Leben des heiligen Pachomius

Von Pachomius (346/7)

Unser Herr Jesus Christus, die Quelle der Weisheit, das wahre Licht der Erkenntnis, das Wort des Allerschaffers Gottes, weiß, daß unsere Natur sich fort und fort gegen die schlüpfrigen Abgründe der Sünden neigt, er hat für uns das innige Mitleid seiner menschenfreundlichen Natur gezeigt, zur Erfüllung des Wohlgefallens an Abraham, das kund ward über die Opferung seines einzigen Sohnes; und er schwor bei sich und sprach: „Wahrlich, mit meinem Segen werde ich dich segnen wie die Sterne des Himmels“, und wiederum: „In deinem Geschlechte werden gesegnet sein alle Völker der Erde“.

Er wußte bei seiner göttlichen Natur, daß uns von hier aus emporsprießen sollte das fleischgewordene Geheimnis der Mittlerschaft Christi. Jeder der Propheten hat diese Heilsverkündigung gekannt und gewußt, es sei unmöglich, daß Gott jemals lüge, und so hat er mannigfach gegen die menschlichen Leiden den einzigen Arzt gerufen. Gott aber kam unseren Bitten zuvor, er, der niemals die zurückstößt, welche ihn lauteren Herzens als Gott suchen, er hat in der Fülle der Zeiten seine Verheißung vollendet, geboren aus der heiligen Jungfrau, er hat gelitten im Fleische, er hat durch die Ähnlichkeit mit unserem Tode den besiegt, der da Gewalt hat über den Tod. Er selbst aber blieb, was er war, ohne Teil am Leiden, kraft seiner Gottesnatur. Er befreite uns aber vom Tode und den unlösbaren Ketten der Herrschaft der Hölle.

So hat er seine Heilsordnung erfüllt und jedem Volk durch die Wiedergeburt der Taufe und durch den Glauben aller an ihn Nachlaß der Sünden geschenkt, durch den Mund der heiligen Apostel, welche in seinem Auftrage hingingen; denn er sagt: ,,Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

Als sich die Heilsbotschaft über die ganze Erde ausbreitete und sich viele für die Kindschaft Gottes gewinnen ließen, da erzürnte der Teufel gar sehr gegen uns und bemühte sich, noch schwerere Versuchungen gegen die Diener Gottes zu erproben, um ans, voll Wut, die Wege zum Heil zu versperren. Aber auch hierin war sein vielgestaltiges Ringen umsonst bei den Wachsamen.

Mit Zulassung Gottes nämlich erregten heidnische Kaiser zur Prüfung im Glauben und zur Ausdauer im Streite für die, welche nach göttlicher Vorschrift bereit waren, seinen Kampf zu kämpfen, überall auf der Erde gewalttätig eine wilde Verfolgung gegen die Christen. Und sogleich erstanden zahlreiche Blutzeugen durch viele und mannigfache Marten, die bis zum Tode im Glauben an Christus, den Heiland, verharrten. Sie wurden zugleich mit Petrus, dem Erzbischof von Alexandria, unsterblicher und ewiger Siegeskränze gewürdigt.

Wie die Zeiten aber wuchs und wurde stark der Glaube an ihn. In jedem Lande und auf jeder Insel erhoben sich überaus viele Kirchen und überall die Heiligtümer der Gebetshäuser, so daß endlich auch Klöster entstanden und die Reinheit der Asketen und ihre Entsagung von allem weltlichen Besitz die Wüsten heiligte. Als nämlich die Gläubigen unter den Heiden die Kämpfe der Märtyrer sahen und ihren kindlichen und lauteren Glauben an Christus, den Heiland, da begannen auch sie, gestärkt durch die Gnade des Herrn, das Leben der heiligen Propheten nachzuahmen, von denen der Apostel, das Werkzeug der Erwählung, sagt: „Sie wandelten umher in Schaffellen und Ziegenhäuten, Mangel leidend, bedrängt, gequält, umherirrend in Wüsten, auf den Bergen, in den Höhlen und Schlupfwinkeln der Erde, sie, derer die Welt nicht wert war“. Denn durch die weise Ruhe und ihre Zurückgezogenheit erwarben sie ihr eigenes Heil und boten sich vielen anderen dar als Beispiel von herrlicheren Tugenden in den Augen Gottes. Sie entäußerten sich aller irdischen und vergänglichen Güter, sie eiferten im Fleische nach dem Wandel der körperlosen Wesen und bestrebten sich dadurch, sich selbst hinzuführen zum Gipfel der Tugenden durch Askese und Frömmigkeit, durch Sanftmut und Milde, so daß sie in nichts weniger wert erschienen als die früher lebenden Heiligen, ja daß sie sogar durch ihre Kämpfe denen gleichkamen, welche für den Namen unseres Herrn Jesus Christus treu gekämpft hatten. Denn auch sie stritten tapfer gegen die unbesiegbaren und unsichtbar kämpfenden Feinde und überwanden ihre Macht nach den Worten dessen, der da sagt: „Es gilt den Kampf für uns nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Herrscher der Finsternis dieser Welt, gegen die Geister der Schlechtigkeit im Himmel“. Sie wurden ewiger und unsterblicher Güter gewürdigt, von denen es heißt: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“.

Das Leben des größten Asketen, unseres Vaters Antonius war in Wahrheit eine Nachahmung des großen Elias und Elisäus und des Johannes des Täufers, jener Besiedler der Wüste und Liebhaber himmlischer und ewiger Güter. Über sein Leben legt in Aufzeichnungen bis in das Einzelne der heilige Erzbischof Athanasius Zeugnis ab, der auch selbst des Lebenswandels des Antonius wert war. In diesen Aufzeichnungen erwähnt er auch unseren heiligen Vater Ammun, der selbst durch die Gnade des Herrn die Askese der Brüder im Gebirge von Nitria begründet hat; außerdem erwähnte er auch noch seinen Genossen Theodorus, einen überaus asketischen Mann, der große Macht besaß und durch seinen vollkommenen Glauben an Christus und seine bis aufs Höchste gesteigerte Askese die vielgestaltigen Anschläge des Feindes herrlich niederkämpfte.

Überallhin nun ergoß sich in reichlicher Fülle die Gnade Gottes nach dem Wort der Schrift: „Du blicktest hin auf die Erde und machtest sie trunken“, Denn der Friedensstifter unserer Seelen gab statt Schmerz und Jammer Freude und Heiterkeit, und statt zeitlicher Sorge gewährte er ewigen Jubel denen, die ihn in Wahrheit suchen. Daraus erstanden nun in jedem Lande bewunderungswürdige Mönchsväter, deren Namen im Buche des Lebens aufgezeichnet sind. In Ägypten aber und der Thebais gab es noch nicht viele Mönche. Denn erst nach der Verfolgung des Diokletian und Maximianus erfüllte sich die Sinnesänderung der Heiden, und die Zunahme der Kirche trug herrliche Früchte, da auch die heiligen Bischöfe sie nach der Lehre der Apostel auf den Weg zu Gott wiesen. Unter ihnen war auch ein gewisser Pachomius, der gleichfalls von den Vorfahren her ein Heide war und in der Thebais lebte; er wurde des Mitleids und der Menschenfreundlichkeit von Gott gewürdigt und wurde so Christ. Er eilte von früher Jugend an zur höchsten Vollendung in der Askese. Indessen ist es nötig, zur Ehre Gottes, der uns aus der Finsternis in sein überaus herrliches Licht gerufen, und zum Nutzen der Leser dieser Erzählung seinen Lebenswandel von Jugend auf in den einzelnen Abschnitten zu berichten. Denn wert seiner Vollkommenheit sind auch die Vorbemerkungen, wie sie die heidnische Rhetorik lehrt.

Jugendzeit des Pachomius.

Als er noch ein Knabe war, ereignete es sich einmal, daß er mit seinen Eltern in einen heidnischen Tempel ging, der am Ufer des Flusses bei seinem Heimatsort lag. Sie hatten die Gewohnheit, den Truggebilden der Dämonen zu opfern. Als der Priester die Gebräuche ihres abscheulichen Opfers erfüllen wollte, da war seine Mühe dafür vergebens und verschwunden die Wirksamkeit der Dämonen. Eine geraume Zeit blieb auch er gleich seinen Göttern sprachlos, er war befremdet über die vollständige Stummheit des Götterbildes. „Denn die Götzenbilder der Heiden haben einen Mund, aber sie werden nicht reden; denn es ist kein Leben in ihrem Munde“.

Da merkte der Abscheuliche, daß sich die Dämonen aus keinem anderen Grunde als wegen der Anwesenheit des Knaben dem Götzentempel nicht näherten. Er fing nun an zu brüllen und zu schreien: „Warum habt ihr den Feind der Götter hierher geführt? Treibt ihn hinaus!“ Als seine Eltern dies hörten und sahen, wie der Knabe verfolgt wurde, da empfanden sie um ihn großen Schmerz, da er als ein Feind der angeblichen Götter erschienen war. Sie überlegten und wußten sich keinen Rat und sprachen bei sich: „Was mag dies wohl sein?“ Denn als er ein anderes Mal vom Wein der Spende genoß, da spie er ihn augenblicklich aus. Und da sie nicht imstande waren, das Geschehnis zu beurteilen, beruhigten sie sich und erzogen ihn sorgfältig in ägyptischer Wissenschaft.

Als der große Konstantinus nach der Verfolgung Kaiser geworden war und gegen einen Tyrannen kämpfen mußte, da wurde in einigen Provinzen befohlen, daß die meisten jungen Leute als Rekruten eingezogen werden sollten. Darunter war auch Pachomius, der, wie er selbst versicherte, gegen das zwanzigste Lebensjahr ging.

Als nun alle einmütig mit den Soldaten, welche sie übernommen hatten, dahinfuhren, da ankerten sie bei einer Stadt Thebens. Es war Abend; die Bürger der Stadt sahen sie scharf bewacht. Als christliche und barmherzige Männer ihr Geschick vernahmen, da brachten sie ihnen alles, was sie bedurften, und trösteten sie herzlich, da sie in großer Bedrängnis waren.

Da ich, erzählt Pachomius, diese ihre Handlungsweise sah und mich darüber sehr wunderte, erfuhr ich von meinem Gefährten, daß die Christen gegen alle, vornehmlich aber gegen die Fremden, mitleidig und menschenfreundlich seien.

Als ich mich erkundigte, erzählt er weiter, was der Name Christen bedeute, da sagten sie: „Es sind fromme Männer, die an den Namen des eingeborenen Sohnes ihres Gottes, Jesus Christus, glauben und die allen Gutes tun; sie hoffen von ihm den Lohn der Vergeltung.“ Als sie das zu ihm sagten, da wurde er erleuchtet im Geiste und bewunderte den Glauben der Christen. Und er wurde entflammt im Herzen von der Furcht Gottes und freute sich im Geiste. Er zog sich ein wenig zurück, und als er allein war, da streckte er die Hände zum Himmel empor und sprach: „Herr Gott, der Du Himmel und Erde erschaffen hast, wenn Du siehst und hinblickst auf meine Erniedrigung, dann schenke mir die Erkenntnis Deiner Gottheit und befreie mich aus dieser Trübsal. Dann werde ich Dir dienen alle Tage meines Lebens, und ich werde leben nach Deinen Gesetzen.“ Nachdem er so gebetet hatte und seine Versprechungen dem Herrn gegeben, da kam er nach einem Tage mit seinen Gefährten aus dem Gewahrsam heraus, stieg in ein Schiff und fuhr weg von jener Stadt.

Inzwischen wurde er in die Fremde geführt. Wenn ihn jemals fleischliche Vergnügungen oder die Begierden einiger weltlich Gesinnter belästigten, wies er sie mit aller Kraft von sich; denn er bewahrte das Gedächtnis an jenes Gebet, in dem er erleuchteten Herzens Christus bekannt hatte, und an die göttliche Gnade, deren er teilhaftig geworden war. Denn er liebte schon von früher Kindheit an überaus die Keuschheit.

Berufung zum Asketen.

Als nun der große und fromme Kaiser Konstantinus durch den Glauben an Christus seine Gegner besiegt hatte, da wurden die Rekruten entlassen, darunter auch Pachomius. Er eilte sogleich in die obere Thebais, kam zu einer Kirche in einem Dorfe namens Chenoboskia,1 wurde von heiligen Männern unterrichtet und dort getauft. In der Nacht, in welcher er der Teilnahme an den heiligen Geheimnissen gewürdigt worden war, sah er im Schlafe vom Himmel her Tau herabträufeln und seine rechte Hand füllen. Und als er so dick wie Honig geworden war, hörte er eine Stimme, die zu ihm sprach: „Verstehe das, was hier geschieht, Pachomius! Denn dies soll dir ein Beispiel sein der dir von Christus verliehenen Gnade.“ Dadurch wurde er noch mehr von der Liebe zu Gott durchdrungen und über die Maßen erschüttert und wünschte, Mönch zu werden.

Als er die Kunde erhielt, ein Einsiedler namens Palamon wohne für sich allein, da ging er zu ihm, da er mit ihm leben wollte. Er kam an seine Zelle, die in der Nähe der Wüste lag, und begann an die Türe zu klopfen. Der Einsiedler öffnete und sprach zu ihm: „Was willst du und wen suchst du?“ Der Greis war nämlich etwas streng, weil er schon eine geraume Zeit allein die Askese pflegte. Pachomius antwortete und sprach zu ihm: „Gott hat mich zu dir geschickt, damit du aus mir einen Mönch machest.“ Da entgegnete ihm der Greis: „Du kannst nicht Mönch werden; denn es ist nichts Kleines um das Tun eines Mönches. Deshalb haben auch schon viele, die hierher kamen und die Knie beugten, nicht ausgehalten.“ Pachomius erwiderte ihm: „Nicht aller Menschen Gesinnungen sind einander ähnlich. Nimm mich auf! Die Zeit überzeugt dich.“ Der Greis sagte zu ihm: „Ich bedeutete dir schon, daß du es nicht werden kannst. Gehe anderswohin und treibe eine Zeitlang die Askese; dann komme so wieder, und ich will dich aufnehmen. Denn auch ich“, fuhr er fort, „lebe hier und übe mich in strenger Askese, und nichts anderes nehme ich durch die Gnade Gottes zu mir als Brot und Salz. Von Öl und Wein enthalte ich mich gänzlich. Ich wache die halbe Nacht, bringe Gebete dar und übe mich in den Vorschriften Gottes. Bisweilen aber wache ich auch die ganze Nacht.“

Dies hörte Pachomius und war über die Strenge seiner Worte erfüllt mit heiliger Scheu wie ein junger Schüler vor dem Lehrer; sein Wunsch aber war nur noch inniger, gekräftigt durch die göttliche Gnade. Er nahm sich im Herzen vor, jede Art von Mühe tapfer auf sich zu nehmen und sprach zu ihm: „Ich vertraue auf den Herrn, daß er mir Kraft und Ausdauer gewähren wird, so daß ich durch deine frommen Gebete gewürdigt werde, hier zur Vollkommenheit zu gelangen.“

Gemeinsames Leben mit Palamon.

Da erkannte der heilige Palamon mit eindringendem Blick des Pachomius Glauben an das Heil und seine Bereitwilligkeit; er öffnete die Türe, nahm ihn auf und bekleidete ihn mit der Tracht der Mönche. Und beide lebten von nun an demselben Ziel der Askese und widmeten ihre Zeit den Gebeten. Ihre Arbeit aber bestand darin, Haare zu spinnen und Kleider zu weben. In ihrer Beschäftigung müdeten sie sich ab nach der Vorschrift des Apostels, nicht zu ihrer eigenen Erholung noch um Schätze zu sammeln, sondern für den Unterhalt der Armen.

Wenn aber Palamon einmal sah, daß Pachomius bei ihrem Wachen und bei der Darbringung ihrer nächtlichen Gebete vom Schlaf bedrängt wurde, dann nahm er ihn und ging mit ihm hinaus, und sie warfen den Sand des Berges in Körbe, trugen ihn so von einem Ort zum anderen und leerten ihn aus. So machten sie den Körper und den vom Schlaf beschwerten Geist tüchtig zum Wachen für das Gebet. Der Greis aber sprach zu ihm: „Wache Pachomius, damit dich nicht der Versucher in Versuchung führe und so unsere Mühe vergeblich werde.“ Wenn aber Palamon seinen Gehorsam in allen Dingen und seinen Fortschritt in der Askese sah, freute er sich sehr und lobte Gott.

Am heiligen Auferstehungstage des Osterfestes sagte er zu ihm: „Da heute das Fest aller Christen ist, so bereite auch für uns, mein Bruder, das Nötige zum Mahle zu.“ Pachomius wollte den Befehl voll Eifer ausführen, er nahm also Öl und goß es in das zerriebene Brot, was Palamon nicht zu tun gewohnt war; denn auch die Kräuter aß er immer ohne Öl und Essig. Als er alles zubereitet hatte, sagte Pachomius: „Siehe Vater, ich habe getan, wie du befohlen hast.“ Der Greis näherte sich dem Tische und sah das Öl in dem Brot; da schlug er seine Stirne, und unter Tränen sprach er: „Mein Herr wurde gekreuzigt, mißachtet, mit Ruten geschlagen, und ich esse Öl.“ Und als ihn Pachomius einlud, an der bereiteten Mahlzeit teilzunehmen, da brachte er es nicht über sich, bis das Gericht weggenommen und ein anderes hingestellt worden war.

Sie setzten sich nun, wie es ihre Gewohnheit war, zum Essen nieder, Palamon machte das Kreuzzeichen über die Speisen und dankte Gott, und Pachomius folgte demütigen Herzens seinem Beispiel. Als sie eines Tages wachten und Feuer angezündet hatten, da kam von auswärts ein Bruder, um bei ihnen zu bleiben. Dieser stand auf und sagte zu dem Greise: „Wenn einer von euch Glauben besitzt, der stelle sich auf diese Kohlen und spreche Wort für Wort das Gebet des Evangeliums!“ Palamon durchschaute seinen Übermut, er tadelte ihn und sprach: „Bruder, höre auf mit deiner Torheit und sage nicht solche Worte! Denn du hast dich verführen lassen.“ Der aber trat, nur noch mehr verblendet, auf die Kohlen, ohne daß ihn jemand dazu aufgefordert hätte. Jener aber sah die Wirksamkeit der Dämonen, die es ihm durch göttliche Zulassung ermöglichte, nicht zu verbrennen. Dadurch wurde wieder sein Wahnsinn nur gesteigert nach dem Wort der Schrift: „Gegen die Falschen sendet Gott verschlungene Wege“. Als sich jener Mönch nach diesem Vorfall morgens aus der Zelle entfernen wollte, da sagte er spottend zu ihnen: „Wo bleibt euer Glaube?“

Wie nun der Dämon sah, daß jener vollständig betört und ihm leicht zu Willen sei, da verwandelte er sich in ein wohlgestaltetes Weib, angetan mit prächtigen Gewändern. Er kam zu ihm, klopfte an die Türe seiner Zelle, und als er ihm öffnete, sprach der Dämon zu ihm; „Da ich von Wucherern bedrängt werde und fürchte, in Gefahr zu sein – denn ich bin nicht imstande, die Schuld zu bezahlen -, so flehe ich dich an, nimm mich in deine Zelle auf; denn Gott hat mich zu dir gesandt, damit ich gerettet werde.“

Er aber konnte in der Verhärtung seines Sinnes nicht unterscheiden, wer der sei, der mit ihm rede, und er nahm sie auf. Als nun der Dämon erkannte, daß sein Wesen sich leicht zum Laster wende, da flößte er ihm eine schlimme Begierde ein, er unterlag der Einflüsterung und wollte lieber sündigen. Als er sich ihr aber näherte, da schleuderte der Dämon ihn augenblicklich zu Boden, und er lag dahingestreckt auf der Erde wie ein Toter.

Nach einigen Tagen erst kam ihm sein Wahnwitz zum Bewußtsein; er eilte zum heiligen Palamon und jammerte und sprach folgendes zu ihm: „Du weißt, Vater, daß ich selbst schuld wurde an meinem eigenen Verderben. Denn ich habe nicht auf dich gehört. Deshalb bitte ich, helft mir, dem Mitleidswerten, durch eure frommen Gebete, der ich in Gefahr schwebe, von dem Dämon vernichtet zu werden.“ Während er noch redete und sie über ihn aus Mitgefühl weinten, da wurde er plötzlich vom Dämon besessen. Er stürzte aus der Zelle und lief durch das Gebirge, angetrieben von dem Dämon; und er kam zu einer Stadt, die Panos heißt; nach einiger Zeit wurde er wahnsinnig, stürzte sich in den Ofen einer Badeanstalt, verbrannte sogleich und ging so zugrunde.

Als dies Pachomius sah und hörte, da nahm er noch mehr zu in der Askese und bemühte sich nach der Schrift auf alle mögliche Art, sein Herz zu behüten, so daß ihn der gute Alte bewunderte. Denn nicht allein die offenkundige und zur Gewohnheit gewordene strenge Askese erfüllte er eifrig; er bestrebte sich auch, nach dem Gesetz Gottes sein Gewissen in allem rein zu erhalten und hoffte dafür, daß ihm im Himmel eine herrliche Erwartung aufbewahrt sei. Denn wenn er die göttlichen Gesetze las oder auch sich einprägte, erfüllte er sie nicht so obenhin oder wie es sich gerade traf, sondern er durchforschte jedes Gebot genau und nahm es in Gott wohlgefälliger Weise in seine Tugendübungen auf. So kämpfte er zunehmend in der Vollendung wie die Zeiten und zeichnete sich vornehmlich aus durch Demut und Sanftmut und durch die Liebe zu Gott und zu allen Menschen wie nur irgendeiner.

Dies und noch vieles andere haben wir erfahren und gehört von den Erzvätern, die geraume Zeit mit ihnen Umgang pflogen. Denn er erzählte ihnen oft mancherlei nach der Lesung des Wortes Gottes zur Erbauung und zum Nutzen. Diesen reichen Stoff konnten wir in unserer Darstellung nicht bringen, denn daran hinderte uns unsere Unzulänglichkeit; wir sind nämlich nicht geschickt genug zur Erzählung solcher rühmlicher Taten.

Am Fuße jenes Gebirges lag eine Wüste voll von Dorngesträuch. Oft nun wurde Pachomius ausgesandt, um Holz zu lesen, und natürlich war er barfuß. Seine Füße schmerzten ihn, da sie meist von den Dornen durchbohrt wurden. Er erduldete dies freudigen Herzens, da er sich der Nägel an den Händen und Füßen des Herrn erinnerte, die am Kreuz ihm durchgestoßen wurden. Er liebte die Einsamkeit und hielt sich noch lieber in der Wüste auf. Hier stellte er sich hin zum Gebete und bat Gott, ihn und alle Menschen zu retten vor jeglicher Hinterlist des Feindes. So verweilte der Liebling Gottes immer besonders gern in der Wüste.

Berufung zum Gründer eines Klosters in Tabennesis.

Einmal ging er aus der Zelle eine ziemlich bedeutende Strecke weg und kam zu einem Dorfe, namens Tabennesis; er stand da lange Zeit nach seiner Gewohnheit im Gebete, da hörte er eine Stimme, die zu ihm sprach: ,,Pachomius, bleibe hier und gründe ein Kloster; denn es werden zu dir viele kommen, die das Heil finden wollen. Diese leite nach der Vorschrift, die ich dir geben werde.“

Sogleich erschien ihm nun ein Engel und gab ihm eine Tafel, auf welcher die ganze Ausbildung derer, die zu ihm kommen sollten, aufgezeichnet stand. Nach ihr leben die Mönche von Tabennesis, die sie von ihm empfangen haben, bis auf diese Zeit, sie tragen die gleiche Tracht und beobachten dieselbe Lebensweise. Denn sie haben überkommen die Art und Weise der Kleidung, überkommen auch die Regeln.

Pachomius indes erkannte durch die Reinheit seines Verstandes und durch die Einsicht in die von Gott eingegebene Heilige Schrift, daß die Stimme eine göttliche sei und die Anordnungen Bewunderung verdienten. Er kehrte zu seinem geistigen Vater zurück und erzählte diesem von der Stimme, die zu ihm gesprochen hatte. Er bat ihn und flehte ihn an, mit auszuziehen zur Erfüllung des göttlichen Willens. Der aber wollte ihn nicht kränken, da er ihn wie seinen leiblichen Sohn nach dem Willen Gottes hielt, er ließ sich überreden und kam mit ihm zu dem bestimmten Platze bei dem Dorfe. Sie bauten hier ein kleines, zellenartiges Gebäude nach dem Muster und Aussehen eines Klosters und freuten sich sehr über die Verheißung Gottes.

Der heilige Greis sprach nun zu Pachomius: „Da ich überzeugt bin, daß dir diese Gnade von Gott gewährt worden ist und da du von jetzt an hier leben wirst – wohlan, laß uns eine Übereinkunft miteinander schließen, daß wir uns nicht trennen wollen, solange wir in diesem irdischen Leben weilen, sondern daß wir uns immer und oft besuchen wollen.“ Beiden gefiel dieser Vorschlag, und sie taten so, solange der in Wahrheit selige und vollkommene Asket Palamon im Fleische lebte.

Inzwischen aber wurde der Greis infolge der übermäßigen asketischen Übungen milzleidend, und sein Körper war sehr schwach. Denn bald aß er, ohne Wasser zu trinken, bald wieder trank er, ohne überhaupt etwas zu essen. Einige Brüder im Geiste, die zu ihm kamen, ermahnten ihn, seinen gebrechlichen Körper nicht gänzlich aufzureiben, sondern ihm einige Pflege zu schenken, damit er ihm nicht infolge zu großer Anstrengung Schmerzen verursache. Mit Mühe nur ließ er sich bestimmen, einige wenige Tage hindurch die der Krankheit entsprechende Nahrung zu genießen. Als er aber wahrnahm, daß sich der Schmerz trotzdem nur steigere, da verzichtete er auf jene Speisen und sprach folgendermaßen: „Wenn die Märtyrer Christi, denen die Glieder abgehauen wurden, die enthauptet und verbrannt wurden, durch den Glauben an Gott bis zum Tode ausharrten, wie soll ich in einem so geringfügigen Leid nachgeben und mich so selbst strafen, wie soll ich aus Furcht vor einer zeitlichen Bedrängnis feige werden? Trotzdem ließ ich mich überreden (und aß die Speisen, welche den Schmerz lindern zu können schienen; es hat mir aber nichts genützt); ich werde also zurückkehren und mich wieder der früheren Askese widmen, in der, wie ich wenigstens überzeugt bin, jede Erholung beschlossen liegt. Durch sie werde ich auch geheilt werden. Denn nicht nach Menschengebot gebe ich mich ihr hin, sondern ich kämpfe um Gottes Willen.“

Mutig widmete er sich nun dem asketischen Leben. Nach einem Tage aber fiel er in eine Krankheit, in der ihn auch Gott heimsuchte. Pachomius kam zu ihm, pflegte ihn und küßte seine Füße. Er aber umarmte den Pachomius und sprach mit ihm, wie wenn er seine zeitlichen Angelegenheiten ordnen wollte. Dann bedeckte er sich selbst in geziemender Weise und entschlief in hohem Alter. Pachomius aber sorgte gewissenhaft für sein Begräbnis und übergab den Leichnam der Erde; seine Seele aber wurde von einem Chor von Engeln zum Himmel geleitet. Pachomius jedoch kehrte wieder zurück in seine Heimat der Askese.

