Ausgewählte Predigten

Von Petrus Chrysologus (450)

I. Vorträge über das Matthäus-Evangelium

Über die Stelle:“Mit der Geburt Christi verhielt es sich so…“ bis „fand es sich, dass sie vom Hl. Geist empfangen hatte.“

Jedesmal, wenn nach Vollendung des Kreislaufes eines Jahres der Tag der Geburt des Herrn herannaht und der Glanz der Jungfrauengeburt die ganze Welt mit feurigem Glanze überstrahlt, enthalten wir uns aus Absicht, nicht aus Furcht, der Predigt. Welcher Geist möchte sich auch erkühnen, hervor zutreten bei der Geburt des göttlichen Königs selbst? Wenn die Strahlen der Sonne hervorbrechen, wird das Auge des Menschen geblendet, wenn aber Gottes Licht erstrahlt, wie sollte dann nicht erlöschen aller Geister Licht? Erst jetzt also, wo sich unsere Sinne wieder erholt haben von dem Glanze dieses neuen Lichtes, ist es an der Zeit, dass auch wir, die wir die Geburt des Herrn im Fleische geschaut haben, betrachten das Geheimnis seiner Gottheit selbst „Mit der Geburt Christi“, sagt der Evangelist, „verhielt es sich so.“

Brüder! Wenn wir diese Worte verstehen wollen, dürfen wir sie als göttliche Worte nicht nach Menschenweise wägen; abzulegen ist menschliche Auffassung, wo alles göttlich ist, von dem die Rede ist. So ist die Geburt Christi nicht ein gewöhnliches Ereignis, sondern ein Zeichen; nicht das Werk der Natur, sondern das Werk [göttlicher] Kraft; nicht geschehen nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge, sondern ein Beweis [göttlicher] Macht; sie ist ein Wunder des Himmels, nicht zu erfassen mit dem menschlichen Verstande. Was soll davon die Weisheit dieser Welt begreifen? Was soll hier forschen der Scharfsinn des Fleisches? „Mit der Geburt Christi“, heißt es, „verhielt es sich so.“

Nicht heißt es: „So ist sie geschehen“, sondern: „So war sie“; denn Christi Geburt war schon vor dem Vater, als er aus der Mutter geboren wurde. Was er war, war er immer; was geschah, wurde ihm gegeben; er war Gott, er wurde Mensch; aus dem Mutterschoß nahm er uns an, er, der uns gebildet hatte aus dem Kote.

„Als Maria, seine Mutter verlobt war“.

Es hätte genügt, zu sagen: „als Maria verlobt war“. Was aber heißt das: eine Mutter-Braut? Wenn sie Mutter, dann war sie nicht Braut; wenn sie Braut, dann war sie noch nicht Mutter! „Als Maria, seine Mutter, verlobt war.“ Durch ihre Jungfräulichkeit ist sie Braut, durch ihre Leibesfrucht Mutter; Mutter, ohne einen Mann zu erkennen, und doch ihrer Empfängnis bewußt! Oder wie? War sie nicht schon vor der Empfängnis Mutter, sie, die nach der Geburt Jungfrau-Mutter blieb? Oder wann war sie denn einmal nicht Gebärerin, sie, die den Schöpfer aller Zeiten gebar, der Welt ihren König gab? Die jungfräuliche Natur ist immer Mutter, wie sie immer eine Stiefmutter ist, wenn sie verdorben ist. Das ist also die Auszeichnung der Jungfräulichkeit, dass sie durch Gott als Jungfrau wiedergebiert, was eine Jungfrau durch Gott geboren hat. Gott und jungfräuliche Unversehrtheit haben einen himmlischen Bund geschlossen, die Jungfräulichkeit mit Christo vereinigt, ist die vollkommenster Machtverbindung.  Dass eine Jungfrau empfängt, ist ein Ehrengeschenk des Hl. Geistes, nicht Wirkung des Fleisches; dass eine Jungfrau gebiert, ist ein Geheimnis Gottes, nicht das Werk des ehelichen Umganges; dass Christus geboren wird, ist die Tat der Allmacht Gottes, nicht eines schwachen Menschen; die Fülle der göttlichen Herrlichkeit ist da, wo das Fleisch nichts von Unehre erkennen läßt.

„Als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie vom Hl. Geiste empfangen hatte.“ Woher kommt es, dass einer Braut und nicht einer Freien das Geheimnis der himmlischen Unschuld übergeben wird? Woher kommt es, dass so durch die Eifersucht des Bräutigams die Braut selbst Gefahr läuft? Woher kommt es, dass eine so große Tugend als ein Verbrechen, sicheres Heil als Gefahr an gesehen wird? Woher kommt es, dass die Schamhaftigkeit unter Unschuldigen so sehr leiden muß, dass die Unschuld unterliegt, die Keuschheit erniedrigt, die Treue verletzt wird? Woher kommt es, dass eine Anklage erhoben wird, die Anschuldigung [den Beleidigten] quält, eine jede Entschuldigung unmöglich gemacht wird? Denn wer möchte wohl eine Braut entschuldigen, die eine Empfängnis anklagt? Oder was wird ein äußerer Verteidiger nützen, wenn die Tat selbst als ein innerer Zeuge redet? Brüder! Was staunen wir? Weder die Punkte noch die Buchstaben, weder die Silben noch die Worte, weder die Namen noch die Personendes Evangeliums entbehren des göttlichen Sinnbildes. Eine Braut wird gesucht, damit durch sie versinnbildet werde die Kirche als Braut Christi nach den Worten des Propheten Osee: „Ich werde dich mir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Erbarmung; ich werde dich mir verloben in Treue“. Daher sagt auch Johannes: „Wer die Braut hat, ist Bräutigam“, und der hl. Paulus: „Ich verlobte euch einem Manne, Christo, als reine Jungfrau darzustellen“. Sie [die Kirche] ist in Wahrheit eine Braut, welche durch eine Jungfraugeburt wiedergebiert die neue Kindschaft Christi [durch die Taufe]. Joseph wird als Bräutigam genommen, damit er erfülle das Vorbild des Leidens Christi, das in jenem Joseph vorgebildet war.

Joseph zog sich den Haß [seiner Brüder] zu durch seine prophetischen Träume: Christus lud den Neid [der Juden] auf sich, durch seine prophetischen Gesichte; Joseph wurde in die Zisterne des Todes geworfen, stieg aber lebendig aus ihr hervor: Christus wurde dem Grabe des Todes übergeben, ging aber lebendig aus dem Grabe hervor; Joseph wurde verkauft: Christus wurde nach Geldwert eingeschätzt; Joseph wurde nach Ägypten geführt: Christus wurde auch nach Ägypten verbannt; Joseph verteilte unter das hungernde Volk in reichlicher Fülle Brot: Christus sättigte durch das Brot des Himmels die Völker, die auf der ganzen Erde weilen. So ist es klar, warum dieser Joseph das Vorbild des himmlischen Bräutigams bedeutete, sein Bild an sich trug, ihn vorbedeutend wandelte Eine Maria wird seine Mutter genannt. Und heißt Maria nicht Mutter? „Die Sammlungen der Wasser“, heißt es, „nannte er Meere [maria]“. Hat dies nicht das Volk, das aus Ägypten auszog, in dem einen Mutterschoß empfangen, um es aus demselben wieder neugeboren hervor zubringen als ein himmlisches Geschlecht zu einer neuen Schöpfung nach den Worten des Apostels: „Unsere Väter waren alle unter der Wolke und gingen alle durch das Meer, und alle wurden auf Moses in der Wolke und in dem Meere getauft“? Und damit eine Maria immer dem Heile der Menschheit vorauseile, ist sie mit Recht im Liede dem Volke vorangegangen, das durch die Wogen des Meeres als Mutter ans Licht gebracht wurde:“Maria“ heißt es, „die Schwester Aarons, nahm die Pauke in ihre Hand und sprach: „Laßt uns singen dem Herrn, denn glorreich ward er verherrlicht!“ Dieser Name ist in Wahrheit ein prophetischer Name, den wiedergeborenen eine Rettung, das Kennzeichen der Jungfräulichkeit, der Schmuck der Keuschheit, der Ruhmestitel der Reinheit, das Weihegeschenk Gottes, die Kraft der Gastlichkeit, der Mittelpunkt der Heiligkeit. Mit Recht also ziemt dieser mütterlicher Name der Mutter Christi.

Wir haben nun gesagt, warum eine Braut Mutter, warum Joseph der Bräutigam war, warum Maria der Name einer Mutter zukomme, um zu zeigen, dass bei der Geburt Christi alles geheimnisvoll gewesen sei; jetzt wollen wir noch mit anderen Gründen erklären, warum eine Braut auserkoren wurde zur Geburt Christi. Isaias hatte vorhergesagt, dass eine Jungfrau gebären solle den Gott des Himmels, den König der Erde, den Herrn des Erdkreises, den Wiederhersteller der Welt, den Bezwinger des Todes, den Wiederbringer des Lebens, den Urheber der Unsterblichkeit. Wie betrübend dies für die Weltmenschen, wie erschreckend für die Könige, wie furchterregend für die Juden war, bezeugt die Geschichte der Geburt Christi selbst. Denn sobald die Juden durch die Worte der Weisen hörten, dass Christus geboren sei, sobald Herodes davon Kunde bekam, bemühten sich gleich die Juden, Christum zu verderben, Herodes ihn zu töten; während sie einen Thronfolger fürchte ten, versuchten sie den Erlöser aller zu verderben. Und schließlich, da sie ihn nicht finden konnten, verwüsteten sie seine Geburtsstätte, mischen die Milch mit Blut, töten in mörderischer Wut seine Geburtsgenossen; sie zerreißen die Genossen der Unschuld, da sie keine Schuldgenossen zu strafen fanden. Wenn sie nun dies tun, nachdem Christus geboren war, was hätte wohl diese wilde Rotte getan, wenn sie gehört hätte von der Empfängnis Christi? Das ist der Grund, warum ein Bräutigam genommen wurde, warum der Schein einer ehelichen Verbindung gewahrt wurde, damit das Wunder verheimlicht, das Zeichen verdeckt, die Geburt aus einer Jungfrau verhüllt würde, damit dem Verbrechen kein Raum gegeben würde, die Nachstellungen der Wütenden vereitelt würden. Wenn Christus, der zwar dem Tode geweiht war, schon im Mutterleibe getötet worden wäre, würde der Tod zu schnell hinweggenommen haben, was gekommen war, uns zu retten. Weil uns aber diese Stelle [der Hl. Schrift] noch viel Stoff geben kann zur Erklärung, so möge es uns für heute genügen, Brüder, das Geheimnis des Herrn nur vorverkostet zu haben.

Über die Stelle: „Mit der Geburt Christi verhielt es sich also…“ bis:“denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden.“ Mt 1,18-21

Heute, Brüder, werdet ihr hören, wie uns der hl. Evangelist das Geheimnis der Geburt Christi erzählt. „Mit der Geburt Christi“, heißt es, „verhielt es sich also. Als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie vom Hl. Geiste empfangen hatte. Joseph aber, ihr Mann, gedachte, da er gerecht war und sie nicht ins Gerede bringen wollte, sie heimlich zu entlassen“. Wie ist denn der gerecht, der glaubte, über die Schwangerschaft seiner Braut keine Untersuchung anstellen zu sollen, der nicht nachforschte nach der Ursache der eingetretenen Schande, der die Ehre des Ehebettes nicht rächt, sondern preisgibt?. „Er gedachte, sie heimlich zu entlassen.“ Ein solches Verhalten scheint mehr einem liebenden als einem gerechten Manne zu ziemen; doch so urteilt der Mensch, aber nicht Gott. Vor Gott gilt keine Liebe ohne Gerechtigkeit und keine Gerechtigkeit ohne Liebe; nach himmlischer Auffassung gibt es keine Rechtlichkeit ohne Güte und keine Güte ohne Rechtlichkeit. Sobald man diese Tugenden voneinander trennt, verfallen beide; Rechtlichkeit ohne Güte ist Rohheit und Gerechtigkeit ohne Liebe Grausamkeit.

Joseph war also in der Tat gerecht, weil er liebte, und er liebte, weil er gerecht war. Deshalb also war er frei von Grausamkeit, weil er die Liebe erwog; weil er die Angelegenheit in Ruhe überdachte, wahrte er sich sein Urteil; indem er die Strafe aufschob, entging er dem Verberechen; indem er dem Ankläger aus dem Wege ging, traf ihn auch nicht die Verurteilung. Gewiß klopfte ihm sein heiliges Herz, durch das unerhörte Ereignis gewaltig erregt; denn [vor ihm] stand seine Braut, schwanger und doch eine Jungfrau; sie stand da im Besitze ihres Leibessegens, doch ihrer Unschuld nicht beraubt; sie stand da, selbst in Sorgen wegen ihrer Empfängnis, aber ihrer Unversehrtheit gewiß; sie stand da vor ihm im Schmucke ihres Muttersegens, aber nicht entblößt der Ehre der Jungfräulichkeit. Was sollte der Bräutigam diesen Tatsachen gegenüber tun? Sollte er sie des Verbrechens anklagen? Aber er war doch selbst der Zeuge ihrer Unschuld! Sollte er sie für schuldig erklären? Aber er war doch selbst der Wächter ihrer Unschuld! Sollte er ihr Ehebruch vorwerfen? Aber er war doch selbst der Beschützer ihrer Jungfräulichkeit! Was sollte er also tun? Er gedenkt, sie zu entlassen, weil er sie einerseits nicht dem öffentlichen Gerede preisgeben, andererseits nicht das Geschehnis verheimlichen konnte. Er gedenkt, sie zu entlassen, und stellt das Ganze Gott anheim, weil er es einem Menschen nicht anvertrauen kann. Brüder! So laßt auch uns, so oft uns eine Sache beunruhigt, der Schein uns trügt, das Äußere der Angelegenheit uns das Innere nicht erkennen läßt, das Urteil vermeiden, die Straffe zurückhalten. das Verdammungsurteil nicht aussprechen, laßt uns das Gange Gott anheim geben, damit wir nicht, indem wir vielleicht leichtfertig über einen Unschuldigen die Strafe zu verhängen trachten, uns selbst ein Strafurteil sprechen, wie der Herr sagt: „Mit dem Gerichte, mit dem ihr richtet, werdet auch ihr gerichtet werden“.

Sicherlich wird, wenn wir schweigen, Gott re den; der Engel wird Antwort geben, der auch dem Joseph also [mit seiner Mahnung] zuvorkam, die Unschuldige nicht zu verlassen, indem er sprach: „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen; denn was in ihr erzeugt ward, ist vom Hl. Geiste. Sie aber wird Mutter eines Sohnes werden, und du sollst ihm den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden“. „Joseph, Sohn Davids.“ Ihr seht, Brüder, dass mit der Person auch das Geschlecht genannt wird; ihr seht, dass in dem einen [d. i. Joseph] die ganze Verwandtschaft aufgezählt wird; ihr seht, dass in Joseph der ganze Stammbaum Davids erwähnt wird. „Joseph, Sohn Davids.“ Geboren aus dem achtundzwanzigsten Stamme: wie kann er anders Sohn Davids heißen, als weil [durch ihn] das Geheimnis der Geburt eröffnet, die Treue der Verheißung erfüllt, die übernatürliche Empfängnis der himmlischen Geburt im Schoße der Jungfrau bereits angezeigt wird? „Joseph, Sohn Davids.“ Mit diesem Worte war an David die Verheißung Gottes, des Vaters, ergangen:“Der Herr schwor David Wahrheit, und er wird sie halten: von deines Leibes Frucht will ich [einen] setzen auf deinen Thron“. Als schon geschehen rühmt er in diesem Psalme: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten“. „Von der Frucht deines Leibes“: ganz in Wahrheit eine Leibesfrucht, ganz recht aus dem Schoße einer Mutter; denn der göttliche Gast, der Bewohner des Himmels, stieg so herab in die Wohnung des Schoßes einer Mutter, ohne das Siegel des Leibes zu verletzen; so ging er aus der Wohnung des Schoßes hervor, ohne dass die jungfräuliche Pforte sich öffnete, so dass in Erfüllung ging, was gesungen wird im Hohen Liede:

„Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester, meine Braut; ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle“. „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht!“ Der Bräutigam wird ermahnt, wegen der Umstände der Braut nicht zu fürchten; denn ein wahrhaft liebendes Gemüt fürchtet mehr, wenn es mit [anderen] leidet. „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht!“: wenn du sicher bist über ihre Unschuld, unterliege nicht ob der Unkenntnis dieses Geheimnisses! „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht!“ Was du an ihr siehst, ist Tugend, kein Verbrechen; hier liegt kein menschlicher Fehltritt, sondern göttlicher Einfluß vor; hier ist Belohnung, keine Schuld; hier ist ein Geschenk des Himmels, nicht eine Schwächung des Körpers; hier findet keine Bloßstellung einer Person statt, sondern hier waltet das Geheimnis des Richters; hier ist der Sieg des Rechtes, nicht die Strafe der Verurteilung; hier hat nicht der Mensch veruntreut, sondern Gott einen Schatz hinterlegt, hier ist nicht die Ursache des Todes, sondern des Lebens. Und darum fürchte dich nicht, denn sie, die das Leben gebiert, verdient nicht den Tod. „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen.“ Dass die Braut hier Weib genannt wird, geschieht nach dem Gesetze Gottes. Wie sie also Mutter ist, trotzdem ihre Jungfräulichkeit unversehrt bleibt, so wird sie Gattin genannt, trotzdem ihre Keuschheit unberührt ist. „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria dein Weib zu dir zu nehmen; denn was in ihr erzeugt ward, ist vom Hl. Geiste.“

Nun mögen kommen und hören, die da fragen, wer der sei, den Maria geboren hat! „Was in ihr erzeugt ward, ist vom Hl. Geiste.“ Kommen mögen sie und hören, die mit griechischer Verwirrung die lateinische Klarheit zu umnebeln sich bemühten und sie schmähten als „Menschen und Christusgebärerin“, um ihr den Namen „Gottesgebärerin“ zu rauben. „Was in ihr erzeugt ward, ist vom Hl. Geiste.“ Was vom Hl. Geiste geboren ist, ist Geist, denn „Gott ist Geist“. Was forschest du also darnach, wer der ist, der vom Hl. Geiste erzeugt wurde, da er doch die als Gott selbst die Antwort gibt, dass er Gott sei? da doch Johannes dich anklagt, wenn er sagt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Und das Wort, Gott, ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen“. Johannes sah seine Herrlichkeit, sah auch seine Verunglimpfung durch den Ungläubigen: „Was in ihr erzeugt ward, ist vom Hl. Geiste“. „Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ Wessen Herrlichkeit? Dessen, der erzeugt wurde vom Hl. Geiste, dessen, der als „Wort ist Fleisch geworden und unter uns gewohnt hat“. „Was in ihr erzeugt ward, ist vom Hl. Geiste.“ Die Jungfrau empfing, aber vom Hl. Geiste; die Jungfrau gebar, aber den, von dem Isaias vorausgesagt hat: „Siehe die Jungfrau wird in ihrem Schoße empfangen und einen Sohn gebären, und seinen Namen wird man nennen Emanuel, d. h. Gott mit uns“. Gott mit uns, mit jenen [Gemeint sind die Irrlehrer] der Mensch: „Verflucht sei, der seine Hoffnung setzt auf einen Menschen“. Hören sollen das, die da fragen, wer der sei, der von Maria geboren wurde. „Sie wird Mutter eines Sohnes werden“, sagt der Engel, „und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ Warum Jesus? Der Apostel sagt: „Auf dass im Namen Jesu sich die Knie aller beugen, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind“. Und du, du listiger Untersucher, du fragst jetzt noch, wer Jesus sei: „Jede Zunge bekennt ja schon, dass der Herr Jesus ist in der Herrlichkeit Gottes des Vaters“, und du fragst noch, wer dieser Jesus sei?

„Sie wird Mutter eines Sohnes werden, und du sollst ihm den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk erlösen.“ Nicht [das Volk] eines anderen wird er erlösen. Wovon? „Von seinen Sünden.“ Wenn du den Christen nicht glaubst, dass er Gott sei, der die Sünden vergibt, so glaube es, du hartnäckigster Ungläubiger, den Juden, die sagen: „Du bist ein Mensch, und du machst dich selbst zu Gott“, und: „Wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein?“. Jene erkannten ihn als Gott nicht an, weil sie nicht glaubten, dass er Sünden nachlasse; und du glaubst, dass er Sünden vergeben könne, zögerst aber, ihn als Gott zu bekennen? „Das Wort ist Fleisch geworden“, damit das Fleisch des Menschen erhoben werde zur Herrlichkeit Gottes, nicht damit Gott hinabgezogen werde zur Erniedrigung im Fleische, wie der Apostel sagt: „Wer sich mit dem Herrn verbindet, ist ein Geist mit ihm“, und wie soll Gott nicht einer [mit ihm] sein, wenn Gott sich mit dem Menschen verbindet? Menschliche Gesetze erklären nach Ablauf von dreißig Jahren alle Streitsachen für ungültig, und Christus steht schon fünfhundert Jahre lang wegen seiner Geburt auf der Anklagebank, ist wegen seiner Abstammung in einen Prozeß verwickelt, muß [heute noch] Untersuchungen über sich ergehen lassen wegen seines Standes! Irrlehrer! Laß ab, Gericht zu halten über deinen Richter, und bete im Himmel den als Gott an, den der Magier als Gott anbetete auf Erden.

Über die Stelle: „Als Jesus geboren war in Bethlehem Juda…“ bis: „und kamen, ihn anzubeten.“ Mt 2,1-2

Die kluge, vorbeugende Kunst des Arztes verwendet jedesmal gegen die tödlichen Krankheiten ein Gegengift in heilsamen Säften. Doch wenn es der Kranke gegen die [Vorschriften der] Wissenschaft, gegen die Anordnungen des Arztes, zu unrechter Zeit einzunehmen wagt, kann es für ihn Ursache einer Lebensgefahr werden, so es doch hätte gesund machen sollen. So ist es auch mit dem Worte Gottes: Für denjenigen, der ohne die Weisungen des Lehrers, ohne die Zucht des gläubigen Gemütes, ohne die Beachtung der Grundsätze des Glaubens als ein verwegener Zuhörer das Wort Gottes zu verstehen sich anmaßt, wird es ein Anlaß zum Verderben, wo es doch ist eine Quelle des Lebens. Darum müssen wir, Brüder, darnach trachten, dass uns nicht durch unkluges Auffassen dessen, was uns Gott zu unserem Heile aufzeichnen läßt, Schaden für unsere Seele entstehe. Glaubt ihr etwa, dass der Evangelist durch unsere heutige Lesung uns hätte belehren wollen, dass sternkundige Chaldäer, Magier, die den Sternen nacheilen, die des Himmels Weisungen erforschen im Dunkel der Nacht, die die Ursache des Werdens und Sterbens zuschreiben dem Laufe der Gestirne, die Glück und Unglück der Menschen festgesetzt glauben durch den Einfluß der Himmelslichter glaubt ihr etwa, dass der Evangelist uns hätte belehren wollen, dass sie die Geburt Christi, die der Welt noch verborgen war, entdeckt hätten durch die Führung des Sternes? Das sei ferne! So meint es die Welt, so glauben es die Heiden, so scheint es zwar der Text anzudeuten. Aber die Erzählung des Evangeliums verkündet nichts Menschliches, sondern Göttliches; nichts Alltägliches, sondern etwas Neues; nichts, was trügt durch Zauberkünste, sondern was wirklich ist durch Wahrheit;nichts, was die Augen blendet, sondern das Herz ergreift; nichts, was unsicher ist durch Zweifel, sondern was feststeht durch die Tatsache; was von Gott kommt, nicht bewirkt ist vom Schicksal; was nicht mit Zahlen berechnet ist, sondern erworben ist durch Tugenden.

„Als Jesus“,heißt es, „geboren war in Bethlehem Juda, in den Tagen des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenlande nach Jerusalem und sagten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir sahen seinen Stern im Morgenlande und kamen, ihn anzubeten.“ In der Geburt Christi wird geboren der Ursprung der Welt, wird erzeugt der Urheber des Menschengeschlechtes, wird geboren der Schöpfer der Natur, um die Natur wiederherzustellen, um die Menschheit zu erneuern, um den Ursprung wiederzubeleben. Adam, der erste Mensch, der Vater des Menschengeschlechtes, der Ursprung der Zeugung, hat durch seine Sünde das Glück der Natur, die Freiheit des Geschlechtes, das Leben der Nachkommen so verdorben, dass die beklagenswerte Nachkommenschaft an sich trug das Übel der Natur, die Knechtschaft des Geschlechtes, den Tod des Samens. Darum stellte Christus durch seine Geburt die Natur wieder her, überwand durch seinen Tod den Tod, belebte das Leben wieder durch seine Auferstehung. Und er, der dem Menschen die Seele gegeben hatte vom Himmel her, verlieh auch von dorther dem Menschen die Kraft, im Fleische zu bestehen, damit nicht irdische Makel wieder den himmlischen Sinn herabstürze in den Fall des Fleisches, wie der Apostel sagt: „Der erste Mensch von Erde ist irdisch, der zweite Mensch vom Himmel ist himmlisch, wie der Irdische, so auch die Irdischen, und wie der Himmlische, so auch die Himmlischen“, und der Evangelist Johannes: „Jeder, der aus Gott geboren ist, sündigt nicht, sondern die Geburt aus Gott bewahrt ihn“. Deshalb also wird Christus geboren, damit er die im Schoße der Erde Darniederliegenden erhebe zur [Teilnahme an der] himmlischen Natur. „Als Jesus geboren war in Bethlehem Juda.“

Bethlehem, Brüder, heißt in der hebräischen Sprache „Haus des Brotes“. Mit diesen Worten wird hingewiesen auf das Haus Juda, wird genannt sein Geschlecht, damit die Treue der Verheißung, die Wahrheit der Weissagung in Erfüllung gehe, die Jakob gegeben hat: „Juda! Dich werden deine Brüder preisen, deine Hände werden liegen auf dem Rücken deiner Feinde, und beugen werden sich vor dir die Söhne deines Vaters, und bald darauf: „Es wird nicht fehlen der Fürst aus Juda noch der Herrscher aus seinen Lenden, bis der kommt, dem das Erbe gehört, und der sein wird die Erwartung der Völker“ und David ruft deshalb aus: „Juda, mein König!“. „Als Jesus geboren war in Bethlehem Juda in den Tagen des Herodes.“ Woher kommt es, dass zur Zeit des ruchlosen Königs Gott zur Erde herniedersteigt, dass sich die Gottheit mit dem Fleische vermischt, dass der Himmel eine Verbindung eingeht mit einem irdischen Leibe? Woher kommt das? Kam er denn damals nicht als ein wahrer König, um den Tyrannen zu vertreiben, das Vaterland zu rächen, den Erdkreis wiederherzustellen, die Freiheit wieder zurückzugeben? Herodes hatte ja als ein Abtrünniger des jüdischen Volkes das Reich an sich gerissen, die Freiheit aufgehoben, das Heiligtum geschändet, die Ordnung verwirrt und vertilgt, was an Zucht und was an Gottesverehrung noch geblieben war. Ganz mit Recht also kommt dem Menschengeschlechte göttliche Macht zu Hilfe, da ihm menschlicher Schutz fehlte; Gott selbst steht ihm bei, da kein Mensch da war, der ihm helfen konnte. So wird Christus dereinst wiederkommen, um den Antichrist zu vernichten, den Erdkreis zu befreien, die Heimat des Paradieses zurückzugeben, der Welt ewige Freiheit zu verleihen, die Knechtschaft der Welt zu zerstören. „Siehe, da kamen Weisen aus dem Morgenlande.“

Vom Lande der aufgehenden Sonne kommen Weise zu dem aufgehenden Lichte, damit er selbst die Ankommenden aufnehme, denen er zu kommen befohlen hatte. Denn wann würde der Weise Gott suchen, wenn es ihm Gott nicht befehlen würde? Denn wann hätte wohl der Sterndeuter den König des Himmels gefunden, wenn Gott es ihm nicht offenbart hätte? Denn wann hätte wohl der Chaldäer den einen Gott ohne Gottes Hilfe angebetet auf Erden, wo er am Himmel so vielen Göttern diente, als er Gestirne erblickte? Ein größeres Zeichen vom Himmel aber sind die Weisen als die Sterne; denn der Weise kennt den König der Juden, den Urheber des Gesetzes, der Jude kennt ihn nicht! Der Chaldäer bringt ihm Gaben, der Jude verweigert sie ihm, Jerusalem wendet sich ab und flieht, Syrien folgt [dem Stern] und betet an! „Siehe, da kamen Weise aus dem Morgenlande und sagten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir sahen seinen Stern.“ Und was heißt das denn, dass er von ihnen gesehen wurde? Ganz recht hat der Apostel, wenn er sagt: „Da er [der Apostel redet von Christus] reich war, wurde er doch arm“. Obgleich er reich war in seiner Gottheit, wurde er doch arm in unserem Fleische und begnügte sich mit einem einzigen Stern, er, der das Weltall gemacht. hält und trägt. „Wir sahen seinen Stern.“ Nun sieht mit einem Male der Weise den, der den Stern hält, aber nicht gehalten wird von dem Stern; der nicht bestimmt wird durch den Lauf des Sterns, sondern selbst den Lauf des Sterns bestimmt; der den Lauf des Sterns am, Himmel so leitet, so sein Kommen und Gehen regelt, so seinen Weg ihm vorschreibt, dass dieser dem Magier als Diener erscheint und ihm gesandt als Wegweiser. Denn der Stern wandert mit dem wandernden Weisen; als der Weise sich lagerte, stand auch der Stern stille: als der Weise sich zur Ruhe legte, hielt der Stern die Wache. So nun sieht der Weise, dass dem Stern auferlegt ist der Zwang des Gehorsams in gleicher Weise, wie ihnen auferlegt ist die Reise. Und darum hält er den Stern nicht für einen Gott, sondern erkennt ihn als seinen Diener an, da er ihn so mannigfach seinen Diensten unterworfen sah.

„Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir sahen seinen Stern und kamen, ihn anzubeten.“ Dadurch, dass sie sagten: Wo ist der neugeborene König der Juden? klingen ihre Worte nicht wie eine Frage, sondern wie Hohn. Wenn sie, die doch genaue Kunde hatten, diejenigen fragten, die nichts wußten. so tun sie das nicht, weil sie nichts wüßten, sondern sie beschuldigen jene der Nachlässigkeit, sie schelten sie als träge, sie verraten ihre Schlechtigkeit, sie geißeln ihre Hartnäckigkeit, sie klagen sie an, dass sie als Knechte nicht dem Herrn entgegengekommen seien. Denn was sollten sie bei Menschen suchen, wo sie doch von Gott das erfahren hatten, was sie suchten? Was sollte ihnen in dieser Sache die Erklärung durch einen Menschen nützen, wo ihnen doch des Himmels Gestirne diesen Dienst geleistet hatten? Was sollte ihnen die Leuchte des Tempels, wo ihnen doch leuchtete das Wundergestirn des Himmels? „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ Damit wollten sie sagen: Warum liegt der König der Juden in einer Krippe, und warum ruht er nicht im Tempel? Warum strahlt er nicht in Purpur, sondern liegt hart in den rauhen Windeln? Warum ist er verborgen in der Höhle, und warum liegt er nicht öffentlich im Heiligtum? Die Tiere haben den in ihre Krippe aufgenommen, den ihr in euer Haus aufzunehmen verschmäht habt. Denn es steht geschrieben: „Der Ochs kennt seinen Eigentümer, und der Esel seinen Herrn; du aber, Israel, hast deinen Herrn nicht gesucht!“. „Wir sahen seinen Stern.“

Nicht freiwillig erschien der Stern, sondern auf Befehl, nicht auf einen Wink des Himmels, sondern auf Geheiß Gottes; nicht nach dem regelmäßigen Lauf der Gestirne, sondern als ein neues Wunderzeichen; nicht [glänzt er] durch die Reinheit des Himmels, sondern durch die Kraft des Geborenen; nicht künstlich berechnet, sondern von Gott gesandt; nicht durch die Wissenschaft der Astrologen, sondern wegen des Vorherwissens des Schöpfers, nicht nach arithmetischen Berechnungen, sondern nach göttlichen Bestimmung; durch übernatürliche Sorge, nicht durch des Chaldäers Wißbegier; nicht durch Zauberkunst, sondern nach jüdischer Prophezeiung. Sobald aber der Weise sah, dass menschliche Beobachtungen vergeblich seien, dass seine Künste ihn verlassen hätten, dass eitel seien die Bemühungen menschlicher Wissenschaft, dass die Anstrengungen aller Schulen zunichte geworden seien, dass die Schätze der Philosophie selbst ganz erschöpft seien, dass die Nächte des Heidentums gewichen, die Nebel der Tagesmeinungen verschwunden, dass selbst die Schattenbilder der Dämonen verscheucht seien, dass selbst der Stern nicht wie ein Komet mit wirrem Schweife, nicht verbergen könne das, was er verkünden sollte, und selbst sein Licht verhülle, sprach er also zu sich selbst: „Es ist recht, dass ich dich mit neuem Glanze, mit hellem Feuer und mit untrüglichem Lichte nach Judäa hin einen sehe, und dass du mir dort die Geburt des Königs zeigst, die wider das Gesetz dieser Welt, wider die Ordnung des Fleisches, wider die menschliche Natur geschene ist.“ Und so legte er den Irrtum ab, folgt [dem Stern], eilt ihm nach, kommt zu ihm und findet ihn, freut sich, fällt nieder und betet an. Denn nicht durch den Stern, nicht durch seine Kunst, sondern durch Gott hat er zu seiner Freude gefunden den Gott in dem Fleische eines Menschen. So ist, Brüder, durch die heutige Lesung der Trug der Zauberer nicht bestätigt, sondern aufgelöst worden. Doch möge dies für heute genügen, damit das, was noch folgt, unter dem Beistande Gottes noch klarer werde.

Über die Stelle: „Als der König Herodes dies hörte, erschrak er…“ bis: „und opferten ihm, Geschenke, Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ Mt 2,3-11

Oft haben wir [uns] gefragt, warum Christus so in die Welt gekommen sei, dass er die Enge des Mutterleibes [als Wohnung] nahm, dass er die Unbilden einer Geburt erduldete, dass er die Bande der Windeln ertrug, dass er sich eine armselige Wiege gefallen ließ, dass er durch seine Tränen die Nahrung einer Mutter sich erflehte, dass er die Stufen des Alters und seine Nöten ganz durchmachen wollte. Aber wie hätte er denn [anders] kommen sollen, er, der Gnade bringen, die Furcht verscheuchen und Liebe sich erwerben wollte? Die Natur belehrt uns alle, was ein Kinde vermag, was ein Lind verdient. Was ist doch ein Kind? Gibt es wohl eine Rohheit, die das Kind nicht besiegt? eine Wildheit, die ein Kind nicht besänftigt? eine Grausamkeit, die ein Kind nicht bezwingt? eine Härte, die ein Kind nicht erweicht? eine Rauheit, die ein Kind nicht mildert? Welche Liebe ist wohl, die ein Kind nicht verlangt? Welche Güte, die ein Kind nicht erzwingt? Welcher Dank, den ein Kind nicht auferlegt? Welche Liebe, die ein Kind nicht erlangt? Dass es so ist, wissen die Väter, fühlen die Mütter, erfahren alle; denn das menschliche Herz gibt davon Zeugnis. Darum wollte der [als Kind] geboren werden, der mehr geliebt als gefürchtet werden will. Und doch, hört, was dieses sanfte und gute und liebe Kind erfährt durch die Bosheit der Menschen! „Als der König Herodes“, heißt es,“dies hörte, erschrak er und ganz Jerusalem mit ihm. Und er versammelte alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und fragte sie, wo Christus geboren werden sollte.“

Wenn Jerusalem, wenn der König, wenn die Schriftgelehrten, wenn die Hohenpriester bestürzt werden schon durch das Kind Christus was würden sie wohl tun, wenn Christus als ein erwachsener Mann plötzlich gekommen wäre, wenn er im Glanze seines Reichtums und seiner Macht, mit gefährlichen und fremden Völkerscharen gekommen wäre? Auf Zeit und Alter und Armut und Eltern nahmen diese Menschen keine Rücksicht, sondern sobald sie hören, dass er geboren sei, bereiten sie dem kaum Geborenen den Tod, dem Unschuldigen Nachstellungen, dem Guten frevelhafte Anschläge. Gegen einen Wehrlosen zücken sie das Schwert, bieten ganze Kriegerscharen auf gegen einen, dem wimmernden Kinde drohen sie mit Mord, der Mutter mit Strafe. Und damit Gewalt sich mische mit Blut, kündigt die Grausamkeit den Kleinen in der Wiege an herzlosen Krieg, durchbohrt mit Pfeilen der Mütter Brüste, stößt die Schilde gegen den Schoß der Mutter, nur um dieses göttliche Kind, noch ehe es die Welt betreten hat, in das Grab hinabzustoßen. Mag auch der König Herodes aus Liebe zu seiner Herrschaft, aus Furcht vor einem Thronfolger, gezwungen gewesen sein, solches zu tun, warum denn aber Jerusalem? Warum, die Hohenpriester? Warum die Schriftgelehrten? Weil der Gottlose nicht die Geburt eines Gottes will, der Sklave nicht die eines Herrn, der Schuldige nicht die eines Richters, der Rebell nicht die eines Herrschers, der Treulose nicht die eines Untersuchers! Jerusalem hatte sich befleckt durch mannigfache Missetat; die Priester hatten das Heiligtum geschändet und, indem sie Handel trieben mit Sünden, die Macht der Verzeihung und der Liebe, die ihnen gegeben war, benützt zu schimpflichem Gewinn. Die Schriftgelehrten hatten die Lehre des Himmels, die heil bringende Wissenschaft, den Lehrstuhl des Lebens umgewandelt in grausame Denkart, zur Schlinge des Unglaubens, zum Geschwätz des Todes. Darum wollen sie nicht, dass Christus geboren werden sollte; darum, fürchten sie sein Leben, weil sie erkannt hatten, dass sie dann bald der Schande preis gegeben, dem Schimpf überliefert, aus dem Tempel vertrieben, des Priestertums entkleidet, der Einnahmen aus den Opfern beraubt werden müßten. Denn nachdem sie einmal von ihrer Leidenschaft entflammt, von ihrem Hochmut ergriffen, von ihren Lastern verwundet, von ihrer Eitelkeit berauscht, durch ihre Schwelgerei entkräftet waren, konnten sie nicht mehr auf Vergebung hoffen, weil sie an ihre Besserung nicht mehr glauben konnten.

Wenn ein guter Verwalter durch unausgesetzte Arbeit reiche Früchte zusammengeschafft hat, wünscht er, dass sein Herr komme, seinen Gewinn zu betrachten; ja er sehnt sich darnach zu seiner eigenen Freude. Wenn der fleißige Arbeiter das Werk der unternommenen Aufgabe vollendet hat, wünscht er, dass der Hausvater komme, damit er seinen Lohn empfange. Der treuergebene Soldat ersehnt nach dem Kampfe, nach dem Siege die Gegenwart seines Königs, damit er ihm lohne die Mühen und Wunden mit dem Lohne des Lorbeers. So wünscht auch der, welcher mit besiegter Kraft die Kämpfe dieser Welt zu Boden geschlagen hat, dass auch Christus komme zu seinem Siege; derjenige aber, der durch die Lockungen der Welt überwunden wegen der Strafe bangt, keine Verzeihung erhofft, wünscht nicht, dass er komme. Brüder! Laßt uns [darum] das Gute tun, das Böse meiden; laßt uns die Laster fliehen, den Tugenden folgen; laßt uns losreißen von der Gegenwart und nur die Zukunft bedenken; laßt uns streben nach unserem Reich, laßt uns trachten nach unserem Siege, laßt uns verlangen nach der Herrlichkeit, mit ganzer Seele eilen zur Krone! Doch nun wollen wir in unserer Rede wieder zurückkehren zu dem, was noch folgt.

„Dann“, heißt es, „berief Herodes heimlich die Weisen, fragte sie genau nach der Zeit des Sterns, der ihnen erschienen war, schickte sie nach Bethlehem und sprach: Gehet und forschet fleißig nach dem Kinde, und wenn ihr es gefunden habt, berichtet es mir, damit auch ich komme und es anbete.“ Heimlich beruft er die Weisen, weil ein trügerischer Sinn, ein heuchlerisches Gewissen die Öffentlichkeit scheut. Heimlich beruft er die Weisen, weil der Dieb die Nächte liebt, weil der Räuber seine Nachstellungen im verborgenen bereitet. „Genau fragte er nach der Zeit des Sterns.“ Doch, wenn er auch fürchtet für sein Reich, das Zeichen des Himmels fürchtet er nicht, den Urheber der Zeit fürchtet er nicht. Was er schrickst du, Herodes? Bangst du vielleicht wegen eines Thronfolgers? Dem die Gestirne dienen, der wird nicht durch ein irdisches Reich eingeschlossen. „Gehet und forschet fleißig nach dem Kinde, und wenn ihr es gefunden habt, berichtet es auch mir!“ Herodes! du irrst: Der Magier hat den Befehl erhalten, anzubeten, nicht anzuklagen; er ist gekommen, um Zeugnis abzulegen, nicht um zu verraten; ihm ward es verliehen, zu sehen, dir ist es nicht gegeben, zu finden. „Gehet und forschet.“

Als hätte es nicht genügt, dass die Weisen einmal fragten! Als die voll Liebe fragten, erhielten sie eine lieblose Antwort; die Nachricht von dem Heile wurde jenen, die sie mit bösem Herzen aufnahmen, zum Falle. Der boshafte Sklave vernimmt, dass sein Herr geboren worden sei, aber legt dem Herrn schon in die Wiege Fallstricke statt der Ehrenbezeugungen; er bereitet ihm den Tod, um der Knechtschaft zu entgehen! Doch weil Gott weder aufhören noch das Heil untergehen noch das Leben getötet werden kann, bleibt der Herr in seiner Ehre, der Sklave in seiner Schande; und zur Strafe wird hiabgezogen derjenige, der es verschmähte, zum Dienste zu kommen; und dem Tode wird überliefert, der nicht kommen wollte zur Gnade. „Gehet und forschet fleißig nach dem Kinde, und wenn ihr es gefunden habt, berichtet es mir!“ Mit Recht heißt es: renuntiate mihi!; denn immer widersagt der dem Teufel, der zu Christus zu kommen sich beeilt; wenn der, der Christ werden will, von dem Priester [die Worte] hört:“Widersagst du dem Teufel?“ so antwortet er: „Ich widersage.“ Ganz mit Recht also sagt Herodes, dass die Weisen ihm widersagen sollten; denn er wußte, dass er des Teufels Platz einnehme, des Satans Rolle spiele. „Damit auch ich komme und anbete.“ Er will lügen, kann es aber nicht; hinkommen wird er, damit er sich winde unter der Folter, unterworfen werde der Strafe, überantwortet werde der Qual, er, der vorgab, anbeten zu wollen, um ihn zu töten. Die Weisen aber gelangten, nachdem sie den Wolken der jüdischen Treulosigkeit entronnen sind und unter dem heiteren Himmel des christlichen Glaubens den Stern, den sie früher gesehen hatten, wieder leuchten sahen, unter seinem Voranleuchten und seiner Führung hin zu der hochheiligen Geburtsstätte des Herrn.

„Und sie öffneten ihre Schätze und opferten ihm Geschenke: Gold, Weih rauch und Myrrhe.“ Gold dem Könige, Weihrauch dem Gotte, Myrrhe dem sterblichen Menschen; dem Herrn opferten sie dies zur Verehrung und allen denen, die später glauben werden, als die größten Schätze der Erkenntnis. So kehren sie in ihre Heimat wieder zurück auf dem Wege der Unschuld, sie, die die [Schleich]wege des betrügerischen Herodes zerstört hatten.

Über die Stelle: „Es erschien ein Engel des Herrn dem Joseph im Traume…“bis: „denn Herodes wird das Kind suchen.“ Mt 2,13

Wenn die Empfängnis einer Jungfrau, die Geburt aus einer Jungfrau unsere Predigt nicht erklären, der Sinn nicht fassen, der menschliche Verstand nicht begreifen kann, wer wagt dann zu sagen: Gott sei einem Menschen gleich geflohen? „Es erschien“, heißt es, „ein Engel des Herrn dem Joseph im Traume und sprach: „Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“. Wenn wir sagten, dass die Geburt Christi ein Werk der Liebe sei, was werden wir sagen, wenn wir lesen, dass er die Flucht ergriffen habe? Ungefähr so, wie wir sagten, dass er geboren wurde, um die Natur wiederherzustellen, können wir jetzt sagen, dass er geflohen sei, um die Flüchtlinge wieder zurückzurufen. Und in der Tat! Wenn er, um das irrende Schäflein zurückzuführen, selbst über die Gebirge dahinirrt, wie soll er nicht selbst die Flucht ergreifen, um die fliehenden Völker wieder zurückzuführen? „Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“. Aber warum wird dieser himmlische Ratschluß so behandelt, dass der Sinn des Menschen verwirrt, der Geist betäubt wird, dass der Verstand beschwert, das Ohr stumpf wird, dass die Glaubenskraft wankt, die Hoffnung erzittert, ja selbst die Geneigtheit zu glauben untergraben wird?.

„Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“ Ein Mensch verfolgt, und Gott flieht; die Erde rast, und der Himmel zittert; der Staub wirbelt auf, vor Furcht beben die Engel. Ja selbst der Vater ist in Furcht, wo der Sohn flieht! „Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“ David floh, als Saul ihn verfolgte, nach Judäa, zog sich in ein benachbartes Land zurück; dem Elias genügte das Haus einer einzigen Witwe zum Versteck. Und da Christus die Flucht ergreift, ist keine Stätte da, keine Provinz, ihn nimmt kein schützendes Vaterland auf. Als er auswandern mußte, genügten nicht die benachbarten Völker, nicht die angrenzenden Länder, sondern Ägypten. Das an Gewohnheiten, Sprache und Sitten barbarische Ägypten bereitet ihm in der Verbannung einen traurigen Aufenthaltsort. „Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“ Wenn die Zuflucht der Welt entflieht, der Helfer aller sich verbirgt, wenn die alles stärkende Kraft erzittert, wenn der Schirmherr des Weltalls sich nicht zu schützen vermag, warum wird dann eines Menschen Flucht getadelt, warum die Furcht angeklagt, warum die Angst beschuldigt? Warum wird dem Petrus zum Verbrechen angerechnet, dass er leugnete? Dem Johannes, dass er zaghaft floh?. Den Jüngern allesamt, dass sie den Herrn verlassen haben vor Furcht?. Und wenn auch, Brüder, dies geschehen mußte warum wird es denn noch erzählt? warum in den Büchern berichtet? warum der Nachwelt überliefert? warum wird es zum Gegenstand täglicher Lesung gemacht? warum vor den Augen der Heiden offenbart? Sollte dadurch etwa jede Zunge. jeder Ort, jedes Alter, jede Zeit, sollte etwa die ganze Welt Kunde erhalten von dieser göttlichen Furcht? Denn gleich wie die Lektüre von Heldentaten das Gemüt anfeuert zur Begeisterung, so drückt die Schilderung schwacher Handlungen das Gemüt darnieder. Was will also der Evangelist, dass er dies aufzeichnete zum ewigen Gedächtnisse?

Es ist das Kennzeichen eines seinem Könige treuergebenen Soldaten, dessen Flucht zu verschweigen, aber seine Standhaftigkeit zu rühmen; seine Heildentaten zu verkünden, seine Befürchtungen zu verheimlichen; seine Tapferkeit bekanntzumachen, seine Schwächen zuzudecken, seine Niederlagen zu vertuschen, aber seine Siege zu preisen. Nur so dürfte er imstande sein, den Mut der Feinde zu brechen, und den Mut der Freunde anzufachen. Wenn also der Evangelist solches erzählt, scheint er eher das Gekläffe der Irrlehrer erhoben und den Gläubigen ein Verteidigungsmittel genommen zu haben. „Nimm“, heißt es, „das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“ Zu fliehen, nicht abzureisen wird ihm befohlen. Zwang ist ihm auferlegt, nicht freier Willensentschluß; der Engel kündet ihnen eine geheime Verbannung an, nicht freien Verkehr, damit die Reise, an und für sich schon beschwerlich, auch noch beschwerlicher würde durch die Furcht! Es ist nunmehr Zeit, den Grund für eine solche Erzählung zu untersuchen. „Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!“ Wenn der Soldat im Kriege flieht, so tut er es aus List, nicht aus Furcht; wenn Gott vor dem Menschen flieht, so ist das ein Geheimnis, nicht Furcht, wenn der Mächtige zurückweicht vor dem Schwachen, so fürchtet er nicht den, der ihn verfolgt, sondern sucht ihn auf einen freien Platz zu locken. Denn wer einen öffentlichen Sieg über den Feind davonzutragen wünscht, will ihn auch in der Öffentlichkeit besiegen. Keiner wird es ertragen, einen heimlichen Zweikampf einzugehen, der seinen Triumph der Nachwelt verkündigen will. Ein Sieg im geheimen, eine Heldentat im verborgenen dient der Nachwelt nicht zum Vorbild. Darum geschah es auch, dass Christus floh, um der Zeit, nicht aber dem Herodes auszuweichen. Er, der gekommen war, den Sieg über den Feind davonzutragen, floh nicht vor dem Tode. Er, der gekommen war, die Winkelzüge der Bosheit des Teufels aufzudecken, erschrak nicht über die Nachstellungen der Menschen.

Auch fürchtete er sich damals nicht, als er als Kind seiner Menschheit nach die Furcht noch nicht kannte, als Gott aber über alle Furcht erhaben war. Brüder! Wäre Christus mit der ganzen Schar der unmündigen Kinder damals getötet worden, so wäre der Tod für ihn ein Verhängnis, nicht eine freie Willenstat gewesen; es wäre nicht Kraft, sondern Schwäche gewesen; Zwang, nicht Macht; es wäre zwar die Krone für seine Unschuld, nicht aber der Ruhm seiner Allmacht gewesen. Und vollends: was wäre geworden aus dem göttlichen Ausspruch: „Du sollst das Lamm nicht kochen in der Milch seiner Mutter“?. „Denn Herodes“, heißt es weiter, „will das Kind suchen.“ Herodes suchte, vielmehr der Teufel suchte das Kind durch Herodes, sobald er sah, dass die Weisen, die er als Meister in ihren Zauberkünsten ansah, ihm entgangen seien. Wenn Christus noch in den Windeln eines Kindes, noch als Säugling an der Brust seiner Mutter, wenn er zu einer Zeit, wo er weder zu reden fähig noch einer Handlung mächtig, ja nicht einmal Fuß zu bewegen imstande war, die Fahnenträger des Teufels, die Weisen, in seine getreuesten Heerführer umzuwandeln vermochte, dann sah der Teufel wohl voraus, was Christus in reiferem Alter zu wirken imstande sein würde. Und darum regte er die Juden auf, stachelte den Herodes an, um dadurch dem schon als Kind für ihn so gefährlichen Christus zuvorzukommen, ihm im vor aus die späteren Auszeichnungen seiner Wundertaten abzuschneiden, ihm als ein schlauer Betrüger die Fahne des Kreuzes, das für ihn das Zeichen des Todes, für uns das Zeichen des herrlichsten Sieges war, zu entreißen. Es fühlte der Teufel, er merkte, dass Christus durch seine Lehren und Wundertaten bald das Leben wiederherstellen und den ganzen Erdkreis für sich gewinnen würde, nachdem er schon in der Wiege die Häupter der weltlichen Gewalt an sich gezogen hatte, nach den Worten der Weissagung: „Ehe der Knabe weiß, seinen Vater und seine Mutter zu nennen, wird er die Macht von Damaskus und die Beute von Samaria an sich reißen“, was die Juden selbst beweisen, indem sie sagten: „Ihr seht, dass wir nichts ausrichten; siehe, alle Welt läuft ihm nach!“.

Christus hatte sowohl durch das Gesetz als durch die Propheten verheißen, dass er ankommen werde im Fleische, dass er aufsteigen werde durch die Stufen des Alters, dass er verkündigen werde die Herrlichkeit des himmlischen Reiches, dass er predigen werde die Lehre des Glaubens, durch die bloße Kraft seines Wortes die bösen Geister austreiben, den Blinden das Gesicht, den Lahmen den Gebrauch der Füße, den Stummen die Sprache, den Tauben das Gehör, den Sündern Nachlassung ihrer Sünden, den Toten das Leben wiedergeben werde Darum also, weil er dies alles erst im Mannesalter in Erfüllung bringen wollte, schob er in der Kindheit den Tod hinaus, nicht aber floh er vor ihm! Endlich weist der Evangelist darauf hin, dass die Flucht nicht aus Furcht vor der Gefahr, sondern wegen des Geheimnisses einer Weissagung geschehen sei; denn nachdem er gesagt hat: „Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten“, fügte er alsbald hinzu:“damit erfüllt werde, was Gott durch den Propheten gesprochenm hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn berufen“. Christus also floh, damit feststände die Wahrheit des Gesetzes, die Glaubwürdigkeit der Verheißung, das Zeugnis des Psalmisten, wie der Herr selbst sagt: „Es war nötig, dass dies alles in Erfüllung ging, was im Gesetz des Moses, bei den Propheten und in den Psalmen von mir geschrieben steht“. Christus floh für uns, nicht für sich; Christus floh, um die Geheimnisse für geeignete Zeit aufzubewahren; Christus floh, um den späteren Wundertaten Kraft zu verleihen, indem er einerseits den Abtrünnigen den Stoff zur Ausrede nehmen, andererseits denen, die an ihn glauben wollen, die Glaubenszuversicht mehren wollte. Denn in der Zeit der Verfolgung ist es besser zu fliehen als zu verleugnen. Denn siehe: Petrus, der nicht fliehen wollte, verleugnete den Herrn; Johannes entfloh, um ihn nicht zu verleugnen.

Über die Stelle: „In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf…“ bis: „seine Nahrung aber waren Heuschrecken und Waldhonig.“ Mt 3,1-4

Eben recht ist der hl. Johannes zur Fastenzeit als ein Lehrer der Buße zu uns gekommen, ein Lehrer in Wort und Tat, ein wahrer Lehrer. Denn was er im Worte lehrte, zeigte er durch sein Beispiel. Das Lehramt gründet sich auf das Wissen, des Lehramtes Wirksamkeit aber auf das Leben: wer selbst übt, was er lehrt, macht seine Zuhörerfolgsam. Durch Taten lehren ist die einzige Norm des Unterrichtes; nur in Worten unterrichten ist [bloßes] Wissen, [unterrichten] durch die Tat aber Tugend! Wahres Wissen ist nur dann vorhanden, wenn es gepaart ist mit Tugend; das ist nicht menschliche, sondern göttliche Weisheit, wie der Evangelist beweist, wenn er sagt: „Was Jesus von Anfang an tat und lehrte“. Wenn der Lehrer tut, was er lehrt, so belehrt er zugleich durch sein Wort und erzielt durch sein Beispiel. „In jenen Tagen“, heißt es, „trat Johannes der Täufer auf, predigte in der Wüste von Judäa und sprach: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe!“

„Tut Buße!“ Warum nicht vielmehr: „Freuet euch!“? Ihr sollt euch doch vielmehr freuen, wenn auf Menschliches Göttliches, auf Irdisches Himmlisches, auf Zeitliches Ewiges, auf Schlechtes Gutes, auf Ungewisses gewisses, auf Leiden Glückseligkeit, auf Vergänglichkeit Bleibendes folgt! „Tut Buße!“ Buße tun soll, ja sicher Buße tun soll, wer Menschliches dem Göttlichen vorzieht, wer der Welt dienen und nicht die Herrschaft über die Welt mit dem Herrn der Welt besitzen sollte. Buße tun soll, wer leer mit dem Teufel zugrunde gehen als mit Christus herrschen wollte. Buße tun soll, wer, der Freiheit der Tugend entfliehend, ein Sklave der Laster sein wollte. Buße tun doll, und ganz Buße tun soll, wer immer, anstatt das Leben zu gewinnen, seine Hände nach dem Tode ausstreckte. „Denn das Himmelreich ist nahe!“ Das Himmelreich ist der Lohn der Gerechten, das Gericht der Sünder, die Strafe der Gottlosen. Selig darum Johannes, der durch Buße dem Gerichte zuvorkommen wollte; er wollte nicht, dass das Gericht, sondern der Lohn den Sündern zuteil würde, und dass die Gottlosen eingehen möchten in das Reich und nicht in die Pein. Und damals schon kündigte Johannes an, dass das Himmelreich nahe sei, als die Welt, noch im Kindesalter stehend, erwartete die Vermehrung ihres Lebensalters. Und wie nahe ist nun das Reich Gottes, wo, wie wir wissen, die Welt bereits erschöpft ist im höchsten Greisenalter, ihrer Kraft beraubt ist, wo ihre Glieder erschlafft und ihre Sinne geschwunden sind, wo sie in Schmerzen dahinsiecht, der Heilung wider strebt, dem Leben abstirbt, noch in Krankheit lebt, ihre Ermattung selbst bekundet, ihr Ende selbst bezeugt! Wir sind verstockter als die Juden, weil wir der dahinschwindenden Welt nachlaufen, die zukünftige Zeit vergessen; weil wir nach der Gegenwart haschen und uns, obschon wir mitten im Gerichte stehen, dennoch nicht fürchten; weil wir nicht entgegeneilen dem bereits herannahenden Herrn, lieber den Tod als die Auferstehung der Toten erwarten; weil wir lieber dienen wollen als herrschen und so unseren Herrn selbst an der vollen Herrschaft hindern. Wo bleibt denn das Wort: „Wenn ihr betet, so sprecht: Zukomme uns dein Reich!“?

Einer größeren Buße also bedürfen wir noch; denn nach der Größe der Wunde muß das Heilmittel bemessen werden. Brüder! Laßt uns Buße tun, schnelle Buße! Denn bereits ist uns die Spanne unseres Lebens beschnitten, die Stunde selbst schon beschlossen, das nahe Gericht beraubt uns der Möglichkeit, Genugtuung zu leisten. Es eile die Buße, damit die Strafe uns nicht zuvorkomme! Wenn der Herr noch nicht gekommen ist, wenn er noch wartet und zögert, weil er nicht unseren Tod, sondern unsere Rückkehr ersehnt, wie er selbst in so großer Liebe zu uns immer gesprochen hat: „Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern dass der Gottlose umkehre auf seinem Wege und lebe!“. In Bußfertigkeit also, Brüder, laßt uns zurückkehren; fürchten wir nicht, die Zeit sei kurz; denn der Schöpfer der Zeit kennt keine Einschränkung durch die Zeit. Das beweist jener Schächer im Evangelium, der am Kreuze in der Stunde des Todes sich Gnade erbeutete, das Leben erlang te, das Paradies sich öffnete, den Eintritt ins Reich gewann. So laßt uns denn, Brüder, die wir bisher aus freiem Antrieb das Verdienst nicht gesucht haben, doch jetzt notgedrungen nach Tugend streben; laßt uns, damit wir nicht gerichtet werden, selbst unsere Richter sein; laßt uns, damit wir das Strafurteil von uns abwenden, uns selbst Buße auf erlegen! Das höchste Glück ist es freilich, sich stets der Unschuld zu erfreu en, allezeit unbefleckt zu bewahren der Seele und des Leibes Heiligkeit, nie zu empfinden die unreine Berührungen der Welt, nie zu tragen das Bewußtsein der Schuld, nie zu kennen die Wunden der Sünde, immer zu besitzen die Anmut der Tugenden, stets zu leben unter der Hoffnung auf die Belohnungen des Himmels. Aber wenn einmal unser Herz getroffen ist von dem Pfeil der Sünde; wenn das Fleisch aufwallt durch das Verbrechen; wenn durch den Geifer der Laster der gebrechliche Mensch verdorben ist: dann soll zu Hilfe kommen jenes Heilmittel der Buße, das lege man auf das [glühende] Eisen der Reue; dann bringe man herbei die Glut des [Seelen]schmerzes; dann wende man an das Heilmittel der Seufzer; dann kühle der Eifer die Glut des aufwallenden Gewissens; dann soll man abwaschen mit den Tränen den Eiter der Schuld; dann sollen Bußgürtel reinigen die Unreinheit des Leibes! Wer, wie er es sollte, die Gesundheit [der Seele] nicht bewahrt hat, der wende an, der gebrauche die bittere Arznei der Buße!

Wem sein Leben teuer ist, dem ist kein Mittel zu hart; der Arzt darf ihm nicht unwillkommen sein, wenn dieser ihn auch mit Schmerzen zum Heile zurückführt. Wer die ihm anvertraute Unschuld bewahrt hat, braucht nicht den Zins der Buße zu zahlen. Dies beweist der Herr selbst mit den Worten: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“. Und wer diese Kranken sind, erklärt er, indem er hinzufügt: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder“. Johannes ruft uns zurück durch seine Buße, Christus beruft und durch seine Gnade. Deshalb schreitet Johannes nach Kleidung, Lebenshaltung und Wohnrot ganz in der Gestalt der Buße einher: „Johannes der Täufer“, heißt es,“trat auf, predigte in der Wüste von Judäa und sprach: Tut Buße!“ Durch die Wüsten von Judäa hin ließ Johannes den Ruf der Buße erschallen; denn diese hatten alle Vorschriften des Gesetzes, die Bemühungen der Propheten, die Fruchtbarkeit der Väter, die Früchte Gottes selbst durch ihre völlige Unfruchtbarkeit vernichtet. Deshalb werden sie mit Recht zur Buße gerufen, diese Wüsten, die nicht so fast von Menschen, sondern von jeder Zucht verödet waren. Doch die Stimme ruft, und keiner ist, der sie hört! „Johannes aber trug ein Kleid von Kamelhaaren.“ Er hätte auch ein Kleid von Ziegenhaaren tragen können; denn er hatte kein Bußkleid verdient. Doch ertrug er die Haare jenes sehr gekrümmten Tieres, das kein gerades Glied, keine Anmut, keine Zierlichkeit besitzt, das die Natur bestimmt hat zu harter Arbeit, verurteilt hat zu den schwersten Lasten, ausgeliefert hat der schlimmsten Dienstbarkeit. Gerade mit solcher Kleidung geziemte es sich für den Lehrer der Buße sich zu bekleiden, damit alle, die von dem geraden Wege der Zucht sich abgewandt und sich durch die verschiedenen Sündenarten ganz verunstaltet hatten, der schweren Last der Buße sich unterzögen, die großen Beschwerden der Genugtuung auf sich nähmen, die mühsamen Seufzer der Reue ertrügen, bis sie, wie eine Nadel geschmeidig und zurecht gemacht, hindurchgehen könnten durch die enge Öffnung der Buße in das weite Reich der Gnade, damit so in Erfüllung ginge, was der Herr gesagt hat: „dass ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen vermöge“.

„Seine Nahrung aber waren Heuschrecken und Waldhonig.“ Die Heuschrecke, so oft zur Züchtigung der Sünder gebraucht, sinnbildet treffend die Nahrung der Buße, indem sie, von der Stätte der Sünde hinüberspringend, zur Stätte der Buße, sich emporzuschwingen vermag auf den Flügeln der Gnade zum Himmel! Dies meinte auch der Prophet, wenn er sagte: „Wie ein Schatten, der sich neigt, werde ich hinweggerafft und werde ich verscheucht wie eine Heuschrecke. Meine Knie werden kraftlos vor Fasten, und mein Fleisch zehrt ab um der Erbarmung willen“ Hörst du, wie er von der Sünde verscheucht ist zur Buße gleich einer Heuschrecke, und wie er beugte seine Knie, um der Buße Lasten auf sich zu nehmen? Dazu nahm er als Nahrung Honig, damit die Bitterkeit der Buße gemildert werde durch die Süßigkeit der Erbarmung!

Über die Stelle: „Dann wurde Jesus vom Geiste in die Wüste geführt…“ bis: „das aus dem Munde Gottes kommt.“ Mt 4,-14

Was menschliche Wißbegier, was der Alten Forschergeist, was der Welt Weisheit suchend und lange suchend nicht finden konnte, das läßt uns die göttliche Offenbarung so leicht wissen und nicht wissen. Woher das Übel? Woher die Schuld? Woher die Macht der Laster? Woher die Flut der Verbrechen? Woher der Kampf des Fleisches? Woher der Kampf der Seele? Woher des Lebens große Not? Woher des Todes so grauenvoller Schiffbruch? Alles dies wüßte der Mensch nicht, wenn die Offenbarung Gottes es uns nicht gezeigt hätte als Werk des Teufels. Satan ist des Übels Urheber, die Quelle der Bosheit, der Feind der Welt, des glücklichen Menschen nimmermüder Hasser; er ist es, der die Schlinge legt, den Fall bereitet, die Grube gräbt, den Untergang verursacht, die Fleischeslust erregt, die Geister gegeneinander aufreizt; er ist es, der die Gedanken eingibt, die Zornesausbrüche auslöst, die Tugend ausliefert dem Haß, die Liebe preisgibt dem Laster; er ist es, der den Irrtum sät, Zwietracht nährt, den Frieden zerstört, die Liebe verjagt, die Einheit zerreißt; er ist es, der immer nur Böses, nie Gutes sinnt; er ist es, der Gotteswerk verletzt und Menschenwerk versucht. Ja, bis an Christus selbst wagt er sich heran, der verwegene Versucher, wie es heißt: „Und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, darnach hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihn: Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Die dies vernehmen, sollen aufhören, gegen Gott zu eifern; sie sollen nicht die Natur beschuldigen, den Schöpfer nicht schmähen, das Fleisch nicht anklagen, über den Geist sich nicht beschweren, den Zeiten keine Schuld zuweisen, nichts den Sternen zur Last legen. Sie sollen davon ablassen, die unschuldige Natur zu schmähen; sie sollen gestehen, dass das Böse hinzugekommen ist, nichts Geschaffenes ist; sie sollen Gott als den Schöpfer des Guten, den Teufel aber als den Erfinder des Bösen anerkennen, und so sollen sie dem Teufel des Böse, Gott aber das Gute zuschreiben. Sie sollen das Böse meiden, das Gute tun; sie sollen in ihren guten Werken Gott zum Helfer haben, der das Können gibt zu dem, was er befiehlt, und selbst das tut, was er befiehlt.

Denn wie der Teufel uns treibt zum Bösen, so führt uns Gott zum Guten. Niemand soll also den Lastern folgen, als seien sie ihm anerschaffen; niemand soll der Natur zuschreiben, was eine Tat des Lasters ist, sondern er soll mit Christus die Waffen des Fastens ergreifen und so die anstürmenden Laster vertreiben, das Heer der Verbrechen zu Boden werfen und unter der Fahne Christi den Sieg erringen über den Urheber des Bösen. Ist nämlich der Teufel besiegt, dann werden die Laster keine Gewalt mehr haben; denn wenn der Herrscher getötet ist, lösen sich die Heere des Herrschers auf in wilder Flucht. Vernimm, was der Apostel sagt:“Wir haben nicht zu kämpfen wider Fleisch und Blut, sondern wider die Geister der Bosheit in den Himmelshöhen“. „Dann“, heißt es, „wurde Jesus vom Geiste in die Wüste geführt.“ Nicht vom Teufel; es sollte sein der Lauf eines Gottes, nicht das Gehen eines Menschen; es sollte sein das Werk des allwissenden Gottes, nicht der menschlichen Unwissenheit; es sollte sein ein Erweis der Kraft Gottes, nicht aber der Macht des Feindes. Der Teufel sucht immer die Anfänge des Guten zu verhindern; er untergräbt schon die ersten Versuche der Tugend; das Werk der Heiligkeit sucht er schon gleich beim Entstehen zu ver tilgen. Er weiß ja, dass er es nicht mehr unterwühlen kann, wenn es einmal festgeggründet ist. Wohl wußte dies Christus, und doch gestattete er dem Teufel, ihn zu versuchen, damit der Feind durch seine eigene Schlinge gefesselt und gefangen würde, eben dadurch, wodurch er glaubt, fangen zu können, und damit er, so von Christus besiegt, auch den Christen nicht mehr nahen könnte. „Und als er“, heißt es, vierzig Tage und vierzig Nächste gefastet hatte“. Ihr seht, Brüder, warum wir vierzig Tage lang fasten. Es ist nicht menschliche Erfindung, es ist eine von Gott selbst gegebene Einrichtung, es ist ein Geheimnis, nicht bloß Willkür; es entsteht nicht nach irdi cher Sitte, sondern entspringt dem himmlischen Ratschluß. Die vierzigtägige Fastenzeit, die vierfache Zehnzahl deutet ja die vollkommene Glau benslehre an; denn in der Vierzahl liegt die Vollkommenheit Was aber die Vierzahl und die Zehnzahl an Geheimnissen im Himmel und auf der Erde in sich bergen, können wir jetzt nicht weiter auseinandersetzen. Darum laßt uns das Fasten, die wir schon begonnen haben, weiter fortsetzen.

„Und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte.“ Mensch! Gott fastet nach dir, hungert nach dir; er fastet ja nur für dich, er hungert nur für dich; denn da er keiner Speise bedarf, kann er nicht hungern. Um deinetwillen also fastet der Herr, um deinetwillen hungert er. „Und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, darnach hungerte ihn.“. Das ist nicht ein Zeichen der Schwäche, sondern ein Beweis der Kraft. Denn wenn es heißt: „darnach hungerte ihn“, so ist erwiesen, dass er vierzig Tage und vierzig Nächte nicht gehungert hatte. Den Hunger fühlen und ihn stillen, ist ein Zeichen der menschlichen Schwäche; aber ein Zeichen göttlicher Kraft ist es, keinen Hunger zu empfinden. Christus wird also nicht geschwächt durch das Fasten; er hungert nicht aus Hunger; sondern es hungert Christus, damit der Teufel Anlaß fände zur Versuchung; an den Fastenden wagte er ja nicht heranzutreten; denn den, der so fastete, erkennt er als Gott, nicht als Menschen; dann erst erkennt er den Menschen, den sterblichen Menschen, dann erst glaubt er ihn versuchen zu können, als er, der schlaue Spion, ihn hungern sah. „Und der Versucher trat herzu und sprach.“. Er trat herzu mit der List des Versuchers, nicht mit der Liebe des Dieners. Er trat zurück mit größerer Schande, als er, der Unverschämte herzugetreten war.. Doch laßt uns hören, was er dem Hungrigen anbot. „Sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Er bietet Steine dem Hungrigen. Das ist die Liebenswürdigkeit des bösen Feindes immer. So nährt nur der Urheber des Todes, so nur der Neid des Lebens. „Sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Satan! Es läßt dich deine Klugheit im Stich. Er, der Steine in Brot verwandeln kann, er kann auch den Hunger wandeln in Sättigung. Was soll ihm dein Rat nützen, dem seine eigene Kraft genügt?

„Sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Satan! Du hast dich verraten, aber deinen Herrn nicht gespeist. „Sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Du Elender! Du willst schlecht sein, kannst es aber nicht; du sehnst dich nach einer Versuchung, aber verstehst es nicht; du hättest dem Hungrigen zarte Speise reichen sollen, aber nicht hartes Brot; du hättest den Hunger durch süße Speise lindern sollen, aber nicht durch so rauhe Speise: du hättest den Hunger nicht durch abschreckende, sondern durch schmackhafte Speise stillen sollen! Mit solchen Lockmitteln könntest du nicht einmal des Menschen Sohn gefangennehmen, geschweige denn den Gottessohn. Merke, du Versucher! Vor dem Auge Christi müssen deine Teufelskünste dir zuschanden werden. „Sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Aus den Steinen kann der Brot machen, der Wein in Wasser verwandelt hat. Aber Wunder werden nur gewirkt für den Glauben, nicht für den Betrug. Wunderzeichen sind zu gewähren dem Gläubigen, aber nicht dem Versucher. Und sie sollen gewirkt werden zum Heile des Bittenden, nicht aber zur Schmach des Wirkenden. Satan! Was sollen also die Wunderzeichen dem. dem ja nichts zum Heile ist, dem ja alles nur zur Strafe dient, dem ja auch Wunderzeichen nur zum Falle sind? Doch vernimm die Antwort, damit du auch dich selbst kennen lernst und dem Schöpfer dich unterwirfst. „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Vernimm, dass das „Wort des Vaters“ hungert nach den Worten unseres Heiles, nicht nach Brot, und dass er nur besorgt ist, dass der Mensch immer lebe vom himmlischen Brote und nicht vom irdischen, und er immer so für Gott lebe, dass er seine eigene Schwachheit vergesse; denn das ist das wahre Leben, das keinen Angstschweiß kennt, keine Schmerzen leidet und kein Ende findet.

Über die Stelle: „Wenn du Gottes Sohn bist…“ bis: „stürze dich hinab.“ Mt 4,3-6

Weil wir die Frühlingsfasten, die Zeit der Geisteskämpfe herangekommen sehen, wollen wir, wie Streiter Christi, ablegen die leibliche und geistige Trägheit und hineilen auf den Kampfplatz der Tugend, damit wir die Glieder, die in winterlicher Ruhe erschlafft sind, wieder stählen mit himmlischen Waffenübungen. Ein Jahr haben wir dem Leibe gewidmet; [ein paar] Tage wollen wir nun der Seele gönnen; eine lange Zeit haben wir uns selbst geschenkt, einen kurzen Augenblick wollen wir dem Schöpfer opfern: ein wenig nur laßt uns Gott leben, die wir ja sonst ganz der Welt gelebt haben. Häusliche Sorgen wollen wir beiseite legen, bleiben wollen wir im Heerlager der Kirche. Wachen wollen wir im Heere Christi und nicht suchen den Schlaf auf weichem Pfühle; den Helden wollen wir uns anschließen und uns losreißen von sanften Umarmungen; ein Verlangen nach sieghaftem Triumph soll uns erfüllen, die Liebkosung der Kleinen soll uns nicht davon abhalten; in unseren Ohren töne die Stimme Gottes, der Lärm des Familienleben soll unser Ohr nicht verwirren; kärgliche Speise laßt uns nehmen von dem himmlischen Markte, die Fülle des irdischen Luxus soll uns nicht locken; das Maß der Nüchternheit wollen wir wahren beim Becher, nicht Trunkenheit soll verzehren unsere Kraft! Was wir sonst noch erübrigen von unserem Lebensunterhalt, soll mit uns genießen der dürftige Mitstreiter; nichts sollen wir vergeuden in verderblicher Verschwendung, im heißen Kampfe wirst du zum Helfer haben den hungernden Genossen, mit dem du dein Brot teilst. So gestärkt, Brüder, so belehrt, sollen wir den Kampf ansagen der Sünde, sollen wir den Kampf führen gegen die Verbrechen, Krieg ankündigen den Lastern, erfüllt von Siegesgewißheit. Denn wider die himmlischen Waffen vermögen nichts die irischen Feinde, gegen den himmlischen König können nicht bestehen, die feindlichen Mächte der Welt. Gegen uns vermag feindliches Verderben nicht anzustürmen, wenn wir in Glaubensbereitschaft festgegründet; auch der Teufel wird durch seine Listen nicht überrumpeln die Vorsichtigen, die Wachsamen, die Nüchternen, ja er wird uns, die wir so gerüstet sind, nicht wagen in offenem Kampfe anzugreifen, nicht versuchen, uns mit List zu nahen. Unser Geist möge bleiben im himmlischen Lichte und so aufdecken und umgehen die trügerischen und geheimen Nachstellungen des Teufels! Denn der Teufel ist ja seiner Natur nach böse, er wird aber noch boshafter, wenn er gereizt wird. Höre ja, wie der Apostel sagt: „Der Teufel geht einher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“.

Wenn wir also fasten, hungert der Teufel, der sich immer sättigt an unserer Schuld. Er ist es, der unser Essen führt zur Völlerei, der uns den Becher füllt zur Trunkenheit, damit er den Geist verwirre, das Fleisch beflecke, damit er den Leib, die Wohnung des Geistes, das Gefäß der Seele, die Mauer des Geistes, die Pflanzstätte der Tugenden, den Tempel Gottes umwandle zum Kampfplatz der Verbrechen, zum Schauplatz der Laster, zum Theater des Genusses. Er ist es, der sich sättigt, der Lust empfindet, der sich erfüllt mit unserem Mahle, wenn uns die Schwelgerei entnervt, die Begierde uns aufstachelt, der Luxus uns hinreißt, der Ehrgeiz uns treibt, der Zorn uns drängt, die Wut uns erfüllt, der Neid uns entzündet, die Lust uns entflammt, die Sorgen uns bekümmern, Streitigkeiten uns quälen, Gewinnsucht uns gefangen nimmt, der Wucher uns fesselt, Schuldscheine uns knebeln, Geldsäcke uns drücken, Goldgier uns zugrunde richtet. Wenn die Tugend erstirbt, lebt das Laster auf, die Lust ergießt sich in uns, die Ehrenhaftigkeit geht verloren; die Barmherzigkeit schwindet, die Habsucht nimmt überhand, Verwirrung herrscht, die Ordnung unterliegt, die Zucht liegt am Boden. Dies alles streitet gegen den Streiter Christi; es sind die Kohorten des Satans, des Satans Legionen; sie sind es, die die Welt mit Gräbern erfüllten, die Völker zu Boden warfen, die Nationen verwüsteten, den ganzen Erdkereis in Sklavenketten legten. Sie sind es, denen aus sich kein Sterblicher entgegentreten kann; und deshalb kam, sie zu besiegen, Gott selbst; des Himmels König stieg selbst herab; deshalb kam er als einzigartiger Sieger herab [vom Himmel] und stellte als Schutzwehr auf das vierzigtägige Fasten, damit er durch des Fastens vierfache Zehnzahl die gesamte Vierheit der Welt umschirme mit einer unüberwindlichen Mauer. Wir wissen, Brüder, dass das Fasten ist die Mauer des Geistes, die Fahne des Glaubens, die Standarte der Keuschheit, das Siegeszeichen der Heiligkeit. Dem Adam hätte das Fasten erhalten das Paradies, aber die Unenthaltsamkeit vertrieb ihn; das Fasten bewahrte den Noe in der Arche, während die Unenthaltsamkeit die Welt ertrinken machte. Durch das Fasten löschte Lot den Brand Sodomas, er, der später verzehrt wurde durch das Blutschänderische Feuer, weil er trunken war. Das Fasten ließ des Moses Antlitz leuchten von göttlicher Glut, während das Eßund Trinkgelage das Volk Israel warf in die Finsternis des götzendienerischen Irrtums. Das Fasten trug den Elias zum Himmel empor, während die Trunkenheit den ruchlosen Achab zur Hölle hinabwarf. Das Fasten machte den Johannes zum größten unter den vom Weibe Geborenen, während Unmäßigkeit den König Herodes machte zum Mörder auf Weiber Befehl,

Das vierzigtägige Fasten, Brüder, hat die uralten Listen des Satans uns verraten und kundgemacht; denn der Teufel, der Christus, so lange er Nahrung zu sich nahm, verachtet hatte, ihn, so lange er trank, nur als einen Menschen angesehen hatte, vermutet ihn ihm den Gott, als er ihn fasten sah und bekennt ihn als Gottessohn: „Wenn du Gottes Sohn bist“, heißt es,“sprich, dass diese Steine Brot werden“. Wenn er so sprach, will er uns den Menschen zeigen, nicht den Gott; er will nicht Speise ihm reichen, sondern das Fasten ihm nehmen. „Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Denn am Ende des Fastens verlangt nach Brot nicht göttliche Kraft, sondern menschliche Schwäche; Gott aber ermattet gewiß nicht so durch Hunger, dass er sich nicht mit Nahrung versorgen könnte, was doch in seiner Macht liegt. In dem, was folgt, verrät uns der Teufel selbst seine Versuche: „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürze dich hinab!“. Gewiß will er hier den Menschen wieder versuchen, indem er ihm nicht einen Flug in die Höhe, sondern einen Sturz in die Tiefe anrät; denn für den Menschen ist der Aufstieg immer schwierig, zum Sturz aber ist er so leicht geneigt. „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürze dich hinab!“ Du irrst, Satan; du verstehst das Versuchen nicht; Gott kann ja nicht fallen.

