Gegen die Heiden

Von Arnobius major (um 303-305)

Erstes Buch

Dieweil ich in Erfahrung gebracht habe, daß nicht Wenige, welche ihrer Einbildung zufolge sich gar große Einsicht zutrauen, rasen, toben und gleichsam als wie etwas Offenbares aus einem Orakelspruche verkünden: nachdem auf dem Erdkreise das Christenvolk angefangen habe, sey derselbe in Verfall und mannigfaltige Uebel suchten das Menschengeschlecht heim; ja selbst die Himmlischen, welche sonst unsre Angelegenheiten zu beachten pflegten, hätten sich die gewohnte Sorgfalt hintansetzend dem Bereiche der Erde entzogen: so beschloß ich nach Fassung und Unvermögen der Rede dem Schimpf zu begegnen, wie auch die ränkevollen Anschuldigungen zu vernichten, damit ein Mal jene nicht etwa meinen durch Vorbringung solcher Pöbelreden etwas Bedeutendes auszusagen, und dann, damit, enthalten wir uns derlei Streitigkeiten, sie nicht glauben, ein Recht, durch ihre Schlechtigkeit gewonnen und durch das Schweigen der Verteidiger nicht zerstört, erlangt zu haben: denn keinesweges möchte ich läugnen, diese Beschuldigung sey eine sehr schwere, und allerdings verdienten wir den feindseligen Haß, fände sich außer Zweifel gesetzt bei uns der Grund, weßhalb der Weltgang von seinen üblichen Gesetzen abgewichen, die Götter verbannt und dem Menschengeschlecht solche Schwärme von Drangsalen herbeigeführt worden.

Wir wollen also dieser Meinung Sinn beschauen, und welcher Art das Gesagte sey. Wir wollen, mit Entfernung aller Neigung zu Streit, durch welche die Betrachtung der Dinge nur verdunkelt und verhüllt zu werden pflegt, ob das AusGesagte wahr sey, durch die Prüfung schicklicher Punkte erwägen: denn in Wahrheit wird sich durch die Verbindung der Schlußfolgen darthun, daß nicht so sehr wir Unfromme, sondern vielmehr sie selbst, welche sich als die Verehrer der Götter und Anhänger der altherkömmlichen Religion bekennen, von jener Beschuldigung getroffen werden. Zuerst untersuchen wir die ihnen so heimische und gefällige Rede: nachdem der Name der christlichen Lehre auf Erden angefangen, was Ungewöhnliches, Unbekanntes, wider das von Anfang her angeordnete Gesetzliche jener Zustand der Dinge, den man Natur nennt, empfunden oder ertragen habe? Ob jene ersten Elemente, aus welchen alle Dinge, wie übereinstimmend ist, zusammengefügt worden, in entgegengesetzte Qualitäten umgewandelt wurden? Ob wohl die Fügung dieser Maschine und dieses Gebäudes, welche uns Alle decken und umschließen, in irgend einem Theil nachließ oder sich auflöste? Ob etwa der Umschwung des Himmels, abschweifend von dem Maaße seiner ursprünglichen Bewegung, entweder langsamer zu schleichen oder mit hastigerer Schnelle fortgerissen zu werden begann? Ob die Sterne von Westen her nun aufsteigen und im Osten zum Untergang sich neigen? Ob die Königin der Sterne, die Sonne selbst, deren Licht Alles schmückt und mit Farbe belebt, zu entbrennen nachließ, lau wurde und die natürliche Beschaffenheit gewöhnlicher Temperatur in entgegengesetzten Zustand fälschte? Ob der Mond abließ sich zu erneuen und zurückzuführen immerfort durch Erneuerung die alten Gestaltungen? Ob die Kälte, die Hitze, die mittlere Wärme der ungleichförmigen Jahreszeiten durch Verwirrung zu Grunde gingen? Ob der Winter jetzt lange Tage habe, und ob des Sommers Nacht spätes Licht hervorrufe? Ob die Winde ausgeblasen, ob nach erloschenem Feuer weder der Himmel mit Wolken sich umziehe, noch der Acker von Regen befeuchtet gedeihe? Den ihr anvertrauten Samen weigert die Erde zu empfangen? Nicht wollen die Bäume ergrünen? Die Schmackhaftigkeit der eßbaren Früchte, der Saft des Weinstockes, sie sind gewandelt? Den Olivenkernen wird garstige Gauche [=Jauche, Grimm Wb] entpreßt, und nicht wirkt das erloschene Licht? Die dem Festlande eigenthümlichen Thiere, wie auch die im Wasser lebenden leiden keine Brunst, pflanzen sich nicht fort? Die im Mutterschooß empfangenen Fruchtgebilde werden nicht auf ihre Weise und gemäß ihrer Siegel bewahrt? Die Menschen selbst endlich, welche die erste, beginnende Betriebsamkeit durch die bewohnbaren Striche des Erdkreises hin zerstreut, knüpfen sie nicht mit rechtlicher Förmlichkeit das Eheband? erzeugen sie nicht die süßesten Nachkommen? betreiben sie nicht öffentliche, bürgerliche und eigene Geschäfte? bilden sie nicht, wie ihnen beliebt, ihren Geist und ihre Talente in mannigfaltigen Künsten und Wissenschaften aus, und treiben eifriger Bemühung Zinsen ein? Herrschen sie nicht? befehlen sie nicht, welchen hierzu das Loos gefallen ist? wachsen sie nicht täglich an Würde und Macht? sitzen sie nicht den Streitigkeiten der Gerichte vor? legen sie nicht Gesetz und Recht aus? Ja, feiern nicht Alle alles Uebrige, wodurch das menschliche Leben umgürtet und zusammengehalten wird, nach der bei ihren Völkern altväterlich hergebrachten Weise und Anordnung?

Da diese Dinge also bestehen und keine Neuerung hereingebrochen ist, welche den andauernden Bestand derselben durch Trennung der Fortdauer geändert hat, was sagt man denn, es sey der Erde ein Verderben zugefügt worden, nachdem die christliche Lehre in die Welt hereingekommen der verborgenen Wahrheit Geheimniß offenbarte? Die Pestseuchen aber, sagen sie, die Dürre, die Kriege, die Heuschrecken, die Mäuse, der Hagelschlag und die andern schädlichen Zustände, welche den menschlichen Lebensverkehr bestürmen, verhängen die durch eure Frevel und Beleidigungen erbitterten Götter über uns. Wäre es nun nicht Thorheit, bei ganz augenscheinlichen, keiner Verteidigung bedürftigen Dingen länger zu verweilen, so könnte ich in Wahrheit der verflossenen Jahrhunderte eingedenk darthun, wie diese von euch erwähnten Uebel nicht unbekannt, nicht jählings waren; noch auch, daß diese Verderbnisse, nachdem unser Volk dieses Namens Glückseligkeit zu empfangen gewürdigt worden, hereinzubrechen und durch der Unterschiede Umstellung die menschlichen Zustände zu belästigen angefangen haben: denn sind wir daran Schuld, wurden zur Strafe unsres Verbrechens diese Pestseuchen ersonnen, woher wußte das Alterthum die Namen der Mißgeschicke? woher gab es dem Kriege die Benennung? wie konnte es die Pest, den Hagelschlag bezeichnen? oder unter seine Worte, in welchen die Sprache sich darthat, aufnehmen? Sind nämlich diese Uebel neu und haben sie Veranlassung von frischen Widerwärtigkeiten, wie konnte geschehen, daß es Worte für Dinge bildete, deren Erkenntniß ihm mangelte und die es in keiner Zeit der Vorfahren entstanden wußte? Man sagt, Mangel der Furcht und Angst vor Hungersnoth bedrängten uns dichter. Die alten und ältesten Jahrhunderte waren wohl ehedem solcher Noth ledig? Bezeugen und rufen nicht die Namen selbst, mit welchen man diese Uebel bezeichnete, nie sey ein Sterblicher ihrer befreit dahingegangen? Ist die Sache schwer zu glauben, so könnten wir durch der Schriftsteller Zeugnisse darthun, welche und wie bedeutende Völker so vielmal schauderhafte Hungersnoth erduldet haben und durch häufige Dürre zu Grunde gerichtet wurden. Ungemeine Hagelschläge ereigneten sich und trafen allenthalben: denn finden wir nicht in alten Schriften aufgezeichnet und zusammengetragen, wie daß auch Steinregen oft ganze Landschaften zerstörten? Regenmangel macht die Saat abstehen und kündet Unfruchtbarkeit des Bodens an. Das Alterthum war wohl solcher Uebel ledig? da wir doch erfahren haben, daß selbst große Ströme zu Staub ausgetrocknet sind. Pestseuchen verbrennen das Menschengeschlecht. Durchlauft die in verschiedenartigen Sprachen verfaßten Annalen und ihr werdet vernehmen, oftmals seyen sämtliche Länder verwüstet ihrer Bewohner beraubt worden. Heuschrecken, Mäuse vernichten und fressen jede Art Frucht. Durchgeht euere Geschichten, und ihr werdet euch unterrichten, wie oft die Vorzeit von diesen Uebeln heimgesucht dem Jammer der Nothdurft zu Theil wurde. Die durch die heftigsten Bewegungen der Erde erschütterten Städte schwanken bis zur Gefahr. Wie nun, haben die früheren Zeiten keine durch die größten Spaltungen des Erdbodens sammt den Einwohnern versunkene Städte geschaut? oder waren sie etwa vor solcherlei Unfällen glücklicher Weise gesichert?

Wann ist das Menschengeschlecht durch Ueberschwemmungen vertilgt worden? nicht schon vor uns? Wann ward die entzündete Welt in Glut und Asche aufgelöst? nicht bereits vor uns? Wann bedeckten die ansehnlichsten Städte Meeresfluthen? nicht vor uns? Wann führte man mit wilden Thieren Kriege und kämpfte mit Löwen? nicht vor uns? Wann kam den Völkern die Gefahr von giftigen Schlangen? nicht vor uns? Weil ihr nun ferner gewohnt seyd, uns die Veranlassung häufiger Kriege vorzuwerfen, die Verwüstungen der Städte, die Einfälle der Germanen und Skythen, so will ich euch deßwegen mit eurer Erlaubniß und gütigen Nachsicht sagen, was in dem Gesagten eigentlich sey, und ihr aus Lust zu Ränken nicht seht.

Daß vor zehntausend Jahren eine große Menge Menschen von der Insel, welche man für die Atlantis des Neptuns hält, wie Platon darthut, hervorbrach und eine Unzahl Nationen gänzlich vertilgte: daran waren wir Schuld? Daß die Assyrier und Baktrianer unter Anführung des Ninus und Zoroasters einst nicht bloß mit dem Schwerdt und Truppenmacht kriegten, sondern auch mittels der Magier und mit den geheimen Disciplinen der Chaldäer, dieß geschah durch unsere Mißgunst? Daß Helena unter dem Schutze und auf Antrieb der Götter entführt, ihrer Zeit und der Zukunft ein grauses Verhängniß wurde, dieses Verbrechen ist unserer Lehre beizulegen? Daß jener frevelhafte Xerxes das Meer dem Festlande einfügen und überschreiten wollte, dieß vollbrachte er unseres Namens wegen? Daß ein innerhalb Makedoniens Gränzen entsprossener Jüngling des Orients Reiche und Völker der Eroberung und Knechtschaft unterwarf, das verursachten und erregten wir? Daß dann die Römer, gleichwie ein reißender Strom alle Völker überschwemmten und in sich versenkten, unbezweifelbar haben wir ihren Geist in die Wuth hineingestürzt? Wenn nun aber sich kein Mensch findet, der das vor Zeiten Geschehene unsern Zeiten zuzuschreiben wagt, welcher Weise können wir dann der gegenwärtigen Drangsale Ursache seyn, da nichts Neues sich ereignet, sondern Alles alt auch keiner ehemaligen Zeit unerhört ist.

Wiewohl ihr sagt, diese Kriege würden wegen der Mißgunst unsrer Lehre erregt, dennoch läßt sich unschwer beweisen, wie daß, nachdem Christus auf Erden gehört worden, dieselben nicht sowohl zugenommen, sondern vielmehr größten Theils durch Unterdrückung der Wuth entkräftet wurden: denn da wir, eine so mächtige Menge durch seinen Unterricht und seine Gebote empfangen haben, nicht müsse Böses mit Bösem vergolten werden; es sey trefflicher Unrecht erleiden als anthun, sein eigenes Blut vergießen als mit dem eines Anderen Hand und Gewissen beflecken; so genießt sogleich der undankbare Erdkreis eine Wohlthat von Christus, der die wilde Wuth sänftigte und die feindlichen Hände vom Blute verwandter Geschöpfe abzuhalten begann. Wollten nun Alle, welche einsehen, sie seyen Menschen nicht der Leibesgestalt nach, sondern gemäß dem Vermögen der Vernunft, überhaupt nur ein wenig den heilsamen und friedlichen Verordnungen Gehör geben, und nicht aus Stolz und Arroganz mehr ihren Sinnen als seinen Ermahnungen glauben, so lebte alsbald der ganze Erdkreis, den Gebrauch des Eisens zu sanftern Werken gewendet, in behaglichster Ruhe und stimmte durch unverletzte Bündnisse des Friedens überein.

Wird aber durch euch, sagen sie, keinerlei menschlicher Zustand belästigt, woher dann diese Uebel, welche allzumal die bejammernswerte Sterblichkeit bedrängen und belasten? Du forderst von mir eine diesem Gegenstande nicht nothwendige Auseinandersetzung: denn die gegenwärtige in Handen [sic] befindliche Untersuchung ist nicht deßwegen unternommen, um darzuthun oder zu erproben, welcherlei Ursachen und Gründen zufolge jedes Ding geschehe; sondern um zu zeigen, wie fern die Schmachrede eines so großen Verbrechens von uns sey. Wenn ich dieß aber zu Tage fördere: denn durch Thatsachen und glänzende Beweise der Sache Wahrheit sich entwickelt, so bin ich unbesorgt, woher diese Uebel oder aus welchen Quellen und Anfängen sie hervorstömen.

Damit es nun aber doch nicht scheinen mag, ich hätte, gefragt, was ich über derlei Dinge denke, keine Antwort geben können, so kann ich sagen: Wie etwa, wenn die erste Materie, welche in die vier Elemente der Dinge geordnet worden, die Ursachen aller Drangsalen in ihren bestimmten Gesetzen eingewickelt enthielt? Wie, wenn der Gestirne Bewegung nach gewissen Himmelszeichen, Häusern, Konstellationen diese Uebel erzeugten und den Unterworfenen die Nothwendigkeiten nach mannigfaltiger Sonderung spendeten? Wie, wenn zu festgesetzten Zeiten der Dinge Wechsel stattfände, und wie bei der Meeresfluth, halb glückliche Zustände herzuströmten, bald diese hinwiederum kehrende Uebel zurückdrängten? Wie, wenn diese Hefe der Materie, die wir unter unsern Füßen zertreten, das Gesetz für sich empfangen hätte, die schädlichsten Dünste auszuhauchen, wodurch die Athmosphäre verpestet, den Leibern Seuche verursacht und den Lebensverkehr entkräftet? Wie, wenn, was das schicklichste aber, Alles uns widerlich Erscheinende, der Welt selbst kein Uebel ist; und wir Alles was zu unserm Vortheile angeordnet geschieht, nach unfrommer Ansicht als Wirkungen der Natur lästern? Jener erhabene Platon, das Haupt und der Grundpfeiler der Philosophen, hat in seinen Dialogen jene wilden Ueberschwemmungen und Verbrennungen der Welt als Reinigungen der Erde angeführt; und nicht hat der weise Mann sich gescheut, des Menschengeschlechtes Vernichtung, Verheerung, Verfall, Untergang, Hinsterben Erneuerung der Dinge zu nennen und einer an Kraft wieder hergestellten Jugend zu vergleichen.

Der Himmel verweigert den Regen, sagt man, und wir sind wegen, ich weiß nicht welchem Fruchtmangel bekümmert. Was verlangst du aber, daß die Elemente deiner Nothdurft dienen? und damit du bequemer und üppiger leben kannst, sollen die Jahreszeiten willfährig deiner Bequemlichkeit sich erweisen? Wie, wenn solcher Weise der eifrigste Schiffer sich beklagte, daß so lange kein Wind wehe und jeder Hauch ruhe? Müßte man da nicht sagen, diese Stille sey der Welt verderblich, weil den Wünschen des Schiffenden zuwider? Wie, wenn einer, von der Sonne versengt zu werden und den Körper auszudörren gewohnt worden, aus ähnlichem Grunde sich beklagte, daß angehäufte Wolken die Annehmlichkeit der Heiterkeit entzogen haben? Muß man deßhalb sagen, die Wolken, weil deckend, hängend, sie unnützer Sucht sich zu röthen und Gelegenheit zum Trinken sich zu bereiten verwehren, seyen für feindlich zu schätzen? Alle diese Ereignisse, welche in diesem Weltgebäude geschehen und sich begeben, müssen nicht nach unserem Vortheile, sondern nach den Gesetzen und Ordnungen der Natur selbst erwogen werden.

Auch wenn Etwas sich ereignet, was uns selbst oder unsere Zustände wenig durch erfreulichen Erfolg begünstigt, ist es nicht gleich ein Uebel und darf keinesweges als zum Verberblichen gehörig angenommen werden. Mag der Himmel regnen oder nicht regnen, sich selbst regnet er oder nicht; und was dir vielleicht unbekannt ist, entweder kocht er durch die Heftigkeit der Trockenheit die zu große Erdfeuchtigkeit ein, oder er mildert die längst angedauerte Dürre durch Regengüsse. Pestseuchen, Krankheiten, Hungersnoth und andere verderbliche Formen der Uebel bringt man in Erinnerung; woher weißt du aber, ob, was strotzt, nicht deshalb hinweggerafft wird, damit durch diese Hinwegnahme die Ueppigkeit ein Maaß finde?

Du wagst zu sagen, dieß und jenes ist in der Welt ein Uebel, davon du weder den Ursprung noch die Ursache erklären, lösen magst; und weil es deiner Genüsse, vielleicht auch Begierden Lust hindert, nennst du es verderblich und widrig. Wie also, weil die Kälte deinen Gliedern zuwider ist, deines Blutes Hitze zu kühlen pflegt, deßhalb soll kein Winter in der Welt seyn? Und weil du die sengenden Sonnenstrahlen nicht zu übertragen im Stande bist, so muß der Sommer dem Jahre getilgt und nach andern Gesetzen eine andere Natur neuerdings organisirt werden? Die Nießwurz ist den Menschen ein Gift, soll sie um deßwillen nicht wachsen? Der Wolf stellt den Schafen nach, liegt die Schuld wohl an der Natur, daß sie das grausame Thier hervorgebracht hat? Die Schlange tödtet durch ihren Biß; soll ich etwa den Ursprung der Dinge verfluchen, daß er so grause Ungethüme den athmenden Geschöpfen beigefügt?

Es ist eine große Anmaßung, da du dein eigener Herr nicht bist, auch in eines Anderen Eigenthum dich befindest, Mächtigerm Bedingungen vorzuschreiben; zu wollen, was du begehrst, solle geschehen, nicht was du in den Dingen nach alter Anordnung festgesetzt antriffst. Wollt ihr Menschen folglich für eure Beschwerden Raum gewinnen, so mögt ihr vorerst belehren, wo und wer ihr seyd, ob für euch die Welt geschaffen und eingerichtet wurde, oder ob ihr aus andern Gegenden Miethsleute, in dieselbe gekommen seyd. Da ihr dieß nicht aussagen könnt, noch begreiflich machen, um welcher Ursache willen ihr unter des Himmels Wölbung verkehrt, so steht von dem Glauben ab, als beziehe sich irgend Etwas auf euch. Was eben geschieht, geschieht nicht theilweise, sondern kehrt zum letzten Ursprung und bezieht sich auf’s Ganze.

Der Christen wegen, sagen sie, verhängen die Götter alle Uebel und ihrerwegen bereiten die Himmlischen den Früchten Verderben. Ich bitte euch, da ihr so sprecht, beschimpft ihr euch nicht über die Massen durch offenbare Augenfälligkeiten und kundige Lügen? Fast dreihundert Jahre, etwas mehr oder weniger, sind nun, seit wir Christen zu seyn angefangen, auf dem Erdkreise genannt werden. Wüthete nun alle diese Jahre her unaufhörlich Krieg, andauernd Unfruchtbarkeit; war kein Friede auf der Erde, keine Wohlfeilheit oder kein Ueberfluß ferner? denn dieß mußte zuerst von dem, der uns beschuldigt, dargetan werden, andauernd und immerwährend seyen die Drangsale gewesen, nie habe die Menschheit in Wahrheit aufatmen können, und ohne Ferien, wie man sich ausdrückt, vielfache Uebel ertragen?

Sehen wir aber nun nicht inmitten dieser Jahre und Zeiten unzählbare Siege über Feinde davongetragen? die Erweiterung der Gränzen des Reiches und die Unterjochung von Völkern, deren Namen noch nie gehört worden? War nicht oftmals der bedeutendste Ueberfluß an Getreide, Wohlfeilheit und solcher Vorrath, daß der gesammte Verkehr durch den Preiswerth niedergeschlagen erstarrte? Auf welche Weise auch konnte irgend Etwas vollbracht werden, und wie vermochte bis zu dieser Zeit das Menschengeschlecht zu dauern, hätte nicht Alles, was das Bedürfniß forderte, die Fruchtbarkeit der Dinge gewährt?

Doch befanden sich einmal einige Zeiten in Nothdurft, Ueberfluß milderte dieselbe. Ferner einige wider Willen geführte Kriege wurden nachmals durch Siege und guten Fortgang gebessert. Was wollen wir also sagen? Sind die Götter bald unserer Beleidigungen eingedenk, bald wieder uneingedenk? Ist zu irgend einer Zeit eine Hungersnoth, dann sagt man, sie sind erzürnt, folgt jedoch Ueberfluß, dann sind sie weder erzürnt noch mürrisch; und dergestalt kommt es dahin, daß sie kurzweilig abwechselnd den Zorn jetzt aufgeben, jetzt aufflammen lassen, indem sie sich immer fort die Erinnerung an die Beleidigungen wieder erneuern.

Allein selbst durch deutliche Zusammenfassung kann nicht erkannt werden, was an dem Gesagten sey. Sollten die Alemannen, Perser, Skyten um deßwillen überwunden werden, weil unter ihnen Christen wohnten und lebten, wie könnten die Römer den Sieg erhalten, da unter ihnen ebenfalls Christen hausen und leben? Sollten Asien, Syrien deßwegen Mäuse und Heuschrecken unnatürlicher Weise verheeren, weil ähnlich dort Christen seßhaft sind; warum zeigte sich zur selben Zeit nichts der Art in Spanien, in Gallien, da doch unzählbare Christen auch in diesen Provinzen lebten? Ward aus diesem Grunde genugsame Trockne und Dürre den Getulern und Tinguitanern gesendet, weßhalb empfingen dann die Mauren und Numidier im selben Jahre eine so überreiche Erndte, da jene Lehre ebenfalls in diesen Gegenden sich findet? Mußten in jedweder Stadt um der Abneigung unseres Namens willen sehr viele durch Hunger dahinsterben, weßhalb traf die Gereidetheuerung nicht bloß allein die uns nicht angehörige Menge daselbst, sondern die wohlhabenden und reichen Christen ebenfalls? Entweder also mußten Alle nicht beglückt seyn, sind wir der Uebel Ursache: denn wir finden uns unter allen Völkern; oder da ihr das Glück mit dem Unglück gemischt seht, so höret auf, was eure Zustände verletzt, uns zuzuschreiben, indem wir nie dem Glück und Wohlergehen in den Weg treten. Bring‘ ich das Uebel hervor, sollt‘ ich da nicht dem Wohl widerstehen? Ist mein Name Schuld an großem Mangel, warum sollt‘ ich nicht ungemeine Fruchtbarkeit verhindern? Sagt man, ich spende das Loos der Kriegswunden, weswegen sollt‘ ich den dahinschwindenden Kriegen nicht eine glückliche Vorbedeutung werden, und durch des bösen Omens Unannehmlichkeit die frühen Hoffnungen verhöhnen?

Und doch ihr eifrigen Verehrer und mächtigen Priester der Götter, wie bemerkt, wie nehmt ihr denn gar nicht wahr, welche schmählichen Leidenschaften, welchen unanständigen Unsinn ihr euern Gottheiten beilegt, ernstlich versichernd, diese überaus ehrwürdigen Götter zürnten den Christen? denn was anders ist der Zorn als Wahnsinn, Wuth, Rachgier, und verwilderten Herzens für eines Andern Pein schwärmen? Das also kennen, erdulden und empfinden die großen Götter, was die Bestien, was die Thiere, was die todtbringenden Schlangen im Giftzahn besitzen? Was beim Menschen Aufwallung, was beim Thier das Schädliche ist, das empfindet, nach eurer Versicherung, jene vortreffliche Wesenheit, die in fortdauernder Güte festbegründet steht; und was folgt nun nothwendig, als daß ihre Augen Funken sprühen, daß sie in Flammen lodern, daß die Brust die schnaubende Wuth durch den Mund ausstößt, und daß der brennenden Worte Trocknung die Lippen bleicht?

Wenn dieß aber wahr ist, und es ist zuverlässig bekannt, daß die Götter in Zorn aufbrausen und durch das Wirren solcher Aufwallungen bewegt werden, dann sind sie der Unsterblichkeit und ewigen Dauer nicht theilhaftig, noch auch kann ihnen irgend eine Göttlichkeit beigelegt werden: denn wo irgend eine Gemüthsbewegung stattfindet, dort ist deßgleichen, wie die Weisen dafürhalten, nothwendig Leidenschaft vorhanden. Wo aber Leidenschaft sich befindet, da folgt schicklicher Weise Zerrüttung, und wo diese eintritt, da ist Schmerz und Krankheit. Wo Schmerz und Krankheit, da haben Entkräftung und Verderbniß schon Raum gewonnen, welcher beider Plage den nahen Untergang andeuten, den Alles beendigenden Tod, welcher jedem empfindenden Wesen das Leben entreißt.

Ja, was noch mehr ist, ihr führt auf diese Weise dieselben nicht so wohl als leichtsinnig und aufbrausend ein, sondern auch, was doch von den Göttern weithin entfernt seyn sollte, als unwillig, ungerecht, überhaupt als gänzlich untheilhaftig des Gleichmuthes und der Mäßigung: denn was ist so ungerecht als Andern zu zürnen, Anderen Schaden zuzufügen, über Menschen sich zu beklagen und unschädliche Frucht zu verwüsten? den christlichen Namen zu hassen und seine Bekenner mit allem Aufwand zu verberben?

Ob sie nicht um deßwillen auch wider euch wüthen, damit ihr durch die eigenen empfangenen Wunden aufgereiht, zu ihrer Rache euch erheben möchtet? Also suchen die Götter menschliche Vertheidigung, und würden sie nicht durch eure Zusage beschützt, sie wären nicht aus sich selbst tauglich, ihre Schmach abzuwenden, sich zu vertheidigen. Wahrlich, ist wahr, daß sie in Zorn entbrennen, so gestattet ihnen doch ihre Macht, sich selbst zu vertheidigen. Sie mögen bei der Rache beleidigter Majestät ihr Innerstes herauswenden und ihre Kraft darstellen. Sie können uns, wollen sie, durch Hitze, durch die strengste Kälte, durch verpestete Luft, durch die verborgensten Krankheiten tödten, aufreiben, und aus der ganzen menschlichen Gesellschaft völlig ausrotten. Wollen sie aber böswillig mit Gewalt uns angreifen, dann mögen sie irgend ein Zeichen des Unwillens ausgehen lassen, welches Allen insgesammt mit Gewißheit darthut, wir seyen die ihnen zuwidersten unter dem Himmel.

Euch mögen sie gedeihliches Wohlergehen spenden, uns aber Widerlichkeit und das übelste Befinden. Mit dienlichem Regen mögen sie euere Felder netzen, jedwelche Feuchtigkeit aber von den unsern abwenden. Sie mögen sorgend eure Schaafheerden durch zahlreiche Jungen mehren, unsern aber unselige Unfruchtbarkeit verhängen, sie mögen euch den vollen Ertrag des Herbstes an Oel und Wein verleihen, uns aber verweigern, auch nur einen Tropfen zu pressen. Endlich und zuletzt, sie mögen anordnen, daß ihre Natur euch die Früchte im Munde behalten, uns aber der Honig bitter schmecke, das Olivenöl ranzig, und daß auf unsern Lippen der Wein augendlicklich sich treulos in Säure wandle.

Da die Dinge selbst bezeugen, dieß geschehe keinesweges und da fest steht, daß weder uns weniger, noch euch mehr der Lebensgüter zukomme, wie groß ist doch die Begierde, zu behaupten, die Christen seyen der Götter Feinde und Widersacher, die du doch weder in traurigen noch freudigen Zustanden keinerlei Weise dir verschieden schauest? Wofern ihr die Wahrheit gestattet, so wird sie ohne Beistimmung aussagen: die ganze Sache ist Leeres Gerede; ein nach Verläumdungen geglaubtes, durch keinerlei Zeugniß der Erkenntniß bekräftigtes Gerede.

Die wahren Götter übrigens, welche würdig sind dieses Namens Ansehen zu besitzen und zu tragen, zürnen nicht, noch werden sie unwillig, noch was Anderen Schaden bringt veranstalten sie durch hinterlistige Ränke. Und allerdings ist in Wahrheit frevelhaft, ja alle Gotteslästerung überschreitend, zu glauben, jenes weise und höchst glückselige Wesen dünke sich groß, wenn sich Jemand ihm mit schmeichlerischer Niederträchtigkeit unterwirft; und es betrachte sich bei Unterlassung verachtet und vom obersten Gipfel herabgestürzt. Knabenhaft, kleinlich und schwach ist das, kaum jenen zukommend, welche schon lange der Lehrer Erfahrung als Dämonen und Heroen bezeichnet hat, die unkundig des Göttlichen in dieser dichtern Atmosphäre ihres Willens untheilhaft sich bewegen.

Dieß eignet euch, euch das gottlos Vermuthetete und das gottloser Geglaubte. Ja, die Wahrheit zu sagen, die Haruspices, die Wahrsager, die Beschwörer, die Propheten und stets lügenhaften Fanatiker haben diese Fabeln zusammengefügt. Damit ihre Künste nicht zu Grunde gehen und sie die geringen Gaben der schon seltenen Kunden nicht einbüßen, schreien sie, wenn sie einmal bemerken, ihre Sache wolle bei euch den Kredit verlieren. Man vernachläßigt die Götter, die Tempel stehen schon leer; die alten Ceremonien erliegen dem Spott und die ältesten Gebräuche einstiger Heiligthümer fallen unter dem Aberglauben neuer Lehre. Mit Recht wird also das Menschengeschlecht durch so vielfacher Mühseligkeiten Aenstigungen bedrückt, durch so mannigaltiges Elend der Noth gepeinigt. Und dieß dumpfe Geschlecht der Menschen, unter dem Lichte lebend, aber um der angeborenen Blindheit nicht zu sehen vermögend, wagt rasend zu behaupten, was ihr besonnen zu glauben nicht erröthet.

Damit aber nicht Einer doch aus Mißtrauen in die eigene Beantwortung dafür halte, nur wir beschenkten die Götter mit der Gabe der Ruhe, legten ihnen einen unschädlichen und aller Verwirrung entfernten Sinn bei, so wollen wir zugestehen, wie es euch beliebt, sie zürnen uns, sie dürsten nach unserm Blute, und längst schon begehrten sie unsere Ausrottung. Ist es nicht beschwerlich jedoch, nicht unangenehm, ist es eine Sache gemeinschaftlicher Gefälligkeit, dieser Strittigkeit Punkte nicht nach Gunst, sondern der Wahrheit gemäß zu untersuchen, so bitten wir uns aus von euch zu vernehmen, welche denn diese Ursache, diese Veranlassung sey, um deren willen so wohl die obern Götter so sehr wider uns wüthen, als auch die Menschen aufgereizt so heftig entbrennen. Man sagt, frevelhafte Lehre bekennt und auf dem Erdkeis unerhörten Kult übt ihr. Was wagt ihr, des Verstandes theilhaftige Menschen, auszusprechen, was herzuschwatzen? Was versucht Ihr durch solch tollkühnes, ruchloses Wort zu versichern? Gott, das oberste Wesen, den Herrn aller nur lebenden Dinge, den Höchsten aller Hohen, anzubeten, mit ehrfurchtsvollem Dienste anrufen, in der Noth, im Elende Ihn, so zu sagen, mit allen Sinnen umfassen, lieben, hochschätzen: das ist eine abscheuliche, unheilbringende Religion, voll Frevel und Gotteslästerung, welche durch den Aberglauben ihrer Neuheit die altherkömmlichen Gebräuche zu Grunde richtet?

Dieß also ist, frage ich, jene verwegene und ungeheuere That, um deren willen die Himmlischen ihres Zornes und Unwillens Stacheln auf uns hinschnellen? weshalb ihr selbst, sobald die wilde Gier herangekommen ist, uns Hab und Gut durch Vertreibung aus den väterlichen Wohnsitzen, durch Verhängung der Todesstrafe entreißet; weßhalb ihr uns zerfleischt, martert, peinigt und endlich den Bissen wilder Thiere vorwerft? Wer immer dieß an uns verdammt, oder irgend wie meint, es müsse als Beschuldigung genommen werden, darf man den wohl einen Menschen nennen, obschon er so aussieht? oder für einen Gott halten, obgleich er sich selbst tausend Mal als solchen durch Propheten bekannt hat? Gottlose nennt uns Trophonius oder der dodonäische Jupiter, und der wird Gott genannt, unter die göttlichen Wesen gezählt, der entweder den Dienern des höchsten Herrschers das Verbrechen der Gottlosigkeit zuschreibt, oder darüber sich quält seiner Majestät und seinem Dienste vorgesetzt zu werden? Auch Apollo, der delische, der klarische, der didymische, der philesische, der pythische, ist er für göttlich zu halten, da derselbe weder den obersten Herrn kennt, noch weiß, er werde von uns in täglichen Gebeten angefleht? Der, wären ihm die Geheimnisse der Herzen auch nicht kund und nähme er was wir im innersten Sinne hegen nicht wahr, doch, daß wir den höchsten Gott anrufen und von Ihm was wir verlangen erbeten, durch sein Gehör und aus dem Tone der Stimme selbst, deren wir uns beim Gebete bedienen, wissen und wahrnehmen konnte.

Noch ist nicht an der Zeit darzuthun, wer und woher alle diejenigen, die uns verdammen, sind; wie groß ihre Macht oder Erkenntniß; warum sie bei Erwähnung von Christus erbeben; weßhalb sie dessen Schüler für Widersacher und Verhaßte halten. Was wir aber den menschliche Einsicht Verheißenden zur alleinigen Bestimmung zugleich einprägen möchten, ist: auf keine andere Weise sind wir Christen, außer wir sind durch den Meister Christus des höchsten Herrn und Herrschers Verehrer. Nichts Anderes findest du, bei Erwägung, in dieser Religion enthalten. Dieß ist des ganzen Thuns Inbegriff; dieß des göttlichen Dienstes vorgesetztes Ziel; dieß der Endzweck. Diesem werfen wir uns Alle der Sitte gemäß zu Boden; diesen verehren wir in vereinten Gebeten; von diesem erbitten wir Gerechtes, Schickliches und seiner Erhörung Würdiges. Nicht als ob Er selbst verlange nach unserm Knieen und zu schauen liebe die dargebrachte Verehrung so vieler Tausende. Uns gereicht es zum Vortheil und unserer Wohlfahrt Interesse bezweckt es: denn da wir zur Sünde und zu der Begierde verschiedenen Gelüsten durch der eingeborenen Schwäche Gebrechen geneigt sind, so läßt er zu, daß wir Ihn immer mit unsern Gedanken erfassen, damit wir, wenn wir nun beten und seine Gaben zu verdienen streben, dann die Unschuld des Wollens empfangen und uns von aller Makel durch jeder Schuld Ausmerzung reinigen.

Was sagt ihr Priester? Was ihr Ausleger des göttlichen Rechtes? Haben die, welche die Grundules Laren, die Aios Locutios, die Limentiner verehren einen besseren Grund als wir Alle, die wir Gott, dem Vater aller Dinge dienen und von Ihm Schutz in nothdürftigen und siechenden Zuständen erbitten? Auch die, welche die Faunen, die Fatuas, die Genien der Städte, die Pausos und Bellonen ehren, scheinen euch klug, weise, sehr verständig und untadelhaft; wir dagegen werden als stumpfsinnig, thöricht, albern, schwach und unverständig ausgesagt, die wir uns Gott hingegeben, nach dessen Wink und Willle Alles was ist besteht und in dessen Vorsatzes Dauer Alles befestigt ist. Aeußert ihr nicht dieselbe Meinung? setzt ihr nicht dasselbe Gebot fest? macht ihr es nicht öffentlich bekannt, damit wer immer euere Sklaven verehrt habe, mit den größten Ehren überhäuft werde? damit der höchsten Strafe unterliege, wer immer euch, die Herren selbst angerufen habe? In großen Städten und bei mächtigen Völkern wird ehemaligen Lohn-Huren offen geopfert und bei den Göttern zeigt sich keine Aufwallung des Zornes. Katzen, Käfern und erhabenen Stieren hat man Tempel mit Giebeln errichtet; die verspotteten göttlichen Mächte schweigen und keine Mißgunst ergreift sie beim Anblick ihnen gleichgestellter heiliger Thiere. Uns allein sind die Götter feindlich gesinnt, uns die heftigsten Widersacher, weil wir nämlich ihren Vater verehren, durch den sie, sind sie, angefangen haben zu seyn und der Göttlichkeit wie der Majestät Wesenheit zu bekommen; von dem sie fühlen, der Gottheit selbst so zu sagen, theilhaft geworden zu seyn, und durch den sie sich in der Zahl der Dinge erkennen; nach dessen freiem Willen sie zu Grunde gehen und aufgelöst werden können oder auch nicht? denn wiefern wir Alle übereinstimmen, es sey nur ein Urwesen allein, dem kein andres Ding an Alter vorgeht, so muß Alles insgesammt nach ihm geschaffen und hervorgebracht worden, in seiner Art Natur sich entwickelt haben. Ist das aber bestimmt und zuverlässig, so müßt Ihr folgerecht bekennen, auch die Götter seyen entstanden und leiten ihrer Entstehung Anfang aus dem Urquell aller Wege her. Sind sie entstanden und hervorgebracht, so sind sie dem Untergang und seiner Gefahr allerdings benachbart. Doch freilich, man hält sie für unsterblich, fortdauernd und keines Endes jemals theilhaft. Auch dieß ist dann eine Gabe, ein Geschenk Gott des Vaters, daß sie unendliche Jahrhunderte dieselben verbleiben konnten, obschon der Natur nach vergänglich und auflösbar.

Möchte doch geschehen, daß zu einer Versammlung zusammengezogen der ganze Erdkeis dieser Sprache sich bediene und sie in des Menschengeschlechtes Gehör eindringe. Also wegen verruchter Religion sind wir bei euch schuldig befunden, und weil wir dem Haupt und Grundpfeiler der Dinge durch ehrfurchtsvollen Dienst uns nahen, sind wir, um eures Vorwurfs mich zu bedienen, verabscheuungswürdige Gottesläugner. Wer aber wird dieses Namens Schimpf mit mehr Recht tragen, als der vor diesem Gott einen anderen entweder kennt oder erforscht oder glaubt? Schulden wir Ihm nicht Alle eben dieses Erste, daß wir sind? daß man uns Menschen nennt? daß wir von Ihm entweder gesandt oder gefallen in dieses Körpers Blindheit weilen? Daß wir einhergehen, daß wir athmen und leben, kommt dieß nicht von Ihm uns zu, und verursacht nicht Er uns durch des Lebens Kraft selbst zu seyn und durch die seelische Erregung uns zu bewegen? Entströmen nicht Ihm die Zustände, welche unsere Wohlfahrt durch Freigebigkeit mannigfaltiger Ggenüsse stärken? Diese Welt, in der ihr lebt, wessen ist sie? Wer hat euch deren Besitz und Nutznießung zugetheilt? Wer hat, damit ihr die vorliegenden Dinge wahrnehmen, betrachten, beurtheilen könnt, jenes allgemeine Licht gegeben? Wer hat, damit die lebenerhaltenden Elemente nicht erstarren durch dauernde Trägheit, das Sonnenfeuer angeordnet zum Wachsthum und Gedeihen der Dinge? Ihr glaubt Gott sey die Sonne, und deren Schöpfer und Meister suchet ihr nicht? Der Mond ist euch eine Gottheit, gleicher Weise bestrebt ihr euch nicht dessen Urheber und Fertiger zu wissen.

Ueberkommt euch denn kein Gedanke zu erwägen, zu erforschen, in wessen Eigenthum ihr euch befindet? in wessen Welt ihr seyd? wessen diese Erde sey, die ihr plaget? wessen diese Luft, die ihr als Lebensgeist ein und ausathmet? wessen Quellen ihr gebraucht? wessen Wasser? wer der Winde Blasen geordnet? wer die wallenden dunstigen Wolken ersonnen? wer der Samen fruchtbringende Kräfte nach ihrer Beschaffenheit Eigenthümlichkeit ausgeschieden hat? Euch regnet Apollo? Euch spendet Merkur Regen? Aeskulap, Herkules oder Diana haben des Regens und der Ungewitter Ordnung erdacht? Wie aber kann dieß seyn, da ihr bekennt, sie seyen in dieser Welt geboren und hätten zu einer bestimmten Zeit die Empfindung des Lebens erlangt? Kam ihnen nämlich die Welt an Alter zuvor und hatte sie schon vor jener Geburt der Regen und Ungewitter Einrichtung erfahren, so haben die später Geborenen kein Recht zu regnen und können keinen Einrichtungen sich einmischen, welche sie schon in Wirksamkeit vorfanden, und von einem mächtigern Urheber geübt.

Mächtigster, höchster Urheber der unsichtbaren Dinge! Selbst unsichtbar und keinem Wesen je wahrnehmbar! würdig, ja in Wahrheit, wenn anders ein sterblicher Mund Dich würdig nennen darf, würdig bist Du, daß Jedes athmende und intelligente Wesen immerdar Dir Dank habe und sage Dir, den alle Lebenden vereint auf die Kniee hingesunken, mit ununterbrochenem Gebete anflehen sollten: denn Du bist der Urgrund, der Raum der Dinge und die Dauer des gesammten Gegründeten jeder Art, unendlich, unsterblich, immerwährend, alleinig; von keiner körperlichen Form dargestellt; durch keine Schranke begränzt; der Qualität und Quantität untheilhaft, ohne Sitz, ohne Bewegung und Leiden; unbezeichenbar und nicht durch sterbliche Worte auszudrücken, muß man schweigen, Dich zu erkennen, und damit die irrende Muthmaßung durch den Schatten dich erspüren könne, muß man selbst nicht leise davon sprechen. Vergieb, oberster Herr! den Verfolgern deiner Diener; und was deiner Güte eigen, verzeihe denen welche deines Namens und deiner Lehre Dienst fliehen. Nicht ist es auffallend, wenn du unbekannt bist; verwunderungswürdiger ist, hat man Erkenntniß von Dir; außer Einer waget etwa, und dieß übrigt dem rasenden Unsinn, zu streiten, zu zweifeln, ob dieser Gott sey oder nicht; ob erforschter Wahrheit, ob der Vermuthung eines nichtigen Gerüchtes zu glauben sey? denn wir hören daß Viele, die sich dem Studium der Philosophie hingegeben, theils verleugnen, irgend eine göttliche Kraft existire, theils, ob eine sey, täglich fragen; daß Andere das Weltall durch Zufall und ungefähres Zusammentreffen entstehen und durch die Verschiedenheit der Umwälzung sich bilden lassen. Mit diesen soll jetzt über solche Hartnäckigkeit durchaus kein Streit geführt werden: denn die so gesund den Verstand haben, sagen: thörichten Dingen widersprechen, sey das Zeichen größerer Thorheit nur.

Unsere Schrift ist an die gerichtet, welche zustimmend, daß ein göttliches Geschlecht sey, hinsichtlich der Aeltern zweifeln, da sie bekennen, dieselben seyen gemeiner und geringerer Art. Wie also, solche Dinge stützen wir durch Beweise und geben uns Mühe sie zu behaupten? Entfernt sey dieß, und weit von uns werde, wie man sagt, der Unsinn abgewendet: denn eben so gewagt ist das Unternehmen mit Beweisen Gott als Urwesen zu erproben, wie durch die Vernunft erkennen wollen, solches sey jener. Es liegt auch nichts daran und ist ohne Bedeutsamkeit, ob du Jenen leugnest oder versicherst und seine Existenz bekennst; da sowohl die Behauptung solcher Wahrheit, als die Ableugnung des ungläubigen Widerlegers derselben Schuld unterliegt.

Gibt es irgend einen Menschen, der nicht mit dieses Urwesens Kenntniß den Tag seiner Geburt betreten hat, dem nicht schon eingeboren, eingeprägt, ja selbst in der Mutter Schooß fest eingedrückt, eingepfropft worden, es sey ein König und Herr, der Lenker aller Dinge insgesammt? Ferner, waren die stummen Thiere der Sprache mächtig; könnten sie mit unserer Zungengeläufigkeit reden; ja vermöchten die Bäume, Erdschollen und Steine, durch belebende Empfindung beseelt, den Ton der Stimme auszustoßen und in Worten sich auszudrücken; würden sie nicht angetrieben von der Natur und Lehrmeisterin, vom Glauben unverfälschter Einfalt, einsehen, daß Gott sey, und laut rufen, Er sey der alleinige Herr gesammter Dingen?

Fruchtlos, sagt man, greift und fallt ihr uns mit der falschen, trüglichen Behauptung an, als leugneten wir, es sey ein älterer, größerer Gott: während wir einen Jupiter rühmen, ihn für den besten und größten halten; während wir ihm die majestätischsten Tempel und gewaltige Kapitole errichtet haben. Ihr wagt Unähnliches zu verbinden und durch herbeigeführte Vermischung in eine Form zu zwingen: denn der allmächtige Gott wird von allen Verständigen einstimmig und mit allgemeiner Zustimmung der Menschheit weder als erzeugt, noch als einstmals zum neuen Lichte hervorgebracht, noch als zu irgend einer Zeit oder in irgend einem Geschlecht begonnen gewußt. Er selbst ist ja die Quelle aller Dinge, der Urheber aller Geschlechter und Zeiten: denn nicht durch sich selbst sind sie, sondern nach seiner Dauer gehen sie in andauerndem und unendlichem Zusammenhang immerdar hervor. Allein Jupiter hat, wie ihr erzählt, Vater und Mutter nicht nur, sondern auch einen Großvater und eine Großmutter sammt Brüdern. Nun erst neulich in seiner Mutter Schooß erzeugt, ist er, ausgetragen nach zehn Monaten, in das ihm unbekannte Licht zum Leben eingedrungen. Wenn das sich also verhält, wie kann Jupiter Gott seyn? da diesem Dauer zukommt, und jener nach euerm Dafürhalten nicht allein Tage der Zeugung und Geburt gehabt, sondern auch, durch den neuen Zustand geschreckt, jämmerliches Wimmern erhob.

Mögen sie, wie ihr wollt, Eins seyn; in keiner göttlichen Kraft und Majestät unterschieden; ob ihr uns wohl deßhalb mit ungerechtem Haß verfolget? Was, bei Erwähnung unseres Namens schaudert ihr wie beim übelsten Zeichen; obschon den von euch verehrten Gott auch wir verehren? oder wie behauptet ihr in ebenderselben Sache, den Göttern vertraulicher zu seyn, uns dagegen feindselig und angreifend? Denn ist uns und euch eine Religion gemeinschaftlich, so beruht der Himmlischen Zorn. Wofern sie aber uns allein feindlich sind, so ist offenbar, daß ihr wie sie Gott nicht erkennt; und daß Jupiter dieser nicht sey, geht deutlich aus dem Unwillen der Götter selbst hervor.

Nicht um deßwillen, sagt man, sind euch die Götter feindselig, weil ihr den allmächtigen Gott verehret, sondern weil ihr einen geborenen, und was selbst niederen Personen schimpflich ist, am Kreuze getödteten Menschen für Gott ausgebet, ihn auch gegenwärtig glaubt und in täglichen Gebeten verehret. Wenn es euch, Freunde, erfreulich ist, so offenbaret, wer denn diese Götter sind, welche glauben, unsere Verehrung Christi gereiche ihnen zum Schimpf. Janus, der Anbauer des Janikulus, und Saturnus, der Gründer der Stadt Saturnia; Fauna Fatua, des Faunus Frau, die gute Göttin genannt, aber im Weingenuß die bessere und lobwürdigere. Jene Indigeten, welche im Flusse herumkriechen und an des Numikus Ufern mit Fröschen und Fischen leben. Aeskulap und Vater Liber, jener von der Koronis geboren, dieser durch den Blitz dem Mutterschooß entrissen. Merkur, den die Maja, und was noch göttlicher ist, die glänzende empfangen und geboren hat. Die bogenführenden Diana und Apollo, auf der Flucht von der Mutter herumgeschleppt und kaum auf der irrenden Insel gesichert. Die dionische Venus, des troischen Mannes Frau und der eigenen Reize Feilbieterin. Die im Lande Trinakria geborene Ceres und die während des Blumenpflückens geraubte Proserpina. Der thebanische oder tyrische Herkules, dieser in Hispanien begraben, jener auf dem Oeta von den Flammen verzehrt. Die tyndarischen Kastoren, deren der eine nur Pferde zu bändigen gewohnt, der andere ein guter Faustfechter, unüberwindlich mit rohem Cestus war. Die Titanen und maurischen Bocchores; die Eiern entsproßten syrischen Gottheiten. Apis im Peloponnes geboren und in Ägypten Serapis genannt. Isis, von äthiopischer Sonne geschwärzt, die ihren verlorenen Sohn und zerstückten Gemahl betrauert. Uebergehen wir der Ops tugendsame Nachkomschaft, von der eure Schriftsteller euch Wißbegierigen in ihren Büchern erzählen. Diese also hören mit zerrissenen Ohren, daß man Christus verehrt, daß wir Ihn bekennen und für eine Gottheit halten? und vergessen des Looses kurz vorher wollen sie, was desselben Beschaffenheit nach ihnen zugetheilt worden, den Anderen nicht mittheilen? Ist das der Himmlischen Gerechtigkeit? das der Götter heiliges Urtheil? Ist das nicht Neid und Geiz, eine gewisse schmutzige Mißgunst, seinen Glückszustand nur bloß allein zeigen wollen, durch den Anderer aber bedrückt und niedergeschlagen werden?

Einen geborenen Menschen verehren wir. Wie denn, ihr habt keinen geborenen Menschen verehrt? Nicht einen und den andern? Nicht unzählig viele andere? Ja Alle, die ihr in euern Tempeln nun habt, entnahmt ihr sie nicht der Menge der Sterblichen um dem Himmel und den Gestirnen sie zu weihen? Möchte euch etwa entgehen, ihnen sey menschliches Loos und Beschaffenheit gemein, so denkt an jene uralten Schriften und durchlauft Jener Aufzeichnungen, welche Nachbarn des Alterthums, ohne irgend eine Beistimmung alles mit klarer Wahrheit hinterließen. Alsbald erfahrt ihr wahrhaftig von jedem, welche Mutter ihn erzeugt und geboren, welchem Lande und welchem Volke er entstammt, was er gethan, verrichtet, erduldet, vorgestellt, welchen widerwärtigen und glücklichen Schicksalen er bei den zu vollbringenden Thaten unterworfen war. Wenn ihr aber bewußt, daß sie im Mutterschooß getragen worden und die Früchte der Erde gegessen haben, uns nichtsdestoweniger dennoch den Dienst eines geborenen Menschen verweist, so handelt ihr sattsam ungerecht, uns das, was ihr selbst thut, als verdammlich festzusetzen; oder da ihr das, was ihr euch als schicklich erlaubt, ähnlicher Weise andern nicht erlauben wollt.

Wir wollen aber einstweilen, euern Meinungen die Hand reichend, zugeben, Christus sey einer aus uns gewesen, an Geist, Seele, Körper, Hinfälligkeit und Geburt: war es nicht unser würdig, Ihn um so großer Gaben Gunst zum Gott zu erheben und für einen Gott zu halten? Habt ihr nämlich den Liber als Erfinder des Weinbaues, die Ceres als Erfinderin des Landbaues, den Äskulap als Entdecker der Kräuter, die Minerva als Anpflanzerin des Oelbaums, den Triptolemus als Anfertiger des Pfluges, den Herkules endlich als Ueberwinder und Bezähmer wilder Thiere, Räuber und vielköpfiger Drachen in die Versammlung der Gottheiten aufgenommen; welche Ehre müssen wir dann dem erweisen, der uns von so großen Irrthümern zur offenbarten Wahrheit hinführte; der die ohne Unterschied gleichsam blinden und jeden Führers ermangelnden Wanderer von Abgründen, von ungangbaren Wegen auf ebenen Boden zurückbrachte; der, was zuerst fruchtbringend und dem Menschengeschlecht heilbringend, bekannt machte, was Gott sey, wer, wie groß, welcher Beschaffenheit; der gestaltete und lehrte, desselben Tiefe und unsägliche Höhe, so weit unser Unvermögen kann, zu erfahren und einzusehen; der auf’s gütigste zu wissen that, welcher Meister, welcher Vater dieses Weltgebäude beschlossen und gefertigt habe; der die Entstehungsweise und die ehedem durch seine Erkenntniß zu vermuthende Natur desselben entdeckte. Von welchem Feuer der Sonne zeugende Schwüle entnommen werde. Warum man glaubt, der in seiner Bewegung stets unversehrte Mond wechsle zufolge seelischer Einwirkungen Licht und Finsterniß. Wie der beseelten Wesen Entstehung vor sich gehe und welche Ursachen die Fortpflanzung habe. Wer den Menschen selbst gebildet, wer gestaltet oder aus welcher Materie er der Körperbau gefertigt? Was die Empfindung, was die Seele sey; ob sie uns von selbst zueile, oder mit dem Fleische gezeugt und geboren werde; ob sie des Todes theilhaftig dauere oder mit Unsterblichkeit begabt sey. Welcher Zustand uns bevorstehe, wenn wir nach aufgelöstem Körper davongehen. Ob wir dann noch empfinden, oder ob alles Bewußtseyn der Empfindung und Erinnerung aufhören werde. – Der unsre Vermessenheit fesselte und den vom Stolz hoch erhobenen Nacken seiner Gebrechlichkeit Maaß anerkennen machte. Der kund that, daß wir ungebildete Wesen seyen, eiteln Meinungen vertrauen, nichts wahrnehmen, nichts wissen, und das vor den Augen daliegende nicht sehen (Matth. 13,15). Der, was Alles übertrifft und jede Gabe überragt, uns von den falschen Götzendiensten zum wahren Gottesdienst herüberführte. Der von nichtigen Bildern, aus dem verächtlichen Kothe geformt, zu den Gestirnen und zum Himmel hinanhob und verursachte, daß mit Gott dem Herrn aller Dinge Worte des Flehens und Unterredungen des Gebetes sich einigen.

Noch neulich verehrte ich, o der Blindheit, Bilder; nur erst dem Ofen entnommen, durch den Hammer Götter; Elfenbein, Gemälde, Bänder an unnützen Bäumen. Wenn ich einmal hinblickte auf den schlüpfrigen Stein, von Oelsalbe beschmutzt, als sey in demselben eine Kraft gegenwärtig, da bezeugte ich ihm Ehrfurcht, redete ihn an, und erflehte von dem fühllosen Blocke Gutthaten; und den Göttern selbst, deren Seyn ich glaubte, that ich schwere Schmach an, indem ich annahm, sie seyen Holz, Stein und Zahn, oder befänden sich in solcherlei Dingen Materie. Nun aber von solchem Lehrer auf den Weg der Wahrheit versetzt, weiß ich was das Alles sey; urtheile würdig vom Würdigen und thue dem göttlichen Namen keine Schmach an. Was jedem, dem Bilde und dem Wesen gebührt, leiste ich, ohne die Stufe und das Ansehen zu verwirren. Christus sollen wir also demzufolge nicht für Gott halten? und Ihm, der außerdem als der größte ergründet werden kann, soll man keinen göttlichen Dienst leisten; von dem wir als Lebende schon solche Gaben empfingen, und von dem wir, kommt der Tag heran, noch ansehnlichere erwarten?

Aber an’s Kreuz geheftet ist er umgekommen. Was thut dieß zur Sache? denn weder ändert des Todes Art und Schändlichkeit seine Worte oder Thaten, noch erscheint deßhalb seiner Lehre Werth geringer, weil er nicht durch natürliche Auflösung des Körpers Banden entging, sondern durch angethane Gewalt hinstarb. Pythagoras, der Samier, ward wegen ungerechtem Verdacht der Herrschsucht lebendig in einem Tempel verbrannt. Verlor nun das, was er gelehrt die ihm eigenthümliche Kraft, weil er seinen Geist nicht freiwillig, sondern von Grausamkeit angefallen, ausstieß? Gleichmäßig ward Sokrates, durch seiner Stadt Urtheil verdammt, mit dem Tode bestraft. Ist nun dadurch das, was er von der Sittlichket, der Tugend und Plicht ausgesprochen, nichtig geworden, weil Ungerechtigkeit ihn des Lebens beraubte? Unzählig viele Andere, angesehen durch Ruhm, Tugend und Ehre, habe die bittersten Todesarten erfahren, wie Aquilius, Trebonius, Regulus. Sind sie um deßwillen nach dem Leben für Schändliche gehalten worden, weil sie nicht dem allgemeinen Gesetze des Verhängnisses, sondern der herbsten Todesart zufolge zerrissen und gemartert zu Grunde gingen? Keiner der jemals unschuldig getödtet ward, ist infam; und den befleckt keines Schimpfes Makel, der nicht seiner Schuld wegen, sondern durch des Peinigers Wuth schwere Strafe erleidet.

Und dennoch, die ihr uns verlacht, daß wir einen Menschen, der einen schimpflichen Tod erfuhr, verehren, verherrlicht nicht auch ihr den von den Titanen in Stücke zerrissenen Vater Liber durch Weihung von Tempeln? Habt ihr nicht den Auffinder der Kräuter, den Aeskulap, nach der strafenden Blitztödtung als Hüter und Vorsteher der Gesundheit, des Wohlbefindens und der Unverletztheit ausgesagt? Ladet ihr nicht den großen Herkules zu Dank- und Schlachtopfern, zu Weihrauchdampf ein; von dem ihr doch selbst erzählt, er sey lebendig nach Mühseligkeiten entbrannt, auf der befleckten Brandstätte verbrannt worden? Bezeugt Ihr nicht, durch der Gallen Zusammenschreien, jenen seiner Mannheit beraubten Phrygier Atys in der großen Mutter Tempeln als günstigen Gott, als heiligen Gott? Versichert ihr nicht, der von der Senatoren Hände hundertfältig zerfleischte Vater Romulus selbst sey Quirinus-Mars; ehrt Ihr ihn nicht durch Priester und Kissenbereitung; betet ihr ihn nicht in geräumigen Tempeln an und schwört überdieß Alles, er sey gen Himmel aufgefahren? Entweder muß man auch euch verlachen, daß ihr Menschen, durch die schwersten Qualen getödtet, für Götter haltet und verehret; oder ist der Grund, warum ihr gerecht zu thun meint, ein sicherer, so erlaubt auch uns zu wissen, aus welchem Grunde wir dasselbe thun.

Einen geborenen Menschen verehret ihr. Wäre dieß auch wahr, dennoch, wie oben schon gesagt, hätte er für die vielen, so freigebig durch Ihn uns zugekommenen Gaben Gott genannt werden müssen. Da aber Gott etwas Entschiedenes ist und ohne irgend eine ungewisse Zweideutigkeit, so urtheilt ihr, wir müßten diesen leugnen, je mehr wir jenen verehren und als Vorsteher unsers Vereins angeben. Also, sagt irgend ein Rasender, Zorniger, Auffahrender, Gott ist jener Christus? Gott, antworten wir, und von den innersten Himmelsmächten; und was um so mehr die Treulosen mit den herbsten Schmerzen peinigt, um der wichtigsten Angelegenheit willen ward Er vom höchsten Herrn zu uns gesandt. Vielleicht fordert ein noch Unsinnigerer und Wütenderer den thatsächlichen Beweis, ob die Sache sich so wie wir sagen auch verhalte. Kein Beweis ist schlagender, als der Glaube an das von ihm Vollbrachte, als das Ungewöhnliche der Wunderwerke; als alle erfüllte Aussprüche und gelöste Verhängnisse, welche Völkerschaften und Geschlechter unter seinem Lichte ohne Widerspruch geschehen sehen; welche auch selbst die nicht wagen der Falschheit zu beschuldigen, deren alte und väterliche Einrichtungen Er als durchaus voll der Nichtigkeit und des eitelsten Aberglaubens darthut.

Vielleicht kommt der Widersacher mit vielen andern ränkevollen und bübischen Reden heran: Er war ein Magier, der mittelst geheimer Künste alles das vollbracht hat; er hat die Namen der mächtigen Engel und die verwerflichen Lehren aus den ägyptischen Tempeln entwendet. Was sprecht ihr Unverständige euch Unbekanntes, und plaudert mit unwissender Schwatzhaftigkeit verwegene Worten Was geschehen ist, das war also dämonische Gaukelei und magisches Kunstspiel? Könnt ihr uns irgend einen aus allen jenen Magiern, die durch die Jahrhunderte her lebten, zeigen, angeben, der zum Tausendsten etwas Christus ähnliches vollbracht hätte? und zwar ohne irgend eines Zaubergesanges Kraft, ohne Kräutersäfte, ohne alle sorgfältige Beobachtung der Opfer, Gaben und Zeiten. Nicht aber drängen und forschen wir, was sie zuverlässig sich zutrauen oder in welchen Wirkungskreisen derselben Wissenchaft und Erfahrung sich zu begründen pflegt: denn wem ist unbekannt, daß sie entweder das Bevorstehende vorherzuwissen trachten, was nothwendig, ob er will oder nicht will, seiner Annordnung zufolge erfolget; oder daß sie nach Belieben mit tödtlicher Seuche treffen, der Familien Wohl zertrümmern; daß sie das Verschlossene ohne Schlüssel öffnen; daß sie den Mund mit Schweigen fesseln, die Pferde am Wagen lähmen, anreihen, hemmen; daß sie Frauen und fremden Kindern, sie mögen männlichen oder weiblichen Geschlechts seyn, das Feuer unerlaubter Liebe und rasende Begierden einflößen. Scheinen sie aber zu etwas Ersprießlichem Lust zu haben, so vermögen sie das nicht aus eigener Kraft, sondern mittelst der Macht derer, die sie anrufen.

Nun aber steht außer Zweifel, Christus habe das Alles, was Er vollbracht, ohne irgend eine Unterstützung der Dinge, ohne jede Beobachtung eines Gebrauchs, ohne jede Vorschrift, nur durch seines Namens Macht gethan; und was eigenthümlich, zustimmend und würdig war für den wahren Gott, Er gab nicht Leid zufügend Schädliches, vielmehr Wohlthuendes, Heilsames, die Fülle helfender Güter mildthätiger Macht mit Freigebigkeit.

Was sagt ihr weiter? Also war Er ein Sterblicher oder Einer aus uns, auf dessen Befehl, auf dessen in gewöhnlichen Worten zugesandten Ausspruch Unwohlseyn, Krankheiten, Fieber und sonstige Bresten flohen? er war Einer aus uns, dessen Gegenwart, dessen Anblick jenes in den Körpern verborgene Dämonengeschlecht nicht ertragen konnte und von dessen neuer Macht erschreckt es dem Besitz des Lebens entwich? Er war Einer aus uns, durch dessen leise Berührung der Blutfluß anhielt und sein Uebermaaß gehemmt ward? Er war Einer aus uns, dessen Befehl sogleich der abscheuliche Aussatz gehorchte und entwichen dem befleckten Fleische der Farbe Einheit zurückließ? Einer aus uns war Er, dessen Hand des Wassersüchtigen Schlafsucht entfloh, jene durchdringende Flüssigkeit entwich und der aufgeblähte Leib zur gesunden Trockne einsank? Einer aus uns war Er, der den Lahmen zu laufen hieß? Auch war es ein Stück Arbeit, verstümmelte Hände auszustrecken, daß die Gelenke der längst angeborenen Unbehülflichkeit sich befreiten; Lahme zu erheben, daß die selbst ihr Bett hinwegtrugen, welche kurz vorher auf Anderer Schultern hergetragen worden waren; Blinden das Augenlicht zu geben, daß alsbald Himmel und Tag die ohne Augen geborenen wahrnahmen.

Einer aus uns, sage ich, war Er, der die von mannigfaltigen Gebrechen und Krankheiten Geplagten hundert und noch mehrere Mal durch eine einzige Vermittlung für immer heilte? auf dessen einfaches Wort das wallende und tosende Meer sich glättete? der Sturm und das Ungewitter sich stillten? der über die tiefsten Strudel unbenetzten Fußes dahinschritt? der des Meeres Rücken niedertrat, indem selbst die erstarrenden Wellen sich der Dienstbarkeit unterwarfen? der die ihm nachfolgenden Fünftausend mit fünf Broden sättigte und der, damit solches jenen Ungläubigen und Hartherzigen nicht als Blendwerk erscheinen konnte, zwölf Körbe mit den übrig gebliebenen Stücken anfüllte? Einer aus uns war Er, der den schon ausgehauchten Seelen in die Leiber zurückzukehren, Beigesetzten aus den Gräbern hervorzukommen, und am dritten Tage nach der Beerdigung der Grabtücher Abwerfung befahl? Einer aus uns war Er, der, was jeder Einzelne überlegte, geheim in Gedanken hegte, der Verschwiegenen Herzen durchschaute? Einer aus uns war Er, den, nur Eine Sprache redend, doch die verschiedenen nicht übereinstimmend sprechenden Völker in heimathlichen Tönen und jedes in seiner Sprache zu hören glaubten? Einer aus uns war Er, der der zuverlässigen Religion Dienst seinen Nachfolgern übergebend, den ganzen Erdkreis schnell erfüllte und durch die offenbarte Unermeßlichkeit des Namens darthat, wie gewaltig und wer Er sey? Einer aus uns war Er, der nach abgelegtem Körper unzähligen Menschen sichtbar sich darstellte? der Rede stand und annahm, lehrte, zurechtwies, ermahnte? der, damit sie sich nicht durch eitle Vorstellungen getäuscht hielten, einmal, abermals, oft zu vertraulicher Unterredung erschien? der gerechten, noch unbefleckten und ihn liebenden Männern nicht mittelst nichtiger Traumgebilde, sondern in lautererer Gestalt erscheint? dessen vernommener Name die schädlichen Geister verscheucht, den Wahrsagern Schweigen auferlegt, die Haruspices rathlos macht, die Unternehmungen anmaßender Magier vereitelt; nicht aber, wie ihr sagt, durch des Namens Entsetzen, sondern durch die Freiheit größerer Machtvollkommenheit.

Nicht um deßwillen aber haben wir dieß überhaupt Angeführte erwähnt, als ob die Größe des Thuenden nur allein in diesen Kraftäußerungen wahrzunehmen sey: denn wie gewaltig auch dieß seyn mag, erscheint es nicht gleichsam schwächlich und als Spielerei, insofern das Wissen gegeben worden, aus welchem Reiche, als welcher Göttlichkeit Spender Er zu uns gekommen ist? Was Er aber vollbrachte, that Er, nicht um sich mit eitler Prahlerei zu brüsten, sondern damit die hartherzigen und ungläubigen Menschen wüßten, was Er verheißen, sey keine Unwahrheit; und damit sie aus der Werke Güte vermuthen lernten, was der wahre Gott sey. Zugleich soll man auch dieß wissen, daß Christus, da wie gesagt die Aufzählung seiner Thaten nur überhaupt geschehen, nicht das, was Er vollbracht, allein vermochte, sondern daß Er auch die Bestimmungen des Verhängnisses überragte: denn wenn, wie einleuchtet und fest steht, die Verkrüppelung und das Siechthum des Leibes, die Taubheit, die Krüppelhaftigkeit, das Stumpfseyn, die Lähmung, die Blindheit nach Beschlüssen des Verhängnisse zukonmen und auferlegt werden, und wenn Christus allein dieselben gebessert, wiederhergestellt und geheilt hat: so ist leuchtender als die Sonne selbst, Er sey mächtiger als das Verhängniß gewesen, da er das löste und vernichtete, was mit beständigen Banden und unbeweglicher Nothwendigkeit geknüpft war.

Vergeblich, sagt irgend Einer, legst du Christus solche Macht bei, da wir oftmals von Andern erfahren und von Göttern uns bekannt ist, daß sie sowohl sehr vielen Hinfälligen Heilmittel gegeben, als auch vieler Menschen Krankheiten und Gebrechen geheilt haben. Nicht forsche, nicht untersuche ich, welcher Gott, zu welcher Zeit, wem ein Helfer gewesen, oder welchem Bresthaften er die Gesundheit wieder zurückstellt habe; dieß einzige wünsche ich zu vernehmen, ob er ohne Zufügung irgend einer Materie, das ist, eines Heilmittels, der Krankheit auf die Berührung hin den Menschen zu fliehen geheißen; ob er befohlen, vollbracht habe, daß sowohl des Siechtums Ursache absterbe, als auch des Gebrechlichen Körper zu seiner natürlichen Beschaffenheit zurückkehre? Christus nämlich, wie man weiß, hat entweder die Hand den bresthaften Gliedern aufgelegt, oder durch das Geheiß einfachen Wortes den Tauben die Ohreu geöffnet, die Blindheit den Augen enttrieben, den Stummen die Sprache gegeben, der Glieder Bande gelöst, den Lahmen die Bewegung hergestellt, und den Aussatz, das kalte Fieber, die Wassersucht, sammt allen sonstigen Krankheitsgeschlechtern, welche der menschliche Körper nach dem Willen ich weiß nicht welcher wilden Grausamkeit überträgt, mittelst Wort und Befehl gewöhnlich geheilt. Was dem Aehnliches haben alle Götter gethan, die, eurer Aussage zufolge, Kranken und Gebrechlichen Hülfe leisteten? Welche, wenn etwa, wie die Sage geht, Einigen entweder Heilmittel anzuwenden oder irgend eine Speise zu genießen hießen, oder einen irgend wie beschaffenen Trank zu schlucken, oder den Saft aus Kräutern und Wurzeln den beunruhigenden Zufällenen aufzulegen, sich Bewegung zu machen, zu ruhen, oder von irgend etwas Schädlichem abzustehen. Daß solches nichts Großes, noch irgend einer Verwunderung Würdiges sey, ist offenbar, wollet ihr nur Acht geben; und auch die Aerzte heilen dergestalt das auf der Erde geborene Geschöpf, nicht auf der Wissenschaft Wahrheit vertrauend, sondern einer aus Hypothesen beruhenden Kunst, die in muthmaßlicher Erwägung wankt. Durch Heilmittel das Schädliche entfernen ist aber keine Kraftäußerung. Solche Wohlthaten der Dinge sind nicht Wirkungen der Heilenden; und ist es löblich zu wissen, durch welche Medizin oder Kunst geheilt zu werden sich paßt, so kommt dieses Lob nicht Gott, sondern dem Menschen zu: denn nicht ist es für den Menschen schimpflich, das Siechthum durch gewählte, außergewöhnliche Dinge gebessert zu haben; aber Gott ist es unanständig, das nicht aus sich selber zu können, sondern mittelst äußerer Unterstützung Gesundheit und Unversehtheit zu gewähren.

Und weil ihr die Wohlthaten der Gesundheit, welche andere Götter gegeben, mit denen Christi vergleicht, nun, wie viele laufende Krüppel sollen wir euch vorführen; wie viele mit Aussatz Behaftete, die niemals irgend eine Medizin empfangen haben, obschon sie stehend alle Tempel besuchten, vor der Götter Antlitz sich niederwarfen, die Schwellen selbst mit Küssen fegten; obschon sie den Aeskulap, den Spender der Gesundheit, wie man sagt, so lange ihr Leben dauerte, sowohl durch Bittgebete plagten, als mittelst der kläglichsten Gelübde anlockten? Wissen wir nicht, daß Andere, mit sammt ihren Uebeln gestorben, daß Andere unter der Pein ihrer Gebrechen gealtert, daß wieder Andere erst dann in größere Gefahr gerathen sind, als sie Tag und Nacht in anhaltendem Flehen, in Erwartung der Barmherzigkeit zugebracht hatten. Was nützt also, Einen oder den Andern etwa geheilt darzustellen, da so vielen Tausenden Niemand zu Hülfe kommt und alle Tempelhallen voll Elender und Unglücklicher sind. Außer ihr behauptet etwa, die Götter verliehen den Guten Kraft, der Uebel Elend zu verachten. Christus aber kommt den Guten wie den Bösen gleichmäßig zu Hülfe; Keiner ward von ihm zurückgestoßen, der in bedrängten Zuständen Hülfe wider Anfall und Verletzung seines Wohlbefindens forderte: denn das ist dem wahren Gotte und der königlichen Machtvollkommenheit eigenthümlich, Keinem die Güte zu weigern, und dem der es verdient, am wenigsten zuzurechnen: insofern die natürliche Schwachheit den Menschen zum Sünder macht, nicht des Willens oder der Untersuchung Wahl. Sagen jedoch, den der Schuld wegen Geplagten helfen die Götter, heißt die Sache zur Untersuchung vorlegen und seine Behauptung zweifelhaft machen; so daß auch der gesund Geborene zufällig als gerettet konnte angesehen werden, und daß man dafür hielte, der es nicht sey, habe nicht um seiner Schuld willen, sondern des göttlichen Unvermögens wegen das Uebel nicht entfernen können.

Ja, noch mehr! diese von uns nur überhaupt und keineswegs wie es der Sache Größe erfordert, angeführten Kraftäußerungen hat Er nicht blos selber durch seine Macht vollbracht, sondern auch, was noch erhabener war, fielen Anderen zu üben und zu thun mit Wille gestattet: denn da Er voraussah, daß ihr seine Thaten und sein göttliches Werk ableugnen würdet, so wählte Er, damit kein Verdacht vorwalte, Er habe seine Gaben und Wohlthaten mittelst magischer Punkte sich angeeignet, aus der unermeßlichen Volksmenge, die anstaunend seiner Gnade nachfolgte, Fischer, Handwerker, Landleute, und zwar das Geschlecht der Unerfahrenen, welche unter die mannichfaltigen Völker ausgesendet, alle jene Wunder ohne irgend ein Falsch und ohne jegliche Beihülfe verrichteten. Er beschränkte durch das Wort der schmerzenden Glieder Pein, und sie beschränkten durch das Wort der wüthenden Leiden Schmerzen. Er vertrieb durch alleinigen Befehl den Körpern die Dämone und stellte den Besinnungslosen ihre Sinne wieder her; und auch sie stellten den durch jenes Unheil Gepeinigten mittelst keines anderen Befehles Gesundheit und Eintracht wieder her. Er verjagte durch Auflegung der Hand den Aussatz, und auch sie glichen durch ähnliche Berührung des Körpers Oberfläche aus. Er hieß den feuchten und aufgeblähten Hautsack die natürliche Trockne wieder annehmen, und seine Diener stillten auf diese Weise das irrende Wasser, indem sie ihm hießen, auf seinen Wegen vom Verderben des Körpers abzufließen. Er beschränkte innerhalb der Weile eines Wortes Geschwüren unermeßlichen Umfanges und jede Heilung verweigernd, den fortdauernden Fraß; und sie nöthigten auf keine andere Weise die Beharrlichkeit des wilden Krebses innerhalb die bestimmten Grenzen der Narbe zu kommen. Er gab den Lahmen die Bewegung, den Blinden das Augenlicht, die Gestorbenen rief Er in’s Leben zurück; nicht minder lösten auch sie auf ihr Geheiß zusammengezogene Nerven, erfüllten Augen mit längst verlorenem Lichte und ließen aus Gräbern Gestorbene sammt dem Leichenzug zurückkehren. Und Nichts wurde von Ihm bei Bewunderung aller Erstaunenden gethan, was Er nicht Alles jenen Unerfahrenen und Einfältigen zu thun gegeben und ihrer Macht unterworfen hat.

Was sagt ihr ungläubige, störrige, harte Herzen? hat irgend einem Sterblichen jener kapitolinische Jupiter solche Macht verliehen? begabte er mit solchem Rechte den Kurio oder den Pontifex maximus, ja den dialischen Flamen, insofern er Dius ist? Nicht sag‘ ich, er solle Tote erwecken, Blinden das Licht zurückstellen, den Lahmen und Kraftlosen der Glieder Gebrauch wiedergeben; sondern die Schwiele, den Nietnagel, die Blatter soll er entweder durch des Wortes Befehl oder mittelst Berührung der Hand unterdrücken. Also etwas Menschliches ist das gewesen und aus einem mit irdischem Unrath genährten Munde konnte solches Recht gegeben werden; nichts Göttliches und Heiliges? oder, wenn die Sache eine Uebertreibung zuläßt, mehr als Göttliches und Heiliges? Thust du nämlich, was du vermagst, und deinen Kräften und deiner Macht zukommt, so hat die Bewunderung keine Veranlassung sich zu äußern: denn was du vermochtest, thatst du, und was deine Kraft leisten mußte, daß That und Vollbringen eine Beschaffenheit zeigte. Dein Recht auf einen Menschen übertragen können; was du allein thun kannst, dem gebrechlichen Dinge schenken und es der That theilhaft machen, ist Sache einer über Alles erhabenen Macht, die in sich aller Dinge Ursachen wie auch der Gründe und Kräfte Wirksamkeit vereinigt.

Wohlan nun, es mag Einer oberhalb der Feuerzone, der Magier Zoroaster von entferntem Himmelsstriche herkommen, wenn wir dem Gewährsmann Hermippos beistimmen. Auch jener Baktrianer kann belieben, dessen Thaten Klesias im ersten Buche seiner Geschichte erzählt, der Armenier, des Hosthanis Enkel, und der Pamphylier, des Kyros Vertrauter; Apollonios, Damigeros, auch Dardanos, Velos, Julian und Baebulus, sammt Allen, von denen man sagt, daß sie Ansehen und Namen in derlei Wunderwerken gehabt. Sie mögen einem aus dem Volke erlauben, durch den Dienst des Wortes zu verursachen, daß der Stummen Mund vernehmlich rede, daß der Tauben Ohren sich öffnen, daß den Blindgeborenen der Augen Wirksamkeit sich herstelle, und daß den längst erstarrten Gliedern Empfindung und Leben zurückkehre. Oder, ist dieß zu schwer, und können sie Anderen die Macht zu solchen Werken nicht bewilligen, so mögen sie dieselben selbst vollbringen, und zwar mittelst ihrer Gebräuche; was immer der Schooß der Erde an zauberischen Kräutern erzeugt, welche Kraft auch dem Murmeln der Sprüche einwohnt und der hinzugefügten Nöthigung der Gesänge, nicht verweigern wir ihre Vereinigung. Es bleibt zu erproben und zu erforschen, ob sie mit ihren Göttern das ausrichten können, was von unerfahrenen Christen durch bloße Geheiße verrichtet worden.

Lasset ab, o ihr Unwissende! solche Dinge in Schimpfliches zu verkehren, welches nicht dem Vollbringer schaden, sondern euch Gefahr bringen wird; keine kleine Gefahr, sage ich, sondern festgestellt in trefflichen, ja obsonderlichen Dingen; wenn wirklich die Seele ein kostbares Ding ist und der Mensch nicht, was ihm theurer, sich erwarten kann. Nichts Magisches, wie ich erwähnt, nichts Menschliches, nichts Trügliches oder Listiges, nichts Verbrecherisches lag in Christus verborgen; mögt ihr nach Gewohnheit verhöhnen und sogar in freches Lachen ausbrechen. Er war allmächtiger Gott, Gott der innersten Wurzel nach, Gott von unbekanntem Reiche her, und als rettender Gott ward Er vom Schöpfer der Dinge gesendet; dessen Herkunft oder Wesenheit weder die Sonne selbst noch irgend ein Gestirn, empfinden sie etwa, noch die Herrscher, noch die Fürsten dieser Welt, noch endlich die großen Götter, oder die so als Götter verkappt, das gesammte Geschlecht der sterblichen erschrecken, wissen oder vermuthen konnten. Und mit Recht. Aber doch, als Er den Körper, welchen Er als mäßigen Theil seiner selbst herumtrug, nach seinem wahrgenommenen Leiden ablegte, damit erkannt würde, wer er sey oder welche Erhabenheit Ihm zukomme, geriethen durch die Neuheit der Ereignung erschreckt, alle Elemente der Welt in Verwirrung, die Erde bewegt wankte, des Meeres Grund wogte auf, der Himmel hüllte sich in Finsterniß, das Feuer der Sonnenscheibe erstarrte. Was verblieb nun noch zu geschehen, nachdem der als Gott erkannt worden ist, welcher schon längst für Einen aus uns erklärt wurde.

Ihr glaubt aber diese Thaten nicht. Allein die, welche derselben Geschehen wahrnahmen und unter ihren Augen sie wirken sahen, die besten Zeugen und gewissesten Berichterstatter, haben sowohl dieselben selbst geglaubt, wie auch uns Späteren mit nicht geringfügiger Gutheißung als glaubwürdig überliefert. Wer diese seyen, fragt ihr vielleicht. Geschlechter, Bürgerschaften, Völker und jenes ungläubige Menschengeschlecht, welches, wäre die Sache nicht offen, und wie man sagt, klarer als das Licht selbst, niemals derlei Dingen die Zustimmung seiner Leichtgläubigkeit gegeben hätte. Sollen wir etwa sagen, die Menschen jener Zeit seyen immer nichtig, lügenhaft, thöricht, unvernünftig gewesen, so daß sie sich einbildeten zu sehen, was sie nie geschaut? und daß sie, was durchaus nicht geschehen war, durch falsche Zeugnisse bekannt machten oder durch kindische Behauptung bekräftigten? Da sie doch mit euch sowohl einträchtlich leben, als ungefährdete Freundschaft pflegen konnten, wollten sie den nutzlosen Haß auf sich nehmen und des Namens wegen für verabscheuungswürdig gehalten werden?

