrheit ist, wer von den besser Unterrichteten wird Das bezweifeln?

A. Indem wir also Christum Jesum zum Hohepriester und Apostel unseres Bekenntnisses annehmen und auf die noch etwas unschönen Schatten der Vorbilder gleichsam schon die bunten Farben der Wahrheit auftragen, so wollen wir denn sagen, daß wir, indem wir den göttlichen Lehren und den Aussprüchen des Herrn unfügsam den eigenen Willen entgegensetzten, alle, die wir diese breite und unermessene Erde bewohnen, den Schöpfer nicht wenig beleidigt haben, der uns ja doch gewahrt hatte, Ehre und Herrlichkeit zu erlangen, welche die Menschen billiger Weise haben sollten. Von da kam unser Verderben, das uns aufzehrt und durch den Tod zerstört, „und es herrschte der Tod von Adam bis auf Moses auch über Diejenigen, die nicht gesündigt haben in gleicher Übertretung wie Adam;“ „und es breitete die Hölle ihre Seele aus,“ wie der Prophet Isaias sagt, „und öffnete ihren Mund, um nicht auszulassen.“ Und sie hätte die ganze Erde zerstört, ihr unvermeidliches und unentrinnbares Netz ausbreitend, wenn nicht gleichsam aus dem oberen und himmlischen Zelte gemäß dem Willen Gottes des Vaters das eingeborene Wort Gottes herabgestiegen und zu uns gekommen wäre. „Denn er erniedrigte sich selbst, Knechtsgestalt annehmend,“ damit er, sowohl als Hohepriester fungirend als auch gleichsam anstatt eines Räucheropfers sich selbst für uns Gott dem Vater darbringend, die Zerstörung abwende. „Er stand“ nämlich, heißt es, „inmitten der Lebendigen und Todten, und die Zerstörung hörte auf.“ Kann man nun nicht auch hieraus recht gut ersehen, daß Jesus Mittler Gottes und der Menschen ist? Denn nachdem gleichsam der Kampf gelöst und alle alte Hemmmauer niedergerissen war, kam das zuvor Getrennte zusammen, nämlich Gott- und Menschheit, da Christus vermittelte und das Untere mit dem Oberen verband. Und darum sagt der heilige Paulus: „Er ist unser Friede, der aus Beiden Eins gemacht und die Zwischenmauer der Verzäunung beseitigt hat.“ Und wiederum: „Gerechtfertigt also durch den Glauben haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum.“

B. Weil also der Eingeborene Das, was uns gefangen hielt und uns von der Liebe und Verwandtschaft zu Gott ausschloß, die Sünde nämlich, aus dem Wege räumte und uns zu dem Ursprünglichen zurückbrachte und „die Feindschaft aufhob“,  soll man ihn nur und ausschließlich deßwegen als Mittler betrachten oder auch noch aus einem anderen Grunde? Sag’ es mir doch, der ich sehr gerne frage und zu lernen dürste.

A. Jawohl, denn ich will keineswegs säumen. Ich will aber sagen, daß er zweifelsohne die Feindschaft ausgehoben hat in seinem Fleische, wie geschrieben steht, und, gleichsam ein Friedensstifter mit uns und Mittler geworden, uns, die wir von der Liebe zu Gott möglichst weit uns entfernt hatten aus Weltlust, und weil wir die Schöpfung vor dem Schöpfer verehrten, durch sich Gott dem Vater dargebracht und, durch den Glauben uns rechtfertigend, erworben hat. Indeß sagen wir nicht, daß er bloß wegen der diesbezüglichen Heilsordnung Mittler genannt wurde, sondern ausser eben Diesem wird auch ein geheimnißvoller und mystischer Grund zu dem Namen und der Sache der Mittlerschaft beigebracht.

B. Wie doch meinst du nun auch Dieses?

A. Und wie denn anders als gewiß doch gemäß jener Schriftstelle: „Habet ein Jeder in euch selbst dieselbe Gesinnung, wie sie auch war in Christus Jesus, welcher, da er in der Gestalt Gottes war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst erniedrigte, Knechtsgestalt annehmend, Menschen ähnlich werdend und im Aussehen als Mensch erfunden“? Denn er, der da ist Gottes des Vaters lautere Schönheit, Form und Gestalt, Gott das Wort, aus ihm und in ihm, ließ sich herab zur Entäusserung, ohne von Jemand dazu gezwungen zu sein, sondern aus eigenem Entschlüsse nach dem Wohlgefallen des Vaters, und wurde Mensch, die Hoheit der eigenen Natur ganz unverletzt und unbeschädigt in sich bewahrend, annehmend aber das Menschliche heilsordnungsgemäß, als ein aus Zweien bestehender Sohn, indem die göttliche und menschliche Natur aus unsägliche und unaussprechliche Weise in Eins zusammenkamen und sich verbanden und in eine den Begriff übersteigende Einheit sich verknüpften. Und wir sagen keineswegs, das Wort Gottes sei in die Natur des irdischen Fleisches oder in das Fleisch des Wortes selber verwandelt worden; denn ich wenigstens würde Das für eine Krankheit des äussersten Wahnsinnes halten; sondern indem Jedes von Beiden gleichsam in seiner eigenen Bestimmtheit und Seinsweise bleibt, zeigt der Name der hier in Rede stehenden Vereinigung die vollkommene und ungetrennte Verbindung zur Einheit an. Denn der Nämliche ist zugleich Gott und Mensch, und weder, wenn du ihn Gott nennst, wirst du ihn von der Menschheit ablösen nach der Vereinigung, noch auch, wenn du ihn einen Menschen nennst, wirst du ihn der Würden der Gottheit berauben, wenn du anders richtig denken willst. Und er ist Eingeborener und Wort, als aus Gott dem Vater entsprungen und geboren, Erstgeborener aber wieder, da er Mensch wurde und unter vielen Brüdern. Gleichwie der Name „Eingeborener“, der dem Worte eigen ist, ihm noch bewahrt blieb auch in der Einigung mit dem Fleische, so wurde der Name „Erstgeborener“, der ihm eigentlich nicht zukommt, ihm eigen mit dem Fleische. Als Mittler also wird er auch in dieser Weise gedacht, da er das seiner Natur nach weit Auseinanderliegende und durch eine unermeßliche Kluft Getrennte, nämlich die Gottheit und Menschheit, als in ihm selbst zusammengebracht und vereinigt zeigte und uns durch sich mit Gott dem Vater verband. Denn mit Gott ist er einer Natur, weil er aus ihm und in ihm ist; mit uns aber, weil er auch aus uns und unter uns ist. Denn nicht verschiedenartig ist der Emmanuel von uns, wenigstens der Menschheit nach, sondern gleich in Allem, ausgenommen nur die Sünde.

B. Ganz richtig. Wir sind nun aber bereits dahin gekommen, daß wir den Sohn nothwendig auch für wesensgleich mit Gott dem Vater erklären müssen.

A. Wesensgleich freilich, da er ja in der That von Natur aus und wesenhaft aus ihm und in ihm ist. Wie er nämlich nicht wahrhaft und fest bewährt, ja nicht einmal geziemender Maßen für wesensgleich mit uns gehalten oder erklärt würde, wenn er nicht Mensch geworden wäre, so wäre er nimmermehr aus Gott und in Gott, wenn er nicht durch natürliche Beziehungen zur Einheit mit ihm verbunden wäre; aber auch nicht anders wäre die Menschheit göttlicher Natur theilhaftig, wenn sie Dieß nicht gewonnen hätte durch Vermittlung des Sohnes, indem sie gleichsam eine natürliche Art der Verbindung erlangte. Ganz mühelos aber ist es, sich zu erkundigen bei dem Sohne, welcher sagt: „Damit Alle Eins seien wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit auch sie in uns Eins seien, auf daß die Welt glaube, daß du mich gesandt hast. Und ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie Eins seien, wie wir Eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen Eins seien.“

B. Wenn sie nun aber sagen würden, die Einheit des Sohnes mit dem Vater sei etwa der Art, wie man sie auch bei uns selbst denken könnte, was werden wir dazu sagen? Es steht nämlich geschrieben: „Die Menge der Gläubigen aber war eines Herzens und einer Seele.“ Denn ob wohl in Allen sehr viele Seelen waren, sagt er, Alle hätten eine gehabt, indem er Namen und Sache der Einheit doch gewiß nicht der Natur selbst beilegte, sondern vielmehr den ungespaltenen Willensrichtungen zuschrieb, weil sie eine und dieselbe Ansicht und Gesinnung hatten. Und weil der Sohn in Allem gleichgesinnt und gleichgewillt ist mit dem Vater, darum eben ist er auch Eins mit ihm. Das nämlich schreien Jene herum, die Unglückseligen.

A. Allein auch hierin werden sie wieder überführt werden, ihren Geist geradezu mit höchstgradiger und äusserster Thorheit erfüllt zu haben. Denn kein ungereimter Gedanke, wie es scheint, ist so nichtig und verächtlich, daß er nicht den Verstand der Unverständigen verheere und zwar ohne Mühe. Denn „der Thor wird Thörichtes reden, und sein Herz wird Nichtiges denken, um Irrthum zu reden wider den Herrn,“ wie geschrieben steht. Denn sollte man nicht meinen, es sei denn doch die Fülle von Thorheit und äusserster Albernheit, gerne zu sagen und zu behaupten, keineswegs eine natürliche, sondern vielmehr eine freiwillige sei die Einheit des Sohnes mit Gott dem Vater? Denn er wird sich, glaube ich, auf keine Weise unterscheiden, wenn nämlich es so sich verhält und wahr ist, von den zur Sohnschaft Berufenen und auf den Namen der Gottheit durch den Willen des Vaters Adoptirten, welche auch durch den Glanz ihrer Tugend die so ausgezeichnete und erstaunliche Ehre sich erwarben. Was aber wird noch hindern, Jene sollen es sagen, daß auch von den Heiligen ein Jeder, der Das, woran Gott eine Freude hat, zu denken und zu thun gewillt ist und das dem Herrn Wohlgefällige gleichsam zu seinem eigenen Willen gemacht hat, die so außerordentliche Stimme des Sohnes erschallen lasse und zum Vater sage: „Wie ich und du Eins sind“? Sie sollen uns also eine solche Stimme von einem Heiligen herbeibringen! Aber sie werden keine haben, daran fehlt viel. Denn das Gegentheil, glaube ich, kann man sehen, daß nämlich Solche, die gleichwohl zum Gipfel der Frömmigkeit gelangt sind, auf allerlei Weise bekennen, daß sie Sünder seien, und über ihre eigene Natur nicht in Unwissenheit sich befinden. Und es wäre vielleicht nicht schwer, unzählige Stimmen aus den heiligen Schriften zu sammeln und aufzuhäufen; doch derlei Übungen den Gelehrten zu überlassen möchte ich nicht für unzweckmäßig halten. Ich will mich aber zu Dem wenden, was Jene sagen, denn Das ist jetzt besser, und will nun auch reden, indem ich die Betrachtung der Einheit bei uns wieder aufnehme. Zur Einheit nämlich durch den Glauben sind wir zweifelsohne zusammengebracht und zusammengeführt; wir werden uns aber in Nichts durch eine Verschiedenheit des Wesens von einander unterscheiden, wenn auch ein Jeder gewissermaßen in eine eigene Hypostase (Person) sich scheidet. Denn wir sind gleichartig, und von der Wesenheit Aller ist die Bestimmtheit und der Begriff einer, der von Allen gleichmäßig ausgesagt wird. Die Einheit aber mit Gott besitzen wir nicht in nackten und bloßen Willensbestrebungen, sondern noch ein anderer geheimnißvoller und nothwendiger Grund verbindet uns dazu. Denn wie der heilige Paulus uns gelehrt hat, „sind wir Viele ein Leib, weil wir an einem Brode Theil haben.“ Oder weißt du denn nicht, daß er sagt, auch die Heiden seien Christo einverleibt worden, indem sie die Einheit mit ihm erlangten durch den Glauben, offenbar aber auch durch die mystische Segnung.

B. Ja, allerdings.

A. Also zugleich natürlich und freiwillig ist die Einheit bei uns; wir wollen aber sehen, ob die (Einheit) in Christus auch eine solche ist.

B. Wie meinst du? Denn ich folge dir nicht ganz.

A. Und doch meine ich, hierin wenigstens sei nichts Schwieriges, mein Lieber; es kann aber, was ich sage, auch sehr leicht, meine ich, jedweder weise und verständige Mann verstehen, wenn er bedenkt, erstens, daß wir, die wir zu den Menschen zählen, durch ein natürliches Band zur Gleichheit unter einander verbunden sind; wir sind aber auch auf andere Weise geeint. Geschieden nämlich in eine eigene Person, die eines jeden Einzelnen nämlich, wonach der eine Petrus ist oder Johannes, der andere Thomas oder Matthäus, sind wir eines Leibes geworden in Christo, durch ein Fleisch genährt und durch einen heiligen Geist zur Einheit versiegelt; und da Christus ungetheilt ist (denn er ist keineswegs getheilt), so sind wir alle Eins in ihm. Darum sagte er auch zu seinem Vater im Himmel: „Damit sie Eins seien, wie wir Eins sind.“ Siehe nämlich, wie in Christo und dem heiligen Geiste wir alle Eins sind, sowohl dem Leibe nach als dem Geiste nach. Zu tadeln also sind, die etwas Anderes zu denken belieben, da sie nicht einmal Das richtig verstehen, was über uns geschrieben steht.

B. Zu tadeln freilich, du hast ja Recht. Nichtsdestoweniger möchte ich gerne fragen, ob wir annehmen werden, daß der Sohn mit Gott dem Vater geeint sei wie gewiß auch wir unter einander, oder ob man überdieß noch eine Einheit zwischen ihnen zugeben soll.

A. Auch der Sohn, sagen wir, ist mit dem Vater geeint wie wir (unter uns). Er ist ja zugestandener Maßen mit dem Erzeuger gewiß doch auch wesensgleich, wenn er anders in Wahrheit Sohn ist und aus ihm. Obwohl er aber in eigener Person (Hypostase) existirt und von ihm gewiß geglaubt wird, daß es sich so verhalte, ist doch nicht wie wir von einander, nach dem Gesetze der Körper, auch er vom Vater getrennt in völliger Scheidung, nach der Verschiedenheit der Einzelnen nämlich, er hat aber eine unaussprechliche natürliche Einheit, ohne daß die Personen eine wechselseitige Vermengung erleiden, wie wenigstens Einige meinen, der Nämliche sei Vater und Sohn; sondern während Jeder von Beiden existirt und subsistirt und eine eigene Wirklichkeit (ὕπαρξις) hat, bestimmt die Identität des Wesens die Einheit.

B. In eigener Person also oder Wesenheit, sagst du, neben der des Vaters existire der Sohn?

A. Vielmehr nicht in anderer Wesenheit neben der der Gottheit, sondern in anderer Person, nämlich der des Sohnes.

B. Ist denn etwas Anderes die Wesenheit und etwas Anderes die Person?

A. Ja; groß nämlich ist der Unterschied und Abstand, da ja die Wesenheit das Einzelne in sich befaßt.

B. Wie meinst du Das? Denn langsam, wie es scheint, bin ich hierin wenigstens.

A. Weißt du denn nicht, daß auch ich hierüber zu reden nicht geübt bin? Gleichwohl aber muß man an die Untersuchung geben, sofern sie möglich ist, wie im Bilde etwa, da die göttliche Erhabenheit in unzugänglichen Höhen ist. Also die Bedeutung der Wesenheit scheint auf eine gewisse gemeinsame Sache zu gehen. Der Name der Person aber wird im Einzelnen von Dem, was unter diesem Gemeinsamen begriffen ist, ausgesagt. Du sollst aber glauben, daß ich Dieses jetzt beweise.

B. Was denn doch?

A. Wir definiren den Menschen als ein vernunftbegabtes sterbliches Lebewesen, indem wir Dieß nach dem ihm zukommenden Begriffe annehmen, und Dieß, sagen wir, sei die Bestimmung der Wesenheit, die aus jeden der einzeln Existirenden geht. Unter dieses Gemeinsame nun, nämlich den Menschen, oder den Begriff des Menschen, fällt, meine ich, Thomas sowohl als Markus, oder laß uns sagen, Petrus sowohl als Paulus. Und die Wesenheit zwar könnte man so bestimmen, von den Einzelnen aber hat man damit noch keine klare und deutliche Bezeichnung gemacht. Denn der Mensch überhaupt ist noch nicht Petrus und Paulus. Wenn man aber Thomas oder Petrus sagt, so wird man von den Bestimmungen der Wesenheit das (damit) Bezeichnete nicht aufheben (denn ein Mensch ist er um Nichts weniger); man hat aber (damit) einen etwa in solcher Art und in eigener Person und einzeln für sich Existirenden bezeichnet. Die Wesenheit also bezieht sich auch aus jeden Menschen, da sie ja eben den gemeinsamen Begriff der Gattung erzeugt, die Person aber schicklicher auf einen, da sie weder das Bezeichnete ausser die Gemeinsamkeit hinausstellt noch auch das Einzelne und Besondere zur Undeutlichkeit vermengt und vermischt.

B. Ich verstehe jetzt; denn es scheint mir nicht ganz ungeschickt erklärt zu sein.

A. Bekennend also, daß der Sohn wesensgleich sei mit Gott dem Vater und in eigener Hypostase, sagen wir, daß er verbunden und zugleich unterschieden mit ihm Eins sei, indem wir durch die Rücksichten der Identität nothwendig innigst verbinden den Unterschied der Personen oder Namen und die Verschiedenheit der Hypostasen, welche wie im Vater ebenso auch im Sohne da ist, damit nicht die durchgängige Gleichheit und unwandelbare Dieselbigkeit und Identität des Wesens sowohl im Vater als im Sohne irgendwie den Unterschied verwische und die besondere Eigenheit eines Jeden von Beiden gewissermaßen ganz ununterscheidbar mache. Denn der Eine ist Vater und nicht Sohn, der Andere aber wieder Sohn und nicht Vater.

B. Also sagen wir, wenn du meinst, es seien zwei Wesenheiten, eine des Vaters und eine des Sohnes; denn so dürfte wohl der Unterschied deutlicher und gewissermaßen für Jedermann klarer werden.

A. Keineswegs deutlicher. Laß dich doch nicht durch die Reden Jener zu einem falschen Sinne verleiten und halt’ ein, den Fahrweg verlassend, auf Ab und Irrwege zu gehen!

B. Wie oder auf welche Weise?

A. Wenn nämlich eine sein wird die Natur des Vaters, eine davon verschiedene aber wieder die des Sohnes, wie ist es dann nicht nothwendig, einen Grund auszudenken, der die einander von Natur Ungleichen in Zwei trennt und auseinanderhält? Denn wie soll man die nämliche (Natur) als eine und wieder eine denken? Man kann ja doch bei Menschen, die ein und dasselbe Merkmal der Wesensgleichheit haben, nicht von verschiedener Wesenheit reden und einem jeden Ding das Merkmal der Gemeinsamkeit als ein besonderes (eigenthümliches) beilegen. Denn wenn wir Das thun und gleichsam eine nothwendige Unterschiedsweise in die Wesenheiten hineintragen, als wäre jede in sich selber mehrfach, so wird das Allgemeine in Nichts zerrinnen. Oder wird nicht der wesenhafte Unterschied eine Andersheit, die Andersheit aber hierin eine Verschiedenheit in der naturgemäßen Definition hervorbringen und erzeugen?

B. Ich meine wenigstens.

A. Es wird also übrig sein, ihnen, auch wenn sie es nicht wollen, zu sagen, der Sohn sei nicht mehr Gott dem Vater wesensgleich, sondern vielmehr verschieden und von anderer Natur und den Merkmalen der Gottheit entfremdet, wenn er nämlich eine eigene Naturbeschaffenheit hat, die von der Wesenheit Gottes des Vaters abweicht.

B. Sie behaupten ja, der Sohn sei anders beschaffen, als wie man denken möchte, daß der Vater seiner Natur nach ist. Indem sie daher die Bezeichnung „wesensgleich“ bei Seite lassen und ihr Fremdartigkeit und Ungebräuchlichkeit vorwerfen, sagen sie, man müsse bekennen, er sei wesensähnlich, und legen ihm auch den Namen der Mittlerschaft als einen der am meisten ehrwürdigen und schicklichsten bei.

A. Und was anders als Gefasel wird Dieses sein und in der That Altweibergeschwätz? Denn wenn sie ihm eine gewisse Mittelnatur andichten und höchst unverständig sagen, deßwegen müsse er Mittler genannt werden, so sehe ich wenigstens nicht, was denn daraus folgt, oder was für eine Anschauungsweise uns dadurch hereingebracht wird; aber sag’ es du mir, da ich ja sehr gerne lernen will!

B. Was soll ich dazu sagen?

A. Frage also und trachte zu erfahren, ob der Mittler geworden ist oder ungeworden, in Wahrheit Gott, oder ob auch er zu den Geschöpfen gehört. Denn was er bei Jenen ist, weder schlechthin Gott noch offenbar ein Geschöpf, was für einen Platz unter den Wesen er von ihnen empfangen dürfte, bin ich wenigstens durchaus nicht im Stande in nackten Begriffen zu sagen, auch wenn ich wollte.

B. Eine mittlere zwischen Beiden, zwischen Gott nämlich und Kreatur; deßwegen werde er ja auch Mittler genannt, sagen sie.

A. Höchst unklar werden sie reden, und sehr unverständig werden sie sein, wenn sie so denken. Denn es ist nicht möglich, wenn man den Geist nach oben und unten wendet und die gesammte Natur der Wesen, wie sie sich verhalte, durchforscht, eine solche, auch nur in Gedanken und Begriff erfaßte Natur zu finden, welche sowohl ausser die Grenzen (Merkmale) der wahren Gottheit herausgeht als auch die Eigenschaften der Geschöpflichkeit überschreitet und uns eine über das Geschaffensein erhabene Existenz zeigte. Oder gibt es Etwas zwischen Geworden und Ungeworden, Ungeschaffen und Geschöpf?

B. Ich wenigstens möchte Das nicht zugeben; du hast ja Recht.

A. Zwei Naturen also bemerken wir in dem gesammten Sein; die eine Dessen, der immer und auf gleiche Weise ist und sich verhält, die andere aber derjenigen Wesen, die durch Schöpfung das Sein erhielten; und die des ungeworden (durch sich selbst) Seienden überragt und übertrifft Alles und zeichnet sich durch die höchsten und größten Vorzüge aus; die andere aber ist Unterthan und gleichsam unterworfen unter die Füße des Herrn. Du wirst aber Dieß auch ganz klar einsehen, da Christus zu den Schaaren der Juden sprach: „Ihr seid von unten, ich bin von oben.“ Daß aber der Eingeborene von oben zu uns kam, erklärt auch der weise Johannes, da er sagt: „Der von oben kommt, ist über Allen.“ Er glaubte nämlich, Dem, der von Natur Gott ist, und dem Erzeugten Dessen, der von Natur Gott ist, den erhabensten und höchst vollendeten Vorzug zutheilen zu sollen. Denn daß das „von oben“ nicht örtliche Höhen bedeutet, sondern die Wesenheit Gottes des Vaters selbst anzeigt, wie wäre Das nicht zweifellos, da einer der heiligen Jünger deutlich sagt: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Lichter, bei dem es keine Veränderung gibt und keinen Schatten von Wandel“? Denn mag nun Jemand die Engel oder das noch Höhere und Alles, was dazwischen ist, durchlaufend bis zu den Seraphim selbst gelangen und die obersten Herrlichkeiten betrachten, die Natur der geschaffenen Wesen wird er nicht übersteigen. Denn entweder ist Etwas von oben, das heißt vom Vater der Lichter, und Das ist eben Gott; nur aber allein der Sohn ist von oben; oder aber etwas ist unten und von unten, das heißt ein Geschöpf und von einem Geschöpfe; in der Mitte aber ist durchaus Nichts. Wenn aber Jemand die Gegner fragte und wißbegierig wäre, indem er sagte: O ihr, was saget ihr uns denn? Ist dieser Sohn, wie ihr ihn nennt, und Mittler geworden oder ungeworden, denn ohne ein Mittleres sind Beide doch offenbar immer; was würden sie wohl sagen?

B. Ich glaube, sie werden in Verlegenheit kommen, und ganz natürlich.

A. In Verlegenheit kommen also; es lebt eben die Wahrheit und siegt, wie geschrieben steht. Wir aber, den nach beiden Seiten führenden Weg untersuchend, wohlan, wir wollen das Wahrscheinliche hierüber erwägen. Wenn sie nämlich zugeben, dieser Mittler (in ihrem Sinne) sei ungeworden, indem sie ihm Das, was nur der wahrhaftigen Gottheit eigen ist, zutheilen, werden sie ihn als über die Grenzen der Mittlerschaft erhaben zeigen und als in höherem Range befindlich, als recht ist. Denn das über Alles Erhabene ist der Meinung und der Natur nach Gott, dem durchaus und schlechthin als eigenthümliches Gut zukommt das Ungewordensein. Daher dürfte wohl die so beschaffene Natur nicht zu den dem Entstehen und Vergehen unterworfenen Wesen zu rechnen und zu zählen sein. Wenn sie aber, Dieß bei Seite setzend, sagen, er sei geworden, wie kann dann von irgend Jemand gedacht werden, verschieden von der Kreatur sei Das, was gleichen Ursprunges ist mit ihr? Wie also ist er noch Mittler, der geringer ist als der wahrhaftige Gott und doch wieder größer, als es dem Begriff und der Natur des Geschöpfes gemäß ist? Wenn er durch das Ungewordensein zur Ehre der Gottheit aufsteigt und sich weit hinaus über die Maßverhältnisse der Mittlerschaft erbebt, durch das Gewordensein aber heruntersteigen und den Platz der so beschaffenen Mittlerschaft besehen wird, unter die gewordenen Wesen eingereiht (da ja das Gewordene allem Gewordenen gleichartig ist, wenigstens nach dem Begriffe des Gewordenseins), was ist Das für ein schwatzhaftes und höchst unsinniges Gerede, welches das Unerreichbare als erreicht einführt und Plätze einer Natur uns erdichtet, die kein Verstand wohl, glaube ich, erreichen kann? Denn neu ist die Ansicht und unverständlich; daß aber für die dießbezüglichen Ansichten die Beweisführung deutlich sein müsse, erkläre ich für nothwendig. Als spitzfindig aber und zum Betruge von ihnen schlau ausgesonnen kann man ihren Frevel sehen. Denn nachdem sie in höchst unheiligem Thun und höchst unvernünftigem Denken sich wie Betrunkene benommen haben gegen den Sohn, indem sie ihn aus der Gleichwesentlichkeit mit Gott dem Vater frech hinauswarfen, stehlen sie gewissermaßen aus Unverschämtheit ein kleines Ehrentitelchen für ihn und bringen ihn sachte von der Niedrigkeit der gewordenen Wesen wieder in die Höhe; indem sie ihn aber gleichsam ausschließen von dem Durchdringen bis oben, damit man ihn nämlich nicht für Gott halte von Natur, weisen sie ihm einen mittleren Platz an, soviel Ehre ihm zumessend, als sie etwa mögen, und indem sie sich gleichsam zu Gesetzgebern und Schiedsrichtern hierüber aufstellen, erwägen und bestimmen sie, in welchem Range der Sohn sein solle. Gleichwie nämlich, meine ich, die Verfertiger von Statuen und die den Ruhm der Kunstfertigkeit, hierin wenigstens, besitzen, wenn sie dem Holz etwa oder Stein das Bild der menschlichen Gestalt eingemeißelt haben, dasselbe hierauf mit den daran angebrachten Verzierungen verschönern, indem sie es entweder mit Gold überziehen oder auch mit anderen schönen Farben schmücken und, indem sie so den Sinn der Beschauer bezaubern, durch ihre Kunst nicht zu lassen, daß dieselben über die im Innern und Verborgenen befindlichen Stoffe lächeln, sondern vielmehr sie fast schmeichelnd bereden, sich an dem flüchtigen und äusserlichen Glänze des Schmuckes zu ergötzen: auf dieselbe und nämliche Weise, glaube ich, berauben sie, indem sie das Bild des Mittlers ganz geschickt im Umrisse zeichnen, den Verstand der Einfältigeren und bringen Diejenigen in das Loos von Kriegsgefangenen, welche ihre böswilligen Künste und nichtswürdigen Erfindungen nicht genau zu untersuchen vermögen.

B. Du hast ganz Recht.

A. Sie sollten also, wenn sie es einer Berücksichtigung werth hielten, richtig zu denken und eine nicht verwerfliche Meinung zu haben, nicht das Unerfaßbare über ihn sich einbilden und zu erdichten unternehmen, was kein Verstand einsieht, sondern seine Bezeichnung, auch in reinen und bloßen Gedanken, für ganz unmöglich halten und so einfach sich bescheiden, den Sohn in der natürlichen Höhe der Gottheit zu denken, in Erwägung, daß der aus dem Vater, das heißt aus der Wesenheit desselben Erzeugte auch den genauen und unverfälschten Begriff der Wesensgleichheit mit ihm haben wird, da ja Gott der Vater auch in der That den Sohn und nicht einen Anderen ausser ihm als Sohn bekannte, da er sprach: „Dieser ist mein geliebter Sohn, in dem ich mir wohlgefalle.“ Warum denn doch erscheint er nicht vielmehr als rufend: „Dieß ist der Mittler,“ wenn er ihn als Mittler wußte, nach ihnen, wiewohl er höchst treffend auch so gesagt hätte? Denn Gott der Vater hätte den bereits Mittler Gewordenen gezeigt und für den Mensch gewordenen Sohn mit Recht diese Stimme erschallen lassen. Sag’ mir nun aber auch Dieß klar, ob sie so weit in der Thorheit gekommen sind, daß sie ihn überhaupt gar nicht als Sohn bekennen!

B. Sohn zwar sei er und gezeugt, sagen sie, weil sie sich schämen, wie mir wenigstens scheint, offenbar und mit nackter Unverschämtheit allen heiligen Schriften so zu sagen entgegenzutreten; jedoch entspringe er nicht aus des Vaters Wesenheit selber, und sie wollen auch die Sache der Zeugung nicht im natürlichen Sinne annehmen und denken.

A. Gleichsam also für erdichtet den Namen der Sohnschaft und der Zeugung zu halten bereden sie sich selbst und Andere. Sie trennen ja, wie du siehst, den Sohn von der Wesenheit Gottes des Vaters, indem sie die wahre Art der Erzeugung verwerfen und in der That auch das von Natur Sohnsein ihm wegnehmen. Da sie aber scharfe und feine Denker sind, wie sie eben meinen, und gern prahlen mit Dem, was sie sagen, wie ist denn doch auch Dieses ihnen entgangen? Sie bemerken nämlich, wie es scheint, nicht, daß sie hierin auch die Natur des Vaters selbst verunehren, wenn sie nämlich behaupten, sie habe keine Fruchtbarkeit, und selbe der Fähigkeit, zu zeugen, berauben, da doch die Typen von ihr in sich ausdrückte die kreisende und fruchtbringende Natur der gewordenen Wesen.

B. Aber vielleicht werden sie auch hieraus sagen, daß, wenn der Name der Zeugung durchaus und völlig wahr ist bei Denen, welchen er beigelegt und von welchen er ausgesagt wird, man unzählige aus Gott dem Vater Erzeugte annehmen und denken müsse. Denn es ist irgendwo auch von den Kindern Israels gesagt: „Söhne habe ich erzeugt und erhoben.“

A. Als „Entschuldigungen vorbringend für ihre Sünden und in Worte der Schlechtigkeit ausweichend“ werden wir sie finden, gemäß dem Psalmenausspruch des seligen David. Denn wenn der Sohn in der That etwas Anderes wäre, als was er ist, und wofür er von uns anerkannt ist, und wenn er mit uns die Benennung der Sohnschaft und Zeugung erlangt hätte, so stünde Nichts mehr im Wege, daß Dieß im uneigentlichen Sinne gesagt sei und ihm zukomme. Da sie aber, der Wahrheit Gewalt anthuend und ihn, so viel an ihnen ist, in eine andere Natur versetzend, ihn Mittler nennen und hinreichend überführt werden, geschwätzig den Mythus gerade auf ihn erdichtet zu haben, warum hören sie dann nicht auf, ihn von der inwohnenden und wesenhaften Erhabenheit auszustoßen, und werden nicht müde, die Unglückseligen, den wahrhaftigen Sohn des Vaters gleichsam mit gewissen falschen Würden zu verhöhnen? Denn nicht in dem Loose und Range wie wir, aber auch nicht in gleicher Weise wie die Geschöpfe (überhaupt) ist der Eingeborene zur Ehre der Annahme an Sohnes Statt berufen worden, noch auch verschafft diese Benennung ihm die Auszeichnung als eine beigelegte. Da wäre er ja angenommen (adoptirt) und Einer von Denen, die der Gnade nach Söhne sind, wenn es sich nämlich so mit ihm verhielte und er von den Maaßen der Kreatur umspannt würde. Allein das ist Geschwätz und Geplapper und ein Schwarm von Lästerungen und sonst Nichts. Daß aber unter die Adoptivsöhne der Eingeborene sich selbst nicht rechnen wollte, sondern sich im Besitze göttlicher und unaussprechlicher Erhabenheit über Alle und der wahren Machtvollkommenheit der Adoption wußte, kannst du leicht lernen, da er zu den Juden von Moses und den heiligen Propheten sprach: „Wenn sie Diejenigen Götter nennt, an welche das Wort Gottes ergangen ist, und die Schrift nicht gelöst werden kann, saget ihr zu Dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?“ Wenn sie nämlich, weil an Jene das Wort Gottes ergangen ist, dieselben als Götter und Söhne darstellte, wie sollte nicht um so mehr in höherem und wahrerem Sinne er selbst Sohn sein und Gott, er, durch welchen Jene Götter und Söhne sind? Nicht beigelegt also ist dem Eingeborenen der Name Sohn, sondern der Name dürfte für ihn wohl ebenso bezeichnend sein, daß er es sei, wie ohne Zweifel auch für Gott den Vater der Name Vater. Denn der Vater ist Vater, weil er den Sohn erzeugt hat; der Sohn aber wieder ist Sohn, weil er vom Vater erzeugt ist. Aus diesem Grunde, wie ich glaube, obwohl wir durch sehr viele und verschiedene Ausdrücke die der göttlichen Natur zukommenden Güter (Vollkommenheiten) erklären und so zu einer mittelmäßigen Erkenntniß über sie gelangen, werde ich aber doch sagen, daß der Name der Sohnschaft und der der Vaterschaft mit jenen nicht in gleicher Reihe stehe, wiewohl die anderen richtig und tadellos von Beiden ausgesagt werden.

B. Wie meinst du?

A. Sehr gerne will ich es dir, dem gerne Fragenden, sagen. Auf zweifache Weise glaube ich, pflegen wir die der göttlichen Natur inwohnenden Vollkommenheiten zu bezeichnen. Entweder nämlich wird sie aus Dem, was sie ist, oder aus Dem, was sie nicht ist von uns erkannt. Denn wenn wir sagen, sie sei Leben, und sie Licht nennen, so reden wir der Wahrheit gemäß nach Dem, was wir glauben, daß sie sei. Daß sie aber nicht vergänglich und auch nicht sichtbar ist, sagen wir nach Dem, was sie nicht ist. Denn daß sie über die Vergänglichkeit und über das von Jemand Gesehenwerden erhaben sei, zeigt uns die Bedeutung der Ausdrücke an; oder nicht?

B. Allerdings.

A. Wenn also Jemand sagt, Gott der Vater sei Leben und Licht, und er sei ausserdem auch unvergänglich und unsichtbar, werden wir nicht glauben, ein Solcher thue etwas Angemessenes, wenn er nämlich richtig denken will, Dasselbe auch der Natur des Sohnes zuzuschreiben, um mit denselben Namen auch Gott das Wort aus dem Vater ganz gut zu bezeichnen?

B. Ja.

A. Wenn er ihn nun aber auch König nennete und ihn mit allen Auszeichnungen ehren wollte, wodurch die göttliche Natur von uns verehrt werden mag, sagen wir nicht, auch der Sohn sei derselben theilhaftig?

B. Ja freilich.

A. Thöricht also ist es durchaus, auch überhaupt nur zu zweifeln, daß die Vollkommenheiten und was zur Ehre und Erhabenheit gehört, Beiden gemeinschaftlich sind. Keineswegs lügen aber wird die Wahrheit, das heißt Christus, wenn er zu dem Vater im Himmel sagt: „Alles Deinige ist mein und das Meinige dein, und ich bin in ihnen verherrlicht.“ Wenn wir nun sagen, in der Ordnung der Vollkommenheit komme, wie auch das Übrige, dem Vater das Vatersein und dem Sohne das Sohnsein zu, was hindert dann, sag’ mir, und was hält uns noch ab, den Unterschied beider Namen zu beseitigen und Beide Väter und Söhne zu nennen, da Beide in gleichem Range gemeinsame Auszeichnungen besitzen und mit den Vorzügen der Vollkommenheit gleichmäßig gekrönt sind?

B. In der That ist Dieß wenigstens ganz unglaublich zu sagen oder zu denken. Denn nicht anders wird sich der Vater verhalten, als was er eben ist, nämlich Vater, und der Sohn ebenso, er bleibt ja Sohn und kann nicht gedacht werden als Vater.

A. Ganz richtig und wahr, o Hermias. Du wirst also zustimmen und mithelfen zu der Ansicht, die klar beweist, daß der Name der Vaterschaft für den Vater keine Vollkommenheit bezeichne (man muß nämlich, glaube ich auch so sagen, die nothwendige Bezeichnung der Sache dem Schicklichen vorziehend), noch auch für den Sohn der Name der Sohnschaft, wie Das, was von Beiden (aus)gesagt wird, nämlich Leben, Licht und dergleichen, sondern es ist für Jeden von Beiden ein eigenthümlicher Name, der ihr gegenseitiges Verhältniß ausdrückt.

B. Allerdings.

A. Daß nämlich die Bedeutung der Namen auf gewisse Weise die Vermischung abwehrt und gleichsam einen festen Sitz für sich fordert, Das theilt einem Jeden von Beiden zu, unveränderlich so zu sein. Denn der Vater ist Vater und nicht Sohn, weil er gezeugt hat, der Sohn aber wieder Sohn und nicht Vater, weil er gezeugt ist. Denn wohlan, wenn es beliebt, entfernen wir ein wenig von dem Vater, in Gedanken und im Begriffe, das Vatersein und ebenso auch vom Sohne das Sohn sein, und erwägen wir, mein Lieber, wie etwa Jemand uns die Person eines Jeden von Beiden für sich bezeichne. Etwa dadurch, daß er Gott sagt oder Leben oder unvergänglich oder unsichtbar oder König? Aber nicht wohl unterschieden wird hiedurch das Bezeichnete sein. Denn was von Beiden wahr ist, wie sollte Dieß das Jedem von Beiden eigenthümlich Zukommende deutlich bezeichnen? Einzig aber und wahrhaft wird der Vater angedeutet durch den Gedanken, daß er gezeugt hat; einzig aber und wahrhaft der Sohn durch den Gedanken, daß er gezeugt ist. Eigenthümlich also ist einem Jeden von Beiden, was ihm und nur ihm zukommt, wiewohl das Übrige ohne Unterschied von Beiden ausgesagt wird. Dieses nämlich wird in der Reihe der natürlichen Vollkommenheiten angetroffen, mit dem Anderen aber verhält es sich nicht so, sondern es bezeichnet einerseits den Erzeuger, anderseits den Erzeugten.

Zweites Gespräch Daß der Sohn gleichewig ist mit Gott dem Vater und der Natur nach aus ihm gezeugt.

A. Ist es nicht wahr, zu sagen, o Hermias, daß das Wort der Wahrheit einfach ist und den möglichst besten Sitz in den einfältigen Herzen hat, bei Weitem süßer aber ist als Bienenarbeit (Honig)? Daß aber die Sache wahr sei, wird der göttliche David bekräftigen, der zu Gott, dem Heilande Aller, sagt: „Wie süß sind meiner Kehle deine Reden, mehr als Honig und Honigwabe für meinen Mund!“

B. Ja, daß das Wort der Wahrheit ganz einfach und süßer sei als Honigwaben, bekenne auch ich; wie beschaffen aber soll wohl die Art der Einfachheit hierin von uns gedacht werden?

A. Was denn sonst wohl soll die Rede der Wahrheit als einfach uns erweisen als Das, daß sie frei ist von vielverschlungenen Erwägungen und von einem gleichsam finster und traurig blickenden Sinne, der verschmitzt und zusammengesetzt ist und von der ihm inwohnenden Stärke den Beweis liefert, nicht dadurch, daß er zur Auffindung der Wahrheit nützt, sondern dadurch, daß er die Zuhörer nicht wenig beschädigt. Du kannst aber, wenn es dir gefällt, deutlich wie aus einer Tafel sehen, daß meine Ansicht das Richtige nicht verfehle, wenn du die Häresie des Arius und seiner Anhänger betrachtest, zu denen man füglich, glaube ich, sagen muß: „Wenn der Äthioper seine Haut ändert und der Panther seine Flecken, dann werdet auch ihr wohlthun können, die ihr das Böse gelernt habt.“ Denn vom Panther, mein’ ich, unterscheide sich in Nichts der Sinn der Gegner. Dieser nämlich, buntgefleckt, trägt ein verschiedenartiges und mannigfaches Gemisch von Farben auf dem Rücken; sie aber haben ebenso einen ungleichen und unzusammenhängenden Sinn, und kaum entlassen sie das Wort aus ihrem Herzen nach oben, so verwundet ihre Zunge, wie geschrieben steht: „Hinterlistig sind die Reden ihres Mundes; zu dem Nächsten redet er Friedliches, und in sich hat er die Feindschaft.“ Denn zwar thun sie dergleichen, als ob sie auf keine Weise der Ehre des Eingeborenen entgegen seien; sie verwunden sie aber gleichsam mit scharfem Pfeile, lästerliche und unerträgliche Reden von ihrer Zunge entsendend.

B. Was meinst du da für welche?

A. Während sie nämlich ganz richtig das eingeborene Wort Gottes „Sohn“ nennen und allerdings auch, daß er gezeugt sei, zu bekennen sich nicht weigern, thun sie dem Worte der Wahrheit Gewalt an, indem sie gottlos die ihm gebührende Ehre ganz in’s Gegentheil verkehren und auf eine andere Natur übertragen als die, die im Vater gedacht wird, als sei er anderen Wesens und anderer Natur oder stehe vielmehr ganz ausser dem natürlichen Verhältnisse zu Dem, von welchem gesagt wird, er zeuge, der aber nach ihnen nicht auch (wirklich) gezeugt hat. Daß sie aber in der Thorheit so weit zu gehen lieben, dazu, möchte ich wenigstens sagen, verhelfe ihnen nichts Anderes als Dieses.

B. Was doch?

A. Dieß, daß sie sehr hoffärtig sind und meinen, etwas Geheimnißvolleres als die Anderen denken und sagen zu können, daß sie sich auf Wortstreitigkeiten verlegen und in der That auch mit scheinweisen Künsten aufgenährt sind und durch ihre zu allem Möglichen geschickten Gedankenwendungen die in einfachem Sinne dahinleben Wollenden mit Gewalt einnehmen können; indem sie aber ihre Seelen auf die weltliche Weisheit wie auf einen Rohrstab stützen und die Stoppeln verfälschter Gedanken zusammenlesen, achten sie es, glaub’ ich, für Nichts, von der Richtigkeit der Lehrsätze nicht abweichen zu sollen. Sie bedenken nämlich nicht, daß das ehrwürdige Paar der Söhne Aarons verbrannt sei, weil sie dem Willen Gottes Gewalt anthaten und fremdes Feuer an den Altar brachten, und wollen auch vielleicht übrigens nicht hören auf das Gesetz, welches ruft: „Und du sollst den Abscheu nicht in dein Haus tragen und du sollst verflucht sein wie auch Jenes.“ Mit Verwünschung sollst du verwünscht sein, und mit Verabscheuung sollst du verabscheut sein, weil es verflucht ist. Denn wahrhaftig ein fremdes und Gott mißliebiges Feuer ist die heisse Regung des Sinnes, die von dämonischer Weisheit erfüllt und nicht an den heiligen Schriften angezündet ist. Ein Abscheu (Greuel) aber wieder ist das (bloß) nach dem Gleichnisse Gottes gefertigte Bildniß. Zu diesem aber gestalten Jene den Sohn, in Ehre zwar und herrlichem Ansehen leuchtend und wie es Gott geziemt, aber nicht wahr, sondern gleichsam mit falschen Namen und ehrwürdigen Bezeichnungen zum Gott gestaltet. Denn sagen, er sei gezeugt, und ihn Sohn nennen, nicht mehr aber auch glauben, er sei gezeugt und Sohn von Natur, was wäre Das übrigens als Dieses? Uns aber ist der Schatz in irdenen Gefäßen und die von weltlicher Weisheit und dämonischem Trug entblößte Wahrheit lieb.

B. Lieb, ja wohl, und ganz Recht hast du; aber gehe nun auch an die Untersuchung der Behauptungen Jener über den Vater und den Sohn. Denn ich sollte meinen, daß Dieß den künftigen Lesern gar sehr zu Nutzen komme.

A. Ich weiß, es wird Dieß sehr nützen, und da es dir so am besten scheint, wohlan, wie der griechische Dichter sagt: Lösend das Tau und gleichsam von Ufer und Wällen ausbrechend wollen in’s Meer einem Lastschiff gleich wir senden die Rede.

B. Auf denn also.

A. Als Gott dem Vater eigenthümlich haben wir den Namen und die Sache der Vaterschaft durch das schon vorher Erörterte festgestellt, und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil er aus sich den Sohn gezeugt hat, als dem Sohne aber eigenthümlich den Namen des Sohnes, indem wir als Grund angaben, daß er von Gott dem Vater gezeugt ist. Es dünkt uns aber, diese Meinung erscheine als von allem Tadel weit entfernt.

B. Jawohl, allerdings. Indeß Dieß will ich fragen. Ich bin nämlich besorgt und verlegen, wenn ich sehe, wohin denn der Verlauf unserer Gedanken enden werde. Denn denke dir, daß jedenfalls der Verschrobene sagen wird: Wenn Gott dem Vater Name und Sache der Vaterschaft eigenthümlich ist, weil er gezeugt hat, und dem Sohne der Name Sohn, weil er gezeugt ist, und es wahr ist, zu sagen, daß das so Bezeichnete unmöglich einen Übergang in einander haben kann (denn der Vater wird immer Vater sein, ohne sich in den Sohn zu verwandeln, und der Sohn Sohn, ohne in den Vater überzugehen), so wird es dem Vater eigenthümlich sein, ungezeugt zu sein, während es dem Sohne eigen ist, gezeugt zu sein. Und da in der That das Ungezeugtsein verschieden ist von dem Gezeugtsein, so werden auch sie selbst sich verschieden verhalten und können wohl nicht als in unveränderlicher Gleichheit seiend gedacht werden.

A. Was thäten dann diese Leute wieder, als die Schönheit der Einfachheit, die in Christo gedacht wird, falsch bezeichnen wie Die, welche die goldene Münze fälschen? Denn siehe, wie sie die gerade Lehre der Wahrheit verdrehen und sich an Erfindungen falscher Weisheit ergötzen, und wie sie, übermüthig redend, die Gemeinde des Herrn herabzusetzen meinen gleich dem prahlerischen Goliath.

B. So ist es; aber wisse, daß sie Dieses sagen und aus Dem, was ich eben sagte, bestehen werden!

A. Aber es kann doch übrigens Jedermann sehen, daß sie aus der richtigen Denkweise und dem gesunden Sinne herausgeschlagen seien und über ihre Thorheiten klagen sollten, wenn sie Dieß für richtig erklären und Denen ähnlich sein werden, denen es beliebte zu sagen: „Wir machten die Lüge zu unserer Hoffnung und mit der Lüge werden wir uns bedecken.“ Denn sie wissen, glaube ich, für’s Erste nicht, daß „ungezeugt“ und „Vater“ nicht Dasselbe sei und nicht die gleiche Bedeutung habe. Denn wenn Etwas Vater ist, so wird es doch jedenfalls und gewiß nicht darum auch ungezeugt sein, noch ist, wenn Etwas ungezeugt ist, es darum auch Vater. Oder wenn es nicht so ist, gibt es viele Ungezeugte, denn es gibt viele Väter, und daß es, so viele Myriaden Väter, auch ebensoviele Ungezeugte gäbe, würde uns die Prüfung der Gedanken zeigen. Wenn wir nun die Natur der Wesen betrachten und die Beschaffenheit eines jeden, wie es angeht, erwägen, werden wir be- merken, daß nicht alle durch Zeugung in’s Dasein gesetzt seien. Wenn nun die Ansicht der Verschrobenen höchst frostig und kraftlos ist, da das „ungezeugt“ nicht bloß Eines im eigentlichen Sinne anzeigt (denn es gibt viele Wesen, die ungezeugt sind und durch Artunterschiede der Natur nach von einander verschieden), was würden sie wohl sagen, wenn man sie etwa um den Namen Vater fragte, was er bezeichnen wolle: daß er von Keinem erzeugt ist, oder vielmehr daß er gezeugt hat?

B. Daß er gezeugt hat, mein’ ich.

A. Recht. Wenn also das Gesetz der Vaterschaft dafür gesorgt hat, die Väter jedenfalls und gewiß zum Ungezeugtsein zu erhöhen, warum beanspruchen nicht auch wir selbst, nachdem wir Väter geworden sind, das Ungezeugtsein? Wenn aber das Band der Natur keineswegs zu Jenem, sondern dazu fortführt, Kinder zu haben, und es sich nicht wohl anders verhalten wird, was sagen sie dann, die Wahrheit verderbend, das Ungezeugtsein sei Gott dem Vater eigenthümlich, da ja doch der Zuname Vater auch bei uns selbst nichts Anderes bezeichnen kann, als daß er gezeugt hat?

B. Was aber meinst du sollen wir sagen, wenn Einer auch fragen wollte, ob Gott der Vater gezeugt sei oder ungezeugt?

A. Ich würde sagen, daß er, wenigstens gemäß dem untadelhaften Sinne, zwar ungezeugt ist, aber gewiß nicht deßwegen, weil Vater, auch ungezeugt, sondern weil er von Keinem gezeugt ist; aber er hat, selbst ohne Zeugung, durch Zeugung aus sich und in sich seinen Sohn. Darum ja eben heißt er auch Vater.

B. Und mag Das sein, sagen sie; aber das Ungezeugtsein ist doch etwas von dem Gezeugtsein Verschiedenes und kann nicht für das Nämliche gehalten werden. Denn das Eine nicht vom Anderen verschieden ist und du sie für identisch hältst, so möge bei Beiden wieder die ununterschiedene Verwechslung stattfinden und mit der Eigenthümlichkeit der Namen „Vater und Sohn“ es sich ebenso verhalten wie mit den Bezeichnungen „unvergänglich, unsichtbar“ und dergleichen.

A. Daß das Ungezeugtsein etwas Anderes sei als das Gezeugtsein, ist ausser Zweifel und allgemein zugestanden. Die Ordnung nämlich des Richtigen und Wahren werden wir nicht auflösen. Indeß der Unterschied der Namen hierin deutet doch keine Verschiedenheit Gottes als Gott an, sondern bedeutet nur, daß er nicht so beschaffen ist, das heißt nicht gezeugt. Was nun also sagen sie hiezu, die Alles unordentlich in einander mischen, obwohl sie hierin einen gewaltigen Verstand haben und die Nase hoch tragen und sehr aufgeblasen sind?

B. Es kommt also Gott dem Vater das Ungezeugtsein zufällig (als Accidens) zu?

A. Keineswegs; denn zugleich wird Gott gedacht und mit ihm all’ seine Eigenschaften, und an kein Accidens kann bei ihm gedacht werden. Und wundere dich nicht darüber, da es sich ja auch bei uns selbst ganz ebenso verhält, wie Jeder, der will, leicht sehen kann. Denn obwohl wir in der Zeit das Dasein erlangen, werden wir doch zugleich mit Dem, was wesenhaft in uns ist und untrennbar uns angeschaffen ist, geboren. Nichts also kann mit Recht bei Gott als zu ihm hinzukommend gedacht werden. Und wenn ja die Accidenzen oder auch die gewissen Substanzen von Natur aus inwohnenden Eigenschaften gewiß an sich selbst keine eigene und getrennte Existenz haben, wie wir am Menschen sehen oder an irgend einem anderen Wesen, sondern vielmehr an den Substanzen der Dinge oder in ihnen erblickt werden, was für einen Platz sollen wir vermuthen, daß in Gott das Ungezeugtsein habe? Denn wenn das Ungezeugtsein etwas an sich selbst und in eigener Existenz Befindliches ist (es ist aber, wie Jene sagen, eine Eigenthümlichkeit Gottes des Vaters), dann ist es doch gewiß etwas Anderes als Der, dessen Eigenthümlichkeit es ist. Denn was Einem zukommt und für sich existirt, ist doch gewiß etwas Anderes als Der, dem es zukommt. Und verdoppelt wird dann die einfache Natur des Vaters, aus Vater und Ungezeugt zusammengesetzt. Man muß aber nicht auf die Scheinweisheit Jener, sondern auf die Aussprüche des Heilandes achten, der seine eigene und des Erzeugers Natur sehr wohl unterscheidet. Denn nirgends hat er ihn uns Ungezeugt, wohl aber Vater genannt.

B. „Melke Milch, und sie wird Butter werden,“ sagt uns das Wort und der, wie mir wenigstens scheint, weise Orakelspruch Salomo’s. Denn einen von geheimnißvollen Gedanken trunkenen und von göttlichen Lehren erfüllten Geist dazu anreizen, Etwas von dem Nothwendigen sagen zu sollen, dürfte wohl, wie mir wenigstens scheint, nichts Anderes sein, als (Dieß thun, nämlich) heftig verlangen, sich an den zur Gottseligkeit gehörigen Reden wie an Milch zu sättigen. Wenn du es also gestattest, will ich ein Solcher sein, der aus Verlangen, zu wissen, was man entgegnen soll, gewissermaßen immer gleichsam eine Vorladung (Interpellation) hereinbringt. Beantworte nun also dem Fragenden auch Dieses! Wußte denn, sagt Einer, der Sohn nicht, daß der Vater ungezeugt ist?

A. O ja; denn ich werde es keineswegs in Abrede stellen, aber ich möchte auch nie mich ertappen lassen, gegen Das, was offenbar ist, zu streiten; indeß er wußte ihn als ungezeugt wie als unvergänglich, unsterblich und unsichtbar. Aber er erwähnte keines von diesen, sondern nannte ihn Vater, indem er sprach: „Heiliger Vater, bewahre sie in deiner Wahrheit;“ und wieder: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde;“ und dann auch: „Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen.“ Wie aber? Hat er nicht auch, als er die Bestimmung hinsichtlich der heiligen Taufe feststellte und die Urgrundlage des untadelhaften Glaubens für alle Menschen unter der Sonne niederlegte, mit Beiseitelassung und Übergehung von jenem, dem „unvergänglich“ nämlich, „ungezeugt“ u. s. w. befohlen, sie „zu taufen im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“, indem er, wie ich glaube, Das, wodurch die heilige Dreiheit uns zu offenbaren nicht nothwendig war, ganz absichtlich fortließ, diejenigen Namen aber auswählte und den übrigen vorzog, welche die eigene Existenz eines Jeden der Benannten wohl unterschieden feststellen? Denn als der ganzen Gottheit so zu sagen gemeinsam wird Dasjenige ausgesagt, was die Natur der höchsten Wesenheit ausmacht; und wenn Jemand die göttliche Natur nennt, so zeigt er uns damit sogleich als in einem Bezeichneten die vollständige heilige Dreiheit an, die in einer Gottheit gedacht wird, jedoch noch ohne Unterscheidung einer Person für sich. Wenn er aber Vater und Sohn und heiliger Geist sagt, so nimmt er die Bezeichnung nicht von Dem her, was ununterschieden die ganze Natur der Gottheit ist, sondern wodurch das im Wesen Identische der heiligen Dreiheit in besondere Hypostasen unterschieden wird, indem der Begriff für Jeden der Gedachten den ihm zukommenden Namen aussondert und das im Wesen Einige in besonderen Hypostasen hinstellt. Denn als höchste Wurzel, über welche hinaus überhaupt Nichts ist, wirst du den Vater denken; als den aus der höchsten Wurzel Entsprungenen und Erzeugten aber wirst du den Sohn annehmen, der nicht in gleicher Reihe mit den Geschöpfen in der Zeit geworden ist, noch in geringerem Maße als der Vater die Schönheit der eigenen Natur ausstrahlt, sondern sowohl gleichewig als auch in jeder Hinsicht ihm gleich ist, ausgenommen allein das Zeugen, denn dieses kommt nur Gott dem Vater zu. Heiligen Geist aber wirst du nennen, was aus Gott dem Vater durch den Sohn auf natürliche Weise ausfließt und, gleichsam dem Hauche aus dem Munde vergleichbar, seine eigene Existenz uns kund gibt; und so klar und unvermischt die Eigenheit der drei Personen in eigenen Existenzen bewahrend wirst du die über Alles herrschende Natur als einig und wesensgleich anbeten.

B. Vortrefflich gesagt; es muß sich ja durchaus gerade so verhalten. Sie sagen aber dennoch, durch das Wort „ungezeugt“ werde die Natur Gottes des Vaters speziell definirt, und so erscheine übrigens ohne Mühe der Sohn als von anderer Natur, da ja „gezeugt“ nicht Dasselbe ist wie „ungezeugt“.

A. Aber, o Gutester, werden auch wir mit Recht zu ihnen sagen, wenn das Gezeugtsein die Natur des Sohnes definirt, darum aber ihr sie für fremd und verschieden von der Wesenheit des Vaters erkläret, was ergibt sich nun daraus? Schrecklich sind die Frevel der Geisteszerrüttung, widerwärtige Lehren aber vergreifen sich an der Wesenheit des Eingeborenen, da sie den Obersten zu dem Unteren herabschleudern, während er doch deutlich zu uns als Geschaffenen sagt: „Ihr seid von unten,“ von seiner eigenen Person aber: „Ich bin von oben.“ Wie aber, der oben ist und von oben, zu dem Unteren herabsteigen wird, ist leicht zu verstehen für Jeden, der es erwägt. Denn wird etwa nicht, gleichwie man zugeben wird, daß alles Ungezeugte mit allem Ungezeugten einen gemeinsamen Begriff habe, in Bezug auf das Ungezeugtsein nämlich, ebenso nach der richtigen Schlußfolgerung allem Gezeugten das Gezeugte gleich und ähnlich sein?

B. Wie kann Das zweifelhaft sein? Ähnlich verhält sich ja bei Beiden und unverändert der Schluß.

A. Wirst du also, o Hermias, die Gottlosigkeit noch für schwer ersichtlich erklären, oder meinst du, es könne die trügerische Lehre der Gegner verborgen bleiben, die zwar einen erkünstelten Schmuck hat und in gotteswürdigen Ausdrücken prangt, so daß sie den Sinn der Einfältigeren hinreissen könnte, aber die widrigste Lästerung gebiert? Denn Gott wird uns da auf ein Geschöpf herabgebracht und gar unter die dem Entstehen und Vergehen unterliegenden Wesen gerechnet, er, „in dem wir leben, uns bewegen und sind“. Denn wenn der Name „gezeugt“ eine Definition des Sohnes sein wird, nach Jenen, und wir das Wort als die Wesenheit bezeichnend annehmen, so wird er, sofern er als gezeugt gedacht wird, mit jedem Gezeugten denselben Begriff haben. Dergleichen aber gibt es sehr viele und unzählige und herunterreichend bis zu den werthlosesten Wesen, zu Mücke nämlich und Maus und noch schlechteren.

B. Du hast Recht.

A. Wofür aber nennen sie ihn auch Sohn oder meinen, Gott sei Vater, wenn er nicht in Wahrheit den Sohn aus seiner eigenen Wesenheit gezeugt hat? Sie sollen ihn daher ferner weder Vater noch Sohn nennen; denn allzeit lieb ist den Christen die Wahrheit. Gegenüber nun den Brechergüssen von Jenen, wie wäre da nicht besser das Schweigen? Denn „antworte dem Thoren nicht nach seiner Thorheit,“ heißt es. Allein damit sie nicht wie Diejenigen, welche einen (durch Nichterscheinen der Gegenpartei) verlassenen Rechtshandel verfolgen, zügellos und unsanft über die Menge herfallen, ihre Routine in Reden zum Bollwerk sich machend und in der Meinung, die von ihnen ich weiß nicht wie aufgebrachte und durch elende Gründe unterstützte Rede sei gar schwer zu widerlegen: wohlan nun, wohlan, laß uns die mit den Waffen des Truges und der List Gerüsteten wie waffenlose und ungeharnischte Krieger durch Entgegnungen aus dem gemeinen Denken unter dem Beistande und der Mithilfe Christi, so gut es geht, niederschlagen, indem wir zur rechten Zeit die Strophe Davids anstimmen: „Denn nicht auf meinen Bogen werde ich hoffen, und mein Schwert wird mich nicht retten. Denn errettet hast du uns von unseren Quälern und unsere und deine Feinde zu Schanden gemacht.“

B. Voran nun also ganz wohlgemuth. Denn mitwiderstehen und Waffengenosse wird uns sein der Herr Aller.

A. Ich gehe schon und ganz bereitwillig; denn säumen darf man durchaus nicht; ich meine aber vor dem Übrigen Dieses sagen zu müssen.

B. Was denn?

A. Ganz unverständig und einsichtslos erklären sie das Ungezeugtsein für ein eigenthümliches Merkmal an Gott. Ein eigenthümliches Merkmal aber, sage ich, hat die Kraft einer Definition. Oder ist nicht diese Ansicht von ihnen ausgegangen, und werden sie nicht überführt, so weit in der Unverschämtheit gegangen zu sein?

B. Jawohl, denn ohne sich im Mindesten zu scheuen, werden sie so sagen und auch darauf bestehen.

A. Du wirst wohl nicht Unrecht haben. Denn etwas Freches und von aller Scham möglichst weit sich Entfernendes ist die Unwissenheit, und sie denkt an Scheu auch nicht im Mindesten. Sie scheut sich ja auch durchaus nicht, selbst, wenn es angeht, die wirklich richtige und tadellose Lehre zu verurtheilen, und rennt vielmehr ohne Weiteres auf alles Beliebige los, auch wenn es als noch so unsinnig erscheint. Schau aber doch, wie sie hierin ganz schrecklich in den Schlingen der Unwissenheit sich verfangen! Denn wir werden finden, daß die besten Philosophen die Definitionen der Substanzen nicht in einem Wort und Ausdruck bestehen lassen, und daß Dieß Denen widerspreche, die dafür gelten, hierin einen Ruf zu haben und sich der Genauigkeit zu befleissen. Man könne nicht etwa durch einen Ausdruck die Definitionen machen; aber wenn man auch zwei anwende, sagen sie, würde eine Sache nicht auf einmal und vollständig erklärt, sondern vielmehr etwa durch drei oder auch noch mehrere. Denn so dürfte das Definirte ganz deutlich werden.

B. Wie zum Beispiel?

A. Wenn nämlich Jemand aufgefordert würde, zu erklären etwa, was der Mensch ist, und dann nur in einem Worte die sehr kurze Antwort gäbe und ihn definirte als „Lebewesen“, wird er sehr undeutlich reden. Denn ohne Zweifel ist zwar der Mensch ein Lebewesen, aber nicht allein und ausschließend, sondern gleichnamig mit anderen. Sehr viele andere ja noch sind lebendige Wesen; denn auch der Hund und der Ochse und der Panther sind lebendige Wesen. Wenn er aber dem ersten Ausdrucke noch einen zweiten beifügt und ihn als „sterbliches Lebewesen“ definirte, so wird er nichtsdestoweniger hinsichtlich der genauen und vollständigen Erklärung schwach sein, obwohl er das Wahre sagt. Denn sterbliche Lebewesen sind auch Hund und Ochse u. s. w. Wenn aber die Erklärung der Reihe nach fortgeht durch Alles, was dem Menschen wesenhaft inwohnt, sowohl im Allgemeinen als Besonderen, und ihn zugleich ein vernünftiges Lebewesen und zugleich sterblich nennt, fähig zu Erkenntniß und Wissenschaft, dann hat sie eine Definition vorgebracht, der nichts Nothwendiges zur Verdeutlichung fehlt. Verstehst du nun endlich, wie richtig und wahr unsere Ansicht ist?

B. Ich verstehe. Wie denn nicht?

A. Da es also ungereimt ist und unpassend und der bei ihnen vielgeliebten Wissenschaft fremd, den Inhalt einer Definition mit einem Worte zu beschreiben, was werden sie denn sagen, da sie sich doch weise dünken, wenn Jemand behauptete, die Begriffsbestimmung der Wesenheit Gottes des Vaters sei das „ungezeugt“? Sie scheinen aber ganz unüberlegt auf solche Ansichten zu gerathen, obwohl sie einen feinen, wie sie meinen, und subtilen Verstand haben. Denn auch Dieses, glaube ich, entrinnt und entgeht ihnen.

B. Was meinst du da oder wie?

A. Die Definitionen der Wesen nämlich, wenn sie in der ihnen zukommenden und angemessenen Weise aufgestellt werden, beginnen mit der Gattung und führen zugleich mit der Gattung auch den wesenhaften Unterschied oder die Unterschiede eines jeden der Bezeichneten auf. Du sollst aber meinen, daß ich wieder Dieß sagen wolle.

B. Erkläre; denn so, meine ich, müssen wir hierüber reden.

A. Nun denn; wenn Jemand dich anginge und fragte und wollte, du solltest ihm sagen, was ein Hund sei oder auch ein Ochs, was würdest du sagen, o Hermias?

B. Ich würde sagen: Lebendige Wesen (Thiere).

A. Nun sag’ mir: Wenn du nur Dieß sagst, wirst du meinen, eine genügende Erklärung zu geben?

B. Keineswegs; ich würde nämlich, wenn ich anders das Richtige sagen wollte, auch die jedem von beiden zukommenden natürlichen Unterschiede hinzusetzen.

A. Ganz richtig und gut. Es ist also durchaus nicht zweifelhaft, sondern vielmehr einleuchtend, daß man in den Definitionen der Wesenheiten zuerst die Gattung, dann den einem Jeden zukommenden Artunterschied angeben muß.

B. Nicht anders ist es.

A. Sieh’ nun also, oder vielmehr sie selbst sollen uns zeigen, die einfältiger Weise das „ungezeugt“ zur Definition hernehmen, ob sie den Ausdruck für eine Bezeichnung der Gattung oder des Unterschiedes nehmen. Wenn sie nun sagen, er sei gleichsam Gattung, so darf er nichts von den Anderen Unterschiedenes bezeichnen, damit wir nicht überführt werden, die Bedeutung des artbildenden Unterschiedes der Gattung beizulegen und dieser selbst ihre eigene Bedeutung zu nehmen. Wenn sie aber, Dieß bei Seite lassend, sagen, er sei Unterschied (Unterscheidungsmerkmal), so sollen sie uns zeigen, wovon es ein Unterschied ist, da in der Erklärung die Gattung nicht vorliegt. Wie aber sollte uns auch eine Wesensdefinition genügen und als ihrem Begriffe angemessen erscheinen, die nur aus einem Unterschied besteht? Sollten sie nicht Auslachen verdienen, wenn sie darauf bestehen werden, daß es sich so verhalte?

B. Sie werden es verdienen, da Dieß nicht zweifelhaft ist.

A. Wenn also Jemand zu ihnen sagen wollte, ihr von der äussersten Verläumdung erfüllter Lehrsatz sei auch durchaus ungereimt, wie, wird er nicht ganz wahr sprechen?

B. Auf welchen Beweis hin? Sprich!

A. Wie ich ja soeben gesagt habe, aus einem bloßen Unterschied kann die Definition von was immer für einer Wesenheit vernünftiger Weise nie bestehen. Es wird ja doch immer die Gattung des besonderen Unterschiedes hinzugedacht, von welcher wie von einer Schranke eilig ausgehend und mit Unterscheidung auf das der Reihe nach Folgende sich verbreitend die Erklärung eine richtige und unzweifelhafte Verdeutlichung gibt. Wenn sie nun unsinniger Weise behaupten, das „ungezeugt“ habe die Bedeutung einer Definition, so wird kein Unterschied (da) sein (denn es zeigt uns an, daß er nicht gezeugt sei); aber wir werden dem Ausdruck nicht einmal eine solche Bedeutung einräumen; vielmehr dürfte er, so viel auf sie ankommt, schlechtweg und ohne Unterscheidung als Gattung angenommen werden, obwohl es von der rechten Denkweise möglichst weit entfernt ist, bei Gott von einer Gattung reden zu wollen, da neben ihm oder gar vor ihm kein Wesen ist. Doch gesetzt, das „Ungezeugt“ sei bei ihm Gattung, wie Jene unbedachtsamer Weise meinen, so ist es aber eine Gattung, die uns gar Nichts anzeigt, damit sie nicht die Stelle und Bedeutung des (Art-) Unterschiedes einnehme. Wenn also der Ausdruck „ungezeugt“ noch nicht die Bedeutung des Nichtgezeugtseins mit sich führt, so verstehe ich nicht recht, was für einen (Art-) Unterschied des Vaters vom Sohn er uns anzeigen und wie er (der Sohn) überhaupt in irgend einer Hinsicht geringer sein soll, wenn er auch als gezeugt gedacht wird. Was aber sagst denn du, o Hermias?

B. Was hatte ich hierauf zu sagen?

A. Aber daß das „ungezeugt“ die Bedeutung einer Definition verständig und wissenschaftlich nicht annehme, haben wir klar und hinreichend bewiesen, wie ich glaube, indem wir zwar nicht gewohnt sind, uns in solchen Untersuchungen zu bewegen, aber wider Willen der Nothwendigkeit nachgaben und, was über unsere Wissenschaft und Übung hinaus ist, nothgedrungen berührten. Obwohl es aber nicht leicht ist, noch andere Gedanken zu den schon vorher gefundenen hinzuzufügen, so will ich es doch, so gut ich es vermag, versuchen. Es sagen also die hierin sehr Starken, Gelehrten und Geübten, jeder Definition gezieme die sogenannte Umkehr.

B. Was Das ist, möchte ich sehr gerne von dir erfahren.

A. Ich will also nun die nämlichen Reden durchgehen und wiederholend reden. Wir definiren den Menschen als vernünftiges, sterbliches Lebewesen, das Pferd aber als ein wieherndes Lebewesen. Wir werden aber auch auf andere Weise die Erklärung dieser Gegenstände geben, indem wir gar nicht von den ersten Worten anfangen, sondern von den letzten rückwärts gehen zum Anfang der Definition. Denn wenn Jemand ein sterbliches und vernünftiges Lebewesen ist, so wirst du denken, Das sei ein Mensch. Und wenn Etwas ein wieherndes Lebewesen ist, so wird dieses die Natur eines Pferdes zeigen. Wenn nun das „ungezeugt“ eine Definition ist, warum nimmt es nicht die Umkehr an? Sie dürfen nämlich nicht säumen, zu gestehen, daß, wenn Etwas ungezeugt ist, Dieses auch der Wesensbegriff und die Wesenheit Gottes des Vaters ist. Aber Das ist nicht wahr; denn viele Tausende sind Dieß (ungezeugt) und Unzählige, und ich halte es für lästig, sie im Einzelnen zu nennen. Merkst du nun, bis zu welcher Ungereimtheit ihre Ansicht ausgeglitscht ist?

B. Ja, zu einer sehr starken.

A. Aber auch aus einem anderen Grunde kann das „ungezeugt“ keine Definition sein, wenn wir es wieder auf diese Weise betrachten. Wir definiren nämlich jedes Wesen nach Dem, was wir glauben, daß es sei, und was es wirklich ist, nicht nach Dem, was es gar nicht ist, sondern was ihm gleichsam mangelt.

B. Wie meinst du Das?

A. Denn wenn wir angeben wollen, was denn etwa das Feuer oder das Wasser sei, oder welches seine Natur sei, so sagen wir vom Feuer, daß es ein heisser und trockener Körper sei, von dem anderen aber, es sei ein nasser und kalter. Das heißt, meine ich, sie definiren nach Dem, was sie sind. Wenn wir aber nun sagen würden, die Natur des Feuers erklärend, es sei weder kalt noch naß, ohne zu sagen, es sei heiß und trocken, von dem Wasser aber, es sei weder heiß noch trocken, obwohl man sagen sollte, es sei kalt und naß, wodurch würden wir dir scheinen die Erklärung zu geben?

B. Offenbar durch Das, was ihnen mangelt, und was sie nicht sind.

A. Wenn es also Einem beliebte, über irgend Etwas so zu denken und zu reden, würde er wohl Das, was etwa bei Jedem das Wahre ist, ganz deutlich und irrthumslos aufzeigen?

B. Keineswegs.

A. Wenn nun also bei Gott dem Vater das „ungezeugt“ uns nur das Nichtgezeugtsein anzeigt, wie sollte es wohl die Bedeutung einer Definition haben, da es nicht bezeichnet, was er ist, sondern was er nicht ist?

B. Du meinst gewiß, daß er nicht gezeugt sei.

A. So meine ich. Denn Dieß liegt in der Bedeutung des Wortes. Was aber werden sie auch vorbringen, wenn wir hinzufügen, daß die Definitionen der Wesensheiten zu Nichts im Gegensatz stehen dürfen noch auch zur Klasse der Relationen gehören, wovon, wenn man das Eine nennt, man jedenfalls auch an das Andere denken wird? Denn das Eine von Beiden weist immer auch auf das Andere hin.

B. Deine Rede ist mir nicht ganz klar.

A. Und es ist doch kein Hinderniß da; denn es zu verstehen steht bei dir. Wenn nämlich Jemand etwa Vater sagt, so zwingt er gewissermaßen den Geist derer zum Gedanken an einen Sohn oder überhaupt schlechtweg an ein Erzeugniß. Wahr ist aber auch das Umgekehrte; denn mit der Bezeichnung des Erzeugnisses läuft gewiß auch das Erzeugende mit. Es wird sich aber ebenso und auf gleiche Weise das Rechts und Links verhalten; denn sobald das eine von diesen genannt wird, ist zugleich auch das andere da. Wer aber die Definition der Wesenheit zum Beispiel des Menschen vorbringt oder irgend eines anderen Lebewesens, verbindet damit Nichts, was dazu im Gegensatz oder ihm nothwendig gegenüber stünde, wie gewiß dem Rechts das Links oder dem Vater der Sohn oder dem Erzeugenden überhaupt das Erzeugte. Denn der Mensch ist ein Mensch und der Stein ein Stein, und sie stehen zu Nichts im Gegensatz, sondern die Namen sind ihnen eigenthümlich und eigen. Der Ausdruck „ungezeugt“ aber, der den Sinn des Nichtgezeugtseins hat, deutet zugleich auch das „gezeugt“ an, dessen Beschaffenheit fliehend er in das Seinige einläuft. Wie soll nun der Ausdruck „ungezeugt“ eine Definition sein, da er Nichts gemein hat mit dem Gezeugten, wenigstens nach Dem, was beide Ausdrücke bezeichnen?

B. Du sagst also, das „ungezeugt“ sei bei Gott dem Vater Nichts?

A. Nicht Nichts, daran fehlt viel. Ich möchte aber sagen, ihm allein komme es zu und müsse es zugeschrieben werden, mit Rücksicht nämlich auf das Nichtgezeugtsein, aber keineswegs darf man es zur Bedeutung einer Definition erheben.

B. Aber die Bedeutung einer Definition soll ja das „ungezeugt“ bei Gott dem Vater gar nicht haben, sagen sie, gleichwohl aber soll es die Wesenheit desselben sein; und da dem „ungezeugt“ das „gezeugt“ gegenüber steht, so wird wohl der Sohn nicht der Natur nach Derselbe sein mit dem Vater, indem die Beschaffenheit der Namen uns recht gut den wesenhaften Unterschied bezeichnet.

A. Wie überaus scharf ist die Rede, und wie leichtfertig schillert sie in dem vielverdrehten Durcheinander der Gedanken! Und mir scheinen die Vertheidiger dieser gottlosen Lehren etwas ähnliches zu unternehmen, wie man sagt, daß auch die Maler und Zeichner zu thun pflegen, welche, wenn sie irgend ein lebendiges Wesen andersfarbig dargestellt haben, weil ihnen der Sinn und auch die Hand in’s Widernatürliche sich verirrte, dasselbe, um es zu verbessern, wieder mit anderen Farben übermalen und dann erst dahin gelangt zu sein glauben, daß das Bild den Beschauern nicht zu lügen und auch ihnen selbst der Gegenstand ihrer Kunst wohlgelungen zu sein scheine; allein sie merken selbst nicht, daß sie durch Das, wodurch sie einen Ruf zu erwerben glauben, sich gleichsam den argen Vorwurf des vorher Verfehlten zuziehen und das Lob der Verbesserung das Unschöne des von ihnen ungeschickt Gemachten an’s Licht stelle. Oder ist nicht wahr, was ich sage?

B. Wahr, allerdings. Aber lassen wir Das, das Böse vergessend, und laß uns auch, wenn sie auf Anderes übergehen wollen, auf Dieses kommen, damit wir ihnen keinen Grund des Stolzes gegen uns geben, wenn wir den Kampf zu scheuen scheinen.

A. Lassen wir also nach; du meinst ja, es sei so gut. Und wenn sie nun gar auch sagen, das „Ungezeugt“ sei die Wesenheit Gottes, so wird aber, glaube ich, sogleich Jemand auch hierüber laut lachen und sagen: Wenn das „Ungezeugt“ Gottes Wesenheit ist, unzählige Ungezeugte aber in der Welt sind, so wird jedes Ungezeugte Gottes Wesenheit sein oder wenigstens das Ungezeugtsein zum Wesensbegriff haben. Nun ist ungezeugt zum Beispiel die Sonne, geschaffen aber ist auf gleiche Weise der Mond, die Sterne und die Himmel; ich übergehe nämlich die Mächte, die Throne und alle Geschöpfe über uns, die nicht durch Zeugung wie wir in’s Dasein gesetzt wurden. Aber nicht jedes Ungezeugte ist Gottes Wesenheit, noch auch wird man den ungebeugten Wesen das Ungezeugtsein als Wesensbestimmung zuschreiben. Wir werden das „ungezeugt“ nicht in diesem Sinne gelten lassen, so lang wir noch einen gefunden und unverdorbenen Verstand haben. Sonst (denn ich glaube auch Dieß beifügen zu sollen) wenn das Ungezeugtsein Wesenheit ist, der Name Wesenheit aber, wenn weder Gattung noch Art noch Unterschied oder Unterschiede angegeben werden, den Hörern ganz und gar Nichts anzeigt als bloß nur Wesenheit, wird das „Ungezeugt“ bei Gott Nichts bezeichnen, noch auch wird man ihm die Bedeutung des Nichtgezeugtseins zuschreiben, sondern es wird nur Wesenheit bedeuten; wessen, bleibt unbestimmt. Denn es enthält noch Nichts von Gattung und Art und Unterschied. Wir wollen aber ebenso auch vom Sohne den Namen der Zeugung aussagen, und man verstehe darunter nur die Wesenheit, noch nackt und gar nicht unterschieden. Wenn nun beide Namen schlechthin und ohne Unterscheidung von uns ausgesprochen werden und keiner irgend Etwas bezeichnet ausser nur Wesenheit, welches wird dann noch der Unterschied des Vaters vom Sohne sein? Denn Wesenheit gegen Wesenheit, ohne weiteren Zusatz, wird weder ein Mehr, wie man sagt, noch ein Weniger noch Etwas, was in irgend einer Hinsicht einen Unterschied begründet, haben, sondern es wird ohne allen Zweifel Wesenheit mit Wesenheit vollständig gleich sein, wenigstens nach der richtigen Gedankenfolge, so lange man nur Wesenheiten denkt und nennt. Wenn sie also ohne Bedacht und Unterscheidung das Ungezeugtsein als Gottes Wesenheit annehmen, so sollen sie sich schämen, so unwissend zu sein, und sollen nicht, jenen Ausdruck wie eine Schanze gegen die Natur des Sohnes aufbauend, die Lehrsätze der Wahrheit anbellen, indem sie den uns keineswegs ersichtlichen Unterschied als einen klaren aufführen, wenn weder das „ungezeugt“ bei Gott dem Vater etwa das Nichtgezeugtsein, noch das Andere beim Sohne das Gezeugtsein bezeichnet und Beides Wesenheiten sind und zwar ununterschieden. Denn wir haben soeben gezeigt, daß Nichts Wesenheit von Wesenheit scheide, um verschieden zu sein, sofern wir sagen und denken, sie seien Wesenheiten. Meinst du nun, unsere Lehre sei klar und gesund, oder wirst du sie berichtigen und verbessern?

B. Keineswegs; sie ist ja richtig.

A. Wenn sie nun aber auch von dem Ausdrucke „ungezeugt“ die Bedeutung des Nichtgezeugtseins hinwegnehmen und darauf bestehen werden, es sei die Wesenheit schlechthin, was für ein Grund wird uns Diejenigen abwehren, denen es beliebt, von dem Gezeugtsein die Zeugung wegzunehmen und ihm die Bedeutung einer Wesenheit zuzuschreiben, wie gewiß auch sie dem Ungezeugtsein? Und wie werden wir dann noch unterscheiden, oder welcher Begriff wird uns auseinanderhalten den persönlichen und hypostatischen Unterschied des Vaters vom Sohne oder des Sohnes vom Vater? Denn wer noch der Erzeuger und wer der Erzeugte sei, ist schon nicht mehr ersichtlich. Verloren geht uns also dann die ganze Lehre des Glaubens. Denn woher noch und wie glauben wir an den Vater und den Sohn als an den Erzeuger und den Erzeugten? Denn nicht werden wir, ganz besonders hierin, eine leere und verdorbene Namensbezeichnung annehmen, daran fehlt noch viel; ich möchte vielmehr mit Recht sagen: eine genaue und nothwendige, wenn wir anders an die Wahrheit glauben und von der wahren Gotteserkenntniß nicht abgeirrt sind, die wir aus Vater und Sohn und heiligen Geist getauft sind.

B. Du hast Recht. Ich habe aber erfahren, daß sie auch Dieß sagen, der Vater heisse so als Weltschöpfer und als gleichsam Prinzip und Urgrund der aus dem Nichtsein in’s Dasein gerufenen Dinge. Und darum sind auch wir selbst gelehrt worden, sagen sie, Gott so zu nennen und in Gebeten anzurufen: „Vater unser, der du bist im Himmel.“

A. Nun, o Beste, werden wir hierauf zu ihnen sagen, ist uns befohlen worden, Gott Vater zu nennen, weil wir zur Gattung der Geschöpfe gehören, oder weil wir mit der Ehre der Annahme an Kindesstatt gekrönt und als Kinder gerechnet wurden?

B. Weil wir Geschöpfe sind durch die Natur, Söhne aber durch die Gnade.

A. Aber wo der Vater genannt wird und auch der Sohn, soll nicht das Geschöpf mit hereinkommen noch auch einstweilen der Begriff des Geschaffenseins nebenher erscheinen, da der Vater ein Verhältniß hat zum Sohne, der Sohn aber zum Vater, ohne daß Etwas dazwischen ist, gleichwie gewiß auch der Schöpfer zum Geschöpfe und das Geschöpf zum Schöpfer. Wenn wir nun das Jedem Zukommende aufheben und die Bedeutung der sogenannten Verhältnißbegriffe ohne Weiteres ausser Acht lassen, so werden wir überführt werden, das durch die Bezeichnungen angedeutete Verhältniß zum Vater dem Geschöpfe, dem Sohne aber (das) zum Schöpfer zuzutheilen. Wie, sollten wir nicht deßhalb und ganz mit Recht ob der höchsten Geistesstörung das Auslachen verdienen?

B. Als Söhne werden wir Gott Vater nennen; denn sich um Überflüssiges zu ereifern, glaube ich, sei die Sache von Schwätzern.

A. Aber weder Vater wird er in Wahrheit sein noch Sohn, wenn er nicht gedacht wird als zeugend und gezeugt.

B. Du hast Recht. Gott soll also Vater genannt werden, sagen sie, wenn du willst, im uneigentlichen Sinne.

A. Woher, mein Freund, hat er diesen Zunamen bekommen, wenn er selbst von Natur aus nicht Vater ist? Oder werden sie vielleicht sagen: von uns, die wir von Natur und in Wahrheit Väter sind?

B. Du weißt wohl, daß sie auch Dieses sagen werden.

A. Wohin werden wir also den heiligen Paulus setzen, der nicht uns den Anfang der Vaterschaft zutheilt, aber auch nicht irgend einem anderen der Geschöpfe, sondern ihn nur dem wahrhaftigen Gott und ersten Vater gleichsam heiligt und weiht? Man kann ihn aber hören, wie er an uns schreibt: „Von dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“ So antworte denn, o Hermias (du wirst aber so uns im Reden üben), wenn ich wissen möchte, ob Gott in der Zeit ungezeugt geworden ist, während er Dieß im Anfange nicht war, oder ob er, seitdem er als Gott gedacht wird, auch ungezeugt war.

B. Er war ungezeugt; denn etwas Anderes als Dieses zu sagen, wie wäre Das nicht durchaus thöricht?

A. Und zeigt der Ausdruck „ungezeugt“ das Nichtgezeugtsein an oder wie?

B. Das Nichtgezeugtsein, offenbar.

A. Wozu denn überhaupt mußte der anfangslose Gott als ein Solcher offenbar werden? Oder was für eine Unterscheidung und in welcher Hinsicht hat ihm der Ausdruck oder die Natur hinzugefügt (wenn nämlich das Ungezeugtsein seine Natur ist), da noch Nichts von dem Gezeugten (Gewordenen) war oder mit ihm zugleich existirte, wenn sie nämlich sagen, der Vater sei nicht der Erzeuger des Sohnes? Denn wozu heißt er ungezeugt, wenn die Wesenheit der gezeugten (gewordenen) Dinge noch gar nicht in’s Dasein gesetzt ist? Sie werden ja doch nicht sagen: damit das durch Zeugung Geschaffene nicht als gleich anfangslos und gleichewig erscheine mit dem ungezeugten (ungewordenen) Gotte. Und wenn Gott als Vater immer ungezeugt war, so muß man jedenfalls sagen, daß auch Der existire, durch den er ungezeugt war, das heißt der durch Zeugung seiende Sohn, durch dessen Ebenbild reich und durch die Tugend der Frömmigkeit nach ihm gestaltet auch wir selbst Gott Vater nennen, die wir nach der Ähnlichkeit des höchsten und ersten Vaters benannt sind. Denn älter als die Abbilder sind immer die Urbilder.

B. Und was hindert die Gegner, zu sagen, Gott heisse im uneigentlichen Sinne Vater, während allerdings wir natürliche Väter sind; er aber, der Vater heißt als Urheber des Seins und der Existenz der gewordenen Wesen, hat das Ungezeugtsein zur Wesensbestimmung?

A. Aber der wahrhaftige Paulus hat uns bezeugt, daß von Jenem der Name der Vaterschaft sich erstrecke auf alle vernünftige Kreatur, nach dem Bilde und Gleichnisse des ersten [Vaters], der deutlich Das, was er ist, auch an uns selber zeigt; er sagte aber keineswegs, auch alle Ungezeugtheit sei von ihm, sowohl im Himmel als auf Erden, oder es dürfte überhaupt Nichts gezeugt sein, damit auch den Geschöpfen das Bild des Ungezeugten eingeprägt würde. Denn was das Geschöpf am meisten verschönert, ist seine Conformität und Ähnlichkeit mit dem Allerhöchsten.

B. Werden wir also die Schöpfung aufheben, indem wir die Zeugung von ihr wegnehmen, damit sie nach dem Ungezeugten gestaltet werde?

A. Ich sage Das nicht; ich glaubte aber, die Ungereimtheit der gegnerischen Gedankenfolge zeigen zu sollen, wovor man so weit als möglich fliehen soll, wie ein weises Wort uns räth, indem es sehr gut zuruft: „Bewahre dich selber keusch und mache dich nicht fremder Sünden theilhaftig!“ Denn da wir es lieben sollen, fest zu hangen an der tadellosen Lehre der heiligen Väter, was sollen wir uns an dem Fremden erfreuen und so an loser Gesinnung Theil nehmen? Eine lose Gesinnung nämlich ist es, welche die Ehre des Sohnes anbellt und „Ungerechtigkeit redet wider Gott“, wie geschrieben steht. Es dünkte nämlich, glaube ich, und ganz mit Recht jenen berühmten, wohlgesinnten und ganz bewährten Männern, das „ungezeugt“ sei keineswegs die Wesenheit Gottes des Vaters, sondern nur ein Ausdruck, der den Hörern das Nichtgezeugtsein anzeige, wovon wir allerdings sagen, daß es in dem Begriffe der Person Gottes des Vaters liege, aber nicht, daß es selbst die Wesenheit Gottes sei. Denn die Acht geben wollen, können sehen, daß von allen Dingen, welche wirklich oder auch nur vermeintlich existiren und fast auch den Schein der Existenz annehmen, die einen gleichsam in ihrem Eigenthum sind und auch Das, was sie sind, in substanzieller Weise zu sein erlangten, die anderen aber mit nichten sich so verhalten, sondern vielmehr fremd sind und nicht gefestigt in ihren eigenen Naturen, sondern die Substanzen (Wesenheiten) der Dinge umschwebend, und dadurch, daß sie vielleicht diesem oder laß uns sagen jenem zukommen können, fast auch zugleich mit ihren Trägern zu subsistiren scheinen und die fremde Natur für ihre eigene ausgeben.

B. Wie meinst du das?

A. Erinnerst du dich denn nicht, wie unsere Rede sich Mühe gab und so gut als möglich zeigte, daß man das zur Klasse der Accidenzen oder der inhärirenden Eigenschaften schlechthin Gehörige keineswegs als in sich selbst, sondern vielmehr als in Anderen existirend erblicken kann, und daß Dieses zwar scheint, Etwas an sich selbst zu sein und zu heissen, aber die Natur seines Trägers zur seinigen hat? Das „gezeugt“ und „ungezeugt“ nämlich ist nicht etwas an sich selbst und substanziell Subsistirendes, sondern gibt uns ja nur die Bedeutung des Gezeugtseins oder Nichtgezeugtseins an.

B. Ganz richtig.

A. Man muß also bedenken, daß das Ungezeugtsein in dem Begriffe der Person (Hypostase) Gottes des Vaters enthalten ist, und festhalten, daß es ihr eigen, aber nicht sie selbst ist. Betrachte nämlich so die Ungereimtheit, wenn es beliebt! Wenn sie nämlich sagen, das „ungezeugt“ sei in Wahrheit Wesenheit, unzählig viele Wesen aber durch Zeugung existiren, was hindert noch die Verschrobenen, zu sagen, keines der Wesen existire (für sich), obwohl sie durch Zeugung das Sein erlangten, wenn nämlich ein jedes, das nicht ungezeugt ist, aufhören und ermangeln würde, Wesenheit (Substanz) zu sein?

