Ausgewählte Gesänge gegen die Grübler über die Glaubensgeheimnisse

Von Ephräm d. Syrer (373)

1. Das Wunder der Menschwerdung und die unbegreifliche Erhabenheit des Sohnes Gottes. Der vierte Gesang des Originals.  

Das Wesen des Sohnes Gottes ist selbst den Engeln unerforschlich.

Tausendmal Tausende stehen, und zehntausendmal Zehntausende eilen dienend hin und her; die Tausende und Myriaden vermögen aber den Einen nicht zu erforschen: alle stehen nämlich mit tiefem Schweigen da, zu bedienen. Er (Gott Vater) hat keinen Thron=Genossen, außer den von ihm erzeugten Sohn. Im Schweigen nur liegt seine Erforschung. Wenn die Wächter ausziehn zu untersuchen, so gelangen sie nur bis zum Verstummen und müssen gehemmt (wie von einer Mauer) stille stehn.

Das Wunderbare der Empfängniß und Geburt Jesu.

Der Erstgeborne trat in den Mutterleib (der h. Jungfrau) ein, und die Reine litt nicht; dann erhob er sich und kam durch die Geburt an’s Licht hervor, und da ward ihn die Liebliche gewahr. Herrlich und verborgen war sein Eintritt: in sichtbarer Niedrigkeit geschah sein Hervortreten. Gott war er bei seinem Hineingehen, und Menschensohn (Gott=Mensch) bei seinem Herauskommen. O Wunder, entzückend anzuhören! Das Feuer drang in den Mutterschooß ein, umhüllte sich mit Fleisch und trat so hervor. Gabriel nannte ihn Herr, den Herrn der Engel. Herr nannte er ihn, um zu lehren, er sei sein Herr, nicht sein Genosse. Gabriel hat den Michael als seinen Genossen. Der Sohn ist Gebieter über die Diener; erhaben über sie ist sein Wesen und Name. Ein Diener kann ihn nie ergründen. Wie erhaben auch ein Geschöpf sei, erhaben über dasselbe ist, der es erschaffen hat.

Der Sohn Gottes auf keine Weise erforschbar.

In Bewunderung verliert sich der Geist, wenn er seinen Blick sammelt, um wie durch Ritzen spähend dein Licht zu beschauen. Da bricht ein schwacher Schimmer von dir hervor, bringt ihn außer Fassung und schleudert ihn ganz zurück. Ja, wer vermöchte es, den Sohn zu betrachten, dessen Strahlen so furchtbar, alle ganz in ihm schimmernd zusammgedrängt? Er ist die von den Propheten verkündete Sonne, unter deren Flügel Heilung ist, Schmerz aber in ihrer Erforschung. — Wie? mit Händen sollten wir dich erfassen, da selbst der schärfste Verstand dich nicht zu erforschen, zu erfassen vermag ? Du bist ja ein unendlich hoher Berg. Vernehmen könnten dich Ohren? Wohl redest du schrecklicher als der Donner; allein du bist ein unvernehmbar stilles Wesen, ein unhörbares Schweigen. Mit Augen sollte der Mensch dich zu schauen vermögen? Wohl bist du ein hell glänzendes Licht, aber deine Anschauung ist Allen verborgen. Nicht für uns Schwache allein ist dein Anblick zu erhaben oder deine Erforschung verwehrt; denn die Sinne des Körpers bedürfen sehr anderer Sinne im Innern, im Geiste des Menschen, und sie vermögen die unbedeutendsten Dinge nicht durch Untersuchung zu begreifen. Richten wir Fragen an die Wächter, die deiner Pforte nahe sind!

Allgegenwart des menschgewordenen Gottessohns seiner göttlichen Natur nach, sein Verweilen hier als Gott=Mensch.

Die Wächter stehen vor dir mit Lobgesängen, sie wissen Doch nicht, auf welcher Seite sie zu dir aufschauen sollten. Sie suchten dich oben in der Höhe und sahen dich unten in der Tiefe. Sie forschen nach dir im Himmel und schauten dich in dem Abgrunde. Sie blickten nach dir bei dem Angebeteten und fanden dich in der Schöpfung. Da flogen sie zu dir herab und sangen Loblieder. Als sie zu suchen anfingen, um dich in der Schöpfung zu schauen, konnten sie ringsum eilend in stiller Ruhe dich nicht aufsuchen; denn sie sahen dich in der Tiefe, sahen dich oben in der Höhe, sahen dich im Grabe, sahen dich im Brautgemache, sahen dich todt und sahen dich als Todtenerwecker. Da ergriff sie Bewunderung, Staunen, Entzücken. Überall waltest du geheimnißvoll, o Herr, und überall bist du verborgen. Deine geheimnißvolle Gegenwart ist in der Höhe, doch diese fühlet nicht, daß du es bist. Du bist in der Tiefe geheimnißvoll, unbegreiflich aber dem Wesen nach. Dein Geheimniß ist im Meere, allein du bleibst dem Meere verborgen; es waltet auf dem trockenen Lande, doch auch dieses weiß nicht, wer du bist. Hochgepriesen seist du, o Verborgener und doch Offenbarer!

Alles in Christo geheimnißvoll; nur Glaube, Liebe nahen ihm.

Auch dein geringstes Geheimniß ist ein Born von Geheimnissen, und wer vermöchte es, die nie versiegenden Geheimnisse alle auszulegen? Der Mensch wählt sich nur ein Bild von dir; dieß wird ihm dann zu einer Quelle, der alle Vergleichungen entströmen. Auf welche aber können wir schauen, dein Bild uns im Herzen zu formen? In einem einzigen Bilde von dir, o Anbetungswürdiger, sind Myriaden von Schönheiten dicht gedrängt enthalten. Du bist ganz nur Wunder, wo immer wir dich suchen. Nahe bist du und fern; wer könnte zu dir gelangen? Die Forschung mag sich ausdehnen, wie sie will, sie vermag dich nicht zu erreichen. Strengt sie sich mächtig an, zu dir zu gelangen, so wird der Weg ihr abgeschnitten, und sie bleibt zurück, ohne den Berg deiner Höhe zu erklimmen.

Dir nahen der Glaube nur und die Liebe mit dem Gebete.

Leichter fällt es uns, einen Gedanken zu hegen, als ein Wort auszusprechen. Der Gedanke vermag sich überall hin auszudehnen; wenn er aber darauf ausgeht, deinen Weg zu betreten, um dich zu erforschen, so entschwindet plötzlich der Pfad vor ihm; er geräth in Verwirrung und bleibt rathlos zurück. Wenn nun schon der Gedanke besiegt erliegt, um wie viel mehr die Rede! Ihr Pfad zieht sich ja zwischen verwirrenden Krümmungen hin.

Empfehlung des Schweigens über das Unerforschliche.

Für den Mund geziemt sich nur lobzupreisen und zu verstummen. Wird er durch Fragen bestürmt zu laufen, so schütze er sich ganz durch Schweigen. So nur kann er erreichen, wenn er sich nicht abmüht zu erreichen. Die Stille vermag besser zu erreichen, als der Freche, der da läuft. Armer Grübler! Seht da, der Ohnmächtige arbeitet sich ab, das schreckliche Meer zu ermessen. Sieh, o Herr, wenn der Mund verstummend davon abläßt, dich zu erforschen, so thut er daran nichts Großes, als wäre er im Stande, zu untersuchen, und wolle es nur nicht: sondern seine Ohnmacht hält ihn auf, wenn seine Vermessenheit ihn wie gefangen fortreißt. Nur Gnade ist es für ihn, wenn er klug das Schweigen vorzieht: dieß Verstummen nämlich ist ein Schutzhafen für ihn, damit er in deinem Meere und stürmenden Gewoge nicht zu Grunde gehe.

Glaube, nicht Grübelei findet den Herrn.

Wenn es wirklich irgend eine Möglichkeit gibt, den Verborgenen zu ergründen, wohlan, so forschen wir nach ihm! Kommt, ziehen wir herumfahrend auf Entdeckung aus, um ihn zu erfassen, wenn er begriffen werden kann! Du offenbarst dich, o Herr, den Einfältigen, verbirgst dich aber den Klugen. Vom Gläubigen lässest du dich finden, entziehst dich jedoch dem Grübler. O wie selig ist, wer bei deiner Erforschung einfältig bleibt, glorreich aber nach deiner Verheissung ringt! Zu gering ist, o Herr, die Erforschungskraft, daß sie in sich selbst dich verherrliche. Nur eine Kraft, die überallhin sich erstreckt, ist im Stande, dich zu erforschen, in der Höhe sich dich vorzustellen und in der Tiefe dich ergründen. Reicht eine Kraft nicht überall hin, so vermag sie es nicht, dich zu untersuchen. Heil dem, der es erkennt, daß nur im Schooße deines Vaters vollkommen deine Erforschung wohnt.

Der Seraphim Streben zu schwach, Gott zu ergründen.

Zu schwach ist, dich zu ergründen, der Seraph, der fleugt und schwebt. Sein ohnmächtig Gefieder gelangt nicht zu dir, um mit deiner Maiestät sich messen zu können. Die Welten liegen dir im Schooße; wie viel er auch herumfahren mag, er bleibt in ihr eingeschlossen. Der Seraph, dessen Stimme das dreimal Heilig singt, wagt mit ehrfurchtsvollem Schweigen es nicht, über dich zu grübeln. Wehe dem, der frech sich dazu erkühnt! Siehe, der Seraph vor dir verhüllt mit seinen Flügeln sein Angesicht! Die Cherubim tragen die Macht, welche das All trägt. Mit niedergeschlagenen Blicken bergen ihr Antlitz die Cherubim mit heiliger Furcht unter deinen Wagen und beben, sein Inneres anzuschauen. Sie tragen und können nicht forschen; obgleich nahe, sind sie doch weit entfernt. Selig ist, wer von ihnen lernt, dich zu ehren, wer lobpreist, aber mit Furcht verstummt.

Thorheit des Menschen, die Gottheit Jesu begreifen zu wollen, da er die menschliche Natur nicht begreift. Der siebente Gesang des Originals.

Auch das Ziel, sich selbst recht zu erforschen, ist dem Menschen unerreichbar.

1. Wer ist wohl der da, welcher seiner selbst vergessen und nicht einmal seinen eigenen Geist kennend über die Natur des Erstgebornen, des Herrn der Wesen, Etwas daherreden will? Wer vermag auch nur die Wesen, welchen dessen Hand das Dasein gab, zu erforschen? Er ist ja nicht einmal im Stande, seine eigene Natur, die ihm gegeben ward, zu untersuchen. Wenn er nun so von sich selbst und durch sich selbst zurechtgewiesen wird und sich selbst nicht recht zu erkennen vermag, wie sollt‘ es ihm möglich sein, seinen Herrn zu erfassen?

2. Ein Ziel ist vor uns aufgestellt, erhaben, sichtbar und nahe. Wer es aber treffen will, irret von ihm ab und verfehlt es. Wenn er nun das nahe Ziel nicht im Stande ist zu erreichen, wer vermag wohl dann das unsichtbar ferne (die göttliche Natur) zu erreichen? Seine Menschheit kann er nicht erfassen; wer hat dann hinreichende Geisteskraft, seine verborgene Gottheit zu ergründen?

Bei der Verklärung auf dem Berge sahen die drei Apostel nur einen schwachen Widerschein der innern göttlichen Herrlichkeit Jesu. Ehrfurcht des Meeres vor dem auf ihm wandelnden Erlöser.

Er neigte sich herab und verbarg seinen Anblick (den Anblick seines geistigen Wesens) unter der Hülle des Fleisches. Vom Wiederscheine [sic] seines Lichtes erglänzte der ganze Jordan. Nur wenig strahlt‘ er auf dem Berge, doch bebten, zitterten verwirrt vom heiligen Schrecken jene drei Säulen, die der Apostel aufgezählt. Nur nach dem Maße ihrer Auffangskraft gewährte er ihnen den Anblick eines Theiles seiner verborgenen Herrlichkeit. — Das Meer schaute ihn und rauschte erschrocken empor. Stürmisch braust‘ es mit den Wogen. Dann senkt‘ es aber seinen Rücken und trug ihn sanfter als das Füllen (am Palmentage beim Einzug in Jerusalem). So lang er im Schiffe saß, hielten die Schiffer ihn für einen (bloßen) Menschen. Wie er aber ausstieg und das Meer mit Füßen trat, da verwunderten sich über ihn die Schiffsleute. Sie grübelten nicht über ihn, waren aber von mächtigem Staunen ergriffen und priesen Gott und schwiegen voll Furcht.

Edle Andacht der Weisen aus dem Morgenlande ohne Grübelei.

Es suchten ihn auch Magier auf, und nachdem sie ihn in der Krippe gefunden hatten, brachten sie anstatt verweg’ner Grübelei ihm mit stummer Andacht Anbetung dar. Anstatt eitler Zänkereien reichten sie ihm Opfergaben. O such auch du den Erstgebornen, und hast du ihn in der Höhe gefunden, so öffne anstatt verwirrter Untersuchungen deine Schätze vor ihm und bring‘ ihm deine Werke dar!— Kommt, erstaunen wir über diese Menschen (die Weisen aus dem Morgenlande)! Sie erblickten den König in einem niedrigen Zustande, forschten aber und untersuchten nicht. Keiner ließ sich in grübelnde Zweifel ein. Fürwahr, dort feierte mit Schweigen der reine Glaube einen herrlichen Triumph! Die Magier erkühnten sich nicht, da er in Niedrigkeit vor ihnen lag über ihn zu forschen; wer dürfte sich also erfrechen, über ihn zu grübeln, da er schon aufgefahren ist und zur Rechten in der Höhe sitzt?

Beispiel des gläubigen Räubers am Kreuz im Gegensatze zu den Schriftgelehrten. Erscheinungen bei der Taufe Jesu.

Auch der Räuber (zu Rechten Jesu) ließ sich nicht in Forschen ein, sondern glaubte, ohne zu grübeln; nur der Räuber zur Linken grübelte, und sein Grübeln schnitt ihm alle Hoffnung ab. Die Schriftgelehrten, die ebenfalls mit Grübeleien sich abgaben, fielen mit Herodes, der ihm eine Menge Fragen stellte. Satan versuchte ihn und wollte ausforschen, wer er etwa wäre. Allen diesen Grüblern gab sich Jesus nicht hin, wie er den Einfältigen sich hingab. Es schwebte über ihm der Stern, um ohne irgend einen Streit anzukünden, Er sei das Licht der Völker, weil sie in ihm die Wahrheit schauten. Über ihm schwebte auch bei seiner Taufe der Geist in Gestalt einer Taube, um ohne Frage anzuzeigen, Er sei es, der mit Feuer taufe. Die Stimme des Erzeugers rief laut und klar: „Der ist mein Sohn und mein Geliebter“, um durch diesen Ausruf Untersuchung mit Strenge zurückzuweisen.

