Mahnrede an die Heiden

Von Clemens von Alexandrien (vor 215/16)

1. Kapitel

Amphion aus Theben und Arion aus Methymna waren beide Sänger [aber beide sind Sage; und noch jetzt wird das Lied von ihnen in griechischem Chor gesungen]; mit Musik lockte der eine von ihnen einen Fisch herbei, mit Musik erbaute der andere die Mauern von Theben. Und ein anderer Künstler, ein Thraker [das ist eine andere griechische Sage], zähmte durch bloßen Gesang die wilden Tiere; ja sogar die Bäume, die Eichen, verpflanzte er durch seine Musik.

Ich kann dir auch noch einen anderen, diesen verwandten Mythus und Sänger anführen, den Lokrer Eunomos und die pythische Zikade. Ein griechisches Fest wurde zu Ehren des toten Drachen in Pytho [Delphi] gefeiert, und Eunomos sang das Grablied des Lindwurms; ob der Gesang ein Preis- oder Trauerlied auf die Schlange war, weiß ich nicht zu sagen; doch es war ein Wettkampf, und es spielte Eunomos die Zither zur Zeit der Sommerhitze, wo die Zikaden im Gebirge an der Sonne sich wärmten und unter den Blättern zirpten. Sicher aber sangen sie nicht dem toten Drachen von Pytho, sondern dem allweisen Gott zu Ehren ihr Lied nach eigener Weise, besser als des Eunomos Weisen. Da reißt dem Lokrer eine Saite; die Zikade fliegt auf den Steg der Leier und zirpt auf dem Instrument wie auf einem Zweige; und indem sich der Sänger dem Gesang der Zikade anpaßte, ergänzte er die fehlende Saite.

Also nicht durch das Spiel des Eunomos wird die Zikade herbeigelockt, wie die Sage will, die in Pytho den Eunomos samt seiner Leier und seine Gehilfin im Wettkampf in Erz aufstellen ließ. Vielmehr fliegt sie aus freien Stücken herbei und singt aus freien Stücken; die Griechen aber glauben, daß sie bei der musikalischen Aufführung mitgewirkt habe.

Wie kommt es denn, daß ihr so nichtigen Sagen Glauben geschenkt habt und annehmt, daß durch Musik die Tiere bezaubert werden, während ihr der Wahrheit glänzendes Antlitz allein, wie es scheint, für geschminkt haltet und mit ungläubigen Augen betrachtet? Der Kithairon und der Helikon und die odrysischen und thrakischen Berge, Weihestätten des Trugs, sind wegen ihrer Mysterien für heilig gehalten und in Hymnen gefeiert.

Mir ist es, wenn es auch nur Sagen sind, unerträglich, daß so viele Unfälle zu Tragödien ausgestaltet werden; euch aber sind die Erzählungen von Unglücksfällen zu Dramen geworden, und die Darsteller dieser Dramen bieten euch ein herzerquickendes Schauspiel. Doch wir wollen einmal die Dramen und die schwärmenden Dichter, die bereits völlig trunkenen, mit Epheu bekränzten, die in bakchischer Raserei gänzlich von Sinnen gekommen sind, samt den Satyrn und dem rasenden Schwarm und zusammen mit der übrigen Schar der Dämonen in Helikon und Kithairon einsperren, die selbst alt geworden sind; dagegen wollen wir von oben aus dem Himmel herabführen die Wahrheit zusammen mit leuchtender Weisheit auf den heiligen Berg Gottes und dazu die heilige Schar der Propheten.

Die Wahrheit aber, die ein über alle Maßen glänzendes Licht ausstrahlen läßt, erleuchte allenthalben die, welche in Dunkelheit sich wälzen, und erlöse die Menschen vom Irrtum, indem sie ihnen ihre starke Rechte, d. i. die Erkenntnis, zum Heile hinstrecke! Sie aber mögen ihre Augen erheben und emporblicken und den Helikon und Kithairon verlassen und Zion bewohnen; „denn von Zion wird ausgehen das Gesetz und das Wort des Herrn von Jerusalem“, das himmlische Wort, der wahre Streiter im Wettkampf, der auf dem Theater der ganzen Welt den Siegeskranz erhält.

Mein Eunomos singt freilich nicht die Weise des Terpandros und nicht die des Kapion, auch keine phrygische oder lydische oder dorische Tonart, sondern der neuen Harmonie ewige Melodie, die von Gott ihren Namen hat, das neue Lied, das Lied der Leviten; ein süßes und wirksames Mittel gegen Leid,
„Lindernd den Schmerz und den Groll, das vergessen macht jegliches Leiden“,
ist diesem Liede beigemischt.

Nach meiner Ansicht waren jener Thraker und der Thebaner und der Methymnäer, Männer, nicht würdig dieses Namens, in Wahrheit Betrüger, die unter dem Deckmantel der Musik Unheil über das Menschenleben brachten und, selbst von kunstvoller Zauberei wie von einem Dämon zum Verderben besessen, Freveltaten in ihren Orgien feierten, menschliches Leid zum Gegenstand göttlicher Verehrung machten und so zuerst die Menschen zum Götzendienst verführten, ja in der Tat mit Stein und Holz, d. i. mit Statuen und Bildern, die Verkehrtheit heidnischer Religion aufbauten und jene wahrlich herrliche Freiheit derer, die unter dem Himmel als freie Bürger lebten, durch ihre Lieder und Zaubergesänge unter das Joch der äußersten Sklaverei spannten.

Aber nicht so ist mein Sänger; er ist gekommen, um binnen kurzem die bittere Knechtschaft der tyrannischen Dämonen zu zerstören; und indem er uns zu dem sanften und menschenfreundlichen Joche der Frömmigkeit hinführt, ruft er die auf die Erde Geschleuderten zum Himmel zurück.

Er allein unter allen, die je lebten, zähmte die wildesten Tiere, die Menschen, sowohl Vögel, das sind die Leichtfertigen, als kriechende Tiere, das sind die Betrüger, und Löwen, das sind die Jähzornigen, und Schweine, das sind die Wollüstigen, und Wölfe, das sind die Raubgierigen. Stein und Holz aber sind die Unvernünftigen; ja noch gefühlloser als Stein ist ein Mensch, der in Torheit versunken ist.

Als Zeugen wollen wir aufrufen das Prophetenwort, das, übereinstimmend mit der Wahrheit, die beklagt, die in Torheit und Unverstand zermürbt sind: „denn Gott vermag aus diesen Steinen Abraham Kinder zu erwecken“. Er erbarmte sich der großen Unwissenheit und Herzenshärtigkeit derer, die gegen die Wahrheit versteinert waren, und erweckte aus jenen Steinen, aus den an Steine glaubenden Heiden, einen Samen der Frömmigkeit, empfänglich für die Tugend.

Hinwiederum hat er einige giftige und heimtückische Heuchler, die der Gerechtigkeit auflauerten, einmal „Otterngezücht“ genannt; aber auch wenn von diesen als Schlangen Bezeichneten einer aus freien Stücken Buße tut und dem Logos folgt, wird er ein „Mensch Gottes“. Wieder andere nennt er mit einem bildlichen Ausdruck „Wölfe, die in Schaffelle gekleidet sind“, womit er die Raubtiere in Menschengestalt meint. Alle diese wilden Tiere aber und die harten Steine verwandelte das himmlische Lied selbst in sanfte Menschen.

„Denn auch wir, auch wir waren ehedem unverständig, ungehorsam, verirrt, den Lüsten und mancherlei Begierden dienend, und wandelten in Bosheit und Neid, waren verhaßt und haßten einander“, wie das Apostelwort sagt; „als aber die Güte und Freundlichkeit Gottes unseres Heilandes erschien, rettete er uns nicht auf Grund von Werken der Gerechtigkeit, die wir getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit“. Sieh, was das neue Lied vollbrachte: Menschen hat es aus Steinen, Menschen aus Tieren gemacht. Und die sonst wie tot waren und keinen Anteil am wahren Leben hatten, sie wurden wieder lebendig, sobald sie nur Hörer des Gesanges geworden waren.

Dieser gab auch dem All eine harmonische Ordnung und stimmte den Mißklang der Elemente zu geordnetem Wohlklang, damit die ganze Welt ihm zur Harmonie werde; und das Meer ließ er ungefesselt, verbot ihm aber, das Land zu überfluten; und wiederum legte er die Erde, die frei umhertrieb, vor festen Anker und machte sie zur starken Grenze des Meeres; ja auch des Feuers Ungestüm milderte er durch Luft, indem er gleichsam dorische und lydische Melodie vermischte; und die rauhe Kälte der Luft linderte er durch die Beifügung des Feuers, indem er so diese äußersten Töne des Alls harmonisch verband.

Und dieses reine Lied, die feste Grundlage des Alls und die Harmonie der Welt, die sich von der Mitte bis an die Enden und von den äußersten Grenzen bis in die Mitte erstreckt, hat dieses All harmonisch gemacht, nicht nach Art der Musik des Thrakers, die der des Jubal ähnlich ist, sondern nach dem väterlichen Willen Gottes, den David zu erfüllen bestrebt war.

Der göttliche Logos aber, der von David stammt und doch vor ihm war, verschmähte Lyra und Harfe, die leblosen Instrumente, erfüllte durch den Heiligen Geist diese Welt und dazu auch die Welt im Kleinen, den Menschen, seine Seele und seinen Leib, mitHarmonie und preist Gott mit diesem vielstimmigen Instrument und singt zu dem Instrument, dem Menschen. „Denn du bist mir Harfe und Flöte und Tempel“, Harfe wegen der Harmonie, Flöte wegen des Geistes, Tempel wegen des Logos, damit die Harmonie die Harfe schlage, der Geist die Flöte blase, der Tempel den Herrn aufnehme.

Ja, der König David, der Harfenspieler, den wir soeben erwähnten, ermahnte zur Wahrheit, mahnte ab vom Götzendienst und war weit davon entfernt, die Dämonen zu besingen, die er vielmehr durch wahre Musik verscheuchte, wie er auch allein durch seinen Gesang den Saul heilte, als er von jenen besessen war. Zu einem schönen, von Geist erfüllten Instrument hat der Herr den Menschen gemacht nach seinem Bilde; denn auch er selbst ist ein melodisches und heiliges Instrument Gottes voll Harmonie, überweltliche Weisheit, himmlischer Logos.

Was will nun dieses Instrument, der göttliche Logos, der Herr und das neue Lied? Die Augen der Blinden öffnen und die Ohren der Tauben auftun und die Hinkenden und Verirrten zur Gerechtigkeit führen, den unverständigen Menschen Gott zeigen, dem Verderben ein Ende machen, den Tod besiegen, ungehorsame Söhne mit dem Vater aussöhnen.

Menschenfreundlich ist das göttliche Instrument; der Herr zeigt Erbarmen, erzieht, ermahnt, warnt, rettet, bewahrt; und zum Lohn dafür, daß wir seine Jünger werden, verheißt er uns noch zum Überfluß das Himmelreich, indem er nichts von uns haben will als unsere Rettung. Denn die Bosheit nährt sich vom Verderben der Menschen; die Wahrheit aber richtet wie die Biene nirgends Schaden an und freut sich allein am Heil der Menschen.

Du hast also die Verheißung, du siehst die Güte; ergreife die Gnade! Und mein heilbringendes Lied halte nicht in dem Sinn für neu wie ein neues Gefäß oder ein neues Haus! Denn „vor dem Morgenstern“ war es, und „im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. Aber als alt erscheint der Irrtum, als etwas Neues die Wahrheit.

Mögen nun die Phryger durch die Ziegen, von denen die Sage erzählt, als uralt bekundet werden oder die Arkader durch die Dichter, die dies Volk „älter als der Mond“ nennen, oder wieder die Ägypter durch die, welche sich einbilden, daß deren Land zuerst Götter und Menschen erzeugt habe, so war doch sicherlich von allen diesen kein einziger vor dieser Welt da; wir aber waren vor der Grundlegung der Welt, wir, die wir, weil wir in ihm zu sein bestimmt waren, für Gott schon zuvor geschaffen waren, wir, des göttlichen Logos vernünftige Geschöpfe, die wir durch ihn uralt sind; denn „im Anfang war das Wort“.

Weil aber der Logos von Anfang an war, war und ist er der göttliche Anfang aller Dinge. Weil er aber jetzt den von alters her geheiligten und seiner Macht würdigen Namen Christus angenommen hat, habe ich ihn das neue Lied genannt.

Diesem Logos also, dem Christus, verdanken wir sowohl das Sein von alters her [denn er war in Gott] als auch das Wohlsein; aber erst jetzt erschien den Menschen eben dieser Logos, der allein beides ist, Gott und Mensch, er, dem wir alles Gute zu verdanken haben. Er lehrt uns, gut zu leben, und geleitet uns zum ewigen Leben.

Denn nach den Worten jenes gotterleuchteten Apostels des Herrn „erschien die rettende Gnade Gottes allen Menschen und erzieht uns, daß wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste verleugnen und züchtig, gerecht und fromm in der Jetztzeit leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus“.

Dies ist das neue Lied, die jetzt bei uns aufleuchtende Erscheinung des Logos, der im Anfang und noch zuvor war. Es erschien aber erst jüngst er, der zuvor war, als Heiland; es erschien der, der im Seienden war [denn „das Wort war bei Gott“], als Lehrer; es erschien der, durch den alles geschaffen ist, als Logos; und nachdem er als Schöpfer im Anfang zugleich mit der Erschaffung das Leben geschenkt hatte, lehrte er, nachdem er als Lehrer erschienen war, das gut Leben, damit er uns später das ewige Leben gewähre.

Er hatte aber nicht erst jetzt wegen unseres Irrwegs Mitleid mit uns, sondern gleich von Anfang an; jetzt aber hat er uns, die wir bereits in Gefahr waren, verloren zu gehen, durch seine Erscheinung gerettet. Denn die boshafte Schlange knechtet und quält durch ihre Zauberei die Menschen noch jetzt, indem sie an ihnen, wie mir scheint, die gleiche Todesstrafe vollzieht wie jene Barbaren, die ihre Kriegsgefangenen an Leichen fesseln sollen, bis sie mit diesen zusammen verwesen.

Denn dieser boshafte Tyrann, die Schlange, hat alle, die er von Geburt an sich zu eigen machen konnte, durch die unselige Fessel des Aberglaubens an Stein und Holz und Bildsäulen und Götzenbilder aus solchen Stoffen gebunden und hat so, wie es im Sprichwort heißt, die Lebenden mit den Toten in ein Grab geworfen, damit sie mit ihnen zusammen verwesen.

Deswegen, wie einer der Betrüger ist, der im Anfang die Eva, jetzt aber auch die übrigen Menschen in den Tod führt, so ist auch ein und derselbe unser Helfer und Retter, der Herr, der von Anfang an sich durch die Propheten kundgab, jetzt aber auch selbst erschienen ist und zum Heile einlädt.

Laßt uns also, gehorsam der Mahnung des Apostels, „fliehen vor dem Herrscher des Reiches der Luft, des Geistes, der jetzt in den Söhnen des Ungehorsams wirksam ist;“ und laßt uns eilen zu unserem Heiland, dem Herrn, der jetzt und immer uns zum Heile mahnte, durch Wunder und Zeichen in Ägypten, in der Wüste durch den Dornbusch und die dank seiner Güte den Hebräern wie eine Dienerin folgende Wolke!

Durch die Furcht, die hiervon ausging, mahnte er die Hartherzigen; weiterhin aber lenkt er durch den mit aller Weisheit gezierten Moses und den Freund der Wahrheit Jesaias und die ganze Schar der Propheten in einer mehr an den Verstand sich wendenden Weise die, die Ohren zum Hören haben, hin zum Logos; und manchmal schilt er, manchmal droht er auch; über einzelne Menschen weint er auch; andere wieder läßt er ein Lied hören, wie ein guter Arzt, der bei kranken Körpern bald ein Pflaster auflegt, bald etwas einreiben, bald eine Übergießung machen läßt, manchmal aber auch das Messer oder das Feuer oder die Säge verwendet, wenn es nur mit dem Verlust eines Teiles oder Gliedes möglich ist, den Menschen zu heilen.

Ja vielerlei Stimmen und mancherlei Weisen verwendet der Heiland zum Heil der Menschen; drohend warnt er, scheltend bringt er zur Umkehr; weinend zeigt er sein Mitleid, mit Gesang tröstet er, durch den Dornbusch redet er [denn jene Leute brauchten Zeichen und Wunder]; und durch das Feuer schreckt er die Menschen, indem er aus der Wolkensäule die Flamme hervorbrechen läßt, ein Zeichen zugleich der Gnade und des Schreckens: wenn du gehorchst, das Licht, wenn du nicht gehorchst, das Feuer. Da aber das Fleisch mehr wert ist als Säule und Dornbusch, reden nach jenen die Propheten; der Herr selbst spricht in Jesaias, er selbst in Elias, er selbst durch den Mund der Propheten.

Wenn du aber den Propheten nicht glaubst und sie ebenso wie die Feuersäule für eine Sage hältst, so wird der Herr selbst zu dir sprechen, er, „der, obwohl er in göttlicher Gestalt war, es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst entäußerte“, der barmherzige Gott, voll Verlangen, den Menschen zu retten. Und jetzt redet der Logos selbst zu dir in eigener Person und beschämt deinen Unglauben, ja fürwahr, sage ich, der göttliche Logos, der Mensch wurde, damit du in der Tat auch durch einen Menschen erfahrest, wie denn ein Mensch Gott werden kann.

Ist es da nicht unbegreiflich, Geliebte, daß Gott uns immer zur Tugend antreibt, wir aber uns seiner Wohltat entziehen und unser Heil von uns weisen? Oder lädt denn nicht auch Johannes zum Heile ein und wird er nicht ganz und gar eine Stimme der Mahnung? Laßt uns ihn fragen: „Was für ein Mensch bist du und woher?“ „Elias“ wird er nicht sagen, und Christus zu sein in Abrede stellen; aber „eine in der Wüste rufende Stimme“ wird er sich nennen. Wer ist also Johannes? Um es kurz zu fassen, wollen wir sagen: „Die mahnende Stimme des Logos, die in der Wüste ruft.“ Was rufst du, Stimme? „Sag es auch uns!“ „Macht gerade die Wege des Herrn!“

Ein Vorläufer ist Johannes und seine Stimme eine Vorläuferin des Logos, eine einladende Stimme, vorbereitend zum Heil, eine Stimme, aufmunternd zum Erbe des Himmels, durch die die Unfruchtbare und Verlassene nicht mehr kinderlos ist. DieseFruchtbarkeit verkündete mir des Engels Stimme; auch sie war eine Vorläuferin des Herrn, da sie einem unfruchtbaren Weibe frohe Botschaft brachte, wie Johannes der unfruchtbaren Wüste.

Wegen dieser Stimme des Logos wird also die Unfruchtbare zur glücklichen Mutter und trägt die Wüste Früchte. Die beiden dem Herrn vorhergehenden Stimmen, die des Engels und die des Johannes, scheinen mir auf das für uns im voraus bereitgestellte Heil hinzuweisen, so daß wir nach Erscheinung dieses Logos die Frucht des Kindersegens ernten, ewiges Leben.

Denn indem die Schrift beide Stimmen in eins zusammenfaßt, macht sie das Ganze deutlich: „Es höre die, welche nicht gebiert; es erhebe die Stimme die, welche keine Wehen hat; denn die Kinder der Verlassenen sind zahlreicher als jener, die den Mann hat.“ Uns brachte der Engel die frohe Botschaft, uns mahnte Johannes, den Bebauer des Landes zu erkennen, den Mann zu suchen.

Denn ein und derselbe ist es, der Mann der Unfruchtbaren, der Bebauer der Wüste, der mit der göttlichen Kraft sowohl die Unfruchtbare als die Wüste erfüllte. Denn da die Kinder der Edelgeborenen zahlreich sind, aber das einst kinderreiche hebräische Weib wegen seines Unglaubens kinderlos war, so erhält die Unfruchtbare den Mann und die Wüste den Bebauer; so werden beide Mütter durch den Logos, die eine von Früchten, die andere von Gläubigen. Den Ungläubigen aber verbleibt auch jetzt noch Unfruchtbarkeit und Wüste.

Auf diese Weise ermahnte Johannes, der Herold des Logos, die Menschen, sich bereit zu machen auf die Erscheinung Gottes, des Christus; und das war es, was das Schweigen des Zacharias bedeutete, das auf die Geburt des Vorläufers des Christus wartete, damit das Licht der Wahrheit, der Logos, das geheimnisvolle Schweigen der Rätselworte der Propheten löse, indem er selbst zur frohen Botschaft wurde.

Wenn du aber in Wahrheit Gott sehen willst, so nimm Teil an den göttlichen Reinigungsriten, nicht an solchen mit Blättern von Lorbeer und mit Binden, die mit Wolle und Purpur geschmückt sind, sondern leg‘ an den Kranz der Gerechtigkeit und umwinde dich mit den Blättern der Enthaltsamkeit und richte deinen ganzen Sinn auf Christus; „denn ich bin die Türe“, sagt er irgendwo; sie müssen die finden, welche Gott kennenlernen wollen, damit er uns die Tore des Himmels weit auftue.

Denn geistig sind die Tore des Logos und werden mit dem Schlüssel des Glaubens geöffnet. „Niemand hat Gott erkannt, außer der Sohn, und wem es der Sohn offenbart.“ Ich weiß aber wohl, daß der, welcher die bisher verschlossene Türe öffnet, hernach das Innere offenbart und das zeigt, was zuvor zu erkennen nicht möglich war außer denen, die durch Christus eintreten, durch den allein Gott geschaut wird.

2. Kapitel

Kümmert euch also nicht um die gottlosen Heiligtümer, nicht um die Öffnungen der Klüfte, voll von Zauberei, oder um den Thesprotischen Kessel oder den Dreifuß von Kirrha oder das Erzbecken von Dodona! Überlaßt den veralteten Sagen das im Sand der Wüste verehrte Gerandryon [die heilige Eiche] und das Orakel dort, das samt seiner Eiche kraftlos geworden ist! Verstummt ist jetzt die Quelle Kastalia und ebenso die Quelle von Kolophon; und die übrigen wahrsagenden Wasser sind in gleicher Weise versiegt und,wenn auch spät, so doch endlich als ihres eitlen Ruhmes bar erwiesen, nachdem sich ihr Wasser samt den damit verbundenen Sagen verlaufen hat.

Zähle uns auch des sonstigen Wahrsagens [μαντικῆς], vielmehr Wahnsinns [μανικῆς] wertlose Orakelstätten [ἄχρηστα χρηστήρια] auf: den Klarios, den Pythios, den Didymeus, den Amphiareos, den Apollon[?], den Amphilochos; und wenn du willst, so beraube wie jene ihrer Verehrung auch die Zeichenseher und Vogelschauer und Traumdeuter! Außerdem hole herbei und stelle neben den Pythios jene, die aus Weizen und Gerste wahrsagen, und die bei der Menge auch jetzt noch verehrten Bauchredner! Ebenso sollen die Heiligtümer der Ägypter und die Totenbeschwörungen der Tyrrhener dem Dunkel der Vergessenheit überliefert werden.

Das sind wahrlich wahnwitzige Sophistenschulen für ungläubige Menschen und Spielhöllen voll von vollendetem Irrwahn. Gehilfen dieses Schwindels sind auch die zum Wahrsagen abgerichteten Ziegen und Krähen, die von Menschen gelehrt wurden, Menschen die Zukunft zu prophezeien.

Soll ich dir auch die Mysterien noch aufzählen? Ich will ihre Geheimnisse nicht ausplaudern, wie es Alkibiades getan haben soll; aber ich will, geleitet von dem Wort der Wahrheit, ganz deutlich den in ihnen verborgenen Schwindel aufdecken und werde euere sogenannten Götter selbst, denen die Mysterienweihen gelten, wie auf der Bühne des Lebens vor den Zuschauern der Wahrheit erscheinen lassen.

Dem rasenden Dionysos zu Ehren feiern die Bakchen ihre Orgien, indem sie durch Essen rohen Fleisches ihren heiligen Wahnsinn zeigen; und sie feiern die Verteilung des Fleisches der Schlachttiere, bekränzt mit Schlangen, wozu sie Euan rufen, den Namen jener Eva, durch die die Sünde in die Welt kam; und das Symbol der bakchischen Orgien ist die geweihte Schlange. Nun bedeutet aber nach der genauen Erklärung des hebräischen Wortes der Name Hevia, mit dem Spiritus asper geschrieben, die weibliche Schlange. Deo aber und Kore gaben sogar den Stoff zu einem Mysteriendrama, und ihre Irrfahrt, den Raub und die Trauer feiert Eleusis bei Fackelschein.

Nach meiner Meinung sind aber die Worte Orgien und Mysterien in folgender Weise zu erklären: Orgien ist abzuleiten von dem Zorn [ὀργή] der Deo gegen Zeus, Mysterien aber von dem an Dionysos verübten Frevel [μύσος]; willst du aber das Wort lieber von einem Attiker Myus ableiten, der nach Apollodoros auf der Jagd umkam, so ist es mir auch recht; dann besteht der Ruhm eurer Mysterien in einer Begräbnisfeier.

Du kannst aber außerdem die Mysterien, da die Buchstaben einander entsprechen, als Mytherien auffassen: denn wenn irgend welche, so machen solche Mythen Jagd [θηρεύουσιν] auf die ärgsten Barbaren unter den Thrakern, auf die größten Dummköpfe unter den Phrygern, auf die Abergläubischen unter den Griechen.

Verflucht sei daher der Mann, der diesen Trug für die Menschen erfand: sei es nun Dardanos, der die Mysterien der Göttermutter einführte, oder Eetion, der die samothrakischen Orgien und Weihen einrichtete, oder jener Phryger Midas, der kunstvollen Betrug von dem Odryser lernte und dann an seine Untertanen weitergab!

Denn nie wird mich Kinyras von der Insel Kypros für sich gewinnen, er, der die wollüstigen Orgien zu Ehren der Aphrodite aus der Nacht ans Tageslicht zu ziehen wagte und seinen Ehrgeiz dareinsetzte, eine Dirne seiner Heimat zur Göttin zu machen.

Andere erzählen, daß Melampus, Sohn des Amythaon, das Fest der Deo, das ihre Trauer in Gesängen feiert, aus Ägypten nach Griechenland herübergebracht habe. Sie alle nenne ich Anfänger des Übels als die Urheber gottloser Mythen und verderblichen Aberglaubens, da sie die Mysterien als Samen des Unheils und des Verderbens in den Acker des Menschenlebens gesät haben.

Und jetzt, denn es ist Zeit, will ich zeigen, wie eben eure Orgien voll von Betrug und Schwindel sind. Und wenn ihr eingeweiht seid, werdet ihr nur um so mehr über diese eure hochgeehrten Mythen lachen müssen. Ich werde aber das Verborgene ganz offen nennen, ohne mich zu scheuen, das zu sagen, was anzubeten ihr euch nicht schämt. 2. Die „Schaumgeborene“ also, „die auf Kypros Geborene“, die Geliebte des Kinyras [ich meine die Aphrodite, die Philomedes heißt, weil sie aus den Medea entsprang, nämlich aus jenen abgeschnittenen Zeugungsgliedern des Uranos, den wollüstigen, die noch, nachdem sie abgeschnitten waren, die Wogen vergewaltigten], was für eine würdige Frucht der wollüstigen Glieder habt ihr an ihr! In den feierlichen Gebräuchen zu Ehren dieser Meereslust wird als Zeichen der Zeugung ein Salzkorn und ein Phallos denen übergeben, welche in die unkeusche Kunst eingeweiht werden; die Mysten aber bringen ihr eine Münze dar, wie Liebhaber einer Dirne.

Die Mysterien der Deo aber sind die Liebesverbindung des Zeus mit seiner Mutter Demeter und der Zorn seiner Mutter oder Gattin [ich weiß nicht, wie ich sie fortan nennen soll] Deo, die wegen ihres Zornes den Namen Brimo erhalten haben soll, und Anrufen des Zeus und Gallentrank und Herausreißen von Herzen und unsagbares Tun. Die gleichen Gebräuche vollziehen die Phryger zu Ehren des Attis und der Kybele und der Korybanten.

Es wird aber erzählt, daß Zeus einem Widder die Hoden abgerissen und sie der Deo mitten in den Schoß geworfen habe, indem er so zum Schein Buße für seine Vergewaltigung leistete, indem er fälschlich vorgab, er habe sich selbst entmannt.

Wenn ich euch nun noch zum Überfluß die Geheimworte dieser Weiheriten vorführe, so werden sie sicherlich euer Lachen erregen, wenn ihr auch wegen der damit gegebenen Bloßstellung [eures Götterglaubens] nicht lachen wollt: „Aus der Pauke habe ich gegessen; aus der Zymbel habe ich getrunken; die Opferschale habe ich getragen; in das Brautgemach bin ich heimlich eingedrungen.“ Sind nicht solche Weihesprüche eine Schmach? Sind nicht die Mysterien ein Spott?