Erweiterung des Klosters im Verein mit seinem Bruder Johannes.

Nach einiger Zeit nun kam sein leiblicher Bruder Johannes, der von seinem Schicksal gehört hatte, dahin, um ihn aufzusuchen. Er sah ihn, begrüßte ihn und freute sich sehr. Denn seitdem sich Pachomius, erleuchtet durch Christus, von der Welt zurückgezogen und für ein einsames Leben entschieden hatte, hatte er niemals mehr seine Angehörigen besucht. Der Bruder setzte sich das gleiche Ziel wie Pachomius, beide blieben zu dem gleichen Zwecke, sie vollbrachten in allem die Vorschrift Gottes und nahmen keine Rücksicht auf alle Güter der Erde. Denn wenn ihnen von ihrer Hände Arbeit ein Überschuß blieb, so verteilten sie diesen an die Armen, voll Vertrauen nach dem Worte des Herrn: „Es ist nicht nötig, daß sie für das Morgen sorgen“. In ihrer Kleidung aber hielten sie sich so ärmlich, daß sie niemals ein zweites Hemd trugen, außer wenn sie einmal verabredet hatten, das eine, das sehr schmutzig geworden war, zu waschen. Pachomius war immer angetan mit einem härenen Gewand zur Demütigung des Fleisches. Um deswillen saß er auch fünfzehn Jahre hindurch, nach dieser langen Zeit der Askese und des Wachens, in der Mitte der Zelle, indem er den Rücken nicht einmal gegen die Mauer lehnte. Wenn er sehr in Bedrängnis war, dann trug er dies mutig und freute sich in der Hoffnung auf die Auferstehung, die auf ihn wartete und ihm aufbewahrt lag im Himmel. Da er noch andere und größere Heldentaten der Heiligen kennen lernte, eilte er, auch diese mit seinem eigenen Bruder zu vollbringen, zur Vermehrung der Tugend und zum Heil ihrer Seele. Danach aber machten sie sich auch eine Art von Sessel; denn jeder übte sich, nach seinen Kräften, mit Ausdauer und vollkommenem Glauben.

Dann aber erinnerte sich Pachomius der ihm gewordenen Verheißung von jenen unzähligen Seelen, die durch ihn zum Heil gelangen sollten. Er begann mit seinem Bruder den Bau des Klosters zu erweitern, damit er die, welche dem weltlichen Leben entsagen und sich Gott widmen wollten, aufnehmen könne.

Sie bauten also; Pachomius hatte das eben erwähnte Ziel im Auge, er wollte den Grundriß erweitern und den Umfang des Hauses vergrößern. Sein Bruder aber pflegte die Zurückgezogenheit, er wollte das Gebäude in kleinerem Umfang haben. Und Johannes war unwillig; er war auch älter an Lebensjahren wie Pachomius und sprach zu ihm: „Höre auf, diese törichten Dinge zu treiben und dich auszubreiten!“ Pachomius hörte dies und wurde zornig, da ihm diese Beleidigung wider seine gute Absicht angetan worden war. Er widersprach ihm jedoch nicht, sondern er beherrschte sich milden Sinnes. In der folgenden Nacht aber stieg er hinab in das unterirdische Gemach, wo er einen Teil des Gebäudes schon errichtet hatte, und begann bitterlich zu weinen. Und er schüttete Gott im Gebete sein Herz aus und sprach:

„Wehe, daß noch fleischlicher Sinn in mir wohnt und daß ich noch im Fleische wandle! Eine so strenge Askese habe ich auf mich genommen und wieder reißt mich der Zorn fort, wenn es auch zu einem guten Werk ist. Erbarme Dich meiner, o Herr, auf daß ich nicht zugrunde gehe. Denn wenn Du mich nicht stützest in Deiner Langmut, wenn der Feind in mir einen Teil findet von seinen Werken, dann bin ich ihm verfallen, wie geschrieben steht: ‚Wenn einer das ganze Gesetz erfüllt, er fällt aber auch nur in einem, so ist er in allem schuldig‘, Ich vertraue aber, o Herr, daß Deine reiche Barmherzigkeit mir helfen wird und daß ich erleuchtet werde, den Weg Deiner Heiligen zu wandeln, die immerfort nach dem streben, was vor ihnen liegt und die das vergessen, was hinter ihnen ist. Denn unterstützt durch Deine Gnade haben Deine Heiligen von Ewigkeit her den Feind zuschanden gemacht und erstrahlten in hellstem Lichte. Wie soll ich, o Herr, die lehren, von denen Du mir verkündet hast, daß Du sie durch mich zum Leben der Mönche berufest, wenn ich nicht zuerst selbst die Leidenschaften besiegt habe, die durch das Fleisch gegen die Seele ringen, wenn ich nicht zuerst selbst untadelhaft Dein Gesetz beobachtet habe? Aber ich vertraue, o Herr, wenn Deine Hilfe mir beisteht, daß ich das vollenden kann, was vor Deinen Augen wohlgefällig ist und daß Du mir alle meine Sünden verzeihest.“

Dieses und Ähnliches bekannte er unter Tränen und verharrte weinend die ganze Nacht bis zum Morgen. Infolge des reichlichen Schweißes – denn es war Sommer und der Platz überaus heiß – entstand unter den Sohlen seiner Füße eine förmliche Lache. Er war nämlich gewöhnt, im Stehen die Hände zum Gebet auszubreiten und sie unter keinen Umständen sinken zu lassen; nein, er breitete sie vielmehr aus, wie wenn er am Kreuze ausgespannt wäre, und peinigte so seinen Leib und leitete seine Seele hin zurNüchternheit. So trefflich war er und lebte in aller Sanftmut und Friedsamkeit mit seinem Bruder. Nach nicht langer Zeit aber starb dieser, und Pachomius sorgte in würdiger Weise für seine Bestattung mit Psalmen und Hymnen und geistlichen Liedern. Er wachte über ihn und stellte seine Seele dem Herrn anheim, wie er bisher in diesem Glauben gelebt hatte, seinen Leib aber übergab er der Erde; er selbst aber beschäftigte sich wieder allein unter Mühen mit der Askese. Er kämpfte dafür, sich rein in allem zu erhalten und jeden schmutzigen Gedanken, der auf ihn eindrang, von sich zu weisen. Er bemühte sich beständig, die Furcht Gottes in sich zu bewahren, indem er gedachte der ewigen Strafen und der Qualen des ewigen Feuers und des giftigen Wurmes.

Angriffe der Dämonen.

Während sich Pachomius darin übte und das Kloster in emsiger Bereitwilligkeit zur Aufnahme einer großen Brüderschar einrichtete, da begannen die bösen Geister ihn anzufallen; der wilde Geist knirschte mit den Zähnen wider ihn und erregte gegen ihn viele Versuchungen. Er versuchte dem zu schaden, der gesichert war durch den Stab des Glaubens. Pachomius ertrug tapfer die Angriffe des Feindes und sagte fort und fort die Hauptabschnitte der Heiligen Schrift her. Wenn er oft beten und seine Knie vor Gott beugen wollte, dann bewirkten sie durch ihre eigene trügerische Gestalt, daß eine Grube vor ihm zu sehen war; denn sie sind gleich bereit, sich in so törichte und wesenlose Gebilde zu verwandeln. Er sollte so aus Furcht und Feigheit das Gebet seinem Gott nicht rein darbringen. Pachomius aber durchschaute durch die Gnade Gottes die Ränke seiner Versucher voll des Glaubens fiel er nieder auf die Knie und machte sie zuschanden, indem er Gott lobte.

Er hatte die Gewohnheit, sich manchmal über das Kloster hinaus zu entfernen in die einsameren Teile der Wüste, um dort zu beten und dann wieder dahin zurückzukehren. Wenn er dann heimging, da gewannen ihm oft die Listigen den Weg ab, wie wenn sie ihn aufhalten wollten, sie riefen sich gegenseitig zu, wie wenn sie einen Gewaltigen vor sich hätten und sagten: „Macht Platz dem Manne Gottes!“ Pachomius aber, voll Vertrauen auf den Glauben und in der Hoffnung auf Christus, den Heiland, lachte über sie, daß sie wie unnütze Hunde bellten; er hielt ihre Erscheinung für kindische Torheit und bewahrte sich seine unaufhörliche Liebe zu Gott.

Als sie die tapfere Haltung des Mannes und seine Unerschütterlichkeit sahen, da versammelten sie sich wieder gegen ihn unter großem Getöse. Und sie griffen an das Haus und taten, als ob sie es erschüttern wollten, so daß der Heilige glauben sollte, der Platz wanke in seinen Grundfesten. Er aber zitterte nicht, er schlug vielmehr die geistige Leier an, mit lauter Stimme sang er den Psalm und sprach: „Unser Gott ist eine Zuflucht und Kraft, ein starker Helfer in den Bedrängnissen. Deshalb werden wir uns nicht fürchten, wenn die Erde erschüttert wird“.

Nachdem er dies gesprochen hatte, entstand plötzlich eine tiefe Stille, sie selbst aber verschwanden wie Rauch. Nach kurzer Zeit aber – wie die Hunde, die zurückweichen, wenn man sie verjagt, und dann wieder ohne Scheu heranspringen – erschien auch der böse Geist dem Seligen, als er sich nach dem Gebet zur Arbeit niedersetzte, in der Gestalt eines riesengroßen Hahnes. Er schrie heftig vor ihm und ließ fortwährend seine wilde Stimme hören. Zugleich flog er auf ihn ein und zerkratzte ihn arg mit seinen Krallen. Pachomius aber blies ihn an und bezeichnete sich mit dem Kreuzzeichen auf die Stirne und augenblicklich machte er ihn unsichtbar.

Er durchschaute in allem die Künste der Feinde und war durch die Furcht Gottes noch mehr gekräftigt gegen ihren Irrtum. Aber trotzdem ließen sie nicht ab von dem Heiligen. Da er gar ausdauernd gegen ihre Angriffe war, versuchten sie ihn wieder auf andere Weise zu täuschen.

Sie versammelten sich gemeinsam und taten, als ob sie vor ihm ein Baumblatt mit aller Kraft ziehen wollten. Sie brachten dicke Seile und banden es, erzählt er, mit aller Behutsamkeit daran fest. Sie standen dann auf beiden Seiten und riefen einander zu, das Blatt zu ziehen, als ob es ein riesengroßer Stein sei. Dies taten sie, weil sie meinten, das Herz des Heiligen zum Lachen verführen zu können, damit sie gegen ihn, wenn auch nur in dieser geringfügigen Sache, prahlen könnten.

Pachomius aber sah ihre Schamlosigkeit, er seufzte über sie zum Herrn, und sogleich verschwand ihre Schar durch die Kraft unseres Heilandes Jesus Christus. Wenn er oft dasaß, um zu essen, und Gott dankte, da kamen sie wider ihn in den Gestalten von wunderbar schönen Weibern, die nackt waren und sich schamlos mit ihm niedersetzten und von den aufgestellten Speisen nehmen wollten. Und sie belästigten dabei den mutigen Kämpfer Pachomius. Dieser aber schlug die Augen des Leibes nieder und richtete seine geistigen Augen auf den Kampfordner und Schiedsrichter Christus und machte dadurch die unreinen Geister verschwinden, so daß sie nicht das Mindeste gegen ihn ausrichteten. Denn der menschenfreundliche Herr, der all den Aufrechten sagt: „Fürchtet euch nicht, denn ich bin mit euch bis an das Ende der Zeit“, behütete ihn in jeder Versuchung.

Ein anderes Mal wurde er von ihnen über die Maßen auf die Probe gestellt; sein Leib wurde heftig mißhandelt, und er hatte Schmerzen vom Abend bis zum Morgen; keinen Trost hatte er, außer allein den Gedanken an Gott. Da kam ein Mönch zu ihm, um ihn zu besuchen, Hierakapollon mit Namen. Er begrüßte ihn und sprach mit ihm über die Dinge, die zum Heile führen, und er wies ihn darauf hin, daß die Ränke des Teufels zahlreich seien. Dann begann er ihm auch seine Erlebnisse zu berichten und ihm ausführlich die überaus harten Mißhandlungen zu erzählen, die er von den Dämonen hatte erdulden müssen. Ihm entgegnete der Mönch: „Zeige dich als Mann und sei stark. Denn der Teufel weiß, daß er, wenn er dich sorglos trifft, vielleicht auch uns, die wir nach Kräften Nachahmer deines Kampfes sind und den größten Nutzen von dir haben, in seiner Gewalt haben wird. Deshalb greift er dich so heftig an. Halte also aus, mein Vater, mit dem Beistand des Herrn, damit du nicht auch über uns Rechenschaft ablegen mußt, gleich als ob du aus Leichtsinn unterlegen wärest und uns ein Beispiel der Nachlässigkeit gegeben hättest.“

Als dies Pachomius gehört hatte, wurde er mit noch größerer Kraft erfüllt gegen den Feind, und er pries Gott für die Anwesenheit des Bruders und bat diesen, sie möchten sich niemals voneinander trennen. Und dieser besuchte ihn auch fortwährend.

Nach einiger Zeit ging Hierakapollon wieder seiner Gewohnheit gemäß zu ihm, er verbrachte einige Tage mit ihm zusammen und starb dann, nach dem Gebete des Pachomius in hohem Alter und in der Vollendung der Askese. Er wurde von dem Vater mit heiligen Händen bestattet unter Psalmen und Hymnen und geistlichen Gesängen im Lobpreis auf den einigen Gott.

Ein so festes Vertrauen auf Gott hatte sich Pachomius erworben und so groß war er im Glauben, daß er oft hinwegschritt über Schlangen und Skorpionen und unverletzt blieb. Der Krokodile in den Flüssen bediente er sich beständig, um auf das jenseitige Ufer zu kommen, und sie brachten ihn auch mit größter Schnelligkeit hinüber. Zum Danke nun dafür, daß ihn der Herr Christus behütete vor den Mächten, die ihm auflauerten, betete er und sprach: ,,Hochgelobt bist Du, o Herr! Denn nicht hast Du vorbeigesehen an meiner Erniedrigung und nicht hast Du zugelassen, daß meine Schwachheit in Versuchung geführt wird vom Feinde. Du bist zu Hilfe gekommen meiner Unwissenheit und hast mich belehrt über Deinen Willen. Denn ich bin niedrig und töricht. Du selbst aber hast mich mit Einsicht erfüllt gegenüber Deiner Furcht, o Herr.“

Wiederum sah er, wie ihm der unbezwingliche Ansturm der Dämonen im höchsten Maße bevorstand. Als tapferer und vollkommener Streiter der Wahrheit richtete er an den Herrn die Bitte, der Schlaf möge von ihm weichen, damit er Tag und Nacht, soweit es ihm möglich sei, schlaflos bleiben könne, um so seine Gegner zu überwinden nach dem Wort der Schrift: „Ich werde mich nicht abwenden, bis sie verschwinden. Ich werde sie verdrängen, und nicht werden sie standhalten können. Sie werden fallen unter meine Füße, und mit Kraft hast Du mich umgürtet zum Kriege“.

Diese Bitte nun wurde dem Pachomius gewährt, und er hielt Stand in allem, wie wenn er den Unsichtbaren sähe, und befolgte ohne Unterlaß seine Vorschriften. Gegen die Anfechtungen stellte er sich mutig, er verweilte in beständigem Gebete, damit bei ihm der Wille Christi geschehe und damit über ihn keine Kraft gewinne der Gedanke: Was ist es mit den weltlichen Sorgen?

Aufnahme von Brüdern in das Kloster.

Nach einiger Zeit sah er, als er wachte und zugleich betete, einen Engel des Herrn, der zu ihm sprach: ,,Pachomius!“ Er aber erwiderte: „Herr, was willst Du von mir?“ – „Der Wille Gottes ist es, ihm zu dienen und das Menschengeschlecht mit Gott zu versöhnen.“

Nachdem der Engel dies dreimal gerufen hatte, verließ er ihn. Pachomius jedoch dankte Gott, und voll Vertrauen auf die ihm neuerdings gewordene Erscheinung begann er die aufzunehmen, welche durch ihn, infolge ihrer Sinnesänderung, zu Gott gelangen wollten. Nach reiflicher Prüfung verlieh er ihnen das Gewand der Mönche. Er verbot ihnen, sich den Dingen der Welt hinzugeben, dagegen führte er sie Stück für Stück weiter in der Askese. Vor allem ermahnte er sie, der ganzen Welt zu entsagen, sodann aber auch den Angehörigen, nach dem Evangelium aber auch sich selbst, damit sie so ihr eigenes Kreuz auf sich nehmen und dem Heiland folgen könnten. Sie aber, die fortwährend von ihm belehrt wurden, sie trugen nach den Worten der Schrift Früchte, die wert waren der Berufung. Sie sahen, wie er sich im höchsten Greisenalter nicht nur in angestrengter Askese quälte, sie sahen auch, wie er sich bemühte, die ganze Sorge für das Kloster auf sich zu nehmen.

Denn man konnte den Greis sehen, wie er ihnen, wenn sie zur bestimmten Stunde zum Mahle zusammenkamen, voll Eifer den Tisch rüstete; ebenso wie er im Garten Gemüse pflanzte und dies selbst begoß; wie er jedem, der an die Türe klopfte, bereitwillig Rede stand; wie er die Kranken Tag und Nacht wartete und für ihre Genesung sorgte; wie er in allem diesem seinen Schülern das trefflichste Beispiel gab. Denn er war bedacht darauf, die, welche erst vor kurzem an die Askese herangetreten waren und noch nicht eine derartige Einsicht besaßen, daß sie in Gott wohlgefälliger Weise sich selbst dienen konnten, vor allen Dingen nicht mit der Sorge für alle diese Ablenkungen zu belasten. Daher sagte er zu ihnen: „Wozu ihr berufen wurdet, Brüder, darin kämpfet zuerst eine Zeitlang! Übet euch in den Psalmen und dann in dem Wissen aus den anderen Büchern, vornehmlich aber in dem heiligen Evangelium! Denn wenn ich so Gott und zugleich euch diene nach seiner Vorschrift, dann erhole ich mich, und ihr werdet vollkommen, indem ihr die göttlichen Satzungen kennen lernt.“

Die Namen derer aber, die zuerst zu ihm kamen, waren: Psenthaisis, Surus und Opsis. Er verkündete ihnen beständig das Wort Gottes und nützte ihnen sehr, indem er sie zur Nacheiferung in guten Werken führte. Denn als sie sahen, daß das Schweigen des Heiligen tatkräftige Tugend und laute Rede sei, da wunderten sie sich und sagten zueinander: „Wir waren im Irrtum befangen, als wir glaubten, daß alle diese Heiligen unverändert und heilig geworden seien, daß sie nicht aus eigener Kraft von Gott geschaffen seien, und wiederum umgekehrt – daß die Sünder nicht imstande seien, tugendhaft zu leben, da auch sie so von Gott angenommen seien. Jetzt aber sehen wir deutlich die Güte Gottes ganz besonders an unserem Vater hier; denn er, der von heidnischen Eltern stammt, hat sich zu so großer Frömmigkeit aufgeschwungen, daß er alle Gebote Gottes erfüllt. Dadurch ist der unwiderlegliche Beweis erbracht, daß wir und alle, wenn sie nur wollen, ihm folgen können, wie auch er den Heiligen nachfolgt, welche vor ihm gelebt haben.

Denn das ist der Sinn des Wortes der Schrift: ‚Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken‘. Verlassen wir daher nach freiem Entschluß das Böse und eilen wir zum Guten. Laßt uns also mit ihm sterben, damit wir auch mit diesem Manne das Leben haben; denn er führt uns sicher ein zum Leben.“

Und sie kamen zu Pachomius und sagten zu ihm: „Warum, Vater, mühst du dich allein ab in den Arbeiten für das Kloster?“ Er aber sprach zu ihnen: „Wer schirrt sein Gespann an die Arbeit und lädt ihm alles auf, so daß sie ihm schadet, bis es erschöpft zusammenbricht? Wird er es nicht zuvor prüfen und dann, wenn er es daran gewöhnt hat, sich seiner zu seinem Vorteil bedienen zu einer vollkommenen Arbeit? Auf die gleiche Weise müssen auch wir mit der Tüchtigkeit, mit der uns Christus ausgestattet hat, mit euch kämpfen, Geliebte, zu eurer Unterstützung. Der barmherzige Herr aber, der immer hinblickt auf meine Erniedrigung, stärkt eure Herzen, und er wird euch zur Vollendung führen, wenn ihr mit Ausdauer das Gute tut. Dann werden auch andere, die euren gottgemäßen tugendhaften Lebenswandel sehen, mit herzugeführt werden, die die Fähigkeit besitzen, die Sorgen für das Kloster mit mir auf sich zu nehmen.“

Er stellte nun für sie in Regeln gewisse Formen und heilsame Vorschriften auf: einfache Kleidung, mäßige Nahrung, eine angemessene Erholung im Schlafe. Nach dem Willen Gottes, der alle Menschen zum Heile beruft und fördert, kamen auch andere bei ihm zusammen, die mit ihm der Askese leben wollten, darunter Pekusius, Kornelius, Paulus, Pachomius der Zweite, Johannes und viele andere mehr, nachdem sie diese Unterweisung seines gesunden und rechten Glaubens vernommen hatten. Dann stellte er die, welche der Aufgabe gewachsen waren, zur Besorgung der äußeren Klosterbedürfnisse auf, und in kurzer Zeit vermehrten sich die Brüder so, daß es über hundert waren.

Stellung des Pachomius zum Klerus.

So oft sich nun für sie die Notwendigkeit ergab, mit Pachomius an den unsterblichen Geheimnissen teilzunehmen, ließ er einen der benachbarten Priester kommen und feierte so das geistliche Fest. Denn er wollte nichts davon wissen, daß sich unter den Brüdern einer befände, der mit der Gewalt ausgestattet war, die Hände aufzulegen, er erklärte vielmehr, es sei besser und für die Mönche überaus nützlich, nicht nach Ehre und Würde und Ansehen zu streben, besonders beim gemeinsamen Leben, damit nicht aus diesem Anlaß Streit und Eifersüchteleien und Zwietracht entstehe. Denn wie der kleinste Funke, sagte er, der in die Scheuer fällt und nicht so rasch wie möglich ausgelöscht wird, oft die Ernte eines ganzen Jahres vernichtet, so schädigt auch der Gedanke an die Herrschlust, d. h. an die geistliche Würde, wenn er die Mönche befällt und nicht so schnell wie nur möglich unterdrückt wird, gar leicht auch die mühevollste Askese. Es ziemt sich mehr, sagte er, in gebührender Weise die Kirchen Gottes zu besuchen, und dies nützt auch den Mönchen. Wenn wir aber einen unter den Mönchen finden, der früher von den heiligen Bischöfen die Priesterwürde erhalten hat, den muß man als Diener dieses Priesteramtes annehmen. Denn in der alten Zeit bestand nicht das ganze Volk aus Leviten. Besonders den, der auswärts geweiht wird, um hier die priesterliche Tätigkeit auszuüben, wollen wir nicht gering schätzen, als ob er nach der Herrschaft strebte oder als ob er sich die Priesterwürde angemaßt habe. Wie sollten wir das erst bei dem, den wir freiwillig angenommen oder auch zu uns gerufen haben? Betrachten wir ihn doch lieber wie einen Vater, der auch darin gehorsam und ein Nachahmer der Heiligen wurde, besonders wenn er untadelhaft für Gott den Gottesdienst abhält. Wenn wir aber argwöhnen, er sei, da er eben ein Mensch ist, irgendwie vom rechten Pfade abgeirrt, so ist es nicht unsere Sache, über ihn zu richten. Denn Gott hat in seiner Gerechtigkeit für solche als Richter aufgestellt die Nachahmer der heiligen Apostel, die imstande sind, das Geistige mit gerechtem Entscheid zu beurteilen. Von uns aber wünscht unser Herr, daß wir mitfühlend und mitleidig gegeneinander werden, in beständigem Gebete zu Gott und im Eifer für seine Gebote, damit wir nicht in Versuchung fallen.

So sprach er darüber in schönen Worten und handelte auch danach. Denn wenn es sich einmal traf, daß ein Geistlicher zu ihm kam, der mit ihm zusammen zu sein wünschte, da ordnete sich Pachomius ihm und seiner Würde nach der kirchlichen Vorschrift in gebührender Weise unter, jener aber wiederum ahmte nach den Vorschriften der Askese die Brüder nach und war bemüht, sich freiwillig über das nötige Maß hinaus zu demütigen.

Ordnung des Klosterlebens. (Bau einer Kirche.)

Der Heilige war auch mitfühlend und bruderliebend wie nur einer. Denn er litt mit den Bejahrten und von einem körperlichen Leiden Gequälten von ganzem Herzen, zu den Jungen aber stieg er herab, er bemitleidete sie und sorgte eifrig in allem für ihr Seelenheil. So machte er Fortschritte im Glauben, und die Zahl der Brüder mehrte sich gewaltig, und viele Eiferer für das Gute zeigten sich.

