Dass Christus einer ist

Von Cyrillus von Alexandrien (444)

Die Schrift „Quod unus sit Christus“ ist in die Form eines Dialoges gekleidet, und der Partner oder Zwischenredner des Verfassers wird in einigen Handschriften Hermias genannt, wie allerdings auch in andern Dialogen Cyrills ein gewisser Hermias als Zwischenredner auftritt. Unser Dialog enthält eine erschöpfende Widerlegung der Lehre, daß das Wort Gottes nicht selbst Fleisch geworden sei, sondern einen Menschen angenommen und mit sich verbunden habe, so daß also neben dem wahren und natürlichen Sohne Gottes noch „ein anderer“, ein Adoptivsohn, steht, der jedoch an der Hoheit und Ehre des natürlichen Sohnes teilhaben soll. Ein gelegentlicher Hinweis auf frühere Polemik des Verfassers selbst gegen den Nestorianismus und, deutlicher noch, die Reife des Gedankens in Verbindung mit einer gewissen Abgeklärtheit des Ausdrucks zeigen, daß diese Schrift zu den spätern, wahrscheinlich zu den spätesten antinestorianischen Schriften Cyrills gehört, wenngleich es an Anhaltspunkten für eine genauere Datierung fehlt. Ein Abdruck des Textes bei Migne 75, 1253—1362. Eine neue Ausgabe, für welche auch eine sehr alte, aber wenig wörtliche syrische Übersetzung benützt werden konnte, bei Pusey, S. Cyrilli Alex. De recta fide ad Imperatorem usw., Oxonii 1877, 334—424.

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A. Der Beschäftigung mit der heiligen Wissenschaft überdrüssig zu werden, ist bei denen, die wahrhaft verständig sind und lebenspendende Erkenntnis in ihren Geist aufgenommen haben, ausgeschlossen; denn es steht geschrieben: „Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Gottes Wort ist eben eine Nahrung des Geistes und ein geistliches Brot, welches das Herz des Menschen stärkt, gemäß dem Psalmvers.

B. Du hast Recht.

A. Die Weisen und Schriftsteller der Heiden haben die Schönheit der Rede bewundert und verwenden größten Fleiß auf bilderreiche Sprache; sie gefallen sich in leerem Wortgepränge und wollen glänzen durch rhetorischen Schmuck. Als Stoff dient den Dichtern die Lüge, der man durch Wohlklang und Ebenmaß des Vortrags Anmut und Reiz zu verleihen sucht, während man auf die Wahrheit sehr wenig Wert legt und zutreffende und nutzbringende Belehrung, insbesondere über den wahren Gott, fast ganz vermissen läßt. Der hochheilige Paulus hat sie mit den Worten gekennzeichnet: „Sie sind nichtig geworden in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert worden. Da sie prahlten, Weise zu sein, wurden sie Toren und vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit der Gestalt eines Bildes von einem vergänglichen Menschen und von Vögeln und von vierfüßigen und kriechenden Tieren.“

B. So ist es. Hat ja Gott durch den Mund des Isaias über sie gesagt: „Wisset, daß ihr Herz Asche ist und sie in die Irre gehen.“

A. Das gilt von diesen. Diejenigen aber, die die gottlosen Häresien erfunden haben, Unheilige und Abtrünnige, die gegen die göttliche Herrlichkeit ihren frechen Mund aufreißen und „Verkehrtes reden“, lassen sich in gar manchen Schriften keinen geringeren Unverstand als die Heiden oder vielmehr noch größeren Wahnsinn zuschulden kommen, „Besser wäre es für sie gewesen, wenn sie den Weg der Wahrheit nicht erkannt hätten, als, nachdem sie ihn erkannt hatten, dem heiligen Gebote, das ihnen gegeben worden, den Rücken zu kehren. Ihnen ist es nach dem wahren Sprichworte ergangen: Ein Hund wendet sich um nach dem eigenen Auswurf, und ein Schwein badet sich und wälzt sich im Kot.“ Denn sie haben sich geteilt in blasphemische Anklagen gegen Christus, und wie bissige und mörderische Wölfe verfolgen sie die Herden, für welche Christus gestorben ist, und plündern sein Eigentum, indem sie „aufhäufen, was nicht ihrer ist“, wie geschrieben steht, „und sich schwer mit Schulden belasten.“ Ganz treffend paßt auf sie das Wort: „Von uns sind sie ausgegangen, aber sie waren nicht aus uns.“

B. Gewiß nicht.

A. Zur Zeit indessen handelt es sich für uns um solche Menschen. Einige nämlich suchen unverständigerweise dem eingeborenen Worte Gottes die alles überragende Hoheit abzusprechen und die Gleichheit mit Gott und dem Vater streitig zu machen, indem sie seine Wesenseinheit leugnen und die vollständige Identität der Natur nicht anerkennen wollen. Andere, die mit den Genannten gleichsam desselben Weges daherkommen und auch in die Schlinge des Todes und „in die Tiefe der Unterwelt“ stürzen, verdrehen das Geheimnis der Fleischwerdung des Eingeborenen und stellen einen gewissermaßen brüderlich verwandten Unsinn auf. Denn während jene dem aus Gott dem Vater entsprungenen Worte noch vor seiner Fleischwerdung die Hoheit der Gottheit nach Möglichkeit zu entreißen suchen, kämpfen diese gegen den Fleischgewordenen an und machen ihm gar, keck, wie sie sind, seine menschenfreundliche Huld zum Vorwurf, indem sie behaupten, er sei nicht wohl beraten gewesen, da er Fleisch annahm und sich der Entäußerung unterzog oder da er Mensch ward und „auf Erden erschien und mit den Menschen verkehrte“, weil er doch von Natur Gott sei und Mitinhaber des Thrones des Vaters.

B. Du sprichst mit Recht so.

A. Gegen den beiderseitigen Unverstand hat nun aber die gotteingegebene Schrift ihre Stimme erhoben, um der Wahrheit Zeugnis zu geben und die Rede jener Menschen für hinfällig und nichtig zu erklären, diejenigen aber, die mit geradem und klarem Geistesauge das Geheimnis zu betrachten gewohnt sind, auf die Pfade der Gottheit zu geleiten.

B. Ich möchte aber von dir hören, was das für Leute sind, die die so verehrungswürdige und unaussprechliche Menschwerdung des Heilandes in gottloser Weise herunterreißen. Du scheinst ja darüber sehr erregt zu sein.

A. Da urteilst du allerdings richtig. „Ich habe für den Herrn geeifert“ und bin von sehr großem Schmerz über diese Dinge erfüllt. Ich erschrecke, wenn ich sehe, worauf ihre Lehren hinauslaufen. Sie verfälschen ja den uns überlieferten Glauben, gestützt auf die Erfindungen des neuerschienenen Drachen, und flößen den Seelen der Einfältigen gleichsam Gift ein, abgeschmacktes Zeug, voll von Verkehrtheit und Verderbtheit.

B. Wer ist denn, sprich, der neuerschienene Drache, und welches Gewäsch hat er gegen die Lehren der Wahrheit vorgebracht?

A. Der neuerschienene Drache ist der tückische Mensch mit giftgeschwollener Zunge, der der Überlieferung der Lehrmeister des Erdkreises, ja auch der ganzen gotteingegebenen Schrift Lebewohl sagt und sich selbst Neues ersinnt und nun behauptet, man solle die heilige Jungfrau nicht Gottesgebärerin nennen, sondern Christusgebärerin und Menschengebärerin. Auch noch andere dumme und sinnlose Sätze verficht er, die den rechten und reinen Lehren der katholischen Kirche widersprechen.

B. Den Nestorius, denke ich, meinst du. Ich verstehe schon. Genauer aber, mein Freund, bin ich über seine Lehren nicht unterrichtet. Weshalb leugnet er, daß die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist?

A. Sie hat eben, sagt er, nicht Gott geboren. Denn das Wort war vor ihr da, ja sogar vor aller Ewigkeit und Zeit, weil es gleichewig ist mit Gott und dem Vater, Natürlich müssen sie nun auch leugnen, daß der Emmanuel Gott ist; unzutreffend, müssen sie sagen, hat der Evangelist diesen Namen erklärt: „Das heißt in Übersetzung: Mit uns ist Gott.“ Offenbar hat aber Gott und der Vater durch den Ausspruch des Propheten bekräftigen wollen, daß der aus der heiligen Jungfrau dem Fleische nach Geborene so genannt werden muß, weil er menschgewordener Gott ist.

B. Nach der Ansicht jener indessen soll es sich nicht so verhalten. Sie dürften sagen, Gott oder das gottentstammte Wort sei mit uns in Weise der Hilfeleistung. Hat ja Gott durch den aus dem Weibe Geborenen die Welt erlöst.

A. War Gott, sag mir, nicht auch mit Moses, als er Israel aus dem Lande der Ägypter und der dortigen Knechtschaft errettete „mit starker Hand und erhobenem Arm“, wie geschrieben steht? Und hat er nicht später zu Josue ausdrücklich gesagt: „Und wie ich mit Moses war, so werde ich auch mit dir sein“?

B. Das ist wahr.

A. Warum ist nun keiner jener Männer Emmanuel genannt worden, dieser Name vielmehr ausschließlich demjenigen vorbehalten geblieben, der in den letzten Zeiten der Welt wunderbarerweise dem Fleische nach aus dem Weibe geboren wurde?

B. In welcher Weise ist nun, sollen wir glauben, Gott aus dem Weibe geboren worden? Etwa so, daß das Wort teilgenommen hat an der Wesenheit, die dem Weibe innewohnt und aus dem Weibe stammt?

A. Weg mit einer so albernen und nichtigen Mutmaßung! Es wäre sehr verfehlt und ein Zeichen krankhaften und weit abirrenden Geistes, zu glauben, die unaussprechliche Wesenheit des Eingeborenen sei eine Frucht des Fleisches gewesen. Er war vielmehr als Gott gleichewig mit dem zeugenden Vater und aus ihm der Natur nach in unaussprechlicher Weise geboren. Wollen sie aber genau wissen, wie und auf welche Weise er in unserer Gestalt erschienen und Mensch geworden ist, so gibt der göttliche Evangelist Johannes Aufschluß, indem er sagt: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, wie die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, voll der Gnade und der Wahrheit.“

B. Aber, sagen sie, wenn das Wort Fleisch geworden, so ist es nicht mehr Wort geblieben, hat vielmehr aufgehört zu sein, was es war.

A. Das ist aber doch Gaukelei und leeres Geschwätz, die Erfindung einer ausgearteten Phantasie und nichts weiter. Sie glauben, wie es scheint, daß das Wort „geworden“ notwendig und unausweichlich eine Wandlung und Veränderung bezeichne.

B. Ja, sagen sie, und aus der gotteingegebenen Schrift selbst wollen sie diese Meinung begründen. Von dem Weibe Lots, sagen sie, heißt es, daß es eine Salzsäule geworden; und von dem Stabe des Moses wird berichtet, er habe ihn auf die Erde geworfen und er sei eine Schlange geworden. In diesen Fällen hat doch eine Wandlung der Natur stattgefunden.

A. Was werden sie denn nun sagen, wenn ein Psalmist singt: „Und der Herr ist mir zur Zuflucht geworden“, und wiederum: „Du, Herr, bist unsere Zuflucht geworden für und für.“ Soll etwa Gott, der hier gepriesen wird, aus einem Gott durch Verwandlung zu einer Zuflucht geworden und der Natur nach zu etwas anderem geworden sein, als was er anfangs war? Wie wäre das bei dem, der der Natur nach Gott ist, nicht ganz ungereimt und widersinnig! Denn er ist der Natur nach unwandelbar und bleibt also stets, was er war und was er immer ist, mag es auch heißen, er sei diesem oder jenem Zuflucht geworden.

B. Das hast du sehr gut und ganz treffend dargelegt.

A. Ist also von Gott die Rede und es wird von ihm irgendwo gesagt, er sei „geworden“, so ist es im höchsten Grade töricht und gottlos, an eine Wandlung zu denken und nicht vielmehr irgendeine andere Erklärung zu versuchen und wohl acht zu haben, daß sie dem unwandelbaren Gott angemessen sei und gerecht werde. Wie wir nun bei dem Satze, daß das Wort zu Fleisch geworden, die Unwandelbarkeit und Unveränderlichkeit, die dem Worte wesentlich und naturhaft eigen ist, stets zu wahren haben, das lehrt deutlich der allweise Paulus, der Verwalter der Geheimnisse des Wortes, der Verkünder der evangelischen Predigt. Er schreibt: „Ein jeder von euch denke so bei sich, wie auch Christus Jesus gedacht hat, der, da er in Gottesgestalt war, es nicht für Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestode.“ — Da also das eingeborene Wort Gottes Gott war und der Natur nach aus Gott stammte, „der Abglanz der Herrlichkeit und das Ebenbild des Wesens“ des Erzeugers, so ist es Mensch geworden, aber nicht in Fleisch verwandelt worden, hat auch keine Änderung, keine Vermischung oder dergleichen erlitten, sondern sich in den Stand der Entäußerung hinabbegeben, „statt der vor ihm liegenden Freude Schmach erwählt“ und die Armseligkeit der Menschennatur nicht verschmäht. Er wollte als Gott das in Tod und Sünde verstrickte Fleisch über Tod und Sünde hinausheben und in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen; und zu diesem Ende machte er das Fleisch sich selbst zu eigen, und zwar nicht, wie einige wollen, unbeseeltes, sondern mit einer vernünftigen Seele beseeltes Fleisch, Er würdigte sich auch, den dem Ziele entsprechenden Weg zu beschreiten, und hat nach den Schriften so wie wir geboren werden wollen, ist aber dabei geblieben, was er war. Wunderbarerweise ist er nämlich dem Fleische nach aus dem Weibe geboren worden, weil nur die Menschwerdung es ermöglichte, daß er, der der Natur nach Gott war, unberührbar und unkörperlich, in unserer Hülle den Erdenbewohnern erschien und in sich und in sich allein unsere Natur mit den Ehren der Gottheit schmückte. Denn er war in einer und derselben Person Gott und Mensch zugleich, einem Menschen ähnlich, weil außerdem auch Gott, im Äußern aber wie ein Mensch, Gott in Menschenhülle und Herrscher in Knechtsgestalt. In dieser Weise, behaupten wir, ist er Mensch geworden; und damit bekräftigen wir auch schon, daß die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist,

B. Wünschest du, daß wir deinen Ausführungen die widersprechenden Behauptungen der andern entgegenhalten, um eine gründlichere Untersuchung vorzunehmen, oder sollen wir ohne weiteres deiner Darlegung beitreten und unsere Zustimmung erklären?

A. Zwar glaube ich, daß unsere weise und verständige Darlegung in keinem Punkt einem Tadel unterliegt und gegen die gotteingegebenen Schriften verstößt. Aber sag auch du deine Meinung, Die Gegenüberstellung wird doch von Nutzen sein.

B. Der göttliche Paulus, sagen sie, schreibt über den Sohn, wie wenn er Fluch und Sünde geworden wäre. Er sagt: „Den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht“, und wiederum: „Christus hat uns erkauft aus dem Fluche des Gesetzes, indem er für uns zum Fluche geworden.“ Er ist aber nicht in Wirklichkeit Fluch und Sünde geworden, vielmehr verbindet die Heilige Schrift mit diesen Worten irgendeinen andern Sinn, So, sagen sie, müssen wir den Satz auffassen: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“

A. Ob die Aussage, er sei Fluch und Sünde geworden, auf eine und dieselbe Linie zu stellen sei mit dem Satze, daß er Fleisch geworden, läßt sich erst entscheiden, wenn zuvor die Lehre von der Fleischwerdung klargestellt ist.

B. Wie meinst du das?

A. Wenn nämlich von ihm gesagt wird, er, der keine Sünde kannte, sei für uns zur Sünde geworden, und er habe die unter dem Gesetze Stehenden aus dem Fluche des Gesetzes losgekauft, indem er für sie zum Fluche geworden, so zweifelt niemand, daß dies jedenfalls zu einer Zeit geschah, da der Eingeborene schon mit Fleisch bekleidet und Mensch geworden war. Mit der Lehre von der Fleischwerdung hängt daher aufs engste alles das zusammen, was ihm infolge der Fleischwerdung widerfahren ist, nachdem er freiwillig die Entäußerung auf sich genommen hatte, wie zum Beispiel das Hungern und das Ermüden. Denn wie hätte der ermüden können, der über alle Macht verfügte; und wie hätte der hungern sollen, der selbst die Nahrung und das Leben des Weltalls ist, hätte er sich nicht zuvor einen Leib zu eigen gemacht, dem es natürlich war, zu hungern und zu ermüden? So wäre er auch nicht „den Missetätern zugezählt worden“ — denn das ist der Sinn der Aussage, er sei Sünde geworden —, wäre auch nicht zum Fluche geworden, indem er um unsertwillen das Kreuz erduldete, wenn er nicht Fleisch geworden, das heißt Fleisch und Menschennatur angenommen und menschlicher Geburt sich unterzogen hätte, nämlich durch die heilige Jungfrau.

B. Ich stimme zu; du hast recht.

A. Unverständig ist es aber weiterhin, zu glauben und zu behaupten, das Wort sei so Fleisch geworden, wie es Fluch und Sünde geworden.

B. Wieso?

A. War er denn nicht ein Verfluchter, um den Fluch aufzuheben; und hat der Vater ihn nicht zur Sünde gemacht, um der Sünde ein Ende zu bereiten?

B. So sagen auch sie.

A. Wäre es also wahr, was sie behaupten, daß das Wort so Fleisch geworden, wie es Fluch und Sünde geworden, mithin zur Vernichtung des Fleisches, wie konnte er dann das Fleisch unvergänglich und unverwüstlich machen, wie er dies zuerst an seinem eigenen Fleische tat? Er hat ja nicht zugelassen, daß es sterblich bleibe und der Verwesung anheimfalle, gemäß dem von Adam auf uns sich vererbenden Strafurteil, hat vielmehr das Fleisch des unvergänglichen Gottes, das heißt sein eigenes Fleisch, auch über Tod und Verwesung triumphieren lassen.

B. Du sprichst die Wahrheit.

A. Die Heilige Schrift sagt irgendwo, der erste Mensch, das heißt Adam, sei zu einer „lebendigen Seele“ geworden, der spätere, ich meine Christus, zu einem „lebendigmachenden Geiste“. Wie er nun Fluch und Sünde geworden, um Fluch und Sünde aufzuheben, so, behaupten wir, ist er zu einem lebendigmachenden Geiste geworden, um die lebendige Seele zu einem an- dern Sein umzugestalten. Denn wenn sie behaupten, er sei so Fleisch geworden, wie er Fluch und Sünde geworden, so treiben sie mit dem Worte „geworden“ einen unerhörten Mißbrauch. Dann würde also die Fleischwerdung oder Menschwerdung des Wortes preiszugeben sein; und wenn das wahr wäre, würde das ganze Geheimnis uns dahinschwinden. Christus wäre nicht geboren, nicht gestorben, nicht auferweckt worden, wie es die Schriften besagen. Wo bliebe demnach der Glaube oder „das Wort des Glaubens, welches wir verkünden?“ Denn wie hätte Gott ihn von den Toten auferwecken können, wenn er nicht gestorben wäre? Wie aber wäre er gestorben, wenn er nicht dem Fleische nach geboren wäre? Und wo bleibt das Wiederaufleben der Toten, welches den Heiligen die Hoffnung auf ein Leben ohne Ende gewährt, wenn Christus nicht auf erweckt worden? Wo bleibt jene Lebendigmachung des menschlichen Leibes, wie sie durch die Teilnahme an seinem heiligen Fleisch und Blut gewirkt wird?

B. Wir behaupten also, daß das Wort Fleisch geworden ist, indem es dem Fleische nach aus dem Weibe geboren wurde. In den letzten Zeiten der Welt hat es sich, wie berichtet wird, dieser Geburt unterzogen, während es als Gott vor aller Ewigkeit existierte.

A. Ganz recht so. In dieser Weise ist er uns in allem ähnlich geworden, ausgenommen die Sünde. Das bezeugt der allweise Paulus, wenn er sagt: „Da nämlich die Kinder an Blut und Fleisch teilhaben, so hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen, um durch den Tod den Machthaber des Todes, das heißt den Teufel, zunichte zu machen und diejenigen, die durch die Furcht vor dem Tode ihr ganzes Leben lang in Knechtschaft gehalten waren, zu befreien. Denn nicht etwa der Engel nimmt er sich an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an. Deshalb mußte er in allem den Brüdern ähnlich werden.“ — Der Anfang gleichsam und das Vorspiel dieser Verähnlichung in allem war die Geburt aus dem Weibe und das Erscheinen dessen, der seiner eigenen Natur nach unsichtbar ist, im Fleische und der Wandel dessen, der in den höchsten Höhen thront, auf dieser Erde und die menschliche Niedrigkeit des erhabensten aller Herrscher und die Eingeschränktheit der geborenen Allgewalt. Denn „Gott war das Wort“.

B. Du sprichst ganz zutreffend. Aber wisse, daß jene es auch für unmöglich und abgeschmackt erklären, zu glauben und zu behaupten, das auf unaussprechliche und unbegreifliche Weise aus Gott dem Vater entsprungene Wort habe sich noch einer zweiten Geburt aus dem Weibe unterzogen. Es habe ihm genügt, sagen sie, einmal auf gotteswürdige Weise aus dem Vater geboren zu sein.

A. Sie schelten also den Sohn und behaupten, er sei nicht gut beraten gewesen, als er sich unsertwegen der freiwilligen Entäußerung unterzog. Abgetan und beiseitegeschoben wäre demzufolge das hehre und große „Geheimnis der Gottesfurcht“; der einzigartige Ratschluß der Fleischwerdung des Eingeborenen hätte, erklären sie, den Erdenbewohnern keinen Nutzen gebracht. Allein das Wort der Wahrheit entzieht diesem Geplapper allen Boden und beweist vielmehr, daß die Leute höchst unsinniges Zeug schwätzen und für das Geheimnis Christi auch nicht das geringste Verständnis haben. Gott und der Vater hat den Sohn ein für allemal aus sich heraus gezeugt. Er beschloß aber, das Menschengeschlecht in dem Sohne zu erneuern, und zwar durch die Fleischwerdung oder Menschwerdung. Diese jedoch mußte unbedingt in Weise der Geburt aus dem Weibe erfolgen, damit das aus Gott entsprungene Wort uns ähnlich und nun das Gesetz der Sünde in den Gliedern des Fleisches verurteilt und der Tod durch den Tod dessen, der keinen Tod kannte, abgetan würde. „Denn wenn wir seine Genossen geworden sind durch einen dem seinen ähnlichen Tod, so werden wir es doch auch durch eine der seinen ähnliche Auferstehung sein.“ Es ist also notwendigerweise der, der immer war, dem Fleische nach geboren worden, indem er das Unsrige auf sich nahm, damit die Erzeugnisse des Fleisches, das heißt wir, die wir der Vergänglichkeit und dem Untergange verfallen waren, in ihm verblieben, der da das Unsrige sich zu eigen gemacht hatte, auf daß auch wir des Seinigen teilhaftig würden. Um unsertwillen ist ja der Reiche arm geworden, damit wir durch seine Armut bereichert würden. Wer aber behauptet, nicht das gottentstammte Wort selbst sei es gewesen, welches Fleisch ward oder der Geburt aus dem Weibe sich unterzog, der hebt die Heils Veranstaltung auf. Denn wenn nicht der Reiche arm geworden, aus Menschenfreundlichkeit zu uns sich herablassend, so sind wir auch nicht mit seinen Gütern bereichert worden, sind vielmehr noch in Armut und Fluch und Tod und Sünde verstrickt. Nur die Fleischwerdung des Wortes vermag das, was infolge des Fluches und des Strafurteils der Menschennatur widerfahren ist, abzustellen und zum Bessern zu wenden. Wenn sie also die Wurzel unseres Heiles ausgraben und die Grundlage unserer Hoffnung zerstören, was soll aus dem Übrigen noch werden? Ist, wie gesagt, nicht das Wort Fleisch geworden, so ist die Macht des Todes nicht erschüttert und die Sünde in keiner Weise abgetan, und wir haften noch für die Übertretungen des ersten Menschen, das heißt Adams, ohne durch Christus, den Heiland unser aller, irgendwelche Besserung unserer Lage erlangt zu haben.

