Rede über den Text: „alles ist Eitelkeit und Geistesplage!“

Von Ephräm d. Syrer (373)

Vorbemerkung.

Der syrische Text ist der Handschrift Cod. vat. 117, sect. 87 entnommen und in der römischen Ausgabe im 11. syrisch-lateinischen Bande S. 338-344 abgedruckt. Die Autorschaft Ephräms ist anderweitig nicht belegt.

Inhalt: In dieser Rede werden dem Leser zuerst folgende Punkte zur Betrachtung vorgelegt: Die Hinfälligkeit der Welt und des Menschen und die Wechselfälle der Welt und des Lebens [1 u. 2]. Die Welt wird mit der Nacht und mit einem Traume verglichen und das Erwachen der Seele im Jenseits und ihre dortige traurige Lage geschildert [3]. Der Redner warnt dann vor dem Truge der Welt und vergleicht die dem Menschen zugemessene Lebenszeit mit dem Schatten seines Körpers und mit der Spanne seiner Hand [4 u. 5]. Darauf folgt die Ermahnung zu einem friedfertigen, tugendhaften Leben und besonders zur Vermeidung alles Zornes und Hasses, zu schneller Versöhnung, zu einem Leben für Gott [6 u. 7]. Der Schluß bildet ein Gebet zu Christus um Frieden [8]. [Nach Zingerle a. a. O. I,376.]

Die Welt gleicht einem Rade, das die Zeiten und die Perioden in rasche Bewegung setzen. Ihre Übel sind ein Hauch und ihre Güter wie nichts; ja, ihre Übel sind keine wahren Übel und ihre Güter keine wahren Güter. Das Glück verwandelt sich plötzlich in Trauer, die kaum eingetretene Fröhlichkeit entschwindet, und es kommen Bedrängnisse. Wer heute noch fröhlich ist, weint und wehklagt schon morgen. Wer freudenvoll sein Hochzeitsfest feiert und sich am Weibe seiner Jugend ergötzt, über den kommt unerwartet der Tod und trennt das Paar, und die folgende Trauer ist größer als die vorausgegangene Freude. Wer in prächtigen Kleidern prangt und in herrlichen Kleidern einherstolziert, dessen Putz vergeht gleich einem Traume, und das Grab bekleidet ihn mit Spinngeweben. Wer hohe Paläste erbaut und in ihren Hallen stolz umherwandelt, wird plötzlich vom Ende seines Lebens überfallen; es wirft ihn aufs Totenbett, fesselt ihm Hände und Füße und verschließt ihm den Mund, so daß er nicht mehr zu reden vermag. Seine Augen erfüllt Finsternis, man trägt ihn aus seinem Hause und gestattet ihm nicht, auch nur einen Tag länger in seinen Prunkgemächern zu verweilen. Eilig schafft man ihn fort, damit er in das Grab komme, um darin zu wohnen. Sein ganzer Lebenslauf war für ihn nur Eitelkeit und Geistesplage; denn wie ein Traum entflogen ihm die Tage, und es ist, als ob er nie gewesen wäre. Wer auf einer hohen Stufe der Macht steht, dem Hochmute sich ergibt, andere ungerecht bedrückt, gelangt ebenfalls an das Ende seines Lebens, sinkt in den Staub, und all sein Reichtum war für ihn nur Eitelkeit und Geistesplage.