„Alsdann zeigte er ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm:Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“. O, was wagt doch der Teufel! Zu Gott sprach er: Bete mich an!“ Aber nicht lange darnach sollte er den als Gott erkennen durch seine Wunderwerke, und als Richter für seine Schuld, den er [eben noch] durch seine Versprechungen bittend drängte; denn in Christi Namen, in der Kraft seines heiligen Fastens fing der Teufel an zu fliehen aus den Leibern, die er in Besitz genommen hatte, und zitternd dem die Ehre zu geben, dem er in seinem Hochmute so schlau Schmach zugefügt hatte. Durch das Fasten überwand [Christus den Teufel], um dadurch uns die Kraft zum Siege und den Weg zum Siege zu sichern. „Dieses Geschlecht“, heißt es, „wird nicht anders ausgetrieben als durch Fasten und Gebet.“ Laßt uns also fasten, Brüder, wenn wir Christo nacheifern wollen, wenn wir überwinden wollen die trügerischen Verführungskünste des Teufels!

Über die Stelle: „Wenn du Gottes Sohn bist…“ bis: „du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten.“ Mt 4,3-10

Seht, die Zeit ist da, wo der Krieger hinauseilt auf das Kampffeld, wo zum göttlichen Fasten hineilt der gläubige Christ. Die Zeit ist nun da, wo die Ruhe des Fleisches, die Trägheit des Geistes, die Sorge für den Leib und alle Schlaffheit des häuslichen Lebens zu beseitigen ist. Die Zeit ist nun da, wo in der Übung himmlischer Waffen der Seele und des Körpers Kräfte gestählt werden sollen. Die Zeit ist nun da, wo unter Christi Führung, unter dem Beistand der Engel unsere Stärke im Kampf erprobt werden soll. Nun ist die Zeit da, wo im Kampfe liegt die Unenthaltsamkeit mit dem Fasten, die Enthaltsamkeit mit der Völlerei, die Keuschheit mit der Schwelgerei, die Treue mit der Untreue, die Frömmigkeit mit der Gottlosigkeit, die Geduld mit der Raserei, die Gier mit der Freigebig keit, die Barmherzigkeit mit der Habsucht, die Demut mit dem Stolz, die Heiligkeit mit der Schuld, [ein Kampf, in dem] Christus verleiht den Siegespreis. Wenn also einer unter den Augen Gottes, beim Schall der himmlischen Posaune selbst, unter dem helfenden Beistand der Engel, es unterläßt, den Kampfplatz der Tugend zu betreten, mag er auch noch so verstrickt sein in den Lüsten des weichen Pfühls, entnervt sein durch weichliche Hände, vollständig entmannt sein durch eheliche Liebkosungen so verliert er auch den Preis des Kampfes, den Ruhm der Tugend, die Palme des Sieges, den Lorbeerkranz der Gerechtigkeit; denn mit der Schande des Fahnenflüchtigen wird er gebrandmarkt für alle Zeit. Brüder! Heute hat Christus, unser König, seine Kampfgenossen ermahnt von dem Lehrstuhl des Evangeliums aus, den Feinden den Kampf angesagt, den Kämpfenden Belohnung verheißen; er hat uns kundgetan die Ursachen des Kampfes, und offen gezeigt die Ränke der Feinde und ihre Pläne, aber auch mit sieghaftem Beweis uns gelehrt, wo und wann und wie wir den Kampf aufnehmen müssen. Und obwohl er allein den Sieg erringen konnte, bot er dennoch unseretwegen und um unserer Furcht willen die ganze Streitmacht des Himmels zu unserer Hilfe auf. Wenn also einer darauf nicht hören und dieses große und wichtige Gesetz unseres Königs anzuerkennen verschmähen wollte, dann urteilt selbst, ob er sich nicht selbst beraubt der geheimnisvollen Hilfsmittel in unserem Kampfe, ob er sich nicht selbst völlig ausschließt von der Waffenbrüderschaft des Himmels.

Ihr aber, Brüder, die ihr in diesen vierzigtägigen Fasten genau nach dem Fasten des Herrn kämpfen wollt, wie wir eben gesagt haben, gegen die Heerscharen des Lasters, gegen die Kampfesreihen der Verbrechen, gegen die häßlichen Gestalten der Leidenschaften, gegen alle überall verbreiteten und unzähligen Legionen der geistigen Dämonen in der Luft:erweist euch siegreich im Hinblick auf die Versuchungen selbst, die dem Fasten des Herrn folgten. Denn erst als der Herr sich dem vierzigtägigen Fasten durch den unerschütterlichen Erweis seiner Kraft unterzogen hatte, trat ihm sogleich der Satan entgegen, um ihn mit List zu bekämpfen; denn dem Fastenden konnte er mit seiner Kraft nicht entgegentreten. Ebenso nämlich, wie der Teufel herrscht über die, die ergeben sind der Völlerei und der Trunksucht, so fürchtet er, die da beten; ebenso flieht er zurück vor denen, die fasten, wie der Herr sagt: „Dies Geschlecht wird nicht anders ausgetrieben als durch Fasten und Gebet“. Doch laßt uns hören, mit welchem Betrug der Teufel es wagt, den Herrn zu versuchen. „Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass diese Steine Brot werden!“. Habt ihr gehört, was der böse Feind selbst über das Fasten denkt und urteilt, wenn er sagt: „Wenn du Gottes Sohn bist!? Ihr seht: er hält ihn nicht für einen Menschen, sondern für Gott, weil er ihn frei sieht von der Knechtschaft des Fleisches. Er erkannte, ja es erkannte der Teufel, dass das Fasten allen Tugenden den Rang abläuft. Er sah, dass Johannes die Lockungen des Stadtlebens vertauschte mit dem Aufenthalt in der unwirtlichen Wüste, dass er die Verweichlichung des Fleisches überwand durch das rauhe Gewand, dass er alle Genüsse der Welt bezwang durch die Nahrung des einfachen Landlebens, und dass er, was nur ein Zeichen göttlicher Kraft ist, so den Menschen die Verzeihung der Sünden erwirkte. Aber trotzdem hat er nie zu ihm gesagt: „Wenn du Gottes Sohn bist“. Aber als er den Herrn so lange ununterbrochen fasten sah, rief er aus: „Wenn du Gottes Sohn bist“.

Der Teufel täuscht sich, wenn er so gegen den Herrn die gottlosen Anschläge seiner Schlauheit schleudert: „Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Warum sucht er denn, als Christus fastete, einen Beweis für seine göttliche Kraft nur dadurch, dass er von ihm Brot verlangte? Und warum wünscht er, der den Sohn Gottes erkennt durch den Be weis des ununterbrochenen Fastens, warum wünscht er einen Beweis dadurch, dass er ihm Brot für seinen Leib anbot: „Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass diese Steine Brot werden“? Warum sagt er nicht: „Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass Menschen oder Engel oder sonst etwas werde“, sondern: „Sprich, dass diese Steine Brot werden“? Er fordert den Beweis aus dem Brote, weil er den Beweis aus dem Fasten scheute. Er fordert den Beweis aus dem Brote, damit er dem erschreckenden Beweis aus dem Fasten entgegentreten könne. „Brot“ flüstert der Versucher ihm zu, um die Tugend zu er schüttern und die feste Absicht des Fastenden zu verletzen. Doch laßt uns sehen, welche Antwort das Brot gibt, „das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“. „Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Wie wahr lebt doch „Gottes Wort“ vom Worte Gottes; wie wahr bedarf doch dieses Brot nicht des Brotes! Wie wahrhaft göttlich verwandelt er die Steine in Menschen, der aus den Steinen Söhne Abrahams erweckt zum Erweis seiner Herrlichkeit!. Und weil der unverschämte böse Feind mit einem Male nicht zum Siege kommen konnte,“stellte er“, nur um den Triumph des Siegers noch zu vermehren, „den Herrn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, stürze dich hinab!“

Wie bezeichnend: „stürze dich hinab“! Wie passender hätte er gesagt: „Wenn du Gottes Sohn bist, steige zum Himmel hinauf!“ Denn der Mensch stürzt doch allezeit in die Tiefe, Gott aber steigt auf zur Höhe. „Wenn du Gottes Sohn bist, stürze dich hinab!“

So rät er, so gibt er ein den Seinigen, so erhebt er sie, um sie dann von der Höhe in einen noch schrecklicheren Abgrund zu stürzen. „Wenn du Gottes Sohn bist, stürze dich hinab!“ Sein eigener Rat verrät ihn als den Teufel, weil er sagt: Stürze dich hinab!“ Er verlangt einen Fall, er befiehlt das Hinabstürzen mit solchem Rat erwirbt er sich in Afrika Märtyrer, indem er ihnen leise zuruft: „Wenn du Märtyrer sein willst, stürze dich hinab“, um sie so von der Höhe zum Tode zu führen, sie aber nicht von der Niedrigkeit zur hohen Krone empor zuführen. Aber wie sich der Teufel durch seinen Rat als solchen verriet, so offenbart sich der Herr als Gott durch seine Antwort, indem er spricht: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!“. Er will, dass er als Herr, als Gott erkannt werde durch seine Antwort; denn nicht nur von der Zinne des Tempels hat er sich zur Erde herabgelassen, sondern von dem Himmel hat er sich erniedrigt bis zur Unterwelt, nicht um ein Bild des Falles zu sein, sondern die Auferstehung für die Toten. Merket wohl, Brüder; ob wohl der grimmige Feind, wenn auch mehrfach besiegt, vom Menschen ablassen könne, er, der sogar hört und sieht den Herrn und Gott und dennoch nicht davon absteht, ihn zu versuchen. „Er nahm ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und sprach zu ihm: „Dieses alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“ Dies sprach der, in dessen Macht nicht das Geben, sondern nur das Täuschen lag, der das Versprechen nicht halten, sondern durch sein Versprechen den Besitz nur schmälern konnte. „Dies alles will ich dir geben.“

Er bietet Gott an, was Gott gehört, dem Schöpfer, was schon dem Schöpfer gehört, versprach er wieder; er will den zur Anbetung bringen, der allein angebetet werden darf, und verblendet durch seine Verführungskünste, offenbart er schon vor dem Urteilsspruch dem Richter, wie er die Einfältigen täuschen wollte. Ihm gibt der Herr nicht so sehr nach dem Zeugnis des Gesetzes, als mit dem Befehl seiner Gottheit zur Antwort: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten!“. Du sollst anbeten den Herrn, jenen Gott, dem sich alle Knie beugen, nicht nur der Himmlischen und Irdischen, sondern auch derer, die in der Unterwelt sind. Du sollst also in der Unterwelt knirschend und heulend anbeten, den du als tollkühner Verräter eben noch einludest zu deiner Anbetung. So oft und in so [glänzender] Weise vom Herrn zurückgewiesen, bedrängt der Teufel auch uns Knechte mit seinem ganzen Grimme in ähnlicher Weise; und wie Christus seine Soldaten, so redet und feuert jener seine Diener also an; so spricht also der Teufel: Die Zeit bedrängt uns jetzt durch die Beobachtung der Fastenzeit; durch Schlemmerei, Völlerei, Trunksucht und Ausschweifung können wir die Menschen jetzt nicht versuchen; schmiedet Ränke, sät Zwietracht, erreget Haß, schürt Zorn, gebet Lügen ein, erzwingt Meineide, flüstert Gotteslästerungen zu, breitet eitle Redereien aus, erreget Habsucht, lockt mit schimpflichem Gewinn, damit, was der Bauch jetzt nicht zur Schlemmerei aufwendet, wenigstens der Geldsack verschließe und verwahre zur Strafe! Vor allem hütet euch, dass keine Barmherzigkeit, kein Almosen, keine Wohltätigkeit unsere frühere Arbeit verderbe, die gegenwärtige uns raube und die zukünftige uns unmöglich mache! Wir aber, Brüder, die wir die Mahnungen unseres Königs erkennen und vernehmen, wozu uns der Teufel durch seine [Diener] antreibt, wollen unser Fasten ohne Streit, ohne Lärm, ohne Trug, ohne Heuchelei, ganz in Wohltun, Liebe und Güte vollführen, damit Christus, unser Herr, der das blutige Opfer der Tiere verschmähend das Opfer einer betrübten Geistes und zerknirschten Herzens verlangt, in der Ruhe des Friedens das Opfer unseres Fastens in Huld und Gnade aufnehmen. Amen.

Über die Stelle: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn…“ bis: „so geh zwei mit ihm“ Mt 5,38-41

Über die Größe der himmlischen Philosophie und die Kraft des Kriegsdienstes des Christen belehrt uns heute der Herr, indem er spricht: „Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so biete ihm auch die linke dar!“. Dies sieht als schwer nur an, wer die Größe des Lohnes der Geduld nicht kennt. Kann denn vielleicht einer durch seine Wunden den Siegeskranz erringen, der nicht einmal durch den Schlag der Hand die Krone erwerben will? Kann denn einer durch seinen Tod sich Ruhm erwerben, dem um Gottes Ehre willen menschliche Unbill schwer erscheint? Mensch, wirst du nicht durch solche Gebote an deiner Kindheit Lehrjahre erinnert? Schläge mit der Hand sind die Strafen für Kinder, nicht für Männer. Darum wird auch mit leichten Geboten der junge Christ angefeuert, damit dann die so aus der vollen Kraft des Evangeliums lebende Jugend übergehe zu den schweren Geboten; damit sie durch Anstrengungen, Mühen und selbst den Tod freudig zu erlangen strebe, was sie wegen der Kindheit durch geringfügige Leiden nicht erringen konnte. Damit aber auch bewiesen werde, dass seine Gebote nicht hart sind, wollen wir die Reihenfolge der Gebote selbst darlegen. „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: wehret euch nicht gegen den Böswilligen, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so biete ihm auch die linke dar. Will jemand mit dir vor Gericht gehen und dir den Rock nehmen, so laß ihm auch den Mantel. Nötigt dich jemand, eine Meile weit zu gehen, so gehe zwei mit ihm.“.

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist.“ Welchen Alten? Natürlich den Juden, die zu „Alten“ mehr machte die Bosheit als die Zahl der Jahre, die von der Wut der Rachgier so besessen waren, dass sie für das Auge das Haupt, für den Zahn die Seele forderten. Darum mußte ein Gesetz sie zügeln bei der rächenden Vergeltung, damit sie, die schuldige Verzeihung nicht kannten, wenigstens Maß hielten bei der Rache und nur so viel Vergeltung forderten, als die Gewalt des Rasenden ihnen Schaden zugefügt hatte. Doch dies wurde zu den Alten gesagt; wir aber wollen hören, was uns, die wir durch die Gnade erneuert sind, die göttliche Güte befiehlt. „Ich aber sage euch.“ Wem? Den Christen. „Wehret euch nicht gegen den Böswilligen!“ Mit diesen Worten will er, dass wir nicht Fehler mit Fehlern vergelten, sondern durch Tugenden überwinden, dass wir den Zorn auslöschen, wenn er erste noch im Funken glimmt; denn wenn er kommt zu hellloderndem Wutbrand, läßt er sich ohne Blutvergießen nicht mehr stillen. Sanftmut besiegt den Zorn, Gelassenheit die Raserei; die Bosheit wird durch die Güte besiegt, die Grausamkeit wird niedergeworfen durch die Liebe, die Ungeduld wird bestraft durch die Geduld, die Streitsucht überwunden durch die Liebkosung, den Stolz wirft die Demut zu Boden. Wer also, Brüder, Fehler besiegen will, muß die Waffen der Liebe, nicht des Zornes führen. Obwohl nun aber der Weise einsehen kann, warum schon die Jugendzeit des Christen durch Unbill getrübt wird weil aber dennoch einige nicht einsehen, dass dies ein Zeichen der Kraft ist, dass es der Gipfel der Güte, die höchste Stufe der Liebe, das Werk göttlicher Lehrweisheit und nicht des Menschen Werk ist, dem Böswilligen nicht zu widerstehen, sondern das Böse im Guten zu überwinden, dem Schlagenden die Möglichkeit wieder zu schlagen nicht zu verweigern, dem, der den Rock nimmt, auch den Mantel zu lassen, und dem, der die Beute raubt, auch noch freigebig sich zu zeigen, dem, der uns nötigt, eine Meile zu gehen, auch noch zwei Meilen zu folgen, damit so der Wille den Zwang überwinde, die Liebe die Lieblosigkeit besiege, und damit dies sei die Tugend der Geduld, was die Gewalt des Zwingenden uns auferlege, weil dies alles schon beweist, wie der Soldat Christi durch Unbilden gekräftigt werde, so wollen wir dennoch, damit es uns klarer werde, tiefer schürfend erforschen, warum dies Gebot an uns ergangen ist.

Brüder, nachdem sich das Siechtum der Sünden, die Ruchlosigkeit der Laster, der Wahnsinn der Gottentfremdung über den menschlichen Geist ergossen hatten, ausgelöscht hatten alles, was ihm an [echter] Weisheit, [gutem] Sinn und [vernünftigem] Überlegen gegeben war, ließen sie die Heiden, die über die ganze Erde zerstreut waren, in wahnsinnig verblendeter Wut vor Gott fliehen, die Dämonen suchen, die Geschöpfe verehren, den Schöpfer schmähen, nach den Lastern verlangen, die Tugenden verabscheuen; der Mordlust wurden sie preisgegeben; sie stürzten sich in Wunden, lebendig weihten sie sich dem [geistigen] Tode. Nicht anders konnten daher die Menschen gerettet werden, als dass sie ausgerüstet und gewappnet wurden mit der ganzen Liebe und Geduld des himmlischen Arztes. So sollten sie, die am Wahnsinn litten, Unbilden ertragen, Schmähungen erdulden, Schläge aushalten, ihren Leib zerfleischen lassen bis sie nüchtern und aufrichtigen Sinnes zur geistigen Gesundheit zurückkehrten. Und so sollten sie lernen, ganz Gott zu suchen, vor den Dämonen zu fliehen, ihr Siechtum einzusehen, nach der Gesundheit Verlangen zu tragen, die Laster zu verwerfen, nach der Tugend zu streben, den Wunden, dem Blutvergießen, dem Selbstmord zu entsagen, vor ihnen zu fliehen und sie zu verabscheuen, und dafür das Leben zu erhalten. Und wenn einer noch tiefer erkennen will, was wir gesagt haben, wollen wir über die Handlungsweise der Ärzte zu euch reden. Geschieht es nicht, dass, oft wie der Brand der Ruhr in dem Menschen sich entzündet und das herrschende Fieber den Kranken zum Wahnsinn bringt, die Sinne sich verwirren, der Geist schwindet, Wildheit eintritt, menschliches Tun [geradezu] verschwindet und um nicht viele Worte zu machen die Raserei einzig lebt, wo der [dem] Mensch stirbt? Darum knirscht er mit den Zähnen, zerfleischt die Anverwandten, zerfleischt die besten Freunde; er schlägt um sich mit den Fäusten und beißt die ihn Pflegenden. Dann wappnet sich der Arzt zum Lobe der Tugend, zur Ehre der Kunst, zur Mehrung seines Rufes mit Geduld: er ergreift die Geduld, verachtet die Beleidigungen, hält diese Bisse aus, erträgt diese Mühen und leidet selbst nicht geringe Pein, um den Kranken von seiner Pein zu befreien. Er salbt ihn mit Öl, er pflegt ihn sorgfältig, gibt ihm Arznei ein, da er weiß, dass der Kranke ihm gern durch seine Dienste ehrenden Lohn wiedergeben wird, wenn er durch ihn die Gesundheit erlangt hat.

Und so frage ich euch: Gibt es wohl einen größeren Wahnsinn, einen schrecklicheren Wutausbruch, eine gleich große Raserei, als die Wange eines heiligen Menschen zu schlagen, das Antlitz eines sanftmütigen Bruders zu zerfleischen? als die Lieblichkeit eines geduldigen Antlitzes mit trübem Geifer zu besudeln, als den Menschen zu berauben des einzigen Kleides, das er trägt? als eines geringfügigen Gewinnes wegen Gott, dem Menschen, der Natur alles zu entziehen und nichts mehr der Scham zu lassen? den Menschen, der mit seiner Beschäftigung genug hat, eine Meile mitzugehen zu zwingen und die Qual eines andern zum eigenen Troste zu mißbrauchen? Brüder! Wenn wir erkannt haben, dass nur in schlimmster Verblendung Menschen solches tun, so wollen wir Christo gehorchen und die Bisse, Schläge, Quälereien solcher Menschen ertragen mit der ganzen Kraft der Liebe, damit wir unsere Brüder befreien von ihrer Pein und wir selbst erlangen den ewigen Lohn der Geduld. Der Knecht scheue sich nicht, dies von seinen Mitknechten zu ertragen, was der Herr von seinen Knechten anzunehmen nicht verschmäht hat: den Faustschlägen hat er sein Antlitz nicht entzogen; dem, der ihm den Rock nahm, gab er auch seinen Mantel; dem, der ihn zum Frondienst [des Kreuztragens] zwang, folgte er freudig und gern zum Tode. Wenn also. Brüder, der Herr es für würdig hielt, zu leiden, wie sollte es unwürdig sein, dass der Knecht leide? Wir irren, Brüder, ja wir irren: wer nicht tut, was der Herr befiehlt, erhofft vergebens, was der Herr versprochen hat.

Über die Stelle: „Habt acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt…“ bis: „was deine rechte tut.“ Mt 6,1-3

Gott nimmt sich unser an, Gott sorgt für uns in dieser Welt, damit uns nichts verloren gehe für die Ewigkeit. Dies geht aus dem Anfang unserer Lesung selbst hervor. „Habt acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden; sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der im Himmel ist.“. Wie aber kann das, was von Menschen geschieht, den Menschen unbekannt bleiben? Mag auch die innere Absicht einer offenkundigen Gerechtigkeit verborgen bleiben: was aber bedeutet das Geheimbleiben einer öffentlichen Tat? Wer die Strahlen der Sonne verdunkeln kann, wird auch den Glanz der Gerechtigkeit verbergen können [Gemeint ust Gott]. Die Gerechtigkeit aber, das Licht der Welt, wird nicht verhüllt durch die geheime Absicht. Die Gerechtigkeit erleuchtet alle durch ihr Beispiel, sobald sie durch die Tat ans Licht gekommen ist. Und warum will der Herr, dass sie nicht vor den Menschen geschehe, wo doch durch sie die menschlichen Verhältnisse allein bestehen können? Wo bleibt denn die Mahnung: „So leuchte euer Licht vor den Menschen, dass sie eure guten Taten sehen und euren Vater preisen, der im Himmel ist!“. Warum will er, dass die Gerechtigkeit verborgen bleibe, wo er will, dass die Taten so leuchten sollen? Brüder! Diese himmlische Vorschrift will nur die Aufgeblasenheit fernhalten, den äußeren Prunk beseitigen, die Eitelkeit wegnehmen, alle Ruhmsucht bannen. So will er, dass die Gerechtigkeit verborgen bleibe. Die Gerechtigkeit, die aus sich für sich überreich fließt zur Ehre, sucht nicht den Schauplatz des Volkes, das Lob des Pöbels, Gunst vor den Menschen, Ehre vor der Welt; aus Gott geboren, schaut sie zum Himmel; vor den Augen Gottes wandelt sie; mit übernatürlicher Kraft verbunden, erwartet sie ihre Ehrung nur von Gott allein. Denn das ist die Gerechtigkeit, die aus Gott geboren ist; jene Gerechtigkeit aber, die Heuchelei ist, ist nicht [wahre Gerechtigkeit]: sie täuscht die Augen, trügt den Blick, verhöhnt die, die sie sehen, verführt die, die sie hören, bezaubert die Menge, reißt die Massen hin, erkauft sich Ruhm und erwirbt sich Beifall; die geschieht vor der Welt, nicht vor Gott; sie erhascht sich irdischen Lohn, sucht ihren Lohn nicht im Jenseits; sie blendet die Augen, sie ist selbst blind und nicht sehend, will aber gesehen werden. Dieser Blindheit wegen beginnt Christus in seinem Gebot also: „Habt acht!“d. h. trachtet nicht darnach, beachtet zu werden. „Dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Menschen.“ Warum? „Um von ihnen gesehen zu werden.“ Und wenn sie wirklich gesehen werden? Was dann? „Sonst werdet ihr keinen Lohn haben bei eurem Vater, der im Himmel ist!“

Brüder! Hier richtet der Herr nicht, sondern er enthüllt nur, er macht offenbar den Betrug der Gedanken; er legt klar die geheimen Gedanken des Geistes: kündigt denen, die ihre Gerechtigkeit in ungerechter Weise üben, das Maß der gerechten Vergeltung an. Die Gerechtigkeit, die sich vor den Augen der Menschen breit macht, kann keinen Lohn des göttlichen Vaters erwarten: sie wollte gesehen werden und ward auch gesehen; sie wollte den Menschen gefallen und gefiel ihnen auch; sie hat den Lohn, den sie wollte; den Lohn, den sie nicht haben wollte, wird sie auch nicht besitzen. Warum wir dies vorausgeschickt haben, wird aus dem folgenden klar werden. „Wenn du Almosen gibst, so posaune es nicht vor dir her, wie die Heuchler tun!“. Ganz mit recht wird hier das Wort tuba, Posaune gebraucht. Denn ein solches Almosen ist das Almosen nicht eines friedlichen Bürgers, sondern eines kriegerischen Feindes; es ist nicht wegen der Barmherzigkeit, sondern wegen des äußeren Lärms geschehen; es ist ein Kind des Aufruhrs, nicht aber ein Diener der Liebe; es ist ein marktschreierischer Artikel, nicht ein Wechsel der Liebe. Wer das Almosen ausschreit, entehrt es. „Du aber“, heißt es,“wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir aus, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Straßen, um von den Menschen gesehen zu werden. Wahrlich, sage ich euch: sie haben ihren Lohn schon empfangen!“ Ihr hört, wie er das Almosen, das vor versammelter Volksmenge, auf den Straßen und auf den Plätzen gegeben wird, nennt; es wird nicht gespendet zur Erleichterung [der Not] der Armen, sondern zur Schau gestellt für die Gunst der Menschen, da diese Menschen so beweisen, dass sie die Barmherzigkeit [selbstsüchtig] verkaufen, aber nicht [freigebig] anbieten. Brüder! Fliehen, ja fliehen müssen wir die Heuchelei, die den Ruhm gefangen hält, die Verschämtheit des Armen nicht verdeckt, sondern nur noch mehr belastet; aus dem Seufzer des Armen sucht sie die Pracht ihrer eigenen Ehre; ihr eigenes Lob bereichert sie aus dem Schmerze des Armen; das Elend des Bettlers nimmt sie sich zum Lob ihrer eigenen Prahlerei.

Aber es könnte jemand einwenden: Also soll vor versammelter Menge, auf den Straßen und auf den Plätzen die Barmherzigkeit nicht geübt werden? Soll da keine Lebensnahrung dem Armen geboten werden? Mit nichten! Überall und zu jeder Zeit soll die Barmherzigkeit geübt werden, Lebensnahrung gereicht werden, die Blöße bedeckt werden; aber nur so, wie der Meister der Barmherzigkeit es gelehrt hat, damit die Barmherzigkeit nicht der Erde, sondern dem Himmel bekannt sei, nicht den Menschen, sondern Gott geweiht sei. Auf den Straßen und auf den Plätzen hat gewiß die Liebe ihren stillen Wirkungskreis; ja gerade sie, die Straßen und die Plätze sind es, da ja auch der Heuchler im geheimen nichts Geheimes tut. Brüder! Der Herr beschuldigt hier durch seine Mahnung nicht den Ort, sondern die innere Gesinnung; den Geist, nicht das Werk; die Absicht, nicht den Geber; er tadelt den, der gibt seines eigenen Ruhmes wegen, nicht des Hungers des Armen; er richtet nicht den Ort oder die Zeit, wo du wirkst, wann du wirkst, sondern die Art und Weise, wie du wirkst; denn Gott bemißt die Tat nach der inneren Gesinnung, nicht nach der äußeren Handlungsweise; nach der Absicht, nicht nach dem Ort der Taten bewertet er sie. Er will, dass die Barmherzigkeit vor ihm selbst geschehe, er, der allein der Vergelter und Zeuge der Barmherzigkeit ist und gesagt hat: „Ich war hungrig und ihr gabt mir zu essen“. Er will, dass man in dem Armen ihm die Gabe schenkt; und er, der will, dass man ihm gebe, will darum auch, dass er der Schuldner dafür sei, und eil er der Schuldner für die Gabe sein will, will er auch, dass den Gebern nichts verloren gehe. Gott verlangt nur wenig und gibt sehr viel zurück. Wenn du, Mensch, also Gott in den Armen auf Wucher leihest, suche nicht nach menschlichen Zeugen; der Glaube braucht keinen Richter. Bedenken über den Glauben des Empfängers trägt der, der nichts geben will ohne Mittler; wer Geliehenes offen ausposaunt, brandmarkt den Schuldner mit Beschämung.

Wenn du, Mensch, also Gott geben willst, gib im geheimen, damit das, was du gegeben hast, dir eine Ehre, keine Beschämung sei. Darum kommt zu dir dein Vergelter im Armen, damit du nicht zweifelst, dass er dir wiedergeben werde, was du gegeben hast, der dir doch auch umsonst zum Besitze gegeben hat, was du [einem andern] geben konntest. Wie sehr aber in dem Armen die Verschämtheit zu achten ist, sagt klar der, der deine Freigebigkeit im verborgenen geschehen wissen will, indem er spricht: „Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut!“. Siehst du, wie wenig er einen andern zum Mitwisser haben will, da er sogar will, dass ein Teil deines Leibes nicht wisse, was du tust? „Deine linke Hand soll nicht wissen, was deine rechte tut.“ Wie uns zur Rechten die Tugenden stehen, so stehen uns zur Linken die Laster. Wie also es ein Werk der Rechten sein muß, was ein verschwiegener Gebet tut, so ist es das Werk der Heuchelei, was ein geschwätziger Geber verrichtet. Heuchelei, Trug, Verstellung, List, Lüge, Stolz, Aufgeblasenheit, Prahlerei bedrohen und bedrängen uns von der Linken her. Was aber immer von uns mit Liebe und Güte und Barmherzigkeit geschieht, das soll die Linke nicht kennen. Die linke Hand ist es, die uns immer den Kampf des Geistes ansagt und sich abmüht, dass die Tugenden nicht zur Tat gelangen. Gegen die Herzensliebe streitet die Herzlosigkeit; gegen den Sieg des Almosens die Begierde. Es wütet die Habsucht, damit die Barmherzigkeit nicht ihren Segen spende; damit Unschuld und Reinheit und Einfalt und Heiligkeit nicht zum Siege komme, streitet die Heuchelei, die Christus von uns durch diese Mahnung verbannt wissen will: „Wenn du Almosen gibst, soll deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut.“ Brüder! Laßt uns fliehen in dieser Welt, was von der linken Seite kommt, wenn wir wünschen, in der jenseitigen Welt zur Rechten zu stehen und zu hören: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt in Besitz das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginn der Welt!“. Mensch! Gib auf Erden dem Armen, wenn du willst, dass es dir bleibe im Himmel. Mensch! Kämpfe hier mit dem Armen, wenn du dort herrschen willst mit dem Herrn selbst, der hochgepriesen ist in alle Ewigkeit. Amen.

Über die Stelle: „Vater unser, der du bist im Himmel…“ bis: „sondern erlöse uns von dem Übel.“ Mt 6,9-13

Ihr habt, geliebteste Brüder, empfangen die Kunde des Glaubens, vernehmt nun auch den Wortlaut des Gebetes des Herrn. Christus lehrte uns ein kurzes Gebet, weil er schnell verleihen will, was wir von ihm erbitten. Oder was wird er den ihn Bittenden nicht geben, der sich gab denen, die ihn nicht darum bitten?. Oder zögert er etwa zu antworten, der er doch den Wünschen der Bittenden zuvorkommt dadurch, dass er ihnen die Bitte vorsagt? Was ihr heute hören werdet; die Engel staunen, der Himmel wundert sich, es fürchtet sich die Erde, das Fleisch trägt es nicht, das Ohr faßt es nicht, der Geist reicht nicht hinan, kein Geschöpf kann es ertragen. Und ich, ich wage es nicht auszusprechen, aber schweigen kann ich auch nicht. Mag Gott geben, dass ihr es hören und ich es aussprechen kann! Wovor soll man denn mehr zittern: dass Gott sich der Erde schenkt oder dass er uns den Himmel schenkt? dass er selbst eintritt in die Gemeinschaft unseres Fleisches oder dass er uns eintreten läßt in die Gemeinschaft der Gottheit? dass er selbst den Tod auf sich nimmt oder dass er uns von dem Tode errettet? dass er selbst zur Knechtschaft geboren wird oder dass er uns zu Freien gebiert? dass er unsere Armut annimmt oder dass er uns zu seinen Erben macht, zu seinen einzigen Miterben? Gewiß: es ist furchtbarer, dass die Erde zum Himmel umgewandelt wird, dass der Mensch durch die Gottheit verwandelt wird, dass, die das Los der Knechtschaft tragen, erlangen die Rechte der Herrschaft. Aber wenn dies auch furchterregend ist, so laßt uns dennoch, weil hier nicht der Lehrende, sondern der Befehlende die Ursache [unserer Predigt] ist, hinzutreten, meine lieben Kindlein, dahin, wohin uns die Liebe ruft, die Liebe zieht, die Liebe einladet. Unser Inneres möge erkennen den Vater-Gott, unsere Stimme möge ihn rufen, unsere Zunge ihn nennen, unser Geist ihn bekennen, und alles was in uns ist, möge sich der Gnade überlassen, nicht der Furcht! Denn er, der den Richter zum Vater machte, wollte geliebt und nicht gefürchtet werden.

„Vater unser, der du bist im Himmel.“ Wenn du so sprichst, sollst du es nicht so auffassen, als sei er nicht auf Erden, sollst du es nicht so ansehen, als sei er in einem Orte eingeschlossen, er, der alles umschließt; sondern verstehe das so, dass dein Geschlecht dir ist vom Himmel her, da dein Vater ja im Himmel ist. Und handle so, dass du durch ein heiliges Leben dem heiligen Vater doch würdig zeigst! Der erweist sich als ein Kind Gottes, der nicht befleckt wird von menschlichen Lastern, der vielmehr hervorleuchtet durch Tugenden. „Geheiligt werde dein Name.“ Wessen Geschlechtes wir sind, dessen Namen tragen wir. Das ist also der Inhalt unserer Bitte, dass sei Name, der aus sich und durch sich heilig ist, in uns geheiligt werde, Der Name Gottes wird je entweder durch unsere Handlungen geehrt oder durch unsere Taten geschändet. Höre, was der Apostel sagt: „Der Name Gottes wird durch euch geschändet unter den Heiden“. „Zu uns komme dein Reich.“  Wann besaß denn Gott kein Reich? Wir bitten also darum, dass, der für sich immer ein Reich besaß. auch nun herrsche in uns, damit wir auch in ihm herrschen können. Es herrschte der Teufel, es herrschte die Sünde, es herrschte der Tod und lange war in Gefangenschaft die sterbliche Menschheit. Wir bitten also, dass unter der Herrschaft Gottes der Teufel zugrunde gehe, die Sünde vernichtet werde, der Tod sterbe, die Gefangenschaft selbst gefangen werde, damit wir als Freie herrschen zum ewigen Leben.

„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden.“. Das ist das Reich Gottes, wenn im Himmel sowohl als auch auf Erden nur besteht der Wille Gottes, wenn in allen nur der eine Gott ist, Gott lebt, Gott handelt, Gott herrscht, Gott ganz ist nach dem Ausspruch des Apostels: „Gott sei alles in allen“. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Der sich uns als Vater schenkte, der uns sich als seine Söhne annahm, der uns machte zu seinen Erben, der uns erhob durch [seinen] Namen, der uns beschenkte mit seiner Ehre und mit seinem Reiche, der fügt selbst noch hinzu, dass wir um das tägliche Brot bitten sollen. Mitten im Reiche Gottes, inmitten der Wohltaten Gottes wonach verlangt denn noch der Mensch in seiner Armut? Und der so gute, so liebe, so freigebige Vater verleiht er denn das Brot seinen Kindern nur, wenn sie ihn darum bitten? Wo bleibt denn das Wort: „Ihr sollt nicht bekümmert sein, was ihr essen oder was ihr trinken oder womit ihr euch bekleiden werdet“?. Um das zu bitten fordert er uns auf, woran zu denken er uns verbietet? Was sollen wir davon halten?. Der himmlische Vater mahnt uns, dass wir als Söhne des Himmels um ein himmlisches Brot bitten sollen. Er selbst hat gesagt:“Ich in das Brot, das vom Himmel gekommen ist“. Er ist das Brot, das gesät wurde in [dem Schoße] der Jungfrau, durchsäuert wurde im Fleische, zubereitet im Leiden, gekocht wurde im Ofen des Grabes, gewürzt in der Kirche, geopfert auf den Altären dies Brot teilt er als himmlisches Brot täglich den Gläubigen aus.

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Wenn du, Mensch, ohne Sünde nicht sein kannst, aber immer doch willst, dass dir die ganze Schuld nachgelassen werde, so vergib selbst allezeit! Inwieweit du willst, dass dir Verzeihung zuteil werde, insoweit gib Verzeihung. Wie oft du willst, dass dir verziehen werde, so oft gib die Verzeihung! Und so weit du willst, dass dir alles verziehen werde, verzeihe du alles! Mensch, lerne einsehen, dass du dadurch, dass du andern verzeihst, dir selbst Verzeihung gegeben hast! „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Weil in dieser Zeitlichkeit das Leben selbst eine Versuchung ist „Eine Versuchung“, sagt jener [Weise], „ist des Menschen Leben“, bitten wir also, dass er uns nicht unserem Urteil überlasse, sondern dass er uns in allen unseren Handlungen mit väterlicher Liebe umgeben und uns auf unseren Lebenspfaden stärken möge durch seine himmlische Führung! „Sondern erlöse uns von dem Übel.“ Von welchem Übel? Von dem Teufel freilich, von dem nichts als Übles stammt. Wir bitten also um unsere Befreiung von dem Übel, weil der das Gute nicht genießen kann, der vom Bösen nicht befreit ist. Wenn diejenigen, die bis jetzt noch nicht [durch die Taufe] wiedergeboren sind, die bis jetzt noch im Schoße verborgen sind, um Brot bitten, um das Reich flehen warum entsteht dann die Frage, ob immer der Sohn Gottes geblieben sei in dem geheimnisvollen Schoße Gottes des Vaters? Wenn die Kirche [geistige Kinder] erzeugt, so erkennt das nicht die Vernunft, es ist das ein himmlisches Geheimnis; dass in Gott dem Vater der Sohn Gottes gewesen ist wie soll es nach menschlicher Berechnung geschehen können? Die Gottheit ist doch nicht nach menschlichen Begriffen zu behandeln! Du hast Gott gehört denke nicht an das Irdische, das Menschliche! Du hast den Vater Christi vernommen glaube das: seiner Natur nach. Du hast deinen Vater gehört glaube dies: durch seine Gnade: er besaß ihn immer, damit er sein Sohn sein konnte; dir gab er nun die Kindschaft. So sollst du also den Sohn erkennen, dass du nicht vergissest, dass du der Knecht seiest. So höre: zur Ähnlichkeit mit Christus bist du geführt, damit du immer erkennst, dass du ein Sklave Christi bist.

Über dieselbe Stelle.

Der sterbliche Mensch, dies Gebilde aus Erde, dies erdhafte Wesen, das des Lebens und des Todes gleich unsicher ist, aufgerieben durch die Arbeit, aufgezehrt durch [ein Leben der] Strafe, eine dem Kot und dem Schmutz unterworfene Natur kann nicht fassen, vermag nicht zu ermessen, wagt nicht zu vertreiben, fürchtet sich aber zu glauben das, was sie heute zu bekennen gezwungen wird. Wie eine so große Gnade unter all den Gnaden Gottes, der Gipfelpunkt unter seinen Versprechungen, diese Gabe unter den Geschenken [Gottes] verdient werden könnte, kann menschliche Schwäche nicht erfinden. Das, glaube ich, hat auch der zweifelnde Prophet Habakuk in seinem geistigen Schauen nicht vorhergesehen, der sagt, er sei von so großer Furcht erschüttert, durch die Furcht vor dieser Kunde so sehr in Schrecken gesetzt: „Herr, ich habe dein Wort vernommen und fürchte mich. Ich habe deine Werke betrachtet und bin erschrocken“. Er fürchtet sich vor der Kunde, nicht weil damals der so große Prophet den Herrn gehört hatte, sondern weil damals der Knecht von seinem Herrn vernimmt und hört, dass er zu ihm sich gewendet habe als Vater. Nicht fürchtete er sich, weil er sieht, dass die Werkstätte dieser Welt zusammenklingt in Harmonie mit Elementen, die sonst so unharmonisch sind, sondern weil er, die Werke dieser so großen Liebe zu ihm betrachtend, von bewundernder Furcht und Angst erschüttert ist. „Ich habe betrachtet“,heißt es, „deine Werke und bin erschrocken.“ Er entsetzt sich darüber, dass er als Sohn an Kindesstatt angenommen sei, wo er das gläubige Vertrauen selbst des Knechtes verloren hatte. Damit ihr aber nunmehr auch die Liebe in jenem Gebete, das euch heute Gott eingibt und einflößt, erkennt, so hört, was der Prophet nun zu sagen wagt, nachdem er von dem Schrecken ob dieses himmlischen Geschenkes sich befreit hat. „Ich habe“, heißt es, „gewacht und es erbebte mein Inneres vor der Stimme des Gebetes meiner Lippen“. Nachdem er die Güte des göttlichen Geschenkes erkannt hatte, bewachte er sich, damit er [d. i. Gott] ihn nicht als Feind, als Gegner, als Räuber wieder im Paradiese betrachten müßte. Er wird ein behutsamer, ein besorgter Wächter seiner selbst, er, der nach dem Verlust einer so großen Gnade den himmlischen Schatz in irdenen Gefäßen bewachte.

„Und es erbebte mein Inneres.“ Den Bauch nennt hier der Prophet das Innere des Herzens. Denn wie der Bauch durch die Speisen, so wird das Herz durch die Sinne genährt und erfüllt. „Und es erbebte mein Inneres vor der Stimme des Gebetes meiner Lippen.“ Wenn das Wissen des Herzens dem Munde die Stimme eingegossen, den Lippen die Worte gegeben hatte warum erbebt er denn vor seinen Wünschen, seinem Verlangen, vor dem, was er sich erflehen wollte? Weil er nicht spricht durch die Einflüsterung seines Herzens, sondern durch die Eingebung des göttlichen Geistes!. Hört, was der Apostel sagt: „Gott sandte den Geist seines Sohnes in eure Herzen, der ruft: Abba, Vater!“. Als er diese Kunde in seinem Innern vernahm, staunte er, solches verdient zu haben, und das ganze Innere des Menschen erbebte. Mit Recht fügt er also hinzu: „Und Schrecken erfülle meine Glieder“, weil selbst das Innere des Propheten ergriffen war. „Und unter mir“, heißt es weiter, „wurde erschüttert meine Kraft.“ Was heißt das: „Unter mir“? Gewiß, dass eben derselbe Mensch, der erhoben wurde durch die Gnade, unten liegt durch die alte Natur, und dass irdische Kraft nicht ertragen kann die himmlische. Schon rauchte der Berg Sina, als Gott, um das Gesetz zu geben, auf den Berg stieg. Was sollte das Fleisch tun, als Gott in das Fleisch hinabstieg, um dem Fleische seine Gnade zu erteilen? Es kam der Vater [zu dem Menschen], weil der Mensch nicht den Gott, der Knecht nicht den Herrn tragen konnte.

Und weil er getreu ist in seinen Worten, die er gesprochen: „Öffne deinen Mund, und ich werde ihn füllen“: so öffnet nun euren Mund, damit er selbst ihn fülle mit solchem Gebet und solchem Rufen: „Vater unser, der du bist im Himmel.“ Wo sind die, die der göttlichen Verheißung mißtrauen? Seht doch wie schnell das Bekenntnis des Glaubens belohnt wird! Sobald du Gott als den Vater des einzigen Sohnes bekannt hast, bist du selbst angenommen als Sohn des Vaters, an Kindesstatt, damit du seiest des Himmels Erbe, der du verbannt warst aus Paradies und Erde, und damit du nun rufest: „Vater unser, der du bist im Himmel!“ Einmal war er dir Vater, er, der dich in Staub auflöste, dich hinführte und hinabzog in das Gefängnis der Unterwelt. Und so soll der die Erde nicht kennen, nichts wissen von der Liebe zum Fleische, den Vater des Staubes [den Teufel] nicht suchen, nichts von Sünde sich erlauben, der Gott sich als Vater erbittet zur himmlischen Natur. Und wer sich als Sohn Gottes glaubt, möge durch die Tat, sein Leben, seine Sitten, seine Ehrenhaftigkeit entsprechen einem solchen Geschlechte, damit er nicht wieder zu der Welt hinabsteige und einem so großen Vater Schmach antue. „Geheiligt werde dein Name.“. Wenn der Name Christi den Blinden das Gesicht, den Lahmen das Gehen, den an mancherlei Krankheiten Darniederliegenden Gesundheit, den Toten das Leben wiedergibt, ja dich, Mensch, selbst und die ganze Schöpfung heiligt, wie bittest und flehst du denn die Heiligkeit seines Namens? Denn von „Christus“ heißest du „Christ“. Und deshalb bittest du darum, dass das Vorrecht dieses so großen Namens gestärkt werde durch deine nachfolgenden guten Werke.

„Zukomme uns dein Reich.“ Er befiehlt, dass wir erwarten, ja verlangen, ja selbst wünschen, [dass sein Reich komme,] er, der seine Ankunft in seiner Gewalt hat. Der treue Soldat dürstet nach der Anwesenheit seines Königs; erwartet das Reich, verlangt und begehrt nach Siegestriumph. Aber hier bittest du, dass er komme, um zu herrschen für dich und in dir, wo doch in dir der Teufel seine Burg, der Tod seine Herrschaft, die Unterwelt aufgerichtet hielt so lange ihre Macht. Laßt uns also bitten, Geliebteste, dass Christus immer in seinem Soldaten herrsche und dass der Soldat immer triumphiere in seinem Könige! „Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.“ Glückselig jener Tag, der alle Willen der Staubgeborenen einigt, verbindet und ausgleicht mit [dem] der Bewohner des Himmels, so dass zwischen so ungleichen Wesen doch nur ein und derselbe Wille herrscht! Das ist Friede, unerschütterte Eintracht, dauernde Gnade, wenn nach dem Befehle des einen Herrn die Familie, ob auch von Natur so verschieden, doch im Willen einig und in der Gesinnung gleich erfunden wird. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Im himmlischen Reiche wer sollte noch zeitliches Brot erflehen? Aber er will, dass wir das tägliche Brot, und gerade für den [einzelnen] Tag das nährende Brot im Sakramente seines Leibes, damit wir dadurch zu dem ewigen Tag und zu dem Tische Christi selbst gelangen und so von dem [Brote], von dem wir hier nur einen Vorgeschmack erhalten haben, dort die Fülle und volle Sättigung erlangen. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wer so bittet und doch nicht die Schuld erläßt, klagt sich gerade durch seine Bitte an. Wer aber bittet, dass ihm insoweit gegeben und nachgelassen werde, als er selbst nachläßt und gibt, ladet Gott ein zu solchem Wohlgefallen, ja zu einem Vertrage. Wieweit jeder dem andern gibt, soweit soll er auch selbst fordern, dass ihm gegeben werde. Wir, Brüder, müssen aber nachlassen nicht nur Geldschulden, sondern alle Prozeßstreitigkeiten, alle Vergehen, alle Sünden. Was auch immer du, Mensch, dir selbst zuziehen kannst, das wirst du alles verzeihen [müssen], wenn ein anderer sich darin gegen dich verschuldet. Im Glauben darf der für seine Sünden Verzeihung fordern, der dem gegen ihn Sündigenden gerne verzeiht.

„Und führe uns nicht in Versuchung.“ Dies tausendmal zu fordern, werden wir, Brüder, in mannigfacher Weise gezwungen, damit nicht die Schwäche [in uns], die sich mehr zutraute und sich zu sehr frevelhaft erhob, und nicht das Maß ihrer Kräfte beachtete, in dem Kampfe unterliege wegen des Mangels an Vorsicht, und damit dann der beleidigte Gott nicht die den Versuchungen überlasse, denen er sich entzogen hat. „Sondern erlöse uns von dem Übel.“ Genug demütig denkt von sich und maßt sich nicht an, durch sich selbst geheilt zu werden, wer bittet, dass er durch Gott von dem Übel befreit werde. Bezeichnet euch mit dem Zeichen des Kreuzes! Erkennet meine Kindlein, wie groß der Vollkommenen und Starken Ruhm und Macht ist, wenn eine solche Kraft gleich bei der Empfängnis und eine solche Herrlichkeit gleich bei der Geburt sich zeigt! Der noch nicht geboren ist, ruft den Vater, fordert die Heiligkeit, erbittet sich das Reich, spricht Recht über die Erde, verbindet irischen Willen mit himmlischem und fordert für die Mühen, die erst in der Zukunft liegen, jetzt schon in seiner Ergebenheit den Lohn: „Unser tägliches Brot gib uns heute, heißt es ja. Glücklich seid ihr, die ihr begonnen habt, vor der Schlacht zu sie gen, eher zu triumphieren als zu siegen, eher zu den Reichtümern des [himmlischen] Vaters als zu dem Schoß der [irdischen] Mutter [Kirche] zu gelangen, eher die [feste] Nahrung der Herde als den Trank der Milch zu sich zu nehmen, eher in den lauten Jubel des Sieges auszubrechen, als mit dem Gewimmer der Wiege zu antworten. „In Wahrheit“, wie der Apostel sagt, „ist das Schwache an Gott stärker als die Menschen.“ Oder wer wird das Geheimnis einer solchen Empfängnis schildern können, wo die jungfräuliche Mutter [Kirche] täglich auf dem ganzen Erdkreis gebiert, die Nachkommen nicht der Mühe überantwortet, sondern die Sprößlinge führt zur ewigen Herrlichkeit!

Über dieselbe Stelle.

Glaubst du wohl, dass das Herz eines Sterblichen fassen könnte die Größe der Liebe des Herrn gegen uns? Glaubst du wohl, dass der Geist, der durch die Last des irdischen Leibes beschwert ist, erkenne und fühle die Liebe, die Gott gegen uns hegt? Denn wie sehr auch des Himmels Schmuck scheinen, leuchten und glänzen mag; was auch immer auf Erden duften mag in den Blumen, reifen mag in den Früchten, sich freuen mag in den [übrigen] Lebewesen aus Liebe zu uns ist es geschaffen und unserer Herrschaft unterworfen. Aber wie groß dies auch alles sei, es ist doch nur klein, um uns die Größe der Liebe Gottes zu beweisen. Für uns kämpfen die Fürstentümer des Himmels, für uns die Mächte der Luft, für uns die Kräfte der überirdischen Welt, für uns kämpfen die Scharen der Engel in unermüdlichem Wachedienst. Aber auch dies ist nur geringfügig, um die Größe der Liebe Gottes zu uns zu beweisen, ja so klein und insoweit ganz ungeeignet, weil eben das Geschöpf geringer ist als sein Schöpfer. Gott ist für das Auge nicht sichtbar, für unser Gesicht nicht schaubar, für keinen Sinn wahrnehmbar, für unsern Geist unerreichbar, ja nicht einmal ganz zu erkennen, auch wenn wir von ihm hören, wenn er auch so oft und so sehr und so verschiedentlich und so mannigfaltig menschlichen Blicken sich gezeigt hat. Wie sehr hat er sich doch menschlicher Gemeinschaft und Vertraulichkeit überlassen und angepaßt, als er den Noe zum Genossen seines Ratschlusses machte, ihn warnte, dass eine Sündflut bevorstehe, die Welt zu entsühnen, [ihn belehrte,] dass, da er der Wächter der Arche sei, in seinem geringen Samen die ganze Welt beschlossen sei; als er zu Abraham kam als Gast, in voller Verdemütigung der Einladung folgte, die angebotenen Gaben nicht zurückwies, gleichsam hungrig und müde annahm, was ihm vorgesetzt wurde, und in göttlicher Vergeltung gleichsam als Dürftiger annimmt und empfängt, was Menschen ihm reichen. Daher lebten auch die erstorbenen Glieder des Greises bald wieder auf, seiner unfruchtbaren, hochbetagten Gattin erstorbener Schoß wurde wieder erweckt, und die Natur, die bei lebendigem Leibe begraben war, erhebt sich, um ihren Erzeuger hervorzubringen und erzeugt im Laufe der Zeit viele Nachkommen durch den einen, an den er als den Schöpfer glaubte. Vor dem Moses machte sich der feurige Gott klein in dem Dormbusch, dann teilt er dem Knechte mit, was geschehen soll, betätigt sich [als Gott] durch die mannigfaltigen Wundertaten in Ägypten und zeigt sich offen auf den Wink seines Knechtes. Er verhängt Strafen und nimmt sie weg, und wie sehr er Herr über das Meer war und wieviel Macht er dem Menschen gegeben hat, beweist der gehorsame Dienst des rächenden Meeres. Das Wasser ist trocken geworden und die Woge weicht [zurück vor] den Frommen; das gehärtete Wasser ist eine Mauer und bietet denen, die er befreien wollte, eine Schutzwehr an, kehrt dann aber mit der ganzen Kraft seiner Natur zurück, um über den grausigen Feind zu triumphieren

Wunderbar verbunden war Gott mit den Israeliten in ihrem Lager: nun schlägt er die zahllosen Völker mit seinem Blitz, nun trifft er sie mit seinem Hagel, nun schlägt er sie zu Boden durch das bloße Getöse seiner Posaune, damit ohne Kampf und ohne Wunde Gott führe die siegreichen Kampfesreihen, denen er vorangeht. Er erfüllt ihr Verlangen, er gewährte ihre einzelnen Wünsche, schnell erhörte er ihre Fragen, er offenbarte ihnen, was ihnen verborgen, sagte ihnen voraus die Zukunft, machte ihnen seine Gebote bekannt, gab ihnen einen König, schenkte ihnen Reichtum, ließ milden Regen fallen, verlieh der Erde Fruchtbarkeit, schmückte ihre Ehen mit Kindersegen und Ruhm. Aber er hielt auch das noch für wenig: nicht nur in seinen Wohltaten zeigte er uns sein Wohlwollen, nicht minder auch dadurch, dass er uns Leiden schickte, sie geduldig zu ertragen. Schließlich kam er arm in seine Welt, als ein Mensch liegt er in der Wiege, wimmernd fleht, bittet, ja fordert er die Liebe von dir, die er dir erwiesen hat. Er, der alles schuf, nahm dich als Erzeuger an; er, dem jede Höhe unterworfen ist, ist dir untertan. Er fürchtet sich, den selbst fürchten die furchtbaren Mächte, er flieht, zu dem alles flüchtet; der Herr des Himmels ist Gast in dem Hause der Sünder; er nährt sich von unserem Brote, der, der alles ernährt. Und mit einem Wort: Der allmächtige Schöpfer der Welt wird gefesselt, der die Erde gründete, wird in Banden gelegt; gerichtet wird, der den Menschen freigebig Verzeihung gewährte; ausgefragt wird, der die Herzen erforscht; bestraft wird, der das Leben gibt und wieder schenkt; begraben wird die Auferstehung aller, damit der träge Sinn des Menschen und die genugsam untätige Einsicht des Menschen wenigstens durch den Tod die Liebe Gottes gegen ihn bekunde, er, der bei den vorher erwähnten zahllosen Wohltaten Gottes nicht erkannt hatte und nicht die Liebe Gottes gegen ihn empfunden hatte. Wer also das Sein gegeben, gab auch das Leben, lehrte auch das Beten, weil er alles will verleihen, er, der wollte, dass wir ihn mit seinem Gebete anflehen:

„Vater unser, der du bist im Himmel“ Siehe, Mensch, auf dein Wort nimmt dich heute Christus an Kindesstatt an, damit er dich mache zum Miterben Gottes des Vaters, indem er spricht: „Vater unser“. Was ein Beweis seiner Herablassung ist, will er als ein Zeichen seiner Macht hinstellen nach dem Worte: „Denen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“; dennoch aber befiehlt er uns zu sprechen, damit es geschehe durch die Herablassung des gebenden [Gottes], nicht durch die Vermessenheit des sich überhebenden [Menschen]. „Der du bist im Himmel.“ Nicht als sei er nicht auf der Erde; sondern er will, dass du, der du ihn schon den himmlischen Vater nennst, streben und verlangen möchtest nach der himmlischen Natur, dass unser Leben entspreche unserer Abkunft, dass nicht erdenhafte Sitten verderben, was die himmlische Natur gegeben und erhoben hat. „Geheiligt werde dein Name.“. Nicht als ob durch deine Bitte geheiligt werden könne der Name, der dich heiligt, sondern weil du nach dem Namen Christi genannt wirst Christ, darum sollst du bitten, dass dieser Name durch deine Werke geheiligt und in dir geehrt werde. Denn wie der Ruhm der Tugenden der Herrlichkeit des so großen Namens entspricht, so fließt auch überreich die Schande dessen, der schlechte Werke voll bringt, über zur Schande desselben Namens, wie der Apostel sagt: „Der Name Gottes wird durch uns gelästert unter den Heiden“. Und in der Tat, meine Kinder! Dann wird der Heide den christlichen Namen schmähen, wenn er sieht, dass der Christ anders lebt, als er bekennt und spricht. „Zukomme uns dein Reich.“ Nicht dass das Reich zu Gott komme, der es ja immer besitzt; sondern du bittest, dass zu dir das Reich komme, der du es ja nicht besitzest; dass du das empfängst, was in seiner Liebe dir der Herr verspricht, wenn er sagt: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, besitzet das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginn der Welt!“ „Kommet ihr Gesegnete!“ Nicht hat er gesagt: „Laßt uns kommen!“ „Besitzet“; nicht heißt es: „Laßt uns besitzen!“

Niemand wundere sich, dass der [schon] den Vater nennt, der noch nicht geboren ist; denn wenn Johannes aufhüpfte und Jakob rang im Mutterleibe mit seinem Bruder, so möge der Einsichtige verstehen, was Gottes Natur vermag, wenn so mächtig ist menschliche Empfängnis durch Gottes Gnade..

Über dieselbe Stelle.

Alles, was von göttlichen Worten und Taten erzählt wird, ist wunderbar, staunenswert, erregt Furcht bei den Sterblichen; ja selbst die Himmlischen zittern davor. Aber vor nichts staunt mehr der Himmel, entsetzt sich mehr die Erde, fürchtet sich mehr die ganze Schöpfung als vor dem, was ihr heute aus unseren Worten vernehmen werdet. Der Knecht wagt es, den Herrn Vater zu nennen; der Angeklagte nennt seinen Richter Erzeuger; das menschliche Geschöpf nennt sich mit eigener Zunge Gottes Sohn; wer die Erde selbst verloren hat, glaubt sich nun erhoben zum Erben der Gottheit. Aber wir wagen es, weil es keine Anmaßung ist, es auszusprechen, wo die Macht des Befehlenden vorliegt; denn er selbst wollte uns heute so sprechen lassen, der uns so beten lehrte. Und wie sollte das uns wundernehmen, wenn er die Menschen zu Gottessöhnen erhob, da er sich ja selbst zum Menschensohn dahingab und erniedrigte? Damals ja erhob er die Natur des Fleisches zur göttlichen Natur, als er die Gottheit hinabführte in die menschliche Natur. Damals machte er sich den Menschen zum Erben des Himmels, als er teilnahm an dieser irdischen Welt. Oder welche Liebe, welche Gnade kann der dem Menschen verweigern, der alles, was der Mensch besitzt, selbst die Sünde und den Tod auf sich nahm? Oder wie wird er den Menschen in seinem Glücke nicht zum Genossen haben, er, der sich zum Teilnehmer machte an dem Leiden der Menschen? Mensch, kehre zu Gott zurück, der du von Gott so geliebt wirst! Und gib dich ganz dem zur Verherrlichung, der sich zur Schmach dahingab um deinetweillen! Und sie nenne ihn im Vertrauen Vater, den du als deinen Erzeuger wegen seiner großen Liebe erkennst, fühlst und weißt! „Vater unser.“ Niemand wundere sich, dass der noch nicht Geborene ihn Vater nennt! Denn für Gott geboren sind schon, die da erst zur Welt kommen sollen; für Gott geschaffen sind, die da erst werden sollen. Denn es heißt: „Was wird, ist schon gewesen“. Deshalb erkannte auch Johannes im Mutterschoße seinen Herrn und brachte so die Botschaft [von diesem] seiner Mutter, er, der seines Lebens sich noch nicht bewußt war. Daher lesen wir auch, dass Jakob schon kämpfte, ehe er noch geboren war, vorher schon triumphierte, ehe er noch lebte. Deshalb gehören schon Gott an, die noch nicht sich selbst angehören, die auserwählt sind vor der Erschaffung der Welt.

„Der du bist im Himmel.“ Nicht als sei jener nicht auf der Erde, sondern damit du erkennest, dass du seiest ein Sprößling des Himmels; damit du, wenn du ein Kind Gottes, damit du in Handel und Wandel und Tugendstreben deinem erhabenen Vater entsprichst. „Geheiligt werde dein Name.“ Weil du von Christus den Namen Christ erhalten hast, bittest du nun, dass das Vorrecht dieses Namens auch in dir geheiligt werde; denn der Name Gottes, der durch sich und für sich heilig ist, wird entweder durch unsere Werke in uns geheiligt oder durch unsere Handlungen unter den Heiden gelästert. „Zukomme uns dein Reich“. Er sagt ja selbst: „Das Reich Gottes ist in euch“. Wenn es aber in uns ist, warum bitten wir dann, dass es komme? Wir glauben an das Reich, wir erhoffen und erwarten es noch; aber nun bitten wir, dass es auch in Wirklichkeit zu uns komme. Zu uns möge es kommen, nicht aber zu dem, der immer mit seinem Vater zugleich herrscht, zugleich in dem Vater regiert. Zu uns möge es kommen: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und besitzet das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginn der Welt“. Wir sagen also: „Zukomme uns dein Reich“, damit so herrsche Gott in uns, wie in uns aufhören möge die Herrschaft des Todes und der Sünde. „Es herrschte“, heißt es, „der Tod von Adam bis auf Moses“ und an einer anderen Stelle: „Nicht soll herrschen die Sünde in eurem sterblichen Leibe“. „Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.“ Jetzt geschieht hier auf Erden vieles nach dem Willen des Teufels, nach der Gottlosigkeit der Welt, nach den Gelüsten des Fleisches. Im Himmel aber geschieht nichts außer dem Willen Gottes. Wir bitten also, dass der Teufel vernichtet werde, eine neue Zeit anbreche, unser Leib umgewandelt werde, die Herrschaft des Todes zerstört, die Herrschaft der Sünde vernichtet werde und so im Himmel und auf Erden, in Gott und in den Menschen nur sei der eine und gleiche Wille Gottes. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Nach der Bitte um das Reich [des Himmels] werden wir nun aufgefordert, um irdisches Brot zu bitten, obschon er selbst es uns verbietet, indem er spricht: „Sorget nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen noch was ihr trinken werdet“. Aber weil er selbst das Brot ist, das vom Himmel herabgekommen ist, bitten und flehen wir, dass wir ihn heute, d. h. in dem gegenwärtigen Leben, von dem Mahl des heiligen Altares zur Kräftigung des Leibes und des Geistes empfangen möchten als das Brot, von dem wir täglich, d. h. immer, in Ewigkeit leben werden. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Dadurch, dass du, Mensch, so sprichst, hast du dir das Maß der Verzeihung, das Maß der Vergeltung gegeben, da du für dich soviel Verzeihung erflehst von dem Herrn, als du deinem Mitknechte selbst erteilst. Vergib also deinem Bruder, der wider dich fehlt, wenn du willst, dass dir vor Gott auch keine Schuld bleibt wegen deiner Vergehungen; erwirke dir in deinem Bruder Verzeihung, wenn du willst, dem Strafurteil selbst zu entgehen.

„Und führe uns nicht in Versuchung.“ Es steht geschrieben: „Gott versucht niemanden“. Aber dieses „Versuchen“ ist so zu verstehen, dass er diejenigen, die hartnäckig den Fallstricken der Versuchungen nacheilen verläßt. So geriet Adam in die Nachstellungen des Versuchers, indem er die Gebote seines Schöpfers übertrat. Woher aber die Versuchungen kommen, und wer der Versucher der Menschen ist, zeigt er durch die folgenden Worte: „Sondern erlöse uns von dem Übel“, d. h. von dem Teufel, der der Urheber und Ursprung alles Übels ist; denn der Teufel war von Natur ein Geschöpf des Himmels; nun ist er, der Geist der Bosheit, älter als die Welt, im Schädigen wohl bewandert durch die Erfahrung, äußerst durchtrieben in der Kunst zu verletzten. Darum heißt er nicht so sehr der Böse, sondern das Böse; von ihm ist ja alles, was böse ist. Daher kann auch der Mensch nicht mit seinen eigenen Kräften erlösen, weil er gebunden ist an die Fesseln des Fleisches. Darum müssen wir bitten, dass Gott uns erlöse von dem Teufel, er, der Christus der Erde übergab, damit er den Teufel besiege. Es rufe, es schreie also der Mensch zu Gott, er rufe laut: „Erlöse uns von dem Übel“, damit wir von einem so großen Übel erlöst werden allein durch den Sieg Christi. „Vater unser, der du bist im Himmel.“ Den Inhalt für dein Gebet, den Stoff für deine Bitten, die Norm für dein Flehen hat er dir in ganz kurzen Worten gnädig angegeben, er, den du doch anrufen mußt. Denn so sollst du dir erwerben den Geist der Bitten, erfassen das Verständnis des Flehens, annehmen das Maß des Verlangens, damit du durch diese kürzeste Belehrung empfingest die beste Schulung. weil zugleich der König selbst, um dir seine Liebe zu beweisen, das Amt eines Sachwalters übernahm, um dir die Bitten, die er dir erfüllen will, selbst in den Mund zu legen. Jeder Grund, die Bitten aufzuschieben, ist uns so genommen; vielmehr ist uns in solcher Fülle gegeben das Vertrauen, erhört zu werden, weil er, der gebeten wird, sich selbst in diesen Bitten findet. Da kann keine Furcht mehr bestehen, wo der Sohn von dem Vater unter der Fürsprache der Liebe zu erlangen wünscht, was heilig ist.

Über dieselbe Stelle.

Geliebteste Brüder! Derselbe, der euch den Glauben verlieh, lehrte euch auch das Beten, und ihn wenigen Worten nur gab er die gesamte Gebetsform. Denn der Sohn müht sich nicht ab mit vielen Worten, wenn er den Vater um etwas bittet. Wie nämlich den Sohn die Not zwingt, zu bitten, so treibt die Liebe den Erzeuger zum Geben. Der Vater also, der aus dreien Stücken verleiht, gibt nicht so sehr an, dass wir ihn bitten sollen, als vielmehr, um was wir bitten sollen, damit auch der Sohn dadurch, dass er um Gerechtes bittet, bei ihm Gefallen sich erwerbe, wo er doch ebenso Mißfallen sich zuziehen könnte, wenn er um Törichtes bitten würde. Vernehmt den Vater und glaubet, dass ihr nunmehr seine Kinder seid, damit ihr auch erlangen könnt, was ihr ohne Zaudern erfleht habt. Was der Glaube vermag, was die Überzeugung kann, welchen Wert das Bekenntnis hat, wird heute an euch offenbar. Seht, wie das dreifache Bekenntnis der Dreifaltigkeit [d. i. im Glaubensbekenntnis] euch erhoben hat von der irdischen Knechtschaft zur himmlischen Kindschaft; seht, der Glaube, der Gott den Vater nannte, er hat euch heute den Vater als Gott erworben, hat euch zu Gotteskindern gemacht; seht, der Glaube, der laut verkündete den Hl. Geist als Gott, hat euch von der sterblichen Fleischesnatur umgewamdelt in das lebendige Wesen des Geistes. Wer könnte wohl erfunden werden als ein würdiger Lobredner solch großer Liebe? Gott Vater würdigt sich, die Menschen zu seinen Erben zu machen; Gott Sohn verschmäht es nicht, seine Knechte zu seinen Miterben zu haben; Gott [der Hl.] Geist nimmt das Fleisch als Teilhabe an der Gottheit an. Erdenbewohner werden Himmelsbesitzern und die schon dem Machtbereich der Unterwelt überliefert waren, werden aufgenommen in die himmlischen Gefilde, wie auch der Apostel beweist, wenn er sagt: „Oder wißt ihr nicht, dass wir die Engel richten werden?“. So nennt also Gott euren Vater und glaubet, dass ihr, die ihr noch nicht geboren seid, doch schon bestimmt seid zu Söhnen [Gottes], und strebet darnach, dass in euch lebe ein himmlisches Leben, göttliche Art, dass ihr an eurer Stirne stets traget ganz das Abbild Gottes! Denn euer himmlischer Vater belohnt mit göttlichen Gaben die Kinder, die ihrer Abkunft entsprechen; die entarteten Söhne aber verurteilt er wieder zur Strafe der Knechtschaft. „Vater uns, der du bist im Himmel.“ Unterliegen müßte das Bewußtsein des Sklaven, zusammenbrechen müßte das Geschöpf aus Erde, wenn nicht des Vaters Machtgebot, wenn nicht der Geist des Sohnes selbst uns zu diesem Rufe auffordern würde, wie geschrieben ist: „Es sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, welcher ruft: Abba, Vater!“. Der Geist erlahmt, das Fleisch wird ohnmächtig vor dem Gott, wenn nicht Gott, der es befiehlt, selbst erfüllen würde, was er befiehlt. Wann würde wohl ein sterbliches Wesen es wagen, Gott Vater zu nennen, wenn nicht Kräfte des Himmels des Menschen Inneres belebten?

„Vater unser, der du bist im Himmel.“ Mensch! Was hast du mit der Erde gemein, der du dich bekennst als himmlischen Geschlechtes? Nun wohl, zeige also himmlisches Leben in irdischer Wohnung; denn was immer in dir getan hat irdisches Sinnen, du hast dadurch den Himmel befleckt, deiner himmlischen Abkunft Schmach angetan. „Geheiligt werde dein Name.“ Wir bitten, dass Gott seinen Namen heilige, der durch seine Heiligkeit die ganze Schöpfung heilt und heiligt. Brüder, das ist der Name, vor dem die himmlischen Mächte erzittern, den sie hören zitternd in Knechtschaft; das ist der Name, der der verlorenen Welt wiedergibt das Heil. Aber wir bitten, dass der Name Gottes durch unsere Tat geheiligt werde in uns. Handeln wir gut, so wird der Name Gottes gepriesen; handeln wir schlecht, so wird er gelästert. Höre, was der Apostel sagt: „Der Name Gottes wird gelästert durch uns unter den Heiden“. Wir bitten also, wir bitten, dass, soweit der Name Gottes heilig ist, wir auch in unserer Gesinnung seine Heiligkeit erlangen mögen. „Zukomme uns dein Reich.“ Als sei es nicht immer gewesen, und als sei es auch jetzt nicht, so beten wir nun, dass das Reich Christi komme! Wo bleibt denn das Wort: „Das Reich Gottes ist in euch“?. Es ist in uns durch den Glauben, aber wir bitten, dass es auch zu uns komme in Wirklichkeit. Brüder, so lange der Teufel durch die verschiedenen Arten der Bosheit, durch vielerlei Täuschungskünste die Ordnung der Welt zerstört, den Sinn und die Sitten der Menschen verwirrt, durch seine Götzenbilder gegen sie wütet, gegen sie tobt durch abergläubige Gebräuche, sie betrügt durch die Auguren, sie belügt durch die Opfer schau, sie täuscht durch Wahrsagerzeichen, sie verspottet durch die Gestirne, die gefangen nimmt durch die Schauspiele, sie belagert durch die Laster, sie verwundet durch die Sünden, sie tötet durch Verbrechen, sie zu Boden wirft durch die Verzweiflung: so lange hält er uns und trennt er uns vom Reiche Christi. Wir bitten also, dass die Zeit kommen möge, wo der Urheber einer so großen Übels vernichtet werde, wo die ganze Welt, wo die ganze Schöpfung herrsche und triumphiere zur vollen Herrlichkeit Christi ganz allein, damit eintrete, was im folgenden steht: dass wie im Himmel, so auch auf Erden nur herrsche der eine Wille Gottes. Der Himmel sei unsere Heimat, Gott unser Leben, die Ewigkeit unsere Zeit, die Ruhe unser Vaterland, die Unschuld unser Vermögen, die Unsterblichkeit unsere Ehre, die Keuschheit unser Ruhm, Gott unser alles! Hinzufügt er dann:

„Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Nachdem wir um die Vaterschaft Gottes, die Heiligung des göttlichen Namens, um das Reich des Himmels gefleht haben, werden wir nun aufgefordert, das tägliche Brot zu erflehen! Christus macht sich nicht schuldig der Vergeßlichkeit, er hat mit seinen Geboten nichts Widersprechendes befohlen. Er selbst hat gesagt: „Sorget nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen oder was ihr trinken werdet“. Aber weil er selbst „das Brot ist, das vom Himmel herabgestiegen ist“, das durch die Mühlsteine des Gesetzes und der Gnade gemahlen ist in das Mehl, das zubereitet wurde durch das Leiden des Kreuzes, ganz durchsäuert ist durch das Geheimnis der großen Liebe, das aus dem Grabe sich erhoben hat als weiches Linderungsmittel, das, um im Glutofen seiner Gottheit gebacken zu werden, selbst den Ofen der Hölle ausheizte, das zur himmlischen Speise jeden Tag auf den Tisch der Kirche gelegt wird, das zur Vergebung der Sünden gebrochen wird, das zum ewigen Leben nährt und weidet, die davon essen: dies Brot soll uns, so bitten wir, täglich geboten werden, bis wir davon in Ewigkeit einmal genießen werden. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Mensch! Bei dir liegt die Macht der Vergebung, bei dir die Macht der Verzeihung. Du selbst bist als Urheber der Vergebung aufgestellt. Umsonst bittest du für dich Verzeihung, wenn du es verschmähst, sie dem Nächsten zu gewähren. Mensch! Du bist dir selbst gemacht worden zum Maße der Barmherzigkeit: so viel du Erbarmung forderst, so viel gib!

„Und führe uns nicht in Versuchung.“ Die Versuchung, Brüder, ist ein Trugbild. Sie verbirgt Glück im Unglück, Unglück im Glück und führt so die unwissenden Menschen zu trügerischem Fall. Wir bitten also, dass wir nicht unter dem Drucke der Sünden fallen mögen in die Schlingen der Versuchungen. Wenn es aber heißt: „Gott führe den Menschen in Versuchung, so soll damit nur gesagt sein, dass er diejenigen, die ihren Sünden nacheilen, um Stiche läßt. „Sondern erlöse uns von dem Übel.“ Damit bezeichnet er den bösen Urheber des Bösen, den Teufel. Wir bitten also, dass wir durch diese Gnade von allen Übeln mitsamt deren Urheber verschont bleiben. „Vater unser, der du bist im Himmel.“ Niemand wundere sich, dass er, wenn er sich auch Sohn nennt, doch bleibe im Stande der Knechtschaft. Als Sproß Gottes wirst du heute bezeichnet, noch nicht erhoben; du hast die Hoffnung erhalten, aber glaube noch nicht, die Verwirklichung selbst schon erhalten zu haben. Vernimm was der Apostel sagt: „Durch die Hoffnung sind wir gerettet worden. Die Hoffnung aber, die erschaut wird, ist keine Hoffnung; denn was jemand sieht, wie hofft er es noch? Wenn wir aber hoffen, was wir nicht sehen, warten wir durch Geduld“ Heute ist der Tag der Aufnahme an Kindesstatt; heute ist die Zeit [der Erlösung] des Versprechens: Höre, glaube, hoffe! Glaube deinem Gläubiger, der dir, dem Schuldner geglaubt hat; harre ein wenig auf seine Ankunft, der dich so lange erwartete, dass du kommen würdest! Gib ihm eine Frist für sein Versprechen, der dir schon nachgelassen hat, was du ihm schuldest! Oder warum solltest du dich abmühen in der Hoffnung auf Gott, wenn doch das ganze Menschengeschlecht gegründet ist auf Hoffnung, lebt nur aus dem Glauben? Der Landmann würde niemals säen in seinem Schweiße, wenn er nicht die Frucht seiner Mühe erhoffte von der Zeit! Der Wanderer würde nicht die Mühe einer beschwerlichen Reise auf sich nehmen, wenn er nicht glaubte, zu seinem Ziele zu gelangen! Der Schiffsmann würde nicht auf das unsichere Meer hinausfahren, wenn er nicht glaubte, dass der zukünftige Gewinn ausgleichen würde die Gefahren des Weges! Der Soldat würde nicht die ganz Zeit seiner Jugend in Gefahr zubringen, wenn er nicht hoffte auf die äußerst reichen Ehren in seinem Alter! Der Sohn würde nicht die Zeit der Herrschaft des Vaters ertragen, wenn er sich nicht wüßte als Erbe des väterlichen Vermögens!

