Ausgewählte Gedichte des Jakob v. Batnä in Sarug

Gedicht über das Sprachenwunder am Pfingstfest.

Handschriftlicher Titel: „Des heiligen Mar Jakob Homilie über den heiligen Pfingstsonntag und über die Austeilung der Zungen und die Gnadengaben der Apostel.“ Die Homilie, welche in der bei unserem Dichter gewohnten Breite das Sprachenwunder am Pfingstfest behandelt, ist deshalb von Bedeutung, weil der Autor darin in unmißverständlicher Weise den Ausgang des Hl. Geistes vom Vater und Sohn zugleich lehrt. Ist diese Lehre auch nicht direkt ausgesprochen, so ist sie doch indirekt enthalten in der wiederholt betonten Behauptung, daß sowohl die Sprachverwirrung zu Babel wie auch die Sprachenverteilung am Pfingstfest gemeinsame Werke des Vaters und des Sohnes seien. Originell und zuweilen sogar anziehend ist auch die Anlage der Dichtung, die unter Anlehnung an 1 Petr. 5, 13 das Sprachenwunder im Abendmahlssaale in Parallele setzt zu dem Wunder der Sprachenverwirrung zu Babylon.

Öffne mir gütigst, o Herr, die Türen Deiner Schatzkammer, auf daß ich klug und verständig all den Reichtum hole und ans Licht bringe! Verleihe mir das rechte Wort, auf daß ich über deine Größe spreche, und eine laute Stimme, damit ich den ganzen Tag über Deine Herrlichkeit verkünde! Lebendig werden möge in mir die staunenerregende Erzählung von Deinen Gaben und in den Zuhörern Bewunderung und Liebe zu Deinem Worte! In der Kraft Deines Wortes möge mein Wort in alle Fugen dringen, um aus Deiner Wissenschaft alle Reichtümer zusammenzutragen! Hauche mir ein Deinen Geist und ich will meine Stimme zu einem Lobgesang auf Dich erheben, verleihe mir die Gabe des Wortes und ich will der Verteidiger Deiner Wahrheit sein! O Du, der Du die Sprachen im Lande Babel verwirrt hast, gib mir die Sprache der Wahrheit und ich will Dir in derselben lobsingen! O Lehrer, dessen Stab voll der Weisheit ist, in Dir möge ich mit Weisheit erfüllt werden, um über Deine Wunderwerke zu sprechen! Ein geheimnisvolles Buch, von dem alle Weisheit kommt, hat mich mit Deiner Lehre erfüllt, Tag für Tag bietet es seine Schätze an. Aus der Bestrafung jener, die sich gegen Dich empört haben, kann jeder lernen, daß Du die lautere Liebe bist gegen jene, die sich bemühen, sich unter Deinen Schutz zu flüchten. Wie soll ich den Urteilsspruch, der über die Söhne Babels erging, nennen? Bedeutet er wirklich eine Strafe oder nicht vielmehr ein Gnadengeschenk, voll des Reichtums? Flechtet also, liebe Zuhörer, einen Kranz von Lobpreisungen jener Barmherzigkeit, die in jeder Notlage sich derer erbarmt, die sich zu ihr wenden! Es empörten sich die Babylonier, schon hat er den Stab erhoben, um sie zu schlagen, aber unter dem Schlag entspringt lautere Gnade und bereichert sie. Nach Sprachen trennte er sie, Stamm für Stamm, siehe, das ist die Gabe, die ihnen unter dem Titel einer Bestrafung verliehen ward. Er zerstreut sie wegen eines Bündnisses voll von Treulosigkeit, er bringt sie aber zugleich wieder in Ordnung mittels einer mit Strenge gepaarten Liebe. Da sie gegen ihn sündigten, lehrte er sie ohne ihr Verdienst Sprachkenntnisse, wenn sie sich aber nicht gegen ihn versündigt hatten, was hätte er wohl da getan? Da die einzelnen Völker sich gegen ihn erhoben, brachte er sie zur Ruhe. Hätten sie sich aber nicht empört, welche Wohltaten hätte er ihnen wohl dann erwiesen? Die Sprachen verwirrte er daselbst gleichsam zur Strafe seines Zornes und fortan verbreitete sich von dort aus die Kenntnis der Sprachen über die ganze Welt. Ein kundiger Lehrer unterrichtete sie in den Sprachen, verteilte sie und gab jedem einzelnen Volk seine Sprache. Seine Lehre stieg herab wie der Regen auf ihre Stimme und es sproßten die Laute der verschiedenen Sprachen auf ihren Lippen. Großen Reichtum goß er über die Bedürftigen aus und mit einer unschätzbaren Wissenschaft bereicherte er sie. Siehe, ihre Züchtigung ward der ganzen Welt zum Schmuck, so daß sie in reichem Maße in neuen Sprachen redete.

Barmherzigkeit hatte sich von oben über die Babylonier ergossen und mit Sprachen hat sie der Herr wie mit Gold bereichert. Wenn er erzürnt gewesen wäre, als er die Teilung beschloß, warum trennte er dann nicht die Männer und Frauen von einander? Daß er dagegen voll der Barmherzigkeit war, magst du daraus abnehmen, daß er dem Manne und seiner Frau sowie seinen Kindern die nämliche Sprache gegeben. Nach Stämmen teilte er sie damals und wies ihnen ihre Wohnsitze an, in die sie wandern sollten. Wie mit einem charakteristischen Merkmal unterschied er sie von einander durch ihre Sprache in einzelne Völker, auf daß sie die Erde in Besitz nähmen, die noch wüst und leer da lag. Denn was gab es für ein anderes Mittel, sie, die eng beisammen wohnten, zu trennen, als zu bewirken, daß der eine die Sprache des andern nicht mehr verstand! Damit sie es nicht so schmerzlich empfänden, wenn sie in verschiedene Gegenden geschickt würden, veranlaßte er gewissermaßen einen Zwiespalt unter ihnen selbst und teilte sie so. Während der Abfall von Gott sie eng aneinander geschlossen hatte, verwirrte er sie und inmitten der Not vergaßen sie ihre Zusammengehörigkeit. Dem einen Stamm gab er in seiner Weisheit diese Sprache, dem andern jene und so wurden sie, die vorher zusammenlebten, einander fremd. Wenn sie nicht strafweise voneinander getrennt worden wären, hätten sie ihren Wohnort, den sie nun einmal liebgewonnen, nie verlassen und wären nie ausgewandert. Wenn nicht durch liebevolle Fürsorge ihre Sprache verwirrt worden wäre, hätten sie ihre Heimat, an der sie so sehr hingen, bis zum Tode nicht preisgegeben. Denn jedem Menschen ist seine Heimat lieb und das Haus seiner Angehörigen; solche Liebe zu ihrer Stadt beseelte auch die Bewohner von Babylon. Als nun der Herr sich ihrer erbarmte, um ihnen ihre Wohnorte anzuweisen, teilte er ihre Sprache und Babel selbst kam das zugute, denn es war überfüllt. Welch eine Gabe, die den Ungerechten ohne ihr Verdienst zuteil wurde! Welch großer Reichtum, der mittels eines Richterspruches ausgeteilt wurde! Denn daß die Sprachenteilung eine Gnadengabe war, das muß der Verständige einsehen, wenn er es sich vollständig klar macht. Siehe, den Aposteln wurde durch die übergroße Liebe verliehen, so viel sie wollten in den einzelnen Sprachen zu reden. Es war das ein reiches Geschenk, das da den Aposteln gesandt wurde, daß sie nämlich in anderen Sprachen reden konnten, obwohl sie dieselben nie gelernt hatten.

Reden will ich über die Babylonier und über die Jünger, über die Verwirrung und über die Verteilung der Sprachen. Ich will die Erzählung vom babylonischen Turm mit jener verbinden, die im Abendmahlssaale spielt und es soll eine Belehrung voll der Wahrheit für die Zuhörer werden. Denn auch Petrus nannte die geliebte Schar der Jünger „auserwählte Gemeinde von Babylon“. Er hörte eben die Zungen, die in ihr in reichem Maße redeten und darum nannte er sie in seinem Schreiben „Babylon“, in dem alle Sprachen geteilt worden waren. Hat sie ja doch die neue Wissenschaft gelernt, ohne die Kunst des Lesens zu verstehen, und ist sie ja doch reichlich mit Rednern versehen, ohne daß sie Lehrer gehabt. In allen Sprachen versteht sie zu reden und so gleicht sie Babel an Lauten, Worten und Sprachen. Siehe, diese Jüngerschar singt, ohne es gelernt zu haben, Tag für Tag das Lob Gottes in neuen Sprachen! Im Hinblick auf sie, die in ihren Versammlungen in verschiedenen Sprachen reden, nannte Petrus die Gemeinde „Babylon“. Auch ich will also, so weit ich es vermag, in meiner Belehrung die beiden Babel verbinden und den Reichtum ihrer Sprachen verkünden. Ich will jetzt sprechen über den Abendmahlssaal im Lande der Juden, denn er ist mit der Erzählung von Babel gemeint, wie wir gesagt haben.

Der Herr war an seinen Ort in die Höhe aufgestiegen, die Jüngerschar wollte sich zerstreuen und nur aus Furcht hielten sie sich in einem Saale beisammen. Gleich gierigen Wölfen bellten die Kreuziger die Herde des Sohnes an; da sprachen die Apostel: „Suchet Hilfe bei einander, solange ihr vor ihnen zittert!“ Wenn der Adler in die Höhe steigt und die Küchlein zerstreut sind, so versammeln sich alle im Nest, sobald sie ihn sehen. Die Jünger erwarteten nun jene Gabe, die ihnen der Herr zu senden verheißen hatte, sobald er zu dem aufgestiegen sein werde, der ihn gesandt hat. Auf den Heiligen Geist warteten sie, der vom Vater kommen sollte und sie klar und deutlich lehren sollte, wie es sich mit dem Sohne verhalte. Die Kreuzigung, die er kürzlich erlitten, hatte sie zerstreut, aber die Himmelfahrt des Sohnes hatte sie wieder vereinigt. Sie fürchteten sich vor den gereizten Mördern und waren nun versammelt, bis die Verheißungen sich erfüllten. Im Hause des Kaiphas bellte die verfluchte Schlange in ihrer Wut, während die Tauben, die Apostel, sich im Abendmahlssaale versammelt haben. Zusammengedrängt waren sie da in dem gebenedeiten Nest, da sie sich fürchteten, und erwarteten jene Offenbarung der Wahrheit. Sie hielten sich fest aneinander, um nicht in die Umgegend zerstreut zu werden, bis sie gesehen, was ihnen gesendet würde und in welcher Weise. Denn es war ihnen geboten worden, sich von Jerusalem nicht zu entfernen und auf das Versprechen des Vaters zu warten, wie sie gehört hatten. Sie hatten den Sohn begleitet, als er an seinen Ort in die Höhe aufstieg und sich dann zerstreut gleich Waisen, die ihres Vaters beraubt waren. Sie hatten in Wahrheit die Auferstehung des Sohnes gesehen und daraus großen Trost geschöpft; während sie sich aber darüber freuten, war er emporgestiegen und hatte sie verlassen. Mit Freude waren die Jünger erfüllt, da sie sahen, daß der Herr den Tod besiegt. Trauer aber ergriff sie, da er sie verließ und zum Himmel aufstieg. Im Ölgarten hatten sie die Wolken gesehen, die ihn forttrugen, und den glänzenden Nebel, der ihn eilends entführte, sowie auch die Boten, die in der Vision ihm entgegenkamen, um ihn in festlichem Zuge zu geleiten, da er zur Hochzeit sich begab. Die Genossen des Bräutigams, die Apostel, waren von dort in den Abendmahlssaal zurückgekehrt und saßen nun hier, wartend auf die Heimsuchung, wie er sie ihnen verheißen hatte. Die Heerfürsten, welche eingesetzt worden waren, um in die Provinzen auszuziehen, blieben an einem einzigen Orte versammelt, bis sie die Waffenrüstung vom Sohne erhielten.

Der Sohn des Königs war aufgestiegen zu seinem Vater, um seinen Dienern die Rüstung des Geistes zu senden vom Hause des Vaters. Vor seiner Auffahrt, da er im Begriffe war aufzusteigen, hatte er sie versammelt und sie angehaucht, auf daß sie den Geist von ihm empfingen. Und als er sodann von ihnen Abschied nahm, bestärkte er sie wieder, indem er ihnen den Heiligen Geist sandte, der sie die Wahrheit lehren sollte. Mit der Stärke des Geistes hatte er sie schon ausgerüstet, solange er noch nicht aufgestiegen war, aber die volle Ausrüstung sandte er ihnen erst nach seiner Auffahrt. Er gab sie ihnen von dort aus, um zu zeigen, daß er etwas zu geben habe, und er gab sie, nachdem er aufgestiegen war, zum Zeichen, daß der Vater mit ihm eins sei. Dieses Geschenkes halber, das er seinem Versprechen gemäß senden mußte, hatten sich die Jünger im Abendmahlssaale versammelt, um auf dasselbe zu warten. Und wirklich, mitten in der Stille erhob sich das Brausen eines starken Windes daselbst in der Versammlung der Jünger. Brausender Sturm und eine in die Augen fallende Lichterscheinung gingen ineinander und bereiteten für die Apostel eine Rüstung und bekleideten sie damit. Lebendiges Feuer in Zungenform ging aus vom Hause des Vaters, entzündete die Apostel und entflammte sie zum Reden. Ein deutlich vernehmbarer Wind ließ sich hören in der Stille, ward zum Lehrer und unterrichtete sie in allen Sprachen. Mit dem Feuer vom Vater, das ihnen hellaufflammend gesandt wurde, erleuchtete er ihre Seelen und sie begannen in allen Sprachen zu lobsingen. Sie fingen an zu reden in Sprachen, je nachdem der Geist einem jeden zu reden eingab. Staunen ergreift einen, wenn man erwägt, wie die Sprachen verteilt wurden im Babel des Sohnes gleichwie im wirklichen Babel. Der Heilige Geist ward ihr Lehrer und unterrichtete sie, ein neuer, eigenartiger Lehrer, der sich nicht der Lesung der Bücher bediente. Ein Brausen des Windes war inmitten der Stille hörbar und Feuer wurde sichtbar, das in Zungenform sich verteilte. Einfache Leute waren die Apostel, jetzt aber wurden sie mit Weisheit erfüllt; Fischer waren es, die nun mit allen möglichen Sprachen ausgestattet wurden. In einer ganz neuen Art des Sprechens ließen sich die Apostel vernehmen; es war ein wahres Sprachengewirr, das vom Abendmahlssaale her laut wurde. Feuer von oben war es, das die Söhne des Lichtes durchglühte, aber nicht brannten sie, sondern nur erleuchtet wurden sie von der Flamme. Das Feuer, das in Zungenform herabkam, entflammte sie und verlieh ihnen eine neue Art zu reden, nämlich in allen Sprachen. Feurige Zungen und heilige Begeisterung wurde ihnen im Abendmahlssaale zuteil und sie redeten in allen Sprachen gleichwie dies in Babel der Fall war.

O Abendmahlssaal, hocherhaben sind gleichwohl die Vorgänge, die sich in dir abspielten, über jene in Babel; denn ohne Lehrer wurde die Kenntnis aller Sprachen zugleich in dir verteilt. Zu einem Schulsaale hat der Geist dich gleichsam gemacht für die Söhne des Lichtes, in dir lernten sie die Ausdrucksweise der Völker und ihre Sprachen. Von dir ging die Brüderschar aus, angetan mit der Rüstung, vom Abendmahlssaale zog sie aus, um die Welt zu versammeln. In dir sang der Heilige Geist in neuen, ungewohnten Lauten, in allen Sprachen, die sich in so viele Zweige geteilt hatten. Du warst für die Apostel gleichsam eine Rüstkammer, in dir zogen sie die Rüstung des Geistes an, um das Weltall zu bezwingen. Von dir aus wurde der ganze Erdkreis erleuchtet, der im Dunkeln lag, denn gleich den Strahlen des Lichtes erfüllten die Apostel die Erde. Du bist das Gemach, das für die Volker die vorzüglichste aller Schatzkammern geworden ist, von dir aus wurden die Provinzen bereichert, die vorher in Dürftigkeit lebten. In dir wurde der Reichtum des Vaters der ganzen Welt ausgeteilt, all die Notleidenden stillen von dir aus ihre Bedürfnisse. In dir wurde das Taufversprechen erfüllt, denn in dir wurden alle Jünger im Geiste und im Feuer getauft. Babylon hat dich herausgefordert; war es denn nicht auch eine Sprachenverwirrung, was in dir vorging? Doch du hast Babylon weit übertroffen im lieblichen Zusammenklang aller Sprachen. Dort wurden die Sprachen verwirrt auf den Spruch des Richters hin, in dir aber verteilte der Heilige Geist in aller Liebe sämtliche Sprachen. Ein geistiges Babylon möchte ich dich darum nennen, eine auserwählte Gemeinde, welche das Lob Gottes in allen Sprachen singt. Der Fluß Jordan steht weit zurück hinter dir und der Taufe, die in dir erteilt wurde, denn du hast Feuer, jener aber nur Wasser. Wie soll ich dich überhaupt nennen? Denn „Johannes taufte nur mit Wasser“, so hieß es, „ihr aber werdet wahrhaftig mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer getauft werden“. Dieses Taufversprechen ist in dir erfüllt worden, denn Feuer und Geist wurde in dir den Söhnen des Lichtes mitgeteilt.

An einem großen Feste, da alle Völker versammelt waren, ertönten vom Abendmahlssaale her neue, bisher nie gehörte Laute. Es hörten die Griechen und Auswärtigen ihre Muttersprache von den Jüngern, die ganz und gar in Judäa aufgewachsen waren. Es kamen Barbaren aus Völkern, die weit entfernt waren und vernahmen ihre Muttersprache vom Abendmahlssaale her. Die Juden aber, die durch ihre Umtriebe die Wahrheit zu verdunkeln suchten, stellten auch dieses ganz augenscheinliche Wunder in Abrede. „Sie haben Most getrunken, sind berauscht und darum von Sinnen“. O ihr Betrüger, wer sich betrinkt, der bringt seinen Geist in Unordnung; der Genuß des Weines verleiht doch nicht die Gabe, eine neue Sprache zu sprechen, und der Most bewirkt nicht vernünftiges Reden. Wenn sie aber Most getrunken haben und berauscht sind, wie ihr glauben machen wollt, dann muß ihre Sprache auch vorher schon verwirrt gewesen sein. Siehe, sie sind erleuchtet und reden so in allen Sprachen; welcher Wein vermag solche Kenntnis beizubringen? Der Gekreuzigte ist es vielmehr, der sie mit seinem Wein zum Reden begeistert hat und von ihm haben sie die neue Weisheit ohne Unterricht empfangen. Seht, der Traubensaft, den das Volk auf Golgotha ausgepreßt hat, er wallt in ihnen auf und lehrt sie alle Sprachen. Der neue Wein, den die Seite des Sohnes ergossen hat, ward ihnen zum Lehrmeister, belehrt und unterrichtet sie. Wo saht ihr je einen betrunkenen Menschen, wie ihr meint, der in neuen Sprachen redete, wie ihr hier es vernehmt? Wer Wein trinkt und sich berauscht, verliert vielmehr die Sprache, doch woher kommt es, daß diese alle Sprachen verstehen?  Wohlan, Jude, der du die Aufrichtigkeit hassest und an der Wahrheit zweifelst, der du geblendet bist vom Neide, deine Freude an Streitigkeiten hast und von Eifersucht gequält bist, der du verleumdest und Trug redest und in deinem Stolze das Richtige verwirfst, das Dunkle aber liebst, der du nach dem Schatten haschest, vom Leben aber dich abwendest, der du ein Feind des Tages bist und selbst die Sonne anzweifelst, aber ein Freund der Nacht, ein Sohn der Finsternis bist, der du auf Irrwegen wandelst und Ärgernis gibst, den Vater beleidigt, den Sohn gekreuzigt und des Heiligen Geistes dich selber beraubt hast, komm und siehe und schau den Sohn an, wie ähnlich er dem Vater ist! Komm und vertiefe dich in ihn, denn er ist durchaus nicht verschieden von seinem Erzeuger! Aus seinem Verhältnis wirst du schließen können, wessen Sohn er ist. Seine Absichten werden dich überzeugen, wer sein Vater ist, und seine Werke beweisen, daß er wahrhaftig der Sohn Gottes ist. Freilich auch die Sonne ist, obwohl sie hell erstrahlt und ihr Licht erglänzen läßt, für den Blinden, der sie nicht sieht, ein unbekanntes Ding. Vom Abendmahlssaale wie von Babel geht das Verständnis dafür aus, wie ähnlich der Sohn dem Vater in seinen Werken ist. Durch die Sprachen, welche hier wie dort verteilt werden, wirst du über die Gleichheit von Vater und Sohn erleuchtet werden.

Blicke hin, der du verständig bist, auf den Saal auf Sion und hefte dann dein Auge wieder auf den Turm der Tochter der Chaldäer! Zwei Orte sind es, in welchen ein und derselbe Gegenstand vorgestellt wird; überzeuge dich, der du weise bist, daß ein und derselbe hier wie dort tätig ist. Die Babylonier in Judäa wie die Babylonier bei jenem Bau der Auflehnung gegen Gott predigen die Lehre ein und desselben Buches, das voll der Weisheit ist. Der, welcher hier den Aposteln alle Sprachen verlieh, der nämliche hatte sie dort geteilt, und zwar im Verein mit seinem Vater. Wenn er unbeteiligt war an den Vorgängen in Babylon, dann ist es auch nicht möglich, daß er im Lande Juda die Sprachen verliehen hat. Es ist ja bekannt, daß auf ihn sich das Wort bezieht, das geschrieben steht: „Komm, laß uns hinabsteigen und dort alle Sprachen teilen“. Er war es, der die Sprachen der Kinder der Sünde verwirrte, er verteilte sie auch wieder an die Kinder des Lichtes. Eine einzige Lehre wird daher hier wie dort zum Ausdruck gebracht, um uns die Wahrheit zu lehren, daß der Herr mit seinem Vater auf gleicher Stufe steht. Sein Werk sind die früheren wie die späteren Vorgänge, er ist es, der alle Sprachen verwirrt und sie dann wieder verteilt hat. In seine Hand sind die Länder gelegt wie die Provinzen, sein ist Babylon und sein ist Judäa, mit allem, was in ihnen vorgeht. Er ist es, der die Taufe mit Feuer und mit dem Geiste gespendet hat im Abendmahlssaale, er ist es ebenso, der die einzelnen Völker getrennt hat von Babylon aus. Wenn er bei der Verwirrung der Tochter der Chaldäer nicht dabei war, dann war er auch nicht beteiligt bei der Verteilung an die Tochter der Hebräer. Ihm gehören die Völker, die von Babylon ausgingen, nun ließ er ihnen eine neue Botschaft in ihren eigenen Sprachen verkünden. Wenn er es war, der im Abendmahlssaale eine neue Art zu reden verliehen hat, muß dann nicht auch die Verwirrung aller Sprachen sein Werk gewesen sein? Und daß dies wirklich der Fall ist, bezeugt er dem, der genau zusieht, klar und deutlich dadurch, daß er den Aposteln die Sprachengabe verlieh und sie aussandte. Einen Brief schrieb er gleichsam in den Sprachen der einzelnen Gegenden, um ihnen kund zu tun, daß er der Lehrer sei, der sie unterrichtet habe. Er verlieh den Aposteln die Gabe, in verschiedenen Sprachen zu reden, damit die Völker merkten, daß er die Sprachen verwirrt habe.

Die frohe Botschaft des Sohnes wurde in allen Sprachen verkündet, auf daß die Welt erfahre, daß ihm die Völker der Erde gehören. In ihren eigenen Sprachen redete er mit ihnen, damit sie ihn ja aufnähmen wie die Schüler einen tüchtigen Lehrer, voll der Weisheit. Wenn er die frohe Botschaft in einer einzigen Sprache dargeboten hätte, so hätte wohl auch nur ein Volk sie aufgenommen und sich belehren lassen. So aber, da er sie in freundlichem Entgegenkommen in allen Sprachen bringt, nehmen sie alle Völker der Erde freundlich auf. Hatte er in einer fremden Sprache zu den Zuhörern gesprochen, dann wäre ihnen auch der Inhalt fremd geblieben, wie wir eben gesagt haben. Und bezüglich der Sprachen war ja bekannt, daß er sie zu Babel verwirrt habe von allem Anfang an. In der Sprache der einzelnen Länder redete er zu ihnen, um dadurch kund zu tun, daß er Lehrer und Meister und Herr des Landes zugleich sei. Wenn aber die neue Art zu reden, die er erfand, ebenfalls eine fremde gewesen wäre, dann wäre er auch in keiner Beziehung zu den Vorgängen in Babylon gestanden. Da er aber dem Erdkreis in jenen altehrwürdigen Schriftzeichen schrieb, erfährt dieser, daß er auch der Lehrer der Alten war. Jedenfalls hat er auch dort in Babel deshalb die Sprachen verwirrt, damit sie zum Zeichen würden, wenn er der Welt seine frohe Botschaft senden würde. Es verlieh also der Vater den Völkern verschiedene Sprachen und zerstreute sie dann, damit sie als Zeichen dienten für die Offenbarung des Eingeborenen. Ein Rätsel, hinweisend auf den, der da kommen sollte, stellte er so unter die Völker, und der Sohn erklärte es als ein Lehrer voll der Weisheit. Siehe, die Sprachen wurden als ein Zeichen verliehen, wie geschrieben steht: „Das ist das Zeichen, daß sie gleichsam ein Zeugnis für den Sohn sein sollen.“ Er verlieh den Aposteln die Gabe, in den einzelnen Sprachen zu reden, damit dieses Gnadengeschenk bezeuge, wessen Sohn er sei. Da er einst in Babylon die Sprachen teilte, bereitete er die geheimnisvolle Art und Weise vor, in der die frohe Botschaft seines Sohnes verkündet werden sollte.

Folgende Worte waren etwa einst im Lande Babel gesprochen worden, da die Sprachen unter alle Völker verteilt wurden: „Ihr Stämme, die ihr von hier auszieht, um die Länder der Erde in Besitz zu nehmen, bewahret das Gut euerer Sprache, die ihr gelernt habt! Am Ende der Zeiten, sehet, da wird der große Lehrer gesandt werden, er, der euch lehren wird, indem er mit euch wahrhaftig spricht. Völker der Erde, wartet auf den Sohn, der am Ende kommtl Er wird euch den Weg des Lebens zeigen, voll des Lichtes. Seht, ein Zeichen, aus dem ihr auf seine Ankunft schließen könnt, sei euch die neue Art zu reden, in ihr wird euch seine Freudenbotschaft verkündet werden. In euerer Sprache, die er euch gelehrt hat, wird er mit euch sprechen; denn er ist es, der euch von Babylon aus zerstreut hat, damit ihr die Welt in Besitz nehmet. Wenn ihr von ihm das Reden in allen Sprachen vernehmt, dann nehmet von ihm die Wahrheit in Empfang, die er euch so lichtvoll lehren wird!“ Siehe, hinfort verkündet er die Wahrheit über den Herrn und verleiht die Sprachengabe, damit sie zum Zeichen sei für seine Predigt. In Babylon betätigte er seine Eigenschaft als Lehrer zuerst an der Seite seines Vaters, denn durch ihn wurden alle Sprachen verteilt. Jetzt aber offenbarte er in Juda klar und deutlich seine Wahrheit mittels einer anderen Art und Weise zu reden, die er seinen Jüngern im Abendmahlssaale verliehen. Jene Lehre, die schon in Babylon verkündet wurde, leuchtet jetzt bei den Aposteln im Abendmahlssaale auf. Die frohe Botschaft des Sohnes ward in allen Sprachen hinausgesandt zu den Völkern der Erde, die einst von Babylon ihren Ausgang genommen. Er verkündigte seine Wahrheit durch eine neue Art zu reden, die er seinen Aposteln verliehen; denn er war an der Seite seines Vaters, da alle Sprachen verwirrt wurden. Durch jene Gabe, die er den Aposteln verlieh, belehrte er den Erdkreis darüber; ist es ja doch jene Ausdrucksweise, die er den Menschen von Anfang an gegeben. Denn ihm gehören Worte, Stimme und Sprache, Mund und Herz, alle Weisheit und aller Verstand. Wenn er will, verwirrt er alle Sprachen, wenn er es aber wünscht, verteilt er den Geist in verschiedenen Gestalten. Durch jene Verteilung des Heiligen Geistes hat die Welt erfahren, daß auch jene Verwirrung am Anfange der Zeiten sein Werk war. Er hafte die Sprachen verwirrt und ebenso wieder verteilt, denn es war dies ein leichtes für ihn, wie es eben für den Schöpfer leicht ist, Änderungen an allen seinen Geschöpfen vorzunehmen. Er hat in Babylon die Völker voneinander getrennt und zerstreut, ebenso hat er den Aposteln die Sprachen verliehen und sie zerstreut. Der Heilige Geist kam in Gestalt des Feuers zu den Jüngern, die Stimme des Geistes, der in allen Sprachen zu reden lehrt.

Wahrhaftig, ein kundiger Meister, der seinen Jüngern die Lehre mittels Feuer und Geist übergibt und sie, die zuvor mit Unvollkommenheiten behaftet waren, vollkommen macht! Mit einer feurigen Rüstung hat er sie angetan mittels des Geistes, der herabkam und sie auf ganz wunderbare Weise eine neue Lehre lehrte. Entflammt hat sie das Feuer aus der Höhe, das über die Schatzkammer verfügt und ihnen die Gabe verliehen, in allen Sprachen zu reden. „Feuer bin ich gekommen in die Welt zu senden“, hatte er einst gesagt und er hat es ihnen seinem Versprechen gemäß gesendet, und die Erde ward erleuchtet. Die Lampen waren schon hergerichtet für den Empfang des Lichtes, aber das Licht selber, das von oben kommen sollte, hatten sie noch nicht empfangen. Da sie aber in dem Abendmahlssaale versammelt waren, entbrannte das Feuer und entzündete sich in ihnen und erleuchtete die Welt mit seinen Strahlen. Es verbreitete sich die Lehre in allen Sprachen gleich einem wilden Gießbache; wie eine Lilie sproßte die Kirche infolge der reichlichen Bewässerung empor. Zwölf Wasserläufe verteilten sich vom Abendmahlssaale aus und verwandelten die Erde in einen Garten mit geistigen Bäumen. Nie versiegende Quellen sind herabgestiegen vom Vater, sie empfingen von ihm und strömten auseinander, um die Welt zu bewässern. Der Abendmahlssaal wurde so zu einem sprudelnden Wasserquell, nach allen Richtungen verteilten sich seine Fluten in reicher Fülle. Der Abendmahlssaal ward eine Art Rüsthaus für den König und alle seine Diener entnahmen ihm ihre Rüstung, da sie ausgesandt wurden. Der Abendmahlssaal ward gewissermaßen zu einem gewaltigen Babel, alle Völker der Erde vernahmen ihre Sprachen von ihm aus. Der Abendmahlssaal wurde gleichsam zu einem Abgrund, dem alle Wasser entquellen, und sie bildeten einen Teich im Gebiete des Hauses Sion. Der Abendmahlssaal ward zu einem Meere mit himmlischem Salzgehalt und sandte seine Würze aus über die Erde, die ganz unschmackhaft geworden war. O Abendmahlssaal, weit hat dein Ruf Babylon übertroffen; denn was in dir sich abgespielt, ist hoch erhaben über die Vorgänge in der Tochter der Chaldäer! Von dir nahm ihren Ausgang eine Lehre voll des Lebens zu den Völkern der Erde, deren Geist in Dunkel gehüllt war. Aus den Sprachen, die in dir verteilt wurden, kann jedermann abnehmen, daß der Herr es war, der in Babylon die Sprachen verwirrte. Er war es, der hier wie dort an der Seite seines Vaters war. Gepriesen sei er, der in der Vorzeit und auch in der späteren Zeit der nämliche war und sich nicht veränderte!

Gedicht über die allerseligste Jungfrau.

Text: Mit lateinischer Übersetzung bei J. B. Abbeloos, De vita et scriptis S. Jacobi, S. 202 ff. Überschrift: „Gedicht des hl. Mar Jakob über die selige Jungfrau und Gottesgebärerin Maria.“ — Dieses von inniger Liebe und begeisterter Verehrung getragene Gedicht auf die Mutter des Herrn stellt in seinem Kern eigentlich eine im allgemeinen etwas frei gehaltene Erklärung von Luk. 1, 26 ff. dar. Interessant ist das Gedicht hauptsächlich wegen der Stellung unseres Autors zu den beiden Dogmen von der unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter und der jungfräulichen Geburt des Herrn. Während letzteres ihm unzweifelhaft feststeht, vermag er sich bezüglich des ersteren nicht zur vollen Klarheit durchzuringen. Nur das eine ist auch für ihn sicher, daß Maria im Augenblick, wo sie den Herrn empfing, auch von jeder Makel der Sünde rein sein mußte. Ob diese Reinheit das Werk einer vorausgehenden Reinigung oder in der Reinbewahrung von Anfang an besteht, darüber schwankt er, indem er an manchen Stellen zu dieser, an andern wieder zu jener Ansicht hinzuneigen scheint.

O Gütiger, dessen Pforte auch den Bösen und Sündern offensteht, verleihe mir, einzutreten und Deine Schönheit staunend zu betrachten! O Speicher aller Güter, aus welchem auch die Undankbaren gesättigt werden, durch Dich möge ich ernährt werden, da Du ganz Leben bist für die, welche Dich kosten! O Becher, dessen Trank die Seele berauscht, so daß sie ihre Leiden vergißt, aus Dir will ich trinken, um durch Dich belehrt von Dir zu erzählen! Der Du nicht verschmähst, unser unwürdiges Geschlecht zu verherrlichen, mögest Du meine Reden durch Deine lieblichen Hymnen verherrlichen! O Sohn der Jungfrau, der Du zum Kinde der Niedrigkeit geworden bist, verleihe meiner Niedrigkeit, von Deiner Majestät zu reden! O Sohn des Höchsten, der Du einer der Irdischen werden wolltest, durch Dich möge mein Wort zur Höhe emporgehoben werden und Dich besingen! Du, unser Herr, bist das vernünftige, lebensvolle Wort und die große Rede, welche dem sie Anhörenden Reichtum verleiht. Jeder Redende redet nur durch Dich und wegen Deiner; denn Du bist das Wort und die Vernunft jedes Verstandes und Sinnes. Weder vermögen sich die Gedanken der Seele ohne Dich zu regen, noch kann die Zunge ein Wort hervorbringen außer durch Dich, noch können die Lippen anders als auf Deinen Befehl eine Stimme von sich geben, noch endlich ist das Ohr fähig zu hören außer durch Deine Gabe. Siehe, Dein Reichtum wird unter die Entfernten wie unter die Nahestehenden verteilt, und Dein Tor ist geöffnet, damit Gute und Böse zu Dir eintreten mögen. Durch Dich wird alles bereichert, denn Du verleihst ohne Maß allen Geschöpfen Reichtum. So mögest Du denn auch mein Lied mit Deiner Schönheit bereichern, damit es Dich besinge!

O Sohn der Jungfrau, verleihe mir, von Deiner Mutter zu reden, obgleich ich bekenne, daß die Rede über sie ein allzu erhabener Gegenstand für uns ist! Eine Rede voll Staunen regt sich jetzt in meinem Innern, um zum Ausdruck zu kommen. O ihr Verständigen, höret mich liebevoll mit den Ohren der Seele an! Das Lob Marias erhebt sich wunderbar in mir, um zum Vorschein zu kommen. Bereitet also euere Herzen einsichtsvoll vor! Die heilige Jungfrau hat mich heute berufen, um von ihr zu reden. Lasset uns also unser Gehör für einen so erhabenen Gegenstand geziemend vorbereiten, damit er nicht verunehrt werde!

Sie ist der zweite Himmel, in dessen Schoß der Herr der Himmelshöhen gewohnt hat und darauf erschienen ist, um die Finsternis aus allen Enden zu verscheuchen; die Gesegnete unter den Weibern, durch welche der Fluch der Erde ausgetilgt worden ist, und von welcher an das Strafurteil sein Ende erreicht hat; die Keusche, Demütige und im Glanz der Heiligkeit Strahlende, von der zu reden mein Mund allzu gering ist; die Arme, welche zur Mutter des Königs geworden ist und der dürftigen Welt Reichtum geschenkt hat, damit diese dadurch Leben erlange; das Schiff, welches die Schätze und Güter vom Hause des Vaters hertrug, um seinen Reichtum in unser verödetes Land auszuschütten; der gute Acker, welcher ohne Saat Getreidehaufen hervorbrachte, und welcher, obgleich unbearbeitet, eine reiche Ernte lieferte; die zweite Eva, welche unter den Sterblichen das Leben geboren und den Schuldbrief ihrer Mutter Eva eingelöst und vernichtet hat; das Kind, welches der niedergestreckten Ahnfrau die Hand reichte und sie wieder aufrichtete von dem Falle, in den sie die Schlange gestürzt hatte; die Tochter, welche ein Gewand der Glorie webte und es ihrem Vater gab, auf daß er sich damit wieder bedecke, nachdem er unter den Bäumen entblößt worden war; die Jungfrau, welche auf wunderbare Weise ohne eheliche Gemeinschaft Mutter geworden ist; die Mutter, welche unverändert Jungfrau geblieben ist; die herrliche Burg, welche der König erbaute, bezog und bewohnte, und deren Tore nicht vor ihm geöffnet wurden, als er aus derselben auszog; die Magd, welche gleich jenem himmlischen Wagen den Allgewaltigen trug und hegte, durch den alle Kreaturen getragen werden; die Braut, welche empfing, ohne je den Bräutigam erblickt zu haben, und einen Sohn gebar, ohne den Wohnort seines Vaters gesehen zu haben. Wie könnte ich das Bild dieser wunderbaren Schönen mit gewöhnlichen Farben malen, da hierzu nicht einmal ihre kunstvollen Mischungen hinreichen würden? Zu erhaben und herrlich ist das Bild ihrer Schönheit für meine Farbenmischungen, und nicht wage ich zu hoffen, daß mein Geist ein ihr ähnliches Gemälde entwerfen könne. Leichter ist es, den Glanz und die Glut der Sonne zu malen als einen Bericht über die Herrlichkeit Mariens vorzutragen. Ein Strahlenrad ließe sich vielleicht in Farben darstellen, aber die Kunde von ihr kann von keinem Redner ganz erfaßt werden. Wenn dies jemand zu unternehmen wagt, in welcher Klasse soll er dann ihr Bild entwerfen, oder unter welche Schar soll er sie einreihen, um sie zu besingen? Unter die Jungfrauen, unter die heiligen und demütigen Frauen, oder unter die Gattinnen und Mütter? Sehet, Jungfräulichkeit und Milch findet sich vereinigt bei der Preiswürdigen, vollkommene Geburt und versiegelter Schoß; wer vermag sie genügend zu loben? Während sie mir eben noch zur Schar der Mädchen zu gehören schien, sah ich, wie sie als Mutter ihrem Kinde Nahrung reichte. Kaum hörte ich, daß Joseph als ihr Gemahl bei ihr wohne, so bemerkte ich schon, daß sie der ehelichen Gemeinschaft entzogen ist. Eben wollte ich sie in die Reihe der Jungfrauen einordnen, da vernahm ich eine Stimme, daß die Beschwerden der Geburt sie betroffen haben. Ich gedachte sie wegen Joseph eine Gattin zu nennen, da lehrte mich der Glaube, daß sie von keinem Sterblichen erkannt worden sei. Ich erblickte sie, ihren Sohn tragend wie eine Mutter, und hinwiederum erschien sie mir in den Reihen der Jungfrauen stehend. Sie ist Jungfrau und doch Mutter, Gattin und doch unberührt; was kann ich noch über sie sagen, nachdem ich bereits gesagt habe, daß sie unbegreiflich ist? Die Liebe bewegt mich, über die Wunderbare zu reden; aber die Erhabenheit des Gegenstandes ist zu gewaltig für mich. Was soll ich also beginnen? Zuvor will ich vor aller Welt ausrufen, daß ich jetzt so wenig als jemals imstande bin, sie würdig zu preisen; alsdann aber will ich mich dennoch aus Liebe dazu wenden, das Lob der Erhabenen zu verkünden. Nur die Liebe vermag, wenn sie redet, jedem Tadel zu entgehen; denn ihre Gedanken sind dem Hörer anmutig und bereichern ihn.

In Furcht und Staunen will ich von Maria reden, zu welch hoher Würde die Erdentochter aufgestiegen ist. War es wohl bloße Gnade, was den Sohn zu ihr herabsteigen ließ? Oder war sie so heilig und Gott wohlgefällig, daß sie die Mutter des Sohnes des Heiligsten wurde? Es ist klar, daß Gott aus Gnade zur Erde herabgestiegen ist; aber Maria durfte ihn aufnehmen wegen ihrer überaus großen Reinheit. Er sah ihre Demut, Sanftmut und Reinheit an und wohnte in ihr; denn er weilt gerne unter den Demütigen, wie er selbst sagt: „Auf wen anders soll ich schauen als auf die Sanftmütigen und Demütigen?“ Er sah, daß sie die Demütigste unter allen Menschenkindern war, und wohnte deshalb in ihr, wie sie ja selbst bezeugt, daß er ihre Niedrigkeit angesehen und in ihr gewohnt habe. Deshalb soll sie gepriesen werden ob ihrer großen Gottwohlgefälligkeit. Die Demut ist der Gipfel der Vollkommenheit; denn in je größerer Nähe der Mensch Gott schaut, um so mehr fühlt er sich gedemütigt. War ja auch der große Moses der Demütigste unter allen Menschen, obgleich Gott in der Vision auf dem Berge zu ihm herabgestiegen war. Die Demut zeigt sich auch bei Abraham, welcher sich selbst Staub und Asche nannte, obwohl er gerecht war. Demütig war auch Johannes, welcher verkündigte, daß er nicht würdig sei, dem Bräutigam, seinem Herrn, die Schuhriemen aufzulösen. Durch die Demut haben die Heiligen aller Zeiten Gott wohlgefallen; denn sie ist die Heerstraße, auf welcher der Mensch zu Gott gelangt. Aber so tief wie Maria hat sich von Anbeginn an nie ein Mensch verdemütigt; dies geht klar daraus hervor, daß kein Mensch so hoch wie sie erhöht worden ist. Denn der Herr, welcher die Verherrlichung nach dem Maße der Verdemütigung verleiht, hat sie zu seiner Mutter erhoben; was kann also ihrer Demut gleichkommen? Wäre eine andere reiner und sanftmütiger als Maria gewesen, so würde Gott in jener gewohnt, diese aber verlassen und nicht in ihr verweilt haben. Hätte es eine vollkommenere und heiligere Seele als die ihrige gegeben, so würde er jene erwählt und diese aufgegeben haben. Als unser Herr zur Erde hinabstieg, sah er alle Frauen und erwählte sich eine, welche ihm unter allen am wohlgefälligsten war. Er erprobte sie und fand in ihr Demut und Heiligkeit, lautere Gesinnung und eine gottliebende Seele, ein reines Herz und keine anderen als die vollkommensten Gedanken. Deshalb erwählte er diese Reine und vollkommen Schöne; er verließ seine Stätte und weilte in der Gepriesenen unter den Weibern, weil sie in der ganzen Welt nicht ihresgleichen hatte, die ihr zur Seite gestellt werden könnte. Sie war die einzige Demütige, Reine, Lautere und Makellose, welche es verdiente, Mutter Gottes zu werden, und keine andere außer ihr. Er erforschte sie, wie rein und über alles Böse erhaben sie sei. Nicht fand sich in ihr die mindeste zu den Lüsten hinneigende Regung, kein Gedanke, welcher der Unreinheit eine Handhabe böte, kein Verkehr, welcher die verderblichen Verkehrtheiten dieser Welt hervorrufen könnte; nicht brannte in ihr die nichtige Liebe zur Welt, noch beschäftigte sie sich mit dem gewöhnlichen Treiben der Mädchen. Er sah, daß in der Welt keine andere ihr Gleiche oder auch nur Ähnliche zu finden sei; deshalb erwählte er sie zu seiner Mutter, um von ihr reine Milch zu empfangen. Sie war weise und ganz von Liebe zu Gott erfüllt; denn wo keine Liebe ist, da kann unser Herr nicht wohnen. Als sich der große König entschloß, unser Land zu besuchen, da gefiel es ihm, in dem allerreinsten Tempel des ganzen Erdkreises zu wohnen, nämlich in dem reinen, durch Jungfräulichkeit und der Heiligkeit würdige Gesinnungen geschmückten Schoße. Die sowohl von Natur als durch ihren Willen Schönheitsvolle, welche nie durch unschöne Begierden entweiht wurde, war von Kindheit an makellos in der Gerechtigkeit standhaft geblieben und hatte stets fehlerlos auf dem rechten Wege gewandelt, ohne zu straucheln. Täglich blieb in ihr die unversehrte Natur, der auf das Gute gerichtete Wille, die Jungfräulichkeit des Leibes und die Heiligkeit der Seele.