Soll ich auch das übrige noch erzählen? Demeter gebiert ein Kind, Kore wächst heran, und eben der Zeus, der sie erzeugte, verbindet sich wieder mit Pherephatta, seiner eigenen Tochter, wie zuvor mit der Mutter Deo, ohne an den früheren Frevel mehr zu denken [Vater und Verführer des Mädchens ist Zeus], und zwar verbindet er sich mit ihr in der Gestalt einer Schlange, wobei sich zeigte, was er wirklich war.

Bei den sabazischen Mysterien ist das Symbol für die Mysten „der Gott im Busen“; das ist aber eine Schlange, die denen, die eingeweiht werden, durch den Busen gezogen wird, ein Beweis für die Unkeuschheit des Zeus.

Auch Pherephatta gebiert ein Kind, und zwar mit Stiergestalt; denn so heißt es bei einem der über Symbole handelnden Dichter:
„Ein Stier erzeugt den Drachen und ein Drach‘ den Stier;
Ein Rinderhirt [trägt] heimlich auf den Berg den Stab,“
wobei er, wie ich glaube, als Stab den Thyrsos bezeichnete, den die Bakchen bekränzen.

Soll ich dir auch von dem Blumenpflücken der Pherephatta und ihrem Korb und dem Raub durch Aidoneus [Hades] und dem Erdspalt erzählen und den Schweinen des Eubuleus, die zugleich mit den beiden Gottheiten von der Erde verschlungen wurden, weshalb man bei den Thesmophorien Schweine in ausgehobene Gruben stürzt? Diese Sagengeschichten feiern die Weiber in den verschiedenen Städten auf verschiedene Weise mit Festen, die Thesmophorien, Skirophorien, Arrhetophorien heißen, wobei sie auf mannigfache Weise den Raub der Pherephatta zum Stoff von Tragödien machen. Die Dionysosmysterien aber sind völlig unmenschlich: wie er noch ein Knabe war und die Kureten einen Waffentanz um ihn aufführten, da schlichen sich mit List die Titanen ein und verführten ihn mit Kinderspielzeug; dann aber zerrissen ihn eben diese Titanen, da er noch unmündig war, wie der Thraker Orpheus, der Dichter der Telete, sagt:
„Kreisel verschiedener Art und gliederbewegende Puppen,
Äpfel auch, goldene, schöne der singenden Hesperostöchter.“

Auch von dieser Feier ist es nicht nutzlos, euch die nutzlosen Symbole zur Verurteilung vorzuführen: Würfel, Ball, Kegelkreisel, Äpfel, Kreisel, Spiegel, Wolle. Das Herz des Dionysos nahm nun Athene heimlich weg und erhielt den Namen Pallas von dem Schlagen [πάλλειν] des Herzens. Die Titanen aber, die ihn zerrissen hatten, stellten einen Kessel auf einen Dreifuß, warfen die Glieder des Dionysos hinein und ließen sie zunächst kochen; dann aber steckten sie sie anSpieße und „hielten sie über das Feuer.“

Hernach aber erscheint Zeus [wenn er ein Gott war, hatte er vielleicht den Duft des gebratenen Fleisches gerochen; denn das nennen ja eure Götter ihr Vorrecht], erschlägt die Titanen mit dem Blitzstrahl und übergibt seinem Sohne Apollon die Glieder des Dionysos zur Bestattung; der aber gehorcht dem Zeus, trägt den zerstückelten Leichnam auf den Parnaß und bestattet ihn daselbst.

Wenn du ferner auch die Orgien der Korybanten betrachten willst: diese töteten ihren dritten Bruder, hüllten den Kopf des Toten in Purpur, bekränzten ihn, trugen ihn auf einem ehernen Schild an den Fuß des Olymp und begruben ihn dort.

Und darum handelt es sich, um es ein für allemal zu sagen, bei allen Mysterien, um Tod und Begräbnis. Die Priester aber jener Mysterien, die bei denen, die damit zu tun haben, Anaktotelesten heißen, fügen zu der grausigen Tat noch sonderbaren Aberglauben, indem sie streng verbieten, Eppich samt der Wurzel auf den Tisch zu legen; sie glauben nämlich, aus dem auf den Boden geströmtenKorybantenblut sei der Eppich entsprossen.

Ebenso hüten sich auch die Frauen, die die Thesmophorien feiern, die auf die Erde gefallenen Granatapfelkerne zu essen, in der Meinung, die Granatapfelbäume eien aus den Blutstropfen des Dionysos entsprossen.

Die Korybanten nennen sie aber auch Kabiren und nennen daher das Fest die Kabirenweihe. Eben jene beiden Brudermörder brachten nämlich die Kiste, in der das Schamglied des Dionysos aufbewahrt war, nach Tyrrhenien, Kaufleute wahrlich mit einer kostbaren Ware; dort hielten sie sich als Flüchtlinge auf und übergaben den Tyrrhenern die kostbare Frömmigkeitslehre, die Verehrung von Schamteilen und einer Kiste. Deshalb ist es vielleicht berechtigt, wenn einige den DionysosAttis nennen wollen, da er der Schamteile beraubt ist.

Und wie darf man sich wundern, daß das Barbarenvolk der Tyrrhener so schimpfliche Begebnisse zum Anlaß feierlicher Weihen nimmt, da doch — ich schäme mich, nur davon zu reden — für die Athener und das übrige Griechenland die Sagenerzählung von der Deo voll Schmach und Schande ist! Deo irrt nämlich auf der Suche nach ihrer Tochter Kore umher, wird in der Nähe von Eleusis [das ist ein Ort in Attika] müde und setzt sich, von Kummer erfüllt, an einen Brunnen. Dies zu tun wird noch jetzt den Mysten verboten, um den Schein zu vermeiden, als wollten die Eingeweihten die Trauernde nachahmen.

Es wohnten aber damals in Eleusis die Ureinwohner; ihre Namen sind Baubo, Dysaules und Triptolemos, außerdem Eumolpos und Eubuleus. Triptolemos war Rinderhirte, Schafhirte Eumolpos und Schweinehirt Eubuleus. Von ihnen leitete das bekannte blühende athenische Priestergeschlecht der Eumolpiden und Keryken seine Herkunft ab.

Und da nimmt die Baubo [denn ich will die Sache wirklich erzählen] die Deo gastfreundlich bei sich auf und bietet ihr einen Mischtrank an; wie aber Deo sich ihn zu nehmen weigert und nicht trinken will [denn sie war voll Trauer], da wird Baubo, die in der Weigerung ein Zeichen von Geringschätzung sah, sehr ärgerlich, deckt ihre Scham auf und zeigt sie der Göttin; Deo aber freut sich an dem Anblick und nimmt jetzt endlich doch, erfreut durch den Anblick, den Trank an.

Das sind die geheimen Mysterien der Athener. Von ihnen erzählt auch Orpheus; ich will dir aber die Worte des Orpheus selbst hersetzen, damit du den Begründer der Mysterien als Zeugen der Schamlosigkeit hast:
„Sprach’s und raffte empor die Gewänder und zeigte die ganze
Bildung des Leibs und schämte sich nicht. Und der kleine Iakchos
Lachte und schlug mit der Hand der Baubo unter die Brüste.
Wie nun die Göttin dies merkte, da lächelte gleich sie von Herzen,
Nahm dann das blanke Gefäß, in dem ihr der Mischtrank gereicht war.“

Und so lautet der Erkennungsspruch bei den eleusinischen Mysterien: „Ich fastete; ich trank den Mischtrank; ich nahm aus der Kiste; nachdem ich meine Aufgabe erfüllt hatte, legte ich es in den Korb und aus dem Korb in die Kiste.“ Wahrlich schön ist das Schauspiel und passend für eine Göttin!

Würdig sind in der Tat diese Feiern der Nacht und des Feuers und des „großherzigen“, vielmehr verblendeten Volkes der Erechthiden und ebenso der übrigen Griechen, deren „nach ihrem Tode ein Schicksal wartet, das sie nicht erwarten“.

Wem prophezeit dies Herakleitos von Ephesos? „Nachtschwärmern, Zauberern, Bakchen, Mänaden, Mysten“; ihnen droht er Strafe nach dem Tod, ihnen weissagt er das Feuer; „denn die bei den Menschen gebräuchlichen Mysterien werden auf unheilige Weise gefeiert.“

So sind die Mysterien ein leerer Brauch und ein inhaltsloser Wahn und ein Betrug des Drachen, der göttliche Verehrung fand, indem man sich mit falscher Frömmigkeit den in der Tat unheiligen Weihen und den gottlosen Kultgebräuchen zuwandte.

Wie steht es ferner mit den mystischen Kisten? Denn man muß ihre Heiligtümer enthüllen und ihre Geheimnisse aufdecken. Sind das nicht Sesamkuchen, Pyramidenkuchen, Kugelgebäck, vielbuckliges Backwerk, Salzkörner und eine Schlange, das heilige Symbol des Dionysos Bassaros? Sind es nicht außerdem Granatäpfel und Zweige vom Feigenbaum und Narthexstengel und Epheuranken, ferner runde Kuchen und Mohnköpfe? Das sind ihre Heiligtümer.

Ferner die Geheimsymbole der Ge Themis, ein Würzkraut, eine Lampe, ein Schwert, ein Frauenkamm, was ein verblümter und mystischer Ausdruck für weibliche Scham ist.

O wie offenbar ist die Schamlosigkeit! Ehedem war für züchtige Menschen die Nacht die Verhüllung der Lust, und man schwieg von ihr; jetzt aber ist für die Mysterienteilnehmer die Nacht die Prüfstätte der Unkeuschheit; und man redet von ihr laut, und das Feuer der Fackelträger offenbart die Leidenschaften.

Lösche das Feuer aus, Hierophant; schäme dich, Fackelträger vor dem Licht dieser Fackeln! Deinen Iakchos verrät das Licht; laß die Nacht die Mysterien bedecken; zur Finsternis seien die Orgien verurteilt; das Feuer täuscht nicht; seine Aufgabe ist zu überführen und zu strafen!

Das sind die Mysterien der Gottlosen; gottlos nenne ich aber mit Recht die, welche den wahrhaft seienden Gott nicht kennen, dagegen ein von den Titanen zerrissenes Kind und ein trauerndes Weib und Glieder, die man in der Tat vor Scham nicht nennen kann, schamlos verehren, so daß sie in doppelter Gottlosigkeit befangen sind, einmal weil sie von Gott nichts wissen, den wahrhaft seienden Gott nicht kennen; der zweite Irrtum aber ist, daß sie die nicht Seienden für seiend halten und sie Götter nennen, sie, die nicht wirklich sind, vielmehr überhaupt nicht sind, sondern nur den Namen erhalten haben. Deshalb tadelt uns auch der Apostel mit den Worten: „Und ihr ward fremd den Zusicherungen der Verheißung, da ihr keine Hoffnung hattet und gottlos wart in der Welt.“

Alles Gute verdient der Skythenkönig, wie immer er hieß: Wie einer seiner Untertanen das bei den Kyzikenern gefeierte Fest der Göttermutter bei den Skythen nachahmte, eine Pauke schlug, eine Zymbel ertönen ließ und sich wie ein Kybelepriester mancherlei an den Hals hing, da schoß er ihn nieder, da er selbst bei den Griechen aufgehört habe, ein Mann zu sein, und diese Weiberkrankheit bei den übrigen Skythen habe einführen wollen.

Deswegen [man darf das durchaus nicht verschweigen] muß ich mich wundern, warum man den Euhemeros von Akragas und den Nikanor von Kypros und die beiden Melier Diagoras und Hippon und dazu jenen Mann aus Kyrene [er hieß Theodoros] und manche andere, die nüchtern lebten und klarer als die übrigen Menschen den hinsichtlich dieser Götter obwaltenden Irrtum erkannten, Gottesleugner nannte; denn wenn sie auch die Wahrheit selbst nicht erkannten, so ahnten sie doch den Irrtum der gewöhnlichen Anschauung; und solche Ahnung ist ein wertvolles, Leben in sich tragendes Samenkorn der Weisheit, das zur Wahrheit erwachsen kann.

Von ihnen gibt einer den Ägyptern den Rat: „Wenn ihr an Götter glaubt, so beweint und beklagt sie nicht; wenn ihr aber über sie trauern müßt, so haltet sie nicht mehr für Götter!“

Ein anderer nahm einen aus Holz geschnitzten Herakles [er kochte sich wohl gerade etwas zu Hause] und sagte: „Komm, Herakles, jetzt ist es Zeit für dich, wie einst dem Eurystheus auch für uns einmal eine Arbeit — es ist dies deine dreizehnte — zu verrichten und dem Diagoras das Essen zu kochen;“ und dann legte er ihn wie ein Holzscheit ins Feuer.

Die beiden entgegengesetzten Höhepunkte der Torheit sind also Gottesleugnung und Aberglauben; von beiden fern zu bleiben, muß unser Streben sein. Siehst du nicht, daß Moses, der Prophet der Wahrheit, dem Entmannten und Verstümmelten und außerdem dem Sohn einer Dirne die Teilnahme an der Gemeinde des Herrn verbietet?

Er meint aber mit den beiden ersten die Art der Gottesleugner, die der göttlichen, lebenzeugenden Kraft beraubt sind, mit dem dritten und letzten aber die Art derer, die statt des einen wahren Gottes sich viele Götter beilegen, die diesen Namen mit Unrecht tragen; ebenso wie der Sohn der Dirne sich viele Väter zuschreibt, weil er den, der in Wahrheit sein Vater ist, nicht kennt.

Den Menschen war aber von Anfang an eine Gemeinschaft mit dem Himmel angeboren, die zwar durch Unwissenheit verdunkelt war, die aber doch dann und wann plötzlich aus dem Dunkel mit hellem Glanz hervorbrach, wie z. B. in den Worten eines Dichters:
„Siehst du dort oben nicht den Äther unbegrenzt,
Wie er mit weichen Armen rings die Erd‘ umschließt?“
oder den anderen:
„Der du die Welt trägst und die Welt dir nahmst zum Thron,
Ein Rätsel, schwer zu lösen, bleibt stets, wer du bist“,
und was sonst der Art die Dichtersöhne singen.

Aber verkehrte und vom richtigen Weg abgeirrte, wahrhaft verderbliche Gedanken haben das „Geschöpf des Himmels“, den Menschen, aus dem himmlischen Leben verdrängt und ihn „auf die Erde hingestreckt“, indem sie ihn dazu verführten, irdischen Gebilden anzuhängen.

Die einen ließen sich sogleich durch den Anblick des Himmels täuschen; und indem sie nur ihren Augen glaubten, wurden sie beim Anblick der Bewegungen der Gestirne von Staunen erfaßt, vergötterten die Gestirne, die sie wegen des Laufens [θεῖν] Götter [θεούς] nannten, und beteten die Sonne an wie die Inder, und den Mond wie die Phryger.

Andere, die von den aus der Erde entsprossenen Pflanzen die edlen Früchte ernteten, nannten das Getreide Deo wie die Athener, und den Weinstock Dionysos wie die Thebaner.

Wieder andere, die beobachteten, wie der Schlechtigkeit Vergeltung widerfährt, sahen darin das Walten göttlicher Wesen und verehrten die vergeltenden Strafen und Unglücksfälle. Daher haben die tragischen Dichter die Erinyen und Eumeniden, Sühnegötter [Παλαμναῖοι], Richter und Rächer des Frevels [Προστρόπαιοι, Ἀλάστορες] erfunden.

Und nach dem Vorgang der Dichter machen denn auch einige Philosophen die Erscheinungsformen eurer Gemütsstimmungen zu Göttern, wie die Furcht [Φόβος], die Liebe [Ἔρος], die Freude [Χαρά] und die Hoffnung [Ἐλπίς]. Dazu gehört auch, daß der alte Epimenides in Athen Altäre des Übermuts [Ὕβρις] und der Schamlosigkeit [Ἀναίδεια] errichtete.

In anderen Fällen sind wirkliche Erlebnisse der Ausgangspunkt dafür, daß gewisse Begriffe von den Menschen vergöttert und körperlich dargestellt werden, wie Dike und Klotho und Lachesis und Atropos [die drei Schicksalsgöttinnen] und Heimarmene [Verhängnis] und Auxo [Wachstum] und Thallo [Gedeihen], die athenischen Göttinnen.

Eine sechste Art, den Trug einzubürgern und Götter zu schaffen, ist die, wonach man die zwölf Götter zählt; von ihnen singt Hesiodos seine Theogonie, und von ihnen erzählt Homeros in allen seinen Göttergeschichten.

Als letzte [es gibt nämlich im ganzen sieben Arten] ist noch übrig die, welche von den göttlichen Wohltaten gegen die Menschen ausgeht. Denn da sie den Urheber der Wohltaten, Gott, nicht kannten, erfanden sie als Heilgötter die Dioskuren und den Übelabwender Herakles und den Arzt Asklepios.

Das sind die schlüpfrigen und gefährlichen Abwege von der Wahrheit, die den Menschen vom Himmel herabführen und in den Abgrund stürzen lassen. Ich will euch aber ganz genau zeigen, wie die Götter selbst sind und ob sie überhaupt Götter sind, damit ihr endlich einmal euren Irrweg aufgebt und wieder zum Himmel zurück euren Lauf nehmt.

„Denn auch wir waren einmal Kinder des Zorns wie die übrigen; aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns wegen der großen Liebe, mit der er uns liebte, als wir durch unsere Sünden schon tot waren, wieder lebendig gemacht mit Christus.“ Denn „lebendig ist der Logos“, und wer mit Christus begraben ist, wird mit Gott erhöht. Die noch Ungläubigen aber werden „Kinder des Zorns“ genannt, aufgezogen für den Zorn. Wir aber sind nicht mehr Geschöpfe des Zornes, nachdem wir uns vom Irrtum losgerissen haben und der Wahrheit zueilen.

So sind wir, die wir einst Söhne der Ungerechtigkeit waren, durch die Güte des Logos jetzt Gotteskinder geworden; gegen euch aber wendet sich euer eigener Dichter, Empedokles von Akragas:
„Wahrlich, solange ihr selbst in schlimmer Bosheit verstrickt seid,
Werdet ihr niemals die Seele befreien von schmerzendem Wehe.“

Das meiste, was von euren Göttern erzählt wird, ist leere Sage und Erfindung; das aber, wovon man annimmt, es sei wirklich geschehen, das sind Berichte über schändliche und sittenlos lebende Menschen.
„Stolz ist und Wahn euer Weg; und die Straße, die rechte, gerade,
Habt ihr verlassen und geht jetzt fort über Dornen und Klippen.
Menschen, was gehet ihr irre? Ihr Törichten, macht doch ein Ende!
Lasset doch ab von dem Dunkel der Nacht und greift nach dem Lichte.“

So rät uns die Prophetin und Dichterin, die Sibylle; so rät uns aber auch die Wahrheit, indem sie dem Götterhaufen diese furcht- und schreckenerregenden Masken abreißt und durch den Nachweis der Gleichnamigkeit die Vorstellungen von ihnen als falsch erweist.

So gibt es z. B. welche, die drei Träger des Namens Zeus zählen, nämlich den Sohn des Aither in Arkadien, die beiden anderen als Söhne des Kronos, davon den einen in Kreta, den anderen wieder in Arkadien.

Manche nehmen auch fünf Athenen an, die Tochter des Hephaistos in Athen, die des Neilos in Ägypten, drittens die Tochter des Kronos, die Erfinderin des Kriegs, viertens die Tochter des Zeus, der die Messenier nach ihrer Mutter den Beinamen Koryphasia gegeben haben, schließlich die Tochter des Pallas und der Okeanostochter Titanis, die ihren Vater ruchlos ermordete und sich dann mit der Haut des Vaters wie mit einem Vließe schmückte.

Ferner nennt Aristoteles als ersten Apollon den Sohn des Hephaistos und der Athene [da ist Athene also keine Jungfrau mehr], als zweiten den Sohn des Kyrbas in Kreta, als dritten den Sohn des Zeus, und als vierten den arkadischen, den Sohn des Silenos [Nomios heißt dieser bei den Arkadern]; außer diesen zählt er noch den libyschen, den Sohn des Ammon, auf; der Grammatiker Didymos aber fügt als sechsten noch den Sohn des Magnes hinzu.

Wie viele Träger des Namens Apollon gibt es aber auch jetzt, zahllose sterbliche und hinfällige Menschen, die den gleichen Namen wie die vorhin erwähnten haben?

Soll ich dir die vielen Asklepios oder alle die Hermes, die man aufzählt, oder die Hephaistos nennen, von denen Sagen erzählt werden? Würde ich euch denn nicht lästig fallen, wenn ich eure Ohren mit dieser Masse von Namen überschüttete? Aber ihre Heimat, ihre Tätigkeit, ihr Lebensschicksal und schließlich ihr Grab beweisen, daß es Menschen waren.

So war der bei den Dichtern so hochgeehrte Ares,
„Ares, o Ares, du Mörder, du Blutiger, Mauererstürmer“,
dieser „Wetterwendische“ und „Unversöhnliche“, wie Epicharmos sagt, ein Spartiate; Sophokles aber kennt ihn als Thraker, andere als Arkader.

Von ihm sagt Homeros, daß er dreizehn Monate lang gefesselt gewesen sei:
„Ares ertrug’s, als ihn Otos einmal und der Held Epialtes,
Sie des Aloeus Söhne, umschlangen mit kräftiger Fessel;
Dreizehn Monate war er gebunden in ehernem Kerker.“

Möge es den Karern gut gehen, die ihm die Hunde opfern! Und die Skythen sollen nicht aufhören, die Esel zum Opfer darzubringen, wie Apollodoros sagt und Kallimachos:
„Phoibos erglänzt den Hyperboreern bei Opfern von Eseln.“
Und der gleiche sagt an einer anderen Stelle:
„Opfer von Eseln erfreun Phoibos, die glänzen von Fett.“

Hephaistos aber, den Zeus vom Olympos, „von der göttlichen Schwelle“, herabschleuderte, war in Lemnos, wo er niedergefallen war, Schmied mit zwei lahmen Füßen:
„Und unten bewegten sich hurtig die schwächlichen Beine.“

Auch einen Arzt, nicht nur einen Schmied, hast du unter den Göttern; aber dieser Arzt [er hieß Asklepios] war geldgierig; zum Beweis will ich dir deinen eigenen Dichter, den Böoter Pindaros, anführen:
„Jenen auch bewog mit dem stattlichen Lohne
Gold, von Händen ihm gezeigt,
Vom Tod zu erwecken den Mann,
Der ihm verfallen war. Doch
Mit der Hand der Kronion
Wirft auf sie beide und nimmt so
Schnell aus der Brust
Weg den Atem;
Flammender Blitzesstrahl bringt
Ihm den Tod.“

Und Euripides:
„Denn Zeus ist schuldig, der getötet meinen Sohn
Asklepios, den Blitzstrahl schleudernd in die Brust.“
Dieser liegt also vom Blitz erschlagen in der Gegend von Kynosuris.

Philochoros erzählt ferner, daß Poseidon in Tenos als Arzt verehrt wurde und daß auf Kronos Sizilien liege und er dort begraben sei.

Der Thurier Patrokles und der jüngere Sophokles haben die Geschichte der Dioskuren in Tragödien behandelt; diese Dioskuren waren sterbliche Menschen, wenn anders Homeros Glauben verdient mit seinen Worten:
„Aber es barg sie bereits die ernährende Erde
Dort in der Stadt Lakedaimon, im lieben Lande der Heimat.“

Außerdem will ich euch noch den Verfasser der Kyprischen Gedichte anführen:
„Kastor ist sterblicher Mensch, und des Todes Geschick ihm beschieden;
Aber unsterblich fürwahr Polydeukes, der Sprößling des Ares.“

Das ist indessen eine poetische Erfindung; Homeros verdient mehr Glauben, wenn er von den beiden Dioskuren spricht und wenn er noch dazu den Herakles als ein „Schattenbild“ bezeichnet, nämlich
„Herakles’ wuchtige Kraft, in großen Taten erfahren.“

Also auch den Herakles kennt selbst Homeros als sterblichen Menschen; der Philosoph Hieronymos beschreibt aber auch die Gestalt seines Körpers klein, mit struppigem Haar, kräftig; Dikaiarchos dagegen als langgestreckt, kraftvoll, dunkelfarbig, mit Adlernase, funkelnden Augen und langen Haaren. Dieser Herakles also endete sein Leben, nachdem er 52 Jahre gelebt hatte, und erhielt seine Feuerbestattung auf dem auf dem Oeta errichteten Scheiterhaufen.

Die Musen aber, die Alkman von Zeus und Mnemosyne abstammen läßt und die die übrigen Dichter und Geschichtschreiber vergöttern und verehren und denen sogar ganze Städte Musentempel errichten, diese waren Mysierinnen; und Megaklo, die Tochter desMakar, kaufte sie als Sklavinnen.

Makar war nämlich König von Lesbos und lag immer im Streit mit seiner Frau; Megaklo aber war darüber ihrer Mutter wegen betrübt, begreiflicherweise; und da kauft sie diese mysi-schen Sklavinnen in eben dieser Zahl [wie die Musen] und nennt sie Moisai entsprechend ihrem äolischen Dialekt.

Diese lehrt sie melodisch unter Zitherbegleitung von den Taten der alten Zeit singen. Indem sie nun anhaltend spielten und dazu süß sangen, besänftigten sie den Sinn des Makar und ließen ihn seinen Zorn vergessen.

Deswegen ließ sie Megaklo als Zeichen ihres Dankes zu Ehren ihrer Mutter in Erz aufstellen und ließ sie in allen Tempeln verehren. So also steht es mit den Musen; die Erzählung findet sich bei Myrsilos von Lesbos.

Vernehmet ferner die Liebschaften eurer Götter und die unglaublichen Geschichten von ihren Ausschweifungen! Hört von ihren Wunden, von ihren Fesseln, von ihrem Lachen und von ihren Kämpfen, ferner von ihren Knechtesdiensten und ihren Trinkgelagen und weiter von ihren Umarmungen und Tränen und Leidenschaften und ungezügelten Lüsten!

Ruf mir den Poseidon vor und die Schar der von ihm entehrten Frauen, Amphitrite, Amymone, Alope, Melanippe, Alkyone, Hippothoe, Chione und die zahllosen anderen! Und so viele es auch waren, die Leidenschaft eures Poseidon fühlte sich dabei noch eingeengt.

Ruf mir auch den Apollon her! Er ist der Phoibos und ein heiliger Seher und ein guter Berater; aber dem wird weder Sterope zustimmen noch Aithusa noch Arsinoe noch Zeuxippe noch Prothoe noch Marpessa noch Hypsipyle; denn Daphne war die einzige, die dem Seher und der Schändung entfloh.

Und zu allen komme noch Zeus selbst herbei, er, der nach euch „der Vater der Götter und Menschen“ ist! So maßlos war er auf Liebesgenuß aus, daß er alle Frauen begehrte und seine Begierde an allen stillte. So sättigte er sich an Weibern ebenso sehr wie an Ziegen der Bock von Thmuis.

Da muß ich mich über deine Verse, Homeros, wundern:
„Sprach’s, und es winkt‘ alsbald mit den dunklen Brauen Kronion,
Und des Gebieters Gelock, das ambrosische, wallt‘ ihm hernieder
Von dem unsterblichen Haupt, und erschüttert‘ den großen Olympos.“

Du stellst den Zeus ehrwürdig dar, Homeros, und schreibst ihm ein Winken zu, das Verehrung verdient. Aber wenn du, Mensch, ihm nur den Frauengürtel zeigst, dann wird auch Zeus zu schanden und sein Haar entehrt.

Wie weit ging jener Zeus im zügellosen Genuß, er, der mit Alkmene so viele Nächte in Lust verschwelgte! Denn nicht einmal neun Nächte waren dem Unersättlichen zu lang [vielmehr das ganze Leben war zu kurz für seine Zügellosigkeit], um uns den übelabwendenden Gott zu erzeugen.

Des Zeus Sohn ist Herakles, des Zeus echter Sohn, der, entsprossen aus der „langen Nacht“, lange Zeit nötig hatte, um die zwölf Arbeiten zu bewältigen, aber die fünfzig Töchter des Thestios in einer einzigen Nacht entehrte; Ehebrecher zugleich und Bräutigam so vieler Mädchen. Nicht mit Unrecht nennen ihn also die Dichter „schrecklich und frevelmütig“, Es wäre aber zu langwierig, alle seine Ehebrüche und Knabenschändungen aufzuzählen.

Denn nicht einmal Knaben verschonten euere Götter, sondern der eine hatte den Hylas, der andere den Hyakinthos oder den Pelops oder den Chrysippos oder den Ganymedes zu Geliebten.

Diese Götter sollen eure Weiber anbeten, so sollen sie sich ihre eignen Männer wünschen, so züchtig, damit sie den Göttern gleich seien, indem sie dasselbe wie sie erstreben! Sie zu verehren, sollen eure Söhne sich gewöhnen, damit sie auch als Männer sich die Götter zum leuchtenden Vorbild der Unzucht nehmen.