B. Ich verstehe, was du sagst.

A. Ist aber ferner der, der „in gleicher Weise wie wir an Blut und Fleisch teilgenommen hat“, nicht notwendig seiner Natur nach ein anderer gewesen als wir? Von einem Menschen wird doch niemand sagen, er habe an der Menschheit teilgenommen. Denn wie soll jemand etwas, was er seiner Natur nach ist, noch annehmen, wie wenn es etwas anderes wäre, als was er schon ist? Dünkt dir dies nicht durchaus einleuchtend zu sein?

B. Ganz gewiß.

A. Betrachte indessen auch von anderer Seite her, wie gottlos und unsinnig es ist, die Geburt Gottes des Wortes aus dem Weibe dem Fleische nach leugnen zu wollen! In welcher Weise sollte sein Leib Leben spenden, wenn er nicht der Leib dessen wäre, der da Leben ist? Wie soll das Blut Jesu uns von aller Sünde reinigen, wenn es nur das Blut eines gewöhnlichen und mit Sünde behafteten Menschen wäre? Wie hätte Gott und der Vater „seinen Sohn gesandt, geworden aus dem Weibe, geworden unter dem Gesetze“? Wie hätte er „die Sünde am Fleische verdammt“? Es war nicht Sache eines gewöhnlichen und so wie wir von Natur aus unter der Herrschaft der Sünde stehenden Menschen, „die Sünde zu verdammen“. Weil es aber der Leib dessen gewesen ist, der kein Bösestun kannte, deshalb hat er, und zwar mit Fug und Recht, die Herrschaft der Sünde abgeschüttelt, und in vollem Anteil an der Eigenart des in unaussprechlicher und einzigartiger Weise ihm geeinten Wortes ist er heilig und lebenspendend und mit göttlicher Wirksamkeit ausgerüstet. In Christus aber als dem Erstling sind auch wir umgewandelt worden, um über Vergänglichkeit wie über Sünde erhaben zu sein; und es ist wahr, was der selige Paulus sagt: „Wie wir das Abbild des Staubgeborenen getragen haben, so werden wir auch das Abbild des Himmlischen tragen“, das heißt Christi. Himmlischer Mensch aber wird Christus genannt, nicht weil er von oben und vom Himmel her das Fleisch zu uns herabgebracht hätte, sondern weil er, da er Gott das Wort war, von den Himmeln herabgestiegen und, während er sich zur Ähnlichkeit mit uns herabließ, das heißt dem Fleische nach der Geburt aus dem Weibe sich unterzog, doch das, was er war, geblieben ist, also von oben und von den Himmeln her und über allen erhabener Gott, auch im Fleische. So sagt der göttliche Johannes irgendwo von ihm: „Wer von oben kommt, ist über allen.“ Denn er ist der Herr des Weltalls geblieben, auch nachdem er in der Menschwerdung die Knechtsgestalt angelegt hat, und deswegen ist das Geheimnis Christi in Wahrheit wunderbar. Hat ja auch Gott und der Vater durch einen der Propheten irgendwo zu den Juden gesprochen: „Seht, ihr Verächter, und werdet starr und staunt! Denn ein Werk wirke ich in euren Tagen, ein Werk, welches ihr nicht glauben werdet, wenn jemand euch davon erzählt.“ Denn das Geheimnis Christi mochte Gefahr laufen, nicht geglaubt zu werden wegen der Überfülle des Wunderbaren. Gott war Mensch und einer wie wir geworden, er, der über aller Schöpfung ist; der Unsichtbare war im Fleische sichtbar; der vom Himmel und von oben her in der Hülle der Staubgeborenen; faßbar der Unfaßbare; der seiner Natur nach Freie in Knechtsgestalt; der die Schöpfung Segnende verflucht und die Gerechtigkeit selbst unter den Missetätern und das Leben anscheinend dem Tode überantwortet. Denn der Leib, der den Tod gekostet hat, war nicht irgendeines andern, sondern vielmehr dessen Leib, der der Natur nach Sohn war. Hast du nun irgendwelchen Einspruch gegen diese unsere Darstellung zu erheben?

B. Durchaus nicht.

A. Überdies jedoch bitte ich auch folgendes zu beachten!

B. Was meinst du denn?

A. Denen, die die Auferstehung der Toten bestritten, hat Christus einmal gesagt: „Habt ihr nicht gelesen, daß der, der im Anfang den Menschen erschuf, als Mann und Weib sie erschaffen hat?“ Und der göttliche Paulus schreibt: „In Ehren gehalten sei die Ehe in allen Stücken und das Ehebett unbefleckt.“ Warum hat dann aber das eingeborene Wort Gottes, da es uns ähnlich werden wollte, zur Herstellung oder zur Geburt seines Fleisches nicht die Gesetze der Menschennatur zur Geltung kommen lassen? Denn nicht aus Ehebett oder Ehe beschloß er sein Fleisch zu nehmen, sondern aus einer reinen und ehelosen Jungfrau, welche vom Geiste her befruchtet und von der Kraft Gottes überschattet ward, wie geschrieben steht. Da nun Gott die Ehe nicht für unehrbar erklärte, vielmehr mit seinem Segen ehrte, weshalb hat Gott das Wort eine vom Geiste her befruchtete Jungfrau zur Mutter seines Fleisches gemacht?

B. Das weiß ich nicht zu sagen.

A. Und doch wird der Grund dafür allen klar werden, wenn sie folgendes erwägen. Wie gesagt, ist der Sohn gekommen oder Mensch geworden, um in sich selbst unsere Natur zu erneuern, und zwar zuvörderst zu einer heiligen und höchst bewundernswerten und wahrhaft unerhörten Geburt und Lebensführung. Er selbst ist zuerst aus dem Heiligen Geiste geboren worden, ich meine natürlich dem Fleische nach, damit auf diesem Wege die Gnade auch auf uns übergeleitet und wir nun „nicht aus dem Geblüte und nicht aus Fleischeswillen und nicht aus Manneswillen, sondern aus Gott durch den Geist innerlich wiedergeboren“ und dem natürlichen und wahren Sohne geistlich gleichgestaltet würden. Auch wir sollten Gott unsern Vater nennen und so unvergänglich bleiben, weil wir nicht den Ersten, ich meine Adam, zum Vater haben, in dem wir ja zugrunde gingen. Daher hat Christus das eine Mal gesagt: „Nennt auch niemanden auf Erden Vater, denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist“; das andere Mal, weil er gerade dazu zu uns herabgestiegen ist, um uns zu seiner eigenen und göttlichen Würde zu erheben: „Ich gehe zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Der in den Himmeln war sein natürlicher Vater und unser Gott. Da jedoch der natürliche und wahre Sohn einer wie wir geworden ist, so nennt er ihn seinen Gott, indem er seiner Entäußerung Rechnung trägt. Seinen Vater aber hat er auch uns zum Vater gegeben, denn es steht geschrieben: „Allen aber, die ihn aufgenommen haben, gab er die Gewalt, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Wollten wir aber törichterweise leugnen, daß das Gott dem Vater entstammte Wort, welches nach des Paulus Ausspruch „in allem den Vorrang hat“, so wie wir geboren worden ist, nach wessen Bild sollen wir dann zu Geistes- und Gottesgeborenen umgestaltet werden? Wer soll unser Erstling sein? Wer uns überhaupt jene Würde vermitteln?

B. Auch sie, denke ich, werden erwidern: Das menschgewordene Wort.

A. Wie jedoch kann das wahr sein, wenn das Wort nicht Fleisch, das heißt Mensch, geworden ist und den menschlichen Leib sich zu eigen gemacht hat, in unzerreißbarer Einigung, so daß er sein Leib ist und nicht der Leib irgendeines andern? Denn auf diese Weise vermittelt er uns die Gnade der Sohnschaft, und werden auch wir Geistesgeborene, weil in ihm und in ihm zuerst die Menschennatur diese Würde erlangt hat. So, scheint mir, hat auch der göttliche Paulus es gemeint, wenn er irgendwo, und zwar sehr treffend sagte: „Wie wir nämlich das Abbild des Staubgeborenen getragen haben, so werden wir auch das Abbild des Himmlischen tragen.“ Den ersten Menschen von der Erde her nannte er den Staubgeborenen, den zweiten vom Himmel her den Himmlischen. „Wie aber der Staubgeborene, so auch die Staubgeborenen, und wie der Himmlische, so auch die Himmlischen.“ Staubgeborene nämlich sind wir, insofern wir von dem staubgeborenen Adam her dem Fluche der Vergänglichkeit unterliegen, durch welchen auch das in den Gliedern des Fleisches wohnende Gesetz der Sünde eingedrungen ist. Himmlische sind wir geworden, insofern wir in Christus das Geschenk erlangt haben. Da er nämlich von Natur Gott und aus Gott und von oben her war, ist er zu uns herniedergestiegen und in neuer und ganz ungewohnter Weise dem Fleische nach Geistesgeborener geworden, damit nach seinem Vorbilde auch wir heilig und unvergänglich blieben, indem von ihm wie von einem zweiten Anfang und Wurzelstock aus die Gnade auf uns übergeht.

B. Trefflich hast du gesprochen.

A. Auf welche Weise aber wollen sie es erklären, daß er „den Brüdern“, das heißt uns, „in allem gleich geworden ist“? Oder wie kann überhaupt jemand uns gleich geworden sein, wenn er nicht der Natur nach ein anderer war und nicht einer wie wir? Denn wer andern gleich wird, muß notwendig verschieden von ihnen sein und nicht von derselben Beschaffenheit, sondern von verschiedener Art oder Natur. Der Eingeborene war also der Natur nach nicht uns gleich, ist aber dann, wie es heißt, uns gleich, das ist Mensch geworden. Das aber ist ordnungsgemäß und ausschließlich dadurch geschehen, daß er so wie wir geboren wurde, wenn auch wunderbar und einzigartig, weil es Gott war, der Fleisch ward. Dabei ist festzuhalten, daß der ihm geeinte Leib vernünftig beseelt war. Denn er hat nicht das Vorzüglichere in uns, das heißt die Seele, beiseite geschoben und sich nur mit dem der Erde entstammten Leib begnügt, vielmehr hat er als Gott das Wort für Seele und Leib zugleich weise Vorsorge getroffen.

B. Ich stimme zu, denn du denkst richtig.

A. Wenn nun also die Gegner behaupten, die heilige Jungfrau dürfe durchaus nicht Gottesgebärerin, müsse vielmehr Christusgebärerin genannt werden, so lästern sie offenbar und leugnen, daß Christus in Wahrheit Gott und Sohn ist. Denn wenn sie glaubten, daß der Eingeborene in Wahrheit Gott war, als er einer wie wir wurde, warum sträuben sie sich, diejenige Gottesgebärerin zu nennen, die ihn geboren hat, ich meine natürlich dem Fleische nach? B. Ja, sagen sie, der Name Christus paßt doch nur auf den aus dem Weibe und aus dem Samen Davids Geborenen für sich allein, weil er gesalbt worden ist mit dem Heiligen Geiste. Das gottentstammte Wort hingegen, soweit es auf seine Natur ankommt, bedarf in keiner Weise einer solchen Gnadengabe, da es der Natur nach heilig ist. Oder soll etwa der Name Christus nicht den Empfang einer Salbung aussagen?

A. Richtig hast du gesagt, daß „Christus“ s. v. a. Gesalbter ist, ähnlich wie zum Beispiel „Apostel“ s. v. a. Abgesandter und „Engel“ s. v. a. Bote. Solche Namen bezeichnen gewisse Eigenschaften und Tätigkeiten, aber keine besondern Wesenheiten und auch keine bestimmten Persönlichkeiten. „Gesalbte“ sind ja auch die Propheten genannt worden, wie es in den Psalmengesängen heißt: „Vergreift euch nicht an meinen Gesalbten und tut nichts Böses an meinen Propheten!“ Und auch der Prophet Habakuk sagt: „Du bist ausgezogen zur Rettung deines Volkes, zu retten deine Gesalbten.“ Indessen hättest du nicht unterlassen sollen zu sagen, daß sie auch behaupten, Christus sei nämlich nicht Einer und der Sohn, der Herr, der Mensch geworden, und das eingeborene Wort Gottes, das Fleisch geworden.

B. Sicher behaupten sie das. Jedoch sind sie der Ansicht, daß der Name Christus dem aus Gott dem Vater entsprungenen Worte schlechterdings nicht zukommen könne, weil es als Gott seiner Natur nach nicht gesalbt worden sei. Sie fügen noch bei, daß dieser Name nicht zu den Namen zähle, die für den Vater sowohl wie für den Heiligen Geist von uns gebraucht zu werden pflegen.

A. Deine Worte sind nicht ganz klar. Sprich also deutlicher! Du wirst es gewiß in der rechten Weise tun.

B. Hör‘ also! In den gotteingegebenen Schriften begegnet man einer reichen und bunten Fülle von Benennungen des Sohnes. Er wird nicht bloß Gott und Herr genannt, sondern auch Licht und Leben, auch König und Herr der Mächte, Heiliger und Allmächtiger. Man würde sich aber durchaus keines Fehlgriffes schuldig machen, wenn man diese Namen auch auf den Vater oder auf den Heiligen Geist anwenden wollte, denn mit der Einheit der Natur ist auch die völlige Einheit der Hoheit und Würde gegeben. Wenn nun, erklären sie, der Name Christus in Wahrheit dem Eingeborenen zukäme, so müßte er ganz ebenso wie die andern Namen auch auf den Vater und den Heiligen Geist übertragen werden können. Ist es aber durchaus unzulässig, ihn dem Vater und dem Heiligen Geiste beizulegen, so kann er entsprechenderweise auch dem Eingeborenen nicht zukommen. Dieser Name ist vielmehr wahrheitsgemäß dem aus dem Samen Davids Geborenen zugeeignet worden, von dem sehr glaubhaft angenommen und gesagt werden kann, daß er mit dem Heiligen Geiste gesalbt ward.

A. Auch wir behaupten, daß die Namen göttlicher Würden dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste gemeinsam sind; und wir sind gewohnt, den Erzeuger und den aus ihm gezeugten Sohn und dazu den Heiligen Geist mit gleichen Ehren zu bekränzen. Aber, meine besten Freunde, der Name Christus und das, was er aussagt, das heißt die Salbung, ist, behaupte ich, dem Eingeborenen in Verbindung mit den Merkmalen der Entäußerung zu eigen geworden und gibt dem Hörer deutliche Kunde von der Menschwerdung, insofern er klar bezeugt, daß der Eingeborene bei seinem Erscheinen als Mensch gesalbt worden ist. Betrachten wir also das Wort, nicht wie es in Verfolg der Menschwerdung wurde, sondern wie es außerhalb des Standes der Entäußerung das eingeborene Wort Gottes war, so würde es ganz abgeschmackt sein, dieses Wort Christus zu nennen, weil es nicht gesalbt war. Nachdem es jedoch, wie die göttliche und hochheilige Schrift berichtet, Fleisch geworden, so geziemte sich bei seiner Fleischwerdung nunmehr auch die Salbung. Schreibt doch der allweise Paulus: „Denn der, welcher heiligt, und die, welche geheiligt werden, aus Einem sind sie alle, weshalb er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen, indem er sagt: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden.“ Er wurde nämlich mit uns geheiligt, weil er einer wie wir geworden war. Daß es aber wirklich der Sohn war, welcher gesalbt wurde, da er Fleisch oder vollkommener Mensch geworden, das bezeugt der göttliche David, indem er zu ihm spricht: „Dein Thron, o Gott, steht in alle Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist der Szepter deiner Herrschaft; du hast das Recht geliebt und das Unrecht gehaßt. Deshalb hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit dem Öle der Freude vor deinen Genossen.“ Nun beachte, wie er ihn Gott nennt und ihm einen Thron in Ewigkeit zuweist und dann sagt, daß er von Gott, offenbar vom Vater, gesalbt worden ist, und zwar mit einer vorzüglicheren Salbung als seine Genossen, das heißt wir. Denn wenn er, der ja Gott das Wort war, Mensch geworden ist, so war er doch auch so im Besitze der Güter seiner eigenen Natur, schlechthin vollkommen und „voll der Gnade und der Wahrheit“ nach dem Worte des Johannes. Er hat alle göttlichen Güter in Überfluß, und „von seiner Fülle haben wir alle empfangen“, wie geschrieben steht. Da er nun mit dem Stande seiner Menschheit auch die Eigenheiten der Menschheit annimmt, so wird er Christus genannt, obwohl er der Natur der Gottheit nach, oder insofern er als Gott gedacht wird, nicht gesalbt ward. Sag‘, bitte, wie sollte der Eingeborene anders Christus, Sohn und Herr sein, wenn er die Salbung verschmäht und sich nicht in den Zustand der Entäußerung hineinbegeben hätte?

B. Sie schlagen einen ganz anderen Weg ein als wir, um das „Geheimnis der Gottesfurcht“ zu erklären, aber in unverständiger Weise. Sie behaupten nämlich, Gott das Wort habe einen vollkommenen Menschen angenommen, der nach Aussage der Schriften aus dem Samen Abrahams und Davids war, einen Menschen, der der Natur nach eben das war, was diejenigen waren, aus deren Samen er stammte, also einen der Natur nach vollkommenen Menschen, aus einer vernünftigen Seele und einem menschlichen Fleische bestehend. Diesen der Natur nach uns gleichen Menschen, durch die Macht des Heiligen Geistes im Schöße der Jungfrau gebildet, „geworden aus dem Weibe, geworden unter dem Gesetze, damit er uns alle aus der Knechtschaft des Gesetzes loskaufte und wir die von alters her vorausbestimmte Annahme an Kindes Statt erlangten“, diesen Menschen habe Gott das Wort auf ganz neue Art mit sich verbunden, und dem Gesetze der Menschen entsprechend habe er ihn auch den Tod erdulden lassen, dann aber von den Toten auferweckt und in den Himmel erhoben und zur Rechten Gottes gesetzt. Er sei daher erhaben „über alle Hoheit und Gewalt und Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der genannt wird, nicht bloß in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen“, und er werde angebetet von der gesamten Schöpfung. Er sei eben unzertrennlich verbunden mit der göttlichen Natur, und mit Rücksicht und im Hinblick auf Gott bezeige die Schöpfung ihm Anbetung. Nicht zwei Söhne behaupten wir und nicht zwei Herren. Ist Gott das Wort, der eingeborene Sohn des Vaters, der Wesenheit nach Sohn, so nimmt der mit ihm verbundene und vereinte Mensch an dem Namen und der Ehre des Sohnes teil; und ist Gott das Wort der Wesenheit nach Herr, so nimmt der mit ihm verbundene Mensch an der Ehre teil. Und deshalb behaupten wir nicht zwei Söhne und nicht zwei Herren. Denn da der unseres Heiles wegen angenommene Mensch mit dem, der anerkanntermaßen der Wesenheit nach Herr und Sohn ist, unzertrennlich verbunden bleibt, so wird er unter dem Namen und der Ehre des Sohnes und des Herrn miteinbegriffen.

A. O des Unverstandes und des verrückten Sinnes derer, die, ich weiß nicht wie, auf derartige Meinungen verfallen sind! Das ist doch reiner Unglaube und nichts anderes, eine Neuheit gottloser Erfindungen und eine völlige Umkehr der göttlichen und heiligen Predigt. Diese letztere verkündet laut einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, nämlich das Gott dem Vater entstammte Wort, welches Mensch geworden und Fleisch geworden, so daß er in derselben Person Gott und Mensch zugleich ist, und alles Göttliche und ebenso alles Menschliche Einem eignet. Er, der immer war und existierte, insofern er Gott ist, hat sich der Geburt aus dem Weibe dem Fleische nach unterzogen, und es ist also Einer und derselbe, der immer war und existierte und der in den letzten Zeiten dem Fleische nach geboren wurde. Seiner Natur nach als Gott heilig, wurde er mit uns geheiligt, weil er als Mensch erschienen war, dem es ja zukommt, geheiligt zu werden; in Herrscherwürden thronend, aber zugleich die Knechtsgestalt tragend, nannte er seinen Vater Gott; als Gott auch Leben und Lebensspender, wird er, weil er als Mensch erschienen war, vom Vater, wie es heißt, lebendig gemacht. Alles also geht ihn an, und er verschmäht die Menschwerdung nicht, die auch der Vater gutgeheißen hat, wenn es anders wahr ist, was Paulus lehrt. Er schreibt das eine Mal: „Den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gottesgerechtigkeit würden“, und ein anderes Mal wieder: „Der da des eigenen Sohnes nicht geschont sondern für uns alle ihn dahingegeben hat, um mit ihm auch alles [andere] uns zu schenken.“ — Glaubst du nun nicht, daß diese unsere Darstellung den heiligen Schriften genau entspricht?

B. Wie sollte das nicht der Fall sein?

A. Wenn nun aber, wie die Gegner behaupten und zu denken gewohnt sind, das eingeborene Wort Gottes einen Menschen aus dem Samen des göttlichen David und Abraham angenommen haben soll, einen Menschen, den er sich in der heiligen Jungfrau bildete und mit sich selbst verband, den er auch den Tod kosten ließ, dann aber von den Toten auferweckte und in den Himmel erhob und zur Rechten Gottes setzte, so scheint alles das, was von den heiligen Vätern und auch von uns selbst und von der gesamten gotteingegebenen Schrift über die Menschwerdung gesagt worden ist, vergeblich gesagt zu sein. Ebendies, sollte ich meinen, und nichts anderes, spricht der allweise Johannes in dem Satze aus: „Das Wort ist Fleisch geworden.“ Bei den Gegnern aber ist das Geheimnis der Menschwerdung ins gerade Gegenteil verkehrt. Man sieht und hört nichts davon, daß das Wort, von Natur Gott und aus Gott hervorgegangen, sich in den Stand der Entäußerung herabgelassen, Knechtsgestalt angenommen und sich erniedrigt hat. Im Gegenteil, ein Mensch ist zur Herrlichkeit der Gottheit und zur Oberherrschaft über alle Dinge erhoben, ist auch der Gottesgestalt teilhaftig, ja zum Mitinhaber des Thrones des Vaters erhöht worden. Oder ist es nicht wahr, was ich sage?