B. Es würde aufhören, wie denn nicht?

A. Wie aber wäre es nicht höchst angemessen, auch Dieses zu ihnen zu sagen? Wenn sie nämlich das „ungezeugt“ als Wesenheit Gottes des Vaters betrachten, diese aber der überwesentliche und Alles überragende Gott als seine eigene, über Alles durchaus erhabene Natur aussonderte, so muß man dafür halten, daß das Übrige durch Zeugung existire und in einer eigenen Natur sich befinde, die auf natürliche Weise Nichts gemein hat mit jener. Denn welches oder was für ein Verhältniß sollte das Gezeugte zum Ungezeugten haben, was die Beschaffenheit anlangt, natürlich die wesenheitliche? Und was würden die zu allem möglichen Schlechten Geneigten sagen, wenn sie die Eigenthümlichkeiten Gottes des Vaters auch in seinem Erzeugnisse sehen, das heißt in seinem Sohne? Denn Leben und Licht und wahrer Gott ist der Vater; aber Dieses ist auch der Sohn, nicht theilnahmsweise noch vorübergehend, sondern wesenhaft und in gleicher Weise. Merkst du nun endlich, daß die Eigenschaften und Eigenheiten der Gottheit dem Begriffe und Charakter der Ungezeugtheit vielmehr nicht zukommen, damit wir nicht sagen, sie kommen auch anderen Wesen zu, die als durch Zeugung seiend und bestehend erscheinen, sondern passen vielmehr auf Gott den Vater? Denn so dürfte übrigens naturnothwendig, glaube ich, die Identität des Wesens hindurchgehen, gleichsam in den Sohn und aus ihm. Es ist also das „ungezeugt“ keineswegs Gottes Wesenheit, sondern es zeigt, wie gesagt, nur an, daß der Vater nicht gezeugt sei, und subsistirt nicht an sich.

B. Richtig. Es werden aber vielleicht die Gegner sagen: Wenn du den durch Zeugung existirenden Sohn für Eins und wesensgleich mit Gott dem Vater erklärst, so wirst du natürlich nicht mehr säumen, anzunehmen, daß er auch immer mit ihm existire, und daß er nicht ohne Leiden und Abfluß, die von Zeugen herrühren, gezeugt sei, wiewohl alle Gründe uns bereden, anzunehmen, daß die Ursache von Etwas vor dem Verursachten existire, und daß Alles, was gezeugt wird, gewissermaßen die Natur des Zeugenden beschädige; denn es geht hervor als Theil. Man verwerfe also die natürliche und wahrhafte Zeugung, welche es durchaus und jedenfalls mit sich bringt, daß die über das Leiden erhabene und unversehrbare Natur einen Abfluß erleiden müßte.

A. Das ist es ja offenbar nicht, was ich gesagt habe. Den Behauptungen nämlich, die sie aufstellen, färben sie Das, was sie zu meinen belieben, wie eine Beize auf und verändern dieselben zu anderen Formen und beugen sich leicht hin und her, indem sie sich sehr wenig daraus machen, wenn man dafür hält, sie unterscheiden sich in Nichts von Schilfrohren, obwohl sie es lieben müßten, fest zu sein, und es als unschicklich und als etwas höchst Verächtliches verschmähen sollen, den Kindern ähnlich zu sein. Diese nämlich, die noch des Geistes und vollen Verstandes ermangeln, gehen unbesonnen auf Alles zu, was sie bewegt, sie aber ergreifen ungeprüft, was ihnen in den Sinn kommt, und halten jede morsche und kraftlose Lehre in Ehren, ich aber halte Das für sklavensinnig und für Sache eines zum Schnarchen faulen Geistes. Uns aber sagt Paulus: „Brüder, werdet nicht Kinder am Verstande, sondern an der Bosheit seid Kinder, am Verstande aber seid vollkommen.“ Denn weniger Einsicht zu haben, als Recht ist,  und minder, als billig ist, zur wahren Erkenntniß zu gelangen, obwohl sie zu den Männern zählen und nicht mehr jung und kurzsichtig sind, sondern bereits zu dem Maße des Vollalters Christi gelangt sind, ist doch wohl ungeziemend; daß es aber Denen, welchen Das anklebt, einen unaustilgbaren Schaden bringen wird, ist ausser Zweifel.

B. So ist es; du hast ja Recht.

A. Willst du, nun so lassen wir Dieß hierin sein, wie es sein mag, und gehen daran, den Faseleien von Jenen die Wahrheit entgegenzustellen.

B. Ganz gut; Das wird ja wohl auch besser sein.

A. Indem sie also die „Ursache“ und das „Verursachte“ ich weiß nicht woher nehmen und nennen, — sie werden ja doch nicht sagen: aus der heiligen Schrift, — was belieben sie davon zu denken?

B. Soeben habe ich dich sagen hören: „immer sei dem Begriffe und dem Sein nach die Ursache früher als das Verursachte,“ und „das Zeugende erzeuge nie ohne Leiden und Abfluß“. Und indem sie Dieß als Grund anführen, behaupten sie, der Sohn sei geringer als der Vater, und nehmen an, er stehe ihm nach und sei gewissermaßen später geboren, und indem sie gottlos auch die Geburt selbst als eine nicht wahrhafte bezeichnen, verläumden sie deren Ächtheit aus der Wesenheit.

A. Sie sollen uns also auf unsere Frage Dieses sagen: Daß der Vater für den Sohn Ursache (Princip) des Seins sei, glauben sie; glauben sie nun, er sei es in der Weise des Schöpfers und so, daß er ihn erschaffungsweise in’s Sein einführte gleich den Geschöpfen, oder nicht so, sondern werden sie mit uns sagen, daß er nach der wahrhaftigen Weise der Zeugung aus seiner Wesenheit das Erzeugte hervorbrachte?

B. Als Vater, sagen sie, oder Schöpfer. Denn da der höchste Gott einfach ist in der Wesenheit, so müsse man denken, daß er, wie erschafft, so auch zeuge. Die Identität der Thätigkeit also wird ihn gewiß als einfach hinstellen.

A. Das heißt denn doch Oben und Unten ganz in einander mischen und die wohl unterschiedene Natur der Dinge ganz ordnungslos durch einander schütten und, was durch seine Beschaffenheit weit und streng von einander geschieden ist, Gießbächen gleich in die Thalschlucht schwemmen. So sagt nämlich einer der griechischen Weisen. Denn daß das Schaffen etwas Anderes ist als Zeugen, wird, meine ich, jede Erwägung uns darthun. Ich meine aber, man dürfe nicht, indem man dem Vater grundlos die Einfachheit zuschreibt, die richtige und wohlbegründete Lehre von ihm in ungereimte Gedanken hinabwerfen. Denn wenn er, wie er schaffen, auch zeugen wird und Beides als identisch gedacht wird, ohne daß Etwas einen Unterschied und eine Verschiedenheit zwischen Beiden begründete, dann werde ich mich gar nicht scheuen, zu sagen, daß er, wovon er Schöpfer ist, davon auch Vater sei, und alles Geschaffene könnte man dann auch als sein Erzeugniß betrachten. Wie vielfach aber dieses ist und in wie vielerlei Formen und Unterschieden, ist nicht leicht zu sagen; gleichwohl aber kann, wer will, es aufzählen. Denn keines der Seienden ist, welches sich dem Begriffe des Geschaffenseins entzöge; es gehören aber ganz gewiß und jedenfalls unter die Seienden die niedrigsten und verworfenen Wesen; wer wird Das läugnen? Von allen also wird, auch wenn einige von der Art sind, Gott der Vater sein.

B. Und wie wäre diese Ansicht nicht ganz voll von Ungereimtheit?

A. Vielmehr solltest du sagen, sie gehe über die äusserste Gottlosigkeit hinaus, wenn du das Rechte sagen willst. Wenn nämlich, wie sie meinen, bei Gott dem Vater das Schaffen und das Zeugen in der That ununterschieden ist und sich nicht anders verhält wegen der Einfachheit im Wesen, so stellen sie uns für’s Erste die heilige Schrift als Fabel dar, welche den Sohn als eingeboren bezeichnet, da er doch (wenn es nämlich wahr ist, was die Gegner sagen) der Erstgeborene ist unter vielen Brüdern oder vielmehr mit allen als seiend Geltenden zugleich entweder gezeugt oder durch schöpferische Thätigkeit in’s Dasein gesetzt ist. Denn Jenen scheint es, Beides sei Dasselbe und verhalte sich nicht verschieden. Es dürfte dann aber auch selbst jener unser Lehrer Johannes ein falsches Wort gesagt haben, da er als etwas Geheimnißvolles das „Eingeboren“ dem Sohne beilegte, von welchem er sagt, er sei im Schooße Gottes des Vaters, indem er auch hiedurch, wie ich glaube, seine Geburt als eine wahrhaftige darstellt. Es könnte uns aber bereits in Keckheit übergehen, diese wiewohl richtige Rede, als wagte sie es, den Sohn selbst anzutasten. Ich möchte nämlich sagen, daß er, wie man finden kann, die Streitangriffe der Juden, obwohl er sie abschütteln konnte und zwar sehr leicht, selbst gegen sich herausforderte. Denn warum sagte er nicht lieber: „Ich bin das Geschöpf und Werk Gottes,“ sondern nannte Gott seinen Vater, sich selbst Gott gleich machend? Warum mußte er vielmehr in den Synagogen rufen: „Wer an den Sohn glaubt, wird nicht gerichtet,“ und nicht, was billig war und sehr leicht im Stande, den unbändigen Neid der Hörer zu mildern: „Wer an das Geschöpf glaubt, wird nicht gerichtet“? Denn ich meine, wenn man ihn Dieß rufen gehört hätte, so hätte man ihn nicht für insolent gehalten noch ihn steinigen wollen, noch ihn bis zum Gipfel des Berges geführt und thörichter Weise versuchte ihn über den Abhang hinab zustürzen. Was aber auch thaten die sehr einsichtigen Jünger, die gewiß von ihm die Meinung hatten, er sei der Sohn und nicht ein Geschöpf? Als er nämlich auf der hohen Fluth einherging und, die nasse und flüssige Natur der Wellen mit unsäglicher Macht seinen Füßen unterbreitend, das weite Meer durchschritt, gab er den heiligen Aposteln ein ungewohntes Schauspiel, und kaum stieg er freiwillig zu ihnen ein und fuhr im Schifflein über, obwohl es für ihn ein Leichtes war, wenn er es thun wollte, auch auf den Wellen zu schreiten. Erstaunt aber nun und die unwiderstehliche Gewalt bedenkend beteten sie ihn an und sprachen: „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.“ Wenn sie nun so die Sache sogar betheuerten und sagten, wahrhaftig sei er Gottes Sohn, so werden sie doch nicht mit Recht als Lügner verschrieen und als Solche überführt und gerügt werden, die von der Wahrheit abirrten. Denn, wenn er nicht Sohn ist, aus der Wesenheit des Erzeugers entsprungen, sondern vielmehr ein Geschöpf, mit dem Ansehen der Sohnschaft überfirnißt und aus bloßer Redensart so zubenamst, aus welchem Grunde beteten sie ihn an, und warum nannten sie ihn Sohn, die Lehrer und Herolde der Wahrheit?

B. Ganz trefflich verhält sich uns die Rede.

A. Der heilige und höchst ehrwürdige Paulus aber, der doch von Gott ein Gefäß der Auserwählung genannt ward und verordneter Priester an die Heiden und getreuer Verwalter der Geheimnisse unseres Heilandes,  was wollte er doch kund thun, als er kam und über den Sohn selbst sowohl als die heiligen Engel ausrief:  „Der da ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und Alles trägt durch das Wort seiner Macht und der, nachdem er die Reinigung von den Sünden vollbracht hat, sitzet zur Rechten der Herrlichkeit in der Höhe, um so größer geworden als die Engel, je vorzüglicher der Name ist, den er vor ihnen ererbt hat. Denn zu welchem der Engel sprach er je: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeuget? Und wieder: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache? Sind nicht Alle dienstthuende Geister, ausgesandt zum Dienste um Derer willen, die das Heil erlangen sollen?“ Und abermal: „Wenn nämlich das durch Engel gesprochene Wort festgiltig ist und jede Übertretung und jeder Ungehorsam gerechte Vergeltung empfing, wie werden wir entfliehen, wenn wir ein so großes Heil vernachläßigen?“ Denn wie sollte überhaupt sowohl von uns als von den heiligen Engeln der Sohn gedacht werden als Ebenbild der unaussprechlichen Herrlichkeit und auch als Abglanz des Wesens Gottes des Vaters, wenn er die Macht des Gezeugtseins nicht in wirklicher Wahrheit besitzt, sondern mit leeren und bloßen Worten vergoldet wird, während er der Natur nach verschieden ist und den Geschöpfen zugeordnet? Denn Nichts hindert mehr, wie es scheint, auch den Vater selbst unter die Geschöpfe zählen und für geworden  halten zu müssen, wenn nämlich sein Ebenbild und Abglanz der als geworden existirende Sohn ist. Wie aber hat er dann noch einen ausgezeichneteren Namen erhalten als die Engel? Denn wenn bei Gott das Zeugen gleich gilt dem Schaffen, dann ist es doch wohl offenbar, daß das als Sohn Geltende ohne Unterschied auch ein Geschöpf sein wird und das im Recht unter die Geschöpfe Gerechnete nichtsdestoweniger auch ein Erzeugniß ist. Warum also verabsäumt Gott es noch, was er doch wohl sollte, auch zu jedem der heiligen Engel zu sagen: „Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeuget“? Warum doch theilt er ihnen nicht zu, was sie von Haus aus und wesenhaft innehaben, oder vielmehr (denn man wird wärmer sprechen) warum nimmt er es ihnen und thut Denen Unrecht, die bereits die Herrlichkeit der Erzeugung und die Einreihung unter die Söhne erlangt haben? Denn da ja Gott einfach ist, wird sich bei ihm das Zeugen vom Schaffen überhaupt nicht unterscheiden, wenigstens nach der thörichten Meinung Jener, sondern Beides wird in eine Bedeutung vermengt und fließt zusammen in völlige Einerleiheit.

B. Ja, es beliebt ihnen nämlich, so zu denken und zu sagen.

A. Allein wir werden sagen, daß es sich nicht so verhalte; daran fehlt noch viel; denn für uns besteht sowohl in den Namen als in der Sache selbst ein sehr großer Unterschied. Aber antworte mir, wenn es dir beliebt, auf meine Frage.

B. Frage nur.

A. Der beste und erhabenste unserer heiligen Lehrer hat vom Sohne geschrieben: „Er kam in sein Eigenthum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf. So Viele ihn aber aufgenommen haben, denen gab er die Macht, Söhne Gottes zu werden, denen, die an ihn glauben.“ Werden wir also sagen, Denen, die die Herrlichkeit der Sohnschaft nicht besaßen, sei die Gnade der Adoption geschenkt worden, oder Denen, die sie gar nicht zu empfangen brauchten, weil sie sie von Haus aus und wesenhaft besaßen, auch wenn sie sie von Niemand empfangen würden?

B. Denen, die sie nicht hatten, denn Das halte ich auch für wahr.

A. Und wer in der Welt wird überhaupt gefunden werden, der sie nicht hätte, wenn nämlich die Erzeugung nichts Anderes ist als das Geschaffensein, oder vielmehr wenn Beides eines und Dasselbe ist, ohne daß überhaupt Etwas eine Verschiedenheit zwischen Beiden begründete? Wir werden nämlich zugeben müssen, gezeugt sei Alles, was ist, wenn es auch geschaffen ist.

B. Hat uns also der Vater aus seiner Natur selbst gezeugt?

A. Gott der Vater hat uns nicht aus seiner Natur erzeugt; indeß wird nicht, was immer bei uns als ungereimt und unmöglich erscheint, Dieses auf gleiche Weise auch dem natürlichen Sohne entgegengestellt werden? Wir nämlich sind ohne Zweifel geschaffen, er aber entsprang aus der Wesenheit Gottes des Vaters, nach welchem auch wir gestaltet werden und, anstatt der Erzeugung aus Barmherzigkeit die Gnade empfangend, unter die Söhne Gottes gerechnet werden, indem wir die Würde von aussen her und als verliehen innehaben und adoptirte Söhne sind, gestaltet nach dem wahren und berufen zur Herrlichkeit des natürlichen (Sohnes). Es gäbe aber überhaupt keine Adoptivsöhne, wenn nicht der natürliche zuvor existirte und die wahre Erzeugung das Urbild des späteren Abbildes vorher in sich darstellte. Wenn nun der Vater in der That nicht gezeugt hat, weil ja bei ihm das Zeugen Dasselbe ist wie das Schaffen und nichts Anderes, dann entschwindet uns der Begriff des Sohnes, und die Natur des Vaters erscheint unfruchtbar. Dahin aber gleichsam ist auch die Hoffnung der Gläubigen; denn wo überhaupt ist noch eine Sohnschaft und wo die daraus entspringende Würde, die das zu den Geschöpfen Gehörige zu einem besseren Zustande hinüber führen kann, wenn das Geschaffene in gleichem Verhältniß und Maaß mit dem Gezeugten ist, weil nach Jenen in ein Ding zusammenläuft sowohl die Schöpfung als die Zeugung? Sollte man da nicht sagen, Das sei Geschwätz und garstiger als das sehr Garstige?

B. Allerdings.

A. Wenn er aber auch Mitsitzer heißt und in der That der Sohn des Vaters ist, während doch die wahrhaftige Erzeugung ihm nicht verleiht, gewiß und durchaus in die Natur des Erzeugers zu strahlen, wegen der völligen Ähnlichkeit und Gleichheit, wie werden sie nicht bereits deutlich sagen, die dem Urheber des Seins geziemende und inwohnende Herrlichkeit erstrecke sich selbst auch auf die Natur der gewordenen (gezeugten) Wesen, und die Würde des Herrn habe der Knecht angenommen? Und doch schreibt der heilige Paulus: „Zu welchem der Engel sprach er je: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeuget, oder: Setze dich zu meiner Rechten?“ Warum denn gefiel es Gott, daß diese die ihnen ganz angemessene Ehre des Bereitstehens und Dienens erlangen sollten, er aber der höchsten Sitze der Gottheit sich erfreuen und keinen Ebenbürtigen haben sollte, der neben ihm säße und thronte? Der mit der Macht des Vaters verbundene Wille, wie es scheint, und sein Wohlgefallen setzte Diesen dahin, Jene aber dorthin, wo sie sind, obwohl sie nicht verachtet sind. Er wies ihnen nämlich Dieses an, tadellos bestehen und ihre Herrschaft (ihren Anfang) bewahren zu können und Gott dienend auf- und abzusteigen. Hat ihnen nun Gott der Vater, wie es scheint, Unrecht gethan, daß er nicht auch ihnen gewährte, die gleiche Würde zu erlangen? Aber so ist es nicht; woher denn? Denn wir sind nicht vom gesunden Verstande verlassen wie Jene. Denn sehr groß ist der Zwischenraum und unermeßlich der Abstand zwischen dem Geschaffenen und dem Erzeugten. Und er ist der Sohn und als Solcher Mitregent; sie aber stehen herum (dienen), als schöpfungsweise in’s Dasein gerufen. Warum also vermischen sie das Unvermischte und versuchen unvernünftiger Weise zur Einerleiheit zu verbinden das von der gegenseitigen Gleichheit so weit Entfernte, als die Natur der Dinge selbst laut bezeugend verkündet? Allein, wie es scheint, ihr Schweiß und ihre Absicht geht darauf, nicht sich um die Erkenntniß der Wahrheit zu bemühen, sondern gleichsam gottlos groß zu thun, indem sie mit vielverschlungenen Erdichtungen und ungezügelten Schwätzereien ihr Spiel treiben.

B. Du hast gar nicht Unrecht; denn sie kümmern sich um Nichts von Dem, was nothwendig ist. Gleichwohl aber werden sie, vermuthe ich, fragen, wie denn das Einfache verschiedene Thätigkeiten entwickle und auf andere Weise zeuge als wirke (schaffe), und nicht so wirke, wie es zeuge, und doch die Natur der Einfachheit nicht zerstöre.

A. Das ist in der That wieder nichts Anderes, als einen Rohrstab in die Hände nehmen, wie der Prophet Isaias sagt. Denn auf so morsche und gebrechliche Gründe gestützt glauben, man befinde sich in der Festigkeit des richtigen Denkens, wie hieße Das nicht, seine Seele thörichter Weise auf einen Rohrstab stützen? Als ganz leicht widerleglich aber wirst du die weise zu sein scheinende Ansicht erkennen, wenn du Folgendes bedenkst und den forschenden Geist fleissig und sorgfältig auf die Dinge richtest. Unzählig nämlich sind die Naturen der Wesen, von denen die einen keineswegs zu gegenseitigem Zwist und Kampf bestimmt sind von Dem, der das einst Nichtseiende in’s Dasein rief, sondern vielmehr abgesondert zu einem eigenen Loose, das sich anders verhält als die übrigen, die anderen aber nicht bloß Dieses erlangt haben, sondern auch durch ihr Zusammentreffen einander aufheben und eine Vereinigung nicht zulassen; denn das Gesetz der Natur entzündet ihnen die Feindschaft. Geht dein Geist nach der Spur des Gesagten?

B. Nicht ganz.

A. Verstehe also, was ich sage! Ich werde ja reden ohne Zögern. In’s Dasein gerufen also sind durch die Kunst und Thätigkeit Gottes Engel und Mensch, deßgleichen Himmel und Erde, Ochs und Pferd, Holz und Stein. Von diesen aber wird jedes in eigener und gesonderter Natur begriffen und ist nicht durchaus und ganz in allen Stücken ebenso beschaffen wie die übrigen. Sie verhalten sich jedoch nicht entgegengesetzt zu den anderen. Denn kein unverträgliches Ding noch sonst unvereinbar ist mit dem Menschen der Engel und mit dem Engel der Mensch; denn ihre Naturen sind keineswegs einander entgegengesetzt; der Bestand aber des Himmels oder die Art seines Bestandes widerstreitet keineswegs den anderen; denn es steht nicht in Feindschaft die Erde mit dem Himmel oder dieser mit der Erde oder das Holz mit dem Steine, weil sie die Art ihres Seins nicht aus Entgegengesetztem und von Natur aus in Widerstreit Stehendem erlangt haben. Ausser alle Diesem nun, sagen wir, sei durch die Thätigkeit Gottes geschaffen das Feuer sowohl, welches brennt, als auch das Wasser, welches kühlt; aber beide sind Geschöpfe eines Einzigen, des Einfachen. Und wenn nun Dieses Werke einer einfachen Wirksamkeit sind, obwohl sie so sehr von einander verschieden sind, wie werden wir noch die Vielartigkeit des Wirkens der einfachen Wesenheit absprechen, indem wir ich weiß nicht wie die Aushebung der Wahrheit für einen Stoss der Frömmigkeit halten? Betrachte aber, wenn es dir beliebt, ausser Dem noch etwas Anderes! Wenn nämlich Gott, weil er einfach ist, einartig wirken wird und sie sagen werden, Dieß gezieme ihm ganz und gar, warum glauben sie nicht auch, daß ihm ein einfaches Verhalten (Gemüthsstimmung — Affekt) inwohne?

B. Wie meinst du?

A. Verabscheut er denn, o Bester, und verspottet er nicht die Bösen und haßt den Sünder, hat aber Freude an den Heiligen und ertheilt den Guten entsprechendes Lob?

B. Wie denn nicht?

A. Und wirst du zugeben, daß die Bestrafung der Sünder eine Erregung zum Zorn ist, die Ehre und Gnade aber, die den Heiligen widerfährt, eine Frucht der Milde?

B. Ich gebe es zu, denn so ist es auch.

A. Nun also, da sie sagen, die göttliche Natur sei einfach, und ihr deßhalb die Vielartigkeit der Wirksamkeit absprechen, so müssen sie auch glauben, einfach und nicht vielfach sei das Verhalten in ihr. Also die er lobt, die, meine ich, wird er tadeln, und die er in Ehren hält, die wird er gewiß auch verurtheilen. Und der Akt des Eifers und Zornes wird eine Frucht der Milde sein, für identisch aber werden wir mit der Milde den Zorn erklären. Ich möchte aber dem Gesagten auch Dieses beifügen. Die Natur nämlich der Gottheit ist eine und einfach; wir sagen aber, sie sei Leben und Macht und Weisheit und Herrlichkeit. Und durch das Leben lebt das Belebte, durch Macht aber ist mächtig das Machtbegabte, und durch Weisheit wird weise das Weisheiterfüllte, und durch Herrlichkeit wird verherrlicht das der Herrlichkeit Bedürftige oder das Verherrlichte. Ist nicht wahr, was ich sage?

B. Allerdings.

A. Wie aber sollte, gemäß der Annahme Jener, die Vielartigkeit der Wirksamkeit eine Frucht der einfachen Wesenheit sein? Gott wirkt aber auf vielfache Weise, obwohl er von Natur einfach ist. Würdest du wohl zugeben, o Hermias, daß es etwas Ungereimteres gebe als Dieses? Erscheint es denn nicht als viel besser und der richtigen Denkweise angemessen, zu glauben, daß Gott einfach sei von Natur, das Wissen aber, wie er sich verhalte und verschiedentlich wirke, ihm allein zu überlassen und nicht weiter nachzuforschen? Denn Gott und seine Eigenschaften übersteigen gewiß Verstand und Begriff.

B. Du hast Recht.

A. Wir werden also nicht unverständig sein, die Alles hervorbringende Natur nicht für eine unfruchtbare und der ihr geziemenden und eigenen Frucht entbehrende zu halten, sie, nach welcher alles Fruchtbringende gestaltet ist und eben darum fruchtbringend ist.

B. Jedoch auf bessere und unvergleichliche Weise. Sie werden aber wahrscheinlich auch verlangen, daß man ihnen sage, wie man sich den Vater als zeugend denken solle, ob er dabei nicht Etwas von Dem erlitten habe, was den Zeugenden zu begegnen pflegt, Theilung nämlich und Abfluß, oder wie nicht durchaus und jedenfalls dem Begriffe nach und in Wirklichkeit älter als das Verursachte sei dessen Ursache?

A. Sehr schwierig, o Hermias, und ganz unzugänglich ist die Sache und für die Beredtesten hart zu sagen oder vielmehr auch selbst zu verstehen. Denn sowohl mit der Vernunft ist das Übervernünftige nicht erreichbar, als auch mit der Sprache ist das Unaussprechliche nicht zu erklären. Denn daß Gott Vater ist und in Wahrheit uns den Sohn aus seiner Wesenheit gezeugt habe, hat der Glaube uns überliefert und die heilige Schrift besiegelt und als wahr geoffenbart, indem sie überall den Vater und die Zeugung nennt. Ich glaube aber, man dürfe das durch den Glauben Überlieferte nicht mehr gleichsam durch kühnere Forschungen untersuchen. Denn was untersucht wird, ist nicht mehr Glaube. Gleichwie nämlich eine Hoffnung, die man sieht, keine ist (denn was Einer sieht, was erwartet er es noch? gemäß dem Ausspruche des höchst weisen Paulus), so ist ein Glaube, der untersucht wird und nicht unerforschlich ist, kein Glaube, nach dem gleichen Verhältniß mit der Hoffnung. Mithin das durch den Glauben Angenommene ist durchaus frei von der Forschung. Ich sage also: Gleichwie der zu Gott Hinzutretende gewiß glauben muß, daß er ist, forschen aber nicht mehr, so muß er annehmen und dafür halten, daß Gott auch Vater ist und gezeugt hat, das Grübeln aber, „wie“, als unerreichbar bleiben lassen. Denn ich glaube, gewiß Niemand werde Diejenigen verlachen, welche klug erkannt haben, daß es sich gezieme, dem ganz Überschwänglichen den Sieg zu überlassen. Für allen Verstand überragend aber wird man wohl die Weise der göttlichen Zeugung halten. Man kann wenigstens deutlich hören, wie Gott der Vater zu dem der Natur nach aus ihm Entsprungenen spricht: „Aus dem Schooße vor dem Morgenstern habe ich dich gezeugt.“ Gleichsam die Echtheit nämlich der Geburt und die Erzeugung des Sohnes aus der Wesenheit des Vaters selbst drückt recht gut das „aus dem Schooße“ aus, welches ganz passend von dem Beispiele bei uns hergenommen ist. Daß er aber sagt, er habe ihn „vor dem Morgenstern“ gezeugt, zeigt vielleicht an, daß die Weise der Erzeugung in Unsichtbarkeit und Unbegreiflichkeit und gleichsam in tiefem Dunkel verschlossen sei. Denn wenn der Morgenstern soeben aus den östlichen Grenzen leuchtend emporsteigt, verbreiten sich seine Strahlen über den Äther, und zugleich erhebt sich ein noch spärliches schwaches Licht als Vorbote von dem Glanze der Sonne, indeß das Dunkel der Nacht bereits altert. Wenn er aber noch nicht am Himmel gesehen wird, wird die Nacht noch in der Vollkraft sein, wann auch eine dicke Finsterniß die Augen bedeckt und den am Gesicht Beschädigten (Blinden) auch Die gleich sind, welche kein solches Leiden haben. Nun denn, so sag’ uns selber, was ist das göttlich Wunderbare in der Erzeugung des Sohnes, wenn sie auch gedacht wird vor dem Morgenstern?

B. Etwas Wunderbares, o Freund, ist es um die Erzeugung. Die Ursprünglichkeit nämlich und das hohe Alter kann man erkennen daraus, daß sie gedacht wird vor dem Morgenstern.

A. Aber wie? Wäre es nicht besser, zu sagen: vor Sonne und Mond, oder gar: vor Himmel und Erde? Denn älter als Sterne und Morgenstern sind diese. Vielmehr aber auch, wenn man sagen würde, vor Erde und Himmel und überhaupt der gesammten Schöpfung sei der Sohn, so würde ich wenigstens es für etwas Geringes und Kleines halten. Denn aus dem anfangslosen Vater entsprang er, und die Weise seiner Erzeugung ist durchaus unaussprechlich und unbegreiflich. Darum sagt uns auch selbst der berühmte Isaias: „Wer wird seine Geburt erzählen? Denn aufgehoben von der Erde wird sein Leben,“ indem er, glaube ich, ganz schön Geburt nennt die Erzeugung, Leben aber die Existenz, von der er mir auch ganz wahr zu sagen scheint, daß sie aufgehoben werde von der ganzen Erde oder erhaben sei und hinausrage über allen Verstand der Erdenbewohner und hoch liege über unseren Gedanken, unzugänglich und unerreichbar den Maaßen der Menschheit. Daß aber der Sohn auch jenseits aller Zeit und vor diesem Anfang gewesen ist nicht weniger als der Vater, Das bezeugt uns ein anderer der heiligen Propheten, indem er ruft: „Und du, Bethlehem, Haus des Ephrata, bist keineswegs die geringste unter den Tausenden Juda’s; denn aus dir wird mir hervorgehen, der da sein soll Herrscher in Israel, und seine Ausgänge sind von Anfang seit den Tagen der Ewigkeit,“ indem er (damit) sagt, seine Existenz aus dem Vater sei gleichsam ein eigener Ausgang gewesen, wonach wir ihn als von Anfang, über den hinaus Nichts ist, durchaus mit seinem Erzeuger zugleich bestehend denken, nicht ungezeugt, sondern gezeugt. Was also, meinst du, für Gelächter verdienen Die, welche ich weiß nicht wie meinen, durch menschliche Erwägungen und so und so hoch angeschlagene Gedanken so erhabene Dinge erreichen zu können? Denn wie sollte Einer wissen, wie Gott zeuge, wenn er nicht zuerst erkannt hat, daß er überhaupt seiner Natur nach ist?

B. Aber Das ist nicht möglich. Denn „Dunkel hat er zu seinem Verstecke gemacht,“ wie geschrieben steht, „und rings um ihn ist sein Gezelt,“ indem er, meine ich, das schwer Sichtbare oder vielmehr das Unsichtbare und Unbegreifliche sowohl als „Dunkel“ bezeichnet als auch „Gezelt“ nennt, in welchem gewissermaßen auch versteckt er, der Alles erfüllt, nur von sich selbst und seinem Erzeugten erkannt wird. Er sagt nämlich: „Niemand erkennt, wer der Sohn ist, ausser der Vater, und Niemand erkennt den Vater, wer er ist, ausser der Sohn, und dem der Sohn es offenbart.“

A. Du hast Recht, und ich lobe dich jetzt sehr wegen dieser Worte. Wenn also Jemand sich Mühe gibt und waghalsig erforschen will, was durch den Verstand nicht erreichbar und durch die Kraft der Worte nicht erklärbar ist, von einem Solchen werden wir keineswegs sagen, er sei wißbegierig, sondern vielmehr, er schwimme in überflüssigen Mühen. Man wird aber auch von jedem Solchen sagen und nicht unpassend: „Wer sich auf Lügen stützt, der wird Winde weiden und fliegenden Vögeln nachjagen.“ Denn er verließ die Wege seines Weinberges und irrte ab von den Geleisen seines Ackers; er durchwandert aber eine wasserlose Wüste und ein in durstigen Steppen gelegenes Land und sammelt mit den Händen Unfruchtbarkeit. Indem sie aber ganz unverständiger Weise den zum Nutzen dienenden und von Wahrheit erfüllten Dingen gleichsam Lebewohl sagen, pflegen sie die Lüge und nehmen, was keine Frucht der Gottseligkeit hat, wie etwas Nothwendiges auf; ihr Geist aber versteigt sich vollends zu solcher Anmaßung, daß sie es zuletzt noch gar für einen Vorwurf und eine Anklage halten, die Beschaffenheit der göttlichen Natur nicht zu kennen und Dieß Gott allein zu überlassen, obwohl die heilige Schrift ruft, ganz unerklärlich seien die göttlichen Wege, das heißt gleichsam die Regierung und Verwaltung über die einzelnen Wesen. Es singt nämlich und preist irgendwo der göttliche David, indem er sagt: „Im Meere sind deine Wege und deine Pfade in Wasserwogen, und deine Spuren werden nicht erkannt.“ Von einem Schiffe nämlich, das von günstigen Winden sehr wohl getrieben ist und in die hohe See hinausfährt, ist die Spur unsichtbar; denn indem es einem Pfluge gleich kaum den Rücken des Meeres durchfurcht, eilt es gewissermaßen geflügelt mittendurch die Wogen, welche auch durch ihr Ineinanderfließen sogleich vermischen, was durchschnitten zu sein schien. Oder ist es nicht so?

B. Allerdings. Aber sieh’ zu, wie uns die Erzeugung ohne Leiden und Abfluß sein wird, und ob man sagen kann, nicht früher als das Verursachte existire dessen Ursache.

A. Sie wird keineswegs früher existiren, daran fehlt viel; aber es wird auch die Geburt nicht von Theilung und Leiden begleitet sein, wenn man die Sache von Gott denkt, bei dem es auch nicht gilt, daß er leiden könne und das Erzeugte in der Zeit gebären müsse. Wenn nämlich gegenwärtig von Körpern eine Rede wäre, denen es zukommt, zu leiden, weil die Natur ohne Ende zum Abfluß drängt, und folglich auch von der Zeit begrenzt zu sein und keinen anfangslosen Anfang der Erzeugung (Entstehung) zu haben, so würde ich natürlich sagen, daß ihre Meinung über das Wahrscheinliche vielleicht nicht hinausgehe. Da wir aber von einer Natur reden, die hoch erhaben ist über jeden greifbaren sowohl als sichtbaren Körper, die auch die Gründerin selbst der Weltzeiten ist und weit älter als alle Zeit, wie sollte es nicht überaus dumm sein, zu meinen, daß dieselbe beim Zeugen Etwas erleide, und daß das aus ihr Entsprungene und in ihr Bestehende eine zeitliche Entstehung habe? Ihn aber Ursache und Verursachtes zu nennen ist nicht recht; vielmehr geziemt es sich bei Gott, ihn Vater zu nennen und den Erzeugten Sohn.

B. Allein du mußt wissen, daß, wenn sie auch vielleicht zugeben, daß es sich so verhalte, wenn du willst, sie dennoch fragen werden, wie denn der Vater gleich uns aus sich selber gezeugt habe und doch keine Absonderung und keinen Abfluß in etwas Anderes ausser ihm erlitten haben sollte, wenn anders der Sohn in Wahrheit der Wesenheit nach aus ihm ist in besonderer Existenz. Wie aber sollte auch der Erzeuger nicht durchaus und jedenfalls als vor dem Erzeugten existirend gedacht werden?

A. „Der Thor wird Thörichtes reden und sein Herz Eitles denken,“ gemäß dem Ausspruche des Propheten. Denn wessen sie sich nicht wenig schämen sollten, wenn Etwas von Einsicht in ihnen wäre, dessen rühmen sie sich ich weiß nicht wie unverständig, indem sie Abscheidung und Abfluß und zeitliches Gebären bei der göttlichen Natur annehmen. Wie sollte es denn nicht besser sein, zu bedenken, daß man die Zeugung weder als zeitlich noch als körperlich weder denken noch nennen dürfe? Sie werden ja auch nicht sagen können, daß Gott in der Zeit Vater geworden ist, sondern er war zeitlos und anfangslos Das, was er ist, indem natürlich zugleich mit ihm Derjenige existirte, durch den er Vater ist. Es strahlte nämlich auf unbegreifliche und unaussprechliche Weise von der Wesenheit des Vaters der Sohn aus, der nicht durch Theilung und Trennung des Erzeugers seine Existenz als eine andere hat, sondern zwar in eigener Hypostase besteht, aber so gezeugt ist, wie das Unkörperliche zeugt, welches durchaus keine Zerstückelung und Theilung erfährt. Denn wenn die göttliche Natur überhaupt eine Trennung und Theilung und, was Jene sagen, annimmt, dann muß sie auch als Körper gedacht werden; wenn aber Dieß, dann ist sie auch an einem Orte und in Größe und Quantität, und wenn sie eine Quantität hat, dann kann sie auch der Begrenztheit nicht entfliehen. Es folgt aber Diesem noch ein Schwarm anderer Vorstellungen, die Eigenschaften von Körpern auf sie ausgießend, und ein schrecklicher Unsinn von Folgerungen.

B. Das sage ich auch.

A. Ich werde mich keineswegs scheuen, o Freund, auch Dieses zu sagen.

B. Was?

A. Wenn nämlich den Normen und Gesetzen der Körper auch die Natur Gottes des Vaters unterworfen ist, so wird er auch nicht ohne Leiden zeugen und eine Theilung erdulden, und es wird gewiß auch das Gezeugte in einer besonderen Lage und Stelle sein, zumal da es durchaus aus der Quantität des Erzeugers hervorgegangen ist; denn so werden die körperlichen Wesen erzeugt. Wenn sie nun glauben, Gott der Vater erfülle Alles, wohin dann wird uns der Erzeugte gestellt sein, und welchen Ort wird er für sich finden?

B. Ganz richtig sagtest du, daß daraus eine nicht geringe Menge gottloser Vorstellungen entspringen werde. Man muß also die Zeugung selbst verwerfen und darf sie nicht, sagt Einer, für wahr annehmen bei Gott. So nämlich wird der Unsinn der Folgerungen verschwinden.

A. Und in der That, Das heißt nichts Anderes als die ausdrückliche Lehre des Glaubens mit dem Fuße wegstoßen. Denn wie wird die göttliche und unaussprechliche Natur noch die Identität in der Dreiheit besitzen, wenn wir die wahrhafte Weise der Zeugung aufheben? Leeres Geschwätz, meine ich, ist Dieß und ungezogene Keckheit jüdischer Thorheit. Und ähnlich werden auch wir selbst Denen sein, welche zwar glauben, Gott, der Urheber und Vater von Allem, sei Einer, aber unseren Herrn Jesum Christum nicht mehr annehmen. Was aber wird sie noch abhalten, ihn auch zu steinigen, auf jüdische Art ihn anrufend: „Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen der Lästerung, daß du, der du ein Mensch bist, dich selbst zu Gott machst“? Denn wenn sie gottlos die wahre Weise der Zeugung aufheben, so wird, glaube ich, übrigens Niemand so weit im Leichtsinn der Gedanken gehen, daß er meint, der Sohn sei Gott von Natur, sondern er sei bloß so genannt worden, wie auch wir selbst, und habe in der That den Namen der Gottheit beigelegt erhalten, gleich als wäre er nicht aus der Wesenheit Gottes des Vaters selbst hervorgegangen. Da er aber nach Jenen nicht mehr Sohn ist, sondern mit uns zu den Geschöpfen gehört, so sind wir noch nicht davon losgekauft, das Geschöpf mehr zu ehren als den Schöpfer, wenn wir ihn anbeten, der dießbezüglichen Gottlosigkeit aber wird uns Gott nicht mit Recht anklagen, sondern vielmehr sich selbst die Ursache davon zuschreiben, da er ja, den Erstgeborenen in die Welt einführend, sagt: „Und es sollen ihn anbeten alle Engel Gottes.” Der aber auch von den heiligen Engeln selbst angebetet wird und die Gott dem Vater zukommende Herrlichkeit als eigen besitzt, wie sollte Der nicht auch auf natürliche Weise aus dem Vater sein und darum Gott? Merkst du also, zu welchem Ziele es ihnen sich hinwende, daß man die Zeugung bei Gott für keine wahre halten dürfe, und daß sie, ohne sich viel zu kümmern, nicht zulassen wollen, daß er so zeuge, wie seine Natur es mit sich bringt, sondern ihm übrigens wie aus unvermeidlicher Nothwendigkeit Theilungen und Abfluß gemäß den eigenthümlichen Affektionen der Körper zuwerfen?

B. Ich verstehe. Wie aber sollte er zeugen, sagen sie, und nicht durchaus und jedenfalls ein Leiden dabei stattfinden?

A. Weil es, wie gesagt, fromm (gottesfürchtig) ist, anzunehmen, daß das Unkörperliche nicht den Gesetzen der Körper unterworfen ist; und es wird ja nicht, weil der Körper mit Leiden und Theilung zeugt, das Unkörperliche ganz ebenso zeugen, sondern gleichwie es in seiner Seinsweise sich anders verhält als der Körper, so wird es gewiß auch eine ihm angemessene und eigenthümliche Erzeugungsweise haben. Und während der Körper in der Zeit zeugt, wird gewiß das Unkörperliche nicht ebenso zeugen. Denn jegliches Wesen, glaub’ ich, unterliegt nicht den Gesetzen eines anderen, sondern gewissen eigenen, und gemeinsam zwar ist den Seienden das Sein, gleichwohl aber theilt die Natur einem jeden die Verschiedenheit zu, indem sie durch ihre Gesetze verhindert, daß es nicht ganz ebenso sich verhält, wie das andere ist. Es sollen also den Normen und Gesetzen der Körper die Körper unterworfen sein, und sie sollen zeugen nach ihrer Art und Theilungen erleiden; überlassen aber soll das Unkörperliche seinen eigenen Bestimmungen sein, und es soll zeugen auf seine Art, so daß seine Natur von Leiden und Theilung frei bleibt. Und wenn der Verstand dazu gelangt ist, wissen zu können, auf welche Weise der Körper zeugt, die Zeugung der unkörperlichen Natur aber nicht mehr versteht, warum klagt er dann nicht vielmehr sich selbst der Unwissenheit an, sondern drückt Das, was größer und besser ist als das Körperliche oder vielmehr unvergleichlich darüber erhaben, in einen schlechteren Platz herunter und schämt sich nicht, sogar die keineswegs ihm zukommenden Affektionen ihm anzuhängen? Und wenn irgend Etwas für uns nicht leicht zu verstehen ist oder unerreichbar zu wissen, werden wir dann Dieses durchaus auch aufheben? Da nun, was der Vater seiner Natur nach ist, Niemand weiß (zu klein nämlich, meine ich, ist hiezu jeder Verstand), so sollen sie noch schamloser lästern und sagen, er sei gar nicht; oder, da Nichts von Dem, was durch Schöpfung besteht, leidenslos ist, so sollen sie behaupten, daß auch er selbst in seiner eigenen Natur Etwas erleiden und den Gesetzen der gewordenen Dinge unterliegen werde, obwohl er ungeworden ist. Allein ich glaube, keine Anficht wird Gott so weit heruntersetzen; er bleibt aber gewiß fest gegründet in Dem, worin er zu sein geglaubt wird.

B. Er bleibt freilich, da die göttliche Natur durchaus unerschütterlich ist. Aber, sagt Einer, wenn Gott gezeugt hat, so muß er gewiß dem Sohne voraus gedacht werden und früher existiren als sein Erzeugniß.

A. Ich will also nochmal sagen, daß, wenn das körperliche nicht den Gesetzen der Körper folgt und unterliegt, es gewiß nach seiner Art zeugen wird und nicht nach der Natur eines Körpers. Denn daß diese vor den gezeugten sind und gedacht werden, wird ein nothwendiger, wie es scheint, und unausweichlicher Grund deutlich zeigen, sowie auch daß sie die Ehre des Seins früher haben, da ja Eines aus einem Anderen ist, und sie, als aus dem ersten das zweite, der Zeit nach hervorgehen, nicht anfangslos entspringend aus den Zeugenden, da sie ja auch die Wurzel ihrer Erzeugung selbst nicht als eine anfangslose haben. Was aber anfangslos besteht und kein Ende kennt, nämlich Gott, wie sollte es, sag’ mir, den Gesetzen seiner Natur nicht widersprechen, seinem eigenen und natürlichen Sohne den Anfang bei Gelegenheit und in der Zeit zu geben? Denn demnach wäre ja das Erzeugte anderer Natur und Geschlechtes, wenn es die Natur des Erzeugers lügen würde; es läge aber übrigens, meine ich, die Sache nicht fern von einem Märchen. Denn zu meinen, das Erzeugte sei von dem Erzeuger in natürlicher Verschiedenheit getrennt, hat doch wohl etwas Fabelhaftes an sich. Also das Unkörperliche wird nach seiner Natur zeugen, so daß das Erzeugniß seine Entstehung nicht in der Zeit hat, sondern mit der Existenz des Erzeugers zugleich gedacht wird und zugleich existirt und nicht hinten drein geht, da es ja aus einem anfangslosen Anfang entspringt, der noch höher oben liegt als die Weltzeiten selbst.

B. Ganz richtig; indeß wenn die Rede deutlich würde und gewissermaßen herunterstiege zur Natur der gewordenen Dinge, so würde sie das Fragliche sehr wohl beweisen. Denn die Gedanken, welche den Verstand der Hörer weit übersteigen, dürften wohl einen einleuchtenderen Nachweis haben, wenn sie mit deutlichen Beispielen daherkämen.

A. Das ist wohl wahr, mein Guter; allein wenn du die Natur der Dinge betrachtest, würdest du wohl bestimmt sagen können, diesem gleiche Gott am meisten unter allen, so daß es eine durchgängige Ähnlichkeit haben könnte und sich genau ebenso verhielte?

B. Keineswegs, da Gott seiner Natur nach Nichts ist von Dem, was zu den gewordenen Dingen gehört.

A. Gar sehr also werden wir den heiligen Paulus bewundern müssen, der uns zuruft: „Jetzt nämlich sehen wir im Spiegel und im Räthsel;“ und auch das: „Jetzt erkenne ich theilweise“ nicht unbewundert zu lassen, dürfte fromm und weise sein.

B. Allerdings.

A. Man muß also sogleich zur heiligen Schrift selbst gehen; indem wir aber gleichsam wie Bienen auf diese schöne und blühende, mit den Pflanzen des Frühlings bunt geschmückte Wiese fliegen und uns auf die zu unserer Untersuchung am meisten passenden Gleichnisse setzen, wollen wir uns die Weise der unaussprechlichen und unbegreiflichen Zeugung vorstellig machen; und wie Diejenigen, welche das Auge des Leibes auf seine Buchstaben (Schriften) heften, wohlan, so wollen auch wir mit angestrengtem Verstande, wenn auch nur theilweise und wie im Räthsel, die göttliche Natur, wie sie sich verhält, betrachten. Indem also der Vater den Sohn mit einem Worte vergleicht, sagt er: „Es ergoß mein Herz ein gutes Wort.“ Wohlan also, o Freund, und sage mir, der ich eifrig frage, auf was für eine Art oder Weise von Absonderung und Abfluß kann hier gedacht werden? Es erzeugt nämlich der Mensch das Wort und bringt es hervor aus seinem Verstande, und in seiner Gebärung ergießt er, was er will, und indem es aus der Tiefe nach oben und aussen läuft, bildet das Wort uns gewissermaßen die wesenhafte Erzeugung ab, und es scheint zwar etwas von Dem, der es hervorbringt, Verschiedenes zu sein, abgetrennt aber wird es keineswegs; und es wird auch der Verstand keine Ehre davontragen, die älter wäre als das nach oben dringende Wort; denn das Wort ist immer aus dem Verstande und im Verstande und gewiß auch der Verstand im Worte. Oder wenn sie sagen wollten, Das sei nicht so, so wird der Verstand wortlos (unvernünftig) sein, das Wort aber verstandlos, und Das, was macht, daß man Beide denkt als Das, was sie sind, wird gewissermaßen futsch gehen und in Nichts verschwinden. Denn der Verstand ist immer Wurzel und Quelle des Wortes, des Verstandes Frucht aber und Erzeugniß das Wort. Dieser nämlich ist nie wortlos (begriffslos, unvernünftig), wiewohl er das Wort erzeugt; dieses aber hat die Beschaffenheit und Form des Erzeugers als seine eigene Natur und geht hervor, ohne den Erzeuger zu verletzen. Es wagen aber, zu sagen, besonders hierin, das Erzeugende sei jedenfalls älter als das Erzeugte, halte ich für ganz thöricht. Denn das Wort geht zwar aus dem Verstande hervor; da aber Verstand Das ist, was ein Wort (einen Begriff) hat, Wort aber hinwieder, was Verstand in sich hat, wie könnte je ein Verstand ohne Wort gedacht werden und ein Wort, worin kein Verstand ist? Denn Das, was Etwas von Demjenigen hat, wovon man sagt, daß es gehabt werde, nimmt gewissermaßen ein älteres Ansehen des Seins für sich in Anspruch, und in bloßen Denkvorstellungen ist es gleichsam nicht weniger (alters-) grau, als wie die Väter sich zu den Söhnen verhalten; aber was nothwendig zugleich existirt, muß auch mit einander zugleich gedacht werden. Das Sein und Zugleichsein von Etwas aber wird so zuwege gebracht, wenn man das in der Zeit Spätere mit dem Älteren verbindet, und wir sagen gewiß nicht, daß es auch mit einander zugleich untergehen werde, wenn das Eine vor dem Anderen auftaucht und erscheint.

B. Ich bin wohl zu stumpf, um Dieß verstehen zu können, und begreife nicht ganz, was du da sagst. Erkläre es also und wirf mir meine Langsamkeit nicht vor, noch verhänge wie eine Strafe das Schweigen über mich!

A. Und gewiß bin ich zum Reden bereit; denn von Trägheit ist nicht viel die Rede, wenigstens in so subtilen Dingen, so lang’ uns die Rede im Flusse geht. Denn hinauf und hinab und gleichsam rings herum zu gehen um die Schwierigkeiten der Betrachtungsgegenstände, ist kein Schaden und wird uns keinen geringen Nutzen bringen. Du wirst aber, was ich sagte, sehr wohl und klar einsehen, wenn du die Natur der Farben betrachtest. Denn sag’ mir Dieß: Die Weisse etwa oder die Schwärze, wenn sie noch nicht denjenigen Dingen anhaften, die sie zu haben pflegen, meinst du wohl, daß sie an sich selber bestehen können?

B. Keineswegs; denn sie kommen vielmehr anderen Dingen zu, und als Das, was sie sind, erscheinen sie dann kaum.

A. Ganz richtig. Gewisse Substanzen (Wesenheiten) also werden es sein, die begrifflich vorher gedacht werden und zu Grunde liegen und die Weisse und die Schwärze annehmen; diese (letzteren) aber gehören zu Dem, was gehabt wird. Wenn man aber hierin das Habende und das Gehabte von einander trennen wollte und sagen würde, das Habende sei älter, und das Gehabte für jünger hielte, an welche Stelle von Wesenheit wird man uns Dasjenige setzen, was von Natur aus weiß zu sein bestimmt ist, wenn es noch nicht weiß ist? Oder wie wird die Weisse Das sein, wofür sie auch erklärt wird, wenn nicht daraus, daß sie den Dingen, die sie zu haben pflegen und zu haben von Natur aus bestimmt sind, (als Accidens) zukommt, erkannt würden daß sie Weisse sei? Denn wenn Das, was zum Bestande (zur Constituirung) von irgend Etwas zusammenkommt, nicht gleichzeitig zusammentrifft, wird es zwar im Gedanken (im Denken) erfaßt sein, das Sein in Wirklichkeit aber nach dem ihm zukommenden Begriffe wird es noch nicht haben.

B. Nun ja; daß Dieses sich so verhalte und wahr gesagt sei, werde ich meinerseits anerkennen, ich glaube aber auch, Andere nicht weniger als ich; wie aber paßt denn die Bedeutung der beiden Beispiele auf den Vater und Sohn?

A. Daß das Wort aus dem Verstande hervorgeht und dessen Erzeugung leidenslos ist, sowie daß das Erzeugte nicht abgetrennt wird, sondern vielmehr sowohl selbst in dem erzeugenden Verstande bleibt als auch gewiß den erzeugenden Verstand in sich hat, wird wohl hinreichend und ganz klar ersichtlich, und ausserdem noch, daß es mit ihm eine unmittelbar zugleich seiende und bestehende Existenz im Geiste hat. Die Bemerkung aber, daß einigen Dingen die Farbe nothwendig (von Natur aus) inwohne, und daß sie nicht das eine früher als das andere in sich haben, da beide (das Ding und seine Farbe) nothwendig zugleich existiren (sie haben ja einen gleichzeitigen Anfang), soll meiner Meinung nach nicht erklären, wie die Weise der göttlichen Zeugung von uns gedacht werden soll, sondern vielmehr Das, daß, wenn Gott Vater ist, er nicht in der Zeit Das geworden ist, was er ist; denn er ist immer Derselbe und sich selbst gleich und erhaben über den Wechsel nach beiden Seiten hin; er ist ja allvollkommen und entbehrt in keiner Weise der Fülle der Güter, noch auch kann er hinabgleiten in Das, was zu schaden geeignet ist. Und gewiß zugleich mit ihm wird auch die Hervorbringung und Existenz des Erzeugten erkannt, die nicht zeitlich später ist noch auch hinter der Herrlichkeit des Erzeugers zurücksteht, weil bei Gott durchaus und jedenfalls der Sohn immer zugleich gedacht werden und zugleich sein muß mit dem Vater und der Vater mit dem Sohne, der für ein anfangloses Alter durch sich selber Zeugniß gibt, obschon er gezeugt ist, nämlich aus dem Vater der Natur nach. Wenn uns aber der heilige Paulus den Sohn Abglanz von der Herrlichkeit Gottes des Vaters nennt und auch daß er das Ebenbild seines Wesens sei, so bestätigt er ja, wie ich glaube, die soeben dargelegte Ansicht, daß sie sich ganz tadellos verhalte, und bezeugt ihre Richtigkeit und Wahrheit.

B. Wie so?

A. Laß mich die Sache wieder durch folgende Betrachtung darthun! Was z. B. von irgend Etwas ausstrahlt (das wird aber, denke ich, Licht sein, welches den aussen Befindlichen die Kunde von der es ausstrahlenden Wesenheit überbringt und immer in den Gesichtssinn eindringt oder auf eine andere Ausbreitungsweise mit den Körpern verkehrt). Das gibt zu erkennen, von welcher Natur die hervorbringende und ausstrahlende Wurzel und Quelle desselben ist. In Ordnung gestellt aber sei die Rede, indem sie zum Beispiele nimmt die Natur der Sonne und den von ihr ausgegossenen Glanz. Denn was ihrer Natur nach jene sei, zeigt der von ihr ausgehende Strahl. Von einer Theilung aber oder Trennung, von Abfluß und Leiden weiß doch wohl die Sonnennatur überhaupt Nichts, obwohl sie in Menge und wesenhaft das Licht von sich aussendet, sondern sie ist ganz in ihm, wiewohl sie es ausgießt, und hat hinwieder in sich ihr Licht, das nicht von ihr abgetrennt wird, während es sich ausgießt und darum gewissermaßen in eine eigene Verschiedenheit fortzulaufen scheint. Indem nämlich der Begriff die Sonne an und für sich abtrennt, stellt er sich ihre Wesenheit, was sie ist, vor; das Licht aber, das in ihr ist und von ihr ausstrahlt, ist zwar das ihrige, aber doch wird er es ganz richtig, freilich nur in bloßen Gedanken, zu einer ungetheilten Verschiedenheit absondern, weil es aber von ihr nach aussen ausgeht. Daß es aber durchaus lächerlich sei, den Ursprung der Sonne sich als älter vorzustellen, als später aber, wenn auch nur um ein wenig, die ihr inwohnende Leuchtkraft, Das, glaube ich, wird überhaupt Niemand bezweifeln, dessen Geist bei sich und gesund ist. Man muß ja sagen, die Sonne sei gar nicht, ohne daß sie als zugleich existirend Das hätte, wodurch sie als Das begriffen wird, was sie ist. Wenn du daher die Bedeutung der sinnlichen Beispiele wie einen richtigen gebildeten Abriß in den gleichsam auf das Höchste gerichteten Gedanken hernimmst, so wirst du die göttliche Erzeugung nicht verderben dadurch, daß du unverständiger Weise Theilungen und Abfluß und Leidenheit in sie aufnimmst, da ja doch bei der allerhöchsten Wesenheit sowohl die Zeugung leidenslos ist als auch die Existenz des Erzeugnisses wesenhaft und ohne Trennung und mit dem Erzeuger zugleich und unvermeidlich mit ihm zusammen gedacht wird und zusammengeht. Die Anfangslosigkeit nämlich des Sohnes in der Zeit hat auch der weise Johannes bezeugt, da er sagt: „Im Anfange war das Wort“ und ausserdem: „Der da ist, der war, und der kommen wird.“

B. Vortrefflich ausgearbeitet ist uns, o Freund, die Erklärung hierüber. Du meinst aber wohl, wie es scheint, die Sache sei erledigt und bedürfe weiter Nichts zum Beweise Dessen, daß der Vater keineswegs vor dem Sohne existirt habe, sondern daß man ihn als von gleicher Natur und zugleichseiend denken müsse; es gelangt aber noch nicht Dieses zum Verständniß, was einen ganz unzugänglichen und sehr steilen Zugang hat.

A. Was meinst du da?

B. Du sollst wissen, daß sie fragen werden (denn sie sind scharf im Reden), ob Gott der Vater den Sohn mit Willen oder ohne Willen gezeugt hat.

A. Nun, ich möchte doch gern wissen, wo denn die Nichtswürdigkeit ihrer so argen Erfindungen hinauslaufe.

B. Fortfahrend nämlich, glaube ich, werden sie auch Dieses sagen, daß, wenn der Sohn ohne Willen des Vaters ist, dieser ihn nicht freiwillig gezeugt hat, sondern als hiezu gezwungen wird erfunden werden entweder etwa durch irgend eine Nothwendigkeit oder als etwas Ungewolltes erleidend. Indem sie aber so die Rede zum Unsinn forttreiben, werden sie dieselbe zu dem Geständniß nöthigen, endlich sagen zu müssen, der Sohn sei vom Vater ohne dessen Willen gezeugt worden, und schließlich folgern: Wenn der Vater den Sohn nicht ohne Willen gezeugt hat, sondern mit Willen und Überlegung, so wird jedenfalls der Wille des Vaters der Zeugung des Sohnes vorhergehen und vorher dasein. Wenn er aber schon vor Dem existirt, was er überlegt, so hat er auch einen Willen, der älter ist als das Erzeugte.

A. Welch gottlose Erfindungen werden von den Verkehrten gegen uns vorgebracht! Ihre Ansicht aber ist ein solcher Hohn gegen die Lehrsätze der Wahrheit, daß, wenn es Einem gefiele, in übermäßigen Ungereimtheiten den allerersten Preis zu bekommen, ich nicht glaube, daß er es besser machen würde als diese. Da sie aber einen so unrühmlichen Sieg davontrugen und durch das Übermaaß der Gottlosigkeit die Unwissenheit der Übrigen übertreffen und es ihnen zuvorthun, so sollen sie übrigens hören: „Ist nicht Sodoma durch dich gerechtfertigt?“ Genug nämlich, genug der Bitterkeit, o ihr, und der verkehrten Gedanken. Wohlan, laß uns nun den geraden Pfad der Wahrheit gehen und sagen, daß man den anfangslosen und ewigen Vater nie ohne sein immer zugleich seiendes und bestehendes Erzeugniß denken kann. Aber obwohl er nicht ohne seinen Willen Vater des Sohnes ist, so wird doch der Wille nicht vor dem Erzeugten sich erheben und auftauchen. Denn wenn das Wollen des Vaters in Weisheit und Vernunft war (sie werden ja doch nicht sagen, der göttliche Wille sei unweise und unvernünftig), Weisheit und Vernunft (Logos) Gottes des Vaters aber der Sohn ist, so ist ja er selbst Der, in dem aller Wille des Vaters ist. Und so kehrt sich jenen Schwätzern ihre Erwägung und ihr schrecklicher Beweisgrund gewissermaßen in’s Gegentheil um. Auch uns nämlich hindert Nichts, wie es scheint, ohne Scheu vor der Ungereimtheit der Gedankenfolge zu fragen, ob der Vater mit oder ohne Willen sei und existire. Und wenn nicht mit Willen, so wird er wohl gewiß aus Nothwendigkeit zur Existenz gezwungen sein. Wenn aber nicht so, sondern mit Willen, so wird wohl sein Wollen seiner Existenz vorhergehen. Und da er das Wollen offenbar mit Weisheit und nicht ohne Vernunft vollbrachte, Weisheit aber und Vernunft der Sohn ist, so wird dieser vor dem Vater existirt haben. Rathschluß aber und Willen Gottes des Vaters nennt uns die heilige Schrift den Sohn. Es singt nämlich im Geiste und sagt der göttliche David, gleichsam im Namen der Gläubigen: „Du hast meine rechte Hand gehalten, in deinem Rathschluß hast du mich geführt,“ und anderswo: „Herr, in deinem Willen hast du meiner Schönheit (Würde) Macht verliehen.“ In Christo nämlich sind wir zu dem Willen des Vaters geführt worden, und zu überweltlicher Schönheit werden wir gestaltet in ihm, zu allem möglichen Guten durch ihn gestärkt. Also, so viel es auf die Morschheit der Gedanken und die Ungereimtheit der Schlüsse ankommt, wird der Sohn vor dem Vater existirt haben, da er selbst dessen Wille ist, und vor dem Erzeuger wird erscheinen das Erzeugte. Siehe also, wie weit sie im Schlimmen sind, da sie das: „Prüfet euch selbst, ob ihr im Glauben seid,“ so weit als möglich von sich fern halten.

B. Es scheint.

A. Man könnte aber ihren albernen Vordersatz auch ohne großen Schweiß noch zu einer anderen Ungereimtheit umkehren, wenn man sagte, sie sollten Dieses beantworten.

B. Was doch?

A. Ob Gott der Vater von uns sowohl als den heiligen Engeln als Schöpfer und König, als barmherzig und gütig gedacht und genannt werde oder nicht.

B. Aber ohne Zweifel, wie ich glaube, werden sie sagen, Das sei er. Wie denn nicht?

A. Sie sollen also weiter antworten; denn ich werde fortfragen: „Ist er Dieß ohne Willen oder mit Willen?“ Wenn sie nämlich sagen werden: „Ohne Willen,“ so werden sie zugeben, er habe das Nichtwollen gleichsam aus Nothwendigkeit erlitten. Wenn sie aber meinen werden: „Nicht ohne Willen,“ der Willensbeschluß aber früher besteht, als er selbst ist, was er ist, so war er nicht immer der Macht nach Schöpfer noch auch ohne Anfang König oder barmherzig oder gütig, sondern es ging wohl eine Zeit vorher, in der Dieß noch nicht war, und erwog, daß er es sein solle. Wer nun könnte wohl derlei Reden anhören und beklagte nicht sehr die Gaukeleien Jener und wird nicht, ihnen Lebewohl sagend, besser überlegen als Jene und ernstlich die Natur der Dinge betrachten und bedenken, daß zwar in Dem, was man thun soll oder nicht, das Wollen und Nichtwollen herrscht, in der Zeugung aber nicht? Denen aber, die fragen: „Warum“, wird es klug sein, das Sprüchwort vorzusagen: „Die Natur will es, die sich um keine Gesetze kümmert;“ ich möchte aber hinzufügen, daß sie sich um Wollen und Nichtwollen überhaupt nicht kümmert. Oder scheine ich dir nicht richtig zu denken, wenn ich behaupte, daß Alles, was Gott der Vater wesenhaft ist, er nicht vermöge einer Zugabe durch den Willen hat, als zum Besseren gewendet (verändert), und daß er auch das Vatersein nicht durch einen Willensbeschluß besitzen wird?

B. Wie meinst du Das?

A. Sagst du, daß der Vater heilig ist und auch gütig?

B. Gewiß.

A. Und kommen ihm beide Vollkommenheiten wesenhaft von Natur aus zu, oder sind sie durch den Willen von aussenher erwählt, als würden sie wieder verschwinden, wenn ihm etwa das Nichtwollen zustieße? Denn diese Bewegung (Veränderung) ist vom Willen abhängig.

B. Wesenhaft. Denn über Die, welche zu sagen wagen, es verhalte sich nicht so, muß, glaube ich, die richtige Ansicht lachen.

A. Gut, mein Freund, und ich lobe dich um deine Wißbegier. Und wie sollte doch Gott der Vater mit Willen oder ohne Willen Vater sein und nicht vielmehr Wesenhaft, wenn er ja doch auf diese Art heilig und gütig ist und es nicht im bloßen Willen hat, Das zu sein, was er ist? Ferner aber, siehst du denn Dieses nicht, obwohl es den Gegnern arg zusetzt und sie gleichsam anbellt?

B. Ich verstehe noch nicht.

A. Aber du wirst es verstehen. Denn ich will es dir recht gerne erklären, da du zu lernen begierig bist. Fasse aber du, was ich sage! Werden sie nämlich meinen, zugeben zu müssen, daß der Vater der natürliche Erzeuger ist, und werden sie sagen, es komme ihm Dieß wesenhaft zu, oder werden sie in gottloser Denkweise auch Dieses läugnen? Wenn sie nämlich sagen, er sei nicht wesenhaft Erzeuger, so werden sie zumal die Existenz des Sohnes aufheben, der nicht ohne Zeugung das Sein erlangt hat, sondern aus dem Vater ist und besteht, wenigstens nach dem Glauben der heiligen Schriften. Wenn aber Gott der Vater in der That, ohne eine zeugende Natur zu haben, durch den Willen dazu bewegt ward, zeugen zu können, so muß man wohl sagen, er selbst habe eben seine Natur bewirkt, indem er sie zeugend machte und zu Dem vermochte, was sie nicht war, und dann wird er natürlich als älter gedacht als er selbst, wenn er, als schon seiend und bestehend, sein gewollt hat, was er ist, nämlich Vater. Aber in’s Gebirg und Meer sei Dieß geworfen, das nicht mehr an einer erträglichen Ungereimtheit krankt. Wir aber, der rechten Lehre folgend, sagen, daß es überflüssig und thöricht wäre, zu meinen, der Vater sei unfreiwillig oder freiwillig Erzeuger, sondern vielmehr von Natur und wesenhaft. Denn er ist nicht unfreiwillig, was er von Natur aus ist, da mit seiner Natur der Wille verbunden ist, Das zu sein, was er ist.

B. Das scheint auch mir so zu sein.

A. Und ausserdem gerathen sie noch in eine andere Ungereimtheit, weil sie meinen, sagen zu müssen, bei Gott dem Vater sei der Wille älter als der Sohn. Es ist nämlich zu erwägen, wenn es beliebt, ob jetzt erst und endlich Gott der Vater im Besitze Dessen ist, was ihm geziemt, weil er gezeugt hat, oder ob wir das Nichtzeugen als ihm geziemender finden werden. Wenn nun dadurch, daß er zeugte, das seiner Natur Geziemende nicht verloren geht, was erröthen die Unglückseligen nicht, ihm das Unschöne der Unfruchtbarkeit zuzutheilen? Wenn es aber für ihn besser und geziemender war, daß er nicht zeugte, was bewog ihn zum Zeugen, da er ja doch gewiß schlechter daran sein sollte, wenn er sich herbeiließe, zu zeugen? Demnach hat er sowohl des richtigen Denkens verfehlt als auch freiwillig Das in sich aufgenommen, was sein Ansehen wie seine Natur zu beeinträchtigen geeignet ist, und eine fremde Anklage, wie es scheint, erwuchs gegen den unaussprechlichen Willen des Vaters. — Ist Das nicht eckelhafter als alles Gespei und hinanreichend bis zum Ende (Gipfel) aller Schlechtigkeit und zum Übermaße der höchsten Gottlosigkeit?

B. Jawohl.

A. Wohlan denn, lassen wir Das soweit fort als möglich, und wenden wir uns zu Diesem!

B. Was meinst du da?

A. Ich meine, daß wir die allerbeste Meinung von Gott in unsere Seelen einschließen sollen, indem wir denken, daß der Erzeugung des Sohnes Nichts vorhergebe, und daß auch nicht der Wille des Erzeugers vor der Existenz des Erzeugten aufging, und daß Gott zugleich Vater war und des Willens, Vater zu sein; denn er ist nicht willenlos, was er ist, und erträgt hierin nicht einen nothwendigen Willen, wie gewiß auch nicht, wenn er etwa als heilig und gütig gedacht wird. Zugleich nämlich ist er sowohl wesenhaft heilig und gütig als auch gewillt, zu sein, was er ist, und man kann bei Gott nicht annehmen, daß es anders sei. Zugleich nämlich ist er Gott und zugleich Vater, indem er die Erzeugung nicht später hat als das Sein, sondern zugleich mit dem Sein als Vater sowohl existirt als gedacht wird. Und daß mit dem so Beschaffenen zugleich anfangslos eristire das Gezeugte, das heißt der Sohn, muß man gewiß zugeben.

B. Aber, wenn du willst, sagen sie, soll auch Dieß sich so verhalten, und man soll denken, sie eristiren zugleich. Gott war ja immer der Macht (Möglichkeit) nach Vater; in bloßen Gedanken erfaßt also und nur in der Vorstellung des Seins war der Sohn schon vor der Erzeugung, erzeugt aber wurde er nachher.

A. Also soll endlich die Erzeugung als eine wahrhafte und wahrhaft aus dem Vater zugestanden werden. Denn Der, dessen Natur es ist, der Macht und der Wirklichkeit nach Vater zu sein, hat nicht einen Willen, der über Beides Bestimmungen träfe, sondern folgt vielmehr Gesetzen seiner Natur, welcher auch das Zeugen eigen ist; aber auch nicht eines Fremdlings Vater wird er sein, da ja immer das Erzeugte von gleicher Natur wird sein müssen mit dem Erzeuger. Daß sie aber auch selbst dem Vater die unziemliche Makel der Veränderung anhängen, obwohl die heilige Schrift sagt: „Bei dem kein Wechsel ist und kein Schatten von Veränderung,“ dürfte auch daraus ersichtlich sein. Denn was ist denn Das, als Veränderung und gleichsam ein starker Wechsel, der Übergang nämlich aus der Macht in die Wirklichkeit? Denn Das, wovon man meint, daß es Etwas der natürlichen Möglichkeit nach sei, was aber Dieß nicht auch schon in Wirklichkeit angenommen hat, steht einstweilen in der Möglichkeit, da es den Übergang in die Wirklichkeit noch nicht unternommen hat, sondern noch im Anfange und am ersten Platze verweilt. Wenn es aber vielleicht den Übergang in die Wirklichkeit unternommen hat, dann geht es natürlich, meine ich, in etwas Anderes über, als was es im Anfange war, wenn sie nämlich nicht einen und denselben Platz anweisen Dem, was der Möglichkeit nach, und Dem, was der Wirklichkeit nach ist.

B. Ich glaube nicht.

A. Wenn sie also Nichts dazwischen sein, sondern Beides zusammenfallen lassen und an einen und denselben Platz hinsetzen, so war Gott auch anfangslos in Wirklichkeit Vater. Denn Nichts wird mehr hindern, Dieses zu sagen, wenn uns das Mögliche und das Wirkliche in Eins zusammenfällt. Wenn aber Dem nicht so ist und zwischen Beiden eine Kluft ist und kein geringer Unterschied, wie hat sich in Gott Nichts verändert, wenn er nicht bei der Möglichkeit stehen blieb, sondern gleichsam den Übergang in die Wirklichkeit auf sich nahm?

B. Ganz richtig; indeß meine ich, den Gegnern komme auch Dieß in den Sinn, und sie werden es auch sagen: Da der Vater immer seiner Natur nach und ohne Anfang Schöpfer ist und nicht zeitlos die Geschöpfe geschaffen hat (denn die Schöpfung ist nicht gleichewig mit ihm, sondern er brachte sie in der Zeit aus dem Nichtsein hervor), sollen wir also zugeben, seine unwandelbare Natur habe sich bewegt und einen Schatten von Veränderung erlitten? Und wer wagt Dieß zu sagen? Wenn er also auch in Bezug auf das Zeugen aus dem Möglichen zur Wirklichkeit fortgeht, so ist das kein Wandel und keine Bewegung zur Veränderung, sondern vielmehr ein Erforderniß der Natur, die sich in Ansehung der Zeugung also verhält.

A. Sehr geneigt ist dein Geist zum Leichtsinne, wenn du meinst, die Verkehrten hätten da etwas Gewichtiges ersonnen. Man muß nämlich vor Allem die Art der Bewegung in beiden Fällen untersuchen, und was den dazwischen liegenden Unterschied begründet und deutlich macht, und so wirst du übrigens die alberne Rede ihrer Unwissenheit einsehen. Denn Das, wovon man sagt, daß es aus sich selbst Etwas erzeuge, und was aus dem Zustande der Möglichkeit zur Wirklichkeit fortgeht, schwebt (bewegt sich) gleichsam in seiner eigenen Natur. Es erleidet (erfährt) nämlich nicht in etwas Anderem, sondern in sich selbst die Bewegung zur Wirklichkeit. Was aber aus dem Zustande der Unthätigkeit in das Wirkenmüssen übergeht, von dem werden wir finden, daß es nicht in sich selbst, sondern in Anderem die Bewegung habe und mache.

B. Du nützest nicht weniger als vorher, wenn du uns die Erklärung deutlicher machst.

A. Wohlan also, nehmen wir zum Beispiele den Menschen her! Zeugungsfähig nämlich ist er seiner Natur nach; und indem er Dieses am Anfang der Möglichkeit nach ist, geht er mit der Zeit auch zur Wirklichkeit über. Indem er aber nicht ohne Studium die Weisheit, wohl aber von Natur aus wesenhaft das Vermögen besitzt, Etwas von Dem, was zur menschlichen Wissenschaft und Kunst gehört, zu thun, baut er ein Schiff, bildet Gestalten von ehernen Figuren oder schafft etwas Anderes dergleichen. Scheint er dir nun in gleicher Art und Weise sich zu bewegen, sowohl wenn er in das wirkliche Vatersein aus der Möglichkeit hiezu übergeht, als auch wenn er dazu übergeht, Werkmeister Dessen zu sein, was durch Kunst geschieht?

B. Das meine ich keineswegs. Denn dieser bewegt sich nicht in sich selbst, sondern liefert den Beweis der ihm inwohnenden Kenntniß an Dem, was ausser ihm ist. Jener aber bewegt sich gleichsam wesenhaft in sich selbst und bewirkt eine gewisse Umänderung und Wandlung an unserer eigenen Natur oder an der Wirklichkeit und dem Vermögen der Natur zu irgend Etwas.

A. Und Das eben ist es, wovon ich soeben redete, da ich den Unterschied der Bewegung in beiden Fällen berücksichtigt wissen wollte. Nichts also treibt uns gleichsam mit Nothwendigkeit, zu sagen, die Natur Gottes habe sich bewegt und eine Erregung erlitten in Bezug auf Etwas von Dem, was wesenhaft in ihr ist, wenn sie in der Zeit dazu fortging, zu schaffen; sie würde aber die Bewegung (Veränderung) in der Wesenheit selbst erfahren, wenn sie aus dem Vermögen in die Wirklichkeit des Zeugens ich weiß nicht wie überginge.

B. Ganz richtig.

A. Aber auch auf andere Weise (es müssen nämlich, meine ich, Diejenigen, welche die wahrheitsgemäßen Gedanken erjagen wollen, die spürnasigsten Hunde nachahmen) kann man sehen, die Lehre der Gegner sei schwach und ungeschickt. Denn das göttliche und überweltliche Erzeugniß hindert, meine ich, durchaus kein nothwendiger Grunde mit seinem Erzeuger zugleich zu existiren, da Gott immer und anfangslos als Vater gedacht wird und es ist. Da aber die Schöpfung ein Werk der schöpferischen Kraft ist, wie und woher sollte sie die Mitexistenz mit Gott haben und die Herrlichkeit des ewigen Daseins, da sie nicht ohne Anfang in der Zeit ist und den Übergang in das Sein aus dem Nichtsein hat? Oder hältst du es nicht für nothwendig, daß die schaffende Natur früher gedacht werde und existire als Alles, was auf schöpferische Weise in’s Dasein gerufen wird?

B. Ja freilich.

A. Also, noch nicht war die Schöpfung in’s Dasein gesetzt, es war aber auch damals Gott schon Schöpfer und nicht, weil Schöpfer, darum Vater, sondern weil er gezeugt hat, Sohn aber, weil er gezeugt wurde. Da es also, was Schöpfer und Schöpfung betrifft, nicht nothwendig ist, zugleich zu existiren, die genaue Erwägung aber die Coexistenz in Gott unausweichlich hereinführt, man mag nun den Vater oder den Sohn nennen, wie sollte das Eine früher dasein und das Eine gewissermaßen vor dem Anderen erscheinen, wenn Jedes von Beiden ist, was es ist, sofern sie als zugleich existirend gedacht werden und nicht des wechselseitigen Zusammengehens entbehren? Denn der Vater bezieht sich auf den Sohn und umgekehrt. Scheint dir etwa diese Lehre in’s Unrichtige verdreht zu sein?

B. Keineswegs.

A. Wenn es nun Gott dem Vater als etwas Weises und Herrliches erschien, aus sich selber zeugen zu sollen und als Vater seines natürlichen Sohnes erblickt zu werden, wie und woher sollte eine Verzögerung bei der Zeugung stattfinden? Was hinderte Gott und hielt ihn auf nützliche und nothwendige Art zurück, noch nicht Vater sein zu sollen? Denn daß die Menschen zwar immer der Möglichkeit nach Väter sind, nicht jedoch auch in Wirklichkeit, ist Niemandem in der Welt unbekannt, sehr klar aber und auf der Hand liegend ist auch die hindernde Ursache. Denn wenn das Alter des Körpers noch nicht zur Reife gelangt ist, schlummert gewissermaßen sein Vermögen noch und ruht in der Natur und wartet gleichsam die für ihre wirkliche Bethätigung passende Zeit ab. Bei Gott aber, der immer auf vollkommene Weise sich verhält und Das, was er ist, nicht ist durch Hinzufügung von etwas bislang noch nicht Vorhandenem und was unvermeidlich und nothwendig erst in der Zeit zur Erscheinung kommen kann, sondern der uns den Sohn aus seiner Wesenheit ausstrahlt und sein Erzeugniß als sein Ebenbild wesenhaft von Natur aus bei sich hat, — wie könnte man denken, daß er nicht immer und zugleich mit dem Sein in Wirklichkeit zeuge, sondern vielmehr in dem bloßen Vermögen stehe und eine wesenhafte Veränderung erleide, indem er in Das übergeht, was er am Anfange nicht war? Wir werden aber nicht wenig unehrerbietig sein auch gegen den Sohn selbst, wenn wir den Ansichten der Gegner nicht entgegen treten. Denn nicht mehr wird der Eingeborene der Urheber der (Welt-) Zeiten sein, wenn die Zeit ich weiß nicht wie in ihn eingedrungen ist und ein älteres Ansehen hat als das wirkliche Zeugen Gottes des Vaters, wenn er nämlich aus dem Nichtzeugen (Unfruchtbarkeit), das heißt aus dem möglichen in das wirkliche Zeugen nicht zeitlos übergeht, falls man auch die Zwischenzeit sich ganz kurz und momentan dächte. Ich halte es aber für schändlich und häßlich, zwar von Sonne und Feuer zu meinen, sie seien niemals Das, was sie sind, nicht, sondern sie seien nie in dem bloßen Zustande der Möglichkeit still gestanden und gesessen und so erst durch zeitliche und natürliche Bewegung zur Wirklichkeit gelangt, sondern sie hätten Das, was ihnen von Natur aus inwohnt, vielmehr mit einander und gleich am Anfange ihrer Entstehung zugleich empfangen; von Gott dagegen zu sagen, er sei nicht besser als Körper, und nicht anzunehmen, er folge in der Zeugung gleichsam den Gesetzen seiner eigenen Natur, sowie es ihm und nur ihm zukommt.

Drittes Gespräch. Daß der Sohn wahrer Gott ist wie auch der Vater.

 

A. Ich weiß, o Hermias, daß wohl auch du selbst sagen würdest, man müsse sich am meisten an den tugendhaften Bestrebungen erfreuen und insbesondere gern bei frommen Reden verweilen, das seien aber die über Gott.  Darum sagt auch die heilige Schrift:  „Und du sollst (sie) zu ihnen reden, wenn du zu Hause sitzest, und wenn du auf dem Wege wandelst, wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst.“ Denn daß wir das göttliche Wort unaufhörlich auf der Zunge haben, ist, glaube ich, nicht ohne Nutzen und geziemt wohl Niemandem mehr, als denen das gottselige Leben am Herzen liegt.

B. Das sag’ ich auch; denn Nichts ist besser als Dieß. Da aber von uns bisher zur Genüge die Rede über die göttliche und geheimnißvolle Zeugung untersucht wurde, daß nämlich der Sohn uns nicht anderswoher kam, sondern aus der Wesenheit Gottes des Vaters hervorging (denn Das ist uns klar geworden), was bewegt noch die Gegner, zu meinen, der Vater allein sei der Natur nach und wahrhaft Gott, und durchaus Niemand ihm beizuzählen, sondern zugleich mit den Anderen auch selbst die Natur des einzigen und wahrhaften Sohnes weit von der wahren Gottheit hinwegzustoßen?

A. Wenn du fragen willst, was sie (dazu) bewege, so möchte ich wenigstens von Denen, die so urtheilen, sagen, es sei Dieß:  „Aus dem Weinstocke von Sodoma ist ihr Weinstock und ihre Ranke aus Gomorrha; ihre Traube ist eine gallichte Traube und ihr Wein aus bitterer Beere.“ Denn trunken gleichsam von ihren ich weiß nicht woher erfundenen Lügenreden bringen sie aus dem schlechten Schatze ihres Herzens Schlechtes hervor. Da sie aber ihre Zunge ungezähmt in Lästerungen gegen den Sohn schießen lassen und an einem der Gottlosigkeit der Pharisäer verschwisterten und verwandten Wahnsinne krank sind, so sollen sie mit diesen hören: „Ihr Natterngezücht, wie könnet ihr Gutes reden, da ihr böse seid?“ Und es geziemte sich doch, bei der Beschäftigung des Geistes mit so heiligen und geheimnißvollen Untersuchungen, durchaus nicht zu meinen, was ihnen dünkt, sei recht und untadelhaft, sondern, das innere und verborgene Auge gleichsam im Kreise herumwendend und die Breite unzählig vieler Erwägungen durchlaufend, von leichtsinnigen Aufstellungen sich so weit als möglich ferne zu halten und sorgfältig bedenkend, was zum Nutzen dient, und indem das richtige Urtheil und die lautere Lehre zum Verständnisse anleiten, nur den Lehrsätzen der Wahrheit beizupflichten. Denn Geistesverwirrung, meine ich, und Wahnwitz ist es, zu sagen, der wie das Wort aus dem Geiste oder etwa wie der Glanz aus dem Lichte aus Gott hervorgehende Sohn sei nicht von Natur aus und wahrhaft Gott, und so gleichsam auf eitlen Urtheilen zu schwimmen und falscher Gedankenerfindungen sich zu rühmen. Ist es denn nicht besser, mit gelehrigem Sinne Dieß zu bedenken, daß, wo immer die natürliche Zeugung nicht erlogen ist, da gewiß auch die Verwandtschaft des Gezeugten zu dem Zeugenden keineswegs eine gemachte und uneigentliche, sondern eine natürliche ist? Denn das wahrhaft Gezeugte wird aus der Wesenheit des Zeugenden selbst sein. Wie also sollte das aus Gott Gezeugte ermangeln und verfehlen, nach ihnen, in Wahrheit Gott zu sein?

B. Fürwahr, auch sie selbst werden vielleicht sagen, daß er Gott sei und aus Gott, nur auf andere und verschiedene Weise.

A. Aber was denn das „auf andere Weise“ ist, verstehe ich nicht recht; aber sage es vielleicht du, wenn du es etwa weißt. Denn daß du es erfahren hast, ist auch sehr wahrscheinlich.

B. Ich habe es erfahren. Der Vater nämlich, sagen sie, sei wahrer Gott, der Sohn aber nicht so, wenn er auch Gott genannt werden mag; er sei aber auch aus Gott, denn, sagen sie, auch das All ist aus Gott.

A. Und Das heißt denn doch geradezu behauptend der Sohn sei nicht Gott, sondern er sei eben auch gleich den übrigen Dingen von Gott, natürlich in der Weise der Erschaffung hervorgebracht und als nichtseiend in’s Dasein gerufen worden; und folglich wird er mit der Kreatur gleichsam als seiner Schwester zusammengestellt. Denn ihre Rede der künstlich schlauen Umhüllungen zu entkleiden, halte ich für gut und recht, und die Gegner nicht mit geschmückten Redensarten die Natur des Sohnes vergolden zu lassen, während sie nichts Wahres von ihm denken, sondern sie vielmehr dahin zu bringen, deutlich zu sagen, was sie von ihm glauben. Denn jede Beweisführung, glaube ich, spottet ihrer Thorheit. Und zwar, daß, wer einen unverdorbenen Verstand hat, der Ansicht sein dürfte, der Sohn sei aus Gott hervorgebracht, bedeute nichts Anderes, als er sei gezeugt und aus der Wesenheit des Vaters selbst entsprungen, hat unsere vorausgehende und soeben vollendete Rede gezeigt. Nun aber, glaube ich, müssen wir an etwas Anderem den zu forschen verstehenden Geist schärfen.

B. Thue Das, bereitwilligst darauf losgehend! Was sie aber unseren Reden entgegenstellen zu müssen glauben, ist Dieses. Einer nämlich, sagen sie, wird wahrer Gott genannt in den alt- und neutestamentlichen Schriften. Denn Moses sagt: „Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist ein Herr!“ Ja, auch in Liedern führt er Gott selbst ausrufend ein: „Sehet, sehet, daß ich Gott bin und Keiner ausser mir!“ Und abermals: „Ich bin Gott zuerst, und ich hernach, und ausser mir ist Keiner.“ Und auch der Sohn selbst sagt zum Vater:  „Das aber ist das ewige Leben, daß sie dich als allein wahren Gott erkennen.“ Sie könnten aber ohne Mühe unzählig Vieles dergleichen zusammentragen und anführen; sie werden aber mehr im Allgemeinen mit ihren eigenen Gründen dafür kämpfen, und sie werden sich nicht in ihrer Hoffnung täuschen, daß Einige mit ihnen denken wollen, einzig und allein der Vater sei wahrhaft und von Natur aus Gott, sonst aber ausser ihm durchaus Niemand.

A. Was aber bewegt sie, sag’ mir, vergeblich zu schwitzen? Denn hierin wenigstens, mein Guter, bedürfen wir keiner Mühe, da auch wir selbst bereitwilligst mitlaufen und im Glauben annehmen, der Vater sei von Natur aus und wahrhaft der einzige Gott. Denn wie und woher sollte man Dieß bezweifeln? Wenn sie aber auch noch sagen, daß neben ihm durchaus kein anderer Gott sei, so wird Das der Natur des Sohnes keineswegs einen Eintrag thun. Denn er ist ausser Allem und gehört nicht zu allem Übrigen, da er mit seinem Vater zugleich besteht und immer mit ihm leuchtet und in der einen Natur der Gottheit mit seinem Erzeuger zugleich mitbegriffen ist. Einer also ist Gott und dieser der wahre. Denn von der Vielgötterei sind wir erlöst, und von der dießbezüglichen Makel abgewaschen haben wir, wiewohl spät und jüngst erst, den einen und wahren Herrn erkannt. Doch Dieß für jetzt lassend wollen wir auf Jenes kommen; denn so scheint es dir nöthig.

B. Was meinst du da?

A. Der Sohn nannte den Vater den allein wahren Gott.

B. Ja freilich.

A. Und auch der alte (alttestamentliche) Ausspruch rief uns zu, daß neben ihm kein anderer Gott sei.

B. Jawohl.

A. Es müssen nun, mein Lieber, auch wir zur heiligen Schrift gehen und den davon handelnden  Untersuchungen der Heiligen. Wohlan denn, laß uns zusehen, ob irgendwo Einer den Sohn allein Gott genannt und ihn auch als den wahren bezeichnet hat.

B. Du hast Recht.

A. Ganz schnell also wird uns der weise Johannes dasein, der auch Donnerssohn heißt, deutlich ausrufend: „Und wir wissen, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns einen Sinn gegeben hat, daß wir den wahren Gott erkennen, und wir sind in dem wahren, in seinem Sohne Jesus Christus; Dieser ist der wahre Gott und ewiges Leben.“ Zugleich aber wird uns auch der große Baruch entgegen kommen und eine klare Verkündigung der Natur und Herrlichkeit des Sohnes geben, indem auch er also ruft und fast auch mit dem Finger hinweist:  „Dieser ist unser Gott, und kein Anderer kommt in Betracht gegen ihn. Er kennt jeden Weg der Wissenschaft und gab sie dem Jakob, seinem Knechte, und Israel, seinem Geliebten. Hernach aber ward er auf der Erde gesehen und verkehrte mit den Menschen.“ Ich könnte auch noch sagen, daß der heilige Paulus uns Jesum Christum den alleinigen Herrn genannt hat. Es singt aber auch David im Geiste:  „Wer ist Gott ausser dem Herrn, und wer ist Gott ausser unserem Gott?“ Ist also nicht auf’s Klarste und Deutlichste durch die Stimme der Gottesmänner der Eingeborene als einziger und alleiniger und wahrer Gott verkündigt worden?

B. Gewiß.

A. Da uns also als alleiniger und wahrer Gott der Vater eingeführt ist, auf gleiche Weise aber auch und nicht verschieden sich verhaltend der Sohn (denn gegen ihn kommt durchaus kein Anderer in Betracht), wohin wird denn der Verstand der Gläubigen laufen, falls Beide durch sich selbst verdrängt werden und nicht fest in der göttlichen Herrlichkeit beharren, weil sie ja wohl eine leicht erschütterliche und leicht wandelbare Natur haben? Oder ist es nicht wahr, zu sagen, daß, wenn wir den Vater als alleinigen und wahren Gott annehmen, wir sogleich dem Sohne die Andersartigkeit zumessen und, ihn aus den Merkmalen der wahren Gottheit ausschließend, als in anderer Natur befindlich erblicken werden? Wenn wir aber, nur dem Sohne den Namen und die Sache der wahren Gottheit zutheilend, durchaus keinen Anderen neben ihm gelten lassen, werden wir dann nicht gegen die Herrlichkeit des Vaters Etwas behaupten, was zu sagen nicht recht ist?