Aber vielleicht sind es nur die männlichen Götter, die so auf Liebesgenuß aus sind;
„Aber die Göttinnen blieben vor Scham eine jede zu Hause“,
wie Homeros sagt, da sie sich als Göttinnen wegen ihres keuschen Sinnes scheuten, die Aphrodite im Ehebruch zu sehen.

Sie sind aber in ihren Ausschweifungen noch leidenschaftlicher, in die Fesseln des Ehebruchs geschlagen, Eos mit Tithonos, Selene mit Endymion, Nereis mit Aiakos und mit Peleus Thetis, mit Iason Demeter und mit Adonis Pherephatta.

Und Aphrodite ging, nachdem sie mit Ares an den Pranger gestellt war, zu Kinyras über und heiratete den Anchises und lauerte dem Phaethon auf und verliebte sich in Adonis; dann war sie auf die ochsenäugige Hera eifersüchtig, und wegen des Apfels entkleideten sich die Göttinnen und stellten sich nackt dem Hirten Paris vor, damit er entscheide, welche ihm schön erscheine.

Nun wollen wir auch rasch die Wettkämpfe durchnehmen und diesen bei Gräbern gefeierten Festen ein Ende machen, den Isthmien und Nemeen und Pythien und schließlich den Olympien. Zu Pytho [Delphi] wird der pythische Drache verehrt, und die Festversammlung zu Ehren der Schlange heißt Pythien. Beim Isthmos aber spülte das Meer einen unglückseligen Auswurf ans Land, und den Melikertes beklagen die Isthmien; in Nemea aber ist ein anderer Knabe, Archemoros bestattet, und die Leichenfeier zu Ehren des Knaben heißt Nemeen. In Pisa aber habt ihr, Panhellenen, die Grabstätte eines phrygischen Wagenlenkers, und die Leichenopfer des Pelops, die Olympien, nimmt der Zeus des Pheidias für sich in Anspruch. Mysterien sind also, wie es scheint, die zu Ehren von Toten veranstalteten Wettkämpfe, wie auch die Orakel, und beide sind jetzt Gemeingut geworden.

Die Mysterien in Agra aber und im attischen Halimus sind auf Athen beschränkt. Eine Weltschande sind aber schon die dem Dionysos geweihten Wettkämpfe und Phalloi, die das ganze Leben in schlimmer Weise verheert haben.

Wie nämlich Dionysos in den Hades hinabsteigen wollte und den Weg nicht wußte, verspricht ihm jemand namens Prosymnos den Weg zu zeigen, aber nicht umsonst; der verlangte Lohn war aber nichts Schönes, aber dem Dionysos war er recht. Es war Gewährung von Liebesgenuß der Lohn, der von Dionysos verlangt wurde. Das Verlangen entsprach dem Wunsch des Gottes, und er verspricht ihm wirklich, das Verlangte nach seiner Rückkehr zu gewähren, und bekräftigt sein Versprechen mit einem Eid.

Er erfuhr den Weg und ging fort; dann kehrte er wieder zurück, aber den Prosymnos trifft er nicht mehr; denn er war gestorben. Voll Verlangen, seinem Liebhaber das eidliche Versprechen zu halten, eilt Dionysos zum Grabe und entbrennt von Begierde. Er schneidet nun den Ast eines Feigenbaums, der gerade zur Hand war, ab, schnitzt ihn zu, daß er einem männlichen Glied ähnlich war, und setzte sich auf den Ast, um dem Toten sein Versprechen zu halten.

Als ein mystisches Denkmal an dies Vorkommnis werden dem Dionysos in den Städten Phalloi aufgestellt. „Denn wenn es nicht Dionysos wäre, dem man den Festzug veranstaltet und das Phalluslied singt, dann wäre es ein ganz schamloses Tun“, sagt Herakleitos. „Ein und derselbe aber ist Hades und Dionysos, zu dessen Ehre sie schwärmen und trunkene Feste feiern“, nicht sowohl wegen körperlicher Betrunkenheit, wie ich meine, als wegen der schmählichen Zurschaustellung zügelloser Ausgelassenheit.

Da eure Götter so geartet sind, ist es wohl begreiflich, daß sie Sklaven wurden, sie, die Sklaven ihrer Leidenschaften waren; aber schon vor den sogenannten Heiloten, den Staatssklaven der Lakedaimonier, trugen das Sklavenjoch Apollon bei Admetos in Pherai, Herakles in Sardeis bei Omphale; und dem Laomedon diente Poseidon und Apollon, der wie ein unnützer Diener nicht einmal die Freiheit von seinem früheren Herrn erlangen konnte; damals erbauten die beiden auch die Mauern von Ilion für den Phryger.

Homeros scheut sich ferner nicht zu erzählen, daß Athene dem Odysseus „mit einer goldenen Lampe“ in der Hand geleuchtet habe; und von Aphrodite lasen wir, daß sie wie eine zuchtlose Kammerzofe der Helene einen Stuhl gebracht und ihn dem Buhlen gegenüber aufgestellt habe, damit Helene ihn zur Umarmung verlocke.

Außerdem erzählt Panyassis, daß auch viele andere Götter Menschen gedient hätten, indem er ungefähr so sich äußert:
„Wie Demeter ertrug es der treffliche Amphigyeeis
Und auch Poseidon und Apollon mit silbernem Bogen,
Diener zu sein einem sterblichen Mann ein völliges Jahr lang;
Auch der gewaltige Ares ertrug es, vom Vater gezwungen“,
und so fort.

Im Anschluß an das bisher Gesagte wollen wir jetzt vorführen, wie eure verliebten und den Leidenschaften ergebenen Götter auch in jeder Weise menschlichen Leiden unterworfen waren; „denn sie hatten sogar eine sterbliche Haut.“ Das bezeugt ganz ausdrücklich Homeros, wenn er Aphrodite wegen einer Verwundung hell und laut aufschreien läßt und erzählt, daß selbst der so kriegerische Ares von Diomedes an der Seite verwundet worden sei.

Polemon aber erzählt, daß auch Athene von Ornytos verwundet worden sei; ja sogar Aidoneus wurde, wie Homeros sagt, von Herakles mit einem Pfeile getroffen; das gleiche erzählt Panyassis von Helios. Ferner berichtet eben dieser Panyassis, daß auch Hera, die Göttin der Ehe, von dem gleichen Herakles „im sandigen Pylos“ verwundet wurde. Andererseits sagt Sosibios, daß auch Herakles von den Hippokoontiden an der Hand verletzt worden sei.

Wenn es aber Wunden gab, so gab’s auch Blut; denn das Götterblut [ἰχώρ], von dem die Dichter sprechen, ist sogar ekelerregender als Menschenblut; denn unter ἰχώρ versteht man in Eiter übergegangenes Blut. Daher muß man ihnen auch Pflege und Nahrung, deren sie bedürfen, verschaffen.

Darum ist die Rede von Speisetafeln, Trinkgelagen, Gelächter und Geschlechtsverkehr, während sie doch keinen Liebesgenuß bei Menschen suchten, noch Kinder erzeugten, noch schliefen, wenn sie unsterblich und bedürfnislos und nie alternd wären.

Zeus selbst nahm bei den Aithiopen teil an einer menschlichen Mahlzeit, als Gast des Arkaders Lykaon aber an einer unmenschlichen und ruchlosen: wider seinen Willen füllte er sich an mit Menschenfleisch; denn der Gott wußte nicht, daß sein Gastgeber, der Arkader Lykaon, seinen eigenen Sohn [er hieß Nyktimos] geschlachtet hatte und Zeus zum Essen vorsetzte.

Herrlich fürwahr ist der Zeus, der Seher, der Schützer des Gastrechts, der Hort der Schutzflehenden, der Gnädige, der Quell der Orakel, der Rächer des Frevels; vielmehr der Ungerechte, der Verächter von Recht und Gesetz, der Unheilige, der Unmenschliche, der Gewalttätige, der Verführer, der Ehebrecher, der Verliebte! Aber damals lebte er doch, als er all dies war, als er Mensch war; jetzt aber sind nach meiner Meinung auch eure Sagenerzählungen alt geworden.

Zeus ist kein Drache mehr, kein Schwan, kein Adler, kein verliebter Mensch; nicht mehr fliegt der Gott, nicht verführt er mehr Knaben, nicht liebt und vergewaltigt er mehr, obwohl es auch jetzt noch viele schöne Weiber gibt, besser gestaltet als Leda und blühender als Semele, und Knaben schöner an Gestalt und feiner an Manieren als der phrygische Hirtenknabe.

Wo ist jetzt jener Adler? Wo der Schwan? Wo Zeus selbst? Er ist mitsamt seinem Gefieder alt geworden; denn er bereut doch wohl seine Liebschaften nicht und lernt nicht, sittsam zu sein. Eure Sage ist bloßgestellt: es starb Leda, es starb der Schwan, es starb der Adler; suchst du nach deinem Zeus? Richte deinen Blick nicht auf den Himmel, sondern auf die Erde!

Der Kreter wird dir Auskunft geben; denn bei ihm ist er bestattet. Kallimachos sagt in seinen Hymnen:
„Denn auch dein Grabmal, o Herrscher,
Haben die Kreter errichtet.“
Denn Zeus ist tot [nimm es nicht übel!] wie Leda, wie Schwan und Adler, wie verliebter Mensch und Drache.

Allmählich scheinen aber die Götzendiener selbst zwar ungern, aber doch einmal ihre irrige Anschauung über die Götter zu erkennen.
„Nicht ja der Eich’ in der Fabel entstammen sie oder dem Felsen,
Sondern von Menschen sind sie entstammt.“
Aber bald darauf wird sich doch finden, daß sie Eichen und Felsen sind.

So erzählt Staphylos, daß ein gewisser Agamemnon in Sparta als Zeus verehrt werde, und Phanokles läßt in seinem Gedicht „Erotes oder Kaloi“ den Griechenkönig Agamemnon zu Ehren seines Geliebten Argynnos einen Tempel der Aphrodite Argynnos errichten.

Die Arkader verehren, wie Kallimachos in seinen „Aitia“ sagt, eine Artemis mit dem Beinamen Apanchomene [die Erhängte]; und in Methymna wird eine andere Artemis Kondylitis verehrt. Es gibt aber in Lakonien auch einen Tempel einer anderen Artemis, mit Namen Podagra, wie Sosibios sagt.

Polemon weiß von einem Standbild des Apollon Kechenos [des Gähnenden] und wieder von einem andern in Elis verehrten Standbild des Apollon Opsophagos [des Feinschmeckers]. Dort opfern die Eleier dem Zeus Apomyios [dem Fliegenverscheucher]; die Römer aber bringen dem Herakles Apomyios und dem Pyretos [Fiebergott] und dem Phobos [Gott der Furcht] Opfer dar und zählen diese unter dem Gefolge des Herakles auf.

Gar nicht reden will ich von den Argivern und Lakedämoniern: eine Aphrodite Tymborychos [die die Gräber erbricht] verehren die Argiver, und die Spartiaten beten zu einer Artemis Chelytis [Husterin] von χελύττειν, was bei ihnen das Wort für „husten“ ist.

Aus welcher Quelle glaubst du, daß all dies für dich entnommen ist? Die von euch selbst beigebrachten Angaben sind es, die ich vorbringe; und du scheinst nicht einmal deine eigenen Schriftsteller zu kennen, die ich als Zeugen gegen deinen Unglauben aufrufe und die euer ganzes Leben, das in Wahrheit nicht lebenswert ist, ihr Unglücklichen, mit gottlosem Gespött erfüllt haben.

Wird nicht in Argos ein kahlköpfiger Zeus, ein anderer rächender in Kypros verehrt? Opfern nicht die Argiver einer Aphrodite Peribaso [die die Beine spreizt], die Athener einer Aphrodite Hetaira [Dirne] und die Syrakusier einer Aphrodite Kallipygos, die der Dichter Nikandros an einer Stelle „Kalliglutos“ [mit schönem Hinterteil] genannt hat?

Von Dionysos Choiropsalas [der mit der Scham spielt] will ich gar nicht reden; ihn verehren die Sikyonier, indem sie ihn zum Gott der weiblichen Schamteile machen und dem Urheber der Ausgelassenheit als dem Schutzherrn der Unsittlichkeit Ehre erweisen. So sind ihre Götter, und so sind sie selbst, die Spott mit ihren Göttern treiben oder vielmehr sich selbst Spott und Schande antun.

Wie viel besser sind da noch die Ägypter, die in Stadt und Land unvernünftige Tiere göttlich verehren, als die Griechen, die solche Götter anbeten? Denn wenn die ägyptischen Götter auch Tiere sind, so sind sie doch nicht ehebrecherisch und wollüstig, und kein einziges von ihnen geht auf widernatürliche Lust aus. Welcher Art aber jene [die griechischen Götter] sind, was soll ich noch weiter davon reden, da sie bereits genügend bloßgestellt sind?

Indessen gibt es bei den eben erwähnten Ägyptern doch Verschiedenheiten im Gegenstand ihrer religiösen Verehrung; so verehren die Einwohner von Syene den Fisch Phagros, die Bewohner von Elephantine den Maiotes [das ist ein anderer Fisch], die Einwohner von Oxyrhynchos ebenso den Fisch, von dem diese Stadt ihren Namen hat; ferner die Einwohner von Herakleopolis den Ichneumon, die Einwohner von Sais und Theben den Widder, die von Lykopolis den Wolf, die von Kynopolis den Hund, die von Memphis den Apisstier und die von Mendes den Bock.

Aber ihr, die ihr in allen Stücken besser [fast hätte ich gesagt schlechter] als die Ägypter seid, die ihr alle Tage eures Lebens nicht genug über die Ägypter lachen könnt, wie verhaltet ihr euch zu den unvernünftigen Tieren? Eure Thessaler verehren die Störche wegen ihres geselligen Zusammenlebens, die Thebaner aber die Wiesel wegen der Geburt des Herakles. Und noch etwas von den Thessalern: sie sollen Ameisen heilig halten, weil, wie ihnen erzählt wurde, sich Zeus in der Gestalt einer Ameise mit Eurymedusa, der Tochter des Kletor, verband und den Myrmidon erzeugte.

Polemon aber erzählt, daß die Bewohner der Troas die Mäuse ihres Landes, die sie σμίνθοι heißen, verehren, weil sie die Bogensehnen der Feinde zernagten, und nach jenen Mäusen haben sie dem Apollon den Beinamen Sminthios gegeben.

Und Herakleides sagt in seinem Werk „Tempelbauten“ [κτίσεις ἱερῶν], daß in Akarnanien, wo das Vorgebirge Aktion und der Tempel des Apollon Aktios ist, den Mücken ein Rind geopfert werde.

Auch die Samier will ich nicht unerwähnt lassen [sie verehren, wie Euphorion sagt, einen Widder] und ebensowenig die Syrer, die in Phönikien wohnen, von denen die einen die Tauben, die andern die Fische ebenso überschwenglich verehren wie die Einwohner von Elis den Zeus.

Doch genug hiervon; da es keine Götter sind, was ihr anbetet, so will ich weiter untersuchen, ob es wirklich Dämonen sind, die, wie ihr sagt, zur zweiten Rangstufe [nach den Göttern] zu rechnen sind. Denn wenn es wirklich Dämonen sind, so sind sie lüstern und unrein. So kann man hin und her in den Städten Ortsdämonen ganz offen göttliche Ehre genießen sehen, bei den Kythniern Menedemos, bei den Teniern Kallistagoras, bei den Deliern Anios, bei den Lakedämoniern Astrabakos. Und in Phaleron wird auch ein Heros auf dem Schiffshinterteil verehrt; und die Pythia gab zur Zeit der Perserkriege den Platäern den Befehl, dem Androkrates, Demokrates, Kyklaios und Leukon zu opfern.

Auch andere Dämonen in Menge kann sehen, wer auch nur ein wenig den Blick dafür hat;
„Sind ja auf Erden, der vielernährenden, dreimal zehntausend
Todentrückte Dämonen, als Wächter der sterblichen Menschen.“

Wer sind die Wächter, Böotier [Hesiodos]? Laß es uns wissen! Doch offenbar eben jene und die, die sie an Ansehen übertreffen, die großen Dämonen, Apollon, Artemis, Leto, Demeter, Kore, Pluton, Herakles und Zeus selbst. Sie sind aber unsere Wächter nicht, damit wir nicht davonlaufen, o Askräer; vielleicht aber, damit wir nicht sündigen, da sie doch selbst es nie mit Sünden zu tun hatten. Da paßt wahrhaftig das Sprichwort:
„Ein ungewarnter Vater warnt sein Kind.“

Wenn sie aber wirklich Wächter sind, so sind sie es nicht, weil sie von Wohlwollen gegen uns ergriffen wären, sondern sie sind auf euer Verderben aus und hängen sich wie Schmeichler an euer Leben, durch Opferduft angelockt. Sie selbst, die Dämonen, gestehen ja ihr gieriges Verlangen ein, wenn sie einmal sagen:
„Opfer von Wein und von Fettduft; denn das ward zur Ehr‘ uns verliehen.“

Welchen anderen Wunsch würden wohl, wenn sie reden könnten, die ägyptischen Götter, wie die Katzen und Wiesel, äußern, als diesen, aus dem Dichter Homeros entnommenen, der die Liebe zu Fettduft und Speise verkündet? So steht es mit euren Dämonen und Göttern und Halbgöttern, wenn welche so heißen, so wie man von Halbeseln [Mauleseln] spricht; denn es fehlt euch auch nicht an Wörtern, um zusammengesetzte Namen für eure Gottlosigkeit zu bilden.

3. Kapitel

Nun wollen wir auch dies noch hinzufügen, wie unmenschliche und mit Haß gegen die Menschen erfüllte Dämonen eure Götter sind und wie sie sich nicht nur an der Verblendung der Menschen freuen, sondern sich auch am Menschenmord ergötzen: Bald machen sie sich die Waffenkämpfe in den Stadien, bald die unzähligen Kämpfe von Ruhmbegierde erfüllter Männer in den Kriegen zur Quelle ihres Vergnügens, damit sie wenn möglich bis zum Übermaß ihre Freude am Hinmorden von Menschen sättigen könnten; ferner forderten sie auch in Städten und Ländern, ähnlich wie hereinbrechende Seuchen, grausame Opfer.

So schlachtete der Messenier Aristomenes dem Zeus von Ithome dreihundert Männer im Glauben, mit Hekatomben von dieser Zahl und Art günstige Opferzeichen zu gewinnen; unter ihnen war auch der Spartanerkönig Theopompos, ein Schlachtopfer edler Art.

Das Volk der Taurer, das den Taurischen Chersones bewohnt, opfert alle schiffbrüchigen Fremden, die sie an ihrer Küste in ihre Hand bekommen, sofort der Taurischen Artemis. Diese Opfer bringt Euripides in einer Tragödie auf die Bühne.

Monimos ferner erzählt in seiner Sammlung wunderbarer Geschichten, daß im thessalischen Pella ein achäischer Mann dem Peleus und Cheiron geopfert werde.

Auch Antikleides berichtet in den Nostoi [Rückfahrten], daß die Lyktier [sie sind eine Völkerschaft auf Kreta] dem Zeus Menschen schlachten; und die Lesbier bringen, wie Dosidas sagt, dem Dionysos das gleiche Opfer dar.

Und die Phokäer [denn auch sie will ich nicht übergehen] – von ihnen erzählt Pythokles im dritten Buch des Werkes „Über die Eintracht“, daß sie der Artemis Tauropolos einen Menschen als Brandopfer darbringen.

Der Athener Erechtheus und der Römer Marius opferten ihre eigenen Töchter, und zwar der eine der Pherephatta, wie Demaratos im ersten Buch der „Tragödienstoffe“, der andere, Marius, den Apotropaioi [Übel abwehrenden Göttern], wie Dorotheos im vierten Buch seiner „Italischen Geschichten“ erzählt.

Als menschenfreundlich, wahrlich, werden durch diese Beispiele die Götter erwiesen; und wie sollten die Verehrer der Dämonen nicht dementsprechend heilig sein? Die einen lassen sich mit dem schönen Namen „Retter“ nennen, die andern erflehen Rettung von denen, deren Streben es ist, Rettung zu vereiteln; und im Wahn, ihnen glückverheißende Opfer darzubringen, denken sie nicht daran, daß sie Menschen hinmorden.

Denn nimmermehr wird ein Mord zu einem Opfer dadurch, daß er an einem bestimmten Ort geschieht, auch dann nicht, wenn einer unter dem Vorgeben, ein heiliges Opfer zu vollziehen, der Artemis oder dem Zeus zu lieb, an angeblich heiliger Stätte, auf dem Altar statt auf der Straße, einen Menschen tötet, statt dem Zorn und der Habgier [das sind auch Dämonen ähnlicher Art] zu lieb; vielmehr Mord und Totschlag ist ein derartiges Opfer.

Warum nun, ihr Menschen, die ihr die übrigen Lebewesen so sehr an Weisheit überragt, fliehen wir vor den wilden Tieren und weichen einem Bären oder Löwen aus, wenn wir ihm irgendwo begegnen,
„Wie da ein Mann bei der Schlang‘ Anblick auffahrend zurückspringt
In des Gebirgs Waldschluchten und Schreck durchzuckt ihm die Glieder,
Flugs nun weicht er zurück“;
vor den Dämonen aber weicht ihr nicht aus und flieht nicht, obwohl ihr erfahren habt und wißt, daß sie Unheil und Schaden bringen, den Menschen auflauern, sie hassen und verderben?

Welches wahre Wort könnten die Argen auch sagen, wem könnten sie nützen? An einem Beispiel kann ich dir sogleich zeigen, daß besser als diese eure Götter, die Dämonen, der Mensch ist, besser als der Sehergott Apollon, Kyros und Solon.

Ein Freund von Geschenken war euer Phoibos, aber nicht ein Freund von Menschen. Er verriet seinen Freund Kroisos, und ohne des empfangenen Lohns zu gedenken [so wenig Ehrgefühl besaß er], brachte er ihn auf dem Weg über den Halys auf den Scheiterhaufen. So führt die Liebe der Dämonen ins Feuer.

Aber du, o Mensch, der du mehr als Apollon die Menschen liebst und wahrhaftiger bist als er, habe Mitleid mit dem, der auf dem Scheiterhaufen gefesselt ist! Und du, Solon, prophezeie die Wahrheit! Und du, Kyros, gib den Befehl, den Scheiterhaufen zu löschen. Werde wenigstens zum Schluß vernünftig, Kroisos, und lasse durch das Leid dich deines Irrtums belehren! Undankbar ist der, den du anbetest; er läßt sich von dir Geschenke geben; und wenn er das Gold erhalten hat, betrügt er dich wieder. „Schau aufs Ende!“, sagt zu dir nicht die Gottheit, sondern der Mensch. Nicht zweideutige Orakel gibt dir Solon. Diesen Orakelspruch allein wirst du, Barbar, als wahr erfinden, diesen wirst du auf dem Scheiterhaufen erproben.

Daher muß ich mich wundern, von welchen Vorstellungen verführt diejenigen, die zuerst dem Irrtum verfielen, den Menschen den Götzendienst verkündigten und sie durch Gesetze zwangen, verderbliche Dämonen zu verehren, mag es nun jener Phoroneus gewesen sein oder Merops oder irgendein anderer, die ihnen Tempel und Altäre erbauten und der Sage nach auch zuerst Opfer einführten.

Denn ohne Zweifel erfanden sich die Menschen auch in späteren Zeiten Götter zur Verehrung. So verehrte z. B. den Eros hier, der zu den ältesten Göttern gerechnet wird, früher niemand, bevor sich Charmos einen Knaben wählte und in der Akademie einen Altar errichtete als Zeichen des Dankes dafür, daß seine Begierde Befriedigung gefunden hatte. Und die krankhafte Zügellosigkeit haben sie Eros genannt und die zuchtlose Begierde zur Gottheit gemacht.

Und die Athener haben auch nicht gewußt, wer Pan war, bevor Philippides es ihnen sagte. Natürlich ist die Dämonenfurcht, nachdem sie einmal irgendwo ihren Ursprung genommen hatte, eine Quelle unvernünftiger Schlechtigkeit geworden. Da sie dann nicht eingeschränkt wurde, sondern zunahm und sich nach allen Seiten ausbreitete, wird sie Schöpferin vieler Dämonen, opfert Hekatomben, feiert Feste, stellt Götterbilder auf, erbaut Tempel,

die zwar – denn auch das will ich nicht verschweigen, sondern auch ihr wahres Wesen aufdecken – den schönen Namen Tempel tragen, in Wirklichkeit aber Gräber sind [d. h. Gräber, die Tempel heißen]. Ihr aber gebt, wenn auch jetzt erst, eure Dämonenfurcht auf und schämt euch, Gräber zu verehren!

Im Athenetempel auf der Burg von Larissa ist das Grab des Akrisios, in Athen auf der Burg das des Kekrops, wie Antiochos im Buch seiner „Erzählungen“ sagt. Und wie steht es mit Erichthonios? Ist er nicht im Tempel der Polias bestattet? Ist nicht ferner Immarados, der Sohn des Eumolpos und der Daeira, im Bezirk des Eleusinion am Fuß der Akropolis begraben und die Töchter des Keleos in Eleusis?

Wozu soll ich dir die hyperboreischen Frauen nennen? Sie heißen Hyperoche und Laodike und sind im Artemisheiligtum auf Delos bestattet; dies liegt aber in dem Heiligtum des delischen Apollon. Ferner erzählt Leandrios, daß Kleochos in Miletos im Didymaion begraben sei.

In diesem Zusammenhang dürfen wir auch das Denkmal der Leukophryne nicht übergehen, die nach Zenon von Myndos in dem Tempel der Artemis in Magnesia beigesetzt ist, und ebensowenig den Altar Apollons in Telmessos; denn auch von diesem Altar heißt es, daß er ein Grabmal des Sehers Telmessos sei.

Und Ptolemaios, der Sohn des Agesarchos, sagt im ersten Buch seiner Schrift über Philopator, daß zu Paphos im Heiligtum der Aphrodite Kinyras und die Nachkommen des Kinyras bestattet seien.

Doch genug! Denn wenn ich alle von euch verehrten Gräber aufsuchen wollte,
„Dann reichte nicht einmal die ganze Zeit mir aus“.
Und wenn euch nicht Scham erfaßt über das, was zu tun ihr euch nicht scheut, so wandelt ihr wirklich als vollkommen Tote umher und habt euer Vertrauen auf Tote gesetzt.
„Ach, was trifft euch für Leid, Unselige? Dunkel in Nacht ja
Sind eure Häupter gehüllt.“

4. Kapitel

Wenn ich euch aber noch dazu die Götterbilder selbst zur Betrachtung vor Augen stelle, so werdet ihr, wenn ihr an sie herantretet, das Herkommen, das euch veranlaßt, gefühllose „Werke von Menschenhand“ anzubeten, wahrhaft albern finden.

In alter Zeit beteten nämlich die Skythen das Krummschwert, die Araber den Stein, die Perser den Fluß an; und von den übrigen Menschen errichteten die noch älteren weithin sichtbare hölzerne Pfähle und stellten steinerne Säulen auf, von denen die ersteren auch ξόανα [Schnitzwerke] hießen, weil das Holz geglättet war [ἀπεξέσθαι].

Z. B. war auf Ikaros die Artemisstatue ein unbearbeitetes Stück Holz und in Thespeia die Statue der Kithaironischen Hera ein umgehauener Baumstumpf; und die Statue der samischen Hera war, wie Aëthlios sagt, zuerst ein rohes Brett, und erst später unter dem Archon Prokles wurde es menschenähnlich. Nachdem man aber angefangen hatte, die Schnitzwerke [ξόανα] den Menschen ähnlich zu machen, erhielten sie den Namen βρέτη [hölzerne Götterbilder] von βροτοί [Sterbliche].

In Rom war, wie der Schriftsteller Varro sagt, in alter Zeit das Kultbild des Ares ein Speer, da die Künstler noch nicht zu dieser schön anzusehenden, verderblichen Kunst fortgeschritten waren. Als aber die Kunst zur Blüte gelangt war, wuchs auch die Verirrung.

Daß man also die Steine und das Holz und, um es kurz zu sagen, den Stoff zu menschenähnlichen Götterbildern machte, denen ihr unter Verleugnung der Wahrheit fromme Verehrung heuchelt, das ist zwar von selbst klar; wenn indessen der Gegenstand noch einigen Beweises bedürfte, so wollen wir uns der Aufgabe nicht entziehen.

Daß nun Pheidias den Zeus zu Olympia und die Polias in Athen aus Gold und Elfenbein verfertigt hat, das ist doch wohl allen bekannt. Daß ferner das Schnitzbild der Hera in Samos von Smilis, dem Sohne des Eukleides, gemacht wurde, erzählt Olympichos in seinen „Geschichten von Samos“.