B. Ganz gewiß.

A. Ist es aber wahr, was jene behaupten, und hat der Eingeborene die Menschwerdung abgelehnt, welche „Schmach soll er dann verachtet haben“ und wie soll er dem Vater „gehorsam geworden sein bis zum Tod, ja bis zum Kreuzestod“? Und wenn er einen Menschen angenommen und ihn zwar in den Tod geschickt, aber auch in den Himmel erhoben und zum Throngenossen des Vaters bestellt hat, wo bleibt dann sein eigener Thron, da sie ja nicht zwei Söhne behaupten wollen, sondern einen, und zwar den Throngenossen, geboren aus dem Samen Davids und Abrahams? Wie ferner soll er „Erlöser der Welt“ zu nennen sein und nicht vielmehr Freund oder Gönner des Menschen, durch den wir erlöst worden sind? Und das Endziel des Gesetzes und der Propheten ist ein Mensch geworden, ein anderer als Christus; denn das Gesetz bezeugt das Geheimnis Christi; und von ihm hat Moses geschrieben, der unser Lehrmeister zu ihm hin geworden. So zerflattert also der Glaube, und unser hehres Geheimnis zerrinnt vollends in nichts. Das bekräftigt deutlich auch der treffliche Paulus, wenn er sagt: „Sprich nicht in deinem Herzen: wer wird hinaufsteigen in den Himmel, um nämlich Christus herabzuholen? Oder wer wird hinabsteigen in die Unterwelt, um nämlich Christus von den Toten heraufzuholen? Was sagt vielmehr die Schrift? Nahe bei dir ist das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, das Wort des Glaubens nämlich, welches wir verkünden. Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, daß Jesus Herr ist, und mit deinem Herzen glaubst, daß Gott ihn von den Toten auf erweckt hat, so wirst du gerettet werden.“ — Wo bleibt nun noch das große und erhabene und überaus bewundernswerte „Geheimnis der Gottesfurcht“, wenn man, wie die Verdreher der Wahrheit behaupten, glauben muß, daß ein Mensch angenommen und enge mit Gott dem Worte verbunden, gestorben und wieder aufgelebt und in den Himmel erhoben worden ist? Manchem wird es freilich unglaublich erscheinen, daß jemand, der von Natur und in Wahrheit nicht Gott ist, auf dem Sessel der Gottheit thront, nachdem er vermutlich den natürlichen Sohn davongejagt hat. Und Engel und Erzengel und die über diese noch erhabeneren Seraphim umstehen unterwürfig und dienstbereit nicht den wahren Sohn und Gott, sondern einen Menschen, der durch Teilnahme und Auswahl nach Menschenart den Namen des Sohnes erlangt hat und zu vollgöttlicher Ehre befördert worden ist. Denn auch dies zu sagen, haben die Gegner sich durchaus nicht gescheut. Strotzt also ihre Lehre nicht von äußerster Gottlosigkeit und Frevelhaftigkeit? Das Gegebene und Auserwählte ist verwerflich, und das von außen Herbeigeholte ist augenscheinlich verdammungswürdig. Ich will schweigen von der Lästerlichkeit und Widerwärtigkeit der Behauptungen, die die erhabene Lehre von der Menschwerdung in den Schmutz ziehen und unsere göttliche und hochheilige Religion zu einem Menschendienst und nichts anderm stempeln. Sie wollen ja den wahren Sohn beiseiteschaffen und statt seiner einen ihm eng verbundenen Menschen angebetet wissen, der hoch über alle Herrschaft und Gewalt und Fürstentümer hinaufgestiegen sei. Nicht bloß die Erdenbewohner, sondern auch die himmlischen Geister und Mächte beschuldigen sie der Verirrung, weil diese mit uns lieber den menschgewordenen natürlichen und wahren Sohn und das aus der Wesenheit Gottes und des Vaters aufgeleuchtete Wort anbeten als einen andern, der aus dem Samen Davids geboren und nur durch seinen Willen und den äußern Prunk zu einem Gott gemacht worden, in Wahrheit aber ein Mensch ist.

B. Allein wenn er auch, behaupten sie, für sich betrachtet ein Mensch ist, so verdient er doch wegen der Beziehung auf Gott und mit Rücksicht auf ihn die Anbetung von selten der gesamten Schöpfung.

A. In welcher Weise, sag‘ mir, sollen wir die bei ihnen vielberufene Beziehung auffassen und verstehen? Laß uns die göttliche und heilige Schrift zur Hand nehmen und von ihr Aufschluß erbitten! Als die Israeliten einst der Ehrfurcht vor Gott vergaßen und sich bitter über Moses und Aaron beklagten, da haben Moses und Aaron ihnen vorgehalten: „Wer ist es, daß ihr gegen ihn murrt? Denn nicht gegen uns richtet sich euer Murren, sondern gegen Gott.“ Sie sündigten gegen Moses und Aaron, aber ihr Tun zielte auf die göttliche Majestät, und auf diese bezog sich das Denken der frechen Übeltäter. Indessen waren Moses und Aaron deshalb nicht Götter und der Beziehung auf Gott wegen hat die Schöpfung sie nicht angebetet. Später herrschte Gott über das fleischliche Israel durch Propheten. Dann kamen sie zu dem göttlichen Samuel und sagten: „Gib uns einen König, wie auch die übrigen Volker ihn haben!“ Darüber war der Geistesträger, und zwar mit vollem Recht, sehr erzürnt; er hörte aber auf die Stimme Gottes, der sprach: „Nicht dich haben sie verworfen, sondern mich, daß ich nicht mehr über sie herrschen soll.“ Auch hier siehst du wieder deutlich die Beziehung der Verwerfung auf Gott. Aber auch der Heiland und Herr des Weltalls selbst hat von den in Not Befindlichen gesagt: „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, habt ihr mir getan.“ Soll etwa in dieser Weise derjenige, der dem aus dem Samen Davids Geborenen Ehre erweist, es dem Sohne getan haben? Und wenn jemand nicht an ihn glaubt, soll er damit zugleich auch schon den natürlichen Sohn beleidigt haben, der ja gleichfalls geehrt sein will und in der gleichen und ganz entsprechenden Weise Glauben von uns verlangt? Wie soll ferner zu leugnen sein, daß der Knecht dem Herrn an Ehre gleich geworden, das Geschöpf in die Höhen der Gottheit erhoben worden ist, ein „neuer Gott“, wie die Schriften sagen? Der heiligen und wesenseinen Dreieinigkeit ist ein Andersartiger einverleibt worden, um mit ihr angebetet zu werden und an der gleichen Hoheit teilzunehmen.

B. Die Beziehung, sagen sie, sei so aufzufassen: Der aus dem Samen Davids Geborene ist mit Gott dem Worte unzertrennlich verbunden, und deshalb müssen wir ihn als Gott anbeten.

A. Soll denn diese Verbundenheit schon hinreichen, um ihn zu göttlicher Herrlichkeit aufsteigen und alles Geschaffene überflügeln zu lassen? Soll sie den, der nicht Gott ist, anbetungswürdig machen können? Ich finde einen Psalmensänger zu Gott sprechen: „Meine Seele hat sich an dich gehängt“, und auch der selige Paulus schreibt: „Wer sich an den Herrn hängt, ist e i n Geist [mit ihm].“ Sollen wir nun, sag‘ mir, auch diese der Beziehung auf Gott wegen anbeten, weil sie sich an Gott angehängt haben? Anhängen besagt aber noch weit mehr als Verbundensein und hat einen viel vollern Sinn, wenn es anders wahr ist, daß Anhängen ein starkes und inniges Verbundensein bedeutet.

B. Es scheint so.

A. Warum aber sagen sie statt „Einigung“ [ἔνωσις], d. i. statt des Ausdrucks, der uns geläufig oder vielmehr von den Vätern her uns überliefert ist, ihrerseits „Verbindung“ [συνάφεια]? Besagt doch „Einigung“ keineswegs eine Vermischung, sondern nur den Zusammenschluß zu einer Einheit. Auch wird das Wort durchaus nicht bloß von einem einfachen und einheitlichen Dinge, sondern auch von zweien oder mehreren, und zwar auch von verschiedenartigen Dingen gebraucht. So erklären die, die solcher Sachen kundig sind. Es ist also ein grober Trug, wenn sie den einen, natürlichen und wahren Sohn nach der Menschwerdung und Fleischwerdung in Zwei zerteilen, und, eine Einigung ablehnend, von einer „Verbindung“ sprechen, die auch irgendein anderer mit Gott haben kann, der durch Tugend und Heiligkeit sich ihm anschließt. Treffend hat einer der Propheten den in Lauheit verfallenden Volksgenossen zugerufen: „Sammelt euch und schließt euch an, du ungezogenes Volk, bevor ihr wie eine dahinwelkende Blume werdet!“ Verbunden ist auch der Schüler mit dem Lehrer vermöge der Lernbegier; verbunden sind wir alle miteinander, nicht in einer, sondern in vieler Hinsicht. Auch wer jemanden in irgendwelcher Angelegenheit Hilfe leistet, muß füglich dem Willen nach als verbunden gelten mit dem, der die Hilfe empfängt. Dies letztere will, scheint es, die von den Neuerern erfundene Verbindung in erster Linie besagen. Du hast ja gehört, daß sie unvernünftigerweise behaupten, Gott das Wort habe einen Menschen, einen andern, von ihm selbst verschiedenen Sohn, angenommen und gewissermaßen zu seinem Gehilfen in der Ausführung seiner Willensentschlüsse gemacht, so zwar, daß derselbe auch den Tod kostete, aber wieder auflebte und, in den Himmel erhöht, den Thron der unaussprechlichen Gottheit bestieg. Erhellt aus diesen Darlegungen nicht so klar wie möglich, daß der angebliche Gehilfe notwendig ein anderer sein muß als der natürliche und wahre Sohn?

B. Ich meine schon.

A. Da sie aber nun einmal in ihrer Torheit so weit gegangen sind, daß sie glauben und behaupten, das eingeborene Wort Gottes sei nicht selbst einer wie wir geworden, sondern habe vielmehr einen Menschen angenommen, wie sollen wir uns diese Annahme vorstellen? Etwa so, daß der Mensch von ihm beauftragt worden ist, seine Ratschlüsse zu vollstrecken, ähnlich wie es z. B. von einem der heiligen Propheten heißt: „Und es sprach der Herr zu mir: Geh‘ und prophezeie meinem Volke Israel!“ Einen Ziegenhirten nämlich bestellte er zum Propheten und sandte ihn als seinen Gehilfen zur Ausführung seiner Entschlüsse.

B. Nicht gerade so, denke ich, werden sie die Annahme auffassen, sondern so wie wir das Wort auffassen „Knechtsgestalt annehmend.“

A. Dann wäre ja folgerichtig zu sagen, daß das Angenommene dem Annehmenden in unzerreißbarer Einheit zu eigen geworden ist, so daß also Jesus Gott ist und des wahren Gottes einer und einziger Sohn, als das Gott dem Vater entstammte Wort, der Gottheit nach vor aller Ewigkeit und Zeit geboren, in den letzten Zeiten der Welt aber auch dem Fleische nach aus dem Weibe. Denn die Knechtsgestalt hat nicht einem andern angehört, sondern ist die seinige geworden.

B. Wie meinst du das?

A. Wer soll denn, sag‘ mir, die Knechtsgestalt angenommen haben, einer, der von Natur aus Knecht ist, oder einer, der in Wahrheit frei ist und seinem Wesen nach über den Stand der Knechtschaft hoch erhaben?

B. Einer, der frei ist, denke ich. Denn was einer von Natur aus schon war, wie kann er es noch geworden sein?

A. Beachte nun, wie das eingeborene Wort Gottes, nachdem es einer wie wir geworden und der Menschheit nach in den Stand der Knechtschaft eingetreten war, selbst bezeugt hat, daß es der Natur nach frei war, indem es bei Zahlung der Drachmen erklärte: „Folglich sind die Sohne frei.“ Er nimmt also Knechtsgestalt an, weil er sich der Entäußerung unterziehen will und die Verähnlichung mit uns nicht verschmäht hat. Denn nur dadurch konnte er den Knecht zu Ehren bringen, daß er selbst Knecht wurde, damit wir dann von seiner Herrlichkeit bestrahlt würden. Das höher Stehende trägt ja stets den Sieg davon, und so begann die uns anhaftende Schmach der Knechtschaft zu schwinden. Der über uns Erhabene ist einer wie wir geworden, und der von Natur aus Freie hat sich in die Lage des Knechtes versetzt. Deshalb ist seine Hoheit auch auf uns übergegangen, und auch wir sind Söhne Gottes geheißen worden und haben den zum Vater erhalten, der eigentlich nur sein Vater ist, gleichwie er die Menschennatur zu eigen erhielt. In dem Satze, daß er die Knechtsgestalt angenommen, ist also das ganze Geheimnis der Menschwerdung im Fleische beschlossen. Wenn aber die Gegner zugeben, daß das Gott dem Vater entstammte Wort Einer und Herr ist, zugleich jedoch behaupten, daß der aus dem Samen Davids geborene einfache Mensch ihm als Teilhaber der Sohnschaft und sogar der Herrlichkeit verbunden sei, so ist es an der Zeit, daß wir den Anhängern solcher Meinungen in brüderlicher Liebe voller Schmerzen zurufen: „Wer gibt meinem Haupte Wasser und meinen Augen eine Tränenquelle, und ich will weinen über dieses mein Volk bei Tag und bei Nacht.“ Denn zu schmählichem Sinnen haben sie sich verführen lassen, „und den Herrscher, der sie erkauft hat, verleugnen sie“. Es wird uns ja eine ganz ungleiche Zweiheit von Söhnen vorgestellt, und der Knecht wird mit göttlicher Herrlichkeit bekränzt, und ein unechter Sohn erstrahlt in denselben Hoheitszeichen wie der natürliche und wahre Sohn, obwohl doch Gott mit Nachdruck erklärt: „Meine Ehre gebe ich keinem andern.“ Oder wie soll er nicht ein anderer und von dem natürlichen und wahren Sohn ganz verschieden sein, er, der nur durch bloße Verbundenheit geehrt und an Stelle eines Dieners angenommen und so, wie auch wir selbst, der Sohnschaft gewürdigt worden und nur an der Herrlichkeit eines andern teilgenommen und dies durch Geschenk und Gnade erlangt hat?

B. Es darf also der Emmanuel nicht zerspaltet werden in einen für sich bestehenden Menschen und Gott das Wort? A. Durchaus nicht. Ich behaupte vielmehr, daß er menschgewordener Gott genannt werden muß und daß er in einer und derselben Person das eine sowohl wie das andere ist. Denn er hat, da er Mensch geworden, nicht aufgehört, Gott zu sein, hat aber auch die Menschennatur nicht abgelegt und den Entäußerungsstand nicht aufgegeben.

B. Dann wären ja, sagen sie, das Wort und sein Leib wesenseins gewesen; denn nur so und nicht anders kann er einer und einziger Sohn sein.

A. Das ist aber doch nur leeres Geschwätz und ein deutlicher Beweis verrückten Sinnes. Wie soll in einer und derselben Wesenheit vereint sein können, was der Natur nach so weit auseinanderliegt? Etwas anderes ist die Gottheit und etwas anderes die Menschheit; und um diese handelt es sich, wenn wir von Einigung sprechen. Denn geeint werden immer nur zwei oder mehrere Dinge, nicht aber etwas, was als eines gezählt wird.

B. Deshalb, sagen sie, sind die Benennungen auseinanderzuhalten.

A. Nicht in der Weise sind sie, wie ich schon sagte, auseinanderzuhalten, daß sich eine Verschiedenheit von Personen ergeben würde, von denen jede für sich bestünde. Vielmehr sind sie zusammenzufassen zu einer unzerreißbaren Einheit. Denn „das Wort ist Fleisch geworden“, heißt es bei Johannes.

B. Sie sind also vermischt worden und beide sind eine Natur geworden.

A. Wer wird denn so dumm und wahnwitzig sein, zu glauben, daß die göttliche Natur des Wortes in etwas, was sie nicht war, verwandelt worden oder daß das Fleisch auf dem Wege der Veränderung in die Natur des Wortes selbst übergegangen sei! Das ist ausgeschlossen. Wir behaupten vielmehr, daß es einen Sohn und eine Natur des Sohnes gibt, auch nachdem er Fleisch mitsamt einer vernünftigen Seele angenommen. Denn er hat, wie ich schon sagte, die Menschennatur sich zu eigen gemacht, und aus diesem und keinem andern Grunde ist er für uns Gott und Mensch zugleich.

B. Es würde also nicht zwei Naturen geben, eine göttliche und eine menschliche?

A. Etwas anderes ist die Gottheit und etwas anderes die Menschheit vermöge des innern Wesens beider. In Christus aber sind sie in wunderbarer und über unsern Verstand hinausgehender Weise zu einer Einheit verbunden worden, ohne Vermischung und Verwandlung. Die Art und Weise der Einigung aber ist durchaus unbegreiflich.

B. Wie aber soll Christus Einer sein, wenn er aus zwei Teilen, Gottheit und Menschheit, besteht?

A. Nicht anders, denke ich, als so, daß sie miteinander zusammengefaßt worden sind zu einer unzerreißbaren und, wie ich schon sagte, die Vernunft überragenden Einigung.

B. Könntest du mir ein Beispiel nennen?

A. Sprechen wir nicht von einem Menschen, wie wir es sind, und von einer Natur des Menschen, obwohl er nicht etwas Einheitliches ist, sondern aus zwei Teilen zusammengesetzt, aus Seele nämlich und Leib?

B. Das ist wahr.

A. Wollte jemand das Fleisch für sich allein nehmen und die ihm geeinte Seele von ihm trennen, so würde er den einen Menschen in zwei zerschneiden und den Begriff der Menschheit aufheben.

B. Aber der allweise Paulus schreibt doch: „Denn wenn auch der äußere Mensch zugrunde geht, so wird hingegen der innere Tag für Tag erneuert.“

A. Das stimmt. Paulus wußte und wußte sehr genau, woraus der eine Mensch besteht; nur in der Theorie unterscheidet er zwei Menschen. Innern Menschen nennt er die Seele, äußern Menschen das Fleisch. Dabei schließt er sich dem Gebrauch der heiligen Schriften an, die nicht selten das ganze Menschenwesen nach einem seiner Teile benennen, wie wenn Gott sagt: „Ich gieße von meinem Geiste aus über alles Fleisch“, und Moses zum Volke Israel spricht: „Fünfundsiebzig Seelen zählend sind deine Väter hinabgezogen nach Ägypten“. Auch bei dem Emmanuel selbst ist dies der Fall. Nach erfolgter Einigung, nämlich mit dem Fleische, nennt man ihn den Eingeborenen und Gott von Gott, obwohl man weiß, daß er auch Fleisch oder Mensch ist; und man kann ihn auch einen Menschen nennen, ohne damit zu bestreiten, daß er zugleich Gott und Herr ist.

B. Aber wenn wir von einer Natur des Sohnes sprechen, auch nach erfolgter Fleischwerdung, so können wir doch jedenfalls nicht umhin, eine Vermischung und Verschmelzung zuzugestehen, in der Weise, daß die Menschennatur in ihm gleichsam aufgesogen worden ist. Denn was ist die Menschennatur im Vergleich mit der Hoheit der Gottheit?

A. Es wäre, lieber Freund, eine sehr große Unvernunft, wenn man eine Vermischung und Verschmelzung annehmen wollte. Wir haben uns auch keineswegs zu einer Natur nach der Fleischwerdung und Menschwerdung bekannt. Für eine solche Einheit wird niemand mit zwingenden und überzeugenden Gründen einen Beweis erbringen können. Möchten sie aber versuchen, ihren Willen uns als Gesetz aufzuzwingen, so „haben sie einen Plan ersonnen, den sie nicht ausführen können“. Wir haben nicht auf sie zu hören, sondern auf die gotteingegebene Schrift. Und wenn sie meinen, es müsse so sein, weil die Menschennatur im Vergleich mit der göttlichen Hoheit ein Nichts darstelle und deshalb aufgesogen und verzehrt werde, so entgegnen wir: „Ihr irrt, weil ihr weder die Schriften kennt noch auch die Macht Gottes.“ Denn dem menschenfreundlichen Gott war es nicht schwer, der Tragkraft der Menschheit sich anzupassen, und das hat er uns auch schon im voraus in einem Rätsel angekündigt, als er Moses in das Geheimnis einweihte und die Art und Weise der Menschwerdung in einem Vorbilde umriß. In Gestalt eines Feuers ließ er sich in den Dornstrauch der Wüste nieder, und das Feuer flammte in dem Strauche auf, aber er verbrannte nicht. Moses ward von Staunen über dieses Schauspiel ergriffen, wie es möglich sei, daß das Holz dem Feuer unzugänglich bleibe und der so leicht entzündliche Stoff dem Angriff der Flamme standhalte. Allein es war, wie ge~ sagt, ein Vorbild des Geheimnisses, welches die göttliche Natur des Wortes für die Kräfte der Menschheit tragbar macht, wenn es selbst es so will. Denn diesem Worte ist schlechterdings nichts unmöglich.

B. Wie du wohl weißt, wollen sie nicht so denken.

A. Es steht mithin unwidersprechlich fest, daß ihre Lehre uns zwei Söhne und zwei Christus bringt.

B. Nicht gerade zwei; sie behaupten vielmehr, der Sohn der Natur nach, das Gott dem Vater entstammte Wort, sei einer, der angenommene Mensch aber sei zwar von Natur Sohn Davids, sei jedoch auch Sohn Gottes, weil er von Gott dem Worte angenommen worden; und weil Gott das Wort in ihm Wohnung genommen habe, sei er zu derselben Würde gelangt und besitze die Sohnschaft und Gnade.

A. Wo wollen diese Lehrmeister hin mit ihrem Sinn und Verstand? Oder wie sollen sie nicht eine Zweiheit von Söhnen lehren, da sie den Menschen und Gott voneinander trennen? Ist doch nach ihnen der eine von Natur aus und in Wahrheit Sohn, der andere aber aus Gnade im Besitz der Sohnschaft und deshalb zu dieser Würde gelangt, weil das Wort in ihm wohnte. Hat nun der letztere etwas vor uns voraus? Denn auch in uns nimmt das Wort Wohnung, wie uns dies der hochheilige Paulus bescheinigt, wenn er sagt: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von welchem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat, damit er nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit euch verleihe, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist, auf daß Christus in euren Herzen wohne.“ Denn er ist in uns durch den Geist, „in welchem wir rufen: Abba, Vater“. Wir sind also in keiner Weise weniger gut daran, wenn wir von Seiten Gottes und des Vaters der gleichen Gaben gewürdigt werden. Denn aus Gnade sind auch wir Söhne und Götter, und zu dieser übernatürlichen und bewundernswerten Würde sind wir eben dadurch erhoben worden, daß das eingeborene Wort in uns Wohnung nahm. Dagegen würde es ganz gottlos und unsinnig sein, zu sagen, wir seien der gleichen Sohnschaft wie Jesus gewürdigt worden und hätten dieselbe Herrlichkeit als Gnadenanteil empfangen.