Und du: wenn du dich schon als Sohn Gottes glaubst, dann, wie der Prophet sagt: „Harre des Herrn, handle männlich und erstarke in deinem Herzen“, ja, dann harre aus, damit du erlangen mögest das Erbe Gottes wegen des Glaubens deiner Erwartung und wegen der Tugend deiner Geduld! Vernimm, was der Apostel sagt: „Wir sind Söhne Gottes und noch nicht ist offenbar, was wir sein werden. Wir wissen aber, dass wenn es offenbar ist, wir ihm ähnlich sein werden“. Und an einer anderen Stelle: „Euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott, wenn aber Christus, euer Leben, erschienen ist, dann sollt auch ihr erscheinen mit ihm in Herrlichkeit“. Brüder, selig sind die Söhne Gottes; denn sie werden das Erbe der ganzen Welt besitzen und nicht werden sie schauen die Zeiten der Trauer wegen des Hinscheidens des Vaters.

Über dieselbe Stelle.

Was ich jetzt mit großer Furcht sagen will, was ihr jetzt in Furcht vernehmen, ja in Furcht sogar aussprechen werdet, davor entsetzen sich die Engel, zittern die Kräfte; des Himmels Höhe faßt es nicht, die Sonne sieht es nicht, die Erde erträgt es nicht, die ganze Schöpfung erreicht es nicht. Wie könnte es dann wohl die menschliche Brust, wie des Menschen ohnmächtiger Geist? wie das kleine menschliche Herz? wie der Hauch der menschlichen Stimme, wie bei so erhabenen Dingen des Menschen Sprache, die so schnell verhallt? Als Paulus in der Vision es gesehen, offenbarte er es, ohne es zu verraten, indem er sprach: „Kein Auge hat gesehen, kein Ohr gehört, in keines Menschen Herz ist gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“. Sobald Isaias solches mit seinem Ohre vernommen, zweifelte er, ob es auch Glauben finden würde bei den Menschen, indem er spricht: „Herr, Wer glaubte unserer Predigt?“. Als Jeremias dies durch göttliche Offenbarung empfangen hatte, ertrug er nicht die Wehen dieser göttlichen Empfindungen und rief aus:“In meinem Inneren, in meinem Inneren ergreift mich Weh, und meines Herzens Gefühle toben in mir“. Habakuk sprach hiervon unter Eingebung des göttlichen Geistes, indem er sagt: „Ich habe gewacht, und mein Inneres erschrak vor der Stimme des Gebetes meiner Lippen, und Zittern befiehl meine Gebeine, und meine Kraft wurde unter mir erschüttert“. Gehoben aber durch die Kraft Gottes fühlte er seine eigene Kraft unter sich dahinschwinden. Es wäre zu weitläufig, über das Geheimnis dieser Furcht noch mehr zu reden und noch mehr Beispiele der Heiligen anzuführen; die Zeit gestattet mir nicht, länger bei dieser Furcht zu verweilen; denn die himmlische Geburt kann nicht mehr zurückhalten das Ungestüm derer, die [wieder]geboren werden sollen.

Ich sage also, ich rufe euch, die ihr noch im Mutterschoße ruht, mit eindringlicher Stimme zu, mit sorglichen Worten mahne ich euch, dass ihr, bevor ihr noch die Mutter [d. i. die Kirche, die Gemeinde] seht, schon den Vater nennen möget, dass ihr schon vor den Liebkosungen der Mutter trachten und eilen möget nach dem Reiche des Vaters, dass ihr eher gelanget zu dem Brote des Vaters, als ihr euch sättigt an der Brust der Mutter. Und nichts, weder die Not der Mutter noch die Alterszeit soll über euch irgendeine Macht gewinnen, vielmehr soll alles in euch dem göttlichen Vater, dem himmlischen Schöpfer entsprechen und dienen. „Vater unser, der du bist im Himmel.“. Das ist es, was ich zu sagen nicht fürchtete, was ich bebte auszusprechen; das ist es, was weder einen der Himmlischen noch der Irdischen die Niedrigkeit der eigenen Knechtschaft auch nur ahnen ließ: dass nämlich zwischen Himmel und Erde, Fleisch und Gott plötzlich eine solche Beziehung eintreten könnte, so dass Gott in den Menschen, der Mensch in Gott, der Herr in den Knecht, der Knecht in den Sohn verwandelt werden sollte, dass nunmehr zwischen der Gottheit und der Menschheit auf unaussprechliche Weise eine einzige und dauernde verwandtschaftliche Beziehung bestehen sollte. Und in der Tat; der Gottheit Herablassung zu uns ist so groß, dass das Geschöpf nicht weiß, was es am meisten anstaunen soll: dass Gott sich zu unserer Knechtschaft entäußerte oder dass er uns zur Würde seines göttlichen Wesens emporhob. Daher kommt es, Mensch, dass derjenige dich auf göttliche Weise ermahnt, welcher vor unendlicher Liebe zu dir brennt; daher kommt es, dass Gott dich schon im Mutterschoße auf dein Wort hin zum Sohne annahm; daher kommt es, dass er dich nicht bloß frei werden, sondern frei geboren werden ließ. Aus diesem Grunde ließ er um deinetwillen selbst die Natur frei, dass nur ja nicht irgendein Fehler, irgendeine Makel der Abstammung aus früherem Sklavenstande an dir klebe.

Ihr Glücklichen, denen die Herrschaft verliehen ward, noch ehe ihr geboren seid; eher zu regieren, als zu leben; eher in den Besitz der Herrlichkeit des göttlichen Vaters gelangt zu sein, als die Niedrigkeit der Stammesgenossen erfahren zu haben! Eine glückliche Mutter, die Kirche, die euch als solche Kinder um sich erblickt, die, obgleich stets Jungfrau bleibend, als Mutter so vieler und vortrefflicher Kinder sich anstaunt! Längst schon wurde diese Art Geburt vorgebildet durch frühere Vorgänge. So bei Jakob, da er mit dem Bruder im Mutterschoß stritt und den Sieg erringt. So bei Thamar, in deren Schoß die Zwillinge um die Ehre der Erstgeburt streiten und so die Geburt verzögern: sie sind nicht so begierig das Licht zu sehen, als zu siegen. So bei Johannes, der eher aufhüpft und früher entgegenspringt seinem Schöpfer, als er aus dem Schoße seiner Mutter hervorgeht. Wenn nun schon menschliche Sprößlinge in solcher Weise für Gott streiten, bevor sie ihren Eltern geboren sind, ehe sie der Welt leben: was nimmt es uns dann wunder, wenn der Kirche göttliche Sprößlinge, wenn Gottes Nachkommenschaft noch im Mutterschoße befindlich sich vor ihm ihrer himmlischen Abkunft rühmen? „Vater uns, der du bist im Himmel.“ Staunen erhebt sich: Christus entsprossen aus dem Schoße des Vaters, nennt und bekennt eine Mutter auf Erden. Und der Mensch, aus dem Leibe der Mutter, nennt und preis seinen Vater im Himmel:“Vater unser, der du bist im Himmel!“

Wie hoch hat dich, Mensch, so plötzlich erhoben die Gnade! Bis wohin hat dich emporgerissen die himmlische Natur, dass du, noch im Fleische und noch auf der Erde befangen, schon das Fleisch und die Erde nicht mehr kennst, da du sprichst: „Vater unser, der du bist im Himmel“? Wer sich also als Sohn eines solchen Vaters bekennt und glaubt, der entspreche auch durch sein Leben seiner Abstammung, durch seine Sitte seinem Vater, durch Geist und Tat bekunde er, was er erhalten hat durch die himmlische Natur! „Geheiligt werde dein Name.“ Von wem wir abstammen, nach dessen Namen werden wir auch immer genannt. Und deshalb bitten wir, dass in uns die Heiligkeit jenes Namens fortdauere, als Ehrenkrone und Vorrecht jenes Namens, den so sehr verherrlichte des hohen Vaters Erhabenheit. „Zukomme uns dein Reich.“ Nicht für den erflehen wir das Reich, dem es niemals mangelte, der ja selbst ist das Reich und der alle Gewalt des Reiches in sich beschließt. Vielmehr will er, dass wir zur verheißenen Herrlichkeit des Reiches gelangen sollen, und darum mahnt er uns auch zu bitten aus ganzem Herzen, wie er auch will, dass wir mit ganzem Geiste darnach streben. Denn wie nur der Unvernünftige noch über seine Abstammung Untersuchungen anstellt, so wäre auch feige der, welcher nicht voll Freude und voll Begierde und voll Eifer wäre, wenn es sich darum handelte, das verheißene Reich zu erstreben und zu erreichen.

„Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.“ „Wie im Himmel, also auch auf Erden“: dann ist alles Himmel; dann bewegt der eine Geist Gottes alle; dann sind alle in Christus und Christus in allen, wenn alle nur Gottes Willen kennen und vollbringen; dann sind alle eins, ja einer, wenn allein Gottes Geist in allen lebt! „Unser tägliches Brot gibt uns heute.“ Wie es im Psalme heißt: „Gepriesen sei der Herr alle Tage“, so heißt es hier: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Was immer fortdauert, nennen wir täglich; das immer währende Brot ist jenes, das vom Himmel herabgestiegen ist:“Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“. Das ist also das Brot der vollkommenen Glückseligkeit. „Heute“, d. h. im gegenwärtigen Leben, beginnen wir schon von der Speise dieses Brotes zu leben, durch dessen Genuß wir ewig das bedeutet „täglich“ in alle Zukunft gesättigt werden. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Aus der Brust des Bittenden bricht der Quell der eigenen Vergebung hervor und fließt wieder zur Vergebung zurück, was immer an Güte einer ergießt und ausströmt auf den Nächsten, dadurch erweist er sich selbst ebensoviel Bermherzigkeit, als er dem Nächsten vergeben hat. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Eine gewaltige Macht besitzt der Mensch, da er mit Gott im Erbarmen wetteifert, indem er verlangen darf, dass ihm soviel wiedergegeben werde, als er selbst gegeben hat, dass ihm so viel geschenkt werde, als er selbst geschenkt hat. Mensch bewahre dir stets in deiner Brust ein versöhnliches Herz, wenn du keine Furcht empfinden willst ob deiner Sünden!

„Und führe uns nicht in Versuchung.“ Dies bedarf der Erklärung [nicht], weil ja die Versuchung ist die Dienerin des Teufels, die zuvorkommende und verführerische Dienerin. Darum bedürfen wir, so lange wir in diesem gebrechlichen Leibe wohnen, notwendig der Bitte, es möge nie der Versuchung der Zutritt zu uns noch dem Teufel ein Angriff gegen uns gestattet sein. „Sondern erlöse uns von dem Übel.“ Er selbst ab er, der Herr, unser Gott, erlöse uns von dem Bösen und führe uns hin zu dem Guten, er, der da lebt und regiert, Gott jetzt und immer, in alle Ewigkeit. Amen.

Über die Stelle: „Ihr aber, wenn ihr fastet, seid nicht betrübt wie die Heuchler; denn sie entstellen ihr Gesicht, damit ihr Fasten von den Leuten gesehen werde.“ Mt 6,16

Wenn der kluge Steuermann sein Schiff vom Gestade löst, wenn er, um auf Meer hinauszufahren, in See geht, legt er ab die Sorgen um Haus und Heimat, um Gattin und Kind; mit seinem Geiste, seinem Körper, seinem Sinn weiht er sich ganz den Mühen der Schifffahrt, damit er die Gefahren des wogenden Meeres überwinden und als glücklicher Überwinder der Gefahr den gewinnbringenden Hafen erreiche. So laßt auch uns, Brüder, die wir den Pfad der Abtötung, das Meer des Fastens, den Weg der vierzig Tage beschritten haben, das Schifflein unseres Lebens lösen von dem Gestade der Welt! Laßt uns entsagen den Sorgen der irdischen Heimat, laßt uns am Kreuzesbaume die vollen Segeln des Geistes ausspannen, laßt uns die Ausfahrt unseres Schiffleins stärken mit dem Tau der Tugenden, mit dem Ruder der Weisheit, mit dem Steuer der Zucht! Wenn wir so der Erde entrückt sind, laßt uns hinaufschauen zum Himmel, damit wir unter der Führung der Zeichen des Himmels mitten hin durch durch die schlüpfrigen Hohlpfade einer verborgenen Reise ungehindert unseren Weg nehmen können und so unter der Leitung Christi, unter dem Wehen des Hl. Geistes überwinden die hochsaufsteigende Gischt der Sinneslust, besiegen die Flut der Sünden, überstehen die Stürme der Leidenschaften, umschiffen die Klippen der Verbrechen! Und dann wollen wir, wenn wir so allem Schiffbruch der Sünden entgangen sind, in den Hafen des Osterfestes, des Festes des wiedergewonnenen Lebens, der freudevollen Auferstehung einlaufen. Da wir aber durch leere Felder, über trügerische Abgründe hin, durch unsichere Einöden unseren Weg nehmen werden, so müssen wir mit uns nehmen hinlänglichen Vorrat an Speise und Trank. Laßt uns daher überreiche Barmherzigkeit mitnehmen als Lebensnahrung!

Brüder! Das Fasten hungert, das Fasten dürstet, wenn es nicht genährt wird durch die Speise der Liebe, wenn es nicht benetzt wird durch den Trank der Barmherzigkeit. Es leidet an Frost, es schwindet dahin das Fasten, das nicht deckt der Mantel des Almosens, das nicht umhüllt das Gewand der Barmherzigkeit. Brüder! Was für die Erde der Frühling ist, das ist, wie wir wissen, die Barmherzigkeit für das Fasten. Wie des Frühlings Winde alle Saat des Feldes zum Blühen bringen, so bringt auch die Barmherzigkeit allen Samen des Fastens zur Blüte und läßt die volle Kraft des Fastens Frucht bringen für den Erntetag im Himmel. Was für die Lampe das Öl ist, das ist die Liebe für das Fasten. Wie die Fülle des Öls das Licht der Lampe entzündet und es mäßig nährend leuchten läßt mit tröstlichem Schein durch die ganze Nacht, so läßt auch die Liebe das Fasten erglänzen und es erstrahlen zur vollen Herrlichkeit der Enthaltsamkeit. Was die Sonne für den Tag, das ist, wir wissen es, das Almosen für das Fasten. Wie der Glanz der Sonne den Tag noch herrlicher macht und den dunklen Nebelschleier verscheucht, so heiligt das Almosen die Heiligkeit des Fastens und verscheucht die tiefe Nacht der Begierlichkeit mit dem Lichte der Liebe. Und um anderes zu übergehen: Was die Seele für den Körper, das ist die Freigebigkeit für das Fasten. Denn wie der Körper tot ist, wenn die Seele aus ihm scheidet, so bedeutet das Fehlen der Freigebigkeit den Tod für das Fasten. Das Fasten ist der Tod für die Sünde, aber das Leben für die Tugend. Das Fasten ist die Freude für den Körper, die Zierde der Glieder, der Schmuck des Lebens. Es ist die Kraft des Geistes, die Stärke der Seelen. Es ist die Schutzmauer der Keuschheit, das Bollwerk der Reinheit, die Burg der Heiligkeit. Das Fasten ist die Schule der Tugenden, die Lehrerin aller Wissenschaft, die Zucht aller Zucht. Das Fasten ist das Heilmittel auf dem Lebenswege des Christen, der unbesiegte Fürst des christlichen Kriegsdienstes. Aber in all diesen Tugenden ist das Fasten nur dann stark, nur dann siegreich und triumphierend, wenn es kämpft unter der Führung der Barmherzigkeit. Denn Barmherzigkeit und Güte sind die Flügel des Fastens; durch sie erhebt es sich und flieht zum Himmel, ohne sie liegt und wälzt es sich auf der Erde. Fasten ohne Barmherzigkeit ist gleich einem Hungerbilde, aber kein Bild der Heiligkeit. Ohne die Güte ist das Fasten nur eine Gelegenheit zur Habsucht, aber nicht ein Vorsatz der Sparsamkeit.

Denn eine solche Sparsamkeit läßt den Leib eintrocknen, aber anschwellen den Geldsack. Fasten ohne Barmherzigkeit ist keine Wahrheit, sondern nur ein Trugbild. Aber wo Barmherzigkeit, da auch Wahrheit, wie der Prophet beweist, der da spricht:“Barmherzigkeit und Wahrheit kamen sich entgegen“. Fasten ohne Barmherzigkeit ist keine Tugend, sondern Heuchelei, wie der Herr sagt: „Ihr aber, wenn ihr fastet, seid nicht betrübt wie die Heuchler; denn sie entstellen ihr Gesicht, damit ihr Fasten von den Leuten gesehen wird“. Wer für den Armen nicht fastet, der belügt Gott; wer zwar fastet, sein Mahl aber nicht mit anderen teilt, sondern es für sich bewahrt, der fastet offenbar nicht für Christus, sondern nur für seine Begierlichkeit. Wenn wir also fasten, Brüder, so wollen wir unser Mahl hingeben in die Hände des Armen, damit uns die Hand des Armen bewahre, was unser Bauch uns sicher verschlungen hätte! Die Hand des Armen ist der Schoß Abrahams; denn dort legt der Arme sogleich nieder, was er empfangen hat. Die Hand des Armen ist die Schatzkammer des Himmels, weil er das, was er empfangen, im Himmel niederlegt, damit es nicht auf Erden zugrunde gehe. „Sammelt euch Schätze im Himmel“ heißt es. Die Hand des Armen ist die Schatzkammer Christi; denn was immer der Arme empfängt, das empfängt Christus. Gib also, Mensch, dem Armen die Erde, damit du empfängst den Himmel! Gib ihm einen Pfennig, damit du den Himmel erlangst; gib ihm ein Krümchen Brot, damit du das Ganze erhältst“ Gib dem Armen, damit du dir gibst, denn was immer du dem Armen gibst, wirst du haben; was du aber dem Armen entziehst, wird ein anderer besitzen.

Es ruft der Herr: „Ich will Barmherzigkeit!“. Wer dem Herrn versagt, was der Herr will, will auch, dass Gott ihm verweigere. was er wünscht. „Ich will Barmherzigkeit!“ Mensch! Gott fordert es von dir, aber nicht für sich, sondern für dich. „Ich will Barmherzigkeit!“ Menschliche Barmherzigkeit fordert er von dir, um dir göttliche zu gewähren. Ja, im Himmel ist Barmherzigkeit, aber zu ihr gelangst du nur durch Barmherzig keit, die du auf Erden geübt. Es heißt ja: „Herr, im Himmel ist deine Barmherzigkeit!“. Weil du einmal Rechenschaft ablegen wirst vor dem Richterstuhle Gottes, so erwirb dir als Anwalt die Barmherzigkeit; durch sie kannst du die Freiheit erwirken. Und wer auf die Fürsprache dieses Anwalts Barmherzigkeit vertrauen kann, mag sicher sein der Vergebung, nicht zweifeln an der Versöhnung. Denn die Barmherzigkeit eilt nicht nur dem Richterspruch vorauf, nimmt nicht nur vorher den Richter gefangen, sondern ruft auch sogar den Urteilsspruch zurück, spricht frei die Verurteilten. Das beweisen die Niniviten; dem Urteilsspruch schon verfallen, der Strafe schon überliefert, schon überantwortet dem Opfertode, dem Untergang schon geweiht, reißt sie ihre Barmherzigkeit doch wieder los, schützt sie und hemmt die Vollstreckung so, dass Gott lieber den Urteilsspruch zurück ziehen7 will, damit er der Barmherzigkeit nichts versage. Als Anwalt stand ihnen eben damals zwar zur Seite das Fasten: es benetzte ihre Asche, legte sich um ihren Bußgürtel, entlockte ihnen Seufzer, ließ hervorbrechen ihre Tränen. Und was es nicht durch Worte wieder gut machen konnte, milderte es durch Trauer. Aber den [einmal gefällten] Urteilsspruch konnte doch nichts anderes umstürzen als die siegreich bittende Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit erlöst die Sünder und macht sie wieder zu Heiligen. Und hätte dem ehebrecherischen David nicht die Barmherzigkeit zur Seite gestanden, so hätte er auch sein Prophetenamt verloren, und der verleugnende Petrus wäre verlustig gegangen des Vorganges in der Ordnung der Apostel, und der Gotteslästerer Paulus wäre ein Verfolger geblieben. Dies bekennt ja auch Paulus selbst, wenn er sagt: „Da ich vorher ein Lästerer, Verfolger und Bedrücker war; aber ich habe Erbarmen gefunden“.

Brüder! Laßt uns durch Barmherzigkeit gegen die Armen Erbarmen für uns verdienen, damit wir von der Strafe frei und unseres Heiles sicher seien! Es heißt ja: „Selit die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“. Vergeblich hofft der auf Barmherzigkeit, der nicht Barmherzigkeit geübt hat. Wer Barmherzigkeit übt, eilt der Siegeskrone entgegen, wer sie aber nicht übt, der Strafe.

Über die Stelle: „Als er in das Schifflein stieg, folgten ihm seine Jünger…“ bis: „dass ihm Winde und Meer gehorchen.“ Mt 8,23-27

Die kirchlichen Lesungen sind nach dem geheimnisvollen Plane Gottes so eingerichtet, dass sie sowohl den Kundigen ein höheres Wissen als auch den Unerfahrenen die Gnade heilsamer Erkenntnis vermitteln. Als Christus, heißt es, in das Schifflein stieg, entstand, so wird berichtet, ein Unwetter, das einen großen Sturm erregte. „Da er in das Schifflein stieg“, heißt es, “ folgen ihm seine Jünger. Und sieh ein großer Sturm erhob sich auf dem Meer, so dass das Schifflein von den Wel len bedeckt war; er aber schlief.“ Wie kommt es, dass das Meer, das den Füßen Christi seinen wogenden Rücken unterbreitete, seine Wogen glättete, seine Bewegungen mäßigte, seine Wellen bändigte und über den flüssigen Weg ihm diente mit Felsenfestigkeit wie kommt es, dass es jetzt wütet, tobt und in Lebensgefahr bringt seinen eigenen Schöpfer? Warum zeigte sich Christus, der die Zukunft vorausweiß, so unkundig der Gegenwart, dass er den nahenden Sturm, die Stunde des Unwetters. die Zeit der Gefahr nicht mied, sondern sogar, wo alle wachen, er allein vom Schlafe sich fesseln ließ, und das gerade, als ihm und den Seinen so Furchtbares drohte? Brüder! Des Steuermanns Kunst wird nicht erprobt bei heiterem Himmel, sondern im Sturm des Unwetters. Ist der Himmel klar, kann auch der letzte Schiffsjunge das Schiff steuern; wenn aber die Stürme gewaltig toben, ist die Kunst des ersten Meisters erfordert. Als daher auch die Jünger sahen, dass die Kunst der Schiffsleute vergeblich sei, dass das Meer gegen sie wüte, dass die Fluten lechzten nach ihrem Untergang, dass die Wirbelwinde sich gegen sie erhoben hatten, da flüchteten sie sich vor Angst zum Lenker des Weltalls selbst, zum Steuermann der Welt, zum Meister der Elemente, und flehten ihn an, er möge die Wogen stillen, die Gefahr beseitigen, Rettung schaffen den Verzweifelten. Jetzt erst, wo sein bloßer Befehl das Meer beherrschte, die Winde vertrieb, die Wirbel zerriß, wiederherstellte die Ruhe, da erkennen, glauben und bekennen ihn alle, die mit ihm fuhren, als den Herrn des Alls.

Doch nun laßt uns den inneren Sinn [der Lesung] vortragen! Sobald Christus das Schiff seiner Kirche bestieg, um nun durch das Meer der Welt hindurchzufahren, brachen die Stürme der Heidenvölker, die Wirbelwinde der Juden, die Orkane der Verfolger, die Wetterwolken des Pöbels, die Nebelschleier der Dämonen mit solcher Gewalt über sie herein, dass die ganze Welt nur ein Unwetter war. Es schäumten auf die Wogen der Könige, es zischten die Wellen der Mächte, es erdröhnte das Wutgeschrei der Sklaven, es kreisten die Strudel der Völker, es erhoben sich die Klippen des Unglaubens, es brüllten auf die Gestade der Christenheit, es trieben umher die Schiffstrümmer der Gefallenen, die ganze Welt war nur eine Gefahr und ein Schiffbruch. „Und seine Jünger traten zu ihm, weckten ihn und sprachen: ‚Herr, hilf uns. Wir gehen zugrunde‘. Und Jesus sprach zu ihnen: ‚Warum seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen‘?“ Aufgeweckt also von den Jüngern, züchtigt Christus das Meer, d. i. die Welt, beruhigt den Erdkreis, besänftigt die Könige, beschwichtigt die Mächte, stille die Fluten, ordnet die Völker wieder, macht die Römer zu Christen. Ja auch die macht er zu treuen Anhängern des christlichen Glaubens, die ehedem, den christlichen Namen noch verfolgt hatten. Diesen Frieden bewahren nun die christlichen Fürsten, die Kirche genießt ihn, die Christenheit erfreut sich in ihm, die Heidenwelt ist voller Sturm. „Alsdann stand er auf“, heißt es, „gebot den Winden und dem Meere und es ward eine große Stille. Da staunten die Leute und sprachen: ‚Wer ist dieser, dass ihm Winde und Meer gehorchen'“? Jünger des Herrn sind es, die an ihn herantreten, ihn wecken, in demütigem Flehen von ihm Rettung erbitten. Die Leute aber sind es, die sich wundern, dass auch die Elemente Christo so willig gehorchen. Ja, wahrlich homines, Menschen sind es, Menschen dieser Welt, die sich wundern, dass so die Welt sich zum Gehorsam gegen Christus bekehrt habe, die darüber staunen, dass der Tempel hochragende Kronen gleichsam wie die Kämme der Wogen gestürzt sind, dass sie sehen müssen, dass wie Schaum ihre Götzenbilder, wie ein Wirbelwind ihre Dämonen vertrieben sind; ja durch den weit über den Erdkreis verbreiteten Frieden der christlichen Lehre sind sie vollständig verwirrt worden. Und in der Tat, Brüder, als Christus im Tode schlief, hat sich der Sturm gewaltig in der Kirche erhoben; als aber Christus von den Toten auf erstand, wurde, wie die Schrift lehrt, der Kirche die große Ruhe wiedergegeben.

Möchten doch auch wir den in uns schlafenden Christus mit dem lauten Seufzer des Herzens, mit der Stimme unseres Bekentnisses, mit den Tränen eines Christen, mit lautem Weinen, mit den Angstrufen der Apostel wecken und rufen: „Herr, hilf uns! Wir gehen zugrunde!“ Und genau paßt ja auch die Lesung auf unsere Zeit, wie geschrieben steht: „Der Nordwind ist ein rauher Wind; seinem Namen nach wird er der „Rechte“ genannt; denn er hat uns jene wilden, jene grimmigen Völker herangeführt. Dieser rauhe, von rechts wehende Nordwind ergießt sich nach Süden, nach Ost und West in furchtbarem Sturm, wühlt die Meere auf, verpestet die Lüfte, stürzt um die Berge, verzehrt die Städte, versenkt ganze Provinzen und wandelt den Erdkreis um in ein einziges Wrack. Daher kommt es, dass das Schifflein Christi bald hoch gegen Himmel geschleudert wird, bald in die Abgründe der Furcht hinabgeworfen wird. Bald läßt es sich lenken durch Christi Kraft, bald sich hin und hertreiben von Angst und Furcht; bald wird es bedeckt mit den Fluten des Schmerzes, bald ringt es sich sicher hindurch auf den Flügeln des gläubigen Bekenntnisses. Wir aber, Brüder, wollen immer und immer wieder rufen: „Herr, hilf uns! Wir gehen zugrunde!“ Und in der Tat, Brüder, wenn wir wirklich uns als einen menschlichen Leib auffassen würden, wenn wir glauben wollten, dass die, die da untergehen, unser eigen Fleisch und Blut wären, so würden wir in der Zucht des Fastens, in dem Seufzer des Gebetes unter Tränenströmen ohne Unterlaß rufen: „Herr, hilf uns! Wir gehen zugrunde!“

Würden wir uns bemühen, uns selbst zu Hilfe zu kommen in unseren Brüdern, dann würden wir nicht auf Erden ein solches Blutmeer über unser eigenes Fleisch und Blut durch das wütende Schwert sich ergießen sehen; wir würden nicht den Tod so vieler Menschenleiber und sicher nicht den Tod so vieler Seelen zu beklagen haben. Und wir würden mit demütiger Stimme beten: „Herr, hilf uns! Wor gehen zugrunde!“ Und doch! Kein Mitleid, kein Mitgefühl, keine Furcht, keine Scham und kein Reueschmerz, nichts von alledem lebt in uns! Gottes, ja Gottes Gericht ist es, dass wir gepeinigt werden von Schmerz, geschlagen werden ohne Unterlaß, dass die Heidenwelt triumphiert, dass Hagelschauer über uns hereinstürzen, dass Rost [unsere Nahrung] vergiftet, dass die Gottlosigkeit herrscht, die Krankheiten überhand nehmen, der Tod wütet, dass die Erde erbebt. Und dennoch! Wir zittern nicht, wir fürchten uns nicht, wir lassen nicht ab vom Bösen, wir streben nicht nach dem Guten! Die Habsucht wütet weiter, der Luxus dehnt sich weiter aus, die Ruchlosigkeit ergötzt, fremdländisches Wesen reizt uns, unser Wohlstand geht verloren, Gottes Geißeln sind gekommen, und unsere Schuld hat sie gerufen. Doch, ist der Herr auch gerecht, er ist auch barmherzig. Brüder! Laßt uns zurückkehren zum Herrn, damit der Herr zu uns zurückkehre! Lassen wir ab vom Bösen, damit das Gute wieder ans Tageslicht komme! Laßt uns dienen dem guten Gott, damit wir nicht zu dienen brauchen den bösen Heiden und den Mächtigen der Bosheit, unter der Leitung und Hilfe Christi, unseres Herrn, dessen Ehre und Herrlichkeit währt ohne Ende von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.Über die Stelle: „Er stieg in ein Schiff, fuhr hinüber und kam in seine Stadt…“ bis: „und er stand auf und ging nach Hause.“ Mt 9,1-7

Dass Christus in seinen menschlichen Handlungen göttliche, geheimnisvolle Taten vollbrachte und an sichtbaren Dingen unsichtbare Wirkungen vollzog, beweist unsere heutige Lesung. „Er stieg“, heißt es, „in ein Schiff, fuhr hinüber und kam in seine Stadt.“ Ist er es denn nicht, der die Fluten des Meeres hemmte und seine Tiefen bloßlegte, so dass das israelische Volk durch die starrenden Wogen trockenen Fußes wie durch die Schluchten der Berge hindurchgehen konnte? Ist er es denn nicht, der die Wogen des Meeres unter den Füßen des Petrus bändigte, dass der schlüpfrige Pfad den menschlichen Schritten einen festen Boden darbot?. Und wie kommt es, dass er für sich den Dienst des Meeres nicht in Anspruch nimmt, dass er nun die Überfahrt über den kleinen See um Schifferlohn bewerkstelligen wollte? „Er stieg“, heißt es, „in ein Schiff und fuhr hinüber.“ Was ist denn Wunderbares daran, Brüder? Christus kam doch, um unsere Schwachheit auf sich zu nehmen, uns seine Kräfte mitzuteilen, Menschliches zu suchen und Göttliches zu verleihen, Schmach auf sich zu nehmen und Ehren zu geben, schimpfliche Leiden zu ertragen und Heilung zu bringen. Denn ein Arzt, dem die Krankheit unerträglich ist, versteht nicht die Krankheit zu heilen, und wenn er nicht mit den Schwachen schwach gewesen ist, wird er dem Schwachen die Gesundheit nicht bringen können. So wäre also auch in Christus, wenn er in seiner Herrlichkeit geblieben wäre, wenn er nichts Gemeinsames mit den Menschen gehabt hätte, wenn er nicht des Fleisches Gesetz erfüllt hätte, die Annahme des Fleisches vergeblich gewesen. Er trug also diese Nöten, um sich als wahren Menschen in den menschlichen Nöten zu bewähren.

„Er stieg“, heißt es, „in ein Schiff.“ Christus besteigt das Schiff seiner Kirche, um für alle Zeit die Wogen der Welt zu besänftigen, um, die an ihn glauben, in ruhiger Fahrt zum himmlischen Vaterlande zu führen, sie zu Mitbürgern seiner Stadt zu machen, die er zu Genossen seiner Menschheit gemacht hat. Christus bedarf also nicht des Schiffes, sondern das Schiff bedarf Christi, weil ohne den himmlischen Steuermann das Schiff der Kirche durch das Meer der Welt in so furchtbaren und heftigen Stürmen nicht hindurch kommen könnte in den Hafen des Himmels. Dies haben wir, Brüder, erwähnt wegen des geistigen Verständnisses, doch nun wollen wir die geschichtliche Erzählung weiter verfolgen. „Er stieg“, heißt es, „in ein Schiff, fuhr hinüber und kam in seine Stadt.“ Der Schöpfer der Welt, der Herr des Erdkreises, fängt nun, nachdem er sich unseretwegen in unser Fleisch eingeschlossen hat, an, ein menschliches Vaterland zu haben, Bürger zu sein der jüdischen Gemeinde; Eltern zu haben, er, der der Vater aller ward, [und warum?] damit einlade die Liebe, an sich ziehe die Milde, gewinne das Mitleid, überrede die Menschengüte diejenigen, die die Herrschaft vertrieben, die Furcht zerstreut, die Gewalt von der Macht ausgestoßen hatte. „Er kam in seine Stadt, und siehe, man brachte zu ihm einen Gichtbrüchigen, der auf einem Bette lag. Und da Jesus“ heißt es,“ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: ‚Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden werden dir vergeben!'“ Der Gichtbrüchige vernimmt das Wort „Vergebung“ und schweigt. Er äußert nicht ein Wort des Dankes, weil er mehr nach der Heilung seines Leibes als seiner Seele verlangte. So sehr beweinte er die Schmerzen seines entkräfteten Leibes, die doch nur eine Zeit dauerten, dass er die ewigen Strafen des Seelentodes nicht betrauerte, dass er das jetzige Leben höher einschätzte als das zukünftige.

Mit Recht richtete daher der Herr sein Auge auf die Erwartung derer, die ihn brachten, und sieht nicht auf die Verständnislosigkeit dessen, der daliegt, damit durch die Bitte fremden Glaubens die Seele des Gichtbrüchigen eher geheilt würde als der Leib. „Als Jesus ihren Glauben sah“, heißt es. Hier seht ihr, Brüder, dass Gott nicht sucht den Wunsch der Toren, nicht schaut auf den Glauben der Unwissenden, nicht erforscht die törichten Wünsche der Kranken, sondern dass er auf den Glauben eines anderen hin zu Hilfe kommt; denn aus bloßer Gnade spendete er [seine Hilfe], da er nicht verweigerte, was er mit sei nem göttlichen Willen spenden wollte. Und in der Tat, Brüder! Wann auch erfragt und berücksichtigt der Arzt den Wunsch der Kranken, da der Kranke immer das Gegenteil wünscht und fordert? Daher wendet er bald Eisen, bald Feuer an, bald flößt er auch wider den Willen der Kranken ihnen Bittertränke ein, damit sie, gesund geworden, die Arznei schätzen, die sie in ihrer Krankheit nicht schätzen konnten. Und wenn also ein Mensch Beschimpfungen nicht achtet, Schmähungen erträgt, um den wunden Menschen Leben und Gesundheit wiederzugeben aus freien Stücken, wieviel mehr wird Christus, der Arzt, in seiner göttlichen Güte auch wider ihren Willen und trotz ihres Widerstrebens die zum Heile bringen, die verwundet sind durch die Krankheiten der Sünden, die leiden unter dem Wahnsinn der Verbrechen? O möchten wir doch, Brüder, nur sehen, wenn wir doch nur vollkommen einsehen wollten die volle Auflösung unseres Geistes, wie unsere Seele ganz entblößt von Tugenden daliegt auf dem Lager der Laster! Dann würde es uns klar, wie Christus unsere täglichen Wünsche, die uns nur schaden, berücksichtigt und uns gegen unseren Willen hinzieht zu den Heilmitteln des ewigen Heils, ja uns dahin drängt! „Mein Sohn“, heißt es,“deine Sünden werden dir vergeben.“ Mit diesen Worten wollte er sich als den Gott zu erkennen geben, da ja wegen seiner Menschheit als Gott den menschlichen Augen bis dahin verborgen war. Denn wegen seiner Zeichen und Wunder wurde er gleichgeachtet den Propheten, die doch auch selbst nur durch ihn ihre Wunderwerke verrichteten. Aber Sünden zu vergeben, geht weit über menschliche Macht hinaus, ist einzig und allein Gott eigene Kraft. Und so legte er in die Herzen der Menschen den Glauben an ihn als einen Gott. Das beweist auch der Neid der Pharisäer; denn als er gesagt hatte: „Deine Sünden werden dir vergeben“, antworteten die Pharisäer: „Dieser lästert Gott! Denn wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein?“. Pharisäer! Du bist unwissend trotz deines Wissens; du leugnest trotz deines Bekenntnisses; du lügst trotz deines Zeugnisses. Wenn Gott es ist, der Sünden nachläßt, warum ist denn für dich Christus nicht auch Gott, der durch die Gnade seiner Langmut allein die Sünden der ganzen Welt hinweggenommen hat:

„Seht“, so heißt es ja, „das Lamm Gottes, seht, das die Sünden der Welt hinwegnimmt“. Damit du aber noch größere Beweise von seiner Gottheit erhaltest, vernimm, wie er bis in das innere Geheimnis deines Herzens gedrungen ist; denn sieh doch, wie er die Schlupfwinkel deiner Gedanken durchschaut; erkenne doch, dass vor ihm offen liegen auch die stummsten Pläne deines Herzens. „Und da Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: ‚Warum denkt ihr Böses in euren Herzen? Was ist denn leichter zu sagen: Dir werden deine Sünden vergeben, oder sagen: Steh auf und geh? Damit ihr wisset, dass der Menschensohn Macht hat auf Erden, Sünden zu vergeben‘, sprach er dann zu dem Gichtbrüchigen: ‚Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!‘ Und er stand auf und ging nach Hause.“ Der die Herzen kennt, überraschte die Anschläge der bösen Geister, und durch die beglaubigende Tat bewies er ihnen die Macht seiner Gottheit: er fügt die Glieder des aufgelösten Leibes zusammen, er spannt die Nerven wieder, er bindet die Knochen, füllt aus das Innere, festigt die Glieder und weckt die Füße, die gleichsam am lebendigen Leibe eingeschlafen sind, wieder zum Gehen auf. „Nimm dein Bett“, d. h. trage das, was dich trägt bis jetzt; tausche alle Rollen, damit das, was das Zeichen der Krankheit ist, nun der Beweis für die Gesundheit ist, damit dein Schmerzensbett sei der Beweis meiner Heilung, damit die Schwere dieser Last beweise die Größe der wiedererlangten Kraft. „Geh nach Hause“, heißt es dann noch, damit du, der du durch den Glauben an Christus geheilt bist, nicht mehr verweilest auf den Wegen des jüdischen Unglaubens.

Über die Stelle: „Er trug ihnen ein Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich ist gleich einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte…“ bis: „[sein Feind] säte Unkraut darüber unter den Weizen und ging davon.“ Mt 13,24-25

Wenn die Worte und Taten Christi allesamt nur fleischlichem Verständnisse unterlägen, so würde mein Verstand erschlaffen, mein Geist würde untätig sein, mein Herz würde ermatten, ja ausgelöscht wäre, was der Mensch besitzt an Kraft und Wärme [des Geistes]. „Er trug ihnen“, heißt es, „ein Gleichnis vor“. Wie im Stein das Feuer, so liegt der Funke verborgen im Eisen. Wie aber durch das Zusammenstoßen des Eisens und des Steins das Feuer aufleuchtet, so wird das Dunkel des Wortes aufgehellt durch das Gegenüberstellen von Wort und Sinn. Gewiß, wenn es keine Geheimnisse gäbe, würde es auch keinen Unterschied geben zwischen einem Ungläubigen und einem Gläubigen, zwischen einem Gottlosen und einem Gerechten. Der Demütige wäre gleich dem Stolzen, der Träge gleich dem Fleißigen, der Wachende gleich dem Schlafenden. Aber wo die Seele strebt, wo der Geist drängt, wo der Sinn forscht, wo die Liebe hofft, wo der Glaube fordert, wo das Verlangen voranstrebt, da erscheint auch die Frucht für den, der sich abmüht, wie die Strafe für den Trägen, und so die Gerechtigkeit dessen, der vergilt, für beide. Und weil uns mehr erfreut, was wir empfangen, als was wir schon besitzen, mehr das, was wir finden, als das, was [unserem Verständnis] unterworfen ist, so hat Christus seine Lehren in Gleichnissen verborgen, sie eingehüllt in Bilder, sie bedeckt mit Geheimnissen, sie verdunkelt mit Mysterien.

„Er trug ihnen“,heißt es, „ein Gleichnis vor.“ „Ihnen“, nicht den Seinen, sondern den Fremden; seinen Feinden nämlich, nicht seinen Freunden; denen, die darnach verlangen, ihn zu schmähen, nicht denen, die nach ihrem Heil sich sehnen. „Darum“, heißt es, „rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehen und nicht sehen, hören und nicht hören noch verstehen“. Warum? Weil derjenige, der das Vergangene schmäht, nicht würdig ist die Gnade zu erkennen, der das Gesetz verhüllte, damit es nicht erkannt würde. „Weh euch“, heißt es, „ihr Schriftgelehrten, die ihr nahmt den Schlüssel der Erkenntnis; ihr selbst tratet nicht ein, und die hinein wollten, hieltet ihr ab!“. „Er trug ihnen“ heißt es, ein Gleichnis vor und sprach: „Das Himmel reich ist gleich einem Menschen“. Wie kann denn Christus zum Anstoß werden, wenn er den Menschen gleich geworden ist, um dem untergehenden Menschengeschlechte zu Hilfe zu kommen? Erregt der Herr Anstoß, wenn er, um die Sklaven frei zu kaufen, erfunden wurde selbst in der Gestalt eines Knechtes, wenn er, was er besitzt an zukünftiger Herrlichkeit, bei seiner Ankunft in seinem Reiche mit einem Menschen vergleicht? „Das Himmelreich“, sagt er, „ist gleich einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut darüber unter den Weizen und ging davon“ Ihr habt gehört, wie der Sämann der Welt den Anfang der Dinge gut säte, und dass kein Übel ausgegangen ist von dem Urheber des Anfanges. Von dem Feinde ist darüber gesät worden das Übel; denn das Übel ist nicht geschaffen von dem Schöpfer der Welt. „Und es sah“, heißt es, „Gott alles, was er gemacht hatte, und es war sehr gut“. „Gut“, und sogar „sehr gut“; denn die Welt, die Gott durch seine Tat gut erschuf, hat unrein gemacht der vergiftende Feind. Und den Menschen, den der Herr setzte in das Paradies der Freude zum Leben, hat der Feind hinabgezogen in dieses Tal der Mühsal zum Tode. Und die Liebe, die Gott mit der Natur einpflanzte in das Fleisch, hat der Feind aus Neid gewandelt zum Brüdermord. Dies beweist Kain, der zuerst die Erde färbte mit dem Blut seines Bruders und zum Verderben des Bruders wurde ein wahrer Erzmörder. So zerreißt der Tod, der aus der Zwietracht geboren ist, stets die Liebe der Menschen.

Und weil es zu weitläufig wäre, alles im einzelnen aufzuzählen, sind wir gezwungen, in wenigen Beispielen klarzumachen, wie der Feind über das Gute das Böse, über die Tungenden die Laster, über die Lebendigen den Tod stets zu unserem Verderben sät. Hat Gott nicht aus einem Menschen die ganze Erde erfüllt? Hat er nicht als ein guter Sämann aus einem Samen das ganze Menschengeschlecht vermehrt zu so reicher Ernte? Aber der Feind hat die Menschen bald bis auf einen Menschen reduziert und hat dadurch, dass er Böses darüber säte, die gute Saat durch die Sintflut vernichtet, nicht aber begossen. So hat er das Gesetz, das mit göttlichen und wahrhaftigen Satzungen gesät war, gefälscht mit menschlichen und lügnerischen Erfindungen, so dass aus dem Priester ein Verfolger, aus dem Lehrer ein Verderber, aus dem Verteidiger des Gesetzes ein Feind [des Gesetzes] wurde. So hat er die Geschöpfe, die geschaffen waren zur Erkenntnis Gottes, in lügnerischer Weise selbst zu Göttern gemacht, damit Gott selbst nicht mehr erkannt würde. Dadurch machte er die Weisen dieser Welt zu Toren, die Erforscher der Welt schlug er mit Blindheit, die Lehrer der Weisheit mit Unwissenheit, die da allen Dingen nachforschen, mit Unkenntnis. So hat auch er, der Feind, die Saat des Evangeliums, die gesät war mit himmlischem Samen, in Verwirrung gebracht dadurch, dass er das Unkraut der Irrlehre darüber säte, damit er die Garben des Glaubens machte zu Feuerbränden der Hölle, damit die Scheunen des Himmels ermangelten des Weizens. Doch wozu soll ich noch mehr sagen? Nach dem er selbst aus einem Engel ein Teufel geworden war, suchte er jedes Geschöpf durch Kunstgriffe und listige Anschläge, mit offener oder geheimer Gewalt heim, damit auch kein Geschöpf in seinem Leben sicher sei. Doch nun wollen wir die Worte des vorliegenden Gleichnisses erklären. „Das Himmelreich ist gleich einem Menschen.“ Welchem? Ohne Zweifel Christo. „Der guten Samen säte.“ Denn die Natur des Schöpfers schließt in dem Samen der Welt selbst das Böse aus. „Auf seinen Acker“, d. h. auf die Welt, wie der Herr sagt: „Ein Acker ist die Welt“.

„Als aber die Menschen schliefen“,d. h. als die heiligen Väter, Patriarchen, Propheten, Apostel, Märtyrer in dem Schlage des Todes zeitlich entschliefen; denn der Tod der Heiligen ist nur ein Schlaf, der Tod der Sünder aber in Wahrheit ein Tod, weil die Sünder in der Hölle leben nur für die Strafe, für das Leben aber tot sind. „Da kam sein Feind“, d. h. der Teufel, „und säte Unkraut darüber.“ „Darüber säte er“, nicht „säte er“. Voraus gingen die guten Taten des Schöpfers, nach folgten die schlechten des Teufels, [damit man erkenne,] dass das Böse, das vom Teufel ist, etwas Zufälliges [ein Akzidens], nicht aber etwas Wesenhaftes sei. „Er säte Unkraut darüber unter den Weizen.“ Denn der Teufel pflegt zu säen Irrlehren unter den Glauben, Sünder unter die Heiligen, Streitsüchtige unter die Friedfertigen, Betrüger unter die Einfältigen, Gottlose unter die Unschuldigen. Und das tut er umsonst, nicht um das Unkraut für sich zu gewinnen, sondern um den Weizen zu verderben; nicht um die Schuldigen zu fangen, sondern um die Unschuldigen zu vernichten. Der Feind geht ja mehr auf den Führer als auf den einfachen Soldaten los, bedrängt nicht die Toten, sondern bekämpft die Lebenden. So sucht der Teufel nicht die Sünder zu verderben, die er ja in seiner Gewalt schon hat, sondern er müht sich so ab, um die Gerechten zu fangen. „Und säte Unkraut darüber unter den Weizen und ging davon.“ Denn mit Macht treibt der Teufel zum Verderben hin; aber wenn er [den Menschen] zu Boden geworfen hat, geht er davon; denn nicht den Menschen sucht der Teufel, sondern seinen Untergang. Brüder! Jener freut sich an unserem Elend, er wird stolz durch unseren Fall, er gesundet durch unsere Wunden, er dürstet nach unserem Blute, er sättigt sich an unserem Fleische, er lebt aus unserem Tode. Der Teufel will nicht den Menschen, sondern sein Verderben. Warum? weil es ihn, da er vom Himmel fiel, nicht leidet, weil er nicht will, weil er es nicht erträgt, dass der Mensch dorthin gelange. Aber weil uns unsere Rede heute schon zu lange aufgehalten hat, wollen wir das übrige verschieben, damit wir später die gemeinsame Arbeit wieder aufnehmen, und, was noch übrig ist, tiefer ausführen können. Gott aber möge mir die Gnade der Rede und euch das Verlangen zu hören verleihen!

Über die Stelle: „Er trug ihnen ein Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich ist gleich einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte… “ bis:“damit ihr nicht, wenn ihr das Unkraut sammelt, zugleich mit diesem den Weizen ausreißet.“ Mt 13,24-29

Unsere frühere Rede konnte, weil sie schnell beendet wurde, um die gemeinsame Mühe zu erleichtern, nicht zum vollen Verständnis des Geheimnisses des vorliegenden Gleichnisses gelangen. Darum wollen wir unter dem Gnadenlichte des Herrn noch das übrige erklären. „Er trug ihnen“, heißt es,“ein Gleichnis vor und sprach: ‚Das Himmelreich ist gleich einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut darüber unter den Weizen und ging davon'“ „Als aber die Leute schliefen.“ Der Auflauerer verbirgt sich im Dunkel der Nacht; am Tage flieht er vor den Wachenden; er überfällt nur den Schlafenden. Der Tapfere dagegen sucht den offenen Kampf, fordert offen vor den Augen aller, die zuschauen, [den Gegner] heraus und will vor dem Angesichte des Volkes den Sieg erringen. Das Zeichen der größten Schwäche aber ist, über Schlafende herzufallen. „Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind.“ Der Böse ist immer auch ein Tor Was tut hier der Feind? Mögen auch die Knechte schlafen: schläft denn auch der Herr? Mag auch der Schlaf das Auge der Knechte nach harter Arbeit ge schlossen haben: hat denn auch irgendeine Müdigkeit den Herrn bezwungen? Du Feind, du Feind des Lichts! Gewacht hast du zwar, Mühe hast du dir gegeben, aber du hast dich dennoch verraten. Denn wenn auch die Knechte schlafen, der Herr selbst sieht dich. Du, der du den Himmel verlassen hast; du bist zwar gekommen, hast dich zwar abgemüht, aber du hast nichts erreicht! Für Gott kann das nicht verloren gehen, was er selbst bewacht. Du Schöpfer des Betruges: du kannst nicht ankommen gegen Gott, sondern nur gegen die Diener, indem du bewirkst, dass ihrer Nachlässigkeit zugeschrieben wird, was doch in Wirklichkeit das Werk deines Betruges ist. Jener, sieht dich, der Zeuge ist des ganzen Betruges und all deiner Mühe. Es bleibt also der Lohn der Arbeit für den, der Gutes tut; es bleibt auch die Strafe der Schlechtigkeit für den, der Betrug übt. Jener wird den Weizen in die himmlischen Scheunen tragen, du aber wirst die Büschel deines Unkrautes tragen in das Feuer der Hölle.

„Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut darüber.“ Wozu? Damit verderbe die Ernte des Herrn! Und welch anderen Gewinn sollte denn der Feind davon haben als den, dass der Geist des Neides den Schaden der Menschen für eigenen Gewinn ansieht und glaubt, dass das, was den Menschen verloren gegangen, von ihm sei errungen worden? Aber der Teufel hat, wie wir schon gesagt haben, darum sein Werk vollführt unter dem Mantel der Finsternis, damit der Schaden der verdorbenen Ernte reichlich falle auf die Knechte, dass diese nun eben für das Strafe empfangen sollten, für das sie sich Lohn erhofften. Als nun die Knechte erwachten, zitterten sie aus banger Furcht, [da sie wissen,] woher dies geschehen sei. Sie fürchten, es möchte das aufsprießende Unkraut ihnen zum Schaden ausschlagen, obwohl ihnen doch ihr Gewissen sagt, dass sie nichts anderes als guten Samen ausgestreut hätten. Deshalb erzählen sie es dem Herrn, noch bevor er es selbst wahrgenommen, damit sie nicht, obwohl sie sich selbst in Unschuld wußten, doch für ihr Stillschweigen sich Strafe zuzögen. Wenn der Unschuldige zur Strafe herangezogen wird, drängt und treibt er den Richter, da er darnach brennt, dass seine Unschuld an den Tag komme. „Als aber die Saat sproßte und Frucht brachte, da“, heißt es, „zeigte sich auch das Unkraut“. Was in der Saat verborgen ist, zeigt sich in der Ähre; was im Keim verschlossen ist, wird offenbar in der Frucht. So finden wir manche, die wir in der gläubigen Gesinnung uns gleich erachteten, uns so ungleich im Bekenntnis des Glaubens. So offenbart die Ernte des Gerichtes, was das Samenkorn der Kirche noch verbirgt nach dem Worte des Herrn: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. Viele Blüten versprechen viele Früchte. Aber wenn sie im Wehen der Winde geprüft sind, gedeihen nur sehr wenige zur Frucht. So erscheinen viele als Gläubige in Christo, wenn die Kirche in Frieden lebt; wenn aber der Sturm der Verfolgung hereinbricht, werden nur wenige in der Frucht des Martyriums erfunden. Dagegen hat die hl. Euphemia mehr erfüllt in der Frucht, als sie versprach in der Blüte, sie, die, ohne dass die Blüte der Jungfräulichkeit verletzt wurde, gelangte zur reichen Frucht des Martyriums.

„Doch die Knechte des Hausvaters“, heißt es weiter, „kamen herzu und sprachen zu ihm“. Sie kamen herzu, Brüder, dem Herzen, nicht dem Leibe nach, nicht räumlich, sondern im Glauben. Sie sprachen [zu ihm] nicht mit der Sprache des Mundes, sondern mit dem stummen Schmerze ohres Herzens: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät?“. Du hast gesät, nicht wir; denn was wir auch immer Vollkommenes ausführen, schreiben wir dir, unserem Schöpfer, immer zu, und du stehst uns in dem, was du uns zu tun befiehlst, als Wirkender zur Seite. Wenn du also in deiner Gnade uns zu Genossen deines Werkes machst, so schreibe nicht uns allein zu, dass das Unkraut entstand. Herr! entweder schützt uns mit dir Unschuld, oder die Schuld trifft auch dich mit uns. Wir konnten nicht unser Werk verachten noch das Werk unserer großen Arbeit schmähen. Denn du hast, was du willst, woher du willst, wann du willst; wir haben außer deiner Gnade nichts; durch sie bestehen wir, „in ihr leben wir, bewegen wir uns und sind wir“, und ohne sie erliegen wir, werden wir schwach und gehen wir zugrunde. Sollten wir uns also deshalb so abgemüht haben, zu alles dessen wieder verlustig zu gehen? Aber du mußt dich gesehen haben, wer dieses Werk vollbracht hat, du, der du allein nicht schläfst, wenn wir ruhen. Und so hast du, der gerechte Richter, ihn gesehen. „Wer kennt die Tat? Jener, der wacht, nicht jener, der schläft“, offenbar ihn also, damit du uns die du in Ängsten siehst, dadurch von der Frucht befreist! „Und der Herr sprach: ‚Das hat der Feind getan'“. „Der Feind hat es getan.“ Und warum, Herr, hast du es zugelassen, wenn du es gesehen hast? Warum? Weil der keinen Betrug zu fürchten braucht, dem nichts verloren gehen kann; weil es eine größere Macht bedeutet, Vermischtes auszuscheiden, als eine Vermischung zu verhindern, weil es etwas Größeres ist, Verdorbenes wiederherzustellen, als etwas unverletzt zu bewahren, besonders auch, weil es Unkraut geben muß, damit die Erprobten offenbar werden.

„Die Knechte aber sprachen zu ihm: ‚Willst du, wir gehen und sammeln es‘. So bieten die guten Knechte sich unermüdet wieder zur Arbeit an; sie können nicht sehen, dass die Ernte des Herrn auch nur für eine kurze Zeit verwildert sei. Aber der Herr, den keine Zeit ermüdet, der, wenn er will, den Schaden seiner Ernte vernichten kann, verbietet es ihnen, indem er spricht: „Nein!“ Und warum er es ihnen verbietet, sagt er sogleich: „damit ihr nicht etwa beim Sammeln des Unkrautes mit diesem zugleich den Weizen ausreißet!. Waren sie denn so unkluge Landleute, so unerfahren in ihrer Tätigkeit, hatten sie denn kein Verständnis [das Echte vom Unechten] zu scheiden, dass sie, wenn sie das Unkraut ausrotteten, auch den Weizen ausreißen würden? Wo sind denn die Propheten, die im Geiste Gottes weissagten? Wo ist denn Petrus, dem der himmlische Vater die Offenbarung gab?. Wo denn Paulus, in dem Christus wirkt und spricht?. Wo denn die Heiligen alle, wahrlich Heilige, wenn auch Knechte, die so viel wußten, als ihnen verlieh der Geber aller Weisheit ? Aber du sagst [vielleicht]: „Da liegt dich kein Geheimnis vor!“ War das denn kein Geheimnis, wenn etwas anderes sich zeigt in der Frucht als in der Blüte? wenn, was heute Unkraut ist, morgen in Weizen sich verwandelt? Das gilt auch heute noch für den Irrlehrer, der morgen ein Gläubiger wird, und für den, der jetzt als Sünder gilt und für die Zukunft als Gerechter dasteht. Darum schob der Schöpfer auch beides auf bis zur Ernte, d. h. bis zum Gerichte, als Zeit seiner göttlichen Langmut und unserer Buße, damit der, welcher sich noch vom Bösen zum Guten wendet, als Weizen erfunden und in die himmlischen Scheunen aufgenommen wird, wer aber vom Glauben sich zum Unglauben wendet, dem höllischen Feuer überantwortet wird.

Doch wozu soll ich noch mehr sagen? Wenn für das Unkraut die Langmut des Herrn sich nicht ins Mittel gelegt hätte, so besäße die Kirche weder an Matthäus aus einem Zöllner einen Evangelisten noch an Paulus aus einem Verfolger einen Apostel. Vollends suchte Ananias damals den Weizen auszureißen, als er, zu Saulus gesandt, über Paulus sich beklagte: „Herr, wie viel Böses hat dieser deinen Heiligen getan!“ d. h. vertilg‘ dieses Unkraut! Was hat das Schaf mit dem Wolf zu tun? Was der Gläubige mit dem Schmähenden? Was der Glaubensbote mit dem Verfolger? Als aber Ananias nur den Saulus sah, schaute der Herr schon den Paulus: als Ananias ihn noch den Verfolger nannte, wußte der Herr ihn schon als Glaubensverkünder; als jener ihn noch für ein Unkraut der Hölle hielt, setzte ihn Christus schon hin als ein Gefäß der Auserwählung, als Weizen in die himmlischen Scheunen: „Geh hin“,sprach er, „denn er ist mir ein Gefäß der Auserwählung!

Über die Stelle: „Spät am Sabbat aber, in der Frühe des ersten Wochentages, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu sehen…“ bis: „die Wächter aber er schraken und waren wie tot.“ Mt 28,1-4

Eine Zeitlang, geliebteste Brüder, hat uns die Anstrengung der Nachtwachen schweigen gemacht; die Ermattung, die das Fasten mit sich bringt, hat und dazu gezwungen. Und deshalb beginnen wir unsere Predigttätigkeit heute wieder mit einer Rede über die Auferstehung des Herrn. Wenn es ein göttliches Werk war, dass Christus aus der Jungfrau geboren wird, wieviel mehr ist es Gottes Werk, dass Christus von den Toten aufersteht! Wenn es also Gottes Werk ist, darf es nicht mit menschlichem Sinne aufgefaßt werden. „Spät am Sabbat aber“, heißt es, „in der Frühe des ersten Wochentages“. „Am Abend des Sabbats, der leuchtete.“ Das kennt nicht der weltliche Tag, das ist nicht nach dem Brauch dieser Welt! Der Abend beendet den Tag, er beginnt ihn nicht! Der Abend dunkelt, aber leuchtet nicht! Er wandelt sich nicht in Morgenrot; da er den Aufgang des Lichtes nicht kennt. [Hier] gebiert der Abend, der Vater der Nacht, den Tag! Die Ordnung wird durch ihn erkehrt, indem er seinen Schöpfer erkennt. Ein Geheimnis leuchtet auf ob der ungewohnten Erscheinung: [der Abend] eilt dem Schöpfer zu dienen, nicht aber der Zeit. Spät am Sabbat“, heißt es, “ in der Frühe des ersten Wochentages, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu sehen“. Spät eilte das Weib zur Verzeihung, das so schnell eilte zur Schuld. Am Abend sucht sie Christus, sie, die am, frühen Morgen den Adam, wie sie erkannte, für sich verloren hatte. „Es kam Marie und die andere Maria, das Grab zu sehen.“ Sie, die sich von dem [Baume des] Paradieses den Unglauben geholt hatte, eilt nun, sich den Glauben zu holen von dem Grabe; sie, die vom Leben[sbaume] den Tod sich geraubt hatte, eilt nun, dem Tode das Leben zu entreißen.

„Es kam Maria.“ Das ist der Name der Mutter Christi. Es kam also die Mutter, wenn wir auf den Namen sehen; es kam das Weib, damit sie würde die Mutter der Lebendigen, sie, die geworden war die Mutter der Sterbenden, damit erfüllt würde, was geschrieben steht: „Das ist: Mutter aller Lebendigen“. „Es kam Maria und die andere Maria.“ Es heißt nicht: „Sie kamen“, sondern: „Es kam“. Unter dem einen Namen kamen zwei, nicht aus Zufall, sondern wegen des Geheimnisses. „Es kam Maria und die andere Maria.“ Sie selbst kam, und doch eine andere; es kam eine andere, und doch sie selbst. Das Weib sollte sich ändern im Leben, nicht aber im Namen; durch ihre Tugend, nicht aber in ihrem Geschlechte. Sie sollte werden die Botin der Auferstehung in dem einen Falle, die in dem anderen Falle war die Unglücksbotin des Sturzes und des Verderbens. „Es kam Maria, das Grab zu sehen“, damit sie, die der Anblick des Baumes getäuscht hatte, nun erneuert werde durch den Anblick des Grabes, damit, wie der Blick des Verführers sie zu Boden geworfen hatte, der An blick des Heilandes sie wieder aufrichte. „Siehe, es entstand ein starkes Erdbeben; denn ein Engel stieg vom Himmel“. Es zittert die Erde, nicht weil der Engel vom Himmel stieg, sondern weil aus der Unterwelt der Herr emporstieg. „Siehe, es entstand ein starkes Erdbeben.“ Erschüttert wird das Chaos, die Abgründe der Erde öffnen sich, das Innerste der Erde zerreißt, die Erde erbebt, die gewaltigen Berge zittern, die Grundfestes des Erdkreises werden erschüttert, die Unterwelt wird gefangen, die Hölle [vor Gericht?] gestellt, der Tod wird verurteilt, weil er sich, fangend nach dem Schuldigen, auf den Herrn selbst stürzte, herrschend über die Knechte, nun auch gegen den Herrn entbrennt, gegen die Menschen wütend, nun sich anstürmt gegen Gott. Mit Recht also geht zugrunde das Gesetz der Unterwelt, sind gelöst die Gesetze der Hölle, ist vernichtet die Macht des Todes, und mit Recht hat die dem Richter zugedachte Schmach zur Strafe der Vermessenheit auferweckt die Toten. Und sofort werden erneuert, das Leben wiederhergestellt, und alles genießt nun Gnade, weil das Strafgericht [wieder] übergegangen ist in die Hand des Urhebers des Lebens selbst.

„Siehe, es entstand ein starkes Erdbeben.“ [Warum] gerade jetzt ein starkes Erdbeben? O, wenn doch damals [d. i. bei der Versuchung der Stammeltern] ein leichter Wirbelwind den todbringenden Baum entwurzelt hätte! O, wenn doch der Rauch eines Nebels den Blick jenes Weibes verdunkelt hätte! O, wenn doch eine schwarze Wolke den Glanz des todbringenden Apfels verdüstert hätte! O, wenn doch die Hand, die nach der verbotenen Frucht langte, gezittert hätte! O, wenn doch nur eine unheilvolle Nacht den Tag der Sünde verdunkelt und den Jammer der Welt und die vielen Todesfälle und die Schmach des Schöpfers damals weggenommen hätte! Aber dem Laster dient immer die Liebkosung; gar süß schmeicheln die Sünden: die Tugend aber hat als Freundin nur die Strenge und die Kraft! „Denn ein Engel des Herrn stieg vom Himmel.“ Als Christus auferstand, als der Tod unterlag, wurde der Erde wiedergegeben die Verbindung mit dem Himmel, und dem Weibe, das mit dem Teufel den tödlichen Plan eingegangen war, wird eine lebenbringende Unterredung mit dem Enghel zuteil. „Denn ein Engel des Herrn stieg vom Himmel und wälzte den Stein weg.“ Nicht heißt es: „er wälzte“, sondern: „er wälzte den Stein weg“. Der aufgewälzte Stein bezeugte den Tod; weggewälzt verkündigte er die Auferstehung. O seliger Stein, der Christum sowohl verhüllen als enthüllen durfte!. Ja selig, der nicht minder die Herzen öffnet als das Grab; selig, der den Glauben an die Auferstehung gibt wie auch die Auferstehung des Glaubens, der bezeugt die Auferstehung des göttlichen Fleisches! Verändert ist hier die Ordnung der Dinge: den Tod, nicht den Toten verschlingt hier das Grab.

Das Haus des Todes wird zur Wohnstätte des Lebens; unerhört die Eigenart dieses Mutterschoßes: er empfängt einen Toten und gebiert einen Lebenden. „Denn ein Engel des Herrn stieg vom Himmel, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf“. Welche Veranlassung hatte den der Engel, sich zu setzen, er, der doch keine Ermattung kennt? Aber er sitzt hier als Glaubensbote, als Lehrer der Auferstehung. Er setzte sich auf einen Felsen, damit die Festigkeit dieses Sitzes den Gläubigen verleihe die Festigkeit des Glaubens. Der Engel legte die Grundlage des Glaubens auf den Fels, auf den Christus die Kirche gründen wollte, da er sagt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“. „Sein Anblick“, heißt es, „war wie der Blitz, und seine Kleider waren wie Schnee“. Genügt denn zur Herrlichkeit des Engels nicht der Blitz? Was tut denn das Kleid noch zu der Natur eines himmlischen Wesens? Aber durch solchen Glanz enthüllt er Gestalt und Weise der Auferstehung; denn die durch Christus auferstehen, werden umgewandelt in die Herrlichkeit Christi. „Aus Furcht vor ihm aber erschraken die Wächter und waren wie tot“. Die Elenden, die damals erschütterte die Furcht vor dem Tode, als dem Leben die Sicherheit wiedergegeben wurde! Aber wie konnten auch sie, die Diener der Grausamkeit, die Vollstrecker fremder Treulosigkeit, Glauben fassen von oben? Sie belagerten das Grab, sie richten die Pforten der Macht auf gegen die Auferstehung und machten, dass kein Leben eintreten könne, dass der Tod nicht vernichtet würde. Ganz mit Recht also erschüttert und wirft sie zu Boden die Ankunft des Herrn! O, diese elenden und nie auf ihr eigenes Wohl bedachten sterblichen Menschen: sie beklagen ihren Tod, aber sie widersetzen sich der Möglichkeit der Auferstehung! Man hätte das Grab öffnen sollen; es hätte sich geziemt herbeizuschaffen, was immer die Auferstehung erleichtern konnte, damit an dem Ereignis das Wunder, an dem Vorbild die Hoffnung, an dem Zurückgekehrten die Erfüllung sich zeige, an dem Lebenden sich entzünde die Glaubensüberzeugung. Groß aber ist dieser Wahnsinn, dass der Mensch nicht glauben will, wovon er wünscht, dass es ihm dereinst beschieden sein möge. So viel genügt heute über die Wächter gesagt zu haben. Was aber unser Glaube daran hat, wollen wir später, weil es heute zu lang sein würde, besprechen unter dem Beistande unseres Herrn Jesus Christus, der lebt und regiert mit dem Vater als Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Über die Stelle: „Der Engel antwortete und sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht…“ bis: „Und sieh, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Mt 28,5-20

Weil wir in der letzten Rede den ersten Teil unserer Lesung besprochen haben, wollen wir heute vernehmen, was folgt. „Der Engel“, heißt es, „antwortete und sprach zu den Frauen: ‚Fürchtet euch nicht. Ich weiß ja, dass ihr Jesum, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht den Platz, wo der Herr lag'“. Glaubst du etwa, dass die Anwesenheit des Petrus und des Johannes, ja die aller Jünger getadelt oder als Feigheit gescholten werde dadurch, dass dem auferstandenen Christus zu erst die Frauen, die allein die Nacht durchwacht hatten, voll Eifer entgegeneilen? Wird denn der Vorrang des Mannes dadurch hervorgehoben, dass zur Herrlichkeit der Auferstehung [ihm] vorauseilt das schwache Weib? Das sei ferne, Brüder! Es hat dies einen tiefen Grund, nicht ist es des Zufalls Spiel; ein Geheimnis waltet vor, nicht Fügung des Schicksals, gewollte Ordnung, nicht Schuld [irgendeines]. Denn das Weib folgt doch hier dem Manne, nicht eilt es ihm vorauf; denn der Mann war doch [vorher] auferstanden in Christus. Erkenne also, dass Petrus nicht zurückstand hinter den Frauen, sondern hinter Christus; dass er nicht wich der Magd, sondern dem Herrn, dem Geheimnis sich unterwarf, nicht dem Schlafe, der Ordnung, nicht der Furcht. Denn der Mann war auch schon da in Christus, als der Engel zu den Frauen kam, so dass in demselben Maße, in dem der Herr die Engel überragte, auch der Mann das Weib überragte an Ehre. „Fürchtet euch nicht!“ Die Guten sind immer erfüllt von Liebe, die Bösen von Furcht; die Gottlosen schreckt immer die Angst, die Frommen tröstet die Liebe.

„Fürchtet euch nicht“, d. h. fürchten sollen sich die Juden, die ihn überliefert haben; Pilatus, der ihn verurteilt hat; die Soldaten, die ihn verspottet, die Gottlosen, die ihn ans Kreuz geschlagen haben; die Grausamen, die ihm den bitteren Kelch reichten; die Wuterfüllten, die das Grab bewachen ließen; die Treulosen, die sich erkauften die Aussage von Lügnern, aber preishaben den Glauben; die Unmenschen, die darüber Schmerz empfanden, dass der Herr auferstanden sei, die kein Leid darüber hatten, dass sie ihn getötet hatten. Ihr aber sollt euch geziemend freuen, nicht fürchten; denn es ist auferstanden, den ihr als tot gesucht, es lebt, den ihr als tot beweintet. „Ich weiß ja, dass ihr Jesum, den Gekreuzigten, sucht“, d. h. was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?. Was sucht ihr das Leben im Grabe? Geht doch vielmehr dem Lebenden entgegen, eilt doch nicht mehr hin, dem Toten einen Dienst zu erweisen! „Ich weiß ja, dass ihr Jesum, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier.“ So sprach der Engel, der das Grab nicht geöffnet hatte, damit Christus aus demselben hervorgehen könnte, da er ja schon nicht mehr darin war, sondern um zu zeigen, dass Christus nicht mehr da sei. „Er ist auferstanden, wie er gesagt hat“: eine doppelte Wundertat: zurückkehren aus dem Lande der Toten und vorherwissen das Zukünftige. „Kommt, seht den Platz, wo der Herr lag!“ Kommt, Frauen, kommt, schaut, wohin ihr den Adam gelegt habt, wo ihr den Menschen begraben habt, wohin ihr den Mann gestoßen habt durch euren Rat, durch den ihr bewirkt habt, dass für die Knechte der Herr selbst dort liegen mußte! Und erkennet die ganze Größe einer solchen vergebenden Liebe gegen euch aus der Größe der Schmach, die dem Herrn zugefügt worden war.

„Kommt, seht den Platz, wo der Herr lag!“ Es bekennt die Kraft eines Engels, dass es der Herr ist, der gekreuzigt worden ist; und menschliche Schwachheit ergeht sich in Erörterungen, ob es der Herr sei, der auferstanden ist. Christus hat die menschlichen Leiden so auf sich genommen, dass er seine Kraft nicht verlor. „Geht eilends, sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist, und sieh, er wird euch nach Galiläa vorangehen; dort werdet ihr ihn sehen“. Auch hier werden die Apostel nicht den Frauen nachgesetzt, sondern das Weib wird von der Schuld losgesprochen, indem es die Kunde von dem Leben bringt, die Kunde von der Auferstehung übermittelt, da es auch überbracht hatte die Kunde von dem Tode und dem Untergang. „Und sie gingen“, heißt es weiter, „schnell vom Grabe weg in Furcht und großer Freude“. Die Frauen gehen in das Grab hinein, um teilhaftig zu werden des Begrabenseins, Genossinnen des Leidens zu sein; sie gehen aus dem Grab heraus, um im Glauben aufzuerstehen, noch ehe sie auferstanden waren im Fleische. „Sie gingen hinweg in Furcht und großer Freude.“ Wo bleibt denn nun das Wort: „Fürchtet euch nicht“? Die Furcht ist nicht hinweggenommen, sondern umgewandelt. Verschwunden ist die Furcht wegen der Schuld, geblieben aber die Furcht der Knechtschaft. Schlecht ist die Furcht ob der Schuld, gut aber die Furcht aus Verehrung. Adam, der ihnen geschenkt war, hatten sie verloren; nun fürchten sie, sie möchten ihn, der ihnen wiedergeschenkt, wieder verlieren. „In Furcht und großer Freude.“ Es steht geschrieben: „Dienet dem Herrn in Furcht und frohlocket mit Zittern“. „In Furcht und großer Freude.“ Denn „die Furcht des Herrn ist heilig und bleibt in Ewigkeit“. In der Heiligkeit also bleibt der, welcher in der Furcht Gottes bleibt. „Sie eilten nun hin, es seinen Jüngern zu melden.“ Und sieh, Jesus begegnete ihnen und sprach: „Seid gegrüßt!“ Er begegnete ihnen als der Herr, er grüßte sie als Vater. Er ermutigte sie mit Liebe, er hütet sie vor Furcht. Er grüßt sie, damit sie in Liebe ihm dienten, nicht aber vor ihm fliehen möchten aus Furcht.

„Sie aber traten herzu und umfaßten seine Füße“. Er, der sich umfassen ließ, wollte auch, dass wir ihn besitzen sollten. „Sie traten herzu und umfaßten seine Füße“,damit sie wüßten, dass im Haupte Christi der Mann sei, dass sie nur seien in den Füßen Christi, dass es ihnen gegeben sei, dem Mann in Christo zu folgen, nicht aber ihm voranzugehen. „Er sprach zu ihnen: ‚Fürchtet euch nicht!'“. Wie der Engel gesagt hatte, sagt auch der Herr, damit Christus die, die der Engel gestärkt hatte, noch stärker mache. „Gehet vielmehr, saget meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen sollen! Da werden sie mich sehen“. Christus, von den Toten auferstanden, nimmt den Menschen wieder auf, läßt ihn nicht im Stich. Darum nennt er sie Brüder, die er gemacht hatte zu Teilhabern seines Leibes; er nennt sie Brüder, die er erhoben hat zu Kindern des Vaters; er nennt sie Brüder, die er, der glückliche Erbe, gemacht hat zu seinen Miterben. Doch hört, wie nach der Auferstehung der Unglaube sich auch erhob. „Sieh, da kamen einige von den Wächtern in die Stadt und meldeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war. Und sie kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel Geld und sprachen: ‚Sagt: Seine Jünger kamen nachts und stahlen ihn, während wir schliefen'“. Die Geld geben, erwerben sich etwas, um es zu bewahren, nicht um es zu verlieren. Die Juden aber kauften sich durch den Verkauf des Judas den Herrn, um ihn wieder zu verlieren. Und nun werfen sie viel Geld weg, um auch noch sich selbst, Gesetz, Tempel und Vaterland zu verlieren. Blutmenschen voll Ränkelust, wie sie sind, setzen sie einen falschen Preis aus, schmieden die Waffen der Treulosigkeit, erkaufen in grausamer Tat den Glaubensbetrug, den Wahrheitsraub. Sie bestechen die Soldaten, um als Diebstahl nur auszugeben, was in Wirklichkeit das Geheimnis der Auferstehung war.

„Seine Jünger kamen nachts und stahlen ihn.“ Nicht zufrieden damit, den Meister getötet zu haben, sinnen sie auch noch darauf, wie sie die Jünger verderben könnten. Die Wundertat des Meisters stempeln sie zum Verbrechen der Jünger: „Seine Jünger kamen nachts und stahlen ihn.“ Aber vollständig haben die Soldaten [ihr Spiel] verloren, haben die Juden ihr eigenes Werk vernichtet; denn die Jünger trugen ihren Meister hinweg nicht durch Diebstahl, sondern durch Glauben; nicht durch Betrug, sondern durch Tugend; nicht durch Verbrechen, sondern durch Heiligkeit; sie trugen nicht den Toten hinweg, sondern den Lebenden. Deshalb werden auch die Apostel, damit sie ihn sehen könnten, nach Galiläa geschickt, weil der Herr nicht geschaut werden kann am Orte des Unglaubens. Wenn er aber weiter sagt: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden“, so beweist er, dass er selbst sie sich gegeben hat, nach den Worten des Apostels: „Gott hat in Christo die Welt mit sich versöhnt“. Der Sohn Gottes hat dem Sohne der Jungfrau, Gott dem Menschen, die Gottheit dem Fleische mitgeteilt, was er immer mit dem Vater und dem Hl. Geiste besaß. Und deshalb sagt er auch: „Geht hin, taufet alle Völker im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes“, damit alle Völker eine und die gleiche Gewalt zurückführe zum Heile, wie sie sie auch geschaffen hatte zum Leben. „Und sieh“, heißt es, „ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“. Er ist immer bei uns, der immer ist beim Vater, und er wird zu uns kommen in dem, was er von uns angenommen hat. Wozu noch viele Worte, Brüder? Dass er geboren, dass er litt, dass er auferstand, dass er [uns] annahm, erfordert nicht sein Bedürfnis, sondern unsere Rettung!