Die Welt gleicht der Nacht, und alle ihre Ereignisse sind Träume. Die Seele versenkt sich in dieselben und läßt sich durch das Blendwerk verführen. Wie der Traum in der Nacht täuscht, so täuscht die Welt durch ihre Verheißungen. Gleichwie der Traum die Seele durch Bilder und Gesichte betrügt, ebenso betrügt die Welt durch ihre Lüste und Güter. Der Traum betrügt in der Nacht, indem er dich durch seine Vorspiegelungen reich macht, zu einer Machtstellung erhebt und dir einen hohen Rang verleiht. Er bekleidet dich mit prächtigen Gewändern, flößt dir Übermut ein und zeigt dir sogar durch sein Blendwerk, wie die Menschen kommen, um dir zu huldigen. Ist aber die Nacht vorüber und vorbei, ist der Schlaf entschwunden und dahin, ist der wache Zustand wieder zurückgekehrt, dann stellen sich diese Träume, die du geschaut hast, als lügenhaft heraus. Ebenso täuscht die Welt durch ihre Güter und Reichtümer, die gleich einem Traumgebilde der Nacht vergehen und werden, als ob sie nie gewesen wären. Wenn der Leib im Tode entschläft, dann erwacht die Seele, erinnert sich der Träume der Welt und ist darüber beschämt und bestürzt. Ergriffen von plötzlichem Staunen, vergeht und zergeht die Seele vor Verwirrung, beginnt zu zittern und zu beben, da das Verborgene offenbar wird. Sie gleicht dann einem Menschen, der sich nach dem Erwachen aus dem Traume umsonst abhärmt, daß seine Zeit wie ein Traum vergangen ist. Angst befällt ihn, wenn er in seinen Gedanken sieht, wie ihn seine Missetaten umringen. Dichten Finsternissen gleich kommen alle seine Schandtaten herbei; er weiß nicht, wohin er fliehen, wohin er gehen und wo er sich verbergen soll, da seine Freveltaten vor ihm stehen. Dann kommt der Böse herbei, und es ergeht an die Seele die Forderung. Er fordert von ihr die Träume der Welt, um sie auszulegen; er fordert von ihr den Reichtum, den sie gesammelt hat, der ihr aber die Glorie geraubt hat; er stellt sie nackt hin und verlacht und verhöhnt sie. Er fordert von ihr [Rechenschaft über] die schändliche Ungerechtigkeit, die sie in die Hölle stürzt; er fordert von ihr Rechenschaft über die Dieberei, die sie in die Finsternis schleudert; er fordert von ihr Rechenschaft über den Neid und den Betrug, die ihr das Zähneknirschen bereiten; er fordert von ihr Rechenschaft über den Zorn und die Rachsucht, die ihr die [Höllen-] Qualen zuziehen. Alle Schandtaten bringt er herbei, erklärt sie und legt sie vor ihren Augen dar, ohne irgendeinen Fehler zu übergehen. Das sind schmerzliche Deutungen, die der Böse, vor ihr stehend, von ihr fordert. Weil die Seele sich durch Träume täuschen ließ, darum sind die Träume ihre Qual.

Lassen wir uns also nicht von der vergänglichen Welt täuschen, noch durch ihre Lockungen betören! Lasset uns ihre Täuschung nicht lieben; denn sie vergeht wie ein Traum der Nacht! Die Tage gehen schnell vorüber, die Stunden enteilen und verweilen nicht, weil im raschen Laufe der Zeit die Welt ihrem Ende zustrebt. Kein Tag gestattet dem anderen, mit ihm zu vergehen, und keine Stunde wartet auf die andere, um mit ihr zu verfließen. Wie sich das Wasser mit den Fingern nicht festhalten läßt und nicht stille steht, ebensowenig bleibt das Leben des aus dem Mutterschoße Geborenen stehen. Gewogen und gemessen ist das Leben eines jeden, der in die Welt eintritt, und es gibt keine Möglichkeit und es geht nicht an, daß er die ihm gesteckte Grenze überschreite. Das Leben ist dem Menschen von Gott genau zugemessen, und dieses Maß teilen die Tage nach Abschnitten ab. Jeder Tag nimmt seinen Teil von deinem Leben weg, ohne daß du es bemerkst, und keine Stunde verzichtet auf ihren Anteil, wenn sie auf ihrem Wege dahineilt und verfließt. Die Tage reißen dein Leben [wie eine Mauer] ein, und die Stunden zerstören sein [des Lebens] Gebäude, so daß du dem Ende zueilst, der du nur ein Hauch bist. Gleich Dieben und Räubern stehlen die Tage und rauben die Stunden, so daß der Faden deines Lebens allmählich abreißt und aufhört. Die Tage bestatten dein Leben, die Stunden sind seine Totengräber, in Tagen und Stunden entschwindet dein Leben von der Erde. Das Leben, das du am heutigen Tage verlebst, entfliegt und entschwindet mit dem Ende dieses Tages; denn jeder Tag nimmt das Seinige von deinem Leben weg und läßt es mit sich entschwinden. Jeder Tag begräbt das Seinige, jede Stunde bestattet das Ihrige, im eiligen Laufe der Zeit entschwinden sie, vergehen und sind dahin. Die Tage fordern und nehmen, die Stunden ergreifen und enteilen, damit das Maß deines Lebens versiege und dein Ende eilends nahe. Von Gott ist dein Leben gemessen und auf die Erde gestellt; jeder Tag nimmt sein Maß, um den Strom deines Lebens [allmählich] auszuschöpfen. Wie die Tage enteilen, so vergeht dein Leben schnell; denn es gibt keinen Ausweg und keine Möglichkeit, daß es stehen bleibt und ruht. Wenn die Sonne in der Höhe stehen bleibt und wenn der Mond in seinem Laufe innehält, dann bleibt auch das Maß deines Lebens stehen und eilt nicht dem Ende zu.