Er stellte nun wieder einige von ihnen auf, die sich mit der Gewinnung der hinzugekommenen Seelen zu beschäftigen hatten. Denn viele strömten, wie gesagt, zu ihm, und auf verschiedene Weise kämpften sie, um auf geistlichem Gebiete fortzuschreiten. So gab es einen großen Unterschied in ihrem Zustand und Lebenswandel. Der Vater selbst aber, in allem geleitet von der Gnade, gab für jede Art der Lebensführung Vorbild, Maß und Regel. Den einen nämlich war die Handarbeit zum Lebensunterhalt übertragen, den anderen wieder die Aufgabe der Bedienung für die gemeinsame Brüderschaft – und zwar jeder nach der ihm gegebenen Regel. Sie erhielten jedoch ihre Nahrung nicht zu den gleichen Stunden, sondern jeder übte sich je nach seiner Tätigkeit und Enthaltsamkeit.

Er stellte also einen Verwalter auf für die leiblichen Bedürfnisse der Brüder und Fremden und neben ihm einen Unterverwalter. Und sie alle forderte er auf, bereitwillig Gehorsam zu üben und ermahnte sie, niemals eigenwillig zu sein, damit sie so auf den Nutzen Gottes bedacht seien und nicht auf ihren eigenen. Da Pachomius viel beschäftigt und oft auch abwesend war, hatte er neben sich einen zweiten Vorstand aufgestellt. Er hatte die Befugnis, alle Anordnungen im Kloster zu treffen, ohne jede Überhebung und ohne allen Hochmut, in tiefer Demut zur Erbauung und zum Nutzen der Brüder, indem er allesvorzeichnete und ausführte, bis der Vater wieder zu ihnen zurückkehrte. So sorgte er für die Brüderschaft und freute sich sehr über ihr Gedeihen. Nach einiger Zeit nun wurde er aufmerksam auf die in der Nähe ihre Herden weidenden armen Leute und erwog, wie sie ausgeschlossen seien von der Versammlung und christlichen Unterweisung, die am Sabbat und am Tag des Herrn abgehalten wurde. Er faßte den Entschluß, nach der Meinung Aprions, des Bischofs von Tentyra, ihnen eine Kirche zu bauen in ihrem einsamen Dorfe, damit sie sich in ihr versammeln und die göttliche Unterweisung genießen könnten. Da es aber noch niemanden gab, der sie pflichtgemäß versammeln mußte, ging er selbst um die Stunde der Versammlung mit anderen Brüdern hin und las ihnen die Heilige Schrift vor, da für sie noch kein Vorleser aufgestellt war, und gab selbst, was die dorthin kommenden Fremden bedurften, bis er in der Kirche einen Priester aufgestellt hatte. Beim Vorlesen aber zeigte er eine so tiefe Frömmigkeit und eine solche Andacht, er bezwang seine Augen und sein Herz so sehr, daß die Weltleute, die ihn sahen, ihn für einen Engel hielten, der in ihre Mitte gekommen sei, und nicht für einen Menschen. Daraus schöpften viele die Bereitwilligkeit, Christen und Gläubige zu werden. Er glühte aber auch von solcher Liebe zu seinen Brüdern und den Menschen, daß er oft, wenn er die Menschen sah, wie sie der Verführung des Satan folgten und nichts wissen wollten von dem einzigen, wahren Gott, seufzte und weinte über ihr Verderben und nach ihrer Rettung verlangte.

Besuch des Athanasius.

Zu jener Zeit stand an der Spitze der Kirche von Alexandria der heiligste Athanasius. Er wünschte, die Kirchen Gottes der oberen Thebais und von Syene zu besuchen, um sie durch seine geistliche Unterweisung zu stärken. Auch an Tabennesis fuhr er vorüber.

Als dies Pachomius hörte, da zog er hinaus mit den Brüdern in Freude und Jubel der Seele unter Psalmen und Hymnen, um den Erzbischof zu empfangen. Und es entstand ein großes Gedränge von Brüdern um ihn, die Gott priesen für seine Anwesenheit. Pachomius aber zeigte sich nicht öffentlich, sondern er zog sich zurück und verbarg sich unter der Menge der Brüder. Der Bischof der Kirche von Tentyra aber machte den heiligen Athanasius aufmerksam auf ihn, indem er sagte: „Ich habe einen Vater der Mönche an den Orten, die mir unterstehen, einen wunderbaren und großen Mann, in Wahrheit einen Mann Gottes. Deshalb bitte ich deine Heiligkeit, ihn zum Vater aller Mönche einzusetzen, so daß er es als ein Geschenk der erzbischöflichen Gewalt empfängt.“ Gerade deshalb aber hatte sich der Greis zurückgezogen und sich unter den Brüdern verborgen, bis Athanasius sich entfernt hätte. Wie dieser nun von seinem Eifer nach dem Willen Gottes hörte, von seinem tugendhaften Lebenswandel, von den Verfolgungen, die er um des Heilandes willen in dem treuen Bekenntnis des wahren Glaubens erduldet hatte, von seiner Liebe zu allen, besonders aber zu den Brüdern, – da freute er sich sehr; er begrüßte ihn und pries Gott. Den Origenes aber haßte er grimmig als einen Lästerer und Abtrünnigen und verabscheute ihn, der vor Arius und Meletius von Heraklas, dem Erzbischof von Alexandria, aus der Kirche ausgeschlossen worden war. Denn dieser hatte in seinen eigenen Aufstellungen das, was wahrscheinlich schien, den wahren Lehren der Heiligen Schrift gleichsam wie verderbliches Gift beigemischt; er hatte zum Verderben einfacher Gemüter viele Bücher zusammengeschrieben; und wie die Ärzte ihre bittersten Arzneien mit Honig mischen und sie so den Widerwilligen geben, ebenso hatte auch er seinen Irrtum eingehüllt und den etwas Schwachen im Geiste mitgeteilt. Den Brüdern nun legte Pachomius dringend ans Herz, nicht bloß das törichte Geschwätz des Origenes nicht zu lesen, sondern sich auch nicht zu erkühnen, dem Lesen anderer zuzuhören. Man erzählt sich auch, daß er einmal ein Buch von ihm gefunden und sogleich in das Wasser geworfen habe mit den Worten: „Wenn ich nicht wüßte, daß der Name Gottes in ihm geschrieben steht, so hätte ich seine Lästerungen und unsinnigen Schwätzereien verbrannt.“ So war er ein Freund und Nachahmer der Guten, dagegen ein Feind der Widersacher der Wahrheit. Er freute sich immer und war beglückt über den Glauben und den Fortschritt der Rechtgläubigen; denn es schien ihm, als ob er durch sie den Heiland auf dem Thron der Kirche sehe.

Wenn er aber je einmal jemanden in irgendeinem Gespräch oder in einer Angelegenheit sie, die Rechtgläubigen, verleumden hörte, dann ertrug er das nicht, ja er entwich von ihnen wie von Schlangen, indem er gegen sie immer das Wort des Psalmisten anwandte und sprach: „Den, der heimlich seinen Nächsten verleumdete, habe ich ausgetrieben“. Denn kein guter Mensch, so meinte er, bringt etwas Schlechtes aus seinem Munde hervor, am wenigsten gegen die heiligen Väter. Er erinnerte diese Leute immer an den Zorn Gottes über einen solchen Menschen, wie er sich aus vielen anderen Stellen der Heiligen Schrift zeigt, wie er sich aber vornehmlich offenbare bei der Verleumdung gegen Moses, die von Mariam ausging. Und er war offen und von gutem Einfluß auf alle, die mit ihm umgingen.

Die Schwester des Pachomius als Vorsteherin eines Frauenklosters.

Als auch des Pachomius leibliche Schwester von seinem überaus tugendhaften Lebenswandel hörte, da wünschte sie ihren Bruder zu sehen und kam in das Kloster. Als er von ihrer Anwesenheit erfuhr, da schickte er an sie den Bruder ab, der mit der Aufsicht über den Eingang des Klosters betraut war, um ihr zu sagen: „Siehe, du hast von mir gehört, daß ich am Leben bin. Entferne dich also und kränke dich nicht, weil ich dich nicht sehen will. Wenn aber auch du dieses mein Leben nachahmen willst, damit wir beim Herrn Erbarmen finden, (so werden dir) die Brüder eine Zelle (errichten), damit du für dich allein der Zurückgezogenheit leben kannst. Vielleicht wird der Herr auch noch andere mit dir berufen, so daß auch jene durch dich zum Heile gelangen. Denn keine andere Erholung“, sagte er, „hat der Mensch auf der Erde, außer diese, Gutes zu tun und Gott zu gefallen.“

Als sie diese Antwort erhalten hatte, da weinte sie, und tieferschüttert weihte sie ihr Herz, um das Heil zu erringen. Als Pachomius von ihrem Eifer erfuhr, da lobte er Gott und trug den frömmeren unter den Brüdern auf, für sie in einiger Entfernung vom Kloster ein Häuslein für das asketische Leben zu bauen.

Während sie so nach dem Sinn Gottes kämpfte, kamen noch andere Jungfrauen bei ihr zusammen; und als ihrer mehr wurden, da stand sie ihnen als Mutter vor, lehrte sie und zeigte ihnen alle Wege zum Heil.

Einen gewissen Petrus, einen frommen und sehr alten Mann, beauftragte Pachomius, sie zu besuchen. Er war ausgezeichnet durch Leidenschaftslosigkeit, und die Rede des Mannes war gewürzt mit dem Salze des Geistes. Er besaß einen scharfen Verstand, und seine Augen blickten überaus streng. Oft nun stand er da und sprach mit den Schwestern aus der Heiligen Schrift über das, was zum Heile führt. Pachomius schrieb auch Regeln für sie und schickte sie ihnen, damit sie nach den gleichen Gesetzen ausgebildet würden und am gottgemäßen Lebenswandel Anteil hätten.

Wenn aber einer der Brüder eine Schwester in jenem asketischen Hause hatte und kam, um sie zu besuchen, dann schickte Pachomius mit ihm einen von den alten und geistlichen Brüdern ab; zuerst ging der Bruder dann zur Leiterin und dann kam er in ihrer und der Anwesenheit der hervorragendsten Mitglieder der Schwesternschaft mit der bekannten Schwester zusammen, in aller Gottesfurcht, ohne daß er ihr etwas brachte oder von ihr etwas annahm. Denn sie hatten kein persönliches Eigentum, sondern es genügte beiden allein die Erinnerung und die Hoffnung auf die zukünftigen Güter.

Wenn sie aber einmal zur Erbauung oder wegen eines anderen Bedürfnisses die Brüder brauchten, dann schickte er einen verständigen und frommen Mann mit gleichgearteten anderen Brüdern zu diesem Zwecke ab; zur Stunde der Mahlzeit kehrten sie in das Kloster zurück, indem sie unter keinen Umständen etwas an Speise oder Trank dort annahmen. Wenn eine Schwester vollendet hat, dann versammeln sich bis auf den heutigen Tag die Brüder an einem bestimmten Platz und singen Psalmen, die übrigen Schwestern aberstehen gegenüber und legen den Leichnam in die Mitte, nachdem sie ihn zum Begräbnis würdig hergerichtet haben. Dann nehmen ihn die Brüder unter ernstem Psalmengesang auf und begraben ihn auf dem Berge in tiefer Frömmigkeit und Gottesfurcht, wie es Dienern Christi geziemt.

Theodorus wird für das Kloster des Pachomius gewonnen

Als der Ruf von diesem Lebenswandel zu jedem und überallhin kam und der Name des heiligen Pachomius zu allen drang, da priesen viele den Namen Christi, nicht wenige aber wiederum verachteten die Dinge der Welt und widmeten sich dem einsamen Leben.

Unter ihnen befand sich auch ein gewisser Theodorus; er war vierzehn Jahre alt und stammte von christlichen Eltern ab, die eine hohe Stellung einnahmen. Dieser beschaute, als einmal am elften Tage des Monats Tybi ein Fest gefeiert wurde, sein Haus, das wunderbar schön und groß war und prächtig geschmückt mit all den Dingen der Welt; da wurde er getroffen im Herzen durch die göttliche Gnade und sagte zu sich: „Was nützt mir dies und was gewinne ich Unglücklicher, wenn ich durch den Genuß der zeitlichen Freuden des gegenwärtigen Lebens die ewigen Güter verliere? Denn niemand, der zum Genuß dieser weltlichen Dinge gelangt ist, vermochte Anteil am ewigen Ruhm zu gewinnen.“ Er seufzte darüber und ging hinein in ein verborgenes Gemach des Hauses; und er fiel nieder auf sein Antlitz und sprach unter Tränen: „Herr, der Du das Verborgene kennst, Du weißt, daß ich nichts von den Gütern dieser Welt höher geschätzt habe als die Liebe zu Dir. Deshalb flehe ich Dich an, o Herr, führe mich hin zu Deinem Willen underleuchte meine Seele, damit ich Dich in allem lobe und preise.

Als er dies gesagt hatte, da trat seine Mutter zu ihm hin; sie betrachtete ihn aufmerksam und sah seine Augen voll Tränen, und sie sprach zu ihm: „Was hat dir Schmerz verursacht, mein Kind, und warum hast du dich von uns entfernt? Unter Schmerzen haben wir dich gesucht.“ Er aber erwiderte ihr: „Entferne dich, Mutter, und genießet ihr von den Speisen! Denn ich will jetzt nichts essen.“ Und er nahm nichts davon zu sich. Wenn er in die Schule ging, fastete er bis zum Abend; oft aber erstreckte sich sein Fasten sogar über zwei Tage; er enthielt sich zwei Jahre lang freiwillig der üppigen Speisen und gewöhnte sich so an die vollkommene Askese.

Dann faßte er den Entschluß, in das Kloster zu gehen, er zog sich zurück und vergaß selbst all die Seinigen. Und er fand fromme Brüder, die einen tugendhaften Lebenswandel führten und wohnte bei ihnen.

Als sich die Mönche einmal nach dem Abendgebet niedergesetzt hatten und miteinander über die Heilige Schrift nachsannen, da hörte er einen von ihnen sprechen über das Zelt im Alten Bunde und über das Allerheiligste. Und er gab die Lösung durch ein Gleichnis mit zwei Völkern und sagte: „Das äußere Zelt bedeutet das erste Volk der Juden, das Allerheiligste aber ist ein Zelt, das den geheimnisvolleren und herrlicheren Eingang für die Völker hat. Denn statt des Opfers von lebenden Tieren und des Räuchergefässes und des Tisches und der Bundeslade mit den Broten von Manna und der Gesetzesrolle und was sonst noch darin ist, und anstatt des Lichtes des Leuchters und des Deckels über der Bundeslade haben wir das Wort Gottes geschaut in seiner Menschwerdung, der uns erleuchtete mit dem Licht der Erkenntnis und der zum Versöhner wurde für unsere Sünden.“

Nachdem der Bruder dies den bei ihm sitzenden Brüdern erklärt hatte, sagte er wieder: „Diese Deutung habe ich von unserem heiligen Vater Pachomius gelernt, der die Brüder in Tabennesis zusammengeführt hat zur Vollendung im Herrn. Ich glaube, daß ich Verzeihung meiner Sünden vom Herrn erlangen werde, weil ich eines gerechten Mannes gedachte in dieser Stunde.“

Als dies Theodorus hörte, entbrannte sein Herz, und er sprach: „Herr Gott, wenn ein so heiliger Mann auf Erden wandelt, würdige mich, ihn zu sehen und ihm nachzufolgen in jedem Gebot, damit auch ich zum Heile gelange und würdig werde der Güter, die Du denen verheißen hast, welche Dich lieben.“ Mit diesen Worten sammelte er sich unter Tränen, in der Seele getroffen von der göttlichen Liebe.

Nach einigen Tagen kam zu ihnen ein gewisser Pekusius, ein frommer und überaus christlicher Mann, von hohem Alter, um sie zu besuchen und mit dem Wunsche, zu erfahren, wie sie lebten. Theodorus bat nun den Mann, er möge ihn mit sich nehmen. Der zögerte nicht lange und nahm ihn mit sich fort. Und als er an den Platz kam, da betete er den Herrn an und sprach: „Gelobt bist Du, o Gott, weil Du so schnell auf mich, den Sünder, gehört hast und mir meine Bitte erfüllt, die ich an Dich richtete.“ Theodorus traf auch mit Pachomius zusammen; er begann an der Türe heftig zu weinen und mit Tränen sein Gesicht zu benetzen. Der Vater sah ihn und sprach: „Weine nicht, mein Kind! Denn auch ich, obgleich ich ein sündiger Mensch bin, habe Gottes Werk auf mich genommen.“ Darauf führte er ihn hinein in das Kloster. Wie er nun die Brüder sah, da wurde er erleuchtet in seinem Geiste, und seine Seele nahm in sich auf den Eifer für die Gottesverehrung. Er machte Fortschritte und wurde groß durch seine Tugend nach dem Herzen Gottes. Denn er war verständig und klug und hatte sich einen starken und wunderbaren Gehorsam erworben durch den freigebigen Gott und seine Gnade; durch seine Beharrlichkeit im Fasten und Wachen und ausdauerndem Gebet strebte er immerfort und unaufhörlich nach größeren Gnaden. Er war der Trost vieler Unglücklicher und richtete die auf, welche etwa gefallen waren.

Wie so Pachomius seine leuchtende Askese sah, lobte er ihn sehr und schloß ihn ein in sein Herz. Als seine Mutter aber hörte, daß er sich hier aufhalte, da reiste sie nach dem Kloster und hatte Briefe von Bischöfen bei sich, in denen Pachomius aufgefordert wurde, ihr den Sohn freizugeben. Sie fand Aufnahme in dem nahe beim Kloster gelegenen Asketerion der Frauen. Sie schickte die Briefe an Pachomius und bat ihn, er möge ihr gestatten, ihren Sohn zu sehen. Da rief er den Theodorus zu sich und sprach zu ihm: „Ich habe gehört, mein Kind, daß deine Mutter hierher gekommen ist und dich sehen will. Und siehe, sie hat uns auch Briefe von Bischöfen überbracht. Entferne dich und tröste sie, ganz besonders auch mit Rücksicht auf die heiligen Männer, welche an uns geschrieben haben.“ Theodorus entgegnete ihm: „Gib mir die Sicherheit, Vater, wenn ich sie sehe, nachdem ich diese hohe Erkenntnis erlangt habe, daß nicht der Herr Rechenschaft von mir fordern wird an jenem Tage, deshalb, weil ich sie verlassen habe, jetzt aber wieder – für die Brüder ein Anstoß zur Sünde – mit ihr zusammentreffe. Denn wenn die Söhne Levis, welche lebten, ehe die Gnade Gottes über die Menschen gekommen war, ihre Eltern und Brüder nicht mehr kannten, um das Recht Gottes zu behüten, um wieviel weniger darf ich, der ich einer solchen Gnade gewürdigt worden bin, Eltern und Familie höher schätzen als die Liebe zu Gott. Denn es spricht der Herr: ‚Wer Vater und Mutter mehr liebt wie mich, der ist meiner nicht wert.“

Da sagte Pachomius zu ihm: „Wenn du geprüft hast, mein Kind, und glaubst, daß es dir nicht nützt, ich zwinge dich nicht. Denn das ist die Art derer, die sich vollständig von der Welt zurückgezogen und sich vollkommen verleugnet haben. Es muß nämlich der Mönch die schädlichen weltlichen Zusammenkünfte meiden, die aber, welche Glieder Christi und Gläubige sind, alle in gleicher Weise lieben und zu sich kommen lassen. Wenn aber einer unter dem Zwänge einer weltlichen Leidenschaft sagt: Sie sind mein Fleisch und ich liebe sie, der möge hören, was die Schrift spricht: Wem einer unterliegt, dem ist er auch Knecht.

Theodoruswünschte also nicht, dass seine Mutter ihn sehe. Da entschloss auch sie sich, in dem Asketorion zu bleiben, bei den Schwestern, den Jungfrauen in Christo, indem sie dachte: Vielleicht werde ich ihn immerhin, wenn Gott es zulässt, unter den Brüdern sehen. So kann auch das, was nach Gottes Willen bitter ist, aber zur Ehre Gottes geschieht, zu einem nützlichen Geschenk für die werden, welche es trifft, wenn es auch eine kurze Zeit schmerzlich zu sein scheint. Wie wir aber diesen eifrigen Menschen, den Theodorus, als Beispiel hier vorgeführt haben, zur Nacheiferung für die, welche das Gute nachahmen wollen, so müssen wir auch der Leichtfertigen tun, als Mahnung zur Vorsicht für die Höhrer.

Zurechtweisung weltlich gesinnter Brüder und ihr Austritt

Einige nämlich von den Brüdern, welche noch fleischlich dachten und den alten Menschen noch nicht abgelegt hatten, betrübten den Heiligen sehr. Oft wandte er bei ihnen heilsame Ermahnungen an, hatte aber so gut wie keinen Erfolg. Mutlos und sehr unglücklich ging er weg und betete für sich allein zu Gott für sie und sprach: „O Gott, Du hast uns geboten, den Nächsten zu lieben wie sich selbst; da Du nun meinen Eifer und festen Vorsatz erkanntest, so flehe ich Dich an, sieh nicht hinweg von der Rettung ihrer Seelen, sondern erbarme Dich ihrer und flöße ihnen Furcht vor Dir ein in das Herz, auf daß sie Dich erkennen und Dir dienen in Wahrheit und Reinheit des Lebens, damit auch sie die zuversichtliche Hoffnung auf Dich haben. Denn meine Seele ist tiefbetrübt, und alle meine Sinne schmerzen ihretwegen.“ Nachdem er dies gebetet hatte, beruhigte er sich.

Als er nach einigen Tagen wahrnahm, daß sie auch nach dem Gebet nicht besser wurden, da trat er wieder hin und betete, und er gab ihnen eine bestimmte Regel für das Gebet und für ihre sonstige Lebensführung, damit sie, wenn sie zunächst auch nur wie willig denkende Hausgenossen die Anordnung erfüllten, doch nach kurzer Zeit angeregt würden und so ihr Inneres mit Offenheit darlegten. Als sie aber wiederum sahen, daß man ihnen nicht gestatte, ihrem eigenen Willen zu folgen, da wurden sie durch den Geist der Feigheit verführt, und sie traten zurück, betäubt von seinem trefflichen Lebenswandel. Nachdem sie gegangen waren, war die übrige Herde gereinigt, und sie machten nur noch größere Fortschritte in ihrer Askese, wie Getreide, das herrlich aufsproßt auf den Feldern, wenn das Unkraut mit der Wurzel ausgerissen worden ist.

Dies habe ich ausführlich besprochen, da ich dabei auf ein Zweifaches hinweisen wollte: Einmal, daß es den weltlichen Leuten nichts schadet, wenn sie ihr Augenmerk auf die Strenge der Mönche richten, sondern daß dies vielmehr nützlich ist, daß den Mönchen weder Gebet noch die Gesellschaft der Väter Nutzen bringt, wenn sie in sich selbst leichtfertig sind.

Die Beziehungen des Pachomius zu Dionysius. Heilung eines kranken Weibes.

Ein Bekenner, namens Dionysius, der Verwalter der Kirche von Tyra, ein Freund des Pachomius, hörte von einigen, daß er nicht gestatte, daß die, welche von anderen Klöstern zu ihm kämen, sich mit seinen Brüdern zusammen aufhielten, sondern daß sie an einem anderen Orte vor den Türen des Klosters bleiben müßten. Er kränkte sich darüber sehr und ging zu ihm, sprach mit ihm in etwas tadelndem Tone darüber und sagte: „Du tust nicht recht daran, Vater, daß du nicht gegen alle Brüder dasselbe Verhalten zeigst.“ Er aber trug mit viel Langmut diesen schweren Tadel, antwortete und sprach: „Gott kennt meinen Vorsatz, und deine väterliche Gesinnung versteht ihn, nämlich, daß ich niemals eine Seele kränken oder verachten wollte. Wie sollte ich jetzt wagen, dies zu tun und meinen Herrn gegen mich erzürnen, der ausdrücklich einprägt: ‚Was ihr einem der geringsten dieser meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘. Erlaube nun, mein Vater, daß ich dich überzeuge! Denn ich habe das nicht getan, weil ich die, welche hierher kamen, verachte, sondern weil das Kloster viele Neulinge hat von verschiedenem Charakter, die sogar nicht einmal noch das Kleid des Mönches kennen. Darunter sind Kinder von solcher Einfalt, daß sie nicht wissen, was rechts und links ist. Ich glaubte daher, es sei für die Brüder vorteilhafter, für sich allein zu bleiben, und ebenso für die, welche zu uns kommen. Ich denke, daß dies eher eine Ehre für die uns besuchenden Väter und Brüder ist, wenn sie zur Stunde des Gebetes sich mit uns versammeln, während sich dann danach jeder von ihnen an seinen bestimmten Ort begibt und Ruhe hat, während ich natürlich mich um Gottes willen ihren Bedürfnissen widme.“

Als dies der Priester Dionysius von ihm gehört hatte, da bat er ihm vielmehr ab, da er erkannte, daß er alles im Hinblick auf Gott tue. Er freute sich sehr über diese seine Verteidigung und ging fröhlich in seine Heimat zurück. Ein Weib der dortigen Bevölkerung, das am Blutfluß litt und lange Zeit schon von dieser schmerzlichen Schwäche gequält wurde, hörte von Pachomius, daß er fromm sei und ein bewundernswertes Leben führe und daß Dionysius sein innigster Freund sei. Sie bat diesen, sich ihrer zu erbarmen und unter irgendeinem dringenden Vorwand den Heiligen in die Kirche kommen zu lassen. Dionysius hörte auf das Flehen der Frau und rief Pachomius alsbald zu sich. Pachomius kam, begrüßte nach dem Gebet den Dionysius und setzte sich mit ihm in der Kirche nieder. Dionysius hatte nur wenig mit dem heiligen Pachomius gesprochen, da näherte sich ihm die Frau, gestärkt in ihrem Verlangen und im Vertrauen auf den, der da sagte: „Fasse Mut, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen“, leise von rückwärts und faßte an die Kapuze an seinem Haupte und sogleich wurde sie geheilt. Sie fiel auf ihr Antlitz nieder und beugte die Knie vor ihm und lobte Gott für die Wohltaten, die er aus seiner Hand durch seine Diener denen zuteil werden lässt, die auf ihn vertrauen. Als Pachomius die List des Dionysius merkte, da segnete er das Weib und kehrte wieder in sein Kloster zurück.

Als das Bedürfnis es erforderte, eine Mauer zum Schutze des Klosters zu errichten, da half er selbst den arbeitenden Brüdern mit dankbarem Herzen.