Zweifelt nun nicht, daß von den sogenannten „Hehren Göttinnen“ in Athen Skopas zwei aus dem sogenannten lychnäischen Stein [parischem Marmor] verfertigte, Kalos aber die, welche die Mitte einnimmt: als Beleg dafür kann ich dir Polemon anführen, der es im vierten Buche seines Werkes „an Timaios“ erzählt.

Zweifelt auch nicht daran, daß eben jener Pheidias die Standbilder des Zeus und Apollon in Patara in Lykien gemacht hat, die Standbilder ebenso wie die mit ihnen aufgestellten Löwen. Wenn es aber, wie einige sagen, ein Kunstwerk des Bryaxis war, so habe ich auch nichts dagegen einzuwenden; auch an ihm hast du einen Bildhauer; schreib das Werk zu, wem von den beiden du willst!

Und sicher sind ein Werk des Atheners Telesias, wie Philochoros sagt, die neun Ellen hohen Bilder des Poseidon und der Amphitrite, die man auf Tenos verehrt. Ferner nennt Demetrios im zweiten Buch seiner Argolika von dem Schnitzbild der Hera in Tiryns sowohl den Stoff, nämlich Birnbaumholz, als auch den Künstler, nämlich Argos,

Und viele werden sich vielleicht wundern, wenn sie hören, daß das — wie es heißt — vom Himmel gefallene Palladion, das Diomedes und Odysseus heimlich aus Troja mitgenommen und bei Demophon hinterlegt haben sollen, aus den Knochen des Pelops verfertigt war, wie der Zeus von Olympia aus anderen Knochen, denen eines indischen Tieres [d. h. aus Elfenbein]. Und als Gewährsmann führe ich dir Dionysios an, der im fünften Teile seines Kyklos davon erzählt.

Apellas aber sagt in seinen Delphika, es habe zwei Palladia gegeben, aber beide seien von Menschen gemacht gewesen. Damit aber niemand meine, daß ich das Folgende aus Unwissenheit übergangen habe, so will ich noch anführen, daß das Bild von Dionysos Morychos in Athen aus dem sogenannten Phellatasstein bestand und ein Werk des Sikon, des Sohnes des Eupalamos, war, wie Polemon in einem Briefe sagt.

Dann hat es noch zwei andere, ich glaube kretische, Bildhauer gegeben [Skyllis und Dipoinos hießen sie]; diese haben die Bilder der beiden Dioskuren in Argos verfertigt und die Statue des Herakles in Tiryns und das Schnitzbild der Artemis Munychia in Sikyon.

Doch was halte ich mich mit dererlei auf, da ich euch von dem Hauptdämon selbst zeigen kann, wer er war? Von diesem, dem ägyptischen Sarapis, der, wie wir hören, in hervorragender Weise von allen der Verehrung gewürdigt wurde, haben sie gewagt zu behaupten, daß er nicht mit Händen gemacht sei.

Die einen erzählen nämlich, daß er von den Sinopern dem Ägypterkönig Ptolemaios Philadelphos als Dankgeschenk gesandt worden sei, der sie sich zu Freunden gewann, alssie von Hungersnot heimgesucht waren und von Ägypten Getreide holen ließen; das Schnitzbild sei aber eine Statue des Pluton; Ptolemaios aber habe die Statue in Empfang genommen und sie auf der Höhe, die jetzt Rhakotis heißt, aufgestellt, wo auch der Sarapistempel verehrt wird; der Platz ist aber nahe bei dieser Gegend. Seine Geliebte Blistiche aber habe Ptolemaios, als sie in Kanobos gestorben war, hierher überführen und an dem eben genannten geweihten Platz begraben lassen.

Andere aber sagen, der Sarapis sei ein Götterbild aus Pontos und sei mit feierlichen Ehren nach Alexandreia überführt worden. Isidoros allein berichtet, daß das Bild von den Einwohnern der Stadt Seleukeia bei Antiocheia geschenkt worden sei, als auch sie in Hungersnot geraten und von Ptolemaios ernährt worden waren.

Athenodoros aber, der Sohn Sandons, wollte den Sarapis recht alt machen; aber dabei bewies er, ich weiß nicht, wie er dazu kam, daß er ein gemachtes Bild war; er sagt nämlich, Sesostris, der König von Ägypten, habe, nachdem er die meisten griechischen Stämme unterworfen hatte, bei seiner Rückkehr nach Ägypten viele Künstler mit sich geführt.

Er befahl nun, daß von ihnen sein Vorfahr Osiris in einem prachtvollen Kunstwerk dargestellt werde. Da verfertigte ihn der Künstler Bryaxis, nicht der Athener, sondern ein anderer, jenem Bryaxis gleichnamiger, und verwendete für sein Kunstwerk eine bunte Mischung von Stoffen. Er hatte nämlich Feilspähne von Gold, Silber, Erz, Eisen und Blei, dazu auch von Zinn; von den ägyptischen Steinen fehlte auch nicht einer: Stücke von Saphir und Blutstein und Smaragd, aber auch von Topas.

All das ließ er zu Pulver zerreiben, mengte es zusammen und färbte es blau, wodurch die dunklere Farbe des Bildes entstand. Dann vermischte er alles mit den von der Bestattung des Osiris und des Apis übrig gebliebenen Spezereien und bildete so den Sarapis. Von diesem weist schon der Name auf die gemeinsame Bestattung [von Osiris und Apis] und die Verwendung von Stoffen aus dem Grab bei dem Kunstwerk hin, insofern durch die Zusammensetzung von Osiris und Apis der Name Osirapis entstand.

Einen anderen neuen Gott hat in Ägypten, ja beinahe auch bei den Griechen, der römische Kaiser geschaffen und als Gott verehren lassen, nämlich seinen so unvergleichlich schönen Geliebten Antinoos, den er ebenso unter die Götter versetzte wie Zeus den Ganymedes; denn wenn die Begierde nichts zu fürchten hat, läßt sie sich nicht leicht hemmen. Und nun verehren die Leute die heiligen Nächte des Antinoos, von deren Schande der Liebhaber wußte, der sie mit ihm durchwachte.

Was nennst du mir den einen Gott, dessen Ehre in Unzucht bestand? Und warum befahlst du sogar, ihn wie einen Sohn zu betrauern? Und warum redest du auch von seiner Schönheit? Häßlich ist die Schönheit, die durch Schändung ihrer Blüte beraubt ist. Vergewaltige nicht, Mensch, die Schönheit und schände nicht die Blüte des Jünglings! Bewahre die Schönheit rein, damit sie schön sei! Werde ein König der Schönheit, nicht ein Gewaltherr! Frei soll sie bleiben. Dann will ich deine Schönheit anerkennen, wenn du ihr Bild rein erhältst. Dann will ich der Schönheit huldigen, wenn sie das wahre Vorbild des Schönen ist.

Da gibt es ferner eine Grabstätte des Geliebten, einen Tempel und eine Stadt des Antinoos. Und wie die Tempel, so werden, meine ich, auch die Grabstätten bewundert, Pyramiden und Mausoleen und Labyrinthe und andere Tempel der Toten, so wie jene [die Tempel] Gräber der Götter sind.

Als Lehrerin will ich euch die Prophetin Sibylla anführen,
„Die nicht Orakel verkündet im Dienste des Phoibos des Lügners,
Den nur törichte Menschen als Gott und als Seher erlogen,
Sondern im Dienst des gewaltigen Gotts, den nicht Hände der Menschen
Bildeten, ähnlich den stummen, aus Stein gehauenen Götzen.“

Sie also nennt die Tempel Trümmerstätten, wenn sie in folgenden Worten verkündet, daß der Tempel der Artemis in Ephesos „von Erdschlünden und Erdbeben“ werde verschlungen werden:
„Unaufhörlich wird Ephesos jammern und weinen am Ufer,
Wenn nach dem Tempel vergeblich es sucht, der nicht mehr vorhanden.“

Und von dem Tempel der Isis und des Sarapis in Ägypten sagt sie, daß er werde niedergerissen und verbrannt werden:
„Isis, du dreimal unselige Göttin, am Wasser des Niles
Bleibst du allein, bist rasend und stumm an Acherons Ufer“,
und dann etwas später:
„Du auch, Sarapis, belastet mit vielen unnützen Steinen,
Liegst nach gewaltigem Sturz in Ägyptens unseligem Lande.“

Wenn du aber auf die Prophetin nicht hören willst, so höre wenigstens, wie dein eigener Philosoph, Herakleitos von Ephesos, den Götterbildern die Gefühllosigkeit vorwirft: „Und sie beten zu diesen Bildern, wie wenn einer mit den Häusern Zwiesprache halten wollte.“

Oder sind denn das nicht wunderliche Menschen, die sich mit Bitten an Steine wenden, ja sogar sie vor ihren Türen aufstellen, als ob sie lebendig wären, wie sie den Hermes als Gott anbeten und den Agyieus als Türhüter aufstellen? Denn wenn sie sie als gefühllos verhöhnen, warum verehren sie sie dann als Götter? Wenn sie dagegen glauben, daß sie an Empfindungen teilhaben, warum stellen sie sie als Türhüter auf?

Die Römer aber, die ihre größten Erfolge der Tyche [dem Schicksal] zuschrieben und sie für die größte Gottheit hielten, brachten sie in den Abort und stellten sie dort auf, indem sie die Latrine der Göttin als würdigen Tempel zuwiesen.

Aber dem gefühllosen Stein und Holz und dem reichen Gold liegt durchaus nichts an Fettdampf oder Blut oder Opferrauch, mit dem sie geehrt und beräuchert werden, so daß sie schwarz werden; aber auch nichts an Ehre oder Schande; sie, die Götterbilder, sind aber weniger Ehre wert als irgendein lebendes Wesen.

Und wie man das Gefühllose hat vergöttlichen können, das ist mir ein Rätsel, und ich muß die Verirrten wegen ihrer Torheit wie Unglückliche bemitleiden. Zwar haben einige Lebewesen nicht alle Sinne, wie die Würmer und die Raupen und wie alle die Tiere, die gleich von Geburt an unvollkommen erscheinen, wie die Maulwürfe und die Spitzmaus, die Nikandros „blind und scheußlich“ nennt.

Aber sie sind doch besser als diese Schnitzwerke und Götterbilder, die ganz unempfindlich sind; denn sie haben wenigstens einen Sinn, z. B. das Gehör oder den Tastsinn oder den dem Geruch oder Geschmack entsprechenden Sinn; sie aber, die Götterbilder, haben keinen einzigen Sinn.

Es gibt aber viele Tiere, die weder Gesicht noch Gehör noch Stimme haben, wie die Gattung der Schaltiere; aber sie leben wenigstens und wachsen und unterliegen dem Einfluß des Mondwechsels. Die Götterbilder aber sind leblos, untätig, gefühllos; sie werden angebunden, angenagelt, angeheftet, geschmolzen, gefeilt, gesägt, geglättet, behauen.

„Empfindungslose Erde mißhandeln“ in der Tat die Verfertiger von Götzenbildern, indem sie ihr ihre Eigenart nehmen und durch die Kunst zu ihrer Anbetung verführen. Die Götterverfertiger beten aber nach meinem Gefühl nicht Götter oder Dämonen an, sondern Erde und Kunst; denn das sind die Götterbilder. Denn tatsächlich ist das Götterbild toter, durch die Hand des Künstlers gestalteter Stoff. Wir aber haben nicht ein sinnlich wahrnehmbares Bild aus sinnlich wahrnehmbarem Stoff, sondern ein geistiges Bild: mit dem Geiste, nicht mit den Sinnen wahrnehmbar ist Gott, der einzig wahre Gott.

Andererseits müssen die Verehrer der Dämonen, die Anbeter der Steine, in der Not selbst es durch die Erfahrung lernen, daß man empfindungslosen Stoff nicht anbeten soll; da sie der Not selbst erliegen, kommen sie infolge ihrer Dämonenfurcht um. Während sie aber die Bilder verachten, aber doch nicht den Schein erwecken wollen, als schätzten sie sie ganz gering, werden sie von eben den Göttern, deren Namen die Bilder tragen, ihres Irrtums überführt.

So nahm der Tyrann Dionysios der Jüngere dem Zeus auf Sizilien sein goldenes Gewand weg und ließ ihm ein wollenes umlegen, wobei er den Witz machte, dies sei besser als das goldene, da es bei Hitze leichter und bei Kälte wärmer sei.

Und Antiochos Kyzikenos befahl, als er in Geldverlegenheit war, das goldene Bildnis des Zeus, das fünfzehn Ellen hoch war, einzuschmelzen und aus anderem, weniger wertvollem Stoff ein ihm ähnliches, mit Blattgold überzogenes Bildnis wieder aufzustellen.

Die Schwalben aber und viele andere Vögel kommen herangeflogen und verunreinigen gerade die Götterbilder und kümmern sich nichts um den Olympischen Zeus oder den Asklepios von Epidauros oder die Athene Polias oder den ägyptischen Sarapis. Aber nicht einmal von ihnen lernt ihr, daß die Götterbilder völlig gefühllos sind.

Aber manchmal haben auch Verbrecher oder eingedrungene Feinde aus schmählicher Gewinnsucht die Tempel geplündert und die Weihgeschenke geraubt, oder sie haben auch die Götterbilder selbst einschmelzen lassen.

Und wenn ein Kambyses oder Dareios oder ein anderer in einem Anfall von Raserei Derartiges versuchte und wenn einer den ägyptischen Apis tötete, so lache ich zwar darüber, daß er ihren Gott tötete, aber ich bin darüber entrüstet, wenn er Gewinnes wegen frevelte.

Ich will nun gern über solche Freveltaten hinweggehen, da ich sie für Werke der Habgier und nicht für einen Beweis der Ohnmacht der Götterbilder halte. Aber das Feuer und das Erdbeben sind doch gewiß nicht auf Gewinn bedacht; und doch haben sie keine Furcht oder Scheu vor den Dämonen oder vor den Götterbildern, so wenig wie die Meereswogen vor den Kieselsteinen, die an den Gestaden aufgehäuft sind.

Ich weiß, daß das Feuer euch widerlegen und euch von eurer Dämonenfurcht heilen kann; wenn du von deiner Torheit frei werden willst, so wird dir das Feuer die Leuchte vorantragen. Dies Feuer war es, das den Tempel in Argos samt der Priesterin Chrysis verbrannte und ebenso den Tempel der Artemis in Ephesos, den zweiten nach der Zeit der Amazonen, und das Capitolium in Rom oftmals heimgesucht hat; es schonte auch den Tempel des Sarapis in der Stadt der Alexandriner nicht.

Ferner zerstörte es in Athen den Tempel des Dionysos Eleuthereus ; und den Tempel des Apollon in Delphoi riß zuerst ein Sturm nieder, dann zerstörte ihn von Grund aus das verständige Feuer. Damit ist dir eine Art Vorspiel gezeigt von dem, was das Feuer verspricht.

Denkt ferner an die Verfertiger der Götterbilder! Veranlassen sie nicht die Verständigen unter euch dazu, daß ihr voll Scham den toten Stoff verachtet? Der Athener Pheidias schrieb auf den Finger des Olympischen Zeus: „Pantarkes ist schön“; denn als schön galt ihm nicht Zeus, sondern sein eigener Geliebter.

Und als Praxiteles das Standbild der Knidischen Aphrodite verfertigte, da machte er, wie Poseidippos in der Schrift über Knidos erzählt, die Göttin der Gestalt seiner Geliebten Kratine ähnlich, damit die Bedauernswerten die Geliebte des Praxiteles anbeten könnten.

Und zu der Zeit, da die Thespische Hetäre Phryne in ihrer Jugendblüte war, nahmen alle Maler für ihre Aphroditebilder die Schönheit der Phryne zu ihrem Vorbild, wie andererseits auch die Bildhauer in Athen die Hermesstatuen dem Alkibiades ähnlich bildeten. Es bleibt also nichts übrig, als daß du dein eigenes Urteilsvermögen zu Rate ziehst und entscheidest, ob du auch die Hetären anbeten willst.

Durch solche Tatsachen, glaube ich, veranlaßt, verachteten die alten Könige die Göttermythen und ließen ohne Bedenken sich selbst als Götter ausrufen; hatten sie doch von Menschen nichts zu fürchten. Dadurch lehrten sie aber zugleich, daß auch jene nur wegen ihres Ruhmes zu Unsterblichen geworden sind. So wurde Keyx, der Sohn des Aiolos, von seiner Gattin Alkyone Zeus und andererseits Alkyone von ihrem Gatten Hera genannt.

Ptolemaios IV. wurde Dionysos genannt und Mithridates von Pontos ebenfalls Dionysos. Es wollte aber auch Alexandros als Sohn Ammons gelten und ließ sich von den Bildhauern mit Hörnern darstellen, eifrig darauf bedacht, das schöne menschlicheAntlitz mit einem Horn zu verunzieren.

Und nicht nur Könige, sondern auch einfache Bürger pflegten sich mit göttlichen Namen zu schmücken, wie z. B. der Arzt Menekrates, der den Beinamen Zeus hatte. Warum soll ich den Alexarchos erwähnen? Dieser war seines Zeichens ein Grammatiker, verwandelte sich aber, wie Aristos von Salamis erzählt, in Helios.

Was soll ich auch den Nikagoras nennen? Er stammte aus Zeleia und lebte zur Zeit des Alexandros. Hermes ließ sich Nikagoras nennen und kleidete sich wie Hermes, wie er selbst bezeugt.

Wozu, sage ich, soll ich einzelne Männer nennen, da doch ganze Völker und Städte mit allen ihren Bewohnern aus Schmeichelei die Erzählungen von den Göttern entwerteten, indem sie sich, obwohl sie nur Menschen waren, von eitler Ehre aufgeblasen, den Göttern gleichmachten und für sich selbst überschwengliche Ehren beschlossen? Bald gaben sie das Gesetz, daß Philippos, der Sohn des Amyntas, der Makedonier aus Pella, im Kynosarges verehrt werde, er, der „ein gebrochenes Schlüsselbein und ein lahmes Bein hatte, er, dem das Auge ausgeschlagen war“.

Und dann wieder verkündigten sie sogar auch den Demetrios als Gott; und da, wo er bei seinem Einzug in Athen vom Pferde stieg, ist ein Tempel des Demetrios Kataibates [des Herabsteigers], während seine Altäre überall sind. Und von den Athenern war ihm die Vermählung mit Athene zugedacht; aber er verschmähte die Göttin, da er ihr Standbild nicht heiraten konnte. Statt dessen ging er mit der Hetäre Lamia auf die Akropolis hinauf und vermählte sich mit ihr in dem Brautgemach der Athene, indem er der alten Jungfrau die Formen der jungen Hetäre zeigte.

Wir dürfen es daher auch dem Hippon nicht übelnehmen, wenn er seinen Tod als ein Unsterblichwerden erklärte. Dieser Hippon ließ auf sein Grabmal folgendes Distichon setzen:
„Hippons Grabmal ist hier; ihn hat den unsterblichen Göttern
Gleich die Moira gemacht, als er dem Tode erlag.“
Trefflich zeigst du uns, Hippon, den menschlichen Irrtum. Denn wenn sie dir auch nicht geglaubt haben, als du noch reden konntest, so sollen sie doch deine Schüler werden, nachdem du tot bist.

Dies ist ein Orakelspruch des Hippon; laßt uns überlegen, was er bedeutet! Die von euch Angebeteten waren einst Menschen, sind aber hernach gestorben; mit [göttlichen] Ehren aber hat sie die Sage und die Länge der vergangenen Zeit ausgestattet. Denn das Gegenwärtige pflegt wohl gering geachtet zu werden, weil man daran gewöhnt ist; das Vergangene aber, das durch die Dunkelheit der Zeit der augenblicklichen Prüfung entrückt ist, pflegt durch erdichtete Erzählungen geehrt zu werden; und während man gegen jenes Mißtrauen hegt, wird dieses bewundert.

So werden die vor langem verstorbenen Toten, die durch die lange Zeit des Irrtums zu Ehren kommen, von den späteren Geschlechtern für Götter gehalten. Einen Beweis dafür habt ihr an euren Mysterien selbst, an den Festen, an den Fesseln und Wunden und Tränen der Götter.
„Wehe mir, daß das Geschick mir Sarpedon den liebsten der Männer
Lässet erliegen der Hand des Menoitiossohnes Patroklos!“

Überwältigt ist der Wille des Zeus, und besiegt jammert euer Zeus um des Sarpedon willen. Mit Recht also habt ihr selbst sie Schattenbilder und Dämonen genannt, nachdem Homeros auch Athene selbst und die anderen Götter zu Ehren ihrer Schlechtigkeit Dämonen genannt hat:
„Sie aber ging zum Olympos
In des Aigishaltenden Haus zu den andern Dämonen.“

Wie können also die Schattenbilder und Dämonen noch Götter sein, da sie in Wirklichkeit Abscheu erregende und unreine Geister sind, nach aller Urteil an Erde und Moder gebunden, durch ihr eigenes Gewicht zu Boden gedrückt, „um Gräber und Grüfte herumschwebend“, in deren Nähe sie ja auch undeutlich als „schattenhafte Gestalten“ erscheinen.

Das sind eure Götter, die Trugbilder, die Schatten und dazu jene „lahmen und runzeligen mit seitwärts blickenden Augen“, die Litai [Bitten], die eher Töchter des Thersites als des Zeus sein könnten. Daher scheint mir Bion witzig gefragt zu haben, mit welchem Recht die Menschen von Zeus wohlgeratene Kinder erbitten könnten, wenn er doch nicht imstande war, sich selbst solche zu verschaffen.

Wehe über solche Gottlosigkeit! Soviel an euch ist, versenkt ihr das reine Wesen in die Erde und bestattet das Unbefleckte und Heilige in den Gräbern. So beraubt ihr die Gottheit ihres wahren und wirklichen Wesens.

Warum denn habt ihr die Ehren, die Gott gebühren, denen zugeteilt, die keine Götter sind? Warum habt ihr den Himmel verlassen und die Erde geehrt? Was anderes ist denn Gold und Silber und Stahl und Eisen und Erz und Elfenbein und Edelgestein? Sind sie nicht Erde und von Erde? Ist nicht all das, was du siehst, aus einer einzigen Mutterentsprossen, der Erde?

Warum denn also, ihr Toren und Unverständigen, habt ihr [denn ich will es noch einmal wiederholen] der „überhimmlischen Stätte“ Schimpf angetan und die Frömmigkeit auf den Erdboden herabgezogen, indem ihr euch Götter aus Erde machtet? Und warum habt ihr diese geschaffenen Dinge an Stelle des ungeschaffenen Gottes verehrt und euch dadurch in tiefere Finsternis gestürzt?

Schön ist der Parische Marmor, aber er ist noch kein Poseidon; schön ist das Elfenbein, aber es ist noch kein Olympischer Zeus. Der Stoff hat doch immer die Kunst nötig; Gott aber ist bedürfnislos. Die Kunst entwickelte sich, zum Stoff gesellte sich die Form; und die Kostbarkeit des Stoffes bewirkt, daß das Werk mit Gewinn in den Handel gebracht werden kann; aber allein durch die Form wird es ein Gegenstand der Verehrung.

Dein Götterbild ist Gold, ist Holz, ist Stein; und wenn du an den letzten Ursprung denkst, so ist es Erde, die von der Hand des Künstlers eine Form erhalten hat. Ich bin aber gewohnt, die Erde mit meinen Füßen zu treten, nicht sie anzubeten; denn ich halte es nicht für recht, die Hoffnungen der Seele je den seelenlosen Dingen anzuvertrauen.

Wir müssen nun so nahe als möglich an die Götterbilder herantreten, damit schon aus dem Anschauen sich der Irrtum als untrennbar mit ihnen verbunden erweise; denn die Formen der Götterbilder tragen als ganz unverkennbares Gepräge die Eigenart der Dämonen an sich.

Wenn also jemand die Gemälde und Standbilder der Reihe nach betrachtet, wird er eure Götter sofort an ihren unwürdigen Darstellungen erkennen, den Dionysos an seiner Kleidung, den Hephaistos an seinem Werkzeug, die Deo an ihrer Trauer, an ihrem Schleier die Ino, an dem Dreizack den Poseidon, an dem Schwan den Zeus; den Herakles kennzeichnet der Scheiterhaufen; und wenn jemand ein Weib nackt dargestellt sieht, so weiß er, daß es die „goldene“ Aphrodite ist.

So verliebte sich jener Pygmalion von Kypros in eine elfenbeinerne Statue; die Statue war ein Bild der Aphrodite und war nackt. Der Kyprier wird von der schönen Form überwältigt und umarmt die Statue, und das erzählt Philostephanos. Eine andere Aphrodite in Knidos war aus Marmor und war schön; ein anderer verliebte sich in sie und vermählt sich mit ihr; Poseidippos erzählt es, der erstere in dem Buch über Kypros, der andere in dem über Knidos. In solchem Maß vermochte Kunst zu täuschen, daß sie lüsternen Menschen Verführerin zum Abgrund wurde.

Mächtige Wirkung hat die bildende Kunst, aber sie ist nicht imstande, ein vernünftiges Wesen oder gar solche zu täuschen, die vernunftgemäß gelebt haben. Zwar flogen wegen der Ähnlichkeit der Malerei zu gemalten Tauben andere Tauben hinzu, und schön gemalten Stuten wieherten Hengste zu. Ein Mädchen soll sich in ein Gemälde und ein schöner Jüngling in eine Knidische Statue verliebt haben, aber nur die Augen der Betrachtenden waren von dem Kunstwerk getäuscht.

Denn kein vernünftiger Mensch hätte eine Göttin umarmt oder sich mit einer Toten zusammen begraben lassen oder hätte sich in eine Gottheit oder in einen Stein verliebt. Euch aber berückt mit einem anderen Zauber die Kunst, die euch, wenn sie euch auch nicht zum Verlieben verführt, doch dazu bringt, daß ihr die Statuen und die Gemälde verehrt und anbetet.

Ähnlich ist freilich das Gemälde; so möge die Kunst zwar gelobt werden, aber sie soll den Menschen nicht täuschen, als ob sie Wirklichkeit wäre. Es steht das Pferd ruhig da, die Taube ist regungslos, untätig der Flügel; aber die aus Holz angefertigte Kuh des Daidalos betörte einen wilden Stier; und durch ihre Täuschung zwang die Kunst das Tier, das verliebte Weib zu bespringen.

So heftige Begierde haben die Künste mit ihrer schlimmen Kunst in den unvernünftigen Tieren erregt. Aber bei den Affen sind ihre Pfleger und Wärter darüber erstaunt, daß sie sich von keinem Bildwerk oder Spielzeug aus Wachs oder Ton täuschen lassen; ihr aber werdet euch wohl als den Affen an Verstand nachstehend erweisen, wenn ihr steinernen und hölzernen und goldenen und elfenbeinernen Statuen und Gemälden Achtung schenkt.

Solch verderbliches Spielzeug haben für euch angefertigt die Steinmetzen und die Bildhauer und wiederum Maler und Baumeister und Dichter, die eine große Menge derartiger Wesen einführten, auf den Feldern Satyrn und Pane, in den Wäldern die Berg- und Baumnymphen, ferner auch in den Gewässern und in den Flüssen und Quellen die Naiaden und im Meere die Nereiden.

Magier rühmen sich sogar der Dämonen als der Gehilfen bei ihrem gottlosen Tun, indem sie sie als ihre Diener angeworben und die durch ihre Zaubersprüche Bezwungenen zu Sklaven gemacht haben. Ferner die Erzählungen von Ehen der Götter und von dem Erzeugen und Gebären von Kindern und die in Liedern besungenen Ehebrüche und die in Lustspielen verspotteten Schmausereien und das Gelächter beim Zechen, von dem berichtet wird, all das veranlaßt mich, laut zu schreien, auch wenn ich schweigen wollte. Wehe über solche Gottlosigkeit!

Zur Schaubühne habt ihr den Himmel gemacht, und das Göttliche ist euch zum Schauspiel geworden, und das Heilige habt ihr unter der Maske der Dämonen wie in einem Lustspiel verspottet; die wahre Gottesfurcht habt ihr durch eure Dämonenfurcht wie in einem Satyrspiel verhöhnt.

„Er aber griff in die Saiten und fing den schönen Gesang an“
– Sing uns, Homer, das schöne Lied,
„Über des Ares Lieb‘ und der reizenden Aphrodite;
Wie sie zuerst sich vermählt in Hephaistos’ schönen Gemächern
Heimlich; denn viel gab jener und schändet‘ das Bett und das Lager
Ihm, dem Herrscher Hephaistos.“

Höre auf, Homer, mit deinem Gesang! Er ist nicht schön, er lehrt Ehebruch. Wir haben es aber abgelehnt, auch nur mit den Ohren uns an Hurerei zu freuen; denn wir, wir sind es, die in diesem lebenden und sich bewegenden Bildwerk, dem Menschen, das Bildnis Gottes tragen, ein Bildnis, das mit uns wohnt, unser Ratgeber, unser Begleiter, unser Hausgenosse ist, das mit uns fühlt, das für uns leidet. Wir sind für Gott ein Weihgeschenk um Christus‘ willen geworden.