Wenn nun, wie ihr sagt, die Erzählung der Dinge falsch ist, wie wurde in so kurzer Zeit der ganze Erdkreis dann von dieser Lehre erfüllt? oder wie konnten sie die durch Landstriche getrennten, durch Winde und Himmelswölbung entfernten Völker zu einer Seele vereinen? Durch bloße Betheuerungen ließen sie sich anlocken, zu unnützer Hoffnung verführen und wollten sich freiwillig mit unbesonnener Kühnheit der Todesgefahr entgegenstürzen, während sie nichts der Art gesehen, was sie durch das Wunderbare zu dieser Verehrung seiner Neuheit anregen konnte. Ja, eben weil sie dieß Alles von Ihm selber sowohl gethan, als auch von seinen Predigern, die über den ganzen Erdkreis hin ausgesendet, die Gutthaten des Vaters zur Beglückung der Körper und Seelen umhertrugen, wahrnahmen; um deßwillen gaben sie sich von der Wahrheit Kraft überwunden an Gott, und hielten es für keinen großen Verlust, euch den Leib hinzuwerfen und die Glieder zum Zerreißen darzubieten.

Allein unsere Schriftsteller haben dieß lügenhaft erzählt, geringe Thaten in’s Allgemeine zu erheben und kleinliche Dinge durch genugsam partheiliche Anpreisung auszubreiten. Wenn sie doch gleichwohl in ihren Schriften sämmtliches hätten berichten können, was von Ihm gethan, wie auch, was von seinen Predigern mit gleichem Rechte und derselben Macht beendigt worden. Noch vielmehr machte solche Macht in Wunderkraft euch dann ungläubig, oder ihr vermöchtet vielleicht zu begreifen, was der Wahrheit am ähnlichsten zu seyn scheint, sowohl im hinzugefügten Anwuchs der Thatsachen, wie auch in den hergebrachten Fälschungen der Schriften und Aufsätze: denn weder konnte Alles aufgeschrieben werden, noch in Aller Ohren kommen bei unwissenden und des Gebrauchs der Schrift unkundigen Völkern: oder, wenn etwa desselben durch Schrift und Aufsätze bekannt gemacht worden ist, so hat es der Haß der Dämonen, deren Sorge und Bestreben das Verderben dieser Wahrheit ist, und ihnen ähnlicher Menschen (der Ketzer) einigermaßen verfälscht und gemehrt, theilweise verändert und in Worten wie Sylben verringert, damit er den Glauben der Einsichtsvollen hemme, der Thaten Ansehen vernichte. Niemals wird es ihnen aber zu Gute kommen, daß man, wer Christus gewesen, aus schriftlichen Zeugnissen folgert. Diese sind nur um deßwillen erlassen, damit, wenn gerecht, was wir aussagen, als wahr bestand, durch Aller Bekenntniß, Er sey Gott gewesen, dargethan werde.

Ihr glaubt unsern Schriften nicht, und wir glauben euern Schriften nicht. Falsches ersinnen wir von Christus, und ihr redet Nichtiges und Trügliches von euern Göttern: denn weder ist irgend ein Gott vom Himmel herabgefallen, noch ist seinen Händen euer Wohl anvertraut, noch hat er aus ähnlichem Grunde unsere Zustände und religiösen Gebräuche gemindert. Menschen haben dieß geschrieben, von Menschen ist jenes geschrieben, in sterblicher Rede ausgedrückt; und was immer ihr von unsern Schriftstellern euch zu sagen bemüht, auch von den eurigen gleicher Beschaffenheit nehmt und behaltet das Gesagte. Ihr wollt, daß wahr sey, was in euern Schriften enthalten ist, auch was in den unsrigen aufgezeichnet steht, mögt ihr nothwendig als wahr bekennen. Ihr beschuldigt unsere Sachen der Falschheit, und wir die eurigen des Truges. Oder, sagt ihr, unsere sind älter und somit übervoll der Glaubwürdigkeit wie Wahrheit. Als ob das Alterthum nicht vielmehr die vollste Mutter der Irrthümer eben sey, und als wenn sie nicht selbst jene Dinge hervorgebracht habe, welche den Göttern die schändlichsten Mackeln durch schimpfliche Fabeln anhefteten: denn vor etwa zehntausend Jahren konnte das Unwahre weder gehört noch geglaubt werden? Oder ist nicht der Wahrheit am ähnlichsten, die Glaubwürdigkeit wohne eher dem Nahen und Angränzenden bei, als dem durch weite Räume von einander Abstehenden? Das Eine ward durch Zeugen, das Andere durch Gerüchte behauptet; auch ist es weniger schwierig, daß bei neuerlich erst Geschehenem geringere Erdichtung, als bei durch alte Dunkelheit Entferntem stattfinde.

Die Schriften sind aber von ungebildeten und unwissenden Menschen aufgezeichnet, und um deßwillen muß man sie nicht auf’s Gerede hin leichtfertig glauben. Siehe zu, ob dieß nicht vielmehr eine dringlichere Ursache sey, warum keine Lügen dieselben beflecken, weil einfältigen Gemüthes, das unbewußt ist durch Lockungen zu vergrößern, überliefert. Die Sprache ist gemein und ungeschmückt: denn niemals trachtet die Wahrheit nach erkünsteltem Schmuck, noch auch läßt sich das Erforschte und Gewisse durch weitläuftige Umschweife aufheben. Schlüsse, Argumente, Erklärungen, sammt all jenen Zurüstungen, mittelst welcher der Glaube sich die Behauptung erwirbt, helfen wohl denen die muthmaßen, thun aber der Wahrheit Grundzüge nicht dar. Ueberhaupt, wer weiß was das Gesagte sey, der bestimmt, folgert nicht, noch jagt er andern Wortkünsten nach, wodurch man gewöhnlich die Hörer zu fesseln und die Zustimmung durch nöthigenden Trug herbeizuführen pflegt.

Man sagt, eure Schriften sind mit Sprachfehlern, mit Unregelmäßigkeiten besäet und mit unförmlichen Gebrechen befleckt, eine wahrlich kindische und engherzige Beschuldigung; welche, wollten wir auch ihre Wahrheit zugeben, wir doch durch unsern Gebrauch einiger Fruchtarten niederschlagen, die mit Dornen und anderm Unkraut, welche uns nicht ernähren können, aufwachsend, gleichwohl nicht verhindern, daß wir doch das genießen, was ursprünglich den Vorzug hat, und die Natur uns dienlich zu seyn bestimmte. Was nämlich, frage ich, schadet, oder welche Hemmung geschieht der Erkenntniß, ob etwas glatt oder rauh mit Härte ausgesagt wird? ob man mildert was geschärft, ob man schärft was gemildert werden sollte? oder warum ist das Gesagte minder wahr, wenn in der Zahl, im Kasus, im Satz, in der Partizipialkonstruktion, in der Verbindung gefehlt wird? Dieser Redepomp und die nach den Regeln losgelassene Sprache mag der Rednerbühne, den Advokaten, dem Forum und den Richtern bewahrt bleiben; ja auch Jenen überlassen werden, welche auf vergnügliche Liebkosungen sinnend, all ihr Trachten dem Schimmer der Worte zuwenden. Wird von Dingen, die außer dem Bereich des eiteln Prunks liegen, gehandelt, so muß man, was gesagt wird beachten, nicht aber mit weicher Anmuth; nicht was die Ohren kitzelt, sondern was den Hörenden Nutzen bringt. Umsomehr, da uns auch Einige der Weisheit Geweihte bekannt sind, welche nicht nur die Pflege der Rede unterließen, sondern auch, da sie doch geschmückter und reichhaltiger sich ausdrücken konnten, absichtlich der gemeinen Sprache folgten, um nämlich die Kraft des Nachdruckes nicht zu vernichten und sich nicht vielmehr mit sophistischer Prahlerei vernehmen zu lassen. Allerdings kommt das Trachten nach Lust bei ernsthaften Dingen nur schlaffen Herzen zu; und da du mit denen, die sich unwohl befinden und krank sind, zu thun hast, so magst du süßere Töne dem Ohre eingießen, nicht aber Arznei der Wunde hinzubringen. Wiewohl, achtest du auf das Wahre, keine Rede von Natur unverdorben, wie auch keine deßgleichen fehlerhaft ist: denn aus welchem natürlichen Grunde und nach welchem in der Welteinrichtung aufgezeichneten Gesetz sagt man hier die Wand, dort der Stuhl? da sie weder den Geschlechtsunterschied des Männlichen und Weiblichen an sich tragen, noch auch irgend ein sehr Gelehrter selbst zu belehren im Stande ist, was der oder die seyen, oder warum das Eine derselben das männliche Geschlecht bezeichnet, das folgende beim weiblichen angewendet werde? Menschliche Annahmen sind das und zum Sprachgebrauch wahrhaftig nicht durchaus nothwendig: denn man konnte ohne Tadel auch der Wand und die Stuhl sagen, gefiel es so von Anfang her, und wäre es von den folgenden Zeiten als gewöhnliche Redeform bewahrt worden. Und dennoch, o ihr! die ihr unsere Schriften des Schmutzes, der Fehler beschuldigt, habt ihr in jenen ältesten und bewundernswerthen Büchern nicht auch dieselben Sprachfehler? Sagt Ihr nicht bald Utria, bald Utres; bald Coelus, bald Coelum? nicht ferner Filus und Filum, Crocus und Crocum? nicht Fretus und Fretum? Sagt man bei euch nicht hoc pane und hic panis, hic sanguis, hoc sanguen, candelabrum und jugulum, oder aus demselben Grunde jugulus und candelaber? Wenn aber ein einzelnes Wort nicht mehrere Geschlechter haben kann als nur eines, und da nicht eines dieses und jenes Geschlechtes seyn kann: denn das Geschlecht vermag nimmer in ein anderes üherzugehen, so fehlt, wer das männliche Geschlecht als weibliches ausgiebt, wie der, welcher den weiblichen Artikel dem männlichen Geschlechte vorsetzt. Nun aber sehen wir männliche Dinge weiblich und weibliche männlich, wie auch die ihr unbestimmte nennt, bald so bald anders ohne irgend einen Unterschied aussprechen. Entweder ist ihr Gebrauch ohne Unterscheidung kein Fehler, und ihr sagt uns vergeblich als entstellt durch die Häßlichkeit der Sprachfehler aus; oder ist es gewiß, daß jedes Einzelne nach seinem Geschlecht vorgetragen werden muß, so treibt ihr euch ebenfalls in ähnlichen Fehlern umher, obschon ihr euch insgesammt für Epikade, Cäsellie, Verriusse, Skauren und Nise haltet.

Ist oder Christus Gott gewesen, sagt man, warum wurde Er in Menschengestalt gesehen? und weßhalb ward Er auf menschliche Weise getödtet? Konnte denn jene unsichtbare Kraft, die jeder körperlichen Substanz ermangelt, sich in die Welt begeben und derselben nützen, der Gesellschaft der Sterblichen beiwohnen, außer sie nahm eine Hülle dichterer Materie um sich, welche den Blick der Augen ertrug und auf welcher sich das Schauen der müßigsten Betrachtung anheften konnte: denn welcher Sterbliche vermochte Ihn zu sehen, wahrzunehmen, hätte Er als solcher auf die Erde kommen wollen, der Er seiner ursprünglichen Natur nach ist, und der er selber seiner Wesenheit und Göttlichkeit nach seyn wollte? Er nahm also Menschengestalt an, und verschloß unter unseres Geschlechtes Aehnlichkeit seine Machtvollkommenheit, damit man ihn sehen und bemerken konnte; Er sprach und lehrte; auch vollbrachte er Alles, weßwegen er in die Welt gekommen, es zu thun, mit oberster Herrschermacht und Anordnung.

Wie, sagt ihr weiter, der oberste Herr vermochte das, was Er beschlossen hatte in der Welt zu thun, nicht ohne sich dem Menschen zu verähnlichen, auszuführen? War es nöthig, daß also geschah, wie ihr sagt, sicherlich hätte Er es gethan. Weil es nicht nöthig war, vollbrachte Er es auf andere Weise. Warum Er so gewollt und weßhalb auf die andere Weise nicht, darüber liegen die Gründe dergestalt verhüllt und kaum irgend begreiflich; wahrscheinlich könntest du dieselben einsehen, wärest du nicht längst zum Nichtbegreifen bereitet, und machtest dich schon vor der Auseinandersetzung dessen, was zu wissen und zu hören du suchtest, wider das Glauben unempfindlich.

Er ist aber auf menschliche Weise getödtet worden. Nicht Er selber: denn das Göttliche kann nicht dem Verderben des Todes verfallen; noch das Eine und Einfache, durch keine Vereinigung der Theile zusammengefügt, mittelst der Auflösung zu Grunde gehen. Wen sah man also am Kreuz hängen, wer ist gestorben? Der Mensch, den Er angenommen, mit sich herumtrug. Unglaubliches Wort, in tiefe Dunkelheit gehüllt. Willst du, es ist nicht dunkel, und hat zunächst mit folgenden Beispielen große Aehnlichkeit. Wenn zu einer Zeit, wo die Sybilla mit der Kraft Apollos, wie ihr euch ausdrückt, jene Ahnungen, Orakel aussagend von sich giebt, dieselbe von Unfrommen und Banditen niedergeworfen und getödtet worden wäre, würde man da wohl behaupten, Apollo sey in ihr getödtet worden? Hätte man Bakis, Helenus, Martius und andere ähnliche, schwärmende Wahrsager des Lebens und Lichtes beraubt, würde da Jemand sagen, der Regel gemäß seyen die aus dem Leben vertilgt worden, welche durch ihren Mund sprechend den Verlangenden den Gang der Ereignisse offenbarten? Jener Tod, den ihr anführt, war der des angenommenen Menschen, nicht seiner selbst; des Getragenen, nicht des Tragenden; welchen zu erleiden Er sich nicht unterzogen hätte, wäre nicht so bedeutendes zu vollbringen und der unauflösliche Grund des Todes durch schließende Mysterien zu offenbaren gewesen.

Was sind das für schließende und dunkle Mysterien, frägt man, welche kein Mensch wissen und selbst die sogenannten Weltgötter auf keinerlei Weise durch Vermuthung und Ahnung berühren konnten; außer diejenigen, welche Er selber gewürdigt, ihnen solcher Erkenntniß Gabe mitzutheilen und sie einzuführen in die heiligsten Tiefen des verborgenen Heiligthums? Du siehst aber, wollte Er nicht Jeden Hand an sich legen lassen, so mußte Er mit aller Anstrengung dahin streben, seine Widersacher von sich, auch mit umgekehrter Macht abzuhalten. Der Blinden das Licht wiedergab, vermochte der, wenn schicklich, nicht auch mit Blindheit zu schlagen? Der Krüppeln Unversehrtheit schenkte, dem sollte es Mühe gemacht haben zu verkrüppeln? Der Lahme gehen hieß, der hätte nicht gewußt durch Hemmung der Nervenverbindung der Glieder Thätigkeit zu hemmen? Der den Gräbern die Todten entzog, dem sollte es schwer fallen, nach Belieben den Tod zu verhängen? Weil aber der Rathschluß das Geschehen des Beschlossenen verlangte, so erlitt jene unschätzbare und unglaubliche Sanftmuth die Unbilden der Menschen wider sich; für bübische Possen dahinnehmend, das Unmenschen die Hand an ihn legten; und dachte nicht den hartherzigsten Banditen zuzurechnen, was ihre Verwegenheit anstiftete, um nur den Seinen darzuthun, was sie von ihnen erwarten müßten: denn da er wegen der dem Leben drohenden Gefahr des Unterganges viele Martern seinen Verfolgern gegenüber vorhersagte, hat Er als Meister und Muster seine Gebote und Bestimmungen auch zum übereinstimmenden Ende hingeführt. Zertrümmerte Er nicht des Hochmuthes Macht? löschte Er nicht der Gelüste Flammen? hielt Er nicht den Schlund der Begierde verschlossen? entwand er nicht das Schwerd den Händen und rottete die ganze Pflanzschule der gesammten Lasterhaftigkeit aus? Endlich hat Er nicht milde, sanft, leicht zugänglich vertraulicher Ansprache, den menschlichen Trübseligkeiten mitempfindend, allen mit Peinen und leiblichen Uebeln Behafteten insgesammt sich erbarmend, durch jene einzige Güte die Gesundheit zurückgegeben und wiederhergestellt?

Was also treibt euch an, was ermuntert euch, dem Vorwürfe zu machen, mit dem in unversöhnlicher Feindlichkeit zu streiten, den Niemand irgend einer Uebelthat als schuldig überführen, zeugen kann? Eure Tyrannen und Könige, die mit Verachtung der Götterfurcht die Tempelgaben raubten und plünderten; die durch Proskriptionen, Verbannungen, Hinrichtungen die Städte ihres Adels entblößten; die der Matronen und Jungfrauen Keuschheit mit zügelloser Gewalt vernichteten, die nennt ihr einheimische und himmlische Götter; und die ihr schicklicher mit heftigerm Haß vernichten solltet, die ehret ihr durch Kissenbereitungen, Altäre, Tempel und sonstigen Dienst, durch die Feier von Spielen und Geburtsfesten. Wie auch Alle jene, die durch manichfaltige Schriften mit fluchwürdigen Zähnen die öffentliche Zucht zerreißen; die durch Ueppigkeit noch dazu eure Lebensweise zerschneiden, verbrennen, zerfleischen; die ihrer Zeit Schändlichkeit den Nachkommen durch der Schriften Fortdauer aufdecken; die der Ehe Gemeinschaft überreden; die mit schönen, üppigen, entblößten Knaben zusammenliegen; die euch für Vieh, für Entlaufene, für Verbannte, für Sklaven der schlechtesten Sorte, für Rasende und [S. 54] Unsinnige aussagen: die erhebt ihr bewundernd, Beifall klatschend hoch zu den Sternen; hinterlegt ihr in den Schränken der Bibliotheken; beschenkt ihr mit Viergespannen und Bildsäulen; begabt ihr nach Kräften gleichsam mit einer gewissen Ewigkeit durch das Zeugniß unsterblicher Inschriften. Nur Christus allein wollt ihr zerreißen, zerfleischen, wofern ihr das, da Er Gott ist, vermögt; ja Ihn allein, wofern es frei steht, nach Art der wilden Thiere, mit bluttriefendem Munde, mit zermalmten Knochen hinterschlucken. Um welches Vergehens willen, frage ich, saget an; ob welcher Sünde Schuld? was hat Er verübt, das den Bestand seiner Rechtlichkeit geändert, euch mit wüthenden Stacheln zum wilden Haß erregte? Weil Er sich als den vom alleinigen Herrn gesandten Beschützer eurer Seelen offenbarte? als den Bringer der Unsterblichkeit, die ihr zu besitzen vertrautet, beredet durch weniger Menschen Betheuerung? War euch aber gewiß, Er habe Unwahres ausgesagt, auch die nichtigsten Hoffnungen verheißen; so finde ich keinen Grund darin, weßhalb ihr Ihn hassen, warum ihr Ihn mit feindseligem Tadel verdammen mußtet. Ja, wäre euer Herz sanft und milde gewesen, schon um deßwillen allein mußtet ihr Ihn als wahr annehmen, weil er euch Wünschenswerthes und Beglückendes versprach; weil Er der Bote guter Zustände war; weil er, was keines Herz betrübte, offenbarte; ja vielmehr was mit zuversichtlicherer Erwartung sättigte.

O des undankbaren, unfrommen Geschlechtes! das sich dem eigenen Verderben durch unglaublichen Starrsinn zugeführet. Wäre irgend ein Arzt aus entfernten, nie euch bekannten Gegenden angelangt, solch ein Mittel bietend, daß alle Arten Krankheiten und Uebel von euern Körpern entfernte, wärt ihr nicht Alle um die Wette laufend herbeigekommen, um mit allen möglichen Schmeicheleien und Ehrenbezeugungen den Begünstigten in die heimatlichen Mauern aufzunehmen? wünschend, schlechterdings zuverläßig, nicht bloß wahrhaftig möge jenes Heilmittel seyn, welches euch bis zur äußersten Gränze des Alters, von so unzähligen Leibesplagen befreit zu seyn verheißt? Und wäre auch die Sache unzuverläßig, ihr würdet dennoch vertrauen und nicht zaudern, den unbekannten Trank zu nehmen, da die Hoffnung des Heiles verkündet, euch die Liebe der Unverletzbarkeit entzündet hat. Christus, der Verkündiger der allergrößten Wohlfahrt, strahlte hervor und erschien, ein günstiges Zeichen, den Gläubigen heilsame Botschaft bringend. Welch eine Grausamkeit und Unmenschlichkeit, ja um der Wahrheit gemäßer zu sprechen, welch ein anmaßender Stolz, den Verkündiger und Ueberbringer solcher Gabe nicht sowohl mit Schmähworten zu zerreißen, sondern vielmehr ihn mit heftigem Kampfe und Anwendung aller Waffen zu verfolgen? Nicht gefallen seine Reden und mit Aergerniß werden sie von euch vernommen? Für Schäkerei und Schwärmerei nehmt ihr sie hin. Spricht Er thörichtes Zeug und verheißt alberne Gaben? Verlacht Ihn, wie die weisen Männer euch, und überlaßt demselben in seiner Irrthümer Albernheit sich umherzutreiben. Was ist das für eine Wildheit um oft Gesagtes zu wiederholen, welch eine Martergier, dem, der an dir nichts verschuldet, unversöhnlichen Krieg zu künden? dem die Eingeweide zerfleischen wollen, bietet sich die Gelegenheit, der auf keine Weise irgend Einem irgend ein Uebel angethan, sondern vielmehr gleichförmig gütig den Feinden selbst sagte, welches Heil er ihnen von dem höchsten Gott herabgebracht; was nöthig zu thun, daß sie dem Verderben entfliehend die unerkannte Unsterblichkeit erlangen möchten? Und da der Sache Neuheit, wie die unerhörte Verheißung der Hörenden Verstand verwirrte, den Glauben zur Unentschlossenheit trieb, so gestattete der Herr aller Macht und selbst des Todes Tilger seinen Menschen zu tödten, damit sie aus Den nachfolgenden Dingen erkannten, ihre Hoffnung, welche sie schon lange wegen dem Seelenheil erhalten hatten, sey gesichert, und die Todesgefahr könne auf keine andere Weise vermieden werden.

Zweites Buch

Wenn hier nun irgend eine Gelegenheit gegeben werden könnte, so wollte ich mit allen denen, welchen der Namen Christi verhaßt ist, hinsichtlich der von Anfang vorgesetzten Vertheidigung eine kurze Abschweifung machend, solche Worte wechseln. Haltet ihr es für keine Schmach, befragt Etwas zu antworten, so thut uns kund und sagt an, was die Ursache sey, daß ihr Christus mit so heftigen Kämpfen verfolget? oder welche Beleidigungen desselben euch veranlassen, daß ihr bei seines Namens Erwähnung auffahret in Heftigkeit wilder Affekte? Hat Er etwa, sich die königliche Gewalt anmaßend den gesammten Erdkreis durch höchst feindselige Legionen überfallen und von Anfang her friedliche Völker, die einen verletzt und niedergeworfen, die andern mit unterjochten Nacken Ihm zu gehorchen genöthigt? Hat Er, entbrannt von der Gier des Geizes, alle jene Schätze, mit welchen das Menschengeschlecht sich eifrigst zu versehen trachtet, zu seinem Eigenthum hingenommen? Hat er, ausgelassen vor Wollust, der Keuschheit Riegel mit Gewalt gebrochen oder diebischer Wiese fremder Ehre nachgestellt? Hat Er, vom finstern Stolz der Vermessenheit aufgebläht, Beleidigungen und Beschimpfungen ohne Unterschied mit Umgehung jeder persönlichen Verschiedenheit angethan? Der, war er auch nicht werth, daß ihr Ihm gehorsam schenken und glauben mußtet, doch um deßwillen schon nicht von euch vernichtet werden sollte, weil Er euch Heilsames bekannt machte, weil er euch den Weg zum Himmel und das Versprechen der Unsterblichkeit anwünschte; auch wenn er nicht in Allen das Licht des Lebens ausgebreitet und die Gefahr der Unwissenheit entfernt hat.

Aber dagegen freilich ist Er des Hasses würdig, daß Er die Religionen aus dem Erdkreis trieb, daß Er zum Dienst der Götter zu nahen verbot? Um deßwillen wird Er als der Verlöscher der Religion und Urheber der Gottlosigkeit bezüchtigt, der die wahre Religion dem Erdkreis einführte? der den blinden und wahrhaftig in Gottlosigkeit lebenden Menschen die Pforten der Frömmigkeit öffnete, und wem sie sich unterwerfen sollten, kund that? Ist irgend eine Religion wahrer, zuständiger, mächtiger, geehrter, als den obersten Gott kennen, wissen diesen obersten Gott anzurufen, der aller Güter alleiniges Haupt und einzige Quelle ist, der immer gleichmäßige Gründer und Urheber der beständig sich folgenden Dinge, der alles Irdische und Himmlische insgesammt beseelt und mit belebender Bewegung erquickt, und ohne dessen Seyn wahrlich kein Ding wäre, welches irgend einen Namen und eine Substanz besitzt? Außer ihr zweifelt etwa, ob dieser oberste Herr, von dem wir sprechen, sey, und vielmehr glaubt, solcher sey Apollo, Diana, Merkur, Mars. Gieb einen Knaben zum Schiedsrichter, und er wird, dieß Alles, was wir zeigen, betrachtend, mehr an der Existenz der übrigen Götter zweifeln, als wegen Gott zaudern, dessen Seyn wir alle von Natur wissen; entweder da wir ausrufen o Gott, oder da wir zum Zeugen wider die Bösen aufstellen und gleichsam als sähe er uns das Angesicht zum Himmel erheben.

Allein Er hat den Menschen das Flehen zu den geringeren Göttern untersagt. Was die geringeren Götter sind und wo sie sich aufhalten, wißt ihr das? Der Argwohn oder die Einrede derselben hat euch erfaßt, so daß ihr billig übel nehmt, daß ihnen der Dienst entzogen und sie der Ehrenbezeugungen beraubt wurden. Wenn nun nicht Verstandesdünkel und Hoffart widerstünde und euch verhinderte, so könntet ihr schon lange wissen, was Er verboten hat, innerhalb der Gränzen, worin er die wahre Religion feststellen wollte, zu thun, und warum; welche große Gefahr euch daraus entspränge, daß ihr euch wegen des Gehorsams bedenkt; und endlich von welchen Uebeln ihr euch befreien könntet, entsagtet ihr dem hinterlistigen Irrthume.

Dieß Alles wird aber vielmehr dann deutlicher und umfassender erwähnt werden, da wir noch weiter vorwärts gekommen sind: denn wir werden zeigen, daß Christus die Völker nicht Gottlosigkeit gelehrt habe, sondern daß Er die Unwissenheit der unglückseligen Menschen von den verruchtesten Räubern befreite. Ihr sagt, wir glauben nicht, daß wahr sey, was Er spricht. Was weiter, wessen Wahrheit ihr ableugnet, das ist bei euch einleuchtend, da das Bevorstehende und nicht noch Nichtige durch keine Gründe zurückgewiesen werden kann. Aber, was Er verheißt, bewährt Er selbst nicht. So ist’s: denn wie gesagt, es kann keine Beweisführung des noch Zukünftigen stattfinden. Insofern also dieß des Zukünftigen Weise ist, daß es durch kein Vorausschauen erfaßt oder begriffen werden kann: ist es da nicht natürlicher, unter zwei ungewissen und in zweideutiger Erwartung schwebenden Dingen, das vielmehr zu glauben, was einige Hoffnung gewährt, als was ganz und gar keine? denn bei jenen findet sich keine Gefahr, wenn, was man sagt daß bevorstebe, nichtig und eitel ist; bei diesem wird aber der gößte Schaden genommen, d. h. des Heiles Verlust, wenn bei Herankunft der Zeit sich darthut, keine Lüge habe stattgefunden.

Was sagt ihr Unwissende, auch höchst Beweinens- und Bedauerungswürdige? So befürchtet ihr nicht, daß etwa das wahr seyn möchte, was euch zur Verachtung dient und Stoff zum Lachen gewährt? und nicht einmal erwägt ihr bei euch in verborgenem Nachdenken, was ihr am heutigen Tage in hartnäckiger Verkehrtheit zu glauben verneint, möge die späte Zeit offenbaren und die unwiderrufliche Buße strafen? Erregen nicht wenigstens diese Gründe des Glaubens bei euch Zutrauen, da schon in so kurzer und geringer Zeit auf der ganzen Erde der Diensteid dieses unermeßlichen Namens sich ausgebreitet hat? da bereits kein Volk mehr sich findet, noch so barbarischer Sitten und der Sanftmuth unbewußt, das nicht, durch seine Liebe gewandelt, seine Rauhheit gemildert und zu sanften Empfindungen durch empfangene Ruhe übergegangen ist? da mit so großen Talenten begabte Redner, Grammatiker, Rhetoren, Rechtskundige und Aerzte, die auch der Philosophie Geheimnisse erforschten, diese Lehre verlangen, mit Verachtung dessen, dem sie kurz vorher noch vertrauten? da Sklaven die von ihren Herren angeordneten Martern lieber erdulden, da Eheleute sich lieber trennen und Kinder vorziehen von den Eltern enterbt zu werden, als die christiche Treue brechen und den Eid der heilbringenden Streiterschaar aufgeben? da, obschon von euch für die, welche den Anordnungen dieser Religion folgen, so vielerlei Strafen festgesetzt worden, dennoch diese Sache sich nur mehrt, und ungeachtet aller Drohungen und Verbote zu Abschreckung das Volk sich um so beherzter stemmt, und durch das Untersagen zum Glaubenseifer erst recht angespornt wird? Meint ihr wohl, dieß geschähe so von Ungefähr, ohne Grund, indem diese Gemüther durch zufällige Anregungen es empfangen? Nicht ist dergestalt dieß göttlich und heilig, und ohne Gott geschehen solche Umwandlungen ihrer Herzen, daß da die peinigenden Hacken und unzählige andere Martern, wie schon gesagt, den Glaubenden bevorstehen, sie gleichsam wie durch eine Süße und durch aller Tugenden Liebe fortgerissen, die erkannten Gründe annehmen und allen Dingen dieser Welt die Freundschaft Christi vorziehen? Außer dieselben erscheinen euch etwa stumpfsinnig und thöricht, welche schon über den ganzen Erdkreis hin sich zusammen schaaren und sammeln in dieses Glaubens Bestimmung.

Was also? Ihr allein mit ächter Kraft und Weisheit der Intelligenz vollendet, seht was weiß ich wie anders und tiefer. Ihr allein erkennt, das Alles seyen Possen, bloße Worte und knabenhafte Ungereimtheiten; was wir uns verheißen, daß vom obersten König kommen soll? Woher, frage ich, ist euch solche Weisheit übergeben? woher solche Schärfe und Lebhaftigkeit? aus welcher Wissenschaft konntet ihr solchen Verstand erwerben, solche Divination entschöpfen? weil ihr die Worte und Namen nach den Fällen und Zeiten zu beugen, weil Ihr Barbarismen und Soloecismen zu vermeiden wißt, weil ihr eine abgemessene, wohgeordnete und gefügte Rede entweder selbst hervorbringen könnt oder war sie ungeschmückt, es wißt, weil ihr des Lucilianus Bordel und des Pomponius Marsyas dem Gedächtniß eingeprägt in euch habt; weil, was die Bestimmungen bei den Streitigkeiten betrifft, wie viele Arten der Klage, wie viele der Vertheidigung, was das Geschlecht sey, was die Art, durch welche Merkmale das Entgegengesetzte vom Gegentheil sich unterscheidet: um deßwillen vermeint ihr zu wissen, was falsch, was wahr sey, was geschehen, was nicht geschehen könne; was der Untersten, was der Obersten Natur sey? Hat nicht jenes Bekannte: des Menschen Weisheit sey Thorheit bei Gott, eure Ohren beleidigt? Vorerst aber, wenn ja ihr über dunkele Dinge entscheidet und fortfahret, natürliche Geheimnisse zu enthüllen, seht ihr nicht genau, daß was ihr sagt, versichert, mit außerordentlicher Anstrengung meist vertheidigt, euch nicht allein unbekannt sey, sondern daß auch Jeder seine Hypothesen für erprobt und begriffen mit hartnäckigem Widerstreben behaupte?

Was weiter, wenn wir das Wahre betrachten, wenn auch alle Jahrhunderte zur Erforschung der Dinge angewendet werden, können wir aus uns selbst wissen, ob wir die Wahrheit erkennen, die ich weiß nicht welche Macht so blind und stolz hervorgebracht und mit Neid zusammengefügt hat, so daß wir uns, da wir durchaus nichts wissen, doch täuschen und durch der aufgeblasenen Brust Hoffart zur Einbildung der Wissenschaft uns erheben lassen. Um das Göttliche zu übergehen und die durch natürliche Dunkelheit verborgenen Dinge, kann irgend wer der Sterblichen das erklären, was jener Sokrates zu begreifen im Phaedon leugnet? Was der Mensch sey oder woher; zweideutig, veränderlich, beweglich, trügerisch, unergründlich, vielgestaltig? Zu welchen Zwecken er hervorgebracht worden? Durch welches Scharfsinn er ausgesonnen ward? Was er in der Welt macht? Warum er einen solchen Schwarm von Uebeln erfahre? Belebte ihn etwa die durch Feuchtigkeit in Fäulniß übergegangene Erde, so wie Würmer, wie Mäuse? Oder empfingen diese Umrisse des Körpers und Angesichts durch eines Werkmeisters Hand die Form? Ist es möglich, sag‘ ich, was offen daliegt und in den gemeinen Sinnen begründet ist, nicht zu wissen? Aus welchen Ursachen wir in Schlaf sinken, aus welchen wir erwachen, auf welche Weise die Träume entstehen, wie die Erscheinung? Ja, worüber Platon im Theätet (S. 158, Stephan.) zweifelt, ob wir einmal wirklich wachen, oder ob das Wachen selbst, wie man sagt, ein Theil andauernden Schlafes sey? und was wir zu thun scheinen, da wir ein Traumbild zu schauen aussagen? ob wir da durch der Strahlen und des Lichtes Ausdehnung sehen, oder ob der Dinge Abbilder herzufliegen und in unsern Pupillen sich niederlassen? Ob der Geschmack in den Dingen sey oder durch die Berührung des Gaumens entsteht? Aus welchen Ursachen die Haare die natürliche Schwärze verlieren, nicht alle zugleich, sondern nach und nach ergrauend? Woher komme, daß alle Flüssigkeiten durch Mischung Eine Masse werden, daß das Oel nur allein die Einmischung zu erleiden zurückweist, in seiner undurchdringlichen Natur immer sichtbar verbunden? Die Seele selbst endlich, die als unsterblich von euch und als Gott ausgesagt wird, warum ist sie in den Kranken krank, in den Kindern thöricht, im Alter entkräftet; warum aberwitzig und stumpf und verstandlos? Deren Schwäche und Unwissenheit daher um so mehr erbarmenswerth ist, weil, da geschehen kann, daß wir irgend etwas Wahres einmal aussprechen, auch selbst dieß uns ungewiß bleibt, ob wir etwas Wahres ausgesprochen haben.

Und weil ihr gewohnt seyd, unsere Glaubenstreue zu verlachen und die Leichtgläubigkeit selbst durch kurzweilige Scherze zu zerstäuben, so sagt an ihr Artige, vom lautern Weine der Weisheit erfüllt und durch den Trunk ersättigt, ist im Leben irgend ein Geschäft und Unternehmen, das die Verrichter nicht mit vorangehender Glaubenstreue beginnen, vornehmen und angreifen? Geht ihr auf Reisen, schifft ihr: glaubt ihr nicht nach vollbrachten Geschäften nach Hause wieder zurückzukehren? Pflügt ihr den Acker und füllet ihn mit der Samen Mannigfaltigkeit: glaubt ihr nicht nach dem Wechsel der Zeiten die Frucht einzuernten? Ihr knüpft das Band der ehelichen Gemeinschaft: nicht glaubend, es werde unbefleckt seyn und eine wohlwollende Verbindung unter den Verehlichten? Ihr erzeugt der Kinder Nachkommenschaft: nicht glaubend, sie werde wohlbehalten bleiben und nach des Alters Stufen zu dem Ziele des Alters hingelangen? Des Körpers Krankheiten vertrauet ihr der Hand des Arztes: nicht glaubend, es könnten die Krankheiten durch Milderung ihrer Strenge besänftigt werden? Krieg führt ihr mit dem Feinde: nicht glaubend, durch guten Erfolg der Schlachten den Sieg zu erlangen? Die Götter verehrt und bedient ihr: glaubt ihr nicht an derselben Seyn und daß sie euerm Flehen günstiges Gehör schenken?

Warum habt ihr unter den Dingen dieß, was ihr doch selbst aufzeichnet, oft leset, mit eigenen Augen besaht und selbst verrichtet, beobachtet, von der menschlichen Kunde ausgeschieden? glaubt nicht jeder von euch dieser oder jener Autorität? nicht was Einer sich beredet hat, daß ein Anderer als wahr ausgesagt, gleichwie durch irgend eine Glaubensversicherung geschützt? Der da sagt, der gesammten Dinge Ursprung sey Feuer oder Wasser, glaubt der nicht dem Thales oder Heraklit? Wer den Urgrund in die Zahlen setzt, glaubt der nicht dem samischen Pythagoras, dem Archytas? Wer die Seele spaltet und unkörperliche Urbilder aufstellt, glaubt der nicht dem sokratischen Platon? Wer das fünfte Element den ersten Ursachen zufügt, glaubt der nicht dem Vater der Peripatetiker, Aristoteles? Wer das Feuer die Welt bedrohen läßt, es werde mit der Zeit dieselbe verzehren, glaubt der nicht dem Panaetias, dem Chrysippos, dem Zeno? Wer durch die untheilbaren Körper die Welt entstehen und vergehen läßt, glaubt der nicht dem Epikur, dem Demokrit, dem Metrodoros? Wer annimmt, der Mensch vermöge Nichts zu erkennen und Alles sey in Finsterniß eingehüllt, glaubt der nicht dem Archesilaos, dem Karneades? nicht irgend einem Verehrer der alten und neuen Akademie?

Endlich die Häupter und Väter selbst der genannten Schulen, sagen sie nicht selbst das, was sie aussagen, als ihren Vermuthungen geglaubt aus? Hat nämlich Heraklid die Entstehung der Dinge durch des Feuers Wandlung, Thales die durch des Wassers Verdichtung gesehen? Hat Pythagoras derselben Hervorgehen aus den Zahlen, hat Platon die unkörperlichen Urbilder, Demokrit der untheilbaren Körper Zusammenstoßen geschaut? Oder wissen Jene, welche dafür halten, man könne Nichts durchaus begreifen, ob was sie sagen wahr sey; oder sehen sie ein, das selbst Ausgesprochene, was sie festsetzen, sey die Wahrheit? Da ihr also Nichts gewiß und zuverlässig besitzt, und Alles was ihr schreibet und in tausend Büchern zusammenfasset unter des Glaubens Führung bewahret: wie höchst ungerecht ist dann eure Aburtheilung, daß ihr unseren Glauben verlacht, den ihr doch mit uns gemeinschaftlich zu haben bemerkt? Aber ihr glaubt weisen, in allen Arten des Wissens unterrichteten Männern? denen nämlich, welche Nichts wissen und auch nicht Eins enthüllten; welche um ihrer Meinungen willen mit den Widersprechenden Streit anfangen und mit feindseliger Hartnäckigkeit immerdar fortfechten; welche, insofern Einer des Andern Sätze erschüttert, stürzt und vernichtet, Alles insgesammt ungewiß machen und durch ihre Uneinigkeit selbst darthun, daß man eigentlich nichts wissen könne.

Dieß aber steht nicht im Wege und nicht verhindert es, daß ihr ihnen nicht vornehmlich zu glauben und zu gehorchen schuldig seyd. Und was will das sagen, daß ihr in diesem Fall das Meiste habt, wir das Mindeste? Ihr glaubt dem Platon, dem Kronios, dem Numenios oder wem sonst belieben wird; wir glauben und vertrauen Christus. Welch eine Unbilligkeit ist das, daß ihr, da wir beiderseitig auf unseren Autoritäten bestehen, und uns wie euch das Glauben gemeinschaftlich zukommt, wollt, man solle euch einräumen, was sie gesagt anzuerkennen; nicht aber was Christus bekannt machte, hören und beachten wollt? Gleichwohl, wollten wir Gründe mit Gründen, Fall durch Fall gleichen, vermögen wir vielmehr darzuthun, warum wir Christus nachgefolgt sind, als warum ihr den Philosophen. Und zwar sind wir Ihm gefolgt, wegen jener hochherrlichen Werke und mächtigen Kraft, mittels welcher Er vielfache Wunder vollbrachte und darstellte, durch die Jedweder zur Glaubensnothwendigkeit hinzugeführt werden und mit Zuversicht urtheilen konnte, nicht eigne dieß Geschehende einem Menschen, sondern irgend einer göttlichen und unbekannten Macht. Welchen Kräften der Philosophen seyd aber ihr gefolgt, daß ihr ihnen vielmehr glauben mußtet, als wir Christus? Welcher derselben vermochte einmal durch Ein Wort, oder durch Eines Befehls Geheiß, ich sage nicht des Meeres Wuth, des Sturmes Toben zurückzuweisen, zu zähmen; nicht, Blindgeborenen oder Erblindeten das Angenlicht herzustellen; Begrabene in’s Leben zurückzurufen, vieljährige Leiden zu tilgen; sondern was um so viel leichter ist, ein Aiß, den Aussatz oder einen der Haut einhaftenden Dorn mittelst Einer Besprechung zu heilen? Womit wir ihnen aber keineswegs ableugnen, daß sie sowohl durch Sittenreinheit lobenswerth, als auch in allen Arten des Wissens wohl erfahren waren: denn wir wissen, daß sie die trefflichsten Worte sprechen und von glatten Fügungen überfliegen; daß sie die scharfsinnigsten Syllogismen folgern; ihre Introductionen auf’s folgerechteste ordnen; ihre Lehrfätze nach Definitionen vortragen, abtheilen und unterscheiden; daß sie Vieles von den Gattungen der Zahlen, Vieles von der Musik sagen; daß sie auch die Geometrie durch ihre Regeln und Vorschriften erklären. Was aber tut dieß zur Sache? Verheißen Enthymemata, Syllogismen und andere ähnliche Dinge ihnen das Wissen der Wahrheit, oder sind deßwegen sie würdig, daß ihnen nothwendig in den dunkelsten Dingen geglaubt werden muß? Die Vergleichung der Personen muß man nicht nach den Kräften der Beredsamkeit, sondern nach dem Vermögen vollbrachter Thaten abwägen. Nicht der ist ein guter Gewährsmann zu nennen, welcher eine Rede aufrichtig hervorbrachte; sondern der, was er verheißt, durch die Bürgschaft göttlicher Werke erweist.

Ihr führt uns Argumente und spitzfindige Vermuthungen an, wenn sich derselben Christus selbst, mit seiner Genehmigung und Nachsicht sey’s gesagt, bei den Versammlungen der Völker bediente, wer mochte Ihm beipflichten, wer Ihn hören, wer Ihm verheißen, irgend etwas offen kund zu thun? oder wer mochte dem Nichtiges und Leeres Vorbringenden, wäre er auch noch so unwissend und stockeinfältig, folgen? Die vor Augen gelegten Wunderwerke und jene unerhörte Thatkraft, welche Er selbst öffentlich zeigte, oder seine Verkündiger über den ganzen Erdkreis hin berühmt machten: diese haben die Flammen der Begierden unterworfen und verursacht, daß zu Eines Glaubens Beistimmung in Sinneseinheit Völker und Nationen, auch in Sitten ganz unähnliche, sich vereinigten: denn was in Indien bei den Serern, Persern und Medern; in Arabien, in Aegypten, in Asien, in Syrien, bei den Galatern, Parthern, Phrygiern; in Achaja, Makedonien, Epirus und allen Provinzen, welche die auf- und niedergehende Sonne bescheint, geschehen ist, kann aufgezählt werden und zum Behuf der Einigung dienen; selbst in der Herrscherin Rom endlich, obschon die Menschen dort erfüllt sind von Königs Numa Künsten und altem Aberglauben, haben sie doch nicht gezögert, die vaterländischen Zustände aufzugeben und sich der christlichen Wahrheit zu einen. Sie sahen ja den Wagen und das feurige Viergespann Simon des Magiers von Petrus Mund zerblasen, dem ausgesprochenen Christus dahinschwinden. Sie sahen, sag‘ ich, den, der falschen Göttern vertrauend, von denselben, die er verehrte, verrathen durch eigene Schwere herabgestürzt war, mit zerschmetterten Schienbeinen liegen, und dann endlich nach Brunda gebracht, von Schmerz und Schande entkräftet, sich vom höchsten Gipfel eines Hauses herabwerfen. Alle diese Begebenheiten wißt ihr entweder nicht oder habt sie nicht wissen wollen, noch jemals als euch nothwendig erachtet; und insofern ihr euern Herzen vertraut und was Hoffart ist Weisheit nennt, habt ihr den Betrügern Raum gegeben, jenen schändlichen sage ich, deren Geschlecht daran gelegen ist, daß der christliche Name vertilgt werde, durch Ausbreitung der Finsterniß und Verdunklung solcher Dinge, um euch den Glauben an dieselben zu entreißen und selbe der Verachtung zu unterwerfen, damit sie, ihr nach Verdienst herandrohendes Ende schon vorfühlend, auch euch in ihre Sache hineinziehen möchten, wodurch ihr dann in Gefahr kommend, der göttlichen Güte beraubt werden könnt.

Indessen doch, o ihr Bewunderer, Anstauner der Witze der Gelehrten und Philosophen, bedenkt ihr nicht, daß ihr uns so höchst ungerecht als solche, die Thörichtes und Unvernünftiges aussagen, durchhechelt, verspottet, insofern ihr als solche erfunden werdet, die dieß und jenes ebenfalls aussagen, was ihr als von uns ausgesagt und bekannt gemacht verlacht? Nicht mit denen rede ich, welche durch der Sekten verschiedenartige Abwege zerstreut, diese und jene Abtheilungen der Meinungen durch ihre Verschiedenheit bestimmten. Euch setze ich zur Rede, euch, die ihr dem Merkur, dem Platon und Pythagoras folgt; auch euch Uebrige, die ihr eines Sinnes seyd und mittelst derselben Lehrsätze der Einheit einherkommt. Wagt ihr uns zu verlachen, die wir den Vater der Dinge und Gott verehren, Ihm dienen; auch daß wir Ihm unsere Hoffnung hingeben und anheimstellen? Was anders will euer Platon im Thegetetos (S.173, Stephan.), um ihn vornehmlich zu nennen; beredet er nicht die Seele, der Erde zu entfliehen und immerdar, so viel ihr möglich ist dieß zu thun, um Ihn durch Denken und Forschen sich zu bewegen? Wagt ihr uns zu verhöhnen, daß wir eine künftige Auferstehung der Todten behaupten? die wir zwar zu behaupten bekennen, aber von euch anders, als wir sie wissen, verstanden wird. Was sagt derselbe Platon im Staatsmann (S. 270, Stephan)? Schreibt er nicht, da die Welt von den abendlichen Gegenden her sich zu wälzen und nach der Himmelsgegend, wo die Sonne aufgeht, sich hinzukehren anfangen wird, dann werden neuerdings die Menschen aus der Erde Schooß hervorbrechen, und Greise, Grauhaarige, Abgelebte, so wie die Jahre sich zu mehren beginnen, werden nach denselben Stufen, mittelst derer sie jetzt wachsen, zur Natur der kleinen Kinder herabsteigen? Wagt ihr uns zu verspotten, wenn wir das Heil unserer Seelen in Acht nehmen, das heißt uns selbst? Denn was sind wir Menschen anders, als in Körpern eingeschlossene Seelen? Ihr freilich tragt nicht alle Sorgfalt für derselben Erhaltung, daß ihr von allen Lastern und Begierden euch enthieltet; jene Furcht hat euch, ihr möchtet gleichsam wie mit Nägeln einem Balken angeheftet an den Körpern hangen bleiben. Was sollen jene Gebräuche geheimer Künste bedeuten, durch welche ihr, was weiß ich welche Mächte anruft, daß sie euch günstig seyen und den zu den väterlichen Gräbern Zurückkehrenden kein Hinderniß in den Weg legen mögen?

Wagt ihr uns zu verlachen, wenn wir eine Hölle und gewisse unauslöschliche Feuer behaupten, in die, wie wir gehört haben, die Seelen von ihren Feinden und Widersachern hinabgestürzt werden? Wie, nennt derselbe Platon in jenem Gespräche, das er von der Seele Unsterblichkeit verfaßte, die Flüsse Acheron, Styx, Kekitos und Pyriphlegethon nicht, in welchen seiner Versicherung zufolge, die Seelen umhergewälzt, versenkt, gebrennt werden. (Phaedon S. 112 flg. Stephan.) Und dieser Mensch von nicht unschicklicher Erkenntniß, von Ueberlegung und erwägendem Urtheil behauptet eine unerklärliche Sache, indem er, da er die Seelen als unsterblich, fortdauernd und der körperlichen Dichtheit befreit aussagt, doch behauptet, sie würden bestraft, und die Schmerzen der Empfindung hinzugefügt. Wer sieht aber nicht ein, daß das Unsterbliche, das Einfache keinen Schmerz zulassen könne? Und dennoch weicht seine Autorität nicht gar sehr von der Wahrheit ab: denn so sehr auch der milde und wohlwollende Mann geglaubt hat, es sey unmenschlich, die Seelen zur Todesstrafe zu verdammen, so hat er doch nicht ungereimt vermuthet, daß sie in Feuerströme, von den morastigen Schlünden abscheulich stinkend, geworfen werden. Werden sie nämlich hineingeworfen und zu Nichts vertilgt, so vergehen sie durch des fortwährenden Untergangs Verzögerung: denn sie sind zweideutiger Natur, wie durch Christus gewiß ist und können zu Grunde gehen, wenn sie Gott nicht kennen wollten, oder aber vom Untergang des Lebens errettet werden, wenn sie sich nach seinen Drohungen und Gnaden hinwendeten. Und damit was unbekannt ist, offen sey, dieß ist des Menschen wahrer Tod, der nichts mehr zurückläßt: denn jener, den man vor Augen sieht, ist die Trennung der Seele vom Körper, nicht das äußerste Ende der Vertilgung. Das, sage ich, ist des Menschen wahrer Tod, da die Gott nicht erkennenden Seelen durch die Peinen unendlicher Zeiten hin in wildem Feuer aufgezehrt werden, in welches dieselben gewisse vor Christus unerkannte und vom Wissenden nur allein entdeckte Böse grausam hinabstürzen.

Es ist daher nicht nöthig, daß uns täuscht, was uns leere Hoffnungen verheißt, was von irgend neuen und durch ihre maaßlose Meinung stolzen Männern ausgesagt wird, die Seelen seyen unsterblich; der Würde nach dem Gott aller Dinge und dem Range des Obersten zunächst; von diesem Schöpfer und Vater hervorgebracht, göttlich, weise, gelehrig und auf keine Weise körperlich betastbar, weil wenn dieß wahr und gewiß ist, und wir von dem Vollkommenen zur unverbesserlichen Vollkommenheit hervorgebracht sind, wir schuldlos, deßhalb auch untadelhaft, gut, gerecht und rechtschaffen, in keiner Hinsicht fehlerhaft leben. Keine Begierde überwältigt, seine Wollust schändet uns; die ununterbrochene Dauer aller Tugenden bewahren wir in voller Reinheit. Und weil die Seelen von uns Allen aus einer Quelle herkommen, um deßwillen fühlen wir auch sämtlich übereinstimmend; weder den Sitten noch den Meinungen nach disharmoniren wir; wir kennen Alle Gott und weder sind ebensoviele Meinungen als Menschen auf dem Erdkeis, noch sind dieselben in unendlicher Mannigfaltigkeit verschieden.

Sobald wir aber zu den Körpern herabsinken und das Menschliche ereilen, so werden uns aus den Weltkreisen die Veranlassungen zu Theil, welchen zufolge wir böse, auch sehr böse sind, von Leidenschaften und Zorn aufbrausen, in Schandthaten das Leben hin uns üben, und zur öffentlichen Lust durch Preisgebung käuflicher Körper verurtheilt werden. Auf welche Art aber kann Unkörperliches sich dem Körperlichen verbinden; oder wie können von Gott dem Herrn geschaffene Dinge durch schwächere Ursachen zu den Verunstaltungen der Laster übergeführt werden? Wollt ihr Menschen die Anmaßung und den Stolz fahren lassen? die ihr euch bemüht, Gott als Vater angemaßt, mit Ihm Eine und dieselbe Unsterblichkeit zu haben; ihr wollt fragen, erforschen, ausspüren, was ihr selbst seyd, wessen ihr seyd; ermessen, von welchem Vater, was ihr in dieser Welt thun sollt, um welcher Ursache willen ihr geboren werdet, auf welche Weise ihr in’s Leben hereinspringt? Wollt ihr nach abgelegter Partheilichkeit mit ruhigen Gedanken einsehen, wir seyen beseelte Wesen, entweder den übrigen ähnlich oder durch keinen sehr bedeutenden Unterschied entfernt? denn was zeigt an, daß wir uns von ihrer Aehnlichkeit unterscheiden? oder welche Vollkommenheit ist so hervorragend bei uns, daß wir den beseelten Wesen zugezählt zu werden verschmähen? Aus Knochen sind ihnen die Körper zusammengefügt und durch der Flechsen [Sehnen] Bande befestigt; auch uns sind aus gleichem Grunde die Körper aus Knochen zusammengefügt und durch der Flechsen Bande befestigt. Sie athmen durch die Nase die Luft ein und hauchen dieselbe wieder aus; auch wir athmen auf dieselbe Weise. Von dem weiblichen Geschlechte ist das männliche unterschieden; in eben so vielen Geschlechtern wurden auch wir von unserem Urbeber geschaffen. Sie empfangen die Frucht im Schooß und erzeugen durch körperliche Vereinigung; auch wir werden durch körperliche Vereinigung erzeugt, aus dem Mutterleib hervorgebracht und entlassen. Sie nähren sich durch Speise und Trank und schaffen die überflüssige Unreinigkeit nach unten hin weg; auch wir nähren uns durch Speise und Trank, und entfernen, was die Natur bereits von sich gestoßen, auf denselben Wegen. Alle sind besorgt, den tödlichen Hunger zu verhüthen und wegen der nothwendigen Nahrung zu wachen; was anders thun wir in so vielen Beschäftigungen des Lebens, als daß wir das erwerben, wodurch die Gefahr des Hungers vermieden und die unselige Sorge entfernt wird? sie empfinden Krankheiten und Unwohlsein, werden zuletzt durch das Alter aufgelöst; sind wir etwa dieser Uebel ledig, brechen uns nicht auf gleiche Weise der Krankheiten Widerwärtigkeiten, zerstört uns nicht des Alters Pest? Wenn nun auch wahr ist, was in den geheimen Mysterien gesagt wird, die Seelen der Gottlosen gingen, nachdem sie die menschlichen Körper verlassen, in die Thiere über; so wird offenbarer bestätigt, wir seyen nahe und nicht durch entfernte Räume getrennt. Wenn anders uns und ihnen darin Uebereinstimmung ist, woher man sagt, daß wir beseelte Wesen seyen und leben.

Allein wir sind mit Vernunft begabt und durch die Intelligenz übertreffen wir jedes Geschlecht der Stummen. Ich könnte dieß als höchst wahre Aussage glauben, wenn gesammte Menschen mit Vernunft und Ueberlegung lebten, die Andauer ihrer Pflichten in Acht nähmen, sich des Unerlaubten enthielten, und schimpfliche Handlungen vermieden; wenn Niemand aus Verkehrtheit des Entschlusses und Blindheit der Unwissenheit ihm selbst Widersachendes und Feindliches forderte. Ich möchte doch wissen, aus welchem Grunde eben wir mächtiger sind als gesammte Geschlechter lebender Wesen. Weil wir uns Häuser erbaut haben, mittelst derer wir die Winterkälte und die Sommerhitze meiden können? Wie, ermangeln die übrigen beseelten Wesen dieser Vorsicht? Sehen wir nicht, daß die Einen sich in sehr bequemen Nestern Wohnungen bereiten; daß Andere in Felsenspalten und Klippen sich decken und wahren; daß wieder Andere den Erdboden aushöhlen und sich so in Gruben Schutzorte und Lagerstätte bereiten? Hätte nun die ausstattende Natur ihnen auch dienende Hände geben wollen, so würden sie unbezweifelbar selbst hohe Mauern errichtet und mit kunstreicher Neuheit hervorgebracht haben. Doch auch in dem, was sie mittelst der Schnäbel und Klauen zu Stande bringen, erblicken wir viele Spuren von Vernunft und Weisheit, die wir Menschen durch kein Nachdenken hervorzubringen vermögen; obschon uns die arbeitenden und in jeder Art der Vollkommenheit kunstreichen Hände zustehen.

Kleidung, Stühle, Schiffe und Pflüge zu ersinnen haben sie nicht gelernt, noch endlich das übrige Geräthe, was der hauswirthschaftliche Gebrauch verlangt. Nicht sind dieselben Gaben des Wissens, sondern höchst armseliger Nothwendigkeit Erfindungen; und nicht sind mit den Seelen die Künste und Handwerke aus dem innersten Himmel herabgesunken, sondern sie sind sämtlich hier auf Erden erforscht, entstanden und mit dem Fortschreiten der Zeit allmählig zu Stande gebracht worden. Besaßen jedoch die Seelen solches Wissen, wie einem göttlichen und unsterblichen Geschlecht zu besitzen schicklich ist, so wußten gesammte Menschen von Anfang her Alles und keine Zeit konnte irgend einer Kunst unkundig oder durch Erfahrung nicht gebildet seyn. Nun aber hat das arme Leben, vieler Dinge bedürftig, indem es zufälliger Weise Manches zum Nutzen entstehen sah, durch Nachahmung, durch Versuche und bei Mißgriffen durch Anstrengung, Verbesserung, Aenderung, sich aus andauernden Fehlgriffen geringe Kenntnisse der Künste und Handwerke bereitet und erworben, und sie durch gar viele Jahre hin verbessert zu Einem Erfolg herangeführt.

Hätten die Menschen sich selbst ganz und gar erkannt oder empfingen sie die Erkenntniß Gottes durch irgend einer Vermuthung Schimmer, niemals würden sie sich die göttliche und unsterbliche Natur anmaßen, noch dafür halten, irgend Großes zu wissen weil sie sich Roste, Becken und Gefäße machen, weil Untergewänder, Kleider, Mäntel, Messer, Panzer und Schwerter, weil Karsten, Beile und Pflugscharen. Nie, sage ich, hätten sie von Hoffart und Arroganz erhoben geglaubt, sie seyen die ersten Wesen und gleich dem höchsten Herrn, wiel sie die Grammatik, die Musik, die Redekunst und die Formeln der Geometrie ausgeheckt haben. Wir sehen nicht ein, was in diesen Künsten Bewundernswerthes enthalten sey, um aus derselben Erfindung zu glauben, es seyen die Seelen mächtiger als die Sonne und gesammte Gestirne, sie überträfen das Weltall an Würde und Wesenheit: denn was anders verheißen dieselben rnitheilen oder lehren zu können, als daß wir die Regeln und Unterschiede der Worte, die Zwischenräume in den Tönen erkennen; daß wir bei Streitigkeiten überredend sprechen, daß wir der Güter Flächenraum messen? Hätten die Seelen aus göttlichen Strichen dieß mit sich hergebracht, und wäre kein Wissen nothwendig, zweifelsohne betrieben es Alle auf dem ganzen Erdkreis, und kein Geschlecht der Menschen fände sich, das nicht in allem dem auf gleiche und einförmige Weise erfahren wäre. Ist aber nun auf dieser Erde ein Jeglicher ein Musiker, ein Dialektiker, ein Geometer; Jedweder ein Redner, ein Dichter, ein Grammatiker? Hieraus ergiebt sich, wie schon öfters gesagt, diese Dinge würden nach dem Bedürfnisse der Zeiten und Orte erfunden, und nicht flogen die Seelen göttlich verherrlicht herzu, weil weder Alle gelehrt sind, noch Alle lernen können; auch befinden sich unter diesen sehr Viele von stumpfem Verstande und Dummheit, die durch Zwang erst zum Lerneifer genöthigt werden. Wäre unbezweifelbar, das was wir lernen sey nur Rückerinnerung, wie man aus alten Ueberlieferungen weiß, so ziemte uns, die wir Alle von Einer Wahrheit herkommen, einerlei zu wissen und uns Ein und desselben zu erinnern, nicht aber verschiedenartige, mannigfaltige und unähnliche Meinungen zu haben. Da nun jeder einzelne etwas Anderes versichert, so ist offenbar und sichtlich, daß wir Nichts vom Himmel hergebracht haben, sondern Hier Erfundenes lernen und durch Vermuthungen Bestärktes uns aneignen.

Um euch noch klarer und offenbarer darzuthun, welches Werthes der Mensch sey, den ihr der oberen Macht auf’s ähnlichste entstehen laßt, so erfasset mit eurer Seele folgendes Bild, und wenn wir auch was möglich ist Vorbringen, so behaupten wir es, unternommen, nur gleichwie ein Gleichniß. Nehmen wir also auf dieser durchwühlten Erdfläche einen wohnlichen Ort an, der Gestalt nach wie eine Lagerstatt, gedeckt und durch Wände geschlossen; nicht zu sehr der Kälte, nicht zu sehr der Hitze ausgesetzt, sondern mittlerer Temperatur, kein Laut irgend eines Tones, weder von einem Vogel, noch von einem Tiere, noch von einem Menschen, noch von einem Ungewitter, noch endlich von irgend einem Gekrach oder vom schrecklichen Rollen des Donners soll in denselben eindringen. Dann wollen wir aussinnen, auf welche Weise derselbe das Licht empfange; nicht durch eingebrachtes Feuer, noch durch Sonnenschein; sondern etwas Erborgtes bewirke es, was, weil der Dunkelheit entgegengesetzt, des Lichtes Bild täuscht. Nicht ein einziger Zugang, noch auch ein gerader sey ihm, es komme auf vielfach gekrümmten Wegen und werde nicht zuweilen zurückgehalten, außer da ein nothwendiger Grund solches verlange.

Weil wir nun den Aufenthalt im Bilde bereitet haben, so wollen wir weiter gleich irgend einen eben Geborenen in jenes Ortes Herberge, die Niemand angehört und leer wie frei ist, aufnehmen; aus dem platonischen oder pythagoräischen Geschlechte freilich; oder irgend einem derer, die man für Männer göttlichen Scharfsinnes hält und die gemäß der Aussprüche als die weisesten bekannt gemacht hat. Wird dieß geschehen seyn, so folgt wie billig die Ernährung und Auferziehung durch die schicklichen Lebensmittel. Wir gebrauchen folglich auch eine Amme, die stets ihm entkleidet und schweigend naht, kein Wort spricht, noch wegen irgend einer Rede Mund und Lippen bewegt; sondern die, da sie die Brust gereicht und die angemessenen Dienstleistungen vollbracht hat, den Uebergebenen der Ruhe überläßt und vor der geschlossenen Pforte Tag und Nacht verweilt: denn vielfach verlangt solcher Zustand der Amme Sorgfalt und Wahrnehmung zeitgemäßer Bedürfnisse. Muß aber das Kind mit derberer Kost gestärkt werden, so mag sie ihm von derselben Amme gereicht werden, jedoch, wie gesagt, mit abgelegtem Gewande und bewahrter Fortdauer des Stillschweigens. Die gereichte Kost jedoch selbst sey immer eine und dieselbe; nicht verschieden dem Bestand nach, noch angefrischt durch wechselnden Geschmack; sondern sie bestehe entweder aus Hirsebrei oder aus Speltbrod, oder, um die alten Zeiten nachzuahmen, aus in heißer Asche gerösteten Eicheln, oder aus wild wachsenden Früchten. Der Wein muß völlig unbekannt bleiben, und nichts Anderes darf zur Stillung des Durstes gereicht werden, als reines Quellwasser, unberührt von des Feuers Wärme; und kann es geschehen, so mit hohler Hand: denn die der Natur zugewendete Gewöhnung soll durch Gebrauch vertraut werden, und das Begehren sich nicht weiter ausdehnen, unkundig, mehr noch sey als was begehrt wird.

Worauf zielt also dieß? Um, weil man glaubt, die Seelen seyen göttlich und deshalb unsterblich, und kämen zu der Menschen Körper mit aller Bildung, durch den, welchen wir von diesem Geschlechte erziehen lassen wollten, zu erproben, ob die Sache des Glaubens fähig sey, oder ob man sie leichtfertig geglaubt und aus täuschender Sehnsucht vorausgesetzt habe. Es mag uns also der in verschlossener Einsamkeit aufgenährte, so viele Jahre als ihr wollt zählend, wenn ihr wollt zwanzigjährig hervorkommen; wollt ihr auch dreißigjährig; ja hat er selbst vierzig Jahre durchlebt, er werde der sterblichen Versammlung eingeführt; und ist wahr, er sey ein so auserlesener Theil jener göttlichen Substanz und aus der Ouelle des Lebens abgeleitet, hier zu leben, so mag der Befragte, bevor er von irgend einem Dinge sich Kenntnis erschafft oder menschliche Rede sich aneignet, die Antwort geben: Wer er selbst sey, von welchem Vater er herstamme, in welcher Gegend er gezeugt worden, auf welche Weise oder um welcher Ursache willen man ihn aufgenährt, welches Geschäft oder Gewerb betreibend er die verflossene Zeit seines Alters hingebracht. Wird er nicht stumpfsinniger und unempfindlicher insofern dastehen, als jedes Thier, jeder Stein, jedes Holz? Wird er nicht, zu neuen Dingen entlassen, die ihm vorher niemals bekannt waren, sich selbst vor Allem nicht erkennen? Wird er wohl, fragst du ihn, erklären können, was die Sonne, was die Erde, das Meer, die Gestirne, die Wolken, die Nebel, der Regen, die Ungewitter, der Schnee, der Hagel sey? Wird er zu wissen im Stande seyn, was die Kräuter, was das Gras, der Stier, das Pferd, der Widder, das Kameel, der Elephant oder das Maulthier sollen?

Und reichst du dem Hungerigen eine Traube, einen Weizenkuchen, eine Zwiebel, eine Artischoke, eine Gurke, Feige, wird er wissen, mittelst aller dieser könne er seinen Hunger stillen? oder welcher Art jedes Einzelne eßbar seyn soll? Und zündetest du viele Feuer um ihn her an oder umgäbst du ihn mit giftigen Thieren; wird er nicht mitten durch die Flammen hinschreiten, über die Vipern und Giftkanker [Kanker: Spinne, giftiges Tier], unkundig ihrer Schädlichkeit und daß zu fürchten sey, was er nicht weiß? Nun gar, legst du ihm ein städtisches und bäuerisches Kleidungsstück vor, wird derselbe fähig seyn zu unterscheiden, welcher Verrichtung jegliches eigne? zu wessen Dienstes Gebrauch sie bereitet seyen? Vermag er auszusagen, für welche Trachten das Teppichgewand, die Mitra, die Busenbinden, die Bänder, die Polster, das Schnupftuch, der Mantel, die Blasenhaube, das Handtuch, die Socken, die Sohlen, der Schuh gemacht sind? Wird er wissen, fügst du einen Wagen, oder eine Dreschwalze, eine Wanne, ein Faß, eine Kufe, eine Presse, eine Pflugschar, oder ein Sieb, eine Handmühle, ein Krummholz oder eine Hacke hinzu, was das sey? Was der gewölbte Sessel, die Nadel, das Schabeisen, der Weiberstuhl, der Wasserkrug, die Schüssel, der Kandelaber, der Becher, der Besen, das Trinkgeschirr, der Sack? Was die Zither, die Flöte, das Silber, das Erz, das Buch, der Stab, das Blatt? Was die übrigen Werkzeuge, welche das menschliche Leben ausrüsten und zusammenhalten? Insofern, wie gesagt, wird er nicht allerdings nach Art des Ochsen, des Esels, des Schweines, oder welches noch stumpsfinnigern Thieres, diese Dinge ansehen, wohl berücksichtigend ihre mannigfaltige Gestaltung, aber was jedes Einzelne sey nicht wissend, und unkundig, wozu man sie besitzt? Wird er nicht seine Rede, muß er sie durch irgend eine Nöthigung von sich geben, in was weiß ich welchen unartikulirten Ausdrücken aus weit geöffnetem Mund herauskreischen?

Was forschest du o Platon im Menon (S. 82 flg. Stephan.) durch die Kenntniß der Zahlenkunde bei dem Knaben nach etwas Abhandengekommenen und bemühest dich aus seinen Antworten zu erweisen, was wir lernten sey nicht Lernen, sondern nur ein Erinnern an das ehedem Gewußte? Insofern er dir in Wahrheit antwortet: denn nicht schickt es sich für uns, dem was du sagst den Glauben abzusprechen; so verursacht dieß nicht das Wissen, sondern die Kenntniß; daher nämlich, weil ihm einige Zahlen durch den täglichen Gebrauch bekannt waren, geschah es, daß er befragt folgen konnte, und das Hinzufügen selbst führte ihn immer zur Vervielfältigung. Vertraust du nun wahrhaftig, daß die Seelen unsterblich und vollkommenen Wissens herabfliegen, so höre auf, diesen Knaben zu befragen, der, wie du siehst, unkundig und am Ende menschlicher Wissenschaft ist. Jenen Vierzigjährigen rufe zu dir, und forsche bei ihm nicht nach etwas Verborgenem, Geheinmisvollem, nicht wegen des Dreiecks, des Quadrats, nicht was der Kubus endlich oder dass achtfüßige Viereck sey; sondern frage, was Allen vor Augen liegt, welche Zahl zwei mal zwei, zwei mal drei auswirft. Wir wollen sehen, wir wollen erfahren, was der Befragte entgegnen, ob er die aufgestellte Frage lösen kann? Wird er, obschon ihm auch die Ohren offen stehen, wohl dafür halten, du habest Etwas gesagt, Etwas gefragt, eine Antwort von ihm verlangt? wird er nicht irgend einen Stock, oder wie man sagt, dem Fels Marpesia gleich, sprachlos und stumm dastehen, unkundig und nicht wissend selbst, ob du mit ihm oder einem Andern dich unterredest? ja ob die von dir vorgebrachte Rede nur ein nichtssagender Schall, durch nichtige Zusammenfügung andauernd, sey?

Was sagt ihr Männer, die ihr euch mehr als genügt von fremder Vollkommenheit beilegt? Ist das jene unterrichtete Seele, welche ihr als unsterblich, vollendet, göttlich aussagt, die nach Gott, dem höchsten aller Dinge und nach den gleichartigen Geistern den vierten Platz einnimmt und aus dem lebendigen Born abfließt? Das ist jener Mensch, hoch an Werth und mit göttlicher Vernunft begabt, die kleine Welt, wie man zu sagen pflegt, und durchgehends zu ihrem Bilde geschaffen und gestaltet, der, wie sich gezeigt, nicht besser als das Thier, aber stumpfsinniger als das Holz, der Stein, da er nichts vom Menschen weiß und in immer stummer Einöde dahinlebt, ungebildet bleibt, in jeder Luft gedeiht, unzählige Jahre vollendet und niemals der leiblichen Bande sich entledigt. Hätte ihn jedoch die Schule erfaßt und wäre er durch die Lehrer unterrichtet worden, so konnte er erfahren, belehrt werden, und die ehemalige Unwissenheit ablegen. Auch der Esel und der Ochs ebenfalls, durch den Gebrauch und die Andauer gezwungen, lernt ackern und mahlen; das Pferd der Bespannung sich zu fügen und beim Laufe die Wendungen wahrzunehmen; das Kameel bei der Beladung und beim Anpacken sich niederzulassen; die freigelassene Taube zum Wohnsitze ihres Herrn zurückzukehren; der Hund, da er Beute macht, das Bellen anzuhalten und zu mäßigen; der Papagei Worte, der Rabe Namen auszudrücken.

Wenn ich aber höre daß man sagt, die Seele sey, ich weiß nicht wie vortrefflich, Gott verwandt und zunächst, und sie komme dieß Alles wissend von dem oberen Geschlechte herab: so will ich nicht, daß sie lerne, sondern daß sie lehre; nicht soll aus der Belehrten, wie man bebauptet, eine Schülerin werden, sondern sie soll das Ihrige behaltend sich mit dem menschlichen Körper umgeben: denn verhielte sich die Sache nicht also, wer wird unterscheiden können, inwiefern sie des von ihr Vernommenen sich erinnert oder es erst lernt? da man viel leichter glauben mag, sie lerne was sie nicht wisse; als sie habe, was sie noch kurz vorher wußte, vergessen und lasse sich durch des Körpers Widerstand die Wiederholung des Frühern gefallen. Und wo findet sich die Rede, die unsterbliche Seele habe keine Substanz? denn was keinen Körper besitzt, findet durch keinen anderen Widerstand, noch kann irgend etwas veranlaßt werden, das zu verlieren, was die Berührung eines entgegengesetzten Dinges nicht erleiden kann. Wie nämlich die in den Körpern festgesetzte Zahl, obschon von unzähligen Körpern überdeckt, doch unversehrt und unverletzbar besteht, so können nothwendig die Seelen, sind sie, wie man annimmt, unkörperlich, kein Vergessen des Frühern erleiden, obschon dieselben der Körper innigste Verbindung umfaßt hat. Ja, noch mehr; derselbe Grund zeigt nicht nur, daß sie nicht unkörperlich sind, sondern beraubt sie auch aller Unsterblichkeit und legt ihnen das Ende auf, welches gewöhnlicher Weise das Leben abzuschließen pflegt. Was immer nämlich durch irgend eine hereinbrechende Ursache so geändert und gewandelt wird, daß es seine Unversehrtheit nicht erhalten kann, dessen Natur ist nothwendig als unstät zu beurtheilen. Was aber der Unstätigkeit fähig und unterworfen ist, das wird als vergänglich mittelst der hinzukommenden Unstätigkeitsmöglichkeit selbst ausgesagt.

Verlieren also die Seelen, von den körperlichen Banden erfaßt, alles, was sie gewußt, so erleiden sie nothwendig Etwas, das bei ihnen bewirkt, die Blindheit des Vergessens anzunehmen: denn ganz und gar nichts erduldet habend oder ihre Unversehrtheit bewahrend, können sie das Wissen nicht ablegen, noch ohne ihre Veränderung in andere Zustände übergehen. Gleichwohl halten wir dafür, das was Eins ist, was unsterblich, was einfach, behalte nothwendig, in welchem Dinge auch es sich befinde, immerdar seine Natur bei, und müsse noch könne irgend etwas erleiden, wenn anders es eingedenk sey seiner Fortdauer und daß es innerhalb der Grenzen zuverlässiger Unsterblichkeit festsitze: denn alle Unstätigkeit ist die Pforte des Unterganges und der Vernichtung, der zum Tode führende Weg, den Dingen unvermeidlichen Untergang zubringend. Sind diesem die Seelen unterworfen und unterliegen sie dessen Berührung und Angriffen, so ward auch ihnen das Leben zum Nießbrauch, nicht zum Eigenthum gegeben, obgleich Manche anders schließen und solcher Sache Glauben durch ihre Beweise festsetzen.

Und nun, damit wir nicht allzu unvollständig belehrt uns entfernen; wollen wir von euch vernehmen, auf welche Weise ihr sagt, die Seelen, insofern sie in die irdischen Körper eingehüllt werden, haben die Erinnerung an das Frühere nicht; da sie doch in die Körper selbst versetzt und durch die Vermischung mit denselben fast unempfindlich gemacht, beharrlich und treu bewahren, was sie vor vielen Jahren, willst du sagen vor achtzig oder noch mehreren, entweder vollbrachten oder litten, sprachen oder hörten: denn bewirkt der Körper ein Hinderniß, daß sie sich dessen nicht erinnern, was sie längst schon und vor den Menschen wußten, um so mehr müssen sie dann, was in die Körper eingeschlossen sie gethan, vergessen, als was außen befindlich, noch nicht mit dem Menschen vereinigt, sie erfahren und verrichtet. Was nämlich beim Eintritt in die Welt des Frühern Erinnerung entzieht, das muß auch durch unerinnerliche Tilgung das bei sich Geschehene zernichten: denn Eine Ursache kann nimmermehr zwei, und zwar sich entgegengesetzte Wirkungen hervorbringen, so daß sie hier das Gedächtnis hinwegnimmt, dort aber zuläßt, sich des Geschehenen zu erinnern. Wenn nun aber die Seelen, wie ihr verkündet, durch des Körpers Hinderniß abgehalten werden, sich ihrer alten Wissenschaft zu erinnern: auf welche Weise erinnern sich dann die in die Körper versetzten und wissen, daß sie Seelen seyen, keine körperliche Substanz haben, beschenkt wurden mit dem Zustand der Unsterblichkeit? Wie ist ihnen bekannt, welchen Rang sie unter den Dingen innehaben; nach welcher Ordnung sie vom Gottvater unterschieden sind; um welcher Ursache willen sie zu dieser untersten Welt herabkamen; welche Qualitäten sie aus den Himmelskreisen, da sie herunter gleiteten, an sich gezogen haben? Auf welche Weise, sage ich, sind sie sich bewußt, höchst belehrt gewesen zu seyn und durch der Körper Verhinderung was sie gewußt eingebüßt zu haben? Selbst dieß ja mußten sie nicht wissen, wenn ihnen die körperliche Zufügung irgend Verderben zubrachte: denn was du gewesen und was heute du nicht bist, ist kein Zeichen des verlassenen Gedächtnisses, sondern die Bewahrung und das Merkmal seiner Erhaltung.

Da dieß sich so verhält, so wollet aufhören, ich bitte euch, Kleinigkeiten und Nichtiges für etwas Ungeheueres zu schätzen. Lasset ab, den Menschen, da er ein Proletarier ist, den ersten Klassen, da er ganz arm und seinen Kopf als Steuer aufweist, den obersten Rangordnungen zuzuschreiben. Der, weil hilflos, bedürftig eines ärmlichen Heerdes, auch niemals des patrizischen Ruhmes würdig konnte genannt werden. Da es euch als Männer der Wahrheit und Muster der Rechtschaffenheit zustand, die Hoffart und Arroganz zu brechen, durch welche Uebel wir uns insgesammt erheben und mit nichtiger Eitelkeit erfüllen lassen; so hieltet ihr nicht sowohl dafür, diese Uebel zu beschreiben, sondern was noch viel mehr beschwert, ihr fügtet Umstände hinzu, durch welche die Schuld wuchs, wie auch die unverbesserliche Nichtswürdigkeit andauerte. Welcher Mensch nämlich, obschon er immer die natürliche Schande und alles Schimpfliche flieht, wird, hört er von den weisesten Männern ausgesagt, just die Seelen seyen unsterblich und den Gesetzen der Verhängnisse nicht unterworfen, sich nicht jählings in alle Schandthaten hineinstürzen; nicht unerschrocken Unerlaubtes unternehmen und begehen? wird er nicht endlich seinen Begierden Alles zugestehen, was die zügellose Wollust befahl, überdieß auch durch das Freiseyn von der Sträflichkeit sicher? Was nämlich wird verhüthen, daß er dieß nicht thue? die Furcht vor einer obern Macht und vor dem göttlichen Gerichte? Und wer wird durch irgend eines Schreckens Schauer erschüttert werden können, beredet worden, er sey eben so unsterblich als der erste Gott selbst, und nichts von ihm könne irgendwie gerichtet werden, da beiden gleiche Unsterblichkeit zukommt; bei der Gleichheit des Zustandes auch der eine nicht durch den andern beschädigt werden kann.

Allein was sollen die in der Unterwelt erwähnten Strafen und mannigfaltigen Arten der Peinigungen? Wer wird wohl so unverständig seyn und unkundig der Folgerung, zu glauben, den unverwüstlichen Seelen könnten entweder die tartarische Finsterniß oder die Feuerflüsse, oder die durch morastige Schlünde hingelegenen Sümpfe oder der Umschwung sich drehender Räder irgend Etwas schaden? Was nämlich untastbar und dem Gesetz der Auflösung entnommen ist, mag es auch von allen Flammen der Feuerströme umlodert, im Moraste umhergewälzt, durch den Sturz von Felsen bedroht und von ungeheuern Bergen verschüttet werden, nothwendig verbleibt es unversehrt wie unberührt, und nimmt keine Empfindung tödtlichen Leidens an. Ja, noch mehr; diese Meinung ist nicht nur die Anreizerin zu den Lastern, mittelst der Freiheit selbst zu sündigen, sondern sie tilgt auch die Ursache der Philosophie selbst und erklärt, dieselbe werde vergeblich wegen der Beschwerlichkeit überflüssiger Bemühung unternommen: denn wenn wahr ist, daß die Seelen keines Endes theilhaftig sind, und mit allen Geschlechtern der Menschenalter in ununterbrochener Fortdauer fortgehen; welche Gefahr bringt der Umstand, mit Geringschätzung und Unterlassung der Tugenden, welchen ein beschränkteres und rauheres Leben zukommt, den Wollüsten sich hinzugeben, und durch alle Arten der Begierden die zügellose Brunst maßloser Gier hinzutreiben? Außer daß man durch die Ueppigkeit hinwelkt und durch die Weichlichkeit der Laster verdirbt. Und aus welcher Ursache wird, was unsterblich, was immer und keinem Leiden unterworfen ist, verderben können? Außer daß es sich beschmutzt und verunreinigt durch schändlicher Thaten Schimpf. Und wie wird, was keine körperliche Substanz hat, sich beschmutzen können, und wo soll das Verderben sich festsetzen, da der Raum ermangelt, auf dem das Mahl des Verderbens selbst haften könnte? Dagegen aber, wenn die Seelen dem Thore des Todes zugänglich sind, wie des Epikurs Lehre erklärt (Lukretius von der Natur der Dinge III, 418 bis 840 [sic]), so ist auch dergestalt kein triftiger Grund, weshalb die Philosophie verlangt werden müßte; auch wenn wahr ist, daß mittelst derselben die Seelen gereinigt und von aller Lasterhaftigkeit gesäubert erhalten werden (Platon’s Phaeton S. 64 flg. Stephan): denn gehen sie insgesammt zu Grunde, und geht ihnen mit den Körpern selbst die Lebenskraft verloren, dann ist der Irrthum nicht sehr groß, ja es ist thörichte Verblendung, die angeborenen Begierden zu zügeln, das Leben durch Entsagungen einzuschränken, der Natur Nichts zu gestatten, was die Leidenschaften fordern, und wozu sie anreizen nicht zu thun: da für solche Anstrengung kein Lohn sich erwartet, wenn der Tag des Todes herankommen und dich der körperlichen Bande entfesseln wird.