Eben jenes Werk, welches Gott in ihr ausgeführt hat, gibt mir die Berechtigung, alles dieses von jener hehren und unaussprechlich wunderbaren Jungfrau auszusagen. Denn eben daraus, daß sie die Mutter des Sohnes Gottes geworden ist, erkenne und schließe ich, daß sie das einzige vollkommen reine Weib auf Erden war. Von der Zeit an, wo sie Gutes und Böses zu unterscheiden lernte, verblieb sie in Reinheit des Herzens und in geraden Gedanken. Nie wich sie von der Gerechtigkeit des göttlichen Gesetzes ab, und nie wurde sie von verächtlichen fleischlichen Leidenschaften bewegt. Dagegen regten sich in ihr von Kindheit an die Empfindungen der Heiligkeit, welche sie einsichtsvoll und sorgfältig pflegte. Alle Tage stellte sie sich den Herrn vor Augen und blickte auf ihn, um durch ihn erleuchtet und erquickt zu werden. Als nun Gott sah, wie rein und lauter ihre Seele war, wollte er in ihr wohnen, weil sie von allem Bösen frei war. Deshalb, weil niemals ein Weib gleich ihr gesehen wurde, ist in ihr jenes staunenswerte, über alles große Werk vollbracht worden. Eine einzige Menschentochter wurde gesucht unter den Weibern, und sie wurde erwählt, weil sie weit schöner als alle anderen war. Der heiligste Vater wollte seinem Sohne eine Mutter verschaffen, und fand keine andere gleich dieser einen, welche er erwählte, damit sie seine Mutter werde. Diese Jungfrau war innerlich und äußerlich voll verborgener Schönheiten, und verdiente durch die Reinheit ihres Herzens die in ihr vollbrachten Geheimnisse zu sehen.

Die wahre Seelenschönheit besteht darin, daß der Mensch durch seinen freien Willen schön ist, und der Glanz der Vollkommenheit durch seine eigene Willensbestimmung in ihm strahlt. Wie große Schönheit auch einem Geschöpfe von Gott verliehen sein mag, so wird es doch nur dann wegen derselben gelobt, wenn Willensfreiheit damit verbunden ist. Auch die Sonne ist schön und wird doch von den Beschauern nicht gepriesen, weil man weiß, daß sie ihr Licht nicht durch ihren Willen erhalten hat. Wer aber durch seine Willensfreiheit schön ist und Glanz besitzt, der wird auch wegen seiner Schönheit gepriesen. Auch Gott liebt die durch die Willensfreiheit hervorgebrachte Schönheit und lobt den ihm wohlgefälligen guten Willen. So hat ihm auch diese Jungfrau, deren Lob jetzt von uns verkündet wird, wegen ihres guten Willens wohl gefallen und ist von ihm erwählt worden. Er stieg herab, um aus der menschlichen Tochter Mensch zu werden; wegen ihrer Schönheit erwählte er sie, um aus ihr geboren zu werden. Und je mehr die ihr verliehene Gnade die aller anderen Menschenkinder übertraf, um so mehr muß auch die Seelenschönheit Marias gepriesen werden, um derenwillen sie Mutter Gottes wurde. Durch ihre Demut, Reinheit und Gerechtigkeit und ihren guten Willen gefiel sie Gott und wurde erwählt. Wäre eine andere schöner als sie gewesen, so hätte er diese erwählt; denn der Herr ist unparteiisch, gerecht und gerade. Wäre in ihrer Seele auch nur ein Flecken oder Fehler gewesen, so hätte er sich eine andere und zwar makellose Mutter erwählt. Diese Schönheit, welche durch ihre Reinheit alle anderen so weit übertrifft, wird durch den guten Willen des Besitzers erworben. Deshalb muß jeder über die Hochgepriesene staunen, weil sie so schön war, daß der Herr sie zu seiner Mutter erwählte. Ihre Schönheit war so groß, als es die Natur gestattete; denn daß sie jenes höchste Maß erreichte, war nicht mehr Sache des freien Willens. Bis dahin hatte sie sich nur der den Menschen zugänglichen Vollkommenheit befleißigt; daß aber Gott aus ihr hervorging, konnte sie nicht durch eigenes Verdienst erreichen. So weit als sich die Gerechten Gott nahen können, nahte sich ihm die vollkommen Schöne durch die Vortrefflichkeit ihrer Seele; jenes aber, daß Christus leiblich aus ihr erschien, war Gnade, für welche seine große Barmherzigkeit gepriesen werden muß. Maria war in so hohem Grade schön, daß niemand in der ganzen Welt sie übertraf. Für das Weitere aber laßt uns dem Herrn den ihm gebührenden Dank sagen, welcher ohne jedes Maß seine Gnade über die Schöpfung ausgegossen hat! Schätze die Gnade des Sohnes so hoch, daß alle Welten sie nicht durch ihren Dank zu vergelten vermögen, und das Verdienst Marias so hoch, daß es unter den Menschenkindern kein größeres gibt! Sie war lauter wie Johannes und dessen Namensvetter, wie Elias und Melchisedech, diese Ruhmvollen. Die Stufe dieser Erhabenen erstieg sie durch ihre Schönheit und wurde alsdann auserwählt, die Mutter des Sohnes des Heiligen zu werden. Sie selbst hatte ihre Seele bis zum äußersten Gipfel der Vollkommenheit gebracht, und alsdann nahm die unendliche Gnade Wohnung in ihr. Der Herr sah, daß sie voll des Glanzes der Heiligkeit war, und wollte in ihrem reinen Schoße heilig wohnen.

Deshalb sandte er einen Engel von den himmlischen Legionen, damit er der Seligen, Schönheitsvollen die Botschaft bringe, Gabriel, der gewaltige Fürst der Himmelsheere, machte sich auf den Weg und stieg zu ihr herab, vom Höchsten gesendet. Sie allein war würdig des großen Geheimnisses, welches ihr durch göttliche Offenbarung mitgeteilt werden sollte. In Gebet, Lauterkeit und Einfalt empfing Maria die überirdischeOffenbarung, während sie in heiliger Ehrfurcht vor Gott stand und ihr Herz liebevoll vor ihm im Gebete ausschüttete. Sie war im Gebete begriffen, wie einst Daniel, als der Engel im Feuerglanze zu ihm herabstieg. Ebenso traf der Engel auch den Priester Zacharias, als er im Heiligtume stand und vor Gott betete. So befand sich auch diese Jungfrau, welche der großen Offenbarung gewürdigt wurde, im Gebete, als sie den herabfahrenden Engel aufnahm. Denn das reine Gebet verbindet geheimnisvoller Weise mit Gott, redet zu ihm, vernimmt seine Antwort und erhält Stärkung von ihm. Der Engel stieg herab, als Maria im Gebete begriffen war, und brachte ihr den vom Höchsten entbotenen Gruß: „Gegrüßt seist du, Maria, unser Herr ist mit dir, o Selige! Du bist gebenedeit, denn gebenedeit ist die Frucht deiner Jungfräulichkeit.“ Als sie dies hörte, überlegte sie mit Verstand, was wohl die Ursache eines solchen ungewohnten Grußes sei. Da sprach der Engel zu ihr: „Sei unbesorgt, Gnadenvolle! Der Herr verlangt nach dir, daß du in deiner Jungfräulichkeit seine Mutter werdest. Siehe, von nun an wirst du heilig empfangen und den König des ewigen Reiches gebären.“ Maria erwiderte: „Wje kann das geschehen, was du sagst? Wie kann ich fruchtbar sein, da ich nie einen Mann erkenne? Du kündigst mir einen Sohn an, da ich doch der ehelichen Gemeinschaft fernbleibe. Ich höre von einer Geburt, ohne daß ich eine Vermählung sehe.“ Ein wundervoller Zeitpunkt war es, als Maria dastand und sich mit Gabriel unterredete. Die demütige Tochter der Armut und der Engel begegneten sich und hielten eine ganz staunenswerte Unterredung. Die reine Jungfrau und der strahlende Engel führten die wunderbare Unterhandlung, welche den Frieden zwischen Himmel und Erde wiederherstellte. Eine aus der Zahl der Frauen schloß mit dem Fürsten aller Engelscharen einen Vertrag über die Aussöhnung der ganzen Welt. Sie setzten sich als Schiedsrichter zwischen die Himmlischen und Irdischen, sprachen, hörten und stifteten Frieden unter den gegeneinander Erzürnten. Die Jungfrau und der Engel trafen zusammen und brachten die Angelegenheit wieder in Ordnung, bis sie die Streitsache zwischen dem Herrn und Adam ausgetilgt hatten. Der große Streit, welcher unter den Bäumen vorgefallen war, kam zur Verhandlung und wurde ganz ausgeglichen, so daß der Friede zustande kam. Die Irdische und der Himmlische redeten freundlich miteinander, so daß beide Parteien ihren Zwist aufgaben und Frieden schlössen. Es wandte sich jene böse Zeit, die den Adam getötet hatte, und es kam eine andere gute Zeit, durch welche er wieder aufgerichtet werden sollte. Statt jener Schlange begann jetzt Gabriel die Unterredung, und statt Evas hörte Maria sie an. Statt des Lügners, welcher durch den von ihm angestifteten Trug den Tod einführte, stand der Wahrhaftige da, um durch die von ihm gebrachte Kunde das Leben zu verkündigen; und für die Mutter, welche unter den Bäumen den Schuldbrief unterschrieben hatte, trat die Tochter ein, welche die ganze Schuld ihres Vaters Adam einlöste. Die Schlange und Eva sind in den Engel und Maria umgeändert, und die vom Anbeginne an verwickelte Sache ist wieder in Ordnung gebracht. Siehe, wie Eva der Schlange geneigtes Ohr leiht und auf die Stimme des Betrügers horcht, der ihr Lügen zulispelt! Komme nun und freue dich darüber, wie der Engel Leben in ihr Ohr gießt, sie von der Umwindung der Schlange befreit und ihr Trost verleiht! Gabriel baute das von der Schlange zerstörte Gebäude wieder auf, und Maria errichtete wieder das von Eva im Paradiese eingerissene Haus.

Zwei Jungfrauen empfingen Botschaft von zwei Gesandten, die nacheinander in zwei Zeitaltern abgeschickt worden waren. Satan sandte sein Geheimnis durch die Schlange zu Eva, und der Herr sandte seine Verkündigung durch den Engel zu Maria. Gegenüber dem Bösen bewirkte Gabriel die Auflösung der Schlangenrede in dem Ohre Marias statt Evas. Er erneuerte die Sache wieder und löste durch seine Worte jenes Wechselgespräch auf; er redete die Wahrheit und tilgte jene Lüge vollständig aus. Die Jungfrau war imParadiese von dem Abtrünnigen betrogen und ihr Ohr zu einer Flöte für den argen Trug gemacht worden. Statt dieser Jungfrau wurde nun eine andere erwählt und die Wahrheit vom Höchsten in ihr Ohr eingesprochen. Zu derselben Pforte, aus welcher der Tod ausgegangen war, trat das Leben ein, und aufgelöst wurde die große Fessel, womit uns der Böse damals gebunden hatte. Da wo im Anfang Sünde und Tod gewaltig geworden waren, strömte nun die Gnade über, um Adam zu erlösen. Die Schlange erteilte der Eva keinen Friedensgruß, als sie dieselbe anredete; denn es gibt ja keinen Frieden auf dem toderfüllten Wege. Trug flüsterte sie ihr ein, Lüge zischte sie ihr zu, Sünde goß sie ihr ein, böse Ratschläge und verlogene Reden. Feindschaft, Mordanschläge und blutdürstige Wut führte sie durch ihre Rede in das Geschlecht Adams ein. Gegen alles dieses erhob sich der Engel, der Gesandte des Sohnes, und brachte von Gott zu Maria die Kunde des Lebens. Den Gruß bot er ihr, das Leben säte er in ihr; Frieden verkündigte er ihr; liebevoll begegnete er ihr und schaffte alle jene Schäden hinweg. Die von der Schlange aufgebaute Mauer der Sünde zerstörte der Sohn Gottes bei seiner Herabkunft, auf daß sie nie wieder hergestellt werde. Den zwischen beiden Teilen errichteten Zaun riß er bei seinem Herabsteigen ein, damit Friede zwischen den Irdischen und den Himmlischen gestiftet werde. Deshalb bot der Engel Maria den Friedensgruß als ein Unterpfand des vollkommenen Friedens für die ganze Welt. Er sprach zu ihr: „Gegrüßt seist du, Maria, unser Herr ist mit dir; in deiner Jungfräulichkeit wirst du empfangen und einen Sohn gebären.“ Sie antwortete ihm: „Wie kann dies geschehen, wie du sagst, da ich Jungfrau bin und die Jungfräulichkeit keine Frucht hervorbringt?“ Solche Fragen waren schon darum sehr notwendig, damit ihr die Menschwerdung des Sohnes, welcher in ihr wohnen sollte, deutlich werde. Maria fragte, damit wir durch den Engel über jene Empfängnis belehrt werden sollten, die für unsere Erklärung zu erhaben ist. Sehet, wie voll Glanz Maria ist für diejenigen, welche sie betrachten, und wie wertvoll ihre Taten und Worte für die Verständigen sind. Daß sie den Engel fragte, um Gewißheit über ihre Empfängnis zu erlangen, tat sie zwar aus eigenem Antrieb, aber zugleich auch zum Nutzen aller jener, die es hören. Eva hatte die Schlange, von der sie verführt wurde, nicht gefragt, sondern hatte freiwillig geschwiegen und der Lüge Glauben geschenkt. Aber diese Jungfrau hörte die Wahrheit von dem Wahrhaftigen und verlangte trotzdem eine deutliche Erklärung. Jene hörte, daß sie durch die Frucht des Baumes eine Göttin werden würde, ohne zu fragen: „Wie kann das, was du sagst, geschehen?“ Diese aber nahm die Nachricht des Engels, daß sie den Sohn Gottes empfangen werde, nicht eher an, bis sie darüber Gewißheit erhalten hatte. Die jungfräuliche Gattin Adams setzte keinen Zweifel in die Versicherung des Lügners, daß sie selbst zur Würde der Gottheit aufsteigen werde. Diese aber, als ihr gesagt wurde, sie werde den Sohn gebären, schwieg erst, nachdem sie untersucht, gefragt, erforscht und gelernt hatte. Erkenne also daraus, um wie viel schöner diese als jene ist. Wegen dieser ihrer Schönheit erwählte sie auch der Herr und machte sie zu seiner Mutter. Sie hätte ebenso leicht schweigen als fragen können; infolge ihrer eigenen Einsicht erfuhr sie also die Wahrheit von dem Engel. So tadelnswert Eva in ihrer Angelegenheit, so preiswürdig ist Maria in der ihrigen. Im Vergleich mit der Torheit jener strahlt die Weisheit dieser um so glänzender. Je verächtlicher sich jene erste in ihrer Sache benahm, um so offener und gerader zeigte sich diese in der Angelegenheit des Sohnes. Je törichter jene dem Verständigen erscheint, um so weiser diese, welche die ganze Schuld jener gegen Gott eingelöst hat. Unser ganzes Geschlecht fiel durch jene und ward durch diese wieder aufgerichtet; von Eva kam die Sünde und von Maria die Gerechtigkeit. Durch das Schweigen Evas traf uns Schuld, Strafe und ein befleckter Name, aber durch die Rede Marias Leben, Licht und Sieg.

Sie erwiderte dem Engel: „Wie kann das geschehen, was du sagst?“ Da begann dieser, den Weg des Königs und seine Herabkunft ihr zu erklären: „Der Heilige Geist wird heilig zu dir kommen und die Macht des Höchsten wird dich überschatten, o Allerseligste!“ Hier wird die Zunge von der Fülle des Stoffes überflutet und kann nur noch im Staunen des Glaubens reden. Dieser Gegenstand verlangt Gefühle, welche erhabener sind als die gewöhnlichen; über ihn darf nur die Liebe, welche die wahre Weisheit verleiht, ohne Streitsucht reden. In der Rede des Engels handelte es sich um die Erwirkung des ewigen Lebens. Weshalb aber war es wohl notwendig, daß der Heilige Geist vor dem Eingeborenen kommen sollte? Zuerst wohnte der Geist und dann die Kraft in der Reinen, wie er ihr gesagt hatte: „Der Geist wird kommen und die Kraft wird in dir wohnen.“ Die Kraft des Höchsten ist der Sohn des Höchsten, welcher in ihr gewohnt hat, um leiblich geboren zu werden. Er ist Christus, die Kraft des Vaters, wie geschrieben steht. Vor ihm aber kam der Heilige Geist zu Maria. So verkündigte ihr auch der vom Vater gesandte Engel, daß der Geist kommen und alsdann die Kraft des Höchsten in ihr wohnen würde. Der Heilige Geist kam zu Maria, um von ihr jenes alte Strafurteil gegen Adam und Eva zu entfernen. Er heiligte und reinigte sie, machte sie zu der Gebenedeiten unter den Weibern und befreite sie von dem Fluche der Schmerzen ihrer Mutter Eva. Da sie berufen war, die Mutter des Sohnes Gottes zu werden, so heiligte sie der Heilige Geist, bevor jener in ihr Wohnung nahm. Der Geist befreite sie von jener Schuld, damit sie über jede Sünde erhaben wäre, wenn Christus in ihr heilig wohnen würde. Er läuterte seine Mutter durch den Heiligen Geist, damit er, wenn er in ihr weilen würde, einen reinen und sündelosen Leib von ihr empfange. Damit der beseelte Leib, mit welchem er sich bekleiden wollte, nicht befleckt sei, reinigte er die Jungfrau durch den Heiligen Geist und wohnte alsdann in ihr. Der Sohn Gottes wollte aus ihr der Menschheit eingepflanzt werden, deshalb machte er zuvor durch den Geist ihren Leib sündefrei. Das Wort stieg herab, um Fleisch zu werden, und deshalb läuterte er durch den Geist diejenige, aus welcher er Fleisch annahm, um uns bei seiner Herabkunft in allem gleich zu werden, außer in der einen Beziehung, daß sein reiner Leib von der Sünde frei blieb. Als Gott Mensch werden wollte, reinigte er jene eine Jungfrau durch den Geist und machte sie zu seiner Mutter, damit er der Welt ein zweiter von Gott gesandter Adam werde und dem ersten von der Schlange zu Boden gestürzten die Hand zum Aufstehen reiche, damit der Fürst dieser Welt, wenn er ihn vor Gericht stellen und verurteilen würde, keine Sünde an ihm finden könne, welche dem Tode ein Tor öffne, damit endlich Gott als Mensch, doch ohne dem Strafurteil unterworfen zu sein, aus der Menschentochter in die Welt ausgehe. Deshalb heiligte er durch den Geist diese heilige, berühmte, allerseligste und reinste Jungfrau und machte sie ebenso rein, lauter und gesegnet wie Eva vor ihrer Unterredung mit der Schlange gewesen war. Er gab ihr jene ursprüngliche Schönheit zurück, welche ihre Mutter besessen hatte, bevor sie von dem todbringenden Baume gekostet. Der Geist, welcher über sie kam, machte sie so, wie die erste Eva gewesen, bevor sie dem Rate der Schlange und deren hassenswefter Rede gelauscht hatte. Er stellte sie auf jene Stufe, auf welcher Eva und Adam vor ihrem Sündenfalle standen, und wohnte alsdann in ihr. Die Got-teskindschaft, welche unser Vater Adam gehabt hatte, verlieh er an Maria durch den Heiligen Geist, da er in ihr verweilen wollte.  Gleichwie unser Vater ohne eheliche Gemeinschaft unsere Mutter erzeugte, ebenso gebar auch sie; denn sie war wie Adam, ehe er gesündigt hatte. Den Heiligen Geist, welcher in das Angesicht Adams gehaucht worden war, so daß er Eva erzeugte, empfing auch sie, so daß sie den Sohn gebar. Jene Reinheit, welche Adam besessen hatte, erlangte auch Maria durch den Geist, welcher über sie kam, so daß sie ohne Regung der Lust gebar. Adam gebar die Mutter des Lebens auf wunderbare Weise und bildete dadurch die Geburt unseres Herrn, dieser Quelle des Lebens, vor. Vom Anbeginn an hatte Gott Adam und Eva als Vorbild seines eingeborenen Sohnes erkannt und bestimmt. Adam gebar heilig die jungfräuliche Eva und gab ihr den Namen „Mutter des Lebens“. Hierdurch weissagte er, daß aus ihr durch eine zweite Geburt der Welt das wahre Leben aufgehen und sie in ihrer Jungfräulichkeit den Sohn Gottes gebären werde. In dieser Weissagung Adams wurde unser Herr besungen; denn er ist das Leben und seine Mutter die Jungfrau Maria. Er gab der Eva den Namen „Mutter alles Lebenden“, um dadurch zu weissagen, daß sie uns das Leben, nämlich unseren Herrn Jesum, gebären werde. Maria erreichte die für diese Geburt notwendige Reinheit; denn der Geist heiligte sie, und alsdann wohnte in ihr der Sohn Gottes. Er heiligte ihren Leib und befreite sie von jeder sündigen Lust, gleichwie die jungfräuliche Eva war, bevor sie gelüstete. Als der Heilige Geist zu ihr kam, trieb er die Sünde von ihr hinweg, welche durch die Regungen der Lust in das Geschlecht Adams eingedrungen war. Er tilgte aus ihr jenes von der Schlange angeheftete Anhängsel und den bösen Sinn, erfüllte sie dagegen mit Heiligkeit und Unschuld. Er machte sie neu; da sah der Herr, daß sie überaus schön war gleich der ursprünglichen Eva, und alsdann wohnte er in ihr und nahm aus ihr Fleisch an. Deshalb verkündigte der Engel, daß der Heilige Geist kommen werde, bevor das Wort zu Maria herabsteigen werde, um in ihr zu wohnen.

Gebenedeit sei Maria, durch deren Frage an Gabriel die Welt dieses verborgene Geheimnis erfahren hat! Denn wenn sie nicht gefragt hätte, wie dies geschehen könne, so hätten wir auch keine Erklärung der Menschwerdung des Sohnes erhalten. Ihr Verdienst war es, daß der Glanz dieser Sache offenbar geworden ist, und sie war die Ursache, daß durch den Engel Licht darüber verbreitet wurde. Die weise Jungfrau war, als sie diese Frage stellte, der Mund der Kirche und vernahm für die ganze Schöpfung die Erläuterung. Denn wenn Maria nicht erhabene Gedanken gehabt hätte, so wäre sie nicht dazu gekommen, mit dem Engel zu reden. Wenn sie nicht eine innerlich wie äußerlich vollkommene Schönheit besessen hätte, so wäre sie nicht der Unterredung mit Gabriel gewürdigt worden.

Aus eigenem Verdienst war sie zu dieser Stufe der Vollkommenheit emporgestiegen, bis der alles vollendende Geist zu ihr kam. Von Gott wurde sie mit der über alles erhabenen Gnade erfüllt und der Eingeborene nahm in ihrem Schoß Wohnung, um alles zu erneuern.

Maria ist uns erschienen wie ein versiegelter Brief, in welchem die Geheimnisse und Tiefen des Sohnes verborgen sind. Ihren heiligen Leib bot sie dar wie ein reines Blatt, und das Wort schrieb sich selbst leiblich darauf. Der Sohn ist das Wort, und sie, wie wir gesagt haben, der Brief, durch welchen der ganzen Welt die Vergebung mitgeteilt wurde. Sie ist nicht ein solcher Brief, der erst nach seiner Aufzeichnung versiegelt worden ist, sondern ein solcher, den die Dreieinigkeit zuerst versiegelt und dann beschrieben hat. Er wurde versiegelt und beschrieben und alsdann auch gelesen, ohne aufgebrochen zu werden; denn ungewöhnlich erhabene Geheimnisse hatte der Vater in ihm geoffenbart. Ohne Verletzung des Siegels trat das Wort ein und wohnte in ihr; bei dieser Wunderbaren findet sich die Jungfräulichkeit des Leibes mit Fruchtbarkeit vereinigt. Durch sie hat uns der Vater eine Botschaft voll Seligkeit zugesandt. Durch sie ist allen durch den Schuld-schein Niedergebeugten Erlaß zuteil geworden. Durch sie ist dem der Knechtschaft verfallenen Adam die Befreiung zugekommen und ihm seine frühere Würde als Sohn und Erbe wieder verliehen worden. Durch sie sind die Himmlischen mit den Irdischen ausgesöhnt und die gegeneinander erzürnten Parteien in tiefem Frieden vereinigt. Durch sie ist die Beschämung von den Frauen hinweggenommen und hat die Schmach aufgehört, welche ihnen durch alle Generationen hindurch anhaftete. Durch sie ist der verschlossene Weg zum Paradiese wieder gangbar gemacht, die Schlange in die Flucht getrieben und den Menschen der Zutritt zu Gott eröffnet. Durch sie hat der Cherub seine Lanze zurückgezogen, um künftig den Baum des Lebens nicht mehr zu hüten, der sich nun selbst zur Speise darbietet. Sie hat uns die süße, lebensvolle Frucht geschenkt, damit wir davon essen und ewig mit Gott leben sollen. Aus ihr strahlte die große Sonne der Gerechtigkeit auf und das heitere Licht, welches die Finsternis aus allen Winkeln verscheucht. Der Vater wollte, daß sie die Mutter seines Eingeborenen werde; deshalb ist ihre Seligkeit größer als die aller übrigen Menschenkinder.

„Von nun an werden mich alle Geschlechter selig preisen“, so sprach Maria aus gotterleuchteter Seele mit Bezug auf ihren Sohn. Sie sah, zu welch hoher Stufe sie emporgestiegen war, und daß sie die Welt in tiefstem Staunen selig preisen würde. Im voraus schaute sie die Zukunft und verkündigte, daß die Völker der Erde ihre Jungfräulichkeit selig preisen würden. Durch den Heiligen Geist hatte sie gelernt, daß ihr Sohn König über alle Völker sein werde; deshalb verlangte sie von allen Zungen Lobpreisung wie einen Tribut.

Deshalb wollen auch wir diese Glückselige selig preisen, deren Glückseligkeit selbst für die Zungen der ganzen Welt allzu erhaben ist! Selig ist sie, weil sie den Heiligen Geist erhielt, der sie reinigte, läuterte und zu einem Tempel machte, in welchem der Herr der Himmelshöhen Wohnung nahm. Selig ist sie, weil sie den wunderbaren Glanz der Jungfräulichkeit bewahrte und ihr Name in Ewigkeit überaus herrlich strahlen wird! Selig ist sie, weil durch sie das Geschlecht Adams erneut und die Gefallenen wieder aufgerichtet sind, die aus dem Hause des Vaters gestürzt worden waren. Selig ist sie, weil sie über die eheliche Gemeinschaft erhaben ist und dennoch ohne Scheu ihren geliebten Sohn anblicken darf gleich anderen Müttern. Selig ist sie, weil ihr Leib niemals durch Lust entweiht, aber durch die liebliche Frucht ihrer Jungfräulichkeit verherrlicht wurde. Selig ist sie, weil in ihrem engen und unfruchtbaren Schoße der Unermeßliche weilte, von welchem die Himmel erfüllt sind, obgleich ihn selbst diese nicht zu fassen vermögen. Selig ist sie, weil sie jenen Uralten gebar, der den Adam erzeugte, und weil durch sie alle Geschöpfe erneuert worden sind, welche vom Alter geschwächt waren. Selig ist sie, weil sie demjenigen Milch reichte, auf dessen Wink die Fluten des Weltenmeeres hervorbrachen. Selig ist sie, weil sie den ewigen Helden, der die Welt durch seine verborgene Kraft trägt, als ihr Kind trug, umarmte und herzte. Selig ist sie, weil aus ihr den Gefangenen ein Erlöser erstanden ist, welcher in seinem Eifer den Kerkermeister fesselte und der Erde Frieden verlieh. Selig ist sie, weil sie ihren reinen Mund an die Lippen desjenigen legen durfte, vor dessen Glut sich die feurigen Seraphim verhüllen müssen. Selig ist sie, weil sie denjenigen als Kind mit ihrer reinen Milch ernährte, aus welchem die Welten, wie aus einer großen Mutterbrust, das Leben saugen. Selig ist sie, weil alle Seligen ihrem Sohne die Seligkeit verdanken. Gelobt sei der, welcher für uns aus ihrer Reinheit heilig aufgestrahlt ist!

Gedicht über die Messe für die Verstorbenen.

Text: Bedjan I S. 535 ff. Handschriftlicher Titel: „Homilie des Mar Jakob über das Gedenken der Verstorbenen und über das eucharistische Opfer und darüber, daß die Verstorbenen von den Opfergaben und den Almosen, die für sie verrichtet werden, Gewinn haben.“ — Der Dichter feiert zunächst die Erhabenheit des eucharistischen Opfers über alle anderen, besonders die alttestamentlichen Opfer, wobei er vor allem den vorbildlichen Charakter des Opfers des Melchisedech betont, und sucht die Gläubigen zu eifriger Teilnahme an demselben anzuspornen. Diese Teilnahme aber wird besonders betätigt durch Beiträge zu den eucharistischen Opfergaben, wie sie in den ersten Zeiten des Christentums üblich waren, zur Zeit des Dichters aber schon mehr und mehr außer Brauch kamen. Die Klage über den Rückgang dieser altehrwürdigen, frommgläubigen Sitte innerhalb der christlichen Welt bildet den Grundton der ganzen Homilie. Der Dichter sucht die alte Übung neu zu beleben durch den Hinweis auf die reichen Früchte einer solchen aktiven Teilnahme am hl. Opfer, die besonders den Verstorbenen zugute kommen. Durch die starke Betonung dieses letzteren Momentes, der den abgeschiedenen Angehörigen schuldigen Pietät, wird die Homilie zu einem wertvollen Denkmal der altchristlichen Überlieferung für die katholische Lehre von der Verdienstlichkeit des hl. Meßopfers für die armen Seelen. Den Beweis für seine Behauptung entnimmt der Autor der bekannten Stelle 2 Makk. 12, 43ff. und sucht den naheliegenden Einwand, daß eine Übertragung der sakramentalen Wirkung auf einen gänzlich Unbeteiligten, der noch dazu vom ganzen Vorgange nichts weiß, durch den Hinweis auf die altkirchliche Praxis der Kindertaufe zu entkräften. Auch abgesehen von ihrer Bedeutung als Traditionszeugnis bietet die Homilie manch wertvolle Einblicke in das damalige kirchliche Leben.

Wenn man mir ein geneigtes Gehör schenkt und aufmerksam zuhört, so möchte ich jetzt ein kluges Wort sprechen. Wenn aber nicht die Liebe auf mich hört, wozu soll ich dann überhaupt reden? Denn ohne Liebe angehört, bringt mein Wort keinen Nutzen. Verschwunden ist die Liebe zur Frömmigkeit aus der Menschheit, man findet kaum mehr einen, der Belehrung gerne anhört, wenn sie ihm dargeboten wird. Mehr und mehr legt die Welt die guten Gewohnheiten ab und wirft Hoffnung, Liebe und Glaube über Bord. Die Furcht des Herrn, die Ursache aller Gnaden, ist heutzutage fast verschwunden und deshalb hören auch die Opfergaben auf. Der Satan hat sich der Menschen bemächtigt und sich in ihr Herz eingeschlichen; er läßt darin keinen Platz übrig für gute Werke. Nicht allein die Almosen sind heutzutage zurückgegangen unter den Menschen, sogar die Opfer für die Verstorbenen darzubringen weigert man sich. Von allen Gelübden und sonstigen Opfergaben wie auch vom Zehent sind sie allein noch übrig geblieben bei den Menschen und wurden noch dargebracht. Diese Opfer haben sich bei der Welt erhalten, auf daß sie dadurch geheiligt würde, aber jetzt vernachlässigt man auch sie und schätzt sie nicht mehr nach Gebühr. Und doch sind in Brot und Wein, welche geheimnisvoller Weise Fleisch und Blut werden, alle übrigen Opfer geistiger Weise mitinbegriffen. Mit diesem Opfer nahten sich bereits die Allen Gott dem Herrn und auch den späteren Geschlechtern wird durch sie Barmherzigkeit von der göttlichen Majestät zuteil.

Mit Brot und Wein trat Melchisedech, der Hohepriester, hin, um vor Gott in geheimnisvoller Weise seines Amtes zu walten. Mit diesem Opfer, das nicht vernichtet und nicht verbrannt werden sollte, verrichtete er seinen Priesterdienst, um ein Vorbild zu schaffen für zukünftige Dinge. Er, der Priester war in Ewigkeit im vollsten Sinn, wählt von allem, was geopfert werden kann, Brot und Wein, um es darzubringen. Als ein vom Geiste erfüllter Mann, der alles unterscheidet, wußte er im voraus, daß nur in diesem Opfer die ganze Welt Barmherzigkeit erlangen werde. Da er die Sehergabe besaß, wollte er nicht das Blut lebender Wesen vor Gott bringen, obwohl er das Vorbild des Noe und Abel vor Augen hatte. Geistigerweise war ihm eine Eingebung geworden in seinem Herzen und es war ihm klar geworden, daß Brot und Wein allein passend seien zum Opfer. Die geheimnisvollen Vorgänge, auf welche sich heute die Kirche stützt, kannte damals schon Melchisedech. Auch Moses, der große Prophet, der selber Tieropfer darbrachte, deutete an, wie schön dieses reine Opfer ist. Mit den Schaubroten, die nie fehlen durften auf dem Tische, versah er in geheimnisvoller Weise alle seine Schlachtopfer. Obwohl Schafe und Stiere gut waren zum Opfer, hatte doch das Brot größeren Wert als sie alle wegen seiner Dauer. Vor das Angesicht des Herrn legte er es auf den Tisch und „Brote des Angesichtes“ nannte sie der große Prophet. Diese Brote gab er allen Brandopfern bei, denn das große Geheimnis des heiligen Leibes war in ihm lebendig. Und wenn die Alten sie auf ihren Händen einhergetragen, um wie viel mehr geziemt es sich für uns Spätere, dieses Beispiel nachzuahmen. Und wenn sie der alte Bund in Prozession geleitet, weil sie ihm so verehrungsvoll waren, um wie viel mehr ist es Pflicht des neuen Bundes, daß er den Wert des Brotes hochhält! Und wenn jene Brote kostbarer waren als alles andere, was geopfert werden konnte, welches Opfer könnte dann jetzt diesem Leibe an die Seite gestellt werden? Die Alten zeichneten eben in ihren Opfern ein Vorbild und gaben dadurch den Späteren ein anschauliches Bild der Wahrheit.

Die Tochter des Königs aber übernahm von den Alten nicht das Sinnbild, sondern sie konsekriert heute wirklich das geheimnisvolle Brot. Mitten im Abendmahlssaale sah sie ihren Herrn, wie er seinen Leib konsekrierte, und von ihm lernte sie das gleiche zu tun, wie er es ihr vorgemacht. Nicht Melchisedech lehrte die Kirche, was sie zu tun habe, auf ihren Herrn blickte sie, und wie er getan, so handelt sie alle Tage. Nicht Moses, der ein Mensch war, nahm sie sich zum Vorbild, sondern Jesus, der Gott ist, lehrte sie die Geheimnisse. Und siehe, er wacht über sie, er ehrt sie, er ist stolz auf sie, denn er ist das große Schlachtopfer, in dem die Lebenden und die Toten miteingeschlossen sind. Warum also werden diese Güter, die an sich so reichlich fließen, jetzt von vielen verringert und nicht vielmehr gefördert? Die Menschen vernachlässigen das heilige Brot und spenden keine Beiträge mehr dazu; was soll ich da sprechen, zu welchem Zwecke, auf welche Weise und an wen soll ich mich da wenden? Soll ich das Tadelnswerte, das sich auch an Einsichtigen findet, auf sich beruhen lassen, oder soll ich, da es ja aus Liebe geschieht, auch vor den Verständigen reden? Lieber Zuhörer, in aller Liebe richte ich meine Worte an dich; mit Liebe nimm darum meine Worte auch auf, denn die Liebe ist es, die mich treibt zu reden. Das Brot des Herrn mangelt dir nie an seinem Tische und seinen heiligen Wein bietet er Tag für Tag geistigerweise an. Brot und Wein und Liebe bringe mit zum Hause der Barmherzigkeit, dann wird auch der Priester deiner eingedenk hintreten vor die Majestät. In die Steine des Ephods hatte Moses die Namen der Stämme geschrieben, damit der Priester die Erinnerung an sie mitnehme ins Allerheiligste. Auch du drücke dem Opferbrot die Erinnerung an dich und an deine verstorbenen Angehörigen auf, indem du dem Priester Gaben spendest, um sie vor Gott darzubringen! Ein Gastmahl veranstalte und lade deine Toten ein, auf daß sie kommen zum Opfer, das allen Seelen zur Ausrüstung und Stärkung dient! Habe Mitleid mit dem Verstorbenen, zeige dadurch deine Liebe zu ihm, nicht dadurch, daß du große Trauerfeierlichkeiten veranstaltest, die für ihn keinen Wert haben. Seinen Namen und die Erinnerung an ihn überreiche Gott im Verein mit einer Opfergabe und dein Glaube wird von seiner Gerechtigkeit nicht enttäuscht werden. Lege die Erinnerung an ihn nieder auf den Tisch im Hause der Versöhnung in der Gestalt von Brot und Wein, welche zu den Geheimnissen des Leibes und Blutes dienen!

Zur Frauenabteilung will ich jetzt ein verständiges Wort sprechen, wenn sie mit den Ohren der Seele freundlich auf mich hören wollen. Sie verweilen gerne bei den Toten am Grabe um zu weinen, und bezeigen den Verstorbenen durch Klagerufe ihre Liebe. Sie verlassen die Kirche mitsamt ihrem Gottesdienst und ihrem Opfer und gehen Tränen vergießend an die Gräber zu ihren Lieben. O du, die du an den heiligen Tempel glaubst, bitte für deine Lieben bei Gott, in dessen Hände alle Geister gelegt sind. Rufe den Toten nicht am Grabe, denn er hört dich doch nicht, da er jetzt nicht dort ist. Suche ihn vielmehr im Hause der Barmherzigkeit, dort versammeln sich die Seelen aller Verstorbenen, denn das ist der Ort, wo das Leben zu haben ist, mit dem sie sich stärken. Hier bewahrt man ihr Andenken und ihre Namen auf im großen Buche Gottes, in dem alle enthalten sind! Das Blut des Gekreuzigten träufelt Auferstehung auf die Seelen und verleiht ihnen die Kraft zu ihm zu kommen. Da nun dein Toter, o Weib, wahrhaftig hier ist, warum läufst du zwischen den Gräbern umher, als ob du von Sinnen wärest? Ist dir denn der Verstand abhanden gekommen oder fehlt dir der Glaube? Ist es die Gewohnheit, die dich an ein so unsinniges Benehmen fesselt? Zieht es dich mit Gewalt zum Grabe, um dort mit deinem Toten zu sprechen, daß du in deiner Furcht unverständigerweise Ärgernis auf Ärgernis häufest? Wenn noch ein Funken von Liebe zu Gott in deiner Seele glüht, so laß Gebete statt Klagelaute deinem Mund entströmen! Weg mit den Klagen aus deinem einfältigen Herzen, stütze deine Seele auf das Urteil des Glaubens! Deine Zuneigung zu deinem Toten möge der wahren Liebe gleichen und in Opfer und Gebet pflege sein Andenken! Von deinem Weinen am Grabe hat dein Toter keinen Gewinn, dagegen kommt dein Opfer dir und ihm zugute und bringt euch beiden Nutzen. Die Tränen, die am Grabe fließen, vergieße hier in der Kirche in verständiger Weise! Auf gute Werke gibt man nichts mehr, wie es sich gehörte, aber mit ihren Eitelkeiten ist die Welt gar eifrig beschäftigt. Die Toten werden um die Opfer gebracht, die ihnen nützen würden. Dafür trennt man sich von der Gemeinde, um an ihrem Grabe zu klagen, obgleich sie es nicht hören. Die, welche Trauer haben, handeln unklug, und das, was an sich schon unstatthaft ist, geschieht noch dazu auf eine nicht zu rechtfertigende Weise, Abel brachte die Erstlinge von seiner Herde und von ihrem Fette dar, auch Noe, der gerechte, opferte die reinen Tiere von den übrig gebliebenen. Es gab Abraham drei dreijährige Tiere zum Opfer hin, das er darbrachte und Jakob verzehntete alles, was er besaß, der Gottheit. Der kluge Lot gab seine Töchter hin für die Gerechtigkeit und der große Moses befahl, alle Erstgeburt darzubringen. Für das Bundeszelt gaben die Hebräer alles Gold und Silber, all die Byssusgewebe und herrlichen Teppiche dahin, jeder nach seinem Vermögen. Durch Opfer und Gelübde, durch den Zehent und durch die kostbaren Geschenke zeigten die Gerechten ihren Opfergeist Gott gegenüber. Und du, dem die ehrenvolle Aufgabe geworden das Opferbrot darzubringen, du verschmähst es und lehnst es ab, die Gaben zu spenden, die dir selbst wieder Nutzen bringen. Die Liebe nimmt ab, wenn der Glaube schwindet, und die Seele wird von der Bosheit verdunkelt, wenn die Sünde um sich greift. Das eucharistische Brot, das das Opfer für die Seelen bildet, wird verweigert und niemand bringt es zum Hause der Barmherzigkeit, wie es sich gehörte. Die Gewohnheit, gute Werke zu verrichten, ist aus der Menschheit verschwunden, aber im Dienste der Bosheit ist man eifrig. Die Erbschaft des Verstorbenen zu teilen ist man geschäftig, aber sein Andenken bei der heiligen Messe zu feiern, davon will man nichts wissen. Weder von seinem noch von ihrem eigenen Besitztum wenden die gottlosen Erben etwas auf, sein Andenken zu ehren, sie nehmen sein Hab und Gut in Empfang, vergessen aber die Pietät. Wie Besinnungslose teilen sie die besten Kleider, die er besessen, und werfen das Los über seine Kostbarkeiten. Während die Räuber die Beute, die sie an sich gerissen, in aller Ruhe teilen, leben die Erben in Zank und Streit und Feindschaft. Die Erben sind demnach noch viel schlimmer als Räuber, weil sie bei all dem die dem Verstorbenen schuldige Pietät verletzen. Wenn die Liebe zum Herrn in ihrem Herzen herrschte, würden sie ihn bei der Teilung zum Miterben machen und am Tage der Teilung vom Besitztum einen Anteil beiseite legen, damit er als Andenken an den Toten zum Opfer für ihn diene. Aber da sie jeglichen Sinnes für Gerechtigkeit und Schicklichkeit bar sind, teilen sie die Güter, stecken sie ein und vergessen den Dank. Wer aber übernatürliche Liebe in seinem Herzen trägt, beweist seine Pietät nach dem Tode dadurch, daß er den Verstorbenen nicht vergißt, sondern in dankbarer Erinnerung mit Opfer und Gebet dessen Sache im heiligen Tempel vor Gott bringt.