B. Sag, wie du das meinst!

A. Sehr gern. Zuvörderst geht daraus, wie ich schon sagte, hervor, daß ein für sich bestehender anderer Sohn und Christus und Herr neben den wahren und natürlichen gestellt wird. Sodann ist in ihrer Lehre überdies noch eine andere Unmöglichkeit enthalten, die der rechten Vernunft offenbar zuwiderläuft.

B. Was ist das denn?

A. Der allweise Johannes sagt von Christus: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf; allen aber, die ihn aufnahmen, gab er die Gewalt, Kinder Gottes zu werden.“ Wenn nun jemand aus Gnade im Besitz der Sohnschaft ist und durch Auswahl den Vorzug erlangt hat, zu sein, was er ist, soll er wohl andern schenken, was er selbst kaum erreicht hat? Scheint dir das nicht unglaublich zu sein?

B. Gar sehr.

A. Was man aber nicht von Natur aus besitzt, sondern von außen her erlangt hat, kann man das nicht möglicherweise auch verlieren?

B. Warum denn nicht?

A. Es kann also geschehen, daß der Sohn einmal seiner Sohnschaft verlustig geht. Denn was nicht verankert ist in den Gesetzen der Natur, ist vor der Gefahr des Verlustes nicht gesichert.

B. So ist es.

A. Wie abgeschmackt und im höchsten Grade widersinnig ihre Lehre ist, läßt sich aber auch auf andere Weise dartun. Denn wenn es wahr ist, daß diejenigen, die der Annahme und Gnade nach Söhne sind, im Verhältnis der Ähnlichkeit zu dem stehen, der der Natur und Wahrheit nach Sohn ist, wie sollen wir, die wir der Annahme nach Söhne sind, in Beziehung zu ihm als dem wahren Sohne stehen, wenn er auch selbst so wie wir zu denen zählt, die nur der Gnade nach Söhne sind? Und wie wäre es möglich, daß er in den evangelischen Gleichnissen als Sohn erst nach den Knechten ausgesandt wird und die Wärter des Weinberges bei seinem Anblick sprechen: „Dieser ist der Erbe, kommt, wir wollen ihn töten“? Der also, der im Fleische erschienen ist und die Wut der Juden erfahren hat, ist in Wahrheit Sohn und Freier, weil aus der freien Natur entsprossen und als Gott nicht zu denen zählend, die unter dem Joche gehen. Wenngleich er einer wie wir geworden ist und das Joch auf sich genommen hat als ein Sohn der Knechtschaft, so ist er doch von Natur aus und in Wahrheit Sohn, außer dem Joche und über der Schöpfung stehend. Ihm sind wir, die Söhne der Annahme und Gnade nach, gleichgestaltet worden.

B. Wir sagen nicht, behaupten sie, daß der Mensch Sohn Gottes sei, weil wir nicht von zwei natürlichen Söhnen sprechen wollen. Wie das vom Himmel herabgekommene Wort nicht der Natur nach Sohn Davids ist, so ist auch der aus dem Samen Davids Geborene nicht der Natur nach Sohn Gottes.

A. Es wird also Christus in zwei Söhne zerschnitten, und beide werden als Träger eines falschen Namens entlarvt. Man könnte, meine ich, das Geheimnis Christi eitlen Trug nennen, wenn es sich so verhielte, wie die Gegner fabeln. Wo bleibt denn die Einigung und zu welchem Zweck soll sie erfolgt sein? Ja, auch der Satz, daß das Wort Fleisch geworden, erweist sich als unwahr und unnütz erfunden, wenn das Gott dem Vater entstammte Wort nicht Sohn Davids gewesen ist, weil es aus dessen Samen dem Fleische nach geboren wurde. Ich glaube, sie müssen sich von uns sagen lassen, was den Lehrern der Juden von Christus selbst gesagt ward: „Was dünkt euch von Christus? Wessen Sohn ist er?“ Und wenn sie antworten: „Davids“, so müssen sie sich von uns sagen lassen: „Wie kann denn David im Geiste ihn Herrn nennen, indem er sagt: Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache! Wenn nun David im Geiste ihn Herrn nennt, wie kann er sein Sohn sein?“, er, der, wie die Gegner behaupten, nicht der Natur nach und in Wahrheit Sohn [Gottes] ist; und wie kann er, sag mir, auf dem Sitze Gottes Platz nehmen und Throngenosse des Beherrschers aller Dinge sein? Hat doch, wie der allweise Paulus schreibt, der Vater niemals zu irgendeinem der Engel gesagt: „Mein Sohn bist du“, und auch nicht: „setze dich zu meiner Rechten“. Und wie soll der aus dem Weibe Geborene in jenen höchsten Höhen und auf dem Sessel der Gottheit thronen und erhaben sein „über alle Hoheit und Herrschaft und Thronen und Gewalten und jeden Namen, der genannt wird“? Beachte aber, wie der Herr sagt: „Wenn nun David im Geiste ihn Herrn nennt, wie kann er sein Sohn sein?“, und damit denen, die die Wahrheit suchen, deutlich zeigt, daß das Wort, nachdem es sich Fleisch und Blut angeeignet hat, auch so ein Sohn geblieben ist, einerseits Gott, wie die göttliche Hoheit und Herrschaft bezeugt, anderseits als Mensch erschienen und Sohn Davids geworden.

B. Darauf werden sie, vermute ich, erwidern: Sollen wir denn annehmen, daß auch der aus dem Samen Davids Geborene aus dem Wesen Gottes und des Vaters stammt?

A. Welch törichte und unsinnige Frage! Enthält sie nicht einen groben Verstoß gegen den Sinn des Geheimnisses und die Freunde der Wahrheit?

B. Sag, wieso?

A. Du sollst mir keine Teilung vornehmen, wie wenn der aus dem Samen Davids Geborene ein anderer wäre als der eine Christus und Sohn und Herr. Denn die Lehre der Rechtgläubigkeit erklärt den aus Gott dem Vater entsprungenen eingeborenen Sohn und nicht einen andern für den Sohn Davids dem Fleische nach. Es ist also nicht zu hören auf diejenigen, die aus maßloser Dummheit behaupten, das vom Himmel herabgekommene Wort sei nicht der Natur nach Sohn Davids, und der aus dem Samen Davids Geborene sei nicht der Natur nach Sohn Gottes. Denn das von Natur und in Wahrheit aus dem Vater aufgestrahlte Wort ist, da es Fleisch und Blut angenommen hat, wie ich soeben sagte, derselbe, das heißt von Natur aus und in Wahrheit Sohn des Vaters, geblieben, Einer und Einziger, nicht ein anderer neben einem andern, sondern Einer in einer Person. Indem wir so das durch die Gesetze der Natur Geschiedene und einander Unähnliche zu einer wahren, über Vernunft und Wort hinausreichenden Einigung zusammenfassen, wandeln wir den irrtumsfreien Pfad des Glaubens. Wir behaupten nämlich, daß Christus Jesus einer und derselbe ist, als Gott das Wort aus Gott dem Vater, dem Fleische nach aus dem Samen des göttlichen David. Oder glaubst du nicht, daß diese Aufstellungen durchaus das Richtige treffen?

B. Ganz gewiß.

A. Ich möchte aber den Gegnern noch etwas anderes vorhalten.

B. Was wäre das?

A. Sie glauben doch, daß der eingeborene Gott das Wort sein Dasein aus Gott dem Vater hat, lassen aber den, wie sie sagen, in Weise der Verbundenheit angenommenen Menschen aus dem Samen des göttlichen David entsprossen sein?

B. So behaupten sie.

A. Nun aber steht das Wort, von Natur aus und der Herrlichkeit nach Gott, in jedweder Hinsicht über dem aus dem Samen Davids Geborenen, und zwar überragt es ihn so weit, wie eben der Abstand der beiderseitigen Naturen reicht. Wie wahr das ist, bezeugen die Gegner selbst dadurch, daß sie eine Scheidung vornehmen und dem einen die Gewalt der Herrlichkeit zuweisen, den andern als Empfänger darstellen und das, was er ist, als Ehrengeschenk und Gnadenanteil bezeichnen. Der Empfänger aber steht unzweifelhaft hinter und unter dem Geber, und der, der Anteil an der Herrlichkeit hat, unter dem, der ihm,Anteil an seiner Herrlichkeit gewährt.

B. Sie nehmen auch selbst, denke ich, einen sehr großen Abstand zwischen Gott und den Menschen an.

A. Wie kann dann jedoch der allweise Paulus, der Verwalter der göttlichen Geheimnisse, der den, den er verkündet, selbst in sich wohnen hat und im Geiste spricht, wie kann er den dem Fleische nach aus den Juden Stammenden „Gott“ nennen und noch beifügen: „gepriesen in alle Ewigkeit. Amen“? Was soll es Höheres geben können als den über alle herrschenden Gott? Und wie soll man sich nun unter dem aus dem Vater entsprungenen Worte etwas Größeres vorstellen können, als es der dem Fleische nach aus den Juden Stammende ist, wofern anders dieser ein anderer und für sich bestehender Sohn ist und dies nicht in Wahrheit?

B. Aber, sagen sie, der aus dem Samen Davids ist der Verbundenheit nach einbegriffen; und da Gott das Wort in ihm Wohnung genommen, so hat er teil an dessen Würde und Ehre. Und das lehrt auch der hochheilige Paulus, wenn er von ihm schreibt: „Weil er dem Vater gehorsam geworden ist bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestode, deshalb hat Gott ihn auch erhöht und ihm einen Namen geschenkt, welcher über allen Namen ist“, das heißt den Namen „Gott“.

A. Behaupten sie denn, daß der Name über allen Namen von Gott speziell dem aus dem Samen Davids und ihm allein als einem andern Sohne gegeben worden sei?

B. Gewiß, sagen sie. Denn dem Eingeborenen, der der Natur nach Gott und aus Gott ist, kann doch nicht erst gegeben worden sein, was er bereits hat.

A. Prüfen wir also die Worte des göttlichen Paulus genauer, ob nicht vielmehr von dem Eingeborenen gesagt wird, er habe den Namen erhalten. Es heißt: „So nämlich denke ein jeder von euch bei sich, wie auch Christus Jesus gedacht hat, der, da er in Gottesgestalt war, es nicht für Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestode. Deshalb hat Gott ihn auch erhöht und ihm einen Namen geschenkt, welcher über allen Namen ist.“ — Wenn sie nun speziell den aus dem Samen Davids Geborenen, der für sich allein ein Mensch sein soll, als den Empfänger des Namens über allen Namen bezeichnen, so müssen sie auch behaupten, daß dieser vorher in Gottesgestalt gewesen ist und es nicht für Raub gehalten hat, Gott gleich zu sein, und ebenso auch, daß er die Knechtsgestalt angenommen hat, die er offenbar nicht hatte und nicht sein eigen nannte, bevor er sie annahm. Ist er jedoch, wie sie lehren und zu denken gewohnt sind, selbst nur Knechtsgestalt, wie kann er sie dann noch angenommen haben, als ob er sie nicht schon gehabt hatte? Und wie kann er, der ja Mensch war, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als Mensch erfunden worden sein? Sollten sie nicht, wenn auch gegen ihren Willen, durch die Wucht der Gründe sich endlich einmal zur Anerkennung der Wahrheit drängen lassen?

B. Was ist dann die Wahrheit?

A. Entäußert hat sich Gott das Wort, welcher in der Gestalt Gottes und des Vaters war, „das Ebenbild seines Wesens“, in allem und jedem dem Erzeuger gleich.

B. Und worin bestand die Entäußerung?

A. Sie bestand in der Annahme des Fleisches und der Knechtsgestalt, in der Verähnlichung mit uns, welcher der sich unterzog, der seiner eigenen Natur nach nicht einer wie wir, sondern über aller Schöpfung erhaben war. Auf diese Weise hat er sich auch erniedrigt, indem er durch die Menschwerdung in den Stand der Menschheit hinabstieg. Aber auch so ist er Gott geblieben, obwohl er freilich nicht empfangen hat, was ihm von Natur aus zukam. Daher sprach er auch zu dem Vater und Gott in den Himmeln: „Vater, verherrliche mich mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war!“ Sie werden doch, denke ich, nicht sagen wollen, es sei der aus dem Samen Davids in den letzten Zeiten der Welt Geborene, welcher um eine vorweltliche Herrlichkeit als seine frühere Herrlichkeit bittet, wenn denn dieser ein für sich bestehender, anderer Sohn neben dem natürlichen und wahren Sohne sein soll. Eine solche Bitte steht vielmehr ausschließlich Gott zu. Er mußte, ja, er mußte sich dem Stand der Menschheit anbequemen und zugleich jene Hoheit göttlicher Würde beibehalten, wie sie ihm seinem Wesen nach innewohnte, ebenso wie auch dem Vater. Denn wie soll das Wort wahr bleiben: „Es soll kein neuer Gott bei dir sein“, wenn laut ihrer Ansicht ein Mensch durch die Verbundenheit mit dem Worte zu Gott gemacht, zum Throngenossen und Teilhaber der Würde des Vaters erhoben wird?

B. Du sprichst überzeugend.

A. Wie ferner soll des Paulus weises Wort zu verstehen sein: „Denn wenn es auch viele Götter im Himmel und auf Erden gibt, so gibt es für uns nur einen Gott Vater, aus dem alles ist und aus dem auch wir sind, und einen Herrn Jesus Christus, durch den alles ist und durch den auch wir sind?“ Wenn es einen Herrn Jesus Christus gibt und durch ihn nach diesem trefflichen Zeugnisse alles ins Dasein eingeführt worden ist, was werden wir tun, ihr guten Leute, da ihr den angenommenen Menschen, wie ihr sagt, von dem Gott dem Vater entstammten Worte unterschieden wissen wollt? Wen sollen wir für den Urheber des Alls halten?

B. Den der Natur nach Gott dem Vater entstammten Sohn, das heißt den Eingeborenen.

A. Aber der Verwalter der göttlichen Geheimnisse erklärt doch, daß durch Jesus Christus alles ins Dasein eingeführt worden ist, und bezeichnet ihn als den Einen und Einzigen. Nun erinnere ich mich, daß wir bei Besprechung des Namens Christus festgestellt haben, daß dieser Name von der Salbung hergenommen und Christus s. v. a. Gesalbter ist. Entweder also müssen sie annehmen, das Gott dem Vater entstammte Wort sei in seiner eigenen Natur gesalbt worden und sei der Heiligung durch den Geist und der Teilnahme an ihm bedürftig gewesen, oder aber sie müssen zeigen, wie jemand, der nicht gesalbt worden ist, Christus heißen und wie das eingeborene Wort Gottes für sich allein auch Jesus genannt werden könne, da ja der selige Gabriel zu der heiligen Jungfrau spricht: „Fürchte dich nicht, Maria, denn siehe, du wirst empfangen im Schοße und einen Sohn gebären und seinen Namen Jesus nennen, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden.“

B. Sollen wir denn nun behaupten, daß durch einen Menschen alles gemacht worden und daß der in den letzten Weltzeiten aus dem Weibe Geborene der Schöpfer des Himmels und der Erde ist samt allem, was in ihnen ist?

A. Sprich nur selbst. Denn ich frage: Ist nicht „das Wort Fleisch geworden“? Ist er nicht Menschensohn gewesen? Hat er nicht „Knechtsgestalt angenommen“, nicht „sich selbst entäußert, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als Mensch erfunden“? Wollen sie aber die Menschwerdung leugnen, so werden die göttlichen Jünger ihnen entgegentreten und sprechen: „Und wir haben geschaut und bezeugen, daß der Vater seinen Sohn gesandt hat als Erlöser der Welt. Wer immer bekennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und er in Gott.“ Und wiederum: „Daran erkennt man den Geist Gottes. Jeder Geist, welcher bekennt, daß Jesus Christus im Fleische gekommen ist, ist aus Gott, und jeder Geist, welcher Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott.“ — Welchen Sinn hätte es nun, von einem Menschen zu sagen, er sei „im Fleische gekommen“? Nur von dem, der nicht im Fleische weilt und nicht von unserer Natur ist, sagt man, er sei im Fleische gekommen und mit demselben in diese Welt eingetreten, dabei aber geblieben, was er war. Wenngleich er jedoch Mensch geworden, so schließt das keineswegs aus, daß durch ihn alles ins Dasein gerufen wurde, insofern er Gott ist und gleichewig mit dem Vater. Denn Gott das Wort hat keine Veränderung erlitten, obgleich er auch mit Vernunft beseeltes Fleisch angenommen und nicht, wie die Neuerer in Glaubenssachen behaupten, einen Menschen mit sich verbunden hat, sondern, wie gesagt, selbst Fleisch, das heißt Mensch, geworden ist. So kann er zutreffend und widerspruchsfrei den Namen des Gesalbten führen, kann aber auch Jesus genannt werden, weil er in Wahrheit derjenige ist, der sich dem Fleische nach der Geburt aus dem Weibe unterzog. Erlöst hat er sein Volk nicht als ein Mensch, der mit Gott verbunden war, sondern als Gott, der denen, die in Gefahr schwebten, ähnlich geworden war, damit in ihm und in ihm als dem Ersten das Menschengeschlecht wieder in den anfänglichen Zustand zurückversetzt würde. Denn in ihm war alles neu.

B. Dann werden wir es also unsererseits zurückweisen, zu denken oder zu sagen, ein Mensch sei mit Gott dem Worte verbunden und zu der gleichen Würde mit ihm erhoben und aus Gnade als Sohn angenommen worden.

A. Mit aller Bestimmtheit. Denn das ist nicht die Lehre der heiligen Schriften, das ist vielmehr die Erfindung eines schwachen und schlaffen und kraftlosen Geistes, der nicht fähig ist, die Tiefe des Geheimnisses zu erfassen. Denn wo soll dergleichen in der Heiligen Schrift zu finden sein? Der göttliche Paulus beleuchtet das Geheimnis der Menschwerdung des Eingeborenen trefflich mit den Worten: „Da nämlich die Kinder an Blut und Fleisch teilhaben, so hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen, um durch den Tod den Machthaber des Todes, das heißt den Teufel, zunichte zu machen.“ Und anderswo sagt er: „Denn was dem Gesetze unmöglich war, weil es schwach war durch das Fleisch, Gott hat seinen eigenen Sohn gesandt in Fleisch wie Sündenfleisch und der Sünde wegen, und hat die Sünde am Fleische verdammt, damit an uns die Satzung des Gesetzes erfüllt würde, indem wir nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geiste.“ — „Teilgenommen an Blut und Fleisch“ hat, behaupten wir, dem Sinne der Dolmetscher Gottes gemäß, nicht einer, der seiner Natur nach Fleisch und Blut hatte und nicht anders sein konnte, sondern einer, der früher kein Fleisch und Blut hatte und ein anderer als wir war, aber auch aus dem Weibe geboren wurde und „Fleisch wie Sündenfleisch“ annahm, um unsertwegen einer wie wir zu werden, zugleich aber über uns erhaben zu sein, insofern er Gott ist. Fleisch ist das Wort geworden, aber nicht Sündenfleisch, sondern „Fleisch wie Sündenfleisch“; wie ein Mensch ist er unter den Erdenbewohnern gewandelt und den gewöhnlichen Menschen ähnlich geworden, während er nicht so wie wir der Sünde Untertan war, sondern über allem Bösestun stand; denn er war in derselben Person Gott und Mensch zugleich. Sie aber bekämpfen, ich weiß nicht wie, die so verehrungswürdige und bewundernswerte Menschwerdung des Eingeborenen und lassen ihn in enge Verbindung mit einem Menschen treten, den sie mit von außenher entlehnten Ehren schmücken und in fremder Herrlichkeit erstrahlen lassen, nicht in Wahrheit Gott, aber Teilhaber und Genösse Gottes, fälschlich sogenannter Sohn, ein Erretter, der errettet, ein Erlöser, der erlöst werden muß. Und doch hat der selige Paulus wie folgt geschrieben: „Denn erschienen ist die heilbringende Gnade Gottes allen Menschen, damit sie der Gottlosigkeit und den weltlichen Begierden entsagen und fromm und gerecht leben in dieser Welt, wartend auf die selige Hoffnung und das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Erlösers Jesus Christus.“

B. Ja, sagen sie, da er nun einmal der Verbundenheit mit Gott dem Worte gewürdigt wurde, so ist er auch selbst „großer Gott“ genannt worden, wiewohl er aus dem Samen Davids entsprungen ist.

A. O der Tollheit! „Während sie prahlten, Weise zu sein, sind sie Toren geworden“, nach dem Worte der Schrift. Denn sie verkehren, wie ich schon sagte, den Sinn des Geheimnisses Christi in das gerade Gegenteil. Das Reden über seine Auszeichnung besagt ja nichts anderes, als daß sie einen gewöhnlichen Menschen einführen und unverständigerweise eine völlige Scheidemauer aufrichten, so daß sich eine anbetungswürdige Zweiheit von Söhnen ergibt, von welchen der eine natürlicher und wahrer Sohn ist, der andere ein angenommener und unechter Sohn, der nichts hat, was sein eigen wäre, weshalb ihm ebenso wie uns gesagt werden kann: „Was hast du denn, was du nicht empfangen hättest?“ Wo soll dann der allweise Paulus hinsteuern, wenn er sagt: „Denn der Sohn Gottes Christus Jesus, der bei euch verkündet wurde durch mich und Silvanus und Timotheus, ist nicht Ja und Nein geworden, sondern Ja ist in ihm geworden.“ Wie sollte er nicht „Ja und Nein geworden“ sein, wenn er Gott genannt wird und nicht Gott ist?, wenn er fälschlich Sohn und Herr geheißen wird? Steht es so mit ihm, wie sie behaupten, so muß, meine ich, auch er sagen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Denn was jemanden nicht von Natur aus zukommt, sondern von außen herbeigeholt und zugetragen und von anderer Hand gegeben wird, das ist nicht sowohl Eigentum dessen, der es empfangen, als vielmehr dessen, der es zugewiesen und geschenkt hat. Und wie darf er sagen: „Ich bin die Wahrheit“, wenn nichts von ihm wahr ist? Er müßte sogar, da er lügt, von der Finsternis verschlungen werden. Er aber „hat keine Sünde getan, und in seinem Munde ist kein Trug erfunden worden“, wie geschrieben steht.