Eine gewisse Mitte und der Seele doppelte und zweifache Natur hat der Philosophie Raum gegeben und veranlaßt, weßhalb man sie begehrte, so lange nämlich dieser sich wegen der genehmigten Uebelthaten fürchtet, jener, begeht er seine Verruchtheit, gute Hoffnung faßt und der Pflicht wie Gerechtigkeit gemäß sein Leben vollbringt. Daher kommt es, daß zwischen den Gelehrten und mit auszeichnetem Scharfsinn begabten Männern über der Seelen Qualität Streit herrscht, so daß die Einen sagen, sie seyen sterblicher Natur und könnten keine göttliche Substanz haben; die Anderen aber, sie seyen fortdauernd und könnten nicht in die sterbliche Natur ausarten. Weil dieß durch das Gesetz der Mitte bewirkt wird, deßhalb stehen sowohl diesen Beweise zu, welchen zufolge dieselben leidensfähig und vergänglich erkannt werden, als auch jenen Gegengründe, welche dieselben als göttlich und unsterblich darthun, nicht ermangeln.

Da dieß sich also verhält und wir als vom höchsten Urheber übergeben behaupten, die Seelen seyen dem Schlund und Abgrund des Todes nicht ferne gestellt worden, sie könnten aber doch durch das Geschenk und die Güte des obersten Herrn hohes Alter ererben, wenn sie nur trachteten und sich bestrebten Ihn zu erkennen: denn seine Erkenntniß ist ein Ferment des Lebens und ein Cement des ungeselligen Zustandes, da sie nach ihrer Befreiung von der Bildheit und Unmenschlichkeit dann die mildere Natur annehmen, um zu dem, was gegeben wird werden, bereit seyn zu können; wie kommt es, daß wir von euch gleichwie Unvernünftige und Alberne beurtheilt werden, wenn wir uns um dieser Furcht willen dem Befreier hingegeben und Gott zu eigen gemacht haben? Wider die schädlichen Stiche und giftigen Bisse der Schlangen suchen wir oftmals Heilmittel und schützen uns durch Amulete, von den Psyllen, Marsen und anderen Hausirern wie Be-triegern verkauft; und ferner belästigen uns heftige Kälte oder Hitze, so bereiten wir uns der Häuser und Kleidung Schutz mit dem Eifer sorglicher Bemühung.

Da uns die Todesfurcht, d. h. der Untergang der Seelen gedroht wird, so thun wir nur aus dem Gemeinsinn, welchem infolge wir uns Alle lieben, daß wir den, welcher uns die Errettung von solcher Gefahr verheißt, zurückhalten, umfassen und unseren Seelen selbst, wenn anders die Wechselseitigkeit recht ist, vorsetzen. Ihr setzt eurer Seelen Wohl in euch selbst zurück, und vertraut auf euern auch inneren Wunsch, sie seyen von den Göttern; wir aber dagegen versprechen uns von unserer Schwäche nichts, bedenkend, unsere Natur sey kraftlos und werde in jedem Konflikt der Dinge von Affekten überwunden. Ihr haltet dafür, sobald ihr nur des Körpers entledigt, seinen Banden enteilt wäret, Flügel zu erhalten, mittelst welchen ihr zum Himmel gelangen, ja zu den Sternen auffliegen könnt. Wir scheuen solch eine Verwegenheit und sind der Meinung, nicht sey uns die Macht verliehen, zur Oberwelt hinzugehen, da uns dieß selbst ungewiß ist, ob wir das Leben zu empfangen und vom Gesetz der Sterblichkeit aufgenommen zu werden verdienen. Ihr setzt das Zurückkehren in den Herrschersitz, gleichwie in den eigenen als schlechthin und ohne Hindernis voraus; wir aber haben weder eine Hoffnung, daß solches ohne den Herrn des Alls geschehen könne, noch glauben wir, daß irgend einem Mensehen solche Macht und Dreistigkeit beigelegt sey.

Da dieß so ist, welch eine Ungerechtigkeeit kann größer seyn, als daß wir in diesem Glauben euch wie Alberne erscheinen, und wir doch sehen, daß ihr Aehnliches glaubt und in derselben Erwartung euch umtreibt? Folgert man daraus, daß wir uns eine derartige Hoffnung verheißen, wir seyen der Verspottung würdig, so erwartet euch eben dieselbe Verspottung, die ihr euch die Hoffnung der Unsterblichkeit anmaßt. Habt ihr irgend einen Grund und folgt ihm, so gesteht auch uns einen Antheil aus diesem Grunde zu. Hätte Platon im Phaeton oder ein Anderer dieses Haufens uns die Freude, d. h. den Weg dem Tod zu entfliehen verheißen, und konnte er dieß leisten, ja das Versprechen zu Ende führen, schicklich wäre es gewesen, dem Dienste dessen uns zu ergeben, von dem wir solches Geschenk und solche Gabe erwarteten. Nun, da dieß Christus nicht nur verheißen, sondern auch durch solche Kraftäußerungen dargethan hat, Er könne vollbringen: was Unschickliches thun wir und aus welchen Ggründen lastet das Vergehen der Thorheit auf uns, unterwerfen wir uns dem Namen und der Majestät dessen, von dem wir beides hoffen, sowohl dem martenvollen Tode zu entfliehen als auch mit dem ewigen Leben begabt zu werden.

Sind aber die Seelen sterblich und der Qualität nach Mitteldinge, sagt man, auf welche Weise können sie aus den in der Mitte befindlichen Qualitäten unsterblich werden? Und wie? sagen wir nun, wir Wissen es nicht und haben nur geglaubt, weil von einem Mächtigern wir es gehört, wie erscheint da unser Glaube wankend, haben wir geglaubt, dem allmächtigen Herrn sey Nichts beschwerlich, Nichts zu mächtig? Ihm sey möglich und durchaus zur Ausführung bereitet, was uns zu thun unmöglich ist? denn was könnte seinem Wollen widerstehen, oder muß nicht dem was er will nothwendig das Geschehen folgen? Werden wir mittelst unserer Unterscheidungen folgern, was geschehen könne, was nicht? und nicht erwägen, unsere Schlüsse seyen eben so sterblich als wir selbst und ohne die mindeste Bedeutung beim Obersten? Dennoch aber, o ihr, die ihr nicht glaubt daß die Seelen mittlerer Qualität seyen, inmitten des Lebens und Unterganges befaßt, sind nicht Alle, deren Seyn man vermuthet, die Götter, die Engel, die Dämonen oder welchen Namen sie immer führen, durchaus nicht mittlerer Qualität und dem doppelten Loos nach veränderlich? Wenn wir nämlich Alle übereinstimmen, es sey ein Vater aller Dinge, unsterblich und ungeschaffen nur allein, und Nichts finde sich vor Ihm, was irgend einen Namen gehabt: so folgt, daß alle die, welche die Vermuthung als Götter der Sterblichen geglaubt hat, entweder von Ihm geschaffen oder auf seinen Befehl hervorgebracht seyen. Sind sie hervorgebracht und geschaffen, so sind sie der Ordnung wie der Zeit nach später. Sind sie aber der Ordnung wie der Zeit nach später, so haben sie nothwendig einen Ursprung, einen Anfang der Geburt und des Lebens. Was jedoch einen Eingang und des beginnenden Lebens Anfang hat, das muß, wie nothwendig folgt, auch einen Untergang haben.

Allein man hält die Götter für unsterblich. Nicht der Natur nach also, sondern durch Gottvaters Wille und Geschenk. Ist auf diese Weise folglich die Spende der Unsterblichkeit gewiß für die geschaffenen eine Gabe Gottes, so wird Er auch die Seelen auf diese Weise mit der Unsterblichkeit zu begaben sich würdigen, obschon, wie erscheint, dieselben der gewaltige Tod hinwegraffen und die zum Nichts zurückgeführten durch unwiederbringliche Vernichtung tilgen kann. Jener göttliche Platon, vieles was Gott würdig und der Menge Ungewöhnliches sinnend, sagt in dem Gespräch, welches Timaeos überschrieben ist (S. 41 Stephan.), die Götter, wie auch die Welt, seyen vergänglicher Natur, und durchaus Nichts sey von der Auflösung frei; aber durch Gottes des Herrn und Schöpfers Wille werde Alles in fortdauerndem Verbande zusammengehalten: denn was auf gehörige Weise gebunden und mittelst höchst vollkommener Knoten zusammengeknüpft ist, das werde durch Gottes Güte erhalten und von keinem Andern, als der es gebunden, entweder gelöst, wenn der Zweck es verlangt, oder mit der heilbringenden Bindung begabt. Verhält sich die Sache also dergestalt und ist Anderes zu meinen oder zu glauben unpaßlich, warum verwundert ihr euch dann, daß wir die Seelen als mittlerer Qualität aussagen; da ja Platon behauptet, die göttlichen Wesen selbst seyen Mittelnaturen, die jedoch das andauernde und unverderbliche Leben durch die Güte des obersten Herrn sich aneignen. Wißt ihr dieß etwa nicht, und war euch um der Sache Neuheit dieselbe vordem unbekannt, so nehmt sie spät hin und lernet von dem der weiß und durch Christus öffentlich bekannt machen ließ, nicht seyen die Seelen Töchter des höchsten Herrn, noch hätten sie als von Ihm, wie man sagt, erzeugt sich zu erkennen und als von seiner Wesenheit sich zu rühmen angefangen; sondern irgend ein anderer Erschaffer komme ihnen zu, an Würde und Macht um viele Stufen genugsam vom obersten Herrn verschieden; doch edel, gemäß dem Sitz und der Erhabenheit seiner Entstehung.

Wären die Seelen aber, wie die Rede geht, vom Geschlechtc des Herrschers und der Urmacht, so hätte ihnen Nichts zur Vollkommenheit gemangelt, durch die vollkommenste Kraft hervorgebracht. Alle hätten Eine Erkenntnis und dieselbe Uebereinstimmung, fortwährend bewohnten sie den Herrschersitz, und nicht begehrten sie, mit Beiseitsetzung der glückseligen Wohnsitze, wo sie das vollkommenste Wissen inne hatten, unverständig diese Erdräume, nicht lebten sie in dunkle Körper eingehüllt unter Schleim und Blut, unter diesen Kothschläuchen und höchst garstigen Urintonnen. Aber auch diese Theile mußten bewohnt werden, und um deßwillen schickte Gott die Seelen gleichsam wie in Kolonien dahin. Und was nützen die Menschen der Welt oder welches Nutzens Ursache wegen sind sie nothwendig, um nicht zu glauben, umsonst hätten sie in diesem Theile sich befinden und des irdischen Körpers Inwohner seyn müssen. Die Vollständigkeit dieser Masse zu vollenden, dienen sie als ein Theil, und wären sie nicht hinzugegeben worden, das Ganze des Weltalls wäre unvollkommen und mangelhaft. Was also? Wenn die Menschen nicht sind, so wird die Welt ihren Verrichtungen obzuliegen aufhören? Die Gestirne werden ihren Wechsel nicht vollbringen? Sommer und Winter nicht seyn? Der Winde Blasen wird enden? Nicht wird aus zusammengeballten und hangenden Wolken Regen auf die Erde herabfallen, der Dürre eine Milderung? Nun aber ist nothwendig, daß Alles insgesammt seiner Bahn sich gemäß bewege und nicht von der anerschaffenen Ordnung Fortdauer abweiche; selbst wenn des Menschen Name nie in der Welt gehört würde und dieser Erdkreis im Schweigen der leeren Einöde ruhte. Auf welche Weise also spricht man, diesen Strichen hätten Bewohner gegeben werden müssen, da deutlich ist, daß der Mensch Nichts zur Vollkommenheit der Welt beitrage, daß alle seine Bemühungen nur immer den eigenen Vortheil berücksichtigen und das Ziel des Eigennutzes nicht außer Acht setzen?

Was nämlich nützt der Welt, um von ernsten Dingen anzufangen, daß so gewaltige Könige hier sind? Welchen Nutzen gewähren ihr die Tyrannen, die Herren, die unzählige anderen und auch mächtigen Gewalthaber? die in der Kriegskunst erfahrensten und in Eroberung der Städte kundigen Feldherren, die im Kampfe zu Fuß wie zu Pferde unbeweglichen und unbesiegbarsten Heere? die Redner, die Grammatiker, die Dichter? die Schriftsteller, die Dialektiker, die Musiker? die Pantomimen, die Mimen, die Schauspieler, die Sänger, die Trompeter, die Flötenblaser und Rohrpfeifer, die Wettlaufer, die Faustkämpfer, die Wagenlenker, die Kunstreiter, die Stelzentänzer, die Seiltänzer, die Taschenspieler? die Thunfischbereiter, die Salzmacher, die Fischhändler, die Salbenhändler, die Goldschmiede, die Vogelfänger, die Bötticher und Korbflechter? die Walker, die Wollarbeiter, die Sticker, die Köche, die Zuckerbäcker, die Maulthiertreiber, die Hurenwirthe, die Fleischer, die Buhlerinnen? Was nützen ihr die übrigen Arten der Gewerbe? Was tragen auch die bekannten Handwerke, zu deren Aufzählung keine Zeit hinreicht, zur Einrichtung und zum Bestand der Welt bei, so daß man glaubt, ohne Menschen habe sie weder erschaffen werden können, noch sey sie im Stande ihre Vollständigkeit zu erhalten ohne ein ihr zugefügtes elendes und überflüssiges beseeltes Wesen?

Außer, was höchste Vermessenheit ist einem menschlichen Munde auszusprechen, der Herr dieser Welt hat um deßwillen die aus sich gezeugten Seelen hierher gespendet, damit sie, die bei Ihm Göttinnen waren, untheilhaftig körperlicher Belastung und erdener Umschließung, in den menschlichen Samen eingemischt, aus der Weiber Schooß hervorkommend, ein verstandloses Gewimmer beginnen und fortsetzen, damit sie an der Brust saugen und sich mit ihrem Unrath beschmutzen, damit sie ferner, aufgeschreckt durch der Amme Schaukeln und mittelst der Klapper Geräusch; sich beruhigen lassen möchten. Um deßwillen hat Er die Seelen gesendet, damit sie, die einfach und unlängst noch unverborbener Güte waren, im Menschen hehlen, verstellen, lügen, betrügen, hintergehen, mit schmeichlerischer Demuth überlisten, Anderes denken und Anderes verheißen; verstricken, Unkundige durch Ränke und Nachstellungen berücken, durch unzählige Punkte der Bosheit Gift bereiten und dem Zeitbedürfnis gemäß es mit trugvoller Fertigkeit anwenden lernen möchten. Um deßwillen sendete Er die Seelen, damit die in friedlicher und stiller Ruhe lebenden, durch die Körper zur Wildheit, Grausamkeit, Feindseligkeit, zum Groll, zum Kriege, zur Belagerung und Zerstörung der Städte, zur Unterjochung, zur Knechtschaft und endlich zur gegenseitigen Umkehr der durch Geburt geordneten Macht veranlaßt würden. Um deßwillen sendete Er die Seelen, damit sie uneingedenk der ausgemachten Wahrheit und vergessend, was Gott sey, unvermögende Bilder anbeteten, Holz, Erz und Stein als göttliche Wesen anriefen, durch das Blut geschlachteter Thiere Hilfe erflehten, Seiner aber keine Erwähnung machten; ja damit sogar Manche derselben an Seinem Daseyn zweifelten, oder ganz Sein Seyn ableugneten. Um deßwillen sendete Er die Seelen, damit sie, die in ihren eigenthümlichen Sitzen Eines Sinnes waren, an Erkenntniß und Wissenschaft gleich, nach Annahme der sterblichen Formen sich unähnlich waren durch der Meinungen Verschiedenheiten, so daß der Einen dieß, der Anderen jenes recht, nützlich und schicklich erscheine; damit sie über das zu Begehrende und das zu Meinende stritten, jede des Guten und Bösen Begriff anders bestimmte; damit denen, welche die Wahrheit zu erkennen begehrten, die Dunkelheit sich entgegenstellte und sie, gleichwie des Augenlichtes beraubt, nichts Gewisses wahr nahmen, auch mittelst der zweideutigen Wege der Vermuthungen zum Irrthume eingeführt würden.

Um deßwillen sendete Er die Seelen, damit, da die übrigen Thiere von dem was ohne Anbau wächst, sich nährten und weder den Schutz der Häuser, Kleider oder Decken herbeizuschaffen brauchten, denselben die elende Nothwendigkeit auferlegt würde, sich mit der größten Anstrengung und fortwährendem Schweiß Häuser zu erbauen, Kleidungsstücke zu verfertigen, die zum täglichen Gebrauch verschiedenartigen Bedürfnisse für ihren Mangel einzusammeln, Hülfe in ihrer Schwäche den stummen Thieren abzuborgen, dem Erdboden Gewalt anzuthun, sich nicht mit seinen Kräutern zu begnügen, sondern mit Zwang gebotene Früchte demselben zu nehmen, und hatten sie alle Kräfte zur Unterwerfung des Bodens verschwendet, durch Pest, Hagelschlag, Dürre der Arbeit Hoffnung einzubüßen; zum Schluß endlich durch des Hungers Gewaltsamkeit mit den menschlichen Leichnamen dazuliegen und von den menschlichen Formen abgesondert, durch die allmählig verzehrende Fäulniß getrennt zu werden. Um deßwillen sendete er die Seelen, damit sie, welche allein zusammenweilend nicht das geringste Verlangen nach irgend einem Eigenthum hatten, hier die geizigsten würden und zum Eifer des Habens mit unersättlicher Gier entbrannten; hohe Berge durchgruben und die unbekannten Eingeweide der Erde zu Stoffen anderes Namens und Gebrauchs veränderten; zu verborgenen Völkern mit Lebensgefahr drangen und bei den hingebrachten Waaren den höchsten Preis immer, auch den niedrigsten erlauerten; großen und höchst ungerechten Zins aus dem Vermögen der Unglücklichen nahmen und rechnend sich schlummerlos ängstigten; die Gränzen ihrer Besitzungen um ganze Meilen immer weiter ausbreiteten, und um einen Baum, um eine Furche, obschon sie ganze Provinzen zu Einem Landgut machten, das Gericht aufschreckten, mit Freunden und Brüdern untilgbare Feindschaften anfingen.

Um deßwillen sendete Er die Seelen, damit sie, die vorhin sanftmüthig und jeder Bewegung wilder Affekte unkundig waren, sich Fleischmärkte und Amphitheater errichteten, Orte des Blutes und öffentlichen Frevels; um in diesen zu sehen, wie Menschen gefressen und durch die Bisse wilder Thiere zerfleischt werden; wie Andere sich morden, nicht um des Verdienstes, sondern lediglich zum Wohlgefallen und zur Lust der Zuschauer, und um diese Tage selbst, in welchen so großer Frevel verübt würde, den öffenlichen Vergnügungen zuzurechnen und als Freudenfeste zu heiligen; um auf jenem dagegen armseliger Thiere Fleisch zu zerreißen, den einen Theil desselben dahin, den andern dorthin, nach Art der Hunde und Raubvögel, zu zerren, mit den Zähnen zu zermalmen, dem höchst grausamen Magen anheimzugeben; und bei so wilder, schauderhafter Lebensart ihr Loos zu beweinen, von solcher Speise aus armseliger Nothdurft fordern zu müssen; wie Glückselige und Glückliche zu leben, da Mund und Angesicht solche grausame Zurüstungen verunreinigen. Um deßwillen hat Er die Seelen gesendet, damit sie des göttlichen Ernstes und Anstandes uneingedenk, der Keuschheit zum Nachtheil, Gemmen faßten, Edelsteine und Perlen zusammenreihten, dem Halse umhingen, die Ohrläppchen durchbohrten, die Stirne durch Binden schmälerten, zur Färbung des Körpers Schminke erfanden, mit schwarzem Pulver die Augen verdunkelten; auch nicht in männlicher Gestalt errötheten, sich das Haar zu kräuseln, die Haut zu glätten, mit entblößtem Kniebug einherzugehen, und mittelst jedwelchem Putz die männliche Kraft Preis zu geben, wie auch zu weibischer Haltung und Weichlichkeit zu schmeidigen.

Um deßwillen hat er die Seelen gesendet, damit die Einen die Wege unsicher machten, Andere Unkundige übervortheilten, falsche Testamente unterschoben, Gifttränke bereiteten, bei Nacht die Häuser erbrachen, die Sklaven anlockten, forttrieben, Scheinprozesse führten und die Partheien verriethen; damit sie dem Gaumen Heikeligkeit erregten durch den Geschmack; damit sie beim Kochen gemästeten Geflügels die abfließende Fettigkeit zu erhalten verstünden; damit sie Bretzeln und Würste, Pudding, Leckerbissen, Knackwürste, Saueuter und Sulze bereiteten. Um deßwillen hat er die Seelen gesendet, damit sie hier die zur Musik gehörigen Dinge und die das Flötensspiel betreffenden Punkte als heilig und höchst ehrwürdig betrieben; damit sie durch Flötenblasen die Backen aufspannten, damit sie nach dem Takt unfläthige Gesänge und das schallende Getön des Skabells begleiteten, wodurch die übrige Menge der Seelen augelassen sich in ungeregelte Bewegungen der Körper auflöst, tanzt und singt, im Kreise sich dreht und endlich mit erhobenen Hinterbacken und Hüften in zitternder Bewegung der Schamtheile umhertobt. Um deßwillen hat er die Seelen gesendet, damit sie männlichen Geschlechtes Tribaden, weiblichen Geschlechtes Huren, Harfenistinnen, Saitenspielerinnen würden; damit sie ihren käuflichen Leib hingäben, dem Volk ihren Preis veröffentlichten, bereitwillig in den Bordellen, gefesselt in den Gewölben, Nichts verweigernd, fertig zum Saugen.

Was saget ihr, Sprößlinge und Erzeugte des Urwesens? Es lernten also jene weisen und aus dem Urgrund hervorgekommene Seelen diese mannigfaltigen Arten von Schändlichkeiten, Verbrechen und Bosheiten kennen, und damit sie diese Uebel übten, vollbrachten, anhäuften, ward ihnen befohlen, diese Theile zu bewohnen, sich mit dem menschlichen Körper zu umhüllen? Und giebt es irgend einen Sterblichen, der irgend einen Funken Vernunft empfangen hat, welcher dafür hält, diese Welt sey wegen ihnen angeordnet, und nicht vielmehr, sie sey zu dem Sitz und Aufenthalt bestimmt, wo täglich alles Unerlaubte vollbracht, sämtliche Uebelthaten, Hinterlist, Betrug, Ränke, Geiz, Raub, Gewalt, Tücke, Vermessenheit, Unzucht, Schändung, Entehrung und alle übrigen Uebel, welche auf dem ganzen Erdkreis die Menschen mit argem Sinn aushecken und zum wechselseitigen Verderben bewerkstelligen, ausgeübt werden sollten?

Ihrem Wollen zufolge aber, sagt man, nicht auf des Herrn Befehl sind sie gekommen. Allein wo war der allmächtige Vater, wo blieb die oberherrliche Machtvollkommenheit, um ihnen das Fortgehen zu hindern und den Sturz in die höchst gefährliche Lust nicht zu gestatten? denn wußte Er ihre zukünftige Ausartung durch den Ortwechsel, wissen aber mußte Er dieß als der Urheber aller Ursachen, oder daß irgend etwas außerdem sie überkomme, was sie ihrer Würde und ihres Schmuckes vergessen machte, so ist kein Anderer als Er selbst von Allem was begegnet die Ursache. Hat Er nämlich sich gefallen lassen, daß sie das freie Recht auszuschweifen übten, von welchen Er voraussah, sie würden den Zustand ihrer Unversehrtheit nicht erhalten, und ward dergestalt bewirkt, daß kein Unterschied überhaupt stattfand, ob sie freiwillig kamen oder seinem Befehl gehorsamten, so machte Er, durch Nichtverhütung dessen was verhütet werden mußte, mittelst Unterlassung das Verbrechen zum eigenen und gestattete es durch Versäumniß der Zurückhaltung der Erste.

Allein weit entfernt sey dieser frevelhaften Meinung Abscheulichkeit, daß man glaube, der allmächtige Gott, der Urheber, Schöpfer, Vater so großer und unsichtbarer Dinge habe solche veränderliche Seelen ohne Festigkeit, Gleichmuth und Beharrlichkeit hervorgebracht; hinfällig in Gebrechlichkeit, zu sämtlichen Arten der Verbrechen sich neigend; und da Er sie als solche und dieser Beschaffenheit wußte, ihnen befohlen, in die Körper einzugehen, um von denselben gleich Kerkern umschlossen, unter täglichem Sturm und Ungewitter des Geschicks zu leben, und bald Schändliches zu thun,.bald Schimpfliches zu leiden; um durch Schiffbrüche, Unglücksfälle und Feuersbrünste zu Grunde zu gehen. Damit die Einen Armuth, die Anderen Dürftigkeit niederdrücke; damit diese der Biß wilder Thiere zerfleische, jene das Gift der Kanthariden aufreibe; damit diese gelähmt einherhinken, jene das Augenlicht einbüßten; damit wieder Andere ganz gelähmt dasäßen; damit sie sämmtlichen Krankheiten unterworfen würden, welche die unglückselige und bedauernswürdige Sterblichkeit zerfleischt durch verschiedenartige Plagen überträgt; damit sie endlich, vergessen habend, Eines Ursprunges, Eines Erschaffers und Hauptes zu seyn, die Rechte der Geschwisterlichkeit vernichten und zerreißen, ihre Städte niederwarfen, die Länder feindlich plünderten, aus Freien Sklaven machten, die Jungfrauen entehrten, die Frauen schändeten, sich gegenseitig haßten und ihres Wohles beneideten; damit sie sich Alle verwünschten, unter einander aufrieben und mit scharfer Zähne Bissigkeit zerfleischten.

Fern sey, um dasselbe abermals und ausführlicher zu sagen, eine so abscheuliche, frevelhafte Einbildung, es habe jener Gott, das Heil aller Dinge, das Haupt alles Guten und der Pfeiler der Güte; und um Ihn mit menschlichem Lobe zu preisen, der Weiseste, Gerechte, der Alles vollkommen und mit Bewahrung der Unversehrtheit dessen was ihm zugemessen ward, hervorbringt, irgend Etwas gebrechlich und entfernt vom gehörigen Maaß gemacht, oder Er sey irgend einem Dinge die Ursache des Elends und der Gefahr, oder Er habe die Zustände selbst des menschlichen Lebens angeordnet, befohlen und nach seiner Bestimmung ihren Verlauf vorgeschrieben. Diese Dinge sind für Ihn zu niedrig und seine Machtvollkommenheit vernichtend, und so sehr ist der Glaube, solcher Dinge Urheber sey Er, entfernt, daß dem Verbrechen der Gotteslästerung verfällt, wer immer denkt, der Mensch sey durch Ihn entstanden; ein unglückseliges und elendes Ding, das zu seyn sich betrübt; das seinen Zustand verwünscht und betrauert, das keinen andern Grund seiner Erschaffung erkennt, als den Uebeln zu ihrer Ausbreitung Gelegenheit zu geben und fortwährend elend zu seyn; an dessen Peinen was weiß ich welch‘ eine verborgene Macht, der Menschheit widersachende Grausamkeit sich weidet.

Wenn aber Gott, sagt ihr, der Vater, auch Erzeuger der Seelen nicht ist, welcher Urheber hat sie dann erzeugt und welcher Ursache willen sind sie hervorgebracht worden? Wollt ihr Ungeschminktes und ohne Wortprunk Abgeleitetes hören, so bekennen wir gleichfalls, dieß nicht zu wissen, und halten dafür, die Wissenschaft solch einer Sache überschreite nicht allein unsere Schwächlichkeit und Gebrechlichkeit, sondern auch die aller Kräfte, welche in dieser Welt sich befinden, und welche durch die Meinungen der Sterblichen sich anmaßten göttliche Wesen zu seyn. Aber wir sollen darthun, wessen die sind, welche wir als von Gott leugnen? Dieß folgt nicht nothwendig: denn, leugnen wir die Mücken, die Käfer, die Wanzen, die Feldmäuse, die Kornwürmer und Motten als Werke des allmächtigen Herrschers; nicht muß man folgernd von uns verlangen zu sagen, wer sie gemacht und gebildet habe: denn wir können ohne allen Tadel nicht wissen, wer sowohl ihnen die Entstehung gab, noch auch behaupten, es seyen so überflüssige, so nutzlose, so alles Grundes ermangelnde, ja vielmals selbst schädliche und unvermeidliche Verletzungen verursachende Dinge nicht von dem oberen Gott hervorgebracht worden.

Aehnlicher Weise, da wir verneinen, die Seelen seyen des obersten Gottes Erzeugniß, folgt auch nicht unmittelbar, daß wir erklären müssen, von welchem Vater sie erzeugt und aus welche Art sie hervorgebracht worden seyen: denn wer verhindert uns, entweder woher sie entstanden sind und zum Vorschein kamen nicht zu wissen, aber daß sie Gottes Erzeugnis nicht seyen zu wissen? Aus welchem Grunde, sagt ihr, auf welche Weise? Weil wahrer als wahr, gewisser als gewiß ist, daß Nichts vom Urwesen, wie oft schon gesagt ward, gethan, vollbracht, bestimmt werde, als was geschehen muß und sich gebührt; als was vollkommen, unverletzt und in seiner Unversehrlichkeit beschlossen ist. Ferner aber bemerken wir die Menschen, d. h. die Seelen selbst: denn was Anders sind die Menschen, als Seelen mit Körpern verbunden? durch der unzähligen Gebrechen unglückselige Wissenschaft sich selbst als nicht von edlem Geschlechte, sondern aus der Niedrigkeit entsprossen kundgeben: denn wir sehen sie wild, lasterhaft, kühn, verwegen, tolldreist, blind, heuchelnd, sich verstellend, lügenhaft, stolz, anmaßend, geizig, gierig, wollüstig, unbeständig, unmäßig und ihre eigenen Anordnungen nicht bewahren könnend; was sie allerdings nicht wären, eignete ihnen der oberste Adel und brachten sie als vom obersten Haupte abstammend, die volle Hoheit ihrer Geburt mit sich.

Aber, sagt ihr, es giebt in der Menschheit weise, gerechte, schuldlose und höchst sittliche Männer. Wir untersuchen nicht, ob jemals solche waren, bei welchen überhaupt das, was man Vollkommenheit nennt, Nichts vermißte. Es mag allerdings sehr ehrbare geben und lobwürdige gegeben haben; sie mögen den obersten Gipfel der Vollkommenheit inne gehabt haben und nie mag ihr Wandel irgendwie abgewichen seyn; allein wir verlangen zu hören, wie viele ihrer sind oder der Zahl nach waren, um aus der Göße der Menge zu ermessen, ob die Entgegensetzung gehörig, ob sie sich durch die Vergleichung aufwiegen? Einer, zwei, drei, vier, zehn, zwanzig, hundert, durch eine bestimmte Zahl ausgedrückt und durch bemerkliche Namen etwa bezeichnet. Das menschliche Geschlecht jedoch wird schicklicher Weise nicht nach wenigen Guten, sondern nach allen Uebrigen geschätzt und abgewogen: denn der Theil ist im Ganzen, nicht das ganze im Theil, und das Allgemeine muß die Bestandtheile anziehen, nicht diesen sich anfügen. Was weiter, wenn du sagst, der an allen Gliedern verletzte und vor heftigen Qualen heulende Mensch sey um deßwillen gesund, weil er an einem Nagel keinen Schmerz empfindet? oder die Erde sey Gold, weil in irgend eines Hügels Warze weniger Staub inne ist, aus welchem geschmolzen das Gold entsteht, das sich der Menschheit Bewunderung erwirbt? Das Ganze des Stoffes bewährt die Qualität des Bestandtheils, nicht der luftige Staub; auch wird das Meer nicht unmittelbar süß, gießest du etliche Tropfen Süßwasser in dasselbe; denn das Unermeßliche verschlingt diese Wenigkeit; und nicht sowohl für wenig, sondern vielmehr für Nichts muß rnan das halten, was durch Alles hin ausgegossen sich verliert und in solcher maßlosen Masse untergeht.

Ihr sagt, in der Menschheit seyen gute Männer, welche man für solche in Vergleichung mit den sehr Bösen halten kann. Saget an, wer sind diese? Die Philosophen, glaube ich, welche vermeinen, sie allein seyen die weisesten und kraft dieses Namens Hoffart sich erheben: sie nämlich, welche täglich mit ihren Leidenschaften kämpfen und mit hartnäckiger Anstrengung aller Kräfte sich bemühen, die ihren Herzen einwohnenden Affekte fortzutreiben, abzuwehren; welche um nicht durch den Reiz irgend eines Besitzes zu Uebelthaten verlockt zu werden, Erbgut und Reichthum fliehen und so sich die Veranlassung zum Fall entfernen. Was Anderes nun verkündigen sie durch ihr Thun und Sagen auf’s offenbarste, als daß die Seelen hinfällig und durch Schwäche zur Lasterhaftigkeit geneigt seyen. Unsere Meinung aber ist, das der Natur nach Gute verlangt weder Verbesserung noch Verminderung, ja es muß selbst das Böse nicht wissen, wenn jedweder Art Form in seiner Vollständigkeit zu beharren verlangt: denn nicht kann das Entgegengesetzte im Gegentheil inne, im Ungleichen das Gleiche oder in der Bitterkeit die Süßigkeit enthalten seyn. Der also ringt, die den Seelen eingeborenen Schlechtigkeiten zu verbessern, der zeigt auf’s offenbarste, er sey unvollkommen, obwohl er sich mit aller Anstrengung und Beharrlichkeit bemühen mag.

Aber unsere Antwort ist euch lächerlich, weil wir der Seelen göttliche Abstammung leugnend, nicht Gegentheils erwähnen, welchen Ursprunges und welcher Abkunft sie seyen. Welche Art von Verbrechen ist denn, entweder eine Sache nicht zu wissen, oder was man nicht weiß ohne Verstellung als nicht wissend zu bekennen? Oder, welcher der Beiden scheint euch mehr des Verlachens würdig, der sich keiner Wissenschaft in irgend einer dunkeln Sache anmaßt, oder der meint, er wisse was die menschliche Erkenntniß übersteigt und in Dunkelheit eingefüllt ist? Betrachtet man der Sache Beschaffenheit genau, so befindet ihr euch in eben demselben Zustand, den ihr bei uns tadelt. Weil ihr nämlich aussagt, die Seelen stammten von dem höchsten Herrn selbst und gingen in die menschlichen Formen ein, um deßwillen sagt ihr noch nichts Erforschtes und seine ans Licht gebrachte, offenkundige Wahrheit aus; sondern ihr muthmaßet, wißt aber nicht; ihr vermuthet, habt aber keinen Grund: denn wenn wissen das ist, was du selbst gesehen oder untersucht hast, um es in deinem Gedächtniß zu bewahren, so könnt ihr nimmermehr sagen, irgend etwas dessen, was ihr versichert, jemals geschen zu haben; d.h. die Abstammung und Herabsteigung der Seelen vom obern Sitze; ihr bedient euch also der Vermuthung, nicht der Zuverläßigkeit ausdrücklicher Erkenntniß. Was ist aber die Muthmaßung Anderes, als die unzuverlässige Meinung von Dingen und das angewandte Streben des Verstandes auf etwas nicht Seyendes? Wer also muthmaßt, der hat keinen Grund und kommt nicht zur augenscheinlichen Erkenntniß. Ist dieß bei zuverlässigen und höchst erfahrenen Richtern wahr und unumstößlich, so ist diese eure Muthmaßung, der ihr vertraut, für Unwissenheit zu halten.

Und damit ihr nicht etwa meint, nur euch sey erlaubt sich der Muthmaßungen und Vermuthungen zu bedienen, auch wir können dasselbe, weil nämlich was ihr auszusagen befragt, etwas gemeinsames ist. Ihr sagt: Woher sind die Menschen und was oder woher sind derselben Menschen Seelen? Woher sind die Elephanten, die Stiere, die Hirsche, die Maulthiere, die Esel? Woher die Löwen, die Pferde, die Hunde, die Wölfe, die Panther; und was oder woher sind die Seelen derer die leben? denn weder verdient Glauben, daß aus jenem platonischen Krater, welchen Timaeos (S. 41 Stephan.) anfertigt und mischt, die Seelen herkamen, noch mag man glauben, die Heuschrecke, die Maus, die Spitzmaus, die Motte, der Frosch, der Tausendfuß seyen deßhalb beseelt und lebten, weil ihnen durch die Elemente selbst Veranlassung und Anfang wurde zu entstehen? wofern zur Erzeugung der Thiere, die in jedem einzelnen leben, geheime und verborgene Ursachen bei ihnen sich finden: denn wir bemerken auch, daß unter den Weisen die Einen sagen, die Erde sey der Menschen Mutter, Andere, das Wasser mit ihr, welchen Andere den Aether verbinden; einige aber, die Sonne sey derselben Werkmeisterin und durch die belebende Erregung aus ihrem Feuer werde das Belebte bewegt. Wenn nun auch dieß nicht stattfindet, sondern irgend ein anderes Ding, eine andere Ursache, eine andere Art, eine andere Macht endlich, uns unerhört und unbekannten Namens, hat das Menschengeschlecht gebildet und der Einrichtung der Dinge beigefügt; kann nicht möglich seyn, daß also die Menschen entstanden sind und ihrer Erschaffung Veranlassung nicht auf den ersten Gott sich beziehet? Welchen Grund mag wohl jener große, fromm und unbescholten weise Platon gehabt haben, da er des Menschen Bildung vom höchsten Gott entfernte und was weiß ich welchen Geringeren übertrug; da er nicht wollte, daß dessen Unversehrtheit des Menschengeschlechtes Seelen hervorbrachte, welches dieses Weltalls Seele gemacht; als daß er dafür hielt, des Menschen Bildung sey Gottes unwürdig und die Hervorbringung eines schwachen Dinges komme seiner Größe und Vollkommenheit nicht zu.

Da dieß also dergestalt sich verhält, so glauben wir weder ungereimt noch grundlos, die Seelen der Menschen seyen mittlerer Qualität, nämlich von den ursprünglichen Dingen nicht erzeugt, der Macht des Todes unterworfen, geringer und hinfälliger Kraft; sie würden aber mit Fortdauer begabt, wenn sie die Hoffnung solch einer Gabe dem obersten Gott überlassen, welchem allein die Macht zusteht, solche Ausnahmen mitzutheilen. Doch wir glauben dieß auf thörichte Weise. Was geht das euch an, wenn auf’s läppischste, dumm. In wiefern schaden wir euch, oder welches Unrecht thun wir, wenn wir bekennen, der allmächtige Gott werde, da wir die Körper zu verlassen angefangen, Sorge für uns tragen und, wie man zu sagen pflegt, aus dem Rachen der Unterwelt erretten?

Also, spricht Einer, vermag irgend Etwas ohne Gottes Wille zu geschehen? Wir müssen sorgfältig erwägen und mit großer Aufmerkamkeit untersuchen, indem wir dafür halten, durch solchen Einwurf Gott zu ehren, nicht in das entgegengesetzte Unrecht zu verfallen und seiner Majestät Vollkommenheit zu zerstören. Aus welchem Grunde, auf welche Weise? Weil, wenn Alles durch seinen Willen vollbracht wird und ohne seinen Wink kein Ding weder entstehen, noch zu Grunde gehen kann, nothwendig die Erkenntniß folgt, auch alle Uebel entstünden durch seinen Willen. Wollten wir aber dagegen sagen, die Ursachen des Bösen von Ihm entfernend, Er sey des Bösen wohl bewußt, aber nicht desselben Hervorbringer, dann fangen die bösen Dinge so zu erscheinen an, als ob sie entweder wider seinen Willen, oder, was abscheulich zu sagen ist, ohne sein Wissen, Ihm unbewußt und unbekannt geschähen. Wollten wir aber hinwiederum sagen, es gebe keine Uebel, wie wir finden, und Einige gemeint und für gut befunden haben, so werden gesammte Völker und alle Nationen laut widersprechen, uns ihre Qualen aufweisend und die mannigfaltigen Arten von Gefahren, welche das Menschengeschlecht in jedem Augenblick peinigen und zu Grunde richten. Dann werden sie von uns erforschen, warum, wenn es keine Uebel giebt, ihr euch gewisser Werke und Handlungen enthaltet? weßhalb ihr nicht Alles, was die ungestüme Begierlichkeit heischt und befiehlt, thut? weswegen ihr endlich wider die Verbrechen in abschreckenden Gesetzen Strafen verhängt? Denn kann man eine nichtigere Thorheit auffinden, als behaupten, es gäbe keine Uebel, um gleich Uebeltätern die Fehlenden zu verderben und zu verdammen.

Da wir überwunden, daß die Uebel seyen, zugestanden und namentlich bemerkt haben, daß die ganze Menschheit derselben voll sey, so folgt, daß sie fragen, warum also der allmächtige Gott diese Uebel nicht hinwegnimmt, sondern ihr Seyn und beharrliches Fortbestehen durch alle Zeiten hin duldet? Wäre uns Gottes des Herrn und Urgrundes Erkenntniß gegenwärtig und wollten wir uns nicht durch unfrommen Unsinn der Vermuthungen umhertreiben, so müßten wir antworten, dieß sey uns unbewußt; und was keine Kräfte erfassen könnten, hätten wir nicht entwickelt oder uns zu erkennen bestrebt, indem wir für besser hielten, vielmehr innerhalb der Gränzen der Unwissenheit und Nichterkenntniß zu verbleiben, als auszusagen, ohne Gott geschähe Nichts, nämlich ohne seinen Willen, so daß man zugleich unterscheiden könnte, Er gäbe den Uebeln die Veranlassung, wie auch, Er sey des unzählbaren Elendes Urheber. Woher also, sagt ihr, sind alle diese Uebel? Die Weisen sagen, aus den Elementen und ihrer Ungleichheit. Wie geschehen kann, daß man, was der Vernunft und Urtheilskraft ermangelt, für boshaft und schädlich halten mag; und daß nicht vielmehr der boshaft und schädlich sey, welcher die zukünftigen Uebel bei irgend eines Werkes Wirksamkeit sich beigelegt hat: dieß mögen die, welche es behaupten, untersuchen. Was uns bezüglich des Woher betrifft, so hat die Antwort keine Noth: denn können oder vermögen wir es nicht zu sagen, beides gilt uns gleich wenig und wir legen keinen großen Werth eben darauf, dieß nicht zu wissen oder dessen kundig zu seyn; dieß Einzige festgesetzt zu haben zufrieden, daß vom uranfänglichen Gott nichts Schädliches und Verderbliches herkomme. Dieß halten wir fest, dieß wissen wir, in dieser Einen Wahrheit der Erkenntniß und Wissenschaft stehen wir, daß Nichts von Ihm sey, als was Allen heilsam, annehmlich, was übervoll sey von Liebe, Heil und Anmuth; was unendliche und unverwüstliche Genüsse enthalte; was Jeder mit allen seinen Wünschen zu bekommen verlange und was bewege, für verderblich und tödtlich das Außenseyende zu halten.

Was sonst noch in Untersuchung und Frage pflegt gezogen zu werden, durch welche Urheber sie entstanden oder durch welche Verwalter sie sind, bemühen wir uns weder zu wissen, noch tragen wir Sorge zu erforschen und aufzuspüren; wir überlassen Alles seinen Ursachen und urtheilen, nicht daß wir darnach forschen sey es uns verbunden und zugefügt: denn was wagt nicht der menschliche Witz durch den Eifer des Widerspruches zu erschüttern, zu zertrümmern, obschon, was er zu entkräften unternimmt, rein und lauter, durch der Wahrheit Besiegelung erkräftigt ist? Oder hinwieder, was kann er nicht durch wahrscheinliche Argumente vertheidigen, obschon es offenbar falsch, gleichsam augenscheinlich und handgreiflich lügenhaft ist? denn da er sich überredet hat, welcher Art Etwas sey oder nicht sey, so beliebt er seine Meinung zu vertheidigen und durch Scharfsinn Andere zu übertreffen; insbesondere wenn es sich um hochgelegene, verborgene und in Finsterniß eingehüllte Zustände der Natur handelt. Einige Weise nehmen an, die Welt sey weder geschaffen noch werde sie irgend wann zu Grunde geben; manche, sie sey unsterblich, obwohl sie ihr Erschaffung und Entstehung zuschreiben. Wieder anderen beliebt zu sagen, sie sey sowohl erschaffen und entstanden, als sie werde auch der gewöhnlichen Nothwendigkeit infolge zu Grunde gehen. Da nun unter diesen drei Meinungen eine nothwendig wahr seyn muß, dennoch mangeln allen die Beweise nicht, durch welche sie sowohl ihre Sätze bekräftigen, als auch die Ansprüche der Anderen niederwerfen und zu Schanden machen. Eben diese Welt lassen Einige aus vier Elementen bestehen, Andere aus zwei und die Dritten aus einem. Es finden sich Andere, welche sagen, sie bestehe aus keinen Elementen, sondern die untheilbaren Körper derselben seyen der Urstoff und der Uranfang. Insofern auch hier Eine Meinung die wahre oder keine derselben gewiß ist, auf gleiche Weise sind hier ebenfalls Allen die Beweise zur Hand, mittelst welcher sie das von ihnen Ausgesagte als wahr feststellen und die in der Anderen Meinungen befindlichen Unrichtigkeiten darthun. So leugnen auch Manche das Seyn der Götter; Andere sagen geradehin, es sey zweifelhaft, ob sie irgend seyen; Andere aber geben ihre Existenz zu, doch ohne Sorge für die Menschheit; ja wieder Andere beweisen, daß sie sich der Sterblichen annehmen und die irdischen Dinge leiten.

Da dieß sich folglich also verhält und es auf keine andere Weise zu geschehen pflegt, als daß von Allem nur eines wahr ist, so kämpfen dennoch Alle mit ihren Argumenten, und keinem einzigen ermangelt, was er mit Wahrscheinlichkeit aussage, sey es, da er seine Ansichten behauptet, sey es, da er andere Meinungen widerlegt. Auf keine andere, noch unähnliche Weise wird von ihnen über der Seelen Zustand disputirt: denn dieser hält dafür, sie seyen immer dauernd und überlebten den Tod der Menschen; jener glaubt, sie überlebten nicht, sondern gingen sammt den Körpern selbst zu Grunde. Eines Anderen Meinung aber ist, sie litten Nichts fortdauernd, sondern nach abgelebtem Menschen werde ihnen etwas Leben gegeben und dann unterlägen sie dem Gesetz der Sterblichkeit. Obschon dieß Alles nicht der Wahrheit theilhaft seyn kann, dennoch bemüht sich Jeder mit tüchtigen und höchst schlagenden Beweisgründen dergestalt, daß man nicht aufzufinden vermag, was falsch sey, wiewohl man nach allen Seiten hin die verschiedenartigen Aussprüche und der Widersprüche Disharmonie vernimmt; was freilich nicht stattfinden würde, könnte die menschliche Wißbegierde irgend etwas als Gewiß erfassen, oder ließe sich das als Aufgefundenes Erscheinende durch aller Uebrigen Zustimmung bestätigen. Es ist also das Nichtigste und Überflüssigste, irgend Etwas als ob man es wisse auszusagen, oder streiten zu wollen, daß man Etwas wisse; das, sey es auch wahr, doch wie man wahrnimmt, vernichtet werden kann; oder aber für wahr anzunehmen, was etwa nicht ist und nach Art der Träumer hervorgebracht wird. Und billig verhält sich dieß so: denn wir wägen und messen das Göttliche nicht mit göttlichen, sondern mit menschlichen Einsichten; und was wir glauben, daß billig hätte geschehen können, das verlangen wir soll schlechterdings nothwendig seyn.

Wie, wir allein also wissen nicht, wer der Seelen Schöpfer, wer ihr Anordner sey? Welche Ursache den Menschen gebildet hat? Woher die Uebel hervorbrechen? Weßhalb der höchste Herr duldet, daß sie sind, sich vollbringen, und weßhalb Er sie nicht von den menschlichen Zuständen abtreibt? Ihr freilich habt dieser Dinge Mancherlei erforscht und erkundet? Wolltet ihr die Dreistigkeit eurer Muthmaßungen vorlegen, so könntet ihr erklären und entdecken, ob diese uns einschließende Welt unentstanden oder zu irgend einer Zeit eingerichtet worden sey? Wenn eingerichtet und gemacht, auf welche Weise und um welcher Ursache wegen? Ihr könntet den Grund angeben und entwickeln, weßhalb sie nicht fest und unbeweglich bleibe, sondern fortwährend im Kreislauf sich bewege? ob sie sich von selbst und ihrem Willen zufolge umschwingt oder durch den Anstoß irgend einer Kraft umgedreht wird? Was der Raum und Ort, worin sie sich befindet und umbewegt, sey? ob sie unendlich oder begränzt, ob sie hohl oder fest? ob eine an die äußersten Pole sich stemmende Axe sie halte oder ob sie sich selbst vielmehr durch eigene Kraft trage und mittelst eines Innern Geistes schwebe? Gefragt könntet ihr deutlich machen und auf’s wissenschaftlichste darthun, wie der Regen in befiederte Wolken sich wandelt? Was der Grund und die Ursache, daß der erste Tag nicht von der Abendgegend heranbrach und die Sonne im Orient unterging? Auf welche Weise dieselbe Eine Sonne, durch die Eine Berührung so mannigfaltige, ja vielmehr so sich entgegengesetzte Dinge verursache? Was der Mond? Was die Sterne? Warum jener nicht dieselbe Gestalt beibehalte oder warum es schicklich und nöthig war, dem ganzen Weltkörper diese Feuerklumpen anzuheften? Warum die einen derselben kleiner, die anderen ansehnlicher und größer seyen; diese schwächeren, jene schärferen und schimmernden Lichtes?

Ist gegenwärtig, was zu wissen beliebt, und liegt der Dinge Wissenschaft offen vor, so erklärt und sprecht, auf welche Weise und welchenen Gründen zufolge entsteht der Regen, so daß in den oberen Theilen und inmitten der Luft das Wasser aufgehangen dauert, ein seiner Natur nach hinfälliges Ding, zum Fließen und Herabstürzen immer so bereit? Erklärt, sage ich, und sprecht, was den Hagel zusammendreht? was den Regen trofpenweise herabfallen macht? was die Winterregen, den flockigen Schnee und die Blitze ausgebreitet? woher der Wind kommt und was er ist? warum der Jahreszeiten Wechsel, da nur eine angeordnet werden und nur eine Weise des Himmels seyn konnte, bestimmt worden, so als ob Nichts der Dinge Vollständigkeit bedurfte? Was ist die Ursache, was der Grund, daß das Meer salzig, daß die Erde bald süß, bald bitter oder frostig ist? Aus welchem Stoffe sind der menschlichen Körper Bestandtheile verdichtet und befestigt? woher die Festigkeit der Knochen? was macht die Eingeweide, was die Adern? Warum sind wir, da es doch nützlicher war wegen der Gefahr der Blindheit uns mit mehreren Augen zu erleuchten, nur mit zwei für die Noth versehen worden? Um welcher Ursache willen sind so unendliche und unzählbare Geschlechter wilder Thiere und Schlangen theils gebildet, theils fortgepflanzt worden? Was thun die Uhus, die Geier, die Habichte in der Welt? was die Vögel und das übrige Geflügel? was die verschiedenen Arten der Ameisen und Würmer, erzeugt zu mannigfaltigem Verderben und Unglück? was die Flöhe, was die unverschämten Fliegen, Spinnen, Spitzmäuse, Feldmäuse, Blutigel, Schnacken? was die Dornen, die Stacheln, der Lolch und wilde Haber? was die angenehm oder übel riechenden Samen der Kräuter und Gesträuche? Ja, wenn ihr meint, man könne irgend Etwas wissen oder begreifen, so saget an, was der Weizen sey; was der Spelt, die Gerste, die Hirse, die Erbse, die Bohne, die Linse, die Melone, der Kümmel, der Lauch, der Knoblauch, die Zwiebel? Denn sind sie euch zum Nutzen und zur gewöhnlichen Speise bestimmt, ist nicht offenbar und augenscheinlich, daß ihr wißt, was jedes Einzelne sey, warum auf solche Weise geformt worden? Mußten sie nicht nothwendig anderen Geschmack, anderen Geruch, andere Farbe, als die einzelnen Dinge haben, erhalten, oder konnten sie auch andere annehmen? Aus welchen Gründen endlich leiten diese selbst, was sie sind, her: ich sage der Geschmack, daß er Geschmack ist, und die übrigen Unterschiede der Qualitäten? Aus den Elementen, antwortet ihr, und aus der Dinge Uranfängen. So sind denn die Elemente bitter oder süß; sie haben irgend einen Wohlgeruch oder sind übelriechend, damit wir glauben, durch ihre Verdichtung seyen den werdenden Dingen die Qualitäten mitgetheilt worden, welchen zufolge entweder das Angenehme entsteht, oder das die Sinne Beleidigende verursacht wird.

Da also auch euch; selbst so bedeutender und so vielfacher Dinge Anfänge, Ursachen, Gründe unbekannt sind, und ihr nicht erklären könnt, was gemacht worden oder warum, oder weßhalb es nicht hätte gemacht werden sollen, so verhöhnt und verlacht ihr unsere Scheu; die wir bekennen, was man nicht zu wissen vermag, nicht zu wissen, und uns nicht bemühen, was auf’s zuverlässigste unerfaßbar ist, zu erforschen und auszuspüren, obschon die Muthmaßung tausendfach das menschliche Herz ausdehnt und anstrengt. Und deßhalb hat Christus, freilich wider euern Willen Gott, ich sage Gott Christus, – denn oftmals muß dieß gesagt werden, damit der Ungläubigen Gehör berste und platze, – auf des obersten Gottes Geheiß unter der Gestalt des Menschen sprechend, da Er wohl wußte, daß der Sterblichen Natur blind sey und keine Wahrheit erfassen könne, noch auch das ihr vor Augen Gelegte für gewiß hinnehme, und daß sie, was auch immer sie sich erkannt zu haben überredet, dennoch in Vermuthungen hangen bleibe, Streitfragen aufwerfe und anstrenge, uns vorgeschrieben, dieß Alles zu unterlassen und hintanzusetzen; auch auf jene Dinge, welche unserer Erkenntniß entzogen worden, kein unfruchtbares Nachdenken zu verwenden, sondern so viel möglich aus ganzem Gemüthe und ganzer Seele zum Herrn aller Dinge uns hinzuwenden, von diesen Gelegenheiten uns hinwegzuheben, und zwar die muthmaßlichen Veränderungen unserer Brust auf Ihn zurückzuführen, immer dar seiner eingedenk zu seyn; und obschon Derselbe durch keine Einbildungskraft vorgestellt werden könne, ich weiß nicht welchen Schatten der Anschauung Ihm anzudichten. Aus allen den Dingen nämlich, welche die erhabenste Gottheit in Dunkelheit hüllt, ist er allein unbezweifelbar, allein wahr, und wegen Ihm kann nur der Sinnlose aus unsinniger Hoffnungslosigkeit zweifeln, welchen zu wissen genügt, um Nichts Anderes zu wissen und die wahre, größte Wissenschaft zu empfangen, in Gott dem Haupte und der Erkenntniß aller Dinge befestigt worden.

Warum wollt ihr, sagt Er, erforschen, aufspüren, wer den Menschen geschaffen habe? welchen Ursprung die Seelen haben? wer der Uebel Ursachen ausgedacht? ob die Sonnenscheibe mehr Umfang enthalte oder nur einen Fuß in der Breite messe? ob der Mond mit eigenem oder fremdem Lichte leuchte? was Weder zu wissen ein Vortheil, noch nicht zu wissen ein Nachtheil ist. Ueberlaßt das Gott, und gesteht Ihm zu, zu wissen, was, warum oder woher Etwas sey; ob es seyn mußte oder nicht seyn; ob Etwas immer sey oder einen Ursprung habe; ob ihm die Vertilgung oder Erhaltung zukomme; ob es verzehrt, aufgelöst, oder durch wiederempfangene Unversehrtheit erneuert werde. Nicht steht es in eurer Macht, euch in solche Sachen einzulassen und so entfernte Dinge unnützer Weise zu bedenken. Euer Zustand liegt in der Ungewißheit, das Heil eurer Seelen sage ich; und wenn ihr euch; nicht der Erkenntniß des obersten Gottes zuwendet, so erwartet euch von den körperlichen Banden befreit ein grauser Tod, der nicht die plötzliche Auslöschung herbeiführt, sondern während einem Zeitraum mittelst der Herbe peinlicher Strafe aufzehrt.

Oder weder dieß beschleiche oder verlocke euch mit heftiger Hoffnung, daß von manchem Naseweiß und gar Arroganten behauptet wird: zu Gott seyen sie geschaffen und nicht den Gesetzen des Fatums unterworfen. Hätten sie das Leben genauer vollbracht, so stehe ihnen desselben Wohnsitz offen, und nach dem Tode des Menschen kehrten sie, ohne von irgend Jemand abgehalten zu werden, gleichsam in das väterliche Haus zurück. Noch daß die Magier verheißen, Empfehlungsgebete zu besitzen, durch welche erweicht, ich weiß nicht was für Mächte, den zum Himmel aufzufliegen sich Mühenden die Wege bahnen; noch daß Etrurien in den acherontischen Büchern verspricht, durch das Blut gewisser Thiere, gewissen Gottheiten dargebracht, würden die Seelen göttlicher Natur theilhaftig und den Gesetzen der Sterblichkeit entnommen. Diese Schmeicheleien und Nahrungsstoffe nichtiger Wünsche sind vergeblich. Kein Anderer als Gott der Allmächtige kann die Seelen bewahren; und überdieß kann Niemand sie fortlebend machen und das Vermögen der ununterbrochenen Fortdauer ihnen aneignen, als der allein unsterblich und immer fortdauernd durch keiner Zeit Raum begränzt ist: denn insofern alle Götter, sind sie wahrhaftig oder werden sie durch das Gerücht und die Meinung als solche ausgesagt, nur durch seinen Willen und die Gabe seiner Güte unsterblich und immer fortdauernd sind, wie vermag zu geschehen, daß sie im Stande sind, was sie selbst, zu gewähren, da sie es doch als etwas Fremdes und von höherer Macht gestattetes besitzen? Mag Etrurien so große Opfer, als es nur will, schlachten; mögen die Weisen sich alles Menschliche versagen; mögen die Magier sämmtliche Mächte erweichen und liebkosen: wenn den Seelen, was die Vernunft fordert, und dieß zwar mittelst Befehl der Herr aller Dinge nicht gegeben hat, so wird ihnen nachmals, da die Empfindung des Untergangs heranzukommen beginnt, sehr mißfallen, zum Gespött gedient zu haben.

Aber, sagt man, ist Christus um deßwillen von Gott gesendet worden, um die unglückseligen Seelen vom Verderben des Unterganges zu befreien, was haben die früheren Geschlechter verdient, welche vor seiner Ankunft dem Loos der Sterblichkeit zufolge zu Grunde gegangen sind? Könnt ihr nämlich wissen, was mit jenen Seelen der alten und sehr alten Sterblichen geschehen ist? ob auch für sie auf irgend eine Weise Sorge getragen und vorgesehen worden? Könnt ihr, sag‘ ich, wissen, was durch den lehrenden Christus vernommen werden konnte, ob die Geschlechter, seitdem das Menschengeschlecht auf Erden zu seyn angefangen, begränzt oder unbegränzt sind? wann die Seelen zuerst den Körpern verbunden würden? wer dieser Verbindung Urheber, ja wer der Bildner des Menschen selbst gewesen? ob die Seelen der Vorfahren, in welchen Theilen oder Gegenden der Welt sie auch waren, als vergängliche dahin schieden oder nicht? ob sie etwa der Gefahr des Todes nur sich nähern konnten, als zur nothwendigen Zeit der Retter Christus herabkam? Laßt diese Besorgnisse und werft diese unbekannten Untersuchungen von euch; die göttliche Erbarmniß ward auch ihnen zu Theil und auf gleiche Weise hat sich die göttliche Güte über Alle erstreckt: sie sind bewahrt, befreit worden und haben das Loos wie den Zustand der Sterblichkeit abgelegt. Auf welche Art, welche, wann? Wäret ihr der Arroganz, der Hoffart, der Aufblähung ledig, schon lange könntet Ihr es durch denselben Gewährsmann wissen.

Aber, sagt ihr, kam Christus als der Retter des menschlichen Geschlechtes, warum hat Er nicht Alle mit gleicher Mildthätigkeit befreit? Befreit nicht auf gleiche Weise, wer auf gleiche Weise Alle ruft? oder stößt der irgend Jemand von der obersten Güte zurück, welcher den Höchsten, den niedrigsten Sklaven, Weibern, Kindern, gleiche Gelegenheit giebt zu ihm zu kommen? Allen steht die Lebensquelle offen, heißt es, und Niemand wird das Recht zu trinken versagt. Wenn du einen solchen Eckel hast, daß du die Wohlthat der dir zugekommenen Gabe verwirfst; ja wenn du so sehr an Weisheit hervorragst, daß du, was Christus darbietet, Possen und Albernheiten nennst: wie fehlt der, indem er einladet, wider dich, dessen alleinige Obliegenheit darin besteht, daß er dem Gutbefinden deiner Macht den Genuß seiner Güte unterlegt? Gott ist bei der Wahl des Lebens frei der Schuld, sagt Platon (vom Staate S. 617, Stephan.); und nicht kann eines Anderen Willen irgend Jemand füglich Schuld gegeben werden, insofern die Willensfreiheit in desselben Macht gegeben ist, der wollte. Sollst du etwa gebeten seyn, die Wohlthat des Heiles von Gott zu empfangen dich zu würdigen, und soll dir die Gnade des göttlichen Wohlwollens in den Schooß geschüttet werden? Willst du das Angebotene nehmen und zu deinem Vortheil verwenden? Ueberlege zu deinem eigenen Besten. Verschmähst, verachtest, geringschätzest du es, so beraubst du dich der Nutzbarkeit der Gabe. Niemand dringt Gott eine Nothwendigkeit auf; Niemand schreckt Er durch gebieterische Furcht: denn nicht bedarf Er unseres Heiles, als ob er irgend einen Zuwachs oder irgend eine Abnahme dadurch erleide, wenn er uns entweder zu Götter machte oder oder gestattete, daß wir durch der Verwesung Auflösung zum Nichts zurückgeführt werden.

Ja, sagt man, ist Gott mächtig, barmherzig, ein Retter, so mag Er uns die Herzen wenden und uns wider Willen seine Verheißungen glauben machen. Dieß ist also Gewalt, nicht Gnade; nicht des obersten Gottes Freigebigkeit, sondern das kindische und eitle Bestreben aus Eifer zu siegen: denn was ist so ungerecht als die Widerstrebenden, die Nichtwollenden zum entgegengesetzten Willen hinzupressen, ihnen aufzudringen, was sie nicht wollen und was sie fliehen? lieber zu schaden als zu nützen, und dem Vorherigen entführt, in einen anderen Zustand und zu anderer Meinung hinübernöthigen? Der du wünschest gewandelt zu werden und Gewalt zu erleiden, um was du nicht willst zu vollbringen und gezwungen zu ergreifen, warum verweigerst du mit Willen anzunehmen, was du umgewendet und gewandelt zu vollbringen verlangst? Ich will nicht, spricht man, und begehre keinen Willen. Was beschuldigst du also Gott, als ob Er dir fehle? Du verlangst, der solle dir Dienst leisten, dessen Gaben und Geschenke du nicht nur verachtest und fliehst, sondern auch mit anderen Worten benennst und mit possierlichen Witzen verfolgst. Werde ich also kein Christ, so kann ich keine Hoffnung des Heils haben? So wie du sagst, ist es: denn die zu gebenden Theile des Heiles, sowohl was des Nutzens wegen den Seelen mitgetheilt zu werden schicklich, als auch nothwendig hinzuzufügen ist, hat Er allein von Gottvater eingefügt und überliefert, indem sie dergestalt geheime und unbekanntere Zustände sind. Wie nämlich gewisse Götter bei euch einen gewissen Schutz gewähren, gewisse Freiheiten und Kräfte haben, so daß ihr von keinem derselben, was nicht seiner Kraft und Freiheit eignet, erfleht; deßgleichen steht dem einzigen Christus die freie Gewalt zu, den Seelen das Heil zu geben und die Wesenheit der Fortdauer beizulegen. Glaubt ihr, Vater Liber könne den Wein, aber nicht die Arzneimittel geben; Ceres die Früchte, Aeskulap die Gesundheit, Neptun Anderes und wieder Anderes Juno, Fortuna, Merkur, Vulkan; so daß den gewissen und einzelnen Dingen auch einzelne Geber zukommen; dann müßt ihr nothwendig auch von uns annehmen, die Seelen könnten das Vermögen des Lebens und der Unversehrtheit von dem erhalten, welchen der höchste Herr dieser Gabe und Dienstleistung vorgesetzt hat. Der allmächtige Herrscher wollte, daß Er dieser Weg des Heils sey; diese Thüre des Lebens, um so zu sprechen, durch den allein der Zugang zum Lichte ist; und kein anderer ist gegeben, entweder anzubringen oder sich zu bemächtigen, da alle übrigen geschlossen und mit unüberwindlichen Schutzwehren bewahrt sind.

Magst du folglich rein und von aller Makel der Laster gereinigt, jene Mächte dir günstig und geneigt gemacht haben, daß sie den zum Himmel zurückführenden Weg nicht schließen und den Durchgang nicht verrammeln, mittelst keinerAnstrengung dennoch wirst du der Unsterblichkeit Lohn erlangen können, außer du empfängst, was eben die Unsterblichkeit verursacht, durch die Mittheilung von Christus und wirst zum wahren Leben hinzugelassen: denn was ihr uns vorzuwerfen gewohnt seyd, unsere Religion sey jung, erst vor wenigen Tagen fast geboren, und ihr könntet die alte und väterliche nicht verlassen, um in die barbarischen und fremden Gebräuche euch herüberführen zu lassen; dieß ist unvernünftig: denn wir, wollen wir auf ähnliche Weise jenen früheren und uralten Geschlechtern zur Last legen, daß sie nach Auffindung der Früchte die Eicheln verschmähten, die Hagäpfel von sich warfen? daß sie aufhörten sich mit Rinde zu bedecken und in Häute sich zu hüllen, nachdem gewebte Gewande, zum Gebrauch und zur Bequemlichkeit dienlicher, erfunden worden waren? oder daß sie nach erbauten Häusern und nach Einrichtung schönerer Wohnungen die alten Hütten nicht mehr liebten, noch auch den wilden Thieren gleich unter Felsen und in Höhlen zu weilen vorzogen? Allen ist gemeinsam und fast von der Wiege selbst her überliefert, das Gute dem Uebel vorzuziehen, dem Unnützen das Nützliche vorzusetzen, und was als werthvoller, als erfreulicher sich ausweist, zu erstreben und zu erlangen; in dasselbe auch die Hoffnung des Heils und die Zuträglichkeit des Nutzens zu setzen.

Da ihr uns mit der Abwendung von der Religion der Vorfahrer droht, so schickt sich daher, daß ihr die Ursache, nicht die That erwäget; und nicht, was wir verlassen haben, entgegensetzt, sondern vielmehr was wir gefolgt sind, beschauet: denn ist die Aenderung der Meinung und das Uebergehen von alten Einrichtungen zu andern neuen Zuständen und Entschließungen eine Schuld oder ein Verbrechen, so trifft diese Beschuldigung auch euch, die ihr so oftmals die Lebensweise und Gewohnheit verändert, zu andern Sitten und andern Gebräuchen mit Verachtung der frühern übergegangen seyd. Ist wohl das Volk in fünf Klassen abgetheilt, wie bei euren Vorfahren stattfand? Erwählt ihr etwa den Magistrat durch das Volk? Wißt ihr, was die militärischen, die städtischen, die allgemeinen Komitien seyen? Beobachtet ihr wegen eurer Handlungen den Himmel oder vollbringt ihr sie ruhig hinsichtlich der übeln Anzeichen? Da ihr euch zum Krieg rüstet, hängt ihr das Zeichen auf dem Kapitol aus? beobachtet ihr die fetialischen Gesetze? fordert ihr den Raub durch die Clarigatio zurück? oder zur Entscheidung herankommend, führt ihr voraus in der Hoffnung den Krieg nach den flammenden Speeren forschend? Beobachtet ihr beim Ansuchen der Würden die annarischen Gesetze? bei den Gaben, Geschenken die des Cincius? bei Beschränkung des Aufwandes die der Zensoren? Unterhaltet ihr im Innersten des Hauses auf den Heerden immerwährendes Feuer? Setzt ihr auch den Bildnissen der Götter geheiligte Tische mit Salzgefäßen vor? Da ihr Ehen schließt, bereitet ihr die Toga zum Lager die Genien der Verehelichten anrufend? theilt ihr das Haar der Bräute mit dem Hagestolzenspeer? bringt ihr der Mädchen Gewand in den Tempel der jungfräulichen Fortuna? arbeiten eure Hausfrauen in dem Atrium, ihren Fleiß bezeugend? enthalten sie sich des Weines? besteht ihnen das Gebot die Anverwandten zu küssen, ihre Nüchternheit und Enthaltamkeit zu bewähren?

Vor Alters durften nur weiße Stiere auf dem albanischen Berge geopfert werden; habt ihr diesen Gebrauch und Glauben nicht umgeändert, und hat, daß man auch röthliche darbringen dürfe, nicht der Senat verordnet? Obschon man unter der Regierung des Romulus und Pompilius den Göttern die völlig gekochten und mürben Eingeweide verbrannte, fingt ihr nicht unter Tullius, in Verachtung der alten Beobachtung, an, halbrohe und wenig mürbe zu opfern? Da vor Herkules Ankunft in Italien auf Apollos Mahnung dem Vater Dis und Saturn Menschenköpfe dargebracht wurden, habt ihr nicht desgleichen diese Sitte ebenfalls mit listigem Trug und Wortspiel abgeändert? Insofern also auch ihr selbst bald diesen Sitten, bald anderen Gesetzen gefolgt seyd, und da Vieles, theils nach erkanntem Irrthum, theils nach Wahrnehmung des Besseren, von euch verworfen, verachtet worden ist; was haben wir dann Widersinniges und dem gemeinschaftlichen Urtheil widersprechendes gethan, indem wir das Größere und Gewissere erwählten und uns nicht durch die Verbindlichkeit des Falschen festhalten ließen.

Aber unser Name ist neu und vor wenigen Tagen ist die Religion, der wir folgen, erst geboren. Mag ich auch zugeben, was ihr uns vorwerft sey keine falsche Beschuldigung, doch welches Geschäft der Menschen, das entweder mittelst des Körpers und der Hände vollbracht oder durch die Bildung und Erkenntniß der Seele allein ausgeführt wird, hat nicht zu irgend einer Zeit angefangen und sich zum Gebrauch und zur Erfahrung der Sterblichen verbreitet? Sind wohl die Philosophie, die Musik und alle die übrigen Künste, welche das gewöhnliche Leben schmücken und ausstatten, mit den Menschen entstanden, und fingen sie nicht vielmehr vor nicht langer Zeit, ja ganz zunächst an, getrieben, verstanden und ausgebildet zu werden? Ehe Tages der Etrusker in den Lichtraum hervortrat, welcher Mensch wußte, oder war besorgt zu wissen und zu erlernen, was die Blitze oder was die Eingeweide bezeichneten? Wann hat man angefangen den Lauf der Sterne und die Berechnung der Nativität zu wissen? Nicht nach dem Aegypter Theutis oder nach Atlas, wie Manche erzählen, dem Träger, Pfeiler des Himmels?

Doch weßhalb erwähne ich solche Kleinigkeiten? Die unsterblichen Götter selbst, in deren Tempel ihr jetzt hingeht und deren Macht ihr demüthig verehret, fingen sie nicht, wie euere Schriften und Vermuthungen überliefern, erst mit gewissen Zeiten an zu seyn, gewußt und durch beigelegte Namen genannt zu werden? Denn ist es wahr, daß von Saturn und seiner Frau Jupiter mit seinen Brüdern gezeugt wurde, so war vor der Opis Vermählung und Niederkunft nirgends Jupiter, so erhaben als der stygische; nirgends der Herrscher des Meeres; nirgends Juno; ja kein Anderer, die beiden Erzeuger ausgenommen, bewohnte die Himmel, sondern aus beider Begattung empfangen und geboren haben sie den Lebensgeist empfangen. Also zu einer bestimmten Zeit hat Jupiter Gott zu seyn, einen Kultus und Opfer zu bekommen, seinen Brüdern an Machtvollkommenheit vorzugehen angefangen. Hinwieder aber, sind Liber, Venus, Diana, Merkur, Apollo, Herkules, die Musen, die tyndarischen Kastoren, der Feuergebieter Vulkan auch von Jupiter dem Vater gezeugt, das ist, durch den saturnischen Vater erzeugt, bevor nicht Mnemosyne, Alkmene, Maja, Jo, Latona, Leda, Dione, dann auch die Semele durch die unreinen Umarmungen des Himmelvaters geschwängert wurden, so waren dieselben ebenfalls nirgends, sondern sie sind mittelst Jupiters Begattung erzeugt und geboren, und haben sich selbst zu fühlen angefangen. Also haben auch diese zu einer gewissen Zeit zu seyn, und in die Zahl heiliger Wesen zu göttlicher Verehrung gerufen zu werden begonnen, was selbst gleichermaßen auf Minerva übergetragen zu sagen frei steht: denn wenn, wie ihr versichert, dieselbe aus Jupiters Kopfe ohne irgend einen Samen hervorgesprungen ist: so ist gewiß, daß ehe als Diespiter erzeugt in der Mutter Schooß die Form körperlicher Umgränzung empfangen hat, Minerva schlechterdings nicht gewesen, noch zu der Zahl der Dinge als irgend eine Wesenheit habend beigezählt worden sey; sondern seit der Zeit, wo sie Jupiters Kopf entsprungen, ein zu einem Wesen geordnetes Ding zu sey begann. Sie hat also einen Uranfang und fing zu einer gewissen Zeit an als Göttin ausgesagt, in Tempeln aufgestellt und durch unverletzliche Bürgschaft geheiligt zu werden. Daß dieß sich so verhalte, dessen seyd ihr, von der Neuheit unserer Religion sprechend, hinsichtlich der eurigen nicht eingedenk und nicht besorgt zu beachten, wann eure Götter entstanden, welchen Ursprung sie haben, welchen Ursachen, oder welchen Wurzeln sie entsprossen und entsprangen. Welcher Schamhaftigkeit, ja welcher Unverschämtheit Abzeichen ist, was du bemerkst dich selbst zu treffen an einem Andern zu tadeln und daher Gelegenheit zu übler Nachrede und Beschuldigung zu nehmen, was auf dich zurückgeschoben werden kann.

Aber was wir thun, ist neu; was ihr dagegen, ist alt, ungemeinen Alters; was hilft dieß jedoch euch oder inwiefern schadet es unserer Sache und unserem Zustand? Eine neue Sache ist die, welche wir darstellen, einmal wird auch sie alt seyn. Alt ist die von euch betriebene, allein zu jener Zeit, da sie begann, war sie neu und jähling. Das Ansehen der Religion ist aber nicht nach der Zeit, sondern der Gottheit nach zu schätzen; und es gebührt sich, nicht darauf Rücksicht zu nehmen, an welchem Tage man zu verehren anfängt, sondern Wen? Vor vierhundert Jahren, sagt ihr, war eure Religion noch nicht. Und euere Götter waren vor zweitausend Jahren noch nicht. Aus welchen Gründen und Berechnungen kann dieß gefolgert werden? Aus keinen schwierigen, dunkeln, sondern aus solchen, die Jeder, der nur will, sehen, ja, wie man zu sagen pflegt, mit Händen greifen kann. Wer hat den Jupiter mit seinen Brüdern erzeugt? Saturnus, erzeugt, wie ihr erzählt, von Coelus und Hekata, mit Opis verbunden. Wer den Vater des Faunus und Großvater des Latinus, den Pikus? Saturnus, wie eben ihr selbst in euern Schriften und Ueberlieferungen erzählt. Verhält sich dieß folglich also, dann folgt, daß Pikus und Jupiter Brüder sind, da sie aus Einem Blute und aus Einerlei Samen hervorgekommen. Insofern ist das Gesagte übereinstimmend. Von Jupiter und Pikus bis auf Latinus, wie viele Geschlechtsfolgen sind? Drei, wie die Reihe zeigt. Wollt ihr, so mögen Faunus, Latinus und Pikus hundert zwanzig Jahre jeder gelebt haben. denn man leugnet, daß des Menschen Leben länger dauere. Die Schätzung ist gehörig und zuverlässig. Es sind also volle dreihundert sechzig Jahre. Daß dieß so ist, ergiebt die Zusammenzählung. Wessen Schwiegervater war Latinus? Des Aeneas. Wessen Vater war dieser? Des Erbauers der Stadt Alba. Wie viele Jahre hat er in Alba geherrscht? Fast sechzig. Welches Alter wird der Stadt Rom in den Annalen beigelegt? Sie zählt tausend fünfzig Jahre oder nicht viel weniger. Also sind von Jupiter, dem Bruder des Pikus und dem Vater der minderen übrigen Götter, bis zu dieser Zeit nahe an zweitausend Jahre, oder vollzählig, wie wir dieselben angegeben haben. Da dieß nicht wiederlegt werden kann, so stellt sich die Religion, die ihr übt, nicht nur als neuerlich entstanden dar; sondern auch, daß die Götter selbst, welchen ihr Stiere und andere Opfer mit Gefahr des Verderbens darbringt, damals noch Kinder waren, die der Ernährung durch die Muttermilch bedurften.

Allein eure Religion geht der unsrigen um viele Jahre vor und um so wahrhaftiger ist sie, weil durch des Altersthums Autorität geschützt. Was nützt es ihr, um so viele Jahre voraus zu seyn, da sie doch zu einer Zeit angefangen hat? Was ist der Raum von ihren zweitausend Jahren im Vergleich mit so vielen tausend Jahrhunderten? Und doch, damit es nicht scheine, wir wollen durch eine so lange Verhehlung die Sache verschieben, so saget, wenn es nicht beschwerlich fällt, haltet ihr den allmächtigen und ersten Gott für eine Neuheit, und meint ihr, daß die, welche verehrend ihm dienen, eine unerhörte, unbekannte, unverhoffte Religion üben und einführen? Ist irgend Etwas älter als Er, oder kann man irgend Etwas auffinden, das Ihm der Sache, der Zeit, dem Ansehen nach vorgeht? Ist er nicht ganz allein unerschaffen, unsterblich und immer fortdauernd? Wer ist der Dinge Haupt und Ursprung? Nicht Er selbst? Wem verdankt die Ewigkeit eben das, wodurch sie sich als Ewigkeit zu erkennen giebt? Nicht Ihm? Daß die unendlichen Zeiten sich entfalten, geschieht dieß nicht aus seiner ununterbrochenen Fortdauer? Unbezweifelbar und wahrhaftig ist das; folglich ist, wem wir nachfolgen, nicht neu, sondern wir haben uns nur spät an den, dem man folgen und dienen soll, angeschlossen; oder wo es schicklich ist sowohl die Hoffnung des Heils anzuheften, als auch die dienenden Hilfsmittel zu ordnen: denn noch nicht war erschienen, der den Irrenden den Weg zeigte, den in tiefster Finsterniß Befindlichen das Licht der Erkenntniß zubrachte und der Unwissenheit Blindheit vernichtete.