B. Auf Das hin geht die Macht der Gedankenfolge; indeß wahrscheinlich wohl werden die Gegner auch Dieses sagen, es werde mit uns noch dahin kommen, nicht einen, sondern zwei Götter zu behaupten.

A. Unversucht bleibt bei ihnen keinerlei Ungereimtheit, jegliche Art von Lästerung aber ist ihnen gangbar und fahrbar. Wir aber beabsichtigen keineswegs, Dieses zu sagen, vielmehr aber treibt uns die Untersuchung zu dem Bekenntniß, denken zu müssen, der Sohn sei aus der Wesenheit Gottes des Vaters durch wahre Erzeugung entsprungen, wahrer Gott vom wahren Gott, nicht in eine fremde und andere Natur ausgeartet, sondern wesenhaft Dasselbe seiend, als was auch der Vater gedacht wird, nur daß er nicht der Vater ist. Denn so wird, indem der heilige Geist dazu gezählt wird und zur Gotteserkenntniß mitgehört, übrigens als eine die wahre und wesenhafte Gottheit angebetet in wesensgleicher Dreiheit.

B. Aber wenn wir zugeben, es seien drei Hypostasen, so wird ja auch die Gottheit als dreifach gedacht, gemäß der natürlichen Schlußfolge.

A. Allein die wahre Religionslehre hat uns unterwiesen, daß Dieß sich nicht so verhalte. Denn wir sind getauft worden auf Vater, Sohn und heiligen Geist und sagen keineswegs, daß der Glaube an drei Götter sei, sondern an eine Gottheit, die in einer Dreiheit angebetet wird. Warum also brauchst du Gewalt und suchst menschlichen Schlüssen Das zu unterwerfen, was über Verstand und Begriff hinausgeht, wovon ich auch glaube, es müsse durch ungekünstelten und bloßen Glauben geehrt werden? Denn ganz unstatthaft und höchst gottlos ist es, vorwitzig zu klären, wie und wer die Dreiheit sei, und wie an sich die Natur der Gottheit sich verhalte. Gottesfürchtig aber ist es vielmehr, richtig darüber denken zu wollen, auf welche Weise in der heiligen Dreiheit eine Natur der Gottheit angebetet wird. Gestehe also, o Hermias, daß wir zwar mit Recht Dieß meinen und glauben, die Gegner aber unfromm handeln, wenn sie das über allen Verstand Erhabene unverständiger Weise durch Erfindungen elender Schlüsse ausforschen!

B. Du hast Recht; ich sage ja, daß sie Das thun. Wie nun ist bei uns Gott Einer, wenn in eigener Hypostase gedacht wird sowohl der Vater als der Sohn?

A. Zu Hilfe werden wir hiefür nothwendig die Weise der Wesensgleichheit nehmen, welche die Zweiheit in den Hypostasen zu einer aus beiden bestehenden Einheit verbindet und das scheinbare Auseinandergehen in die besondere Eigenheit eines Jeden für sich zur Identität zu vereinen recht gut geeignet ist, damit weder der einfachen und überhaupt in keiner Weise zusammengesetzten Natur die Zweifachheit zugesprochen werde noch wir, aus Furcht vor dem Scheine, den Begriff der Einfachheit zu verletzen, als Solche erfunden werden, welche die Zweifachheit in den Hypostasen aufheben. Daß aber die Lehre von der Wesensgleichheit wahr sei, dürften wohl die von uns beigebrachten Zeugnisse der heiligen Schriften über den Sohn beweisen. Denn der allein von Natur und wahrhaftig Gott seiende Vater dürfte wohl den allein von Natur und wahrhaftig Gott seienden Sohn auf keine andere Weise zur selbstständigen Existenz sowohl als natürlichen Identität zulassen, wenn derselbe nicht aus ihm und in ihm wäre und umgekehrt auch der Sohn den Erzeuger in seiner eigenen Natur hätte und darum mit ihm Eins genannt würde und wirklich wäre. Es wurde ja doch unser guter Philippus getadelt, weil er das Talent seiner Denkkraft nicht mit wohlüberlegten Worten verschönte. Denn obwohl es ihm vergönnt war, im Sohne die Natur Gottes des Vaters zu schauen, bat er doch dringend: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns!“ Und Christus sagte hierauf: „So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Glaubst du nicht, daß ich im Vater und der Vater in mir ist? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen;“ „ich und der Vater sind Eins.“ Und Das ist wahr. Denn da der Sohn aus der Wesenheit Gottes des Vaters hervorging, existirt er selbst in seinem Vater und offenbart durch die natürliche Identität auch die (Wesenheit) des Erzeugers. Denn der Vater kann nicht anders erkannt werden als durch den Sohn und im Sohne, da dieser das Ebenbild seines Wesens ist, das die Natur, woraus es entsprang, in der eigenen Gestalt glänzen läßt (ich glaube nämlich nach unserer (menschlichen) Weise reden zu sollen); darum wird auch, was immer von Einem gesagt werden mag, gewiß von Beiden gelten und von Jedem für sich und die Herrlichkeit von Keinem beeinträchtigen.

B. Wie meinst du nun auch Dieses?

A. Hörst du nicht, mein Lieber, den heiligen Paulus von Gott dem Vater ausrufen:  „Damit Gott sei Alles in Allem“?

B. Aber was weiter?

A. Wohlan und schau, wie er dem Sohne die gleiche Herrlichkeit zuschreibt und die Natur des Eingeborenen mit Dem vergoldet, dessen sich auch der Vater selber erfreut. Denn er sagt von ihm: „Die Fülle Dessen, der Alles in Allem erfüllt.“

B. Allerdings.

A. Es wird also, denke ich, Jedermann in Verlegenheit sein, wenn er folgender Maßen bei sich überlegt, wie sich wohl die Sache verhalte. Da nämlich Gott der Vater Alles erfüllt und in Allem ist und mit Recht so gedacht wird, so kann ich nicht sehen, wo denn noch die Erfüllung durch den Sohn stattfände. Man muß daher denken, daß, wenn nicht in Beiden Jeder von Beiden ist, die Erfüllung durch Gott den Vater, wie es scheint, als überflüssig sich erweisen wird, da uns hiezu die durch den Sohn ganz wohl genügt; oder es wird vergeblich und nicht mehr folgerichtig die Erfüllung durch den Sohn allen Dingen beigelegt, da der Vater vollkommen genügt und nicht unzureichend ist, Alles zu erfüllen. Wessen sollten auch alle Dinge noch bedürfen, wenn sie die Erfüllung durch den Vater haben? Wird demnach, o Freund, auch der weise Johannes als leerer Wortmacher erscheinen, und hat er vergeblich gesprochen, da er sagte:  „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen“? Denn wessen noch bedürftig empfangen sie aus der Fülle des Sohnes, da ja Gott der Vater an sich selber genügend ist, die Schöpfung zu erhalten, so daß sie von keinem Anderen Etwas bedarf?

B. Ganz richtig.

A. Wenn wir nun aber auch die Erfüllung durch Jeden von Beiden selbst untersuchen wollen, von welcher Art sie sei, wird es nicht Jedermann klar sein, daß, wenn die Wesenheit Beider so abweicht, daß sie verschieden ist, sie so an uns die Erfüllung bewirken wird, wie Jeder von Beiden seiner Natur nach ist?

B. Nothwendig.

A. Und wenn der Vater wahrer Gott ist, so wird gewiß auch seine Wirksamkeit eine göttliche sein; wenn dagegen der Sohn der wahren Gottheit ermangelt, so wird gewiß auch seine Macht der Erfüllung nicht mehr göttlich, sondern ihm entsprechend sein. Wir sind also auf doppelte und ungleiche Weise zur Erfüllung geschaffen. Und wenn Denen, die zum Heile bereitet werden, die Erfüllung des Vaters genügen sollte, weil sie eine göttliche ist und besser als die andere, warum auch überhaupt hat der Sohn an uns gewirkt, wiewohl das Geringere hinzufügend, wenn er nicht so gewirkt hat wie Der, der Gott ist von Natur? Wenn wir aber die Erfüllung durch den Sohn als eine zum Heile nützliche und nothwendige Wegzehrung erlangt haben, so wird man denken und sagen müssen, das Höhere habe des Geringeren bedurft, und das Mindere habe dem Vorzüglicheren das Fehlende hinzugefügt, wenn nämlich zu unserer Rettung die Erfüllung Gottes des Vaters nicht vollständig genügte. Allein ich erkläre es für eine Beschuldigung und Anklage der äussersten Thorheit, Dieß für untadelhaft (richtig) zu halten und auszugeben. Also fort so weit als möglich mit solchem Geschwätz! Wir werden aber dafürhalten und glauben, die durch Beide an uns geschehende Wirksamkeit und Erfüllung sei eine einzige; denn ihre Natur ist eine. Denn Naturen, die sich so von einander unterscheiden, daß sie als verschiedenartig gedacht werden, und die in völlige Fremdheit auseinandergehen, können bei keinem Wesen die Identität und unverschiedene Gleichheit des Wirkens haben, und wo die Art des Seins als eine andere erscheint, da sind sie (die Naturen) gewiß verschieden, und ihr Wirken verhält sich nicht gleich.

B. Freilich; indeß ich möchte dich gerne fragen, wie denn bei uns die Erfüllung des Vaters und des Sohnes gedacht (erkannt) werde und stattfinde, da sie eine ist und nicht verschieden?

A. Aber hierin wenigstens ist gar nichts Schwieriges und Unbegreifliches. Wie denn anders als durch den heiligen Geist, welcher uns durch sich mit göttlichen Gnadengaben erfüllt und uns der unaussprechlichen Natur theilhaftig macht? Denn so sagt irgendwo der Jünger des Heilandes:  „Daran erkennen wir, daß er in uns ist, daß er uns von seinem Geiste gegeben hat.“

B. Durch den einen heiligen Geist also wird die Erfüllung durch Beide bewirkt, nicht getrennt?

A. Allerdings, o Hermias! Was aber dich veranlaßt, zu fragen, und dich drängt, zu erkunden, wie durch den einen heiligen Geist die auf die Erfüllung bezügliche Wirksamkeit Beider geschehe, ist, glaube ich, Dieses.

B. Was meinst du?

A. Du bedenkst nämlich: Falls sie eine einander nicht gleiche Natur haben, zumal falls der Sohn dem Wesen nach geringer ist, wie unbegreiflicher Weise Jene meinen, wenn sie nun an uns Etwas nicht auf dieselbe und in jeder Hinsicht gleiche Weise bewirken, wie man sich dann denken solle, daß ihr Wirken von ihnen vollbracht werde. Sodann wie denn durch den einen heiligen Geist die Erfüllung mit Beiden in uns sein werde, da er doch nicht in dienender Weise etwa das Werk eines Jeden von Beiden besiegelt und Helfersdienst an uns erfüllt, sondern in seiner eigenen Natur auch die der beiden Anderen hereinbringt.

B. Du sprichst sehr mit Vorbedacht. Denn Dieß eben ging mir im Geiste um.

A. Es wende sich also eben dahin der Eifer der Untersuchung. Ich möchte aber behaupten, daß Das, was Anderen die Theilnahme an Etwas verschafft, sich keineswegs von der Zusammengehörigkeit (Gleichartigkeit) mit demselben entfernen wird; es wird aber so wirken, als wenn es etwa auch Dieses selbst wäre. Denn durch ein nothwendiges Gesetz, glaube ich, ist alles Dasjenige zu wesenhafter Identität verbunden, was eine miteinander gleichkräftige Wirksamkeit zu haben sich erweist.

B. Bring’ mir Beispiele her, denn ich folge nicht ganz.

A. Nun gut, und ich will sie auch sagen. Die Sonne nämlich wird als etwas an sich Seiendes gedacht und ist es und durchwandert einen hochgelegenen Pfad, indem sie auf den Wink des Schöpfers ein solches Verhalten erlangt hat. Indem sie aber ihren Strahl herab sendet und die Erdenbewohner berührt, bewirkt sie die Empfindung der Wärme. Wenn wir nun aber erforschen wollten, welche und was für eine Natur sie bekommen habe, so werden wir das ohne Schweiß zu Stande bringen. Denn daß sie warm und feurig ist, wird Jedweder von Denen, die ihrer einmal theilhaftig geworden sind, leicht einsehen, indem er als Beweis dafür den von ihr ausgehenden und sich ergießenden Strahl hernimmt.

B. Richtig; er wird es ja einsehen, da die Sache keine Mühe macht.

A. Wie ist übrigens Dieses verständigen Leuten nicht einleuchtend?

B. Was denn?

A. Daß von der Natur der Sonne, welche sie auch sein mag, Das nicht verschiedenartig ist, was sich aus ihr auf die der Empfindung fähigen Wesen ergießt. Denn wie sollte Dieses sonst wirken können, wenn es nicht die Sonnennatur gleichsam zur Wurzel und Mutter seines eigenen Ausganges hatte, damit es aus Dem, wofür es gehalten wird, als die ganze Beschaffenheit der es aussendenden Wesenheit in sich habend erkannt werde?

B. Es kann wohl nicht anders sein.

A. Laß uns nun endlich auf die Natur des heiligen Geistes selbst kommen und, genau erforschend, Dieß erwägen, ohne auf anderweitige Untersuchungen überzuspringen, da auch die Zeit nicht drängt, auf anderes höchst Angemessenes überzugehen, ob der Geist mit Vater und Sohn in gleichem Range stehe und zu der einen Natur der Gottheit gehöre oder nicht.

B. Einer, sagen sie, sei wahrer Gott, der Vater; ihm aber zählen sie durchaus Niemand bei.

A. Also wird nach ihnen mit dem Sohne auch der heilige Geist von der wahren Gottheit ausgeschlossen werden und in die Zahl der Geschöpfe herabgleiten, und von gleicher Natur zwar wird er nach ihnen mit dem Sohne sein, in Bezug wenigstens aus das Geschaffensein, von der Wesenheit Gottes des Vaters aber möglichst weit entfernt. Was nun noch für ein Gott in uns sei, wenn der heilige Geist in den Getauften wohnt und hauset, Das sollen Jene zeigen. Denn von Gott dem Vater werden sie selbst Nichts sagen, wie ich glaube. Die Theilnahme nämlich an der wesenhaften und wahren Gottheit wird Einer wohl nie erlangen durch einen gewordenen (geschaffenen) Geist, da Dieß keine natürliche Theilnahme an jenem ist. Es bleibt also übrig, zu sagen, nur der Sohn sei in uns, obwohl er nach Jenen von anderer Natur ist und aus der Wesenheit Gottes des Vaters herausgetreten und darum zur Schöpfung gehörig. Ein Geschöpf also ist in uns, nicht mehr Gott, und durch einen geschaffenen Geist erlangt das Geschöpf die Heiligung, welches Nichts hat von Seite Gottes des Vaters. Wenn sie aber, Dieses bei Seite lassend, zum Besseren sich wenden und den Sohn für Gott erklären, so sollen sie Dieß sagen, ob eine Zweiheit von Göttern in uns sein wird, wenn der Vater und der Sohn in uns wohnen, oder nur einer allein. Denn Christus sagte:  „Wenn Einer mich liebt, wird er mein Wort bewahren, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“

B. Für zwei Götter, meine ich, wollen sie dieselben nicht halten, sondern sie werden sich doch wohl zur richtigen und tadellosen Lehre wenden, indem sie zugeben, es sei nur ein wahrer und wesenhafter Gott in uns; sie werden aber vielleicht hinzufügen, nur der Vater allein.

A. Wir müssen also nun auch wider Willen gewissermaßen Dieß zu sagen wagen, daß, wenn einzig und allein nur Gott der Vater in uns ist, nicht mehr auf nützliche, sondern vielmehr sogar auf überflüssige Weise der Sohn mit hereinkommen wird, da er ja nicht wahrer Gott ist, und daß die Erfüllung durch ihn gleichsam ein unnützes Gedränge in uns sein wird. Es wäre aber auch sonst nicht in gebührender Ordnung vollbracht, was zu einem bequemen Zusammenwohnen gehört. Denn wenn wir Tempel Gottes sind und nicht von Göttern, so muß er aus dem Herzen Aller hinaus, so mag Einer bereits dem Sohne zurufen; oder vielmehr warum verheißt er überhaupt von Anfang an, mithereinzukommen, wenn nämlich Keiner sein wird, der mit hereinkommt, da nur der Vater von Natur Gott ist und den Tempel, in dem er ist, ganz genügend ausfüllt? Also (ich will nämlich die Rede hierüber wiederholen) ist Gott auch nicht in uns durch den heiligen Geist, denn er wird ja nicht die Theilnahme an der göttlichen Natur in uns bewirken, weil er nach Jenen nicht aus ihr ist; überflüssig aber ist es, wie es scheint, daß mit seinem Vater auch der Sohn hereinkomme, und Nichts hindert mehr, den seligen Paulus einen Schwätzer und leeren Wortmacher zu nennen, der deutlich schreibt, daß Christus in uns sei durch den Vater, welcher durch sich zur Theilnahme an der wesenhaften und wahren Gottheit beruft.

B. Geschwätz ist Das und Reden, die bis zum Gipfel der Gottlosigkeit gehen.

A. Wir werden also festhalten, daß die Natur der Gottheit eine ist, welcher es auch durchaus und gewiß zukommt, in Wahrheit Das zu sein, was sie ist und heißt, und daß der Sohn nicht mehr, wie Jene wollen, dem Vater fremd ist, sondern, als aus ihm und in ihm als wahrer Gott existirend, in natürlicher Identität dem Erzeuger gleich steht. So nämlich werden nicht mehr zwei Götter in uns gedacht werden, sondern Einer allein, der in heiliger Dreiheit angebetet wird. Meinst du hieran Etwas tadeln zu sollen oder versuchen zu sagen, daß es nicht richtig ist?

B. Keineswegs.

A. Schau’ denn also, wenn es beliebt, o Freund, den höchst ehrwürdigen Moses selber, wie er der einfachen und unzusammengesetzten Natur Gottes eine Rede beilegt, die keiner einfachen Person zukommt. Auch hieraus nämlich kann man, wenn man Acht gibt, ohne Mühe die Dreifachheit der Personen (Hypostasen) in der einen Gottheit sehen.

B. Ich möchte in der That weiter hören, was denn Das ist, was du meinst; erkläre es mir also deutlicher!

A. Bezeichnet er uns denn nicht im ersten Buche seiner Geschichte Gott als den Schöpfer und Urheber von Allem? Er sagt aber, er habe nur bei der Erschaffung des Menschen gesprochen, während er die Entstehung alles Übrigen kurzweg bewirkte:  „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse!“ Und kurz darauf fügt er bei und sagt: „Und es machte Gott den Menschen, nach dem Bilde Gottes machte er ihn.“

B. Ich verstehe.

A. Und da einst Einige aus Thorheit einen himmelhohen Thurm zu erbauen im Sinne hatten, sprach der Gott von Allem:  „Kommt, laßt uns niedersteigen und dort ihre Sprachen verwirren.“ Wer nun spricht und zu welchen jenes: „Kommt, laßt uns niedersteigen und verwirren“? Denn man wird doch, denke ich, nicht sagend Gott habe der Hand der heiligen Engel bedurft oder überhaupt des Beistandes und der Mithilfe von überhaupt irgend einem Wesen, um, was er wollte, vollbringen zu können. Denn allmächtig ist Gott zu Allem, und er besitzt in sich das Vermögen, was immer er will, leicht zu bewerkstelligen, und er selbst ist die ganze Kraft der Dinge. Wie wir nämlich sagen, er sei Weisheit und Leben, und daß Nichts leben oder der Güter der Weisheit theilhaftig sein könnte, wenn es nicht von ihm wie aus einer Quelle hervorsprudelnd den Vorrath hätte, auf dieselbe Weise, glaube ich, empfängt kein Ding eine Kraft, noch gelangt es dazu, Etwas bewirken zu können, wenn es nicht von der Urkraft aller Dinge dazu gebracht würde. Es wird also erlaubt sein, ohne Tadel zu sagen, daß nicht zu den Engeln noch zu irgend welchen vernünftigen Mächten Gott das: „Kommt, laßt uns niedersteigen und ihre Sprache verwirren,“ gesprochen habe, sondern daß gleichsam in einfacher Bewegung einer Natur die heilige Dreiheit sich selbst gewissermaßen zur Bethätigung an Etwas aufforderte, da ja auch nur die Schöpfermacht im Stande war, den wohlgefügten Gang der Sprache nach Belieben umzubilden und die Natur der bei uns und unter uns gebräuchlichen Rede aus dem damaligen einfachen Ausdrucke in eine vielartige und vieltönigere Ausbreitung zu entfalten, so daß sie auch den Sinn eines Jeden der Verkehrten zwang, einen ungewohnten und nicht altbekannten Weg zu gehen. Damit wir nun denken könnten, daß jene That keineswegs ein Werk von Engeln, sondern vielmehr der göttlichen Macht war, sagt die wesensgleiche Dreiheit zu sich selber: „Kommt.“

B. Das ist richtig.

A. Wie aber auch überhaupt können sie meinen, daß die Natur des Menschen nach Gott gestaltet sei? Wessen Bild werden sie sagen, daß den Erdbewohnern eingezeichnet sei?

B. Wie denn, wenn sie sagen würden, das Gottes des Vaters?

A. Allein wenn sie sagen: Nur das Gottes des Vaters, werden sie zur äussersten Erbärmlichkeit der Gedanken hinabgehen.

B. Wieso?

A. Erstens, weil das: „Laßt uns machen“ und auch das: „nach unserem Bilde“ nicht auf eine Person paßt, sondern vielmehr auf mehr als eine oder zwei. Ausserdem sagen wir mit Wohlbedacht: Was wiederhergestellt wird, nachdem ihm die ursprüngliche Form verloren ging und zur Häßlichkeit verunstaltet wurde, wird Das nicht gebührender Maßen zu Demjenigen zurückkehren, wonach es im Anfange (gestaltet) war, und, die Verderbnis der Beschädigung entfernend, wieder zum unverletzten Aussehen der Natur emporsteigen?

B. Wie meinst du?

A. Du wirst es vernehmen und sehr deutlich; denn ich will es erklären so gut als möglich. Wenn ein vortrefflicher und vollkommen geübter Künstler, zum Beispiel in Erzarbeit, eine Statue gefertigt hätte, ihr eine eigene Form aufprägend, diese aber, von einem seiner Neider mit Gewalt aus ihrem Standort herausgehoben, fallend herabgestürzt und so verstümmelt und verunstaltet worden wäre, und dann etwa der Verfertiger derselben die Sache unerträglich fände und den Neid des Zerstörers in heftigerer Flamme verzehren wollte und nun das Kunstwerk wieder zur anfänglichen Form umbildete, die Nachtheile der Beschädigung ringsum entfernend: wird er dir richtig zu denken scheinen, wenn er mit Weglassung der eigenen Form dasselbe ganz und gar zur Gestalt von etwas Anderem umwandeln würde?

B. Keineswegs.

A. Wenn er ihm aber die anfängliche Form gibt, hat er es dann in Wahrheit wieder hergestellt und ihm wieder das eigene Bild aufgeprägt?

B. Allerdings.

A. Da es sich nun hiemit also verhält, was werden wir zugeben, daß Gott der Vater gethan habe, wenn er den nach seinem und nur seinem Bilde und Gleichnisse geschaffenen Menschen (denn das, sagst du, sei die Ansicht der Gegner), falls er den Gefallenen und Beschädigten wieder herstellen wollte, keineswegs zur ursprünglichen Gestalt erneuerte, das heißt zur Ähnlichkeit mit sich, sondern ihm vielmehr eine andere Form und Gestalt gab, wenn nämlich ein Anderer von Natur der Sohn ist, nach welchem wir gestaltet sind? Denn so schreibt der höchst weise Paulus:  „Kindlein, die ich wieder mit Schmerzen gebäre, bis Christus in euch gestaltet ist.“ Und abermals:  „Denn die er vorhergewußt und vorherbestimmt hat (natürlich aber wiederum Gott), gleichförmig zu sein dem Bilde seines Sohnes, die hat er auch berufen.“ Es gestaltet uns nämlich durch den Geist Christus nach seinem Bilde und prägt den Seelen der Frommen auf geistige und unaussprechliche Weise die Schönheit seiner eigenen Natur ein. Wir sind also, meine ich, nicht mehr nach dem wahren Gotte gestaltet, sondern es strahlt in uns die Gestalt eines Geschöpfes. Und jener ehedem durch die Stimme des Psalmisten gesungene Vers:  „Es wird sich wie des Adlers deine Jugend erneuern“ geht bereits in Nichts dahin, da er, wie es scheint, vergeblich verkündet wurde. Denn keineswegs eine (Wieder-) Erneuerung, wie die Schrift sagt, sondern vielmehr eine Neuerung (Neubildung) ist unser Zustand, da er keineswegs einen Rückgang zum Früheren enthält und keine Rückkehr zu Dem hat, was im Anfange war, sondern gewissermaßen zum Schlechteren als vorher genöthigt ist und gar häßlich entstellt. Es wäre aber ferner auch unvergleichlich besser die alte Schöpfung als die Neuerung durch Christus, wenn nämlich jene uns verlieh, in der Gestalt des einzigen und wahren Gottes zu glänzen, diese aber uns nicht nach der gleichen Form darstellt, indem sie uns nach dem Sohne ummodelt. Was also haben wir durch Christus gewonnen, wenn wir sowohl selbst, wie es scheint, der Ähnlichkeit mit Gott beraubt als auch bereits gänzlich des herrlichen Ruhmes der Natur entkleidet sind, da ja unsere ganze Seligkeit darin besteht, daß wir nach dem Gleichnisse Gottes geschaffen sind? Aber Geschwätz, meine ich, ist Dieß und gar eine Sache zum Lachen und Altweiberfabeln. Denn wir werden wieder zum ursprünglichen Bilde hergestellt, als durch ein genaues Siegel durch den Sohn besiegelt, so zu sein, der da ist das Ab- und Ebenbild des Vaters, und nicht ein Anderer neben ihm, sofern er in der Wesenheit Dasselbe ist.

B. Vollkommen richtig.

A. Schau’ denn doch, zu welch großer Ungereimtheit ihnen die Rede ausgeglitten ist, während sie die so Glaubenden und zu denken Gewillten zu tadeln gedachten. Denn wenn der Vater allein wahrer Gott ist und sie aus Thorheit sagen, es sei so, dann wird, glaube ich, gleichsam in nothwendiger Folge der Sohn von der wahren Gottheit ausgeschlossen.

B. Nothwendig.

A. Aber er wird gewiß geringer sein als der Vater, weil das über Alles Erhabene der wesenhafte und wahre Gott ist.

B. Freilich wird er es sein; denn dahin führt zuletzt ihre Ansicht.

A. Sieh’ nun, daß wir Gefahr laufen, o Hermias, wenigstens nach der thörichten Ansicht Jener, den wiewohl geringeren Sohn jetzt gewissermaßen für besser und vorzüglicher zu halten als Gott den Vater, wenn wir urtheilen, den Stimmen der Heiligen unbedenklich folgen zu sollen.

B. Das ist doch gewiß nicht zweifelhaft.

A. Du wirst also auf den heiligen Paulus hören, der also ausruft, er sei ein Pharisäer nach dem Gesetze gewesen, der im Eifer die Kirche verfolgte, während er nach der Gerechtigkeit des Gesetzes untadelhaft war; „aber was für mich Gewinn war, Das hielt ich um Christi willen für Schaden; aber ich halte auch Alles für Schaden um der Überschwenglichkeit der Erkenntniß Jesu Christi, unseres Herrn, willen.“

B. So sagt er, ja; aber was will Das?

A. Hat denn nicht das Gesetz den Alten verkündet, daß Gott der Herr einer sei?

B. Freilich.

A. Dieser aber, sagen sie vielleicht sei der Vater.

B. Allerdings.

A. Er aber, der von sich selbst uns sagt, er sei als Verwalter der Geheimnisse Christi aufgestellt worden, der Lehrer der ganzen Welt, aus welche Belehrung oder Erwägung hin, stellt er die Erkenntniß Christi unvergleichlich höher als die alte und gesetzliche Unterweisung (Zucht) und nennt sie überschwenglich und hält für Koth das Gesetzliche, bewundert aber und preist über die Maßen die evangelische und heilbringende Verkündung? Müssen wir nicht annehmen und denken, daß Dasjenige, dessen Erkenntniß vorzüglicher ist, auch erhabener sein müsse als das damit Verglichene?

B. Ich meine wenigstens.

A. Wie sollte dann unser Verstand in der Albernheit und Thorheit dahin kommen, daß wir je den Sohn für besser erklären oder halten als den Vater, ihn, der den Erzeuger gleichsam zur Wurzel und Quelle hat? Wir würden ja gewiß die Frucht mit sammt dem Baume verunehren und den Zweig zugleich mit der Wurzel, mit der Quelle den von ihr ausfließenden und ihr nicht fremden Bach und mit dem Lichte den aus ihm aufleuchtenden und hervorschimmernden Glanz.

B. Wir würden beide zugleich verunehren, ja freilich.

A. Wir werden also nothwendig die Lehre annehmen, welche den Sohn mit dem Vater zur natürlichen Einheit verbindet und mit hineinnimmt in die wesenhafte und wahre Gottheit?

B. Nothwendig; denn so verhält sich Dieses. Doch erkläre Das, wie die Erkenntniß Christi die alte und gesetzliche Zucht übertreffe und überrage, da er doch in die natürliche Gleichheit mit dem Vater und wahren Gott aufgenommen und durch die alttestamentlichen Schriften mitverkündet ist!

A. Sie ist um viel vorzüglicher und übertrifft die erste. Denn sie hat eine deutlichere Offenbarung und erweitert sich zu einer dem Gesetze ungewohnten Erkenntniß. Darum flehte auch der Hierophant Moses selbst und sehr anhaltend, eine genaue und schattenlose Erkenntniß von Dem, der da ist, zu bekommen, und sprach dann auch zu Gott, dem Heilande aller: „Offenbare dich mir; deutlich möchte ich dich sehen!“ Und er erhielt in der That den Befehl, im Felsen zu graben und durch eine ganz enge Lücke (Ritze), wenn er wollte, zu schauen, indem Gott, glaube ich, auch hierin uns räthselweise andeutete, daß das Gesetz seinen Zöglingen (nur) eine geringe Erkenntniß von Gott einstrahle und die dießbezügliche Erleuchtung fast kaum durch eine Lücke einlasse. Denn daß Gott nur einer ist, wollte es, daß man glaube, indem es die Verirrten von den vermeintlichen Göttern wegrief; wie aber in ihren eigenen Eigenschaften die göttliche und unaussprechliche Natur sich verhalte, zeigte es nicht deutlich wie gewiß die heilbringende Botschaft, nämlich die durch Christus. Denn nachdem wir den Sohn erkannt haben, glauben wir, daß er gleichsam aus der Wurzel des Vaters entsprang und hervorwuchs, und die Herrlichkeit des Erzeugten, indem sie die Natur des Erzeugers wie in einem Gemälde abzeichnet, befähigt das Auge des Geistes, das Unbegreifliche und Unaussprechliche zu erreichen. Darum sprach er auch zu Gott dem Vater im Himmel: „Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart,“ zu den Juden aber: „Ihr kennet weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich kennen würdet, würdet ihr auch meinen Vater kennen.“ Denn Etwas kennen und von ihm wissen, daß es ist, nicht aber auch, wie es sich verhält, wird Jedermann, meine ich, für weit geringer erklären, als zu wissen nebst Dem, daß es ist, auch wie es ist. Es steht uns also hinter den evangelischen Verkündungen die Unterweisung durch das Gesetz zurück, welche zwar den Alten verkündete, daß nur Einer Gott sei, die Natur der Gottheit aber keineswegs zur Dreiheit der Personen erweiterte und diese wieder zur natürlichen Einheit zusammenfaßte. Denn Dieß lehrte uns das neue Testament. Wenn nun die natürliche Einheit und Identität bei Gott dem Vater und dem Sohne nicht angenommen wird (ich gehe nämlich geradaus in dem von Anfang an Vorgenommenen), dann wird eine Vermischung und Verwirrung stattfinden, und der Glaube der heiligen Schriften wird, wie ich glaube, von nirgendsher mehr Sicherheit und festen Bestand haben.

B. Wie oder auf welche Weise?

A. Da nämlich die heilige Schrift uns zuruft, Einer sei wesentlich und wahrhaft Gott, werden wir den Sohn aus der dießbezüglichen Ehre und Herrlichkeit vertreiben, wenn er nicht die Identität und Unverschiedenheit der Wesenheit mit Gott dem Vater in gewisser Weise zuläßt. Oder hast du nicht gehört, wie die Heiligen von Gott uns zuriefen, bald: „Einer ist der Gesetzgeber und Richter,“ bald aber wieder: „Der allein Unsterblichkeit hat.“ Wen also muß man für den alleinigen Gesetzgeber und Richter und Den, der allein Unsterblichkeit hat, halten?

B. Gewiß doch den Vater; denn ich glaube, sie werden ausser diesem keinen Anderen nennen.

A. Allerdings nicht, ich weiß es; denn so weit in der Übelberathenheit ist ihre Absicht gekommen. Werden wir also glauben, der Sohn sei keineswegs Gesetzgeber und Richter und entbehre auch der Unsterblichkeit, und er habe das Leben in sich als ein von aussen eingeführtes? Und was folgt daraus? Er wird dann gewissermaßen auch unfreiwillig unter Gesetz und Gericht sein und nach dem Maaße seiner eigenen Natur den Sterblichen beigezählt werden. Und wie wird dann nicht Trug und Täuschung und etwas noch Schlechteres als Dieß die göttliche Verkündung für uns sein, die evangelische nämlich, die uns beredet, den Worten des Sohnes Wahrheit beimessen zu sollen? Er sagt nämlich: „Ich bin das Leben,“ obwohl er nach Jenen keine Unsterblichkeit hat, wenn nämlich der Vater allein unsterblich ist. Und daß er auch Richter sein wird und als Gesetzgeber auftrat, bedarf, glaube ich, um es einzusehen, keiner Mühe. Hast du ihn denn nicht sagen gehört, bald: „Es ist gesagt worden: Du sollst nicht ehebrechen; ich aber sage euch: Jeder, der ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat schon in seinem Herzen mit ihr die Ehe gebrochen,“ bald aber wieder: „Denn der Vater richtet Niemanden, sondern alles Gericht gab er dem Sohne“?

B. Ich habe es gehört. Sag’ aber gleichwohl Dieses: Willst du, daß wir durch die Widerspruchseinwürfe die Rede fortüben, oder daß wir sie wider die Gegner gleichsam frei losrennen lassen ohne Beispiele [Belege aus der Schrift]?

A. Gehe doch nur tapfer darauf los! Die Sache nämlich wird den Verstand schärfen, um heftiger als vorher den Widersachern zu entgegnen und die Gründe der Gegner frischer zurückzuwerfen.

B. Laß uns also Alles einzeln und deutlich sagen!

A. Sage also deine Meinung! Denn ich werde sie keineswegs für die deinige halten, sondern vielmehr für die Meinung der Gegner.

B. Einer ist der Gesetzgeber und Richter, Gott der Vater. Es gebührt sich ja wohl auch nur der über Alles herrschenden Natur, Gesetze zu geben und zu richten. Aber auch der Sohn ist in der Herrlichkeit dahin gelangt, da Gott der Vater ihm Dieß gewährte.

A. Und welchem der Wohlgesinnten ist es nicht klar, daß du uns eitle Reden herauf schöpfen und eine frostige und unnütze Schaar von Einfällen aufhäufen wirst, wenn du nicht die Schriften der Heiligen uns als mit Dem, was du sagst, übereinstimmend erweisest? Denn wir werden nicht Denen folgen, die gewillt und gewohnt sind, nur die Einfälle ihres eigenen Denkens vorzubringen, sondern Denen, die aus dem Munde des Herrn reden, wie geschrieben steht.

B. Also der göttliche David, sagt Einer, sang (er redete aber gleichsam zum Vater bezüglich der Berufung der Heiden): „Stelle, o Herr, einen Gesetzgeber auf über sie; die Heiden sollen erkennen, daß sie Menschen sind!“ Daß aber Dieses und zwar ganz deutlich an ihm selber vollbracht worden sei, erklärt uns auch der Sohn selbst, da er sagt: „Ich aber bin von ihm zum König aufgestellt auf Sion, seinem heiligen Berge, verkündend das Gebot des Herrn.“ Der es aber als Geschenk des Willens eines Anderen hat, zu herrschen und Gesetze zu geben, wie sollte Der nicht die Macht zu Beidem als eine hinzugekommene und keineswegs natürliche haben, sondern vielmehr als eine verliehene?

A. „Erwachet, ihr Trunkene, aus euerem Weine!“ sollte man, und zwar ganz mit Recht, den Verkehrten zurufen. Denn da der Sohn in der Gestalt und durchgängigen Gleichheit mit dem Vater existirte, übernahm er eine freiwillige Entäusserung, indem er sich zu unserer Form herabließ, und wurde Mensch, dem das Herrschen und Gesetzgeben nicht anders als gegeben ist. Da er aber mit uns arm geworden ist und heilsordnungsgemäß einen knechtischen Stand übernahm, so bekennt er sowohl als Geschenk zu haben, was ihm von Natur aus gehört, als auch bequemt er sich ganz zu den Thaten und Worten der Entäusserung, und kein Schaden, glaube ich, entspringt hieraus für die an ihn Glaubenden, wenn sie die den Worten angemessene Zeit in Betracht ziehen. Denn wann gab Christus den Heiden Gesetze, und wann kam er, auf Sion das Gebot des Herrn verkündend, als da er Mensch wurde? Kann man ja doch auch ganz deutlich in den mosaischen Schriften sehen, daß der Sohn zu keiner anderen Zeit gesandt wurde, verkündend das Gebot des Herrn den Israeliten, als da er unsere Armuth anzog und der Herr der Propheten Prophet genannt wurde, und als den Erdgeborenen beigezählt das im Schooße des Vaters seiende Wort erschien! Es sprach nämlich irgendwo Gott, den höchst ehrwürdigen Moses eben hierüber versichernd: „Einen Propheten werde ich ihnen erwecken aus der Mitte ihrer Brüder wie dich. Und ich werde ihm mein Wort in seinen Mund geben, und er wird zu ihnen reden, wie ich ihm befehlen werde.“ Kann denn, o Freund, das noch nicht mit dem Fleische vereinigte und auf unbegreifliche und unaussprechliche Weise mit der menschlichen Natur verbundene Wort als Bruder der Israeliten gedacht werden, und ist es aus den Erdgeborenen selber entsprungen? Oder erklärst du vielmehr Dieses für richtig und wahr, daß er sich Bruder nennen ließ und an Moses Stelle trat, als Zuchtmeister nämlich und um Gesetze zu geben gekommen, und gleichsam ein dienendes Amt erfüllend, als er, die Erhabenheit der angeborenen Herrlichkeit ganz ablegen, wie zur gelegenen Zeit und zum Nutzen sich herabließ zur freiwilligen Entäusserung?

B. Du sollst wissen, daß, wie du vortrefflich gesprochen hast, auch ich denke.

A. Wenn sie also jeder Zeit das ihr Zukommende richtig zutheilen wollten, so würden sie, glaube ich, nicht in einen verschrobenen Sinn und ein verkehrtes Herz verfallen, und sie würden davon dann den Nutzen haben, die Lehre der Wahrheit richtig verstehen zu können. Dem Gesagten möchte ich aber auch noch Dieses beifügen: Wenn Einer es für gering hält und für Nichts achtet, Jedem von dem in der heiligen Schrift Geschriebenen die ihm zukommende und eigenthümliche Zeit anzupassen, was hindert dann, wenn auch vielleicht noch nicht als Mensch geworden das eingeborene Wort Gottes gedacht würde, doch zu sagen, er (es) sei gestorben, habe das Kreuz und dessen Martern erduldet, und vor der Vereinigung und Verbindung mit diesem irdischen Fleische hätten gottlos die Juden ihn (es) verhöhnt und gethan und gesagt, was doch wohl nur ihrer Verblendung angemessen ist, da ja auch, als hätte er schon gelitten, Christus irgendwo sprach: „Meinen Rücken gab ich her zu Geißeln und meine Wangen zu Backenstreichen, und mein Gesicht wandte ich nicht ab von der Schmach der Anspeiungen“? Ist es nun nicht in der That unsinnig und lächerlich, zu meinen, Das habe der Sohn nicht zur gehörigen Zeit, nämlich da er im Fleische war, gelitten?

B. Gewiß.

A. Aber lassen wir die Rede hierüber und laß uns auf das Gegenwärtige kommen, wenn es dir lieb ist!

B. Auf was?

A. Zur Untersuchung zu schreiten und genau zu erkunden und die Gegner zu fragen, ob in dem zum König und Gesetzgeber Aufgestelltsein etwa das So- oder Sosein des Sohnes der Wesenheit nach bestehe.

B. Nicht in dieser Aufstellung, werden sie sagen, wie ich glaube, bestehe das So- oder Nichtsosein des Sohnes (denn ich meine doch, sie werden in der Einfalt nicht so weit gekommen sein, obwohl sie maßlos schwätzen, daß sie zu sagen wagen, das Aufgestelltwerden sei eine Bestimmung (Definition) der Wesenheit); Das aber werden sie wahrscheinlich sagen, daß eben das Aufgestelltsein die Natur des Aufgestellten bezeuge. Denn er hat doch nicht von einem Anderen bekommen, sagen sie, was ihm von Natur aus inwohnt.

A. Nun, ihr Trefflichen, werden wir wieder sagen, ihr werdet keineswegs als geradsinnig und Liebhaber der Rechtgläubigkeit, vielmehr aber als sehr geneigt zu Irrthum und Trug erfunden werden. Denn schnell habt ihr vergessen, daß man das Geschriebene (die Schriftstellen) den gehörigen Zeiten zuweisen und das nicht ganz Gotteswürdige den Zeiten der Menschwerdung zutheilen müsse, wenn es auch von dem Eingebornen gesagt wird. Da ihr aber, nicht ganz von der richtigen Ansicht abweichend, saget, das vom Sohne ausgesagte Aufgestelltsein sei nicht dessen Wesenheit, sondern ein Zeichen für eine Sache, was hindert denn, zu meinen und zu sagen, Gott der Vater habe gewollt, daß der Sohn, welcher König und Gesetzgeber wesenhaft ist, als Das, was er ist, den Erdgebornen erscheine, und zwar keineswegs, als habe er König zu sein angefangen, sondern gewissermaßen zugestimmt, ihnen künftighin Gesetze geben zu sollen und nun seinem Scepter Diejenigen unterwerfen zu wollen, welche durch den Wahn der Vielgötterei von seiner Herrschaft und Macht abgefallen waren. Für durchaus ungereimt aber halte ich es, zu sagen, daß das Wort des Vaters, wenn es Einige weise machen wollte, durch den Willen des Vaters berufen worden sei, anzufangen, Gesetze zu geben, und nicht auch zu glauben, daß es als Gott Gesetzgeber sei von Natur. Denn wenn in einer dunklen und düsteren Kammer einige Zeit das Licht des Sonnenstrahles nicht eindrang, weil Nichts die Einstrahlung zuließ, und dann, nachdem Dieß geschehen ist, sogleich eindringt und die Finsterniß weicht, das jenen Orten ungewohnte Licht aber hineinlacht, welches auch, wenn es eine Stimme hätte, den über die Sache Erstaunten etwa erzählen würde, daß es von der erzeugenden Sonne aufgestellt sei, an jenem Orte sich ergießen und das von der Finsterniß Beherrschte von nun an erheitern zu sollen, — würde Jemand zugeben, daß es da erst die Natur des Lichtes erlangt habe, als es zuerst eindrang?

B. Keineswegs, wie es scheint, denn es war immer Licht.

A. Warum also stellen uns Jene wie eine uneinnehmbare Schanze Das entgegen, daß es heisse, der Sohn sei von Gott dem Vater als Gesetzgeber oder König aufgestellt worden, obwohl Gott der Vater keineswegs erklärt, daß er damals die natürliche Herrlichkeit der Gesetzgeberschaft angefangen habe, sondern befiehlt, billigt und zustimmt, daß er künftighin auch die Schaaren der Heiden seinen Gesetzen unterwerfen solle, während in den früheren Zeiten nur Israel unterjocht war und unter die göttlichen Gesetze den Nacken beugte?

B. Aber wenn sie wollen, daß der Sohn deutlich als Gesetzgeber erwiesen werde, wie und woher wird Dieß von uns geschehen?

A. Ich meine ja doch, es sollte hierin wenigstens für die Gelehrigeren Das genügen, was wir eben gesagt haben, Denn da über das Gesetz und die den Alten ertheilten Befehle Gott deutlich spricht, so ist zu ihnen Nichts hinzuzufügen und ist von ihnen Nichts hinwegzunehmen (denn es geziemt wohl auch nur der über Alles herrschenden Natur, Gesetze geben zu sollen und hinzuzufügen und wegzunehmen, was sie will); es gab der Sohn sein Gesetz, und er hob das alte Gebot als unnütz auf und führte das neue ein, das heißt das evangelische, und zwar als Gesetzgeber nicht mit übertragener Vollmacht, sondern in göttlicher Machtvollkommenheit. Es bestätigt aber diese Ansicht auch der weise Paulus, der also schreibt: „Ich bin den Juden geworden wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen, Denen unter dem Gesetze wie unter dem Gesetze stehend, obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetze bin, um die unter dem Gesetze Stehenden zu gewinnen; den Gesetzlosen wie ein Gesetzloser, obwohl ich nicht gesetzlos bin vor Gott, sondern im Gesetze Christi bin, um die Gesetzlosen zu gewinnen.“ Siehe, wie er das Gesetzlossein vor Gott zurückweisend erklärt, er sei im Gesetze Christi, indem er die Doppelehre ihm zutheilt und ihm als Gott von Natur die gesetzgeberische Macht als eine Auszeichnung beilegt. Da man also nicht gesetzlos ist vor Gott, wenn man im Gesetze Christi ist, welcher Grund wird noch den Sohn davon ausschließen, sowohl Gesetzgeber als Gott zu sein?

B. Keiner, wie ich glaube.

A. Man kann aber dem Gesagten sehr wohl auch Dieß beifügen.

B. Was?

A. Daß ausschließend und allein nur Gott der Vater den Alten und ihren Nachkommen Gesetze gegeben habe, wird man, glaube ich, keineswegs zeigen können; man wird aber bemerken und zwar ganz ohne Mühe, daß er es mit dem Sohne und durch den Sohn gethan habe. Denn wo oder wem hat der Vater Gesetze gegeben, während der Sohn schwieg und abwesend war?

B. Und doch schreibt uns der weise Paulus: „Gott, der vor Alters zu den Vätern geredet hat in den Propheten.“ Moses aber wieder sprach irgendwo zu den Israeliten: „Gott der Herr hat zu uns geredet auf Horeb.“

A. Trefflich (Bravo), mein Bester! Wenn nämlich die Heiligen, wie du sagst, der Person Gottes des Vaters jene alttestamentliche und schattenhafte Offenbarung vorbehalten haben, so komm’, laß dir beweisen, daß sie die des Sohnes sei, der sie sein eigenes Wort nennt. Denn er kam ja keineswegs, sie aufzulösen, und durchaus nicht, um die Aussprüche der Propheten umzustürzen, sondern viel mehr um Propheten und Gesetz zu vollenden. „Denn ich sage euch,“ sagt er, „nicht ein Jota oder ein Strichlein vom Gesetze wird vergehen, bis Alles geschieht.“ „Der Himmel und die Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Verstehst du also, wie er, indem er sprach, es müsse durchaus und gewiß das ganze Gesetz wahrhaftig erfüllt werden, dasselbe seine Worte nannte? Man kann aber sehen, daß er auch anderswo durch einen der heiligen Propheten deutlich ausrief: „Ich selbst, der ich redete, bin da.“ Ich bin Mensch geworden und in euerer Gestalt erschienen, der ich vor Alters redete, obwohl Gott der Vater die Aussprüche der heiligen Propheten geoffenbart hat. Daß aber Dem, der einmal die Ehre des Gesetzgebers hat, naturgemäß jedenfalls auch das Richterseinmüssen folgen wird, der Diejenigen, welche das Festgestellte verachten und zu Dem abweichen, was ihnen beliebt, scharfen Strafen unterwirft, ist keineswegs zweifelhaft.

B. Ganz gewiß.

A. Gleichwie nun, wenn auch vielleicht vom Vater gesagt würde „ein Gesetzgeber und ein Richter“, auf keine Weise der Sohn dieser doppelten Ehre und Wahrheit verlustig gehen wird, da Nichts ihn von der natürlichen Identität mit Gott dem Vater scheidet, aus dieselbe Weise wird, glaube ich, wenn auch von Gott dem Vater gesagt würde, daß er allein die Unsterblichkeit habe, diese Würde auch im Sohne wesenhaft sein, und er wird gewiß unsterblich heissen oder auch die Unsterblichkeit selbst und, der Vollkommenheiten des Erzeugers sich erfreuend, sowohl von uns selbst als von den heiligen Engeln angebetet werden. Wenn sie aber etwa sagen, Das sei nicht so, und uns der Lüge anklagen, da wir doch das Wahre verehren, so sollen sie Dieses sagen.

B. Was doch?

A. Erstens, ob Das, was des Lebens und der Unsterblichkeit entbehrt und Dieses von Haus aus nicht hat, jedenfalls sterblich sein wird und das Leben als Geschenk besitzt, wie von einem Anderen gegeben.

B. Sterblich ja wird Das sein der Möglichkeit nach, was nicht unsterblich ist von Natur.

A. Und ausserdem sollen sie noch beantworten, welches denn wohl die Wirksamkeit des Lebens auf das des Lebens Bedürftige sei.

B. Die Lebendigmachung natürlich, wie gewiß auch das Erleuchten ein Werk des Lichtes sein wird.

A. Richtig. Wenn aber Einer meint, das Leben werde von etwas Anderem belebt, und auch das Licht werde erleuchtet, scheint er dir richtig zu vermuthen?

B. Keineswegs, sondern vielmehr von der gesunden Denkweise abgefallen zu sein. Denn das von etwas Anderem Belebte ist nicht mehr Leben.

A. Falls nun der Eingeborne uns daherkäme und riefe: „Ich bin die Auferstehung und das Leben,“ muß man annehmen, das Lehen entbehre der Unsterblichkeit, oder wie?

B. Es entbehrt ihrer nicht; woher denn? Das Leben ist ja von Natur die Unsterblichkeit.

A. Da nun also, sage ich, Gott der Vater allein die Unsterblichkeit hat (so nämlich sagt uns der heilige Ausspruch), wie hat sie der Sohn? Allein ich glaube jedenfalls, daß die Einheit selbst von Beiden beweise und zwar sehr leicht, daß ihr Leben wesenhaft und ihre Unsterblichkeit angestammt sei und kein hinzukommendes Gut. Wenn sie aber in ihrer Verkehrtheit sagen zu sollen glauben, daß der Sohn Gott dem Vater fremd sei und eine andere und eigene Natur bekam und nicht wahrhaft Gott ist, obwohl er von Natur unsterblich ist oder vielmehr ganz Leben, werden sie damit nicht Das, was nur der göttlichen und unaussprechlichen Natur zukommt, und Das, weßwegen sie mit Recht von uns sowohl als den heiligen Engeln bewundert wird, auch Dem beilegen und sagen, es sei in ihm, der übrigens zu den Geschöpfen gehört, wenigstens nach ihrer geschwätzigen Meinung?

B. Wie so?

A. Daß es Dem, der von Natur wesenhaft und wahrhaft Gott ist, zukomme, glaub’ ich, beleben zu können und Leben zu sein, werden sie, ich weiß es, auch selbst sagen. Wenn also der Vater wesenhaft Dieses ist, der Sohn aber nach Jenen der natürlichen Identität mit ihm ermangelt und, obwohl er um so viel geringer ist, sich selbst das Leben nennt und die Auszeichnung der Wesenheit des Vaters seiner eigenen Natur zuschreibt, ist dann nicht wahr, was ich sagte? Denn die Eigenthümlichkeit der unaussprechlichen Natur ist dann auch auf Das übergetragen, was nicht aus ihr ist, sondern gleichsam zugleich mit dem Übrigen in’s Dasein gerufen ward. Denn unter Das, was für seiend gehalten wird, wird vor Allem Gott gerechnet und hernach die Kreatur. Dazwischen aber liegt durchaus nichts Anderes. Oder ist nicht wahr, was ich sage?

B. Allerdings.

A. Wenn nun der Sohn von anderer Wesenheit ist und Das nicht besitzt, was sie dem Vater zuschreiben, wie kann dann die natürliche Wirksamkeit Derjenigen ein und dieselbe sein, die in Rücksicht auf die Art des Seins so verschieden sind? Denn „wie der Vater“, sagt er, „lebendig macht, welche er will, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will.“

B. Aber: Jawohl, sagen sie, Leben ist der Sohn; er sagt aber doch: „Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich durch den Vater lebe.“ Er ist also Leben durch den Vater.

A. Also, o Treffliche, werden wir meinen, auch selbst der Sohn werde durch Gott den Vater lebendig gemacht zugleich mit den Anderen, und das Leben sei Denen beizuzählen, die das Leben von aussen und als hinzukommend haben? Man stelle denn also den Sohn auch zu den Sterblichen. Verlierbar nämlich ist das Hinzugekommene, und den Besitz Dessen, was man empfangen hat, kann man möglicher Weise auch veräussern, da es nicht durch natürliche Gesetze in festem Besitze gehalten wird.

B. Wie also kann man meinen, daß er durch den Vater lebe, wenn er auch selber von Natur aus Leben ist?

A. In der That ist Dieß ein Beweis seiner edlen Abstammung aus Gott dem Vater und eine genaue Angabe seiner natürlichen Identität.

B. Wieso?

A. Er sagt nämlich keineswegs deutlich, er werde lebendig gemacht vom Vater, sondern: Ich lebe durch den Vater.

B. Was heißt also Das?

A. Für Den, dessen eigene Natur der Unsterblichkeit und des Lebens ermangelt, und der Dieß als Geschenk von einem Anderen empfängt, paßt es, und zwar sehr richtig, zu sagen: Der Vater hat mir das Leben gegeben. Wer aber weiß, daß er als Leben hervorging aus dem Leben, und daß er die Unsterblichkeit als Frucht in Folge seiner Wesenheit habe, dem geziemet es, zu sagen: „Ich lebe durch den Vater.“  Denn wenn zum Beispiel der Sohn eines Menschen, der als vernünftig von einem vernünftigen Vater abstammt, sagen würde: „Ich bin vernünftig durch den Vater,“ oder wenn, um ein anderes Beispiel zu gebrauchen, die vom Feuer ausgehende Wärme reden und sagen würde: „Ich habe eine warme Ausstrahlung durch das Feuer, von dem ich herstamme,“ wird nicht Jeder, der Verstand hat, dafürhalten, sie hätten die Eigenthümlichkeit der Naturen, aus denen sie bestehen, vielmehr an sich selbst, als daß sie die Beschaffenheit ihres Seins als eine hinzukommende und als etwas Geschenktes bekommen hätten?

B. Es scheint.

A. Es lebt also der Sohn durch den Vater. Denn als Leben aus Leben entsprang er aus dem Vater, als wahrer Gott, wie gewiß auch der Erzeuger. Zum Bestätiger aber meiner Reden nehme ich auch den höchst weisen Johannes, der von ihm also schreibt: „Und wir wissen, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns einen guten Sinn gegeben hat, damit wir erkennen den wahren Gott, und wir sind in dem wahren, in Jesus Christus, seinem Sohne. Dieser ist der wahre Gott und das ewige Leben.“ Scheint dir Etwas noch deutlicher als Dieses und stärker zur Widerlegung der Meinung, daß der Sohn sich anders verhalte, als wie der Natur nach der Vater sich verhält?

B. Nichts, wie ich glaube, da die Stimme des Theologen den Gegnern ein unbestreitbares Zeugniß entgegenstellt. Doch wenn der Sohn wahrer Gott genannt wird, so lachen sie und sagen, er sei nicht wirklich wahrer Gott, aber der Name sei ihm verliehen worden nach dem Willen des Vaters. Denn es sagt irgendwo, sagen sie, der heilige Paulus: „Gott hat ihn erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.“

A. Daß ihm ein Name gegeben wurde, der da ist über alle Namen, Das, wisse, sage auch ich! Denn geschwätzig den Stimmen der Theologen widersprechen zu wollen, halte ich keineswegs für die Sache eines guten Sinnes, sondern vielmehr für ein schwaches Unternehmen eines verirrten und von sich gekommenen Denkens. Ich wundere mich aber über die Geneigtheit der Gegner zur Täuschung, welche den Grund, warum er gegeben wurde, nicht einmal zu bedenken sich beeifern, sondern so nach Worten jagen und dreimal gewünscht (= gierig) Alles ergreifen, was als der Ehre und dem Ruhme des Sohnes entgegenstehend sich zeigt, so daß sie Nichts für besser halten, wiewohl als die Zeit, wo er gegeben wurde, die heilige Schrift uns keine andere bezeichnet als diejenige, in welcher der Eingeborne, „in der Gestalt Gottes existirend, es für keinen Raub hielt. Gott gleich zu sein,“ wie geschrieben steht,  „aber sich selbst entäusserte, Knechtsgestalt annehmend, Menschen ähnlich werdend und im Äusseren erfunden wie ein Mensch; er erniedrigte sich, indem er gehorsam wurde bis zum Tode, dem Tode aber des Kreuzes.“ Damals nämlich „hat auch Gott ihn erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit im Namen Jesu jedes Knie sich beuge im Himmel, auf Erden und unter der Erde und jede Zunge bekenne, daß Jesus Christus der Herr ist zur Ehre Gottes des Vaters.“

B. Was soll nun Dieses?

A. Offen und eben ist für Die, welche richtig denken wollen, die Bahn, die zur Wahrheit führt. Verstehe also, mein Lieber: Daß er gleichsam als Gnade einen Namen empfing, der da ist über alle Namen, Das ist die sogenannte Entäusserung und heilsordnungsgemäße Erniedrigung des Wortes zu uns. Wenn aber das „Empfangen“ im Stande der Entäusserung sich findet, so erscheint übrigens Das, was er vor der Entäusserung war, gewiß von der Art, daß er es nicht zu empfangen brauchte, weil er von Natur aus besaß, was er war, nämlich: das Sein in der Gestalt Gottes des Vaters. Und wenn er sich erniedrigte, indem er aus einem hohen und erhabenen Stande zu einem geringeren herabstieg, so wird er gewiß zu Dem, was er war, erhöht zurückkehren, nicht in eine fremde Ehre und Herrlichkeit sich erhebend, sondern in die von Anfang ihm eigene. Wenn sie es aber für etwas Großes halten, behaupten zu sollen, daß der Sohn zu einer ungewohnten Ehre und Herrlichkeit emporgestiegen sei, indem er den Namen über alle Namen als geschenkt vom Vater empfing, so widersteht, wie es scheint, Nichts mehr dem Versuche, das Geheimniß der Menschwerdung umgekehrt zu denken, und der Verkehrung der Sache in’s gerade Gegentheil. Ich will aber auch sagen, wie. Wenn nämlich das Empfangen für den Sohn keine Erniedrigung ist, sondern ihm, dem Erniedrigten, eine Erlangung Dessen zu Theil wurde, was keineswegs wesenhaft ihm zugehört, so wird mit mehr Wahrheit die Zeit vor der Erniedrigung eine Erniedrigung sein, eine Zeit der Auszeichnung und Herrlichkeit aber diejenige, in der von ihm ich weiß nicht wie gesagt wird, er habe sich erniedrigt, da er doch erwarb, was über seine Natur und seinen Rang hinausging, und unerwartet zu Dem gelangte, was unvergleichlich mehr ist, als was er früher war. Es steht also fest, daß nach der richtigen Lehre und auch nach deiner Ansicht es sich geziemt, zu glauben, es sei dem Sohne der Name, der da ist über alle Namen, damals gegeben worden, als er auch, in unsere Gestalt gekleidet und wie Einer aus uns geworden, zum Sohne Gottes erklärt wurde, adoptirt mit uns und wegen uns, er, der Achte (Vollbürtige), damit auch wir durch ihn Söhne wären, als Theilnehmer erfassend die übernatürliche Herrlichkeit. Meinst du nicht, daß diese unsere Rede auf dem geraden Wege des Geziemenden dahingehe?

B. Ja freilich.

A. Doch weil wir gar sehr darauf bedacht sind, Besseres zu denken als die Übelberathenheit Jener, werden wir die Ehre des Eingebornen makellos bewahren, „die Rathschläge aber niederreissen und alle Hoheit, die sich erhebt,“ wie geschrieben steht,  „und jeden Verstand gefangen nehmen zum Gehorsam gegen ihn.“ Wenn wir aber Dieses zu thun nicht anhalten, sondern den Verläumdungen Jener den Sieg einräumen, dann werden wir in der That den Eingebornen der wahren Gottheit berauben und somit sagen, er habe keinen Vorzug vor uns.

B. Erkläre, wie; oder wirst du säumen, es zu sagen?

A. Ich werde ja gewiß gerne reden und will hierin wenigstens keineswegs säumig sein. Ist es denn nicht wahr, zu sagen, daß, wenn ihm der Name, der da ist über alle Namen, verliehen und die Bezeichnung als Gott gewissermaßen geschenkt ist, Dieß ihm möglicher Weise verloren gehen kann? Denn was gegeben ist, ist nicht durchaus festgegründet. Es würde aber auch dem Vater selbst, sofern es auf Folgerungen ankommt, Etwas passiren, was zu sagen nicht recht ist. Er wird nämlich geringer sein als der Sohn, und die Natur des Erzeugers wird Derjenige überragen, der nach ihnen niedriger steht, oder vielmehr der die Herrlichkeit der Gottheit als falschen Stempel hat und sich bloß mit unächten Würden brüstet, wenn er nämlich in Wahrheit nur dem bloßen Namen nach Gott ist.

B. Welch’ schreckliche Ungereimtheiten bringt uns da die Rede herein.

A. Schreckliche freilich, Das ist wahr, aber welche die Bloßstellung nöthig haben. Denn es scheucht uns bisweilen das für nicht richtig Gehaltene fort, der Spur der Wahrheit nachjagen zu sollen. Wenn nun der Sohn, wie sie meinen, ein Lohndiener war und jenen Namen von Gott dem Vater gleichsam als Belohnung für die Erniedrigung bekam, so wird er vor den Zeiten der Erniedrigung mit Recht auch als desselben beraubt gedacht werden, wenn er nämlich zur Zeit derselben im Besitze dieser hinzugefügten und leicht verlierbaren Gnade erblickt wird. Und wie war er dann in der Gestalt und Gleichheit Gottes des Vaters, als er die freiwillige Erniedrigung noch nicht übernommen und die Gestalt und den Rang eines Knechtes noch nicht anzunehmen sich gewürdigt hatte? Denn er hielt es nicht für Raub, Gott gleich zu sein, obwohl er Das haben konnte. Wenn wir nun sagen, der Sohn sei auch vor den Zeiten der Erniedrigung in der Gestalt und Gleichheit Gottes des Vaters, nach der Erniedrigung aber wurde er geehrt und stieg zu einem die ihm angeborene Herrlichkeit überragenden Range empor, so überstieg er doch wohl auch selbst den Vater.

B. Welch scharfe Rede!

A. Aber doch wahr, was die Folgerungen betrifft. Und wenn nun der Sohn etwas Besseres gewann, als er den über Alles erhabenen Namen bekamt so wird er gewiß in seinem Range hocherhaben sein und die Natur Gottes des Vaters übertreffen. Denn Das hat uns die scharfe Rede soeben gezeigt. Wenn man ihn aber keineswegs höher gestellt sieht, als er war, wiewohl er Das empfangen hat und die Gnade durchaus Nichts hinzufügte, erscheinen dann Diejenigen nicht als verächtliche Lügner, welche so weit in der Keckheit zu gehen nicht verschmähen, daß sie sogar zu sagen wagen, daß die Natur der unaussprechlichen Gottheit das Geschöpf nur um wenig, um nicht zu sagen um gar Nichts übertreffe? Sie würde aber keineswegs zur Erhebung in einen höheren Rang Etwas nützen, wenn sie auch irgend einem Wesen das Ihrige mittheilte. Aber so zu denken ist unsinnig; das Göttliche aber ist zuverlässig und erhebt zur höchsten Vollendung; es würde also Gott den Vater bereits als größer erscheinen als er selbst und als ein Geber von Größerem, als er hat.

B. Wie so?

A. Hat er ja doch den Sohn, der auch vor den Zeiten der Erniedrigung in der Gestalt und Gleichheit mit ihm war, und der auf keine Weise unter der ihm inwohnenden Herrlichkeit stand, (noch mehr) hoch und erhaben gestellt, da er ihm den Namen gab über alle Namen. Ist nun Dieses nicht bereits Mist und Wildheit von Lästerungen und eine Ungereimtheit von Folgerungen, die nach der alleräussersten Thorheit riecht?

B. Allerdings.

A. Aber auch auf andere Weise kann man die Ungereimtheit Jener auf’s Gerechteste, glaube ich, verdammen, wenn man Dieses erwägt. Wenn nämlich der Sohn wußte, daß er sich des bloßen Namens der Gottheit bediente und Dieß nicht als eine Frucht seiner Natur habe, was bewog ihn, bereits deutlich zu rufen: „Ich bin die Wahrheit“? Denn das Unächte ist nicht wahr, und Das, was durch fremden und hinzugefügten Schmuck nicht als Das erscheint, was es von Natur ist, erzwingt zwar das Ansehen der Wahrheit und wagt keck, sich damit zu umgeben, in Wahrheit aber verhält es sich nicht so und wird durch folgernde Untersuchungen als häßlich überführt. Warum aber glaubte, der nicht von Natur Gott ist, sich nicht den gemachten Göttern beizählen zu sollen, und erhob sich, sich von der Schaar der Heiligen absondernd, auch gleichsam an einen eigenen und Keinem der Anderen zugänglichen Ort, indem er sprach: „Wenn er Diejenigen Götter genannt hat, an welche das Wort Gottes erging, und die Schrift nicht gelöst werden kann, was saget ihr zu Dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?“ Wenn nämlich Jene, sagt er, Götter genannt wurden, die das Wort Gottes beherbergten und in ihre Seele aufnahmen, wie sollte Der nicht Gott sein, durch den Jene Götter sind? Denn „Gott war das Wort,“ gemäß dem Ausspruche des Johannes. Das „war“ aber eignet ihm die Herrlichkeit nicht als eine neuere zu, sondern als eine, die älter ist als alle Zeit. Denn wohin doch sollte das „war“ entwischen, oder zu welchem Ende wird es uns gelangen, da es immer weiter entweicht und in fortwährendem Laufe dahineilt und keiner Zeit den Vortritt überläßt, sondern gleichsam über alles Denken hinaus der Zeit vorangeht?

B. Ganz richtig; denn vor aller Zeit ist immer das „war“.

A. Der heilige Paulus aber weiß, daß der Sohn nicht in unächten Würden prange, sondern vielmehr von Natur Gott ist, indem er ihn in wesenhafter und natürlicher Einheit mit Gott dem Vater verbindet.

B. Wieso?

A. Er schreibt nämlich also: „Denn wenn es auch viele sogenannte Götter und viele Herren gibt im Himmel sowohl als auf der Erde, aber für uns ist nur ein Gott, der Vater, aus dem Alles, und ein Herr, Jesus Christus, durch den Alles.“ Wenn er nun wußte, daß er den Göttern, die es durch Gnade sind, beigezählt werden müsse, warum warf er ihn nicht mit den Anderen zusammen und zeigte, einzig und allein sei für uns Gott und Herr der Vater, sondern stellte gleichsam Jeden von Beiden besonders und glaubte, den Namen der Gottheit dem Vater, den der Herrheit aber dem Sohne zutheilen zu sollen? Allein ich glaube, man wird es für vernünftig und nothwendig halten, daß weder von der natürlichen (wesenhaften) und wahren Gottheit die Ehre, über Alles herrschen und gebieten zu können, hinweggerissen werde noch von der wahren Herrheit die Natur der Gottheit fortfliege, vielmehr aber wird Beiden Jedes von Beiden zukommen, wenn sie auch getrennt zu sein scheinen. Ein deutlicher Beweis aber für die eine Natur ist Dieß, daß Beide gleichsam vollkommen bekränzt sind mit den natürlichen Eigenschaften eines Jeden von Beiden, und die völlig gleiche Natur in Beiden, die auch durch lautere Identität bezeugt ist, wird überhaupt durchaus nichts Unächtes aufnehmen.

B. Wie wäre es denn möglich?

A. Wenn man aber dich fragen würde, ob du dem Sohne eine wesenhafte und natürliche Sohnschaft beilegest oder eine nur durch den Willen des Vaters, wie man gewiß auch in Bezug auf uns selber zugeben wird, was würdest du sagen, o Hermias?

B. Eine wesenhafte, würde ich sagen; ich werde aber den Gegnern keineswegs wahrhaftig zu sein scheinen.

A. Allerdings. Sie werden aber beifügen, daß wir den Verstand verloren hatten und von der richtigen Denkweise abgekommen seien. Denn wen von Denen, die ihnen nicht zustimmen wollen, sollten sie nicht verhöhnen, sie, die so sehr wüthend geworden und im Wahnsinn so weit gekommen sind, daß sie meinen, der Sohn müsse adoptirt sein und mit den Anderen zusammengestellt werden, wiewohl sie, weil sie sich ihrer eigenen Erfindungen schämen, und um die gekränkte Wahrheit gleichsam zu bezaubern, ihm eine auserlesene und den Anderen unzugängliche Herrlichkeit andichten und eine so große Ehre bei sich selber ersinnen, als sie ihm eben nach Belieben zumessen wollen. Aber ich möchte sie gerne fragen, um die Weise der beiderseitigen Annahme an Sohnes Statt, auf welche (Weise) sie denn sagen, daß sie geschehen sei. Wir nämlich sind zu Söhnen berufen; das „Wie“ aber werden nicht wir sagen, sondern Paulus wird es lehren, welcher schreibt: „Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in euere Herzen, der da ruft: Abba, Vater.“ Also weil auf unaussprechliche Weise durch seinen Geist der Sohn in uns wohnt, sagen wir, wir seien zur geistigen Sohnschaft berufen worden. Wirst du nicht sagen, so sei es geschehen?

B. Freilich. Ich erinnere mich ja auch des höchst weisen Johannes, der von Gott uns zurief: 7 „So Viele ihn aber aufgenommen haben, denen gab er die Macht, Kinder Gottes zu werden.“

A. Siehe nun, mein Lieber, wohin uns die Rede über den Eingebornen enden wird, wenn er auf gleiche Weise den zur Sohnschaft Berufenen beigezählt wird. Denn das angenommene (Adoptirte) gilt doch wohl nicht anders als Sohn ausser durch den Sohn im Geiste. Das bezeugt auch Paulus, da er sagt: „Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in euere Herzen, der da ruft: Abba, Vater!“ In wem nun wird auch er selbst Sohn sein? Denn sie werden doch, glaube ich, nicht sagen: In sich selbst und durch sich selbst, obwohl er einer der Adoptivsöhne ist, da er ja nach ihnen nicht von Natur und in Wahrheit Sohn ist.

B. Allein wenn sie sagen, daß den Sohn wir, er aber den Vater in sich beherberge, was hast du hierauf zu sagen?

A. Ich würde sagen, daß, wenn sie nach ihrem Belieben die göttliche Natur uns bestimmen, wie sie sich verhalte, und ihr ohne Untersuchung willkürlich Gesetze auflegen, so werden sie, die einmal so weit gekommen sind, wahrscheinlich einen ganz kurzen oder vielmehr überhaupt keinen Grund haben, da sie ja vorbringen, was aus ihrem Herzen ist, von Dem aber, was aus dem Munde des Herrn kommt, Nichts reden werden. Wenn sie aber meinen, Das, was sie zu denken belieben, müsse den Weg der reinen Gotteserkenntniß wandeln, so sollen sie es durch die Aussprüche aus der heiligen Schrift besiegeln.

B. Jawohl, sagen sie. Es sprach nämlich der Sohn zu Philippus:  „Glaubst du nicht, daß ich im Vater und der Vater in mir ist?“

A. Heiligt also den Sohn der Vaters der in ihm ist?

B. Gewiß, werden sie sagen.

A. Und zwar, weil er von Natur heilig ist und von Haus aus die Heiligkeit hat und die Macht, Diejenigen zu heiligen, in denen er ist, oder weil er Dieß von einem Anderen bekommen hat?

B. Natürlich weil er selbst von Natur heilig ist.

A. Also, ihr Trefflichen und zu allem möglichen Unsinn Geneigten, ist der Sohn der natürlichen Heiligkeit beraubt und hat keine von der Sünde freie und durchaus abgelöste Natur erlangt, was wenigstens sie selbst betrifft. Wenn sie nun auch zugeben, sie habe einen Nutzen daraus, daß sie vom Vater geheiligt ist, und empfange in Dem, was wir an ihr bewundern, Befestigung (Weihe) und Ehre, während aber die Heiligung dem Sohne Nichts weiter verleiht, so ist es übrigens vergeblich, zu sagen, es hause und wohne in ihm Gott der Vater. Und welches etwa die Weise hievon sei, oder wie sich die Sache verhalte, werden wir am besten folgender Maßen erwägen. Der Sohn nämlich, wie sie und vielleicht nur sie gottloser Weise meinen, beherbergt den Vater als der Heiligung bedürftig. Was aber soll man denken, daß auch der Vater selbst erlangt habe dadurch, daß er den Sohn in sich hat? Wenn sie nun sagen werden, Dieß sei die Weise der vollkommenen Heiligung Dessen, was zur Heiligung von Natur aus geeignet ist, warum sind nicht auch wir, die wir den Geist empfangen haben, in ihn übergesiedelt, so daß er in uns, wir aber wieder in ihm wohnen? Wenn aber die allzugroße Ungereimtheit sie verwirrt (denn der Geist ist in uns und nicht wir in ihm der Natur nach), wie schwimmen sie nicht auf eitlen Gedanken, wenn sie meinen, es nicht der Identität der Wesenheit zuschreiben zu sollen, daß der Sohn im Vater, der Vater aber wieder im Sohne ist, sondern behaupten und denken wollen, nach Art der von aussen herzukommenden Güter wohne der Erzeuger im Sohne? Übrigens (denn auch Das wird man sagen müssen) werden wir denn nicht durch die Einheit mit dem Sohne, die durch den heiligen Geist in Denen wirkt, die da wollen, zur Sohnschaft gestaltet, indem der Sohn uns gleichsam zu seiner Herrlichkeit umbildet und die Kennzeichen seiner Form den Seelen Derer, die ihn aufnehmen, einprägt und gleichsam einzeichnet?

B. Gewiß.

A. Es wird also dem Sohne die Macht, Söhne zu machen, als natürliche Thätigkeit zukommen, und aus keinem anderen Grunde, wie ich glaube daß es recht und billig ist, als weil er der Sohn ist.

B. Es sei! Was folgt daraus?

A. Daß wir gemäß der richtigen und genauen Folgerung nicht zugeben werden, daß die Einwohnung des Vaters etwas Anderes wirke, sondern daß, was durch ihn erfüllt wird, ebenso vollendet werde, wie es auch beim Sohne gedacht wird. Denn der Vater läßt doch gewiß dadurch sehen, daß der Vater und nicht, daß der Sohn Denjenigen, in welchem er wohnen will, auch nach seinem Bilde umgestalte.

B. Werden wir also zugeben, sag’ mir, daß das göttliche Abbild in uns, womit die Natur des Menschen beschenkt ist, wie es heißt (denn sie ist gemacht nach dem Bilde und Gleichnisse Gottes), bloß nach der Ähnlichkeit mit dem Sohne sei, oder werden wir hiezu mit dem Sohne auch den Vater ausnehmen und sagen, wir seien gestaltet nach der ganzen göttlichen Natur, obwohl wir Söhne heissen und als Kinder gelten?

A. Aber, mein Lieber, glaubst du denn nicht denken zu müssen, daß unser ganzer Glaube hierin auf eine Natur der Gottheit hinblickt, die in drei besonderen Hypostasen existirt, welche, einander gleichförmig und gleichgestaltig, in eine höchste Schönheit zusammenlaufen, nach welcher auch wir gestaltet sind, den Schriften gemäß, daß wir aber zur Sohnschaft besiegelt werden durch den Sohn im Geiste? Denn die Sohnschaft wird wohl ein Bild des Sohnes sein, die Vaterschaft aber des Vaters; also Söhne sind wir durch die Sohnschaft, Bild und Gleichniß Gottes aber, weil wir ursprünglich so gestaltet wurden nach der ganzen Natur, natürlich der höchsten.

B. Du hast Recht.

A. Geschwätzigkeit also, die gar Nichts hat, was zum Nutzen dient, ist es, sich gerne auf die Untersuchung Dessen zu verlegen, was sich nicht geziemt. Für weise aber halte ich es, Das zu erwägen und zu bedenken, was durchaus und gewiß einen Nutzen mit sich führt.

B. Ganz richtig.

A. Possen also sind ihre Lehren, und weit fort damit, da sie bis zum äussersten der Übel gekommen sind! Wir aber werden keineswegs glauben, der Sohn sei ein unächter und eben erst geborener Gott, und er werde von Gott geheiligt oder sei zur Sohnschaft berufen worden und empfange mit uns eine hinzugefügte Herrlichkeit, sondern vielmehr, er besitze durch ein Gesetz seiner Natur Das, was er ist. Er wird ja doch nicht durch seinen eigenen Geist zum Sohne gemacht (angenommen) sein. Denn daß der Geist des Sohnes eigener Geist ist, wie gewiß auch des Vaters, kann man auch ganz ohne Mühe von ihm selbst erfahren, da er sagt: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, eueren Kindern gute Gaben zu geben wisset, um wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes Denjenigen geben, die ihn bitten!“ Und abermals:  „Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eueres Vaters (ist es), der in euch redet.“ Deßgleichen schreibt auch Paulus den Gläubigen also:  „Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern im Geiste, wenn nämlich der Geist Gottes in euch wohnt. Wenn aber Jemand den Geist Christi nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib todt um der Sünde willen, der Geist aber Leben um der Gerechtigkeit willen.“ Der also und Erdenmenschen mit der Ehre der Sohnschaft schmückt (vergoldet), der Geist nämlich, wird, da er ja des Sohnes ist, zwar an Anderen die Adoption bewirken, er wird es aber durchaus nicht thun an Dem, dessen (Geist) er ist, da er nicht als hinzugefügt noch als von aussen herzukommend, sondern wesenhaft sein ist und durch ihn ausgegossen wird in Die, die ihn zu empfangen werth sind, nach dem Wohlgefallen des Vaters. Scheint dir Das nicht richtig gesagt und gedacht?

B. Ganz und gar.

A. Wenn nun aber der Lehrer unserer göttlichen Mysterien, Johannes, daherkommt und über Gott und uns ausruft: „Daran erkennen wir, daß er in uns ist, daß er uns von seinem Geiste gegeben hat,“ wie kann man da nicht ganz leicht sehen, daß der Sohn wahrer Gott ist und aus der Wesenheit Gottes des Vaters hervorging, wenn nämlich als Gott und nicht etwas Anderes in uns wohnt sein Geist? Nebstdem sage ich: Wenn der Geist Gottes des Vaters, in welchem er die Natur der Geschöpfe lebendig macht und heiligt, auch der eigene Geist des Sohnes ist, wer ginge denn so weit in der Pöbelhaftigkeit der Gedanken, um zu denken oder zu sagen, er sei aus der Wesensgleichheit mit Gott dem Vater herausgegangen und zähle zu den Geschöpfen, und er werde nicht die Eigenschaften und Auszeichnungen der göttlichen Natur aus deren Grenzen heraustragen und dem Geschöpfe mittheilen, so daß man zuletzt keinen Unterschied mehr wahrnähme, sondern das Geschöpf ebenso herrlich wäre als die Natur, welcher die Herrschaft über Alles inwohnt?

B. Das ist eine Täuschung. Allerdings.

A. Da man also in den heiligen Schriften den gebornen in den Eigenschaften des Vaters strahlen sehen kann, wohlan denn, so wollen wir, noch andere Gedanken zu dem Gesagten hinzufügend, die Ansicht der Gegner als nichtswürdig und einfältig bekämpfen und Dasjenige vorbringen, wodurch er als gleichthätig und gleichmächtig mit Gott dem Vater erscheinen wird und in der That auch als Gott, nicht als zu Denen zählig, die durch Gnade dazu gelangt sind, und als mit fremden Ehren prangend, sondern vielmehr als wahrer (Gott) und der überhaupt in Nichts hinter der Erhabenheit des Erzeugers zurückbleibt, die da hinausragt über alles Gewordene.

B. Ich möchte sagen, mein Freund, Das sei viel oder vielmehr Alles werth.

A. Glaubst du also, mein Lieber, daß es irgend einem geschaffenen Wesen zukomme, bewirken und leicht vollenden zu können, was allein nur die über Alles herrschende Natur selbst vollbringen kann?

B. Keinem.

A. Richtig. Es schreibt nun der höchst ehrwürdige Paulus als etwas Übernatürliches und Ausserordentliches und die Grenzen eines jeden Geschöpfes, glaube ich, Übersteigendes Gott dem Vater die Macht zu, die Todten lebendig zu machen. Er sagt aber so:  „Wo kein Gesetz ist, ist auch keine Übertretung. Darum aus dem Glauben, mithin durch Gnade, damit die Verheißung fest stehe für die ganze Nachkommenschaft, nicht bloß für Die aus dem Gesetze, sondern auch für Die aus dem Glauben Abrahams, welcher ist der Vater von uns allen (wie geschrieben steht: Zum Vater vieler Völker habe ich dich gesetzt) vor Gott, dem er glaubte, der die Todten lebendig macht und das Nichtseiende ruft als seiend.“ Gehe nun, wenn es beliebt, auch zur Herrlichkeit des Sohnes selbst hin! Denn du wirst ihn wieder keineswegs in geringerem Range sehen, als der Vater ist, sondern vielmehr mit den gleichen Wirksamkeiten bekränzt. Denn derselbe Paulus sagt uns:  „Gleichwie in Adam Alle sterben, so werden in Christo Alle lebendig gemacht.“ Denn Leben ist er, nicht anders sich verhaltend in sich selber, als wie auch der Vater selbst ist. Du hast ihn ja sagen gehört:  „Wie der Vater die Todten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will.“ Darum nahm er auch die Göttlichkeit seines Wirkens zum deutlichen Beweis seiner Natur und Herrlichkeit, indem er sagte:  „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters thue, so glaubet mir nicht, wenn ich sie aber thue, falls ihr auch mir nicht glaubet, glaubet doch meinen Werken!“ Wollte er nicht, daß man hieraus erkenne, er sei Gott von Natur? Wenn man nämlich sieht, daß Einem die Macht inwohne, zu wirken gleichwie Gott, so wird er gewiß gleich herrlich und nichts Anderes sein als Gott. Dahin nämlich, glaube ich, führt uns die Rede.

B. Es scheint. Denn er hätte nicht geglaubt, sich der völlig gleichen Werke rühmen zu sollen, wenn er sich nicht die gleiche Ehre zueignete.

A. Da aber die heilige Schrift uns zuruft:  „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Lichter, bei welchem keine Veränderung ist und kein Schatten von Wechsel,“ woher glaubst du, daß die Spendung der göttlichen Gaben an uns geschehe?

B. Von Gott dem Vater natürlich.

A. Und doch gab Christus aus eigener Machtvollkommenheit den heiligen Aposteln die Macht gegen unreine Geister, um sie auszutreiben, und alle Krankheit und alle Schwachheit im Volke zu heilen.  Und was noch mehr ist als Dieß, auch selbst den Tod überwinden zu können, redete er ihnen zu, indem er auf ganz Gottes würdige Weise sprach: „Heilet die Kranken, reiniget die Aussätzigen, erwecket die Todten, treibet die Teufel aus!“ Und es bekannte auch ganz klar der heilige Johannes, indem er sprach:  „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen.“ Eine gute Gabe aber und ein vollkommenes Geschenk, wird Das nach deinem eigenen Dafürhalten etwas Anderes sein, als den heiligen Geist zu empfangen?

B. Keineswegs.

A. Erkenne also auch hieraus, mein Lieber, daß uns aus seiner eigenen Fülle der Sohn den ihm eigenen und unverlierbar inwohnenden heiligen Geist sende, von dem jede gute Gabe ist. Denn nachdem er, die Verwesung zerstörend und den Fesseln des Todes Lebewohl sagend, wieder lebendig geworden war, hat er, uns zurückführend und die ursprüngliche Schönheit der Natur gleichsam den Erstlingen des Geschlechtes, den Aposteln, mittheilend, in ihr Angesicht gehaucht mit den Worten:  „Empfanget den heiligen Geist!“ Aber wenn jedes vollkommene Geschenk von oben und vom Vater ist, die Spendung desselben aber der Sohn bewirkt, nicht dienstweise, sondern vielmehr in göttlicher Machtvollkommenheit, wie wird er dann ermangeln, nicht Das zu sein, was sein Erzeuger ist, nämlich wahrer Gott, und nicht wie auf einem Gemälde mit unächten Ehren bemalt?

B. Keineswegs, wie ich glaube.

A. Wird aber das Wort des Glaubens nicht genügen zum vollkommensten Beweise der wahren Gottheit des Sohnes?

B. Wie meinst du?

A. Wenn wir an Christus glauben, haben wir so Zutritt zu dem wesenhaften und wahrhaften Gott und sind erlöst von dem Wahne der Vielgötterei, indem wir es verschmähen, dem Geschöpfe zu dienen, und eine von der dießbezüglichen Anklage freie Anbetung darbringen. An die durch den Glauben zur Erkenntniß der Wahrheit Berufenen schreibt denn auch der weise Paulus einmal: „Darum seid eingedenk, ihr Heiden von Geburt, die ihr Vorhaut (Unbeschnittene) genannt werdet von der sogenannten Beschneidung im Fleische, die mit der Hand geschieht, daß ihr in jener Zeit ohne Christus waret, abgeschnitten von der Hoffnung Israels und fremd den Bündnissen der Verheissung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt.“ Und anderswo sagt er wieder:  „Aber damals, da ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr Denen, die von Natur aus keine Götter sind; jetzt aber, da ihr Gott kennet oder vielmehr von ihm erkannt seid, wie wendet ihr euch wieder zu den kraftlosen und armseligen Anfangsgründen, denen ihr neuerdings wieder dienen wollt?“ Wenn aber Diejenigen ohne Gott waren, die ohne Christus waren, und hernach Gott erkannten dadurch, daß sie zum Glauben kamen und dem Sohne zustimmten, welcher sagt: „Wer an den Sohn glaubt, wird nicht gerichtet, weil er an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes geglaubt hat,“ wie sollte er nicht für Gott gehalten werden, der nicht durch erdichtete und fremde Lobsprüche von uns und den heiligen Engeln geehrt wird, sondern wesenhaft ist, was er ist, nämlich in Wahrheit Gott und aus Gott von Natur? Denn was doch, sag’ mir, würdest du zugeben, daß Paulus gedacht habe, da er von ihm schrieb und sagte: „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich, ihre Sünden ihnen nicht anrechnend, und er legte in uns das Wort der Versöhnung.

Für Christus also reden wir, als ob Gott ermahnte durch uns, für Christus flehen wir: Versöhnet euch mit Gott“? Da man also, wenn man mit Christus sich versöhnt, mit Gott versöhnt wird, und in Christo die Welt Zutritt zu Gott hat, soll man nicht lachen darüber, und zwar ganz mit Recht, daß man glauben soll, der Wesenheit des Vaters fremd sei das aus ihm und in ihm seiende Wort?

B. Allerdings.

A. Die Herrschaft aber über Alles und die Erhabenheit über alles Geschaffene und in’s Dasein Gerufene, — wem wirst du sie vorzugsweise zuschreiben und nicht fehlen im richtigen Denken?

B. Gott natürlich. Denn es singt irgendwo David:  „Denn Alles dient dir;“ deßgleichen:  „Kommt, laßt uns anbeten und niederfallen vor ihm, denn er hat uns gemacht und nicht wir. Wir aber sind das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.“

A. Brav, mein Freund. Denn Gott ist es, der uns hierin deutlich besungen wird. Keinem der Geschöpfe also kommt es zu, zu sagen, die Dinge seien in seinem Besitze oder gehören ihm, und zu wagen, sie seinem Scepter zu unterwerfen, und wenn ein mit der Ehre der Herrschaft nicht Gekrönter Dieß thun wollte, werden wir nicht sagen, er sei eines Verbrechens und einer Anklage schuldig?

B. Ja freilich.

A. Aber warum denn sagte der Sohn nicht vielmehr, die Gläubigen seien Schafe seines Vaters, sondern seine? Denn „meine Schafe“, sagt er,  „hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden nicht verloren gehen in Ewigkeit, und Niemand wird sie aus meiner Hand reissen.“ Und er sei in sein Eigenthum gekommen, sagt unser Theologe Johannes, indem er sein eigen nannte die Menschheit auf Erden und Alles, glaube ich, was geschaffen ist. Er wirkt aber auch in uns die Wirksamkeit des Vaters nicht in minderer Weise und hat offenbar die Würde des Herrn nicht als eine unächte, sondern nimmt sie vielmehr als eigene in Anspruch und will sie so haben. Denn in einem Gespräch mit den ihn begleitenden und ihm folgenden Jüngern sprach er: „Die Ärnte ist groß, Arbeiter aber sind wenige. Bittet also den Herrn der Ärnte, daß er Arbeiter in seine Ärnte sende!“ Aber obwohl er die Ernennung der Schnitter dem Willen des Vaters zueignete, zeigte er sogleich sich selbst als den Herrn der Ärnte, indem er das Lehramt den heiligen Aposteln zuwies als eine Auszeichnung. Daß aber ihm die Tenne gehöre, versicherte auch der weise Johannes, da er sprach: „Die Wurfschaufel ist in seiner Hand, und er wird seine Tenne säubern und den Waizen in seine Scheuer sammeln.“ Und ausserdem schreibt Paulus ihm die Gläubigen als Herrn und Gott zu, indem er sagt: „Die aber Christi sind, haben das Fleisch gekreuzigt mit seinen Gelüsten und Begierden.“ Dann aber wieder: „Wenn aber Einer den Geist Christi nicht hat, der ist nicht sein,“ während ein Gewisser oder vielmehr der heilige Geist sagt:  „Dein bin ich, rette mich; denn deine Satzungen habe ich gesucht!“ Ist es nun möglich, daß Diejenigen, die als dem Vater gehörig gedacht werden, auf die gleiche Weise Christo angehören, wenn nicht die Wesenheit Beider zur Einheit verbunden ist?

B. Nein. Denn Gott ist einer bei uns und Herr einer. Es kommt aber Beiden Jedes von Beiden wesenhaft zu.

A. Das ist wahr. Denn ganz Herr  und erfüllt mit der dießbezüglichen Herrlichkeit ist als Gott der Vater, und gewiß auch Gott als Herr ist der Sohn. Es wäre aber weder der Vater Gott, wenn er nicht Herr wäre, noch der Sohn wahrhaft Herr, wenn er der wesenhaften und wahren Gottheit ermangelte. Darum verknüpft auch gleichsam Paulus, was Beiden zukommt, zu ungetheilter Gemeinschaft, indem er das Evangelium bald Gottes des Vaters, bald aber Christi nennt. Willst du, daß wir die Stellen aus den heiligen Schriften nehmen und anführen?

