Brief an den Philosophen Maximus

Von Athanasius (295-373)

Vorerinnerung.

Dieser Brief wurde ungefähr um dieselbe Zeit geschrieben, wie der vorhergehende an den Bischof Adelphius. Uebrigens scheint dieser Philosoph Maximus kein anderer zu seyn, als jener Alexandriner, dessen Gregor von Nazianz in der 23. Rede rühmlich gedenkt, dessen Name aber nachher in den Namen Hero umgeändert, oder über dessen Namen vielmehr der Name Hero geschrieben wurde, wie Hieronymus in seinem Catalog. Scriptor. Eccles. bemerkt. Er eiferte viel gegen die Heiden und Ketzer, litt selbst für den Glauben, und soll auch ein treffliches Werk gegen die Arianer verfaßt, und zu Mailand dem Gratianus überreicht haben, wie gleichfalls der heil. Hieronymus a. g. O. bemerkt.

Dem geliebten und wahrhaft ersehntesten Sohne, dem Philosophen Maximus, entbietet Athanasius seinen Gruß in dem Herrn.Als ich dein letzteres Schreiben durchlas, bemerkte ich zwar deine Frömmigkeit mit Wohlgefallen, wunderte mich aber über die Verwegenheit derjenigen, welche nicht verstehen, was sie sagen und worüber sie Behauptungen aufstellen, und faßte wirklich den Entschluß, zu schweigen. Denn über so einleuchtende Dinge, welche klarer als das Licht selbst sind, antworten, heißt nichts anders, als diesen so gottlosen Menschen Anlaß zur Unverschämtheit geben. Und dieses haben wir vom Heilande selbst gelernt. Denn nach dem Pilatus die Hände gewaschen und die Verleumdung der damaligen Juden angehört hatte, antwortete ihm der Herr nicht mehr, sondern ermahnte vielmehr dessen Gattin in einem Gesichte, man solle nicht der Worte, sondern der Macht wegen glauben, daß der, welcher gerichtet werde, Gott sey. Derselbe aber, welcher dem Kaiphas auf seine albernen Fragen keine Antwort gab, führte durch seine Verheißung Alle zu seiner Erkenntniß. Daher also habe ich lange gezögert, und erst dann, als ich das Wortgezänke jener Unverschämten sah, mit Mühe deinem Eifer für die Wahrheit nachgegeben, aber nichts weiter vorgebracht, als was von dir geschrieben wurde, damit der Gegner eben durch dasjenige, welchem er widersprach, endlich überzeugt, seine Zunge vor dem Bösen bewahre, und seine Lippen, daß sie nicht Trug reden. Und gäbe Gott, daß sie nicht mehr mit den Juden, welche damals vorübergingen, dem
am Kreuze Hängenden schmähend zurufen: Ist er Gottes Sohn, so helfe er sich selbst! Schämen sie aber auch so sich nicht, so denke an die Vorschrift des Apostels: „Einen ketzerischen Menschen meide, wenn du ihn das eine und das andere Mal zurecht gewiesen hast, überzeugt, daß solcher verkehrt ist, und sündiget, so daß er sich selbst verurtheilt.“ Denn sind die, welche solches wagen, Heiden oder aus der Zahl der Judenthümler; so mögen sie entweder, wie die Juden, das Kreuz Christi für ein Aergerniß, oder, wie die Heiden, für eine Thorheit halten. Geben sie sich aber für Christen aus, so sollen sie wissen, daß der gekreuzigte Christus der Herr der Herrlichkeit, und Gottes Kraft und Gottes Weisheit ist.

Zweifeln sie aber, ob er auch Gott sey, so sollen sie sich vor Thomas scheuen, welcher den Gekreuzigten mit den Händen berührt und bestätiget hat, daß derselbe Herr und Gott sey. Ja sie sollen den Herrn selbst fürchten, welcher nach der Fußwaschung der Jünger sprach: „Ihr heißet mich Meister und Herr, und das mit Recht; denn ich bin es.“ Aber an demselben Leibe, in welchem er die Füsse wusch, trug er unsere Sünden hinauf an das Holz. Auch damals wurde bezeugt, daß er der Herr der Schöpfung ist, als die Sonne ihre Strahlen zusammenzog, als die Erde erbebte, die Felsen sich spalteten, und die Henker selbst anerkannten, daß der Gekreuzigte wahrhaft Gottes Sohn sey. Denn der Leib, welchen man sah, gehörte nicht irgend einem Menschen an, sondern war Gottes Leib, in welchem er, auch als er gekreuziget wurde, Todte auferweckte. Demnach muß jene Frechheit verworfen werden, mit welcher sie behaupten, das Wort Gottes sey in irgend einen heiligen Menschen gekommen, (denn dieses war bei einem jeden Propheten und bei andern Heiligen der Fall,) damit es nicht scheine, es sey in einem Jeden derselben geboren worden und wieder gestorben. Allein so ist es nicht, dieses sey fern! Sondern nur Ein Mal am Ende der Zeiten ist, um die Sünde zu vernichten, das Wort selbst Fleisch geworden, und aus der Jungfrau Maria hervorgegangen als Mensch, uns gleich, wie er auch zu den Juden sprach: „Warum suchet ihr mich zu tödten, mich, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit sagte?“ Auch werden wir nicht dadurch, daß wir des Leibes irgend eines andern Menschen theilhaftig werden, sondern dadurch, daß wir den Leib des Wortes selbst empfangen, zu Göttern gemacht.