B. Nein, das nicht.

A. Wo aber bleibt die Entäußerung? Und bei wem soll sie stattgefunden haben? Denn man sieht nichts von einem, der sich entäußert hat; man sieht im Gegenteil einen, der angefüllt wird, da er seiner Natur nach keineswegs die Fülle in sich hat. Er aber bedurfte keiner fremden Gaben und brauchte nichts zu empfangen, weil er von Haus aus vollkommen war und alles und jedes zur Genüge besaß. Ja, „aus der Fülle Christi haben wir alle empfangen“, und die Predigt der Dolmetscher Gottes hat nicht gelogen. Christus war vollkommen und hatte nichts von einem andern Gegebenes, insofern er anders Gott ist und als solcher betrachtet wird; wenngleich es ihm auch eigen wurde, zu empfangen, insofern er in den Stand der Menschheit eintrat und als einer wie wir erschien. Uns wird ja mit vollem Recht gesagt: „Was hast du denn, was du nicht empfangen hättest ?“

B. Ja, sagen sie, es ist ein Christus und Sohn und Herr, nämlich das aus Gott dem Vater entstammte Wort, mit welchem jedoch der aus dem Samen Davids Geborene verbunden ist.

A. Aber, beste Freunde, muß man ihnen antworten, der, mit welchem ein anderer verbunden ist, kann doch nicht Einer sein. Er ist vielmehr Einer mit Einem oder mit einem andern, und das sind offenbar und unzweifelhaft Zwei. Einen Sohn gibt es in Wahrheit nur dann, wenn wir festhalten, daß ebenderselbe der Gottheit nach als Gott das Wort aus Gott geboren, aber auch wunderbarerweise Mensch geworden und dem Fleische nach aus dem Weibe geboren worden ist. Wenn sie nun aber den aus dem Samen Davids für sich hinstellen und unterscheiden und ihn nicht als wahren Gott und Sohn gelten lassen, sondern als Genossen der Sohnschaft und Teilhaber fremder Herrlichkeit bezeichnen, so sind, meine ich, die Anklagen der Juden gegen ihn nicht ohne Grund gewesen. Sie sagten ja; „Nicht eines guten Werkes wegen steinigen wir dich, sondern der Gotteslästerung wegen, weil du, der du ein Mensch bist, dich zu Gott machst.“

B. Aber sie bezeichnen den einen Christus auch als wahren Gott und Sohn, das Wort aus Gott nämlich, welches den aus dem Samen Davids in Weise der Verbundenheit angenommen hat.

A. Wenn jedoch der aus dem Weibe Geborene nicht selbst das Wort aus Gott dem Vater, sondern ein anderer neben einem andern ist, wie kann das Wort Christus genannt werden, da es nicht gesalbt worden ist, wie wir früher gesagt haben?

B. Soll aber der aus dem Samen Davids nicht ein anderer sein als das Wort aus Gott dem Vater, so muß auch er vorweltlich genannt werden. Wie kann dann aber der allweise Paulus die in Frage stehende Herrlichkeit zurückweisen und sich verbitten und sagen: „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in alle Ewigkeit!“ Mit andern Worten: Jesus, der gestern und heute ist, wird derselbe sein auch in alle Ewigkeit; er ist also offenbar erst neu und gestern und heute, während Gott das Wort zugleich mit seinem Vater existiert.

A. Sehr mit Unrecht verfälschen sie die Wahrheit mit ihren eigenen unverständigen Meinungen und verdrehen den eigentlichen Sinn der heiligen Schriften, Es verstößt nicht gegen die Wahrheit, zu sagen, daß Christus Jesus auch vorweltlich ist, wenn es anders einen Sohn und Herrn gibt, das vorweltliche Wort, welches in den letzten Zeiten der Welt sich dem Fleische nach der Geburt aus dem Weibe unterzogen hat, Daß aber das Wort keine Änderung erlitt, als es Mensch wie wir wurde, das hat der Geistesträger mit den Worten bezeugt: „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in alle Ewigkeit.“ „Gestern“ bedeutet die vergangene Zeit, „heute“ die Gegenwart und „in alle Ewigkeit“ die Gegenwart und die Zukunft, Wenn sie aber etwas Weises ausgeklügelt zu haben meinen, indem sie das „gestern und heute“ auf den neuen Gott beziehen, und nun fragen: Wie kann der, der gestern und heute ist, auch in alle Ewigkeit sein?, so kehren wir die Frage ins Gegenteil um und sagen: Wie kann das Wort, welches in alle Ewigkeit ist, gestern und heute sein? Es gibt ja doch nur einen Christus, und eine Teilung läßt er nach dem Zeugnisse des göttlichen Paulus nicht zu. Daß aber der Apostel so von uns verstanden werden wollte, erhellt auch aus folgendem. Wiewohl schon im Fleische sichtbar geworden und in den Stand der Menschheit eingetreten, hat Christus vorweltliches Dasein für sich in Anspruch genommen, indem er sagte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ehe Abraham geworden ist, bin ich“, und wiederum: „Wenn ich euch Irdisches sage und ihr nicht glaubt, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch Himmlisches sage?“ und: „Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem Menschensohne, der vom Himmel herabgestiegen“. Denn das immer existierende und vorweltliche Wort ist von den Himmeln herabgekommen und selbst als Mensch wie wir erschienen, und so gibt es einen Christus und Herrn. Er war auch bereits Fleisch geworden, als er jene Worte sprach.

B. Noch einen andern Grund haben sie ausgesonnen, und zwar folgenden. So, sagen sie, muß der aus dem Samen Davids als Sohn Gottes anerkannt werden, wie das Wort aus Gott dem Vater Sohn Davids genannt wird. Denn von Natur aus ist er keiner von beiden.

A. Das also soll als die wahre Art und Weise der Einigung gelten: Wir glauben, daß das Wort Fleisch, das heißt Mensch, und damit auch Sohn Davids geworden, nicht fälschlich so geheißen, sondern weil dem Fleische nach aus David hervorgegangen, daß es aber geblieben ist, was es war, nämlich Gott aus Gott. Denn die Verwalter der evangelischen Predigt haben uns über ihn dahin belehrt, daß er Gott und Mensch zugleich ist. Von dem seligen Täufer steht ja geschrieben: „Am folgenden Tag sieht er Jesus zu sich kommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt! Dieser ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir aufgetreten ist, weil er früher ist als ich. Und ich kannte ihn nicht; aber damit er Israel offenbart würde, deshalb kam ich und taufte mit Wasser.“ — Beachte nun, wie er ihn einen Mann nennt und als Lamm bezeichnet, zugleich aber versichert, daß er es eben ist, der die Sünde der Welt hinwegnimmt, und dieses große und wahrhaft übernatürliche und göttliche Ruhmeswerk ihm zuerkennt! Er ist aber, sagt er, vor ihm aufgetreten und früher gewesen als er selbst, obwohl er doch später geboren ist, ich meine der Zeit der fleischlichen Geburt nach. Denn wenngleich der Emmanuel als Mensch erst später geboren wurde, so war er doch als Gott schon vor aller Ewigkeit. Das eine wie das andere, die Neuheit der Menschheit und die Ewigkeit der Gottheit, hat deshalb auch der treffliche Petrus, der das Wort nicht in seinem nackten und fleischlosen Zustande, sondern mit Fleisch und Blut umkleidet vor sich sah, klar und unzweideutig in sein Glaubensbekenntnis zusammengefaßt, da er sagte: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Und daraufhin hörte er: „Selig bist du, Simon, Bar Iona, denn nicht Fleisch und Blut hat es dir geoffenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.“ Wäre es nicht ein tiefes Geheimnis und wäre er nicht Gott im Fleische gewesen, sondern, wie sie behaupten, ein Mensch, der aus Gnade als Sohn angenommen worden, so würde es eines solchen Lehrmeisters nicht bedurft haben, daß der Jünger nicht von einem Erdenbewohner die Offenbarung erhielt, sondern vom Vater selbst eingeweiht wurde. Auch die göttlichen Jünger, als sie ihn einst auf dem Rücken des Meeres dahinschreiten sahen, bekannten voll Staunen ihren Glauben, indem sie sagten: „Du bist wahrhaftig der Sohn Gottes.“ Ist er jedoch ein unechter und fälschlich so genannter und nur angenommener Sohn, so müssen sie die Jünger trotz ihrer nachdrücklichen Beteuerung der Lüge bezichtigen. Denn diese kennzeichnen ihn durch den Zusatz „wahrhaftig“ als den Sohn Gottes und des Vaters.

B. Trefflich hast du gesprochen.

A. Wie aber soll der Menschensohn auch die Engel zu eigen haben und „in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln thronen?“ Und wiederum: „Und der Menschensohn wird seine Engel aussenden.“ Wenn sie aber auch jetzt noch nicht glauben wollen, obwohl sie sehen, daß er mit göttlicher Herrlichkeit und mit so glänzenden und hocherhabenen Ehren geschmückt ist, so mögen sie hören, wie er sagt: „Wenn ihr mir nicht glaubt, so glaubt meinen Werken“, und wiederum: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht.“ Denn wenn wir in einem Menschen die Hoheit der unaussprechlichen Herrlichkeit erblicken, und zwar nicht als fremdes oder durch Gnadenerweis erlangtes Gut, sondern als eigenen Besitz, so müssen wir uns doch überzeugen lassen, daß er Gott in Menschenhülle war und in Wahrheit der Sohn des über allen erhabenen Gottes.

B. Die Engel, sagen sie, hat er zu eigen gehabt, und diese Zeichen hat er vollbracht, weil das Wort ihm innewohnte, welches ihm seine Herrlichkeit und seine Wirksamkeit verlieh. Denn es steht geschrieben: „Jesus von Nazareth, den Gott gesalbt hat mit dem Heiligen Geiste und mit Macht, der umherging Wohltaten spendend und alle heilend, die vom Teufel überwältigt wurden.“ Weil er also mit Macht und mit dem Geiste gesalbt war, deshalb war er Wundertäter.

A. Da nun aber Gott das Wort seiner Natur nach heilig und vermöge seines Wesens allmächtig ist und infolgedessen weder der Macht eines andern noch der Mitteilung von Heiligkeit bedarf, wer ist denn der mit Macht und mit dem Heiligen Geiste Gesalbte?

B. Vermutlich werden sie sagen, es sei der in Weise der Verbundenheit angenommene Mensch.

A. Es wäre also Jesus Christus im besondern und für sich allein, mithin derjenige, von welchem der allweise Paulus sagt: „Für uns aber gibt es einen Gott Vater, aus dem alles ist und aus dem auch wir sind, und einen Herrn Jesus Christus, durch den alles ist und durch den auch wir sind.“ Wie kann man, sag mir, durch einen Menschen alles sein? Und weshalb wird er als Sohn unmittelbar an den Vater angereiht, ohne daß jemand dazwischen stände? Welchen Platz sollen wir dann dem Eingeborenen anweisen, wenn sie an dessen Stelle den Menschen rücken, und zwar, wie er sagt, einen Menschen, der von dem Eingeborenen seine Wirksamkeit empfängt und um des Eingeborenen willen mit Ehren ausgestattet wird? Soll also ihre Lehre nicht die Grenzen des Vernunftgemäßen überschreiten, nicht das Ziel verfehlen und wegen völligen Abirrens von der Wahrheit mit Recht der Lächerlichkeit anheimzugeben sein?

B. Mensch, sagt er, ist das Wort Gottes in ähnlicher Weise genannt worden, wie der von ihm angenommene Mensch zwar in Bethlehem in Judäa geboren, aber Nazarener geheißen worden ist, weil er in Nazareth gewohnt hat. So wird Gott das Wort Mensch genannt, weil er in einem Menschen gewohnt hat.

A. O des Altweiberverstandes und des erschlafften Geistes, der nur noch plappern kann und nichts Weiteres! Werdet nüchtern, ihr Trunkenen, von eurem Rausche! möchte man den Gegnern zurufen, warum vergewaltigt ihr die Wahrheit und verkehrt den Sinn der göttlichen Lehrsätze, um den königlichen Pfad zu verlassen? Nicht mehr Fleisch geworden ist das Wort, wie die Schriften besagen, sondern, wie es scheint, Menschenbewohner; und er müßte nicht Mensch genannt werden, sondern Menschler [ἀνθρωπαῖος], wie denn der Nazarethbewohner nicht Nazareth genannt worden ist, sondern Nazarener [Ναζωραῖος]. Es steht aber, glaube ich, wofern sie anders ihre unvernünftige Erfindung für begründet erachten, durchaus nichts im Wege, mit dem Sohne auch den Vater und dazu noch den Heiligen Geist einen Menschen zu nennen. Denn durch den Geist nimmt die Fülle der heiligen und wesenseinen Dreifaltigkeit in uns Wohnung. Sagt ja Paulus: „Wisset ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Und Christus selbst sagt: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden kommen und uns eine Wohnung bei ihm bereiten.“ Aber weder der Vater noch der Heilige Geist ist deshalb, weil sie in uns wohnen, irgendwo Mensch geheißen worden. Diese Menschen aber verlachen das Geheimnis der Menschwerdung und verdrehen die so zutreffenden und beherzigenswerten Lehrsätze der Kirche ins Ungereimte, Unsere Lehre hingegen soll ungestört ihren Fortgang nehmen und ihren Ergüssen Lebewohl sagen. Denn wenn er deshalb Zeichen vollbracht hat, weil das Wort in ihm war, so machen sie ihn zu einem der heiligen Propheten. Göttliche Zeichen hat er ja auch durch die Hand der Heiligen gewirkt. Wollen sie den Sohn diesen Heiligen zuzählen, so weisen sie ihm eben den Rang eines Propheten oder Apostels zu.

B. Ist er denn, sagen sie, nicht Prophet und Apostel geheißen worden?

A. Darin hast du nicht unrecht. Moses sprach zu den Kindern Israels: „Einen Propheten wird der Herr euer Gott aus euren Brüdern euch erwecken gleich mir.“ Und der göttliche Paulus hat geschrieben: „Daher, heilige Brüder, die ihr himmlischer Berufung teilhaftig seid, blicket hin auf den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses Jesus!“ Nun sollen sie antworten, ich frage, ob denn einem jeden Menschen die Gnadengabe der Prophetie oder der Besitz apostolischer Würde oder auch der Name eines Hohenpriesters zu Ehren verholten hat?

B. Ja, behaupte ich.

A. Aber das ist doch zu geringfügig, möchte man sagen, und unannehmbar für Christus, insofern er Gott ist, wenn es auch gerade das ist, worin sich seine Entäußerung kundgibt und die Folgen seiner Menschwerdung zutage treten. Von Natur Gott und in Wahrheit Herr, hat er ja Knechtsgestalt angenommen, um in ihr und in unserm Stande geboren zu werden; und obwohl er den Geist der Prophetie verleiht und Apostel erwählt und Hohepriester bestellt, hat er „in allem den Brüdern ähnlich werden“ und so auch Prophet und Apostel und Hoherpriester genannt sein wollen.

B. Wenngleich sie indessen zugeben werden, daß er Prophet ist, so wollen sie ihn doch nicht als einen in der Reihe der Propheten betrachtet wissen, sondern stellen ihn viel höher. Denn die Propheten haben nur eine nach dem Wohlgefallen Gottes bemessene Gnade erlangt und diese nur für eine bestimmte Zeit. Er aber war voll der Gottheit, und zwar gleich von der Geburt an, weil Gott das Wort mit ihm war.

A. Also der Größe der Gnade und der Länge der Zeitspanne nach hat Christus die vor ihm auf getretenen heiligen Propheten überragt, und das ist es, was ihn auszeichnet. Es handelt sich aber augenblicklich darum, festzustellen, ob er überhaupt Prophet ist, und nicht darum, ob mehr oder weniger oder auch in einzigartiger Weise. Denn darin, daß er Prophet ist und insofern nicht über das für Menschen gewöhnliche Maß hinausreicht, bekundet sich seine Niedrigkeit. Daß er es von Anfang an war, darin gleicht er zum Beispiel dem göttlichen Täufer, von dem der selige Engel sagt: „Und des Heiligen Geistes wird er voll sein schon vom Schoße seiner Mutter an.“ Wie aber kann dann der eine von ihnen Diener sein und der andere im Glänze des Herrschers strahlen? Sagt doch der selige Johannes von sich selbst: „Wer aus der Erde ist, redet aus der Erde“, von dem Emmanuel aber: „Wer von oben kommt, ist über allen.“

B. Vermutlich werden sie jedoch sagen, das aus Gott dem Vater hervorgegangene Wort sei es, welches von oben kommt und auch über allen ist. Sie scheuen sich aber, ihm Menschliches zuzueignen, um ihm nicht etwa zu nahe zu treten und ihn ins Unrühmliche hinabzuziehen. Deshalb behaupten sie, er habe einen Menschen angenommen und mit sich verbunden, weil auf diesen auch alles Menschliche Anwendung finde; das Wort aber solle ganz im Kreise seiner Natur verbleiben, ohne jede Beeinträchtigung.

A. Der angenommene Mensch ist also zugestandenermaßen ein anderer. Wir jedoch folgen nicht dem Geschwätz dieser Menschen und bekennen uns nicht zu denen, die da trennen und Neuerungen im Glauben einführen, weil wir die Heilige Schrift nicht hintanzusetzen und die Überlieferung der heiligen Apostel und Evangelisten nicht preiszugeben gedenken. Mag ihr schwacher und ungelehriger Geist nicht imstande sein, die Tiefe des Geheimnisses zu erfassen, wir sind deswegen nicht gewillt, gleichfalls in die Irre zu gehen und ihre Torheiten uns zu eigen zu machen, um den geraden Weg der Wahrheit zu verlassen. Wir wissen, daß der hochheilige Paulus geschrieben hat: Wir müssen „die Vernünfteleien zerstören und jeglichen Hochmut, der sich wider die Gotteserkenntnis erhebt, indem wir jegliches Denken gefangennehmen in den Gehorsam gegen Christus“. Aber hast du noch anderes vorzubringen, woran sie Anstoß nehmen, um nach Weise der Juden über den „Stein des Anstoßes“ zu stolpern? B. Ich habe allerdings noch gar manches dieser Art, und es soll ein jedes einzeln für sich vorgetragen werden. Sie sagen also, Christus sei vom Vater geheiligt worden. Denn es steht geschrieben: „Johannes bezeugte und sprach: Ich habe den Geist vom Himmel her herabsteigen sehen, und er blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht; aber der, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, der sprach zu mir: Auf welchen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, welcher mit dem Heiligen Geiste tauft. Und ich habe gesehen und habe bezeugt, daß dieser der Sohn Gottes ist.“ Und auch Paulus hat von ihm geschrieben: „Denn der, welcher heiligt, und die, welche geheiligt werden, aus Einem sind sie alle.“— Nun kann aber das Wort, welches Gott und seiner Natur nach heilig ist, jedenfalls nicht geheiligt worden sein. Es bleibt mithin nur die Annahme übrig, daß der von ihm in Weise der Verbundenheit angenommene Mensch geheiligt worden ist.

A. Wie aber soll der, der getauft ward und die sichtbare Herabkunft des Geistes empfing, mit dem Heiligen Geiste taufen und Dinge vollbringen können, die ausschließlich der göttlichen Natur zukommen und entsprechen? Denn er ist es, welcher Heiligkeit verleiht; und daß dies sein eigenes und besonderes Vorrecht ist, hat das menschgewordene Wort bewiesen, indem es die heiligen Apostel leiblich anhauchte und sprach: „Empfanget den Heiligen Geist; welchen ihr die Sünden nachlaßt, denen werden sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ Und wie kann der göttliche Täufer, so ausdrücklich wie möglich auf den, der geheiligt worden, hinweisend, bezeugen: „Dieser ist der Sohn Gottes“, er einzig und allein? Hätte dieser Lehrmeister des Erdkreises von einem andern neben dem wahren Sohne gewußt, so hätte er deutlich die Wahrheit sagen und klar aussprechen müssen: Dieser ist der mit dem natürlichen und wahren Sohne Verbundene, der geschenkweise und aus Gnade Sohn Gewordene. So etwas hat er nicht gesagt; er war sich vielmehr bewußt, daß das aus Gott dem Vater entstammte Wort und der aus dem Samen Davids dem Fleische nach Geborene einer und derselbe ist, und sagt deshalb, daß er geheiligt worden, insofern er Mensch, und hinwieder heiligt, insofern er Gott ist. Denn er war, wie gesagt, das eine sowohl wie das andere. Wäre er nun nicht Mensch geworden, nicht dem Fleische nach vom Weibe geboren worden, so müßten wir freilich alles Menschliche von ihm fernhalten. Ist es jedoch wahr, daß er in den Stand der Entäußerung herabgestiegen und einer wie wir geworden ist, weswegen wollen sie ihm die Erweise seiner Entäußerung abstreiten und damit törichterweise das so kunstvolle Werk der Menschwerdung im Fleische niederreißen?

B. Wenn es nun heißt, er habe Herrlichkeit empfangen und sei Herr geworden, sei vom Vater erhöht und zum König bestellt worden, willst du denn auch dies auf Gott das Wort beziehen, ohne dich an seiner Herrlichkeit auf das gröbste zu vergreifen?

A. Daß die Natur Gottes des Wortes voll der Herrlichkeit und Königswürde und wahrer Herrschaft ist, wer wollte das bezweifeln? Selbstverständlich ist es auch, daß sie in den höchsten Höhen der Gottheit thront. Da er jedoch als Mensch erschienen und es dem Menschen eigen ist, alles geschenkt und zugeteilt zu erhalten, deshalb pflegt er, obwohl er Überfluß hat und aus eigener Fülle allen mitteilt, nach Menschenart auch anzunehmen, indem er unsere Armut zu der seinigen macht. So ist in Christus ein neues und unerhörtes Wunder zutage getreten, in Knechtsgestalt Herrscherwürde, in menschlicher Niedrigkeit göttliche Erhabenheit, mit königlichen Ehren bekränzt, was im Joche geht, wie dies zu dem Stande der Menschheit gehört, in die höchsten Höhen entrückt, was in der Tiefe weilt. Denn Mensch geworden ist der Eingeborene nicht, um im Stande der Entäußerung zu verbleiben, sondern um, von Natur aus Gott, die Entäußerung und was sie in sich schließt anzunehmen und mit sich zu vereinen und so in sich selbst die Menschennatur zu verherrlichen und heiliger und göttlicher Würden teilhaftig zu machen. Daher finden wir, daß auch die Heiligen selbst den Sohn die Herrlichkeit Gottes und des Vaters und auch König und sogar Herrn nennen, und zwar nachdem er schon Mensch geworden. Isaias nämlich schreibt wie folgt: „Wie wenn ein Mensch Oliven abklopft [nach erfolgter Ernte], so wird man sie abklopfen; und wie wenn die Weinlese vorüber ist, werden die, die auf der Erde zurückgelassen worden sind, ihre Stimme erheben, um zu jauchzen mit der Herrlichkeit des Herrn.“ Und ein anderer der Heiligen hinwieder sagt: „Werde hell, Jerusalem, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn ist über dir aufgegangen. Siehe, Dunkel und Finsternis bedeckt die Erde; über dir aber strahlt der Herr auf, und die Herrlichkeit des Herrn erglänzt über dir.“ Jakobus aber, sein Jünger, sagt: „Brüder, nicht mit Ansehen der Person sollt ihr den Glauben an unsern Herrn der Herrlichkeit Jesus Christus haben.“ Und der göttliche Petrus: „Wenn ihr geschmäht werdet wegen des Namens Christi, selig seid ihr zu preisen, und der Geist der Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch.“

B. Aber sag mir, wie wir das verstehen sollen, was von Christus geschrieben ist: „Der in den Tagen seines Fleisches Bitten und Gebete demjenigen, der ihn vom Tode erretten konnte, mit lautem Geschrei und Tränen dargebracht hat und der Gottesfurcht wegen erhört worden ist, und so, obwohl er Sohn war, aus dem, was er litt, den Gehorsam erlernt hat und, nachdem er vollendet war, denen, die ihm gehorchen, Urheber unzerstörbaren Heiles geworden ist.“ Dieser Stelle füge ich noch den Ruf bei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ So etwas, sagen sie, findet auf Gott das Wort keine Anwendung, und es scheint auch mir weit unter der ihm innewohnenden Würde zu liegen.