B. Freilich.

A. Er sagt also: „Paulus. Diener Jesu Christi, berufener Apostel, auserkoren für das Evangelium Gottes.“ Indem er aber die Ehre Gottes gleichsam überträgt auf den aus ihm und in ihm und mit ihm gedachten Sohn, sagt er wieder: „Aber wir haben von diesem Recht keinen Gebrauch gemacht, damit wir keinen Anstoß geben dem Evangelium Christi.“ Die Bezeichnung beider Namen aber in Eins verbindend, wegen der Identität der Wesenheit, sagt er: „Etwas freimüthig aber habe ich euch geschrieben zum Theil, um euch daran zu erinnern, daß durch die von Gott mir verliehene Gnade ich ein Diener Jesu bin für die Heiden, ein Opferpriester des Evangeliums Gottes, damit die Darbringung der Heiden wohlgefällig werde, geheiligt im heiligen Geiste.“ Eines also ist das Evangelium Christi und Gottes, und was von Gott gesagt wird, Das gilt auch für den Sohn. Wenn sich aber Etwas zeigte, was den Sohn vom Vater zur Ungleichheit trennte und schiede, so könnte man schon nicht mehr von Beiden Dasselbe sagen. Erklärst du Das nicht für wahr, o Hermias?

B. Ich schon.

A. Scheiden also werden sich und zur Verschiedenheit auseinander gehen die Aussagen, und was man etwa für richtig halten mag von Gott dem Vater, Das wird man nicht denken können auch vom Sohne. Wie nun sollte das Evangelium Beider eines sein, und wie sollte es unverändert die nämlichen Aussagen zulassen, wenn der Sohn nicht Gott ist von Natur, und (wie sollte es) nicht vielmehr den Lehrling täuschen und in der Erkenntniß der Wahrheit wankend machen?

B. Allerdings.

A. Der aber das Geheimniß Gottes, das heißt den Glauben an ihn, den noch Unkundigen vermittelt, wie sollte Der ein Diener Christi heissen und wie Christum verkündigen, indem er Gott die Ehre verschafft und sich einen Diener Gottes nennt? Denn „in Allem“, sagt er,  „erweisen wir uns als Diener Gottes;“ anderswo aber von Gewissen:  „Sie sind Diener Christi. Ich rede thöricht: Ich bin mehr.“ Ist nun hierin irgend ein Wort,  das den Sohn von Gott dem Vater zur natürlichen Ungleichheit schiede?

B. Ich kann keines bemerken.

A. Auch sonst aber ist es ungereimt, den Sohn nicht von Natur für Gott zu halten, da die heiligen Schriften bald rufen, die Kirche sei Gottes, bald aber wieder, sie sei Christi. Denn so sagt der heilige Paulus zu Gewissen: „Gebt keinen Anstoß, weder Juden noch Griechen noch der Kirche Gottes.“ Es habe sich aber, versichert er wieder, „der Sohn die Kirche hergestellt makellos und ohne Runzeln“. Und da auch Gott sprach, durch einen der Propheten unter uns wohnen und wandeln zu wollen, wohnt Christus unter uns und wirkt, dem alten Orakel gemäß, als Gott. Denn „Moses zwar war getreu in dessen ganzem Hause, als Diener,“ wie geschrieben steht,  „zum Zeugnisse Dessen, was gesprochen werden sollte; Christus aber als Sohn in dessen ganzem Hause, dessen Haus wir sind.

B. Es hindert also durchaus Nichts, zu glauben und dafür zu halten, daß, da der Sohn aus der Wesenheit Gottes des Vaters selbst entsprungen ist, er nicht als von ihm verschieden gedacht werden kann, was die natürliche Identität betrifft.

A. Brav, mein Lieber; es schien ja auch dem seligen Paulus, es sei recht, so zu denken. Denn „wenn Gott für uns ist,“ sagt er, „wer ist wider uns? Der seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat, wie wird er nicht auch mit ihm Alles uns schenken?“ Wenn also der Sohn in Wahrheit Gottes des Vaters eigener Sohn ist, sollte er zur natürlichen Verschiedenheit abweichen und ein Grund erdacht werden, der zur Fremdheit trennte und als verschieden erwiese Das, was Einem eigen ist, von Dem, als welchem eigen es gedacht und genannt wird?

B. Ich glaube nicht.

A. Wie aber? Sagen wir nicht, unzählige seien die zur Sohnschaft Gottes Berufenen?

B. Gewiß. Denn es steht geschrieben: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter und Söhne des Höchsten alle.“

A. Wird man nun wagen, etwa Einen oder Zwei aus der so unermeßlichen Menge herauszunehmen und sie für eigene Söhne Gottes des Vaters zu erklären, und nicht Strafe verdienen, die etwa Einer verhängt über Jene, welche die Schönheit der Wahrheit verunstalten wollen?

B. Das wollt’ ich meinen; du hast ja Recht.

A. Wenn ich aber nun fragen wollte, warum so unzählig Viele Götter und Söhne genannt sind, das „eigen“ aber in besonderer Weise und in Wahrheit nur aus einen geht, was würdest du sagen?

B. Ich würde sagen: Jene sind eben in die Sohnschaft aufgenommen (adoptirt) worden, indem sie die dießbezügliche Benennung als eine Erfindung und Gabe der göttlichen Freigebigkeit gewannen; mit Diesem aber verhält es sich nicht so, sondern er ist in Wahrheit Gottes des Vaters eigener Sohn, da er ja auch mit ihm die über Alles erhabene Natur theilt.

A. Ist aber (Das) Gott von Natur aus eigen, was nicht Gott ist, sondern vielmehr geschaffen, oder wie?

B. Das ist doch keineswegs zweifelhaft. Die Gottheit ist ja jedenfalls Gott eigen, wie gewiß auch das Geschaffensein dem Geschöpfe.

A. Wenn nun aber Jemand meinte, das Geschaffen- oder Geschöpf-Sein sei Gott von Natur aus eigen, so halte ich es für sicher, in der Rede den umgekehrten Weg zu gehen. Denn zu sagen, daß die Gottheit dem Geschöpfe eigen sei, hat dann nichts Bedenkliches. Aber so zu denken ist nicht recht. Da also die Ungereimtheit der Folgerungen uns treibt, richtig denken zu sollen, so wird übrigens Gott dem Vater eigen der Sohn sein, nicht als den Adoptirten beigezählt, sondern als Gott aus Gott. Und da alles Das, was in eine und dieselbe Gattung und Art gehört, keine verschiedene und fremdartige Beschaffenheit hat (denn einer ist der Begriff und die die Wesenheit bezeichnende Definition von jedem Menschen), so ist der Sohn kein von Dem, aus dem er entsprang, verschiedener Gott, sondern vielmehr wahrhagftiger Gott. Denn er heißt der eigene Sohn Gottes von Natur und in Wahrheit, indem er sich von der adoptirten Menge unterscheidet und zur Herrlichkeit des einen und wahren sich erhebt.

B. Ganz gichtig.

A. Darum sagt auch die heilige Schrift wiederum, daß wir dem Sohne die Einheit mit dem Vater bewahren sollen. Sie sagt nämlich so: „Denn das Haupt jedes Mannes ist Christus, das Haupt des Weibes aber der Mann, das Haupt Christi aber Gott,“ indem sie hiedurch, glaube ich, die Ächtheit der Wesenheit und den wahrhaftigen Ursprung des Sohnes aus ihr andeutet.

B. Wie sagst du?

A. Meinst du denn, wir sollen den Sinn hievon überhaupt untersuchen? Sag’ mir doch, was daran schroff ist und Schwierigkeit macht.

B. Sie sagen nämlich, gerade Dieß werde den Sohn aus der Identität mit dem Vater entfernen.

A. Könntest du sagen, auf welche Weise?

B. Allerdings. Wenn nämlich, sagen sie, des Weibes Haupt der Mann ist, weil er von gleicher Natur mit ihr ist und derselben Wesenheit, wenn er auch vielleicht für bevorzugt gehalten wird (denn etwas Ansehnliches und hoch in Ehre Stehendes ist im Leibe das Haupt), des Mannes Haupt aber Christus genannt ist, weil ein natürliches Verhältniß ihn mit den Geschöpfen in nahe Verwandtschaft bringt, wie gewiß auch bei Mann und Weib, wie sollte er noch sogar wahrer Gott genannt werden, und wie könnte er die natürliche Identität mit Gott Vater haben, da er zu den Geschöpfen gehört, wenn er auch im Range des Hauptes gedacht wird? Denn als in der höchsten Herrlichkeit befindlich wird der Sohn den Rang des Geschöpfes überragen?

A. Ah, wie schön fließt Das dahin in Alles, was höchst ungereimt ist! Wie gewaltig und gleichsam bergab stürzt die so verschlagene Rede der Gegner. Denn deutlich verlästert sie als ein Geschöpf den aus Gott Vater entsprungenen Sohn. Aber davon werden wir später handeln, indem wir dieser Betrachtung die passende Zeit zuweisen und eifrig wieder auf Dieses Verstand und Zunge hinwenden. Worüber man sich aber am meisten wundern muß, sag’ ich, ist Dieses. Es irren nämlich von der richtigen Ansicht nicht minder als vorher auch jetzt ab, wie es scheint, die zu aller Thorheit Geneigten. Denn des Mannes Haupt ist Christus genannt wegen des natürlichen Verwandtschaftsverhältnisses; ich will nämlich keineswegs läugnen, was ganz gut und richtig gesagt ist. Da aber als Christi Haupt Gott gesetzt ist, was steht im Wege, ihr Trefflichen, könnte man zu ihnen sagen, oder was hindert, zu denken, daß man, wenn der Sohn den Geschöpfen gleichartig ist, weil er des Mannes Haupt genannt ist, bereits auch selbst den Vater unter die Geschöpfe stellen darf? Denn er ist als Haupt gesetzt für den Sohn, der doch, nach euch, geschaffen und gemacht ist. Es scheint nämlich albernen Schwätzern diese Meinung gut und tadellos zu sein; allein ich glaube, die Größe der Lästerung werde sie erstarren machen, obwohl sie sehr verkommen sind und mit den so wichtigen Dingen bubenhaft spielen. Wohlan denn also, wir wollen Das von uns weisen und in’s Gebirg schicken oder in’s Meer werfen und etwas Gebührlicheres erwägen! Haupt des Weibes nämlich nennen wir den Mann, weil sie ursprünglich aus ihm entsprungen ist und nach Bilde des Mannes gestaltet wurde, der Gott zum Urbilde hat; denn also geschah es nach der Schrift; wir bezeichnen aber als Haupt des Mannes Christum, als zweite Wurzel des (Menschen-) Geschlechtes und als Erstling der Menschheit, die durch die Heiligung im Geiste zur Unsterblichkeit sich erhebt. Es heißt aber Christus „zweiter Adam“ auch aus keinem anderen Grunde als allein deßwegen. Für das Haupt Christi aber werden wir den Vater halten und glauben, weil er ihm wesensgleich und von Natur verwandt ist, sofern er als Gott gedacht wird und es ist, wenn auch im Fleische erschienen und uns gleich geworden ist. Eine Grenzverbindung aber gleichsam von Gottheit und Menschheit ist Christus, der beide in Eins verknüpft und das von Natur Verschiedene zur Identität verbindet, nach der heilsordnungsmäßigen Einheit, die für den Verstand unerreichbar und unzugänglich ist und für Zunge und Worte unbekannt. Denn zugleich Gott und Mensch ist Christus, indem er einerseits zur Quelle und Wurzel seiner Existenz den gleichanfangslosen und ewigen und der Zeit nach nicht älteren Vater im Himmel hat, da ja nothwendig zugleich mit dem Haupte auch Der existirt, dessen Haupt er genannt wird, andererseits aber auch zu uns in einem natürlichen Verhältniß steht dem Fleische nach. Da also Gott als das Haupt Christi gedacht wird und ohne Lüge es ist, wie sollte Der nicht Gott sein, der die wahrhaftige Gottheit zur Wurzel hat und wesenhaft zusammenhängt mit seinem Erzeuger? Denn als von gleicher Natur mit dem übrigen Leibe muß doch wohl das Haupt gedacht werden. Wenn sie aber meinen, das aus dem Vater stammende Wort müsse über die Grenzen der Gottheit herausfallen und in den Rang der Geschöpfe herab kommen, so sollen sie deutlich hören: „Entweder nehmet an, der Baum sei gut und seine Frucht gut, oder nehmet an, der Baum sei schlecht und seine Frucht schlecht.“

B. Vortrefflich.

A. Denn in der That von der äussersten Verblüffung und höchsten Thorheit ist es ein deutliches Zeichen, zwar den Baum zu bewundern, als sei er vortrefflich und edel, ihm aber eine Frucht zuzutheilen, die gleichsam von anderer Natur ist. Denn Gott wird doch gewiß (einen) Gott erzeugen, oder wirst du sagen, es sei nicht so?

B. O, freilich.

A. Denn wie sollte Der nicht Gott sein und zwar wahrhaftiger, in welchem allein man den Vater als wesenhaften und wahren Gott erkennt. Denn so schreibt Paulus an die Gläubigen: „Gott aber sei Dank, der uns immerdar obsiegen läßt in Christo, und der den Wohlgeruch seiner Erkenntniß durch uns offenbart an jedem Orte; denn wir sind ein Wohlgeruch Christi für Gott.“ Wenn also der Wohlgeruch Gottes des Vaters in Christo offenbar wurde und in ihm erkannt wird, wie soll man annehmen, daß auch Dieses vollbracht werden solle? Es wachsen nämlich in Wiesen und Gärten die Jahresfrüchte, Obst zum Beispiel und Lilien. Wird nun, o Freund, dem Obst von Natur aus etwa der Liliengeruch zukommen, der Lilie aber das Obst den seinigen leihen, und wird in beiden zumal Das sein, was jedem von beiden ausschließlich inwohnt?

B. Keineswegs; es wird ja gewiß jedes von beiden das Seinige von sich geben.

A. Wie also wird Christus ein Wohlgeruch der wahren Erkenntniß Gottes des Vaters sein, wenn man nicht von ihm glaubt, er stamme aus der wahren Gottheit? Es wurde ja gezeigt, daß ein jedes gleichsam nach seiner Natur rieche; wie aber sollte ein Geruch der göttlichen Natur von einem Geschöpfe kommen und einer Natur, die von anderer Art ist als Gott? Denn wie man, wenn man Verstand hat, nicht meinen wird, der Wohlgeruch der Gottheit wohne in der Natur der Geschöpfe (denn Das ist ganz einfältig), so wird man nicht der ungeschaffenen und über Alles erhabenen Gottheit als Das, was sie wie einen Wohlgeruch von sich gibt, einen mißgeborenen und andersnaturigen Sohn anhängen? Denn es entsproßt auf unaussprechliche Weise der Eingeborene der Wesenheit Gottes des Vaters, indem er die ganze Natur des Erzeugers in sich uns zuduftet. Darum sagt auch zu ihm gleichsam in Person der Braut die aus Heiden gesammelte Kirche: „Ein ausgegossenes Öl ist dein Name; darum lieben dich die Jungfrauen, ziehen dich an.“ Durch ihn nämlich und in ihm haben wir den Wohlgeruch der Erkenntniß des Vaters erlangt und bekommen.

B. Einverstanden. Denn du scheinst Dieß ebenso richtig gesagt als bedacht zu haben.

A. Es dürfte aber auch auf andere Weise deutlich sein, daß der Sohn sowohl wahrhaft Gott als aus Gott entsprungen ist, wenn wir auch auf diese Weise das dießbezügliche Verhältniß betrachten.

B. Auf welche Weise meinst du?

A. Kommt es wohl, sag’ mir, irgend einem Wesen zu, Das zu ertheilen, was die göttliche Natur und nur sie verleiht?

B. Durchaus nicht.

A. Wird also in der höchsten Majestät und in der vollendeten göttlichen Herrlichkeit Derjenige sein und zwar ganz mit Recht, von dem man sieht, daß es bei ihm stehe, Dieß vollbringen zu können?

B. Natürlich.

A. Friede also ist ein gottgeschenktes Gut und eine himmlische Gabe, die uns nur durch den göttlichen Willen zukommt. Zum Bestätiger aber hievon werden wir den Propheten Jesaias machen, der ausruft und sagt: „Herr, unser Gott, gib uns Frieden; Alles ja hast du uns gegeben. Herr, ausser dir kennen wir keinen Anderen, deinen Namen nennen wir;“ als ob in dem Empfange des Friedens es Denen, die ihn überhaupt gefunden haben, vergönnt wäre, glaube ich, alles Guten zu genießen.

B. Es ist ja vergönnt.

A. Eine Frucht der göttlichen Wirksamkeit also ist der Friede und wahrhaftig ein Geschenk, wie ich soeben sagte, keines Geschöpfes, sondern nur des wahrhaftigen Gottes. Darum sagt er, nur Gott als den Geber zu kennen und ausser ihm Keinen.

B. Das ist wahr.

A. Betrachte denn also als Spender und ersten Verleiher Dessen, was Gott der Vater uns gibt, das aus ihm stammende Wort. Er sprach ja zu den heiligen Aposteln: „Meinen Frieden gebe ich euch, meinen Frieden hinterlasse ich euch.“ Für sein Gut aber erklärt er den Frieden, sonst wäre er ja auch nichts Göttliches. Und ausserdem sagt der heilige Paulus: „Gnade euch und Friede von unserem Gott Vater und dem Herrn Jesus Christus.“ Der aber mit Gott dem Vater Mitspender und Geber ist und durch ganz dieselbe Freigebigkeit und Großmüthigkeit sich auszeichnet, wie wird Der geringer sein als die göttliche Herrlichkeit und nicht vielmehr ganz und gar in selben und gleichem Range stehen mit dem Erzeuger?

B. Ganz richtig.

A. Geh’ nun aber auch zu Diesem hin!

B. Was meinst du?

A. Erklärst du es nicht für wahr, daß die Zustimmung zu den Meinungen der Heiligen uns die Wahrheit zugänglich machen und uns zu Dem empor führen wird, was Gott wohlgefällig ist, und was durch den heiligen Geist vom Sohne verkündet ist?

B. Und was ist denn Dieses?

A. Daß der Sohn von Natur und wahrhaft Gott ist. Denn der weise Paulus sagt zunächst von Gott dem Vater: „Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, er, der hochgelobt ist in Ewigkeit, weiß, daß ich nicht lüge;“ und dann sticht er von dieser Ehre und Herrlichkeit sogleich den gleichen Kranz dem Sohne, ohne Scheu, da er ihn wußte als Gott von Natur und wahrhaft. Er schreibt von ihm, wo er von der Verwerfung der Juden redet: „Denn ich wünschte, selbst verbannt zu sein von Christo für meine Brüder, meine Verwandten dem Fleische nach, die da sind Israeliten, deren die Väter sind, aus denen Christus dem Fleische nach ist, der da ist Gott über Alle, hochgelobt in Ewigkeit. Amen.“ Den also, der Gott ist über Alle, werden wir mit Allen unter Gott setzen, wenn er nicht wahrhaft Gott ist, und er wird zu den der Gnade Theilhaftigen gehören, obwohl er die Erhabenheit über Alle besitzt, jene große und göttliche Würde nämlich, hochgelobt zu sein und zwar unaufhörlich und unablässig, indem das „Amen“ es besiegelt. Meinst du, die Gegner haben Dieß bei gesundem Verstande erdacht?

B. Keineswegs; einen gesunden Verstand wird aber vielmehr Der haben, welcher bekennt, der Sohn sei als wahrer Gott und aus dem wahren Gott entsprungen, er, durch den und mit dem Gott dem Vater die Ehre sei sammt dem heiligen Geiste in alle Ewigkeit. Amen.

Viertes Gespräch. Daß der Sohn kein Geschöpf und Gebilde sei.

A. Wer also den in der unaussprechlichen Geburt aus Gott geborenen Gott nicht in der Ehre des Sohnes von Natur sein läßt, sondern ihn für geworden und gemacht erklärt, verdient Der nicht die Strafe, die über Jene, welche die Ehre Gottes zu verhöhnen pflegen, verhängt ist gemäß jener Bestimmung der heiligen Schrift: „Ein Mensch, der seinem Gotte flucht, wird Sünde auf sich laden; wer aber den Namen des Herrn (eitel) nennt, soll des Todes sterben; mit Steinen steinigen soll ihn die ganze Gemeinde; sei es nun ein Proselyt oder ein Eingeborner, wenn er den Namen des Herrn (eitel) genannt hat, soll er sterben“?

B. Ich glaube nicht, daß er Dem entrinne, daß er nicht durchaus und gewiß der ihm gebührenden Strafe schuldig sei.

A. Es ist also gut, o Hermias, sich durch die losen Reden Anderer nicht bewegen zu lassen, da sie uns zu falschen Ansichten verführen, die Reden der Gottesmänner aber zur richtigen und unverkehrten Richtschnur des Glaubens zu nehmen. Denn es geziemt sich, daß wir nicht lieber Anderen als eben Diesen zuklatschen und sagen: „Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eueres Vaters ist es, der in euch redet.“

B. Ganz richtig.

A. Jene (Gottesmänner) also lehren keineswegs als geworden oder geschaffen das eingeborne Wort Gottes anzubeten, sondern erklären es für eine zugleich existirende und gleichewige Frucht der Wesenheit des Erzeugers und nennen es Sohn und wahrhaftigen Gott und ewiges Leben. Und wenigstens unser göttlicher Lehrer Johannes sagt: „Wir wissen, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns einen Sinn gegeben hat, damit wir den wahren Gott erkennen, und wir sind in dem wahren in seinem Sohne Jesus Christus. Dieser ist der wahre Gott und ewiges Leben.“ Aber wenn, o Guter, der Sohn sowohl wahrer Gott ist als ewiges Leben, aber doch nicht entrinnt, ein Geschöpf und Werk zu sein, obwohl er die so herrliche Natur besitzt, wird dann jene Benennung nicht etwa auch selbst die Wesenheit Gottes des Vaters beschimpfen?

B. Wieso?

A. Ist denn nicht auch er wahrer Gott genannt und belebt Alles, da er Leben ist von Natur? Denn „in ihm leben wir, bewegen uns und sind wir,“ wie auch ein weiser Ausspruch sagt.

B. Jawohl.

A. Es gehe also die Lästerrede ohne Weiteres auch auf ihn los, und man nenne ihn „geworden“. Denn Nichts hindert Das, glaube ich, und steht im Wege, wenn die wahre Gottheit einmal im Sohne es erduldet, zu dem Gewordenen zu gehören, und das ewige Leben ich weiß nicht wie davon herabgeworfen ist, das Leben zu sein, und vermischt mit den anderen Geschöpfen gleichsam aus Nothwendigkeit eine durch die Zeit gemessene Existenz angenommen hat. Denn das Gewordene ist nicht anfangslos und älter als alle Zeit.

B. Wie arg, o Freund, ist die Sache und unvermeidlich in der That die Anklage auf Gottlosigkeit.

A. Leicht zu vermeiden ist sie; denn wenn man will, kann man leicht entrinnen und die verderbliche und pestartige Rede der Gegner zurückweisen, wenn man fromm den Stimmen der Heiligen die Oberhand einräumt. Denn sie haben Gott keineswegs als Schöpfer des Eingebornen, sondern vielmehr als erzeugenden Vater verkündet, sie, die auch als Licht der Welt gesetzt sind von Dem, dem seine eigene Natur nicht unbekannt war, nämlich Christo. Denn er sprach zu ihnen: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Und indem er sie auch als irrthumslose und wahre Lehrer aufstellte, sprach er: „Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!“ Wo aber in Wahrheit ein Vater ist und eine Zeugung und auch ein Sohn, der die Ehre der Sohnschaft nicht durch Adoption hat, sondern wesenhaft und aus dem Vater, wo hat da die Verläumdung Platz, daß er gemacht sei?

B. Nirgends, wie ich glaube.

A. Möge denn überhaupt Keiner von Denen, die um Rechtgläubigkeit besorgt sind, dahin kommen in der Verkehrtheit von Folgerungen, daß er meinen sollte, wir hielten die Geburt oder die Erzeugung für etwas der Wesenheit Gottes des Vaters ganz Ferneliegendes, weil wir thörichter Weise uns schämten, sie möchte gar etwas Ungewolltes an sich erleiden und wider Willen den Nothwendigkeiten der Körper unterliegen. Denn manche Unverständige schreiben ihr Theilungen zu und den sogenannten Abfluß, welche auch gar nicht merken, daß sie in die Abgründe des Verderbens stürzen, und welche meinen, die unaussprechliche und allen Verstand überragende Natur Gottes, wenn sie als zeugend erscheint, erleide vielleicht auch etwas Dergleichen, weil sie gar nicht wissen, was seiner Natur nach das Unkörperliche ist und was der Körper und das Körperliche. Denn für Theilung oder Abfluß und Ausscheidung ist das Unkörperliche durchaus unfähig; vielmehr aber paßt es für die greifbare und grobe Natur, auch derlei Dingen unterworfen zu sein. Wenn man nun von Gott sagt, er hat gezeugt, so entferne man den Verdacht irgend eines Leidens, und es siege die Erwägung, welche der Natur Gottes das Schicklichere zuschreibt. Denn sie wird nicht zeugen nach unserer Art, sondern wie sie es weiß und von Natur aus geeignet ist. Blendwerk also und alberne Schreckbilder sind die Vorwände der Häretiker. Denn indem sie vorgeben, zu fürchten, es möchte die Natur des Vaters, wenn sie etwa zeugte, auch Etwas erleiden, berauben sie dieselbe der schönsten Ehren. Denn daß wir Gott den Vater vielmehr als Erzeuger denn als Schöpfer des Eingebornen bekennen sollen, dazu wird uns, glaube ich, jedwede vernünftige Erwägung bereden. Denn so wird sie ihn herrlicher darstellen und wird ihm mit Recht diejenige Stimme ertheilen, die dem Höchsten zukommt, da ja auch bei uns selbst das aus uns Gezeugte unvergleichlich höher stehen und mehr gelten wird als alles Gemachte. Denn wenn Gott Schöpfer sein und die Ehre besitzen wird, die der Macht, zu schaffen, zukommt, aber nicht mehr Erzeuger (Vater) wäre, — ich schaudere zwar, eine Schmähung und Ungereimtheit zu sagen, ich will es aber doch sagen, wenn auch ungern, — daß dann die Natur Gottes in der That des Besten und Herrlichsten entbehren würde und das Geschöpf gewissermaßen reicher an Ehre wäre, welchem es vergönnt ist, zu schaffen und in verschiedener Kunst zu bilden, aber zugleich auch zukommt, zu zeugen, was offenbar herrlicher ist als das Andere.

B. Du hast Recht.

A. Er gilt uns also als Sohn, o Hermias, und in Wahrheit als wesenhaftes Erzeugniß, nicht als Erfindung der Wissenschaft und eine Frucht der Kunst; denn als dieß erklären wir die gesammte Schöpfung.

B. So ist es.

A. Darum wird uns auch der weise Johannes bezeugen, daß wir keineswegs lügen, da er deutlich sagt: „Zwar that Christus noch viele andere Zeichen vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buche. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubet, daß Jesus der Christus (Gesalbte) ist, der Sohn Gottes.“ Mit den höchsten Preisen aber schmückt er Den, der also glaubt. Er schreibt nämlich abermal: „Wer ist es, der die Welt besiegt, ausser wer glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist?“ Und ausserdem, o Freund, hat der Sohn selbst die Liebe Gottes des Vaters zu uns nicht wenig bewundert. „Denn so,“ sagt er, „hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn hingab, damit Jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ Und warum denn doch hat er es uns gewissermaßen zur Krone und zum Dachgiebel seiner Schriften gemacht, daß wir glauben sollen, daß das Mensch gewordene Wort wahrhaftig Gott ist, wenn es nämlich nicht Sohn ist? Wie aber wird die ganze Welt überwinden, wer nicht den Glauben an- nimmt, daß er nicht ein Geschöpf ist und geworden, indem er den Sieg über die Welt mit Recht als würdige Belohnung für die so richtige Erkenntniß gewinnt? Denn wenn es nicht gefährlich ist, zu sagen, daß Gott die verkehrt Denkenden ehre und sein Gefallen an ihnen habe und Manche davon mit göttlichen Gaben kröne, so möchte ich und zwar ganz mit Recht sagen, alle Rücksicht und Ehren verdienen Diejenigen, welche thörichter Weise meinen, der Eingeborne sei keineswegs Sohn, sondern ein Geschöpf und geworden, wenn es auch heißt, daß er gezeugt sei und Sohn genannt werde sowohl vom Vater selbst als vom heiligen Geiste. Wenn aber Dieß zu sagen unerlaubt und zu denken gottlos ist, so ist gewiß das Gegentheil wahr. Denn er krönt nur die Liebhaber der Wahrheit und die daher an ihn glauben als wahren Sohn und nicht als ein Werk der Kunst. Denn eine arge Krankheit und Thorheit ist Dieß. Darum preist uns das göttliche Wort unter den Aposteln den auserlesenen Petrus selig. Denn als der Heiland in der Gegend von Cäsarea, genannt Philippi, fragte, für wen die Menschen den Sohn des Menschen hielten, und welches Gerücht über ihn das Land der Juden durchschreite oder die an Judäa grenzenden Städte, da rief er, die kindischen und unziemlichen Meinungen der gemeinen Leute bei Seite lassend, ganz richtig und weise aus und sprach: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes;“ und für die wahre Meinung über ihn erhielt er sogleich die Belohnung, indem Christus sagte: „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas; denn nicht Fleisch und Blut hat dir Das geoffenbart, sondern mein himmlischer Vater. Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen,“ indem er „Fels“, glaube ich, bildlich nichts Anderes als den unerschütterlichen und ganz festen Glauben des Jüngers nannte, auf dem auch unerschütterlich die Kirche Christi gegründet und befestigt ist, welche allzeit auch selbst den Pforten der Hölle unüberwunden bleibt; gleichwie auch der Glaube des Petrus an den Sohn (bleibt), der nicht unüberlegt übereilt war und aus menschlichen Gesinnungen aufquoll, sondern aus einer geheimnißvollen Belehrung von oben, indem Gott der Vater deutlich seinen Sohn zu erkennen gab und die dießbezügliche Überzeugung den Seelen der Seinigen einflößte. Denn keineswegs wird Christus gelogen haben, da er sprach: „Fleisch und Blut hat es dir nicht geoffenbart, sondern mein himmlischer Vater.“ Wenn nun Petrus für selig und so erhabener Ehren für würdig erklärt wird, weil er ihn als Sohn des lebendigen Gottes bekannte, wie sind nicht dreimal unselig und verworfen und leichtsinnige Verächter des Willens Gottes des Vaters und der Wahrheit Diejenigen, welche die Frucht seiner Wesenheit zu einem Geschöpfe herabziehen und den gleichewigen Sprossen des Lebens höchst unsinnig unter Diejenigen rechnen, die das Leben als Geschenk (von aussen) haben? Oder sind diese Leute nicht sehr thöricht?

B. Allerdings.

A. Dann freilich, weil sie eine so niedrige und geringe Meinung vom Sohne haben, verwerfen sie auch das große und ausserordentliche Wunder der Liebe Gottes des Vaters und werden überführt als Solche, die auch selbst gegen die Würde der Gottheit ihr loses Maul schärfen.

B. Sage doch wie; denn ich folge nicht.

A. Sehr gern; denn da ist nichts Schwieriges. Gab der Vater seinen Sohn dahin für das Leben der Welt?

B. Freilich.

A. Daß aber das Erzeugte gewiß vorzüglicher ist, als was Einer durch Kunst macht, wird Jedem einleuchten, da ja jenes aus uns ist und eine Frucht der Person des Erzeugers, Dieses aber eine Erfindung trefflichen Rathes und ein Werk der Weisheit, kein Sprosse der Wesenheit.

B. Was soll nun Dieß?

A. Begreifst du nicht, daß man die Liebe Gottes des Vaters wohl weniger bewundern wird, wenn er zur Erlösung der ganzen Schöpfung den Sohn als einen Theil der Schöpfung gesandt hat, wenn er nämlich geworden ist, daß man aber, und ganz mit Recht, den Lösepreis für das Leben der Welt weit mehr anstaunen wird, wenn man weiß, daß er auch selbst den Sohn dahingegeben und der eigenen Frucht nicht geschont habe, da es ihm gefiel, daß der Fleischgewordene auch sterbe, und daß er vielmehr nach dem Wohle der Welt gedürstet habe?

B. Ich verstehe.

A. Ich aber glaube (und zürne mir Niemand, wenn ich aus Liebe zu Gott in der Rede zur Kühnheit entflammt werde), daß Christus nicht die ganze Schöpfung aufwiegen würde, und daß er nicht genügend wäre, das Leben der Welt zu erkaufen, wenn er auch für sie gleichsam als Kaufpreis die eigene Seele einsetzte und für uns das kostbare Blut vergöße, wenn er nicht in Wahrheit der Sohn ist und als aus Gott Gott, sondern eine Schöpfung (ein Geschöpf) und Theil der Schöpfung.

B. Du hast Recht.

A. Ich möchte aber hinzufügen, daß die Schöpfung auch gerettet wurde, ohne überhaupt Etwas von Gott zu empfangen und der Hilfe von oben zu bedürfen. Wie und woher denn, wenn sie nämlich durch sich und aus sich die Erlösung hat und das Beharren im Wohlsein? Es errettete nämlich, sagen sie, der Sohn als Theil der Schöpfung die ganze Schöpfung. Warum also schicken wir die Danksagungshymnen zu Gott empor? Warum aber unterlassen wir Dieses nicht als überflüssig und preisen das Geschöpf und treten vielmehr zu ihm hin, stehend und sagend von Gott, dem Herrn Aller: „Lobpreise, meine Seele, den Herrn und vergiß nicht alle seine Vergeltungen, der da verzeiht alle deine Ungerechtigkeiten, der da heilt alle deine Krankheiten, der da erlöst vom Verderben deine Seele“? Allein wenn wir Das thun, haben wir ohne Zweifel sowohl die gesunde Vernunft verloren, als auch werden wir Gott beleidigen; wenn wir aber vielmehr ihm die dießbezügliche Lobpreisung widmen, werden wir weise und wahre Anbeter sein. Wie also wird noch ein Geschöpf mit uns sein der Eine und Alle Aufwiegende, als Gott aus Gott und in Wahrheit Sohn? Ist es nicht so?

B. Allerdings.

A. Wohlan denn, wenn es beliebt, Diesem auch Dieß noch beifügend wollen wir sagen, daß die ein (Wechsel-) Verhältniß zu einander habenden Namen Dasselbe durch beide bezeichnen, da jeder von beiden die Erkenntniß des anderen erzeugt. Daher wird man leicht, wenn man das Rechte weiß, durch dieses gewiß das Linke erkennen; und daß es auch umgekehrt wahr ist, wird Jedermann zugeben. Ein solcher Verhältnißname nun ist „Vater“, deßgleichen aber auch „Sohn“. Wohin nun und auf was zielt die Beziehung und das Wechselverhältniß, das sie zu einander haben, ohne daß sie den ihnen zukommenden Begriff überschreiten?

B. Und wem wäre Das nicht klar? „Vater“ nämlich denkt und sagt man in Beziehung auf den Sohn und ebenso „Sohn“ in Beziehung aus den Vater.

A. Warum dann nennen die Verkehrten und Wahnwitzigen Gott uns Vater, behaupten aber, der Sohn sei ein Geschöpf? Ist es nicht ganz sinnlos und ungereimt, zu sagen, nach dem Beziehungsverhältniß gehöre mit dem Vater das Geschöpf und der Vater mit dem Geschöpfe zusammen?

B. Gewiß, damit wir nicht auch den Vater selbst ein Geschöpf nennen, weil er ein natürliches Verhältniß habe zu einem der Geschöpfe, sofern es auf Folgerungen ankommt.

A. Sie sollen also auch Christum selbst rufen hören: „Ihr kennet weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich kennen würdet, würdet ihr auch meinen Vater kennen.“ Wenn sie ihn aber um den Grund des Tadels fragen, wird er ihnen antworten und sagen:  „Wer den Vater läugnet, läugnet auch den Sohn, und wer den Sohn läugnet, hat auch den Vater nicht.“ Und ganz natürlich und wahr. Denn wenn er nicht Vater ist, weil er durch seine Natur gezeugt hat, dann wird man auch die Existenz des Sohnes nicht zugeben. Denn Sohn ist er, weil er gezeugt ist. Und wenn er nicht Sohn ist als gezeugt, dann wird auch der Vater nach der klaren und richtigen Denkfolge nicht Vater sein, weil er gezeugt hat. Daß also Beide zugleich durch einander bestehen und aufgehoben werden, ist wahr, und wenn Eines besteht, wird gewiß auch Das bestehen, wegen dessen es Das heißt und ist, was es ist. Wie aber? wenn Christus zu dem ungehorsamen und widerspenstigen Volke der Juden sagt „Ich bin gekommen im Namen meines Vaters, und ihr nehmt mich nicht an,“ — und Christus hat doch keineswegs sich selbst Vater genannt, — wie also sagt er übrigens, er sei zu uns gekommen im Namen des Vaters? Oder ist offenbar das „im Namen“ zu verstehen: zur Ehre und zum Preise des Vaters? Denn „Namen“ nennt die heilige Schrift bisweilen das weit verbreitete Lob und den glänzenden Ruhm, wie gewiß die Stelle in den Sprüchwörtern: „Besser ist ein guter Name als großer Reichthum.“ Hat also das Wort des Heilandes verfehlt, weise und wahr zu sein, der deutlich sprach, er sei zu uns gekommen im Namen des Vaters?

B. In der That ist es richtig, zu sagen, daß die Wahrheit nicht abirren könne vom Wahren.

A. Wenn also die Rede wahr ist, so muß man entweder Gott den Vater zu den Geschöpfen herabsehen, damit er nicht den Sohn an Ehre zu übertreffen scheine, oder aber man muß den Sohn nun hinaufheben zur göttlichen Majestät und zu der als wesenhaft gedachten Sohnschaft. Denn er ist durchaus nicht, auf keine Weise, geringer als der Vater, wenn er so erscheint; und mit uns kämpfen wird der weise Johannes, welcher sagt: „Der von oben kommt, ist über Allen.“ Daß aber das „von oben“ die obere und höchste Natur darstellt, wird der Jünger des Heilandes zeigen, da er sagt: „Jede gute Gabe, jedes vollkommene Geschenk ist von oben, herabsteigend vom Vater der Lichter.“ Es kam also zu uns der Sohn vom Vater wie aus einer Quelle, und als aus der obersten Wurzel entsprungen zeigte er die Herrlichkeit, woraus er entsprang, an sich selbst, da er auch über Allen ist wie gewiß auch der Vater. „Über Allen“ aber nennen wir ihn hierin Hauptsächlich nicht bloß der Ehre nach, auch nicht weil er durch die Erhabenheit des Ruhmes die Schöpfung übertrifft, sondern weil er durch die Hoheit der Wesenheit über Allen steht und hervorragt, zugleich mit dem erzeugenden Vater. Wenn er aber über Allen ist, wie sollte er unter (mit) Allen gedacht werden? Denn wenn er ein Geschöpf ist, wird er mit unter die übrigen Geschöpfe gestellt sein. Wie also ist er verschieden von Allen und über Allen, wenn er nicht von Natur darüber hinaus ist, Allen beigezählt zu werden? Oder werden wir, wenn wir die Natur des Sohnes durch örtliche Hoheit auszeichnen, nicht eitel schwätzen?

B. Wie meinst du?

A. Willst du, daß wir das „von oben“ als gleichsam „von einem Orte“ sagen, der im Gegensatz gedacht wird zu unten und durch Abstände meßbar ist?

B. Wozu werden wir da den Sohn machen, wenn er an einem solchen Orte ist? Denn Das ist den Körpern eigen.

A. Also sagen wir ganz richtig, das „von oben“ sei zu verstehen als „aus dem Vater“. Darum wird er auch vom Vater allein erkannt und erkennt allein seinen Vater und Gott. Denn unsichtbar und keinem der Wesen bekannt ist es, was denn in Wahrheit an sich selbst die allerhöchste Natur ist. Denn daß sie existirt und Gott ist, glauben wir; was sie aber ihrer Natur nach sei, zu untersuchen, ist thöricht, da es auch nicht erreichbar ist. Denn über allen Verstand hinaus ist die Natur Gottes. Wie nun, wenn er geschaffen ist und geworden, sollte er und er allein den Vater erkennen, allein aber wieder vom Vater allein erkannt werden? Und doch ist die Erkenntniß der Natur Gottes gewiß unerreichbar für jedes Geschöpf; zu wissen aber, was eines der Geschöpfe sei, übersteigt nicht allen Verstand, wenn es auch etwa für den unsrigen zu hoch ist. Wenn also er allein den Vater erkennt und vom Vater allein erkannt wird, so ist er der Anklage und der Meinung, daß er ein Geschöpf sei, entronnen. Denn nur die höchste und unaussprechliche Natur erkennt sich selbst, und für die Geschöpfe ist Das etwas ganz Unzugängliches.

B. Unzugänglich freilich und unerreichbar, da Gott allen Verstand übersteigt.

A. Wie aber überhaupt auch könnte der Sohn von uns geschaffen genannt werden, da der höchst weise Paulus also ruft: „Ich sage aber, so lange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich nicht vom Knechte, obwohl er Herr ist von Allem, sondern er ist unter Aufsehern und Verwaltern bis zu der vom Vater bestimmten Zeit; so waren auch wir, als wir unmündig waren, dienend unter den Anfangsgründen der Welt. Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geworden aus einem Weibe, unterworfen dem Gesetze, um die unter dem Gesetze Stehenden zu erlösen, damit wir als Söhne angenommen würden.“ Also da wir noch schwach waren in Unwissenheit und verhaftet den Verschuldungen der alten Unmündigkeit, waren wir den Anfangsgründen der Welt unterworfen, weil wir der Schöpfung dienten, während man doch den Kult dem wahren und allein wesenhaften Gotte widmen soll. Als uns aber der Sohn aufleuchtete, da erst, da wurden wir erhöht und erhoben über den unmündigen Sinn und zum Lichte der Wahrheit durchdringend, erlöst, wie ich glaube, und auch du wirst beistimmen, ich weiß es, von der Knechtschaft unter den weltlichen Anfangsgründen. Dieß nämlich hat uns soeben das heilige Wort gezeigt, von welchem doch wohl Diejenigen, denen die Wahrheit am Herzen liegt, sagen werden, daß es weise und wahr sei; denn es redet in Christo Geheimnisse.

B. Sie werden es sagen.

A. Ist nun nicht Alles, o Hermias, wovon wir sagen, daß es durch den Wink des Schöpfers in’s Dasein gerufen sei, den Anfangsgründen der Welt beizuzählen oder auch als Theil der Welt zum All gehörig?

B. Gewiß.

A. Befreit aber wurden wir, als wir zur Vollkommenheit des Verstandes und Sinnes gelangten und es verschmähten, den Anfangsgründen der Welt unterworfen sein zu wollen?

B. Ja freilich.

A. Indem wir den Glauben an den Sohn als an den wahren Sohn annahmen, oder wie?

B. So.

A. Nicht geworden also wird der Eingeborne, damit nicht er selbst erscheine, als gehöre er mit den anderen Elementen auch zu den Geschöpfen, wir aber, als seien wir noch unmündig und der Zierde eines vollkommenen Verstandes beraubt und durch eitle Gedanken vielmehr getäuscht als wahrhaft bereichert durch Erkenntniß und feste Hoffnung, nämlich auf den Sohn. Denn was überhaupt würde uns der Eingeborne nützen, wenn er auch unsertwegen Mensch wurde, wenn wir nicht befreit wurden vom Dienste des Geschöpfes? Da wir aber den Glauben an ihn als an den Sohn annahmen, sag’ mir, haben wir da nicht geirrt?

B. Es scheint, wenn er nämlich geworden ist.

A. Wie aber? Ist nicht weit vorzüglicher als Unterweisung durch Christus die durch Moses, wenn in der That unser Glaube (Glaube) an ein Geschöpf ist? Ich möchte aber sagen, daß die Heiligen eitel schwätzen, wenn sie den alten Bund immer hinter die evangelischen Aussprüche werfen. Wie aber hat das Gesetz nichts zur Vollkommenheit gebracht, sondern wird uns der Gerechte durch den Glauben leben? Es verdirbt ja doch der Glaube an den Sohn Diejenigen, die ihn angenommen haben; das Gesetz aber hat den Alten genützt, wenn wir die Reden der Verkehrten gelten lassen.

B. Sage doch wie!

A. Ungesäumt und sehr gerne. Denke aber, daß ich Dieses habe sagen wollen.

B. Was meinst du da?

A. Den Alten hat das Gesetz durch den hochweisen Moses verkündet: „Höre, Israel: Der Herr, dein Gott, ist ein Herr!“ Und ausserdem: „Du sollst dir kein Bild machen noch eine Abbildung von irgend Etwas, was am Himmel oben oder was auf der Erde unten ist.“ Hinführend aber ferner zu dem Besseren und ablenkend auch selbst von den Elementen der Welt sagt es: „Habe Acht auf dich (hüte dich), daß du, wenn du aufblickst zum Himmel und die Sonne siehst und den Mond und die Sterne und allen Schmuck des Himmels, nicht aus Irrthum sie anbetest.“ Zu Einem hin also, der wahrhaft und von Natur Gott ist, rief das Gesetz, indem es wegtrieb von dem Falschen und Schlechten. Denn es gebot, keineswegs das Geschöpf neben dem Schöpfer anbeten zu sollen, und gewiß befestigte es auch hierin gut die Berufenen, indem es über Die, welche leichtsinnig sein wollten, als Strafe die Blutsühne verhängte. Allein so that das Gesetz; wohin aber wir gelangt sind, wohlan, Das wollen wir sagen. Das Gesetz ging vorüber, welches gleichsam in Schatten und Bildern redete; es leuchtete aber das Licht der Wahrheit auf, als wir den Glauben an den Sohn annahmen, obwohl er nach Jenen geworden ist und geschaffen. Sind nun nicht dreimal unselig wir, die scheinbar sogar in einem besseren Loose sind, viel besser daran aber Die, die nach dem Gesetze gelehrt wurden, den einen und wesenhaften Gott anzubeten? Und was noch ungereimter ist. Jene, die das Licht der Wahrheit noch nicht erlangt hatten, haben den wahren und wesenhaften Gott erkannt; wir Vorzüglichen aber, die wir uns doch rühmen, die unseren Vorfahren noch nicht geschenkte Wahrheit erlangt zu haben, sind durch dieselbe in Irrthum gerathen und leben dahin, durch das göttliche Licht vielmehr verfinstert als erleuchtet, wir Unglücklichen!

B. Welch’ scharfe Rede.

A. Wenn du aber auch Dieses hörst, wirst du dich, glaube ich, noch mehr wundern.

B. Was?

A. Ein Zuchtmeister ist uns das Gesetz gewesen auf Christus hin. Denn daß also der heilige Paulus geschrieben hat, hast du gewiß gehört.

B. Jawohl.

A. Man muß also untersuchen, wozu und wie das Gesetz an uns ein Zuchtmeister war, der uns zu Christus führte, das heißt zur Lehre und Erkenntniß Christi. Etwa als zu einer besseren und vorzüglicheren als die, so in ihm (dem Gesetze) war, und die noch mit den Bildern verschüttet war, oder zu einer schlechteren und niedrigeren?

B. Zu einer besseren und herrlicheren.

A. Brav, mein Freund; denn jeder weise und recht denkende Mann, glaube ich, wird zustimmen und sagen, daß es sich also verhalte. Wenn also das Gesetz, der Zuchtmeister, der ja doch den einen und wesenhaften Gott verkündete, uns zur Erkenntniß Christi nicht als zu einer schlechteren hinführt, dann wird der Sohn vielmehr nichtgeworden sein, damit das Gesetz uns nicht offenbar Unrecht thue und nicht gar, weil es den Glauben an ein Geschöpf für vorzüglicher ausgibt als den Glauben an Gott, als eine Schlinge und ein teuflischer Fallstrick erfunden werde, obwohl es durch Engel verkündet und uns zur Hilfe gegeben wurde. Denn daß er das Gesetz zur Hilfe gab, hat Einer der Heiligen gesagt. Und wenn Christus die Erfüllung von Gesetz und Propheten ist, wie ist es möglich, daß das Wort der heiligen Schrift heilig sei? Es endet ja in Irrthum gleichsam der Inbegriff der ganzen Erkenntniß, indem er uns einschließt in die gewordene und nicht ungeschaffene Natur.

B. Vollkommen richtig. Indeß glaube ich, der Gegner werde um etwas Dergleichen fragen, was denn wohl der Name „Erstgeborner“ bedeuten wolle.

A. Daß der Betreffende unter Brüdern etwa den Vorrang habe und eine ältere Existenz der Geburt nach habe als die anderen.

B. Und wie ist dann, sagen sie, der Sohn Erstgeborner der ganzen Schöpfung genannt, wenn er nicht die Schöpfung gleichsam zur Schwester hat als gleichen Ursprunges und gleicher Natur?

A. Als nichtig, wie es scheint, und unnütz durchaus erscheint an ihm nun gar der Name Sohn und als Blendwerk die Zeugung, und als eitles Geschwätz kam zu uns die Lehre vom Vater.

B. Keineswegs, sagen sie; denn Vater des Sohnes heißt er im uneigentlichen Sinne; darum sagt er auch von den Söhnen Israels: „Söhne habe ich erzeugt und erhöht.“

A. Ist also, wenn der Eingeborne mit uns zum Sohne angenommen ist, auch die Zeugung nur eine Willensthat, das Wahre daran aber, daß er geschaffen ist?

B. So sagen sie.

A. Und doch warum denn setzen sie es als etwas Nutzloses bei Seite, die Betrachtung gerade der Wahrheit sich angelegen sein zu lassen, und sagen fast jenes prophetische Wort: „Wir haben die Lüge zu unserer Hoffnung gemacht und mit der Lüge uns bedeckt.“ Denn wann und inwieferne das Wort Erstgeborner geworden sei, sollte man, glaube ich, auch vor allem Anderen hören und so dann zu der den Mysterien entsprechenden richtigen Ansicht das Herz zu erheben sich angelegen sein lassen. Denn die Zeiten und sogar auch die Unterschiede der Personen werden uns, und zwar sehr leicht, die fehl und truglose und geradaus gehende Lehre der heiligen Schriften erkennen lassen. Oder wenn es nicht wahr ist, was ich sage, und man nach den Zeiten und Momenten nicht zu fragen braucht, in denen das Wort Gottes sowohl ohne Fleisch als im Fleische war, so erschrecke es Keinen, wenn auch vielleicht ohne Unterscheidung von ihm die Rede ist, und die Schrift sei ferne von Lästerung; und wenn etwa auch Jemand meinen sollte, das Wort aus dem Vater sei in Wahrheit gestorben, obwohl es Leben ist von Natur, so verlange er unseren Applaus und unseren Beifall, daß er nicht lüge; eitel schwätzen aber wird demnach auch, wer sagt, es sei dem Fleische nach gestorben. Denn Alles an ihm erscheint nun bereits als indifferent.

B. So ist es, wenn man so denkt; und doch ist die Sache nicht frei von Tadel und Anklage.

A. Gewiß nicht, mein Guter; und noch in eine andere Ungereimtheit dürfte die Rede sie getrieben haben, und zwar ganz wacker.

B. In welche meinst du?

A. Es treiben Einige die Steuer ein, die nach dem Gesetze des Moses dazu kamen, und sammeln den gemeinsamen Beitrag der Doppeldrachme, indem sie für zwei Köpfen eine verlangten. Da sie nun zu Petrus herantraten (denn es beliebte ihnen, zu fragen, ob auch Christus selbst den Beitragenden zuzurechnen sei und die Steuer zahle, oder ob er die Eintreibung verweigere), lief der heilige Jünger sogleich hinein, weil er erfahren wollte, was sie hierin thun sollten. Es fragte aber Jesus und sprach: „Von wem nehmen die Könige der Erde Tribut und Steuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden?“ Da aber Petrus sagte: „Von den Fremden,“ sprach er weiter: „Also sind die Söhne frei. Damit wir sie aber nicht ärgern, so geh’ hinaus an den See und wirf die Angel und den ersten Fisch, der heraufkommt, nimm; und wenn du ihm den Mund öffnest, wirst du einen Stater finden; den nimm und gib ihn ihnen für mich und dich!“ Bemerkst du nun, daß er seiner Natur das Zeugniß gab, frei zu sein? Das ist aber Etwas, was über das Geschöpf hinaus geht; denn es dient dem Schöpfer was in’s Dasein gesetzt ist. So rief auch unser göttlicher David zu dem über Alles herrschenden Gott empor: „Alles dient dir.“ Also nicht in Dienstes und nicht in Unterthans-Verhältnissen ist uns der Sohn, sondern in der göttlichen und höchsten Natur, die das Gewordene überragt.

B. Sehr wahr.

A. Werden wir also, o Hermias, den in so hehrer Majestät Strahlenden dem Joche der Knechtschaft unterwerfen, wenn es auch von ihm heißt, er sei in der Knechtsgestalt herabgekommen? Und doch, wie wäre Das nicht thöricht? Denn wenn er Knechtsgestalt annahm, so sollte ich meinen, daß er vor der Knechtsgestalt in freier und unbeschränkter Natur lebte. Denn er wird doch nicht geworden sein, was er (schon) war; wenn er aber Das, worin er war, weggeworfen hätte, dann hätte er sich natürlich in etwas Anderes verwandelt. Es kam also der Sohn zu uns, nicht aus Knechten in einen Knecht, sondern aus einer freien Natur in die Gestalt des Knechtes. Aber wenn Nichts einen Unterschied macht, wenn die Zeit, wenn die Prüfung der Personen hierin nichts zum Nutzen Förderliches hat, so soll das Wort, auch wenn es übrigens nackt und ohne Fleisch gedacht wird, nicht frei, sondern Knecht genannt und den Unterthanen beigezählt werden.

B. Und wie wäre uns Das nicht voll von jeglicher Ungereimtheit?

A. Also die Gegner sollen hören: Ihr, die ihr Zeiten und Personen nicht erforschen lasset, wohin eilt ihr, was thut ihr, o von jedem schlechten Geiste Verführte und Gefangene? Was vermengt ihr das Unvermischte, ohne auf Zeit, Personen und Gründe zu achten, wodurch die Betrachtung Dessen, was vom Sohne gesagt wird, deutlich und wohl unterschieden würde? Denn wo, als (noch) nicht Fleisch geworden, „Gott war das Wort“, aus dem Vater erzeugt, da betrachte die noch unvermischte göttliche Majestät, die lautere und ungetrübte Herrlichkeit, die vollkommene Freiheit, die gleiche Macht mit dem Vater. Denn durch dasselbe wurde das einst Nichtseiende in’s Dasein gerufen. Gemeinsames Wollen und Wirken und die durch gängige Gleichheit ist von Moses ihm zugeschrieben. Er führte uns nämlich Gott als sprechend ein, natürlich aber zu dem aus ihm und mit ihm zugleich bestehenden Worte: „Wir wollen den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse.“ Denn das „wir wollen machen“ paßt nicht auf Einen, sondern auf mehr als Einen und auf Zwei. Da es aber aus Erbarmen und Liebe gegen uns, durch angestammte und göttliche Güte gleichsam bewogen, „als in der Gestalt Gottes des Vaters existirend, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäusserte, Knechtsgestalt annehmend, und in seinem Äusseren als Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte,“  welcher Grund wird uns, die wir richtig von ihm zu denken besorgt sind, bereden, den Stand der Entäußerung zu tadeln und Denjenigen zu verkleinern bestrebt zu sein, welcher wegen uns und für uns die eigene Erhabenheit zur Erniedrigung herabließ? Damals erst nämlich wurde der Eingeborne auch Erstgeborner und der, als Sohn aus dem Vater, Eine und Einzige, auch Einer unter vielen Brüdern genannt. Denn er kam zur Erniedrigung und erschien uns gleich, nicht um durch den Verlust der Gottheit und wahren Sohnschaft einen Schaden zu erleiden, sondern um Das, was von Natur aus Knecht ist und geworden, nämlich uns, zu der ihm und ihm allein als Herrn inwohnenden Herrlichkeit zu erheben, indem er uns zu Söhnen Gottes machte. Wenn er nun durch die Benennung „Erstgeborner“ uns beigesellt wird, so werden nicht wir ihn zwingen zu Etwas, was wider seine Natur ist, daran fehlt viel; vielmehr aber wird er uns erheben zu Dem, was über unsere Natur ist. Denn zu sagen, Gott sei vom Geschöpfe gezwungen oder überwunden worden, wie wäre Das nicht vollendeter Unsinn? Wenn er also uns gleich geworden ist, so wird er keineswegs (darum) uns gleich sein, weil er das Seinige abgelegt hat, sondern weil wir durch ihn über uns selbst hinaus, durch die Gnade Dessen, der uns ehrte, über den Rang unserer Natur emporsteigen und uns zu Dem, was oben und in der Höhe ist, erheben.

B. Wie sagst du?

A. Sind wir denn nicht aus dem Geiste geboren und Kinder Gottes genannt worden ?

B. Ja.

A. Darum wurde uns auch befohlen, Niemanden auf Erden Vater zu nennen, sondern, was wir sind, Gott als dem Vater zuzuschreiben wegen des unter uns erschienenen Erstgebornen, und zwar aus keinem anderen Grunde, als damit auch wir durch ihn Söhne seien. Denn Dieß ist der Zweck der Menschwerdung. Denn wo ist das Geheimniß Christi noch weise, wenn vor den Anderen er selbst seine eigene Natur schädigte, ohne uns Etwas zu nützen? Denn er ließ sich herab, der Erstgeborne zu sein, um Vielen beigesellt zu werden, obwohl er, wie Jene meinen, von Natur kein Anderer und Besserer war als Die, denen er beigesellt wurde.

B. Aber weil er, sagen sie, an Ehre nicht wenig hervorragt und durch unvergleichliche Erhabenheit seine Mitgenossen übertrifft, wird er Erstgeborner der ganzen Schöpfung genannt.

A. Und wo ist denn die unvergleichliche Ehre, und welches ist die Größe der Erhabenheit, wenn wir in gleichem Sinne von ihm wie von allen Anderen die Geschöpflichkeit aussagen? Es untersucht aber unsere Rede für jetzt nicht, was die Erhabenheit oder Geringheit in Bezug auf Ehre und Ruhm sei, sondern was das von Natur Geschaffene und in’s Dasein Gerufene und was das darüber Hinausliegende sei, und ob der Eingeborne eine von den Übrigen ausgeschiedene Natur besitzt, hinter welcher Alles zurücksteht, was für geschaffen gehalten wird. Denn wenn Einer, der wissen wollte, was die Sonne ihrer Natur nach ist, mein Lieber, und was das Pferd, fragen würde, ob ihre Natur geworden und aus dem Nichtseienden sei oder etwas Anderes ausser Diesem, was würdest du sagen?

B. Ich würde sagen: geworden.

A. Wenn er aber nun weiter forschen und fragen würde, was denn von Beiden das Andere an Ehre (Glanz) übertreffe, würde er uns nicht sogar zum Lachen verhelfen, weil er eine so offenbare und für Jedermann leicht zu antwortende Frage stellt?

B. Gewiß.

A. Geschwätz aber, glaube ich, ist Das. Denn oder woher wird das Pferd mit der Sonne um die Ehre wettstreiten? Denn unermeßlich ist der Abstand. Wenn man aber etwa den Begriff der Wesenheit Beider abwägen und untersuchen würde, was Jedes von ihnen sei, so werden sie sich nicht verschieden von einander verhalten, wenigstens was den Begriff der Geschöpflichkeit betrifft, wiewohl die Sonne an Ehre um so viel hervorragt. Falls wir nun den Begriff des Sohnes untersuchen und sehen wollten, was er seiner Natur nach ist, so ist es in der That ein frostiges und verstelltes Rühmen, zu meinen, sie (seine Natur) müsse die anderen an Ehre überragen und übertreffen, wenn er den Geschöpfen beigezählt und mit uns als geschaffen gedacht wird. Es schmücken ihn nämlich Einige mit äusseren Vorzügen, indem sie ihn gleichsam tödtlich verwunden, aber durch den Glanz kleiner Ehren und Lobsprüche die Unbill der Lästerung gegen ihn zu verschönern heucheln. Denn was überhaupt zur Schöpfung gerechnet wird und zu dem Gewordenen gehört, wird wohl nicht Gott sein von Natur noch auch in Wahrheit Sohn und Herr, sondern ist ausgezeichnet wie unter Knechten und Unterthanen, nur durch die bloße Ehre hervorragend.

B. Du hast Recht.

A. Es fällt mir aber ein, auch Dieß zu bewundern.

B. Was denn?

A. Indem sie es nämlich gleichsam ausser Acht lassen, zu wissen und zu denken, daß er auch Eingeborner ist, nennen sie geschwätzig immer den Namen „Erstgeborner“, gegen die Einfältigen sich verschanzend. Und doch wie hätte Einer nicht Recht, wenn er hierauf sagen wollte: Wenn der Name „Erstgeborner“ den Sohn in die Schöpfung mit einbegreift, als unter vielen Brüdern und darum Erstgebornen, so wird ihn der Name „Eingeborner“ durchaus darstellen als nicht von gleichem Range und gleicher Natur. Denn er wird eingeboren sein, weil kein Anderer ausser ihm ist von Natur. Wenn er aber Erstgeborner nicht sein dürfte, weil er Eingeborner ist, aber auch nicht Eingeborner, weil er Erstgeborner ist, dann ist es vielleicht schon an Dem, zu meinen, daß der Sohn überhaupt nicht existire. Denn das „Erstgeboren“ und „Eingeboren“ stehen beide gegen einander und gehen gleichsam mit einander zu Grunde, indem sie an einander stoßen und die Macht ihrer Bedeutungen gegen einander (in’s Treffen) führen. Denn wie sollte Beides Einem und Demselben beigelegt und als wahr gedacht werden?

B. Das wird wohl nicht anders möglich sein, wie ich glaube, als wenn die Menschwerdung eintritt.

A. In der That, du sollst wissen, daß du nichts Anderes denkst, als was die Heiligen und Gottesmänner geglaubt haben, welche uns die Lehre hierüber überlieferten und erklärten. Denn der heilige Johannes hat das Wort aus Gott sowohl eingeboren genannt als Gott und hat ihm auch als Gott die Anfangslosigkeit zugeschrieben. Unser Paulus aber, der von Christus erfüllt und voll des heiligen Geistes war und der beste unter den Lehrern, sagt:  „Als er den Erstgebornen in die Welt einführte, sprach er: Und es sollen ihn anbeten alle Engel Gottes,“ indem er dem Erstgebornen als entsprechende Zeit, glaube ich, die im Fleische zutheilte. Denn so wurde er in die Welt eingeführt, obwohl er von je und immerwährend in ihr war und von ihr nicht erkannt wurde. So aber wurde er auch dargestellt als Mittler Gottes und der Menschen er, der es als Eigenheit und Auszeichnung besaß, eingeboren zu sein; denn er war Gott aus Gott, einzig aus dem Einzigen und auf unaussprechliche Weise geboren; als er aber uns gleich wurde, da, da erst wird er auch gleichsam Brüdern beigesellt sein, weil er Erstgeborner genannt wurde. Denn worin besteht die Erniedrigung ausser darin, daß er aus dem Eingebornen Erstgeborner und der über alle Geschöpfe Erhabene als Mensch mit uns ein Geschöpf wurde? Wo aber überhaupt ist er, als Reicher, arm geworden, ausser da er das Fremde annahm, wodurch er auch arm geworden ist? Wenn es aber nur von der Erniedrigung und von der Zeit der Herablassung gilt, daß er geschaffen ist und zu den Geschöpfen gehört, geziemt dann nicht dem Nichterniedrigtsein keineswegs das Geschaffensein, sondern die Erhabenheit über die Schöpfung und das Hinausgehen über die Ehre des Geschaffenseins?

B. Gewiß.

A. Und wenn man mit Recht urtheilt, Erstgeborner sei er, sofern er für uns die sogenannte Armuth erdulden wollte (denn) er wurde, da er reich war, mit uns arm), so ist es ausgemacht und wahr, glaube ich, daß man denken muß, sofern er nicht arm war, war er eingeboren. Denn ich glaube durchaus und gewiß, keiner von beiden Namen dürfe von ihm erlogen sein. Er ist aber zumal sowohl eingeboren als erstgeboren, als wahrer Sohn und nicht Geschöpf.

B. Aber der Name Sohn, sagen sie, ist auch Solchen beigelegt, die anerkannter Maßen Geschöpfe sind. Denn „ich habe gesagt,“ heißt es,  „ihr seid Götter und Söhne des Höchsten alle.“

A. Aber sage, was sollte es Dem, der wahrhaft und von Natur Gott ist und Sohn, der aus der Wesenheit Gottes des Vaters hervorgeht, schaden an Ehre oder an dem gedachten Begriff seiner Existenzweise, wenn auch wir selbst, obwohl von Natur aus Erde, annahmsweise Söhne und Götter genannt sind? Vielmehr aber wie sollte es denn, was uns betrifft, nicht Denen so ziemlich nützen, die in den Untersuchungen über den Sohn etwas gelehriger sind?

B. Wieso?

A. Weil ich sagen möchte, mein Guter, daß weder Das, was eine überaus hohe und erhabene Natur besitzt, durch die Macht der im uneigentlichen Sinne gebrauchten Ausdrücke zu einem niedrigeren Rang herabgedrückt werden noch das Geringere und von Jenem an Glanz Übertroffene, wenn es durch bloße Hyperbeln von Redensarten geehrt ist, zu Dem sich erheben kann, was über seine Natur ist. Verstehst du, was ich sage, und begreifst du es wohl?

B. Nicht ganz.

A. Höre also! Obwohl bei uns nur einer der Natur nach Gott ist und als solcher angebetet wird, so werden doch auch wir selbst Götter genannt der Gnade nach und haben sogar auch die Ehre der Sohnschaft erlangt. Hast du uns denn Das nicht soeben gesagt?

B. Ja.

A. Wie nun, o Freund, da wir Götter genannt sind und Söhne, ist es möglich, daß auch wir Götter von Natur und in Wahrheit Söhne des über Alles Erhabenen seien, so daß wir den dießbezüglichen herrlichen Glanz nicht als ein Geschenk hätten, sondern für eine Frucht der höchsten Natur gehalten würden?

B. Keineswegs; denn wie sollte das der Natur nach Gewordene der Natur nach Gott sein?

A. Brav, mein Lieber. Es bleibt ja Jedes in seiner Natur, ohne durch die Größe der Redensart mit erhoben zu werden oder mit herabzusinken und klein zu werden, wenn auch etwas Niedriges von ihm gesagt wird. Wohlan also, laß uns sagen, daß, wenn vom Sohne das „Erstgeborner“ ausgesagt wird als Etwas, was er unsertwegen geworden ist, als er uns ähnlich wurde, er darum nicht wird aufgehört haben, der Natur nach und wahrhaft Gott und Sohn zu sein. Denn wie die Bezeichnung (als) „Götter“ uns nicht hinausgezwungen hat zu Dem, was über unsere Natur ist, so, glaube ich, wird die Einreihung unter die Geschöpfe wegen des Menschlichen ihn keineswegs herabgedrückt haben zu Dem, was ausser seiner Natur ist. Wenn aber Manche die Unbestimmtheit der Redeweise und die Ungenauigkeit uneigentlicher (bildlicher) Ausdrücke in den heiligen Schriften sich verbitten, so werden, glaube ich, wir und sie Nichts zu sagen im Stande sein, wenn es Einem gefiele, neugierig wissen zu wollen und zu fragen, warum die heiligen Schriften die über Alles, über Körper und Gestalt erhabene, quantitäts- und größelose, ungreifbare und immaterielle Natur zu körperlichen Bildern herabsehen, indem sie uns ein Angesicht, Hände und Füße des Herrn nennen. Ganz leicht aber und sehr tapfer werden wir die Einwürfe von Solchen abfertigen, wenn wir ihnen die kluge Antwort geben, die ununterschiedene Anwendung der Ausdrücke, welche nothwendig erdacht ist, um zum Nutzen der Hörer zu dienen, thue der überkörperlichen Natur keinen Eintrag, Das zu sein, was sie ist. Sollte die Rede nicht glaublich und ganz richtig sein?

B. Gewiß.

A. Weil sie aber durch übermäßigen Weisheitsdünkel aufgeblasen als unwiderleglichen Beweis geschwätzig dem Eingebornen das „Erstgeborner“ entgegenstellen, indem sie sagen, er dürfe nicht ausser die Schöpfung gestellt werden, da er eine dem All verschwisterte und verwandte Natur habe, gemäß dem Begriffe des Geschaffenseins, willst du, daß wir noch etwas Anderes, zum Nutzen nicht Undienliches sagen?

B. Es wäre mir sehr lieb.

A. Sind wir nicht durch den Sohn zur Annahme als Söhne berufen worden, die wir den Glauben an ihn angenommen haben und nach ihm gestaltet wurden wie Abbilder nach einem Urbilde?

B. Ja, wir sind genannt und gestaltet nach dem Sohne. Denn es steht geschrieben: „Die ihn aber ausgenommen haben, denen gab er die Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an ihn glauben.“

A. Sehr gut. Was aber hierin nothwendig ist, Das wirst du, ich weiß es, auch ganz richtig sagen. Sind wir zur Sohnschaft gerufen als einer wesenhaften und natürlichen? Und sind wir etwa nicht so gerufen worden, daß wir die Brüderschaft oder Verwandtschaft erlangten, oder wie?

B. Keineswegs zur wesenhaften, sondern zu einer geschenkten und aus Gnade.

A. Wie also ist das Wort noch geworden, weil es Erstgeborner ist, und auf welche Weise kann es wesenhaft als mit Brüdern zusammengestellt werden wegen der Gleichförmigkeit, obwohl wir die Verbrüderung mit ihm nicht als eine natürliche, sondern vielmehr von aussen kommende und in der Zeit gewinnen, und nicht in der der Einwohnung im Fleische vorausgehenden (Zeit), sondern als es Mensch wurde? Denn sie werden doch, glaube ich, nicht sagen, obwohl sie sehr gerne schwätzen, daß die Schrift des Gesetzes die Alten zur Brüderschaft mit dem Sohne berief. Denn in ihr war ein Geist der Knechtschaft. Daher ist es auch sehr klar, daß das Wort aus Gott uns nicht unter Knechten ist, da es das noch in Knechtesrang Stehende nicht zur Bruderschaft annahm. Doch wir müssen jetzt verständig und ohne Umschweif auf Dieß losgehen.

B. Auf was?

A. Was gewissen Wesen von Natur aus zukommt, o Hermias, Das ist nicht mit der Zeit mitgetheilt, aber es ist auch keineswegs als etwas Fremdes hinzugefügt, sondern erscheint vielmehr als immer in ihnen vorhanden und mit dem Sein selbst Hand in Hand gehend. Zum Beispiel: Vernünftig ist der Mensch von Anfang und von Natur aus, nicht aber auch reich. Also wird ihm das Reichsein als etwas von aussen Hinzukommendes zu Theil werden, als durch natürliche Gesetze festgegründet hat er das Vernünftigsein und Genanntwerden. Es ist also wahr, daß man von Niemandem, glaube ich, denken wird, er habe auch Das mit der Zeit empfangen, was er als gleichzeitig mit dem Eintritt in’s Sein besitzt.

B. Gewiß.

A. Wenn also der Sohn immer den Geschöpfen verbrüdert und angehörig war, als gleichen Geschlechtes mit ihnen, und darum Erstgeborner, warum hat er das von Natur aus Vorhandene uns, als besäßen wir es nicht, geschenkt, nämlich die Brüderschaft? Warum aber auch gab er es nur den Gläubigen, obwohl es Allen zukommt, auch wenn sie keineswegs glauben? Denn was trennt und scheidet noch von der Verwandtschaft der gemeinsamen Geschöpflichkeit das Gewordene vom Gewordenen? Merkst du nun, wohin den Gegnern die Rede fortgeht?

B. Jawohl.

A. Lassen wir es also, mit geschwätzigen Folgerungen uns aufzuhalten, mein Lieber, und bringen wir Das zu Ende, was untadelhaft ist, indem wir richtig denken, daß er zwar unsertwegen Erstgeborner ist, da er uns gleich wurde, aber auch Eingeborner, als durchaus mit Keinem zusammengestellt, da er allein aus der Wesenheit Gottes des Vaters selber entsprungen und erzeugt ist.

B. Aber wenn auch sie meinen wollten, man müsse ihn eingeboren nennen, da er allein aus dem alleinigen Vater geboren ist, was hättest du hierauf zu sagen?

A. Ich würde mit Recht glauben, sie seien von Verstand gekommen und hätten den Sinn verloren, der gewohnt ist, etwas Männern Geziemendes und Kräftiges zu sehen. Ich möchte aber sagen, daß sie auch selbst von der genauen Kenntniß der Namen abgeirrt sind, indem sie deren Bedeutungen gleichsam nebenabführen und rücksichtslos zu Allem, was ihnen beliebt, verdrehen. Denn das „Eingeboren“ bedeutet doch wohl das natürliche Gezeugtsein aus Einem, nicht ein Erzeugnis der Kunst von Einem; oder sie sollen herkommen und auf unsere Frage antworten, wo sie den Ausdruck auf irgend ein Erzeugniß der Kunst und Wissenschaft angewendet gelesen haben. Denn wir werden ihrer Dummheit nicht zugeben, zum Gesetze zu machen, was sie wollen, indem sie den Sinn der Bedeutungen auf’s Häßlichste zum Unrichtigen verdrehen. Denn wenn ein Zimmermann nur einen einzigen Kahn gemacht hätte, würde man ihn wohl seinen Eingebornen nennen, da er doch ein Werk der Kunst und des Verständnisses ist? Wie wäre Das nicht lächerlich? Oder scheint es dir etwas Gescheidtes zu sein?

B. Keineswegs.

A. Daß aber die Gegner zu viel behaupten und höchst unverständig sagen, der Sohn sei allein aus dem Vater allein entsprungen und habe darum auch eine sehr vornehme Natur bekommen und sei zur höchsten Ehre emporgestiegen, Das zeigt, daß sie zweifach fehlen wollen und ganz von Sinnen sind.

B. Sage, wie!

A. Erstens nämlich werden sie vermöge einer nothwendigen und unvermeidlichen Folgerung den Vater nach dem (Hervorbringen des) Sohne(s) der Trägheit beschuldigen und wider Willen gestehen, die allzeit thätige Natur sei in Bezug auf ihre eigenen Angelegenheiten unthätig gewesen und habe vom Schaffen abgelassen, indem sie nach Jenem durchaus Nichts mehr anrührte und es gleichsam der Macht und Natur des Sohnes überließ, Das zu bewirken und zu thun, woran allein die höchste Natur erkannt werden kann. Und Frucht einer gewordenen Wesenheit wird dann Das sein, was nur der Gottheit eigen ist, und Gott der Vater wird sich, wie es scheint, nur eines einzigen Geschöpfes rühmen, nämlich des Sohnes; der Sohn aber wird sich um so mehrerer rühmen und höher von sich denken, weil er sich als gleich mächtig mit ihm erwiesen hat dadurch, daß er schaffen konnte und das einst Nichtseiende in’s Dasein rief, als vorzüglicher aber, glaube ich, in Bezug auf die Güte, da es ja Sache der Güte ist, aus dem Nichts sein in’s Dasein zu versetzen und Dasjenige seiend zu machen, was die Gnade des Seins noch nicht hatte. Auf Unsinn also läuft die Rede hinaus, welche als unthätig hinstellt die immer thätige Natur, der allein es zukommt, dem Nichtseienden das Sein zu ertheilen. Beschränken denn nicht die Unglücklichen nach ihrem Gutdünken die Quelle und den Ursprung der Güte, die sie durch die Folgerungen ihrer Einfälle hemmen, auf die Erschaffung des Sohnes? Und doch, wenn Gott der Vater rasten wollte und fernerhin unthätig war, warum verfaßte uns der selige Moses Erzählungen und schrieb, wie es scheint, oder wie sie meinen, eitle Märchen, da er sagt: „Und es sprach Gott: Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse“? Denn das „Laßt uns machen“ zeigt ihn deutlich keineswegs als unthätig zur Erschaffung, wenigstens der unsrigen, sondern vielmehr als bereit, mitzuwirken mit dem Sohne und dem heiligen Geiste, und in der That auch als wirkend. Denn: „Und es machte,“ sagt er, „Gott den Menschen; nach dem Bilde Gottes machte er ihn.“ Aber der heilige Moses erscheint doch nicht als Lügner, da er ein Gottesmann war und mit dem göttlichen Lobe gekrönt. Und noch besser wird uns das vom Vater ausgehende Wort belehren, welches die Natur desselben als eine immer thätige und wirkende verkündet. Es sprach nämlich irgendwo Christus tadelnd zu den Juden (denn es beliebte Einigen, zum Zorn entflammt zu werden, da er ja am Sabbat Etwas thue): „Mein Vater wirket bis jetzt, und auch ich wirke;“ und anderswo: „Die Worte, die ich euch sage, rede ich nicht von mir selbst; der Vater aber, der in mir wohnt, der thut die Werke.“ Ist es nicht ungereimt, o Hermias, möchte ich fragen, und höchst gefährlich, uns den Worten des Heilandes zu widersetzen und, während die heilige Schrift den Vater mit dem Sohne als Schöpfer von Allem darstellt, die Behauptung zu wagen, er sei nicht mehr thätig zur Schöpfung?

B. Höchst gefährlich.

A. Für thöricht aber halte ich auch Dieses.

B. Was?

A. Wenn nämlich der Sohn eine bevorzugte und bei Weitem bessere Weise der Erschaffung darum allein erlangt hat, weil er allein durch den Vater allein geworden ist, so sollen sie mir, der ich lernen möchte, sagen, ob gegen die Geschöpfe, die nach dem Sohne und durch ihn geworden sind, der Vater neidisch war, da er ihnen nicht vergönnte, zur höchsten Glückseligkeit zu gelangen, weil er sie ja nicht selber schaffen wollte, oder ob sie ihn als über den Neid und alle Trägheit erhaben erklären werden.

B. Das werden sie, wie ich glaube.

A. Ja, wenn sie richtig denken, mein Lieber, wenigstens hierin. Sie werden sich ja doch nicht als schlechter zeigen als die griechischen Weisen, von denen Einer über Gott gesagt hat (Plato war es): „Er war gut; dem Guten aber wohnt gegen Nichts ein Neid inne.“ Wenn also der Vater gut ist und die höchste Vollkommenheit den Kreaturen bloß durch den Willen und das Selbstwirken desselben angeschaffen wird, warum wird er nicht, weil er neidlos Allen die gemeinsame Sache mittheilt, als gut bewundert, sondern überläßt das Schaffen einem Anderen, die Schöpfung verkürzend um Das, was unvergleichlich besser wäre?

B. Aber nicht ganz unthätig, sagt Einer, ist der Vater; denn er wirkt mit dem Sohne und stellt mit ihm das Übrige her.

A. Und was hat er dabei für eine Unterstützung von Seite des Sohnes? Eine, die besser ist als seine eigene Wirksamkeit, und die daher auch nützlicher oder nothwendiger Weise zu seinen eigenen Thätigkeiten beigezogen ward, oder eine, die minder und geringer und nicht nothwendig angenommen ist? Wenn eine bessere und nützliche, so ist Das ein Geschwätz oder vielmehr sogar eine Lästerung. Denn der Sohn wird dann Den, aus dem er entsprungen ist, überragen und die Natur Gottes des Vaters übertreffen, indem er ihr einen Dienst und Vortheil bringt. Wenn aber eine geringere und nicht nothwendige und eine solche, welche die Schöpfung gleichsam verunstaltet, was bewegt ihn dann, sag’ mir, mit dem Sohne gemeinsam zu wirken? Oder wie wird man nicht ohne Säumen sagen, der Vater habe ich weiß nicht wie das Bessere ausser Acht gelassen, das Schlechtere aber vorgezogen, indem er es verschmähte oder versäumte, selbst an die Schöpfung Hand anlegen zu wollen, durch den allein ihr die lautere Schönheit aufgeprägt werden konnte, dagegen aber den Sohn beizog, um nicht eine ungetrübte und mit dem Schlechteren unvermischte Schöpfung und Hervorbringung zu bekommen?

B. Aber es ertrüge, sagen sie, die gewordene Natur nicht das unvermischte Selbstwirken des Vaters; es wäre aber auch sonst unwahrscheinlich, daß die so erhabene und überschwängliche Majestät sogar bis zu den geringfügigsten Dingen herabsteigen sollte.

A. Das ist in der That ein Abschaum falschen und schändlichen Sinnes. Ist es denn nicht unsinnig, zu denken, daß, wenn das Selbstwirken des Vaters der gewordenen und geschaffenen Natur unerträglich und lästig war, und zwar sehr, oder gar ganz unzugänglich, es nur dem Sohne angenehm, willkommen und erträglich wurde, obwohl er nach Jenen eine mit den Geschöpfen gleichartige Natur bekam? Denn was für Geschöpfe einmal unerträglich ist, Das wird für keines erträglich sein, wenn es auch einen Vorzug zu haben scheint und als viel besser als die anderen gedacht wird. Rundweg aber auch zu sagen wagen, es gezieme der Majestät des Vaters nicht, auch bis zu dem Geringfügigsten herabzusteigen, enthält eine zweifache Lästerung. Denn sie werden den Sohn beschimpfen, aber auch den Vater selbst tadeln, obwohl sie ihn zu ehren meinen.

B. Weil sie — was denken oder sagen?

A. Der im Vater gedachten Erhabenheit nämlich ordnen sie zwar den Sohn unter, doch nehmen sie ihm, glaube ich, nicht seine Erhebung zum höchsten Gipfel von Erhabenheit und Ehre, wenn Manche auch überaus thöricht sind. Ziemt es sich nun, sag’ mir, für den mit einer solchen Natur begabten und so weit in Ehre und Würde gekommenen Sohn, Hoheiten und Throne und Herrschaften und noch Höheres zu schaffen, den kleinen Spatzen aber und das noch Niederere zu machen werden wir der Macht eines Anderen überlassen? Wie werden wir da uns noch als vernünftig denkend finden?

B. Keineswegs. Denn „Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn ist Nichts geworden,“ wie geschrieben steht.

A. Und wie wäre es nicht klein und gering für die Natur des Sohnes, den Spatzen gebildet zuhaben? Warum aber hat er, als Bild und Ähnlichkeit Gottes des Vaters, nicht auch diese Ähnlichkeit mit ihm bewahrt, es zu verschmähen nämlich auch den so niedrigen Dingen die belebende und in’s Dasein rufende Macht zuzuwenden? Sollten sie denn nicht, gleichwie sie aus Bewunderung der erhabenen Majestät Gottes des Vaters sagen, es sei zu gering für ihn, Engel zu schaffen, mit Recht, auch den Sohn ermessend, sagen, daß weit unter der ihm gebührenden Würde die Erschaffung des Gewürmes und des Spatzen und der mannigfaltige Unterschied der Blumen des Feldes stehen werde? Und doch, warum denn krönt den Schöpfer dieser Dinge mit unsäglichen Lobsprüchen der Psalmist, indem er sagt: „Der Futter hervorbringt für die Lastthiere und Kraut zum Dienste des Menschen“? Entweder also sollen sie uns andere, der Natur der Geschöpfe entsprechende Schöpfer herbeibringen, oder sie werden nicht undeutlich den Eingebornen beschimpfen, wenn sie ihn als Urheber auch dieser geringfügigen Dinge einführen.

B. Die Rede wird ihnen nicht wenig Gefahr bringen.

A. Wie aber werden sie nicht den Vater sowohl des Stolzes als der Unwissenheit zeihen und dann sagen, er verschmähe es, diejenigen Dinge zu schaffen, deren Gott er sein wollte und ist? Und doch höre ich Christum sagen und die Vorsehung des Vaters bewundern: „Kauft man nicht zwei Sperlinge um ein Aß, und keiner von ihnen wird zur Erde fallen ohne euren Vaters im Himmel?“ Der aber bis zum Sperling den Umfang seiner Vorsehung ausdehnt, wie sollte Der es verschmähen, Engel zu schaffen, den Himmel zu befestigen, die Erde zu gründen und Sonne, Mond und Sterne hervorzubringen, weßwegen er auch von den heiligen Engeln bewundert wird, die ihn als Wunderthäter lobpreisen? Denn er sagt: „Als die Sterne entstanden, priesen mich mit lauter Stimme meine Engel.“ Scheine ich dir nicht das Wahre zu erkennen und richtig zu reden?

B. Allerdings.

A. Meinst du aber, sag’ mir, irgend ein Geschöpf, sei es klein oder groß, sei nicht ein Werk der göttlichen Macht?

B. Keineswegs.

A. Wie ist es dann nicht thöricht, das durch den Sohn Gewordene als göttliche Werke zu bezeichnen und zu benennen, aber ihn nicht als Gott anzuerkennen, sondern ihn vielmehr den Geschöpfen zuzurechnen, als gleicher Natur mit ihnen? Denn das Gewordene ist nicht Gott; aber die Geschöpfe wären auch nicht mehr Zeichen der wesenhaften Majestät ihres Schöpfers, wenn sie nicht eine geringere und anders beschaffene Natur hätten, als wie man etwa den Schöpfer denkt. Und Dieses sehr wohl wissend schreibt uns der heilige Paulus: 1 „Denn das Unsichtbare desselben wird seit der Schöpfung der Welt, durch die Werke erkennbar, angeschaut, wie auch seine ewige Macht und Gottheit.“ Wird denn darin, daß man das allschöpferische Wort als geworden denkt, seine Gottheit erkannt und seine immerwährende und unveränderliche Macht? Denn Das bedeutet das „ewig“. Aber es hindert, glaube ich, durchaus Nichts, daß des Namens der Gottheit nun auch die Schöpfung selbst sich rühme. Und was folgt daraus? Die eigene Gottheit zeigt uns Das, was wir sehen, die (Gottheit) Gottes aber nicht mehr.

B. Wie nun, wenn sie sagen würden, die Gottheit und ewige Macht des Vaters werde durch die Herrlichkeit der Geschöpfe offenbar?

A. Sie selbst werden ihre eigenen Reden anklagen und dürften wohl auch sehr leicht überführt werden, ihren eigenen Ansichten zu widersprechen.

B. Wie meinst du?

A. Weil sie, mit Übergehung des Sohnes, die schöpferische Wirksamkeit des Vaters abmessend und bestimmend, sagen, er sei seit Schöpfung der Welt angeschaut worden, während doch die heilige Schrift die Erschaffung der Welt dem Sohne zuschreibt. Denn es steht geschrieben: „Durch das Wort des Herrn sind die Himmel befestigt worden und durch den Hauch seines Mundes all’ ihre Kraft.“ Als Schöpfer also verkündet die Welt uns das Wort und stellt deutlich seine Macht und Gottheit dar. Denn nicht bewundern wir, wenn wir die Schöpfung anschauen, als eine Schöpfung das die Schöpfung schaffende Wort, sondern indem wir es mit weit höheren Gedanken verehren, werden wir es anbeten, in dem Glauben, daß der Eingeborne von Natur Gott sei und aus Gott entsprungen. Denn so die Anklage auf Irrthum abfertigend wollen wir abtreiben und von unserem Haupte abwenden die dießbezüglichen Strafen, die auch der heilige Paulus uns kund that. Er sagt nämlich so: „Darum übergab sie Gott in die Gelüste ihrer Herzen, in Unzucht, so daß sie ihre eigenen Leiber an sich schändeten, sie, die die Wahrheit Gottes verkehrten in Lüge und das Geschöpf anbeteten und ihm dienten mehr als dem Schöpfer, der hochgelobt ist in Ewigkeit. Amen.“ Also wenn Einige die Wahrheit verfälscht und durch die Lüge gottlos entstellt darstellen, dem gewordenen Geschöpfe dienend mehr als Dem, der von Natur Gott ist, so wohnt ja auch in uns ein falscher Sinn, und wir sind dem Wahne verfallen und abgeirrt mit den Gottlosen, wenn wir dem Sohne als einer geschaffenen Natur dienen. Denn nach Jenen ist er geschaffen. Oder ist das Gewordene nicht ein Geschöpf?

A. Schau’ nun, o Hermias, zu welch’ großer Thorheit ihre Gedanken hinabfließen! Denn die göttliche und heilige Schrift sagt, den lebendigen und wahren Gott hätten die Heiden erkannt, durch den Glauben zur Erkenntniß des Sohnes geleitet;  Diese aber sind in der Erbärmlichkeit der Gedanken so weit gekommen, daß sie gar nicht erröthen, die Geringheit des Geschaffenseins ihm anzuwerfen. So aber steht von Denen, welche den heiligen Aposteln nachfolgen wollten, geschrieben: „Denn sie selbst,“ heißt es, „verkündigen von uns, welchen Eingang wir bei euch gehabt haben, und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gotte zu dienen.“ Wenn es also eine Schmach heidnischen Kultes ist, das Geschöpf anzubeten, die Heiden aber sich zu dem lebendigen und wahren Gott bekehrten, da sie Christum als Herrn bekannten und zur Anbetung des Sohnes zugleich mit der des Vaters übergingen, wie sollte man ihn noch für geschaffen halten und nicht nothwendig denken, daß eitel der Glaube sei, erlogen aber die Ansicht von Gott auch bei uns noch, obwohl es von uns heißt, daß wir der Anklage des alten Irrthums entronnen seien?

B. Ja, sagt Einer, es bekehrten sich nämlich die Heiden zum Vater als dem lebendigen und wahren Gott.

A. Und welches wäre bei uns die Weise der Bekehrung zu dem lebendigen und wahren Gott? Oder wie gehen Manche ganz geradewegs und ohne Irrthum zu dem lebendigen und wahren Herrn, indem sie es als eitel verschmähen, dem Geschöpfe zu dienen?

B. Durch den Glauben, denke ich. Denn dieser ist „das Fragen nach Gott aus gutem Gewissen“.

A. Das ist wahr; aber sage Dieß: Ist nicht der Glaube an Vater, Sohn und heiligen Geist?

B. Ja freilich.

A. Die aber den wahren, fehllosen und von aller Makel freien Glauben bewahren wollen, werden Diese zugleich an Gott und Geschöpf glauben oder schlechthin an Gott, indem sie den Sohn als ebenbürtig mit dem Vater verbinden?

B. An einen Gott natürlich oder an eine Natur der Gottheit; oder sie sollen wissen, daß sie der Schuld nicht entrinnen, wenn sie den wahrhaftigen Gott mit dem Geschöpfe verknüpfen.

A. Fest steht also, daß der Glaube auch an den Sohn ist, als an den lebendigen und wahren Gott. Ohne Mühe aber wird auch Dieses dir klar sein, wenn du den Sohn sagen hörst:  „Ihr glaubet an Gott, glaubet auch an mich!“ womit er uns nicht an ein Geschöpf und an Gott, daran fehlt viel, sondern vielmehr wegen der Wesensidentität und unverschiedenen Gleichheit an eine Natur der Gottheit anweist. Und darum sagt er wiederum: „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an Den, der mich gesandt hat.“ Denn der Glaube an den Sohn führt den achten Anbeter in der That nicht vom Vater ab, sondern durch den Erzeugten zu dem erzeugenden Vater hin. Daß aber die Menge der ehemaligen Götzendiener Christum als wahren Gott erkannte und anbetete, kannst du leicht sehen, da Paulus also sagt: „Darum seid eingedenk, ihr, die ihr einst als Heiden „Vorhaut“ hießet von der sogenannten, mit der Hand gemachten Beschneidung im Fleische, daß ihr damals ohne Christum waret, abgesondert von der Verfassung Israels und fremd den Bündnissen der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt.“ Verstehst du also, daß die Heiden, als ohne Christus, fern waren von dem wahren Gott und entfremdet der Wahrheit? Sie waren ja „ohne Gott in der Welt“; nachdem sie aber den Sohn durch den Glauben erkannt hatten, erschienen sie in einer guten Hoffnung und entrannen der Schmach der Gottlosigkeit und wuschen sie ab.