Daß die Verstorbenen wirklich Nutzen ziehen aus dem lebenspendenden Opfer, scheint mir außer Frage zu stehen. Wenn es aber einer wagen sollte, auch das Augenscheinliche in Zweifel zu ziehen, so ist ganz unmißverständlich, was er von der Glaubenslehre zu hören bekommt: Judas der Makkabäer, jener Heeresfürst im Dienste der Gerechtigkeit, zeigte sich als weisen Mann und ließ für die Verstorbenen ein Opfer darbringen. Und der große Glaube des Helden tat auch seine Wirkung und sein Sieg bezeugt, wie viele seiner Opfergaben Nutzen brachten. Daß die Verstorbenen wirklich Gewinn zogen aus dem Opfer jenes weisen Mannes, hat der Kampf mit den Griechen offen verkündet. Weise war er und ein Mann der Kraft Gottes, ein großer Glaubensheld, voll des Wissens und des Eifers. Für die Gefallenen brachte er Opfer dar und entsühnte sie, um die Welt zu belehren, auf daß sie ebenso liebevoll handle und ihm ähnlich werde. Wenn damals, da der Tod noch stark war, die Macht besaß und das Szepter führte, die Opfer Verstorbene, die sich bereits in seiner Gewalt befanden, entsühnen konnten, wer sollte jetzt, da er vernichtet, sein Besitz zerstört und ihm die Herrschaft genommen ist, daran zweifeln, daß es eine Verzeihung für die Verstorbenen gibt? Judas brachte dem Herrn das Blut von Tieren dar und versöhnte damit die Toten und entsühnte sie, die mit Sünden befleckt waren; heute dagegen sind es nicht mehr die vergänglichen Tieropfer, welche die Gemeinde zusammenführen, sondern sie entsühnt ihre Toten mit dem Blute des Unsterblichen. Und wenn jene an sich wertlosen Opfer des Judas Sühne bewirkt haben, wie muß erst die erhabene Schlachtung des Gottessohnes alles reinigen?

Für die Seele des Verstorbenen tritt der Priester hinan und legt Brot und Wein zum Opfer auf den Altar. Er erneuert das Andenken an den Tod Jesu und an seine Auferstehung und alle Abgeschiedenen ruft er zum Opfer herbei, auf daß sie Verzeihung erlangen. Aller, die etwas beitragen und Opferbrot darbringen, gedenkt er in Liebe, und beim Gedenken der Verstorbenen bezeichnet er die Eucharistie. Für alle Verstorbenen, die entschlafen sind, bringt er die Opfergabe dar und ruft den Vater an, indem er ihm den Tod des Sohnes in Erinnerung ruft. Dann erhebt sich der Geist und steigt herab über das Opfer und nimmt Gestalt an im geheimnisvollen Brot und wird der Leib. Und mit seinem Flügelschlage umschwebt er den Wein und verwandelt ihn in das Blut. Der Leib und das Blut bilden also das Opfer, das alle heiligt. Mit diesem Opfer entsühnt der Priester alle Verstorbenen, denn es hat eine Kraft in sich, den Tod zu besiegen und seinen Sitz zu zerstören. Beim Gerüche des Lebens, der von dem erhabenen Opfer ausgeht, versammeln sich alle Seelen, sie kommen herbei, um entsühnt zu werden. Und an der Auferstehung, die der Leib des Sohnes Gottes ausströmen läßt, atmen die Verstorbenen Tag für Tag das Leben ein und werden dadurch gereinigt. Daher traget Sorge für das Andenken euerer Lieben und für das Opfer, das eueren Verstorbenen Verzeihung zu erwirken vermag.

Aber, meint da einer, der Verstorbene werde doch nicht gereinigt durch das Opfer, das ein Lebender veranstaltet und könne keinen Nutzen davon haben. Denn wie soll ihm das nützen, was ein anderer tut, ohne daß er etwas davon weiß. Man hat doch nur von den Werken, die man selbst verrichtet, Gewinn und nicht von denen seiner Mitmenschen. Es kommt ja auch mehr auf die Gesinnung des Lebenden an als auf sein Opfer, und da er es ist, der es veranstaltet, hat auch er den Nutzen davon und kein anderer. Wie sollte denn von einem Opfer, das ein Lebender für einen Toten darbringt, jemand Vorteil haben außer ihm selbst? Welche Beziehung hat die Frömmigkeit des einen zur Rechtfertigung des andern? Wer die Gabe darbringt, der hat auch den Nutzen davon. Gegen einen, der so spricht, sage ich: Es ist die Gewohnheit der Kirche, auch jene zu reinigen, die sich dessen nicht bewußt sind. Ein Kind, das getauft wird, erhält, ohne daß es sich des Taufaktes bewußt wird, das, was ihm zukommt. Oder verhält es sich anders, wie man nach dem, was du behauptest, meinen möchte? Die Kirche reinigt sowohl die, die sich dessen nicht bewußt sind, wie auch jene, welche den Vorgang kennen; erweckt ja doch der Glaube sogar Tote zum Leben. Sowie sie das Kind von den Eltern empfängt und tauft, reinigt und heiligt sie es, ohne daß dasselbe von dem Vorgang etwas weiß. Wenn das heilige Opfer die Toten nicht entsühnt, wie du sagst, dann nützt auch dem Kinde die Taufe nichts, denn es weiß ebenfalls nichts davon. Es sind dann überhaupt alle Geheimnisse der Kirche zwecklos und sie müht sich umsonst ab für die Verstorbenen, ihnen Verzeihung zu erwirken. Warum spricht denn der Priester: „Betet für alle, welche dahingeschieden sind!“ und wozu tauft und heiligt er das Kind, das nichts davon weiß, was mit ihm vorgeht? Die gläubigen Eltern bringen ihr Kind zur Taufe und der Herr sieht auf ihren Glauben und heiligt es und reiht es unter die Kinder Gottes ein, obwohl es nichts davon weiß, und er trägt seinen Namen ein in das Verzeichnis der Erstgeborenen, obwohl es sich dessen nicht bewußt wird. Ebenso handeln auch die gläubigen Erben eines Verstorbenen, der dahingeschieden ist; sie spenden in seinem Namen Brot und Wein, um das heilige Opfer darzubringen, und das Gebet des Priesters und des Volkes steigt empor für den Dahingeschiedenen und der Herr verzeiht dem Verstorbenen, dessen sie gedenken. Wenn aber der Tote mittels des Opfers nicht entsühnt wird, dann wird auch das Kind mittels der Taufe nicht in die Zahl der Kinder Gottes versetzt. Wenn das Opfer eines Lebenden wieder nur dem Lebenden selbst von Nutzen ist, so haben nur die Eltern, welche einen Knaben zur Taufe bringen, selbst wieder den Gewinn davon. Wie verhält es sich demnach mit dem Glauben, der die Toten zum Leben erweckt, der Gebete verrichtet für die Verstorbenen, um sie zu reinigen, der das Kind zur Taufe bringt, um es zu heiligen? Darf er wirklich hoffen, daß ihm nichts von demf worum er bittet, vorenthalten wird? Die Hoffnung der Braut des Königs ist unerschütterlich und sie wird nicht enttäuscht; herrlich und groß ist ihr Glaube und erhaben über jeden Tadel. In den glorwürdigen Geheimnissen dient sie ihrem Herrn in geistiger Weise, bei ihrem Gottesdienst werden die Engel von heiliger Bewunderung ergriffen. Der Glaube der Kirche, o Verständiger, ist der, daß Brot und Wein in den Leib und das Blut verwandelt werden. Wenn sie das Brot bricht, sieht sie darin nur den Leib, und wenn sie den Wein mischt, füllt sie das Mischgefäß mit dem Blut. Dabei erwähnt sie die Namen all ihrer Verstorbenen und verbindet sie eng mit sich selbst mittels der geistigen Opfergaben. Sie versammelt dieselben zum Genüsse des Leibes und Blutes und sie erfreuen sich mit ihr geistigerweise an ihrem Gastmahle. O ihr, die ihr verständig seid und die Geheimnisse des Glaubens kennt, traget kein Bedenken, Opfer darzubringen für euere Verstorbenen! Warum nehmen denn die Gebräuche, welche die Kirche ihre Kinder lehrt, ab; warum gehen sie zurück und verschwinden mehr und mehr, indem sich viele nicht mehr daran halten wollen? Denn auf niedrige, ja geradezu verächtliche und unwürdige Weise kommt das eucharistische Brot ins Gotteshaus, um dort geopfert zu werden. Viele gibt es, die es überhaupt nicht mehr bringen, andere aber tun es nicht auf gehörige Weise, wenn sie es noch bringen. Durch eine Magd schickt mancher seine Opfergabe zum Hause Gottes; wie einem, dessen er sich schämen müßte, läßt er dem Herrn durch sie sein Opfer darbringen. Die, welche sein Haus betreten, gelten als verächtlich und niedrig; solchen überläßt man es, seine Gabe darzubringen, selbst aber hält man sich fern. Warum bringst du, o Verständiger, nicht mit eigenen Händen deine Opfergabe herbei wie Abraham, der das Kalb selbst zu den Engeln gebracht? Er wie sein Weib waren bereit und standen zu Diensten und spendeten die Liebesgaben nicht durch fremde Hände. Heutzutage aber hat der Glaube der Menschen abgenommen, nachgelassen hat die Liebe, zurückgegangen ist die Wertschätzung der guten Werke. Welcher reiche Mann bringt das eucharistische Brot zum Hause Gottes und trägt es mit eigenen Händen, wenn er es überhaupt noch zum Hause der Barmherzigkeit bringt? Entweder bringt er es gar nicht mehr oder, wenn er es noch spendet, beauftragt er irgend eine unansehnliche Person seines Hauses es zu bringen, während er selbst sich nicht naht. Glücklich die Witwe, die mit eigener Hand ihre Opfergabe bringt, glücklich die Arme, die sie selber trägt und stolz darauf ist! Sie schickt das Brot für die Eucharistie dem Herrn nicht, wie der Reiche es tut, sondern sie selber bringt es und fleht zerknirschten Herzens den Herrn an, er möge es annehmen aus ihrer Hand. Gleich dem Priester bringt sie vor den Herrn ihre Trauer zugleich mit ihrem Opfer und ihren Gebeten, wenn der Verstorbenen gedacht wird. Sie versteht es, die Opfergaben für den Herrn auszuwählen und darzubringen, nicht aber der Reiche, der sie ihm wie einem Dürftigen bringen läßt! Willkommen ist das Opfer der Armen, wenn es dargebracht wird mit Tränen bedeckt, geleitet von Glaube und Liebe: Das Opferbrot in den Händen, Tränen in den Augen, das Lob Gottes im Munde und entsprechend der Opfergabe auch das Opfer des Glaubens! Denn nur ein Opfer, das in Liebe gebracht wird, wird angenommen. Gepriesen sei der Herr, der in seiner Liebe seinen Eingeborenen für viele hingeopfert hat!

Gedicht über Matth. 16, 16.

Text: Bedjan a. a. O. I. S. 460 ff. Überschrift: „Gedicht des hl. Mar Jakob über die Frage des Herrn und über die Offenbarung, die Simon vom Vater empfing“. — Die Homilie ist vor allem bemerkenswert als Zeugnis für den Primat des hl. Petrus und die Deutung von Matth. 16, 16 ff. Obwohl Monophysit, spricht es der Verfasser klar und deutlich aus, daß die Verheißung, die der Herr dem hl. Petrus gibt, mehr enthält als einen bloßen Ehrenvorrang, ja geradezu die Unfehlbarkeit im Glauben. Auch sonst enthält unser Gedicht eine Reihe inhaltlich wie formell erhabener Stellen, so gleich in der Einleitung die Betonung der Demut, mit der man das Wort Gottes verkünden und anhören soll. Sehr nachdrücklich wird das unendliche, für den endlichen Verstand unfaßbare Wesen Gottes, und zwar des Sohnes wie des Vaters, hervorgehoben. Die altchristliche Idee: Kirche = Braut Christi, welche den Schluß beherrscht, ist zwar sehr breit, aber nicht ohne originelle und erhabene Gedanken ausgeführt. Bei der Behandlung des eigentlichen Gegenstandes spielt das Wortspiel Kepha (Petrus) = Stein eine große Rolle; es ist unmöglich, dasselbe in deutscher Übersetzung wiederzugeben. Zu beachten ist ferner, um die Ausdrucksweise des Dichters richtig zu würdigen, daß „Name“ für den Semiten mehr ist als bloße Benennung und sich im gewissen Sinne geradezu mit „Wesen“ deckt.

Barmherziger Vater, der Du uns erlöst durch das Blut Deines Eingeborenen, von Dir möge mir die Kraft zu einem Lobgesang auf Deinen Eingeborenen zuteil werden! Wahrhaftiger Sohn, der Du zu uns gekommen bist, um uns zu erlösen, mit Deiner Gnadenhilfe und Dirzuliebe will ich über die Dich betreffende Offenbarung sprechen! Heiliger Geist, der Du den Unverständigen belehrst und leitest, durch Dich möge ich mit Weisheit erfüllt werden und die Rede hervorbringen, die ganz wunderbar ist! Vater, Erzeuger, verleihe mir die Gabe des Wortes um Deines Sohnes willen, auf daß ich in heiliger Liebe und begeisterten Worten Deine Großtat verkünde! Eingeborener Sohn, offenbare mir Deine Herrlichkeit Deines Vaters wegen, auf daß sie mein Mund verkündige, indem er seine Stimme zu einem neuen Lobgesange erhebt! Heiliger Geist, Fürsprecher, durch den jegliche frohe Botschaft verkündet wird, in Deiner Kraft möge meine armselige Zunge sich in Deinem Lobpreis ergehen! Vater, der Du Deinen geliebten Sohn gesandt hast, auf daß er unser Bruder werde, öffne meine Lippen, damit ich über ihn, Deinen Einzigen, rede! Eingeborener, der Du uns den ganzen Reichtum Deines Vaters gegeben hast, durch den Reichtum Deiner Geheimnisse mögen meine Worte auf die Zuhörer Eindruck machen! Heiliger Geist, der Du da ausgegangen bist und die Hügel vor den Jüngern geebnet hast, ebne auch den Pfad für die Verkündigung des staunenswerten Wunders, die jetzt von mir ausgehen soll! Vater, von dem alles geschaffen ist und um dessentwillen alles ist, was da ist, auf Dich setze ich mein Vertrauen, wenn ich es wage, Unfaßbares zu verkünden! Sohn, in dessen Hand alles ist und ohne den nichts existiert, mit Deiner Hilfe will ich in gewählten Worten das Lob Deines Vaters singen! Heiliger Geist, Schatzkammer der Prophetie und des Apostolates, aus Deinem Schatze laß meiner Rede die Fülle des Reichtums zuströmen! Vater, der Du in Deiner Liebe den Sohn für uns Sünder hingegeben hast, rede Du an meiner Stelle zu den Hörern um Deines Sohnes willen! Sohn, der Du herabgestiegen bist, um einer von uns zu werden, obwohl Du unser Herr bist, zeige Dich durch mich in wunderbarer Weise, laß ausstrahlen aus meinen Worten Dein Licht! Heiliger Geist, der Du den Trotz aller übermütigen brichst, bahne Du meinen schwachen Worten den Weg!

Wer gibt mir Liebe, welche wie ein Gerichtsdiener hintritt vor die Zuhörer und sie mit Gewalt hinzieht zur Lehre? Wessen Ohr dürstet nach der Stimme der Belehrung, die so angenehm ist, eine süße Labung ohne jeden Zweifel? Wer bringt die Ströme erhabener Liebe in Fluß, auf Seiten des Redners wie der Zuhörer in einmütiger Begeisterung? Wer bewirkt, daß jedermann sich dem einen Willen Gottes anschließt, der da wünscht, daß alle aus ihm, dem Unerschöpflichen, schöpfen? Jeder beeile sich zu sammeln, ob Verkündiger, ob Hörer der Glaubenslehre! O du, der du vorträgst, bemühe dich Nutzen zu ziehen aus deiner Rede, und wenn du keinen Gewinn daraus ziehst, dann schweige lieber still! Und du, Hörer, gib auch du dir Mühe dich zu bereichern, indem du aufmerksam zuhörst; wenn du aber keinen Nutzen daraus ziehst, warum vergeudest du die kostbare Zeit unnütz zu den Füßen des Redners? Die Liebe führte dich hierher, wie auch mich die Liebe zum Reden veranlaßt, und die nämliche Liebe ist es auch, durch die allein wir Gewinn daraus ziehen können. Nicht mit Hinterlist sollst du auf meine Worte horchen und gleichsam Jagd machen auf sie, denn die Liebe stellt niemals Fallstricke in ihren Dienst, um sie zum Fange auszuspannen. Rein ist das Wort von Hinterlist und Weisheit, rein und einfältig sei daher auch dein Zuhören! Steige herab von der Höhe der Weisheit, auf der du stehst, und laß dich herab zu mir, denn ohne Arglist will ich zu dir reden! Hätte sich nicht der Sohn Gottes demütig zu uns herabgelassen, was hätte es uns genützt zu verkünden, wo er ist? Wenn er in seiner Liebe nicht zu unserer Armseligkeit herabgestiegen wäre, wer wäre imstande gewesen zu reden von seinen geistigen Reichtümern? Wenn er sich nicht entschlossen hätte zu kommen und sich in unsere Schwäche zu kleiden, welcher Mund hätte dann seine Großtaten verkündigt? Er, der erhabene, stieg herab und gab sich uns hin, damit wir mit ihm reden können. Darum dürfen wir nicht mit Hochmut auf seine Offenbarung horchen. Den erhabenen Weg, den der Sohn Gottes auf Erden gewandelt, geht der Mensch nur, wenn er sich in Demut kleidet. Kein Mensch vermag über den Eingeborenen zu reden außer in der Liebe, welche die Quelle der Schönheit ist. O du, der du auf mich hörest, als ob ich redete, höre meine Worte an mit der Liebe einer Seele, die die Einfalt hochzuschätzen weiß! Laß dich vom Redner selbst belehren, wenn du verständig bist, daß die Rede, die er vorzutragen im Begriffe ist, hocherhaben ist über seine Person! Wer sollte auch über den Sohn Gottes, der unaussprechlich ist für den Redner, sprechen, ohne daß er sich ohne allen Zweifel nur seiner eigenen Worte bediente? Welcher Gelehrte, welcher Weise, welcher Sophist vermag die wunderbaren und unfaßbaren Geheimnisse zu erklären? Wer machte sich anheischig, den Sohn zu kennen, seinen Namen zu erklären? Denn außer dem Vater kennt niemand den Sohn. Oder wer möchte sich erkühnen, über den Vater zu reden? Der Sohn allein kennt den Vater; denn er ist sein Ebenbild.

Aber, lieber Zuhörer, wie kannst du denn verlangen, wenn du billig denkst, daß der Sohn selber sich herbeilasse, in einer für endliche Geschöpfe verständlichen Weise zu reden, da er doch selbst unendlich ist? Es würde ihn ja dein Ohr überhaupt nicht verstehen. Ebenso kann kein Prediger ihn verkünden, wie er ist. Traue dir darum nicht zu, daß dein Verständnis seine Abstammung zu erfassen vermag! Denn auch mir stehen keine Worte zur Verfügung, die ihn erreichen. Wer vermeint, den Sohn Gottes zu begreifen, der irrt gewaltig, ob er nun Zuhörer ist oder Prediger. Auf die Vernunft verzichtet gewissermaßen, wer da glaubt, daß er den Sohn vollständig verstehe, und auf den Verstand, wer da denkt, daß er ihn erfaßt und durchdringt. Wenn du mich also darum aufsuchst, um ihn gänzlich kennen zu lernen, so höre lieber nicht zu; denn mir stehen keine Worte zur Verfügung, die zu seiner Höhe emporreichen. Zu unerreichbarer Höhe versteigt sich, wer sich vornimmt über Dinge zu sprechen, die über alle Worte erhaben sind. Der Sohn ist in seinem Vater, und wer ermißt die Erhabenheit des Vaters? Denn in ihm ist der Sohn und in seinem Schoße ist er verborgen als in seinem Wesen. Wer möchte reden über den, der verborgen ist im Schoße seines Vaters und der sich daraus auch nicht entfernt hat, als er Wohnung nahm in der wunderbaren Jungfrau? Im Vater verborgen und zugleich in der jungfräulichen Mutter ist der wahrhaftige Sohn, und die Macht, ihn durch Erklärung ans Licht zu ziehen und ihn anstaunen zu können, hat nur er selbst. Er bewegt sich ohne sich zu rühren und kam zu uns ohne den Ort zu ändern; er ist in der Höhe und in der Tiefe. Wer vermag es, ihm eine Grenze zu setzen? Wenn er in die Tiefe herabsteigt, so verläßt er doch die Höhe nicht, denn ganz ist er im Ganzen und in Maria ist er wie in seinem Vater. Er kam zu uns und dabei läßt sich nichts erklären und bestimmen, als daß er seine kranke Herde heimsuchte und dann wieder an seinen Ort zurückkehrte. Als die Welt den Fürsten in der größten Niedrigkeit sah, da erhoben die Redner ihre Stimme, aber sie waren außerstande, ihn in Worten darzustellen. Es sahen die Menschen, daß er im Fleische kam, obwohl er Gottes Sohn war, und wußten nicht, was sie zu seiner Ankunft sagen sollten. Sie erblickten ihn voll der Macht, Kraft und Stärke, und obwohl er von unansehnlichem Äußeren war, strömten Worte der Kraft von seiner Zunge, indem er gleich Gott Blinde sehend, Aussätzige rein machte, Tauben das Gehör wiedergab, Kranke gesund machte und Tote zum Leben erweckte. Während man ihn einerseits wegen seiner Niedrigkeit für einen Menschen ansah, betrachtete man ihn anderseits wegen seiner Wundermacht als Gott. Einmal hungert er wie ein Mensch, der dem Leiden unterworfen ist, ein andermal speist er die Menschen wie ein barmherziger Gott. Ein neues, wunderbares Verhältnis herrscht zwischen diesen verschiedenen Erscheinungen; es staunen die Zuschauer und wissen nicht, was sie sagen sollen. Sie stehen verlegen in der Mitte zwischen der Erhabenheit und Niedrigkeit seiner Erscheinung und sind außerstande, etwas hervorzubringen außer verwirrte Worte. Denn behaupten, daß er Gott sei, ist ein gar großes Wort, zumal sie ihn wie einen Menschen auf ihren Straßen wandeln sahen. Aber auch ihn als bloßen Menschen zu betrachten, bringen sie nicht über sich, denn die Wunder, die er wirkt, bezeugen, daß er Gott ist. Er verkehrt mit den Menschen und wirkt Wunder wie Gott und kein Mensch weiß zu sagen, wieviel Irdisches an ihm ist.

Da sie ihn nicht verstehen, fangen sie an, ihre Phantasie spielen zu lassen und ihm Namen beizulegen, wobei sie aber über Dinge reden, die sie nicht aus eigener Erfahrung kennen. Der eine sagt, er sei vom Dämon besessen wegen seiner Zeichen, ein anderer erklärt, er sei ein Heide, weil er die Abgabe bezahlen heißt. Wieder andere kommen in Verlegenheit und wissen nicht, wie sie ihn nennen sollen, es sei denn einen Propheten, dessen Namen man nicht kenne. Es verbreiten sich die Bezeichnungen „Besessener“ und „Heide“, und auch die, welche in ihm einen Propheten mit unbekanntem Namen sehen, vermehren sich. O ihr, die ihr ihn schaut, legt ihm doch keinen Namen bei, der auf ihn, den Sohn Gottes, nicht paßt, gebt ihm keine unzutreffenden Bezeichnungen, benennt ihn nicht mit ungehörigen Namen, nicht nennet den Sohn einen Besessenen noch einen Heiden, auch nicht einen Propheten, dessen Namen verwahrt sei bei seinem Vater! Man wählte entlehnte Namen und legte sie dem Sohne Gottes bei, aber sie machten ihm keine Freude und er suchte sich derselben zu entledigen. Er erbarmte sich der Welt, welche in voller Verwirrung nach seinem Namen suchte, und wollte ihr kundtun, welches in Wirklichkeit sein Name sei. Und es führte der Herr die Zwölfe zum Lichte, um sie über seinen Namen aufzuklären. Er führte sie durch die ganze Gegend und sie kamen in das Grenzgebiet, ein Anzeichen, daß die Offenbarung göttlicher Geheimnisse bevorstand. Sie kamen zum Gebiet des großen Lichtes und der Offenbarung und da begann der Meister gleichsam bei seinen Jüngern anzufragen. „Wofür halten mich denn die Menschen?“, fragte er, um so die Erörterung des Geheimnisses anzubahnen. Er führte sie wie ein Lehrer, der die Unmündigen gut zu unterrichten versteht und fragte sie, um sie dann selbst weisheitsvoll zu belehren. Er war der Fragesteller, nicht als ob er Belehrung nötig gehabt hätte, sondern um die unzutreffenden Benennungen zurückzuweisen, die ihm das Volk gab. Er sah, daß seine Jünger nicht fragen würden, um seinen Namen kennen zu lernen, darum übernahm er die Rolle des Fragestellers und belehrte sie auf diese Weise. Die irreführenden Bezeichnungen, das Gezanke und Gerede wollte er verstummen machen, darum fragte er, was von der Menge geredet werde. Dadurch, daß der Lehrer den Schüler um die Erklärung fragt, erzieht und unterrichtet er ihn, auf daß er von ihm verstanden werde. Er fragt sie nicht, um seinerseits von den Jüngern etwas zu erfahren, sondern damit sie von ihm in der Wahrheit belehrt würden. Auch gleicht er darin, daß er fragt, seinem Vater, so daß er auch in diesem Punkte seinem Erzeuger in nichts nachstand. Es fragte nämlich der Vater zwischen den Bäumen: „Wo bist du, Adam?“ und auf dem Berge Sinai: „Was ist das, was du in deiner Hand hältst?“ Den Moses und Adam fragte der Vater und so auch sein Sohn; auch er fragte „Wer, sagen die Menschen, daß ich bin?“ Freilich durchschaute er das Sinnen und Denken der ganzen Welt und kannte alle Herzen und Gedanken; kein Herz kann einen Gedanken fassen ohne ihn, noch erhebt sich im Geiste eine Vorstellung, ohne daß er sie hervorruft. Vor ihm ist kein Unterschied zwischen Verborgenem und Offenkundigem, und einerlei ist es für ihn, ob es der Vergangenheit oder der Zukunft angehört. Aber Fragen stellte zuweilen der Vater und so fragt auch der Sohn, obwohl er das, wonach er fragt, weiß, da er ja alles durchschaut: „Wer, sagen die Menschen, daß ich bin?“ Dabei ist ihm wohlbekannt, was sie sagen werden, kennt er ja doch ihre geheimsten Gedanken.

Gar willkommen war die Gelegenheit und die Frage, um den Eingeweihten zu einer Aussprache in feuriger Liebe anzuregen. Halt machte die Sonne, sie redete laut mit ihren Strahlen und erfüllte mit Licht den erhabenen Ort des Glaubens; zwölf Leuchter waren in der Begleitung des nahenden Tages der Gerechtigkeit, um durch ihren Aufgang den Erdkreis zu erleuchten. Die Zwölfe, die aus der Menge, die den Herrn umgab, hervorragten, traten nun zu ihm hin, auf daß er sie belehre, welches sein Name sei, eine Schar, erfüllt mit Licht und Leben, mit Freude und Wahrheit, mit Hoffnung und Frieden, mit Liebe und Glauben. Es gehen auf die Zwölfe, welche bestimmt sind, die Nacht zu vertreiben von den Ländern, damit das Licht von ihnen Besitz nehme und sie erhalte; zwölf Heerführer, die mit dem Sohne des Königs ausziehen, um dem Glauben eine Friedensstätte zu bereiten; zwölf Edelsteine, mit welchen der Sohn Gottes seine Krone schmückt, so daß die eitlen Kronen und Diademe vor ihm zu Fall kommen; zwölf Helden, die er auserwählt und zu sich genommen als gutes Erbe, um mit ihnen wieder aufzurichten alles, was zerstört am Boden lag; zwölf Arbeiter, die der verständige Sohn mit sich führt, um durch ihren Eifer der zerrütteten Welt Heilung zu bringen. Der Bräutigam hat sich erhoben, um das Haus zu bauen für die Braut, die er sich verlobt. Zwölf Steine bringt er mit sich, um die Mauerlinien zu bezeichnen. Er betrachtet nun alle, welchen von ihnen er auserwählen und an den Anfang stellen solle, überläßt es aber seinem Vater, damit dieser durch eine Offenbarung seine Schönheit an den Tag bringe. Am Orte des Lebens verknüpft er das Brautgemach fest mit dem Lobenswürdigen und belohnt ihn voller Liebe mit Verheißungen. Er bezeichnete den Grundriß des Hauses durch die zwölf Erleuchteten, aber einen Stein wählte er aus zu dessen heilbringendem Fundament. Er hatte ihn aufgespart für ein Geheimnis, als dessen Anwalt der Vater selbst auftreten sollte, eben jenen Petrus, durch den das verwilderte Ackerfeld wieder instand gesetzt werden sollte. Darum begann er zu fragen, sich bewußt, was er tat, daß nämlich auf Grund jener Frage die Kirche erstehen werde.

„Wer, sagen die Menschen, daß ich bin?“, gleich als ob er es nicht wüßte. Und jene schicken sich nun an, ihm das Gerede der Außenstehenden mitzuteilen. „Herr, einige sagen, daß Du ein Besessener, andere, daß Du ein Heide bist. Das Volk ist in viele Parteien zersplittert, Spaltungen und Streitigkeit erfüllen Deinetwegen Juda; jeder von den vielen hält von Dir, was ihm gut dünkt. Ungewißheit und Parteiungen herrschen in Betreff Deiner Person.“ Die Äußerungen des gesamten Volkes erzählen die Jünger und auch, was innerhalb der Schar selbst über die Streitigkeiten gesprochen wird. Da sagte der Herr; „Als Fernstehende reden sie alle wie über etwas, das ihnen fremd ist, Ihr dagegen seid die Kinder des Hauses! Ihr berichtet mir, was von den Außenstehenden gesprochen wird, erzählet mir nun euere Ansicht als die mir Nahestehenden! Sehet, ich habe jetzt gehört, was man im Kreise meiner Feinde von mir hält, gebet mir nun einmal ihr, die ihr mich liebt, euere Ansicht kund!“ So lenkt er die Frage vom eigentlichen Ausgangspunkt ab und kommt allmählich auf die Jünger, um sie auszuforschen. Der Herr gibt dadurch kund, daß es ihm nicht darum zu tun ist, das Gerede der Außenstehenden zu erfahren, sondern zunächst darum, seinem Diener eine Veranlassung zu geben, sich zu äußern. Denn wenn er nur um zu erfahren, was die Leute reden, so gefragt, warum hätte er dann auf das hin, was er zu hören bekam, die Frage an die Jünger wiederholt? Das Gerede des Volkes hatte er auf seine Frage hin erfahren; wenn er aber zu diesem Zwecke gefragt hätte, wäre er nicht mehr darauf zurückgekommen. Dadurch zeigt er deutlich, daß jene Frage sich nur auf die Außenstehenden bezogen hat; nun lenkt er die Untersuchung auf die Kinder des Hauses, indem er sie befragt. Auf die Verkündiger des Glaubens geht er nunmehr über, auf daß sie die Wahrheit über das Wesen seines Namens verkünden. Die wichtige Frage tritt jetzt an die Jünger heran, sie sollten sagen, was dem Volke verborgen ist, was es nicht wissen kann. Er legt die von den Juden geäußerten Anschauungen beiseite und stellt seine Hausgenossen vor die Frage, wie es sich nach ihrer Meinung mit ihm verhalte. Er weist die Meinung des Judenvolkes zurück, lehnt sie ab und schickt sich an, über die Ansicht der Apostel sich zu erkundigen. An sie richtet er nunmehr die Frage, auf daß sie erklären, was er in Wirklichkeit sei, denn sie besitzen den Schlüssel zur Schatzkammer des Hauses Gottes. „Wer, sagt ihr denn, daß ich bin, meine Jünger?“ Und es erzitterten die Jünger, da sie diese überraschende Frage hörten. Es stellte sie der Herr zwischen Leben und Tod, sie sollten sagen, wer er sei, oder, wenn sie es nicht sagten, verstoßen werden.

Es hörte Simon, wie ihn der wahrhaftige Sohn fragte, damit er ihn bei seinem Namen nenne, und er wagte es nicht, ohne dessen Vater zu reden. Da lenkte das Haupt der Apostel seinen Geist himmelwärts und erhob sich in Gedanken zum Vater. Er stieg empor von der Erde und den sichtbaren Geschöpfen und ließ die Schöpfung und die Welt mit allem, was darin ist, hinter sich. Er schritt im Geiste hin über den Erdbau und stieg empor über den unteren Himmel. Wieder erhob er sich und trat ein und stand im Allerheiligsten des geheimnisvollen Vaters. Hin trat er vor den Vater und nahte sich ihm einfältigen Herzens mit der Frage: „Herr, wer wagt es, Deinem eingeborenen Sohn einen Namen beizulegen? Du hast ihn gezeugt, lehre darum auch Du mich, wie ich ihn nennen soll! Es ist natürlich, daß der Vater seinem Sohn den Namen gibt; Dein ist er, Herr, befiehl Du, ich will ihn nennen, wie Du willst. Nicht mein Sohn ist er, darum kann ich den Namen Deines Eingeborenen nicht bestimmen. Offenbare mir, was ich hinabmelden soll, ich will kundtun, was Du mich lehrest. Wenn Du mich nicht belehrst, wie ich ihn nennen soll, kann ich ihn überhaupt nicht benennen; darum benenne Du ihn bei seinem Namen und gestatte auch mir, daß ich ihn so nenne!“ Die Bitte Simons, des Hauptes der Apostel, kam vor den Vater und er offenbarte ihm sein wahrhaftiges Geheimnis. Aus ging die Offenbarung vom Hause des Vaters zum Apostel und er nahm sie in Empfang und stieg hinab wie mit einem Schreiben des Königs. Mit der Unterschrift und dem Siegel des geheimnisvollen Vaters war es gesiegelt und darin stand geschrieben: „Du bist Christus, der Sohn Gottes“. Und er erhob seine Stimme, wie es ihm bei der Offenbarung befohlen ward, beim Erlöser und sprach: „Du bist Christus, der Sohn Gottes.“ Sein wahrer Name war beim Vater verborgen gewesen, dort hatte ihn Simon erfahren und nun kam er und zeigte dem Träger des Namens, daß er ihn wisse. Er hatte ihn erfahren und wiederholte ihn nun, den verehrungsvollen Namen des Sohnes Gottes, ohne daß dieser dabei eine Vermehrung oder Verkleinerung erfuhr.

Der Vater hatte ihn dem auserwählten Simon geoffenbart seines geliebten Sohnes wegen, aber dieser hielt es geheim, wer ihm das Geheimnis geoffenbart. Der Sohn aber, der den geheimnisvollen Vater kannte und um die Offenbarung wußte, machte dem Simon kund, wer ihm den Wortlaut des Namens geoffenbart. Gleichsam als ob er die Kenntnis aus sich selbst hätte, hatte Simon ihn genannt, deshalb macht der Herr klar, daß die Mitteilung nicht von ihm stammte. „Nicht Fleisch und Blut offenbarten dir, was du sagst, nicht aus dir seiher kamst du zum Namen ohne Offenbarung, nicht auf Grund deines eigenen Wissens nennst du mich so, mein Vater offenbarte es dir, denn nur er kennt mich“. Mit dem lieblichen Namen, den er vom Hause des Vaters mitgebracht, hatte Simon den Herrn angesprochen: „Du bist Christus, der Sohn Gottes.“ Und sofort empfing er die Krone, wie man sie von der Hand des Königs empfängt, die große Gnade des Glaubens, und zwar als eine unfehlbare. Ein Geschenk verlieh der Herr dem Apostel für sein Bekenntnis, damit ihn jedermann so bekenne, wie er ihn eben bekannt, und dafür Gnaden empfange. Auch deshalb hat der Herr gefragt, da er jene Frage stellte, damit er jedem Gnade gebe, der am Glauben festhalte. Den Namen brachte Simon mittels einer Offenbarung herab vom Hause des Vaters und erhielt dafür Gnade als göttliche Krone. Der Herr gab ihm Gnade gleichsam zur Besiegelung des Glaubens, denn jenes Bekenntnis verbreitete sich über die ganze Welt. Er belehrte den Simon, nachdem dieser die Offenbarung vom Vater empfangen hatte, über das geheimnisvolle Mysterium, auf daß er der Welt seinen wahren Namen bringe. Er belehrte ihn darüber, daß er eins sei mit dem Vater sowohl in der Offenbarung als auch bei der Verhüllung und Erklärung jeglicher Weisheit. „O mein Jünger, ich war beim Vater, als er dir die Offenbarung gab, wie auch jetzt der Vater bei mir und nicht fern von mir ist. Der Vater gab dir keine Offenbarung ohne mich und auch ich gebe dir keine Gnade ohne den Vater. Der Vater offenbarte dir nichts, ohne daß ich davon wußte, und ich gebe dir keine Gnade, ohne daß der Vater mitwirkt. Du aber bist dessen würdig und sowohl Offenbarung wie Bekenntnis werden unerschütterlich sein und nicht werden sie der Unsicherheit ausgesetzt sein. Dubist Kephas und zur Grundlage des erhabenen Hauses mache ich dich; auf dir will ich die Gemeinde der Auserwählten begründen. Dauerhaft wird dieses dein Haus sein, jedem Ansturm wird es standhalten und nicht wanken. Dich will ich als ersten in mein Gebäude einfügen, denn du bist ein Wahrhaftiger. Du sollst das Fundament sein für den heiligen Tempel, den ich mir darauf errichte, und auf dich will ich alle die Wohnungen der Tochter des Tages gründen. Die Braut ist bereit, hergerichtet ist das Hochzeitsmahl, du sollst als erster Platz nehmen auf dem Polster, denn du bist zuverlässig. Dir übertrage ich die Obhut über das Schlafgemach der Tochter des Tages, auf dich will ich es gründen, denn dein Bau ist erhaben über jede Spaltung. Deine Festigkeit gleicht dem Fels, darum bist du Kephas; auf dich will ich die Kirche gründen, denn sie ist erhaben über jede Streitigkeit. Du bist der Fels und auf dich will ich sie bauen, die glorreiche, und die Riegel der Hölle werden nichts dagegen vermögen mit ihren Umtrieben“.

Aber was sind das, „die Riegel der Hölle“, liebe Zuhörer, wenn nicht Tod und Satan, die die Welt verwüstet haben? Hinter so mächtigen Torflügeln haben sie Adam eingesperrt; dort herrscht vollständige Gefangenschaft im Hause der Finsternis. Sie sind die Riegel, welche den Weg des Lebens abschlossen, damit man nicht dortbin gelangte, und die Stiege absperrten, damit kein Mensch mehr zu Gott käme; die Türflügel und Schranken, die vor Adam errichtet wurden, damit er nicht entwiche aus dem Dunkel, in dem er dahin lebte. Deshalb versprach der Bräutigam seiner Braut, daß sie ihren Palast nicht verschließen oder absperren sollten. Das Licht hat er unzertrennlich mit ihr verbunden und nicht ist sie in Finsternis eingesperrt. Er hat das Leben zurückerobert und seitdem vermag der Tod nichts mehr dagegen. Da er den Bau des Hauses begann, wählte er Kephas aus, legte ihn als Fundament und gab ihm als Hochzeitsgabe das Charisma, den Tod und den Satan zu besiegen. Er versprach seiner Braut, daß die Riegel der Hölle sie nicht überwältigen würden, sie sollte sich ihm darum ohne Furcht hingeben. Der große Apostel ward das Fundament des erhabenen Hauses, damit die Braut einziehe in die erneuerte, unverwüstliche Schöpfung. Ein Brautgemach hat er ihr bereitgestellt, und damit sie sich nicht fürchte, versprach er ihr, daß keine Verwüstung dessen Bestand gefährden solle. Als er zu bauen begann, gründete er den Bau auf jenen Felsen, den er als geeignet erfand, einen Bau, dessen Höhe die Wolken überragt. Zwölf Steine verteilte er im Palaste des Lichtes, einen aber wählte er aus, auf dem das ganze Gebäude ruhen sollte. Er richtete her, bearbeitete und behaute den großen Stein, den er gefunden, dann versenkte er ihn in die Tiefe und errichtete auf ihm den gewaltigen Bau, den er zusammenfügte. Der Bräutigam wählte ihn aus, während der Vater seine Offenbarung in ihn hineinmeißelte, sodann erfüllte er ihn mit dem Geiste und machte ihn zum Fundament der Kirche. Es erhob sich die Offenbarung aus dem verborgenen Schatze des Vaters und stieg herab, um das Haus zu festigen, worin der Sohn bedient werden soll. Die Braut war bestellt, aber sie wußte noch nicht, wer der Bräutigam sei, da offenbarte es ihr der Vater und der Verlobungsantrag ward unterzeichnet. Und es fragte sie der Bräutigam, ob sie ihn kenne, und er ging zu ihr, auf daß sie ihn kennen lerne, und gab ihr Gnade, damit sie die Offenbarung des Vaters fassen könne. Er versprach ihr, daß sie nicht vom Orte des Verderbens solle besiegt werden, und er lud die Nationen und Völker der Erde ein, sich mit ihr zu freuen. Aus den Schlingen und Netzen befreite er die Braut, er zerriß die Bande, ebnete den Weg und führte sie zu sich. Zwei Gegner hatte sie, die sie grimmig haßten, da nahm er sie bei der Hand und versprach ihr, sie sollten nicht über sie obsiegen. Die Für-sten der Hölle hatten sie mißhandelt auf ihrem Gebiet, er aber legte sie in Fesseln und setzte ihren Fuß auf den Nacken derselben. Er brachte sie ins Reich des Lichtes und verjagte die Finsternis von ihr und vertrieb den Schatten des Todes von ihren Wegen. Er stellte sie auf einen gewaltigen Felsen, den er zu diesem Zwecke auserwählt und mit Schönheit erfüllt hatte, ihr Fundament legte er auf seine zwölf Jünger, die er mit Licht erfüllte. Er öffnete ihr die Türe gegenüber dem Glanze des Apostolates, damit sie den Strahlen des Lichtes gar sehr ausgesetzt wäre. Ein Kreuz richtete er auf für sie gleich der Säule, welche die Schöpfung trägt und schichtete die leuchtenden Steine auf für das erhabene Haus. Mit dem Kreuzesholze der Unfehlbarkeit schmückte er ihre Wohnung, mit dessen beiden Enden stützte er das Dach. Mit den Nägeln seiner Hände befestigte er die gewaltigen Balken und zu ihrem Schmucke färbte er ihre Herrlichkeit mit der Farbe seines Blutes. Mit Glückseligkeit stattet er sie aus im reichsten Maße, damit sie den ganzen Tag sich freue im göttlichen Lichte. Den Tod hat er abgewehrt und den Satan überwunden durch sein Leiden und nun jubelt die Braut über die Güte des Bräutigams und über seine Verheißungen.