Glaube ohne Grübelei befreit von Leidenschaften. Beispiele.

Diejenigen, welche von Grübelei sich enthielten, wurden ihrer Leidenschaften Meister und stimmten ihre Seelen zur Ruhe, um zu glauben, ohne sich mühsam anzustrengen. Die Pharisäer stritten unter sich, wer denn wohl Dieser (Christus) sei, und wessen Sohn er sei. Je mehr sie über die Wahrheit grübelten, desto tiefer fielen sie von ihr ab. Diese hängt ganz am Glauben. Indem sie vorwitzig forschend die Wahrheit suchten, verloren sie dieselbe durch ihr Suchen. — Der Hauptmann zeigte eine so erhabene Gesinnung, daß Gott selbst über ihn erstaunte. Er ehrte Jesum durch den Glauben und ließ ihn nicht ins Haus eintreten. Aus Ehrfurcht wehrt‘ er ihm den Eintritt; aus Ehrfurcht forsche nicht über ihn! Den sichtbaren Eintritt ihm verwehren kannst du nicht mehr; allein enthalte dich mit tiefer Ehrfurcht vom Untersuchen über ihn, damit er vor den Wächtern in der Höhe deinen Glauben rühme! Vergleiche miteinander den Hauptmann, der glaubte, und den Thomas, der betasten und erforschen wollte! Jenen rühmte sein Herr hoch, diesen aber tadelte sein Meister. Ward nun dieser (Thomas nämlich) gescholten, weil er es gewagt zu untersuchen und dann erst zu glauben: welch strengen Tadel ruft Derjenige hervor, der zuvor forschen und dann erst glauben will!

Unbegreiflichkeit des Sohnes, besonders im allerheiligsten Altarssakramente. Der 10. Gesang des Originals.

Demüthige Bitte um Gottes Gnade, über ihn recht sprechen zu können. Ausdrücke tiefer Bescheidenheit. Beispiele derselben.

1. Du hast, o Herr. in deiner Schrift die Worte schreiben lassen: „Öffne deinen Mund, und ich will ihn füllen!“ Sieh: offen steht dir nun der Mund deines Dieners mit seinem Geiste. Erfüll‘ ihn, Herr, mit deiner Gabe, auf daß ich deinem Willen gemäß dein Lob singe! Um von dir zu sprechen, sind für jeden Menschen Stufen jedes Maßes bestimmt. Ich will nur der untersten mit schüchternem Erkühnen mich nähern. Innerhalb tiefen Schweigens versiegelt ruht deine Erzeugung; welcher Mund dürfte es wohl wagen, forschend darüber zu sprechen? Dein Wesen ist eines nur, doch seiner Erklärungen gibt es viele. Erhabne und mittlere und auch niedere Redeweisen gibt es (um über dich zu sprechen). Auf die Seite der niedrigen mich stellend bitte ich: „Mache mich würdig, gleichsam Brosamen aufzulesen, um zu sammeln, was deine Weisheit fallen läßt!“

2. Die klare Erkenntniß deines Wesens ist bei deinem Erzeuger verborgen. Die Wächter (oben, Engel) erblicken hocherstaunt nur die Hälfte deines Reichthums. Das kleine Bächlein der Kunde über dich ist für den Niedrigen (den Menschen) ein Meer von Erläuterungen. Wenn jener große Johannes (der Täufer) ausrief: „Ich bin nicht würdig, o Herr, dir die Schuhriemen aufzulösen,“ so will ich wie die Sünderin nur zum Schatten deiner Kleider meine Zuflucht nehmen, um davon anzufangen (von dir zu sprechen). Und wie bei jenem Weibe, das verwirrt und dann ermuthigt ward, weil es wieder gesund geworden war, heile auch bei mir die Verwirrung aus Furcht, und durch dich möge ich ermuthigt werden, von deinem Gewand‘ aus auch zu reinem Leibe fortzuschreiten, um nach meinem Vermögen über dich zu reden. Dein Kleid, o Herr, ist ein Born von Heilmitteln; in deinem sichtbaren Gewande wohnt eine verborgene Kraft. Ein wenig Speichel aus deinem Munde ist ebenfalls ein großes Wunder; denn in dem aus ihm bereiteten Kothe war Licht enthalten.

Das allerheiligste Altarssakrament als Feuer und Geist dargestellt.

3. In deinem Brode lebt der Geist verborgen, der nicht gegessen werden kann; in deinem Weine wohnt das Feuer, das nicht getrunken werden kann. Der Geist in deinem Brode, das Feuer in deinem Weine sind ganz besondere Wunder, die unsere Lippen empfangen. Weil der Herr sich auf die Erde zu den Sterblichen herabgelassen, schuf er dieselben zu einer neuen Schöpfung. Wie den Wächtern (Engeln), so theilte er auch ihnen (den Menschen) Feuer und Geist mit, auf daß sie im Innern (wie) von Feuer und Geist sein möchten. Der Seraph nahm die glühende Kohle nicht mit seinen Fingern. Er berührte damit nur den Mund des Propheten. Dieser ergriff sie nicht selbst und aß sie nicht. Uns aber, seht, verlieh unser Herr Beides.

4. Den Wächtern, diesen Geisterwesen, stellte Abraham einst die Speise der Erdbewohner auf, und sie aßen davon. (War Dieß wunderbar,) so ist ein neues Wunder unsers erhabenen Herrn da: denn er gibt den Körperwesen Feuer und Geist zu essen und zu trinken. Feuer fiel einst zur Strafe verzehrend über Sünder herab. Nun aber läßt sich das Feuer des Allbarmherzigen auf Brod hernieder und wohnt darin. Anstatt jenes Feuers, das Menschen auffraß, esset ihr nun im Brode Feuer und erhaltet das Leben. Weil auf die Opfer des Elias Feuer herniederfuhr und sie verzehrte, ward das Feuer der Barmherzigkeit uns zum Opfer des Lebens. Feuer hat einst die Opfer verzehrt; dein Feuer aber, o unser Herr, essen wir bei deinem Opfer.

5. „Wer faßt mit seinen Händen den Geist auf?“ Komm und schau, o Salomon, was deines Vaters Herr gethan! Ganz gegen die Natur hat er Feuer und Geist vereinigt und in die Hände seiner Jünger ergossen. „Wer band die Wasser wie in einen Schleier?“ fragte er ferner. Doch sieh den Quell im Schleier, dem Schooße Mariens! Vom Becher des Lebens empfangen einen Tropfen Lebens in einem Schleier deine Mägde. Es ist die verborgene Macht im Schleier des Heiligthums verhüllt. Die Macht, welche nicht einmal von einem Geiste je erfaßt wird, neigte ihre Liebe herab, ließ sich hernieder und liegt auf dem Schleier (Tuche) des Altars des Versöhnungsopfers.

6. Siehe: Feuer und Geist waren in dem Schooße, der dich geboren; Feuer und Geist waren im Flusse, worin du getauft wurdest; Feuer und Geist sind bei unsrer Taufe, so wie im Brod und im Kelche Feuer und der h. Geist sind. Dein Brod tödtet den gierigen Fresser, der uns zu seinem Brode machte; dein Kelch vernichtet auch den Tod, der uns verschlingt. Wir essen dich, o unser Herr, und trinken dich nicht um dich zu verzehren, sondern um durch dich zu leben. Schon dein Schuhriemen ist ein Gegenstand des Schauders für die Einsichtsvollen; der Saum deines Mantels flößt den Kundigen Furcht ein: allein unser thörichtes Geschlecht (Zeitalter) ward durch seine Sucht, zu grübeln, eine Tafel von Zechern, die von Most (oder süßem Weine) berauscht sind.

Demuth Jesu bei der Taufe. Ephräm dankt für die Fülle der ihm verliehenen Gnade.

Wie muß man über deine Tritte erstaunen, die auf den Wassern wandelten! Das große Meer bändigtest du unter deinen Füßen; allein dem kleinen Flusse war dein Haupt unterthan, indem es sich senkte und darin getauft ward. Der Fluß glich dem Johannes, der dabei taufte; beide bildeten sich einander in Bezug auf Kleinheit ab, und doch unterwarf sich der Herr Beider dem kleinen Flusse und dem schwachen Diener. Sieh, o Herr, mein Inneres ist voll von dem Überflusse deiner Segnungen, und in meinem Schooße ist kein Raum mehr dafür, weil ich ganz angefüllt bin. Hemme also deiner Gnade Strom und bewahre sie als Hinterlage in deiner Schatzkammer auf, um sie mir ein andermal wiederzugeben!

Wie man den Glauben an das Geheimniß der Dreieinigkeit bewahren und frei bekennen soll. Der dreizehnte Gesang des Originals.

Offenes Bekenntniß des wahren Glaubens.

Ich will meinen Glauben vor dem Truge bewahren, der jüngst aufgetaucht ist. Sie bekennt zwar den Vater, läugnet aber seinen Eingebornen. Weil die Grübler auf alle Höhen (der Spekulation) emporzuklimmen suchen, will ich meinen Glauben in der Burg der Wahrheit bewahren. Ich brachte ihn dem Vater dar, und er prägte das Siegel seiner Vaterschaft darauf; ich brachte ihn dem Sohne dar, und er verband ihn mit seiner Sohnschaft und der h. Geist mit seiner Heiligkeit. Ich bezeichnete ihn auch mit dem Alles heiligenden Geheimnisse.

Bereitwilligkeit, dafür zu leiden.

Jeder Glaube, der nicht bezeichnet ist, ist ein irriger. Rüsten wir unsre Seele auf jede Drangsal, die da kommen mag! Mag unser Geist leiden, unsre Seele scheiden, unser Leib brennen: wer kann uns wohl überwinden? Es steht ja geschrieben: „Weder Höhe noch Tiefe noch ein Schwert kann unsern Glauben vernichten.“ Wer vermag wohl die Strahlen abzuschneiden, die von der Sonne der Wahrheit unzertrennlich sind?

Nothwendigkeit des Glaubens an die Dreieinigkeit.

An drei Namen hangt unsre Taufe; durch die Geheimnisse strahlt siegreich unser Glaube. Die drei Namen überlieferte unser Herr seinen zwölf Aposteln, und wir nehmen zu denselben unsre Zuflucht. Eine nicht bezeichnete (d.i. gar nicht getaufte) Seele ist wie ein herumirrendes Schaf; die nur mit einem Namen (nicht im Namen der Dreieinigkeit) bezeichnete ist auch verworfen; deren Bezeichnung aber von uns nur gestohlen ward, ist ebenfalls verirrt. Gepriesen sei Er, der uns für sich (mit dem rechten Siegel) bezeichnet hat!

Die katholische Lehre eine Schatzkammer; der Glaube lehrt immerfort.

Die (wahrhaft katholische) Lehre ist die Schatzkammer des Glaubens; die Stimme ist der Schlüssel dazu, die Zunge gleichsam der Schatzmeister. Der Glaube läßt nie ab, den Zuhörern die Wahrheit reichlich zu spenden. Das Kriegshorn und der Glaube bleiben dem Stillschweigen fremd. Das Kriegshorn brummt nicht in verschwiegener Kammer; ebensowenig lispelt der Glaube nur verstohlen in verborgenen Winkeln die Wahrheit aus.

Wahrheit ist nur eine. Entschluß, den Glauben frei zu bekennen.

Wer sah wohl je einen Baum, der nur eine Frucht hervorbrachte, so daß sie immerfort nur an ihm allein gehangen? Der Glaube ist’s, an dem die Wahrheit allein hangt; denn Wahrheit gibt es nur eine. Nein, nimmer verschweige meinen Glauben neidisch die Zunge! Gleichwie ein Opfer steige er von meinen Lippen zu dir auf, o Herr! Siehe, von beredten und von stummen Zweigen hat dir meine Zunge es gepflückt.

Warnung an vorwitzige Geister, sich nicht an die Erforschung der göttlichen Geheimnisse zu wagen. 15. Gesang des Originals.

Der Mensch wage sich nicht an Höheres, was über seine Kräfte ist. Gottes Wesen ist unerforschlich und unbegreiflich. Grübelei führt zum Verderben.

1. Wer nur ein Mensch ist, gebe sich mit Menschlichem ab; wer sterblich ist, denke darüber nach, was ihm aufgetragen ward, und wer ferner ein Sünder ist, suche ein Heilmittel, das für seine Wunde passend ist! Der Verständige soll mit Schweigen deine Gottheit ehren; der Kundige (Wissende) erstaune in Stille über deine erhabene Majestät! Der Weise aber verkünde mit gesunden (rechtgläubigen) Worten dem Ungläubigen die Herrlichkeit deines Reiches!

2. Vergessen wir uns selbst nicht, um über unsern Gott nachzugrübeln! Messen wir unsern Geist, und betrachten wir das Maß unsers Denkvermögens! Lernen wir erkennen, wie unser Wissen zu gering und zu thöricht ist, um den Allwissenden zu erforschen! Sage mir, auf welche Weise stellst du dir in deinem Geiste jene Zeugung (des ewigen Sohnes) vor, die deiner Untersuchung so weit entfernt liegt! Du wähntest, es sei nur ein kleiner Berg, der sich dazwischen erhebt, und begabst dich ihn zu suchen dahin. Versiegle mit Schweigen deinen Mund, nicht frevle deine Zunge! Wisse, du bist nur ein Geschöpf, der Sohn eines aus Staub Gebildeten! Eine mächtige unendliche Kluft ist zwischen dir und dem Sohne (Gottes) in Bezug auf Forschung.

3. Wer schwach ist, wage sich an harte Dinge nicht! Wem es an Kraft gebricht, unternehme schwierige Geschäfte nicht! Der aus Erde Gebildete erhebe sich nicht übermüthig sich aufzumachen und mit seinem Munde seinen Schöpfer anzugreifen! Wer in Grübeleien sich einläßt, ist ein wundgeschlagnes Glied (am Leibe der Kirche). Er muß geheilt werden, auf daß er nicht dem ganzen Körper Schaden bringe. Weil er verzehrend ansteckt, wird der Heiler aller Krankheiten ihn von der Herde trennen und verwerfen. Jeder, der (die Geheimnisse Gottes) untersucht, ist Genosse des Verlornen; wer da grübelnd nachforscht, ist ein Nachbar des Verirrten. Niemals hat nämlich ein Verlorner gesucht, ohne nur sich selbst zu finden, wie z. B. ein Grübler.

Ermahnung zum Festhalten an Christus. Warnung vor gotteslästerlichen und verderblichen Reden.

