Gottes Schöpfung

Von Laktanz (nach 317)

Vorrede und Ansprache an Demetrianus.

Wie wenig ich mir auch in den schwierigsten Lagen Ruhe gönne, kannst du, Demetrianus, aus diesem Büchlein ermessen, das ich im schlichtesten Gewande, eben nach Maßgabe meiner Veranlagung, dir in der Absicht widme, einerseits daß du meine tägliche Beschäftigung kennen lernest, andererseits damit ich auch jetzt noch deinen Lehrer abgebe, aber in einer ehrenvolleren Sache und besseren Wissenschaft.

Denn wenn du schon in der Wissenschaft, die nichts anderes bezweckte, als die Zunge zu bilden, dich als einen tüchtigen Schüler erwiesen hast, um wieviel gelehriger wirst du dich nicht in dieser wahren und das Leben beeinflussenden Wissenschaft zeigen? Vor dir erkläre ich nun, daß ich mich durch kein Drängen einer Sache oder eines Zeitpunktes in meiner schriftstellerischen Tätigkeit hindern lasse, um auf solche Weise die Philosophen unseres Anhanges hinfort gebildeter und weiser zu machen, mögen diese jetzt auch noch so übel beleumundet sein und von allen Seiten angegriffen werden, weil sie anders als die Weisen lebten und ihre Fehler unter dem Deckmantel ihres Namens verbärgen: diese hätten sie entweder beseitigen oder gänzlich fliehen sollen, um bei Übereinstimmung ihres Lebens mit ihren Grundsätzen die wahre, echte Weisheit zur Geltung zu bringen.

Ich aber scheue keine Mühe, mich selbst und andere zu unterrichten. Ich kann nämlich zumal dann nicht, wenn es am meisten notwendig ist, auf mich vergessen, wie auch du, wie ich hoffe und wünsche, auf dich nicht vergessen wirst.

Denn wenn dich auch der Zwang des öffentlichen Lebens von den Werken der Wahrheit und Gerechtigkeit abhalten mag, so muß doch „der des Rechten bewußte Sinn“ von Zeit zu Zeit zum Himmel emporblicken.

Ich für meine Person bin darüber erfreut, daß alles, was man für gut hält, dir so glücklich vonstatten geht; dies bin ich aber nur dann, wenn nichts an deiner geistigen Verfassung sich ändert. Ich fürchte nämlich, es möchte die süße Angewöhnung an diese Dinge sich allmählich, wie es zu geschehen pflegt, in dein Herz einschleichen.

Darum ermahne ich dich und „werde dich immer wieder ermahnen“, daß du nicht glaubest, du besäßest an diesen irdischen Vergnügungen wirklich große Güter; diese Güter aber sind nicht bloß trügerisch, weil ungewiß, sondern auch voller Heimtücke, weil süß.

Denn du weißt, wie jener unser Widersacher und Feind schlau und zugleich auch oft gewalttätig ist, wie wir gerade jetzt sehen können. Denn er benützt all die Verlockungen als Fallstricke, und zwar in so feiner Weise, daß sie dem Auge des Geistes entgehen, damit der Mensch durch seine Vorsicht sie nicht meiden könne.

Die höchste Klugheit besteht also darin, Schritt für Schritt vorwärts zu gehen, da er zu beiden Seiten im Abgrunde lauert und den Füßen unsichtbare Schlingen legt.

Daher rate ich dir, dein jetziges Glück entweder, wie es deiner Tugend ziemt, — falls du es nämlich über dich bringst — gering zu schätzen oder es nicht allzu hoch anzuschlagen. Gedenke auch deines wahren Vaters, denke an den Staat, dessen Bürger du bist, und an deinen früheren Stand: du verstehst doch, was ich sagen will.

Ich werfe dir nämlich nicht Stolz vor, wovon nicht einmal eine Spur an dir sich findet, sondern meine Worte gelten dem Geiste und nicht dem Leibe: dieser ist nämlich so beschaffen, daß er dem Geiste gleichsam als seinem Herrn dienen und sich von ihm leiten lassen muß.

Denn der Leib ist eben nur ein gebrechliches Gefäß, in dem der Geist, d. i. der eigentliche Mensch, wohnt, und zwar ist er nicht von Prometheus gebildet, wie die Dichter sagen, sondern von Gott, dem großen Schöpfer und Bildner der Welt, dessen göttliche Vorsehung und Vollkommenheit wir weder mit dem Verstande begreifen noch mit Worten schildern können. Doch werde ich versuchen, da schon einmal von Geist und Leib die Rede ist, beider Wesen, soweit mein schwacher Verstand es vermag, zu erörtern.

Diese Aufgabe glaubte ich besonders deshalb auf mich nehmen zu sollen, da der Geistesheros M. Tullius [Cicero] im vierten Buche seiner Schrift „Vom Staate“, wo er darüber spricht, diesen so umfangreichen Stoff nur oberflächlich behandelt und die Punkte eigentlich nur gestreift hat.

Und damit man nicht etwa nach Gründen suche, warum er jenen Punkt nicht weiter ausgeführt habe, so bezeugt er selbst, es habe ihm weder an Willen noch an Sorgfalt gefehlt. Im ersten Buche „Über die Gesetze“ nämlich, wo er diesen Gegenstand oberflächlich berührt, sagt er also: „Diesen Punkt hat hinlänglich Scipio in den Büchern, die ihr gelesen habt, erklärt“. Im zweiten Buche „Über die Natur der Götter“ aber hat er eben dies ausführlicher darzulegen versucht.

Da er aber nicht einmal hier deutlich genug darüber gehandelt hat, so will ich mich an diese Arbeit wagen und darlegen, was jener so beredte Mann fast gänzlich unerörtert gelassen hat.

Vielleicht tadelst du es, daß ich mich an eine so schwierige Sache wage, da du siehst, daß Leute von solcher Verwegenheit, die sich allgemein Philosophen schelten lassen, aufgestanden sind, um das, was nach Gottes Absicht gänzlich verborgen sein sollte, zu erforschen und das Wesen von Himmel und Erde zu begreifen, was als uns gänzlich ferne liegend weder mit den Augen geschaut, noch mit der Hand gegriffen, noch mit den Sinnen erfaßt werden kann. Und doch reden sie über das Wesen der Dinge so, als müßten ihre Annahmen als vollkommen erwiesen gelten.

Wer dürfte es uns dann so sehr verargen, wenn wir das Wesen unseres Leibes gründlich zu erforschen trachten? Dies ist eben gar nicht dunkel, weil wir aus den Verrichtungen und der Verwendung der einzelnen Teile die Größe der Vorsehung und das Wesen des erschaffenen Gegenstandes zu erkennen im Stande sind.

Hauptstück. Von der Erschaffung der Tiere und des Menschen.

Gott Vater, unser großer Schöpfer, hat uns Verstand und Vernunft gegeben, damit wir erkennen konnten, daß wir von ihm geschaffen seien, weil er selbst die Einsicht, der Verstand und die Vernunft ist.

Für die übrigen Lebewesen hat er, da er ihnen nun einmal jene Geisteskraft nicht verliehen hat, gleichwohl vorgesorgt, wie ihr Leben große Sicherheit habe.

Allen hat er in ihrem eigenen Felle eine schützende Hülle gegeben, damit sie Frost und Kälte ertragen könnten. Den einzelnen Gattungen jedoch hat er zur Abwehr der Angriffe von auswärts entsprechende Schutzmittel gewährt, damit sie mit ihren natürlichen Waffen den Stärkeren entgegentreten, oder damit die Schwächeren durch schnelle Flucht den Gefahren sich entziehen, oder damit diejenigen, welche der Kraft und Schnelligkeit zugleich entbehren, durch List sich schützen oder Schlupfwinkel aufsuchen könnten.

Daher schwebt ein Teil von ihnen mit leichtem Gefieder in der Luft oder geht auf Hufen einher oder ist mit Hörnern versehen; ein Teil hat seine Waffen im Munde, nämlich das Gebiß, oder an den Füßen, nämlich Krallen. Ein jedes Tier besitzt seine Schutzmittel.

Wenn aber einige zur Nahrung für die größeren dienen, so sind sie doch auf eine Gegend angewiesen, wo die größeren nicht leben können, oder sie besitzen größere Fruchtbarkeit, damit auch für Tiere, welche vom Blute leben, durch jene der Unterhalt vorhanden sei, und auf daß deren Verluste durch die vorhandene große Anzahl wieder ausgeglichen würden.

Dem Menschen aber, dem er die Gabe der Vernunft und das Vermögen, zu denken und zu reden gegeben hat, gewährte er keine von diesen den Tieren verliehenen Eigenschaften, weil demselben die Vernunft verschaffen konnte, was ihm etwa die Natur versagt hatte. Er setzte ihn bloß und nackt in die Welt, weil er durch seinen Geist sich bewaffnen und mit Hilfe seiner Vernunft sich kleiden konnte.

Wie sehr aber das, was den Tieren gewährt, den Menschen jedoch versagt ist, die Schönheit hebt, läßt sich gar nicht mit Worten ausdrücken. Wenn nämlich der Mensch die Zähne wilder Tiere bekommen hätte oder Hörner oder Krallen oder Hufe, einen Schwanz oder verschieden gefärbte Haare, wer fühlte nicht, wie häßlich ein solches Wesen wäre, gerade wie auch die Tiere häßlich sein würden, wenn sie nackt und waffenlos wären?

Nimmst du den Tieren ihr Kleid oder ihre von der Natur ihnen verliehenen Waffen, so werden sie weder schön erscheinen, noch wird es auch um ihre Sicherheit gut bestellt sein. Wie wunderbar scheinen sie dagegen in Wirklichkeit ausgestattet, wenn du den Vorteil in Anschlag bringst, wie herrlich, wenn du auf die Schönheit achtest! So trefflich stehen Vorteil und Schönheit hier im Einklang!

Weil aber Gott den Menschen für die Unsterblichkeit schuf, so hat er ihm keine äußerlichen Waffen gegeben wie den übrigen Lebewesen, sondern er hat ihn von innen aus geschützt, weil es nämlich, da er ihm das größte Geschenk gegeben, überflüssig war, ihn mit körperlichen Schutzwaffen zu versehen, zumal diese seiner Schönheit Eintrag getan hätten.

Daher pflege ich mich über den Unverstand der Anhänger des Epikurus zu wundern, welche die Schöpfungen der Natur tadeln, um zu zeigen, daß die Welt ohne Vorsehung entstanden sei und ohne eine solche regiert werde. Sie führen nämlich den Ursprung der Welt auf feste, unteilbare Körperchen zurück, durch deren zufälliges Zusammentreffen alles entstehe oder entstanden sei.

Ich übergehe, was sie an der Welt selbst zu tadeln haben, ein Unterfangen, wobei sie sich rein lächerlich machen. Ich beschäftige mich also nur mit dem, was zu unserem Gegenstand gehört.

Hauptstück. Das Los von Tier und Mensch.

Sie beklagen sich nämlich darüber, daß der Mensch im Vergleiche zu den Tieren allzu schwach und gebrechlich auf die Welt komme. Diese ständen gleich nach ihrem Eintritt in die Welt auf den Füßen, regten sich munter, könnten sofort dem Klima [Luft] widerstehen, weil sie mit ihrer natürlichen Kleidung zur Welt gekommen seien; der Mensch aber werde nackt und hilflos wie nach einem Schiffbruche in dieses Jammertal hineingestoßen, der Mensch, der sich nach der Geburt weder rühren, noch nach der Muttermilch verlangen, noch die Ungunst der Witterung ertragen könne.

Demnach sei die Natur nicht die Mutter, sondern die Stiefmutter der Menschen, die den Menschen, während sie sich gegen die Tiere so gütig gezeigt habe, in einem Zustande in die Welt gesetzt habe, daß er, hilflos, schwach und hilfsbedürftig im höchsten Grade, seine Hinfälligkeit nur durch Schreien und Weinen andeuten könne, er, der im Leben so viele Leiden durchzumachen habe.

Wegen dieser Behauptung glauben sie, was wunder wie weise zu sein; ich jedoch kann die Bemerkung nicht unterlassen, daß ihr Unverstand bei dieser Behauptung im grellsten Lichte erscheint.

Bei Betrachtung des Wesens der Dinge finde ich nämlich, daß es nicht anders hätte sein dürfen, um nicht zu sagen, es hätte nicht anders sein können, da ja doch Gott alles vermag — indes war es notwendig, daß jene höchst fürsehende Majestät das erschuf, was besser und dem Zwecke entsprechender war.

Es steht also an jene Tadler von Gottes Werken die Frage offen, was denn dem Menschen, da er so hinfällig zur Welt kommt, nach ihrer Meinung fehlt, ob die Menschen deshalb weniger bildungsfähig sind, ob sie deshalb weniger zur höchsten physischen Entwicklung gelangen können, ob die Hinfälligkeit entweder ihr Wachstum oder ihre Wohlfahrt hindere, während doch die Vernunft den Abgang aufwiegt?

Indes die Erziehung des Menschen, sagen sie, braucht sehr viele Mühe, die Tiere haben es besser, weil sie nach dem Werfen nur für ihre eigene Ernährung zu sorgen haben. So kommt es, daß, während die Euter sich füllen, den Jungen die Milchnahrung geboten wird, und daß diese aus Naturzwang, ohne daß die Weibchen sich darum zu kümmern brauchen, darnach verlangen.