Weil der Jünger den Sohn bei seinem Namen genannt, gab dieser ihm Gnade und erbaute die Kirche auf dem Apostel, machte ihn zum Fels und legte ihn als Fundament seinem Hause zugrunde. Denn er sah, daß er alle Teile zusammenhalten und nicht wanken würde. „Dir will ich die Schlüssel des Reiches geben“, versprach er ihm, denn als Grundstein sollte er auch der Hausherr sein. „Wenn du auf Erden bindest, wird es auch im Himmel gebunden sein, und wenn du auf Erden lösest, wird es auch im Himmel gelöst sein“. In der Höhe und in der Tiefe gab er dem Apostel Gewalt, oben und unten sollte er als Herr befehlen. Die Tochter armer Leute hat der Herr sich verlobt, einen Vertrag mit ihr geschlossen und ihr die Schlüssel übergeben, auf daß sie Herrin sei über seinen Besitz. Die Reichtümer hier auf Erden und die Schätze des Himmels hat er ihr anvertraut, über die Ober- und Unterwelt soll sie gebieten, ohne jegliche Ausnahme. Er sah nicht auf ihre Abkunft, und damit sie nicht glaube, daß er sie verachte, übergab er alle Schlüssel in ihre Hände, so groß ist seine Liebe zu ihr. Er verlieh ihr die Vollmacht, alle Türen seines Vaters zu öffnen, damit sie seinen Reichtum sähe und ihr Herz daran erfreue und ergötze. Er machte sie zur Herrin über alles, was oben und unten ist, die Höhe und die Tiefe sollen ihr gehorchen in jeder Beziehung. Er sah, daß sie ihn, den reichen Erben, liebe und keine andere Neigung habe und sofort übergab er ihr alle seine Schätze und die Schlüssel dazu. Da ihr Geschlecht arm und elend war und ihre Familie dürftig, übergab er ihr seine Schlüssel, weil er ihre Treue sah. Die Tochter armer Leute erhob er aus der Niedrigkeit und aus dem Schmutze, die Höhe entführte sie, damit sie herrsche unter den Himmlischen. Die hohe Pforte des Allerheiligsten zu öffnen, gab er, der Himmlische, ihr die Vollmacht, denn er sah, daß sein Vater sie liebte. Er hatte bemerkt, wie ihr der Vater die Offenbarung wie einen Halsschmuck verliehen, darum übergab auch er ihr den Siegelring und die Fülle der Schlüsselgewalt, die dem Vater zusteht. Er sah, daß der Vater die Liebenswürdige liebte, da holte er die Schlüssel und Schätze des ganzen Hauses hervor und übergab sie ihr. Es bestand noch ein Geheimnis zwischen ihr und seinem Vater, wie er aber sah, daß der Vater es ihr offenbarte, machte er sie sogleich zur Herrin seines Hauses. Der Bräutigam hatte gesehen, daß der Vater der Braut seinen Namen mitgeteilt, da wollte er den Willen seines Vaters erfüllen und vermehrte seine Liebe zu ihr. Er sah, daß sie vom Vater jene Offenbarung empfangen, und er gab ihr die Schlüssel zu dem gewaltigen Reichtum und den großen Schätzen. Der Vater liebte sie, weil sie seinen Eingeborenen liebte, und es nahm sie der Erstgeborene zu sich, weil er sah, daß der Vater sie hochschätzte. Kommet, ihr Propheten, und staunet über das Werk des königlichen Bräutigams: einem armen Mädchen, das er gläubig erfunden, verlieh er das Diadem! Er baute ihr ein Haus auf dem Apostel, den er liebte, und gab ihr wegen ihrer Liebe zu ihm die Schlüsselgewalt über Himmel und Erde! Er verlieh ihr die Vollmacht, nach Gutdünken die Schatzkammer zu versiegeln und das Siegel wieder zu lösen. Gepriesen sei er, der reiche, durch dessen Ankunft die Armen reichgeworden sind!

Gedicht über die Vision Jakobs zu Bethel.

Text: Zingerle. Monumenta Syriaca S. 21; Bedjan a. a. O. III. S.192 (Nr. 74). Der handschriftliche Titel lautet: „Homilie über das Gesicht des Jakob zu Bethel, gesprochen von Mar Jakob.“ — Das Gedicht stellt eine teilweise recht anziehende Erklärung von Gen. 28 dar, wobei sich der Dichter besonders bemüht, den tieferen, mystischen Sinn der Erzählung, ihre Beziehung auf Christus und die Kirche, allseitig klarzulegen. Gelegentlich werden auch praktische Nutzanwendungen angeschlossen.

Anmutig ist die Lehre, wenn sie einsichtsvoll verkündigt, aber noch mehr, wenn sie liebevoll angehört wird. Nur die Liebe besitzt das geeignete Ohr, um die Rede zu erwägen; und da wo sie lauscht, um etwas zu hören, wird sie nicht in ihrer Erwartung getäuscht. Die Geschichten der Gerechten muß man in Liebe anhören; denn auch sie haben sich ja durch die Liebe Gott genähert. Verhaßt ist die Welt denen, welche die Gerechtigkeit lieben, und die Liebe zu Gott überwindet die zu allen anderen Dingen. Nicht fiel es ihnen beschwerlich, die Heimat zu vertauschen, denn der Herr war die Heimat aller Gerechten und in ihm wanderten sie.

Durch die Geheimnisse des Sohnes waren sie überaus reich, und als seine Vorbilder wurden sie bekannt an verschiedenen Orten. Durch ihre Taten wurden ihre Offenbarungen deutlich, und ihre Werke wurden durch ihre Gesichte vollendet. Sie zogen aus und wandelten auf dem großen Wege des Sohnes Gottes, und ein jeder von ihnen bereitete sich auf demselben seinen geebneten Fußpfad.

Den gerechten Jakob trieben diese Geheimnisse aus seiner Heimat, damit er hinabziehe und auf dem Wege des Sohnes die ihm beschiedene Strecke wandle, Isaak sandte ihn aus, nachdem er ihm die Segnungen erteilt hatte, damit er hinausziehe, den Weg der Geheimnisse aufsuche und in sein Land gelange. Er kam zu einer Ruhestätte, wo ihn das Geheimnis zurückhielt, damit er mit ihm wandere, obgleich er nicht wußte, was er dadurch vorbildete, daß er auf dem Wege anhielt. Denn öde schien ihm der Ort auf dem Berge und er fürchtete sich ob seiner Vereinsamung, so daß er schließlich glaubte, sogar der Herr weile daselbst nicht. Der Mut entsank ihm auf dem Berge vor Schrecken, und er schlief einen Schlaf, welcher das Geheimnis des Todes des Gottessohnes vorbildlich darstellte. Er fürchtete sich dort, daß ihm durch Unfälle ein Leiden nahen möchte; denn dieser Weg kann nur durch Leiden seine Vollendung erhalten. Der Gerechte nahm einen Stein, legte ihn unter sein Haupt und entschlief; denn das Geheimnis des Sohnes wanderte nicht ohne die Kirche. Auf diese Weise begann Jakob die von ihm unternommene Reise; denn ohne vorbildliche Bedeutung sollte er auf seinem Wege nicht einmal ein Nachtlager halten. Sobald er das Haus seines Vaters verlassen hatte, folgten ihm die Geheimnisse und begleiteten ihn wie einen Kaufmann auf seiner Hinreise und Rückkehr. Auf seiner Hinreise trug er einen Stab bei sich, damit durch dasselbe das Kreuz des Sohnes in Wahrheit vorgebildet werde. Wer hat je mit einem bloßen Stabe sich ein Weib erworben außer Jakob, welcher nichts anderes bei sich führte, als er hinabzog? Der Stab vertrat alleHochzeitsgeschenke, und durch ihn bewahrte er die Herde, die er weidete, vor Schaden. Durch ihn trieb er die wilden Tiere von seiner Hürde hinweg; durch ihn fand er eine Stütze auf dem Wege und Reichtum in seiner neuen Heimat. Ebenso zeigte auch der Sohn Gottes nur das Kreuz in der Welt, um durch dasselbe alle Schätze in die Schöpfung zu ergießen. Durch dasselbe erwarb er sich zur Braut die Kirche aus den Völkern, die zuvor verlassen war, durch dasselbe wurden Teufel und Tod gleich Räubern vertrieben. Dessen Sinnbild also trug Jakob nach Haran, als er hinabzog; und deshalb war sein Weg höher gelegen als die übrigen Wege. Er entschlummerte auf seinem Stabe, legte sich einen Stein als Kopfkissen zurecht und schlief, gleich dem Sohne, welcher sich die Kirche erwarb, indem er am Kreuze starb. Als nun dieser geheimnisvolle Schlaf über dem Gerechten schwebte, da öffnete ihm der Traum den Himmel und stieg herab, um mit ihm zu reden. Es umringten ihn die Legionen der himmlischen Mächte, um ihm durch diese wundervolle Hinabfahrt Gesellschaft zu leisten. Das Bild des Sohnes hatte er mit sich genommen, um es auf der Reise zu tragen; deshalb schlössen sich die Engel an ihn an, um ihm ein erhabenes Geleite zu geben. Die Legionen zogen aus zu Ehren des Königs, welcher vorbeireiste, damit er nicht gering geschätzt würde wegen des öden Ortes, an welchem er weilte. Aus Demut nannte sich Jakob einen Armen; aber weil er ein König war, eilten die Engel zu seiner Lagerstätte. Sie sahen ihn, wie er seinen Stab umfaßte und auf dem Gipfel des Berges schlief. Da umringten ihn die Scharen, um das Bild der Kreuzigung zu schauen.

In seinem Traume erblickte er eine Leiter, welche auf der Erde stand und mit ihrer Spitze in staunenswerter Weise bis zum Himmel reichte. Ein solch neues Schauspiel hat niemand gesehen außer Jakob, einen so wunderbaren Anblick voll wahrhaftiger Vorbilder. Wer hat je von Anbeginn an eine solche Leiter gesehen, die auf Erden stand und in den Himmel reichte außer Jakob? Er sah Engel, welche an ihr hinaufstiegen, und andere Scharen, welche auf ihr zu den Erdenbewohnern herabstiegen. Staunenerregend ist diese Leiter für den Beschauer, durch welche Himmel und Erde miteinander verbunden werden. Hier möge sich die Seele mit Staunen erfüllen ob des erhabenen Schauspieles! Denn obgleich der Mund sich öffnet, um über die Vision zu reden, so bleibt doch die Rede inhaltsleer, wenn sie nicht aus der Bewegung der Seele entspringt, und kraftlos, wenn sie nicht durch die Liebe redet. Das, was sie selbst gesehen hat, möge die Seele erzählen, wenn sie danach befragt wird! Nicht möge sich ihre Rede auf bloße Nachrichten beziehen, die sie gehört hat! Vielmehr möge sie sich satt schauen an den erscheinenden Gesichten, und wenn sie dann über dieselben reden will, die Vision Jakobs nicht nur wie eine Geschichte hererzählen, sondern aus sich selbst jene innere Anschauung zur Darstellung bringen und erwägen! Durch diese Lesung sollst du nicht bloß von einer Leiter und von nichts weiter hören, sondern noch etwas anderes sollst du hierüber vernehmen, damit du die richtige Deutung erfahrest.

Wozu war wohl eine Leiter notwendig, wenn Engel darauf emporsteigen sollten? Denn für die Himmelsgeister sind ja keine Stufen erforderlich. Hier erklärt sich das Geheimnis selbst und zeigt sich der Weg des Sohnes an dieser Leiter. Das Kreuz ist aufgerichtet als eine wundervolle Leiter, auf welcher die Menschen in Wahrheit zum Himmel hinaufgeleitet werden. Durch die Geburt des Sohnes stiegen die Engel zu den Erdenbewohnern herab und erhoben sich die Menschen aus der Tiefe zu der Wohnung der Himmlischen. Durch dieselbe wurden Himmel und Erde wieder vereinigt, welche zuvor verfeindet waren, und herrschte wieder Friede zwischen beiden Teilen, die zuvor getrennt waren. Er erhob sich auf Erden wie eine stufenreiche Leiter und richtete sich empor, damit alle Irdischen durch ihn emporgehoben würden. Das Kreuz hat durch seine Kraft den Zaun der feindlichen Trennung durchbrochen und durch seine Aufrichtung die Himmlischen mit den Irdischen vereinigt. Es trug und hob die Menschen, auf daß sie zur Höhe gelangten; wiederum erstreckte es sich abwärts und ließ die Engel zur Tiefe gelangen, um dort Gott zu preisen. An ihm schauten die himmlischen Mächte herab, um niederzusteigen und das Wunder zu schauen, welches ihren Heerscharen verborgen war. Zu ihm blickten auf die Völker und Geschlechter, um zur Himmelshöhe hinaufzusteigen. Denn leicht und zugänglich ist das Hinaufsteigen wie das Herabsteigen. Betrachte das Kreuz und schaue dich satt an seiner Herrlichkeit! Denn es ist ein geräumiger Weg, dessen Beschreitung nicht verwehrt ist, und dient als Verbindung zwischen den Irdischen und den Himmlischen. Wenn es nicht wäre, so könnte der eine Teil dem anderen nicht nahen. So leicht ist es zu beschreiten, daß sogar die Verstorbenen auf ihm wandeln können. Es hat die Vorhölle entvölkert und siehe, auf ihm steigen auch die dem Tode Verfallenen empor! Denn wer könnte wohl anders als durch das Kreuz in den Himmel aufsteigen? Und wenn es nicht wäre, wer würde dann Frieden zwischen den beiden Teilen stiften können? Wer könnte wohl außer ihm jenen unermeßlichen Raum zwischen Himmel und Erde zusammenfassen, um beide miteinander zu vereinigen? Wer hätte wohl den Räuber zum Himmelreich emporgehoben, wenn sich nicht das Kreuz zu ihm herabgeneigt hätte, damit er auf ihm wandere? Wer hätte wohl die Toten im Hades aus den Gräbern emporgezogen, wenn es nicht zu ihnen herabgestiegen wäre und sie hinaufgetragen hätte?

Dies ist also das Gesicht Jakobs und seine Offenbarung. In der Leiter erblickte er den Gekreuzigten wahrhaftig. Der Traum war dem Jakob ein deutliches Buch; die Vision verlieh ihm, im Schlafe zu lesen und dadurch erleuchtet zu werden. Im Schweigen der Nacht ruhte er von den weltlichen Regungen und schaute den Herrn der Welt, welcher ihn über die Geheimnisse belehrte. Er entschlief und gelangte zum Lande des Verborgenen; dort lernte er die verhüllten Geheimnisse und ihre Deutung. Er schlief auf Erden und wachte unter den Offenbarungen; denn er sah das Wunder, ohne durch die geschaffenen Dinge gestört zu werden. Der Schlaf verschloß seine äußeren Augen für die Außenwelt; da kam die Vision und eröffnete seine Seele für die Geheimnisse. Er schaute das Kreuz, wie es auf Erden stand gleich einer Leiter und als Straße diente, auf welcher die himmlischen Heerscharen wandelten. Er sah über ihm den allgebietenden Herrn stehen, und hörte, wie dieser ihm Mut einsprach, auf daß er furchtlos seines Weges ziehe. Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Ich werde mit dir sein und dir dieses Land zum Besitztum geben. Dein Same soll seine Städte und deren Bewohner erwerben; durch dich und deinen Samen sollen alle Völker gesegnet werden! Du wirst wachsen auf Erden und durch die Völker alle ihre Enden besitzen. Ich bin mit dir; vor was brauchst du dich also zu fürchten, wohin du auch ziehen magst? Ich behüte dich; wer kann dir da schaden?“

Diesen Reisevorrat gab der Herr dem Jakob daselbst mit auf den Weg, damit er im fremden Lande an nichts Mangel leide. Die geheimnisvolle Vision hatte Reichtum mitgebracht, um ihn damit zu beschenken. Denn er war gewürdigt worden, sie zu schauen und durch keine Not gequält zu werden. Er trat vor den König und empfing Segnungen als Geschenk, auf daß er ausziehe und das strahlende Bild in allen Ländern male. Durch die Kreuzigung wurde der geringe Jakob gesegnet, damit aus ihm der erhabene Erlöser der ganzen Welt entstehe. Er segnete die Völker der Erde durch seinen Samen, nicht aber ihn durch die Völker. Denn es heißt ja: „Durch dich und durch deinen Samen sollen die Völker der Erde gesegnet werden.“ Diesen Segen haben von da an die Völker empfangen, und auf ihnen ruht er, obgleich Jakob gesegnet wurde. Durch ihn und seinen Samen wurden die Völker der Erde gesegnet. Es schweige also jenes Volk, welches so übermütig gegen die Fremden ist; denn alle Völker sind von Gott gesegnet worden. Durch jene Vision, welche ein Vorbild der Kreuzigung war, goß das Geheimnis des Sohnes seine Segnungen reichlich aus und gewährte allen Völkern liebevoll Hoffnung. Nicht Isaak, sondern der Herr war es, welcher den Segen erteilte und durch sein Wort die jüngeren den älteren gleichstellte. Seitdem segnete er alle Völker gleichmäßig; denn das Geheimnis des Sohnes ist umfassend genug, um allen Segen zu verleihen. Wenn damals nicht sein Geheimnis geoffenbart worden wäre, warum wäre dann der Herr auf der Leiter erschienen? Der Gerechte schaute auf dem Berge das Kreuz und an demselben den Herrn; denn durch das Kreuz empfingen die Völker der Erde den Segen. Auf dem Berge befestigte er das geheimnisvolle Kreuz wie eine Leiter, stellte sich selbst auf dessen Spitze und segnete von ihm herab alle Nationen. Wenn es sich nicht in Wahrheit so verhielte, wie ich sage, warum wäre es dann nötig gewesen, daß er sich selbst auf der Leiter zeigte? Daraus ergibt sich doch ganz klar und deutlich, daß es das Kreuz war, an welchem sich der Herr befand und durch welches alle Völker gesegnet sind. Er machte sein Wort so umfassend, daß nicht nur ein einziges Volk, sondern alle durch dasselbe gesegnet würden, und es reicht aus, um alle zu segnen. Das Kreuz wurde damals vorbildlich aufgerichtet gleich einer Leiter und diente den Völkern als ein zu Gott hinaufführender Pfad.

Der Gerechte staunte über den neuen Anblick, der sich ihm darbot, und erwachte, angefeuert durch seine Offenbarung. Durch den neuen Anblick strahlte in seiner Seele ein großes Licht auf, welches durch Offenbarungen wie durch Feuer entzündet war. Er hörte vom Herrn die Namen Abrahams und Isaaks und verlangte danach, daß auch sein Geschlecht in ihre Zahl eingereiht werde. Vielleicht richtete er voll Einsicht folgende flehentliche Bitte an Gott: „O Herr, ich bitte Dich, zeichne nun auch meinen Namen ein zu diesen! Gib mir meinen Platz in dieser Reihe nach Isaak! Nenne Dich auch den Gott Jakobs, damit ich meinen Vätern zugereiht werde! Es heiße nicht nur „Abraham undIsaak“, sondern auch „Jakob“! Stelle meinen Namen nach diesen, welche ich liebe! In die Kette dieser möchte auch ich eingefügt werden, wenn es Dir beliebt! Weise mir einen Platz an unter ihnen und verleihe mir einen guten Namen unter ihrer Zahl!“ Jakob war erleuchtet durch das Gesicht, welches mit ihm geredet hatte; denn die gewaltige Erscheinung hatte ihn im Schlafe in Glut versetzt. „Ja, in Wahrheit ist der Herr an diesem Ort, und ich wußte es nicht, bevor ich nun dieses Wunder gesehen habe; dies ist in Wahrheit das Haus Gottes, und dies ist offenbar die Pforte des Himmels“. Arm war er eingeschlafen und durch die Offenbarung bereichert erhob er sich. Er, welcher am Abend ein Vertriebener und in der Nacht zum Herrn des Landes geworden war, erhob sich am Morgen und begann den Bau der Kirche, damit die Stätte der Vision durch den Glanz der Geheimnisse verherrlicht werde. Er richtete einen Stein auf und goß Öl über denselben, um so das Vorbild der Kirche mit vollkommener Klarheit darzustellen. O Jakob, was tust du doch auf der von dir unternommenen Reise? Wozu und wie soll Öl einem Steine nützen? Wer hat dich angewiesen, diese erstaunliche Tat zu vollbringen, und welche Veranlassung hattest du, sie so feierlich zu vollziehen? Wer hat dich gelehrt, dort auf dem Berge einen Stein zu salben? Denn außer dir hat kein Mensch vom Anbeginne an je etwas Derartiges getan. Ein neues Werk vollbrachte Jakob auf jenem Berge, wie ein solches vor ihm noch nie unternommen worden war. Weder hatte ihn Abraham gelehrt einen Stein mit Öl zu salben noch hatte ihm Isaak dieses neue Verfahren überliefert, sondern seine Seele war erleuchtet durch die wunderbare Vision, welche er gesehen hatte, und er begann von da an ein großes Werk in der Welt. Die gewaltige Erscheinung hatte den gerechten Jakob zum Priester gemacht, und alsbald unternahm er das Werk der Salbung mit dem, was er zur Hand hatte. Der Anblick des Geheimnisses hatte über seine Gedanken Licht ergossen, so daß er selbst das ihm Obliegende in der richtigen Weise vollzog. Er erbaute Gott ein Haus auf seinen Namen, indem er ihm einen Stein aufrichtete, so daß man darin deutlich die Kirche in der Welt erkennen kann. Den ganzen Ort nannte der Verständige „Haus Gottes“ (Bethel); er errichtete daselbst einen Stein und salbte ihn als Vorbild. Der Gekreuzigte stieg herab, um den Bund der Verlobung abzuschließen; aber ohne Öl konnte sein Verheißungswort keine Festigkeit erhallen. Der Typus des Sohnes war dem Einsichtigen im Traume erschienen; als er nun erwachte, malte er ein Bild desselben, wie es ihm angemessen war. Die Vision stieg herab und hielt ihn zurück auf dem Wege, als er wanderte, damit er nicht eher vorüberzöge, als bis er die Kirche dem Sohne verlobt hätte. „Vollende erst das Meinige und alsdann ziehe weiter zu deinem Geschäfte. Entwirf meine Vorbilder und alsdann gehe, um das deinige zu suchen! Bereite mir hier eine mystische Feier durch den neuen Anblick und alsdann nimm dir eine Gattin, welche selbst wieder eine vorbildliche Bedeutung hat! Verlobe mir die Kirche und alsdann verlobe dich mit der Haranitin! Erbaue mir ein Haus und alsdann sorge für deinen eigenen Erwerb! Wenn mir nicht zuvor die Königstochter vorbildlich verlobt wird, so wird auch deine Reise keinen glücklichen Erfolg haben. Verschaffe mir ein Unterpfand auf das Hochzeitsfest der Kirche, und ziehe dann weiter auf deinem Wege, welcher ganz mit Vorbildern bemalt ist! Errichte auf dem Berge ein Denkmal jener Erscheinung und wandere dann weiter, damit nicht der Anblick des Geheimnisses aus deiner Erinnerung schwinde! Nimm Öl, gieße es auf den Stein, welcher die Kirche darstellt, und bezeichne mir ihn; denn nach Verlauf einer bestimmten Zeit werde ich mich ihm gnädig zuwenden. Lege den Grundstein für den großen Palast der Braut des Königs, damit auf ihm alle Gerechten allerlei Saaten aufziehen! Errichte mir ein Brautgemach, damit das Vorbild in dasselbe eintrete und darin bedient werde, bis ich einst auf der ganzen Erde mein großes Hochzeitsfest halte!“

Diese Herrlichkeit sah Jakob durch die Offenbarung; er richtete einen Stein auf und nannte den Ort „Haus Gottes“. „Fürwahr, Gott ist an diesem Orte und ich wußte es nicht; dem Himmel ist hier eine Türe zur Tiefe eröffnet und ich merkte es nicht!“ Er sah den Herrn, wie er seine Absicht darauf richtete, zur Erde herabzusteigen; deshalb baute er ihm ein Haus, damit er darin bei seiner Herabkunft eine Ruhestätte finde. „So ist ihm nun ein Absteigequartier bei den Erdenbewohnern bereitet und Frieden zwischen den beiden einander verfeindeten Seiten gestiftet. Die erhabene Höhe wird erreicht durch die in der Mitte befindlichen Leitersprossen, und der schwer zugängliche Ort ist durch die Engelschar in Frieden zugänglich. Der Herr, welcher auf der Leiter steht, verlangt herabzusteigen; bereiten wir ihm also ein Haus, welches seiner Ehre diene! Es ist nun geoffenbart, daß der Herr dereinst zur Erde herabsteigen und sich als Mensch unter den Irdischen zeigen wird. Wenn er nicht in Wahrheit seine Herabkunft hätte andeuten wollen, weshalb hätte er dann auf der stufenreichen Leiter gestanden? Sein Augenmerk ist darauf gerichtet, daß er hinabsteige und einer der Unsrigen werde; deshalb läßt er ein Haus bauen, damit es gleichsam wie zu einem ehrenvollen Empfange bereit stehe. Er wünscht, daß wir ihm auf Erden eine Stätte errichten, wo ihm schon von jetzt an ein Ruheort vorbereitet sei für die Zeit, wann er dereinst herabsteigen wird. Sicherlich wird er dereinst herabkommen; ob dies aber früher oder später geschehen werde, darüber vernehme die Welt von mir, daß ich es selbst nicht weiß.“

Zugleich mit der Offenbarung, welche Jakob von Gott empfing, begann er eifrig ein Werk der Wahrheit in der Welt. Er bildete vor die Gestalt des großen Hauses in dem aufgerichteten Steine, und er besiegelte das Geheimnis durch Öl, auf daß es hell leuchte. Er vollendete sein Werk und begann alsdann die Gelübde der Gerechtigkeit. Nachdem er die Kirche entworfen hatte, trat er ein, um sie durch Gebet zu befestigen. „Wenn Gott mit mir sein wird an dem Orte, wohin ich gehe, und mir Gewand zum Bekleiden und Brot zum Essen verleihen wird“. Auch hier leuchtet abermals die Lehre des Sohnes hervor, indem er mit einer vom Irdischen losgelösten Gesinnung seine Reise unternahm. Nur Kleidung und Brot verlangte er von Gott, damit so der vollkommene Weg des Aposlolates vorgebildet werde. Dieser Verständige, der nur um Kleidung und Brot gebeten hatte, gelangte später zu überaus großem Reichtum. Wenn er nach Reichtum gestrebt hätte, so wäre er nicht geflohen und hätte das Besitztum des Hauses Abrahams nicht im Stiche gelassen. Er nahm die Segnungen mit sich und eilte der Gerechtigkeit nach; das tägliche Brot genügte, um ihn zufrieden zu stellen. In jener vorbildlichen Kirche, welche Jakob auf seiner Flucht baute, betete er schon damals das von unserm Herrn gelehrte Gebet. „Gib mir stets das tägliche Brot“, so flehte er, wie auch unser Herr den Aposteln zu beten befohlen hat. Auch war dieses Gebet so recht passend für jene Reise, damit auf ihr alle Worte des Apostolates geredet würden. Das tägliche Brot ist ein großer Reichtum, wenn man Gott besitzt; aber alles, was darüber hinausgeht, ist überflüssig. Jakob sorgte auf der von ihm unternommenen Reise nicht für den folgenden Tag; es genügte ihm, daß jeder Tag durch die Sorge für ihn seine eigene Plage hatte. Der Weg der Kreuzigung wurde klar für den Gerechten; er schaute auf ihn und erkannte, daß er für denselben nur des täglichen Brotes bedürfe. Bevor seine Seele durch die Offenbarung erleuchtet worden war, hatte er die Kraft des Gebetes noch nicht erkannt. Als er das Haus seines Vaters verließ, betete er noch nicht so; auch auf der ganzen Tagreise hatte er es noch nicht erlernt. Am Abend schlief er ein, ohne dieses Gebet zu beten; als aber in der Nacht die Vision aufstrahlte, wurde seine Seele erleuchtet. Da fing er an, das Gebet zu sprechen, welches den Aposteln anbefohlen wurde, nämlich die Bitte um weiter nichts als um das stete tägliche Brot. Er sah, wie reich die Armut des Sohnes ist, und ging ihr nach, um durch sie überaus reich zu werden. Der Anblick des Geheimnisses war für Jakob ein Lehrer, welcher ihn darüber belehrte, was er im Gebete reden sollte. Er verlangte nicht nach Reichtum, welchen die Verständigen für nichts achten, sondern nach Kleidung und Brot, soviel er dessen bedurfte, und nach weiter nichts. Das Gemüt der Gerechten sehnt sich nicht nach Überfluß, und sie plagen ihre Seele nicht mit der Sorge um Nichtiges. Nur den notwendigen Besitz, Kleidung und Brot, nehmen sie dahin und lassen sich nicht durch Lüste fesseln. Das einfache Leben ist eine glückselige Ruhe, und durch den Verkehr mit ihm mehrt sich die Weisheit. Der Habgierige wird getötet inmitten seiner täglichen Sorge um vielerlei, ohne daß er doch an einem Tage für zwei leben kann. Denn das Brot für den morgigen Tag ist dir während des ganzen heutigen vollkommen überflüssig; ebenso wie dir auch am gestrigen Tage das für den heutigen nichts nützen konnte. Wenn jeder Tag das Seinige in Anspruch nimmt, um ihn auszufüllen, so lade dir doch nicht an einem Tage die Sorge für viele Tage auf das Haupt! Es genüge jedem Tage seine eigene Plage und die Sorge für ihn; und dies genügt ohne Zweifel für das ganze Leben. Deshalb verlangte Jakob Kleidung und Nahrung, um die neue Lehre unseres Herrn zu bezeugen. „Von allem, was du mir geben wirst, will ich dir den Zehnten entrichten“. Nicht verlangte er danach, Gut zu erwerben, sondern es zu verzehnten. Ein geheimnisvolles Haus baute der gerechte Jakob damals und stützte es reichlich durch Zehnten und Gelübde. Sein guter Wille drängte ihn dazu, ein Opfer darzubringen. Gelobt sei der, welcher ihm verlieh, die Gelübde zu erfüllen, die er weise gelobt hatte!

Gedicht über die Decke vor dem Antlitze des Moses.

Text: Zingerle, Monumenta Syriaca S. 75; Bedjan a. a. O. III. S. 283 ff. — Der Dichter gibt hier eine sehr ansprechende Charakteristik der alttestamentlichen Pro-phetie, die er, wohl angeregt durch 2 Kor. 3, 7 ff., mit dem Schleier vergleicht, mit dem nach Ex. 34, 33 Moses vor den Israeliten sein Angesicht verhüllte, weil diese seinen Glanz nicht ertragen konnten. Auch in der Prophetie, speziell in der Realprophetie, den sogenannten Vorbildern, seien die Geheimnisse nur verdeckt enthalten, so daß man sie im Alten Bunde nicht klar erkennen konnte, erst Christus habe die Decke weggezogen und so die Wahrheit vor aller Augen enthüllt. Nach diesem Grundsatz wird eine Reihe alttestamentlicher Vorbilder auf Christus und seine Kirche gedeutet, hauptsächlich solche, die mit der Person und dem Werke des Moses selbst in enger Beziehung stehen. Besonders ansprechend ist die Parallele, die der Dichter zwischen der Bewahrung der Jungfräulichkeit Mariens und der Enthüllung der Vorbilder zieht. Das Ganze tönt in einen warmen Appell an die Juden aus.

Eines Tages fragte mich ein verständiger Mann: „Was bedeutet doch jene Decke über dem Antlitze Mosis? Weshalb und wozu verhüllte jener große Prophet sein Antlitz vor den Hebräern, damit sie ihn nicht anschauen sollten? Welcher Grund bewog den Mann, der mit Gott geredet hatte, verhüllt dazustehen unter dem großen Volk wie ein Schauspiel? Es fragt sich also, weshalb das Antlitz dieses Urquells alles Prophetentums durch eine übergeworfene Hülle vor den Beschauern verdeckt war. Wenn du es weißt, so erkläre jetzt, weshalb Moses verhüllt war und niemand sein Antlitz aufdecken konnte!“

Komm, o Gnade, die du die göttlichen Geheimnisse enthüllst, damit durch dich die Frage beantwortet werde, welche unter den Verständigen aufgeworfen worden ist! Komm und rede in mir, denn aus mir selbst bin ich nicht imstande, eine Rede zur Erklärung der Wahrheit hervorzubringen! In dir, o Gnade, und aus dir will ich meine Rede schöpfen, denn du verleihst reichlich durch deine Offenbarungen die richtige Deutung. Komm, o Gnade, und bringe den Nachweis mit, aus welchem Grunde sich jener Hebräer verhüllt hat! Zwischen uns aber muß jetzt die Liebe als Vermittlerin treten; denn wer ohne Liebe zuhört, versteht das Gehörte nicht.

Die Decke über dem Angesichte Moses bedeutet, daß die prophetischen Reden verborgen sind. Deshalb verhüllte der Herr das Gesicht des Moses, damit er als Typus der verhüllten Weissagung diene. Der Vater besaß einen Sohn im Verborgenen, ohne daß es jemand wußte, und er wünschte der Welt die Kunde von ihm vorbildlich zu offenbaren und durch die Prophetie von seinem Geliebten zu reden. Er verhüllte also den Moses, damit er ein Bild der Weissagung wäre und damit jeder Prophet, welcher sich auf Erden erhöbe um zu reden, wüßte, daß seine Worte vor den Hörern verhüllt seien und etwas Geheimnisvolles in seiner Rede verborgen sei, welches zu seinem Verständnisse solche erfordere, die in das Geheimnis eingeweiht seien. Deshalb rief er im Propheten: „Ich habe ein Geheimnis, ich habe ein Geheimnis“, damit die Welt merke, daß in der Weissagung Geheimnisse enthalten und Taten verhüllt seien. Durch Andeutungen verbirgt sie ihre Gegenstände, damit sie nicht erkannt werden; sie bildet Gleichnisse und redet geheimnisvolle Worte, damit die Welt den Sohn Gottes nicht deutlich erfasse. Denn da sich das Volk schon Idole vervielfältigte und das Land mit allerlei Götzen erfüllte, obgleich es nicht wußte, daß Gott einen Sohn habe, wie weit ärger würde es noch seine Abgötterei getrieben haben, wenn es von dem verborgenen Sohn vernommen hätte! Das wäre ihm eine günstige Gelegenheit gewesen, die Götzenbilder auf Erden zu vermehren. Hierzu wollte aber der Vater keine Gelegenheit geben, sondern täglich rief er: „Es ist nur ein Herr, es ist nur ein Herr!“ Sein Sohn wurde unterdessen von den Propheten verkündigt, welche in Rätseln und Gleichnissen über ihn redeten. Verhüllt und andeutungsweise taten die vom Geiste getriebenen Propheten den verborgenen Sohn der ganzen Welt kund. Jene Decke über dem Angesichte Moses war auch über ihre Worte ausgebreitet, wenn sie von dem Eingeborenen redeten. Der Glanz Moses war Christus, welcher in ihm strahlte; aber er wurde vor den Hebräern verhüllt, damit sie ihn nicht sehen sollten. Denn der Vater wußte, daß das Volk nicht würdig war, den Sohn zu schauen; deshalb verhüllte er ihn vor demselben durch die Decke. Die Propheten waren Freunde des Vaters und in seine Geheimnisse eingeweiht; deshalb verlieh er ihnen rätselhafte Andeutungen über seinen Geliebten. Er verhüllte den Moses, damit die Welt durch die Decke die Art und Weise der verhüllten Weissagung erkenne.

Sehet, der ganze Alte Bund ist verhüllt gleich Moses, in welchem alle Bücher der Weissagung dargestellt sind. Sehet, innerhalb jenes Vorhanges, welcher über die Bücher ausgebreitet ist, thront Christus in seiner Herrlichkeit als der erhabene Richter. Alle Propheten verhüllten die Kunde von ihm in ihren Büchern, damit nicht vor den Außenstehenden deutlich von ihm geredet werde. Moses war verhüllt, und welcher Prophet hätte da wohl sein Antlitz enthüllt? Vielmehr richteten sie sich alle nach ihm und verhüllten auch ihre eigenen Reden. Sie verkündeten und verbargen zugleich; sie stellten sein Wesen dar und breiteten zugleich eine Decke darüber aus, um nicht von dem Verfahren des großen Moses abzuweichen. Jesus strahlte in ihren Büchern, und deshalb lag ein Vorhang über denselben, um ihn dem Anblick zu verhüllen. Diese Decke ruft laut und deutlich der ganzen Welt zu, daß die Worte der hl. Schriften verhüllt sind. Moses dient als Vorbild für alle Reden und Weissagungen und entwirft einen Typus für den verhüllten Charakter des Alten Bundes. Jene Decke ist erst durch unsern Herrn abgehoben worden, welcher der ganzen Welt alle Geheimnisse gedeutet hat. Der Sohn Gottes ist gekommen und hat das Antlitz Moses enthüllt, welches zuvor verborgen war, so daß niemand wußte, was er sagen wollte. Der Neue Bund ist gekommen und hat den Alten aufgehellt; nun versteht die Welt alle Worte ohne Hülle. Die Sonne unseres Herrn ist in der Welt aufgestrahlt und hat alle erleuchtet; nun sind die Geheimnisse, Gleichnisse und Rätsel gedeutet. Hinweggenommen ist die über die Bücher gelegte Decke und offen schaut die Welt den Sohn Gottes.

Der verborgene Vater hatte seinem eingeborenen Sohne eine Braut verlobt und durch die Prophezeiung sie ihm vorbildlich zugeführt. Einen großen Palast baute er in seiner Liebe der Braut des Lichtes und malte den Bräutigam in verschiedenen Gestalten an dessen Gemächer. Moses trat auf, zeichnete als kundiger Maler den Bräutigam und die Braut und verdeckte alsdann das große Bild mit einem Vorhange. Er schrieb in sein Buch, daß der Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen werde, damit beide vollkommen eins würden. Der Prophet Moses erwähnte die Sache vom Manne und Weibe, damit hierdurch Christus und seine Kirche verkündigt werde. Mit dem scharfen Auge der Weissagung sah er Christus, wie er aus dem Wasser heraus mit der Kirche eins wird. Er schaute ihn, wie er sie aus dem jungfräulichen Schoße anzog und wie sie ihn wiederum aus dem Wasser der Taufe anzog. So sind Bräutigam und Braut geistig vollkommen eins geworden, und deshalb schrieb Moses, daß die beiden eins werden würden. Er hielt aber das Volk dieses großen Geheimnisses nicht für würdig, welches er vom Manne und vom Weibe aussagte, daß beide eins sein würden. Der verhüllte Moses blickte auf Christus und nannte ihn Mann, und auf die Kirche und nannte sie Weib, um so eine deutliche Erwähnung der Sache vor den Hebräern zu vermeiden. Auf verschiedene Weise verhüllte er seine Worte vor den Außenstehenden; er malte ein Bild in dem Gemache des königlichen Bräutigams und nannte es Mann und Weib, obgleich er wußte, daß unter dieser Verhüllung Christus und die Kirche verborgen seien. Aber statt ihrer wurden Mann und Weib verkündigt um der Geheimhaltung willen, weil jene Decke noch über das Geheimnis gebreitet bleiben sollte. Niemand wußte, was dieses große Bild sei oder wen es vorstelle.

Da trat Paulus nach der Hochzeitsfeier auf, sah den darüber gehängten Vorhang und nahm ihn hinweg von den Schönen. Er offenbarte und zeigte der ganzen Welt Christus und seine Kirche als diejenigen, welche Moses im prophetischen Geiste gemalt hatte. Der Apostel rief in gewaltiger Begeisterung: „Groß ist dies Geheimnis.“ Er begann zu zeigen, wen dies verhüllte Bild darstelle, welches in der Weissagung Mann und Weib genannt worden war. „Ich weiß, daß sie Christus und seine Kirche sind, welche aus zweien eins geworden sind.“ Nun ist jene Decke über dem Antlitz Moses enthüllt. Laßt uns alle herankommen und den Glanz betrachten, an dem man sich nicht satt sehen kann! Nun ist das große Geheimnis, welches zuvor verborgen war, offenbar geworden. Die Hochzeitsgäste mögen sich über die Schönheit des Bräutigams und der Braut freuen! Er schenkte ihr sich selbst und gab sich ihr, der dürftigen, zu eigen; alsdann machte er sie zu seinem Eigentum, so daß sie mit ihm vereinigt ist und sich mit ihm freut. Er stieg zur Tiefe herab und erhob die Niedrige zur Höhe; denn sie sind eins und wo er sich befindet, da weilt auch sie bei ihm. Der große Paulus, dieser tiefe Abgrund des Apostolates, hat das Geheimnis gedeutet und es klar ausgesprochen. Offenbar ist jetzt geworden die Schönheit der Braut, welche zuvor verhüllt war, und ihren Glanz betrachten alle Völker und Geschlechter. In einen neuen Mutterschoß führte ihr Verlobter die Tochter des Lichtes ein; es empfing und gebar sie das auserwählte Wasser der Taufe. Er weilte im Wasser und berief sie zu sich; alsbald stieg sie herab, zog ihn an, kam wieder heraus undempfing ihn, um das Wort Moses von den zweien, die eins geworden, wahr zu machen. Aus dem Wasser entsteht eine reine und heilige Verbindung zwischen der Braut und dem Bräutigam, indem sie durch die Taufe eins in einem Geiste werden. Die Frauen sind nicht so eng mit ihren Männern verbunden wie die Kirche mit dem Sohne Gottes. Welcher Bräutigam ist wohl je für seine Braut gestorben, außer unserem Herrn, und welche Braut hat sich wohl je einen Getöteten zu ihrem Gatten erwählt? Wer in aller Welt hat jemals sein Blut als Hochzeitsgeschenk gegeben, außer dem Gekreuzigten, der durch seine Wunden das Hochzeitsfest besiegelte? Wen hat man je als Leichnam beim Festmahle liegen sehen, während ihn die Braut umfaßte und dastand um durch ihn getröstet zu werden? An welchem Feste außer diesem wurde ein Gastmahl gehalten, bei welchem man den Gästen statt des Brotes den Leib des Bräutigams verteilte? Die Gattinnen werden durch den Tod von ihren Männern getrennt, aber diese Braut vereinigte sich durch den Tod mit ihrem Geliebten. Er starb am Kreuze und schenkte der Glorreichen seinen Leib; sie ergreift ihn und verzehrt ihn täglich an seinem Tische. Aus seiner durchbohrten Seite mischte er seinen Becher mit dem heiligen Blute und reichte es ihr, damit sie es trinke und ihre vielen Götzen vergesse. Im Öle salbte sie sich mit ihm, im Wasser zog sie ihn an, im Brote verzehrte sie ihn, im Weine schlürfte sie ihn ein, damit die Welt erkenne, daß beide eins geworden sind. Als er am Kreuze gestorben war, vertauschte sie ihn nicht etwa mit einem anderen Gatten, sondern sie liebte seinen Tod, weil sie wußte, daß ihr durch denselben das Leben zuteil geworden. Der Mann und sein Weib boten nur die Veranlassung, um dieses Geheimnis anzudeuten, dessen Schatten, Typus und Vorbild sie waren. Unter ihrem Namen sprach Moses das große Geheimnis aus, indem er es unter der Decke verhüllte und bewahrte, damit es nicht offenkundig werde. Aber der große Apostel enthüllte seinen Glanz und zeigte ihn der Welt; da wurde das Wort Moses’, daß beide eins werden sollten, vollkommen aufgehellt.