II. Vorträge über das Markusevangelium

Über die Stelle: „Und an jenem Tage, da es Abend geworden war, sprach Jesus zu ihnen:’Lasset uns an das jenseitige Ufer fahren…'“ bis: „und er sprach zu ihnen: ‚Was seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?'“ Mk 4,35-40

Jedesmal, wenn Christus in unserem [Lebens]schiffe schläft und die träge Ruhe ihn in uns einschlafen macht, bricht der Sturm los mit der ganzen Kraft der Winde; dann wüten die totverkündenden Wogen, und während sie mit schäumender Flut bald hochgehen, bald in die Tiefe stürzen, bringen sie den in banger Erwartung schon lebenden Schiffern den Untergang. Dies schildert der Evangelist in unserer vorliegenden Lesung, wo es heißt: „Und an jenem Tage, da es Abend geworden war, sprach Jesus zu ihnen: ‚Lasset uns an das jenseitige Ufer fahren!‘ Und sie entließen das Volk und nahmen ihn mit, so wie er im Schiffe war“. „Und an jenem Tage sprach Jesus zu ihnen.“ An welchem Tage? Freilich an dem Tage, an dem nach Isaias er sich erhebt, um zu zerschmettern die Erde, an dem Tage, an dem des irdischen Lichtes Glanz sich ganz verdunkelt, an dem Tage, an dem mit der hereinbrechenden Nacht stetig wachsen die Versuchungen der eitlen Truggestalten, die wir so sehr fliehen müssen. „Als es Abend geworden war.“ Abend wird es dann, wenn die auftretenden Umwälzungen der Dinge den Sinnen der Menschen ankündigen des Lebens Ende und die letzte Stunde. „Laßt uns an das jenseitige Ufer fahren“, von der Erde zum Himmel, vom Diesseits zum Jenseits. Und mit Recht: „an das jenseitige Ufer“;denn das Göttliche ist immer dem Menschlichen entgegen gesetzt; denn während dieses, die ihm unterworfen sind, nur hinreißt zur Machtlosigkeit, erhebt jenes, die ihm folgen, zur Kraft. „Und sie entließen das Volk.“ Hinter sich lassen die das Volk, die Volksgunst und den Volkshaufen, die immer in unbeständigem Urteil hin und herschwanken, mißachten; die sich nicht irre machen lassen durch menschliches Gerede und so von dem Pfade der Tugend abweichen; sondern die, feststehend in gutem Gewissen, unbekümmert um Lob oder Tadel, unter der Begleitung Christi die trügerischen Wogen [der Weltmeinung] durchfahren.

„Und sie nahmen ihn“ heißt es, „so wie er im Schiff war“. Was heißt das? Christus ist anders im Himmel, als er im Schiffe erscheint; anders ist er in der Herrlichkeit des Vaters, als in der demütigen Gestalt eines Menschen; anders in der Gleichewigkeit mit dem Vater, als zeitlich in den verschiedenen Stufen unseres Lebenslaufes; anders ist er schlafend in unserem Leibe, als wachend in der Heiligkeit seines Geistes. „Sie nahmen ihn, so wie er in dem Schiffe war“, heißt es. Es verdient der Glaube Lob, Christum so aufzunehmen, wie er ist und wie er im Schiffe ist, d. h. in der Kirche, wo [der Glaube lebt, dass] er geboren, herangewachsen, gelitten, gekreuzigt, begraben worden ist, wo ein jeder zu seinem Heile bekennen muß, dass er auch in den Himmel aufgefahren sei, sitzt zur Rechten des Vaters, dass er als Richter der Lebenden und der Toten wiederkommen wird. Wer mit solchem Bekenntnis in unserem Schiffe Christum aufnimmt, der wird, mag er auch hin und hergeworfen werden vom den Wogen des Ärgernis ses, doch nimmer verdeckt und vergraben werden von den gefährlichen Wellen. „Und ein gewaltiger Sturmwind erhob sich“, heißt es, „und warf die Wellen in das Schiff, so dass das Schiff sich füllte“. „Und ein gewaltiger Sturmwind erhob sich“. Dieser Sturmwind wagt nicht die Kraft des Herrn herauszufordern, sondern will nur den Glauben der Jünger wecken, ihre Furcht offenbaren, um zu zeigen, wieviel Unterwürfigkeit er seinem Schöpfer schuldig sei.

„Und er selbst“, heißt es, „schlief auf dem Hinterdeck“. Zu dem Schlafenden eilen die Wachenden; sie glauben, dass er den wütenden Elementen widerstehen könne, wenn sie ihn auch in größter Ermüdung von der Gewalt des Schlafes bezwungen sehen. Sie sehen ihn von dem dem Menschen so notwendigen Schlafe so überwältigt, dass nicht einmal das Gebrüll des Meeres, nicht das Tosen der Fluten, nicht der drohende Schiffbruch ihn wecken konnte. Wie aber bewahrheitet sich der Spruch: „Siehe, nicht wird schlafen noch schlummern der Wächter Israels“?. Nicht seinetwegen schläft er, nicht für sich schlummert der Allmächtige, der keine Müdigkeit kennt, der keiner Ruhe bedarf; sondern nur für sich handelt er so, weil er, wie oft er die äußere Gestalt seiner Handlungen, den äußeren Schein seines Antlitzes verändert, so oft unsere Wankelmütigkeit und die Schuld unserer Seele uns zum Vorwurf macht. Hört, was der Prophet sagt: „Seine Wimpern durchforschen die Menschenkinder“. Seht, wie Gottes Augen sich schließen, damit sie nicht zu achten brauchen auf die Bestrafung der Sünder! „Wende“, heißt es ja, „dein Antlitz ab von meinen Sünden“. Und wiederum stehen sie offen, um, die da laufen, anzutreiben; aufzurichten, die müde sind; zu schützen, die fliehen. Der Umstand, dass der Herr also schläft, weckt den Glauben der Jünger, offenbart ihre zweifelnden Gedanken; so verrät er ihre Kleingläubigkeit, da sie glauben, dass nicht bloß gegen sie, sondern gegen den Schöpfer selbst die Elemente sich erheben könnten. „Und warf die Wellen in das Schiff“17 , heißt es weiter. Wie von außen her die Wogen, d. i. die Macht der Heiden, das Schiff des Herrn erschüttern und überschütten, ebenso stürzen im Innern die hohen Wellen der Irrlehre gegen das Schiff des Herrn heran mit gewaltigem Getöse. Diesen Sturm behauptet der hl. Paulus selbst erduldet zu haben, wenn er sagt: „Von außen Kämpfe, von innen Furcht“. „So dass das Schiff sich füllte.“ Ganz richtig sagt der Evangelist, dass das Schiff von den schäumenden Wogen erfüllt sei, da die Kirche fast an ebensovielen Irrlehren leidet, als wir Fragen der göttlichen Lehre kennen.

„Und er schlief“, heißt es, auf dem Hinterdeck auf dem Kopfpolster. Und sie weckten ihn und sprachen zu ihm; ‚Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?‘ Und er stand auf und gebot dem Winde und sprach zu dem Meere: ‚Schweige! Verstumme!‘ Und der Wind legte sich, und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: ‚Was seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?'“. Wenn auch die Lesung ein Ereignis der Vergangenheit schildert, zeigt sie uns doch in diesem Beispiele unsere zeitliche Lage. Denn wahrlich: ein großer,übermächtiger Sturmwind droht uns, da sich von allen Seiten ein wütendes und verderbenbringendes Unwetter heranwälzt: die Meere brüllen, selbst die Inseln werden in ihrem Grunde erschüttert, und alle Gestade erdröhnen in schaurigem Getöse. Aber weil, wie wir gesagt haben, Christus in unserem Schiffe schläft, wollen wir zu ihm hintreten nicht leiblich, sondern mit gläubigem Gemüte. Wir wollen ihn aufrütteln nicht durch eine Verzweifungstat, sondern mit Werken der Barmherzigkeit; wir wollen ihn aufwecken nicht mit ungestümem Geschrei, sondern mit dem Klange geistlicher Lieder, nicht frevelndem Murren, sondern mit beharrlichem Flehen. Wir wollen Gott einen kleinen Teil unseres Lebens weihen; wir wollen nicht in unseliger Eitelkeit und in beklagenswerter Sorge den ganzen Tag verzehren; wir wollen nicht in verderblichem Schlaf und unnützem Schlummer die ganze Nacht zubringen, sondern wir wollen den gleichen Teil des Tages und der Nacht weihen dem Schöpfer der Zeit. Wache, Mensch! Wache! Ein Beispiel hast du am Hahn. Was der Hahn dir, seinem Pfleger, weiht, das gib du dem Schöpfer, zumal da der Schrei des Hahnes dir zum Segen ist, da er dich zum Werke auferweckt, da er dir den Anbruch des Tages kündet. Und wieviel mehr ist es dir zum Heile, mit himmlischen Lobgesängen den Herrn von seinem himmlischen Thron aufzuwecken! Höre, was der Prophet sagt: „In der Nacht wacht mein Geist auf zu dir, Gott!“ und der Psalmist: „Ich strecke meine Hände aus des Nachts zu ihm und täusche mich nicht“. Den [gleichen] Teil des Tages mahnt uns derselbe Psalmist Gott zu weihen, wenn er spricht: „Abends und morgens und am Tage will ich erzählen und verkündigen, so wird er erhören meine Stimme“. An diesen drei Zeiten zu Gott flehend in unermüdlichem Gebete, erlangte Daniel nicht nur die Gabe der Erkenntnis der Zukunft, sondern erwarb sich auch das Verdienst, den Tag der Befreiung seines gefangenen Volkes zu schauen. Laßt uns also mit dem Propheten sagen: „Wache auf, Herr! Warum schläfst du? Wache auf und verwirf uns nicht auf immerdar!“. Laßt uns rufen mit den Aposteln: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?“

Ja in Wahrheit: „Meister“. Denn er ist nicht nur der Schöpfer aller Elemente, sondern auch ihr Lenker und Leiter! Wenn er uns erhört, falls er sich würdigt zu wachen, werden sich legen die Wellen und geebnet sein die hochgehenden Wogenberge, schwinden werden die Stürme, die Wunde werden sich legen, und das drohende Unwetter, auch dieses große, wird sich verwandeln in die größte Ruhe!

Über die Stelle: „Und ein Vorsteher der Synagoge, namens Jairus, kam zu ihm und fiel, als er ihn sah, ihm zu Füßen…“ bis: „und sie fühlte es am Leib, dass sie von der Krankheit geheilt war.“ Mk 5,22-29

Heute sollt ihr, Brüder, hören und durch den Bericht des Evangelisten Markus zugleich mit mir erkennen, wie der Vorsteher der Synagoge vor Christus niederfällt und hinstürzt, und wie er ihn in zweifacher Hinsicht als Gott und Herrn bekennt, indem er ihn anbetet nach der Vorschrift des Gesetzes: „Du sollst den Herrn deinen Gott anbeten“ und dann ihn als den Wiederbringer des Lebens bezeichnet, indem er ihn um die Heilung seiner sterbenden Tochter bittet. „Und ein Synagogenvorsteher namens Jairus, kam zu ihm und fiel, als er ihn sah, ihm zu Füßen und bat ihn sehr und sprach: ‚Meine Tochter liegt in den letzten Zügen, komme, lege ihr deine Hand auf, damit sie gerettet werde und lebe'“. Bevor die Predigt das Geheimnis des evangelischen Sinnes eröffne, möge es gestattet sein, an dieser Stelle ein wenig zu sprechen über die Leiden der Eltern, die sie auf sich nehmen und ertragen3 aus Zuneigung und Liebe zu ihren Kindern. Umgeben von der Familie, unter der zärtlichen und liebevollen Pflege der Verwandten liegt die Tochter auf weichem Lager. Der Vater, ganz gebeugt, liegt und wälzt sich auf dem harten Boden. Der Tochter schwindet der Leib dahin, diesem zugleich auch Verstand und Gemüt. Jene trägt die verborgenen Leiden ihrer Krankheit, dieser stürzt sich in schmutzigem Trauergewande wild mitten durch das Volk. Jene stirbt zur Ruhe, dieser lebt zur Pein. Mit Absicht haben wir die ängstlichen Sorgen der Eltern zur Zeit der Geburt der Kinder übergangen: die gefahrbringenden Ordnungen [der Gestirne], wenn das Kind geboren wird, die mühevollen Anstrengungen bei seiner Ernährung, die fortwährenden Schmerzen bei seiner Erkrankung. Denn schlimmer noch erscheint ihnen der Todestag, wenn ihnen die Kinder im Tode vorangegangen sind. O! Warum kennen die Kinder so große Leiden nicht? Warum fühlen sie sie nicht? Warum mühen sie sich nicht ab, es den Eltern wieder zu vergelten? Und dennoch bleibt der Eltern Liebe; denn was immer die Eltern für die Kinder aufwenden, wird Gott der Vater aller, den Eltern wieder vergelten. Doch wollen wir auf unser Vorhaben zurückkommen.

„Und ein Synagogenvorsteher, namens Jairus, kam zu ihm und fiel, als er ihn sah, ihm zu Füßen und bat ihn sehr und sprach: ‚Meine Tochter liegt in den letzten Zügen; komm, lege ihr deine Hand auf, damit sie gesund werde'“. Dadurch, dass er mit tränenerstickter Stimme so sehr die letzten Augenblicke seiner Tochter beklagt, dass er das Heilmittel für ihre Krankheit so [heiß] erflehte, beweist er zur Genüge seine [wenn auch] verzweifelte Liebe. Daher kommt es auch, dass er also den genauen Verlauf der Heilung mit seiner Forderung angibt, indem er spricht: „Komm, lege deine Hand auf sie!“ Der Kranke schreibt nicht vor, wie er geheilt werden solle, sondern bittet nur, daß er geheilt werde. Aber als Synagogenvorsteher kennt er das Gesetz und mußte unter anderem auch gelesen haben, dass der Mensch durch die Hand Gottes gebildet war. Er glaubte also Gott, dass er mit derselben Hand, mit der er, wie er glaubte, seine Tochter geschaffen hatte, sie auch wiedererschaffen und wiederzu ückführen könne zum Leben. Jetzt erkennen wir, was er sagen wollte: „Komm, leg ihr deine Hand auf“, nämlich dass er, der aus freien Stücken seine Hand erhoben hatte, um zu schaffen, seine Hand nur, wenn er gebeten ist, erhebt, um [das Leben] wiederherzustellen. Dies bekennt auch der Prophet, wenn er in den Psalmen singt: „Du hast mich gebildet und deine Hand auf mich gelegt“. Denn der [seine Hand] legte, als er die Schöpfung aus nichts vollzog, legte [sie] wiederum auf, um das Verdorbene wiederherzustellen. Darum bricht derselbe Psalmist, als er diese heilende Hand [an sich] erfuhr und ihre Wohltaten empfing, immer wieder in die Worte aus: „Die Rechte des Herrn hat Wunder getan; die Rech te des Herrn hat mich erhöht; die Rechte des Herrn hat Wunder getan!“. Und um zu zeigen, dass er das, was der Synagogenvorsteher gefordert hatte, selbst erlangt habe, fügt er bei:

„Ich werde nicht sterben, sondern leben!“. Jener sprach, als er flehte: „Komm, lege ihr deine Hand auf, damit sie gesund werde und lebe!“ Dieser jubelt auf, als er erhört ist: „Ich werde nicht sterben, sondern leben!“ Die Rechte des Herrn ist Christus, wie wir belehrt werden durch den Mund des Propheten: In Wahrheit „hat diese Rechte Wunder getan“, als sie den Teufel besiegte, als er, wie er selbst gesagt hat, den Mächtigen fesselte und ihm seine Rüstung nahm; als er die Hölle zu Boden warf, als er den Tod selbst tötete. Und nun hat diese Rechte uns erhöht, als sie uns aus der Tiefe erhob und zum Himmel hinauftrug. Doch unsere Predigt möge übergehen zu dem Weibe, das für ihre geheime Wunde, für ihre schamerregende Krankheit ein solches Heilmittel suchte, dass sie sowohl ihr Erröten bedecken könne als auch ihre Scheu vor dem Arzte nicht zu verletzen brauche. „Und er ging fort mit ihm, und viel Volk“, so heißt es, „sorgte ihm, und sie drängten sich um ihn. Und sieh, ein Weib, das zwölft Jahre am Blutfluße litt und viel unter vielen Ärzten ausgestanden und all das Ihrige dazu verwandt und doch keine Besserung gefunden hatte, sondern sich vielmehr schlimmer befand, kam, da sie von Jesus gehört hatte, unter dem Volke von rückwärts heran und berührte sein Kleid. Denn sie sagte sich: ‚Wenn ich nur sein Kleid berühre, werde ich gesund sein.‘ Und sogleich hörte ihr Blutfluß auf, und sie fühlte es am Leibe, dass sie von der Krankheit geheilt sei“.

Nicht werden zwei Meere so aufgewühlt, auch wenn sich ihre Wogen gewaltsam mischen, als die Seele dieses Weibes hin und her geworfen wurde von einander widerstreitenden Gedankenmassen. Nach dem verzweifelten Bemühungen der Ärzte, der Aufwendung kostspieliger Arzneien, nach vergeblicher und langwieriger Behandlung der Ärzte Kunst und Erfahrung erschöpft, als der Kranken Vermögen bereits ganz aufgezehrt war, da fügte es Gottes Wille, nicht der Zufall, dass diese schamerregende Wunde dem Schöpfer selbst [zur Heilung] gebracht wurde, damit, was menschliche Kunst in so vielen Jahren nicht heilen konnte, nun geheilt würde durch Glauben und Demut allein. Das Weib stand abseits, weil natürliche Scham sie zurückhielt; denn das jüdische Gesetz erklärte sie deshalb für unrein: „Eine solche sei unrein und soll das Heilige nicht berühren“. Daher fürchtete sie, sie möchte der Wut der Juden und der Verurteilung durch das Gesetz verfallen. Sie wagte es nicht, etwas zu sagen, damit die nicht das Ohr der Umstehenden aufrege und belästige, damit sie nicht noch zum Gespötte der Leute würde, nachdem sie schon so lange Jahre hindurch der Schaukampfplatz großer Leiden gewesen war. Und doch: es weiter zu ertragen und auszuhalten, ließ der Schmerz nicht zu, der alle Tage und ununterbrochen in ihr wütete. Zum Überlegen hatte sie keine Zeit, weil der Christus so schnell vorübereilte. Und so meinte sie auch, dass, wenn sie schwieg, wenn sie ihm ihre Krankheit nicht offenbarte, die Gesundheit ihr nicht zuteil werden würde. In diesem Widerstreit der Gedanken fand das Weib den einzigen rettenden Weg, um sich die Heilung zu stehlen, um stillschweigend zu erhaschen, was sie wegen ihres eigenen Schamgefühls und aus Ehrfurcht vor dem Helfer nicht [laut] erflehen konnte, um auf diesem Wege zwar nicht körperlich, aber doch im Herzen zum Arzte zu kommen, um nur im Glauben Gott, mit der Hand nur sein Kleid zu berühren. Sie war überzeugt, dass dieser [fromme] Betrug ihr nicht nur Verzeihung, sondern auch Heilung verschaffen würde. Denn nicht ihr Wille, sondern der Zwang ihres Schamgefühls hatte ihn erfunden, zumal er doch der Diebin einen Gewinn, dem aber, der bestohlen wurde, keinen Schaden eintrug. Ein frommer Raub ist es, für den der Glaube das Werkzeug und die treibende Kraft war. Seht da einen Fall, in dem die Tugend erworben wird durch das Gegenteil, wo der Betrug das Erstrebte erlangt, da der Glaube ihn gutheißt!

Das Weib begibt sich unter die Drängenden, um nicht gesehen zu werden, und vertraut darauf, Heilung sich stehlen zu können durch den Glauben allein. Und damit ihr Kleid und ihre Haltung sie nicht verrate, tritt sie von rückwärts heran; sie hält sich nicht für würdig gesehen zu werden. Und so heilt der Glaube in einem Augenblick, was Menschenkunst in zwölf Jahren nicht hatte heilen können. Und nach einem solchen Vorbild schleppt man noch lange Zeit hindurch aus eigener Schuld sich in Krankheiten herum und leidet infolge eigener Trägheit, weil man nicht durch den Glauben allein, sondern durch Aufwendung von Salbereien geheilt werden will!. Das Weib berührte nur das Kleid und wurde geheilt; von dem alten Leiden wurde sie ganz erlöst. O wir Unseligen, die täglich den Leib des Herrn in unseren Händen tragen und genießen, wir werden nicht geheilt von unseren Wunden! Nicht Christus mangelt uns Kranken, sondern der Glaube, denn viel eher wird er, da er stets bei uns bleibt, unsere Wunden heilen können, wenn er schon im Vorübergehen das sich verbergende Weib geheilt hat. Brüder! Für heute möge genügen, den Diebstahl des Glaubens und die Wundertat des vorübergehenden Herrn erzählt zu haben. Warum aber der Herr fragte, gleichsam als kannte er sie nicht, von der er doch wußte, dass sie durch seine Kraft geheilt worden war, das wollen wir, weil es zu lang ist, in einer folgenden Predigt behandeln.

Über die Stelle: „Der König Herodes hörte davon, denn der Name Jesus war bekannt geworden, und sprach: ‚Johannes der Täufer ist von den Toten auferstanden…'“ bis: „er brachte dessen Haupt auf der Schüssel, gab es dem Mädchen, und das Mädchen gab es der Mutter.“ Mk 6,14-28

Der gute Hirte bringt die Nächte schlaflos und die Tage in Sorgen zu, damit nicht der schlaue Dieb, damit nicht der Wölfe wilde Verschlagen heit der teuren Herde Verderben oder Schaden bereiten möge. „Der gute Hirte gibt“, wie der Herr sagt, „sein Leben für seine Schafe“. Gute Schafe hören aber auch mit aufmerksamem Ohr auf die Stimme ihres Hirten, folgen immer dem Winke ihres Hirten, tun in allem ihres Hirten Willen; sie steigen die Hügel hinan, sie klimmen auf die Höhen, sie wechseln oft die Gegenden. So gelangen sie immer auf weide- und wasserreiche, schattige, geeignete, ruhige Plätze, finden angenehme und genießen liebliche Nahrung. So seid auch ihr, meine Kindlein, der Herde Christi rühmlicher Anteil, bekleidet schon mit schneeigem, himmlischem [Gnaden]Vließe, überaus fruchtbar an zarter Frucht, an himmlischer Nachkommenschaft, schon oft, auf unsere Stimme hörend, an gesunde Plätze, auf heilsame Weiden gelangt. Die in unserer Rede fließenden Wasser haben eurer Seele Glut, eures Durstes Brand gelöscht. Unter dem Schutze unserer Lehre habt ihr mit einiger Muße ausgeruht. Darum achtet auch auf unsere Befehle, höret auf unsere Worte, haltet euch an unsere Handlungsweise! Und nicht nach eurem Willen, sondern nach unserer Anordnung urteilt über unsere Predigt, ob wir nun sprechen von jener Stufe [des Altares] aus, oder ob wir nach Maßgabe der Zeit vom bischöflichen Stuhle aus predigen.

So kommt herbei als die guten Schäflein, als die teure Herde, als die lieben Kinder, fleißig und ohne stolze Selbstüberhebung, in gläubigem Wettlaufe eilet herbei! Weder der Wechsel des Ortes in solcher Nähe noch die Enge des Raumes mögen euch lässig machen oder Murren in euch erregen! Denn wie das Schaf nie zu seinem Stall kommt, wenn es nach eigener Lust umherschweift, so wird auch der Schüler nie Weisheit erlangen, wenn er nur nach seinem Sinne belehrt sein will. Gewiß wird auch nie ein Kranker die Gesundheit erlangen können, wenn er stets nach seinem Wunsche behandelt wird! Doch weil heute unsere Rede gerichtet ist gegen einen grimmigen Wolf, so will ich zuerst den Hirtenstab ergreifen, und dann wollen wir übergehen zur Lesung des Evangeliums. „Der König Herodes“, heißt es, „hörte davon, denn der Name Jesus war bekannt geworden, und sprach: ‚Johannes der Täufer ist von den Toten auf erstanden, und darum sind die Wunderkräfte in ihm wirksam'“. Der Tor! Nachdem er ihn im Leben bis in den Tod verfolgte, denkt er nach dessen Tod gottesfürchtig von ihm! „Johannes ist auferstanden“, sagt er. Aber ohne es zu wissen, bekennt er, dass der in Christo wieder auferstehe, der für Christus sein Blut vergießt. Was hat dein Schwert, Herodes, bewirkt? Was hat deine Grausamkeit genützt? Was hat deine Gottlosigkeit erreicht, wenn, wie du selbst sagst, der wieder zurückkehrte zu Wunder taten, der wieder aufstand zu göttlichen Werken, welchen du in deiner Wut schon vernichtet zu haben glaubst? Johannes stand wieder auf, wie du selbst bekennst. Nicht seine Person, sondern nur, was schwach an ihm war, ging unter; nicht dieser Johannes, sondern was an ihm sterblich war, erlag diesem Tode. Die Todesstrafe war nur eine Täuschung; der Scharfrichter selbst ist zum Gespött geworden; der Urteilsspruch des unseligen Richters selbst ist vergeblich, denn er hat den Getöteten nicht vernichtet, sondern erhöht!

„Johannes ist von den Toten auferstanden, und darum sind die Wunderkräfte in ihm wirksam.“ Obwohl ein Feind des Gesetzes, hatte er [Herodes] doch aus dem Gesetz die verheißene Auferstehung der Toten kennen gelernt. Wenn er also wußte, dass Johannes wieder auferstehen werde, warum hat er ihn denn in seiner Wut getötet? Wenn er wußte, dass jener zum Gipfelpunkt göttlicher Kraft, zur höchsten Machtherrlichkeit durch einen solchen Tod erhoben würde, warum wollte er sich denn zum Urheber eines solchen Todes machen? Aber immer liegt ja im Fieber die Gottlosigkeit; vom Wahnsinn ist ja immer die Raserei befallen; die Wut kennt ja kein Freisein vom Wahnsinn; denn gegen sich selbst wütet sie, so oft sie nach einem anderen zielt; sich selbst straft sie, wenn sie den Unschuldigen schlägt; sich selbst wird sie zum Todesverderben, sobald sie grausam ist wider den Gerechten! Siehe! Johannes lebt nun, wie du selbst sagst, in Christus. Zu deiner Bestrafung kehrt der zurück, der durch das Geschenk des Himmels gekommen war zum Heile der Menschen! „Andere aber sprachen: ‚Er ist Elias‘; wieder andere sagten: ‚Er ist ein Prophet oder wie einer der Propheten.‘ Als Herodes dies hörte, sagte er: ‚Johannes, den ich enthaupten ließ, dieser ist von den Toten auferstanden'“. Zwar in feindseligem, aber wahrem Sinne wird er selbst Zeuge seines Verbrechens, Bekenner seines Frevels, Ankläger seiner eigenen Schandtat. „Johannes, den ich enthaupten ließ, dieser ist von den Toten auferstanden.“ Er spricht die Wahrheit; denn gleichwie in Christo die Seinigen wieder auferstehen, so leidet auch Christus in den Seinigen selbst. Und so wie die Ehre des Hauptes sich erstreckt auf die Glieder, so fließt auch die Strafe der Glieder über zum Schmerze des Hauptes, zu des Hauptes Schmach. „Johannes, den ich enthaupten ließ, dieser ist es.“ Dieser vorsichtige König der vortreffliche Richter, der Hüter der Sitten, der Wächter der Ordnung, der Rächer der Unschuld, der Bestrafer der Verbrechen! Dass er den Johannes enthaupten ließ, sagt er; aber warum er ihn enthaupten ließ, verschweigt er, damit die Schande einer solch schrecklichen Tat nicht beflecke seine königliche Macht. Aber der Evangelist überliefert es uns, um durch die Schande des Mörders den Ruhm des Getöteten zu erheben.

„Denn“, heißt es, „Herodes hatte selbst aufgeschickt und Johannes ergreifen und in das Gefängnis werfen lassen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus, weil er sie geheiratet hatte. Denn Johannes hatte zu Herodes gesagt: ‚Es ist dir nicht erlaubt, deines Bruders Weib zu haben!'“ Herodias, die zweier Brüder Weib in verbrecherischer Liebe sein wollte, um durch ehebrecherische Liebe [eheliche] Liebe zu verletzen, um an eine Herodias einen Herodes zu ketten, damit sie auch des gleichen Namens sich erfreuten, die sie durch Frevel, Sitten [d. i. Sittenlosigkeit] und Lebensart sich gleich gewesen, damit der gleiche Name verbinde, die schon verbunden hatte die Schande des Verbrechens. Diese Herodias also trachtete dem Johannes nach dem Leben. Herodes vermochte der Ehebrecherin Leidenschaft nicht zu besiegen, hinderte aber auch nicht der Ehebrecherin Freveltat. Jene lechzte nach dem Tode des Anklägers, damit er sie nicht anklage; er aber, selbst in den Banden der Buhlerin liegend, läßt, um ihr zu gefallen, den Gerechten fesseln und wirft ihn nur ins Gefängnis; denn er, der Schuldige, vermag nicht so leicht über den Unschuldigen das Todesurteol zu fällen. „Als nun“, heißt es weiter, „ein gelegener Tag kam, gab Herodes ein Geburtstagsmahl den Großen und Kriegsobersten und Vornehmsten vom Galiläa. Und da die Tochter der Herodias selbst eingetreten war und tanzte und dem Herodes und seinen Tischgenossen gefiel, sprach der König zu dem Mädchen: ‚Verlange von mir, was du willst, und ich will es dir geben!‘ Und er schwur ihr: ‚Was du immer verlangen wirst, will ich dir geben, selbst die Hälfte meines Reiches!'“. Der undankbare, unmenschliche König, der für eine solche Heldentat, für eine so rühmliche Leistung, für eine so denkwürdige Handlung nicht einmal sein ganzes Reich, sondern nur die Hälfte hingibt! Wozu bewahrte er sich noch einen Teil, der er nach solcher Ruhmestat seines Hauses, nach solcher Heiligkeit seiner Familie, nasch solchem Beispiel der Keuschheit nicht mehr existieren, gesehen werden und leben durfte!

Jene Tochter also des Verbrechens, und nicht der Natur, eilte nun hin, nicht so sehr zu ihrer Mutter, als zu dem Auswurf aller Schlechtigkeit. Sie, die ganz verweichlicht und ganz entfesselt war, foh rasend und blutdürstend wieder zurück, und, um einen dichterischen Kunstausdruck zu gebrauchen: nachdem sie vollendet hatte die gemeinste Komödie, spielte sie nunmehr die schändliche Tragödie! „Sie ging nun hinaus und sagte zu ihrer Mutter: ‚Was soll ich verlangen?‘ Aber diese sprach: ‚Das Haupt Johannes des Täufers‘. Und wie sie sogleich eilends zum König trat, begehrte sie und sprach: ‚Ich will, dass du mir sogleich auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers gebest!‘ Und der König ward sehr traurig. Um des Eidschwures und der Tischgenossen willen wollte er sie nicht betrüben, sondern sandte einen Scharfrichter und hieß ihn, dessen Haupt auf einer Schüssel bringen. Und der enthauptete ihn im Kerker und brachte dessen Haupt auf einer Schüssel, gab es dem Mädchen, und das Mädchen gab es der Mutter“. So richtet der Geist, der beschwert ist vom Rausch, der erfüllt ist vom Wein, der ganz untergegangen war im Schiffbruch der Trunkenheit! „Ich will, dass du mir sogleich auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers gebest.“ Das Schlangengezücht geht immer auf das Haupt des Menschen los, weil es weiß, dass diesem sein eigener Kopf verfallen ist seit dem ersten Gottesurteil, das der Herr sprach: „Er wird betrachten dein Haupt, und du wirst lauern auf seine Ferse!“

Lange hält uns die Ausführlichkeit der Lesung hin und zu sehr führt uns in die Tiefe die unerschöpfliche Tiefe dieser Stelle. Darum wollen wir das, was noch folgt, für heute verschieben, um nicht, wenn wir zu sehr dem Ende der Rede zueilen, das, was noch näher zu besprechen ist, zu übergehen. Nur dies möchten wir euch zum Schlusse unserer Rede noch anvertrauen, dass die Schlange vergeblich sich beeilte; denn die ganze Brut der alten Schlange hatte dieser unser Johannes schon vernichtet und ganz unschädlich gemacht durch sein im Tode vergossenes Blut!

Über die Stelle: „Und einer aus dem Volke antwortete und sprach: ‚Meister, ich brachte zu dir meinen Sohn, der einen stummen Geist hat:“ Mk 9,16

Des Lehrers Pflicht ist es, das Vorgelesene zu besprechen und in klarer Rede den Sinn, der geheimnisvoll verhüllt ist, darzulegen und auszudeuten1 , damit nicht mangelhafte Erkenntnis dem Zuhörer Schaden bringen könnte, wo dieser doch heilsame Wissenschaft schöpfen müßte und könnte. Dies ist nun der Hauptinhalt unserer heutigen Lesung: „Und einer aus dem Volke antwortete und sprach: ‚Meister, ich brachte zu dir meinen Sohn, der einen stummen Geist hat'“. Er sagt nicht: „Ich habe meinen stummen Sohn gebracht“, sondern: „Ich brachte meinen Sohn, der einen stummen Geist hat.“ Wozu ist denn die Bosheit der Geister in menschliche Glieder eingeschränkt? Wozu hat sie denn von den menschlichen Sinnen sich so einengen lassen, dass sie unsere Schwächen und unsere Leiden erträgt und nur sehen kann durch die Öffnungen unserer Augen und nur hören kann durch unsere Ohren, dass sie nur reden kann durch das Werkzeug unserer Zunge und unseres Mundes? Wozu ist sie in den elenden Zustand des Stummen eingegangen, obwohl doch ihre zarte und luftartige Natur das Fleisch nicht kennt, der Knochen nicht bedarf, obwohl sie doch gleichsam wie ein Wind in einem Augenblick die ganze Welt durchfliegen kann? Wozu hat sie verschiedene Gestalten angenommen, sich in mannigfaltige Formen verwandelt, sich in das Herz eingenistet, die Gemüter verspottet, gottlose und schändliche Gedanken eingeflüstert, ohne dass man merkt, woher sie kommt und wohin sie zurückgeht wozu anders, als um so unschuldige Seelen gleich einem fliegenden Pfeile so leicht und doch so tödlich zu verwunden?

Zu wenig aber wäre es, wenn der Vater allein durch seine Bitte dies ausgesprochen hätte, da er sprach: „Ich brachte zu dir meinen Sohn, der einen stummen Geist hat“, wenn nicht der Herr selbst den unreinen Geist mit diesem Scheltworte vertrieben hätte: „Tauber und stummer Geist, ich befehle dir, fahre aus von ihm!“ d Doch laßt uns fortfahren in der Lösung unserer Frage. Gott, der die Dämonen später in ewigem Feuer brennen wird,der sie jetzt schon in unserer Zeit in Fesseln gefangen hält, mit Qualen ängstigt, mit Strafen peinigt, er hat es in seiner Macht, so oft er will, sie mit völliger Schwachheit zu schlagen und sie ebenso, wie sie sehen, hören und sprechen, blind und taub und stumm zu machen, dass sie nicht reden können. Aber wir wollen erklären, was der Teufel an unserer Stelle mit dem Menschen vorhatte. Der alte Flüchtling! Sobald er die Ankunft Gottes auf Erden erfuhr, verschloß er die Ohren der Menschen, legte die Zunge in Fesseln, verriegelte die menschlichen Sinneswerkzeuge, machte die Brust der Menschen selber zum Schlupfwinkel seiner verbrecherischen Gedanken: er glaubt, dass dorthin das „Wort“ [Gottes] nicht kommen, die Kraft des göttlichen Namens nicht gelangen würde. Eben so ränkevoll und schlau glaubte er den Vater zu überlisten und die Eltern durch solche Vorspiegelungen täuschen zu können, damit sie verzweifelten an der Heilung dessen, der weder hören noch sprechen konnte, und damit sie das, was doch ein Werk des Teufels war, der menschlichen Schwachheit zuschrieben, damit sie dem Knaben und seiner Natur zuschrieben, was doch nur der eingeschlossene Feind hineingebracht hatte.

Schließlich hatte, wie Matthäus über denselben berichtet, der Teufel den Vater dieses armen Menschen noch durch eine andere Heuchelei getäuscht, da er für sich also flehte: „Herr, erbarme dich meines Sohnes, denn er ist mondsüchtig und leidet sehr“. So wollte der Dämon, dass das, was doch sein Werk war, erscheine als Werk der menschlichen Natur oder des himmlischen Elementes, indem er die Leiden des Menschen dem Laufe des Mondes zuschrieb, den Leib quälte je nach den verschiedenen Mondphasen, damit sie dem Monde zuwiesen, was doch das Werk teuflischer Wut und Gemeinheit war. So verblendete er die Menschen; so täuschte er die Unwissenden; so schändete er bei den Gedankenlosen jenes Geschöpf, das doch einzig geschaffen ist, Licht zu spenden, das kein Leid antun kann den Menschen, denen es ja ohne Unterlaß helfend dienen muß. Nachdem nun aber gekommen ist der Kenner auch der verborgenen Dinge, der Seher, der auch klar sieht das Geheimste, dem auch die verborgenen Verstellungskünste des Teufels nicht entgegenarbeiten können, wird der Knabe herbeigeführt, um geheilt zu werden auf göttlichen Befehl. Durch Christus sollte erlöst werden, was immer der Teufel in Fesseln geschlagen, Darum hatte der Feind so gehandelt, damit es als ein Werk der Natur erscheinen sollte. Aber warum konnten die Jünger ihn nicht austreiben?

Deshalb, weil dieser Mensch als Sinnbild der Heidenvölker vorgeführt wird. Denn nach dem Apostel war das Heidenvolk besessen vom Geiste dieser Luft:“Der Geist der Luft, der jetzt wirkt in den Kindern des Ungehorsams“. Dieses [Heidenvolk] war also der Taubstumme, denn es konnte weder das Gesetz hören noch konnte es Gott bekennen; vielmehr wurde es immer hin und her geworfen in dem Feuer der Hölle und in den Wassern des bitteren Strudels. Deshalb konnte es auch weder von den Jüngern noch von irgendeinem Menschen geheilt werden, weil Christus einstmals die Botschaft des Glaubens, das Bekenntnis des Heils, die Erlösung und das Leben der Völker genannt wurde. Als aber endlich auf Befehl Christi der Teufel vertrieben wurde, öffnet sich, was geschlossen war, lösten sich die Bande: die Sprache wird ihm zurückgegeben, das Gehör kehrt zurück, der Mensch ist wieder gesund geworden, und nur der Teufel beklagt, dass er hinausgeworfen worden sei aus seinem langbesessenen Eigentum. Daher ist auch die Anordnung getroffen, dass jeder, der aus dem Heidentum [zum Christentum] kommt, durch Handauflegung und Beschwörung vom bösen Geiste gereinigt wird, dann die Öffnung der Ohren empfängt, damit er aufnehmen könne die Verkündigung des Glaubens, damit er mit der Gnade des Herrn gelangen könne zum Heile.

III. Vorträge über das Lukas-Evangelium

Über die Stelle: „Zur Zeit des Königs Herodes von Judäa war ein Priester namens Zacharias aus der Abteilung des Abias…“ bis: „weil Elisabeth unfruchtbar war und beide in ihren Tagen vorgerückt waren.“ Lk 1,5-7

Alles, was von Gott geschaffen ist, ist gut, ja sehr gut, wie die Schrift sagt: „Gott sah alles, was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut“. Alles also, was von Gott geschaffen ist, ist gut, ja sehr gut. Aber es liegt in der Mitte zwischen Tugend und Laster, so dass aus ihnen die Einsichtigen für ihre Erkenntnis Nahrung schöpfen, die Unverständigen aber daraus Anlaß zum Irrtum nehmen. Denn die Weisen erkennen durch die Betrachtung der Schöpfung den Schöpfer, die Toren aber können, weil sie die Geschöpfe selbst für Gott halten, ihren Schöpfer nicht erkennen. Daher kommt es, dass die Heiden die Sonne, den Mond, die Sterne, Gold, Scheine, Holz sich zu Göttern gemacht, von denen die Christen wissen, dass dies alles ihrer Herrschaft unterworfen ist. Auch nimmt es nicht wunder, dass die Schöpfung so ein Mittelding ist, da ja auch der Schöpfer des Alls, Christus selbst, den Gläubigen zum Heile ist, den Ungläubigen zum Verderben, wie der Evangelist sagt: „Dieser ist gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler“. Auch die Apostel sind den einen zum Tode, den andern zum Leben, wie Paulus beweist, wenn er sagt: „Den einen sind wir ein Geruch aus Tod zum Tode, den anderen aber ein Geruch aus Leben zum Leben“. So sind auch die Lesungen des Evangeliums den Guten eine heilsame Erkenntnis, den Bösen aber Anlaß zum Irrtum. Bei der [Erklärung der] früheren Erzählung des hl. Evangelisten, als er berichtete, dass Johannes der Täufer in den Banden des Herodes gelegen war, dass er ermordet wurde durch die ehebrecherische Tat der Herodias, dass er hingerichtet wurde zur Belohnung für die Tänzerin, haben wir beobachtet, dass einige in großer Aufregung sich fragten: „Warum hat Gott den Heiligen dem Gotteslästerer, den Jungfräulichen der Ehebrecherin, den Engel der Tänzerin überantwortet?“

Brüder! Die Tugenden des Johannes wie auch die Verbrechen des Herodes wollen wir in einer anderen Rede behandeln. Jetzt wollen wir davon sprechen, welcher Grund vorlag für seine Bande, welche Notwendigkeit für seine Einkerkerung, und welcher Segen aus dem Tode des Johannes hervorging. Denn Johannes durfte nicht sterben durch das allen Menschen gemeinsame Gechickt, wie er ja auch geboren war durch ein einzigartiges Vorrecht. Als Christus, Gott, im Fleische geboren wurde, ist Johannes, der Bote, erzeugt worden auf Erden, damit ebenso, wie sich hierbei Göttliches und Menschliches mischte, auch irdischer Dienst sich verbände mit göttlichem, und auf Erden nicht dem Gott der Engel, dem Herrn nicht der Dienst der himmlischen Gefolgschaft fehle. Doch laßt uns hören den Hergang bei der Geburt des Johannes, damit wir die Gründe für seinen Tod erkennen können! „Zur Zeit des Königs Herodes von Judäa“,heißt es, „war ein Priester namens Zacharias aus der Abteilung des Abias, und sein Weib aus den Töchtern Aarons und hieß Elisabeth. Sie waren aber beide gerecht vor Gott und wandelten in allen Geboten und Vorschriften des Herrn untadelig“. So oft große und an Geist hervorragende Redner sich anschicken, die Tugenden berühmter Männer zu erzählen, erwähnen sie die Vorfahren und Ahnen, damit zu dem Ruhm der Gegenwart noch hinzukomme der Adel der Vorfahren, damit das Lob der Väter reichlich überströme zum Ruhme der Kinder. Höher ist der Geburtsadel als der Verdienstadel. Und das, was von der Abstammung sich herleitet, übertrifft das, was man sich durch eigene Arbeit erwirkt. Ruhm zu besitzen ist eingrößeres Glück, als ihn zu erwerben. Das ist der Grund, warum der Evangelist, um den Ruhm des Johannes noch zu mehren, das Geschlecht des Vaters Zacharias und seiner Mutter Elisabeth nennt, die Vorfahren angibt, ihre Verdienste beschreibt, ihre Titel nennt, ihren Rang anführt, ihr Leben schildert, ihre Ruhmestaten erwähnt, ihre Heiligkeit preist. „Zur Zeit des Königs Herodes von Judäa war.“ Er erwähnt die Zeit des gottlosen Königs, der die heilige Würde des Hohenpriestertums verletzte, die Ordnung umstürzte, das Gesetz auflöste, die ganze Einrichtung [des Priestertums] aufhob. Das alles ist dem Zacharias zum Verdienst. Denn obwohl Herodes fast gegen alle seine verwegenen, gottlosen Hände zu erheben wagte, wagte er es dennoch nicht gegen diesen. Denn dessen Tugenden überwältigten ihn so, dass die priesterliche Nachfolge unversehrt bewahrt blieb zum Ruhme des Sprößlings.

„Sein Weib aus den Töchtern Aarons.“ Aaron war der erste Hohepriester im Gesetz, der Stammvater des Priestertums. Deshalb wird sie [Elisabeth] mit Übergehung aller ganz zu Recht seine Tochter genannt. Die Erinnerung an ihn trug schon in sich die Heiligkeit, die sie, die treue Hüterin eines solch großen Geschlechtes, auch rühmlichst auf ihren Sohn überpflanzte. Und dazu schildert der Evangelist noch das Lob dieser Mutter: „Sie waren““, heißt es, „beide gerecht vor Gott.“ Das ist unerhörtes Glück, das ist eine einzig dastehende Ehe,, wenn in zweien ein Geist wohnt, in zweien eine Heiligkeit. Fest zusammen stand im Geiste, was getrennt war im Geschlechte; geeint war in den Sitten, was äußerlich zweifach erschien; gleich machte sie die Tugend, die ungleich gemacht hatte die Natur.

„Beide waren“, heißt es, „gerecht vor Gott.“ Das Wohlgefallen der Menschen zu besitzen, vor den Menschen gerecht zu sein, ist menschliche Tugend und kostet sehr viele Mühe! Vor Gott, der die Herzen durchforscht, die Gedanken durchsucht, die Regungen des Geistes sieht, gerecht zu sein, ist nicht menschliche Tat, sondern göttliche Gnade. Wenn der groß ist, der ohne Sünde ist im Fleische, wie groß ist dann der, der nicht einmal im Herzen sündigt? Johannes ist also geboren über die Kraft des Fleisches hinaus von jenen, die vor Gott weder im Herzen noch im Fleische gesündigt hatten. Darum fügt der Evangelist hinzu: „Sie wandelten in allen Geboten und Vorschriften des Herrn untadelig.“ „Sie wandelten“. Es wandelt der, der nicht stehen bleibt auf dem Wege der Sünder,der als Fremdling sich fühlt in dieser Welt, der unerschrocken betritt die rauhen Gefilde der Tugenden, der die Berge der Vorschriften, die Hügel der Gebote hinaufsteigt als unermüdlicher Wanderer, um zu genießen den Anblick des Vater-Gottes, die Seligkeit des himmlischen Vaterlandes.

„Sie wandelten in allen Geboten und Vorschriften.“ In allen Dingen wandelten sie, in denen sonst niemand oder doch nur wenige [wandelten]. „In allen Geboten und Vorschriften.“ Wer geht, ohne die Wirkung des Rauches zu empfinden, hindurch durch die Feuersbrunst der Leidenschaften? Wer geht über die schlüpfrige Bahn des Lebens dahin, ohne je zu Fall zu kommen? Wer schreitet hinüber unbefleckt über die Abgründe des Lasters? Wer erträgt des Fleisches Nöte, des Lebens Zwischenfälle, der Welt Schläge, ohne zu klagen, wenn er sehen muß, dass selbst der Augenblick seiner Geburt voll ist von Tränen und Klagen? Denn von Natur aus klagt die Gebärende im Schmerz, und von Natur aus bricht klagend in Tränen aus der Geborene. Aber in Zacharias und Elisabeth war die Schuld erloschen, die Klage verstummt, jeder Zweifel geschwunden, weil in ihnen sich bereitete, was als ganz heilig geboren werden sollte. Doch dies soll aus der Lesung selbst sich ergeben. „Und sie hatten“, heißt es, „keinen Sohn, weil Elisabeth unfruchtbar war“. Diese Unfruchtbarkeit ist kein Fluch, sondern ein Geheimnis: in ihr ist die Geburt nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben; nicht für die Leibesfrucht war [ihr Schoß] verschlossen, sondern für die Zeit; durch die Zeit wurde sie gepflegt, durch die Tugend besät, zur Reife gebracht durch das Alter; trotz ihres Greisenalters wuchs sie, damit in einem einzigen Sohne die ganze Unfruchtbarkeit aufgewogen würde, weil in diesem Einen geboren wurde die Vollzahl der Tugenden. O glückselige Unfruchtbarkeit, die da aufbewahrt wurde für eine [solche] Geburt und wartete auf den Johannes, dem die Würde der Erstgeburt nicht verloren gehen sollte, weil ihm ja in allem das Vorrecht gebührte! „Sie waren beide vorgerückt in ihren Tagen“. Vorgerückt waren sie, nicht hatten sie abgenommen. In den Heiligen lebte das Alter; es hatte nicht ab, sondern zugenommen. Oder was fehlt denen, die immer neue Kraft erhalten durch ihre Tugenden? Deshalb erlöscht nur in Zacharias und Elisabeth die Zeugungskraft, deshalb wird schlaff des Fleisches Lust, deshalb ermüden die Glieder, deshalb geht die [natürliche] Zeit [des Gebärens] vorüber, deshalb geht ihnen das Alter [der Zeugung] verloren, deshalb wird ihnen alles genommen, was nur immer die menschliche Ordnung und der eheliche Umgang mit sich bringt: damit durch göttliche Gnade, nicht durch menschliche Zeugung geboren werde der Engel!

Wir hatten versprochen, von der Geburt des Johannes die Gründe für seinen Tod zu entnehmen. Aber weil uns heute die ausführliche Rede schon so lange aufgehalten hat, und weil noch aus dem folgenden genug übrig ist, um unsere Behauptung zu beweisen, so möge das bis jetzt Ausgeführte hingenommen werden zur Verherrlichung seiner Geburt. Wir wollen aucb uns euch gegenüber nicht undankbar zeigen, da wir unsere Schuld nur aufschieben, nicht aber uns derselben entziehen wollen. Denn für den Schuldner wird die Dankbarkeit dem Gläubiger gegenüber größer, wenn er die Schuld aufschieb. Geduldet euch also, dass euer Schuldner dieses Versprechen gegeben hat, und erwartet es ruhig; denn unser Versprechen kann nicht abgeleugnet werden, wo der unfruchtbaren [Elisabeth später] in so reichem Maßte zuteil wurde, was ihr [anfangs] verweigert war.

Über die Stelle:“Und er sprach zum Engel:’Woran soll ich dies erkennen?’…“ bis: „Und er winkte ihnen und blieb stumm.“ Lk 1,18-22

Dass die Fehler der Heiligen uns zur Auferstehung sind, dass das Schwanken der Heiligen uns zur Festigung dient, beweist der Zweifel des Priesters Zacharias, der nicht glaubt, was ihm Gott verspricht, sondern darüber hin und her sinnt; der Gottes Werk nicht im Glauben aufnimmt, sondern mit Menschenvernunft untersucht; der die Schuld für seinen Unglauben einlöst mit der langen Strafe der Stummheit. Er hatte vom Engel gehört: „Dein Gebet wurde erhört und dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären“. Er aber erwiderte damals: „Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt und mein Weib ist vorgerückt in ihren Tagen“. Hätte er nicht in demselben Maße, wie er infolge seines hohen Alters die Hoffnung auf Nachkommen verloren hatte, durch seine lange Lebenserfahrung belehrt werden müssen, dass bei Gott nichts unmöglich ist?. Er, der doch so lange Priester war, mußte doch gelesen haben [in den Schriften], er, der hochbetagte Hohepriester, mußte doch wissen, dass wohl die Natur, nicht aber der Schöpfer der Natur durch sein Gesetz gefesselt werden, und dass die Zeit wohl dem Menschen, nicht aber ihrem Schöpfer Vorschriften machen könne. Er wußte doch, dass aus dem durch hohes Alter erstorbenen Schoße Abrahams und Saras, nachdem, durch die Veränderung des Namens des Vaters und der Mutter die vielberufene Unfruchtbarkeit ihnen genommen worden war, Isaak hervorging zur großen Fruchtbarkeit des israelitischen Volkes, [Isaak], dem es ebensowenig geschadet hat, dass ihm das Leben fehlte, als ihm von Nutzen war seine Geburt, die er erlangte durch eine Wohltat des Schöpfers, nicht der Natur. Er [Zacharias] mußte wissen, dass Rebekka und Anna, die längst die Zeit des Gebärens überschritten hatten, längst der Hilfe der Natur entbehrten, von Gott erhielten, was die Unfruchtbarkeit ihnen versagt hatte. Und wenn er durch diese großen Wunderzeichen belehrt war, wie kommt er dazu, zu sagen: „Woran soll ich dies erkennen? Denn ich bin alt, und mein Weib ist vorgerückt in ihren Tagen“?

Brüder! Allzu zaghaft Gott gegenüber, allzu schwach den göttlichen Wundertaten gegenüber ist es des Menschen Natur. Sie erkennt sich bei einem Ereignis nicht mehr so wir vor demselben; sie versteht sich selbst nicht, bis sie sich durch die Tat bewährt hat und durch Beispiele belehrt ist. Sie stürmt zum Himmel, sie strebt zur Höhe; sie erforscht das Hohe, setzt den Himmel in Bewegung, erschüttert [gleichsam] des Himmels [Gewölbe]. Aber wenn sie den Himmel erschüttert hat, vermag sie des Himmels Lasten nicht zu tragen; sie bemüht sich, den Gipfel des Glaubens zu ersteigen; sie brennt darauf, den Himmel mit eigener Kraft zu durchdringen. Aber sobald sie begonnen hat, mit menschlichem Schritt zu treten auf himmlische Pfade, sobald ihr Auge dann hernieder schaut auf ihre Natur, schwindet in demselben Maße ihr Glaube an die vorher bewiesene Kraft, wie sie nun in Ängsten schwebt wegen des drohenden Absturzes. So der hl. Petrus. Als er über das Meer hineilte, nachahmend das Wandeln des Herrn, als er als ein ungewohnter Wanderer den nachgebenden Boden mit festem Schritte betrat, flehte er schon um Hilfe aus Furcht vor dem Sturze, noch ehe er sich des Wunders erfreute. So auch hier Zacharias. Er hatte so lange beweint die Macht des Teufels, dass der Tod herrsche durch die Schuld eines Menschen, dass der Mensch geboren werde zur Arbeit, zu Mühsal, zu Gefahren; dass er unter Mühseligkeiten nur verdiente, Kinder, die dem Tode doch verfallen werden, zu wünschen, aber nicht zu erzeugen; dass er selbst stehe mitten im Kampfe der Laster, dass er belagert werde von den Bergen der Verbrechern; dass er erschüttert werde und immer erschüttert werde von dem Ansturm der Krankheiten; dass er nur aus der Ferne sehen könne das Banner der Tugenden, die Hoffnung des Gesetzes, die Freiheit der Gnade; dass aber mit eigenen Kräften keiner dorthin gelangen könne; dass er immer das Gute wolle, aber nicht tue, das Laster zwar hassen, aber nicht überwinden könne; dass Gott selbst sich erbarmen müsse, dass er selbst dem so sehr Gefangenen zu Hilfe kommen müsse!

Während also dieser Hohepriester das Ohr Gottes mit so flehentlichem und klagendem Gebete andauernd bestürmte, nahm Gott, weil er so Gutes und Gerechtes erbat, aus seinem Schoße selbst den wunderbaren Beweis für seine Erhörung und gab sie ihm in seinem Sprößling; er sollte dadurch glauben, dass Gott Leben geben könne den Toten, Heilung den Verzweifelten, wenn er dem verstorbenen Greise einen Nachkommen, der verzweifelten Unfruchtbarkeit einen Sohn gegeben hätte, wie uns die Worte des Evangelisten sagen: „Dein Gebet ist erhört worden, und dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären“, den Vorboten jenes Erlösers, den Vorläufer des Heil[ande]s, der Gott nicht wie du mit seiner Stimme hören, mit seinen Seufzern nicht rühren soll. Er soll zur Erhörung nicht wie du unserer Bitten bedürfen, sondern da er steht in unserem Rang und selbst die Würde eines Engels genießt, soll er den Gott, der von allen Menschen so heiß ersehnt war, den niemand gesehen, der auch selbst den Engeln unsichtbar ist, mit seiner Hand umfassen, in seinem Schoße umarmen; er soll ihn, sobald er ans Licht gekommen ist, der Welt freudig auf seinen Armen entgegentragen; mit seinen heiligen Händen soll er auf ihn hinweisen, mit seinen menschlichen Augen ihn schauen, ihn als Gott aller Welt verkündigen, den Herrn führen zur Gemeinschaft mit den Knechten, den Richter bringen unter die Schuldigen; er soll Zeugnis davon geben, dass der Richter selbst in seiner Person für die Schuldigen die Stellvertretung übernommen habe, und so beweisen, dass das Strafurteil, das über die Menschheit ergangen ist, aufgehoben sei, da er angeklagt wird, der selbst zur Sühne eilt, der die Macht hatte, die Schuldigen der Strafe zu überantworten. Und damit noch mehr leuchte das Geheimnis dieser unendlichen Liebe: Zacharias! Dein Sohn senkt seinen Herrn ein in das Taufwasser der Buße, er wäscht ihn ab zur Vergebung der Sünden. Denn die Quelle selbst sollte gewaschen werden, der Urteilsfäller selbst dem Urteil sich unterziehen, der Richter selbst die Strafe auf sich nehmen, damit er die Schuldigen nicht zu verurteilen, die Strafe nicht zu verhängen brauchte über die Frevler: er besteigt das Kreuz, er kostet den Tod, er duldet das Begräbnis, er fährt hinab zur Unterwelt, er, der lieber selbst die Strafe erleiden wollte, als andere strafen, er, der mehr geliebt als gefürchtet werden wollte.

Als Zacharias dies alles vernommen hatte, Brüder, dass er ein so großes Geheimnis zu erlangen gewürdigt sei auf sein Gebet hin, geriet er in Schrecken, als er die Sache selbst betrachtetet; er wurde bestürzt, als er über das Geheimnis nachdachte, und glaubte selbst eines so großen Verdienstes nicht würdig zu sein. Und darum zweifelte er, dass Gott zu so Hohem und zu solcher Tat sich herablassen könne. Daher sagte er: „Woran soll ich dies erkennen? Denn ich bin alt und mein Weib ist vorgerückt in ihren Tagen.“ Damit will er sagen: wie meine menschliche Vernunft mir nicht gestattet, anzunehmen, dass ich einen Sohn erhalte, so hindert mich [andererseits] die göttliche Majestät, zu glauben, dass Gott geboren werde und sterbe. Für diesen verzeihlichen Unglauben legte ihm der Engel eine Strafe auf, aber nur als Zeichen, nicht als eine Strafe des Unglaubens. Denn es ist doch nur ein Zeichen von Vorsicht, nur langsam zu glauben an eine Erniedrigung Gottes und noch zaghafter zu glauben an eine schmachvolle Erniedrigung Gottes. Darum fügt der Engel hinzu, indem er sagt: „Ich bin Gabriel.“ Aus der Größe des Namens und aus der Würde des so erhabenen Dieners sollte der Hohepriester erkennen und glauben die Glaubwürdigkeit und die Größe der Verheißung: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ward gesandt, zu dir zu sprechen.“ Indem er den Namen nennt, gibt er seine Würde kund; dadurch, dass er sagt, dass er vor Gott stehe, bezeichnet er sich als dessen Abgesandten; er bekennt seine Eigenschaft als Diener, damit nicht die Nennung des Glanzes seines Namens verdunkle seine schuldige Unterwürfigkeit. „Ich bin“, heißt es, „Gabriel, der vor Gott steht, und ward gesandt, zu dir zu sprechen und dir diese Botschaft zu bringen“. Wahrhaftig, „groß ist der Herr und seiner Weisheit ist kein Maß“. Den Kranken heilt er von seinen Wunden, den Zweifelnden macht er durch die Strafe stark, einen Beweis zum Glauben gibt er ihm durch die Strafe: „Und du wirst stumm sein und nicht reden können“. Aus dir selbst und in dir selbst sollst du haben die Richtschnur für deinen Glauben, durch persönliche Erfahrung sollst du zum Glauben kommen, dass Gott erfüllen kann, was er verheißt. Denn, wenn er will, verschließt er dir das Werkzeug deiner Stimme, und wenn er öffnen will deines Mundes Dienst, kann er es sicherlich; und wenn er fruchtbar machen will die Unfruchtbarkeit, kann er es ebenso, wie wenn er verspricht, aus einer Fruchtbaren eine Unfruchtbare zu machen; und wenn er will, dass die Zeugungskraft Leben hervorbringen will, vermag er es ebenso, wie wenn er die Dienste der Natur nicht will.

Dies also wollte der Engel bewirken, dass der Hohepriester, durch diesen Beweis belehrt, nicht mehr sagen sollte: „Woran soll ich dies erkennen?“ Er, der aus dem Buche der ganzen Schöpfung hätte beweisen können, dass Gott das Kann, er, der darin hätte lesen müssen, dass er Himmel, die Erde, das Meers, und alles, was in ihnen ist, aus nichts gemacht hat, er hätte auch glauben müssen, dass Gott aus irgend etwas das schaffen könne, was er wolle, dass er auch dem Verzweifelten das wiedergeben könne, was er ihm versprochen; dass er, der das All gemacht hat aus dem Nichts, auch keine Mühe habe, aus dem, was da ist, zu machen, was er immer will. „Und das Volk wartete auf Zacharias, und sie wunderten sich, dass er so lange im Tempel weile. Da er aber herauskam, konnte er nicht zu ihnen sprechen, und sie erkannten, dass er eine Erscheinung im Tempel gesehen hatte. Und er winkte ihnen und blieb stumm“ Der Hohepriester trat hinaus; an seinem Munde trägt er das Zeichen seiner Unfruchtbarkeit, in seiner Brust aber trägt er das Wunderzeichen der Empfängnis. Erst dann, wenn die Mutter den Sohn geboren, wenn das Kind seine Stimme zum erstenmal erschallen lassen würde, erst dann sollte auch der Vater das Geheimnis der Botschaft eröffnen. Eher sollte der Sohn dem Vater die Verzeihung erwirken, als abwaschen die alten Vergehungen der Völker. Weil dieser, da er nicht glaubte, verstummte, so rühmt sich mit Recht der Prophet, dass er geglaubt habe, indem er spricht:“Ich habe geglaubt, und deshalb rede ich“. Brüder, der Glaube gibt das Wort, der Unglaube verweigert es. Wenn uns, Brüder, also, wie ich gesagt habe, der Fehler der Heiligen zur Auferstehung ist, wenn der Zweifel der Heiligen uns zur Festigung dient, so laßt uns niemals bei Gott etwas für unmöglich halten, noch laßt uns nachforschen, wie er ausführen wird, was er verspricht. Denn er, der die Macht hat, zu wollen, hat auch die Macht, es zu vollbringen; er, der die Macht hat, zu verheißen, hat auch die Macht, es zu verleihen“

Über die Stelle: „Im sechsten Monat ward der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa mit Namen Nazareth zu einer Jungfrau…“ bis: „da sie dies hörte, erschrak sie und dachte nach, was wohl dieser Gruß bedeute.“ Lk 1,26-29

Möchte doch die Sehkraft unserer Augen rein genug sein, damit sie eindringen könne in den Lichtglanz der Geburt eines Gottes! Denn wenn unser ganz gesundes und reines Auge den Glanz der aufgehenden Sonne kaum zu ertragen vermag, um wieviel mehr müssen wir die Sehkraft unseres inneren [Auges] bereiten, damit es die Lichtfülle der leuchtenden Geburt des Schöpfers selbst ertragen könne! „Im sechsten Monat“, heißt es, „ward der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa mit Namen Nazareth zu einer Jungfrau, die mit einem Manne namens Joseph verlobt war“. Der Evangelist nennt Ort, Zeit und Person, damit die Wahrheit seines Berichtes bestätigt werde durch die klaren Umstände der Tatsachen. „Es ward ein Engel“,heißt es, „zu einer Jungfrau gesandt, die verlobt war.“ Zu einer Jungfrau wird von Gott ein beflügelter Bote gesandt: er soll überbringen der Verlobung Preis und mitnehmen die Mitgift, weil er die Gnade bringt; er soll das Jawort entgegennehmen und die Geschenke übergeben für ihre Tugend, indem er gleich das Gelöbnis der jungfräulichen Zustimmung wieder löst. Schnell fliegt zur Braut hinab der Vermittler, um von der Gottesbraut abzuhalten die Neigung zu einer menschlichen Verlobung, nicht um dem Joseph die Braut zu rauben, sondern um sie Christo wiederzugeben, dem sie schon im Mutterschoße vom Beginn ihres Daseins verpfändet war. Christus also er hält seine Braut wieder zurück, nicht raubt er sich eine fremde; nicht trennt er, wo er sich nur mit dem ihm ganz eigenen Geschöpfe in einem Leibe verbindet. Doch laßt uns hören, was der Engel [mit ihr] verhandelte. „Er trat zu ihr ein und sprach: ‚Sei gegrüßt, du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir!'“. In diesem Worte liegt eine Übergabe, die Darbringung eines Geschenkes, es ist nicht ein bloßer Gruß. „Ave“, d. h. empfange Gnade; zittere nicht, sei nicht besorgt in deiner menschlichen Natur!

„Gnadenvolle!“ Denn wenn auch in anderen Gnade ist, über dich wird sich die ganze Fülle der Gnade zumal ergießen! „Der Herr ist mit dir!“ Was heißt das: „Der Herr ist in dir?“ Nicht bloß in Huld dich heimzusuchen, kommt er zu dir, sondern auf dich läßt er sich hernieder in dem unerhörten Geheimnis einer Geburt! Und bezeichnend füge er noch hinzu: „Du bist gebenedeit unter den Weibern“. Denn denen, deren Mutterschoß die Verurteilung der Eva bestrafte, gibt die Lobpreisung der Maria Freude, Ehre und Ruhm! Und so ward das Weib [jetzt] in Wahrheit zur Mutter des Lebens durch Gnade, während es vorher war die Mutter des Todes durch die Natur. „Als sie dies hörte“, heißt es dann, „erschrak sie über diese Anrede“. Wie kommt es, dass sie, obwohl sie die Person des Engels sieht, doch über seine Rede erschrickt? Weil ein Engel zu ihr gekommen war, reizend von Gestalt, der stark ist im Kriege, gelassen in der Haltung, der furchtbar ist in der Rede, der mit menschlicher Stimme redete und Göttliches verkündete! Daher verwirrte auch die Jungfrau, die der Anblick [des Engels] nur wenig erschreckte, doch allzusehr seine Anrede. Und sie, die von der Gegenwart des Boten nur wenig erregt ward, wurde nun ganz und gar erschüttert von der furchtbaren Majestät dessen, der ihn gesandt hatte.

Und ferner! Alsbald fühlte sie, dass sie in sich empfangen habe den göttlichen Richter, sobald sie seinen himmlischen Wegbereiter gesehen und betrachtet hatte. Denn wenn auch mit reizendem Antrieb und mit anmutiger Liebe Gott die Jungfrau zur Mutter, der Herr die Magd zu seiner Gebärerin erhob, so erschrak doch ihr Inneres, schwanden ihre Sinne, bebte ihre ganze Natur, als der Gott, den die ganze Schöpfung nicht fassen kann, unter ihrem menschlichen Herzen sich barg und einschloß! „Sie dachte nach“, heißt es, „was wohl dieser Gruß bedeute“. Eure Liebe beachte, dass, wie wir oben gesagt haben, die Jungfrau nicht einem Gruße vom bloßen Worten, sondern von tiefem Inhalte zustimmte, dass jenes Wort nicht eine gewöhnliche Höflichkeitsformel war, sondern die ganze Fülle der göttlichen Allmacht in sich schloß. Die Jungfrau besinnt sich, weil schnell antworten ein Zeichenmenschlichen Leichtsinns ist, besinnen aber ein Zeichen hohen Ernstes und reifen Urteils. Wie groß Gott ist, weiß der nicht, der vor dem Geist dieser Jungfrau nicht staunt, der ihre Seele nicht bewundert! Der Himmel bebt, die Engel zittern, die Schöpfung hält nicht stand, die Natur erträgt es nicht, und eine einzige Jungfrau empfängt, nimmt auf, entzückt diesen Gott in der Wohnung ihres Herzens, um hierdurch der Erde den Frieden, dem Himmel die Ehre, den Verlorenen das Heil. den Toten das Leben, den Irdischen den Schutz der Himmlischen, ja den Verkehr Gottes selbst mit den Menschen zu verlangen, gleichsam als Miete für ihre Wohnung selbst, als Lohn für ihre Mutterwürde es zu fordern, um so das Wort des Propheten zu erfüllen: „Siehe, das Erbe des Herrn sind Söhne, Lohn ist die Frucht des Leibes“. Doch nun wollen wir die Rede schließen, um über die Geburt aus der Jungfrau unter dem Beistande Gottes, und wenn es die Zeit gestattet, zu noch größerem Nutzen sprechen zu können!

Über die Stelle: „Es erging das Wort des Herrn an Johannes, den Sohn des Zacharias in der Wüste…“ bis: „seid zufrieden mit eurem Solde.“ Lk 3,2-14

Nachdem durch die Pflugschar des Gesetzes und die fortwährende Beobachtung die Fruchtbarkeit des jüdischen Ackerlandes völlig erschöpft war, eilt der selige Johannes in die Wüste der Heiden, verbrennt das Dorngestrüpp der Laster durch das Feuer des Geistes, reißt die unfruchtbaren Bäume aus mit der Axt der Drohung, ebnet die unebenen Berge der Hoffart, füllt aus und erhebt die Täler der Niedrigkeit, vernichtet das Unkraut, glättet die ganze Oberfläche der Erde und lenkt hindurch die Wasser des befruchtenden Jordan. Und so schuf er für den Samen des Evangeliums neue, ausgedehnte und fruchtbare Gefilde. „Es erging“, heißt es, „das Wort des Herrn an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste“. „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ „Über Johannes.“ Warum nicht „an“ Johannes, sondern „über“ Johannes? Weil das, was von oben ist, überallem ist! „Es erging das Wort des Herrn über Johannes.“ Weil Johannes die Stimme, Gott das Wort ist. „Es erging das Wort des Herrn über Johannes.“ Gott ist über Johannes, der Herr über dem Knechte, das Wort über der Stimme. Aber du wirst mir entgegnen: Wie ist das möglich, dass die Stimme dem Worte vorausgeht? Sie geht ihm zwar voraus, steht aber nicht über ihm. Sie geht voran zum Dienste dessen, der folgt, nicht aber als Verkündigerin eigener Macht. Die Stimme selbst ist nicht der Richter, sondern nur die Botin des Richters: das Wort [selbst] richtet, die Stimme geht ihm aber verkündigend voraus. Dem Gebietenden eignet die Macht, nicht dem Rufenden! Doch das bekenne, bezeuge und versichere uns diese Stimme selbst. Der Herold selbst, der ruft:

„Der nach mir kommen wird“, heißt es, „ist mächtiger als ich“. Warum? Weil in mir nur ist der Schrecken, in ihm aber die Urteilsmacht. „Er kam in die ganze Gegend am Jordan“. Er kam an den Jordan, weil der Wasserkrug nicht mehr genügte, den jüdischen Schmutz abzuwaschen, sondern [dazu] der Fluß [nötig war], wie geschrieben steht: „Es waren da steinerne Wasserkrüge für die Reinigung der Juden“. „Er kam an den Jordan“, um die Büßenden mit Wasser, nicht mit Wein zu tränken. „Er kam in die ganze Gegend am Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“. Bei Johannes gab es wohl Vergebung, aber nicht ohne Buße; wohl Sündennachlaß, aber er wurde erworben durch Tränen; die Wunde wird geheilt, aber mit Schmerz; eine Taufe war es, die die Schuld zwar beseitigen, aber das Schuldbewußtsein nicht aufheben sollte. Und wozu noch viele Worte? Durch die Taufe des Johannes wurde der Mensch gereinigt zur Buße, nicht aber zum Gnadenstand erhoben. Aber die Taufe Christi erneuert, wandelt, gestaltet den alten Menschen so zu einem neuen um, dass der das Vergangene nicht mehr kennt, des Alten sich nicht mehr erinnert, welcher, aus einem irdischen ein himmlischer Mensch geworden, nunmehr Himmlisches und Göttliches besitzt. Daher kommt es, dass der Vater dem aus seinem schwelgerischen Leben zurückkehrenden Sohne das beste Kleid der Unsterblichkeit wiedergibt, ihm den Ring der Freiheit anlegt, das gemästete Kalb schlachten läßt, die Wasser der Buße verwandelt in den Wein der Gnade, damit nunmehr nur noch reine Becher der Gnade, damit nunmehr nur noch reine Becher der Gnade das Mahl erquicken: die nüchterne Berauschung des Kelches des Herrn sollte auslöschen die Qualen des Gewissens, die Seufzer der Buße, das Wehklagen der Verbrechen nach dem Worte des Propheten: „Und dein berauschender Becher, wie herrlich ist er!“. Denn ebenso herrlich und schön ist die himmlische Berauschung, wie häßlich die irdische. „Daher sprach er zu dem Volke, das hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: ‚Natternbrut, wer zeigte euch, vor dem bevorstehenden Zorn zu fliehen? Bringt also würdige Früchte der Buße und fangt nicht an zu sagen: Wir haben Abraham zum Stammvater! Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken. Denn schon liegt die Axt an der Wurzel der Bäume; jeder Baum also, der nicht gute Frucht bringt, wird ausgehauen und ins Feuer geworfen werden'“. „Natternbrut!“ Durch den Vergleich zeigt er, durch das Gleichnis gibt er kund, durch das Bild beweist er klar, dass er nicht nur die Sitten, sondern auch die Natur selbst dieses giftigen Gezüchtes verändern könne.

„Natternbrut!“ Denn die Gott als Menschen geschaffen hatte, die Kinder Abrahams, hatte die Bosheit geboren und verwandelt in Nattern; die der Schöpfer erfüllt hatte mit der Süßigkeit der Liebe, bittere Gottlosigkeit hat sie todbringenden Geifer, Schlangengift ausgießen lassen, und sie zum unnennbaren Beweis ihrer Grausamkeit empfangen werden lassen aus dem Tode ihres Vaters, geboren werden lassen aus dem Tode der Mutter. „Natternbrut!“ Dies undankbare Geschlecht der Natur, dessen Ursprung ist der Untergang des Erzeugers, dessen Leben ist der Tod des Vaters! „Natternbrut!“ Die Schlange nimmt zur Zeit ihrer Empfängnis so erzählt man das Haupt des Männchens in ihren Mund und beißt es ab, damit sie durch diesen blutigen Kuß nicht eine Leibesfrucht, sondern vielmehr ein Verbrechen empfängt und so als Junge gebiert die Rächer ih res eigenen Frevels, nicht nach der Ordnung der Natur, sondern der Strafe. Denn die Jungen, die empfangen sind durch des Vaters Tod, fordern und verlangen eher nach Rache des Blutes als nach der Nahrung der Milch. Man sagt nämlich, dass die [jungen] Schlangen den Leib ihrer Mutter aufreißen und das verbrecherische Haus ihrer Empfängnis zerstören, wenn auch leiblich noch unreif, so doch an Wut schon überreif. Das soll ihr Leben sein, ihre Mutter, die Mutter, die solche Jungen gebiert, nicht zu sehen! Notgedrungen haben wir das Bild und die Bedeutung dieses Vergleiches, den der hl. Johannes angeführt hatte, breiter beschrieben, damit [alle erkennen, dass] es nicht eine Schmähung sei, sondern der Wahrheit entspreche, wenn die Juden von ihm so genannt würden. „Natternbrut!“ Brüder! Die Synagoge und ihre Söhne bezeichnet er als solche. Denn als Christus mit der Liebe des Gatten zu ihr gekommen war, wie Johannes sagt: „Wer die Braut hat, ist der Bräutigam“, wurde unter der Umarmung und unter den blutigen Küssen des Judas das Haupt Christi herausgefordert und durch den Mund verlangt, der da rief: „Kreuzige, kreuzige ihn!“. Darum bewaffnen sich diese im Blute empfangenen Kinder gleich zur Vernichtung ihrer Mutter, und zwar so sehr, dass sie den Mutterleib als Synagoge durchbrechen und auf den Ruf des Johannes hervorkommen und wiedergeboren werden zu Söhnen Gottes! „Natternbrut! Wer zeigte euch, vor dem bevorstehenden Zorne zu fliehen?“ Was ist das, „der bevorstehende Zorn“? Jener, der kein Ende hat, der den Menschen nicht vom Tode erlöst, sondern im Tode bannt, der keine Hoffnung auf Vergebung mehr fassen läßt, sobald er einmal der Strafe der Unterwelt überantwortet ist. So belehrt nun, erkennen sie ihr Geschlecht und ihr Verbrechen und antworten daher also: „Was sollen wir tun, um gerettet zu werden? Jener antwortete und sprach zu ihnen“ Was er ihnen sagen wird, Brüder, fürchte ich mich auszusprechen, damit jener nicht [durch seine Worte] alle zu Verstockten mache, wie ich sie heute, wo sie meine Zuhörer sind, schon als Verächter genugsam sehe! Was soll ich tun? Es auszusprechen fürchte ich mich; verschweigen kann ich es nicht. Von dem einen hält mich ab die Liebe, zu dem andern treibt mich die Nützlichkeit: die Liebe nämlich, damit kein Zuhörer dadurch, dass er es verachtet, ihm verfällt; die Nützlichkeit, damit keiner in Unkenntnis bleibe über das, was er tun muß, und so der Lehrer Anstoß errege. Darum sage ich es, Brüder, damit sich einerseits, der nackt ist, bekleide, andererseits ich mich [meiner Aufgabe] entledige. „Wer zwei Röcke hat“, sprach er, „gebe dem, der keinen hat; und wer Speisen hat, tue desgleichen!“. Glaubst du, dass der zuviel verlange, der von zwei Röcken einen verlangt? Nicht zuviel verlangt er; denn er erbittet nicht einen Edelstein, sondern nur einen Rock, nicht um Gold fehlt er, sondern um Brot. Und wenn der, welcher von zwei Röcken nicht einen abgibt, schon sich schuldig macht, wie schuldig ist dann der, der von vielen den einen verweigert, der dazu noch seine Kleider verbirgt, sein Brot einschließt, so dass der Arme vor Hunger sterbe, vor Frost vergehe? Er vergräbt seine Kleider, aber legt sie nicht weg; der übergibt sie nicht der Aufbewahrung, sondern dem Grabe, welcher den Motten überläßt, was er den Armen verweigert; er selbst ver schlingt die Kleider seines Leibes, wie der Herr sagt: „Ihr Wurm wird nicht sterben!“.

Denn der Hunger des Armen hat den Christus erschüttert, der Schmerzensschrei des Menschen drang dirch bis zum Herzen Gottes; der Seufzer des Gefangenen klang hin bis zum Ohre Christi; die Verachtung des Armen floß über zur Verachtung des Schöpfers, wie dieser selbst bekennt, wenn er spricht: „Ich war hungrig, und ihr gabt mir nicht zu essen; ich war nackt, und ihr habt mich nicht gekleidet!“. „Es kamen auch Zöllner und sprachen: ‚Was sollen wir tun?'“. Hören mögen es die Zöllner! „Fordert nicht mehr, als was euch bestimmt ist!“. Er zeigte so, was den Zöllner schuldig macht: „Fordert nicht mehr!“ Wer mehr fordert, ist ein Eintreiber des Wuchers, nicht der Steuer! Sie sollen also erkennen, wie sehr sich der vor Gott zum Schuldigen macht, der den Ermüdeten und Bedrückten auch noch der Öffentlichkeit preisgibt, der ihn durch seinen Betrug mehr und mehr noch bedrückt und ermüdet und ihm, der kaum imstande ist, die pflichtgemäße Steuer zu erlegen, auch noch Ungeschuldetes auferlegt und vermehrt. „Es kamen auch Soldaten und sprachen“. Auch die Soldaten sollen hören, was ihnen der Meister auf diese Frage antwortete: „Und wir! Was sollen wir tun?“ Und er sprach zu ihnen: „Brandschatzet niemand, und gebt niemand fälschlich an, und seid zufrieden mit eurem Solde“. Der ist ein echter Soldat, der niemanden brandschatzt, sondern verteidigt; der falsche Angaben nicht zuläßt, sondern abhält; der dient um den Sold des Königs, der nicht gierig eilt zur Beute. So lehrte der hl. Johannes göttliche Pflichten, ohne die menschlichen aufzuheben; wer lehrte die [Rechtmäßigkeit der] staatlichen Ordnung, ohne sie zu zerstören; er bewies, dass seine Lehren von Gott gegeben seien, dass sie [seine Zuhörer] auch diese beobachten könnten und so die Gerechtigkeit doch nicht zu vernachlässigen brauchten. Weil es aber einer längeren Erklärung bedarf, welcher Unterschied zwischen der Taufe des Johannes und der Taufe Christi besteht, so wollen wir darüber mit Stillschweigen hinweggehen.