B. Du hast Recht.

A. Gott also ist in Wahrheit auch der Sohn; es bleibt nämlich auf diese Weise unbescholten und unverfälscht auch der Glaube an unsere Erneuerung durch die heilige Taufe.

B. Und worin besteht denn diese? Denn ich verstehe es nicht recht.

A. Sind wir denn nicht, mein Lieber, in geistiger Zeugung erzeugt worden, gestaltet nach dem Sohne und durch den Geist wieder hergestellt zu seiner göttlichen und überweltlichen Schönheit, und werden göttlicher Natur theilhaftig durch die Gemeinschaft mit dem Sohne als Gott?

B. Allerdings.

A. Wie also ist er noch geworden? Und ist dann nicht das Mysterium in uns Trug und auf eitlen Hoffnungen beruhend und, als in bloßen Worten bestehend, eine leere Meinung und in der That Blendwerk und Schein, wenn er nämlich nicht Das wirklich ist, wofür wir ihn halten? Denn wie oder woher sind wir göttlicher Natur theilhaftig oder was für ein Merkmal Gottes wird uns ausgeprägt, auch wenn wir nach dem Sohne gestaltet wurden, wenn er, als geschaffen, nicht Gott ist? Dann muß man aber glauben, auch der Vater selbst sei nicht ungeworden, dessen Ebenbild der Sohn ist. Oder sag’ mir Dieses, denn ich frage: Wirst du denn nicht, wenn du die göttliche Natur bedenkst, was sie sei, sie für etwas mit dem Geschöpfe gar nicht Vergleichbares erklären und keinem der Geschöpfe durchaus ähnliches?

B. Allerdings; denn wie wird die Natur Gottes nicht alles Gewordene überragen?

A. Also wird wohl Niemand, wenn er Verstand hat, die ungeschaffene und ungewordene Natur für das Urbild einer gewordenen halten; er wird ja auch nicht in Dem, was immer auf gleiche Weise ist und sich verhält, die einmal nicht seiende und geschaffene Natur erblicken.

B. So ist es.

A. Für wahr aber halte ich auch das Umgekehrte. Denn nicht wird man in dem einst Nichtseienden das immer sich gleich Bleibende erblicken.

B. Das ist wahr.

A. Was ist es also bewundernswerth an uns, daß wir nach dem Sohne gestaltet sind? Wo aber leuchtet in den Seelen der Gläubigen die göttliche Schönheit, als eine ungewohnte und fremde, da doch jedem Gewordenen die Gleichförmigkeit mit dem Gewordenen, sofern es als geworden gedacht wird, nicht als hinzugefügt zukommt, sondern vielmehr ein Gesetz der Natur sie aufprägt? Es war also immer dem Sohne, wenn er, nach Jenen, geworden ist, gleichförmig auch die übrige Schöpfung. Was für eine Schönheit also wird noch durch den Geist unseren Seelen aufgeprägt? Als überflüssig, wie es scheint, wird es demnach sich zeigen, daß er vergeblich Etwas hinzufügt, was, auch wenn es Einer vielleicht nicht will, er schon von Natur aus besitzt und von Haus aus hat, ohne es von einem Anderen bekommen zu haben. Allein hierüber wird, glaube ich, jedwede richtige und unfalsche Ansicht lachen. Denn göttlicher Natur theilhaftig sind kraft der Verwandtschaft mit dem Sohne durch den Geist, keineswegs in bloßer Einbildung, sondern in Wahrheit wir alle, die wir glauben, und wir werden nach Gott gestaltet, indem wir zur übergeschöpflichen Schönheit erneuert werden. Denn gestaltet wird in uns auf unaussprechliche Weise Christus, nicht als geworden in Gewordenen, sondern als ungeworden und Gott in gewordener und geschaffener Natur, indem er durch den Geist das Geschöpf, das heißt uns, nach seinem Bilde umgestaltet und zur übergeschöpflichen Würde umformt.

B. Nichts also ist, was den Eingebornen von der wahren Sohnschaft entfernte und ausschlöße; zugeben aber werden wir, daß er vielmehr gezeugt sei und nicht geworden.

A. Ja, da wir ihn ja als wahren Gott annehmen und glauben, es gebühre ihm die Ehre der Anbetung von uns und den heiligen Engeln, und ihn mit den Auszeichnungen und Ehren der Gottheit bekränzen wollen, damit wir nicht mit Ausserachtlassung des Schöpfers und mit Vernachlässigung der in der That über Alles herrschenden Natur dem Geschöpfe dienen und, wenn wir die Ehre des Ungewordenen dem Gewordenen schenken, mit Recht hören (müssen): „Siehe, ein thörichtes und herzloses Volk!“

B. Keineswegs nämlich werden auch Jene sagen, daß er sowohl Sohn ist als Gott.

A. Und wie ist es nicht thöricht und ganz lächerlich, ihn mit bloßen Namen und Namensvorzügen wie bei einem Bilde und Gemälde zu beschmieren, der göttlichen Ehre aber zu berauben durch Einreihung unter die Geschöpfe? Oder ist es nicht ganz abscheulich, zu sagen, er sei geschaffen, da er doch Gott, weil anzubeten ist?

B. Du hast Recht.

A. Wenn sie nun, ablassend von der Meinung, uns mit guten Worten bezaubern zu sollen, den Sohn möglichst weit von der wahren Gottheit entfernen, so sollen sie Dieß mit klarer Stimme sagen und offen lästern. Denn sie werden sogleich zur Antwort bekommen von uns und von den heiligen Engeln: „Wandelt im Lichte eueres Feuers und in der Flamme, die ihr angezündet habt!“ Wir aber werden zum rechten Wege uns wenden, indem wir glauben, das in unaussprechlicher Geburt aus Gott entsprungene Wort sei wahrhaftiger Gott. Wenn sie aber, einen nicht ganz ungelehrigen und thörichten Sinn annehmend, mit Beschränkung, glaube ich, der Lästerung nicht läugnen, sondern bekennen werden, daß er Gott sei, aber ihn der Wesenheit Gottes des Vaters unterordnen und sagen, er sei gewissermaßen besser als ein Geschöpf, indem sie ihn gleichsam zwischen die ungewordene und gewordene Natur hineinsetzen, so sollen sie hören: Wie kann die Natur der Gottheit als verschiedenartig gedacht werden? Gott mit Gott verglichen kann sich ja doch in Bezug auf das Gottfein nicht verschieden verhalten, wie man gewiß auch an uns selbst sehen kann. Denn wir sagen, eine sei die Natur der Menschheit, und die Definition der Wesenheit ist sowohl im Ganzen als in jedem Einzelnen unverändert eine. Entweder also, wenn sie ihn für Gott halten, sollen sie ihn ganz ausnehmen von der Zahl der Geschöpfe, oder wenn sie Dieß zu denken sich nicht bereden lassen, so sollen sie ihn überhaupt nicht mehr als Gott bekennen. Denn laut lachend werden wir dann sagen: „Entweder nehmet an, der Baum sei gut und seine Frucht gut, oder nehmet an, der Baum sei schlecht und seine Frucht schlecht; denn aus der Frucht erkennt man den Baum!“ Erkennen wir denn nicht jedes Wesen, was es seiner Natur nach ist, klar und richtig aus Dem, o Freund, was man glaubt, daß es in Wahrheit ist?

A. Wohlan denn also, laß uns, welches die Natur des Sohnes sei, sehen, indem wir auch Dieß erwägen. Wenn er nicht Gott ist von Natur, sondern vielmehr geschaffen und mit uns in’s Dasein gesetzt, nach der trunkenen und wahnwitzigen Lehre Jener, wie ist dann die Welt von ihm abgefallen und hat das Geschöpf sich getrennt? Etwa durch örtliche und meßbare Abstände? Und doch wie wäre Das nicht Geschwätz? Denn wo oder wie wird das Unkörperliche Abstände haben, oder welcher Ort wird es einschließen? Nun bezeugt aber der selige Johannes: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt.“ Werden wir also, o Hermias, wenn wir richtig denken, nicht zugeben, die Weise des Abfalles und des dazwischen gefallenen Abstandes sei eine andere als diese, nämlich die, daß die Welt den immer bei ihr seienden Schöpfer nicht erkannt hat?

B. Allerdings.

A. Ein Ausreisser also war die Welt, weil sie in Folge der Unkenntniß des Schöpfers über der Welt der Gemeinschaft mit ihm entfloh und den Wandel im Geiste durch Verkehrung zum Schlechten abwarf. Denn durch den unaussprechlichen Wink des Schöpfers wurde die Natur des Menschen in’s Dasein gerufen und zugleich durch das Verhältniß zum Geiste verschönt. Er hauchte nämlich in sein Angesicht den Lebensodem da sonst, glaublich, das Lebewesen die Auszeichnung der Heiligung und Verwandtschaft mit Gott nicht immer haben würde, wenn es nicht durch die Gemeinschaft des heiligen Geistes verschönt würde. Daher war, als er Mensch wurde, der Eingeborne, welcher die menschliche Natur des früheren und ursprünglichen Gutes beraubt fand, sie wieder zu demselben zu erneuern bestrebt, indem er wie aus einer Quelle aus der eigenen Fülle mittheilte und sprach: „Empfanget den heiligen Geist!“ durch den fleischlichen und wahrnehmbaren Odem die Natur des Geistes sehr gut sinnbildend. Es wird also dem ursprünglich zum Sein Hinzugegebenen gleichstehen die Erneuerung zu dem Ursprünglichen, und jene Weise der Trennung erlitt die gewordene Natur nicht durch örtlich gedachte Abstände, daran fehlt viel, sondern vielmehr durch die Losreissung und den Abfall von Gott und der Verbindung mit dem Sohne durch den Geist. Und sie erhebt sich daher wieder zu dem Anfänglichen, wenn sie will, da sie die geistige Erneuerung erlangt hat und zur Gemeinschaft seiner göttlichen Natur berufen ist durch den Geist. Wenn nun der Sohn nach Jenen noch zu den Geschöpfen gehört, wie ist dann das Geschöpf ihm entlaufen und von ihm abgefallen? Denn immer ist das Verwandte geliebt, und es wird sich nicht das Gewordene vom Gewordenen trennen, sofern es geworden ist. Denn die Entfremdung pflegt doch wohl immer bei dem Andersartigen oder Andersförmigen, nicht bei Dem, was eine und dieselbe Bestimmung der Natur hat, gefunden zu werden. Wie also wohnt er in dem Geschöpfe durch den Geist? Was gibt oder verleiht er ihm, oder zu welcher geistigen Höhe führt er es, oder was für einen Vorzug prägt er ihm ein? Wie aber, wenn er selbst nicht vorzüglicher ist (denn er ist mit uns geschaffen, wie Jene sagen), heißt es von ihm, er habe sich erniedrigt,  oder was für einer Herablassung bedürfte es, damit er durch die Herabkunft gleichsam aus übergeschöpflichen Höhen mit der Welt sich verbinde und ein Theil der Welt würde, wenn er nicht über der Welt und der Schöpfung ist?

B. Hierauf werden sie, glaub’ ich, in Verlegenheit sein.

A. Warum aber denn ist er allein frei und Befreier, während doch die ganze Schöpfung knechtisch unter Gott den Nacken beugt? Höchst unverständig aber und eitle Schwätzer wären wir, mein Lieber, wenn wir den aus Gott entsprungenen und mit Gott dem Vater gleichewigen Sohn unter die, so es aus Gnade sind, setzen würden. Denn wo oder welches wird noch unser Urbild sein, wenn mit uns auch Der, nach welchem wir gestaltet sind, zu Dem herabsinkt, was durch Gnade und Nachbildung ist?

B. Ganz ausgezeichnet zwar und sehr klar scheinst du uns die Rede hierüber durchgeführt zu haben. Ich aber glaube, die Gegner werden sagen: Haben denn nicht, o Verehrteste, den Sohn als ein Geschöpf die heiligen Sprüche von Alters her verkündet und der göttliche und große Chor der Apostel erkannt? Sagt ja doch Salomo, die Person des Sohnes in einer Weissagung darstellend: „Der Herr schuf (machte) mich als (zum) Anfang seiner Wege zu seinen Werken;“ und der vor den Anderen ausgezeichnete Petrus: „Zuverlässig also wisse das ganze Haus Israel, daß Gott ihn zum Herrn und Gesalbten (Christus) gemacht hat.“ Was also werden wir denn sagen, wenn sie uns wieder auch mit solchen Reden bestürmen?

A. Was sonst, als was wahr ist, zu sagen: „Unsere Feinde aber sind Thoren“? Denn ein Verstand, der von der Weisheit von oben, welche vom Vater der Lichter ausgegossen wird, nicht erleuchtet wird, ist grob und schwarz (finster) und dem Nebel der Unwissenheit zu entrinnen nicht im Stande. Und mir scheint, die so verhaßte Krankheit habe der göttliche David abgeschüttelt und so zu Gott empor gesungen: „Erleuchte meine Augen, damit sie nie einschlafen zum Tode!“ Wohlan denn also, mit munterem und ernüchtertem Geiste, die Erkenntniß der vorliegenden Gegenstände erforschend und wie spürnasige und gute Hunde wollen wir der noch unerkannten und dem großen Haufen nicht erreichbaren Wahrheit nachspüren! Es erklärte sich nämlich zweifelsohne der Sohn für geschaffen, und nicht ohne Grund, sagt er, sei ihm Dieß widerfahren, vielmehr aber „zu seinen Werken“ und „als Anfang seiner Wege“, natürlich Gottes des Vaters. Es bedeutet also hier die Erschaffung keineswegs die Hervorbringung aus dem Nichts sein, sondern die Bestimmung des Seienden und Bestehenden zu diesen oder jenen Werken, wie gewiß auch den Weber oder Schmid zum Beispiel, wenn sie unthätig dastehen und bemerkt werden, der Wille Dessen, der sie zu Werken bestimmt, thätig werden macht zu Dem, wozu jeder von beiden geschickt ist, Niemand aber meinen wird, daß er sie auch zum Dasein bringe. Wenn also der Sohn ohne irgend einen Zusatz sagen würde: „Der Herr schuf mich,“ so wäre ihr Gerede nicht ganz unwahrscheinlich, sofern es auf’s Meinen ankommt. Da er aber nicht einfach und ohne Zusatz sagt, er sei geschaffen, sondern „zu Werken und zum Anfang der Wege“, was lassen sie nicht das Unschickliche und wählen das Rechte, bedenkend, daß von Gott geschrieben steht:  „Der Herr wurde mir zur Zuflucht“? Würdest du also zugeben, Gott sei geworden, wenn es von ihm heißt, er sei Einem eine Zuflucht geworden?

B. Keineswegs.

A. Warum also, sag’ mir, haben sie einen zum Irrthum geneigten und ungezügelten Sinn und schlagen darauf los, indem sie mannigfacher Täuschungen wie einer Waffenrüstung sich bedienen, die Verkehrten, während sie doch gar sehr bestrebt sein sollten, auch Das, was nicht ganz Gottes würdig gesagt zu sein scheint, nach der Wahrheit zurecht zu legen, wegen des Menschlichen und der Ähnlichkeit des Sohnes mit uns? Übrigens auch (denn ich glaube auch Dieses sagen zu sollen), da er sagte, er sei geschaffen, setzte er hinzu, daß er auch gezeugt sei. Denn „vor allen Hügeln zeugt er mich,“ sagt er. Entweder also werden wir, weil er sich geschaffen nennt, die Zeugung aufheben oder, das Geschaffensein bei Seite lassend, zugeben, er sei gezeugt. Denn die Ausdrücke führen das durch beide Bezeichnete gegen einander, aber der Sinn ist in beiden nicht unwahr. Also der Nämliche ist gezeugt aus dem Vater, als Gott, geschaffen aber wieder nach dem Fleische. Und hiezu beredet uns der heilige Ausspruch: „Sieh’, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen Emmanuel nennen, das heißt verdollmetscht: Gott mit uns.“ Wie denn wäre das Wort, als Gott, mit uns? Etwa durch örtliche Nähe und Lage und nach dem Gesetz der Körper? Und wie wäre Das nicht ungereimt? Also da er die gleiche Gestalt mit uns und die Geringheit der Knechtschaft annahm und mit uns unter den Gewordenen weilte der Ungewordene, damals ist er „mit uns“ geworden, obwohl er um so viel höher und erhabener ist, als die Natur der Gottheit gedacht wird im Vergleich zum Geschöpfe und Werke. Darum rief auch der göttliche David den durch unermeßliche und unvergleichliche Vorzüge über uns erhabenen und in unaussprechlicher Herrlichkeit befindlichen, aus Gott entsprungenen Eingebornen zur Herablassung zu uns, da er sang und sprach: „Warum, o Herr, stehst du ferne, übersiehst uns zur gelegenen Zeit in Trübsalen?“ Denn der durch ein Gesetz der Natur ferne steht und eine allen Anderen ungleiche und unzugängliche Eigenthümlichkeit und Erhabenheit besitzt, ist mit uns geworden, als er unsertwegen die freiwillige Erniedrigung auf sich nahm. Wenn sie aber sagen werden, es sei nicht so, dann hindert, wie ich glaube, durchaus Nichts mehr, ohne Scheu zu sagen, daß die heilige Schrift uns hierin Märchen erzählt hat, wenn sie sagt, der Sohn sei mit uns geworden, als er Mensch wurde. Denn wann war er nicht mit uns, wenn er geworden ist?

B. Du hast Recht.

A. Wenn es aber auch heißt, er sei Christus und Herr geworden, so wirst du denken, daß er sich selbst erniedrigte, da er Knechtesrang annahm wegen der Ähnlichkeit mit uns. Und es war, glaube ich, weise und nothwendig, daß die göttliche Natur nicht durch unsere Armseligkeit und die Unansehnlichkeit des Fleisches sich überwinden ließ, da sie das unvertilgbare Mal der Knechtschaft und die angenommene Unansehnlichkeit an sich hatte, sondern die Geringheit der Knechtschaft der Herrlichkeit der Gottheit nachgab. Da er also unsertwegen sich unter die Knechte rechnete, aber wieder zu der ihm inwohnenden und unverlierbaren und durch Naturgesetze fest begründeten Herrscherwürde sich erhob, da wurde er, heißt es, zum Herrn ernannt und ist mit uns geworden wegen des Menschlichen. Wenn wir aber ohne Rücksicht auf die wahre Lehre dem Worte Alles zuschreiben würden, was des Fleisches ist, oder was wegen des Fleisches geschehen und gesagt ist, werden wir nicht wenig unehrerbietig sein. Denn es war dann „unter dem Gesetze,“ deßgleichen „sichtbar und greifbar“ und „etwas geringer als die Engel“  und „wurde unter die Missethäter gerechnet“  und „wurde wie ein Lamm zur Schlachtung geführt“  und erduldete den so schmählichen Tod. Man muß es also der Natur des Wortes, auch ohne Fleisch gedacht, zuschreiben, daß es auch in diesen so höchst niedrigen und unrühmlichen Verhältnissen war. Und was folgt daraus? Es verliert dann der Geliebte und beim Vater Sitzende Alles, glaube ich, was ihn noch zur göttlichen Herrlichkeit erhebt, ja sogar auch, was ihn den heiligen Engeln gleich stellt. Warum also erfreut er sich des göttlichen Thrones und sitzt darauf mit dem Vater, diese aber stehen im Kreise herum, den Rang der Knechtschaft unter ihm nicht verschmähend, und (warum) ist und heißt er Herr Sabaoth, diese aber lobpreisen ihn als Herrn und sagen, „voll sei der Himmel und die Erde von seiner Herrlichkeit“? Ist also die Behauptung, der auch von den in höchster Ehre Stehenden, so sehr Bewunderte sei geschaffen, nicht eine Krankheit des höchst armseligen und eitlen Sinnes?

B. Allerdings; denn Das ist meine Meinung. Gleichwohl aber sagen sie, zu den Werken des Vaters sei der Sohn hervorgebracht worden, nicht bloß als er unsere Gestalt annahm, sondern auch seit er entsprungen ist, damit er (der Vater) durch ihn Alles wirke, der die seinerseitige Thätigkeit wie eine werkzeugliche Dienstleistung an den Kreaturen beitrage.

A. Ah, welche schreckliche und maßlose Keckmauligkeit. Denn welche Reden werden sie noch sparen, da sie auch dem Vater selbst das Nichtsthun zur Last legen und daß er keineswegs eine zu Allem ausreichende schöpferische Macht besitzen, sondern zugleich das Richtige verfehle und also auch der höchsten Macht beraubt sei?

B. Wie so?

A. Bedenkst du nicht auch vor dem Übrigen Folgendes? Wenn es besser war, daß man Gott den Vater als Schöpfer zu seinen eigenen Thätigkeiten immer eine werkzeugliche Hilfe beiziehen sähe, und daß er von Natur so sei und, was er will, wirke, oder daß er der verläumderischen Anklage nicht entgehe, wenn er auf andere Weise zu Werke ginge: wie hat er dem Sohne nicht Unrecht gethan, da er ihn nicht durch ein Werkzeug und Vermittlung eines Anderen in’s Dasein brachte, sondern für ihn nur das bloße Selbstwirken seiner eigenen Macht aufwendete? Und zwar die übrigen Geschöpfe, die, wie sie sagen, von der Herrlichkeit des Sohnes übertroffen werden, haben die beste und vorzüglichste Weise der Hervorbringung erlangt, er aber, obwohl mit so erhabenen Vorzügen geschmückt, die schlechtere und geringere? Aber es war vielleicht, werden Einige sagen, die Selbstthätigkeit besser, und diese wurde dem Sohne zu Theil. Aber was bewog dann, sie sollen antworten, den so erhabenen und höchst bewundernswerthen Willen des Vaters, nicht die bessere Weise der schlechteren vorzuziehen beim Schöpfungswerke und so von dem Schicklichsten abzuirren, indem er es unterließ, vollbringen zu wollen, was billig war?

B. Sollte also, fragt Einer, der Vater des Alls auf die Geschöpfe eine unmittelbare Thätigkeit verwenden?

A. Warum nicht, mein Freund? War es etwa besser für ihn, eine werkzeugliche und dienende Hilfe dazuzunehmen, da uns doch hieraus eine große Schaar ungereimter Gedanken entspringen und zum Vorschein kommen wird? Denn warum Gott der Vater einen Helfer brauchte und wozu ein Werkzeug und ein Mittler diene, sehe ich nicht. Denn wenn er in der That die Mitwirkung eines Mitschöpfers als für ihn nothwendig wußte und hiezu mit Nutzen Den verwendete, der Sohn zugenannt wird und doch, nach Jenen, zu den Geschöpfen zählt, wie sollte er die vollkommene Schöpfermacht haben, wenn er durch ein Werkzeug und mit Mühe es in sich dahin bringt, Das vollkommen herzustellen, wozu er von Natur aus befähigt sein soll? Und die weitere Lästerung mag ich nicht sagen. Denn als Fülle der Gottheit erscheint bereits das Gewordene und das zu Hilfe Beigezogene als nützlichste Unterstützung der schöpferischen Macht des Vaters. Und wie, sag’ mir, war er sich ohne Hilfe genug zur Erschaffung des Sohnes, wenn er geworden ist, der doch so sehr und unvergleichlich erhaben ist? Denn mit so tauschenden Ehren heucheln sie ihn zu bezaubern, weil sie sich, glaub’ ich, der Häßlichkeit der Lästerung schämen. Der sich aber zu dem so Vorzüglichen und Erhabenen ohne Hilfe und allein genug war, wie war Der, ohne einen Helfer, schwach zur Herstellung des Untergeordneten? Sind also nicht bejammernswerth Die, welche nicht zurückschaudern, Dieses auch nur zu denken?

B. Allerdings; aber höre weiter! Zu gering nämlich, sagen sie, sei es Gott dem Vater, Alles selbst zu machen.

A. Fort mit der Lästerung Mensch! Mit Recht aber könntest du sagen, deine Seele von der diesbezüglichen Schuld so weit als möglich fern haltend: „Setze, o Herr, eine Wache an meinen Mund und eine umgebende Thüre um meine Lippen; neige mein Herz nicht zu Reden der Bosheit, um in Sünden Vorwände vorzubringen mit Menschen, die Ungerechtigkeit thun!“ Denn wer da sagt, es sei Gott, dem Vater zu gering, selbst Alles zu machen, der erklärt ihn für nicht frei von Stolz und Hochmuth, sondern wird ihm dieses Paar der häßlichsten und verhaßtesten Leidenschaften zur Last legen. Er wäre aber auch ausserdem unwissend, da er nicht einmal begriffe, wohin die Rede hinaus laufe. Ich möchte aber von dir erfahren.

B. Was denn?

A. Sagen sie denn nicht, der Sohn sei geworden?

B. Ja, aber was weiter?

A. Wenn wir nun, sofern es möglich ist, die über Alles herrschende Natur sehen würden, werden wir nicht als klein sehen alles durch sie Gewordene?

B. Klein, ohne Zweifel.

A. Also den Sohn wollte er einzig und auf einzige Weise erschauen; erröthend aber gleichsam über die Sache läßt er sogleich ab und übergibt die Hervorbringung des einst Nichtseienden den Thätigkeiten eines Anderen. Und doch ist es für Gott das schönste und beste Loos der Ehre und des Ruhmes, schaffen zu können, da auch dadurch, wer und wie groß er ist, von uns erkannt wird. Denn „aus der Größe und Schönheit der Geschöpfe wird schlußweise der Urheber derselben erkannt,“ wie geschrieben steht.  Wenn er aber Das, wodurch er erkannt wird, für klein und verwerflich erachten wird, so wird er selbst seiner eigenen Natur sich schämen, weil er weiß, natürlich, daß sie sich höchst unschön verhalte. Und doch ist es sehr rühmlich für jeden Menschen und jeden Engel, Das, wodurch er erkannt werden kann als Das, was er ist, vollkommen zu besitzen, und Keiner wird Dessen, was er erlangt hat, sich schämen, wenn er erkannt werden will, was er seiner Natur nach ist. Warum also sollte denn Gott sich Dessen schämen, was er hat, oder Das für eine Makel halten, wodurch er als Gott erkannt wird? Wenn es aber zu klein für ihn ist und nicht Rede werth, die Seraphim gemacht und die Engel geschaffen zu haben, wenn er die Größe und außerordentliche Erhabenheit seiner Natur ermißt, ist es dann nicht aus dieselbe Weise zu klein, von ihnen angebetet und gepriesen werden zu wollen? Denn deren Schöpfer er nicht sein will, wie sollte er als ihr Gott erkannt werden wollen? Warum verlangt er von uns Ehre und Anbetung, wenn er uns nicht einmal in’s Dasein zu setzen sich würdigt? Wie aber sollte er nicht selbst seine Ehre beschädigen, wenn er Das gering schätzte, wodurch er geehrt wird?

B. Wie denn also, sagen sie, erschuf der Vater Alles durch den Sohn?

A. Weil durch Wort und Weisheit und die ihm inwohnende Kraft; denn alles Dieses ist der Sohn dem Vater. Aber laß uns Dieses so durchnehmen, indem wir den königlichen Weg gehen und den geraden Pfad der Wahrheit. Wirst du denn nicht zustimmen, und zwar sehr bereitwillig, daß, wenn wir sagen, der Vater sei Schöpfer, wir folglich gewiß auch denken müssen, daß er nicht ohne Kraft noch ohne Weisheit noch auch ohne Wort (Vernunft) schafft?

B. Nothwendig. Darum sagt auch der Psalmist: „Alles hast du in Weisheit gemacht.“ Die Entstehung des Alls aber deutlicher erklärend rief Jeremias und sprach: „Der Herr, der in seiner Kraft die Erde gemacht, der in seiner Weisheit den Erdkreis hergestellt und in seiner Klugheit den Himmel ausgespannt hat.“

A. Wie aber, während Jeremias uns deutlich schreibt, durch Weisheit, Macht und Klugheit Gottes sei Alles geschaffen worden, sagt nicht der weise Johannes, durch den Sohn sei Alles geworden? Denn „Alles“, sagt er, „ist durch ihn geworden, und ohne ihn ist Nichts geworden.“

B. Ja. Was soll nun Dieses?

A. Daß als Weisheit und Kraft Gottes des Vaters der Sohn uns kund wurde.

B. Wie oder woher ist denn Dieses zweifelhaft?

A. Nun, wohlan, so sage, ob wir glauben, der Sohn sei in Weisheit, Verstand und Macht des Vaters in’s Sein gesetzt worden oder unweise, unverständig und unmächtig! Sie erklären ihn ja für geworden.

B. Das ist doch gewiß ganz unsinnig. Denn niemals war der Vater ohne Verstand und Macht.

A. Gut. Ich will dich ja loben, daß du die richtige und rechtschaffene Ansicht erwählt hast. Aber was werden hierauf Diejenigen sagen, welche den Sohn zu den gewordenen Wesen rechnen? Denn wenn er nicht immer war, sondern nach dem Gesetz der Schöpfung in der Zeit in’s Dasein gesetzt wurde, so werden sie, da er ja Weisheit, Macht und Verstand des Vaters ist, vor ihm den Vater als unmächtig, unkräftig, unweise und unverständig bekennen und zugeben, der Sohn sei ohne Weisheit und Kraft gemacht worden, obwohl er von reichem Wunder umflossen und nicht so beschaffen ist wie die Schöpfung, sondern in unvergleichlichen Vorzügen. Wenn sie nun aber, weil aller Verstand, glaube ich, sie auslacht, die Schmach der Lästerung abweisend meinen, auch er müsse in Weisheit und Macht des Vaters hervorgebracht sein, so müssen sie bekennen, daß er dann älter sein wird als er selbst und ausserdem sein eigener Schöpfer. Denn der Sohn hat sich selbst hervorgebracht, wenn er, der selbst die ganze Weisheit und Macht des Vaters ist, in seiner eigenen Macht und Weisheit entstanden ist. Siehst du also, wie ihre Rede allewegs in Unsinn verläuft?

B. Man kann aber ohne viel Schweiß auch auf andere Weise ihre Lehre als völlig thöricht erweisen.

A. Wohlan denn, die Natur Gottes in Gedanken, so viel es angeht, ermessend laß uns untersuchen, mein Lieber, welche und wie groß sie sei und was ihr gezieme! Glauben wir, sie müsse schaffen, indem sie den Geschöpfen als Anstoß zur Existenz ihren Willen, daß sie seien, ertheilt und dem Nichtseienden nur winkt, daß es sein solle, und auf diese Weise die gesammte Schöpfung zu Stande bringe, oder vielmehr, indem sie eine werkzeugliche Hilfe hat und den Beistand des Mittlers (Mittels) als nothwendig dazu nimmt, wie man zum Beispiel auch sagt, einem Steinhauer stehe Das, wodurch er Steinhauer sein wird und Bildner Dessen, was er versteht, zu Diensten?

B. Und wer, sag’ mir, wird denn läugnen, daß es durchaus Gottes würdig ist, durch den bloßen Willen zu schaffen?

A. Ganz richtig, da ja auch der göttliche Moses uns Gott auf diese und keine andere Weise schaffend dargestellt hat; denn „es sprach,“ sagt er, „Gott: Es werde das Firmament, und es wurde so,“ indem wohl zugleich mit dem Hervorbringen der Worte die Erfüllung der Werke erschien und kein Verzug den Mittler, nach Jenen, und Helfer als wirkend und werkzeuglich thätig zeigt. Denn gleichsam der Seinsgrund des Werkes war das Wort und der bloße Wink die Herstellung des Nichtseienden, und in dem bloßen Wollen (geschah) die Entstehung der Geschöpfe. Wenn es also für Gott den Vater am besten und schicklichsten war, so zu schaffen, warum theilen sie ihm den ich weiß nicht wie oder vielmehr geschwätzig erfundenen Beistand des Mittlers und Helfers zu, indem sie sagend der Sohn sei als höchst nützlich erschaffen worden, damit er durch ihn zu den übrigen Geschöpfen bedient würde? Sie sehen nämlich nicht ein, wie es scheint, daß sie den Sohn, obwohl sie behaupten, er sei geworden und zähle zu den Geschöpfen, als vorzüglicher und preiswürdiger darstellen als den Vater.

B. Wie so?

A. Wenn der Vater nothwendig durch einen Mittler, der Sohn aber durch bloßen Willen und Wink, was er will, vollbringt, da er befehlsweise zu dem Aussätzigen sagt: „Ich will, sei rein!“ und die schon vom Tode Bezwungenen wieder zum Leben bringt und den Blinden das ersehnte und ungewohnte Licht verleiht: wird man da nicht den Mittler und Helfer oder den wirklichen Schöpfer in viel herrlicherer Ehre sehen, und wird nicht so das Werkzeug über dem Künstler stehen?

B. Es scheint.

A. Und doch warum verachten sie denn den Bedacht und den Willen, richtig denken zu sollen, und neigen sich ohne Überlegung zum Schlechteren und überlassen sich nur ihrem Gutdünken, indem sie nicht einmal Das bedenken, daß das Gebilde des Menschen niemals Das machen wird, dessen Urheber er selbst ist, noch in der That irgend ein Kunstwerk die natürliche und wahrhaftige Eigenthümlichkeit der Wesenheit des Künstlers besitzen wird, und zwar auf ganz gleiche Weise?

B. Wie sollte es auch, da ja auch das Umgekehrte wahr ist? Denn der Baumeister oder, laß uns sagen, der Erzarbeiter wird doch nie die Werke der Erzarbeiter- oder der Baumeister-Kunst sein.

A. Recht hast du, und ich bewundere und lobe dich wegen deines großen Scharfsinnes. Wie also wird der Sohn, wenn er geworden ist, unverschieden gleich wirken mit Gott dem Vater, und wie ruft er, als selbsteigener Besitzer der Eigenthümlichkeit und Auszeichnung der allerhöchsten Wesenheit, das Nichtseiende als seiend und bringt es so ganz leicht und ohne Mühe zur Existenz, um durch den bloßen Willen die Schöpfung herzustellen? Schafft denn nicht so auch der Vater, dem seine eigene Natur hiezu genügt, und dessen Thätigkeit durchaus keine Hilfe von irgend einem Geschöpfe bedarf?

B. So ist es.

A. Gleichwie also das durch menschliche Hand und Wissenschaft Gefertigte nicht die Werke des Menschen thun und wirken kann, auf dieselbe Art und Weise, glaube ich, können auch die Werke der göttlichen Hand nicht wirken, was Gottes ist. Da aber der Sohn geschaffen und gewirkt hat, so wird er nicht zugleich mit allen anderen auch selbst ein Kunstwerk der göttlichen Hand sein und ist gewiß nicht aus dem Nichtsein als Schöpfer hervorgebracht worden, sondern besitzt Dieses vielmehr wesenhaft und nicht weniger, als wie auch der Vater selbst es hat.

B. Aber als gewirkt vom Vater, sagen sie, wirkt er Das, was die Schöpfung betrifft. Denn es sagt irgendwo auch er selbst: „Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst; der Vater aber, der in mir wohnte der thut die Werke;“ und wieder: „Die Werke, die ich thue, sind nicht mein, sondern Dessen, der mich gesandt hat.“

A. Das werden, ich weiß es, die Gegner uns vorhalten; denn sie werden keineswegs aufhören, die Wahrheit zu verfälschen und Das, wodurch sie zur richtigen Einsicht kommen könnten, wenn sie die Menschwerdung annehmen würden, höchst boshaft zu verdrehen. Wenn sie also bubenhaft, das Geheimniß Christi völlig läugnend und abweisend, die Menschwerdung des Wortes verwerfen, so sollen sie ohne Bedacht nach ihrem Belieben sagen, was sie wollen. Wenn sie aber Denen beistimmen, die richtig zu denken gewillt sind, daß das Wort, da es Gott war, Fleisch geworden ist und sich als Mensch darstellte, was verunehren sie die Weise der Heilsordnung und verdrehen die ihr höchst angemessenen Aussprüche, wozu sie wollen, und bringen sie, soviel an ihnen ist, trügerisch dahin, der Natur und Ehre des Eingebornen zu widersprechen? Die unglückseligen Juden, die den durch seine über das Gesetz und die mosaische Engherzigkeit erhabenen Vorträge und ausserdem durch seine ausserordentlichen Wunderthaten sich auszeichnenden Christus über die Maßen bewundern und mit beklatschen und als Gott preisen sollten, haben Das nicht gethan, obwohl sie zum Zorne geregt waren; aus Neid aber gleichsam alle Seile bewegend verfielen sie gottlos auf falsche Anklagen. Daher sagten sie auch bald: „Dieser treibt die Teufel nur aus in Beelzebul, dem Obersten der Teufel,“ bald aber wieder: „Woher hat er diese Weisheit und solche Kräfte?“ Aber es war gleichsam noch hart und von der weisen Heilsordnung weit entfernt, den so beschaffenen Menschen zu erklären, er sei in Wahrheit Gott aus Gott, unsertwegen aber wie wir erschienen und Mensch geworden, und offen zu sagen: O ihr, ich bin die Weisheit und Kraft, ich der Vollbringer des Unglaublichen; und zwar habe ich die Macht nicht als eine (von aussen) verliehene, noch rühme ich mich fremder Würden, sondern meiner eigenen. Denn wenn er Das gesagt hätte, hätten es Die nicht ertragen, welche sogar bei so mäßigen Worten murrten und, nach Art der Hunde aufspringend, zu bellen sich erfrechten, sobald er Etwas von dem über das Maaß der Menschheit Hinausgehenden auch nur verlauten ließ, dachte abschneidend also das Übermaß ihrer Thorheit und sie allmählig zur besseren Besinnung hinführend und klug abbringend von der Meinung, der Herr und Gott von Allem wirke in Beelzebul, schreibt er den Glanz seiner Thaten der unaussprechlichen Macht des Vaters zu und theilt vielmehr der göttlichen Natur Das zu, was ihr am meisten geziemt. Da aber er im Vater ist und den eigenen Erzeuger in sich hat, sagt er wegen der unverfälschten und wesenhaften Identität, der Vater, der in ihm wohne, vollbringe die Werke. Denn man wird doch nicht wahrheitsgemäß meinen, Das, was Gott angemessen ist und eigenthümlich zukommt, sei ein Werk des Fleisches oder der Menschheit, wenn sie allein und an sich gedacht wird. Ich glaube aber nicht, daß die Rede von dem nothwendigen sowohl als wahren Verständnisse abirre.

B. Gewiß nicht; denn so ist es.

A. Ich möchte aber sagen, daß sie auch ihren eigenen Worten widersprechen, wenn sie meinen, das Wort wirke, während es selbst gewirkt sei, und daß sie überdieß auch noch gegen den Vater selbst freveln werden.

B. Sage, wie! Denn ich kann es nicht denken.

A. Wird denn nicht, mein Bester, das irgend Jemandem von irgend Jemand Gegebene auch abnehmbar sein, wenn es auch vielleicht nicht abgenommen wird, weil Der an das Abnehmensollen gar nicht denkt, der es zu thun vermöchte? Und was durch Naturgesetze nicht festgegründet ist, sondern von aussen dazukommt, wird Das nicht verlierbar sein, weil man den Verlust erleiden kann, wenn man ihn auch vielleicht nicht erleidet?

B. Gewiß.

A. Schau’ also, wie groß hierin der Frevel gegen den Eingebornen ist! Denn wenn er, als selbst gewirkt, wirkt und die Macht, zu schaffen, ihm vom Vater gegeben ist, was schadet es ihm noch, mit uns zu sagen:  „Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin, und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen“? und wie kann der höchst weise Paulus, wenn er nicht lügen will, noch sagen „Gnade aber euch und Friede von unserem Gott Vater und Herrn Jesus Christus“? Denn wie wäre Der zugleich mit dem Vater Geber der Gnade, der selber die Gnade als Geschenk hat? Es wird sich aber, meine ich, von der richtigen und wahren Folgerung nicht entfernen, wenn Einer von dem Eingebornen und Sohne meint, das Schaffen sei ihm zufällig, und er werde einmal aufhören, wenn ihm der Vater das Gegebene nehmen und von der Natur des Sohnes die Wirksamkeit entfernen will, durch welche, wie sie sagen, bewegt er sich als Schöpfer zeigt. Denn das von Jemand Bewegte wird ruhig sein, wenn es vielleicht nicht bewege (in Thätigkeit versetzt) wird, da es die Bewegung (Thätigkeit) nicht als Frucht seiner eigenen Natur hat.

B. Das ist wahr.

A. Und ausserdem, ihr gewaltiges und scharfes Argument wird ein nichtiger Trugschluß sein.

B. Welches?

A. Hast du denn nicht gehört, wie sie soeben feierlich vom Vater (zu) uns redeten und die Rede von ihm über das, nach ihnen, Niedrige und Gemeine hinaus erhoben? Sie sagten ja, der Sohn sei nützlicher und nothwendiger Weise hervorgebracht worden, damit, weil es für den Vater unziemlich ist, Alles selber zu machen und mit der Schöpfung sich abzugeben, Das, was gewissermaßen geringer ist als er, nämlich der Sohn, das übrige wirke.

B. Ich habe es gehört.

A. Wohin denn also entschwindet ihnen die weise Erfindung, wenn nämlich überhaupt der Vater durch den Sohn das Schöpfungswerk gewirkt hat? Denn wirken durch ein Mittel, das zu dem Betreffenden keine selbstgewollte und eigene Bewegung (Thätigkeit) hat, sondern gleichsam eine werkzeugliche erwartet, Das ist, möchte ich sagen, ohne Zweifel ebensoviel als selbst wirken. Einfältig aber ist es auch, zu sagen, für Gott den Vater sei es unziemlich, mit dem Übrigen sich abzugeben als Geringfügigem, beim Sohne aber nicht mehr. Denn was von Dem, was einmal zu den Geschöpfen zählt, ist nicht klein gegen Gott? Oder sie sollen wissen, daß sie die unermeßliche Natur ermessen, wenn sie Einiges im Vergleich mir ihr als klein bezeichnen, von Etwas aber ich weiß nicht wie schwätzen, es sei groß und außerordentlich und nicht viel hinter ihr zurückstehend.

B. Ganz richtig.

A. Lassen wir es also, o Hermias, überflüssige Schlüsse zu machen und gleichsam feierlich zu schwätzen, und gehen wir zur Wahrheit selbst und zu ihr allein, indem wir uns entschließen, zu bekennen, daß Gott ist und daß der Eingeborne der Natur nach aus Gott dem Vater hervorging. Und wenn er wahrhaftig die anfangslose, älteste und ungewordene Natur ist, dann fort mit Verläumdung und eitlem Geschwätz. Denn wie sollten wir noch das wahrhaftige Wort Gottes als später geboren und geschaffen annehmen, und wird nicht Jedweder von Denen, die richtig denken, sagen, wir seien von der richtigen Denkweise abgeirrt? Oder sage mir Dieses, denn ich will fragen; wirst du nicht als wahr bekennen, was ich sage? Wenn man nämlich den Sohn Gottes nennt, so wird man, glaube ich, nicht an etwas Anderes denken, wiewohl sehr Viele an Sohnes Statt angenommen sind, sondern der Verstand der Hörer wird in schnellem und unzweifelhaftem Laufe zu jenem Einen, der es von Natur und in Wahrheit ist, hineilen. Scheint dir Das nicht wahr zu sein?

B. Ja.

A. Gleichwie wir also, da bei uns Einer von Natur und in Wahrheit Gott ist, wenn es Einem gefiele, unseren Gott zu nennen, ohne Zusatz, keineswegs die Bedeutung eines Anderen in den Verstand aufnehmen werden, obwohl eine so große Menge den Namen Gottes bekommen hat im Himmel und auf Erden, wie geschrieben steht, so wird der Verstand der Frommen ganz schnell an den einen und wahren denken, wenn man überhaupt den Sohn Gottes nennt und dem Gesagten noch Dieses beifügt.

B. Was meinst du da?

A. Wirst du denn nicht sagen, mein Bester, das wahrhaft Seiende sei Eines und nicht Vieles? Das aber ist Gott oder die Natur Gottes.

B. Allerdings.

A. Ist also das durch ihn Gemachte und in’s Dasein Gerufene kein Seiendes?

B. Ja doch; wie sollte es Das nicht sein? Es existirt ja doch, aber durch Nachahmung des wahrhaft Seienden.

A. Ich werde es dir bestätigen, daß du das Wahre ganz richtig erkannt hast. Denn was durch Nachahmung des wahrhaft Seienden ist, stiehlt gewissermaßen immer das Ansehen Dessen, was es von Natur ist. Das wahrhaft Seiende aber ist eines. Auf dieselbe Weise, glaube ich, wenn auch Viele Götter und Söhne genannt werden, aber Einer ist von Natur und wahrhaft Sohn und Gott, der gleichsam zur Wurzel seiner unaussprechlichen Geburt die Natur des Vaters hat. Darum wird er auch mit Recht als gleichewig von uns wie von den heiligen Engeln bekannt, und daß er nicht erschaffungsweise mit den Geschöpfen hervorgebracht sei, wie den Verkehrten beliebt zu denken, welche die wahrhaftige Wahrheit nicht erkannt haben, nämlich Christum, durch den und mit dem Gott dem Vater Ehre sei mit dem heiligen Geiste in alle Ewigkeit. Amen.

Fünftes Gespräch. Daß die Eigenschaften und die Herrlichkeit der Gottheit von Natur aus im Sohne sind wie auch im Vater.

A. Wohlan; aus der ganzen wahrscheinlichen und folgerichtigen Rede wird uns hervorgehen, daß der Sohn nicht später geboren sei und ihm nicht die Makel der Geschöpflichkeit unausweichlich anklebe, sondern daß wir vielmehr bekennen, er sei aus der Wesenheit des Vaters selber entsprungen, wahrer Gott aus dem wahren Gott, in erhabener und überschwenglicher Herrlichkeit und durch unermeßliche und unvergleichliche Hoheit die Natur alles Gewordenen überragend, und er sei ebenso erhaben, als man Dieses vom Vater selbst denkt.

B. Einverstanden; du denkst ja richtig. Übrigens, wenn es dir lieb ist, will ich wieder Etwas fragen.

A. Ja freilich, mein Freund, bin ich gerne und ohne Säumen bereit, den die Wahrheit verwirrenden Reden tapfer entgegenzutreten. Denn der Sanfte sei auch ein Kämpfer, wie das heilige Wort uns zuruft; du aber vollführe dein Vorhaben, eingedenk der Schriftstelle: „Melke die Milch, und sie wird Butter werden!“

B. Wisse also, daß, wenn die Gegner dich den Sohn als wahren und dem Vater wesensgleichen Gott benennen hören, sie sogleich sagen werden: Wenn er, nach dir, Das ist, o Vortrefflichster, wie geziemt es ihm dann nicht vielmehr, sich eigener Güter rühmen und nicht durch die verliehenen glänzen zu sollen? Denn der wahre Gott ist aus sich selbst ganz vollendet, vollkommen und keines von denjenigen Dingen, glaube ich, bedürftig, die einer solchen Natur zukommen.

A. Was sagst du? Wie frech ist die Rede und unerträglich darauf bedacht, zu kränken. Sag’ aber dennoch offen, auf welche Weise der rohe Haufe der Verkehrten uns eine Menge so maßloser Lästerungen ersonnen hat.

B. Wenn der Sohn, sagen sie, wahrer und mit dem Vater wesensgleicher Gott ist, so soll er von Haus aus Das haben, wodurch er Gott ist, und sich vielmehr eigener Vorzüge als derer rühmen, die er vom Vater hat. Denn was man sieht, daß er habe, Das ist vom Vater und eine Gabe Gottes. Denn er lebe, sagt er, durch den Vater, und wird geehrt und geheiligt von ihm, und er lebte am dritten Tage wieder auf durch die Macht des Vaters, und selbst den Namen der Gottheit besitzt er theilnahmsweise und betet mit uns den Vater an und unterwirft sich ihm und empfängt Reich und Macht (von ihm). Das haben uns ja auch die heiligen Schriften überliefert.

A. Ach, o Hermias, wie groß und arg ist die Zahl der Lästerungen, die gleichsam rings umgebend die Wahrheit schamlos anbellt! Und es ist Zeit, wie es scheint, daß auch wir mit der Waffenrüstung Gottes uns umgeben und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes, mannhaft ziehen,  ohne Furcht, wenn sie uns auch mit noch schändlicheren und roheren Reden angreifen. Allein wenn die Erwägungen durch einander und nicht in Ordnung dahingehen, so kann uns leicht die Rede von Diesem zu Jenem abgleiten und wieder von Jenem zu Diesem und die Einsicht in Jedes formlos und unklar machen. Sie wird aber sehr wohl das Wahre und Unverwerfliche darthun, wenn sie die Untersuchung über jede der Lästerungen geschieden und gesondert anstellt. Wohlan denn also, laß uns mit Unterscheidung und gesondert und in Ordnung reden! Zuvor aber möchte ich dich um Dieses fragen, ob sie die Stimmen der Gottesmänner als wahr und richtig in Ehren halten oder höchst unverständig sie verwerfen und für Nichts achten.

B. Sie werden sagen, glaub’ ich, sie seien truglos.

A. Es schreibt also der höchst ehrwürdige und vortreffliche Paulus über den Eingebornen: „Es sei in euch die Gesinnung, die auch war in Christo Jesu, welcher, da er in der Gestalt Gottes existirte, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein; aber er entäusserte sich selbst, Knechtsgestalt annehmend und in seinem äusseren als Mensch erfunden; er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam wurde bis zum Tode, zum Tode aber des Kreuzes. Darum auch hat Gott ihn erhöht und ihm einen Namen verliehen über alle Namen, damit im Namen Jesu jegliches Knie sich beuge im Himmel, auf Erden und unter der Erde, und jegliche Zunge bekenne, daß Jesus Christus Herr ist zur Ehre Gottes des Vaters.“

B. Was soll nun Dieses? Sage!

A. Theilt er denn nicht, was er sagt, zweien Zeiten zu? Denn als eine Zeit bestimmt er die im Anfange und die erste, in welcher das Wort in Gestalt und Gleichheit des Vaters war; eine zweite aber und spätere, in welcher er, gleichsam darauf verachtend, in Gestalt und Gleichheit des Vaters zu sein, sich selbst entäusserte, Knechtsgestalt annehmend und selbst den Tod am Kreuze erduldend. Damals nämlich hat er auch, wie angenommen ist, Das, was ihm von Natur und wesenhaft zukommt, als Geschenk und gleichsam als Gnade empfangen, nämlich den Namen über alle Namen und die Anbetung von uns und den heiligen Engeln.

B. So ist es.

A. Jeder Ausspruch der heiligen Schrift also faßt Beides in’s Auge. Denn bald stellt sie den Sohn dar als noch nicht zur Erniedrigung gekommen, sondern in der Höhe der Gottheit und als gleich mit dem Vater, bald aber wieder stellt sie ihn deutlich hin als freiwillig und aus Schonung gegen uns in die Erniedrigung eingeschlossen und als in die Unehre des Fleisches von oben herabgestiegen. Sollen nun (denn ich will fragen) Diejenigen für weise und verständig gehalten werden, welche das zweifache und doppelte Verhältniß hierin zulassen und den Inhalt der Religionslehre den entsprechenden Zeiten zuweisen, oder Diejenigen, welche eine Vermengung und Vermischung sowohl der Thatsachen als der Zeiten zu ersinnen scheinen, um ohne Unterscheidung Das, was des Fleisches ist und wegen des Fleisches, dem aus dem Vater stammenden Worte, die Eigenthümlichkeiten und Auszeichnungen des Eingebornen aber dem Fleische und der Zeit desselben zuzuschreiben?

B. Und wie wäre es zweifelhaft, daß es doch wohl besser ist, Christum zwar als Einen und als Sohn zu bekennen, den Schriften gemäß, aber doch nach der logischen Denk- und Betrachtungsweise (zu bekennen), daß, so lange der Eingeborne der Verbindung mit dem Fleische durch die Entäußerung noch ferne stand, er sich in ausgezeichneter Weise der Vollkommenheiten der Gottheit als eigener und natürlicher erfreute, damals aber, als er sich mit dem Fleische vereinte und Mensch wurde, damals auch Das angenommen habe, was zur Erniedrigung gehört?

A. Nothwendig also ist diese doppelte Rücksicht, wenn man das einer jeden Zeit Angemessene erforscht.

B. Das beiden Zukommende aber durch einander mischen zu lassen, ist durchaus thöricht; denn indem es uns verfinstert und verdunkelt, wird es uns der richtigen Einsicht berauben.

A. Der also bald noch Wort ist und Eingeborner aus dem Vater, bald aber Mensch und in sofern Erstgeborner und unter vielen Brüdern, werden von Dem nicht beide Reden gelten, sowohl die, welche zur höchsten Höhe hinansteigt, als die, welche zur Tiefe und zu uns herabsteigt und sich niederläßt? da es ja sein Wille und seine Absicht war, die Menschen auf Erden zu bereden, daß er in Wahrheit Gott aus Gott sei und um unser willen in unsere Verhältnisse herabgekommen sei und den Stand der Erniedrigung nicht verschmähe, oder er wird sich selber der Thorheit und Übelberathenheit anklagen, wenn er es zwar nicht verschmähte, uns gleich zu werden, aber über die Bezeichnungen erröthete, deren sich der Stand der Menschheit keineswegs zu schämen hat. Denn was brauchte er überhaupt, möchte ich sagen, und ganz mit Recht, zu einer Natur herabzusteigen, deren Unansehnlichkeit und Geringheit auf sich zu nehmen lästig und unerträglich war für Den, der nun einmal aus Gott stammender Gott war? Und wenn die Verschmähung der Bezeichnungen, die uns zukommen, für ihn schicklich und nothwendig war, um die Schönheit der Gottheit unverletzt und unverfälscht bewahren zu können, wie dann nicht, und zwar noch viel mehr als Dieß, die Einigung mit dem Fleische und die Erduldung der so höchst unschönen Erniedrigung? Aber Niemand wird, glaube ich, in der Verblendung je so weit gehen, daß er den Eingebornen nicht überaus bewunderte, der für uns nicht die herrliche Würde und Hoheit in der Gestalt und Gleichheit des Vaters geraubt hat, sondern die Erniedrigung im Fleische und mit demselben die demselben zukommenden und gebührenden Bezeichnungen sich gefallen lassen und Dieses für Nichts achten wollte, wenn nur unser Heil vollendet würde dadurch, daß die Natur zu dem Anfänglichen zurückkehrt und in ihm wieder hergestellt wird zur Neuheit des Lebens durch die Heiligung im Geiste. Es erklärt nun Paulus die Ursache der Menschwerdung, indem er sagt, „nicht der Engel habe das Wort Gottes sich angenommen, sondern des Samens des Abraham;“ „darum mußte er in Allem den Brüdern gleich werden, damit er barmherzig wäre und ein treuer Hohepriester vor Gott.“ Und wieder: „Da nun die Kinder an Blut und Fleisch Theil hatten, hat er selbst auf gleiche Weise daran Theil genommen, um durch den Tod Den zu entkräften, der die Gewalt des Todes hatte, nämlich den Teufel.“ Und warum sage ich Das, da doch Jeder, der will, Christum deutlich zu Gott dem Vater im Himmel rufen hören kann: „Opfer und Gaben hast du nicht gewollt, an Ganz- und Sünd-Opfern hast du kein Gefallen; da sprach ich: Sieh’, ich komme, o Gott, deinen Willen zu erfüllen“? Und welches war der weise und heilbringende Wille des Vaters gegen uns? Daß der Tod vernichtet werde im Tode Christi und ausserdem die Sünde und der anfängliche Erfinder und Urheber der Sünde, und durch das heilige Blut die Erlösung Aller geschehe. Und darum schreibt der heilige Paulus wieder also vom Sohne: „Und deßhalb ist er eines neuen Testamentes Mittler, damit, nach eingetretenem Tode zur Sühne der Übertretungen unter dem ersten Testamente, die zum ewigen Erbtheile Berufenen die Verheissung bekämen. — Denn ein Testament wird erst durch den Tod giltig, da es nie in Kraft tritt, so lang der Testator lebt.“ Wenn nun aber der Sohn sterben mußte zur Durchführung der Heilsordnung, da es nicht ohne Nutzen war, den Tod wollen zu sollen, wie war es da nicht nothwendig und zweckdienlich für ihn, auch in eine des Todes fähige Natur herabzukommen, deren Geringheit auch in Dem, was von ihr ausgesagt wird, Der nicht abwerfen durfte, welcher sie einmal auf sich nehmen wollte? Scheint dir die hier dargelegte Ansicht keck oder schwach oder zu irgend einer Unziemlichkeit hinneigend?

B. Keineswegs.

A. Er war nämlich und ist das Wort sowohl im Fleische als auch vor dem Fleische; was er aber sichtbar angenommen hat durch das Fleisch, war im Anfange nicht.

B. Was heißt Das? Denn tief ist die Rede und nicht leicht zu fassen.

A. War denn, mein Lieber, das Wort nicht Gott und das Wort bei Gott? Und war es nicht „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt;“ nicht der Eingeborne und im Schooße des Vaters?  Kommt es nicht von oben und ist über Allen? Und sagt er nicht selbst von sich: „Ich bin nicht von dieser Welt“?

B. Ja; du sagst uns ja, was auch die heilige Schrift (sagt).

A. Meinst du nun, die Erniedrigung habe dem Worte einen Schaden gebracht an Dem, was im Anfange ihm natürlich und eigenthümlich war, als hätte es eine Umwandlung und Veränderung zum Schlechteren erfahren?

B. Das werde ich nie meinen. Denn wir wissen und glauben, daß der Sohn über dem Wandel erhaben ist, da der heilige Paulus uns schreibt: „Jesus Christus gestern und heute Derselbe und in Ewigkeit.“

A. Richtig, mein Freund, und sehr klar. Denn wenn er durch die Veränderung Etwas in sich aufnehmen würde, was seine Herrlichkeit und Natur selbst verletzte und schädigte, wie würde er von uns noch als Derselbe gedacht? Man muß also annehmen, daß der Eingeborne festgegründet sei in Dem, worin er immer ist, auch wenn er Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat.

B. Das muß man.

A. Laß uns nun auch übergehen zu Dem, was des Fleisches ist oder wegen des Fleisches! Greifbar wurde der Ungreifbare; darum sprach auch Thomas, indem er mit Hand und Fingern die Male der Nägel betastete: „Mein Herr und mein Gott!“ Sichtbar erschien der Unsichtbare, und einen hellen Gesang hierüber anhebend sprach der göttliche David: „Der Herr, der Gott der Götter, redete und rief die Erde. Von Aufgang der Sonne bis Untergang, von Sion aus geht der Glanz seiner Herrlichkeit. Gott wird sichtbar kommen, unser Gott, und wird nicht schweigen.“ Wann denn oder wo und auf welche Weise ist Gott sichtbar zu uns gekommen, der auch die ganze Erde berief, ausser als der Eingeborne Mensch wurde und der von keinem der Geschöpfe Gesehene sichtbar erschien durch das Fleisch und müde wurde von der Reise, als er die Stadt der Samariter durchwanderte und sogar auch leiblicher Nahrung bedurfte, obwohl er den Hungrigen Stärkung verleiht, gemäß dem Ausspruche des Propheten? Er, in dem „wir leben, uns bewegen und sind“, ist mit uns geworden auch im Tode des Fleisches. Würdest du nun, o Freund, Dieß dem Eingebornen auch vor dem Fleische zuschreiben und nicht die gesunde und fromme Ansicht von ihm verletzen?

B. Wir laufen Gefahr.

A. Wegräumen also wollen wir die Anklage der Frevelhaftigkeit und die Vorwürfe der Gottlosigkeit, indem wir Das, was Gottes würdiger und über unsere Natur erhaben ist, dem noch nicht uns gleich gewordenen Sohne zuschreiben, Das aber, was ein niedrigeres und menschliches Ansehen hat, heilsordnungsgemäß herumwenden und gefangen nehmen, wie die Schrift sagt, jeglichen Verstand in seinen Gehorsam. Denn nicht werden wir in Unverstand und Thorheit, weil Christus sagt: „Und Niemand ist in den Himmel hinauf gestiegen, ausser der vom Himmel herabstieg, der Menschensohn,“ auch das Fleisch selbst vom Himmel herabholen, da doch der Prophet klar uns die heilige Jungfrau zeigt und deutlich ruft: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen;“ noch auch werden wir annehmen, in körperlichem Schooße habe Gott das Wort aus Gott die Erzeugung seiner uranfänglichen Existenz gehabt, da Paulus es Abglanz der Herrlichkeit und Ebenbild des Wesens des Vaters nennt, die unkörperliche und unaussprechliche Erzeugung mit unausdrückbaren Gedanken uns andeutend.

B. Allerdings.

A. Gleicher Maßen also wie die (heiligen) Schriften muß man auch das jedem von beiden Zukommende denken. Denn so werden wir den geraden Weg der Wahrheit gehen, indem wir weder das Erhabene der Rede zum Unrühmlichen herabziehen wegen des Fleisches und seiner Eigenschaften, noch Das, was des Fleisches ist und wegen desselben, ganz über das Menschliche hinaufheben wegen der Heilsordnung, sondern indem wir vielmehr dem Eingebornen die Unveränderlichkeit wahren, werden wir ihn als Denselben erkennen sowohl vor seiner Verbindung mit dem Fleische, als da er Fleisch wurde, wenn auch manches höchst Geringe und Niedrige von ihm gesagt wird wegen des Menschlichen.

B. Aber wenn du Alles, sagt Einer, nach deinem Gutdünken auf die Menschwerdung beziehen willst, wodurch werden wir noch die Natur des Wortes erkennen, was sie sei?

A. Nun denn, mein Verehrtester, möchte auch ich nun zu dir sagen, wenn du Alles so wenden willst, als müsse es, was die Natur des Wortes sei, erklären, wie oder woher wirst du dann wissen, daß es Mensch geworden ist? Denn aus den Eigenschaften der Gottheit wird man doch nicht das Menschliche erkennen; und was so unvergleichlich erhaben ist und unzweifelhaft für verschieden von der ganzen Natur gehalten wird, wie wird Das die Erkenntniß Dessen gewähren, was so niedrig ist? Recht gut und bestimmt zu wissen aber, daß das Wort Gott ist, nicht aber, daß es auch Mensch geworden ist, wird keinen genügenden Nutzen haben; aber wenn mit ersterem der Glaube an das andere verbunden ist, dann werden die Gläubigen vollkommen sein zum Verständniß. Darum sagt auch der weise und gotterleuchtete Johannes: „Wer ist es, der die Welt überwindet, ausser wer glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist?“ Denn der Name Jesus ist für das Wort neu und mit der Entstehung des Fleisches gleichzeitig. Ein Prophetischer Ausspruch aber wird uns wieder unterstützen, welcher sagt: „Und sie werden ihm einen neuen Namen geben, womit der Herr ihn nennen wird.“ Hat denn nicht, mein Bester, Gabriel der Jungfrau den dießbezüglichen Willen Gottes des Vaters deutlich vorgestellt, da er sprach: „Fürchte dich nicht, Maria; denn sieh’, du wirst empfangen und wirst seinen Namen Jesus nennen“?

B. Ja freilich.

A. Warum denn also (denn ich mochte es sehr gerne von dir erfahren) vernachlässigen wir es, richtig denken zu sollen, und verschmähen es, möglichst weise und klug der Wissenschaft der heiligen Schriften zuzustimmen, und neigen uns wie leicht verstellbare Tafeln gern zu Dem, was immerfort anstößt, da doch der selige Paulus also ruft: „Brüder, seid fest und unbeweglich,“ und auch Gott gegen Diejenigen, die einen sehr wandelbaren und zum Umfallen geneigten Charakter haben, die höchste Anklage erhebt und als Strafe für diese Krankheit die Abwendung bestimmt? Denn so heißt es von Gewissen: „Sie liebten es, ihre Füße zu bewegen, und schonten sie nicht, und Gott hatte kein Gefallen an ihnen.“ Denn die Festigkeit und Standhaftigkeit in Allem, was zum Nutzen dient, ist sicher und geborgen.

B. Wie also werden wir die Reden Jener abweisen, wenn sie sagen, im Sohne sei das Göttliche durch Theilnahme?

A. Nicht ohne Mühe, mein Guter; denn die Sache ist schwer zu behandeln; doch durch nothwendige Folgerungen werden wir das Wahre gar wohl erjagen können. Denn erstens, wenn sie so zu denken entschlossen sind, sollen sie noch vor dem Übrigen die Ehre der Gottheit von ihm wegnehmen und bekennen, daß er keineswegs Sohn, sondern Alles eher als Das sei; den verstockten Juden aber als gleichgesinnt sich erweisend sollen sie ihn schon auch steinigen, ohne irgend eine Rücksicht der Ehrfurcht gegen ihn. Wenn er aber um die Gründe der so maßlosen und schrecklichen Thorheit fragen will und sagt: „Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater gezeigt, um welches derselben willen steinigt ihr mich?“ so sollen sie gottlos rufen: „Um eines guten Werkes willen steinigen wir dich nicht, sondern um der Lästerung willen, weil du, als Geschöpf, dich zum Sohne Gottes machst.“ Wir aber müssen uns nicht an Die halten, welche so weit im Wahne gefallen sind, noch an Die, welche so entkräftet sind an Verstand, erschlafft an Gemüth und verdorben im Denken, sondern an Jene, denen Christus selbst inwohnt durch den Geist, ihnen die unverkümmerte Erkenntniß des Geheimnisses mittheilend. Der gottinnige Paulus aber nannte uns den Eingebornen Sohn und auch Bild und Gleichniß des Vaters und stellt ihn als Ebenbild hin, wegen der vollkommenen Herrlichkeit, glaube ich, und möglichst seinen und genauen Ähnlichkeit. Welche Gleichheit aber das Körperliche mit dem Unkörperlichen haben, und wie man die Gleichförmigkeit zwischen beiden denken könnte, wie wäre Das nicht sehenswerth? Denn was ganz ohne Körper ist, läßt keine Figuren und Gestaltung zu; wie sollte es die Eigenschaften von Körpern annehmen? Denn wie nach meiner, wie ich glaube, richtigen Ansicht nie die Eigenschaften des Unkörperlichen den greifbaren und sinnlich wahrnehmbaren Körpern inwohnen werden, so wird Das, was den sinnlich wahrnehmbaren Körpern zukommt, durchaus Dessen nicht fähig sein, was über die Sinneswahrnehmung erhaben und in unkörperlicher Natur ist. Denkst du oder hast du etwas Anderes zu sagen als Dieses?

B. Ich habe nicht; wie sollte ich?

A. Wohlan denn, da uns der Vater unkörperlich ist, so laß uns, indem wir uns in Gedanken, die über die Schöpfung hinausgehen, so viel wie möglich die unaussprechliche und unvermischte Natur desselben vorstellen, auch die Ansichten der Alten untersuchen. Dann wird es nicht schwer sein, endlich auch zu seinem unverschiedenen Bilde selbst zu kommen, nämlich dem Sohne.

B. Wohlan also, denn du hast Recht.

A. Also er kam in Feuersgestalt herab aus den Berg Sina, die Unterweisung an die Juden beginnend, als auch ein in die Höhe steigender frühmorgentlicher und durchdringender Trompetenschall den Hörern einen unerträglichen Schrecken einjagte. Aber Jene, die klein von Gott dachten und, den Himmel mit der Spanne messend, die Herrlichkeit Gottes nur in die bildlichen Erscheinungen einengten, meinten bei sich selbst, sie hätten schon die Natur Gottes selbst gesehen, als wäre sie nichts Anderes als Feuer, und seine werkzeugliche Stimme in ihre Ohren aufgenommen. Daher glaubten sie auch, sich Etwas einbildend auf Moses, die Lehren Christi verlachen zu sollen, und sprachen: Der gottvolle Moses hat uns für die Sinne der Augen die göttliche Natur vorgestellt und die Stimme von oben zu hören gegeben. Wie nun hat Christus sie überführt als Thoren und Solche, die das Richtige weit verfehlten und von der Wahrheit abirrten? „Wahrlich, wahrlich,“ sprach er „ich sage euch, ihr habt weder je seine Stimme gehört noch sein Bild gesehen, und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen, weil ihr Dem nicht glaubet, den er gesandt hat.“ Denn obwohl sie im Sohne recht wohl die Natur Gottes des Vaters anschauen konnten, thaten sie Das nicht, die Unglückseligen; dem Feuer aber und dem Dunkel und Rauche wagten sie das Bild der Gottheit zuzuschreiben. Darum sprach der Heiland kurz darauf, sie zum Besseren und Vernünftigen unterweisend und mit dem Göttlichen das Menschliche verbindend: „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an Den, der mich gesandt hat; und wer mich sieht, sieht Den, der mich gesandt hat.“ Denn daß der Glaube nicht an einen Menschen schlechthin sei, sondern an die Natur Gottes, wenn auch das Wort im Fleische war, zeigte er treffend dadurch, daß es sich nicht handle um den Glauben an ihn. Daß er aber in vollständiger Gleichheit sei mit Gott dem Vater durch die natürliche Ähnlichkeit und gleichsam Gleichförmigkeit der Wesenheit, erklärt er in den Worten: „Wer mich sieht, steht Den, der mich gesandt hat.“ Weil aber der Vater im Sohne klar und unverschieden gesehen und erkannt wird, haben sie Alles gleichsam gemeinsam, oder vielmehr als Eigenschaften der einen Gottheit wird mit Recht gedacht, was in Beiden ist. Darum sprach er auch zu Gott, seinem Vater: „Alles Meinige ist dein und alles Deinige mein.“ Denn zwischen dem Bilde und dem genauen Ebenbilde, wie zwischen dem Ebenbilde und dem ganz gleichen Bilde ist kein Unterschied, in Bezug nämlich auf die Identität in der Ähnlichkeit und gleichsam in der Form. Als daher aus nicht genauem Verständniß einer der Jünger (Philippus war es) einmal fragte und sagte: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns,“ ließ er die Frage nicht ungetadelt und sprach. „So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Glaubst du nicht, daß ich im Vater, und der Vater in mir ist?“ „Ich und der Vater sind Eins.“ Denn daß der Sohn gleichsam das Angesicht Gottes des Vaters ist, wird leicht der Psalmist lehren, der einmal sagt: „Wohin will ich gehen vor deinem Geiste und vor deinem Angesichte wohin fliehen?“ ein ander Mal aber, gleichsam im Namen der an ihn Glaubenden:  „Gezeichnet ist auf uns das Licht deines Angesichtes, o Herr.“ Denn wir sind gesiegelt durch den heiligen Geist zur Ähnlichkeit und Gleichheit mit dem Angesichte des Vaters, das ist dem Sohne. Und bezeugen wird es Paulus, welcher schreibt: „Wir alle aber spiegeln uns enthüllten Angesichtes an der Herrlichkeit des Herrn und werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit gleichsam durch den Geist des Herrn.“

B. Aber wenn auch der Sohn, sagt Einer, Angesicht und Bild und Gleichniß des Vaters von uns genannt wird, so wird Das durch unsere Lehren nicht zerstört werden. Wir sagen nämlich, er sei Bild und Gleichniß, nicht der Wesenheit, aber des Willens des Vaters. Also wird man gemäß der Identität im Willen, wenn man den Sohn sieht, gewissermaßen auch schon den Vater selbst gesehen haben.

A. O wie einfältig und voll der äussersten Albernheit ist die Ansicht! Daß sie aber auch Dieses knabenhaft sagen, ist unschwer einzusehen. Sagen sie denn, der Vater selbst sei Wille, und nehmen an, daß, was immer der Wille ist, für Dieses er selbst gehalten werden müsse, oder setzen sie ihn in eine eigene Existenz und bringen dann den Willen zu ihm hinzu?

B. Und wie wäre die Gottheit einfach, sagt er, wenn sie als unterschieden gedacht würde in Existenz und Wille? Da wäre sie ja schon auch gewissermaßen aus Theilen zusammengesetzt, die sich zu einem Ganzen verbänden.

A. Da dir also die Gottheit einfach und über die Zusammensetzung erhaben zu sein scheint (und zwar mit Recht), so wird ihr Wille nichts Anderes sein als sie selbst. Wenn man aber Wille sagt, so hat man die Natur Gottes des Vaters bezeichnet?

B. Es scheint.

A. Der Wille aber ist in einem Subjekte, wie auch die Formen der Künstler. Denn Etwas wollen oder nicht, kommt doch nicht dem Wollen selbst zu, sondern vielmehr einem Anderen, in welchem das Wollen ist, oder wie?

B. Freilich.

A. Es ist also das Sein des Vaters in einem Anderen, und es kommt Einem [Anderen] zu [als Accidens], daß er existire, und er wird dir jetzt noch gröber und und ziemlicher zusammengesetzt sein als vorher. Denn er ist für einen Anderen, was er ist, nicht für sich, da ja mein Wille der meine ist, der eines Anderen aber der seine und in ihm.

B. Wie also wird in einfachen und unzusammengesetzten Wesen das Ihrige von ihnen selbst verschieden sein?

A. Wie wenn man etwa denken wollte, auch der aus dem Geiste stammende Wille habe als Quelle den sprudelnden Geist und gleichsam als eine zu Grunde liegende Wurzel Das, worin er geistig verkehrt (sich bewegt). Denn der Geist ist der Urgrund der in ihm stattfindenden Bewegungen und Gedanken; eine bestimmte Art aber von Bewegungen ist der Wille zu Allem und Jedem, der eine vielfache und durch die Beschaffenheiten und Unterschiede der Dinge wie mit Farben bald so, bald anders bemalte Mannigfaltigkeit ist, auch bisweilen von Solchem, was sich entgegengesetzt ist. Denn nicht dadurch, wodurch das Gute, wollen wir auch das Schlechte; und nicht ebendadurch, wodurch Einer weise sein will, will er auch das Gegentheil. Ich glaube also, es sei durchaus ungereimt, zu sagend der Wille sei die Existenz des Vaters.

B. Ja.

A. Wenn also der Wille in sich selbst unterschieden ist, so wird doch kein Vernünftiger meinen, die Natur Gottes verhalte sich so. Also der Vater ist nicht Wille, sondern in eigener Existenz gedacht hat er gleichsam als ebenbürtigen und gleich anfangslosen Willen seinen Sohn; nicht als wäre er zusammengesetzt, nach Jenen, sondern so, wie man sich etwa das Verhältniß in einer einfachen und vernünftigen Natur denken mag; und übrigens soll die weitere Neugierde ruhen. Denn Gott, mein Lieber, ist über allen Verstand und Begriff hinaus. Ist es nicht so?

B. Jawohl. Da du uns aber den Sohn Rath (Beschluß) und Willen des Vaters genannt hast, könntest du auch Dieß aus den heiligen Schriften beweisen?

A. Warum denn nicht? Und ich glaube, daß uns Das höchst genügend David lehren und uns davon eine hinreichende Überzeugung beibringen werde, der zu Gott dem Vater singt: „In deinem Rathe hast du mich geleitet.“ Es wird uns aber die Untersuchung auch durch andere Erwägungen das Wahre zeigen. Ist denn nicht Alles durch den Sohn geworden, und ohne ihn ist Nichts geworden, nach dem Ausspruche des Johannes?

B. So ist es.

A. Es singt aber David irgendwo, und Gott den Vater als Schöpfer von Allem bewundernd sagt er: „Wie groß sind deine Werke, o Herr! Alles hast du in Weisheit gemacht,“ indem er Weisheit, glaub’ ich, den Sohn nennt.

B. Was soll nun Dieses?

A. Wenn nämlich, mein Lieber, der Wille des Vaters nichts von ihm selbst Verschiedenes und nicht unweise ist. Weisheit aber der Sohn ist, wie kann da der Vater noch in eigener Existenz für sich gedacht werden? Er ist ja bereits gewissermaßen in den Sohn übergegangen, und gleichsam schon aufhörend, ferner Das zu sein, was er ist, ist er Weisheit geworden, da ja der Wille nicht theilnahmsweise die Weisheit hat, sondern in der That auch durchaus Weisheit ist. Ich möchte aber beifügen, daß der Sohn auch als Bild und Gleichniß von sich selber erscheint, da er ja als selbst Weisheit und Wille auch Bild des Vaters ist, der ja Wille und Weisheit genannt wird.

B. Fort mit der Ungereimtheit der Folgerungen.

A. Höchst abscheulich ist sie ja in der That und voll der höchsten Verkehrtheit. Als genaues Bild also und Gleichniß der Wesenheit Gottes des Vaters werden wir den Sohn annehmen, und ihm nicht bloß die Willensgleichheit zuschreibend werden wir ihn der Erhabenheit über die Schöpfung würdigen, sondern in die ganz gleiche Gestalt mit Gott dem Vater einsetzen, ihm Alles, was Jenem natürlich ist, von Natur aus zuerkennend. Wenn sie aber sagen, deßwegen, weil er gleichen Willens ist, sei er auch Bild des Vaters, und er bei solcher Bewandtniß der Natur und des Ranges sich nicht scheute, zu sagen:  „Wer mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen;“ „Ich bin im Vater und der Vater in mir;“ „Ich und der Vater sind Eins“: so halte ich es nicht für unglaublich, denken zu sollen, die so erhabene und in der That prahlerische und nur dem Sohne geziemende Sprache und Redefreiheit werde wie einen Kranz David sich umgebunden haben und von sich rühmen mit klaren Worten: „Ich bin im Vater und der Vater in mir; wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen,“ und: „Ich und der Vater sind Eins.“ Sehen wir denn etwa nicht den Mann als gleichen Willens mit Gott? Er sprach ja von ihm zu dem seligen Samuel: „Ich habe David, den Sohn Jesse’s, erfunden als einen Mann nach meinem Herzen, der thun wird alle meine Willensbeschlüsse.“

B. Glaublich ist es, aber nicht gewiß.

A. Vielmehr ganz unglaublich und geeignet, die alberne Täuschung darzuthun, welche die Gegner ich weiß nicht wie zu vertheidigen sich nicht schämen. Denn auch uns wird die bloße Gleichwilligkeit und Übereinstimmung des Willens mit dem Vater nicht zum natürlichen Bilde und Gleichnisse desselben machen; Das würde nur die Gleichheit der Natur thun und die aus der Wesenheit selbst hervorgehende durchgängige Ähnlichkeit.

B. Wie wären dann wir selbst nach dem göttlichen Bilde (gestaltet)?

A. Als den Sohn in uns wohnen habend und das göttliche Ebenbild in uns beherbergend und besitzend. Denn wir sind durch ihn nach Gott gestaltet. Das Alles übertreffende und höchste Bild aber, das heißt der Sohn, wird in unsere Herzen gezeichnet durch den Geist. Und darum schreibt Paulus an die Galater, die aus Leichtsinn zum Schlechteren abgefallen waren: „Meine Kinder, mit denen ich neuerdings in Wehen liege, bis Christus in euch gestaltet ist.“

B. Ganz gut.

A. Albern aber auch sonst und ganz unüberlegt ist es, daß man den Sohn ein Bild nicht der Wesenheit, sondern des Willens und der Beschlüsse des Vaters nenne. Denn Philippus sprach ja: „Zeige uns den Vater,“ und nicht: den Willen des Vaters. Der Sohn aber, sich selbst als Bild des Vaters darstellend, sagt: „Wer mich gesehen hat,“ der hat nicht den Willen des Vaters, sondern vielmehr „den Vater“ selbst „gesehen“. Und doch mußte gewiß Der, welcher nicht zu lügen gewillt war, sondern vielmehr „keinen Trug in seinem Munde hatte“, was Jene meinten, aber nicht Dieses sagen, wenn es sich nämlich mit ihm nicht so verhielt. Aber der allein den Vater kennt und vom Vater allein erkannt ist, hat sich uns nicht als Bild des bloßen und unselbstständigen Willens, sondern vielmehr als Ebenbild des Wesens seines Erzeugers dargestellt, da er sprach: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“

B. Aber wenn wir, so zu denken, durch die Wahrscheinlichkeit und durch die wirkliche Wahrheit selbst uns haben bereden lassen, so gehen wir zwar den rechten Weg; wisse jedoch, daß sie auch Dieses sagen werden: Das Ebenbild von Einem, o Verehrteste, wird doch gewiß nicht für sich selber bestehen, aber auch keine eigene Selbstständigkeit haben, sondern vielmehr in einem Subjekte gedacht werden und als Accidens, wenn es auch vielleicht ungetrennt inhärirt, wie gewiß die Formen den Körpern. Unselbstständig ist also der Sohn, wenn er, nach euch, wie ein Bild im Vater ist.

A. Unnütz, wie es scheint, und zu den schändlichen Sachen gehörig ist es bei den so Verkehrten, Etwas ganz richtig und ohne Irrthum denken zu wollen, am Verstande krank sein aber steht gleichsam in Ehren; und mit der einfältigsten Verkehrtheit kommt Nichts in Vergleich, zur Schande aber gereicht, was für richtig gehalten wird. Ist es nicht besser, zu denken, daß die Natur des Sohnes, welches sie sei, zu erkennen für unseren Verstand ganz unerreichbar, sie auszusprechen aber die Sprache nicht im Stande ist? Denn „die Herrlichkeit des Herrn macht die Rede verstummen,“ wie geschrieben steht. Aus vielen Betrachtungen aber sammeln wir nicht ohne Schweiß und mühsam eine Erkenntniß wie im Spiegel; indem wir aber durch sehr seine und gleichsam zugefeilte Gedankenbilder das wie im Räthsel Sehen in den Geist aufnehmen, gewinnen wir die Festigkeit im Glauben. Da aber unter den Kreaturen und den dem Entstehen und Vergehen unterworfenen Dingen keines genau und einzig zur Ähnlichkeit mit der höchsten Natur und Herrlichkeit gebildet ist, so begreifen wir ihre Eigenschaften kaum, indem wir von jedem der Seienden auf nützliche Art Das hernehmen, was zum Beweise dient; mit der Spanne aber gleichsam den Himmel messend verschmähen wir es mir unserem sehr kurzen Verstande nicht, zu Dem, was über allen Verstand ist, aufzublinzeln, und sagen, der Sohn sei Licht und Leben und Weisheit und Kraft und ausserdem Anderes dergleichen. Denn so ist er von der heiligen Schrift genannt. Aber indem wir nicht in jeden dieser Namen seine unaussprechliche Natur einschließen, sagen wir, er bestehe aus Verschiedenem und verbinde Dieses in sich zu einer einzigen Vollkommenheit. Denn einfach ist er und einförmig; aber aus dem Vielerlei, was ihm wesenhaft von Natur aus zukommt, kommen wir gleichsam selbst zu den Feinheiten der ihn betreffenden Betrachtung und einer ebenmäßigen Umschau. Wenn er nun Ebenbild des Wesens des Vaters genannt wird, so denke ihn als ungetrennt und innig mit ihm verbunden existirend und gleichsam als Form (Bild) des Erzeugers selber; wann aber auch Abglanz, so stelle dir gleichsam den Ausgang aus dem Vater ungefähr wie den eines hervorgehenden und ausstrahlenden Lichtes vor, weder ganz getrennt von der Hypostase, von der er ist, noch ganz darin versteckt, sondern hervorknospend gleichsam zur Selbstständigkeit für sich und zur eigenen Existenz. Denn es bleibt der Sohn in der Natur des Vaters, die er gleichsam zur Wurzel hat, und läßt durchaus keine Trennung zu; aber doch besteht er für sich und ist in Wahrheit Sohn, kein unselbstständiges Bild noch ein bestandloses Anhängsel oder Accidens wie die Form im Körper. Denn da er Leben ist von Natur, wie sollte er gedacht werden als unselbstständig? Hast du ihn nicht sagen gehört: „Ich bin der Seiende; das ist mein Name und mein Gedächtniß auf ewig von Geschlecht zu Geschlecht.“

B. Du hast Recht. Zur gelegenen Zeit aber hast du uns gesagt, daß der Sohn sowohl sei [existire] als Leben sei, als Ebenbild gewiß und genaues Gleichniß des sowohl seienden als lebenden Vaters. Aber warum denn, sagen sie, wenn Dem so ist, empfängt er das Leben vom Vater? Er hat ja selbst gesagt: „Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so gab er auch dem Sohne das Leben in sich selbst zu haben;“ und auch anderswo ohne Rückhalt: „Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich durch den Vater lebe, so wird auch Der, der mich ißt, durch mich leben.“ Zu uns aber sagt Paulus: „Gott, der reich ist an Erbarmen, hat wegen seiner großen Liebe, womit er uns geliebt hat, auch da wir todt waren in Sünden, uns mit Christus lebendig gemacht, durch dessen Gnade ihr gerettet seid, und hat uns miterweckt und mitsitzen lassen im Himmel in Christo Jesu.“ Und überhaupt durch die ganze heilige Schrift hindurch so zu sagen erscheint er als durch den Vater lebendig gemacht und des Lebens theilhaftig. Auf welche Weise wir nun den Gegnern das Wahre entgegenstellen werden, möchte ich gerne von dir erfahren.

A. In der That, ich schien dir ganz richtig und nicht zweckwidrig zu sagen, der Sohn müsse gedacht werden als Ebenbild nicht des Willens, sondern der Wesenheit und Hypostase des Vaters, und nicht abweichend von der heiligen Schrift.

B. Ganz gut; denn ich werde keineswegs in Abrede stellen, was richtig sowohl ist als gesagt ist.

A. Unter dem Seienden wird Alles, was nicht bloß nach Gestalt und Form von Etwas gebildet ist, sondern vielmehr eine wesenhafte Ähnlichkeit erlangt hat, gewiß von gleicher Natur sein und ohne Mangel der vollständigen Gleichheit theilhaftig.

B. Wie meinst du? Denn die Rede ist mir nicht ganz klar.

A. Die aus Erz zum Beispiel oder Stein gemachte, einen Mann darstellende Statue, wird sie ein Abbild der Wesenheit des Betreffenden sein oder der Gestalt und Form desselben?

B. Der Gestalt natürlich.

A. Der Sohn aber von Einem, der von der Natur selbst dazu gestaltet ist und genau gebildet nach dem Gleichnisse des Erzeugers, nämlich in Bezug auf die Natur, wird der denn nicht als natürliches und wesenhaftes Bild gedacht?

A. Da es nun bereits klar und deutlich ist, daß der Sohn, als Ebenbild des Wesens Gottes des Vaters, unverkümmert und unverfälscht die göttliche Schönheit in sich selbst darstellte, da er offen sprach: „Ich bin im Vater und der Vater in mir“ und: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen,“ wie muß man nicht nothwendig denken, daß er, als durch die Eigenschaften der Gottheit ausgezeichnet, wie gewiß auch der Vater, keineswegs ermangeln wird, Leben zu sein und lebendig machend, damit nicht durch das Bild Der gewissermaßen verunehrt werde, dessen Bild er ist? Denn wenn es nicht so ist, was den Sohn betrifft, welcher das Bild des Vaters ist, so wird man am Ende gar auf die Vermuthung kommen, daß auch der Vater selbst nicht mehr Leben, sondern des Lebens bedürftig sei und es von einem Anderen habe. Oder wie sollte ein unverschiedenes Bild des Leben Gebenden Das sein, was das Leben empfängt, des Überfluß Habenden das Bedürftige, Dessen, was Anderen mitzutheilen im Stande ist, Das, was auch seiner eigenen Natur nicht genügt?

B. Die aber schwätzen, der Sohn sei des Lebens theilhaftig und nicht selber von Natur aus Leben, wohin Diese seine Natur setzen, als von dem Leben in ihm verschiedene, kann ich nicht denken. Muß nicht Das, wovon man glaubt, daß es an Etwas Theil habe, nothwendig von anderer Natur sein als Jenes, damit es nicht an sich selber Theil zu nehmen heisse und scheine, wenn es nämlich von gleicher Natur ist?

A. Also, wenn der Sohn nicht Leben ist von Natur, wird er gewiß in einer eigenen Natur sein, weil er des Lebens in ihm als eines von ihm selbst verschiedenen theilhaftig ist. Es sollen nun die Vertheidiger so verkehrter Lehren antworten, unter welcher Art er nach ihnen sein wird. Denn schon vorher hat die Untersuchung uns gezeigt, daß er nicht geworden ist.

B. Leben, sagt Einer, ist er geworden vom Vater. Es sagt ja Johannes: „Was in ihm geworden ist, war Leben.“ Das Wort ist also Leben.

A. Beides also verknüpfend und in Eins verbindend, das Leben und den Sohn, sagst du, er sei nichts Anderes als das Leben in ihm, so daß durch verschiedene Namen die Natur des von uns als Eins Gedachten bezeichnet werde, mag er nun Sohn oder Leben genannt werden.

B. So sage ich.

A. Sie nehmen also an, das Leben sei vom Vater beschaffen worden. Und wie wäre Das übrigens nicht ein Vorwurf und eine Anklage der Thorheit gegen sie? Müssen sie nicht auch wider Willen sagen, das Gewordene sei aus dem Nichtsein hervorgebracht, und was einen Anfang des Seins erhalten hat, sei vorher nicht gewesen? Aber Das, ihr trefflichen, ist nicht Leben; daran fehlt viel. Denn Leben ist nicht das in’s Leben Gerufene, sondern ihm kommt es vielmehr zu, immerwährend zu sein und eine anfangs- und endlose Existenz zu haben. Wenn sie aber meinen, ihre Ansicht sei weise und besonnen, welche den Sohn am Leben Theil haben läßt, obwohl er als Leben gedacht wird, so sollen sie hören, daß man Leben Das nennt, was lebendig macht, nicht, was lebendig gemacht wird, wie gewiß auch Licht und Weisheit und Kraft nicht das des Lichtes Bedürftige und der Weisheit Ermangelnde und Kraft von einem Anderen Bekehrende, sondern vielmehr Das, was erleuchtet und weise macht und Andere kräftigt. Scheine ich dir nicht den geraden, ungekrümmten und durch das Lob des Gesetzes gebilligten Weg zu gehen? Denn „gehe“ sagt es, „auf dem königlichen Wege!“

B. Gewiß.

A. Das aber, dem es nicht von Natur aus und kaum zukommt, überhaupt Das zu sein, was es ist, wie sollte Das je Dem gleichstehen, das ihm auch die Theilnahme gewährt und einen Antheil verleiht an Demjenigen, wo von man glaubt, daß es ihm selbst eigenthümlich inwohne? Ich höre nämlich den Sohn sagen: „Denn wie der Vater die Todten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will.“ Und ganz mit Recht. Denn erwecken wird auf gleiche und keineswegs verschiedene Weise die Natur sowohl des Vaters als des Sohnes. Denn Leben ist der Vater, Leben aber auch der Sohn, nicht minder als der Vater.

B. Aber ich glaube, sie werden sagen: He du! du lügst; schon geht dir der Verstand gleichsam in’s Nichts dahin und ist von den richtigen Gedanken abgeirrt; den Vorrang aber und die Auszeichnung des Vaters, Leben zu sein, hat er verfälscht und verkleinert. Denn wie oder woher wird er gleich stehen dem Sohne, wenn er auch Leben genannt wird?