Auf allerlei Weise redete Moses von dem Sohn Gottes, aber weil er verhüllt war, verstand niemand, was er sagte. Er malte ihn in dem Lamme, welches er herbrachte und einschloß, damit es ein Vorbild des Sohnes Gottes werde, welchen das Volk in jenem großen Gerichte festnahm. Dann schlachtete er das Lamm und sprengte dessen Blut an die Türen der Hebräer, damit der Todesengel nicht zu ihren Erstgeborenen eintreten möge. Er tauchte einen Ysopbüschel in das Blut und sprengte es an die Türen; aber niemand außer ihm selbst wußte, weshalb er dies tat. Er besprengte die Türpfosten und die Türschwellen in vorbildlicher Weise zu beiden Seiten, oben und unten, indem er so das Kreuz an die Türe malte und den Tod am Eintritt verhinderte. Aber dieses Geheimnis verbarg er, damit es das Volk nicht merke. Es ist klar, und selbst ein Blinder kann es durch bloßes Tasten erkennen, daß das Lamm durch sein Blut unmöglich den Tod abhalten konnte. Wenn der Würger des Erstgeborenen nicht ein Bild des Sohnes Gottes in demselben gesehen hätte, so wäre er nicht an ihren Türen vorübergegangen. Das Blut Christi wurde durch das Blut des Lammes verkündigt und dieses große Geheimnis durch ein geringfügiges Vorbild angedeutet. Durch das Blut des Lammes, mit welchem er die Türen besprengte, belehrt dich Moses, daß du deine Lippen täglich mit dem Blute des Sohnes besprengen sollst. Der Mund ist ja die Türe des Menschen, aus welcher allerlei Stimmen und Reden herauskommen, sowohl Lobpreisungen als Schmähungen. Deshalb verlangte auch David, daß seinem Munde ein Hüter gesetzt werde. Wer anders als der Gekreuzigte ist dieser Hüter für den, welcher nach ihm verlangt? David flehte:

„Setze, o Herr, einen Hüter meinem Mund!“ Das Kreuz ist der Hüter der Türe des Mundes gegen Satan. Das Kreuz erhob sich an den Türen des Volkes Israel und bewahrte sie vor dem Würger der Erstgeborenen im Lande. So nimm auch du jetzt das Blut des Sohnes Gottes und zeichne mit den Fingern das Kreuz auf deine Lippen! Setze deinem Mund einen Hüter und habe festes Vertrauen, so wird der Vertilger dir nicht nahen, wenn er ihn erblickt. Wenn schon sein Vorbild, als es sich an den Türen zeigte, jene errettete, um wieviel mehr wird das Urbild selbst den zu erretten vermögen, welcher nach ihm verlangt? Auf deine Lippen nimm das Blut aus dem Kelche der Gottheit, auf daß es dir zu einem ganz zuverlässigen Türhüter werde! Durch das Blut des Lammes wurden die Türen des Volkes versiegelt; so versiegle auch du deine Türe mit dem Blute der Seite des Gottessohnes! Färbe die Zunge, Lippen und Herz mit dem Blute deines Herrn, auf daß er dich vor allem Bösen bewahre! Verlange täglich den Hüter für deinen Mund und deine Lippen; miete ihn dir durch Tränen, so wird er dich stets hüten, ohne je zu schlafen! Das Blut des Getöteten, welches jetzt in den Mund der Gläubigen gesprengt und gegossen ist, hatte Moses im Auge, als er im Blute des Lammes ein Vorbild desselben aufstellte.

Die Schriftgelehrten lasen die Bücher und die Handlungen Moses’, ohne daß irgend einer von ihnen imstande war, diese Geheimnisse zu deuten. Denn sie waren ja unter der Decke dem Anblick verborgen, so daß sie vor dem Erscheinen des Eingeborenen nicht erkannt werden konnten. Als er mit dem Stabe schlug und dem großen Volke das Meer spaltete, da malte er das Kreuz in diesem wunderbaren Durchzug. Wer vermochte je durch einen Stab das Meer zu teilen außer Moses, weil er das Geheimnis des Gottessohnes trug? Er durchbrach das Meer, um so zu zeigen, wie dereinst der Sohn Gottes den Hades durchbrechen, die Toten zum Leben berufen und sie hinüberführen werde. Der Durchzug der Hebräer zeichnete ein Vorbild jenes großen Durchzuges, als der Sohn die Menschheit nach sich zog und zu seinem Vater hinüberbrachte. Die Ägypter gingen unter und wurden zum Typus der unreinen Dämonen, welche der Sohn Gottes in den Abgrund versenkte. Den Pharao, welcher sich stark dünkte gleich dem Leviathan, zeichnete er als Bild des Teufels, welcher durch das Kreuz zermalmt wurde. Moses kam alsdann aus dem Meere hervor und führte die Herde an, nachdem der sie verfolgende Wolf getötet war; hierdurch bildete er den Hirten vor, welcher seine Herde aus der Gewalt der Räuber zurückgebracht hat. Alsdann stellte Moses durch seinen Hymnus die Braut des Lichtes dar, welche ob ihrer Erlösung von den Verfolgern lobsingt. Die Schar der Jungfrauen jubelte im Wechselchor und entwarf das Bild der Festversammlungen und ihrer Jubelhymnen. Er kam nach Mara, wo ihm das Geheimnis verwehrte, von dem bitteren Wasser zu trinken, ehe es durch die Kreuzigung süß geworden war. Der Herr zeigte ihm ein Holz, und er warf es in das bittere Wasser; dadurch ward es gut, damit so ein Typus des Sohnes Gottes dargestellt werde. Das Kreuz versüßte die Menschen, welche zuvor bitter gewesen waren; es diente ihnen als Sauerteig, der sie durchdrang und innerlich umwandelte. An allen Aufenthaltsorten und Reisestationen, welche Moses durchzog, malte er auf der ganzen Reise Vorbilder des Sohnes Gottes. In den siebzig Palmen und den zwölf Quellen stellte er die Zahl der Apostel und Jünger auf. Der Volksgemeinde sandte er aus den Wolken das hehre Brot herab und zeigte so im voraus, daß die Speise des Lebens einst in die Welt herniedersteigen werde. Er spaltete den Fels und ließ Ströme aus ihm hervorquellen; dadurch zeichnete er Christus, welcher auf die ganze Welt herabströmt. Denn Christus war jener Fels, wie geschrieben steht; durch ihn und sein Geheimnis lebten die Hebräer, ohne es zu merken. Er ist auch der Stein, welcher sich loslöste ohne Hände; er ist ferner der Stein, welcher dem gequälten Volke Wasser verlieh; er ist der Stein, welchen die Bauleute verwarfen und nicht annahmen; er ist endlich der Stein, welcher die unzähligen Götzenbilder auf Erden zerschmettert. Moses redete mit dem Felsen und dieser gab ihm Wasser; so deutete er durch den Stein Christus an, jenen Stein, der auf die Erde gekommen ist.

Ein Bild seiner Kreuzigung errichtete er in jener ehernen Schlange, welche er verfertigt hatte, um dadurch seine Volksgenossen zu heilen. Alle von den Nattern Gebissenen blickten auf sie und wurden geheilt von den Schlangenbissen. Er goß die eherne Schlange und erhöhte sie im Lager; der Gebissene, welcher sie anschaute, wurde geheilt. So malte er Golgotha und darauf das Kreuz des Sohnes Gottes und zeigte, wie sein Leib die verwundeten Leiber heilen würde. Alle, die von der Natter gebissen sind, welche den Adam tötete, mögen zum Kreuze aufblicken, welches sie ohne Arzneien heilt!

Was ersann und tat Moses noch ferner alles durch die vor den Beschauern verhüllte Weissagung? Durch seine Opfer, sowohl Dank- als Brandopfer, welche er auf den Altären darbrachte, deutete er den Sohn an, ebenso durch die zwei Vögel, deren einen er schlachtete und den anderen fliegen ließ, durch die Kuh, welche zur Reinigung geschlachtet wurde, durch die Stiere und Schafe, die Turteltauben und jungen Tauben, durch die Schaubrote, welche ununterbrochen auf dem Tische liegen mußten, durch das priesterliche Gewand und durch den dasselbe zusammenschließenden Gürtel, durch das heilige Diadem und das Ephod, und die kostbaren Steine, durch das hohepriesterliche Oberkleid und die daran angebrachten Glöckchen, durch das Feuer und den Weihrauch und das Rauchfaß des Priesters, welche opferten, durch die Steine, „vollkommen und leuchtend“ an den Schultern des Hohenpriesters, welche im Heiligtum hervorgeholt und befragt wurden, durch die Salbung des Hohenpriesters, welchem man bei seiner Weihe Blut an Hände, Füße und Ohrläppchen strich. Bei all den verschiedenen Opfern, welche Moses darbrachte, sprengte er Blut für die Schuld seiner Volksgenossen, um vorbildlich durch Blut die Hebräer zu entsündigen, damit die Welt merke, daß sein Herr einst durch sein eigenes Blut die Erde entsühnen werde. Er sprach die Geheimnisse aus, aber nicht auch ihre Deutungen; denn der Mann war ja von schwerer Sprache und konnte sich nicht deutlich ausdrücken. Gerade deshalb wurde ihm jene schwere Sprache bewahrt, damit dadurch seine ganze Rede vor Deutung bewahrt bliebe. Als unser Herr kam, machte er die Zunge des stammelnden Moses deutlich. Nun werden alle seine Worte deutlich gehört. Denn das Stammeln ist von seiner Zunge hinweggenommen, und alle seine Reden sind so klar wie der Tag geworden. Bis auf unseren Herrn war die Rede wie gelähmt, ohne Deutung und Dunkel war alles auf ihn Bezügliche, was ausgesprochen wurde. Das verborgene Geheimnis versteckte sich hinter beides, das Stammeln und die Decke, so lange nicht die Zeit seiner offenen Verkündigung gekommen war.

Moses bat darum, den Vater zu sehen; denn er ahnte, daß sein Sohn einst offen in der Welt erscheinen werde. Da zeigte ihm der Vater die Rückseite seines Antlitzes, um ihn zu belehren, daß sich sein Sohn in menschlicher Gestalt zeigen werde. Der Unendliche ließ an sich Vorderseite und Rückseite unterscheiden, damit Moses erkenne, daß die Erde seinen Eingeborenen in menschlichen Gliedern schauen werde. Der Vater nahm eine Rückseite und der Sohn später einen Leib an, damit die Welt sich überzeuge, daß er in Wahrheit der Erzeugte jenes Erzeugers sei. Auf ihn blickte Moses und von ihm strahlte wieder die Haut seines Angesichtes; denn der Glanz des Sohnes ruhte auf dem Körper des Prophetentums. Deshalb war jene Decke notwendig, damit dadurch der Sohn Gottes vor den Zuschauern verhüllt werde. Als Moses redete, redete jener durch seinen Mund; denn er ist das Wort, welches alle Worte des Prophetentums eingegeben hat. Ohne ihn gibt es für die Propheten weder Wort noch Offenbarung, denn er ist der Urquell der Prophezeiung. Der Glanz des Vaters weilte dort auf dem Antlitze jenes Leviten; aber weil das Volk nicht würdig war ihn zu schauen, so wurde er durch die geheimnisvolle Decke vor den Hebräern verhüllt, welche das Geheimnis der Prophezeiung haßten. Diese Prophezeiung trug den Sohn auf ihrem Angesichte, aber aus ehrerbietiger Scheu verhüllte sie sich vor den Unfriedfertigen. Als aber der Bräutigam der Weissagung, der Gekreuzigte, kam, da enthüllte sie ihr Antlitz und erhob ihre Stimme laut in den Versammlungen. Der Sohn der Jungfrau nahm die Decke von den Hebräern hinweg; nun war alles offenbar, klar gemacht und leicht zu deuten. Der Arzt kam, um die Zungen der Stammelnden geläufig zu machen; da wurde die gelähmte Rede Moses’ geheilt. Der Stammelnde ist jetzt geheilt, wie Isaias geweissagt hat; er erhebt laut seine Stimme, und jeder weiß, was er sagen will. Geläufig ist nun seine Zunge und offen sein Angesicht ohne Decke; das unter dem Vorhang verborgene Geheimnis ist nun ans Licht gekommen. Alle Worte der Weissagung waren wie Bräute und durch Schleier vor den Beschauern verhüllt. Als aber der Bräutigam kam, enthüllte er ihre Angesichter und ließ sie deutlich erkannt werden, weil die Verhüllung für die Bräute nicht mehr notwendig war. Beim Hochzeitsfest trat die Braut in das Gemach ein, und hinfort war zwischen ihr und dem Bräutigam kein Schleier mehr erforderlich. Siehe, die Seite des Bräutigams ist gespalten, und die Braut ist daraus hervorgegangen; so hat sich das Vorbild erfüllt, welches einst in Adam und Eva angedeutet worden war. Denn von Anbeginn an wußte und bildete er Adam und Eva als Vorbild seines Eingeborenen. Er entschlief am Kreuze, gleich wie einst Adam im tiefen Schlafe lag; da durchbohrte man seine Seite, und die Tochter des Lichtes kam aus derselben hervor, nämlich Wasser und Blut, wodurch die göttlichen Kinder bezeichnet werden, welche Erben des Vaters werden sollen, weil sie seinen Eingeborenen geliebt haben. In der Prophezeiung wird Eva die Mutter aller Lebendigen genannt. Wer anders ist diese Mutter aller Lebenden als die Taufe? Das Weib Adams gebar leiblich dem Tode Verfallene; aber diese Jungfrau gebiert geistlich Lebende. Die Seite Adams gebar das Weib, welches Sterbliche gebar; aber die unserm Herrn vermählte Kirche gebiert Unsterbliche. Durch die Kreuzigung erfüllte er das, was in jenen Vorbildern angedeutet war, und offenbarte sich selbst als das verborgene Geheimnis, welches zuvor verhüllt gewesen war. Auf der Höhe kreuzigten sie ihn, damit die Völker der Erde zu ihm aufblicken und von den Bissen der unreinen Dämonen geheilt werden könnten, gleich wie durch jene Schlange, welche Moses aufrichtete und auf eine Anhöhe stellte; so ist jetzt das verhüllte Geheimnis der Schlange erklärt worden. Unser Herr rief mit lauter Stimme in dem hochummauerten Hades; da erbebte dieser und stürzte ein, wie Jericho vor den Hebräern. Lerne, o Welt, weshalb nicht Moses, sondern Josue das Volk in das Land der Amoriter einführte und ihm dasselbe zum Besitztume gab! Der Name Jesu riß die Mauern ein und deutete an, daß dereinst Jesu Stimme den Hades durch ihr Rufen zerstören werde. Alles dieses Verhüllte offenbarte er in seiner Kreuzigung, und die zuvor finstere Welt wurde erleuchtet.

Der verborgene Sohn, welcher die Jungfräulichkeit seiner Mutter bei seiner Geburt nicht aufgelöst hatte, löste die Hülle der Prophezeiung bei seiner Kreuzigung. Innige Freude bereitete er sowohl der Weissagung als der Jungfräulichkeit; denn beide verherrlichte er durch seine Geburt und durch seine Kreuzigung. Der Jungfräulichkeit bewahrte er ihren Bestand, so daß sie nicht entweiht wurde, und der Weissagung enthüllte er ihr Angesicht, so daß sie nicht mehr verdeckt blieb. Derselbe, welcher bei seiner Geburt die Hülle der Jungfräulichkeit nicht durchbrach, zerriß bei seiner Kreuzigung jenen Vorhang der Prophezeiung. Der Jugend wahrte er die jungfräuliche Würde, aber das Greisenalter befreite er von seiner lästigen Bürde. Die jugendliche Maria blieb unverletzt in ihrer Jungfräulichkeit, und der greise Moses warf die schwere Decke von sich. Die Jungfrau freute sich, weil er ihre Unversehrtheit bewahrt hatte, und der Prophet freute sich, weil er jene Decke von ihm hinweggenommen hatte. Den Glanz der Jungfräulichkeit ließ er unversehrt, wie er zuvor gewesen, aber er enthüllte den Glanz der Weissagung, der zuvor verdeckt war. Es jubelte Moses, weil sein verhüllter Glanz offenbar geworden war, und es freute sich Maria, weil ihre Jungfräulichkeit nicht aufgelöst worden war. Die Magd und der Greis gelangten in den Besitz der ihnen eigenen Schönheit durch den Sohn Gottes, welcher die Schönheit aller Schönen ist. Der große Prophet trug ihn auf seinem Antlitz unter der Decke, und Maria trug ihn innerhalb der verschlossenen Pforte der Jungfräulichkeit. Bei seiner Geburt nun ließ er das Siegel dieser in seinem Verschlusse, aber bei seiner Kreuzigung hob er jene Decke von den Propheten hinweg. Er offenbarte ihre Worte und die Welt wurde erleuchtet durch ihre Offenbarungen; ihre Geheimnisse kamen ans Licht, und jeder ist im Besitze ihrer Deutungen.Der Hebräer aber, welcher an den Sabbaten das Alte Testament liest, hat noch jetzt nicht bemerkt, daß jener Vorhang aufgerollt ist. Noch bis auf diesen Tag ist diese Decke vor seinem Angesichte geblieben und verhüllt ihm den Glanz der Weissagung. Er liest den Moses, während doch Moses vor den Hebräern verhüllt ist und diese Hülle nur durch den Gekreuzigtenhinweggenommen werden kann. So lange er den auf Golgotha gekreuzigten Sohn haßt, bleibt er blind gegen die Wahrheit, die unter der Decke Moses verborgen ist. Sein Herz wird verfinstert von dem Schatten jener Decke, und wie in tiefer Nacht tastet er herum nach den Geheimnissen und ihrer Deutung. Weil sein Herz durch die Sonne der Gerechtigkeit nicht erleuchtet ist, so vermag er nicht die Propheten mit Einsicht zu lesen. Er erkennt nicht das in den heiligen Schriften enthaltene Bild des Sohnes, weil es durch den Vorhang vor ihm verhüllt ist, so daß er es nicht sehen kann. Er schlachtet das Lamm, und weil jene Decke über ihm liegt, so glaubt der Unglückliche, daß ihn das Lamm aus Ägypten erlöst habe. Das Kreuz malt er deutlich mit Blut an seine Türe, aber die Decke verhindert ihn zu sehen, was er eigentlich malt. Es verbrennt die rote Kuh, damit sie zur Reinigung des Volkes diene, und sieht nicht ein, wie genau sie die Farbe der Kreuzigung an sich trägt. O Jude, nimm doch die Decke von deinem Herzen hinweg und siehe, wie Christus auf dem Antlitze Moses’ gemalt ist! Freiwillig hältst du dir die Augen deiner Seele zu, so daß du die Strahlen des geistlichen Lichtes nicht schauen kannst. Für dich ist es Nacht, und auch nachdem die Sonne von Golgotha aus aufgegangen ist, bemerkst du nicht, wie die ganze Schöpfung von ihr erleuchtet ist. Bis zur Kreuzigung war die ganze Erde wie in Nacht gehüllt; das Gesetz aber brannte gleich einer Fackel in der Finsternis. Deshalb verlangte die Welt nach dem Lichte des Gesetzes, gleichwie das Auge in der Finsternis nach einer Lampe verlangt. Am Tage aber braucht das Auge weder Lampen noch Fackel, weil alsdann die Sonne alles erleuchtet. Der Hebräer aber gleicht einem Manne, welcher seine Türe verschlossen und sich eine Lampe angezündet hat, ohne zu merken, daß bereits die Sonne aufgegangen ist. Er öffnet die Türe nicht, um nicht zu sehen, wie die Schöpfung im vollen Lichte erglänzt, und um sich nicht mit der Menge ohne Lampe von der Sonne erleuchten zu lassen. Weil die Fenster seiner Seele verschlossen sind, ohne Einsicht, so sucht er sich am hellen Tage ein kleines Lämpchen. O Jude, die Sonne ist auf den Höhen aufgegangen und durchleuchtet schon Erde und Meer, Welt und Luft! Öffne doch die Türe und nimm dir einen Anteil vom Lichte des Tages; tue die Lampe hinweg, die ja nur bei Nacht brauchbar ist! Warum machst du dich zum Gespötte in der hellerleuchteten Welt und entfernst dich vom Tage, der doch bei dir ist. Beendet ist die Zeit der Lampen und Fackeln, denn der Sonnenaufgang hat sie entfernt, verdunkelt und beseitigt. Der Herr des Moses ist leiblich in die Welt gekommen und verkündet dir nun selbst statt Moses seine Weisheit. Als es Nacht war, stellten die Propheten auf Erden eine Lampe auf, um der Welt den Weg zum Tageslicht zu zeigen. Als aber die große Sonne der Gerechtigkeit erschien, enthob sie jene des Dienstes, der ihnen nun nicht mehr zukam. Nicht für den Tag, sondern für die Nacht hatte er sie eingesetzt; als er daher der Nacht ein Ende machte, entließ er sie ehrenvoll in ihre Wohnungen. Für den Tag geziemt sich die mächtig strahlende Sonne, um die Dunkelheit aus allen Winkeln zu vertreiben, Moses ist nun ehrenvoll seines Dienstes entlassen; denn der Sohn Gottes hat sich selbst ein Leintuch umgürtet, um zu dienen. O Hebräer, tue doch deine Lampe weg, welche dir leuchtete! Denn siehe, Tageshelle hat sich über die Berge ergossen durch seine große Erscheinung! Die ganze Welt erstrahlt im Lichte der gewaltigen Sonne. So öffne doch deine Türe, damit sie eindringe, dich erleuchte und erfreue! Jene Decke ist jetzt von Moses hinweggenommen; blicke auf ihn und siehe, wie er nun offen und klar vor dir steht. Jener Mann malte den Sohn Gottes und seine Werke; warum willst du den Glanz nicht sehen, der so offenbar wie der Tag geworden ist? Nimm die über dein Herz gebreitete Decke hinweg, so wirst du die erhabenen Zierden der Weissagung sehen! Bedenke, zu welchem Zwecke diese Decke notwendig war! Um die Geheimnisse in ihrer Umhüllung zu verbergen, hatte sie nämlich Moses angenommen. Wer nun aber weiß, daß die Prophezeiung verhüllt war, der muß auch wissen, daß sie durch den Sohn Gottes enthüllt worden ist. Er selbst ist das verborgene Geheimnis, welches sich der Welt im Fleische geoffenbart hat. Gelobt sei er, der da gekommen ist und die verhüllten Propheten enthüllt hat!

Gedicht über den rechten Räuber.

Titel: „Homilie des hl. Mar Jakob über den rechten Räuber.“ — Die Homilie weicht zwar im allgemeinen weder in der Anlage noch im Stil von den übrigen Dichtungen unseres Autors ab, auch in ihr finden sich allzubreit ausgesponnene Reflexionen und ermüdende Wiederholungen, aber sie bietet eine solche Fülle erhabener Gedanken und anregender Erwägungen, daß sich jene Mängel weniger geltend machen als es sonst der Fall ist. Im Mittelpunkt der Ausführungen steht der heroische Glaube des Räubers, der besonders durch den Hinweis auf das feige Verhalten der Jünger während des Leidens ihres Meisters ins rechte Licht gerückt wird. Wenn der Dichter dabei aus den evangelischen Berichten mehr herausliest als auf Grund einer gesunden Exegese angängig ist, so muß man das seiner Liebe zum Helden seiner Dichtung zugute halten. Bemerkenswert ist die Forderung, die der Dichter in der Einleitung bezüglich des Inhaltes der Predigt aufstellt, daß sie nämlich dem Seelenzustand der Zuhörer angemessen sein soll, widrigenfalls der Prediger das Interesse und die Aufmerksamkeit derselben nicht in Anspruch nehmen könne. Diesem Grundsatz entsprechend lädt er in warmen Worten besonders die Sünder und Büßer ein, denn um ihre Sache handle es sich in der Homilie, die er im Begriffe sei vorzutragen.

Meer der Barmherzigkeit, das seine Wasser ergossen hat über den Räuber, verleihe mir die Gnade, daß ich dein Volk in den Flutwellen der Erzählung reinige, die von dir handelt! Gerechter König, der Du noch im Augenblick Deines Todes Verzeihung gewährst, hilf mir, daß ich nach meinen Kräften über Deine Güte spreche! Überwinder der Ungerechtigkeit, dessen Kunst die Barmherzigkeit ist, bringe in meiner Rede die Erzählung von den Leiden Deiner Kreuzigung entsprechend zum Ausdruck! Gefesselter, der Du am Kreuze ausgestreckt noch Deine Freude daran hast, das Leben zu spenden, und noch im Sterben danach verlangst, gewähre gütigst, daß ich Dir ein Loblied singe, obwohl ich mir meiner Unwürdigkeit bewußt bin! Anbetungswürdiger, den man am Kreuze unter den Übeltätern ausgestreckt, während er doch der unschuldigste war, verleihe meinem Worte die Kraft, daß es mit Deiner Gnadenhilfe zu dir empordringe! O du, den man unter die Verbrecher gezählt, ohne daß er sich dem entzogen hätte, nimm diese kleine Gabe von meiner nicht geringen Armseligkeit an! Gib Du mir, was ich geben möchte, denn ich habe nichts, was ich Dir darbringen könnte; nur von dem, was ohnehin schon Dein ist, bringe ich Dir durch meine Hände dar in reichlichem Maße. Die versammelte Schar derer, die Dich lieben, ruft mir zu, ich möchte mich Dir nahen; jedoch die schwere Last meiner Sünden macht mich vor Deiner Nähe erzittern. Zwar streckt mir Deine Barmherzigkeit ihre Hand entgegen im selben Liede, das jetzt von ihr handeln soll, um mich auf Deinem Wege zu geleiten, doch meine Sünden schrecken mich zurück wie einen Räuber. Wenn Deine Güte mir nicht zur Seite stünde bei der Erzählung Deiner Geschichte, würde ich davon abstehen infolge der Furcht, die mich erfüllt. Wenn ich nicht mit Deiner Gnadenhilfe herantrete an die Erzählung, die von Dir handelt, bin ich außerstande, die Lippen zu öffnen wegen meiner Bosheit. Wenn Deine Nachsicht mich nicht stärkt für den Lobgesang, ist meine Zunge durch das Schuldbewußtsein gebunden und schreckt vor dem Wagnis zurück. Wenn ich in Deinem Kreuz nicht gleich dem Räuber Hilfe finde, so wird der Inhalt meiner Rede von meinen Sünden geplündert. Aber in der Erzählung selbst, die von dem handelt, der durch Dich gerechtfertigt worden ist, liegt ein großer Trost für mich und so gehe ich mit Eifer daran, seine Geschichte darzustellen, denn ich fühle mich durch sie ermutigt. Durch jenen Mörder, den die Barmherzigkeit begnadigt, fühle ich mich angetrieben, mich Dir bittend zu nahen und zu Deiner Schatzkammer die Stimme des Lobes zu erheben.

Lieblicher ist diese Erzählung vom Räuber als alle anderen Erzählungen, besonders für Sünder gleich mir. Eine frohe Kunde enthalten ihre Worte und große Gnade liegt in ihrem Texte, darum tretet heran, ihr Büßer, und vernehmt die tröstlichen Worte, die das Leben bringen! Ihr, die ihr mir gleicht, freut euch über den Sündennachlaß; ihr die ihr böse seid gleich mir, aus dieser Erzählung wollen wir Trost schöpfen! Meine armen Leidensgenossen, sehet, hier ist eine Geschichte, die uns willkommen sein muß; ihr, die ihr nach Barmherzigkeit verlangt, sehet, hier ist eine Gabe, die uns angenehm sein muß! O ihr, die ihr euch im Trubel der Geschäfte Schuld zugezogen habt, kommet und laßt uns Kraft schöpfen! Arme Brüder, aus dieser Begebenheit, die Reichtum bietet, wollen wir uns Trost holen für unser Herz! Ein großer Schatz ist uns in den Schoß gefallen, ohne daß wir uns darum bemüht haben; möge es uns nicht verdrießen ihn zu ergreifen und zu bergen, da wir bedürftig sind. Jeder Mensch hat Verlangen nach dem, was er liebt, und nach der Speise, die ihm zusagt, hungert seine Seele. Wer gerne Fleisch ißt, der bemüht sich um Fleischspeisen, um Pflanzennahrung aber jener, der diese vorzieht. Wer in unreine Gewohnheiten verstrickt ist, leiht sein Ohr gerne den Erzählungen der Weltkinder, wer aber heilig ist, dessen ganzes Herz ist auf die Reinheit gerichtet. Wer den Reichtum liebt, der denkt auch im Schlaf an das Gold, wer dagegen die Armut liebgewonnen, läuft ihr nach. Es freut sich der Jungfräuliche, wenn er von der Jungfräulichkeit erzählen hört, ebenso der Mönch über eine Rede, welche die Askese verherrlicht. Wer verheiratet ist, wünscht über die Ehe sprechen zu hören, der Heilige dagegen fühlt sich angezogen durch Reden über die Heiligkeit. In ähnlicher Weise wenden alle Menschen ihre Aufmerksamkeit dorthin, wo sie von dem hören, was sie interessiert. Ganz ebenso verlangt wohl auch der Sünder einzig und allein zu hören von der Verzeihung der Sünden, die ihm Freude bereitet. Wenn darum über das gesprochen wird, was die Vollkommenheit berührt, so klingt ihm das fremd, und wenn man über die Gerechtigkeit redet, so interessiert ihn das nicht. Werden die Taten hervorragender Männer gerühmt, so liegt ihm das ferne, erzählt man die Geschichte solcher, die sich durch Gerechtigkeitssinn hervortaten, so steht er abseits. Beginnt eine Predigt über die Heiligkeit, so neigt er den Kopf, setzt eine Rede über die Vollkommenheit ein, so schläft er ein. Wenn aber einer über die Nachlassung der Sünden spricht, dann wacht der Kleinmütige auf, denn hier handelt es sich um seine Sache, das merkt er schon am Ton. Sein Herz jubelt, er öffnet den Mund und winkt mit der Hand; mit Lob überhäuft er eine solche Rede, denn die entspricht ihm. Ganz ebenso muß er sich freuen über die Erzählung vom Räuber, denn das ist eine Predigt, die frohe Kunde enthält für den Gottlosen und für den Sünder. Das ist ein Laut, der die arme Seele zur Buße aufrüttelt und das zerrüttete Innere wieder mit Kraft erfüllt, welches die Leidenschaften aufgewühlt haben. Sie ist gleichsam ein milder Regen, der die erstorbenen Pflanzen wieder belebt und den Boden, der keine Früchte mehr getragen, wieder ertragsfähig macht. Sie ist wie ein befruchtender Tau, denn dadurch wird der eingetrocknete Same wieder befeuchtet, und die Freude, die er verursacht, tut der Dürre Einhalt, welche der Böse genährt. Eine offene Türe ist sie; vorausgesetzt, daß der Tod einen nicht festhält, ist der Weg zum Leben für jeden, der eingehen will, offen und frei. Nicht an die Frommen wende ich mich darum mit der Erzählung, die ich vorbringen will; denn da sie dieselbe nicht nötig haben, würden sie meinen Worten auch keine Aufmerksamkeit schenken; nicht den Vollkommenen wird die Gabe willkommen sein, die ich anbiete, denn Barmherzigkeit hat keinen Wert für die, welche im Reichtum schwelgen; nur die, welche eben in Not sind, dürften an meinen Worten Gefallen finden, jenen, welche Verzeihung ihrer Sünden nötig haben, dürften meine Ausführungen erwünscht sein.

Ihr, die ihr gleiche Gesinnung habt wie ich, tretet um mich herum und höret meine Worte, denn liebliche Laute, gar süß für unser Ohr, singt meine Zunge! Der Name des Räubers ist zu einem Zeichen geworden, das zur Buße einladet; durch den Hinweis auf den Mörder ermuntert sie ihre Kinder, sich dem Leben zuzuwenden. Und wenn der Gedanke an ihn die Gottlosen wieder dem Leben zuführt, ist das eine größere Leistung als für die Vollkommenen die Übung der Gerechtigkeit. Keineswegs unverdient ist die Krone, die er durch seinen Eifer und seine Ausdauer sich erworben hat; er ist würdig des Reiches, das ihm bereitet ist. Kein Mensch möge sagen, daß er ohne Anstrengung das Leben geerbt, denn vor der Arbeit, die er geleistet, haben sogar die Apostel zurückgeschaudert. In einer unseligen Zeit erhob er sich wie ein starker Held, da auch ein Simon nicht mehr recht gegen das Ärgernis kämpfte, in jener Zeit, da die Jünger hingingen und sich in ihren Verstecken verbargen, da erhob er mutig seine Stimme für das Leben vor den Abtrünnigen. Damals als das Schwert in die Seele drang, trat er den Tod mit Füßen und rief dem gefesselten Mann zu: „Gedenke meiner, o Herr!“ Als die Jünger vom Meister geflohen und er einsam und verlassen war, da folgte er ihm, indem er ihn voller Schmerz anflehte. Als die stolzen Reihen der Zwölfe sich zerstreuten, machte er allein voll Zuversicht sich auf, die Lücke auszufüllen. Als jene Schar von den Henkersknechten zersprengt ward, war er eifrigst bemüht, den Kampf gegen den Irrtum zu entfachen. In jenem Streit, da die Grundlage selbst der Auserwählten ins Wanken geraten, erhob der Glaube durch den Mund eines Räubers seine Stimme. Wie ein Wrack stand das Schiff des Apostolates da, an einem Mörder mußten die Bemühungen der Gerechtigkeit anknüpfen. Simon schwur: „Ich kenne diesen Menschen nicht“, während ein Menschenmörder ihm voller Liebe zurief: „Mein Herr!“ Der Jünger brüstet sich, indem er den Sohn gänzlich verleugnet und sogar verflucht, während dieser Liebhaber der Buße ihn anfleht, Simon Petrus zweifalt am Eingeborenen, der aber, der die Städte brandschatzte, schämt sich nicht, ihn anzurufen. Er, das Fundament, gerät ins Wanken, um das eigene Leben zu retten, während der Verabscheuungswürdige von ganzem Herzen zu glauben beginnt.

Der Messias war gekreuzigt, Staunen hatte die Schöpfung ergriffen, die Welt ward erschüttert und die Engelchöre hielten inne im Lobe Gottes. Es verstummte Gabriel und Michael schwieg. Inne hielten die Engel und gewaltige Verwunderung ergriff ihre Reihen. Lautlos standen sie da und zitterten, die himmlischen Scharen; ihre Stimmen waren gebunden und keiner wagte es einen Laut von sich zu geben. Leise bewegten sie ihre Schwingen, während sie in stiller Trauer versunken waren. Überwältigt waren sie vor Staunen und konnten kein Wort hervorbringen; sie wunderten sich über den Gekreuzigten und ihre Lobgesänge gerieten in Verwirrung. Dann zogen sie sich in die Höhe zurück und der König war nun allein und verlassen. Keine Legion vom Hause unseres Vaters kam ihm zu Hilfe und keine Schar von Himmelsbewohnern umgab ihn. Nicht gaben ihm die Cherubim das Geleit nach Golgotha und kein „Heilig“ ward ihm von den Seraphim zugerufen, da er am Kreuze erhöht war. In jener Zeit bekannte niemand seinen Glauben an den gekreuzigten König außer jenem, der ihn in seinem großen Leiden anflehte. Denn keine andere Stimme richtete eine Bitte an ihn, weder aus der Tiefe noch aus der Höhe drang ein Laut an sein Ohr: einzig und allein der Räuber erhob laut seine Stimme zur Höhe des Kreuzes und ward gleichsam der Mund der Ober- und Unterwelt zugleich durch die Worte seines Bekenntnisses.  Er allein kämpfte gegen den Irrtum, und keine andere Stimme gab es, die ihm zu Hilfe gekommen wäre. Mit Energie und Festigkeit achtete er nicht auf den Anstoß, den er erregte, und ergriff die Partei des Glaubens durch sein lautes Bekenntnis. Von der Höhe des Kreuzes erhob er seine Stimme gegen Jesus und setzte die Himmlischen in Staunen durch den Mut, den er bewies. O hätte ihn doch die Schar gehört und ihm geantwortet, im selben Augenblick wäre alles Ärgernis von Seiten der Apostel getilgt gewesen! Hätten doch auch die Scharen Gabriels mit ihm gerufen und den Ruf weiter gegeben an die Chöre Michaels, hätten gerufen die Schar der Siebzig und ihre Stimme mit ihm erhoben und laut geschrien die Zwölfe und sich ihm angeschlossen, hätten all diese ihren Glauben bekannt wie der Räuber, wer hätte da noch den Sohn verschmähen können, selbst zur Zeit seines Leidens? Wenn das Heer der Himmelsbewohner laut gerufen hätte und im Einklang mit ihnen die Jünger ihre Stimme zum Gekreuzigten erhoben, wenn sie ihre Stimmen mit den Stimmen der Flöhe und Tiefe vereinigt hätten, welch ein Lobgesang wäre dann hingebraust über den Berg Golgotha!

Damals war das Gotteslob aus jedem Mund entwichen und alle Kehlen waren verstummt für das Bekenntnis des Glaubens. Allgemein herrschten Ärgernis und Zweifelsucht bei den Zuschauern und bei den Gottesleugnern fand man nur Hohn und Spott. Sogar bei den Aposteln war der Glaube schwach geworden, denn der Geist der Traurigkeit hatte ihr Herz mit Furcht erfüllt. In dieser Zeit, da sogar die Treuesten von Zweifeln heimgesucht wurden, da erhob sich der Räuber, um rückhaltslos seinen Glauben an den Sohn zu bekennen. Thomas war geflohen und Petrus war zum Leugner geworden, und selbst jener Jünger, den der Herr lieb hatte, stand abseits. Ruhig verhielt sich Johannes wie ein Fremder in der Leidenszeit, ferne stand er, gleichsam eingeschüchtert bezüglich des Sohnes, der am Kreuze hing. Doch war er nicht geflohen, nicht weil er mutiger war als seine Genossen, sondern aus Liebe zu dem Gekreuzigten, denn er kannte ihn. Durch den Hohenpriester selbst war seine Liebe zum Sohne bestärkt worden, er wollte sehen, ob er ihn ehrfurchtsvoll behandeln oder verurteilen würde. Nun stand er in der Ferne und sah zu, wie er gelästert wurde, aber ein Wort des Bekenntnisses vermochte er nicht hervorzubringen, denn er war eingeschüchtert. An seiner Brust hatte er einst gelegen beim Abendmahl, aber bei der Kreuzigung wagte er es aus Angst nicht sich ihm zu nähern. In dieser fürchterlichen Stunde, wo sogar ein Johannes eingeschüchtert war, erscholl vom Räuber ein lautes Bekenntnis des Glaubens. Auch Maria war damals nicht imstande den Glauben an ihn zu bekennen, wie fremd blickte sie auf ihn, von Schmerz überwältigt; getroffen hatte sie das Leidensschwert, niedergeschmettert stand sie da, wie ihr Simeon der Greis einst verkündet hatte, da sie ihn geboren. Die Angst um ihren geliebten Sohn hatte die Seele der Mutter durchdrungen und sie war außerstande sich ihm zu nähern, da er verhöhnt wurde. Schmerzgebeugt stand sie da, den Blick auf ihren verspotteten Sohn gerichtet, aber sie wagte es nicht sich ihm zu nähern, aus Furcht vor den Wölfen, die ihn umgaben. Sanft wie ein Kalb ließ die Jungfrau ihre Klage im tiefen Leid vernehmen, aber sie scheute sich, ihre Stimme laut zu erheben wegen der Schlächter. Getroffen hatte die Hindin gewaltiger Schmerz um ihr Junges, das geschlachtet worden, brüllend jammerte sie, indem sie zitternd den Mund öffnete. Mit weinerlichem Ton klagte die Taube ganz leise, voll der Furcht, es möchte jemand das Geflüster ihres Leidens hören.

Da sogar die Mutter des Königs, tödlich getroffen vom Schwerte des Leidens, untätig dastand, raffte sich [S. 368] der Räuber auf, eine kleine Bitte an ihn zu richten. Während Maria stöhnte, über ihren Sohn weinend, schrie der Räuber mit lauter Stimme, indem er ihn anflehte. Nicht etwa einen Wink hat er ihm gegeben, auch nicht leise ihm zugeflüstert, nicht ließ er sich dadurch irre machen, daß er ihn nackt und bloß am Kreuze hängen sah [200], nicht kümmerte er sich um seine zahlreichen Wunden, sein Herz ließ sich nicht einschüchtern, da er die Menge der Henkersknechte sah. Sein Glaube war noch nicht in jeder Hinsicht vollkommen, aber auch noch nicht angesteckt von der Zweifelsucht. Der Lärm des rasenden Volkes machte auf ihn keinen Eindruck, er ließ sich durch die fanatischen Ungläubigen nicht verwirren. Er hörte nicht auf die lärmenden Zurufe der Gotteslästerer und die Hohnreden der Spötter machten ihn nicht irre. [210] Um all das kümmerte er sich nicht, sondern schickte sich an, rückhaltslos den Glauben an ihn zu bekennen. Er neigte seinen Kopf und erhob im Glauben seine Stimme und rief dem Sohne zu: „Gedenke meiner, o Herr, wenn Du in das Reich und in die Herrlichkeit kommst, die jetzt verborgen sind!“

O Mann, wie stark ist doch dein Glaube! Staunenswert ist deine Tat, wenn man sie eingehender betrachtet. Wer offenbarte dir etwas von einem Reiche des Königs Jesus? Wann ward dir seine Macht verkündet? Siehe, du bist Augenzeuge der Verachtung, die dem Sohne bei der Kreuzigung zuteil wird, und du glaubst, daß er eine Herrlichkeit besitze, in der er deiner gedenken würde? Woher kommst du denn, daß deine Stimme seine Ankunft verkündet, und wohin gehst du, daß du von ihm überzeugt bist im Augenblicke, da du kommst? Wer hat dich darüber belehrt, daß er mit seinem Reiche auf Erden erscheinen werde, und wo hast du seine Herrlichkeit gesehen, die du verkündest? Wer hat dich, einen Räuber, von seiner Ankunft unterrichtet, daß du ihn so vertrauensvoll anflehst wie einen König? Wo hat er seine Macht, über wen herrscht er und wann kommt er? Welches sind seine Machtmittel, wo ist sein Volk und sein Land? Welches sind die Tausende seines Heeres, die ihn umgeben, und wo die Volksscharen, die ihm folgen? Welches ist die Schar, die ihm vorauseilt und ihm zu Diensten ist! Auf welchem Wagen fährt er einher, wenn er in feierlicher Prozession seinen Umzug hält? Siehe, du sahst einen Mann, am Kreuze aufgehängt und angenagelt, nackt und bloß, ausgestreckt und erschöpft, zerschlagen und gekreuzigt, wie kommst du dazu, dahinter ein Reich zu suchen? Bist du wirklich überzeugt, daß er dir auch gewähren kann, um was du bittest, er, der aller Mittel beraubt ist? Ich frage mich verwundert, ob du noch bei Sinnen bist. Du bist ein Dieb, ist dir die Beute noch nicht genug, die du geraubt hast? Versuchst du auch noch das Reich der Höhe an dich zu reißen? Genügen dir die Schätze dieser Welt nicht, die du dir angeeignet, so daß du es sogar wagst, auch das neue Leben zu erringen? Du hast hier schon großen Gewinn gemacht und strebst nun auch nach dem jenseitigen Erbe? Nach beiden streckst du die Hand aus? Was soll ich eigentlich von dir halten? Bist du wirklich ein echter Räuber, oder ist das bloß ein Beiname, den man dir gegeben? Hast du dich bis jetzt etwa nur mit Kleinigkeiten abgegeben, um dich von nun an den großen Schätzen zuzuwenden? Wer aber sagte dir etwas von dem Reichtume Jesu, den du dir aneignen willst, und wer gab dir Aufschluß über das Reich, um das du ihn bittest? Wen gibt es darin, der einem König gliche, wenn du es weißt, und welcher Mund bestimmte dich zu jenem Bekenntnis bei der Kreuzigung? Du sahst ihn, als er unter den größten Martern ausgestreckt wurde, wo sahst du je einen König, der von seinen Dienern zu Tode gequält wurde?