Wie, haben nicht die Vögel, die allerdings einer anderen Klasse angehören, große Mühe beim Aufziehen ihrer Jungen, daß es manchmal scheint, sie besäßen ein wenig menschlichen Verstand? Sie bauen sich nämlich Nester aus Lehm oder stellen solche aus Reisig und Laub her, sie sitzen [hocken] auf den Eiern sogar ohne Nahrung zu nehmen, und da sie ihre Jungen von ihrem Leibe aus nicht ernähren können, so tragen sie ihnen Nahrung zu und verwenden den ganzen Tag auf Zu- und Fortfliegen; des Nachts aber verteidigen sie dieselben, schützen und wärmen sie.

Was könnten die Menschen noch anderes tun, als fast nur noch dies allein, daß sie die erwachsenen Kinder nicht von sich stoßen, sondern in ständiger liebender Verbindung mit ihnen bleiben?

Was soll ich dazu sagen, daß die Nachkommenschaft der Vögel viel mehr gefährdet ist als die der Menschen, da sie nicht lebende Junge gebären, sondern bloß Eier legen, aus denen erst durch sorgfältiges Ausbrüten von seiten des Weibchens das Tier hervorgeht? Indes ist dieses Wesen noch federlos und schwach und ist nicht nur nicht imstande zu fliegen, sondern nicht einmal imstande zu gehen.

Müßte daher einer nicht sehr albern sein, wenn er glaubt, die Natur habe sich den Vögeln höchst feindselig erwiesen, fürs erste weil sie zweimal zur Welt kämen, hernach weil sie so schwach seien, daß sie noch durch die mühsam von den Alten gesuchte Nahrung erhalten werden müßten? Aber die Gegner führen nur die stärkeren Tiere an, die schwächeren übergehen sie.

Ich frage also die, welche das Los der Tiere dem ihrigen vorziehen, was sie wählen möchten, wenn Gott ihnen die Wahl ließe, ob sie die menschliche Vernunft vorziehen möchten in Verbindung mit der Schwäche oder die Kraft der Tiere mit der natürlichen Beschaffenheit derselben.

Natürlich sind sie nicht soweit Tiere, daß sie nicht lieber eine noch weit gebrechlichere Natur wünschten, als sie jetzt besitzen, wofern sie nur eine menschliche ist, als die der Vernunft bare Stärke der Tiere. Aber natürlich die wunderbar gescheiten Leute wünschen sich weder die menschliche Vernunft mit der damit verbundenen Schwäche noch die Stärke der Tiere ohne die Vernunft.

Ja, es gibt nichts so Widersinniges, nichts so Verkehrtes als die Behauptung, es müsse sowohl die Vernunft als auch die Natur ein jedes Lebewesen entsprechend ausrüsten. Ist ein solches mit natürlichen Schutzmitteln versehen, so ist die Vernunft überflüssig. Was wird nämlich diese auszudenken, was zu tun, was auszuführen haben? Oder in welchem Stücke wird sie ihr geistiges Licht leuchten lassen können, da das, was der Vernunft zukommen dürfte, die Natur selber gewährt?

Wenn aber ein solches Lebewesen mit Vernunft ausgestattet ist, wozu bedarf es noch der körperlichen Schutzwehr, da doch die Vernunft die Natur ersetzen kann? Die Vernunft dient in solchem Grade zum Schmucke und zur Auszeichnung des Menschen, daß ihm nichts Größeres, nichts Besseres von Gott hätte gegeben werden können.

Endlich ist der Mensch, obschon er einen unansehnlichen Körperbau besitzt, von schwachen Kräften, von hinfälliger Gesundheit ist, doch, weil er dieses Größere [die Vernunft] erhalten hat, besser ausgestattet und herrlicher beschaffen als die übrigen Lebewesen.

Denn obschon er gebrechlich und hinfällig zur Welt kommt, so ist er doch vor den Tieren sicher, während die anderen stärkeren Lebewesen, auch wenn sie die Unbilden der Witterung, ohne Schaden zu nehmen, ertragen, doch nicht vor dem Menschen sicher sind.

So ist es also der Fall, daß die Vernunft den Menschen mehr gewährt als die Natur den Tieren, weil bei diesen es weder ihre gewaltige Körperkraft noch ihr starker Bau hat verhindern können, von uns unterdrückt zu werden und unserer Macht untertan zu sein.

Kann also einer, der da sieht, daß sogar die Lukas-Ochsen mit ihrem gewaltigen Körper und ihrer riesigen Kraft den Menschen untertan sind, über Gott, den Weltenschöpfer murren, daß er ihm zu geringe Kräfte und einen zu schwachen Körper gegeben habe, und sollte ein solcher nicht vielmehr Gottes Wohltaten gegen seine Person nach Gebühr schätzen? Eine solche Klage zeugt eben nur von Undankbarkeit oder, besser gesagt, von Unverstand.

Plato hat, glaube ich, der Natur gedankt, daß er als Mensch geboren worden sei.

Wie vielmal richtiger und verständiger ist nicht die Behauptung desjenigen, der die Bemerkung machte, daß der Mensch besser daran sei, als die Behauptung derjenigen, welche als Tiere geboren zu sein wünschten! Wenn Gott sie in eben die Tiere, deren Los sie dem ihrigen vorziehen, verwandelte, sie würden sicherlich zurückzukehren wünschen und laut ihr früheres Los fordern, da Stärke und Körperkraft nicht soviel wert sind, um der Sprache entbehren zu können, und der unbehinderte Flug der Vögel in der Luft, um der Hände zu ermangeln. Denn die Hände sind mehr wert als der leichte Gebrauch der Flügel, und höher als die Körperstärke ist die Sprache zu veranschlagen.

Was ist das also für ein Unverstand, das vorziehen zu wollen, was man im Falle, daß man es erhielte, anzunehmen sich weigern würde?

Über die Hinfälligkeit des Menschen.

Eben die Leute führen darüber Klage, daß der Mensch den Krankheiten und einem vorzeitigen Tode unterworfen sei. Sie sind nämlich darüber ungehalten, daß sie nicht als Götter zur Welt gekommen sind. Keineswegs, sagen sie, sondern aus diesem Umstande beweisen wir bloß, daß der Mensch ohne alle Vorsehung geschaffen worden ist, da seine Schöpfung durch eine Vorsehung anders hätte erfolgen müssen.

Was dann, wenn ich zeige, daß mit gutem Grund die Anordnung getroffen worden ist, daß der Mensch von Krankheiten heimgesucht und der Lebensfaden oft mitten abgeschnitten wird? Da nämlich Gott wußte, daß das Wesen, das er geschaffen, freiwillig in den Tod gehen würde, um den Tod, d. i. die Auflösung der Natur zu gewinnen, so schuf er es gebrechlich, wodurch dem Tode der Zutritt zur Auflösung des Lebewesens verschafft werden sollte.

Denn, wenn es [der Mensch] eine solche Festigkeit besäße, daß ihm Krankheit und Schwäche nichts anhaben könnten, dann würde ihm nicht einmal der Tod etwas schaden können, da der Tod eben nur eine Folge der Krankheit ist. Wie aber sollte ein Wesen dem Tode nicht vor der Zeit erliegen können, dem der Tod doch mit der Zeit bestimmt ist? Sie wünschen nämlich [die Epikureer], daß der Mensch erst nach dem vollendeten hundertsten Jahre sterbe.

Wie soll aber bei so zahlreichen Widersprüchen ihre Rechnung stimmen können? Damit niemand vor hundert Jahren stürbe, müßte man ihm etwas Unsterblichkeit zuteilen: in diesem Falle aber ist der Tod ausgeschlossen.

Was kann aber das nur wieder sein, das gegen Krankheiten und äußerliche Einflüsse stark und unempfindlich macht? Was ist am Menschen, der aus Knochen, Sehnen und Eingeweiden besteht, so fest, daß es der Gebrechlichkeit und dem Tode nicht unterläge?

Aus welchem Stoff werden sie [die Epikureer] dem Menschen einen Leib zuteilen, damit er nicht vor der von ihnen für notwendig erachteten Lebensdauer zugrunde gehe? Gebrechlich ist alles, was man da sieht und berühren kann. Es erübrigt nur, etwas vom Himmel herzuholen, da auf der Erde alles hinfällig ist.

Da für den Menschen bei seiner Schöpfung durch Gott die Bestimmung getroffen ward, einstmals zu sterben, so erfordert schon dieser Umstand seine Erschaffung aus einem irdischen und vergänglichen Leibe; er muß also jederzeit dem Tode erliegen können, da er ja körperlich ist; denn jeder Körper ist auflösbar und daher sterblich.

Höchst töricht sind also diejenigen, welche sich über einen frühzeitigen Tod beklagen, da doch die Natur selbst dazu führt. So folgt also, daß der Mensch auch den Krankheiten unterworfen sein müsse; denn die Natur verlangt, daß der Körper, der einmal der Auflösung anheimfallen soll, der Krankheit unterworfen sei.

Doch gesetzt den Fall, es wäre, wie jene wollen, möglich, daß der Mensch so zur Welt käme, daß er den Krankheiten und dem Tode erst am Ende seines Lebenslaufes im hohen Greisenalter anheimfiele.

Erkennen nun jene nicht die daraus sich ergebende Folge, daß er dann die ganze übrige Lebenszeit nicht sterben könnte? Wenn ihm aber ein anderer den Lebensunterhalt entzieht, wird er sterben können. Die Voraussetzung jedoch verlangt es, daß ein Mensch, der vor der bestimmten Zeit nicht sterben kann, der Lebensmittel, die ihm entzogen werden können, nicht bedarf. Wenn er aber keine Speise mehr nötig hat, so ist er nicht mehr ein Mensch, sondern Gott. Demnach beklagen sich, wie oben gesagt, diejenigen, welche über die menschliche Hinfälligkeit Klage führen, vornehmlich darüber, daß sie nicht unsterblich zur Welt gekommen sind.

Jedermann darf nur als Greis sterben. Doch es läßt sich die Unsterblichkeit nicht mit der Sterblichkeit vereinigen. Wer nämlich im Greisenalter sterblich ist, kann in der Jugend nicht unsterblich sein, und es ist weder für den, der einmal sterben soll, der Tod in die Ferne gerückt, noch bleibt irgendein Rest von Unsterblichkeit demjenigen, dem ein Ziel gesetzt ist.

So ergibt sich also, daß der Mensch, falls es ausgeschlossen ist, daß er überhaupt unsterblich sei, und falls die Annahme aufgestellt wird, daß er zu einem bestimmten Zeitpunkt sterblich sei, in die Lage kommt, daß er in jeder Altersstufe dem Tode müsse verfallen können. Es ergibt sich also allseits die Forderung, daß es weder anders hätte kommen dürfen, noch daß es anders Recht gewesen. Die Epikureer aber haben kein Verständnis für die sich daraus ergebenden Folgerungen, da sie sich in der Hauptsache geirrt haben.

Sah man von der göttlichen Vorsehung in der Welt ab, so folgte notwendig, daß alles von selbst entstand. Daher erfanden sie jene Stöße kleiner Körperchen [Regen der Atome] und deren zufälliges Zusammentreffen, da sie den Ursprung der Dinge nicht sahen.

Nachdem sie sich einmal in diese Enge begeben hatten, sahen sie sich zur Annahme gezwungen, daß die Seele mit dem Körper werde und vergehe. Ihre Annahme bestand also darin, daß nichts durch göttliche Vorsehung geschehe. Dies konnten sie nicht anders beweisen, als daß sie darzutun versuchten, es gebe einiges, worin es mit der göttlichen Vorsehung nicht gut bestellt sei.

Sie tadelten nämlich Dinge, in denen die Vorsehung ihre Göttlichkeit sogar im höchsten Grade gezeigt, z. B. in dem, was ich über die Krankheiten und den vorzeitigen Tod gesagt habe, während sie bei ihrer Annahme an die daraus sich ergebenden Folgen hätten denken sollen.

Es folgt also, wie gesagt, dies: Bekäme der Mensch keine Krankheit, so hätte er weder Wohnung noch Kleider nötig. Was hätte er sich vor Wind, Regen oder Kälte zu fürchten, deren Wirkung darin besteht, daß sie Krankheiten erzeugen? Darum hat der Mensch ja seinen Verstand erhalten, um sich in Anbetracht seiner Schwäche gegen die schädlichen Einflüsse zu schützen.

Es folgt nun notwendigerweise, daß er, da er die Krankheiten zur Betätigung der Vernunft bekommt, auch zu jeder Zeit sterben könne, weil der, dem der Tod nichts anhaben kann, notwendigerweise gefeit sein muß. Die Hinfälligkeit birgt den Tod in sich. Wenn aber einer gefeit ist, so kann weder das Greisenalter noch der auf das Greisenalter folgende Tod an ihn herantreten.

Wenn überdies der Tod an ein gewisses Alter gebunden wäre, so würde der Mensch höchst übermütig und aller Gesittung bar werden. Denn fast alle Bande der Menschlichkeit, wodurch wir untereinander verbunden sind, nehmen von der Furcht und dem Bewußtsein unserer Schwäche ihren Anfang.

Endlich scharen sich gerade die schwächeren und hinfälligen Lebewesen zusammen, um, da sie durch ihre eigene Stärke sich nicht schützen können, durch ihre große Zahl sich zu schützen, die stärkeren dagegen suchen die Einsamkeit auf, da sie auf ihre Kraft und Stärke vertrauen.

Wenn aber der Mensch in gleicher Weise zur Abwendung der Gefahren hinlängliche Stärke besäße und nicht fremder Hilfe bedürfte, was wäre das für eine Gesellschaft, was für eine gegenseitige Achtung, was für ein Verhältnis, was für eine Menschenliebe? Und was gäbe es Häßlicheres, was Ungeheuerlicheres, was Zügelloseres als den Menschen?