Am Schatten prüfe, was ich dir sage, und von ihm lerne es; denn dein Leben geht ebenso dahin wie der Schatten, der nicht stille steht! Ziehe Linien, bleib auf deinem Platze und beobachte den Schatten deines Körpers! Wie der Schatten vorrückt und nicht auf der Linie bleibt, ebenso rückt dein Leben vor und eilt dem Ende zu. Vom Morgen bis zum Abend läuft der Schatten deines Körpers, und vom Mutterschoße bis zum Grabe läuft die Reise deines Lebens. Durch deine Handbreite ist dein Leben abgemessen, daß es dieselbe nicht überschreite, und deine Finger bezeichnen die fünf Grade des Maßes. Mit dem kleinen Finger beginnt die Handbreite und endet mit dem Daumen. Ebenso ist es mit dem Anfang deines Lebens und mit dem Ende deines Greisenalters. Mit dem kleinen Finger beginnt das Leben, das erste Leben der Kindheit. Man kommt dann zum zweiten Finger, zum unerfahrenen Knabenalter. Beim Mittelfinger steht man in der stolzen, aufgeblasenen Jugendzeit. Beim sogenannten vierten Finger wird man ein vollkommener Mann, aber das Maß beginnt abzunehmen und es bleibt nur noch ein Finger übrig. Dann kommt das Greisenalter, der Daumen, das Ende des Lebens. Dieses ist für dich das Maß, falls es dir vergönnt ist, es auszufüllen; denn es kann geschehen, daß der Tod kommt und dir nicht die Vollendung gönnt, weil der Schöpfer, wie er will, die Spanne deines Lebens verkürzt, vielleicht damit dadurch auch die Bosheit abgeschnitten werde und sich nicht mit deinem Leben verlängere. An der Hand offenbart sich also das Maß des Lebens, das dem Menschen bestimmt ist, und durch die Finger werden die fünf Stufen dargestellt, die der Mensch durchläuft. Siehe also zu, welcher Finger jetzt an der Reihe ist und auf welcher Stufe du jetzt stehst; denn du weißt nicht, bei welchem Finger plötzlich dein Ende kommt. Der Tag des Herrn ist ein Dieb, der dich stiehlt, ohne daß du es merkst.

Geleite dein Leben in Frieden und versieh’ es mit guter Wegzehrung, damit es zu Gott versammelt werde! Dort wirst du es nach seinem Ende wieder finden, wenn du rechtschaffen lebst. Lebst du aber schlecht, so wird dein Leben weggerafft und geht verloren, und du wirst es suchen, aber nicht mehr finden. Auf die Erde ausgeschüttetes Wasser kannst du nicht trinken; gießt man es aber in ein Gefäß, dann steht es für dich zum Trinken bereit. Verbringe dein Leben nicht in Zorn und Haß, vergeude es nicht unwiederbringlich in Raub und Ungerechtigkeit; mach’ es nicht durch Unzucht und Dieberei stinkendem Wasser gleich, so daß es die Erde verschlingt und kein Auge es mehr erblickt! Richte nicht dein Leben durch Neid und Hinterlist, durch Grimm und Groll, durch irgendeine Bosheit zugrunde, damit du nicht ein wahrhaft Toter seiest, dem sein Leben verloren ging! Nichts ist ja dem Menschen lieber als das Leben; denn er gäbe die ganze Welt für das Leben hin, wenn es möglich wäre. Jage daher den guten Bestrebungen nach, auf daß sie dir als Kanäle dienen, damit dein Leben, mag es auch vorübergehen, nach seinem Verlaufe in Gott stille stehe! Leite das Bächlein deines Lebens zu Gott hin, damit es dir, nachdem es hier versiegt ist, dort ein Meer des Lebens werde! Du nennst in der vergänglichen Welt ein Lebensflüßchen dein eigen; leite es zu Gott hinüber, auf daß es ein Ozean des Lebens werde! Tag für Tag strömt dein Leben dahin und verrinnt; ergieß es in Gott, damit du es auf ewig findest! Nicht mache der Zorn dein Leben dahinschwinden und nicht richte es die Sünde zugrunde, so daß du völlig tot wärest, weil gänzlich des Lebens beraubt! Wenn der Zorn in einer Seele wohnt, so vernichtet er das Leben eines Tages. Laß ihn nicht auf den nächsten Tag übergehen, damit er nicht dein ganzes Leben vernichte! „Es genügt dem Tag sein Böses“, wie unser Heiland gesagt hat; es genügt also, wenn der Zorn das Leben auch nur eines einzigen Tages vernichtet. Der Zorn übernachte nicht in deiner Seele, und die Sonne gehe nicht unter, ohne daß er sich entfernt hätte! Ein schlimmer Gast herbergt in dir, vertreibe, verjage ihn, gestatte ihm keinen Aufenthalt! Mit dem schwindenden Tage verschwinde der Zorn und verweile nicht in deiner Seele! Und wie die Stunde nicht zögert, so zögere auch der Zorn nicht, sich zu entfernen!