Pachomius schlichtet einen Streit zwischen einem Klostervorstand und einem von dessen Brüdern.

Nach einigen Tagen kam ein Asket, ein Vater von vielen Brüdern, der gewohnt war, ihn öfter zu besuchen, mit einem Bruder zu ihm. Es war nämlich in dem unter ihm stehenden Kloster folgender Streit entstanden: Der Bruder, der mit ihm da war, belästigte den Leiter des Klosters fortgesetzt mit dem Verlangen, die geistliche Würde zu erhalten. Der Vorstand aber wußte, daß er dieser Gnade nicht wert sei und verschob die Angelegenheit auf die verschiedenste Weise. Als er aber die Belästigung durch den Bruder nicht mehr ertragen konnte, da ging er zum heiligen Pachomius und erzählte ihm so gut wie möglich die ganze Angelegenheit. Denn er war überzeugt, daß dieser allein eine Lösung für den Ehrgeiz des Bruders finden könne.

Wie dieser nun die ganze Sache erfahren hatte, sagte er zu dem Priester: „Du bist nicht gekommen, damit ich den Willen Gottes nur erforsche. Höre also auf mich und gewähre die Bitte des Bruders! Und ich verzweifle nicht, vielleicht werden wir dadurch seine Seele der Hand des Feindes entreißen. Denn es kommt vor, daß auch ein schlechter Mensch Sinn für das Gute bekommt, wenn ihm eine Wohltat erwiesen wurde. Denn die Begierde nach dem Besseren pflegt den Seelen, welche noch nicht gänzlich gefallen und leichtfertig geworden sind, Sicherheit zur Betätigung der Tugend einzuflößen. Uns, mein Bruder, ziemt es, so zu handeln; denn die Liebe im Sinne Gottes besteht darin, miteinander zu dulden.“

Nachdem der Vorstand diese Antwort erhalten hatte, tat er, wie ihm befohlen worden. Als der Bruder aber seinen Wunsch erfüllt sah, da kehrte er wieder zurück zu dem Heiligen in Besonnenheit und tiefer Erschütterung, er warf sich nieder auf sein Antlitz, bekannte und sprach: „Mann Gottes, hoch erhoben wurdest du vom Herrn, da du im Guten das Schlechte besiegst. Denn wenn du gegen mich nicht langmütig gewesen wärest, sondern gegen mich gesprochen hättest, dann wäre ich aus dem Kloster gegangen und Gott entfremdet worden. Jetzt aber bist du gelobt im Herrn, denn durch dich ist meine Seele gerettet worden.“ Pachomius hob ihn von der Erde auf und ermahnte ihn, ein der Verheißung würdiges Leben zu führen, „damit du nicht in der Zukunft eine weniger gute Rechenschaft ablegst“, er umarmte ihn, geleitete ihn bis zum Tore des Klosters und entließ ihn.

Heilung von Besessenen.

Während er noch dastand, siehe, da kam ein Mann von ferne hergelaufen, fiel zu seinen Füßen nieder und bat und flehte ihn an, er möge sein Töchterlein, das von einem Dämon besessen sei, durch die ihm von Christus verliehene Gnade heilen.

Pachomius ließ den Mann draußen stehen und ging hinein in das Kloster. Dann schickte er, heißt es, den Türhüter zu ihm und ließ ihm sagen: „Es ist nicht unsere Gewohnheit, zu Frauen zu gehen. Schicke mir eines von den Kleidern des Mädchens, wir werden es im Namen unseres Herrn Jesus Christus segnen und wieder zurückschicken, und wir hoffen, daß das Kind geheilt wird.“ Das überschickte Kleidchen aber betrachtete der Heilige scharf und sagte dann: „Es ist nicht ihr Kleid.“ Als es ihr Vater bekräftigte und versicherte, daß es ihr gehöre, da sagte Pachomius zu ihm: „Es gehört ihr, das weiß ich auch selbst; sie bewahrt aber ihre Keuschheit nicht, obwohl sie gelobt hat, jungfräulich zu bleiben. Deshalb habe ich es, als ich das Kleid anblickte, gemerkt, daß sie nicht keusch ist und deshalb sagte ich auch, es gehöre nicht ihr. Sie mag dir indes versprechen, sich rein zu bewahren in Zukunft vor den Augen des Herrn, und der menschenfreundliche Herr Christus wird sich ihrer erbarmen und sie heilen.“ Der Vater fragte das Mädchen voll Zorn und Trauer aus, und das Kind machte ein Geständnis. Es versprach mit einem Eide, das nicht mehr zu tun. Nachdem dann der Heilige ein Gebet verrichtet hatte, schickte er ihr Öl; dies wandte sie gläubig an und wurde sogleich geheilt. Und er pries Gott, da sie mit dem Verschwinden des schrecklichen Dämons auch ihren Lebenswandel geändert hatte und in Zukunft auf reine Keuschheit bedacht war.

Dies Geschehnis wurde allgemein bekannt, und so kam ein anderer Mann, der seinen Sohn, der von einem hartnäckigen Dämon besessen war, Tag für Tag beklagte, ihn aber nicht zu dem Heiligen führen konnte, selbst zu ihm, warf sich auf die Knie nieder und bat ihn, über den Knaben zu beten. Pachomius tat dies und gab ihm ein Brot, wobei er ihn aufforderte, dieses zur Stunde der Mahlzeit dem Leidenden zu essen zu geben. Als ihn nun hungerte, brachte ihm der Vater das Brot. Wie das aber der Dämon merkte, ließ er ihn nicht davon essen, ja nicht einmal es nehmen, sondern der Knabe griff nach vielen anderen Dingen und stillte so sein Bedürfnis. Wieder nahm der Vater das Brot, brach es in kleine Stücke und umwickelte sie, mit Stückchen Käse gemischt, mit Datteln. Dies allein setzte er ihm vor, damit er, der von der Zurichtung nichts wußte, von dem gesegneten Brote nehme. Der aber wickelte das Gericht wieder auf und warf die Brotstückchen zur Erde, die Datteln aber ließ er voll Widerwillen stehen und wollte überhaupt nichts genießen.

Sein Vater ließ ihn nun viele Tage lang fasten und gewährte ihm keine Möglichkeit, etwas anderes zu sich zu nehmen als dies Brot allein. Da wurde er vom Hunger gequält und nahm von den Stücken und sogleich bekam er Ruhe und schlief ein, der schlimme Geist aber entwich von ihm. Da nahm der Vater das geheilte Kind und kam wieder mit ihm zu Pachomius und lobte Gott, der da durch seine Heiligen große Wunder vollbringt, ruhmvoll und gewaltig ohne Zahl.

Wie der Selige sah, daß durch ihn auch zahlreiche andere Heilungen vermöge der Kraft des Heiligen Geistes geschahen, da wurde er nicht etwa hochmütig in seinem Herzen – denn er hatte vom Herrn auch diese Gnade -, sondern er blieb ganz der gleiche, verständig und immer ernst. Wenn er aber einmal betete und seine Bitte wurde nicht erfüllt, dann verwunderte er sich nicht, sondern führte beständig jenes göttliche und gewaltige Gebet, das er gelernt hatte, im Munde: „Vater, Dein Wille geschehe“.

Des Theodorus asketische Ausbildung.

Theodorus aber, dessen wir oben gedachten, wurde, obwohl er jünger war, gestärkt im Geiste, er ahmte in allem seinen untadeligen, väterlichen Führer nach. Er machte Fortschritte in den Tugenden, indem er sich dem Großen unterordnete und ihm in allem um Gottes Willen nachgab, wie dem Herrn selbst. Da Pachomius gewohnt war, sich vielfach durch den Gegensatz im Herzen in der Langmut zu üben, prüfte er ihn oft bei den Aufträgen, die er ihm gab. Er befahl ihm nämlich, etwas von den Arbeiten auszuführen, dann trat er wieder zu ihm und tadelte ihn wegen dessen, was er mit vielem Eifer machte; darauf übertrug er ihm wieder etwas anderes, indem er sagte, das erstere habe er nicht gut gemacht. So schien er beständig den Gedanken der Selbstgefälligkeit in ihm zu bekämpfen. Er aber nahm den väterlichen Tadel verständig auf, behielt seine Ruhe und wagte durchaus nicht, zu widersprechen oder sich bei ihm zu rechtfertigen; er tröstete sich mit anderen Worten und sagte: „Er ist ein ausgezeichneter Baumeister und ein erprobter Diener Christi. Vieles, was sich bei Unkundigen in falschem Sinne darstellt, läßt sich von Kundigen eine Verbesserung gefallen. Ich Sünder aber muß über mich klagen, bis der Herr mein Herz zum Guten lenkt und ich würdig werde des Gehorsams gegen die heiligen Väter. Denn ohne die Hilfe des Herrn sind die Werke des Menschen und besonders das Vertrauen nur auf sich selbst Staub und Asche.“

Des Pachomius Verhalten in der Krankheit.

Als einmal die Brüder weggegangen waren, um auf einer Insel Binsen abzuschneiden, während Theodorus für sie die Mahlzeit bereitete, da kam eines Tages der Vater von der Arbeit – er war nämlich mit ihnen -, gequält von einem körperlichen Leiden. Da ihn fror, breitete Theodorus eine härene Decke über ihn. Er aber entrüstete sich darüber und befahl ihm: „Nimm sie hinweg von mir und wirf eine Binsenmatte über, wie es bei den Brüdern Brauch ist.“ Danach tat Theodorus, als ob er die peinliche Sorgfalt des Greises vergessen habe, nahm eine Handvoll Datteln, reichte sie ihm und redete ihm zu, zu nehmen. Als der aber dies sah, sprach er unter Tränen zu ihm: „Mein Bruder, da wir die Macht haben, regeln wir die Mühen der Brüder und ihre Bedürfnisse; dürfen wir uns deshalb so schlechtweg und wie sich’s gerade trifft der Gleichgültigkeit überlassen und gegen die Notwendigkeit, gegen Zeit und Sitte handeln? Wo bleibt da die Furcht Gottes? Sage mir, mein Bruder, besuchtest du alle Hütten und überzeugtest du dich, daß es in ihnen keine Kranken gebe? Gerate nicht in Versuchung, Theodorus! Denn es ist dasselbe, in Kleinem und in Großem gegen das Gesetz zu fehlen. Wenn also jene armen Menschen ihre Drangsale freudig mit Gott erdulden, wie sollen wir sie nicht ertragen?“ Vermöge der ihm verliehenen Gnade untersuchte er die Krankheiten nach ihrer Art. Denn er wußte genau, daß die Dämonen mit allen erdenklichen Erfindungen versuchen, den Gläubigen Fallen zu stellen.

Einmal allerdings befiel ihn im Kloster ein überaus heftiges Fieber, und er blieb fünf Tage lang ohne Nahrung. Er merkte, daß dies eine List des Schlechten sei, der beständig die Heiligen hindern will. Deshalb unterließ er es nicht, zum Gebet aufzustehen, sondern schickte zu Gott, auf den er sehnsüchtig hoffte, seine heißen Bitten empor. Und plötzlich fühlte er Erleichterung von der Krankheit und setzte sich am Tisch der gesunden Brüder nieder, voll Dank gegen den Herrn, der ihm die Gabe, das Bessere zu unterscheiden, verliehen hatte.

Obwohl er aber so stark war, vernachlässigte er doch die Kranken durchaus nicht, er war vielmehr gut und mitfühlend gegen die Brüder wie nur irgendeiner.

Gründung eines zweiten Klosters in Pibu.

Da er nun wieder sah, daß sich die Brüder nach der Vorsehung Gottes vermehren würden und das Kloster keinen Platz mehr bieten werde, führte er einige von ihnen in ein anderes Dorf, namens Pibu. Er erbaute auch hier ein Kloster und setzte in ihm einen Verwalter ein, um für die Bedürfnisse der Brüder zu sorgen. Er schrieb auch Regeln für sie nieder, er gab ihnen als Unterpfand das Gebet und die eindringlichsten geistlichen Ermahnungen, er ermunterte sie sorgfältig, es möge ja keiner von ihnen in Wort oder Tat den Nächsten schädigen, sondern jeder nach der Bestimmung der Askese sich einordnen. Denn bei Gott und den Menschen stehen Ordnung und Zucht in hohen Ehren.

Angliederung der Klöster in Chenoboskia und Muchonse.

So sorgte der Greis für diese beiden Klöster und besuchte sie fortgesetzt bei Tag und Nacht, wie ein Diener des Oberhirten Christi, des Herrn und Retters unserer Seelen. Als nach einiger Zeit die Zahl der Brüder auch in dem zweiten Kloster wieder voll geworden war, da kam zu ihm ein überaus asketischer alter Mann, mit Namen Eponychus, gleichfalls Vorstand eines anderen Klosters von sehr alten und vollkommenen Brüdern. Dieser bat den Großen, daß er ihn aufnehme und ihn und sein Kloster, mit Namen Chenoboskia, unter seine Leitung stelle, daß er auch seine Brüder aufnehme und sie seinem eigenen Kloster angliedere. Pachomius gab seinen Bitten nach, führte die Brüder aus seinem eigenen Kloster dorthin, betete für sie zu Gott und empfahl sie den Brüdern, welche schon vorher dort gewesen waren, daß sie in allem nach seinen Regeln leben möchten. Er gab ihnen auch nach seiner Gewohnheit Muster und bestimmte, daß sie nach den Regeln des ersten Klosters leben sollten. Er selbst aber dankte dem Herrn für das Heil der Brüder.

Auf dieselbe Weise wiederum wurde er von den in dem Kloster Muchonse lebenden Brüdern gebeten, auch die Sorge für sie nach Gott zu übernehmen. Und der Vater begann auch sie nach den früheren Satzungen zu leiten, er gliederte sie seinen eigenen Brüdern an und empfahl sie dem Herrn, der Wunderbares vollbringt und die, welche das Heil erlangen wollen, in die Zahl der Heiligen aufnimmt.

Der Asket Jonas.

In diesem Kloster lebte ein sehr alter und heiliger Mann, der den Herrn über alles liebte, mit Namen Jonas, der vollkommenste Asket, dessen Lebenswandel ich zum Nutzen vieler mit Gott erzählen werde. Der Große stellte nämlich in jedem Kloster mit vielem Eifer Brüder auf, die im Geiste fähig waren zur Leitung der übrigen, und er selbst besuchte die Klöster in Zwischenräumen. Er kam auch dorthin und ging in das Kloster hinein; da stand ein sehr hoher Feigenbaum, auf den manche von den Jungen heimlich zu klettern, davon Früchte zu nehmen und zu essen pflegten. Der Große betrachtete den Baum und näherte sich ihm; da sah er auf ihm einen unreinen Geist sitzen. Er erkannte, daß dies der Geist der Gefräßigkeit sei und war überzeugt, er sei es besonders, der die jungen Leute verführe. Er rief nun den vorher erwähnten Bruder, der der Gärtner des Klosters war, und sagte zu ihm: „Bruder, haue diesen Feigenbaum um! Denn es ziemt sich nicht, daß er mitten im Kloster steht, da er ein Gegenstand des Anstoßes ist für die, welche in der Erkenntnis nicht gefestigt sind.“ Als der Bruder dies hörte, betrübte er sich sehr und sagte zum Großen: „Keineswegs wollen wir das tun, mein Vater, da wir von dem Baume gewöhnlich eine Menge Früchte ernten.“ Als Pachomius ihn so betrübt sah und wußte, daß er durch seinen Lebenswandel bewundernswert und erbaulich sei, wollte er ihn nicht weiter drängen, um ihn nicht über Gebühr zu kränken. Am folgenden Tage aber erblickte man den Baum so dürr, daß man überhaupt kein grünes Blatt und keine Frucht mehr an ihm finden konnte. Als dies der selige Jonas sah, da kränkte er sich noch mehr über seinen Ungehorsam, weil er auf das Wort des Heiligen hin den Baum nicht sogleich und bereitwillig umgehauen hatte.

Dieser Jonas hatte sein fünfundachtzigstes Jahr in dem Kloster vollendet und ein durchaus ernstes Leben geführt. Er allein hatte die ganze Sorge für den Garten und pflanzte selbst die Obstbäume. Trotzdem genoß er niemals bis an sein Lebensende das Geringste von den Früchten, obwohl alle Brüder und die Fremden und die Umwohner davon bis zur Sättigung aßen. Seine Kleidung war diese: Er hatte drei Schaffelle zusammengenäht und begnügte sich mit diesen allein für die Bekleidung seines Leibes, indem er niemals etwas anderes anzog, weder im Sommer noch im Winter. Er hatte auch einen hemdartigen Überwurf, den er anlegte zur Stunde der göttlichen und unbefleckten Geheimnisse des Leibes unseres Herrn Jesu Christi. Und sofort nach dem Empfang des heiligen Leibes legte er ihn wieder ab und beiseite und bewahrte ihn so rein fünfundachtzig Jahre lang. Was körperliche Erholung sei, das wußte er nicht, da er freiwillig und gar eifrig immer arbeitete. Er nahm niemals gekochte Nahrung zu sich, sondern die ganze Zeit seines Lebens hindurch aß er rohes kleines Gemüse mit Essig. Einige der Brüder versicherten auch, daß er das Krankenhaus nie von innen sah. Zu allem diesem lehnte er sich auch bis zu seinem Tode niemals mit dem Rücken an, sondern am Tage arbeitete er im Garten, gegen Sonnenuntergang nahm er seine Mahlzeit zu sich, ging dann in seine Zelle , setzte sich auf einen Stuhl in der Mitte der Zelle und flocht Stricke bis zur nächtlichen Versammlung. Und wenn es ihm zustieß, daß ihn aus dem natürlichen Bedürfnis des Körpers der Schlaf ein wenig übermannte, dann saß er ebenfalls und hatte die von ihm geflochtenen Seile in den Händen. Und dies tat er nicht bei einer Lampe oder einer anderen Flamme, sondern er saß in tiefer Dunkelheit da und prägte sich die Worte der Heiligen Schrift ein.

Noch sehr vieles andere des Lobes würdige tat der selige Greis Jonas, was darzustellen hier nicht der Ort ist, damit sich die Erzählung nicht in unendliche Länge ausdehne und den oberflächlicheren unter den Lesern Ermüdung verursache. Ganz allgemein aber wird erzählt. daß er auf eine recht merkwürdige Weise entschlafen sei: Er saß nämlich auf seinem Stuhle und drehte nach seiner Gewohnheit Stricke, und so vollendete er, so daß man nach seinem Tode die Stricke in seinen Händen fand. Wahrhaft wunderbar und erzählenswert, meine Brüder, ist auch der Bericht über seine Bestattung. Seine Beine nämlich konnten nicht ausgestreckt werden, da sie in der Stellung erstarrt waren, in der er gestorben war; ebenso konnten seine Hände nicht vereinigt oder dem Körper genähert werden; auch sein Fellgewand gab nicht nach, so daß man es ausziehen konnte. Sie wickelten ihn daher ein wie ein Bündel Holz und mußten ihn so der Erde übergeben. Doch wir wollen wieder zu unserem Gegenstand zurückkehren.

Pachomius zerstört ein zu prächtig errichtetes Gebetshaus wieder.

Der heilige Pachomius erbaute in diesem Kloster ein Gebetshaus und brachte in wohlberechneter Weise Säulen und Pfeiler aus Ziegelsteinen an; und er freute sich an dem Werk, soweit er es schön aufgerichtet hatte. Da bedachte er, man dürfe der Hände Werk nicht bewundern und sich nicht erfreuen an der Schönheit der eigenen Gebäude. Deshalb nahm er, als der Bau noch ganz neu war, Stricke, band sie an den Pfeilern fest und befahl den Brüdern, mit aller Kraft zu ziehen, bis sie niederstürzten und häßlich geworden waren. Und er ergriff das Wort und begann zu reden: „Streitet nicht auch ihr, meine Brüder, wie ihr das Werk eurer Hände möglichst prächtig schmückt! Betet lieber, daß eure Werke durch die Gnade des Heiligen Geistes unverletzlich bleiben, damit nicht euer Sinn durch das Lob, das der Kunst gespendet wird, strauchle und eine Beute des Teufels werde. Denn seine Listen sind mannigfach.“

Pachomius belehrt die Brüder über den Widerstand gegen Angriffe der Dämonen.

So kam er in jedes Kloster und förderte die Brüder, und er saß da, legte ihnen die Heilige Schrift aus und ermunterte sie, vor allen Dingen untadelig zu sein, zu kennen und nicht zu vergessen die List der Feinde, sie zu bekämpfen durch die Kraft des Heiligen Geistes und beständig zu sprechen: „In Gott werden wir Gewalt ausüben. Und er selbst wird gering achten unsere Feinde“.

Einer von den Brüdern nun fragte ihn: „Wozu denn nur behüten wir vor dem Angriff des uns bedrohenden Dämons das Denken des Verstandes und trachten nach Enthaltsamkeit und Demut und den anderen Tugenden; wenn aber der Augenblick erfordert, das Gelernte zu zeigen, wie zum Beispiel Langmut im Augenblick der Erbitterung, verzeihenden Sinn im Augenblick des Zornes, Bescheidenheit, wenn ein Lob in Aussicht steht, und vieles andere der Art, warum, frage ich, sind wir nicht imstande dazu?“

Ihm antwortete der Heilige und sprach folgendermaßen: „Da wir nicht vollkommen den Pfad der Tugend wandeln, deshalb kennen wir nicht den ganzen Zustand und das verwickelte Wesen der Dämonen, so daß wir die Gegenwart des uns bedrängenden Geistes durch die angespanntere, betrachtende Kraft der Seele aufheben und die vorhandene Verwirrung derartiger Gedanken von uns weisen könnten. Deshalb ist es nötig, jeden Tag und jede Stunde dem betrachtenden Teil der Seele die Furcht Gottes gleichsam wie Öl einzugießen, welche, um mich dichterisch auszudrücken, handelnd in die Erscheinung tritt und eine Leuchte ist zur Anschauung dessen, was uns unterworfen ist. Denn sie macht unseren Sinn unerschütterlich und reißt uns nicht fort zum Zorn, zur Erbitterung, zur Unversöhnlichkeit oder irgendeiner anderen der Leidenschaften, welche uns mit Gewalt zur Sünde fortziehen. Denn sie gewährt dem von solchen Geistern heimgesuchten Menschen Anschauung und hebt ihn empor in das Land der körperlosen Wesen, sie flößt ihm den Mut ein, sie zu verachten und macht ihn fähig, nach der Schrift zu wandeln über Schlangen und Skorpionen und gegen jede Gewalt des Feindes“.

Pachomius weist ketzerische Mönche ab, die ihn zu einem Wunderzeichen herausfordern.

Während er dies den Brüdern erklärte und ihnen deutlich die Angriffe des Feindes zeichnete, da kamen ketzerische Asketen, die durch ihre härenen Kleider ihr wahres Innere verbargen, und sagten zu den Brüdern am Tore: „Wir sind von unserem eigenen Vater zu dem Großen abgeschickt worden. Gehet hinein, befahl er, und saget zu ihm: Wenn du in Wahrheit ein Mann Gottes bist und glaubst, daß Gott auf dich hört, wohlan denn, so wollen wir mit unseren Füßen diesen Fluß überschreiten, damit alle wissen, wer von uns größeren Freimut gegenüber Gott besitzt, wir oder du.“

Als dies die Brüder dem Pachomius gemeldet hatten, da wurde er unwillig und sprach zu ihnen: „Saget mir nur: Ihr habt es fertiggebracht, ihnen Gehör zu schenken, ihr habt nicht erkannt, daß derartige Streitfragen mit Gott nichts zu tun haben und ihm vollkommen fremd sind, fremd nicht nur unserem Lebenswandel, sage ich, selbst nicht einmal für die Weltleute, die verständig und wahre Christen sind? Denn welches Gesetz gebietet uns, dies zu tun oder vorzuschlagen? Was denn gibt es in Wahrheit Unseligeres als diese Torheit, die verlangt, ich soll aufhören, meine Sünden zu bejammern und, wie ich doch muß, die ewige Strafe zu meiden, die aber verlangt, statt dessen mit meinen Sinnen Kinderspiel zu treiben und mich mit solchen Vorschlägen abzugeben?“

Sie sprachen wiederum zu ihm: „Diese waren also Ketzer und Gott Entfremdete, da sie sich erfrechten, dich dazu herauszufordern?“

Er antwortete ihnen und sprach: „Gewiß, dies ist ein Vorschlag von Ketzern. Habt ihr den apostolischen Ausspruch nicht gelesen, der da sagt: ‚Nach ihrer Verhärtung und der Unbußfertigkeit ihres Herzens hat sie Gott überliefert ihrem unbewährten Verstande, so daß sie unfähig sind, sich zu verteidigen‘. Jetzt hätten sie vielleicht nach der Zulassung Gottes den Fluß überschreiten können wie über festes Land, indem ihnen der Teufel geholfen hätte, um die Ketzerei seiner Gottlosigkeit in denen zu befestigen, die sich auf ihn stützen, und um durch Ausführung dieses Unternehmens einigen von denen, die schon durch ihn verführt wurden, Glauben einzuflössen. Ich aber habe das jetzt nicht nötig zu tun. Gehet also hinaus und saget denen, die euch diesen Vorschlag gemacht haben: So spricht Pachomius, der Mann Gottes: Mein Kampf und mein ganzer Eifer besteht nicht darin, zu Fuß einen Fluß zu überschreiten oder über die Berge zu fliegen oder den wilden Tieren zu gebieten, die Gott von Anfang an den Menschen untergeordnet hat, sondern darin, in mich aufzunehmen das Gericht Gottes und die teuflischen Ränke zu vereiteln durch die Kraft des Herrn, der da befiehlt zu wandeln über Schlangen und Skorpionen und gegen die ganze Macht des Feindes. Denn wenn mir dies vom Herrn verliehen ist, wird auch das übrige von selbst folgen.“ Und nachdem er dies gesagt hatte, ermahnte er wiederum die Brüder, nicht stolz zu sein auf ihre eigenen guten Werke und die Gottheit nicht durch solche Bitten auf die Probe zu stellen. Denn zahlreich sind die Ränke des Widersachers, und derartige Dinge sind für jeden Menschen überflüssig und gefährlich, da das Wort des Heilandes gegen den Feind heißt: „Du sollst nicht versuchen den Herrn, deinen Gott“.