Da er aber schwach ist und für sich allein ohne andere Menschen nicht leben kann, so sucht er Gesellschaft, so daß eben dadurch das gesellschaftliche Leben angenehmer wird und größere Sicherheit bietet.

Du siehst also, wie das ganze Wesen des Menschen darin besteht, daß er nackt, daß er hinfällig, daß er Krankheiten unterworfen ist, daß er frühzeitig stirbt. Wäre der Mensch hiervon frei, müßte man ihm auch Vernunft und Verstand nehmen.

Indes habe ich allzulange über diese höchst offenkundigen Dinge gehandelt, während es doch am Tage liegt, daß nichts ohne Vorsehung geschehen ist noch hat geschehen können. Ihre Werke bildeten, wenn es jetzt darüber zu sprechen beliebte, einen ungeheuren Stoff.

Ich aber habe mir vorgenommen, bloß vom menschlichen Leibe zu handeln und an diesem die Größe der göttlichen Vorsehung zu zeigen, freilich nur insoweit, als der Gegenstand deutlich und klar ist; das Wesen des Geistes jedoch ist weder sichtbar noch begreifbar. Nun werde ich vom sichtbaren menschlichen Leibe handeln.

Von der Gestalt der Lebewesen und deren Glieder.

Als Gott im Anfange die Lebewesen schuf, war es nicht seine Absicht, sie kugelförmig zu bilden, auf daß ihnen etwa die Möglichkeit geboten sei, sich sowohl zum Gehen anzuschicken, als auch nach allen Seiten hin. sich leicht zu bewegen, sondern er ließ aus dem obersten Teile der Körpermasse selbst den Kopf hervortreten; desgleichen ließ er einige Glieder länger wachsen, nämlich die Füße, die auf den Boden sich stützen und das Lebewesen dorthin bringen sollten, wohin der Wille dasselbe führe oder der Zwang, sich Nahrung zu verschaffen, es riefe.

Aus dem [ganzen Körper] Rumpfe ließ er vier Gliedmaßen hervortreten, zwei nach unten, und das sind bei allen Lebewesen die Füße, dann zwei ziemlich nahe am Kopfe und Halse, zum verschiedensten Gebrauche bestimmt. Bei den zahmen und wilden Tieren sind es Füße, den hinteren Gliedmaßen ähnlich, beim Menschen aber sind es die Hände, zum Arbeiten und Angreifen geeignet.

Es gibt noch eine dritte Klasse, wo jene vorderen Gliedmaßen weder Füße noch Hände sind, sondern Flügel, an denen reihenweis angebrachte Federn das Fliegen ermöglichen; so hat ein einziges Bildungsglied verschiedenes Aussehen und verschiedene Verwendung.

Um ferner der Körpermasse selber einen festeren Halt zu geben, hat er aus ziemlich starken, kurzen und untereinander verbundenen Knochen gleichsam einen Kiel zusammengefügt, das sogenannte Rückgrat; er wollte dasselbe nicht aus einem einzigen Knochen bilden, damit dem Lebewesen die Möglichkeit geboten sei, zu gehen und sich zu drehen.

Ungefähr von der Mitte des Rückgrates aus ließ er Rippen, d. i. querliegende flache Knochen nach entgegengesetzter Richtung hervorwachsen, durch deren sanfte Biegung und fast zu einem Kreise gegeneinander erfolgte Krümmung die Eingeweide bedeckt werden sollten, damit die Teile, die weicher und weniger fest werden mußten, durch jenen festen Korb geschützt wären.

An der Spitze dieses Gebildes, das wir mit einem Schiffskiel verglichen, brachte er das Haupt [caput] an, den Sitz der Regierung über das ganze Wesen; es wurde dein Haupte deshalb dieser Name gegeben, weil, wie wenigstens Varro an Cicero schreibt, hier Sinne und Nerven [caput, initium capiunt] ihren Anfang nähmen.

Bezüglich der oben erwähnten Gliedmaßen aber, welche darum hervortreten, um entweder das Gehen oder das Arbeiten oder das Fliegen zu ermöglichen, trug er Sorge, daß sie um der schnellen Beweglichkeit willen weder aus allzu langen, noch um der Festigkeit willen aus allzu kurzen, sondern aus einigen mächtigen Knochen bestehen sollten.

Es sind dies entweder zwei wie beim Menschen oder vier an der Zahl wie beim Tier. Diese Knochen schuf er [der Schöpfer] jedoch nicht massig, damit nicht beim Gehen ihre Schwerfälligkeit hinderlich sei, sondern hohl und im Innern, um die Körperfrische zu erhalten, mit Mark gefüllt. Die einzelnen Knochen jedoch bildete er nicht in ihrer ganzen Länge von gleichem Durchmesser, sondern er machte sie an den Enden stärker, damit sie durch Sehnen sowohl leichter angezogen werden als auch mit größerer Sicherheit sich drehen könnten, daher der Name vertibula [Gelenk von „vertere“, drehen].

Die dicken Enden versah er mit einer weichen Lage, Knorpel genannt, natürlich in der Absicht, damit sich die Knochen nach allen Seiten hin ohne Reibung und ohne Schmerzgefühl beugen könnten.

Die Knorpel jedoch bildete er nicht sämtlich in derselben Weise. Einige machte er beinahe kreisrund; dies tat er aber nur bei jenen Gelenken, in denen die Gliedmaßen sich nach allen Seiten hin drehen sollten, wie z. B. bei den Schultern, weil man die Hände nach allen Seiten hin bewegen und drehen muß; einige aber formte er gleichmäßig breit und nur nach einer Seite hin rund; dies geschah natürlich dort, wo die Gliedmaßen sich nur beugen sollten, wie beim Knie, dem Ellbogen und dem Handgelenke.

Sowie sich nämlich eine Drehung des Armes in der Achselhöhle als schön und nützlich herausstellt, so wäre, wenn eine derartige Bewegung auch beim Ellbogen stattfände, dies sowohl überflüssig wie auch häßlich.

Denn es würde die Hand nach Verlust ihrer Würde [Grazie] durch die allzu große Bewegungsfähigkeit mehr einem Rüssel ähnlich sehen, und es würde der Mensch ein schlangenhändiges Wesen, wie uns ein solches in wunderbarer Weise in jenem Untier [Elephant] entgegentritt.

Denn Gott, der seine mächtige Fürsorge in der wunderbaren Verschiedenheit der Dinge zeigen wollte, hat an diesem Tiere, da er dessen Kopf nicht so lang hatte wachsen lassen, um mit dem Maule die Erde berühren zu können — was ein gräßlicher und häßlicher Anblick gewesen wäre —, und da er dessen Maul in der Weise mit vorstehenden Zähnen versehen hatte, daß ihm dennoch, wenn es auch den Boden hätte erreichen können, die Zähne die Möglichkeit zu weiden benommen hätten, zwischen diesen das weiche, bewegliche Glied hervorwachsen lassen, auf daß es damit alles erfassen, alles festhalten könne, ohne daß die vorstehenden Zähne oder der kurze Nacken die Nahrungsaufnahme verhinderten.

Epikurs Irrtum; über die Organe und deren Zweck.

Ich kann mich auch hier wiederum nicht enthalten, den Unverstand des Epikurus durchzuhecheln. Von ihm stammt ja alles, was Lukretius faselt. Um zu zeigen, daß die lebenden Wesen nicht durch die kunstsinnige göttliche Vernunft, sondern, wie er zu sagen pflegt, durch Zufall entstanden seien, behauptete jener, es seien am Anfange der Welt auch unzählige andere Lebewesen von absonderlicher Gestalt und Größe zur Welt gekommen; diese aber hätten nicht fortbestehen können, weil ihnen die Möglichkeit benommen gewesen wäre, sich zu nähren, oder weil sie sich nicht hätten begatten und somit nicht hätten zeugen können.

Natürlich, um für seine Atome Platz zu machen, wollte er die göttliche Vorsehung ausschließen. Da er aber doch sehen mußte, daß an allen lebenden Wesen ein Beweis der göttlichen Vorsehung sich finde, was, zum Henker, war das für eine Torheit, zu behaupten, daß es einige Ungeheuer gegeben habe, wo dieselbe gefehlt habe?

Da nämlich alles Sichtbare aus einem vernünftigen Grunde ins Dasein getreten ist — denn eben das, was zur Welt kommt, kann nur die Vernunft zustande bringen —, so ist eben offenbar, daß nichts Vernunftwidriges habe erzeugt werden können.

Denn bei der Bildung der einzelnen Tiere wurde schon vorgesehen, daß sich dieselben der Glieder zur Erwerbung des Lebensunterhaltes bedienen, und daß die durch Begattung hervorgehende Nachkommenschaft sämtliche Arten von Lebewesen fortpflanzen solle.

Denn wie ein tüchtiger Baumeister zunächst sich vorstellt, wie das Gebäude in seiner Vollendung aussehen werde, und früher die Stelle bestimmt, welche ein geringes Gewicht erfordert, dann den Ort, wo eine große Masse hinkommen muß, die Säulenabstände, den Abfall, den Ausfluß, den Auffang des [Wassers], Regens:

Alles sieht er vorher, wie es für das vollendete Werk nötig ist, wenn es erst mit den Fundamenten beginnt, — warum sollte einer glauben, daß Gott bei der Schaffung der Tiere nicht das zum Leben Notwendige vorgesehen habe, bevor er das Leben selbst ihnen gab? Die könnten ja nicht bestehen, wenn nicht früher die Dinge geschaffen worden wären, wodurch sie bestehen können.

Epikurus sah also am Leibe der Tiere das Walten der göttlichen Vernunft, doch fügte er, um auf seiner Annahme bestehen zu können, zu den früheren Behauptungen albernes Zeug hinzu, um seine Ansicht damit zu stützen.

Er behauptete nämlich, daß die Augen nicht geschaffen seien, um damit zu sehen, die Ohren, um damit zu hören, noch die Füße zum Gehen, da die Organe vor dem Sehen, Hören und Gehen vorhanden seien, sondern daß deren sämtliche Verrichtungen sich erst nach der Geburt entwickelt hätten.

Ich fürchte, es möchte zu albern sein, solch entsetzliche Behauptungen im Ernst zu widerlegen; indes ich will albern sein, da wir es mit einem albernen Menschen zu tun haben, damit er sich nicht für allzu scharfsinnig halte.

Was meinst du, Epikurus, sind also die Augen nicht zum Sehen geschaffen? Warum sehen sie denn? Später erst, behauptet er, hat sich ihre Verwendung gezeigt. — Zum Sehen sind sie doch geschaffen, da sie einmal nichts anderes tun können als sehen. Bei den übrigen Organen zeigt ingleichen ihre Verwendung, zu welchem Zwecke sie geschaffen sind. Diese wäre selbstverständlich unmöglich, wenn nicht alle Organe so angeordnet und von der Vorsehung so geschaffen wären, daß sie ihre Verwendung zulassen.

Wie? Wenn du dich zu sagen erdreistetest, die Vögel seien nicht zum Fliegen geschaffen, die wilden Tiere nicht zum Wüten, die Fische nicht zum Schwimmen, der Mensch nicht zum Denken, da es doch einleuchtet, daß jedes Lebewesen dem Zwecke, zu dem es geschaffen ist, dienen muß?

Aber selbstverständlich muß der, welcher einmal vom Grundprinzip der Wahrheit abgewichen ist, immer irren. Wenn nun nicht durch die göttliche Vorsehung, sondern durch das zufällige Zusammentreffen der Atome alles entsteht, warum sind denn jene Urstoffe niemals so zusammengetroffen, daß ein Wesen entstanden wäre, das mit der Nase gehört, mit den Augen gerochen, mit den Ohren gesehen hätte?

Wenn nämlich der Anfang keine Möglichkeit ausschließt, so müssen doch täglich derartige Tiere zur Welt kommen, bei denen die Anordnung der Organe verkehrt und deren Dienst ganz verschieden ist.

Da aber jede Gattung und jedes Organ seine Bestimmung, seine Anordnung und seine Verwendung stets beibehält, so ist klar, daß nichts zufällig geschaffen ist, weil die Anordnung der göttlichen Vernunft ewig währt.

Doch den Epikurus werden wir ein andermal widerlegen: nun wollen wir, wie wir angefangen haben, von der göttlichen Vorsehung handeln.

Von den Körperteilen.

Gott hat nun das Körpergestell des Menschen, das wir Gerippe nennen, stark gefügt und vermittelst der Sehnen fest miteinander verbunden, damit der Verstand sowohl im Bewegungszustande wie auch im Zustande der Ruhe sich derselben gleichsam als Stützpunkte bedienen könne; das aber sollte er tun können, ohne zuvor den geringsten Versuch nötig zu haben, ohne die geringste Mühe, sondern so, daß er mit der leichtesten Bewegung den Körper zu lenken und zu regieren imstande sei.

Dann bedeckte er das Gerippe, je nachdem es für den betreffenden Teil erforderlich war, mit Fleisch, damit auch das Feste am menschlichen Körper seinen Schutz habe. Mit dem Fleische vereinigte er ferner die Adern, gewissermaßen über den ganzen Leib hin verteilte Quellen, damit das durch sie hindurchströmende Blut denselben mit den lebenspendenden Säften befeuchte, und versah das für jeden Zweck und jede Stelle entsprechend gebildete Fleisch mit der Haut. Diese hat er entweder mit der Schönheit allein ausgezeichnet oder er hat sie auch mit Haaren bedeckt oder durch Schuppen geschützt oder mit schönen Federn versehen.