Uebrigens konnte ich auch dieses nicht begreifen, wie sie sich auch nur zu denken erfrechten, daß er nach der gewöhnlichen Ordnung der Natur Mensch geworden sey. Denn wäre dieses der Fall, so wäre die Erwähnung Mariens überflüssig. Denn die Natur weiss von keiner Jungfrau, welche ohne Mann gebärt. Daher ist er nach dem Wohlgefallen des Vaters, als wahrer Gott und als das natürliche Wort und die Weisheit des Vaters, um unseres Heiles willen körperlich Mensch geworden, damit er hätte, was er für uns darbringen könnte, und so uns Alle erlösete, die wir durch die Furcht vor dem Tode das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren. Denn nicht irgend ein Mensch hat sich für uns hingegeben, weil jeder Mensch des Todes schuldig ist, nach dem, was zu Adam und in ihm zu Allen gesagt wurde: „Du bist Erde, und sollst wieder in die Erde zurückkehren.“ Aber auch kein anderes aus den Geschöpfen konnte dieses thun, weil die ganze Schöpfung der Veränderung unterworfen ist. Sondern das Wort selbst hat seinen eigenen Leib für uns dargebracht, damit wir unsern Glauben und unsere Hoffnung nicht auf einen Menschen, sondern auf Gott das Wort selbst unsern Glauben setzen möchten. Ja, nachdem er Mensch geworden ist, sehen wir seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie der Eingeborne des Vaters hat, voll Gnade und Wahrheit. Denn was er mittelst des Leibes erduldete, das verherrlichte er als Gott. So litt er zwar dem Fleische nach Hunger, speisete aber als Gott die Hungerigen. Wenn sich daher Jemand an seinen leiblichen Werken ärgert, so glaube er demjenigen zu Folge, was er als Gott thut. Denn er fragt als Mensch, wo Lazarus liege, erweckt ihn aber als Gott. Daher spotte und sage Niemand, er sey Kind gewesen, sey gewachsen, habe gegessen, getrunken und gelitten, damit er nicht, wenn er die Eigenschaften des Leibes läugnet, ganz und gar läugne, daß das Wort unsertwegen angekommen sey. Und wie es nicht nach dem gewöhnlichen Gange der Natur Mensch geworden ist, so mußte es folgerichtig nach der Annahme des Leibes die Eigenschaften desselben zeigen, damit nicht die scheinbare Menschwerdung des Manichäus Platz greife. Ferner mußte es sich so im Leibe zeigen, daß es die Eigenschaften der Gottheit nicht verbarg, damit nicht der Samosate Anlaß fände zu sagen, Christus sey ein Mensch und von Gott dem Worte verschieden.

Indem nun der Ungläubige dieses bedenkt, soll er einsehen lernen, daß Christus zwar als Kind in der Krippe lag, sich aber die Weisen, da er von ihnen angebetet wurde, unterwarf, daß er zwar als Knabe nach Aegypten hinabzog, aber die von Menschen-Händen gemachten Bilder des Götzendienstes vernichtete, daß er, dem Fleische nach gekreuziget, Todte, welche schon lange Zeit verwesen waren, auferweckte. Und es hat sich Allen gezeigt, daß er nicht seinetwegen, sondern unsertwegen Alles erduldete, damit wir durch seine Leiden Leidenlosigkeit und Unverweslichkeit anziehen, und in Ewigkeit fort leben möchten.

Dieses aber habe ich, wie oben bemerkt wurde, kurz aus deinem Schreiben entnommen und angeführt, ohne etwas Weiteres beizufügen, als nur dieses, wo ich an das göttliche Kreuz erinnerte, damit die Unachtsamen gerade durch das, woran sie sich ärgerten, eines Bessern sich belehren lassen, und den Gekreuzigten anbeten möchten. Du aber belehre die Ungläubigen, wie es sich geziemt; denn vielleicht werden sie von ihrer Unwissenheit zur Erkenntniß gelangen und den rechten Glauben annehmen. Obwohl aber das von dir Geschriebene hinlänglich ist, so dürfte es doch nicht unangemessen seyn, daß ich gegen die Streitsüchtigen der Erinnerung wegen auch dieses beifügte, nicht so fast, damit sie der Widerlegung dessen, was sie zu behaupten wagten, zu Folge sich schämen, sondern der Ermahnung zu Folge die Wahrheit nicht vergessen. Denn das von den Vätern zu Nicäa abgelegte Glaubensbekenntniß soll in Kraft bleiben, weil es richtig und geeignet ist, eine jede, auch die gottloseste Ketzerei zu stürzen, und zumal die arianische, welche wider das Wort Gottes lästert, und so nothwendig gegen den heiligen Geist desselben gottlos ist. Grüße mir alle Rechtgläubigen. Es grüßen dich alle, welche bei uns sind.

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