Nach all diesen Reden stand der Greis auf, betete und bat den Herrn, er möge immer seiner Lehre zum Heile eingedenk sein. Dann begab sich jeder der Brüder hinweg zu der ihm übertragenen Arbeit, indem sie über die Heilige Schrift nachdachten. Denn es war unmöglich, daß einer von ihnen ein unnützes oder weltliches Wort sprach. Sondern nach dem Wort der Schrift: „Mein Mund soll die Weisheit üben und die Übung meines Herzens ist die Einsicht“, besprach sich jeder mit dem Nächsten entweder über eine Erklärung der Schrift oder über eine gute Handlung und das Leben des Vaters. So wurde von ihnen die Eitelkeit der Welt zertreten, daß einige von ihnen starben, ohne zu wissen, wie Gold oder Silber überhaupt aussehe.

Die Ausdauer des Pachomius im Wachen. Zurechtweisung des Kornelius.

Als er nun einmal mit einigen Brüdern in das Kloster reiste und es noch nicht erreicht hatte, da sich der Tag schon zum Abend neigte, sagte er zu ihnen: „Wohlan, laßt uns diese Nacht wachen!“ Sie antworteten: „Wie es dir gefällt, Vater.“ Er sprach wieder zu ihnen: „Zwei Arten des Gebetes lehrte mich unser heiliger Vater Palamon: Wollen wir beten bis Mitternacht und dann bis zum Morgen ruhen, oder wollen wir schlafen bis Mitternacht und dann mit dem Gebet beginnen bis zum Morgen?“ Als sie die letzte Art erwählten, da blieb der Greis wach und wog mit Bedacht die Stunden des Schlafes und des Gebetes gegeneinander ab; denn er war des Wachens kundig und bereitwillig gegen die Fügsamen. Sie aber blieben weit hinter dem Mann zurück und legten sich nieder bis zur Stunde der Versammlung. Der eine nun verbarg sich gänzlich vor ihm – er war nämlich müde – und schlief die ganze Nacht hindurch. Der andere warf sich auf das Lager und gab sich lange Zeit dem Schlafe hin. Diesen rief Pachomius gegen Morgen und ließ ihn mit sich zum Gebet hintreten. Er selbst aber kreuzte nach seiner Gewohnheit die Arme die ganze Nacht hindurch und blieb unbeweglich, bis er sein Gebet vollendet hatte. Nachdem sie dann wieder viele Stadien gereist waren, kamen sie in dem Kloster an.

Als der Verwalter Kornelius hörte, daß der Große gekommen sei, fragte er den einen der Brüder, die ihn auf der Reise begleitet hatten: „Was sagte und tat unser Vater? Wo verweilte er die Tage in der Zwischenzeit?“ Der Bruder antwortete ihm: „Du kennst den Mann und seinen Eifer. Gleichwohl hat er uns gehörig in seine Erziehung genommen in dieser Nacht.“ Nachdem er alles erzählt hatte, sprach Kornelius zu ihm: „O, diese Schwäche! Und du hast zugelassen, daß ein schwacher Greis dich, den jungen Mann, überwindet?“ Während sie so redeten, hörte es der Große im Geiste.

Als es nun Abend geworden war, sprach er zu Kornelius: „Da mich gestern ein Anfall von Leichtfertigkeit überkommen hat, so wollen wir, wenn es dir recht ist, heute die Schuld tilgen und zum Gebet hintreten. Denn es steht geschrieben: „Betet und traget dem Herrn, eurem Gott, die Schuld ab!“ -“ Wohlan, wache mit uns!“ Dieser erwiderte: „Wie es dir recht ist, mein Vater!“ Sogleich vollbrachte Pachomius in der Zelle das, wonach ihn verlangte, und dehnte das Gebet lange aus, um so den Kornelius mit Rücksicht auf seine Worte gehörig in Zucht zu nehmen und ihn zu belehren, mitfühlend zu sein und zu glauben, daß der Alte doch der tüchtigere sei.

Nach dem allgemeinen Gottesdienst der Brüder in ihrer regelmäßigen Versammlung hörte er mit dem Gebete auf; da sprach zu ihm der Bruder: „Was hast du getan, mein Vater! Nicht einmal Wasser habe ich getrunken und abends habe ich zuletzt Nahrung zu mir genommen.“ Pachomius erwiderte ihm: „Und du hast es zugelassen, Kornelius, daß dich ein schwacher Greis im Gebete überwindet?“ Da merkte der Bruder, daß dem Großen die Worte, die er zu dem Bruder gesagt hatte, nicht verborgen geblieben waren, sondern daß er zugegen gewesen, und er sprach: „Ich habe gesündigt; verzeihe mir, daß ich nicht recht gedacht und gesprochen habe; denn in dir wohnt der Heilige Geist , und die Kraft Gottes ist mit dir.“ Nachdem er so auch diesen zum Guten unterwiesen hatte, entließ er ihn.

Und er begann wieder und ermahnte die Brüder, nicht zu achten auf die Schönheit und die Pracht dieser Welt, nicht auf wohlschmeckende Nahrung noch auf schöne Kleidung. Denn ihre Schönheit zeigte er auf in den Geboten Gottes, nach dem Psalmisten, der da sagt: „In Deinem Willen, o Herr, gabst Du meiner Schönheit Kraft“. Wir suchen allein die Schönheit der Tugenden, die zugleich nützt. „Denn sagt mir“, sprach er, „war Joseph nicht sehr schön von Angesicht? Aber nicht wegen seiner sichtbaren Schönheit wurde er König, sondern wegen des ihm innewohnenden Glanzes der Tugenden entging er dem Schrecklichen, besiegte und mied er die greuliche und bestrickende Sünde, deren Finsternis auszumalen jetzt nicht die Zeit ist. Ammon aber oder Absalom waren nicht von der Art. Sie vertrauten auf die Schönheit des Körpers allein, bereiteten sich durch verschiedene Sünden Verderben und entgingen nicht dem Gerichte; so fanden sie gänzlich ihr Verderben. Wir aber, Geliebte, wollen auf uns achten, indem wir weit jede fleischliche Begierde von uns entfernen, damit wir so in den Besitz der ewigen Güter gelangen und wahre Schönheit erwerben.

Das verständige Wesen des Theodorus gegenüber seinem Bruder Paphnutius und einem schwachen Mitbruder.

Während er noch dies sagte, kam Paphnutius dorthin, ein Bruder des Theodorus, der bat, ebenfalls in die Zahl der Mönche aufgenommen zu werden. Da aber Theodorus mit ihm durchaus nicht wie mit einem Bruder verkehren wollte – denn er hatte den alten Menschen gänzlich ausgezogen -, kränkte sich Paphnutius sehr und weinte.

Als dies der Große wahrnahm, sagte er zu Theodorus: „Schön ist die Herablassung gegen solche Menschen in den Anfängen, mein Bruder. Denn wie mit einem Baume nur die größte liebende Hingabe das frischaufgepflanzte Reis vereinigt, so ist es auch mit einem, der mit der Askese erst beginnt, bis er selbst durch die Gnade des Herrn Wurzel gefaßt hat und eine Stütze im Glauben findet.“ Als dies Theodorus gehört hatte, fügte er sich der Aufforderung des Vaters, indem er seinen Bruder in allem unterstützte; denn er verstand das, was man ihm sagte. Ein Bruder nun kränkte sich sehr, weil er zu häufig vom Vater zurechtgewiesen wurde, wenn er eine Unterweisung im Guten erhielt, und er stand auf dem Punkte, zu entfliehen. Da verstellte sich Theodorus und sagte zu ihm: „Du weißt doch, Bruder, daß die Sprache dieses alten Mannes über Gebühr schroff ist. Ich weiß nicht, ob ich es hier aushalten kann.“ Der aber, gleichsam wie wenn er seine eigene Last abgelegt hätte und in dem anderen gern einen Leidensgefährten sähe, sprach zu Theodorus: „Auch du leidest so?“ Theodorus aber erwiderte ihm: „Ja, und sehr leide ich. Aber wenn du willst, so wollen wir zusammenkommen, um uns gegenseitig zu trösten, bis wir mit ihm noch einmal einen Versuch gemacht haben. Wenn er gegen uns freundlich ist, gut, dann wollen wir hier bleiben, wenn aber nicht, dann gehen wir fort.“

Als dies der Bruder gehört hatte, wurde er gestärkt in seiner Gedankenschwäche. Theodorus aber ging zu Pachomius und erzählte ihm seine Absicht. Der sagte zu ihm: „Das hast du gut gemacht, mein Kind; wohlan, bringe ihn mit her, tadle dann vor ihm, so gut du kannst, seinen Entschluß, und wenn Gott Erfüllung gewährt, findet der Bruder einen Vollkommeneren.“ Sie kamen nun mitsammen , und Theodorus machte ihm nach der Belehrung des Vaters Vorwürfe. Da neigte sich der Vater und sprach: „Verzeihet mir, Brüder, daß ich gefehlt habe; aber auch ihr müßt, wie leibliche Kinder, euren Vater ertragen.“ So bediente er sich einer weisen List und förderte sie.

Anläßlich eines erbaulichen Vortrages des Theodorus leitet Pachomius hochmütige Brüder zur Demut an.

Als Pachomius das verständige Wesen des Theodorus wahrnahm und merkte, daß er imstande sei, die Schwächeren hart zu machen, da freute er sich sehr über ihn. Alle nun hatten die Gewohnheit, jeden Abend an einem Platze des Klosters zusammenzukommen und der Belehrung des Großen zu lauschen. Als sich nun alle an dem Orte versammelt hatten, befahl er dem Theodorus, der zwanzig Jahre alt war, den Brüdern das Wort Gottes zu verkünden. Und dieser öffnete sogleich ohne irgendeinen Widerspruch oder Ungehorsam den Mund und verkündete ihnen vieles, was zum Nutzen diente. Einige nun von den bejahrteren Greisen beobachteten, was geschah, und wollten ihn nicht hören; sie sagten zueinander: „Da uns dieser Anfänger belehren will, so wollen wir nicht auf ihn hören,“ Sie verließen die Versammlung, und jeder ging in seine Zelle.

Nachdem der Vortrag beendet war, schickte der Große hin und ließ sie rufen. Sie kamen zu ihm, und er fragte sie und sprach: „Weshalb habt ihr den Vortrag verlassen und euch in eure Zellen begeben?“ Sie aber antworteten: „Weil du ein solches Kind als Lehrer von Greisen und im Kloster Fortgeschrittenen aufgestellt hast.“

Als Pachomius dies hörte, seufzte er tief auf und niedergeschlagen sprach er zu ihnen: „Wißt ihr, woher der Anfang des Übels in die Welt gekommen ist?“ Sie fragten: „Woher?“ Er antwortete und sprach zu ihnen: „Durch den Hochmut, wegen dessen auch der Morgenstern, der früh am Morgen aufgeht, vom Himmel gestürzt wurde und an der Erde zerschellte; wegen dessen auch Nabuchodonosor, der König von Babylon, mit den Tieren zusammenhauste. Oder habt ihr das Wort der Schrift nicht gehört: ‚Ein Gegenstand des Abscheus ist vor den Augen des Herrn jeder hochmütige Mensch‘, und: ‚Jeder, der sich erhöht, wird erniedrigt werden; der aber, welcher sich erniedrigt, wird erhöht werden‘. Durch eure Unwissenheit wurdet ihr vom Teufel eurer Rüstung beraubt und habt eure ganze Tugend vernichtet. Denn Vater und Anfang aller Sünden ist der Hochmut. Nicht den Theodorus habt ihr verlassen und seid davon gegangen, sondern ihr seid vor dem Worte des Herrn geflohen und habt euch getrennt vom Heiligen Geiste. Ihr seid in Wahrheit jeden Mitleids wert. Wie, ihr habt nicht eingesehen, daß es der Satan war, der euch antrieb, so weit zu gehen?

O großes Wunder! Gott hat sich erniedrigt, indem er gehorsam war bis zum Tode für uns, und wir, die wir von Natur aus niedrig sind, wir wollen uns überheben. Der von Natur Hohe und Übergewaltige hat sich durch seine Erniedrigung die Welt erworben, obwohl er durch einen Blick alles in Flammen setzen konnte. Wir aber, die wir von der Erde sind, die in Wahrheit Asche oder noch wertloser als diese ist, wir blähen uns auf und wissen nicht, daß wir uns von hier in die tiefsten Tiefen der Erde hinabsenden. Habt ihr nicht gesehen, daß auch ich mit großer Aufmerksamkeit zugehört habe? Ich sage euch, daß ich großen Nutzen hatte dadurch, daß ich ihm zuhörte. Denn nicht um euch zu prüfen, habe ich ihm aufgetragen zu euch zu sprechen, sondern in der Erwartung, auch selbst gefördert zu werden. Um wieviel mehr also hättet ihr ihm mit größter Demut zuhören müssen. In Wahrheit, ich sage euch, ich, euer Vater im Herrn, habe wie jemand, der nicht weiß, was rechts und links ist, zugehört. Euch nun sage ich im Angesichte des Herrn: Wenn ihr nicht wegen dieses Sündenfalles die größte Reue zeigt, so daß euch der Fehltritt vergeben wird, werdet ihr verloren sein; und nachdem einmal dieser überaus schlimme Anfang in euch gemacht ist, werdet ihr nicht eher aufhören, bis ihr bis zur äußersten Stufe der Verurteilung gekommen seid.“ Durch diese Worte schloß er in geschickter Weise die Wunde der Überhebung und erleichterte ihnen die Krankheit, indem er sie mit Maß aufrichtete. Denn er war schroff, wenn es nötig war, aber auch wieder gutmütig, wenn es der Augenblick erforderte, indem er die Fehlenden mahnte und zum Guten antrieb.

Pachomius bringt einen Bruder auf den rechten Weg.

Einen Bruder, der nicht den rechten Weg ging, sondern seinem eigenen Willen folgte, nahm er beiseite und ermahnte ihn, indem er sprach: „Bruder, der Herr sagt: ‚Ich bin vom Himmel herniedergestiegen, um den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat‘, Auch du mußt auf uns hören. Denn ich sehe, wie der Feind dich beneidet und wie deine Anstrengungen durch vieles zunichte gemacht werden. Füge dich also der Regel! Wenn sie zum Essen ruft, dann bleibe nicht ohne Nahrung, sondern komm mit den anderen Brüdern und iß mit Maß das Brot und nimm von dem Gekochten, das dir vorgesetzt ist. Sättige dich nicht ganz, besonders wenn du in guter körperlicher Verfassung bist; wenn du aber im Gegenteil schwach bist, dann setze dem Körper nicht so sehr zu, sondern regiere dich selbst im Einklang mit den Kräften des Leibes, bis du den Dämon der Prahlerei besiegt hast; denn der bedrängt dich sehr.“

Als der Bruder das vernahm, ließ er sich für den Augenblick von dem Ratschlag bestimmen, aber wieder folgte er dem Irrtum, indem er sagte: „Was ist das? Wo steht geschrieben: Du sollst nicht fasten, du sollst dich nicht üben?“ Da er so seinen eigenen Antrieben folgte, wurde der Feind Herr über ihn. Und der Große rief den Theodorus und sprach zu ihm: „Du weißt, daß die Angelegenheit mit diesem Bruder mich sehr schmerzt. Gehe nun hin, besuche ihn und sieh nach, was er tut.“ Theodorus ging hin und fand ihn, wie wenn er bete, während er dabei wahnsinnige und ganz unverständliche Reden ausstieß. Und Theodorus kam wieder und meldete dem Großen das wirre Gerede des Bruders. Wie er aber die Wirksamkeit des Teufels bedachte und seinen vielgestaltigen Kampf gegen uns, da erstaunte er und fürchtete sich sehr, indem er überlegte, mit welcher Nüchternheit deshalb der Mönch kämpfen müsse gegen die wetteifernden Angriffe des Widersachers.

Der Heilige kam nun und sprach ein Gebet über den Bruder, und der Allerbarmer, unser Herr Jesus Christus, heilte ihn. Er wurde wieder vernünftig und hütete sich in Zukunft durch eifriges Streben nach Vervollkommnung. Pachomius nun sprach zu den versammelten Brüdern: „Großer Nüchternheit bedarf es, ihr Brüder, um das Heil zu erlangen. Denn ich höre oft, wie die schlechten Dämonen sich rühmen über ihre Mittel, durch die sie die Asketen verführen; andere aber wieder klagen laut: Der und jener betet ohne Unterlaß, so daß wir die Glut nicht mehr ertragen konnten und entflohen. Deshalb behütet euch immer und schirmt euch mit dem Namen Christi. Denn wenn wir seinem Willen folgen, werden die Feinde gegen uns keine Gewalt haben. Denn Asche und Rauch sind sie, und sie haben keine Wirklichkeit vor dem Angesicht derer, die den Herrn fürchten.“

Einer der Brüder kehrt in die Welt zurück.

Nachdem er dies gesagt hatte, wurde er wie von Gott begeistert, und er stand da eine volle Stunde. Da rief er den Verwalter des Klosters und sagte leise zu ihm: „Gehe in diese Zelle da und sieh zu, wer der ist, der dort seine eigene Seele verachtet, und sei Zeuge seines Verderbens“ – denn er wußte wohl, was dort geschehen war -. „Er kam nämlich nicht hierher, um hier das Wort Gottes zu hören, damit er gestärkt würde gegen den, der ihn bedrängt und mit fortreißt zur Welt. Weshalb betet er nicht dort, sondern schläft? Ich weiß nicht, ob dieser ein Mönch wird.“ Und in der Tat, der Mann trennte sich nach kurzer Zeit von den Brüdern und kehrte in die Welt zurück, da er das leichte Joch des Herrn nicht fragen konnte. Und der Vater fügte dazu wieder eine Bemerkung und sagte: „Saget mir, meine Brüder! Wenn ein Haus hundert Zimmer hat und allein dem Hausherrn zur Verfügung steht, ein anderer aber mietet von ihm ein einziges Zimmer, und zwar das innere, wird da der Hausherr nicht gehindert, in sein eigenes Heim zu gelangen? Ebenso ist es auch mit dem Gläubigen: Wenn er auch alle Gaben des Heiligen Geistes hat, aber durch seine eigene Nachlässigkeit oder durch die Nachstellung des Feindes um eine derselben gebracht wird, indem er durch eine List seine Tugend opfert, wird er nicht in diesem Punkte schwach sein, da er freiwillig gewichen ist? Denn wenn er sich nicht selbst beherrscht, sich mit seiner Seele zum Angriff rüstet und sich selbst schützt, dann verliert er durch eine solch kleine Anfechtung des Feindes seine ganze Tugend dazu. So empfangen die, welche im Kriege sich gegen die Feinde decken, oft durch eine ganz kleine Lücke, welche sie vernachlässigt haben, den Todesstoß und kommen in Gefahr für ihr Leben. Jeder von uns also muß sich sichern und mit allen Tugenden schmücken. Denn nicht klein ist die Strafe für den, der eine unscheinbare gute Handlung verachtet.“

Pachomjus hat ein Gesicht über das Schicksal der Brüder. Er macht den Theodorus zum Verwalter in Tabennesis.

Als er ein andermal mit den Brüdern Binsen abschnitt und diese schon eine Ladung in das Fahrzeug geschafft hatten, da ereignete es sich plötzlich, daß der Heilige in Verzückung geriet; und er sah alle seine Brüder, und einige von ihnen waren von loderndem Feuer umgeben, wollten nach allen Seiten entfliehen, konnten aber nicht; andere wieder standen barfuß auf Disteln und waren in Dornen verstrickt, aber durchaus nicht imstande, sich davon loszumachen. Andere wieder standen am Rande einer überaus steilen Höhe, unterhalb deren rundherum ein sehr breiter Fluß dahinströmte, der voll von Krokodilen war, so daß sie die Höhe nicht verlassen, sich aber auch nicht in den Fluß werfen konnten wegen der Menge der wilden Tiere.

Während er noch so dastand, traten die Brüder, welche ihre Lasten abgelegt hatten, neben ihn zum Gebete. Und nachdem er das Amen gesprochen hatte, gingen sie ihres Weges. Als es nun Abend geworden war und Pachomins das Gesicht, wie es war, erzählte, da weinten sie alle, und die Brüder fragten ihn, was das zu bedeuten habe; er sagte zu ihnen: „Ich weiß, daß dies nach meinem Heimgang unter den Brüdern eintreten wird, so daß sie niemand finden können, der die Kraft besäße, sie, wie es nötig ist, in den wilden Drangsalen zu trösten und zum Besseren der guten Vorschriften zu leiten.“ Da nahm er sich den Theodorus, der tüchtig war im Geiste und fähig, vielen zu nützen, und bestellte ihn zum Verwalter des Klosters in Tabennesis, er aber wohnte in dem anderen Kloster, wo auch die Verwaltung der übrigen Klöster vereinigt war.

Theodorus aber tat nichts nach seinem eigenen Willen, da ihn das Wort des Herrn entflammt hatte und gestärkt im Sinnen nach Höherem. Und er machte die gewöhnlichen Fortschritte und förderte die Brüder.

Aufnahme zweier neuer Brüder, darunter des Silvanus.

Eines Tages nun geschah es nach dem Morgengottesdienst, daß sich Pachomius niedersetzte, den Bruder, der den Dienst am Tore hatte, rief und sagte: „Stehen einige draußen, welche der Welt entsagen wollen?“ Der antwortete: „Ja, ein alter Mann und ein anderer, ein Schauspieler, namens Silvanus.“ Und der Große sprach: „Rufe sie hierher!“ Als der alte Mann hereingeführt wurde, da fiel er dem Pachomius zu Füßen, bekannte mit lauter Stimme und sprach: „Ich bitte euch; als abends einer von den Brüdern in den Brunnen hinunterstieg, da war ich befremdet über den Anblick und dachte Schlimmes von dir, indem ich zu mir selbst sagte: Dieser Mensch ist ein Mörder, weil er die Brüder zu dieser Stunde in den Brunnen hinabsteigen heißt“ – er hatte auch wirklich befohlen, ihn abends zu reinigen-. „Da sah ich mich nun im Traume mitten unter den Brüdern und einen Mann in weißem Gewande, der zu ihnen sagte: ‚Empfanget den Geist des Gehorsams!‘ Zu mir aber sprach er: ‚Empfange den Geist des Unglaubens!‘ Ich bitte daher, für mich zu beten.“ Pachomius betete, belehrte ihn eingehend und reihte ihn in seine geistliche Gemeinschaft ein.

Er rief dann den Silvanus und sagte zu ihm: „Siehe, mein Bruder, es ist eine Plage und man braucht eine nüchterne Seele und besonnene Überlegung, um mit der Gnade Gottes gegen den Bedränger standhalten zu können, besonders da die frühere Gewohnheit zum Schlechten zwingt.“ Da er versprach, alles zu tun nach der Unterweisung des Großen, nahm ihn der Vater auf. Dieser Silvanus hatte lange Zeit hindurch gekämpft, da fing er an, sein Heil zu vernachlässigen, sich zur Üppigkeit fortreißen und berücken zu lassen durch witzige Reden, ja sogar selbst die unschicklichen Worte der Bühne ohne Scheu mitten unter den Brüdern vorzutragen. Der heilige Vater rief ihn nach einem asketischen Leben von zwanzig Jahren, befahl ihm, vor den Brüdern das Mönchsgewand abzulegen, ihm weltliche Kleider zu geben und ihn aus dem Kloster zu weisen. Er aber fiel dem heiligen Greis zu Füßen, bat ihn und sprach: „Verzeihe mir noch dieses eine Mal, mein Vater, und ich vertraue auf den, der die Schwachen rettet, unseren Herrn Christus, daß du mich reuig finden wirst über das, was ich aus Sorglosigkeit getan habe, du wirst dich dann freuen über die Umwandlung meiner Seele und Gott danken.“

Der Große aber antwortete und sprach zu ihm: „Du weißt, wieviel ich von dir ertragen habe, so daß ich gezwungen war, oft sogar mit Schlägen gegen dich vorzugehen, ich, ein Mann, der niemals gegen einen anderen etwas derart getan hat, oder der auch nur die Hand gegen jemand hätte ausstrecken wollen. Über das, was mich nötigte, gegen dich allein so zu handeln, habe ich in meinem Innern nach dem Gesetz des Mitgefühls größeren Schmerz empfunden als du, der die Schläge erhielt. Denn aus keinem anderen Grunde glaubte ich es zu tun, als um deiner Rettung willen, damit ich wenigstens so dich von deinen Fehltritten aufrichten könne. Wenn du indes trotz so vieler erhaltener Ermahnungen dich nicht dem Besseren zuwenden, ja selbst trotz der Mißhandlung durch Schläge das Heilsame nicht ergreifen wolltest, wie kann ich länger ein krankes Glied mit der Herde Christi weiden lassen? Wird nicht etwa die Räude des einen alle anstecken und einen großen Teil von ihnen vernichten?“

Während er sich so weigerte, beharrte der Bruder nur noch mehr bei seiner Bitte und versicherte, er werde sich in Zukunft bessern. Da verlangte Pachomius Bürgschaften von ihm, daß er nicht wieder in dieselben Fehler falle.

Petronius nun, ein heiliger und wunderbarer Mann, nahm ihn auf Grund seiner Versprechungen auf seine Verantwortung hin auf. Da verzieh ihm der Selige, betete über ihn und übergab ihn dem Petronius. Nachdem der Bruder Verzeihung erlangt hatte, demütigte er sich so, daß er ein Vorbild für viele wurde in jeder Tugend der Frömmigkeit, besonders aber hinsichtlich der Tränen im Sinne Gottes, und zwar für die ganze Brüderschaft. Denn oft konnte er sogar beim Essen den Fluß der Tränen nicht zurückhalten, der wie ein Strom hervorbrach und sich mit der notwendigen Nahrung vermischte. So erfüllte sich an ihm das Wort Davids: „Asche habe ich gegessen wie Brot, und meinen Trank habe ich mit Tränen gemischt“.