Wunderbar aber ist jener göttliche Gedanke, daß die gleiche Anordnung, die gleiche Beschaffenheit unzählige Verschiedenheiten aufweist. Denn fast bei allen Lebewesen findet sich die gleich bestimmte Anordnung der Glieder.

Zuerst nämlich das Haupt, dann der Hals, auf den Hals folgt die Brust, von dieser gehen die Arme aus, an die Brust schließt sich der Bauch an, dann die Geschlechtswerkzeuge, zuletzt die Schenkel und Füße.

Nicht bloß die Körperteile haben stets ihre bestimmte Lage, sondern auch die einzelnen Organe. Am Kopfe nämlich haben die Augen ihre bestimmte Lage, desgleichen die Nase, der Mund, darinnen die Zähne und die Zunge. Obschon diese Organe bei allen Tieren sich finden, so herrscht dabei doch eine unendliche Verschiedenheit, da die erwähnten Organe, bald länger bald kürzer, die verschiedensten Formen aufweisen.

Wie? Ist das nicht göttlich, daß bei einer so großen Anzahl von Lebewesen ein jedes in seiner Art das schönste ist, daß, falls von dem einen auf das andere etwas übertragen würde, nichts Unnützeres, nichts Unschöneres zu sehen wäre, wie wenn man zum Beispiel dem Elephanten einen langen Nacken, dem Kamel einen kurzen, der Schlange Füße oder Haare geben möchte, bei welcher der langgestreckte Körper nichts anderes erforderte, als daß sie am Rücken gesprenkelt und durch leichte Schuppen unterstützt in bogenreichen Windungen fortgleiten sollte?

An den Vierfüßlern hat eben der nämliche Künstler vom Kopfe angefangen die Wirbelsäule über den Rumpf hinaus sich fortbilden und zum Schwanze sich zuspitzen lassen, damit entweder gewisse Körperteile verdeckt oder wegen ihrer Zartheit geschützt oder damit durch dessen Bewegung kleine schädliche Tiere vom Körper ferngehalten werden sollten. Nimmst du diese Einrichtung, so wird das Tier unvollkommen und hinfällig.

Wo aber Hand und Vernunft sich findet, ist dies ebensowenig notwendig als eine Haardecke. So sehr ist alles in seiner Weise passend, daß nichts Häßlicheres erdacht werden könnte, als ein nacktes Tier oder ein behaarter Mensch.

Obschon die Nacktheit die Schönheit des Menschen wunderbar hebt, so schickte sie sich doch nicht für den Kopf. Der Schöpfer bedeckte diesen also mit Haar, und weil er die Spitze bilden sollte, schmückte er ihn gleichsam als den Giebel eines Gebäudes. Dieser Haarschmuck ist nicht kranzförmig, auch nicht hutförmig, damit er nicht unschön erschiene, wenn einige Teile nackt wären, sondern er breitet sich nach der einen Seite hin aus, auf der anderen tritt er zurück, gerade wie es der Stelle entspricht.

Die kreisförmig umrahmte Stirne also, die, von den Schläfen angefangen, vor den Ohren sich verbreitenden Haare, ihr oberer kranzförmiger Teil und das ganz bedeckte Hinterhaupt gewähren einen wunderschönen Anblick.

Man kann es fast nicht sagen, wieviel der Bart beiträgt, um die Körperreife, die Verschiedenheit der Geschlechter, die Schönheit der männlichen Kraft erkennen zu lassen, so daß es den Anschein hat, der ganze Bau müßte zerfallen, wenn nur etwas anders geschaffen worden wäre.

Körperbau des Menschen, Augen und Ohren.

Nun will ich das Wesen des ganzen Menschen erklären, den Zweck und die Beschaffenheit der einzelnen Organe, mögen sie sichtbar sein oder auch nicht. Da es in Gottes Absicht lag, von allen Lebewesen den Menschen allein für seine himmlische Bestimmung zu schaffen, die übrigen aber sämtlich für die Erde, so schuf er den Menschen aufrecht und stellte ihn auf zwei Füße, natürlich damit er dorthin schaue, woher er stammt; die Tiere jedoch schuf er mit dem Blick zur Erde, damit diese, da sie keine Unsterblichkeit zu erwarten haben, nur den niederen Trieben zu folgen hätten.

Es zeigt also des Menschen gerade und aufrechte Haltung sowie sein ganz Gott ähnliches Wesen seinen Ursprung und Schöpfer an. Sein fast göttlicher Verstand hat, da er nicht bloß die Herrschaft über die Tiere der Erde, sondern auch über den eigenen Körper bekommen hat, seinen Sitz ganz oben im Kopfe, und wie von einer hohen Burg aus ersieht er alles und erschaut er alles.

Gott hat diesen seinen Sitz nicht gedrückt und länglich gebildet wie bei den stummen Tieren, sondern einer Kugel gleich, weil eben die Kugel eine vollkommene Figur ist.

Hiervon wird also der Geist und jenes himmlische Feuer wie vom Himmelsgewölbe bedeckt. Während er den obersten Teil desselben mit einem natürlichen Kleide bedeckt hat, hat er das Vorderteil, d. i. das Gesicht, mit den notwendigen Organen entsprechend versehen.

Und was fürs erste das anbelangt, daß er die Augen in Höhlen geborgen hat [Öffnungen = foratus], wovon nach Varro das Wort „Stirne“ [frons] stammen soll, so war es sein Wille, daß deren weder mehr noch weniger als zwei seien, weil es für das Auge nichts Vollkommeneres gibt als die Zweizahl, sowie er auch wollte, daß es bloß zwei Ohren gebe. Es ist unglaublich, wie schön die Zweizahl ist, denn einerseits sind beide Teile sich ähnlich, anderseits sollten durch diese die von der einen oder von der anderen Seite kommenden Laute leichter aufgefangen werden können.

Auch die Bildung selber ist wunderbar, da die Höhlungen nach seinem Willen nicht frei und ungeschützt sein sollten. Dies letztere wäre sowohl nicht so schön als auch nicht so gut gewesen, weil an den einfachen engen Höhlungen der Laut leicht hätte vorbeistreichen können, wofern ihn nicht die Muscheln, während er an dieselben anprallt, festhalten würden, infolgedessen er in den Gehörgang gelangen kann, wobei eine Ähnlichkeit mit jenen kleinen Gefäßen, die man aufsetzt, um Gefäße mit engem Halse zu füllen, sich herausstellt.

Die Ohren also [aures], die ihren Namen vom Auffangen der Laute [haurire — aures] erhalten haben, weshalb Vergil sagt: vocemque his auribus hausi — ich habe die Stimme mit diesen Ohren aufgefangen [gehört], oder weil die Griechen die Stimme selber αὐδή von auditus — durch Verwechslung der Buchstaben aures für audes geworden — genannt haben, wollte der göttliche Künstler nicht aus weicher Haut bilden, die herabhängend und schlaff der Schönheit Eintrag getan hätte, auch nicht aus harten, festen Knochen, damit sie zum Gebrauche nicht untauglich, also unbeweglich und starr wären, sondern er dachte etwas aus, was zwischen beiden die Mitte innehielt, insoferne er sie eben aus Knorpeln bildete, auf daß sie zugleich entsprechende Festigkeit und Beweglichkeit besäßen.

Die Ohren haben nur die Aufgabe zu hören, wie die Augen die Aufgabe haben zu sehen. Diese letzteren besitzen eine wunderbare Feinheit, insoferne der Schöpfer die Edelstein ähnlichen Runden mit durchsichtigen Häutchen versehen hat, damit die Bilder der Gegenstände gewissermaßen in einem Spiegel erglänzen und in den inneren Sinn fallen sollten.

Vermittelst dieser Membranen also erblickt jener Sinn, der Verstand heißt, die Gegenstände draußen, damit du ja nicht glaubst, daß wir durch das Eindringen der Bilder sehen, wie die Philosophen behaupten; denn die Tätigkeit des Sehens muß doch in dem Subjekte liegen, das sieht, nicht in dem Objekte, das gesehen wird, — oder in der Zusammendrängung der zwischen dem Auge und dem Gegenstande befindlichen Luft, durch deren Zusammenprall mit dem vom Auge ausgehenden Sehpneuma —, oder durch Ausstrahlung, da wir in dem letzten Falle später, als wir die Augen [auf etwas] richteten, sehen würden, bis die in Schwingung versetzte Luft mit der Sehschärfe [dem Sehpneuma] oder die ausgehenden Strahlen zum Gegenstande des Sehens gelangten.

Da wir aber im selben Augenblicke sehen, meistenteils sogar, während wir etwas anderes tun, alles im Gesichtskreise Befindliche wahrnehmen, so ist es richtiger und verständiger, daß der Geist es ist, der durch die Augen die Gegenstände wie durch eine Fensteröffnung, die mit einem durchsichtigen Glase oder Steine versehen ist, erblickt.

Daher wird Verstand und Wille häufig aus den Augen erkannt. Um dies zu widerlegen, bediente sich Lukretius eines höchst albernen Beweisgrundes. Wenn nämlich der Verstand vermittelst der Augen sähe, so müsse er nach Ausbohrung der Augen besser sehen, weil die mit den Pfosten ausgerissenen Türen mehr Licht einströmen ließen, als wenn sie zugemacht wären.

Natürlich hatte er, oder besser gesagt sein Lehrer Epikur, ausgebohrte Augen, um nicht zu sehen, daß die ausgebohrten Augensterne, die zerrissenen Muskeln, das aus den Adern fließende Blut, das aus den Wunden wachsende Fleisch und zuletzt die verwachsenen Narben kein Licht könnten eindringen lassen, außer es wäre sein Wunsch, die Augen möchten den Ohren ähnlich sein, um nicht so sehr mit den Augen als mit den Löchern zu sehen: nichts hätte garstiger und unpassender sein können als dies.

Wie wenig könnten wir sehen, wenn der Geist aus dem tiefsten Innern des Hauptes durch die engen Spalten hindurch aufzumerken hätte, geradeso wie einer, der durch einen Halm hindurch schauen wollte, in Wirklichkeit nicht mehr sehen dürfte, als der Halm zuläßt!

Daher mußten die Sehorgane kugelrund sein, um einen möglichst weiten Sehbereich zu haben, und mußten dieselben vorne im Gesichte ihre Stelle haben, damit sie alles ungehindert sehen könnten.

Die unaussprechliche göttliche Vorsehung hat also zwei einander ganz ähnliche Kugeln geschaffen und sie so verbunden, daß sie sich nicht ganz umkehren, wohl aber drehen und bewegen können. Dann wollte Gott, daß die Augensterne selbst voll seien von reiner, durchsichtiger Flüssigkeit, in deren Mitte die Lichtfunken [Linse] eingeschlossen sein sollten, die wir Pupillen nennen, auf deren Reinheit und Durchsichtigkeit das Wesen des Gesichtssinnes beruht.

Durch diese Augäpfel also bemüht sich der Geist zu sehen, und wunderbarerweise gestaltet sich das Gesicht beider Augen zu einem einheitlichen.

Über die Sinne und deren Tätigkeit.

Ich will hier auch die törichte Behauptung jener widerlegen, die, um die Täuschung der Sinne nachzuweisen, viele Beweise für Täuschungen, die durch den Gesichtssinn erfolgten, vorbringen, darunter auch die Tatsache, daß die Rasenden alles doppelt sähen, gleich als ob die Veranlassung zu diesem irrtümlichen Sehen unbekannt wäre. Doch höre, wie das kommt.

Das kommt nämlich daher, daß es zwei Augen gibt. Das Sehen kommt durch Geistesanspannung zustande. Da aber der Geist, wie oben behauptet wurde, der Augen gewissermaßen als Fenster sich bedient, so widerfährt dies nicht bloß den Trunkenen oder Wahnsinnigen, sondern auch den Gesunden und Nüchternen. Wenn man nämlich dem Gesichte etwas zu nahe bringt, so sieht man es doppelt. Es gibt nämlich einen gewissen Abstand, wo die Sehschärfe [beider Augen] zusammentrifft.

Desgleichen konvergieren die beiden Augenachsen nicht mehr, wenn man den Geist nach innen kehrt, und die Anstrengung des Sinnes daher nachläßt — dann sieht jedes Auge für sich. Wenn man den Geist wieder anstrengt und die Augenachsen [auf etwas] richtet, so vereinigt sich, was doppelt gesehen wurde, wieder zu einem Bilde.

Was Wunder also, wenn der Geist, durch das starke Gift des Weines unfähig geworden, sich zum Sehen nicht anschicken kann, wie auch die schwachen Füße, wenn die Nerven versagen, zum Gehen nicht befähigt sind — oder wenn der aufs Gehirn drückende Wahnsinn das einheitliche Sehen stört? Das jedoch ist wahr, daß den Einäugigen, wenn sie entweder wahnsinnig oder trunken werden, niemals das Doppeltsehen passiert.

Wenn also ein Grund für die Täuschung der Augen angegeben wird, so ist es klar, daß die Sinne nicht trügen. Die Sinne täuschen also nicht, wenn sie rein und unversehrt sind — oder es unterliegt doch nicht, auch wenn sie sich täuschen, der Verstand der Täuschung, da er deren Verirrungen kennt.

Die äußeren Organe des Menschen und deren Gebrauch.