Um all diese sich aufdrängenden Bedenken und Zweifel kümmerte sich der Räuber nicht; ohne Anstoß zu nehmen, wandte er sich flehend an den Gekreuzigten, obwohl ihn von allen Seiten der Sturm der Treulosigkeit umwehte und das Hohngelächter von den Lippen aller an sein Ohr tönte, obwohl die Gotteslästerungen wie die Wogen des Meeres von den Kreuzigern her auf ihn zu brausten und das Volk zu einem wütenden Gießbach von Sündern geworden zu sein schien, obgleich jeder, der des Weges kam, sein Haupt schüttelte und spottend weiterging, und alle, die zufällig hinzukamen, hohnlachend vorüberziehen, obwohl von den Schriftgelehrten vielerlei vorgebracht und von den Priestern Lügen verbreitet wurden, obwohl Annas ihn frivol verspottet und verhöhnt hatte und auch Kaiphas ein Organ für die Stimmen der Schmähenden geworden war, obwohl die Stimmen des Zweifels sich mächtig geltend machten, trotz alledem ließ der Ruf jenes Räubers das laute Bekenntnis erschallen. Obwohl der fanatische Gesang der Spötter erdröhnte, sang der Wahrhaftige sein anmutiges Lied mitten im Getöse. Obwohl ihn der große Lärm einschüchtern und aufregen mußte, rief er doch dem Messias zu: „Gedenke meiner, Herr, wenn Du kommst!“ Während das Geprassel des Hagels auf sein Ohr niederdröhnte, sproßten, wuchsen und reiften die Früchte seines Glaubens; obgleich alle Stürme tobten, flammte dennoch sein Licht auf und wurde von den Nachstellungen nicht erreicht. Obgleich die Wogen sein Schiff brausend umtosten, um es zum Sinken zu bringen, entging es mit kräftigem Ruderschlag dem Meer des Zweifels. Obwohl die Wellen es wie eine Sturmflut umtobten, erreichte es dennoch im Holz des Kreuzes einen rettenden Hafen und versank nicht. Während es die Lüge auf allen Seiten anzubohren suchte, trieb es Flügel und erhob sich und landete hoch in der Luft. Im Fluge stieg sein Glaube empor, entging so den Nachstellungen und erbaute sein Nest in der Dornenkrone, die Jesus trug. Er machte sich ringsum eine Schutzwehr aus Dornen und leistete von dort aus den Bedrängern, die ihn umgaben, Widerstand. Er flüchtete sich in das mit zahlreichen Dornen besetzte Nest, dort schadeten ihm die Klauen der räuberischen Feinde nicht, die ihm nachstellten. Unter den Dornen suchte das verfolgte Vöglein Zuflucht, vor den Schmeicheleien dessen, der es fangen wollte. Ihm kamen die Leiden Jesu zu statten und es freute sich dessen; denn auch Nahrung kam ihm aus seinen Wunden. Es öffnete seinen Mund, gierig saugte es das Blut, das aus den Wunden floß, und fing mit Freuden den Strom auf, den diese ihm zuführten. Es sammelte den Speichel von seinem Angesicht und sättigte sich damit, seinen Trank entnahm es dem Kanal inmitten seiner Seite. Man hatte das Rohr mit Bitterkeit und Essig bestrichen und ihm so gereicht, damit die Lanzenspitze hängen bleiben und sich nicht vom Schafte loslösen sollte. Man brachte die große Lanze, um ihn damit zu durchstechen, durchbohrte seine Seite, aber siehe, sie trennte sich nicht von ihrem Schafte. Die Bedränger sahen das Vöglein, wie kühn es war, sie gerieten darüber in Wut und warfen eifrig mit Steinen nach ihm, aber es stieg nicht zu ihnen herab. Mitten in den Dornen ließ es ein Lied erschallen in herrlichen Tönen, gleich der einer Schwalbe war seine Stimme voller Anmut. Es legte den Mund voller Liebe an das Ohr Jesu und flüsterte ihm klagend und stotternd zu. Dann erhob es seine Stimme, während der Glaube ihm zuflüsterte in dem großen Leide: „In Deinem Reiche gedenke meiner, o Herr, wenn Du hinkommst! Siehe, ich nehme meine Zuflucht zu Dir, da ich von allen Seiten verfolgt werde! Verstoß mich nicht, damit ich nicht von Dir zu den Fremden fliehen muß! Siehe, alle Stürme umtobten mich, da ich mich nicht an Dir festhielt, aber verächtlich sind sie geworden, sowie ich zur Höhe Deines Kreuzes emporstieg. Wie eine Schlange zischte mich Kaiphas an, aber jetzt, da ich in Deinem Neste bin, berühren mich die bitteren Schmähungen, die er ausspeit, nicht. Siehe, die Schlange Annas zischte mich an, wenn ich zu ihr hinabstiege, aber jetzt bin ich sicher davor, daß sie mich nicht verwundet, da ich zu Dir geflohen. Siehe, der verräterische Drache Judas kroch gegen mich heran, aber ich war schlauer als Daniel, so daß ich ihm entkam. Siehe, es richtet jener große Basilisk von einem Priester seinen Blick auf mich, aber ich habe das Salz Deiner Liebe bei mir, um ihn zu blenden. Siehe, der gewaltige Satan ist gegen mich zum Kampfe ausgezogen, aber meine guten Schwingen bieten mir eine Gewähr dafür, daß er mich nicht erreicht!“

Das ist der Gesang des Glaubens, der vom Räuber her erscholl, aber der große Lärm der Henkersknechte verstummte nicht. Was war es doch, das den Verständigen dies gering schätzen ließ, was gab dem Standhaften die Kraft, diese Anstrengung zu überwinden, welcher Lohn war ihm für diese Arbeit in Aussicht gestellt als einzig und allein das Himmelreich mit dem Paradies? Heil dem rührigen Arbeiter, der in einer Stunde Arbeit für Jahre geleistet und in einem Augenblick den Weg der Gerechtigkeit begonnen und auch vollendet hat! Seine gute Absicht legte viele Meilen auf dem Wege der Vollkommenheit zurück, mit Hilfe seines freien Willens gelangte er zu jener bleibenden Wohnung im Reiche. Er allein war dem Könige gefolgt von allen seinen Dienern, während all die Scharen ihn verlassen hatten und wie elende Feiglinge geflohen waren. Er sah den König, da er von seinen Feinden durchbohrt wurde und wie ihn die Scharen der Verbrecher in roher Weise hin- und herzerrten. In jener Zeit, da der König inmitten der Rotte mißhandelt wurde, war er der einzige, der ihm gefolgt war, um sich ihm bittend zu nahen: „In Deinem Reiche gedenke meiner, o Herr, wenn Du hinkommst! Da ich Deine Schmach gesehen, möge ich auch Deine Herrlichkeit empfangen und bei Dir sein!“

Da neigte sich der Herr und sah, daß seine Schar nicht bei ihm war und daß ihm die, welche er auserwählt hatte, in der Stunde des Leidens den Rücken gewendet; er mußte sehen, daß ihn sogar das Haupt der Schar verlassen, der auserwählte Simon, und ebenso Johannes, der wie ein Fremder in der Ferne stand; er mußte endlich sehen, daß einer von ihnen ihn verraten und um Geld verkauft, daß ein anderer ihn verleugnet und alle übrigen sich aus dem Staube gemacht und geflohen waren. Da begann er zu rufen: „Meine Freunde and Genossen standen zu meinem Schmerze gegen mich auf, ebenso meine Verwandten, wie kommt es, daß sie abseits stehen?“ Sage mir, o Mann, wer gab dir eine Offenbarung bezüglich meines Reiches? Wo hast du es gesehen, daß du mich darum bittest in der Stunde des Leidens? Siehe, die Verkündiger des Glaubens sind geflohen und du, der Räuber, wie kommst du dazu, das Reich zu verkünden? Wer hat dich belehrt über jene Herrlichkeit, in der ich einst kommen werde, was hat dich überzeugt, daß ich ein König bin?“

Es antwortete der Räuber dem Gekreuzigten auf seine Frage: „Ja ein König bist Du, wolle mir daher meine Bitte nicht abschlagen! Im Gerichtshause habe ich es von Dir selbst klar und deutlich gehört, da vom Richter an Dich die Frage gestellt wurde. Als er Dich fragte, ob Du ein König seiest, antwortetest Du folgendermaßen: „Von dieser Welt ist mein Reich nicht wie ein irdisches.“ Da erwiderte Pilatus: „Also bist Du doch ein König, denn Du sagst es“. Diese Worte machten mir Dein Königtum klar. Daß Du ein König bist, habe ich also von Dir selbst erfahren. Diese Deine Worte entzündeten in mir ein Licht, das mächtig aufflammte; und es entbrannte in mir der Glaube in der Liebe zu Dir, o König! Über Deine Herrlichkeit, um die ich Dich bat, hast gleichfalls Du mich belehrt; denn von Dir hörte ich, daß Du in Deiner Herrlichkeit kommen werdest. Als der Hohepriester seine Kleider zerriß und Dich schalt, da zog ich das Kleid des Glaubens an, indem ich zu Dir meine Zuflucht nahm. Du hast eine geheimnisvolle Glorie in der Höhe und in der erscheinst Du. In einer andern Welt bist Du König mit aller Majestät; an diesem Deinem Orte sind auch andere Scharen, die Dir gehorchen, und bereit stehen die Heere, um Deinen Willen zu vollführen. Siehe, die Natur ist sprachlos und bestürzt wegen Deiner Ermordung, und die Toten in den Gräbern erzählen sich von Deiner Güte. Die Sonne, die verschwunden ist, der Mond, der geflohen vor dem herannahenden Dunkel, das Erdbeben, das die Erde erschütterte, die Felsen, welche zersprangen, die Gräber, welche lebendig wurden, die Gebeine, welche sich regten, die Toten, welche leben, all das bezeugt Dein Königtum, daß Du Gott bist.

Daraufhin nun ließ sich die Gnade vernehmen vom Allerbarmer, um dem Räuber die Krone zu verleihen, denn er hatte gesiegt über das Ärgernis. Er knüpfte ihn in seiner Liebe an sich und band sich durch einen Eidschwur, damit er ja an der Belohnung nicht zweifle, die noch in der Ferne lag: „Wahrlich, o Mann“, sagte er zu ihm, „glaube und sei überzeugt, daß du mit mir im Garten des Paradieses sein wirst, der voll des Glückes ist“. Auch meiner, o Jesu, der ich der Mund für die Stimme Deines Lobpreises bin, auch meiner gedenke, Herr, in Deinem Reiche, damit ich dort Deine Herrlichkeit besinge!

Lobgedicht auf die hl. Märtyrer Gurias und Schamonas.

Text: Cureton, Ancient syriac documents, S. 96 ff.; Bedjan, Acta martyrum et sanctoram, t. 1. Parisiis 1890, S. 131ff. Die Überschrift lautet: „Homilie über Gurias und Schamonas, von Mar Jakob.“ — Über die beiden heiligen Märtyrer, deren Lob Jakob von Sarug hier singt, berichtet eine reiche Aktenliteratur in syrischer, armenischer, griechischer und lateinischer Sprache. Sämtliche Bearbeitungen und Überarbeitungen gehen allem Anschein nach auf eine syrische Vorlage zurück, die aber nicht mit den erhaltenen syrischen Akten identisch ist1. Als Verfasser nennt sich ein gewisser Theophilus, [S. 375] ein römischer Beamter, der als Augenzeuge dem Martyrium beigewohnt haben will, der gleiche, von dem auch die Akten des dritten großen edessenischen Bekenners, des hl. Diakons Habib, stammen. Hier sei zur näheren Orientierung nur bemerkt, daß diese Heiligen unter Diokletian — das Jahr läßt sich nicht sicher bestimmen — zu Edessa litten. Sie stammten aus zwei kleinen Ortschaften der Umgegend, Gurias aus Sarcigitua, Scha-monas aus Ganade. Nachdem sie fünf Stunden lang an einer Hand aufgehängt gewesen waren und darauf die Aufforderung zum Abfall schweigend abgewiesen hatten, wurden sie über ein Vierteljahr in einem finsteren Kerker eingeschlossen. Alsdann wurde Schamonas drei Stunden hindurch an einem Beine aufgehängt, während das andere durch ein schweres Gewicht abwärts gezogen wurde. Am 15. November fand die letzte Gerichtsverhandlung und die Hinrichtung der beiden Märtyrer durch Enthauptung statt. An diesem Tage gedenkt ihrer das römische Martyrologium sowie bereits das uralte syrische, welches in einer Handschrift aus dem Jahre 412 vorliegt. In Edessa wurden sie als Schutzpatrone der Stadt hochverehrt und auch vom hl. Ephräm als solche gefeiert. Unser Gedicht enthält mehrere Beweisstellen für die Anrufung der Heiligen.

Schamonas und Gurias, die Märtyrer, welche in ihren Leiden triumphierten, haben liebevoll von mir verlangt, daß ich ihre Triumphe besingen möchte. Zu den Glaubenskämpfern berief mich die Lehre, auf daß ich eintrete, um ihre Kämpfe und Siegeskronen zu betrachten. Die Söhne der Rechten, welche mit der Linken stritten, haben mich heute dazu berufen, ihre wunderbaren Kämpfe zu verkünden. Sie waren einfache Greise, welche mit männlichem Mute in den Kampf zogen und im Streite bis aufs Blut reiche Triumphe errangen. Diese sind ein Salz für unser Land geworden, wodurch es gewürzt wurde und Wohlgeschmack gewann, nachdem es durch die Abgötterei fade geworden war. Sie sind goldene Lampen, angefüllt mit dem Öle des Kreuzes, durch welche unsere ganze zuvor finstere Gegend erleuchtet wurde; zwei Fackeln, deren Licht die gesamte Macht des Irrtums nicht auszulöschen vermochte, obgleich er alle Stürme gegen sie anbrausen ließ; gute Arbeiter, welche vom Anbeginne des Tages an im gesegneten Weinberge Gottes getreulich gearbeitet haben. Sie sind zur Mauer für unser Land geworden und zum Schutze gegen alle räuberischen Horden, welche uns in allerlei Kämpfen umringen. Ein Hafen des Friedens und ein Zufluchtsort sind sie für alle Bedrängten und eine Stütze, an welche alle Hilfsbedürftigen ihr Haupt anlehnen können. Als zwei köstliche Perlen zieren sie die von Abgar, dem Aramäer, aufgezogene Braut. Sie sind zu Lehrern geworden, indem sie die Wahrheit ihrer Lehre durch ihr Blut bewiesen und ihr Glaube sich in ihrem Leiden zeigte. Die Kunde vom Sohne Gottes schrieben sie auf ihre Leiber in mannigfachen Qualen und Martern; ihre Liebe bekundeten sie nicht nur durch die Worte des Mundes, sondern auch durch die martervolle Verrenkung ihrer Glieder. Für die Liebe des Sohnes Gottes gaben sie ihre Leiber dahin; denn es geziemt sich, daß der Freund für seinen Freund das Leben lasse. Feuer und Schwert erprobten die Festigkeit ihrer Liebe; aber ihr Gepräge strahlte glänzender als geläutert abfließendes Silber. Sie blickten auf Gott und schätzten um seinetwillen ihre Leiden gering, weil sie seinen erhabenen Glanz schauten. In ihren Herzen war die Sonne der Gerechtigkeit aufgestrahlt, erleuchtete und vertrieb die Finsternis durch ihr Licht. In dem lichtvollen Glauben des Gottessohnes spotteten sie der nichtigen Götzenbilder, welche der Irrtum eingeführt hatte. Die Liebe des Herrn brannte gleich einem Feuer in ihren Herzen, vor welchem das ganze Dorngestrüpp des Götzendienstes nicht bestehen konnte. Fest und unveränderlich war ihre Liebe auf Gott gerichtet, deshalb verachteten sie das blutgierige Schwert. In Herzenseinfalt, jedoch auch mit Klugheit standen sie vor Gericht, wie es ihnen der Lehrer der Wahrheit anbefohlen hatte. Ihre Einfalt zeigte sich darin, daß sie Heimat und Verwandtschaft für gering achteten und aufgaben, und daß sie Besitz und Vorteil für nichts schätzten. Aber mit Schlangenklugheit waren sie vor Gericht besorgt, den göttlichen Glauben unversehrt zu bewahren. Wenn die Schlange ergriffen und geschlagen wird, so sucht sie nur ihren Kopf zu schützen und gibt den ganzen übrigen Körper den Angreifern preis. Denn solange ihr Kopf unversehrt bleibt, hält sich das Leben in ihr; sobald aber der Kopf getroffen wird, fällt es dem Untergange anheim. Ebenso ist für die Menschen der Glaube das Haupt der Seele. So lange er unversehrt bleibt, wird durch ihn auch das Leben bewahrt; selbst wenn der ganze Leib durch Wunden zerfleischt ist, bleibt die Seele dennoch lebendig, wenn sie nur den Glauben bewahrt. Wenn aber der Glaube durch die Verleugnung getroffen wird, so geht die Seele zugrunde und entschwindet dem Menschen das Leben. Schamonas und Gurias hüteten sorgfältig den Glauben, in welchem ja der ganze Mensch besteht, damit er nicht von den Verfolgern getroffen werde. Denn sie wußten, daß, wenn der Glaube bewahrt würde, auch Seele und Leib vor dem Verderben gesichert bleiben. Deshalb sorgten sie nur für die Unversehrtheit ihres Glaubens, weil in ihm auch ihr Leben verborgen war. Sie gaben ihre Leiber den Schlägen, Foltern und allen Martern preis, damit nur der Glaube nicht verletzt werde. Gleichwie die Schlange ihr Haupt vor den Schlägen verbirgt, so verbargen sie den Glauben in ihren Herzen, ließen ihre Leiber mißhandeln, duldeten Schläge und ertrugen Qualen, damit nur der Glaube in ihren Herzen nicht beschädigt werde. Der Mund kann durch seine Rede die Seele dem Tode überliefern und mit der Zunge wie mit einem Schwerte morden. Der Verleugner stirbt, der Bekenner lebt, ein jeder nach seiner eigenen Willensentscheidung. Die Verleugnung bringt der Seele den Tod, das Bekenntnis Leben, und über beides hat der Mund gleich einem Richter zu verfügen. Das Wort des Mundes öffnet entweder dem Tode die Eingangspforte, oder es ruft das Leben herbei, um über dem Menschen aufzustrahlen. Auch der Räuber hat durch ein einziges Wort des Glaubens das Himmelreich erlangt und das Paradies voll Seligkeit ererbt. Die gottlosen Richter verlangten aus dem Munde der Märtyrer, der Söhne der rechten Seite, nur ein Wort der Lästerung; diese aber, standhaft am Glauben festhaltend, ließen sich kein Wort entlocken, welches Verleugnung in sich geschlossen hätte.

O Schamonas, Zierde unseres Glaubens, wer kann dich nach Verdienst preisen? Denn mein Mund ist zu gering und zu verächtlich, als daß du durch ihn gefeiert werden könntest. Deine Glorie ist deine Standhaftigkeit, deine Krone dein Leiden, dein Reichtum deine Marter. In deinen Wunden strahlt der Glanz deines siegreichen Kampfes. Auf dich ist unser Land stolz, wie auf einen Schatz voll Gold. Denn du bist für uns Reichtum und ein beneidenswerter Schatz, der nicht gestohlen werden kann.

O Märtyrer Gurias, heldenmütiger Kämpfer für unseren Glauben, wer vermag deinen Glanz zu preisen? Siehe, die Spuren der Martern zeigen sich an deinem Leibe gleich Beryllen, und das Schwert, welches deinen Hals durchschnitt, scheint eine Kette von reinstem Golde. Dein vergossenes Blut bedeckt deinen Leib wie ein glanzvolles Gewand der Glorie, und die Geißelstriemen auf deinem Rücken sind wertvoller als ein gleich der Sonne strahlendes Kleid. Schön und herrlich erscheinst du in diesen deinen vielfachen Leiden und wunderbar strahlt dein Glanz wegen deiner übergroßen Qualen.

O Schamonas, unser Reichtum, du bist reicher als die Reichen! Denn siehe, die Reichen stehen an deiner Türe, um von dir Hilfe zu erlangen! Gering ist dein Heimatsort und arm dein Land; wer hat dir nun verliehen, daß Herren von Dörfern und Städten sich um deine Gunst bemühen? Siehe, Richter in ihren Prachtgewändern nehmen Staub von deiner Schwelle als Arznei des Lebens. Der Gekreuzigte ist reich und verleiht seinen Anbetern Reichtum in Fülle; denn seine Armut schätzt den ganzen Reichtum der Welt gering. Schamonas und Gurias, ihr Söhne der Armen, seht, wie die Reichen vor euren Türen gebeugt stehen, um von euch zu empfangen, wessen sie bedürfen! Der Sohn Gottes hat durch seine Armut und Dürftigkeit der Welt gezeigt, daß ihr ganzer Reichtum nichtig ist. Lauter Fischer, lauter Arme, lauter Niedrige, lauter Verachtete verherrlichten seinen Glauben. Einen Fischer, dessen Heimatsort sogar Fischhausen hieß, machte er zum Haupte der Zwölfe und zu seinem Hausverwalter. Einen Zeltweber, welcher anfangs ein Verfolger war, zog er an sich und machte ihn zu einem auserwählten Gefäß für den Glauben.

Schamonas und Gurias kamen aus ärmlichen Orten, und siehe, jetzt sind sie in der großen Stadt zu Herren geworden. Die Vorsteher und Richter dieser Stadt stehen vor ihren Türen und flehen ihr Erbarmen an, damit sie ihnen verleihen mögen, wessen sie bedürfen. Durch das Bekenntnis des Glaubens an den Gottessohn erwarben die Seligen diesen unbegreiflichen Reichtum. Er ist arm geworden, um die Armen reich zu machen, und siehe, die ganze Welt ist durch seine Armut bereichert. Die auserwählten Märtyrer kämpften gegen den Irrtum und standen unerschütterlich im Bekenntnisse des Sohnes Gottes. Offen bekannten sie ihn vor den Richtern, damit auch er sich zu ihnen bekennen möge vor seinem Vater. Die heidnische Verfolgung erhob sich gegen sie gleich einer Woge, aber der Gekreuzigte diente ihnen als Steuermann und führte sie glücklich hindurch. Sie wurden aufgefordert, den toten Götzenbildern zu opfern, aber sie wichen nicht von dem Bekenntnisse des Gottessohnes ab. Der Sturm des Götzendienstes wehte ihnen in das Angesicht; aber gleich unerschütterlichen Felsen leisteten sie dem Un-gewitter Widerstand. Der Irrtum wollte sie hinwegraffen wie ein sausender Wirbelwind, aber er konnte sie nicht beschädigen, weil sie sich unter den Schutz der Kreuzigung stellten. Der Böse ließ alle seine Hunde gegen sie anbellen und ihnen mit ihren Bissen drohen; aber durch das Kreuz, welches ihnen als Stab diente, jagten sie alle hinweg. Wer vermag nach Verdienst ihre Kämpfe und Leiden und die Folterung ihrer Glieder zu schildern? Oder wer kann ein Bild ihrer Kronen entwerfen, wie sie nach beendigtem Kampfe siegreich in den Himmel aufstiegen? Sie erschienen vor Gericht, ohne den Richter zu beachten, und waren nicht darüber besorgt, was sie erwidern sollten, wenn sie befragt würden. Der Richter redete viele Drohungen, sprach von allerlei Martern und Qualen, um sie zu erschüttern, und vervielfältigte seine Worte, um sie durch Furcht, Schrecken und Drohen zum Opfern zu bewegen. Aber die Athleten verachteten die Drohungen und Einschüchterungen, das Urteil und alle irdischen Todesqualen, und boten sich freudig dar der Schmach, der Geißelung und den Wunden, der Folter, Aufhängung und Anbrennung, dem Kerker und den Banden und allen Leiden, allen Martern und allen Schmerzen. Sie ließen sich nicht erschrecken noch einschüchtern noch verwirren, und keine Heftigkeit der Folterqualen konnte sie zum Opfern zwingen. Sie achteten ihren Leib gering und schätzten ihn nicht höher als Erdenstaub; denn sie wußten, daß einst seine Glorie um so herrlicher werden würde, je mehr er hier gelitten hätte. Je mehr ihnen der Richter drohte, um sie zu erschrecken, um so mehr verachteten sie ihn und zeigten sich furchtlos gegen seine Drohungen. Er erzählte ihnen, wieviele Drohungen er für sie bereitet habe; und sie erzählten ihm von der Hölle, die ihm bereitet sei. Durch die diesseitigen Qualen suchte er sie zum Opfern zu bewegen; sie aber sprachen von dem furchtbaren jenseitigen Gerichte. Die Wahrheit ist weiser als weise Reden, und die Lüge ist höchst verabscheuungswert, wie sehr sie auch ausgeschmückt sein mag. Schamonas und Gurias redeten stets die Wahrheit, während der Richter sich der Lüge bediente. Deshalb fürchteten sie sich nicht vor seinen Drohungen; denn die Wahrhaftigen erachteten all sein Drohen als nichtig. Sie verachteten, verschmähten, verlachten und verließen die Wohnung dieser Welt und verlangten nicht wieder in dieselbe zurückzukehren. Vom Gerichtshause aus richteten sie ihr Angesicht auf die Wanderung nach jenem Ziele, der neuen Welt des vollkommenen Lebens. Sie sorgten nicht um Güter und Häuser und sonstige Vorteile dieses jammervollen Lebens, sondern ihr Herz war in der Welt des Lichtes an Gott gefesselt, und sie richteten ihr Augenmerk darauf, in jenes Land hinüberzuwandern. Sie erwarteten das Schwert, daß es komme und ihnen zur Brücke werde, um zu Gott, auf den sie harrten, hinüberzugelangen. Diese Welt betrachteten sie als eine armselige Hütte, aber die jenseitige als eine wundervolle Stadt. Deshalb beeilten sie sich, durch das Schwert von hier hinüberzugelangen nach dem Orte des Lichtes, welcher für die seiner Würdigen voll Glückseligkeit ist.

Der Richter befahl, daß man sie an den Armen aufhängen sollte, und man breitete sie mit erbarmungsloser Grausamkeit aus. Der Grimm des Teufels hauchte dem Richter Zorn ein und erbitterte ihn gegen die Wahrhaftigen, um sie zu peinigen. Zu ihrer Qual spannte er sie aus zwischen der Höhe und der Tiefe, und ihre Standhaftigkeit erregte auf beiden Seiten Staunen. Himmel und Erde blickten voll Verwunderung auf diese Greise, wie geduldig sie ihre Leiden ertrugen, ohne vor Schmerz aufzuschreien. Ihre schwachen Leiber hingen und schwebten an ihren Armen; aber sie bewahrten Schweigen, schrien und murrten nicht. Alle, welche ihrem Kampfe zusahen, staunten darüber, wie ihre ausgespannten Leiber die Schmerzen ertragen konnten. Auch Satan staunte darüber, ein wie schweres Gewicht von Qual ihre keuschen Leiber ohne Murren ertrugen. Die Engel hingegen freuten sich über die Standhaftig-keit, welche jene in dem langen, schrecklichen Kampfe bewiesen. Die Kämpfer selbst aber, welche ihre Kronen erwarteten, empfanden keine Ermüdung an ihren Armen. Der Richter ward wohl endlich ermüdet, während er über sie staunte, aber die Heldenmütigen selbst wurden nicht ermüdet in ihren Leiden.

Der Richter befragte sie nun, ob sie opfern wollten, aber ihr Mund konnte vor Schmerzen nicht mehr reden. So furchtbar wurden sie von den Verfolgern gemartert, daß es ihnen unmöglich geworden war ein Wort hervorzubringen. Der Mund schwieg zwar ob der Qual der Glieder, aber der Wille hielt mit heldenmütiger Standhaftigkeit an seinem Entschlusse fest. O ihr Verfolger, wie seid ihr der Gerechtigkeit entfremdet! O ihr Söhne des Lichtes, wie seid ihr mit Glauben bekleidet! Jene verlangten eine Antwort, obgleich es doch diesen nicht mehr möglich war, zu sprechen; denn durch die Qualen war die Rede ihrem Munde entzogen. Der Leib war zerquetscht und der Mund schweigend; nicht konnte er auf die gottlose Frage Antwort geben. Was soll nun aber ein Märtyrer tun, der nicht antworten kann, er wolle nicht opfern, wenn er befragt wird? Die glaubensvollen Greise schwiegen, als sie gefragt wurden, weil sie vor Schmerz nicht reden konnten. Wie verhinderten sie nun, daß man ihr Schweigen auf die Frage als Zustimmung zu jener Aufforderung betrachtete? Die Greise deuteten durch Geberden die erforderliche Antwort an, damit man nicht glaube, sie willigten ein. Sie schüttelten den Kopf und zeigten so statt durch Worte durch einen Wink den Willensentschluß des inneren neuen Menschen an. In ihren Schmerzen schüttelten sie ihr Haupt, um anzudeuten, daß sie nicht opfern wollten, und so konnte jedermann ihre Gesinnung erfahren. So lange sie noch reden konnten, bekannten sie durch Worte; aber nachdem ihnen die Qualen die Sprachfähigkeit geraubt hatten, redeten sie durch Winke. Den Glauben verkündigten sie mit der Stimme und ohne dieselbe; sie waren gleich standhaft und wahrhaftig, mochten sie reden oder schweigen. Wer sollte sich nicht darüber entsetzen, wie so gar schmal der Weg des Lebens ist und wie eng für denjenigen, welcher auf ihm wandeln will! Wer sollte aber auch nicht darüber staunen, wie geräumig und lichtvoll dieser selbe Weg für den Wanderer erscheint, dessen Wille wachsam und bereit ist! Der Weg ist ringsum von Schluchten und Abgründen umgeben; wenn der Mensch auch nur ein wenig von ihm abweicht, so wird er vom Schlunde verschlungen. Zwischen der rechten und der linken Seite entscheidet ein einziger Wink; auf einem Ja oder Nein beruht die Sünde oder die Gerechtigkeit. Die Seligen deuteten durch einen bloßen Wink an, daß sie nicht opfern wollten; dieser einzige Wink geleitete sie sicher auf dem Wege zum Himmel. Hätte sich aber dieser Wink etwas geneigt und abwärts nach der Tiefe gesenkt, so hätte der Weg der Greise in die Hölle geführt1. Sie winkten aufwärts, denn sie waren bereit, nach oben emporzusteigen; und durch diesen Wink stiegen sie auf und vereinigten sich mit den Himmelsbewohnern. In diesen beiden Winken lag die Entscheidung für Paradies oder Hölle. Sie winkten, daß sie nicht opfern wollten, und wurden dadurch Erben des Himmelreiches. Obgleich schweigend, verteidigten sie die Sache des Gottessohnes; denn der Glaube besteht nicht darin, daß man viele Worte macht. Ihre Standhaftigkeit war ein weithinschallendes Bekenntnis, und gleichsam mit offenem Munde verkündigten sie durch Winke den Glauben. So erfuhr jeder, was sie redeten, obgleich sie schwiegen; es nahm zu und breitete sich aus der göttliche Glaube; der Irrtum aber ward beschämt durch die beiden Greise, welche ihn besiegten, ohne zu sprechen, und deren Glaube, obwohl schweigend, standhaft blieb. Obgleich wütende Worte vom Richter ausgingen und die Befehle des Kaisers furchtbar und scharf waren, obgleich das Heidentum mit dreister Stirne, offenem Mund und lauter Stimme auftrat, während die Greise vor Schmerzen schweigen mußten, wurde dennoch jener Befehl wirkungslos gemacht und die Stimme des Richters gedämpft, und der lautlose Wink der Märtyrer trug den Sieg davon. Gerede, Lärm und Schall der Geißelhiebe ertönte auf der Linken; tiefes Schweigen und Dulden zeigte sich auf der Rechten. Durch den einzigen Wink, mit welchem die Greise ihre Häupter nach oben richteten, wurde das Haupt des Glaubens erhöht und der Irrtum beschämt. Die Redenden unterlagen und die Schweigenden blieben siegreich, weil sie, ohne zu reden, das Wort des Glaubens gewinkt hatten.

Da sie also, obgleich schweigend, gesiegt hatten, brachte man sie in den Kerker und schloß sie daselbst ein, indem man drohte, man werde schließlich doch noch über sie triumphieren. Aber den Märtyrern erschien die finstere Grube ihres Gefängnisses dem unendlichen Lichte ähnlich, und aus Liebe zum Sohne Gottes fühlten sie sich glücklich ohne Brot, Wasser und Licht. Der Richter befahl in schmachvoller Ungerechtigkeit, daß man sie mit dem Kopfe nach unten an den Füßen aufhängen sollte. Schamonas wurde so kopfunter aufgehängt und betete in seiner Qual ein reines und heiliges Gebet. Im Gerichtshofe hing er da am Holze wie eine süße Frucht, deren Wohlgeschmack und lieblicher Duft die Himmelsbewohner in Staunen versetzte. Sein Leib war gequält, aber sein Glaube gesund; sein Körper war gefesselt, aber das Gebet, welches er in seiner Angelegenheit an Gott richtete, konnte sich ungehindert aufschwingen. Denn das Gebet kann durch nichts gehemmt werden; weder Schwert noch Feuer vermag es zu stören. Der Leib war verrenkt, aber das Gebet war kräftig und fand seinen Weg geradeaus zum Himmel unter die Engelscharen. Je mehr Leiden auf den auserwählten Märtyrer eindrangen, um so mehr Lobpreisungen hörte man von seinen Lippen. Die Märtyrer sehnten sich von Herzen nach dem scharfgeschliffenen Schwerte und verlangten nach ihm wie nach einem überaus kostbaren Schatze. Ein neues Ding hat der Sohn Gottes in der Welt bewirkt, daß nämlich der schreckliche Tod von vielen geliebt wird. Man hat nie gehört, daß Menschen dem Schwerte entgegeneilten, außer denen, welche Jesus durch seine Kreuzigung in seinen Dienst gezogen hat. Von jeher weiß jeder, daß der Tod bitter ist; nur den Märtyrern erschien er nicht bitter, da sie getötet wurden. Sie spotteten des scharfen Schwertes, als sie es erblickten, und freuten sich darüber, weil es ihnen zu ihren Kronen verhelfen sollte. Ihren Leib gaben sie den Schlägen preis, als ob sie ihn haßten, und entzogen ihn nicht den Qualen, obgleich sie ihn in Wahrheit liebten. Des Schwertes harrten sie, und das Schwert ward gezückt und krönte sie; weil sie es erwartet hatten, kam es ihnen ihrem Wunsche gemäß entgegen. Der Sohn Gottes hat durch seine Kreuzigung den Tod getötet; weil er selbst hat getötet werden wollen, so bereitet der Tod den Märtyrern keine Trauer mehr. Mit einer zerquetschten Schlange spielt man ohne Furcht; einen toten Löwen kann selbst ein Feigling herumzerren. Die große Schlange hat unser Herr durch seine Kreuzigung zermalmt; den furchtbaren Löwen hat der Sohn Gottes durch sein Leiden getötet. Den Tod hat er gefesselt, zu Boden gestreckt und niedergetreten am Tore des Hades; wer da will, kann sich nun in seine Nähe wagen und ihn versöhnen, weil er getötet ist. Die Greise Schamonas und Gurias spotteten des Todes als eines vom Sohne Gottes getöteten Löwen. Wer kann wohl die große Schlange, welche den Adam unter den Bäumen tötete, greifen, ohne das Blut des Gekreuzigten getrunken zu haben? Der Sohn Gottes hat durch seine Kreuzigung den Drachen zertreten, so daß nun Kinder und Greise die zermalmte Schlange verspotten können. Jener Löwe ist durch die Lanze der Seite des Gottessohnes durchbohrt, so daß jeder nach Belieben ihn mit Füßen treten, verspotten und verhöhnen kann. Der Sohn Gottes ist die Ursache alles Heiles, und jeder Mund ist verpflichtet, ihn zu preisen. Er hat sich mit seiner Braut verlobt durch das Blut, welches aus seinen Wunden floß, und von seinen Brautführern verlangt er als Festgeschenk das ihrem Nacken entströmende Blut. Der Herr des Festes hing entblößt am Kreuze, und wer unter die Festgäste aufgenommen werden will, muß sein Blut hingeben. Schamonas und Gurias gaben für ihn ihre Leiber den Leiden, Qualen und mannigfaltigen Martern preis. Sie schauten auf ihn, wie er von den Gottlosen verhöhnt wurde, und erduldeten so ihre eigene Mißhandlung ohne Murren.

Durch euere Hinrichtung, o ihr Seligen, ist Edessa bereichert worden; denn ihr habt es durch euere Leiden und Siegeskronen verherrlicht. Ihr seid Edessas Zierde, ihr seid seine Mauer, ihr seid sein Salz, sein Reichtum und Schatz, sein Ruhm und sein ganzer Hort! Ihr seid die getreuen Verwalter des Glaubens, die ihr durch euere Leiden die Braut mit Glanz bekleidet habt. Die Tochter der Parther, welche sich der Kreuzigung verlobt hat, ist auf euch stolz, weil sie durch euere Lehre erleuchtet worden ist. Ihr seid zu ihren Schutzpatronen geworden, ihr Schriftgelehrten, die ihr durch euer Schweigen den gesamten Irrtum besiegt habt, obgleich er seine Lästerstimme laut erhob.

Gottlose waren jene beiden Greise aus dem Hebräervolk, die falschen Zeugen, welche in ihrem rasenden Frevel den Naboth töteten. Um wieviel vorzüglicher ist nicht Edessa mit seinen beiden glanzvollen Greisen, welche Zeugen für den Sohn Gottes waren und wie Naboth starben! Dort wie hier waren es zwei Greise, und diese wie jene werden Zeugen genannt. Laßt uns nun sehen, welche Zeugen Gott wohlgefällig waren, und welche Stadt durch ihre Greise und Geehrten liebenswert erscheint! Dort sind die Zeugen jene Frevler, welche den Naboth töteten, und hier sind Schamonas und Gurias ebenfalls Zeugen. Laßt uns nun sehen, welche Zeugen und welche Greise sich offen und ohne Scheu vor Gott zeigen dürfen! Jene Zeugen der Buhlerin werden „Söhne der Nichtswürdigkeit“ genannt; seht, da ist schon ihre ganze Schande in ihrer Bezeichnung ausgedrückt. Aber die Greise, die Zeugen Edessas, sind fromm und gerecht; sie gleichen dem Naboth, welcher selbst um der Gerechtigkeit willen ermordet wurde. Nicht gleichen sie jenen beiden gottlosen Lügnern, wie auch Edessa dem kreuzigenden Sion nicht gleicht. Jene Greise waren gleich ihrem Volke lügnerisch und frech, indem sie unschuldiges Blut frevelhaft vergossen. Aber durch die hiesigen Zeugen wurde die Wahrheit geredet. Gelobt sei der, welcher uns den kostbaren Schatz ihrer Siegeskronen geschenkt hat!

Lobgedicht auf Simeon den Styliten.

Text: Assemani, Acta mart. II. S. 230 ff.; Bedjan, Acta mart. et sanctorum, tom. IV, S. 650; C. Brockelmann, Syr. Gram. 2. Aufl. Chrest. S. 102*ff.; einzelne Partien sind von H. Zingerle in lateinischen Hexametern übersetzt, ZDMG. 14 (1860) S. 682 ff. Überschrift im Manuskript: „Gedicht des Lehrers Mar Jakob auf den heiligen Mar Simeon, den Säulenheiligen.“ — Teils um die Ausführungen des Panegyrikus richtig zu würdigen, teils um sie zu ergänzen, müssen wir uns die Hauptdaten aus dem Leben dieses merkwürdigen Asketen vor Augen führen. Simeon ist um das Jahr 390 im Dorfe Sis bei Nikopolis an der kilikisch-syrischen Grenze von christlichen Eltern geboren. In seiner Jugend hütete er die Herden seines Vaters, ohne irgendwelchen Unterricht zu genießen. Die Seligpreisung der Trauernden (Matth. 5, 5) sowie ein merkwürdiger Traum, den er im Gebete hatte, bestimmten ihn, seine Herde zu verlassen und sich dem Asketenleben zu widmen. Er begab sich zunächst zu den in der Nähe wohnenden Mönchen und verbrachte bei ihnen zwei Jahre. Während dieser Zeit scheinen seine Eltern gestorben zu sein und Simeon veräußerte nun sein ganzes väterliches Erbe und verteilte den Erlös unter die Armen und die Klöster. Sodann trat er in ein von Heliodorus geleitetes Kloster bei Teleda ein, wo er ungefähr zehn Jahre zubrachte und sich seiner Neigung zu ungewöhnlicher Askese derart hingab, daß er sich infolge des Unwillens seiner Mitbrüder gezwungen sah das Kloster zu verlassen. Er begab sich nun in das fast verödete Kloster des Maris in der Nähe von Antiochien und ließ sich hier zum ersten Male die ganze Fastenzeit einmauern. Zehn Brote und ein Faß mit Wasser wurden hineingestellt, um ihm zur Erhaltung des Lebens zu dienen. Als man aber nach vierzig Tagen die Türe öffnete, fand man Simeon halbtot am Boden liegen, die Brote aber und das Wasser unberührt. Die vierzigtägigen Fasten wiederholte er von da an regelmäßig jedes Jahr und verschärfte sie allmählich noch dadurch, daß er möglichst lange, schließlich die ganze Zeit hindurch aufrecht stand. Ein Jahr darauf, wahrscheinlich 413, stieg er auf den das Dorf überragenden Berg, welchen heute die Ruinen des Simeonheiligtums krönen, wo ihm ein Priester von Telneschin, namens Daniel, ein Grundstück schenkte, auf dem er sich eine Umfriedung ohne Dach erbaute, die er von nun an nicht mehr verließ. Um sich noch mehr an den Ort zu fesseln, ließ er sich durch eine zwanzig Ellen lange Kette an den Felsen anschmieden; erst die Bemerkung des antiochenischen Chorbischof es Meletius, daß für den Asketen der Wille allein als Fessel genügen müsse, veranlaßte ihn auf die Kette zu verzichten.

Aber er fand sofort ein anderes Mittel, um sich die so gewonnene Bewegungsfreiheit wieder zu nehmen: Er stellte sich nämlich auf einen zwei Ellen (zirka ein Meter) hohen Steinblock, der vier Fuß (zirka eineindrittel Meter) im Geviert Raum bot und ihm fünf Jahre lang als Standort diente. Dann wurden im Laufe der nächsten sieben Jahre immer höhere Postamente gebaut; schließlich bestieg er, nachdem er eine Weile auf einer Säule von zweiundzwanzig Ellen gewohnt hatte, eine von sechsunddreißig bis vierzig Ellen (zirka zwanzig Meter) Höhe, auf welcher er den größten Teil seines Lebens, dreißig Jahre, zubrachte.

Als Grund für diese auffallende und sofort, besonders auch von den Mönchen selber, vielfach angefeindete Lebensweise werden von den alten Biographen wie auch von den modernen Gelehrten verschiedene Motive namhaft gemacht, aber höchstwahrscheinlich leitete Simeon einzig und allein der Wunsch, seine Bewegungsfreiheit noch mehr einzuschränken. Den Anstoß, den die Neuerung in Mönchskreisen erregte, behob er dadurch, daß er sich auf die Aufforderung von seiner Säule herabzusteigen, sofort dazu bereit erklärte. Daraufhin erklärten die Mönche, daß sein Vorsatz von Gott sei und ermunterten ihn nun ihrerseits dabei zu beharren.