Wer ein Glied (am mystischen Leibe der Kirche) ist, halte sich fest an Christus! Seine Ähre trenne sich nicht von ihrer Wurzel: denn der Landmann schneidet sie sonst weg, wenn er an ihr gewahr wird, daß ihre Frucht bitter ist. Blenden wir doch nicht das Auge unsers Verstandes durch Grübelei, weil dadurch unser Geist verdunkelt wird; und dann vermag er nicht mehr mit klarem Auge den Vater und Sohn und heiligen Geist zu schauen. Möchte doch nicht Jeder seine Zunge gleich einem Schwerte zücken! Unser Geist sei auch nicht einem Bogen gegen den Himmel gleich! Unsere arge Forschung sei ferner nicht eine Schlange, die auf ihre Zuhörer Gift ausspeit!

Vom Opfer des Glaubens. Der sechzehnte Gesang des Originals.

Entschluß, Gott immer zu preisen; Dieß kann der Sänger nur durch Ihn selbst.

1. Wie sollte je, oHerr, dein Diener von deiner Verherrlichung ablassen? Wie sollte meine Zunge sich von deinem Preis‘ enthalten? Wie dürfte ich den süßen Strom, den du meinem dürstenden Geist erschlossen hast, jemals versiegen lassen?

2. Mit dem Deinigen will ich dir von deiner Gabe Lob singen; denn nur durch dich, o Herr, bin ich reich und kann dich hoch erheben. Durch dich werde ich groß; ich aber schade deiner Ehre, o du, der Alle erhöht! Gepriesen sei Derjenige, welcher dich uns gesandt hat!

Bitte um Vermehrung des anvertrauten Gutes aus dem Schatze Gottes.

Dein Schatz (der Gnaden) ist lieblich, und wir sind auch Schatz=Aufseher. O möchte das mir anvertraute Gut (heiligen Gesanges) in deinem Schatze wie die Frucht auserlesenen Samens sich vermehren! Es ist Sache deiner Güte, mir das Wenige mit Vielem zu vergelten.

Man darf furchtlos bitten und aus diesem Schatze nehmen.

Sieh, unsrer Schulden sind viele; wer darf es also wagen zu bitten? Doch wird durch deine Huld die Furcht benommen den Undankbaren, die da empfingen und nicht gebührend dankten, habsüchtig zurückhielten und zur Pforte deines Schatzes kamen (rufend): „Gib uns, verleih uns noch mehr!“ Unverschämt sein will ich nicht, und mich frech zu erkühnen hält mich Furcht ab. Was ist wohl von diesen beiden dir angenehmer, o Herr? Wohlgefällig ist dir das dringende Flehen unserer Liebe, wie es dir angenehm ist, daß wir aus deinem Schatze gleich Dieben entwenden.

Das Opfer des Glaubens ist Gott angenehm. Vergleichungen zu dieser Wahrheit.

Ich bringe dir, o Herr, meinen Glauben in entblößtem Zustande als Opfergabe dar, aber ich opfere ihn ohne (gute) Werke. Möge er von dem Deinigen reich werden, und ich von ihm und von dir das Mangelnde gewinnen! So bringt ein Handelsmann dem Könige eine Perle dar; entblößt nimmt er sie und macht durch ihn sie herrlicher, denn der König erhöht sie an seiner Krone. Um wie viel mehr wird aber durch dich mein Glaube verherrlicht! Und wenn ein Landmann auch nur eine schlichte Frucht darbringt, so erfreut sich darüber der Herr des Weinbergs und schenk ihm ein Kleid dafür. Wenn also der Landmann für eine bloße Frucht ein Kleid bekommt, so möge auch deine Huld mich bekleiden!

Bitte um Vermehrung des Glaubens und Erhaltung desselben.

Wessen Glauben groß ist, der ist nicht gering: in welchem aber der Glaube klein ist, in dem möge er durch dich vergrößert werden! Wenn nämlich der Weizen im Erdboden reichlich zunimmt, so soll aus deinem Schatze auch mein Glaube bereichert werden. Es ist für unsern Glauben Schade genug, daß wir ihm als Undankbare vom Seinigen Nichts gegeben haben; darum beraub‘ ihn auch nicht des Seinigen! Weil er durch uns nicht größer ward, so mög‘ er wenigstens durch uns nicht kleiner werden!

Warnung vor Gleichgültigkeit im Bewahren des Glaubens und vor dem Verbergen desselben.

Weh‘ uns, wenn wir ihn gleichgiltig als eine Beute unnützer Grübler sehen! Wir waren nur träge Knechte, die sorglos schliefen. Wenn wir aber wachsam sind, so empfangen wir einen Lohn, den jeder Verständige erlangt. In dieser Zeit jedoch verdeckten Viele den Glauben ganz, indem sie ihn unter die Hülle furchtsamen Verstummens legten. Wohl ist der Glaube im Herzen wach, aber sein Bekenntniß schläft im Munde. Es verhält sich mit ihm nicht, wie mit dem Gebete, das in der Stille verrichtet werden soll. Gleich dem Antlitze muß sich der Glaube offen zeigen. Wer seinen Glauben verbirgt, verhüllte besser sein Angesicht.

Von der Herabkunft des Sohnes Gottes und dem Streite der Arianer gegen seine Gottheit. Der siebenzehnte Gesang des Originals.

Warnung vor Neid beim Suchen der Wahrheit. Klage über Glaubensstreitigkeiten und Gleichgiltigkeit gegen die Feinde desselben.

Wer mit Neid die Wahrheit sucht, kann, wenn er auch auf sie stößt, sie gar nicht erkennen. Weil der Neid seinen Geist verwirrt (getrübt) hat, erkennt er sie nicht, wenn er sie nicht (gleichsam) mit Händen greift. Nun tobt rasender Streit und stürmt gedankenlos. Er hat die Erde aufgeregt und greift auch kühn den Himmel an. Er erkennt seines Gleichen nicht mehr und unterscheidet den Diener nicht von seinem Herrn. Wer sollte nicht weinen, wenn er sieht, wie seine Glaubensgenossen unthätig den Kampf mit den Auswärtigen (d. i. den Ketzern) aufgegeben haben und sich einander wie Fremde wechselseitig durch Grübelei bekämpfen?

Das Tadelnswürdige der Grübelei. Warum Gott Mensch geworden.

Wer soll nicht Denjenigen tadeln, der das Wesen, welches in ihm, ihm aber verborgen wohnt (seine eigne Seele), nicht im Stand‘ ist zu begreifen, und doch sich verwegen bis zum Schöpfer erhebt, da er nicht einmal Geschöpfe erreicht? Da Gott sah, daß er niemals erforscht werden könne, nahm er Fleisch an, das erforscht werden konnte, damit wir vom Untersuchen seiner Gottheit ablassen und unsre Seele durch das Betrachten seiner Menschheit beruhigen möchten.

Des Sohnes Gottes Wandel hienieden.

Es ist gestattet zu fragen, wie einst die Gottheit sich herabließ und neun Monate lang im Mutterschooße schweigend ruhte. Darauf weilte er dreissig Jahre lang auf Erden, damit wir die lange Zeit hindurch uns mit ihr durch Gewohnheit vertraut machen könnten. Er hatte die Himmelsbewohner verlassen und ward Genosse der hienieden Wohnenden. Die Gefundenen hatte er verlassen und suchte die Verlorenen auf. Er ließ die Weltklugen und wählte die Einfältigen, und unter diesen verbreitete er über Alle sein Evangelium. Den Wagen der vier Thiere verließ er und machte sich das Kreuz zum Wagen in alle Weltgegenden. Er verließ die Seraphim und Cherubim, ließ sich herab und erduldete den Spott der Kreuziger.

Anbetende Anrede an Jesus.

Du bist der Sohn des Lebendigen und Menschensohn; bist der Sohn unsers Schöpfers, o Herr, weil er durch dich Alles schuf und bist auch der Sohn des Zimmermanns Joseph, der von dir lernte. Durch dich erschuf ohne Belehrung der Schöpfer; durch deinen Finger bildete er alle seine Schöpfungen; durch dich hat auch Joseph seine Zimmermanns=Arbeit gebildet, weil er sah, daß du sein Meister warst. O Sohn des Schöpfers, o Sohn des Zimmermanns, der da erschaffend Alles nach dem geheimnißvollen Vorbilde des Kreuzes erschafft! Er sann wohl auch im Hause Josephs, des Zimmermanns, täglich über das Kreuz nach.

Die beiden Kleider des Erlösers. Preis seiner Menschwerdung und des allerheiligsten Sakraments. Der Sohn Gottes unbegreiflich in Allem. Der neunzehnte Gesang des Originals.

Lob des Sohnes Gottes wegen seiner Menschwerdung; die zwei Kleider.

Verherrlichung gebührt dem Sohne, der die Wahrheit lehrte; Preis dem Herrn, der seinen Dienern zum Bruder ward; Ehre gebührt ihm deßwegen, weil er ein Kind geworden und den Kindern diente. Dein Gewand war das Kleid deiner Menschheit, und dein Leib war das Kleid deiner Gottheit. Zwei Kleider trugst du, o unser Herr: ein Gewand und einen Leib dieses Brod des Lebens.

Das Erstaunliche der Menschwerdung und des allereiligsten Sakraments; der Sohn Gottes unbegreiflich.

Wer soll über deine Wechselkleider nicht erstaunen? Fleisch bedeckte deine schöne furchtbar glänzende Herrlichkeit; Kleider verhüllten deine schwache (menschliche) Natur; Brod bedeckte das darin wohnende Feuer. Niemals erfaßte Ihn (den Erlöser) der Verstand eines Sterblichen. Wer hat die Feuerhände und geistigen Finger unsers Erschaffers, für den selbst unser Geist gleichsam nur ein Körper ist bei seinem geheimnißvollen Wesen? Selbst die Einsicht der Wesen oben (der Engel) ist nicht hinreichend, jenen Reinen zu begreifen, der in Allem und außer Allem. Er selbst nur erkennt sich selbst (sein Wesen ganz); er ist aber auch unser Wissen, er ist das Leben der Seele, die in uns wohnt.

Fortsetzung des nämlichen Gedankens.

Wer soll nicht in Erstaunen gerathen? Alles ist in ihm, und er ist in Allen, und doch haben sie ihn nie erfaßt, da sie doch in ihm sind, gleichwie der Leib niemals seiner Hand die in ihm wohnende Seele erfaßte. Wer soll nicht den Allerverborgensten preisen, der zu einer offenbaren Erscheinung kam, die über Alles klar und deutlich war? Er hüllte sich in einen Körper, und Körper berührten ihn, da doch Geister ihn nie erfaßten. Etwas Großes ist es, daß Kleine jene erhabene Größe bewogen, auch gleich ihnen klein zu werden, um ihnen ähnlich zu werden. Für sie (die Kleinen, die Menschen) war es freilich zu schwer, ihr (der göttlichen Hoheit) ähnlich zu werden; ihr aber war es ein Leichtes, ihnen ähnlich zu werden.

Freiwillige Übernahme des Leidens; die Wohlthaten Jesu für die Menschen.

Sonderbar in der That ist Dieß: sonst legt ein Schwacher Rüstung an und hüllt den weichen Leib in einen Panzer von Erz. Du aber, o Herr, hülltest dein Wesen in ein schwaches Fleisch, damit du darin leiden könntest. Allerlei Arzneien strömten von dir aus für die Dürftigen, während alle nur eine untheilbare Kraft waren. Vielfach ergoß sie sich auf die Kranken und Armen, sammelte sich aber und ward eine Wahrheit für die Wahrheitsliebenden. Deine Liebe sammelte Früchte für unser Bedürfniß, um einem Jeden aus deinen Schätzen irgend ein Hilfsmittel mitzutheilen. Auf verschiedene freundliche Art und Weise locktest du unsre Dürftigkeit (Noth) an, deiner Pforte sich zu nähern.

Weihe des Glaubens und Gebetes; Einigkeit der Wahrheit und Liebe. Der zwanzigste Gesang des Originals.

Nothwendigkeit, den Glauben offen zu bekennen, durch verschiedene Gleichnisse dargestellt.

Dir, o Herr, bring‘ ich meinen Glauben mit lauter Stimme dar; denn das Gebet und Flehen können wohl im Geiste unter Schweigen lautlos empfangen und geboren werden. Wenn der Mutterleib das Kind behält, so erfolgt ein doppelter Tod; deßwegen verhehle, o unser Herr, mein Wort meinen Glauben nicht, sonst wird er zu Grunde gehen und es (das Wort) wird erlöschen, und beide mit einander werden zu Grunde gehen. Wenn ein Baum seine Keime zurückbehält, richtet er sie zu Grunde; drängt er sie aber hervor, so macht er Blätter entsprossen und wird zu seiner Zeit Frucht bringen. Wenn also aus dem feuchten Holzstamme Frucht erwächst, so möge auch mein Glaube fröhlich aufblühen! Der Same reißt durch seine Feuchtigkeit die Decke der Erde auf, dann blickt geheimnißvoll die Weizen=Ähre hervor. Der Glaube, dessen Schooß voll guter Früchte ist, ist auch so eine herrliche Ähre.

Innerlichkeit des Gebets, auch durch Gleichnisse gezeigt.

Der Fisch erhält seine Empfängniß und Geburt im Schooße des Meeres. Wenn er untertaucht und sich in die Tiefe versenkt, so entrinnt er Jenen, die auf ihn Jagd machen. Ebenso soll auch das Gebet in reiner Stille im Geiste sich sammeln, damit es nicht ausschweife. – Das (von allem Schlechten) gereinigte Gebet ist eine geweihte Jungfrau. Wenn es über die Pforte des Mundes hinaustritt, so gleicht es einer herumschweifenden Landstreicherin. Die Wahrheit ist sein Brautgemach, die Liebe seine Brautkrone, Stille und Schweigen sind die Wächter am Thore.

Eigenschaften des Glaubens und Gebets, die vereint sein müssen.

Als Verlobte des Sohns des (himmlischen) Königs schweife das Gebet nicht leichtsinnig aus. Eine Braut, die öffentlich sich auf dem Markte zeige, ist der Glaube; der soll durch lautes Bekenntniß vom Munde weg zum Brautgemache des Ohres feierlich getragen werden. Es steht geschrieben, daß Viele an unsern Herrn glaubten; allein aus Furcht verhehlte ihre Stimme den Glauben. Wenn nun nur das Herz im Innern bekannte, so rechnete der Herr den Schweigenden zu den Ungläubigen. Jonas hat mit stillem Gebete gebetet; der Prediger lag schweigend im Bauche des Fisches: allein aus dem Innern des Fisches schlich leise sein Gebet, und der Erhabne vernahm es; denn Schweigen (d. i. stilles Beten) gilt ihm als lautes Geschrei.