Doch laßt uns zu den Werken Gottes zurückkehren! Damit die Augen gegen äußere Unfälle besser geschützt wären, hat er sie mit Augenlidern verhüllt [occuluit], woher nach Varro das Wort oculus [Auge] stammen soll.

Denn eben die Augenlider [palpebrae], denen ihre Beweglichkeit [palpitatio = schnelle Bewegung] den Namen gegeben hat, gewähren, von reihenweis stehenden Haaren umrandet, einen schönen Schutz für die Augen. Ihre ständige, mit unglaublicher Schnelligkeit sich vollziehende Bewegung hindert das ununterbrochene Sehen nicht, sondern unterstützt vielmehr das Hinschauen.

Das Sehorgan, d. i. jenes durchsichtige Häutchen, das niemals vertrocknen darf, schrumpft, wofern es nicht stets von Flüssigkeit befeuchtet ist, ein.

Nun gar die geschwungenen Augenbrauen selber, aus kurzen Haaren bestehend, gewähren sie nicht gleichsam wie ein Damm sowohl Schutz den Augen, damit von oben nichts hineinfalle, als auch eine Zierde? Aus ihrem Vereinigungspunkte erhebt sich die Nase, und gleichsam einen gleichmäßig verlaufenden Kamm bildend, trennt sie sowohl beide Augen, als sie dieselben auch schützt.

Auch die unterhalb anstoßenden, schwellenden Wangen schützen, sanften Hügeln gleich, die Augen noch besser nach allen Seiten hin, und es ist vom Schöpfer vorgesehen, daß sogar ein ziemlich starker Schlag durch diesen Vorsprung aufgehalten wird.

Der obere Teil der Nase bis zur Mitte hin ist fest, der untere aber infolge seiner knorpeligen Beschaffenheit weich, um sich von den Fingern bearbeiten zu lassen.

Dieses, wenngleich höchst einfache Organ, hat dreierlei Verrichtungen: erstens Atemholen, zweitens Riechen, drittens soll durch die Löcher die Absonderung des Gehirnes abfließen. Wie wunderbar, wie voll göttlicher Weisheit hat Gott die Nase gebildet, so daß doch die Öffnung sie nicht entstellte!

Das wäre gewiß geschehen, wenn es bloß eine einzige Nasenöffnung gäbe. Indes hat er diese gleichsam mit einer die Mitte durchsetzenden Wand abgeteilt und sie durch die Doppelzahl ausgezeichnet.

Daraus ersehen wir, wieviel die Zweizahl mit einem festen Einigungspunkte zur Schönheit beiträgt. Obschon der Körper nur ein Ganzes bildet, so konnte er doch nicht ganz in der Weise aus einfachen Gliedern bestehen, daß es nicht eine rechte und linke Seite gäbe.

Denn wie beide Füße oder beide Hände nicht bloß zum bequemen Gehen und Arbeiten dienlich sind, sondern auch eine schöne Zierde bilden, so verhält es sich auch mit den Organen am Kopfe, der sozusagen die Krone des göttlichen Schöpfungswerkes bildet. Es ist nämlich vom erhabenen Schöpfer das Gehör auf zwei Ohren, das Sehen auf zwei Augen, der Geruchsinn auf zwei Nasenflügel verteilt, da eben auch das Hirn, der Sitz der Wahrnehmung, wenngleich nur als ein Ganzes vorhanden, doch durch eine dazwischen liegende Membrane in zwei Hälften zerfällt.

Aber auch das Herz, das der Sitz des Verstandes zu sein scheint, hat, wiewohl es nur ein Organ ist, im Innern zwei Kammern, wo, durch eine Wand getrennt, das frische Blut enthalten ist, damit, wie auch in der Welt selber der Grundsatz herrscht, daß entweder das Einfache das Doppelte oder das Doppelte das Einfache beherrsche und in sich schließe, so auch am Körper alles, aus der Zweiheit bestehend, eine untrennbare Einheit darstelle.

Es läßt sich gar nicht sagen, wie schön der Mund und der gerade verlaufende Schlund ist. Der erstere hat die doppelte Aufgabe, nämlich Nahrung aufzunehmen und zu reden.

Die in seinem Innern befindliche Zunge, die die Stimme durch ihre Bewegungen in Worte teilt, ist der Dolmetsch des Geistes. Und doch kann diese nicht an sich ihrer Aufgabe entsprechen, wenn sie nicht mit ihrer Spitze am Gaumen anstößt, wenn sie nicht durch die entgegenstehenden Zähne oder durch das Zusammenpressen der Lippen unterstützt wird. Die Zähne jedoch sind dienlicher zum Sprechen.

Denn einerseits fangen die Kinder nicht früher an zu sprechen, bevor sie nicht Zähne bekommen, anderseits stammeln die Greise nach Verlust der Zähne so, daß sie wieder in die Kindheit zurückversetzt scheinen.

Doch betrifft dies nur die Menschen und die Vögel. Bei den letzteren bringt die spitze und in gewisse vibrierende Bewegung versetzte Zunge unzählige Gesangsmodulationen und verschiedene Töne hervor.

Die Zunge hat außerdem noch eine andere Aufgabe, die sie bei allen, nicht bloß bei den stummen Lebewesen erfüllt, nämlich die durch die Zähne feingemahlenen Speisen zusammenzuballen und in den Magen hinabzudrücken. Demgemäß meint Varro, daß von „ligando cibo“ [Speisen zusammenballen] das Wort „lingua“ komme.

Den Tieren ist sie auch beim Trinken behilflich. Sie strecken nämlich die Zunge heraus, schlürfen damit das Wasser, halten dasselbe in der Höhlung der Zunge fest, damit es nicht wegen seiner Schwere zurückfließe, und schleudern es mit schneller Bewegung an den Gaumen. Die Zunge selber wird nun von dem hohlen Gaumen nach Art eines Schildkrötengehäuses überdacht, und Gott hat sie durch das Gehege der Zähne wie mit einer Mauer umgeben.

Die Zähne aber hat er, damit sie nicht offen und unbedeckt mehr zum Schrecken als zur Zierde dienten, mit zartem Zahnfleische — „gingiva“, das von „gignendis dentibus“ [Zahnwachsenlassen] den Namen hat — und mit verdeckenden Lippen versehen. Die Härte derselben ist, wie es für einen Mühlstein angemessen ist, größer als bei den übrigen Knochen, um zum Zerkleinern der Speisen und des Futters zu dienen.

Die Lippen aber, die vorher gleichsam zusammengewachsen waren, wie schön hat er sie nicht auseinandergeschnitten! Die Oberlippe hat er gerade unter der Nase mit einer Vertiefung versehen, die Unterlippe dagegen hat er der Schönheit wegen schwellend und weich anwachsen lassen.

Was den Geschmack anlangt, so irrt, wer da glaubt, daß der Gaumen diesen Sinn besitze: die Zunge ist es nämlich, womit man den Geschmack merkt. Das tut sie aber nicht als Ganzes; denn nur die zarteren Teile zu beiden Seiten empfinden mit dem feinsten Gefühle den Geschmack. Und obschon weder von der Speise noch vom Tranke etwas weniger wird, so dringt doch auf unerklärliche Weise, geradeso wie beim Riechen der Stoff sich nicht vermindert, der Geschmack zum Sinne.

Wie schön die übrigen Körperteile sind, läßt sich kaum sagen: Das von den Wangen an sanft verlaufende und in der Weise endigende Kinn, daß sein Ende ein Grübchen anzudeuten scheint, der starre, schlanke Hals, die vom Halse in sanfter Wölbung abfallenden Schultern, die starken und zur Kraftentwicklung mit Sehnen umstrickten Unterarme, die durch hervorragende Muskelbündel ausgezeichneten Oberarme und das schöne, hübsche Ellbogengelenk!

Was soll ich von den Händen sagen, den Dienerinnen der Vernunft und Weisheit? Diese hat der geschickte Meister aus einer hohlen Fläche gebildet und hat sie, damit die Gegenstände leichter festgehalten werden könnten, in Finger endigen lassen. An diesen ist schwer darzutun, ob ihre Schönheit oder ihr Nutzen größer sei.

Denn sowohl die vollkommene Zahl als auch die passende Anordnung, die Gelenkigkeit der [vier] aus gleichviel Gliedern bestehenden Finger, die runde Form der Nägel, welche mit gewölbter Decke die Fingerspitzen umgeben und schützen, damit das weiche Fleisch beim Halten nicht nachgebe, läßt sich sehr schön an.

Der Umstand jedoch ist wunderbar, daß ein Finger, von den übrigen getrennt, zugleich mit der Hand beginnt und sich außer Verbindung mit den andern früher entwickelt, der, den andern gleichsam entgegengesetzt, beim Halten und Arbeiten entweder ganz allein oder vorzugsweise den Hauptanteil hat, gleichsam der berechtigte Herrscher über alle andern; daher hat er auch den Namen „pollex“ [polleo], weil er unter den übrigen durch seine Tüchtigkeit hervorragt.

Er hat nämlich bloß zwei hervortretende Glieder, nicht drei wie die andern, eines nämlich steht schönheitshalber im Verbande mit der Hand. Wenn nämlich bei seiner Sonderstellung drei Glieder hervorragten, hätte dieser Umstand den Händen ihre Schönheit benommen.

Auch die dem Auge auffallend breit erscheinende Brust stellt sich hübsch dar. Der Grund davon ist der, daß Gott den Menschen gewissermaßen allein aufrecht gebildet zu haben scheint — denn fast kein anderes Tier kann auf dem Rücken liegen —, die Tiere aber scheint er in der Weise geschaffen zu haben, daß sie bald auf der einen, bald auf der anderen Seite liegen und zur Erde gerichtet sein sollten. Daher erhielten diese eine schmale, dem Auge nicht auffällige und zur Erde geneigte, der Mensch aber eine breite, aufrechte Brust, weil sie, voll der himmlischen Vernunft, nicht gedrückt noch unschön sein durfte.

Auch die sanft hervortretenden, von kleinen dunklen Kreisen umgebenden Brustwarzen tragen viel zur Anmut bei. Diese sind dem weiblichen Geschlechte zur Ernährung der Kinder, den Männern bloß zur Zierde gegeben, damit die Brust nicht ungestalt und gleichsam verstümmelt erschiene. Auf die Brust folgt der Bauch, den in der Mitte gar nicht unschön der Nabel markiert, mit dem Zwecke, daß durch ihn das Kind im Mutterleibe ernährt werde.

Über die Eingeweide und deren Zweck.

Es obliegt mir nun auch über die Eingeweide zu handeln. Diese brauchen nicht schön zu sein, da sie nicht zu sehen sind, aber sie sind von ungeheurer Wichtigkeit, da dieser irdische Körper mit Speisebrei und Trank genährt werden muß, wie auch die Erde selbst durch Regen und Reif.

Der vorsehende Meister schuf mitten in demselben einen Aufnahmeort [Magazin] für Speisen, damit nach deren Verdauung der Lebenssaft den Gliedern zugeführt werden könne.

Da aber der Mensch aus Leib und Seele besteht, so gewährt dieser erwähnte Aufbewahrungsort bloß Speise für den Leib, der Seele [dem physischen Lebensprinzip] aber wies er einen anderen Sitz an. Er schuf nämlich ein weicheres und mehr lockeres Organ, Lunge genannt, aber nicht nach Art eines Schlauches, damit der Atem nicht auf einmal ein- oder ausströme.

Darum schuf er ein kompaktes Organ, aber zum Aufblasen und Luftfassen geeignet [zellenartig], damit es die Luft nach und nach aufnehme, während der Lebensodem sich durch jenes Netz verteilt, und sie wieder ausstoße, indem es sich von demselben befreit. Das abwechselnde Aus- und Einatmen erhält nämlich das Leben im Körper.

Da es im Menschen zwei Sammelstätten gibt, eine für die Luft, wodurch das Atmen bewerkstelligt wird, eine andere für die Speisen, wodurch der Körper erhalten wird, so muß es durch den Hals auch zwei Röhren geben, eine für Speise und eine für das Atmen, wovon die obere vom Mund zum Magen, die unterhalb liegende von der Nase zur Lunge führt.

Ihre Beschaffenheit ist verschieden: Jene nämlich, die den Übergang vom Munde bildet, ist weich und gewöhnlich wie der Mund selber zu, indem Speise und Trank, wenn nämlich der Schlund offen ist, sich selber, da sie körperlich sind, den Weg bahnen.

Der Atem dagegen, der unkörperlich und fein ist, hat, da er den Weg sich selbst nicht bahnen kann, einen offenen Weg, nämlich die Luftröhre. Diese besteht aus kreisrunden Knorpeln, Ringen ähnlich, die nach Art eines Rohres zusammenhängen — hier ist immer freier Durchzug.

Der Atem darf nämlich niemals aussetzen; da er nun immer geht, so wird er, da vorsichtigerweise vom Hirne ein kleines Glied herabhängt, welches „Zäpfchen“ heißt, gewissermaßen durch ein Hindernis gemildert, damit nicht die mit gefährlichem Ungestüm eingesogene, pesthauchende Luft das zarte Organ schädige und ungehindert gefahrbringend nach innen dringe. Deshalb ist auch die Nase nur ein klein wenig offen; diese heißt deshalb so [nares — nare], weil Geruch oder Atem in einem fort durch sie hindurchgeht.

Indes hat die Luftröhre nicht bloß zur Nase, sondern auch zum Munde einen Zugang, ganz hinten am Gaumen, wo der Schlund nach dem Zäpfchen hin anzuschwellen beginnt.