A. Ich bin gleichfalls der Ansicht, daß dies auf das Gott dem Vater entstammte Wort nicht paßt, wofern die Menschwerdung ausgeschaltet und das Zeugnis der Schriften, daß das Wort Fleisch geworden, von uns abgelehnt wird. Da wir jedoch unerschütterlich an diesem Zeugnisse festhalten und jedweder Zweifel an der Schrift eine Gottlosigkeit darstellt, wohl, so wollen wir, soweit es angeht, das Geheimnis der Menschwerdung genauer ins Auge fassen. Es ist also das Gott dem Vater entstammte Wort in unserer Hülle uns erschienen, um in tausenderlei Weise der Menschennatur Hilfe zu bringen und uns ganz deutlich den Weg zu weisen, der zu allen möglichen bewundernswerten Gütern geleitet. Nun mußten wir belehrt werden, wie diejenigen, welche den ruhmreichen und vorzüglichen Lebenswandel innezuhalten entschlossen sind, bei Heimsuchungen, von denen sie der Liebe zu Gott wegen betroffen werden, sich zu verhalten haben, ob sie erschlaffen und in Leichtsinn verfallen und nicht vielmehr zur Zeit sich dem Vergnügen hingeben und dem Genüsse überlassen sollen, oder aber sich zum Gebete wenden und in Tränen vor den Retter hintreten und inständig um seine Hilfe flehen und auch um Kraft für den Fall, daß er uns leiden lassen will. Außerdem war es wichtig für uns, zu wissen, wohin der Gehorsam schließlich führe und welchen Ehrenpfad er wandele und welcher Lohn der Ausdauer warte. Christus also ist uns Vorbild für diese Dinge geworden, und das bestätigt der göttliche Petrus, wenn er sagt: „Denn was für ein Ruhm soll es sein, wenn ihr eigener Verfehlungen wegen geduldig Züchtigungen ertragt? Aber wenn ihr Gutes tut und geduldig leidet, das ist wohlgefällig vor Gott, da auch Christus für euch gestorben ist und euch ein Beispiel hinterlassen hat, auf daß ihr seinen Fußtapfen nachfolgtet.“ Nicht zu der Zeit, da er als das Wort des Vaters noch ohne Anteil an dem Stande der Entäußerung war, sondern „in den Tagen seines Fleisches“ ist er ein Beispiel für uns geworden, indem er tadellos dem Stande der Menschheit sich anbequemen wollte, Bitten darbringen und Tränen vergießen und anscheinend auch eines Retters bedürfen und den Gehorsam erlernen, „obwohl er Sohn war“. Es ist, wie wenn der Geistesträger erschräke über das Geheimnis, daß der natürliche und wahre und im Glänze der Gottheit strahlende Sohn sich in so tiefe Niedrigkeit herabgelassen und dem Elende menschlicher Armseligkeit unterzogen hat. Aber, wie gesagt, uns hat die schöne und heilsame Lehre dieser Veranstaltung gegolten, weil wir, und zwar ohne jede Mühe, uns überzeugen sollten, daß wir keinen andern Weg einschlagen dürfen, wenn die Stunde zur Tapferkeit aufruft. Hat ja Christus einmal gesagt: „Fürchtet euch nicht vor denen, welche den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, fürchtet euch vielmehr vor dem, der Seele und Leib verderben kann in der Hölle“, und ein anderes Mal wieder: „Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ Ihm nachfolgen aber heißt nichts anderes als tapfer gegen die Widerwärtigkeiten ankämpfen und zugleich um Hilfe von oben bitten, nicht lau und schlaff, sondern möglichst inständigem Gebete obliegend und Tränen der Frömmigkeit den Augen entlockend.

B. Trefflich hast du gesprochen. Wenn er nun aber sagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, wie sollen sie denn das verstehen? Sie werden sagen, glaube ich, das sei die Stimme des angenommenen Menschen, der jetzt mutlos werde und die Härte der Bedrängnis als nicht mehr erträglich empfinde oder, wie es vorkommt, aus menschlichem Kleinmut verzage. Er sagte ja auch zu den heiligen Jüngern: „Betrübt ist meine Seele bis zum Tode“, und er warf sich vor dem Vater nieder und sprach: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; aber nicht wie ich will, sondern wie du.“

A. Das ist eben das, was wir vorhin besprochen: „Der in den Tagen seines Fleisches Bitten und Gebete demjenigen, der ihn vom Tode erretten konnte, mit lautem Geschrei und Tränen dargebracht hat.“ Wenn aber jemand meint, Christus sei einem solchen Kleinmut verfallen, daß er vor Trauer und Angst das Leiden für unerträglich gehalten habe, von Furcht übermannt und von Schwäche überwältigt, so bestreitet er jedenfalls seine Gottheit und muß offenbar zugeben, daß er mit Unrecht den Petrus gescholten hat.

B. Wie meinst du das?

A. Christus sprach: „Siehe, wir ziehen nach Jerusalem hinauf, und der Menschensohn wird in die Hände der Sünder ausgeliefert werden, und sie werden ihn verspotten und ihn kreuzigen, und am dritten Tage wird er auferweckt werden.“ Petrus aber, voll Liebe zu Gott, sagte: „Fern sei es von dir, Herr, das soll dir nicht widerfahren!“ Und was antwortete ihm Christus? „Weiche zurück von mir, Satan! Ein Ärgernis bist du mir, weil du nicht sinnst, was Gottes, sondern was der Menschen ist.“ Wie aber soll der Jünger, der die Heimsuchung von dem Meister fernhalten wollte, sich verfehlt haben, wenn sie so schwer und nicht mehr erträglich für den Meister war, ihn vielmehr niederschmetterte und völlig zusammenbrechen ließ, während er doch selbst seine Jünger anwies, die Schrecken des Todes zu überwinden und das Leiden für nichts zu achten, solange sie damit den Willen Gottes erfüllten? Wundern aber muß ich mich, daß sie den Menschen, mit dem der Eingeborene sich verbunden haben soll, zum Teilhaber göttlicher Ehren machen und hintennach den Schrecken des Todes anheimfallen lassen, in einer Weise, daß er gleich uns gänzlich entblößt erscheint und von den göttlichen Ehren nichts mehr übrig hat.

B. In welchem Zusammenhange steht denn nun die Menschwerdung mit diesen Dingen?

A. Für diejenigen, die das Geheimnis Christi in der rechten Weise auffassen, besteht hier ein tief geheimnisvoller und wunderbarer Zusammenhang. Beachte nur, daß alles das, was zur Entäußerung gehört und dem Stande der Menschheit entspricht, zur rechten Zeit und nach Bedarf eingetreten ist, damit deutlich zu erkennen sei, daß der, der über aller Schöpfung steht, in allweg einer wie wir geworden ist. Dazu kommt aber noch folgendes.

B. Was denn?

A. Wir waren Verfluchte geworden wegen der Übertretung Adams und, von Gott im Stiche gelassen, in die Schlinge des Todes gefallen. In Christus aber ist alles „neu geworden“ und unsere Natur wieder in den anfänglichen Zustand zurückgelangt. Zu dem Ende war es nötig, daß der zweite, vom Himmel gekommene und über jeder Sünde erhabene Adam, der allheilige und fleckenlose zweite Erstling des Geschlechtes, das heißt Christus, die Menschennatur aus der Strafe errettete und ihr das Wohlwollen des himmlischen Vaters zurückgewann und die Treulosigkeit durch Gehorsam und gänzliche Unterwürfigkeit wieder aufhob. Denn „er hat keine Sünde getan“; vielmehr hat in ihm die Menschennatur völlige Reinheit und Untadelhaftigkeit erlangt, so daß er mit Freimut rufen konnte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Beachte nämlich, daß der Eingeborene, der Mensch und wie einer aus uns geworden war, auch für die gesamte Natur diesen Ruf erhob, indem er etwa sagen wollte: Der erste Mensch hat gefehlt, ist in Ungehorsam gefallen, hat das Gebot, das ihm gegeben worden, mißachtet und durch den Trug der Schlange sich zur Auflehnung verleiten lassen. Er ist deshalb, und zwar mit vollem Recht, dem Verderben überantwortet und in Strafe genommen worden. Mich aber hast du zum zweiten Stammvater für die Erdenbewohner bestellt, ich habe den Namen des zweiten Adam erhalten. In mir siehst du die Menschennatur gereinigt, von Unvollkommenheit frei, heilig und ohne Fehl. Gewähre nunmehr die Gnadengüter, hebe die Abtrünnigkeit auf, setze dem Verderben ein Ziel und laß die Folgen des Zornes ein Ende nehmen! Ich habe den Satan, der früher die Herrschaft führte, überwunden, denn an mir hat er schlechterdings nichts von dem Seinigen gefunden. Das ungefähr ist, glaube ich, der Sinn der Worte des Erlösers gewesen. Denn nicht sowohl auf sich selbst als vielmehr auf uns wollte er das Wohlwollen des Vaters herabrufen. Wie nämlich von der ersten Wurzel, ich meine von Adam aus, die Folgen des Zornes auf die gesamte Menschennatur übergegangen sind — denn der Tod hat geherrscht von Adam bis auf Moses, auch über „diejenigen, welche nicht sündigten nach Ähnlichkeit der Übertretung Adams“ —, so sollen auch die Verdienste unseres zweiten Erstlings, das heißt Christi, wieder auf das ganze menschliche Geschlecht übergehen. Der allweise Paulus bestätigt es, wenn er sagt: „Denn wenn durch den Fehltritt des einen die vielen gestorben sind, so werden um so viel mehr durch die Rechttat des einen die vielen zum Leben gelangen“, und wieder: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle das Leben erhalten.“

B. Es ist also töricht und den heiligen Schriften durchaus widersprechend, zu meinen und zu sagen, der angenommene Mensch sei, von dem ihm verbundenen Worte im Stiche gelassen, auf menschliches Reden verfallen.

A. Gottlos ist es, mein Freund, und ein ganz deutlicher Beweis äußerster Verständnislosigkeit, aber wohl begreiflich bei Leuten, die nicht den rechten Glauben haben, Sie scheiden eben sowohl die Worte wie die Werke, die von ihm berichtet werden, in zwei Gruppen, um die einen dem Eingeborenen, diesen für sich allein genommen, die andern einem von ihm verschiedenen und aus dem Weibe geborenen Sohne zuzuweisen. Damit aber weichen sie von dem geraden und irrtumsfreien Wege ab und geben das richtige Verständnis des Geheimnisses Christi preis.

B. Dürfen also die Worte oder Werke, die in der evangelischen und apostolischen Predigt angeführt sind, nicht voneinander getrennt werden?

A. Durchaus nicht, insoweit sie anders an zwei voneinander getrennte, einzeln ganz für sich bestehende Personen und Hypostasen verteilt werden sollen. Denn Einer ist der Sohn, das um unsertwillen Mensch gewordene Wort, und ihm gehört alles an, die Reden sowohl wie die Werke, das Göttliche und ebenso auch das Menschliche.

B. Wenn es nun aber auch heißt, er sei von der Reise ermüdet gewesen und habe gehungert und sei in Schlaf gefallen, soll es, sag‘ mir, nicht ungeziemend sein, so ärmliche und verächtliche Dinge Gott dem Worte zuzuschreiben?

A. Dem Worte an und für sich, wie es noch nicht Fleisch geworden und bevor es in die Entäußerung hinabgestiegen war, können diese Dinge allerdings nicht zugewiesen werden; darin hast du recht. Dem menschgewordenen und entäußerten Worte aber vermögen sie keinerlei Schimpf einzutragen. Denn wie wir behaupten, er habe das Fleisch sich zu eigen gemacht, so legen wir ihm, der Annahme der Menschheit und der Art des Entäußerungsstandes entsprechend, auch die Schwächen des Fleisches bei. Er ist eben „in allem den Brüdern ähnlich geworden“, nur die Sünde ausgenommen. Du darfst dich nicht wundern, daß wir ihm mit dem Fleische auch die Schwächen des Fleisches zueignen, da er ja auch die von außen her erlittenen Beleidigungen und die von den Juden ihm zugefügten Beschimpfungen selbst seiner Person zugeschrieben hat, indem er durch den Mund des Psalmisten sagte: „Sie haben meine Kleider unter sich verteilt und über mein Gewand das Los geworfen“, und wiederum: „Alle, die mich sahen, haben mich verspottet, die Lippen aufgerissen und den Kopf geschüttelt.“

B. Und wenn er nun das eine Mal sagt: „Wer mich gesehen, hat den Vater gesehen“, „Ich und der Vater sind Eins“, und dann hinwieder zu den Juden: „Was sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört?“, sollen wir auch diese Worte alle einem und demselben zuerkennen?

A. Ganz gewiß. Denn Christus ist durchaus nicht geteilt, sondern nach dem Glauben aller, die ihn anbeten, der eine und einzige und wahre Sohn. Es hat ja, „das Abbild des unsichtbaren Gottes“, „der Abglanz der Herrlichkeit der Substanz des Vaters, das Ebenbild seines Wesens“, „Knechtsgestalt angenommen“, nicht so, wie sie behaupten, daß er einen Menschen mit sich verband sondern so, daß er selbst in Knechtsgestalt erschien, ohne aber dabei die Gleichheit mit dem Vater aufzugeben. Daher hat der allweise Paulus geschrieben: „Gott, der sagte: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen!, ist es der in unsern Herzen aufgestrahlt ist, zur Erleuchtung der Erkenntnis seiner Herrlichkeit im Angesichte Christi Jesu.“ Sieh, wie im Angesichte Christi die Erleuchtung der göttlichen und unaussprechlichen Herrlichkeit Gottes und des Vaters aufstrahlt! Der Eingeborene zeigt uns nämlich in sich die Herrlichkeit des Vaters, wiewohl er Mensch geworden, denn er allein und kein anderer ist und heißt Christus. Oder aber die Gegner sollen uns lehren, wie man in einem gewöhnlichen Menschen die Erleuchtung oder die Erkenntnis der göttlichen Herrlichkeit schauen kann. In keiner Menschengestalt ist Gott zu schauen, es sei denn einzig und allein in dem Worte, welches Mensch wie wir geworden, aber natürlicher und wahrer Sohn geblieben ist; in ihm war wunderbarerweise Gott zu schauen, insofern er eben Gott war. Der Verwalter seiner Geheimnisse nennt ihn Christus Jesus, weil er Fleisch wie wir geworden; er weiß aber wohl, daß er zugleich von Natur und in Wahrheit Gott ist. Deshalb schreibt er wie folgt: „Ich habe euch aber teilweise etwas freimütig geschrieben, [wenngleich nur] in der Absicht, eure Erinnerung aufzufrischen, um der Gnade willen, die mir von Gott verliehen worden, daß ich Diener Christi Jesu für die Heiden bin, priesterlich waltend des Evangeliums Gottes.“ Auch Zacharias prophezeit seinem Sohne, ich meine dem Täufer: „Und du, Knäblein, wirst Prophet des Allerhöchsten genannt werden, denn du wirst hergehen vor dem Angesichte des Herrn, ihm ein Volk zu bereiten.“ Und dann wies der göttliche Täufer auf den Allerhöchsten und Herrn mit den Worten hin: „Siehe das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünde der Welt! Dieser ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, welcher vor mir auf getreten ist, weil er früher war als ich.“ —Ist es nun noch erlaubt, daran zu zweifeln, daß der eine und einzige und wahre Sohn das aus Gott dem Vater entstammte Wort ist, in Verbindung mit dem ihm geeinten Fleische, nicht, wie laut früherer Bemerkung Einige wollen, einem unbeseelten, sondern einem vernünftig beseelten Fleische, mit welchem er ganz und gar eine Person bildet?

B. Ich meinerseits möchte durchaus nicht daran zweifeln. Denn „es ist ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ Aber wenn es heißt, Jesus nehme zu an Alter und Weisheit und Gnade, wer soll denn damit gemeint sein? Denn das Gott dem Vater entstammte Wort ist vollkommen und vollendet und kann deshalb keinerlei Wachstum oder Fortschritt erfahren. Da es selbst Weisheit ist, kann es nicht an Weisheit zunehmen. Folglich, sagen sie, muß man fragen, von wem hier die Rede sei.

A. Es soll also, scheint es, ein anderer Sohn und Herr eingeführt werden, weil einige Leute nicht imstande sind, die Tiefe der heiligen Schriften zu erfassen. Der weise Evangelist spricht von dem menschgewordenen Worte und will zeigen, daß das Wort in Weise der Menschwerdung sein Fleisch annahm und die Gesetze der Natur des Fleisches innehielt. Es ist aber der Menschennatur eigen, an Alter und Weisheit und, möchte ich beifügen, auch an Gnade zuzunehmen, indem sie entsprechend dem Wachstum des Leibes und des Verstandes des Einzelnen Fortschritte macht; aus den kleinen Anfängen der Kindheitstage steigt sie nach und nach zu Größerem auf. Dem dem Vater entsprungenen Worte wäre es nun freilich, weil Gott es war, keineswegs unmöglich oder unerreichbar gewesen, den ihm geeinten Leib gleich aus den Windeln zur Höhe zu erheben und in ein vollgereiftes Alter zu versetzen; und ebenso, behaupte ich, wäre es ihm gar leicht gewesen, schon als Kind eine bewundernswerte Weisheit an den Tag zu legen. Allein das würde eben einem Wunder gleichgekommen sein und den Zwecken der Menschwerdung nicht entsprochen haben. In der Stille, ohne Aufsehen, sollte das Geheimnis sich vollziehen. Deshalb also hat er sich in Verfolg der Menschwerdung den Gesetzen der Menschennatur unterworfen. Das gehörte auch zur Verähnlichung mit uns, die wir uns allmählich vom Kleineren zum Größeren entwickeln, indem die Zeit uns zu höherem Alter und entsprechender Einsicht führt. Wiewohl demnach das dem Vater entstammte Wort als Gott schlechthin vollkommen und keiner Entwicklung und keines Wachstums fähig ist, so macht er sich, nachdem er einer wie wir geworden, das Unsrige zu eigen, wenngleich wir wissen, daß er auch so als Gott über uns steht. Daher hat auch Paulus, trotzdem er wohl wußte, daß er Fleisch geworden, bisweilen nicht gewagt, ihn als Menschen zu bezeichnen, weil er ihn in den Höhen der Gottheit thronen sah. Er schreibt deshalb an die Galater: „Paulus, Apostel, nicht von Menschen her und nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus“, und anderswo: „Ich tue euch aber kund, daß das Evangelium, welches von mir verkündet worden, nicht nach Menschenart ist; denn auch ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi.“

B. Es muß also ihm zugeschrieben werden, wenn es heißt, er nehme zu an Weisheit und Alter und Gnade, ebenso auch wenn es heißt, er habe gehungert und sei ermüdet gewesen und dergleichen mehr, und die Aussagen, er habe gelitten und sei vom Vater zum Leben erweckt worden, werden wir gleichfalls ihm zuweisen.

A. Gewiß, ihm eignen wir der Menschwerdung gemäß auch das Menschliche zu und mit dem Fleische die Eigentümlichkeiten des Fleisches, Denn wir kennen keinen andern Sohn als ihn, glauben vielmehr, daß der Herr selbst uns erlöst hat, indem er als Preis für das Leben aller sein eigenes Blut dahingab. „Denn nicht mit Vergänglichem, mit Silber oder Gold, sind wir erkauft worden, sondern mit dem kostbaren Blute des untadeligen und fleckenlosen Lammes Christus“, der sich selbst für uns darbrachte zum Wohlgeruch für Gott und den Vater. Das kann uns auch der Gesetzeskenner Paulus bestätigen, der geschrieben hat: „Seid also Nachahmer Gottes als vielgeliebte Kinder und wandelt in Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns dargebracht hat als Gabe und Opfer an Gott zum Wohlgeruch.“ Da nun Christus für uns zum Wohlgeruch geworden, indem er in sich die Menschennatur frei von allem Fehl darstellte, so haben wir durch ihn und in ihm offenen Zutritt zu dem Vater und Gott in den Himmeln erlangt. Denn es steht geschrieben: „Weil wir nun, Brüder, feste Zuversicht zum Eingang in das Heilige haben mittels des Blutes Christi, einem Eingang, den er uns als neuen und lebendigen Weg eingeweiht hat durch den Vorhang, das heißt durch sein Fleisch, hindurch.“ Beachte nun, wie von seinem Blute und seinem Fleische gesprochen und das letztere ein Vorhang genannt wird, und zwar sehr treffend. Denn wie im Tempel der heilige Vorhang das Allerheiligste gänzlich verhüllte, so hatte das Fleisch des Herrn eine ähnliche Wirkung, indem es gewissermaßen nicht gestattete, die übernatürliche und einzigartige Hoheit und Herrlichkeit des mit diesem Fleische geeinten Wortes Gottes unmittelbar und unverhüllt zu schauen. Einige vermuteten daher, Christus sei Elias oder einer der Propheten; die Juden aber, denen jedes Verständnis für das Geheimnis abging, sprachen spöttisch: „Ist dieser nicht der Sohn des Zimmermannes?“ „Wie kann er denn sagen: Ich bin vom Himmel herabgestiegen?“ Die Gottheit ist ja von Natur unsichtbar; aber der seiner Natur nach Unsichtbare ist den Erdenbewohnern in unserer Gestalt sichtbar geworden, und Gott der Herr ist uns erschienen. Und das ist es, glaube ich, was der göttliche David lehrt, wenn er sagt: „Gott wird sichtbar kommen, unser Gott, und er wird nicht schweigen.“

B. Du denkst richtig. Jene aber behaupten, es verhalte sich nicht so; daran fehle noch viel. Unter keinen Umständen wollen sie das Leiden am Kreuze dem aus Gott entsprungenen Worte zuweisen; vielmehr lehren sie, das Wort habe den zu gleichen Ehren mit ihm verbundenen Menschen dazu beauftragt, den Mißhandlungen von Seiten der Juden und den Leiden am Kreuze und schließlich auch dem Tode sich zu unterziehen, und dieser Mensch sei der Urheber unseres Heiles geworden, indem er in der Kraft des ihm verbundenen Wortes wieder zum Leben zurückkehrte und die Gewalt des Todes zunichte machte.