Fortsetzung dieses Gedankens.

In einem Leibe sind beide, Gebet und Glaube, vereinigt: das Verborgne und Offenbare für den Verborgnen und Offenbaren; das verborgne Gebet für das verborgene Ohr (Gottes), der Glaube aber für sichtbare Ohren. Wie der Geschmack in unserm Leibe bleibe unser Gebet verborgen; reich hingegen ergieße sich und dufte der Geruch unsers Glaubens. Der Geruch zeigt Demjenigen, der die Gerüche zu unterscheiden weiß, auch den Geschmack an.

Gleichnisse über die Verbindung der Wahrheit und Liebe.

Die Wahrheit und Liebe sind zwei unzertrennliche Flügel; denn die Wahrheit vermag ohne die Liebe nicht zu fliegen, und die Liebe ist ebenfalls nicht im Stande, ohne die Wahrheit einen Flug zu beginnen. Sie ziehen an einem Joche. Der Blick und die Bewegung der Augen ist auch nur eine. Die Nase steht zwar als Scheidewand dazwischen, kann aber doch den Blick nicht trennen. Auch nur einen geringen Wink lang vermag ein Auge vom andern (im Schauht sich nicht wegzustehlen. Ferner trennen niemals die Füße sich auf zwei verschiedene Wege. Nur das Herz wandelt getheilt zwei Pfade zugleich, indem es seine Freiheit mißbrauchend die zwei Wege der Finsterniß und des Lichtes in entgegengesetzter Richtung einschlägt.

Warnung vor innerm Zwiste.

Den (in sich) Getheilten sollen seine Füße und Augen zurechtweisen. O Herz, ein Stier an zwei Joche angespannt? Sich selbst theilend zieht es am Joche der Gerechtigkeit und zugleich an dem Joche des Unrechts. Dem verfluchten Pflüger ist sein Wille unterjocht und zieht am harten Joche und baut ein wüstes Land. Anstatt Weizens säet es Dornen, indem dabei der Stachel der Sünde sticht. Das Gebet soll im Innern die getrübten Gedanken reinigen; der Glaube ferner reinige die äußern Sinne. Der eine Mensch der getheilt ist, soll sich sammeln, o Herr, und vor dir eins werden.

Warnnug vor Gesängen gegen den Glauben. (An einen Sänger geistlicher Lieder gerichtet). Der dreiundzwanzigste Gesang des Originals.

Ermunterung zu geistlichen Gesängen, aber ohne Frechheit und Grübelei. Das verderbliche derselben.

Sprich, o Harfe! Denn Schweigen ist dein Feind. Sprich aber etwas aus, das durch die Sprache sich ausdrücken läßt! alles nämlich, was zu reden nicht erlaubt ist, gilt in den Augen der Gerechten, wenn es gesagt wird, als Gotteslästerung. Wer sich erfrecht zu grübeln, ist mit den Ungläubigen verwandt. Auf der Stufe des Todes steht auch der Vermessene, der seinen Glauben durch sein Forschen ausgezogen hat, um hinabzutauchen und das Meer der Geheimnisse zu ergründen. Erstaune nicht, o Jüngling, über das, was ich dir gesagt! Vergleiche nur Beide verständig mit einander. Der Ungläubige läugnet nämlich seine Gottheit (wie z. B. die Arianer); der Andere aber (der Grübler) untersucht, um Gott zu verkleinern.

Gottes Erhabenheit. Warnung vor Willkür und verwirrendem Forschen.

Erhaben ist der Herr des Alls über Alles, wie seine Benennung. Betrachte nur an seinem Namen den Herrn der Allheit, daß er nämlich über Alles erhaben ist! Wen gibt es wohl, dessen Wissenschaft so groß ist, daß er das Meer aller Weisheiten untersuchen und ermessen könnte? Reinige die Harfe deiner Seele vom Streite! Singe nicht, was dir beliebt! Die Willkür nämlich ist Tod. Auch spiele in dir nicht Prahlerei Etwas von ihren Gesängen! Denn sie ist durchaus verderblich. Ordne zuerst die Saiten, die durch das Forschen ganz in Verwirrung geriethen! Sammle die Lieder, die zur Grübelei verirrend sich hinreissen ließen! Stelle dich, mein Sohn, vor die Gottheit hin, und dann magst Du Gott Lob singen.

Vergleichung des Sängers mit einer Harfe. Die rechten Eigenschaften derselben.

Eine Harfe bist du also, eine lebendige und sprechende; freier Wille beherrscht deine Saiten und Worte. O Harfe, die aus eigenem Antrieb nach ihrem Willen ihrem Gotte singt, stimme dich selbst harmonisch und spiele ohne Streitsucht! Bilde deine Gesänge rein und sing uns von nicht verborgnen Dingen! Sei ein Schüler für alles Offenbare (nicht Geheinmißvolle) und sprich ohne Furcht alles Schöne aus! Wäge daher die Worte, nicht tadelnswerthe Ausdrücke! Wäge ferner singend auch die Lieder wohl ab, so daß sie keine Rüge verdienen! Dann wird dein Gesang, o mein Sohn, Wonne für die Diener deines Herrn sein, und dein Herr belohnt dich. Sing‘ also nicht Schädliches für die Menschheit! Trenne ferner durch Forschung nicht einträchtige Brüder! Lege nicht das Schwert, d. i. die Grübelei, unter die redlichen Seelen, die da aufrichtig glauben!

Gottes Preis sei rechtgläubig, besonders in der Lehre über die Dreieinigkeit.

Besinge daher Gott nicht auf verkehrte Art, anstatt ihn zu preisen, damit du nicht irrest und Frevel ertönen lassest! Besinge wie David den Sohn Davids, und nenne wie David ihn Herrn und Sohn! Lästre nicht den Vater und Sohn miteinander! Sing‘ also dem Vater nicht Beschimpfung seines Sohnes vor, auf daß du auch nicht dem Sohne Schmähung seines Vaters vorsingest, als wäre dieser nicht sein Erzeuger! Daß der Vater der Erste ist, Dieß ist unbestreitbar. Daß der Sohn der Zweite ist, unterliegt ebenfalls keinem Zweifel, so wie der Name des h. Geistes der dritte ist. Verkehre ja nicht die Ordnungen der Namen!

Fortsetzung vom Singen über dieß Glaubensgeheimniß.

Unterrichtet demnach und taufet in diesen drei Namen: im Namen des Vaters nämlich, und des Sohns, und des h. Geistes! Der Name des Sohns kann nicht vor dem Namen des Vaters steh’n, damit dadurch nicht Verwirrung entstehe. Wie und warum, liegt im Schooße des Schweigens; verstumme darüber, ausserdem aber sprich Gottes Verherrlichnng aus! Nie werde deine Zunge zur Brücke von Stimmen, die jedem Worte den Übergang gestattet! Lobpreiß bring‘ ihm als Zehnten deiner Gesänge dar! Eine Garbe von Worten opfere ihm von deinem Denkvermögen! Verherrlichung wähle als Erstlingsgabe und bringe sie von den Psalmen dar, die deine Zunge als Ernte gesammelt hat!

Von den zwei Naturen in Christus. Der neunundzwanzigste Gesang des Originals.

Warnung vor der Sucht, über die Herablassung und demüthigenden Namen des Erlösers zu grübeln. Gott gab in seiner Erbarmung den Sterblichen aus Gnade den Namen Götter. Sie aber erklären ihn, der Gott ist, durch Forschung als beschränkt wie einen Menschen. Euren Leib, womit er sich bekleidete, tragen Cherubim; Seraphim ziehen feierlich vor ihm her, die Wächter (Engel) verstummen vor ihm: ihr Niederträchtigen aber habt seine hocherhabene Zeugung als verächtlich erklärt. Dem schwachen Leib, den er, nachdem er herabgestiegen, angezogen hat, gleichen seine Namen und Handlungen, und wie es (der menschlichen Natur nach) nothwendig war, daß er Hunger empfand, ebenso war es auch nöthig, daß er betete, und wie sein Hunger ganz nur Sache des Leibes war, so war all sein Bedürfniß nur Folge des Leibes (d. i. der angenommenen Menschheit). Drum zieht euch nicht den Tod zu ob der Namen, die der Lebendige angezogen hat, um Allen das Leben zu geben!

Der Sohn Gottes nahm aus Liebe die menschliche Natur an. Wahrheit seiner Namen. Vermessenheit der Forschung.

Der Höchste nahm nämlich, so unvollkommene Namen nur des Leibes wegen an. Über welchen derselben aber stellt ihr fest, daß er wahr, ehrwürdig und glorreich sei? Wahr ist der Name des Vaters, glaubwürdig der Name des Sohnes, lieblich der des Sünden=Nachlassers, furchtbar aber der des Richters. Als Mensch war Er beschränkt, als Gott aber von unendlicher Natur. Eine schwache Erdscholle erfrecht sich und steigt hinab, um die Größe des Meeres zu erforschen. Die Quellen untersucht sie auch, um kennen zu lernen, woher sie entspringen und wohin sie kommen. Nicht einmal sich selbst vermag die sinnlose (Erdscholle, der unweise Grübler) zu erforschen, noch auch, von welchem Orte die Hand, welche sie gebildet, und ihr die Masse, die sie verachtet, festgestellt, sie hergenommen hat.

Fortsetzung; verderbliche Wirkungen der Grübelei.

Wer sah je Spreu sich erkühnen, die Gewalt der Winde durch Untersuchung auszuforschen? Die Verwegenen ziehen sich durch ihre Grübelei den Tod (der Seele) von Jenem zu, dessen Hauch die Todten zum Leben erweckte. Cedern werden entwurzelt, Wälder werden ausgehauen, und — da kommt Stroh, um die Natur des h. Geistes zu erforschen; allein durch einen Hauch seines Athems wird es zur Thüre des Feuerofens getrieben. Der Herr und Vater, der von Niemand geschaut ward, der aber auch richtet, schilt die Grübler: „Warum forschet ihr über den Erzeugten, durch dessen Hand ihr in’s Dasein gekommen und gebildet worden seid? Der Ton kann ja nie den Töhfer untersuchen. Leblose Gefäße hat der Gemachte zum Gebrauche gemacht; dem Schöpfer, der euch gebildet hat, habt ihr mit Vernunft und Einsicht Begabte ungläubig Unrecht zugefügt!“

An Gott. (Gefühle der Dankbarkeit, der Demuth und Anbetung vor Gottes Erhabenheit und liebevoller Herablassung.) Der zweiunddreissigste Gesang des Originals.

Nutzen der Betrachtung über Gott.

Führe mich wieder zu deiner Lehre zurück! Ich suchte mich abzuwenden und sah, daß ich mir Schaden zuzog; denn die Seele gewinnt nie ausser durch den Umgang mit dir. In allem dem, was ich über dich betrachtete, erwarb ich einen Schatz von dir, und wo ich über dich nachsann, ergoß sich mir eine Quelle von dir, und ich schöpfte daraus, soviel ich nur vermochte. Preis sei deiner Quelle! Deine Quelle versiegt aber Jedem, der nicht dürstet nach dir; und leer ist deine Schatzkammer für Jenen, der dich haßt. Die Liebe ist die Verwalterin deines himmlischen Schatzes.

Ausdruck der Liebe und Furcht.

Von deiner Gesellschaft nicht zurückzubleiben reizet mich deine Schönheit; deiner erhabenen Majestät aber mich anzuschließen schreckt deine Glorie mich ab. Mich fern zu halten und doch zu kommen drängen siegend mich beide. Furcht befiel mich, wenn ich deine Nähe gewahr wurde; größer aber ward ich, wenn ich dich verherrlichte. Während du niemals herrlicher wirst, gewinnt Derjenige, der dich verherrlicht, sehr an Erhöhung durch dich. Preis sei deiner erhabenen Majestät! Ich dachte über dich nach und sprach von dir, nicht als hätte ich dich begriffen. Meine Ohnmacht fühlend verstummte ich, nicht als hätte ich dich verloren. Durch dich gerieth ich verzückt ausser mir und ruhte schweigend. Preis sei deinem verborgenen Wesen!

Gottes Unbegreiflickkeit und huldvolle Herablassung.

Weil es mich betrübte unfähig zu sein, so schwieg ich, weil ich nicht im Stande war (dich zu erfassen); denn kein Mensch kann dich begreifen, weil du Alles umfängst: aber ich würde auch Betrübniß empfinden, wenn Etwas dich zu fassen vermöchte. Unsertwegen machst du deine Herrlichkeit groß, um uns zu zeigen, daß du wahrhaft erhaben bist. Ja, hehr ist dein Wesen. Der Menschen wegen aber wurde deine Herrlichkeit klein. Bevor du den Adam erschufst, warst du durch und für dich selbst groß. Klein machten dich die Menschen, weil du dich zu ihnen herabließest und ihre Gestalten anzogst, auf daß sie durch deine Verdemüthigung groß würden. Wenn nun die Ähnlichkeit mit dem Bilde der Menschheit, die du nur leihweise angezogen hast, dich klein gemacht hat, wie wird dich erst der Leib klein machen, mit dem du aus Liebe dich in Wahrheit, nicht bloß in Ähnlichkeit (scheinbar) bekleidet hast!

Fortsetzung von der Herablassung des Allerhöchsten.

Klein geworden bist du schon, da du schufst; denn von jener deiner erhabenen Majestät ließest du dich zur Erniedrigung herab. Die Schöpfung nämlich konnte nur kleinweise von dir zur Gestaltung kommen. Kleinheit legte zuerst Derjenige an, der da Schöpfer ist; denn wie hätte er sonst erschaffen können? Wenn er nämlich nicht klein werden konnte, so konnte er auch nicht groß machen. Gepriesen sei dein Wille! Kleiner wardst du, als du bist; allein auch größer als du bist. Kleiner, weil du von jener (dir eigenen) Größe dich herabließest; größer aber, weil du dich erbarmtest und die Geschöpfe erschufst.

Gottes Wesen unveränderlich.

Nur äusserlich (nach außen) jedoch wurdest du kleiner und größer; dem Wesen nach aber nahm deine Herrlichkeit nicht ab und zu. Deine Natur blieb sich gleich und ist über Veränderungen erhaben. Ich Armseliger sprach von dir, weil deine Größe unter Worte und Töne fallen wollte, um dem Munde und Gehöre Nutzen zu gewähren. Eins sind Vater und Sohn, weil ihre Wesenheit eine ist. Nicht verwirrt unter sich sind sie innigst vereint und doch von einander unterschieden. Preis deiner Vereinigung!