A. Nachdem wir kurz hiegegen uns werden aufgehalten haben, werden wir unsererseits glauben, uns ruhig verhalten zu sollen. Sie aber sollen ihre Lehren begründen und versuchen, zu beweisen, daß der Vater mehr das Leben gebe als der Sohn, weniger aber als er der Sohn, obwohl er Leben ist von Natur. Allein sie werden nicht im Stande sein, Dieß zu thun, ich weiß es, aber sie werden nach Belieben wahrsagen gegen den Sohn und leicht aufstellen, was sie wollen, indem sie auch ihren eigenen Gesetzen die über Alles herrschende Natur unterwerfen. Sie glauben den Vater zu ehren, wenn sie den der Natur nach aus ihm entsprungenen Sohn durch Herabsetzung kränken, obwohl er deutlich sagt: „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an Den, der mich gesandt hat; und wer mich sieht, sieht Den, der mich gesandt hat.“ Denn wie sollten wir den Vater, als Leben von Natur, im Sohne erblicken, wenn nicht auch der Sohn gedacht wird als Leben von Natur? Warum aber auch soll man ihm nicht glauben, wenn er sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“? Da er aber artikulirt und in einziger Weise sagt, er sei das Leben, wird er nicht Gott den Vater vom Leben ausschließen, wenn wir nicht zugeben, beide seien einer Natur, und die Sache [die Lebenspendung] komme gleichmäßig durch Beide zu uns, und nicht durch zwei, sondern aus sich allein mache Gott Alles lebendig?

B. So ist es.

A. „Leben wir, bewegen wir uns und sind wir nicht in ihm?“

B. Allerdings, wenn wir anders zugeben, der höchst ehrwürdige Paulus sei wahrhaft.

A. Wahrhaft ist er, wie wäre er es nicht? Es lebt und redet ja in ihm Christus, welcher die Wahrheit ist. Sieh’ also, mein Lieber, in Gott dem Vater leben, bewegen wir uns und sind wir. Der Spender aber des Seins und Lebens wird kein Anderer sein als der von ihm ausgehende Sohn, welcher, als durch die Eigenschaften des Vaters ausgezeichnet und als Leben gebender Sprosse des Lebens von Natur, als eigenes Gut das Leben Denen mittheilt, die dessen bedürfen, und die ganze Schöpfung im Sein erhält. Und darum sagt er, zu den Juden redend: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, nicht Moses gab euch das Brod vom Himmel, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brod vom Himmel. Denn das Brod Gottes ist jenes, welches vom Himmel herabkommt und der Welt das Leben gibt.“ Dann seine eigene Natur uns bezeichnend sagt er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer glaubt, hat das ewige Leben. Ich bin das Brod des Lebens.“ Wenn also gleich und nicht verschieden in uns wirksam ist der Sohn, sofern er Leben ist, und nicht minder als der Vater, wie sollte man ihn nicht in gleiche Ehren der Wesenheit setzen, wenn man gewillt ist, richtig von ihm denken und glauben zu sollen?

B. Aber wir wollen Dem folgen, sagt Einer, was der Sohn selbst gesagt hat. Er hat ja deutlich gesagt: „Wie der Vater das Leben in sich selber hat, so gab er auch dem Sohne, das Leben in sich selber zu haben.“

A. Füge das Fehlende bei oder wisse, daß du die Wahrheit verletzest.

B. Was denn?

A. Das, was Dem, was du sagst, nothwendig und nützlich beigefügt ist, nämlich: „Und er gab ihm Macht, auch Gericht zu halten, weil er Menschensohn ist.“

B. Du scheinst, glaub’ ich, Das zeigen zu wollen, daß der Sohn das Leben vom Vater empfange, nicht sofern er als Gott gedacht wird und es ist, sondern sofern er Mensch geworden ist, der es nicht von Natur hat, Leben zu sein, sondern vielmehr durch Gott am Leben Theil hat.

A. Und warum doch schreibst du Das nicht vielmehr dir selbst, sondern unwillkürlich mir zu? Hast du denn nicht sagen gehört, daß der Vater dem Sohne es gab, das Leben in sich selbst zu haben, und die Macht, zu richten, weil er Menschensohn ist?

B. Ich hab’ es gehört. Das „gegeben haben“ aber soll jetzt nur vom Gerichte gelten, sagt Einer. Denn da das Gesetz das Richten als ausschließlichen Ehrenvorzug Gott beilegt (es sagt ja: Das Gericht kommt Gott zu), so empfängt er den Ehrenvorzug Gottes als Mensch.

A. Das „Leben geben“ aber, o Verehrteste, kommt Das einem Anderen mehr zu als Gott, da doch auch Paulus im Briefe an Timotheus uns sagt: „Ich bezeuge vor Gott, der Alles lebendig macht“?

B. Ja, es kommt auch Dieß, sagt er, Gott zu. Aber was ist es dann?

A. Was aber Gott zukommt und wesenhaft gebührt, ist Das nicht der Menschennatur gegeben und verliehen?

B. Auch Das ist wahr.

A. Mensch aber wie wir ist Christus, wenn er auch als Gott gedacht wird, sofern er aus Gott entsprungen ist.

B. Ja; wie denn nicht?

A. Etwas nur der göttlichen Natur Zukommendes und Eigenes also war das ihm, als Mensch, Gegebene, nämlich das Leben.

B. Aber der Vater, heißt es, habe dem Sohne das Leben gegeben.

A. Füge die Zeit bei, und die Frage muß gelöst sein! Denn als er uns gleich wurde, damals, heißt es, sei er auch lebendig gemacht worden, obwohl er selbst Leben ist von Natur, sofern er aus Gott und dem Leben ist. Und wenn es vom Vater heißt, er habe dem Sohne, als hätte er es nicht, das Leben gegeben, so kann man auch ganz ohne Mühe sehen, daß der Sohn sich selber Spender des Lebens sei, nicht sofern er als Gott gedacht wird, sondern sofern er Mensch ist, dem das Leben gegeben und von aussen verliehen ist. Denn es sagt der heilige Paulus: „Wenn aber der Geist Dessen, der Jesum von den Todten erweckt hat, in euch wohnt, so wird er auch euere todten Leiber lebendig machen durch seinen in euch wohnenden Geist.“ Unser Herr Jesus Christus aber sagt, die Sache nicht der Thätigkeit eines Anderen, sondern seiner eigenen zuschreibend, von seinem eigenen Leibe: „Löset diesen Tempel, und in drei Tagen werde ich ihn erwecken!“

B. Wie also hat der Vater im Sohne das Leben gewirkt, wenn Christus durch eigene Macht und Thätigkeit wieder lebendig wurde?

A. Weil, da der Vater Leben ist, der Sohn der Natur nach und in Wahrheit als Leben aus ihm hervorging, indem er die Wesenheit des Erzeugers ausdrückt und ganz im Vater ist und ebenso vollständig den Vater in sich trägt. Darum, sagen wir, ist das Wirken des Vaters auch das des Sohnes, und was der Sohn wirkt, Das ist ein Werk des Vaters. Indem er daher die Wirksamkeit des Vaters als seine eigene bezeichnet und das in Allem gleiche Wirken den Lernbegierigen als deutlichen Beweis der Wesensgleichheit mit ihm vorstellt, sagt er: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters thue, so glaubet mir nicht; wenn ich sie aber thue, so glaubet, wenn ihr auch mir nicht glaubet, meinen Werken!“ Deßgleichen: „Der Vater aber, der in mir wohnt, der thut die Werke.“ Denn er dachte nicht, dem Stande der Menschheit müsse Das zukommen, was auf göttliche Weise gewirkt wurde, sondern schrieb es der unaussprechlichen und unbegreiflichen Natur zu. Darum sagt er: „Wenn ihr auch mir nicht glaubet, glaubet meinen Werken!“ Denn das auf göttliche und unaussprechliche Weise Gewirkte läßt die Meinung und den Glauben von ihm nicht im Stande der Erniedrigung verweilen, sondern er wird gleichsam in die Höhe gehoben und keineswegs als bloßer Mensch, sondern als Gott, weil auch aus Gott, erkannt. Ist nicht wahr, was ich sage?

B. Gewiß.

A. Aber fast wäre auch Das mir entgangen.

B. Was meinst du?

A. Der soeben angeführte Ausspruch des Paulus, worin auch sehr klar die Lehre war, daß durch den heiligen Geist die Belebung von Seite des Vaters sowohl in Christus selbst als auch in uns vollbracht wird. Er sagt nämlich: „Wenn aber der Geist Dessen, der Jesum von den Todten erweckt hat, in euch wohnt, so wird er auch euere todten Leiber lebendig machen durch seinen in euch wohnenden Geist.“ Durch den Geist also macht der Vater lebendig, nicht als ob er durch ein Geschöpf die Schöpfung belebte, sondern weil er durch Antheil an seiner Natur in sein Leben Dasjenige umbildet, was das Leben nicht hat seiner eigenen Natur nach. Denn gegeben ist, ich weiß, Das werden sie zugeben, der Schöpfung das Leben.

B. Sie werden, ja; aber auch wir werden so sagen: „Denn was hast du, das du nicht empfangen hast?“

A. Lebendig machend also ist der heilige Geist, durch Theilnahme an welchem wir auch des alleinigen und wahren Gottes, als Leben, theilhaftig werden.

B. Ja freilich. Du denkst ja richtig, da auch in uns selbst die Gemeinschaft und Inwohnung Gottes der Geist vollbringt. Denn ich werde mich des Johannes erinnern, der also schreibt: „Daraus erkennen wir, daß er in uns ist, daß er uns von seinem Geiste gegeben hat.“

A. Erkenne nun, mein Lieber, als Spender und Geber des göttlichen und lebendig machenden Geistes den aus Gott entsprungenen Sohn! Denn er hauchte seine Jünger an und sprach: „Empfanget den heiligen Geist.“ Wie wäre es nun nicht höchst ungereimt, daß Spender des Lebens Der sei, der nicht Leben ist, was Jenen ich weiß nicht wie gut scheint? Und doch warum denn, möchte ich mit Recht fragen, verleiht er als eigenes Gut den Geist und zeigt durch die Art der Anhauchung sich selbst als Spender des Lebens? Wenn also gesagt wird, der Sohn sei des Lebens theilhaftig oder er werde belebt durch den Vater, so stelle dir sogleich die ganze göttliche Natur, als gleichsam im Vater gedacht, vor, in welchem und aus welchem auch der Sohn und der lebendig machende Geist ist, der in Denen, die das Leben als ein verliehenes haben, die Lebendigmachung bewirkt, nicht als ein Werkzeug der unaussprechlichen Natur, sondern als Der, welcher gewissermaßen die ganze Beschaffenheit derselben durch sich selbst dem Geschöpfe zum Geschenke macht und das Vergängliche zum ewigen Leben herrlich umgestaltet! Durch die Erwägungen hierüber wirst du finden, daß die Lebendigmachung bei Christo nur in Bezug auf Das gewirkt sei, was belebt zu werden geeignet ist, nämlich das Menschliche. Denn der wahrhaftig aus dem Vater und eingeboren ist, hielt durch seinen eigenen Geist von seinem Fleische die Verwesung ab und machte seinen Tempel stärker, als der Tod ist. Denn daß er, sofern er Gott ist und aus dem wesenhaften Leben selbst entsprungen, nämlich dem Vater, auch selbst von Natur aus Leben ist, dafür ist ein klarer und wahrer Zeuge der heilige Johannes. Er schreibt nämlich so von ihm: „Was von Anfang war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen geschaut, was wir gesehen und was unsere Hände betastet haben von dem Worte des Lebens; und das Leben ist erschienen, und wir haben es gesehen und bezeugen es und verkünden euch das ewige Leben, welches beim Vater war und uns erschienen ist.“ Deutlicher aber erklärend, welches denn das von ihm so genannte Leben sei, sagt er wieder: „Und wir wissen, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns einen Sinn gegeben hat, auf daß wir erkennen den wahren Gott, und wir sind in dem wahren, in seinem Sohne Jesus Christus. Dieser ist der wahre Gott und das ewige Leben.“ Wo denn überhaupt oder wie sollte er gedacht werden als existirend von Anfang und als wahrer Gott, wenn er nicht eine der Schöpfung vorausgehende und ältere, ewige Existenz und Unveränderlichkeit gehabt hätte? Denn als Leben von Natur wird er damals gewiß, damals mit Recht erkannt. Denn dem wahren Gott kommt es zu, so zu sein, und das Gegentheil widerspricht ihm, und darum heißt er auch der Seiende. Denn „ich bin“, sagt er, „der Seiende; Das ist mein Name und mein Gedächtniß auf ewig von Geschlecht zu Geschlecht.“

B. Aber wenn du, sagt Einer, die Wirksamkeit des Vaters dem Sohne zutheilst, und zwar unverschieden, und ihn für gleich mächtig erklärst, wo wirst du ihm dann noch die Geringerheit bewahren, da er doch deutlich sagt: „Der Vater ist größer als ich;“ und wieder: „Ich gehe zu meinem Vater und zu euerem Vater und meinem Gott und euerem Gott“? Er wußte nämlich seinen Vater als Gott.

A. Also wenn sie nicht glauben, daß der Sohn von Natur und in Wahrheit Gott sei, so wird er wohl gewiß ein Geschöpf sein und nichts Anderes als dieses. Von Denen aber, die so zu denken gewillt sind, glaube ich, gezieme es sich, zu sagen: „Wer wird meinem Haupte Wasser geben und meinen Augen eine Thränenquelle, und ich werde dieses Volk beweinen Tag und Nacht?“ Es soll ihnen aber jeder Gottliebende und Gottesfürchtige zurufen: „Ihr seid entfremdet von Christo; ihr seid aus der Gnade gefallen.“ Euer Antheil aber und Loos ist nicht mehr Gott, daran fehlt viel, sondern geradezu ein Unächter und Falschnamiger, der die Ehre der Gottheit als nachgemacht besitzt. Sie haben in der That dem Geschöpfe mehr gedient als dem Schöpfer, darum haben sie auch vom Sohne geglaubt, er sei geringer als der Vater und habe das Leben als ein geliehenes, oder vielmehr, er sei auch gleich dem Geschöpfe, das kein eigenes Leben hat. Warum dann haben sie beschlossen, ihn anzubeten, den sie einschließen in den Rang der Schöpfung und gottlos der wesenhaften Erhabenheit über Alles berauben, da doch Johannes deutlich sagt: „Der von oben kommt, ist über Allem“? Denn nicht durch vergleichsweise Vorzüge besitzt der Sohn die Erhabenheit über Alles, sondern da das Wort „Alles“ alles Gewordene bedeutet, so überragt der Sohn Alles, weil es ihm keineswegs zukommt, zu den Geschöpfen zu gehören. Denn er gehört nicht zu dem All, sondern ist auf ausgezeichnete Weise über Allem, wegen der höchsten Erhabenheit, über die hinaus durchaus Nichts ist. Ist nicht „Gott“ der Name, der da ist über alle Namen, wie auch der heilige Paulus uns gesagt hat?

B. Ja.

A. Das aber war der Sohn; denn „im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“.

B. Was also werden wir antworten, wenn sie sagen, es sei vom Vater geschrieben, daß er ihm den Namen über alle Namen verlieh?

A. Aber wenn sie überdieß, o Hermias, auch lernen wollten, wie und warum der Sohn das Gottsein als Geschenk habe, obwohl er von Natur und zugleich mit dem Sein selbst diese Würde besitzt, sogleich werden sie, glaube ich, ablassen und, die Streitsucht wie eine Unsinnskrankheit ablegend, aufhören, die unaussprechliche Wesenheit des Sohnes zu verläumden, und werden mit uns richtig denken wollen. Aber Jene werden wahrscheinlich daraus bestehen, ihre eigenen Lehren zu vertheidigen und für die Lüge zu kämpfen und tapfer einzustehen mit nicht geringerem Eifer, glaube ich, als womit Manche nach dem Gesetze des Krieges und Kampfes sich waffnen wollen für Kinder und Weiber. Uns aber, die subtil reden wollen, geziemt es, das Verborgene auszugrübeln und die den weniger Unterrichteten nicht leicht faßliche Wahrheit zu enthüllen.

B. Du hast Recht.

A. Es sagt uns also der heilige Paulus von dem Eingebornen: „Welcher, da er in der Gestalt Gottes war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst entäußerte, Knechtsgestalt annehmend, Menschen ähnlich geworden und in seinem äusseren als Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, dem Tode aber des Kreuzes. Darum hat auch Gott ihn erhöht und ihm einen Namen gegeben über alle Namen, damit im Namen Jesu jegliches Knie sich beuge im Himmel, auf Erden und unter der Erde, und jede Zunge bekenne, daß Jesus Christus Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters.“ Wird nicht auch die Zeit der Menschwerdung des Wortes, wenn sie würde rufen können, selbst deutlich sagen, daß das Wort, nicht sofern es als Gott gedacht wird, sondern sofern es Mensch wurde, zur Herrlichkeit der Gottheit emporstieg, und mit dem Fleische und als es sich entäusserte und erniedrigte, damals auch erhöht wurde? Nun lehre, denn ich möchte gerne von dir hören, und antworte auf meine Frage!

B. Was meinst du?

A. Es erniedrigte sich der Eingeborne, in Knechtsgestalt sich herablassend, und erduldete das Kreuz, der Schmach nicht achtend und gehorsam geworden bis zum Tode. Darum, sagen sie, gab er ihm einen Namen über alle Namen, damit im Namen Jesu jegliches Knie sich beuge im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Hat er also in unserem Stande als Lohn seiner Großthaten und Geschenk für seinen Gehorsam und Ehrenkranz seiner Tapferkeit die Benennung „Gott“ erworben und die Anbetung sowohl von den heiligen Engeln selbst als von uns auf Erden und den schon Gestorbenen?

B. Es scheint.

A. Also (ich will Etwas sagen mit wenig Bedacht für jetzt auf das Schickliche, weil es nothwendig ist) es soll der Eingeborne für die Übertretungen auf Erden und unsere Sünden den größten Dank haben. Er soll aber wissen, daß Anlaß für ihn der Vergötterungsehre die Vergehungen der Menschheit waren. Denn wenn wir nicht gesündigt hätten, wäre er nicht Mensch geworden, und wenn er nicht Mensch geworden wäre, hätte er nicht das Kreuz erduldet, und wenn er nicht gestorben wäre, hätte er nicht die Anbetung von uns selbst und den heiligen Engeln erworben.

B. Kühn zwar ist die Rede, aber sie hat Wahrscheinlichkeit.

A. Wenn er aber auch in der Gleichheit und Gestalt des Vaters war, als er in den Stand der Erniedrigung noch nicht eingetreten war, welche Zugabe [Vermehrung] der Ehre sollte er durch den Empfang des Namens, der da ist über alle Namen, in der Zeit der Erniedrigung haben? Verstehst du nicht, in welche Gefahr ihre Ansicht käme, wenn man sie genauer untersuchen würde?

B. Ich verstehe.

A. Willst du also, daß wir, die allzu feinen Untersuchungen für jetzt bei Seite lassend, zu Dem kommen, daß der Eingeborne Gott war im Anfange und in der Gestalt und Gleichheit des Vaters, obwohl wir hierauf im Vorhergehenden eine lange Untersuchung verwendeten?

B. Jawohl.

A. Also durch die Stimme des Isaias spricht Gott der Vater: „Ich bin Gott der Herr schon seit Anbeginn.“ Man kann aber auch die Heiligen selbst zu ihm rufen hören: „Bist du nicht von Anfang der Herr, unser Gott, und sterben wir nicht?“ Siehe, Gott der Vater heißt und ist in Wahrheit Gott von Anfang! Der heilige Johannes aber, da er zu uns vom Sohne redete, sagt: „Was von Anfang war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen geschaut, was wir gesehen und unsere Hände betastet haben von dem Worte des Lebens.“ Zu Einigen aber sagt er: „Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den von Anfang [Seienden] erkannt habt.“ Und wer Dieser ist, sagt er selbst wieder: „Das spricht Der, der ist, der war, der kommen wird.“

B. Aber daß er auch vor der Schöpfung war, werden auch sie selbst sagen; daß er aber auch Gott war, ist nicht deutlich ausgemacht, sagen sie. Denn er empfängt es ja, natürlich als nicht habend.

A. Und wie werden nicht passend, über die Verkünder dieser abscheulichen Lehre mit Recht ungehalten, auch wir sagen: „Ihr Tauben, höret, und ihr Blinden, blicket auf und sehet!“ Denn während der Gotteslehrer und Evangelist deutlich schreibt, nicht einfach: „Das Wort war,“ sondern: „Es war auch Gott,“ gehen sie wie voll Wein und Rausch blindlings auf Alles los und verdrehen die Wahrheit. Wohlan denn, laß uns, auch durch andere Gedanken gehend, erkennen, daß der Sohn Gott ist von Natur. Gebührt es nicht Dem, der von Natur Gott ist, über Alles zu entscheiden und Diejenigen, die das Gesetz zur Norm ihres Wandels machen und das rühmliche und achtbare Leben in Ehren halten, mit Lob zu krönen, die Übertreter aber als keck und übermüthig und leichtsinnige Verächter der göttlichen Gesetze zu bestrafen?

B. Es gebührt.

A. Wie aber, die Macht, Alles zu erfüllen und Alles zu durchdringen und auch in Allem zu sein, wirst du Das einer anderen Natur zuschreiben als der göttlichen?

B. Ich nicht. Wie sollte ich auch?

A. Für Gott aber zu wirken und zu leben und in Gott sich zu rühmen, werden sie nicht sagen, o Freund, Das sei für die Heiligen höchst geziemend?

B. Gewiß.

A. Wohlan denn, sage Dieses.

B. Was?

A. Ist nicht „jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk von oben herabkommend, vom Vater der Lichter,“ die Rede der Weisheit aber das Allerschätzenswertheste?

B. Jawohl; denn so sagt die heilige Schrift.

A. Schau nun als den Vertheiler und Verwalter der von oben und vom Vater der Lichter zu uns kommenden Güter, und zwar aus eigener Macht, den Sohn. Es sagt nämlich Paulus: „Einem Jeden von uns aber ist die Gnade gegeben nach dem Maaße der Schenkung Christi.“ Und während auch anderswo zu dem höchst ehrwürdigen Moses Gott sprach:  „Wer hat dem Menschen den Mund gegeben, und wer den Stummen und Tauben, den Sehenden und Blinden gemacht? Nicht ich, Gott, der Herr? Und nun gehe hin, und ich werde deinen Mund öffnen,“ sprach wieder irgendwo Jesus Christus, unser Herr, zu den heiligen Aposteln: „Nehmet euch also zu Herzen, nicht vorher zu sorgen, wie ihr euch verantworten sollet; denn ich werde euch Mund und Weisheit geben, welcher nicht werden widerstehen oder widersprechen können alle euere Widersacher.“ Und während der selige David singt: „Gott ist Richter,“ und es feststeht, daß ihm es zukommt, Jedem die Vergeltung zu ertheilen für Das, was er gethan hat, und, die er will, zu rechtfertigen (denn „Gott ist’s, der rechtfertigt; wer ist, der verdamme?“ wie geschrieben steht): werden wir in beiderlei Hinsicht, nicht dienstweise, sondern in göttlicher Machtvollkommenheit den Sohn thätig sehen. Er sagt nämlich selbst: „Was wird es dann dem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewänne, an seiner Seele aber Schaden litte? Oder was wird der Mensch geben als Ersatz für seine Seele?“  „Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen heiligen Engeln, und dann wird Jedem vergolten nach seinen Werken.“  Zu Einem der Kranken aber sprach er: „Sohn, deine Sünden sind dir erlassen,“ worüber auch wüthend die über alle Beschreibung gottlosen Pharisäer Den, der so göttlich und ganz unverhohlen gesprochen hatte, mit der Anklage der Gotteslästerung zu binden sich erfrechten und sogar auch sagten: „Dieser lästert; wer kann Sünden nachlassen ausser Gott allein?“ Wer nun des Gesetzes und Gerichtes Herr ist und Vertheiler von Kränzen [Belohnungen] und Verwalter der Gerechtigkeit und Sünden erläßt, obwohl Keinem der zu den Geschöpfen Gehörigen Dieß zu thun zusteht, wie wäre Der nicht Gott von Natur? Scheine ich dir Dieß richtig zu vermuthen?

B. Sehr scharfsinnig und entfernt von allem Spotte.

A. Da aber Gott in Allem ist und von Nichts sich entfernt, sondern durch die göttliche Wirksamkeit Alles erfüllt und darum auch zu Israel sagt: „Der Himmel ist mein Thron, die Erde aber der Schemel meiner Füße; welches Haus werdet ihr mir bauen, oder welches ist der Ort meiner Ruhe?“ bezieht Dieß der heilige Paulus, und ganz richtig, auf das aus Gott dem Vater entsprungene Wort und schreibt: „Wo nicht ist Grieche und Jude, Beschneidung und Vorhaut, Barbar und Scythe, Knecht und Freier, sondern Alles und in Allem Christus;“ und ausserdem wieder: „Der herabstieg ist Derselbe, wie der hinaufstieg über alle Himmel, um Alles zu erfüllen.“ Ist nun Alles zu erfüllen und Alles zu durchdringen und auch in Allem zu sein nicht mehr, als einem Geschöpfe zukommt?

B. Freilich.

A. Da ferner jeder Heilige das weltliche und fleischliche Leben ablegt und seine Seele gleichsam Gott weiht und gewillt ist, sich in keinem Anderen zu rühmen als in Gott, schreibt wiederum Paulus: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetze gestorben, um Gott zu leben,“ versteht sich dem Sohne und durch ihn dem Vater. Es wird dir aber auch Dieses klar und unzweifelhaft sein, wenn du ihn hinzufügen hörst: „Einer nämlich ist gestorben für Alle, damit die Lebenden nicht mehr sich leben, sondern Dem, der für Alle gestorben und auferstanden ist;“ und ferner: „Mir aber sei es ferne, mich zu rühmen ausser im Kreuze Christi,“ da doch jeder Heilige sagt: „Ich will frohlocken in Gott, meinem Heiland,“ „Gott, der Herr, ist meine Stärke.“

B. Fürwahr, o Trefflicher, wir haben genug an diesen Gedanken. Denn keineswegs als fälschlich so genannter, sondern vielmehr als wahrer Gott ist uns der Sohn durch unzählige Aussprüche erwiesen. Darum laß Das und sage Dieses, wie man Das zu nehmen und zu verstehen habe: „Ich gehe zu meinem Vater und euerem Vater und meinem Gott und euerem Gott.“ Was kommt ihn denn an, daß er den Vater „seinen Gott“ nennt? Denn zweifle nur nicht, daß sie gewiß auch Dieses fragen werden!

A. Unmühsam ist die Erkenntniß Dessen, um was du fragst, und nicht schwer zu fassen, wenn man einen klugen und geradsinnigen Verstand hat. Denn es steht geschrieben: „Alles ist offen für die Verständigen und richtig für die Einsichtsvollen.“ Wenn aber Einer, den geraden Weg zu gehen unterlassend, recht thöricht lieber krumm laufen und, den wohl gebahnten Pfad der Lehre vertauschend, einem anderen sich zuwenden will, so wird er in Dornen und Gräben und in die dazwischen liegenden Anstöße fallen. Darum sagt auch, glaube ich, räthselweise Dieses andeutend das Gesetz: „Gehe auf dem königlichen Wege und beuge nicht ab zur Rechten noch zur Linken.“ Wenn nun vom Sohne Manches gesagt wird, was geringer ist, als es der Herrlichkeit Gottes zukommt, und was die gewordene Natur nicht überragt, so denke nicht sogleich an die unaussprechliche und ausschließlich vom Vater stammende Natur, sondern gehe stromabwärts, wo das Ziel der Betrachtungen ist, indem du weder die Eigenheiten der Gottheit dem Stande der Menschheit zuschreibst, noch die Geringheit der Menschheit der über Alles erhabenen Natur zuweisest, als wäre sie ihr eigenthümlich, sondern bei Jedem den richtigen und angemessenen Unterschied wohl zu machen verstehst. Denn so und nicht anders wirst du die fehlloseste Einsicht erlangen können.

B. Was gibst du für ein Beispiel?

A. Der selige Paulus sagt von dem Eingebornen, er sei „Abglanz der Herrlichkeit und Ebenbild des Wesens Gottes des Vaters“. Halte nun hier inne und erhebe den Geist über alles Gewordene, und er betrachte die göttliche Schönheit selbst und erwäge seine unaussprechliche Erzeugung, und seine Existenzweise wie im Spiegel erblickend breche er in Lobpreisungen aus! Wenn er aber schreibt: „Der in den Tagen seines Fleisches Bitten und Gebete mit starkem Rufen und Thränen Dem darbrachte, der ihn vom Tode erretten konnte, und erhört wurde wegen seiner Ehrfurcht. Obwohl Sohn, hat er doch in Dem, was er litt, Gehorsam gelernt,“ so steig’ ein wenig herab und denke an den Stand der Menschheit! Denn es starb nicht das Ebenbild des Vaters. Da aber auch in den Tagen des Fleisches das Flehen stattfand, so ist die Furcht Sache des Fleisches und der Menschheit eigen der Schauder vor dem Tode. Wenn es also auch heißt, er habe einen Namen bekommen über alle Namen, so schließe den Sohn nicht aus von den Merkmalen der Gottheit, sofern er Wort ist und aus Gott dem Vater entsprungen. Denn er war der Natur nach und in Wahrheit Gott auch vor den Zeiten der Entäusserung. Wirst du nicht so sagen?

B. Gewiß.

A. Da er aber Mensch wurde, zur Entäusserung und Knechtsgestalt herabsteigend, wurde er uns gleich und Gott Unterthan, ohne zu veräussern, was er war, und ohne den Stand der Menschheit zu verschmähen. Denn mit uns wurde arm, der da reich ist als Gott. Darum wurde er auch unter das Gesetz und sogar auch unter die Knechte und unter die Missethäter gerechnet und erduldete selbst den Tod dem Fleische nach. Aber es war nothwendig, daß Der, welcher von Natur und wahrhaft Gott ist und die dießbezügliche Ehre nicht als geliehen besitzt, nicht im Stande der Erniedrigung blieb, sondern in die himmlische und Anfang und eigenthümlich ihm inwohnende Ehre mit der angenommenen Gestalt [des Fleisches] zurückkehrte. Er hört also als Mensch, obwohl er von Natur Gott ist und Sohn: „Ich habe dich heute gezeugt,“  und: „Sitze zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache!“  Denn da er überhaupt Mensch wurde und sich zur Entäußerung herabließ und so auch Gott Unterthan wurde, so wird er ganz nothwendig und angemessen dem Stande der Erniedrigung gleichförmig und nannte Denjenigen mit uns [seinen] Gott, der von Natur und in Wahrheit sein Vater und unser Gott ist. Denn darum nennen auch wir selbst, obwohl von Natur Knechte unter Gott, Gott unseren Vater, da wir Dieß durch die Gleichförmigkeit mit dem Sohne erlangten. Denn es weilt und wohnt in uns der Sohn durch seinen Geist, in welchem und durch welchen wir rufen: „Abba, Vater!“ Daß aber zum deutlichen Beweis und gleichsam Siegel der Adoption bei Gott der Geist in uns ist, durch welchen wir nach dem Sohne gestaltet werden, wird Paulus erklären, der schreibt:  „Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in euere Herzen, der da ruft: Abba, Vater.“

B. Du hast Recht.

A. Ich wenigstens glaube nun, die Gegner werden den Widerstand endlich aufgeben und den Widerspruch gegen die Lehren der Wahrheit als verhaßt nun fortwerfen. Wenn sie aber Das nicht thun, sondern darauf bestehen und zudem sagen werden, der Vater sei in der That der Gott des Sohnes, ohne daß man die Heilsordnung [Menschwerdung] annehme, in Bezug auf welche er den Vater seinen Gott nannte, wie muß man dann nicht sagen, daß wir sie keineswegs als Gesetzgeber und Bestimmer Dessen, was sie denken oder sagen wollen, annehmen werden, sondern es uns vielmehr gezieme, den Aussprüchen des Heilandes die Wahrheit beizumessen. Er sprach also: „Denn ich gehe zu meinem Vater und euerem Vater, meinem Gott und euerem Gott.“ Sie sollen also behaupten, daß auch wir mit ihm Söhne sind von Natur, wenn nämlich er mit uns von Natur unter Gott ist. Denn ich gehe, sagt er, zu meinem Vater und euerem Vater. Der Name „Sohn“ aber bezeichnet, daß er wesenhaft aus dem Vater gezeugt sei. Sehr Viele also werden von Natur Söhne sein oder vielmehr Unzählige und (man übersehe die Breite der Lästerung), wenn Alle Söhne, darum auch Götter. Allein ich glaube, sie werden gewiß sogleich richtig sagen, der Name der Sohnschaft sei eine Gabe der Güte Gottes gegen uns. Denn da wir Erdgeborne sind von Natur, sind wir nicht aus Gott gezeugt nach der wahren Weise der Erzeugung, sondern von aussen kommend und verliehen ist es uns, Gott unseren Vater nennen zu sollen. Aber warum, so möchten auch wir ihnen sagen, ihr, die ihr Alles leicht waget, warum richtet ihr euch nicht mit gleichen Folgerungen nach Dem, was richtig und tadellos ist, sondern erröthet nicht, so thöricht zu schwätzen? Denn wie ist es nicht besser, weise zu beherzigen, daß, wenn er der Natur nach aus Gott ist, das heißt aus der Wesenheit des Vaters, es unziemlich für ihn sei, den Geschöpfen beigezählt zu werden, vielmehr aber ihm zukomme, Gott zu sein; und daß, da er Mensch wurde, es gewiß mit dem Fleische und dem Stande der Menschheit ihm von aussen her zukomme, daß Der unter Gott [Gott Unterthan] wurde, der aus Gott ist?

B. Aber, sagt Einer, wenn Nichts verschieden ist im Sohne, und er so Gott ist, wie auch der Vater gedacht wird, so wirst du ihn gewiß auch für gleich und überhaupt in Nichts geringer erklären. Und wie sprach er dann selbst: „Denn der Vater ist größer als ich“?

A. Gott gegen Gott, wenn Das bei Beiden der Natur nach und in Wahrheit gedacht wird, sag’ mir, was für einen Unterschied oder welche Verschiedenheit wird man da bemerken? Da wir aber vom Sohne behaupten. er sei das vollkommen und über alle Maßen zur natürlichen Ähnlichkeit gleichsam sein ausgemeißelte Ebenbild des Vaters, wie wird er uns, wenn er in der That geringer und nicht vollkommen ist wie der Vater, Den, der nach Jenen vorzüglicher und erhabener ist, in sich selber darstellen? Es wird ja doch gewiß nicht das Mangelhafte das unverfälschte Bild und Gleichniß des Vollkommenen sein; aber es wird auch Gott nicht Gott übertreffen, oder der eine geringer sein als der andere in Bezug aus das Gottsein, da ja auch ein Mensch sich nicht vom anderen unterscheidet in Bezug auf das Menschsein. Denn daß durch Stärke und Einsicht und durch die Vorzüge der Tugend und auch durch Größe und Kleinheit des Körpers, durch Mißbildung und Wohlgestalt und Verschiedenheit der Farbe der Eine sich vom Anderen unterscheide, sagt man bisweilen. Wenn man aber bestimmt wissen wollte, welches etwa die Bestimmung [Definition] der Wesenheit des Petrus und Paulus sei, so wird man in Beiden die gleiche und in jeder Hinsicht nämliche finden; eine Geringerheit aber wird man nur aus Geschwätzigkeit, glaub’ ich, und nicht aus richtiger Einsicht bemerken. Da sie nun den Vater für größer erklären, so sollen sie zeigen, welches der Vorzug in ihm ist, und wodurch er größer ist.

B. Hat also der Sohn das Wahre verfehlt, da er sprach: „Denn der Vater ist größer als ich“?

A. Und wie sollte er lügen, da er sagt: „Ich bin die Wahrheit“? Aber wie der Ausspruch des Heilandes zu verstehen sei, wollen wir jetzt übergehen. Seiner Zeit wird es ja gesagt werden. Sag’ aber, was ich sage: die Alles bildende und das All erschaffende eine Natur der Gottheit ist ein Herr; oder ist der Satz nicht wahr?

B. Ja freilich.

A. Obwohl aber die Gottheit einfach und einförmig ist, so wird sie doch in heiliger Dreiheit geglaubt und erkannt, nämlich im Vater, Sohn und heiligen Geiste. Hast du etwas Anderes zu lehren oder zu sagen als Dieses?

B. Durchaus nicht.

A. Indem wir also Jeden der Genannten, unbeschadet der selbstständigen Existenz in eine und dieselbe Natur verknüpfen und zur Identität verbinden, werden wir einen Gott anbeten und dem einen Gott des Universums dienen. Wenn wir sie aber trennen und in eine natürliche Verschiedenheit zertheilen und Jeden für sich in eine eigene Natur setzen, so werden wir auch wider Willen schon drei Götter bekennen. Und welche Rede wird uns dann vom Irrthume freisprechen, wenn wir so gesinnt sind? Wie aber ermangelt Der nicht aller wahren und richtigen Denkart, wenn Einer statt eines uns drei Götter verkündet? Allein aus Scheu, glaube ich, offenbar Unsinn schwätzen zu wollen, werden sie zwar den Vater als wahren Gott anerkennen, die ihnen allein geläufige und eigene Lästerung aber auf den Sohn ausgießend werden sie ihn für geworden und geschaffen erklären, indem sie ihn wie ein Schattenbild mit der Ehre der Gottheit beschmieren und glauben, er sei mit bloßen Namen geehrt; aus der wahren und wesenhaften Göttlichkeit aber werden sie ihn schamlos vertreiben. Aber wer ist so dumm und schwachsinnig unter Denen, die richtig denken wollen, daß er über die also Lehrenden nicht das größte Geschrei erhöbe und über die maßlose Verblendung lachend sagen wird: Wenn der Sohn nicht von Natur Gott ist, sondern der Name ihm nur geliehen ist, wie ihr sagt, warum vergleicht ihr ihn dann mit Gott dem Vater und schätzet die geringere oder größere Erhabenheit in Beiden ab, obwohl jede vernünftige und nothwendige Denkweise, glaub’ ich, lehrt und fordert, daß die wechselseitigen Vergleichungen füglich nur zwischen Gleichartigem stattfinden und Dem, was der Wesenheit nach identisch ist oder doch auf keine Weise zur Verschiedenartigkeit abweicht? Denn ein vernünftiges Wesen ist sowohl der Engel als der Mensch; doch ist zwischen beiden ein Unterschied und findet keine vollständige Übereinstimmung statt. Wenn man nun die Rede von der Herrlichkeit und Erhabenheit der Engel untersucht, so muß man Engel mit Engel vergleichen, ob er sich nämlich von dem oder jenem unterscheide, Petrus dagegen von irgend Einem Seinesgleichen. Gott aber, von dem Alles und der über Allem ist, ist kein Gegenstand eines Vergleiches und unvergleichlich erhaben; und da er zuhöchst über Allem ist und zu einer den Geschöpfen unerreichbaren und unzugänglichen Vollkommenheit hinanreicht, wie sollte er Etwas haben, was ihm nahe stände und nicht weit entfernt und gewissermaßen schon dahin käme, daß es wagen könnte, mit ihm zu wetteifern, und es zuletzt zweifelhaft ließe, ob es geringer sei? Scheint es dir nicht lächerlich zu sein und ein Abfall von der rechten Vernunft und sogar auch ein Verlust des gesunden Verstandes, wenn eines der zu den Geschöpfen gehörigen Wesen es wagen wollte, zu sagen: Gott der Vater von Allem ist größer als ich? Wem in der Welt, sag’ mir, würdest du eine so kecke und höchst schlüpfrige Sprache zuschreiben? Etwa den Engeln und Erzengeln oder den Mächten, Thronen und Herrschaften? Wie oder woher denn wird mit dem eigenen Schöpfer das Geschöpf Wettstreiten? Höchst unverständig also vergleichen sie, wenn sie nämlich vom Sohne meinen, er sei nicht in Wahrheit Gott, sondern entstehungsweise in’s Dasein gerufen, das ganz und durchaus von Natur Verschiedene mit dem Vater und untersuchen bei beiden die Gleichheit oder Geringerheit.

B. Es scheint. Sie sagen nun aber, der Sohn sei ein geringerer Gott, ein größerer aber der Vater.

A. Wo dann sollten wir das Größere im Vater und folglich das Geringere im Sohne bemerken, wenn wir die Natur Gottes, welches sie sei, so viel als möglich im Spiegel betrachten? Werden sie nicht sagen, die Gottheit sei unkörperlich und ungreifbar, ohne Quantität und Wachsthum und älter als alle Zeit, immer seiend und sich gleich bleibend und in sich selber und aus sich selber allvollkommen?

B. Ich glaube.

A. Auf welche Weise also wird Gott Gott überragen und übertreffen? Muß nicht nothwendig das überhaupt irgendwie Geringere das Merkmal der Gottheit verlieren, wenn es nicht bis zum Gipfel der Güter der Gottheit gekommen ist und in Mangel an Vollkommenheit erblickt wird?

B. Nothwendig.

A. Sie werden ja doch, glaube ich, nicht sagen, in meßbarer Quantität bestehe der Vorzug im Vater; denn jenseits der Quantität ist das Unkörperliche; noch auch, der Sohn sei späteren Ursprunges als der Erzeuger; denn da der Vater immer ist und keine Veränderung und Umwandlung den immer sich selbst gleich bleibenden Gott zu etwas Anderem als Diesem ruft [nöthig], so war gewiß Das, was aus ihm ist, mit ihm zugleich ohne Anfang und ewig und nebenhergehend mit der Existenz des Erzeugers.

B. Geringer, sagt Einer, ist der Sohn nicht durch körperliche Quantität: wie wäre Das möglich? sondern weil er nicht gleichen Ranges ist wie der Vater.

A. So laß uns denn, die Eigenschaften der Gottheit genau erwägend, bestrebt sein, zu sehen, ob dieselben nur dem Vater zukommen, keineswegs aber dem Sohne auf dieselbe Weise wie gewiß auch dem Vater selbst. Aber sag’ mir auf meine Frage noch vor dem Übrigen Dieses: Wird denn, wenn der Vater den Sohn übertrifft und überragt, nicht jedenfalls folgen, daß der auf diese Weise Vorzüglichere nicht bloß in einer Hinsicht den Vorrang habe, sondern in Bezug auf Alles, was der Gottheit eigen ist?

B. Gewiß.

A. Wenn aber in der Gleichheit des Sohnes die allseitige Gleichheit sich zeigt, wird er nicht gar sehr die Verläumdung, geringer sein zu sollen, zurückschlagen? Denn es soll zugegeben werden, daß auch das sehr Erhabene die eigene Herrlichkeit bisweilen freiwillig zu dem unter ihm Befindlichen herabdrückt, das in Wahrheit Geringere und Niedrigere aber, wie sollte dieses die eigene Natur überspringen und über seinen eigenen Rang hinauskommen und mit dem viel Höheren um den Vorrang streiten?

B. Du hast Recht.

A. Wie also sagt der Sohn, als ein genaues Abbild gleichsam und Portrait von der Wesenheit Gottes des Vaters sich selbst hinstellend und zur Darstellung des Erzeugers die eigene Natur herbeibringend: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen;“ „Ich und der Vater sind Eins“? Wenn er also dem Vater nicht gleich ist, warum bildet er ihn dann in seiner eigenen Natur ab und sagt, Eins sei mit Vollkommenem Das, was im Vergleich mit Diesem mangelhaft ist und geringer?

B. So verhält es sich nicht nach meinem Dafürhalten.

A. Also (denn ich will mich jetzt, so viel ich im Stande bin, zur Betrachtung Dessen wenden, was die göttliche und höchste Natur auszeichnet) wohlan denn, laß uns zusehen, ob mehr im Vater oder weniger, als es sich gebührt, im Sohne die Auszeichnung der Gottheit ersichtlich ist!

B. Du scheinst mir Dieses sehr gut erwogen zu haben.

A. Es unterwirft also dem Scepter der Gottheit und bindet in’s Joch der Knechtschaft Alles, was zu den Geschöpfen zählt, der göttliche Sänger, indem er sehr gottesfürchtig und ganz mit Recht Das thut. Er sagt nämlich zu dem Schöpfer des Alls: „Am Anfange hast du, o Herr, die Erde gegründet, und Werke deiner Hände sind die Himmel. Sie werden vergehen, du aber bleibst, und alle werden altern wie ein Gewand, und wie eine Decke wirst du sie falten, und sie werden verändert werden, du aber bist Derselbe, und deine Jahre werden nicht abnehmen, denn Alles dient dir.“ Ja, auch mit Lobpreisungen ihn zu ehren, fordert er die Himmel der Himmel auf und Sonne und Mond, Sterne und Licht und das Wasser über den Himmeln. Und zu den Menschen sagt er: „Kommt, laßt uns anbeten und niederfallen vor ihm und weinen vor dem Herrn, unserem Schöpfer; denn er ist unser Gott, wir aber das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand;“ von den Engeln aber und Denen, die einen noch höheren Dienst haben: „Preiset den Herrn, alle seine Engel, seine Diener, die seinen Willen thun!“ Siehst du also, wie er, Alles unter das Joch der Dienstschaft verschließend, die Erdbewohner Schafe seiner Hand nennt, die Engel aber als Sänger und Diener darstellt?

B. Ich sehe es.

A. Schau’ nun, wie der Sohn die Schafe der Hand Gottes des Vaters seine eigenen nennt und uns das Joch der Dienstschaft auflegt! Er sprach nämlich so: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nicht verloren gehen auf ewig, und Niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als Alles, und Niemand wird sie aus der Hand meines Vaters rauben. Ich und der Vater sind Eins.“ Schafe also Gottes des Vaters, nicht milder aber auch des Sohnes sind wir genannt und sind es. Und daß auch Engel ihm dienen, leicht kannst du aus den heiligen Schriften auch Dieses erfahren. Denn der weise Matthäus sagt, nachdem der den fastenden Christus versuchende Satan bereits entflohen und in’s Nichts dahingegangen war: „Siehe, Engel kamen und dienten ihm!“ Und sogar auch im Kreise umstanden seinen hohen und erhabenen Thron lobpreisend die Seraphim, heilig ihn nennend und „Herr der Heerschaaren“ und rufend, „voll sei der Himmel und die Erde von seiner Herrlichkeit.“ Der aber gleichmäßig über Alles herrscht, gleich stark und gleich mächtig mit dem Vater und nicht weniger herrlich (denn voll ist Alles von seiner Herlichkeit), und sagt, er besitze mit Dem, der größer ist als Alles, die natürliche Identität, wie sollte Der nicht den gleichen Rang haben? Hast du Etwas zu denken oder zu sagen, wohin die Herrlichkeit des Vaters sich erhöbe, die des Sohnes aber zurückbliebe, weil sie mit ihr nicht Schritt halten kann und sich weigert, sich mitauszudehnen, aus Mangel an Gleichheit?

B. Ich kann mir Nichts denken.

A. Was aber wird uns auch die „Hand des Vaters“ bedeuten? die allwirksame Thätigkeit oder die Stärke? Denn die Rede von Gott geht immer über die körperhafte Vorstellung hinaus.

B. Es paßt richtig auf Beides, wie ich glaube; denn es steht Nichts im Wege.

A. Du hast Recht; aber was für geringer und schwächer gehalten wird, als das Erhabenste ist, wie sollte Das noch gleich wirksam und gleich mächtig gesehen und genannt werden, und wie sollte der Sohn die gleiche Herrlichkeit mit dem Vater haben und die höchst genaue Ähnlichkeit der Einheit mit ihm? Denn „ich“, sagt er, „und der Vater sind Eins,“ obwohl er ihm die höchste Vollkommenheit zuschrieb; denn „der Vater,“ sprach er, „ist größer als Alles“.

B. Er könnte es nicht haben, daran fehlt viel; denn wenn er überhaupt in irgend einem Stücke geringer ist, so wird zugleich Alles an ihm herabsinken.

A. Also wird er die Vollkommenheiten des Vaters durchaus in keiner Hinsicht erreichen, da er geringer ist und nicht gleich, und kann auch nicht, und zwar freimüthig, zu ihm sagen: „Alles Meinige ist dein und das Deinige mein.“ Denn wohlan, laß uns dem Vater den Vorrang zuschreiben und sagen, der Sohn sei mangelhaft, welche Geschicklichkeit wird dann dazu gehören, dem Sohne Alles zuzueignen, was des Vaters ist, und dem Vater, was des Sohnes ist, dabei aber als eine der dem Vater zukommenden Eigenheiten die Hohheit und Erhabenheit über Alles zu denken? Und wie wird Das dem Sohne eigen sein, obwohl er geringer ist? Und wenn die Geringerheit dem Sohne eigen ist, wie kann sie es auch dem Vater sein? Ich bin in Verlegenheiten aber sollst uns zeigen, wie.

B. Ich kann es nicht. Denn das Denken findet da gar keinen Ausweg.

A. Stromabwärts also fließe die Rede und gehe den vorliegenden Weg; ich will aber auch etwas Nothwendiges fragen. Liegt es bloß in der Macht des Vaters, von Vergehungen zu befreien und unsere schwer abwaschbare Sünde zu tilgen?

B. Ja.

A. Und wie ist es nicht sehr gefährlich, zu wagen, den Sohn davon abzuhalten, obwohl er sich durch die gleichen Thaten auszeichnet, und keck zu sagen, er sei geringeren Ranges als der Vater? Denn welchen er will, läßt auch er Sünden nach. Indem er nämlich ermahnt, Vergebung angedeihen zu lassen, und lehrt, man müsse sie gewähren, — „denn wenn ihr,“ sagt er, „den Menschen ihre Vergehungen vergebet, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben,“ — und indem er dem Vater die Macht zuschreibt, die Sünden zu vergeben, welchen er will, nimmt er es auch für sich in Anspruch, Das zu thun, mit den Worten: „Damit ihr aber wisset, daß der Sohn des Menschen Macht hat, auf Erden Sünden nachzulassen (da sprach er, heißt es, zu dem Gichtbrüchigen): Steh auf, nimm dein Bett und geh’ in dein Haus!“ Was also gleich ist an Macht und im Wirken identisch, wie sollte Das noch geringer sein und im Range nachstehen?

B. Unmöglich, denn die Sache ist klar.

A. Es wird aber dem Gesagten auch der heilige Paulus die Richtigkeit bezeugen, der uns zuruft: „Wer wird gegen die Auserwählten Gottes Klage erheben? Gott ist’s, der rechtfertigt; wer ist, der verdamme?“ Und diese Großthat auf den Sohn übertragend und auch ihm die Macht, die Gläubigen zu rechtfertigen, zutheilend schreibt er wieder so: „Gerechtfertigt also durch den Glauben haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ Denn der Glaube verbindet uns mit Gott dem Vater und bringt uns ihm nahe durch den Sohn; es rechtfertigt uns aber, nach der wahren und unverfälschten Lehre, nicht Gott der Vater für sich, und für sich und besonders der Sohn, sondern die Rechtfertigung, die als vom Vater kommend gedacht wird, diese ist gewiß die des Sohnes, und welche der Sohn verleiht, diese muß man annehmen als die des Vaters. Denn wie das zur Entstehung Gerufene den Eintritt in’s Dasein durch Den erlangt hat, durch welchen Alles [ist] und keinen Anderen zum Schöpfer hat, durch den es zu Stande gebracht wurde, so wird durch ihn das aus der ursprünglichen Glückseligkeit Gefallene gerettet und empfängt den Zustand des Wohlbefindens wieder, indem es auf die einer jeden Natur angemessene Weise zur vollkommenen Schönheit zurückkehrt.

B. Einverstanden.

A. Und darum sagt der göttliche Moses, [das Volk] Israel sei der Erbarmung von oben und vom Vater gewürdiget worden, obwohl es widerspenstig und hartnäckig war. Er schreibt nämlich so: „Wie ein Adler seine Brut bedeckt, nahm er sich ihrer an und nahm sie auf seine Schultern.“ Eben Dieses aber, versichert der Sohn, habe er gethan, indem er sagt: „Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tödtest und die zu dir Gesandten steinigst, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Jungen unter die Flügel versammelt, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen werden!“ Und wir werden nicht die Thorheit begehen und den Vater als unthätig beseitigen, vom Sohne dagegen sagen, es sei ganz recht, daß es ihm allein zukomme, die dießbezügliche Ehre zu erlangen; sondern weil in Beiden die völlige Gleichheit und Identität im Wesen ist, und weil gewiß die Gottheit einförmig und einfach ist, überließ er es uns, Gott den Vater als durch den Sohn wirksam zu denken, mit Entfernung jedes Gedankens an eine dienende Unterordnung und an eine Kränkung des aus Gott Vater entsprungenen Wortes in Ansehung der Gleichheit und Herrlichkeit. Es wirkt nämlich der Vater, indem er sich des Sohnes als seiner eigenen Macht bedient, die lebendig ist und nicht verschieden von ihm selbst, sofern sie Gott ist aus Gott und in Gott von Natur aus, wenn es auch jedem von beiden zukommt, in einer Existenz für sich gedacht zu werden.

B. Du hast Recht.

A. Daß wir aber in göttlicher Natur, Macht und Wirksamkeit in jeder Hinsicht den Sohn keineswegs geringer sehen werden, als auch der Vater sie zu haben erkannt wird, Das kannst du, glaube ich, leicht auch aus Folgendem ersehen. Durch die Stimme des Isaias nämlich sprach Gott der Vater: „Bekehret euch zu mir, und ihr werdet gerettet werden, ihr vom Ende der Erde! Ich bin Gott, und es ist kein anderer. Bei mir selber schwöre ich: Wenn nicht Gerechtigkeit ausgehen wird aus meinem Munde, meine Worte werden sich nicht umkehren.“ Den herrlichen Ruhm des Vaters aber, nämlich Die vom Ende der Erde rufen und retten zu können und Gerechtigkeit zu reden und ein so mächtiges, über die Umkehr [=Veränderlichkeit] erhabenes Wort zu besitzen, sag’ mir, wirst du Das einem Anderen als ihm beimessen?

B. Ich nicht; denn Gott allein gebührt, was ausschließlich und allein sein ist.

A. Wenn nun mit den gleichen Vorzügen auch die Natur des Sohnes geschmückt ist und die gleiche Herrlichkeit hat, kommt ihm dann noch, mein Guter, überhaupt in irgend einem Stücke eine Geringerheit zu?

B. Keineswegs.

A. Höre ihn also deutlich rufen: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken! Nehmet mein Joch auf euch!“ Ist Das nicht das: „Ich bin Gott, und es ist kein anderer“? Denn dem göttlichen Joche ist Alles unterworfen und mit dem Stande der Knechtschaft beladen. Von seinen eigenen Worten aber sagt er so: „Wahrlich, ich sage euch: bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota oder Strichlein vom Gesetze vergehen, bis Alles geschieht! Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Siehst du, wie die Worte des Sohnes keine Umkehr zulassen wie gewiß auch die des Vaters?

B. Ich sehe.

A. Und ausserdem will ich sagen: Die Macht der Vorsehung über die Dinge, so daß er durchaus Nichts aus seiner Hand läßt, wohnt gewiß keinem Anderen, sondern offenbar nur und ganz mit Recht dem über Alles herrschenden Gott bei. Scheine ich dir Das nicht ganz richtig zu sagen und einzusehen?

B. Ganz richtig.

A. Auf gleiche Weise nun werden wir sowohl den Vater als den Sohn die Vorsehung besorgen sehen.

B. Wie sagst du?

A. Von Gott dem Vater nämlich sprach der Sohn selbst. „Kauft mau nicht zwei Sperlinge um ein Aß, und keiner von ihnen wird zur Erde fallen ohne eueren Vater, der im Himmel ist?“ Man kann aber auch ihn selbst die so große und auf Alles sich erstreckende Schonung sogar den geringfügigsten Dingen, und die man nicht hoch anschlägt, zuwenden sehen. Denn als er, die Grenzen Judäas verlassend, in das Land der Gergesener kam, vertrieb er die bösen Geister von den Menschen; diese aber, dem göttlichen Winke nachgebend, thaten aus Nothwendigkeit das Befohlene, verlangten jedoch die Gewalt über Schweine. Da ließ er, der Alles unter den Füßen hatte, es freiwillig zu und befahl ihnen, zu gehen; diese aber, die Heerden der Säue hitzig in’s Wasser stürzend, erstickten sie haufenweise. Hat nun, sag’ mir, Christus den so höchst abscheulichen und unreinen Geistern die Großmuth gewährt und ihnen, die nichts Gutes wollen, ihren Willen durchgehen lassen? Und doch ist es ganz unwahrscheinlich, so Etwas zu denken, sondern es war nothwendig, daß nicht weniger als der Vater auch der Sohn die Vorsorge für die Dinge ergreife, und eben Dieses hat er uns durch die wirksamsten Thatsachen gezeigt, damit die Schönheit der vollständigen Gleichheit hell und lauter in beiden offenbar würde.

B. Und wie wäre Das möglich? sagt Einer. Wo aber ist die Gleichheit in Beiden ersichtlich, da der Sohn untergeordnet und niedriger ist, von welchem der heilige Paulus sagt: „Wann aber Alles ihm unterworfen sein wird (mit Ausnahme Dessen natürlich, der es ihm unterworfen hat), dann wird auch der Sohn selbst sich Dem unterwerfen, der ihm Alles unterworfen hat, damit Gott Alles in Allem sei“?

A. Und wozu werden sie Dieses sagen, nämlich daß der Sohn dem Vater unterworfen sei, als um den der Natur nach aus ihm Erzeugten aus der Gleichheit mit ihm zu vertreiben? Wenn wir aber überhaupt den Begriff [die Beschaffenheit] der Natur untersuchen, wozu wird höchst unverständig die Sache der Unterwerfung hereingebracht, die doch zu den Merkmalen der Wesenheit nicht gehört?

B. Weil aus der Unterwerfung, sagt er, die Beschaffenheit der Wesenheit sehr wohl erkannt wird.

A. Und doch kannst du, mein Lieber, und ganz ohne Mühe einsehen, wie schwach voll der Unwissenheit die dießbezügliche Ansicht ist. Denn „die Geister der Propheten sind den Propheten unterworfen,“ wie geschrieben steht, und die Söhne zum Beispiel von Dem und Dem ihrem Erzeuger, wie sie gewiß sagen werden, daß dem Abraham der Isaak unterworfen war, Diesem aber wieder sein Sohn; aber weder die Geister der Propheten machten durch die Unterwerfung untereinander ihnen die Natur ungleich, noch machte es den seligen Isaak andersnaturig und fremdartig, wenn er, durch Ehrfurcht gegen den Vater bewegen, sich unterwarf und dem Erzeuger seinen Gehorsam als ein schönes Geschenk der Sohnschaft gab. Wenn also die Unterwürfigkeit durchaus und gewiß macht, daß Diejenigen, in welchen sie ist, als von anderer Wesenheit erscheinen, und wenn sie dieselben der natürlichen Bande enthebt, so soll es fest stehen, es soll Das auch vom Sohne gelten, und die Rede soll wahr sein. Wenn sie aber den Merkmalen der Wesenheit keinen Eintrag thut, sondern eine gewisse Art, glaube ich, von Ehrfurcht und Gehorsam ist, wie von Seite des Sohnes gegen den Vater, und eine höfliche Geneigtheit der den Anstand und die Schicklichkeit respektirenden Gesinnungen (was auch bei uns selbst auf die Beschaffenheit der Natur keinen Einfluß übt), was legen sie Dem bei, der von Natur Gott aus Gott ist, und stellen es als etwas ganz Unwiderlegliches ihm entgegen, die Unglückseligen? Hat denn nicht Lukas von Christus selbst und der heiligen Jungfrau und Dem, der dem Fleische nach als sein Vater galt, geschrieben: „Er war ihnen unterthan“?

B. Ja, anerkannter Maßen hat er es geschrieben.

A. Soll man also meinen, mein Guter, daß er auch hinter die Menschennatur zurückgestellt war, obwohl er Gott aus Gott ist und auf unaussprechliche Weise erzeugt, da er ihnen das Seinige unterwarf und seiner Mutter dem Fleische nach Unterthan war, aus Ehrfurcht aber gegen Joseph ihm die gebührende Ehre erwies wie einem Vater?

B. Keineswegs; aber die Unterwerfung macht Bedenken und ist nicht ungeeignet, die Meinung zu veranlassen, er sei geringer.

A. Aber den im Glauben fest Gegründeten wird sie nicht den geringsten Zweifel verursachen, Denen, welche, die unverletzte und unverkümmerte Lehre in ihren Seelen beherbergend, die trügerische und schmarotzerische Meinung der Verkehrten nicht zulassen, sondern vielmehr des seligen Paulus eingedenk sind, der da schreibt: „Wir zerstören die [Trug-] Schlüsse und jede Hoheit, die sich erhebt wider die Erkenntniß Gottes, und nehmen allen Verstand gefangen in den Gehorsam Christi.“ Es schnaubt nämlich bisweilen und bläst heftig die Rede der Gegner gegen die Ehre des Eingebornen, und aus den heiligen Schriften selbst bereitet sie uns die Anklage, dergleichen jener schreckliche, wie sie meinen, und stets angeführte Satz ist: „Wann aber Alles ihm unterworfen ist, dann wird auch der Sohn selbst sich Dem unterwerfen, der ihm Alles unterworfen hat.“ Aber Diejenigen, welche in gottgemäßer Nüchternheit wach sind zum richtigen und unverdorbenen Verständnisse, wenn sie einem Ausspruch der Wahrheit Gewalt anthun sehen, nicht durch sich selbst (denn) er ist richtig geschrieben), sondern weil er durch die Verdrehungen der Gegner so entstellt ist, daß er nicht richtig gesagt zu sein scheint, zerstören alsdann, gestützt auf die Waffen der Wahrheit, alle Höhe unverständiger Schlüsse und ziehen den gleichsam schon zum Abfall nachgebenden Ausspruch durch starke Gegenwendung zum Gehorsame Christi hin, das heißt zur Heilsordnung der Menschwerdung. Denn der Name und die Sache des Gehorsams deutet uns die Zeit der Knechtschaft an, da er, der Gott ist, Mensch wurde und er, der die Macht über Alles hat, nicht als geschenkt, sondern als Gott aus Gott, den Knechtstitel annahm und er, der in der Gestalt und Gleichheit des Vaters ist, sich selbst erniedrigte, ungezwungen sich herablassend zur freiwilligen Entäusserung. Darum nahm er, von dem wir glauben, daß er uns gleich wurde und zwar ganz mit Recht, diese gemeinsame Natur Aller mitsammt ihren Unvollkommenheiten an; eine Unvollkommenheit aber der gewordenen Natur im Vergleich zu Gott ist es, daß sie unterworfen sein muß. Doch besteht in dem Unterworfensein nicht das Sein der Dinge, wie Jene grundlos glauben und sorglos sagen, sondern während sie nach ihrer eigenen Art sind und bestehen und so, wie einem Jeden seine Natur es verleiht, nehmen sie freiwillig die Unterwerfung an und halten Dieß für eine Frucht der Gesinnung.

A. Nur in den Willensrichtungen also wird die Unterwerfung liegen und ihr Gegentheil; sie wird aber nicht die Art der Wesenheit kennzeichnen.

B. Du hast Recht.

A. Wie aber? Ist ausserdem nicht auch Dieses beachtenswerth?

B. Was meinst du denn?

A. Der heilige Paulus schreibt uns von Christo: „Jetzt aber sehen wir ihm noch nicht Alles unterworfene Also wenn er sich in jener Zeit dem Vater unterwerfen wird, wann ihm Alles unterworfen ist, so wird es, wie es scheint, eine der Sache angemessene Zeit sein. Ununterworfen aber ist indessen für jetzt der Sohn, da die Zeit noch nicht da ist, in welcher auch er sich unterwerfen wird.

B. Ich bin einverstanden, denn die Rede ist deutlich.

A. Wenn nun aber Jemand zu sagen für gut hielte, jetzt sei er Gott dem Vater nicht unterworfen, es werde ihm aber Dieses seiner Zeit begegnen, und die Ungleichheit seiner Wesenheit behaupten würde, wegen der Unterwerfung, so sagt er offenbar, wie es scheint. Dieses, daß der Sohn wahrscheinlich einmal sich selbst der Natur nach unähnlich sein und eine Veränderung in etwas Anderes annehmen werden als was er jetzt ist und zu sein geglaubt wird. Denn wenn, ihr Verehrtesten, möchte ich zu den Gegnern sagen, die Unterwerfung zu den Merkmalen der Wesenheit gehört, so wird gewiß die Bedeutung einer Wesenheit auch das Gegentheil haben, nämlich die Nichtunterwerfung. Und wenn wir sagen, er sei jetzt ununterworfen, und Dieß sei seine Natur, so wird er gewiß, wenn er sich dem Vater unterwirft, in eine andere und völlig verschiedene, ja entgegengesetzte Natur übergehen. Also veränderlich ist uns der Sohn geworden und ist nicht mehr unwandelbar; lügen aber wird auch der göttliche David, wenn er ihm den ausgezeichneten Vorzug beimißt, nämlich die Beständigkeit und Unwandelbarkeit. Denn „die Himmel“, sagt er, „werden vergehen, du aber bleibst, und Alle werden altern wie ein Gewand, und wie eine Decke wirst du sie falten, und sie werden verändert werden; du aber bist Derselbe, und deine Jahre werden nicht abnehmen.“ Aber auch Paulus ist von der Wahrheit abgewichen, wenn er schreibt: „Jesus Christus, gestern und heute Derselbe und in Ewigkeit.“ Denn wo bleibt er noch Derselbe, wenn er sich im Wesen verändert?

B. Es ist wahr.

A. Sie sollen uns also antworten, die trefflichen Sophisten, welches und wie beschaffen die Art der Veränderung sein wird. Wenn zum Schlechteren, weil er sich unterwerfen muß, so wird dem Heiland und Erlöser Aller zur Ehre Nichts helfen die Zeit seines künftigen Reiches, nämlich die am Ende, wann er sich auch dem Vater unterwerfen wird, und jetzt ist er gewiß besser daran, wo es von ihm heißt, er habe sich selbst entäussert und erniedrigt. Wenn sie aber Dieses als thöricht bei Seite lassen und sagen werden, in etwas Besseres werde die Veränderung sein, warum belieben sie dann, über die Unterwerfung zu schwätzen, und schreiben ihr es zu, daß der Sohn geringer ist, obwohl sie ihn, der jetzt in der Gleichheit des Vaters ist, in einen noch höheren und besseren Rang versetzt? Denn „er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,“ wie geschrieben steht, „aber er entäußerte sich selbst, Knechtsgestalt annehmend.“ Scheine ich dir Dieses nicht ganz richtig zu sagen?

B. Sehr fein.

A. Da also ihre Rede durchaus an Unannehmlichkeit und Unziemlichkeit krankt, wohlan, so laß uns Das annehmen, was tadellos ist, indem wir nicht von der Wesenheit des Eingebornen die Geringerheit aussagen wegen der sogenannten Unterwerfung, von der auch der heilige Paulus sagt, daß sie in den letzten Zeiten stattfinden werde, sondern vielmehr Dieses fromm erwägen.

B. Was?

A. Es wird ja wohl, glaube ich, Niemand sagen, der Sohn entferne sich und gehe fort in einen eigenen Willen ausser dem des Vaters, und er neige sich gleichsam zur Überschreitung Dessen, was demselben gefällt, sondern man wird vielmehr mit Recht glauben, er sei gleichen Sinnes und Willens, zumal da er auch aus ihm und in ihm der Natur nach ist und gedacht wird. Denn damit man sehe, daß er den Vater ehre und Den, aus dem er geboren ist, mit den höchsten und erhabensten Lobpreisungen bekränze, sagt er bald: „Opfer und Gaben hast du nicht gewollt, Brandt und Sünd-Opfer hast du nicht begehrt, einen Leib aber hast du mir bereitet; da sprach ich: Sieh’, ich komme! Am Kopfe des Buches steht von mir geschrieben, zu thun, o Gott, deinen Willen;“ bald aber wieder: „Ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu thun, sondern den Willen Dessen, der mich gesandt hat.“ Sieh’ denn, sieh’, und ganz klar sagt er, er sei vom Himmel herabgekommen und verhalte sich so in Bezug auf die freiwillige Vollbringung Dessen, was dem Vater gefällt, daß, wenn es überhaupt möglich wäre, daß er einen anderen Willen hätte, er des seinen nicht achten, sondern vielmehr den des Vaters sich aneignen würde. Da er also eine solche Absicht und Gesinnung hat, wird es Jemandem gut scheinen, die Unterwerfung als unrühmlich abzuweisen und die völlige Übereinstimmung des Willens mit ihm [dem Vater] zu verwerfen?

B. Gewiß nicht.

A. Der also auch jetzt gleichgesinnt und gleichgewillt ist mit dem Erzeuger oder vielmehr [selbst] der Rathschluß und Wille des Vaters, auf welche Weise wird er sich unterwerfen und zwar seiner Zeit, als würde er noch nicht als gleichgewillt oder unterthan gedacht? Ich will mich nämlich auch des Ausspruches des Paulus bedienen, der den Eingebornen in Bezug auf die Wesenheit durchaus nicht kränkt.

B. Von welcher Art also wird die künftige Unterwerfung sein?

A. Wir sind in guten Hoffnungen, o Hermias, und glauben fest, daß Denen, die gut leben wollen und in der That ein heiliges und lobenswerthes Leben führen, die Theilnahme an allem Guten von Gott zu Theil werde, ja daß den Häuptern der Heiligen Das, was über Verstand und Rede ist, aufbewahrt sei. Es wird aber Vertheiler und Spender von allem Diesem der Sohn sein; denn Alles kommt vom Vater zu uns durch ihn im Geiste, und wir sagen nicht, daß er hiebei einen helfenden Dienst versehe, sondern vielmehr mit Macht als Sohn die Güter des Vaters austheile, damit Gott Alles in Allem sei, nämlich Heiligung und Weisheit und Leben, Herrlichkeit und Unvergänglichkeit. Daß aber, wenn dem Sohne Alles unterworfen ist, gewiß und jedenfalls hinwieder Gott der Vater von Allem zugleich mit ihm herrschen und regieren wird, Das beweist, daß wir des festen Glaubens sind, der Sohn werde auch dann mit ihm gleichgesinnt und in jeder Beziehung gleichgewillt sein und durch seine Mittlerschaft den Heiligen ihre Hoffnungen erfüllen. Und eben Dieses, sagen wir, habe der heilige Paulus durch den Ausdruck „Unterwerfung“ figürlich angedeutet. Er wußte nämlich gewiß, daß er ihn auf keine Weise kränken werde, wenn er auch so Etwas sage. Denn die Absicht des Sohnes ist immer, den Vater zu ehren, weil er aus ihm ist der Natur nach und gleich und ähnlich in Allem und auf keine Weise geringer; und durch ihn und mit ihm sei dem Vater die Ehre zugleich mit dem heiligen Geiste in alle Ewigkeit. Amen.

Sechstes Gespräch. Daß die Eigenschaften der Menschheit und das, was nicht ganz Gottes würdig vom Sohne gesagt ist, vielmehr der Menschwerdung zukommen und nicht der Natur des Sohnes an sich, sofern er als Gott gedacht ist und es ist.

A. Von der Gleichheit, glaube ich, und davon, daß von der Wesenheit Gottes des Vaters eine deutliche Darstellung und gleichsam ein Siegelabdruck die Natur des Sohnes sei, hat unsere Rede sehr genügend und klar gehandelt. Denn sie hat bewiesen, daß die eigenthümlichen Auszeichnungen der Wesenheit Gottes des Vaters [auch] die des Sohnes sind, oder vielmehr, sie hat gezeigt, daß Alles, was dem Vater als von Natur aus eigen zugeschrieben wird, Dieses [selber] der Sohn ist. Meinst du nun, o Hermias, es könne vielleicht je durch die Eigenschaften eines Anderen als durch seine eigenen Dasjenige sich auszeichnen, was keineswegs von Natur aus mit ihm Eins, sondern durch fremdartige Verschiedenheit gleichsam davon getrennt ist?

B. Wie sagst du?

A. Ist nicht ein jedes Wesen mit einer eigenthümlichen Naturbeschaffenheit bezeichnet und flieht im Übrigen, wie man steht, die völlige Gleichheit, wenn man auch sagt, es komme ihnen Etwas gemeinsam zu? Denn ein lebendiges Wesen ist der Mensch und das Pferd; aber jedem kommt ein anderer Begriff zu, der es von den anderen scheidet und die Vereinigung zur Identität, die durchgängige nämlich und vollständige, unmöglich macht. Denn ein eigener ist der Begriff des Menschen, des Ochsen und des Pferdes. Wenn aber Einer das Unterscheidende wegnimmt und, die Merkmale des wesentlichen Unterschiedes entfernend, die Eigenschaften der Menschennatur und Alles den anderen beilegt, wird er uns dann die Natur des Menschen desiniren, und wird das Bezeichnete nichts Anderes sein?

B. Das ist wahr.

A. Ist es also nicht ungereimt oder vielmehr sogar völlig unmöglich, daß man Etwas durch die Eigenschaften eines Anderen erkennen und glauben könne, es sei nicht Ebendasselbe, was jenes [Andere] seiner Natur nach ist, durch dessen Eigenschaften es auch erkannt wird?

B. Du hast Recht.

A. In Nichts ist also der Sohn geringer als Gott der Vater, wenn man daraus, daß er vollständig durch die Eigenschaften der Gottheit sich auszeichnet, erkennt, was er seiner Natur nach ist. Darum ist er auch das Ebenbild vom Wesen des Vaters. Denn durch ihn und in ihm erblicken wir die Natur des Vaters.

B. Willst du, daß wir Etwas von Dem, was zum Nutzen nöthig ist, sagen, oder daß wir, den Schein, dir zu widerstehen, fahren lassend, die Rede gleichsam frei losrennen lassen wider die Meinung der Gegner?

A. In der That, lieber Freund, du kannst frei sagen, was dir gut scheint. Wir aber sind nicht säumig, und fern sei jede Zögerung, da die Zeit uns treibt, auch jetzt die Lehrsätze der Wahrheit vertheidigen wollen zu sollen! Es mahnt uns aber, bereitwillig Das zu thun, auch der heilige Petrus, der also spricht: „Seid immer bereit zur Vertheidigung Jedem gegenüber, der euch zur Rede stellt über euere Hoffnung!“ Denn welches sonst ist unsere Hoffnung als unser Herr Jesus Christus?

B. Wisse denn, daß sie gewiß und jedenfalls Dieses sagen werden, daß der Sohn in Ansehung der Natur Gott dem Vater nie gleich oder ähnlich sein könne, da er ja von ihm geheiligt und erhöht und verklärt und (wie es heißt) gestärkt wird. Denn daß er auch mit uns angebetet und den Tag der Vollendung nicht zu wissen bekannt hat, sind wir bereit aus den heiligen Schriften selbst zu beweisen. Die Aussprüche und Belege aber für jede dieser Behauptungen aus der heiligen Schrift will ich dir gleich vorlegen, wenn es dir beliebt.

A. Fürwahr, ich glaubte den Kampf schon an mir vorüber; er ist aber noch in der Blüthe und hat gleichsam einen vollen Anmarsch. Da ich mich aber in meiner Hoffnung täuschte und neuerdings schwitzen soll (denn haufenweis kommen uns die Streitfragen der Thorheit der Gegner daher), wohlan denn, abermals Jedem besonders die wahre und tadellose Lehre entgegenführend wollen wir sie überführen, daß sie das Geheimniß Christi nicht kennen!

B. Nun bin ich sogar sehr bereit, selbst zu gehen, wohin du willst. Denn nicht anders als so können wir auch in gehöriger Ordnung die Untersuchung über jedes Einzelne zuwege bringen. Daß nun, sagen sie, der Sohn der Heiligung theilhaftig ist, wird der heilige Paulus klar machen, der von ihm schreibt: „Denn der heiliget und die geheiligt werden, sind Alle von Einem; darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen, da er sagt: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden.“ Und auch der weise Johannes [der Täufer] sagt, er habe den Geist auf ihn herabsteigen sehen wie eine Taube. Und ausserdem sprach auch der Sohn selbst, die Juden anredend: „Steht nicht in euerem Gesetze geschrieben: Ich habe gesagt, ihr seid Götter? Wenn er nun Diejenigen Götter nannte, an welche das Wort Gottes ergangen ist, und die Schrift nicht gelöst werden kann, wie saget ihr zu Dem, den der Vater geheiliget und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?“ Unzählige noch andere Stellen aber könnte Einer, und ganz ohne Mühe, dem Gesagten beifügen, woraus man ersehen kann, daß der Sohn vom Vater geheiligt wurde.

A. Und wie man etwa die Art der Heiligung zu verstehen habe, wenn sie auch dem Eingebornen selbst zugeschrieben wird, möchte ich dich sehr gerne sagen hören; denn ein sehr großer Unterschied der Sache ist in der heiligen Schrift ersichtlich. Von Einigen nämlich heißt es, sie werden geheiliget, nämlich in der Vorsehung Gottes, der vorherweiß, daß sie durch Führung eines löblichen und gesetzmäßigen Lebens tauglich sein würden, auch den heiligen Geist empfangen zu sollen, dergleichen Die sind, von welchen der weise Paulus schreibt: „Die er vorherwußte, die hat er auch vorherbestimmt, gleichförmig zu sein dem Bilde seines Sohnes, damit er der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmte, die hat er auch berufen.“ Es sprach aber Gott auch zu dem höchst weisen Jeremias: „Bevor ich dich gebildet habe im Mutterschooße, kannte ich dich, und bevor du aus der Mutter kamst, habe ich dich geheiligt.“ Andere aber auch wieder werden geheiligt, obwohl sie den wahren Gott nicht erkannten, aber bei Diesen bedeutet die Heiligung nicht ein Verhältniß und eine Gemeinschaft mit dem göttlichen und heiligen Geiste, sondern gleichsam eine Anweisung und Anleitung, Das erfüllen zu sollen, was Gott will. Wenigstens von Cyrus und den Medern, die im Begriffe waren, Babylon mit Gewalt zu nehmen, und vom göttlichen Zorne dazu herbeigeführt waren, sagt er: „Riesen werden kommen, meinen Zorn zu erfüllen, voll Freude und Übermuth.“ Er sprach aber: „Sie sind geheiligt und ich führe sie.“ Zu dem Propheten Aggäus aber spricht Gott: „Wenn aber ein Mensch heiliges Fleisch nimmt, indem er, glaube ich, das zubereitete und zum Wohlgeruche für Gott geweihte, tadellose Opfer heiliges Fleisch nennt. Heilig nennen wir aber auch die in Wahrheit durch den heiligen Geist Geheiligten und so der göttlichen Natur theilhaftig Gemachten. Auf welche Weise nun werden sie meinen, daß der Sohn geheiligt worden sei, da mit seiner Heiligung, von der er spricht, nothwendig auch seine Sendung in diese Welt verbunden ist? Denn so sprach Christus: „Den der Vater geheiligt und in diese Welt gesandt hat.“ Denn die Verbindung von Beidem, glaube ich, wird als nicht undienlich zum richtigen Verständniß erkannt. Denn es heißt, als er ihn sandte, habe der Vater den Sohn geheiligt, und nicht vor der Sendung.

B. Er sei geheiligt, sagen sie, vom Vater.

A. Heiligt aber der Vater anders als durch den heiligen Geist?

B. Ja, durch den heiligen Geist; was denn?

A. Schau nun, o Freund, auf welche Ungereimtheit ihre Rede hinausläuft! Wenn nämlich vor der Fleischwerdung und der Sendung in diese Welt das Wort des heiligen Geistes theilhaftig war, wie Jene annehmen, daß es recht sei, warum hat er ihn wieder auch im Fleische empfangen? Denn überflüssig ist die Sache und vergeblich. Aber Niemand, mein’ ich, der Verstand hat, wird dafür halten, die unaussprechliche Natur Gottes werde je auf so Etwas betroffen. Denn er verfehlt nicht das Richtige, und was untadelhaft ist, sieht er nicht in langer Ausdehnung von Erwägungen und Überlegungen, sondern sogleich in den ersten Bewegungen des Willens und der Weisheit, die in ihm sind. Wenn er aber, da er uns gleich wurde und im Fleische in diese Welt gesandt wurde, den Geist empfing und die dießbezügliche herrliche Gnade gleichsam als eine neue gewann, wo hat er sich selbst entäussert, und wie kam er in Herablassung und Erniedrigung, da er ein höheres Gut erlangte, wenn sie nicht etwa, sich auch vor den allerärgsten Schlechtigkeiten nicht scheuend, sagen, er habe sogar einen Verlust erlitten, da er den heiligen Geist bekam, und er, dessen Natur es ist, zu heiligen, stoße die, in welche er kommt, zum Schlechteren hinab?

B. Aber Das werden sie, wie billig, nicht denken; er sei aber, sagen sie, geheiligt worden, als der Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herabstieg.

A. Und wer war es denn, der Das sagte und zugleich die Herabkunft des Geistes vom Himmel auf ihn wahrnahm?

B. Johannes der Täufer bezeugte es mit den Worten: „Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel herabkommen, und er blieb aus ihm.“

A. Nun ermiß die Zeit, wo er geheiligt wurde! Denn nicht vor seiner Ankunft wurde, als Gott, das Wort geheiligt, sondern da es uns gleich wurde, denen die Heiligung nicht als eine Frucht der eigenen Natur zukommt, sondern von aussen und als Geschenk. Oder weißt du nicht, daß am Anfange zwar die Menschennatur auch die Theilnahme am göttlichen Geiste empfing, — denn auch in dieser Hinsicht wurde sie nach dem Bilde des Schöpfers geschaffen, — daß sie aber, da sie das göttliche Gebot übertrat, das Geschenk verlor, mit dem Tode bestraft wurde und unter das Joch der Sünde gerieth?

B. Ich verstehe.

A. Es war also nothwendig, da vermöge der ihm inwohnenden Güte Gott das gefallene Geschlecht wieder zu dem Ursprünglichen herstellen wollte, daß Christus gleichsam ein zweiter Anfang des Geschlechtes wurde und der Geburt aus der heiligen Jungfrau sich unterzog, aber nicht mehr auch einen fleischlichen Vater annahm, damit mit ihm wir alle Gott zum Vater hätten und durch ihn und in ihm zum Anfange einer solchen Ehre zurückkehrten. Er mußte, Mensch geworden, den Geist empfangen, damit, da er von Sünde frei war und ist, in ihm der Geist endlich bleibe und ruhe, gleichsam in dem Erstlinge und der zweiten Wurzel des Geschlechtes. Denn Dieses, glaube ich, habe der heilige Täufer angedeutet, da er vom Geiste sagt, er habe ihn vom Himmel herabkommen sehen in Gestalt einer Taube, und gesagt, daß er auch auf ihm blieb. Denn nicht in uns, aber in Christo blieb er. Denn er war von einer Natur, welche die Makel der Sünde nicht zuläßt. Wie aber, obwohl er immer König ist und mit Gott dem Vater zugleich thront, von ihm gesagt wird, er sei zum König aufgestellt worden, als er gleich uns ein Mensch wurde, dem auch das Königthum als eine Gabe von oben zukommt; und wie, obwohl er immer zugleich mit dem Vater ist, zum Sohne bestimmt wird durch den Geist, weil er den Adoptivsöhnen dem Fleische nach gleich war; und wie er uns, die unter Gott stehen, gleichförmig Gott, seinem Vater, nannte, obwohl er selbst Gott ist: so heißt es auch von ihm, er sei geheiligt worden, indem die Heiligung auf das Menschliche oder auf dieses Fleisch da geht, weil die Menschennatur die Heiligkeit nicht von Haus aus haben kann. Denn Das kommt der wahrhaft göttlichen und über Alles erhabenen Natur zu, deren Frucht das Wort ist, welches darum die Heiligkeit der es zeugenden Natur gewiß als eigen in sich haben wird.

B. Was ist denn, sagen sie, Ungereimtes darin, wenn man sagt, der Sohn sei vom Vater geheiligt worden?

A. Zusammenfassend also denn, was ich soeben gesagt habe, will ich es noch einmal sagen. Wenn sie nämlich sagen, sofern er Mensch ist, sei er als Mensch geheiligt worden, so ist die Rede gleichgiltig, da hieran Nichts auszusetzen ist. Wenn sie aber, das Wahre bei Seite lassend und das Richtige von sich weisend, in eine ganz unziemliche und über alle Keckheit hinausgehende Gesinnung verfallen und sagen, das aus Gott dem Vater entsprungene Wort selbst sei geheiligt worden, so fällt uns die Rede über alle Ungereimtheit hinaus.

B. Zeig’ uns also die Arten der Ungereimtheit hierin!

A. Gut. Ich werde ja keineswegs säumen, in der Hoffnung, Christus, der Lehrer der Wahrheit, werde mir Helfer und Beistand sein. Lassen wir es also, noch länger zu zögern, und führen wir nun die Untersuchung über das Vorliegende herein, und sage mir wieder Dieses!

B. Was?

A. Wem, sollen wir sagen, sei der heilige Geist eigen? Nur Gott dem Vater oder auch dem Sohne oder auch jedem von beiden für sich und beiden, als Eins, aus dem Vater durch den Sohn, wegen der Identität der Wesenheit?

B. So sage ich wenigstens.

A. Recht, mein Freund, und ich bewundere dich wegen deines Scharfsinnes und erkläre, ganz in Übereinstimmung mit den heiligen Schriften sei diese Ansicht gesagt. Es wird nämlich Gott der Vater in einer Existenz für sich gedacht; es subsistirt aber auch der Sohn besonders; aber wenn auch jeder von beiden eine eigene Hypostase hat, eine völlige Trennung läßt er nicht zu. Es kann ja auch nicht vom Vater der Sohn getrennt werden, wie ein Engel vom anderen, und auch hei uns Der von Jenem, ganz vom Ganzen vielleicht getrennt werden wird, noch auch wird der Unterschied ein durchgängiger sein, der jeden von beiden völlig gesonnt stellte, denn da wären zwei Götter; sondern da die Gottheit eine und einzig ist und so gedacht wird, werden wir als lebend und subsistirend im Vater den Sohn erblicken und gewiß auch umgekehrt, nämlich im Sohne den Vater; denn Ebenbild seines Wesens ist er.

B. Einverstanden.

A. Von einer Natur also ist auch der eine Geist und geht wie von einer Quelle vom Vater aus; er ist jedoch dem Sohne nicht fremd; denn Dieser ist so gezeugt, daß er jede Eigenheit des Vaters in sich hat, und da er die Frucht der höchsten Gottheit ist, wie sollte er gedacht werden als entblößt der Güter der Gottheit? Eigen aber ist der Gottheit die Heiligkeit, die der Geist darstellt. Denn heilig ist er von Natur und heiligt die ganze Schöpfung.

B. Und welches ist der Beleg hiefür, und wie kann ich bestimmt erkennen, daß der heilige Geist dem Sohne eigen ist wie gewiß dem Vater?

A. Wir brauchen keinen Zeugen von aussen her; Christum selbst aber will ich anführen, der sagt:  „Noch Vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen; wenn aber er kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch einführen in alle Wahrheit. Denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden und das Künftige euch verkünden. Er wird mich verklären, weil er von dem Meinigen nehmen und es euch verkünden wird. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich euch gesagt: Er wird es von dem Meinigen nehmen und es euch verkünden.“ Oder ist Das nicht zur Fülle genug für die Weisen, daß er ihn den „Beistand“ nennt? Denn er nannte ihn den Geist der Wahrheit, die Wahrheit aber ist Niemand als er selbst. Da er aber beifügte: „Er wird es von dem Meinigen nehmen,“ zeigte er die wesenhafte und natürliche Verwandtschaft, wodurch sein Geist Eins ist mit ihm. Denn nicht durch Mittheilung, sagt er, werde der Geist weise sein durch ihn noch auch in dienender Weise die Reden des Sohnes den Heiligen zubringen, sondern gleichwie, wenn eine der höchst wohlriechenden Blumen von dem von ihr sich verbreitenden und den Umstehenden in die Sinne fallenden Gerüche sagen würde: „Er nimmt es von dem Meinigen,“ sie damit die natürliche Verwandtschaft andeuten würde und nicht eine besondere Mittheilung: so sollst du auch vom Sohne und Geiste denken. Denn da er der Geist der Weisheit und Macht ist, so ist er gewiß selbst Weisheit und Macht, die ganze Thätigkeit des Ganzen, von dem er ausgeht, in sich bewahrend und in seiner eigenen Natur diejenige darstellend, von der er ist. Da er aber sagt: „Von dem Meinigen wird er nehmen,“ fügte er nothwendig hinzu: „Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich euch gesagt, daß er es von dem Meinigen nehme.“ Denn wie er von Natur heilig ist, da er der Geist des heiligen Vaters ist, so auch weise, da er der Geist der Weisheit ist; die Weisheit aber ist der Sohn; und wir sagen nicht, daß der Geist antheils- und theilnahmsweise heilig und weise ist, sondern vielmehr wesenhaft und gleichsam wie eine natürliche Beschaffenheit der im Vater und Sohne und dem heiligen Geiste selbst gedachten, heiligen und weisen Gottheit. Daß aber der Geist des Vaters der Geist des Sohnes ist, wird er selbst durch sich selbst dich lehren, da er sagt: „Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so wird er Zeugniß geben von mir.“ Verstehst du also, wie er ihn als den seinen uns vom Vater senden zu wollen verheißt und ihn Geist der Wahrheit nennt, und wie er erklärte, daß er vom Vater selbst ausgehe, und vorhersagte, daß er auch Zeugniß geben werde von ihm?

B. Und wie soll man sich die Art des Zeugnisses denken?

A. Da er nämlich Das, was Gottes ist, durch die Hand der Heiligen wirkte, bezeugte er augenscheinlich, daß der Sohn Gott ist, dessen Geist er auch ist, wie gewiß auch des Vaters.

B. Genug hievon, mein Theurer; denn was klar und unzweifelhaft ist, bedarf nicht des Fürsprechers. Denn auch des Sohnes Geist ist der heilige Geist, und widersprechen wird, glaube ich, gar Niemand. Die Sorge also und Mühe um Dieses lassend gehe jetzt zu Dem über, woraus ersichtlich wird, daß der Sohn von Natur heilig ist und nicht durch Mittheilung vom Vater!

A. In der That wird, wie ich glaube, Jedermann, wenn er Verstand hat, sich wundern, wenn sie, während sie erklären, der Geist sei dem Sohne eigen, wieder für die Mittheilung desselben stimmen und sagen, die Heiligung sei ihm von Gott dem Vater durch den Geist verliehen und geschenkt worden, als hätte er sie jemals nicht. Und doch, warum denn gehen sie, ohne den Schaden der daraus folgenden Ungereimtheit zu beachten, bloß und zwar blindlings Dem nach, was ihnen beliebt? Denn wie soll denn der Sohn des Geistes theilhaftig werden, als ob er von aussen hereinkäme? Denn seiner selbst theilhaftig ist, durchaus Nichts. Aber in der vernünftigen und richtigen Gedankenfolge wird doch Das, was irgend welchen Wesen von Natur aus inwohnt, nicht für hinzugefügt gehalten oder unter die Merkmale des Fremdartigen gerechnet werden. Wie also sagen sie, er sei durch den Geist geheiligt worden, obwohl er deutlich vom Geiste sagt: „Er wird es von dem Meinigen nehmen und euch verkünden“? Und Dieses sagen wir, nicht als glaubten wir, Etwas von Dem, was im heiligen Geiste ist, sei theilnahmsweise in ihm (denn er ist allvollkommen und mangellos gemäß seiner Natur und Existenz), sondern vielmehr um Dieses anzudeuten, daß er, als Geist der Wesenheit Gottes des Vaters und des von Natur aus aus ihm und in ihm seienden Wortes, Alles, was der Gottheit eigen ist, von Natur aus mit sich führt, indem er dieselbe [Wesenheit] gleichsam zur Quelle hat, sich ergießend aber gleichsam aus dem Vater durch den Sohn auch die Schöpfung heiligt. Wenn sie aber meinen, auch das Wort selbst sei mit uns geheiligt worden, indem sie hiezu die Folgerungen aus geschwätzigen Schlüssen sammeln, so sollen sie Dieses sagen.