„Wir, das auserwählte Geschlecht, die Priesterschaft von königlichem Rang, ein heiliges Volk, ein erlesenes Volk, die einst nicht ein Volk, jetzt aber ein Volk Gottes.“ Die wir nach Johannes nicht zu denen gehören, die „von unten her“ sind, sondern von dem, der von oben gekommen ist, die ganze Wahrheit gelernt haben, die den Heilsweg Gottes erkannt haben, die „in einem neuen Leben zu wandeln“ bestrebt sind.

Aber das ist nicht die Gesinnung der Menge; vielmehr haben sie die Scham und die Furcht von sich geworfen und lassen in ihren Häusern die unreinen Gelüste der Dämonen in Bildern darstellen. Deshalb haben sie, der Unzucht ergeben, ihre Schlafzimmer mit gewissen Gemälden, die wie Weihgeschenke aufgehängt sind, ausgeschmückt, indem sie die Zuchtlosigkeit für Frömmigkeit zu halten scheinen.

Und wenn sie auf ihrem Bett liegen, so können sie bei ihren Umarmungen selbst noch jene nackte Aphrodite ansehen, die in ihrem Ehebruch gefesselt ist; und aus Freude an der Abbildung des weiblichen Körpers lassen sie auf ihren Siegelringen den verliebten Schwan darstellen, wie er seine Flügel um Leda schlägt, und verwenden so ein Siegelbild, das der Zuchtlosigkeit des Zeus entspricht.

Das sind die Urbilder für euere eigene Wollust, das sind die göttlichen Lehren der Zuchtlosigkeit, das der Unterricht der zusammen mit euch hurenden Götter; „denn was einer will, das glaubt er auch immer“, wie der Athenische Redner sagt. Was habt ihr aber auch sonst für Bilder! Kleine Panfiguren und nackte Mädchen und trunkene Satyrn und aufgerichtete Zeugungsglieder, die auf den Gemälden schamlos dargestellt und wegen der Zuchtlosigkeit zu verurteilen sind.

Ferner schämt ihr euch nicht, ganz offen vor allem Volk gemalte Darstellungen der ärgsten Zügellosigkeit zu betrachten, haltet sie vielmehr noch in Ehren, wenn sie aufgestellt sind, begreiflicherweise, da es ja die Bilder eurer Götter sind; und in eueren Häusern habt ihr Denkmäler der Schamlosigkeit den Göttern geweiht, indem ihr die Stellungen der Philainis in gleicher Weise abbilden lasset wie die Arbeiten des Herakles.

Wir verkündigen, daß man nicht daran denken darf, solch schändliche Dinge zu tun oder auch nur anzusehen oder anzuhören. Euere Ohren haben Unzucht, euere Augen Hurerei getrieben und, was das Unerhörteste ist, schon vor der Umarmung haben euere Blicke die Ehe gebrochen.

O ihr, die ihr am Menschen gefrevelt und das Göttliche des Menschengebildes durch Entehrung zerstört habt, ihr seid völlig ungläubig, damit ihr eueren Leidenschaften die Zügel schießen lassen könnt; und ihr glaubt den Trugbildern, weil ihr ihre Zuchtlosigkeit zum Vorbild nehmen wollt, und glaubt Gott nicht, weil ihr ein keusches Leben nicht ertragen könnt; und das Bessere habt ihr gehaßt, das Schlechtere aber geehrt; bei der Tugend seid ihr Zuschauer, bei der Schlechtigkeit aber Wettkämpfer geworden.

„Glückselig“ sind daher sozusagen nach den Worten der Sibylle jene alle zusammen,
„Welche alle die Tempel verleugnen, sobald sie sie sehen,
Und die Altäre, aus fühllosen Steinen unnütze Bauten,
Und die Werke aus Stein, die von Menschen gefertigten Bilder,
Die mit dem Blute Beseelter befleckt sind und mit dem Opfer
Aller der Arten von Tieren und Vögeln und blutigem Jagdwild.“

Denn es ist uns ja auch ganz deutlich verboten, trügerische Kunstwerke zu machen. „Denn du sollst“, so sagt der Prophet, „kein Bildwerk von irgend etwas machen, was nur immer oben im Himmel und unten auf der Erde ist.“

Sollten wir wohl noch die Demeter, die Kore und den in den Mysterien gefeierten Iakchos des Praxiteles für Götter halten oder die Kunstwerke des Lysippos oder die Hände des Apelles, die dem Stoffe die Gestalt der Göttererscheinung verliehen haben? Aber ihr legt den größten Wert darauf, daß das Götterbild so schön wie nur immer möglich gestaltet werde; darum jedoch kümmert ihr euch nicht, daß ihr nicht selbst wegen eurer Gefühllosigkeit den Steinbildern ähnlich werdet.

Mit der größten Klarheit und Kürze jedenfalls verurteilt das prophetische Wort die [heidnische] Gewohnheit: „Alle die Götter der Heiden sind Trugbilder der Dämonen, Gott aber hat die Himmel geschaffen“ und das, was am Himmel ist.

Dadurch haben sich manche, ich weiß nicht wie, verführen lassen und beten nicht Gott selbst, sondern ein Werk Gottes an, die Sonne und den Mond und die andere Schar der Gestirne, indem sie unvernünftigerweise diese für Götter halten, während sie nur „Mittel der Zeitrechnung“ sind. Denn „durch sein Wort wurden sie [die Himmel] festgefügt und durch den Hauch seines Mundes ihr ganzes Heer.“

Aber die Kunst der Menschen macht Häuser und Schiffe und Städte und Gemälde; wie aber sollte ich all das nennen können, was Gott macht? Sieh an die ganze Welt, sie ist sein Werk; und der Himmel und die Sonne und die Engel und die Menschen sind „Werke seiner Finger“. Wie gewaltig ist die Macht Gottes!

Sein Wille allein genügt, um die Welt zu schaffen; denn Gott allein hat sie geschaffen, da er auch allein wahrhaft Gott ist. Durch sein bloßes Wollen wirkt er, und sobald er nur etwas gewollt hat, folgt sofort das Gewordensein.

Hier geht eine große Zahl Philosophen in die Irre, die zwar ganz richtig sagen, daß der Mensch zur Betrachtung des Himmels geschaffen sei, aber doch die Erscheinungen am Himmel, die mit den Augen wahrgenommen werden, anbeten. Denn wenn auch die Himmelskörper nicht von Menschen gemacht sind, so sind sie doch für Menschen gemacht.

Und keiner von euch soll die Sonne anbeten, sondern er soll sich nach dem Schöpfer der Sonne sehnen; und keiner soll die Welt vergöttern, sondern den Schöpfer der Welt soll er suchen. Die einzige Zuflucht also für den Menschen, der zu den Toren des Heils gelangen will, ist, wie sich zeigt, die göttliche Weisheit; von hier aus wie von einer heiligen, unverletzbaren Zufluchtstätte kann der Mensch, der zum Heile zu gelangen strebt, von keinem der Dämonen mehr fortgeschleppt werden.

5. Kapitel

Wir wollen jetzt, wenn es dir recht ist, die Ansichten besprechen, die die Philosophen über die Götter zu haben sich rühmen. Vielleicht werden wir finden, daß auch die Philosophie selbst aus leerer Eitelkeit den Stoff zu einem Bild der Gottheit macht; oder wir können im Vorübergehen auch nachweisen, daß sie, weil sie die Wahrheit nur im Traume sieht, irgendwelche göttliche Kräfte vergöttlicht.

Einige von ihnen haben die Elemente als Urstoffe übrig gelassen; als einen solchen Stoff pries Thales von Milet das Wasser, und Anaximenes, der gleichfalls von Milet war, die Luft; und ihm folgte später Diogenes von Apollonia. Parmenides aber von Elea führte Feuer und Erde als Götter ein; nur das eine von diesen beiden, das Feuer, nahmen als Gottheit an Hippasos von Metapontion und Herakleitos von Ephesos; jedoch Empedokles von Akragas verfiel auf eine Mehrheit und rechnet zu diesen vier Elementen noch Streit und Liebe hinzu.
Gottlos waren wahrlich auch diese Männer, die infolge einer Art törichter Weisheit den Stoff verehrten, und zwar nicht Steine und Holz anbeteten, aber deren Mutter, die Erde, vergötterten, und zwar keinen Poseidon bildeten, aber das Wasser selbst anbeteten.

Denn was ist Poseidon denn anderes als ein flüssiges Element, benannt nach dem Wort πόσις [Trinken] ? Ebenso ist ja auch der kriegerische Ares von ἄρσις und ἀναίρεσις [Vertilgung und Zerstörung] benannt.

Das ist auch, wie ich glaube, der Grund, warum viele einfach ihr Schwert in den Boden stecken und ihm opfern, als ob es der Ares wäre. Das ist z. B. Sitte der Skythen, wie Eudoxos im zweiten Buch seiner Reisebeschreibung sagt, während die Sauromaten, einStamm der Skythen, einen Dolch verehren, wie Hikesios in dem Buch über die Mysterien sagt.

Etwas Ähnliches ist auch der Fall bei Herakleitos und seinen Anhängern, die das Feuer als Urstoff verehren; denn dieses Feuer nannten andere Hephaistos.

Auch die Magier der Perser und viele der Bewohner Asiens haben das Feuer verehrt, ferner auch die Makedonen, wie Diogenes im ersten Buch seiner Persischen Geschichte erzählt. Was soll ich noch die Sauromaten erwähnen, von denen Nymphodoros in seinem Werk „Barbarische Sitten“ berichtet, daß sie das Feuer verehren, oder die Perser und die Meder und die Magier? Von diesen sagt Dinon, daß sie unter freiem Himmel opfern, da sie nur das Feuer und das Wasser für Sinnbilder der Götter halten.

Auch deren Torheit wollte ich nicht verschweigen. Denn wenn sie auch ganz fest davon überzeugt sind, daß sie dem Irrwahn [des Götzendienstes] entronnen sind, so geraten sie doch in einen anderen Trug hinein: zwar haben sie nicht Holz und Steine für Bilder der Götter gehalten wie die Griechen, auch nicht den Ibis und den Ichneumon wie die Ägypter, aber Feuer und Wasser wie die Philosophen.

Berossos aber berichtet im dritten Buch seiner Chaldäischen Geschichte von ihnen, daß sie später, nach dem Verlauf vieler Jahre, Götterbilder in Menschengestalt verehrten, als dies Artaxerxes, der Sohn des Dareios Ochos, eingeführt hatte; dieser ließ nämlich als erster das Standbild der Aphrodite Anaïtis in Babylon und Susa und Ekbatana aufstellen und gab den Persern und Baktrern und Damaskos und Sardeis die Weisung, sie zu verehren.

Daher sollten die Philosophen eingestehen, daß ihre Lehrer die Perser oder die Sauromaten oder die Magier waren; von ihnen haben sie die gottlose Lehre von den ihnen verehrungswürdigen Urstoffen übernommen; daß der Schöpfer aller Dinge, der auch die Urstoffe selbst gemacht hat, der anfangslose Gott, der Uranfang ist, das wissen sie nicht; aber jene „armseligen und schwachen Elemente“, wie der Apostel sagt, die zum Dienste der Menschen geschaffen sind, beten sie an.

Andere Philosophen gingen über die Elemente hinaus und suchten mit Mühe nach etwas Höherem und Besserem. Von ihnen priesen die einen das Unbegrenzte oder Unendliche [τὸ ἄπειρον], wie Anaximandros [er stammte aus Milet] und der Klazomenier Anaxagoras und der Athener Archelaos. Diese beiden haben noch den Verstand [νοῦς] über die Unendlichkeit gesetzt, während Leukippos von Milet und Metrodoros von Chios auch ihrerseits, wie es scheint, zwei Grundursachen gelten ließen, das Volle und das Leere.

Diesen beiden Begriffen fügte Demokritos noch die Bilder [τὰ εἴδωλα] hinzu. Ferner hielt Alkmaion von Kroton die Sterne, die ihm beseelt schienen, für Götter [auch ihre schamlose Lehre will ich nicht mit Stillschweigen übergehen], und Xenokrates [er war aus Kalchedon] erklärt, daß die Planeten sieben Götter seien, der achte Gott aber sei das aus allen Fixsternen bestehende Weltsystem.

Ich will aber auch die Anhänger der Stoa nicht übergehen, die behaupten, daß die Gottheit jeden Stoff, auch den Verachtetsten, durchdringe, und so der Philosophie geradezu Schande machen.

An dieser Stelle steht, wie ich glaube, auch der Erwähnung der Peripatetiker nichts im Wege. Der Begründer dieser Philosophenschule glaubt, da er den Vater des Alls nicht erkannte, daß der [von ihm] so genannte „Höchste“ die Seele des Alls sei; das bedeutet: da er die Weltseele als Gott annimmt, schlägt er sich selbst. Denn da er zuerst erklärt, daß die Vorsehung nur bis zum Monde reiche, dann aber das Weltall für Gott hält, widerspricht er sich selbst, indem er das, was keinen Anteil an Gott hat, als Gott erklärt.

Jener Theophrastos aus Eresos aber, der Schüler des Aristoteles, vermutet bald, daß Gott der Himmel, bald, daß Gott Geist sei. Was aber Epikuros betrifft, so will ich ihn allein, und zwar mit Absicht, übergehen, da er, der in allen Stücken gottlos ist, glaubt, daß Gott sich um gar nichts kümmere. Was ist schließlich von Herakleides aus Pontos zu sagen? Gibt es irgendeine Stelle, wo nicht auch er sich zu den Bildern des Demokritos hinabziehen läßt?

6. Kapitel

Und eine große Menge umschwärmt mich, deren Eigenart es ist, daß sie wie ein Schreckgespenst ein abgeschmacktes Bild sonderbarer Dämonen mit sich führt und mit dem törichten Geschwätz alter Weiber Mythen erzählt. Wir sind weit davon entfernt, Erwachsenen zu gestatten, daß sie auf solche Reden hören, da wir ja nicht einmal unsere Kinder, wenn sie, wie man zu sagen pflegt, wimmern oder schreien, dadurch zu beruhigen pflegen, daß wir ihnen Fabelgeschichten erzählen, aus Furcht, wir möchten in ihnen jene Gottlosigkeit großziehen, die von diesen Männern verkündigt wird, die sich selbst für weise halten, aber von der Wahrheit ebensowenig wissen wie kleine Kinder.

Warum denn, bei der Wahrheit, zeigst du die sich dir Anvertrauenden dem Fluß stürmischer Bewegung und regellosen Wirbeln unterlegen? Warum füllst du mir das Leben mit Trugbildern an, indem du Winde oder Luft oder Feuer oder Erde oder Steine oder Holz oder Eisen und so diese Welt zu Göttern machst, zu Göttern aber auch die Irrsterne, und indem du den wahrhaft verirrten Menschen mit deiner vielgerühmten Astrologie, nicht Astronomie, geschwätzig von den Erscheinungen am Himmel vorerzählst? Nach dem Herrn der Winde verlange ich, nach dem Herrn des Feuers, nach dem Schöpfer der Welt, nach dem, der der Sonne ihr Licht gibt; Gott suche ich, nicht die Werke Gottes.

Wen kann ich von dir als Gehilfen bei meinem Suchen nehmen? Denn wir haben bei dir die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Wenn es dir recht ist, den Platon. Wie also, Platon, sollen wir Gott aufspüren? „Den Vater und Schöpfer dieses Alls zu finden, ist eine schwere Aufgabe; und wenn man ihn gefunden, ist es unmöglich, ihn allen zu verkünden.“ Warum denn, in Gottes Namen? „Weil es in keiner Weise in Worte zu fassen ist.“

Trefflich, Platon! Du kommst der Wahrheit nahe; laß aber nicht nach! Nimm gemeinsam mit mir die Frage nach dem Guten vor! Denn allen Menschen ohne Ausnahme, vor allem aber denen, die sich dem Denken hingeben, ist ein Ausfluß göttlichen Wesens eingeträufelt.

Deswegen müssen sie auch wider ihren Willen zugeben, daß es einen einzigen Gott gibt, der unvergänglich und ungeworden ist und der irgendwo in der Höhe auf den Gewölben des Himmels in seiner eigenen und ihm allein gehörenden Warte in Ewigkeit wahrhaftig lebt.
„O sage mir, wie man sich Gott denn denken muß!
Der alles sieht und selbst doch nicht zu sehen ist.“
So sagt Euripides.

Menandros scheint mir sich also geirrt zu haben, wo er sagt:
„Dich, Sonne, muß man ehren als den höchsten Gott,
Durch den man sehen kann der andern Götter Schar.“
Denn auch die Sonne wird uns nie den wahren Gott zeigen können; sondern dies kann nur der heilbringende Logos, der die Sonne der Seele ist; durch diese Sonne allein, wenn sie im Innern in der Tiefe des Geistes aufgegangen ist, wird das Auge der Seele erleuchtet.

Daher sagt Demokritos nicht ohne Grund: „Einige der gelehrten Männer erheben ihre Hände zu dem Orte, wo sich der Stoff befindet, den wir Griechen jetzt Luft nennen, und sagen dazu: alles denkt sich Zeus aus und alles weiß er und alles gibt und nimmt er, und er ist König des Weltalls.“ Das gleiche meint wohl auch Platon, wenn er von Gott in geheimnisvoller Weise sagt: „Um den König aller Dinge sind alle Dinge, und dies ist die Ursache alles Guten.“

Wer also ist der König aller Dinge? Es ist Gott, der Maßstab für die Wahrheit des Seienden. Wie also mit dem Maßstab das zu Messende erfaßt wird, so wird auch durch die Erkenntnis Gottes die Wahrheit gemessen und erfaßt.

Der wahrhaft heilige Moses sagt ja: „Du sollst in deiner Tasche nicht zweierlei Gewicht, ein großes und ein kleines, haben; und in deinem Hause soll nicht ein großes Maß und ein kleines sein, sondern ein wahres und gerechtes Gewicht sollst du haben.“ Dabei dachte er daran, daß Gott Gewicht und Maß und Zahl des Weltalls ist.

Denn die ungerechten und ungleichen Trugbilder sind in dem Hause in der Tasche und in der sozusagen schmutzbedeckten Seele verborgen. Aber das einzige gerechte Maß, der einzige wahrhafte Gott, der sich immer gleich ist und in allem unveränderlich bleibt, ist für alles Maß und Gewicht, da er mit seiner Gerechtigkeit wie mit einer Waagschale die Natur des Weltalls ohne jedes Schwanken umfaßt und trägt.

„Der Gott, der, wie auch ein alter Spruch sagt, Anfang und Ende und Mitte aller Dinge umfaßt, geht immer den geraden Weg, weil er der Natur gemäß seine Bahn wandelt; und ihn begleitet stets die Gerechtigkeit und vollzieht die Strafe an denen, die vom göttlichen Gesetze abweichen.“

Woher, Platon, kannst du auf die Wahrheit hinweisen? Woher stammt die reiche Fülle von Worten, mit denen du die Gottesfurcht verkündigst? Weiser, sagt er, als diese sind der Barbaren Geschlechter. Ich kenne deine Lehrmeister, auch wenn du sie verheimlichen willst. Geometrie lernst du von den Ägyptern, Astronomie von den Babyloniern, die heilbringenden Zaubersprüche erhältst du von den Thrakern; viel haben dich auch die Assyrer gelehrt; die Gesetze aber, soweit sie wahr sind, und die Anschauung über Gott hast du von den Hebräern selbst gewonnen, „Welche nicht wandeln in eitelem Trug, nicht Gebilde der Menschen,
Goldene oder aus Erz, aus Elfenbein oder aus Silber,
Hölzerne oder aus Stein, die Bilder verstorbener Menschen
Ehren, wie Sterbliche tun mit töricht gesinntem Beginnen.
Nein, sie heben zum Himmel empor ihre heiligen Hände,
Morgens, sofort nach dem Lager, den Leib im Wasser entsühnend
Jeglichen Tags, und Ehre erhält nur der ewige Herrscher,
Gott, der ewiglich lebt.“

Und nun, Philosophie, beeile dich, mir nicht nur den einen Platon, sondern auch viele andere herbeizubringen, die den einen wahrhaft einzigen Gott als Gott erklären, da sie von ihm selbst erleuchtet sind, ob sie wohl so die Wahrheit ergreifen möchten.

Denn z. B. Antisthenes hat dies nicht als eine Kynische Lehre ersonnen, sondern als Schüler des Sokrates sagt er: „Gott ist niemand gleich; deshalb kann ihn niemand aus einem Bilde erkennen.“

Und Xenophon von Athen hätte wohl auch etwas ausdrücklich über die Wahrheit geschrieben und wie Sokrates ein Zeugnis abgelegt, wenn er nicht den Giftbecher des Sokrates gefürchtet hätte; trotzdem gibt er eine Andeutung. „Daß er, der alles bewegt und wieder zur Ruhe bringt, groß und mächtig ist, das ist offenbar; wie aber seine Gestalt ist, das ist verborgen; auch die Sonne, die für alle sichtbar zu sein scheint, erlaubt offenbar nicht, daß man sie ansieht; vielmehr verliert sein Gesicht, wer dreist in die Sonne schaut.“

Woher hat wohl der Sohn des Gryllos diese Weisheit? Doch wohl offenbar von der Prophetin der Hebräer, die folgende Offenbarung gibt:
„Welches sterbliche Auge kann wohl den Himmlischen schauen,
Gott den unsterblichen, wahren, ihn, der den Himmel bewohnet?
Können die Menschen doch auch den Strahlen der Sonne entgegen
Nimmermehr treten, dieweil sie als Sterbliche werden geboren.“

Und Kleanthes aus Pedasos, der stoische Philosoph, zeigt keine Theogonie wie die Dichter, sondern wahre Theologie. Er verheimlichte nicht, was er über die Gottheit dachte:

„Du fragst mich, wie das Gute ist? So höre denn!
Geordnet, heilig und gerecht, voll Gottesfurcht,
Sich selbst beherrschend, nützlich, schön und wie sich’s ziemt,
Von ernstem Wesen, unverstellt, ersprießlich stets,
Und frei von Furcht und Kummer, hilfreich, ohne Schmerz,
Und förderlich, gefällig, zuverlässig, lieb,
Geehrt, von allen anerkannt, † † †
Berühmt, bescheiden, sorgsam, sanft, zur Tat bereit,
Die Zeit besiegend, tadellos, beständig stets.
Unedel ist, wer immer eitler Meinung traut
Und glaubt, daß ihm von ihr ein Gutes kommen kann.“

Hier lehrt er doch, wie ich glaube, deutlich, wie beschaffen die Gottheit ist, und wie die allgemeine Meinung und die Gewohnheit die, welche ihnen folgen, statt Gott zu suchen, zu Sklaven machen.

Wir wollen aber auch die Lehre der Pythagoreer nicht verschweigen, die sagen: „Gott ist nur Einer; dieser ist aber nicht, wie einige meinen, außerhalb der Weltordnung, sondern in ihr, ganz gegenwärtig in dem ganzen Weltkreis, der Beschützer alles Gewordenen, die Verschmelzung aller Zeitalter und Verwalter seiner eigenen Kräfte und Lichtspender für alle Himmelskörper und aller Dinge Vater, Geist und Beseelung des ganzen Weltkreises, aller Dinge Bewegung.“

Diese Worte, die von ihnen mit Hilfe der Erleuchtung durch Gott aufgezeichnet, von uns aber ausgewählt sind, genügen schon zur Erkenntnis Gottes für den, der auch nur ein wenig die Wahrheit zu durchschauen vermag.

7. Kapitel

Aber die Philosophie allein genügt nicht; darum soll auch die Dichtkunst selbst uns zu Hilfe kommen, sie, die sich ganz und gar mit dem Erfundenen beschäftigt, aber doch endlich einmal ein Zeugnis für die Wahrheit ablegen, vielmehr vor Gott ihr Abirren zu den Mythen bekennen soll. Welcher Dichter also auch immer will, soll zuerst vortreten.

Aratos erkennt, daß die Kraft Gottes alles durchdringe,
„daß immerfort alles gedeihe,
Darum verehren sie ihn, den allzeit Ersten und Letzten.
Heil dir, o Vater, gewaltiges Wunder, du Schutzherr der Menschen!“

Ebenso weist auch Hesiodos von Askra auf Gott hin:
„Selber ja ist er der König von allen und aller Gebieter;
Auch der Unsterblichen keiner ist dir an Stärke vergleichbar.“

Aber auch auf der Bühne enthüllen sie die Wahrheit. Der eine von ihnen, Euripides, sagt beim Blick hinauf zum Äther und zum Himmel: „Halte diesen für Gott!“

Sophokles aber, der Sohn des Sophillos, sagt:
„Ein einziger in Wahrheit, einer nur ist Gott;
Er schuf den Himmel und das weite Erdenrund,
Des Meeres finstre Wogen und des Sturms Gewalt;
Wir Menschen aber, irrgeführt in unserm Sinn,
Errichteten zum Trost für unser vieles Leid
Aus Stein uns Götterbilder und Gestalten auch
Aus Erz und Gold gefertigt oder Elfenbein;
Und diesen Opfer und der Feste leere Pracht
Darbringend halten wir dies Tun für Frömmigkeit.“
Dieser Dichter hat in der Tat und in kühner Weise auf der Bühne den Zuschauern die Wahrheit vorgetragen.

Und der thrakische Weihepriester, der zugleich auch ein Dichter war, Orpheus, der Sohn des Oiagros, bringt nach seinem Unterricht von den Orgien und seiner Theologie der Götzenbilder einen Widerruf, der die Wahrheit enthält, und singt zwar spät, aber doch noch das wahrhaft heilige Wort:

„Würdigen gilt meine Rede; ihr Sündigen, schließet die Türen,
Alle zugleich! Du aber, o Sprößling der leuchtenden Mene,
Höre, Musaios; denn Wahres verkünd‘ ich, und nicht soll, was früher
Dir in dem Herzen erschien, dich des lieblichen Lebens berauben.
Blick auf das göttliche Wort und bleib ihm in Treue ergeben,
Richtend verständig des Herzens Gefäß; und beschreite mit Sorgfalt
Immer den Pfad und blick’ nur empor zum Beherrscher des Weltalls,
Der die Unsterblichkeit hat!“

Dann fügt er etwas später ausdrücklich hinzu:
„Einer ist, selbergezeugt, von Einem ist alles entsprossen;
Drinnen waltet er selbst, aber keiner der sterblichen Menschen
Siehet ihn je, er selber jedoch hat alle vor Augen.“
So kam Orpheus mit der Zeit doch zu der Erkenntnis, daß er im Irrtum befangen gewesen war.

„Aber, du Sterblicher listigen Sinnes, verziehe nicht länger;
Sondern in Eile wend‘ dich zurück, um Gott zu versöhnen.“

Denn wenn die Griechen auch sicherlich einige Funken des göttlichen Logos erhielten und einiges wenige von der Wahrheit verkündigten, so bezeugen sie damit zwar, daß deren Macht nicht verborgen ist, aber andererseits erweisen sie sich selbst als schwach, da sie nicht zur Vollendung gelangten.

Denn nunmehr, glaube ich, wird jedem klar geworden sein, daß diejenigen, die ohne das Wort der Wahrheit etwas tun oder sagen, denen ähnlich sind, die ohne Füße zu gehen sich bemühen. Beschämen sollen dich zu deinem Heile auch die überzeugenden Beweisgründe hinsichtlich eurer Götter, die, bezwungen von der Macht der Wahrheit, Dichter in ihren Lustspielen vorbringen.

So sagt der Lustspieldichter Menandros in seinem Stück „Der Fuhrmann“:
„Kein Gott befriedigt mich, der außen geht umher
Mit einer Alten, auch der Metragyrte nicht,
Der in die Häuser läuft mit seinem Täfelchen.“
Denn so machen es die Metragyrten.