Grübelei und Abgötterei durch Satan eingeführt; kräftige Abmahnung von frechem Forschen. Der siebenunddreissigste Gesang des Originals.

Versunkenheit des Menschengeschlechts; Gottes Herablassung zum Heile desselben.

Jesaias deutete auf Denjenigen hin, der den Zaum der Verirrung an die Backen der Menschenkinder legte, ein Zeichen der Erniedrigung, welche die Menschheit thierisch machte. Gepriesen sei Derjenige, dessen Wahrheit den Irrthum zu nichte machte! Weil wir den Thieren ähnlich geworden waren, ließ sich Gott herab und wurde uns ähnlich, damit wir ihm wieder ähnlich werden sollten. O des Preiswürdigen! Woher und wohin rief ihn seine Barmherzigkeit? Der Mensch aber, der seine Ehre (Auszeichnung) nicht zu würdigen verstand, wurde beleidigend und ungerecht (undankbar gegen Gott). Gemästet ward Israel und schlug aus und empörte sich, vereitelte die Gnade und warf sie weg. O großes Elend!

Die Grübelei ein Satanswerk.

Aus Weisen und Gesitteten machte Satan Wilde. Anstatt jenes Joches (Christi), das die Getrennten zu einem Paar vereingt, entzweite er sie durch das Joch des Streites mit ihren Grübeleien. Zwischen Gestein macht‘ er sie in einer unwegsamen Gegend zwischen Fallstricken laufen. Auf einer Seite standen Berge von Schulden und auf der andern Untersuchungen, erschreckliche Klippenreihen. An einem Orte voll Gruben, wo Zehntausende von Augen nothwendig wären (um nicht zu fallen), liefen sie schnell in die Wette, wer früher sich hindrängen und eher als ein Anderer seinen Tod finden könnte.

Bitte zu Gott um Zurückführung vom Herumirren.

Ordne, o Herr, durch die Zügel deiner Erbarmung unsre Verwirrung (d. i. uns Verwirrte), und führe sie zurück! Du bist ganz Auge (allsehend), werde uns zum Wege, auf daß wir vom felsigen rauhen Pfade in die ebene Gegend hinauskommen! Unsre Menschheit bedarf Hilfsmittel unserer Schulden wegen; unser Erkennen bedarf ferner, o Herr, rechter Leitung, ob der verborgnen Gefahr irre zu gehen und herumzuschwärmen. Der Adler senkt seinen Jungen seine Fittige herab; neige mir, o Herr, die Flügel deiner Barmherzigkeit hernieder, und anstatt durch die Luft und Erde voll Elender laß uns durch den hl. Geist unsern Flug zu unsern Schätzen (oben) aufschwingen. Bewahr‘, o Herr, unsern Glauben vor dem, was Unglaube ist, und unser Erkennen vor dem, was Nicht=Erkenntniß ist.

Der böse Feind als Vater der Lüge und Stifter des Götzenthums.

Die (rechten) Namen besitzen wir; laßt euch nicht durch ihre Namen berücken! Die Heiden beteten an, was nicht Gott war; wir aber haben den wahren Gott. Der Böse beneidete uns, säete Lüge unter uns, damit die letzten ohne Gott seien wie die ersten. Von ihm aus und durch ihn ist es geschehen, daß die Natur durch die Hand von Künstlern Götzenbilder hervorbrachte. Von ihm aus und durch ihn ist es ferner geschehen, daß selbst die Schrift durch die Grübler Götter unter den Abtrünnigen entstehen machte. Er (Satan nämlich) gab dem Künstler Unterweisung. daß er mit seinem Finger ein stummes Götzenbild verfertigte. Mit Finger und Rohr (d. i. durch ketzerische Schriften) schrieb er auch Betrug (falsche Lehren). Er wollte den Finger (von Irrlehrern) dem Finger (Gottes), der die Gesetztafeln schrieb, nachahmen machen. Er machte auch die Namen einander gleich; denn er nannte die Götzenbilder ebenfalls Götter. All das Seinige (Namen und Anhänger) wollte er ähnlich machen (nämlich der Wahrheit und den Gläubigen), damit Niemand unterscheiden könnte, was Wahrheit und Betrug sei. Es gab Leute, die das Wasser verehrten; einen Andern machte er (der Dämon) das Feuer verehren; ferner waren wieder Andere, die den Mond anbeteten; Diese beeilte sich Derjenige in Schatten zu stellen, der die große Sonne anbetete. Ähnlich diesen Entzweiungen sind auch heutzutage die Spaltungen. und gleich ihrer (der Heiden) Prahlerei ist auch unser Hochmuth, und wie ihre Streitsucht ist auch unser Kampf, wer wohl den Sieg davon tragen werde.

Abmahnung vom Grübeln über den Sohn Gottes.

Still, jeder Mund! Schweiget, ihr Zungen! Starres Staunen befalle die Lippen! Entsetzen lagere sich über die Seelen, erbeben sollen Sinne und Glieder, wenn vom Sohne Gottes die Rede ist. Gezogenes Schwert, o Zunge, zieh in deine Scheide dich zurück, geschwätzige! Die Forschung schärft deines Mundes Sprache. Das Schweigen des Sohnes stumpfe die Schärfe deiner Grübelei ab! Die Lippen sollen nicht wie Bogen geöffnet und gespannt werden; die drohende Gewalt des h. Geistes wird wie ein Sturm die Pfeile auf ihre Herren zurückschleudern. Es steht nämlich eine Mauer von Diamant aufgerichtet da, die der Prophet im Geiste gesehen. Schießt er Pfeile von Worten darauf, so trifft er nicht. Der Pfeil fährt zurück und haftet an Jenen, welche die (gotteslästerlichen) Worte gesprochen.

Gleichniß vom Töpfer und seinen Gefäßen.

Werft einen Blick auf das Rad des Töpfers und vergleicht damit betrachtend das Rad der Gedanken! Die Bewegung des einen verherrlicht den Thon; die Bewegung des andern aber erniedrigt den Sohn; doch wird er dadurch nicht wirklich geringer. Kriege mit deinem Bildner nicht, der dich zu einem Gefäße geformt hat, das zu reden vermag! Des Töpfers Gefäße bleiben stumm; allein die Gefäße des Guten, die er so herrlich gebildet hat, hadern mit ihm!

Der Mensch überschreite durch verwegenes Forschen nicht die ihm gestellten Schranken.

Das geringste Theilchen der Forschung über ihn ist ein unersteiglicher Berg; strenge dich nicht zu deinem Schaden vergeblich an! Zwei Wörter hast du von der Untersuchung über ihn: Himmel und Erde bleiben dir dazu, und wieviel wirst du dabei schon dich verirren! Deine Schranke, o Herr, überschritt nie ein Mensch; deine mächtige Höhe betrat niemals ein Mensch. Das Wesen des Ewigen und des Vaters Schooß sind die Mauern des Sohnes, die nicht überstiegen werden können, wie es auch kein Wesen gibt, das sich in den Schooß des Feuers versenken und es erfassen könnte: denn Jedermann bleibt ausser demselben stehen. Es hat weder Mauer noch Wall, und doch hütet sich Jeder davor. Wer soll sich nun erkühnen, den Schooß der über Alles furchtbaren Gottheit zu erforschen? Durch das Meer werden die Flüsse aufgehalten, und durch die Untersuchung über die Erzeugung des Sohnes alle frechen Grübler.

Über das Reden und Schweigen. Der achtunddreissigste Gesang des Originals.

Die beseligende Liebe des Herrn; Verlangen nach dem rechten Schweigen und Reden.

Deine Liebe, o Herr, lockt uns an und ermuthigt uns, auch wenn sie uns tadelnd zurechtweist. Sie regt auf und erweckt, hält ab und rügt, übt Nachsicht und belehrt, indem sie als allwissend in Allem Leben (Heil) gewährt. O daß doch Jemand das lautlose Schweigen entfernte, auf daß wir nicht wie Thiere verstummen! Möchte aber auch Jemand dem häßlichen Geschwätze Einhalt thun, damit wir nicht zu bösen Geistern werden, die ihre Lästerungen aussprechen!

Traurige Folgen der Grübelei.

Die Erforschung machte einmal einen gewinnreichen Handel und blühte, weil das Schweigen abnahm. Durch Irrlehrer ward ihre Schule bereichert; anstatt die Ungläubigen zu bekämpfen, kam sie dazu, mit den Wahren, (d. i. Gläubigen,) Krieg zu führen. Sie füllte ihre Schätze mit Unterricht und ihre Hinterlagen (von Lehren) mit Auslegungen. Weil sie sich abmühte und Verirrte lehrte, verlor sie das Kapital mit den Zinsen, indem sie vermessen untersuchte. Vom Bösen (Satan) ließ sein Verfolger ab und begann die Anhänger seiner eigenen Partei zu verfolgen. Sein Gegner (der böse Feind) verblendete den Kämpfer, und dieser warf dann sich selbst zu Boden und ward durch eigne Schuld besiegt.

Bitte für die wahre Kirche und um Liebe.

Verleih‘ uns, o unser Herr, daß wir unsere Partei (d. i. die Kirche) und die Kinder (Anhänger) derselben erkennen! Nicht soll, o Herr, die zur Rechten stehende (die wahre Kirche) sich selbst bestreiten, da ja ihr Krieg mit der zur Linken stehenden (ihrer Gegnerin) besteht! Hassen aber, unser Herr, sollen wir die Bösen nicht; denn nur den einen Bösen (Satan) hassest auch du. Den Irrthum, diese verborgne Krankheit, hast du durch das Wort der Wahrheit abgeschnitten, verworfen, wie Rauch in Verwirrung zerstreut.

Vergleichungen des Schweigens und Redens.

Deine Wage wog und vertheilte das Schweigen und Reden, damit wir dir nachahmen sollten. Auch die Natur lehrt, meine Brüder, nicht, daß wir Etwas auf einer Waagschale nur ohne die andere wägen. Wir sollen uns sowohl des Schweigens als des Redens bedienen. Unser Reden sei dem Tage gleich, unser Schweigen aber soll hingegen wie die Nacht sein; denn das Gehör verlangt auch wie die Zunge eine Ruhe. Die Erläuterungen der wahren Lehre gleichen dem klaren Lichte; wie die Nacht aber sind Schweigen und Stille. Die Ruhe (von vorwitzigen Grübeleien) ist wie der Schlaf voll Lieblichkeit.

Gebet um Wahrheit und Liebe; Wirken des h. Geistes. Dank für die Gabe der Sprache und des rechten Schweigens.

Das Wort der Wahrheit sollen wir pflegen. Wohlan, lasset uns dasselbe wie im Erdboden bebauen! Säen wir Liebe, und wir werden Frieden ernten. Von der Versöhnung werde dem Herrn des Friedens eine Garbe dargebracht! Das Wehen des h. Geistes reinigt durch sein Darüberschweben das Getreide, fegt das Stroh weg, zerstreut die Spreu, sammelt den Weizen ohne Unkraut in die Scheune des Lebens. Gepriesen sei der Gute, der uns die Sprache verliehen! Gepriesen sei auch der Gerechte, der zugleich das Schweigen hinzufügte! Er gab uns Gegenstände, darüber zu forschen, und verwehrt uns andere, auf daß wir darüber schweigen. So verfährt er als Lehrer Aller. Er hat uns ja auch die Erde nicht als ganz gangbar gegeben, sondern nur zum Theile; ebenso auch nicht das Meer, um es ganz zu befahren. Die Sonne hat er ebenfalls so gemacht, daß das Auge sie nicht ganz zu beherrschen vermag.

Warnung vor verwegener Forschungssucht.

Wie will nun der Geist (des Menschen) jene Majestät, die ganz unbegreiflich ist, beherrschend erfassen? Da denkt er wohl, daß sie geringer als die erschaffenen Dinge ist. Wenn schon jene Gegenstände, die uns überlassen sind, nicht völlig uns überlassen sind, wie dürfen wir die verborgne Erzeugung (des Sohnes Gottes) untersuchen, die jeden Tag, o meine Brüder, gleich dem Berge Sinai von Schranken umgeben ist? Glanz wollte Adam einst erwerben, und es ward ihm dafür die Erde zur Benützung übergeben. Usias (Ozias) wollte sich auch das Priesterthum beilegen; dafür ward ihm aber ein abscheulicher Aussatz beigegeben.

Vergleichung der unerforschlichen Geheimnisse.

Wer darf sich also an Geheimnisse wagen, deren Schranke Stille und Schweigen ist, und deren Mauern Feuer und Gericht (Verdammung) sind, ihre Zäune aber Heulen und Weinen und Zähneknirschen? Wer wird die starkbefestigten Mauern einreissen und eindringend schreckliche Wehe sich zuziehen? Man reißt Wände, Zäune und Mauern ein, um Gewinne zu machen; wir aber, meine Brüder, wagen Dieß zu unserm vielfachen Schaden. Ich preise dich, o Herr, daß du mich von den Geheimnissen und müssigen Grübeleien darüber abgehalten, welche nur die Schätze Derjenigen, die darüber schwätzen, ausleeren. Meine Schulden zahle ich von den offenbaren Gegenständen. Verherrlichung sei dir!

Das Geheimniß der allerheiligsten Dreieinigkeit in Bildern dargestellt. Der dreiundvierzigste Gesang des Originals.

Das Ei als Bild der Dreifaltigkeit.

Durch ein kleines Ei mach‘ den vermessenen Grübler verächtlich! Dreifältig ist im Wasser (Dotter) die Gestalt verborgen; allein wo ist der Kopf? Wo sind denn die Füße und Flügel? Verlange, daß er diese drei dir zeige! Wenn er aber bei seiner Untersuchung schon bei einem Ei erstickt, um wie viel mehr wird Derjenige versinken, welcher sich erkühnt, das große Meer ermessen zu wollen! Gepriesen sei Er, der unser Denkvermögen schon durch geringfügige Dinge in Verwirrung bringt!

Das Weizenkorn.

Sieh, das Weizenkorn ist nackt, indem es sein Kleid in sich selbst trägt. Wir vergruben es im Zustande der Nacktheit und sehen es dann herrlich wieder. Als todter schweigender Körper kroch es in seinen Staub hinein. Wundersam ist es, wie es sich in sich selbst verbirgt. Sein Unedles wird nicht mehr erkannt, weil es durch Herrlichkeit verschlungen, und weil es ganz wie zu einer gekrönten Braut geworden ist. Wenn der Weizen noch in der grünen Saat verborgen ist, bringt er die Forscher schon ausser sich und setzt die Sehenden in Erstaunen. Sie wissen nicht, wo sie ihn fassen und untersuchen sollen. Offenbar ist er und wird doch nicht gesehen und ist wie nicht da. Er macht die Untersucher zu Schanden und ruft trotz seines Schweigens laut: „Laßt euch durch sichtbare Dinge beschämen, ihr ausgelassnen Forscher über verborgne Gegenstände!“

Jede Pflanze.