B. Was?

A. Indem der Geist mit der Natur der Geschöpfe verkehrt, nützt er ihr ohne Zweifel; wie aber, mein Lieber, geschieht Das? Er macht sie heilig.

B. Beweise es also ohne Undeutlichkeit; denn ich verstehe es nicht. Was aber das Heiligmachen sei, möchte ich, daß du mir sagest.

A. Sehr wohl. Indem er nämlich die vernünftige Kreatur über die Sünde und die Abkehr zum Bösen erhebt, gestaltet er sie durch die Heiligung nach dem Bilde des Schöpfers um; denn heilig ist der Schöpfer des Alls; darum sagt er auch:  „Seid heilig, denn ich bin heilig.“

B. Sehr richtig.

A. Auch wir nämlich sind nach dem Bilde und Gleichnisse Gottes geschaffen. Das aber, was die göttliche Ähnlichkeit uns einprägt, wird doch gewiß die Heiligung sein, das heißt die Theilnahme am Sohne durch den Geist. Als daher die Menschennatur in Verkehrtheit verfiel und die Schönheit der Bilder verunstaltet wurde, sind wir zu dem Ursprünglichen erneuert worden, durch den Geist wieder hergestellt nach dem Bilde des Schöpfers, nämlich des Sohnes, durch welchen Alles vom Vater [kommt]. Und darum sagt der höchst weise Paulus: „Kindlein, mit denen ich abermals in Wehen liege, bis Christus in euch gestaltet ist.“ Und auch daß die Form der von daher genannten Gestaltung durch den heiligen Geist unseren Seelen eingeprägt wird, wird er selbst zeigen, da er sagt: „Wir alle aber, enthüllten Angesichtes in der Herrlichkeit des Herrn uns spiegelnd, werden nach demselben Bilde gestaltet von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Geiste des Herrn; der Herr aber ist der Geist.“

B. Ganz gut.

A. Der Kreatur also und den Geschöpfen ist die Heiligung geschenkt; denn sie haben selbe nicht von Haus aus, und darum ist sie auch verlierbar, und freiwillig können die damit beschenkten die Abkehr wählen. Denn auch die Natur der Engel fiel, und einige haben ihren Anfang [ihre Herrschaft] nicht bewahrt, wie geschrieben steht. Auch wir aber sind der Schuld der Übertretung verhaftet. Wenn nun Einer meint, auch dem Sohne selbst sei die Heiligung geschenkt, wird man da nicht jedenfalls und gewiß sagen, daß er auch die Abkehr erleiden könne? Denn was leiden kann, leidet doch der Möglichkeit nach, wenn man auch noch nicht sagt, es leide [wirklich].

B. Das ist wahr.

A. Wie aber, o Freund? Wird nicht jeder Vernunftgrund uns bereden, zu sagen, Das, wovon man sagt, es sei geheiligt worden, sei einmal nicht heilig gewesen? Denn es ist, glaube ich, zur Heiligung berufen worden aus dem Nichtsein Dessen, was es ist, als es nämlich geheiligt wurde.

B. Nothwendig.

A. Was aber noch nicht geweiht und heilig ist, ist nicht frei von Sünden, sondern krankt vielmehr an der Schwachheitsschuld, da ja die Heiligung Tilgung und Ablegung von Schwachheit und Sünde ist.

B. Einverstanden.

A. Wenn sie also denken und sagen wollen, der Sohn sei zugleich mit den Geschöpfen geheiligt worden, so ist die Zeit nicht schwer zu finden, in der er noch schwach war von Natur und noch nicht erhaben über die natürliche Neigung zur Sünde. Aber der so ist und gedacht wird, wie war Der noch Bild Gottes des Vaters  und wie Abglanz und Ebenbild seines Wesens? Denn nicht in der Zeit wurde er Ebenbild, sondern er war dieß von Natur und im Anfange. Wie war also nicht heilig die lautere und reinste Schönheit des Vaters und das wahrhaftige Ebenbild seines Wesens? Oder wird nicht am Ende mit unvermeidlicher Nothwendigkeit die Folgerung uns auch wider Willen treiben, sagen zu müssen, auch der Vater selbst sei einmal nicht heilig gewesen?

B. Freilich wohl. Es wird ja jedenfalls folgen, daß den Urbildern gleichförmig erscheinen müsse Dasjenige, was deren Abbild ist.

A. Wie aber, o Freund? Erklärt denn nicht der Sohn sich selbst für die Wahrheit, und ist er nicht von den heiligen Schriften das wahre Licht genannt?

B. Freilich.

A. Werden sie dann nicht überführt werden, uns grundlos ihren Unsinn vorgeleiert zu haben, wenn sie sagen, das wahre Licht habe der natürlichen Heiligung entbehrt? Denn sie werden nichts Anderes behaupten als deutlich Dieses (wenn sie sagen, das wahre Licht sei geheiligt worden), daß es keineswegs heilig war in eigener Natur, sondern Dieses erst wurde.

B. Nichts Anderes.

A. Der aber auch im Stande des Sündigen-Könnens es verschmähte, überhaupt irgendwie zu lügen, denn „er hat keine Sünde gethan, und kein Trug wurde gefunden in seinem Munde,“ wie geschrieben steht: warum sprach er nicht lieber, ohne über sich zu erröthen, er sei vom Vater geheiligt worden, ohne weiteren Zusatz, sondern redet kühn und geht so weit im Selbstruhme und in der Selbsterhebung, daß er unverhohlen sagt: „Ich heilige mich selbst für sie.“

B. Wie also wird man das Wahre sehen?

A. Wenn man weise bedenkt, daß er, obwohl er als Gott heilig ist von Natur, mit uns geheiligt wurde als Mensch, indem er selbst durch seinen Geist seinen Tempel [Leib] salbte.

B. Wie also heißt es, der Vater habe ihn geheiligt?

A. Weil Alles vom Vater durch den Sohn im Geiste. Daß aber der natürliche und wahre Sohn heiligt und geheiligt wird, weil er Mensch wurde, lehrt uns das Wort des Paulus:  „Denn der heiligt,“ sagt er, „und die geheiligt werden, weßhalb er sich auch nicht schämt, sie Brüder zu nennen, da er sagt: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden.“ Denn er heiligt, da er heilig ist von Natur, als Gott; er wird aber mit uns geheiligt der Menschheit nach, da er, die Ähnlichkeit mit uns annehmend, auch in Bezug auf eben Dieses, das Geheiligtsein nämlich, obwohl er als Gott Macht hat über Alles, sich nicht schämt, uns Brüder zu nennen.

B. Aber, ja, sagen sie, er wird doch nicht gelogen haben, da er sprach, er sei vom Vater geheiligt worden, auch abgesehen von der Menschwerdung. Denn in den letzten Zeiten des Weltlaufes erschien er als Mensch, aber er war auch vordem für die in’s Dasein Gerufenen der Eingeborne und Bruder der Geschöpfe, sofern auch er nicht ungeworden ist, sondern geschaffen vom Vater. Er spricht also wahr, wenn er sowohl uns Brüder nennt als auch sagt, er sei mit uns geheiligt worden.

A. Aber, o ihr, die ihr euch bereitwillig auf Alles werfet, auch was wider Vernunft und das richtige Denken ist, wohin auch jetzt euch diese kecke und thörichte Rede enden wird, kann ich nicht einsehen. Denn daß der Sohn nicht geworden ist, muß man nicht eueren Orakeln, sondern vielmehr den heiligen und göttlichen Lehrern glauben, denen auch Christus selbst ausgetragen hat, da er sprach:  „Gehet hin und lehret alle Völker.“ Es sagt uns also Johannes deutlich vom Sohne: „Und wir wissen, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns einen Sinn gegeben hat, daß wir den wahren Gott erkennen; und wir sind in dem wahren, in seinem Sohne Jesus Christus. Dieser ist der wahre Gott und das ewige Leben.“ Der wahre Gott aber ist nicht gleichartig mit den Geschöpfen. Da also, nach der höchst thörichten Ansicht Jener, das Wort, obwohl es wahrer Gott ist, der Heiligung theilhaftig wurde, auch wenn es an sich gedacht wird und ohne Fleisch, so sollen sie herkommen und uns, mit was für Gründen sie wollen, zeigen, daß der wahre Gott eine verliehene Heiligkeit besitze. Oder ist es nicht wahr, zu sagen, daß, wenn im Sohne die Heiligung als geschenkt ist, der doch von Natur und in Wahrheit Gott ist, Nichts mehr im Wege steht, auch vom Vater selbst, aus dem er ist, albern zu vermuthen, er sei geheiligt worden, wenn er auch als wahrer Gott anerkannt ist?

B. Wir laufen Gefahr.

A. Um aber ihre gottlose Keckheit von allen Seiten zu bekämpfen, stehe ich gar nicht an, auch etwas Ungereimtes zu sagen. Gebührt und gehört denn die Macht, zu heiligen, nicht einzig und ausschließlich Dem, der von Natur Gott ist, wie gewiß auch das Hervorrufen der Dinge aus dem Nichtsein in das Sein?

B. Allerdings.

A. Wenn also der Sohn, als zu den Geschöpfen gehörig, nach der unziemlichen und höchst schändlichen Behauptung Jener, das der wahren Gottheit Eigenthümliche und nur ihr Zukommende vollbringt und es für eine Ehre seiner eigenen Natur hält (denn er heilige sich selbst, sagt er), so wird, wie es scheint, Das, was Sache der allerhöchsten Wesenheit ist, auf die Schöpfung übergetragen, und es ist nicht unwahrscheinlich, glaube ich, daß wir sagen dürfen, auch wir können uns selbst heiligen ebenso wie der Sohn.

B. Wie meinst du Das?

A. Wenn er, als geworden, die Vorzüge der so erhabenen Wesenheit sich selbst aneignet, was hindert, daß auch wir selbst Das vollbringen können, was ihm zukommt, zumal da wir ihm nahe stehen und keineswegs entfernt sind von der Verwandtschaft zu ihm, da ja alles Gewordene mit dem Gewordenen verwandt und gleichartig ist, in Bezug nämlich gerade auf das Gewordensein?

B. Nicht unglaublich ist, was du da sagst.

A. Es wird aber auch sonst unehrerbietig und thöricht sein, zu glauben, er sei geheiligt worden.

B. Wie so?

A. Was geheiligt wird, wird Das nicht von dem Höheren und über die eigene Natur Erhabenen geheiligt? Denn sie werden doch, wie ich glaube, nicht sagen: von dem Schlechteren; da ja das Geheiligtwerden zu Etwas, was Nutzen bringt, erhebt.

B. Ganz richtig.

A. Wenn es also wahr ist, daß der Sohn, nach Jenen, geheiligt wurde durch den Geist, so wurde er gewiß von ihm gesalbt als von Einem, der mehr ist und eine andere Natur hat als er. Denn kein Wesen hat an sich selber Theil, sondern ein Anderes in Bezug auf das Wiesein [der Beschaffenheit des Seins nach] ist Das, woran ein Anderes Theil hat.

B. Auch Das wird folgen.

A. Und wie wohnt dann der Sohn in uns durch den Geist, und wie wird das von Natur Höhere uns durch sich die Theilnahme an dem Geringeren verschaffen? Und wenn wir durch den Empfang des Geistes der göttlichen Natur theilhaftig gemacht werden, wie steht der Sohn dem Geiste nach, oder wie ist dieser besser als er, und hat nicht mehr, wie er selbst, so auch von ihm sein Geist seine ganze Wirksamkeit und vermittelt die Theilnahme an ihm? Es sagte ja doch der Sohn: „Ich werde euch nicht als Waisen verlassen; ich komme zu euch.“ Da er aber nach seiner Auferstehung von den Todten zum Vater auffuhr, so ist er in uns durch den Geist. Denn sein eigen und nicht von aussen her verliehen ist sein Geist, wie gewiß auch dem Menschen das Menschliche eigen ist. Da er aber das von seiner göttlichen und höchsten Natur unermeßlich weit Abstehende sich eigen machte, nämlich das Fleisch, so heißt es, damals, erst damals sei er auch geheiligt worden, indem die Heiligung richtig und schicklich sich auf das Menschliche bezieht, und die Vollbringung oder Handlung der Heiligung schrieb er als in der Person des Vaters der Natur der Gottheit zu, denn ihr allein kommt es zu, zu heiligen.

B. Einverstanden. Darum ist dir, der du Recht hast, lange Reden entgegenzusetzen überflüssig oder vielmehr gar nicht vernünftig. Aber, sagen sie, wenn die Macht, zu heiligen, nur Dem, der von Natur und in Wahrheit Gott ist, inwohnt und zukommt, als Dieses wirkend aber der Sohn erschien, so hindert Nichts, offen zu bekennen, daß er auch von Natur Gott ist; und wenn wir Dieses zugeben, Dem aber, der von Natur Gott ist, keines der Güter fehlt, warum dann zeigte Der, der nach euch Sohn ist und Gott, seine Natur als der Herrlichkeit und des Reiches und der Herrschaft ermangelnd? Er sprach nämlich zu dem Vater im Himmel: „Vater, die Stunde ist da; verherrliche deinen Sohn, damit auch dein Sohn dich verherrliche; wie du ihm Macht gegeben hast über alles Fleisch, damit er Allen, die du ihm gegeben hast, das ewige Leben gebe! Das aber ist das ewige Leben, daß sie dich als allein wahren Gott erkennen und den du gesandt hast, Jesum Christum. Ich habe dich verherrlicht auf Erden; ich habe das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, daß ich es thun soll, und nun verherrliche du mich, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich, bevor die Welt war, bei dir hatte. Ich habe deinen Namen den Menschen kund gemacht, die du mir von der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Jetzt erkennen sie, daß Alles, was du mir gegeben hast, von dir ist; denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und geglaubt, daß du mich gesandt hast.“ Es sagt aber auch Lukas in der Apostelgeschichte, als in der Person des Petrus: „Zuverlässig also wisse das ganze Haus Israel, daß Gott ihn zum Herrn und Christus gemacht hat.“ Verstehst du also, daß überall der Vater dem Sohne Herrlichkeit und Herrschaft gibt, der Sohn aber auch sehr willig sie annimmt? Aber wenn sie mit dergleichen Reden uns anzugreifen wagen, noch Anderes daran knüpfend, wie werden Die, welche ganz richtig denken wollen, dem Übel entrinnen und ausweichen?

A. „Der Sanfte sei Kämpfer!“ ruft uns das heilige und göttliche Wort zu. Ich sage aber, wir müssen den Ansichten der Gegner entgegentreten, ohne uns zu fürchten. Denn Gott ist es, der in uns wirkt und den Zungen das Wort gibt und den Verstand der Gottesfürchtigen zu dem Richtigen hinlenkt. Was aber Jene verführt, vom rechten Wege abzuweichen und zu dem Unziemlichen und Verkehrten überzugehen, ist Dieses.

B. Was meinst du da?

A. Das, glaube ich, daß sie, indem sie die Beachtung der Zeiten, welche einer jeden der Begebenheiten zukommen, als unnütz bei Seite lassen, die Wahrnehmung der Erzählungen ohne Bedacht machen. Denn wenn das Wort nicht Fleisch geworden ist und nicht unter uns gewohnt hat, dann lasse man übrigens die Wahrnehmung der Zeiten als unnütz fahren, und mit Beseitigung der Genauigkeit hierin sage man alles Mögliche ohne Unterschied von dem Eingebornen. Man sage dann von dem Abglanz des Vaters, von Dem, durch den Alles geworden ist, von dem zugleich mit dem Erzeuger thronenden und gleichewigen, ungreifbaren und unsichtbaren Worte, daß es in seiner eigenen Natur die Schläge auf den Rücken, die Durchbohrung der Hände und Füße mit Nägeln, die Wunde in der Brust und die Krone der Übel, nämlich den Tod, erlitten habe.

B. Aber Das, werden sie gewiß sagen, sei ihm in Bezug auf das Menschliche widerfahren; denn gelitten hat er, sofern er Mensch ist.

A. Wie aber, o Freund, sagen wir nicht, das Leiden habe dem Sohne zur Beschämung und Unehre gereicht?

B. Ja; denn Paulus schreibt: „Er duldete das Kreuz, der Schmach nicht achtend.“ Und er selbst sagt durch die Stimme des Isaias: „Darum habe ich mich nicht geschämt und habe mein Angesicht gesetzt wie einen festen Felsen, und ich weiß, daß ich nicht zu Schanden werde; denn nahe ist, der mich rechtfertigt.“

A. Hat er aber, sage mir, seinen Tempel auferweckt, nach Vernichtung des Todes und Überwindung der Verwesung, als Mensch wie wir oder als Gott aus Gott, wenn er auch im Fleische erschien?

B. Als Gott aus Gott.

A. Die Schmach der Leiden also und die Unwürde der Beschämung wurde vertilgt durch das Nachfolgende, und durch die Auferstehung wurde der Sohn verherrlicht, obwohl er vor derselben den schmählichsten und unrühmlichen Tod nicht verschmähte, wegen der freiwilligen Entäusserung.

B. Aber diese Verherrlichung, heißt es, habe der Sohn vom Vater empfangen.

A. Richtig, mein Lieber; ich stimme ja bei. Da er Mensch wurde, obwohl er die Weisheit und Macht des Vaters ist, und durch sich den Tod vernichtete und seinen Leib mit seinem eigenen Leben erfüllte, schrieb er die That der — so zu sagen — Quelle seiner Hypostase zu. Denn keinem anderen der Seienden und in’s Dasein Gesetzten kommt es zu, lebendig machen zu können und das irdische Fleisch über die Verwesung erhaben zu machen (wenn man auch an Christus selbst denkt, sofern er Fleisch genannt wird), ausser allein der Natur der Gottheit. Daß aber der Sohn [selbst] wirksam war zur Auferweckung seines Tempels, wenn es auch heißt, es sei ihm Dieses vom Vater geschenkt worden, kann man auch sehr leicht ersehen, da Paulus zwar vom Vater sagt: „Welcher ihn von den Todten erweckt und ihm Herrlichkeit gegeben,“ zu den Juden aber der Sohn selbst: „Löset diesen Tempel, und in drei Tagen werde ich ihn erwecken!“ Er starb nämlich als Mensch dem Fleische nach, obwohl er Leben ist von Natur als Gott. Er lebte aber wieder aus, sich unsäglicher Macht und unaussprechlicher Kräfte bedienend, obwohl er uns gleich war, nämlich der Menschheit nach. Er wird also verherrlicht vom Vater, nicht als der Verherrlichung bedürftig, wenn er ausser dem Fleische gedacht und als Gott aus Gott anerkannt wird, sondern da er Mensch war und als solcher die Macht, Göttliches zu wirken, als Frucht der eigenen Natur nicht hatte, empfängt er sie, der Vereinigung und unaussprechlichen Verbindung nach, die zwischen dem Worte und der Menschheit gedacht wird. Es verherrlicht aber auch er den Vater. Denn er wird als Vater erkannt des allmächtigen, wiewohl im Fleische erschienenen und mit einem irdischen Leibe mit den Sterblichen verkehrenden Gottes. Darum sagt er: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden; ich habe das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, daß ich es thun soll.“ Du hast nämlich gewollt, o Vater, sagt er, daß ich die kecke und feindliche Macht des Todes vernichte; aber Dieses thun und erfüllen zu können, war nicht die Sache von Fleisch und Blut, sondern deiner göttlichen, lebendig machenden und unbesiegbaren Natur, und weil ich aus dieser entsprungen bin, habe ich deinen Willen vollbracht, indem ich durch das Menschliche in Nichts von Dem, was zur Gleichheit des Willens gehört, schwächer geworden bin, sondern, obwohl in Fleisch und Blut befindlich, durch die Gleichheit der Macht bewiesen habe, daß ich aus deiner Wesenheit entsprungen bin. Verherrliche also auch du mich, den als Mensch Unansehnlichen, indem du durch deine Macht und belebende Wirksamkeit mir zuwinkest, und stelle den auf unaussprechliche Weise mit mir geeinigten Tempel als über den Tod erhaben dar. Daß er aber nicht einer ungewohnten und vorher ihm nicht zukommenden Ehre und Herrlichkeit gewürdigt zu werden verlangt, wird doch wohl klar sein. Denn er sprach: „Und jetzt verherrliche mich, Vater, mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war!“ Denn der immer und im Anfange Herr der Herrlichkeit war, inzwischen aber ungeehrt war wegen der Herabkunft in’s Menschliche, kehrt zu der ihm von Alters [oben] her und von Natur aus inwohnenden Herrlichkeit zurück, die auf die Entäusserung passenden Aussagen während der Ertragung derselben dem Weilen im Fleische zuweisend. Darum ist es vor Allem nothwendig, die Zeiten zu beachten, in denen noch Das, was [Sache] des Fleisches und der Unehre war, nützlich war, und die dem Weilen auf Erden noch vorhergehenden, in denen er, als Herr der Herrlichkeit, offenbar Herrlichkeit nicht empfing, sondern eigenthümlich besaß, als Gott.

B. Wie nun empfängt er vom Vater Einige, die von der Welt sind, von denen er auch zu ihm sagt: „Die du mir von der Welt gegeben hast, die waren dein, und du hast sie mir gegeben“?

A. Ich will also wieder Etwas sagen, durch die Ungereimtheit der Gedanken zu dem schon Anfangs Gesagten hingetrieben. Vergeblich, wie es scheint, heißt es von dem in der Gestalt und Gleichheit des Vaters eingebornen Sohne, er habe sich entäussert, wenn er auch uns gleich geworden ist. Denn wenn er die Herrschaft als eine verliehene hat und Einige vom Vater empfängt, die er zuerst nicht hatte, so kommt dem Sohne, wie es scheint, etwas Neues zu, und er wird dadurch mit Ehren geschmückt, und es führt ihn gleichsam wie einen Gast die Gnade zu dem Besseren und Höheren, als er vorher war. Und was wird uns dann aus der Herablassung werden, oder wohin erniedrigt wird man ihn sehen, wenn man findet, daß er überhaupt etwas früher ihm nicht Zukommendes erhielt und gleichsam als Sold und Lohn für die Menschwerdung die Macht über Einige gewann?

B. So ist es.

A. Lügen aber wird wahrscheinlich auch der weise Johannes, wenn er von ihm sagt: „Er kam in sein Eigenthum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ Denn wie ist sein Eigenthum das erst jüngst und zuletzt und von einem Anderen Geschenkte, da doch gewiß unendliche und unzählige Zeiten vergingen, in denen der Sohn gleichewig war mit Gott dem Vater? Wenn er aber, weil er Mensch wurde, Die von der Welt empfängt und als diese Neuheit des Scepters dazu bekommend erblickt, wird, dann möchte ich schon sagen, ohne mich zu scheuen, daß die Menschwerdung für Gott das Wort besser war als seine uranfängliche Stellung, wenn er auch als die Gleichheit des Vaters besitzend gedacht wird. Denn sie erhebt ihn, wie du siehst, zu einer höheren und unvergleichlich größeren Herrlichkeit. Für sich selbst also vollbrachte der Sohn die Heilsordnung im Fleisch, und die Art der Menschwerdung spendete er seiner eigenen Ehre. Wie heißt es also noch, er sei für uns Mensch geworden, oder wie wurde er der Lösepreis für das Leben Aller, wenn er durch den Tod seines Fleisches die so ungewohnte und vorher nicht zugängliche Herrlichkeit erkaufte?

B. Du hast ganz Recht; es versteigt sich uns aber die Rede in’s Kecke und Ungereimte.

A. Es soll also auch von ihnen die herbe und boshafte Redeweise abgelegt werden; oder scheint sie dir nicht unerträglich zu sein und nothwendig zwingend zu ungewollten Spitzfindigkeiten? Denn indem sie es unterlassen, die Aussprüche den entsprechenden Zeiten zuzuweisen, belieben sie, oben und unten Alles zu vermischen und zu verwirren. Und doch, wie ist es nicht besser, zu denken, daß Alles dem Worte eigen und die Natur der Geschöpfe der Herrlichkeit des Schöpfers unterworfen war? Da aber das Menschengeschlecht von der rechten Gesinnung abgewichen war, wurde das unsertwegen im Fleische erschienene Wort von Einigen nicht aufgenommen, die bald schon Überzeugten aber und gläubig Gewordenen unterwarf es seinem Joche, und die das Bessere zu lernen Bereiten nimmt es aus. Denn „beugen wird sich ihm jedes Knie und jede Zunge bekennen, daß Jesus Christus der Herr ist zur Ehre Gottes des Vaters“. Dem Worte also ist Alles eigen, sofern es aus Gott ist, und es herrscht über Alles mit dem Vater. Es empfängt aber Dieses der Menschheit nach, sofern es uns gleich wurde, denen die Macht, zu herrschen und zu regieren, vom Vater und als Geschenk verliehen wird.

B. Werden wir also sagen, er (es) habe eine eigene Herrlichkeit, ohne hiezu Etwas von Gott dem Vater empfangen zu haben?

A. Ja, sofern er als Gott gedacht wird und Herr der Herrlichkeit; denn so ist er in den heiligen Schriften genannt. Wenigstens sagt der Jünger des Heilandes (Jakobus war es): „Brüder, lasset kein Ansehen der Person gelten bei dem Glauben an Jesum Christum, unseren Herrn der Herrlichkeit!“

B. Und welches ist dann die Herrlichkeit des Sohnes ausser der des Vaters?

A. Keine höhere, mein Lieber, noch geringere, sondern dieselbe; oder vielmehr, gleichwie er die Weisheit und Macht des Vaters ist, so ist er auch seine Herrlichkeit, indem er auf unaussprechliche Weise von der Wesenheit des Erzeugers ausstrahlt und die Natur, von der er ausgeht, durch sich selber darstellt; wie ein Sonnenstrahl und Lichtglanz, der aus der ihn aussendenden Wesenheit hervorbricht, und der übrigens wegen der höchsten Ähnlichkeit und gleichartigen Beschaffenheit mit Recht als Das gedacht wird, woraus er ist.

B. Kannst du aus den heiligen Schriften einen Beleg hiefür angeben?

A. Und es wird doch ganz geringer Mühe bedürfen, daß du die Aussprüche der Heiligen sammelst. Im Briefe an die Ephesier nämlich sagt Paulus: „Darum auch, da ich eueren Glauben an Jesus Christus vernahm und euere Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, Dank zu sagen für euch, euer eingedenk in meinen Gebeten, daß der Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, euch verleihe den Geist der Weisheit und der Offenbarung in Erkenntniß seiner.“ Siehst du also, daß er Gott den Vater Christi und gleich darauf den Vater der Herrlichkeit nannte, indem er Christum als nichts Anderes darstellte denn als die Herrlichkeit des Vaters? Er sagt aber wieder: „Wir alle aber, enthüllten Angesichtes in der Herrlichkeit des Herrn uns spiegelnd, werden in dasselbe Bild umgestaltet von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Geiste des Herrn;“ „hinblickend auf Jesum, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens,“ welcher ist die Herrlichkeit Dessen, der von Natur und in Wahrheit Herr ist, nämlich des Vaters, werden wir nach ihm gestaltet durch die Heiligung im Geiste. Petrus aber, der doch hervorragt unter den Jüngern, spricht zu Denen, die aus der Beschneidung zur Rechtfertigung in Christo durch den Glauben kamen, und sagt: „Da uns Alles, was zum Leben und zur Gottseligkeit dient, seine göttliche Macht geschenkt hat, durch die Erkenntniß Dessen, der uns berufen hat in seiner Herrlichkeit und Kraft.“ Wenn also die eigene Herrlichkeit des Vaters der Sohn ist, durch den wir zu seiner Erkenntniß berufen sind, wer wagt es, zu sagen, daß es der Herrlichkeit des Vaters geschenkt und verliehen sei, Das zu sein, was sie ist? Denn wer verklärt die Herrlichkeit des Vaters durch eine andere Herrlichkeit? Oder stellst du Das nicht Dem gleich, daß auch Andere auftreten und zu sagen sich erkühnen, die Weisheit des Vaters werde durch Etwas weise gemacht, und die von Natur ihm inwohnende Kraft, das ist der Sohn, habe Das, daß sie Macht ist, von einem Anderen bekommen und habe den Ruhm und die Weisheit wo andersher? Würden denn nicht die Gegner, wenn sie uns durch dergleichen Reden bezauberten, uns zu allen möglichen Verkehrtheiten hinreissen? Wenn nun das Gesagte hinreicht zum klaren Beweise, der Sohn sei die eigene Herrlichkeit des Vaters, so ist es gut, und ich werde schweigen. Wenn ich aber glaube, es seien dir noch andere Zeugnisse nöthig, so werde ich den göttlichen Sänger vorführen, welcher im Namen der durch den Glauben Gerechtfertigten zu dem Gott und Vater Aller sagt: „Ich aber werde in Gerechtigkeit erscheinen vor deinem Angesichte; ich werde gesättiget werden, wenn deine Herrlichkeit mir erscheint.“ Denn das Angesicht und Bild des Vaters und das Ebenbild seiner Wesenheit — wer sonst ist es als das aus ihm hervorgehende Wort, durch welches er auch von den Menschen auf Erden erkannt wird, gleichsam Alles bestrahlend mit seiner Herrlichkeit? Darum sprach er auch einst zu dem hochweisen Moses: „Aber ich lebe, und mein Name ist „der Lebendige“, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllt die ganze Erde.“ Erfüllt nämlich ist Alles von Christus; er erschien uns aber in ihm. Und Dieses wohl wissend sagt wieder der göttliche David: „Der Herr hat Sion erbaut und wird erscheinen in seiner Herrlichkeit.“ Er erschien uns nämlich im Sohne, der deutlich sagt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“

B. Es folgt also, wenn in der That der Sohn die eigene Herrlichkeit Gottes des Vaters ist, daß er von Natur aus Herr sein muß über Alles und König, nicht anders, als wie auch der Vater selbst es ist. Und warum dann sagt er wieder durch die Stimme des Psalmisten: „Ich aber bin von ihm als König aufgestellt“? Daß er aber zum Herrn und König gemacht worden sei vom Vater, hat uns deutlich der weise Jünger bezeugt.

A. Möchtest du nun, lieber Freund, ohne Zögern antworten, wenn ich dich Etwas fragen wollte?

B. Wie denn nicht?

A. Was zur Herrschaft gerufen wurde und ungewohnter Weise dazu gelangte, muß man von Dem nicht denken, es sei einmal nicht Herr gewesen? Denn Nichts wird aus Dem, daß es Das ist, was es ist, wie zu etwas Anderem wieder zu demselben übergehen.

B. Allerdings nicht.

A. Wann also sagen sie, daß der Sohn zur Herrschaft erhoben worden sei, als Einer, der, bevor er dazu gelangte, der Ehre und Herrlichkeit des Herrseins noch entbehrte? Denn Das müssen sie auch wider Willen sagen.

B. Wie nun, wenn sie sagen: Schon vor der Menschwerdung?

A. Sie werden es sagen, ich weiß es, da sie auch leicht über das Maaß hinausgehen. Aber das Wort der Wahrheit wird ihnen entgegenstehen. Denn als er Fleisch wurde und unter uns wohnte, sagen wir, sei ihm die geschenkte Kraft zu Theil geworden und habe er Königthum und Herrschaft erlangt. Denn daß er von Gott dem Vater zum Herrn und Christus gemacht worden sei, sagt der heilige Jünger nicht geradezu von dem aus ihm entspringenden Worte, sondern von Jesus, dem Gekreuzigten. Daß aber der Sohn vor der Verbindung mit dem Fleische und der Vereinigungsehe Herr war, können wir leicht sehen, wenn wir zu dem Anderen hinzu Dieses erwägen.

B. Was meinst du da?

A. Heißt es denn nicht, als er Mensch wurde, damals habe er sich auch zur Knechtsgestalt herabgelassen?

B. Jawohl.

A. Man muß also denken, vor der Verbindung mit dem Fleische sei das aus Gott entsprungene Wort nicht in der Knechtsgestalt gewesen, sondern in natürlicher Herrschaft und in eigener Erhabenheit; und weil es ihm aus Liebe zu uns nicht sehr gefiel, darin zu bleiben, wurde er Knecht, damit, wie er unsertwegen freiwillig in Dem war, was unter seiner Natur ist, so auch wir seinetwegen gerne in Dem wären, was über unsere Natur ist. Denn er kam in die Erniedrigung, nicht als hätte er der Erniedrigung den Sieg über seine inwohnende und unveränderliche Herrlichkeit eingeräumt, sondern damit das in Niedrigkeit und unten Befindliche, das heißt wir, uns in die Höhe zu erheben vermöchten. Denn nie wird das Schlechtere dem Höheren Gewalt anthun, sondern es wird vielmehr dem Siegreichen und Vorzüglicheren das ohne Vergleich Geringere folgen. Sehr ungereimt ist es daher, zu meinen, er müsse durch das Unsrige gezwungen worden sein, wegen uns mit uns unten zu bleiben; weise und wahr aber ist es, zu denken und zu sagen, zu seiner göttlichen und unaussprechlichen Schönheit sei das Niedrige aufgestiegen, durch seine erhabene Herrlichkeit besiegt. Denn gleichwie es ihm begegnete, den fleischlichen Tod zu erleiden wegen des dem Tode verhafteten Fleisches, er aber, weil er das Leben ist von Natur, es zu dem Seinigen erhob, indem er Nichts erlitt an seiner eigenen Natur, sondern vielmehr die Macht des Todes zerbrach: so sagen wir, daß es ihm zwar heilsordnungsgemäß begegnete, die Knechtschaft zu erleiden; weil er aber von Natur Gott und Herr ist, so gab das Kränkende nach, und durch die Erhabenheit seiner Herrlichkeit besiegt wurde das Unrühmliche der Knechtschaft vertilgt. Wenn er daher unter den Todten [im Tode] blieb, nämlich dem Fleische nach, so bleibt er auch unter Knechten [in der Knechtschaft]. Wenn er aber sich erhob und zu dem Anfänglichen zurückkehrte, nämlich zum Leben, heilsordnungsgemäß dem Tode scheinbar den Sieg überlassend, so wird er natürlich auch zu dem Anderen zurückkehren, nämlich zu dem Glanze seiner natürlichen Herrschaft, der Heilsordnung im Fleische auf kurze Zeit die Übermacht einräumend, in Bezug auf den Stand der Knechtschaft. So scheint der mit Gott dem Vater gleich herrliche und zugleich thronende Gott Sohn gleichwohl fast auch zum Anfange der so glanzvollen und überweltlichen Herrlichkeit erhoben zu werden, da Gott der Vater zu ihm sagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache!“ Denn was die in sich selbst befriedigte göttliche und unaussprechliche Natur im Gehorsam unter sich hält, Das wird gewiß den Füßen unseres Heilandes unterworfen, nicht weil er auf menschliche Weise wirkte oder deßwegen, weil er Fleisch geworden ist, über die Ungläubigen zu herrschen vermag, sondern weil er, nachdem er die Geringheit der Menschheit zur Majestät der höchsten und erhabensten Natur erhoben und sich selbst auf den Thron der Gottheit gesetzt hat, auch mit dem Fleische als eingebornes Wort des Vaters über Alles Herr sein wird, nicht ohne den Vater. Denn was vom Vater gethan wird, Das ist gewiß ein Werk des Sohnes; und wovon man sagt, es werde durch den Sohn vollbracht, Das ist gewiß eine That des Vaters. Denn Alles geschieht gleichmäßig durch Beide, indem der Vater zwar wirkt, aber durch den Sohn und mit ihm im Geiste die Wirksamkeit und den Willen zu Allem hat, was geschieht.

B. Sehr fein gesprochen; du belehrst uns ja, indem du den rechten und tadellosen Weg wandelst; du wirst uns aber nicht weniger erfreuen als vorher, wenn du uns die Herrschaft [das Herrsein] des Sohnes noch deutlicher machst.

A. Wenn nun Einer fragen wollte und uns anginge mit den Worten: Sag’ uns, o Freund, worin, meinst du, besteht denn die Herrschaft des Vaters, was würdest du erklären?

B. Ich würde sagen, darin, daß er über Alles herrscht und von Allem verherrlicht wird, weil Alles von ihm ist im Himmel und auf Erden.

A. Durch so erhabene und herrliche Dinge also, sagen sie, sei der Sohn nicht ausgezeichnet?

B. Sie werden wohl sagen, er sei es, aber weil der Vater es ihm verlieh.

 

A. Wie wird dann nicht Das eine Lüge und ein leeres Gerede sein, wenn Gott der Vater deutlich erklärt:
„Meine Ehre [Herrlichkeit] werde ich keinem Anderen geben“? Denn nicht verlieh er es irgend welchen Wesen und von ihm verschiedenen — durch wesenhaften Unterschied nämlich —, sich der Auszeichnungen der wahren Gottheit zu rühmen. Denn wo wäre noch die Erhabenheit derselben, wenn der Stand der gewordenen Natur so weit käme, daß sie Nichts mehr jenseits ihrer Herrlichkeit ließe? Muß man nicht nothwendig denken, jedem geschaffenen und in’s Dasein gesetzten Wesen sei Das unzugänglich und unerreichbar, was ausschließlich Gottes ist?

B. Nothwendig.

A. Wie wird dann der Sohn in den Vorzügen des Vaters prangen und nicht auf andere Weise, meine ich, als der Vater? Denn der selige Daniel, indem er uns prophetische Gesichte und Anschauungen beschreibt, läßt den „Alten der Tage“ auf einem Throne sitzen und umstellt ihn mit tausendmal tausend zum Dienst Verordneten und mit zehntausendmal zehntausend Umstehern. Und der göttliche Isaias sagt, den Sohn in nicht geringerer Herrlichkeit geschaut zu haben. Denn „ich sah“, sagt er, „den Herrn Sabaoth auf einem hohen und erhabenen Throne sitzen, und voll war das Haus von seiner Herrlichkeit. Und Seraphim standen rings um ihn; sechs Flügel hatte der eine und sechs Flügel der andere, und mit zweien bedeckten sie die Füße und mit zweien flogen sie, und einer rief dem anderen zu“ das am Anfange zwar mehrfache, aber in eine Einheit und eine Herrheit endende „Heilig“. Scheint dir demnach der Sohn die gliche Herrlichkeit zu besitzen? Denn wo der höchste Thron ist und die gleich große Erhabenheit und das gleichsam im Kreise Herumstehen der himmlischen Mächte, welches den Rang der Knechtschaft der Geschöpfe bezeichnet und dem Sitzenden die Herrlichkeit des Herrseins bezeugt, wie hätte da noch ein Bedenken statt, oder wie wäre es zweifelhaft, daß Einer bereits gewissermaßen bis in den tiefsten Abgrund der Thorheit gerathen sei, wenn er meinte, der Sohn erfreue sich nicht der natürlichen Herrheit des Vaters?

B. Gewiß, und die Rede ist übrigens wahr.

A. Wirst du aber zugeben, mein Bester, daß wir nicht lügen, sowohl ich als du als auch ein Anderer, der diese Ansicht hat, wenn wir allzumal sagen, daß Dem, der von Natur Gott ist, die Macht über alles Gewordene zukomme, und daß Alles Gott gehöre, der Himmel und die Erde und was in beiden ist?

B. O ja!

A. In gleicher Weise also werden Gott dem Vater gehören die das selige Leben oben lebenden Engel und Erzengel und wenn über diesen noch Etwas ist; sie werden aber auch dem Sohne selbst gehören. Wisse aber, daß ich Dasselbe auch von den auf Erden Lebenden denke!

B. Du hast Recht; aber wenn den Reden auch die Beglaubigung [der Nachweis] für Jedes folgen würde, würdest du sehr wohl thun.

A. Es sagt also der göttliche Sänger: „Preiset den Herrn, all’ seine Engel, seine Diener, die seinen Willen thun,“ die heilige Schaar der Himmelsbewohner der Macht des Vaters zutheilend. Daß aber der Sohn seiner Zeit als Richter kommen werde, sagt er selber vorausverkündend: „Denn der Sohn des Menschen wird in der Herrlichkeit seines Vaters kommen mit seinen heiligen Engeln.“ Denn kommen wird er, kommen wird er seiner Zeit, um Jedem zu vergelten nach seinem Werke; doch sagen wir nicht, daß er mit fremden Dienern prangen und sich rühmen werde, sondern von den Heerschaaren der Engel als wahrhaftig seinen eigenen bedient.

B. Einverstanden.

A. Während aber wiederum der göttliche David singt und von Gott dem Vater sagt:  „Kommt, laßt uns anbeten und niederfallen vor ihm und weinen vor dem Herrn, der uns gemacht hat, denn er ist unser Gott, wir aber das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand,“ erklärt die vernunftbegabten Heerden in dieser Welt der Sohn für seine eigenen, indem er bald von den gläubig gewordenen Israeliten sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme,“ bald aber wieder von den noch nicht Gläubigen: „Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Schafstalle sind.“ Es wäre uns also leicht, aus unzählig vielen Stellen zu beweisen, daß es vom Sohne wegen des Menschlichen heißt, er sei vom Vater verherrlicht worden, obwohl er Herr der Herrlichkeit ist und immer zugleich mit dem Vater sitzt und thront. Es wird aber auch ganz mit Recht eine unentrinnbare Anklage und eine unaustilgbare Schmach für Diejenigen sein, welche ihn mit einer hinzugefügten Herrlichkeit umgeben und sagen, die Herrschaft über Alles sei ihm übertragen worden.

B. Wenn ihm also die Macht über Alles nicht von aussen und nicht als empfangen zukommt, sondern wesenhaft von Natur aus eigen ist, so kann ich nicht erklären, warum der heilige Paulus versicherte, seine Herrschaft werde einmal aufhören, da er sagt: „Denn wie in Adam Alle sterben, so auch werden in Christo Alle lebendig gemacht. Jeder aber in seiner Ordnung, der Erstling ist Christus, dann die Christo Angehörigen bei seiner Wiederkunft; dann das Ende, wann er das Reich Gott dem Vater übergibt, wann er zu nichte gemacht hat jede Herrschaft und jede Macht und Gewalt. Er muß herrschen, bis er [der Vater] alle Feinde unter seine Füße legt (denn Alles hat er seinen Füßen unterworfen); als letzter Feind wird der Tod vernichtet.“ Sieh’ da, sieh’, werden sie sagen, gleichsam ein Angrenzen an das Aufhören seiner Herrschaft ist die Abschaffung der Gewalten und die Vernichtung des Todes; denn dann wird er die Herrschaft Gott dem Vater allein übergeben.

A. Fort mit dem so höchst albernen und lächerlichen Gedanken! Denn wer Dieses denkt und sagt, verläßt die Pfade seines Weinberges und irrt umher in den Furchen seines eigenen Feldes; er wandert durch eine wasserlose Wüste, auf einem in der Öde gelegenen Lande und sammelt mit den Händen Unfruchtbarkeit, wie geschrieben steht. Denn der göttliche Lehrer hat uns nicht gesagt, daß der Sohn seiner Zeit das Diadem des Reiches und die Herrschaft über Alles verlieren werde; denn er wußte, meine ich, daß der göttliche David die geistige Leier [Harfe] schlage und den Sohn im Geiste anfinge: „Dein Thron, o Gott, währt in alle Ewigkeit, ein Scepter der Geradheit ist das Scepter deines Reiches.“ Was aber auch werden sie thun, die leicht zu allen möglichen Ungereimtheiten ein loses Maul haben und an roher Gesinnung so krank sind, wenn der selige Gabriel der heiligen Jungfrau die Zukunft Christi vorausverkündet? Denn „fürchte dich nicht,“ sagt er vor der Heilsordnung [Menschwerdung], „o Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott, und siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erretten. Und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird herrschen im Hause Jakobs auf ewig, und seines Reiches wird kein Ende sein.“ Da also der heilige Mann [David] die aus grenzenlose Zeiten anhaltende Dauer des Reiches des Sohnes verkündete und auch die Stimme des Engels mit der Wahrheit übereinstimmt, so wird, glaube ich, der Gute und Wohlgesinnte seinen Beifall geben, das Geschwätz aber verdammen und sagen, Diejenigen seien am Verstande geschlagen, welche etwas Anderes denken zu sollen glauben wollen, obwohl das Gesetz deutlich ruft: „Durch den Mund zweier oder dreier Zeugen soll jede Rede festgestellt werden.“ Ist der Widerspruch nicht voll der größten gottverhaßten Gottlosigkeit?

B. Ich sage Das wohl, aber wisse, daß die Gegner nicht gesinnt sind wie wir.

A. Aber ganz richtig denken und lernen zu wollen, wird doch gewiß bei uns selber liegen, und wir werden nicht ruhig hinsitzen und es der Thorheit Jener überlassen, schlechthin vorzubringen, was ihnen beliebt, sondern von allen Seiten nach Kräften die Erfindungen eines monströsen Sinnes zurückschlagend und frisch hinwegspringend über die uns zu fangen bestimmten Schlingen der nichtswürdigen Lügenhaftigkeit werden wir bei uns selber singen: „Gepriesen sei der Herr, der uns nicht ihren Zähnen zum Fang überließ!“ Da aber, wie uns die weise und sprüchwörtliche Rede zuruft, die Gottlosen über Listen gebieten, wohlan, so laß uns Etwas sagen, was Denen, die es hören [oder lesen] werden, zum Nutzen dient, und wodurch sie den Anmarsch des Truges tapfer zurückschlagen können. Es schreibt also der heilige Paulus an die im Glauben Gerechtfertigten und mit der dießbezüglichen herrlichen Hoffnung Bereicherten: „Darum, weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, so haben wir Gnade, durch welche wir Gott wohlgefällig dienen mögen.“ Welches Reiches wir nun sagen werden, daß er hier gedenke, sollst du er klären, mein Lieber! Schau’ aber, wie er sagt, es werde festgegründet sein und immer die Unerschütterlichkeit haben. Denn Das, glaube ich, bedeutet das Wort, das er gebraucht.

B. Ich kann es nicht recht deutlich sagen; ich möchte es aber von dir hören.

A. Man muß also untersuchen, wenn es beliebt, ob er von dem Reiche des Sohnes rede oder von dem, welches auch den Heiligen selbst soll gegeben werden. Wenn sie also sagen, das Reich und die Majestät des Sohnes sei über die Möglichkeit des Falles und die Vergänglichkeit erhaben, so meine ich, die Gegner sollten erröthen über ihr eitles Geschwätz. Wenn sie aber, den Sohn übergehend und bei Seite lassend, sagen werden, die Herrschaft der Heiligen werde unvergänglich sein, so werden für’s Erste diese als vorzüglicher erscheinen als Christus selbst und eines glücklicheren Looses theilhaftig als er, wenn er seine Herrschaft für verlierbar halten wird, diese aber eine endlose und immerwährende Glückseligkeit erlangen und die Festigkeit der Herrschaft besitzen werden.

B. Ganz richtig.

A. Aber auch eine so rohe Verläumdung vorzubringen, wie wäre Das nicht ganz sinnlos? Denn über Alles Macht haben und herrschen zu sollen, kann doch keinem Anderen eher zukommen als Christo selbst, der Dieß nicht als Erwerb oder Gabe besitzt wie wir, sondern als etwas mit der Würde des Herrn natürlich Verbundenes. „Wir aber, die mit ihm leiden, werden auch mit ihm herrschen,“ wie geschrieben steht. Also er ist der Herr der Herrschaft, wir aber dazu berufen und theilnahmsweise damit beehrt. Denn sie werden mitherrschen mit dem herrschenden Christus. Aber wie werden sie die dießbezügliche Freigebigkeit unerschütterlich haben und immerfort herrschen, wenn die Macht Christi einmal erschüttert werden und aufhören wird, an der wir sagen daß sie auch Theil nehmen? Und wenn ihr Spender und Verleiher des Reiches zu herrschen aufhören wird, wo wird dann das Ihrige noch liegen? Welche Grundlage wird es haben? Wo werden sie noch Theil haben, wenn Das, was sie zur Herrlichkeit berief, schwach ist? Muß nicht zugleich mit dem Haltenden das Gehaltene fallen und mit den untersten Grundlagen das darauf Gegründete sinken? Wann also die Basis der Herrlichkeit und der Grundstein der Glückseligkeit wird erschüttert werden, nach ihnen, so wird gewiß auch die Hoffnung der Heiligen in Unehre und Erniedrigung dahingehen.

B. Allerdings; Das ist eine klare und wahre Rede.

A. Aus welchem Grunde aber auch hat unser Lehrer der göttlichen Geheimnisse das Reich Christi Reich Gottes genannt? Er schreibt nämlich so: „Denn Das wisset und erkennet, daß kein Hurer oder Unzüchtiger oder Geiziger, der ein Götzendiener ist, Antheil hat an dem Reiche Christi und Gottes!“ Ich zweifle nämlich keineswegs, daß, wem die natürliche Würde inwohnt, herrschen zu sollen, Dem gewiß auch zukommt, Gott sein zu müssen. Werden wir nicht denken, daß es sich so verhalte, o Hermias?

B. Allerdings; denn wenn er überhaupt Gott ist, wird er gewiß auch König sein.

A. Wenn er also je die Königswürde verlieren wird, so wird er auch aufhören, Gott zu sein, und wird nicht mehr Leben und Licht sein; ich verschweige aber den Unsinn. Welches nun fernerhin die Natur des Sohnes sein werde, wenn sie der Gottheit und Herrschaft und des Lichtseins entkleidet ist und das des Lebens Beraubte nicht lebendig machen kann, könntest du Das sagen, mein Freund?

B. Ich kann es nicht denken.

A. Was uns aber am meisten bewegt, die so schändliche und verwerfliche Ansicht der Gegner zu fürchten, ist Dieses.

B. Was?

A. Welche Zeit sagen sie daß erscheinen werde, in welcher, wie sie meinen, der Sohn Gott dem Vater das Reich übergibt?

B. Sie werden wohl sagen: Was Das betrifft, so werden keineswegs wir sie festsetzen; Paulus selbst aber bestimmt sie, da er sagt: „Der Erstling nämlich,“ sagt er, „ist Christus, dann die Christo Angehörigen, bei seiner Ankunft [Wiederkunft], dann das Ende, wann er das Reich Gott dem Vater übergibt, wann er abthut alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muß herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße legt. Als letzter Feind wird der Tod vernichtet werden.“

A. Wenn also die gegenwärtige Welt gleichsam alt wird und die Zeit schon zu Ende geht, übergibt der Sohn, nach ihnen, das Reich Gott dem Vater. Er hängt aber jetzt an der Herrschaft über Alles und ist in göttlicher Herrlichkeit, da Gott der Vater zu ihm sprach:  „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache!“

B. Allerdings.

A. Er thront also zugleich mit dem Vater und ist gleich herrlich, so lang die Widersacher sich nicht beugen und das Joch der Unterwerfung abschütteln. Er wird aber vom Throne der Gottheit gestoßen, sobald sie ihm den Nacken beugen und den zuvor unfolgsamen und harten, dann aber gleichsam geschmolzenen und in eine weiche und geschmeidigere Haltung und Gesinnung übergegangenen Sinn unterordnen. Aber was wird Das dem Sohne nützen? Wem sagen wir, daß Diejenigen unterworfen seien, welche in langer Zeit kaum dazu gebracht wurden? Denn wenn Diese durch Unterwerfung hereingebracht werden, er aber vom Throne abtritt, welches dann das Endziel der Heilsordnung sein werde, bin ich nicht im Stande zu denken, mein Lieber.

B. Auch ich kann es nicht einsehen.

A. Aber wohlan, laß uns auch Dieses erwägen!

B. Was denn?

A. Ist für den Eingebornen nicht die Zeit besser, in welcher Einige widerstehen und es zurückweisen, sich unterwerfen zu sollen, als jene, in welcher er von der Herrschaft abtreten muß, während die Feinde vor ihm hinfallen und die auf Krieg Bedachten bereits sich unterwerfen?

B. Es scheint.

A. Ich möchte aber dem Gesagten ohne Scheu auch Dieses beifügen. Den Umsturz des Reiches des Sohnes bewirkt, wie es scheint, der Vater, der ihm seine Feinde unterwirft und seine Hasser in die Flucht schlägt; so nämlich sagt er durch die Stimme Davids.
Es wird sich aber auch herausstellen, daß wohl der Sohn selbst nicht wußte, wodurch er eine lange und unerschütterte Herrlichkeit behaupten könnte. Denn sonst hätte er nicht geglaubt, Denen, die noch zur Zügellosigkeit sich entfernten und aus Halsstarrigkeit des Charakters die Unterwerfung im Glauben nicht zuließen, menschenfreundlich zurufen zu sollen: „Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken! Nehmet mein Joch auf euch!“ Ist Das nicht die Sprache eines Solchen, mein Guter, der seine Herrschaft und Herrlichkeit zum Ende jagt, wenn er im Begriffe ist, künftig über keine Unterthanen mehr zu herrschen?

B. So ist es.

A. Ich möchte aber sagen, daß auch der Vater selbst gelogen haben dürfte, da er zu dem Mensch gewordenen Sohne sprach: „Verlange von mir, und ich werde dir Völker zum Erbtheil geben und zu deinem Besitzthum die Grenzen der Erde!“ Denn wo noch kann man das Erbe des Sohnes denken, wenn es dem Vater übergeben wird? Wo aber wird das „Besitzthum“ den ihm zukommenden Begriff bewahren, wenn das Geschenkte verloren geht und, während es gut gegründet werden sollte, unerwartet gleichsam den Fall erleidet?

B. Genügend, sage ich, sei nun und nicht unwacker der Widerstand. Komm’ aber übrigens bereitwillig auch auf Das, was, wie ich glaube, dem Gesagten noch fehlt! Denn ich kann wahrhaftig nicht verstehen, wann denn Das ist, daß das Reich vom Sohne Gott dem Vater übergeben werde.

A. Wirst du denn nicht auch selbst sagen, o Trefflicher, daß die schwer bekämpfbare Sünde herrschte und Verderbniß und Tod über uns Gewalt hatte und die Hölle ihre Seele ausdehnte und unaufhörlich ihren Rachen öffnete, wie geschrieben steht?

B. Ja; denn es ist sehr klar, daß es sich auch so verhält.

A. Wie aber? Sind nicht diese Weltbeherrscher Geister der Bosheit und der Anführer ihrer Schaar, da sie die ganze Welt gleichsam unter ihren Füßen hatten, — er selbst Gott dieser Welt, jene aber Mächte und Gewalten und Herren und ausserdem noch Fürsten der Welt genannt?

B. Jawohl.

A. Aber um alle Diese in’s Nichts hinabzustoßen und gänzlich zu vertilgen, erschien der Sohn, damit, nach Vertreibung der früheren Herrscher von ihrer Tyrannei über uns, die Macht Gottes rein aufleuchte und die ganze Erde durchdringe, nach Ausrottung der Sünde durch den Glauben, nach Überwindung der Gewalthaber und ihrer Mächte durch das kostbare Kreuze und nach Niederwerfung auch des Todes durch seine Auferstehung von den Todten. Indem also der Vater seiner eigenen Macht, das heißt dem Sohne, alles Dieß zu vollbringen überließ, erneuerte er die Welt und brachte den zum Ausreisser gewordenen Menschen in den ursprünglichen Zustand zurück. Darum sprach auch der Sohn zu ihm: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden, das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, daß ich es thun soll.“

B. Ganz richtig.

A. Schau’ also, wie in der gegenwärtigen Zeit, wo das Verderben noch Macht hat und die Sünde noch nicht gänzlich vertilgt ist und der böse und trugvolle Drache [Schlange] noch über die Ungläubigen herrscht, die Macht Gottes gewissermaßen getheilt ist und gleichsam schwankt, da Diejenigen das Joch noch von sich abschütteln, welche dem Trug der Dämonen und diesem gottlosen und weltlichen Leben noch nicht entsagt haben; wenn aber die Zeit herankommt, in welcher der Tod kraftlos sein, die Macht der Sünde dahinsinken und auch die Habsucht des Teufels gänzlich vertilgt sein wird, so stellt der Sohn die Herrschaft als rein dar und übergibt unvermischt mit dem Bösen das Reich Gott dem Vater. Denn er allein wird über uns herrschen durch ihn und mit ihm. Die Erfüllung der Heilsordnung also und die Vollbringung des ganzen Mysteriums bezeichnete der vom Geiste Erfüllte mit dem Namen der Übergabe. Denn nachdem der Sohn das von Anderen gleichsam innegehabte Reich Gottes auch von den dazwischen Eingedrungenen befreit hat, bringt er es dem Vater dar und übergibt es ihm, ohne selbst von der Herrschaft abzutreten; denn er wird gewiß zugleich mit seinem Erzeuger herrschen, als dessen lebendige und selbstständige [persönliche] Kraft, die er ist, er auch alles Dieses vollbracht zu haben mit Recht gedacht wird. Daß aber das Reich Christi unaufhörlich ist, wenn auch gesagt wird, er habe es der Menschheit nach empfangen, kann man auch daraus ersehen, was uns der göttliche Daniel geschrieben hat, der den Eingebornen gewissermaßen schon in menschlicher Form und Gestalt schaute. Er sagt aber so: „Und in den Tagen jener Reiche wird Gott ein Reich des Himmels aufrichten, welches in Ewigkeit nicht vergehen wird, und sein Reich wird keinem anderen Volke überlassen werden. Er wird alle Reiche mindern und worfeln, und dieses wird bestehen in Ewigkeit.“ Und wieder sagt er: „Ich sah im Gesichte der Nacht, und sieh’, mit den Wolken des Himmels kam Einer wie ein Menschensohn, und er kam bis zum Alten der Tage und wurde vor ihn gebracht, und es wurde ihm gegeben die Herrschaft und die Ehre und das Reich, und alle Völker, Stämme und Zungen werden ihm dienen. Seine Macht ist eine ewige Macht, die nicht vorübergehen wird, und sein Reich wird nicht untergehen.“

B. Klar und untrüglich ist der Beweis für das Gesagte.

A. Aber, o Trefflicher, laß den Schweiß [bemühe dich nicht weiter] in Bezug auf Dieses; es ist ja klar, daß der Eingeborne, was seine Herrschaft und Herrlichkeit betrifft, in unerschütterter Dauer verharren und sich immer gleich bleiben wird, die Umwandlung in Anderes von sich weisend. Denn er kann keineswegs etwas zu kränken Geeignetes erleiden, da er eine hohe und erhabene und leidensfreie Natur hat. Da uns aber ausserdem, was ich sagte, noch eine andere, zwar unverständige, jedoch nicht unrauhe Rede der Gegner verhöhnt, so spanne gegen sie der Spanner seinen Bogen, wie der Prophet sagt, und rüste sich, wer sich rüstet, mit seinem Schwerte, das heißt seinen Waffen.

B. Wie du wohl wissen sollst, wirst du uns von einer herben Sorge befreien, wenn du diesen Weg gehst und die Untersuchung dahin führst. Sie sagen also: Der zugleich mit dem Vater thront, nach euch, und ein göttliches Scepter hat, warum verkünden von ihm die heiligen Schriften nicht, daß er auch eine eigene Macht besitze? Denn daß er die Macht, zu wirken, vom Vater habe, kann man auch aus den eigenen Worten des Heilandes sehen und lernen. Er sagt nämlich: „Wahrlich, ich sage euch, der Sohn kann Nichts von sich selber thun, wenn er es nicht den Vater thun sieht. Denn was jener thut, Das thut auch der Sohn auf gleiche Weise,“ und wieder: „Von mir selbst thue ich Nichts; der Vater aber, der in mir wohnt, der thut die Werke.“

A. Daß also der aus Gott dem Vater entsprungene Sohn in der That der göttlichen Macht entbehre und kraftlos sei, wahrsagt die Rede der Gegner, zu denen mit Recht sowohl von uns als auch von Christus selbst gesagt werden kann: „Ihr irret, weil ihr die Schrift nicht kennet noch auch die Kraft Gottes.“ Denn wie er Bild des Vaters und Weisheit und Herrlichkeit und Abglanz und Ebenbild ist, so wird er auch als dessen Macht gedacht, durch welche er zu Allem, was immer geschieht, wirksam war und ist und sein wird. Denn „Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn ist Nichts geworden.“ Denn wie die einer Handwerkerkunst Verständigen, Erzbildner zum Beispiel oder das Steinhauergewerbe nicht ohne Bewunderung Betreibende, nicht anders ihre Kunstwerke machen als durch ihre eigene Hand und die ihnen inwohnende Übung und Geschicklichkeit zu den Werken, auf dieselbe Weise, glaube ich, wird Gott der Vater die schöpferische Thätigkeit in Dem, was er will, durch den Sohn als durch seine eigene Macht vollbringen. Und darum fleht der göttliche David, wohl wissend, daß die lebendige und subsistirende Thätigkeit und Macht des Vaters der Sohn sei, mit den Worten: „Befiehl, o Gott, deiner Macht; bekräftige, o Gott, Das, was du unter uns gewirkt hast.“ Der hochweise Paulus aber nennt deutlich Christum Gottes Macht und Gottes Weisheit.

B. Auch sie selbst werden nicht sagen, der Sohn sei unmächtig, aber auch nicht, er habe die Macht gleich den Propheten und Aposteln in der Zeit aus Gnade erlangt, sondern er empfange vielmehr zugleich mit der Existenz selbst die Macht, Alles zu vollbringen.

A. „Unsere Feinde sind Thoren,“ wie geschrieben steht. Denn sie scheinen nicht zu wissen, um was es sich handelt. Unsere Untersuchung beschäftigt sich für jetzt nicht damit, wann oder wie der Vater die Macht dem Sohne gab, sondern ob sie ihm überhaupt geschenkt und nicht vielmehr wesenhaft angeboren ist. Denn es wird der Natur des Sohnes an sich selber gar Nichts nützen zur Untadeligkeit, wenn man sagt, es sei ihr gleich im Anfange die Macht vom Vater gegeben worden, da das Unrühmliche in der Bedürftigkeit erscheint und keineswegs darin, daß er es nicht im Anfange bekam, sondern darin, daß er irgend Etwas als verliehen besitzt. Man muß sich aber die Natur des Sohnes gewiß vor dem Empfang als der Kraft entbehrend vorstellen und als nicht durch eigene, sondern vielmehr durch fremde Kräfte dazu gelangt. Was aber auch werden sie sagen, wenn man um Dieses frägt?

B. Um was?

A. Werden sie sagen, Das, was von Einem Macht empfängt, sei selber das Macht Verleihende oder etwas davon Verschiedenes?

B. Etwas Anderes, glaube ich.

A. Wenn also, nach ihnen, die Macht im Sohne Gott der Vater bewirkte, so wird sich herausstellen, daß er seiner eigenen Kraft Macht verlieh. Ist Das nicht zum Lachen und zwar sehr oder vielmehr ein Unsinn?

B. Allerdings.

A. Folgend also dem Glauben der heiligen Schriften und gleichsam den durch die Weisen gebahnten Weg gehend laß uns sagen, die Macht Gottes des Vaters sei selbst Gott, durch den und in dem er die unaussprechliche Thätigkeit in Bezug auf Alles hat und die Himmel befestigte und was in ihnen ist, die Erde gründete und auch Das hervorbrachte, dessen Erhalter und Ernährer er ist, und zu seinen Boten die Winde macht und zu seinen Dienern die Feuerflamme, wie geschrieben steht. Als aber, weil der Vater auch den Menschen in dieser Welt das Heil verleihen wollte, Mensch sich nannte und wurde der Eingeborne, welcher die Kraft und Macht des Vaters ist, machte er die Todten lebendig und erweckte aus den Gräbern die schon Verwesenden und vertrieb böse Geister aus den Menschen, den der Augen Beraubten aber verlieh er das zwar ungewohnte, aber doch süße Licht und vollbrachte diesen verwandte und ähnliche Wunderthaten in göttlicher Macht.

B. Aber indem, sagen sie, der Vater in ihm wirkte.

A. Und welches die Art der Wirksamkeit des Vaters sei, können sie, glaube ich, wenn man fragt, nicht sagen. Wirkte der Vater durch den Sohn etwa wie durch ein Werkzeug und indem dieser den Willensbestimmungen des Erzeugers einen helfenden Dienst leistete, oder, was besser und wahr ist, wie durch seine eigene Macht? Wenn sie aber, das Bessere bei Seite lassend und an Dem, was mit Recht für das Richtige gehalten wird, vorbeilaufend, ihm eine werkzeugliche Wirksamkeit zuschreiben, die Unglückseligen, so ist zu wissen, daß seine Herrlichkeit und Schönheit in Nichts dahinschwinden wird und bereits in’s Unschöne hinabfließt. Denn daß die Dienstleistung durch Werkzeuge an sich völlig Nichts ist, denen aber, die sie zu bewegen [handhaben] und, wozu sie wollen, zu verwenden pflegen, der Ruhm zukomme, wird uns auch durch die heilige Schrift selbst klar werden. Denn es sagt irgendwo Gott, die werkzeugliche Hilfe als unnütz verlachend: „Es wird doch nicht die Axt sich rühmen ohne Den, der mit ihr baut? Oder wird die Säge sich erheben ohne Den, der sie zieht?“ Mithin, was seine eigene Natur anlangt, wird er für Nichts gehalten werden, obwohl „Gott war das Wort“, da er keine natürliche Thätigkeit hat und gleichsam unbeseelten Werkzeugen ähnlich ist und dem Willen des Bewegers unterliegt. Wenn er aber eine solche Natur hat (denn so beliebt es den Gegnern, zu schwätzen), warum lockt er uns [lobt er sich?] mit überschwenglichen Worten, da er sagt: „Mein Vater wirket bis jetzt, und auch ich wirke“? Und ausserdem schmückte er selbst ganz klar und deutlich seine eigene Natur mit den gleichen Ehren, da er offen ausrief: „Denn gleichwie der Vater die Todten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will.“ Und doch wie wäre es nicht leicht ersichtlich und von aller Lüge frei, daß er überhaupt keine eigene Thätigkeit, nicht einmal auf der Zunge, habe, sondern die Vollbringung aller Thaten Gott dem Vater allein zuschreibe, wenn er sagen würde: „Mein Vater wirket bis jetzt, und auch ich wirke, durch mich und in mir, und macht auch lebendig, welche er will“? Allein Das sagt er nicht, sondern indem er gleichsam besonders auch den eigenen Kräften es zuschreibt, ungehindert zu thun, was er vollbringen will, nicht weniger als der Vater, hat er klar gezeigt, daß er, als aus der Wesenheit Gottes des Vaters entsprungen und selbstständig für sich existirend, von Natur aus die in jeder Hinsicht gleiche Macht und gleiche Wirksamkeit mit sich führe. Denn nicht werden wir, das sehr weit Abstehende und Hocherhabene nach uns beurtheilend, zugeben, die in Gott gedachte Kraft, das heißt der Sohn, sei an sich selber ohne eigene Existenz. Denn sie ist, sie ist lebendig und selbstständig, auf unaussprechliche Weise wie aus einer Quelle aus dem eigenen Vater entsprungen und mit den Vollkommenheiten der Gottheit nicht in übertragener Weise, sondern vielmehr wesenhaft ausgezeichnet.

B. Darum sprach auch der göttliche Moses: „Im Anfange schuf Gott den Himmel und die Erde.“ Wohl wissend aber, daß die Macht aus und in Gott, das heißt der Sohn, Gott nicht fremd sei, sprach der große David: „Durch das Wort des Herrn sind die Himmel befestigt worden und durch den Odem seines Mundes alle Macht derselben.“ Sollte nicht, sag’ mir, das aus und in Gott dem Vater seiende Wort als von ihm unterschieden gedacht werden, ich meine dem eigenen hypostatischen [selbstständigen] Sein nach?

B. Unterschieden gewiß; denn es subsistirt für sich, wenn es auch wesensgleich ist.

A. Wenn also der Vater Alles in’s Dasein setzt und die Himmel befestigt, wie ist das Wort der Schöpfer hievon?

B. Erkläre es selbst mir, der zu lernen verlangt.

A. Recht gern. Aber scharf und sehr zur Feinheit zugefeilt ist die Erklärung. Die Natur der einen Gottheit wird in heiliger und wesensgleicher Dreiheit erkannt sowohl von uns selbst als von den heiligen Engeln. Und es ist in eigener Subsistenz [Hypostase] der allvollkommene Vater, ebenso aber auch der Sohn und der Geist; aber der schöpferische Wille eines der Genannten, aus was immer er gerichtet sein mag, ist zwar seine That, aber er geht durch die ganze Gottheit hindurch und ist gleichsam eine gemeinsame Handlung der übergeschöpflichen Wesenheit, die indeß auch jeder Person für sich angehört, gleich als ob sie durch drei Subsistenzen einer jeden, die an sich selbst allvollkommen ist, besonders zukomme. Es wirkt also der Vater, aber durch den Sohn im Geiste; es wirkt auch der Sohn, aber als Macht des Vaters, da er aus ihm und in ihm gedacht wird in eigener Existenz; es wirkt auch der Geist, da er der allwirksame Geist des Vaters und des Sohnes ist.

B. Nicht für Alle erreichbar ist, was du gesagt hast, gleichwohl aber hat es die Wahrheit selbst zur Grundlage.

A. Darum wollen wir, die Darstellung der so subtilen Gedanken ein wenig herunterziehend, einen anderen Weg gehen, wenn es beliebt, indem wir die Beweise aus anderen Argumenten sammeln.

B. Laß uns gehen, ich werde gern folgen.

A. Also, wenn der Sohn nicht die Kraft des Vaters ist, sondern, gleich den Geschöpfen auch selbst im Besitze einer geliehenen Macht, auf Erden die Wunderthaten wirkte, dann sage, wie ihn nicht Einer tadeln könnte, und zwar ganz mit Recht. Denn er wollte den Aussätzigen nicht zurechtweisen, obwohl er sagte: „Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen,“ sondern steigerte ihm gleichsam seine Unwissenheit noch ärger, indem er sogleich versprach oder vielmehr sogar befahl, seine Bitte solle geschehen. Denn „ich will“, sprach er „sei rein.“ Gewisse Blinde aber, als sie ihn angingen und sprachen: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“ fragte er wieder: „Was wollt ihr, daß ich euch thun soll?“ Als sie aber flehten, er möge ihnen das heißersehnte Licht verleihen, gab er es ihnen wieder ohne Säumen. Und doch, was hätte er nicht vielmehr zu dem Aussätzigen sagen sollen: „Der Vater will, sei rein!“ zu den Blinden aber: „Was wollt ihr, daß euch der Vater thue?“ Werden wir nicht sagen, besser hätten die heiligen Apostel bedacht und gethan, die sehr wohl den Schein abschüttelten, durch eigene Macht und Thätigkeit die Wunder vollbringen zu können? Denn sie sagten zu dem an der schönen Pforte Sitzenden: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh’ auf und wandle!“ zu einem Anderen aber:  „Äneas, es heilt dich Jesus Christus!“ Da aber darum Manche die That nicht für unerstaunlich hielten, sagten sie offen: „Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darob und schauet uns an, als hätten wir durch eigene Macht oder Tugendkraft ihn wandeln gemacht?“ Sie glaubten nämlich, Christo und nicht sich selber die Ehre zuschreiben zu sollen, da ja auch in Wahrheit von der Gnade und Thätigkeit in ihnen Christus gleichsam die oberste Quelle und Wurzel war. Denn da er sie vor den Anderen erwählte und zum Apostelamte verordnete, schmückte er sie sogleich mit göttlichen Gaben und verlieh ihnen als Gott die Macht, ohne Mühe Wunder zu thun, und sprach: „Heilet Kranke und Todte wecket auf; Aussätzige reiniget, Teufel treibet aus; umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebet es!“ Da sie also ganz gut und möglichst schön bedachten, wer der Geber und Spender der ihnen inwohnenden Kraft sei, flochten sie ihm den Kranz der Ehre, indem sie den Kranken immer zuriefen: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth,“ den auch der göttliche Sänger uns ansingt mit den Worten: „Der Ruhm ihrer Macht bist du, und in deinem Namen werden sie frohlocken den ganzen Tag.“ Erklärst du es nicht für höchst lobenswerth von den heiligen Aposteln, daß sie in Christo sich rühmen wollten und ihn gern zum Ruhme der durch sie selbst vollbrachten Wirksamkeit machten?

B. Allerdings.

A. Was würden sie uns nun darauf antworten, o Hermias, wenn wir zweifelhaft wären und fragten, warum nicht auch der Sohn selbst, die Ehre der Macht für seine Person ein für allemal abweisend, nur des Vaters gedenkt, sondern dem eigenen Wollen die Wunder zuschreibt, indem er einerseits erklärt, er mache, die er will, leicht lebendig, in gleicher Weise wie der Vater und in gleicher Macht, anderseits aber dem Aussätzigen seinen Willen gibt zur Reinigung des Übels und den des Gesichtes Beraubten seine Berührung mit der Hand schenkt ? Ist es noch zweifelhaft oder vielmehr nicht sogar zweifellos, daß er, der selbst die Macht Gottes des Vaters ist, die Schöpfung wieder in den ursprünglichen Zustand herstellt, indem er die schöpferische Wirksamkeit nicht als eine verliehene, nicht als eine übertragene (daran fehlt viel), sondern vielmehr als Frucht und Bethätigung seiner eigenen Natur hat wie gewiß auch der Vater? Es ist aber, wie mir scheint, eine That und ein Werk derselben Kraft und Thätigkeit, am Anfange Alles aus der Nichtexistenz in das Sein überzuführen und das Geschaffene und durch die Sünde Verdorbene und dem Drang zum Schlechten und Bösen Unterliegende zum ursprünglichen Zustand umzubilden.

B. Wie also sprach er unverhohlen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, der Sohn kann Nichts von sich selber thun, wenn er es nicht den Vater thun sieht; denn was dieser thut, Das thut auch der Sohn auf gleiche Weise,“ und ausserdem: „Von mir selber thue ich Nichts: der Vater aber, der in mir wohnt, der thut die Werke“? Wenn ich Das richtig lerne, so will ich dir keinen geringen Dank wissen.

A. Erinnere dich also an Das, was wir soeben von der heiligen und wesensgleichen Dreiheit sagten! Ich sagte nämlich, daß, indem drei Subsistenzen sind, besonders sowohl als auch an einander hängend, als in einer Natur der Gottheit, das Wirken einer Person auch von der ganzen Wesenheit ausgesagt wird und von jeder Hypostase besonders; denn sie pflegt sich ganz gleichsam im Ganzen und besonders durch jede zu belegen [bethätigen].

B. Ich erinnere mich; wie denn nicht?

A. Wenn also Gott der Vater Etwas wirken will in Bezug auf die Schöpfung, so wird der Sohn nicht unthätig sein; und wenn etwa der Sohn Etwas wirkt, wird der Vater nicht thatlos sein, da ja ein Gott und Schöpfer ist. Denn der Eine wird im Anderen gedacht und ist es in Wahrheit vermöge der Natureinheit und Wesensgleichheit, wenn sie auch unterschieden gedacht werden in besonderen Subsistenzen und Personen.

B. Du hast Recht.

A. Nachdem wir nun Dieses so ganz gut und, wie es recht ist, betrachtet haben, wohlan, so laß uns die hierin gelegene Heilsordnung erwägen und die Kunst in den Reden des Heilandes bewundern, der immer als Zug [Mittel] zum Glauben das Wunder hat. Und wenn den Reden das Wunderthun folgt, dann werden sehr leicht zur richtigen Einsicht auch Die kommen, die schon sehr zum Abfalle geneigt sind. Und Dieses wohl wissend sprach auch Christus selbst zu dem Hauptmanne: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, glaubet ihr nicht.“

B. Ich verstehe, was du meinst. Du willst nämlich, wie ich glaube, sagen, daß Christus Wunder wirkte, indem er dadurch den Juden einen Nutzen gewährte und gleichsam einen Weg zum Nachgeben und Glauben sinnreich für Diejenigen erfand, welche eine unheilige Scheu davor hatten, die Wahrheit lernen zu wollen.

A. So ist es. Denn dein Scharfsinn, mein Schönster, ist mir zuvorgekommen. Wie glücklich bin ich, einen gescheidten Zuhörer zu haben und in ein williges Ohr gleichsam aus einem Rohre [Pfeife] ein sanftes Lied zu senden. Also, da er an einem Sabbat ein sehr großes Wunder wirkte, fielen herbe und schreckliche Juden über ihn her; indem sie aber gleichsam ein thürloses und ungezähmtes Maul gegen ihn öffneten und zu höchst spitzigen Reden die Zunge schärften, meinten sie, ganz Recht zu haben, und ihn der Brechung des Gesetzes anklagend sagten sie: „Wenn dieser Mensch von Gott wäre, würde er nicht den Sabbat brechen.“ Darum fertigte Christus die Anklagen ab, indem er zeigte, auch selbst der Vater sei am Sabbat thätig und versäume es wegen des Gesetzes nicht, den Geschöpfen den Lebensbedarf wirken zu wollen. Er sagte nämlich: „Mein Vater wirkt bis jetzt, und auch ich wirke.“ Daß aber sein und des Vaters Wille und Macht in allen Werken einer und eine sei, bewies er, indem er beifügte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, der Sohn kann Nichts von sich selbst thun, wenn er es nicht den Vater thun sieht!“ Und er spricht gewissermaßen gröber als nöthig von der göttlichen Feinheit und Erhabenheit. Denn anders war Das nicht zu erklären, was über unsere Rede hinausgeht. Verstehen auch wir fein und subtil [geschnitzelt] und wie es der göttlichen und unbegreiflichen Natur selbst zukommt? „Denn was er den Vater thun sieht,“ sagt er, „Das thut auch der Sohn auf gleiche Weise.“ Ist es nicht wahr, zu sagen, daß, wenn er selbst seine Natur als der Macht bedürftig [ermangelnd] kannte, er, glaube ich, deutlicher und schicklicher gesagt hätte: „Der Sohn kann Nichts von sich selber thun, wenn er nicht die Macht dazu vom Vater bekommt“? Da er sie aber als gleich wirksam und gleich mächtig wußte, so zeigte er, daß, da er eine und dieselbe Wesenheit mit ihm habe, auch er selbst gleich ihm die Werke vollbringe, indem er eines Willens zugleich mit dem Erzeuger an Alles gehe und zu gleichem Wirken und Wollen in Bezug auf Alles gleichsam durch gewisse Gesetze der Gottheit gebunden sei. Das „er kann nicht“ aber hat durchaus und gewiß nicht die Bedeutung einer Machtlosigkeit, sondern bezeichnet auch bisweilen das unwandelbare Verharren einer Natur bei Dem, worauf sie sich stützt und feststeht, wie wenn man etwa sagen würde: Gott kann nicht sündigen. Es könnte aber auch das Licht sagen: Ich kann nicht Nichtlicht sein; und Feuer und Wasser, wenn sie eine Stimme hätten, könnten rufen: Wir können nicht nicht Feuer und Wasser sein. Da aber auch an den über Alles, was man sehen kann, hinausgehenden Wunderthaten die Verwegenen ihren Tadel übten, so schrieb er, um den Schimpf gegen ihn zu beseitigen, die Wirksamkeit seiner Thaten dem Vater zu, indem er sagte: „Von mir selbst thue ich nichts; der Vater aber, der in mir wohnt, der thut die Werke.“ Denn der Vater wirkt durch den Sohn, und er thut nie Etwas ohne die ihm inwohnende Macht, das heißt das aus ihm und in ihm entsprungene und seiende Wort. Darum sagt er auch selbst: „Wenn ich die Werke meines Vaters nicht thue, so glaubet mir nicht; wenn ich sie aber thue, so glaubet, wenn ihr auch mir nicht glaubet, meinen Werken!“ indem er auch hier, glaube ich, die völlige Gleichheit der Macht als strikten Beweis seiner Wesensgleichheit mit ihm hinstellt.

B. Ich habe an dem so richtig Gesagten Nichts zu tadeln; erlaube mir aber noch eine kleine Frage! Du wirst mich aber bereits für ungelehrig und beschwerlich und sonst lästig halten.

A. Keineswegs, mein Freund ! Denn besser als Nachlässigkeit ist die Bereitwilligkeit, und vertheidigen helfen ist ehrenvoll, wenn die Ehre des Heilandes von Jemand verläumdet wird.

B. Sie sagen also: Der von euch für wesensgleich und gleich wirksam mit dem Vater gehalten wird, betet mit uns an. Denn in seiner Unterredung mit dem samaritischen Weibe sagt er: „Ihr betet an, was ihr nicht wisset; wir beten an, was wir wissen; denn das Heil ist aus den Juden.“ Aber, o Verehrteste, sagen sie, der zur Zahl der Anbeter Gehörige, — wie wird Der noch die Ehre der Wesensgleichheit davontragen und um die Gleichheit wettstreiten mit dem angebeteten Vater, da man ihn doch sonst dem Vater den Vorrang und die Erhabenheit über seine eigene Natur einräumen sehen kann. Denn er sprach:  „Von jenem Tage aber oder jener Stunde“ (der letzten nämlich) „weiß Niemand, weder ein Engel im Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater.“

A. Als Anbeter also statt als Gott und als gleich den durch ihn gewordenen Geschöpfen die Kenntniß Gottes des Vaters in Bezug auf das Ende nicht kennend erscheint uns da unerwartet der Sohn gleichsam ex machina. Ist nun Das nicht, bereits lächerlich und mit Recht den Possen der Bühne zu vergleichen? Denn wir werden, wenn sie mit solchen Harlekinaden und menschlichen Folgerungen selbst bis zum Äussersten der Unwissenheit fortgehen, indem sie den Geist gleichsam in Koth versenken, nicht die wohlriechendste Erkenntniß der heiligen Lehren preisgeben. Denn sie scheinen, wie man sieht, ganz vergessen zu haben, obwohl sie es sehr oft sowohl von uns selbst als von der heiligen Schrift gehört haben, daß das Wort, obwohl es Gott ist und in der Gestalt und Gleichheit des Vaters, uns gleich geworden ist nicht bloß nach der Gestalt des Fleisches, sondern auch durch die Eigenthümlichkeiten, oder wie man es sonst nennen mag, der Menschheit. Eine Eigenthümlichkeit aber der Gott unterthänigen und durch das Joch der Knechtschaft im Gehorsam gehaltenen Menschheit ist die Anbetung und das Nichtwissen, welches der Rathschluß und die Absicht Gottes sei. Denn „wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Rathgeber gewesen?“ Und wie, als das Wort uns gleich wurde, sie wohl nicht sagen werden, daß es aufgehört habe, Wort zu sein, und in’s irdische Fleisch sich verwandelt habe, so steht, auch wenn das Menschliche angenommen und sein eigen geworden ist, Nichts im Wege, zu denken und zu sagen, daß es heilsordnungsgemäß zugleich mit der Menschheit Das an sich gehabt habe, was ihr zukommt. Denn gerade Das verlangte auch der Begriff der Entäusserung. Darum sollen sie entweder das Wort offen des Fleisches und Dessen, was damit verbunden ist, entblößen und ein für allemal die ganze Heilsordnung aufheben, und sie werden den Sohn rein als Gott sehen, oder, wenn sie Das scheuen als gottlos und ungereimt, warum dann schämen sie sich des Standes der Menschheit und belieben Das zu tadeln, was der Menschwerdung höchst angemessen ist? Und doch sollte man weise bedenken, daß er, gleichwie er, obwohl von Natur Gott und aus Gott entsprungen, das Menschliche sich zu eigen machte, so auch, Mensch geworden, die der Gottheit gebührende Ehre und Herrlichkeit als eigene hat; denn er wird angebetet nicht nur auf Erden, sondern auch im Himmel, während er doch das Anbetensollen, als Mensch und Jude, nicht verschmäht als etwas Geringes. Denn „als er“, heißt es, „den Erstgebornen in die Welt einführte, sprach er: Es sollen ihn anbeten alle Engel Gottes.“ Wenn sie also das aus Gott stammende Wort vom Samen Abrahams abstammen lassen, so sagen wir thöricht: Es soll auch ein Jude genannt werden und ein Anbeter sein. Wenn aber das Unterfangen ihnen, die Dieses denken wollen, als eine Sache des höchsten Wahnsinnes nachgewiesen wird und sie vielmehr behaupten werden, daß es, als es den Samen Abrahams annahm und dem Fleische nach auch aus der Wurzel Jesse entsprang, sich Jude nennen ließ und auch ein Anbeter wurde, als Mensch, warum lassen sie das Geheimniß der Fleischwerdung als eitel ausser Acht und greifen die Natur des Wortes selbst an und bringen das dem Vater wesensgleiche gottloser Weise dahin, bloß und [des Menschlichen] entkleidet anbeten zu sollen, auch wenn es vielleicht nicht gedacht wird als uns gleich oder unter uns, die, wenn sie anbeten wollen, Niemand, denke ich, tadeln wird, sondern denen Dieß vielmehr zum Lobe gereicht und alle Herzensfreude verschafft? Steht denn nicht von ihm geschrieben, daß er, was das Menschliche betrifft, sich auch unter die höhere Natur, das heißt die englische, erniedrigt habe und ein wenig geringer geworden sei als ihre Herrlichkeit?

B. So ist es; denn Paulus sagt: „Den ein wenig unter die Engel erniedrigten Jesus aber sehen wir wegen der Erduldung des Todes mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“

A. Warum dann haben sie, sage mir, obwohl die Bewohner der Himmelsstadt eine vorzüglichere Natur haben und eine ganz fehllose und völlig untrügliche Erkenntniß Gottes besitzen, doch den von Natur Geringeren und an angeborner Herrlichkeit ihnen Nachstehenden für anbetungswürdig erklärt? Sag’ mir Das, mein Lieber.

B. In der That, auch Dieses ist deine Sache.

A. Wenn also der Nämliche geringer und zugleich unvergleichlich erhaben ist, so werden wir willig der Menschheit zutheilen, was ihr mit Recht zukommt, das Geringere (denn viel geringer als die Engel ist die Menschennatur), der über Alles gehenden Gottheit aber die Überschwenglichkeit und Erhabenheit über das Gewordene und das wesenhafte Hinausragen über alle vernünftige Wesenheit und allen Namen, der genannt wird. Wenn aber auch ohne Fleisch und als noch nicht in unsere Zustände gleichsam verflochten das Wort die Erniedrigung auch selbst unter die Engel, wie es scheint, davontragen sollte, so wird es geringer sein als seine eigenen Geschöpfe und ausserdem Anbeter, ohne daß unsere Rede ihm hälfe oder zur Vertheidigung diente. Wenn aber Dieses zu sagen und zu denken gottlos sowohl als höchst gefährlich ist, es aber geringer ist, weil es auch Mensch ist, so wird folgen, daß man so denke: Anbeter ist er, weil er auch Mensch ist, obwohl er Gott ist von Natur und ebenso wie der Vater von Allen angebetet. Denn es sprach Gott irgendwo durch einen der Propheten: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir wird jegliches Knie sich beugen und jede Zunge bekennen.“Ganz richtig aber den Sohn wesensgleich setzend mit dem Vater und wohl wissend, das Erzeugte sei in der Herrlichkeit des Erzeugers, sagt der heilige Paulus: „Im Namen Jesu Christi wird jegliches Knie sich beugen im Himmel, auf Erden und unter der Erde und jede Zunge bekennen, daß Jesus Christus der Herr ist zur Ehre Gottes des Vaters.“

B. Aber ja, sagen sie, wir werden finden, daß der Sohn zugleich mit dem Vater angebetet werde, daß er aber als geehrt und wohl wissend, wer er von Natur aus sei, auch anbete; denn er überragt zwar die Natur der Geschöpfe, ist aber nicht in gleichem Rang wie der Vater.

A. Als Geschenk also und Lohn der Tugend gewann der Sohn die Ehre der Gottheit, und daß er angebetet werden muß, besitzt er nicht als Würde seiner Natur, sondern einzig und allein durch den Willen des Vaters.

B. So meinen und sagen sie.

A. Wann dann und wie der Vater dem Sohne die Anbetung gewährte, sollen sie zeigen; denn sie werden doch nicht sagen, daß, was sie selber zu meinen belieben, Dieses der Wille Gottes des Vaters sei.

B. Er befahl, sagen sie, den heiligen Engeln ihn anzubeten. Denn was sonst als gerade Dieses bedeutet das: „Als er aber den Eingebornen in die Welt einführte, sprach er: Und es sollen ihn anbeten alle Engel Gottes“?

A. Also, weil es der Vater befahl, behaupten sie strikte, müsse der Sohn angebetet werden; und werden sie läugnen, daß der dem Eingebornen rücksichtlich der Menschheit beigelegte Name „Erstgeborner“ es nothwendig mit sich bringt, daß auch seine Herrlichkeit als eine übertragene erscheine? Denn wann, sag’ mir, wurde er Erstgeborner, als da er Einer unter vielen Brüdern wurde? Wenn also unser Stammverwandter und natürlicher Bruder das Wort auch vor dem Fleische war, warum heißt es nicht, daß es Das im Anfange war, sondern in den letzten Zeiten geworden sei, und wie wird als Eingeborner gedacht der mit zur Schöpfung Gehörige? Da es aber nicht zweifelhaft ist, sondern vielmehr wahr und gewiß, daß er in den letzten Zeiten der Welt Mensch wurde und darum Erstgeborner, so hat er seine Herrlichkeit als eine verliehene und die Anbetung, die ihm gebührt, als eine übertragene. Wenn sie aber meinen, es sei nicht so, so wird die Konsequenz sie zu einer widerwärtigen und ungereimten Thorheit von Gedanken verkehren. Denn man könnte, glaube ich, sagen, Wenn er, weil er Mensch ist, darum Erstgeborner ist, die Zeit aber, wo er angebetet werden muß, diejenige ist, wo er in der größten Erniedrigung war, so wird zu ungewohnter Ehre ihm die Zeit der Erniedrigung gereichen, vor der Menschwerdung aber wird die Geringheit und Unehre sein, da er auch, als in der Gestalt und Gleichheit des Vaters existirend, wie geschrieben steht, zu der so niedrigen Natur sich herabließ, nämlich der menschlichen. Aber wenn er in Unehre war und weit entfernt, angebetet zu werden, warum umstanden die Seraphim den auf dem Throne der Gottheit sitzenden Sohn im Kreise, mit Hymnen und Lobpreisungen ihn beehrend und Herrn Sabaoth nennend und sagend, voll sei der Himmel und die Erde von seiner Herrlichkeit? Denn von welcher Herrlichkeit voll war der Himmel, wenn er das Angebetetwerden vom Vater erst empfing, da er Mensch wurde? Höre den weisen Esdras, der schreibt: „Die ganze Erde spricht von der Wahrheit und der Himmel preist sie und alle Werke werden erschüttert und zittern,“ da doch der selige David von dem allmächtigen Gott ruft: „Der die Erde ansieht und sie zittern macht.“ Der also vor der Menschwerdung und, bevor er Erstgeborner genannt wurde, durch die Vollkommenheiten Gottes des Vaters ausgezeichnet ist, wie sollte Der überhaupt in irgend Etwas geringer sein als der Vater?