Daher sagte Antisthenes mit Recht zu ihnen, als sie ihn um eine Gabe baten: „Ich ernähre die Göttermutter nicht, die die Götter ernähren.“

Derselbe Lustspieldichter zeigt sich in seinem Stück „Die Priesterin“ über die Gewohnheit [des Götzendienstes] ergrimmt und versucht die gottlose Torheit der Verirrung bloßzustellen, indem er verständig ausruft:
„Denn wenn ein Mensch den Gott
Mit Cymbeln ziehen kann, wohin er immer will,
Dann ist, der dieses tut, doch stärker als der Gott;
Doch sind dies Mittel nur der Frechheit und Gewalt,
Erfunden von den Menschen.“

Und nicht nur Menandros, sondern auch Homeros und Euripides und zahlreiche andere Dichter stellen eure Götter bloß und scheuen sich nicht, sie zu schmähen, so sehr es ihnen nur möglich ist. So nennen sie die Athene „Hundsfliege“ und den Hephaistos „an beiden Füßen gelähmt“ und zu Aphrodite sagt Helene:
„Nimmer kehre zurück zum Olympos mit deinen Füßen!“

Von Dionysos aber schreibt Homer unverhüllt:
„Welcher dereinst des Dionysos Ammen des Rasenden jagte
Über die heiligen Berge von Nysa; sie aber warfen
Alle zugleich in den Staub das Gerät vor dem Mörder Lykurgos.“

Wahrhaftig würdig der Sokratischen Schule ist Euripides: er blickt auf die Wahrheit und kümmert sich nichts um die Zuschauer, wenn er einmal den Apollon bloßstellt,
„der der Erde Mittelpunkt
Bewohnt und Menschen zuverlässig Weisung gibt;

Ihm folgend hab‘ ich meine Mutter umgebracht:
Ihn haltet für den Frevler, ihn laßt töten auch!
Denn jener hat gefehlt, nicht ich,
Der ich nicht wußte, was gerecht und billig ist,“

ein anderesmal den Herakles als wahnsinnig und in einem anderen Stück als betrunken und unersättlich einführt. Wie soll man das anders bezeichnen, wenn er, mit Fleisch bewirtet,
„grüne Feigen dazu aß,
Mißtönend schreiend selbst für ein Barbarenohr“?

Schließlich stellt er in seinem Drama „Ion“ ohne jegliche Scheu die Götter auf dem Theater zur Schau:
„Wie ist es nun gerecht, daß ihr Gesetze gebt
Den Menschen, selbst jedoch des Unrechts schuldig seid?
Wenn ihr, zwar wird’s nicht sein, doch sei der Fall gesetzt,
Den Menschen büßen müßtet für erzwungene Ehn,
Du und Poseidon und des Himmels Herrscher Zeus,
So machtet ihr beim Zahlen eure Tempel leer.“

8. Kapitel

Nachdem wir das Übrige der Reihe nach vollendet haben, ist es nun Zeit, zu den prophetischen Schriften überzugehen; denn die Weissagungen, die uns die Wege zur Frömmigkeit am deutlichsten vor Augen führen, legen den Grund zur Wahrheit; die göttlichen Schriften [und ein sittsamer Lebenswandel] sind kurze Wege zum Heil. Sie zeigen zwar nicht den Schmuck der Rede und den äußeren Wohlklang und den Wortreichtum und die einschmeichelnde Form, aber sie richten den von der Bosheit schwer bedrückten Menschen wieder auf; sie sind uns eine Stütze, wenn uns das Leben fallen lassen will; sie bringen mit einer und derselben Stimme für viele Übel die Heilung; sie lenken uns ab von dem schadenbringenden Wahn und lenken uns deutlich hin auf das vor unseren Augen liegende Heil.

So soll uns denn als erste die Prophetin Sibylle das Lied vom Heile singen:
„Siehe, er ist erfaßbar für alle und nicht zu verkennen;
Kommet und jaget nicht immer der Finsternis nach und dem Dunkel!
Siehe, es leuchtet so hell süßblickend die strahlende Sonne.
Kommt zur Erkenntnis und pflanzet die Weisheit in euere Herzen!
Einer ist Gott, der Regen und Wind, Erdbeben entsendet,
Blitze und Nöte des Hungers und Pest und traurige Plagen,
Schneegestöber und Eis; was soll ich das einzelne nennen?
Er ist Gebieter des Himmels, er herrscht auf der Erde, nur er ist.“

Wahrlich von Gott erleuchtet, vergleicht sie den Irrwahn mit der Finsternis, die Erkenntnis Gottes aber mit der Sonne und dem Lichte; und indem sie beide zum Vergleich nebeneinander stellt, lehrt sie, was man wählen soll; denn die Lüge wird nicht einfach dadurch zerstreut, daß man die Wahrheit neben sie stellt, sondern durch die Anwendung der Wahrheit wird sie verdrängt und verjagt.

Jeremias aber, der allweise Prophet, vielmehr in Jeremias der Heilige Geist zeigt, was Gott ist. „Ich bin ein Gott, der nahe ist“, sagt er, „und nicht ein Gott, der ferne ist. Könnte ein Mensch etwas im Verborgenen tun, und ich sollte ihn nicht sehen? Erfülle ich nicht die Himmel und die Erde? spricht der Herr.“

Wiederum sagt er durch Jesaias: „Wer wird den Himmel mit der Spanne messen und die ganze Erde mit der flachen Hand?“ Sieh an die Größe Gottes und staune! Laßt uns den anbeten, von dem der Prophet sagt: „Vor deinem Angesicht werden Berge schmelzen, wie Wachs vor dem Feuer schmilzt.“ Dieser, sagt er, ist Gott, „dessen Thron der Himmel, dessen Fußschemel die Erde ist“; „wenn er den Himmel öffnet, wird dich Zittern erfassen“.
Willst du auch hören, was dieser Prophet über die Götzen sagt? „Sie sollen zum Schauspiel gemacht werden vor der Sonne, und ihre Leichname sollen zum Fraß werden für die Vögel des Himmels und die Tiere der Erde; und verwesen soll vor der Sonne und dem Mond, was sie liebten und dem sie dienten, und ihre Stadt soll verbrannt werden.“

Aber auch die Elemente und die Welt sollen, wie er sagt, zugleich mit ihnen zugrunde gehen; „die Erde“, sagt er, „wird veralten und der Himmel vergehen“, „das Wort des Herrn aber bleibt in Ewigkeit“.

Sieh ferner, wie sich Gott wieder durch Moses offenbaren will! „Erkennet, erkennet, daß ich bin und es keinen anderen Gott außer mir gibt! Ich werde töten und lebendig machen; ich werde schlagen und ich werde heilen, und niemand ist, der aus meinen Händen erretten wird.“

Willst du noch einen anderen Verkünder von Weissagungen hören? Dir steht die ganze Schar der Propheten zu Gebote, die heiligen Gefährten des Moses. Was sagt bei ihnen der Heilige Geist durch Hosea? Ohne Zaudern will ich es sagen. „Siehe, ich, der ich dem Donner seine Macht gebe und den Wind geschaffen habe, dessen Hände das Heer des Himmels befestigt haben.“

Ferner sagt er auch durch Jesaias [auch diese Stimme will ich dir erwähnen]: „Ich, ja ich bin der Herr, der Gerechtigkeit spricht und Wahrheit verkündigt. Versammelt euch und kommet! Beratet zusammen, ihr, die ihr gerettet werdet aus den Völkern! Ohne Erkenntnis sind, die ihr eigenes Schnitzwerk aus Holz erheben und zu Göttern beten, die sie nicht erretten werden.“

Dann etwas später sagt er: „Ich bin Gott, und außer mir ist kein Gerechter, und kein Retter ist außer mir. Wendet euch zu mir, und ihr werdet errettet werden, ihr, die ihr kommt von dem Ende der Erde! Ich bin Gott, und es gibt keinen anderen; bei mir selbst schwöre ich.“

Den Götzendienern aber zürnt er und sagt zu ihnen: „Wem habt ihr den Herrn gleichgemacht oder welchem Bildnis ähnlich habt ihr ihn gebildet? Hat nicht ein Künstler ein Bild gemacht und ein Goldschmied Gold geschmolzen und es vergoldet?“ Und was darauf folgt.

Seid ihr denn nicht noch Götzendiener? Aber hütet euch wenigstens jetzt vor den Drohungen! Denn wehklagen werden die Schnitzwerke und die von Menschenhänden gemachten Bilder, vielmehr die Menschen, die auf sie ihr Vertrauen gesetzt haben; denn der Stoff ist gefühllos. Ferner sagt er: „Der Herr wird bewohnte Städte erschüttern, und den ganzen Erdkreis wird er fassen mit seiner Hand wie ein Vogelnest.“

Soll ich dir weiter Geheimnisse und Sprüche der Weisheit verkünden aus dem Buche eines mit Weisheit erfüllten Sohnes der Hebräer? „Der Herr schuf mich am Anfang seiner Wege für seine Werke“, und „Der Herr gibt Weisheit, und von seinem Angesicht kommt Erkenntnis und Verstand.“

„Wie lange willst du liegen bleiben, du Fauler? Wann willst du aus dem Schlaf erwachen? Wenn du fleißig bist, wird zu dir wie eine Quelle deine Ernte kommen“, das Wort des Vaters, die gute Leuchte, der Herr, der das Licht heraufführt, den Glauben und das Heil für alle.

Denn „der Herr, der die Erde mit seiner Macht geschaffen hat“, wie Jeremias sagt, „hat den Erdkreis durch seine Weisheit aufgerichtet.“ Denn uns, die wir zu den Götzenbildernabgefallen waren, richtet die Weisheit, die sein Wort ist, wieder zur Wahrheit auf.

Und dies ist die erste Auferstehung vom Falle. Daher ruft der göttlich erleuchtete Moses, um uns von jeglichem Götzendienst abzubringen, trefflich aus: „Höre, Israel! Der Herr ist dein Gott, der Herr ist einer“, und „den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.“

Kommt doch wenigstens jetzt zur Einsicht, ihr Menschen; entsprechend dem Worte jenes seligen Psalmensängers David „nehmt Unterweisung an, damit der Herr nicht einmal ergrimme und ihr vom richtigen Wege fort ins Verderben kommt, wenn plötzlich sein Zorn entbrennt! Selig sind alle, die auf ihn vertrauen!“

Ja in seinem übergroßen Erbarmen für uns stimmt der Herr das Lied des Heils wie einen Marschgesang an: „Ihr Söhne der Menschen, wie lange noch seid ihr trägen Herzens? Warum liebet ihr Eitelkeit und suchet die Lüge?“ Was ist nun die Eitelkeit und was ist die Lüge?

Der heilige Apostel des Herrn wird es dir erklären, wenn er die Griechen anklagt, „weil sie, obwohl sie Gott erkannt hatten, ihn nicht als Gott gepriesen oder ihm gedankt haben, sondern in ihren Gedanken eitel geworden sind und die Herrlichkeit Gottes mit dem Abbild der Gestalt eines vergänglichen Menschen vertauscht und dem Geschaffenen mehr als dem Schöpfer gedient haben“.

Und doch ist Gott der, welcher „im Anfang den Himmel und die Erde geschaffen hat“; du aber nimmst Gott nicht wahr, sondern betest den Himmel an. Wie kannst du da dem Vorwurf der Gottlosigkeit entfliehen?

Höre wieder das Wort eines Propheten: „Erlöschen wird die Sonne, und der Himmel wird finster werden, aber leuchten wird der Allmächtige in Ewigkeit; und die Kräfte der Himmel werden erbeben, und die Himmel sollen zusammengerollt werden wie eine Decke, indem sie ausgespannt und zusammengelegt werden,“ [denn das sind die Worte des Propheten] „und die Erde wird fliehen vor dem Angesichte des Herrn.“

9. Kapitel

Und unzählige Stellen der Heiligen Schrift könnte ich dir noch anführen, von denen „auch nicht ein Pünktchen vergehen wird“, ohne daß es erfüllt worden wäre; „denn das Wort des Herrn“, der Heilige Geist, „hat dies gesagt“. „Mißachte daher“, so sagt er, „mein Sohn, nicht länger die Unterweisung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm getadelt wirst!“

O überschwengliche Menschenliebe! Er spricht nicht wie zu Schülern der Lehrer oder wie zu Dienern der Herr oder wie Gott zu Menschen, sondern so, „wie ein gütiger Vater“ seine Söhne ermahnt.

Ferner: Moses bekennt, daß er „erschrocken sei und zittere“, wenn er von dem Worte höre, du aber solltest dich nicht fürchten, wenn du das göttliche Wort selbst vernimmst? Ängstigest du dich nicht? Willst du nicht zugleich Vorsorge tragen und eilen zu lernen, das ist zum Heile eilen, indem du dich vor Gottes Zorn fürchtest, seine Gnade willkommen heißest und die Hoffnung zu erlangen suchst, damit du dem Gerichte entrinnest?

Kommet, kommet, meine junge Schar! „Denn wenn ihr nicht wieder wie die Kinder werdet und wiedergeboren werdet,“ wie die Schrift sagt, dann werdet ihr euren wahren Vater nicht erlangen und „niemals in das Himmelreich eingehen“. Denn wie kann es dem Fremdling erlaubt sein, hineinzukommen?

Aber wenn er in die Listen eingetragen und Bürger geworden ist und den Vater erlangt hat, dann, meine ich, wird er in das „Haus seines Vaters“ aufgenommen werden; dann wird er für würdig erachtet werden, das Erbe zu erhalten; dann wird er gemeinsam mit dem echten Sohn, dem „Geliebten“, an der Königsherrschaft des Vaters Anteil haben.

Denn dies ist die Kirche der Erstgeborenen, die aus vielen guten Kindern besteht; dies sind „die Erstgeborenen, die in den Himmeln aufgeschrieben sind“ und zusammen mit so vielen „Myriaden von Engeln“ Feste feiern.

Erstgeborene Kinder aber sind wir, die Pflegekinder Gottes, die wahren Freunde des „Erstgeborenen“, die wir als erste unter allen Menschen Gott erkannt haben, die wir zuerst aus den Sünden herausgerissen worden sind, die wir uns als erste vom Teufel getrennt haben.

Nun sind aber manche um so gottloser, je größer die Liebe Gottes zu den Menschen ist. Denn er will, daß wir aus Sklaven Söhne werden; sie aber haben es sogar verschmäht, Söhne zu werden. O welcher Unverstand! Der Herr ist es, dessen ihr euch schämt.

Er verheißt Freiheit, ihr aber entlauft — in die Sklaverei. Er will euch das Heil schenken, ihr aber stürzt euch in den Tod. Er bietet euch das ewige Leben an, ihr aber wartet auf seine Strafe und schaut aus nach dem „Feuer, das der Herr dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat“.

Deshalb sagt der selige Apostel: „Ich beschwöre euch im Herrn, nicht mehr zu wandeln, wie auch die Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes, verfinstert in ihrem Verstand und dem Leben Gottes entfremdet, wegen des Unverstandes, der in ihnen ist, wegen der Verhärtung ihres Herzens, sie, die völlig abgestumpft sich der Schwelgerei hingegeben haben zur Ausführung aller möglichen Unreinigkeit und Habsucht.“

Wenn ein solcher Zeuge die Torheit der Menschen brandmarkt und dazu Gott als Zeugen anruft, was haben da die Ungläubigen anderes zu erwarten als Gericht und Verdammnis? Nicht müde wird der Herr aufzumuntern, zu erschrecken, anzutreiben, aufzuwecken, zu ermahnen. Ja, wahrlich, er weckt aus dem Schlafe auf, und aus der Finsternis selbst läßt er die Verirrten sich erheben.

„Wache auf“, sagt er, „der du schläfst, und stehe auf von den Toten, und Christus der Herr wird dir leuchten“, er, der die Sonne der Auferstehung ist, der „vor dem Morgenstern“ erzeugt wurde, der durch seine eigenen Strahlen Leben spendet.

Niemand achte daher den Logos gering, damit er nicht unvermerkt sich selbst verachte. Denn die Schrift sagt irgendwo: „Heute, wenn ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht wie bei der Empörung an dem Tage der Versuchung in der Wüste, wo mich eure Väter auf die Probe stellten!“

Wenn du aber wissen willst, was die Probe ist, so wird es dir der Heilige Geist erklären: „Und sie sahen meine Werke“, sagt er, „vierzig Jahre lang; deshalb wurde ich über dies Geschlecht unwillig und sagte: allezeit gehen sie in ihrem Herzen irre; sie aber erkannten meine Wege nicht, so daß ich in meinem Zorne schwor: sie sollen nicht in meine Ruhe eingehen.“

Seht die Drohung, seht die Mahnung, seht die Strafe! Warum wollen wir denn noch die Gnade gegen Zorn vertauschen und nicht vielmehr das Wort mit offenen Ohren aufnehmen und in reinen Seelen Gott als Gast beherbergen? Denn groß ist die Gnade seiner Verheißung, wenn wir heute seine Stimme hören. Das „heute“ aber wird jeden Tag neu, so lange man „heute“ sagt.

Bis zur Vollendung aller Dinge dauert sowohl das „heute“ als die Unterweisung. Und dann dehnt sich das wahre „heute“, der unaufhörliche Tag Gottes, in alle Ewigkeit aus. Allzeit also laßt uns die Stimme des göttlichen Logos hören! Denn das „heute“ ist immerwährend; es ist ein Bild der Ewigkeit, und ein Wahrzeichen des Lichtes ist der Tag; das Licht aber für die Menschen ist der Logos, durch den wir Gott schauen.

Begreiflicherweise wird also für die, welche den Glauben angenommen haben und gehorchen, die Gnade in reichem Maße vorhanden sein; dagegen ist Gott gegen diejenigen ergrimmt und droht ihnen, die ungehorsam sind und „die in ihrem Herzen in die Irre gehen und die Wege des Herrn nicht kennen“, die gerade zu machen und zuzubereiten Johannes befohlen hat.

Und gewiß haben die alten Hebräer, die in der Wüste umherirrten, die Erfüllung der Drohung im Vorbilde erfahren; denn sie gingen, wie es heißt, nicht in die Ruhe ein, bevor sie nicht dem Nachfolger des Moses folgten und, spät zwar, durch die Erfahrung lernten, daß sie auf keine andere Weise gerettet werden könnten als dadurch, daß sie wie Josua glaubten.

Da aber der Herr voll Liebe zu den Menschen ist, beruft er alle Menschen „zur Erkenntnis der Wahrheit“, indem er den Tröster sendet. Was ist nun die Erkenntnis? Frömmigkeit. „Frömmigkeit aber ist zu allem nützlich“, wie Paulus sagt, „da sie die Verheißung des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens hat.“

Welchen Kaufpreis würdet ihr, Menschen, wohl zugestehen, wenn ewiges Heil verkauft würde? Auch wenn jemand bei dem Paktolos, dem Fluß voll Gold, von dem die Sage erzählt, die ganze Menge des Goldes ermittelte, so würde er keinen Preis errechnen, der dem Heile gleichwertig wäre.

Verliert deshalb den Mut nicht! Ihr könnt, wenn ihr wollt, das kostbare Heil mit einem Schatze kaufen, der euch selbst gehört, mit Liebe und Glauben; dies ist der entsprechende Preis für das ewige Leben; diese Bezahlung nimmt Gott gern an. „Wir haben unsere Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt, der der Heiland aller Menschen ist, vor allem der Gläubigen.“

Die anderen aber umklammern die Welt, wie gewisse Seetangarten die Felsen im Meere, und kümmern sich nichts um Unsterblichkeit, da sie sich wie der Greis aus Ithaka nicht nach der Wahrheit und dem himmlischen Vaterland und dazu nach dem wahrhaft seienden Lichte sehnen, sondern nur nach dem Rauche. Frömmigkeit aber, die den Menschen, soweit es möglich ist, Gott gleich macht, nimmt sich als geeigneten Lehrer Gott, der allein die Macht hat, den Menschen zu seinem würdigen Ebenbilde zu machen.

Da der Apostel wußte, daß diese Lehre wahrhaft göttlich sei, sagt er: „Und du, Timotheos, kennst von Kindheit auf heilige Buchstaben, die dich zum Heile weise machen können durch den Glauben an Christus.“ Denn wahrhaft heilig sind die heilig und göttlich machenden Buchstaben.

Die aus solchen heiligen Buchstaben und Silben zusammengesetzten Schriften, die Schriftwerke, nennt der gleiche Apostel folgerichtig „von Gott eingegeben, da sie nützlich sind zum Unterricht, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke ausgerüstet“.

Auf niemand dürften die Ermahnungen der anderen Heiligen einen solchen Eindruck machen wie der Herr selbst, der menschenfreundliche. Denn dies und nichts sonst ist sein einziges Bestreben, daß der Mensch gerettet wird. Deshalb nötigt er selbst zum Heile und ruft: „Das Himmelreich ist herangekommen!“ Er will die Menschen, die sich ihm nahen, durch die Furcht zur Sinnesänderung veranlassen.

In diesem Sinn erklärt auch der Apostel des Herrn das Wort Gottes, wenn er sich an die Makedonen wendet und sagt: „Der Herr ist nahe herangekommen; hütet euch, daß wir nicht leer erfunden werden!“ Ihr aber seid so sehr ohne Furcht, vielmehr so sehr ohne Glauben, daß ihr weder dem Herrn selbst noch Paulus gehorcht, obwohl dieser um Christus willen ein Gefangener war. „Schmecket und sehet, daß Gott gütig ist!“

Der Glaube wird euch herbeiführen, die Erfahrung lehren, die Schrift erziehen. „Kommt her, ihr Kinder,“ sagt sie, „höret auf mich, ich will euch die Furcht des Herrn lehren!“ Dann fügt sie, da sie zu solchen spricht, die schon zum Glauben gekommen sind, kurz hinzu: „Wer ist der Mensch, der sich nach Leben sehnt, der gute Tage zu sehen wünscht?“ Wir sind es, werden wir antworten, wir, die Verehrer des Guten, wir, die wir nach den Gütern streben.

Höret also „ihr, die ihr ferne seid,“ höret „ihr, die ihr nahe seid!“ Das Wort wurde keinem verborgen; es ist ein gemeinsames Licht; es leuchtet allen Menschen; hinsichtlich des Wortes ist keiner ein Kimmerier. Laßt uns eilen zum Heile, zur Wiedergeburt! Laßt uns eilen, daß wir, die wir viele sind, entsprechend der Einheit des einzigartigen Wesens zu einer Herde versammelt werden! Da wir Gutes erfahren, laßt uns in gleicher Weise nach Einheit streben, indem wir eifrig nach der guten Monas [Einheit] suchen!

Wenn die aus vielen bestehende Vereinigung aus den vielen und zerstreuten Stimmen zu einer göttlichen Harmonie gelangt ist, dann entsteht ein einziger zusammenklingender Gesang, der sich von einem einzigen Chorführer und Meister, dem Logos, leiten läßt und sein Ende erst bei der Wahrheit selbst mit dem Rufe findet: „Abba, Vater!“ Diesen der Wahrheit entsprechenden Ruf nimmt Gott freundlich auf, wenn er ihn als erste Frucht von seinen Kindern erntet.

10. Kapitel

Aber, sagt ihr, es ist nicht vernünftig, eine uns von den Vätern überlieferte Sitte umzustoßen. Ja, warum verwenden wir dann nicht auch unsere erste Nahrung, die Milch, an die uns doch unsere Ammen nach unserer Geburt gewöhnten? Warum vermehren oder vermindern wir das väterliche Vermögen und erhalten es nicht in der gleichen Größe, wie wir es überkommen haben? Warum lassen wir nicht mehr aus unserem Mund Speichel auf die Brust unserer Väter herablaufen oder vollführen auch sonst noch all das, worüber man lachte, als wir noch kleine Kinder waren und unter der Leitung unserer Mütter aufgezogen wurden, sondern haben uns selbst, auch wenn wir keine guten Erzieher bekamen, zum Bessern verändert?

Wenn ferner bei Seefahrten das Abgehen von dem gewöhnlichen Weg, obwohl es Schaden bringen kann und gefährlich ist, doch eine gewisse Freude macht, sollten wir da auf unserer Lebensfahrt nicht das schlechte, an üblen Leidenschaften reiche und gottlose Herkommen, mögen auch unsere Väter darüber zürnen, verlassen und uns der Wahrheit zuwenden und den zu finden suchen, der unser wahrer Vater ist, indem wir die Gewohnheit wie ein tödliches Gift von uns wegstoßen?

Denn das ist sicher die schönste Aufgabe, die wir übernommen haben, euch zu zeigen, daß die Frömmigkeit nur infolge von Wahnsinn und diesem dreimal unseligen Herkommen gehaßt wurde; denn ein solches Gut, das größte, das von Gott dem Menschengeschlecht je geschenkt worden ist, wäre nie gehaßt oder zurückgewiesen worden, wenn ihr nicht, von dem Herkommen mit fortgerissen, dann jedoch eure Ohren gegen uns verstopfend, wie störrige Pferde die Zügel abwerfend und auf die Stange beißend, vor unseren Lehren geflohen wäret. Euer Bestreben war, uns, die wir euch in eurem Leben lenken wollten, von euch abzuschütteln; in eurem Unverstand aber stürmtet ihr los auf den jähen Abgrund des Verderbens und hieltet das heilige Wort Gottes für fluchbeladen.

Daher wird euch auch der Lohn für eure Wahl zuteil,
„Verstand dahin, die Ohren taub, Gedanken leer,“
um ein Wort des Sophokles zu verwenden. Und ihr wißt nicht, daß dies über alles wahr ist, daß die Guten und Gottesfürchtigen, da sie das Gute geehrt haben, eine herrliche Belohnung erlangen werden, die Schlechten aber auf der anderen Seite die entsprechende Strafe, und daß über den Fürsten der Bosheit Bestrafung verhängt ist.

So droht ihm der Prophet Zacharias: „Strafe vollziehe an dir er, der Jerusalem erwählt hat; siehe, ist das nicht ein aus dem Feuer gezogenes Brandscheit?“ Warum lastet denn noch auf den Menschen das Verlangen nach freiwilligem Tod? Warum sind sie zu diesem todbringenden Brandscheit geflüchtet, mit dem zusammen sie werden verbrannt werden, da es ihnen doch möglich wäre, anstatt nach dem Herkommen zu leben, ein herrliches Leben gemäß Gottes Willen zu führen?

Denn Gott gewährt Leben; schlechtes Herkommen aber läßt nach dem Hinscheiden aus dieser Welt zugleich mit der Strafe nutzlose Reue entstehen; „aber durch Leiden erkennet der Tor auch,“ daß Dämonenverehrung Verderben und Gottesfurcht Rettung bringt.

Schau einer von euch die Götzendiener an! Ihr Haar ist voll Schmutz, ihre befleckte und zerrissene Kleidung ist eine wahre Schande, mit Bädern kommen sie überhaupt nie in Berührung, an den Fingern haben sie Krallen wie wilde Tiere, viele sind auch entmannt; so zeigen sie in der Tat, daß die heiligen Bezirke der Götzen eine Art von Gräbern oder Gefängnissen sind. Diese Leute scheinen mir um die Götter zu trauern, nicht sie zu verehren, da sie solches erfahren haben, was eher des Mitleids als der Gottesfurcht würdig ist.

Und obwohl ihr Derartiges seht, bleibt ihr doch noch blind und wollt nicht zu dem Gebieter aller Dinge und dem Herrn des Weltalls emporblicken? Wollt ihr nicht aus den Gefängnissen hier unten entrinnen und zu dem Mitleid fliehen, das vom Himmel kommt?

Denn infolge seiner großen Menschenliebe nimmt sich Gott des Menschen an, wie eine Vogelmutter hinzufliegt, wenn ein Junges aus dem Neste fällt. Und wenn auch einmal eine Schlange den Rachen aufsperrt und das Junge verschlingen will,
„flattert die Mutter umher, die geliebten Kinder bejammernd“.
Gott aber ist Vater, und er sucht sein Geschöpf und macht den Fall wieder gut und jagt die Schlange fort und bringt das Junge wieder in die Höhe und treibt es an, zum Neste emporzufliegen.

Ferner finden Hunde, wenn sie sich verlaufen haben, durch die Witterung die Spur ihres Herrn; und Pferde, die ihren Reiter abgeworfen haben, gehorchen bisweilen auf einen einzigen Pfiff ihrem Herrn. „Der Ochse,“ so steht geschrieben, „kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber kennt mich nicht.“ Was tut nun der Herr? Er grollt nicht, er hat noch Mitleid, er fordert noch eure Sinnesänderung.

Ich will euch aber fragen, ob es euch nicht sinnlos dünkt, daß ihr Menschen, obwohl ihr Geschöpfe Gottes seid und von ihm die Seele empfangen habt und ganz ihm gehört, einem anderen Herrn dient und noch dazu dem Tyrannen statt dem Könige, dem Schlechten statt dem Guten Ehren erweist.

Denn, im Namen der Wahrheit, wer, der seine gesunden Sinne besitzt, verläßt das Gute und gesellt sich zum Schlechten? Wer ist wohl, der vor Gott fliehen und mit den Dämonen zusammenleben wollte? Wer ist, der Gottes Sohn sein könnte, es aber vorzieht, Sklave zu sein? Oder wer beeilt sich, in das Reich der Finsternis zu gelangen, der ein Bürger des Himmels sein könnte und dem es freistünde, das Paradies zu bebauen und im Himmel umherzuwandeln und Anteil an der lebendigen und reinen Quelle zu haben, auf der Spur jener Lichtwolke durch die Lüfte zu schreiten, wie Elias ausblickend nach dem heilbringenden Regen?

Jene aber wälzen sich, wie Würmer in Schlamm und Morast, in den Strömen der Lust und weiden sich an unnützen und sinnlosen Genüssen; sie sind Menschen, die Schweinen ähnlich sind. Denn Schweine, sagt man, „freuen sich am Morast“ mehr als an reinem Wassers und sind, wie Demokritos sagt, „gierig auf den Misthaufen aus“.