A. Können sie uns nun aus den heiligen Schriften den Beweis für diese Behauptungen erbringen oder führen sie Neuerungen im Glauben ein, „aus ihrem eigenen Herzen sprechend und nicht aus dem Munde Gottes“, wie geschrieben steht, oder vielleicht nicht imstande, zu sagen: „Mir soll es fern sein, mich zu rühmen, außer in dem Kreuze Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt?“

B. Ja, sagen sie, wir können den Beweis erbringen. Der allweise Paulus bestätigt unsere Behauptungen, indem er wie folgt geschrieben hat: „Denn es geziemte sich für den, um dessentwillen alles und durch den alles ist, da er viele Söhne zur Herrlichkeit führte, den Urheber ihres Heiles durch Leiden zu vollenden.“ Denn der, sagen sie, in dem alles und durch den alles ist, kann kein anderer sein als das aus Gott entsprungene Wort. Dieses also hat durch Leiden den Urheber unseres Heiles, das heißt den Menschen aus dem Samen Davids, vollendet.

A. Dann sind wir also nicht mehr von seiten Gottes erlöst worden — wie wäre das noch möglich? —, sondern vielmehr durch fremdes Blut, und gestorben ist für uns ein unterschobener Mensch und fälschlich sogenannter Sohn, und das ehrwürdige und große Geheimnis der Menschwerdung des Eingeborenen ist Posse und Trug, und er ist nicht Mensch geworden. Nicht ihn haben wir als Heiland und Erlöser zu bezeichnen, sondern vielmehr jenen, der sein Blut für uns dahingegeben. Und doch hat der hochheilige Paulus gewissen Christen geschrieben: „Die Sinnbilder der himmlischen Dinge also müssen durch diese Mittel gereinigt werden, die himmlischen Dinge selbst aber durch bessere Opfer als diese. Denn nicht in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, ein Abbild des wahren, ist Christus eingegangen, sondern in den Himmel selbst, um nunmehr vor dem Angesichte Gottes für uns zu erscheinen und nicht um oftmals sich selbst darzubringen, wie der Hohepriester Jahr für Jahr mit fremdem Blute in das Heiligtum eintritt, denn sonst hätte er oftmals leiden müssen seit Grundlegung der Welt. Nun aber ist er einmal bei Vollendung der Weltzeiten erschienen, um die Sünde durch sein Opfer hinwegzunehmen.“ — Das also gehört dem Vorbilde an, daß der Eintritt mit fremdem Blute erfolgt und einige wenige gereinigt werden; dem Wahren aber oder der Wahrheit ist etwas weit Besseres eigen, nämlich daß Jesus mit seinem eigenen Blute eingeht, nicht in ein zeitweiliges und mit Händen gemachtes Zelt, wie es dem Schatten und den Vorbildern entsprach, sondern in das obere und wahre, das heißt in den Himmel. Es müssen nämlich die Sinnbilder der himmlischen Dinge durch diese, will sagen durch vorbildliche und fremdartige, Mittel gereinigt werden, die himmlischen Dinge selbst aber durch bessere Opfer als diese. Wir können demnach nicht umhin, zu wählen, ob wir Christus das Bessere zuerkennen wollen oder das Vorbildliche. Ich stimme für das Wahre, also für den Eingang mit dem eigenen Blute.

B. Du hast recht.

A. Da sie sich jedoch gegen das Wort des Apostels auflehnen, wie wenn es von einem gewöhnlichen Menschen handle, wohl, so wollen wir die ganze Ausführung von Anfang bis zu Ende, soweit es anders zur Klarstellung des Gedankens erforderlich, noch einmal wiederholen. Es steht also geschrieben: „Den für eine kleine Weile unter die Engel Erniedrigten aber, Jesus nämlich, sehen wir wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Denn es geziemte sich für den, um dessentwillen alles und durch den alles ist, da er viele Söhne zur Herrlichkeit führte, den Urheber ihres Heiles durch Leiden zu vollenden. Denn der, der heiligt, und die, die geheiligt werden, aus Einem sind sie alle, weshalb er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen, indem er sagt: ,Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden‘, und wiederum: ,Sieh, ich und die Kinder, die Gott mir gegeben hat.‘ Da nun die Kinder an Blut und Fleisch teilhaben, so hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen, damit er durch den Tod den Gewalthaber des Todes, das heißt den Teufel, zunichte mache und diejenigen, die durch die Furcht vor dem Tode ihr ganzes Leben lang in Knechtschaft gehalten wurden, befreie. Denn nicht etwa der Engel nimmt er sich an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an. Daher mußte er in allem den Brüdern ähnlich werden.“ — Sieh doch, sieh, wie er ganz deutlich sagt, er sei um des Todesleidens willen unter die Engel erniedrigt, deshalb aber auch mit Ehre und Herrlichkeit bekränzt worden. Augenscheinlich spricht er von dem, der hier überhaupt in Rede steht, nämlich von dem Eingeborenen. Er sagt ja auch, daß er an Blut und Fleisch gleich uns teilgenommen und nicht der Engel, sondern des Samens Abrahams sich angenommen habe. Denn es geziemte sich für Gott und den Vater, um dessentwillen alles und durch den alles ist, seinen Sohn, der in die Entäußerung hinabgestiegen und Mensch geworden war, indem er die Knechtsgestalt annahm, durch Leiden zu vollenden, auf daß er sein eigenes Fleisch als Lösepreis für das Leben aller dargebe. Christus ist ja für uns geschlachtet worden als das fehlerlose Opferlamm, und „durch eine einzige Darbringung hat er für immer die, die geheiligt werden, vollendet“, indem er die Menschennatur in ihren anfänglichen Zustand zurückversetzte. Denn „in ihm ist alles neu“. Daß aber Gott und der Vater seinen eigenen Sohn für uns dahingegeben hat, das bezeugt uns nicht minder deutlich der allweise Paulus, der von ihm schreibt: „Der da des eigenen Sohnes nicht geschont, sondern für uns alle ihn dahingegeben hat, wie sollte er nicht mit ihm auch alles [andere] uns schenken?“ Den eigenen Sohn Gottes nun nennen wir das aus seinem Wesen hervorgegangene Wort; und für uns dahingegeben worden ist er nicht in nacktem und fleischlosem Zustande, sondern nachdem er Fleisch geworden; und das Leiden war nicht schimpflich für ihn, weil er nicht in der Natur der Gottheit, sondern in seinem Fleische gelitten hat. Gott und der Vater hat, wie ich vorhin sagte, „den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir mit ihm Gottesgerechtigkeit würden“. Sollen wir nun sagen, er sei Sünde geworden, und nicht vielmehr, er werde deshalb Sünde genannt, weil er den Sündern ähnlich geworden?

B. Du hast ganz recht.

A. Gleichwie er nun den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht hat, damit wir in ihm Gottesgerechtigkeit würden — denn in ihm ist die Menschennatur gerechtfertigt worden —, so hat er auch den, der keinen Tod kannte — denn das Wort ist Leben und Lebensspender —, im Fleische leiden lassen, während er, insofern er Gott ist, frei von Leiden blieb, damit wir durch ihn und mit ihm zum Leben gelangten. Deshalb ist auch das Leiden Christi „Ähnlichkeit des Todes“ genannt worden, wie geschrieben steht: „Denn wenn wir seine Genossen geworden sind durch die Ähnlichkeit seines Todes, so werden wir es doch auch durch die Ähnlichkeit der Auferstehung sein.“ Denn das Wort lebte, auch als sein heiliges Fleisch dem Tode anheimfiel, auf daß nach Überwindung des Todes und Vernichtung der Vergänglichkeit die Kraft der Auferstehung auf das gesamte Menschengeschlecht überginge. Denn es ist wahr, daß „wie in Adam alle sterben, so auch in Christus alle zum Leben gelangen werden“. Welchen Nutzen aber soll das Geheimnis der Menschwerdung des Eingeborenen im Fleische der Menschennatur gebracht haben, wenn nicht Gott das Wort Fleisch geworden ist?, wenn nicht der, der über aller Schöpfung ist, sich zur Entäußerung herabgelassen und unsern Stand erwählt hat?, wenn nicht der vergängliche Leib ein lebendiger Leib geworden ist, über Tod und Vergänglichkeit erhaben?

B. So behaupten wir demnach, daß das Gott dem Vater entstammte Wort selbst es gewesen ist, welches im Fleische um unsertwillen gelitten hat?

A. Ganz gewiß. Es muß wahr sein, was Paulus von ihm sagt: „Er ist das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung; denn in ihm ist alles geschaffen worden, Sichtbares und Unsichtbares, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten, alles ist durch ihn und für ihn geschaffen worden. Und er ist vor allem, und in ihm hat alles Bestand, und er ist das Haupt des Leibes der Kirche, da er der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe.“ — Sieh doch, wie er ganz deutlich sagt, daß das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung, der sichtbaren und der unsichtbaren, durch den und in dem alles ist, der Kirche zum Haupte gegeben und daß er der Erstgeborene aus den Toten ist. Denn er hat, wie ich schon sagte, das, was des Fleisches ist, sich selbst zu eigen gemacht und „hat das Kreuz erduldet, ohne der Schande zu achten“. Nicht ein einfacher Mensch, der durch die Verbindung mit ihm, ich weiß nicht wie, zu Ehren gekommen wäre, ist für uns dahingegeben, sondern der Herr der Herrlichkeit selbst ist gekreuzigt worden. „Denn wenn sie [die Weisheit Gottes] erkannt hätten“, heißt es, „so würden sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben.“ Er hat aber nach den Schriften um unsertwillen und für uns im Fleische gelitten. „Dem Fleische nach aus den Juden, ist er Gott über alles und gepriesen in alle Ewigkeit. Amen.“ So hat der hochheilige Paulus geschrieben, der Herold und Apostel, der Christus selbst in sich trug. Übrigens sollst du mir auch noch sagen, wie sie das Wort Christi an die Samariterin verstehen wollen: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, weil das Heil von den Juden kommt.“ Erlöst aber hat uns „nicht ein Gesandter und nicht ein Engel, sondern der Herr selbst“,13nicht durch fremden Tod und durch Vermittlung eines gewöhnlichen Menschen, sondern durch das eigene Blut. Deshalb sagte auch sehr mit Recht der allweise Paulus: „Hat jemand das Gesetz des Moses umgestoßen, so stirbt er ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin; um wie härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und dem Blute der Gnade, in dem er geheiligt worden, Schmach angetan hat?“ Ist es jedoch nicht das kostbare Blut des wahren Sohnes, der Mensch geworden, sondern das Blut irgendeines von ihm verschiedenen unechten Sohnes, der durch Gnade zur Sohnschaft gelangt ist, wie sollte er nicht für einen gewöhnlichen Menschen zu erachten sein? Aber wenn es nun auch heißt, er habe im Fleische gelitten, so bleibt ihm doch auch so die Leidenslosigkeit gewahrt, insofern er Gott ist. Daher sagt auch der göttliche Petrus: „Denn Christus ist einmal für unsere Sünden gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, um uns Gott zuzuführen, getötet dem Fleische nach, aber auferweckt durch den Geist.“ Warum, könnte vielleicht jemand fragen, hat der Geistesträger nicht einfach und ohne nähere Bestimmung gesagt, er habe gelitten, sondern hinzugefügt „dem Fleische nach“? Er wußte wohl, warum, weil er nämlich von Gott sprach. Deshalb hat er ihm die Leidenslosigkeit vorbehalten, insofern er Gott ist, und hat sehr sachgemäß hinzugefügt „dem Fleische nach“, weil das Leiden von dem Fleische galt.

B. Aber, sagen sie, es ist doch unnatürlich und streift sehr nahe an das Widersinnige, wenn man behaupten soll, einer und derselbe habe gelitten und habe nicht gelitten. Entweder hat er überhaupt nicht gelitten, weil er Gott ist, oder, wenn er gelitten haben soll, wie kann er Gott sein? Gelitten haben kann demnach nur der aus dem Samen Davids.

A. Allein ist es nicht ein Beweis, und zwar ganz deutlicher Beweis schwachen Verstandes, solches zu sagen und gar glauben zu wollen? Nicht einen gewöhnlichen Menschen hat Gott und der Vater für uns dahingegeben, einen Menschen, der an Stelle eines Mittlers angenommen und mit der Herrlichkeit der Sohnschaft übertüncht und durch enge Verbundenheit geehrt worden wäre, sondern das um unsertwillen in unserer Gestalt erschienene, über aller Schöpfung erhabene, aus dem Wesen des Vaters selbst hervorgegangene Wort, welches fürwahr einen würdigen Lösepreis für das Leben aller darstellte. Es ist aber, meine ich, im höchsten Grade frevelhaft, dem Eingeborenen, der nach den Schriften Fleisch geworden ist und die Menschwerdung nicht verschmäht hat, gewissermaßen einen Vorwurf daraus zu machen, daß er gegen die eigene Herrlichkeit ankämpfte und im Fleische über Gebühr leiden wollte. Das hat ja doch, geschätzter Freund, zum Heile gedient für die ganze Welt. Da er zu diesem Ende leiden wollte, so hat er, von Natur aus Gott und aller Leidensfähigkeit entrückt, sich mit dem leidensfähigen Fleische umkleidet und dasselbe zu dem seinigen gemacht, damit das Leiden sein Leiden heißen könne, weil sein Leib gelitten hat und nicht der Leib irgendeines andern. Wenn also die Menschwerdung ihm unbestritten die Möglichkeit gibt, dem Fleische nach zu leiden, der Gottheit nach aber nicht zu leiden — denn er war Gott und Mensch zugleich in einer Person —, so ergehen sich die Gegner in müßigem Geschwätz, und indem sie Sinn und Bedeutung des Geheimnisses unverständigerweise verfälschen, glauben sie gar eine bewundernswerte Einigung herstellen zu können. Sie meinen es ihm als Schimpf anrechnen zu sollen, daß er überhaupt im Fleische leiden wollte, während es im Gegenteil eine Ruhmestat war. Denn daß er Macht besaß über Tod und Vergänglichkeit, da er als Gott Leben und Lebensspender ist, das hat die Auferstehung bewiesen. Deshalb sagt der göttliche Paulus: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn eine Gotteskraft ist es zum Heile für jeden, der glaubt.“ Und wiederum: „Denn das Wort vom Kreuze ist denen, die verlorengehen, eine Torheit, uns aber, die gerettet werden, eine Gotteskraft, denen aber, die berufen sind, Juden wie Heiden, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ Und auch der Sohn selbst hat, da er im Begriffe stand, zu dem heilbringenden Leiden zu schreiten, gesagt: „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht, und Gott wird ihn bei sich verherrlichen, und alsbald wird er ihn verherrlichen.“ Denn er ist wieder aufgelebt, nachdem er die Unterwelt geplündert hatte, und zwar nicht erst lange Zeit nachher, sondern allsogleich und sofort nach beendetem Leiden.

B. Indes, der allweise Paulus sagt doch: „Da ihr nach einer Erprobung des in mir redenden Christus verlangt, der nicht schwach, sondern stark ist in uns; denn er ist gekreuzigt worden aus Schwachheit, aber er lebt aus Gotteskraft.“ Wie aber soll man von dem Worte sagen können, es sei schwach geworden, habe aber gelebt aus Gotteskraft?

A. Sagen wir denn nicht immer wieder, daß das Wort Gottes Fleisch geworden ist und die menschliche Natur angenommen hat?

B. Das ist freilich wahr.

A. Der also, der im Fleische schwach geworden ist, insofern er als Mensch erschienen war, er hat gelebt aus Gotteskraft, und nicht aus fremder, sondern aus ihm selbst innewohnender Kraft. Denn er war Gott im Fleische.

B. Es heißt jedoch, daß der Vater ihn auf erweckt hat. Denn es steht geschrieben: „Nach der Wirksamkeit der Gewalt seiner Stärke, welche er gewirkt hat an Christus, indem er ihn auferweckte von den Toten und zu seiner Rechten in den Himmelshöhen setzte, über alle Herrschaft und Gewalt und Hoheit und jeden Namen, der genannt wird.“

A. Aber er selbst, behaupten wir, ist die lebenspendende Kraft des Vaters und er erstrahlt demgemäß im Herrlichkeitsglanze des Erzeugers, auch wenn er Fleisch geworden ist. Er selbst tritt auch als Zeuge dafür auf, indem er spricht: „Denn wie der Vater lebendig macht, welche er will, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will.“ Und daß er dies ohne alle Mühe bewerkstelligen kann, bekundet sein Wort an die Juden: „Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen will ich ihn aufbauen.“ Nachdem er aber auferstanden, hat er sich zur Rechten des Vaters in den Himmelshöhen gesetzt, über alle Herrschaft und Gewalt und Thron und Fürstentum und jeden Namen, der genannt wird. Soll das nun ein von dem aus dem Vater entsprungenen Worte verschiedener Sohn gewesen sein, einer, der durch bloße Verbundenheit geehrt worden war und den Namen der Gottheit als Gnadenanteil erlangt hatte, oder vielmehr der natürliche und wahre Sohn, der durch die Menschwerdung „den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als Mensch erfunden ward“?

B. Vermutlich werden sie sagen, es sei der zu gleichen Ehren mit ihm verbundene Mensch aus dem Samen Davids gewesen, derselbe, dem sie auch das Todesleiden zugeeignet wissen wollen.

A. Aber wer zu gleichen Ehren mit einem andern gelangt ist, würde, wie ich schon früher sagte, nicht der Zahl nach einer mit dem andern sein, sondern einer neben einem andern, das wären zwei, und zwar zwei von ungleicher Natur, da der, der geehrt wird, geringer sein muß als der, der ehrt. Weil aber ein Sohn sich zur Rechten des Vaters gesetzt hat, so sollen sie uns lehren, wer denn jenes höchsten Sessels gewürdigt und Throngenosse des Vaters geworden ist. Es wäre doch ein im höchsten Grade frevelhaftes Unterfangen, den Herrn auf gleiche Stufe zu stellen mit dem Knechte, den Schöpfer mit dem Geschöpfe, den König des Weltalls mit dem, der im Joche geht, den, der über alles erhaben, mit dem, der nach allen Seiten hin verpflichtet ist,

B. Das solltest du uns noch etwas genauer erklären.

A. Zwar ist, meine ich, schon einläßlich und weitläufig genug über diese Dinge verhandelt worden. Doch will ich nicht säumen, dem Gesagten noch Weiteres hinzuzufügen und zu dem schönen Zwecke der Verteidigung der heiligen Glaubenssätze gleichsam eine volle Waffenrüstung anlegen, um den Vertretern der falschen Lehren die Wahrheit entgegenzuhalten. Daß nämlich das eingeborene Wort Gottes nicht durch Vermittlung eines von ihm verschiedenen, wenn auch eng mit ihm verbundenen Sohnes, sondern vielmehr selbst in eigener Person Mensch geworden ist und die Gewalt des Todes zunichte gemacht hat, das bezeugt er uns mit den Worten: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe.“ Wenn aber er die Liebe Gottes und des Vaters zur Welt so hoch erhebt und als über die Maßen groß und mächtig hinstellt, warum wollen die Gegner sie verkleinern, indem sie die Dahingabe des wahren Sohnes für uns leugnen und vielmehr einen aus uns, der mit der Gnade der Sohnschaft ausgestattet gewesen, an die Stelle des natürlichen Sohnes rücken, während es doch der Eingeborene war, der für uns dahingegeben wurde? Wenn sodann Johannes ausdrücklich geschrieben hat: „Der eingeborene Gott, der im Schoße des Vaters ist“, wie soll man sich nicht wundern über die Unbelehrbarkeit, mit welcher sie dem eingeborenen Gott dem Wort die Menschwerdung absprechen und statt seiner, wie gesagt, einen Menschen einführen, der von außen her mit Herrlichkeiten umkränzt ist und den Namen der Gottheit sich erschlichen hat? Und weiter, was soll noch Großes und Staunenswertes an der Liebe des Vaters zu finden sein, wenn er einen Teil der Welt und noch dazu einen recht kleinen Teil für uns dahingegeben hat? Auch würde man wohl mit Recht sagen können, die Welt sei erlöst worden ohne irgendwelches Zutun von seiten Gottes, lediglich mit Hilfe von Teilen ihrer selbst.

B. Hingegeben worden, sagen sie, sei der Eingeborene von Seiten des Vaters, damit er unsere Angelegenheiten in Ordnung bringe, nicht damit er in seiner eigenen Natur etwas Menschliches erleide. Denn das ist unmöglich.

A. In seiner eigenen Natur freilich kann er nicht das mindeste leiden. Denn Gott ist unkörperlich und deshalb aller Leidensfähigkeit entrückt. Es ist ihm aber nach seinem eigenen Worte, gesprochen durch den Mund des Psalmensängers, von Seiten des Vaters „ein Leib bereitet worden“; und so ist er in einem Leibe erschienen, um den Willen des Vaters auszuführen. Das aber war die Erlösung und Erneuerung des Weltalls durch das kostbare Kreuz, wie sie durch ihn und in ihm gar trefflich bewerkstelligt werden sollte. Dem stimmt auch der einzigartige Paulus zu, der wie folgt geschrieben hat: „So denke ein jeder von euch bei sich, wie auch Christus Jesus gedacht hat, der, da er in Gottesgestalt war, es nicht für Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte, indem er Knechtsgestalt annahm, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestode. Deshalb hat auch Gott ihn erhöht und ihm einen Namen geschenkt, welcher über allen Namen ist, auf daß im Namen Jesu Christi jedes Knie sich beuge im Himmel, auf Erden und unter der Erde und jede Zunge bekenne, daß der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters ist.“ — Wer nun, glaubst du wohl, ist der, der in Gottes und des Vaters Gestalt war und, da es ihm freistand, dem Vater gleich zu bleiben, diese so ausgezeichnete und göttliche Würde und die Hoheit über alle Dinge nicht für Raub hielt? Ist es nicht der aus dem Vater hervorgegangene Gott das Wort? Wie sollte das nicht für einen jeden klar sein! Dieser selbst aber, der in des Vaters Gestalt und dem Vater gleich war, nahm Knechtsgestalt an, nicht durch enge Verbindung, den Menschen ähnlich geworden und im Äußern als ein Mensch erfunden — denn er war zugleich auch Gott —, und er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestode. B. Aber, sagen sie, es heißt von ihm, Gott habe ihm einen Namen über allen Namen geschenkt, auf daß im Namen Jesu jedes Knie sich beuge. Wie jedoch könnte das Wort, anerkanntermaßen Gott, etwas empfangen haben? Wir müssen deshalb annehmen, der Name über allen Namen sei vielmehr dem angenommenen Menschen gegeben worden, damit wir nicht Gefahr laufen, Ungeziemendes von dem Eingeborenen zu denken.

A. Allein, soll es nicht ungleich richtiger sein, zu sagen, dem natürlichen Sohne, der um unsertwillen Mensch geworden, sei der Name von Seiten des Vaters gegeben worden, auf daß er, der unsere Niedrigkeit auf sich nahm, auch in der Menschennatur als Gott und Inhaber der höchsten Würden anerkannt werde? Sonst würde ja Engeln und Menschen ein neuer und so eben erst erschienener Gott vorgeführt werden, ein Gott, der die Gottesherrlichkeit nicht wesenhaft in sich trägt, sondern von außen her empfangen hat, nur durch den Willen Gottes und des Vaters.