B. Es sei, sagen sie, wie du willst; als er Erstgeborner wurde, damals erging auch der Befehl, daß er angebetet werde. Ist ihm Das nicht vom Vater geschenkt?

A. Aber nicht schlechtweg, ob, sondern wann es geschenkt wurde, ist gar sehr zu erwägen, nämlich als er auch Erstgeborner wurde, als zur Brüderschaft mit uns sich herablassend. Denn Das, glaube ich, bedeutet das „Erstgeborner“.

B. Allerdings.

A. Gebührt es dann, sag’ mir, der Menschennatur, als Das, was sie erst, an sich gedacht, wie Gott angebetet werden zu sollen?

B. Keineswegs.

A. Sehr richtig, mein Freund! Denn Das gebührt ausschließlich nur der göttlichen Natur. Also, da der Sohn aus seiner Höhe herabstieg und es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, da hat er, weil er die ihrer Natur nach knechtische und nothwendig anbetende Gestalt sich aneignete, mit uns angebetet. Weil es aber völlig undenkbar war und der richtigen Denkweise zuwiderlaufend, daß nicht in den Ehren des Vaters strahlend erscheinen sollte der aus ihm entsprungene Sohn, auch wenn er im Fleische war, darum wird nun durch Erleuchtung des Geistes dem Himmel, das heißt der Schaar der heiligen Engel, das ihn betreffende Geheimniß erklärt und befohlen, den als Erstgebornen und unter vielen Brüdern aufgeführten Eingebornen und Mitthroninhaber des Vaters anzubeten, indem der Vater ihn nicht zu den ersten Ansängen dieser Ehre erhob, noch auch ihm die Anbetung als etwas Ungeübtes und Ungewohntes zutheilte, sondern den immer und vom Anbeginn der Weltzeiten von ihnen Angebeteten auch als Fleisch geworden zum Anbeten darstellte. Also (ich will nämlich die Rede zu dem Anfänglichen zurückbringen) angebetet hat der Sohn, als er auch Erstgeborner und in der Gestalt der Knechtschaft war, woraus man besonders die Würde der ihm von Natur inwohnenden Erhabenheit erkennen kann. Denn wenn es nur der Gestalt der Knechtschaft zukommt, anzubeten, wem in der Welt ist die freie Schönheit vor der Menschwerdung nicht klar? Daß wir aber, wenn wir sagen, auch die Himmel selbst hätten der Belehrung durch den Geist bedurft, der Natur der heiligen Engel nicht Unrecht thun, sondern auch auf dieser Ansicht, den heiligen Schriften folgend, beharren werden, wird der heilige Paulus beweisen, welcher schreibt: „Damit jetzt den Fürsten und Mächten im Himmel kund werde durch die Kirche und die mannigfaltige Weisheit Gottes, gemäß dem ewigen Rathschlusse, den er vollführt hat in Christo Jesu, unserem Herrn.“ Und ausserdem sagt auch der göttliche Sänger: „Erhebet [öffnet] euere Pforten, ihr Fürsten, und erhebt euch, ihr ewigen Pforten, und einziehen wird der König der Herrlichkeit. Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der Herr der Mächte, er ist der König der Herrlichkeit.“ Denn als nach Beraubung der Hölle und Vernichtung des Todes Christus wieder auflebte und dann in die Höhe fuhr und zu dem Vater im Himmel zurückkehren wollte, befahl der Geist, gewiß durch seinen Zuruf, ihm schleunigst die Pforten des Himmels zu öffnen, und zeigte den oberen Mächten den im Fleische erschienenen Gott mit den Worten: „Der Herr der Mächte, er ist der König der Herrlichkeit.“

B. Es steht also fest, daß er als Mensch anbetete, obwohl er von Natur Gott ist. Du wirst aber sagen, wie ich glaube, daß wir, wenn wir das Richtige denken wollen, auch Das dem Stande der Menschheit zuschreiben sollen, daß er sagt, er wisse jenen Tag und jene Stunde nicht.

A. Ich werde es sagen, wisse es, ohne zu erröthen. Denn ein sehr großer Schwarm nicht ungeprüfter Gedanken, der uns fast sogar auch mit Augenbraunen zuwinkt, befiehlt uns, auf dieser Meinung als einer von aller Schwierigkeit freien und gleichsam breit gefahrenen dahinzugehen. Es wird ja, glaube ich, dem Stande der Erniedrigung die Geringheit der Unwissenheit nicht unangemessen sein, da sie keine eigene Verringerung der Natur des Wortes ist, sofern es als Wort und Weisheit des Vaters gedacht wird. Scheine ich dir denn nicht Dieses weise erwogen zu haben?

B. Gewiß.

A. Welche so alberne und sogar auch listig gesponnene Rede sollte uns denn bereden, annehmen und denken zu wollen, daß Etwas von Dem, was in Gott verborgen ist, der Eingeborne nicht wußte, wenn er anders in Wahrheit, wie die Schrift sagt, die Weisheit und der Rathschluß des Vaters ist?

B. Keine wird den wahrhaft Verständigen bereden.

A. Es wird ja doch wohl auch der weise Paulus nicht gelogen haben, der uns schreibt:  „Denn wie Keiner der Menschen weiß, was des Menschen ist, ausser der Geist des Menschen in ihm, so erkennt auch Das, was Gottes ist, Niemand ausser der Geist Gottes.“

B. Allerdings.

A. Es weiß also der Geist Gottes, was in ihm ist, und Nichts ist ihm verborgen oder unbekannt.

B. Er weiß es, wie denn nicht?

A. Wenn also der Geist des Vaters dem Sohne eigen ist, wie wird er Etwas von Dem, was in Gott verborgen ist, nicht wissen, da er selbst den Geist, der Alles, was im Vater ist, weiß, als eigenen hat? Und ich höre ihn doch deutlich zu den Aposteln sagen: „Noch Vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wann aber Jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten; denn er wird nicht von sich selber reden, sondern was er hören wird, wird er reden und das Künftige euch verkünden. Er wird mich verherrlichen; denn er wird es von dem Meinigen nehmen und euch verkünden.“ Ist dir der angeführte Ausspruch klar, und hast du dazu bemerkt, daß er den Beisteher Geist der Wahrheit zubenannte und auch sagte, daß er vom Vater ausgehe,  indem er Alles, was des Vaters ist, für sein eigen erklärte?

B. Ganz richtig.

A. Das die Meinung der Gegner aber als in der That höchst lächerlich und als mit Recht verabscheuenswerth Darstellende kann man nichtsdestoweniger auch daraus erkennen. Denn zu meinen, etwas so Geringes wisse das aus Gott dem Vater stammende und hervorstrahlende Wort nicht, der Abglanz, das Bild, das herrliche Ebenbild seines Wesens, das gleich erhabene und mitthronende, in welchem alle Schätze der Weisheit und Erkenntniß verborgen sind, wie geschrieben steht, welch’ großen Ruhm der völligen Thorheit muß ihnen Das und zwar ganz mit Recht einbringen?

B. Den größten.

A. Aber auch Gott der Vater selbst, glaube ich, bewahre seine Ehre nicht unversehrt, wenn sein Rathschluß und seine Weisheit in der That Etwas nicht wußte.

B. Ich meine auch, daß Jedermann, was immer er wissen mag, gewiß nicht ohne seinen Rath und seine eigene Weisheit wissen wird.

A. Brav, mein Freund. Denn nicht anders als so zu denken, geziemt sich für die Vertheidiger der Wahrheit. Indem wir es also lassen, uns noch mit überflüssigen und langen Reden zu befassen, laß uns auf Dieses kommen. Christus, der Heiland, pflegte bei seinen heiligen Jüngern Etwas Dergleichen zu thun: Wenn sie um Etwas fragten, was die Ehre der Wißbegier für sich hat und keiner höheren Forschung bedarf, so pflegte er die Erklärung zu geben und möglichst fein auszuführen; wenn sie aber übermäßig Etwas von Dem, was über ihre Fassungskraft hinausging, wissen wollten, so pflegte er sie sanft zu hemmen und zu bereden, um das Schicklichere sich bekümmern zu wollen und unterdessen Das zu thun, wodurch sie bei Gott Lob und den ausgezeichneten Ruhm guter Werke erlangen könnten. Da sie also ich weiß nicht wie, was über ihr Maaß war, erfragen und wissen wollten, brachte er sie zur Ruhe, mit nothwendigen Gründen beredend, daß weder den Engeln der Vater es offenbarte, noch auch dem Sohne selbst es bekannt machte, da er ja ein bloßer und, wie sie meinten, Erden-Mensch sei und [als solcher] nicht von Natur aus Gott. Als sie ihm aber anlagen und darauf bestanden, es wissen zu müssen, da schalt er sie schon auch gewissermaßen, indem er sprach: „Es ist nicht euere Sache, die Zeiten und Momente zu wissen, welche der Vater in seiner Macht festgesetzt hat, aber ihr werdet die Kraft des auf euch herabkommenden heiligen Geistes empfangen und werdet mir Zeugen sein in Jerusalem und ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenze der Erde.“ Siehst du, wie er befiehlt, keineswegs nach Dem forschen zu sollen, was über sie hinaus ist, und wie er sie hinüber bringt gleichsam zu Dem, was unter den Händen und schicklicher ist? Das nämlich pflegte er zu thun. So brachten ihm denn auch einst den Blindgebornen die heiligen Jünger zu, da er eben aus den heiligen Mauern herausging, und noch in jüdischen Ansichten befangen nahmen sie den Kranken zum Anlaß ihrer Wißbegier und sprachen auch: „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?“ Da sie aber die göttlichen Gerichte berührten und, sogar über das Schickliche hinausgehend, baten, daß ihnen Das, was den Menschen so unzugänglich und unerreichbar ist, erklärt werde, brachte er sie wieder dahin. Das, was ihnen vertraut war, denken zu wollen, und scheuchte sie weg von der übermenschlichen Erkenntniß und lehrte sie, vielmehr an’s Handeln sich zu halten und gute Werke, indem er sprach: „Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern, sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Wir müssen [Ich muß] die Werke Dessen wirken, der uns [mich] gesandt hat; es kommt die Nacht, da Niemand wirken kann.“ Hörst du, wie er ihre Ansicht als unziemlich und mehr der Unwissenheit der Juden angemessen beseitigt und befiehlt, lieber gut handeln zu sollen, als auf Übermenschliches zu denken, indem er es gewiß der göttlichen Natur zuweist, allein und an sich zu wissen, was sie vollbringen will?

B. Du hast Recht.

A. Wir werden also nicht anders urtheilen, wenn wir richtig denken, als daß, wenn es auch heißt, der Sohn habe als Mensch Etwas mit uns nicht gewußt, er doch, da er Gott ist, Alles wußte, was des Vaters ist, er, durch den und mit dem Gott dem Vater Ehre sei zugleich mit dem heiligen Geiste in alle Ewigkeit. Amen.

Siebentes Gespräch. Vom heiligen Geiste, daß er Gott ist und aus Gott von Natur.

A. Wenn Einer der Weisen ausruft und Denen, die gern zu arbeiten pflegen, fast zusingt: „Die Frucht guter Mühen ist herrlich,“ wirst du dem Spruche die Wahrheit absprechen oder ihn mit Beifall beklatschen, als trefflich und richtig erdacht? Denn sich mühen zu müssen kommt Heiligen zu.

B. So ist es.

A. Wohlan denn also, auf das Ende der Mühen zugehend laß uns mit größtem Muthe die Hüfte gürten und, angethan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und das sehr schneidige Schwert des Geistes ergreifend, welches ist das Wort Gottes, und den Helm des Glaubens, wie geschrieben steht, laß uns den Fabeleien der Andersgläubigen mannhaft entgegenziehen, welche den Verstand und die schamlose Zunge schärfen, indem sie den göttlichen Geist selbst kränken und den Verstand der Schwächeren plündern, weil sie dieselben von der fehllosen und wahren Erkenntniß abbringen und gleichsam in die Abgründe des Verderbens stürzen und das Gift ihrer eigenen Thorheit ausgießen, obwohl das Gesetz durch Moses bestimmt: „Ein Mensch, der die ganze Seele eines Menschen schlägt, und [so daß] er stirbt, soll des Todes sterben,“ und Christus klar und deutlich sprach: „Wer Einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, ärgert, dem gehört, daß ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt werde.“

B. Sehr groß und unerträglich in der That ist das Gericht von Solchen. Denn indem sie die Brüder mißhandeln und das Gewissen der Schwachen schlagen, sündigen sie gegen Christus. Was aber haben auch sie für eine Lehre?

A. Eine Unlehre [Unsinn] ist es, wenn auch von ihnen Meinung und Lehre genannt wird, was sie zu denken belieben. Ich will aber sehr gerne auf deine Frage antworten. Die Einen nämlich, zu zügelloser Frechheit geneigt und nackter Schamlosigkeit sich bedienend, sagen, geschaffen und geworden sei der Geist Gottes; Andere aber wieder, das Grobe der Lästerung gleichsam verfeinernd, schämen sich zwar, wie billig, dieser Meinung; indem sie aber die dießbezügliche Lehre zu einem feineren Irrthum zudrechseln, sagen sie zwar, er sei nicht Gott, glauben aber, obwohl sie ihn von der höchsten Wesenheit herabziehen, er sei einzigartig und habe eine eigene und mittlere Natur bekommen, welche nicht zur höchsten Vollendung kommt, aber doch es erlangt und erreicht hat, den Rang des Geschöpfes um viel zu überragen.

B. Und was wäre dann Das für eine Natur, welche weder Gott ist noch auch ein Geschöpf? Denn dazwischen liegt, glaube ich, gar Nichts. Denn einzig ist der vollendete Unterschied dazwischen, der Gott und Schöpfung ihren Naturen nach trennt, und nichts Anderes kann man in Dem, was als seiend gilt, bemerken als einzig und allein diese [Beiden]. Oder denkst du, daß man ausser Diesen Etwas zulassen müsse?

A. Keineswegs, mein Freund; denn Alles, sagt die heilige Schrift, sei durch den Sohn geschaffen worden, so daß, wenn Etwas von Allem, was ist, der Natur nach sich scheidet, es auch der Geringheit des Geschaffenseins entflieht, [darüber hinaus ist] und durch die Erhabenheit seiner Natur als Gott erkannt wird; es wird uns aber auch das Umgekehrte von der Wahrheit nicht abweichen. Denn wenn Etwas nicht Gott ist von Natur, wird es gewiß zu dem Gewordenen gehören. Entweder also sollen sie den göttlichen und heiligen Geist in die Höhe rücken und bekennen, er sei wesenhaft geschieden von der Schöpfung, oder sie sollen ihn vom obersten und höchsten Throne herunterziehen und unter die Geschöpfe rechnen. Denn ein Ort oder Begriff liegt uns keiner dazwischen, der die Zugehörigkeit zu Beiden abwiese. Denn zu sagen, der Geist sei einzigartig, und ihm die dießbezügliche Ehre beimessen zu wollen, wie wäre Das nicht völlig eitel, da sehr Vieles, auch wenn es zu den Geschöpfen zählt, die Einzigartigkeit an sich hat. Denn eine ist die Sonne und einer der Mond, Erde aber gibt es keine andere als diesem eine aber ist auch die Natur alles Wassers, da sie die Einzigartigkeit bewahrt, wenn auch in seinen Beschaffenheiten eine Veränderung stattfindet. Ein Vorwurf [Merkmal] also von Unverstand und kindischem Sinne ist es, wenn Manche den heiligen Geist durch so frostige Spitzfindigkeiten zu vergolden und mit den höchsten Ehren zu krönen meinen und ihn in den Rang der Schöpfung einzuschließen sich erfrechen, so daß er nicht durch unvergleichliche Vollkommenheiten von ihr geschieden ist und sie überragt, wie gewiß auch der Vater und in der That auch der Sohn, sondern in eine gebückt und niedrig sitzende und gar keinen Ort unter den Seienden findende Natur gottlos hineingezwängt wird.

B. Wie nun, wenn sie fragen: Wo ist der heilige Geist Gott genannt?

A. Wo aber, sag’, und von wem ist Der den Geschöpfen gleichartig genannt, welcher mit dem Vater und Sohne zusammengestellt und zusammengerechnet wird und in den Glauben an die eine und allerhöchste Gottheit ausgenommen ist? Oder befahl der Heiland den heiligen Aposteln nicht, also zu lehren: „Gehet hin,“ nämlich sagt er, „und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!“ Darum fragte auch der selige Paulus Einige der Gläubigen: „Habt ihr nach Annahme des Glaubens den heiligen Geist empfangen?“ Als aber Jene Dieß verneinten und offen sagten: „Aber wir haben nicht einmal gehört, ob es einen heiligen Geist gibt,“ schalt er sie mit den Worten: „Auf wen also seid ihr getauft?“ da er wußte, es stehe nicht gut mit dem Glauben, und er könne nie richtig sein, wenn er nicht vollständig wäre an Gott den Vater und den Sohn und den heiligen Geist, das Bekenntniß hervorbringend. So haben ihn Die überliefert, die von Anfang Augenzeugen und Diener des Wortes waren; so haben uns die Väter unterwiesen, und Sache der Weisen ist es, die Schriftstelle zu wissen:  „Verrücke nicht die ewigen Grenzen, welche deine Väter gesetzt haben.“ „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,“ wie die Schrift sagt. Denn wir sind getauft auf eine Gottheit und Herrheit von Vater, Sohn und heiligen Geist, nicht als auf eine Mehrheit von Göttern, noch auch als Diener der Schöpfung; oder es gilt von uns das wahre Sprüchwort:  „Ein Hund, der zu seinem eigenen Gespei zurückkehrt,“ und: „Ein Schwein, das sich in einer Mistjauche badet“. Denn die wir vom Dienste des Geschöpfes neben dem Schöpfer befreit wurden, durch den Glauben nämlich an den einen wesenhaften und wahrhaften Gott, und die wir es für Ruhm und Hoffnung des Heiles halten, den alten und unheiligen Irrthum abgelegt zu haben, — wohin denn und woher wir gehen, wenn wir nicht bekennen, der Geist sei durch den Thron der wahrhaftigen Gottheit wesenhaft ausgezeichnet, wisse, Das vermag ich nicht zu denken und kann es nicht sagen, oder vielmehr es ist klar und sehr leicht. Vom Fahrwege nämlich sind wir abgekommen und haben uns verirrt nicht minder als ehedem; getäuscht aber hat uns, wie es scheint, Paulus, wenn er so schreibt: „Aber damals, da ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr Denen, die keine wahren Götter sind; jetzt aber, da ihr Gott kennet oder vielmehr von ihm erkannt seid, wie kehret ihr euch wieder zu den schwachen und armseligen Anfangsgründen, denen ihr neuerdings wieder dienen wollet?“ Denn wo überhaupt kennen wir den wahren und wesenhaften Gott, wenn wir nicht mit Gott dem Vater seinen Geist als Gott betrachten?

B. Ja, sagt Einer, wir erkennen den Vater und den Sohn als Gott, nicht aber auch den Geist.

A. Aber nicht Derer, die ihren Verstand geschändet haben, werden wir uns als Lehrer bedienen, noch an die Geister des Irrthums uns halten, wie die Schrift sagt, sondern vielmehr glauben, in Gott sei und existire wesenhaft sein Geist, wie auch im Menschen der menschliche. Und wie, wenn Jemand uns den Petrus etwa oder Johannes nennt, er mir gewiß zugleich mit ihnen auch ihren, ihnen inwohnenden Geist andeutet und das ganze Lebewesen bezeichnet, ebenso, glaube ich, ist es mit dem Vater und Sohne. Denn mit jedem von beiden wird der Geist mitbezeichnet, und [zwar] nicht als Theil desselben, wie wir es auch bei den Menschen sehen. Denn er subsistirt für sich, und es läßt ihn der Vater von seiner eigenen Natur ausgehen und ertheilt ihn auch der Sohn den Würdigen. Gottlos aber und ganz thöricht ist es, die Natur der Gottheit zu einer Zweiheit zuzustutzen und gleichsam zusammenzuziehen, obwohl die heilige und von Gott eingegebene Schrift sie gleichsam in drei Subsistenzen auseinander faltet, sie aber durch die vollständige Gleichheit und Ähnlichkeit wieder in eine natürliche Einheit und Identität des Wesens zusammenfaßt.

B. Woher also, sagt Einer, oder wie soll man auch den Geist als Gott denken?

A. Durch Das, was zu sein seine Natur ist, o Trefflicher, und aus Dem, was er seiner Natur nach ist, wird er, so viel wie möglich, erkannt. Die Dinge werden aber richtig erkannt aus Dem, was ein jedes in Wahrheit ist. Um die Namen aber kümmern wir uns nicht gar viel zur nothwendigen Bezeichnung des fehlerlos Erkannten, obwohl auch die einem jeden angemessene Benennung für die Dinge nützlich ist.

B. Dunkel ist die Rede, und ich verstehe sie nicht recht.

A. Ich will fragen (ich will nämlich das Angedeutete, so viel ich kann, erklären): Wenn Jemand von Einem sagt: ein denkendes, sterbliches, für Vernunft und Wissenschaft empfängliches Lebewesen, was, meinst du, wird er definirt haben, mein Guter?

B. Den Menschen natürlich.

A. Wenn er aber auch sagen würde: ein Lebewesen, mit dem Zusatz: das wiehern kann?

B. Ich sollte meinen, ein Pferd.

A. Aber, da er doch den Namen eines jeden der Definirten verschwiegen hat, wie sagst du nun: ein Mensch und ein Pferd?

B. Weil er die Natur des Menschen und des Pferdes definirt hat.

A. Wenn nun aber Jemand, weil du Das gesagt hast, dich tadeln und sagen würde, weder sei das vernünftige Lebewesen ein Mensch, noch auch das wiehernde ein Pferd, weil die Namen den Definitionen nicht beigefügt sind, werden wir nicht urtheilen, ein so Unwissender müsse über die Maßen albern und dumm genannt werden?

B. Allerdings.

A. Wenn aber Einer dich fragen würde und wissen mochte, warum du Das thust, was würdest du antworten?

B. Ich würde sagen: Weil es einfältig ist, das so richtig und kunstgerecht Definirte zu tadeln. Denn jedes Ding hat sein eigenes Wort, welches anzeigt, was es in Wahrheit ist; in einem anderen Sinne aber werden oft die Namen genommen.

A. Wahrer also und irrthumslos ist die Bezeichnung der Dinge, wenn ein jedes aus Dem, was es seiner Natur nach ist, genau erforscht wird, und keineswegs aus den Namen. Oder werden wir denn nicht der über Alles herrschenden Natur die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit, die Ewigkeit und Unwandelbarkeit zuschreiben?

B. Wie denn nicht?

A. Was ist aber, sag’ mir, Gott?

B. Eben sie, natürlich.

A. Aber eigenthümlich ist ihr die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit; der Name „Gott“ aber ist gemeinschaftlich auch für die Engel und uns selbst, wenn auch übergetragen und geschenkt. Deßgleichen dem Menschen kommt die Vernünftigkeit zu, der Name „Mensch“ aber auch den ans Stein Gemachten oder aus einem anderen Stoffe zur Menschengestalt schön Zugearbeiteten. Geh’ also hin und sieh’, ob der Geist Gott ist und in Gott und aus ihm der Natur nach, zumal da er auch in den Eigenschaften der Gottheit wesenhaft strahlt, oder ob er, nach Jenen, die Anklage und Beschuldigung als wahr und hinreichend annimmt, selbst der Wesensgleichheit mit Gott verlustig gehen zu müssen, weil er nicht Gott genannt ist. Gleichwohl werden wir sie auch hierin ohne Mühe als Lügner überführen, indem wir uns nicht unpassender Folgerungen bedienen, sondern aus den heiligen Schriften schöpfen und von der eitlen Geschwätzigkeit wie von einer Augenunreinigkeit unseren Geist befreien.

B. Ich will zugeben, daß es bei weitem und unvergleichlich besser ist, nachzusehen, ob der heilige Geist durch die Eigenschaften der Gottheit ausgezeichnet ist, und Nichts in ihm geringer ist als der Vater und der Sohn, als unverständig zu klügeln und vergeblich zu schwitzen mit dem bloßen Suchen nach dem Namen.

A. Sehr klug und ganz richtig sprichst du, o Hermias. Denn Das ist, glaube ich, das Bessere und Richtige. Gleichwohl aber können die überaus wißbegierigen Gegner sehen, daß der Geist auch Gott genannt ist. Denn der heilige und höchst ehrwürdige Petrus überführte den Ananias des Diebstahls an den heiligen Weihegaben und schalt ihn sehr mit den Worten: „Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, daß du den heiligen Geist belogest und von dem Preise des Landgutes [Etwas] entfremdetest? Wenn es [unverkauft] blieb, blieb es nicht dir, und, verkauft, stand es nicht in deiner Willkür? Warum hast du diese Sache dir in den Sinn kommen lassen? Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen.“

B. Ja, sagt Einer, denn Gott belügt, wer Dieß gegen den heiligen Geist thun will.

A. Wie denn, mein Lieber, ausser wenn der heilige Geist Gott ist?

B. Weil, wenn Jemand, sagt er, gegen die Heiligen fromm sein will, er gegen Gott fromm ist. Darum sprach Christus zu den heiligen Jüngern deutlich: „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf.“ Und doch sagen wir, die wir der richtigen und nothwendigen Denkweise folgen, nicht, die Jünger seien wahrhaftige Götter, wiewohl man den Sohn aufnimmt, wenn man die Heiligen beherbergt. In ähnlicher Weise also vielleicht sündigt, wer gegen den Geist sündigt, gegen Gott, der ihn gesandt hat.

A. Aber wo die genannten Wesen durch gleiche Kräfte und unverschiedene Eigenschaften von Natur aus sich auszeichnen und daher nothwendig als gleichen Wesens mit einander gedacht werden müssen, da ist die Hinaufbeziehung auf ein Höheres gewiß überflüssig; es werden vielmehr wegen der Wesensgleichheit Beide in Beiden sein und Jenes wie Dieses, Dieses aber wie Jenes. Wo aber eine natürliche Ungleichheit gewisse Wesen trennt, so daß sie sich verschieden verhalten, da möchte ich die Hinbeziehung auf ein Höheres nicht für unstatthaft und ungereimt erklären. Wenn also der Geist nicht wesensgleich ist mit Gott, so wird nicht gegen Gott sündigen, wer gegen ihn [den Geist] sündigt. Da müßte man eine Emporbeziehung auf Den annehmen, der ihn gesandt hat. Wenn aber jeder Vernunftgrund sie auch wider Willen dahin treibt, den Geist durch die Wesensgleichheit mit Gott zu ehren, so sollen sie sich endlich ihrer eigenen Erfindungen schämen, weil sie das Wesensgleiche Demjenigen gleich achten und setzen, was mit Gott nicht wesensgleich ist. Denn es gilt nicht gleichviel, Etwas gegen die Heiligen zu thun und gegen den heiligen Geist; sondern wenn von einem Menschen die Rede ist, werden wir mit Recht die Hinbeziehung auf Gott, der höher ist, annehmen; wenn es sich aber um den heiligen Geist handelt, so wird Alles, was gethan wird, gegen die göttliche und unaussprechliche Natur sein, indem es nicht durch ein Mittelglied [mittelbar] gegen ein Höheres geht, sondern direkt und unmittelbar gegen die höchste und überweltliche Schönheit sich erhebt. Darum wird wegen der Identität der Wesenheit mit Gott dem Vater zusammengestellt, wiewohl nach der bloßen Ordnung der Namen an dritter Stelle von uns ausgesprochen, der Name des Geistes; er wird aber auch zusammengestellt mit dem Sohne. Denn Christus sprach, das samaritische Weib gut unterrichtend: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.“ Es schreibt aber auch Paulus: „Wir aber, enthüllten Angesichtes an der Herrlichkeit des Herrn uns spiegelnd, werden in dasselbe Bild umgestaltet von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Geiste des Herrn,“ und wieder: „Der Herr aber ist der Geist.“

B. Wesensgleich also ist der Geist mit dem Vater und dem Sohne?

A. Ja, da die Heiligen nicht anders die Theilnahme an Gott erlangen können als durch den Empfang des Geistes. Werden wir denn der göttlichen Natur theilhaftig gemacht, wie die Schrift sagt, indem wir Mitknechte einer beschaffenen und gewordenen Natur sind, oder indem wir wahrhaftig, so viel als möglich, einen Antheil an der Gottheit erlangen und so ein Geschlecht Gottes heissen?

B. Wenn man am Feuer nicht Theil haben kann ohne Feuer, wie sollte man auch der Gottheit theilhaftig werden ohne Gott?

A. Was aber in uns ist als Gott und die Stelle und Wirksamkeit Gottes erfüllt, ist es möglich, daß Das nicht Gott sei?

B. Wie sollte es?

A. Schau’ also, wie Gott vordem den Alten zurief: „Darum bin ich bei euch, spricht der Herr, der Allmächtige, und mein Geist steht in euerer Mitte, seid getrost;“ uns aber der heilige Evangelist: „Daran erkennen wir, daß er in uns wohnt, aus dem Geiste, den er uns gegeben hat.“ Auf welche Weise denn, sag’ mir, war Gott bei den Alten, während der Geist dabei stand, oder wie ist er auch in uns selbst, die den Geist haben? Denn es kann doch der Geist nicht die Anwesenheit des wahrhaftigen Gottes in uns vollenden, wenn er von anderer Natur ist als Gott.

B. Keineswegs.

A. Der Geist ist also Gott und aus Gott von Natur; oder wenn sie meinen, es sei nicht so, nach ihnen, so wird bereits als eitles Märchen und in der That als Täuschung erscheinen das Wort des höchst weisen Paulus, der an Die, welche den Geist empfangen hatten und durch ihn prophezeiten, also schreibt: „Wenn aber Alle prophezeien, und es tritt ein Ungläubiger oder Unkundiger ein, so wird er von Allen überführt, von Allen gerichtet; das Verborgene seines Herzens wird offenbar. Und so wird er, niederfallend auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, daß Gott wahrhaftig in euch ist.“ Und auch den Liebhabern von Sprachen sagt er: „Wer daher in einer Sprache redete redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott, denn Niemand hört ihn; im Geiste aber redet er Mysterien.“ Wo [wie] denn überhaupt soll man denken, daß Denen, die im Geiste prophezeien, Gott inwohne, oder wie redete wer mit Gott spricht, im Geiste Mysterien, wenn der natürlichen Identität mit Gott sein Geist entbehrt?

B. Wie wahr und richtig ist, was du sagst.

A. Und ausserdem möchte ich sagen, daß eine sehr große Anzahl und zwar nicht unverständiger Gründe uns zu Gebote steht, die uns frisch hinwegführt von der Lästerung gegen den Geist und auf die Pfade der Wahrheit leitet.

B. Wie meinst du?

A. Sagen wir nicht, nach dem Bilde Gottes sei der Mensch aus Erden geschaffen?

B. Wie denn nicht?

A. Was uns aber das göttliche Bild einprägt und wie ein Siegel die überweltliche [übernatürliche] Schönheit ausdrückt, ist Das nicht der Geist?

B. Aber nicht als Gott, sagen sie, sondern als Diener der göttlichen Gnade.

A. Nicht er selbst also, sondern die durch ihn verliehene Gnade wird uns eingezeichnet?

B. Es scheint.

A. Es sollte also der Mensch nothwendig Bild der Gnade und nicht vielmehr Bild Gottes genannt worden sein. Auch Dieß aber erwäge; denn vernünftig, wie ich glaube, und einfach ist die Rede. Geschaffen nämlich wurde am Anfange das Lebewesen, da Gott es bildete und gleichsam durch eigene Handanlegung es ehrte, wie die Schrift erzählt. Nachdem es aber in’s Dasein gesetzt war, wurde es gestaltet nach Gott, da ihm der Lebensodem eingehaucht wurde. Nachdem es aber die Heiligung durch die Verkehrung zum Bösen eingebüßt hatte, wurde es wieder zur anfänglichen und ursprünglichen Schönheit zurückgebracht, indem Christus das Veraltete zu göttlicher und geistiger Form erneuerte, und nicht auf andere Weise als jene frühere, denn er hauchte die heiligen Apostel an mit den Worten: „Empfanget den heiligen Geist!“ Oder ist Einer, wenn er in Christo ist, nicht eine neue Schöpfung?

B. Ja.

A. Ist es nun nicht wahr, zu sagen, oder vielmehr gewissermaßen sogar nothwendig, zu denken, daß, wenn das Veralten und die Verderbniß den Verlust des in der Heiligung bestehenden Bildes mit sich brachte, — wir dann auch zugeben müssen, daß durch die Rückkehr zu dem Ursprünglichen und die Erneuerung durch Christus die Erlangung der Ähnlichkeit mit Gott stattfinde?

B. Allerdings.

A. Aber wenn von der Wesenheit des Geistes die durch ihn verliehene Gnade verschieden ist, warum sagte nicht deutlich Moses, daß dem in’s Dasein gesetzten Lebewesen der Schöpfer von Allem zuletzt durch den Lebensodem die Gnade einhauchte, Christus aber zu uns: „Empfanget die durch den Dienst des heiligen Geistes vermittelte Gnade!“ sondern wurde bei Jenem gesagt: „Lebensodem“ (denn wahres Leben ist die Natur der Gottheit, wenn es anders wahr ist, daß wir in ihm leben, uns bewegen und sind), durch die Stimme des Heilandes aber: „Den heiligen Geist“, da er ja in Wahrheit den heiligen Geist selbst in die Seelen der Gläubigen einführt und eingießt und durch ihn und in ihm sie umbildet zur ursprünglichen Form, das heißt zu sich selbst oder zur Ähnlichkeit mit ihm durch die Heiligung, und so uns zurückbringt zu dem Urbilde des Bildes, das heißt zu dem Ebenbilde des Vaters? Denn das wahrhaftige Ebenbild und zwar von vollkommen genauer Ähnlichkeit ist der Sohn selbst; das reine und natürliche Gleichniß aber des Sohnes ist der Geist; und wenn nach ihm auch wir gestaltet werden durch die Heiligung, so werden wir geformt nach der Gestalt Gottes selbst. Das Wort des Apostels aber wird uns hiezu bereden; denn „Kinder“, sagt er,  „mit denen ich neuerdings in Wehen liege, bis Christus in euch gestaltet ist.“ Er wird aber gestaltet durch den Geist, der uns durch sich zu Gott erneuert. Wann wir also nach Christus gestaltet werden und er selbst uns eingezeichnet und wohl geformt wird als durch den ihm von Natur aus ähnlichen Geist, so ist mithin der Geist Gott, welcher nach Gott gestaltet, nicht als durch eine durch ihn vermittelte Gnade, sondern als Der, welcher die Theilnahme an der göttlichen Natur durch sich selbst den Würdigen verleiht. Daß aber wahres Gleichbild des Sohnes der Geist ist, vernimm vom seligen Paulus, welcher schreibt: „Denn Die er vorherwußte, hat er auch vorherbestimmt, gleichförmig zu werden dem Bilde des Sohnes; Diese hat er auch berufen.“ Wir werden also erneuert zur Ähnlichkeit mit dem heiligen Geiste oder mit Gott durch Glauben und Heiligung und die Verbindung mit ihm, natürlich aber mittelst Theilnehmung und geschenksweise, wenn wir auch Theilhaber der göttlichen Natur genannt sind.

B. Ich kann an dem Gesagten Nichts aussetzen.

A. Tempel Gottes aber und sogar auch Götter sind wir genannt und sind es, warum denn? Frage die Gegner, ob wir in der That Theilhaber einer bloßen und unselbstständigen Gnade sind. Aber so verhält es sich keineswegs. Denn Tempel sind wir des seienden und subsistirenden Geistes; wir sind aber durch ihn auch Götter genannt, da wir durch die Verbindung mit ihm an der göttlichen und unaussprechlichen Natur Theil haben. Wenn aber der uns durch sich zu Göttern machende Geist in der That fremdartig ist und von der göttlichen Natur wesenhaft verschieden, dann sind wir betrogen um unsere Hoffnung, die wir an nichtigem Ruhme ich weiß nicht wie uns erfreuen. Denn wo sind wir noch Götter und Tempel Gottes, wie die Schrift sagt, durch den Geist, der in uns ist? Denn was selber nicht Gott ist, wie kann Dieses die Sache Anderen verleihen? Aber fürwahr, wir sind Tempel und Götter! Wir dürfen uns aber nicht an die Irrlehrer halten. Nicht wesensverschieden also von Gott ist sein Geist.

B. Aber wenn er nicht wesensverschieden ist, wie du sagst, warum ist nicht auch er entweder Vater oder der Sohn?

A. Aber meinen sie denn, sag’ mir, der heilige Geist werde mit Recht der höchsten und Alles überragenden Natur verlustig gehen, weil er weder Vater noch Sohn ist?

B. So denken sie.

A. Aber man wird sie überführen, daß sie auch Dieses höchst unverständig und gottlos erdacht haben zur Verkehrung der Einfältigen, wenn man die richtige Lehre in’s Auge faßt. Denn nicht dadurch, daß er Vater ist, ist der Vater Gott, noch auch dadurch, daß er Sohn ist, ist der Sohn Gott. So sag doch: Wird nicht, wenn Das, was zeugt und gezeugt wird, wahrhaftige Gottheit ist, gewiß und jedenfalls Alles, was gezeugt hat oder gezeugt ist, in der That auch Gott sein? Aber eine solche Behauptung ist ohne Zweifel verwegen. Denn nicht ist der Vater Gott, weil er gezeugt hat, noch der Sohn Gott, weil er gezeugt ist, sondern als Gott hat der Vater gezeugt und als Gott ist der Sohn gezeugt. Nichts also verwehrt und hindert mehr, zu glauben, der göttlichen Natur eigen sei der auf natürliche Weise aus ihr und in ihr seiende heilige Geist, obwohl er weder Vater noch Sohn ist; aber welches die Natur des Geistes sei, müssen wir untersuchen, indem wir für jetzt die Eigenheit der Namen bei Seite lassen, welche nicht die Gottheit bezeichnet, sondern, wie die Existenzweise eines Jeden der Genannten von uns gedacht werden soll, andeutet. Denn daß er gezeugt hat, bedeutet der Name Vater, und daß er gezeugt ist, bezeichnet der Name Sohn. Und daß der Geist aus Gott dem Vater ist, aber auch dem Sohne selbst eigen, nach Art des unsrigen und menschlichen Geistes, obwohl er in Subsistenz und als wahrhaft existirend gedacht wird, drückt sein Name aus.

B. Welches also ist die Natur des Geistes?

A. Die, als welche auch die des Vaters und die des Sohnes gedacht wird; und unaussprechlich ohne Zweifel ist die Ansicht [Lehre] von der Gottheit und übersteigt das Maaß unserer Vernunft und Sprache. Denen aber, die zu sehen gewohnt sind, wenn auch nur im Spiegel und Räthsel, und theilweise erkennen, gehen gewissermaßen feine Strahlen der Gotteserkenntniß auf, welche den Äther des Gedankens erleuchten und sie zu der überhaupt möglichen Erkenntniß hinführen. Einfach also und unzusammengesetzt ist die über Alles erhabene Natur, welche zwar in Besonderheiten von Subsistenzen und in Unterschieden von Personen und Namen sich ausbreitet und zur heiligen Dreiheit entfaltet, aber doch in natürlicher Einheit und durchaus unverschiedener Identität in ein Wesen zusammenläuft, welches Gott heißt und ist, so daß in Jedem die ganze Natur gedacht wird und zugleich damit seine Eigenheit, nämlich die des [hypostatischen] Fürsichseins. Denn Jedes bleibt, was es ist, indem es durch die natürliche Einheit mit den Anderen auch diese in seiner eigenen Natur hat. Denn der Vater ist sowohl im Sohne als im heiligen Geiste, ebenso aber auch der Sohn und der Geist sowohl im Vater als in einander.

B. Und welches ist die Beglaubigung hiefür?

A. Das heilige Buch, die von Gott eingegebene Schrift, welche klar und ausdrücklich mit Gott seinen Geist verbindet und deutlich lehrt, nicht anders werde in uns die Theilnahme an Gott sein als durch den heiligen Geist. Darum sagt auch unser Herr Jesus Christus von jedem Gläubigen, mein’ ich, und Guten: „Wir werden kommen, ich und der Vater, und Wohnung bei ihm nehmen,“ und: „Daran erkennen wir, daß er in uns ist, aus dem Geiste, den er uns gegeben hat.“ Als Inwohner nämlich und Gast besitzt man den wesenhaften und wahrhaften Gott, wenn man seinen Geist empfängt, der nicht etwas Fremdartiges und wesenhaft Verschiedenes ist, sondern aus ihm und in ihm und sein eigen und ebenso wie er Herr ist und so genannt ist und durch natürliche Identität gleichsam im selben Range steht wie der Sohn. „Denn einer ist Gott, der Vater, aus dem Alles, und einer Herr, Jesus Christus, durch den Alles.“ Da aber einer Herr ist, ist, nach der Schrift, der Herr der Geist. Oder ist nicht wahr, was ich sage?

B. Ja; denn so steht es geschrieben.

A. Dem noch nicht geschorenen seligen Samson aber, heißt es, habe der Geist beigestanden und mit ihm gekämpft; da er sich aber den Lüsten mit einem Weibe gab, und ihm mit einem Messer der Kopf geschoren wurden da wich, heißt es, der Herr von ihm. Und als Christus im Begriffe war, in den Himmel zu fahren, sprach er zu den an ihn Glaubenden: „Ich werde euch nicht verwaist lassen; ich komme zu euch“ und ferner: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“ Er sandte uns aber vom Himmel den Tröster, durch den und in dem er bei uns ist und in uns wohnt, indem er ihn uns nicht als einen fremden eingoß, sondern den eigenen Geist von seiner und des Vaters Wesenheit.

B. Einverstanden; denn auch ich erinnere mich der göttlichen und heiligen Schrift, die einmal von den Aposteln sagt: „Sie versuchten zwar, nach Bithynien zu gehen, aber der Geist Jesu ließ sie nicht.“

A. Wie aber? Sagt nicht die Schrift, auch die Worte Gottes selbst seien [Worte] des Geistes? Denn der göttliche Isaias sagt, indem er uns jenes ausserordentliche und schauervolle Gesicht erzählt: „Ich sah den Herrn Sabaoth sitzen auf einem hohen und erhabenen Throne.“ Und bald darauf fährt er fort und sagt: „Ich hörte den Herrn Sabaoth sagen: Wen soll ich senden, und wer wird gehen zu diesem Volke? Und ich sprach: Siehe, ich, sende mich. Und er sprach: Geh’ und sag’ diesem Volke: Höret mit dem Gehör und verstehet es nicht !“ Aber der gottvolle Johannes sagt von dem Eingebornen: „Das aber sprach Isaias, als er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete. Auch der höchst weise Stephanus sprach, zu den Juden redend: „Ihr Halsstarrigen, an Herzen und Ohren Unbeschnittenen, immer widerstehet ihr dem heiligen Geiste!“ Ist es nun denn nicht klar, daß durch den hypostatischen Unterschied von uns erkannt wird, was der Vater, was der Sohn und was der Geist sei, daß aber durch die Verbindung zur natürlichen Einheit Alles Allen gehöre, die Ankunft, die Worte, die Theilnehmung (Einwohnung), die Wirksamkeit und die Herrlichkeit und was immer die göttliche Natur auszeichnet? Aber fast wäre mir auch Dieses entgangen.

B. Was denn?

A. Du kannst nämlich, mein Lieber, die heiligen Propheten rufen hören: „Das spricht der Herr;“ unsere Lehrer aber, die auch Augenzeugen und Diener des Wortes waren. „Das spricht der heilige Geist.“ Es steht aber wieder geschrieben: „Als sie aber fasteten und dem Herrn Dienst thaten, sprach der heilige Geist: Sondert mir den Barnabas und den Paulus aus zu dem Werke, wozu ich sie berufen habe!“ Aber wenn der Geist geringer ist im Vergleich zu Gott und hinter seiner Wesenheit zurücksteht, weil er wesensverschieden und in Wahrheit von anderer Natur ist, hat dann nicht der Dienst der alttestamentlichen Heiligen einen Vorzug vor dem evangelischen und apostolischen Dienst (der Predigt), da ja Jene die Worte des Herrn und Gottes verkündeten, Diese aber des Geistes?

B. Es wird fast so sein.

A. Gleichwohl warum doch hat Paulus jenen einen Dienst der Verdammung und des Todes, diesen aber des Lebens und der Rechtfertigung genannt, da er schreibt: „Wenn nämlich der Dienst der Verdammung Ehre hat, so wird um so mehr der Dienst der Rechtfertigung an Ehre Überfluß haben“? Von sich selbst aber und den anderen Aposteln sagt er: „Der auch uns tüchtig gemacht zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes; denn der Buchstabe tödtet, der Geist aber macht lebendig.“ Sollte es nicht auch hieraus einem Jeden und zwar ganz ohne Mühe deutlich werden, daß die früheren und von Gott kommenden Worte die Alten verdammten und selbst bis zum äussersten der Übel brachten, die des Geistes aber jetzt rechtfertigen und lebendig machen? Oder merkst du übrigens nicht, wohin unsere Worte hinschlagen [zielen]?

B. Ja. Es ist nämlich sehr zu fürchten, daß nicht sogar besser vom Geiste denken als von Gott Vater und Sohn. Aber wenn es dir recht ist, laß nun, mein Lieber, Dieses sich so verhalten und gut gesagt sein. Da wir aber den Geist für Gott und aus Gott von Natur erklären, so laß uns untersuchen, ob man ihn als durch die Eigenschaften der Gottheit ausgezeichnet erblickt, nicht durch ein Verhältniß zu Gott [Theilnahme an Gott], sondern in seiner eigenen Natur!

A. Du wirst ja, mein Lieber, von hieraus nicht siegen, wenn du den Geist durch Theilnehmung an Gott, wie auch wir selbst [es find], geschmückt denkst und nicht als in seiner eigenen Natur die Schönheit der wahren Gottheit besitzend, wie gewiß auch der Sohn, der zum Vater sprach: „Alles Meinige ist dein und das Deinige mein, und ich bin in ihnen verherrlicht.“ Denn was durch Theilnahme, die nicht von Natur ist, geehrt ist, trägt gewiß eine fremde Ehre in sich. Da aber nie Etwas an sich selber Theil haben kann, sondern es Dieses durch die Theilnahme an etwas Anderem hat, so muß man jedenfalls sagen, das Theilhabende sei von anderer Natur als Das, woran es Theil hat.

B. Das muß man.

A. Wer wird dann, sag’ mir, von der Wesenheit Gottes des Vaters den in ihm und aus ihm seienden heiligen Geist ausscheiden? Oder ist es nicht im höchsten Grade verwegen, wenn Einer Das sich auch nur in den Sinn kommen läßt? Denn so, möchte ich meinen, müßten nur Die denken, die von der richtigen Denkweise und Gesinnung abgefallen sind. Aber wohlan, laß uns sagen, was Gottes und des Geistes ist!

B. Laß es uns sagen!

A. Sage denn also: Was verstehen wir unter der Herrlichkeit und unter der Macht seiner natürlichen Wirksamkeit?

B. Die Herrlichkeit Gottes, sage ich, sei die Erhabenheit über die Natur und das Maaß alles Gewordenen, seine natürliche Wirksamkeit aber Das, aus Nichts schaffen zu können und das Nichtseiende wie seiend zu rufen, das Seiende schön im Sein zusammenzuhalten, lebendig zu machen, zu heiligen, das der Weisheit Empfängliche weise zu machen.

A. Es ist also zu untersuchen, wenn es beliebt, was über den heiligen Geist gesagt ist. Denn nicht anders als so werden die frostig und kindisch von ihm Denkenden einsehen, daß er keineswegs geringeren Ranges ist als der Sohn, der in der Gestalt und Gleichheit Gottes des Vaters ist; daß er ihm aber vielmehr wesenhaft gleichsteht und gleich mächtig ist im Wirken, werden wir auf alle Weise darthun.

B. Geh’ also tapfer auf Dieses zu, im Vertrauen auf Gott, welcher sagt: „Öffne deinen Mund, und ich will ihn erfüllen!“

A. Also, ich frage: Diejenigen, die keine Götter sind, zu Göttern zu machen, kommt Das einer gewordenen und geschaffenen Natur zu?

B. Ich wenigstens werde Das nicht sagen. Denn das Geringere kann doch nicht zu solcher Erhabenheit erheben.

A. Recht, und ausserdem wird, auch Dieses zu beachten, deinem trefflichen Verstande sich ziemen. Wenn nämlich die Theilnahme an einem Geschöpfe das Gewordene vergöttlichen kann, wie sollte nicht auch das Umgekehrte wahr sein, nämlich: Es schadet vielmehr, als es in Wahrheit nützt, an Dem, der von Natur Gott ist, Theil zu haben? Allein nie kann man vom Geschöpfe denken, daß es vergöttliche, sondern Das muß nur Gott zugeschrieben werden, der den Seelen der Heiligen die Theilnahme an seiner Eigenheit gewährt durch den Geist, durch welchen wir auch gleichförmig werden dem Sohne und darum nach ihm Götter und Söhne Gottes heissen. „Denn weil wir Söhne sind,“ wie geschrieben steht,  „sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Harzen, welcher ruft: Abba, Vater.“ Wenn also die Macht, durch sich selbst zu vergöttlichen, mehr und höher ist, als in der Natur eines Geschöpfes liegt, wer wird den heiligen Geist den Geschöpfen zuzählen, oder wie kann man Das, was Götter macht, ein Geschöpf nennen?

B. Das sehe ich nicht.

A. Der Name und die Sache der Knechtschaft aber folgt doch wohl, o Hermias, und zwar ganz mit Recht, der geschaffenen und gemachten Natur; von Gott aber wird es gewiß weit entfernt sein.

B. Allerdings; denn wahr ist, was Gott zugesungen wird: „Denn Alles dient dir.“

A. Was also das knechtisch Dienende der Knechtschaft entkleiden und zur Würde der Freiheit zu erheben vermag und durch sich selber im Stande ist, Das wird zuvor schon selber den Stand der Knechtschaft übersteigen und von der höchsten und freien Natur sein. (Denn so wird es auch an Anderen das eigene und wesenhaft inwohnende Gut der Freiheit wirken.)

B. Ich stimme dir bei, denn du hast Recht.

A. Es rufe daher der selige Paulus: „Wir aber, enthüllten Angesichtes an der Herrlichkeit des Herrn uns spiegelnd, werden in dasselbe Bild umgestaltet von Herrlichkeit zu Herrlichkeit als vom Geiste des Herrn; der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, ist Freiheit;“ und auch anderwärts sagt er: „Ihr habt ja nicht wieder den Geist der Knechtschaft empfangen zur Furcht, sondern ihr habt den Geist der Ernennung zu Söhnen empfangen, in welchem wir rufen: Abba, Vater.“ Mit der Ehre der Sohnschaft aber wird doch gewiß auch die Freiheit verbunden sein. Darum nannte unser Herr Jesus Christus die heiligen Apostel, als er sie mit den übernatürlichen Würden ehren wollte, da sie auch alsbald des heiligen und freien Geistes theilhaftig werden sollten, bereits Freunde und Freie. Denn „ich nenne euch“, sprach er, „nicht mehr Knechte; ihr seid meine Freunde.“ Da also der Herr der Geist ist, und wo der Geist des Herrn ist, da die Freiheit zu suchen ist, so muß man denken, der freien Natur entsprungen und nicht zur Schöpfung gehörig und dem Gewordenen beizuzählen sei Der, durch den und in dem das Geschöpf die freie Herrlichkeit gewinnt, der Schmach der Knechtschaft sich entziehend und entfliehend.

B. Aber sie werden, glaube ich, sagen, daß, einen helfenden Dienst vollbringend, der Geist den Heiligen zubringe, was von Gott ist.

A. Sie werden also doch, wie es scheint, annehmen eines von den durch ihn vermittelten Gütern sei die Freiheit, jene große und übergeschöpfliche Würde; denn identisch dienend ist Alles, was in’s Dasein gesetzt ist.

B. Sie werden es vielleicht annehmen.

A. Das Vermittelnde selbst also ist nicht frei, da es sich selbst Nichts vermittelt, sondern vielmehr Anderen die Gnade von einem Anderen überbringt; oder muß man nicht nothwendig denken, das Verwaltende und Vermittelnde sei nicht die verwaltete Sache selbst?

B. Nothwendig.

A. Wie also ist der Geist der Herr, wenn er, der freien Herrlichkeit ermangelnd, den Knechts- und Unterthans-Rang gewiß nicht übersteigt? Und wenn er in der natürlichen Herrlichkeit der Gottheit ist, dann verwaltet er nicht mehr, daran fehlt viel, sondern vertheilt vielmehr auch an uns selbst als ein ihm von Natur aus eigenes Gut die Freiheit. Wenn er aber in der That nicht von Natur Gott ist, dann wird er unter die Verwalter und Diener gerechnet werden und wird etwas Fremdes verwalten und den Heiligen Etwas überbringen, was größer ist, als er selbst hat. Er wird nämlich, glaube ich, Denen, die aus Gott sind, den Vorrang überlassen. Vorzüglicher als der heilige Geist sind dann bereits auch wir selbst, da wir mit einer höheren Herrlichkeit geschmückt sind. Scheine ich dir Dieses nicht mit vollem Rechte zu sagen, obwohl diese Reden an sehr großer Thorheit leiden?

B. Allerdings.

A. Gehen wir aber auch durch andere Gedanken, der Wahrheit nachspürend. Wenn die Könige der Erde Einige ihrer Angehörigen oder Bluts und Geschlechts Verwandten mit ihrer eigenen Ehre schmücken und mit dem königlichen Ansehen krönen wollen, auf welche Weise werden sie Das am besten und füglichsten thun?

B. Gewiß dadurch, daß sie dieselben durch die höchsten Ehren erhebe.

A. Wirst du nun die königliche Ehre und Herrlichkeit, womit gekrönt Jemand über sich selbst und Andere erhoben wird, für größer und höher halten als den damit Beehrten oder vielleicht für gleich oder geringer?

B. Für größer natürlich und höher, sie verherrlicht ja so das Geehrte. Denn das von Etwas an Herrlichkeit Übertroffene und Hintanstehende wird dasselbe nicht herrlicher machen, wenn es ihm zu Theil wird, sondern es vielmehr zum Schlechteren herabziehen.

A. Gut; denn so ist es und du denkst richtig. Wenn also der heilige Geist nicht in der wahrhaft freien Natur und Herrlichkeit ist, sondern vielmehr dienstweise die Gnade eines Anderen verwaltet, wie ist Christus dadurch zum König gesalbt worden, daß er als Salbung den Geist empfing? Denn „Jesum von Nazareth“, heißt es,  ,,salbte Gott mit dem heiligen Geiste.“ Es schreibt aber auch der weise Johannes so an uns: Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, wohnt in euch, und ihr habt nicht nöthig, daß euch Jemand belehre, sondern so wie seine Salbung euch belehrt über Alles.“ Man kann aber auch Christum selbst hören, wie er durch die Stimme des Psalmisten also ruft und die durch die Salbung empfangene Ehre erklärt. „Ich aber bin von ihm zum König gemacht worden.“ Wenn er Knecht ist, der Geist, sag’ mir, macht er zum Herrn? Hat er die königliche Würde zu seiner Natur, wenn er, nach ihnen, nicht frei ist? Fort mit der Lästerung. Dennoch kann es schon nicht mehr ertragen, in das Gespei der Gegner hineinzugerathen. Es müssen ja, es müssen die recht Denkenden die freie und königliche Würde des Geistes auch daraus erkennen. Von den im Glauben Gerechtfertigten nämlich sagt uns der große Paulus: „Wer wird Klage erheben gegen die Auserwählten Gottes? Gott ist’s, der rechtfertigt; wer ist, der verdamme?“ Indem er aber die Macht, Einige zu rechtfertigen und auserwählt zu machen, allein der göttlichen und über Alles erhabenen Natur zuschreibt, theilt er die Sache der Natur und Ehre des Geistes zu. Denn er schreibt abermals: „Und wir waren von Natur Kinder des Zornes wie auch die Übrigen;“ „aber ihr seid abgewaschen,“ sagt er, „ihr seid geheiliget, ihr seid gerechtfertigt worden im Namen des Herrn Jesu Christi und im Geiste unseres Gottes.“

B. Rechtfertigt also der Geist als Gott die Sünder?

A. Gewiß, mein Freund! Denn Gott allein kommt es zu, von Sünden sowohl als von der Anklage die Schuldigen lösen zu können, sonst aber Niemand in der Welt. Als Gott aber und aus Gott von Natur ist uns der Geist bereits auch durch lange Untersuchungen erwiesen; er wird aber weiter erwiesen werden, wenn ich hierin nicht etwa lästig bin.

B. Das sei ferne! Denn was zum Nutzen dient, hat keineswegs etwas zu belästigen Geeignetes an sich, wenigstens bei den Billigen.

A. Ohne Gott also und der Hoffnung der Heiligen beraubt, wie die Schrift sagt, leben Diejenigen in der Welt, welche dem Geschöpfe mehr dienen als dem Schöpfer und Urheber.

B. So ist es.

A. Jetzt aber, da wir Gott erkennen und von Gott erkannt sind, erkennen wir den Vater und Gott von Allem durch den Sohn im Geiste. Und Zeuge dafür ist unser Heiland selbst, der von sich selber sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme und folgen mir, und ich gebe ihnen ewiges Leben;“ und: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich;“ von dem Geiste aber zu den heiligen Jüngern: „Wann der Tröster kommt, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugniß geben von mir.“ Ist also Der nicht offenbar Gott, der als Gott erkannt wird und in uns wohnt, nicht als ein Geschöpf und als geworden und der Knechtschaft verhaftet wie wir, sondern als frei von Natur und als Geist der Wahrheit oder vielmehr wegen seiner Einheit mit dem Sohne die Wahrheit selber? Denn „der Geist ist die Wahrheit,“ wie die Schrift sagt, Wahrheit aber ist Christus.“

B. Ist uns also die natürliche Identität mit dem Sohne hinreichend zum Beweise und zur Überzeugung, daß der Geist Gott sei.

A. Ja, weil, wie ein Herr der Sohn ist, auch Herr ist der Vater. Denn da der heilige Geist so mit dazugehört und in Beiden ist und gedacht wird, so wird der Verstand der Gläubigen den geraden Weg der Wahrheit gehen und die richtige Denkweise nicht verfehlen. Denn wegen der Identität im Wesen ist der Geist Herr sowohl als Gott und wird von der heiligen Schrift so genannt. Denn der göttliche Isaias sagt von den Kindern Israels: „Der Geist stieg herab vom Herrn und leitete sie; so hast du dein Volk geführt, um dir einen herrlichen Namen zu machen.“ Der große Moses aber, der den Geist als Herrn und Gott wußte, sagt so:  „Der Herr allein führte sie, und es war mit ihnen kein fremder Gott.“ Und er redete im Gesange die Israeliten an: „Sei eingedenk, vergiß nicht, wie sehr du Gott, den Herrn, in der Wüste erbittertest.“ Hinweisend aber auf den erbitterten Herrn und Gott sagt der Prophet: „Nicht ein Gesandter oder Engel, sondern der Herr selbst hat sie gerettet, weil er sie liebte und ihrer schonte. Er selbst hat sie erlöst und aufgenommen und sie erhöht alle Tage der Welt; sie aber waren ungehorsam und erbitterten seinen heiligen Geist, und er verkehrte sich ihnen zur Feindschaft.“ Nennt er hier nicht deutlich den herabsteigenden und die Erlösten führenden heiligen Geist Herrn und Gott und nicht einen fremden? Und wie wäre er übrigens von anderer Natur als Gott, da er nicht wesenhaft von ihm verschieden ist noch fremdartig, sondern sein eigen? Wenn aber Einige den Geist reizen, sag’ mir, wie erzürnen sie Gott? Oder wie sollten Die ihn zum Feinde haben, denen der heilige Geist zu widerstreben für gut findet?

B. Sag’ es selbst; denn deine Sache ist es, nun auch Dieses zu sagen!

A. Ich sage also: Durch die Einheit mit Gott ist der Geist Gott. Es wird aber auch Dieses sogleich ganz klar werden, wenn Einer auch andere Gedanken durchgehen will. Da nämlich Gott nicht dem Orte, der Begrenzung, der Quantität und dem Maaße unterliegt (denn Dieß kommt vielmehr den Geschöpfen zu; denn quantitätslos und grenzenlos und größelos und nicht in örtlicher Lage wird die Gottheit gedacht, da sie durchaus unkörperlich ist), so wird auch der Geist selbst als durch die Eigenschaften der göttlichen Natur ausgezeichnet erscheinen, da er mit dem Vater und Sohne Alles erfüllt und in Allem zu sein geglaubt wird. Es sprach nämlich irgendwo durch einen der Propheten Gott, der da ist Alles in Allem: „Erfülle ich nicht den Himmel und die Erde? spricht der Herr.“ Dasselbe aber dem Sohne beilegend schrieb uns Paulus: Der herabstieg, Derselbe ist es auch, der hinaufstieg über alle Himmel, damit er Alles erfülle.“ Es singt aber der göttliche David zu Gott empor: „Wohin will ich gehen vor deinem Geiste, und vor deinem Angesichte wohin fliehe ich? Wenn ich hinaufsteige zum Himmel, so bist du dort; wenn ich hinabsteige zur Hölle, so bist du da.“ Wenn also kein Ort ist, wo der Geist nicht ist, und, wenn der Geist Alles erfüllt, Gott der Erfüllende ist, wie Einer schön gesagt hat: „Der Geist des Herrn hat den Erdkreis erfüllt, und Das, was Alles zusammenhält, hat die Kenntniß der Sprache,“ wie wäre es dann unersichtlich und undeutlich, daß durch seine natürliche Einheit mit Gott der Geist Gott ist? Wenn er aber auch das All zusammenhält, wie wäre er geschaffen und geworden, da doch das All alle Art und Gattung von Wesenheit, geschaffener natürlich, gleichsam in sich schließt und deutlich als etwas von dem All Verschiedenes Dasjenige sich darstellt, was es zusammenhält? Was aber nicht im All ist, sondern ausser dem All, wird von Natur aus das Gewordene überragen und die Natur des von ihm Erfüllten und Zusammengefaßten übersteigen. Was aber über der Schöpfung ist, ist schon Gott. Oder ist nicht wahr, was ich sage?

B. Jawohl. Aber wisse: Es wird Einer wieder sagen, der Geist sei geschaffen und geworden. Denn Gott sagt, hat Einer von den Alten gerufen: „Ich bin der Herr, der den Donner stark macht und den Geist schafft und den Menschen seinen Christus verkündigt, der den Frühmorgen und den Nebel macht und über den Höhen der Erde wandelt.“

A. Aber, o Freund, die Ehre des heiligen Geistes wird das eben Angeführte nicht schädigen, wenn Einer nicht einen schwachen und verschrobenen Verstand hat. Denn „Geist“ schlechthin und ohne Unterscheidung genannt, bedeutet nicht durchaus und jedenfalls den heiligen und göttlichen (denn sonst würde ich sagen, nicht ganz ohne Grund hätten sie ihre Schmährede ersonnen), sondern es wird in verschiedenem Sinne ausgesagt und von sehr Vielem, was in Bezug auf seine Natur einander unähnlich ist. Denn Geist ist der Engel und auch die Menschenseele und die in der Welt stattfindende Luftbewegung [Wind]. Warum nun unterlassen sie es, die Sache genau zu nehmen und je nach den Zeiten richtig zu unterscheiden, und wagen es, Den zu kränken, der über der Schöpfung und Schöpfer ist in Einheit mit dem einen und natürlichen Schöpfer? Denn der Prophet oder vielmehr Gott durch ihn sagt nicht, er habe seinen eigenen Geist in’s Dasein gerufen, daran fehlt viel; wir werden ja wissen, daß es nicht so ist; sondern da Einige aus übergroßer Thorheit meinten, auch ohne die Zustimmung von oben durch sich selbst und Andere es durchsetzen zu können, zu königlichen Thronen zu gelangen und über ein glänzendes Reich und Scepter zu gebieten, schreibt der über Alles herrschende Gott gewiß sich selber die Macht zu, und indem er zeigt, daß durch seine Gesetze und Anordnungen die gesammte Schöpfung regiert werde, sagt er: „Ich bin der Herr, der den Donner stark macht“ und den Dingen in der Welt Bewegungen von Winden gibt (denn, so schaffe ich den Geist [Wind]), und der die Ausrufung Dessen, den ich zum Christus will, kund macht, das heißt Dessen, der zur Herrschaft gesalbt wird und die Macht erhält; nicht ohne meinen Willen, sondern auf meinen Befehl entsteht Frühmorgen und Nebel, das heißt Nacht und Tag und Licht und Finsterniß. Nun sollen sie sagen, was Donner und heiliger Geist mit einander gemein haben, und was Frühmorgen und Nebel mit Dem, der aus Gott und in Gott ist? Ist nicht klar, was ich sage?

B. Es scheint. Denn die Verschiedenartigkeit und gänzliche Unvereinbarkeit der Genannten wird die Ungereimtheit ihrer Ansicht verurtheilen.

A. Wie aber könnte man auch sonst als Geschöpf und als geworden denken den Mitschöpfer des alleinigen Schöpfers, der die Kraft und Gewalt hiezu nicht als eine von aussen verliehene oder unächte besitzt oder sie von einem Anderen bekommen hat, sondern durch sich selbst und als eigene und von Natur aus? Denn der göttliche Geist ist’s, der mich gemacht hat, heißt es, obwohl die heiligen Schriften versichern, Gott habe Staub von der Erde genommen und gleichsam durch eigene Handanlegung den Menschen geehrt, wenn anders Derjenige wahrhaftig ist, welcher sagt: „Deine Hände haben mich gemacht und mich gebildet.“

B. Und gewiß ist die Sache wahr.

A. Wie aber, glauben wir nicht, daß auch die Wiederherstellung der menschlichen Leiber in den letzten Zeiten der Welt und deren Wiedereinführung in das Sein durch die Wirksamkeit des Geistes geschehen werde, und hat nicht ein göttliches Wort uns Das vorherverkündet?

B. Wie meinst du?

A. Hat nicht ein prophetischer Ausspruch, glaube ich, gesagt, und glauben wir nicht, daß die Todten wieder aufleben und die in den Gräbern Liegenden erwachen werden, da uns der allmächtige Gott durch den heiligen Geist wieder zum Leben ruft?

B. Ja; denn ich erinnere mich, wie der selige David ruft und unseren durch die Sünde erfolgten Fall in Verderben und Tod beschreibt und die Wiedererneuerung durch die Auferstehung vorhersagt. Er spricht nämlich also zu Gott: „Wenn du aber dein Angesicht abwendest, so stürzen sie hin; du nimmst ihren Geist fort, und sie sinken hin und kehren in ihren Staub zurück. Du sendest aus deinen Geist, und sie werden geschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde.“

A. Die Wiederherstellung also und die Rückkehr des Zerstörten zur Erneuerung und Neugestaltung ist, wie es billig ist, und wie ich selber für gut halte, ein Werk derselben Natur und Thätigkeit, als von welcher auch die unaussprechliche Anfangsbildung erscheint.

B. Einverstanden.

A. Wie also sollte Der, durch den und in dem Gott als in Bezug auf die Schöpfung wirksam und als Schöpfer von Allem erblickt wird, geworden und geschaffen sein? Da müßten wir ja bereits sagen, daß sie, wenn sie nämlich sagen, die Sache sei so, wider Willen zugeben, die Thätigkeit Gottes sei geschaffen. Und was folgt daraus? Eine gottverhaßte Lästerung, widerwärtige Meinungen und Anklagen der auf’s Höchste gekommenen Thorheit. Denn Jemand, glaube ich, der die weisen Männern geziemende Bescheidenheit nicht bei Seite setzt, wird sagen, einfach und unzusammengesetzt im eigentlichen und höchsten Sinne sei die Gottheit, mein Lieber, und man kann nicht denken, sie sei aus Natur und Thätigkeit, als einer von ihr selbst von Natur verschiedenen, zusammensetze sondern man muß glauben, das Ganze, was wesenhaft zu ihr gehört, sei Eins. Wenn man daher die Wirksamkeit, die ihr eigen ist, das heißt den Geist, für geschaffen und gemacht erklärt, so wird gewiß auch sie selbst geschaffen sein, da ihre Wirksamkeit nichts von ihr selbst Verschiedenes ist. Ist diese Ansicht nicht verabscheuens- und hassenswerth und sehr zur Gottlosigkeit neigend?

B. Allerdings.

A. Aber auch in eine andere Ungereimtheit wird ihre Meinung gerathen.

B. Was für eine meinst du?

A. Herr der Mächte ist Gott genannt, und gewiß ist der Ausspruch des Psalmisten auch wahr.

B. Gewiß; wie denn nicht?

A. Wenn also Etwas unter der höchsten und göttlichen Natur steht, so hat es keine eigene Macht, sondern wie von einer Quelle fließt meines Erachtens von Gott auf jedes Machtbegabte die Macht, wie gewiß auch die Weisheit und Das, wovon er der Geber ist. Denn was von Natur aus der Herr von Allem ist, Das wird theilnahmsweise auch das von ihm Gemachte sein, so daß ich auch den schönen Ausspruch bewundere: „Was hast du denn, was du nicht empfangen hast?“ Denn wenn man philosophiren will, wird man Dieß, wie es scheint, nicht bloß auf uns Menschen, sondern auf die ganze Schöpfung beziehen.

B. Was werden wir nun daraus folgern?

A. Ich höre den göttlichen David singen und gleichsam eine geistige Leier schlagen und klar sagen: Durch das Wort des Herrn sind die Himmel befestigt worden und durch den Geist [Odem] seines Mundes all’ ihre Macht.“ Sag’ nun, ist Das, was die Himmel befestigt und alle Macht der Wesen ist, Gott vielmehr oder ein Geschöpf?

B. Ich sage, Gott, und ganz mit Recht. Denn ich werde nicht zugeben, daß die Geschöpfe Gottes nicht bedürfen, sondern durch sich selbst Etwas durchsetzen und sich Das verschaffen können, wodurch sie Erhaltung und Wohlbefinden haben, da sie ja von Natur aus in’s Verderben sinken.

A. Es befestigt also der Geist die Himmel, indem er ihnen nicht die Theilnahme an einer geschaffenen und gemachten Wesenheit verleiht, sondern als Wirksamkeit Gottes seine eigene schenkt. Denn Das, was das Seiende schön zusammenhält und das seiner Natur nach Vergängliche und von Haus aus die Rückkehr in’s Nichts Erleidende zur Dauer befestigt, erweist sich als die dieses All regierende Wesenheit. Und darum beredet uns auch der heilige Paulus, welches die Natur Gottes sei, einiger Maßen aus seinen Werken uns vorzustellen und zu denken, indem er sagt: „Denn das Unsichtbare desselben wird seit der Schöpfung der Welt aus den Werken in Gedanken erschaut, seine ewige Macht und Gottheit, so daß sie unentschuldbar sind, weil sie, obwohl sie Gott kannten, ihn nicht als Gott ehrten und Dank sagten, sondern eitel wurden in ihren Gedanken.“ Es wird uns also seine ewige Macht die Schönheit der göttlichen Natur gleichsam zu einer klareren Anschauung bringen. Und es befestigt der Geist die Himmel, nicht als ein von Jemand zur Hilfe herbeigezogenes Geschöpf (denn Thorheit ist es, Dieß zu denken oder zu sagen), sondern als eigener Geist des Alles schaffenden und mit Macht begabenden Gottes; oder wenn sie sagen, es sei nicht so, so sollen sie antworten und uns die Ursache zeigen, warum der Schöpfer von Allem den Geschöpfen das Wohlbefinden und die vollkommene Wohlordnung durch die Mittheilung des heiligen Geistes bewirkt und verleiht. Denn er befestigt die Himmel, für die, wenn es ihnen, um schön gegründet zu sein, genügte, bloß geschaffen zu sein, gewiß die Befestigung durch den Geist nicht nothwendig war. Nun aber würde die Untersuchung hierüber, die wir anstellen wollten, Dieses als unwahr erweisen. Also wird das Gegentheil Beifall verdienen.

B. Du hast Recht. Warum aber sagen wir, daß die Natur und Entstehung des Menschen dann erst zu der ihr gebührenden Vollkommenheit gebracht worden sei, als sie durch den Geist das göttliche Ebenbild in sich empfing?

A. In der That ist Das nicht undeutlich, wenn man den Fall der Natur und die Umbildung in den rechten Zustand erwägt. Denn da das Lebewesen sich zur Übertretung neigte und vor lauter Fleischesliebe an der zugelassenen Sünde krankte, da entwich der es zum göttlichen Bilde gestaltende und auf unaussprechliche Weise wie ein Siegel eingeprägte Geist, und so erschien es als mit der Verweslichkeit und Häßlichkeit (und mit was des Unziemlichen nicht?) behaftet. Da aber der Schöpfer von Allem das in’s Verderben Gefallene, durch die zugelassene Sünde entstellt und häßlich Gewordene wieder zur ursprünglichen Festigkeit und Wohlordnung zurückbringen wollte, goß er ihm wieder den einst entwichenen göttlichen und heiligen Geist ein, der uns zu dem überweltlichen Bilde wieder herzustellen geeignet und im Stande ist, dadurch, daß er uns zur Ähnlichkeit mit sich selber umformt. Der also das Geschöpf im guten Zustande erhält und durch die Theilnahme an sich das Lebewesen zu verschönen und zur Ähnlichkeit Gottes zu gestalten vermag, werden wir glauben, daß Dieser dem Schöpfer nachstehe, und werden wir, durch die Trennung zur fremdartigen Verschiedenheit, ihm die Auszeichnung in der einem Jeden gebührenden Vollkommenheit absprechen, die er den Geschöpfen verleiht, oder werden wir, indem wir sagen, er sei von gleicher Natur und Wesenheit mit ihm, Den, der von Natur aus ihm und in ihm ist, mit der vollständigen Schöpfermacht beehren und ihm gleichsam die ganze Wirksamkeit an den Geschöpfen beilegen, die durch den Sohn im Geiste sich vollendet?

B. Ganz richtig ist Dieses gesagt, sollte ich meinen.

A. Daß aber durch den Sohn im Geiste Alles durch das All hin geschieht und auch in Allem die Thätigkeit des Vaters erscheint, wie wäre Das nicht leicht auch hieraus zu ersehen? Es genügt nämlich zwar zum Beweise Das, daß die Himmel befestigt werden im Worte des Herrn, und daß sie ihre ganze Kraft haben im Geiste, wie das alte Lied schön sagt. Gleichwohl aber will ich anführen, daß Christus durch die Wirksamkeit des Geistes Wunder thue; es steht nämlich geschrieben: „Jesus wurde in der Macht des Geistes nach Galiläa geführt;“ und daß er einst auch die gottlos schwätzenden und die rohe Zunge gegen ihn wetzenden Juden mit Recht schalt; sie sagten nämlich: „Dieser treibt die Teufel nur aus in Beelzebub, dem Obersten der Teufel,“ und nach Anderem sprach er: „Wenn ich die Teufel in Beelzebub austreibe, in wem treiben euere Söhne sie aus? Darum werden sie euere Richter sein. Wenn ich aber im Geiste Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.“ Man muß nämlich bekennen, daß zwar die Geburt des Eingebornen aus dem Vater all’ unseren Verstand und unsere Rede übersteige. Da er aber Fleisch ward und unter uns wohnte, zeigte er, auch als Mensch, die Wirksamkeit der göttlichen Macht. Darum sagt er, als in unseren Stand eingetreten: „Wenn ich aber im Geiste Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen;“ das aber heißt nichts Anderes als Dieses sagen: Es kam auch zu den Menschen die göttliche Kraft und Macht herab, da ja ich, der ich um euretwillen euch gleich geworden bin, durch den Geist Wunder wirke. Denn Reich Gottes, glaube ich, nennt er mit Recht die göttliche Thätigkeit im heiligen Geiste oder vielleicht auch den Geist selbst, gemäß Dem, was zu uns gesagt ist: „Das Himmelreich ist inwendig in euch.“ Wenn also der Sohn, der doch Gott ist, im Geiste Wunder thut, göttliches Reich aber die in ihm und durch ihn wirkende höchst kräftige und unwiderstehliche Macht nennt, wie, sag’ mir, kann man behaupten, er [der Geist] sei geschaffen, und wird nicht durchaus und gewiß Geschöpf von uns selbst sowohl als von den höheren Geistern als größer gedacht denn der Schöpfer von Allem? Er frohlockte nämlich im Geiste und gewann den Ruhm, Alles zu vermögen, in ihm. Und doch, warum denn wollte der Eingeborne, obwohl uns gleich geworden, wegen der Erhabenheit seiner Werke und wegen Dessen, was er im Geiste an uns wirkte, für Gott, für von Natur aus gleich mächtig mit dem Erzeuger, demnach auch für wesensgleich gehalten werden? Denn „wenn ich nicht“, sagt er, „die Werke meines Vaters thue, so glaubet mir nicht; wenn ich sie aber thue, so glaubet, wenn ihr auch mir nicht glaubet meinen Werken!“ Da also aus dem übernatürlichen Glanz seiner Thaten die göttliche Natur erkannt wird, diese aber durch Wirksamkeit des Geistes vollbracht wurden, wie wäre Der noch geschaffen, der gleich wirksam ist mit Gott und mitschafft und mitbelebt das des Lebens Bedürftige? Kommt denn nicht auch die Macht, lebendig zu machen, nur Dem, der in Wahrheit von Natur aus Leben ist, zu, das heißt Gott?

B. Einverstanden; denn von ihm steht geschrieben: „Der allein Unsterblichkeit hat und in einem unzugänglichen Lichte wohnt.“

A. Da also nur Gott die Unsterblichkeit von Haus aus und in eigener Natur besitzt und als Leben anerkannt ist, wie wäre der Geist lebendig machend, obwohl er, nach Jenen, zu Dem gehört, was lebendig gemacht wird, wenn er nicht über das Geschaffensein erhaben wäre? Aber fürwahr, so ist es nicht; denn lebendig machend ist der Geist, keineswegs aber des Lebens von einem Anderen theilhaftig oder bedürftig. Täuschung also und eitle Lüge sind die Erfindungen der Gottesfeinde gegen ihn. Aber indem wir keine den Faseleien Jener verwandte oder verbündete Meinung annehmen, werden wir den geraden Weg gehen; von der Zustimmung gleichsam und der Hinneigung zu allen Unziemlichen und Verkehrten den Verstand frei haltend, nur aber von den heiligen Schriften uns belehren lassend und darin die lautere Herrlichkeit des Geistes betrachtend glauben wir, daß er Gott ist und aus Gott, daß er nicht fremder und von aussen kommender Güter sich erfreue, sondern von Natur alles Das ist, was auch Gott ist. Nun also (denn man muß allenthalben sich an die Stimmen der Apostel halten) „in Gott leben und bewegen wir uns und sind wir“. Und zwar von Gott dem Vater sagt der höchst weise Paulus zu Timotheus: „Ich befehle dir vor Gott, der Alles lebendig macht.“ Die Schwester des Lazarus aber belehrend sagt Christus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben;“ von dem heiligen Geiste aber: „Das Fleisch nützt Nichts, der Geist ist’s, der lebendig macht.“ Da also, während der Vater Alles in’s Leben ruft und der Sohn Leben ist, der Geist es ist, der lebendig macht, wer wird vom Leben trennen und absondern dessen lebendig machende Macht und das Leben als etwas Anderes erweisen, als wofür es gehalten wird, vielmehr aber als nicht mehr leben? Denn was der Macht, lebendig zu machen, von Natur aus ermangelt, wie sollte Das noch als Leben gedacht werden?

B. Lebendig machend, sagen sie, ist der Geist als Vermittler des Lebens von Gott an die Geschöpfe, nicht aber selbst Leben.

A. Aber es werden wohl nicht als Gesetz und Maaß der über Verstand und Rede gehenden Dinge Diejenigen angenommen werden, die an falscher Verderbtheit so krank sind, obwohl sie nach ihrer Meinung etwas Unbestreitbares vorgebracht haben; sondern sie werden mit uns den heiligen und göttlichen Schriften unterworfen sein, welche deutlich verkünden, nicht Diener des Lebens von einem Anderen, sondern selbst Leben sei der lebendig machende und heilige Geist Dessen, der von Natur Leben ist. Denn abermals sagt irgendwo der heilige Paulus also: „Wenn aber der Geist Dessen, der Jesum von den Todten erweckt hat, in euch wohnt, so wird Der, welcher Christum Jesum von den Todten erweckt hat, auch euere todten Leiber lebendig machen durch seinen in euch wohnenden Geist.“ Der Geist also des Lebens von Natur wird doch gewiß kein davon verschiedener sein, gemäß der untadelhaft richtigen Denkweise. Denn wie wäre Der nicht Leben, welcher das Leben zu seiner Wurzel hat und gleichsam zur Quelle die lautere und über alles Gewordene erhabene Natur Gottes? Denn daß er von der Wesenheit Gottes des Vaters selbst ausgeht, ist nicht zweifelhaft, sondern ist für die wahrhaft Geradsinnigen leicht zu ersehen aus dem klaren Ausspruche: „Der Christum Jesum von den Todten erweckt hat, wird auch euere todten Leiber lebendig machen durch seinen in euch wohnenden Geist.“ Denn der in unseren Herzen wohnende, lebendig machende Geist ist Gottes eigener Geist. Wenn wir aber zugeben, Gottes eigener Geist, der aus ihm ist von Natur, ermangle des Lebens, weil er ein geliehenes Leben habe, wie sollte er dann nicht als der Möglichkeit nach todt gedacht werden? Denn was verlierbar ist, könnte man sagen, auch wenn es noch nicht verloren ist, wie Alles, glaube ich, was als verliehen gilt oder auch wirklich beschenkt ist, ist nicht unverdächtig des Abhandenkommens, sondern erregt Sorge, es könne verloren gehen. Denn nicht durch Naturgesetze feststehend ist noch auch hat einen unerschütterlichen Bestand Dasjenige, was wie eine Zufälligkeit und wie eine Farbenart den Dingen, die Dieß einmal haben, anhaftet.

B. Es steht also fest, daß der Geist Leben ist, Natur aus nämlich und nicht theilnahmsweise.

A. Allerdings, mein Freund! Du kannst Das aber gut auch aus anderen Erwägungen einsehen. Man kann nämlich hören, wie Gott spricht und gleichsam eine Ausreisseranklage über Diejenigen ergießt, die dem Geschöpfe dienen: „Es staunte der Himmel darüber und schauderte über die Maßen, spricht der Herr; denn zwei Übel hat mein Volk gethan; mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen und sich löcherige Cisternen gegraben, die kein Wasser halten können.“ Zu den Juden redend aber werden wir unseren Herrn Jesum Christum finden: „Wenn Jemand dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, aus dessen Schooße werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen,“ was sehr gut erklärend und deutlich machend der göttliche Evangelist Johannes auf die Natur und Wirksamkeit des heiligen Geistes bezieht mit den Worten: „Das aber sagte er von dem Geiste, den die an ihn Glaubenden empfangen sollten.“ Siehe also wieder klar und deutlich, Wasser des Lebens von gleicher Art und gleicher Macht ist der Geist und der Vater und auch der Sohn, indem die gleiche Benennung, glaube ich, der Identität der Wesenheit folgt. Denn daß die Sache naturgemäß sich also verhalte, kann man auch auf andere Weise darthun. Denn da Gott heilig ist von Natur, so ist wesenhaft heilig der Geist, und durch ihn und in ihm wird man des heiligen Gottes theilhaftig.

B. Nicht als eigen, sondern als verliehen, sagen sie, hat er die Heiligung [Heiligkeit] und überbringt sie von Gott dem Geschöpfe.

A. Zuvor geheiligt also verleiht der Geist die nicht ihm selbst gehörige Heiligung den Geschöpfen, da wir es für wahr erklären, daß bei Allem, wovon man annimmt, es überbringe Etwas, das von ihm auf Andere Übergehende gewiß auch etwas von ihm selbst Verschiedenes ist. Denn Nichts in der Welt wird sich selbst Anderen überbringen, nicht als sich selbst.

B. Das ist wahr.

A. Also, wenn der Geist, der in uns ist, nicht von Natur heilig ist, so sollen sie sagen, welche Natur er dann habe. Und wenn sie ihm keine heilige beilegen wollen, wird dann nicht ihre Rede in eine unvermeidliche Lästerung verfallen?

B. Es scheint. Indeß sagen sie Dieses, daß Christus von ihm gesagt habe: „Er wird es von dem Meinigen nehmen und euch verkünden.“ Der Geist also, sagen sie, habe Theil am Sohne.

A. Keineswegs; daran, glaube ich, fehlt noch viel. Denn der aus ihm und in ihm und sein eigen ist, wie sollte Der je an ihm Theil haben und gleich Denen, die es von aussen her sind, theilnahmsweise geheiligt werden und Demjenigen von Natur aus fremd sein, dem er auch eigen ist? Als gewaltige und sehr feine Erforscher aber, wie sie meinen, der göttlichen Reden, warum unterlassen sie es, das Wahre beherzigen zu sollen, und schwimmen auf verfälschten und unrichtigen Folgerungen dahin? Denn nicht einen Unterschied der Natur deutete der Sohn an, da er von sich und dem Geiste sagte: „Er wird es von dem Meinigen nehmen und euch verkünden.“ Denn sonst hätte er auch ganz klar gesagt: „Er wird von mir die Heiligung nehmen [empfangen] und dafür auch euch heiligen.“ Das nämlich würde die Ungleichheit der Natur ausdrücken und deutlich darthun, daß die Heiligung im Geiste sei wie ein Anderes in einem Anderen. Aber Das sagte er nicht, sondern, er werde sich seiner Reden [Worte] bedienen wegen der Identität der Wesenheit und der völligen Gleichheit der Natur, des Wirkens und Redens, so daß auch Das, was er etwa den Heiligen zuflüstern würde, ein Wort Christi wäre. Denn „er wird Nichts“, sagt er, „von sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden.“ Gleichwie also der Sohn, als wesensgleich mit Gott dem Vater und als dessen Wort, die Worte desselben redet; denn „Der, den Gott gesandt hat, redet die Worte Gottes,“ wie Johannes sagt: auf dieselbe Art und Weise, glaube ich, redet auch der heilige Geist die Worte Christi, da er sein Geist ist und durch die vollständige natürliche Identität sowohl dessen Herrlichkeit als auch dieselbe Sprache hat. Heilig also, nicht theilnahmsweise, noch durch ein äusserliches Verhältniß zum Sohne, sondern von Natur und in Wahrheit ist sein Geist. Und wie es albern und einfältig ist, den Menschen zwar in der That einen Menschen zu nennen, aber etwas davon Verschiedenes zu denken, so ist es durchaus thöricht, den Geist zwar heiligen Geist zu nennen, aber ihn der natürlichen Heiligkeit zu berauben und ungebührlich in eine andere Natur herabzuziehen. Denn nicht eine gewisse Art von Herrlichkeit oder Erhabenheit zeigt sein Name an, wie gewiß „Herrschaft“ und „Thron“ und „Herrheit“ bei den durch ihn in’s Dasein gerufenen Wesen, sondern er bezeichnet vielmehr gleichsam die wesenhafte Beschaffenheit, wie auch der Name Vater beim Vater und Sohn beim Sohne. Und wenn es ein sicheres Zeichen der äussersten Thorheit ist, Gott zwar Vater zu nennen, zu denken aber, er sei es nicht, und auch den Sohn Sohn, aber zu sagen, er sei Das nicht, wie sollten wir von der Anklage der Thorheit Diejenigen befreien, welche den von Natur und wahrhaft heiligen Geist der natürlichen Heiligkeit zu entblößen wagen? Wenn also Gott heilig ist von Natur, heilig aber wie er auch der aus ihm und in ihm gedachte Geist, welches wäre dann die Art der Verschiedenheit, hinsichtlich der Wesenheit nämlich? Oder wie sollten nicht als zerrüttete und unverständige Menschen Diejenigen überführt werden, welche Das einem Geschöpfe zuschreiben, wodurch und worin die Natur der Gottheit in uns ist? Denn nicht durch ein Geschöpf mittheilbar ist Das, was über der Schöpfung ist. Oder ist nicht wahr, was ich sage?

B. Gewiß.

A. Wie aber? Ist Gott nicht weise oder vielmehr die Weisheit selbst?

B. Und wie wäre Das zweifelhaft?

A. Worin aber ist Das weise, was weise gemacht wird? Sag’ mir Das auch!

B. In der Weisheit, versteht sich.

A. Also wenn der Geist das der Weisheit Empfängliche weise macht, so wird er doch gewiß Weisheit sein und als diese gedacht werden. Das aber, sagen wir, sei Gott.

B. Wie nun, wenn auch Menschen und Engel, sagen sie, sowohl weise sind als auch geschickt, Andere weise zu machen?

A. Aber nicht so, mein Lieber, daß sie Denen, die durch sie weise gemacht werden, wie man sagt, Weisheit einflößen wie Gott, sondern so, daß sie dieselben ihrer eigenen Wissenschaft theilhaftig machen. Denn einen für Heilige passenden Ausspruch möchte ich Das nennen: „Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebet es.“ Der heilige Geist aber wirkt gleich mit Gott. Wenn er daher Einem theilnahmsweise und als Gast sich selber schenkt so macht er ihn gewiß durch sich selbst weise und bringt hierin wieder die Wirksamkeit der höchsten Natur. Darum sprach zu dem höchst ehrwürdigen Moses der allmächtige Gott: „Wer hat dem Menschen den Mund gegeben, und wer den Tauben und den Hörenden, den Sehenden und Blinden gemacht? Nicht ich, Gott, der Herr?“ und auch anderswo durch einen der Propheten von der Schaar der Juden: „In anderen Sprachen und durch die Lippen von Fremden werde ich zu diesem Volke reden, und auch so werden sie nicht glauben.“ In der Apostelgeschichte aber wird Dieß der Wirksamkeit des heiligen Geistes zugeschrieben; „und sie begannen,“ heißt es nämlich, „in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen gab, auszusprechen.“ Als aber Christus ferner seinen Jüngern sagte, sie würden vor Fürsten und Könige gebracht werden, sie sollten sich aber keineswegs vor ihnen fürchten, denn „kümmert euch nicht,“ sprach er, „was ihr sagen oder was ihr reden sollet; denn ich werde euch durch die Wirksamkeit und Natur des heiligen Geistes eine Zunge geben“: da, sagt die heilige Schrift, sei an den Heiligen die Verheissung erfüllt worden. Christus selbst nämlich sagte: „Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eueres Vaters ist es, der in euch redet.“ Wie also ist noch geschaffen und gemacht und der höchsten Natur nachstehend und geringer Derjenige, der als Weisheit weise macht, da doch die Weisheit Gott ist? Und wie wird Der, der Alles weiß und die Tiefen Gottes erforscht, Denen beigezählt werden, die nicht wissen, was in Gott ist, und wird von uns eine für Knechte passende Ehre für sich annehmen, da doch der Heiland deutlich sagt: „Der Knecht weiß nicht, was sein Herr thut“? Da also der Geist weiß, was in dem wahrhaftigen Gott und Herrn ist, wie sollte nicht frei sein und über der Schöpfung? Wie aber was über der Schöpfung ist, durch die Identität der Wesenheit nicht mit Gott dem Vater zusammengestellt werden, zusammengestellt aber auch mit dem Sohne, durch den und mit dem Gott dem Vater Ehre sei nebst dem heiligen Geiste in Ewigkeit? Amen.

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