Allein diese Sache sollen wir ganz allein auf diese Weise drehen. Wie, habt ihr die ägyptischen Gottheiten, deren Namen Serapis und Isis sind, nicht nach den Konsuln Piso und Gabinius (696 n. E. d. St. 58 v. Chr. G.) unter die Zahl eurer Götter aufgenommen? Wie, habt ihr nicht die phrygische Mutter, deren Urheber, wie man angiebt, entweder Midas oder Dardanus war, als der Punier Hannibal Italien verwüstete und des Landes Herrschaft verlangte, erst kennen lernen und durch denkwürdigen Dienst geheiligt? Daß euch der Dienst der Mutter Ceres unbekannt gewesen, den ihr kurz vorher genehmigt habt, ist unverhehlt durch die griechische Benennung, indem diese die Neuheit selbst bezeugt. Gründet sich nicht auf der Gelehrten Schriften, daß den Namen Apollo die pompilianischen Gebetformulare nicht kennen? woraus sich zuverlässig ergiebt, auch dieser sey euch unbekannt gewesen, nachmals aber habe er bekannt zu werden angefangen. Frägt euch nun Jemand, weshalb ihr den Dienst der von uns erwähnten Gottheiten so spät angenommen, so werdet ihr unzweifelbar entgegnen, theils weil wir unlängst nicht wußten, sie gehörten unter die Zahl der Götter, theils weil wir nun von den Sehern ermahnt, theils weil wir in höchst mißlichen Zuständen mittelst ihrer Wohlthaten und Hilfleistungen erhalten worden sind. Haltet ihr jedoch dafür, dieß sey schicklich gesprochen, so wollt annehmen, daß auch wir unserer Seits auf ähnliche Weise geantwortet haben. Unsere Religion ist jetzt entstanden, denn jetzt kam der Gesendete, welcher sie uns kund machte, welcher in derselben Wahrheit einführte, welcher darthat, was Gott sey, welcher uns zu seinem Dienste von Einbildungen hinwegrief.

Und warum, sagt man, hat Gott der Herr und Erste beschlossen, so zu sagen vor wenigen Stunden den Erretter aus der Himmelsburg zu euch zu schicken? Wir fragen euch dagegen, aus welcher Ursache, aus welchem Grunde geschieht es, daß manchmal die Jaheszeiten nicht ihren Monaten zufallen, sondern Winter, Sommer und Herbst später eintreten? Weßwegen ergießen sich manchmal nach ertrockneter Erndte und vertilgtem Getreide Regen, welche die wohlbehaltenen Dinge befruchten, und zu gelegener Zeit sich einstellen sollten? Ja, vielmehr fragen wir, warum, wenn Herkules, Aeskulap, Merkur, Liber und so viele andere noch, welche sowohl der Versammlung der Götter einverleibt wurden, als auch den Sterblichen irgend etwas Nützliches mittheilten, geboren werden sollten, wurden sie so spät von Jupiter erzeugt, so daß bloß die Nachwelt sie wußte, das frühe Alterthum sie aber nicht kannte? Ihr sagt, es sey irgend ein Grund. Also war auch hier ein Grund, warum nicht unlängst, sondern heute der Retter unseres Geschlechtes ankam. Welcher Grund nun? Wir leugnen nicht, dessen unkundig zu seyn: denn nicht ist es Jemand leicht, Gottes Gesinnung zu erkennen oder auf welche Weise Er seine Dinge angeordnet. Der Mensch, ein blindes Thier und sich selbst unbewußt, kann nicht nach den Gründen streben, warum, wann oder auf welche Weise etwas seyn muß; der Vater, Lenker und Herr gesammter Dinge weiß dieß allein. Kann ich auch die Ursachen aber nicht aufklären, weswegen Etwas auf diese oder jene Weise geschieht, so folgt nicht alsbald, was geschehen, sey ungeschehen, und eine Sache, die durch solche Kräfte und Machtvollkommenheit als unbezweifelbar dargethan worden, büße die Glaubwürdigkeit ein.

Du wirfst ein und führst an, warum der Retter so spät gesendet ward? In der unendlichen immerseyenden Ewigkeit muß durchaus Nichts spät genannt werden: denn wo kein Ende und sein Anfang, da ist Nichts langsam. Die Zeit nämlich erkennt man mittelst dem Ende und Aeußersten, was der unendlichen Fortdauer der Ewigkeit nicht zukommen kann. Wie, wenn die Dinge selbst, denen geholfen zu werden schicklich war, diese gelegene Zeit verlangten. Wie, wenn das Alterthun einen andern Zustand als das Nachfolgende hatte? Wie, wenn den Alten auf andere Weise beigestanden werden mußte, als den Nachkommenden? Hört ihr nicht euere euch erinnernden Schriften, es habe einst Menschen, Halbgötter, Heroen, mit übermenschlichen und unförmlichen Körpern gegeben? Leset ihr nicht, daß Kinder in der Mütter Brüste stentorisches Gewimmer ausstießen; deren in verschiedenen Gegenden ausgegrabene Gebeine bei den Findern Zweifel erregten, ob sie Ueberreste von Menschen seyen? Es kann also seyn, daß der allmächtige, alleinige Gott dann erst Christus ausgesendet habe, nachdem das Menschengeschlecht kraftsloser und unsere Natur schwächlicher zu seyn angefangen. Wenn das heute Geschehene vor tausend Jahren geschehen hätte können, so würde es der oberste Herrscher vollbracht haben; oder wenn das heute Geschehene nach eben so vielen tausend Jahren sich erfüllen hätte sollen, so zwang Gott Nichts, das nothwendige Zeitmaaß nicht abzuwarten. Nach festgesetzten Gründen vollbringen sich seine Dinge, und was einmal zu geschehen beschlossen ist, vermag durch keine Steuerung geändert zu werden.

Insofern ihr also, sagt man, dem allmächtigen Gott dienet, und vertrauet, daß er für euer Heil und euere Unversehrtheit Sorge trage, warum läßt Er zu, daß ihr so viele Verfolgungen erleidet und alle Arten Plagen und Strafen übertragt? Dagegen forschen wir, weßhalb auch ihr, da ihr doch so große und so unzählige Götter verehret, da ihr ihnen geweihte Tempel errichtet, aus Gold Bildnisse fertigt, ganze Herden lebender Wesen abschlachtet, und auf den Altären ganze Weihrauchfässer ausdampft, nicht frei seyd von so vielfachen Gefährlichkeiten und Stürmen, durch welche euch täglich die verderblichen und schwer ergründlichen Geschicke hintreiben? Weßhalb sage ich, eure Götter zaudern, so viele Arten Krankheiten und Gebrechen, Schiffbrüche, Unfälle, Brände, Seuchen, Unfruchtbarkeit, Verlust geliebter Kinder, Konfiskation der Güter, Zänkereien, Kriege, Feindschaften, Belagerungen und Sklaverei von euch abzuwenden? Aber auch uns hilft Gott in derlei Zufällen ganz und gar nicht. Die Ursache liegt offen vor Augen: denn Nichts ist uns wegen diesem Leben versprochen, und nicht ist uns in diesem Fleischsacke Befindlichen irgend ein Beistand verheißen oder eine Hilfe bewilligt; ja wir sind vielmehr belehrt, alle Bedrohungen des Geschickes, welche immer, gering zu schätzen und nicht zu berücksichtigen. Und wenn einmal irgend eine stärkere Kraft hereinbrechen werde, die nothwendig das Ende mit sich führt, dieselbe weder zu fürchten, noch zu fliehen, damit wir desto leichter uns dieser körperlichen Bande entledigen und der finstern Blindheit entkommen können.

Dergestalt ist, was ihr der Verfolgung Härte nennt, unsere Befreiung, nicht Verfolgung, und die Plage verursacht keine Strafe, sondern sie führt zum Lichte der Freiheit hinaus, gleichwie wenn irgend ein Thörichter, der dafür hält, ein in den Kerker geworfener Mensch werde nie schwer und grausam bestraft, außer er wüthe wider den Kerker selbst, nun dessen Stoff vermindert, das Dach, die Wand, die Thüre verbrennt und die übrigen Theile des Werkes aufdeckt, umstürzt, niederschlägt, unbewußt daß durch solches Thun dem, welchem er zu schaden scheint, von ihm das Licht gegeben und die frevelhafte Blindheit hinweggenommen werde: auf gleiche Weise entreißet ihr durch das Feuer, durch die Verbannung, durch die Martern, durch die wilden Thiere, mittelst welcher ihr unsere Körper zerfleischt und zu Grunde richtet, uns nicht das Leben, sondern ihr entledigt uns der Haut und Hülle; unwissend, daß jemehr ihr beharret und fortfahret wider diese unsere Bildnisse und Gestaltungen zu wüthen, ihr nur um so mehr uns aus den knappen und Kerkern befreit und bewirkt, daß wir nach zerrissenen Banden dem Lichte zueilen.

Deßhalb Menschen stehet ab, eure Hoffnungen durch nichtiges Forschen zu verwirren, und wollet nicht, wenn irgend Etwas anders als euch bedünkt, sich verhält, vielmehr eueren Meinungen glauben, als dem was göttlichen Ansehens ist. Die Zeiten drängen voll Gefahren und verderbliche Strafen drohen. Laßt uns zum heilspendenden Gott hinfliehen und nicht der dargebotenen Gabe Grund untersuchen. Handelt es sich um das Heil der Seelen und um unsre Rücksicht, so muß auch Etwas ohne die Vernunft angenommen werden, wie nach Arrian Epiktet gesagt hat. Zweifeln, streiten und argwöhnen wir nicht, ob das Gesagte volle Glaubwürdigkeit habe; vertrauen wir uns Gott, und unser Unglaube gelte bei uns nicht mehr als seines Namens und seiner Machtvollkommenheit Erhabenheit; auf daß nicht, indem wir durch uns selbst die Beweisgründe aufsuchen, denen zufolge das falsch zu seyn scheint, dessen Seyn wir nicht wollen und wider dessen Wahrheit wir uns anstrengen, der letzte Tag heranbreche und wir uns in dem Rachen des feindseligen Todes befinden.

Drittes Buch

Genugsam weitläufig und sorgfältig ist nun fürwahr allen diesen Beschuldigungen, vielmehr Beschimpfungen, um die Wahrheit zu sagen, von den trefflichsten Männern in diesem Falle geantwortet und ihr schuldet, diese Wahrheit zu wissen. Kein Punkt von Bedeutung irgend einer Frage ist übergangen, der nicht auf tausendfache Weise und durch die schlagendsten Gründe widerlegt wäre. Es ist also unnöthig, bei diesem Theil der Sache länger zu verweilen: kann denn die christliche Religion nicht ohne Vertheidiger bestehen? oder wird ihre Wahrhaftigkeit um so mehr erwiesen, hat sie sehr viele Beipflichter und behauptet sie ihre Autorität von den Menschen her? Sie ist mit ihren Kräften zufrieden und stützt sich auf den Grund eigener Wahrhaftigkeit. Sie wird ihrer Kraft nicht beraubt, hat sie auch keinen Vertheidiger. Ja, wenn alle Zungen widersachten, sich entgegenstemmten und durch die Heftigkeit der Zusammenstimmung ihr den Glauben zu entwenden sich vereinigten.

Wir kehren nun zu der Ordnung zurück, welche wir nothgedrungen kurz vorher verlassen haben; damit man nicht sage, die allzulang unterbrochene Vertheidigung habe den falschen Anklägern die Palme der genehmigten Beschuldigung zugestanden. Sie erinnern nämlich, wenn euch der Dienst der Gottheit am Herzen liegt, weßhalb verehrt und dienet ihr mit uns den anderen Göttern, warum vereinigt ihr euch nicht mit euren Landsleuten zu gemeinschaftlichem Dienst der Gottheit und verbindet die Gebräuche der Religion? Wir können unterdessen sagen, um den Dienst der Gottheit abzuwarten, ist uns der oberste Gott hinreichend. Der oberste Gott, sage ich, der Vater aller Dinge und Herr; der Anordner und Lenker der Gesammtheit. In Ihm dienen wir Allem dem zu dienen ist; verehren wir, was sich verehrt zu werden schickt; erweisen wir Hochachtung, was den Dienst der Hochachtung verlangt: denn da wir das Haupt der Gottheit selbst festhalten, von dem sich die Gottheit selbst aller göttlichen Wesen, welche immer sie sind, herleiten, so halten wir es für überflüssig uns mit den Einzelnen abzugeben; um so mehr, da wir selbst, wer sie sind und welche Namen sie führen, nicht wissen, und weder entdecken noch erforschen können, wie groß ihre Anzahl sey.

Und gleichwie in den irdischen Reichen wir durch keine Nothwendigkeit angetrieben werden, die zu der königlichen Familie Gehörigen namentlich mit dem Fürsten zu verehren, sondern im Dienste der Könige selbst, was immer ihnen verbunden ist, sich mittelst stiller Ehrerweisung mit einbegriffen hält: auf gleiche Weise verhält es sich mit allen diesen Göttern, welche immer sie sind, deren Seyn ihr uns behauptet. Sind sie königlicher Abstammung und dem obersten Haupte entsprossen, auch wenn sie von uns namentlich keinen Dienst empfangen, dennoch wissen sie sich gemeinschaftlich mit ihrem König geehrt und in seiner Verehrung eingeschlossen. Dieß ward von uns jedoch insofern nur ausgesagt, wenn ausgemacht feststeht, daß außer dem König und Oberhaupte selbst noch andere Häupter seyen, welche der Zahl nach abgetheilt und gesondert, gleichsam eine Volksmenge bilden. Wollet uns auch nicht in den geweihten Tempeln das Bild für die Götter, jene Bildnisse vorweisen, von denen ihr wohl wisset, aber zu bekennen verweigert, daß sie Formen aus dem geringsten Thone und kindische Erfindungen der Künstler sind. Da wir von göttlichem Dienst mit euch reden, so verlangen wir, ihr wollet das Seyn anderer Götter der Natur, Kraft und dem Namen nach darthun; nicht in Bildnissen, die wir sehen, vorgestellt, sondern in jener Wesenheit, in welcher schicklicher Weise die Kraft solches Namens zu glauben ist.

Wir wollen aber in diesem Theil der Sache nicht länger verweilen, damit es nicht scheine, als seyen wir Willens die heftigsten Streitigkeiten zu erregen und tumultuarische Kämpfe anzuheben. Mag, wie ihr aussagt, das Volk der göttlichen Wesen seyn; mögen der Götter unzählige Verzweigungen bestehen; wir stimmen bei, wir beruhigen uns, wir schließen die Augen und durchbohren mit keinerlei Untersuchung dieß als zweifelhaft und ungewiß. Dieß aber verlangen und erbitten wir von euch zu hören, woher ihr gewiß wißt oder durch welche Gründe euch Kunde geworden, diese von euch angenommenen und verehrten Götter seyen im Himmel; oder was weiß ich welche andere, ungehört dem Dafürhalten und Namen nach? denn es kann geschehen, daß die, deren Seyn ihr nicht denkt, sind, und daß die, deren Seyn ihr bekennt, in keinem Theil der Natur sich vorfinden: denn nicht seyd ihr einmal zu den Gestirnen des Himmels hinangeflogen, habt jedes Einzelnen Angesicht geschauet, und dann die, welche nach eurer Erinnerung dort Götter sind, hier als zu verehren gleichwie bekannte und gesehene eingeführt. Aber auch dieß begehren wir weiter von euch zu vernehmen, ob ihnen die Namen, mit welchen ihr sie anruft, beigelegt worden, oder ob sie dieselben sich selbst an den Tagen der Reinigung gegeben haben? Sind diese Namen göttliche und himmlische, wer hat dieselben zu euch gebracht? Wurden aber diese Benennungen von euch ihnen zugetheilt, wie konntet ihr denen, die ihr weder einmal saht, noch durch irgend eine Kenntniß ihrer Beschaffenheit und Wesenheit nach wußtet, Namen geben?

Allein da ihr wollt und glaubt und da ihr überzeugt seyd, sie seyen Götter, so mögen sie auch mit diesen Namen benannt werden, mit welchen das Volk meint, daß das Göttervolk benannt werde. Woher aber wißt ihr alle diejenigen, deren Namen das Götterverzeichniß füllen? Sind etwa einige, euch dem Namen nach unbekannte, einmal in Gebrauch und zur Kenntniß gebracht worden? denn nicht leicht kann man wissen, ob die Menge derselben der Zahl nach begränzt und bestimmt; ob ohne irgend eine Summe die Menge sey und durch keinerlei Zusammenzählung abgeschlossen. Nehmen wir nämlich an, ihr verehrt tausend oder vielmehr fünftausend Götter; dennoch kann vielleicht nach der Natur der Dinge es hunderttausend Götter, auch noch mehr geben. Ja, wie schon vorher gesagt, es kann die Summe der Götter durch keine Zahl umfaßbar seyn. Also seyd auch ihr entweder unfromme, da ihr außer wenigen Göttern den Dienst der übrigen unterlasset; oder fordert ihr wegen Nichterkenntniß der übrigen Nachsicht, so werdet ihr diese Nachsicht auch uns zugestehen, insofern wir im ähnlichen Falle uns der Verehrung derer, welche uns durchaus unbekannt sind, enthalten.

Und doch, damit nicht Jemand urtheile, wir wollten hartnäckig den Dienst der anderen göttlichen Wesen, welche immer sie seyen, nicht auf uns nehmen: so strecken wir allerdings mit frommen Herzen flehende Hände aus und verschmähen nicht, wohin ihr uns einladet, zu kommen; wenn wir nur erfahren, wer denn diese Gottheiten seyen, die ihr uns aufdringt und die man billig der Verehrung des obersten und ersten Herrn zufügen solle. Man sagt; Saturnus, Janus, Minerva, Juno, Apollo, Venus, Triptolemus, Herkules, Aeskulap, sammt den Uebrigen, welchen fast in sämtlichen Städten das religiöse Alterthum prachtvolle Tempel geweiht hat. Vielleicht hättet ihr uns zum Dienst dieser göttlichen Wesen einladen können, hättet ihr nicht selbst zuerst durch die Abscheulichkeit schimpflicher Meinungen solches von ihnen erdichtet, was nicht bloß ihre Würde beschmutzte, sondern erwies, ganz und gar nicht eigneten ihnen die gehörigen Eigenschaften. Zuerst nämlich konnten wir nicht zu diesem Glauben hinzugefügt werden, jene unsterbliche und vorzüglichste Natur sey dem Geschlecht nach verschieden; ein Theil sey männlich, der andere weiblich. Welchen Punkt auch weitläufig längst schon Männer freimüthiger Brust, sowohl Römer als Griechen, enthüllt haben; und vor Allen hat Tullius, der beredsamste Römer, ohne Scheu vor dem Haß der Unfrömmigkeit, freimüthig, standhaft und furchtlos, was er über diese Meinung dachte, mit größerer Frömmigkeit ausgesprochen; so daß, nahmt ihr durch des Urtheils Wahrheit die schriftlich niedergelegten Thatsachen, nicht der Worte Prunk an, diese Sache beendigt gewesen wäre; und nicht, wie man sagt, von uns Kindern eine abermalige Darstellung fordert.

Allein was sag‘ ich, man verlange von ihm anstößige Reden und wohlklingende Worte, da ich weiß, daß nicht Wenige um deßwillen seinen Schriften widersachen (sic) und sie fliehen; auch nicht das Lesen seiner Meinungen hören wollen, weil sie Vorutheile besiegen? Da ich Andere unwillig murmeln und sprechen höre, es solle vom Senat die Vertilgung dieser Schriften, durch welche die christliche Religion bestättigt und des Alterthums Autorität unterdrückt würde, angeordnet werden? Wenn ihr euch traut, irgend etwas zuverlässiges von euern Göttern auszusagen, so überweist den Cicero des Irrthums, so widerlegt, überführt, verwerft das von ihm verwegen und unfromm Behauptete: denn Schriften konfisziren und das öffentliche Lesen unterdrücken wollen, heißt nicht die Götter vertheidigen, sondern das Zeugniß der Wahrheit fürchten.

Damit jedoch ferner nicht irgend Einer auch uns unüberlegt den Vorwurf errege, als glaubten wir, der von uns verehrte Gott sey männlichen Geschlechtes; nämlich um deßwillen, weil wir ihn beim Sprechen als männlich bezeichnen; so mag er bemerken, daß nicht das Geschlecht, sondern dem Gebrauch und der Vertrautheit der Redeweise gemäß, seine Benennung und Bedeutung ausgedrückt werde: denn nicht ist Gott männlichen Geschlechtes, sondern sein Name; was ihr in euerer Religion eben nicht sagen könnt: denn ihr seyd in euern Gebeten gewohnt, entweder: du bist Gott, oder: du bist Göttin, zu sprechen; welche Unterscheidungsformel darthut, daß ihr den Göttern das Geschlecht selbst der Verschiedenheit nach beilegt. Wir können also nicht veranlaßt werden, daß wir die Gottheit körperlich glauben: denn nothwendig, wenn männlich und weiblich, ist sie körperlich wegen dem auszeichnenden Geschlechtsunterschiede. Wer nämlich, auch geringerer Einsicht, weiß nicht, es sey von jenem Urheber der irdischen Wesen um keiner anderen Ursache willen der verschiedenartige Geschlechtszustand angeordnet und gestaltet worden, als damit durch die Einigung der Körper mittelst fortdauernder Erneuerung der Nachfolge das Vergängliche und Hinfällige andauere.

Was sagen wir? Die Götter erzeugen? die Götter gebären? und um deßwillen haben sie die Zeugungsglieder, damit sie ihr Geschlecht ergänzen können und was die Vorzeit hinwegraffte durch neuentstehende Zeugung die sproßende Ergänzung ersetze? Wenn dieß also demgemäß ist, nämlich, wenn die oberen Götter zeugen und dergestalt des Geschlechtes sich bedienen, wenn sie ferner unsterblich sind und der Frost des Alters sie nicht entkräftet, so folgt, daß Alles von Göttern erfüllt seyn müsse und derselben Menge die unzähligen Himmel nicht erfassen können: wenn anders dieselben fortwährend zeugen und durch Kinder der Kinder die vervielfältigste Unzahl immer sich mehrt. Oder aber ist, wie sich ziemt, die Schmach der Begattung den Göttern fern, welche Ursache und welcher Grund läßt sich angeben, warum jene Theile bezeichnet sind, durch deren Mahnen die Gescchlechter der eigenthümlichen Begierden wahrzunehmen pflegen? denn nicht wahrscheinlich ist, daß sie dieselben umsonst haben, oder daß die unvorsichtige Natur ihren Gebrauch nicht gewollt, so daß sie dieselben mit diesen Theilen begabte, deren sie sich nicht bedienen sollten: denn wie zu gewissem Gebrauche Hände, Füße, Augen und die übrigen Gliedmaßen, jedwedes zu seinem Dienst, geordnet sind, so gebührt sich zu glauben, daß auch diese Theile zu ihrer Dienstverrichtung bereitet worden seyen; oder man muß annehmen, es finde sich in den Körpern der Götter irgend etwas Unnützes, was umsonst und zwecklos gebildet ward.

Was sagt ihr heilige und unbefleckte Vorsteher der Religionen? Die Götter haben also Geschlechte und tragen die Schändlichkeit der Zeugungstheile, welche mit Namen zu nennen dem schamhaften Munde zur Schmach gereicht, mit sich umher? Was erübrigt nun noch, als daß wir sie nach des einstimmig Viehes Weise der Brunst ihrer Begierden sich hingebend, zu wechselseitiger Begattung mit heftiger Lust hineilend und endlich durch Wollust entkräftet, mit geschwächten und erschlafften Körpern ermattend glauben. Und insofern einigen das weibliche Geschlecht eignet, so folgt, daß wir auch diese nach umgelaufenen Monden ihre Regeln erfüllend, widrige Empfängniß herbeiführend und aufnehmend, unzeitig gebährend, austragend und die Frucht nach sieben Monaten oftmals unzeitig bringend glauben. O der reinen, der heiligen von aller Makel der Unanständigkeit abgesonderten und getrennten Gottheit! Die Seele begehrt und erglüht, in jenen geräumigen Sälen und Hallen des Himmels die Götter und Göttinnen mit unbedeckten und nackten Körpern zu schauen, die von Jaccho hochgebrüstete Ceres, wie Lukrez (von der Natur Dinge IV, 1164) aussagt, den hellespontischen Priap, wie er in Mitte der jungfräulichen und mütterlichen Göttinnen jene Dinge offen herumträgt, immer bereit zum Kampfe. Sie begehrt, sag‘ ich, die Schwangeren, die entbindenden Göttinnen zu schauen, wie die einen bei täglich zunehmendem Leibe mit der Beschwerlichkeit der Bürde weilen, die anderen nach langer Zögerung gebären und die Hilfe der Wehmutter verlangen; wie andere getroffen von heftigen Pfeilen und der Schärfe der Schmerzen heulen, sich krümmen und während dem Allem den Beistand der Juno Lucina anschreien. Ist es nicht besser die Götter zu schmähen, zu lästern und ihnen sonstigen Schimpf anzuthun, als solche monströse Meinungen unter frommer Hülle von denselben unschicklich zu glauben?

Und ihr wagt es, uns die Klage der Götterbeleidigung zuzuschreiben, da bei angestellter Untersuchung doch diese aufs zuverläßigste euch anheimfällt und nicht in der von euch vermeinten Schmach, die wir ihnen anthun sollen, besteht: denn wenn die Götter, wie ihr behauptet, vom Zorn ergriffen werden und in Unwille entbrennen; warum sollen wir nicht dafürhalten, daß sie ungern und sehr ungern hinnehmen, von euch sich das Geschlecht beilegen zu lassen, womit Hunde und Schweine begabt sind? Verhält sich dieß folglich also, dann seyd ihr alles Jammers Ursache; ihr reizt die Götter, ihr treibt sie an, mit allen Uebeln die Länder heimzusuchen und täglich neue anzuordnen, um sich, durch so viele Unbilden und Beschimpfung erbittert, an euch rächen zu können. Durch Beschimpfungen und Unbilden, sage ich, durch schmähliche Fabeln theils, theils durch unanständige Meinungen, welche eure Theologen, eure Dichter, ja ihr selbst in schimpflichen Gebräuchen verherrlicht, werdet ihr die menschlichen Zustände verloren finden und daß die Götter das Steuer von sich geworfen haben; wenn anders derselben Sorge die Lenkung und Verwaltung der menschlichen Angelegenheiten beachtet: denn warum sollten sie uns zürnen, von denen sie wahrnehmen und bemerken, daß wir sie weder verehren noch verlachen, wie man sagt, sondern vielmehr hinsichtlich ihrer Würde anständiger als ihr urtheilen und glauben.

So viel vom Geschlechte. Nun kommen wir zur Gestalt und zu den Formen, unter welchen ihr die oberen Götter dargestellt glaubt; unter welchen ihr sie selbst abbildet und in den geräumigsten Tempelhallen aufstellet. Nicht mag hier Jemand uns die jüdischen und sadducäischen Fabeleien einwerfen, als ob auch wir Gott eine Form beilegten: denn dieß glaubt man werde in ihren Schriften ausgesagt und gleichwie durch eine gewisse Thatsache und Autorität bekräftigt. Sie haben aber keinen Bezug auf uns, noch auch irgend etwas Gemeinschaftliches mit uns; oder sind sie, wie man annimmt, uns verwandt, so müßt ihr Lehrer tieferer Einsicht fragen, damit ihr durch sie lernen könnet, auf welche Weise die Wolken und Hüllen ihrer Schriften schicklich gelichtet werden. Unsere Ansicht davon ist diese. Jede göttliche Natur, welche weder irgend einmal zu seyn angefangen, noch jemals zum Lebensziel gelangen wird, entbehre der körperlichen Umrisse, besitze keine Gestaltung der Formen, durch welche die äußerste Abgrenzung der Gliedmaßen die Zusammenfügung zu enden pflegt: denn was der Art ist, halten wir für sterblich und hinfällig, und glauben nicht, daß die ewige Dauer behaupten könne, was eingeschlossen das nothwendige Aeußerste mit beendigenden Grenzen umfaßt.

Allein zu wenig dünkt es euch, die Götter nach dem Maß der Formen zu erfassen und zufolge der menschlichen Figur zu bestimmen; was noch unwürdiger ist, ihr begrenzt sie durch den Umriß irdischer Körper. Was also sollen wir sagen? Die Götter tragen das länglich runde Haupt, welches durch die Bänder der Sehnen dem Rücken und der Brust verbunden ist, und zu den nothwendigen Nackendrehungen durch Zusammenfügungen der Gelenke und Unterbau der Knochen gestützt wird. Wenn wir nun dieß als wahr annehmen, so folgt, daß sie auch Ohren haben, durchbohrt von gekrümmten Gängen; die beweglichen Scheiben der Augen, beschattet durch die Ränder der Brauen; die gewölbten Rinnen der Nase, gangbar für den Schleim und Athem; die dreifachen Zahnarten zur Zermalmung der Speisen, für drei Verrichtungen geordnet; die behilflichen Hände zur Vollbringung der Werke, durch die Gelenke, Finger und der Ellbogen Beweglichkeit anwendbar; die Füße zum Tragen des Körpers, zum Fortschreiten und Weitergehen. Wenn aber die Götter, was sichtbar vorliegt besitzen, so ist schicklich, daß sie auch dessen theilhaft sind, was die Haut unter den Rippen und derselben Rost bedeckt, wie auch das Darmfell, die Luftröhren, den Magen, die Milz, die Lunge, die Blasen, die Leber, der gewundenen Därme Ordnung, und die durch alle Eingeweide sich hinziehenden Venen voll purpurnen Blutes sammt den ihnen verbundenen Arterien.

Oder mangeln etwa den Körpern der Himmlischen diese Abscheulichkeiten? und muß man annehmen, weil sie der menschlichen Speisen sich enthalten, sie seyen ähnlich den Kindern, zahnlos, und beraubt aller Eingeweide schwankten sie gleich ausgeblasenen Schläuchen in der Leere ihrer aufgeblähten Körper einher? Ja, wenn dieß so ist, so müßt ihr nothwendig bemerken, ob nicht alle Götter sich ähnlich sind, oder ob Verschiedenheit der Formen bei ihnen stattfindet: denn sind Alle sich gleich und kommt ihnen insgesammt eine ähnliche Gestaltung zu, so ist nicht unschicklich zu glauben, dieselben müßten sich in gegenseitiger Erkennung irren und täuschen. Unterscheiden sie sich aber in den Gesichtszügen, so folgt, daß diese Unähnlichkeiten nur aus der Ursache gegeben betrachtet werden müssen, damit die Einzelnen sich mittelst der Eigenthümlichkeiten verschiedener Formen erkennen können. Also muß man sagen, Einige haben Dickköpfe, Stumpfnasen, hochgewölbte Stirnen, wulstige Lippen; Andere lange Kinne, Muttermahle, Spitznasen. Diese gespaltene Nasen, jene stumpfe. Etliche mit strotzenden Kinnladen und schwellenden Backen sind aufgeblasen; jene Zwerge, langgewachsen, mittlerer Größe, mager, dick, fett; diese kraushaarig, kahlköpfig, spärlich behaart. Und nicht erscheint unsere Meinung falsch, wie euere Werkstätten darthun und offenbaren: denn wenn ihr Götter macht und abbildet, so stellt ihr diese behaart, jene bartlos dar; als Greise, Jünglinge, Knaben; mit dunkeln, mit grauen, mit graugelben Augen; halb nackt, unbekleidet, oder wider die Unanehmlichkeit der Kälte von langen Gewändern überflossen.

Welcher nur einigermaßen vom Geschmack der Vernunft berührte Mensch mag wohl glauben, daß auf den Körpern der Götter Haare und Flaume wachsen? daß der Jahre Verschiedenheit bei ihnen sich finde? daß sie auch in mannigfach geformte Umwürfe und Gewänder gekleidet einhergehen und sich wider Hitze wie Kälte schützen? So daß, wer dieß für wahr hält, auch nothwendig gleicher Weise für wahr annehmen muß, Götter seyen Walker, seyen Barbiere, welche entweder die heiligen Kleider reinigen oder den die Häupter einhüllenden verwilderten Haarwuchs zuscheeren. Ist es dergestalt nicht schimpflich, nicht vollauf unfromm und schmählich, den Göttern der sterblichen und vergänglichen Geschöpfe Gestaltung beizulegen? ihnen die Theile zuzulegen, welche kein Tugendhafter anzuführen, zu gebrauchen, noch ohne den Schauder höchsten Abscheues mit seiner Einbildungskraft zu erfassen wagt? Ist nicht dieß eben euer Stolz, eure arrogante Weisheit, der zufolge ihr uns als Ungebildete verachtet und euch einbildet im Besitz der Wissenschaft aller göttlichen Dinge zu seyn? Ihr verlacht die geheimnißvolle Weise der Aegypter, da sie unter den Gestalten der Thiere göttliche Mächte verhüllen, und diese mit vielem Weihrauch sammt der sonstigen Zurüstung der Zeremonien aufnehmen; die ihr Menschenbilder gleich Göttern verehret, und euch nicht schämt, denselben die Gestalten irdischer Wesen beizulegen? Anderer Irrthum und Thorheit verdammt ihr, und werdet doch im ähnlichen Irrthum wie Fehler erfunden.

Wofern ihr nicht etwa sagt, die Götter befänden sich in anderen Formen, und nur des Anstandes wegen, wie auch um des Zeigens willen, zu äußerlicher Darstellung hättet ihr ihnen die sterbliche Gestalt beigelegt; was um Vieles schmachvoller ist, als irgend ein Irrthum aus Unwissenheit: denn bekanntet ihr, nach euerer Vermuthung Glauben die göttlichen Bildungen gegeben zu haben, so war der vorgefaßten Meinung Fehler ein geringeres Unrecht. Nun aber, da ihr Anders glaubt und Anders bildet, so behandelt ihr die schimpflich, welchen ihr beilegt, was sie nach euerm Bekenntniß nicht sind; und erweiset euch ferner als irreligiös, da ihr das von euch Gebildete verehret und nicht das, was ihr wirklich und wahrhaftig zu seyn annehmt. Hätten die Esel, die Hunde, die Schweine irgend eine menschliche Einsicht, könnten die bildenden Künste üben und wollten uns irgend einen Dienst erweisen, uns durch Weihungen von Statuen ehren; welche Zornesflammen, welche Stürme des Unwillens würden sie erregen, verlangten sie, unsere Bildnisse sollten die Formen ihrer Körper erhalten? Welche Zornesflammen, sage ich, würden sie auswerfen, anfachen, stünde der Stadtgründer Romulus mit einem Eselskopfe, der heilige Pompilius mit einem Hundskopfe da; wäre unter einer Saugestalt Kato’s oder Markus Ciceros Name eingegraben? Werden euere Götter, wenn anders sie lachen, nicht also dergestalt euere Albernheit verlachen? oder aber, weil ihr annehmt, daß sie sich vom Zorne erregen lassen, nicht toben, wüthen; für solches Unrecht und derlei Schmach nicht sich rächen wollen; das auf euch herabschleudern, was der Zorn zu schleudern gewohnt ist, und die Widerwärtigkeit der Unfälle ersinnen? Wie viel besser gab man ihnen die Gestalt der Elephanten, der Panther, der Tiger, der Stiere und Pferde? denn was ist am Menschen schön, was, frage ich bewundernswerth, wofern nicht, wie ich weiß welcher Schriftsteller (Ennius nach Cicero de nat. deor. I, 35) gewollt, mit den Affen Gemeinschaft hat?

Mißfällt euch aber, sagt man, unsere Meinung, so thut dar, so saget an, mit welcher Form Gott begabt sey. Wollt ihr den wahren Ausspruch vernehmen, so hat Gott entweder keine Form, oder ist Er gestaltet, fürwahr so wissen wir nicht auf welche Weise: denn was wir nie noch sahen, dessen Nichtwissen halten wir nicht für schimpflich; noch auch lassen wir uns hierin durch andere Meinungen widerlegen, weil wir selbst hierüber keine eigene Meinung aufstellen. Wie wenn man nämlich sagt, die Welt sey aus Glas, aus Silber, aus Eisen oder aus gebrechlichem Lehm zusammengeballt und gebildet, wir nicht bezweifeln, die Behauptung sey falsch, obgleich ihre Materie uns unbekannt ist; ebenso, da von Gottes Gestalt gehandelt wird, behaupten wir, die von euch gewähnte sey nichtig, obschon wir nicht im mindesten dieselbe angeben können.

Wie also, sagt Einer, so hört, spricht Gott nicht? Er sieht die Dinge vor sich nicht? Er nimmt keine Rücksicht auf dieselben? Auf seine Art vielleicht, nicht auf unsere Weise: denn weder können wir in solcher Sache etwas Wahres wissen, noch Vermuthungen erforschen, welche, wie einleuchtet, bei uns nur unstatthaft, betrieglich und eiteln Träumen ähnlich sind. Wollten wir nämlich sagen, Er sähe auf dieselbe Art wie wir, so folgte die nothwendige Annahme, Er habe jene die Pupillen umgebenden Häute, schließe die Augen, bewege die Lieder hin und her, sehe mittelst der Strahlen oder Bilder oder erblicke, was allen Augen gemein ist, ohne die Zumischung irgend eines anderen Lichtes durchaus Nichts. Was gleichmäßig auch vom Gehör und der Sprache zu sagen ist. Hört Er durch die Ohren, so muß Er sie ebenfalls mit gekrümmten Gängen durchbrochen haben, damit der Schall der Rede verkündend zum Sinn hinzudringen kann; oder ergießen sich die Worte dem Munde, so muß Er Lippen mit Zähnen besitzen, indem mittelst Anschlag an dieselben und Beweglichkeit die vielfältige Zunge Töne artikulirt und den Schall zu Worten ausbildet.

Verweigert ihr nicht den Trieb unserer Seele zu vernehmen, so sind wir nicht allein weit davon entfernt, Gott körperliche Umrisse beizulegen, sondern wir scheuen uns sogar, ihm auch den Schmuck der Seele und die Tugenden selbst, durch welche sich auszuzeichnen kaum Wenigen gestattet ist zuzuschreiben: denn wer möchte sagen, Gott sey starkmüthig, standhaft, rechtlich, weise? wer, Er sey gut, mäßig, ja wer, er wisse Etwas; Er habe Einsicht; Er trage Vorsorge? wer, Er ermesse nach gewissen Pflichtzwecken die Entschlüsse seiner Handlungen? Dieß sind menschliche Güter, die aus dem Widerstand der Laster die Löblichkeit ihrer Werthschätzung zu empfangen verdient haben. Wer aber ist so engbrüstig, so vernunftlos, daß er sage, Gott sey durch menschliche Güter groß oder daher komme der Vorzug seiner Majestät, weil die Schändlichkeit der Laster Ihm mangle? Was immer du von Gott aussagen, was immer du in des beruhigten Gemüthes Betrachtung erfassen magst, es springt in menschliche Sinnesweise über und verdirbt; und nicht hat, was wir mit unseren, zu dem menschlichen Verkehr gebildeten Worten ausdrücken, der eigenthümlichen Bezeichnung Ausdruck. Nur eine Erkenntniß des Menschen von Gottes Natur ist unumstößlich, wenn er weiß und fühlt, daß die menschliche Sprache von Ihm durchaus Nichts auszusagen vermöge.

Und dieß ist der erste Schimpf, den ihr freilich gute Schützer und fromme Gewährsmänner hinsichtlich der Gestaltung und des Geschlechtes eurer Gottheiten bereitet habt. Nun aber folgt, woher es komme, daß ihr euch dieselben verschiedentlich als Schmiede, als Aerzte, als Wollarbeiter, als Schiffer, Zitherspieler, Flötenbläser, Jäger, Schäfer und was noch erübrigte, als Bauern eingeführt? Und jener, heißt es, ist der Gott der Musik, und dieser der Weissagung; denn die übrigen sind keine Götter und wissen aus Untüchtigkeit und Unkunde des Zukünftigen, was geschehen wird nicht vorherzusagen. Diese ist im Hebammendienst ausgebildet, jener in der Arzneikunde unterrichtet. Also vermag jede Einzelne nur in ihrem Fache und kann zur Hilfe herbeigerufen anderweitig nicht beistehen? Dieser ist wohlberedt und in Zusammenfügung der Worte fertig; da Andere dumm sind, und sollen sie reden, nichts Kluges hervorbringen können.

Oder ich bitte, aus welchem Grunde, um welcher harten Nothwendigkeit wegen, welcher Ursache zufolge wissen und besitzen die Himmlischen, gleich gemeinen Schemmelsitzern, diese Fertigkeiten? Wird denn im Himmel gesungen und Cither gespielt, so daß die kundigen neun Schwestern die Intervalle und Tonstimmen fügen und moduliren mögen? Finden sich auf den himmlischen Bergen Wälder, sind dort Wildlager, Haine, um der vielvermögenden Diana zu Jagdparthien zu dienen? Die Götter wissen nicht, was bevorsteht; sie leben dem Zufall und unterliegen dem Schicksal, so daß was Jeglichem der morgende Tag oder die nächste Stunde bringt, der latonische Wahrsager entfaltet und offenbart? Wird er selbst von irgend einem anderen Gott erfüllt und von der Macht einer größeren Gottheit bezwungen und angeregt, daß man ihn mit Recht für einen Begeisterten aussagen und halten kann? Werden die Götter von Krankheiten ergriffen und können sie durch irgend Etwas verwundet, verletzt werden, so daß der epidaurische Helfer, verlangt es der Zustand, beistehen muß? Kreißen, gebären sie, daß die schwierigen Wehen Juno Lucina mildere und stille? Betreiben sie den Landbau oder liegen sie dem Kriegswesen ob, daß ihnen der feuergebietende Vulkan Schwerdter schmiede oder Ackergeräth zurichte? Bedürfen sie der Gewande, daß die tritonische Jungfrau ihnen mit Sorgfalt Zeuge webt und zwar nach Beschaffenheit der Jahreszeit, entweder dreifädige Röcke oder dergleichen aus Seide anfertigt? Führen sie Klage und reinigen sie Verbrechen, da der atlantische Enkel allererst durch eifrige Uebung die Gerichtsamkeit erhob?

Du irrst, sagt man, und täuschst dich: denn nicht sind die Götter selbst die Handwerker und Verrichter, sondern sie flößen diese Künste den Fähigkeiten der Menschen ein, und damit das Leben ausgerüsteter sey, überliefern sie den Sterblichen die Kenntnisse. Aber, wer irgend eine Lehre dem Unwissenden und Unkundigen eingiebt, und sich bemüht, diesen durch das Wissen irgend eines Werkes klug zu machen, der weiß nothwendig selbst zuerst, was er dem Anderen zu lehren sich entschlossen hat: denn nicht kann er der Ueberlieferer irgend einer Kenntniß seyn, besitzt er nicht die Erfahrung der Vorschriften dessen, was er überliefert, und versteht er nicht den wahrgenommenen Grund höchst geübt. Die Götter also sind die ersten Künstler und Handwerker; sey es, daß sie, wie ihr selbst sagt, das Wissen dem Gedanken einflößen; sey es, daß die Unsterblichen und Nieerzeugten das ganze irdische Geschlecht an Alter der Zeit noch überragen. Dieß also ist die Frage: da für diese Künste bei den Obern sein Platz sich findet, indem weder ihr Bedürfniß, noch ihre Natur irgend etwas Scharfsinniges oder Handwerkmäßiges verlangt, weßhalb behauptet ihr, die Einen besäßen diese, die Anderen jene Kenntniß und Jeder habe eine besondere Kunstfertigkeit, wodurch Alle in der Erkenntniß des Wissens sich unterschieden zeigen.

Außer ihr sagt etwa, die Götter seyen keine Künstler und Handwerker, sondern sie trügen nur Sorge, diesen Verrichtungen vorzustehen; ja Alles, was wir handhaben, verrichten, unterliege ihrer Vorsorge; und damit es gut und glücklich von Statten gehe, darauf sinne ihre Vorsehung. Was allerdings angemessen und glaublich gesprochen erschiene, wenn das von uns Verrichtete, Unternommene oder im menschlichen Verkehr Versuchte nach Willen und Meinung abliefe. Da aber die Dinge täglich zum Gegentheil sich hinwenden, der Vorsatz des Willens dem Ausgang der Unternehmungen nicht entspricht, so kann man nur zum Scherz sagen, die Götter seyen als Hüter über uns; welche unsere Vermuthung sich einbildet, die erforschte Wahrheit nicht erfaßt. Portunus gewährt den Kauffahrern die sicherste Fahrt durch die Meere. warum aber wirft das tobende Meer so zahlreiche Trümmer grausamer Schiffbrüche aus? Konfus reicht unserm Nachdenken heilsame und zuverlässige Rathschläge: warum wendet ohne Unterlaß unverhoffte Aenderung die Entschlüsse in entgegengesetzte Ausgänge? Pales und Junus stehen als Hüter den Heerden der Hausthiere vor: warum tragen sie feindselig zögernd nicht Sorge, daß die verheerenden Seuchen und verderblichen Krankheiten von den Sommerweiden sich wegwenden? Flora, jenes Freudenmädchen und heilig durch die Unzüchtigkeit ihrer Spiele, besorgt das glückliche Gedeihen der Blüthen: warum sengt und vertilgt täglich der höchst schädliche Frost die Knospen und blühenden Kräuter? Juno ist der Geburt vorgesetzt und leistet den Gebärenden Beistand: warum gehen täglich Tausende durch mörderische Geburten vernichtet zu Grunde? Unter Vulkans Schutz steht das Feuer und desselben Element ist seiner Leitung anheimgestellt: warum läßt er zu, daß am oftesten Heiligthümer und Stadtviertel durch der Flammen Gefräßigkeit in Asche dahinsinken? Pythius verleiht den Weissagern die Wissenschaft der Vorschauung: warum gibt er meist geschraubte, zweifelhafte, in Dunkelheit gehüllte Antworten ein? Aeskulap steht der Arznei- und Heilkunde vor, warum können mehrere Arten Krankheiten und Gebrechen nicht zur Gesundheit und Unverletztheit zurückgeführt werden, ja warum verschlimmern sie sich selbst unter den Händen der Heilenden? Merkur trägt Sorge für die Ringplätze und steht den Faustkämpfen wie Ringübungen vor: warum läßt er nicht Alle, denen er vorsteht, unbesiegbar seyn? warum gestattet er als einziger Beschützer, daß diese den Sieg erringen, jene dagegen schmählicher Schwäche wegen verhöhnt werden?

Man sagt, Niemand ruft die Schutzgötter an, und um deßwillen vernachlässigen die Einzelnen den gewöhnlichen Dienst und Beistand. Wenn also die Götter keinen Weihrauch undd kein Opferschrot empfangen, so können sie nicht wohlthun? und erblicken sie ihre Altäre nicht triefend von Thierblut, so entziehen sie ihren Schutz? Aber ich urtheilte kurz vorher, der Götter Wohlthaten seyen freiwillig und von freien Stücken spendeten sie die unerwarteten Gaben ihrer Güte: denn wird wohl der König des Himmels sich durch irgend eine Opferung oder ein Schlachtthier bitten lassen, Alles was zum Leben gehört, dem Geschlechte der Sterblichen zu schenken? Giebt nicht Gott der Sonne zeugende Hitze, die Nacht, die Winde, den Regen, die Früchte allen insgesammt gleichmäßig, den Guten, Bösen, Gerechten, Freien, Sklaven, Armen und Reichen? denn das ist des mächtigen und wahren Gottes Eigenthümlichkeit, ungebeten der Noth und dem Elend, dem von vielfältigen Widerwärtigkeiten immer Umlagerten Wohlthaten zu gewähren: denn nach dargebrachten Opfern die Bitte gewähren, heißt nicht den Flehenden helfen, sondern der eigenen Güte Mildthätigkeit verkaufen. Wir Menschen scherzen und treiben mit solcher Sache Muthwille, und uneingedenk, was Gott sey, was seine Erhabenheit, maßen wir, was immer Geringes oder Unfläthiges wir durch muthmaßliche Gläubigkeit erdenken können, dem göttlichen Beistande an.

Man sagt, auf die Salbung der Pfosten achtet die Unxia; auf die Lösung des Gürtelknotens die Einxia; Speise und Trank bewahren die allerheiligsten Victa und Potua. O auserlesene und einzige Auslegung göttlicher Machtvollkommenheiten; wenn nur nicht die Thürpfosten der Männer von den Bräuten mit Fett gesalbt werden; wenn nur nicht die schon hitzigen und zudringlichen Bräutigame die jungfräulichen Gürtel lösen; wenn nur nicht die Menschen essen und trinken müßten, damit die Götter Namen hätten. Was soll ich sagen, daß ihr nicht zufrieden, den Göttern solche garstige Sorgen gegeben und aufgelegt zu haben, ihnen auch noch Wildheit, Grausamkeit, Bosheit, andauerndes Wohlgefallen an Uebeln und an des Menschengeschlechtes Verwüstung beilegt.

Nicht wollen wir hier der Diebsgöttin Laverna, der Bellona, der Diskordia, der Furien erwähnen, und jene von euch aufgestellten ungünstigen Gottheiten mit Stillschwiegen übergehen. Den Mars allein und die schöne Mutter Kupidos, deren ihr den einen dem Kriege, die andere der Liebe und Wollust vorsetzt, stellen wir vor Augen. Mars besitzt, sagt man, die Macht des Krieges; um den entstandenen zu bändigen oder um den säumenden und beruhigten anzuregen? Ist er nämlich der Beruhiger der Kriegswuth, warum fehlen nicht täglich Kriege? Ist er aber derselben Urheber, so müssen wir sagen, der Gott entzweie zu seiner Annehmlichkeit den ganzen Erdkreis, säe unter die durch weite Landstriche getrennten Völker die Veranlassungen zur Zwietracht und zum Kampfe; führe aus der Ferne her so viele tausend Sterbliche, überdecke in einem Augenblick die Felder mit Leichen, gieße Ströme Blutes hin, vernichte die Dauerhaftesten Reiche, mache Städte dem Boden gleich, entreiße Freigebornen die Freiheit und unterwerfe sie der Sklaverei, freue sich bürgerlichen Zwistes, Brudermordes und des schauderhaften Kampfes der Väter mit den Kindern.

Aus ebendemselben Grund muß auch dasselbe auf die Venus angewendet werden: denn wofern, wie ihr dafür haltet und glaubt, dieselbe in den menschlichen Vorstellungen Liebesflammen anfacht, so folgt, daß man annehmen müsse, was immer von Verderben und Verbrechen aus solcher Wuth entstehe, das sey den Verwundungen der Liebe zuzurechnen. Also der Göttin, welche nöthigt, daß selbst Edle oftmals ihren Wohlstand um der niedrigsten Unzucht willen vergeuden; daß fest geknüpfte Ehebande sich trennen, daß Blutsverwandtschaft zu unerlaubter Lust sich entzündet; daß Kinder der Mütter wegen rasen; daß Väter ihrer Töchter Verlangen auf sich lenken; daß Greise wider des Alters Schicklichkeit in schändlichen Gelüsten nach jugendlicher Liebe seufzen; daß Weise und Starke den Entschluß männlicher Beharrlichkeit verweichlichter Kraft lösen; daß man Schlingen dem Nacken umlegt, brennende Scheiterhaufen besteigt, und sich freiwilligen Sprunges von wüsten und hocherhabenen Klippen an verschiedenen Orten herabstürzt.

Welcher nur einigermaßen in die Anfänge der Vernunft eingetauchte Mensch mag die Beharrlichkeit der Gottheit mit so abscheulichen Sitten besudeln und beflecken? mag den Göttern solche Naturen beilegen; welche oftmals in wilden Thieren die menschliche Milde gesänftigt und geschwächt hat? Woher, sage ich, kommt die Sage, die Götter seyen jedes verwirrenden Affektes enthoben? sie seyen milde, friedlich, sanftmüthig; sie besäßen als vereinte Tugendkraft die höchste Vollkommenheit und Weisheit? oder aber warum flehen wir zu ihnen, sie möchten Widerwärtiges und Feindseliges von uns abhalten, wenn aller der Uebel, welche uns täglich anfallen, wir sie selbst als die Urheber erkennen? So sehr ihr uns auch Unfromme, Irreligiöse oder Gottesleugner nennen mögt, nie werdet ihr uns glauben machen, es gäbe Götter der Liebe, des Krieges, die Zwietracht anzetteln, die mit Wuthfackeln die Seelen peinigen: denn entweder sind sie wahrhaftige Götter, und dann thun sie, was ihr erwähnt, nicht; oder aber thun sie, was ihr aussagt, so sind sie ohne Zweifel keine Götter.

Und dennoch könnten wir, sey es wie es sey, von euch diese Gesinnungen, ganz voll von unfrommen Erdichtungen annehmen, wenn ihr nicht so Vieles von den Göttern dermaßend Widersprechendes und sich selbst Aufhebendes aussagend, selbst der Seele Zustimmung aufzuhalten nöthigtet, da ihr nämlich behauptet, der Eine gehe dem Anderen an innerem Werthe vor; da ihr die Götter selbst, die ihr vermuthet, leugnet, oder andere, deren Seyn nicht offenkundig ist, erhebt; da ihr Jeder anders von denselben Dingen sprecht, und auch eine Unzahl zusammenschreibt, da die menschliche Uebereinstimung immer nur einzelne angenommen hat. Wir beginnen also auf gewöhnliche Weise mit Janus, auch unserm Vater, den Einige aus euch als Weltall, Andere als Jahr und Manche als Sonne angeben. Nehmen wir an, dieß sey wahr, so folgt die nothwendige Annahme, niemals sey ein Janus gewesen, von dem man erzählt, gezeugt durch den Himmel mit Hekate habe er zuerst in Italien geherrscht, die Stadt Janikulus gegründet; Vater des Fontus, Eidam des Vulturnus, Mann der Juturna; und dergestalt wird von euch dem der Name eines Gottes getilgt, den ihr in sämmtlichen Anrufungen voranstellt und von dem ihr glaubt, er bahne euch den Weg zur Erhörung der Götter. Ferner aber, ist Janus das Jahr, so kann er auch so kein Gott seyn: denn wem ist unbewußt, das Jahr sey eine bestimmte Umgrenzung der Zeit, und was durch Zählung der Räume, Monate und Tage beschlossen ist, habe keine göttliche Kraft? Was auch aus nicht unähnlichem Grund auf Saturnus übergetragen werden mag: denn wenn, wie die Erklärer des Griechischen sagen, mit diesem Namen die Zeit bezeichnet wird, so daß χρονος Kronos ist, dann giebt es kein göttliches Wesen Saturn: denn wer ist dergestalt einfältig zu sagen, die Zeit sey ein Gott, welche das Maaß eines bestimmten Raumes in fortdauernder Reihe ist? Und hierdurch wird auch dieser der Ordnung der Himmlischen entnommen, den das Alterthum als vom Vater Himmel erzeugt, als Urheber der großen Götter, als Weinpflanzer, als Sichelträger der Nachwelt übergab.

Was ferner wollen wir von Jupiter selbst sagen, den die Weisen als Sonne ausgesagt, den beflügelten Wagen lenkend, von der Götterschaar gefolgt (Platon Phaedros S. 246 flg. Stephan.)? Andere als Feueräther, unauslöschlicher Glut? Wenn dieß klar ist und feststeht, so giebt es auf euere Gewähr hin keinen Jupiter, der, von Saturn dem Vater mit Ops der Mutter gezeugt, um der Wuth seines Urhebers zu entgehen, innerhalb Kretas Grenzen verborgen erwähnt wird. Tilgt nicht die ähnliche Vorstellung allerdings auch die Juno aus der Götter Verzeichnis? denn ist sie die Atmosphäre, gleichwie ihr zu scherzen und zu behaupten pflegt, des griechischen Namens Buchstaben versetzend ἀήρ ἤρα: so findet sich keine Schwester und Gattin des allmächtigen Jupiters, keine Fluonia, Pomona, keine Ossipagina, keine Februtis, Populonia, Einxia, Kaprotna; und dergestalt ergiebt sich dieses Namens ganz nichtige Erfindung, durch einer leeren Meinung Anpreisung ausgebreitet.

Aristoteles, ein an Talent mächtiger und in Gelehrsamkeit außerordentlicher Mann, hat, wie Granius erzählt, mit triftigen Gründen erklärt und mit gelehrter Gewähr dargethan, daß Minerva der Mond sey. Andere haben gesagt, sie sey des Aethers Gipfel und höchste Höhe desselben; Andere, sie sey das Gedächtnis; woher der Name Minerva selbst, gleichsam Meminerva. Verdient dieß Glauben, so ist keine Tochter der Mens, keine der Viktoria, keine aus Jupiters Haupte Hervorgekommene des Oelbaums Urheberin, keine durch Kunstunterricht und Wissenmannichfaltigkeit Unterrichtete. Das die Erde deckende Wasser, sagt man, hat den Namen Neptunus empfangen. Wird folglich die Verhüllung der Flüssigkeit mittelst dieses Namens Benennung bezeichnet, so ist Neptun durchaus kein Gott, und dergestalt wird der leibliche Bruder des stygischen und olympischen Jupiters, der mit dem Dreizack bewehrte Herr der Seedrachen und kleinen Meerfische, der König der salzigen Tümpel und Erschütterer des Erdbodens weggeräumt und entfernt.

Auch Merkurius heißt so viel als Einer der in der Mitte läuft (medicurrius); und weil die Rede zwischen zwei mit einander Sprechenden hin und herläuft, so hat dieß dieses Namens Beschaffenheit veranlaßt. Verhält sich dieß so, dann ist Merkurius nicht der Name eines Gottes, sondern der gegenseitigen Rede, und folglich wird auf diese Weise jener kyllenische Schlangenstabführer auf dem Gipfel des kalten Gebirges geboren, der Ersinner der Worte und Namen, der Umtreiber des Handels, des Kaufes wie Verkaufes weggeschafft und getilgt. Manche aus euch haben die Erde, weil sie gesammten lebenden Wesen Nahrung darreicht, als die große Mutter ausgesagt; Andere haben dieselbe, weil sie die heilsamen Getreidearten hervorbringt, Ceres genannt; Einige aber Vesta, weil sie allein in der Welt feststeht und alle übrigen Theile derselben in fortdauernder Bewegung geordnet sind. Wird dieß mit Grund vorgebracht und als gewiß versichert, so sind alle drei Namen gleichmäßig für euch Ausleger nichtig. Keine Ceres, keine Vesta werden als Götter in die Fasten eingezählt; nicht einmal die Mutter der Götter endlich, welche, nach Nigidius Dafürhalten, mit Saturn in ehelichem Verbande stand, wird mit Recht als Göttin aufgeführt werden können; wenn nämlich alle diese Namen der Einen Erde zukommen und sie allein mit diesen Aussagen bezeichnet wird.

Wir übergehen hier zur Vermeidung des Ueberdrusses den Vulkan, den ihr Alle mit gleicher Zustimmung der Worte als Feuer aussprecht; daß, weil sie zu allen Dingen hinzukomme, Venus, und weil die Saaten zum Licht hervorsprossen, Proserpina benannt würden; wodurch ihr neuerdings dreier Gottheiten Daseyn abthut: wofern nämlich der erste Name der des Elements ist, nicht aber die Benennung einer lebenden Macht; der andere der durch alle lebende Wesen hinverbreiteten Begierde eignet, und der dritte die sich hervorhebenden Sprossen und der hervorsprießenden Früchte Wachsthum bezeichnet. Wie? wenn ihr behauptet, Liber, Apollo, Sonne seyen Eine nur durch drei Benennungen erweiterte Gottheit, wird da nicht durch euere Aussprüche der Götter Zahl gemindert und die ausgesagte Meinung zerfällt in sich? denn ist es wahr, daß die Sonne mit Liber und Apollo ident ist, so folgt, daß im Bestand der Dinge weder ein Apollo noch ein Liber sich finden könne; und dergestalt wird durch euch selbst der Semeleius, der Pythius weggeschafft, ausgetilgt; jener der Spender unfläthiger Heiterkeit, dieser das Verderben der smintheischen Mäuse.

Nicht ungelehrte Männer unter euch, die nicht von Unbesonnenheit bewogen hinschwätzen, sagen, Diana, Ceres, Luna seyen Eine Gottheit in dreifaltiger Geschwisterlichkeit; und obschon der Name eine dreifache Unähnlichkeit sey, dennoch finde hinsichtlich der drei Personen keine statt; Luna werde in allen diesen genannt und in ihrer Benennung sey der anderen Beinamen Reihe angehäuft. Ist dieß ausgemacht, fest und wahr erwiesen, so ist dergestalt abermals der Name der Ceres, der Diana, nutzlos und die Sache kommt dahin, daß jene Erfinderin der Feldfrüchte, wie ihr meint, auf euere Veranlassung und euer Ansehen hin nicht ist, und daß Apollo’s leibliche Schwester, welche einstmals jener gehörnte Jäger in klarer Quelle sich baden schaute, aber auch die Strafe seiner Neugier empfing, ihres Seyns beraubt wird.

Die im Studium der Philosophie denkwürdigen Männer, welche ihr Lobpreiser zu deren Pfeiler erhoben habt, bestimmen mit glaublicher Versichung, diese ganze Masse der Welt, deren Umfang uns einschließt, deckt und trägt, sey ein Thier, weisheitsvoll und mit Vernunft begabt (Platon Timaeos S. 30, Stephan.). Ist diese Aussage wahr, fest und zuverlässig, so werden unmittelbar die Götter zu seyn aufhören, welche ihr kurz vorher mit veränderten Namen in derselben Theile festgesetzt habt: denn wie ein Mensch bei andauernder Ganzheit seines Körpers sich nicht in viele Menschen theilen kann, und wie viele Menschen hinwieder bei besstehender Unterscheidung nicht zu Eines Sinnes Einfachheit zusammengebracht werden mögen: so kann auch die Welt, ist sie Ein Thier und bewegt sie sich durch Einer Seele Anregung, nicht in mehrere Gottheiten zertheilt, noch, wenn ihre Theile Götter sind, in Einer Seele Bewußtseyn beschlossen seyn und sich umwälzen. Mond, Sonne, Erde, Luft, Sterne sind Glieder und Theile der Welt. Sind sie Theile und Glieder, so sind sie sicherlich keine Thiere eigenen Namens: denn nicht können irgend wie die Theile das selbst seyn, was das ganze ist; noch ist sich selbst bewußt, sich selbst unterworfen, was ohne die Zustimmung der Seele des ganzen aus eigener Erregung sich nicht zu bewegen vermag; welcher Anordnung und Einrichtung zufolge die ganze Sache dahin kommt; daß weder die Sonne noch der Mond, noch die Luft, die Erde und Sonstiges Gott ist: denn sie sind Theile Welt, nicht besondere Namen von Gottheiten; und dergestalt wird, da ihr alles Göttliche verwirrt und vermischt habt, vollendet, daß man in der Natur der Dinge Einen Gott, die Welt annimmt, mit Versagung aller übrigen; ja sogar mit ihrer Nichtigkeit, Lehrheit [sic] und Wesenlosigkeit.

Da wir auf so vielfache Weise und durch eben so viele Beweise die Glaubwürdigkeit eurer Götter zerstörten, so konnte Niemand bezweifeln, ihr würdet von Zorn und Wuth aufgereizt, Feuer, Bestien und Schwerter sammt anderen Marterarten wider uns auffordern, durch welche ihr gewohnt seyd euern Durst nach unserem Blute zu stillen. Wiewohl aber ihr selbst fast das ganze Göttergeschlecht mittelst der Prahlerei von Geisteskraft und Gelehrsamkeit austilget, dennoch wagt ihr nun zu behaupten, um unserer Sache wegen bedrängten die Götter die menschlichen Zustände; da doch vielmehr, ist wahr, daß sie irgendwo sind und in Zornesflammen aufzulodern vermögen, nichts gerechter für sie seyn kann, weßwegen sie wider euch wüthen, als weil ihr derselben Existenz und Daseyn in irgendeinem Theil der Natur ableugnet.

Die Musen sind, dem Mnaseas zufolge, Töchter der Erde und des Himmels; die Uebrigen behaupten, des Jupiters und der Memoria (Mnemosyna) oder Mens. Diese schreiben, sie seyen Jungfrauen, jene sie seyen Mütter. Es beliebt nämlich ferner auch mit wenigen Worten jene Umstände zu berühren, mittelst welcher sich darthut, daß ihr der Eine so, der Andere so, von ein und derselben Sache verschiedenartige Meinungen aussagt. Ephorus bekennt ihre Anzahl als drei; Mnaseas als vier. Myrtilus führt sieben an. Krates versichert acht. Hesiod endlich, Himmel und Gestirne mit Göttern anfüllend, kommt mit neun göttlichen Wesen (Theog. 75 flg.). Täuschen wir uns nicht, so ist diese Verschiedenheit wahrhaftig kein Anzeichen von Erkenntniß, indem sie nicht von der Sache Wahrheit herstammt: denn würde deutlich gewußt, was an der Sache ist, so wäre Aller Aussage einstimmig und die Zustimmung gesammter ginge und stimmte auf einen und denselben Ausspruch.

Wie also könnt ihr euerer Religion den Vollbestand der Kraft zusprechen, da ihr der Götter selbst wegen irrt? oder uns zu ehrwürdigen Diensten einladen, da ihr uns nichts gewisses über die Erfahrung dieser Gottheiten lehrt? Um nämlich von den in der Mitte angeführten Gewährsmännern zu schweigen, so tilgt und vernichtet jener erste sechs Musen, ist bestimmt, daß ihrer neun seyen; oder jener letzte setzt sechs zu, die keine sind, da nur drei in Wahrheit lediglich bestehen; und dergestalt kann man weder wissen noch wahrnehmen, welche hinzugefügt, welche hinweggethan werden müssen; wie auch die Annahme der Religion selbst Gefahr läuft, entweder was nicht ist verehrend oder was etwa ist übergehend. Piso glaubt, die Novensiles genannten Götter, im Sabinerland bei Trebia aufgestellt, seyen neun an der Zahl. Granius hält sie für die Musen, mit Aelius übereinstimmend. Die Neunzahl giebt Varro an, weil diese immer für die bedeutungsvollste und mächtigste bei Dingen der Begeisterung gehalten werde. Als Vorsteher der Neuheiten führt sie Kornificius an, weil mittelst ihrer Sorgfalt Alles in Neuheit wiederhergestellt werde und bestehe. Manlius bezeichnet sie als neun Götter, denen Jupiter allein die Erlaubniß gegeben haben soll, seine Blitze zu schleudern. Cincius nennt sie fremde Götter, die von ihrer Neuheit selbst her benannt worden: denn die Römer pflegten die Gottheiten überwundener Städte theils durch einzelne patrizische Familien, theils öffentlich verehren, und damit nicht irgend ein Gott der Menge oder Unwissenheit wegen versäumt wurde, sie insgesammt unter dem Namen Novensiles anrufen zu lassen.

Ueberdieß behaupten Einige, man bezeichne mit dieser Benennung die aus Menschen zu Göttern Erhobenen, wie Herkules, Romulus, Aeskulap, Liber, Aeneas. Wie erscheint, sind das nur Meinungen, und nicht kann natürlicher Weise geschehen, daß die, welche in Ansichten verschieden sind, für Einer Wahrheit Urheber zu halten seyen: denn ist Piso’s Aussage wahr, so lügen Aelius und Granius. Ist dieser Angabe gewiß, so irrt der höchst kundige Varro, welcher höchst nichtige und unnütze Dinge für wesentliche aufstellt. Führt die Neunzahl den Beinamen der Novensiles, so wird Kornificius der Unzuverlässigkeit überführt: denn er legt die Macht, der Neuheit vorzustehen, fremden Göttern bei. Ist aber des Kornificius Meinung wahr, dann erscheint Cincius als unklug, da er den Göttern der überwundenen Städte die Gewalt der Novensilesgottheiten zutheilt. Sind sie hingegen die, als welche sie Cincius aussagt, so wird Manilius Rede falsch erfunden, der unter diesem Namen die Blitzschleuderer eines Anderen begreift. Ist was Manilius dafürhält ausgemacht wahr, so sind die am meisten im Irrthume befangen, welche vermeinen, man nenne der neuen Ehre wegen die zur göttlichen Verehrung erhobenen und geweihten Sterblichen so. Sind jedoch die, welche die Erhebung zu den Gestirnen nach ihrem Ableben verdienten, die Novensiles, so sind überhaupt diese gar keine Götter: denn wie Diener, Soldat, Vorsteher nicht Namen der Personen, sondern des Dienstes, des Zustandes, des Amtes sind, so ist offenbar und sichtlich, daß, da wir sagen, Novensiles sey der Name von Göttern, welche aus Menschen Götter zu werden verdienten, man nicht die insbesondere bezeichneten Personen, sondern die Neuheit selbst mit dem Beinamen Novensiles ausdrücken wolle.

Nigidius erzählt, Neptun und Apollo seyen Penaten-Götter, welche einst die Stadt Stion vereint vertragmäßig ummauerten. Derselbe setzt dann im sechzehnten Buche, den etruskischen Disziplinen folgend, auseinander, daß es vier Geschlechter der Penaten gäbe, nämlich die Umgebung Jupiters, Neptuns, des Herrn der Unterwelt und endlich der sterblichen Menschen; ich weiß nicht was Unerklärliches aussagend. Caesius, auch jener Lehre folgend, nahm an, Fortuna, Ceres, der Genius Jovialis und Palis, aber nicht als jenes Weib, wie die Menge annimmt, sondern als männlicher Diener und Haushalter Jupiters, seyen die eigentlichen Penaten. Varro hält Götter für dieselben, welche innerhalb und in den innersten Räumen des Himmels sind, deren Zahl und Namen man aber nicht wisse. Diese nennen die Etrusker Consentes und Complices, und zwar, weil sie nur mit einander entstehen und zur selben Zeit untergehen können; sechs männliche und eben so viele weibliche Wesen, mit unbekannten Namen und von wenig Erbarmen; die man aber für des Jupiters Rathgeber und oberste Diener hält. Auch waren, welche vorgaben, Jupiter, Juno und Minerva seyen Penaten-Götter, ohne die wir weder leben noch Einsicht haben können, sondern die innerhalb durch die Vernunft, die Wärme und die Luft uns lenkten. Wie ihr seht, so wird auch hier nichts Uebereinstimmendes ausgesagt, Nichts durch Eine Aussage beschlossen; noch ist irgend Etwas zuverlässig, wodurch das Gemüth festen Fuß fassen könnte, indem es die Wahrheit zunächst durch Muthmaßung folgert. Dergestalt nämlich schwanken die Meinungen und vernichtet eine Muthmaßung die andere, daß entweder von allen keine wahr ist, oder wird das Wahre irgend wie ausgesagt, man um der Verschiedenheit so vielfacher Dinge es nicht erkennen mag.

Wir können auch, wenn beliebt, Einiges überhaupt von den Laren anführen, welche der Volksglaube für die Götter der Straßen, der Wege und der Reisenden hält, und zwar daher, weil die Griechen die Straßen Lauras nennen. Nigidius in verschiedenen Schriften giebt sie bald als Beschützer der Dächer und Häuser an; bald als jene Kureten, von welchen man glaubt, daß sie einst Jupiters Wimmern durch Schlagen ihrer Schwerdter an den Schilden bargen; bald als die samothrazischen Digiti, welche die Griechen als die idäischen Δάκτυλοι angeben. Varro, ebenfalls unentschlossen, führt an, sie seyen Manen, und deßhalb werde Mania die Mutter der Laren genannt; dann wieder, sie seyen Luftgötter und Heroen; endlich der Ansicht der Alten folgend, die Laren seyen Larven, gleichsam eine Art von Genien, Seelen Verstorbener.

Unbegrenzt und unermeßlich wäre das Unternehmen, jede einzelne Art zu durchgehen und offen die Schriften dazulegen, wie kein von euch gemuthmaßter oder geglaubter Gott zu finden sey, über welchen ihr nicht zweideutige Meinungen in tausendfältiger Verschiedenheit auszusagen wißt. Allein um der Kürze und des Ueberdrusses willen, mag genügen das Gesagte gesagt zu haben. Auch ist es allzu mühsam, so Vieles zusammen zu häufen, da aus dem Einen und Andern offenkundig sich ergiebt, daß es nicht fest stehe und daß von jenen Dingen, welche ihr behauptet, nichts gewisses zu sagen sey; außer ihr nehmt etwa an, selbst wenn wir der Persönlichkeit nach nicht wissen, wer die Laren, die Novensiles, die Penaten sind, so seyen sie doch gemäß der Uebereinstimmung der sie behauptenden Gewährsmänner und behaupteten ihre Art unter der Götterzahl. Und auf welche Weise wird man freilich wissen können, ob irgend ein Gott sey, wenn man nicht weiß, was er sey? oder wie mag die Anforderung um Wohlthaten selbst wirksam seyn, wenn unerforscht, ungewiß ist, wer bei jedem Fall zum Rathe herbeigerufen werden müsse? denn Jeder, der irgend einer Gottheit Bescheid zu erlangen sich bemüht, muß nothwendig wissen, wen er anflehe, von wem er verlange und Hülfe in menschlichen Dingen und Nöthen fordere. Um so mehr, da ihr selbst darthut, sowohl daß nicht alle Götter Alles gewähren können, als auch daß man durch verschiedenartige Gebräuche Zorn und Widerwille jedes Einzelnen sänftige.

Und freilich, verlangt dieser eine schwarze, jener eine weiße Haut; muß diesem mit verhülltem Haupte, jenem mit entblößtem geopfert werden; wird dieser der Ehe wegen befragt und gewährt jener Hülfe wider Uebel, so kann, ob dieser oder jener Novensiles sey, nicht gleichgültig seyn, da die Unwissenheit der Dinge und die Vermengung der Personen die Götter beleidigt und sie zur Strafe nothwendig zwingt. Stelle dir vor, ich selbst flehte wegen irgend einem Unglücksfall und um die Gefahr abzuwenden, so zu irgend einem Gott: Steht mir bei, ihr sollt mir beistehen, Götter-Penaten; du Apollo und du Neptun; alle diese Uebel, welche mich ängstigen, quälen, verzehren, wollet durch euere göttliche Milde abwenden. Wird da wohl irgend eine Hoffnung auf derselben Hülfe zu haben seyn, wenn Ceres, Pales, Fortuna oder Jovialis Genius und nicht Neptun und Apollo Penaten-Götter sind? oder wenn ich die Kureten für die Laren anrufe, welche ein Theil eurer Schriftsteller für die samothrazischen Digiti hält. Wie kann ich mich dieser als Helfer und Wohlgesinnter bedienen, da ich ihnen nicht ihre, sondern vielmehr fremde Namen beilege? Immer also wird verlangt, daß man die Götter ihrer Eigentümlichkeit nach wisse und nicht hinsichtlich eines Jeden Macht und Name zweifle; da, sollte man sie mit fremdem Dienst und Namen anrufen, sie sowohl unzugängliche Ohren haben, als auch uns mit unsühnbaren Uebeln umstrickt halten.

Wenn euch also einleuchtet, daß in den erhabenen Wohnungen des Himmels jene Menge, die ihr als Götter aufzählet, zusammen wohne, so gebühret sich, daß ihr innerhalb den Grenzen Eines Ausspruches feststeht, und nicht durch verschiedenartige, sich widersprechende Meinungen zertheilt, die Glaubwürdigkeit eben der von euch geordneten Dinge tilgt. Ist Janus, so sey er Janus; ist Liber, so sey er Liber; ist Summanus, so sey er Summanus: denn das heißt glauben, das wissen, unbeweglich in der Erkenntniß einer erforschten Sache zu ruhen; nicht aber nach Art der Blinden und Irrenden zu sprechen: die Novensiles sind die Musen, ja die trebianischen Gottheiten, etwa neun der Zahl nach, vielmehr die Schützer der überwundenen Städte; und dergestalt solche Dinge der Gefahr auszusetzen, daß indem ihr die einen austilgt, und Andere hinstellt, mit Recht an Aller Bestand gezweifelt werden kann.

Viertes Buch

Es bleibt, euch zu fragen, und insbesondere euch Römer, Herren und Fürsten dieser Welt, ob ihr wohl glaubt, die Pietas, die Konkordia, die Salus, die Honos, die Virtus, die Felicitas und die Uebrigen solcherlei Namens, denen ihr, wie wir sehen, Altäre mit prachtvollen Tempeln errichtet habt, besäßen göttliche Macht und hausten in den Strichen des Himmels? oder ob, wie gewöhnlich nur zum Schein, weil wir diese Güter zu erlangen wünschen und verlangen, ihr dieselben unter die Götter aufnahmt? denn wenn ihr diese für leere Worte und wesenlose Namen sie haltend dennoch vergöttert, so müßt ihr wahrnehmen, ob dieß nicht ein kindisches Spiel sey oder euerer Gottheiten Verspottung beabsichtigt, welchen ihr nichtiger Worte Erfindungen gleichstellt und verbindet. Wofern ihr aber, daß auch diese Götter seyen, durch zuverlässigeren Herzenswunsch überzeugt, sie mit Tempeln und Kissenbereitungen überhäuft, so bitten wir, unsere Unwissenheit zu belehren, welcher Ursache zufolge, auf welche Weise man einsehen könne, daß die Viktoria, die Pax, die Aequitas und die übrigen oben schon angeführten Götter seyen und zu der oberen Mächte Rath gehören.

Wir nämlich, außer ihr tilgt und nehmt uns den Gemeinsinn, meinen und urtheilen, Nichts der Art habe göttliche Macht, noch bestehe es in irgend einer Form seiner Gattung; sondern die Mannheit und Tüchtigkeit eigne dem Manne; das Glück dem Glücklichen; Ehre und Auszeichnung dem Geehrten und Ausgezeichneten; der Sieg dem Sieger; die Eintracht dem Einträchtigen; zartes Erbarmen dem sich zart Erbarmenden; guter Verstand dem Verständigen und die Glückseligkeit dem glücklich und ohne jede Widerwärtigkeit Lebenden. Daß dieß wahrhaftig ihr also versteht, ist offen aus den schädlichen Entgegensetzungen zu erkennen; wie Unglückseligkeit, Zwietracht, Unverstand, Unbilligkeit, Unbarmherzigkeit, Schwäche der Brust und nicht gehörige Beschaffenheit des Körpers: denn wie diese Zustände durch zufällige Affekte herzukommen und in der Menschen Thun sich finden, so muß, wird, was ihnen entgegengesetzt ist, nach den bessern Eigenschaften benannt, dieß Anderen anhangen, welche Beschaffenheit zu dieser Bildung der Namen dann Veranlassung gegeben hat.

Sofern ihr aber uns noch andere Schaaren von unbekannten Göttern vorführet, können wir nicht entscheiden, ob ihr dieß im Ernste und aus Glaubwürdigkeit der gewissen Beschaffenheit thut, oder ob ihr mit leeren Erdichtungen spielend Muthwillen treibt. Weil die nicht sanfte Wölfin der ausgesetzten Zwillinge geschont hat, ist die Göttin Luperca benannt werden, wie Varro bezeugt. Diese Göttin ging also aus den Umständen, nicht aus natürlicher Machtvollkommenheit hervor, und nachdem die grausame Bestie die wilden Bisse unterließ, so fing sie selbst an zu seyn und nahm sich des Namens Bedeutung? Oder war die Göttin schon, bevor Romulus und sein Bruher geboren wurden, so sagt an, welchen Namen und Titel sie führte. Die Praestana ist, wie ihr wähnt, daher genannt, weil Quirinus im Speerwurfe der Beste gewesen; und weil dem Titus Tatius, um den Hügel des Kapitols zu nehmen, die Wegöffnung gestattet ward, hat die Göttin Panda oder Pantica den Namen empfangen. Ehe dieß also geschah, waren diese Gottheiten nicht, und wenn Romulus nicht mit dem Speerwurfe den Pallast traf, wenn der König der Sabiner den tarpesischen Felsen nicht einnehmen konnte, so wäre auch keine Pantica, keine Praestana? Wenn ihr aber auch diese als vor ihrer Namen Ursachen schon gewesen angebt, so zeigt an, welche Benennung sie dann geführt.

Zur Abwehr der Feinde leistet die Göttin Pellonia Beistand. Welcher, saget an, fällt es euch nicht lästig. Die Partheien ziehen wider einander und kämpfen zunächst; jede ist Feind; welche wird nun Pellonia, da hier und dort man kämpft, abwehren, oder welcher wird sie sich huldreich erweisen, da sie jeder Parthei ihre Kraft und ihren Beistand zukommen lassen muß? Thut sie aber nun dieß, d. h. wendet sie beiden ihre Gunst und Hülfe zu, so büßt sie ihres Namens Kraft ein, der in Bezug auf die Abwehr der einen Parthei gebildet ist. Außer ihr behauptet etwa, diese Göttin eigne bloß allein den Römern und sey immer zu huldreichen Hülfsleistungen bereit, wo es die Queriten gilt. Mag das seyn, begünstigen und wählen wir den Namen; aber die Sache unterliegt keiner kleinen Untersuchung: denn was besitzen die Römer für eigenthümliche Götter, welche die anderen Völker nicht? und auf welche Weise können sie Götter seyn, wenn sie nicht allen Völkern allenthalben die Gleichförmigkeit ihrer Göttlichkeit zukommen lassen? Und, frage ich, wo war denn diese Pellonia, als in den kaudinischen Bergschluchten der Volksruhm unter das Joch gebeugt wurde? als beim trasimenischen See Blutströme sich ergossen? als die Felder des Diomedes (bei Kannae) mit den Leichen der Römer überhäuft waren? als so unzählige andere Niederlagen sich ereigneten? Schlief sie, schnarchte sie, oder war sie, wie Feiglinge zu thun pflegen, in’s feindliche Lager entwichen?

Die günstigen Gottheiten sind nur Vorsteher der links hin gelegenen Gegenden. Aus welchem Grunde, in welchem Sinne dieß behauptet wird, kann weder von uns selbst begriffen, noch, wie wir fest glauben, von euch in irgend einem gemeinschaftlichen, lichtvollen Verständniß hingeführt werden: denn zuerst gleich hat die Welt weder rechts noch links hinliegende, noch auch obere oder untere, vordere oder hintere Gegenden. Was immer nämlich rund und nach jeder Seite hin durch völlig abgerundete Wölbung beschlossen ist, hat weder Anfang noch Ende; und wo kein Anfang noch Ende, da kann auch kein Theil der Anfang seyn. Sagen wir folglich, diese Gegend ist rechts und jene links, so sagen wir dieß nicht gemäß der Weltgestaltung, welche sich im Ganzen gleich ist, sondern auf unsere Lage und Stellung bezogen, da wir dergestalt beschaffen sind, daß man sagt, das sey uns rechts, das links; obschon, was wir rechts und links nennen, für uns keine Dauer, keine Festigkeit hat; sondern wie uns Zufall und Zeitfolge hinstellt, so bestimmen sich nach unseren Seiten die Vorstellungen. Schaue ich nach Sonnenaufgang, dann liegt mir der Himmelsstrich der Kälte und der Norden links; wende ich mein Angesicht dahin, so ist mir der Untergang, der der Sonne im Rücken seyn soll, links. Hinwieder aber nach Untergang blickend, steht der Süden und Mittag links. Wendet mich eine nöthigende Veranlassung nach diesem Strich hin, so geschieht, daß man um der Veränderung des Körpers willen den Aufgang als links gelegen aussagt; wodurch auf’s leichteste eingesehen werden kann, es gäbe weder ein Links noch ein Rechts in der Wirklichkeit, sondern nur der Lage, Zeit nach, und je nachdem unsers Körpers Stellung den Umständen zufolge sich befinde. Da dieß nun sich also verhält, aus welchem Grunde, auf welche Weise sind Götter der linken Seite, da bestimmt ist, daß dieselben Striche bald rechts bald links hinliegen? Oder was hat die rechte Seite den unsterblichen Göttern angethan, daß die ohne Vorsteher verblieben ist, welche sie doch als glücklich immer mit heilbringenden Zeichen ausstatteten?