Ein Schatz ist auch in jeder sichtbaren Pflanze verborgen; denn drei Dinge sind dort verborgen und lassen sich nicht untersuchen: drei, die eines sind und, obwohl eins, doch drei. Wer reißt das Innere der Pflanze auseinander, um zu zeigen, wo denn die Wurzel, zweitens die Frucht, und drittens das Laub ist? Eines ist mit dem andern vermischt. Damit die wahre Kirche nicht eine Behausung von Streitigkeiten und trennenden Spaltungen sei, hat Gott ihr in Bildern sich gezeigt, wie er sei; denn Er allein kann über sich uns belehren. Ihm allein nämlich ist bekannt, wie er ist; den Rechtgläubigen aber verlieh er durch seine Worte, die Wahrheit in Etwas zu verkosten.

Nur der Glaube erfaßt den Unbegreiflichen.

Wer über ihn vorwitzig forscht, verwickelt sich in ihn so daß er untersuchend ihn nicht erkennt. Um ihn nicht zu finden, dazu dient sein Forschen, und er verliert, was in ihm ist, findet hingegen, was nicht in ihm ist. Ihn finden, um ihn zu erkennen, kann er nur so, wenn er nicht darüber grübelt, wie Er sei. Nur wenn du an ihn glaubst, erfassest du ihn auch. Eines von Beiden mußt du dich entschließen aufzugeben: denn wenn Er wahrhaftig ist, so glaube ohne zu forschen! Wenn er dich aber in Irrthum führt, wer bringt dich dann zurecht? In beiden Fällen mußt du doch ihm glauben; denn wenn er dich auch täuschen sollte, so ist es dennoch schändlich, ihn dessen zu beschuldigen (weil es undenkbar ist, daß der ewig Wahre täuscht). Um wie viel mehr aber muß man ihm glauben, da er dir die Wahrheit schriftlich übergeben hat. Hat Er uns irrgeführt, indem neidisch er war, wer wäre wohl im Stande es zu wissen, daß er uns in Irrthum geführt? Wer könnte uns offenbaren, was er verborgen gehalten? Gerade ist also sein Weg in Allem; der Pfad ward aber durch die Forscher den Einfältigen verkehrt. Seine Wahrheit sammelt uns (auf dem rechten Wege), der Irrthum aber versenkt uns in den Abgrund.

Die drei Wege zur Erkenntniß Gottes.

Einfältige schauten und verirrten sich, weil drei Wege gebahnt waren. Der oberste (Alles erforschen zu wollen) ist ermüdend; der unterste (ganz von Gott zu schweigen) ist zu hart. Erwähle dir demnach den mittlern und wandle darauf einfältig! Bekenne den Vater und den Sohn ohne Forschung! Wenn aber auf den zwei Wegen durch allerlei Fragen gehadert wird, so wandle du in Einfalt auf deinem Wege ohne Zänkerei. Stelle jedoch niemals eine vorwitzige Untersuchung über den Vater und Sohn und den preiswürdigen Geist an! Erfreche dich nie, zu so armseligen Vergleichungen ein Wesen zu erniedrigen, von dem man nie begreift, wie und was es ist! Mit Schweigen halte dich fern von ihm; denn wer es erforscht, wird durch die Fragen über dasselbe nur verwirrt.

Über die Wahrheit, daß Gott einen Sohn habe. Der sechsundvierzigste Gesang des Originals.

Warnung vor Grübelei; Gefahren derselben, durch Gleichnisse dargestellt.

Lernet gescholten verstummen, Verwegne, daß ihr es nicht mehr wagt, vorwitzig zu forschen! Wohl spielt der Fisch herumspringend im Gebiete seines Flusses, springt jedoch nicht über dasselbe hinaus. Wir aber sind durch unsre Grübelei über die Grenze gegangen, welche uns das Leben erhält. Die Luft des Evangeliums trägt uns, und wie das Wasser die Fische trägt, so tragen die h. Schriften die Verständigen. Innerhalb derselben ist das Leben, ausserhalb derselben der Tod. Mein Sohn! Wer es wagt, irgendwohin zu gehen, wo keine Luft ist, der stirbt, weil er dort keinen Athem hat, der ihm das Leben erhält. Daraus sollen wir lernen, daß es nicht erlaubt ist, in verborgne Dinge (Glaubensgeheimnisse) einzudringen. Der dreieinige Hauch (der Glaube an die Dreieinigkeit) trägt dich. Wenn du aber durch Forschungslust ausser denselben hinausgehst, so fliegt der Wind des Irrthums herbei und bringt dir den Tod.

Die Wahrheit, daß ein Sohn Gottes sei.

Zornig fragt ein Thor: „Wozu denn ein Sohn für Gott? Wenn der Wahre je erzeugte, so erzeugte er entweder freiwillig oder ohne freien Willen. Wenn er es mit Willen that, so ist das erzeugte Wesen nicht Gott; that er es aber nicht freiwillig, so ließ der allerhöchste Herrscher sich selbst Gewalt anthun.“ — Warum ist dein Auge böse darüber, daß Er, weil er gut ist, einen Sohn erzeugte? Beneidest du ihn deßwegen, weil er nicht neidisch war (sondern sein Wesen einem Sohne mittheilte)? Laß von allem Diesen ab und bekümmere dich lieber darum, was sein Wille sei! Der Vater will, daß du glaubst, sein Sohn sei von ihm: wenn er nämlich Dieses will, so stimmt seine Wahrheit mit seinem Namen (Gott Vater) überein. Wenn er Dieß aber nicht wollte, so wäre er seinem Namen selbst entgegen, und des Sohnes Name wäre dann nur uneigentlich. Wahr jedoch ist sein (des Vaters) Name, und wahr auch der Name seines Sohnes. Darum bekenne und fürchte Nichts, weil sein Wort dich ermuthiget! Sein Wort gilt als Unterpfand, das über seinen Sohn mit lautem Rufe spricht.

Zeugnisse für ihn.

Thamar nahm, weil sie wegen ihrer That in bedrängter Lage war, vertrauensvoll Zeugen zu ihrem Siege. Sie nahm sein Unterpfand mit sich, damit es ausziehe und mit ihm rechte. Die stummen Zeugen kamen zum Vorschein und entschieden zu ihrem Siege. Lerne nun an Judas, den da Pfänder überwiesen! Wenn Gott dir Vorwürfe macht so sind seine Schriften in deinem Besitze. Niemand Anderer ruft dir zu, daß du einen Zweifel hegen sollst. Moses und Elias verhielten sich auch still und schweigend, und der ihn getauft hat, ließ dann, als wenn er ihn nicht kennete, durch seinen Vater ihn als wahren Sohn erklären. Wenn Gott dir also Vorwürfe machen wollte, so wiederhol‘ ihm nur seine eigenen Worte! Er öffnete den Himmel und rief herab, und so machte er dem Streit‘ ein Ende.

Gottes Sohn und Menschensöhne.

Wenn aber Dieß entgegen stände, daß er auch Menschenkinder Söhne genannt hat, so widerlegt dieser Einwurf sich dadurch, daß er gezeigt hat, die Natur des Menschen sei vom Staube. Auch der Engel Wesen stellte er klar an’s Licht. Über den Sohn aber rief er laut, daß er der Sohn sei, und über seinen Geist, daß er der h. Geist sei. Dieß alles hat er deutlich ausgesprochen und uns an’s Herz gelegt. Wohl kundig nannte er die Sterblichen auch Söhne, weil ihr Leib sie überweist, daß ihre Natur ein Geschöpf ist. Wir sollen wissen, daß die Engel unsere Genossen sind (weil auch Geschöpfe). Weil ihre Natur über unsere erhaben ist, wurden sie niemals Söhne Gottes genannt, damit ihr Name nicht ihrer Naturen wegen Verwirrung erzeugte.

Forsche nicht über die Dreifaltigkeit!

Geh, nenne ohne Frage den Adam einen Staubgebornen! Nenne auch Gabriel einen Geistigen (Geisterwesen)! Über jene Drei (göttlichen Personen) aber lege das Siegel des Schweigens! Wenn Jemand dich darüber zu reden auffordert, so ist dir in der Schrift Belehrung über die Himmlischen (Geisterwesen) und die Natur der Untern (Erdbewohner) gegeben; Dieß schreibt dir aber die h. Schrift nicht vor, daß du über die Drei forschen sollst. Thu dir selbst Gewalt an, o Thor, und folge ganz Gott nach, und in Bezug auf Alles, was er dir gesagt hat, schau nicht vorwitzig nach, ob es wohl auch recht sei! Dein Verstand ist nämlich nicht vermögend, ihm Etwas zu geben. Wenn du ihn für wahrhaft hältst, so ist Dieß noch wenig. Je mehr du ihm glaubst, desto mehr bet‘ ihn auch an, weil er die Wahrheit seiner Worte zu dem Gehör von Staub herabgelangen ließ!

Gottes Herablassung und Liebe zu den Menschen.

Erstaunlich ist es, daß Gott sich zum Staube herabließ und ihn mit Lebenskraft schmückte und durch die Freiheit verherrlichte und seinen Sohn dafür hingab, um ihm seine Liebe zu zeigen. Allein anstatt darüber zu staunen, daß er so erhöht ward (und wär‘ er auch vor Erstaunen verstummt, so wäre Dieß noch wenig), beschimpfte er durch das sinnlose Geschwätz seiner Grübeleien den Erhabensten. Man sprach von Göttern; Gott des Alls ist aber Er. Man nannte Väter, der wahre Vater jedoch ist Er. Man nennt Geister, allein der lebenspendende Geist ist Er. Die Namen Söhne und Väter sind nur uneigentliche, die uns durch die Gnade belehren, daß ein wahrer Vater ist, der einen wahren Sohn hat.

Dankbare Verherrlichung des göttlichen Erlösers seiner Wohlthaten wegen; Bekenntniß des Glaubens an die allerheiligste Dreifaltigkeit. Der einundfünfzigste Gesang des Originals.

Ausdrücke des Dankes für die Menschwerdung.

Wer ist wohl im Stande, dir es zu vergelten, daß du deine Majestät zu völliger Erniedrigung herabgelassen und deine Herrlichkeit zur äußersten Verdemüthigung erniedrigt hast, daß du ferner dein Leben bis zur Stufe der Sterblichkeit herabsteigen ließest und dein Reichthum sich herniedersenkend in aller Dürftigkeit wohnte und du deine Herrschermacht unter das Joch der Knechtschaft beugtest? Verherrlichung sei deiner Gnade!

Christi Erscheinung auf Erden.

Wer vermag es wohl, o unser Herr, den Blick auf dein verborgnes Wesen zu heften, das sich zu offenbaren kam? Die Verborgenheit kam dazu, aufgehend sich zu zeigen und bekannt zu machen. Dein unsichtbares Wesen trat unumschränkt in die Sichtbarkeit hervor, und du Furchtbarer liessest von Häscherhand dich ergreifen. Dieß geschah dir, o Herr, weil du Mensch geworden bist. Preis sei deinem Sender!

Das Unbegreifliche desselben.

Wer soll nicht Furcht empfinden? War auch dein Aufgang sichtbar, und warst du auch als Menschenkind geboren, so bleibt deine Geburt doch unbegreiflich und brachte die Grübler ganz außer sich; denn einige verkünden, du habest bloß einen Leib angenommen, andere wieder lehren, daß du Leib und Seele angenommen. Andere aber verfielen auf die irrige Meinung, daß dein Leib ein himmlischer gewesen sei. Ehre sei deiner Geburt!

Unerfaßlich auch die ewige Erzeugung des Sohnes.

Unser Herr, verschließe unsern Mund! Wenn nämlich deine offenbare Erscheinung die Afterweisen schon in Verwirrung setzte, (denn sie waren nicht im Stande, deine Geburt aus Maria zu fassen, und die Gelehrten ersannen streitend allerlei getheilte Meinungen über deine Geburt,) wenn Menschen also deine Menschheit nicht begriffen: wer wäre dann wohl fähig, deine göttliche Erzeugung zu erfassen? Verherrlichung sei deinem Erzeuger!

Der h. Sänger will nur Erlaubtes zur Ehre des Erlösers aussprechen.

Was erlaubt ist, o Herr, wollen wir auf unsrer Harfe besingen. Niemals werden wir darauf Etwas aussprechen, was nicht gestattet ist: denn diese Harfe ist schwach, und ihre Töne vermögen nicht deine Erzeugung zu erforschen. Ja selbst durch die erhabnen und geistigen Harfen der höchsten Wächter (Engel) kann deine Zeugung nicht begreiflich ausgedrückt werden. Lob und Preis sei deiner Verborgenheit! Unser Herr, meine Zunge sei ein Schreibrohr zu deiner Verherrlichung und ein Finger deiner Gnade, um damit heilsamen Unterricht aufzuzeichnen und niederzuschreiben. Ein Schreibrohr kann, o Herr, ohne Denjenigen, der es in Händen hält, nicht freiwillig schreiben. Meine Zunge vergehe sich nicht, ohne dich etwas Unnützes auszusagen! Preis sei deiner Lehre!

Von der Taufe Jesu, dem Geheimnisse der Dreieinigkeit und der Taufe in ihrem Namen.

Vermessenheit ist es, dich mit einem Namen zu nennen, welcher demjenigen fremd ist, womit dein Vater dich nannte „Mein Sohn“: so allein hat er dich am Flusse Jordan genannt, und wo du getauft worden bist, hat das dreieinige Geheimniß (Gott) deine Menschheit getauft: der Vater durch seine Stimme, und der Sohn durch seine Kraft, und der Geist mit seinem Darüberschweben. Verherrlichung sei deinem Darüberschweben! Wer kann wohl die drei Namen lügenhaft nennen, da einst ihr Darüberschweben ob dem Jordan (bei der Taufe Jesu) diente? In Wahrheit werde also in den Namen, in denen dein Leib getauft wurde, die Körper getauft, und obschon der Herr des Weltalls viele Namen hat, so werden wir doch ausdrücklich nur in den Namen des Vaters, Sohnes und Geistes getauft. Lobpreis sei deiner Majestät!

DieThorheit der Forscher.