Nimmermehr also, nimmermehr wollen wir uns zu Sklaven machen lassen, und nimmermehr wollen wir den Schweinen ähnlich werden, sondern wie echte „Kinder des Lichts“ wollen wir zum Lichte emporschauen und hinaufblicken, damit der Herr uns nicht als unecht erweise wie die Sonne die Adler.

Wir wollen also Buße tun und uns von der Unwissenheit zur Erkenntnis bekehren, von der Torheit zur Weisheit, von der Unmäßigkeit zur Enthaltsamkeit, vom Unrecht zur Gerechtigkeit, von der Gottlosigkeit zu Gott.

Schön ist das Wagnis, zu Gott überzulaufen. Wir Liebhaber der Gerechtigkeit, die wir das ewige Heil zu erlangen suchen, können uns vieles anderen Guten erfreuen, vor allem aber auch dessen, worauf Gott selbst hinweist, wenn er durch Jesaias sagt: „Es ist ein Erbe vorhanden für die, die Gott die Ehre geben.“

Ja, schön und lieblich ist das Erbe, nicht Gold, nicht Silber, nicht Kleider, woran etwa Motten kommen oder etwa ein Räuber, der seinen gierigen Blick auf den irdischen Reichtum geworfen hat; sondern das Erbe ist jener Schatz des Heiles, nach dem wir uns sehnen müssen, wenn wir den Logos liebgewonnen haben. Mit uns zusammen scheiden von hinnen die guten Werke und fliegen auf den Fittichen der Wahrheit mit empor.

Dieses Erbe ist durch die ewige Verfügung Gottes, die uns die ewige Gabe schenkt, in unsere Hände gegeben; aber dieser unser liebevoller Vater, unser wahrer Vater, hört nicht auf zu ermahnen, zu warnen, zurechtzuweisen, zu lieben; denn er hört ja auch nicht auf zu erretten und gibt den besten Rat. „Werdet gerecht, spricht der Herr. Ihr, die ihr dürstet, kommet zum Wasser; und ihr alle, die ihr kein Geld habt, kommet und kauft und trinket ohne Geld!“

Zum Bade, zur Erlösung, zur Erleuchtung lädt er ein, indem er beinahe ausdrücklich ruft und sagt: Die Erde gebe ich dir und das Meer, mein Sohn, und den Himmel und alles, was in ihnen lebt, schenke ich dir; nur dürste, mein Sohn, nach dem Vater! Ohne Entgelt wird dir Gott geoffenbart werden; die Wahrheit wird nicht verschachert; er gibt dir auch, was fliegt und was schwimmt und was auf der Erde ist.

All dies hat der Vater zu deinem erwünschten Genusse geschaffen. Um Geld wird es kaufen der Unechte, der „ein Sohn des Verderbens“ ist, der „dem Mammon zu dienen“ vorgezogen hat; dir aber, dem echten Sohne, meine ich, wendet er dein Eigentum zu, dir, der du den Vater liebst, dir, um dessentwillen er „noch wirkt“, dem allein er auch die Verheißung gibt, wenn er sagt: „Und das Land soll nicht zu sicherem Besitz verkauft werden;“ denn es ist nicht für das Verderben bestimmt; „denn mein ist die ganze Erde;“ sie ist aber auch dein, wenn du dir Gott zu eigen nimmst.

Daher verkündigt die Schrift den Gläubigen mit Recht die frohe Botschaft: „Die Heiligen des Herrn werden die Herrlichkeit Gottes und seine Macht erben.“ Welche Herrlichkeit, du Seliger? Sage es mir! Eine Herrlichkeit, „die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und die in keines Menschen Herz gekommen ist; und sie werden sich an dem Königreich ihres Herrn in alle Ewigkeit freuen. Amen.“

Ihr habt, ihr Menschen, die göttliche Verheißung der Gnade; ihr habt andererseits auch die Androhung der Strafe gehört. Durch beides sucht Gott zu retten, indem er durch Furcht und Gnade den Menschen erzieht. Warum zögern wir? Warum weichen wir der Strafe nicht aus? Warum nehmen wir das Geschenk nicht an? Warum wollen wir nicht das Bessere, Gott statt des Bösen, wählen und die Weisheit dem Götzendienst vorziehen und Leben für Tod eintauschen?

„Siehe, ich habe vor euer Angesicht,“ so spricht er, „den Tod und das Leben gestellt.“ Der Herr will dich dazu veranlassen, das Leben zu wählen; wie ein Vater rät er dir, Gott zu gehorchen. „Wenn ihr auf mich hört,“ sagt er, „und willig seid, so werdet ihr das Gute des Landes essen;“ auf den Gehorsam folgt die Gnade; „wenn ihr aber mir nicht gehorcht und nicht willig seid, dann wird euch Schwert und Feuer fressen;“ auf den Ungehorsam folgt das Gericht. „Denn der Mund des Herrn hat dies gesprochen,“ und Gesetz der Wahrheit ist das Wort des Herrn.

Wollt ihr, daß ich euch ein guter Ratgeber werde? So höret mir denn zu! Ich aber will mich, wenn es möglich ist, als einen solchen erweisen. Wenn ihr über das Gute selbst nachdenken wollt, ihr Menschen, so müßtet ihr angeborenen Glauben zu Hilfe nehmen, einen ganz und gar glaubwürdigen Zeugen, der offenkundig das Beste wählt, und nicht erst untersuchen, ob das Gute zu erstreben ist, sondern euch eifrig darum bemühen.

Denn man sollte, um ein Beispiel zu bringen, im Zweifel sein, ob man sich berauschen darf; ihr aber berauscht euch, bevor ihr es überlegt; und ebensowenig macht ihr euch viele Mühe mit der Frage, ob ihr euch übermütig aufführen dürft, sondern tut es in aller Eile. Aber, so viel ich sehe, nur das eine überlegt ihr, ob man Gottesfurcht üben soll, und ob man diesem weisen Gott und Christus nachfolgen soll, das haltet ihr für würdig des Nachdenkens und der Überlegung, da ihr euch nicht klargemacht habt, was das ist, was Gott gegenüber sich gebührt.

Glaubt uns, wenigstens so gut wie ihr bei der Trunkenheit keine Zweifel hattet, damit ihr verständig werdet! Glaubt uns, wenigstens so gut wie bei der Frage des Übermuts, damit ihr lebet! Wenn ihr aber erst dann glauben wollt, wenn ihr den deutlichen Beweis für die Geheimnisse geschaut habt, wohlan, so will ich euch zum Überfluß überzeugende Gründe über den Logos vortragen.

Da ihr bereits die erste Unterweisung erhalten habt und euch das väterliche Herkommen nicht mehr von der Wahrheit abhält, so könnt ihr bereits hören, wie sich die darauffolgende Lehre verhält. Und vor allem soll es euch nicht widerfahren, daß ihr euch dieses Namens [des Namens Christus] schämt; denn solche Scham „schädigt die Menschen gar sehr,“ da sie vom Heile abwendig macht.

Wir wollen also vor aller Augen die Kleider von uns abwerfen und in der Rennbahn der Wahrheit einen richtigen Wettkampf durchführen, wo der heilige Logos Kampfrichter ist und der Herr des Weltalls die Preise verteilt. Denn nicht gering ist der Kampfpreis, der ausgesetzt ist, Unsterblichkeit.

Kümmert euch also nicht mehr, auch nicht für kurze Zeit, darum, was Straßengesindel von euch sagt, gottlose Teilnehmer des Götzenglaubens, Leute, die in ihrem Unverstand und Wahnsinn auf den Abgrund selbst losstürzen, die Verfertiger von Götzenbildern und Verehrer von Steinen! Denn diese haben sich erkühnt, Menschen zu Göttern zu machen, indem sie Alexandros von Makedonien als dreizehnten Gott zählten, den „Babylon als tot erwies.“

Daher bewundere ich den Weisen von Chios; Theokritos ist sein Name. Nach dem Tode des Alexandros spottete er über die nichtigen Vorstellungen, die die Menschen von den Göttern hatten, und sagte zu seinen Mitbürgern: „Leute, seid getrosten Mutes, solange ihr die Götter früher als die Menschen sterben seht!“

Wahrlich, wer die sichtbaren Götter und den bunten Haufen dieser geschaffenen Dinge anbetet und sie sich zu Gehilfen machen will, ist noch weit jämmerlicher als jene Dämonen selbst. „Denn Gott ist in keinerlei Hinsicht irgendwie ungerecht“ wie die Dämonen, „sondern im denkbar höchsten Maße gerecht; und es gibt nichts, was ihm ähnlicher wäre, als wer von uns so gerecht als möglich wird.“

„Kommt auf den Weg der Handarbeiter ganze Schar,
Die ihr Zeus‘ Tochter ehrt, die Göttin grimmen Blicks,
Als Meisterin [Ergane] mit aufgestellten Körben,“
ihr törichten Bildner und Anbeter von Steinen.

Euer Pheidias und Polykleitos sollen kommen und dazu Praxiteles und Apelles und alle, die Handwerkskünste betreiben, aus Erde geschaffene Bearbeiter von Erde. Denn irgendein Prophetenwort sagt, daß Unglück diese Welt hier treffen wird, wenn die Menschen auf Bildsäulen ihr Vertrauen setzen.

Kommen sollen nun auch – denn ich will nicht ablassen zu rufen – die Kleinkünstler. Keiner von diesen hat je ein lebendes Bild geschaffen oder aus Erde zartes und weiches Fleisch gemacht. Wer hat weiches Mark oder wer harte Knochen gemacht? Wer hat Sehnen gespannt oder wer hat Adern anschwellen lassen? Wer hat Blut in sie gegossen oder wer Haut ringsherum gespannt? Wie könnte irgendeiner von ihnen sehende Augen machen? Wer hat Lebensodem eingehaucht? Wer hat Gerechtigkeit geschenkt? Wer hat Unsterblichkeit verheißen?

Niemand als der Schöpfer des Weltalls, der „kunstreiche Werkmeister und Vater“, hat ein solches beseeltes Gebilde, uns, den Menschen, geschaffen. Euer Olympischer Zeus aber, Abbild eines Abbildes, gar weit entfernt von der Wahrheit, ist ein stummes Werk Attischer Hände. Denn „Abbild Gottes“ ist sein Logos [und echter Sohn des Geistes ist der göttliche Logos, ein Licht, das Urbild des Lichtes ist]; Abbild des Logos aber ist der wahrhaftige Mensch, der Geist im Menschen, von dem es deswegen heißt, daß er nach dem „Bilde Gottes und seiner Ähnlichkeit“ geschaffen worden sei, der durch das Denken in seinem Herzen dem göttlichen Logos ähnlich und dadurch vernünftig geworden ist. Des sichtbaren und erdgeborenen Menschen irdisches Abbild aber sind die menschenähnlichen Standbilder; und weit entfernt von der Wahrheit, erweisen sie sich als eine vergängliche Nachbildung.

Nicht anders also als voll von Wahnsinn scheint mir das Leben geworden zu sein, da es sich mit solchem Eifer dem Stoffe zugewendet hat. Von eitlem Wahn verderbt ist aber das Herkommen, das euch in Knechtschaft und törichte Vielgeschäftigkeit geführt hat.

An gesetzwidrigen Gebräuchen aber und trügerischen Darstellungen trägt Schuld die Unwissenheit, die beim Menschengeschlecht einen großen Vorrat von verderbenbringenden Unheilsgöttern und abscheulichen Götzen eingeführt und sich viele Gestalten von Dämonen ausgedacht hat, wodurch sie allen, die sich von ihr leiten lassen, den Stempel dauernden Todes aufgedrückt hat.

Ergreifet also das Wasser des Logos, wascht euch, ihr Befleckten, besprengt euch zur Reinigung von dem Herkommen mit den Tropfen der Wahrheit! Rein müßt ihr zum Himmel emporsteigen. Du bist ein Mensch – das ist, was du mit allen gemeinsam hast –, suche nach dem, der dich erschaffen hat! Du bist ein Sohn – das ist, was nur dir ganz allein eigentümlich ist –, erkenne den Vater!

Willst du noch, gefesselt an die Lüste, in den Sünden verharren? Zu wem soll der Herr sagen: „Euer ist das Himmelreich“? Euer ist es, wenn ihr wollt, wenn ihr euer Streben auf Gott gerichtet habt; euer, wenn ihr nur glauben und der kurzen Zusammenfassung der Predigt folgen wollt wie die Einwohner von Ninive, die ihr gehorchten und durch aufrichtige Sinnesänderung an Stelle der Vernichtung, die ihnen drohte, die herrliche Errettung eintauschten.

Wie nun, mag man fragen, kann ich in den Himmel hinaufkommen? Der „Weg“ ist der Herr; „enge“ zwar, aber „aus dem Himmel“, enge zwar, aber wieder zum Himmel führend; enge, weil auf Erden verachtet, breit, weil im Himmel hochgeehrt.

Sodann, wer mit dem Worte völlig unbekannt ist, hat in seiner Unwissenheit eine Entschuldigung für seinen Irrweg; der aber, dessen Ohren die Botschaft erreicht hat und der in seiner Seele ihr nicht gehorchte, der erhält auf Grund seiner Entscheidung den Vorwurf des Ungehorsams; und je klüger er zu sein scheint, um so mehr gereicht ihm seine Klugheit zum Unheil, weil er den Verstand zum Ankläger hat, wenn er nicht das Beste wählte; denn als Mensch sollte er seiner Natur nach in freundlichem Verhältnis zu Gott stehen.

Wie wir nun das Pferd nicht zwingen zu pflügen und den Stier nicht zu jagen, sondern jedes Tier dazu verwenden, wozu es von Natur geeignet ist, so rufen wir mit Recht auch den Menschen, der zur Betrachtung des Himmels geschaffen und in Wahrheit ein „himmlisches Gewächs“ ist, zur Erkenntnis Gottes herbei; da wir erkannt haben, was ihm zu eigen ist und was ihm ausschließlich zusteht und was seine Eigenart ist und ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet, so raten wir ihm, sich Gottesfurcht als eine für die Ewigkeit ausreichende Wegzehrung zu verschaffen.

Bestelle dein Land, sagen wir, wenn du Landmann bist; aber erkenne Gott, während du das Land bebaust! Und fahre zur See, der du die Schifffahrt liebst; aber rufe immer den himmlischen Steuermann an! Als Kriegsmann hat dich die Erkenntnis vorgefunden; höre auf den Feldherrn, der gerechte Signale geben läßt!

Da ihr gleichsam von tiefem Schlaf und von Trunkenheit „beschwert“ wart, so werdet jetzt wieder nüchtern! Denkt ein wenig nach und lernet verstehen, was die von euch angebeteten Steine eigentlich bedeuten und all das, was ihr in eitlem Eifer auf den Stoff verwendet! Auf Torheit verbraucht ihr euer Geld und euren Lebensunterhalt, ebenso wie euer Leben selbst auf den Tod; denn dies allein findet ihr als Ende eurer törichten Hoffnung; und ihr seid weder imstande, euch selbst zu bemitleiden, noch fähig, denen zu gehorchen, die euch wegen eures Irrwahns beklagen; denn ihr seid von der schlimmen Gewohnheit geknechtet; und von ihr abhängig, treibt ihr aus freien Stücken bis zum letzten Atemzug dem Verderben entgegen.

„Denn das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht“, obwohl es ihnen möglich gewesen wäre, alles, was dem Heile hindernd imWege stand, den Stolz und den Reichtum und die Furcht, von sich abzustreifen und dabei das Dichterwort auszurufen:
„Wohin trage ich doch die Schätze die vielen? Wohin auch
Schweife ich selbst?“

Wollt ihr denn diese eitlen Einbildungen nicht von euch werfen und euch von der Gewohnheit selbst lossagen, indem ihr zu dem törichten Wahne sagt:
„Ihr Lügenträume, fahret wohl; denn ihr wart nichts“?

Für was haltet ihr denn, ihr Menschen, den Hermes Tychon und den Hermes des Andokides und den Hermes Amyetos? Es ist wohl jedem klar, daß ihr sie für Steine halten müßt, wie auch den Hermes selbst. Wie aber der Hof um die Sonne oder den Mond kein Gott ist und wie der Regenbogen kein Gott ist, sondern beide nur Gebilde der Luft und der Wolken sind, und wie der Tag kein Gott ist und ebenso wenig der Monat oder das Jahr oder die Zeit, die sich aus ihnen zusammensetzt, so auch nicht Sonne oder Mond, durch die jede einzelne von diesen Zeitbestimmungen ihr genaues Maß erhält.

Welcher Vernünftige möchte ferner die Rechenschaftsablage und die Bestrafung und die Verurteilung und die Vergeltung für Götter halten? Aber auch die Verkörperungen der Rache für Frevel [Erinyen] und des Schicksals [Moiren] und des Verhängnisses [Heimarmene] sind keine Götter, ebensowenig wie der Staat oder der Ruhm oder auch der Reichtum, den auch die Maler blind darstellen.

Wenn ihr aber Schamgefühl [Aidos] und Verlangen [Eros] und Liebe [Aphrodite] zu Göttern macht, dann sollen sich zu ihnen auch Schande und Begierde und Schönheit und Geschlechtsverkehr gesellen. Auch Schlaf und Tod dürften billigerweise bei euch nicht länger mehr als „Zwillingsgötter“ gelten, da dies Zustände sind, die naturgemäß bei den Lebewesen eintreten; also könnt ihr auch nicht mit Recht von der Ker [Todesgöttin] oder der Heimarmene [Verhängnis] oder den Moiren [Schicksalsgöttinnen] als Göttinnen reden.

Wenn aber Streit und Kampf keine Götter sind, dann auch nicht Ares und Enyo [Kriegsgöttin]. Wenn ferner die Blitze und die Donnerschläge und die Regengüsse keine Götter sind, wie sollten da das Feuer und das Wasser Götter sein? Wie aber auch die Sternschnuppen und die Kometen, die infolge von Vorgängen in der Atmosphäre entstanden sind? Wer ferner die Tyche [Glücksgöttin] eine Göttin nennt, der muß auch die Tat eine Göttin nennen.

Wenn demnach nichts von alledem als Gott gelten kann und ebensowenig irgendeines von jenen mit Menschenhänden gemachten, gefühllosen Bildwerken, dagegen sich in unserem Leben eine Art Vorsehung göttlicher Macht zu erkennen gibt, so bleibt nichts anderes übrig, als dies zu bekennen, daß der einzige wahrhaft seiende Gott es doch allein ist, der wirklich ist und besteht. Aber ihr Unvernünftigen seid Leuten ähnlich, die Mandragora [Alraun] oder ein anderes Gift zu sich genommen haben.

Gott aber verleihe euch, daß ihr von diesem Taumelschlaf einmal wieder erwacht und Gott erkennt und daß euch nicht Gold oder Stein oder Holz oder Tun oder Leiden oder Krankheit oder Furcht als Gott erscheine!
„Dreimal zehntausend ja sind“ in der Tat „auf der vielernährenden Erde
Götter“,
nicht „unsterblich“, aber freilich auch nicht sterblich [denn sie sind keiner Empfindung teilhaftig, so daß sie sterben könnten], sondern es sind steinerne und hölzerne Herrn über die Menschen, die das Menschenleben durch die Gewohnheit schmählich mißhandeln und verraten.

„Die Erde aber ist des Herrn“, so steht geschrieben, „und ihre Fülle.“ Wie wagst du dann, wenn du in dem schwelgst, was dem Herrn gehört, von seinem Eigentümer nichts wissen zu wollen? Verlasse meine Erde, wird zu dir der Herr sagen! Rühre das Wasser nicht an, das ich emporsprudeln lasse! Nimm nichts von den Früchten, die ich baue! Entrichte, Mensch, Gott die Bezahlung für deine Ernährung! Erkenne deinen Herrn an! Du bist Gottes eigene Schöpfung; wie aber könnte das, was ihm gehört, mit Recht Eigentum eines anderen werden? Denn was ihm entfremdet ist, das ist der engen Verbindung mit ihm und damit der Wahrheit beraubt.

Seid ihr denn nicht gewissermaßen wie Niobe, oder vielmehr, um zu euch lieber auf Grund unserer Geheimlehre zu sprechen, nach Art der hebräischen Frau [Lots Weib nannten sie die Alten], in den Zustand der Gefühllosigkeit verwandelt? Es ist uns überliefert, daß diese Frau zu Stein wurde, weil sie Sodoma liebte. Sodomiten aber sind die Gottlosen und die hartherzigen Toren, die sich der Gottlosigkeit zuwenden.

Sei überzeugt, daß dir diese Worte auf Grund göttlicher Eingebung gesagt sind: „Glaube nicht, daß Steine heilig sind und Bäume und Vögel und Schlangen, Menschen aber nicht!“ Ganz im Gegenteil halte die Menschen für wahrhaft heilig, die Tiere aber und die Steine für das, was sie sind!

Denn fürwahr bedauernswerte und unglückliche Menschen meinen, daß Gott durch einen Raben oder eine Dohle rede, durch einen Menschen aber schweige; und den Raben halten sie als einen Boten Gottes in Ehren, den Menschen Gottes aber verfolgen sie, obwohl er nicht wie ein Rabe schreit oder krächzt, sondern vernünftig, wie ich meine, redet; und wenn er menschenfreundliche Lehren geben will, so machen sie sich, obwohl er zur Gerechtigkeit ruft, in unmenschlicher Weise daran, ihn zu töten, da sie weder die Gnade von oben erwarten, noch der Strafe zu entrinnen bestrebt sind.

Denn sie glauben weder an Gott, noch erkennen sie seine Macht. Wie aber seine Liebe zu den Menschen unsagbar groß ist, so ist auch sein Haß gegen die Sünde unfaßbar groß. Sein Zorn führt die Strafe herbei auf Grund der Verfehlung, seine Menschenliebe aber erweist Gnade auf Grund der Bekehrung. Das Jammervollste aber ist, der Hilfe Gottes beraubt zu sein.

Blindheit der Augen und Taubheit des Gehörs sind schmerzlicher als die übrigen Anfälle des Bösen; denn die eine ist des Anblicks des Himmels beraubt, die andere hat die Möglichkeit des Unterrichts über Gott verloren.

Aber daß ihr gegen die Wahrheit verkrüppelt und in eurem Sinn blind, taub aber für das Verstehen seid, das schmerzt euch nicht; ihr seid damit nicht unzufrieden; ihr verlangtet nicht darnach, den Himmel zu schauen und den Schöpfer des Himmels; und ihr suchtet nicht darnach, „den Werkmeister und Vater aller Dinge“ zu hören und kennenzulernen, indem ihr euer Streben auf eure Rettung richtetet.

Denn dem, der nach der Erkenntnis Gottes trachtet, steht nichts im Wege, nicht Mangel an Bildung, nicht Armut, nicht Unberühmtheit, nicht Besitzlosigkeit; auch kann sich niemand rühmen, die wirklich wahre Weisheit eingetauscht zu haben „durch Verheerung mit Erz“ oder Eisen; denn in der Tat ist das folgende Wort ganz vortrefflich:
„Der gute Mensch erscheint als Retter überall.“

Denn wer nach Gerechtigkeit strebt, bedarf als Verehrer des Bedürfnislosen selbst nur wenig, da er seinen beseligenden Reichtum nirgends sonst als in Gott selbst ansammelt, wo nicht Motte, nicht Dieb, nicht Räuber ist, sondern nur der ewige Spender alles Guten.

Mit gutem Grund seid ihr daher mit jenen Schlangen verglichen worden, deren Ohren gegen die Beschwörer verschlossen sind. „Denn ihr Herz“, sagt die Schrift, „ist der Schlange ähnlich, gleich einer tauben Natter, die ihre Ohren verstopft, die nicht vernimmt die Stimme der Beschwörer.“

Aber lasset doch ihr euch durch Beschwörung von eurer Wildheit heilen und nehmt unser sanftes Wort auf und speit das tödliche Gift aus, damit es euch gegeben werde, so viel als möglich das Verderben, wie jene die alte Haut, von euch abzustreifen! Höret auf mich und verstopft eure Ohren nicht und verschließt nicht euer Gehör, sondern nehmt das Gesagte zu Herzen!

Herrlich ist das Heilmittel der Unsterblichkeit. Stellt doch einmal euer schlangenähnliches Kriechen ein! „Denn die Feinde des Herrn werden Staub lecken“, steht geschrieben. Richtet euch von der Erde zum Äther empor, blickt zum Himmel hinauf und gebt euch der Bewunderung hin! Hört auf, der Ferse der Gerechten aufzulauern und „den Weg der Wahrheit“ zu hemmen; werdet klug und arglos!

Bald wohl wird euch der Herr den Flügel der Einfalt schenken [denn er hat sich entschlossen, die Erdgeborenen zu beflügeln], damit ihr die Erdhöhlen verlassen und den Himmel zur Wohnung nehmen könnt. Laßt uns nur von ganzem Herzen Buße tun, damit wir mit ganzem Herzen Gott in uns aufnehmen können!

„Hoffet auf ihn“, steht geschrieben, „du ganze Versammlung des Volkes; gießet vor ihm alle eure Herzen aus!“ Er redet zu denen, die leer von Bosheit sind; er hat Mitleid und füllt sie mit Gerechtigkeit; glaube, Mensch, dem, der Mensch ist und Gott! Glaube, Mensch, dem, der litt und angebetet wird!

Glaubet, ihr Sklaven, dem, der tot war und lebendiger Gott ist! Ihr Menschen alle, glaubet dem, der allein Gott aller Menschen ist! Glaubet und empfanget als Lohn das Heil! „Suchet Gott, und eure Seele wird leben.“ Wer Gott sucht, der forscht nach seinem eigenen Heil. Hast du Gott gefunden, so hast du das Leben.

Laßt uns also suchen, damit wir auch leben! Der Lohn des Findens ist Leben bei Gott. „Frohlocken und an dir sich freuen sollen alle, die dich suchen, und unaufhörlich sollen sie sprechen: Gepriesen sei Gott!“ Ein schöner Lobgesang auf Gott ist ein unsterblicher Mensch, der durch Gerechtigkeit auferbaut ist, in dem die Sprüche der Wahrheit eingegraben sind. Denn wo sonst als in einer verständigen Seele sollte man Gerechtigkeit aufzeichnen? Wo Liebe? Wo Sittsamkeit? Wo Sanftmut?

Diese göttlichen Schriftzüge sollten sich alle Menschen tief in die Seele einprägen und die Weisheit für einen herrlichen Ausgangspunkt halten, welchem Lebenswege auch immer sie sich zuwenden mögen, und die gleiche Weisheit auch als einen windstillen Hafen des Heils ansehen.

Denn durch sie sind gute Väter ihrer Kinder die, welche dem Vater zugeeilt sind, und gute Söhne gegen ihre Eltern die, welche den Sohn erkannt haben, und gute Männer ihrer Frauen die, welche des Bräutigams eingedenk sind, und gute Herren ihrer Knechte die, welche aus der schlimmsten Knechtschaft erlöst sind.

Wahrlich die Tiere sind glücklicher als die im Irrtum befangenen Menschen; sie verweilen wie ihr in der Unwissenheit, aber sie geben nicht heuchlerisch vor, die Wahrheit zu besitzen. Es gibt bei ihnen keine Sippen von Schmeichlern; die Fische sind nicht abergläubisch; die Vögel treiben keinen Götzendienst; nur den Himmel staunen sie an, weil sie der Vernunft nicht gewürdigt worden sind und deshalb Gott nicht erkennen können.

Und da schämt ihr euch nicht, daß ihr euch selbst unvernünftiger gemacht habt als die unvernünftigen Tiere, indem ihr euch so viele Altersstufen hindurch in Gottlosigkeit aufgerieben habt? Ihr seid Knaben geworden, dann junge Burschen, dann Jünglinge, dann Männer, gut aber nie.

Habt wenigstens vor dem Greisenalter Achtung! Da ihr an den Abend eures Lebens gekommen seid, werdet verständig und erkennet Gott wenigstens noch bei eurem Lebensende, damit das Ende des Lebens euch den Anfang der Rettung erwerbe! Sterbt altersschwach der Dämonenfurcht ab und kommt mit Jugendkraft zur Gottesfurcht! Unschuldige Kinder wird Gott aufnehmen.

Der Athener gehorche den Gesetzen Solons und der Argiver denen des Phoroneus und der Spartaner denen des Lykurgos! Wenn du dich aber als Bürger Gottes eintragen lässest, so ist der Himmel dein Vaterland und Gott dein Gesetzgeber.