Lateranus ist, wie ihr behauptet, der Gott oder Genius der Kamine, und mit diesem Namen belegt, weil diese Art Kamine von den Menschen aus Ziegeln (lateres) gebaut wird. Wie aber, würden die Kamine aus Steinen oder sonst einem Material aufgeführt, haben sie dann keine Genien? und wird jener Lateranus das Schutzamt niederlegen, da sein Bereich nicht aus Ziegeln gebaut ist? Und was, frage ich, eignet diesem Gott als Schirmherr der Kamine zu thun? Durchläuft er die Küchen der Menschen, schauend und forschend, mit welchen Holzarten man auf seinen Heerden Feuer macht; ertheilt er den irdenen Geschirren die Beschaffenheit, daß sie von der Kraft der Flammen nicht bersten; sorgt er für die geschmackvolle Bereitung der Speisen und verrichtet er das Amt eines Vorkosters? Ist dieß daher nicht schmählich, ja mit Wahrheit zu sagen, nicht schimpflich, frevelhaft, ich weiß nicht welche Erdichtungen von Göttern heranzubringen, nicht um ihnen gebührende Ehre zu erweisen, sondern um sie schimpflichen Dingen und entehrender Verrichtung vorzusetzen?

Steht nicht auch die Venus Militaris den Lastern des Lagers und der Knabenschändung vor? Ist nicht die Perfica eine der Götterschaar, welche verursacht, daß jene obscöne und unreine Lust unbeschadet sich beendige? Nicht auch die Pertunda, welche im Brautbett der Entjungferung vorsteht? Nicht auch Tutunus, auf dessen kolossalen Phallus ihr zum Glück und Segen euere Matronen setzet? Wenn auch diese Dinge selbst nicht mindestens zur Erkenntniß der Wahrheit ermahnen, könnt ihr denn nicht aus den Namen wenigstens erkennen, wie diese Bildungen des nichtswürdigsten Aberglaubens und Einbildungen falscher Gottheiten seyen? Ihr sagt, dem Ausputzen und Beschneiden der Bäume und Weinstöcke stehe die Puta, den zu erhaltenden Dingen die Peta vor. Gott der Wälder ist Nemestrinus. Patellana und Patella sind Gottheiten, deren die erste den an’s Licht gekommenen, die andere den an’s Licht zu kommenden Dingen vorgesetzt ist. Ein Gott heißt Nodotus, weil er das Getraide in die Knoten treten läßt; und die Vorsteherin des Dreschens ist Terensis. Vor Verirrung auf dem Wege behütet die Vibilia. Unter dem Schutze der Orbana befinden sich die Eltern, so ihre Kinder verloren, unter dem der Naenia, welche am Ende ihres Lebens sind. Als Ossipaga erwähnt man die, welche die Gebeine der Kleinen fest werden läßt. Die Göttin Mellonia ist vermögend und mächtig in Bezug auf die Bienen, sorgetragend für den Honigseim und ihn bewahrend.

Sagt, ich bitte, mögen euch Peta, Puta, Patella günstig und gewogen seyn, wenn nun durchaus keine Bienen auf der Erde waren, oder wenn das Menschengeschlecht gleich wie Würmer ohne Knochen geboren würde, gäbe es dann noch eine Göttin Mellonia oder hätte die Festigerin der Knochen Ossilago wohl den eigenthümlichen Namen? Ich frage und bitte nämlich, scheinen euch die Götter der Natur, der Zeit, dem Alter nach älter oder die Bienen, die Früchte, die Zweige und dergleichen? Kein Mensch wird bezweifeln, daß ihr nicht aussagt, die Götter gingen Allem insgesammt durch unzählbare Zeiträume vor. Ist dieß so, wie vermag zu geschehen, daß sie von den später hervorgebrachten Dingen die Namen empfingen, welche der Zeit nach früher sind? oder eigneten sich die Götter den Schirm der Dinge, welche noch nicht geschaffen und zum Gebrauch den Sterblichen gegeben waren, schon zu? Oder waren etwa die Götter ohne Namen und nachdem die Dinge zu werden und auf der Erde zu seyn angefangen, habt ihr euch gewürdigt, mit Zeichen und Namen dieselben zu belegen? Woher aber konntet ihr wissen, welcher Name jedem einzelnen zu geben sey, da ihr durchaus ihres Seyns unbewußt waret oder daß ihnen gewisse Kräfte einwohnten? Da euch deßgleichen unbekannt war, welcher derselben Etwas vermochte und welchem Dinge man ihn nach seiner göttlichen Machtvollkommenheit vorsetzen mußte?

Wie also, sagt ihr, diese Götter sollen euerm Urtheile zufolge nirgend wo seyn, sondern sind durch falsche Meinungen angenommen. Dieß behaupten nicht wir allein, sondern die Wahrheit selbst und die Vernunft, wie auch jener in allen Sterblichen befindliche Gemeinsinn: denn wer glaubt, es seyen Gewinnst spendende Götter und sie stünden dem Erwerb des Gewinnstes vor, da dieser zumeist aus schmählichen Veranlassungen kommt und immer mit Anderer Schaden besteht? Wer glaubt, Limentinus, Lima behüte und bewache die Schwellen, die Thüren? da wir täglich sehen, wie Tempel und Privathäuser eingerissen werden und einstürzen; da ohne diese der schändliche Gang in die Bordelle nicht stattfindet. Wer glaubt, die Limi seyen die Aufseher der Krümmungen? Saturn der Vorstand der Saaten? Montinus der Berge? Murcia der Trägheit? Wer endlich mag glauben, es gäbe eine Göttin Pecunia, welche, gleichsam die mächtigste Gottheit, wie euere Schriften aussagen, goldene Fingerringe, die ersten Plätze bei den Spielen und im Theater, hohe Ehrenstufen und Amtswürden und, was die Faulheit am meisten liebt, sichere Gemächlichkeit durch Reichthum verleihen soll.

Besteht ihr aber darauf, daß die Knochen, der Honig, die Thürschwellen und was wir sonst noch theils schnell berührten, theils aus Ueberdruß unberührt ließen, besondere Vorsteher haben, so kann man aus ähnlichem Grunde noch tausend andere Götter einführen, welche unzähligen Dingen ihre Sorgfalt und ihren Schutz zuwenden müssen: denn warum stehet nur dem Honig eine Gottheit vor, und nicht überhaupt auch den Kürbissen, den Rüben, dem Pfefferkraut, der Kresse, den Feigen, dem Mangold, dem Kohl? Weßhalb verdienen nur die Knochen allein einen Schirm; weßhalb nicht desgleichen die Nägel, die Haare und die übrigen an dunklen Stellen befindlichen Glieder; welche vielfachen Zufällen unterworfen sind und um so mehr die Sorgfalt und Aufmerksamkeit der Götter verlangen? Sagt ihr aber, daß diese Körpertheile ebenfalls unter schirmenden Gottheiten stehen, nun so werden so viele Götter als Dinge zu seyn anfangen, und nicht wird man den Grund angeben können, warum nicht alle Dinge unter göttlicher Sorgfalt stehen, wenn, wie ihr behauptet, doch gewisse Dinge sind, welchen Gottheiten vorstehen und vorsehen.

Was sprecht ihr Väter neuer Religionen, neuer Gottheiten? Schreit ihr nicht, diese Götter würden von uns verletzt und frevelhaft vernachlässigt; klagt ihr nicht, wir verachteten den Genius der Kamine, Lateranus; den Vorsteher der Thürschwellen, Limentinus; die Pertunda, die Perfica, den Nodotus, die Terensis? und weil wir nicht flehend vor dem Mutunus und Tutunus niederstürzen, so behauptet ihr, die Welt gehe ihrem Verderben entgegen und habe ihre Gesetze und Einrichtungen geändert. Allein seht zu, nehmt wahr, daß ihr nur nicht, solche Ungethüme aussinnend und umtreibend, die ganz gewissen Götter beleidigt; wenn anders irgend welche sind, die dieses Namens Würde zu behaupten und inne zu haben verdienen; und daß sie um keiner anderen Ursache willen diese Uebel, welche ihr aussagt, hereinbrechen und durch tägliche Mehrung anwachsen lassen. Warum also, mag etwa Einer von euch fragen, streitest du, diese Götter seyen eine Unwahrheit? Angerufen von den Haruspices willfahren sie, bei ihren Namen genannt kommen sie und ertheilen den Fragenden glaubwürdige Antworten. Wir können behaupten, das Gesagte sey eine Unwahrheit; theils weil die ganze Sache voll Vermuthungen ist; theils weil wir eine Menge der Vorhersagungen täglich entweder anders erfüllt oder in entgegengesetzte Ausgänge durch getäuschte Erwartung gezerrt erblicken.

Aber sie mögen, wie ihr versichert, wahrhaftig seyn, werdet ihr uns wohl auf gleiche Weise glaubwürdig machen, daß auch Mellonia oder Limentinus in die Eingeweide eindringen und sich zu Aeußerungen über eure Fragen bequemen? Habt ihr etwa einmal derselben Mund, Gestaltung, Aussehen erblickt? oder können sie auf gleiche Weise dieß in den Lungen und Lebern erschauen lassen? Kann nicht sich ereignen, geschehen, obschon ihr mit List verhehlt, daß Einer für den Andere herzukomme, täuschend, betrügend, hintergehend und des Angerufenen Gestaltung vorstellend? Wenn die Magier, die Brüder der Haruspices, erwähnen, daß oftmals bei ihren Berufungen Gegengötter (Antithei) für die Berufenen sie beschleichen; diese sind aber gewisse Geister aus dichterer Materie, welche sich für Götter halten und die Unwissenden mit Lügen und Scheinbildern betrügen; warum sollen wir nicht aus gleichem Grunde annehmen, auch hier unterstellten sich Andere für die, welche sie nicht sind, um sowohl euere Meinungen zu festigen, als auch sich unter fremden Namen der Schlachtopfer zu erfreuen?

Oder wofern ihr wegen der Neuheit dieß so anzunehmen verweigert, woher wißt ihr denn, ob es nicht irgend einer sey, welcher für Alle, die ihr anruft, folgt, und, sich für die an allen Orten Zerstreuten unterschiebend, euch die Gestattung der vielen Gottheiten und Mächte darbietet? Wer ist wohl dieser Eine? wird man fragen. Zufällig können wir dieß als wahrhaftige Gewährsmänner sagen; aber da ihr uns keinen Glauben schenken wollt, so mögt ihr die Aegypter, die Perser, die Indier, die Chaldäer, die Armenier befragen, sammt allen denen, welche in jene Geheimnisse Einsicht haben und dieselben erkennen. Wahrlich, bald werdet ihr dann kennen lernen, wer der Eine Gott sey, und wie die Menge unter ihm sich als Götter verstellte, mit der Unwissenheit des Menschengeschlechts ihr Spiel treibend. Schon lange schämten wir uns die Stelle zu berühren, wo nicht sowohl Knaben und Muthwillige, sondern selbst Ernsthafte und in strenger Sitte Verhärtete das Lachen nicht unterlassen konnten: denn da von unsern Lehrern wir Alle mitgetheilt und überliefert bekamen, die Götter hätten keine Mehrzahl in der Beugung, weil die Götter einzelne Wesen seyen und keine Eigenthümlichkeit jeder Person durch die Mehrzahl gemeinsam sich hinerstrecken könne: denn nicht kann zufolge der Natur der Dinge stattfinden, daß was Eins ist Zwei werde; und in verschiedenen Dingen besteht die Einheit durch die einerzeugte unterscheidende natürliche Beschaffenheit: so habt ihr, uneingedenk, nach betäubter Erinnerung des jugendlichen Unterrichtes, sowohl mehreren Göttern dieselben Benennungen beigelegt, als auch, sonst in ihrer Zahl sparsamer, sie hinwiederum durch der Beinamen Gemeinschaft vervielfältigt; was nämlich einstmals Männer von scharfsinnigem Urtheil und umsichtigem Talent in lateinischer wie griechischer Rede dargetan haben. Wir könnten uns deßhalb um so kürzer fassen, bemerkten wir nicht, daß Einige dieser Schriften unkundig seyen; und auch die von uns unternommene Untersuchung drängt uns Einiges dieser Dinge, obschon von Jenen behandelt und berichtet, darzulegen.

Euere Theologen und Erforscher des verborgenen Alterthums sagen also, in der Welt seyen drei Jupiter; deren Einer vom Vater Aether, der andere vom Himmel und der dritte vom Saturn, der Sage nach auf der Insel Kreta begraben und geboren, erzeugt wurde; fünf Sonnen und fünf Merkure, von welchen, wie man berichtet, die erste Sonne ein Sohn Jupiters genannt und für einen Enkel des Aethers gehalten wird; die zweite ist deßgleichen ein Sohn Jupiters und von Hyperiona geboren; die dritte ist ein Sohn Vulkans, nicht des Lemnischen, sondern des von Nilus erzeugten; der vierten Vater ist Jalysus, welchen Rhodas in den heroischen Zeiten dem Akanthos gebar; die fünfte ist eines skythischen Königs und der gestaltenwandelnden Kirke Sohn. Der erste Merkur dann, von dem man erzählt, er habe mit geiler Brunst nach der Proserpina gewiehert, ist der Abkömmling des obersten Himmels. Unter der Erde befindet sich der Andere, welchen man als Trophonios erwähnt. Der dritte hat Maja zur Mutter und den dritten Jupiter zum Erzeuger. Der vierte ist ein Sprosse des Nilus, dessen Namen auszusprechen das ägyptische Volk schaudert und verabscheut. Der fünfte ist des Argus Tödter, der Flüchtling und Verbannte, der den Aegyptern die Schrift entdeckte. Allein man sagt, es gebe auch fünf Minervas, deren erste nicht Jungfrau, sondern von Vulkan, des Apollo Mutter sey; die andere, des Nilus Tochter, hält man für die ägyptische Sais; die dritte, des Saturns Tochter, erdachte den Gebrauch der Waffen; die vierte, von Jupiter erzeugt, nennen die Messener Koryphasia und die fünfte ist, welche den nach Blutschande begierigen Vater Pallans tödtete.

Damit es aber nicht zu langwierig und zu maßlos erscheine, alle die einzelnen Häupter insbesondere aufzuführen, so erwähnen dieselben Theologen, es gebe vier Vulkane, drei Diana, eben so viele Aeskulape, fünf Dionyse, drei Paar Herkules, vier Venusse, drei Geschlechter der Kastoren, eben so viele der Musen, eine Dreiheit der geflügelten Kupidos und eine Vierheit der Apollischen Namen; deren Erzeuger, Mütter, Geburtsorte und Ursprung mit jedes Sippschaft sie anführen. Ist dieß nun wahr und gewiß, und thut es durch der erkannten Sache Betheuerung sich dar, so sind entweder alle keine Götter, weil mehrere, wie mir wahrnahmen, unter einem und demselben Namen nicht seyn können; oder aber ist Einer aus derselben ein Gott, so wird er ignorirt und nicht gewußt, weil verdunkelt durch die Verwirrung der völlig ähnlichen Namen. Dergestalt wird durch euch selbst, obgleich wider Willen, verursacht, daß die Religion verworren im Ungewissen schwebt, und kein bestimmtes Ziel hat, nach welchem sie sich richten kann, durch keine Irrthümer der Zweideutigkeit zum Gespötte gehabt.

Stellet euch vor, wir entschlössen uns, entweder aus eigenem Antrieb oder durch eurer Schreckungen Gewaltsamkeit bewogen, die Minerva zum Beispiel nach euern heiligen Gebräuchen und gewöhnlichem Ritus zu verehren. Wenn, da wir Opfergaben bereiten und herangehen zu den flammenden Altären, das Gebührende darzubringen, nun alle Minerven herbeieilen, und für dieses Namens Besitz streitend, jede fordert, ihr solle jene Zubereitung der Opfer dargebracht werden: was werden wir in der Mitte thun, als schwaches Geschöpf, oder auf welcher Seite hin vielmehr werden wir den Dienst der frommen Gabe übertragen? Vielleicht nämlich spricht jene erste, wie wir gesagt haben, mein Name ist Minerva, mit göttlicher Macht; ich habe den Apollo, die Diana geboren, den Himmel aus meinem Mutterschooß vermehrt und der Götter Zahl vervielfacht. Ja, entgegnet die fünftte Minerva, du erhebst die Stimme, die du als Gattin und Wöchnerin so oftmals der reinen Keuschheit Heiligkeit verletzt hast? Siehst du denn nicht, wie auf allen Kapitolen jungfräuliche Bildnisse der Minerva sich befinden; daß aber von sämmtlichen Künstlern dieser nie die Gestalt einer Ehefrau gegeben wird? Stehe also ab, dir einen Namen ohne Recht anzueignen: denn daß ich von Pallas erzeugt bin, dafür gibt die ganze Schaar der Dichter Zeugniß, welche mich Pallas nennt, nach des Vaters Namen. Was sprichst du, sagt die zweite, dieß hörend; um deßwillen also trägst du, freche Vatermörderin, mit dem Makel blutschänderischer Liebe befleckt, den Namen Minerva? die du durch dein Aufputzen und deine buhlerischen Künste deines Vaters ganze Seele in wüthender Begierde aufregtest. Thue folglich dazu, suche dir eine andere Bezeichnung: denn diese Sache eignet mir, die Nilus, der mächtigste der Flüsse, aus klarem Wasser erzeugt und zu jungfräulicher Gestaltung und Verdichtung verbunden hat. Verlangt ihr der Thatsache Glaubwürdigkeit, so führe ich die Aegypter als Zeugen auf, in deren Sprache man mich Neith nennt, wie Platons Timaeos bezeugt. Was ferner meinen wir etwa? Wird wohl jene abstehen, sich Minerva zu nennen, die den Namen Koryfasia führt, entweder von der Bezeichnung der Mutter Koryfa, oder weil sie aus Jupiters höchstem Scheitel den Schild tragend und mit dem Schrecken der Waffen umgürtet hervorgesprungen ist. Oder wird jene dritte mit Geduld den Namen ablassen, nicht mit ähnlichen Reden ihren Grund für denselben angeben und der erstern Anmaßung zurückweisen? So wagst du es dir meines Namens Majestät anzumaßen, Sais, aus Morast und Dümpfel hervorgegangen und zusammengeronnen aus Schlamm. Du aber, maße irgend eine andere Würde dir an, die du dich als Göttin aus Jupiters Scheitel geboren lügst und dich überredest, die Vernunft den läppischen Sterblichen zu seyn. Aus dem Haupte gebärt er empfangene Kinder? Damit die Waffen, welch du trägst, geschmiedet und gefertigt werden konnten, war in des Scheitels Höhlung selbst eine Werkstätte, Amboße, Hämmer, Essen, Blasbälge, Kohlen und Zangen? Oder ist was du versicherst wahr, bist du die Vernunft, so lasse ab diesen Namen, der mir gebührt, dir zuzueignen: denn was du Vernunft nennst, ist nicht die gewisse Art einer Gottheit, sondern das Verständniß verborgener Ursachen. Sind nun, da wir zum heiligen Dienste der Minerva herzugehen, wie gesagt, fünf zugegen und verlangt jede derselben, da sie um dieses Namens Eigenthum im Zank liegen, daß ihr entweder Weihrauch geopfert oder aus goldener Schale die Weinspende ausgegossen werde; durch welchen Schiedsrichter, durch welchen Entscheider räumen wir solche Kontroversen hinweg? oder wer wird für solche Hartnäckigkeit der Untersucher, der Richter seyn, der unter Personen dieser Art es wagen will, einen gerechten Ausspruch zu thun oder nicht gerechte Klagen aufzudecken? Wird er nicht vielmehr nach Hause geben, und sich von solchen Dingen enthaltend dafürhalten, sicherer sey es, nichts der Art zu berühren, damit er nicht, der Einen gebend, was Allen zugehört, die Uebrigen zu Feindinnen sich mache, oder dem Vorwurf der Thorheit anheimfalle, da er Allen zutheilt, was nur Einer seyn soll.

Dasselbe können wir von den Merkuren, von den Sonnen, ja von allen Anderen, deren Zahlen ihr vorbringt und mehret, aussagen. Es genügt aber mittelst einem Falle zu wissen, in den übrigen Fällen finde dieselbe Weise statt; und damit die Weitläufigkeit nicht etwa Eckel zu hören erzeuge, so wollen wir unterlassen, das Einzelne zu durchgehen, auf daß wir nicht, euch des Uebermaßes beschuldigend, uns selbst die Beschuldigung unmäßiger Geschwätzigkeit zuziehen. Was sagt ihr, die ihr uns zu der Götter Dienst mittelst Zerreißung der Gliedmaßen einladet und zur Annahme des Kultus euerer Gottheiten hintreibt? Wir können nicht schwierig seyn, zeigt man uns nur etwas der Meinung eines solchen Namens Würdiges. Zeigt uns den Merkur, aber nur einen; den Liber, aber einen; Eine Venus und desgleichen Eine Diana: denn niemals mögt ihr uns glaubwürdig machen, es gäbe vier Apollo oder drei Jupiter; selbst nicht, wenn ihr Jupiter zum Zeugen aufruft oder den Pythius als Gewährsmann bestimmt.

Allein gegentheils sagt, ich weiß nicht wer, woher wir wissen, ob die Theologen Erforschtes und Bekanntes schrieben; oder ob sie, wie zu ersehen, zügellose Erdichtung vorbrachten? Dieß hat keinen Bezug auf diese Sache; und nicht ist dieser Rede Grund darin festgestellt, ob die Dinge sich so verhalten, wie der Theologen Schriften selbe angeben, oder ob sie anderer Art sind und durch vielfachen Unterschied getrennt: denn uns genügt, von öffentlich bekannt gemachten Dingen zu sprechen; nicht aber zu untersuchen, was wahr sey, sondern das zu widerlegen, zu besiegen, was öffentlich aufgesetzt ist und die menschliche Vorstellung auffaßt. Sind jedoch jene Lügner, so wollet ihr was wahr sey darthun und das unwiderlegliche Geheimniß erschließen. Wer aber ist dieß zu vollbringen mächtig, entfernt man den Unterricht der Schriften? denn was kann von den unsterblichen Göttern ausgesagt werden, das nicht aus Schriften von Menschen hierüber zur menschlichen Kenntniß gelangte? Oder was immer könntet ihr selbst von ihren Gebräuchen und Ceremonien erzählen, das nicht in Schriften verzeichnet und in Kommentaren zu diesen veröffentlicht ist? Oder hat dieß kein Gewicht für euch, so möge von alle Schriften, die ihr von den Göttern durch Theologen, Hohepriester und einige Philosophen verfaßt besitzt, vertilgen; ja vielmehr wir wollen sehen, von Anbeginn der Welt habe Niemand unter den Sterblichen jemals irgend Etwas von Göttern geschrieben; und wir wollen in Erfahrung bringen, wir sind begierig zu wissen, ob ihr in eurer Rede auch nur entfernt der Götter erwähnen, ob ihr dieselben mit dem Verstande erfassen könnt, von welchen Keines Schrift euern Seelen eine Kenntniß einbildete. Da aber fest steht, daß ihr die Namen und Machtvollkommenheiten derselben durch Beihülfe der Schriften erfahren habt, so ist es unbillig, diesen Schriften die Glaubwürdigkeit zu entziehen, durch deren Zeugniß und Ansehen ihr doch das was ihr aussagt bekräftigt.

Außer dieß ist etwa falsch und das was ihr sagt ist wahr. Durch welchen Beweis, durch welches Zeichen? Da beide, die dieß und die jenes übergeben haben, Menschen waren, und auf jeder Seite her über ungewisse Dinge disputirt worden, so ist es arrogant zu behaupten, das was dir wohlgefällt sey wahr; was aber dein Gemüth verletzt, der Zügellosigkeit und Falschheit zu beschuldigen. Wenn ihr, bei des menschlichen Geschlechtes Rechten und bei der Gemeinschaft an desselben Sterblichkeit, hört und leset, jener Gott ist von dem und von dieser Mutter hervorgekommen, berührt da nicht eures Gemüthes Sinn was weiß ich welches Menschliche, ausgehend von des irdenen Geschlechtes Niedrigkeit? oder wenn ihr dafürhaltet, so sey es, ergreift euch keine Beängstigung, ihr möchtet irgend einer Beleidigung bei den Göttern selbst, welche immer sie sind, euch schuldig machen, daß ihr glaubt, sie seyen durch schmählichen Beischlaf und aus Saamen zu dem ihnen unbekannten Lichte hervorgekommen? Wir, damit nicht etwa Jemand meine, uns sey unbekannt und unbewußt, was dieses Namens Würde gezieme, urtheilen, die Götter müssen fürwahr der Geburt entnommen seyn; oder kommt ihnen irgend ein Ursprung zu, so meinen und halten wir dafür, er sey von von dem Herrn und Urgrund aller Dinge, aus ihm allein bewußten Gründen, verursacht; unbefleckt, höchst keusch, rein, unwissend dieser Unfläthigkeit der Beiwohnung, welche auch für sie selbst durch die erste Hervorbringung beschlossen ward.

Ihr aber dagegen, uneingedenk solcher Majestät und Erhabenheit, eignet ihnen jene Geburten zu und legt ihnen die Entstehungen bei, welche Menschen reineren Temperamentes für abscheulich und schauderhaft halten. Ihr sagt, aus der Mutter Opis und dem Erzeuger Saturn ist sammt seinen Brüdern Diespiter geboren worden: denn die Götter haben Weiber und verbinden sich zur Ehe nach vorher festgestellten Bedingungen? durch Gebrauch, durch Confarreatio [feierlichste Form der patrizischen Ehe], durch Kauf knüpfen sie das Sakrament des ehelichen Bettes? Sie haben Erwählte, haben durch Annahme der Bedingungen Zugesagte, haben durch Kontrakt Bräute? Und was sollen wir von ihren Verbindungen selbst sagen? da ihr selbst erzählt, daß Manche ihre Hochzeit gefeiert mit häufigen Festen, und daß hier die Göttinnen gescherzt; daß, weil der Fescennischen Lieder nicht theilhaft, sie Alles durch Zwietracht in Verwirrung brachten und daß sie wider das künftige Geschlecht die Entscheidung des Ausganges auswütheten?

Bei den Uebrigen leuchtet möglicher Weise dieser Schimpflichkeit Abscheulichkeit weniger ein. Also jener Weltregent, der Götter und Menschen Vater, der mittelst eines Winkes den ganzen Himmel bewegt und erschüttert, ist aus einem Manne und Weibe entwachsen? Und hätten nicht zwei verschiedenen Geschlechtes sich obscöner Wollust durch verbundene Leiber hingegeben, so wäre jener mächtigste Jupiter nicht, und bis zum heutigen Tage fehlte den Gottheiten der König und der Himmel bestünde ohne Herrn. Was Wunder, daß ihr aussagt, Jupiter sey eines Weibes Leib entkommen, da eure Schriftsieller zusammenschreiben, er habe sowohl eine Amme gehabt, als auch kurz nach empfangenem Leben aus einer fremden Brust Nahrung erhalten? Was sagt ihr Männer? Also abermals wiederhole ich, donnernd, blitzend, leuchtend, schauerliches Gewölk sammelnd zog er die milchende Brust, wimmerte, kroch umher und schwieg, das Weinen zu höchst unschicklicher Zeit unterlassend beim Hören der Klappern; auch wurde er in sanft beweglicher Wiege ruhend eingeschläfert und mit lallendem Kosen besänftigt. O der Be-hauptung des Daseyns der Götter! darthuend und mittheilend die verehrungswürdige Würde der zu fürchtenden Großmächtigkeit. Solcherweise entsteht bei euch, ich bitte, die Vollkommenheit der obern Mächte? durch diese Zeugungen kommen euere Götter an’s Licht hervor, mittelst welcher die Esel, die Schweine, die Hunde, diese gesammte Ueberschwemmung der irdischen Bestien erzeugt und fortgepflanzt wird.

Und nicht zufrieden, diese fleischliche Verbindung der saturnischen Ansehnlichkeit beigelegt zu haben, sagt ihr auch aus, der König der Welt habe selbst schändlicher Weise Kinder erzeugt, wie er deßgleichen erzeugt und geboren worden. Aus der Mutter Hyperiona und dem Blitzschleuderer Jupiter ward der goldene und sehr brennende Sol geboren; aus der Latona und demselben der bogenführende Delier und die Jägerin Diana; aus der Leda und demselben die Kastoren, bei den Griechen Dioskoriden genannt; aus Alkmena und demselben jener thebanische Herkules, den die Keule und das Fell geschützt; aus der Semele und demselben Liber, der Bromios genannt wird, und abermals geboren aus des Vaters Schenkel; ferner aus der Maja Merkur, beredten Mundes und Träger leutseliger Schlangen. Kann man irgend eine größere Schmach eurem Jupiter anthun, oder was Anderes macht das Ansehen euerer Götter schwanken und vernichtet es, als daß ihr glaubt, irgend einmal habe ihn geile Lust besiegt und er sey durch die Gluth der entflammten Brust zur Begierde nach Weibern entbrannt? Und was hatte der saturnische König mit fremden Ehen zu schaffen? genügte ihm Juno nicht und konnte er die Heftigkeit der Begierden nicht bei der Königin der Götter stillen; da dieselbe doch ihre so ausgezeichnete Hoheit, Schönheit, Würde des Antlitzes, wie auch der Arme Marmorglanz anempfahl? Vielmehr nicht zufrieden mit einer Frau, verbreitet der geile Gott, mit Konkubinen, Buhlerinnen und Geliebten sich ergötzend, nach allen Seiten hin seine Unmäßigkeit, wie weibische Buben zu thun pflegen; und der Graukopf stellte sich aus unzähligen Leibern der hinwelkenden Wollüste Gluth wieder her. Welche Schändlichkeit von Meinungen sagt oder erdichtet ihr Gottlose von euerm Jupiter? Bemerkt ihr denn nicht, welcher schimflichen That ihr ihn bezeichnet? als welches Verbrechens Urheber ihr ihn hinstellt? oder welche Makel von Schandthaten, welche Infamien ihr auf ihm häuft.

Sind auch die Menschen zur Geilheit geneigt und durch natürliche Schwäche zu den Anlockungen der Wollüste willig, dennoch strafen sie den Ehebruch durch Gesetze und belegen mit dem Tode, welche sie als Schänder des fremden Ehebettes ertappen werden. Welcher Schimpf, welche Makel der Person des Verführers und Ehebrechers anhänge, das wußte der mächtigste der Könige nicht, und jener Späher, wie die Rede ist, der Verdienste im Guten wie im Bösen, nahm nicht wahr, was schicklich sey zu wollen, bei verlorener Urtheilskraft. Diese wohl üble Handlung könnte noch übertragen werden, verbändet ihr ihn zum wenigsten Ebenbürtigen und gäbt ihn als Ehebrecher mit den unsterblichen Göttinnen an. Welche Schönheit aber, ich bitte, fand sich an den menschlichen Körpern, welcher Liebreiz, die Jupiters Augen anregen, auf sich ziehen konnten? die Haut, das Fleisch, der Schleim und alle jener Unflath der Eingeweide unter der Hülle beschlossen, vor welchem nicht allein jener Lyceus mit durchdringender Sehkraft schaudern, sondern den auch jeder Andere mittelst bloßem Nachdenken zum wenigsten vermeiden kann. O des auserlesenen Lohnes der Schuld, o der würdigen und kostbaren Süßigkeit, um welcher willen der sehr mächtige Jupiter ein Schwan, ein Stier und der Erzeuger blendend weißer Eier ward!

Wollt ihr die Augen des Geistes öffnen und die reine Wahrheit ohne irgend eine Nebenrücksicht betrachten, so werdet ihr finden, daß die Ursachen aller der Uebel, von welchen das Menschengeschlecht, wie ihr sagt, schon lange beunruhigt wird, aus derlei Vorstellungen, die ihr von Alters her von euern Göttern habt, entspringen; und welche ihr durch die vor Augen gestellte Wahrheit zum Besseren umzuändern verweigert. Haben aber wir wohl irgend einmal von ihnen entweder etwas Unschickliches gemeint oder durch Schrift eine Unanständigkeit bekannt gemacht, daß zu unserem Schimpf die Uebel des Menschengeschlechtes und die verkümmerten Annnehmlichkeiten des Lebens vorgebracht werden mögen? Sagen wir wohl, wie die Störche, wie die Tauben sind einige Götter aus Eiern geboren worden? aus des Meeres Schaum und aus den abgeschnittenen Geschlechtstheilen des Uranus habe sich der Cythereischen Venus Schönheit verdichtet? wegen Vatermord sey Saturn gefesselt worden und werde zu seiner Zeit (während der Saturnalien) nur der Last der Bande enthoben? Jupiter sey durch der Kureten Gefälligkeit vom Untergang erhalten worden? er habe den Vater der Regierung beraubt und eines Anderen Herrschaftsrecht mittelst Gewaltsamkeit und Trug sich angemaßt? Sagen wir, der vertriebene Greis habe sich innerhalb der Italer Grenzen verborgen und, weil er vor dem Sohne Sicherheit fand, zum Lohn den Namen Latium gegeben? Jupiter habe mit der Schwester blutschänderische Ehe eingegangen? oder zu Tische geladen für Schweinefleisch unwissend des Lykaons Sohn verspeist? der an einem Beine lahme Vulkan habe auf der Insel Lemnos Kunstwerke verfertigt? Aeskulap sey, wie der Böotier Pindar singt (Pyth. Od. III. Antistr. 3) der Habsucht und des Geizes wegen durch einen Blitz erschlagen worden? Apollo, reich gemacht, habe eben dieselben Könige, durch deren Schätze und Geschenke er sich bereichert hatte, mittelst zweideutiger Antworten betrogen? Sprachen wir öffentlich aus, Merkur sey an Dieb? es gäbe eine Laverna und mit jenem stehe sie gemeinsam dem heimlichen Betrug vor? Gehört der Schriftsteller Myrtilus zu uns, welcher versichert, die Musen seyen des Makaros Tochter Megalkon Sklavinnen gewesen?

Wer hat bekannt gemacht, der König von Cypern, Kinyras, habe die reiche Hure Venus unter die Zahl der Götter erhoben, wer, aus des Pelops Ueberreste sey das Palladium zusammengesetzt worden? Nicht ihr? Wer, Mars sey ein Spartaner gewesen? Nicht euer Schriftsteller Epicharmus? Wer, er sey in Thrazien geboren? Nicht der attische Sophokles sammt allen zustimmenden Theatern? Wer, in Arkadien? Nicht ihr? Wer, er sey dreizehn Monate gefesselt gewesen? Nicht der Sohn des Flusses Mela (Homer, Il. V. 385)? Wer, die Karier opferten ihm Hunde, die Skythen Esel? Nicht insbesondere mit den übrigen Apollodoros? Wer, da er das Eherecht eines Andern insultirte, er sey in einem Netz hängen geblieben? Nicht eure Denkbücher, eure Bühne? Ist jemals von uns geschrieben worden, die Götter hätten um Lohn gedient, wie Herkules aus unfläthiger Liebe und Ausgelassenheit, wie der delische Apollo dem Admet, wie Jupiters Bruder dem troischen Laomedon, wie demselben mit des Vaters Bruder der Pythier; wie Minerva, als Spenderin des Lichtes und Lenkerin der Leuchten, den ehelichen Geheimnissen? Ist es nicht euer Sänger, der Mars und Venus durch Sterblicher Hände verwundet werden ließ? Ist nicht Panyassis Einer aus euch, der erwähnt, von Herkules sey Vater Dis und die Königin Juno verletzt worden? Sagen nicht euers Polemons Schriften aus, das Mannweib habe Ornytos blutrünstig geschlagen und mißhandelt? Erzählt nicht Sosibius, Herkules habe sich, von des Hippokoon Kindern verwundet, voll Schmerz zurückgezogen? Ueberliefern wir, auf der Insel Kreta befinde sich Jupiters Grabmahl? Sagen wir, im Lande der Spartaner und Lacedämonier sey das Bruderpaar geboren, in der Wiege schon verwachsen? Ist unser der als Patrokles Thurius in den Titeln der Schriftsteller angeführte Verfasser, welcher der Gräber und saturnischen Reliquien auf Sizilien erwähnt? Erweist sich der chäroneische Plutarch als unserer Seite zugehörig, der entdeckt, wie daß Herkules nach epileptischem Anfall auf dem Gipfel des Oeta sich verbrannt habe?

Was soll ich von jener Liebe sagen, in welcher die hehren Himmlischen zu den Weibern entbrannten, wie in euren Schriften enthalten ist: denn beschuldigen wir den König des Meeres, daß er die Amphitrite, die Hippothoe, die Amymona, die Menalippa, die Alopa durch die Gluth rasender Liebe der jungfräulichen Reinheit beraubt habe? jenen unbefleckten, höchst reinen und lauteren latonischen Apollo, daß er der Arsinoa, Aethusa, Hypsipyla, Marpesia, Zeuxyppa, dann der Prothoa, Daphne und Steropa mit unüberlegter Brunst begehrte? Wird durch unsere Gedichte bekannt gemacht, wie daß der greise Saturn, schon bedeckt von grauen Haaren und kalt durch der Jahre Menge, von seiner Frau im Ehebruch überrascht, die Gestalt eines Pferdes annahm und wiehernd davonfloh? Ist Jupiter selbst, der Weltkönig, nicht von euch beschimpft worden, daß er durch unzählige Gestalten hindurchgegangen und die Flammen zügelloser Liebe durch gemeine Betrügereien verhüllt habe? Ward jemals von uns geschrieben, er unternahm aus Wollust Trug, sich bald in Gold, bald in einen kurzweiligen Satyr, in einen Drachen, in einen Schwan, in einen Stier, und, alle Arten des Schimpfes zu überspringen, in eine kleine Ameise, des Klitoris Tochter nämlich in Thessalien zu Myrmidons Mutter zu machen, umgestaltend? Wer ließ ihn neun Nächte ununterbrochen bei Alkmene wachen? Nicht ihr? Wer ließ den in Liebelei Unthätigen den himmlischen Aufenthalt verlassen? Nicht ihr? Und fürwahr keine geringe Gunst gebt ihr zur Folge, insofern euch der Gott Herkules geboren ward, der in dergleichen Dingen seines Vaters Kräfte übertraf. Jener konnte in neun Nächten kaum ein Kind zu Stande bringen; der hehre Gott Herkules hingegen entjungferte und schwängerte in Einer Nacht die fünfzig Töchter des Thestius. Was noch, nicht zufrieden der Götter Sorgfalt dem weiblichen Geschlecht zuzuweisen, fügt ihr auch die Liebe zum männlichen Geschlecht bei. Ich weiß nicht, wer den Hylas liebte. Ein Anderer ist für Hyazinth eingenommen. Jener brennt vom Verlangen des Pelops, dieser seufzt heftiger nach Chrysippos. Katamitus wird als Liebling und Mundschenk geraubt; und daß man des Jupiters Knabe sage, wird Fabius an den Hinterbacken angebrannt und besiegelt.

Allein bei euch liebten blos allein die Männer, das weibliche Geschlecht hat seine Keuschheit bewahrt. Ist nicht durch euere Schriften verbürgt, Aurora habe den Thithon liebgewonnen, Luna sey um Endymion entbrannt, die Nereis um Aeakus, die Thetis um des Achilles Vater, Proserpina um Adonis, ihre Mutter Ceres um was weiß ich welchen Ackermann Jasion, und jene Venus selbst, die Mutter von Aeneas und die Gründerin von Roms Herrschaft, nach Vulkan, Phaethon und Mars um Anchyses? Da ihr also solche schimpfliche und schandvolle Unnatürlichkeiten nicht irgend einem namentlich, sondern dem ganzen Geschlecht der Himmlischen, dessen Seyn ihr ersinnt, ohne irgend eine Ausnahme, gleichmäßig aufbürdet, wie wagt ihr, unbeschadet der Schamhaftigkeit, zu sagen, entweder wir seyen die Unfrommen oder aber ihr die Frommen, indem sie viel bedeutendere Beleidigungen von euch durch alle die Schimpflichkeiten, welche ihr zu derselben Schmähung zusammenbringt, ertragen, als Würde und Ehre durch den Ritus und Dienst der Verehrung. Entweder nämlich ist Alles falsch, was von den Einzelnen bekannt ist, derselben Ehre und Majestät antastend, und dann ist die Sache allerdings des Werthes, daß die Götter um derselben willen das Geschlecht der Sterblichen vom Grunde aus vernichten müssen; oder es ist ausgemacht und wahr ohne allen Zweifel ausgesagt, und dann stellt sich als das Endresultat heraus, daß wir wider euern Willen glauben, sie seyen nicht himmlischen, sondern menschlichen Geschlechtes gewesen.

Denn wo Hochzeiten, Ehen, Kindbetten, Ammen, Handwerke, Gebrechlichkeiten, wo der Zustand der Freiheit und der Sklaverei, wo Wunden, Schläge, Blut, wo Liebschaften, Sehnsucht, Wollust, wo jegliche Gemüthsbewegung aus Unstättigkeit sich findet, dort kann nothwendiger Weise nichts Göttliches seyn; und nimmer mag das dem vergänglichen Geschlechte und der irdischen Hinfälligkeit Eigenthümliche der vorzüglichern Natur anhangen: denn wer wird glauben, wenn er nur anerkennt und erfaßt, welche Machtvollkommenheit einer solchen Kraft zukomme, entweder, ein Gott hätte Zeugungsglieder und könne durch höchst geräuchvolles Abhauen derselben beraubt seyn; oder aber, er sey durch die von ihm früher erzeugten Kinder gefangen und mit Kettenstrafe gezüchtigt worden; oder er habe gewissermaßen mit seinem Vater gekämpft und ihn an seinem Recht gehindert; oder er habe, durch Geringes erschreckt, besiegt die Flucht ergriffen und gleich einem Flüchtling und Vertriebenen in ferner Abgeschiedenheit geendet. Wer, sage ich, mag glauben, ein Gott habe an menschlichem Tische sich gelagert, sey des Geizes wegen getödtet worden, habe die Flehenden durch der Antwort Zweideutigkeit getäuscht, zeichne sich aus in Diebskniffen, habe die Ehe gebrochen, im Dienst gestanden, sey verwundet worden, habe geliebt und durch alle Arten der Gelüste unzüchtiger Begierden die Verführung herumgeführt? Gleichwohl versichert ihr, alles dieß stattgefunden finde sich bei euern Göttern, und ihr übergeht keine Art der Lasterhaftigkeit, des Uebelthums, der Fehler, die ihr nicht zu der Götter Schimpf durch die Leichtfertigkeit der Meinungen aufsammelt. Entweder also müßt ihr euch andere Götter suchen, welchen dieß Alles nicht zu Schulden kommt: denn denen solches zur Last fällt, sind menschlichen und irdischen Geschlechtes; oder sind dieselben, deren Namen wie Sitten ihr veröffentlicht, so nehmt eure Meinungen hinweg: denn was immer ihr erzählt, ist Sterbliches.

Und wir können hier an dieser Stelle darthun, daß diese Alle, die ihr als Götter aufführet und so nennt, Menschen waren; sey es durch Aufschlagen des Euphemeros von Agrigent, dessen Bücher Ennius, sie allgemein verständlich zu machen, in die lateinische Sprache übersetzt hat; oder durch Nikanor von Cypern, durch den Leontiner Pellaeos, durch Theodoros von Kyrene, durch die Melier Hippo und Diagaras; oder durch tausend andere Schriftsteller, welche mit der Sorgfalt grübelnden Fleißes verborgene Dinge aufrichtig und freimüthig bekannt machten. Wir können, sag‘ ich, wenn’s gefällt, sowohl des Jupiters Thaten als die der Minerva und der Jungfrau Diana hererzählen; mit welchen Kniffen Liber das indische Reich sich aneignete; welches Standes die Venus war, welcher Werke, welches Erwerbes sie sich befleißigte; wessen Ehe die große Mutter festhielt; welche Hoffnung, welche Lust sie des schönen Attis wegen empfand. Woher der ägyptische Serapis, woher die Isis, oder aus welchen Ursachen die Benennung selbst zurecht gemacht worden.

Allein weder diese Bemühung noch diese Absicht haben wir bei Abfassung unserer Schrift gehabt, darzuthun und öffentlich darzulegen, wer denn diese Alle gewesen. Dieß ist unser Vorsatz, da ihr uns Unfromme und Religionslose nennt, euch dagegen als Gottesfürchtige und Verehrer der Götter versichert, darzuthun und offenbar darzulegen, daß sie von Niemand schimpflicher behandelt werden, als gerade von euch. Ist nach den Schmähungen dieß nun sichtlich, so folgt, daß man annehmen muß, ihr erregtet die Himmlischen mit Stacheln wüthender Unanständigkeit, da ihr so schändliche Fabeln von ihnen theils hört, theils glaubt, theils selbst zusammenfügt: denn nicht muß man den, welcher sorgfältig überdenkt, und unbefleckte Opferthiere darbringt, welcher Haufen Weihrauchs dem Feuer zum Verzehren spendet, für passend halten, die Götter zu verehren oder nur allein der Religion Pflichten zu erfüllen. Der wahre Kult ist im Herzen, wie auch die würdige Meinung von den Göttern. Nichts nützt die Opferung des Blutes, wenn du von ihnen das glaubst, was nicht allein weit abliegt von derselben entfernter und verschiedener Natur, sondern auch irgend etwas Bemakelndes und Entehrendes ihrer Majestät und Schönheit verbindet.

Es beliebt nun euch zu fragen und zur kurzen Rede Beantwortung aufzufordern, ob ihr es für würdiger haltet, ihnen keine Opfer zu bringen, weil man denken sollte, sie wollten noch begehrten dergleichen; oder solche Schändlichkeiten mittelst der Meinungen Abscheulichkeit zu erfassen, welche eines Leben Gemüth zur Wuth der Rache erregen? Wägt man der Dinge Umstände ab, so findet sich wohl kein so mißgünstiger Richter, welcher nicht die Zerstörung des Rufes von irgend Einem durch Beschimpfungen für vorwurfsvoller hielte, als das Nichtberücksichtigen von irgend Jemand. Dieß nämlich kann etwa für ein Zeichen der Urtheilskraft gehalten und geglaubt werden; jenes ist ein Zeichen verruchten Gemüthes und desperater Blindheit in Einbildungen. In euern Zeremonien und heiligen Dingen finden Forderungen statt, und man sagt, das Begehren eines Sühnopfers werde veranlaßt, wenn irgend einer durch Unvorsichtigkeit fehlend, entweder im Worte oder bei der Libation abirrte; oder aber beim Laufe in den festlichen Spielen und heiligen Wettrennen. Alsbald rufet ihr Alle, Verbrechen wider die heiligen Gebräuche, steht der Schauspieler still; verstummt der Flötenspieler plötzlich; oder läßt aus Unwissenheit jener Knabe, den man Patrimus nennt, den Zügel los oder kann er die Erde nicht berühren; und dennoch wagt ihr zu verneinen, die Götter würden von euch innnerdar durch so schwere Verschuldigungen verletzt, da ihr doch bekennt, daß sie in leichteren Fällen oftmals mit Verderben dem Staat zürnten.

Allein man sagt, dieß Alles sind Erdichtungen und zur Lust ausgesonnene Spielereien. Es ist zwar nicht glaubwürdig, daß eben nicht unverständige Menschen und Erforscher des fernsten Alterthums entweder diejenigen Fabeln, welche in der Menschen Kunde und im Gehör hinterlegt übrig waren, ihren Dichtungen einverleibt haben; oder daß sie sich so sehr das dreiste Recht aneignen wollten, mittelst Thorheit jene Dinge zu ersinnen, welche, nicht weit von Unsinn entfernt, ihnen von Seiten der Götter Furcht und von Seiten der Menschen Gefahr bringen konnten. Aber wir wollen zugeben, wie ihr behauptet, die Dichter seyen solcher Unförmlichkeiten Urheber und Erfinder. Dennoch seyd ihr auch so nicht frei von der üblen Behandlung der Götter, die ihr säumt derlei Uebelthaten entweder zu bestrafen, oder durch die erlassenen Gesetze und durch die Strenge der Strafen solcher Vermessenheit entgegenzutreten: da doch von euch festgesetzt worden, kein Mensch sollte künftighin das zunächst Unanständige oder das der Majestät der Götter Unwürdige aussprechen. Wer immer dem Fehlenden zu fehlen erlaubt, der reicht der Dreistigkeit Kräfte dar; und es ist größere Schmach, Jemand falsche Vergehungen zuzueignen, als wahrhaftige Verbrechen aussagen und vorwerfen. Daß gesagt werde, was du bist und was zu seyn du dich fühlst, hat einen geringeren Schmerz bei sich, durch das Zeugniß stiller Erkenntniß gemildert. Aber das verwundet auf’s herbste, was die Unschuldigen sengt und was den Schmuck des Namens wie des Rufes infamirt.

Man schreibt, daß eure Götter in den himmlischen Speisesälen und goldenen Hallen schmausen, trinken und zuletzt mit Flöten und Sangweisen sich ergötzen. Ihr leiht das geduldigste Ohr, und haltet es nicht für unwürdig, den Göttern die Genüsse beizulegen, durch welche die irdischen Körper erkräftigt werden, und welche verweichlichte Ohren fordern bei der Schlaffheit einer entnervten Brust. Man führt unter ihnen verschiedene als Liebhaber, als Buhler auf, die sich nicht nur mit Weibern, sondern auch mit Knaben auf schändliche Weise mischen. Ihr habt keine Sorge, was über solche Dinge man aussagt; noch auch zähmt ihr durch irgend eine Furcht der Zurechtweisung die Keckheit üppig wuchernder Schriften. Andere sollen sich durch Wahnsinn, durch Wuth der Kinder berauben und gleichwie von feindlichem Blute, so durch eigenen Vatermord beflecken. Jene hocherhaben vorgetragenen Gotteslästerungen bewundert ihr, und was schicklich mit allen Strafen geahndet werden sollte, das erhebt ihr, damit die Dreistigkeit um so verwegener sich aufrichte, durch den Reiz des Lobes. Jene sollen die Wunden der Beraubung beseufzen und mit Heulen das grausame Geschick der Schmach anklagen. Ihr staunt ob der Gewalt der Beredsamkeit, und was aus des Menschengeschlechtes Verbindung vertilgt zu werden gebührte, ihr nehmt es zur Hand, lernt es auswendig und tragt Sorge, daß es durch keinerlei Vergessenheit zu Grunde gehe. Man erzählt, wie daß sie sich verwundet, mißhandelt und mit der Gluth wüthender Entzweiung unter eineinander gekämpft haben. Solche Schilderung dient euch zur Ergötzung, und um eine so große Dreistigkeit zu vertheidigen, lügt ihr, jene Dinge seyen Allegorien und naturwissenschaftliche Lehrsätze.

Doch was beklage ich mit Heftigkeit die geringschätzigen Schändungen der anderen Gottheiten? Jener Jupiter selbst, dessen Namen euch ziemte nicht ohne Furcht und Beben auszusprechen, wird beschrieben, wie er von seiner Frau verleitet als Buhle seine Ausschweifungen bekennt, und gleichsam unbesonnen und unbewußt offenbart, welche Konkubinen er, verhärtet in Schamlosigkeit, seiner Frau vorgezogen habe (Il. XIV, 312 bis 328). Da ihr erwähnt, die solche Unnatürlichkeiten hervorbringen, seyen die mit göttlichem Geiste begabten vornehmsten und obersten Dichter, die heiligsten Häupter, so geht ihr nur von der durch euch eingeführten Religionspflicht ab, indem die Worte für euch größeres Gewicht haben, als der Himmlischen verletzte Erhabenheit. Nicht also ziemte sich, wäre nur irgend Gottesfurcht bei euch oder glaubtet ihr derselben Daseyn irgendwo mit dem festen Vertrauen gewisser Voraussetzung, durch Bills, Volksbeschlüsse, Senatsentschließungen einzuschreiten, zu verhüten, zu verordnen, daß Niemand ohne Unterschied etwas Anderes von den Göttern aussagen wolle, als was volle Religion sey. Von euch haben sie zum wenigsten diese Ehre nicht verdient, daß ihr von denselben, die ihr wegstoßt, durch Gesetze Unbilden abwendet. Der Majestät verschulden sich bei euch , die von euern Herrn irgend Schlechtes murren. Die Obrigkeit herabwürdigen, einen Senator beschimpfen ist durch die angeordneten Strafen äußerst gefahrvoll. Eine Satyre, welche des Anderen Ruf und Leben befleckt, wolltet ihr durch die Verordnung der Zehnmänner nicht ungestraft entkommen lassen; und damit nicht irgend Einer eure Ohren durch frechern Tadel beleidigte, so verfaßtet ihr wegen der heftigen Injurien Vorschriften. Nur die Himmlischen allein sind bei euch ohne Ehre, verächtlich, werthlos. Für sie habt ihr das Recht eingeräumt, daß Jeder sage, was er wolle; die Formen des Schimpfes und der Schande laut werden lasse, welche die Zügellosigkeit bildete und aussann. Und nicht schämet ihr euch, uns Vernachlässigung so infamer Götter zur Last zu legen, da es doch gehöriger ist zu glauben, es seyen keine Götter, als dieselben seyen solche und empfänden solchem Rufe zufolge.

Den Dichtern aber wollt ihr nur bloß erlauben, von den Göttern ihrer unwürdige Fabeln und schandvolles Gespött zu ersinnen? Was thun denn euere Pantomimen, euere Possenreißer, euere Schauspieler und die Menge des liederlichen Geschlechtes? Mißbrauchen sie nicht zu ihrem Verdienst euere Götter und entnehmen die Lockungen zur Lust von göttlichen Entehrungen und Schmähungen? Es sitzen in den öffentlichen Schauspielen die Kollegien aller Priester und Obrigkeiten, die Hohenpriester und die Priester jeder Kurie; dort sitzen die mit Lorbeern befransten Fünfzehner und die Flamines mit den kegelförmigen Mützen; dort sitzen die Auguren, die Ausleger des göttlichen Willens und Geistes, wie auch die keuschen Jungfrauen, die stäten Ernährerinnen und Bewahrerinnen des Feuers; dort sitzt das gesammte Volk und der Senat; dort sitzen die Konsularen, die den Göttern nächsten und hocherhabenen Konsuln: und, was eine Gottlosigkeit wäre zu hören, jene Mutter des martischen Geschlechtes, des Herrschers und Volkes Erzeugerin Venus wird als Liebende getanzt, und durch alle Stimmungen buhlerischer Niedertracht in schamloser Nachahmung als Bacchantin dargestellt. Man tanzt auch die große Mutter, geschmückt mit heiliger Inful [Kopfbinde]; und wider Anstand wird jene pessinuntische Dindymene vorgebildet, wie sie nach eines Rinderhirten Umarmung mit schändlichem Verlangen begehrt. Nicht weniger führt man auf, wie jener Sohn des Jupiters, Herkules, in Sophokles Trachinerinnen, vom giftgetränkten Gewande umschlungen, Jammertöne ausstößt, von des Schmerzes Gewalt gebrochen und bei der letzten Verzehrung des durch Befeuchtung hingeschwundenen Fleisches getödtet wird. Ja, selbst der höchste Herrscher der Welt wird herbeigebracht, ohne irgend eine Scheu vor Name und Majestät, um die Rollen des Ehebruches darzustellen, und zwar, um die Keuschheit fremder Frauen täuschen zu können, die trügerischen Masken zu wechseln, wie auch unter der Gestalt des Gatten durch des untergeschobenen Körpers Schein dessen Stelle einzunehmen.

Nicht genügt diese Schuld; auch von den Pantomimisten, von den kurzweiligen Possenreißern werden die Personen der heiligsten Götter gebraucht. Und da man, damit den müßigen Zuschauern Lachen und Heiterkeit erregt werden könne, die Gottheiten mit lächerlichen Sticheleien trifft, so schreien sie zusammen, erheben sich, und alle Sitze erschallen von loderem Beifall. Was aber durch keine Genugthuung vergütet werden kann, man ordnet für die Weichlinge und Spötter der Gottheiten Geschenke und Belohnungen, Muße von öffentlichem Dienste, Abgabenfreiheit und Entledigung aller Lasten mit Kränzen. Und ihr wagt euch zu verwundern nach diesem Allen, woher diese Uebel entstehen, welche ohne Unterbruch die Menschheit überkommen und bedrängen: da ihr alle die Dinge, in welche der Gottheiten Schändlichkeiten eingehüllt sind, wie auch die Schmähungen täglich wiederholt, täglich erfahrt; und weil ihr einmal die müßige Seele mit unnützen Träumereien beschäftigen wollt, so fleht ihr um die Mehrung eurer Lebenstage und um die ununterbrochene Mittheilung. Wäre irgend ein Unwille wider eure Religion in euch, dann müßtet ihr vielmehr schon längst diese Schriften verbrannt, diese Theater vielmehr niedergerissen, aufgehoben haben, in denen täglich der Götter Schande durch schimpfliche Fabeln veröffentlicht wird. Warum aber sollen unsere Schriften verdienen, dem Feuer übergeben, weßhalb unsere Versammlungsorte zerstört zu werden? wo der höchste Gott angebetet, wo Friede und Gnade für sämtliche Obrigkeiten, Heere, Könige, Freunde wie Feinde, für die noch Lebenden und für die aus dem Bande des Körpers Entlassenen erfleht wird; wo man nichts Anderes hört, als was menschenfreundlich, was sanftmüthig, schamhaft, züchtig, keusch, mittheilsam macht und mit Allen, welche die Geschwisterlichkeit verbindet, in Liebe verknüpft.

Wirklich, so ist’s: weil ihr vielfaches mit dem Schwerte und durch Gewalt auszurichten vermöget, so meint ihr auch der Wissenschaft des Wahren vorzugeben; und für die Götter fromm zu seyn, deren Macht ihr als die Ersten durch der Meinungen Garstigkeit besudelt. An dieser Stelle, wenn eure Muthigkeit erlaubt und eure Heftigkeit gestattet uns zu antworten, bitten wir: ob ihr wohl dafür haltet, daß Zorn der Natur der Götter eigne, oder daß die göttliche Glückseligkeit von solchem Affekt weithin entfernt sey? Hegen sie dieses Feuer und entflammt sie die Aufregung des Zornes, wie eure Meinungen fordern: denn ihr sagt, oftmals habe wegen geringer Sorgfalt bei der Feier der Spiele, wegen nicht bewährten Vorsitzern, wegen entweihter Bahn, wegen nicht gehörig verrichteten Ceremonien die Erde gebebt und die Pest die Luft vergiftet zum kläglichen Verderben des Volkes; dann folgt, wie aus den angeführten Meinungen wahrgenommen werden muß, daß sie keine geringe Neigung zum Zorn besitzen. Wird dieß nun zugegeben, so ist nothwendig die Folge, daß all dieses Elend, welches zu allen Zeiten das Menschengeschlecht überhäufte, von derlei Erdichtungen herkam. Hebt der Götter Unwillen aber von dieser Ursache an, so seyd ihr so vielfältigen Jammers Urheber, die ihr nicht aufhört, der Himmlischen Gemüther zu beleidigen und zur Wuth der Rache zu reizen. Wofern jedoch das Göttergeschlecht von derlei Wuth frei ist, und die Götter durchaus nicht wissen, was Zorn sey; so sagt man ohne irgend einen Grund, die, welche nicht wissen, was Zorn ist, seines Bandes wie seiner Mischung ledig sind, zürnten uns.

Fünftes Buch

Es mag seyn! Die spielenden Dichter haben jene Schändlichkeiten von den unsterblichen Göttern insgesammt bekannt gemacht. Aber was die glaubwürdigen, ernsten, sorgfältigen Geschichtserzählungen enthalten, in den geheimnißvollen Mysterien überliefert werden, ist dieß auch von den Dichtern ausgesonnenes Phantasiespiel? Hieltet ihr dasselbe für derlei Ungereimtheit, so bewahrtet ihr Manches nicht im Gebrauch, so feiertet ihr es nicht im Laufe der Jahre als frohe Feste, noch beobachtetet ihr es als Abbilder von Thatsachen im heiligen Ritus. Aus so Vielem der Art will ich indessen nur eins, die Mittelstraße verfolgend, vorsetzen, wo jener Jupiter selbst als thöricht und unwissend eingeführt wird, im Spiel zweideutiger Ausdrücke. Im zweiten Buche, damit nicht Einer etwa meint, wir bringen Verläumdung halber Schmähungen vor, erzählt Antiates folgende Fabel: König Numa habe, nicht im Besitz der Kunde, wie man das vom Blitz Getroffene sühne, begierig nach dieser Kenntniß, auf die Mahnung der Egeria, zwölf reine Jünglinge bei der Quelle mit Schlingen versteckt, um, wenn Faunus und Martius Pikus dorthin Wasser zu schöpfen kämen: denn dieser Gang des Wasserholens war ihnen gewöhnlich; dieselben anzufallen, zu greifen und zu binden. Damit die Sache aber mit geringerer Schwierigkeit ausgeführt werden konnte, habe der König große Geschirre voll Wein und Honigwasser füllen und beim Zugang der Quelle zum Trug hinstellen lassen. Jene seyen nun nach gewohnter Weise, begierig zu trinken, an den bekannten Ruheplatz gekommen; als sie aber auf die von duftendem Tranke erfüllten Gesschirre stießen, hätten sie, dem Alten das Neue vorziehend, derselben voll Gier sich bemächtigt, von des Trankes Süße befangen, mehr als genug getrunken, und seyen dann mit beschwerten Knöpfen eingeschlafen. Da die beiden Greise im tiefen Schlaf ruhten, habe man die Trunkenen in Bande geschlagen und ermuntert hätten sie alsbald den Könige belehrt, auf welche Weise und durch welche Opfer Jupiter zur Erde herabgezogen werden könnte. Nachdem der König diese Kunde erhalten, habe er auf dem Aventin das Opfer dargebracht, den Jupiter zur Erde herabgezogen und von ihm den Ritus der Sühnung erforscht. Jupiter habe lange zögernd gesagt: du wirst durch ein Haupt die vom Blitz getroffenen Gegenstände sühnen; der König geantwortet: durch ein Zwiebelhaupt? Hierauf Jupiter: durch ein menschliches; und der Könige dagegen: durch Haupthaar. Der Gott weiter: durch ein lebendes Wesen; worauf Pompilius, in die Rede fallend, Fisch gesagt. Endlich habe durch die zweideutigen Worte gefangen Jupiter ausgerufen: Du betrügst mich, Numa: denn ich setze für die vom Blitz getroffenen Gegenstände menschliche Häupter zur Sühne, nicht Haupthaar, Zwiebeln; weil mich jedoch deine Schlauheit hintergangen hat, so magst du deinen Willen haben, und vermittelst der Dinge, welche du durch Vertrag bedingt, immerdar die Sühne der vom Blitz getroffenen Gegenstände vornehmen.

Was der Verstand zuerst, was zuletzt entweder behaupten oder nachlassen mag, kann nicht leicht gesagt, noch durch irgend eine Ueberlegung zu Stande gebracht werden: denn Alles ist dergestalt zum Spott ausgedacht und vereinigt, daß mit aller Kraft ihr euch zu dem Glauben anstrengen müßt, dieß sey falsch, wenn auch wahr, als es für Wahrheit behaupten und gleichsam als irgend etwas Wunderbarliches, nicht ohne Geringschätzung der Gottheit selbst bekannt machen zu wollen. Glauben wir etwa, was ihr sagt, jener Faunus und Martius Pikus, sind sie aus der Götter Zahl und von der immerwährenden, unsterblichen Natur, seyen einstmals von Durst ausgetrocknet und um den Brand der Eingeweide zu löschen, zur sprudelnden Quelle hinzugegangen? Glauben wir ferner, sie hätten, vom puren Wein befangen und durch des Methes Süße angelockt, so lange in die trügerischen Gefäße sich vertieft, bis sie der Trunkenheit unterlagen? Glauben wir, sie hätten, vom Schlafe gefesselt und in die Vergessenheit der tiefsten Betäubung versenkt, irdischen Geschöpfen die Gelegenheit sie zu binden dargeboten? Dann, an welchen Gliedmaßen hat man ihnen die Bande verknüpft? Hatten ihre Hände, die man mit Stricken binden und mittelst Verknüpfungen bändigen konnte, irgend eine Festigkeit oder waren dieselben aus harten Knochen gebildet? Nicht aber forsche, nicht untersuche ich, ob die von der Bewußtlosigkeit des Rausches Wankenden irgend etwas aussagen konnten; ob wider Jupiters Wille auch nur Jemand vielmehr jenen Ritus des Herabziehens auf die Erbe bekannt zu machen vermochte; sondern dieß allein wünsche ich zu vernehmen, warum, sind Faunus und Pikus göttlichen Geschlechtes und göttlicher Macht, sie nicht vielmehr das, was Numa von Jupiter selbst um so viel gefährlicher zu hören verlangte, selbst dem Frager offenbarten? Oder wußte Jupiter etwa allein dieser Sache Wissenschaft: denn von ihm fahren die Blitze hernieder; daß der Gebrauch einer gewissen Kenntniß das Angedrohte sühnen solle? Oder ist es, da er selbst dieses Feuer schleudert, eines Andern Sache vielmehr zu wissen, auf welche Weise sich schickt, seinen Zorn und seine Affekte zu mäßigen? Und freilich ist in Wahrheit das Thörichste zu glauben, er selbst habe die Mittel gelehrt, mittelst welcher, was durch den Blitzstrahl in den menschlichen Zuständen zu geschehen er festgesetzt, abgewendet werden kann. Das heißt nämlich aussprechen: Durch jene Art Ritus werdet ihr meinen Zorn besänftigen; und werde ich je durch Blitze bezeichnet haben, etwas zu bedrohen, so thut dieß und jenes, damit das von mir Bestimmte nichtig und eitel werde, und durch der Opfer Kraft hinschwinde.

Wir wollen aber zugeben, wie man sagt, Jupiter selbst habe wider sich Mittel und Künste geordnet, die schicklich seyen, seinen Anzeichen zu begegnen: werden wir dennoch glauben, ein Gott solcher Machtvollkommenheit sey zur Erde herabgezogen worden und habe, aus dem Gipfel eines Hügels mit einem Menschen stehend, eine zänkische Unterredung gepflogen? Und welches göttliche Ding, frage ich, war es, das von solcher Herrschaft der Dinge Jupiter nöthigte, sich abrufen zu lassen und den Anforderungen eines Sterblichen sich zu stellen? Opferschrot, Weihrauch, Blut, Beräucherung mit heiligem Laube und das Murmeln schauerlicher Worte? Und dieß Alles war mächtiger, denn Jupiter, so daß es ihn zwang, aufgefordert, dem Gebote nachzukommen, oder freiwillig sich dem Betrug hinzugeben? Der Saturnier sey dergestalt unvorhersehend gewesen, daß er entweder das aussagte, durch dessen Zweideutigkeit er sich selbst zum Fange darbot, oder daß er dessen unkundig war, auf welche Weise des Sterblichen Schlauheit und Verschmitztheit ihn zum Besten haben werde. Du wirst, sprach er, durch ein Haupt die vom Blitz getroffenen Gegenstände sühnen. Noch ist die Rede unvollendet, und der Gedanke des Ausspruches weder voll noch abgeschlossen: denn nothwendig schicke sich zu wissen, ob Diespiter die Vollbringung dieser Sühnung durch das Haupt eines Widders, eines Schweines, eines Rindes oder durch irgend ein anderes anordne. Da dieß noch nicht bestimmt und annoch ungewiß, der Ausspruch noch unvollendet war, wie konnte Numa wissen, Jupiter werde des Menschen Haupt nennen, so daß er zuvorkam, vorbeugte und das Unbestinnnte seiner Zweideutigkeit auf das Zwiebelhaupt übertrug?

Vielleicht sagt ihr, der König sey göttlicher Natur gewesen: konnte er wohl göttlicher seyn als Jupiter selbst? Wofern der Mensch voraussetzend, was Jupiter sagen wollte, nicht hintergangen hat, so konnte der Gott nicht wissen, auf welche Weise der Mensch sich fertig machte zu hintergehen. Dieß ist nicht augenscheinlich und erscheint als die Erfindung läppischer Erdichtung, durch welche, während Numa die Lebhaftigkeit der Einsicht erworben, dem Jupiter die größtmöglichste Unwissenheit beigelegt wird: denn was ist so unwissend, als sich durch die Schlauheit menschlicher Einsicht bethört zu bekennen, und während man sich der Bethörung wegen betrübt, dem Willen des Siegers sich zu unterwerfen und das verborgene Heilmittel darzulegen? War irgend ein Grund und eine natürliche Uebereinstimmung vorhanden, weßhalb die Sühne der vom Blitz getroffenen Gegenstände durch ein menschliches Haupt vollbracht werden sollte, so sehe ich nicht ab, warum der König den Antrag eines Zwiebelhauptes machen wollte; konnte aber ein Zwiebelhaupt die Sache abthun, so ist auf grausame Weise Menschenblut begehrt worden. Und so werden beide Theile in Widerspruch versetzt, indem man darthut, Numa habe nicht wissen wollen, was er wollte, und ausgesagt, Jupiter sey grausam, weil er, was von Numa auch durch ein Zwiebelhaupt vollendet werden konnte, durch ein menschliches Haupt gesühnt wollte haben.

Bei dem nicht unberühmten Theologen Timotheus, wie auch bei anderen gleicherweise gelehrten Männern findet man über die große Mutter der Götter und über derselben Dienst folgenden Ursprung angegeben, aus aufbewahrten Schriften des Alterthums und aus den geheimnißvollsten Mysterien erforscht, wie er selbst versichert und angiebt. Im Lande Phrygien, sagt er, ist ein vor allen andern unerhört großer Fels, der Agdus von den Eingeborenen der Gegend genannt wird. Von ihm entnommene Steine hat Deukalion und Pyrrha, wie Themis weissagend befohlen, auf die der Sterblichen entblöste Erde geworfen; aus welchen sammt den Uebrigen auch diese, welche man die große Mutter nennt, gebildet und durch göttliche Schickung beseelt worden ist. Als sie auf des Felsen Gipfel sich der Ruhe und dem Schlafe hingab, begehrte ihrer ruchlos Jupiter mit unzüchtiger Leidenschaft. Da er aber nach langer Anstrengung das sich Verheißene nicht erlangen konnte, so büßte er, zum Nachgeben gezwungen, seine Lust auf den Stein. Hiervon empfing der Fels und nach vielfachem vorhergegangenen Stöhnen gebar derselbe im zehnten Monat den nach dem mütterlichen Namen benannten Acdestis. Dieser war von unbezwinglicher Stärke und unzugänglicher Wildheit, von unbändiger und rasender Gier, beiderlei Geschlecht angehörig; der das mit Gewalt Geraubte zu Grunde richtete, vernichtete, nach der ihn treibenden Wildheit; der weder um Götter noch Menschen sich bekümmerte und außer sich an nichts Mächtigeres glaubte, Erde, Himmel und Sterne verachtend.

Da die Götter oftmals in Berathung zogen, auf welche Weise desselben Dreistigkeit entweder geschwächt oder unterdrückt werden könne, so übernahm, während die Anderen in Unentschlossenheit verharrten, Liber dieses Werkes Besorgung und entzündete jene ihm trauliche Quelle, wo er gewohnt war die durch Liebesgenuß und Jagd erregte Brunst und Gluth des Durstes zu lindern, mit der heftigsten Kraft lautern Weines. Acdestis lief nun zur Zeit des ihn nöthigenden Durstes herbei und verschluckte unmäßig durch weit geöffneten Schlund den Trank; so daß, durch das Ungewohnte überwältigt, er in den tiefsten Schlaf versank. Liber lag im Hinterhalte und warf eine Schlinge aus starkem Haar auf’s Geschickteste gedreht um die Fußsohle, mit dem andern Theile der Hoden samt dem Geschlechtsglied sich bemeisternd. Als jener die Kraft des Weinen verdunstet mit Heftigkeit sich aufraffte, und die Schlinge an der Fußsohle anzog, so beraubte er sich so selbst durch seine eigene Kraftanstrengung der männliche Geschlechtstheile. Bei Abreißung dieser Theile floß ungemein viel Blut, welches die Erde schnell zu sich nahm und gänzlich einsaugte, worauf dann plötzlich ein Granatbaum aufschoß mit einem Apfel, den Mana, die Tochter des Königs oder Flusses Sangar, nach Betrachtung seiner Schönheit, verwunderungsvoll pflückte und im Busen bewahrte, wodurch sie schwanger ward. Der Vater verschloß sie aber als eine Geschändete und trug Sorge, daß sie durch Hunger sterbe. Mittelst Früchte und sonstige Beeren erhielt sie die große Mutter, und sie gebar das Kind, welches Sangar auszusetzen gebot. Den Gefundenen nahm ich weiß nicht welcher Phorbas zu sich und nährte ihn mit Bockmilch. Weil entweder in Lydia man die Schönheiten so nennt, oder weil die Phrygier in ihrem Dialekt die Ziegen Attageus bezeichnen, daher hat er den Namen Attis erhalten. Diesen Gott, der von Angesicht überaus reizend war, liebte nur einzig und allein die große Mutter, wie auch Acdestis, der liebkosende Begleiter des Knaben, welcher, wie ihm nur möglich durch allzuungehörige Gunstbezeigungen gefesselt, denselben durch Wälder hinführend mit reichlichen Geschenken erlegten Wildes begabte, die Attis sich rühmend die Erstlinge seiner Bemühung und Thaten nannte, bis er endlich durch den Wein bekannte, er werde nicht bloß von Acdestis geliebt, sondern auch von ihm mit waidmännischen Geschenken geehrt. Daher ist denen, welche im Weine, der das Schweigen in Gefahr setzt, sich besudelt haben, nicht erlaubt, dessen Heiligthum zu betreten.

 

Hierauf bestimmte Midas, König von Pessinus, den Knaben solcher schändlichen Verbindung zu entziehen wünschend, ihn seiner Tochter zum Gatten; und ließ, damit nicht irgend etwas Unglückseliges die hochzeitliche Feier unterbrechen möge, die Stadt absperren. Die große Mutter jedoch, des Knaben Schicksal wissend, daß er so lange unter den Menschen wohlbehalten seyn werde, als befreit von dem Ehebund, ging zur Verhütung irgend eines Unglücks in die verschlossene Stadt ein, indem sie die Mauern mit ihrem Haupte emporhob, woher der Anfang, daß sie gethürmt ist. Acdestis, aufsprudelnd von Zorn wegen des ihm entrissenen, und zur Liebehaberei eines Weibes hingeleiteten Knaben, verursachte sämtlichen Hochzeitgästen Wuth und Wahnsinn, so daß zur Stunde die erschrockenen Phrygier zusammenschrieen, des Gallus Kebsweib Tochter sich die Brüste abschnitt; Attis die Rohrpfeife raubte, welche er selbst als Anreizer zur tobenden Wuth Gebrauchte, selber dann der Raserei voll, schwärmend , umhergetrieben, sich endlich nieder geworfen unter einer Pinie entmannte, rufend: Dieß dir, Acdesti, wegen dem du solche Aufregung rasender Entzweiung bereitetest! Mit dem Blutfluß entfloh das Leben. Das Abgeschnittene aber las die große Mutter auf und warf Erde darauf, nachdem es zuvor in das Gewand des Verstorbenen eingewickelt worden. Aus dem Blute entstand die Viole und man bekränzte mit ihr den Baum. Daher ist entsprungen, auch jetzt noch die heiligen Pinien zu umwinden und zu bekränzen. Die jungfräuliche Braut, welche, wie der Pontifex Valerius schreibt, Ja geheißen, verhüllte des Entseelten Brust mit weicher Wolle, beweinte ihn mit Acdesti und tödtete sich selbst; das Blut der Selbstmörderin ward in purpurfarbige Violen verwandelt. Auch die Mutter vergoß Thränen, woher der Mandelbaum entstand, der Beerdigung Bitterkeit bezeichnend. Dann brachte sie jene Pinie, unter welcher Attis sich entmannt hatte, nach ihrer Höhle, wo in Klagen mit Acdestis vereint sie sich schlug und verwundete, rings um den Stamm des unbeweglich ruhenden Baumes. Jupiters von Acdestis angefleht um des Attis Wiederbelebung, ließ diese nicht zu; doch schenkte er ohne irgend eine Schwierigkeit, was dem Verhängnis zufolge geschehen konnte, daß nämlich sein Körper nicht in Fäulniß übergehe, daß das Haar immer fort wachse, daß auch der kleinste der Finger lebe durch fortwährende Empfindung, auch allein sich bewege. Mit diesen Gunstbezeugungen zufrieden gestellt hat Acdestis den Körper in Pessinunt geweiht, und durch jährliche Zeremonien wie durch kastrirte Priester geehrt.

Nähme sich irgend ein Verräther der Götter voll heftiger Wuth durch die Wildheit des gottlosen Herzens vor, euere Götter zu lästern: könnte er irgend etwas Heftigeres auszusagen wagen, als diese Erzählung darbietet, die ihr wie etwas Wunderbares in die Form einer Denkschrift zusammengezogen habt, und damit dieselbe weder die Gewalt der Zeit noch das Alterthum aufreibe, durch die Ehre ununterbrochener Fortdauer verherrlicht. Was nämlich ist in derselben von den Göttern nicht angeführt, zusammengeschrieben, das nicht, einem in Schamhaftigkeit und strengerer Zucht Erzogenen gesagt, der Beschimpfung und Entehrung schuldig macht und den verursachten Haß der Beleidigung in unversöhnlichem Groll erdulden läßt. Ihr sagt: aus den von Deukalion und Pyrrha geworfenen Steinen ist die große Mutter hervorgebracht worden. O Theologen! was sagt ihr? was ihr, der überirdischen Mächte Oberpriester? Also war vor der Fluth in der Natur der Dinge keine große Mutter? und wofern des Regens Uebermacht das ganze Geschlecht der Sterblichen vernichtete, so fehlte die Ursache und der Ursprung seiner Fortpflanzung? Ein menschliches Geschenk ist es folglich, daß sie ihr Daseyn fühlt und sie verdankt es der Pyrrha Gunst, daß sie sich als irgend ein wirkliches Wesen verehrt schaut. Insofern aber, ist dieß wahr, und es ist nothwendig nicht unwahr, war sie ein menschliches, kein göttliches Wesen: denn ist gewiß, daß Menschen aus jenem Steinwerfen den Ursprung ihrer Entstehung erhielten, so muß man annehmen, daß auch sie uns angehörte, durch der völlig ähnlichen Ursachen Gründe hervorgebracht: denn nicht kann vermöge der Dinge Widerspruch geschehen, daß aus einer Art Steine, auf dieselbe Weise geworfen, die einen das Loos der Unsterblichen, die anderen den menschlichen Zustand erhielten. Jener in den vielfältigen Disziplinen und in des Alterthums Ausspürung auszeichnete römische Forscher Varro belehrt im ersten der vier Bücher, die er über das römische Volk abfaßte, nach sorgfältigen Berechnungen, von der Zeit jener oben erwähnten Fluth bis zum Konsulat des Hirtius und Pansa seyen zweitausend Jahre weniger zwei verflossen. Steht die Glaubwürdigkeit fest, so muß man sagen, die große Mutter habe innerhalb den Grenzen dieser Zahl ihr Lebensalter abgeschlossen; und dergestalt führt sich die Sache dahin, daß die, welche als die Gebärerin aller Gottheiten ausgegeben wird, nicht eine Mutter, sondern vielmehr eine Tochter sey; ja sogar ein Kind, wenn wir nämlich zugeben, den Göttern sey weder Anfang noch Ende bei immerwährender Folge der Zeit zugetheilt.

Doch was sprechen wir von den irdischen Makeln, mit denen ihr die große Mutter besudelt habt, da ihr hinsichtlich der Schmähungen auf Jupiter eine Pause oder Unterbrechung für kurze Zeit machen konntet. Als damals die Göttergebärerin auf des Agdos oberstem Gipsel schlief, da, sagt ihr, ist der Sohn als Nachsteller hinaufgekommen, um der Ruhenden Keuschheit zu überraschen. Nach so unzähligen ihrer Reinheit beraubten Jungfrauen und Matronen faßte Jupiter auch noch die Hoffnung unerhörter Begierde zur Mutter, und nicht vermochte ihn von dem glühenden Verlangen nach ihr der Schauder abzuwenden, den nicht den Menschen allein, sondern auch manchen Thieren die Natur selbst und jener insgesammt eingeborene Sinn verliehen hat. Mangelte etwa dem wohlehrbaren Vorsteher der Kapitolier die Achtung kindlichen Pflichtgefühls und konnte er mit seinem durch Brunst verworrenen Gemüthe die von ihm begehrte Lasterthat weder überlegen noch einsehen? Die Sache aber verhält sich also: des Ernstes und der Majestät vergessend, geht er schleichend auf jenen schändlichen Raub aus; ängstlich und zagend, mit unterdrücktem Athem, mit vor Furcht schwebenden Schritten, und zwischen Zagen und Hoffen schwankend erbebt er vor Lüsternheit, des Schlafes Tiefe und der Mutter Nachgiebigkeit erprobend. O der unfläthigen Vorstellung! O der schmachvollen Stellung Jupiters, der bereit ist zur Vollbringung des unsittlichen Kampfes. Jener Herrscher der Welt, unvermuthet und eilfertig von seinem Raube durch Ueberschleichung zurückgeworfen, wendet sich also zum offenen Angriff: und da er die Lust nicht durch hinterlistigen Betrug entreißen kann, so geht er mit Gewalt seiner Mutter zu Leibe und beginnt offen ihre ehrwürdige Keuschheit zu zerstören. Nach sehr langem Ringen mit der Widerwilligen verläßt er gewältigt, entmuthigt und überwunden dieselbe, und den die Pietät nicht von der abscheulichen Gier der Mutter zu entlasten vermochte, trennte nun die vergossene Geilheit.