Der Grund davon ist klar. Wir könnten nämlich nicht sprechen, wenn die Luftröhre nur zur Nase einen Zutritt hätte wie die Speiseröhre zum Munde. Der göttliche Meister hat also für die aus der Luftröhre kommende Stimme einen Weg geschaffen, damit die Zunge ihres Amtes walten und den ununterbrochenen Laut durch ihre Bewegungen in Worte zerschneiden könnte.

Wäre dieser Weg irgendwo abgeschnitten, so wäre Stummheit die notwendige Folge. Es irrt bestimmt, wer einen anderen Grund für das Stummsein der Menschen annimmt. Denn die Stummen haben nicht, wie allgemein geglaubt wird, eine gefesselte Zunge, sondern sie lassen den Atem wie brüllende Tiere durch die Nase strömen, weil der Laut entweder zum Munde keinen Zugang hat oder weil dieser Zugang nicht so weit ist, daß er den vollen Laut durchlassen kann.

Diese Stummheit stammt größtenteils von der Geburt her, manchmal auch von einem Unfalle, insofern nämlich durch eine Krankheit dieser Zugang verstopft wird, der Laut also nicht zur Zunge gelangt, und somit aus dem Sprachbegabten ein Stummer wird. Geschieht dies, so muß auch das Gehör verstopft werden, damit auch kein Laut Zutritt habe, wenn er keinen Austritt hat.

Auch das ist gut dabei, daß man beim Baden, da die Nase die Hitze nicht zu ertragen vermag, die heiße Luft durch den Mund einatmen kann, und daß man desgleichen, wenn etwa infolge der Kälte der Schnupfen die Nasenlöcher verstopft hat, durch den Mund atmen kann, daß nicht bei Verlegung des gewöhnlichen Atmungsweges das Atmen erschwert wird.

Wenn die in den Magen eingeführten und mit Flüssigkeiten vermengten Speisen verdaut sind, so erfrischt und belebt der über die Glieder hin sich verbreitende Saft in wunderbarer Weise den Körper,

Auch die spiralförmig zusammengerollten, nur durch ein Band festgehaltenen ungemein langen Gedärme — was für ein wunderbares Werk sind sie nicht? Sobald nämlich der Magen die aufgelösten Speisen fortgeschafft hat, so werden sie allmählich in den Windungen der Gedärme weiter befördert, damit der darin befindliche Nahrungssaft den Gliedern zukomme.

Und damit die Speisen doch nicht irgendwo stecken blieben, was einerseits wegen der oft in sich wiederkehrenden Windungen leicht hätte geschehen können, anderseits ohne ein Unglück nicht geschehen durfte, so machte er sie im Innern schleimig, damit die Ausscheidungen des Bauches auf dem schlüpfrigen Wege leichter dem Ausgange zueilten.

Auch das ist eine auffallende Erscheinung, daß die Harnblase, deren die Vögel ermangeln, obschon sie mit den Gedärmen [Eingeweiden] nicht zusammenhängt, und wiewohl sie keine Röhre besitzt, um mittelst dieser den Harn von jenen herzuleiten, dennoch sich vollkommen mit Flüssigkeit füllt.

Es ist leicht zu begreifen, wie das kommt. Diejenigen Gedärme, welche vom Magen den Speisebrei erhalten, sind weiter als die übrigen Gedärme und viel zarter; diese aber umschließen die Harnblase.

Wenn nun der Speisebrei dorthin gelangt, wird der Kot dicker und geht ab, die gesamte Flüssigkeit aber sickert durch jene zarte Umhüllung hindurch, und die Blase, die ebenfalls sehr dünn und fein ist, absorbiert dieselbe, um sie auf dem von der Natur gelassenen Ausgange zu entfernen.

Vom Mutterleib, der Empfängnis und den Geschlechtern.

Auch über den Mutterleib und die Empfängnis müssen wir, da nun einmal vom Innern des Menschen die Rede ist, um nichts zu übergehen, sprechen. Obschon diese Sache verborgen ist, kann sie doch dem Verstande nicht verborgen sein.

Die den Samen enthaltende Ader ist bei den männlichen Wesen doppelt und liegt etwas weiter im Inneren als die Harnblase. Denn wie es zwei Nieren gibt und ebenso zwei Hoden, so auch zwei Samenadern, die aber in einem Gefüge zusammenhängen, was wir an den aufgeschnittenen und geöffneten Tierleibern sehen können.

Aber die rechte [Ader] enthält männlichen Samen, die linke weiblichen, und überhaupt ist im ganzen Körper die rechte Seite die männliche, die linke aber die weibliche.

Vom Samen selbst glauben einige, daß er nur aus dem Mark, andere, daß er aus dem ganzen Körper in die Samenader zusammenfließe und sich dort verdichte; aber auf welche Weise dies vor sich gehe, das kann der menschliche Geist nicht begreifen.

Ebenso teilt sich bei den Frauen der Uterus in zwei Teile, die sich nach beiden Seiten ausbreiten und wie Widderhörner umlegen. Der nach rechts umgebogene Teil ist der männliche, der nach links gewendete der weibliche.

Die Empfängnis geht nun nach des Varro und des Aristoteles Meinung also vor sich. „Nicht nur die Männer“, behaupten sie, „haben Samen, sondern auch die Frauen, und deshalb kommen sehr häufig Kinder auf die Welt, die den Müttern ähnlich sind. Aber der Samen der letzteren ist gereinigtes Blut. Wenn dieser sich in richtiger Weise mit dem männlichen vermischt, so verdichten sich beide, gerinnen zusammen und nehmen Gestalt an. Und zwar wird zuerst das Herz des Menschen gebildet, weil in ihm das ganze Leben und der ganze Verstand liegt; und schließlich wird das ganze Werk in vierzig Tagen vollendet.“ Das mag vielleicht aus Frühgeburten erschlossen sein.

Daß aber bei den jungen Vögeln sich zuerst die Augen bilden, unterliegt keinem Zweifel. Man kann es des öfteren an den Eiern wahrnehmen. Deshalb halte ich es für ausgemacht, daß die [Körper]bildung mit dem Kopf beginnt.

Die Ähnlichkeiten aber an den Leibern der Kinder kommen nach ihrer [Varro und Aristoteles] Ansicht folgendermaßen zustande: „Wenn bei der Mischung und Vereinigung des [beiderseitigen] Samens der männliche überwiegt, so ergibt sich ein dem Vater ähnliches männliches oder weibliches Wesen. Überwiegt der weibliche, so entspricht der männliche oder weibliche Sprößling dem Bilde der Mutter.

Es erhält aber derjenige [Samen] das Übergewicht, der reichlicher vorhanden war; denn er umfaßt gewissermaßen den andern und schließt ihn ein. Daher ereignet es sich sehr oft, daß [das Kind] nur die Züge von einem [d. h. von Vater oder Mutter] aufweist.

Bei gleichmäßiger Samenmischung aber wird auch die Körperbildung eine gemischte, so daß der gemeinsame Sprößling entweder keinem von beiden ähnlich erscheint, weil er nicht von einem alles [angenommen] hat, oder beiden, weil er sich von jedem etwas angeeignet hat,“

Denn bei den Tierkörpern sehen wir, wie sich entweder die Farben der Eltern vermischen und etwas Drittes entsteht, das keinem der beiden Lebensspender ähnlich ist, oder wie beider Farben in der Weise wiedergegeben werden, daß die Glieder [des jungen Tieres] verschiedene Farben zeigen und der ganze Körper in harmonischem Farbenspiel gesprenkelt ist.

Auch ungleiche [d. h. nicht ganz einheitliche] Wesen entstehen, wie sie [Varro und Aristoteles] meinen, auf folgende Weise: „Wenn zufällig in die linke Seite des Uterus männlicher Samen geraten ist, so wird zwar ein männliches Wesen erzeugt, aber, weil es auf der weiblichen Seite empfangen worden, so hat es etwas Weibliches an sich, mehr als die männliche Würde zuläßt, sei es hervorragende Schönheit, sei es blendend weiße Farbe, sei es zarte [glatte] Haut, sei es feine Gliedmaßen, sei es kleinen Wuchs, sei es dünne Stimme, sei es schwachen Mut, sei es mehrere von diesen Eigentümlichkeiten.

Desgleichen wird zwar, wenn in die rechte Seite weiblicher Samen geflossen ist, ein weibliches Wesen erzeugt, aber da es auf der männlichen Seite empfangen worden, so hat es etwas Männliches an sich, mehr als das Wesen des Geschlechtes gestattet, entweder starke Gliedmaßen oder übergroße Länge oder dunkle Farbe oder rauhes Äußere oder unschönes Gesicht oder kräftige Stimme oder kühnen Mut oder mehrere von diesen Eigentümlichkeiten.

Gelangt aber der männliche Samen auf die rechte, der weibliche auf die linke Seite, so entwickeln sich die Sprößlinge beiderlei Geschlechtes in der richtigen Weise, so daß sowohl den weiblichen durchweg ihre natürliche Anmut, als den männlichen in geistiger und körperlicher Hinsicht die männliche Kraft gewahrt bleibt.“

Wie wunderbar ist aber an sich schon die Einrichtung Gottes, daß er zur Erhaltung der einzelnen Arten die beiden Geschlechter, Mann und Weib, geschaffen hat, die, durch Sinnenlust vereint, Ab- und Nachkömmlingen das Leben geben sollten, auf daß nicht jede Art von Lebewesen durch das Gesetz der Sterblichkeit getilgt würde.

Aber die Männer haben mehr Kraft erhalten, damit sich die Weiber umso leichter unter das Ehejoch zwingen ließen. Der Mann [vir] ist daher so benannt worden, weil in ihm größere Kraft [vis] wohnt als im Weibe, und davon hat die Mannhaftigkeit [virtus] ihren Namen erhalten.

Ebenso kommt nach Varros Erklärung die Bezeichnung des Weibes [mulier, eigentlich „mollier“] von der Weichheit [mollities] her, mit Änderung und Weglassung eines Buchstabens. Wenn letzteres empfangen hat und bereits die Entbindung herannaht, so füllen sich seine schwellenden Brüste mit süßem Safte, und zur Ernährung des Neugeborenen strömen Milchquellen aus dem mütterlichen Herzen. Denn geziemender Weise durfte nur aus dem Herzen [als dem Sitz des Verstandes] das vernunftbegabte Geschöpf seine Nahrung erhalten.

Und gerade das ist eine höchst weise Einrichtung, daß die weiße und fette Flüssigkeit den zarten, jungen Körper tränken soll, bis er zur Aufnahme festerer Speisen mit Zähnen und [den nötigen] Kräften ausgestattet wird. Aber wir wollen zu unserem Thema zurückkehren, um das, was noch erübrigt, in Kürze darzulegen!

Über die unteren Gliedmaßen.

Ich könnte dir nun die wunderbare Beschaffenheit der Geschlechtsorgane selber auseinandersetzen, wenn mich nicht das Schamgefühl davon abhielte. Demnach werde von uns mit dem Mantel der Scham die Scham bedeckt.

Was diese anbelangt, so genüge, darüber Klage zu führen, daß ruchlose Menschen das größte Unrecht begehen, die dieses wunderbare und mit unerforschlichem Ratschlusse zur Erzeugung von Nachkommen geschaffene Organ entweder zu schändlichem Gewinne oder zu Werken schändlicher Lust in verkehrter Weise gebrauchen, so daß sie von dieser höchst ehrbaren Sache nichts anderes als nur das gehaltlose Vergnügen verlangen.

Ferner, entbehren etwa die übrigen Glieder des Zweckes oder der Schönheit? Das an den Hinterbacken sich verdickende Fleisch, wie gut dient es zum Sitzen! Dieses ist fester als bei den übrigen Gliedern, damit es sich nicht etwa infolge des drückenden Körpergewichtes von den Knochen löse.

Desgleichen die langen, starken, mit breiten Wülsten versehenen Oberschenkel, damit sie um so leichter das Körpergewicht aushielten; diese finden allmählich wieder ihren Abschluß bei den Knien, deren hübsches Gelenk das Beugen der Füße zum Gehen und beim Sitzen ermöglicht.

Desgleichen die Unterschenkel, nicht gleichmäßig verlaufend, damit ihre unschöne Gestalt die Füße nicht entstelle, sondern durch die schlanken, sanft heraustretenden und allmählich sich verdünnenden Waden fest und anmutig gestaltet.

An den Füßen zeigt sich eben dieselbe und doch wieder verschiedene Beschaffenheit wie bei den Händen. Da die Füße gewissermaßen das Fundament des ganzen Baues bilden, so hat sie der Schöpfer nicht rundlich geschaffen, da ja der Mensch sonst nicht stehen könnte oder noch anderer Füße zum Stehen bedürfte wie die Vierfüßler, sondern er hat sie etwas länglich gebildet, um den Leib durch ihre Flächenausdehnung [planities] aufrechtzuerhalten, daher der Name „planta“.

An den Füßen finden sich geradesoviel Zehen als Finger an den Händen, doch bloß mehr zum Scheine als zum Gebrauche; darum sind sie miteinander verbunden, kurz und stufenweise angeordnet! Darunter ist die große Zehe, da sie sich nicht, wie der Daumen an der Hand von den übrigen Fingern, so von den anderen Zehen unterscheiden sollte, so angebracht, daß sie sich von den anderen nur durch ihre Größe unterscheiden und mäßig abstehen sollte.

Diese so auffallende Gleichheit erleichtert nicht wenig das Auftreten; wir können nämlich nicht laufen, wenn wir die Zehen nicht auf den Boden drücken, und eben dadurch, daß diese sich auf den Boden stützen, bekommen wir zum Laufe Schwung.