Über die Stelle: „Ein Pharisäer bat ihn, bei ihm zu essen…“ bis: „küßte seine Füße und salbte sie mit dem Salböl.“ Lk 7,36-38

Vielleicht möchte ein ängstlicher Zuhörer sich verwundern, dass Christus zu einem Gastmahl, und dazu noch zu dem Gastmahl eines Pharisäers gekommen sei. [Doch] Christus betrat das Haus des Pharisäers, nicht um dort jüdische Speise zu sich zu nehmen, sondern um seine göttliche Barmherzigkeit zu erweisen; er setzte sich nicht zu Tische, um Becher zu trinken, die mit Honig versüßt und mit duftenden Blumen bekränzt waren, sondern um zu trinken die Tränen der Sünderin aus den Quellen der Augen selbst; denn Gott dürstet nach den Seufzern der Fehlenden, dürstet nach den Tränen der Sünder. „Ein Pharisäer“, heißt es, „bat ihn, mit ihm zu essen. Und er kam in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tische. Und siehe, als ein Weib, das in der Stadt eine Sünderin war, vernommen hatte, dass er im Hause des Pharisäers speise, brachte sie ein Alabastergefäß mit Salböl, stellte sich rückwärts ihm zu Füßen, benetzte mit Tränen seine Füße und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes und küßte seine Füße und salbte sie mit dem Salböl“. Ihr seht, dass Christus zu dem Tische des Pharisäers kam, nicht um sich zu sättigen an leiblichen Speisen, sondern um in seinem Leibe sein himmlisches Amt zu offenbaren; nicht um zu kosten, was Menschen ihm vorgelegt, sondern um in göttlicher Weise das, was hinter ihm vor sich ging, zu bekunden. Denn wir sehen immer, dass Christus durch menschliche Handlungen göttliche Wundertaten vollbringt, indem alles, was von ihm leiblich geschah, sich als neu und gegen die Gewohnheit der Sterblichen geschehen erwies. Ein Pharisäer ladet Christum zum Essen ein. Was sucht dabei ein Weib, das nicht eingeladen ist? Kein Fremdling bricht in ein verschlossenes Haus ein; wer nicht eingeladen ist, erkühnt sich nicht, den ihm verwehrten Speisesaal zu betreten; kein Genußsüchtiger wag es, das Mahl zu stören, das aufgetragen ist zur Erfrischung des durch die Arbeit müden Geistes. Wie kommt doch dieses unbekannte, ja nur unrühmlich bekannte Weib, in aschweren Trauerkleidern, aufgelöst in Tränen, aufschreiend in lautem Jammer, ungesehen vom Türhüter, ohne dass jemand es weiß, selbst von dem Gastgeber unbemerkt, wie kommt es hinein, dass es durchlaufen konnte alle Hallen des Hauses, dass es selbst durch alle Gemächer der Diener hin durcheilen konnte, ja selbst hinflieht zu dem verborgenen Speisesaal und das Haus der Freude verwandelt in ein Haus des Jammers und des Wehklagens? Brüder! Jenes Weib kam nicht ungerufen, sondern auf Befehl; sie trat aufgefordert ein, nicht durch eigene Anmaßung; denn jener hieß sie sich dort aufstellen, der durch himmlischen Machtspruch sie lossprechen wollte.

Und gerade als der Pharisäer in glänzendem Gewande, auf dem ersten Platze an der Tafel sich breitmachend, selbst noch vor den Augen Christi prahlend, sich den Genüssen des Mahles hingibt, um sich an den Speisen zu laben, um Menschen, nicht Gott zu gefallen, da erscheint das Weib, und zwar kommt es von rückwärts. Denn das schuldige Gemüt kommt immer rückwärts, um Verzeihung zuerlangen; denn es weiß ja, daß es durch seine Schuld das Recht verloren hat, das Antlitz vertrauensvoll zu erheben. [Das Weib] kam, um Gott genugzutun, nicht um den Menschen zu gefallen; sie kam, ein Mahl der Liebe, nicht der sinnlichen Freuden herzurichten, und darum rüstet sie ein Mahl der Buße, stellt die Gefäße der Reue auf, bringt herbei das Brot des Schmerzes, reicht in dem Becher den Trank der Tränen, und um die Gottheit ganz zu erfreuen, läßt sie die Stimme des Herzens und des Leibes in gleicher Weise ertönen, läßt als Orgeltöne ihr Klagegeschrei erschallen, ahmt die Zither nach durch langanhaltendes Seufzen, ihr Flehen gleicht den Klagetönen einer Flöte. Und während sie ihre Brust zerschlägt, um ihr Ge wissen zu züchtigen, läßt sie Jubeltöne erklingen, die Gott gefallen sollen, und indem sie so dem Auge Gottes eine Speise bereitete, trägt sie die ganze Fülle der Erbarmung davon. „Siehe, ein Weib, das in der Stadt eine Sünderin war.“ Der Evangelist betont besonders die Schandtat des Weibes, um die Größe der Güte des Begnadigers hervorzuheben. „In der Stadt eine Sünderin.“ In der Stadt hatte sie gesündigt, weil sie durch ihren schlechten Ruf den Ruf der ganzen Stadt angetastet hatte, und so war sie nicht nur selbst eine Sünde rin, sondern war die Sünde der Stadt selbst. Sie hatte erkannt, dass die Sünde der Stadt nur durch den allein hinweggenommen werden konnte, der gekommen war, die Sünden der ganzen Welt zu tilgen.

„Als sie vernommen hatte, dass der Herr im Hause des Pharisäers speise“. Die Sünderin wagt nicht zu dem Stehenden und nicht zu dem Sitzenden zu kommen; denn wenn Gott steht, so züchtigt er; wenn er sitzt, kommt er zum Gerichte. Aber mit den Darniederliegenden liegt er zusammen, wenn er zu Tische liegt. „Als sie vernommen hatte, dass der Herr im Hause des Pharisäers speise.“ Sie hat kennen gelernt, dass die göttliche Majestät geneigt sei zur Barmherzigkeit, und darum glaubte sie, dass er auch geneigt sei, ihr ebenso zu verzeihen, wie er bereit war, zu dem Gastmahl des Pharisäers zu erscheinen. „Sie brachte ein Alabastergefäß mit Salböl.“ Sie trug das Salböl, weil sie bei dem himmlischen Arzte Heilung für ihre Todeswunde suchte. „Stellte sich rückwärts ihm zu Füßen.“ Wer schnell Verzeihung sucht, eilt jeder Zeit zu den Füßen. Und ganz mit Recht heißt es „stehend“, weil der nicht mehr fallen kann, der würdig war, zu den Füßen Christi zu kommen. „Stellte sich rückwärts ihm zu Füßen“, um sich an die Fußsohlen Christi zu heften, um so den Weg des Lebens zu gehen, wie sie vorher gewandelt war auf dem Weg des Todes. „Benetzte mit Tränen seine Füße.“ Seht da die Umkehrung der Ordnung der Dinge, Sonst spendet der Himmel doch der Erde den Regen. Und seht: nun benetzt die Erde den Himmel, ja über die Himmel hinaus bis zu dem Herrn selbst steigt empor der Regen menschlicher Tränen, damit nach den Worten des Psalmisten auch von den Wasserbächen der Tränen gesungen werden könne: „Und die Wasser, die über dem Himmeln sind, sollen loben den Namen des Herrn“

„Benetzte mit Tränen seine Füße.“ O, welche Macht liegt doch in den Tränen der Sünder! Den Himmel benetzen sie, die Erde waschen sie ab, die Hölle löschen sie aus, sie heben auf das von Gott schon über jegliche Missetat verhängte Urteil.“ „Und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes.“ Des Herrn Füße badet sie mit den Tränen und trocknet sie mit den Haaren. Darum hat auch die Armut keine Entschuldigung, wie die Gefühllosigkeit keine Verzeihung er hält, weil die Natur sich ganz genügt für den Dienst des Schöpfers. „Und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes.“ Auf das Haupt der Sünderin floß zur Reinigung von den Verbrechen der Strom [der Tränen] zurück, damit das Weib abwasche aus eigener Quelle zu neuer Taufe den Schmutz der Sünden. „Und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes“; denn sie sollte nach dem Psalmisten: „den Scheitel, mit dem sie gewandelt war in ihren Sünden“, zur Heiligkeit wandeln durch diesen Dienst. „Und küßte seine Füße.“ Voraufgegangen waren die Fürsprache einlehenden Tränen, damit folgen könnten Küsse der Liebe; denn die Tränen sind ein Beweis der Buße, wie die Küsse ein Zeichen der Vergebung. „Und salbte sie mit Salböl.“ Aus der Erzählung des anderen Evangelisten haben wir erkannt, dass ein Weil Öl ausgoß auf das Haupt des Herrn. Darum hat auch die Tat dieses Weibes nicht den Charakter eines weichlichen und leiblichen Dienstes, sondern ist ein Geheimnis für die ganze Menschheit. Denn in dem Haupte Christi ist Gott, wie in den Füßen „derer, die den Frieden verkünden“.

Betet, Brüder, dass auch wir sowohl als Salböl des Herrn allenthalben befunden werden, auch auch selbst gesalbt werden durch das Salböl, das fließt aus den Füßen des Erlösers! Denn wie es ein Opfer bedeutet, wenn das Salböl vergossen wird, so ist es auch eine vollkommene Salbung, wenn das Öl wieder zurückfließt von den Füßen des Herrn. Wessen Vorbild aber jenes Weib ist, oder welches Geheimnis es vorbildet, wollen wir, wenn Gott es uns gnädig verleiht, besprechen bei der Erklärung des Folgenden.

Über dieselbe Stelle: Lk 7,36-47

Alles, was von Christi leiblichen Taten berichtet wird, ist so mit historischer Wahrheit verbunden, dass stets auch eine Fülle von himmlischen Geheimnissen darin enthalten ist. Und weil wir, was an der Oberfläche der Lesung lag, schon in zwei Reden behandelt haben, so betet nun, dass wir auch das, was innerlich verborgen ist, unter Erleuchtung des Hl. Geistes enthüllen, wie wir es versprochen haben! Unehrerbietig wäre ja eine Redeweise, die Gottes Taten nur nach menschlicher Erklärungsart darlegen wollte. „Ein Pharisäer“, heißt es, „bat den Herrn, bei ihm zu essen“. Brüder! Der Pharisäer gilt bei den Juden als der Rechtgläubige. Denn er glaubt an die Auferstehung und weicht hierin von dem Sadduzäer ab, der die Auferstehung leugnet. Das ist der Grund, warum er Christum, den Urheber der Auferstehung, bittet, bei ihm zu essen. Denn wer mit Christus zusammenlebt, kann nicht sterben, wird vielmehr ewig leben. „Er bat den Herrn, bei ihm zu essen.“ Pharisäer, du bittest [um die Gnade], dass du mit ihm issest; glaube, sei ein Christ, und du ißt mit ihm! „Ich bin“, heißt es, „das Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist“. Immer verleiht Gott mehr, als er gebeten wird; denn er gab sich zur Speise, er, der gebeten wurde, die Gnade zu verleihen, dass [wir] mit ihm essen. Und doch gab er dies auch noch so, dass er das nicht verweigerte, um was er gebeten war. Und verspricht er dies nicht auch seinen Jüngern? „Ihr, die ihr mit mir ausgeharrt habt, werdet essen und trinken an meinem Tische in meinem Reiche“. Mein Christ! Er, der sich dir zur Speise gab, was wird er dir verweigern in Zukunft? Und er, der dir eine so große Wegzehr bereitete zur Nahrung deines Lebens, was hat er dir nicht bereitet in jener ewigen Wohnung? „Ihr werdet essen an meinem Tische in meinem Reiche!“ Du hast gehört von dem Gastmahl Gottes, sei nicht bekümmert über seine Art und Weise! Wer gewürdigt ist, zum Tische des Königs zu gelangen, wird essen, was der König besitzt in seiner Macht und Herrlichkeit. So wird, der gekommen ist zu dem Gastmahl des Schöpfers, zu seiner Wonne alles haben, was immer in der ganzen Schöpfung sich befindet!

Doch wir wollen auf den Anfang zurückkommen! „Und er trat ein in das Haus des Pharisäers“. In welches Haus? In die Synagoge; in sie tritt er hinein und legt sich nieder. In der Synagoge, Brüder, legte sich Christus nieder, als er im Tode erlag; seinen Leib aber legte er auf den Tisch der Kirche, damit er sei ein himmlisches Fleisch für die Heiden, die davon essen sollen zum Heile: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht essen und sein Blut nicht trinken werdet, werdet ihr das Leben nicht in euch haben“. Auf welche Weise aber das Fleisch Christi genossen, auf welche Weise auch sein Blut getrunken wird, wissen diejenigen, die eingeweiht sind in die himmlischen Sakramente. „Siehe“, heißt es dann weiter, „ein Weib, das in der Stadt eine Sünderin war“. Welches Weib? Die Kirche ohne Zweifel. „In der Stadt eine Sünderin.“ In welcher Stadt? In jener, von der der Prophet gesagt hatte: „Wie ist zur Buhlerin geworden die treue Stadt Sion?“. Und an ein er anderen Stelle: „Ich sah Gewalttat und Hader in der Stadt. Und Gottlosigkeit und Mühsal und Ungerechtigkeit ist in ihrer Mitte, und von ihren Plätzen weicht nicht Wucher und Betrug“. In der Stadt also, die von den Türmen des Stolzes beschützt, von den Mauern des Unglaubens umgeben, von den Wegen der Gottlosigkeit durchkreuzt ist, die verschlossen ist durch die Tore des Haders, übertüncht ist von dem falschen Glanze des Betruges, schwer beladen ist mit den Seinen des Wuchers, beschwert ist von den Mühen des Handeltreibens, verrufen ist durch die Häuser der Wollust, d. h. die Tempel der Götzen: dies Weib, d. i. die Kirche, schöpft die übergroße Schuld aus dem übergewaltigen Zusammenfluß der voraufgegangenen Laster. Aber sobald sie hörte, dass Christus gekommenm sei in das Haus des Pharisäers, d. h. in die Synagoge, dass er dort, d. h. bei dem jüdischen Paschafeste, die Geheimnisse seines Leidens übergeben, das Sakrament seines Leibes und Blutes erschlossen, das Geheimnis unserer Erlösung uns geoffenbart habe, brach sie, nicht achtend der Schriftgelehrten, dieser fluchwürdigen Torwächter „Wehe euch, ihr Gesetzeskundigen, die ihr den Schlüssel der Erkenntnis wegnahmt“, durch die Pforten der Widersprüche, verachtete selbst die Ehrenplätze des pharisäischen Festmahles, und kam brennend, keuchend, glühend hin bis in das Innerste des gesetzlichen Mahles und fand dort Christum beim Mahle der Liebe und bei den süßen Bechern, verraten, gemordet durch die List der Juden nach den Worten des Propheten: „Wenn mein Feind mich verflucht hätte, so wollte ich es wohl ertragen; und wenn der, welcher mich haßt, stolze Reden wider mich geführt hätte, so wollte ich mich wohl vor ihm verbergen. Aber du, sonst ein Herz mit mir, mein Führer und mein Vertrauter, der du zugleich mit mir süße Speise genossen: einträchtig wandelten wir in das Haus Gottes!“.

„Als sie [das Weib] vernommen hatte, dass der Herr im Haus des Pharisäers zu Tische liege“,d. h. in der Synagoge durch vollen Betrug, verurteilt durch so große List, dass er gelitten habe, gekreuzigt und begraben worden sei, ließ sie sich dennoch, in der Glut ihres Glaubens, auch durch so große Schmach nicht zurückhalten, sondern bringt Salböl, bringt das Öl des christlichen Chrismas herbei. Und weil sie das leibliche Antlitz Christi nicht schauen durfte, steht sie rückwärts, nicht örtlich, sondern zeitlich. Sie heftet sich an seine Ferse, um ihm zu folgen. Und nunmehr preßt ihr Verlangen ihr die Tränen aus als ihr Schuldbewußt sein, damit sie den, den sie bei seinem Scheiden zu sehen nicht gewürdigt war, sehen könne, wenn er wiederkäme. Tränen also aus reicher Liebesflut vergießt sie zu den Füßen des Herrn, indem sie die Füße derer, die sein Reich verkünden, umfängt mit den Armen der guten Werke, sie badet mit den Tränen der Liebe, sie küßt mit den Lippen des Bekenntnisses. All das Salb öl der Barmherzigkeit gießt sie aus, bis er sich zu ihr hinwendet wie: hinwendet? d. h. zurückgekehrt und zu Simon, zu den Pharisäern, zu den Leugnern, zu dem Volke der Juden spricht: „Ich bin in euer Haus gekommen, und ihr habt keim Wasser meinen Füßen gegeben!“ Und wann wird er so sprechen? Wenn er kommen wird in der Herrlichkeit sei nes Vaters, die Gerechten scheiden wird von den Ungerechten, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und sprechen wird: „Ich war hungrig und ihr gabt mir nicht zu essen; ich war durstig, und ihr gabt mir nicht zu trinken; ich war ein Fremdling, und ihr nahmt mich nicht auf!“. Dies meinte er, wenn er sagte: „Wasser für meine Füße habt ihr mir nicht gegeben.“ Indem dies Weib aber den Meinigen die Füße wäscht, die Füße salbt, die Füße küßt, tut es den Knechten, was ihr dem Herrn nicht getan habt; es tut so an den Füßen, was ihr dem Haupte verweigert; es er weist so den geringsten Geschöpfen, was ihr eurem Schöpfer vorenthaltet.

Dann wird er zur Kirche sprechen:“Dir werden die vielen Sünden vergeben, weil du viel geliebt hast.“ Denn dann wird stattfinden die Vergebung der Sünden, wenn hinweggenommen ist jeder Stoff zur Sünde, wenn die Verweslichkeit anziehen wird die Unverweslichkeit, wenn die Sterblichkeit sich erworben haben wird die Unsterblichkeit, wenn das Fleisch der Sünde umgestaltet ist in das Fleisch voller Heiligkeit, wenn irdische Knechtschaft verwandelt ist in himmlische Herrschaft, wenn menschlicher Soldatendienst verklärt sein wird in göttliche Herrscherwürde. Betet, Brüder, dass auch wir auf die Seite der Kirche gestellt, gewürdigt werden hinzugelangen zu dem, was wir soeben erzählt haben, durch die Gnade Christi, unseres Schöpfers selbst, dem Ehre und Ruhm sei zugleich mit dem Hl. Geiste von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Über die Stelle: „Wem ist das Reich Gottes gleich und womit soll ich es vergleichen? Das Himmelreich ist gleich einem Senfkörnlein…“ bis: „und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen.“ Lk 13,18-19

Ihr habt heute gehört, Brüder, wie das ganze große Himmelreich verglichen wird mit einem Senfkörnlein. Und wie ist es möglich, dass ein so kleines, ja das kleinste der kleinsten Dinge vergleichend in sich schließen kann eine so gewaltige Macht? „Wem ist das Reich Gottes gleich, und womit soll ich es vergleichen?“. Wenn er sagt: „Wem ist es gleich?“, so zeigt er und bekundet ein Verlangen wie einer, der fragt. Und er, der doch allein das Wort, die Quelle der Weisheit, der Fluß der Rede ist, er, der die Herzen aller auftauen macht, ihren Sinn aufschließt, ihren Geist weitet: er müht sich ab, ein Gleichnis zu finden? [Wie ist das zu verstehen?] Doch laßt uns hören, was er gefunden hat! „Das Himmelreich“, heißt es, „ist gleich einem Senfkörnlein“. Wie? Indem er im Himmel und auf der Erde sucht, findet er nur das Senfkörnlein, in das er die ganze Macht der himmlischen Herrschaft einschließen kann? Und dieses Reich, machtvoll durch seine Einzigkeit, glücklich durch seine Ewigkeit, leuchtend durch seine Göttlichkeit, ausgebreitet über den ganzen Horizont und umspannend die ganze Erde dieses Reich schließt und engt er ein in den kleinen Raum eines Senfkörnleins? „Das Himmelreich ist gleich einem Senfkörnlein.“ Ist das denn die ganze Hoffnung der Gläubigen? Ist das denn der Gipfel der Erwartung der Getreu en? Ist das denn das Glück der Jungfrauen, das sie sich erworben durch eine so lange und mühevolle Enthaltung? Ist das denn die Herrlichkeit der Märtyrer, die sie erworben durch die Hingabe all ihres Blutes? Ist das denn jenes [Reich], „das kein Auge gesehen, von dem kein Ihr gehört, das in keines Menschen Herz gekommen ist“?. Ist das denn jenes [Reich], das der Apostel denen verspricht, die Gott lieben, als sei es ihnen bereitet durch ein unaussprechliches Geheimnis?.

Brüder! Wir dürfen uns nicht so leicht aufregen lassen durch diese Worte des Herrn! Denn „wenn das Schwache an Gott stärker ist als die Menschen, und wenn das Törichte an Gott weiser ist als die Menschen“, so wird dieses Kleinste an Gott durch die ganze Größe der Welt um so herrlicher erfunden werden, wenn wir nur dieses Senfkörnlein so in un seren Geist einsäen, dass es wachse für uns zum großen Baume der Erkenntnis, wenn nur unser Sinn sich in seiner ganzen Größe erhebt zum Himmel und sich [dann] verbreitet auf alle Zweige der Wissenschaft, wenn es so entzündet unseren glühenden Gaumen durch den lebendigen Saft seiner Frucht, wenn es so glüht in uns mit dem ganzen Feuer seines Samens und unser Inneres entflammt, wenn es nur, sobald wir davon kosten, austreibt aus uns all unsere Lauheit und Unwissenheit! „Das Himmelreich ist gleich einem Senfkörnlein, das jemand nahm und in seinen Garten säte. Und es wuchs und ward zu einem großen Baume, und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen“. Einem Senfkörnlein ist, wie es heißt, gleich das Reich Gottes, das uns gebracht wird aus der Höhe durch das Wort, aufgenommen wird durch das Ohr, gesät wird im Glauben, ausgerottet wird durch den Unglauben, wächst durch die Hoffnung, sich weitet durch das Bekenntnis, sich ausdehnt durch die Tugend und sich ausbreitet auf die Zweige, in die es hineinruft die Vögel des Himmels, d. h. die Sinne des Geistes, und sie in ihnen aufnimmt in ruhige Wohnungen. Komme doch, komme, du Irrlehrer; denn zu jeder Zeit steht der Eintritt im die Kirche den Zurückkehrenden offen. Komme doch, höre und laß ab, gegen die Liebe deines Herrn zu eifern! Wenn die große Herrlichkeit des himmlischen Reiches sich mit einem Senfkörnlein vergleichen läßt, was fragt dann [der Mensch noch], warum Gott zum Menschen, der Herr in der Gestalt eines Knechtes sich herabgelassen hat? In einer solchen Gestalt kam er, du Ketzer, damit dir alles im Glauben erwachse, da dir alles abgefallen war durch die Natur. „Das Himmelreich ist gleich einem Senfkörnlein.“ Laßt uns wieder zurückkehren zu dem Senfkörnlein. Denn so bleibt und besteht die ganze Höhe des Reiches im Reich des Himmels. Christus ist das Himmelreich, er, der gleichsam als ein Senfkörnlein in den Garten des jungfräulichen Leibes gesät wurde, heranwuchs zu dem Baum des Kreuzes über die ganze Welt und, da er im Leiden zerschlagen wurde, den vollen Saft seiner Frucht spendete, um alles, was Leben hat, mit seiner Berührung zu betauen und zu würzen. Denn wie die Kraft des Senfkörnleins verborgen ist, so lange es unver sehrt ist, seine Kraft aber ganz gewaltig erscheint, wenn es zerrieben ist, so wollte auch Christus seinem Leibe nach zermalmt werden, da er nicht wollte, dass seine Kraft verborgen bleibe.

Brüder! Auch wir wollen dieses Senfkörnlein zerreiben, damit auch wir in diesem Gleichnis seine Kraft erfahren! Christus ist der König, weil er ist die Quelle aller Herrschaft. Christus ist das Reich, weil in ihm besteht die ganze Herrlichkeit des Reiches. Christus ist der Mensch, weil die ganze Menschheit erneuert wird in Christo. Christus ist das Senfkörnlein, an dem die ganze Größe Gottes so klein erscheint in der ganzen Kleinheit des Menschen. Und wozu noch mehr? Alles ist er geworden, um in sich alles zu erneuern. Christus, der Mensch, nahm das Senfkörnlein, d. h. das Reich Gottes nahm der Mensch Christus, was er als Gott immer besaß. Er warf es in seinen Garten, d. h. in die Kirche, seine Braut. Dieser Garten wird erwähnt im Hohen Liede, wo es heißt: „Ein verschlossener Garten“. Die Kirche ist der Garten, der wohlgepflegt ausgebreitet ist über die ganze Erde durch die Pflege des Evangeliums, der umschlossen ist durch die Zäune der Zucht, der gereinigt ist von allem schlechten Unkraut durch die Arbeit der Apostel, der geschmückt ist durch die Früchte der Gläubigen, die Lilien der Jungfrauen, die Rosen der Märtyrer, das Grün der Bekenner, der duftet durch die Blumen der Ewigkeit. Dieses Senfkörnlein also hat Christus in seinen Garten geworfen, d. h. durch die Verheißung seines Reiches. Tief eingelegt wurde es in die Patriarchen, in den Propheten ging es auf, empor trieb es in den Aposteln, zu einem großen Baume wurde es in der Kirche, durch seine Gnadengeschenke trieb es viele Zweige, die der Apostel aufzählt, wenn er sagt: „Dem einen wird durch den Geist Rede der Weisheit gegeben, einem anderen aber Rede der Wissenschaft nach demselben Geiste, einem anderen Glaube in demselben Geiste, einem anderen Gnade zu Heilungen durch denselben Geist, einem anderen Wunderwirkung, einem anderen Weissagung, einem anderen Unterscheidung von Geistern, einem anderen mancherlei Sprachen“.

Ihr habt gehört, Brüder, zu welchem Baume jenes Senfkörnlein empor trieb. Ihr habt gehört, welche Wurzeln es schlug. Ihr habt gehört, in welche Äste es sich weitete und verzweigte, in denen die Vögel des Himmels, nicht die der Luft, ruhig wohnen unter dem Schutze des Glaubens und hin und her fliegen mit dem Gefieder der Weisheit und der Klugheit. Und auch du höre! Wenn du nicht fürchten willst die wilden Tiere der Erde, wenn du den räuberischen Vögeln, den gefräßigen Geiern, d. h. den Vögeln der Luft, die da sind die Geister der Bosheit, aus dem Wege gehen willst, dann erhebe dich von der Erde, laß hinter dir die irdische Welt, nimm dir die silbernen Flügel der prophethischen Taube, nimm dir die Flügel, die da glänzen von dem Strahl der göttlichen Sonne; fliege auf im Glanze des Goldes, damit du unter dem Schutze so vieler und so guter Zweige von keiner Fessel mehr beengt, ausruhen mögest auf immer, stark durch solchen Flug und sicher unter solchem schützenden Dach! Über das andere Gleichnis wollen wir unter der Belehrung durch den Herrn reden in einer folgenden Predigt.

Über die Stelle: „Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater:’Vater, gib mir den Anteil des Vermögens, der mir zukommt…'“ bis: „und niemand gab sie ihm.“ Lk 15,11-16

Heute führt uns der Herr die Geschichte eines Vaters und seiner beiden Söhne lebendig vor Augen, um in einem schönen Beispiel sowohl uns einen großen Beweis seiner Liebe zu geben, als auch den wütenden Neid des jüdischen Volkes und schließlich die reumütige Rückkehr des christlichen Volkes zu veranschaulichen. „Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: ‚Vater, gib mir den Anteil des Vermögens, der mir zukommt‘. Da teilte er“,heißt es, „unter beide das Vermögen“. So groß die Liebe des Vaters, so groß ist auch die Ungeduld des Erben: er erträgt nur schwer, dass der Vater noch lebt; und da er diesem das Leben nicht nehmen kann, sucht er ihn gierig das Vermögen zu entreißen. Er war nicht wert, den Ehrennamen „Sohn“ zu tragen, der das, was dem Vater gehörte, nicht mit dem Vater besitzen wollte. Doch laßt uns untersuchen, was den Sohn hinrieß zu solchem verwegenen Beginnen, welche Absicht ihn trieb zu dieser Forderung! Welcher Grund [war es]? Doch nur der, dass er wußte, dass der himmlische Vater durch kein Lebensende begrenzt, durch keine Zeit beschränkt, durch keine Todes macht bezwungen werden könne. Und deshalb suchte er sich der Freigebigkeit des Lebenden zu erfreuen, da er sich mit dem Vermögen des Toten nicht bereichern wollte. Wie schwer auch die Beleidigung war, die in dieser Forderung lag, sie bewies die Freigebigkeit des Vaters. „Er teilte“ heißt es, „unter beide das Vermögen.“ Einer nur stellte die Forderung, und er teilte sofort unter beide das ganze Vermögen. Denn die Söhne sollten wissen, dass der Vater das, was er vorher zurückbehielt, nicht aus Geiz, sondern aus Liebe zurückbehielt, dass er es aus Vorsorge, nicht aus Neid bewahrte. Der Vater suchte das Vermögen für die Söhne zu bewahren, nicht aber wollte er es ihnen vorenthalten. Er wünschte ja, dass es seinen Lieblingen erhalten bleibe, nicht aber, dass es ihnen verloren gehe. O wie glücklich sind die Söhne, deren ganzer Reichtum beruht in der Liebe eines Vaters!

O wie glücklich, deren ganzer Besitz besteht in dem Gehorsam gegen den Vater, in der Pflege der Liebe gegen den Vater! Sonst ja zerreißt der Reichtum die Einheit, er bringt Spaltungen unter die Brüder, trennt die Verwandten, vernichtet und löst das Liebesband der Blutsverwandten, wie aus dem folgenden hervorgeht. „Vater gib mir den Anteil des Vermögens, der mir zukommt. Und er teilte“, heißt es, „unter beide das Vermögen. Und wenige Tage später nahm der jüngere Sohn alles zusammen, zog fort in ein fernes Land und brachte da sein Vermögen durch, indem er schwelgerisch lebte. Und nachdem er alles verschwendet hatte, entstand eine große Hungersnot in jenem Lande, und er selbst fing an zu darben. Und er ging und verdingte sich einem Bürger jenes Landes, und der schickte ihn auf sein Landgut, die Schweine zu hüten. Und er wünschte seinen Magen zu füllen mit den Schoten, die die Schweine fraßen, und niemand gab sie ihm“. Seht da, was die Begierde bewirkt, die wilde Gier nach Geld! Seht da, wie das Geld ohne den Vater den Sohn gänzlich beraubt statt ihn reich zu machen!. Denn das Geld riß den Sohn aus der Umarmung des Vaters, trieb ihn aus dem Hause, beraubte ihn des Vaterhauses, der Ehre und der Keuschheit. Alles, Lebensfreude, Gesittung, Liebe, Freiheit, Ehre alles ließ er hinter sich. Den Bürger macht das Geld zum Fremdling, den Sohn zum Mietling, den Reichen zum Bettler, den Freien zum Sklaven. Den Schweinen gesellt es den zu, der sich von dem liebevollen Vater losgerissen hatte, und so mußte er den schmutzigen Tieren seine Dienste erweisen, er, der heiliger Güte zu gehorchen sich sträubte.

„Der jüngere Sohn nahm alles zusammen.“ Er war der Jüngere, wahrlich nicht wegen seines Alters, sondern wegen seines [unreifen] Verstandes. Er nahm den Reichtum seines Vaters zusammen und zog weit weg, nicht so sehr räumlich, als der Gesinnung nach [entfernte er sich], um sich zu verkaufen der Knechtschaft für den Preis, den er nicht empfangen, sondern den er sich genommen hatte. Zu solch [unwürdigem] Vertrag verkaufte er sich, zu solchem Vertrage kommt er, da er nicht versteht, den Eltern die schuldige Liebespflicht zu leisten, dem Vater den Wechsel [der Liebe] einzulösen. Ja, im Vaterhaus ist süß das Leben, frei die Knechtschaft, gelöst sind hier die Fesseln, froh ist die Furcht, süß die Strafe, reich die Armut, sicher der Besitz. Denn dem Vater bleibt die Mühe, die Frucht strömt überreich auf die Söhne. „Er brachte“, heißt es, „sein ganzes Vermögen durch.“ Was des Vaters weise Sorge zusammengeschafft, das zerstreut des Sohnes Verschwendung, damit er, wenn auch spät, erkenne, dass der Vater ein Schatzbewahrer, nicht ein Schatzbelagerer10 gewesen sei. „Indem er schwelgerisch lebte.“ Ein Leben, das zum Tode führt, ist solch ein Leben, in dem die Tugend stirbt. Wer dem Laster sein Leben weiht, geht zugrunde an Ruhm und Ehre. Wer in der Schmach bleibt, nährt sich von Schande. „Und nachdem er alles verschwendet hatte, entstand eine große Hungersnot in jenem Lande.“ Der Schwelgerei, dem Bauchdienste, der Unmäßigkeit gesellt sich als Peiniger bei der Hunger, damit da die Strafe rächend wüte, wo die Schuld strafend entbrannt war. „Es entstand eine große Hungersnot.“ Auf ein solches Ende zielt immer ab die ungezähmte Genußsucht; zu solch einem Ende führt die elende, maßlos geübte Vergnügungssucht. „Und er selbst fing an zu darben.“ Das Vermögen, das er erhalten hat, läßt ihn nun darben, während es ihn reich gemacht hätte, wenn es ihm vorenthalten worden wäre. [So sollte er einsehen,] dass er in seinem Besitze Mangel leiden müsse, wie er anderseits Überfluß gehabt hätte, wenn er, ohne es zu besitzen, bei dem Vater geblieben wäre.

„Und er verdingte sich einem Bürger jenes Landes, und der schickte ihn auf sein Landgut, die Schweine zu hüten.“ So weit mußte der kommen, der dem Vater sich entzieht und sich einem Fremden verdingt! Er soll so den strengen Richter erkennen, da er geflohen war vor dem so liebevollen Verwalter. Er, der sich der Liebe entzog, der Güte sich entwand, wird den Schweinen zugesellt, den Schweinen zugezählt, dem Schweinedienst überliefert. Er muß mit den Schweinen die schmutzigen Weiden durchstreifen, er wird getreten und besudelt von der ruchlos umherschweifenden Herde. So soll er erkennen, wie elend, wie erbärmlich er handelte, dass er das hohe Glück des Vaterhauses sich verscherzte. „Und er wünschte seinen Magen zu füllen mit den Schoten, die die Schweine fraßen, und niemand gab sie ihm.“ O welch ein grausamer Dienst! Er, der nicht mit den Schweinen leben kann, obwohl er für die Schweine lebt! O der Unselige, der darbt und hungert um die schmutzigen Tiere zu mästen! O der Unselige, der gierig nach schmutziger Speise verlangt und sie nicht einmal erhält! Hierdurch belehrt und unterwiesen, laßt uns bleiben im Hause des Vaters, laßt uns immer bleiben im Schoße der Mutter, laßt uns umfangen von den Liebkosungen der Verwandten! Des Vaters Liebe soll uns an sich drücken, damit uns nicht der so beklagenswerte Freiheitsdrang schließlich in das Unglück stürze, das wir oben geschildert haben. Ehrfurcht vor dem Vater behüte uns, Liebe zur Mutter erfülle uns, verwandtschaftliches Liebesband bewahre uns! Denn unter den Augen unserer Lieben können Sünden nicht bestehen. So viel Augen der Verwandten, so viel Richter! Wie heller Tag leuchte uns entgegen das Antlitz der Mutter, wie die leuchtende Sonne erglänze uns das Auge des Vaters! Wer daher unter so vielen Tugendsonnen lebt, dem kann Sündennacht nicht nahen! Im Gegenteil: Der Tisch des Vaters nährt uns mit der Speise der Tugend, dem Mahle des Heils, den Leckerbissen der Ehre und des Ruhmes.

Aber weil der ausführliche Text unserer Lesung und zwingt, noch weiter uns über die Parabel zu verbreiten, wer der Vater sei, der so bereitwillig im Geben, der noch bereitwilliger ist im Wiederaufnehmen; wer der Bruder ist, der sich so sehr grämt über die Rettung des Bruders; wer der jüngere Sohn ist, der durch sein Scheiden so viel Unklugheit verriet, der aber so überaus weise ist in seiner Rückkehr so wollen wir, weil das Verlangen nach dieser Erkenntnis uns gemeinsam ist, dies in einem folgenden Vortrag behandeln.

Über die Stelle: „Und er ging wieder in sich und sprach: ‚Wie viele Taglöhner meines Vaters haben Brot im Überfluß…'“ bis: „‚Halte mich wie einen deiner Taglöhner'“. Lk 15,17-19

Wir haben in der vorhergehenden Rede, so gut wir konnten, zur Gernüge betrachtet, wieviel Leid den verschwenderischen Sohn, den Sohn, der den besten Vater schmählich verließ, zu Boden geworfen hatte, so dass er sich durch Hunger aufgerieben, dem Dienste der Schweine überantwortete. Nun laßt uns seine Rückkehr, seine Buße, wie es unser inniger Wunsch ist, auch mit freudigeren Worten behandeln! „Und er kehrte in sich“, heißt es, „und sprach: ‚Wie viele Taglöhner meines Vaters haben Brot im Überfluß!'“. „Er ging wieder in sich“. Er mußte zuerst in sichwieder zurückkehren, um zum Vater zurückkehren zu können, da er ja vorher auch sich selbst verlassen hatte, als er sich vom Vater entfernte. Sich selbst verläßt, den Menschen in sich wandelt vollends um zum Tier, wer der Vaterliebe nicht mehr gedenkt, der Vatergüte vergißt! „Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluß; ich aber sterbe hier vor Hunger“. Der Hunger ruft den zurück, den der Überfluß vertrieben hat; der Hunger gibt dem wieder zurück die Lust am Vater, den der Reichtum gefühllos gemacht hat gegen den Erzeuger! Und wenn der so ungesuchte Hunger eine so große Macht hat, so würdigt auch hier bei, welch großen Nutzen ein freiwilliges Fasten einträgt. Ein gefüllter Leib zieht das Herz nieder zum Laster, legt sich drückend auf den Geist, macht ihn empfindungslos für höhere Liebe! „Der vergängliche Leib“, heißt es, „beschwert die Seele, und die irische Fülle drückt nieder den Geist, der vieles denkt“. Daher sagt auch der Herr: „Habet acht, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Schwelgerei und Trunkenheit!“. Durch maßvolles Fasten muß also der Leib erleichtert werden, damit der so befreite Geist sich aufschwinge zur Höhe, emporsteige zu großen Taten, ja gleich einem Vogel hinauffliegen könne zum Urheber der Heiligkeit selbst! Hierfür ist Elias ein Beispiel, der durch ein ebenso langes Fasten, wie der Herr es geübt, sich von der Last des Fleisches befreite und als Sieger über den Tod zum Himmel hinauffuhr.

„Ich will mich aufmachen und zu meinen Vater gehen“. Er lag ja am Boden, als er sprach: „Surgam“, ich will mich aufmachen.“ Er sah seinen Fall ein, er erkannte seinen Sturz, sah sich liegen im Schlamme der schändlichen Ausschweifung, und darum ruft er aus: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!“ Doch welche Hoffnung, welches Vertrauen, welche Zuversicht treibt ihn? Welche Hoffnung? Jene, die ihm sagt: Es ist der Vater! Ich habe verloren, was dem Sohne gehörte; aber jener hat nicht verloren, was ihn als Vater auszeichnete. Bei dem Vater braucht kein Fremdling zu vermitteln: Die Liebe, die im Herzen des Vaters lebt, vermittelt und bittet genug. Die Liebe drängt den Vater, den Sohn noch einmal zu zeugen durch Vergebung. Als Schuldner will ich zum Vater gehen: aber der Vater deckt, sobald er den Sohn erblickt, sofort des Sohnes Schuld; er verleugnet den Richter in sich, da er ja mehr als Vater sich zeigen will. Schnell wandelt er den Richterspruch um in ein Gnadenwort; er will ja, dass der Sohn zurückkehre und nicht verloren gehe. „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir“. In seinem Bekenntnis nennt er den Vater, in seiner Rede spricht er von seinem Erzeuger. „Ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir.“ Derjenige, gegen den im Himmel gesündigt wird, ist kein irdischer, sondern ein himmlischer Vater, und darum fügt [der Sohn] hinzu: „Und vor dir“. Denn vor seinen Augen ist offenbar alles, was im Himmel und was auf der Erde geschieht. „Ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen“. Er war in die Fremde hinausgezogen, in ein fremdes Land geflohen.

Aber seinen Anklägern, seinen Zeugen [die wider ihn sprachen] war er nicht entflohen: den Augen des himmlischen Vaters entfloh er nie! Darüber belehrt noch deutlicher uns David, der sagt: „Wohin soll ich vor deinem Geiste? wohin fliehen vor deinem Angesichte? Stiege ich zum Himmel empor, so bist du da; stiege ich in die Unterwelt hinab, so bist du da! Wenn ich meine Flügel erhöbe von der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, so wird auch dort deine Hand mich leiten und deine Rechte mich erfassen“. Er sieht ja, dass über die ganze Welt hin alle Vergehen offen liegen vor Gottes Auge; nicht der Himmel noch die Erde, nicht die Meere noch die Tiefen, ja selbst die Nacht kann nicht vor Gott die Vergehen verhüllen. Er erkennt, welch großer Frevel, welch großes Übel es ist, vor Gottes Augen selbst zu sündigen. Und darum ruft er aus: „Vor dir allein habe ich gesündigt und Übles vor dir getan!“. Und darum ruft auch dieser jüngere Sohn in lauter Klage aus: „Ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“ Nicht sagt er: „Ich bin nicht mehr wert dein Sohn zu sein“, sondern: „Ich bin nicht mehr wert dein Sohn genannt zu werden“; denn das Berufenwerden ist Sache der Gnade, das Sein aber der Natur. Vernimm, was der Apostel sagt: „Von dem, der euch berufen hat, zu seiner Gnade“. Weil also dieser jüngere Sohn verloren hatte, was ein Geschenk der Natur war, glaubte er auch, dass er nicht würdig sei der Gnade. „Halt mich wie einen deiner Tagelöhner.“ Seht, wie tief der Sohn gefallen, wohin den Sohn die Gier nach Schwelgerei, der jugendliche Freiheitsdrang geführt hat! „Halte mich wie einen deiner Tagelöhner.“ Nach Art eines jährlichen Mietsvertrages soll die Knechtschaft erneuert, durch mühevolle Arbeit soll die einmal errungene Lage wieder zerstört werden; den ganzen Tag soll er als Sklave seufzen unter der Arbeit eines armseligen Lohnverhältnisses, er soll ewig sein eigener Verkäufer sein und nie mehr soll er seine Knechtschaft verleugnen können! Und darum bittet er, weil er, da er ja bei einem fremden Herrn eine knechtische Freiheit kennen gelernt hat, nunmehr glaubt, bei dem Vater eine ständige freie Knechtschaft zu genießen.

Nun aber, Brüder, möchte ich gerne das Geheimnis unserer Lesung euch enthüllen, wenn mich nicht der Gedanke abhielte, dass ich es später mit größerem Nutzen tun könnte. Denn ich sehe, dass ihr nicht mit gebührendem schmerzlichen Anteil zuhört, und es ist doch unsere Angelegenheit , sondern, gleichsam als ginge es euch nichts an, darüber eilenden Geistes hinwegflieht. Unsere Lage, ja die unsrige, was uns zum Heile dient, tut uns der Herr kund, und zu unserer Besserung häuft Christus die geheimnisvollen Beispiele. Er wollte ja nicht ein Herr von Sklaven sein, er, der mehr geliebt als gefürchtet sein will, er, der sich selbst zum Lebensbrot gab, der sein Blutausgoß in den Kelch des Heiles. Durch diese Beispiele, die in der Vergangenheit sich abspielen, will er uns, die wir jetzt leben, und die noch später leben werden, bessern, damit wir nicht den guten Vater und den liebevollen Erzeuger schmählich verlassen, in ein fernes und allzu fremdes Land hinausstreben und dort in schwelgerischem Leben das Vermögen des ewigen Heiles und Lebens ganz verlieren, damit wir nicht, wenn wir dann alles durchgebracht haben, den überaus schweren Hunger der Hoffnung ertragen müssen und uns dem Fürsten jenes Landes, d. i. dem Urheber der Verzweiflung, dem Teufel, schließlich überlassen müssen. Dieser schickt uns auf sein Landgut, d. h. in die Lusttäler dieser Welt, schickt uns die Schweine zu hüten, zu denen nämlich, die stets zur Erde gerichtet dem Bauche dienen ,und des Fleisches Lust in dem Bade des Schmutzes kühlen, im Kote uns wälzen und im Strudel der Laster uns erfrischen. Dass er aber seine Mietlinge schickt zu den Schweinen, dazu treibt ihn seine unersättliche Grausamkeit, die nicht zufrieden ist, wenn die Menschen zu Verbrechern werden, nein: sie sollen auch werden zu Fürsten des Lasters, zu Lehrmeistern der Verbrechen. Und wenn er sie dazu gemacht hat, läßt er nicht ab, sie zu nähren mit der Speise und dem Tranke der Schweine selbst: von Hunger getrieben sollen sie nur noch mehr sündigen; denn die Ausschweifung kennt keine Sättigung, die Wollust keine Befriedigung.

Darum laßt uns bei dem guten Vater bleiben, laßt uns ausharren bei dem liebevollen Erzeuger, damit wir den Fallstricken des Satans entgehen und für alle Zeit des Vaters Güte genießen können! Den tieferen Sinn wollen wir später erforschen, weil wir der versammelten Gemeinde und ihrer sittlichen Auffassung noch mehr schulden.

Über die Stelle: „Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater…“ bis: „er war verloren und ward gefunden.“ Lk 15,20-24

In zwei Reden haben wir bisher den Abschied des verschwenderischen Sohnes, seine Rückkehr, seine Schuld und seine Buße besprochen. Wir wollen nun dem Entgegenkommen des Vaters, der Güte des Vaters, der unaussprechlichen Barmherzigkeit des Vaters unsere weitere Aufmerksamkeit widmen. „Und er machte sich auf“, heißt es, „und ging zu seinem Vater. Da er aber noch ferne war, erblickte ihn sein Vater, wird von Mitleid gerührt, lief herbei, fiel ihm um den Hals und küßte ihn“. „Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater.“ Er erhob sich von seinem geistigen und körperlichen Fall: er erhob sich aus der Tiefe der Unterwelt, da er nach den Höhen des Himmels strebte. Denn in den Augen des himmlischen Vaters steht der Sohn höher durch die Gnade als er fiel durch die Schuld. „Er machte sich auf und ging zu seinem Vater.“ Er ging:seine Füße trugen ihn nicht, aber sein Geist trieb ihn. Für ihn bedurfte es nicht eines langen irdischen Pfades, weil er ja schon gefunden hatte die Spuren des Weges zum Heile. Denn der braucht den göttlichen Vater nicht auf langem Wege zu suchen, der ihn im Glauben sucht und ihn dann alsbald sich nahe weiß. „Er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Da er aber noch ferne war.“ Wie kann der noch ferne sein, der [schon an]gekommen war? Er war noch nicht am Ende seines Weges angekommen. Er kam ja zur Buße, aber er war noch nicht angelangt bei der Gnade; er war zwar gekommen zum Hause seines Vaters, aber noch nicht gelangt in den Besitz der Herrlichkeit des Wohlstandes und der Ehre, die er früher besaß. „Da er noch ferne war, erblickte ihn sein Vater.“ Es erblickte ihn jener Vater, „der in der Höhe wohnt und auf die Niedrigkeit sieht und die Höhe von ferne erkennt“.

„Da erblickte ihn sein Vater.“ Der Vater schaut ihn an, damit auch er den Vater sehen könnte. Hell leuchtet der Glanz des väterlichen Antlitzes dem Gesichte des ankommenden Sohnes entgegen, damit die volle Finsternis verscheucht würde, die die Schuld über ihn ausgebreitet hatte. Ist doch auch die ganze Finsternis der Nacht nicht so groß als die, die hervorgeht aus der Dunkelheit der Sünden. Vernehmet, was der Sänger sagt: „Meine Sünden ergriffen mich und ich vermag nicht mehr zu sehen“, und an einer anderen Stelle: „Meine Missetaten haben sich schwer auf mich gelegt“, und wiederum: „Auch das Licht meiner Augen ist nicht mehr in mir“. Die Nacht begräbt den gestrigen Tag, die Sünde begräbt den Geist, wie die Glieder die Seele verwirren. Wenn also des himmlischen Vaters Antlitz nicht glanzvoll dem zurückkehrenden Sohne entgegengeleuchtet hätte, wenn er nicht das tiefe Dunkel seiner geistigen Umnachtung mit dem Lichte seiner Augen hinweggenommen hätte, so hätte dieser Sohn niemals das leuchtende Antlitz Gottes schauen können. „Er erblickte ihn von ferne und ward von Mitleid gerührt.“ Von Mitleid wird er bewegt, er, der in keiner Weise eine örtliche Bewegung erleidet. „Er eilte herbei“, nicht durch eine körperliche Bewegung, sondern von dem Drange der Liebe getrieben. „Und fiel ihm um den Hals“, nicht durch das Gewicht des Herzens, sondern durch die Kraft des liebevollen Mitleids. „Er fiel ihm um den Hals“, um den Darniederliegenden aufzurichten. „Er fiel ihm um den Hals“, um durch die Größe seiner Liebe die Last der Sünden hinweg zunehmen. „Kommet zu mir“, heißt es ja, „ihr alle, die ihr mühselig und beladen seid. Nehmt mein Joch auf euch; denn mein Joch ist leicht“. Seht, dass der Sohn durch diese Last seines Vaters nicht beschwert, sondern erleichtert wird! „Er fiel ihm um den Hals und küßte ihn.“ Das ist das Gericht des Vaters: seine Verzeihung. Er gibt dem sündigen Sühne Küsse, keine Schläge. Denn die Liebe ist so stark, daß sie die Sünden nicht sieht! Und da rum tilgt der Vater durch den Kuß dem Sohne die Sünden, er schließt ihn in seine Umarmung ein, damit nicht der Vater des Sohnes Vergehen wieder aufdecke, der Vater den Sohn nicht wieder entehre! So heilt der Vater des Sohnes Wunden, damit dem Sohne nichts von einer Narbe, nichts von einem Male bleibt: „Selig“ heißt es, „deren Missetaten vergeben, deren Sünden bedeckt sind“.

Wenn die Tat dieses Sohnes unser Mißfallen erregt, wenn wir uns entsetzen ob seines Wegganges von seinem Vater, dann wollen wir uns niemals leichtsinnig von einem solch guten Vater scheiden. Das Auge des Vaters vertreibt die Frevel, hält ab von uns jeden Schaden, bannt jede Ruchlosigkeit und jede Verführungskunst. Und wenn wir uns auch von ihm losgesagt, wenn wir auch das ganze Vermögen des Vaters durch ein schwelgerisches Leben vergeudet, wenn wir jemals irgendeine Freveltat oder eine Schandtat begangen haben, ja wenn wir ganz den Gipfel der Gottlosigkeit erstiegen haben und ganz dem Untergang verfallen sind: erheben wir uns doch wenigstens und kehren wir doch, ermuntert durch solch ein Beispiel, zu solch einem Vater zurück! „Als er ihn erblickte, ward er von Mitleid gerührt, eilte herbei, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.“ Ich frage: Wo ist jetzt wohl noch eine Anschuldigung? Wo noch ein Vorwand zur Furcht? Es müßte denn auch das Entgegenkommen [des Vaters] in uns Furcht auslösen; es müßte der Kuß uns erschrecken, die Umarmung uns verwirren; wir müßten glauben, dass der Vater uns in die Arme nimmt, um sich an uns zu rächen, nicht um uns zu verzeihen, wenn [wir sehen, dass] er seinen Sohn bei der Hand nimmt, ihn an sein Herz drückt, ihn mit seinen Armen umfängt! Aber einen solchen Gedanken, der das Leben zerstört und uns die Rettung raubt, nimmt uns vollständig weg, was nun folgt: „Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: ‚Holt schnell das beste Kleid herbei und zieht es ihm an, und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und holt das Mastkalb und schlachtet es! Und wir wollen essen und schmausen; denn dieser mein Sohn war tot und lebt wieder auf; er war verloren und ward gefunden'“.

Wenn wir dies hören: Was zögern wir noch? Wollen wir noch nicht zurückkehren zum Vater? „Holt schnell das beste Kleid herbei und zieht es ihm an“. Die Vergehen des Sohnes ertrug er, aber nicht seine Blöße. Darum wollte er, dass der Sohn eher von den Sklaven bekleidet als gesehen werde; der Vater allein sollte seine Blöße sehen; denn nur ein Vater kann des Sohnes Blöße nicht sehen Der Vater, der nicht litt, dass der sündige Sohn in geringeren Kleidern sei, will ihm mehr Freude aus der Verzeihung als aus der Gerechtigkeit zuteil werden lassen. „Holt schnell das beste Kleid herbei.“ Er fragt nicht: Woher kommst du? Wo warst du? Wo ist das, was du mitgenommen hast? Warum hast du deinen himmlischen Ruhm mit solcher Schmach vertauscht? Sonders: „Holt schnell das beste Kleid herbei und zieht es ihm an.“ Ihr seht, die Macht der Liebe kennt keine Sünden; der Vater kennt keine zaudernde Barmherzigkeit. Wer sich ergeht in langen Redereien über die Vergehen, deckt diese wieder auf. „Und gebt ihm einen Ring an seine Hand.“ Die Vaterliebe ist nicht zufrieden damit, ihm nur Befreiung von der Schuld zu verleihen, sondern sie ruht nicht, bis sie ihm auch die frühere Ehrenstellung wieder zurückgegeben hat. „Und gebt ihm Schuhe an seine Füße.“ Wie arm kam der zurück, der so reich davongezogen war! Von dem ganzen Vermögen brachte er nicht einmal Schuhe an seinen Füßen zurück! „Gebt ihm Schuhe an seine Füße.“ Auch sei nen Füßen sollte nicht bleiben die entehrende Blöße; denn er sollte neubeschuht wieder wandeln auf den Pfaden des früheren Lebens. „Und holt das Mastkalb herbei.“ Ein gewöhnliches Kalb genügt nicht, es muß ein fettes, ein gemästetes sein. Denn das fette Kalb zeigt an die Fülle der väterlichen Liebe. „Und holt das Mastkalb herbei und schlachtet es! Und wir wollen essen und schmausen; denn dieser mein Sohn war tot und lebte wieder auf; er war verloren und ward gefunden.“

Noch reden wir über die Worte der Erzählung und schon denken wir daran, das tiefe Geheimnis zu lüften. Der tote Sohn wird zum Leben erweckt durch den Tod des Kalbes. Das eine Kalb wird geschlachtet zur Ernährung der ganzen Familie. Doch müssen wir dies noch verschieben, um vorher den tief eingewurzelten Schmerz und die noch tiefer eingewurzelte Scheelsucht des älteren Bruders zu beleuchten.

Über die Stelle: „Sein älterer Bruder war auf dem Felde, und da er heimkehrte und sich dem Hause näherte…“ bis: „‚Dieser dein Bruder war tot und lebte wieder, er war verloren und ward wieder gefunden‘.“ Lk 15,25-32

Während wir uns noch freuen über die Rückkehr und die Rettung des jüngeren Sohnes, müssen wir nun tränen- und schmerzerfüllt uns verbreiten über den Neid des älteren Sohnes, der die große Tugend der Genügsamkeit verloren hat durch die maßlose Sünde der Eifersucht und des Neides. „Sein älterer Sohn“, heißt es, „war auf dem Felde, und da er heimkehrte und sich dem Hause näherte, vernahm er Musik und Tanz. Er rief einen von den Knechten und erkundigte sich, was das zu bedeuten hätte. Dieser antwortete: ‚Dein Bruder ist wieder da, und dein Vater hat das Maßtkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiedererhalten hat‘. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen“. „Sein älterer Sohn“ heißt es, „war auf dem Felde“. Er war auf dem Felde, bebaute den Acker, vernachlässigte aber sich selbst; lockerte die Härte des Rasens, verhärtete aber dabei sein Herz; Disteln und Unkraut rottete er mit der Wurzel aus, die Stacheln des Neides aber riß er nicht aus seinem Herzen. So erntete er von dem Samen der Habsucht als Frucht nur Eifersucht und Neid. „Und da er heimkehrte und sich dem Hause näherte, vernahm, er Musik und Tanz.“ Einen neidischen Menschen vertreibt die Musik der Liebe; der Reigen der Liebe schließt ihn aus. Und wenn ihn auch der Drang der Natur zum Bruder hinführte und ihn sich dem Hause nähern ließ: die Eifersucht ließ ihn nicht hineingehen. Der Neid ließ ihn nicht eintreten. Denn der Neid ist ein altes Übel, die erste Sünde, ein altes Gift, das Gift der Welt, die Ursache des Todes. Er war es, der im Anfang selbst die Engel aus dem Himmel warf und sie hinabschleuderte in die Tiefe. Er war es, der den Stammvater unseres Geschlechtes von dem Paradiese ausschloß. Er war es, der diesen älteren Bruder vom Vaterhause fernhielt. Er war es, der der Nachkommenschaft Abrahams, dem heiligen Volke, die Waffen in die Hand gab, um seinen Schöpfer zu morden, seinen Erlöser zu töten. Der Neid, dieser im Innern wütende Feind, erschüttert nicht die Mauern des Fleisches, zerstört nicht die Wälle der Glieder, sondern er stürmt an gegen die Burg des Herzens selbst, und ehe das Herz es noch ahnt, hat er schon die Seele, die Herrin des Körpers, räuberisch gefangen und hält sie gefesselt. Wenn wir also himmlischen Ruhm verdienen, wenn wir das Glück des Para dieses besitzen, wenn wir im Hause des ewigen Vaters wohnen, wenn wir nicht für Mörder des Himmels gehalten werden wollen, so laßt uns wachsam sein im Glauben und unter dem Lichte des Geistes die finsteren Listen des Neides bannen und überwinden; laßt uns den Neid unterdrücken mit allen uns zu Gebote stehenden Kräften, die uns die Waffenrüstung des Himmels verleiht! Denn wie die Liebe uns mit Gott verbindet, so trennt uns der Neid von Gott.

„Sein Vater ging also hinaus und fing an, ihn zu bitten“. Das angefüllte Herz des Vaters wird bedrängt von den gegensätzlichen Gesinnungen solcher Söhne; zwischen dem verschiedenen Verhalten seiner Söhne schwankt die Liebe des Vaters erschüttert hin und her. Denn er sieht den Bruder durch die Rückkehr des Bruders sich entfremdet, durch die Rettung des einen den andern für sich verloren gehen; er sieht, dass der lange Trennungsschmerz, der durch die kurze Freude [des Wiedersehens] aufgewogen wurde, nunmehr durch das Gift des Neides wieder aufgewühlt werde. O Zunder der Eifersucht, die zwei Brüder in einem so weiten Hause nicht zusammenwohnen läßt! Soll uns das wundernehmen, Brüder? Hat doch der Neid es fertig gebracht, dass die weite Welt zu enge war für zwei Brüder; denn er war es doch, der den Kain aufstachelte zum Morde seines jüngeren Bruders; der eifersuchtsvolle Neid sollte ihn machen zum Einziglebenden, wie er auch der Erstgeborene war nach dem Gesetze der Natur. „Er aber antwortete und sprach zu seinem Vater: ‚Sieh, so viele Jahre diene ich dir‘. So versucht schlau zu sein, der es wagte, die Liebe [des Vaters] selbst vor einen Richterstuhl zu rufen. „Sieh, so viele Jahre diene ich dir.“ Sieh da, mit welcher Gegenleistung der Sohn dem Vater die Wohltat der Erzeugung vergilt! „Niemals habe ich deinen Befehl übertreten.“ Das hast du nicht deiner Unschuld, sondern deines Vaters Nachsicht zu verdanken; denn in seiner großen Liebe will er die Fehler seines Sohnes lieber zu als aufdecken!

„Und du gabst mir nie ein Böcklein, dass ich mit meinen Freunden ein Freudenmahl gehalten hätte“. Ein Gemüt, das scheel auf seinen Bruder sieht, kann nicht von Dank erfüllt sein gegen den Vater, und der will sich nicht erinnern der Freigebigkeit des Vaters, wer stets uneingedenk ist der brüderlichen Liebe! Er will kein Böcklein empfangen haben, er, der doch den ganzen Teil des ihm zustehenden Vermögens bei der Teilung erhalten hat! Denn als der jüngere Bruder vom Vater die Teilung des Vermögens erlangte, teilte der Vater sofort das ganze Vermögen unter beide Brüder, wie der Evangelist sagt: „Und er teilte unter beide das Vermögen“. Aber der Neidische heuchelt immer, der Neidische bekennt nie die Wahrheit! „Und du gabst mir nie ein Böcklein, dass ich mit meinen Freunden ein Freudenmahl gehalten hätte.“ Seines Vaters Freunde hält er nicht für seine Freunde; er hält sie nicht für Freunde, sondern für Fremdlinge, die doch auch ihn, wie er sah, liebten um seines Vaters willen. „Jetzt aber, da dein Sohn, der sein Vermögen mit Dirnen verpraßt hat, gekommen ist, hast du das Mastkalb für ihn schlachten lassen“. Jetzt schmerzt ihn die Rückkehr seines Bruders, nicht aber der Verlust des Vermögens; jetzt ist es nicht der Gedanke an den Schaden [den er erlitten hat,] sondern der Neid ist es, der ihn zu dieser Klage veranlaßte: er hätte den zurückkehrenden Bruder von seinem Vermögen ausstatten sollen, ihn aber nicht wegen des verlorenen Vermögens so schänden dürfen! Das ganze Vermögen des Vaters ist der Sohn, und darum hat der Vater nichts verloren, wenn er den Sohn wiederbekommen hat. Der Bruder aber hält es für einen Verlust, da er den Miterben wieder heingekehrt sieht. Ja, wann ist denn der Neidische nicht auch habsüchtig? Wann glaubt [ein solcher] denn nicht selbst das von seinem eigenen Vermögen verloren zu haben, was ein anderer besitzt?

„Doch der Vater sprach zu ihm: ‚Mein Sohn, du bist immer bei mir und all meine Habe ist dein. Ein Freudenmahl aber mußte man halten, denn dein Bruder da war tot und lebt wieder; er war verloren und ward gefunden‘.“ Seht da die Macht der Liebe! Auch für den nichtswürdigen Sohn [der ältere] kann der Vater nicht anders als Vater sein. Er sieht, dass der Sohn entartet ist, dass er so ganz unwert der väterlichen Liebe ist, des väterlichen Geschlechtes und doch nennt er ihn Sohn, und doch mahnt er ihn zur Liebe, und doch ruft er ihm ins Gedächtnis zurück die große Gunst und die Hoffnung auf seine [des Vaters] Großmut. „Du bist immer bei mir und all meine Habe ist dein.“ D. h.:sei doch zufrieden, dass der Sohn zum Vater zurückgekehrt ist; laß doch dem Vater die Freude, den Sohn wieder aufgenommen zu haben! Denn nichts anderes als den Vater suchte jener, der ja nicht als Sohn, sondern als Tagelöhner behandelt werden wollte, da er sprach: „Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir; ich bin nicht wert dein Sohn zu heißen. Halte mich wie einen deiner Tagelöhner“. Dir soll ja alles [andere]gehören; ihm genügt der Vater! Und damit dir von dem, was jetzt noch vorhanden ist und was schon länger in deinem Besitze ist, nichts verloren gehe, will ich ihm Neues und Künftiges erwerben. Fürwahr, wenn du dem Rate und der Meinung deines Vaters folgen willst, so teile das, was vorhanden ist, mit deinem Bruder, damit auch das, was noch erworben wird, dir mit ihm gemeinsam sei. Freue dich also und frohlocke, dass er wiedergefunden ist, damit auch jener sich freuen kann, dass du ihm nicht verloren gegangen bist! Doch nun laßt uns die Predigt über die Erzählung schließen, damit wir später das, was tief verborgen ist, die mystische Auslegung, unter dem Beistand der Gnade Christi weiter erörtern.

Über dieselbe Stelle: Lk 15,11-32: Die mystisch-typische Auslegung

Es ist die Art eines schlauen und unverschämten Schuldners, seine Verpflichtungen nur selten einzulösen und den allzu gutmütigen Gläubiger Vorspiegelungen lange hinzuhalten. Über den Weggang und die Rückkehr des verschwenderischen Sohnes haben wir bis jetzt schon vier Vorträge gehalten, und in dieser fünften Predigt erst wollen wir es wagen, nach unserem Versprechen den geschichtlichen Sinn der Erzählung zu erheben zum mystischen und einzigartigen göttlichen Verständnis. Betet ihr, dass ich, der ich in der Einlösung einer so großen Schuld aus mir selbst nur ein wenig fähiger Schuldner bin, durch Gottes Gnade für euch ein guter Zahler werde! „Ein Mensch hatte“, so heißt es, „zwei Söhne“. Nachdem Christus unseres Fleisches Bürde auf sich genommen und als Gott Menschengestalt angenommen hat, nennt sich Gott in Wahrheit Mensch. Der Herr [Gott-Vater] nennt sich in Wahrheit Vater zweier Söhne; denn die mit der Gottheit vermischte Menschheit und das mit der Gottheit vereinigte [menschliche] Empfinden vermischte den Menschen und Gott und machte den Herrn zum Vater. Dieser Mensch also, dieser [himmlische] Vater, hatte durch die Gnadentat der Schöpfung, nicht durch Zeugungsnötigung, zwei Söhne, die ihr Dasein nicht [aus sich selbst] verdienten, sondern die er durch seinen Befehl ins Dasein rief; denn Christus wandelte zwar vor unseren Augen als Mensch, aber er blieb trotzdem immer in der Unnahbarkeit seiner göttlichen Majestät. „Er hatte zwei Söhne“, zwei Völker nämlich, das jüdische und das heidnische. Aber das jüdische Volk war das ältere durch die Kenntnis des Gesetzes, das heidnische Volk machte die Torheit des Götzendienstes zum jüngeren.

Denn wie die Weisheit das Greisenalter auszeichnet, so nimmt die Torheit dem Manne alles, was ihn auszeichnet. Dieses [heidnische Volk] machte nicht das Alter, sondern sein Verhalten zum jüngeren; jenes war der ältere nicht durch die Jahre, sondern durch die Erkenntnis. „Und der jüngere von ihnen“, heißt es, „sprach zum Vater: ‚Vater gib mir den Anteil des Vermögens, der mir zukommt‘. Und was ist dieser Teil? Worin besteht er? Gestalt, Sprache, Wissen, Vernunft, Rechtssinn, was den Menschen vor den übrigen Lebewesen auf dieser Erde auszeichnet, oder nach dem Apostel: das Gesetz der Natur. Aber deshalb teilt er unter sie das Vermögen, indem er dem jüngeren die Wohltaten der Natur, die wir soeben aufzählten, zuteilte, dem älteren aber gab er die fünf Bücher des Gesetzes und schrieb sie mit göttlichem Griffel ein. So war das Vermögen, wenn auch ungleich dem Werte, so doch das Zahl nach gleich: dieses wahrte die menschliche Ordnung, jenes sollte auf göttlicher Anordnung beruhen. Jedes [der beiden] Gesetze aber sollte beide Söhne führen zur Erkenntnis des Vaters und in ihnen die Ehrfurcht vor dem Urheber erhalten. „Und wenige Tage später“, heißt es, „nahm der jüngere Sohn alles zusammen, zog fort in ein fernes Land imd brachte da sein Vermögen durch, indem er schwelgerisch lebte“. Wir sagten eben, dass dem einen nicht die Zeit, sondern sein Verhalten zum jüngeren Sohn gemacht habe. Und darum heißt es: „Und wenige Tage später“. Denn da schon gleich im Anfang der Welt die Heiden in das Land des Götzendienstes, durch das fremde Land des Teufels eilten, weilten sie auch geistig dort als Fremdlinge, nicht räumlich durchsuchten sie in eitlen Gedankengebilden die Elemente der Natur, wurden sie nicht nur in körperlicher Bewegung über die Erde hin und hergeschleudert; denn obwohl sie vor dem Angesichte des Vaters lebten, so waren sie doch ohne den Vater, und obwohl sie in sich waren, so waren sie doch nicht bei sich. Darum hat die Heidenwelt in schwelgerischer Weise infolge ihres Verlangens nach irdischer Weisheit, hindurcheilend durch die Unzuchtsstätten der Schulen, über die Pfade der Parteiungen in verblendetem Geistesstreben das Vermögen des Vater-Gottes verschleudert. Und nachdem sie in Hypothesen irdischer Weisheit ausgezehrt hatte, was an Sprache, Wissen, Vernunft und Rechtssinn ihr verliehen war, mußte sie höchsten Mangel leiden, und allein durch Hunger nach Erkenntnis der Wahrheit fristete sie nun in beklagenswertester Weise ihr Leben. Denn die Philosophie bemühte sich zwar mit vieler Mühe, die Gottheit zu erforschen, aber sie hatte keinen Erfolg: die Wahrheit fand sie nicht. Daher verdingte sie sich an den Fürsten jener Gegend, von dem sie in jene irdische Welt geschickt wurde, d. h. in die sonderbaren Stätten vielgestaltigen Aberglaubens. Dort sollte sie Schweine, d. h. Dämonen hüten, die dem Herrn sagten:

„Wenn du uns austreibst, schicke uns in die Schweine“. Mit Weihrauch, Schlacht und Blutopfern sollte sie dort die Dämonen weiden, und für solche Mühe sollte sie als Lohn empfangen falsche Orakelsprüche. Man schlachtete ein Tier, damit es in seinem Tode das weissagte, was es in seinem Leben nicht kannte, und aus den Eingeweihten sollte das Tote sprechen, was vorher niemals mit dem Munde geredet hatte. Da aber die Heidenwelt dadurch nichts Göttliches, nichts Heiligendes für sich erfuhr, verzweifelte sie an Gott, an der Vorsehung, an der Gerechtigkeit, an der Zukunft und von der gelehrten Arbeit wandelte sie sich dem Dienste des Bauches zu und wünschte sich zu sättigen mit den Schoten, welche die Schweine fraßen. Dies taten die Epikureer. Sie durchliefen die Schulen des Plato und des Aristoteles, und als sie hier keine Belehrung über göttliche und wissenswerte Dinge fanden, huldigten sie schließlich dem Epikur, dem Lehrer der Verzweiflung und der Sinnenlust. Und nun verzehren sie Schoten, d. h. sie haschen nach dem süßen Gift der fleischlichen Lust und weiden Dämonen, die stets sich mästen mit Lastern und an dem Sündenschlamme des Fleisches, denn wie „der, der sich dem Herrn verbindet, ein Geist ist mit ihm“, so ist der, der sich mit dem Teufel verbindet, ein Dämon mit ihm! Aber obwohl der jüngere Sohn so in heißem Verlangen strebte, er sättigte doch nicht seinen Leib mit jenen Schoten.

Und warum? Weil „niemand sie ihm gab“. Gewiß, der Teufel sollte zwar seinerseits durch den Durst nach Wissen, durch die Macht der Sinneslust die Heidenwelt noch mehr mit Gier erfüllen nach den verbotenen Früchten, sie noch gieriger machen, durch die Welt der Frevel hindurchzueilen. Aber Gott-Vater ließ deshalb die Heiden hungern, um aus ihrem Irrglauben den Beweis für ihre Rettung[snotwendigkeit] zu nehmen. Denn dem jüdischen Volke entzog er sich nur insoweit, dass es nicht verloren ging; das heidnische Volk aber ließ er hungern, damit es [von Hunger getrieben] wieder [zu ihm] zurückkehre. Und es kehrte auch zurück und rief aus: „Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir“. Die Rückkehr des jüngeren Sohnes in das Vaterhaus und sein Rufen zu Gott dem Vater bezeugt die Kirche ja täglich in ihrem Gebet, wenn sie spricht: „Vater unser, der du bist im Himmel“ „Ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir.“ Die Heidenwelt sündigte gegen den Himmel, als sie die Sonne, den Mond und die Sterne am Himmel götzendienerisch als Götter verehrte, und schändete so durch diese ihre Anbetung die Geschöpfe selbst. „Ich bin nicht wert dein Sohn zu heißen. Halte mich nur wie einen Tagelöhner“. D. h. weil ich nicht wert bin des Sohnes Ehrenstellung und der Verzeihung, will ich lieber durch meiner Hände Arbeit den Lohn des Tagelöhners verdienen. Dem der Ruhm des Geschlechtes verloren ging, sollte doch wenigstens im täglichen Brotverdienst des Lebens Nahrung bewahrt bleiben. Aber der Vater „kam“ [den Heiden] entgegen, und er kam ihm entgegen von weitem. Denn „da wir noch in Sünden waren, ist Christus für uns gestorben“. „Der Vater kam entgegen.“ Er kam [ihnen] entgegen in seinem Sohne, damals, als er durch diesen vom Himmel herabstieg und auf die Erde kam, wie es heißt: „Der Vater, der mich gesandt hat, ist mit mir“. „Er fiel ihm um den Hals“. Damals fiel er ihm um den Hals, als in Christus die ganze Gottheit herabstieg und in unserem Fleische ruhte.

„Und küßte ihn“. Wann? Damals, als „die Barmherzigkeit und die Wahrheit sich begegneten, als die Gerechtigkeit und die Freude sich küßten“. „Er gab ihm das beste Kleid.“ Jenes nämlich, das Adam verloren hat, das ewige Ehrenkleid der Unsterblichkeit. „Er legte einen Ring an seinen Finger“, den Ring der Ehre, das Kennzeichen der Freiheit, das erhabene Unterpfand des Geistes, das Siegel des Glaubens, den Brautschatz der himmlischen Vermählung. Höre, was der Apostel sagt: „Ich habe euch einem Manne verlobt, als reine Jungfrau euch Christo darzustellen“. „Und Schuhe an seine Füße“, damit beschuht seien die Füße derer bei der Verkündigung des Evangeliums, wie es heißt: „Damit herrlich seien die Füße derer, die den Frieden verkünden“. „Und er ließ das Mastkalb schlachten“, jenes nämlich, von dem David sang: „Es wird dem Herrn gefallen das junge Kalb, das Hörner und Klauen trägt“. Das Kalb wird so auf den Befehl des Vaters geschlachtet; denn Christus, Gott, Gottes Sohn konnte ohne den Willen des Vaters nicht geschlachtet werden, wie der Apostel sagt: „Der seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat“: er ist das Kalb, das zu unserer Nahrung täglich und immer geopfert wird. Aber der ältere Bruder, der ältere Sohn kam vom Felde, nämlich das Volk des Gesetzes von ihm heißt es: „Die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige“, hört im Hause des Vaters Musik und Tanz, aber er will nicht hineingehen. Das sehen wir ja täglich mit unsern eigenen Augen. Es kommt zwar der Jude zum Hause des Vaters, zur Kirche; aber vor der Türe bleibt er stehen aus Neid. Er hörte die Laute Davids klingen, er hörte den Gesang der Propheten in schöner Harmonie ertönen, er hört die Chöre, die sich zusammenfügen aus den verschiedenen Völkern aber er will nicht eintreten, aus Neid bleibt er vor der Türe stehen. Während er den Bruder aus der Heidenwelt verurteilt und verabscheut infolge seiner alteingewurzelten Meinungen, beraubt er sich selbst der Güter des Vaters, schließt sich selbst aus von den Freuden des Vaterhauses. Und wenn er sagt: „Sieh, so viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich dein Gebot übertreten, und du gabst mir nie ein Böcklein“, so wollen wir hier lieber schweigen als reden, wie wir bereits gesagt haben; denn es sind Worte eines Juden, eines Prahlers, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Der Vater geht hinaus und spricht zu dem Sohne: „Mein Sohn, du bist immer bei mir“.

Wie denn? In der Person eines Abel, Henoch, Sem, Noe, Abraham, Isaak, Jakob, in der Person eines Moses und aller jener Heiligen, durch die das jüdische Geschlecht seinen Ursprung herleitet, wie es im Evangelium heißt: „Abraham zeugte Isaak, Isaak zeugte Jakob“. „Und all meine Habe ist dein“. Wie das? Denn dein ist das Gesetz, dein die Weissagungen der Propheten, dein der Tempel, dein das Hohepriestertum, dein das Opfer, dein das Königtum, dein die Gnaden, dein ist, was alles andere übersteigt, dein ist Christus. Aber weil du durch deine Scheelsucht den Bruder verderben wolltest, bist du nun nicht würdig des väterlichen Opfermahls, der väterlichen Freuden. In gedrängter Rede haben wir so den so reichen Stoff euch vortragen können, nicht wie wir wollten. Aber für unser Wissen und für euer Verständnis genügt es sicher, wenn wir es auch nur in gedrängter Rede tun konnten. Möchte darum auch diese schlichte und nur in Andeutungen sich bewegende Gleichnisrede, in der wir die tiefsten mystischen und die erhabensten Dinge nicht bloß aufzählen und vortragen, sondern auch auslegen und euch zum Verständnis bringen mußten, euch nicht ungelegen gewesen sein!