Nicht schlafe der Zorn in deiner Seele; wenn er einmal darin schläft, dann läßt er sich nur schwer daraus entfernen. Nicht bringe er die Nacht bei dir zu, nicht gäre er, nicht bleibe er, nicht ruhe er dort; denn wenn der Zorn in der Seele gärt, dann verdirbt, verwirrt, verpestet und besudelt er sie, so daß sie nur mehr zum Schlechten taugt. Ein schlechter Sauerteig verpestet, wenn er in den Teig hineingerät, die ganze Masse, und der Zorn läßt, wenn er in der Seele Wohnung genommen hat, seinen schlechten Geschmack in ihr zurück. Giftig sind Viper und Natter, aber der Zorn ist noch viel schlimmer als sie. Er richtet die Seele zugrunde und tötet sie, indem er sie von Gott entfernt. Wenn du eine Schlange in deinem Hause erblickst, so machst du Jagd auf sie und tötest sie; aber der Zorn, der dich tötet, wohnt in deiner Seele und du vertreibst ihn nicht. Wenn du eine Schlange liegen siehst, so hast du Angst vor ihr, sie möchte dich beißen; aber der Zorn, der tödliches Gift in sich trägt, darf ruhig in deinem Sinne hausen. Dringt eine Schlange in deinen Busen, so befällt Zittern deine Glieder; dein ganzes Herz aber ist eine Höhle voll von Nattern geworden. Wo eine Natter hinhaucht, da wird das Fleisch krank und geht zugrunde, und wo der Zorn wohnt, da findet sich verderbenbringendes Gift. Du fürchtest dich, von einer Schlange gebissen und von einem Skorpion gestochen zu werden; aber vor dem Bisse des Zornes fürchtest du dich nicht, und vor dem Stiche des Hasses hast du keine Angst. Wer wünscht wohl, daß eine Natter zu ihm komme und sich bei ihm verberge? Wer ruft wohl eine Schlange herbei, daß sie in seinen Busen krieche und dort weile? Aber während du diese Tiere nicht leiden magst, wünschest du schlimmere als sie herbei, den Zorn, der ärger ist als eine Natter, und den Haß, der ärger ist als eine Schlange. Wegen eines unbedachten, vom Teufel zugeflüsterten Wortes öffnest du dem Zorne die Türe angelweit, damit er in deine Seele einziehe und dort wohne. Weil dein Nebenmensch mit dir um elende Vorteile streitet, rufst du den Haß herbei, daß er in deinen Busen einziehe und dort lagere. Wenn der Zorn bei dir bellt und wie ein Hund geifert, so wirf die Friedfertigkeit wie einen Stein auf den Zorn und wehre ihm so das Bellen! Beschwichtige ihn durch Heiterkeit und zeige Lachen und nicht Ärger! So wird dann der Zorn verhindert, zwei Seelen zugleich zu vernichten.

O Gott, der du durch das Blut, das aus deiner Seite floß, den Höhen und den untersten Tiefen den Frieden gabst, sende deinen Frieden unter die Zürnenden! Der du zwischen den beiden Parteien, den Oberen und den Unteren, Frieden gestiftet hast, versöhne die Entzweiten durch Liebe, und säe deinen Frieden unter sie! O Herr, der du unser Friede bist, wie dein Jünger schrieb, dein Friede sei der Hüter der Seelen, die zu dir flehen! „Meinen Frieden gebe ich euch; meinen Frieden hinterlasse ich euch“, sprach der Herr zu seinen Aposteln und fuhr zu seinem Vater auf. Wenn er in großer Herrlichkeit wiederkommt und Schrecken die Schöpfung befällt; wenn die Posaune in der Höhe ruft und die Grundfesten des Erdkreises sich lösen; wenn die mächtigen Felsen sich spalten, alle Gräber sich öffnen und in einem Augenblicke alle Entschlafenen unverwest auferstehen; wenn der Staub Adams gesammelt wird, so daß kein Stäubchen davon zurückbleibt; wenn in großer Angst die Oberen und die Unteren dastehen: dann komme deine Versöhnung, o Herr, uns entgegen, und dein Friede begegne uns!

Dir sei Ehre, über uns aber komme deine Barmherzigkeit, o Gnädiger, o Erbarmungsreicher!

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