Ich glaube, alles dasjenige, dessen Bedeutung erkannt werden kann, dargelegt zu haben. Nun komme ich zum Zweifelhaften oder Unklaren.

Vom unbekannten Zweck einiger innerer Organe.

Am Körper gibt es vieles, dessen Wesen und Bedeutung nur der Schöpfer kennt.

Oder glaubt jemand es dartun zu können, welchen Nutzen, welchen Zweck jene durchsichtige Haut hat, womit der Bauch wie mit einem Netze umspannt und geschützt ist?

Wozu das ganz gleiche Nierenpaar [renes]? Varro behauptet, sie hießen so, weil von ihnen die Bäche [rivi] der abscheulichen Flüssigkeit ihren Ursprung hätten. Das verhält sich nicht so, da sie nämlich zu beiden Seiten des Rückgrates rücklings zusammenhängen und von den Eingeweiden getrennt sind.

Was ist es mit der Milz? Was mit der Leber? Beide Eingeweide scheinen aus geronnenem Blute entstanden zu sein. Wie steht es mit der bitteren Galle? Wozu dient das Herz? Wir müßten uns denn der Ansicht jener anschließen, welche den Zornesaffekt in die Galle, die Furcht ins Herz, die Fröhlichkeit in die Milz verlegen.

Den Zweck der Leber aber will man darin finden, daß sie durch ihr Aufliegen und Erwärmen die Speisen im Magen zur Verdauung bringe; einige glauben, daß die Wollust in der Leber ihren Sitz habe.

Vorerst kann der menschliche Verstand das Wesen dieser Organe nicht begreifen, da deren Verrichtungen verborgen sind und deren Verwendung nicht vor die Augen tritt. Nach dem Obigen würden die sanftmütigen Tiere überhaupt keine Galle besitzen oder viel weniger als die wilden, die furchtsamen mehr Herz, die geilen mehr Leber, die mutwilligen mehr Milz.

So wie wir also merken, daß wir mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, mit der Nase riechen, so würden wir natürlich auch merken, daß wir mit der Galle zürnen, mit der Leber begehren, mit der Milz uns freuen.

Da wir aber durchaus nicht merken, woher jene Gefühle kommen, so kann es sein, daß sie sonstwo herkommen, und daß diese Eingeweide einen ganz anderen Zweck, den wir nicht im geringsten ahnen, haben. Indes können wir die Behauptung dieser Leute nicht als falsch erweisen. Aber alles, was die Erregungen des Geistes und der Seele anbelangt, ist so dunkel und hehr, daß die Erkenntnis hiervon außer dem Bereiche des menschlichen Verstandes liegt.

Das aber ist gewiß, daß so viele Dinge, so viele Organe die eine Aufgabe haben: nämlich die Existenz der Seele im Leibe zu ermöglichen. Die besondere Aufgabe eines jeden Organes jedoch, wer kann sie kennen als der Künstler, der allein sein Werk versteht?

Von der Stimme.

Wie können wir nun das Wesen der Stimme feststellen? Die Grammatiker zwar und die Philosophen definieren die Stimme als die vom Hauche erschütterte Luft [verberatum aerem definiunt], wovon der Begriff „verba“ [Wörter] stamme. Das ist offenbar falsch.

Denn die Stimme entsteht nicht außerhalb des Mundes, sondern innerhalb desselben, und es ist daher jene Ansicht wahrscheinlicher, daß der zusammengepreßte Hauch, wenn er an die Kehle anstößt, den Stimmlaut hervorrufe, gleichwie wenn man in eine offene, an die Lippen gehaltene Röhre den Atem hineinbläst. Indem nun dieser, vom hohlen Grunde reflektiert, den entgegenkommenden Hauch trifft [Schallwellen], hierauf nach außen dringt und in den tönenden Hauch übergeht, entsteht der Laut.

Ob dies wahr ist, mag der göttliche Meister selbst entscheiden. Denn die Stimme scheint nicht im Munde, sondern tief drinnen zu entstehen. Endlich kann auch bei geschlossenem Munde aus der Nase einigermaßen ein Laut dringen.

Ferner wird auch durch unser größtmögliches Schnaufen kein Ton hervorgebracht; dagegen kommt durch einen leichten, nicht gepreßten Hauch ein solcher zustande, so oft wir nur wollen. Es ist also noch nicht erforscht, wie die Stimme entsteht und was sie eigentlich ist.

Glaube aber nicht, daß ich mich jetzt auf den akademischen [d. h. skeptischen] Standpunkt stelle, da ja eben nicht alles unbegreiflich ist. Denn wie man zugestehen muß, daß man vieles nicht weiß, was Gott den Menschen verborgen wissen wollte, so muß man zugestehen, daß es vieles gibt, was mit den Sinnen und der Vernunft doch begriffen werden kann.

Doch darüber werden wir gegen die Weltweisen noch besonders handeln. Laßt uns nun zum Ende eilen!

Über den Geist und seinen Sitz.

Wer kennt nicht die Unbegreiflichkeit des Wesens des Geistes außer derjenige, der überhaupt keinen hat, da man ja nicht weiß, wo der Geist ist und wie er beschaffen ist? Verschiedenes ist nun von den Philosophen über sein Wesen und seinen Sitz gesagt worden.

Ich aber will es nicht verheimlichen, was ich denke, nicht deshalb, weil ich etwa behauptete, daß es wirklich so sich verhalte — das in einer zweifelhaften Angelegenheit zu tun, wäre nur Sache eines Toren —, sondern damit du nach Auseinandersetzung der Schwierigkeit der Sache die Größe der Gotteswerke einsiehst. Einige haben behaupten wollen, der Sitz des Geistes befinde sich in der Brust.

Wenn dem so ist, ein wie großes Wunder muß dann das sein, daß etwas im Dunkeln und Finstern Befindliches in so hellem Lichte der Vernunft und Einsicht erstrahle, und dann der Umstand, daß dorthin aus allen Teilen des Körpers die Sinne zusammenlaufen, so daß dasselbe in jedem Körperteile gegenwärtig erscheint!

Andere haben behauptet, der Sitz des Geistes sei im Gehirne. Und in der Tat haben diese Philosophen auf Wahrscheinlichkeit beruhende Beweisgründe erbracht. Es müsse doch selbstverständlich der Herrscher über den ganzen Körper zunächst im höchsten Teile desselben seinen Sitz haben, und es gebe nichts Höheres als das, was den ganzen Körper vernunftgemäß lenke, wie auch der Lenker und Herr der Welt selbst am höchsten throne.

Hernach weil alle Sinne, d. i. Organe, welche zum Hören, Sehen, Riechen dienen, am Kopfe sich befänden und ihre Bahnen nicht zur Brust, sondern sämtlich zum Gehirne führten; andernfalls wäre es nötig, daß wir langsamer fühlten, bis die Möglichkeit, fühlen zu können, erst den langen Weg durch den Hals hinab bis zur Brust machte.

Diese Leute gehen nicht viel in die Irre oder vielleicht gar nicht. Es scheint nämlich der Geist, welcher die Herrschaft über den Körper ausübt, zu oberst im Haupte seinen Sitz zu haben wie Gott im Himmel; wenn er aber in einem Gedanken sich aufhält, scheint er in die Brust herabzusteigen und gewissermaßen in ein geheimes Kabinett sich zu begeben, um den Ratschluß gleichsam aus einer verborgenen Schatzkammer hervorzuholen.

Daher pflegen wir auch, wenn wir angestrengt nachdenken und der beschäftigte Geist in die Tiefe sich vergräbt, weder zu hören noch zu sehen, was um uns vorgeht.

Falls dies nun so ist, so muß man sich selbstverständlich darüber wundern, wie das möglich ist, da vom Hirn zur Brust kein Weg offen steht; wenn das aber nicht so ist, so muß man sich nichtsdestoweniger wundern, daß es — ich weiß nicht, aus welcher göttlicher Erwägung — so den Anschein erregt.

Oder muß man sich nicht darüber wundern, daß jener lebendige und himmlische Sinn, welcher Verstand oder Geist heißt [mens vel animus nuncupatur], von solcher Rührigkeit ist, daß er nicht einmal dann, wenn er in Schlaf gewiegt ist, ruht, daß er solche Schnelligkeit besitzt, daß er, wenn er will, in einem Augenblicke den Himmel durchwandert, Meere durchfliegt, Länder und Städte durchzieht, endlich nach Belieben alles, wie weit und breit es auch entfernt sein mag, sich gegenwärtig macht?

Und da kann sich einer noch wundern, daß der göttliche Geist voller Aufmerksamkeit die ganze Welt durchstreift, alles regiert, alles lenkt, überall gegenwärtig, überall verbreitet ist, da schon die Fähigkeit des menschlichen Geistes, der doch im sterblichen Körper eingeschlossen ist, so groß ist, daß er nicht einmal durch den trägen, schwerfälligen Körper, mit dem er verbunden ist, in Schranken gehalten werden kann, ohne sich ruhelos freier Bewegung hinzugeben!

Sei es nun, daß der Geist im Kopfe, sei es, daß er in der Brust seinen Sitz hat, kann es jemand begreifen, was für eine vernünftige Macht es bewirkt, daß jener unbegreifliche Sinn entweder im Hirn seinen Sitz hat oder in jenem zweifachen Blute, das sich im Herzen findet, ohne daraus allein schon die Größe der göttlichen Macht zu erschließen, und dies aus dem Grunde, weil der Geist sich selbst nicht sieht, noch wie er ist und wo er ist, und daß, selbst wenn er sich sähe, er es gleichwohl nicht begreifen könnte, auf welche Weise eine körperliche Sache mit einer unkörperlichen verbunden sein kann?

Mag nun aber auch der Geist keinen bestimmten Sitz haben, sondern im ganzen Körper verbreitet sein, was auch der Fall sein könnte und auch von Platons Schüler Xenokrates dargelegt worden ist, da ja das Gefühl in jedem beliebigen Teile des Körpers sich findet, so ist doch die Erkenntnis des Wesens des Geistes unmöglich, da seine Natur so zart und fein ist, daß er, mit den materiellen Eingeweiden vereinigt, mit einem lebendigen und gewissermaßen feurigen Gefühle sich mitteilt.

Davor aber hüte dich, die Behauptung des Aristoxenus jemals für wahrscheinlich zu halten, daß der Geist überhaupt nichts Reelles sei, sondern daß, wie die Harmonie beim Saitenspiel, das Denken von der Körperbeschaffenheit und der Zusammensetzung der Organe abhänge. Die Musiker nämlich nennen das Zusammenstimmen zu einer Melodie ohne Mißton Harmonie.

Sie sind nämlich der Ansicht, daß der Geist im Menschen etwas Ähnliches sei wie die Harmonie beim Saitenspiele, in der Weise nämlich, daß die feste Verbindung der einzelnen Körperteile und die sich äußernde Harmonie aller Organe jene geistige Bewegung und somit den Geist hervorbringe, wie gestimmte Saiten den Einklang bewirken.

Und wie bei den Saiten das ganze Spiel aufhöre, wenn etwas gebrochen oder eine Saite zu wenig gespannt sei, so gehe auch am Leibe, wenn irgendwelche Organe Schaden genommen hätten, das Ganze zugrunde, und wenn alles dahin sei, so vergehe der Geist, und das heiße der Tod.

Indes, wenn dieser Mann nur ein bißchen Verstand gehabt hätte, so hätte er niemals die Harmonie der Saiten auf den Menschen übertragen. Denn die Saiten können nicht selber spielen, so daß hierin ein Vergleich mit einem Lebewesen stattfinden könnte; der Geist aber denkt sowohl als ist er auch tätig.

Wenn es in uns etwas der Harmonie Ähnliches gebe, so würde es wohl durch äußeren Anstoß bewegt werden müssen, wie die Saiten von den Händen, die ohne das Spiel des Künstlers ruhen.

Aber jener [Aristoxenus] hätte freilich mit der Hand gestoßen werden müssen, da sein Geist infolge schlechter Fügung der Organe stumpf war.

Von der Seele und den Ansichten der Philosophen über deren Wesen.

Es erübrigt nun noch, von der Seele zu sprechen, obschon ihr Wesen unbegreiflich ist. Desungeachtet sehen wir die Unsterblichkeit der Seele gar wohl ein, weil das, was da lebt und sich immer durch sich selbst bewegt und nicht gesehen oder berührt werden kann, notwendigerweise unsterblich sein muß.

Was aber die Seele ist, darüber sind die Philosophen nicht einig, noch dürften sie es jemals werden. Einige haben behauptet, sie bestehe aus Blut, andere, sie bestehe aus Feuer, andere, sie bestehe aus Luft [Wind], woher das Wort anima oder animus [Seele, Geist] stammt, weil im Griechischen ventus [Wind]ἄνεμος heißt. Von diesen Philosophen scheint keiner eine annehmbare Definition gegeben zu haben.

Wenn auch das Blut entweder durch eine Wunde ausgeflossen oder durch Fieberhitze aufgezehrt worden ist und die Seele daher zu erlöschen scheint, so darf man doch nicht sofort das Wesen der Seele in das Blut verlegen, gerade so, wie wenn gefragt würde, was denn das Licht sei, das wir gebrauchen, und man zur Antwort bekäme, es sei dies das Öl, weil nach Aufzehrung desselben das Licht erlischt, obschon dies selbstverständlich verschiedene Dinge sind und das eine bloß die Nahrung des anderen bildet. Es scheint also die Seele dem Lichte ähnlich zu sein, da sie selbst nicht aus Blut besteht, sondern durch das Blut bloß genährt wird wie das Licht durch das Öl.