In seinem asketischen Eifer suchte Simeon die Unbequemlichkeit, welche der ständige Aufenthalt auf der Säule von selbst mit sich brachte, noch mannigfaltig zu verschärfen. Es war ihm noch nicht genug, auf der sehr beschränkten Plattform derselben — nach noch vorhandenen Resten hatte sie ungefähr zwei Meter im Geviert — alle Unbilden der Witterung über sich ergehen zu lassen, um das Maß der Bewegungsfreiheit noch mehr zu beschneiden, ließ er seine Füße derart fesseln, daß er sie weder nach rechts noch nach links bewegen konnte, ja in den ersten Jahren ließ er sich während der Fastenzeit aufrecht an einen Pfahl binden, um die ganzen vierzig Tage stehend zuzubringen. Zu anderen Zeiten aber blieb er durchaus nicht bewegungslos, sondern begleitete seine Gebete durch rhythmische Bewegungen des Oberkörpers derart, daß seine Stirne jedesmal die Zehenspitzen berührte. Solcher Bewegungen soll er zuweilen weit über tausend hintereinander vollführt haben. Es ist klar, daß dem Heiligen mannigfaltige körperliche Schäden aus dieser Lebensweise erwachsen mußten. So hören wir von Verletzungen der Wirbelsäule infolge der ständigen Bewegungen, und das anhaltende Stehen ließ seine Füße aufspringen und Wunden am Unterleib entstehen. Besonders aber hat ihn ein eiterndes Geschwür am linken Fuß viel gequält, welches ringsumher einen üblen Geruch verbreitete und ihm allgemeine Teilnahme zuzog; sogar Theodosius II. und seine Schwester richteten deshalb an ihn ein Schreiben. Er aber ließ kein Heilmittel anwenden und wurde nach neun Monaten plötzlich auf wunderbare Weise davon befreit.

Auf die Wunder einzugehen, die unser Heiliger von seiner Säule aus verrichtet haben soll und von welchen die Lebensbeschreibungen eine große Menge berichten, ist hier nicht der Ort. Ebenso müssen wir es uns versagen, den gewaltigen Einfluß näher zu schildern, den er nicht nur auf die nächste Umgebung, sondern, wir dürfen sagen, auf ganz Vorderasien ausgeübt hat, auf das gewöhnliche Volk wie auch auf die Bischöfe. Patri-archen und selbst den Kaiser. Unser Panegyriker setzt diese Dinge im allgemeinen als bekannt voraus. Man hat auf Grund zweier Briefe, welche das Chalzedonense verfluchen, die Orthodoxie Simeons bezweifelt und ihn des Monophysitismus beschuldigt. Da aber seine Rechtgläubigkeit nach Maßgabe der übrigen Quellen so ziemlich außer Zweifel steht, wird man wohl besser diese Briefe für eine monophysitische Fälschung halten.

Der Tod dieses merkwürdigen Dieners Gottes fällt auf den 1. oder 2. September des Jahres 459. Er verschied — im Gegensatz zu der Angabe unseres Panegyrikus — unbemerkt von seinen Schülern; erst als er zwei Tage regungslos, scheinbar im Gebete auf seiner Säule gelegen hatte, stieg einer seiner Schüler, Antonius, hinauf und fand nun die entseelte Hülle des Meisters. Der kostbare Leichnam wurde vom Patriarchen von Antiochien mit der Geistlichkeit, vom kommandierenden General mit militärischem Gefolge unter großem Pomp in die syrische Hauptstadt übergeführt und dort in der Hauptkirche, später in einer eigenen Kapelle beigesetzt.

Unser Panegyrikus bietet nahezu gar keine Einzelheiten aus dem Leben des Heiligen, und wo er solche erwähnt, stimmen sie genau mit der übrigen Überlieferung überein. Der Dichter hat eben seinen Stoff in poetisch freier Weise aufgefaßt und umgestaltet. Inhaltlich beschränkt er sich darauf, drei Punkte herauszugreifen und dieselben möglichst breit auszumalen: den Ansturm des Teufels gegen den Heiligen, die Amputation des Fußes und den Tod im Kreise seiner Jünger. Die Darstellung selbst ist teilweise hochpoetisch, und gehört, was dichterischen Schwung und Bilderreichtum betrifft, zu dem Schönsten, was die syrische Literatur hervorgebracht hat.

Verleihe Du mir, o Herr, die Gnade, daß ich das wundervolle Bild des auserwählten Simeon entwerfe, denn zu erhaben ist seine Herrlichkeit, als daß eine menschliche Zunge sie zu schildern vermöchte! In Dir will ich verkündigen seine Wunder — denn ich bin voll Bewunderung für ihn — und nur in Dir läßt sich die Herrlichkeit Deines Dieners preisen. Darum, o Herr, um seinetwillen rede Du in reicher Wortfülle! Ihn zu preisen, den wundervollen Helden, laß mich Deine Flöte sein! Hauche mir ein Deinen göttlichen Geist, damit ich in vollem Staunen über seine Herrlichkeit meine Stimme erhebe! Es möge mich Deine Kraft begeistern gleich der Begeisterung jener, welche den Heiligen Geist besitzen und durch ihn ihre lieblichen Gesänge mit lauter Stimme vortragen! Nicht der Person, welche sie besitzt, gehört da eigentlich die sangesreiche Stimme an, sondern der Heilige Geist ist es, von dem er begeistert wird, und der auch durch seine Stimme die Zuhörer fortreißt. Nicht vom Redner stammt das Wort, das verkündet werden soll; denn wenn nicht Dein Wort ihn in Wallung bringt, dann redet er überhaupt nicht. Von Dir, o Herr, muß der Mund begeistert werden um Worte hervorzubringen, die erfüllt sind von Staunen und ohne Verwirrung die Herrlichkeit preisen! Wohlan, meine Zuhörer, kostet die Süßigkeit der Lehre, jener süßen Frucht, welche die Seele bei ihrem Genusse erleuchtet! Wohlan, erfreuet euch an der Erzählung über jenen einzig Herrlichen, dessen Ruhm erhaben ist über die Wasserfluten der hohen See! Auf, kommt herbei und lagert euch um den Tisch, der angefüllt ist mit wohlschmeckenden Speisen; denn das Lobgedicht ist geordnet wie ein Gastmahl, das euch erquickt! Kommt zu dem Gelage, bei dessen Mahlzeit es keinen Mangel gibt, und bei dem sich auch keine Beschwerden einstellen für die Seelen, die von seiner Zurüstung genießen. Wohlan, nehmet umsonst den gewaltigen Reichtum in Empfang, der nicht erst aus dem Schatzhause abgewogen wird, das nicht arm wird, wenn man daraus etwas fortnimmt! Der Ruhm Simeons wird Anlaß zu jeglichem Nutzen werden, sowohl mir als euch wird dieser Gewinn zuteil werden, jedem, der zuhört. Das ist ein guter Knecht, der seine Arbeit beginnt und auch glücklich zu Ende führt und des göttlichen Dienstes nicht überdrüssig wird.

Der Satan berief seine Heerscharen und bot sie auf, und es öffnete seinen Mund der Oberbefehlshaber und es gebot ihnen der Böse und sagte zu ihnen: Seht, es ist Zeit, daß wir uns zum Kampfe erheben und nicht feige dasitzen, damit wir nicht besiegt werden! Leget an das Gewand der Schmeichelei und traget sie zur Schau, auch in trügerischen Visionen tretet ihm entgegen! Entfachet einen Sturm von der Stärke, wie er auf den Gipfeln der Berge zu wüten pflegt; Staubwolken soll er aufwirbeln, so daß darin das Aussehen der Luft verschwindet! Die Winde sollen heftig wehen und die Erde erschüttern, und gleich der Brandung des Meeres soll sie erdröhnen von der gewaltigen Erschütterung! In häßliches Gewürm verwandelt euch und in Schlangengezücht, seid gleich den Vögeln und dem Getier, das auf der Erde kriecht oder die Wand hinaufschleicht! Sehet, es ist Zeit, daß wir uns aufraffen zum Kampfe, den Krieg beginnen und nicht feige dasitzen, damit wir nicht unterliegen! Es ist ja leicht für uns, gegen ihn zu kämpfen, da er sich ja auf einer Säule befindet, und durch wunderbare Visionen ihn in Verwirrung zu setzen, so daß er irre wird!

Nun versammelte sich die Schar der Dämonen, der Söhne der Linken, sie verschworen sich, verpflichteten sich gegenseitig durch Handschlag und erhoben sich zum Kampfe; sie teilten sich in verschiedene Abteilungen, die ganze Rotte der Teufel. Wie wenn sie das Junge eines Adlers mit ihren Nachstellungen fangen wollten, kriechen die Drachen hervor aus ihren Höhlen; mit ihrem Speichel pfauchen sie die Taube an, die ihr Nest auf den Felsen baut, und die Schlange spritzt ihr häßliches Gift von sich, um das Rebhuhn zu töten, dessen liebliche Stimme vom Berggipfel her ertönt. Eine Schar von Habichten versammelt sich gegen das Vöglein, um es zu fangen; dieses aber flattert in die Luft umher und entwischt, während sie verdutzt dastehen. So versammelten sich nun auch auf dem Berge die Herde von Dämonen und die Bande von Teufeln; wie Rauch stiegen sie an seinem Abhang empor und verfinsterten die Luft. Das Licht der Sonne verschwand hinter dem Dunkel und es ward trübe Nacht, häßliche, dichte Finsternis. Es erhob sich der Sturm und rührte den Staub auf und verhüllte den Berg. Die Winde wehten und erschütterten die Felsen und türmten die Wolken auf; das Feuer entbrannte, wie aus einem Ofen stieg seine Flamme empor und es schien, als ob es auch die Felsen ergriffen hätte. Der Sturm brauste heran, schlug an die Säule, so daß deren Grundfesten erzitterten. Aber der Heilige stand darauf fest wie auf einem unerschütterlichen Felsen. Und die Winde stürzten sich gewaltig auf ihre Rückseite, um sie ins Wanken und zu Fall zu bringen; aber der Gerechte sang Loblieder. Es spalteten sich die Berge bei dem Gedröhne — wenn auch nicht in Wirklichkeit —, er aber blieb unverletzt und verließ seinen Berg nicht, sondern blickte auf jenen hin. Die Dämonen machten sich ähnlich häßlichem Gewürm und Schlangen, er aber zog seine Hände nicht zurück, die nach oben ausgebreitet waren. Er sang ihnen entgegen, was er gelernt hatte vom Sohne Jesses und mit der Harfe Davids jubelte er, indem er sprach: „Wie Wespen haben mich umgeben die Scharen der Verfluchten, aber sie erloschen plötzlich wie das Feuer in elenden Stoppeln. Sie umgeben mich von allen Seiten wie Rauch, aber im Namen des Herrn vernichte ich sie, sie verschwinden und vergehen. Ich ward bestürmt, damit ich ins Wanken kommen, fallen und zugrunde gehen sollte, aber der Herr ist mein Helfer; ich mache sie zu Schanden und besiege sie in der Kraft des Herrn.“

Es sah nun Satan, daß die Wahrheit gesiegt hatte und er mit seiner List unterlegen war. Er bemühte sich nun von neuem, ihn mit Schlägen zu bekämpfen. Er stieg hinauf zu ihm auf die Säule, um ihn mit List zu verderben; aber der Gerechte sah ihn und erkannte sofort, daß es der Feind sei, da er bemerkte, wie herausfordernd und rußig sein Aussehen war. Er durchschaute die Sache, daß der Meister des Judas zum Jünger Jesu komme, um ihn auszuspähen und sagte zu ihm, wie auch der Herr zu Iskariot: „Warum kommst du zu diesem Zwecke und zu dieser Zeit? Nicht scheue ich den Kampf, sondern ich bin dazu gerüstet. Warum zögerst du? Tritt nur näher, wie auch Judas getan, und vollbringe, was du vorhast in deinem Herzen!“ Da trat er zu ihm hin wie Judas zu unserem Erlöser, und es erhoben sich die Dämonen wie einst die Kreuziger und erwarteten ihn. Ebenso glich der Böse, allegorisch gesprochen, dem Goliath, und die Teufel, die bei ihm waren, den Philistern; der Gerechte dagegen dem David. Es stand nun da die Schar aus dem Hause des Kaiphas und wartete zu, um zu sehen, ob jener ihnen den Jünger Jesu ausliefern werde, wie einst Judas getan. Es standen da Goliath mit gezücktem Schwert und David mit der Schleuder. Die Schlachtreihen waren aufgestellt und sahen erwartungsvoll dem Kampfe zu, wer wohl siegen werde. Da näherte sich der Verderber und streckte seine Hand gegen den Gerechten aus: Wie ein Ringkämpfer im Wettkampf ergriff er ihn und suchte ihn an sich zu ziehen, um ihn zu Boden zu werfen; allein der Selige entglitt seinen Händen und faßte nun seinerseits den Gegner, packte ihn an den Händen und warf ihn zu Boden und trat auf seinen Hals. Und während jener sich windet, beißt er den Heiligen in den Fuß, der aber schlägt ihm seine Zähne ein. Wie einen Hund stößt er ihn von sich und schleudert ihn von der Säule herab; er fiel hinunter wie der Blitz und mit gewaltigem Geheul; der Gerechte hörte den Fall des Satans und dieser zerstob wie Staub. Er fiel nieder wie Goliath, er, der Lehrer des Goliath, und ward zum Gespötte. Und der Selige erhob sich gleich David, öffnete gleich ihm seinen Mund und sang: „Gepriesen sei der Herr, der mich mit Kraft gegürtet hat gegen den Bösen und meine Ferse befestigt wie auf einem Felsen und festgefügt hat meine Schritte! Hoch in die Höhe hat er gestellt meine Füße auf die Säule und hat meine Hände gelehrt, zu kämpfen gegen den Feind. Meinen Lippen hat er neuen Ruhm zu verkündigen gegeben, gleich dem Sohn Jesses, der den Goliath besiegt in der Kraft Gottes. Wenn selbst ein ganzes Lager von Dämonen gegen mich anstürmte, so fürchtete ich mich nicht, denn Scharen von Engeln stehen mir zur Seite und stärken mich.“ Als nun der Böse beschämt und an der Wahrheit zu Schanden geworden war, ließ er keineswegs ab von ihm, mit dem er ja allezeit im Kampfe lag. Er sah nämlich, daß auch jener nicht abließ von der Verkündigung des Lobpreises Gottes, indem er predigte: „Wendet euch ab vom Irrtum und hin zu Gott!“ Er mußte sehen, wie er, der ermüdete Stier, nicht abließ von seiner Arbeit; darum lähmte er ihn, um ihn abzuhalten von seinem Acker, damit er ihn nicht fertig bestelle. Er ließ also an seinem Fuße ein häßliches Krebsgeschwür entstehen und ließ schweres Leid über ihn kommen, quälte ihn am ganzen Körper; mit gewaltigen Schmerzen, die zum Tode waren, schlug er ihn; er aber ertrug alles mit Geduld. Nicht murrte er und nicht ließ er sich hindern an seiner Arbeit. Er war geschlagen gleich dem Job, den ebenfalls Satan schwer getroffen hatte, und er ward auch der Genosse des Job im Siege übar den Feind. Zwei Athleten in zwei verschiedenen Zeitaltern, und zwei Kämpfer siegten im Wettstreit über den Bösen, der gesiegt hat über alle Zeitalter. Der eine kämpfte auf dem Staub mit ihm, der andere auf dem Felsen. Sie überwältigten ihn, und so mußte er sich von Staubgeborenen Beschämung gefallen lassen. Die Säule war für diesen zweiten Job, was der Düngerhaufen für den ersten gewesen ist, und an Stelle des Staubes, der von Natur weich ist, diente ihm der harte Stein. Der Selige ward geschlagen mit der Geißel der Krankheit wie mit einem harten Geschoß. Und je mehr der Böse ihn bedrängte, desto größer wurde seine Schönheit. Es ging hinein in den Ofen das gute Gold, zeigte seine Schönheit und erfreute seinen Herrn, indem es die häßlichen Schlacken von sich entfernte. Und als die Bedrängnis stärker wurde und den Seligen zu überwältigen drohte, als das Fleisch von ihm fiel und seine Füße nackt und bloß dastanden, da erhob er seine Stimme, und es wunderten sich die Engel über seinen Mut; denn er sang nach der Harfe Davids auf seiner Säule: „Mein Fuß steht auf der Gerechtigkeit und weicht nicht ab davon. Der Herr ist seine Stütze, so daß er aufrecht steht und das Gewicht für beide trägt. Siehe, er trägt das Gebäude des Körpers gleich einer Säule! Denn Er, der Baumeister, macht ihn stark und stützt ihn, so daß er nicht wankt! Nicht bereiten mir deine Leiden Schmerz, du Böser, im Gegenteil, sie machen mir Freude, deine eigene Seele aber ist mit Leiden angefüllt, weil ich meine Arbeit nicht unterlasse. Darum vermehre nur deine Schläge gleich dem Goldschmiede, wenn er gutes Gold vor sich hat, denn ich bin echt und deine Kunst wird den Kürzeren ziehen! Schlage nicht nur auf die Füße, sondern schlage den ganzen Körper, wenn du kannst; aber du sollst dich nicht rühmen, mich zum Wanken gebracht zu haben! Er ist ein Pferd, das noch mit keinem Zaum gebändigt werden konnte, nimm es und züchtige es wie ein brutaler Knecht das widerspenstige Roß! Denke aber ja nicht, daß ich mich durch deine Schläge hindern lasse, so daß ich von dem Werke abstehe, das ich begonnen habe. Das Fundament des Hauses gerät nicht ins Wanken, denn es ruht auf Felsengrund, und die Wogen und die Stürme vermögen es nicht zu erschüttern, denn es steht fest. Wenn du glaubst mich ins Wanken bringen zu können, so ermüdest du dich selber statt meiner. Du arbeitest doch nur an meiner Krone, oder vielmehr, du selbst wirst beschämt und merkst es nicht. Was meinen Fuß betrifft, so machen ihm deine Drohungen nichts. Schlage nur tapfer zu wie auf Job, dessen Genosse ich ja bin! Kraftlos sind deine Schläge, schwach deine Züchtigung und schlaff dein Kampf; nicht ist es richtig, was man sagt, daß der Kampf mit dir anstrengend sei. Im Gegenteil, er ist leicht und mühelos, und es muß einer schon gar nichts taugen, wenn er im Kriege mit dir unterliegt. Auch über den Schwächsten vermagst du nicht den Sieg davonzutragen, wenn nicht er selber es will. Nichts richten deine Schläge aus gegen den, der sie kennt, und wenn einer seine Rüstung nicht selber dir ausliefert, wird er nicht unterliegen. Den Feigling magst du überwinden, nicht aber kannst du dich über den Tapferen rühmen; an den Kranken erprobst du deine Kraft, nicht an den Gesunden. Verwunde, wenn du schlagen willst, und zerreiß das Fleisch, reiß aus den Fugen, was fest ist, und wenn ich ausrufe: „Wehe“ oder „Genug“, dann will ich als besiegt gelten! Jeder nichtsnutzige und feige Ringkämpfer packt den Gegner beim Fuß; das was du tust, ist nicht ein Zeichen von Tüchtigkeit, sondern von niedriger Gesinnung. Siehe, du kämpfst mit einem Mann, der nur mehr einen Fuß hat, und wenn dich dieser lahme Gegner besiegt, dann verdienst du nur Spott!“

Obwohl der Heilige von Leiden und Schmerzen gequält wurde, ließ sein Mund nicht ab von der Darbringung des Lobpreises; schließlich wurde Satan müde, nicht aber wurde müde oder ruhte aus oder ließ ab der Heilige; denn in dem Maße, als seine Kräfte wuchsen, vermehrte sich auch sein Lohn. Er sah, wie sein Fuß verfaulte und wie das Fleisch wegfiel. Da stand er nackt da wie ein Baum mit kostbaren Zweigen! Er sah, daß nichts mehr daran war als Sehnen und Knochen, dennoch bemühte er sich, ihn zu tragen und legte ihn auf den andern. Und als er gewahrte, daß die müde Kuh das Joch nicht mehr zu tragen vermochte, da suchte er sie von der Arbeit freizugeben, um mit der einen zu arbeiten. Staunenswertes vollbrachte der Selige, was noch nie dagewesen war. Er schnitt den Fuß ab, damit er nicht an seiner Arbeit gehindert würde. Wer sollte nicht Tränen vergießen, wenn ihm eines seiner Glieder abgeschnitten würde? Er aber schaute zu, als ob es sich um ein fremdes Glied handelte und vergoß keine Träne dabei, während Satan mit Blut besprengt und mit Eiter bespritzt, voll von Unrat dastand, und auch die Steine übergossen wurden. Der Heilige aber sang, da ein Ast seines Leibes vom Baume gesägt ward. Sein Antlitz aber war Übergossen wie mit mildem Tau und verklärter Glorie, da er zu ihm sagte „Gehe hin im Frieden bis zur Auferstehung, und nicht möge es dir schmerzlich werden; denn es ist dir ja aufbewahrt die Hoffnung auf das Himmelreich, so lange das Ganze lebt und nur ein Glied davon tot ist.“ Und er warf ihn vor sich hin; sein einziger Fuß trug nun das Gewicht des ganzen Körpers. Während seine Glieder von Schweiß troffen und mit Blut besprengt waren, hielt er sein Schwert gezückt und seinen Bogen gespannt gegen Satan. Und da nun seine Leiche vor ihm lag, da sang er nach der Weise Davids und tröstete sie: „Warum willst du dich quälen und betrüben, da doch die Hoffnung besteht, daß du wieder zu dem Baume, von dem man dich getrennt hat, gelangen wirst? Gehe und warte jetzt, bis ich komme, und betrübe dich nicht; denn ohne dich werde ich nicht auferstehen am jüngsten Tage. Ich werde mit dir entweder in das Brautgemach oder in die Hölle gehen; wir beide haben nur einen Weg, der entweder in den Himmel oder in den Abgrund führt. Eins werden wir sein, wenn wir auferstehen, wie wir es bisher waren, ob nun zum Tode oder zum Leben, ob zum Gerichte und zum Feuer oder zum Himmelreich. Ich werde nicht auferstehen aus dem Grabe und dich dabei zurücklassen, sondern du wirst mit mir auferstehen und ich mit dir zu gleicher Zeit. Es wird dir nicht verloren gehen, was du gearbeitet hast von deiner Jugend auf. Für deine Arbeit wirst du deinen Lohn erhalten und mit Freuden überhäuft werden. Bete, auf daß ich dich wiedersehen und mich mit dir freuen werde, wenn wir auferstanden sind und zusammen den preisen, der uns Kraft geben wird, so daß wir vor ihm zu stehen vermögen.“ Dann wandte er sich wieder zum Gebet, und unter Seufzen und Weinen flehte er: O Herr, verleihe Kraft meinem Fuß, denn er hat seinen Genossen verloren; belebe und stärke ihn nun, bis er zur Ruhe gelangt, denn er hat das Gewicht für beide zu tragen und besitzt nur geringe Kraft! Siehe, auf ihm allein lastet jetzt das Gewicht des ganzen Körpers! Wenn nicht Dein Gebot ihn aufrecht erhält, dann wird er schwach, denn er ist nicht besonders kräftig, während die Arbeit hart ist und der Satan ihm gegenübersteht, Wenn ihm Deine Gnade nicht hilft, dann kommt er zu Fall; denn er ist allein und die Last des Körpers ist für ihn zu schwer. Stütze ihn darum, wenn er müde wird, denn das Gewicht für beide ruht auf seinem Nacken! Nicht möge ins Wanken geraten der Leib, in welchem Du wohnst, wenn auch nur eine Säule ihn trägt; kräftige darum ihre Ferse! Mit einer Kuh will ich nun meine Arbeit verrichten an Stelle von einem Joch; verleihe ihr Kraft, auf daß sie mit Eifer arbeite! Nicht möge ich, o Herr, dem Bösen unterliegen, der danach dürstet mich zu vernichten, und sich freuen würde, wenn er sähe, daß meine Füße von Deiner Arbeit abstehen müssen. Nicht möge er sich rühmen, daß er über Deinen Knecht gesiegt und seine Rüstung erobert habe! Gib mir einen Schild, damit ich seine Geschosse abwehre und seine Kraft überwältige! Entscheide Du, o Herr, meinen Streit mit Satan, der mit mir im Kampfe steht, ergreife die Rüstung und nimm Stellung zum Kampfe gegen den Bösen! Denn dunkel ist sein Weg und voll von Finsternis und Schlüpfrigkeit; Schlingen und Netze hat er darauf gelegt, um mich zu fangen. Meine Seele aber frohlockt wie ein Baum mit herrlichen Zweigen, wenn die Erntezeit herangekommen ist und er dem Gärtner herrliche Früchte sendet. Mit Deiner Kraft werde ich die Kraft des Feindes überwältigen, denn es gibt keine Kraft, die soviel vermöchte wie die, mit der ich gestärkt worden bin.“ In dieser mühevollen Stellung harrte der Selige lange Zeit aus, indem er auf seinem einen Fuße stand und nicht nachgab. Es klingt wie ein Wunder, daß es überhaupt möglich war, daß der Fuß dieses Heiligen dastand wie eine Säule und nicht wankte. Wer von den Weisen möchte einer derartigen Leistung die Anerkennung versagen, wenn nicht etwa einer, dessen Herz gegen jegliche Einsicht blind ist? Denn der Mensch kann nicht auf einmal ablassen von seiner Torheit!

Und so stand der Auserwählte Tag und Nacht auf einem Fuß, vierzig Jahre hindurch ertrug er Tag für Tag Hitze und Kälte, Hunger und Durst, sowie die Verfolgungen des Bösen: wahrhaftig, nie sah ich etwas Ähnliches wie diesen Gerechten, und auch in den Büchern las ich nie eine Erzählung, die seiner Geschichte glich. Es fasteten ja die Gerechten zu allen Zeiten eine gewisse Zahl von Tagen wochenlang, dreißig, sechzig Tage, jeder nach seinem Vermögen; wer aber könnte das Fasten dieses Engels im Fleische berechnen, der nicht so fast ein Mensch war, sondern vielmehr den Engeln glich? Vierzig Tage fastete der göttliche Moses, und auch Elias fastete die gleiche Zahl von Tagen wie Moses. Diese beiden zusammen hat er allein überstrahlt und übertroffen; und wer möchte da noch behaupten, daß er diesen gerechten Männern nicht wenigstens als gleich würdig an die Seite treten könnte? Was soll ich sagen über das Fasten dieses Fasters? Nicht vermag ich es sein Bild zu zeichnen, da mich dessen Schönheit überwältigt. Welche von seinen Wundern soll ich erzählen und welche von seinen außerordentlichen Werken? Denn eines ist erhabener und großartiger als das andere. Wenn ich von seinem Fasten rede, so überwältigt mich eine andere von seinen Schönheiten; wenn ich seine Nachtwachen verkünden will, so fühle ich mich viel zu schwach, um ihm diesen Liebesdienst leisten zu können; versuche ich sein Stehen zu erzählen, so finde ich seinen Lebenslauf unbeschreiblich. Soll ich meinem Staunen über seine Leiden oder über seine geradezu unglaubliche Bedrängnis Ausdruck geben, die er erdulden mußte in den gewaltigen Kämpfen, die er zu bestehen hatte? Denn mit dem Bösen rechtete er um seine Seele Tag für Tag. Soll ich erzählen, wie seine Füße aufrecht dastanden und nicht schlaff wurden, oder wie sein Mund lange Zeit sich abmühte in der Verkündigung des Wortes Gottes? Soll ich davon reden, wie seine Augen von Tränen flossen wegen des Leidens, oder wie er seine Arme ausgestreckt hielt, so lange sie es aushalten konnten? Seinen Kampf mit dem Satan zu schildern bin ich unzureichend, denn zu kurz wäre die Zeit, zu wunderbar der Kampf und zu groß der Streit. Der Erfolg hat mich überwältigt, ich bin ihm unterlegen, so überaus herrlich ist er. Nicht vermag ich seine Schönheiten zu schildern, so wie sie sind. Ich suchte sie nach Art eines Gemäldes darzustellen, doch die Großartigkeit hat mich überwältigt; wie ein Bild bemühte ich mich sie zu skizzieren, allein es breitete sich immer mehr aus und wurde zu groß für mich. Während ich damit beschäftigt war, wurde es immer umfangreicher und erstreckte sich schließlich bis zum Himmel empor. Ich blieb unten in der Tiefe zurück, er aber schwang sich in die Höhe.

Kehren wir also zur Säule zurück, wo er zu verweilen pflegte. Denn er hat sie auch nicht verlassen, als er ein Himmelsbewohner wurde. Ich will darum jetzt über seinen Tod reden, wenn ich es vermag, und über das Ende, das ihm sein Herr verlieh, wenn ich dazu fähig bin. Ich will seinen Söhnen verkünden, wie er seinen Lauf beendete und einschlief und auch wie er ausruhte von seiner Arbeit gleich einem ermüdeten Stier. Zur Zeit, als sein Ende herannahte und seine Frucht reifte, da offenbarte ihm sein Herr den Tag seines Todes wie einst dem Moses, er segnete ihn wie einst den Sohn des Amram bei seinem Weggange. Gleich Ezechias gab er seinen Söhnen Anweisung über die Erbschaft. Die Engel stiegen herab und redeten mit ihm wie mit Daniel und machten ihm kund, daß der Zeitpunkt herankomme, wo er ausruhen solle von seinem Tagewerk: „Siehe, der Abend kommt, es naht die Zeit der Ruhe von deiner Arbeit; die Zinsen, die das Kapital getragen hat, erwarten dich! Siehe, es kommt die Zeit, wo dein Leib ausruhen kann von seinen Anstrengungen und deine Seele sich niederläßt in der Schatzkammer des Lebens bis zur Auferstehung! Es naht der Tag, wo du emporsteigen wirst und ausruhen von deinem Tagewerk und zur Vergeltung eilen und auferstehen als ein Glückseliger! Es ist dies die Zeit, da du dich aufmachen und hinweggehen wirst aus dieser Welt an den Ort des Lichtes, der dir bereitet ist von Ewigkeit her! Wohlan, Bauer, verlaß Dein Joch und ruhe aus, denn du bist müde! Hast du ja doch in deinem Eifer mit einer einzigen Kuh dein Feld gepflügt. Wohlan, Schiffer, verlaß das Meer und seine Gefahren, nimm in Empfang deine Beute mit dem Lohn und wohne in Frieden! Nicht sollst du es fürderhin schmerzlich empfinden, daß dein Leib voll war von Schmerzen und Leiden; denn mit Lazarus wirst du dort wohnen bei Abraham! Nicht sollst du dich betrüben, daß dein Körper gleichsam riechend geworden ist vor Entbehrungen, denn von nun an wird sein Geruch gleich dem lieblicher Spezereien sein und du wirst dich dessen freuen! Rufe deine Jünger zusammen, sende sie aus nach deinem Geheiß und sie sollen wachen nach deinem Tode wie zu deinen Lebzeiten! Sprich zur Welt: Ich gehe für dich unter, hin zu Gott; nicht sollst du dich wieder dem Satan zuwenden, auf daß er nicht meinen Ruhm zu Schanden mache“. Nachdem die Engel dies zum Heiligen gesprochen hatten, begannen sie den Berg von allen Seiten zu umgeben; es stiegen herab die seligen Geister um den Staubgeborenen zu preisen und um ihn aufzunehmen mit ihren Flügeln, wenn er emporstiege. Ganze Scharen aus dem Hause Gabriels kamen herab und geleiteten den keuschen Leib, der die Wohnung des Sohnes Gottes gewesen war. Er aber rief seine Jünger zu sich, als er im Begriffe war zu scheiden und ermahnte sie, gleichwie unser Erlöser tat mit seinen Elfen, da er auffuhr: „Den Frieden Jesu hinterlasse ich euch, liebe Jünger, den er uns hinterlassen hat, als er hinaufstieg zu dem, der ihn gesandt hatte! Verbleibet im Frieden und haltet die Gebote, die ihr von mir gelernt habt! Vergeßt mich nicht nach meinem Tode, aber auch meine Ermahnungen vergeßt nicht! Lebet in Frieden, Kirche und Priester an jeglichem Orte! Das Kreuz des Herrn sei euer Bollwerk in eueren Wohnungen, ertraget in Frieden die Bedrängnisse, welche über den Namen Jesu kommen werden, und wie seiner Zeit bei den Makkabäern möge auch auf euere Not eine Zeit der Erholung folgen! Leb wohl, Wagen, der du mich solange getragen hast! Von jetzt an und für alle Zukunft wird dich das Zeichen Jesu geleiten! Leb wohl, du Land, voll von allen nur möglichen Beschwerden; selig, wer dich unbefleckt verläßt! Wie habe ich mich abgemüht auf dir und welche Leiden habe ich erdulden müssen! Aber nicht möge dich nach meinem Tode der Böse in die Irre führen wie die Tochter Jakobs, bei der dies der Fall war, nachdem Moses sie verlassen und sie das Kalb schmiedete! Wirst auch du sprechen: „Simeon ist gestorben, ich will mich nun den schändlichen Lüsten zuwenden?“ Wenn auch ich sterbe, der Messias lebt, und er ist es, den du lieben sollst! Denn wie einem Manne habe ich dich ihm verlobt; ziehe darum jetzt zu deinem Bräutigam! Ich schäme mich deiner nicht, wenn dich dein Verlobter Bräutigam ruft. Deinetwegen will ich hinaufsteigen und das Brautgemach sehen und mich darin ergötzen. Du sollst meiner eingedenk sein vor ihm jeder Zeit an seinem Tisch, und wenn er dich ruft, auf daß du mit ihm hinaufziehest, dann wolle ebenfalls meiner gedenken! Siehe, du brauchst kein Leid zu tragen, denn er hat es für dich auf sich genommen: Bitterkeit und Galle, das Kreuz und die Nägel und das scharfe Schwert; deinetwegen hat Gott den Tod erduldet, während er doch unsterblich ist. Kehre darum niemals wieder zum Irrtum der nichtigen Bilder zurück!“

Als diese Worte vom Seligen gesprochen waren, traten die Engel hinzu und warteten, bis er verschied. Seine Augen waren zum Himmel emporgerichtet, seine Tränen flössen, seine Hände breitete er aus nach Art seines Herrn auf Golgotha; er streckte sie aus und segnete das Land und seine Bewohner. Darauf bezeichnete er sich mit dem Zeichen des Kreuzes, neigte das Haupt und verschied. Die Engel eilten herbei und nahmen sofort die Braut des Lichtes in Empfang; sie erhoben ihre Stimme zum Singen, Satan aber zitterte. Es jubelten die glückseligen Geister einhelligen Lobpreis demjenigen zu, der sich Menschen auserwählt, die über die Engel erhaben sind; sie stimmten einen Wechselgesang an und es widerhallten die Berge und es erzitterte die Erde, da sie sangen1: „Dieser hat den Herrn angerufen und er hat ihn erhört.“ Dann breiteten sie ihre Flügel aus und nahmen seine Seele auf mit ihren Schwingen. Als sie die Arbeitsleistung und die Werke dieses Gerechten sahen, da wurde ihr Antlitz heiter bei seinem Tode, gleichwie sich die Engel des Himmels bei Daniel freuten. Sie kamen zum Himmel und sangen dort: „Das ist die Türe, durch welche die Gerechten eingehen als Erben eines neuen Lebens!“ Sein Geist stieg empor zwischen den Scharen der Himmelsbewohner und die Chöre riefen: „Willkommen, du Braut des Richters!“ Sie stieg empor und kniete nieder vor dem Tribunal der Kraft des Sohnes, und es riefen alle: „Herr, nimm sie auf, denn sie hat mit Dir gearbeitet! Befiehl ihr, daß sie in die Scheune des Lebens gehe bis zur Auferstehung, wenn sich ihr geliebter Körper aus dem Staube erhebt!“ Und als die Jünger sahen, daß ihr Meister eingeschlafen war, da erhoben sie ihre Stimme und es weinten mit ihnen die Steine in den Wänden und es zitterten die Berge. Sie umarmten die Säule und heulten wie die Schakale, und es wurde feucht der Boden von den Tränen, die sie in ihrem Schmerze vergossen. Die Leiche aber stand aufrecht auf der Säule und alle Welt blickte hinauf, und es glaubten die Scharen, daß der Selige nur schliefe. Es standen da die Geschöpfe und schrien auf vor Leid bei der Klage seiner Jünger, die da riefen: „Du hast uns verlassen, o Vater, gleich Waisen! Wohin sollen wir gehen und an wen uns statt deiner als unsere Zuflucht halten? Wer könnte gleich dir uns trösten in unserem Kummer? Wir haben unsere Verwandtschaft verlassen und zu dir, dem Herrlichen, unsere Zuflucht genommen, und du hast uns Verwandtschaft, Familie und Vater ersetzt. Es hatte sich dein Ruf allerorts verbreitet und so haben auch wir von dir gehört. Und als wir zu deiner sprudelnden Quelle kamen, da machte sie der Tod versiegen. Wir sahen dein Licht leuchten wie eine Fackel und eilten auf sie zu, da wehte plötzlich der Wind des Todes und es erlosch ihre Flamme. Unter deinem Schatten suchten wir Schutz wie unter dem eines Baumes, da kam der Tod und fällte dich plötzlich und wir wurden zerstreut. Wie in einer gewaltigen Burg haben wir bei dir Schutz gesucht vor den Räubern, da kam der Tod und brachte sie zu Fall, sie stürzte ein und die Folge war Gefangenschaft. Untergegangen ist unsere Sonne und verdunkelt hat sich das Licht, in dem wir wandelten; und nun straucheln wir an den Steinen des Anstoßes, die auf dem garstigen Wege liegen! Es weint deine Herde, denn verklungen ist der Ton deiner Stimme! Es trauern mit uns die Felsen und die hohen Berge ob deines Hinganges, o gebenedeiter Vater, voll der Gnaden! Die Säule, auf der du Tag und Nacht gestanden, schreit laut auf vor Schmerz und Trauer wegen deines Hinscheidens, auserwählter Vater, o Mar Simeon, Diener Jesu! Nun sind wir deines Umganges beraubt, der voll Leben war; neige dich, o Vater, und verweile wenigstens geistigerweise bei uns! Selig ist dein Geist, der heute sich aufgemacht hat in das Haus des Lebens! Dein Leib ruht nun aus von den harten Feinen und Mühen! Heil deinem Geiste, auserwählter Vater, voll der Wunder, denn du bist nun eingegangen und angelangt im himmlischen Reiche! Der Sohn Gottes, den du geliebt hast von Jugend auf, möge uns seiner Gnade würdigen, damit wir auf deine Fürbitte hin Barmherzigkeit erlangen!“

Gedicht über den Fall der Götzenbilder.

Text: Martin in ZDMG. XXIX S. 107 ff. mit französischer Übersetzung; durch Vergleichung weiterer Handschriften verbessert bei Bedjan a. a. O. III. S. 795 ff. (Nr. 101). Überschrift: „Gedicht des heiligen Lehrers Jakob über den Fall der Götzenbilder.“ — Es sind vor allem drei Gesichtspunkte, welche diese Homilie sehr interessant machen und darum auch der Grund ihrer Übersetzung ins Deutsche waren: Einmal bieten die verschiedenen Angaben über die Hauptsitze des Götzendienstes einen dankenswerten Beitrag zur Geschichte des heidnischen Kultes in Vorderasien (V. 1—137), eine weitere Partie (V. 138—366) enthält interessante Nachrichten über die Anfänge des Christentums, am meisten aber ist es der erhabene ethische Standpunkt, von dem aus das Treiben auf der Welt betrachtet wird, der unser Gedicht so sehr auszeichnet und anziehend macht.

Ein großes Licht ist der Welt aufgegangen in den Tagen des Herrn und hat durch seine Strahlen das ganze Weltall, das voller Trauer war, erfreut. Beim Erscheinen des Vaters gerieten die Schatten, die eben noch in voller Freude waren, in Schrecken, fürchteten sich vor demselben, schlugen einander und verschwanden. Die strahlende Sonne der Gerechten ist von Golgotha aus aufgegangen über die Schöpfung und hat die düstere Nacht verjagt. Die ganze Welt lag in Dunkel und dichter Finsternis und war voll von Götzenbildern wie von Steinen des Anstoßes, die darin aufgestellt waren. Die Menschen waren jeder besseren Einsicht und Willensrichtung beraubt, der göttlichen Lehre waren sie ganz und gar fremd geworden, der Irrtum hatte überhand genommen und allerorts Besitz ergriffen, für die Wahrheit gab es kein Plätzchen mehr, wohin sie sich hätte wenden können.

er Böse war ausgezogen an der Spitze seiner lügnerischen Helfer, hatte Bilder angefertigt und die Erde mit eitlen Götzen angefüllt; die Namen „Gott“ und „Göttin“ hatte er auf dieselben geschrieben, damit die Welt den Namen des wahren Gottes vergessen sollte, wenn sie jene läse. Satan hat sich empört, und um sich Genossen in der Welt zu verschaffen, suchte er die Menschen von Gott abwendig zu machen, stellte Bilder auf und erfüllte damit die Erde; der Verehrung derselben machte er die Völker dienstbar. In den Städten errichtete und baute er dem Irrtum Tempel, stellte von Menschenhänden gefertigte Bilder auf und ordnete sie, damit man ihnen anhange, errichtete in allen Winkeln Glücksgöttinnen auf Säulen und setzte diesen Göttern prachtvolle Denkmäler.

Jeder bemühte sich, nach bestem Wissen und Können, sein Götzenbild zu schmücken. Der eine vergoldete, der andere versilberte es, wieder ein anderer überzog es mit Erz, weil er arm war; einer, der noch ärmer war, schnitzte sich dasselbe aus Holz und staffierte es auf das prächtigste aus. Ein anderer, der es nicht verstand, sich selbst ein Bild aus Holz anzufertigen, kaufte sich seinen Gott beim Töpfer, je nach seinem Vermögen, und gab dem Künstler genau die Art und Weise an, wie er ihn machen sollte: Ein Götterchen, nett und fein, entsprechend dem Preis, den er zu leisten vermochte. Wieder ein anderer mühte und plagte sich ab und litt sogar Mangel, um sich vom Bildhauer den Gegenstand seiner Sehnsucht herstellen zu lassen, wie es seinen Wünschen entsprach. Mit großem Aufwand ließ er sich ein Bild aus hartem Stein anfertigen, damit es nicht zerbreche, falls es irgendwie zu Boden fallen sollte.

So war denn der ganze Erdkreis mit Göttern und Götterchen angefüllt; die Könige hatten die großen, die kleineren waren für das Volk da, entsprechend den jeweiligen Mitteln. Je nach seinem Reichtum erstattet jeder seinem Gott den schuldigen Dank, je nach seinem Besitz schmückt er ihn und betet ihn an. Der Arme aber wendet sich an seinen unansehnlichen Gott, weil seine Börse schäbig ist wie der Gott selber, und nichts darin ist. Die große Stadt besitzt einen hervorragenden Gott um ihn anzubeten, der kleine Flecken macht sich ein Bild entsprechend seiner Einwohnerzahl. Selbst auf den unscheinbarsten Dörfern gibt es kleine Götzenbilder und Idole. So bemühte sich Satan, alle Menschen in die Irre zu führen, so wie er eben selbst irrt.