B. Behaupten wir nun also, dem aus Gott dem Vater entsprossenen Worte selbst sei der Name über allen Namen gegeben worden?

A. Ganz gewiß. Wir können damit nicht vom rechten Ziele abirren, wenn es anders wahr ist, daß er es nicht für Raub hielt, Gott gleich zu sein, dennoch aber gewissermaßen zu Unrühmlichkeiten hinabgestiegen ist, insofern er als Mensch erschien. Daher sagte er auch: „Der Vater ist größer als ich“, obwohl er, insofern er Gott und der Natur nach aus Gott geboren ist, stets in Gott und in allem durchaus Gott gleich ist und im Glänze der Gottheit erstrahlt, Nun sollte es nicht den Anschein gewinnen, als ob der, der unsertwegen in menschliche Verhältnisse hinabgestiegen war, jener der Natur nach ihm innewohnenden Größe und Hoheit verlustig gegangen sei; vielmehr sollte er in dem Entäußerungsstande nach unserer Art den vollen Besitz der Gottheit behalten, mit der Niedrigkeit die Hoheit verbinden und der Menschennatur wegen das, was ihm von Natur aus zukam, als Geschenk erhalten und so von allen angebetet werden. Denn ihm beugt sich jedes Knie im Himmel und auf Erden, und jedwede Ordnung singt ihm Lobpreis, und alle glauben, daß Christus Jesus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters ist. Hat er doch auch zu dem Vater und Gott in den Himmeln gesprochen: „Vater, verherrliche mich mit der Herrlichkeit, die ich hatte, bevor die Welt war, bei dir!“ Sag‘ mir nun, bitte, hat der Mensch, den der Eingeborene nach der gegnerischen Behauptung in enger Verbundenheit angenommen haben soll, ein vorweltliches Dasein gehabt?

B. Keineswegs.

A. Wer ist denn der, der um die Herrlichkeit bittet, die ihm, wie er sagt, schon vor Grundlegung der Welt eignete, weil er stets und immerfort bei Gott war? Ist es nicht der dem Vater gleichewige Gott das Wort, der Genosse des Thrones und des Seins des Vaters, der, von dem der allweise Evangelist Johannes sagt: „Das Wort war bei Gott und Gott war das Wort?“

B. Wie sollte das nicht der Fall sein?

A. Gleichwie er nun, da er der Herr der Herrlichkeit war und sich dann zur Niedrigkeit der Knechtsgestalt herabließ, um Wiedererlangung der ihm stets innewohnenden Herrlichkeit bittet und damit seiner Menschheit Rechnung trägt, so steigt er, weil er stets Gott ist, aus unsern Verhältnissen heraus wieder zu der Hoheit und Herrlichkeit seiner Gottheit auf. Denn fürderhin sollte ihm, dem einen natürlichen und wahren Sohne, der aber zugleich auch einer wie wir und Fleisch geworden ist, jedes Knie sich beugen, wie ich soeben sagte. Wenn wir so denken und glauben, werden wir, meine ich, Himmel und Erde gegen die Vorwürfe, einen Menschen anzubeten, sicherstellen. Denn es steht geschrieben: „Du sollst den Herrn deinen Gott anbeten und ihm allein dienen!“

B. Aber diese Lehre bedarf gar vieler Stützpunkte. Fahr also fort und erläutere uns das Geheimnis auch durch anderweitige Erwägungen!

A. Ich will fortfahren, und zwar sehr gern. Ich behaupte nun, daß sie sich gegen die Wahrheit verfehlen, indem sie dem natürlichen und wahren Sohne, nämlich dem Eingeborenen, noch einen andern Sohn, den aus dem Samen Davids, an die Seite geben. Die Heilige Schrift lehrt ausdrücklich: „Der erste Mensch ist von der Erde aus Staub gebildet, der zweite [stammt] aus dem Himmel“; und der Sohn selbst erklärt: „Ich bin vom Himmel herabgestiegen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Das aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, daß ich nichts von alledem, was er mir gegeben, zugrundegehen lasse, sondern es auferwecke am Jüngsten Tage.“ Wer ist nun nach ihnen der, der vom Himmel herabgestiegen ist? Denn der Leib ist aus dem Weibe geboren.

B. Offenbar das aus Gott dem Vater geborene Wort. Darin werden sie, glaube ich, alle übereinstimmen.

A. Recht so, mein Freund. Auch der allweise Johannes hat irgendwo geschrieben: „Wer von oben kommt, ist über allen.“ Wenn jedoch der Vater will, daß er alles, was ihm gegeben worden, auferwecke, und es sich um ein gutes und sehr gottgeziemendes Werk handelt — denn es ist Gott eigen, zu retten —, wie kann er sagen, er sei herabgekommen, nicht um seinen Willen zu tun, sondern den des Vaters? Will denn einer aus uns glauben, die Güte Gottes und des Vaters werde von dem ihm entsprossenen Sohne hintangesetzt und der Sohn sei gar nicht gut und lehne es ab, das ihm Gegebene aufzuerwecken und von der Vergänglichkeit zu erretten?

B. Wir geraten in Gefahr.

A. Mit allem Rechte werden wir doch wohl folgern, daß er als der echte Sproß des guten Vaters auch selbst gut, ja die Güte selbst ist. Denn nach seinem eigenen Worte „erkennt man an der Frucht den Baum“; und er muß auch die Wahrheit sprechen, wenn er sagt: „Wer mich gesehen, hat den Vater gesehen;“ „Ich und der Vater sind Eins.“

B. Du redest trefflich. Erläutere nun selbst die, wie mir scheint, immerhin etwas dunkeln Worte!

A. Der Sohn handelte nicht gegen seinen Willen, als er den Tod zunichte machte und den menschlichen Leib der Vergänglichkeit entriß. „Denn er hatte keine Freude an dem Untergang der Lebenden, und die Geschlechter der Welt sind zum Heile bestimmt“, wie geschrieben steht: „Durch den Neid des Teufels ist der Tod in die Welt gekommen.“ Allein die traurige Herrschaft des Todes konnte auf keine andere Weise erschüttert werden als durch die Menschwerdung des Eingeborenen. Deshalb ist er als einer wie wir erschienen und hat nach den der Natur innewohnenden Gesetzen den vergänglichen Leib sich selbst zu eigen gemacht, um ihm, da er selbst das Leben ist — denn er ist geboren aus dem Leben des Vaters —, sein Gut, das heißt das Leben, einzupflanzen. Nachdem er nun einmal aus Güte und Menschenfreundlichkeit sich entschlossen hatte, uns ähnlich zu werden, so mußte er auch das Leiden auf sich nehmen, welches die Gottlosigkeit der Juden über ihn verhängte. Die Schmach des Leidens aber war ihm schaurig; und als die Zeit gekommen war, da er für das Leben aller das Kreuz erdulden sollte, ging er, um zu bezeugen, daß das Leiden gegen seinen Willen sei, nach Menschenart zu Werke und fing an zu beten: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, aber nicht wie ich will, sondern wie du.“ Der, der vom Himmel herabgestiegen ist, will er sagen, weist das Schmerzliche nicht von sich, um den Erdenbewohnern die Auferstehung zu vermitteln, die er und nur er als neues Geschenk der Menschennatur gebracht hat. Denn er ist dem Fleische nach „der Erstgeborene aus den Toten“ und „der Erstling der Entschlafenen“. Offenbar hat also er selbst gelitten und nicht ein anderer, er selbst, insofern er als Mensch erschienen war, wenngleich er leidenslos geblieben ist, insofern er als Gott gedacht wird.

B. So meine ich auch.

A. Erinnere dich aber, daß die gotteingegebene Schrift sagt: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele, der letzte Adam zu einem lebendigmachenden Geist.“

B. Werden wir denn sagen, daß das gottenstammte Wort „der letzte Adam“ genannt worden sei?

A. Nicht das nackte Wort, wie gesagt, aber das uns ähnlich gewordene Wort. Dieses Wort ist gemeint, denn lebendig zu machen, ist nicht Menschen, sondern Gottes Sache. Der letzte Adam aber heißt er, weil er dem Fleische nach aus Adam stammt und der zweite Stammvater der Erdenbewohner geworden ist, indem in ihm die Menschennatur wiederhergestellt ward zu einem neuen Leben, einem Leben in Heiligkeit und Unvergänglichkeit, vermöge der Auferstehung von den Toten. So ist der Tod zunichte gemacht worden, weil der, der der Natur nach Leben war, nicht zuließ, daß sein Leib der Vergänglichkeit anheimfiel, da „es nicht möglich war, daß Christus von der Vergänglichkeit festgehalten wurde“, gemäß dem Worte des göttlichen Paulus. Und so ist die Frucht der Rechttat auch auf uns übergegangen.

B. Ausgezeichnet hast du gesprochen.

A. Beachte mir aber überdies auch folgendes!

B. Was meinst du denn?

A. Christus hat irgendwo zu den heiligen Aposteln gesagt: „Geht hin und lehret alle Völker und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Wir sind demnach getauft worden auf die heilige und wesenseine Dreifaltigkeit, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist. Oder ist es nicht wahr, was ich sage?

B. Wer wollte es leugnen?

A. Verstehen wir nicht unter dem Vater den Erzeuger und unter dem Sohn den aus ihm der Natur nach gezeugten eingeborenen Gott das Wort?

B. Ganz gewiß.

A. Wie sind wir nun auf seinen Tod getauft worden gemäß dem Worte des seligen Paulus: „Wir alle, die wir auf Christus getauft worden, sind auf seinen Tod getauft worden?“ Es ist aber „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“, und sie werden doch wohl nicht behaupten wollen, daß wir auf einen andern der Person nach verschiedenen Sohn, den aus dem Samen Davids, getauft seien. Da er nun als Gott von Natur aus über alles Leiden erhaben ist, aber beschloß zu leiden, um die unter der Vergänglichkeit Seufzenden zu erlösen, so ist er den Erdenbewohnern in allem ähnlich geworden und hat sich dem Fleische nach der Geburt aus dem Weibe unterzogen und sich einen Leib zu eigen gemacht, der den Tod kosten und wieder aufleben konnte, so daß er, während er selbst leidenslos blieb, in seinem Fleische gelitten hat. Denn erlöst hat uns der, der zugrunde gegangen ist. Er sagte ja auch mit Nachdruck: „Ich bin der gute Hirt; der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe“, und wiederum: „Niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich gebe es von mir selbst aus; ich habe Gewalt, mein Leben zu geben und habe Gewalt, es wieder zu nehmen.“ Einem der Unsrigen oder einem gewöhnlichen Menschen kam es nicht zu, sein Leben zu geben und wieder zu nehmen; gegeben und wieder genommen hat es vielmehr der eingeborene und wahre Sohn, zu dem Zwecke, uns den Stricken des Todes zu entreißen, Ebendies ist, wie aus den Büchern des Moses zu ersehen, durch die Schatten der Vorzeit ganz deutlich versinnbildet worden. Denn die Schlachtung des Lammes hat die Israeliten vom Tod und Verderben errettet und den Würgengel versöhnt. Das war ein Vorbild Christi. Denn „als unser Paschalamm ist Christus für uns geschlachtet worden“, auf daß er die traurige Herrschaft des Todes zerstöre und mit seinem Blute den gesamten Erdkreis sich erwerbe. „Um einen hohen Preis sind wir erkauft worden, und wir gehören nicht uns selbst an.“ Einer ist für alle gestorben, einer, der an Wert alle überragte, „damit die Lebenden nicht mehr für sich lebten, sondern für den, der für sie gestorben und auferweckt worden“. Dem stimmt auch Paulus zu, wenn er sagt: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetze gestorben, damit ich Gott lebe; mit Christus bin ich gekreuzigt worden; zwar lebe ich, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, welcher mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben hat.“ Wir gehören also alle Christus an; und durch ihn sind wir mit dem Vater versöhnt worden, indem er im Fleische für uns litt, um uns zu entsündigen. Denn es steht geschrieben: „Deshalb hat auch Jesus, um durch sein Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten“, und wiederum: „Auch uns, die wir einst entfremdet waren und durch die Gesinnung verfeindet in den bösen Werken, hat er dagegen jetzt versöhnt im Leibe seines Fleisches durch den Tod, um uns heilig und ohne Makel darzustellen vor ihm.“ Nun merke wohl, wie von dem eigenen Blute und dem eigenen Fleische gesprochen wird, das für uns dahingegeben worden, damit wir nicht an das Fleisch eines andern, von ihm verschiedenen, für sich bestehenden Sohnes denken sollten, eines Sohnes, der durch bloße Verbundenheit geehrt worden, nur von außen erlangte Herrlichkeit, nicht wesenhafte Hoheit besitzt, nur als Schmuck und gleichsam als umgeworfene Maske den Titel eines Sohnes und gar eines Gottes über alles trägt! Ist er in Wirklichkeit von der Art, wie die Gegner sich ihn vorzustellen pflegen, so hat er durchaus kein Recht, zu erklären: „Ich bin die Wahrheit.“ Denn wie kann das etwas Wahres sein, was nicht so ist, wie es heißt, sondern unecht ist und falschen Namens. Christus aber ist die Wahrheit, und als Gott ist er über alles; denn das Wort ist, was es war, geblieben, auch nachdem es Fleisch geworden, weil der, der über allen und der Menschennatur wegen in allen ist, der Erhabenheit über einen jeden und über alle Schranken der Schöpfung nicht verlustig gehen sollte.

B. Es wird aber doch, sagen sie, Gott dem Worte ein großer Schimpf zugefügt, wenn gesagt wird, er habe gelitten, und überdies wird auch unser ehrwürdiges Geheimnis selbst in üble Beleuchtung gerückt.

A. Aber er hat der Schmach nicht geachtet und um unsertwillen im Fleische leiden wollen, wie die Schriften lehren. Wir betrachten es als eine Krankheit jüdischen Geistes und eine schwere Verschuldung heidnischer Verständnislosigkeit, das Leiden am Kreuze für eine Schmach zu halten. Schreibt doch der göttliche Paulus: „Während einerseits die Juden Zeichen verlangen und anderseits die Heiden Weisheit suchen, predigen wir Christus den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, denen aber, die berufen sind, Juden wie Heiden, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen.“

B. Wie meinst du das? Ich verstehe es nicht recht.

A. Heißt es denn nicht, daß das Leiden am Kreuze den Juden ein Ärgernis gewesen sei, den Heiden aber eine Torheit? Die einen nämlich sagten, als sie ihn am Holze hängen sahen und die blutbesudelten Köpfe über ihn schüttelten: „Wenn du der Sohn Gottes bist, so steig‘ herab vom Kreuze, und wir wollen dir glauben.“ Sie waren der Meinung, daß er ihrer Gewalt unterlegen sei und deshalb gelitten habe; fälschlich setzten sie voraus, er sei nicht wahrhaft der Sohn Gottes, indem sie nur auf das Fleisch sahen. Die Heiden aber, in keiner Weise fähig, die Tiefe des Geheimnisses zu erfassen, hielten es für eine Torheit, wenn wir sagten, Christus sei gestorben für das Leben der Welt. Aber eben das, was ihnen töricht erschien, ist weiser als die Menschen. Denn tief und voll der höchsten Weisheit ist die Lehre von Christus, dem Erlöser unser aller; und das, was nach der Meinung der Juden schwach war, ist stärker als die Menschen, Erlöst hat uns das eingeborene Wort Gottes, indem es uns ähnlich ward, um im Fleische zu leiden, und, auferweckt von den Toten, unsere Natur als über Tod und Vergänglichkeit erhaben zu erweisen. Das aber ging hinaus über Menschenkräfte, und daher ist das, was sich in unserer Schwachheit und gerade im Leiden vollziehen sollte, stärker als die Menschen und stellt einen Beweis göttlicher Macht dar.

B. Wie nun, sagen sie, soll er nicht gelitten haben, wenn er gelitten hat.

A. Weil er in seinem Fleische litt, nicht in der Natur der Gottheit, in einer Weise, die freilich ganz unaussprechbar ist und in ihrer Feinheit und Erhabenheit jedem Verstände unerreichbar. Im Anschluß aber an die Lehren des wahren Glaubens und in umsichtiger Prüfung des rechten Weges behaupten wir einerseits, daß er selbst gelitten hat, damit wir nicht etwa gezwungen sind, die vorausgegangene Geburt dem Fleische nach ihm selbst abzusprechen und einem andern zuzuschreiben, während wir uns anderseits wohl hüten, das, was dem Fleische zukommt, seiner göttlichen und allerhöchsten Natur beizulegen, Er litt, wie gesagt, im Fleische, litt aber keineswegs in der Gottheit. Jedes Gleichnis ist unzulänglich und bleibt hinter der Wirklichkeit zurück. Es kommt mir aber doch ein schwaches Bild in den Sinn, welches vom Handgreiflichen aus zu dem Unfaßbaren emporführen kann. Wie nämlich Eisen oder ein anderer Stoff dieser Art, sobald er dem Feuer ausgesetzt wird, das Feuer in sich aufnimmt und sich unter der Flamme windet, und wenn er nun, wie es sich trifft, von jemandem zerschlagen wird, der Stoff zwar Schaden leidet, die Natur des Feuers aber von den Schlägen gar nicht berührt wird: so etwa mußt du es verstehen, wenn wir sagen, daß der Sohn im Fleische litt, in der Gottheit aber nicht litt. Allerdings sind Gleichnisse, wie gesagt, von geringer Beweiskraft, wenngleich sie immerhin diejenigen, welche den heiligen Schriften nicht glauben wollen, der Wahrheit näherführen können.

B. Du redest trefflich.

A. Denn wenn das Fleisch, das ihm in unaussprechlicher und ganz unbegreiflicher Weise geeint wurde, nicht unmittelbar das eigene Fleisch des Wortes geworden wäre, wie könnte es lebenspendend sein? Er sagt ja: „Ich bin das lebendige Brot, der ich vom Himmel herabgestiegen bin und der Welt das Leben gebe. Wenn jemand von diesem Brote ißt, wird er leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“ Ist aber das Fleisch das Fleisch eines andern, von ihm verschiedenen Sohnes, der in enger Verbundenheit ihm zugeeignet und aus Gnade zu gleichen Ehren mit ihm berufen wäre, wie kann er es sein Fleisch nennen, da er doch nicht lügt? Und wie kann das Fleisch eines andern der Welt das Leben geben, wenn es nicht vielmehr das eigene Fleisch des Lebens ist, nämlich des aus dem Vater stammenden Wortes, von welchem der göttliche Johannes sagt: „Und wir wissen, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns den Sinn gegeben hat, ihn zu erkennen, und wir sind in seinem wahren Sohne Jesus Christus. Er ist wahrer Gott und ewiges Leben.“

B. Darauf werden sie, glaube ich, erwidern, es sei ganz deutlich von ihm gesagt worden: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes eßt und sein Blut trinkt, so habt ihr das Leben nicht in euch.“ Wir also, sagen sie, sind der Ansicht, das kostbare Fleisch und Blut sei nicht dasjenige Gottes des Wortes, sondern dasjenige des ihm verbundenen Menschensohnes.

A. Was machen sie denn doch mit dem großen „Geheimnisse der Gottesfurcht“? Sie wird ja offenbar ganz ausgeschaltet, jene Entäußerung Gottes des Wortes, der in Gottesgestalt und dem Vater gleich war, um unsertwillen aber Knechtsgestalt annehmen und uns ähnlich werden wollte, an Blut und Fleisch teilnahm und die Veranstaltung der Menschwerdung dem ganzen Erdkreise zugute kommen ließ. Denn durch diese Veranstaltung ist der Erdkreis erlöst worden, indem der Vater in dem Sohne alles wiederherstellte, was im Himmel und was auf Erden ist, wie geschrieben steht. Wenn sie also sagen, es sei nicht der Eingeborene selbst, der da als Gott und Mensch zugleich spricht: „Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“, sondern ein anderer, von ihm verschiedener, für sich bestehender Menschensohn habe uns erlöst, so ist nicht er selbst der Herr, wie die Schriften besagen, sondern einer aus uns; und Leben empfängt das Vergängliche nicht durch Gott, der die Macht hat, Leben zu geben, sondern von jemandem, der der Vergänglichkeit untersteht, aber aus Gnade, so wie wir, das Leben erhalten hat. Ist es aber wahr, daß das Wort Fleisch geworden, nach den Schriften, und auf Erden erschienen und mit den Menschen gewandelt ist, indem es die Knechtsgestalt als seine eigene Gestalt trug, so kann es auch Menschensohn genannt werden; und wenn einige sich darüber aufregen wollen, so setzen sie sich dem Vorwurf schwerer Unwissenheit aus. Denn das seiner Natur nach zur Vergänglichkeit verurteilte Fleisch konnte nur dadurch lebenspendend werden, daß es das Fleisch des allbelebenden Wortes wurde. Dadurch ward es in den Stand gesetzt, zu wirken, was des Wortes ist, insofern es mit dessen lebenspendender Kraft ausgestattet wurde. Und das ist fürwahr nicht zu verwundern. Denn wenn es wahr ist, daß das Feuer einen Stoff, der ihm nahegebracht wird, auch wenn er seiner Natur nach nicht warm ist, warm macht, weil es ihm in reicher Fülle die Wirksamkeit der ihm selbst innewohnenden Kraft mitteilt, wie sollte nicht noch viel mehr Gott das Wort seinem eigenen Fleische seine lebenspendende Kraft und Wirksamkeit mitteilen, dem Fleische, welches ihm geeint und von ihm selbst als das seinige anerkannt ist, ohne Vermischung, ohne Verwandlung, in einer nur ihm bekannten Weise?

B. Demnach müssen wir also zugestehen, daß der Leib ohne Vermittlung eines andern ganz und gar der eigene Leib des aus dem Vater stammenden Wortes geworden ist, und zwar der mit einer vernünftigen Seele beseelte Leib.

A. Ganz gewiß, wenn wir anders die irrtumslose Lehre des rechten Glaubens festhalten und Liebhaber der Sätze der Wahrheit bleiben und den geraden Weg der heiligen Väter nicht verlassen und von dem königlichen Pfade nicht abweichen wollen, um uns durch das eitle Geschwätz einiger Menschen auf falsche Bahnen verleiten zu lassen. Wir bauen vielmehr auf das Fundament selbst, das heißt auf Christus, „denn ein anderes Fundament kann niemand legen als das, was schon gelegt ist“, nach dem Worte des wahrhaft „weisen Baumeisters“ und Verwalters seiner Geheimnisse. Wir glauben demnach, daß ein Sohn Gottes und des Vaters ist und daß er in einer und derselben Person unser Herr Jesus Christus ist, geboren aus Gott und dem Vater der Gottheit nach als Wort vor aller Ewigkeit und Zeit, in den letzten Zeiten der Welt aber auch dem Fleische nach geboren aus dem Weibe. Ihm schreiben wir das Göttliche und das Menschliche zu, ihm die Geburt dem Fleische nach und das Leiden am Kreuze, weil er alles, was seinem Fleische zukommt, sich selbst zu eigen macht, aber in der Natur der Gottheit leidenslos bleibt. So beugt sich ihm jedes Knie, und jede Zunge bekennt, daß der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit des Vaters ist. Amen.

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