Die Brüder aber erklärten ihm, weder fremde noch überhaupt irgendwelche anderen Mönche hätten die Gewohnheit, dies zu tun. Er versicherte, daß er sich schon oft besonders hinsichtlich dieses Vorwurfes habe beherrschen wollen, es aber gleichwohl nicht fertig gebracht habe. Sie sagten wieder, er könne dies ja für sich allein in der Betrübnis und beim Gebet tun, er solle sich nur bei Tisch während des Essens beherrschen; sie meinten nämlich, die Seele könne auch ohne die sichtbaren Tränen immer in Betrübnis sein; und sie zwangen ihn zu erfahren, weshalb er denn tränenüberströmt sei, ja sie hinderten ihn endlich und sagten, man müsse erröten, „so daß viele von uns, wenn sie auf dich sehen, nicht einmal essen“. Da sprach er zu ihnen: „Ihr wollt nicht, Brüder, daß ich weine, wenn ich sehe, daß Heilige mich bedienen, von denen selbst der Staub an ihren Füßen für mich etwas Großes ist und deren ich durchaus unwürdig bin; ich soll nicht klagen, saget mir, wenn ich, ein Mensch der Bühne, von solch heiligen Männern bedient werde? Ich jammere, meine Brüder, und fürchte jeden Tag, ich möchte wie Dathan und Abiron, die Unreinen, sterben, die versuchten, mit schlechtenVorsätzen und unreinen Händen dem Heiligen zu räuchern. Weil ich eine so große Erkenntnis gewonnen hatte, trotzdem aber mein Seelenheil vernachlässige, deshalb schäme ich mich nicht darüber. Denn ich kenne meine vielen Sünden. Wenn ich auch die Seele selbst hingegeben hätte, so würde ich doch nichts Unerhörtes tun.“

Als er lange in dieser Weise kämpfte, da legte der Große wieder Zeugnis ab über ihn vor allen: „Sehet, Brüder, ich bezeuge im Angesichte Gottes! Seit dieses Kloster entstanden ist, kenne ich auch nicht einen von allen mit mir zusammenlebenden Brüdern, der meine Demütigung nachgeahmt hätte, außer einen allein.“

Als die Brüder dies hörten, glaubten die einen, dieser einzige sei Theodorus, andere meinten, es sei Petronius, wieder andere Orsisius. Als sich nun Theodorus erkundigte, von wem er spreche, da wollte es der Große nicht sagen. Als er ihm aber noch dringender zusetzte und auch die anderen großen Brüder ihn baten zu sagen, wer denn der sei, da antwortete der Große und sprach: „Wenn ich wüßte, daß der Gelobte, von dem ich reden will, sich darauf etwas einbildete, dann hätte ich ihn nicht als so hervorragend hingestellt. Da ich aber durch die Gnade Christi weiß, daß der Gelobte sich nur noch mehr demütigen wird, deshalb preise ich ihn ohne Furcht vor euch allen selig, damit ihr seine Art und Weise nachahmt. Du nämlich, Theodorus, und alle die, welche mit dir im Kloster leben, ihr kämpft und habt den Teufel gebunden, ihr habt ihn wie einen Sperling unter eure Füße gelegt, und jeden Tag tretet ihr ihn durch die Gnade Christi nieder wie frisch aufgeworfene Erde. Wenn ihr aber nicht auf euch achtet, dann steht der unter euren Füßen liegende Teufel auf, er wird entfliehen und gegen euch nur einen um so heftigeren Feldzug unternehmen. Der jüngere Silvanus aber, der vor kurzer Zeit noch wegen seiner Nachlässigkeit durch uns aus dem Kloster gejagt werden sollte, hat jetzt den Teufel vollständig überwunden und verjagt, so daß er nicht mehr vor ihm erscheinen kann, und er hat ihn durch das Übermaß seiner Demütigung bis ans Ende besiegt. Ihr, die ihr Werke der Gerechtigkeit aufzuweisen habt, seid voll Zuversicht auf das, was ihr schon ausgeführt habt. Jener aber stellt sich, je mehr er kämpft, desto mehr allen als unbewährt hin, aus seiner ganzen Seele und aus seinem ganzen Sinn, indem er erwägt, unbrauchbar und wertlos zu sein. Deshalb ist er auch leicht zu Tränen geneigt, da er sich durchaus gering achtet und an keines seiner guten Werke denkt. Denn nichts nimmt dem Teufel so sehr die Macht als die Demut, die mit wirksamer Kraft aus ganzer Seele entspringt.“

So kämpfte Silvanus noch weitere acht Jahre zu den zwanzig, die er schon zugebracht hatte, und vollendete seinen Lauf. Er wurde durch ein Zeugnis von dem Diener Gottes sogar bei seinem Heimgang geehrt, daß nämlich eine Schar von Engeln seine Seele mit großer Freude wie ein auserwähltes Opfer in Empfang genommen und zu Christus geleitet habe.

Gründung eines neuen Klosters. Besichtigung der älteren Klöster.

Von diesem schönen Wandel und von dem Leben in Christus hörte auch der Bischof der Stadt, Panuarius mit Namen. Er war in allem tugendhaft und ein warmer Freund des rechten Glaubens; er sandte nun hin und ließ ihn durch einen Brief ersuchen, zu ihm zu kommen; dabei bat er ihn in ausführlichen Worten und mit dem Hinweis auf die göttliche Erfüllung, auch bei jener Stadt ein Kloster zu bauen. Pachomius nun ließ sich aus vielen Gründen von ihm überreden und hatte die Absicht, dorthin zu reisen; er hielt es aber für recht, zuerst die unter seiner Obhut stehenden Klöster zu besuchen.

Als er in die Nähe eines derselben kam, da begegnete ihm der Leichenzug eines verstorbenen Bruders, der leichtfertig gelebt hatte; und die Brüder jenes Klosters folgten dem Zuge unter eifrigem und wohltönendem Psalmengesange; dabei waren auch seine Eltern, alle Verwandten und Freunde des Verstorbenen. Als diese den Heiligen sahen, setzten sie die Bahre nieder, damit er über sie und den verschiedenen Bruder ein Gebet spräche.

Er brachte länger, als es nötig gewesen wäre, die Gott schuldige Bitte und Verehrung dar, dann wandte er sich zu ihnen und befahl, mit dem Psalmengesange aufzuhören. Darauf gebot er, die Kleider des Toten zu bringen und hieß sie vor den Augen aller verbrennen. Dann befahl er, die Leiche wieder aufzuheben und ohne den üblichen Psalmengesang zu bestatten.

Die Brüder, die Eltern und alle Verwandten des Verschiedenen waren entsetzt über das unerhörte Schauspiel und flehten, es möge der gewöhnliche Psalmengesang auch bei ihm erlaubt werden. Pachomius duldete es nicht. Wieder klagten sie gegen ihn voll Unwillen und sagten: „Was ist das für ein unerhörtes Schauspiel, Vater? Wer sollte nicht Mitgefühl haben mit einem Toten, auch wenn er sein Feind wäre, da doch das Unglück geeignet ist, dazu auch einen anzutreiben, der nicht besser als ein Tier ist. Auch ziemt es deiner Heiligkeit nicht und für uns ist es eine große Schmach“; und anderes mehr wie: „Wären wir doch nicht gekommen, wäre der Tote doch kein Mönch geworden! Denn er hätte uns dann nicht diesen unaufhörlichen Jammer hinterlassen. Wir bitten also, es möge zu Ehren des frommen Endes des Verstorbenen der Psalmengesang gewährt werden.“

Pachomius aber antwortete und sprach zu ihnen: „Wahrlich, Brüder, mehr als ihr bemitleide ich den Toten; soviel, wie ihr für diese sichtbare Hülle Fürsorge verwendet, habe ich Verantwortung für seine Seele. Um ihretwillen habe ich wie ein Vater dies angeordnet. Ihr macht seine Qual im Jenseits nur größer durch die vermeintliche Ehre; ich aber verschaffe ihm, wenn auch nur teilweise, Fürsprache oder Nachlaß durch die Unehre. Deshalb sorge ich nicht für den Leib des Verstorbenen, sondern für seineunsterbliche Seele, die jenen wieder in unvergänglicher Gestalt annimmt bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. Im anderen Falle aber, wenn ich dies geschehen lasse, werde ich als einer erfunden, der den Menschen zu gefallen sucht und der wegen eines zeitlichen Trostes den Nutzen der Seele beiseite setzt, die am Tage des Gerichtes geprüft werden soll. Denn Gott ist die Quelle der Güte; er sucht Vorwände, durch die er es durchführen kann, daß auf uns seine Güte reichlich herabströmt und daß er unsere Sünden nachläßt nicht nur in diesem Leben, sondern auch im zukünftigen. Um aber an der Verzeihung hinsichtlich des Verschwiegenen Anteil zu haben, dazu gab er zu bedenken, daß, wenn es eine über das gegenwärtige Leben hinaus notwendig wirkende Verzeihung gäbe, er sie verliehen hätte. Wenn aber wir, die wir gewürdigt wurden, sein göttliches, heilspendendes Wissen aus Erfahrung kennen zu lernen, nicht für jeden die notwendige Hilfe brächten, dann würde man uns mit Recht Verächter dessen heißen, was in der Schrift steht: ‚Sehet, ihr Verächter, und bewundert das Wunderbare und dann verschwindet!‘ Deshalb bitte ich, damit der Heimgegangene von den ihm drohenden schrecklichen Strafen erlöst wird und einigen Nachlaß erlangt, begrabt ihn ohne Psalmen. Denn Gott, der gut und voll Mitleid ist, kann noch über unsere Fürbitte hinaus den zu ihm Gegangenen aufnehmen.“ Nachdem Pachomius dies gesagt hatte, wurde der Tote weggebracht auf den Berg, wie es der Heilige geboten hatte, und begraben.

Er verweilte dort zwei Tage und belehrte jeden einzelnen der Brüder über die Furcht Gottes und darüber, wie man gegen den Teufel kämpfen müsse und gegen seine Ränke und Fallstricke, wie man seine gegen uns eifrig betriebenen Anschläge unwirksam machen könne durch die Kraft Christi.

Da wurde ihm gemeldet, daß ein Bruder im sogenannten Kloster Chenoboskia in eine Krankheit verfallen sei und von ihr gequält werde, und daß er sich danach sehne, des ihm übertragenen Segens teilhaftig zu werden. Als dies der Mann Gottes hörte, da stand er auf und folgte ihnen. Als der Heilige nun ungefähr zwei oder drei Meilen von dem Orte war, wohin er eilte, da hörte er eine heilige Stimme in der Luft, und als er scharf hinsah, da erblickte er die Seele des Bruders, wie sie in glänzendem Zuge von psalmensingenden Engeln zum seligen Leben Gottes geführt wurde. Die ihn begleitenden Brüder hörten weder die Stimme, noch sahen sie etwas anderes, sondern nur, wie er lange Zeit unverwandt nach Osten blickte. Sie sagten daher zu ihm: „Du standest da, Vater! Laß uns eilen, damit wir ankommen.“ Er aber antwortete ihnen: „Wollen wir planlos laufen? Denn die ganze Zeit sehe ich auf ihn hin, wie er zum ewigen Leben eingeführt wird.“ Sie baten ihn, ihnen zu sagen, wie er die Seele gesehen habe; da erzählte er ihnen alles, wie es gewesen war. Einige von den Brüdern nun, die sich bei ihm befanden, als sie in ihr Kloster reisten, erkundigten sich genauer nach der Stunde, in der der Bruder entschlafen war; da erkannten sie, daß das, was der Greis ihnen erzählt hatte, wahr sei.

Ich aber habe diesen Umstand ausführlich berichtet, weil ich an ihm zweierlei zeigen wollte: daß der Mann scharfsichtig war und die Gabe der Weissagung hatte, und daß er alles, auch das Fernste, durch das überaus reine Auge seines Verstandes voraussah; ferner, daß wir immer das Gute nachahmen und uns fernhalten müssen von dem Schädlichen. Doch davon so viel.

Als der Große aber den Weg zurückgelegt hatte und mit seinen Brüdern zu dem oben erwähnten Bischof gekommen war, befahl dieser, anläßlich seiner Ankunft ein Fest zu feiern. Er begrüßte und bewillkommnete ihn in würdiger Weise; dann gab er ihm zur Erbauung der heißersehnten Heilsanstalt einen Platz, wo er ihn wünschte.

Die Bestrafung derer, die den Bau hindern wollen.

Der Heilige führte dort das Gebäude mit Eifer auf und legte außen eine feste Mauer herum, damit sie nicht jedem, der schauen wollte, offen ausgesetzt seien. Einige nun scharten sich nachts, vom Teufel getrieben und aus verzehrendem Neide, zusammen, gingen hin und zerstörten, was aufgebaut worden war. Es dauerte aber nicht lange, da wurden sie für ihre Frechheit gebührend bestraft. Pachomius selbst nämlich bestimmte die Brüder zur Geduld; jene aber kamen jeden Tag und so auch einmal wieder herbei und vollführten wie gewöhnlich ihre Büberei. Da trat plötzlich ein Engel des Herrn hinzu und verbrannte sie alle. So wehrte er ihnen in Zukunft dieses Verbrechen, denn sie vergingen wie Wachs vor dem Feuer.

Einrichtung des Klosters. Unterredung zwischen Theodorus und einem Philosophen.

Auch hier stellte der Heilige fromme und überaus bewundernswerte Männer auf; die Leitung über sie hatte ein gewisser Samuel, ein freundlicher und mäßiger Mann, mit Rücksicht darauf, daß das Kloster nahe bei der Stadt lag. Er selbst blieb bei ihnen, bis sie durch die Gnade des Herrn sich gefestigt hatten. Ein Philosoph der gleichen Stadt hatte von ihnen gehört und kam dahin, um sie auf die Probe zu stellen, was sie für Leute seien. Er traf mit einem der Brüder zusammen und sprach zu ihm: ,,Rufet mir euren Vater, damit er sich mit mir über wichtige Fragen besprechen kann!“ Als der Heilige erfuhr, daß ein Philosoph da sei, schickte er den Kornelius und Theodorus zu ihm, denen er auftrug, die Verteidigung gegenüber seinen Behauptungen zu führen.

Als sie herausgekommen waren, sprach der Philosoph: „Bei uns heißt es allgemein, daß ihr weise seid und nach eurem Glauben in beschaulicher Ruhe lebt; auch, daß ihr euch Besuchern gegenüber mit Verstand verteidigt. Ich will euch nun prüfen aus den Schriften, die ihr selbst lest, nachdem ich meine Folgerungen gezogen habe.“ Zu ihm sprach Theodorus: „Sage, was du hast.“ Der Philosoph antwortete: „Führst du selbst das Gespräch mit uns und willst du den Gegenstand der Untersuchung lösen?“ „Sprich“, entgegnete ihm Theodorus. Der Philosoph aber fragte ihn: „Wer ist gestorben, ohne daß er erzeugt wurde; wer indes wurde gezeugt, starb aber nicht; wer endlich ist gestorben, ohne daß er in Verwesung überging?“ Theodorus antwortete ihm: „Deine Frage, mein Weiser, ist nicht schwer; doch ich will dir Rede stehen: Der, welcher, wie du gesagt hast, nicht erzeugt wurde und starb, das ist Adam. Der, welcher erzeugt wurde, aber nicht starb, das ist Enoch. Wer aber starb und nicht in Verwesung überging, das ist Lots Weib, die in eine Salzsäule verwandelt wurde, zur Warnung für alle Ungehorsamen, und die dasteht bis auf den heutigen Tag. Ich rate dir aber, Philosoph, laß diese deine philosophischen Fragen und ungeeigneten Schlußfolgerungen und wende dich zu Christus, dem wir dienen, und empfange Vergebung der Sünden.“

Darauf blieb der Philosoph stumm und entfernte sich, indem er den Scharfsinn in der Antwort des Mannes bewunderte, voll Schrecken.

Pachomius weist einen Bruder zurecht, der gegen die Regel gehandelt hat.

Und wieder einmal verreiste der Vater auf mehrere Tage aus dem Kloster, das er erbaut hatte und kam zu einem der Klöster, die unter ihm standen. Und die dortigen Brüder gingen heraus und ihm entgegen und begrüßten ihn. Da begann ein Kind eben jener Schar, das mitgekommen war, ihm zuzurufen: „In Wahrheit, Vater, seit du von hier fortgereist bist, bis auf diese Stunde wurden uns weder Gemüse noch Getreidespreu gekocht.“ Darauf antwortete der Heilige freundlich und sprach: „Kränke dich nicht, mein Kind, ich werde es machen.“ Er ging in dem Kloster herum und trat dabei auch in die Küche; da fand er den dort mit der Arbeit betrauten Bruder, wie er an einer Binsenmatte arbeitete. Er sprach zu ihm: „Sage mir, Bruder: Wie lange schon ist es her, daß du den Brüdern kein Gemüse mehr gekocht hast?“ Der antwortete: „Zwei Monate.“ Der Vater sagte weiter zu ihm: „Weshalb hast du deinen Auftrag nicht erfüllt?“ Der verteidigte sich und sprach: „Ich wollte dies, Vater, jeden Tag tun. Als ich aber merkte, daß das Gekochte nicht verzehrt werde, da die Brüder fast vollständig enthaltsam leben – denn die Kinder allein sind es, welche essen -, damit nun nicht die mit so großer Mühe verbrauchten Lebensmittel weggeworfen würden, da kein Mensch davon nimmt, was ich für töricht und unnötig hielt, – deshalb habe ich nicht gekocht. Um aber nicht wegen Trägheit dem Urteil zu verfallen, mache ich mit den Brüdern Binsenmatten. Denn ich weiß, daß einer von den mit mir Aufgestellten allein für ein so geringes Bedürfnis genügen kann und zur Bereitung so geringfügiger Speisen, als da sind Oliven und kleines Gemüse.“ Als der Heilige das gehört hatte, sprach er zu ihm: „Und wieviel Matten sind es denn, die ihr fertig gemacht habt?“ Er antwortete: „Fünfhundert.“ Pachomius befahl: „Bringt sie her!“ Als man sie gebracht hatte, ließ er sie sogleich in das Feuer werfen. Und er sprach zu ihnen: „Wie ihr die Regel, die euch hinsichtlich der Sorge für die Brüder gegeben war, vernachlässigt habt, so habe auch ich schonungslos eure Arbeit verbrannt, damit ihr erkennt, daß es nicht recht ist, Gesetze der Väter zu verachten, die zum Heil der Seelen gegeben sind. Oder wißt ihr nicht, daß einer, der sich dessen enthält, das zu genießen ihm freisteht, einen größeren Lohn von Gott gewinnt; wenn einer aber über etwas kein Verfügungsrecht erhalten hat und sich dessen aus Zwang und Gewalt enthält, weil er es nicht hat, der fordert vergeblich einen Lohn dafür. Denn wenn mehr und verschiedenartige Lebensmittel zur Mahlzeit vorgesetzt worden wären, dann hätten sich jene um Gottes willen Enthaltsamkeit auferlegt und reichen Lohn gewonnen. Wie aber wird die Enthaltsamkeit in dem angerechnet, worüber sie nicht einmal das Vergnügen hatten, frei zu verfügen und es zu genießen? Wegen eines kleinen Aufwandes an Öl also habt ihr einen so großen Nutzen für die Brüder vernichtet.“

Besuch origenistischer Mönche bei Pachomius.

Während Pachomius noch ihnen dies ausführte und in großer Bewegung war, das Geschehene wieder gut zu machen, da kam der Bruder herein, der die Aufsicht am Tor hatte und sagte zu ihm: „Es sind einige große Einsiedler hierhergekommen, die euch zu besuchen wünschen.“ Er gebot, sie schnell hereinzuführen und begrüßte die Ankömmlinge; nach dem Gebet nahm er sie mit sich und führte sie zu allen Brüdern, die dort lebten, und an die Orte in der Umgegend des Klosters. Sie baten nun den Großen, daß sie sich mit ihm unter vier Augen über das, was ihnen am Herzen lag, besprechen könnten; er nahm sie mit sich in eine geeignete und ruhige Zelle und setzte sich mit ihnen nieder. Sie begannen nun mit weissagender Rede und mit der Geschicklichkeit, die an der Heiligen Schrift geübt worden war; Pachomius aber war in Verlegenheit wegen eines unerträglichen Gestankes, den er wahrnahm. Nachdem sie sehr viel mit ihm und er mit ihnen aus den heiligen Schriften besprochen hatten, war die neunte Stunde herangekommen; da standen sie auf, um ihres Weges zu gehen. Der Große lud sie zum Mahle ein, sie schlugen es aber aus, indem sie bemerkten, sie hätten Eile, vor Sonnenuntergang noch ihre Heimat zu erreichen; sie verabschiedeten sich und verließen ihn.

Der Große aber wollte den Grund jenes ihres Gestankes erfahren und betete zu Gott, und sogleich erkannte er, daß es gottlose Anschauungen waren, die aus ihrer Seele eine solche Unreinlichkeit ausströmen ließen; er beruhigte sich nicht dabei, sondern eilte den Männern nach, und als er sie eingeholt hatte, sprach er zu ihnen: „Ich will euch fragen, nur auf ein Wort.“ Sie erwiderten: „Sprich.“ – „Leset ihr die Schriften des berüchtigten Origenes?“ Als sie das hörten, leugneten sie es und sprachen: „Nein!“ Der Heilige aber fuhr fort: „Siehe, ich bezeuge euch im Angesichte Gottes, daß jeder Mensch, der den Origenes liest und seine Schriften nimmt, in die Tiefe der Hölle kommen wird. Und sein Erbteil wird sein die äußerste Finsternis. Ich habe euch Zeugnis abgelegt über das, was mir vom Herrn kundgemacht wurde; ich bin unschuldig daran, ihr werdet sehen. Siehe, ihr habt die Wahrheit gehört; wenn ihr mir folgt und Gott wahrhaftig versöhnen wollt, dann nehmt alle Bücher des Origenes und werft sie in den Fluß!“ Nachdem er dies gesagt hatte, verließ er sie.

Pachomius hat ein zweites Gesicht über das Schicksal der Brüder.

Er kehrte wieder zurück zum Übungsplatz der Wahrheit und fand die Brüder zum Gebete versammelt; er stellte sich unter sie hin und nahm teil am Hymnengesang. Als aber jene zum Essen sich vereinigten, da blieb er selbst an einem Platze, wo er gewohnt war, dem Herrn seine Gebete darzubringen, und nachdem er die Türe verschlossen hatte, flehte er zu Gott; er erinnerte sich dabei an das ihm einst zuteil gewordene Gesicht und bat Gott, er möge ihm wieder den künftigen Zustand der Brüder und die Schicksale, die nach seinem Tode den Brüdern nach ihm bevorstünden, kundtun. Er dehnte sein Gebet aus von der neunten Stunde bis zur Zeit, wo der rufende Bruder die übrigen zum nächtlichen Hymnengesang aufstehen hieß. Während er inständig betete, da sah er plötzlich um Mitternacht ein Gesicht, das ihm seine Bitte erfüllte und ihm Aufschluß gab über den zukünftigen Zustand der Brüder. Er sah, daß einige von ihnen fromm der Askese leben würden und daß das Kloster sich weiter vergrößern werde. Nicht wenige aber würden nachlassen und ihr Heil sehr vernachlässigen. Er sah, wie er selbst sagte, eine Menge von Brüdern in einem sehr tiefen und wilden Tale; viele wollten daraus emporsteigen, konnten aber nicht, da sie, auch wenn sie sich einander mit den Gesichtern näherten, der überaus dichten Finsternis nicht entrinnen konnten; andere wieder stürzten aus Mattigkeit nieder und kamen dem Abgrund nahe; andere schrien mit erbarmungswürdiger Stimme, nur wenigen gelang es mit Mühe und unter großer Anstrengung, hinaufzukommen; waren sie aber oben angelangt, dann kam ihnen ein Licht entgegen, und wenn einer dahingekommen war, dann dankte er dem Herrn. Da erkannte der Selige wahrhaftig das zukünftige Geschick der Brüder am Ende der Zeiten; er erkannte, daß unter ihnen Sorglosigkeit einreißen werde, ihre große Verhärtung, ihren Irrtum, das Verschwinden der Guten; daß die Nachlässigeren herrschen würden nach dem Beifall der Masse, die ihnen gefällt; daß in Zukunft nur Platz sein werde unter ihnen, wenn die Schlechten über die Brüder herrschen und wenn die, welche keine Erkenntnis haben, über die Klöster gebieten, daß sie um die Herrschaft streiten, daß die Besseren von den Schlechten verfolgt werden und die Guten nicht den Mut haben zu sprechen; daß wahr sei das Wort: „Das Göttliche wird sich in Menschliches umwandeln.“

Und er rief unter Tränen auf zum Herrn und sprach: „Herr, Allerschaffender, wenn dies geschehen soll: weshalb hast du zugelassen, daß alle diese Klöster entstanden, wenn die, welche in den kommenden Zeiten über die Brüder gebieten sollen, schlecht sind? Von welcher Art werden wohl die sein, die von ihnen geleitet werden? Denn wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in die Grube fallen. Sinnlos und vergeblich habe ich mich bemüht.

Gedenke, o Herr, der strengen Mühen, die Du selbst vollbrachtest und Deiner Diener, die jetzt aus ganzer Seele ihren Lebenswandel führen. Gedenke des Vertrages, den Du bis zur Vollendung denen zu bewahren verheißen hast, die Dir dienen. Du weißt, o Herr, daß ich mich, seitdem ich das Gewand des Mönches erwählt habe, vor Dir erniedrigte, daß ich mich nicht sättigte an Brot oder Wasser oder an irgendeiner von den Gaben der Erde.“ Während er so redete, erscholl eine Stimme zu ihm, welche sprach: „Prahle nicht, Pachomius, denn du bist ein Mensch. Bitte lieber um Mitleid für dich! Denn alles besteht durch mein Mitleid.“ Pachomius warf sich sogleich auf die Erde nieder und bat um Mitleid beim Herrn, indem er sprach: „Herr, Schöpfer aller Dinge, sende herab auf mich Dein Erbarmen und nimm niemals hinweg von mir Dein Mitleid! Denn auch ich weiß, o Herr, daß ohne Deinen Beistand alles zugrunde geht.“

Als er geendet hatte, da traten neben ihn lichtvolle Engel und ein jüngerer in ihrer Mitte, der in unaussprechlichem Glanze leuchtete und seinen hellen Schein wie die Sonne ausstrahlte; auf seinem Haupte hatte er eine Dornenkrone. Sie hoben den Pachomius vom Boden auf und sprachen zu ihm: „Da du den Herrn darum gebeten hast, er möge dir sein Erbarmen herabsenden, siehe, er selbst ist das Erbarmen, der Gott des Glaubens, Jesus Christus, der Eingeborene des Vaters, den er in die Welt geschickt hat, der für uns gekreuzigt wurde und eine Dornenkrone auf dem Haupte trug.“ Pachomius aber sprach: „Ich bitte Deine unbefleckte Natur, o Herr, nicht ich habe Dich gekreuzigt.“ Er aber sprach, in noch höherem Glanze leuchtend: „Ich weiß, daß du mich nicht an das Kreuz geschlagen hast, aber eure Väter haben mich gekreuzigt. Fasse indes Mut und sei unbesorgt! Denn in Ewigkeit wird dein Geschlecht nicht vergehen, und es wird behütet werden bis zur Erfüllung der Zeiten. Und gerade die, welche nach dir aus dem tiefsten Nebel zum Heile gelangen, sie werden die überstrahlen, welche jetzt am vollkommensten leben. Denn sie werden jetzt durch das Beispiel deiner Tugenden erleuchtet und strahlen. Die nach dir aber, welche an einem wilden Orte leben, flüchten in tugendhaftem Sinne und nach freiwilligem Entschluß, ohne daß ihnen einer verwandten Herzens den Weg zeigte, aus der Dunkelheit zur Wahrheit und werden der Gerechtigkeit nachfolgen. Wahrlich, ich sage dir, sie werden unter denen, die jetzt am besten und untadelig gelebt haben, erfunden werden und das gleiche Heil genießen.“

Nachdem er das gesagt hatte, schwebte er eilends zum Himmel empor, und die Luft war voll Licht, so daß man die Herrlichkeit dieses Lichtes mit menschlichen Worten nicht schildern kann.