Ein hervorragendes Götzenbild, die Artemis, hatte er den Ephesiern gegeben, damit wie ihre Stadt, so auch ihr Götzenbild mächtig dastünde. In Rom, der Mutter aller Städte, stellte er den Jupiter auf, der der Vater aller Götter genannt wird. Den Apollo hat er als Gott für Antiochien bestimmt und dazu noch einige andere. In Edessa hat er den Nebo und Bel mit vielen andern aufgestellt. Haran hat er getäuscht durch Sin, Beelsamin, Bar-Kemre, Mari der Hunde, dann durch die Göttinnen Tareta und Godlath. Den Dämon Beelzebub gab er Akkaron, um es zugrunde zu richten, den Söhnen Moabs den Kemos als Gott, um sie zu täuschen, den Söhnen Ammons setzte er den Götzen Malkum als Herrn ein, Sidon führte er durch das berühmte Bild der Asteroth in die Irre. Aus Mabug machte er die Stadt der Götzenpriester und gab ihr einen entsprechenden Beinamen, um sie für immer an den Dienst der Götzenbilder zu fesseln, eine Schwester Harans, das gleichfalls ganz und gar dem Opferdienst ergeben war. Weil diese Städte in ihrem Irrtum einander ähnlich waren, liebte er sie beide ganz besonders. In Sepharvaim hat er das lichtscheue Hierodulenwesen mit männlichen und weiblichen Prostituierten eingerichtet und in Delasar hat er gottgeweihte Mädchen aufgestellt.

Äthiopien und Indien beten die Sonne an, als ob sie Gott wäre. Durch alle möglichen trügerischen Mittel suchte er die Oberherrschaft an sich zu ketten. Baalbeck hat er der Aphrodite und ihrem unsauberen Dienste ausgeliefert, dazu Göttern ohne Zahl und Göttinnen in Menge. Für das Philisterland stellte er den Dagon auf, um dadurch die Einwohner in die Irre zu führen. In Ägypten machte er Stiere und Schafe zu Göttern. Den Assyrern gab er an Stelle der Gottheit die Elemente, so daß sie Wärme und Kälte anbeteten; einen anderen Ort hat er verführt zu Nesrok, dem Götzen des Krieges. An wieder einem anderen Ort stellte er das Bild der Nanai auf, um die Bewohner in die Irre zu führen. Babel machte er abwendig durch alle möglichen Weissagungskünste und lehrte es die Magie mit all ihren Wundertaten. In Persien hat er einen räuberischen Adler herstellen lassen, auf daß er verehrt würde. Die Hunnen beten das Pferd an als ihren Gott.

Die Tochter des Volkes hat den Malkom angenommen, den Kevan angebetet, Kälber angefertigt, Götzenbilder liebgewonnen und sich an Estiro gehängt, hat den Gestirnen nachgebuhlt und Götzentempel auf den Plätzen errichtet. Baal war sein Freund, das Kalb sein Gefährte und die Dämonen seine Verwandten. Von den Wahrsagern und Zauberern hat es die Wahrsagekunst empfangen, hat sich Götzenbilder geschnitzt und dem Tamuz eine Trauerfeier veranstaltet. Die Dämonen hat es angebetet, sogar seine Söhne und Töchter hat es den Teufeln geopfert, der Therebinte, dem Pappelbaum und der Eiche hat es Feste veranstaltet, sogar zu den eitlen nächtlichen Erscheinungen hat es seine Zuflucht genommen. Den Dämonen und Glücksgöttinnen setzte es wohlgefüllte Tafeln vor, und auch das genügte ihm oft nicht. Gleich der Zahl seiner Ortschaften waren zahlreich seine Götter, und auch das war noch zu wenig, so daß es sich Götter mit vier Gesichtern machte.

Die Erde war angefüllt mit Göttern und Göttinnen, das auserwählte Volk ging ebenso wie die übrigen Völker eitlen Götzen nach, es widerhallte der Erdkreis von den ärgerlichen Festversammlungen zu Ehren der Götzen und die Welt ordnete unsaubere Feste für ihre Götter an. Die Erde war verdunkelt vom Rauche der Brandopfer und die Luft verpestet durch den Gestank der unreinen Opfer. Alle Geschöpfe waren unter die Herrschaft der Eitelkeit gekommen und zu Dienern des Satans geworden, dem sie gehorchten. Die Welt hatte aufgehört, die Tugend zu üben. Der Böse hatte sie gelehrt sich geschnitzte Bilder zu machen, mit welchen er sie verführte, und nun bauten sie auf den Gipfeln der Berge Paläste für ihre Götter und auf den Anhöhen ausgemalte Tempel für ihre Götterchen. Die Völker erhoben ihre Stimme um ihre Götter zu preisen, und die Erde ließ die eitlen Lieder erklingen, welche sie der Böse gelehrt hatte. Die Nationen ordneten sich gleichsam in Chöre, um mit ihren Zungen die Götter, die sie lieb hatten, möglichst kräftig zu preisen.

Auf dem einen Berg opferten sie dem Mars ein Schlachtopfer, auf dem andern ward dem Hermes ein Brandopfer dargebracht; ein Teil erhielt den Beinamen „Herkuleswohnung“, eine andere Anhöhe dagegen wurde „Götterwohnung“ genannt. Es gab schließlich keinen einzigen Berg mehr, der nicht mit Opferblut benetzt worden wäre, keinen Hügel, der nicht überschwemmt worden wäre von Libationen. Jünglinge wurden in den Festversammlungen zu Ehren der Dämonen geopfert und Mädchen zu Ehren der Götzen geschlachtet. Satan hat unschuldiges Blut vergossen und die Erde befleckt; der Opferrauch verfinsterte die Sonne trotz ihrer hohen Stellung; denn die Feinde der Wahrheit haben die Menschen verblendet und die Geschöpfe verführt, der Sonne, dem Monde, den Sternen und überhaupt den Gestirnen zu dienen, Feuer und Wasser und sogar die wilden Tiere ließ er sie anbeten. Bildern, gemalten wie Statuen, hat er sie unterworfen und mit allen Mitteln die Erinnerung an den Schöpfer zu vernichten gesucht.

Während nun der Abfall allüberall immer mehr überhand nahm; während alle Städte ihren Göttern dienten und der Götzendienst in der ganzen Welt blühte; während niemand mehr auf der Erde den Namen Gottes aussprach; während die Berge widerhallten von den ausgelassenen Festen zu Ehren der Göttinnen und die Täler angefüllt waren mit Götzenbildern und Gottlosigkeit; während Satan sich die Krone aufsetzte und die Welt seiner Herrschaft unterwarf und sich brüstete, daß er die Geschöpfe beherrsche und sich dienstbar gemacht habe; während der Irrtum sich freute, endlich von der Welt Besitz ergriffen zu haben; während die Dämonen jubelten über die Menge der Völker, die sie zum Abfall verführt hatten, alle Lügengeister in ausgelassener Freude schwelgten und die Teufel Freudenchöre aufführten an den Götterfesten; während die Götter auf den berühmtesten Thronen saßen und die Götzenbilder auf prachtvollen Säulen standen, ihre Priester in Byssus und kostbare Gewänder gekleidet waren und ihre Altäre angefüllt waren mit unreinen Brand- und Schlachtopfern; während also der Götzendienst auf der ganzen Welt sein Horn erhob und die Schöpfung den Irrtum in großen Zügen hineintrank, in welchem sie befangen war: da zeigte sich das Kreuz auf Golgotha, und sofort erzitterten die Götter und schwankten und die Göttinnen stürzten zu Boden! Die Götzen der Erde sahen es und fielen aus Schrecken davor zu Boden, die Priester flohen und verbargen sich in Schlupfwinkeln, von Furcht überwältigt; gleich als ob man ein Fest gegen die Dämonen auf der Höbe von Golgotha organisiert hätte und die Hände für jeglichen Irrtum schlaff geworden wären!

Da sagte der Böse: „Wer ist doch dieser, der solches vermag? Siehe doch, wie die Götzen vor ihm ins Wanken geraten, bis sie schließlich zusammenstürzen! Schließt euch zusammen, ihr meine Götter, und zittert nicht! Warum laßt ihr euch denn schon durch den bloßen Anblick, ohne Kampf, in Verwirrung bringen? Geduldet euch doch ein wenig, bis ich sehe, wer es eigentlich ist, vor dem ihr so in Schrecken geratet, ob es eine starke oder schwache Persönlichkeit ist!“ Und während die Götzenbilder allüberall ins Wanken gerieten und zu Boden stürzten, eilte Satan herbei um den Gekreuzigten zu sehen, wo und wer er sei. Da sah er nun einen armen, schwachen, erschöpften Menschen mitten in Leiden, und nun begann er seinen Genossen wieder Mut zu machen, sie sollten sich doch nicht fürchten: „Wie doch, ihr Götter, konntet ihr in Schrecken geraten vor einem so schwachen Wesen? Warum denn, ihr Göttinnen, fürchtet ihr euch vor einem so elendenGeschöpf? Es ist ja kein Riese und auch kein König oder sonst ein Mächtiger, sondern ein Gekreuzigter, ganz nackt und mit Schmach und Schande bedeckt, ein Mann ohne Ansehen, ohne Glanz und Größe, geschwächt, abgemattet, von allem entblößt und unter den schwersten Leiden seufzend; es ist ein armer, elender, ganz erschöpfter Mann, der einen unsäglich traurigen Anblick gewährt; ein armseliger, gefesselt und nackt und bloß aufgehängt am Holze; seine Seiten sind zerrissen, sein Haupt ist zerschunden, sein Angesicht mit Speichel bedeckt. Seine Füße sind gefesselt, seine Hände durchbohrt, und niemand ist, der ihm helfen würde!“

Während nun Satan sich so ereifert und seinen Genossen Mut machen will, da erhebt der große Erlöser mächtig seine Stimme und stößt einen Laut, einen gewaltigen Ruf aus, und die Schöpfung erzittert! Die Dämonen schreien laut auf aus Furcht, denn er hatte sie in Schrecken gesetzt; und unter den Göttern wird die Erde erschüttert bis in ihre Grundfesten. Und sie geraten ins Wanken und fallen alle zur Erde, schmachbedeckt. Ihre Standbilder zittern und stürzen zu Boden, ihre Säulen bersten. Ihre Priester erröten und Staunen ergreift ihre Anbeter. Ihre Feste verschwinden und Verwüstung macht sich breit auf den Trümmern. Ihre Tempel stehen verlassen und in ihren Palästen nisten die Igel. Ihre Wände sinken zu Boden und der Zusammensturz vernichtet ihre Bekleidung. Es hören auf die Spenden, jedermann flieht von denselben weg, ihre Tempel veröden und ihre Priester fallen der Verachtung anheim. Die Versammlungen lösen sich auf und kein Mensch besucht mehr ihre Feste. Verlassen sind die Wege, die zu ihnen führen, und ihre Festfeier flieht alle Welt. Im Dunkel verlieren sich ihre Altäre und in ihre Gebäulichkeiten fällt Feuer. Man möchte meinen, daß gleichsam ein Wirbelwind zwischen die Gottlosen gefahren sei und sie in Ruinenhügeln aufgehäuft habe an verschiedenen Orten. Zerschlagen liegen da Stein- und Tonbilder in einem Haufen beisammen und bilden einen Schutthügel, der Gelächter und Spott herausfordert.

Beschämt steht Satan da und weiß nicht, was er tun soll; während er das eine Götterbild wieder aufzurichten sucht, fällt ein anderes zu Boden; während er dorthin eilt, um einen Gott von seinem Fall wieder zu erheben, hört er den Lärm, den hier ein einstürzender Tempel hervorruft. Während er dieses Götterchen, das in Trümmer gegangen ist, wieder in Ordnung bringt, tönt schon wieder das Getöse an sein Ohr, das der Fall einer anderen Göttin verursacht. Eifrig sammelt er die Scherben dieser Götterchen und während er sich bemüht, sie wieder zusammenzufügen, ertönt das Gekrach weiterer Götzen, die ebenfalls zur Erde stürzen. Ohne Mitleid werden die Tempel der Fortuna zerstört; in den Städten gehen die Heiligtümer der Dämonen in Trümmer und die Standbilder der Erdgöttin fallen von ihren Sockeln.

Da ergreift Satan die Flucht und er verhüllt sein Haupt vor Scham, da er sehen muß, daß der Gekreuzigte stärker ist als er und ihn entlarvt hat, daß ein Licht von Golgotha aus über die Völker strahle und in demselben alle Götzen als Menschenwerke offenbar werden. Und nun versammeln sich die Dämonen wider Satan um ihn zu strafen, sie umgeben ihn in dichtgedrängten Scharen um ihn zu verhöhnen: „Wo ist nun deine Kraft? Wo deine Gewalt? Wo deine Macht? Wo ist nun überhaupt deine Weisheit und deine List? Wer wird sich von nun an nicht über dich lustig machen, da ein armseliger Mensch deine Macht niedergeworfen und deine Krone zu Boden geschleudert hat? Wo ist nun deine gewaltige Herrschaft, du Menschenmörder? Ein einziger Leichnam hat deine Götter besiegt und zur Erde gestürzt! Deine Kraft ist gebrochen, deine Altäre von Grund aus zerstört im Bereiche der Völker; die Erde lehnt es ab, sich deiner Herrschaft noch weiterhin zu fügen. Wo sind nun deine Stricke und Fangnetze? Denn deine ganze Beute lief von dir hinweg nach Golgotha. Wo sind nun die Jagdnetze, die du ausgespannt hast? Alle Vögel, die du dir gefangen hattest, hat dir der Gekreuzigte abgenommen. Die Frucht deiner Mühen, deine glänzenden Bauten, deine gewaltigen Tempel, die kunstvoll ausgestatteten Paläste deiner Götter, deine Idole und Bilder und Heiligtümer hat dir der Gekreuzigte zerstört und deine Gebäude hat er von Grund aus vernichtet. Was willst du nun anfangen? Die Statuen, Bilder und all der Glanz der Künste, die du in deinen Dienst gestellt, siehe, sie sind verschwunden und jedermann lacht über deine Listen!

Der Böse erwiderte darauf: „Nicht ein Mensch ist es, der mich überwältigt hat, ich brauche mich darum nicht zu grämen, auch nicht meinesgleichen ist es, der mich niedergetreten und meine Götzenbilder zertrümmert hat, ich habe darum keinen Grund mich zu schämen, sondern Gott selber, der Sohn Gottes ist es, dem ich im Kampfe unterlegen bin. Das, was ich ihm geraubt habe, hat er mir wieder abgenommen und es ist nun in seinem Besitz. Als ich noch nichts besaß, habe ich es ihm abgenommen, nun aber ist eine andere Zeit gekommen: Ich, der ich zuvor im Überfluß hatte, leide jetzt Mangel, der ich zuvor auf der Höhe stand, bin jetzt beschämt. Wo ich sein mag, stehe ich vor ihm. Er hat genommen, was ihm gehört, und mich mit Schmach überhäuft, was für ihn ein leichtes war. Für mich ist die Zeit gekommen, mich vor ihm zu verdemütigen, denn er ist stärker als ich. Er hat mich hintergangen, denn wie ein Spion ist er in unser Gebiet eingedrungen und hat den Kampf ganz bescheiden begonnen, so daß ich ihn nicht erkannte. Er hat sich erniedrigt, sich selbst preisgegeben, man hat ihn ergriffen und gekreuzigt, und erst am Schluß erkannte ich an dem Ruf, den er ausstieß, wer er sei. Was wollte ich tun? Konnte ich die Sonne hindern sich zu verdunkeln? Hätte ich mich aufmachen und die Toten abhalten sollen sich zu erheben? Oder hätte ich die zitternde Erde festhalten sollen, auf daß sie aufhörte sich zu bewegen? Dadurch hat er mich zu Boden getreten; eben, weil er Gott ist, hat er mich besiegt!“

Das Kreuz ist wahrhaftig für die Welt ein großes, wunderbares Schauspiel! Wenn man es mit den Augen des Geistes betrachtet, kann man es nur bewundern! Während die Götter mit Gold, die Göttinnen mit Silber überzogen sind, tritt ihnen der Auserwählte ganzentblößt gegenüber! Während die Riesen in der Gefolgschaft des Herkules gewaltig stark sind, ist er schwach und tritt in ihre Mitte wie eine Erscheinung. Die griechischen Philosophen glänzen durch ihr Wissen, er aber ist wie ein Idiot und ein verächtlicher Mensch und so tritt er den Weisen gegenüber. Während die Machthaber sich prachtvoller Wagen bedienen, nimmt er ein verstümmeltes Holz zu seinem Gefährte und beginnt so seinen Weg. Und trotz all der Armut, die ihn bedeckt, wagt er sich an das Gold der Götzen und zermalmt es. Auf ihm lastet alles Leid, alle Krankheiten, und doch überwindet er die staunenerregenden Riesen und reißt sie nieder. Während er in tiefster Unwissenheit befangen zu sein scheint, erliegen die Weisen und Philosophen aus Schrecken vor ihm. Auf dem Holzstumpfe, auf welchem er Platz genommen hat, erfüllt er selbst die Eiligen mit Staunen und läßt sie mit ihren Gefährten weit hinter sich. Es eilt dahin die Sonne auf den schnellen Rädern des Lichtes, aber das auf Golgotha aufgepflanzte Kreuz überholt sie, so daß sie stehen bleibt, ihm zuzusehen. Er macht zuschanden und beschämt die Mächtigen, denn er verurteilt sie in ihrer Nichtigkeit trotz ihrer Machtmittel, die ihnen zur Verfügung stehen. Obwohl selbst tot, besiegt er doch Riesen und wirft sie zu Boden und sie werden zum Gespötte, da ein Leichnam sie in Ketten gelegt hat.

Aber nicht, weil er besonders groß ist, hat er gesiegt, denn er ist tatsächlich nicht groß, sondern mit Rücksicht auf die Art und Weise und auf die Mittel, mit welchen er die Starken bekämpft hat. Denn wenn er sie als der Große, der er wirklich ist, niedergeworfen hätte, dann wäre es nicht seine Weisheit, welche gesiegt hat, sondern seine Stärke. Darum ist er klein geworden und hat sich erniedrigt, damit seine Weisheit siege und nicht seine Macht. Und gerade das ist das Großartige, daß ein niedriges Wesen die Mächtigen besiegt hat. Die Armut stellte er dem Reichtum gegenüber und gegen die Weisheit bot er die Unwissenheit auf. Er sah die Gestalten der Dämonen und kleidete sich in Niedrigkeit, Schwäche stellte er gegenüber der Riesenkraft. Holz und Stein waren zu trügerischen Göttern geworden; da stieg der Sohn Gottes herab, wurde Mensch und zertrümmerte sie. Arm und elend, gedemütigt und erniedrigt, verachtet und verhöhnt, unscheinbar, verhaßt, vergewaltigt, verrufen, zum Schweigen verurteilt und verspottet, gefoltert, gepeinigt, gefesselt, verkannt, nackt und entblößt, gekreuzigt und zerschunden, durchbohrt und gelästert, einbalsamiert, wird er behandelt als ob er nichts wäre. Man nimmt ihn fest und richtet ihn hin, man begräbt ihn und richtet ihn her, gerade wie einen Toten, dessen Licht ausgegangen, der ausgerungen und aufgehört hat zu leben, dessen Ende nun vorüber ist. Aber auf einmal erhebt sich dieser Schlafende, stürzt die Götter und zermalmt die Götzen, zertrümmert die Statuen und wirft die Standbilder zu Boden, zerstört die gemalten Bilder, zerstäubt die gegossenen und vernichtet die Werke von Menschenhand. Er triumphiert über jene, die bisher angebetet wurden, versammelt die Völker und ruft die Nationen herbei, baut Kirchen, errichtet Gotteshäuser, weiht Altäre und erwirbt Anbeter. Die Scharen umringen ihn, es lobsingen ihm die Chöre. Er bestellt sich Priester, reinigt die Unreinen und heiligt die Sünder; er ruft diejenigen herbei, welche in der Ferne weilen, nimmt wohlwollend auf die Nahen und rechtfertigt die Zöllner. Er richtet auf die Verlorenen, bewahrt die Wiedergefundenen und sammelt die Zerstreuten; er heilt, was gebrochen ist, und erneuert so die Erde und erleuchtet den Erdkreis. Er verstopft alle Lücken der Welt, die ganz zugrunde gerichtet war. Er richtet die Schöpfung wieder auf gleich einem Architekten, nachdem sie ganz zerrüttet war. Zuversichtlich steigt er auf die Trümmer und bringt wieder in Ordnung, was die Herrschaft des Verleumders umgestürzt hat; wie geschrieben steht, tilgt er Gestrüpp und Brennessel von der Erde aus, und pflanzt in Fülle Tannen und Myrten, und alles ist voller Annehmlichkeit.

Auf den Gipfeln der Berge errichtet er Kloster an Stelle der Fortuna-Tempel, und auf den Hügeln baut er Gotteshäuser an Stelle der Götzenheiligtümer, und auf den verlassenen Ruinenstätten richtet er Wohnungen ein für die Einsiedler. Überall, wo früher die lügnerischen Dämonen ihre Gesänge anstellten, begründet er den Gottesdienst; da, wo die Weiber die Taschen füllten, teilt er seinen Leib aus. Da, wo man früher teuflischen Lärm hatte hören müssen, vernimmt man jetzt die süßen Klänge des Heiligtums. In alle Winkel, die früher in Finsternis lagen, dringt sein Licht ein, und an Stelle der Nacht setzt er Tageshelle für die ganze Welt. Mit allen möglichen Gütern erfüllt er die Schöpfung an Stelle des Bösen, wie er einst auch beim Feste Wasser in Wein verwandelt hat. Er räumt auf mit den unsauberen Festen des Götzendienstes und erfüllt die Erde mit Scharen, welche in heiliger Weise Loblieder singen.

Die Apostel des Sohnes ziehen hinaus in die Welt, zwar ganz demütig; allein sie sind das Salz und die ganze Welt wird damit gewürzt. Zwölf Arbeiter schickt er aus um die Erde wieder herzustellen, aber diese sind tüchtige Baumeister und bringen alles wieder in Ordnung. Er schickt sie hinaus in die Welt, arm und unwissend, und sie ziehen hin zu lehren die Reichen und Gelehrten. Sie werfen zu Boden und stürzen nieder die Paläste der Eitelkeit und als wahrhaftige Architekten bauen sie Kirchen auf dem ganzen Erdenrund. Von ihnen erlernt die gesamte Welt den Dienst der Wahrheit und sie beginnt jetzt der Gottheit heilige Tempel zu errichten. Sie geht daran ihre Götzen von sich zu werfen und zu zertrümmern, denn jetzt ist ihr ein Licht aufgegangen und sie sieht nun, daß es Machwerke sind. Das Kreuz hat sie durch sein Licht erleuchtet und nun erkennt jedermann, daß die Götzen Holz und Stein sind und nicht Gott. Und jetzt fangen die Menschen auch an, ihre Götter zu berauben, ziehen das Gold herab, mit welchem sie bedeckt sind, sie lösen das Erz und Silber der Göttinnen ab und nehmen es zu sich und entblößen ihre Götzenbilder unter großem Hohngelächter.

Satan ist bestürzt und weiß nicht, was er tun soll. Denn allüberall verjagt ihn das Kreuz, wohin er sich wendet. Er flieht von Rom, weil dort seine Götzen gestürzt worden sind, und kommt nach Ephesus, aber seine Göttin ist dort ebenfalls zu Boden geworfen und zertrümmert. Beim Bau einer Kirche hat er dort den Simon verlassen, und nun findet er hier eine andere Schar vor, nämlich von Johannesjüngern! Paulus verjagt ihn aus Kleinasien und auf der Flucht begegnet ihm der große Petrus, der seine Bilder in Phrygien zerstört hat. Er geht nach Indien, aber siehe, der Baumeister der Wahrheit, Thomas, das Maß in der Hand, baut an einem großartigen Palaste. Er flieht aus Äthiopien vor dem Jünger, der ihn vertreibt, und kommt nach Ägypten, wo er aber gleichfalls sehen muß, daß alle seine Götzen gestürzt sind. Er findet hier Lukas beschäftigt, wie er die Götzentempel zerstört und mit Ausdauer an der Kirche im Pharaonenlande baut. In Antiochien jammert er laut auf beim Anblick der Fundamente, die dort Simon für die Kirche gelegt hat, und schließlich verjagt ihn auch noch Ignatius, der in ganz Syrien berühmt ist wegen seines Martyriums. Er kommt nach Jerusalem, das seinen Gott getötet hat, in der Hoffnung dort Ruhe zu finden, allein Jakobus der Gerechte empfängt ihn hier mit Vorwürfen, so daß er sich auch hier nicht halten kann. Markus hat ihn aus Gallien hinausgetrieben und seine Betrügereien aufgedeckt. Er zittert vor Matthäus und wagt es nicht, in das Land der Jebusiter zu kommen. Dem Andreas unterliegt er am Ufer des Meeres; alle Götzen, die es dort gibt, hat jener zerschlagen. Er wendet sich nun nach Edessa, aber hier findet er ein großartiges Schauspiel! Ein König ist zum Arbeiter geworden und baut eine Kirche, und der Apostel Addäus steht an der Spitze des Baues; der König Abgar legt seine Krone nieder und arbeitet mit ihm. Wenn der Apostel sich mit dem König verbindet, welcher Götze müßte da nicht vor ihnen zu Fall kommen? Der Satan flieht nun vor den Jüngern nach Babylon, aber die Kunde von der Kreuzigung ist ihm bereits nach Chaldäa vorausgeeilt. Denn er muß sehen, wie man sich bereits lustig macht über die Nichtigkeit des Horoskopes und spottet über das Los, weil es ganz und gar unzuverlässig sei. Auf den Gekreuzigten und auf Nazareth hört man allüberall und alle anderen Lehren werden von den Völkern zurückgewiesen. Die Götter sind verachtet, die Göttinnen gelten nichts mehr, da überall das Kreuz ihren gewaltigen Irrtum enthüllt hat.

Satan muß also sehen, daß er allerorts von der Wahrheit vertrieben ist; das Kreuz hat ihm seine Krone abgenommen und ihn zum Gegenstand der Verachtung gemacht. Die Erde hat sich gegen die Götter empört und zum Gottessohn ihre Zuflucht genommen, und sie erkennt nun wiederum keinen anderen Herrn an als diesen allein.

Der Böse ruft nun den Irrtum, den Vater aller Eitelkeit, und beratschlagt mit ihm, denn es ist ihm nicht recht gut zu Mute wegen dessen, was geschehen ist. „Was sollen wir nun tun, Bruder Irrtum?“ sagt er zu ihm. „Alle unsere Betrügereien sind enthüllt; wer wird ferner noch auf uns hören? Der Gekreuzigte ist das Licht; wie können wir da mit den Erleuchteten zusammen wohnen? Denn unser Weg und unser Denker gehören ins Dunkel. Unsere Götzen hat er alle zertrümmert und vernichtet, unsere Götterchen hat er zerbrochen und zerschlagen. Die Bilder hat er entlarvt, beraubt und entehrt, unsere Gemälde zerstört und zunichte gemacht, unsere Idole und Gottheiten zu Staub zerstoßen, die mächtigsten Götter hat er zerschmettert und den Staub in den Wind zerstreut. Die Häuser, die ich der Eitelkeit gebaut hatte, hat er zerstört und die Tempel der Dämonen an allen Orten niedergerissen. Die Steine und das Holz, aus welchen die Götzentempel bestanden, hat er hinweggenommen und sie für seine Bauten verwendet: So spottet er meiner. Er hat die Welt geheiligt durch die Altäre, die er allerorts errichtet hat; durch die Tempel, die er in den Städten gebaut hat, hat er mein Andenken vernichtet. Was soll ich tun, nachdem so unser Handwerk kaltgestellt ist? Denn fürwahr, ich vermag es nicht vom Bösen abzulassen! Komm, Irrtum, suchen wir irgend ein Mittel um uns zu trösten! Legen wir der Welt ein anderes Netz um sie zu fangen! Wir wollen versuchen sie dadurch zu verführen, daß wir ganz sachte die Liebe zum Golde einführen; diese wird den Verlust aller Götzen, welche uns zerbrochen worden sind, ausgleichen! Die Liebe zum Golde wird uns die Göttinnen ersetzen! Wohlan, laß uns an die Arbeit gehen, auf daß sich die Welt darin verfange und daran sterbe! Die Götter wieder auf die Erde zurückzuführen, daran ist nicht zu denken, denn der Sohn Gottes ist der Welt erschienen und hat sie verjagt. Die Erde hat ihren Herrn, der in ihm gekommen ist, gesehen und sie dürfte sich wohl nicht mehr bereit erklären, unseren Götterchen als ihren Herren zu dienen. Da also der Götzendienst überall ausgerottet ist, möge die Liebe zum Golde an seine Stelle treten und sie wird genügen! Würden wir verlangen, die Welt solle ihren Herrn verleugnen, so würde sie nicht auf uns hören; darum soll sie das Gold lieben, dann wird sie auch Gott selbst hassen sowie den Glauben, den man die Menschen gelehrt hat und ihn nicht mehr ertragen. Laßt uns sie also die Habgier lehren, diese wird sie zu Apostaten machen. Die Apostel haben sie erstickt, weil sie das Geld haßten. Komm, laß uns ans Werk gehen, denn wenn ihre Jünger das Gold lieben, dann ist der Sieg unser. Die Apostel haben es mit Füßen getreten, wie sie es mit den Götzenbildern gemacht haben; aber wenn wir es erreichen, daß das Gold wieder geehrt werde, so heißt das soviel wie die Götzen wieder zu Ehren bringen. Man hat die Götterbilder umgestürzt, die Thaler aber wird man nicht umstürzen, die an ihre Stelle treten sollen. Durch sie werde ich alle meine Wünsche durchsetzen. Mit ihrer Hilfe werde ich die Menschen von Gott abwendig machen, durch sie werde ich die Lüge bei den Wahrhaftigen einführen, mittels ihrer werde ich die Priester aus dem Wege räumen, deren Meister mich getötet haben, durch sie werde ich die Diener der Gottheit unschädlich machen, mit ihnen werde ich die Einsiedler in ihren Zellen niedertreten, mit ihrer Hilfe werde ich der Klugheit der Fastenden auf den Grund kommen! All mein Sinnen und Trachten ist jetzt auf die Goldgier gerichtet, denn die gestürzten Götter kann ich doch nicht mehr aufrichten!

Komm also, Irrtum, denn unser Hilfsmittel ist jetzt ganz und gar Mammon! Nur durch ihn können wir unsere Wünsche verwirklichen! Laß uns darum die Goldgier entflammen und sie in die Kirche einführen! Sie wird die unschuldige Schar des Johannes verderben, sie wird den Priester verleiten, daß er auf Zins sein Geld ausleiht; dann bin ich mit ihm einverstanden, dann mag er meine Bilder niederreißen, wenn sie stehen! Wenn der Mensch einmal kein Vertrauen auf seinen Gott mehr hat, der ihn nährt, und nur heuchlerisch die äußere Anbetung vornimmt, was kann mir dann schaden? Besonders, wenn er sich einmal der Sorge hingibt, da ihm doch befohlen ist sich nicht zu sorgen! Wenn nur der Jünger einmal das Gebot mit Füßen tritt, dann mag er auch mich niedertreten! Wenn er einmal auf Golderwerb ausgeht, nachdem doch geschrieben steht, daß er nach seinem Besitz nicht streben soll, warum soll ich mich dann darüber ärgern, daß er kein Götzenbild in seiner Wohnung hat? Wenn das Vertrauen der Seele sich von Gott abwendet, besonders wenn der Mensch sich bloß mehr zum Scheine an ihn wendet, dann gehört sie mir! Sehe ich einen Einsiedler, dessen Beutel mit Gold gefüllt ist, dann möge er alle meine Götzen, die der Vernichtung entgangen sind, zu Boden werfen! Wucher soll der Priester treiben und vom Zins möge er sich eine Axt verschaffen und mit derselben alle Heiligtümer der Götter zertrümmern!

Die Liebe zum Gelde ist ein viel größeres Idol als die Götzen selber; die Apostel haben sie ausgerottet und mit Füßen getreten gleich den letzteren. Sie möge jetzt allein herrschen, wenn sie sich aus dem allgemeinen Ruin gerettet hat. Sie allein gibt mir gerade soviel, als ob noch alles stünde. Mit ihr habe ich den Iskariot, den Jünger des Herrn, erdrosselt; denn ich hatte keinen anderen Strick zur Verfügung um ihn einzufangen als diesen. Mit ihrer Hilfe habe ich auch Ananias und sein Weib zugrunde gerichtet, denn damals hatte kein Götzenbild irgendwelche Bedeutung. Ja, die Goldgier versteht es, den Kampf mit Gott selbst aufzunehmen, während von den Götzenbildern keines die Kraft besitzt sich mit ihm einzulassen. Diese Leidenschaft nimmt die Seele dermaßen gefangen, daß sich die Hoffnung verdunkelt, die jeder Mensch im Vertrauen auf Gott besitzt. Für jeden, der einigermaßen darüber nachdenkt, ist es klar, daß der Reiche mehr auf den Mammon vertraut als auf Gott.“

Das ist das Idol, das Satan in die Welt eingeführt hat an Stelle der Götzenbilder; und siehe, es wird verehrt von nah und fern. Der Feind unseres Geschlechtes, der auf unsere Vernichtung erpicht ist, beneidet uns und legt uns goldene Fangnetze, um uns darin zu verderben. Die Seele wird von der Goldgier betrunken wie vom Weine, alle ihre geistigen Fähigkeiten werden da blind gegen die Pflichten selbst am Tage. Denn kein Diener kann zwei Herren dienen; das Gold ist aber offenbar dem Herrn entgegengesetzt, wie geschrieben steht. Die Heilige Schrift stellt nicht die Götzen mit Gott zusammen, sondern das Gold, dieses und Gott sind die zwei Herren. Daß ein Götze verächtlich und wertlos ist, weiß jeder Mensch, aber nur der, der auch das Gold zu hassen weiß, hat eine richtige Erkenntnis. Wie Gott, so verlangt auch das Gold einen Dienst; denn wenn du es liebst, dann ist es dein Herr und du arbeitest in seinem Dienste. Du hast also zwei Herren: der eine ist Gott und der andere Mammon. Zittere darum vor diesem Götzen, denn er ist ebenso stark wie Gott! Zwei Herren sind es, welche darum kämpfen dich zu besitzen! Wähle dir einen davon, den wahren, und bleib ihm dann auch treu! Veranlasse deine Seele entweder Mammon oder Gott zu wählen, denn beiden zugleich zu dienen ist durchaus unmöglich. Das Gold ist für denjenigen, der es besitzt, gleich einem Gott und kein Mensch kann zwei Göttern dienen. Jeder Mensch setzt sein Vertrauen auf seinen Gott, den er liebt, und derjenige, der zur Geldliebe hinneigt, setzt auch seine Hoffnung auf dasselbe, auf das Gold vertraut er und nicht auf den Herrn, dem er angehört. Wer aber nicht auf Gott vertraut, betrachtet ihn nicht als seinen Gott; denn wenn er wirklich Gottvertrauen besizt, warum verläßt er sich dann auf das Gold? Wenn nicht das Gold dein Herr ist, warum läßt du dich dann täuschen? Unser Herr, der alles ganz klar erkannt hat, hat gesagt, daß das Gold der Herr dessen sei, der in seinem Dienste steht und es besitzt. Er hat seine Herrschaft verglichen mit jener der Gottheit selber und erklärt, daß es gleich Gott der Herr für denjenigen sei, der es liebt. Welches andere Idol vermöchte es, so weit zu gehen, daß ihm Gott an die Seite gestellt würde in Bezug auf seine Herrschaft, außer dem Golde? Welche von all den brühmten Gottheiten hat die Welt in ähnlicher Weise unter seine Herrschaft gebracht wie die Liebe zum Gold denjenigen, welchen sie besiegt? Sie ist ein versteckter Götze, eine Art Baal möchte man sie nennen, der die Menschen von Gott abzieht und verdirbt.

Die Heilige Schrift bezeugt, daß das Gold seine eigenen Diener hat, ebenso bezeugt sie, daß auch Gott seine eigenen Diener besitzt. Gleich Gott wird es als Herr bezeichnet und niemand kann ihm und Gott zugleich dienen, wie geschrieben steht: „Kein Diener kann zwei Herren dienen.“ Es ist darum geoffenbarte Wahrheit, daß das Gold für seine Besitzer eine Art Gottheit ist. Sicherlich ist damit nicht gesagt, daß das Gold die Kraft besitzt Herr zu sein, sondern daß die Menschen selbst sich ihm unterwerfen um dessen Sklaven zu sein. Wenn das Ohr sich verleiten läßt, darauf zu hören, ist es auch schon dein Herr; denn die Liebe zu ihm durchdringt deine Seele und kettet sie an den Mammon. Wenn sie sich aber so an den Mammon hängt, wird sie von Gott verworfen. Es entzündet sich dann an demselben die leidenschaftliche Begierde danach, die Seele gewinnt ihn lieb, denkt nur mehr an das Gold und wird dadurch ins Verderben gestürzt. Sie vertraut nur mehr auf dasselbe, erhofft von ihm die Befriedigung aller Bedürfnisse, und das Vertrauen auf Gott verschwindet.

Ich spreche nicht gerne von der Goldgier, denn die ganze Welt ist ihr unterworfen wie einem Gott, und ich muß der ganzen Welt als Richter gegenüber treten, wenn ich darüber sprechen will. Wer wird da auf mich hören, zumal ich nirgends Hilfe finden kann? Nur der Gegenstand meines Mimra hat mich auf dieses Thema geführt; und wer den Gegenstand, der in erster Linie behandelt wurde, erfaßt hat, wird auch dieses verstehen. Ich wollte über den Verfall der Götzenbilder sprechen, aber gerade dieser Gegenstand hat mich auf die Goldliebe geführt, so daß diese das eigentliche Thema wurde. Die Götzen sind zerstört und die Göttinnen werden nicht mehr angebetet, aber die Liebe zum Gelde besitzt die Erde gerade wie ein Gott.

Der große Völkerlehrer, der auserwählte Apostel, hat schon darüber geschrieben und vielfältig diejenigen ermahnt, welche auf ihn hören wollen; er hat die Liebe zum Geld geradezu als Götzendienst charakterisiert und nicht nur ein einzelnes Idol hat er es genannt, sondern behauptet, daß sie sämtliche ersetze. Wie kommt es doch, daß diese Leidenschaft nicht gleich verhaßt ist wie die Götzen selber, und daß man sie nicht ebenso beurteilt wie den Götzendienst, was sie doch in Wirklichkeit ist? Das kommt daher, daß die Seele ganz in die Liebe versunken ist, darum haßt sie dasselbe nicht. Wenn sie sich nur ein klein wenig davon entfernen würde, müßte sie sofort seine Häßlichkeit sehen. Die Apostel sahen diese Häßlichkeit und traten sie darum kräftig mit Füßen, sie entfernten sich davon und veranstalteten mit ihren Füßen ein Niedertreten. So gründlich hat nicht einmal Gedeon den Hain niedergehauen wie die Apostel die Liebe zum Gelde von der Erde vertilgt haben. Wie die eitlen Götzen haben sie auch diese gestürzt, auch sie war gefallen. Sie haben es sogar in ihren Büchern niedergelegt, daß jeder Mensch sie so hassen soll wie alle Götzen zusammen.

Die Liebe zum Gold ist gleichsam eine Wiedererweckung des Götzendienstes. Nach dem Verschwinden jener tauchte sie wieder auf, und nun steht die ganze Schöpfung in ihrem Dienste, gleich als ob sie die Herrin wäre. Die ganze Welt hat sie sich unterworfen, als ob sie Gott wäre. Der Kleine wie der Große feiert sie, so gut er es vermag. Laien wie Priester, ja die ganze Welt ist von ihr angesteckt. Sie verzehrt die Einsiedler da, wo sie wohnen, und verdirbt die Klöster, wenn sie auch noch so heilig sind, ja sie ist sogar die Herrin der Leiter der christlichen Versammlungen. Mit ihr arbeiten die reinen Priester in der Kirche, und unter ihr Joch gebeugt, mühen sich die Mönche ab, diejenigen, welche die Welt eigentlich ersticken sollen, hängen an ihr und sind von ihr angesteckt; sogar die Lehrer des Glaubens hat sie befleckt und auf die Prediger des Kreuzes ihren Schmutz geworfen. Derjenige, welcher die Lossprechung spendet, empfängt den Zins aus der Hand des Armen; der nämliche, welcher das Heilige trägt, trägt auch das Gold, und zwar sehr sorgfältig; der Priester, welcher die Taufe spendet und die Unreinen entsühnt, bringt sein Geld gegen Wucherzinsen dem Kaufmann. Der Einsiedler trägt es mit sich in seinem Bußkleid mit den übrigen Bedürfnissen, und er bringt es nicht über sich, daß er sich darum nicht kümmere, weil er eben vom Laster schon fast erstickt ist. Die Sonne hat sich mit Rost bedeckt und ihre Strahlen sind mit Schmutz befleckt, der Sand hat sich mit dem Feuer vermengt und mit der Flamme der Kot, so daß sie befleckt ist. Das Gold hat die geistigen Menschen herabsteigen lassen zur Materie und mit seinem Reichtum hat es selbst die Reinen und Heiligen befleckt. Der Böse hat es in die Welt eingeführt an Stelle der Götter und Göttinnen, um sie so ohne Götzen dennoch dem Götzendienst zu unterwerfen.

In seinem Grimm gegen die Menschen, weil seine Bilder vernichtet worden waren, hat er der Welt andere Bilder gegeben, um sie mittels dieser in Irrtum zu führen. Der Mönch zertrümmert in seinem Eifer zwar die Bilder der Eitelkeit, aber das Gold, mit dem er sie bedeckt findet, sammelt er sorgfältig in seiner Börse. Seine Lenden sind umgürtet mit einem Gürtel aus Leder wie die eines Elias, aber in diesen Gürtel ist eine Börse eingenäht, um das Geld hineinzulegen. Würde doch wenigstens der Säulensteher das Gold verschmähen! Aber nein, siehe, auch er hat es in seinen Kleidern und bedeckt es mit Küssen. Moses fand beim Volke Israel ein Kalb und er warf es zu Boden, zerschmetterte, zertrümmerte, zerstörte, vernichtete, zermalmte, vertilgte und richtete es vollständig zugrunde; denn er haßte das Götzenbild, liebte aber auch nicht das Gold, aus dem es bestand. Weil er weise war, haßte er das Gold ebensosehr wie das Götzenbild. Elias tötete in seinem Eifer die Priester der falschen Götter, aber er gestattete nicht, daß man das Gold denselben abnehme. Auch er haßte also das Gold in gleicher Weise wie die Götzenbilder selbst; hätte er es geliebt, so wäre er wohl nie in seinem Wagen zum Himmel gefahren. Naaman, der Aramäer, bot Elisäus Gold an, aber so sehr er auch in ihn drang es anzunehmen, er tat es nicht. Alle diejenigen, welche den Götzendienst haßten, so lange er in Blüte stand, verabscheuten auch das Gold, das mit ihm in Verbindung stand. Der Prophet kam zu Jeroboam, der ein Kalb hatte anfertigen lassen, und wirkte Wunder vor ihm, während er ihn tadelte; da drang der König in den Propheten, Gold anzunehmen von ihm, aber jener nahm es nicht an, nicht einmal einen Trunk Wasser nahm er dort zu sich; denn er haßte das Kalb, aber er verabscheute auch das Gold des gottlosen Königs. Darum wollte er weder sein Gold, noch sein Götzenbild anrühren.

Alles dies ist klar und deutlich in der Schrift enthalten. Wer das Götzenbild hassen will, muß auch das Gold verabscheuen. Der große Salomon liebte das Gold und wollte es darum erwerben, aber es gelang ihm dies nicht, ohne auch die Götzen mit in den Kauf zu nehmen. Die Liebe zum Gold ist darum wahrhaftiger Götzendienst. Gepriesen sei darum derjenige, der sie aus den Gerechten ausgerottet hat, damit sie nicht danach streben!

 

 

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