IV. Vorträge über das Johannes-Evangelium

Einundvierzigster Vortrag: Über die Stelle: „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“ Joh 10,11

Wenn zur Zeit der Frühlingslüfte jedes Jahr die jungen Schäflein geboren werden, wenn über die Felder, Wiesen und Waldwege die zahlreichen Jungen der fruchtbaren Herde sich verstreuen, läßt der gute Hirt den Gesang ruhen, und besorgten Schrittes sucht und sammelt er die zarten Jungen und nimmt sie hocherfreut auf seinen Arm, legt sie auf seine Schultern, seinen Nacken, um sie alle wohlbehalten heimzubringen zu der sicheren Hürde. So pflegen auch wir, Brüder, wenn uns das vierzigtägige Frühlingsfasten winkt und wir sehen, dass reiche Früchte der kirchlichen Herde entsprossen sind, die feierliche Predigt und die sonst gewohnte angenehme Rede zu unterlassen, und alle Sorge verwenden wir, in großer Angst ob der Schwierigkeit des Werkes, darauf, die Sprossen des Himmels zu sammeln und herbeizubringen. Weil wir aber [jetzt] die jungen Lämmlein bei der Herde sehen, weil wir sie eingehegt sehen in die Hürde Christi, wenden wir uns hoch erfreut zu den göttlichen Liedern wieder zurück und legen euch in lautem Frohlocken die lebensspendenden Früchte des Herrenmahles vor, damit wir, gleichwie wir euch zu Genossen der Mühe hatten, euch auch zu Teilnehmern an der Freude haben können. Weil uns nun diese Einleitung erinnert hat an den guten Hirten, so soll jetzt der Geist unserer Predigt und unseres Vortrages ganz handeln von dem, der allein gut ist, der allein Hirt ist, der einzig und allein der Hirt der Hirten ist. „Der gute Hirte gibt sein Leben für seine Schafe“. Zu einem wahren Helden wandelt den Menschen um die Macht der Liebe. Denn wahre Liebe hält nichts für hart, nichts für bitter, nichts für schwer, nichts für tödlich. Welches Eisen, welche Wunden, welche Schmerzen, welcher Tod könnte denn auch die vollkommene Liebe überwältigen? Die Liebe ist ein undurchdringlicher Panzer, an dem die Pfeile abprallen, die Schwerter zerschellen. Die Liebe trotzt den Gefahren, verlacht den Tod, die Liebe überwindet alles.

Doch laßt uns untersuchen, ob den Schafen der Tod des Hirten Nutzen bringt, da er doch die Herde [des Hirten] beraubt, das unbewehrte Tier den Wölfen preisgibt, die so liebe Herde den tödlichen Bissen dieser wilden Tiere überläßt, sie dem Räuber, ja dem Mörder überliefert, wie ja auch der Tod Christi, unseres Hirten, selbst zur Genüge beweist. Denn von dem Augenblick an, wo er sein Leben für seine Schafe hingab und sich von den rasenden Juden töten ließ, sehen wir seine Schäflein geraubt von den gleich Räuberhorden hereinbrechenden Heiden. Wir finden sie als Schlachtopfer in den Kerkern, wie in Räuberhöhlen gleichsam eingeschlossen; wir finden sie ohne Unterlaß von den Verfolgern, die gleich sind wütenden Wölfen, zerfleischt, zerrissen von den Irrlehrern, mit giftigem Zahn wie von fremden Hunden. Das bezeugt der Apostel Schar durch ihren Tod; das ruft laut zum Himmel das Blut der Märtyrer, das vergossen ist ringsum auf dem ganzen Erdkreis; davon sind laute Zeugen die Glieder der Christen, die den Tieren vorgeworfen, vom Feuer verzehrt, von den Fluten versenkt wurden. Und dies hätte alles doch ebensogut durch das Leben des Hirten verhindert werden können, wie es eintreten mußte, nachdem der Hirte gestorben war! Wie will denn so der Hirte durch seinen Tod seine Liebe zu dir beweisen, dass er, obwohl er sieht, dass seinen Schafen Gefahr droht und er die Herde nicht verteidigen kann, lieber sterben will, ehe er noch das Unheil über seine Herde hereinbrechen sieht?

Wie sollen wir das verstehen? Das „Leben“ konnte doch nicht sterben, wenn es nicht wollte! Wer hätte denn dem, der [allen] das Leben gab, gegen seinen Willen das Leben nehmen können, ihm, der sagte: „Ich habe Macht, mein Leben hinzugeben, und ich habe Macht, es wiederzunehmen; niemand nimmt es mir?“. Er wollte also sterben, da er zuließ, dass man ihn tötete, obwohl er nicht sterben konnte. Suchen wir darum die treibende Kraft, den Beweggrund für eine solche Liebe, die die Ursache dieses seines Todes, dieses seines Leidens ist, zu erkennen! Offenbar liegt für diese Blutvergießung eine bestimmte Macht, ein echter Beweggrund, eine triftige Ursache, ein augenscheinlicher Nutzen vor; denn aus diesem einen Tod des Hirten leuchtet hervor eine einzigartige Kraft. Der Hirt litt für seine Schafe den Tod, der über diese verhängt war, um den Satan, den Urheber des Todes, aufs neue, [obschon scheinbar selbst] gefangen, gefangen zunehmen, [obschon scheinbar selbst] besiegt, zu besiegen, [obschon scheinbar selbst] dem Tode verfallen, ihn dem Todesurteil auszuliefern, und um so seinen Schafen durch seinen Tod den Weg zu zeigen, wie der Tod zu überwinden sei. Denn während der Teufel auf den Menschen Jagd machte, stürzte er auf Gott, während er wütete gegen den Angeklagten, fiel wer auf den Richter. Er selbst verfällt dem Todes urteil, da er die Strafe verhängen will; er selbst erleidet das Straf urteil, da er es vollstrecken will, und der Tod, der lebte von dem Fleische der Sterblichen, stirbt, wo er das Leben verschlingt; der Tod, der die Schuldigen verschlang, wird selbst verschlungen, indem er den Urheber der Unversehrtheit verschlang; der Tod selbst geht zugrunde, er, der alle verdarb, als er das Heil aller vernichten wollte! So ist also der Hirt seinen Schäflein nur vorangegangen, nicht hat der Hirt die Schafe verlassen. Nicht überließ er die Herde den Wölfen, sondern die Wölfe überantwortete er der Herde, da er ihnen die Macht gab, so sich ihre eigenen Henker zu wählen, dass sie, obwohl getötet, wieder lebten, obwohl zerfleischt, wieder auferstünden, in der Farbe ihres eigenen Blutes glänzten wie im königlichen Purpur oder im schneeigen Vließe.

So also hat der Hirt sein Leben für seine Schafe hingegeben, aber nicht verloren; die Schafe het er so gerettet, aber nicht verlassen; er hat sich den Schafen nicht entzogen, sondern sie an sich gezogen, indem er sie mitten durch das Land des Sterbens auf der Bahn des Todes rief und hinführte auf die Weiden des Lebens. Aber es könnte einer einwenden: Wann wird das geschehen? Siehe, noch liegen die Schäflein [der Herde Christi], das sind die Apostel, Propheten, Märtyrer, Bekenner, im Grabe, zerstreut weit über die ganze Erde, eines blutigen Todes gestorben, sind sie nun eingeschlossen in schaurigen Gräbern! Aber wer wollte zweifeln, dass auferstehen, leben, herrschen werden auch die gemordeten Märtyrer, wenn Christus für sie auferstand, lebt und herrscht, wenn er auch getötet ward? Höre, was der Hirt sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme und folgen mir“. Es müssen also, die ihm folgten in den Tod, ihm auch wieder folgen zum Leben, die ihn geleiteten zur Schmach, ihn auch wieder geleiten zur Ehre, und seines Ruhmes teilhaftig werden, die Anteil nahmen an seinen Leiden. „Wo ich bin“, heißt es, „da wird auch mein Diener sein!“. Wo aber? Droben über den Himmeln, wo Christus sitzt zur Rechten Gottes. Mensch, wanke nicht in deinem Glauben, werde nicht müde in deiner Hoffnung, mag ihr Ziel auch noch so fern sein! Denn sicher ist dir, was der Urheber der Welt dir aufbewahrt. „Dem ihr starbet“, heißt es, „und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, erscheint, dann werdet auch ihr mit ihm in Herrlichkeit erscheinen“. Was der fleißige Landmann bei der Saat nicht sieht, schaut er in der Ernte, und was er in Tränen sät, wird er in Freuden ernten.

Über die Stelle: „Die Schwestern [des Lazarus] sandten zu Jesus und ließen ihm sagen: ‚Herr, der, den du lieb hast, ist krank’…“bis: „Ich glaube, dass du Christus, der Sohn des lebendigen Gottes bist, der in diese Welt kommen soll.“ Joh 11,3-27

Uns, die wir nach der Lesung des Apostels wieder zu den Wundertaten des Evangeliums zurückkehren, kommt gleich entgegen Lazarus, der aus dem Grabe zurückgekehrt war; er zeigt uns die Art und Weise, wie der Tod überwunden werden muß; er ist das Vobild unserer Auferstehung. Wenn es euch also gefällt, wollen wir, ehe wir auf das Meer der Lesung des Evangeliums uns hinauswagen, ehe wir den uns entgegenkommenden Wogen von Fragen uns widmen, ehe wir in die Tiefe dieser Erzählung eindringen, unseren Blick richten nur auf die Außenseite dieser Auferstehung[sGeschichte]. Denn wir sehen hier das Zeichen der Zeichen, wir schauen die Kraft der Kräfte, das Wunder der Wundertaten. Der Herr hatte das Töchterlein des Jairus, des Synagogen vorstehers auferweckt. Aber der Leichnam war noch nicht erkaltet, der Tod war noch nicht vollständig eingetreten; der Leichnam lag noch im Hause, der Mensch weilte [gleichsam] noch unter den Menschen, noch ging fast der Atem, noch war die Seele nicht überliefert dem Kerker der Unterwelt und um nicht viele Worte zu machen: er gab der Toten so das Leben wieder, dass gewahrt blieb das Recht der Unterwelt. Er erweckte auch den einzigen Sohn einer Mutter, aber so, dass er den Leichenzug anhielt, dass er dem Begräbnis zuvorkam, dass er die Verwesung aufhielt, dem Leichengeruch zuvorkam, dass er dem Toten noch eher das Leben wiedergab, als der Tote allen Rechten des Todes verfallen war.

Was aber bei Lazarus geschah ist etwas Einzigartiges: sein Tod, seine Auferstehung hat mit den vorher erwähnten Fällen nichts gemein. An ihm hatte wohl der Tod seine ganze Kraft gewahrt, und auch die Auferstehung [des Toten] unterliegt keinem Zweifel; ja ich wage zu behaupten, dass Lazarus, wenn er nach drei Tagen aus dem Grabe zurückgekommen wäre, sich das ganze Geheimnis der Auferstehung des Herrn zugeeignet hätte; denn Christus, der Herr, kehrte nach drei Tagen zurück, Lazarus, der Knecht, wird nach vier Tagen zurückgerufen! Zum Beweis unserer Behauptung wollen wir einiges aus der Lesung selbst hören. „Es sandten“, heißt es, „die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen; ‚Herr, der, den du lieb hast, ist krank'“. Mit diesen Worten appellieren sie an seine Liebe, berufen sich auf seine Güte, bestürmen seine Milde, wünschen, dass ihre freubndschaftlichen Beziehungen die Notlage aufheben. Christus aber lag mehr daran, den Tod zu besiegen, als die Krankheit zu entfernen; seine Liebe ging darauf aus, nicht den Geliebten gesund zu machen, sondern ihn von der Unterwelt zurückzuführen. Und darum bereitete er nicht dem Kranken ein Heilmittel, sondern verlieh ihm gleich die Herrlichkeit der Auferstehung. Deshalb heißt es beim Evangelisten: „Auf die Nachricht, dass Lazarus krank sei, blieb er noch zwei Tage an dem Orte“. Ihr seht, wie er dem Tode noch Raum gibt, ihm Freiheit und Macht der Verwesung verleiht. Er verweigert nichts der Fäulnis, nichts dem Modergeruch; er läßt der Unterwelt zu, ihn hinabzuziehen, hinabzureißen, ihn festzuhalten; er läßt es so weit kommen, dass die menschliche Hoffnung gänzlich zugrunde geht, dass die ganze Macht irdischer Trostlosigkeit sich einstellt, damit offenbar werde, dass das, was er tun werde, eine göttliche, nicht eine menschliche Tat sei. So lange aber will er an dem Orte [wo er weilte] verbleiben in der Erwartung des Todes, damit er selbst ihn als tot bezeugen und dann sagen könne, er komme zu Lazarus. Er sagte nämlich: „Lazarus ist gestorben; ich aber freue mich“. Ist das Liebe? Christus freut sich, weil die Bitterkeit des Todes bald umgewandelt werden sollte in die Freude der Auferstehung. „Ich aber freue mich euretwegen“. Warum euretwegen? Weil in dem Tode und der Auferstehung des Lazarus das vollkommene Bild des Todes und der Auferstehung des Herrn vorgezeichnet wurde, und weil das, was an dem Herrn sich vollziehen sollte, schon vorher geschehen war an dem Knechte. Denn er sagte ein über das andere Mal: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten überliefert werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden ausliefern zur Verspottung und zur Geißelung und zur Kreuzigung“. Und indem er so sprach, sah er, dass sie genugsam zweifelten, übergenug von Trauer und Trostlosigkeit in ihrer Seele erfüllt waren.

Er erkannte, dass sie so sehr durch die Schwere seines Leidens selbst nieder gedrückt werden müßten, dass von Leben, von Glauben, von Licht nichts mehr in ihnen bleiben könnte, dass sie vielmehr ganz der dunklen Nacht des Unglaubens verfallen müßten. Und darum ließ er den Lazarus im Tode bis zum vierten Tage; darum ließ er zu, dass der Tod bis zur Verwesung voranschreiten sollte, damit der Herr die Macht habe, nach drei Tagen wieder lebendig sich [aus dem Grabe] zu erheben, wenn sie den Knecht [Lazarus] nach vier Tagen und bereits verwest sich erheben gesehen hätten. Sie sollten glauben, dass der leicht sich das Leben wiedergeben könne, der einen andern unter solchen Umständen zum Leben zurückgerufen hatte. Deshalb sagte er: „Ich aber freue mich euretwegen, damit ihr glaubt.“ Der Tod des Lazarus war also notwendig, damit mit dem Lazarus auch der Glaube der Jünger sich zugleich aus dem Grabe erhebe. „Dass ich nicht dort war“. Gab es denn einen Ort, wo Christus nicht war? Und wie war er denn nicht dort, wo er doch den Tod des Lazarus den Jüngern verkündigte? Brüder! Christus als Gott war dort, aber nicht Christus als Mensch. Christus als Gott war da, als Lazarus starb; aber erst nach dem Tode des Lazarus wollte Christus zu ihm kommen, weil er als Herr selbst den Tod erleiden wollte. Das ist der Grund, dass er sagte: „dass ich nicht dort war“, d. h. im Tode, im Grabe, in der Unterwelt, wo erst durch mich und meinen Tod alle Gewalt des Todes vernichtet werden soll. „Sobald nun“, heißt es, „Martha hörte, dass Jesus komme, eilte sie ihm entgegen und sagte zu ihm: ‚Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben'“. Weib, in einem Atemzuge bekennst du ihn als Gott und sagst doch: „Wärest du hier gewesen“. Gott trennt doch kein Raum, und seine Gegenwart ist nicht abhängig von der Zeit. Lazarus wäre nicht gestorben, wenn der Herr da gewesen wäre? er war ja da; [besser hättest du gesagt,] wenn du, [Weib,] nicht im Paradiese gewesen wärest! Weib, du hast die Tränen verursacht, du die Seufzer erfunden, du hast um den Preis eines Bissens den Tod herbeigeführt und klagst nun die Abwesenheit Gottes an, wo du doch die Ursache des Todes finden müßtest in deiner Anwesenheit!. Als du [uns] den Tod brachtest, da war Anlaß zu klagen; nun aber ist eine Gelegenheit zur Wunderkraft. Damals war gegeben der Tod zur Strafe für den Sünder, nun aber ist er zugelassen zur Verherrlichung des Lebendigmachers; damals erhielt die Unterwelt den Menschen, jetzt verliert sie ihn. Doch nun, Weib, suche im Glauben, was du durch deinen Unglauben verloren hast! „Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt noch weiß ich, dass Gott dir alles gewährt, um was du ihn bittest“. Dies Weib glaubt nicht, sondern versucht nur zu glauben; denn Glaube und Unglaube streiten noch in seiner Seele. „Gott wird dir alles gewähren, um was du ihn bittest.“ Gott gibt aus sich, nicht aber bittet er sich selbst! Warum, Weib, machst du so viel Umstände bei deinen Bitten, wo er ja schon bei dir steht, zum Geben bereit?

Weib, es ist der Richter selbst, den du dir nur als Anwalt wünschest. In ihm ist die Macht des Gebers, nicht die Not des Bittenden. „Ich weiß“, sagte sie, „dass Gott dir alles gewährt, um was du ihn bittest.“ Weib, ein solcher Glaube ist kein Glaube; ein solches Wissen ist ein Nichtwissen! Dies beweist der Apostel, wenn er sagt: „Denn wenn der Mensch glaubt, etwas zu wissen, weiß er nichts“. Doch wir wollen die Antwort des Herrn hören. „Dein Bruder wird auferstehen“. Und das Weib antwortete: „Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage“. Martha, wiederum ist dein Wissen ein Nichtwissen. Du weißt, dass dein Bruder bei der Auferstehung am Jüngsten Tage auferstehen kann; aber du weißt nicht, dass er es auch jetzt kann! Oder kann etwa Gott, der dann alle auferwecken kann, nicht jetzt ihn, den einzigen Toten, auferwecken? Er kann es, ja Gott kann einen Toten zum zeitlichen Zeichen erwecken, er, der später alle Toten zum zeitlichen Zeichen erwecken, er, der später alle Toten auferwecken wird zum ewigen Leben! „Ich weiß, dass Gott dir gewähren wird, um was du ihn bittest, und ich weiß, dass er auf erstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.“ Martha, vor dir ist schon die Auferstehung [Christus], und du wähnst sie noch so weit! „Ich bin“, heißt es von ihm, „die Auferstehung“. Und warum heißt es: „Ich bin die Auferstehung“ und nicht vielmehr: „Ich bin es, der auferweckt“? Worin liegt dafür der Grund? Er, der menschliche Natur annahm, nahm auch den Tod an, damit er, der durch seinen Befehl einen auferweckte, durch seine Auferstehung alle auferweckte, und so soll Christus denen der Lebensquell sein, denen Adam war ein Abgrund des Todes, damit erfüllt werde des Apostels Wort: „Wie in Adam alle starben, so werden in Christo auch alle wieder lebendig gemacht werden“. „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ sprach er. „Wer an mich glaubt, wird lebe n, selbst wenn er gestorben ist. Und keiner, der lebt und an mich glaubt, wird für ewig sterben. Glaubst du das?“. Und das Weib erwiderte: „Ja, Herr, ich glaube; ich glaube, da du Christus, der Sohn des lebendigen Gottes bist, der in diese Welt kommen soll“. Wenn er zu Lazarus gekommen war, warum beschäftigt er sich so mit Martha? Warum das? Damit diese noch eher im Glauben auferstand, als jener im Fleische erweckt würde. So handelt der, der gekommen war, den Lebenden und den Toten zu helfen; denn er scheut sich nicht, zu verzögern, da bei ihm ja auch die Wirkung und die Macht seiner Wunderkraft beruht. Brüder! Wir wollen heute die Rede beschließen, wenn anders ihr wünscht, noch mehr von dem Folgenden zu vernehmen.

Über die Stelle: „Als Jesus sah, wie sie [Maria] weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, wurde er tief ergriffen…“ bis: „Hätte er, welcher dem Blinden die Augen öffnen könnte, diesen nicht vor dem Tode bewahren können?“ Joh 11,33-37

Wenn man auch über jedes einzelne Wort der Hl. Schrift ein ganzes Buch schreiben wollte, so würden doch die Geheimnisse, die in ihm verborgen sind, den Lesern nicht klar werden. Und welche Wirkung wird dann ein schnell dahinfliegendes, kurzes Wort haben, das nach Art des Blitzes, kaum dass es die Augen erhellt, schon wieder verschwunden ist und den Sehenden statt Licht nur Furcht einflößt? Weil wir eben in der Dunkelheit dieser Welt weilen und in unserem Fleische mehr ein Nacht als ein Tages leben führen, so betet, dass Christus uns anzünde die Leuchte seines Wortes und wir unter seiner Führung das dun kle Land des himmlischen Geheimnisses durchschreiten, dass wir so, wenn auch mit langsamen Schritten, so weit wir es vermögen, gelangen zur leuchtenden Weisheit Gottes, jenen Magiern gleich, die, die Augen ihres Geistes prüfend, nicht wagen, sich dem Glanze der Sonne oder der göttlichen Klarheit auszusetzen, sondern zur Nachtzeit das bescheidene Licht der Sterne mit noch bescheidenerem Blicke sich [zum Führer] nehmend, kamen zu der äußerst bescheidenen Wiege Christi. Doch laßt uns nun, wie wir versprochen haben, das, was noch von der Lesung übrig ist, besprechen. „Sobald nun Martha“, heißt es, „hörte, dass Jesus komme, eilte sie ihm entgegen“. So war also wohl kein Diener, kein Verwandter, kein Freund da, der sie trösten konnte, dass das Weib allein, mitten durch die Massen des Volkes, mitten durch den Flecken, dazu noch außerhalb der Stadt und auch noch zur Zeit der Trauer, dem ankommenden Helfer entgegeneilen mußte? Brüder! Bei diesen Personen handelt es sich nicht um natürliche Ursachen, sondern Geheimnisse werden dadurch angezeigt. Das Weib, das dem Tode entgegengeeilt war, eilt nun für den Tod; es eilt zur Vergebung, wie es zur Schuld geeilt war; es kommt nun hin zu dem gütigen Retter, wie ehemals sich an das Weib der verruchte Verführer herangemacht hatte; jetzt sucht es die Auferstehung, wo es vorher den Untergang gesucht hat, und wie es dem Manne den Tod gebracht hat, so eilt es jetzt, um dem Manne das Leben wiederzugeben.

Deshalb blieb Christus an dem Orte, wo er weilte, deshalb wartete er, deshalb geht er nicht durch das Volk hindurch, deshalb eilt er nicht auf das Haus zu, deshalb wendet er sich nicht dem Grabe zu, deshalb eilt er nicht zu Lazarus, deswegen er doch gekommen war, sondern er wartet auf das Weib, er bleibt bei dem Weibe stehen, nimmt zuerst das Weib auf, weil auch sie der Überlister zuerst betörte. Er vertreibt [zuerst] aus dem Weibe den Unglauben, ruft dem Weibe den Glauben zurück, damit sie, die das Werkzeug des Verderbens war, nun auch ebenso die Vermittlerin des Heiles werde, und damit sie nun wieder durch Gott die Mutter der Lebendigen werde, die so lange durch den Teufel die Mutter der Toten war. Und weil das Weib der Anfang des Übels gewesen war, führte er die Sache des Todes, um noch, ehe er die Verzeihung gewährt, die Sünde zu tilgen, noch vor der Aufhebung des Strafurteils die Schuld selbst aufzuheben, um zu verhüten, dass der Mann das Weib, durch das er einmal getäuscht worden war, von der Teilnahme am Leben ausschlösse, mit einem Worte:das Weib wäre verloren gewesen, wenn Christus der Herr zuerst zu dem Manne gekommen wäre.

Deshalb, Brüder, wird Christus von einem Weib geboren; deshalb erweckt das Weib jederzeit den Mann aus dem Grabe ihres Schoßes, damit sie den mit Schmerzen wieder herbeiruft, den sie mit trügerischen Worten von sich gestoßen hat, damit sie unter Tränen den wieder erhalten könnte, den sie durch den Genuß der verbotenen Frucht verloren hatte. Deshalb wird Martha, sobald sie Christo ihr Bekenntnis abgelegt hat und als Vertreterin des weiblichen Geschlechtes durch dieses fromme Bekenntnis jegliche Schuld getilgt hat, gesandt zu Maria, weil ohne Maria weder der Tod gebannt noch das Leben wieder erworben werden kann. So komme denn Maria, so erscheine denn die Trägerin dieses mütterlichen Namens, damit die Menschheit sehe, dass Christus bewohnt habe das geheimnisvolle Innere deines jungfräulichen Schoßes, damit die Toten sich erheben aus den Gräbern und aus der Unterwelt die Verstorbenen erstehen! „Als Jesus“, heißt es, „sah, wie Maria weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, wurde er tief ergriffen und erschüt tert, ‚Wohin habt ihr ihn gelegt?‘ fragte er. Sie antworteten ihm: ‚Herr, komm und sieh!‘ Da brach Jesus in Tränen aus“. Es weinte Maria, es weinen die Juden; auch Christus weint! Glaubst du vielleicht aus gleichen Gefühlen? Immerhin mochte Maria als Schwester weinen, weil sie den Bruder nicht mehr zurückerhalten, dem Tode nicht entgegentreten konn te. Mochte sie auch von der Auferstehung überzeugt sein, so war sie doch des Trostes für die Gegenwart beraubt, und dazu die Länge der Trennung und die Trauer darüber, dass die Trennung so lange währen sollte:sie konnte nicht anders als weinen! Und dazu noch der Anblick des Toten: so schrecklich, so unheimlich, so erschütternd, wenn er auch den Geist ihres Glaubens nicht erschüttern, nicht wanken machen konnte.

Die Juden weinten: sie dachten an ihr [eigenes] Schicksal, sie, die die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben gänzlich aufgegeben hatten. Der Tod, schon den Lebenden genugsam bitter, der schon genug Verwirrung bringt durch sein Dasein allein, er mehrt noch seine Schrecken durch die Mahnung, die er gibt; denn so oft jemand einen Toten erblickt, so oft seufzt er auch, da er erinnert wird an sein eigenes Todesverhängnis; es muß eben jeder Sterbliche sich entsetzen über den Tod! Aber wie kommt es, dass Christus weint? Wenn nichts von alledem für ihn zutrifft, warum weint er denn, er, der gesagt hatte: „Lazarus ist gestorben; ich aber freue mich“?. Über seinen Tod freute er sich, und nun seufzt er, wo er ihn auferweckt. Als er ihn verlor, weinte er nicht; nun, wo er ihn wiedererhält, beweint er ihn, vergießt er Todestränen, wo er ihm dem Lebensgeist wieder eingibt! Brüder! Das bringt die menschliche Natur mit sich, dass sie sowohl Tränen der Freude wie der Trauer uns auspreßt. Denn so oft das Herz des Menschen von großer Freude oder Trauer erfüllt ist, brechen gleich die Tränen aus den Augen. Daher hat Christus nicht aus Schmerz über den Tod, sondern in Erinnerung an die Freuden Tränen vergossen, er, der durch sein Wort, durch ein einziges Wort alle Toten zum ewigen Leben auferwecken wird. „Er wurde tief ergriffen“ und erschüttert durch die große Erregung seines Herzens, dass er bisher nur den Lazarus allein und noch nicht alle Toten auferweckte.

Wer also möchte glauben, dass Christus aus menschlicher Schwachheit hier geweint hätte, wo doch der himmlische Vater über den verschwenderischen Sohn nicht weinte, als dieser wegging, sondern als er ihn wieder in seine Arme nahm?. So weinte auch Christus hier, als er den Lazarus wieder empfing, nicht als er ihn verlor; Christus weinte ja überhaupt nicht, als er die andern weinen sah, sondern als er fragte und aus ihrer Antwort erkannte, dass sie keinen Glauben mehr hatten, und sagte: „Wohin habt ihr ihn gelegt?“ Sie antworteten: „Herr, komm und sieh!“ Sie glaubten ja, dass er nicht wisse, wohin er in die Erde gelegt sei, und doch kannte er den Ort, wo ihn die grause Unterwelt festhielt. Durch seine Frage forderte er sie zum Glauben auf, vermittelte ihr Verständnis, damit die Umstehenden wußten, dass weder Tod noch Grab noch Verwesung noch Fäulnis noch Modergeruch eintrete nach göttlicher Anordnung, sondern des Menschen Los geworden sei durch des Menschen Sünde. Denn da er fragte: „Wohin habt ihr ihn gelegt?“ schalt er die Frauen, klagte die Frauen an. Er wollte so sagen: Den ich gesetzt habe in das Paradies, in das Land des Lebens, seht, wohin ihr ihn gelegt habt! Aber auch die Juden gaben, als wüßten sie keine Antwort auf seine Frage, zur Antwort: „Herr, komm und sieh!“ Wie? [Ob sie wohl glaubten,] dass er dem Tode gebieten könne? Wie? Dass er der Unterwelt befehlen könne, sie, die doch glaubten, dass er das nicht sehe, was vor aller Augen lag, sie, die über sein Weinen so hin und her redeten: „Hätte der, welcher dem Blinden die Augen öffnen konnte, diesen nicht vor dem Tode bewahren können?“. Er konnte ihn vor dem Tode bewahren; aber er ließ ihn sterben, da er den Toten ja wieder erwecken wollte zu seiner Verherrlichung; er ließ ihn in die Unterwelt hinabsteigen, damit er sich als Gott erweise, wenn er einen Menschen aus der Unterwelt zurückführte.

Aber, ihr Juden! Eure Herzen scheinen fester zu sein als die Riegel der Unterwelt; euer Gemüt scheint härter zu sein als [das Gebein der] Toten; eure Augen scheinen dunkler zu sein als das Grab, da euch die Stimme, die die Unterwelt aufschloß, eure Augen nicht öffnete, da das Machtwort, das den Toten auferweckte, euren Sinn nicht erweckte, da das Licht, das das Grab erleuchtete, eure Blindheit nicht erleuchtete! Doch dies möge uns für jetzt genügen, damit wir [in einer anderen Rede] mit Christus die Herrlichkeit des auferstandenen Lazarus in noch hellerem Lichte betrachten können.

Über die Stelle: „Am Abend jenes ersten Wochentages waren die Jünger versammelt und hatten die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen…“ bis: „Thomas antwortete und sprach zu ihm:’Mein Herr und mein Gott!'“ Joh 20,19-28

Während der vierzig Tage, an denen der Herr nach seiner Auferstehung, wie uns berichtet wird und wir glauben, seinen Jüngern zu verschiedenen Malen erschienen ist, handelt auch unsere Predigt ganz mit Recht über diese Lesungen und erörtert ihren geheimnisvollen Inhalt, damit eure Trauer über das Leiden des Herrn durch den wiederholten Nachweis der Auferstehung euch werde verwandelt in vollkommene Liebesfreude, damit der, welcher vorher aus eigener Kraft auferstand in unserem Fleische, nun auch Auferstehung feiere durch unseren Glauben in unseren Herzen! „Am Abend jenes ersten Wochentages waren die Jünger versammelt und hatten die Türen verschlossen aus Furcht vor den Juden. Da kam Jesus und trat mitten unter sie“. „Am Abend.“ Abend war es mehr infolge ihrer Trauer als der Zeit nach. Abend ist es, wenn der Schleier der Klage und der Trauer sich legt über den düster [sinnenden] Geist! „Am Abend.“ Denn wenn auch die Kunde von der Auferstehung [Jesu] ihnen einige dunkle Zweifel genommen hatte, so war ihnen doch noch nicht der Herr erschienen leuchtend in dem vollen Glanze seines Lichtes. „Aus Furcht vor den Juden hatten sie die Türen verschlossen, wo sie versammelt waren.“ Die Größe des Schreckens und der Freveltat [der Juden] hatte mit solchem Sturmwind das Herz der Jünger und ihre Herzen eingeschlossen und jeglichem Lichte den Zugang versagt, dass sich mehr und mehr, zumal da schon ihr Geist von Trauer ganz verdunkelt war, über sie lagerte die tiefschwarze Nacht der Verzweiflung. Keine Dunkelheit einer Nacht kann verglichen werden mit der Finsternis der Trauer und der Furcht, weil diese durch kein Licht des Trostes und des Rates gemildert werden kann. Vernimm, was der Prophet sagt: „Furcht und Schrecken kam über mich, und Finsternis bedeckte mich“.

„Aus Furcht vor den Juden hatten sie die Türen, wo sie versammelt waren, verschlossen. Da kam Jesus und trat mitten unter sie“. Warum zweifelt man, so frage ich, dass die absolut einfache Gottheit hätte eindringen können in das geheimnisvolle Innere des verschlossenen Leibes und in das jungfräuliche Gemach, das verriegelt war durch vollkommene Unversehrtheit, dieselbe Gottheit, die nach der Auferstehung, obwohl sie mit unserem Leibe in geheimnisvoller Weise verbunden war, bei verschlossenen Türen ein und ausgeht, obwohl sie doch durch diesen Beweis sich als den Herrn der gesamten Schöpfung erweist, dem nichts widersteht, dem in allem die Schöpfung dienen muß? Wenn aber die Jungfräulichkeit für den Schöpfer kein Hindernis bildet bei seiner Empfängnis und seiner Geburt, wenn die verschlossene Tür ihrem Schöpfer den Ein und Ausgang nicht verweigern konnte, wie hätte dann der Stein auf dem Grabe, auch wenn er groß war, auch wenn jüdische Bosheit ihn versiegelt hatte, sich widersetzen können dem auferstehenden Erlöser? Aber wie die Jungfrauschaft und die verschlossene Tür [der Jungfrau Mutter Jesu] den Beweis liefern, dass er Gott war, so bekäftigt auch der weggewälzte Stein den Glauben an seine Auferstehung; denn der weggewälzte Stein hat wahrhaftig nicht dem Herrn das Hervorgehen [aus dem Grabe] ermöglicht, sondern er brachte und ermöglichte in der Nacht dem Glauben den Zutritt [zu dem Auferstandenen]. „Da kam Jesus und trat in ihre Mitte und sprach zu ihnen: ‚Friede sei mit euch!. Der Jünger Herz kämpfte [lange] den steten Kampf zwischen Glauben und Zweifel, Verzweiflung und Hoffnung, Verzagtheit und Seelenmut; doch sie hielten duldend den Kampf aus. Da aber [Jesus] die Kämpfe solcher Gedanken in seiner Allwissenheit voraussah, gab er ihnen den Herzensfrieden wieder sogleich, als sie ihn erblickten, damit er, der ihnen durch sein so plötzliches Scheiden die Ursache für die Seelenkämpfe war, auch ihnen jetzt, wo er ihren Augen wiedergegeben war, wegnehme die Ursache jeglichen Seelenkampfes. „Die Jünger freuten sich, den Herrn zu sehen“, heißt es. „Sie freuten sich.“ Wie nach der Finsternis um so angenehmer das Licht ist, wie nach stürmischer Nacht um so heiterer der Himmel lacht, so ist auch nach der Trauer die Freude um so willkommener. „Abermals sprach er zu ihnen: ‚Friede sei mit euch!'“

Was anders will er durch die Wiederholung dieser angenehmen Friedensbotschaft bekunden, als dies: Die Ruhe, die er dem Geiste eines jeden einzelnen verliehen hatte, sollte nach seinem Willen auch in ihnen bewahrt bleiben, weil er ihnen wiederholt und reichlich den Frieden verliehen hatte. Er wußte ja, dass unter ihnen bald kein geringer Streit ausbrechen würde wegen ihres Zweifels, indem der eine sich rühmen würde, im Glauben standgehalten zu haben, der andere trauern würde, dem Zweifel sich hingegeben zu haben. Um also sowohl dem Prahler jeden Anlaß zum Hochmut und zur Selbstgefälligkeit zu nehmen, als auch anderseits dem, der schwach gewesen sei, Rettung zu verleihen, um so alle Leidenschaften zu bannen, schreibt er in gütiger Fürsorge alles, was geschehen sei, ihrer Lage, nicht aber den Jüngern zu, und dämpft so schon im Anfang jeden Streit nieder durch die Macht seines Friedens. Es sollte nicht der eine dem anderen vorwerfen, was er [Christus], dem die ganze Schuld gehörte, schon für alle Zukunft vergeben hatte. Petrus verleugnete ihn, Johannes floh, Thomas zweifelte, alle verlassen ihn; hätte ihnen Christus nicht seinen Frieden gegeben, so hätte Petrus, der der erste von allen war, als der geringste von allen gelten müssen, und der zweite hätte sich vielleicht in unverantwortlicher Weise gegen den ersten erhoben. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“. Durch das Wort „gesandt“ wird der Sohn nicht als geringer [als der Vater] bezeichnet, sondern nur in dieser seiner Eigenschaft [als vom Vater gesandt] bekundet. Denn er will darunter nicht verstanden wissen die Macht des Sendenden, sondern nur die Liebe [des Sendenden] zu dem Gesandten; denn er sagt: „Wie mich der Vater gesandt hat.“ Er sagt ja nicht: „der Herr“, sondern: „der Vater“.

„So sende ich auch euch.“ Nicht mit der Gewalt eines Befehlenden, sondern mit der ganzen Liebe eines Liebenden sende ich euch aus, den Hunger zu ertragen, die Bande zu erdulden, das schmutzige Gefängnis nicht zu scheuen, alle Arten von Leiden zu ertragen, das Joch des Todes, das allen so verwünscht ist, selbst auf euch zu nehmen: Opfer, die alle die Liebe dem Menschenherzen auferlegt, nicht aber eine Macht von ihnen verlangen kann. „Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen. Welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten“. Er gab ihnen die Gewalt, Sünden nachzulassen, da er durch seine Anhauchung ihnen verlieh und eingoß sich, den Sündenvergeber selbst. „Nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach:’Empfanget den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen'“. Wo sind nun die, die da behaupten, dass durch Menschen den Menschen die Sünden nicht vergeben werden könnten, sie, die diejenigen, die infolge der Überwindung des Teufels auch nur einmal gefallen sind, so niederhalten, dass sie sich nicht mehr erheben sollen, die den Kranken die Arznei, den Wunden das Heilmittel in ihrem grausamen Sinne entziehen und verweigern, die den Sündern in ihrer Gottlosigkeit die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Kirche gänzlich vernichten?. Petrus läßt die Sünden nach und nimmt mit voller Freude die Büßenden auf und vereinigt in seiner Person die Fülle dieser Gewalt, die allen Priestern von Gott eingeräumt ist. Denn wenn er nach seiner Verleugnung keine Buße geleistet hätte, hätte er den Ruhm seines Apostelamtes und so zugleich das Leben [der Seele] selbst verloren! Und wenn Petrus durch seine Buße wieder zurückkam, wer könnte dann wohl ohne Buße bestehen? „Thomas aber, als er von seinen Mitjüngern hörte, dass sie den Herrn gesehen hätten, erwiderte ihnen: ‚Wenn ich nicht an seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Hand in seine Seite legen kann, so glaube ich es nicht'“. Warum fordert denn Thomas so energisch die Spuren des Glaubens? Warum erforscht er denn so grausam noch den Auferstandenen, der doch so geduldig gelitten hat? Warum reißt er die Wunden, die eine frevlerische Hand ihm beigebracht hat, wieder mit seiner frommen Rechten auf? Warum sucht die Hand des Jüngers die Seite, die die Lanze eines gottlosen Kriegers geöffnet hat, noch einmal aufzurühlen? Warum will denn die Neugier eines lieblosen Jüngers jene Schmerzen wieder erneuern, die die Wut der Feinde ihm zugefügt hat? Warum will denn der Schüler nur aus den Qualen den Herrn, aus den Peinen den Gott, aus den Wunden den himmlischen Arzt erkennen?

Vernichtet ist die Macht des Teufels, offen steht der Kerker der Unterwelt, gesprengt sind die Banden der Toten, umgestürzt die Gräber durch den Tod des Herrn und das ganze Werk des Todes umgewandelt durch die Auferstehung des Herrn. Von dem hochheiligen Grabe des Herrn ist weggewälzt der Stein, die Leintücher sind gelöst, der Tod ist geflohen vor der Herrlichkeit des Auferstehenden, zurückgekehrt ist das Leben, auferstanden der Leib, der keinen Verfall mehr kennt. Und du, Thomas! Warum forderst du, als ein allzu schlauer Untersucher, für dich allein, dass dir die Wunden des Herrn gezeigt werden, um dich zum Glauben zu bewegen? Was hättest du nun, wenn auch diese mit allem andern vernichtet worden wären? Welche Gefahr hätte dann diese deine Neugier deinem Glauben gebracht? Meinst du, du hättest kein anderes Kennzeichen der Liebe, keinen anderen Beweis der Auferstehung des Herrn finden können, wenn du nicht die Brust des Herrn, die die Grausamkeit der Juden so tief aufgewühlt hat, wieder mit deinen Händen durchfurcht hät test? Dieses Verlangen, Brüder, stellte die Liebe, so forderte es die Erge benheit, damit auch in Zukunft der Unglaube nicht mehr zweifeln könne an der Auferstehung des Herrn. Und so heilte Thomas dadurch nicht nur den Zweifel seines eigenen Herzens, sondern auch die Unwissenheit aller Menschen. Im Begriffe, hinzugehen und es unter den Heiden zu verkünden, erforschte er, genau untersuchend, wie er dieses große Glaubensgeheimnis begründen könne. In der Tat: mehr ein prophetisches Schauen als ein Zweifel! Denn wie hätte er eine solche Forderung nur stellen können, wenn er nicht in prophetischem Geiste erkannt hätte, dass von dem Herrn einzig zum Erweise seiner Auferstehung diese Wundnarben bewahrt worden seien? Schließlich gewährt auch der Herr aus freien Stücken den übrigen, was jener allzu zaudernd verlangte. „Es kam Jesus“, heißt es, „trat in ihre Mitte und zeigte ihnen seine Hände und seine Seite“. Denn da er eingetreten war bei verschlossenen Türen und auch von den Jüngern für einen Geist mit Recht gehalten wurde, konnte er sich selbst nicht anders als durch die Leiden seines Leibes, durch die Mahle seiner Wunden den Zweifelnden als wirklich erweisen.

„Dann kommt er zu Thomas und spricht: ‚Lege deinen Finger hierher und sieh meine Hände! Reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite; und sei nicht ungläubih, sondern gläubig!‘. Über den ganzen Erdkreis sollen diese meine Wunden, die du selbst wieder öffnetest, den Glauben ausgießen, wie sie schon das Wasser zum Bade der Wiedergeburt, das Blut als Erlösungspreis für alle ausgegossen haben! „Da rief Thomas aus und sprach; ‚Mein Herr und mein Gott!'“. So mögen denn kommen und hören die Irrlehrer und, wie der Herr gesagt hat, „sie wollen sein nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Seht da, dies Wort des Thomas bekundet nicht nur den menschlichen Leib, sondern durch die Leiden des leidensfähigen Leibes, dass Christus Herr und Gott ist zugleich. Und in Wahrheit ist er Gott, der lebt aus dem Tode, der auferstanden ist aus seinen Wunden. Und weil er dies alles imd so furchtbare Leiden erduldet hat, lebt und herrscht er [nun auch] als Gott durch alle Ewigkeit. Amen.

Über die Stelle: „Schon dämmerte der Morgen, da stand Jesus am Ufer. Aber seine Jünger wußten nicht, dass es Jesus war…“ bis: „und zogen das Netz mit den Fischen.“ Joh 21,4-8

Nach jenem Leidensstirm des Herrn, wie ihn die Erde noch nie erlebt, vor welchem die Himmel erzitterten, wie er in der Welt unerhört war, den die Unterwelt nicht ertragen konnte, kam der Herr zum Meere und fand seine Jünger hin und her treibend in nächtlicher Finsternis. Denn was bleibt von dem Glanze des Mondes, wenndie Sonne entflohen ist? Was bleibt der Nacht noch an tröstendem Lichte bei dem Schein der Sterne? Denn es war nur eine einzige schwarze und undurchdringbare Finsternis [in ihnen], weil sie nicht nur ihnen das Licht des Leibes, sondern auch das Auge des Geistes verdunkelte. Die Schiffer konnten nicht den Hafen des Glaubens, den Hort der Rettung aufsuchen noch erreichen. „Schon dämmerte der Morgen“, sagt der Evangelist, “ da stand Jesus am Ufer. Aber seine Jünger wußten nicht, dass es Jesus war“. Bei der Verhöhnung des Schöpfers war die ganze Schöpfung geflohen; dem Tode des Herrn suchte die Welt zu entgehen; wußte sie doch, dass das ganze [Welt]gebäude die Rache ereilen würde, wo durch die Schandtat der Knechte der Herr getötet war. Das war also der Grund, warum die Erde erbebte, als ihr Fundament unter ihr wich; dass die Sonne floh, um es nicht zu sehen; dass der Tag entwich, um nicht Zeuge zu sein; dass die Felsen, die aus sich nicht sich teilen konnten, durch unerhörte Wunden auseinandergerissen wurden, nur durch ihr Getöse die Schandtat verurteilend, weil sie durch ihre lebendige Stimme es nicht vermochten.

Daher kam es, dass die Unterwelt, als sie den Richter selbst zu sich hinabsteigen sah, besiegt und unter Knirschen ihre Gefangenen losgab; daher kam es, dass die Seelen, die ihren Körpern wieder zurückgegeben wurden, den Lebenden verkündeten, dass die Toten wieder auferstehen würden, von denen die Welt geglaubt hatte, dass sie verlorengegangen seien. Während so das ganze Weltgebäude unter dem Umsturz der Ordnung erschüttert ward und sich zur vorweltlichen Finsternis und zum alten Chaos durch den Tod des Schöpfers sich zurückgeschleudert glaubte, führt plötzlich der Herr den Tag wieder zurück durch das Licht seiner Auferstehung und erneuert den ganzen Erdkreis wieder in seine frühere Gestalt, damit er ihn, da er ihn mit sich hatte leiden sehen, auch mit sich auferweckte zur Herrlichkeit, wie der Evangelist sagt: „Schon dämmerte der Morgen“, d. h. als die Nacht des Leidens des Herrn vorüber war. „Da stand Jesus am Ufer“,um das Weltall zu seinem früheren Glanze zurückzurufen, um zu sichern, was unsicher, festzufügen, was gelockert, in Ordnung zu bringen, was in Verwirrung geraten war, um durch sein Stehen die Fundamente des Weltalls, die so erschüttert waren, wieder zu festigen, damit die Welt wieder zurückkehren sollte zum Dienste ihres Schöpfers, wie sie geflohen war bei seiner Verhöhnung. „Schon dämmerte der Morgen, da stand Jesus am Ufer.“ Er wollte insbesondere die Kirche, in der die Jünger damals von wilden Fluten hin und her geworfen wurden, zu treuem Feststehen im Glauben zurückführen. Und weil er sie von der Glaubenskraft verlassen gefunden, weil er sie vollständig bar gefunden hatte von menschlicher Stärke, schalt er sie, indem er sie „Kinder“ nannte und sprach: „Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen?“. Da war ja Petrus, der ihn verleugnet hatte; da war ja Thomas, der gezweifelt hatte; da war ja Johannes, der geflohen war. Nicht also wie todesmutige Soldaten, sondern wie furchtsame Kinder redet er sie an, und weil er sie noch nicht einmal jetzt zum Kampfe gerichtet findet, redet er sie wie zarte Kinder an, lädt sie zu Tische ein, indem er spricht: „Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen?“

Das menschliche Gebaren sollte sie zur Gnade, das Brot zum Vertrauen, die Zuspeise zur Überzeugung zurückrufen. Denn sie würden nicht an seine leibliche Auferstehung glauben, wenn sie ihn nicht ganz nach Menschenart essen sehen würden. Deshalb verlangt er nach einer Nahrung, er, die volle Sättigung der Welt; er, der selbst „das Brot“ ist, ißt, nicht weil er nach der Speise, sondern nach der Liebe der Seinigen hungert. „Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten: ‚Nein'“. Was auch sollten sie haben, da sie Christum noch nicht hatten, obschon er bei ihnen saß, da sie den Herrn, der vor ihnen stand, bis dahin noch nicht mit ihren Augen sahen? Denn „die Jünger wußten nicht, dass es Jesus war“. „Er sprach zu ihnen: ‚Werfet das Netz auf der rechten Seite des Schiffes aus, so werdet ihr etwas finden'“. Er erinnerte sie wieder an die rechte Seite, da sie der Sturm des Leidens gebracht und getrieben hatte auf die linke Seite. „Sie warfen es aus“, heißt es, „und vermochten es wegen der Menge der Fische nicht mehr zu ziehen“. Sie warfen es zur Rechten aus; sie warfen es nach der Seite des Mannes; aber wie die Kinder konnten sie es nicht ziehen. Gleichwohl fühlen sie an der Last, sie merken, dass die Fische sich darein gefangen hatten auf eines Befehlenden Machtwort, nicht aber, dass sie in das Netz eingegangen waren durch menschlichen, künstlichen Fang. „Da sagte der Jünger, den Jesus lieb hatte: ‚Der Herr ist es‘. Zuerst erkennt ihn den, den er lieb hatte, weil immer das Auge der Liebe schärfer sieht und immer lebhafter der empfindet, welcher liebt. „Als Petrus hörte.“ Was hatte denn den Petrus in seinem Herzen so zaghaft gemacht, dass er von einem andern erst hören mußte, es sei der Herr, er, der doch sonst es den andern mitteilte? Wo bleibt denn jenes herrliche Wort: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“?. Wo bleibt das Wort? Im Hause des Kaiphas, des Hohenpriesters der Juden, war es davongeflogen; zu spät sah er den Herrn, er, der auf die Stimme des flüsternden Weibes hörte!.

„Als er hörte, dass es der Herr sei“, heißt es, „gürtete er sich das Obergewand um: denn er war ohne Oberkleid“. Soll uns das nicht wundernehmen, Brüder? Als der Herr gefangen wurde, warf Johannes sein Leintuch weg, und nun wird Petrus ohne Oberkleid befunden! Den Johannes deckte die Flucht, den Petrus enblößte die Verleugnung! Es ist auffallend, Brüder, und in der Tat wunderbar:denn er, der in dem Schiffe entblößt ist, legt sich Kleider an, als er sich in den See stürzte! Denn die Unschuld fühlt sich niemals nackt, und nur der Schuldbewußte nimmt seine Zuflucht stets zur Bekleidung! Deshalb sucht auch Petrus, wie Adam nun wegen seines Schuldbewußtseins seine Blöße zu bedecken, wo sie doch beide vorher bekleidet waren vor ihrer Freveltat mit heiliger Unschuld. „Er gürtet sich das Oberkleid um und stürzt sich in den See“, damit das Wasser des Sees abwasche, was die Verleugnung so schändlich befleckt hatte. „Er stürzte sich in den See“, um bei der Rückkehr der erste zu sein, er, der ja nach der Anordnung [des Herrn] den ersten Platz erhalten hatte. „Er gürtete sich das Obergewand um“, er, der umgürtet werden sollte mit dem Leiden des Martyriums , wie der Herr gesagt hatte: „Ein anderer wird dich gürten und ein anderer wird dich führen, wohin du nicht willst“. „Die anderen Jünger folgten ihm im Schiffe; denn sie waren nicht weit vom Lande, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen“. Die anderen Jünger kamen im Schiffe ihm nach und zogen die gefangenen Fische nach sich, um die Kirche, die hin und her geworfen wird durch die Stürme der Zeit, und diejenigen, die sie durch das Netz des Evangeliums an sich ziehen und emporheben zum Lichte des Himmels, in glaubensinniger Arbeit mit sich zum Herrn zu führen. „Denn“, heißt es, „sie waren nicht weit vom Lande.“ Sie waren nicht weit vom Lande der Lebenden, sie, die das Ende des gegenwärtigen Lebens schon in die Nähe des zukünftigen geführt hatte. „Nur etwa zweihundert Ellen“. Aus Juden und Heiden verdoppelt er die Hundertzahl, indem er das Leben und das Heil zweier Völker verbindet. Den noch übrigen Teil der Lesung wollen wir unter dem Beistande des Herrn in einer folgenden Predigt behandeln.

V. Vorträge über die Briefe Pauli

Über die Stelle: „Deshalb gleichwie die Sünde in diese Welt durch einen einzigen Menschen kam und durch die Sünde der Tod…“ bis: „Dennoch herrschte der Tod von Adam bis auf Moses, auch über die, die nicht durch die ähnliche Übertretung wie Adam sündigten.“ Röm 5,12-14

Brüder! Wenn die vorliegende Lesung des Apostels sagt, dass durch einen Menschen die ganze Welt ihr Todesurteil empfangen habe, veranlaßt sie uns, nicht so sehr eine Rede darüber zu halten, als vielmehr in immer neuem und tiefem Schmerze darüber zu weinen. Denn wenn hervorragende Dichter über den Untergang eines einzelnen Volkes und einer einzigen Stadt, ja bisweilen eines einzelnen Menschen sich in großem Wehklagen ergangen haben: wessen Geist wird dann nicht ganz in tiefe Finsternis gehüllt, wessen Sinn vergeht dann nicht in voller Unfähigkeit, wessen Auge fließt dann nicht über in Tränenquellen, ja Tränenströme, [wenn er sieht,] dass der Fall eines einzigen das Verderben für alle wurde, dass die Schuld eines einzigen überging zur Strafe aller, dass die Sünde des Stammvaters dem gesamten Geschlechte tödlichen Untergang bereitete, wie der Apostel sagt: „Deshalb gleichwie die Sünde in diese Welt kam durch einen einzigen Menschen, und durch die Sünde der Tod“. O ich Unglückseliger! Der die Ursache alles Guten war, er ist geworden die Pforte des Bösen! „Die Sünde kam in diese Welt.“ „In diese Welt“. Wunderst du dich, dass der seinen Nachkommen geschadet habe, der durch seine Freveltat die Welt verdammte? Doch wendest du ein: Wie kam sie [in die Welt]? Durch wen kam sie? Wie? fragst du. Durch die Schuld. Durch wen? Durch den Menschen. Und nun: ist die Sünde Natur oder Substanz? Sie ist weder Natur noch Substanz, sondern ein Akzidens; die ist eine feindliche Macht, die erkannt wird im Werke empfunden wird in der Strafe, die die Seele bekämpft, den Geist verwundet, ja die Natur selbst verletzt und schändet. Und was soll ich noch mehr sagen, Brüder? Das ist die Sünde für die Natur, was der Rauch für die Augen, das Fieber für den Körper, das bittere Salz für die süßeste Quelle. Von Natur aus ist ja das Auge licht und klar, aber durch den feindseligen Rauch wird es getrübt und verdunkelt. Der Körper ist stark durch die einzelnen Glieder und Sinneswerkzeuge, weil er von Gott [so] geschaffen ist; aber sobald die Gewalt und der Orkan des Fiebers über ihn zu herrschen beginnt, wird er ganz geschwächt. Dann wird bitter der Geschmack, dunkel das Auge, schwankend sein Schritt, dann ist schädlich die Luft, lästig sind ihm seine Lieben, ja selbst der Liebesdienst ist ihm verhaßt. Und so angenehm die Wasser der Quelle sind durch ihre naturhafte Süßigkeit, so unangenehm werden sie, wenn irgendein schlechter Zufluß sie aufgenommen haben. Doch laßt uns zu unserem Vorhaben zurückkehren. „Gleichwie durch einen einzigen Menschen die Sünde in diese Welt kam, und durch die Sünde der Tod.“ Seht da, Brüder, die Pforte: durch den Menschen geschah die Sünde, und durch die Sünde kamen wir, wie wir an uns sehen, zum Tode!

O Sünde, du grausames Ungeheuer! Nicht zufrieden, an dem einen Haupte gegen das Menschengeschlecht zu wüten, sahen wir dich mit dreifachem Schlunde die so kostbaren Sprößlinge des ganzen Geschlechtes der Menschen verschlingen: mit dreifachem Schlunde, Brüder: als Sünde ergreift sie, als Tod verschlingt sie, als Unterwelt zieht sie vollends in den Abgrund! Und darum: mit welchem Tränenstrome sollen wir denn, wie wir sagten, genug einen solchen Vater beweinen, der uns als Erben solchen Elends zurückließ, der nicht nur das ihm anvertraute Gut verlor, sondern auch alle seine Nachkommen als Schuldner überließ so schrecklichen Gläubigern? O diese harte und grausame Erbschaft! O wir Elenden! Erben sind wir, die nicht erlangen können und nicht ausschlagen dürfen! Höret, was darum folgt: „Und so ist der Tod auf alle Menschen übergegangen“. Aber nicht ungerecht soll dir scheinen das Wort: „durch den einen auf alle“; denn alle [sind] durch den einen. Durch eben den beschwerst du dich, verdammt zu sein, durch den du dich rühmst, das Licht [der Welt] erblickt zu haben! Aber wendest du wieder ein: „Wenn ich meinem Vater mein Dasein verdanke, was schulde ich denn seinem Verbrechen, dass mich die Natur noch eher zum Schuldigen macht als eine Schuld?“ Auf diese deine Frage antwortet gleich der Apostel mit dem folgenden Wort: „In dem alle gesündigt haben“. Wenn in ihm alle gesündigt haben, haben mit Recht auch alle die Strafe empfangen. „Wie durch einen einzigen Menschen die Sünde in diese Welt kam, und durch die Sünde der Tod, so ist auch der Tod auf alle Menschen übergegangen, in dem alle gesündigt haben“, sei es in dem Menschen oder in der Sünde: durch ihn und in ihm haben alle gesündigt. Nicht also ist die Sünde verwandelt worden in [unsere] Natur, sondern sie treibt, dadurch, dass sie den Tod verhängt, die ihr geschuldete Strafe an der Natur ein. Gott hatte die Natur so gemacht, dass er die Menschen zum Leben erschuf; diese jedoch muß sich, da sie wider ihren Willen für den Tod [ihre Kinder] erzeugt, der Sünde unterworfen bekennen, da deren Strafe in ihrem Leben herrscht. Denn wer sollte wohl glauben, Brüder, dass die Natur ihre Kinder vernichten, ihre so lieben Sprößlinge töten wolle? Aber indem sie seufzt und sich in Schmerzen windet mit ihnen, betrauert sie wehklagend den Verlust und ersehnt die Wiedererlangung der Freiheit. Durch wen sie diese aber erlangte, zeigt deutlich zuerst Johannes, der, als er Christum sah, ausrief und verkündete: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt“. „Die Sünde der Welt“,Brüder, das ist jene, die nach dem Zeugnis des Apostels durch einen einzigen Menschen in die Welt gekommen ist. Freuet euch also, Brüder; denn die Sünde, die uns mit schwerer Last zur Unterwelt hinabzog, ist von Christus hinweggenommen worden, ganz tief nun in die Unterwelt versenkt, und uns, die wir dem Tode verfallen waren durch die Schuld des ersten Vaters, hat Gottes, des zweiten Vaters, Gnade zurückgerufen von der Strafe zum Leben.

Ohne Christus konnte also der Mensch nicht gerettet werden, weil die Sünde in der Welt herrschte vor seiner Ankunft. Du aber nimmst an, dass du durch Christus gerechtfertigt wirst, und leugnest doch, dass du durch Adam verdammt bist; du beschwerst dich darüber, dass die die Strafe eines anderen schadete, wo du doch klar erkennst, dass die die Rechtfertigung eines andern zur Rettung war! Ist denn nicht in dem Kerne der ganze Baum? Ein Verderben im Samen ist also ein Verderben für den ganzen Baum! Wenn die Natur aus sich selbst sich hätte helfen können, hätte sie niemals der Schöpfer in sich angenommen, um sie wiederherzustellen. Wie glaubst du, dass sie erschaffen sei zum Leben, wenn du zweifelst, dass sie von ihrem Schöpfer wiederhergestellt sei? „Denn bis zum Gesetze“, heißt es, „war die Sünde in der Welt“. Wenn du hörst: „bis zum Gesetze“, so verstehe das so: bis zum Ende des Gesetzes, d. h. bis zur Ankunft unseres Herrn Jesu Christi. „Denn die Sünde“, heißt es weiter, „wurde nicht angerechnet, da kein Gesetz war“. Wann aber war das Gesetz nicht da, das doch zugleich mit dem Menschen seinen Anfang nahm? Denn wenn kein Gesetz da gewesen wäre, so wäre Adam doch nie Übertreter geworden, wie ja der Apostel selbst bezeugt, indem er spricht: „Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Moses“. Beide hatten ein Gesetz empfangen; aber Adam übertrat es, gleich nachdem er es empfangen hatte, Moses aber verkündete es als verhängt über die Übertreter, wie der Apostel sagt: „Das Gesetz ist der Übertretungen wegen gegeben worden“. Es herrschte also der Tod durch das Gesetz, indem er mit noch größerer Macht wütete gegen die Übertreter als gegen die Sünder, da jene nicht bloß durch des Stammvaters Sünde, sondern auch durch ihre eigene Schandtat gefallen waren. „Aber der Tod“, heißt es, „herrschte von Adam bis auf Moses, auch über diejenigen, die nicht durch die ähnliche Übertretung wie Adam sündigten“. Denn nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder verschlang er; nicht nur die Schuldigen vernichtet er, sondern auch die Unschuldigen; die, so sage ich, sind von persönlicher Schuld, nicht von der Schuld des Stammvaters frei.

Und darum war dieser Zustand noch mehr zu beklagen, weil das Kind schon bezahlen mußte die Strafe des Vaters, bevor es noch kaum als kleines Kind das Leben kostete, und schon sühnte es die Sünde der Welt, da es die Welt noch nicht einmal kannte. Doch ängstigen wir uns, Brüder, nicht darüber, dass der Tpod herrschte durch einen und und eines einzigen Sünde, weil wir ja alle unsere Erlösung und unser [neues] Sein ersehnen durch den einen Christus; denn wer immer lebt, verdankt das Christus, nicht sich, wie er Adam verdankt, dass er sterben muß.

Über die Stelle: „Denn wenn durch die Übertretung des einen durch den einen der Tod herrschte…“ bis: „da mit auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch unseren Herrn Jesus Christus.“ Röm 5,17-21

Wenn jemand einen Becher kalten Wassers dem durstigen Wanderer reicht, erfrischt er zwar ein wenig das Herz des Erhitzten und hilft dem äußeren Menschen wohl ganz, aber er löscht doch nicht ganz den Durst im Innern. So wird auch unsere Rede, die den gegenwärtigen Verhältnissen entsprechend und wegen der Zeit schnell beendigt sein muß, denen nicht genügen, die das große Geheimnis der göttlichen Weisheit erkennen wollen. Denn wenn das ganze Leben des Menchen [zu] kurz ist, um alle menschliche Wissenschaft ganz zu erlernen, welche Zeit, glauben wir wohl, wird genügen, die Wissenschaft Gottes zu erlernen? Verzeiht mir also, Brüder, wenn ich in dieser kurzen Zeit, in kaum einer Stunde nicht vermag, Licht zu bringen in das Dunkel, zu eröffnen, was verschlossen ist, sicherzustellen, was zweifelhaft ist, hervorzuholen, was tief verborgen ist, wenn ich das unaussprechliche Geheimnis so vieler Jahrhunderte in keiner Weise darlegen und aussprechen kann, wenn wir dies namentlich nicht vorsichtig genug für die Streitbaren, nicht sicher genug für die Schwachen, nicht überzeugend genug für die Gläubigen, nicht standhaft genug für die Ungläubigen zu tun vermögen. Heute aber ergießen sich die Worte des Apostels in so klarem Lichte ganz dem Geiste der Zuhörer ein, und dem katholischen Gemüte bleibt kein Zweifel mehr, wenn er spricht: „Denn wenn durch die Übertretung des einen der Tod herrschte durch den einen“. Darum wollen wir jeden Eifer, schön zu reden, beiseite setzen und uns in aller Einfalt anlehnen an die Aussprüche des Apostel, damit denen, die die Wahrheit zu wissen verlangen, durch unsere Rede kein Zweifel erzeugt werde. „Denn wenn“, wie er sagt, „durch die Sünde des einen durch den einen der Tod herrschte“, warum bemüht sich der evangelische Lehrer so sehr, klarzumachen und zu beweisen, warum der Tod von einem und dem ersten Menschen für die Nachkommen erworben sei?

Genügte denn nicht jener Satz, der sagt: „Gott hat den Tod nicht gemacht“?. Und so kann ich es nicht verstehen, warum einige den so grausamen und unbarmherzigen Tod von Gott erschaffen sein lassen. Niemand glaubt ohne Sünde, dass der so liebe, so gute Gott den Tod hätte schaffen können, dessen Urheber die ganze Welt in ständigem Schmerz, mit Seufzen und Tränen anklagt und verwünsacht. Wenn der Tod auch bei den Menschen eine Strafe für die Verbrechen ist, wie wagt man dann zu glauben, dass Gott denselben dem Menschen anerschaffen und ihn zur Strafe dem Schuldlosen selbst noch früher als das Leben eingepflanzt habe? Doch laßt uns den Apostel hören. „Denn wenn durch die Sünde des einen der Tod herrschte durch den einen, werden weit mehr sie, die die Fülle der Gnade und der Gabe und der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den einen Jesus Christus“, Seht da, hier einer und da einer, Adam und Christus. Durch jenen herrschte die Sünde zum Tode, durch diesen die Gnade zum Leben. Auch sind sie beide der Urgrund des Lebens und des Todes, der Vergebung und der Bestrafung, der ersehnten Befreiung wie der äußersten Verdammnis. Dies beweisen und erklären die folgenden Worte des Apostels: „Wie es also durch des einen Sünde für alle Menschen zur Verdammnis kam, so auch durch des einen Gerechtigkeit für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens“. Durch den einen und durch den andern herrscht entweder der Tod oder wird das Leben gewährt. Was kann also noch die Rede des Erklärers dem hinzufügen? Wenn man darüber schweigt, hört jeder Streit auf. „Durch des einen Sünde kam es für alle Menschen zur Verdammnis, so auch durch des einen Gerechtigkeit für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.“ Wie der Fluß von der Quelle, oder die Frucht von dem Samen, so hängt die Nachkommenschaft von ihrem Usprung ab, ob verurteilt oder errettet, die noch deutlicher bewiesen wird aus dem, was der Apostel noch hinzufügt:

„Denn wir durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen Sünder wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden“. Mag der Mensch also Sünder sein, damit Gott gerecht sei; denn die Schuld fließt reich über auf den Richter, wenn die Strafe den Unschuldigen trifft. Und darum sagte er: „Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen Sünder wurden“. Sie sollten sich als teilhaftig der Schuld dessen wissen, als dessen Strafgenossen sie sich fühlen müßten. Doch nun sollen auch die Verehrer des Gesetzes vernehmen, was das Gesetz nach dem Zeugnis des Apostels genutzt hat. „Das Gesetz aber“, heißt es, „ist hinzugekommen, damit die Sünde überhand nehme“. Seht, wie der Apostel sagt: Nicht eine Verminderung der Sünden brachte das Gesetz, sondern eine Vermehrung, doch nicht aus sich, Brüder, sondern durch den, der das Gesetz wegen seiner Schwachheit nicht ertragen konnte. Nicht die Fülle des Lichtes blendet die Augen, da es ja nur für die Augen von Gott erschaffen ist, sondern die Schwäche der Augen kann die volle Klarheit des Lichtes nicht aushalten und ertragen. So beschwert auch das Gesetz, Brüder, das aus sich wahrlich gerecht, wahrlich heilig genug ist, mehr und mehr den Fehlenden und offenbart ihn als solchen, indem es von dem schwachen Menschen eine harte Zucht verlangte. Und warum dies, Brüder? Damit der durch die Gnade und die Vergebung des Schöpfers zurückkehre zum Leben, der durch seinen Stolz und seine Unwissenheit, indem er sich auch noch so zu seinem Nachteil seiner Unschuld rühmte, in die Schuld und Strafe des Stammvaters geraten war. Eine Krankheit lag also tief verborgen, um derentwillen das Innere alles Markes und die Gänge aller Adern strebten nach dem Verderben aller Lebenskräfte, und erzeugte eine gewisse Ansteckung in allen inneren Teilen. Das Gesetz kam, das die Wunde offenbarte und auch zu gleich für die alte Krankheit des himmlischen Arztes Ankunft verkündete. Das Gesetz kam, damit es durch die Linderungen des Gesetzes an die Oberfläche treibe, was tief im Innern wütete zum tödlichen Verderben. Das Gesetz kam, damit es wie mit dem Schwerte der Vorschriften gleichsam das veraltete Geschwür aufbreche und eine heilsame Ausgießung den so lange darunter sich sammelnden Eiter entferne. Doch, Brüder, konnte es selbst nicht aus sich weder die Wunde schließen noch auch dem Kranken die volle Gesundheit wiedergeben. Sobald aber der Kranke endlich dies sah und der Elende seinen Zustand erkannte, beeilte er sich, schnell zum Arzt zu kommen, damit das, was durch das Gesetz offenkundig und durch das Gesetz selbst noch vergößert worden war, geheilt werde durch die Kunst und Gnade dieses so großen Arztes.

Wir sagten, Brüder, die Wunde sei noch größer geworden; denn nach dem Einschnitt wird Fäulnis, Geruch, Ekelhaftigkeit, durch das Abschneiden der Brand der Wunde selbst erzeugt, und das Aussehen der elenden Wunde selbst wird durch die Pflege noch schlimmer, als es dem Unkundigen erschien, solange die Gefahr verborgen war. Da kam der Arzt, und kam dem trotz aller Pflege und aller Quälereien der Pflege noch mehr ermatteten und übermüdeten [Menschen] zu Hilfe durch die Kraft seines bloßen Wortes, wie jener Hauptmann bekennt, wenn er sagt: „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund“; damit auch erfüllt werde jenes Wort des Propheten: „Er sandte aus sein Wort und heilte sie“. Deshalb fährt [der Apostel] weiter fort: „Wo die Sünde überschwenglich war, war die Gnade noch überschwenglicher“, als ob er sagen wollte: Wo die Wunde weit aufklaffte, ergoß sich überreich der heilende Balsam. Niemand also sei undankbar gegen das Gesetz. Denn wen es krank und darniederliegend gefunden hatte, den erhob es, pflegte es und führte ihn, um ihn zu heilen, in heilsamem Jubel zu dem Arzte selbst hin, „damit“, wie der Apostel sagt, „wie die Sünde herrschte zum Tode, so die Gnade herrsche zum ewigen Leben durch unsern Herrn Jesum Christum“. Die Gnade herrschte zum Leben, die Sünde zum Tode. Der echte Glaube hält Gott nicht für den Urheber des Todes, für den Verderber des Menschen, sondern für seinen Heiland. Der Tod ist Schuld des Menschen, der Sünde, das sollen wir glauben, wie das Leben erschaffen und wiedergegeben ist nur durch Christus allein.

Über die Stelle: „Haben wir gesündigt (Chrysologus bzw. der Text liest peccavimus statt peccabimus der Vulgata). weil wir nicht unter dem Gesetze sind, sondern unter der Gnade?…“ bis: „Denn das Ende davon ist der Tod.“ Röm 6,15-21

Gleichwie einem Wanderer immer süß und lieb ist die Rückkehr in seine Heimat, und die Räume des Vaterhauses ihm willkommen sind nach langer Zeit, so ist auch mir nach der Unterbrechung der Predigt die Rückkehr zur Reihenfolge der Lesungen des Apostels wieder doppelt lieb. Denn oft zwingt eine kirchliche Pflicht uns, von der beabsichtigten Predigtordnung und von der zusammenhängenden Reihenfolge derselben abzuweichen; so müssen wir nämlich den Gang des Unterrichtes einrichten, dass nicht eine Pflicht durch die andere gehindert wird. Drum laßt uns vernehmen, was der heilige Apostel heute gesagt hat. Was de nn sagt er: „Haben wir gesündigt, weil wir nicht mehr unter dem Gesetze sind, sondern unter der Gnade? Das sei ferne!“. Eine solche Frage, Brüder, beschuldigt die der Torheit, die, ihrer Gewohnheit nach Sklaven des Gesetzes, es nicht verstehen, die Kräfte zu empfinden, die die Gnade uns verleiht; sie, die die Reihe der gesetzlichen Vorschriften als hartnäckige [Sünder] bloßstellte, hat die Güte ihrer Opfergaben und die Prachtentfaltung ihrer Feste gänzlich verblendet und verhärtet durch ihre inhaltlosen Gesetzesbeobachtungen. Und, wenn die Zeit des Gesetzes abgelaufen ist, was soll denn noch der Beobachter des Gesetzes tun, da er von dem Gesetze ausgeschieden ist? Jude! Was hast du, das du nicht verloren hast? Wenn du es aber verloren hast, was rühmst du dich, als hät test du es nicht verloren?.

Wo ist dein Tempel? wo dein Priestertum? wo das Opfer? wo das Räucherwerk? wo deine Reinigungen? wo die stets zu beobachtende Feier deiner Feste? Aber, damit du Jude bist, wirst du mit Recht beschnitten, den abgeschnitten bist du von den eben erwähnten Gütern! Denn es steht geschrieben: „Verflucht sei, wer nicht bleibt in allem, was geschrieben steht im Buche des Gesetzes!“. Wenn schon der verflucht wird, der in einem Stücke sündigt, wieviel mehr wird der verflucht sein, der nichts von all dem getan zu haben sich erweist? „Haben wir gesündigt“,heißt es, „weil wir nicht unter dem Gesetze sind, sondern unter der Gnade?“, als wollte er sagen: Brüder, haben wir gesündigt, weil wir, schon geheilt, in der Pflege nicht geblieben sind? Haben wir gesündigt, weil wir, schon geheilt, Brennen und Schneiden als Heilmittel verschmäht haben? Ein unseliger Kranker ist der, der nacherlangter Heilung nun nicht auch die Heilmittel aufgeben will. Und wozu viele Worte, Brüder? Niemals macht der gesund, der das Urteil der Kranken erfragt und darauf hört. Denn wie das Feuer in dem Körper immer nur noch mehr angefacht wird durch eine kalte Flüssigkeit, und wie eine allzu große Kühle die Glieder noch mehr quält und erschüttert, ja den Brand noch heftiger macht und erzeugt, so verlangt auch der Kranke, ohne zu beachten, dass Hitze nur durch Hitze getilgt wird, der Brand durch Kühle nur noch mehr genährt wird, in aller Ungeduld nach kaltem Wasser, nur um die Fieberglut zu mehren, die in seinen Adern immer kocht und siedet.

Während also das Gesetz immer Rücksicht nimmt und erträgt den Willen des Menschen, der Mensch aber, beladen mit der Last der Sünde, nicht im stande ist, den Gesetzesvorschriften zu genügen, so erlöst das Gesetz nicht seinen Beobachter von der Fessel der Sünde, sondern verstrickt ihn [nur noch mehr] in das Verbrechen der Übertretung. Deshalb heißt es weiter: „Wißt ihr nicht, dass ihr dessen Knechte seid, dem ihr euch als Knecht zum Gehorsam darbietet, dem ihr gehorcht, sei es der Sünde zum Tode oder des Gehorsams zum Leben?“. Wie also, Brüder, sollen wir es verstehen, dass das Gesetz, von dem wir reden, den Menschen als Knecht der Sünde geoffenbart hat? „Sei es“, heißt es ja, „der Sünde zum Tode oder des Gehorsams zum Leben.“ Vorher schon hatte er gesagt: „Die Sünde soll keine Gewalt mehr über euch haben, denn ihr seid nicht unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade“. Alle also, die unter dem Gesetze sind, werden geknechtet und gefesselt unter der Herrschaft der Sünde, und aus dieser bedauernswerten, schändlichen Sündenherrschaft vermögen sie nicht befreit zu werden, es sei denn, dass die Gnade sie freigibt. „Doch ich sage“, heißt es, „Gott Dank, dass ihr Knechte der Sünde waret“. Sagt er so Dank, als ob er sich freue, dass der Mensch ein Knecht der Sünde gewesen sei? Das sei ferne! Er sagt Dank, nicht weil wir vorher Knechte eines so grausamen Herrn waren, sondern dafür, dass wir jetzt von diesem Joch befreit sind, wie er das in dem folgenden noch klarer ausdrückt, wenn er sagt: „Dass ihr jedoch von Herzen dem Musterbild der Lehre gehorsam wurdet, in dem man euch unterwies; befreit aber von der Sünde, wurdet ihr Knechte der Gerechtigkeit“. Wir sind, Brüder, gehorsam geworden durch die Gnade dessen, der uns rief, nicht durch unseren eigenen Willen [wie die Pelagianer sagten], denn der hielt uns gefangen. „Ihr wurdet von Herzen gehorsam dem Musterbild der Lehre.“ Welcher? Der des Evangeliums, in dem nach der neuen Art der Freiheit die Knechtschaft nicht aufgehoben, sondern umgewandelt wurde; denn besser ist demütiges Dienen als eitles und willkürliches Freisein.

„Ihr seid Knechte geworden der Gerechtigkeit.“ Diese Knechtschaft, Brüder, bindet nicht, sondern macht frei; beschwert nicht, sondern ehrt; tilgt das Brandmal der Knechtschaft, brennt es nicht ein. Ist dies, so frage ich also, nicht Gotteswerk, wo die Knechtschaft vertrieben wird durch Knechtschaft, wo Unterwerfung vernichtet wird durch Unterwerfung, wo der Tod getötet wird durch den Tod, wo das Verderben geheilt wird durch Verderben, und damit ich es ganz recht und kurz aus drücke: wo die ganze Gegenerschaft durch des Gegners eigenes Schwert zu Boden gestreckt wird? Der Apostel drückt es so aus: „Ich rede nach Menschenweise um der Schwachheit eures Fleisches willen. Denn wie ihr eure Glieder in den Dienst der Unreinigkeit und Ungerechtigkeit zur Ungerechtigkeit hingabt, so gebt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit zur Heiligkeit“. Die Größe der Liebe offenbart er, wenn er so die Lehre des Evangeliums herabzieht zu so niedrigen und fast beschämenden Vergleichen, so dass er der Heiligkeit nur so viel als der Unreinigkeit, dem Dienste der Gerechtigkeit nur so viel als dem der Ungerechtigkeit auferlegt und zuweist. Absurd, Brüder, und unpassend erscheint der Vergleich, der den Menschen nur soweit der Verherrlichung unterwerfen will, als er der Erniedrigung unterworfen war. Aber möchte es doch nur so sein! Denn wann wird Gott so viel geehrt wie die Welt? wann der Himmel so viel wie die Erde? wann dienen die schwachen Menschen so viel der Tugend wie dem Laster? Der ganze armselige Mensch ist so dem Fleischesdienst ergeben, hängt so sehr an diesen zeitlichen Gütern, dass er geradezu nichts hat, was er dem zukünftigen Leben, den Gütern des Himmels weihen könnte. Mit einem Wort hat daher der heilige Apostel die Macht der irdischen Reize für das menschliche Bewußtsein ganz passend geschildert, ganz passend ausgedrückt, damit die menschlichen Glieder nun mit demselben Willen der Gerechtigkeit, der Keuschheit und Reinheit dienten, mit welchem sie vorher in Raserei und Verblendung der Schande und dem Laster sich ergeben haben. Geringfügiges, ja fast nichts verlangt der, der ein Zugeständnis zu geben wünscht, wo das Eigentumsrecht schon verloren gegangen ist. Auch jede Entschuldigung nimmt er dir, da er dir vorschreibt, für die größten Güter nur Geringes und Gewöhnliches wieder zurückzugeben!