Wie lauten aber seine Gesetze? „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht Knaben schänden, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben, du sollst den Herrn deinen Gott lieben!“ Es gibt aber auch Ergänzungen zu diesen Geboten, weise Gesetze und heilige Lehren, die in den Menschenherzen selbst eingeschrieben sind: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, und „dem, der dich auf die Wange schlägt, biete auch die andere“, und „du sollst nicht begehren; denn durch die bloße Begierde hast du die Ehe gebrochen.“

Wie viel besser also ist es für die Menschen, überhaupt nicht begehren zu wollen, was man nicht begehren soll, als das Begehrte zu erlangen! Aber ihr wollt die Herbigkeit des Heils nicht ertragen. Jedoch wie wir die süßen Speisen lieben und sie wegen ihres angenehmen Geschmacks vorziehen, die bitteren aber, die unangenehm schmecken, uns heilen und gesund machen, ja sogar die Herbigkeit der Arzneien die Magenkranken kräftigt, so ergötzt und kitzelt uns die Gewohnheit [während die Wahrheit uns Schmerzen und unangenehme Gefühle verursacht], aber die eine von den beiden, die Gewohnheit, stürzt uns in den Abgrund, die andere aber, die Wahrheit, führt zum Himmel empor und ist zwar zuerst „rauh, aber eine treffliche Pflegerin der Jugend“.

Und keusch ist hier das Frauengemach, weise aber der Greisenrat. Und die Wahrheit ist nicht schwer zugänglich; und es ist nicht unmöglich, sie zu fassen, sondern sie ist ganz nahe bei uns und wohnt in uns selbst, da sie, wie andeutend der allweise Moses sagt, in den drei Bestandteilen unseres Wesens lebt, „in den Händen und im Munde und im Herzen“.

Das ist ein echtes Sinnbild der Wahrheit, die durch dreierlei im ganzen vollkommen wird, durch Rat und Tat und Wort. Fürchte auch dies nicht, daß dich die Vorstellung der vielen Vergnügungen von der Weisheit abziehen könnte; du wirst selbst den leeren Tand der Gewohnheit gern unbeachtet lassen, wie auch die Knaben das Spielzeug, wenn sie Männer geworden sind, wegwerfen.

Mit unübertrefflicher Schnelligkeit und leichtzugänglicher Freundlichkeit ist die göttliche Macht leuchtend über der Erde erschienen und hat das All mit dem Samen des Heils erfüllt. Denn ohne göttliche Fürsorge hätte der Herr nicht in so kurzer Zeit ein so gewaltiges Werk vollenden können, er, der wegen seiner äußeren Erscheinung verachtet, wegen seines Werkes aber angebetet wurde, der Reinigende und Rettende und Versöhnende, der göttliche Logos, der wahrlich ganz offenbar Gott und dem Herrn des Weltalls gleichgestellt ist, weil er sein Sohn war und „das Wort in Gott war“.

Weder fand die Botschaft Unglauben, als zuerst sein Kommen verheißen wurde, noch blieb er unerkannt, als er die Maske eines Menschen angenommen und sich in Fleisch gekleidet hatte, um das Drama der Erlösung der Menschheit aufzuführen.

Denn er war ein echter Kämpfer und ein Mitkämpfer seines Geschöpfes; und nachdem er schneller als die Sonne aus dem Willen des Vaters selbst aufgegangen war, verbreitete er sich auf das schnellste unter alle Menschen und leuchtete ganz ohne Mühe uns auf, indem er durch seine Lehre und seine Zeichen Gott als Zeugen für seine Herkunft und sein Wesen erscheinen ließ, daß er nämlich das friedenbringende und versöhnende und uns rettende Wort, die lebenspendende und zum Frieden dienende Quelle ist, die über das ganze Antlitz der Erde ausgegossen wurde, so daß durch ihn das All jetzt sozusagen ein Meer von Gnaden geworden ist.

11. Kapitel

Betrachte aber, wenn du willst, die Wohltat Gottes ein wenig von Anfang an! Solange der erste Mensch ungebunden im Paradies spielte, war er noch ein Kind Gottes; als er aber der Lust erlag [als Schlange wird sinnbildlich die Lust bezeichnet, da sie auf dem Bauche kriecht, ein an die Erde gebundenes Übel ist und sich nur um Stoffliches kümmert] und sich von seinen Begierden verführen ließ, wurde das Kind in seinem Ungehorsam zum Mann; und da er seinem Vater nicht gehorcht hatte, schämte er sich vor Gott. Welche Macht hatte die Lust! Der Mensch, der wegen seiner Einfalt frei gewesen war, wurde als in Sünden gefesselt erfunden.

Von seinen Fesseln wollte der Herr ihn wieder lösen, und selbst an das Fleisch gebunden [dies ist ein göttliches Geheimnis], überwältigte er die Schlange und unterwarf den gewaltigen Herrscher, den Tod, und, was das Wunderbarste ist, eben jenen Menschen, der infolge der Lust in die Irre gegangen, der an das Verderben gefesselt war, zeigte er als befreit durch seine ausgebreiteten Hände.

O geheimnisvolles Wunder! Hingesunken ist der Herr, auferstanden der Mensch, und der aus dem Paradiese Vertriebene erlangt für seinen Gehorsam einen noch größeren Lohn, den Himmel.

Da nun das Wort selbst vom Himmel herab zu uns gekommen ist, haben wir es, wie mir scheint, nicht mehr nötig, auf menschliche Lehre auszugehen und uns viel um Athen und das übrige Griechenland und dazu auch lonien zu kümmern. Denn wenn unser Lehrer der ist, der das Weltall mit heiligen Beweisen seiner Macht erfüllt hat, mit der Schöpfung, der Erlösung und der wohltätigen Fürsorge, mit der Gesetzgebung, der Weissagung und der Lehre, nimmt dieser Lehrer jetzt alles in seine Schule, und durch den Logos ist bereits dieganze Welt zu Athen und Griechenland geworden.

Es wird doch wohl nicht so sein, daß ihr zwar der dichterischen Sage Glauben schenkt, die erzählt, daß der Kreter Minos „Vertrauter des Zeus“ gewesen sei, dagegen nicht glauben wollt, daß wir Schüler Gottes geworden sind und die wirklich wahre Weisheit überkommen haben, die die Meister der Philosophie nur ahnten, die Jünger Christi dagegen sowohl erhalten haben als auch wieder verkündigten.

Und dann wird auch, wenn man so sagen darf, der ganze Christus nicht geteilt. „Da ist nicht Barbar oder Jude oder Grieche, nicht Mann oder Weib, sondern ein neuer Mensch“, der durch den Heiligen Geist Gottes umgestaltet ist.

Ferner sind sonst die Ratschläge und Lehren unwichtig und beziehen sich nur auf Einzelheiten, z. B. auf die Fragen, ob man heiraten, ob man sich am öffentlichen Leben beteiligen, ob man Kinder erzeugen soll; dagegen ist die Gottesfurcht die einzige alles umfassende Lehre und bezieht sich offenbar auf das ganze Leben, indem sie zu jeder Zeit, in jeder Lage auf das oberste Ziel, das Leben, ihr Augenmerk richtet, dementsprechend, daß es überhaupt nur deswegen notwendig ist zu leben, damit wir das ewige Leben gewinnen. Die Philosophie aber ist, wie die Alten sagen, ein für lange Zeit gültiger Rat, da sie für die ewige Liebe zur Weisheit wirbt. Aber „das Gebot des Herrn ist fernhin leuchtend und gibt den Augen Licht“.

Nimm Christus hin, nimm die Fähigkeit zu sehen hin, nimm dein Licht hin,
„Daß du deutlich erkennest den Gott und den sterblichen Menschen!“
„Süß“ ist das Wort, das uns erleuchtete, „mehr als Gold und Edelstein; es ist ersehnt mehr als Honig und Honigwabe“. Denn wie sollte nicht der ersehnt sein, der den in Finsternis begrabenen Sinn licht gemacht und die „lichttragenden Augen“ der Seele geschärft hat?

Denn wie, „wenn die Sonne nicht wäre, soweit es von den übrigen Gestirnen abhinge, alles Nacht wäre“, so würden wir uns, wenn wir das Wort nicht erkannt hätten und von ihm nicht erleuchtet worden wären, in nichts von dem Mastgeflügel unterscheiden, indem wir wie dieses in der Finsternis ernährt und für das Sterben großgezogen würden.

Laßt uns das Licht in uns aufnehmen, damit wir Gott in uns aufnehmen können! Laßt uns das Licht in uns aufnehmen und Jünger des Herrn werden! Dies hat er ja auch seinem Vater versprochen: „Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden; inmitten der Versammlung will ich dich preisen.“ Preise und verkünde mir Gott deinen Vater! Deine Verkündigung wird mich erretten, dein Lobgesang mich unterweisen. Denn bis jetzt ging ich bei meinem Suchen nach Gott in die Irre.

Aber seitdem du, Herr, mir auf meinem Wege leuchtest, finde ich durch dich Gott und erlange von dir den Vater; ich werde dein Miterbe, da du dich deines Bruders nicht schämtest.

Laßt uns also abtun, laßt uns abtun das Vergessen der Wahrheit! Die Unwissenheit und die hemmende Finsternis wollen wir gleich einem dichten Nebel von unseren Augen entfernen und den wahrhaft seienden Gott anschauen und zuerst dieses Wort ihm zum Preise entgegenrufen: „Sei gegrüßt, o Licht!“ Uns, die wir in Finsternis begraben lagen und im Schatten des Todes verschlossen waren, leuchtete vom Himmel ein Licht auf, reiner als das der Sonne und süßer als das Leben hienieden.

Jenes Licht ist ewiges Leben; und alles, was an ihm teilhat, lebt; die Nacht aber scheut das Licht, und aus Furcht dahinschwindend weicht sie dem Tage des Herrn; alles ist ein Licht geworden, das sich nimmermehr zum Schlummer neigt, und der Untergang hat sich in Aufgang verwandelt.

Dies hat die „neue Schöpfung“ bedeutet; denn „die Sonne der Gerechtigkeit“, die das Weltall durcheilt, durchwandelt in gleicher Weise auch die Menschheit, indem sie ihren Vater nachahmt, „der über alle Menschen seine Sonne aufgehen läßt“, und läßt auf die Menschen die Tautropfen der Wahrheit niederfallen.

Dieser hat den Untergang in Aufgang verwandelt und den Tod zu Leben gekreuzigt; er hat den Menschen dem Verderben entrissen und ihn zum Äther emporgehoben; er hat die Vergänglichkeit in Unvergänglichkeit umgeschaffen und wandelt Erde in Himmel um; er ist Gottes Ackerbauer; „er gibt glückbringende Zeichen und treibt das Volk zum guten Werke an, indem er an das wahre Leben erinnert;“ und er schenkt uns das wahrhaft große und göttliche und unentreißbare Erbe seines Vaters; er macht durch himmlische Lehre den Menschen göttlich, „Gesetze in ihren Sinn gebend und sie ihnen ins Herz schreibend“.

Welche Gesetze meint er damit? „Daß alle Gott kennen werden vom Kleinsten bis zum Größten; und ich werde ihnen gnädig sein,“ sagt Gott, „und werde ihrer Sünden nicht mehr gedenken.“

Laßt uns die Gesetze des Lebens annehmen, laßt uns Gott gehorchen, wenn er uns ermahnt! Laßt uns ihn erkennen, damit er uns gnädig sei! Laßt uns ihm, wenn er auch dessen nicht bedarf, einen erwünschten Lohn zahlen, unseren Gehorsam, gleichsam eine Art Mietzinszahlung an Gott für unsere Wohnung hienieden!
„Goldnes für Erz, hundert Rinder im Wert für den Wert von neun Rindern“,
für ein wenig Glaube gibt er dir die weite Erde zum Bebauen, Wasser zum Trinken und anderes zur Schiffahrt, Luft zum Atmen, Feuer zur Benützung, die Welt zur Wohnung; von hier in den Himmel auszuwandern, hat er dir gestattet. Diese großen und so zahlreichen Werke seiner Schöpfung und Gnadengaben hat er dir für ein wenig Glaube zur Verfügung gestellt.

Und da nehmen zwar Menschen, die ihr Vertrauen auf Zauberer gesetzt haben, Amulette und Zaubersprüche in der Überzeugung an, daß sie Rettung bringen; ihr aber solltet euch nicht dazu entschließen können, euch das rettungbringende Himmelswort selbst als Amulett anzulegen und nicht wünschen, im Vertrauen auf den Zauberspruch Gottes von den Leidenschaften, die doch Krankheiten der Seele sind, befreit und der Sünde entrissen zu werden? Denn ewiger Tod ist die Sünde.

Oder wollt ihr, völlig stumpfsinnig und blind wie die Maulwürfe, ohne an etwas anderes als an das Essen zu denken, euer ganzes Leben in der Finsternis zubringen, zum bersten voll von Verderben? Aber es lebt, es lebt die Wahrheit, die gerufen hat: „Aus der Finsternis wird das Licht leuchten!

Leuchten möge also in dem verborgenen Teil des Menschen, in seinem Herzen, das Licht, und möchten die Strahlen der Erkenntnis aufgehen, um den innen verborgenen Menschen, den Schüler des Lichts, den Jünger und Miterben Christi, ans Licht zu bringen und erglänzen zu lassen, zumal wenn zur Kenntnis eines frommen und guten Kindes der kostbarste und ehrwürdigste Name eines guten Vaters gelangt ist, der Freundliches befiehlt und sein Kind zu dem anhält, was ihm heilsam ist!

Wer ihm aber gehorcht, hat sicherlich in allem Gewinn: er folgt Gott, er gehorcht dem Vater, er erkannte ihn, nachdem er zuvor in die Irre gegangen war; er lernte Gott lieben, er lernte seinen Nächsten lieben, er erfüllte das Gebot, er strebt nach dem Kampfpreis, er macht Anspruch auf die Verheißung.

Es ist aber Gott immer am Herzen gelegen, die Menschenherde zu retten. Deshalb sandte der gute Gott auch den guten Hirten. Indem aber der Logos die Wahrheit enthüllte, zeigte er den Menschen die Größe des Heiles, damit sie entweder, wenn sie Buße tun, gerettet oder, wenn sie nicht gehorchen, gerichtet würden. Dies ist die Predigt der Gerechtigkeit: für die Gehorsamen frohe Botschaft, für die Ungehorsamen Androhung des Gerichtes.

Aber wenn die laut schmetternde Trompete durch ihren Schall Krieger zusammenruft und Krieg verkündigt, sollte da Christus, wenn er sein Friedenslied „bis an die Enden der Erde“ erschallen läßt, nicht seine friedfertigen Krieger versammeln? In der Tat, o Mensch, hat er sein Heer, das kein Blut vergießt, mit seinem Blut und Wort versammelt und ihnen das Königreich der Himmel anvertraut.

Die Trompete Christi ist sein Evangelium; er hat die Trompete ertönen lassen, wir haben es gehört. Nun wollen wir uns mit den Waffen des Friedens rüsten, indem wir „den Panzer der Gerechtigkeit“ anlegen und den Schild des Glaubens ergreifen und den Helm des Heiles aufsetzen; und wir wollen „das Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist“, schärfen. So reiht uns der Apostel in das Friedensheer ein.

Dies sind unsere unverwundbaren Waffen; mit diesen ausgerüstet, wollen wir uns zum Kampf gegen den Bösen aufstellen; die glühenden Geschosse des Bösen wollen wir mit unseren nassen Schwertschneiden löschen, die vom Logos in Wasser getaucht sind, wobei wir die Wohltaten mit dankerfüllten Lobgesängen vergelten und Gott durch den göttlichen Logos Ehre erweisen. Denn es steht geschrieben: „Während du noch redest, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“

O wie heilig und selig ist diese Macht, durch die Gott ein Mitbürger der Menschen wird! Besser also und vorteilhafter ist es, Nachahmer zugleich und Verehrer des höchsten Wesens in der Welt zu werden; denn niemand wird Gott nachahmen können außer dadurch, daß er ihn in heiliger Weise verehrt, und andererseits niemand ihn verehren und anbeten außer dadurch, daß er ihn nachahmt.

Gewiß kommt die himmlische und wahrhaft göttliche Liebe in der Weise zu den Menschen, daß wohl in der Seele selbst das wahrhaft Schöne, von dem göttlichen Logos entzündet, aufzuleuchten vermag; und, was das Größte ist, zugleich mit dem richtigen Wollen geht das Gerettetwerden Hand in Hand, da der freie Entschluß und das Leben sozusagen an einem Joch zusammengespannt sind.

Demgemäß gleicht dieses Mahnwort der Wahrheit allein den treuesten Freunden, indem es bis zum letzten Atemzug ausharrt und für die zum Himmel Abscheidenden durch den vollendeten und vollkommenen Hauch der Seele ein trefflicher Geleiter wird. Wozu ermahne ich dich denn? Ich dränge darauf, daß du dich retten lässest. Dies will Christus; mit einem Wort will er dir das Leben schenken.

Und welches Wort ist dies? Lerne es in Kürze! Es ist das Wort der Wahrheit, das Wort der Unvergänglichkeit, das Wort, das den Menschen wiedergebiert, indem es ihn zur Wahrheit zurückführt, der Ansporn zum Heil, das Wort, das das Verderben wegtreibt, das den Tod verjagt, das in den Menschen einen Tempel erbaut, damit es in den Menschen Gott einen Altar errichte.

Halte diesen Tempel rein, und die Lüste und Ausschweifungen gib wie eine vergängliche Eintagsblüte dem Wind und dem Feuer preis! Dagegen baue verständig die Früchte der Sittsamkeit und bringe dich selbst Gott als Erstlingsgabe dar, damit du nicht nur Gottes Werk, sondern auch sein Dankopfer seist! Beides aber geziemt für den Jünger Christi, sowohl daß er sich des Königreiches würdig zeige als auch daß er des Königreiches für würdig gehalten werde.

12. Kapitel

Laßt uns also vor der Gewohnheit fliehen, laßt uns vor ihr fliehen wie vor einer gefährlichen Klippe oder dem Drohen der Charybdis oder den Sirenen, von denen die Sage erzählt! Sie würgt den Menschen, sie lenkt ihn von der Wahrheit ab, sie führt ihn von dem Leben fort; eine Schlinge, ein Abgrund, eine Grube, ein verschlingendes Unheil ist die Gewohnheit.
„Weit entfernt von dem Rauch und der Woge mußt du dein Meerschiff halten.“

Laßt uns, ihr Fahrtgenossen, fliehen, laßt uns fliehen vor dieser Woge! Sie speit Feuer; sie ist eine Unheilsinsel, gehäuft voll von Knochen und Toten; und auf ihr singt eine hübsche Dirne, die Lust, und ergötzt sich an Allerweltsmusik:
„Hierher komm, ruhmreicher Odysseus, du Stolz der Achäer;
Lenke das Schiff an das Land, daß du göttliche Stimme vernehmest!“

Sie lobt dich, Schiffer, und nennt dich vielgepriesen, und den Stolz der Achäer will sich die Dirne zu eigen machen. Laß sie sich an den Toten weiden! Ein Wind vom Himmel kommt dir zur Hilfe; fahre an der Lust vorüber, sie ist eine gefährliche Betrügerin!
„Nicht soll ein Weib dir berücken den Sinn, des Freude der Putz ist,
Wenn sie heuchlerisch schwätzt und dabei dein Nest dir durchstöbert.“

Fahre an dem Gesange vorbei; er bewirkt den Tod! Wenn du nur willst, so bist du Sieger über die Macht der Zerstörung, und angebunden an das Holz wirst du von allem Verderben frei sein. Dein Steuermann wird der Logos Gottes sein, und in den Hafen des Himmels wird dich der Heilige Geist einlaufen lassen. Dann wirst du meinen Gott schauen und in jene heiligen Mysterien eingeweiht werden und wirst das im Himmel Verborgene zu schmecken bekommen, das mir aufbewahrt ist, „das weder ein Ohr gehört hat, noch in das Herz irgendeines Menschen gekommen ist“.

„Fürwahr, die Sonne glaub’ ich doppelt jetzt zu sehn
Und zweifach Theben“,
so sagte einer, der durch die Götzen in bakchische Raserei versetzt war, trunken von lauterer Torheit. Ich habe aber mit seiner Trunkenheit Mitleid und lade den, der so um seinen Verstand gekommen ist, zu dem verständigen Heile ein, weil auch der Herr die Bekehrung des Sünders und nicht seinen Tod wünscht.“

Komm, du Betörter, nicht auf den Thyrsos gestützt, nicht mit Efeu bekränzt! Wirf weg die Stirnbinde, wirf weg das Hirschfell, werde wieder nüchtern! Ich will dir den Logos und die Mysterien des Logos zeigen und sie dir mit den Bildern erklären, die dir vertraut sind. Hier ist der von Gott geliebte Berg, nicht wie der Kithairon der Schauplatz von Tragödien, sondern den Dramen der Wahrheit geweiht, ein nüchterner Berg, beschattet von heiligen Wäldern; und auf ihm schwärmen nicht die Schwestern der „vom Blitz getroffenen“ Semele umher, die Mainaden, die in die unheilige Fleischverteilung eingeweiht werden, sondern die Töchter Gottes, die schönen Lämmer, die die heiligen Weihen des Logos verkünden und einen nüchternen Chorreigen versammeln.

Den Chorreigen bilden die Gerechten; das Lied, das sie singen, ist der Preis des Königs der Welt. Die Mädchen schlagen die Saiten der Leier, Engel verkünden den Ruhm, Propheten reden, Klang von Musik erschallt; in raschem Laufe schließen sie sich dem Festzuge an; es eilen die Berufenen, voll Sehnsucht, den Vater zu empfangen.

Komme auch du, Greis, zu mir! Verlasse Theben und wirf Wahrsagekunst und Bakchosdienst von dir und laß dich zur Wahrheit führen! Siehe, ich reiche dir das Holz [des Kreuzes], dich darauf zu stützen. Eile, Teiresias, komme zum Glauben! Du wirstsehend werden. Christus, durch den die Augen der Blinden wieder sehen, leuchtet auf, heller als die Sonne. Die Nacht wird von dir weichen, das Feuer sich vor dir fürchten, der Tod von dir scheiden. Den Himmel wirst du schauen, Greis, der du Theben nicht sehen kannst.

O wie wahrhaft heilig sind die Mysterien, o wie lauter das Licht! Von Fackellicht werde ich umleuchtet, damit ich den Himmel und Gott schauen kann; ich werde heilig dadurch, daß ich in die Mysterien eingeweiht werde; der Herr enthüllt die heiligen Zeichen [er ist Hierophantes] und drückt dem Eingeweihten durch die Erleuchtung sein Siegel auf und übergibt den, der gläubig geworden ist, der Fürsorge des Vaters, damit er für die Ewigkeit bewahrt werde.

Dies sind die Bakchosfeste meiner Mysterien; wenn du willst, so lasse auch du dich einweihen! Und mit den Engeln wirst du den Reigen um den „ungeschaffenen und unvergänglichen“ und wahrhaft einzigen Gott tanzen, wobei der Logos Gottes in unsere Loblieder miteinstimmt. Dieser ewige Jesus, der eine Hohepriester des einen Gottes, der zugleich auch Vater ist, bittet für die Menschen und ruft ihnen zu: „Hört es, unzählige Scharen!“, vielmehr ihr Menschen alle, soweit ihr verständig seid, Barbaren sowohl als Griechen; das ganze Geschlecht der Menschen rufe ich, deren Schöpfer ich bin durch den Willen des Vaters.

Kommet zu mir, damit ihr unter einen Gott und den einen Logos Gottes eingeordnet werdet, und habt nicht nur vor den unvernünftigen Tieren etwas voraus durch eure Vernunft; vielmehr von allen Sterblichen gewähre ich es euch allein, die Frucht der Unsterblichkeit zu genießen. Denn ich will, ja ich will euch auch dieser Gnade teilhaftig machen und euch die Vollendung der Wohltat schenken, die Unvergänglichkeit; und den Logos schenke ich euch, die Erkenntnis Gottes, völlig schenke ich euch mich selbst.

Dies bin ich, dies will Gott, dies ist der Einklang, dies die Harmonie des Vaters, dies ist der Sohn, dies Christus, dies der Logos Gottes, der Arm des Herrn, die Gewalt über alle Dinge, der Wille des Vaters. Ihr, die ihr zwar von alters her Abbilder, aber nicht lauter ähnliche seid, ich will euch in Übereinstimmung mit dem Urbild bringen, auf daß ihr mir auch ähnlich werdet.

Ich will euch mit dem Öle des Glaubens salben, wodurch ihr von der Vergänglichkeit frei werdet, und will euch unverhüllt die Gestalt der Gerechtigkeit zeigen, in der ihr zu Gott emporsteigt. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken! Nehmt mein Joch auf euch und lernet von mir; denn ich bin sanft und von Herzen demütig, und ihr werdet Erquickung für eure Seelen finden; denn mein Joch ist bequem und meine Last ist leicht.“

Laßt uns eilen, laßt uns laufen, ihr gottgeliebten und gottähnlichen Ebenbilder des Logos! Laßt uns eilen, laßt uns laufen, laßt uns sein Joch auf uns nehmen, laßt uns nach Unvergänglichkeit streben, laßt uns den guten Lenker der Menschen, Christus, lieben! Er führte das Füllen zusammen mit dem alten Tier unter ein Joch ; und nachdem er das Menschengespann angeschirrt hat, lenkt er den Wagen zur Unsterblichkeit; er eilt zu Gott, um in Klarheit zu erfüllen, was er nur dunkel angedeutet hatte, indem er vordem in Jerusalem, jetzt aber in den Himmel einzieht, der herrlichste Anblick für den Vater, der ewige Sohn als Träger des Sieges.

Wir wollen also eifrig nach dem Guten strebende und gottgeliebte Menschen werden und uns die höchsten Güter, Gott und das Leben, erwerben! Unser Beistand ist der Logos; ihm wollen wir vertrauen, und nie soll solches Verlangen nach Silber und Gold oder nach Ruhm über uns kommen wie nach dem Worte der Wahrheit selbst.

Denn gewiß ist es auch Gott selbst nicht wohlgefällig, wenn wir das, was am meisten wert ist, am geringsten schätzen, dagegen die offenkundige Schmach der Unwissenheit und Torheit und Leichtfertigkeit und des Götzendienstes sowie die äußerste Gottlosigkeit höher achten.

Denn nicht ohne Grund sind die Philosophensöhne der Meinung, daß alles, was die Unverständigen tun, unheilig und gottlos sei; und indem sie die Unwissenheit selbst als eine Art Wahnsinn bezeichnen, geben sie zu, daß die allermeisten nichts anders als wahnsinnig sind.

Die Vernunft erlaubt nun doch nicht darüber im Zweifel zu sein, was von beidem besser ist, bei gesunden Sinnen oder wahnsinnig zu sein. Wir müssen also unerschütterlich an der Wahrheit festhalten und gesunden Sinnes mit aller unserer Kraft Gott folgen und überzeugt sein, daß alle Dinge Gottes Eigentum sind, wie das ja auch der Fall ist. Ferner müssen wir auch wissen, daß wir Gottes schönster Besitz sind, und uns deshalb ihm ganz hingeben, indem wir Gott den Herrn lieben und dies unser ganzes Leben hindurch als unsere Aufgabe ansehen.

Wenn aber „der Besitz der Freunde gemeinsam ist“ und der Mensch von Gott geliebt ist [denn er ist in der Tat Gott lieb durch die Vermittlung des Logos], so werden alle Dinge zum Eigentum des Menschen, weil alles Gott gehört und alles den beiden Freunden gemeinsam ist, Gott und dem Menschen.

Es ist nun für uns an der Zeit zu erklären, daß nur der Christ gottesfürchtig und reich und verständig und vornehm und deshalb Gottes Abbild mit Ähnlichkeit ist, und zu sagen und zu glauben, daß er, wenn er durch Christus Jesus „gerecht und heilig mit Verstand“ geworden ist, zugleich auch ebensosehr Gott ähnlich ist.

So verschweigt auch der Prophet diese Gnadengabe nicht, wenn er sagt: „Ich sprach: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten allesamt.“ Denn uns, ja uns hat er an Kindes Statt angenommen und nur unser Vater will er heißen, nicht der Ungläubigen Vater. Denn in der Tat, so steht es bei uns, die wir Christi Gefolgsleute sind: Wie die Gedanken, so auch die Worte, und wie die Worte, so auch die Taten, und wie die Werke, so das Leben; rechtschaffen ist das ganze Leben der Menschen, die Christus erkannt haben.

Doch es ist genug der Worte, glaube ich. Vielleicht bin ich aus Liebe zu den Menschen schon zu weit gegangen, indem ich freigebig verkündigte, was ich von Gott hatte, da ich ja zu dem größten Gut, zur Erlösung, einlud; denn wahrlich, auch die Worte selbst wollen nicht aufhören, die heiligen Geheimnisse über das Leben zu verkündigen, das nie und nirgends ein Ende hat. Euch aber bleibt als letztes noch übrig zu wählen, was euch heilsam ist, entweder das Gericht oder die Gnade. Ich für meinen Teil halte es nicht für recht, auch nur im Zweifel zu sein, was von beiden das bessere ist; denn es ist schon ein Unrecht, überhaupt Leben und Verderben miteinander zu vergleichen.

 

 

 

 

 

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