Vielleicht sagt ihr, derlei Verbindungen vermeide und verabscheue lediglich das Menschengeschlecht, bei den Göttern finde keine Blutschande statt? Warum widersetzte sich dann die Mutter dem ihr anthuenden Sohne so heftig? warum entwand sie sich seinen Umarmungen, sie wie unerlaubte Verirrungen meidend? Wäre an der Sache nichts Böses, so mußte sie ohne irgend eine Weigerung seinen Willen thun, wie er voll Gier seiner Begierde Reizung vollenden wollte. Und gewiß sagen Männer großer Mäßigung die auch gegen schändliche Handlungen schonender sind, in diesem Falle: damit jener heilige Samen nicht vergeblich ergossen erscheine, habe der Fels den Unflath von Jupiters Unenthaltsamkeit eingeschlürft. Was ist dann weiter erfolgt, ich bitte saget an. In des Steines Mitte und innerhalb seiner Härte wurde das Kind geformt und belebt, des großen Jupiters künftiger Abkömmling. Nicht leicht mag man eben so widernatürlichen als wunderbarlichen Empfängnissen widersachen: denn da, wie man bei euch aussagt, das Menschengeschlecht aus Steinen entsprungen und hervorgebracht worden ist, so muß man annehmen, daß auch die Steine Fruchtbehälter hatten, den ausgeworfenen Samen aufnahmen, nach vollendeter Zeit die schwangern Bäuche entleerten und endlich nach Weiberart mit Anstrengung kreißend gebaren. Dieß regt unsre Neugier an, da ihr sagt, die Geburt sey nach zehn Monaten erfolgt, zu erforschen, mit welcher Nahrung, mit welchen Säften dieselbe während ihrer Eingeschlossenheit in des Steines Gebärmutter erquickt worden sey; oder welche Säugung sie aus dem Stein empfangen konnte, wie die Leibesfrucht gewöhnlich von der Mutter. Man sagt, noch war er nicht an’s Licht gelangt und schon ahmte er den väterlichen Donner durch Murmeln und Tosen nach. Und nachdem ihm der Anblick des Himmels und Lichtes gegeben worden, da verwüstete er Alles was ihm in den Weg kam und verhieß sich, selbst die Götter aus dem Himmel vertreiben zu können. O behutsame und vorsehende große Mutter, die, um nicht die Beschimpfung durch ihren so unverschämten Sohn zu erdulden, oder um nicht durch eines Säuglings Wimmern am Schlafe gehindert, in der Ruhe gestört zu werden, nicht bloß jenen höchst verderblichen Samen weit von sich entfernte, sondern auch der Rauhheit des Steines überließ.

Im Rathe der Götter war leidenschaftliche Bewegung, auf welcherlei Weise die unzugängliche Wildheit gebändigt werden könnte; und da kein Ausweg sich zeigte, so nahm man seine Zuflucht zu dem absonderlichen Mittel, ihn mit vielem Weine betrunken zu machen und seiner Mannskraft zu berauben. Als wenn die durch solche körperlichen Verluste Geschwächten wirklich unmännlicher an Dreistigkeit würden, da wir doch täglich sehen, wie diejenigen, welche jene Theile sich abgeschnitten, an Ausgelassenheit zunehmen, und mit Abwerfung jedes Gebisses der Scham und Sittsamkeit hervorbrechen in unzüchtiger Gemeinheit, indem sie öffentlich ihre Schandthaten bekennen. Sehen hätte ich mögen, wäre mir anders zu jener Zeit geboren zu werden gestattet worden, jenen Vater Liber, den Bekämpfer der akdestischen Wildheit, wie er nach der überaus ehrwürdigen Versammlung der Götter von des Himmels Höhe herabkam, die Kastrirung vornahm, bewegliche Stricke anknüpfte, die unschädliche Reinheit des Wassers in die heftige Kraft des Weines umsetzte; wie er dann, nachdem durch das Trinken der Rausch sich einstellte, vorsichtig die Hand hinbrachte, des Schlafenden Mannheit betastete und da der untergelegten Stricke Schlingen dieselbe gänzlich einschlössen, den Kunstgriff zu ihrer Vernichtung anwendete.

Wird dieß Jemand, der eine auch nur geringe Meinung von den Göttern hat, ihnen wohl nachsagen? Oder, beschäftigen sie sich mit derlei Dingen, Planen, Sorgen, wer wird einsichtvoll glauben, sie seyen Götter, und sie nicht vielmehr den Sterblichen zurechnen? Dieser Acdestis, ich bitte, dessen Verstümmlung den Himmlischen Sicherheit geben sollte, war er ein irdischer Mensch oder irgend ein mit der Auszeichnung der Unsterblichkeit begabter Gott? Hielt man ihn für einen dem menschlichen Loos und Zustand Angehörigen, warum verursachte er den göttlichen Wesen solchen Schrecken? War er aber ein Gott, wie konnte er getäuscht, wie Etwas dem göttlichen Leibe abgeschnitten werden? Wir wollen jedoch hierwegen keine weitere Untersuchung anstellen; er mag göttlichen Geschlechtes oder des unsrigen gewesen seyn; haltet ihr dieß nun für richtiger: aus dem Blut und aus den abgeschnittenen Geschlechtstheilen ist ein Granatbaum entsproßt? oder, da jene Kraft von der Erde Schooß belebt worden, hat sie mit der Wurzel Grund gefaßt, trieb den Stamm empor, überschüttete die belaubten Aeste mit Blüthen und brachte im Verlauf der Zeit vollkommen gereifte eigenthümliche Früchte. Und weil sie aus dem rothen Blute entstanden sind, deßhalb ist die Farbe gelblich mit durchscheinendem Purpur. Füget hinzu, um deßwillen seyen sie auch triefend, weinartig, weil sie aus dem trunkenen Blute die Entstehung herleiten, und ihr vollendet schicklicher Weise die Erdichtung. O Abdera, Abdera! wie vielfache Gelegenheit zum Verlachen gäbest du den Sterblichen, wäre solch‘ eine Fabel in dir zu Wege gebracht worden. Alle Priester lehren und die stolzen Bürgerschaften vernehmen sie, du aber wirst als thöricht und der ungereimtesten Albernheit behaftet ausgesagt.

Durch den Busen, heißt es, empfing Nana vom Apfel den Sohn. Der Grund ergiebt sich leicht. Wo nämlich rauhe Felsen und harte Steine gebären, dort strotzen auch die Aepfel nothwendig von Zeugungskraft. Mit Eicheln und Feigen nährte Berecynthia die Eingesperrte, schicklich und mit Recht: denn von Früchten mußte die leben, welche von einem Apfel Mutter geworden war. Nach der Geburt des Kindes wird es auf Sangars Befehl weit hinweggebracht; was er schon lange göttlicher Weise empfangen glaubte, verweigerte er als Sproße seines Kindes anzuerkennen. Der Junge wird mit Bockmilch aufgenährt. O dem männlichen Geschlechte immer feindselige und höchst aufsätzige Fabel, in der nicht allein Menschen das männliche Geschlecht aufgeben, sondern auch männliche Thiere zu Müttern werden. Er war ausgezeichnet durch berühmte Schönheit und preiswürdigen Liebreiz. Eine genugsam bewunderungswürdige Sache, insofern ihn der Bocksgestank nicht meidens- und fliehenswerth gemacht. Die große Mutter liebte ihn; wenn wie die Großmutter den Enkel, so ist das etwas Einfaches; wie aber die Theater sich vernehmen lassen, ist die Liebe eine schmachvolle und schändliche. Auch Acdestis liebte und bereicherte ihn mit weidmännischen Geschenken. Von einem Halbmann konnte für die Keuschheit zwar keine Gefahr obwalten; was aber Midas schauern machte, ist dem Forschenden unschwer zu entscheiden. Die Mutter ist mitsammt den Mauern selbst in die Stadt eingeschritten. Zwar bewundem wir einerseits die göttliche Macht und Stärke, aber wir klagen auch des Königs Nachlässigkeit an, daß er, des Gesetzes und Verhängnisses eingedenk, die weniger behütete Stadt den Feinden Preis gab. Die Hochzeitsgäste unterwarf Acdestis der Wuth und dem Wahnsinn. Wofern König Midas fehlte, welcher den Jüngling durch eine Frau fesselte; was verschuldete Gallus, was des Kebsweibes Tochter, daß jener sich kastrirte, diese der Brüste Ehrung sich beraubte? Dieß nimm du hin, sprach er, um deßwillen du solche Umwälzungen der Gemüther aufregtest. Wir wüßten insoweit Alle nicht, was des Acdestis Wuth an dem jugendlichen Körper begehrte, wofern nicht der Knabe das Abgehauene der beleidigten Genossenschaft vorgeworfen hätte.

Was sagt ihr Geschlechter; was ihr derlei Meinungen ergebene Völker? Wenn man dieß erzählt, ergreift euch dann nicht Scham und Abscheu vor solchen Schändlichkeiten? Wir tragen Verlangen, von euch in Bezug auf die Götter etwas Würdiges zu hören oder zu lernen; dagegen aber bringt ihr uns Ausschneidungen der Brüste, Amputationen männlicher Geschlechtstheile, Groll, Blut, Wuth, Selbstmord der Jungfrauen und Blumen wie Bäume, hervorgebracht aus der Verstorbenen Blut. Saget abermals: es hat also die große Mutter jene abgehauenen Geschlechtsglieder trauernd selbst mit wohlgefälliger Aemsigkeit aufgesammelt; mit ihren eigenen heiligen, göttlichen Händen die Werkzeuge jener schändlichen, unfläthigen Verrichtung berührt und aufgehoben; auch der Erde zur Verwahrung übergeben, und damit sie nicht nackt in derselben Schooß vergehen, zuvor noch mit einer Decke verhüllt, ja auch gewaschen und mit Balsam eingerieben? Denn woher könnten die Düfte der Violen kommen, wofern nicht des Gliedes Fäulniß jener Zusatz von Balsam milderte. Ueberdenkt ihr solche Erzählungen, ich frage, scheint es euch nicht als hörtet ihr Weberinnen, der überdrüssigen Arbeit Zeit sich verkürzend, oder alte Weiber, leichtgläubigen Kindern Zerstreuung suchend, indem sie allerlei Erdichtungen unter dem Bilde der Wahrheit an den Tag bringen? Acdestis sprach mit Jupiter, er sollte dem Geliebten das Leben zurückgeben. Dieß zuzusagen verweigerte Jupiter, weil es durch mächtigeres Verhängniß verhindert wurde; um aber nicht gänzlich hartherzig zu seyn, verlieh er eine Gunst, nämlich keine Fäulniß solle den Körper auflösen, immer das Haar wachsen, der kleinste Finger am Körper leben, immerwährende Empfindung zeigen. Wer hat je so etwas angenommen oder durch leichtgläubiges Zustimmen bekräftigt, daß an einem Todten das Haar wachse, kein Theil zu Grunde gehe und dem Gesetze der Verwesung entnommen der sterbliche Körper bis jetzt noch dauere?

Wir könnten euch schon lange zu dieser Sache Vergleichung hindrängen, wäre es nur nicht Thorheit, sowohl dergleichen durchzulesen als für derlei Dinge Beweise zu verlangen. Diese Erzählung aber ist falsch und hat auch gar keine Wahrheit in sich. Uns jedoch liegt nichts daran, um welcher Ursache willen ihr eifrigst versichert, die Götter hätten sich von der Erde entfernt: ob dieselbe festbegründet und durch Glaubensfestigkeit gestützt, oder gegentheils lügnerisch und mittelst irgend einer trüglichen Erdichtung ausgesonnen sey: denn uns genügt, wodurch bis jetzt darzuthuen vorgelegt worden, daß diese Gottheiten, welche ihr aussagt, sind sie irgendwo und entbrennen sie im Zorne, nicht sowohl von uns, als vielmehr von euch zu wüthendem Grolle die Veranlassung bekommen; und daß sie aus Thatsachen gegründet, von euch in den Denkbüchern aufgezeichnet, von den Wollenden täglich gelesen und zur Belehrung künftiger Zeiten auf dem Wege der Nachfolge überliefert werde. Ist dieß nun wirklich wahr, so bemerken wir keinen vorhandenen Grund, warum man glauben soll, die himmlischen Götter zürnten uns: denn wir haben weder solche Schändlichkeiten von ihnen vorgebracht, noch irgend welche in Schriften aufgesammelt, noch dieselben durch feierliches Begehen heiligen Dienstes zum öffentlichen Zeugnis ausgehen lassen. Wofern aber, wie ihr annehmt, dieß falsch ist und durch trügerische Lügen aufgestutzt, so kann doch kein Mensch zweifeln, daß ihr der Ungunst Ursache seyd, da ihr theils gar Manche solcherlei aufschreiben ließt, theils geduldet habt, daß das Geschriebene Jahrhunderte lang im Gedächtniß fortdauerte.

Wie könnt ihr jedoch diese Schriften der Falschheit beschuldigen, da eure während des Jahreslaufes vollbrachten heiligen Feste Zeugniß ablegen, daß ihr sowohl derselben Wahrhaftigkeit glaubt, als auch ihnen zuverlässige Gewißheit zugesteht? denn was soll jene Pinie, die ihr jedesmal an bestimmten Tagen in der Göttermutter Heiligthum einbringt? Ist sie nicht ein Abbild jenes Baumes, unter dem der rasende, unglückselige Jüngling an sich selbst Hand anlegte und den die Gebärerin der Götter zum Labsal für seine Wunde heiligte? Was bedeuten jene Wollbinden, mit denen ihr des Baumes Stamm umbindet und umwickelt? Ist es nicht die Wiederholung jener Wolldecken, mit denen Ja den Entkräfteten zugedeckt, der Meinung, sie könne einige Wärme den erkaltenden Gliedmaßen mittheilen? Was sollen die mit Violenkränzen geschmückten und die mit des Baumes Zweigen umwundenen? Zeigen sie nicht an, daß die Mutter mit den Erstlingblumen die Pinie geziert habe, die Anzeigerin und Zeugin eines jämmerlichen Schicksals? Was wollen die ihre Brust mit flacher Hand schlagenden Galli mit fliegenden Haaren? Rufen sie nicht die Trauer in’s Gedächtniß zurück, welche die bethurmte Mutter mit Acdestis in thränenreichem Heulen dem Knaben erwiesen? Was soll die Enthaltung von der Nahrung des Brodes, die ihr Castus benannt habt? Ist sie nicht eine Nachahmung jener Zeit, wo sich die Gottheit aus Uebermaß des Schmerzes vom Brod enthielt?

Oder ist das von uns Ausgesagte nicht so, so mögt ihr darthun, bekennen: welche Verrichtungen, Besorgungen, Wartungen diesen Entmannten obliegen, welche wir mit euch bei dieser Gottheit Dienst gegenwärtig sehen; und weßhalb sie nach Art der Trauernden mit den Armen die Brüste schlagen, wie auch den Zustand der Wehklagenden nachahmen? Was die Kränze der Violen, was die Gewande aus zarter Wolle zu bedeuten haben? Warum zuletzt die Pinie selbst, kurz zuvor als unnützes Holz noch unter den Dornen, hernach wie irgend ein gegenwärtiges und höchst ehrwürdiges göttliches Wesen in der Göttermutter Wohnsitz versetzt werde? Entweder ist das die Ursache, was wir in euern Schriften und Denkbüchern finden; und augenscheinlich vollbringt ihr keine heiligen Zeremonien, sondern wiederholt das Bild Trauernder; oder waltet eine andere Ursache ob, die uns des Mysteriums Dunkel verweigert, so wird auch sie nothwendig irgend einer entehrenden Schändlichkeit theilhaft seyn: denn wer mag glauben, in der Sache, welche die verächtlichen und weibischunzüchtigen Galli beginnen und zu Stand bringen, sey irgend etwas Ehrbares?

Zwar verlangt die Wichtigkeit des Stoffes und der Vertheidigung Pflicht, daß wir auch die übrigen Arten der Schändlichkeiten auf gleiche Weise verfolgten: theils welche die Erzählungen aus dem Alterthum beibringen, theils welche jene heiligen Mysterien bewahren, die den Namen Initia haben, und welche nicht Allen schlechthin, sondern der Verschwiegenheit Weniger überliefert werden; allein die unzählbaren gottesdienstlichen Gebräuche, wie die den einzelnen angefügte Unform, verhindert uns körperlich alle insgesammt durchzugehen. Um die Wahrheit zu sagen, wir lenken sogar von Manchen mit Ueberlegung und Grund uns selbst ab, um nicht, indem wir uns Alles zu erklären bestreben, durch der Auseinandersetzung Befleckung selbst verunreinigt zu werden. Wir übergehen also die Fauna Fatua, welche man die gute Göttin nennt; welche mit einer Myrtenruthe [sic] geschlagen ward, weil sie ohne ihres Mannes Wissen einen ganzen Weinnapf ausgeleert hatte, wie Sextus Klodius im sechsten Buche seiner griechischen Schrift von den Göttern anzeigt; und dieß anzudeuten werde, wenn die Frauen opferten, ein verdeckter Weinnapf aufgesetzt; auch war unerlaubt, Myrthen mit zu bringen; so schreibt Butas in seinem Buche von den Ursachen. Von den der Zeugung vorstehenden Göttern (dii conserentes) schweigen wir aber auf ähnliche Weise mit Nachlässigkeit; welche wie Flaccus mit den Uebrigen schreibt, in Gestalt eines Phallus unter der Asche, da wo ein Topf mit Opfereingeweiden stand, sich versteckt hatten und wie Tanaqueil, in Etrurischer Wissenschaft wohl erfahren, die Asche auseinander schob, sich erhoben und in göttlicher Kraft erstarken. Daher befahl diese der Kriegsgefangenen Kornikulanerin, wahrzunehmen und zuzusehen, was diese Sache zu bedeuten habe. Okrisia, eine sehr einsichtsvolle Frau, empfing von den heiligen und glühenden Göttern durch die Kraft des Lucilius den römischen König Servius.

Auch die nicht geheuern Bacchanalien, deren griechischer Name Omophagia ist, übergehen wir; in welchen ihr mit erlogener Raserei und zurückgedrängter Besonnenheit euch mit Schlangen umwindet und um euch als voll des göttlichen Geistes darzustellen, der widerstrebenden Ziegen Eingeweide mit bluttriefendem Munde zerreißt. Eben so lassen wir jene verborgenen Dienste der cyprischen Venus bei Seite; als deren Urheber König Einyras angegeben wird; bei welchen die sie annahmen ihr als Buhlerin eine Geldgabe reichten, und als Gegengeschenk Phallus zum Zeichen der günstigen Gottheit erhielten. Auch der Korybanten heilige Dienste sollen der Vergessenheit hingegeben seyn, in denen jenes hehre Geheimniß sich überliefert, daß ein Bruder ermordet worden von seinen Brüdern; daß aus des Ermordeten Blut Milchpetersilie (Sumpfeppich, Sellerie, Apium graveolens) entstanden; daß verboten, dieses Kraut zu essen, damit man sich nicht des Todten Seele wegen einen unsühnbaren Groll zuziehe. Deßgleichen auch stehen wir ab, von den übrigen Bacchanalien zu sprechen, in denen Mysterien und zu verschweigende Dinge den Eingeweihten entdeckt und mitgetheilt werden; wie daß mit Knabenspielen beschäftigt Liber von den Titanen zerstreut; daß er von ihnen in Stücken gehauen und in einen Kessel geworfen gesotten worden; daß Jupiter, von des Duftes Annehmlichkeit herbeigelockt, ungeladen zum Mahle gekommen, nach Erkenntniß der Missethat die Raubmörder mit dem Blitz niedergeschmettert und in des Tartarus tiefste Tiefe hinabgestürzt habe. Dieser Begebenheit Zeugniß und des Verhängnisses Kennzeichen hat der thrazische Sänger in seinen Gedichten dargelegt: die Würfel, den Spiegel, die Kreisel, die sich schnell umdrehenden Räder, die runden Ballen und die den hesperidischen Jungfrauen entnommenen Goldäpfel.

Unser Entschluß war diese Mysterien zu übergehen, wie auch jene zu verschweigen, in welche Phrygien und das ganze Volk dort eingeweiht ist; hinderte uns nicht der denselben eingemischte Name des Jupiters kurz die Unbilden und Beschimpfungen desselben zu berühren. Nicht als ob die Verhöhnung so unfläthiger Mysterien uns angenehm sey, sondern damit euch einmal über das anderemal klar werde, welche Unbilden ihr denen aufbürdet, als deren Wächter, Beschützer und Verehrer ihr euch zu erkennen gebt. Man erzählt: Als einst Diespiter in unerlaubter Lüsternheit und unzulässiger Begierde für die Mutter Ceres entbrannte: denn nach der Ueberlieferung der Bewohner jener Gegend war diese Jupiters Gebärerin; aber nicht wagte, was er mit frecher Gier erfaßt hatte, durch offene Gewalt zu erlangen, so habe er gar sinnreichen Trug erfunden, und um mittelst dessen die nichts solches für ihre Keuschheit befürchtende Mutter zu verderben, sey der Gott in einen Stier verwandelt, unter der Thiergestalt des Lauerers Vorhaben und Verwegenheit verhehlend, wüthend und mit schneller Gewalt über die Sichere und Harmlose hergefallen, habe seine Blutschänderische Lust vollbracht und sey dann nachdem durch die Begierde der Betrug sich aufgedeckt, wahrgenommen und erkannt, entflohen. Die Muttern entbrannt in Wuth und Unwille, habe geschäumt, geschnaubt, aufgebraust, und das Schreien und Stürmen vor Zorn nicht einzuhalten im Stande, durch die fortwährende Leidenschaftlichkeit in der Folge den Namen Brimo (die Zürnende) erhalten: denn sie hatte keine andere Herzensangelegenheit, als die Dreistigkeit ihres Sohnes mit den in ihrer Macht stehenden Rachemitteln zuverfolgen.

Jupiter schwebte von Furcht niedergedrückt in Angst und fand keine Mittel der Entehrten Entrüstung zu sänftigen. Er überschüttet sie mit Bitten und Flehungen; der Trauernden Ohren bleiben verschlossen. Das gesammte Kollegium der Götter wird abgeschickt, keine Autorität ist so groß, daß sie Gehör schenke. Endlich, den Weg der Sühne versuchend, ersinnt der Sohn folgendes Mittel. Er wählt einen edeln Widder, wohlversehen mit großen Hoden, schneidet dieselben heraus und enthüllt sie der wolligen Decke des Sackes. Trauernd und unterwürfig zur Mutter herangehend und gleichsam sich selbst verdammend, wirft er jene in ihren Schooß. Als sie die Unterpfänder der Mannheit erblickte, ward sie milderen Sinnes und wand ihre Sorgfalt auf die empfangene Frucht, so daß sie nach zehn Monaten eine Tochter schön geformten Leibes gebar, welche das sterbliche Geschlecht bald Libera, bald Proserpina genannt hat. Da der schöpsengestaltete Jupiter diese nun von Gesundheit strotzend, blühend und schwellend schaute, so kehrte er, vergessend was er kurz vorher Uebels und Verbrecherisches begangen, mit wie großer Verwegenheit zu dem frühern Treiben zurück, und weil es ihm doch genugsam verrucht vorkam, wenn sich der Vater mit der Tochter unmittelbar in ehelicher Verbindung vermische, so wanderte er denn in eines Drachen furchtbare Gestaltung, umschloß die durch seine ungeheuern Krümmungen erschreckte Jungfrau und koste, schmeicheite ihr unter so wilder Verhüllung mit den süßesten Umarmungen. Es geschah, daß auch sie von dem über alle Maßen kraftvollen Jupiter erfüllt wurde, doch nicht auf dieselbe Weise, wie die Mutter: denn diese gebar eine Tochter nach ihren Umrissen gebildet, aber die Geburt der Jungfrau war die Gestalt eines Stieres, das Merkzeichen der Verführung durch Jupiter. Wünscht irgend Jemand einen Gewährsmann für die Sache, so führen wir jenen Tarentiner an, den vom Alterthum gesungenen bekannten sechsgliederigen Vers. Der Stier erzeugte den Drachen und der Drache den Stier. Endlich können auch die billigen Opferdienste und Einweihungs-Bräuche selbst, die Sebadia man nennt, der Wahrheit Zeugniß geben; wo den geweihten eine goldene Schlange in den Busen gelegt und wieder von den unteren Theilen her weggenommen wird.

Meiner Meinung nach ist auch hier nicht viel Reden Noth, kein Durchgehen des Einzelnen, kein Darthun, welche Ouelle voll Schändlichkeiten und Laster in den kleinsten Theilen enthalten sey: denn welcher Sterbliche ist so geringen Menschenverstandes, daß er nicht von selbst einzusehen vermag, welcher Art dieß Alles sey, wie gottlos, wie schmählich; welche ungemeine Schande den Göttern aus dem heiligen Dienst der Mysterien selbst, wie auch aus den ehrlosen Anfängen derselben zugeht? Jupiter, sagt man, entbrannte für Ceres. Ich frage, wie hat dieser Jupiter, wer immer er auch ist, solches um euch verdient, daß keine schimpfliche Art von Schande that, keine Unzucht sich findet, die ihr nicht auf sein Haupt, gleichwie auf irgend eine verächtliche und nichtswürdige Person häuft? Leda verletzte das Recht der ehelichen Treue; man sagt, Jupiter ist der Schuld Veranlasser. Danae vermag die Jungfrauschaft nicht zu bewahren; man erzählt, Jupiter ist der Räuber. Europa beschleunigt sich den Namen einer Frau; man bezeichnet ihn als den Besieger ihrer Schamhaftigkeit. Alkmena, Elektra, Latona, Laodamia, tausend andere Jungfrauen und tausend Frauen, sammt ihnen der Knabe Katamitus werden der Ehre ihrer Keuschheit beraubt: allenthalben ist Jupiter der Mann, und keine Art von Schändlichkeit giebt es, welcher ihr nicht den Namen verbunden mit Unzucht anknüpft; so daß es scheint, der Unglückselige sey um keiner anderen Ursache willen geboren, als den Stoff zu Verbrechen, die Veranlassung zu Schmähungen, den Gemeinplatz darzubieten, in welchen aller Unflath aus dem Zusammenfluß der Theater abfließen könne. Sagtet ihr doch wenigstens, er habe mit fremden Weibern verbuhlten Umgang gepflogen, so wäre dieß zwar eine unfromme Rede, aber eine erträgliche Verletzung durch Schmähung. Hat er aber nicht mit der Gier eines leidenschaftlich erregten Herzens auch nach der Mutter, auch nach der Tochter hingelechzt? so daß ihn weder die Heiligkeit und Ehrfurcht vor der Gebärerin, noch auch der Schauder vor dem aus ihm gezeugten Kinde von der Vorstellung solch schändlichen Entschlusses abbringen konnte.

Wie gern wollt‘ ich jenen Vater der Götter, Jupiter, die ewige Macht der Welt und der Menschen, schauen, wie man ihn mit Rinderhörner verehrte; struppige Ohren bewegend, mit durch die Klaue eingeengten Schritten, wiederkäuend grünende Kräuter, am Hintertheil geschwänzt, am Hinterbug, an den Beinen mit weicher Mistjauche besudelt und vom innerlichen Koth beschmutzt. Sehen möcht‘ ich, sage, ich, denn oftmals muß man es wiederbolen, den Umwälzer der Gestirne, der die erbleichenden Völker durch des Donners Rollen erschreckt und niederwirft, wie er die Schöpsheerden verfolgt, die Hoden der Widder beschaut, dieselben mit jener richterlichen und göttlichen Hand, die gewohnt ist wetterzuleuchten und mit Blitzen zu zürnen, ergreift; wie er dann hitzig in’s Innere eindringt, jene die Hoden umschließende Häute zerreißt und dieselben der annoch wuthentbrannten Mutter, gleichwie gewisse Wollbinden, die Erbarmniß herbeizuführen, darbringt: zögernd, blaß, betrübt, Schmerzespein heuchelnd, und, um Glauben zu erregen, mit Widderblut befleckt, der Wunde Lüge mit leinerner Binde verdeckt. Solcherlei hört und liest man unter dem freien Himmel dieser Welt? und die, welche dieß unter Händen haben, wollen für fromm, heilig und die Religion bewahrend gehalten werden? giebt es eine noch größere Gottlosigkeit; oder kann man irgend ein Volk finden, das so irreligiöse Meinungen besitzt nicht allein, sondern auch dergleichen glaubt, oder erträgt, oder in den verborgensten Mysterien enthüllt? Fühlte jener Jupiter wer immer er ist, sein Seyn, oder ergriff ihn irgend eine Erkenntniß der Unbill: wäre dann die Sache, wegen der er in Zorn gerathen und aufgebracht unsern Füßen die Erde entzöge, der Sonne und des Mondes Licht löschte: ja alle Dinge in der alten Einheit Gestaltung mischte, nicht eine schickliche?

Aber, sagt man, nicht eignen diese heiligen Götterdienste unserem Reiche. Wer wohl spricht so, oder wer entgegnet dieß? Der Römer, der Gallier, der Hispanier, der Afrikaner, der Germane oder der Sikuler? Und welchen Nutzen bringt es eurer Sache, wenn diese Dinge euch nicht eignen, da diejenigen welche sie vollbringen, Theile von euch sind? Oder was liegt daran, ob ihr dieselben billigt oder nicht, da was euch eigenthümlich ist, entweder als von derselben Abscheulichkeit oder von noch größerer Schändlichkeit erfunden wird? Wollt ihr, betrachten wir auch jene hehren Mysterien, welche die Griechen Thesmophorien nennen; welchen das attische Volk jene heilige mystische Nachtfeier geweiht hat. Wollt ihr, sage ich, sehen wir, welche Anfänge sie haben, welche Ursachen, damit wir auch die in menschlichen Künsten und Wissenschaften viel vermögenden Athener als solche darthun, die nicht nur Schmähliches von den Göttern aussagen, sondern auch Anderen lehren; und keine geringeren Beschimpfungen, als ihr vorbringt, unter dem Schein der Religion veröffentlichen. Sie erzählen: zu einer Zeit, als die noch jungfräuliche Proserpina auf Siziliens Fluren vielfarbige Blumen pflückte, und die Begierde des Pflückens sie bald hierhin bald dorthin trieb, sey der König der abgeschiedenen Seelen durch einen tiefen Erdschlund heraufgesprungen, habe die geraubte Jungfrau mit sich fort geführt und durch jenen Schlund sich wieder entfernt. Da Ceres die Thatsache nicht wußte und vermuthete, ihre Tochter befinde sich irgendwo, so faßte sie den Entschluß, die Verlorene auf dem ganzen Erdkreise zu suchen, nahm zwei an den Flammen des Aetna entzündete Fackeln und begann ihr Suchen in gesammten Gegenden der Erde.

Auf dieser Irrfahrt des Umhersuchens kam sie auch nach Eleusis, welchen Namen eine Ortschaft im Lande Attika führt, wo damals Erdgeborene wohnten, deren Namen folgende waren: Baubo, Triptolemos, Eubuleos, Dysaules, Eumolpos. Triptolemos, der Ochsenspanner; Dysaules, der Ziegenhüter; Eubuleos, der Schweinhirt; Eumolpos, der Schäfer, von dem auch das Geschlecht der Eumolpiden herstammt, welches nicht nur bei den Cekropiden einen ausgezeichneten Namen führt, sondern nachher als Herolde, Hierophanten und Propheten blühte. Jene Baubo also, die, wie wir gesagt, eine Bewohnerin der Ortschaft Eleusis war, nahm die von vielfältigen Uebeln geplagte Ceres gastfreundlich auf, schmeicheite ihr durch sanfte Dienstleistungen, bat sie Sorge zu haben auf die Equickung ihres Körpers, und reichte der Durstigen einen Mischtrank aus Speltgraupen und Wein, den die Griechen Kykeon nennen. Allein die trauernde Göttin wies die menschenfreundlichen Dienste, sie zurückstoßend, von sich und nicht gestattete das Unglück ihr, sich der gemeinsamen Leibesbeschaffenheit zu erinnern. Jene bat und ermahnte, wie in solchen Fällen es Sitte zu seyn pflegt, sie möchte keinen Eckel an ihrer Menschlichkeit fassen. Ceres aber beharrte auf’s hartnäckigste und beobachtete beharrlich ungezähmte Härte. Da dieß öfter geschah und durch keine Gefälligkeit der unüberwindliche Vorsatz gebrochen werden konnte, so änderte Baubo die Kunstgriffe und was sie ernsthaft nicht anzulocken im Stande war, beschloß sie durch unfläthigen Spaß zu erheitern. Sie befreite also jenen Theile des Leibes, mittelst dessen das weibliche Geschlecht sowohl Kinder fortpflanzt als auch das Geschlecht den Namen erwirbt, von dem zottigen Haarwuchs, gab ihm ein reinlicheres Aussehen und machte ihn glatt wie bei einem noch nicht rauhen und behaarten Knaben, kehrte dann zur betrübten Göttin zurück, hob, während jenen Gemeinplätzen, welche man zur Schwächung und Mäßigung der Trauer wie gebräuchlich anwendet, ihre Gewänder auf und zeigte alle jene Orte der Scham am entblößten Leibe. Unverzüglich heftete die Göttin die Augen auf die Scham und weidete sich an der unerhörten Beschaffenheit des Trostes. Dann durch Lachen erheiterter nahm und genoß sie den verschmähten Trank; und was lange der Baubo Scheu nicht hervorbringen konnte, erpreßte so der schandtvollen Handlung Unzüchtigkeit.

Hat etwa Jemand uns im Verdacht, wir schmiedeten Ränke, so nehme er die Schriften des threizischen Propheten (Orpheus), welche ihr als göttliches Alterthum anführt, und er wird finden, daß wir nichts weder verschlagen aussinnen, noch irgend Etwas aufsuchen und beibringen, der Götter Heiligkeit dem Gelächter Preis zu geben: denn wir setzen die Verse selbst her, welche der Kalliope Sohn, in griechischer Mundart verfaßt, zum Gesang durch Jahrhunderte hin veröffentlicht hat dem Menschengeschlechte: „So gesprochen zog sie vom Unterleib hinweg das Gewand, und gab den Augen die Schamtheile Preis, welche Baubo, mit hohler Hand aufwärts werfend, tatscht, sanft berührt: denn knabenhaft war der Anblick. Darauf legt die Göttin, die hehren Augen unverwandt dorthin gewendet, alsbald des Herzens Trübniß erweicht ab, nimmt den Becher in die Hand und leert unter nachfolgendem Lachen erheitert den ganzen Mischtrank.“ Was sagt ihr, Nachkommen des Erichtheos, was ihr minervischen Bürger? Der Verstand verlangt zu wissen, mit welchen Reden ihr so wagliche Dinge vertheidigen wollt, oder mittelst welcher Künste ihr von Wunden und Kränkungen so zerstochene Personen wieder heil machen könnt? Nicht ist dieser Verdacht ein falscher, noch werdet ihr ihn als Verläumdung angreifen: denn eurer Eleusinien Merkmale und Anfänge machen auch die Aussprüche alterthümlicher Schriften als schimpflich offenbar; dann die Formeln und Merkworte selbst, welche ihr gefragt bei der Aufnahme antwortet: Ich habe gefastet und den Mischtrank getrunken. Ich habe den Becher aus der Kiste genommen und nach dem Gebrauch in den Korb, dann aber wieder aus dem Korbe in die Kiste gelegt.

Nicht also, wie jene heiligen und geheimen Mysterien entdecken, so werden euere Götter geraubt und rauben? Sie knüpfen Ehebündnisse, erstrebt durch diebische Kniffe? Man entreißt Widerstrebenden und Unwilligen den Schmuck der Jungfräulichkeit? Von herandrohender Rache wissen sie nichts? Was den Geraubten begegnet, deß ist man unbewußt? Die Verlorenen werden wie Menschen aufgesucht und beim hellsten Sonnenschein durchwandern sie mit Leuchten und Fackeln die weite Erde? Sie werden angeregt, betrüben sich, werfen Trauerkleider um, nehmen die Merkmale des Jammers an, und um dem Verlangen durch Nahrung und Speisung gefällig zu seyn, wird nicht irgend ein Grund, eine Zeit, ein gewichtiges Wort oder ernste Gastfreundlichkeit bewirken, sondern die Offenbarung des schandvollen Unflaths des Leibes und die Ausstellung jener Theile, welche die allgemeine Schamhaftigkeit, welche das Gesetz der Sittsamkeit zu verbergen befiehlt; welche vor keinen Ohren ohne Erlaubniß und ohne vorhergehendes Respektvermelden zu nennen erlaubt ist. Ich frage, was war in solchem Anschauen, was in Baubo’s Scham, daß das weibliche Geschlechtszeichen die mit dem ähnlichen begabte Göttin zur Verwunderung und zum Lachen bewegte; daß es dem göttlichen Auge und Blicke einen Gegenstand und Vergessen der Trübsale darbot und durch plötzliche Heiterkeit in fröhlicheren Zustand hinüberführten Wie Vielfaches, wie Gewaltiges könnten wir verlachend und stichelnd vorbringen, verhinderte uns nicht der Volksglaube und der Schriften Auktorität.

Längst schon bekenne ich unentschlossen zu seyn, mit offenem Munde umherzuschauen, zu zaudern, tellenische Possen, wie man zu sprechen pflegt, zu verdoppeln, da mich Scham erfaßt, jene alimontischen Mysterien vorzuführen, denen zu Vater Liber Ehre Griechenland Ithyphallos aufrichtet und alle Ländereien mit Abbildungen männlicher Geschlechtstheile sich schmücken. Was dieß bedeuten soll, ist vielleicht dunkel, und aus welchem Grunde es geschieht forscht man. Wer immer solches nicht weiß, der erfahre, und verwundert ob solcher Dinge, bewahre er in immer reinerer Gesinnung sie mit scheuer Ehrfurcht. Man erzählt: als der mysaische und semelische Liber annoch unter den Menschen lebte, habe er nach der Kunde der Unterwelt und nach Erforschung dessen, was unterhalb des Tartarus sich begebe, Verlangen getragen; diese seine Begierde sey aber durch mancherlei Schwierigkeiten verhindert worden, indem er aus Unkunde des Weges, nicht wußte, wohin sich wenden. Da erschien ein gewisser Prosumnus, der schimpfliche Buhle des Gottes, zu verruchten Lüsten über die Maßen geneigt, und verhieß die Pforte des Dis und den Zugang zum Acheron ihm zu zeigen, wofern der Gott seynen Willen thun und weibliche Lust erdulden wolle. Der Gott schwur leichtfertig, er werde sich seiner Macht und seinem Willen unterwerfen, allein erst nach der Rückkehr aus der Unterwelt, wenn Wunsch und Unternehmung erfüllt seyen. Prosumnus entdeckte dienstfertig den Weg und brachte ihn auf die Schwelle der Unterwelt selbst. Unterdessen Liber nun den Styx, den Cerberus, die Furien und alle künftigen Dinge mit neugieriger Untersuchung beschaute, schied jener Wegweiser aus der Lebenden Zahl und ward nach menschlicher Sitte begraben. Evius, der Unterwelt entstiegen, erinnerte sich des verstorbenen Führers; ging den Vertrag zu erfüllen und seinen Schwur zu lösen zum Grabe hin; schnitt von einem Feigenbaum den dicksten Ast ab; behaute, hobelte, glättete und gestaltete ihn zu einem männlichen Glied; befestigte dasselbe auf dem Grabhügel; nahte sich demselben, seinen Hintern entblößt; schob sich unter und saß fest. Dann die Geilheit aber eines in Brunst Seyenden annehmend, drehte er die Hinterbacken, der Meinung; vom Holze zu erleiden, was er vorlängst in Wahrheit zu leisten versprochen hatte.

Damit jedoch nicht etwa einer dafür halte, diese so unfrommen Dinge seyen von uns ausgesonnen, so verlangen wir nicht, daß er dem Zeugen Heraklitos glaube, noch wollen wir, daß er aus dessen Lesung, was derselbe über derlei Mysterien geurtheilt, annehme; er frage das gesammte Griechenland, was ihm diese Phallos bedeuten, welche alte Sitte auf den Feldern, in den Städten errichtete und verehrte, und er wird die von uns angegebenen Ursachen finden; oder war es wider die Schamhaftigkeit, die Wahrheit einfältig darzulegen, was nützte dann die Verdunklung, was die Verhüllung der Ursache und des Ursprungs des Ritus, da die Sache an sich Religionslästerung ist? Was sagt ihr Völker, was ihr mit Tempelverehrung Beschäftigte, was ihr derselben geweihte Stämme? Zu diesen Diensten treibt ihr uns durch Feuer, Verbannung, Prügel und die übrigen Strafarten, sammt der Furcht und Grausamkeit? dieserlei Götter führt ihr uns zu, macht ihr uns bekannt, auferlegt ihr uns, deren Aehnlichkeit ihr weder für euch, noch für irgend einen eurer Blutverwandten und durch Familienrechte Euch verbundenen wünscht? Könnt ihr euern noch nicht mannbaren Knaben den von Liber mit seinem Buhlen abgeschlossenen Vertrag mittheilen? Könnt ihr euere Schnuren, ja euere Ehefrauen zu Baubo’s Unverschämtheit verleiten, zu den ehrbaren Ergötzungen der Ceres? Wollt ihr, daß eure Jünglinge wissen, hören, lernen, wie Jupiter selbst bei der einen und anderen Mutter sich darstellt habe? Wollt ihr, daß herangewachsene Jungfrauen und noch rüstige Väter wahrnehmen, mittelst welcher Kunst derselbe bei der Tochter sich die Zeit vertrieb? Wollt ihr, daß schon heiße Geschwister, Brüder eines Samens, eben denselben bemerken, wie er das Bett der Schwester zu beflecken nicht verschmähte? Muß man also von derlei Göttern nicht sofort weithin fliehen, und damit nicht solcher unreinen Religion Schändlichkeit in’s Gemüth sich einschleiche, ist nicht das Gehör durchaus zu verschließen? Denn welcher Sterbliche ist wohl in reinen Sitten so begründet, daß ihn der Götter Beispiele nicht zu gleichen Ausschweifungen verlockten? Oder wer ist im Stande, seine Begierden hinsichtlich verwandter und zu ehrender Personen zu unterdrücken, da er sieht, wie bei den Himmlischen im Wirren der Gelüste nichts als heilig geachtet ist? Wo nämlich fest steht, innerhalb rechtmäßigen Schranken, es könne das erste und vollkommene Wesen seine Begierde nicht bezähmen, warum soll sich da der Mensch nicht in gemeinschaftliche Begierden stürzen, sowohl durch die angeborene Gebrechlichkeit dem Fall hingegeben, als auch durch göttliche Lehre unterstützt?

Schon längst bei mir derlei Ungethüme von Dingen überdenkend, bekenne ich, daß mir die Verwunderung zur Gewohnheit ward, wie ihr irgend Jemand aus denen einen Atheist, einen Ungläubigen, einen Gotteslästerer zu nennen wagt, welche der Götter Daseyn entweder gänzlich leugnen, oder behaupten, sie seyen Menschen gewesen, und irgend einer Macht oder eines Verdienstes wegen in der Götter Zahl versetzt worden: da, ist die Untersuchung wahr und wird sie dafür angenommen, es Niemand als euch mehr zukommt, mit derlei Namen sich zu bezeichnen, die ihr unter dem Schein der Verehrung mehr Schmähungen und Verläumdungen wider sie vorbringt, als wenn ihr dieß offen zu thun durch zugestandene Schmähungen euch vorgesetzt hättet. Wer der Götter Daseyn bezweifelt oder wer ihr Seyn gänzlich leugnet, obschon es scheint, er folge mit Dreistigkeit abscheulichen Meinungen, wendet doch den Glauben ohne irgend einer Person Verfolgung bei den verhüllten Dingen nicht an; und wer versichert, sie seyen irdischen Geschlechts gewesen, obschon er sie der Erhabenheit der Himmlischen beraubt, häuft ihnen dennoch anderweitiges Lob; da er nämlich behauptet, sie seyen durch Auszeichnung und durch Bewunderung ihrer Tugenden zum Lohne der Göttlichkeit erhoben worden.

Ihr aber, die ihr eifrig versichert, Beschützer und Fortpflanzer ihrer Unsterblichkeit zu seyn, übergeht ihr irgend einen, ohne ihn mit euern Schmähungen zu verwunden? oder giebt es irgend eine Art schimpflichen Thuns, noch so verdammlich dem Gemeinurtheil, was ihr euch scheut, wenigstens durch des Namens Würde gehemmt, ihnen beizulegen? Wer hat ausgesagt, die Götter seyen in sterbliche und hinfällige Leiber verliebt gewesen? Nicht ihr? Wer, sie hätten in fremden Ehebetten die süßesten Diebstähle unternommen? Nicht ihr? Wer, es hätten die Söhne mit den Müttern, wer, es hätten hinwiederum die Väter mit ihren Töchtern unglückselig sich vermischt? Nicht ihr? Wer, sie hätten nach zarten Knaben und reizend geformten Jünglingen unehrbar verlangt? Nicht ihr? Wer hat sie als entmannt, als Buhler, als ihre Gestalt verändernd, als Räuber, als Gefangene, als Gefesselte, dann als durch Blitz getroffen, als verwundet, als den Tod am letzten Tag verfallen, auch als irdischer Begräbnisse theilhaft ausgesagt? Nicht ihr? Da folglich so viele und so große Vergehen den Göttern zum Schmipf durch euch zusammengebracht worden sind, wie wagt ihr den Vorwurf, unserer Sache wegen seyen die Götter beleidigt; umsomehr, da schon lange klar vorliegt, daß ihr solchen Grolles schuldig und des göttlichen Unwillens Urheber seyd?

Du irrst und fehlst, entgegnet man, und deine genugsame Unwissenheit, Ungelehrtheit und Rohheit thust du im Durchziehen unserer heiligen Dinge kund: denn alle diese dir schimpflich und zur Bemacklung des Göttlichen geeignet scheinenden Erzählungen, enthalten heilige Geheimnisse, wunderbare und hehre Gründe in sich, welche nicht leicht eines Jeden Scharfsinn aber wahrnehmen kann. Nicht was das Geschriebene und was die Worte dem ersten Anschein auch aussprechen, wird nämlich angezeigt und gemeint, sondern alles Jenes ist im allegorischen Sinn und als untergelegte Geheimnisse zu verstehen. Wer also sagt: Jupiter hat seiner Mutter beigewohnt, der bezeichnet nicht blutschänderische und schandvolle Umarmungen der Wollust, sondern giebt den Jupiter als Regen, die Ceres als Erde an. Und wer ferner spricht, er habe bei der Tochter die Lust befriedigt, der bringt nichts von abscheulicher Wollust vor, sondern er setzt für die Benennung Regen, Jupiter, unter der Bezeichnung Tochter die Saat. So sagt auch der, welcher vom Vater Dis die Proserpina geraubt werden läßt, nicht die Jungfrau, wie du wähnst, als zu höchst schändlicher Gier entführt aus, sondern weil wir die Saatkörner in den Schooß der Erde verbergen, sey die Göttin unter die Erde hinabgekommen, und die Verbindung mit dem Orkus bezeichnet das Gesetz der zeugenden Befruchtung. Aus ganz ähnlicher Ursache wird auch in den übrigen Erzählungen Anderes gesagt und Anderes verstanden, so daß unter der gemeinen Einsicht der Rede der geheimnißvolle Grund und die verhüllte Höhe des Mysteriums verborgen liegt.

Dieß Alles sind, wie einleuchtet, Spitzfindigkeiten und Schwindeleien, mit welchen man auf schlechten Füßen stehende Dinge zu festigen pflegt. Ja, der Wahrheit zunächst, dieß Alles trägt die Farben sophistischer Untersuchungen, wo man nicht das Wahre sondern lediglich immer nur das Bild, den Schein und Schatten der Wahrheit mit Eifer aufsucht: denn weil man sich schämt, weil es Schande bringt, die richtigen Aussprüche anzunehmen, nimmt man seine Zuflucht dahin, einer Sache etwas Anderes unterzuschieben und der schmachvollen Bedeutung den Schein von Wohlanständigkeit aufzuzwingen. Was geht aber dieß uns an, ob ein anderer Sinn und andere Meinungen den nichtigen Berichten zu Grunde liegen? Uns, die wir behaupten, daß ihr die Götter auf verruchte und unfromme Weise behandelt, genügt nämlich, was geschrieben ist, was man billigen hört, und nicht kümmern wir uns was im Verborgenen steckt, insofern der Götter Schmach nicht im dunklen Gefühle des Herzens, sondern in der Aeußerung sichtbarer Worte erfunden wird. Damit es nun nicht scheine, als wollten wir des Gesagten Beschaffenheit ohne Erwägung lassen, so forschen wir vorerst bei euch, wollt ihr nur Geduld gewähren, ob es auf allegorische Weise verfaßt worden oder auf dieselbe Art verstanden werden soll, wie ihr es erforscht habt, wie es euch verkündet ward? ob euch nämlich die Schriftsteller zum Rathe herbeigerufen, oder ob ihr in derselben Brust verborgen lagt, als sie mittelst Unterschlagung der Wahrheit das Eine für das Andere unterschoben? Dann aber, wenn dieselben aus irgend einer Ursache oder aus religiöser Scheu jene Mysterien in Finsterniß verhüllen wollten, wie groß ist da euere Dreistigkeit, daß ihr, was sie nicht erkannt wissen wollten, erkennen wollt; daß ihr verstehen wollt, jedwelchem Ausdruck unterzulegen, was sie durch das Wahre nicht bezeichnende Worte zwecklos dem Auge entzogen haben?

Doch, euch beizupflichten, in allen diesen Fabeln wird Hirschkuh statt Iphigenia gesagt; woher aber ist euch hell, da ihr diese Allegorien entweder erklärt oder auslegt, daß ihr ebendasselbe auslegt, ebendasselbe wahrnehmt, was die Erzähler selbst in stummer Ueberlegung gedacht und nicht durch die eigenthümlichen Ausdrücke, sondern durch anderweitige Bezeichnungen vorgetragen haben? Ihr sagt, man habe des Jupiters und der Ceres Begattung den in der Erde Schooß gefallenen Regen genannt. Es kann irgend Jemand sowohl etwas spitzfindigeres als auch mit der Aehnlichkeit des Wahren erdenken und vermuthen; es kann ein Dritter, ein Vierter jeder etwas Anderes ersinnen; und je nachdem der Vermuthenden Geisteskräfte beschaffen sind, können die einzelnen Dinge durch unzählige Auslegungen erklärt werden: denn insofern aus verschlossenen Dingen alles dasjenige, was man Allegorie nennt, entnommen wird, und sie keinen sichern Grund hat, in dem die ausgesprochene Meinung fest und unbeweglich beruht, so steht Jedem frei, wohin er will das Gelesene zu zerren und das als festgesetzt zu behaupten, worauf ihn seine Vermuthung und eingebildete Muthmaßung geführt. Da dieß sich so verhält, wie könnt ihr Gewissen vom Zweifelhaften hernehmen und eine einzige Erklärung dem Ausgesagten verbinden, was, wie ihr doch bemerkt, durch unzählbare Auslegungsweisen zur Mannigfaltigkeit zertheilt wird.

Endlich, findet ihr es geeignet, so forschen wir mit wiederholter Frage auch wegen diesem bei euch: haltet ihr alle Fabeln von den Göttern, d.h. jede einzelne, durchaus für doppelsinnig und zweideutig, auf veränderliche Weise hin abgefaßt; oder seyd ihr der Meinung, der eine Theil derselben enthalte nichts Zweideutiges, der andere aber sey vieldeutig und durch allegorischer Hülle Ueberwurf verdeckt? Ist nämlich das ganze Gewebe der Erzählung und ihre Folge vom Anfang bis zum Ende durch allegorische Einkleidung abgeschlossen, so erklärt, thut dar, was wir hinsichtlich der einzelnen Dinge, welche jegliche Fabel anführt, unterlegen und an’s Licht bringen, was in andere Dinge und Verständnisse übertragen müssen. Wie ihr nämlich zum Beispiel den Jupiter für den Regen, die Ceres für die Erde, für die Libera und den Vater Dis die Versenkung und den Auswurf der Saat verstehen wollt, so geziemt euch zu sagen, was für den Stier, was für der Ceres Unwille und Zorn wir annehmen sollen? was das Wort Brimo, was des bekümmerten Jupiters Flehen bedeute? was die abgeschickten und nicht erhörten Himmlischen? was der kastrirte Widder, was die ausgeschnittenen Hoden desselben? was die durch selbe vollbrachte Genugthuung? was das aus schändlicher Gier mit der Tochter Unternommene? Aehnlich auch was in der anderen Fabel der ennaeische Hain und die Blumen sind? was das dem Aetna entnommene Feuer und die von demselben ergriffenen Fackeln? was das Irren auf dem Erdkreis mit denselben? was das Land Attika, was die eleusinische Ortschaft? was der Baubo Hütte und bäuerische Gastfreundschaft? was der Trank Cyceon bezeichnet? was seine Verschmähung? was die Abscheerung und Enthüllung der Schaam? was dieses Schauens schandvolle Annehmlichkeit und daß durch solche Mittel bereitete Vergessen der Beraubten? Wenn ihr nun für dieß Alles darthut, was durch der Dinge Umänderung unterlegt werden muß, so werden wir euch wegen solcher Versicherung unsern Beifall schenken; wofern ihr aber im einzelnen das Einzelne nicht unterlegen, noch auch einen ganz anderen Zusammenhang der Dinge annehmen könnt, wie beehrt ihr dann mit verdunkelnden Allegorien, was klar ausgesprochen und zum allgemeinen Verständniß offenbaret ist?

Außer ihr sagt vielleicht, nicht das Ganze der Erzählung enthalte derlei Allegorien, im Uebrigen seyen die einen Theile gemeinsam, die anderen aber doppelartig und durch zweideutige Dunkelheit verhüllt verfaßt. Diese Subtilität ist eine abgedroschene und jedwedem Unverstand zugänglich: denn weil alles Geschriebene insgesammt euch überzutragen, umzutauschen, auszuwechseln höchst ungeläufig ist, so wählt ihr einiges, eurer Absicht Zusagendes und bemüht euch, vermittelst derselben zu erweisen, die nicht wirklichen und verfälschten Worte seyen der innen enthaltenen Wahrheit übergestülpt. Daß wir euch aber zugeben, wie ihr sagt, so verhalte sich die Sache: Woher wißt oder vernehmt ihr, welcher Theil der Erzählung in gemeinsamen Ausdrücken verfaßt, welcher durch verschieden lautende und fremdartige Bezeichnungen gedeckt sey? denn es kann geschehen, daß das, was ihr so zu seyn entscheidet, anders sich verhält; oder was ihr anders glaubt, durch andere und entgegengesetzte Fassungen hervorgebracht wurde. Wo man nämlich sagt, bei einem ganzen sey ein Theil allegorisch verfaßt, der andere in unzweifelbarer und schlichter Sprache, dort findet sich kein Zeichen, wodurch der zweideutigen und einstimmigen Ausdrücke Unterschied beurtheilt zu werden vermag; so daß man das Einfache eben sowohl doppeldeutig gesagt nehmen, als das zweideutig Geschriebene ohne Rückhalt glauben kann. Auf welche Art dieß auch entweder geschieht oder geschehen zu können geglaubt wird, dieser Erkenntniß gänzlich zu ermangeln bekennen wir.

Betrachten wir, was man in dieser Beziehung spricht. Im Hain von Enna, sagt man, pflückte einstmals die Jungfrau Proserpina Blumen. Dieß ist noch unentstellt und mittelst richtigem Ausdruck gesagt: denn was Hain, Blumen, Proserpina, männliche Jungfrau sey, ist allgemein unbezweifelbar bekannt. Summanus kam auf vierspännigem Wagen schnell aus der Erde herauf. Auch dieß ist auf gleiche Weise ganz einfach: denn Viergespann, Wagen und Summanus bedürfen keiner Erklärung. Unversehens raubte er die Proserpina und entführte sie mit sich unter die Erde. Man sagt, das Verbergen der Saat werde in dem Raube der Proserpina bekannt gemacht. Was ereignet sich, frage ich, daß plötzlich die Erzählung sich umändert und die Saat Proserpina genannt wird? daß die Jungfrau, welche man beim Blumenpflücken glaubte, nach dem Staube und der Entführung die Bezeichnung von Saat zu erhalten anfing? Jupiter, sagt man, in einen Stier verwandelt, habe die Begattung mit seiner Mutter Ceres vollbracht. Wie oben auseinandergesetzt worden, wird unter diesen Namen die Erde und der fallende Regen offenbart. Ich sehe das allegorische Gesetz durch dunkle Zweideutigkeiten zur Anwendung gebracht. Ceres erzürnt entbrannte und empfing zur Sühne und Rache des Widders Hoden. Dieß bemerke ich dagegen in gewöhnlicher Rede ausgedrückt: denn Zorn, Hoden, Genugthuung sind in der ihnen zukommenden Weise und Beschaffenheit ausgesagt. Was fällt also hier vor, daß von Jupiter, welcher Regen, und von Ceres, welche Erde genannt worden, die Sache zum wahrhaftigen Jupiter und zu der Dinge eigentlichstem Ausdruck übergeht?

Entweder muß Alles folglich allegorisch geschrieben und gesagt, auch Alles mitsammen für uns zu erklären seyn; oder Nichts ist in dieser Weise verfaßt, weil, was zum Theil so zu seyn man glaubt, es nicht ist. Dieß Alles ward allegorisch geschrieben. Das scheint durchaus nicht außer Zweifel. Fragt ihr, welcher Ursache wegen? Weil jede Handlung und jedes in irgend eines Werkes Augenscheinlichkeit Bestehende nicht zur allegorischen Veränderung sich hinführen läßt: denn nimmer kann, was geschehen ist, ungeschehen seyn, oder der Handlung Natur in eine andere übergehen. Vermag man wohl den troianischen Krieg in Sokrates Verdammung umzuwandeln? oder jene Schlacht bei Kannae zur Achtserklärung und Grausamkeit des Sulla zu machen? kann man etwa die Proskription, gleichwie Tullius scherzt, die Schlacht bei Kannae nennen? Was aber schon vorher geschehen ist, kann nicht zugleich die Schlacht und auch die Proskription wieder seyn: denn, wie gesagt, das Geschehene kann nichts Anderes seyn als das was geschehen; noch vermag das in eigenthümlicher Kraft und in seiner Art Beschaffenheit Befestigte in eine andere Wesenheit überzugehen.

Woher also erweisen wir, alle diese Erzählungen seyen Darstellungen von Thatsachen? Aus den heiligen Festen und den Mysterien der Geheimdienste, die theils zu bestimmten Zeiten und an festgesetzten Tagen gefeiert werden, theils die Völkerstämme im Verborgenen überliefern, bewahrt durch eigenthümlicher Weise immerwährende Fortdauer: denn nicht ist zu glauben, dieß sey ohne Grund, geschähe fruchtlos und unnütz, und habe keine mit den ersten Anordnungen im Verband stehende Ursache. Jene Pinie, welche auf feierliche Weise in der Göttin Mutter Heiligthum eingebracht wird, ist sie nicht das Abbild jenes Baumes unter dem Attis sich durch Entmannung tödtete, und welche, wie sie erzählen, dieselbe zum Troste ihres Schmerzes heiligte? Jene Aufrichtung der Phallos, welche alljährlich mit gebührender Weise Griechenland ehrt und verherrlicht, erneuert sie nicht jener Schandthat Bild, mittelst der sich Liber seiner Verschuldung entledigte? Jene eleusinischen Mysterien und verborgenen Bräuche heiliger Dienste, wessen Gedächtniß enthalten sie? nicht jener Irren, auf welchen Ceres, ermüdet vom Umhersuchen nach der Tochter, Attika erreichte, das Weizenkorn mitbrachte, die Familie der Nebriden mit einem Hirschkalbsfelle beehrte und jenes ungeheure Schaustück der Bauboscham belachte? Oder findet eine andere Ursache statt, so läßt uns das unberührt, wenn nur diese Ursache dieß alles insgesammt hinwegräumt: denn nimmermehr ist glaublich, ohne vorhergehende Anlässe sey dieß aufgenommen worden, oder man muß annehmen, die Athener seyen unsinnig, daß sie sich einen Religionbrauch, ohne irgend einen Grund zusammengebracht, beigelegt haben. Wenn nun aber klar ist und feststeht, das heißt, wenn geschehenen Dingen die Ursachen und Anfänge der Mysterien entfließen, so können sie durch keine Umkehrung in Allegorien hinübergeführt werden: denn was gethan, vollbracht ist, kann dem Verbot der Natur der Dinge zufolge nicht ungethan werden.

Und dennoch, wenn wir euch beipflichten, diese Sachen verhalten sich dergestalt, d. h. die Erzählungen lauten anders als den Worten nach, sie sagen ich weiß nicht was Anderes nach der Narren Sitte aus, so nehmt ihr nicht wahr, so seht ihr denn nicht, mit welcher unsäglichen Schande und Beschimpfung der Götter man dieß ausspricht und treibt? Ist irgend eine gewichtigere Unbill möglicher Weise aufzufinden, als die fleischliche Vermischung des Jupiter und der Ceres Erde und Regen, oder was immer sonst: denn nichts ist daran gelegen, welche Umsetzung die Austegung vorbringt; zu nennen? Und mit der Götter Verbrechen den Fall des Regens vom Himmel und der Erde Feuchtigkeit zu bezeichnen? kann man irgend was Gottloseres denken oder annehmen, als den Raub der Proserpina die in die Erde versenkte Saat oder sonst etwas Anderes: denn nichts ist auf ähnliche Art daran gelegen: nennen und unter der Bezeichnung des Vater Dis von dem Ackerbau sprechen? Wäre es nicht tausendmal wünschenswerter, der Zunge beraubt und stumm zu seyn, diesen Strudel der Worte und dieses Gestoß garstiger Schwatzhaftigkeit fahren zu lassen, als mit der Götter Namen höchst schimpfliche Dinge zu benennen? ja als mit der Götter Schändlichkeiten gewöhnliche Zustände und Betriebe zu bezeichnen?

Vordem war der Brauch, allegorische Redensarten durch den ehrbarsten Vortrag zu verdunkeln, schmachvolle Dinge, unfläthig zum Vortrag, mit der Würde der Ehrbarkeit zu überkleiden. Eure Schriftsteller dagegen sprechen mittelst der Schändlichkeit gewichtige Dinge aus, und weisen in unzüchtigen Worten was an Keuschheit werthvoll ist nach; so daß, wie einst die Verruchtheit unfläthiger Dinge durch die Sittsamkeit verhüllt ward, nun auf spaßhafte und garstige Weise dieselbe in den Ausdruck würdiger Dinge umgesetzt ausgesagt wird. Sagen wir, heißt es, Mars und Venus seyen durch Vulkans Kunstfertigkeit umstrickt worden, so meinen wir, die Begierde und den Zorn habe der Vernunft Kraft und Ueberlegung gebändigt. Was untersagte aber, was widerstand, eine jede Sache mit seinen Worten auszudrücken? Ja, was drängte, da man ich weiß nicht was durch Denkbücher und Schriften anzeigen wollte, daß man das Angezeigte nicht verstehen lassen, sondern entgegengesetzte Dinge zugleich unter Einem Ausdruck fassen, den Eifer des Verlangenden belehren und wider den Nichtwollenden Neid darthun wollte? Hatte es irgend eine Gefahr, die Götter Ehebrecher zu nennen? Zunge und Mund beim Aussprechen der Begierlichkeit und des Zornes durch unfläthige Berührung etwa verunreinigt? Geschähe aber dieß und nähme man der allegorischen Blindheit Verdunklung hinweg, so würde das Erkennen leichter von Statten gehen, wie auch der Götter Würde unversehrt sich bewahren. Nun aber, so man sagt, in des Mars und der Venus Umstrickung sey der Laster Unterdrückung bezeichnet, ergeben sich zwei höchst verkehrte Dinge zugleich zur selben Zeit, nämlich daß einerseits das Bild einer garstigen Sache den Begriff von Ehrbarkeit unterschiebt, und andererseits das Unanständige das Gemüth früher als das Ansehen irgend einer Religion erfaßt.

Außer ihr sagt etwa, und dieß allein erübrigt, um wie es scheint von euch entgegnet werden zu können, die Götter wollten nicht, daß die Menschen ihre Mysterien wüßten, und deßhalb seyen die Erzählungen in doppeldeutigen Allegorien verfaßt worden. Woher aber kommt euch die Gewißheit, daß die Himmlischen den Menschen ihre Mysterien nicht veröffentlichen lassen wollten? Woher wißt ihr dieselben oder weßhalb tragt ihr Sorge, dieselben in allegorische Auslegung aufzulösen? Endlich und zuletzt, was wollen die Götter damit, daß sie das Ehrbare verweigernd, die schandvollsten sie betreffenden Aussagen dulden? Nennen wir den Attis, heißt es, so bezeichnen und sprechen wir die Sonne. Ist aber Attis die Sonne, wie ihr erwähnt und sprecht, wer wird dann jener Attis seyn, von dem eure Schriften anführen und ausweisen, er sey in Phrygien geboren, er habe gewisse Zustände erduldet, er habe desgleichen zuverlässige Dinge vollbracht? den sämtliche Theater in kurzweiligen Schauspielen kennen? dem wir unter heiligen Gebräuchen Opfer darbringen sehen, insbesondere jährliche und namentlich göttliche? Ob dieser Benennung Uebertragung wohl von der Sonne auf den Menschen, oder von dem Menschen auf die Sonne stattfand? denn wenn dieser Name hauptsächlich den Ursprung von der Sonne her hat, woher doch verdiente die goldene Sonne, daß ihr derselben anthun mochtet, ihr Name sey mit dem Kastraten gemeinsam? Wofern er vom Bock und von Phrygien her ist, was hat Phaetons Erzeuger, der Vater dieses Lichtes und Hellseins verschuldet, um würdig zu erscheinen, nach dem entmannten Menschen genannt und bezeichnet durch des entnervten Körpers Benennung für ehrwürdiger gehalten zu werden?

Was aber hieran sey, ist allen offenkundig. Weil ihr euch dieser Schriften und Erzählungen schämt, und nicht abseht, wie das einmal in denselben bekannt gemachte Schändliche beseitigt werden könne, so bemüht ihr euch, die schmachvollen Dinge mit ehrbaren Namen zu belegen, und mit allen möglichen Spitzfindigkeiten verkehrt und verunstaltet ihr den unterlegten Dingen zum Vortheil der Worte Wesen. Und sogar, wie zuweilen nicht recht Verständigen zu geschehen pflegt, denen ihrer Krankheit wirrende Kraft das Gefühl und Bewußtseyn entrückt, so sprecht ihr Verworrenes und Ungewisses heraus und tollt durch nichtiger Dinge Einbildungen umher. Es mag seyn, daß in Jupiters und Ceres Verbindung der Erde Bewässerung bezeichnet ist; in des Vaters Dis Raub der Saat Verbergen; in Libers zerstreuten Gliedmaßen der über die Länder hin verbreitete Weinbau; daß man die ehebrecherische Vereinigung der Venus und des Mars eine Bändigung der Begierde und Verwegenheit genannt.

Wollt ihr aber diese Fabeln in allegorischer Weise geschrieben annehmen, was soll mit den Anderen geschehen, welche, wie wir sehen, in solche sich zu wandeln nicht gezwungen werden können? denn was sollen wir für jenen Holzkeil unterlegen, welchen des semeleischen Sprößlings Brunst auf dem Grabhügel in Bewegung setzte? Und was für jenen geraubten und zum Dienst der Wollust substituirten Ganymed? Was für jene Umgestaltung zur Ameise, in welche der allerhöchste Jupiter die Umrisse seiner Unermeßlichkeit zusammenzog? Was für den Schwan und Satyr? Was für den Goldregen, in den er sich trügerisch, zu treuloser Lust, mit der Gestalten Wechsel spielend einhüllte? Und damit es nicht scheine, mir wollen von Jupiter allein nur sprechen, welche Allegorien können in den Liebschaften der anderen Gottheiten wohl seyn? welche in den Knechtsdiensten und Lohnverhältnissen? welche in den Fesselungen, in den Kinderberaubungen, in den Wehklagen? welche in den Qualen, in den Verwundungen, in den Grablegungen? Da ihr mittelst solcher Darstellungen nur Eine Schuld den Himmlischen zu Stande bringen konntet, so mischte ihr noch, wie man zu sagen pflegt, zur guten Fischsulze die schlechte Fischbrühe, benanntet mit der Götter Namen schmähliche Dinge und bemakeltet mit den Benennungen schimpflicher Dinge hinwiederum die Götter. Glaubtet ihr aber hierbei an derselben Daseyn, oder daß sie irgendwo seyen mit unzweifelhafter Erkenntniß, so hemmte euch die Furcht bei derselben Erwähnung; und gleichwie sie euch hörten und euere Worte vernahmen, so mußten sie geglaubt und im Gedächtniß unbeweglich bewahrt werden: denn bei Menschen, die pflichtmäßigem Glauben sich hingaben, mußten nicht die Götter selbst nur, sondern auch der Götter Namen ehrwürdig seyn: denn so viel Würde an denen ist, welche mit diesen Namen bezeichnet werden, eben so viel Würde ist billig auch in derselben Benennungen.

Gebt des Urtheils wahre Beschaffenheit an und ihr findet euch bei jenem Theile der Widerlegung, daß ihr in euerm Sprachgebrauch den Mars für Schlacht, den Neptun für Wasser, den Vater Liber für Wein, die Ceres für Brot, die Minerva für Weberei, die Venus für unkeusche Lüste nennt: denn was ist die Ursache, daß, da die Dinge unter ihren Benennungen geschätzt werden können, man sie mit der Götter Namen belegt und solche Schmach den göttlichen Wesen zufügt, welche kein Mensch übertragen wird, wiefern Jemand seinen Namen zu nichtswürdigen Dingen hergiebt und verkehrt? Aber die Rede ist beschmutzt, wenn mit derlei Worten sie verunreinigt würde. O der des Lobes würdigen Schamhaftigkeit! Ihr erröthet Brod und Wein zu nennen und nicht fürchtet ihr euch, für Beischlaf Venus zu sagen.

Sechstes Buch

Nachdem wir summarisch dargethan haben, welche unfromme Verunglimpfungen ihr von euern Göttern aufgestellt habt, so folgt nun, daß wir auch von den Tempeln, von den Bildern und Opferdiensten sprechen; von einer andern Reihe, welche diesen Dingen verknüpft und durch nahe Verbindung vereint ist: denn in diesem Theile seyd ihr gewohnt, uns die größte Schuld der Unfrömmigkeit anzudichten, daß wir nämlich keine geheiligte Tempel zum Dienst der Verehrung erbauen, kein Bild oder Zeichen irgend eines Gottes aufstellen; keine Altäre, keine Opfer-Herde anfertigen, kein Blut getödteter Thiere darbringen, keinen Weihrauch, kein Opferschrot, endlich keine Weinlibationen spenden: was wir aber nicht dergestalt auszuführen und zu thun unterlassen, als ob wir unfrommen und verruchten Gemüthes seyen, oder irgend eine Verachtung gegen die Götter aus verwegener Keckheit uns anmaßten, sondern weil wir dafür halten und glauben, daß, wenn anders die Götter wahrhaftig und mit dieses Namens Vollkommenheit ausgestattet sind, sie diese Art der Verehrung entweder, lachen sie, verlachen, oder ergrimmen sie in Groll, mit Unwille sich gefallen lassen.

Damit ihr aber erkennen mögt, was wir hinsichtlich dieses Namens denken und welches Urtheil wir fällen, so halten wir dafür, sind anders die Götter wahrhaftig, dasselbe abermals und zur Genüge zu sagen, dieselben müssen sämtliche und zwar vollkommene Tugenden haben, Weisheit, Gerechtigkeit, Ernst. Wenn anders es kein Vergehen ist, daß wir sie mit menschlichen Werthschätzungen überhäufen, so müssen sie kräftig an innerer Tüchtigkeit sich keiner fremden Hülfe überlassen, wodurch ihnen der ununterbrochenen Glückseligkeit Unversehrtheit vollendet wird; sie müssen frei von sämmtlichen Affekten und allen Unordnungen nicht im Zorn aufbrausen, durch keinerlei Begierden aufgeregt werden, Niemand einen Schaden anthun, nicht durch der Menschen Uebelthaten einen grausamen Willen annehmen, nicht mittelst Aeugnungen [sic] schrecken, keine übernatürlichen Erscheinungen offenbaren, nicht die Schulden der Gelübde als verbindlich ansehen, nicht die Sühnopfer mittelst drohender Zeichen fordern; nicht Pest, nicht Seuche durch Verderbniß der Luft herbeiführen; nicht durch Trockne die Früchte verbrennen; nicht dem Morden der Kriege, nicht der Erstürmung der Städte sich zugesellen; nicht diesen Nachtheil, jenen Vortheil angedeihen lassen wollen; sondern, was erhabenen Gemüthern zusteht, sie müssen Allen insgesammt mit gleicher Wagschale zuwiegen und Allen insgesammt ungetheilte Handlungen des Wohlwollens erweisen: denn daß dem hinfälligen Geschlechte und der menschlichen Gebrechlichkeit das Entgegengesetzte zu verlangen eignet, und daß diejenigen, welche die Gemüthsveränderung erfaßt, leiden, Schmerzen empfinden, dem Verderben anheimfallen, lehren der Weisen Aussprüche; und nicht können auf andere Weise den Gesetzen der Sterblichkeit die verbunden seyn, welche keinen Zerrüttungen anheim gegeben sind. Da dieß sich also verhält, wie können wir da als Verächter der Götter verurtheilt werden, die wir nur dann der Götter Daseyn und die Möglichkeit, sie den himmlischen Mächten beizufügen, ableugnen, wenn sie nicht gehörig und durch hocherhabene Gesinnung der Bewunderung Lob würdig sind.

Allein wir errichten ihnen keine Tempel, wir verehren derselben Bilder nicht, wir bringen keine Opfer dar, wir spenden weder Weihrauch noch Wein; und welche größere Ehre oder Würdigung können wir ihnen zutheilen, als daß wir sie auf jene Seite hinsetzen, wo auch das Haupt und den Herrn aller Dinge, den höchsten Herrscher selbst, dem die Götter sammt uns, daß sie sich fühlen und in lebenskräftiger Wesenheit bestehen, schulden? Sollen wir die Gottheit durch Erbauung von Tempeln oder durch geweihte Plätze ehren? Sollen wir Opferthiere schlachten? Sollen wir etwa irgend andere Dinge darbringen, welche zu weihen, auszugießen nicht wohlüberlegte Anordnung ist, sondern durch der Gewohnheit Sitte veranlaßt wurde? Allerdings ist es vollendete Thorheit, nach deinen Bedürfnissen das Mächtigere abzumessen und was dir von Nutzen ist, den verleihenden Göttern zu geben und solche Ehrenbezeugungen nicht für Schmach zu halten. Wir forschen also, welchen Nutzen bringen die Tempel den Göttern? oder um welcher Nothwendigkeit willen ihr sagt, sie seyen erbaut; ihr meint, man müsse sie neuerdings herstellen? Sie empfinden wohl den Winterfrost, oder versengt sie die Sommersonne, überströmen sie die Regengüsse, belästigen sie die Sturmwinde? Laufen sie vielleicht Gefahr feindliche Angriffe oder wilder Thiere wüthende Anfälle zu erleiden, daß ihnen mit Recht zukomme, durch Errichtung von Gebäuden eingeschlossen oder durch vorgeführte Mauern geschützt zu werden? Was sind nämlich diese Tempel? Befragst du die menschliche Schwachheit, ich weiß nicht welch‘ eine ungeheure Größe und Herrlichkeit. Bedenkst du der Götter Machtvollkommenheit, irgend eine kleine Höhle, oder, die Wahrheit zu sagen, eine höchst enge Art von Grotte, gewölbt durch eines armseligen Herzens Sinnen. Forschst du, um zu erfahren, wer wohl der erste Erbauer derselben gewesen, so wird man dir entweder Pharoneus oder den Aegypter Merops angeben, oder wie Varro von den bewunderungswürdigen Dingen überliefert, des Jupiters Sohn Aeakus. Mögen also dieselben auch entweder aus Marmormassen errichtet seyn, oder mit vergoldeten Decken glänzen; mögen hier Edelsteine funkeln und in verschiedenartiger Unähnlichkeit Sternenschimmer verbreiten: dieß Alles ist Erde und aus dem letzten Bodensatz der geringeren Materie verdichtet. Nicht aber darf man glauben, schätzt ihr das auch zu höhern Preisen, daß hierdurch die Götter erfreut werden; daß sie es weder zurückweisen noch verachten, je weniger sie sich einschließen und durch desselben Entgegenstellung zum Verweilen gezwungen werden mögen. Man sagt, dieser Tempel ist dem Mars, der der Juno und jener der Venus, dieser dem Herkules, dem Apollo, dem Dis geweiht. Heißt das etwas Anderes als sagen, dieß Haus ist dem Mars, dieß der Venus eigen; hier wohnt Apollo, in diesem weilt Herkules, dort Summanus. Ist es demnach nicht die erste und größte Schmach zu behaupten, die Götter hätten gebunden Wohnsitze? ihnen Schoppen zu geben, Gemächer und Kapellen zu errichten, und zu glauben, diese Dinge seyen ihnen nothwendig, deren die Menschen, die Katzen, die Ameisen, Eidechsen, die flüchtigen, furchtsamen und kleinen Mäuse bedürfen?

Allein nicht um deßwillen, sagt man, legen wir den Göttern Tempel bei, um denselben die durchnässenden Regengüsse, die Sturmwinde, den Sonnenbrand gleichsam abzuwehren; sondern damit wir sie vielmehr gegenwärtig in der Nähe beachten und zunächst anflehen, mit den Anwesenden gewissermaßen Unterredungen der Verehrung haben können: denn würde man sie unter freiem Himmel und unter der Decke der Atmosphäre anrufen, so hören sie nicht, und brächte man die Gebete nicht ihnen zunächst dar, so stehen sie, als ob man nichts sage, verschlossen und unbeweglich da. Wir halten dagegen dafür, daß jeder Gott durchaus, ist er nur durch dieses Namens Kraft vermögend, von jeglichem Theile der Welt her, was jedweder gesprochen, als sey er gegenwärtig, hören, ja was irgend Einer im verborgenen Sinnen erfasse, durch Vorerkenntniß wissen müsse. Und wie die Gestirne, die Sonne, der Mond, ober der Erde dahingehend, allen Sehenden durchaus zugleich und allenthalben zugegen sind, so auch kommt es dem Gehör der Götter zu, für keine Zunge verschlossen, immer gegenwärtig zu seyn, obschon die Stimmen aus entfernten Gegenden in ihm zusammenkommen: denn das ist der Götter Eigenthümlichkeit, Alles mit ihrer Kraft zu erfüllen; nicht theilweise irgendwo, sondern allenthalben ganz, nicht anwesend, nicht abwesend zu seyn; nicht zum Mahle bei den Aethiopiern hinzuziehen und nach zweimal sechs Tagen zur verlassenen Heimat zurückzukehren.

Wird sich die Sache nun aber nicht so verhalten, dann entschwindet alle Hoffnung auf Beistand, und es wird zweifelhaft seyn, ob ihr von den Göttern gehört werdet oder nicht, wenn ihr einmal die heiligen Dienste nach den gebührenden Zeremonien vollbringt: denn setzen wir zur Verständigung, es habe irgend eine Gottheit einen Tempel bei den kanarischen Inseln, und ebenfalls bei der äußersten Thule; ferner bei den Seren, bei den dunkelfarbigen Garamanten und wo immer wohl Andere sind, welche von gegenseitiger Kunde Meere, Gebirge, Waldungen und die vier Weltgegenden absondern. Wenn nun diese Alle zu einer und derselben Zeit den göttlichen Dienst vollziehen, und was jeden sein Bedürfniß zu erwägen nöthigt sie von der Gottheit erflehen, werden sämtliche eine gewisse Hoffnung der zu gewährenden Wohlthat haben, hört der Gott nicht allenthalben die zu ihm abgeschickte Rede, und findet irgend eine weite Entfernung statt, wodurch das Gebet der Hülfefordernden nicht hindringen kann? denn entweder wird er an keinem Orte gegenwärtig seyn, kann er irgend einmal irgendwo nicht seyn; oder er wird doch an einem Orte wenigstens zugegen seyn, weil er insgesammt und ungetrennt sein Gehör nicht zu verleihen vermag. Und dergestalt geschieht es, daß entweder Keinem der Gott ganz und gar hilft, wenn mit etwas Anderem beschäftigt er zur Erhörung herbeizueilen unterließ, oder daß nur die Einen als Erhörte allein fortgehen, die Uebrigen aber fruchtlos flehten.