Gib also Mensch, Gott nur so viel, wie du dem Fleische und den Lastern gegeben hast! Und warum solltest du nicht Gott eher geben, was du den Lastern vorher gegeben hast? Warum solltest du nicht dich selbst ihm geben, da Gott von dir nur aus Liebe zu dir so wenig verlangt? Weiter heißt es dann: „Denn da ihr Knechte der Sünde waret, waret ihr frei für die Gerechtigkeit. Jetzt aber, befreit von der Sünde, seid ihr Knechte geworden der Gerechtigkeit“. Vorher Knechte der Sünde, jetzt Knechte der Gerechtigkeit. Nach dem Apostel folgt also, wie ihr seht, Knechtschaft auf Knechtschhaft. Du Hartnäckiger! Zeige nun die Zeit deiner Freiheit! Die Sünde, die dich elendiglich gefangen hielt, log dir vorher Freiheit vor; die Gnade nennt dich jetzt einen Knecht, obschon sie dich, um dich wahrhaft frei zu machen, annahm zum Sohne Gottes selbst! Erfüllt ist also das Wort Christi, der da spricht: „Wer Herr sein will, der sei Diener“. Ja, selig ist diese Knechtschaft, die ewige Herrschaft gebiert. Denn jene Freiheit brachte uns die Frucht der Strafe und eine unerträgliche Schande ein, wie [der Apostel] sagt: „Wel che Frucht hattet ihr also damals von dem, worüber ihr jetzt errötet? Denn das Ende davon ist der Tod“. Seht, wie der Teufel freiläßt, wie er jene Knechte ehrt mit gleichem Lohne, so dass der Tod zugleich endet das Leben und heraufführt die Strafe. Diejenigen aber, Brüder, die Christo dienen, verachten den Tod mit seinem Sold und werden hinüber versetzt in das ewige Leben der Heiligkeit. Denn das Ende in Christus kennt kein Ende, weil es den Menschen nicht vernichtet, sondern vollendet!.

Über die Stelle: „Oder, Brüder, wißt ihr nicht denn ich rede zu solchen, die das Gesetz kennen , dass das Gesetz über den Menschen herrscht, solange er lebt?…“ bis: „Denn die Leidenschaften der Sünden, die durch das Gesetz kamen, waren wirksam in unseren Gliedern, um für den Tod Frucht zu bringen.“ Röm 7,1-5

Nachdem wir die Davidische Harfe geschlagen haben mit dem Elfenbein der geistigen Erkenntnis und in verschiedenen Melodien haben erklingen lassen, nachdem wir so euer Herz und Gemüt gerührt haben, nachdem wir dann auch, um eure Sinne zu wecken, die ehrfurchtgebietenden Hauptlehren des Evangeliums euch dargeboten haben, glaubten wir nunmehr sogleich zu dem apostolischen Lehrer zurückkehren zu müssen, damit so die dreifache Anordnung der Predigt festhalte und darböte die heilsame Wissenschaft der kirchlichen Lehre. Denn der Liedergesang erleichtert den von langer Arbeit müden Geist; das Machtgebot des Evangeliums stärkt und er weckt den Geist zur Arbeit; das gewaltige Wort des Apostels läßt unsere Sinne nimmermehr vom rechten Pfade abweichen und in die Irre gehen. Und so finden wir nach der Reihenfolge heute diese Lesung des heiligen Apostels: „Oder, Brüder, wißt ihr nicht denn ich rede zu solchen, die das Gesetz kennen , dass das Gesetz über den Menschen herrscht, solange er lebt?“. Und dann führt er ein Gleichnis an: „Denn das vermählte Weib ist durch Gesetz gebunden, solange ihr Mann lebt. Wenn aber ihr Mann stirbt, ist die vom Gesetze des Mannes entbunden. Demnach wird sie, solangwe der Mann lebt, Ehebrecherin heißen, wenn sie es mit einem andern Manne hält. Wenn aber ihr Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetzte des Mannes“. Ihr seht hier, Brüder, einen trefflichen Beweis der himmlischen Lehrweise des heiligen Apostels. Denn die Zeiten des Gesetzes erweist er gerade durch die Zeugnisse des Gesetzes als vorüber und entkräftet durch dieses wunderbare Beispiel der Ehe das ganze Vorrecht des Gesetzes. Und ganz zu Recht wird das Gesetz mit einer fleischlichen Ehe verglichen, da es auch nie zu einer geistigen Gemeinschaft mit der Synagoge gelangte. Denn obwohl jenes diese empfing zur Bewahrung der Lehre, zur Fortpflanzung des heiligen Samens, zur Vermehrung der Schamhaftigkeit, zur Bewahrung der Keuschheit, für das heilige und ehrwürdige Geheimnis des himmlischen Brautgemaches, zur mystischen Einheit mit dem Himmel, so fand es doch darin nur den ganzen Unrat der Hurerei.

Denn sie kam diesem Manne, d. i. dem Gesetze, entgegen nicht geziert mit Sittsamkeit, nicht geschmückt mit den Halsketten der Tugenden, nicht mit gemessenem Schritte, nicht bedeckt mit dem leuchtenden Schleier jungfräulicher Schamhaftigkeit, sondern mit wollüstigen Augen, mit ungezügeltem Gange, aufgeputzt mit schminkenden Salben, ganz und gar erfüllt mit Trug und Heuchelei! Obwohl sie nun der erhabene Mann, als er sie erblickte, in gerechter Entrüstung verachtete, sie vertrieb aus seiner Gemeinschaft und sie mit der vollen Strenge des Richters verdammte, so errötete sie doch nicht, wenn sie auch verworfen war, besserte sich nicht, wenn sie auch der Verachtung überantwortet war, kehrte nicht zur Vernunft zurück, sondern hinausgestoßen eilte sie fast in überstürzender Eile zu den schändlichen Diensten der Götzen, ja wollte lieber die Schmach der Hurerei und das Verbrechen des Ehebruches auf sich nehmen, als sich entsetzen vor der Schändlichkeit eines solchen Zustandes, den sie zu ihrem Unheil sich erwählt. Darum be klagt auch der heilige Prophet sie mit Recht, indem er spricht: „Wie ist zur Hure geworden die treue Stadt Sion?“. Ihre Ehebrüche beschreibt auch der hl. Ezechiel fast in einem ganzen Buche. Deshalb, Brüder, wandte der Herr, als, wie das Evangelium berichtet, diese Ehebrecherin von den Schriftgelehrten und Gesetzeslehrern bei ihm angeklagt wurde, sein Antlitz zur Seite und blickte zur Erde, um das Verbrechen nicht sehen zu müssen, das er hätte bestrafen sollen, und darum wollte er, Brüder, lieber in den Sand die Vergebung schreiben, als über das Fleisch das Verdammungsurteil aussprechen.

Diese Ehebrecherin bemüht sich nun der Apostel zur Gemeinschaft mit Christus zurückzubringen, läßt sie nicht zaudern ob der Furcht ihres ersten Falles; denn wenn sie auch, so lange der Mann lebte, mit Recht eine Ehebrecherin war, indem sie es mit einem andern Manne hielt, so verletzt sie das Gesetz doch jetzt nicht, da sie zu dem Urheber des Gesetzes ihre Zuflucht nimmt. Sie stirbt vielmehr dem Gesetze, obwohl sie verurteilt ist durch die Bestimmungen des Gesetzes, damit sie der Gnade lebe und sich er hebe durch die Vergebung, so wie sie vorher wegen ihrer Unenthaltsamkeit getötet war durch das Gesetz. Wenn schließlich der [Apostel] sie nach dem Tode des Mannes als frei erklärt von dem Gesetze des Mannes, so bekundet er doch durch das folgende, dass sie, und nicht der Mann gestorben sei. Denn nicht stirbt das Gesetz dem Menschen, sondern der Mensch dem Gesetze, und nicht das Gesetz hört auf, sondern der hört für das Gesetz auf, welcher von ihm abfällt. Vernehmet nur, was folgt: „So wurdet auch ihr, meine Brüder, dem Gesetze abgetötet“. Sagt er etwa: „Das Gesetz ist für euch getötet“? Nein: „Auch ihr wurdet dem Gesetze abgetötet.“ Und ganz gut fügt er hinzu; „durch den Leib Christi“. Denn das Gesetz erfaßt nur den Schuldigen, bannt nur den Strafwürdigen, straft und tötet nur den Verbrecher. Wer also durch den Leib Christi von jedem Verbrechen befreit und erlöst ist, stirbt zu seinem Glücke dem Gesetz, um nun zu leben der Unschuld und der Gnade. „Damit ihr“, heißt es, „eines andern seid, dessen, der von den Toten auferstanden ist“. „Eines andern“: der andere ist jener geworden, als er unsere Verweslichkeit wandelte in Unverweslichkeit, als er unsere Sterblichkeit erhob zur Herrlichkeit der Unsterblichkeit.

„Damit wir für Gott Frucht bringen“. Die da teilhaftig geworden sind der himmlischen Natur durch Christus, bringen Frucht nach der Behauptung [des Apostels] nicht für die Erde, sondern für Gott, nicht für den Tod, sondern für das Leben, für Gott und nicht für das Fleisch. „Denn da“ heißt es, „wir im Fleische waren, waren die Leidenschaften der Sünden, die durch das Gesetz kamen, in unsern Gliedern wirksam, um für den Tod Frucht zu bringen“. Wenn er sagt: „Da wir waren“, weist er hin auf die Vergangenheit, da wir, nur im Fleische gesetzt oder vielmehr ausgesetzt, gezwungen wurden, zu wissen, zu tun, zu wollen, nur was des Fleisches ist, wie der Apostel an einer andern Stelle sagt: „Die im Fleische sind, können Gott nicht gefallen“. „Da wir im Fleische waren, waren die Leidenschaften der Sünden, die durch das Gesetz kamen…“ Ich will noch erwähnen, was der Herr gesagt hat: „Wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird die Finsternis selbst sein?“. Wenn durch das Gesetz die Leidenschaften der Sünden herrschen über die menschlichen Glieder, was werden diese Leidenschaften aus sich erst beginnen, die dem kaum geborenen Menschen zu seinem Unheil und zu seiner Strafe sich zugesellen? Wenn also den eben geborenen Menschen und er wird so geboren die Schmerzen bedrücken, die Gefahren bedrängen, die Strafen erfüllen: die Leidenschaften sind es, Brüder, durch die das Kind geschwächt wird, der Knabe zaudert, der Jüngling wütet, der Mann und der Greis erfüllt wird mit vielen Seufzern. Sie sind es, die das ganze Leben des Menschen begleiten in feindlichem Kampfe bis zu seinem Tode. Das Gesetz hat, indem es sie verbot, nur noch mehr an sie erinnert; indem es sie untersuchte, nur noch vermehrt; indem er sie anklagte, nur noch teurer gemacht, und sie, die der Unwissenheit verborgen lagen, hat es nur zu bekannt gemacht durch den Hinweis darauf. Und gleichwie die Dornen, wenn sie mit dem Messer beschnitten werden, noch mehr wachsen, so wuchern auch die Leidenschaften, wenn sie durch das Gesetz beschnitten werden, nur noch mehr empor, weil sie im Innern des Fleisches, gleichwie in einer Wurzel, fest eingepflanzt sind. Das Gesetz trägt in seinem Innern eine zwar genugsam gerechte Bearbeitungskraft des Glaubens, aber es hat keine Wirkung; daher führt es durch seine Anreizung den Ackerboden des menschlichen Fleisches nur zu der Todesfrucht. Denn es heißt: „Die Leidenschaften der Sünden, die durch das Gesetz kamen, waren wirksam in unseren Gliedern, um für den Tod Früchte zu bringen.“

Das Werkzeug, das zum Leben war, mißbrauchen die Leidenschaften in uns zur Todesfrucht. Also verwundet werden wir durch die Gnade Christi von dem Gesetze des Todes erlöst, und wir empfangen in unserem Innern den Hl. Geist als Kämpfer und Überwinder der Laster, so dass die Leidenschaften, die draußen ausgeschlossen sind, anklopfen, uns versuchen, uns reizen, aber unterliegen zur Herrlichkeit unserer Siege. Für uns, für uns will den Sieg erringen jener, der, da er herrschte, mit uns zu streiten sich würdigte, wie er selbst gesagt hat. Wir also wollen, befreit nunmehr von der Herrschaft des Fleisches, in dem neuen Geiste dienen, weil ihn Wahrheit herrschen heißt dem Herrn in Heiligkeit zu dienen; denn der alte Mensch und der alte Buchstabe vernichtete und zerstörte jegliche Sitte.

Wißt ihr nicht, dass zwar alle laufen, die in der Rennbahn laufen, aber nur einer den Preis erlangt? Lauft also, dass ihr ihn erlangt! Jeder aber, der sich im Wettkampfe übt, enthält sich von allem, und zwar, um eine vergängliche Krone zu gewinnen, wir aber eine unvergängliche.“ 1 Kor 9,24-25

Der heilige Apostel ermuntert uns nicht nur durch die Lehren des Gesetzes, sondern auch durch ein Beispiel aus diesem Leben dazu, die Krone der himmlischen Herrlichkeit zu gewinnen. Denn so sprach er unter andern, wie eure Liebe vernahm: „Wißt ihr nicht, dass zwar alle laufen, die in der Rennbahn laufen, aber nur einer den Preis erlangt?“ und er fügt hinzu: „Lauft so, dass ihr ihn erlanget!“. Nach diesem aus der Welt entlehnten Beispiel laufen zwar, wie der Apostel sagt, viele in der Rennbahn; aber nur einer erhält den Preis, d. h. nur der, der am besten läuft. So laufen auch zwar viele auf der Rennbahn des gegenwärtigen Lebens, aber nur einer erhält die Krone. Es laufen die Juden auf der Bahn des Gesetzes, es laufen die Gelehrten auf der Bahn leerer Weisheit, es laufen auch die Irrlehrer auf der Bahn falscher Lehrverkündigung, es laufen die Katholiken auf der Bahn der wahren Glaubensverkündigung. Aber von diesen allen erringt die Krone nur einer, nämlich das katholische Volk, das nach Aufnahme des Glaubensweges hineilt zu Christus, um zu gelangen zur Palme und zur Krone der Unsterblichkeit. Deshalb auch laufen die Juden und die Gelehrten und die Irrlehrer vergeblich, weil sie nicht einherwandeln auf dem echten Pfade des Glaubens. Denn was nutzt den Juden das Laufen auf der Bahn der Beobachtung des Gesetzes, da sie Christum, den Herrn des Gesetzes, nicht kennen? Es laufen auch die Philosophen auf der Bahn der leeren Weltweisheit, aber ihr Laufen ist überflüssig und zwecklos, da sie die wahre Weisheit Christi nicht kennen. Denn die wahre Weisheit Gottes ist Christus, die sich nicht schmückt mit [schönen] Worten noch mit glänzender Rede, sondern erfaßt wird durch Glauben des Herzens. Es laufen auch die Irrlehrer auf der Bahn ihrer vergifteten Glaubens predigt; sie laufen daher durch Fasten, durch Almosen, aber sie können nicht zur Krone gelangen, weil sie nicht auf der Bahn des Glaubens laufen. Denn ihr Glaube ist falsch und verdient nicht, die Krone des wahren Glau bens zu gewinnen.

Dies bekundet offen der Apostel, wenn er an einer andern Stelle sagt: „Und wenn ich auch mein ganzes Vermögen unter die Armen verteilen, und wenn ich auch meinen Leib dem Feuer zur Verbrennung übergeben würde, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts“. Denn der hat nicht die Liebe Christi, der nicht gläubigen Herzens an Christus glaubt. Und darum fügt ganz mit Recht der Apostel hinzu, indem er sagt: „Lauft so, dass ihr ihn erlanget!“ Wir müssen also laufen auf der Bahn des Glaubens im Glauben Christi, in Beobachtung der Gebote Gottes, in den Werken der Gerechtigkeit, damit wir gelangen können zur Krone des ewigen Lebens. Endlich zeigt und der Apostel ganz folgerichtig noch, wie wir laufen müssen, indem er sagt: „Jeder“, heißt es, der im Wettkampf sich übt, enthält sich von allem, und zwar um eine vergängliche Krone zu gewinnen, wie aber eine unvergängliche“. Seht, mit welchem Vergleich uns der Apostel einladet, die Krone der verheißenen Unsterblichkeit zu erringen! Die in diesem irdischen Wettkampfe siegen wollen, enthalten sich von gewissen Speisen, von zu vielen Getränken, sie enthalten sich von jeder Unlauterkeit, leben einer solchen Enthaltsamkeit, dass sie auch das eigene Ehebett nicht aufsuchen. Denn anders könnten sie, wie sie glauben, nicht siegen, wenn sie nicht ihren Leib keusch und rein bewahrt haben. Und nach solchen Überwindungen: welch kleine Krone, welch vergängliche und wertlose Krone erhalten sie!

Wenn also einige um einer vergänglichen Krone willen solche Entbehrungen auf sich nehmen, wieviel mehr müßten wir dann jegliche Entbehrung auf uns nehmen, da uns ein himmlischer Lohn verheißen ist und die Krone der ewigen Herrlichkeit? Wir haben also nicht einen leichten Kampf zu kämpfen, denn wir kämpfen gegen die Geister der Bosheit, gegen den Teufel und seine Engel. Wir kämpfen gegen die Ungerechtigkeit, gegen die Gottlosigkeit, gegen die Arglist, gegen die Unreinheit, gegen die mannigfaltigen Lockungen der Sünden. Und wenn wir in dem Kampfe siegen, empfangen wir soviel Kronen, als wir Laster besiegt haben. Gewaltig ist also dieser Kampf, in dem wir sind ein Schauspiel für den Herrn. Denn auf uns schaut der Herr im Kampfe, auf uns schauen seine Engel. Auf der Erde erringen wir den Sieg, aber den Lohn der Tugend empfangen wir in Himmelshöhen. Auch die heiligen Märtyrer, die so heißt gekämpft hatten, haben nicht nur die Sünden, sondern auch den Tod selbst überwunden und den Lohn der Unsterblichkeit erworben. In diesem Kampf hat zuerst gestritten und gesiegt unser Herr und Erlöser, um uns als Beispiel, wie wir kämpfen und siegen sollen, voranzuleuchten. Indem wir dies mit euch behandeln, streuen wir den Samen des guten Kampfes in eure Herzen, da wir euer Inneres durchfurcht finden gleichsam mit dem Pfluge der Gerechtigkeit. Pfleget daher das Wort, das wir in euch säten, damit die Saat sprieße zur Frucht! Gott aber möge durch seine Heimsuchung mit dem Tau seiner Liebe euch erfüllen und unserer Aussaat das Gedeihen verleihen, damit ihr, wenn man die Garben der Verdienste sammelt, gelangen könnt zur hundertfältigen Frucht!.

Über die Stelle: „Ich tue euch aber, Brüder, das Evangelium kund, das ich euch predigte, das ihr auch annahmt, worin ihr auch beharrt…“ bis: „dass er am dritten Tage den Schriften gemäß auferstanden ist.“ 1 Kor 15,1-4

Da die ganze Hoffnung des christlichen Glaubens auf der Auferstehung der Toten beruht, haben wir euch, damit niemand daran zu zweifeln wage, die ausführliche Lesung des hl. Paulus vortragen lassen, der sie beweist durch seine Autorität, durch Tatsachen und Beispiele.[und zwar so,] dass unser Vortrag nichts hinzuzusetzen ausfindig machen kann. Weil aber eure Liebe immer verlangt die Erfüllung unseres [Lehr]Amtes, so wollen wir uns bemühen, aus Begeisterung für die Auferstehung diese Worte zu wiederholen und sie euch noch tiefer einzuprägen. Brüder! Immer ist es uns lieb, über die Auferstehung zu sprechen, immer auch ist es angenehm, von der Auferstehung zu hören, weil man niemals gerne stirbt, sondern immer zu leben verlangt. Darum soll immer in unserem Munde das Wort „Auferstehung“ widerhallen, und unaufhörlich klinge hinüber das Wort „Auferstehung“ an euer Ohr, damit der Tod, der ständig unsern Geist bedrängt, mit seinen Schrecken und seinen Klagen von unserem Geiste fliehe! Denn auch der Landmann singt von üppigen Saaten und von gefüllter Tafel, um nicht mehr zu fühlen die große Mühe und den vielen Schweiß! So singt der Schiffer von Hafen und Gewinn, um nicht mehr zu fürchten das Grab der Wellen und die Gefahren der Meeres! So läßt der Krieger ertönen Beute und Siegeslieder, um nicht mehr zu beben vor den Wunden, um nicht mehr zu fürchten das Schwert! Darum soll der Christ mit Geist, Mund und Augen schauen, besingen und betrachten die Auferstehung, damit er verachten und niedertreten könne alle Todesfurcht! Der Tod, Brüder, ist der Herr der Verzweiflung, der Vater des Unglaubens, der Bruder der Verwesung, der Urheber der Hölle, der Gatte des Teufels, der König aller Übel, der das ganze Menschengeschlecht unaufhörlich bekämpft, indem er als seinen „Stimmungsmacher“ zuerst die Verzweiflung vorausschickt, die dem Menschen also flüsternd vorredet: „Mensch, warum vergeudest du deine Tage? Siehe, der Tod, dein Herr, kommt, um dein Leben in Nichts aufzulösen, dein Fleisch durch Verfaulen, deine Gebeine durch Vermodern zu zersetzen, um dich, der du vor deiner Geburt nicht warst, auch wieder in das Nichts zurückzuversetzen nach dem Tode. Leiste also [dem Leben] ab, was du ihm schuldest vor dem Tode, denn bald wirst du sterben, sterben dir und deinem Leben: gönne dem Kinde das Spiel, dem Jüngling das Vergnügen, dem jungen Manne den Genuß, den Greis dann überlaß mir, damit du nicht grundlos noch hoffest, wo du der Hoffnung ganz beraubt bist!

Nach der Verzweiflung schickt er dann seinen Sohn, den Unglauben, der also drohend spricht: „[Glaubst du vielleicht,] du würdest nicht sterben, du könntest dem Tode entrinnen, da du so über dein Leben verfügst? Mensch, dein Glaube täuscht dich, du verlässest dich auf einen Glauben, der dir etwas in der Zukunft verspricht, um dir zu nehmen, was du in der Gegenwart besitzest, der dir ich weiß nicht welche unsichtbaren Dinge nach dem Tode verheißt, um dir zu rauben, was du vor dem Tode genießest! Wer kam denn je von dort zurück, und welcher vernünmftige Mensch glaubt denn den jahrhundertelang gegebenen, aber nie erfüllten Versprechungen? Oh, so iß dich und lebe! ‚Iß und trink, denn morgen wirst du sterben!“. An dritter Stelle führt er den Bruder seiner Bosheit, die Verwesung, herbei und mit solcher Wut, dass sie das Antlitz des Menschen erfaßt, ergreift und erfüllt: sie zeigt ihm in den Gräbern den letzten Kerker, sie belehrt ihn, dass dort alle ihr verfallenen Opfer regungslos liegen müssen. Und um den Menschen und die Sinne des Menschen ganz mit Schrecken und Entsetzen zu verwirren, gießt sie aus den Gestank der Fäulnis, wirft den Eiter aus, breitet aus den Modergruch und höhnt noch, dass er von sich unzählige fressende Würmer für den einen Menschen abgegeben habe. Warum sollten da die Christen sich nicht der Verzweiflung und dem Unglauben überlassen? Das sind die Kämpfe des Todes: mit diesen Führern, mit solchen Anschlägen und solchen Anfechtungen nimmt er gefangen, zerstört und tötet er alle, die die Natur in dieses zeitliche Leben führt; er rafft hinweg die Könige, wie er die Völker fortreißt, wie er die Nationen dem Untergange weiht; nicht der Reichtum kann ihn erkaufen noch das Flehen ihn beugen noch die Tränen erweichen, keine Kraft kann ihn überwinden! Die haben sich getäuscht, Brüder, die über „das Gut des Todes“ zu schreiben sich unterfingen!

Nimmt euch das wunder? Denn dann dünken sich die Weisen groß und berühmt, wenn sie das, was das größte Übel ist, den Einfältigen als das höchste Gut einreden wollen. Mit Recht sagt darum auch von ihnen die Hl. Schrift: „Wehe denen, die das Gute böse und das Böse gut nennen! Wehe denen, die die Finsternis zum Lichte, das Licht zur Finsternis stempeln!“. Und in der Tat: Wen haben jene nicht getäuscht, wen haben sie nicht verblendet, die sich bemühten, den Unklugen glaubhaft zu machen, dass das Leben sei ein Übel, das Sterben ein Gut? Doch dies, Brüder, zerstört die Wahrheit, das Licht vertreibt solche Reden, der Glaube bestreitet es; der Apostel geißelt solche Lehren. Christus vernichtet sie, indem er dadurch, dass er das Gut des Lebens wieder gibt, den Tod als ein Übel kennzeichnet, verurteilt und verbannt. Denn so hebt der Apostel an: „Ich tue euch aber, Brüder, das Evangelium kund, das ich euch predigte, das ihr auch annahmt, worin ihr auch beharrt, durch das ihr auch gerettet werdet, wofern ihr euch so daran haltet, wie ich es euch predigte, es wäre denn, dass ihr vergebens geglaubt hättet. Denn ich überlieferte euch vor allem, was ich auch vernahm, dass Christus für unsere Sünden starb, und dass er begraben wurde und dass er am dritten Tage auferstanden ist den Schriften gemäß“. Gottes Güte bereichert nur den, der siegen, nicht den, der sterben wird. Oder was empfängt er an Gutem, wenn er, der empfängt nicht mehr lebt?. „Indem ihr auch beharrt.“ Beharren wird, wer immer lebt, weil der Tote für immer darniederliegt. „Durch das ihr auch gerettet werdet.“ Wer stirbt, geht zugrunde; gerettet wird aber, wer ewig lebt! „Wofern ihr euch so daran haltet, wie ich es euch predigte, es sei denn, dass ihr vergebens geglaubt hättet.“ Brüder! Nicht nur vergebens geglaubt, sondern auch vergebens gelebt hat derjenige, der sich nur dafür geboren glaubt, dass er untergehe. Mensch, was geht dir auf, was nicht auch wieder untergeht? Und was erhebt sich nicht für dich, was dir untergegangen ist? Der Tag geht am Morgen auf, und wiederum geht er auf am Morgen; am Abend wird er begraben in [dem Grabe] der Nacht, und wiederum erhebt er sich am Morgen. Die Sonne wird täglich geboren, täglich stirbt sie, und täglich ersteht sie wieder. Die Zeiten gehen unter, indem sie vorüberziehen; sie leben wieder auf, indem sie wiederkehren.

Wenn du, Mensch, darum Gott nicht glauben, dem Gesetze nicht zustimmen, dieser Botschaft nicht trauen willst, dann glaube doch deinen Augen, pflichte doch bei den Elementen, die dir ständig die Auferstehung predigen! Gewiß, wenn auch dies alles, was vor dir liegt, weit unter dir steht, und doch durch deine Tat von dem Tode gleichsam auferweckt wird, so soll dich das alles lehren, dass auch du durch das Werk Gottes auferweckt werden kannst. Gehe bei dem Samenkorn in die Schule, wie der Apostel dich lehrt; betrachte das Weizenkorn, das vertrocknet ist ohne Empfindung, ohne Bewegung, ziehe eine Furche, grabe auf die Erde, mache eine Grube, begrabe das Weizenkorn und sieh‘ dann, wie es untergeht im Tode, wie es anschwillt durch die Feuchtigkeit [des Bodens], wie es in Fäulnis übergeht. Und wenn er ganz dahin gelangt ist [ganz gestorben ist], was dir eben Verzweiflung, Unglauben und Verwesung einzureden versuchte, dann lebt es plötzlich im Keime wieder auf, wächst heran im Kraut, erstarkt im Halm. reift in der Frucht und erhebt sich zu jener vollen Schönheit und Gestalt, die du schon als untergegangen beklagtest! So will das Weizenkorn dich, Mensch, nicht so sehr zum Essen als zur Erkenntnis führen, nicht so sehr dich anhalten zur Arbeit als zum Glauben“ Was noch übrig ist [von der Lesung], wollen wir übergehen; denn woher und wann und wie und durch wen der Tod gekommen ist, macht uns der heilige Apostel vollkommen und mit genügender Klarheit durch sein Gotteswort kund. Mensch, glaube! denn umsonst erhältst du ihn; glaube an die Auferstehung! denn der sie dir verspricht, erheischt von dir keine Gegenleistung!

Über die Stelle: „Der erste Mensch Adam ward zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam ward ein lebendig machender Geist…“ bis: „Fleisch und Blut können nicht Gottes Reich erben noch wird die Verwesung die Unverweslichkeit erben.“ 1 Kor 15,45-50

Zwei Menschen führt uns heute der heilige Apostel vor Augen, die dem Menschengeschlechte den Ursprung verliehen haben: Adam nämlich und Christus; zwei Menschen, gleich an ihrem Körper, aber ungleich an Verdienst; ganz in Wahrheit gleich dem Bau der Glieder nach, aber ebenso in aller Wahrheit ungleich dem Ursprung nach. „Der erste Mensch Adam ward zu einer lebendigen Seele, der letzte Adam ward ein lebendig machender Geist“. Jener erste ward erschaffen von diesem letzten, von dem er die Seele erhielt, damit er lebe. Dieser gestaltete sich selbst als sein eigener Schöpfer, da er das Leben nicht von einem andern zu erwarten brauchte, sondern selbst allein allen das Leben verlieh. Jener wird gebildet aus wertlosem Erdenstaub, dieser ging hervor aus dem kostbaren Schoße einer Jungfrau. In jenem wurde die Erde verwandelt in einen Menschen, in diesem ward das Fleisch erhoben zu Gott! Und wozu noch viele Worte? Dieser ist [der wahre] Adam, der nur sein eigenes Bild darstellte, als er jenen damals erschuf. Daher nahm er sowohl dessen Persönlichkeit als seinen Namen an, damit ihm nichts von dem ermangele, was er zu seinem Bilde [an jenem] geschaffen hatte. Er ist also der erste Adam wie auch der letzte Adam: als jener erste hat er einen Anfang, als jener letzte hat er kein Ende, weil dieser letzte in Wahrheit selbst der erste ist, wie er auch selbst sagte: „Ich bin der erste und ich bin der letzte!“ „Ich bin der erste“, d. h. ohne Anfang; „ich bin der letzte“,d. h. ohne Ende. „Aber nicht“, so heißt es, „ist das Geistige zuerst, sondern das Seelische, darnach das Geistige“. Denn früher ist natürlich die Erde als die Frucht; nicht aber ist die Erde so wertvoll wie die Frucht.

Jene verlangt Seufzer und Mühe, diese spendet Nahrung und Leben. Mit Recht rühmt sich der Prophet einer solchen Frucht, wenn er spricht: „Unser Land gab seine Frucht“. Welche Frucht? Freilich die, von der er an einer andern Stelle sagt: „Von der Frucht deines Leibesa will ich setzen auf deinen Thron“. „Der erste Mensch von Erde ist“ heißt es, „irdisch, der zweite Mensch vom Himmel ist himmlisch“. Wo sind diejenigen noch, die die Empfängnis einer Jungfrau, die Geburt einer Jungfrau auf gleiche Stufe stellen zu müssen glauben mit der Geburt der anderen Frauen, da doch diese von der Erde ist, jene aber vom Himmel, da doch jene eine Wundertat Gottes ist, jene das Werk schwacher Menschen, da jene sich vollzieht in einem leidensfähigen Körper, diese aber ganz in der ewigen Ruhe des göttlichen Geistes, ohne eine Erregung des menschlichen Leibes?. Der Blutfluß hörte auf, das Fleisch war gelähmt, es schlummerten die Glieder, und der Jungfrau Mutterschoß war, als der Himmel in ihr wohnte, ganz wirkungsunfähig, bis der Schöpfer des Fleisches annahm des Fleisches Umhüllung und der himmlische Mensch gebildet war, der nicht nur dem Menschen die Erde, sondern dem Menschen auch den Himmel wiedergeben sollte. Eine Jungfrau empfängt, eine Jungfrau gebiert, Jungfrau bleibt sie immerdar!. Das Fleisch bleibt sich seiner Kraft bewußt, kennt aber keine Wehen, da es durch die Geburt nur noch mehr seine Unversehrtheit vergrößert und keine Einbuße seiner Schamhaftigkeit erleidet. Sie ist vielmehr selbst Zeugin ihrer [jungfräulichen] Geburt, da sie keine Geburtswehen kennt.

Als eine ganz neue Mutter staunt sie ob ihrer Teilnahme an den himmlischen Geheimnissen, sie, die in sich nichts sieht, was einer menschlichen Geburt entspricht. Wenn eine solche Geburt Gottes der Magier bekennt durch sein Gechenk, sie bekannt durch seine Anbetung, so erwäget, was der Christ denken und glauben muß! Doch laßt uns das folgende vernehmen. „Wie die irdische, so auch die irdischen, und wie die himmlische, so auch die himmlischen“. Wie aber werden die, die nicht als solche geboren worden sind, als solche befunden werden können?. Dadurch, dass sie nicht das bleiben, als was sie geboren sind, sondern dass die das stets bleiben, als was sie wiedergeboren sind! Darum, Brüder, befruchtet der Geist des Himmels den Schoß der jungfräulichen Quelle durch sein geheimnisvolles Licht, damit er alle, die die Abstammung von dem Staube der Erde als irdische geboren hat zu unglücklichem Lose, als himmlische wiedergebäre und sie hinführe zur Ähnlichkeit mit ihrem Schöpfer. Als Wiedergeborene also und als Umgestaltete nach dem Bilde unseres Schöpfers wollen wir erfüllen, was der Apostel uns befiehlt: „Wie wir also das Bild des irdischen trugen, laßt uns auch das Bild des himmlischen tragen!“. Mag es [vorher] eine Notwendigkeit gewesen sein, dass wir als Erdgeborene nicht nach dem Himmlischen streben konnten; dass wir als Söhne der Begierlichkeit die Begierlichkeit selbst nicht zu überwinden imstande waren; dass wir, da wir zur Welt gekommen unter der Macht der Fleischeslust, gezwungen waren, die schändliche Herrschaft der Fleischeslust zu tragen; dass wir, einmal aufgenommen in die Wohnung dieses Welt, gefangen waren durch die Macht des Bösen: jetzt, wo wir, wie wir gesagt haben, nach dem Bilde unseres Herrn wiedergeboren sind, wo uns eine Jungfrau empfangen hat, der Geist lebendig gemacht hat, die Unschuld uns getragen hat, die Unbeflecktheit uns erzeugte, die Reinheit uns ernährte, die Heiligkeit uns belehrte, die Tugend uns erzog, Gott uns zu seinen Söhnen annahm: [jetzt] laßt uns tragen in uns das vollkommene Ebenbild unseres Schöpfers in vollkommener Ähnlichkeit mit ihm! Dies vermögen wir zwar nicht mit der Herrlichkeit, die er allein besitzt, aber wohl in Unschuld, Einfalt, Sanftmut, Geduld, Demut, Barmherzigkeit und Eintracht, durch die er eins mit uns zu werden und zu sein sich würdigte! Es schwinde daher von uns der vergiftende Anreiz der Laster, besiegt sollen in uns werden die todbringenden Lockungen der Sünden; ausgetilgt soll werden die Glut [der Leidenschaften], erstickt soll in uns werden der Urheber der Verbrechen! Von unsern Sinnen soll abgeschüttelt werden alles Blendwerk irdischer Pracht; weggeworfen müssen werden von unserm Geiste die Trugbilder weltlicher Begehrlichkeit!

Nach der Armut Christi sollen wir streben, die im Himmel ewigen Reichtum besitzt. Ganz heilig soll in uns bewahrt bleiben Leib und Seele, damit das Bild unseres Schöpfers nicht in der [ihm eigenen] Größe, aber doch in Wirklichkeit in uns getragen werde und erglänze! Was wir gesagt haben, bestätigt der Apostel, indem er spricht: „Dies aber, Brüder, sage ich, Fleisch und Blut können nicht Gottes Reich erben“. Seht, wie er die Auferstehung des Fleisches verkün digt; denn dort wird zwar das Fleisch nicht den Geist, aber der Geist das Fleisch erben, wie aus dem folgenden klar wird: „Noch wird die Verwesung die Unverweslichkeit erben“. Ihr seht: nicht das Fleisch geht unter, sondern die Verweslichkeit, nicht der Mensch, sondern die Schuld, nicht die Person, sondern die Sünde, damit der Mensch, in Gott und bei Gott lebend, sich freue, endlich die Vernichtung seiner Sünden erworben zu haben. Über die Auferstehung, Brüder, müssen wir [aber noch] eine besondere Rede halten, weil es nicht angeht, nur im Vorübergehen und nur am Ende der Rede selbst zu sprechen über das, was uns hinüberführt in die Zeit der Ewigkeit und zum ewigen Leben.

VI. Vorträge über die Psalmen

Über Ps 6,27

Dass der Wechselgesang, den wir heute mit den Bitten des Propheten gesungen haben, unserer Zeit entspricht, geeignet ist wegen unserer gegenwärtigen Notlage, sieht ein und erkennt mit mir eure Liebe. „Herr“, heißt es, „strafe mich nicht in deinem Grimme und züchtige mich nicht in deinem Zorne“. Schäumt denn etwa Gott vor Zorn? Glüht er denn etwa vor Wut? Das sei ferne, Brüder. Gott unterliegt nicht den Leidenschaften, glüht nicht vor Zorn, ist nicht ergrimmt vor Wut. Aber der Zorn Gottes ist eine Strafe der Sünder; die Wut Gottes ist das Strafgericht für die Sünder. Brüder! Wir, die wir aus Staub gebildet, aus Lehm zusammengesetzt sind, wir werden zertreten von den Lastern, wir unterliegen unter Verbrechen, wir reiben uns auf durch Sorgen, wir verzehren unsere Glieder, wir fallen dem Tode anheim, wir schaudern vor den furchterregenden Grabhöhlen, und so werden wir unfähig für die Tugend, wir werden nur noch für das Laster fähig erfunden. Der Prophet also, eingedenk der menschlichen Schwachheit, überzeugt von unserer fleischlichen Natur, nicht vertrauend seinen Verdiensten, eilt schnell zur helfenden Barmherzigkeit, damit das Gericht Gottes über ihn ergehe aus Liebe, nicht aber nach der Strenge [der Gerechtigkeit]. „Herr, in deinem Grimme strafe mich nicht!“ D. h. richte mich, aber nicht in deinem Zorne; strafe mich, aber nicht im Grimme! Richte mich als Vater, nicht als Richter; strafe mich als Erzeuger, nicht als Herr; richte mich, um mich zu strafen, nicht um mich zu verderben; strafe mich, um mich zu bessern, nicht um mich zu vernichten! Und warum dies alles? „Weil ich schwach bin.“ „Erbarme dich“, heißt es,“meiner, Herr, weil ich schwach bin“. Was ist schwächer als der Mensch, dessen Sinne trügen, dessen Unkenntnis täuscht, den das Gericht bedrängt, den der Luxus aufreibt, den die Zeit im Stich läßt, den das Alter ändert, den die Kindheit entkräftet, den die Jugendzeit hinabstürzt, den das Greisenalter zermalmt? Und wenn gegen diesen Gott zürnt in seinem Grimme und wütet in seinem Zorne, so ist das nicht das Werk der Liebe Gottes, sondern der Strenge des Richters! „Erbarme dich, Herr, meiner, denn ich bin schwach!

Und was soll er denn? „Herr, heile mich!“. Jener kennt seine wunde Lage, kennt den Biß der alten Schlange, den Fall der ersten Eltern; er weiß, dass [der Mensch] zu all diesem Elend gekommen ist durch seine Geburt; er weiß, dass er von Natur aus dem Tode verfallen ist. Und weil menschliche Kunst den Tod nicht fernhalten kann, ist er gezwungen, das Heilmittel Gottes zu erbitten. Damit er aber leichter die Rettung von seiner Krankheit erflehe, eröffnet er die Ursachen seiner Krankheit, schildert ihre Eigenschaften, legt ihre Größe dar, offenbart den gewaltigen Schmerz. „Herr, heile mich!“ Warum? „Weil meine Gebeine beben“. Die Gebeine tragen die ganze Struktur des Leibes. Und wenn die Gebeine erschüttert werden, wo bleibt dann die Festigkeit der Glieder? wo die Stärke der Nerven? wo die erbärmliche Natur des Fleisches? Die Glieder beben, Brüder, ob der Last der Sünden, wegen der Furcht vor dem Tode, ob des Schreckens vor dem Gerichte. Höre, wie der Prophet selbst an einer andern Stelle sagt: „Nichts bleibt unversehrt an meinem Leibe vor deinem Zorne; kein Friede ist in meinen Gliedern ob meiner Sünden“. Und wiederum: „Meine Seele ist erfüllt mit [trügerischen] Vorspiegelungen und nichts ist unversehrt an meinem Leibe“

Mit Recht fügt er also hinzu: „Und meine Seele ist sehr bestürzt“. Hin und her schwankt sie zwischen den Geboten Gottes und den Leidenschaften des Herzens, zwischen Tugend und Laster, zwischen Glück und Unglück, zwischen Tod und Leben. Stets im Kampfesgewühl, ständig im Kriege, immer gewärtig der Wunden, selten aushaltend, dem Sinnenreiz unterliegend, wird die Seele verwirrt und gar sehr verwirrt. Denn das Fleisch, durch die Last der Sünden beschwert, wird noch eher gefangen, als es zur Tugend kommt. Diesen Kampf beschreibt der Apostel: „Das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch…,so dass ihr das nicht tut, was ihr wollt“. Und an einer andern Stelle: „Ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetze meines Geistes widerstreitet und mich gefangen hält in dem Gesetze der Sünde“ Indem also der Prophet diese Schwächen, diese Kämpfe, diese Geistesirrungen anführt, kommt er mit seiner Bitte zum Herrn: „Du aber, Herr, wie lange noch?“. D. h. wie lange säumst du noch? Wie lange noch entziehst du dich mir? Wie lange noch zögerst du, mir zu helfen? Wie lange noch willst du zulassen, dass dein Werk verwüstet, dein Bild zerstört, dein Geschöpf zugrunde gerichtet werde? Wozu ist denn dein Christus so oft angekündigt worden durch dein Gesetz, durch uns, durch deine Propheten so vielfach versprochen worden? Kommen möge er, ja kommen möge er, damit die Welt nicht vorher noch zugrunde gehe, damit er noch etwas in ihr finde, was er retten kann. Kommen möge er, ja kommen möge er, da mit er das Fleisch wiederherstelle, den Geist erneuere, die Natur selbst wieder umwandle in himmlische Art. Kommen möge er, damit er hinwegnehme die Sünde, den Tod vernichte, die Unterwelt zerstöre, das Leben wiedergebe, den Himmel uns schenke, damit nicht länger noch irdische Mühe uns bedrücken möge und uns schließlich ganz verderbe. So wollen wir mit dem Propheten beten, wie es die weiteren Worte uns lehren:

„Wende dich zu uns, Herr!“. Spricht so der Mensch zu Gott, der Angeklagte zum Richter, der Verurteilte zum Verurteiler? „Wende dich zu uns, Herr!“ Der Mensch sündigt und Gott soll sich bekehren? Ja, Brüder, Denn bei dem Propheten heißt es: „Er trägt unsere Sünden und leidet für uns“, und ebenso sagt der hl Johannes: „Seht das Lamm Gottes, welches die Sünden der Welt hinwegnimmt!. Er nahm die Sünde auf sich, nicht um sie zu haben, sondern um sie hinwegzunehmen. „Wende dich Herr!“ Woher? Wo? Von dem Gott zu dem Menschen, von dem Herrn zum Knecht, vom Richter zum Vater, damit diese Umwandlung dich als den liebvollen erweise, den die Macht als den Furchtbaren zeigte. „Wende dich, Herr; rette meine Seele“: von den Tiefen der Unterwelt. „Hilf mir um deiner Barmherzigkeit willen“, nicht wegen meines Verdienstes. Denn mich bedrängt die Mühe, mich verwunden die Seufzer, mich lösen auf die Tränen, mich verwirrt der Zorn, mich bekämpft der Feind. Damit aber dies noch klarer werde, möget ihr hören das Gebet des Propheten: „Hilf mir um deiner Barmherzigkeit willen!“ Warum? „Denn niemand ist, der im Tode deiner gedenkt; im Todesreiche aber, wer wird da dich preisen? Ich mühe mich ab in meinem Seufzen, benetze jede Nacht mein Bett, und bade mein Lager mit meinen Tränen“ So sprach David, obwohl er auf dem hohen Königsthrone saß, obwohl er führte das Szepter der menschlichen Gewalt, obwohl er in sich den Geist der Heiligkeit, die Gnade des Propheten bewahrte, und wir, die ganz dem Zorne des Herrn unterliegen, wissen nicht zu sagen: „Herr, strafe uns nicht in deinem Grimme.“ Die Erde verweigert die Frucht, der Himmel die Sonne, die Luft ihre heilende Kraft; eine Pest ist auf der ganzen Erde:durch die Städte hin, durch die Länder hin verzehrt sie in mannigfaltigen Krankheiten das ganze Geschlecht der Sterblichen. Und dennoch sagen wir nicht: „Herr, strafe uns nicht in deinem Grimme und züchtige uns nicht in deinem Zorne!“

Jener erfüllte nach den Triumphen des Sieges die Nächte mit seinen Seufzern und die Tage mit seinen Tränen, und wir, die wir unter dem Schwert des Feindes erliegen, wir haben keine Zeit für Gott, wir vergießen keine Tränen zu dieser Stunde für Gott! Aber Raub und Betrug, Unrecht, List und Plünderung: all diesem überlasen und übergeben wir uns! Und fast scheint es, als wollten wir so mehr und mehr noch den Zorn Gottes auf uns durch unsere Sünden herabrufen! Kommt, Brüder, kommt mit dem Propheten: „Kommt laßt uns anbeten und niederfallen vor ihm und weinen vor dem Herrn, der uns gemacht hat!“. Laßt uns sprechen: „Herr, strafe uns nicht in deinem Grimme und züchtige uns nicht in deinem Zorne“, damit er eingedenk sei seiner Barmherzigkeit, seinen Zorn uns wandle in Erbarmung, uns wiedergebe, was wir verloren, uns, die wir gefangen waren, befreie, damit er uns verleihe. mit Freuden zu dienen ihm, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Über Ps 99,15

Da bei der Rückkehr des jüngeren Sohnes die ganze Familie Lieder sang und eine himmlische Musik anstimmte, so ziemt es auch uns heute, die Harfe zu nehmen, die Pauken schlagen, Orgelklänge erschallen zu lassen, in die Zither zu greifen und so den Davidischen Gesang zur großen Freude des Vater-Gottes voll erklingen zu lassen. „Jubelt Gott“, heißt es, „alle Lande!“. Welche Erkenntnis zwingt uns denn zu dieser Freude? Was ist es denn, dass nun [nach Beendigung der Vorbereitungszeit der Fasten] nach solch erschütternden und erhabenden Geboten Gottes die Erde aufgerufen und eingeladen wird zum Lobgesang? „Jubelt Gott, alle Lande!“ Doch nichts anders als dies: der furchtbare Gott hat angetreten das Amt des überaus milden Hirten, hat die Rolle eines Hirten angekommen, um die herumschweifenden Völker, die ruhelos einherirrenden Völkermassen, die weit zerstreuten Stämme, die wie Schafe in die Irre gingen, als barmherziger Hirte in einem Stalle zu sammeln, ja um die wilden Nationen, die schmachtenden nach der Beute des Todes, nach fleischlicher Speise, nach blutigem Trank und tierischer Wildheit, hinzuführen zur Ernährung durch Milch und Gras und ihnen so die Zartheit des Schäfleins wieder ganz zurückzugeben! Hirtenart legt er befehlend der ganzen Erde wieder ans Herz, indem er spricht: „Ju belt Gott, alle Lande!“ Wie die furchtbar tönende Trompete den Soldaten in den Kampf führt, so lockt die Schafe auf die Weide der süße Ton der Schalmei. Es ziemte sich also, den Kampfeslärm zu mildern mit Hirtenliebe, damit die milde Gnade die Völker rette, die die Wildheit der Natur so lange verderbt hat. Dass aber gerade damals die Rückkehr des guten Hirten stattfand, als Christus auf die Erde kam, ruft er selbst laut uns heute zu, wenn er spricht: „Ich bin der gute Hirt; der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe“. Und darum sucht der Meister selbst Mitarbeiter, da rum sucht er Helfer in seiner Fürsorge für den ganzen Erdkreis, indem er spricht:

„Jubelt Gott, alle Lande!“ Darum übergibt er dem Petrus an seiner Statt, als er in den Himmel zurückkehren wollte, seine Herde, dass er sie weide: „Petrus“, heißt es, „liebst du mich? Weide meine Schafe?“ Und damit dieser wiederum nicht mit Gewalt die schwachen Erstlinge zwinge, sondern mit Liebe ertrage, wiederholt er: „Petrus, liebst du mich? Weide meine Schafe!“ Er übergibt ihm die Schafe und zugleich die jungen Sprossen der Schafe, weil er, der weit vorausschauende Hirt, in seinem Geiste schon sah die künftige Fruchtbarkeit seiner Herde. „Petrus, liebst du mich? Weide meine Schafe!“ Dieser jungen Schar reichte Paulus, der Amtsbruder des Petrus in liebevoller Ernährung die mit Milch gefüllte Brust, wenn er sagt: „Ich habe euch Milch zu trinken gegeben und nicht feste Speise“. Das weiß auch der selige königliche Sänger, und darum ruft er aus, gleichsam blökend wie ein Schäflein: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln. Auf grünen Auen hat er mich gelagert; an erquickenden Wassern hat er mich erzogen“. Nach langem Kriegsgetümmel, nach traurigem, blutbeflecktem Leben verkündet der folgende Vers dem, der zurückkehrt zu den Weideplätzen des Friedenslandes des Evangeliums, Freude wegen der [überwundenen] Knechtschaft. Der Mensch war ein Sklave der Sünde, lag in den Banden des Todes, in der Gewalt der Dämonen. Er war dem Götzendienste ergeben, ein schlauer Fuchs im Sündenleben, gefesselt von dem Laster. Und solchen ebenso zahlreichen wie schlechten Herren lieh er seine Dienste: ei ne schmachvolle und nichtswürdige Knechtschaft. Denn wann war je ein Mensch nicht traurig unter der Last der Sünde? Wann seufzte er nicht unter den Banden des Todes? Wann war sein Antlitz nicht bleich unter den Schlägen der Dämonen? Wann erfüllte ihn nicht Angst unter der Herrschaft der Götzen? Wann war er nicht argwöhnisch unter dem Fluche der Laster? Wann war er nicht verzweifelt unter der Last der Sünden? Und darum ließ es laut seine starken Schmerzensschreie ertönen, solange er schmachten mußte unter solch grausamen Herren.

Darum ruft der Prophet, der uns befreit sieht von solchen Herren, der uns zurückgerufen sieht zum Dienste des Schöpfers, zur Gnade des himmlischen Vaters, zum freien Dienste eines einzigen und guten Hirten darum ruft er mit Recht aus: „Dienet dem Herrn mit Freuden; tretet hin“, heißt es, „vor sein Angesicht mit Jubel!“. Tretet ein vor sein Angesicht, nicht räumlich, sondern mit euren Herzen tretet hin vor sein Angesicht! „Tretet vor sein Angesicht mit Jubel!“ Denn euch, die die Schuld von ihm wegtrieb, die das schuldbeladene Gewissen von ihm hinwegführte, euch hat die Gnade zurückgeführt, euch hat die [wiedererlangte] Unschuld hingebracht vor sein Angesicht: „Tretet vor sein Angesicht mit Jubel!“ Denn wer vor sein Angesicht hintreten darf mit Jubel, ist ganz frei von jeder Schuld, ganz sicher seines Lohnes. Aber woher nimmt der Prophet hier den Grund zu seiner Mahnung? Worauf beruft er sich bei seinem Rat? „Tretet vor sein Angesicht mit Jubel!“ Denn wer ist vor Gottes Angesicht frei von Schuld? Wer darf sich vor den Augen Gottes verstellen? Wer darf frohlocken vor der furchtbaren Majestät des Himmels? Die Erzengel zittern, die Engel fürchten sich, die Mächte erbeben, es fallen nieder die Ältesten vor dem Angesichte des Himmels, die Elemente lösen sich in wildem Chaos auf, Feldblöcke zer springen, Berge stürzen um, die Erde erzittert, und der Mensch, der Mensch dieser Erde , wie kann er furchtlos hintreten? Wie soll der Mensch da noch jubelnd sich erheben? Wie [so frage ich wieder], wie wagt es der Prophet, uns zu solchem unerläßlichen Tun aufzufordern? Wie? Nun deshalb, weil es weiter heißt: „Bekennet, dass der Herr Gott ist“. Denn der Herr ist jener Gott, der in unserem Fleische so klein war. Denn der Herr ist jener Gott, der in unserer Wiege lag, so süß in ihrem Schoß, so sanft in seinem Auftreten, so bezaubernd in seinem Umgang mit uns! Und dabei heißt es: „Tretet vor sein Angesicht mit Jubel!“ Denn er hat die ganze Furcht vor der Majestät seiner Gottheit und unsere Furcht vor dem Richter mit sorgendem Auge verhüllt, da er erschien in unserer Gestalt, damit der Eintretende nicht zu fürchten brauche den strafenden Richter, sondern sich bewillkommnet sehe von der Umarmung des Vaters. Und wie sollte der nicht jubeln, der den als Erzeuger wiederfindet, den er als Richter fürchten muß?

„Tretet vor sein Angesicht mit Jubel! Bekennet, dass der Herr Gott ist. Er hat uns erschaffen und nicht wir uns selbst!“. Vergeblich ist ja des Vaters und der Mutter Mühe, wenn nicht dem Sprößling zur Seite steht die Arbeit und die Kraft des Schöpfers. „Denn deine Hände haben mich erschaffen und gebildet“, heißt es, und an einer andern Stelle: „Du hast mich gebildet und über mich deine Hand gelegt“. Dass wir geboren werden, dass wir sind, verdanken wir also nicht uns selbst. Denn alles, [was wir sind und haben,] verdanken wir dem, der uns erschuf. „Sein Volk sind wir und die Schafe seiner Weide.“ In den Verheißungen ist es des öfteren zur Genüge dargetan worden, dass der himmlische Hirt gekommen ist, der die irrenden Schafe, die durch des Todes Kraut verwundet waren, wieder zurückrief mit himmlischem Jubelgesang zur Weide des Lebens. „Tretet“, heißt es weiter, „mit Lob in seine Tore ein!“. Ja, das Bekenntnis ist es allein, das uns eintreten läßt durch das Tor des Glaubens. „In seinen Vorhof unter Lobgesängen; preiset ihn, lobet seinen Namen!“. Wir sagten oben: wir, die wir schon im Hause des Vaters weilen [die Vollchristen], wir müßten den geistlichen Symphobiegesang himmlischer Lieder anstimmen, damit beim Eintritt unser Bekenntnis geschehe, unsere Hymnen erschallen in dem Vorhof, damit unser Lobgesang ertöne in dem Innern des Heiligtums, dort wo die Fülle der Gottheit wohnt. „Preiset ihn! Lobet seinen Namen! Preiset ihn, denn er ist der Herr!“ Lobet seinen Namen, durch den wir gerettet worden sind, in dem sich Himmel, Erde und Unterwelt beugen und Gott den Herrn lieben die Geschöpfe. Denn gütig ist der Herr!“. Warum? „Denn seine Gnade währet ewig“. Ja, gütig ist er in der Tat durch seine Barmherzigkeit, durch die allein er das so harte Strafurteil der ganzen Welt hinweggenommen hat. Denn „seht das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt“. „Und in alle Ewigkeit seine Treue“. Denn der Herr übt Erbarmen unter Wahrung seiner Wahrhaftigkeit. Denn so gibt er Verzeihung der Sünden, dass er die Gerechtigkeit bewahrt in seiner Erbarmung und Weisheit. Er sei gelobt in Ewigkeit. Amen.

VII. Vorträge über das apostolische Glaubensbekenntnis

Der hl. Isaias, ebenso Evangelist wie Prophet, klagt, dass er unreine Lippen habe und weint, dass er wohne inmitten des Volkes, das unreine Lippen habe, indem er spricht: „O ich Unseliger, dass ich befleckt bin, dass ich ein Mensch mit unreinen Lippen, wohne inmitten eines Volkes, das unreine Lippen hat, und den König, den Herrn der Heerscharen, mit meinen Augen geschaut habe!“. Eines menschlichen Leidens wegen ist er erschüttert, weil er das, was er von Gott wahrnimmt und sieht, nicht sagen, nicht mitteilen, nicht bekennen kann. So beschränkt ist das Fleisch, dass sein Geist die Lippen gefesselt hält, dass nur eine kleine Zunge der Dolmetscher des Geistes ist. Im Fleische glüht eingeschlossen das Feuer [des Geistes], macht heiß das Blut in den Adern, entflammt das Herz, macht aufwallen das Mark, setzt das ganze Innere des Menschen in Brand, weil der Mensch nicht imstande ist, das, was er mit liebvollem Geiste betrachtet, mit dem Munde auszusprechen, über die Lippen zu bringen, mit den Lippen auszudrücken und so in vollkommener Rede vorzutragen. Das ist der Grund, dass Isaias, als er den König des Himmels, d. i. Christum, sah, als er in lichtvoller Erscheinung sah, dass er der Herr der Heerscharen sei, seine und seines Volkes unreine Lippen beweint, weil ebenso wie das Bekenntnis der Gottheit Christi die Herzen erleuchtet, den Mund reinigt, die Lippen entsühnt, so die Unterlassung der Anerkennung der Majestät Christi sie befleckt. Doch laßt uns vernehmen, was der Seufzer des Propheten ihm genutzt hat. „Da wurde einer von den Seraphim gesandt“, heißt es, „der in seiner Hand hielt eine Kohle, die er mit der Zange von dem Altar genommen hatte. Und er berührte meinen Mund und sprach: ‚Siehe, dies hat deine Lippen berührt und deine Ungerechtigkeit hinweggenommen und deine Sünde vollständig gesühnt'“ Es ist hier nicht angebracht zu sagen, warum nur einer geschickt wird, und wer der war, der geschickt wird, und wie er ist, der die Kohle des himmlischen Feuers so unerschrocken in seiner Hand trägt, ja durch eine Berührung so kühlte, dass sie des Propheten Lippen reinigte, ohne sie zu versengen.

Vielmehr wollen wir mit der ganzen Liebesreue unseres Herzens reuig bekennen, dass wir elend sind in diesem unserem erbärmlichen Fleische; wir wollen mit frommen Seufzern beweinen, dass auch wir unreine Lippen haben, damit jener Seraphim mit der Zange des Gesetzes der Gnade feurig glühend uns bringe das Geheimnis des Glaubens, das er von dem himmlischen Altare nimmt, und in so milder Läuterung unsere Lippen berühre, unsern Unglauben entferne, unsere Sünden tilge und unsern Mund so entzünde zur Glut des vollen Bekenntnisses, dass es sei eine Flamme der Heilung, nicht des Schmerzes. Wir wollen auch bitten, dass zu unsern Herzen gelangen möge jene Glut der Kohle, damit wir von so süßen Geheim nissen nicht nur in unsern Lippen den Geschmack, sondern auch in unsern Sinnen und unserm Geiste die ganze Sättigung empfangen, und damit auch wir, wie Isaias nach der Reinigung seiner Lippen die unaussprechliche Geburt der Jungfrau verkündete, in der er sprach: „Sieh, die Jungfrau wird empfangen in ihrem Schoße und einen Sohn gebären“, verkünden das Geheimnis des Leidens und die Herrlichkeit der Auferstehung. „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater.“ Mit Recht bekennt ihr heute euren Glauben an Gott, da ihr euch freut, dass ihr verlassen habt die Götter und Göttinnen, die verschieden von Geschlecht, zahllos wild durcheinander, wegen ihrer Menge dem Volke angenehm, nichtswürdig in ihrer Art, durch ihren Ruhm berüchtigt, sehr groß in Freveln, ausgezeichnet sind durch Verbrechen und einzigartige Schandtat, die selbst anklagten die Inschriften auf den Gräbern. Denn es muß doch ein Elend, ein Schmerz und ein Unglück sein, wenn ihr jetzt eben so viele und so große zu Knechten habt, wie ihr sie bis dahin als Herren erduldet habt. Aber jetzt freut euch, dass ihr zu dem einen, lebendigen, wahren, einzigen, aber nicht einsamen Gott gekommen seid, indem ihr sprecht: „Ich glaube an Gott den Vater“. Denn der muß den Sohn bekennen, der den Vater nennt; denn wer „Vater“ genannt werden, „Vater“ heißen will, zeigt auch durch seine Güte, dass er einen Sohn hat, den er nicht aus der Zeit empfing, nicht in der Zeit zeugte, nicht für die Zeit annahm.

Die Gottheit kennt keinen Anfang, kein Ende, weiß nichts von dem Später, da sie keinen Untergang kennt. Gott gebiert den Sohn nicht unter Wehen, sondern offenbart ihn durch seine Kraft, und nicht geht der Zeugungsprozeß außer ihm vor sich, sondern in sich zeugt er, weil er in ihm ist. Während er in sich ist, verkündet und offenbart er. Aus dem Vater geht der Sohn hervor, nicht geht er von ihm weg; auch nicht um dem Vater zu folgen, ging er aus dem Vater hervor, sondern um immer im Vater zu bleiben. Höre, was Johannes sagt: „Dieser [der Logos] war im Anfange“, und an einer andern Stelle: „Was von Anfang an war“. Was immer da war, kam nicht hinzu; was [immer] da war, von dem ist es klar, dass es keinen Anfang gehabt hat: „Ich bin“, heißt es, „der erste und der letzte“. Der erste ist nicht nach einem andern; der letzte hat niemand mehr hinter sich. Aber wenn er so spricht, schließt er den Vater nicht aus, sondern in sich und in dem Vater das Ganze ein. Doch laßt uns zum Folgenden übergehen. „Und an Christum Jesum, seinen einzigen Sohn, unsern Herrn.“ Wie die Könige genannt werden nach ihren Titeln, ihren Triumphen, und ihre zahllosen Beinamen erwerben von den Namen der unterworfenen Völker, so nennt sich Christus nach dem Titel seiner Würde. Von dem Chrisma heißt er nämlich Christus, da er das Öl der Gottheit als ein gütiger Mittler eingoß in die Glieder der Sterblichen, die schon vertrocknet waren. Und wie von dem Chrisma Christus abgeleitet ist, so wird er Jesus genannt von [seinem Amte als] Heiland, da er uns deshalb das Salböl der Gottheit eingoß, damit durch ihn den Kranken sichere Gesundheit, den Verlorenen die Heilung verliehen werde. „Und an Christum Jesum, seinen eingeborenen Sohn“, weil, wenn [Gott Vater] auch viele Söhne hat durch Gnade, doch dieser von Natur aus nur der eine und einzige ist. „Unsern Herrn“, der uns, die er aus der Knechtschaft so vieler und so grausamer und so schändlicher Herren befreite, suchte, nicht um uns wieder zu Knechten zu machen, sondern um uns freizulassen zur ewigen Freiheit. „Der geboren ist aus dem Heiligen Geiste.“

So, gerade auf diese Weise wird Christus für dich, Mensch, geboren, indem er die Ordnung der Natur ändert, damit dir ein neuer Aufgang im Leben gegeben werde, wo dir sonst der alte Untergang im Tode immer geblieben wäre. „Der geboren ist aus dem Heiligen Geiste von der Jungfrau Maria.“ Wo der [Hl.] Geist erzeugt, wo die Jungfrau gebiert, geschieht alles nach göttlicher Weise, nichts nach Menschenart. Das ist keim Raum für Schwäche, wo sich Kraft mit Tugend vereint. Im Schlummer schlief Adam, damit von dem Manne die Jungfrau genommen würde. Nun staunt die Jungfrau, dass der Mann aus der Jungfrau wiederhergestellt werden sollte. Was kann bei einer so ganz einzigartigen Geburt die Natur für sich in Anspruch nehmen, wo sie sieht, dass ihre Ordnung umgeworfen, ihre Rechte verändert werden, wo sie merkt und staunt, dass der Schöpfer selbst ihr Kind geworden ist! Dem Ungläubigen mag dies wertlos erscheinen, dem Gläubigen ist es ein großes Geheimnis. „Der unter Pontius Pilatus gekreuzigt und begraben wurde.“ Du hörst des Richters Namen, damit du auch die Zeit des Leidens erfährst. Du hörst von seinem Kreuzestod, damit du erkennst, dass uns das verloren gegangene Heil durch das, wodurch es verloren ging, wiederhergestellt wurde und damit du das Le ben der Gläubigen hangen siehst, wo der Tod der Ungläubigen gehangen hat. Du hörst von seinem Begräbnis, damit nicht der Tod für scheintot gehalten werde. Ein Werk göttlicher Kraft ist es, wenn der Tod durch den Tod getötet wird, wenn den Urheber des Lebens sein eigenes Schlachtmesser durchbohrt, wenn der Räuber gefangen wird durch seine eigenen Leute, die Unterwelt zerstört wird durch das Leben, das sie verschlang.

„Der am dritten Tage wieder auferstanden ist von den Toten.“ Die drei Tage, die er im Grabe liegt, widmet Christus den drei Wohnungen zur Rettung: der Unterwelt, der Erde, dem Himmel: um zu erneuern, was im Himmel, um wiederherzustellen, was auf der Erde, um zu erlösen, was in der Unterwelt ist, zugleich um in dem Geheimnis der drei Tage den Menschen die gnadenreiche Lehre von der Dreifaltigkeit mitzuteilen. „Der aufgefahren ist in die Himmel.“ Er fuhr auf zum Himmel, nicht um sich in den Himmel wieder zurückzuversetzen, da er ja immer im Himmel geblieben war, sondern um dich hinzubringen, den er von den Fesseln der Unterwelt befreit und erlöste. Erkenne, Mensch, woher [du] erlöst, wohin du durch Gott erhoben bist, damit du ebenso feststehest in himmlischen Dingen, wie du [vorher] immer schwach hin und her wanktest auf der Erde. „Der sitzt zur Rechten des Vaters.“ Aber der Vater hat doch nichts zu seiner Linken! Unser Bekenntnis bezeichnet nicht das räumliche Sitzen, sondern die Macht: Gott kennt keinen Ort, die Gottheit hat nichts zur Linken. „Von dannen er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten.“ Dass er die Lebendigen richtet, mag angehen. Aber wie wird er die Toten richten können? [Darauf ist zu sagen, dass] diese [Toten] leben, wenn wir sie auch als tot ansehen. Darum ja bekennt ihr, dass die auferstehen werden zum Gerichte, die der Unglaube vernichtet glaubt, damit die Toten wie die Lebendigen in gleicher Weise Rechenschaft ablegen über ihre Taten und ihr Leben. „Ich glaube an den Heiligen Geist.“ Wenn du das Geheimnis der Menschwerdung bekannt hast, mußt du auch die Gottheit des Geistes bekennen, damit volle Einheit der Dreifaltigkeit, die gleich ist in allem und durch alles im Vater, in dem Sohne und dem Hl. Geiste, in unserm Bekenntnis bewahrt und festgehalten werde durch die ungetrübte Wahrheit unseres Glaubens. „Die heilige katholische Kirche.“ Weder können von dem Haupte die Glieder, noch von dem Bräutigam die Braut getrennt werden. Vielmehr wird durch eine solche Verbindung [Gott und die Kirche] ein Geist, ja Gott alles und in allem.

Der also glaubt an Gott, der in [dem Glauben an] Gott die heilige Kirche bekennt. „Nachlaß der Sünden.“ Sich selbst gibt Verzeihung der Sünden, der bekennt, dass ihm die Sünden nachgelassen werden können durch Christus. „Auferstehung des Fleisches.“ Du tust wohl daran, wenn du glaubst, dass du durch Gott wieder von den Toten auferstehen kannst, da ja für ihn sich immer die Elemente erheben: die Zeit aus der Zeit, der Tag aus der Nacht, der Samen aus dem Grabe. Und so wirst du auch nicht untergehen können, da ja auch die übrigen Geschöpfe wieder aufleben. Und nicht schwer kann es für Gott sein, aus dir, einem Greise, das zu machen, was du immer machst aus dem Samen. Nämlich: Leben. „Und ein ewiges Leben.“ Dieser Glaube, dieses Geheimnis ist nicht dem Papier anzuvertrauen, nicht mit Buchstaben zu schreiben, weil Papier und Buchstabe mehr Schuldverschreibung als Gnade verkünden. Wo aber die Gnade Gottes ist, Gottes Geschenk gegeben ist, genügt zum Vertrag der Glaube, die Tiefe des Herzens für das Geheimnis. Der göttliche Richter soll kennen dies Symbol des Heils, diesen Vertrag des Lebens; ein falscher Zeuge soll es nicht wissen. Bezeichnet euch mit dem Zeichen des Kreuzes. Der Herr selbst, unser Gott, behüte euren Sinn, euer Herz und möge euch in dem, was er von euch verlangt, zur Seite stehen als gütiger Helfer.

Wenn das kananäische Weib durch einen schnellen Ausruf, wegen ihres schnellen Glaubens unter dem Beistande Christi sowohl erhielt, was sie begehrte, auch auch erzwang, was ihr vorenthalten wurde; wenn der ägyptische Eunuch, gleichsam im Vorübergehen, auf der Reise, das Geheimnis des Lebensbades fand, es im Vorübergehen an sich riß; wenn der Hauptmann Cornelius, ehe er noch in den Taufbrunnen hineinstieg, zu Christus kam; wenn der Schächer im Augenblick des Todes noch das Paradies erlangte wer könnte dann euch das Leben verweigern, nach dem ihr in diesem Augenblick verlangt? In gläubigem Gemüte also empfangt das Glaubensbekenntnis und bemühet euch, im Laufe der Zeit auch zum Verständnis der Glaubensgeheimnisse zu kommen Als Moses das Gesetz verkünden wollte, rief er Erde und Himmel an. Was soll der Priester anrufen, wenn er die Gnade vermitteln will? Jener sagte: „Richte deinen Blick zum Himmel und ich will reden, und hören soll die Erde die Worte aus meinem Munde“. Ich will sagen: „Merke auf, Gott! ich will reden. Und hören soll der Mensch die Worte aus meinem Munde.“ Jener sagte: „Wie Regen soll meine Rede erwartet werden und wie Tau hernieder steigen meine Worte“. Ich will sagen: „Es möge dein Geist kommen wie Tau und reichlich fließen deine Gnade wie ein Strom, und die Flut himmlischer Rede möge uns fließen zum ewigen Leben“. Jener sprach: „Weil ich den Namen des Herrn angerufen habe, verherrlicht unsern Gott!“. Ich will sprechen: „Ich habe angerufen die Treue Gottes, darum glaubet eurem Gotte!“ Und weil das Schifflein unseres Leibes durch das vierzigtägige Fasten vorbereitet ist, so müssen wir jetzt die Glaubensformel, die Zusammenfassung unseres himmlischen Wandels verkünden, damit wir uns in fester Hoffnung, durch das Meer dieser ganzen Welt, auf den unsicheren Fluten der irdischen Welt Schätze er werben, die für die Ewigkeit bleiben. Nehmet also hin das Glaubensbekenntnis und harret der Erfüllung; denn wem nicht der Glaube vorangeht im Samen, dem wird auch die Erfüllung nicht folgen in der Frucht.

Bezeichnet euch mit dem Zeichen des Kreuzes! Das gesprochene Wort schafft das Hören, das Ohr empfängt den Glauben, der Glaube gebiert die Überzeugung, die Überzeugung nährt das Bekenntnis, das Bekenntnis verleiht ewiges Heil. Das ist es, worin sich mein Wort mit dem eurigen begegnet, wo sich Glaube und Glaubensbereitschaft so eng um fassen, wo sich das Heil grüßt mit dem Worte des Bekenntnisses. „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater.“ Das Wort bekennt und offenbart das ganze Geheimnis der Dreifaltigkeit. Es nennt nur [einen] Gott, keine Götter, weil der christliche Glaube glaubt an den einen Gott in der Dreiheit; er kennt den Vater, er kennt den Sohn, er kennt den Hl. Geist, aber keine Götter. Die Gottheit ist dreifach in den Personen, aber eine Gottheit in der Dreiheit. Der Unterschied in der Dreifaltigkeit liegt in den Personen, das Wesen ist nicht geteilt. Ein Gott, aber in der Dreiheit; nur ein Gott, aber nicht ein einsamer Gott. Die Gottheit wird nicht durch die Dreiheit geteilt, nicht durch die Einheit gemischt. Das meint das Glaubensbekenntnis, wenn es sagt: „Ich glaube an Gott“. Gleich fügt es hinzu: „den Vater“. Wer glaubt an den Vater, bekennt den Sohn, wer an den Vater und den Sohn glaubt, soll nicht suchen nach Altersstufen, nicht nachforschen nach Gradunterschieden, nicht argwöhnisch denken an eine zeitlose Abfolge, nicht eine [zeitliche] Zeugung verlangen, nicht fragen nach einer [zeitlichen] Geburt; wer an Gott glaubt, hat Göttliches bekannt, nichts Menschliches. Aber der Irrlehrer wird vielleicht sagen: „Wie kann ein Vater sein, wenn er nicht früher ist? Wie kann ein Sohn sein, wenn er nicht später ist? Wie ist es möglich, dass der Erzeuger [dem Erzeugten] nicht einen [zeitlichen] Anfang gibt? Dass der Erzeugte von seinem Erzeuger keinen An fang erhält? So lehrt es [doch] die Vernunft, so ist es doch der Gang der Natur!“

Du irrst, Irrlehrer! Das ist [gewiß] das Urteil der menschlichen Vernunft, die göttliche Vernunft kennt das nicht! So ist es bei der irdischen Natur, die Natur der Gottheit leidet das nicht. Die menschliche Schwachheit wird empfangen und empfängt, wird geboren und gebiert, wird gezeugt und zeugt, nimmt einen Anfang und gibt ein Ende, er leidet den Tod und macht ihn allgemein, und bewahrt so in dem Nachkommen, was Folge seiner Bestimmung und Natur ist. Gott aber zeugt nicht in der Zeit, weil er keine Zeit kennt, er gab keinen Anfang, weil er keinen Anfang kennt; er verhängt kein Ende, weil er kein Ende hat. Vielmehr zeugte er so aus sich den Sohn, dass alles, was in ihm war, auch sei und bleibe in dem Sohne. Die Ehre des Erzeugten ist zugleich die Ehre des Erzeugers, die Vollkommenheit des Erzeugten der Abglanz des Erzeugers, eine Verminderung des Erzeugten würde in sich schließen eine Verunrehrung des Erzeugers. Wenn du das hörst, Irrlehrer, sollst du nicht sagen: „Wie ist das möglich?“ Du hast „Gott“ bekannt, du hast den „Vater“ bekannt, deinen Glauben an den Allmächtigen bekundet. Wenn du [nun noch] zweifelst, hast du gelogen; wenn du sprichst: „Ich glaube“, wie willst du nun nicht glauben? Wenn du nun noch diskutierst, wenn du nun dies noch für unmöglich hältst, hast du die Allmacht, die du eben noch bekannt hast, wieder geleugnet. Wir aber, die wir den Vater und den Sohn und den Hl. Geist in einer Majestät und Herrlichkeit bekannt haben, wollen nunmehr bekennen den Glauben an die Menschlichkeit des Herrn.

„Und an Jesum Christum, seinen einzigen Sohn, unsern Herrn.“ Nachdem der Sohn Gottes wie der Tau auf das Vlies mit dem vollen Öl der Gottheit sich ergossen hat in unser Fleisch, ist er von dem Öl genannt worden Christus. Und nur ein Träger dieses Namens existiert, welcher so übergossen und durchdrungen ist von dem göttlichen Wesen, dass er als Mensch und Gott nur ein Gott war. Diesen Namen des Öles goß er dann auch aus über uns, die wir nach Christus „Christen“ heißen. Und so ist erfüllt worden, was gesungen wird in dem Hohen Liede: „Ausgegossenes Öl ist dein Name“. „Und an Christum Jesum, seinen Sohn.“ Jenes [Christus] deutet das Geheimnis an, dieses [Jesus] weist hin auf den Triumph. Denn wie er als von Gott gesalbt sich einen Namen erwarb von dem Öle, so nahm er von dem Erlösungswerk den Namen „Heiland“, indem er der Welt das verlorene Heil wiedergab. Oft haben wir schon gesagt, dass Erlöser soviel in lateinischer Sprache heißt, was Jesus in der hebräischen. „Und an Christum Jesum, seinen Sohn.“ Wessen Sohn? Natürlich: Gottes, des Vaters. Wenn du also sagst: „An Jesum, seinen Sohn“, bekennst du, dass Jesus, der von Maria geboren ist, Gottes Sohn sei. Hüte dich also, in Christo [nur] einen Menschen zu bekennen, sondern bekenne immer, dass er Gott sei, wie der Apostel sagt: „Und wenn wir Christus dem Fleische nach gekannt haben, kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr“ „Unsern einzigen Herrn.“ Das Wort bezieht sich auf beides, insofern er sowohl der einzige Sohn des Vaters ist als auch unser einziger Herr. Auch andere sind Söhne, auch andere sind Herren, aber sie haben beides nur durch die Gnade empfangen. Nur Christus allein hat und besitzt die Sohnschaft und die Herrschaft von Natur aus. „Der geboren ist vom Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau.“

Wenn nach dem Evangelisten das, was aus ihr geboren ist, vom Hl. Geiste ist, weil Gott ein Geist ist, so soll der Irrlehrer auch bekennen, dass Gott geboren ist aus jungfräulichem Fleische, und nicht mehr soll er fürderhin das himmlische Geheimnis, die Jungfrauengeburt, nach irdischen Begriffen zur Versöhnung der irdischen Schwachheit herabwürdigen! „Der gekreuzigt worden ist unter Pontius Pilatus und begraben.“ Du hörst den Namen des Richters, damit du die Zeit des Leidens er kennst; du hörst von seiner Kreuzigung, damit du aus der Schimpflichkeit seines Todes erkennst die Größe seiner Liebe, damit du wissest, dass der Tod, der durch den Baum gekommen ist, getötet worden sei wieder durch das Holz [des Kreuzes], und damit du glaubest, dass dir noch Größeres wieder zurückgegeben worden sei durch den Baum des Kreuzes, als du verloren zu haben klagst durch den Baum des Paradiese. Du sagst: „Begraben“, damit du durch das Bekenntnis von seinem Begräbnis seine wahre menschliche Natur, seinen wahren, nicht seinen Scheintod bekundest, dass er den Tod auf sich genommen und überwunden habe, eingegangen sei in das Reich der Unterwelt und wieder von dort zurückgekehrt sei, dass er verfallen sei dem Machtbereich der Unterwelt, aber die Macht der Unterwelt vernichtet habe, alles ein Zeichen der Macht, nicht der Schwäche. Du bekennst dann: „Am dritten Tage wieder auferstanden“, damit du erkennst, dass die Auferstehung Christi ein Sieg der ganzen Dreifaltigkeit gewesen sei. Du sagst: „Aufgefahren in den Himmel“, damit du an den Herrn des Himmels glaubst, damit du bekennst, dass er dorthin zurückgegangen sei, von wo er gekommen war; denn nach Überwindung des Teufels, nach Bezwingung des Todes, nach Erlösung der Welt triumphiert Christus über den Himmeln, er, der als besiegt galt auf der Erde.