Wer verwundert sich nicht über einen Maler, der, wenn er auch nur ein armselig Pferd malt, obgleich er Kopf und Glieder beifügen könnte, doch Anstand nimmt sie beizufügen? O über die thörichten Schriftgelehrten, welche den Sohn, der nicht geringer wird, durch Fragen erniedrigten und, da er nur einem (Gott dem Vater) gleich ist, ihn Vielen gleich machten! Preis sei dem Sohne unsers Königs! Wer sah wohl je in der feinen Luft einen Weg, der jenem Weg entspricht, den das Gevögel wandelt, so daß der Mensch auf dem Rücken des Windes einhergehen könnte? Die Luft dehnt sich aus und ist dem Gehenden zum Wege gemacht (in freier Luft zu gehn, aber nicht zu fliegen), und er muß darauf bedacht sein, von ihr sich durchaus nicht zu entfernen, weil ausser ihr der Tod ist. Gepriesen sei deine Warnung (die Luft des Glaubens nicht zu verlassen)!

Gebet um Bewahrung des Glaubens. Vorzug der Wahrheit. Bedeutung der göttlichen Namen.

Unser Herr, verleihe mir vollkommen, daß ich in dieser Furcht wandle und mich sorgfältig hüte, die Schranke meines Glaubens zu überschreiten! Deine Wahrheit ist eben und gerade für die Gläubigen. Ja, für die Gläubigen ist sie eben, für die Verkehrten aber schwierig. Leicht gingen die Einfältigen (auf dem Wege der Wahrheit) vorwärts; allein die Gelehrten wichen ab und fielen in die Tiefe der Grübelei. Möge unser Herr sie herausziehen! Verherrlichung sei ihm, der Alle findet. Aus dem Namen selbst geht ferner die wahre Deutung (wie ein Licht) uns auf und hervor. Zeugniß dafür geben die Bemerkungen: Knecht und Sohn des Herrn; denn der Name Knecht lehrt, daß er nicht Sohn ist; der Name Sohn hingegen zeigt laut an, daß er nicht zu den Knechten gehöre. Ihre (nämlich des Sohnes und Knechtes) Namen verkünden unstreitig laut ihre Würde. Preis sei deiner Majestät!

Entschiedene Zurückweisung irriger neuer Lehren in Glaubenssachen.

Darum sollen wir den Frechen, der etwas Neues lehrt, schelten und ihm erklären: Vollkommen ist mein Glaube, vollkommen ist meine Perle. Sie nimmt dein Feilen nicht an; in deinem Brennofen wird sie nicht verschönert: denn ihre Schönheit liegt in ihr selbst; will man aber daran meisseln, so wird sie verwerflich für die Krone des himmlischen Königs. Gepriesen sei (o Christus) deine Königswürde!

Zeugnisse für die Gottheit Jesu. Vom Glauben und Unglauben an ihn. Der vierundfünfzigfte Gesang des Originals.

Zeugnisse des Himmels und der Erde für Christus als den Sohn Gottes.

Als der Sohn des himmlischen Königs auf die Erde herniederstieg, lernte das (jüdische) Volk, was es nicht wußte, durch ihre Stimme; denn der Vater gab dem Sohne Zeugniß, und der Sohn nannte ihn Vater. Selbst in seiner Verdemüthigung ward er als Herr erkannt, weil er von dem ganzen Weltall Ehre empfing. Das Meer wurde Fähre für ihn, und die Luft zu seinem Wagen. Verherrlichung sei deinem Sender! Von dem Gefolge, das ihm diente, lerne, wessen Sohn er ist! Selbst in seiner Erniedrigung stiegen Engel herab und dienten dem erhabenen Sohne ihres Herrn. Als seinen Mägden gebot er seinen Geschöpfen und regierte die Welt als seine Dienerin mit einem Winke, ganz nach der Weise seines Vaters, dessen Schweigen Alles lenkt.

Klage über den Irrthum; wie Jesus als Gottes Sohn zu erkennen sei.

Weil er der Herr ist, erhöhte er seine Hausgenossen; doch die Thoren wußten sich selbst nicht zu würdigen, fielen und beschmutzten sich. Da kam er herab und erhob sie aus der Beschmutzung. Nun verirrte der Irrthum sich, weil er unsere Unreinigkeit an seinen Kleidern sah. Die Einsicht wußte wohl, daß er der Verunreinigung nahte, um sie zur Reinigung zu führen. Aus der Mühseligkeit, die er ertrug, erkennt man ihn als den Sohn des Königs, der als guter Erbe für seines Vaters Haus besorgt war. Er sah seinen Knecht darniederliegend und stellte ihn durch Heilung wieder auf. Er sah seine Magd krank liegend und schalt ihr Fieber weg. Er bemerkte, daß das Brod (in der Wüste) mangelte, und sättigte seine Hausgenossen, daß sie Denjenigen priesen, der ihn gesendet hatte. Wer sollte ihn nicht lieben, der seine Hausgenossen liebte, daß er mit ihnen, seiner Magd und seinem Knechte, sich liebevoll vereinte? Man lud ihn ein, und er ging ohne Widerwillen zum Gastmahle und erhöhte dessen Fröhlichkeit durch seine erhabene Gegenwart und spendete sogar als Brautgeschenk Wein in den Krügen (bei der Hochzeit zu Cana); denn der Schatz seiner Königswürde (die Wundermacht) wandelte mit ihm herum.

Von der Ehrfurcht und Liebe gegen ihn.

Wer sollte sich nicht fürchten und seinen Leib ihm rein bewahren? Als er in das Haus seines Vaters, jenen erhabenen Tempel, eintrat, trieb er mit Stricken Diejenigen hinaus, die ihre Hoffnung sich abgeschnitten, weil sie den Tempel gering achteten. Er gab Jerusalem den Scheidebrief und nahm auch den Weinberg den Bebauern weg. Wer sollte sich nicht fürchten? Wer sollt‘ ihn aber auch nicht lieben? Er lobte ja seine Handelsleute, welche die Talente, die sie empfangen hatten, verdoppelten; er bestrafte aber hart jenen bösen und verbrecherischen Knecht, der seine Hausgenossen mißhandelte und seine Mitknechte zu Grunde richtete. Auch schalt er den Verwünschten, welcher, da er gequält ward, durch den Mund seiner Dämonen heulte: „Was haben wir und du mit einander zu schaffen, o Jesus?“ Er ist ja der gute Herr, von dem geschrieben steht, daß er Schmerz und Ermüdung ausstand, weil er unsre Schwäche an sich genommen hatte. Dagegen legte er uns aber auch die Namen seiner Hoheit bei. Die Thoren sahen Unseres (unsere Natur an ihm) und wähnten, es sei ihm eigen Dasjenige, was von uns (an ihm) war. Sie wurden aber widerlegt, ohne daß sie es gewahrten; denn so könnten wir auch glauben, daß wir das Seinige an uns haben (d. i. daß wir göttlicher Natur seien wie Er).

Wieder die streitsüchtigen Forscher im Gegensatze zu den Gutgesinnten.

Als die Hörer des Wahrhaftigen (d. i. Christi, da er hienieden lehrte) mit Liebe ihn umringten, richteten sie seine Worte nicht. Die Entzweiten nur (Pharisäer und Schriftgelehrte) belauerten voll Tücke seine Worte. Ihre häßliche Streitsucht war nämlich in der That ein Gericht über die Gerechtigkeit selbst; denn sie mühte sich ab, durch leeres Geschwätz das Recht zu überwinden. Unser Herr sprach; da waren die Zuhörer reinen Herzens hocherfreut, traurig hingegen die Verstörten. Die Einfältigen hörten und glaubten; die Arglistigen hörten und forschten: „Wie kann denn Dieser da uns sein Fleisch zu essen geben?“ Ihre Grübelei beraubte sie der Arznei des Lebens. Möge uns nur nicht auch unser Forschen dazu fortreissen, daß wir nicht glauben! Die Worte Gottes dürfen nicht in einem Läuterungsofen geprüft werden. Blicke nur auf seine Jünger hin und dann auf die Ungläubigen! Die Gläubigen waren bescheiden, die Forschenden rasend. Nicht einmal für 50 Jahre alt hielten sie den Sohn, dessen Lebenslänge gar nie berechnet werden kann.

Verdammung der Grübelei; Segen des Glaubens.

Sprechen wir es also kurz aus, daß die Grübelei ganz nur Sache der linken Seite ist; denn auch der Räuber, der zur linken Seite am Kreuze hing, forschte grübelnd nach, so daß wir durch sein Fragen die Unverschämtheit der Forscher kennen lernen. O du Verzweifelter, der sogar an’s Kreuz geheftet noch über seinen Herrn forschte! Wer soll aber auch nicht erstaunen über den Räuber, der zur Rechten gekreuzigt hing? Er sah ihn (Christum) da hangend und glaubte, daß er der Sohn Gottes sei. Auch uns verlieh er das Leben (ewige Heil), die wir den Glauben haben, daß er in Herrlichkeit aufgefahren ist und zur Rechten (Gottes) sitzt. Jenen bekehrt‘ er hangend; uns hingegen überzeugen nicht einmal die Cherubim, die ihn trugen.

Darstellung der Uneinigkeiten unter den Grüblern. Der achtundsechzigste Gesang des Originals.

Klage über Zwiste in Glaubensangelegenheiten.

Die Schriften (des alten und neuen Bundes) stimmen unter einander überein, die Menschen aber sind entzweit. Über die eine Wahrheit sind aus freiem Willen Streitigkeiten entstanden. Unter dem Vorwande der Wahrheit strebten nach Vorrang die Armseligen, welche die Menschen zu sich riefen. Sie wählten Rotten, wurden Anführer, Führer von Tausenden, Hunderten und Zehn.

Fortsetzung derselben.

Die friedliche Lage ist nun voll verschiedener Schaaren, alles Freibeuter, die sich einander Anhänger rauben. Sie beschäftigen sich mit Forschen wie in einem Wettkampfe; denn Brüder schießen auf einander Pfeile. O großes Elend! Ihre Zungen ziehen die Unseligen (wie Schwerter), schlagen und werden geschlagen; weil aber kein Blut fließt, hegt man keine Furcht. Gefürchtet ist das Schwert, obwohl es (im Vergleiche zur Zunge) schwach ist; nicht geachtet hingegen ist die Zunge, die Mörderin! O über die Verblendung!

Ursprung und Nachtheile solcher Streitigkeiten.

Eitler Hochmuth nur regt die Forscher auf, wie Fechter, die schlagen und geschlagen werden. Das ist eine Krone, die Seufzer erregt. Solche sind Überwundene dadurch schon, daß sie überwunden haben, weil ihre Ursache (zum Streiten) Frechheit ist. Ein großes Wehe! Wo ist da ein Sieger? Denn auch Derjenige, der den Sieg errungen hat, erleidet eine große Niederlage, weil Stolz ihn überwunden hat. Um wieviel verdoppelt ist aber der Nachtheil des Besiegten, der bei dem Forscherstreite unterlegen ist! Durch den Neid nämlich (den er gegen den Sieger hat) wird sein Schade vollständig.

Weitere Nachweisung der traurigen Folgen vorwitziger Grübelei.

Wer einen Andern bei solcher Untersuchung zum Gefangenen macht, den hat sein Hochmuth gefangen in eine Grube gestürzt. O tiefe Erniedrigung! Einer ist voll Zorns, ein Anderer voll Streitlust, die zehntausend Übel mit sich bringt; welche Hoffnung liegt wohl in der Verzweiflung? Weinen wir darüber, daß sie sich mit ihrem spitzfindigen Gerede erfrechen, Gott und den Menschensohn anzugreifen, um ihn zu verdunkeln!

Erd‘ und Himmel im Gegensatze.

Das Gezänk auf Erden steigt zum Himmel auf. Die Erde ist aufgeregt, die Grübelei wirbelt wie trüber Rauch empor. Unfruchtbar sind der Himmel und höchste Himmel für das Forschen; die Höhlen der Erde aber sind voll Lästerung. Der Himmel spendet den Bewohnern der Tiefe Thau und Regen, Ströme voll aller Segnungen; die Erde jedoch stoppelt gegen die Bewohner der Höhe alle Fragen zusammen, ein Forschen voll aller Lästerungen.

Bosheit der Erde. Ruhe des Himmels.

Sie (die Grübler) stellen durch ihre Forschungen mit ihren Werken Schollen auf, die auf den Boden fallen und zu Staub werden. Die Myriaden der Engel schweigen, zwei aber untersuchen: Seele und Leib nämlich setzen sich (durch Forschen) in Verwirrung. Michael und Gabriel halten sich stille, allein Staub streitet grübelnd mit anderm Staube. Sehr ärgerliches Beginnen! Nehmen Krankheiten überhand, dann hören freilich ihre (der Forscher) Reden auf und durch das Lebensende ihre Untersuchungen und gelehrten Streitigkeiten. Lob und Dank sei dir, o Herr, daß (oder der) du mich von der Grübelei aller dieser Frevler zurückgehalten hast, damit ich vor dir das Leben (ewige Heil) finde!

Gottes unbegreiflichess Wesen. Der neunundsechzigste Gesang des Orignals.

Warnung vor der Sucht zu forschen.

Wenn du über den Ewigen forschen willst, so geräthst du nur in Verwirrung. Wo willst du beginnen und wo aufhören, Ohnmächtiger? Zwischen dem Anfang und Ende aber ist Ruhe für Jenen, der die königliche Straße (des Glaubens) wandelt. Der Ewige hat weder Anfang noch Ende; darum ist er für Denjenigen, der ihn erforscht, unerfaßlich.

Gefahren des Zweifels.

Wenn du an der Wahrheit, die du einmal dir zu eigen gemacht hast, zweifelst, so wirst du deine Seele (wie eine Quelle) ausschütten, und der Irrthum wird wie ein durstiger Boden dich trinken (d. i. verschlingen). Wenn du mit geheimem Nachsinnen über ihn dich abmühest, so wird die Forschung über ihn ein großes Meer und dich überfluten! Im Glauben wie in einem Schiffe durchwandle seine Schriften, wie ein Seefahrer zwischen Häfen dahinsegelt! Ohne seine Schriften wandle nicht in ihm! Weil er aber viele Häfen zwischen seinen Gewässern eingerichtet hat (Ruheplätze gläubiger Betrachtung in der h. Schrift), so preise seinen Namen!

Gottes Herablassung.

Der Allerhöchste stieg in seiner Liebe herab und wurde klein, während er über Alles groß ist. Gering ward er für Denjenigen, der zu schwach war zu gehen. Er wurde ferner in seiner Liebe zum Meere, damit Derjenige, welcher Schätze bedurfte, darauf Handel treibend Gewinnste machen könnte. Zeigt er sich aber in seinem Wesen, so vermögen weder die Höhe= noch die Erd=Bewohner darauf zu wandeln.

Sein Wesen unergründlich.