Ja, noch mehr, daß viele dieser Tempel welche mit vergoldeten Kuppeln und mit hochragenden Giebeln sich erhoben, Asche und Knochen bedecken und Grabmäler verstorbener Körper seyen, wird dieß nicht aus der Gründer Denkschriften erwiesen? Ist nicht offenbar und augenscheinlich, daß ihr entweder Verstorbene als unsterbliche Götter verehrt oder den göttlichen Wesen unsühnliche Schmach anthut, da deren Heiligthümer und Tempel über den Grabstätten Verstorbener aufgebaut wurden? Antiochus erwähnt im neunten Buche seiner Geschichte, Cekrops sey im Tempel der Minerva zu Athen beerdigt worden; Akrisius liegt, wie man schreibt und aussagt, ferner in derselben Tempel, welcher in der Burg von Larissa steht, begraben; Erichthonius im Heiligthum der Polias; die Brüder Dairas und Immarus im eleusinischen Gehege, das der Stadt unterworfen ist. Sagt man nicht, die Töchter des Celeus hätten die Gunst der Beerdigung bei der eleusinischen Ceres erlangt? Erwähnt man nicht, in der Diana Heiligthum, was in dem des delischen Apollo steht, lägen Hyperocha und Laodice, welche aus Hyperborea dorthin gekommen, begraben? Daß im milesischen Didymaeon Klearchos die letzte Ehre empfangen habe, sagt Leandrius. Daß der Leukophryna Grabmal im Heiligthum der Diana zu Magnesia sich findet, bekennt und erwähnt Zeno der Myndier. Daß unter Apollo’s Altar, den man bei der Stadt Telmessos sieht, der Wahrsager Telmessos bestattet sey, geben davon nicht die Urkunden unerschütterliches Zeugniß? Daß Einyras, der König von Paphos sammt seiner ganzen Familie, selbst mit seiner ganzen Sippschaft, in der Venus Tempel beigesetzt wurde, erklärt durch die Auktorität der Schriften Ptolomaeus des Agesarchos Sohn, im ersten Buche, das er von Philopator verfaßt hat. Unendlich und unermeßlich ist zu beschreiben, in welchen geweihten Räumen jedweder auf dem ganzen Erdkreis sich befindet; und es verlangt seine genaue Sorgfalt, wiewohl der Aegyptier wider den, welcher es veröffentlichen sollte, Strafe angeordnet hat, in welchen geweihten Orten Apis verborgen liege, von welchen Tempeln jene Grabhügel des Varro bedeckt und welche Lasten über dieselben sich aufgethürmt haben.

Allein was erwähne ich diese Kleinigkeiten? Welcher Mensch weiß nicht, daß im Kapitol des herrschenden Volkes das Grab des Olus Vulcentanus ist? Wer, sage ich, weiß nicht, daß vor nicht langer Zeit das Haupt eines Menschen aus den Fundamenten hervorgebracht ward, entweder allein, ohne die übrigen Gliedmaßen, so erzählen nämlich Manche, oder mit sämmtlichen Gliedmaßen, der Dienste des Begräbnisses theilhaft gemacht. Verlangt ihr aber nun, dieß aller Bedenklichkeit zu entheben, der Erzähler Zeugnisse, so geben Sammonikus, Granius, Valerianus und Fabius euch an, wessen Sohn Olus gewesen, wessen Stammes und Volkes, daß er durch seines Bruders Diener des Lebens und Lichtes beraubt worden; wodurch er von seinen Mitbürgern die Verweigerung der Bestattung in väterlicher Erde sich zuzog. Auch erfahrt ihr, obschon sie sich anstellen, dieß nicht bekannt machen zu wollen, was nach abgeschnittenem Haupte geschehen, oder zu welcher Absicht die Sache in eine völlige Dunkelheit abgeschlossen worden: damit nämlich des unterpfandlichen Zeichens Andauer unbeweglich und fest fortbestehe. Da dieß durch des Alterthums Tilgung billig der Vergessenheit und Verborgenheit anheimfiel, so warf sich des Namens Fassung in’s Mittel und ließ es mit seinen Ursachen während der ihm gegebenen Zeit durch unauslöschliches Zeugniß fortdauern; und nicht erröthete die höchst erhabene Stadt, die Verehrerin gesammter Gottheiten, als sie dem Tempel nach Olus Haupt den Namen Kapitol gab, statt ihn nach Jupiter zu benennen.

Zur Genüge meine ich dargethan zu haben, daß die Tempel den unsterblichen Göttern entweder ohne Grund errichtet oder wider Ziemlichkeit und zugetraute Machtvollkommenheit nach schmachvollen Meinungen angefertigt wurden. Es folgt, daß wir auch von den Zeichen und Bildern einiges sagen, die ihr mit vieler Kunst hervorbringt und mit gewissenhafter Sorgfalt verehrt. Ist hierin irgend eine Zuverlässigkeit, so können wir durch keinerlei Erwägung bei uns feststellen, ob ihr solches im Ernste und mit ausdrücklichem Vorsatz thut, oder ob ihr die Dinge selbst, indem ihr sie verlacht, in bübischer Faselei treibt? denn wenn gewiß ist, daß bei euch Götter sind, die ihr glaubt, und daß sie in den obersten Himmelsgegenden weilen, welche Ursache, welcher Grund findet da statt, daß diese Bildnisse von euch gestaltet werden, da ihr in Wahrheit die besitzt, zu welchen ihr flehen und bei denen in mißlichen Zuständen ihr Hülfe verlangen könnt? Glaubt ihr sie aber nicht, oder, gelinder zu sprechen, zweifelt ihr; auch in diesem Falle, welcher Grund ist vorhanden, der Zweifelhaften Bildnisse zu fertigen und zu formen, und was man nicht zu seyn glaubt, durch windige Nachahmung abzubilden? Oder ihr sagt etwa, es stelle sich euch unter diesen Bildnissen der Gottheiten eine gewisse Anwesenheit dar, und weil das Schauen der Götter nicht gewährt sey, so ließen sie sich also verehren und sich die schuldigen Dienstpflichten leisten? Wer dieß sagt und behauptet, der glaubt nicht der Götter Seyn, und nicht erweist der Glauben zu haben für seine Religion, dem das zu schauen nothwendig ist, was er festhalten mag; auf daß nicht etwa nichtig sey, was verborgen nicht gesehen wird.

Die Götter, heißt es, verehren wir mittelst der Bildnisse. Wie also? Sind diese nicht, so werden die Götter sich nicht verehrt wissen und dafürhalten, von euch keinerlei Ehrenbezeugungen zu empfangen? Mittelst gewisser Seitenpfade also und durch gewisse Fideicomisse, wie man sagt, nehmen und empfangen sie eure Verehrungen; und bevor diese wahrnehmen, welchen jener Dienst gebührt, opfert ihr zuvor den Bildnissen und gleichwie einen Nachlaß übermacht ihr vermöge fremder Gewährleistung denselben ihnen. Was aber kann ungerechter, schmachvoller, unverschämter seyn, als einen andern Gott zu wissen und ein anderes Ding zu verehren? Beistand von der Gottheit zu hoffen und zum sinnlosen Bilde zu flehen? Ist das nicht, frage ich, was man im gemeinen Sprichworte sagt: den Schmid schlagen, da du den Walker triffst? und indem du eines Menschen Rath suchst, von Eseln und Schweinen Urtheile wegen der zu vollbringenden Dinge einzuholen?

Und woher endlich ist euch bekannt, daß alle diese Bildnisse, welche ihr den unsterblichen Göttern als Stellvertreter fertigt, die göttliche Ebenbildlichkeit darstellen und besitzen? denn es kann stattfinden, daß im Himmel bärtig ist, der von euch ohne Bart abgebildet wird; es kann Einer im Alter vorgerückter seyn, dem ihr Knabenjahre zueignet; es kann ein Anderer blondes Haar hier haben, der in Wahrheit blaugraue Augen hat; er kann mit breiter Nase versehen seyn, die ihr ihm spitz hingestaltet. Nicht ist das Bild ein richtiges zu nennen, welches keine gleichförmigen Umrisse vom Urgesicht überträgt. Daß dieß augenscheinlich und gewiß sey, kann an sichtbaren Dingen erkannt werden: denn da alle Menschen mittelst unbezweifelbarer Beschauung sehen, die Sonne sey von allen Seiten gleich abgerundet, so gebt ihr derselben ein menschliches Angesicht und die Umrisse des sterblichen Körpers. Der Mond ist stets in Bewegung und dreißig Angesichter empfängt er in monatlicher Erneuerung; nach euern Führern und Bildnern ist er ein Weib, und der an Gestaltungen tausendfältig in täglicher Unbeständigkeit sich verändert, hat nur ein einziges Angesicht. Wir bemerken Alle, die Winde seyen das Strömen fortgestoßener Luft und aufgeregt durch des Himmels Bewegung; bei euch haben sie Menschenformen und beleben mit dem Hauch aus sich heraus die gewundenen Trompeten. Unter euern Göttern zeigen wir des Löwen grimmiges Antlitz, mit lauterm Mennig beschmiert und der Fruchtbringende genannt. Sind alle dieses Bildnisse Abbilder der oberen Gottheiten, so muß man folglich auch sagen, im Himmel wohne ein solcher Gott, nach dessen Gestaltung und Art dieses Bildes Aehnlichkeit entnommen ist; und freilich, wie er hier ist, so auch dort, ohne den übrigen Körper, bloses Antlitz, brüllend aus gräßlichem Rachen, Furcht erregend durch die blutfarbige Salbe, den Apfel mit seinen Zähnen festhaltend und gleich abgejagten Hunden vor Trinkgier aus offenem Rachen die Zunge hängend. Wenn dieß schlechterdings nicht stattfindet, so wie wir Alle dafürhalten, es sey nicht, was ist dann dieß für eine Keckheit, eine Gestalt dir nach deinem Wollen zu bilden und zu sagen, sie sey das Ebenbild eines Gottes, den du in keinem Theile der Natur zu seyn erweisen kannst?

Ihr lacht, daß wie die Denkbücher anzeigen, in alten Zeiten die Perser die Flüsse, die Araber einen unförmlichen Stein, die skythischen Stämme einen kurzen Säbel, die Thespier einen Zweig für die Cinxia, die Ikarier einen unbekannten Stein für die Diana, die Pessinuntier einen Kiesel für die Göttermutter, die Römer eine Lanze für den Mars, wie des Varro Musen angeben, und die Samier, wie Aethlius erwähnt, vor dem Gebrauch der Einführung der Bilder ein Bret für die Zuno verehrt haben; und ihr laßt ab vom Lachen, da ihr für die unsterblichen Götter Menschenbildchen und menschliche Gestalten anfleht. Ja ihr haltet sogar dafür, diese Bildchen selbst seyen Götter, und glaubt, außer denselben besitze Nichts eine göttliche Kraft. Was sagt ihr! Es haben folglich die himmlischen Götter Ohren, auch Köpfe, Nacken, Hinterhäupter, Rückgrathe, Lenden, Schenkel, Knie, Hinterbacken, Füße, Knöchel und alle übrigen Gliedmaßen, aus welchen wir zusammengesetzt sind, die im ersten Theile etwas vollständiger aufgezählt und reichlicher beschrieben wurden? Möchte doch gestattet seyn, in eure Herzen und in die Verborgenheit des Gemüthes selbst hineinzuschauen, wo ihr so verschiedenartige und höchst dunkle Gedanken umtreibt und überlegt: wir fänden, daß ihr eben so gesinnt seyd wie wir, und hinsichtlich der Götter Gestaltung keine andere Meinungen hegt. Allein was vermögen wir wider die hartnäckige Meinung, wider die ausgestreckten Schwerter, wider die neuersonnenen Peinen? Muthvoll sprecht ihr den Bestwissenden die ungerechte Sache zu, und was ihr ein für allemal vernunftlos gethan, damit nicht scheint, ihr hättet es nicht gewußt, vertheidigt ihr; und haltet für besser, nicht überwunden zu werden, als der offenbaren Wahrheit nachzugeben und beizustimmen.

Aus derlei Ursachen erfolgte für euch Nachsichtige auch dieß, daß der Künstler Frechheit mit der Götter Körper scherzte und diesen Formen gaben, welche jeglichem zum bitteren Spott dienen können. Daher gestaltet und bildet man den Hammon mit Widderhörnern; den Saturn mit einwärts gekrümmter Sichel, wie irgend ein Feldhüter, ein Abscherer üppigen Gesprosses; den Sohn der Maja mit einem Hut, gleichsam zur Reise bereitet und um Sonne wie Staub abzuhalten; den Liber mit zarten Gliedmaßen und ganz aufgelöst von Schlaffheit weibischer Weichlichkeit; die Venus nackt und blos, als ob sie ihre Schönheit veröffentlichen, verkaufen wollte; den Vulkan mit Hut und Hammer, den er in seiner Rechten schwingt, geschürzt zur Schmiede; den Delier mit Plektron und Cither, in der Stellung eines Citherspielers und Possen singenden Akteurs; den Herrscher des Meeres mit dem Dreizack, als solle er einen Gladiatorenkampf bestehen; und so findet sich kein Bildniß irgend eines göttlichen Wesens, welches nicht gewisse, von der Küntsler Freigebigkeit beigelegte Gestaltungen trägt. Gebt Acht! Wenn euch unbewußt und unkundig irgend ein witziger und verschmitzter Herr die Sonne aus ihren Thüren wegnehme und in Merkurs Sitz übersetzte; wenn er dann den Merkur ergriffe und in der Sonne Heiligthum ziehen ließe; und da beide von euch glatten und blanken Angesichts dargestellt werden, ihm Strahlen zutheilte, der Sonne Haupt einen Reisehut aufstülpte: auf welche Weise könntet ihr unterscheiden, ob dieser die Sonne oder jener Merkur sey, da die Gestaltung, nicht des Angesichts Eigenthümlichkeit die Götter kenntlich zu machen pflegt? Wenn ferner durch ähnliche Vertauschung dem nackten Jupiter die Hörner abgenommen und der Schläfe des Mars angeheftet; wenn ferner dem Mars die Waffen geraubt und dem Hammon gegeben würden: wird da dieser Beiden Unterscheidung möglich seyn, indem der Jupiter war, eben sowohl für Mars gehalten werden und der Mars war, die Gestaltung des Jupiter Hammon annehmen kann. So weit ist es eine Spielerei, diese Bildnisse zu fertigen, ihnen Namen als denselben eigenthümlich beizulegen, welchen, entzieht man ihnen die Gestaltung, dadurch die Erkenntniß jedes Einzelnen entnommen wird: so daß dieser Gott für jenen Gott geglaubt, der eine für den andern angesehen, ja jeder für den anderen gehalten werden kann.

Was verlache ich aber die den Göttern beigelegten Sicheln und Dreizacke? was die Hörner, die Hämmer und Hüte, da ich doch weiß, daß manche Bildnisse die Umrisse bestimmter Menschen und die Reize ehrloser Buhlerinnen an sich tragen? Wem nämlich ist unbekannt, daß die Athener jene Hermen nach dem Körper des Alkibiades abgebildet haben? Wer weiß nicht, liest er den Posidippos nur nach, daß Praxiteles nach der Gestalt der Hetäre Kratina, die der Unglückselige aufs Heftigste liebte, der Gnibischen Venus Statue mit aller Kunstfertigkeit bildete? Ist aber diese Venus die einzige wohl, welche mittelst übergetragener Schönheit von dem Antlitz einer Buhlerin her verherrlicht ward? Jene thespische Pryne, die berichten, welche von den thespischen Zuständen schreiben, soll, als sie selbst aus der Spitze der Schönheit, Anmuth und Blüthe stand, das Modell abgegeben haben zu sämmtlichen Venussen, welche man annimmt: sey es in den Städten der Griechen, sey es dort, woher die Liebe und Leidenschaft für derlei Bildnisse entsprang. Deßhalb wetteiferten alle Künstler, welche zur selben Zeit lebten und denen die Wirklichkeit des nachzuahmenden Modells den Vorrang gab, mit aller Sorgfalt und jedem Fleiß, des feilen Antlitzes Züge in’s cythereische Bild überzutragen; der Künstler Ideale waren voll Feuer und Leben; jeder strebte durch angestrengten Eifer den Andern zu übertreffen, nicht um die Venus etwa erhabener zu machen, sondern um die Phryne als Venus hinzustellen. Und so kam es dahin, daß anstatt den unsterblichen Göttern man den Huren Opferdienste erwies und das unselige Bereich der Bildnerei in Trug verfiel. Unter den Bildhauern ist Phidias als der erste erwähnt, welcher, da er die Statue des olympischen Jupiters in ungeheuerem Maaß ausführte, auf des Gottes Finger anschrieb: Pantarces der reizende. Dieß war aber der Name eines von ihm geliebten und zwar zu unreiner Begierde erlesenen Knaben; und weder durch Furcht noch gewissenhafte Scheu erschüttert, machte er dem Gott des Buhlen Namen bekannt; ja heiligte er den Weibling durch die Gottheit und das Bildniß Jupiters. So weit ist es also Muthwille und bübische Gesinnung, diese Bildnisse zu fertigen, sie für Götter zu verehren und ihnen göttliche Heiligkeit beizulegen, da wir wahrnehmen, wie die Künstler selbst bei ihrer Gestaltung spielen und der eigenen Gelüste Denkmale heiligen. Was weiter, wenn du fragst, warum sollte wohl Phidias Bedenken tragen zu spielen und muthwillig zu seyn, da er wußte, daß vor noch kurzer Zeit der von ihm gemachte Jupiter selbst Gold, Stein und Bein, ungeformt, getrennt, ungeordnet gewesen, daß er aller dieser Dinge Vereiniger und Verbinder sey, daß er ihnen die Gestaltung der Gliedmaßen gegeben, und was von Allem das Erste ist, daß sein Geschenk die Gunst des Daseyns und die Verehrung der Menschen sey.

Es beliebt an dieser Stelle, als seyen gleichsam alle Völkerstämme des Erdkreises versammelt, einen gemeinsamen Vortrag zu halten und in die Ohren Aller, die dieß gemeinschaftlich hören sollen, zu sagen: Wie kommt es denn, Menschen, daß ihr euch selbst von freien Stücken in so augenscheinlichen und offenkundigen Dingen durch eigenwillige Blindheit täuscht und bestrickt? Vertheilt einmal die Finsterniß, und zum Lichte des Verstandes hingewendet wieder erfaßt es zunächst und seht welcher Beschaffenheit das, was man vollbringt, ist; wenn ihr nur euer Recht behaltet und euch in den von Vernunft und Klugheit gegebenen Schranken befindet. Diese euch schreckenden Bildnisse, die ihr in sämmtlichen Tempeln hingeworfen und in Demuth verehrt, sind Gebeine, Steine, Erze, Gold, Silber, Lehm, Holz, dem Baum entnommen, oder mit Gyps gemischter Thon; etwa aus Hurenschmuck oder aus Weiberputz, aus Kamelknochen oder Elfenbein, aus Kochtöpfen, Gefäßen, Leuchtern und Lampen, oder aus sonstigen unflätigern Geschirren zusammengehäuft, verfertigt und in diese von euch wahrgenommenen Gestalten wie Formen gebracht hervorgegangen; im Töpferofen gebrannt, durch Schlägel und Hämmer entstanden, mit Dreheisen, mit Feilen geglättet, mit Sägen, Bohrer, Aexten und Hobeln zerschnitten, behauen, durchlöchert, ausgehöhlt, geebnet. Ist dieß nicht Irrthum, um die Wahrheit zu sagen, nicht Unsinn, den für einen Gott zu halten, welchen du sicherlich selbst gemacht hast? zitternd anzuflehen das von dir verfertigte Ding; und da du weißt und gewiß bist, es sey dein Werk und die Geschicklichkeit der Hände, vor demselben niederzufallen, und in Drangsalen wie Bedrängnissen der günstigen Gottheit Hülfe demüthig zu erflehen?

Seht zu! Wenn Jemand rohes und noch nicht verarbeitetes Erz, Massen ungeschmolzenes Silber, ungeformtes Gold, Holz, Steine, Gebeine und alle sonstigen Dinge, aus welchen der Gottheiten Bildnisse und Zeichen gewöhnlich bestehen; ja wenn ein Anderer der zusammengeschlagenen Götter Gestalten, die geschmolzenen und verstümmelten Bildnisse in eure Mitte brächte und euch befähle, diesen Massen und Stücken Opfer, diesen unförmlichen Klumnen göttlichen Dienst darzubringen: so bitten wir uns aus von euch zu vernehmen, ob ihr solches thun oder ob ihr das Befohlene verweigern würdet? Vielleicht sagt ihr: aus welcher Ursache? weil Niemand in menschlichen Dingen so thöricht und blind ist, daß er Silber, Erz, Gold, Gyps, Elfenbein, Thon statt der Götter aussagt und behauptet, sie hätten und besäßen durch sich göttliche Kraft. Welcher Grund ist also, daß alle diese Körper, so lange sie unberührt und unbearbeitet verbleiben, der göttlichen Kraft und des himmlischen Ansehens ermangeln; sobald sie aber Menschenformen empfingen, Ohren, Nasen, Backen, Lippen, Augen, Wimpern, alsbald Götter werden und zur himmlischen Ordnung wie Schätzung sich erheben? Fügt wohl diesen Körpern die neue Bildung etwas bei, daß ihr gezwungen werdet zu glauben, durch diese Zufügung sey ihnen eine gewisse Göttlichkeit und Majestät allerdings verbunden worden? Sie wandelt das Erz in Gold oder zwingt des Scherbens Unwerth sich in Silber zu verkehren? Was kurz vorher ohne Empfindung war, belebt sie und giebt ihm geistige Bewegung? Wenn aber die bestimmten Gesetze in den Körpern als Bildnisse die Beschaffenheiten erhalten, welche jene vordem gehabt, welch‘ eine Dummheit ist: denn Blindheit zu sagen verweigere ich; zu meinen, der Dinge Natur werde durch der Formen Beschaffenheit verändert, und was im Ursprunge kraftlos und unbeweglich, wie auch der Empfindung beraubt war, empfange mittelst Gestaltung nun Geist.

Das vernünftige Thier, mit der Weisheit und Klugheit Gabe beschenkt, ihr Menschen also, uneingedenk und vergessend der Bildnisse Bestandtheile und Entstehungen, welche sie auch seyn mögen, fallet vor gebranntem Lehm nieder, verehret Metallbleche, erfleht von Elephantenzähnen Wohlfahrt, Amtswürden, Herrschaft, Macht, Siege, Besitzthum, Gewinn, reiche Ernten, höchst ergiebige Weinlese; und obschon offenbar, augenscheinlich die Worte nur unempfindlichen Dingen zukommen, dennoch glaubt ihr an Erhörung und verstricket überdies euch selbst durch nichtiger Leichtgläubigkeit Trug. O wäre es doch möglich, in irgend eines Bildnisses innere Höhlungen einzugehen! Ja, wäre es erlaubt, jenen olympischen und kapitolinischen Jupiter auseinandergelöst in Stücke zu theilen und alle jene Theile, in denen sich des Körpers Ganzheit abschließt, abgesondert und einzeln in’s Auge zu fassen: ohne Zweifel sähet ihr dann, daß diese Götter, welche eine äußerliche Glätte durch des Schimmers Anlockung verherrlicht, Geflechte großer Bleche, Zusammenfügungen ungestalteter Stücke, wegen Umsturz und Trennung durch Klammern, Ketten, Hacken und Haften zusammengehalten seyen; daß in allen Oeffnungen und Fugen der Bande Blei eingegossen sich befinde und zur dauerhaften Erhaltung beitrage. Ihr sähet, sage ich, ohne Zweifel bloße Antlitze ohne Hinterköpfe; halbe Hände ohne Unterarme; Leiber mit halbirten Seiten, der Fußsohlen unvollkommene Tritte, und was am meisten Lachen erregt, die eine Seite aus Holz, die andere aus Stein, durch der Körper ungleiche Verbindung zu Stande gebracht. Wenn nun durch künstliche Verhüllung dieß nicht wahrgenommen werden konnte, so mußten wenigstens euch die offenbaren Dinge belehren und mahnen, daß euer Mühen fruchtlos sey und daß eitle Dienste um nichtige Dinge her ihr mit Sorgfalt übt. Dergestalt seht ihr freilich nicht diese augenscheinlichen Zeichen, daß die, deren Füße und Knie ihr betend berührt und betastet, bald der Regentropfen Fall verwittert, bald der Fäulniß und des Rostes Fraß verzehrt; daß vom Brodem und Rauch beschlagen und entstellt sie sich schwärzen; wie sie durch Vernachlässigung binnen langer Zeit Stand und Gestaltung einbüßen, vom Rost gefressen verfallen? So, sage ich, nehmt ihr nicht wahr, wie daß in dieser Bildnisse Höhlungen und Vertiefungen Eidechsen, Spitzmäuse und lichtscheue Schaben, Schwaben nebst Kackerlacks nisten und hausen? wie daß sie hierher allen Unflath und was sonst dienlich ist, zusammenbringen, angenagte harte Brodbrocken, Knochen zur Umzäunung, Lumpen, Wolle, Papier, zur Weichlichkeit des Nestes und zur Erwärmung der unbehülflichen Brut? Nicht seht ihr, wie manchmal in eines Bildnisses Antlitz die Spinnen den Faden ihrer Gewebe anheften, mittelst deren sie die summsenden und unverschämten Fliegen umwickeln können? Nicht endlich, wie die Schwalben innerhalb der Tempelgewölbe selbst umherschweifen, angefüllt mit Koth und bald die Antlitze selbst, bald die Köpfe der Gottheiten beschmutzen, den Bart, die Augen, die Nase, sammt allen anderen Theilen, auf welche immer der entledigte Unflath sich herabstürzt? Erröthet also wenigstens spät und nehmt von den Thieren Regel und Einsicht hin! Die mögen euch belehren, daß den Bildnissen nichts Göttliches einwohne, auf die sie Unflath zu werfen weder sich scheuen noch meiden, ihren Gesetzen folgend und angetrieden durch den Naturtrieb.

Du irrst und wankst, sagt man aber: denn nicht halten wir dafür, daß das Erz, das Gold und Silber, noch Anderes, woraus die Bilder entstehen, an sich Götter und heilige Wesen zeigen; sondern wir verehren und flehen in ihnen die an, welche die heilige Weihe den angefertigten Bildnissen zufügt und in denselben zu weilen verursacht. Eine weder ungebührliche noch verächtliche Angabe, welcher zufolge jedweder Stumpfsinnige und auch höchst Einsichtige glauben kann, daß die Götter, nach Verlassung ihres eigenthümlichen Sitzes, das ist des Himmels, das Eingehen in irdische Wohnungen weder vermeiden noch fliehen; ja, bewogen durch der Weihe Gewalt, in die Verbindung mit den Bildnissen einwachsen. Im Gyps also und im Thon hausen eure Götter? ja das Gemüth, der Geist, die Seele der Götter sind aus Lehm und Gyps? und damit die höchst geringen Dinge um so erhabener werden können, erleiden sie in die Beschränkung niedriger Wohnungen sich einschließen zu lassen und zu verbergen? Dieß also verlangen und fordern wir vorerst in diesem Falle zu vernehmen von euch, ob sie solches wider Willen thun, das heißt, ob sie durch der Weihe Gewalt angezogen die Behausungen der Bildnisse beziehen? oder ob geneigt und bereitwillig, durch keinerlei Nöthigung, die man angewendet? Thun sie dieß wider Willen, wie kann geschehen, daß sie bei ungeschwächter Majestät zu irgend einer Nothwendigkeit gezwungen werden? Thun sie es aus freiwilliger Zustimmung, was suchen die Götter in dem Lehm, daß sie denselben ihren himmlischen Sitzen vorziehen, daß sie gebunden fast vereinigt alle möglichen irdenen Formen und woraus sonst die Bildnisse verfertigt werden, adeln? Geben wir zu, daß sie jene dem Himmel und Sternsitz vorziehen, so haben sie die Machtvollkommenheit ihrer Göttlichkeit eingebüßt.

Wie nun? In solcherlei Materien hausen die Götter immerdar und entfernen sich nie irgend, selbst im dringendsten Falle? Oder dürfen sie frei, wenn’s ihnen beliebt, wo immer sich hinbegeben und von ihren Wohnsitzen wie Bildnissen fortgehen? Unterliegen sie der Nothwendigkeit des Beharrens, was kann wohl jammervoller und unglückseliger seyn, als wenn sie Haken und Bleibänder so am Fußgestell festhalten? Enteilen sie aber nach Willkür und haben sie das unbeschränkte Recht, die nichtigen Bildnisse zu verlassen, so hören folglich die Bildnisse für eine gewisse Zeit auf Götter zu seyn, und es wird zweifelhaft, wann die heiligen Dienste dargebracht werden müssen; wann dieser sich zu enthalten schicklich und heilsam sey. Oftmals sehen wir, daß die Künstler diese Bildnisse bald klein fertigen und zur Länge der Spanne verkürzen, bald zur unmäßigen Größe ausdehnen und in wunderlichem Umfange aufrichten. Hieraus folgt also, daß wir bemerken müssen, in den kleinen Bildnissen ziehen sich die Götter zusammen und werden nach des fremden Körpers Form verkürzt; in den großen dagegen strecken sie sich lang aus und gewinnen an Umfang. Ist dieß nun also, so muß man auch sagen, in sitzenden Bildnissen sitze der Gott, in stehenden stehe, in laufenden laufe, in pfeilschnellenden schnelle derselbe; er bilde und bereite sich nach derselben Gebehrde, und bequeme sich zur Ähnlichkeit mit dem abgebildeten Körper in der übrigen Gestaltung.

Wohnen die Götter wohl einzeln in den einzelnen Bildnissen im Ganzen oder theilweise und den Gliedmaßen nach abgesondert? denn weder kann ein und derselbe Gott zu gleicher Zeit in mehreren Bildnissen immer seyn, noch wieder in den Theilen durch vermittelnde Sonderung sich getrennt befinden. Setzen wir nämlich, auf dem ganzen Erdkreise wären zehntausend Bildnisse des Vulkans: kann nun, wie gesagt, ein und derselbe zu gleicher Zeit in allen zehntausend seyn? Ich meine nicht. Warum? Weil, was besonderer und eigenthümlicher Natur ist, nicht vermag Vielfaches zu werden mit Bewahrung der Unversehrtheit seiner Natürlichkeit; und dieß vermögen die Götter nicht mehr, haben sie Menschenformen, wie eure Meinung erklärt: denn weder kann die vom Haupte getrennte Hand, nach der vom Leibe gelöste Fuß des ganzen Inbegriff leisten. Oder man muß sagen, die Theile können dasselbe was das Ganze, da es doch nicht zu bestehen vermag, außer durch der Theile Einigung zu Stande gebracht. Behauptet man aber, in sämmtlichen sey ein und derselbe, so geht alle Wahrheit der Ursprünglichkeit und Unversehrtbeit zu Grunde. Wurde dadurch festgesetzt, ein und derselbe könne zu gleicher Zeit in Allen verweilen, so muß man entweder aussagen, jedweder Gott vertheile sich selbst dergestalt, daß er derselbe und doch auch ein Andere sey, nicht durch irgend eine Verschiedenheit gesondert, sondern zugleich er selbst und auch ein Anderer; oder aber, da solches die Natur zurückweist, wegstößt und verachtet, so muß gesagt und zugegeben werden, es seyen unzählbare Vulkane, wollen wir ihn anders in sämtlichen Bildnissen leben und seyn lassen; oder er wird in keinem sich befinden, weil die Natur weigert, daß er in vielen getheilt sey.

Und dennoch, o ihr! ist euch aufgedeckt und zuverlässig, daß in der Bildnisse Innerem die himmlischen Götter leben und hausen, weßhalb bewacht, bewahrt und verschließt ihr dieselben unter überaus großen Schlössern und mächtigen Riegeln, hinter Queerbalken und sonstigen Dingen der Art? und beschützt ihr sie nicht vielmehr durch tausend Tempelhüter und tausend Wächter, damit kein Dieb oder Nachträuber sich etwa einschleiche? Wozu ernährt ihr auf dem Kapitol die Hunde? Warum füttert ihr die Gänse? Ja, hättet ihr Vertrauen, sie seyen da die Götter und wichen nimmermehr irgend wohin von den Abzeichen und Bildnissen, ihr überließet ihnen die Sorge derselben und fortwährend blieben die geweihten Orte unverriegelt, wie auch geöffnet. Würde nun auch irgend eines von irgend Jemand auf verwegene Weise entwendet, dann mögen sie ihre göttliche Macht zeigen, und im Augenblicke des Diebstahls wie der That die Verruchten gebührend strafen: denn es ist unwürdig, die Macht und das Ansehen untergrabend, die Hut der höchsten Gottheiten der Sorgfalt von Hunden anzuvertrauen, und da man eine Abschreckung zur Abhaltung der Diebe nöthig hat, selbe nicht von ihnen selbst zu verlangen, sondern sie in der Gänse Geschnatter zu setzen.

Man erzählt, Antiochus von Cyzikum habe den goldenen Jupiter von fünfzehn Ellen weggenommen und einen aus Erz, mit Goldblättchen überzogen, an die Stelle gethan. Wenn die Götter in ihren Bildnissen nun gegenwärtig sind und dieselben bewohnen, welche Geschäfte, welche Sorgen hinderten Jupiter, seine persönliche Verletzung zu verfolgen und sich wegen der Versetzung in schlechteren Stoff zu rächen? Als jener schändliche Dionys den Jupiter des goldenen Mantels beraubte und ihm dafür einen wollenen umhing, mit scherzhafter Rede höhnend: jener sey für den Frost zu kalt, dieser voll Wärme, jener ferner bei der Hitze lästig, dieser dagegen während der Gluth luftig: wo war damals der König des Himmels, um sich als gegenwärtig durch irgend ein Schreckniß zu erweisen und den unverschämten Spaßmacher zum Ernst mittelst Qualen zurückzurufen? Was erwähne ich, wie er des Aeskulaps Ansehen verlachte? Zu dem er, da er ihm den umfangreichsten, wohlgewichtigen und philosophisch dichten Bart abnahm, sagte, es sey ein Unbill, den vom glatten und kahlen, einem Nichtmannbaren ähnlichen Vater Apollo erzeugten Sohn so bärtig darzustellen, so daß es im Zweifel stehe, welcher der Vater, welcher der Sohn, ob beide eines Geschlechtes und derselben Blutsverwandtschaft seyen. War nun, da dieß Alles geschah und da der Räuber mit lästerlichen Spottreden scherzte, der Gott in dem seinem Namen und seiner Hoheit geweihten Bildnisse; warum hat er die Schmach des abgeglätteten und verunstalteten Antlitzes nicht mit gerechter und wohlverdienter Strafe verfolgt und durch diese Thatsache seine Anwesenheit, wie auch, daß er mittelst beharrlicher Hut sein Heiligthum und Bildniß beschütze, dargetan?

Außer ihr sagt vielleicht, die Götter beachten derlei Kränkungen nicht, noch halten sie dieselben für geeignete Ursachen, sich ihretwegen zu erheben und den gottlosen die Strafe verletzter Religion anzuthun. Also, ist dieß dergestalt, dann verlangen sie die Bildnisse, deren Zerstücklung und Beraubung sie ungestraft erdulden, selbst nicht zu besitzen; ja gegentheils belehren sie, daß sie dieselben verachten, da sie in ihnen geschmäht durch irgend eine Rache ein Zeichen zu geben keine Sorge tragen. Philostephanos in den cyprischen Zuständen ist Bürge, daß Pygmalion, König von Cyprien, das Bildniß der Venus, welches die Cyprier für ein altberühmtes Heiligthum hielten, wie ein Weib, an Gemüth, Seele, Verstand und Urteilskraft erblindet, geliebt; daß er alberner Gewohnheit zufolge, als sey es eine Frau gleichsam, in’s Bett gehoben, das Bildniß mit Umarmungen und Püffen sich zugesellt und noch andere vergebliche Dinge nichtiger Lust zu vollbringen sich eingebildet habe. Aehnlicher Weise berichtet Posidippos in jenem Buche, das er über Knidos und dessen Zustände überschrieben verfaßt hat, von einem nichts weniger als unedlen Jüngling, obschon er den Namen verschweigt, derselbe habe aus Liebe zu der Venus, wegen welcher Knidos berühmt ist, ergriffen, auch den Genuß erwirkt, mit dem Bildniß der Göttin das Lager theilend und so folgerecht die Lust befriedigend. Um ähnlicher Weise abermals zu fragen: Wenn im Erze und in den anderen Stoffen, woraus die Bildnisse geformt sind, der oberen Machtvollkommenheiten sich bergen, wo in aller Welt befanden sich die eine und die andere Venus, um der Jünglinge unfläthige Frechheit weit von sich zurückzustoßen und die ruchlosen Berührungen mit qualvoller Züchtigung zu bestrafen? Oder, weil sie sanftmüthige und geduldigere Göttinnen sind, wie leicht wäre es ihnen gewesen, den Unseligen die wüthende Lust zu löschen und den Wahn durch Entbindung der Sinne zu zerstören?

Außer vielleicht, wie ihr beibringt, die Göttinnen der Wollust nahmen diese Schmacherweisungen auf’s wohlgefälligste hin und hielten die Schandthat keiner Rache werth, welche auf gleiche Weise ihre Affekten beschwichtigte und die sie den menschlichen Begierden zugefügt zu haben sich bewußt waren. Wenn aber die Göttinnen Venus, mit größerer Sanftmuth begabt, urtheilten, man müsse dem Unglück der Verblendeten willfahren; als das Kapitol so oft das gefräßige Feuer verzehrte, den kapitolinischen Jupiter selbst sammt Frau und Tochter dahinraffte, wo war zur selben Zeit der Blitzschleuderer, um jenen schauerlichen Brand abzuwehren, um vor dem verderblichen Unfall sein Eigenthum, sich selbst und die gesammte Familie zu beschützen? Wo befand sich die Königin Juno, als dieselbe Gewalt des Feuers ihren berühmten Tempel sammt dem Priester Chrysides in der Stadt Argos auffraß? Wo der ägyptische Serapis, als durch gleichen Fall er mit allen Mysterien sammt der Isis in Asche sich wandelte? Wo Liber Eleutherios, als in Athen; wo Diana, als in Ephesus; wo der dodonäische Jupiter, als in Dodona die Tempel in Flammen aufloderten? Wo endlich der weissagende Apollo, da er von Seeräubern und Freibeutern dergestalt ausgeplündert und niedergebrannt ward, daß von so ungeheurer Masse Goldes, welche unzählige Jahrhunderte aufgehäuft hatten, nicht Ein Gran zu zu finden mehr war, welcher, wie der Menippeische Varro sagt, den gastlichen Schwalben Kunde geben konnte. Es wäre eine unendliche Arbeit, wollte man beschreiben, welche Tempel auf dem ganzen Erdkreise durch Erdbeben und Orkane niedergestürzt; welche durch feindliche Krieger abgebrennt; welche von Königen und Tyrannen, welche von Vorstehern und Priestern ohne Verdacht zu erregen beraubt; welche endlich von Dieben und jenen unter dem Mantel der Finsterniß Schlösser öffnenden Kanachenern bestohlen worden sind; und allerdings blieben sie in Sicherheit und keinem Zufall unterworfen, wären die Götter als Vorsteher zugegen, oder hätten irgend eine Sorge für die Tempel, wie man doch behauptet. Nun aber, weil sie leer und durch keine Bewohnung bewahrt sind, so steht dem Zufall sein Recht auf dieselben zu, und dergestalt unterliegen sie sämmtlichen Ereignissen, wie alles Andere, was der inneren Bewegung beraubt ist.

Die Beschützer der Bildnisse pflegen zum Theil ebendasselbe auch zu sagen. Sie wüßten wohl, daß die Alten keine Bildnisse der Gottheiten gehabt hätten und daß in denselben durchaus keine Empfindung sey; aber um des unbändigen und unwissenden Pöbels willen, der den größten Theil im Volke und in den Städten ausmache, habe man dieselben heilsamer Weise und mit Ueberlegung geformt, damit er, gleichsam eine gewisse Gestaltung der Gottheiten vor sich schauend, aus Furcht vor denselben die Rauheit abwerfen und des Glaubens unter den Augen der anwesenden Götter zu handeln, das unfromme Thun lassend, zu menschlichen Zuständen mittelst Aenderung der Sitten übergehen möchte. Um keiner anderen Ursache wegen habe man ihnen die ehrwürdigen Formen aus Gold und Silber ausgesucht, als damit man glauben sollte, es sey in dem Glanze selbst schon der Ausdruck einer gewissen Kraft, welche nicht bloß den Sinn der Augen blende, sondern auch das Gemüth selbst mit den Strahlen des hehrsten Lichtes schrecke. Dieß dürfte mit einigem Grunde dann etwa behauptet werden, wenn nach Erbauung der Göttertempel und Aufstellung der Bildnisse kein Uebel in dieser Welt mehr wäre; durchaus keine Nichtswürdigkeit, sondern Gerechtigkeit, Friedsamkeit, Treuherzigkeit der Sterblichen Reich füllte; Niemand auf Erden mehr schuldig oder unschuldig genannt würde, indem Alle insgesammt der Frevelthaten unkundig sind. Nun aber, da gegentheils Alles voll Uebel ist, der Unschuld Name fast unterging, wo jeder Augenblick, jede Minute einen neuen Schwarm noch sträflicherer Uebelthaten zu Tage fördert: wie paßt es da zu sagen, die Bildnisse seyen errichtet, dem Pöbel Furcht einzuflößen. Da wir außer den unzählbaren Verschiedenheiten der Verbrechen und Lasterthaten auch noch sehen, wie die Tempel selbst von Tyrannen, von Königen, von Räubern und Nachtdieben mit lästerlichen Verletzungen angegriffen werden, und jene Götter selbst, welche das Alterthum, Furcht zu erregen, verfertigt und geweiht hat, in die Höhlen der Räuber sammt ihrem goldenen und zu scheuenden Glanze wandern.

Was aber haben, wenn du wahrhaftig und ohne irgend eine Rücksicht wahrnehmen willst, diese sogenannten Bildnisse denn Absonderliches an sich, daß das Alterthum mit Recht hoffen und meinen konnte, derselben Anblick werde der Menschen Fehler zu mildern und die Sitten vom Uebelthun abzuwenden vermögen? Freilich, die dem Saturn beigelegte Schnittersichel war wohl im Stande den Menschen Furcht einzuflößen, daß sie ein friedfertiges Lebens zu führen und bösartige Neigungen abzulegen gern verlangten; Janus mit den. Doppelkopf oder jener gezahnte Schlüssel, mit dem er bezeichnet ist; der bärtige Jupiter mit dem Ricinium, einen Feuerstein in der Rechten, dem die Gestalt eines Blitzstrahles gegeben ist; jener junonische Gürtel oder die unter dem Helm sich bergende Jungfrau; die Göttermutter mit der Handpauke; die Musen mit den Flöten und Saiteninstrumenten; der Argustödter Merkur mit den Flügeln; Aeskulap mit dem Knotenstock; Ceres mit den strotzenden Brüsten; oder das in Libers Rechten schwebende Trinkgefäß; Mulciber mit dem Schmiedzeug, oder Fortuna mit dem Horn voll herbstlichen Früchten; die hochgeschürzte Diana oder die zur Wollust anreizende nackte Venus; Anubis mit dem Hundskopfe, oder der mindere Priap mit den absonderlichen Geschlechtstheilen.

O der grauenerregenden Schreckgestalten und zur Furcht zwingenden Scheuchen, um deren willen das Menschengeschlecht in immerwährendes Zittern versetzt, nichts mehr unternahm; betroffen in jeglicher lasterhaften wie schändlichen That sich bezähmte. Sicheln, Schlüssel, Frisuren, Feuersteine, Talare, Knotenstöcke, Haudpauken, Flöten, Zithern, volle und ansehnliche Brüste, Trinkgefäße, Zangen, Fruchthörner, nackte Weiberkörper und offen dargelegte Phallus. Hätte es nicht genügt zu tanzen, zu singen, als unter dem Vorwand der Bedachtsamkeit und des Ernstes zu erzählen, von den Alten seyen die eben so empfindungslosen wie unschicklichen Bildnisse zur Verhüthung der Vergehen und zum Schreck der Schuldigen wie Ruchlosen angefertigt worden? Bis dahin waren also die Sterblichen jener Zeiten sinnlos, ermangelten des Verstandes und der Einsicht, so daß sie wie Kinder von schlechten Handlungen mittelst dem schreckhaften Anblick ungeheuerer Gestaltungen, durch Verzerrungen und Popanzen in Schranken gehalten werden mußten? Und woher hat sich die Sache zum Gegentheil hingewendet, daß, obschon so viele mit den Bildnissen aller möglichen Götter angefüllte Tempel in den Städten sich finden, obschon so mannigfaltige Vorschriften und Strafarten bestehen, dennoch der Menge der Schuldigen nicht kann Einhalt gethan werden; und daß man durch keine Mittel die Frechheit zu entnerven vermag; ja daß vielmehr die verdoppelten Uebelthaten sich in dem Maße mehren, als man sich bestrebt, durch Gesetze und Gerichte die Rohheit zu mindern, durch der Strafen Züchtigung zu unterdrücken? Flößten aber nun die Bildnisse den Sterblichen Furcht ein, so endete auch alle Gesetzgebung und es konnten keine so verschiedenartigen Strafen für die Vermessenheit der Lasterhaften festgesetzt werden. Da sich jedoch herausstellte und erwies, daß die Meinung von der Furcht, welche, wie man sagt, den Bildnissen entströmt, thatsächlich nichtig sey, so nahm man die Zuflucht zu der Gesetze Festsetzung; welche ebenfalls auf’s zuverlässigste den Schrecken eingeprägt und die Verdammung angeordnet, welchen auch selbst die Bildnisse ihre Erhaltung bis jetzt und das ihnen bewahrte Zugestehen der Ehrerbietung zu danken haben.

Da aber, wie die Sache verlangt hat, zur Genüge dargethan ist, wie nichtig die Bildnisse seyen; so verlangt die Schicklichkeit, daß wir im weitern Verfolge auch Weniges und ohne alle Umschweife von den Opfern, von dem Todten und der Opferung der Thiere, von der Weinspendung, vom Weihrauch, wie von allem Anderen, was dieser Theil umfaßt, sagen: denn hier gerade seyd ihr gewohnt, uns die lärmendste Nachrede aufzuregen, uns Gottesläugner zu nennen, und was wir den Göttern durchaus nicht zuwenden, unter Todesstrafe von wilder Thiere Grausamkeit zu verlangen. Wir aber bekennen, dieß nicht aus Geringschätzung und Verachtung der Götter zu thun, sondern lediglich weil wir dafürhalten, Mächte solchen Namens verlangten nichts der Art, noch ließen sie sich durch die Begierden nach derlei Dingen fesseln.

Siebtes Buch

Wie also, mag wohl irgend Einer sagen, ihr seyd der Meinung, man müsse durchaus kein Opfer darbringen? Um euch nicht unsre Meinung, sondern die euers Varro zu erwidern: keine. Wie so? Weil, sagt er, die wahren Götter weder dergleichen verlangen, noch fordern; die aus Erz, Lehm, Gyps oder Marmor gefertigten aber kümmern sich noch viel weniger um dieselben: denn sie entbehren der Empfindung; und somit zieht man sich weder eine Schuld zu im Unterlassungsfall, noch erwirbt man sich eine Gunst durch’s Vollbringen. Es läßt sich keine unparteiischere, wahrhaftigere Aussage auffinden; die auch Jedermann, sey er gleichwohl einfältig und höchst unbegreifsam, fassen kann: denn wer ist so abgestumpft, daß er entweder unempfindlichen Dingen Opfer darbringe, oder dafür hält, denen seyen sie zu geben, welche von diesen der Natur und Glückseligkeit nach weit getrennt sind?

Wer sind die wahren Götter? fragt ihr. Im Allgemeinen und ganz einfach antworten wir euch: wir wissen dieß nicht; und auf welche Weise können wir wissen wer die sind, welche wir nie sehen? Wir haben uns gewöhnt, von euch her zu vernehmen, wie daß gar viele Götter es gebe und daß man sie zur Ordnung göttlicher Wesen hinzurechne. Sind sie irgendwo, wie ihr sagt, und wahrhaftig, wie Terentius glaubt, so folgt, daß sie ihrem Namen völlig ähnlich, d. h. daß sie solcher Beschaffenheit seyen, wie wir erwägen, daß sie seyn müssen, genannt nach dem Gesammtnamen. Ja, um mich kurz zu erklären, sie müssen solcher Beschaffenheit seyn, wie der Herr aller Dinge, der Allmächtige selbst, den wir Alle bei Erwähnung seines Namens als den wahren Gott ausgesagt wissen und verstehen: denn Gott unterscheidet sich von einem Anderen darin, wodurch er Gott ist, auf keine Weise, und insofern er der Art nach nur Einzig ist, so kann er in seinen Theilen Weder mehr noch weniger seyn, der eigenthümlichen Beschaffenheit Einförmigkeit sich bewahrend. Da dieß keinem Zweifel unterliegt, so folgt, daß sie auch unwandelbar seyn müssen, von Außen her Nichts begehrend und keinerlei irdische Ergötzlichkeit aus der Fülle der Materie sich aneignend.

Verhält sich dieß also, so forschen wir vorerst dieß von euch zu vernehmen: was Ursache, was Grund sey, daß ihr diese Opfer darbringt; welcher Nutzen dann hierdurch den Göttern selbst zukomme und ihnen zur Annehmlichkeit gereiche? denn was immer man unternimmt, muß seine Ursache haben, und darf nicht der Art von einem Grund getrennt seyn, daß es in leeren Werken vollbracht wird und mit nichtigem Irrthum der Unwahrheit sein Spiel treibt. Nähren sich nun wohl die himmlischen Götter von diesen Opfern und ist etwa zur Erhaltung ihres Bestandes die Hinzufügung einiger Materie nöthig? Und welcher Mensch ist, wer Gott überhaupt sey, so unwissend, daß er meinen solle, sie erhielten sich durch irgend eine Art von Nahrung, und es sey der Speise Werk daß sie leben und in unendlicher Fortdauer beharren? Was immer aber durch äußere Ursachen und Dinge erhalten wird, das ist nothwendig sterblicher Natur, und läuft ohne Schwierigkeit Gefahr zu Grunde zu gehen, sobald irgend Etwas, wodurch es besteht, zu mangeln beginnt. Ferner sehen wir Nichts dessen, was man den Altären zubringt, zu dem Wesen der Gottheiten hinkommen und es erreichen: denn entweder wird Weihrauch dargebracht und diesen verzehren die Kohlen; oder ein Opferthier und das Blut lecken die Hunde auf; oder irgend ein Eingeweide und es verbrennt auf gleiche Weise und verfällt in Asche. Außer der Gott verschlingt etwa der Opferthiere Seelen, oder geht dem Brodem der brennenden Altäre nach und nährt sich vom Opferdampf, welchen die annoch vom Blut triefenden und von dem frühern Saft feuchten Eingeweide schmorend von sich geben. Hat aber Gott, wie man sagt, keinen Körper und ist Er durchaus unbetastbar, wie mag es geschehen, daß das Unkörperliche sich von körperlichen Dingen ernähre; daß das Sterbliche das Unsterbliche erhalte und der Sache Bestand verleihe, welche es nicht zu erfassen und der es keine Lebenskraft darzureichen vermag? Also beruht, wie einleuchtet, dieser Grund der heiligen Opferdienste, und Niemand kann behaupten, um der Ursache willen, daß mittelst derselben die Gottheiten sich ernähren und durch diese Nahrung sich erhalten, begehe man sie.

Ist dieß nun nicht, schlachtet man dann vielleicht den Göttern Opferthiere und wirft sie auf die brennenden Altäre, um irgend einer Lust willen, oder wie man sagt, ihres Verlangens wegen? Welcher Mensch aber mag sich bereden, die Götter verweichlichten sich durch wollüstige Erheiterungen, äußerten Lust nach begierlichen Vergnügen und ließen sich gleich verächtlichen Thieren von reizender Sinnlichkeit verlocken, durch den flüchtigen Kitzel des Gaumens ergötzen? denn was durch Wollust zerstreut wird, das muß durch die entgegenstehende Trübsal beengt werden; und nicht kann von der Trauer Angst frei seyn, was vor Freude erbebt und durch der Lust Lebendigkeit sich erlabt. Beider Gemüthsstimmungen aber müssen die Götter enthoben seyn, wollen wir, sie seyen beständig und der Sterblichen Gebrechlichkeit beraubt. Ja noch mehr, jede Wollust ist ein gewisses Liebkosen des Körpers und wird mittelst jener bekannten fünf Sinne empfangen. Empfinden sie nun die Götter, so haben dieselben nothwendig auch Körper, welche der Sinne Vermittler und die Zugänge für die aufzunehmenden Wollüste sind. Endlich, was ist das für ein Vergnügen, sich an dem Schlachten unschädlicher Thiere zu erfreuen, oftmals das jämmerliche Brüllen anzuhören, Blutströme zu sehen; wahrzunehmen, wie mit der Tödtung das Leben entfliegt; wie das Verborgene enthüllt, die Eingeweide sammt dem Unflath hervordrängen; wie mittelst nachhaltiger Lebenskraft das Herz noch zuckt, die Gefäße noch beben und zittern? Wir halbwilde, ja vielmehr, um wahrhaftiger und offener uns auszudrücken, wir wilde Menschen, von unseliger Nothwendigkeit und durch üblen Gebrauch belehrt, von ihnen unsere Nahrungsmittel herzunehmen, werden doch manchmal zum Mitleid bewogen; klagen uns selbst an und verdammen uns von Herzen nach Ueberlegung und Betrachtung der Sache, weil wir die Verbindlichkeit der Menschlichkeit bei Seite gesetzt, des natürlichen Ursprunges Gemeinschaft zerrissen haben. Glaubt wohl irgend Einer, die sanftmüthigen, wohlthätigen, milden Götter erfreuten sich am Tödten der Thiere und empfänden ein Wohlbehagen, wenn einmal diese vor ihnen zusammenstürzen und auf erbärmliche Weise das Leben lassen? Also beut auch die Lust, wie wir sehen, keine Ursache für die Opfer dar; noch ist weshalb man sie darbringe ein Grund vorhanden, weil keine Lust hier stattfindet, und findet etwa eine statt, so kann sie auf keine Weise, wie dargetan worden, den Göttern zu Theil werden.

Es folgt, daß wir das ebenfalls betrachten, was wir insgemein viel besprochen und zur Ueberredung des Volkes verbreiten hören. Um deßwillen nämlich würden die Opfer den Göttern dargebracht, auf daß sie den Groll wie Unwillen fahren lassen und milde wie sanft sich zeigen, nach beruhigter Aufregung der wildbewegten Brust. Halten wir jedoch jene Bestimmung fest, welche schicklich immer beharrlich uns gegenwärtig seyn soll, daß den Göttern alle Gemüthsbewegungen unbekannt seyen, so paßt zu glauben, daß die Götter niemals zürnen; ja daß keine leidenschaftliche Bewegung mehr ihnen ferne sey, als die den wilden Thieren eigenste, welche jene so sie erleiden durch Stürme in Unordnung bringt und der Gefahr des Unterganges zuführt: denn was immer durch irgend einer Sache Bewegung erschüttert wird, ist sicherlich des Leidens fähig und unbeständig. Was oder dem Leiden und dem Unbestand unterworfen ist, das muß sterblich seyn. Der Zorn nun erschüttert und löst die so ihn erleiden auf; also muß man das der Zornleidenschaft Unterworfene sterblich nennen. Da wir jedoch wissen, die Götter müssen dauernd seyn und die Natur der Unsterblichkeit behaupten, so ist, steht dieß fest und gewiß, der Zorn diesen ferne und ihrer Beschaffenheit entgegen. Auf keinerlei Weise schickt sich folglich; damit die oberen versöhnen zu wollen, was, wie man sieht, nicht mit derselben Glückseligkeit übereinkommt.

Aber zugegeben, wie ihr wollt, diese Anordnung sey den Göttern ganz vertraut; um sie zu besänftigen würden die Opfer dargebracht und die jährliche Feier der heiligen Dienste begangen: wann ist es demnach schicklich diese Gaben anzuwenden, oder zu welcher Zeit sollen sie dargebracht werden? Bevor sie erzürnt und aufgeregt sind? oder nach der Aufregung und da sie im Unwillen sich befinden? Muß man ihnen, damit sie nicht in Zorn gerathen, zuvorkommen, so stellt ihr uns wilde Thiere, nicht aber Götter vor, denen man, damit sie nicht aufgereizt wüthend die Riegel der Behältnisse zertrümmern, Futter vorzuwerfen pflegt, welches sie dann mit Wuth anfallen und ihm der Aufregung Begier zuwenden. Wofern aber diese Genugthuung der Opfer den schon Erhitzten und von Unwille Aufflackernden hingegeben wird, so forsche, erwäge ich nicht, ob jene glückselige und hehre Erhabenheit der Gottheiten durch der Menschlein Beleidigungen gestört werde; ob sie für Verletzung halten mag, was etwa ein blindbegierliches Thier, und ob in Wolken der Unwissenheit fortwährend einherschreitend sie bestimmt, ausgesagt habe, wodurch derselben Machtvollkommenheit verletzt würde.

Doch ich verlange weder mir zu sagen , noch will ich vernehmen, welche Ursachen die Götter zum Zorne wider die Menschen haben, daß man sie der verschuldeten Beleidigung wegen mittelst Opfer begütigen müsse, sondern ob sie irgend Gesetze einst den Sterblichen geordnet haben, und ob jemals von ihnen festgesetzt worden, was ihnen zu opfern sich schicke oder nicht; was zu erstreben, was zu meiden; oder ob auf welche Weise sie wenigstens verehrt zu werden verlangten, um das wider ihre Anordnung Vollbrachte mit ihres Grolles Rache verfolgen zu können; ob sie mit Verachtung behandelt die Kecken und Uebertreter bestrafen wollten? Meiner Ansicht nach ist von denselben weder Etwas festgesetzt noch unverbrüchlich angeordnet worden, weil sie irgend einmal nicht sichtbar waren, und sind sie, durch offenkundige Erkenntniß nicht unterschieden werden konnten. Was ist das für eine Gerechtigkeit folglich, wenn die himmlischen Götter von irgend einer Ursache denen zürnen, welchen ihr Daseyn sie niemals zu offenbaren sich gewürdigt, noch die Gesetze gegeben und auferlegt haben, die sie von ihnen geübt und mit unverletzlichem Gehorsam beobachtet [haben] wollten?

Allein dieß, wie gesagt, übergehe ich und lasse es dem Schweigen hingegeben beruhen. Vor Allem forsche ich nach diesem Einen: was ist Ursache, daß, werde ich ein Schwein schlachten, der Gott den Sinn ändert, Zorn und Wuth fahren läßt; daß, werde ich unter seinen Augen und auf seinem Altar ein Huhn, ein Kalb verbrannt haben, er der Beleidigung vergißt und von dem Gedanken an Rache absteht? Was in diesem Werke bezieht sich auf desselben Unwille, oder welches Heilmittel ist so eine Gans, so ein Bock oder Pfau, daß derselben Blut wider den Erzürnten mag angewendet werden? Die Götter also verkaufen die ihnen angethanen Unbilden, und wie kleine Kinder, damit sie sich beruhigen und vom Weinen ablassen, Sperlinge, Puppen, Steckenpferde, Backwerk bekommen, mit demselben sich zu zerstreuen, so nehmen die unsterblichen Götter diese Besänftigungsmittel hin, beruhigen mit ihnen Zorn wie Aufregung und kehren zur Wohlgewogenheit gegen ihre Beleidiger zurück? Ich halte vielmehr dafür, wenn anders es recht ist zu glauben, daß die Götter durch Zornbewegungen aufgeregt werden, sie sollten ohne irgend eine Belohnung und wegen keinerlei Nutzen Zorn und Aufregung lassen und den Flehenden die Schuld vergeben: denn das ist der Gottheiten Eigenthümlichkeit, freiwillige Verzeihung und unentgeltliches Zugeständniß. Kann dieß aber nicht geschehen, so ist es viel verständiger, wenn sie beharrlich im Zorn ausdauern, als durch die Verderbniß der Geschenke sanftmüthig zu werden: denn mit der Hoffnung auf Loskauf der Vergehungen wächst der sich Vergehenden Menge; und leichten Fußes eilt man dort zur Schuld, wo der Verzeihenden käufliche Gnade sich findet.

Siehe, wenn irgend ein Rindvieh oder welches Thier immer derer, die man zur Besänftigung und Beruhigung der Wuth der Gottheiten tödtet, Menschenstimme annähme und in diesen Worten sich ausspräche: „Dieß also, o Jupiter! oder welcher andere Gott du bist, ist menschlich und recht, oder muß vielmehr für die Abschätzung einer gewissen Billigkeit gehalten werden, daß, da ein Anderer sündigte, ich getödtet werde, und du zugiebst, daß mit meinem Blute man dir genugthue, der ich dich nie beleidigte, niemals, weder wissentlich noch unbewußt, deine Göttlichkeit und Majestät verletzte; ein wie du weißt stummes Thier, folgend der Einfalt meines Instinktes und nicht beweglich nach vielfältiger Lebensweisen Verschiedenheit. Habe ich wohl jemals deine Spiele mit zu geringer Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit vollbracht? Hab‘ ich irgend einen Vortänzer vor dich hingeführt, der deine Göttlichkeit beleidigte? Schwur ich falsch bei dir? Hab‘ ich verrucht deine Geschenke entwendet und geraubt? Hab‘ ich die heiligsten Haine an mich gerissen oder andere geweihte Orte durch Bauten zu eigenem Nutzen entehrt und entheiligt? Was ist also Ursache, daß ein fremdes Vergehen mit meinem Blute abgewaschen und mein Leben wie meine Unschuld auf anderes Unrecht übertragen wird? Etwa weil ich ein geringes Thier bin, weder des Verstandes noch des Urtheils theilhaftig? wie die behaupten, welche sich Menschen nennen und an Wildheit die Bestien überbieten. Hat mich nicht dieselbe Natur mittelst derselben Grundstoffe erzeugt und gebildet? Ist es nicht ein und derselbe Lebensgeist, der sie wie mich führt? Athme, sehe und empfinde ich durch die übrigen Sinne nicht auf ähnliche Weise? Sie haben Lebern, Lungen, Herzen, Eingeweide, Mägen; ist mir nicht dieselbe Menge der Gliedmaßen zugetheilt? Sie lieben ihre Erzeugung und einigen sich zur Hervorbringung von Kindern; hab‘ ich nicht auch Sorge für meine Nachkommenschaft und Fortpflanzung, Annehmlichkeit nach ihrer Geburt? Allein sie sind mit Vernunft begabt und drücken sich in artikulirten Formen aus; woher ist ihnen denn bekannt, daß ich, was ich thue, nicht nach meiner Einsicht vollbringe, und daß diese von mir hervorgebrachten Töne nicht Worte meines Geschlechtes sind, die lediglich unter uns verstanden werden? Befrage das Gewissen, ob es billiger sey, mich tödten, vernichten zu lassen, oder dem Menschen unentgeltlich Gnade und Straflosigkeit für die Vergehen zu schenken? Wer hat das Eisen zum Schwert gestaltet? Nicht der Mensch? Wer hat Kriegsunglück über die Völker, wer denselben die Knechtschaft gebracht? Nicht der Mensch? Wer gab und mischte den Eltern, Brüdern, Weibern, Freunden todbringende Tränke? Nicht der Mensch? Wer erfand die Zauberei oder ersann solche entsetzliche Dinge, welche man kaum in zehntausend Jahr- und Tagebüchern anzuführen im Stande wäre? Nicht der Mensch? Ist dergestalt dieß nicht grausam, nicht abscheulich, nicht schrecklich? Nicht erscheint es dir, o Jupiter! ungerecht und barbarisch, daß man mich tödte, mich niederschmettere, damit du milde werdest und den Verbrechern Unsträflichkeit zu komme? Um dieser Ursache also, das ist, damit die erzürnten Gottheiten besänftigt werden, hat man nichtiger Weise Opfer zu bringen angeordnet, da doch die Vernunft uns belehrte, daß die Götter weder jemals sich erzürnen noch auch wollen, es werde der Eine für den Anderen getödtet und Tilgung durch des Unschuldigen Blut der Anordnung von Opfern gepaart.

Vielleicht sagt aber Einer: Um deßwillen bringen wir den Göttern die Opfer und sonstigen Gaben dar, damit sie auf irgend eine Weise durch unsere Anrufungen gewogener gemacht, erwünschte Zustände uns willfahren und Uebel abwenden, uns immer in Freuden leben lassen, Trauer aber entfernt halten, wie auch das durch zufällige Ereignisse Drohende. Dieser Punkt verlangt keine geringe Sorgfalt; auch ist man nicht so gewöhnt, dem unbedenklich Ausgesagten beizupflichten und Glauben zu schenken: denn sofort eilt jener Gesammtchor der Gelehrtesten heran, welcher mit Gewißheit versichernd und beweisend, Alles was immer geschieht geschähe dem Fatum zufolge, euch diese Meinung entreißt und behauptet, daß ihr nichtigen Einbildungen vertrauet. Was immer in der Welt geschah, geschieht und geschehen wird, heißt es, ist von Ewigkeit her festgesetzt und dauernd bestimmt; es hat unbewegliche Ursachen, nach denen sich die aneinandergeknüpften Dinge der Vergangenheit mit den Herannahenden in unbezwinglicher Nothwendigkeit verbinden. Ist das festgesetzt und bestimmt, so ist auch schon gewiß, was jedem Einzelnen Gutes oder Böses zu Theil werden muß. Ist dieß aber festgesetzt und bestimmt, dann ist jede Hülfe der Götter, jeder Groll, jedes Wohlwollen nichtig: denn sie können ebensowenig das gewähren, was nicht geschehen kann, als verhindern, daß nicht geschieht, was nothwendig kommen muß; außer daß sie diese Meinung stärker, wollen sie, ausdrücken können, indem sie sagen, auch die Götter selbst würden fruchtlos von euch verehrt und mit überflüssigen Anrufungen angefleht: denn da sie die Ordnung nicht verändern und die festgesetzten Verhängnisse nicht wandeln können, was für ein Zweck, welcher Vortheil findet statt, daß man die Ohren derer belästigen und stumpf machen will, auf welcher Hülfe in der höchsten Noth man nicht vertrauen kann?

Zuletzt, vertreiben die Götter Trübsale und Unglücksfälle; spenden sie was erfreut und lieblich ist: woher dann die vielen, beinahe unzählbaren Unglücklichen in der Welt? woher solche Menge derer die im äußersten Elend ein beweinenswerthes Leben führen? Warum sind die selbst nicht des Unheils enthoben, welche jeden Augenblick, welche auf’s Pünktlichste die Altäre mit Opfergaben belasten und überhäufen? Sehen wir nicht, heißt es, Andere aus ihnen als Häuser der Krankheiten; mit erloschenem Augenlichte und verfallenem Gehör; des Gebrauchs der Füße ermangelnd; Strünke ohne Hände ausreckend; durch Brand, Schiffbruch und Unfälle zu Grunde gehen, vernichtet, verstümmelt werden; nach Entreißung unermeßlichen Erbgutes mittelst Lohnarbeit sich fortbringen; den letzten Heller erbetteln, vertrieben, geächtet und fortwährend vom Schmerz über der Kinder Verlust niedergebengt; von den übrigen Drangsalen mißhandelt, deren Gestaltungen und Zustände keine Aufzählung zu begränzen vermag? Dieß würde nun wahrhaftig nicht geschehen, könnten die mittelst der Verdienste der Opfer verbindlich gemachten Götter diese Uebel abhalten, wegwenden. Nun aber, weil für diese auf die Ereignisse kein Einfluß stattfindet, sondern Alles mit unvermeidlicher Nothwendigkeit geschieht, so vollbringt sich die vorgeschriebene Ordnung und was ein Mal festgesetzt ist, kommt zu Stande.

Oder man muß sagen, die Himmlischen sind undankbar, wenn sie, die Verpflichtung der Verhütung habend, zulassen, daß das unglückselige Geschlecht von so vielfachen Peinen und Unfällen erfaßt werde. Und vielleicht mögen sie etwas Tüchtiges aussagen, was man nicht mit trüglichen, leichtfertigen und verschmähenden Ohren aufnehmen soll. Diese Gegenden durcheilen wir aber, weil die Sache überaus langes und vielfaches Reden erfordert, unerforscht und unberührt; nur dieß allein aufgestellt zu haben zufrieden, daß ihr euern Göttern ungebührlichen Schimpf aufbürdet, wenn ihr behauptet, sie gewährten nur dann das Gute und wehrten nicht anders das Feindselige ab, außer zuvor durch der Ziegen und Schafe Blut, wie auch durch die übrigen Dinge, welche man den Altären zubringt, erkauft: denn vorerst ist es unwürdig zu glauben, jene Machtvollkommenheit und Erhabenheit der himmlischen Gottheiten habe ihre Gunstbezeugungen dergestalt feil, daß sie vorher empfange und dann leiste. Hiernächst ist es um so schmutziger, nicht ohne zu empfangen Jemanden zu helfen und zu dulden, daß die Unglückseligen dem Glückswechsel unterliegen, da sie dieß doch verhindern und zum Beistand herbeikommen können. Wenn zwei, wovon der Eine angesehen und wohlhabend, der Andere von dürftigem Besitzthum, aber an Unschuld wie Rechtschaffenheit lobenswürdig ist, den heiligen Opferdienst verrichten, so wird jener hundert Rinder und ebensoviel Schafe mit ihren Lämmern, der Arme einigen Weihrauch und sonst etwas Wohlriechendes verbrennen. Wird man nicht schicklicher Weise nun annehmen müssen, wenn die Gottheiten nur nach vorangegangenen Belohnungen Etwas leisten, daß sie ihre Gunst und Hülfe dem Wohlhabenden zuwenden, von dem Armen aber die Augen abwenden, welchen nicht der Wille, sondern seines Besitzthums Nöthigung karg machte? denn wo der Geber feil und lohnsüchtig ist, dort wird nothwendig die Gunst nach der Gabe Größe ertheilt, und die Zustimmung neigt dorthin, woher zu dem Verleiher mehr Lohn und reichlicher unwürdige Bestechung kommen wird. Sie, wenn ferner zwei Völker in Waffen einander gegenüber, mit gleichen Opfern der Götter Altäre reichlich beladen und das Eine fleht wider das Andere ihm Kraft und Beistand zu verleihen; ist nicht abermals nothwendig anzunehmen, sie werden, mittelst des Lohns zum Beistande angelockt, zwischen beiden Partheien unentschlossen schwanken und nicht was zu thun erfinden, da sie ihre Gunst durch die empfangenen Opfer verbunden erkennen? Entweder werden sie die Hülfleistungen hier wie dort leisten; Etwas, das nicht geschehen kann: denn sie kämpfen dann wider sich selbst; strebten wider ihre Gunstbezeugungen und Affekten an. Oder aber sie werden beiden Völkern keine Hülfe leisten; was nach aufgewendetem und empfangenem Lohne ein großes Vergehen ist. Man muß also deßhalb diese ganze Schimpflichkeit von den Göttern forttreiben; und durchaus darf man nicht sagen, sie würden durch Geschenke und Lohn angelockt, gute Zustände zuzuwenden und widerwärtige zu entfernen, wenn sie nur wahrhaftige Götter und in dieses Namens Bedingniß zu setzen sind: denn entweder geschieht, was immer geschehen mag, durch das Verhängnis und die Götter finden keinen Raum für Gunstbuhlerei und Gnadenspendungen; oder es wird das Verhängniß ausgeschlossen und weggestoßen, und dann eignet es der höchsten Würde nicht, die Gunst des guten Werkes und den ertheilten Beistand feil zu bieten.

Genugsam, wie ich meine, haben wir dargethan, daß man den unsterblichen Göttern umsonst die Opferthiere sammt den hierzu gehörigen Dingen nahe bringe; weil dieselben hierdurch weder sich ernähren, noch irgend eine Lust empfinden, noch auch ihren Zorn oder ihre Leidenschaft besänftigen, noch glückliche Zustände ertheilen oder widerwärtige entfernen und abwehren. Es folgt nun, daß wir auch Jenes betrachten, was Manche gewohnt sind den zur Götterverehrung gehörenden Sachen zuzusprechen und anzufügen: denn sie sagen, diese heiligen Dienste seyen angeordnet die Himmlischen zu ehren, und zwar insofern sie geschähen, geschähen sie der Ehre wegen und durch sie die Macht der Gottheiten zu verherrlichen. Wie, wenn sie ähnlicher Weise sagten, wir wachen und schlafen, wir gehen spatzieren, bleiben stehen, wir schreiben, lesen Etwas, um den Göttern eine Ehre anzuthun und ihnen die Würde zu mehren? denn was wird vom Blute der Thiere, was von der übrigen Zubereitung der Opferdienste der Wesenheit zugefügt? was der Macht zugelegt und hinzugethan? Alle Ehre nämlich, welche, wie man sagt, von Jemand erwiesen und aus besonderer Rücksicht zugemessen wird, ist zu dem Anderen beziehungsweise und besteht aus Zweierlei, aus dem Zugeständniß des Erweisenden und aus der Verherrlichung des Empfangenden. Wie wenn irgend Jemand, beim Erblicken eines mächtigen und würdevollen Mannes, aus dem Wege tritt, sich erhebt, das Haupt entblößt, und vom Wagen herabspringt; dann geneigten Körpers grüßt, nachahmend den Sklavendienst mit ängstlichem Bangen: da nehme ich wahr, was durch derlei Verehrung Verrichtung vollbracht wird; es erweist nämlich der Eine dem Anderen durch Herablassung seine Hochachtung und veranlaßt, daß der als ansehnlich erscheine, den des Mindern Hochschätzung erhebt und sich selbst vorsetzt.

 

Allein dieses Zugeständniß und diese Beilegung der Ehrerbietung, von welcher wir sprachen, hat lediglich bei den Menschen statt, welche die natürliche Schwachheit und die Liebe zum Höherstehenden belehrt, an Erhabenheit sich zu erfreuen und im Vergleich mit Anderen den Vorzug zu erhalten. Ich frage aber, wo findet bei den Göttern sich Raum zur Ehre, oder welcherlei Auszeichnungen bemerkt man ihnen aus der Opferdienste Bereitung zukommen? Werden sie durch die geschlachteten Thiere ehrwürdiger, mächtiger? Wird ihnen hierdurch irgend Etwas zugefügt, oder fangen sie durch die vermehrte Göttlichkeit an mehr Götter zu seyn? Ich urtheile vielmehr, der Beschimpfung zunächst, ja volle Beschimpfung sey es, so man sagt, der Gott werde vom Menschen geehrt und durch Darbringung irgend einer Gabe verherrlicht: denn mehrt und häuft die Ehre desselben Würde, dem sie erwiesen ward, so folgt, daß der Gott vom Menschen gemehrt werde, dessen die Gabe und der Beitrag der Ehre war; und dergestalt führt die Sache dahin, daß der Gott, welcher durch menschliche Ehren verherrlicht wird, niedriger, der Mensch dagegen, welcher der Gottheit Machtvollkommenheit hebt, höher zu stehen kommt.

Wie nun, sagt Einer, ihr haltet also dafür, man dürfe den Göttern durchaus keine Ehre erweisen? Stellt ihr uns solche Götter, wie sie seyn müssen, sind sie, und als welche wir Alle dieselben in dieses Namens Aussprache gemeint haben wollen, vor, wie können wir gegen sie nicht auch die größte Ehrerbietung haben, da wir auch durch höheren Befehl Menschen, welches Ranges, welches Reichthums sie auch seyn mögen, zu ehren empfingen? Welche diese Größte ist? Die um Vieles Gefälligere und in mächtigerem Geschlechte Begründete, als ihr sie annehmt. Sprecht, sagt ihr, welche Meinung hinsichtlich der Götter die würdige, die richtige, die anständige und durch keine Unform irgend einer Schändlichkeit tadelnswerte ist. Vorerst glaubt, daß dieselben weder irgend eine Aehnlichkeit mit dem Menschen haben, noch irgend Etwas erwarten, was außer ihnen sey und von Außen her komme. Dann, was oftmals erwähnt worden, daß sie nicht in Zornesflammen auflodern; nicht körperliche Lust begehren, nicht erbittlich sind, Gutes zu spenden; nicht mittelst Gaben sich verlocken lassen, unschädlich zu seyn; nicht Wohlwollen und Gunst feil bieten; nicht sich an erwiesener Ehre erfreuen; nicht wegen derselben Verweigerung unwillig und aufgebracht werden; sondern daß sie, was dem Göttlichen eigenthümlich ist, durch ihre Kraft sich bewußt sind und nicht nach fremden Schmeicheleien sich abschätzen. Und doch, um die Beschaffenheit dessen, was man aussagt, wahrzunehmen, was ist das für eine Art von Ehre, so einen Schöps, einen Widder, einen Stier unter des Gottes Antlitz zu binden und vor seinen Augen zu tödten? Was ist das für eine Ehre, den Gott zum Blute einzuladen, welches er, wie man sieht, mit den Hunden in Gemeinschaft zu sich nimmt? Was ist das für eine Ehre, mit dem Rauch von angezündeten Holzhaufen die Luft verfinstern und der Gottheiten Abbilder mit der Farbe der Trauer schwärzen? Wenn nun das, was geschieht, nach seiner eigenthümlichen Beschaffenheit erwogen, nicht nach vorgefaßtem Werthe abgeschätzt wird, so sind diese sogenannten Opferheerde und schönen Altäre, Brandstätten des unglückseligsten Thiergeschlechtes, Scheiterhaufen und Grabmale, zum abscheulichsten Werke errichtet, und zum Sitz des Gestankes bereitet.

Was meint ihr, jener Dampf also, welcher von den Häuten, von den Knochen, von den Borsten, von der Schafwolle und den Hühnerfedern, die man verbrennt, erzeugt wird und hervorkommt, ist eine Gabe und Ehre für den Gott? und dieß wird jenen aufgeopfert, welchen ihr euch, zubereitet derselben Tempel zu betreten, von aller Makel gereinigt, gewaschen und höchst enthaltsam vorstellt? Und was kann für dieselben befleckender, unglückseliger, unfläthiger seyn, als wenn von Natur derselben Sinne dergestalt beschaffen sind, daß sie so Abschreckendes lieben und ihnen solcher Dampf Wollust erregt, welchen weder die Opfernden ertragen, noch die uneingenommene Nase aufnehmen mag? Haltet ihr nun dafür, der Götter Gemüth werde durch der Stiere Blut geehrt und angeregt, warum schlachtet ihr ihnen nicht auch Maulthiere, Elephanten und Esel? warum nicht ferner Hunde, Bären, Füchse, Kamele, Wölfe und Löwen? Und da ihr die Vögel ebenfalls der Zahl der Thiere zusetzt, warum nicht deßgleichen Geier, Adler, Störche, Habichte, Falken, Raben, Sperber, Eulen, sammt Salamandern, Wasserschlangen, Ratten, Blindschleichen? denn auch diese haben Blut und sind auf dieselbe Weise belebt. Was ist bei jenen von größerer Wirksamkeit, was bei diesen weniger geschickt, daß die einen der Götter Würde mehren, die Anderen nicht? Man sagt, weil es angemessen ist, die Himmlischen mit jenen Dingen zu ehren, von welchen wir selbst uns ernähren, erhalten und das Leben fristen, und welche sie für würdig gehalten haben, uns zur Nahrung für ihre Gottheit zuzueignen. Oder auch den Kümmel, die Kresse, die Rübe, die Zwiebelgewächse, den Eppich, die Artischoke, den Rettig, die Kürbisse, die Raute, die Münze, das Basilienkraut, den Poley und Schnittlattich haben dieselben Götter euch zugetheilt und anbefohlen, sie sollten hinsichtlich der Nahrung von euch gebraucht werden. Was unterlaßt ihr dann, auch diese auf den Altären darzubringen und alle jene Dinge mit Wohlgemuth zu überstreuen und die Schärfe der Zwiebeln ihnen beizumischen?

Seht wenn Hunde: denn nothwendig muß irgend Etwas vorgestellt werden, damit man eine Sache um so deutlicher wahrnehmen könne; wenn, sage ich, Hunde und Esel, wenn mit diesen zugleich die Bachstelzen, wenn die geschwätzigen Schwalben, und dergleichen mit ihnen die Schweine, einigen Menschenverstand empfangen habend, euch für Götter hielten und darauf dächten, der Ehrung wegen Opfer euch zu bringen, nicht aus anderen Stoffen und von anderen Dingen, sondern von jenen, mit welchen sie sich zu ernähren und durch natürliches Beifügen zu stärken pflegen; so ersuchen wir, uns vernehmen zu lassen, ob ihr solche Ehre nicht vielmehr für die heftigste Schmähung hinnehmen würdet: indem euch die Schwalben Fliegen, die Bachstelzen Ameisen tödteten und weihten; da die Esel auf euere Altäre Heu brächten und Spreu ausgössen; da die Hunde Knochen vorlegten und den Unflath des Menschenkothes verbrennten; da zuletzt die Schweine euch ein Mahl vorsetzten, den schauderhaften Morastgruben und Kothlöchern entnommen? Würdet ihr nicht aufflammen, dergestalt eure Würde verletzt zu sehen und den Empfang des Unflathes unter die heftige Verletzungen hinzurechnen? Aber ihr ehret die Götter mit der Stiere Körper und durch anderer Thiere Tödtung; welcher Unterschied ist zwischen diesem und jenem, da dieselben, wenn auch nicht gleich, doch alsbald Unflath und Koth seyn werden und nach kurzer Zwischenzeit verwesen? Endlich, unterlasset Feuer auf den Altären unterzuzünden, bald wahrhaftig werdet ihr sehen, daß jene geweihte Eingeweide der Stiere, mittelst derer Darbringung die Ehre der Götter durch euch verherrlicht wird, von Würmern wimmeln und sich bewegen, die Beschaffenheit der Luft verderben und zu Grunde richten, und die Umgegend durch ihre Ausdünstung verpesten. Befählen nun die Götter euch diese zu eurer Pflege, zu eurem Wohlbefinden zu verwenden; von ihnen der Sitte gemäß Frühstücke oder Festmahle zu bereiten; weithin entflöht ihr, und erbätet von den Göttern Verzeihung wegen des abscheulichen Gestankes und gelobtet, niemals mehr solcherlei Opfer ihnen darbingen zu wollen. Ist dieß dergestalt nicht Scherz treiben, nicht ein Bekennen, ein Offenkundigmachen, man wisse nicht, wer Gott sey, noch welche Machtvollkommenheit dieses Namens Bedeutsamkeit unterliege? Durch neuer Speisen Darbringung verherrlicht ihr die Götter, mittelst Brodem und Fettdunst verehrt ihr sie; und weil das, womit ihr euch ernährt, euch angenehm und vergnüglich ist, so meint ihr, auch Götter eilten zu derselben Lust herbei, um nach hungeriger Hunde Art die Bissen mit Heftigkeit zu erfassen und oftmals den Darreichenden zu schmeicheln?