Diejenigen aber, welche sie für Feuer erklärten, bedienten sich dieses Beweisgrundes: daß nämlich der Leib in Anwesenheit der Seele warm sei, daß er aber erkalte, wenn sie geschwunden sei. Das Feuer jedoch ist ohne Gefühl, ist sichtbar und brennt, wenn man es anrührt, die Seele aber besitzt Gefühl, ist unsichtbar und brennt nicht. Daraus ergibt sich, daß die Seele etwas Gott Ähnliches ist.

Diejenigen aber, welche sie für Luft ansehen, lassen sich dadurch täuschen, daß wir, indem wir atmen, zu leben scheinen. Varro nun definiert die Seele also: Die Seele ist Luft, eingeatmet mit dem Munde, erwärmt in der Lunge, abgekühlt im Herzen, verteilt im Körper.

Das ist offenbar ganz falsch. Denn nach meiner Meinung ist das Wesen dieser Dinge nicht gar so unklar, daß man nicht einmal einsehen sollte, was nicht der Fall sein könne. — Wenn mir jemand sagte, der Himmel sei aus Erz oder Glas, oder wie Empedokles behauptet, er bestehe aus eisiger Luft, werde ich dem sofort zustimmen, weil ich nicht weiß, aus welchem Stoffe der Himmel besteht? So wie ich dies nicht weiß, so weiß ich das andere.

Die Seele ist nicht die mit dem Munde eingesogene Luft, da die Seele viel früher da ist, als sie Luft schnappen kann. Denn nicht nach der Geburt kommt die Seele in den Körper, sondern gleich nach der Empfängnis, wenn die göttliche Vorsehung die Frucht im Leibe gestaltet, da diese solche Lebensäußerungen im Leibe der Mutter macht, daß sie sowohl wächst als auch mit häufigen Stößen aufzuspringen sucht. Schließlich muß es zu einem Abortus kommen, wenn das Wesen drinnen tot ist.

Die andere Definition aber geht mit ihrer Behauptung darauf hinaus, daß wir die neun Monate im Mutterleibe tot gewesen seien. Keine von diesen drei Meinungen ist also die richtige.

Das jedoch darf man nicht behaupten, daß diejenigen, die diesen verschiedenen Ansichten gehuldigt haben, ganz Unrecht hätten; denn wir leben zugleich durch das Blut, durch die Wärme und durch den Atem. Wenn aber die Seele auch durch Vereinigung aller dieser drei Dinge im Körper besteht, so haben sie doch nicht definiert, was sie ist, weil ihr Wesen ebensowenig definiert als gesehen werden kann.

Über die Seele und den Geist und deren Affekte.

Es folgt eine andere, und zwar unlösbare Frage, ob Seele und Geist ein und dasselbe sind oder ob etwas anderes das sei, wodurch wir leben, etwas anderes aber das, womit wir fühlen oder denken. Beweisgründe gibt es für beide Ansichten.

Die, welche die Identität beider behaupten, gehen von dem Grundsatze aus, daß weder das Leben ohne Fühlen noch das Fühlen ohne Leben möglich sei; daher könne das nicht verschieden sein, was nicht getrennt werden könne, sondern was immer jenes sein möge, es bilde sowohl das Prinzip des Lebens als des Denkens. Demnach gebrauchen die beiden epikureischen Dichter animus [Geist] und anima [Seele, Lebensprinzip] ohne Unterschied.

Diejenigen aber, die beide als verschieden erklären, führen den Beweis also: Daß der Geist etwas anderes sei als die Seele [bloß vegetatives Lebensprinzip], könne man daraus erkennen, daß der Geist verloren gehen könne, während die Seele wohlbehalten sei, was ja bei den Wahnsinnigen zutreffe, ferner daraus, daß die Seele durch den Tod zur Ruhe komme, der Geist aber durch den Schlaf, und zwar so, daß er nicht wisse, was er tue oder wo er sei, sondern daß er auch durch eingebildete Vorstellungen getäuscht werde.

Man kann zwar das „Wie“ dieses Vorganges nicht erklären, wohl aber das „Warum“. Wir können nämlich nicht schlafen, wenn der Geist nicht mit Vorstellungen beschäftigt ist. Vom Schlafe überwältigt, ist der Geist verborgen wie das Feuer unter der Asche. Entfernt man diese, so flackert es wieder auf und erwacht sozusagen.

Der Geist wird also durch Bilder abgelenkt [avocatur], bis die Glieder, durch den Schlummer erfrischt, zu neuem Leben erwachen. Wenn aber der Geist wacht, so ist der Körper, mag er auch unbeweglich daliegen, noch nicht ruhig, da der Geist wie eine Flamme in ihm flackert und schwirrt und alle Organe in Spannung erhält.

Sobald aber der Geist [Verstand] von dieser Anspannung zur Betrachtung der Bilder sich wendet, dann erst gibt sich der Leib vollständig der Ruhe hin,

Veranlaßt aber wird der Geist dazu durch unklare [Phantasie-]Vorstellungen, wenn er nämlich beim Herannahen der Finsternis mit sich allein zu sein anfängt. Während er auf seine Gedanken achtet, kommt der Schlaf, und die Vorstellung zieht allmählich das am nächsten damit Verwandte in ihren Kreis.

So fängt er auch an, das zu sehen, was er sich vorgestellt hatte. Dann geht er weiter und sucht sich Erholung, um nicht die so notwendige Ruhe des Körpers zu stören. Denn wie der Geist tagsüber mit wirklichen Vorstellungen sich abgibt, um nicht in Schlaf zu verfallen, so des Nachts mit imaginären, um nicht zu erwachen. Wenn er nämlich keine Bilder sähe, müßte er entweder wachen oder tot sein.

Des Schlafes wegen ist also der Traum von Gott geschenkt, und zwar allen Lebewesen gemeinsam, dem Menschen aber in der Weise noch ganz besonders, daß Gott, während er den übrigen Lebewesen diese psychische Tätigkeit der nötigen Ruhe wegen schenkte, sich die Möglichkeit vorbehielt, den Menschen über Zukünftiges im Traume zu belehren.

Denn auch die Geschichte bezeugt oftmals, daß es Träume gegeben hat, deren Erfolg augenblicklich und wunderbar gewesen ist, und die Aussprüche unserer Seher haben zum Teile aus Träumen bestanden.

Daher sind sie weder immer wahr noch immer unwahr nach dem Ausspruche des Vergil, der zwei Tore für die Träume annahm. Die, welche unwahr sind, scheinen des Schlafes wegen zu kommen, die wahren Träume aber werden von Gott gesandt, damit wir ein bevorstehendes Glück oder Unglück durch diese Offenbarung erfahren.

Die Seele, ein Geschenk Gottes.

Auch das kann in Frage kommen, ob die Seele vom Vater oder in höherem Grade von der Mutter oder von beiden ihren Ursprung habe. Gegen diese Behauptungen muß ich mit vollem Rechte in doppelter Hinsicht Verwahrung einlegen.

Keiner von diesen drei Fällen trifft zu, weil weder von beiden noch von einem der beiden Teile der Same stammt. Der Körper kann wohl von einem Körper stammen, weil beide Teile etwas dazu beitragen; von den Seelen aber kann die Seele nicht stammen, da von etwas Immateriellem und Unbegreiflichem sich nichts abscheiden kann.

Demnach kommt die Bildung der Seelen Gott allein zu.
„Endlich stammen wir alle vom himmlisch göttlichen Samen,
Alle besitzen den nämlichen Vater“,
so lauten Lukrezens Worte. Denn von Sterblichen kann nur Sterbliches gezeugt werden, und es darf derjenige durchaus nicht für den Vater angesehen werden, der nicht merkt, daß er von seiner Seele die Seele ergossen oder eingehaucht habe und der es dennoch nicht begreift, auch wenn er es merkte, wann und wie das geschieht.

Daraus ergibt sich, daß nicht die Eltern die Seele geben, sondern Gott, der eine und derselbe Vater aller, der da Herr ist über die Zeugung, da er allein sie bewirkt. Denn dem irdischen Erzeuger kommt bloß die von Wollust begleitete Begattung zu. Dabei bleibt der Mensch stehen, sein Wirken geht nicht weiter, und darum wünschen sie die Geburt von Kindern, da sie dieselben nicht selbst schaffen.

Alles übrige kommt Gott zu, nämlich die Empfängnis selber, die Bildung des Körpers, das Einhauchen der Seele, die glückliche Geburt und dann alles, was zur Erhaltung des Menschen dient. Sein Geschenk ist es, daß wir atmen, leben und gesund sind.

Denn außerdem, daß wir durch seine Güte gesund sind und daß er uns den Lebensunterhalt aus den verschiedensten Dingen gewährt, hat er dem Menschen auch Verstand verliehen, was der irdische Vater ganz und gar nicht kann; daher stammen oft von Weisen Schwachsinnige und von Schwachsinnigen Weise. Einige schreiben diesen Umstand dem Schicksal und den Gestirnen zu.

Hier jedoch ist nicht der Ort, um vom Schicksal zu sprechen; es genügt, zu sagen, daß auch die Gestirne einen Einfluß auf die Dinge ausüben, daß aber nichtsdestoweniger Gott alles dieses tut, der die Gestirne selber geschaffen und ihnen ihre Bestimmung angewiesen hat. Toren also sind die, welche die Macht Gott nehmen und den Gestirnen zuweisen.

Ob wir nun dieses herrliche Geschenk [die Vernunft] recht gebrauchen, das hat er uns überlassen. Nachdem er dies gegeben, hat er den Menschen durch die von Christus geoffenbarte Religion verpflichtet, damit er das ewige Leben erlange.

Groß ist die Macht des Menschen, groß das Erlösungswerk, groß das Geheimnis der Gnade. Wer hiervon nicht abweicht, seinen Glauben und seine Gottergebenheit nicht preisgibt, der ist glücklich, der muß, um mich kurz zu fassen, Gott ähnlich sein.

Es irrt, wer den Menschen nur nach dem Fleische beurteilt; denn dieser Leib bildet bloß die Wohnung des Menschen. Denn der Mensch selber kann weder betastet, noch geschaut, noch begriffen werden, da er hinter der sichtbaren Hülle verborgen ist. Wenn er in diesem Leben, das seine Natur erfordert, üppig und wollüstig gewesen ist, wenn er mit Geringschätzung der Tugend den Lüsten des Fleisches sich hingegeben hat, so fällt er und sinkt er zur Erde; wenn er aber an seiner wahren Bestimmung herzhaft und unverrückt festhält, wenn er nicht ein Sklave der Welt, die er mit Füßen treten und besiegen soll, gewesen ist, so wird er das ewige Leben erlangen.

Über sich selbst und über die Wahrheit.

Demetrianus, dies habe ich dir einstweilen mit wenigen Worten und vielleicht etwas dunkler, als es sich geziemt hätte, nach Maßgabe des Gegenstandes und der Zeitverhältnisse mitgeteilt, und du wirst dich damit zufrieden geben müssen, da du noch einmal, falls der Himmel es gewährt, mehr und Besseres lesen sollst. Dann werde ich dich zur wahren Philosophie, und zwar vollkommener und besser aufmuntern.

Ich habe nämlich beschlossen, alles, was zum ewigen Leben gehört, so viel wie möglich schriftlich niederzulegen, und zwar gegen die Philosophen, die eine ernste Gefahr für die Reinerhaltung der Wahrheit bedeuten.

Denn die außerordentliche Macht der Beredsamkeit, die Feinheit der Beweisführung und Dialektik kann leicht einen berücken. Diese werden wir teils mit unseren Waffen, teils mit denen, die aus ihren gegenseitigen Widersprüchen genommen sind, besiegen, damit es sich herausstelle, daß sie den Irrtum mehr heraufbeschworen als behoben haben.

Vielleicht befremdet es dich, daß ich mich an ein so großes Werk wage. Sollen wir zugeben, daß die Wahrheit unterdrückt und vernichtet werde? Ich möchte unter dieser Last sogar lieber hinsinken.

Denn wenn sogar M. Tullius, dieser große Redner, oft Ungelehrten und Ungebildeten, weil diese für die Wahrheit kämpften, unterlegen ist, weshalb sollten wir daran verzweifeln, daß die Wahrheit gegen die trügerische und berückende Beredsamkeit, mit der ihr eigenen Kraft und Herrlichkeit nicht aufkommen werde?

Jene zwar pflegen sich als Vertreter der Wahrheit zu gebärden: Wer aber kann etwas verteidigen, was er nicht kennt, oder andern etwas klar machen, was er selbst nicht weiß?

Ich scheine etwas Großes zu versprechen, aber es bedarf nur der göttlichen Gnade, daß uns die Möglichkeit und die Zeit geboten sei, den Vorsatz auszuführen.

Wenn der Weise sich das Leben wünschen soll, so möchte ich wahrlich aus keinem andern Grunde zu leben wünschen, als um ein Werk zu vollbringen, das des Lebens wert wäre, und das den Lesern, wenn schon nicht für die Beredsamkeit, da der Strom der Rede bei mir nur spärlich fließt, so doch fürs Leben Nutzen schaffen möchte. Das ist das einzig Richtige.

Gelingt mir dies, so glaube ich genug gelebt und meine Pflicht als Mensch erfüllt zu haben, wenn ich einige Menschen vom Irrtum befreit und ihnen den Weg zum Himmel gewiesen habe.

 

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