Pachomius ermuntert aus diesem Anlaß die Brüder im Streben nach der Vollkommenheit.

Der Große erschrak über das, was er gesehen hatte; da rief der damit beauftragte Bruder die Genossen zur nächtlichen Versammlung. Nachdem der Gottesdienst zu Ende war, traten die Schüler nach ihrer Gewohnheit hin, um seinen Vortrag anzuhören. Und er öffnete den Mund und sprach zu ihnen: „Kinder, soviel nur in eurer Kraft steht, kämpfet für euer Heil, ehe der Augenblick kommt, wo wir, wenigstens wenn wir sorglos waren, über uns jammern werden! Laßt uns eifrig an der Tugend arbeiten! Denn ich sage euch: Wenn ihr die Schätze im Himmel gesehen hättet und die Verheißung, die den Heiligen aufbewahrt ist, wie die, welche von Gott abfielen, gestraft werden, – und die Qualen, welche den Nachlässigen bereitet sind, besonders denen, welche die Wahrheit erkannten, aber nicht entsprechend lebten, die, statt die den Heiligen aufbewahrte Seligkeit als Erbgut anzunehmen, entflohen, – unser Begehren würde nach nichts anderem stehen. Denn wir sind ja schon stolz von Geburt und klagen beständig über die Plage der vergangenen Übel, bis die göttliche Gnade jeden überschattet und herrlich zu dem Bräutigam geführt hat, am Tage des Scheidens, wenn der Staub hier bleibt und die Seele das ihr Verwandte hinüberrettet und zum unsterblichen Vater des Lichtes emporeilt. Warum höhnt der Mensch der Einbildung, da er doch Staub ist? Warum denn brüstet sich Erde und Asche? Laßt uns vielmehr weinen über uns, solange wir Zeit haben, damit wir nicht, wenn die uns bestimmte Bereitschaft gekommen ist, als solche erfunden werden, die den Herrn um einen Augenblick zur Reue bitten, während die Zeit dafür offenbar vorüber ist! ‚Denn in der Hölle‘, spricht er ‚wer wird dir da bekennen?‘ Von David haben wir dies gelernt. Unglücklich wahrlich ist die Seele und jeden Jammers voll, die die Knechtschaft der Welt von sich gewiesen hat, dann aber wieder ihren Dienst sucht. Lassen wir nicht zu, meine Brüder, daß diese Zeitlichkeit, die überaus kurz und wertlos ist, uns jenes selige und unsterbliche Leben raube. Denn ich fürchte und schaudere, es möchten unsere Väter im Fleische, die in der Welt leben und in die Geschäfte des irdischen Daseins verstrickt sind und die glauben, daß wir hier schon das selige Leben genießen, sie möchten, sage ich, erfunden werden, wie sie uns verurteilen. ‚Wie seid ihr ermüdet auf euren Wegen!‘ Groß ist eure Drangsal. Feuer wurde angezündet gegen euch. Untauglich gemacht wurden eure Schößlinge. Und wieder aus dem Propheten: ‚Deshalb seid ihr zum Fraße geworden, ihr Geliebten, wie die Verabscheuten. Und die Krone eures Hauptes ist herabgerissen worden. Ihr Städte gegen Süden! wie seid ihr verschlossen! Und niemand ist, der euch öffnet. Es hebe sich hinweg der Gottlose, spricht er, damit er die Herrlichkeit des Herrn nicht sehe‘. Deshalb wollen wir aus ganzer Seele kämpfen, indem wir immer und zu jeder Stunde den Tod vor Augen haben und an die schreckliche Strafe denken. Dadurch pflegt der Verstand zur Empfindung gebracht zu werden, und es hilft dann umgekehrt, zum Körper, auch die weinende Seele. Wenn wiederum dieser erwärmt ist, dann verleiht er ihr Anschauung und hebt sie über das Irdische hinaus und macht sie fähig, beständig an Gott zu denken. Besonders aber wird von hier aus die Demut, die Verachtung des Ruhmes, das Fehlen jedes weltlichen Gedankens der Seele unzerstörbar zu Gebote stehen. Es soll also die Seele, ihr Brüder, tagtäglich auf einen möglichst festen Körper bedacht sein, mit aller Sorgfalt und Ermunterung; wenn wir abends uns schlafen legen, soll sie zu jedem Glied des Körpers sagen: Solange ich in eurer Mitte bin, gebet willig eurem Herrn nach! Zu den Händen soll sie sagen: Es wird eine Stunde kommen, wo eure Torheiten aufhören. Denn nicht mehr wird die Faust dem Zorn dienen; ihr werdet euch nicht mehr ausbreiten, bereit zum Raube. Zu den Füßen: Es wird die Stunde kommen, wo ihr nicht mehr nach dem Unrecht laufet. Bevor der Tod uns scheidet und die aus der Sünde verkündete Auflösung uns trennt, wollen wir kämpfen. Laßt uns standhalten tapfer und unverdrossen; verehren wir den Herrn, bis er selbst wieder kommt, den Schweiß, den wir bei der zeitlichen Mühe vergossen haben, gnädig aufnimmt und dann zum ewigen Leben geleitet. Nimm mein Fühlen ab aus den Tränen, verkünde dem Herrn deine edle Dienstbarkeit, tragen wir sie eifrig im Bekenntnis zu Gott und führe mich nicht zur ewigen Strafe, indem du schlafen und ausruhen willst. Denn wenn du nüchtern bleibst, wird eine Zeit kommen für dich, wo dir reichlich vergolten wird in Gutem, dagegen aber die Verurteilung, wenn wir nachlässig sind. Und dann wird man die Seele zum Leibe sagen hören: Wehe mir, daß ich an dich gebunden war; deinetwegen verfalle ich dem Richterspruch. Wenn wir uns so jeden Tag anstrengen, werden wir in Wahrheit ein Tempel Gottes sein, und es wird in uns der Heilige Geist wohnen, und auf uns wird sich Christus herniederlassen, und keine satanische List kann uns täuschen; wir haben ja unzählige Führer und Lehrer. Denn die Furcht Gottes und diese Ratschläge, die bei uns wohnen, lehren und erleuchten uns mehr, und was der menschliche Verstand nicht erfassen kann, das zeigt uns der hochheilige, göttliche Geist der unbefleckten Natur. ‚Denn warum wir bitten sollen, wissen wir nicht‘, wie es beim Apostel heißt, ’sondern der Heilige Geist legt für uns Fürbitte ein mit unaussprechlichen Seufzern … und so fort‘.“

Hungersnot, Getreideankauf durch einen Bruder, dessen Zurechtweisung durch Pachomius.

Einmal war eine Hungersnot ausgebrochen; die Brüder hatten kein Getreide mehr, vielmehr in fast ganz Ägypten fand sich kein Getreide. Da schickte der heilige Greis einen von den Brüdern ab, in den Städten und Dörfern umherzureisen und sich zu bemühen, Getreide zu kaufen; zu dem Zwecke des Getreideankaufs gab er ihm hundert Geldstücke mit. Der Beauftragte besuchte viele Plätze und kam auch in eine Stadt, namens Hermothis. Nach der Fügung Gottes fand er dort einen sehr frommen und gottesfürchtigen Mann, einen Beamten, der von dem Leben des heiligen Pachomius und seiner Brüder gehört hatte Dieser Beamte war mit der Verwaltung des öffentlichen Getreidespeichers betraut.

Der Bruder ging zu ihm und bat ihn, ihm um hundert Geldstücke Getreide zu verkaufen. Jener sagte zu ihm: „Wahrhaftig, Bruder, wenn es sich um mein eigenes Getreide handelte, ich würde es meinen Kindern wegnehmen und euch geben. Denn ich höre von eurem göttlichen und tugendhaften Lebenswandel. Doch höre mir zu, was ich dir sagen will: Ich habe dem Staate gehöriges Getreide daliegen und bis jetzt fordert es der Vorstand nicht an. Wenn du es nun nehmen willst, kann ich dir das Staatsgetreide bis zur Zeit, wo es auf die Tenne kommt, anvertrauen. Wenn du also sicher bist, daß du das Getreide bis zu jenem Zeitpunkte zurückliefern kannst, gut, so nimm, soviel du willst.“

Der Bruder aber sagte: „Ich wünsche nicht, daß du mir in der Art einen Dienst erweisest. Denn wir können die Menge, welche ich nehmen will, nicht zurückerstatten; aber wenn du es mir um hundert Geldstücke geben willst, zu einem Preis, den du bestimmen magst – natürlich vorausgesetzt, daß du mir überhaupt das Staatsgetreide bis zu der Zeit, wo es auf die Tenne kommt, anvertrauen kannst -, dann tust du ein gutes Werk.“

Der Beamte erwiderte ihm: „Gewiß, ich kann es dir geben, nicht nur um diese hundert Geldstücke, sondern, wenn du willst, kannst du noch um weitere hundert Geldstücke Getreide haben. Der Dank, den du mir abstatten kannst, besteht allein darin, daß du für mich betest.“ Der Bruder bemerkte: „Wir haben nicht mehr Geld als dieses hier.“ Der Beamte erwiderte darauf: „Sorge dich nicht darum; nimm das Getreide, und wenn ihr die Summe beisammen habt, bringt ihr sie mir.“ Unter dieser Bedingung befrachtete der Bruder ein Fahrzeug mit Getreide, dreizehn Artaben um ein Geldstück, während doch nirgends in ganz Ägypten sich fünf Artaben um das Geldstück auftreiben ließen. Dann fuhr er voll Freude zurück in das Kloster.

Als der Große hörte, daß das Schiff mit Getreide beladen eingelaufen sei und die Art und Weise des Getreideankaufes erfuhr, da schickte er eiligst zu dem Fahrzeug und ließ sagen: „Bringet mir auch nicht ein Körnchen dieses Getreides in das Kloster, noch trete mir der, der den Kauf ausgeführt hat, unter die Augen, bis er das Getreide an seinen Platz zurückgebracht hat. Denn er hat mit seiner Handlungsweise gegen Recht und Gesetz verstoßen, und nicht allein dies, er hat auch für weitere hundert Geldstücke Getreide angenommen, was ich ihm nicht befohlen habe. Er hat seinem Eigenwillen gefrönt, er hat das Mehr geliebt und hat uns, entflammt von der Leidenschaft der Gewinnsucht, in Abhängigkeit gebracht, indem er uns zu Schuldnern machte. Er ist unersättlich auf die Freundlichkeit des Gebers eingegangen und hat eine Art von Betrug ausgeübt. Denn er hat über unseren Bedarf Getreide mitgebracht und aus eigener Macht geborgt, was wir auf keine Weise zurückerstatten können. Ja noch mehr; wenn ihm auf seiner Reise etwas Menschliches begegnet wäre, indem das Fahrzeug Schiffbruch gelitten hätte, was hätten wir dann getan? Wären wir nicht alle in Knechtschaft geraten? Deshalb soll er das Getreide an die umwohnenden Weltleute verkaufen, wie er es von seinem Vertrauensmann erhalten hat, nämlich zu dreizehn Artaben um das Geldstück. Wenn er es verkauft hat, soll er das Geld nehmen und es seinem Vertrauensmann zurückbringen, um unsere hundert Geldstücke aber soll er, wie die Leute überall, Getreide kaufen und es bringen.“ Der Bruder tat so, wie der Große gesagt hatte und brachte Getreide, das er zu fünfundeinhalb Artaben um das Geldstück gekauft hatte. Von der Zeit an schickte ihn Pachomius nicht mehr aus dem Kloster hinaus zum Dienst für die Brüder, sondern ließ ihn ruhig drinnen bleiben und stellte einen anderen zum Dienst für die Brüder auf.

Derselbe Bruder wird beim Verkauf von Sandalen von Pachomius gerügt. Zachäus wird Verwalter.

Dieser Bruder erhielt einmal vom Schuster viele Sandalen und andere Dinge, um sie zu verkaufen; er tat das in der Absicht, einen höheren Preis, als ihm der Schuster angegeben hatte, herauszuschlagen. Er brachte dem Schuster das Geld, der nahm die kleine Münze, berechnete den Preis des Leders und den Wert seiner Handarbeit, und zwar zu fünfzig Lepta1 auf den Tag, solange er diese Sachen gemacht hatte, fand die dreifache Geldsumme, ging sogleich zum Großen und sagte zu ihm: „Wirklich, mein Vater, das hast du nicht gut gemacht, daß du diesen Bruder zur Verwaltung so verantwortungsvoller Geschäfte des Klosters aufgestellt hast. Denn er hat in seinem Inneren noch weltlichen Sinn.“

Als der Große fragte, was denn das Geschäft sei, das er schlecht besorgt habe, antwortete der Schuster und sprach: „Ich gab ihm Sandalen und andere Dinge, um sie zu verkaufen und bezeichnete ihm die Höhe des Preises; er aber verkaufte sie um eine höhere Summe und brachte mir den dreifachen Erlös, statt dessen, den ich ihm genannt hatte.“ Als der Große das gehört hatte, rief er den Bruder und fragte ihn: „Warum hast du das getan?“ Der antwortete ihm: „Den Preis, Vater, den mich der Bruder zu nehmen beauftragte, sagte ich den Leuten, welche kaufen wollten. Die aber antworteten mir: ‚Wenn die Sachen nicht gestohlen sind, sind sie mehr wert.‘ Ich aber schämte mich und sagte zu ihnen: Gestohlen sind sie nicht. Ich erhielt aber den Auftrag, sie um so viel zu verkaufen. Gebt ihr, was ihr geben wollt! Sie gaben, was ihnen gefiel, ich aber zählte die von ihnen erhaltene Münze nicht nach.“

Darauf sagte zu ihm der Große: „Du hast sehr gefehlt, da du das Mehr liebtest. Doch lauf schnell und gib den Überschuß über den Preis denen zurück, die ihn dir entrichtet haben. Dann komm wieder und bereue deinen Fehltritt! Setze dich im Kloster zur Ruhe und arbeite für dich allein. Denn es ist für dich nicht gut, diese Geschäfte weiter zu treiben.“ Jener Bruder machte es so, wie ihm der Große geheißen hatte.

Der Greis stellte nun für die Verwaltung aller verantwortlichen Geschäfte des Klosters den heiligen Zachäus auf, einen tüchtigen Mann, der alles Lob der Menschen durch die Ausübung guter Werke übertraf.

Ein Bruder will Märtyrer werden, verleugnet aber Gott; seine Buße.

Es war ein Bruder, der für sich allein der Askese lebte, einer von den berühmten. Dieser hörte von dem Leben unseres heiligen Vaters Pachomius und bat ihn, er möge ihn in das Kloster aufnehmen. Der Große nahm ihn auf, und er lebte kurze Zeit mit den Brüdern. Da ergriff ihn das Verlangen, als Märtyrer Zeugnis abzulegen, während doch die Welt Frieden hielt, die Kirche zunahm und durch die Gnade Gottes Frieden genoß damals, als der selige, Christus verehrende Konstantinus Kaiser war. Der Mönch bat fortgesetzt den Seligen, indem er sagte: „Vater, bete über mich, damit ich Märtyrer werde.“ Der Große ermahnte ihn, nicht mehr zuzulassen, daß dieser Gedanke in sein Herz Eingang finde und sprach zu ihm: „Bruder, nimm den Kampf des Mönches auf dich, indem du dein Leben mutig und untadelhaft nach dem Wohlgefallen Christi einrichtest, und du wirst im Himmel die Gemeinschaft mit den Märtyrern haben.“ Jener aber nährte seinen Wunsch tagtäglich nur noch mehr und bedrängte den Heiligen, daß er über ihn bete. Da der Große endlich diese Belästigung von sich weisen wollte, sprach er zu ihm: „Es sei, ich will über dich beten. Außerdem, wenn du das wünschest, wird es über dich kommen. Sei aber auf deiner Hut, damit du nicht, wenn einmal die Stunde kommt, als einer erfunden wirst, der, anstatt Zeugnis abzulegen, Christus verleugnet. Denn in der Tat, du bist damit auf einem Irrweg, daß du freiwillig dich in Versuchung begeben willst, während doch unser Herr und Heiland, Jesus Christus, uns befiehlt, zu beten, daß wir nicht in Versuchung fallen“. Darauf ermahnte er ihn, sich zu hüten und nicht mehr daran zu denken. Nach zwei Jahren nun geschah es, daß einige von den Brüdern von dem Großen in ein weiter oberhalb gelegenes Dorf geschickt wurden, um Binsen zu sammeln für die Herstellung der Matten im Kloster. Dieses Dorf liegt im Bereich der Barbaren, der sogenannten Blemmyes. Während sich die Brüder noch dort bei einer Insel aufhielten, auf der es viele Binsen gab, schickte der Selige den Bruder, der Märtyrer werden wollte, zu den Brüdern, um ihnen einige Lebensmittel zu bringen, indem er ihn aufforderte, auf seiner Hut zu sein und zu ihm das geheimnisvolle Wort der Schrift sagte: „Siehe, jetzt ist der rechte Augenblick, siehe, jetzt ist der Tag des Heiles, indem sie in nichts Anstoß erregen, damit ihr Dienst nicht getadelt werde“.

Der Bruder nahm einen Esel, welcher mit Lebensmitteln beladen war, und reiste zu den Brüdern. Als er in die Wüste gekommen war, stiegen die Barbaren von dem Berg herab, um Wasser zu holen. Sie begegneten ihm, warfen ihn von dem Esel herunter, banden ihm die Hände, nahmen den Esel mitsamt der Ladung und führten ihn fort auf den Berg zu den anderen Barbaren. Als ihn diese mit dem Esel daherkommen sahen, da begannen sie ihn zu verspotten und sagten: ,,Mönchlein, komm und bete unsere Götter an!“ Sie schlachteten Tiere und brachten ihren Götzenbildern Trankopfer dar. Sie führten auch den Mönch herbei und zwangen ihn, mit ihnen die Spende darzubringen. Als er das nicht tun wollte, da drangen sie voll Wut auf ihn ein mit blanken Schwertern und drohten, ihn sogleich zu töten, wenn er ihren Göttern nicht opfere und ihnen keine Spenden darbringen wolle. Als er die blanken Schwerter und ihr wildes Wesen sah, nahm er rasch den Wein und opferte ihren Götzen und aß mit ihnen von dem Fleisch der den Göttern geopferten Tiere. Aus Furcht, den körperlichen Tod zu erleiden, tötete er seine Seele, indem er Gott, den Herrn aller Dinge, verleugnete. Nachdem er dies getan hatte, ließen ihn die Barbaren frei.

Er ging von dem Berge herab, kam zu sich und erkannte seine Freveltat, vielmehr die Gottlosigkeit, welche er verübt hatte. Er zerriß seine Kleider, zerschlug heftig sein Gesicht und ging in das Kloster.

Als der Selige sein Unglück erfuhr, ging er voll Schmerz hinaus und ihm entgegen. Als der Bruder ihn herankommen sah, warf er sich auf das Antlitz zur Erde nieder und rief unter Tränen: „Ich habe gesündigt vor Gott und dir, mein Vater; denn ich habe nicht gehört auf deinen guten Rat und auf deine Ermahnung. Hätte ich doch das nicht auf mich genommen!

Der Große hörte das und sprach zu ihm: „Stehe auf, Unseliger! Dich selbst hast du ausgeschlossen von so großen Gütern, Unglücklicher. Wahrlich, die Krone war dir aufgesetzt, du aber hast sie von dir geworfen. Du warst daran, den heiligen Märtyrern beigezählt zu werden, du aber hast dich losgesagt von ihrer seligen Gemeinschaft. Der Herr Christus war mit seinen heiligen Engeln zugegen, um dir die Siegesbinde um das Haupt zu legen, und ihn hast du verleugnet wegen eines kurzen Augenblicks; du bist dem Tode, den du auf dich nehmen wolltest, auch wider deinen Willen verfallen, da du ihn fürchtetest, indem du das ewige Leben deines Gottes verloren hast. Wo sind deine früheren Worte, wo dein Streben?“ Jener sagte: „Ich habe gesündigt in allem, mein Vater; ich kann mein Angesicht nicht mehr zum Himmel heben: ich bin verloren, Vater, denn ich habe von jetzt an keine Möglichkeit mehr, zu bereuen. Was soll ich tun, Vater? Ich dachte nicht, daß es so kommen werde.“ Als er so weinte und sprach, entgegnete ihm der Große: „Du Unseliger hast dich vollständig vom Herrn getrennt. Aber der Herr ist gut und niemals hat er das Martyrium verlangt. Denn er will Mitleid und kann unsere Sünden in die Tiefe des Meeres versenken; so weit der Himmel von der Erde entfernt ist, so weit entfernt er von uns unsere Sünden. Denn er will nicht den Tod des Sünders, sondern seine Reue; er will, daß der Gefallene nicht auf seinem Fehltritt beharrt, sondern sich aufrichtet, daß der, welcher sich von ihm wendet, sich nicht weit entfernt, sondern eiligst zu ihm zurückkehrt. Deshalb verzweifle nicht an dir! Denn es besteht eine Hoffnung auf Rettung. – Wenn der Stumpf der Bäume wieder grünt, sagte er. – Wenn du auf mich in allem, was ich dir sage, hören willst, wirst du von Gott Verzeihung erlangen.“

Der sprach weinend: „Ich höre auf dich von jetzt an in allem, mein Vater.“ Und der Große befahl ihm, sich zurückzuziehen in eine ruhige Zelle, sich abzuschließen und mit niemand bis zu seinem Tode zu verkehren, über einen Tag nur Brot und Salz zu essen und bloß Wasser zu trinken während der ganzen Zeit seines Lebens; jeden Tag zwei Matten zu flechten; zu wachen, solange er könne, nach Kräften zu beten, mit dem Weinen überhaupt nicht aufzuhören. Der Bruder zog sich zurück, wie es ihm der Selige geboten hatte und verdoppelte, was er ihm zu tun aufgetragen. Er verkehrte mit niemand außer mit dem großen Theodorus und mit wenigen der großen, greisen Väter, und nachdem er zehn Jahre in diesem Kampfe zugebracht hatte, entschlief er durch die Gnade Gottes, wobei der Große bei seinem Heimgang ein schönes Zeugnis ablegte.

Pachomius sieht auch in seiner Abwesenheit den Ungehorsam der Brüder. Belehrung des Pachomius durch ein Kind.

Der heilige Pachomius reiste mit Theodorus und Kornelius und mehreren anderen Brüdern in das sogenannte Kloster Tabennesis. Da stand er kurze Zeit auf dem Wege still, wie wenn er von einem eine Anschuldigung erfahren und im Geiste erkannt habe, daß im Kloster ein Auftrag vernachlässigt worden sei. Er hatte nämlich die Bestimmung gegeben, daß die Arbeiter in der Bäckerei niemals unnötigerweise sprechen, sondern für sich den geziemenden Dienst erfüllen sollten. Da rief er den Theodorus, denn er hatte selbst die Aufsicht über jenes Kloster, und sprach zu ihm: „Gehe in aller Muße weg und untersuche genau, ob abends einige in der Bäckerei geplaudert haben. Wenn du dich darüber vergewissert hast, melde es mir!“ Der forschte danach und fand es so, dann teilte er es dem Vorstande mit. Pachomius aber sagte: „Glauben die Brüder, daß die Bestimmungen von Menschenhand sind? Wissen sie nicht, daß auch im geringsten für die Nachlässigen eine nicht zu unterschätzende Gefahr verborgen liegt? Das Volk Israel nahm vor Jericho1 ein siebentägiges Schweigen gern auf sich, dann schrie es zur festgesetzten Zeit auf, zerstörte die Stadt und verging sich nicht gegen das Gebot Gottes, das von einem Menschen gegeben war. Nun sollen jene in Zukunft diese unsere Bestimmungen befolgen, und ihre Sünde wird ihnen verziehen sein. Denn auch wir haben eine nützliche Vorschrift gegeben.“

Er selbst ging hinein und setzte sich nieder, um Matten herzustellen. Da kam ein Knabe, der zum Wochendienst aufgestellt war, der sah den Greis arbeiten und sagte zu ihm: „Flicht den Saum nicht so, das machst du schlecht; der Vater Theodorus webt ein anderes Muster.“ Pachomius stand auf und sprach zu ihm: „Lehre mich das Muster, mein Kind!“ Nachdem es ihm gezeigt worden war, setzte er sich wieder voll Behagen nieder, indem er so den Geist der Überhebung unterdrückte. Denn wenn er weltlichen Sinn besessen hätte, dann hätte er sich nicht überreden lassen, sondern er hätte das Kind sogar getadelt, weil es ungebührlich geredet habe.

Pachomius überwindet zweimal den Teufel.