Weil sich gerade die Untersuchung von den Opferdiensten in unseren Händen befindet: was ist Ursache, was Grund, daß, da die unsterblichen Götter, mögen sie nämlich auch unsertwegen seyn, als welche immer man sie zu seyn glaubt, Einer Gesinnung sind oder Einer Natur, Art und Beschaffenheit seyn müssen, nicht Alle durch alle Opfer besänftigt werden, sondern gewisse durch gewisse Opfervorschriften? Was ist Ursache, um ferner zu forschen, daß die Gottheit mit Stieren, die mit Böcken oder Schafen geehrt wird? diese mit säugenden Schweinen, diese mit ungeschorenen Lämmern? jene mit jungfräulichen Rindern, jene mit gehörnten Ziegen? die eine mit unfruchtbaren Kühen, die andere aber mit trächtigen Säuen? diese mit weißen, jene mit dunkelfarbigen, eine mit weiblichen, eine mit männlichen Thieren? Schlachtet man nämlich den Göttern die Opferthiere der Ehre und Achtung wegen, was liegt dann daran oder welcher Unterschied findet statt, durch welches Thieres Haupt die Schuld gesühnt werde, der Zorn und Widerwärtigkeit zugerechnet ist? Oder ist etwa das Blut dem einen minder angenehm und werthvoll als dem anderen? theilt eines vor dem anderen Wollust und Vergnügen mit? oder wie es Gebrauch ist, enthält sich dieser des Ziegenfleisches, verwünscht jener die Berührung eines Schweines; ist dem das Schaffleisch verabscheuungswürdig aus Scheu vor irgend einer Vorschrift oder Verbindlichkeit; und damit der schwache Magen nicht beschwert werde, meidet dieser des Rindfleisches Härte, und genießt das zarte der Säugenden, welches ohne Schwierigkeit er verdauen mag?

Allein du irrst, heißt es, und stehst nicht fest: denn den weiblichen Gottheiten weibliche, den männlichen männliche Thiere zu opfern, davon ist der Grund versteckt und geheimnißvoll, der gemeinsamen Kenntniß entfernt. Nicht untersuche, nicht erforsche ich, was die heiligen Dienste vorschreiben oder was die Gesetze enthalten; aber, wird die Vernunft siegen und die Wahrheit das Recht behaupten, so daß bei den Göttern kein Geschlechtsunterschied stattfindet, noch nach irgend einem Geschlechte dieselben gesondert sind: soll man dann etwa alle diese Gründe vernichten und die auf die thörichtsten Meinungen hin geglaubten gutheißen, sich aneignen? Nicht will ich der weisen Männer Aussprüche zu Hülfe rufen, welche das Lachen nicht verhalten können, hören sie von dem den unsterblichen Göttern beigelegten Geschlechtsunterschied; sondern ich frage jedweden Menschen, ob er selber bei sich glaubt, sich selbst bereden mag, der Götter Geschlecht sey ein unterschiedenes; dieselben seyen männlich und weiblich und mit den zur Zeugung erforderlichen Gliedern versehen. Aber, wenn das Recht der Opfer vorschreibt, daß dem Geschlechte das gleiche Geschlecht, d. h. den weiblichen Gottheiten weibliche Thiere, den männlichen männliche geopfert werden sollen: was für ein Grund findet dann bei den Farben statt, daß billiger Weise diesen weiße, jenen dunkelfarbige und ganz schwarze Thiere geschlachtet werden? Man erwiedert, weil allen oberen und so glücklicher Vorzeichen mächtigen Göttern die fröhliche Farbe, glücklich durch des Lichtglanz Heiterkeit, angenehm ist. Dagegen den ungünstigen und die Unterwelt bewohnenden Göttern die bunte und traurig schwarze Farbe beliebter ist. Behält jedoch abermals die Vernunft das Recht, daß der Name der Unterwelt gänzlich nichtig und hohl, auch unter der Erde keinerlei Reich und Aufenthalt Pluto’s sey; so muß dieß auch diese Meinung vernichten, welche ihr über die dunkelfarbigen Thiere und über die unterirdischen Götter hegt. Ist aber keine Unterwelt vorhanden, dann sind auch die Götter der Manen nothwendig nichtig, denn wie kann geschehen, daß man annehme, es gäbe Bewohner eines solchen Ortes, welcher nicht vorhanden ist.

Doch zugegeben, wie ihr wollt, es gäbe eine Unterwelt, es seyen Manen, es weilten was weiß ich welche den Menschen minder günstige Götter als Vorgesetzte trauriger Zustände: welche Ursache, welcher Grund findet statt, daß man denselben dunkelfarbige und schwarze Opferthiere darbringt? Weil das Schwarze dem Finstern eignet und Trauriges dem Gleichgestimmten angenehm ist. Wie nun, bemerkt ihr nicht, auf daß mit euch auch wir fast eben so thöricht unser Spiel treiben, der Opferthiere Fleisch, Knochen, Zähne, Fett, Eingeweide sammt dem Hirn und dem weichen Mark in den Knochen ist weiß; aber die Haut und der Thiere Haare sind dunkler Farbe. Opfert also den Göttern bloß allein die Wolle und die den Opfern ausgerupften Haare, überlasset dem unglückseligen, beraubten und gerupften Vieh des Himmels Luft zu athmen und höchst unschuldig der Weide sich zu erfreuen. Haltet ihr nun dafür, den unterirdischen Gottheiten sey das Schwarze und Dunkelfarbige angenehm, weßhalb sorgt ihr dann nicht, daß alles Uebrige, was ihnen zum Opfer darzubringen gebräuchlich, ebenfalls schwarz und rauchig wie dunkel gefärbt ist? Schwärzt den Weihrauch, wird er angeboten; dem Opferschrot und sämmtlichen Libationen, der Milch, dem Oele, dem Blute, daß dieses die Purpurfarbe verliere, daß jene leichenfarbig seyen, mischet Ruß mit Asche zu. Macht ihr euch kein Gewissen daraus, irgend etwas Weißes und seinen Schimmer Behaltendes darzubringen, so löset ihr selbst euere Religionen und Anordnungen, da ihr im Opferdienst nicht Ein und dasselbe bewahret.

Aber auch dieß schickt sich hier von euch zu vernehmen: wenn man dem Jupiter einen Ziegenbock schlachtet, der gewöhnlicher Weise dem Vater Liber, dem Merkur geopfert wird; oder wenn eine unfruchtbare Kuh, die ihr der Proserpina beilegt, der Unria: durch welchen Ritus und nach welcher Regel wird dieß vorgeschrieben? welches Vergehen wird hierin seyn, welche Uebelthat oder Gottlosigkeit hat man begangen, da der Willfährigkeit Nichts daran liegt, mit welchem Thierhaupte diese Ehrenschuld getilgt werden mag? Man sagt, diese Vermengung sey keine Sünde, und kein kleines Versöhnungsmittel, die Dienste und der Gebräuche Verrichtungen zu mischen. Ich bitte, die Ursache darzuthun. Weil es Recht ist, die Opfer einer gewissen Art gewissen Gottheiten zu weihen, und Pflicht, gewisse heilige Dienste zu leisten? Und abermals, aus welcher Ursache ist es Recht, den Gottheiten die Opfer einer gewissen Art zu weihen und gewisse heilige Dienste, Libationen und Räucherwerke zu leisten? denn auch dieses Recht selbst muß seine Ursache und als aus gewissen Gründen enstanden sich herleiten lassen. Ihr werdet das Alterthum und die Gewohnheit anführen? Da sprecht ihr für mich Menschenanordnungeu und blinder Thiere Erfindungen aus. Ich dagegen, die Aussage der Ursache fordernd, verlange zu vernehmen, ob irgend Etwas vom Himmel herabgefallen sey oder was vielmehr die Sache erheischt, welchen Trieb Jupiter haben mag nach des Stieres Blut, daß ihm derselbe geopfert werden soll, nicht dem Merkur, dem Liber? Oder welche Natur hat der Ziegenbock, daß diesen hinwiederum zugeeignet, er dem Opferdienst des Jupiters nicht angemessen ist? Ward eine Theilung der Thiere unter den Göttern vorgenommen, so stimmt mit dem Vertrag eines Vergleiches doch wohl zusammen, das der Eine sich der Opfer des Anderen enthalte? daß der Andere ablasse die Ansprüche an fremdes Blut sich anzumaßen? Wollen sie wie eifersüchtige Knaben etwa das Kosten ihrer Thiere nicht unter sich theilen? oder gleich wie der Sage nach Völker der verschiedensten Sitten thun, ihre Nahrungsmittel gegenseitig zurückweisen?

Ist dieß also zu nichte gemacht und ohne irgend eines Grundes Stütze, so ist auch der Opfer Grund selbst ein nichtiger: denn wer ist im Stande, das was folgt für eine zuverlässige Ursache zu halten, wird er gewahr, daß jenes Erste selbst, von dem das Zweite hergekommen, durchaus nichtig und eitel, auf keinen festen Grund gestellt sey? Man sagt: der Mutter Erde wird eine trächtige Sau geopfert; der Jungfrau Minerva aber eine unberührte Kalbe, die noch keinen Stachel, noch keiner Dienstleistung Anstrengung erduldet hat. Wir halten vielmehr dafür, weder müsse man der Jungfrau eine Unbefleckte schlachten, damit nicht die Reinheit im Thier verletzt werde; noch auch der Erde eine Trächtige und fruchtbare, zur Ehrung ihrer Fruchtbarkeit, die wir insgesammt als immerdar in unverletzter Jungfräulichkeit beharrend verlangen und wünschen. Wenn nämlich, weil Tritonia eine Jungfrau ist, um deßwillen ihr zukommt, reine Opfer sich schlachten zu lassen, und muß Tellus, weil eine Mutter, auf gleiche Weise trächtige Säue empfangen; so muß folglich auch Apollo, weil ein Musiker, musikalische, Aeskulap, weil Arzt, zur Heilung dienliche, Vulkan, weil Künstler, künstlerische und Merkur, weil beredsam, wohlberedete Opfer sich darbringen lassen. Ist dieß zu sprechen aber Unsinn, oder um gelinder mich auszudrücken, vernunftlos; um wie viel größere Sinnlosigkeit ist dann, der Erde befruchtete Thiere zu schlachten, damit sie an Fruchtbarkeit reicher; der Minerva keusche und reine, damit sie unbefleckt, unversehrter Jungfräulichkeit sey.

Was wir ferner als von euch ausgesagt vernehmen: Einige Götter seyen gütig, andere dagegen übelwollend und der Begierde zu schaden hingeneigter; damit jene nun günstig seyen, diese aber nicht schaden mögen, bringe man ihnen des Opferdienstes Feierlichkeit dar; auf welchen Grund hin dieß behauptet werde, bekennen wir, nicht einsehen zu können: denn sagen, die Götter seyen überaus gütig und milder Natur, ist eben so fromm als gewissenhaft und wahr; sie seyen aber übelwollend und ungünstig, soll niemals zu Gehör kommen, und zwar deßhalb, weil jene göttliche Natur von dem Vermögen zu schaden entfernt und geschieden weithin ist. Was immer aber des Unheils Ursache herbeiführen kann, was es sey, es ist vor allem zu fürchten und muß von der Gottheit Name auf’s weiteste unterschieden werden. Dergestalt, wollen wir euch auch zustimmen, daß die Götter der glücklichen und ungünstigen Zustände Gönner seyen, ist dennoch kein Grund vorhanden, weßhalb ihr die einen mittelst Opfer und Gaben zu Gunstbezeugungen anlockt, den anderen aber, damit sie nicht schaden, schmeichelt. Vorerst können die guten Götter nicht übel thun, selbst wenn ihnen keine Ehre erwiesen würde; denn was seiner Natur nach milde und sanftmüthig ist, steht gesondert von der Uebung und dem Gedanken zu schaden. Der Uebelwollende jedoch weiß seine Wildheit nicht zu bändigen, obschon man ihn mit tausend Heerden und mittelst tausend Opferherden anlockt: denn weder vermag sich die Widerlichkeit in Annehmlichkeit zu wandeln, noch die Dürre in Feuchtigkeit, des Feuers Wärme in Kälte; noch das einem jeglichen Dinge Entgegengesetzte das ihm Entgegengesetzte in seine Natur aufzunehmen und umzuändern. Wie wenn die Hand eine Viper oder einen giftgeschwellten Skorpion liebkoset, jene sie beißt, dieser zusammengezogen ihr den Stachel eindrückt, und das Kosen keinen Nutzen bringt, da beide zum Schaden nicht durch Zornreizungen angeregt werden, sondern vermöge einer gewissen Natureigenthümlichkeit: so nützt es auch Nichts, durch Opfer die ungünstigen Götter sich verbindlich machen wollen, da sie, man mag dieß oder jenes thun, ihrer Natur gemäß handeln, und zu dem, was sie vollbracht, durch eingeborene Triebe und eine gewisse Nothwendigkeit hingeführt werden. Ja, auf diese Weise hören beiderlei Götter auf, bei ihren Kräften und Eigenschaften zu beharren: denn wenn man den gütigen, damit sie Günstiges gewähren, Opferdienst, den anderen aber, damit sie nicht schaden, aus denselben Gründen Sühnopfer darbringt, so folgt, man müsse einsehen, die gnädigen werden ohne empfangene Gaben keine Gunst gewähren; die Uebelwollenden aber werden durch Annahme, indem sie ihren Sinn zu schaden ablegen, günstige; und dergestalt führt sich die Sache dahin, daß weder jene Günstige, noch diese Ungünstige oder, was nicht eben geschehen kam, daß beide günstig sind und beide deßgleichen wiederum ungünstig.

Sey es, man gebe zu, daß die unglückseligsten Thiere nicht ohne irgend eine religiöse Verpflichtung in der Gottheiten Tempel geopfert werden, und was aus dem Gebrauch der Gewohnheit geworden, enthalte eines Grundes Ursache in sich; aber, erscheint es als etwas Prächtiges und Großartiges, den Göttern Stiere zu schlachten; ihnen unversehrtes, vollkommenes Fleisch der Thiere zu verbrennen; was wollen dann diese sonstigen Dinge, welche in den Disziplinen der Magier Bestand haben, welche in den geheimen Opfervorschriften die pontifikalischen Mysterien erneuert und den göttlichen Dingen vermischt haben? Was, sage ich, wollen diese Apexanes, Hirciae, Silicerniae, Longaven? welche Namen sind von Wurstarten, die einen mit Bocksblut, die anderen mit kleingehackten Lungen gefüllt? Was die Taedae, die Naeniae, die Offae penitae? von welchen das Erste Speck in kleinen Stücken, nach Art der Leckerbissen bereitet ist; was im Zweiten enthalten, ist die Ausdehnung des Darmes, durch welchen der Koth ausgeworfen wird, nach Aussaugung der lebenskräftigen Feuchtigkeit; das Schweifstück aber besteht aus dem am Schwanze des Thieres ausgeschnittenen Fleischstück. Was die Polimina? was die Omenta? was die Palasea oder Plasea? von welchen der Name Netz jenen die Gefäße des Bauches umziehenden Felle zukommt. Das Schwanzstück ist des Rindes Schweif mit Tempelmehl und Blut bestrichen. Polimina aber sind das, was wir schamhafter Proles nen-nen, das gemeine Volk jedoch unter der Benennung Testes zu bezeichnen pflegt (Schweinhode). Was die Fitilla, was das Frumen, was die Africia, was die Gratilla, das Catumeum, Conspolium, die Cubula? wovon die ersten zwei Namen von Mussen [Opferbrei] sind, der Art und Beschaffenheit nach aber verschieden. Die nachfolgende Reihe enthält dann Bezeichnungen von Opferkuchen, welchen nicht eine und dieselbe Form zukommt. Nicht gefällt es aber, das Fleisch, welches aus den Hüften der Stiere gehauen wird, zu nennen; nicht das derbe und fettlose, am Spieße gebratene; nicht die Eingeweide, früher belebt und an Kohlen geröstet; nicht endlich das Eingesalzene, den Opferschrot, welches eine aus vier Früchten verbundene Mischung ist. Nicht deßgleichen die Fendicae, welche die Hirae selbst sind, die das Volk Därme zu nennen pflegt; die Gurgel, das Erste im Schlund, welcher die Einrichtung zukommt, die Nahrung dem widerkauenden Geschlecht heraufzustoßen und niederzuschlucken. Nicht die Leckerbissen, die Fladen, nicht tausenderlei Arten von Würsten sowohl als von Mussen, deren Namen ihr in’s Dunkle gestellt und dem Volke ehrwürdiger gemacht habt.

Wenn jedwedes, was die Menschen thun, und insbesondere in heiligen Dingen, seine Ursache haben muß, und wenn Nichts in allen Verrichtungen und bei jeglicher Dienstleistung ohne Grund zu vollbringen ist, so wollet uns erklären und sagen, was ist Ursache, was Grund, daß auch jene Dinge den Göttern dargebracht und auf den Altären verbrannt werden? denn hierbei verweilen wir länger, halten inne und hängen uns ein, voll Begierde zu erfahren, was der Gott mit den Mussen, mit den Kuchen, mit den verschiedenen Würsten, nach der vielfachen Beschaffenheit der Bereitung und zufolge der Mannigfaltigkeit der Ingredienzien zugerichtet, zu schaffen habe? Werden die Gottheiten durch die prachtvollen Mahle ergriffen, so daß es ziemt, denselben unzählbare Speisen auszusinnen? Empfinden sie etwa Abscheu und Widerwillen, so daß zur Vertreibung des Eckels die Geschmacksmannigfaltigkeit erfordert wird, indem man bald Gebratenes, bald noch Bluttriefendes, bald Halbgekochtes und fast Rohes vorsetzt? Wofern die Götter alle die zerschnittenen Fleischtheile (Prosiciae) zu empfangen lieben und sind dieselben ihnen wohlgefällig, sey es durch die Empfindung irgend einer Wollust oder Annehmlichkeit, was hindert, was verbietet, daß ihr sie nicht auf einmal sammt den ganzen Thieren darbringt? Was ist Ursache, was Grund, daß man das Bugfleisch, die Gurgel, den Schweif und das Schwanzstück abgesondert, daß man die Gedärme, das Netz allein für sich aus Ursache der Mehrung hinzuthut? Werden die himmlischen Götter durch der Zuspeisen Mannigfaltigkeit angeregt, daß sie, wie es nach der Tafelmast der Reichen und Begüterten Gebrauch ist, diese kleinen Bissen als köstliche Leckereien zu sich nehmen, nicht um den Hunger zu stillen, sondern um den abgestumpften Gaumen anzutreiben und sich selbst zur Begier der vollen Gefräßigkeit aufzureizen? O wundersame, o allen Menschen unbegreifliche, keinem Wesen erkennbare Erhabenheit der Götter! wenn dieselben nämlich, um günstig zu seyn, durch der Thiere Hoden und Gurgeln erkauft werden, und nicht eher Groll und Zorn fahren lassen, als bis sie sich durch bereitete Mastdärme und Schwanzstücke geehrt erblicken.

Es folgt nun, daß wir etwas vom Weihrauch und vom Weine, doch ohne Uebermaaß sagen: denn auch diese Arten der Ceremonien sind verbunden und vermischt, und werden im Ritus häufig angewendet. Und so fragen und forschen wir zuerst wegen diesem Weihrauch selbst bei euch. woher und durch welche Umstände konntet ihr dieß erkennen oder wissen, um billiger Weise zu entscheiden, er sey entweder den Göttern zu opfern, oder ihrem Verlangen höchst willkommen: denn diese Sache ist fast neu und hat keine unaussprechliche Reihe von Jahren für sich, seit ihre Kenntniß sich ausbreitete und sie die Anwesenheit in den geheiligten Räumen erwarb: denn weder war in den heroischen Zeiten, obschon man es glaubt und aussagt, bekannt, was Weihrauch sey, wie aus den alten Schriftstellern sich erweist, in deren Schriften keine Erwähnung desselben aufgefunden wird; noch auch hatte die Erzeugerin und Mutter des Aberglaubens, Hetruria, weder eine Vermuthung noch ein Gerücht von ihm, wie der Ritus der geheiligten Räume darthut; noch ward irgend einer während der vierhundertjährigen Dauer von Alba beim Opferdienst verbraucht; ja Romulus selbst, wie auch der in religiösen Erfindungen kunstfertige Numa, wußten weder sein Daseyn noch desselben Beschaffenheit, wie das lautere Spelt bezeugt, mit dem Gebrauch war der Festopfer Gaben darzubringen. Woher also der Beginn seiner Gebrauchsannahme, oder drang in die alte und frühere Gewohnheit irgend eine Neuerung ein, so daß, was solcher langen Zeit unnöthig war, den ersten Platz unter den Zeremonien einnahm? denn ist der Gottesdienst ohne Weihrauch mangelhaft und ist seine Kraft nothwendig, um die Himmlischen den Menschen gewogen und milde zu machen, so haben die Alten, obschon ihr ganzes Leben voll Sühnopfer war, gesündigt, indem sie, was ganz vorzüglich der Götter Wollust angemessen, aus Nachlässigkeit zu spenden versäumten. Wofern aber in alten Zeiten weder die Menschen noch auch die Götter dieses Weihrauchs Stoffe verlangten, so bethätigt sich, daß auch jetzt nutzlos und nichtiger Weise geleistet werde, was das Alterthum für unnothendig hielt und ohne jeden Grund die Neuerung begehrte.

Endlich, um immer jene Regel und Bestimmung einzuhalten, welcher zufolge dargethan und festgestellt ist, was immer vom Menschen geschähe müsse seine Ursachen haben, wollen wir auch hier beibehalten, von euch zu erforschen, welche Ursache, welcher Grund stattfinde, daß man vor der Gottheiten Bildnisse selbst Weihrauch auf die Altäre hinstreue, und dafürhalte, durch desselben Verbrennung würden sie zutraulicher und milder; was aus derlei Thun ihnen zukomme oder was derselben Gemüthszustände berühre, um billiger Weise zu urtheilen, mit Recht werde dieß angewendet und nicht nutzlos wie nichtig verbrennt: denn wie ihr darthun müßt, warum ihr den Göttern Weihrauch darbringt, so folgt auch, daß ihr zeigen müßt, die Götter haben irgend eine Ursache, warum sie ihn nicht zurückweisen, warum sie ihn vielmehr so eifrig verlangen. Jemand sagt etwa, wir ehren damit die Götter. Wir aber suchen nicht nach eurer Gesinnung, sondern nach der der Gottheiten; nicht nach dem was ihr thut fragen wir, sondern wie hoch von diesen, was zum Lohn der Gunst man giebt, geschätzt werden mag. Doch o Frömmigkeit! wie groß ist die Ehre oder welcher Beschaffenheit, die durch den Geruch mittelst des Feuers bewirkt und aus dem Harz eines Baumes bereitet wird? denn damit ihr nicht vielleicht Unwissenheit vorschützt, was und woher dieser Weihrauch sey; er ist die aus der Rinde hervorrinnende zähe Feuchtigkeit, eben so wie aus dem Mandelbaum, aus dem Kirschbaum, in thränenartiger Enttropfung sich verbindend. Solcherlei also ehrt und mehrt die göttliche Würde, oder hat man irgend einmal eine Beleidigung verschuldet, sie sühnt sich durch des Weihrauchs Dampf und der beruhigte Unwille schwindet dahin? Was zaudert ihr demnach, eines jeden Baumes Harz ohne irgend einen Unterschied zu verbrennen? denn werden hierdurch die Gottheiten geehrt und halten sie es nicht ihrer unschicklich, um panchäischen Duft zu entbrennen: was liegt dann daran, woher der Rauch den heiligen Altären verschafft werden mag; oder welcher Art Harz die Rauchwolken der Sühnung entsteigen?

Nun wird etwa Einer sagen: um deßwillen bringt man den Göttern Weihrauch dar, weil sein Geruch angenehm ist und der Empfindung der Nase schmeichelt; die anderen Rauchwerke dagegen sind scharf und um der Widerwärtigkeit willen ausgeschlossen. Haben also die Götter Nasen, mittelst denen sie Athem holen, die Luft einziehen und auslassen, so daß der verschiedenartigen Düfte Beschaffenheiten sie durchdringen können? Geben wir aber dieß zu, so machen wir sie dem Gesetz der Sterblichkeit verbindlich und schließen sie von der Göttlichkeit aus: denn was immer athmet, abwechselnd die Luft einzieht und ausstößt, ist nothwendig sterblich, weil es durch die Nahrung der Luft erhalten wird. Was immer aber durch die Luftnahrung besteht, entreißt man ihm die Mittel, wodurch der belebende Wechsel des Aus- und Einathmens besteht, nothwendig wird desselben Seele erwürgt und des Lebens Grund zerstört. Wenn also auch die Götter athmen und den Duft eingehüllt in die leitenden Lüfte an sich ziehen, so ist es nicht wider die Wahrheit zu behaupten, daß dieselben sowohl durch fremde Räucherungen leben, als auch bei verschlossenen Luftlöchern zu Grunde gehen können. Und woher ganz zuletzt wißt ihr, ob, werden sie von der Gerüche Annehmlichkeit berührt, ebendieselben ihnen erfreulich sind, welche euch, und ob eure Naturen mit gleicher Empfindung diese berühren wie anregen? kann nicht vielmehr geschehen, daß was euch Lust bringt, ihnen gegentheils scharf und widerlich vorkomme? denn sofern die Götter der Gesinnungen nach verschieden und nicht Einer Wesenheit sind, nach welchen Gründen kann man folgern, das der Beschaffenheit zufolge Verschiedene empfinde und erfasse dieselbe Berührung? Nehmen wir nicht täglich auch bei den irdischen Geschöpfen wahr, wie den verschiedenen dasselbe entweder angenehm oder unangenehm sey; wie diesen tödtlich, was jenen unschädlich; wie was Manchen mit Wohlgeruch erfreut, den Anderen mit Pestdunst anhaucht? Daß aber dieß geschieht und stattfindet, daran ist die Ursache nicht in den Dingen, welche keinesweges zugleich schädlich, zugleich heilsam, zugleich angenehm und zugleich widerlich seyn können; sondern wie Jeder beschaffen ist zur Berührung des von Außen her kommenden Dinges, dergestalt wird er angeregt. Nicht empfängt er die entstandene Beschaffenheit aus der Dinge Anregung, sondern aus seiner Empfindung und Berührung Natur. Alle diese Rücksichten aber sind den Göttern weit entfernt und durch keinen geringen Abstand abgeschieden: denn wenn wahr ist, wie die Weisen annehmen, sie seyen unkörperlich und ließen sich durch keinerlei Kraftvollkommenheit aufrichten, so ist bei ihnen der Geruch vergeblich und nicht vermag irgend eines Duftes Hauch sie sinnlicher Weise zu bewegen; selbst wenn man tausend Pfunde männlichen Weihrauch anzündete und der ganze Himmel sich mit den Nebeln der aufwallenden Dünste umschlösse. Was nämlich keine körperliche Kraft und Wesenheit hat, kann von einer körperlichen Wesenheit nicht berührt werden; der Geruch aber ist ein Körper, wie die Berührung der Nase erweist. Aus keinem Grunde kann also von Gott derselbe empfunden werden, welcher in Wahrheit der Körperlichkeit ledig und aller Sinnlichkeit entnommen ist.

Der Wein ist des Weihrauchs Genosse; daher verlangen wir auf gleiche Weise die Auseinandersetzung, weshalb man bei desselben Entzündung diesen überschütte: denn wird der Grund, warum dieß geschieht, nicht dargethan, und hat derselbe keine offenkundige Ursache, so muß man dieß nicht als kurzweiliges Versehen vorrücken, sondern, um ausdrücklicher zu sprechen, als Unsinn, Verstandlosigkeit, Blindheit. Wie nämlich schon oftmals gesagt worden, Alles was man thut, muß seine deutliche Ursache haben und nicht durch irgend eine Dunkelheit verdeckt seyn. Schenkt ihr also der That Glauben, so deckt auf, so sagt, warum man diese Flüssigkeit darbringt, das heißt warum man puren Wein auf den Altären ausgießt. Verspüren etwa die Körper der Gottheiten einen trockenen Durst und fühlen sie ein Drängen, die Dürre mit erquickendem Naß zu mildern? Ob sie wohl auch, wie bei uns Sterblichen der Gebrauch ist, dem Essen das Trinken zumischen; auf gleiche Weise nach der derben Kost der Kuchen und Musse, der geschlachteten Opferthiere, zur leichteren Verdauung, sich mit überflüssigem Weine befeuchten und traktiren. Gebet, ich bitte, den unsterblichen Göttern zu trinken; bringet zweigehenkelte Becher, Pokale, Schalen und Trinkgefäße; und weil sie sich mit Stieren und fetten Speisen, mit derben Bissen vollstopfen, nicht das gierig in den Magen niedergeschluckte Fleisch dort liegen bleibe, so kommt denn zu Hülfe, eilet schleunig herbei und reicht dem besten und höchsten Jupiter Wein, auf daß er nicht ersticke: er begehrt zu rülpsen, und ist nicht im Stande; wird die Verstopfung nicht gehoben und gelöst, so ist die höchste Gefahr, daß der Athem durch das Würgen stockt und der Himmel beraubt ohne seinen Lenker verbleibt.

Fruchtlos, sagt man, verhöhnst du uns aber: denn wir gießen den Göttern nicht um deßwillen puren Wein aus, als hielten wir dafür, sie hätten Durst, tränken oder würden durch desselben Annehmlichkeit zur Lust gestimmt. Der Ehre wegen wird er ihnen also dargebracht; damit derselben Erhabenheit noch erhabener, großartiger und ehrwürdiger werde, überschütten wir die Altäre selbst und entlocken mittelst der gelöschten Kohlen ehrenden Wohlgeruch. Und welche ärgere Schmach kann man den Göttern anthun, als zu glauben, durch den Empfang von Wein würden sie günstig gestimmt; oder meinst du etwa, sie hielten das für eine besondere Ehre, wenn du nur einige Tropfen Wein über lebendige Kohlen hinwirfst und aufträufelst? Nicht mit vernunftlosen Menschen und mit solchen, denen der Erkenntniß Wahrheit nicht gemeinsam ist, pflegen wir die Rede; auch euch wohnt Weisheit, wohnt Einsicht inne, und daß wir die Wahrheit sprechen, wißt ihr wohl selbst aus innerem Urtheil. Aber was können wir mit solchen, welche die Dinge selbst nicht genau erwägen wollen, und nur mit sich selbst sprechen, anfangen? denn ihr thut, was ihr wahrnehmt, daß man thue; nicht aber setzt ihr festes Vertrauen darein, was vernünftiger Weise geschehen soll. Ohne Zweifel, weil bei euch die unbegränzte Gewohnheit mehr gilt, als die erkannte Natur der Dinge, erwogen durch der Wahrheit Prüfung. Was hat nun der Gott mit dem Weine zu schaffen, oder welche Kraft ist in desselben Körper, oder wie mächtig ist er, um, ausgegossen, jenes Erhabenheit zu mehren und als Verherrlichung der Würde. angesehen zu werden? Was, sage ich, hat der Gott mit dem Weine zu schaffen, der der geilen Lust zunächst, die Kräfte aller Tugenden schwächt, ein Widersacher der Bescheidenheit, Schamhaftigkeit und Keuschheit ist? welcher nur zu oft die aufgeregten Gemüther zum Wahnsinn wie zur Raserei fortgetrieben und jene Götter selbst gezwungen hat, in schmählichen Unbesonnenheiten sich ihrer Würde zu begeben. Ist es dergestalt nicht sündhaft und ein vollendetes Verbrechen der Gotteslästerung, das zur Ehrung darzubringen, was, genießest du es gieriger, dich deines Thuns unkundig, deiner Rede unwissend macht; was dir endlich den lauteren Tadel und die Makel eines Trunkenboldes, Schlemmers und Verkommenen erwirbt?

Es ist der Mühe wohl werth, auch die Worte selbst anzuführen, die man bei Darbringung des Weines gewöhnlich gebraucht und betet: Laß dir diesen ausgegossenen Wein gefallen! Das Wort ausgegossen ist, wie Trebatius bemerkt, aus der Ursache beigefügt und wird um des Grundes willen ausgesprochen, damit nicht aller in den gewölbten Kammern und Apotheken bewahrte Wein, von dem der ausgegossene hergenonnnen ist, geweiht zu seyn beginne und dem menschlichen Gebrauche entzogen werde. Mittelst dieses hinzugefügten Wortes wird also der dargebrachte allein geweiht seyn und der übrige der Religion nicht zugeeignet werden. Welch eine Ehre ist nun die, wo dem Gott gleichsam als Gesetz man auferlegt, nicht mehr als das Dargebrachte zu fordern? oder welche Begierde hat der Gott selbst, der, würde er nicht durch eines Wortes Vorschrift abgehalten, sein Verlangen weiter ausdehnte und den Flehenden seiner Weinlager beraubte? Laß dir diesen ausgegossenen Wein gefallen! das ist eine Beleidigung, keine Ehrung, was weiter, wenn nun der Gott irgend mehr davon haben will, und ist er nicht mit dem dargebrachten zufrieden? Muß man nicht sagen, der werde auf sonderliche Weise beleidigt, den man zwingt, die Ehrenbezeugung unter Bedingung zu empfangen? denn wenn ohne hinzugefügte Ausnahme nothwendig aller in den Kammer befindliche Wein ganz und gar geweiht, so geschieht offenbar dem Gott Schimpfliches, dem man wider seinen Willen ein Maaß festsetzt; und ihr selbst verletzt im heiligen Dienste die Pflichten der Ehrfurcht, da ihr nicht so viel Wein als ihr seht, daß der Gott sich dargereicht verlangt, spendet. Laß dir diesen angegossenen Wein gefallen! was heißt das anders als aussagen: Mit so vielem magst du zufrieden seyn als ich will; so sehr vergrößert magst du seyn als ich genehmige; solcher Ehre theilhaftig werden als ich dir zuerkenne und durch Worte abgrenze. O allvermögende Erhabenheit der Götter, welcher Anbetung, welcher mittelst aller Dienstleistungen ehrfurchtsvolle Verehrung gebührt: dir legt der Verehrer das Gesetz auf, dich betet er mit Vertrag und Vorschrift an, dich hält er durch Eines Wortes Schrei von unmäßiger Weingier zurück.

Allein es sey, wie ihr wollt, Ehrung im Weine, sie sey auch im Weihrauch; es mögen durch der Opferthiere Schlachtung der Gottheiten Zornwallungen und Aergernisse besänftigt werden. Lassen sich die Götter nicht auch durch Kränze, durch Kronen und Blumen umstimmen? Auch durch das Erzgetön und Schütteln der Cymbeln? durch Paukenschlagen? auch durch Musikchöre? Was bewirket des Skabells Knarren, daß wenn dasselbe die Gottheiten hören, sie sich für ehrenvoll behandelt betrachten und das heiße Zornverlangen der Vergeßlichkeit anheimgeben? Werden vielleicht, gleich wie man Kinder vom unschicklichen Weinen durch das Geräusch der Klappern abschreckt, auf gleiche Weise die allmächtigen Gottheiten durch der Pfeifen scharfes Getön besänftigt und lassen bei der Zymbeln Schall die aufgeregte Erbitterung fahren? Was sollen ihnen diese Ermunterungen, welche ihr des Morgens singt, begleitet von Pfeifen? Schlafen etwa die Götter, daß sie erweckt werden müssen? Was bedeuten jene Anwünschungen, wohl zu schlafen? Um des Schlafes Ruhe genießen zu können, müssen sie die sanften Lieder hören? Man sagt: Heute ist der Göttermutter Waschung. Die Götter beschmutzen sich nämlich und um die Unreinheit wegzuwischen, ist Wasser wie auch die dazu gehörende Reibung mit alter Asche nothwendig. Morgen findet Jupiters Speisung statt. Jupiter nämlich tafelt und muß mit reichlichen Schüsseln ersättigt werden: denn schon lange übt er Enthaltsamkeit und fastet seit einem Jahre. Aeskulaps Weinlese wird begangen und gefeiert. Die Götter bestellen nämlich die Weinberge und pressen zu ihrem Gebrauch mittelst der verschuldeten Winzer den Wein. An dem nächsten Idus wird die feierliche Kissenbereitung der Ceres angeordnet. Die Götter haben nämlich Betten und damit sie auf dem Polster weicher liegen können, erhöht man es noch mit Kissen. Man feiert der Erde Geburtstag. Die Götter kommen nämlich aus der Gebärmutter hervor und haben ihre Freudentage, von welchen an man ihnen beimißt, daß sie die Lebensluft sich aneigneten.

Die Spiele aber, die ihr veranstaltet, Floralien und Megalesien genannt, sammt allen übrigen, die ihr als heilig gehalten und unter die Religionsdienste gezählt wissen wollt, welcher Grund, welche Ursache veranlaßte, daß sie angeordnet und eingerichtet, nach der Götter Namen bezeichnet werden mußten? Man sagt, durch sie werden die Götter geehrt, und bewahren diese das Andenken der von Menschen ihnen zugefügten Beleidigungen, so geben sie dieselben auf, vernichten die Erinnerung und kehren sich wieder mit erneuerter Zuthunlichkeit als Gönner uns zu. Und was ist ferner Ursache, daß sie beruhigt, gefällig, sanftmüthig werden, wenn thörichtes Zeug vollbracht und vor der gaffenden Menge durch unnütze Menschen vorgestellt wird? Läßt Jupiter seinen Zorn fahren, wenn der plautinische Amphitryo gestikulirt und vorgetragen wird? oder wenn man die Europa, die Leda, den Ganymedes oder die Danae tanzt, zähmt er da seinen Groll? Läßt sich die große Mutter beruhigen, sänftigen, wenn sie die alte Fabel vom Attis durch Schauspieler wieder aufwärmen sieht? Wird Venus ihr Unglück vergessen, wenn sie den Pantomimen als Adonis verkleidet tanzend erblickt? Des Alciden Unwille erschlafft wohl, wenn des Sophokles Tragödie, die Trachinerinnen genannt, oder des Euripides Herkules vorgestellt wird? Hält sich Flora etwa für ehrenvoll behandelt, schaut sie bei ihren Spielen die schmählichen Dinge treiben und den Umzug von den Hurenhäusern nach dem Theater? Heißt das nun nicht der Götter Würde verderben, wenn man ihnen die schändlichsten Dinge zueignet und weiht, welche das strengsittliche Gemüth zurückstößt, und deren Darsteller euer Recht als der Bürgerehre entnommen und zur Klasse der Ehrlosen gehörig verdammt hat? Unfehlbar erfreuen sich die Götter an den Mimen, und jene vortreffliche, keiner Menschennatur irgend erfaßbare Machtvollkommenheit leiht auf’s willigste denselben, sie zu hören, das Ohr, obschon sie sich als Stoff zum Verlachen derselben mehrsten Schauspielen eingemischt wissen; ja sie ergötzen sich, wie bei uns, an den geschorenen Köpfen der Spaßmacher, an dem Schlagen und Klatschen der flachen Hände, an der Schändlichkeit übermäßiger Phallus. Außerdem aber, wenn sie die zur weibischen Weichlichkeit entarteten Männer schauen, wie diese vergeblich schreien, jene ohne Ursache umherlaufen, andere, unbeschadet ihrer Freundschaft, sich niederschlagen und in mörderischen Kampfhandschuhen zerfleischen; wie diese wetteifern, wer länger in einem Athem fortreden oder fortsingen könne, wie sie die Backen voll nehmen und mit mächtigen Fersen stampfen, dann erheben sie die Hände zum Himmel, springen, von den bewunderungswürdigen Dingen aufgeregt, empor, rufen laut Beifall und wenden sich voll Gunst den Menschen zu. Bewirkt dieß bei den unsterblichen Göttern des Grolles Vergessen, verursachen die Komödien, die Atellanen, die Mimen ihnen die erfreulichste Lust, was säumt, was zögert ihr auszusagen, daß auch die Götter selbst Kurzweil treiben, scherzen, tanzen, unsittliche Lieder verfassen und mit bebenden Lenden sich umherdrehen? denn welcher Unterschied findet statt, oder was liegt daran, ob sie dieß selbst thun, oder ob sie daran, geschieht es von Anderen, Wohlgefallen und Ergötzung haben?

Woher oder aus welchen Ursachen kommt nun dieser Meinungen Verruchtheit? daher wohl zumeist, daß die Menschen nicht im Stande sind, zu wissen was Gott sey, was desselben Kraft, Natur, Wesenheit, Beschaffenheit; ob er eine Gestaltung habe oder durch keine Körperlichkeit umschlossen sey; ob Er irgend Etwas thut oder Nichts; ob Er fortwährend wacht oder manchmal in Schlaf verfällt; ob Er sich umher bewegt, sitzt, geht, oder ob Er dieser Bewegungen und der Ruhe enthoben sey? Dieß Alles, wie gesagt, nicht wissen noch auf irgend eine Weise erkennen könnend, verfielen sie auf jene Meinungen, daß sie die Götter nach sich bildeten und ihnen eine solch Natur hinsichtlich der Handlungen, Verrichtungen und Gesinnungen beilegten, wie ihre eigene beschaffen ist. Nähmen sie aber wahr, sie seyen ein werthloses Thier und wenig verschieden von der Ameise, sie ließen wahrhaftig ab zu meinen, es komme ihnen irgend etwas Gemeinschaftliches mit den Göttern zu, und hielten sich bescheiden innerhalb den Grenzen ihrer Niedrigkeit. Nun aber, da sie bemerken, daß sie sich des Mundes, der Augen, des Kopfes, der Backen, der Ohren, der Nase und der übrigen Gliedmaßen wie Eingeweide bedienen, so halten sie dafür, auch die Götter eben so geformt enthielten im Körperbau ihre Gestaltung. Und weil sie Freude, Vergnügen, Trauer durch ungünstigere Verhältnisse veranlaßt in sich wahrnehmen, so meinen sie, auch die Götter erfreuten sich ob heiterer Dinge und minder angenehme beengten ihre Herzen. Da sie durch Spiele gereizt werden, so nehmen sie an, auch der Himmlischen Gemüther ließen sich durch der Spiele Erlustigungen ergötzen. Und weil es ihnen eine Lust ist, sich in der Hitze durch Bäder zu erfrischen, so halten sie der Bäder Reinigung auch den Göttern angenehm. Wir Menschen begehren die Weinlese und so glaubt man, daß die Götter ebenfalls ihre Lese vornehmen und feiern. Wir haben Geburtstage, auch den himmlischen Mächten behauptet man solche zu. Könnten sie den Göttern auch Unwohlseyn, Krankheiten und körperliche Uebel beilegen, nicht scheuten sie sich, dieselben als milzsüchtig, triefäugig und darmbrüchig auszusagen, weil sie selbst oftmals an der Milz, an den Augen leiden und beschwert sind mit ungeheuer großen Brüchen.

Wenn aber die sterblichen Götter nicht im Stande sind, sich zu erzürnen, sagt man, und keine Gemüthsbewegung derselben Natur erschüttert und heftig bewegt; was wollen dann die Geschichtbücher, die Annnalen, in deren Aufsammlungen wir doch lesen, daß die Götter durch mancherlei Beleidigung bewegt, Pest, Dürre, Hungersnoth und sonstige Drangsale den Städten und Nationen verhängt, daß sie durch der Opfer Sühne besänftigt, wieder des Unwillens Hitze aufgegeben und den Zustand des Himmels wie der Witterung in günstigere Beschaffenheit gewandelt haben? Was sollen die Erdbeben, was jenes unterirdische Tosen, welche, wie wir empfangen haben, sich ereigneten, weil die Spiele mit Nachlässigkeit betrieben und nicht ihrer Form wie Beschaffenheit gemäß besorgt wurden? Da man jedoch dieselben wiederherstellte und mit sorgfältiger Beobachtung wiederholte, so sey das Schrecken der Götter zur Ruhe gekommen und sie wären zur Sorgfalt wie Traulichkeit gegen die Menschen zurückgerufen worden. Wie oftmals hat man auf den Befehl der Wahrsager und zufolge der Aussagen der Haruspices, nach vollbrachtem Opfer sowohl gewisse Gottheiten von überseeischen Völkern hergerufen und ihnen geweihte Räume bereitet, als auch gewisse Zeichen und Bildnisse auf höhere Pfeiler hingestellt; und der androhenden Gefahren Schreck wurde abgewendet, der mächtigste Feind in die Flucht geschlagen; des Staates Wohlfahrt mehrte sich durch vielfache Siegesfeste wie häufigen Besitz von Provinzen? Was freilich nicht geschehen wäre, hätten die Götter die Opfer, die Spiele und den übrigen Kult verschmäht, und fanden sie sich nicht durch derselben Besorgung geehrt. Kältet also, dieß dargebracht, alle Hitze und jeden Groll der Gottheiten ab, wendet sich, was Schrecken zu bringen schien, zum Guten, so ist augenscheinlich, dieß Alles geschähe nicht ohne der Himmlischen Wille und daß solches von uns vollbracht werden solle, tadle man ohne Grund und aus vollkommener Unkunde.

So sind wir denn, während unserer Untersuchung, zur Hauptsache, zum Wendepunkt, zum wahrhaftigen Ziel gelangt, wo wir schicklicher Weise mit Verbannung aller abergläubischer Furcht und Ablegung jeder Rücksicht erwägen müssen: ob jene wohl Götter seyen, von denen ihr versichert, daß sie als Beleidigte in Zorn wüthen und durch Opfer sich besänftigen lassen; oder ob sie etwas weit Anderes seyen und von solcher Machtvollkommenheit dem Namen wie der Kraft nach abgesondert werden müssen: denn nicht gehen wir darauf aus, zu leugnen, daß in den Annalen das Alles aufgezeichnet enthalten sey, was ihr zur Entgegnung vorgebracht habt, weil wir selbst dieselben nach dem Maaße und zufolge dem Fassungsvermögen unseres Scharfsinnes lesen und wissen, daß man als gewiß festsetzt, es habe ein gewisser Hausvater einstmals vor dem Beginn der dem höchsten Jupiter geweihten circensischen Spiele einen höchst schuldigen Sklaven mitten durch den Cirkus gegeißelt und dann, dem Gebrauch gemäß, an’s Kreuz geschlagen; worauf nach Beendigung der Spiele und nach abgehaltenen Wettfahrten alsbald eine Pest die Stadt zu verwüsten begonnen. Da mit jedem Tage das Uebel zunahm und das Volk haufenweise zu Grunde ging, habe Jupiter einen Landmann von geringer Abkunft im Traume ermahnt, zu den Konsuln hinzugehen, ihnen sein Mißfallen an jenem Vorsteher auszudrücken und zu eröffnen, es könne mit der Stadt sich zum Besseren wenden, würden die Spiele seiner Verehrung wieder zurückgegeben und auf’s Neue mit genauer Sorgfalt abgehalten. Als derselbe nun diesen Auftrag keinesweges vollzog, entweder weil er den Traum für nichtig und bei den Hörern für unglaubwürdig hielt, oder aber weil er seiner angeborenen Niedrigkeit eingedenk den Zuspruch in solche Machtinhaber floh und scheute, so bestrafte Jupiter, erzürnt, den Zauderer durch den Tod seiner Söhne. Endlich, da ihm selbst der Untergang angedroht wurde, wenn nicht wegen des Mißfälligen der Obrigkeit Kunde zukäme, ließ er von der Todesfurcht erschüttert: denn schon war er ergriffen vom Feuer der Pest, nach dem Rathe seiner Verwandten dem Senat die Sache eröffnen, und sobald der Traum erzählt gewesen, habe ihn die Ansteckung verlassen. Hierauf sey die Wiederherstellung der Spiele anbefohlen worden und da man sie mit größtmöglichster Sorgfalt angestellt, habe das Volk den früheren Gesundheitszustand wieder empfangen.

Deßgleichen wollen wir auch dieß zu wissen nicht leugnen, daß, da einst in bedrängten Zeiten der Stadt und Republik, sey es, daß verderbliche Seuche in andauernder Ansteckung das Volk aufrieb; sey es, daß mächtige Feinde schon die Gefahr des Verlustes der Freiheit durch Schlachtenglück nahe heran brachten, auf Befehl und Mahnung der Wahrsager von überseeischen Völkern Götter herbeigerufen und mit prachtvollen Tempeln geehrt wurden, sich der Seuche Heftigkeit gelegt habe, wie auch nach gebrochener Kraft der Feinde zahlreiche Siege Vergrößerung des Reiches und Unterwerfung unzähliger Provinzen unter euere Gesetze erfolgt sey. Allein auch das entflieht nicht unserer Kunde, daß man lese und anführe, als das Kapitol vom Blitz getroffen ward, sey auch das auf dem höchsten Gipfel stehende Bild des Jupiters von seinem Standort herabgeschleudert worden. Darauf hätten die Haruspices die Antwort gegeben, dieß zeige auf schreckliche und höchst trübselige Zustände hin, durch Brand, durch Mord, durch Zerrüttung der Ordnung und Verfall des Rechtes, insbesondere durch Hausfeinde und durch die frevle Hand der Verschworenen; doch könne dieß abgewendet werden, ja auf keine andere Weise vermöge man die gefährlichen Entschließungen zu vereiteln, als daß man Jupiters Bildniß neuerdings auf höherem Gipfel, dem Morgen zugewendet und den Sonnenstrahlen entgegen aufstellte. Das Gesagte bewährte sich: denn nach Errichtung des Gibels und nach Aufstellung des Bildnisses der Sonne zu, wurde das Verborgene aufgedeckt und als Uebelthat erfunden bestraft.

Diese Dinge haben allerdings eine Gestalt von Wunderbarkeit, ja vielmehr läßt sich glauben, daß alles dieß Ausgesagte eine solche habe, wenn es so, wie es dargestellt ist, zum menschlichen Ohre gelangt; und nicht leugnen wir, es sey irgend Etwas dabei, was beim ersten Blicke, wie man zu sagen pflegt, die Sinne blenden und durch die Aehnlichkeit mit der Wahrheit täuschen könne. Wenn man übrigens das Geschehene, die handelnden Personen und derselben Gesinnungen genau erforschen will, so findet sich Nichts der Götter Würdiges, und, was schon oft gesagt worden, Nichts zu dieses Namens Begriff und Werth Zustimmendes. Wer nämlich vorerst mag glauben, jener sey ein Gott gewesen, welcher zwecklos sich durch Pferderennen ergötzen ließ und auf’s höchste erfreut ward durch die Einladung zu dieser Art Kurzweil? Ja, wer mag beistimmen, jener sey Jupiter, den ihr als den obersten Gott und Urheber aller seyenden Dinge aussagt, welcher vom Himmel herwanderte, um die der Schnelligkeit wegen wetteifernden, die sieben Kreisbahnen wiederholenden verschnittenen Hengste zu schauen, und daß der, welcher selbst sie der Körperbewegung nach unähnlich gewollt, doch sich erfreute, wie sie vorlaufen, überrannt werden, zur Erde gebeugt stürzen, zurückgebogen mit dem Wagen sich wenden, sich hinschleppen, mit gebrochenen Beinen hinken; auch die mit Possen und Grausamkeiten vermischten Nichtswürdigkeiten für die höchste Lust hinnahm, welche jedweder fröhliche Mensch, nicht herangebildet zum vollen Ernst und Gleichmuth, für bübisch halten und als Kurzweil verschmähen würde? Wer mag glauben, sage ich, um diesen Ausspruch fortwährend zu wiederholen, der sey göttlichen Geschlechtes, der, weil bei dem im Cirkus angestellten Spiele die wohlverdiente Strafe vollzogen ward, unwillig in Zorn entbrannte und sich selbst zur Rache anschickte? War der Sklave nämlich ein Missethäter und mußte derselbe mit jener Strafe belegt werden: wie konnte Jupiter irgend ein Unwille überkommen, da man nichts Ungerechtes vollbrachte, ja vielmehr das schuldige Haupt mit den schicklichen Strafen traf? War dieser aber keines Verbrechens schuldig und nicht straffällig, so befand er selbst sich in der Lage des fehlenden Vorstehers, da er ihm beistehen konnte, es aber nicht that, ja vielmehr selbst zu Stande brachte, daß derselbe, was er mißbilligte, nicht nur erlaubte, sondern auch mit seiner Erlaubniß Andere bestrafte. Und weshalb hat er sich dann als von jenem Vorsteher beleidigt beklagt und offenbart, weil der Sklave durch des Cirkus Mitte mit Geißeln und Ruthen zum Kreuz hingepeitscht wurde?

Welche Befleckung und welche Schande konnte aus dieser That hervorkommen, wodurch der Cirkus entweder verunreinigt oder Jupiter bemakelt würde, da er doch in der kürzesten Zeit, in jedem Augenblick auf dem ganzen Erdkreise Tausende durch die verschiedenartigsten Todesarten und mannigfaltigsten Martern zu Grunde gehen sehen mußte? es heißt: Ehe man die Spiele anzustellen begann, ist der Sklave bestraft worden. Wofern mit frevelhaftem Sinn und aus Religionsverachtung, so ist Grund vorhanden, daß wir dem ob seiner Verachtung und wegen der geringern auf die eigentlichen circensischen Spiele verwendeten Sorgfalt unwilligen Jupiter verzeihen müssen. Wofern aber aus Irrthum oder Zufall, indem die sich bergende Verletzung nicht wahrgenommen und erkannt wurde, war es da nicht recht und dem Jupiter schicklich, der menschlichen Fehler zu vergessen und der Unwissenheit Blindheit mit der Verzeihung Zugeständnis zu beschenken? Allein die Sache mußte bestraft werden. Und hiernach wer will glauben, der sey ein Gott gewesen, welcher die Vernachlässigung einer kindischen Erlustigung durch den Untergang einer Stadt gerächt und bestraft hat? der habe die Kraft irgend eines Ernstes, einer Würde oder Beharrlichkeit besessen, welcher, damit man ihm zur Ergötzung von neuem Rennspiele anstelle, das Luftschöpfen zum Verderben machte und mittelst der Pest der Menschheit Vernichtung verhing? Wenn der Spielegeber, der Magistrat, zu geringe Sorge aufwand zu erfahren, was an jenem Tage mitten im Cirkus geschehen und hierdurch eine Schuld sich erzeugt hat, was verdiente das unglückselige Volk, fremdes Verbrechen mit eigener Todesstrafe zu sühnen und durch die Pestseuche grausamer Weise aus dem Leben getrieben zu werden? Ja, was hatte das weibliche Geschlecht verschuldet, welches seiner Gebrechlichkeit Zustand von den öffentlichen Angelegenheiten entbindet? was jene herangewachsenen Jungfrauen, was die kleinen Kinder? Was endlich die Säuglinge? daß auch auf sie dieselbe Wuth losgelassen wurde, und zwar vorerst des Todes Bitterkeit, ehe sie noch irgend eine Süßigkeit des Lichtes zu genießen vermochten.

Wollte Jupiter, daß ihm die Spiele mit größerer Sorgfalt gefeiert und wiederhergestellt würden; war er willens, dem Volke die Gesundheit zuverlässig zurückzugeben und das angethanene Uebel nicht länger andauern und sich mehren zu lassen: war es dann nicht gehöriger, zu dem Konsul selbst, oder zu irgend einem der öffentlichen Priester, zum Pontifex Maximus oder zu seinem Flamen heranzukommen, und demselben im Traume sowohl des Vorstehers Verletzung als der Trübsal Veranlassung anzuzeigen? Welcher Grund war vorhanden, daß er einen Landmann, unbekannt durch seines Namens Dunkelheit, der städtischen Dinge unerfahren, vielleicht unwissend, was ein Vorsteher sey, zu seinem Boten erwählte und zum Wortführer der freimachenden Sühne? Wußte er nun, war er nur göttlichen Wesens, dieser werde zu gehorchen zaudern; war es da nicht minder schwierig und einer Gottheit zustehend, des Menschen Sinn zu wenden und den Willen zum Gehorsam zu beugen, als grausere Wege einzuschlagen und nach der Straßenräuber Gebrauch ohne alle Rücksicht loszuwüthen? Wenn nämlich der Landmann, der Vater saumselig in den zu bestellenden Dingen, aufgehalten durch die obigen Ursachen, in der anbefohlenen Sache zögerte, was haben da desselben unglückselige Kinder verschuldet, daß auf sie der Zorn und Unwille sich hinwendete und sie durch Beraubung des Lichtes eines Anderen Fehler vergüteten? Und welcher Mensch mag glauben, ein Gott sey so ungerecht, so lieblos und nicht einmal der Sterblichen Bestimmungen wahrend, welche für eine große Uebelthat halten, Einen für den Anderen zu strafen und Verbrechen an Anderer Nacken zu rächen? Aber auch ihn ließ er durch der Pestseuche Wüthen ergreifen. War es nicht treffender also, ja vielmehr billiger, faßte er den Entschluß beim Vater selbst den Schreck der Züchtigung anfangen zu lassen, welcher Ursache war solcher Unruhe und der ungehörigen Züchtigung, als zu dessen Schmerz den Kindern Gewalt anzuthun und Unschuldige durch den Brand der Seuche zu zerstören? Welch‘ eine Wuth, welche Grausamkeit, die sogar nach Vertilgung der Nachkommen, den Vater mit innerlichen Schmerzen in Schrecken setzte? Hätte er dieß nun schon längst, d. h. gleich von Anfang an gewollt, so wären weder die unschuldigen Geschwister aufgerieben worden, noch hätte sich der Gottheit Willen als ergrimmt zu erkennen gegeben, allein gleich nach erfüllter Pflicht der Verkündigung schwand die Seuche und augenblicklich ward dem Menschen die Gesundheit wiederhergestellt. Und was ist an dieser Sache bewunderungswürdig, wenn er das von ihm angefachte Uebel zurückstößt und sich selbst mit nichtiger Prahlerei erhebt? Erwägt man aber diesen Umstand genau, so lag in demselben mehr Grausamkeit als Gunst des Wohlbefindens, insofern er nämlich den elenden Menschen, der nach dem Verlust seiner Kinder auch zu sterben wünschte, nicht zur Lebensfreude bewahrte, sondern damit er in seine Einöde zurückkehrte und die Pein der Kinderlosigkeit empfinde.

Auf ähnliche Weise kann man auch andere Geschichten durchgehen und darthun, daß in denselben ebenfalls bei weitem Anderes von den Göttern ausgesagt und in derselben Erzählungen bekannt gemacht werde, als diesen zukommen muß; so wie in dieser selbst, welche ich gleich nachher anführen werde, derselben eine oder zwei verbindend, damit durch Unmäßigkeit nicht Ekel sich erzeuge. Ihr führt an, nachdem man gewisse Götter von überseeischen Völkern herbeigeführt, nachdem man ihnen Tempel erbaut und ihre Altäre mit Opfern gefüllt habe, sey das kranke Volk, sich erholend, genesen und die Pestseuche vor der eingebrachten Gesundheit erloschen. Welche Götter, ich bitte, sprecht sie aus. Ihr entgegnet Aeskulap, der zu Epidauros dem Wohlbefinden vorstehende Gott und auf der Tiberinsel angesiedelt. Hätten wir Lust, dieß genauer zu untersuchen, so erwiesen wir, euch selbst zu Bürgen nehmend, wie daß der keinesweges ein Gott gewesen, welcher in einem Mutterleibe empfangen und aus diesem geboren wurde, welcher auf der Jahre Stufen zu jenem Lebensalter heranstieg, wo der Blitzstrahl ihm, wie eure Schriften enthalten, Leben und Licht entriß. Wir stehen aber von dieser Untersuchung ab; er mag der Koronis Sohn seyn, wie ihr wollt, aus der Unsterblichen Schaar und mit fortdauernder himmlischer Erhabenheit begabt. Aus Epidauros aber, was Anderes ist daher angelangt, als eine großgewachsene Schlange? Beachten wir der Annalen Versicherung und legen wir denselben erforschte Wahrheit bei, wie geschrieben steht, nichts Anderes. Was sollen wir also sagen? Dieser Aeskulap, den ihr als hilfreichen Gott, als heiligen Gott, als Spender des Heiles, als Abhalter, Verhüter und Vertilger höchst schädlicher Krankheiten aussagt, hat die Gestalt einer Schlange, welche nach Art der aus Koth entstandenen Würmer hinkriecht, den Boden mit dem Bauche bestreift, sich in wellenförmigen Krümmungen dreht und um fortschreiten zu können, den Hintertheil zum Vordertheil zieht.

Und weil man auch den Gebrauch von Nahrung liest, wodurch das Leben in den Körpern weilt, so hat sie einen offen stehenden Schlund, mittelst dessen sie die mit dem Munde ergriffene Nahrung hinterschluckt, so hat sie einen Kropf, wo sie die verschluckten Körper verdaut, um sowohl Blut sich zu erzeugen als die Kräfte wieder herzustellen; so hat sie auch jene Endöffnung, durch welche die Unreinigkeit abgeht, den Körper des abscheulichen Unflaths entlastend. Wenn sie einmal den Ort wechselt und von einer Gegend in eine andere überzugehen sich bereitet, so schwebt sie nicht wie ein Gott unmerklich durch des Himmels Gestirne dahin, und hält im Augenblick, wo die Umstände es heischen, an; sondern dem schwerfälligen Thier gleich, nimmt sie ein tragendes Fahrzeug, meidet des Meeres Wogen, und um sicher wie wohlbehalten zu seyn, besteigt sie mit Menschen das Schiff; und jener Gott des öffentlichen Wohlbefindens vertraut sich gebrechlichem Holze, dem Gefüge der Bohlen. Wir meinen nicht, daß ihr überzeugen und behaupten könnt, jene Schlange sey Aeskulap gewesen; außer ihr wollt diese Beschönigung anführen und sagen, der Gott habe sich in die Schlange verwandelt, wodurch er, wer er wäre, verhehlen oder den Menschen zeigen konnte. Daß dieß von euch Ausgesagte wie kraftlos und schwach sey, wird der Sachen Ungleichförmigkeit darthun: denn vermied der Gott von den Menschen gesehen zu werden, so mußte er auch in der Schlange Gestalt sich nicht sehen lassen wollen, da in jeglicher Gestalt er immer derselbe war. Beabsichtigte er aber, sich der Anschauung hinzugeben, so mußte er dem Blick der Augen nicht ausweichen: denn warum stellte er sich nicht als Solchen zur Schau, welcher zu seyn er sich bewußt war und als welcher er die Machtvollkommenheit seiner Göttlichkeit fühlte? Dieß war nämlich vorzüglicher und um Vieles trefflicher, wie auch der hehren Würde angemessen, als ein Thier zu werden, sich in das Bild eines schauderhaften Geschöpfes zu verwandeln und zweideutigen Widersprüchen Raum zu geben: war er anders ein wahrer Gott oder was weiß ich sonst, weit entfernt von der oberen Erhabenheit.

Wenn es aber der Schlangengott nicht war, wirft man ein, warum kroch er dann, sobald er das Schiff verlassen, zur Tiberinsel; ist alsbald nicht mehr sichtbar gewesen und ließ sich nicht mehr wie vordem sehen? Können wir nun wissen, ob irgend Etwas vorhanden war, mittelst dessen Entgegenstellung und Vorschieben er sich verhehlen konnte, oder irgend eine Kluft? Ihr sollt bekannt machen, ihr mögt aussagen, was hieran gewesen oder welcher Art von Dingen solches in Verbindung gebracht werden mußte, wenn euere Dienste wahrhaftigen Personen wahrhaftig zukommen. Da die Sache nun so ist und es sich um euern Gott, um euern Glauben auch handelt, so kommt vielmehr euch die Belehrung, das Kundmachen dessen zu, was jene Dinge waren, als daß ihr unsere Meinungen hören, unsere Aussprüche erwarten wollt: denn was Anderes können wir aussagen, als was war und gesehen wurde, was alle Geschichten erzählen und mit Augen wahrgenommen worden ist? Diesen Drachen von sehr großer Dicke und ungemeiner Länge nennen wir Schlange oder wie sonst: denn wenn er wie eine Schlange dahinkroch, keine Füße und keine sonstigen Gliedmaßen der Bewegung anwendend, sondern mit dem Bauch niedergedrückt; wenn er aus Fleischstoff geformt sich in schlüpfriger Länge ausstreckte; wenn er Kopf wie Schweif hatte; wenn der Leib mit Schuppen besetzt war; wenn er in mannigfaltigen Farben schillerte; wenn der Rachen mit schrecklichen zum Verwunden geschickten Zähnen gerüstet war: was Anderes können wir da sagen, als er sey irdischen Geschlechtes gewesen, obwohl ungeheuer und übermäßig, obwohl an Körperlänge und Stärke jenem von des Regulus Heer mit Gewalt getödteten übertreffend? Aber glauben wir etwas Anderes, so erschüttern und stürzen wir die Wahrheit. Es kommt also euch zu nachzuweisen, was denn jener war oder welcher Gattung, welches Namens und welcher Beschaffenheit? denn wie konnte er ein Gott seyn, da er das besaß, was, wie gesagt, die Götter nicht besitzen müssen, wenn sie bedenken, Götter zu seyn und die Vollkommenheit dieser Benennung zu besitzen? Nachdem er zur Tiberinsel hingekrochen war, ist er alsbald nicht mehr gesehen worden; hieraus schloß man, er sey der Gott gewesen. Können wir nun wissen, ob hier irgend ein Ding vorhanden war, mittelst dessen Entgegenstellung und Vorschieben er sich verbergen konnte; oder ob eine Kluft etwa, eine aus Massen unförmlich aufgehäufte Höhlung, ein Gewölbe, in welche er sich schnell verlor und so der Schauenden Anblick entzog? Was weiter, wenn er den Fluß überschnellte? was, wofern er denselben durchschwamm? was, wenn er in des Waldes Dickicht schlüpfte? Der Schluß ist matt, hieraus die Vermuthung zu ziehen, der Drache sey der Gott gewesen, weil er sich mit beschleunigter Eilfertigkeit den Augen entzogen hat; da man ja hinwiederum mittelst desselben Schlusses darthun kann, er sey der Gott nicht gewesen.

War aber die anwesende Schlange der Gott nicht, wie ist dann nach derselben Ankunft der Pestseuche Gewalt gebrochen und dem römischen Volke die Gesundheit wieder hergestellt worden? Dagegen erwidern wir: Ward durch die Bücher der Weissagungen und durch die Aussprüche der Wahrsager befohlen, den Gott Aeskulap nach der Stadt einzuladen, um ihr Schutz und Sicherheit wider der Pestseuche Ansteckung zu gewähren und kam er, die Einladung nicht verschmähend, wie ihr aussagt, in der Gestalt eines Drachen; warum wurde dann die Stadt Rom noch so oftmals von dieses Uebels Verheerungen heimgesucht; so oftmals zu anderen Zeiten verwüstet und vieler Tausende seiner Bürger beraubt? Behauptet man nämlich, um deßwillen sey der Gott herbeigeholt worden, auf daß er alle Ursachen, wodurch die Pestseuche entstand, durchaus abwende; so folgte, daß die Stadt unantastbar seyn mußte und er ihr Befreiung wie Unverletzbarkeit für immer gewährte. Gleichwohl aber sehen wir, wie oben gesagt worden, daß oftmals dieselbe verderbliche Lebensanfälle durch diese Seuchen erlitt und daß durch schweren Verlust des Volkes Muth gebrochen und entnervt worden. Wo war also Aeskulap, wo jener durch ehrwürdige Orakelsprüche Verheißene? Warum mußte nach Erbauung des Tempels die wohlverdiente Stadt das Verderben erfahren, da er um deßwillen herbeigeholt worden, sowohl das gegenwärtige Uebel zu heilen, als auch das befürchtete künftige Eindringen zu wehren?

Außer Jemand will sagen: deßwegen mangelte den späteren, nachfolgenden Zeiten dieses Gottes Hut, weil man in denselben auf unfromme und verwerfliche Weise lebte; den früheren aber ward um deßwillen Hülfe gesendet, weil sie unschuldig und von aller Laster Befleckung ferne waren. Dieß ließe sich mit einigem Grunde sowohl hören als sprechen, etwa wenn in den alten Zeiten entweder Alle insgesammt gut, oder in den nachfolgenden Alle bös zur Welt kamen und keine Verschiedenheit unter ihnen stattfand. Da sich aber die Sache so verhält, daß in den großen Völkern, in den Stämmen, ja auch in den Städten das Menschengeschlecht nach allen möglichen Temperamenten, Wollungen, Sitten gemischt ist, so konnten in den frühern Zeiten ebensowohl als in den neuern Gute und Böse neben einander bestehen, und es ist daher genugsam thöricht zu behaupten, es hätten die späteren Sterblichen der Verderbtheit wegen keine Hülfe der Gottheiten verdient. Wenn nämlich wegen der Bösen in den folgenden Jahrhunderten die Guten der neueren Zeit nicht beschützt worden sind, so mußten wegen der alten Bösen die guten Aelteren auf gleiche Weise auch ebenfalls kein Wohlwollen der Gottheiten verdienen. Wenn aber wegen der alten Guten auch die alten Bösen bewahrt worden sind; so mußte auch wegen der jüngeren Guten das nachfolgende Zeitalter, obschon unwerth, beschützt werden. Entweder also hat jene herübergekommene Schlange nach schon gebrochener und entkräfteter Gewalt der Krankheit den Ruf eines Erretters sich angemaßt, da sie durchaus keinen Vortheil gewährte; oder aber man muß zugestehen, daß die poetischen Weissagungen vielfach von wahrhaftiger Weissagungskraft abirrten, da das von ihnen angebene Mittel sich nicht hierauf für alle Zeiten, sondern nur für ein Zeitalter als Hülfe erwies.

Aber, heißt es, auch die aus Pessinus in Phrygien nach ähnlichem Befehl der Wahrsager herbeigeholte große Mutter war dem Volke heilbringend und Ursache großer Erfreulichkeit: denn der schon lange mächtige Feind ward von Italiens Besitz vertrieben, der alte Ruhm der Stadt durch glorreiche und ansehnliche Siege wieder hergestellt, des Reiches Grenze nach allen Seiten hin erweitert und unzählbaren Völkerschaften, Stämmen, Städten das Recht der Freiheit geraubt, das Joch der Dienstbarkeit auferlegt; überhaupt begründeten viele andere Dinge, Außen wie Innen vollbracht, mit unvermeidlicher Dauerhaftigkeit des Volkes Namen und Majestät. Sagen die Geschichten Wahrheit aus und mengen sie den Beschreibungen der Ereignisse keine Falschheit ein, so steht geschrieben, aus Phrygien sey nichts Anderes von König Attalos gesendet herbeigebracht worden, als irgend ein großer Stein, den eines Mannes Hand ohne jede Beschwerlichkeit forttragen konnte; von Farbe schwarz, an den vorragenden Ecken ungleich; den wir Alle heute noch anstatt des Bildnisses als ihr Abzeichen unbehauen und rauh erblicken, nichts weniger als das Ebenbild darbietend.

Was sollen wir nun sagen? Jenen Punier Hannibal, den mächtigen und gewaltigen Feind, vor dem der bedenkliche und zweifelhafte Zustand Roms erbebte, hat ein Stein aus Italien vertrieben, zerschmettert, flüchtig, furchtsam und sich selbst unähnlich gemacht? Und daß Rom abermals zu der Herrschaft Gipfel, zu der Gewalt Vorrang sich erhob, ist nicht durch der Menschen Klugheit, Kraft vollendet worden; zur Rückkehr der alten Größe hat die Kriegskunst und Erfahrung so vieler und so ausgezeichneter Feldherrn durchaus Nichts beigetragen? Der Stein hat den Einen Kraft, den Anderen Entkräftung verliehen; diese von ihrem Glücke herabgestürzt, jener niedergeworfenes Heil durch Kühnheit erhoben? Und welcher Mensch mag glauben, ein der Erde entnommener, unempfindlicher Stein, schwarzer Farbe und dunkeln Körpers, sey die Göttermutter gewesen? Oder wer hinwiederum mag annehmen, dieß nämlich nur erübrigt, irgend einer Gottheit Machtvollkommenheit habe wunderbarer Weise einem Felsenstücke sich eingefügt und in seinem Innern verborgen? Und woher ward nun der Sieg ertheilt, war in dem pessinuntischen Steine keine Gottheit inne? Wir können sagen, von der Streiter Aemsigkeit und Muth; auch vom Zufall, von den Zeitumständen, von der Klugheit, von der Geschicklichkeit, vom Verhängniß und von des Glückes Wechsel. Ward aber durch des Steines Hülfe die Sache zum besseren gebracht und ist durch ihn der glückbringende Sieg wieder errungen worden, wo befand sich denn damals jene phrygische Mutter, als die Niederlage so vieler und so ansehnlicher Heere den Ausschlag gab und die Gefahr des endlichen Untergangs herannahte? Warum widersetzte sie sich nicht auf’s heftigste dem Drohenden? Weßhalb brach sie nicht schon früher die so mächtigen Anfälle und warf dieselben zurück, ehe sie die unmenschlichen Wunden schlugen, wodurch alles Blut vergossen wurde und das Leben selbst erschöpft zu Grunde ging? Sie war ja noch nicht herbeigebracht und noch nicht angefleht worden um Verleihung ihrer Gunst. Ein gutgesinnter Helfer verlangt aber niemals, daß man ihn anflehe, er eilt immer mit freiwilliger Hülfeleistung herbei. Sie konnte den Feind nicht abhalten und vertreiben, annoch durch weite Meere und Länder entfernt. Allein einer Gottheit, die eine Gottheit ist, liegt durchaus Nichts ferne; ihr ist die Erde ein Punkt und Alles steht in ihrer Gewalt.

Aber die Gottheit mag, wie ihr daß man glauben soll verlangt, in jenem Steine selbst zugegen gewesen seyn; und welcher Sterbliche nun, wie leichtgläubig und willigen Gehöres für jedwede Erdichtung er sey, wird urtheilen, die sey zu jener Zeit eine Göttin gewesen, oder müsse selbst so ausgesagt und genannt werden, welche bald dieß verlangt, bald jenes fordert, ihre Verehrer aber verläßt und verschmäht; welche aus geringeren Provinzen fortwandert und mächtigern wie reichern Völkern sich verbindet. Doch sie liebt die kriegerischen Künste und sehnt sich nach Schlachtgetümmel, nach Gemetzel, nach Tod und Blut. Ist der Götter Eigenthümlichkeit, wenn anders sie wahrhaftige sind, welche geziemt, sowohl mit dieses Wortes Kraft als mit der Machtvollkommenheit der Gottheit bekannt zu machen, nichts Boshaftes, nichts Ungerechtes zu thun, und allen Menschen insgesammt Eine und dieselbe Gnade ohne alle Vorliebe zu gewähren; so mag kein Mensch glauben, die sey göttlichen Geschlechtes gewesen, oder habe irgend eine den Göttern würdige Gleichförmigkeit, welche in die menschlichen Uneinigkeiten sich einmischend der Einen Macht bricht, den Anderen als Gönnerin sich erweist und hingibt; diesen die Freiheit raubt, jene zum Gipfel der Herrschaft erhebt; welche, um Eine Stadt auszuzeichnen, geboren zum Verderben des Menschengeschlechtes, den unschuldigen Erdkreis unterjocht.

Wohlan denn, da die Rede bis hierher vorgerückt und fortgeführt ist, so wollen wir in Gegensätzen der einzelnen Theile kurz zusammenstellen, ob ihr wohl hinsichtlich der überirdischen Dinge besser gesinnt seyd, oder ob unsere Meinung um vieles ehrenwerther wie richtiger; und was dem Göttlichen seine Würde gewährt und beilegt. Und zwar zuerst bekennet ihr, alle eure Götter, die ihr entweder für wirkliche Wesen haltet oder glaubt, und deren Bildnisse und Gestaltungen ihr in allen Tempeln aufgestellt habt, seyen geboren, und aus dem männlichen und weiblichen Samen zufolge des Begattungsgesetzes erzeugt. Wir aber dagegen, wenn anders die Götter zuverläßig sind und dieses Namens Ansehen, Macht, Würde besitzen, urtheilen, sie seyen entweder unerzeugt: denn dieß ist gewissenhaft zu glauben, oder aber, haben sie einen Anfang durch Geburt, so komme dem höchsten Gott das Wissen zu, aus welchen Gründen er dieselben geschaffen oder seit welcher Zeit er ihnen gestattet, die Ewigkeit seiner Gottheit zu beginnen. Ihr seyd der Meinung, die Götter schieden sich nach dem Geschlecht, die Einen seyen männlich, die Anderen weiblich; wir aber leugnen der himmlischen Mächte Verschiedenheit den Sinnen nach: weil solcherlei Unterschied den irdischen Geschöpfen gegeben ward, welche zufolge des Willens des Urhebers aller Dinge sich begatten, sich fortpflanzen sollen, mittelst der Begierde Nachkommen an ihre Stelle setzend. Ihr haltet dafür, sie seyen den Menschen ähnlich und nach der Sterblichen Gestaltung geformt: wir glauben, daß die Abbilder ihnen ferne stehen, weil des Körpers Bildung sterblich ist; und haben sie irgend eine solche, so betheuern wir mit unbezweifelter Gewißheit, Niemand könne eine solche erfassen. Ihr wähnt, daß Einzelne nach Art der Künstler kunstfertige Beschäftigungen betrieben; dieß verlachen wir, so wir es vernehmen, weil wir annehmen und für wahr halten, den Göttern seyen die Künste und Handwerke unnöthig; da auch feststeht und offenkundig ist, dieselben seyen zur Hülfe der Armseligkeit zubereitet worden.

Ihr sagt ferner, die einen derselben erregen die Pest der Zwietracht, Andere die Liebe, Andere die Rasererei, wieder Andere betreiben den Krieg und erfreuen sich am Blutvergießen: wir aber dagegen urtheilen, dieß sey von der Götter Natur entfernt; oder giebt es solche, welche derlei Uebel den erbarmungswürdigen Sterblichen anthun und auflegen, so behaupten wir, sie seyen weit entfernt von der Götter Natur und nimmermehr unter dieses Namens Kategorie zu setzen. Ihr schließt, daß die Götter sich erzürnen und außer Fassung gerathen, daß sie auch den übrigen Leidenschaften unterworfen und verfallen seyen; wir entscheiden, derlei Bewegungen blieben ihnen durchaus fremd: denn solche sind Verrichtungen der wilden und vergänglichen Geschöpfe. Ihr glaubt, daß sie sich an der Thiere Blut, an dem Schlachten und Opfern erfreuen, ergötzen und nach gesühnter Beleidigung den Menschen gnädig sich wieder zuwenden; wir halten dafür, daß die Himmlischen keine Begierde nach Blut verspüren und daß sie so hartherzig nicht seyen, um den durch der kläglichen Thiere Schlachtung ersättigten Zorn fahren zu lassen. Ihr meint, durch Weinspendung, durch Weihrauch den Göttern Ehre anzuthun und derselben Würde zu vermehren; wir betrachten dieß als etwas Abenteuerliches und Widersinniges, daß irgend ein Mensch glauben mag, Gott werde entweder durch Rauch verehrungswürdiger oder Er halte sich durch die wenigen Weintropfen von Menschen genugsam auf heilige und ehrenvolle Weise verehrt. Ihr seyd überzeugt, daß sich die Götter durch das Tönen des Erzes, das Flötenblasen, durch der Pferde Wettlaufen und durch die Schauspiele sowohl ergötzen als auch anregen lassen, und daß sie mittelst derselben Sühne den irgend gefaßten Groll besänftigen; uns erscheint dieß unschicklich, ja wir nehmen als unglaublich an, daß die, welche jede Art von Vollkommenheit im Uebermaaß übertreffen, an dergleichen Dinge Lust und Behagen finden, welche der verständige Mensch verlacht und in denen niemand anders irgend eine Annehmlichkeit zu finden scheint, als kleine Kinder und was der Gemeinheit wie der Pöbelhaftigkeit zugehört.

Da dieß sich also verhält, da ferner eine so beträchtliche Verschiedenheit zwischen unsern und euern Ansichten und Meinungen obwaltet, wonach entweder wir gottlos oder ihr fromm seyd; muß da der Frömmigkeit und Gottlosigkeit Grund noch der Parteien Dafürhalten abgewogen werden? Nicht muß derjenige, welcher sich irgend ein Bild bereitet, das er als Gott verehrt; oder welcher ein schuldloses Thier schlachtet und auf geweihten Altären Feuer anzündet, für einen solchen gehalten werden, der göttlichen Dingen sich hingegeben hat. Die Gesinnung macht die Religion und das richtige Denken von den Göttern; so daß man dafür hält, sie begehrten Nichts wider das Geziemende der ihnen zugedachten Erhabenheit: denn da wir alles das insgesammt, was man ihnen darbringt, hier vor unseren Augen zu Grunde gehen sehen, was Anderes können wir als zu ihnen gelangend aussagen, wenn nicht die den Göttern würdigen und ihrem Namen höchst angemessenen Gesinnungen? Dieß aber sind die zuverlässigsten Gaben, dieß die wahrhaftigen Opfer: denn jene Musse, jener Weihrauch sammt dem Fleisch sind des verzehrenden Feuers Nahrung und innigst verbunden den Todtenopfern.

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