Welches Geschöpf ist wohl im Stande, die Gottheit zu erforschen? Es liegt ja ein Abgrund zwischen ihm und dem Schöpfer; für die Gottheit aber ist Niemand, der entfernt wäre für Erwerbungen (von Gnadenschätzen), weil zwischen ihr und den erschaffenen Wesen die Liebe ist.

Wer Gott nahe?

Zu Gott gelangt keiner von den Forschern in die Nähe, wohl aber ist er den Verständigen sehr nahe. Mit ihm, dem Heiligen, steht kein Unreiner in Gemeinschaft, weil er ganz unter den Heiligen seinen Wohnsitz hat. Zum Allwissenden gelangt Derjenige nicht, welcher Arglist übt; denn seine (Gottes) Liebe ist bei Jenen, die einfältigen Herzens sind. Dem Allerhöchsten naht Jener nicht, der hochmüthig ist; denn seine (des Höchsten) Liebe neigt sich zu den Demüthigen herab.

Geschöpf erfaßt ihn keines.

Gott ist er, unbegreiflich für den Menschen, obschon er die Menschenkinder liebt. Der Schöpfer ist er, nicht zu begreifen von den Erschaffenen, wenn auch sein Werk sehr erhaben ist. Er ist der eine Lebendige, unaussprechlich von den Sterblichen, so wie sein Sohn von den Grüblern. Wer ist jene Majestät zu erfassen fähig? Der schwache Geist? Die geringe Seele? Der arme Leib? Wer sich einbildet, im Stande zu sein, Gott zu ergründen, dessen Gerede ist Unsinn, sein Herz schwankt unstät hin und her, und er ist völlig frevelhaft.

Gott soll man sich mit demüthigem Glauben nahen, nicht Ihn erforschen. Der zweiundsiebenzigste Gesang des syrischen Originals.

Ermahnung zum Maßhalten im Forschen und zum demüthigen Glauben an den Unbegreiflichen.

Durch hohes Staunen halte deine Seele in Schranken, o Zuhörer, und sammle deinen Geist von der Zerstreuung! Durch den Glauben naht er sich dir, durch Grübelei hingegen entfernst du dich von seinen Gnadenmitteln. Die tiefsinnigste Forschung ist nicht hinreichende ihn zu erfassen; denn er ist den Forschern ungemein verborgen. Durch den Glauben halte bei ihm aus, wenn du in ihm verborgen bist; du kommst, wenn du von deiner Hitze (im Forschen) ablässest, zu ihm.

Gottes Dasein kann man nur durch ihn selbst erkennen.

Auch dein Laufen (d.i. alle deine Anstrengung) ist dazu nicht fähig; denn ohne ihn bist du nicht einmal im Stande zu erkennen, daß er ist. Wenn du auch nun und in Ewigkeit fort nachsinnest, so gewährt er dir nur Dieses wissen zu können, daß er ist. Wie sehr sich Jemand, der darum sich bemüht, anstrengen mag, er weiß nur Dieses, und außer dem erkennt er Nichts.

Gott sichtbar und doch verborgen, unerfaßlich und doch zu finden.

Sehr leicht erkennbar ist Gott für Den, der ihn sucht, sehr verborgen hingegen Demjenigen, der über ihn Untersuchungen anstellt. Schweig also, Vermessener! Verborgen ist er für dich, nicht wegen der Höhe: denn er ist oben und unten; verborgen für dich (wenn du vorwitzig forschest), aber auch zu finden für dich (wenn du mit Liebe ihn suchest). Wer vermag bei diesen beiden Erscheinungen ihn zu begreifen? Verborgen ist er für dich, o Forscher! Findbar aber ist er für dich, o Anbeter!

Anstatt zu forschen soll man seine Gnade und Hilfe suchen.

Offenbar ist er in seiner Güte, verborgen seiner Wesenheit nach. Anstatt seiner Größe suche seine Güte (Gnade); denn diese findest du. Sein Schatz ist offen, sein Wesen unsichtbar, für dich ein Abgrund. Anstatt der Untersuchung über ihn suche seine Hilfe! Seine Barmherzigkeit ist groß: sieh er ladet dich ein, o Armseliger, auf daß du seinen Schatz voll Erbarmungen kennen lernest.

Gottes Wesen unerreichbar; alles besteht nur in ihm.

Seine große feurige Gewalt läßt es dir nicht zu, daß du nach deinen Gelüsten mit festen Blicken betrachtest, wie und wie groß er ist. Wenn du aber dich erfrechen wolltest, gleichsam zuvor zu kommen, so magst du noch so weit vorwärts kommen, Er ist doch vor Allem, weil man ihm nicht zuvorkommen kann (weil er unerreichbar ist). Es ist kein Ort, aus ihm hinüberzugehn; von ihm und in ihm bist du, weil außer ihm und über ihn hinaus gar Nichts ist. Allein nicht bloß aus ihm und über ihn hinaus zu kommen ist unmöglich, sondern du kannst ihn auch gar nicht erreichen.

Seine Allgegenwart.

Man kommt ihm weder zuvor noch über ihn hinaus, noch ist er erreichbar. Man kann aber auch nicht fern bleiben; denn er ist in Allem ein Wunder. Wenn du im Stande bist, überallhin zu kommen, so begegnet er dir dort, indem er doch nicht von dort weichet, wo er sich befindet. Dein Maß ist zu klein und zu kurz; er ist sehr weit von dir entfernt, während er dir auch ganz in der Nähe ist. Wie kannst du ihn erforschen?

Gott gleicht weder dem Feuer noch der Sonne: er trägt Alles.

Er ist nicht wie das Feuer, welches, wenn auch entfernt, doch nahe ist (durch seine Wärme); denn der Körper ist zu schwach, ihm zu nahen. Auch ist er nicht wie die Sonne; denn wenn diese ihre Gewalt dem Auge nicht entzieht, so wird dieses durch seine Schwäche zurechtgewiesen. Vereint ist der Herr mit seinen Geschöpfen in der Entfernung und Nähe. Siehe, sie suchen ihn, und er trägt sie.

Das unerfaßliche Meer ist nur wie ein Tropfen im Vergleiche zu Gott.

Sie denken wohl, wie er einen weiten, weiten Raum von ihnen entfernt ist, während sie so zu sagen in seiner hohlen Hand liegen. Das große Meer vermögen weite Gefäße bei seinem ungeheuren Umfange nicht einzuschließen, und doch ist das Meer nur ein Tropfen im Vergleiche zur Majestät (Gottes). Stürze nicht hinein, um darin nicht zu vergehen!

Die Sonne als Symbol des h. Geistes. Der vierundsiebenzigste Gesang des Originals.

Wunsch, die Sonne fest anschauen zu können; wunderbare Eigenschaften ihrer Hitze.

O daß mir Jemand die Kraft gäbe, mit festem Blicke dich zu schauen, o Leuchte, da in dir geheimnißvolle Bilder deines Herrn in Fülle sind! Wer kann wohl ihre (der Sonne) Wärme erforschen, da sie, wenn sie auch sich vertheilt, doch nicht abnimmt, wie auch der h. Geist nicht? Die Gewalt ihrer Hitze schwebt über Allem, über Alle ganz und über jeden Einzelnen ganz. Sie trennt sich nicht vom Strahle, mit dem sie vereint ist, auch vom Sonnenkörper nicht, womit sie vermischt ist.

Fortsetzung dieses Gedankens.

Während sie sich über die Geschöpfe ausbreitet, empfängt jedes einzelne davon die Kraft ihrer Hitze je nach seinem Vermögen. Durch sie wird der Nackte erwärmt, indem er sie anzieht, wie einst Adam, der durch seine Blöße beschämt ward. Sehr angenehm ist sie Allen, die irgend eine Sendung erhalten; denn sie entsendet sie als rüstig Bereitete zu allen Geschäften.

Vergleichung der Wirkung des heiligen Geistes und der Wärme.

3. Der h. Geist erfüllte auch die Apostel und sandte sie zu Thaten in alle vier Weltgegenden aus. Durch die Wärme wird Alles gekocht (gereift), wie durch den Geist Alles geheiliget wird. Das ist ein klares Gleichniß. Durch sie wird die Kälte im Leibe überwunden, wie die Unreinigkeit vom h. Geiste. Durch sie werden die Dinge aufgelöst, welche der Frost gefesselt hatte, wie vom h. Geiste die Seelen befreit werden, welche der Böse in Banden hielt.

4. Durch die Wärme werden Frühlingskälber zum Herumspringen erweckt, wie die Jünger durch den h. Geist (erfreut wurden), der in ihnen seine Wohnung genommen. Durch die Wärme werden ferner die Zügel des Winters abgeschnitten, der durch sie die Früchte und Pflanzen hemmte; durch den h. Geist aber werden die Zügel des Bösen abgeschnitten, wodurch er alles Heilsame hinderte.

Fortsetzung von dem Einflusse der Wärme und des h. Geistes. Der Schatz der Gnade unendlich.

Die Wärme erweckt die Eingeweide der still ruhenden Erde, wie der h. Geist die h. Kirche. Wie sehr auch ein schwacher Mensch schwärmen und forschen mag, so ist da doch ein großer unendlicher Schatz. Wie sehr er auch herumschweifen mag, um sich mit ihm an Ausdehnung zu messen, so wird er ihn nie erreichen; denn was immer in allen vier Weltgegenden zu finden ist, ist zu klein für ihn (d. i. Gott und seine Gnadenschätze sind unermeßlich).

Das natürliche Schweigen wird durch die Wärme, das geistige durch den h. Geist gelöst.

Die Hitze löst den häßlichen und kalten Maulkorb auf, das frostige Schweigen auf den Lippen. Mund und Zunge werden dann beredt zum Lehren, wie die Zungen des Geistes, die sich auf die Jünger herabließen. Der h. Geist verscheuchte durch seine Glut auf den Zungen das Stillschweigen von den Jüngern. Das garstige und frostige Verstummen (vor der Ankunft des hl. Geistes) erschauderte wie vom Winter überwältigt zu reden.

Wie der h. Geist die Apostel gegen das jüdische Volk tröstete und stärkte.

Das (jüdische Volk nämlich, das Zeichen des Winters und Bild des Frostes) war gegen die Jünger feindselig gesinnt; der h. Geist aber löste durch die feurigen Zungen, die herabkamen, die Gewalt der Kälte. Er verscheuchte die Furcht von den Jüngern. Da entfloh das Schweigen von den Zungen (der Jünger) durch die Zungen (von oben). Satan wurde gleich dem Winter überwunden, so wie das erbitterte Volk, welches gleich dem Monat Februar ganz stürmisch war. Da sprachen dann dort die Vögel der Höhe (die begeisterten Apostel) mit neuen Stimmen, den Habicht (d. i. den bösen Feind) und Winter gleichmäßig verachtend. Dieß alles stellt im Winter die Wärme dar, und so bewirkte es in der That der h. Geist. Wer vermag (Dieß alles gehörig darzustellen)?

Von der Nothwendigkeit des Glaubens zum Leben der Seele. Der achtzigste Gesang des Originals.

Nothwendigkeit des Glaubens zum Erlangen des ewigen Lebens.

Fragt und höret auf verständige Weise! Die zweite Seele ist der Glaube, und gleichwie der Leib durch die Seele besteht, ebenso hängt das Leben der Seele vom Glauben ab. Wenn sie ihn verleugnet oder auch nur zweifelt, ist sie eine Leiche. Der sterbliche Körper hängt also von der Seele ab, und die Seele vom Glauben, der Glaube aber von der Gottheit; denn vom Vater strömt durch den Sohn die Wahrheit aus, die Allen durch den Geist das Leben verleiht.

Der Glaube führt zur Vereinigung mit Gott; darum darf man ihn nicht verlieren

Durch diese Wahrheit nämlich ist der Mensch im Stande, seine Seele mit den Himmlischen zu verbinden. Durch die Seele lebt er, und durch den Körper sieht und hört er. Durch den Glauben aber und durch die Liebe und Weisheit wird er mit der Gottheit verbunden und nach ihrem Bilde gestaltet. Lösen wir also diese erstaunliche Vereinigung nicht auf, und der Glaube darf aus unsern Seelen nicht verloren gehn, damit wir nicht innerlich Todte seien, von denen der Lebendige sagte: „Laß die Todten ihre Todten begraben!“

Wie der Leib ohne Luft, so kann die Seele ohne Glauben nicht leben. Gott offenbarte seinen Willen.

Diese Luft, ein Hauch ohne lebendigen Athem, belebt den Leib, und wer es wagt, von sich den belebenden Strom abzuhalten, wird äusserlich todt; wer aber von sich das Wort der Wahrheit abschneidet, dessen Seele ist innerlich eine Leiche. „Ich habe kein Wohlgefallen am Tode des Todten“ bezeugt jener Lebendige, der Allen das Leben verleiht. Wie jener Wahrhafte (Gott der Vater) geschworen hat, der nicht lügt, so hat auch der Quell des Lebens (Gott Sohn) seinen Willen geoffenbart und seine Liebe bestätigt, daß er heftig dürste, unsern Tod zu tödten.

Bestätigung durch die Schrift; die Tugenden Früchte des Glaubens; Erwerbung geistiger Schätze nothwendig.

Die Schrift bestätigt es, daß der Gerechte durch den Glauben das Leben findet.1 Er (der Gerechte nämlich) macht die Wahrheit zu einem herrlichen Stamme und die Tugenden zu Früchten, die er durch den Glauben empfängt und sie an den Ast der Wahrheit aufhängt. Durch das sichtbare Bild werden die verborgenen Dinge dir anschaulich wie mit Augen. Der Leib hat gleich einem Handelsmanne Besitzungen nöthig. So soll auch der Geist die ihm eigenen Schätze, gleichwie ein Seefahrer, für den Glauben, das Schiff des Lebens, sammeln.

Der Glaube ohne Werke ist todt.

Wie der Leib durch die Lebenskraft der Seele besteht, so ist die Seele, obgleich lebend, ohne die Werke doch nicht wahrhaft lebend (hat das höhere Leben, das Leben der Gnade nicht); denn nur durch die Werke des Glaubens1 kann sie leben, wie die Schrift bezeugt. Der gläubige Lazarus vernahm (den Ruf Jesu) und kam hervor (aus dem Grabe). Sein Geruch ward durch die Stimme, die ihn gerufen, lieblich. So erhielten die Helden nach dem Vorbilde des Lazarus das innere Leben (der Gnade); nach dem Vorbilde des (jüdischen Volkes) aber starb (ward unselig) der Dieb, welcher sich selbst erhängte (Judas der Verräther) und seinen Strick den Schriftgelehrten, die ihn gedungen hatten, als Erbtheil hinterließ.

 

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