Als Pachomius einmal von der Inanspruchnahme der Freunde und Brüder Muße hatte, da griff ihn der Dämon an; er stellte sich ihm gegenüber und sprach: „Freue dich, Pachomius, denn ich bin Christus, und zu dir, meinem Freunde, gekommen.“ Er aber, der durch die Unterscheidung des Heiligen Geistes den Erscheinungen des Bösen auswich, überlegte bei sich und sagte: „Die Erscheinung der Heiligkeit Christi ist voll Freude und frei von jeder Furcht, während alle menschlichen Gedanken vor der Anschauung des Erscheinenden verschwinden. Ich aber bin jetzt voll Unruhe und überlege hin und her.“

Sogleich stand er auf, faßte Mut durch den Glauben an Christus, streckte die Hand aus, um ihn zu ergreifen, hauchte ihn an und sprach: „Weiche von mir, Teufel! Verflucht bist du und dein Anblick und die List deiner Anschläge.“

Und jener wurde wie Staub, erfüllte das Haus mit Gestank und zerriß die Luft, indem er wider ihn mit lauter Stimme schrie: „Zu meinen Füßen wollte ich dich niederwerfen, aber die Macht Christi ist groß und ich werde von euch täglich verspottet. Ich werde aber nicht aufhören mit meinem Kampfe, denn ich muß mein Werk erfüllen.“

Pachomius aber, stark im Geiste, widersprach, voll Dank gegen den Herrn für seine ungewöhnlichen Gaben, die er ihm gegen den Teufel eingeräumt hatte. Als der Große in einer Nacht mit Theodorus in diesem Kloster herumging, sah er plötzlich von ferne eine Erscheinung, groß und voll Trug. Es war nämlich die Gestalt eines Weibes von unendlicher Schönheit, so daß man weder Haltung noch Bildung und Anblick der ihr innewohnenden Schönheit schildern kann.

Als Theodorus sie wahrnahm, da geriet er sehr in Verwirrung und veränderte seinen Gesichtsausdruck. Als ihn der Selige so furchtsam sah, sagte er zu ihm: „Fasse Mut im Herrn, Theodorus, und beunruhige dich nicht!“ Darauf stellte er sich zum Gebete hin, um jene schreckliche Erscheinung zu vertreiben. Während sie beteten, kam jenes Weib voll Unverschämtheit mehr und mehr gegen sie heran; sie näherte sich mit einer Schar von Dämonen, die vor ihr einherliefen, und während das Gebet des Pachomius zu Ende ging, kam sie und sagte zu ihnen: „Warum plagt ihr euch vergeblich? Ihr könnt gegen mich nichts ausrichten, denn ich habe von Gott, dem Herrn über alles, Macht erhalten, zu versuchen, wen ich will, und auf lange Zeit hinaus habe ich dies von Gott erbeten.“

Da fragte sie der heilige Pachomius und sprach: „Sage mir, wer bist du? Woher kommst du und wen willst du versuchen?“ Sie aber erwiderte: „Ich bin die Gewalt des Teufels. Mir dient die ganze Heerschar der Dämonen. Ich bin die, welche dem Judas das Kleid des Apostels geraubt hat. Gegen dich nun habe ich es unternommen zu kämpfen, Pachomius, denn ich konnte den Spott der Dämonen nicht ertragen. Niemals nämlich hat mich einer so aller Kraft beraubt wie du; denn Kindern und Greisen und jüngeren Männern unterjochst du mich durch deine Lehre und machst, daß ich von ihnen getreten werde. Und nachdem du gegen mich eine so gewaltige Schar versammelt hast, hast du sie mit einer unzerstörbaren Mauer, mit der Furcht Gottes, umgeben, daß sich fürderhin unsere Diener keinem von euch ungestört nähern können. Dies alles ist euch zugefallen im Namen des Mensch gewordenen Wortes Gottes, der euch alle Gewalt gegeben hat, unsere Macht zu zertreten und über uns zu spotten.“

Pachomius erwiderte darauf: „Wie nun, bist du gekommen, mich allein zu versuchen, wie du sagst, oder auch andere?“ Sie sagte zu ihm: „Dich und alle, welche nach deinem Beispiel leben.“

Wieder fragte sie Pachomius: „Also auch den Theodorus?“ Sie aber entgegnete: „Gegen dich und Theodorus habe ich Gewalt erhalten, aber ich kann mich euch durchaus nicht nähern.“ Sie fragten: „Warum denn?“ Da sprach sie zu ihnen: „Wenn ich gegen euch kämpfe, dann werde ich für euch mehr die Veranlassung zum Nutzen als zum Schaden, besonders für dich, Pachomius. Denn du wurdest gewürdigt, mit leiblichen Augen die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Aber ihr werdet nicht auf ewig bei ihnen sein, die ihr jetzt durch euer Gebet schützt. Denn es wird nach eurem Tode die Zeit kommen, wo ich über sie frohlocken werde. Denn ihr habt bewirkt, daß ich unter die Füße einer so großen Schar von Mönchen getreten werde.“

Der Große aber sprach zu ihr: „Woher weißt du, daß die nach uns nicht mehr als wir treu dem Herrn dienen, um die später Lebenden, die die Furcht des Herrn erwerben, schützen zu können?“ „Ich weiß dies“, sagte sie. „Du lügst auf dein gottloses Haupt!“ rief Pachomius. „Du hast durchaus nicht die Gabe der Vorhersehung. Denn das liegt in der Hand Gottes und steht unter seinem Willen und in seiner Gewalt. Du aber herrschest über die Lüge.“

Sie aber sagte: „Hinsichtlich der Gabe der Vorhersehung, so wie du sie auffaßt, verstehe ich nichts; ich sage dir aber auf Grund einer Vermutung, daß ich es weiß.“ Als der Selige fragte: „Und weshalb vermutest du es?“, entgegnete sie: „Aus dem, was vorher geschieht, sage ich auch die Zukunft voraus.“ Wieder fragte er: „Aber wie?“ Sie sagte zu ihm: „Der Anfang jeder Handlung richtet mit ganzer Sehnsucht sein Ziel darauf, das Erstrebte zu erreichen, besonders die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat und Berufung, welche nach dem Willen Gottes bekräftigt wird durch Wunder und Zeichen; sobald sie aber durch verschiedenartige Kräfte die schützt, welche ihr nachstreben, und älter wird, dann hört sie auf, sich zu steigern, da sie durch die Zeit verbraucht wird oder durch Leichtsinn verschwindet oder durch Verachtung geschwächt wird.“

Der Große fragte sie: „Wie nun? Warum bist du gekommen, wie du sagst, um die Großen zu versuchen und nicht alle Brüder? Denn, wie du behauptest, ist es deine besondere Aufgabe, die Seele zu vernichten, da du alle Dämonen in der Schlechtigkeit übertriffst und so große Macht gegen solche Männer hast?“ Sie antwortete und sprach: „Ich habe es dir schon vorher gesagt: Seitdem die allgewaltige, heilbringende Menschwerdung Christi auf der Welt zur Tat geworden ist, sind wir machtlos, so daß wir von denen, die an ihn glauben, wie ein Sperling verspottet und verlacht werden. Aber wenn wir auch schwach geworden sind, so geben wir doch keine Ruhe bei denen, über die wir Macht erlangt haben; wir werden auch nicht aufhören, euch anzugreifen, indem wir unsere eigene Schlechtigkeit in die Seelen der Kämpfer einpflanzen. Besonders wenn wir einen kennen, den der Reiz oder die Lust verführt hat, da entzünden wir die Lüste noch mehr und bedrängen ihn, wir, die wir mächtig und unbezwinglich sind. Wenn wir aber im Gegenteil sehen, daß einer kein Verlangen nach unseren Gaben hat und sie auch nicht gern behält, sondern sich durch den Glauben an Christus und durch die Nüchternheit seines Sinnes behütet, da entweichen wir wie Rauch, der in der Luft vergeht. Deshalb dürfen wir nicht gegen alle mit ganzer Macht kämpfen, weil nicht alle den Krieg mit mir vollkommen auf sich nehmen können. Denn wenn wir gegen alle dies tun dürften, hätte ich viele trotz eures Schutzes verführt. Und was dulde ich, da sie bewacht werden durch die vorhersehende und überschauende Kraft des Gekreuzigten infolge eurer Bitten.“

Da sprach der Heilige mit lauter Stimme unter vielen Seufzern zu ihr: „O über eure rastlose Schlechtigkeit! Ihr hört nicht auf, auch in Zukunft gegen das Menschengeschlecht zu rasen, bis die göttliche und sterbliche Majestät vom Himmel wiederkommt und euch vollkommen vernichtet.“ Darauf schalt er die Schar der Dämonen und zerstreute sie sogleich im Namen Christi und machte sie unsichtbar.

Als es nun Morgen geworden war, rief Pachomius alle die Brüder zusammen, welche sich durch Lebenswandel und Alter auszeichneten, und erzählte alles, was er gesehen und von dem verderblichen Dämon gehört hatte; auch den Abwesenden teilte er es mit, er sicherte sie durch die Furcht Gottes und belehrte sie, die Trugbilder der schlechten Dämonen für nichts zu achten.

Als diese hörten und sahen, wie solche Wunder mit Hilfe der Gnade Christi durch ihn geschahen, da wurden sie mächtig gestärkt und nahmen gern die Mühe der Askese auf sich.

Die Standhaftigkeit der Brüder.

Nun wurde um dieselbe Zeit ein Bruder, der seine Standhaftigkeit eifrig nachahmte, von einem Skorpion in den Fuß gebissen, als er zum Gebet hintreten wollte. Der Schmerz griff ihm so heftig an das Herz, daß er beinahe den Geist aufgegeben hätte. Er ging aber, trotzdem ihn die Wunde schmerzte, nicht eher weg, als bis er sein Gebet vollendet hatte, Einmal ergriff den Theodorus wieder ein Kopfleiden, das ihm die heftigsten Schmerzen bereitete, so daß er bat, es möge vorüber sein, Pachomius aber sagte: „Glaubst du, Bruder, daß ein Leiden oder irgend etwas anderes der Art ohne die Zulassung Gottes eintritt? Deshalb halte aus, mein Kind, und der Herr wird dich heilen, wenn er will; oder du wirst eine Zeitlang geprüft, wie der vollkommene Job, dann danke dafür; dieser erduldete die Trübsale und lobte den Herrn; dir wird eine Erquickung zuteil werden, die größer ist als deine Mühen. Etwas Schönes ist für den Asketen die gottgemäße Standhaftigkeit in den Gebeten und in der Enthaltsamkeit; er kann aber auch, wenn er krank ist, einen höheren Lohn gewinnen durch Ausdauer und Langmut.“

Pachomius erhält die Gabe, alle Sprachen zu verstehen.

Als der Selige einmal wieder die Brüder in den Zellen besuchte und jeden in seinem Denken aufrichtete, da traf er auch einen Römer von hohem Ansehen, der auch gut Griechisch konnte. Als nun der Große zu ihm kam, um ihm Ermahnungen zu geben und die Regungen seines Herzens kennen zu lernen, da sprach er ägyptisch mit ihm. Der Bruder aber verstand nicht, was der Große zu ihm sagte, noch verstand der Große, was der Römer sprach, da eben der Selige nicht Griechisch konnte. Der Große sah sich nun gezwungen, einen Bruder zu rufen, der ihre beiderseitigen Reden übersetzen konnte. Als der Bruder kam, um zu dolmetschen, da wollte der Römer die Verirrungen seines Herzens dem Großen nicht durch einen anderen offenbaren, und er sagte: „Ich will, daß nach Gott allein du die Fehler meines Herzens kennst; ich will sie dir aber nicht durch den Mund eines anderen kundtun, ja ich will nicht einmal, daß sie ein anderer hört als du.“ Als dies der Große hörte, befahl er dem Bruder, der gekommen war, um zu dolmetschen, sich zu entfernen; da sich aber der Große mit ihm nicht über Gegenstände der Förderung und des Heiles besprechen konnte, da er eben durchaus kein Griechisch verstand, da winkte er ihm mit der Hand, zu warten, bis er wieder zu ihm komme, und ging weg, um für sich zu beten. Und der Selige streckte seine Hände zum Himmel aus und flehte zu Gott, indem er sprach: „Allmächtiger Herr, wenn ich die Menschen, die du von den Grenzen der Erde zu mir sendest, nicht fördern kann, da ich ihre Sprachen nicht verstehe, wozu brauchen sie dann hierherzukommen? Wenn du sie aber hier durch mich retten willst, dann verleihe mir, allmächtiger Herr, die Gabe, mit ihnen zu reden, damit ich ihre Seele aufrichten kann.“ An drei Stunden betete er und rief inständig Gott an, und als er sein Gebet beendigte, da kam plötzlich vom Himmel herab in seine rechte Hand etwas wie ein beschriebenes Papierbriefchen; er las es und verstand plötzlich die Aussprache aller Sprachen. Er schickte seinen Lobpreis hinauf zu dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste und ging voll herzlicher Freude zu jenem Bruder und unterhielt sich mit ihm ohne anzustoßen auf Griechisch und Römisch, so daß man den Bruder von dem Großen sagen hören konnte, er übertreffe alle Gelehrten hinsichtlich seiner Ausdrucksweise. Er richtete ihn auf, wie es nötig war und bestimmte ihm wegen seiner Verfehlungen die geziemende Reue, dann empfahl er ihn dem Herrn und verließ ihn.

Zurechtweisung eines prahlerischen Bruders.

Es geschah einmal, als der Große an einem Platze des Klosters in Gesellschaft anderer bedeutender Brüder dasaß, daß ein Bruder des Klosters zwei Matten, die er an demselben Tag hergestellt hatte, vor seiner Zelle gegenüber dem Platze, wo der Selige mit den Brüdern saß, niederlegte. Dies tat er fortgerissen von dem Gedanken der Prahlerei, da er glaubte, von dem Großen gelobt zu werden, da er einen solchen Eifer gezeigt habe; denn die Regel schrieb vor, daß jeder Bruder an einem Tage nur eine Matte flechte.

Der Große sah, daß der Bruder dies nur aus Prahlerei getan habe und erkannte die Absicht, die ihn dazu bewogen. Er seufzte tief und sagte zu den mit ihm dasitzenden Brüdern: „Sehet den Bruder, der vom frühen Morgen bis jetzt gearbeitet hat! Er hat seine ganze Mühe dem Teufel geschenkt und hat nichts von seiner Arbeit zum Troste für seine eigene Seele übriggelassen. Denn er hat mehr das Lob der Menschen als das Gottes geliebt. Durch die Plage hat er seinen Körper ermüdet, seiner Seele aber hat er keinen Teil an den Früchten seiner Arbeit gelassen.“ Er rief jenen Bruder, tadelte ihn und befahl ihm, daß er, wenn die Brüder beteten, die zwei Matten halten, hinter sie treten und sprechen solle: „Ich bitte euch, meine Brüder, betet für meine arme Seele, damit sich der allbarmherzige Gott um eurer Bitten willen ihrer erbarme, die diese zwei Matten seinem Reiche vorgezogen hat.“ Auch während die Brüder aßen, befahl er ihm, ebenso in der Mitte mit den Matten dazustehen, bis sie von den Tischen aufstünden, Darauf hieß er ihn allein sich in eine Zelle einschließen und fünf Monate lang jeden Tag zwei Matten flechten und nur Brot mit Salz essen; auch durfte keiner der Brüder mit ihm sprechen.

Zachäus.

Ehe wir die Erzählung beenden, müssen wir zur Erbauung und zum Nutzen der Leser außerdem noch eines Mannes Erwähnung tun, der über alles menschliche Lob erhaben war, namens Zachäus.

Dieser wurde nach einer langen Zeit der Askese vom Aussatz ergriffen; seine Zelle war getrennt von denen der Brüder, er verbrachte sein ganzes Leben bei Salz und Brot, jeden Tag fertigte er eine Matte, und so heftig war die Verletzung, die er sich bei der Arbeit zuzog, daß oft seine Hände, wenn er die Schnüre der Matten flocht, zerstochen wurden und bluteten, indem sie so bei der Arbeit selbst die Ausdauer des Mannes bekundeten. Obgleich er nun in eine so schwere körperliche Schwäche verfallen war, blieb er doch niemals von der Versammlung der Brüder fern, noch schlief er jemals bei Tage bis zu seinem Heimgang. Er hatte die Gewohnheit, des Nachts vor dem Einschlafen laut Worte der Heiligen Schrift sich einzuprägen und, nachdem er den ganzen Körper mit dem Kreuz bezeichnet und Gott gelobt hatte, so sich zum Schlafen zurückzulehnen, dann aber um Mitternacht aufzuwachen und bis zum Morgen im Hymnengesang zu verweilen.

Als einmal ein Bruder seine Hände sah, die durch die Anstrengung bei der Arbeit ganz blutig waren, sprach er zu ihm: „Bruder, warum plagst du dich so bei der Arbeit, besonders da du doch von einer so schweren Krankheit heimgesucht wirst? Es ist doch keine Sünde, wenn du untätig bist, und du wirst von Gott nicht verurteilt, wenn du nicht arbeitest. Er weiß doch selbst, daß du leidest. Niemals hat einer, der in einer solchen Trübsal schmachtete, Hand an eine Arbeit gelegt, besonders wenn er nicht gezwungen wurde. Anderen, Fremdlingen und Armen, stehen wir mit Gott bei, und dir, der du unser eigener Vater und so alt bist, sollen wir nicht gern dienen?“ Der Greis warf dagegen ein, es sei ihm unmöglich, nicht zu arbeiten. „Wenn du dies meinst“, sprach der andere wieder, „dann bestreiche wenigstens abends deine Hände mit Öl, damit sie nicht ermüden und bluten.“ Zachäus ließ sich überreden und tat, wozu er aufgefordert worden war. Seine Hände waren von den Binsen so zerstochen und verletzt, daß er die daraus entstehenden Schmerzen nicht mehr ertragen konnte.

Da kam Pachomius in seine Zelle und erkundigte sich nach dem Verlauf der Krankheit, und er sagte zu ihm: „Glaubst du, Bruder, daß das Öl etwas nützt? Wer hat dich denn auch genötigt, dich so zu plagen, daß du unter dem Vorwand der Arbeit auf dieses körperliche Öl für deine Gesundheit größere Hoffnungen setzest als auf Gott? Es wäre für Gott doch nicht unmöglich gewesen, dich zu heilen! Oder kennt er unsere Schwächen nicht und bedarf er der Erinnerung? Oder will er von uns nichts wissen, weil er uns haßt, er, der von Natur menschenfreundlich ist? Nein, um die Förderung der Seele zu bewirken, läßt er die Drangsale zu, damit wir sie mutig ertragen und Standhaftigkeit zeigen und ihm anheimstellen, wann und wie er will, die Erlösung von den Leiden zu gewähren.“

Der Bruder antwortete und sprach: „Verzeihe mir, Vater, und bete über mich, damit mir der Herr Christus diese und alle meine Sünden vergebe.“ Einige versicherten von ihm, daß er über sich ein ganzes Jahr wehklagte, weil er zwei Tage lang Nahrung zu sich genommen hatte. Ihn stellte der Selige als ein Vorbild in guten Werken und Grundsätzen den Brüdern hin; denn er verstand zu ermuntern wie nur irgendeiner. Bis an das Ende kämpfte er nach der Vorschrift und sehnte sich danach, ein auserwähltes Ziel zu erreichen und den Lohn für seine Mühen zu erlangen, nämlich das Himmelreich.

Des Pachomius Krankheit und Tod. Wahl des Petronius zum Nachfolger.

Als nun Pachomius die Gewißheit erhalten hatte, daß er sein Talent nicht verborgen, sondern diese und noch mehr andere vollkommene Männer zum Herrn vorausgesandt habe, da feierte er ein Fest aus Freude über die von ihm aufgerichteten Zelte des Heilandes, in denen die Versammlung dieser heiligen Männer wohnte. Nach dem heiligen und verehrungswürdigen Osterfeste wurde endlich auch er, nachdem viele Brüder auf ausgezeichnete Weise vollendet hatten, krank, und es diente ihm Theodorus, dessen wir oft Erwähnung taten. Er wurde am Körper überaus mager, sein Antlitz aber blieb voll Glanz, so daß er dadurch das reine Gewissen der Seele denen anzeigte, die ihn anblickten.

Zwei Tage vor seiner Vollendung rief er seine ganze göttliche Schar zusammen und sprach zu ihnen: „Meine Brüder, ich gehe den Weg der Väter; denn ich sehe, daß mich der Herr ruft. Ihr aber erinnert euch der Mahnungen, die ihr immer von mir gehört habt. Seid nüchtern in allem; keine Gemeinschaft soll bestehen zwischen euch und der Ketzerei des Origenes, Meletius, Arius oder der übrigen Christusräuber, oder auch anderer, die ich euch bezeichnet habe. Außerdem sollt ihr eifrig darauf bedacht sein, mit solchen zu verkehren, die eurer Seele nützen können. Ich gebe nunmehr meine letzten Bestimmungen, und der Augenblick meiner Auflösung steht bevor. Wählet auch noch, solange ich lebe, einen Mann, der imstande ist, euch nach Gott zu leiten. Ich allerdings sehe dafür keinen geeigneteren als den Petronius. Doch es ist eure Sache, das Nützliche zu wählen.“

Sie folgten dem Rat des Vaters, denn jener war stark im Glauben, demütig in seinem Wesen. Pachomius betete über ihn, da auch er kränklich war – er befand sich im sogenannten Kloster Chenoboskia -, und übergab ihm, obwohl er abwesend war, die Brüderschaft in Christo. Er schickte nach ihm, damit er komme, bezeichnete sich mit dem Kreuze, erwartete voll Heiterkeit den zu ihm abgesandten Engel und gab seine heilige Seele auf am vierzehnten Tage des Monats Mai. Seine Schüler nahmen den Leichnam, richteten ihn reinlich zur Bestattung her, wachten am nächsten Tage und begruben ihn am folgenden auf dem Berge.

Die aber, welche zu Petronius abgesandt waren, geleiteten ihn her, als er noch krank war; er leitete wenige Tage die Brüderschaft und starb in Frieden, indem er als Nachfolger einen gerechten und gotthebenden Mann zurückließ, mit Namen Orsisius.

Schlußbemerkungen des Verfassers.

Dies haben wir berichtet – und zwar Weniges aus einem umfangreicheren Stoff und statt seiner größeren Ruhmestaten nur die geringsten -, nicht um den heiligen Vätern unser Lob darzubringen; denn sie streben nicht nach unserer Wertschätzung und unserem Preise; es genügt ihnen das ewige Lob, das ihnen vom Herrn und den Engeln zuteil wird und das vollkommener sein wird; denn sie werden leuchten wie die Sonne, schweigend im Lichte Christi, der immer die, welche ihn preisen, verherrlicht. Wir haben dies vielmehr geschrieben, damit wir nach Kräften ihre Nachahmer werden, indem wir durch das Anhören zur Nacheiferung ihres Lebens angeregt werden, durch die Gebete und Fürbitten der heiligen Propheten, Apostel und Märtyrer, derentwegen unser Herr Christus gepriesen wird, dem ist Ruhm und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Ich bitte indes die Leser, dieser Erzählung kein Mißtrauen entgegenzubringen. Wenn aber einer der Leser über die einzelnen Worte des Gebetes, die Pachomius jedesmal gebrauchte, fragen sollte und sagte: „Woher habt denn ihr Geschichtschreiber die Kenntnis davon?“ – der möge sich an das erinnern, was wir weiter oben bemerkt haben, daß wir nämlich dies von heiligen Vätern erfahren und genau geprüft haben. Denn der Selige selbst hat oft den Brüdern Förderliches erzählt und ihnen seine Gedanken geoffenbart und sie eingehend belehrt, wie man bei jeder Bitte beten müsse. Und nicht nur sie, sondern alle Mönche, die zu ihm kamen, ermunterte er, an den Heiland Christus zu glauben und ihn zu lieben; sich zu hüten vor törichten Gedanken und fleischlichen Vergnügungen, die Ruhmsucht zu fliehen und unaufhörlich zu beten, um einander zu lieben.

Dazu hat uns auch der göttliche Apostel angeleitet und die Größe der Liebe gezeigt, indem er im Brief an die Korinther sagte: „Eifert den besseren Gaben nach! Und zum Übermaß zeige ich euch noch den Weg.“ Und der Herr Christus sprach zu den Aposteln: „Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Schüler seid, wenn ihr einander liebet.“ Denn viele, sagte Pachomius bewundern die, welche den Körper pflegen können, ich aber halte sie nicht für so großer Bewunderung wert wie die, welche dazu vollkommen sind, um einfache Leute von der Welt abzuziehen und von der Sünde zur Tugend zu lenken. Denn urteilt nicht darüber, Geliebte, sprach er, warum er dieses und jenes Wunder nicht getan hat, urteilt vielmehr erst dann, wenn einer Ähnlichkeit hat mit denen, die im Psalm vom Geiste verurteilt werden, der da sagt „Sie haben sich Gott nicht vor Augen gestellt“. Denn wie kann der den Nächsten lieben, der nicht immer Gott vor Augen hat, im Sinne des seligen David, der da spricht: „Ich sehe in allem den Herrn vor mir, er ist zu meiner Rechten, damit ich nicht schwanke“.

Es ist auch nötig und Gott wohlgefällig, sagte er, wenn die Kinder, die von der Schlechtigkeit noch nichts wissen, dies öfter hören und wenn sie älter geworden sind, belehrt werden, sich dieser Regel zu fügen, nach oben über ihre Jugend hinaus dem Guten nachzueifern, nach dem, was vor ihnen liegt zu streben und so zur Vollkommenheit zu gelangen, wie der selige Samuel eifrig beim Tempel saß. Denn es ist reine Erde und bereit zur Bearbeitung; das dürre Land aber, das unter vielen Mühen gereinigt worden ist, bringt dann erst Früchte.

Wir müssen wachen, daß wir den Kindern keinen Anstoß geben, damit der Herr, der die Kleinen behütet, auch unsere Seele wie einen Augapfel bewache. „Denn mit welchem Maße ihr meßt“, sprach er, „wird euch wieder gemessen werden“. Keiner also wage es, Geliebte, einer Seele zu schaden, auch nicht mit einem raschen Worte. Wie man sie behüten muß, dazu bedarf es nicht langer Worte; das ganze Ziel der Rede, sprach er, höre: Fürchte Gott und halte seine Gebote, dann wirst du ein vollkommener Mönch sein. Es gäbe noch anderes euch zu sagen, aber um die Erzählung nicht noch länger auszudehnen: der Gott des Friedens möge euch stärken, Brüder, zu seiner Furcht. Amen.

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