Du rufst aus: „Sitzet zur Rechten des Vaters“, damit, weil Vater und Sohn nur ein Gott sind, weil beiden gleiche Macht gebührt, auch auf dem göttlichen Thron keine Erniedrigung bestehe durch das Sitzen zur Linken. „Von dannen er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten.“ Denn bei der Ankunft Christi werden die Toten sich erheben, die Lebendigen sich einfinden, damit sie in gleicher Weise Rechenschaft ablegen über ihre Taten. Weil wir bisher das Geheimnis der Menschheit des Herrn bekannt haben, wollen wir nunmehr übergehen zum Bekenntnis der Gottheit des Geistes. Wir glauben an den Heiligen Geist“. Ihn bezeichnet uns Gottes Wort als Gott, wenn es heißt: „Denn Gott ist Geist“ Wir glauben an den Hl. Geist, den der Prophet als Mithelfer des Vaters und des Sohnes besingt: „Durch das Wort des Herrn sind die Himmel befestigt und durch den Geist seines Mundes all ihre Kraft“. Ganz Gott ist, die ganze göttliche Kraft besitzt der, der sich bezeugt als den Schöpfer der Kräfte des Himmels. Wir glauben an die heilige Kirche“. Denn so hat sie Christus in sich aufgenommen, dass er sie teilnehmen ließ an seiner Gottheit. Wir glauben „an die Nachlassung der Sünden“. Denn wer durch Christus und die Kirche zu einem neuen Menschen wiedergeboren ist, hat nichts von den alten Sünden mehr an sich.

„Wir glauben an die Auferstehung des Fleisches“, damit wir auch glauben, dass der Grund für das Leiden, den Tod und die Auferstehung Christi der gewesen sei, dass auch wir auferstehen werden von den Toten, Das Fleisch wird auferstehen, und so wird es auferstehen, wie wir sind, damit die [Identität der] Person wieder erkannt wird, damit auch der Märtyrer seine Freude habe über die Bestrafung des Verfolgers, damit auch der Verfolger seine Bestrafung erhalte aus der Verherrlichung des Märtyrers. „Wir glauben an ein ewiges Leben“, dass es nämlich nach der Auferstehung weder ein Ende gebe für die Guten noch für die Bösen. Bezeichnet euch [mit dem Zeichen des Kreuzes]! „Den Glauben, den wir glauben und lehren, wollen wir nicht mit Tinte auf Papier, sondern im Geiste in unsere Herzen einzeichnen. Wir wollen es unserem Gedächtnis einprägen, nicht einem Buche, damit dieses Gottesgeschenk nicht geschändet werde durch Menschenwerk, damit nicht ein irdischer Kritiker sich heranwage an das Geheimnis des Himmels, damit nicht den Ungläubigen zum Verderben sei, was den Gläubigen zum Leben ist. Die Sonne bringt triefenden Augen kein Licht, sondern nur Finsternis. Der Wein stellt die Kräfte der Fiebernden nicht wieder her, sondern schwächt diese noch mehr und ist ohne Arzt ein tödliches Gift für das Leben. So ist auch für die Ungläubigen das Geheimnis des Glaubens ohne den Glauben [des Herzens] verderbenbringend, wie der Apostel sagt: „Vom Hören kommt der Glaube, der Glaube aber vom Worte“. Und so möge die Lehre des Lebens, der Glaubensvertrag das Gesetz des Heils nicht eingegeben werden denen, die dem Tode verfallen werden, sondern eingeprägt werden dem lebendigen Geiste.

Wenn der Erzieher sich nicht liebevoll ganz zu dem Kinde herabläßt, wird er nie das Kind zum vollkommenen Manne emporführen: er muß seine Stimme mäßigen, seine Worte wohl erwägen, in Gebärden reden, seine [eigenen] Sinne ablegen, seine Empfindung unterdrücken, seine Kräfte verleugnen, seine Glieder [gleichsam] lösen, den eilenden Schritt hemmen, nicht zu gehen, sondern zu kriechen versuchen; er muß Lachen vortäuschen und Furcht und Weinen; denn Liebe ist bei ihm die „Lüge“, unsinnig sein ist bei ihm Klugheit, Schwäche für ihn Kraft. Dies, glaube ich, hat der hl. Paulus getan, wenn er sagt: „Ich war klein in eurer Mitte, gleich wie eine Amme ihre Kinder nährt“. Und mag jemand vielleicht erstaunen, wenn er einen Erzieher so handeln sieht: er wird nicht lachen, wenn er selbst Erzieher ist; er wird sich nicht wundern, wenn er selbst Vater ist. Der kann das [alles] nicht Torheit nennen, der weiß, was lieben heißt. Und darum bitte ich euch, die ihr Väter, stark und klug seid, dass ihr euch geduldet, wenn ich den Kleinen den schuldigen Erziehungsdienst erweise, wie der Herr ihn mir auftrug, und mehr geeignete Schmeichelworte als kluge Re den hervorbringen werde, wenn ich meine Worte nicht schwer verständlich, sondern leicht fließend machen und so für diese zarten Gaumen diese Worte ausgießen werde nach Art der Milch, wie der Apostel sagt: „Milch habe ich euch gegeben, nicht Speise“, wenn ich meine Worte ändern und andere Gemütserregungen bevorzugen werde, und wozu soll ich noch viele Worte machen wenn ich mich in meinem Geiste, meinem Herzen und meinem Leibe ganz beschäftigen werde mit dem schwachen Geiste der Kleinen.

Doch nun mahne ich euch, liebe Sprößlinge der Kirche, mit den Worten des Propheten: „Kommet, ihr Söhne, höret mich“. Ja durch mich und meine Worte vernehmet die Mahnungen des wahrhaften Schöpfers; denn durch meinen Mund ruft euch Gott: „Kommet, meine Söhne!“ Wohin denn kommt und wozu? Es heißt: „Die Furcht des Herrn will ich euch lehren“. Aber wer wird denn zur Furcht kommen? Jener, der das Leben will, der gute Tage sehen will, der Gutes tun und dem Bösen entrinnen will, der nach dem Kampfe zwischen Geist und Fleisch die Ruhe des göttlichen Friedens erlangen will. „Kommet“, heißt es, „meine Söhne! Ich will euch lehren die Furcht des Herrn! Wer ist der Mensch, der Leben begehrt und gute Tage zu schauen verlangt? Bewahre deine Zunge vor dem Bösen und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden“. Wie die Vergehen das Gewissen beschuldigen, so befleckt der Trug die Lippen, so besudeln die Lästerungen die Zunge, und so kann einer mit unreinen Lippen und befleckter Zunge Gottes Lob nicht verkünden. Und weil „man mit dem Herzen glaubt zur Rechtfertigung, mit dem Munde aber das Bekenntnis zum Heile geschieht“, so heiligt eure Herzen und reinigt eure Lippen, rechtfertigt eure Zunge, damit das Wort, der Träger eures Glaubens, hervorkomme aus reinem Herzen mit dem vollen Erweis der Heiligkeit! Bezeichnet euch [mit dem Zeichen des hl. Kreuzes]! Die Vereinbarung oder der Vertrag, der die Erwartung eines kommenden oder zukünftigen Gewissens enthält, wird auch nach menschlichem Überein kommen, wie wir belehrt sind, Symbolum genannt. Ein solches Symbolum aber bestätigt zwischen den beiden [Vertragschließenden] stets die doppelte Ausfertigung, und menschliche Bürgschaft macht es sicher durch die [gegenseitige] Verpflichtung, damit keine trügerische Treulosigkeit sich einschleiche, die ja immer einem Vertrage Feind ist. Dies geschieht unter den Menschen, deren Verhältnisse der Betrug immer trübt, gleichgültig, von wem er verübt oder wem er zugefügt wird. Zwischen Gott und den Menschen aber wird der Glaubensvertrag gegründet allein auf Glauben; nicht dem Buchstaben, sondern dem Herzen wird er anvertraut, dem Inneren anheim gegeben, nicht dem Papier, weil Gottes Gabe nicht menschliche Bürgschaft benötigt. Gott kann nicht trügen und nicht betrogen werden; denn er kennt keine Schranke der Zeit, er wird nicht durch die Zeit überwältigt, nicht durch Heuchelei getäuscht; er sieht ja das Verborgene, er behält das, was gestohlen ist, er besitzt, was ihm verweigert ist.

Gott bleibt immer bewahrt seine „Rechnung“, denn was er übergab, kann nicht vergehen; und so trifft der Verlust den Menschen, nicht aber Gott; es geht verloren für den, der [seine Annahme] verweigert, nicht für den, der es anbietet. Aber du wirst einwenden: „Wenn er nicht getäuscht werden kann, warum fordert er dann einen Vertrag? Warum fordert er ein symbolum?“ Deinetwegen, nicht seinetwegen fordert er es; nicht weil jener Zweifel hegt, sondern damit du glaubst. Er fordert ein symbolum, weil er, der zu deiner Auserwählung kam, sich zu einem Vertragsverhältnis mit dir zu erniedrigen nicht verschmäht; er fordert ein symbolum, weil er, der alles verleiht, verpflichtet sein will; er fordert ein symbolum, weil er dich nicht so sehr zur Erfüllung beruft, sondern zum Glauben und durch die vorliegende Verschreibung dich zieht und einladet zu zukünftigem Gewinn. Dies meint der Apostel, wenn er sagt: „Aus Glauben an den Glauben“, und an einer andern Stelle: „Der Gerechte lebt aus dem Glauben“. Niemand sei also uneingedenk des Symbolums, niemand vergesse den Vertrag, den er mit Gott eingegangen ist. Niemand fordere, wenn er eben erst den Glauben empfangen hat, sofort die Erfüllung; wenn er erst zur Hoffnung gekommen ist, soll er sich nicht beklagen, dass er das Erhoffte noch nicht besitze. Höre, was der Apostel sagt: „Durch die Hoffnung sind wir erlöst worden, die Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung. Denn was jemand sieht, wie hofft er es noch?“. Wenn wir aber hoffen, was wir nicht sehen, so wollen wir in Geduld seiner harren. Die Hoffnung strebt nach dem Zukünftigen. Der Glaube erstreckt sich auf das Verheißene. Wenn die Erfüllung gekommen ist, werden auch die Verheißungen eintreffen.

Dann hört die Hoffnung auf, dann hört auf der Glaube. Lieb ist uns ein Brief, aber nur so lange, bis der kommt, der ihn abgeschickt hat. Notwendig ist ein Schuldschein, aber nur bis zur Einlösung der Schuld. Die Blüten erfreuen uns, bis die Frucht zum Apfel heranreift. Aber die Gegenwart [des Absenders] vernichtet den Brief, die Zahlung löst den Schuldschein ein, die Apfelfrucht verzehrt die Blüten. Und deshalb sollst du im Glauben erkennen, dass du bestimmt bist zum Sohne des himmlischen Vaters, zum Erben Gottes und Miterben Christi, zum Teilhaber des Reiches der Himmel, zum Bekenner des göttlichen Richters, zum Bewohner des Himmels, zum Besitzer des Paradieses. Jetzt sollst du dich in der Hoffnung wissen, nicht aber schon zur Erfüllung erhoben. Und darum nehmt hin den Glauben, bewahrt die Hoffnung, sprecht das Bekenntnis, damit ihr gelangen könnt zur Erfüllung und zu jenen Gütern, von denen wir vorher gesprochen haben! Bezeichnet euch [mit dem Zeichen des Kreuzes]! Heute, Mensch, ist deine Seele Gott vorgestellt worden. „Ich glaube an Gott.“ Sie, [die Seele], die lange vorher schon Gott nannte, ihn aber nicht kannte, Gott anrief, aber nicht verstand, ihn nicht kannte, weil sie ihn durch Steine und Holz [zu verehren] suchte, sie soll nun also sprechen: „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater“. Sie sah, so lange sie Steine sah, nicht, wem sie glaubte; aber es ist in Wahrheit Gott, der dich sehen läßt durch Nichtsehen den, welchen die Götter der Heiden nicht durch Sehen sehen ließen. Höre, was der Herr sagt: „Ich bin gekommen zum Gerichte in diese Welt, damit die, die nicht sehen, sehen, und die sehen, blind werden“. „Ich glaube an Gott den Vater.“

In Gott ist die Liebe, Gott wohnt inne immer die Güte; immer auch ist in ihm die Vaterschaft. Du glaube also auch, dass er immer einen Sohn besaß, damit du ihn nicht lästerst, als sei er nicht immer Vater gewesen. Aber du sagst: „Wenn er zeugte, wie besaß er ihn denn immer? Wie hat er ihn gezeugt?“ Wenn du so fragst, verleugnest du den Glauben, den du bekennst. „Ich glaube“ hast du gesagt. Wenn du [aber] glaubst, wie [kannst du dann sagen]: „Woher kommt er?“ Wie [kommt er]? [Das Fragen nach dem] Wie? ist die Rede eines Zweifelnden, nicht eines Glaubenden. „Ich glaube“, hast du gesagt, „an Gott den allmächtigen Vater.“ Wie kann er auch allmächtig sein, wenn es auch nur etwas gibt, was er nicht kann? Und du glaubst doch, dass er von einem gezeugt sei, von dem du bekennst, dass er das ganze Universum aus nichts gemacht hat! Und nun glaubst du noch, er sei zu einer Zeit von ihm gezeugt worden? Wenn der Vater keine Zeit kennt, kennt auch der Sohn keinen Anfang. Wie erbärmlich bist du doch, dass du den der Zeit untertan machen willst, der dich unsterblich macht? Nicht al so nach zeitlicher Empfängnis, nicht durch eine Erregung des Schoßes zeugt der Vater den Sohn, sondern dadurch, dass er ihn uns offenbart. „Und an Christum Jesum, seinen einzigen Sohn, unsern Herrn.“

Merke auf, Mensch, mit welcher Verehrungswürdigkeit dir der Glaube eingeflößt und übergeben wird“ Höre von dem Vater, damit du einsehest, er kennest, glaubest an den Sohn, aber nicht darüber Erörterungen anstellst; damit du bekennest, dass er ist , nicht aber wie ein verwegener Frager nachforschst, woher und wann und wie er sei! Daher kommt es auch, dass dich das himmlische Wort [das Symbolum], um dir den Vater zu verkündigen, bald auch mit deinem ganzen Sinne führt zu Christus, zu Jesus, zu dem Sohne, zu unserem einzigen Herrn. Du sollst so erkennen, dass du etwas Menschliches an ihm siehst, es nicht erreichen, nicht ermessen, nicht fassen kannst, und auch nicht an das, was göttlich an ihm ist, dich heranzumachen wagest! „Der geboren ist vom Heiligen Geiste aus Maria der Jungfrau.“ Wohlan, Mensch! Wenn du wirklich als Mensch: schreite voran in deinem Herzen, erhebe dich in deinem Geiste! Dehne aus deine Denkkraft, richte empor deines Geistes Haupt, wecke auf die Kräfte deines Wissens; was in dir ist an Verstand, das wecke auf, prüfe, erörtere und erforsche und verkünde staunend, was das ist, was der Geist erzeugt: eine Jungfrau empfängt, eine Jungfrau gebiert, und Jungfrau bleibt sie auch nach der Geburt. Das Wort wird Fleisch, Gott wird Mensch, der Mensch wird verwandelt in Gott; die Wiege empfängt den, den der Himmel nicht fassen kann; auf den Schultern wird getragen, der den ganzen Erdkreis trägt; der alles gemacht hat, alles einrichtete und alles leitet, wollte von dir geboren, von dir geleitet, von dir belehrt werden, um ins Leben zu treten durch deine Geburt, dessen Knechtschaft er vorher verschmäht hatte.

Und wenn du solches aus dem tiefen dunkeln Geheimnis der Gottheit holen und nehmen kannst, dann steige tiefer hinein, dann steige höher hinauf, schaue freier hin und dann lege als ein neugieriger Forscher, als ein ei gensinniger Erfinder, als ein Verräter Gottes dar die Zeiten des Vaters, die Anfänge des Sohnes! Dann sei größer als Isaias, der gesagt hat: „Wie ein Schaf ist er zur Schlachtbank geführt worden, und wie ein Lamm verstummt er vor dem, der es schert, so tut er seinen Mund nicht auf. In Nichtigkeit wurde sein Urteil gefällt. Wer wird sein Geschlecht erklären?“. Wessen? Dessen Geschlecht, „der wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wurde“. Wenn die menschliche Zeugung Christi ebenso Tatsache ist wie seine göttliche, und wenn nicht erklärt werden kann, wie er geboren ist: welche Woge, welche Welle hat dich, Mensch, dann zu einem solchen Schiffbruch gebracht? Welcher Geist hat dich getrieben, durch luftige Gebilde zu fliegen zu deinem Untergang? Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ist nur ein Gott, nur eine Macht, nur eine Ewigkeit, nur eine Herrlichkeit. Worin [uns] aber der Sohn geringer erscheint, was er empfängt, worin er zunimmt, das ist meines Leibes, nicht seines Wesens Eigenheit. Oder wunderst du dich, dass der einen Vater im Himmel nennt, der sich würdigte, eine Mutter auf Erden zu haben? „Der unter Pontius Pilatus bekreuzigt und begraben worden ist.“ Warum, Mensch, klagst du den, der in sich dem Vater gleich ist, deswegen allein an, dass er in dir [in deiner menschlichen Natur] kleiner sein wollte? Du hörst, dass er steht vor dem Richterstuhl des Pilatus, dass er abgeurteilt wird von dem Richter Pilatus. Warum nimmst du an, dass er nur verurteilt werde durch die frevelhaften Ankläger, dass er verurteilt werde durch den schuldigen Urteilsfäller? Doch jener wollte aus deinem Fleische geboren werden, von deinen Brüsten genährt werden; an deiner Brust wollte er liegen, auf deinen Schultern getragen werden, da er ja von dir geliebt, aber nicht gefürchtet werden will. Sieh zu, was im Gesetz er zuerst befohlen hat, und dann wirst du sehen, was er zur Gnade [von dir] verlangt. Als der Herr gefragt wurde, welches das größte Gebot im Gesetze sei, sagte er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüte“. Daher kommt er zu deinem Herzen und zu deinem Geiste, weil er verlangte, dass er mit Herz und Geist von dir angebetet werde von Anfang an.

„Der unter Pontius Pilatus gekreuzigt und begraben worden ist.“ Bisher nur Juden, jetzt kommt hinzu der Irrlehrer. Er soll sich gedulden. Niemand sollte hinzutreten zu den früheren Taten jener, die sich weiden und sättigen an Schmähungen Christi. Ihr aber, meine Kindlein, merket auf, damit ihr nach dem Leiden des Todes, nach der Trauer des Begräbnisses euch erfreuet der Freuden des Auferstandenen. „Am dritten Tage wieder auferstanden“, damit die Auferstehung unseres Leibes sei eine Wundertat, eine Gnade und Wohltat der Dreifaltigkeit. „Aufgefahren in den Himmel.“ Durch mich ist er aufgefahren, der durch sich nie den Himmel verließ. „Sitzet zur Rechten des Vaters“, in der Ordnung der göttlichen Kraft, nicht der menschlichen Ehrung. Wir haben schon gesagt: So sitzt der Sohn zur Rechten, dass niemals sitze der Vater zur Linken. „Von dannen er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten.“ Was schuldet denn der Tote dem Richter? Deshalb steht [der Tote] wieder auf, damit er ihm sich verantworte. „Ich glaube an den Heiligen Geist.“ Wer den Hl. Geist leugnet, leugnet den, an den er glaubt. „Die heilige Kirche“, weil die Kirche in Christus und Christus in der Kirche ist. Wer also die Kirche bekennt, hat auch bekannt, dass er an die Kirche glaube. „Nachlaß der Sünden.“ Mensch, gewähre dir Vergebung deiner Sünden dadurch, dass du glaubst; du bist ja in all deine Sünden gefallen durch Verzweiflung. „Auferstehung des Fleisches.“ Das ist der höchste Beweis des Glaubens: wenn du glaubst, dass das Fleisch, das verdorben, verwest, untergegangen ist, durch Gott wieder auferstehen, wieder [in seinen Teilen] vereinigt werden und wiederkommen könne, dann hast du geschworen, dass er alles kann, wenn du ihn als allmächtig bekennst. „Und ein ewiges Leben.“ Ganz mit Recht wird noch hinzugefügt: „Und ein ewiges Leben“, damit der glaube, dass er auferstehen werde, der auferweckt wird durch den, der mit dem Vater und dem Hl. Geiste lebt und herrscht nun und für immer und für alle Ewigkeit. Amen.

VIII. Thematische Homilien ohne Anlehnung an einen Schrifttext

Über die Auferstehung des Fleisches.

Heute hat der heilige Evangelist dadurch, dass er uns erzählte, wie Christus den einzigen Sohn einer Witwe, der schon eingehüllt war in Leichentücher, der bereits lag auf der Trauerbahre, der bereits dem Kerker des Grabes entgegenging, begleitet von der Menge, dem Leben wiedergab, aller Herzen erschüttert, aller Gemüt erregt, aller Ohren [geradezu] betäubt. Mögen auch die Heiden sich darüber wundern, mögen auch die Juden darüber staunen, mag auch die Welt sich entsetzen: wir aber, die wir glauben, dass auf das eine Wort Christi alle Toten aus allen Jahrhunderten aus ihren Gräbern auferweckt werden können, warum wundern wir uns? Denn Isaias sagt: „Auferstehen werden die Toten und wieder sich erheben, die in den Gräbern sind“. Und der Herr sagt: „Es kommt die Stunde, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören werden, werden leben“. Dazu sagt der Apostel: „Plötzlich, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; denn die Posaune wird erschallen, und die Toten werden unverweslich auferstehen“. Welches ist nun diese Posaune, die den Krieg erklärt der Unterwelt, des Grabes Felsenlast durchbricht, die Toten zum Leben laut aufruft, denen, die zum Lichte auferstehen, ewigen Triumph verleiht? Welches ist jene Posaune? Die, von der der Herr oben sagte: „Die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören“. Sie ist eine Posaune, die nicht durch ein gebogenes Horn von Holz oder Erz mit gepreßtem Tone den Kämpfenden den Trauergesang entgegenträgt, sondern die aus dem Herzen des Vaters, dem Munde des Sohnes, der Unterwelt und der Überwelt zugleich den Ruf des Lebens entgegentönen läßt. „Bei der letzten Posaune“. [Sie ist] jene Posaune, die im Anfange der Welt aus dem Nichts ins Dasein rief, die auch selbst am Ende [aller Dinge] die Welt aus dem Verderben zurückrufen wird; die, die im Anfange den Menschen aus dem Erdenleben erhob, sie wird auch am Ende den Menschen wiedererwecken aus dem Staube. Brüder! Wir glauben das deshalb, weil diese Posaune der göttlichen Stimme das Chaos teilte, den Erdkreis sammelte, die Elemente voneinander trennte, die Welt schied [in Himmel und Erde], den Himmel befestigte, die Erde festgründete, das Meer bezwang und die Unterwelt in die Tiefe senkte, die Ordnung in den Dingen herstellte und die ewige Gesetzmäßigkeit der Welt bestimmte; und damit das Universum nicht durch Leere abschrecke, schuf er ihm geeignete Bewohner und bestimmte ihnen also ihre Wohnungen: in den Himmel setzte er die Engel, die ein geistiges Leben führen; auf die Erde verpflanzte er die vielgestaltigen irdischen Lebewesen; in der Luft ließ er fliegen die beflügelten Tiere, in den Wassern bildete er große und kleine Lebewesen, damit leben solle die große Menge der Lebewesen.

Und so fügte er auf wunderbare Weise aus den auseinanderstrebenden Elementen den festen Bau der Welt, dass weder die Vermischung ihre Verschiedenheit aufhebe noch auch ihre Verschiedenheit die Einheit der Welt zerreiße! Daher kommt es, dass trotz ihrer Verbindung Tag und Nacht so voneinander geschieden sind, dass aus der Nachtruhe des Tages Mühe, aus der Mühe des Tages die Ruhe der Nacht hervorgeht. Daher umkreisen Sonne und Mond abwechselnd die Bahnen der Welt, damit die Sonne mit doppeltem Lichte die Helligkeit des Tages mehre und der Mond mit annähernd gleichem Lichte die Zeiten der Nacht nicht gänzlich im Dunkeln lasse. Deshalb gehen auch die Sterne in ihrem Laufe an verschiedenen Stellen auf, um sowohl den Nächten ihre Zeit zu bestimmen als auch dem Wanderer als Führer zu dienen. Deshalb kommen die Zeiten, indem sie dahingehen; sie beginnen, indem sie aufhören. So auch die Samenkörner: sie keimen, wachsen, sprossen empor, blühen herrlich auf, altern, fallen ab und sterben dahin, und wiederum kehren sie, begraben in der lebenspendenden Furche, aufgelöst durch die Fäulnis, aus dem leilbringenden Tode zurück zum Leben: aus ihrer Verwesung erheben sie sich in unvergänglicher Gestalt. Und wenn nun, Brüder, die Stimme Gottes, die Posaune Christi, Tag für Tag, Monat für Monat, Zeit für Zeit, Jahr für Jahr dies alles herauf- und zurückruft, herauf- und zurückführt, ins Dasein setzt und ebenso wieder in das Nichts, dem Tode überliefert und dem Leben wiedergibt warum soll er das, was er in allen Dingen immer tut, nicht einmal in uns vollbringen können? Oder ist die göttliche Kraft in uns allein schwach, derentwegen allein alles, was wir oben geschildert haben, doch Gottes Majestät geschaffen hat? Mensch, wenn deinetwegen dies alles aus dem Tode wieder auflebt, warum solltest du nicht für Gott wieder aufleben aus dem Tode?

Oder geht nur in dir allein Gottes Schöpfung verloren, um dessentwillen doch täglich die ganze Schöpfung besteht und sich bewegt, sich ändert und erneuert? Brüder! Ich sage dies nicht, um die Wundertaten Christi ihrer Herrlichkeit zu berauben, sondern ich mahne euch, dass wir durch das Beispiel des deinen Auferstehenden angefeuert werden zu dem Glauben an die Auferstehung aller, dass wir für wahr halten, dass das Kreuz sei für unsern Leib der Pflug, der Glaube das Samenkorn, das Grab die Furche, die Verwesung der Keim, die Zeit die Erwartung, damit, wenn der Frühling der Ankunft des Herrn uns entgegen lacht, dann das grünende Saatfeld unserer Leiber sich erhebe zur Ernte des Lebens, um dann kein En de mehr und kein Altern mehr zu kennen, um keinen Sichel- und Flegelschlag mehr zu erleiden! Denn wenn einmal die alte Spreu dem Tode verfallen ist, erhebt sich herrlich der Leib zur neuen Frucht! Ferner: Die Tränen einer einzigen Witwe, die nur kurze Zeit flossen, bewogen Christentum , ihr auf dem Wege entgegenzugehen, die ihren Augen entströmende Flut des Schmerzes zu trocknen, den Tod zurückzutreiben, den Menschen [dem Leben] wieder zuzuführen, den Leib wieder aufzuerwecken, das Leben wiederzugeben, das Leid in Freude zu wandeln, die Leichentrauer in eine Geburtsfeier zu verwandeln, den der Totenbahre schon übergebenen [Sohn] der Mutter aus dem Totenreiche lebend wieder zurückzugeben. Was wird er dann erst tun, wenn er entbrennen wird in der Kraft [seiner Liebe] angesichts der unaufhörlichen Tränen der Kirche, des Blutschweißes seiner Braut? Denn durch die Schar ihrer Büßer vergießt die Kirche unablässig Tränen, in ihren Märtyrern schwitzt sie ein heiliges Blut, bis Christus seinem einzigen Sohne, d. i. dem christlichen Volke, entgegenkommt, der so lange Zeit immerfort zum Tode geschleppt wird, und ihn wieder erhebt von der Bahre des Todes zum ewigen Leben, zur ewigen Freude der erhabenen Mutter! Weil aber die Zeit der Geburt des Herrn herannaht und das himmlische Wunder, die gebärende Jungfrau, bereits seine Strahlen ausgießt, ja die Geburt des göttlichen Königs uns nicht ein Stern, sondern die aufgehende Sonne selbst verkündet, so laßt uns alle zur Anbetung ihm entgegeneilen, laßt uns mit heiligen Geschenken bekennen, dass unser Gott und König hervorgegangen ist aus dem Tempel einer Jungfrau! Vortrag 58 Laßt uns ihm Gaben darbringen, weil bei der Geburt eines Königs stets öffentliche Opfer stattfinden, laßt uns ihm Geschenke opfern, weil genugsam Unehrerbietigkeit verrät ein Anbeter, der mit leeren Händen kommt! Das beweist ja der Magier, der, mit Gold beladen, duftend von Weihrauch, geheiligt durch Myrrhen, sich niederwirft vor der Wiege Christi! Wie soll man es denn bezeichnen, wenn der Christ nicht tut, was der Magier tat? wenn zur Freude über die Geburt Christi der Arme weint, der Gefangene seufzt, der Gastfreund klagt, der Fremde jammert? Die Juden feierten ihre himmlischen Feste immer mit dem Opfer des Zehnten. Und welche Gesinnung verrät der Christ dann, wenn er sie nicht mit dem hundertsten Teil ehrt? Brüder! Glaube doch niemand von euch, dass ich solches nur erwähne aus dem Eifer des Redners heraus, ohne Schamgefühl! Es schmerzt mich, ja es es tut mit weh, wenn ich lese, dass die Magier die Wiege Christi reichlich überschütteten mit Goldregen, und den Altar des Leibes Christi leerstehen sehen muß von Christen, und das gerade in dieser Zeit, wo der verderbenbringende Hunger der Armen, wo die bejammernswerte Schar der Gefangenen sich mehr und mehr um uns vergößert! Sage doch niemand: „Ich habe nichts!“ Gott fordert doch nicht von dem, was du nicht hast, sondern was du hast, wie er auch die zwei Pfennige der Witwe gnädig anzunehmen sich würdigte. Seien wir doch opferfreudig gegen den Schöpfer, damit auch die Natur uns segne! Laßt uns aufhelfen der Not unserer Brüder, damit wir erlöst werden von unserer eigenen Not! Laßt uns auffüllen den Altar Gottes, damit unsere Scheunen sich füllen mit der Fülle der Frucht!

Gewiß, wenn wir nichts geben, sollen wir uns nicht beklagen, daß wir nichts empfangen! Unser Gott selbst aber möge uns Gutes verleihen jetzt und in der Zukunft durch unsern Herrn Jesum Christum, dem da ist alle Ehre und ewige Herrlichkeit zugleich mit dem Hl. Geiste, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.

Vom Fasten und Almosengeben.

Von sehr vielen haben wir gelesen, dass sie zwar Nationen im Kriege bezwungen haben, aber im Kampfe mit dem Fleische nicht Sieger geblieben sind. Von sehr vielen haben wir erzählen hören, dass sie ihre Brust den Lastern preisgaben, während sie dem Feinde nie den Rücken zugewandt haben. Ja, Völkerbezwinger wurden Sklaven des Lasters; die über Nationen herrschten, dienten der Sünde in schmachvoller Knechtschaft! Dem entgegen starrenden Schwerte hielten sie stand, unter den Reizen der Unzucht sanken sie kraftlos dahin. Königen waren sie ein Schrecken, den Lastern dienten sie zum Spielball; nüchtern durchbrachen sie die feindlichen Kampfesreihen, in ihrem Rausche unterwühlten sie die Burg ihrer Kräfte; in ausgegossenem Weine lagen sie, die nie lagen in dem vergossenen Blute! Woher dies? Woher? Das ist doch nicht vernunftgemäßes Tun, sondern Erschlaffung; kein Leben, sondern Fieberglut; Wahnsinn und nichts Natürliches! Denn so oft immer unverdaute Speisen die Lebenskraft erschüttern, den Magen schwächen, das Blut verderben, die Säfte des Körpers vergiften, die Galle entzünden und schließlich Fieberhitze erzeugen, so oft auch erleidet der Kranke Verlust an Geist und Verstand; die Begierde reizt ihn; nach dem Entgegengesetzten fühlt er sich hinge rissen; er verachtet, was ihm Heilung bringt, sucht, was ihm schädlich ist; er entzieht sich der Pflege. Dann ist der Arzt bestrebt, ihm zu helfen durch das Heilmittel der Enthaltsamkeit: die Enthaltsamkeit soll heilen, was die Eßgier verdorben hat. Und wenn so für die irdische Gesundheit die Kranken dem Arzte folgen, schließlich auch sich der größten Entbehrung unterziehen: warum sollte es um des ewigen Heileswillen für die Christen zu schwer sein, sich einem mäßigen Fasten zu unterwerfen? Wie schwarze Wolken den Himmel verdüstern, so verdunkeln die zügellosen Gelage die Seele. Wie die Wirbelwinde die Elemente durcheinander werfen, so verwirren die übermäßigen Gerichte den Magen. Wie die Woge das Schiff, so versenkt die Trunk sucht den Leib, stürzt den Menschen in die Tiefe, beraubt ihn des Lebensgewinnes und läßt ihn erleiden den Schiffbruch des Todes.

Dieses Fieber also, dieses Fieber ist es, das im Innern des Menschen brennt, wie der hl. Apostel also klagt: „Ich weiß, dass in mir, d. i. in meinem Fleische, Gutes nicht wohnt“. Wenn also nicht Gutes, dann Böses? Und welches Böse? Die Begierlichkeit freilich. In meinem Fleische lebt sie, in meinen Adern brennt sie, meine Glieder durchdringt sie, in meinem Marke schlummert sie, im Blute glüht sie und bricht so aus in den Wahnsinn des Lasters. Die Begierlichkeit: dieses Fieber der Natur, diese Mutter der Schmerzen, die Gebärerin der Leidenschaften: die Begierde ist es, die uns solche Nöte auferlegt. Wo aber Zang ist, da ist kein Wille; wo Gefangenschaft, da keine Macht. Die Begierlichkeit ist es, die den Menschen dahin treibt, wohin der Wille nicht zieht, sondern der Zwang, wie der Apostel sagt: „Ich tue nicht das, was ich will“. Indem die Begierlichkeit dem Menschen reicht, was ihm notwendig ist, läßt sie ihn gelangen zu dem, was ihm nicht notwendig ist: indem sie ihm Speise bereitet, führt sie ihn zur Völlerei; indem sie ihm den Trank mischt, verleitet sie ihn zur Trunksucht; sie bietet ihm den Schlaf an, um ihn der Trägheit auszuliefern; sie sorgt für die Bedürfnisse des Leibes, damit er hintansetze die Sorge für sein Seelenheil; sie gibt alles dem Fleische, damit der Seele nichts mehr verbleibe; sie ist es, die den Leib zum Schauplatz der Leidenschaften, den Menschen zu seinem eigenen Mörder macht, dass er nur noch den Lastern lebt! Wenn also ein Mensch sich derart krank fühlt, möge er sich wenden an den himmlischen Arzt. Er möge sich nur ruhig dessen Anordnungen fügen, sich von der Speise enthalten, Maß halten im Trinken, damit er so überwinden könne die kranke Begierlichkeit, vertreiben könne die Begierlichkeit der Leidenschaften, die Hitze und die Unsinnigkeit der Laster meiden könne.

Die Enthaltsamkeit ist des Menschen erste Arznei, aber zur vollen Gesundung bedarf es noch der Gaben der Barmherzigkeit. Die Enthaltsamkeit löscht das Fieber, aber durch den Brand der lang dauernden Fieber sind die Glieder vertrocknet; und erst muß reichlich Salböl ihnen wieder eingegossen werden, erst müssen sie erfrischt werden durch milde Linderungsmittel, erst müssen Arzneien ihnen aufhelfen, ehe sie zur vollen Gesundheit gelangen können. So ist es mit dem Fasten. Ob wohl es die Krankheit der Laster vertreibt, ausschneidet die Leidenschaften des Fleisches, die Ursachen der Sünden entfernt, so vermag es doch ohne das Öl der Barmherzigkeit, ohne das Wasser der Liebe, ohne die Aufwendung von Almosen nicht, dem Geiste volle Gesundheit zu verleihen. Das Fasten heilt die Wunden, die die Sünde geschlagen; aber die Narben der Wunden werden erst durch die Barmherzigkeit entfernt, wie der Herr sagt: „Gebt Almosen und seht; alles ist euch rein!“. Das Fasten ist das beste Mittel, die Laster auszurotten, die Verbrechen auszureißen, es bestellt den Acker des Geistes und des Leibes für gute Frucht; aber wenn nicht die Barmherzigkeit als Fundament gelegt ist, ist der Eifer des Fastenden nur gleich der Arbeit eines Greises. Das Fasten ist das Opfer der Heiligkeit, der Keuschheit; aber ohne den Weihrauch der Barmherzigkeit kann es nicht aufsteigen zu dem Antlitz Gottes zum lieblichen Geruche. Was die Seele für den Leib, das ist, wie alle wissen, die Barmherzigkeit für das Fasten. Wenn das Fasten Leben gewinnt aus der Barmherzigkeit, dann verschafft es das Leben dem Fastenden. Das Fasten, das Schiff der Tugenden, bringt den Gewinn des Lebens, führt herbei den Lohn des Heiles. Aber wer hinausfährt auf die Wogen des Fleisches, wer die Fluten der Laster durchschneidet, wer hinüberfährt über die Gipfel der Verbrechen, wer vorbeifahren will an den Gestaden der Leidenschaften, der kann keine Tugenden vollbringen, der kann auch keinen Lohn darum empfangen für seine Tugenden, wenn er nicht einläuft in den Hafen der Liebe. Wer immer sich stehen sieht auf der schlüpfrigen Bahn dieses Lebens, wer erkennt, dass er den Weg des Fleisches geht, weil er gefallen ist, wer sieht, dass er dem Ansturm der Unwissenheit, den Fallstricken der Trägheit unterlegen ist, der soll dem Fasten sich unterziehen, aber im Bunde mit der Barmherzigkeit.

Das Fasten öffnet uns den Himmel, das Fasten führt uns zu Gott! Aber nur dann, wenn uns als Anwalt für unsere Angelegenheiten zur Seite stehen wird die Barmherzigkeit, können wir sicher sein der Vergebung, die wir ja unserer Unschuld nicht sicher sind, wie der Herr sagt: „Ein Gericht ohne Barmherzigkeit erwartet den, der nicht Barmherzigkeit geübt!“. Der Tag ist immer angenehm, aber angenehmer ist immer noch der sonnenbeglänzte Tag! Unser Fasten wird darum um so schöner, wenn wir unsere vierzigtätige Fastenzeit erhellen durch den Glanz der Barmherzigkeit. Der Herr ruft aus: „Ich will Barmherzigkeit!“. Mensch! Gib also Gott, was er will, wenn du willst, dass Gott dir gebe, was du willst! „Barmherzigkeit will ich!“ Gottes Stimme ist es, Gott fordert von uns Barmherzigkeit, und wenn wir sie geleistet haben, was wird er uns dann sagen? Das eben, was heute vorgelesen wurde: „Ich war hungrig und ihr gabt mir zu essen; ich war durstig und ihr gabt mir zu trinken“. Und was noch mehr? „Kommt ihr Gesegneten meines Vaters, und besitzet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“. Wer dem Hungrigen sein Brot bricht, gibt sich selbst das Himmelreich! Der aber wird sich die Quelle des Lebens versiegen machen, der dem Durstigen den Wasserbecher verweigert! Aus Liebe zu den Armen verkauft Gott sein Reich, und damit jeder Mensch es sich kaufen könne, bietet er es an für den Preis eines Stückleins Brot. Weil er wollte, dass alle es erhalten sollten, setzt er den Preis nur so gering, als der Mensch, wie er selbst wohl weiß, bieten kann. Gott verkauft sein Reich um ein Stücklein Brot; wer könnte den entschuldigen, der es nicht kauft, wo ihm zum Ankläger ist die Geringfügigkeit des Kaufpreises! Brüder! Unser Mahl sei die Ernährung des Armen, damit der Tisch Christi auch unser Tisch werde, wie er verheißen hat, als er sprach: „Ihr werdet essen an meinem Tische in meinem Reiche“. Brüder! Unser Fasten soll sein ein Leckerbissen für den Armen, damit unser zeitliches Fasten sich wandeln könne für uns in ein ewiges Mahl! Mensch, du gibst dir, wenn du dem Armen gibst; denn was du dem Armen nicht gibst, wird ein anderer einheimsen; dir wird nur das bleiben, was du dem Armen gibst!

Vom Ärgernis.

Wenn der Krieg ausbricht, werden die Wachtposten unter die Krieger stets verteilt, damit Überfall und List nicht schaden können; denn der ge fährlichste Feind ist ja der, welcher plötzlich kommt, weil er die Unwissenden überrascht, die Ahnungslosen überfällt, die Schlafenden überwindet. Deshalb hat Christus, unser König, für die ganze Nacht dieses irdischen Lebens schon vorher, von Ewigkeit her, unter seine Krieger die einzelnen Wachtposten verteilt und sie alle ermahnt gegen des Teufels, d. i. des alten Feindes, scharfsinnigste Listen, gegen die geheimen Angriffe der Laster, gegen die Anstürme der feindlichen Verbrechen, gegen die Ärgernisse, die uns aus so vielen Ursachen entstehen, gegen die Lockungen dieses Lebens, gegen die verheerenden Schlachtreihen der irdischen Drangsale, indem er uns also mahnt: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet!“. Und er verteilt auch die Wachtposten, indem er hinzufügt: „Und wenn er in der zweiten Nachtwache kommt und wenn er zur dritten Nachtwache kommt und sie so antrifft, selig sind jene Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend an triff!“. Ja, wahrhaft selig sind sie, weil sie, die wachsam sind und den Anschlägen der Feinde zuvorkommen, verherrlicht werden bei der Ankunft des Herrn. Heute aber hat der Herr sogar unsere Führer als Wachtposten gegen die Feinde ausgestellt und ausgerüstet, indem er zu den Jüngern spricht: „Es ist unmöglich, dass Ärgernisse nicht kommen“, d. h. es ist unmöglich, dass Feinde nicht kommen! Und zuerst nun, Brüder, müssen wir wissen, was Ärgernisse sind. Es gibt drei verschiedene Arten von Ärgernissen: Die ersten sind die, die der Betrug des Teufels gebiert; die zweiten die, die aus der Verschlagenheit der Menschen entstehen; die dritten die, die in uns selbst erzeugt unsere übeldenkende und leichtsinnige Natur. Vom Teufel stammen jene, die durch äußere Täuschung uns etwas Gutes vorspiegeln, während sie in Wirklichkeit uns nur Übles zufügen, wie er auch an Adam getan hat, als er uns die Menschlichkeit raubte, während er uns die Göttlichkeit in Aussicht stellte, und ebenso, als er durch Petrus sprach: „Das soll dir nicht geschehen, Herr!“.

Er will ihm den Triumph des Kreuzes nehmen, indem er ihm vorlügt, in starker Liebe zu ihm entflammt zu sein. Denn als der Herr von der Herrlichkeit sprach, die er durch sein Leiden erhalten werde, sprach er durch Petrus: „Das soll dir nicht geschehen, Herr!“ Welch süßes Gift der Schlange! Sie will den Soldaten veranlassen, dem Könige den Sieg streitig zu machen, noch bevor der Knecht den Herrn selbst verleugnete. Daher schickt der Herr den Knecht hinter sich, schleudert das Ärgernis auf den Urheber zurück, indem er zu Petrus spricht: „Tritt hinter mich!“ und zu dem Teufel: „Satan, du bist mir ein Ärgernis!“ Und in der Tat geht Petrus hinter dem Herrn, weil er, um ihm zu folgen in den Himmel, das umgekehrte Kreuz bestieg. Ein ähnliches Ärgernis ist auch dieses, wodurch der Teufel die Juden verführte. Denn er hat den Stein, der gesetzt war, um den Weg zu festigen, ganz aufgewühlt und aufgerichtet zum scharfen Stein des Anstoßes und gat so den Fels des ganzen Fundamentes verwandelt in den Stein des Ärgernisses, damit er den unglücklichen [Juden] sei zum Untergange. „Siehe“, heißt es, „ich setze in Sion den Stein des Anstoßes und den Fels des Ärgernisses“. Darum bittet auch der Psalmist in ängstlichem Flehen: „Bewahre mich vor der Schlinge, die sie mir gelegt haben, und vor dem Ärgernis derer, die Gottlosigkeit üben!“. Und weil er den Stein des Anstoßes glücklich übersprungen hat, weil er das Ärgernis überwunden hat, rühmt er sich also: „Auf dem Fels hast du mich erhöht und mich hinaufgeführt, denn du warst meine Hoffnung!“ Von der ersten Art des Ärgernisses haben wir nun geredet; wir wollen auch über die zweite Art sprechen, die, wie wir gesagt haben, entsteht aus der Verschlagenheit der Menschen. Ein solches Ärgernis bereitete dem israelischen Volke der Seher Balaam, als er den Kämpfern nicht mit geharnischten Männern, sondern mit einer Schar von Mädchen entgegentrat, die geschminkt waren mit allen Lockmitteln der Hurenkunst um die Waffen stumpf zu machen durch Schwelgerei, den Triumph zu wandeln in Schande und in Sünden zu stürzen die, die die Sünde selbst rächen sollten, ja mit einem Worte: um die Heiligkeit in ihrer ganzen Größe durch die Schande zu entweihen.

Darum hat Moses ihn bestraft mit diesem Verdammungsurteil: „Und den Balaam, den Seher tötet, denn er hat Ärgernis gegeben den Söhnen Israels!“. Ein Ärgernis bereitete auch Jeroboam, der aus Gold Kälber anfertigte und dieses erbärmliche Trugbild dem Volke als Götter aufstellte, damit es kein Verlangen mehr trage nach dem lebendigen Gott, dem wahren Tempel, dem Gesetze Gottes, dem rechtmäßigen König, den von den Vätern ererbten religiösen Gebräuchen. So gibt auch das im Irrtum befangene Volk Ärgernis nach dem Worte des Apostels, wenn einer ißt von dem, was den Göttern geopfert ist, als schade es ihm nichts, und glaubt, dass dadurch die gefühllosen Steine, die hölzernen Götzen, die weder etwas heiligen noch entweihen können, verächtlich gemacht werden müßten! Aber was dieser Mensch als einen Erweis des Glaubens ansieht, wird den Unwissenden Anlaß zum Irrtum; denn er reizt die Unwissenden nicht zur Verachtung, sondern zur Verehrung [der Götzen], und er läßt dem Unkundigen das als ein religiöses Mahl erscheinen, was er nach seiner Meinung genießt in der Absicht [sie] zu verspotten. Daher folgert mit Recht der Apostel und erklärt: „Und der schwache Bruder, um dessentwillen Christus starb, wird durch deine Erkenntnis zugrunde gehen“.

Die dritte Art des Ärgernisses sind die, die aus unserem eigenen Sinnenleben entstehen, wenn wir durch unsere Augen uns blenden, durch unsere Ohren uns täuschen, durch den Geruch uns gefangen nehmen, durch den Geschmack uns beflecken lassen. So ist ja auch Eva sowohl durch den Genuß der verbotenen und todbringenden Speise als auch durch den Anblick derselben ins Verderben gebracht worden. „Und es sah“, heißt es, „das Weib, dass die Frucht gut zu essen und angenehm für die Augen war, und dass es eine Lust sei, sie anzuschauen“. Mit Recht also fügt der Herr hinzu, dass unsere eigenen Sinne uns Ärgernis bereiten, indem er sprach: „Wenn dich dein Auge oder deine Hand ärgert, hau sie ab und wirf sie von dir; denn es ist besser, dass du ohne Auge und Hand zum Leben gelangst, als mit dem ganzen Leibe in die Hölle eingehest“. Und wie uns der Herr durch ein solches Gebot mahnt, unsere Fehler und Laster auszureißen, nicht aber unsere Glieder, so hätte auch Eva, die Mutter des Menschengeschlechtes, wenn sie so gehandelt hätte, besser getan, ohne Augen und ohne Hand ins Leben einzugehen als ihre ganze Nachkommenschaft in den beklagenswerten Tod zu stürzen. Wir müssen uns also, Brüder, ebenso hüten andern Ärgernis zu geben, als auch uns selbst nicht dadurch verführen lassen, wenn ein anderer uns ein Ärgernis bereitet. Das Ärgernis täuscht die Sinne, verwirrt den Geist, trübt die Reinheit der Erkenntnis. Das Ärgernis macht aus dem Engel einen Teufel, aus dem Apostel einen Verräter; das Ärgernis brachte die Sünde in die Welt; führte den Menschen zum Tode. Höre, was der Herr sagt: „Wehe der Welt um der Ärgernisse willen!“. Das Ärgernis versucht die Heiligen, schwächt den Vorsichtigen, bringt zu Fall die Arglosen, stürzt alles in Verwirrung, bringt alle in Unordnung. Und wenn auch an dieser Stelle der Herr von dem Ärgernis seines Leidens spricht und den Judas als den bezeichnet, durch den das Ärgernis der Ärgernisse gekommen sei, so ermahnt er doch auch uns, dass keiner in dieses Ärgernis geraten soll, wenn er sagt: „Es ist unmöglich, dass Ärgernisse nicht kommen. Aber wehe dem, durch den sie kommen! Es wäre ihm besser, dass ein Mühlstein ihm an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde, als dass er eines von jenen Kleinen ärgerte“

Warum aber sagt er nicht: ein [einfacher] Stein, sondern ein Mühlstein? Weil der Mühlsein dadurch, dass er die Körner zerreibt, das Mehl bereitet, die Kleie scheidet von dem feinen Mehl, den getreuen Arbeitern das Brot bereitet. Ganz entsprechend wird nun dem, der es vorzieht, ein Knecht des Ärgernisses statt des Friedens zu sein, ein Mühlstein an den Hals gehängt, damit gerade das ihn in den Tod hinabziehe, was ihn am Leben hätte erhalten sollen! Denn die Sinne, die ihm zum Leben gegeben waren, hat er zum Ärgernis des Todes verwendet, indem er [der Versucher] etwas anderes zu sehen, zu hören, zu empfinden, zu schmecken ihm riet, als was in Christus war und zur Wissenschaft des Heiles ihm diente. Daher machte er auch den Eckstein, den Stein der Hilfe, den Stein, der ohne Menschenhände losgerissen ist, der da ist Christus, umgekehrt zum Ärgernis der Kleinen, dass er ihnen nicht das Brot des Lebens, sondern das Brot der Tränen und des Schmerzes bereitete, wie der Prophet bezeugt, der da spricht: „Ihr, die ihr esset das Brot des Schmerzes“. Wohl also verdient er, wie es an der andern Stelle heißt, „dass ein ‚Eselsstein‘ ihm an den Hals gehängt werde“, dass er von demselben Tiere, von dem er die Gesinnung nahm, auch die Strafe erleide, und dass er so dem unvernünftigen Tiere gleich geachtet werde, da er den nach dem Himmel strebenden Menschen nicht gleich geachtet werden wollte.

Predigt über das Geheimnis der Menschwerdung Christi.

Früher schon, Brüder, haben wir den Anfang darüber gehört, was Christum, den Herrn, veranlaßte, eine Verbindung mit einem irdischen Leibe einzugehen, einzutreten in die Schranken des menschlichen Fleisches, Wohnung zu nehmnen in dem Schoße einer Jungfrau. Heute wollen wir mehr darüber hören. Ihr seid mein Leben, ihr mein Heil, ihr mein Ruhm! Darum leide ich es nicht, dass ihr in Unwissenheit darüber seid, was mir zu wissen der Herr verliehen hat. Der Evangelist kennt Gott, wenn er sagt: „Gott sieht niemand“. Weil diesen Gott also, den jener kannte, erfaßte und [im Geiste] empfand, das Geschöpf nicht sehen konnte, so wurde es in harter Knechtschaft [des Irrtums] gehalten; einen traurigen Dienst leistete es der unsichtbaren Majestät. Furcht hatte alle befallen, Schrecken alle Glieder gelöst, Entsetzen alles erschüttert. Im Himmel hatte der Glanz der Gottheit die Engel zu Boden geworfen, auf Erden erschütterten Donner und Blitz das Herz der sterblichen Menschen. So hatte die Furcht die Liebe zum Herrscher ganz verdrängt; die Engel trieb sie zur Flucht auf die Erde, die Menschen zog sie hin zu den Götzenbildern; die Welt überzog sie mit eitlem Irrtum, alles ließ sie vor dem Schöpfer fliehen, die Geschöpfe verehren. Lieben kann nicht, wer übermäßig fürchtet. Darum wollte die Welt lieber zugrunde gehen, als sich [noch länger] fürchten müssen. Der Tod ist noch leichter zu ertragen als Todesfurcht. Darum suchte Kain, als er von der Furcht wegen des Brudermordes gepeinigt zu werden anfing, den Tod selbst; in seinem Untergang suchte er Ruhe. Doch wozu er wähne ich Kain? Als Elias sich ganz in Furcht gebannt sah, suchte er den Tod, vor dem er geflohen war, da er glaubte, eher den Tod als die Furcht ertragen zu können. Auch Petrus bat, als die Furcht vor der Macht des Herrn ihn überwältigte, Christum, er möge von ihm gehen: „Geh weg von mir“, sagte er, „denn ich bin ein sündhafter Mensch!“.

So sprach er, weil das, was in ihm an Liebe und Glauben war, die lastende Furcht ausgelöscht hatte. So macht also die Furcht in dem, der nicht von der Liebe erfüllt ist, die Knechtschaft, mag sie auch gegeben sein, zur Schmach. Da also Gott sah, dass die Welt durch die Furcht erschüttert werde, bemühte er sich gleich, sie mit Liebe zurückzurufen, mit Gnade einzuladen, in der Liebe zu halten und mit Güte zu fesseln. Darum wollte er die von der Sünde überwucherten Erde abwaschen durch die rauschende Sündflut und berief den Noe zum Vater des neuen Geschlechtes, mahnte ihn mit lieben Worten, flößte ihm kindliches Vertrauen ein, belehrte ihn in Güte über das Gegenwärtige und tröstete ihn in Gnade über die Zukunft. Nicht bloß durch Befehle [mahnte er ihn], sondern er nahm Teil an seiner Arbeit und schloß in der einen Arche den Samen der ganzen Welt ein, damit so die Liebe beider die knechtische Furcht banne und in gemeinschaftlicher Liebe bewahrt bleibe, was der Welt gerettet blieb durch gemeinsame Arbeit. Darum berief er den Abraham aus der Heidenwelt, mehrte seinen Namen, machte ihn zum Vater des Glaubens, begleitete ihn auf dem Wege, beschütze ihn unter den Fremden, verlieh ihm Reichtum, kettete ihn an sich durch seine Verheißungen, rettete ihn aus der Schmach, erfreute ihn durch seine Einkehr als Gast und zeichnete ihn wunderbar aus mit erhoffter Nachkommenschaft. So ganz mit Gott erfüllt, so ganz gefangen durch die Süßigkeit der Gottesliebe, sollte er lernen, Gott zu lieben, ihn nicht zu fürchten, ihn durch Liebe, nicht aber durch Furcht zu verehren. Aus diesem Grunde tröstete [Gott] auch den Jakob auf der Flucht in einem Traume, reizte ihn auf der Rückkehr zum Kampfe, umschlang ihn nach Art der Kämpfer mit den Armen, damit er den Vater des Kampfes liebe und nicht fürchte.

Aus diesem Grunde berief er den Moses mit väterlicher Stimme, redete ihn mit väterlicher Liebe an und lud ihn ein, Befreier des Volkes zu werden. Und noch mehr: Er machte ihn zum Gott, er machte ihn vor Pharao zum Gott; er machte ihn zu Gott, rüstete ihn mit Zeichen aus, bewaffnete ihn mit Wunderkräften, trägt ihm durch seine Befehle Kämpfe auf, verleiht ihm [die Kraft] durch das Wort allein den Gegner zu besiegen, durch [bloße] Befehle Siegesruhm zu erwerben. Und so erhebt er ihn durch alle Ehrenstufen der Tugenden zu einer Freundschaft empor, nacht ihn zum Teilhaber seiner himmlischen Herrschaft, ja er gibt ihm die Gewalt eines Gesetzgebers, alles aber empfing [Moses],damit er [Gott] liebe, damit er so von der Gottesliebe entzündet werde, dass er selbst in Liebe erglühe und auch die andern zur Liebe ermahne durch das Gebot; „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus allen deinen Kräften!“. Er wollte, dass das ganze Herz, die ganze Seele, die ganze Kraft des Menschen so von der Gottesliebe erfüllt würden, dass der irdische Mensch nichts habe, was diese Liebe verletze. Als er aber durch alles dies, was wir erwähnt haben, die Herzen der Menschen durch die Glut der Gottesliebe entzündet hatte, als in der Seele der Menschen sich die ganze Liebe Gottes ergossen hatte, begannen diese, wunden Geistes, Gott mit fleischlichen Augen schauen zu wollen. Wie aber kann das kleine menschliche Auge den Gott schauen, den die Welt nicht fassen kann?. Doch die Macht der Liebe fragt nicht, was sein wird, was sein soll, was sein kann. Die Liebe kennt keine Überlegung, keine Einsicht, kein Maß. Die Lie be ist trostlos ob des Unmöglichen; sie scheut kein hemmendes Mittel bei Schwierigkeiten. Wenn die Liebe nicht zu dem Geliebten kommen kann, mordet sie den Liebenden; und darum eilt sie dahin, wohin sie geführt wird, nicht dahin, wohin sie soll. Die Liebe weckt das Verlangen, entzündet den Brand; Liebesglut aber strebt nach dem Unerlaubten. Und wozu noch mehr? Die Liebe muß das sehen, was sie liebt: darum hielten alle Heiligen das, was sie verdienten, für klein, wenn sie den Herrn nicht sehen würden. Und in der Tat, Brüder! Wie sollten sie für die Wohltaten Dankesdienste leisten, wenn sie den Geber der Wohltaten nicht sehen konnten? Oder wie sollten sie glauben, dass Gott sie liebe, wenn sie seines Anblicks nicht würdig wurden? Daher hat die Liebe, wenn auch keinen richtigen, so doch einen [großen] Eifer in der Liebe, wenn sie Gott zu sehen trachtet.

Darum wagte Moses zu sagen: „Wenn ich Gnade gefunden habe vor dir, so zeige mir dein Angesicht!“. Darum sprach ein anderer: „Zeige mir dein Angesicht!“. Darum haben auch die Heiden sich selbst Bildwerke gemacht, um selbst in ihrem Irrtum mit ihren Augen das zu sehen, was sie verehrten. Da also Gott wußte, dass die Sterblichen durch ihr Verlangen, ihn zu sehen, gequält würden und ermüdet, so wählte er einen Weg aus, um sich ihnen sichtbar zu machen, um so den irdischen Menschen und den himmlischen Bewohnern nicht klein zu erscheinen. Denn was Gott auf Erden zu seinem Ebenbilde gemacht hat, wie hätte er dies im Himmel ohne Ehrung lassen können? „Laßt uns den Menschen machen“, heißt es ja,“nach unserem Bilde und Gleichnisse!“. Vollkommene Ehrung ist geschuldet dem Bilde wie auch dem Könige. Wenn er einen Engel vom Himmel genommen hätte, er wäre gleichwohl unsichtbar geblieben; wenn er aber von der Erde eine Form genommen hätte, die unter dem Menschen stand, so wäre es eine Entehrung der Gottheit gewesen und hätte den Menschen entwürdigt, nicht erhoben. Niemand also, Geliebteste, soll es für eine Entehrung Gottes halten, wenn Gott in Menschengestalt zu den Menschen kam und aus uns unser Wesen annahm, um von uns gesehen zu werden, er, der da lebt und regiert, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Predigt am Feste der Erscheinung des Herrn.

Wenn auch schon in dem Geheimnisse der Menschwerdung des Herrn selbst jeden Augenblick die Anzeichen seiner Gottheit hervorleuchten, so bekundet und offenbart doch gerade das heutige Fest in vielfacher Weise, dass wahrhaft Gott in menschlichem Leibe erschienen sei. Niemals sollte die stets in Dunkelheit gehüllte sterbliche Welt aus Unwissenheit wieder verlieren, was sie zu erhalten und zu besitzen einzig und allein der Gnade verdankt. Denn derjenige, welcher für uns geboren werden wollte, wollte unter uns nicht unbekannt bleiben; deshalb offenbarte er sich uns so deutlich, damit nicht das große Geheimnis der Liebe werde zum Anlaß eines großen Irrtums. Heute findet der Magier den, welchen er suchte in seinem Glanze an Sternenhimmel, weinend in der Wiege. Heute bewundert der Magier offen den in Windeln, den er verborgen in den Sternen lange geduldig schaute. Heute überdenkt der Magier in tiefem Staunen das, was er sieht; wie nämlich in der Erde der Himmel, im Himmel die Erde, in Gott der Mensch, in dem Menschen Gott, der vom ganzen Weltall nicht erfaßt werden kann, in einem so kleinen Körper verschlossen sein könne. Und weil der Magier solches zu ergründen, solches zu erfassen nicht vermag, fällt er gleich anbetend nieder. Denn er sieht, dass so hell nicht leuchten am Himmel die Sterne, der Mond, die Sonne, wie er glänzen sieht das Fleisch auf der Erde; er sieht in einem und demselben Körper der Gottheit und der Menschheit Vereinigung geschehen. Sofort beugt er sich gläubig vor seinem Gott, erkennt ihn als König, sieht im Geiste ihn schon sterbend aus Liebe zum Menschengeschlechte, und mit bangem Gemüte erwägt er, wie es geschehen sollte, dass Gott sterbe, dass der getötet würde, der dem Leben wiedergegeben war. Und so läßt der Magier ab, das durch seine Kunst zu erforschen, was er durch Kunst nicht finden kann. Und weil er erkennt, dass er am Himmel lange genug mit den irrenden Sternen geirrt habe, frohlockt er nun, dass er auf Erden durch die Leitung eines einzigen Sternes zu Gott gelangt sei.

Der Magier erkennt, dass alles, was am Himmel geschaut wird, auch wenn es dem menschlichen Auge noch so klar ist, doch mit einem tiefen Geheimnis verhüllt ist. Und jetzt, wo er sieht, bekennt er durch die geheimnisvollen Geschenke, dass er glaubt und nicht mehr zweifelt: durch den Weihrauch [bekennt er] seine Gottheit, durch das Gold sein Königtum, durch die Myrrhe den sterblichen Menschen. Mit Weihrauch [verehrt er] Gott, mit Gold den König, um durch reichen Liebesdienst den wieder zu versöhnen, wider den er durch vorwitzigen und falschen Sternendienst sich vergangen und versündigt hatte; und so erfüllt er jene Prophezeiung, welche viele auf den Eunuchen aus Äthiopien beziehen wollen: „Äthiopien wird zuerst seine Hände zu Gott erheben“. Es sieht der Magier Christum und erhebt vor dem Juden seine Hände; denn in demselben Augenblick, als der Jude frevelhaft Christum dem Herodes auslieferte, bekannte ihn der Magier durch seine Ge schenke als Gott. Darum ward auch der Heide, der der Letzte war, auf den ersten Platz erhoben; denn durch den Glauben der Magier empfing die Glaubensgeneigtheit der Heiden ihre Weihe, die Glaubenshärte der Juden ihre Schande. Heute geschah es auch, dass Christus in das Bett des Jordans stieg, um die Sünde der Welt abzuwaschen. Dass er dazu erschienen war, bezeugt Johannes, indem er spricht: „Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt!“. Heute also hält in seiner Hand der Knecht den Herrn, der Mensch Gott, Johannes Christum, er hält ihn, um Verzeihung zu erlangen, nicht zu erteilen. Heute erfüllt sich das Wort: „Die Stimme des Herrn erschallt über den Wassern!“. Welche Stimme? „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe“. Darum „erscholl heute die Stimme Gottes über den Wassern, damit Gott der Vater selbst, der Zeuge seines Sohnes, durch sein dreifaches Zeugnis die Wahrheit der Abkunft seines Sohnes beweise:

‚Dieser ist mein geliebter Sohn‘.“ Denn ein anderer war nicht da, der hiervon Zeugnis geben könnte. Das Zeugnis des Vaters duldete keines Zuschauers Gegenwart, göttliche Zeugung duldet keinen Zeugen, die Gottheit läßt sich nicht von außen her erkennen, wie der Sohn selbst sagt: „Niemand kennt den Sohn als der Vater, und niemand kennt den Vater als der Sohn“. Heute schwebt auch der Hl. Geist über den Wassern in Gestalt einer Taube, damit, gleichwie jene Taube Noes verkündet hatte, dass die Flut gewichen sei, durch die Erscheinung dieser [Taube] erkannt würde, dass der ewige Schiffbruch der Welt beendet sei. Denn [diese Taube] trug nicht wie jene nur einen Zweig des alten Ölbaumes herbei, sondern sie goß die ganze Fülle des neuen Salböls aus auf das Haupt des neuen Stammvaters, damit in Erfüllung ging, was der Prophet gesagt hatte: „Darum hat dich Gott, dein Gott, mit dem Öle der Freude gesalbt vor deinen Genossen“. Heute erschallt Gott über den Wassern.“ Ganz mit Recht „über den Wassern“ und nicht „unter den Wassern“, weil Christus der Taufe nicht unterworfen war, sondern herrschte über die Sakramente. Heute „läßt der Gott der Herrlichkeit den Donner erdröhnen“. Wenn also der Vater vom Himmel niederdonnern läßt, wenn der Sohn in des Jordans Wogen steigt, wenn der Hl. Geist in leiblicher Gestalt von der Höhe erscheint: wie kommt es, dass dieser Jordan, der doch einst bei dem Nahen der Bundeslade zurückwich, nun nicht zurückbebt vor der Gegenwart der vollen Dreieinigkeit Gottes? Warum? Wer der Liebe dient, hört auf, ein Sklave der Furcht zu sein! Hier wirkt die göttliche Dreifaltigkeit nur Gnade; nur lautere Liebe enthalten ihre Worte; dort aber züchtigt Gott die Elemente, um seine Diener zu erziehen zur Furcht. Mitten unter diesem gewaltigen Ereignis steht Johannes unerschüttert da; denn der kann der Furcht nicht dienen, welcher, wie der Engel bezeugt, ganz zur Gottesliebe geboren ist!

Heute machte Christus durch die Verwandlung des Wassers in Wein den Anfang seiner himmlischen Wunderzeichen, damit er, wie ihn der Vater durch seine Stimme als Sohn bestätigt hatte, auch selbst sich durch Wunderwerke als Gott beweise; damit er, der die Elemente verwandeln kann, sich erweise als den Urheber derselben, dass er, der Übernatürliches zu wirken vermag, die Natur selbst geschaffen habe. In Wein verwandelt er das Wasser, damit so in der Kraft der Gottheit erstarken möge die Schwäche unserer Natur. Denn der, welcher fünf Brote durch stetes Brechen und durch geheimnisvollen Zuwachs zur Sättigung von fünftausend Menschen verteilen und vermehren konnte, hatte auch Macht, zur Hochzeitsfeier die Weinkrüge mit allmählicher Vermehrung zu füllen und sie unausschöpfbar zu machen. Doch das Wasser sollte auch noch verwandelt werden in sein geheimnisvolles Blut, damit Christus den aus dem Gefäße seines Leibes Trinkenden den echten Becher darreichen konnte, auf dass erfüllt würde, was der Prophet gesagt: „Und mein berauschender Becher, wie herrlich ist er!“. In dreifacher Weise wird heute also die Gottheit Christi bestätigt: durch die Geschenke der Weisen, durch das Zeugnis des Vaters, durch die Verwandlung des Wassers in Wein, weil nach dem Ausspruche der Schrift jede Sache auf dem Zeugnisse von dreien beruht, da sie sagt: „Auf der Aussage zweier oder dreier Zeugen soll jede Sache feststehen“. Weil uns nun die Festfeier selbst zum Tische des Herrn, zum Freudentrunke jenes Kelches hinzutreten mahnt, so genügt es, den reichen Strom der Rede abzuschließen mit dem kurzen Worte; Durch unsern Herrn Jesum Christum, der da lebt und regiert jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Predigt am Feste des hl. Andreas.

Mit Recht gilt der heutige Tag als der Geburtstag des hl. Andreas, da er heute zwar nicht für dieses irdische Leben dem Schoße der Mutter entsprossen ist, sondern, weil im Glauben empfangen und im Martertod geboren, als geboren gilt zur Herrlichkeit des Himmels. Denn nicht nahm ihn [heute] die mütterliche Wiege als weinendes Kind auf, sondern des Himmels Geheimgemach empfing ihn als Sieger. Denn nicht sog er aus der mütterlichen Brust als schwaches Kind die nährende Milch, sondern als treuester Krieger vergoß er sein Heldenblut für seinen König. Jetzt lebt er, weil er als Kämpfer des himmlischen Heeres den Tod überwand. In heißem Verlangen folgte er dem Herrn durch seinen Tod und eilt, sich an die Fußspuren des Herrn zu heften mit dem ganzen Aufwand seiner Kraft, damit sein [Todes]gang ihn dem Bruder nicht ungleich mache, dem ihn gleich gemacht hatte die Natur, dem zum Genossen ihn gemacht hatte die Berufung,dem ihn gleich gemacht hatte die Gnade selbst. Auf ein Wort des Herrn hat er, wie jener, Vater, Heimat und Vermögen verlassen; in Mühsalen, Verachtung, auf Reisen, in Verfolgungen und Nachtwachen hat er unter dem Beistande Christi unermüdlich mit dem Bruder das gleiche Schicksal geteilt. Nur in der Leidensstunde des Herrn hatte er die Flucht ergriffen. Aber auch durch diese Flucht war er [seinem Bruder] nicht ungleich; denn wenn die Verleugnung als Schuld betrachtet werden muß, so ist die Flucht weniger schimpflich als die Verleugnung. Doch darüber laßt uns schweigen! Denn die Verzeihung, Brüder, hat sie wieder gleich gemacht, wie die Schuld sie getrennt hatte!

Die spätere Sehnsucht nach dem Martertod hat ihre Liebe ebenso bewiesen, wie sie ihre frühere Furcht geschändet hatte. Denn mit vereinter Kraft ergreifen sie später glühend das Kreuz, vor dem sie geflohen waren, um an ihm den Himmel zu ersteigen und den Lohn und die Krone sich zu erwerben, wie sie von ihm sich die Schuld zugezogen hatten. Denn Petrus bestieg das Kreuz, Andreas bestieg den Baumpfahl, damit sie, wie sie wünschten, mit Christus zu leiden, so auch beide an sich die Art und Weise seines Leidens erduldeten, und beide, am Holze erlöst, vollendet würden zur Himmelskrone. Wenn also auch so unser Andreas dem Range nach jenem untergeordnet ist, steht er doch nicht unter ihm in seinem Lohne und in seinem Leiden!

Predigt auf die hl. Felicitas.

Weil die Zeit es uns nicht erlaubt, die mannigfaltigen und zahlreichen Siegestriumpfe der Märtyrern, welche die jedesmal sich selbst täuschende, Grausamkeit des Verfolgers anhäufte, aufzuzählen, so eilt der ganze In halt unserer Rede zu jener [Heiligen] hin, die gewürdigt wurde, so viele Söhne zu besitzen, als Tage die Welt erhalten hat. In Wahrheit eine Mutter von Leuchten, die Quelle von Tagessonnen, die durch das Siebengestirn ihrer Nachkommenschaft leuchtet über die ganze Erde! Glückselig sie, die nicht nur für das Gesetz leidet, sondern den siebenarmigen Leuchter des Gesetzes selbst als heilige Mutter zu erzeugen würdig befunden wurde, den siebenarmigen Leuchter, Brüder, der nicht nur das geheimnisvolle Dunkel nur eines irdischen Zeltes erhellt, sondern mit heiligem Flammenschein erleuchtet die ewige Kirche. Glückselig sie, die so viele Unterpfande der Tugend zu tragen verdiente, als jene heilige Arche an geheiligten Gesetzesbüchern in sich barg, und weil, wie diese durch das Wort, so jene durch ihre Tat Lehrmeisterin sein sollte. Damals schon, Brüder, erzeugte sie die Märtyrer, als sie die heiligte durch die mystische Siebenzahl der Geburtswehen. Herbei, herzu mag kommen Paulus, der noch in den Geburtswehen liegt, bis Christus in den Menschen gebildet ist. Siehe, so gebiert auch dieses Weib immer und immer wieder, bis die Schwachheit umgewandelt ist in Kraft, das Fleisch hinaufsteigt in das Land des Geistes, die Erde aufgenommen ist in den Himmel. Sie verlangte und sehnte sich darnach, an einem einzigen Tage sie zu heiligen Märtyrern zu machen, die sie als Kinder erezugt hatte durch eine Reihe von Jahren. Seht da, ein [echtes] Weib, eine [wahre] Mutter:das Leben ihrer Kinder macht ihr Sorge, der Tod gibt ihr erst Ruhe!

Glückselig sie, die umstrahlen in der ewigen Herrlichkeit ebenso viele Leuchter wie Söhne! Glückselig sie, dass sie so viele Söhne vor sich her sandte zum Himmelreiche! Glückseliger aber noch ist sie, dass sie ihren Schatz in dieser Welt nicht verlor!. Noch mit größerer Freude schritt sie einher zwischen den durchbohrten Leichen ihrer Söhne, als zwischen den teuren Wiegen derselben; denn mit ihrem geistigen Auge sah sie so viel Siegeszeichen als Wunden, so viel Ehrenpreise als Folterwerkzeuge, so viel Kronen als Opfer! Wozu soll ich noch mehr sagen, Brüder? Die wäre keine wahre Mutter, die ihre Kinder nicht so lieben könnte.

Predigt bei Gelegenheit einer Bischofsweihe.

Allen Kirchen zwar bekenne ich Ehrerbietung zu schulden, aber die getreueste Unterwürdigkeit zu leisten bin ich gezwungen der Kirche von Forum Cornelii ganz besonders durch meine Liebe zu dem Namen derselben. Denn Cornelius seligen Angedenkens, berühmt durch seinen Lebenswandel, stets glänzend durch alle Ruhmestitel der Tugenden, allen bekannt durch seine hervorragenden Taten, ist mir [geistlicher] Vater gewesen; er selbst, der Heilige, hat mich in dem heiligen Dienst unterrichtet, er, der Bischof, er hat mich erhoben und geweiht für den heiligen Altardienst. Und darum ist mir der herrliche Name des Cornelius berühmt und verehrungswürdig. Die Liebe zu dem Namen trieb mich also, dem Wunsche der Kirche von Forum Cornelii freudigst entgegenzukommen und den ehrwürdigen „Projectus“ in großer Liebe zum Bischof zu weihen. Ich habe ihn „Projectus“ genannt, aber nicht „den Verworfenen“, gemäß dem Worte: „Dir ward ich zugeworfen [zugewiesen] vom Mutterschoße an; vom Mutterleibe an warst du mein Gott“. Und in Wahrheit bleibt dieser aus dem Schoße einer menschlichen Mutter zugewiesene Projectus stets in dem Schoße der göttlichen Mutter, da er seine Heimat nicht kennt und stets wohnt im Hause Gottes.

Da es aber mir zu lange ist, zu erzählen, wie er, Brüder, von seiner Jugend an die einzelnen Stufen und Ämter der kirchlichen Laufbahn erstiegen hat, so soll er, wie der Herr sagt, „selbst für sich reden“, denn er ist alt genug, durch unseren Herrn Jesum Christum, der lebt und herrscht mit dem Hl. Geiste von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Predigt über die Feier der Kalenden des Januars.

Sobald Christus aus Liebe zu unserer Erlösung geboren war, gebar auch der Teufel alsogleich zahllose und der Liebe Gottes verderbenbrtingende Ungeheuer [der Hölle], um die Gottesverehrung zum Spott zu machen, um die Heiligkeit zur Gotteslästerung abzuwandeln, um Gott Unehre zuzufügen aus dem, was ihm zur Ehre sein sollte. Daher, Brüder, kommt es, das ist der Grund dafür, dass heute die Heiden ihre Götzen mit so ausgesuchten Scheußlichkeiten, in so ausgedachter Schändlichkeit, ja mit einer aller Schande überbietenden Gemeinheit zur Schau hervorholen, zur Schau ausstellen und herumführen, von denen sie sonst sagen, dass sie unsichtbar seien. Welch ein Unsinn, welch ein Wahnsinn, welch eine Verblendung: Götter zu bekennen und sie mit unseligem Spotte zu schänden! Verächter, nicht Verehrer der Götter sind die, die so durch ihre Verehrung ihre Götter verhöhnen! Mit Schmach, nicht mit Ehre überhäufen sie ihre Götter, da sie diejenigen, von denen sie sich gebildet glauben, so verunstalten, da sie sie entstellen, nicht verherrlichen, indem sie sie abbilden in ihrer eigenen Schamlosigkeit. Ganz wie der Apostel sagt: „Weil sie nicht darauf bedacht waren, die Erkenntnis Gottes zu bewahren, gab sie Gott verderblichem Sinne preis, das zu tun, was sich nicht ziemt“. Denn indem sie denen Göttlichkeit zuerkennen, denen sie die Menschlichkeit aberkennen, indem sie die des Himmels würdig erachten, denen sie nicht einmal ein der Erde würdiges Aussehen geben, sind sie in Wahrheit preisgegeben verderblichem Sinne. Und dies nicht nach menschlichem Urteil, sondern nach dem Ratschluß des weisen Gottes, damit sie selbst die Rächer der Verunehrungen Gottes seien, wie sie sich erwiesen haben als die Urheber dieser Verunehrung. Welcher Zorn, welche Rachewut war es denn wohl, die [die Menschen] durch solchen Götzendienst zu einer derartigen Beleidigung der Gottheit antrieb, dass die Nachgeborenen diejenigen, die die graue Vorwelt in verblendeter Weise durch Altäre, Räucherwerk, Opfer, Edelsteine und Gold zu Göttern stempelte, nun durch diese schmachvollste Verehrung für ganz gemeine Menschen hielten, dass sie ihren Lebenswandel, ihre Sitten, ihre Taten auf ihrem Antlitz ausprägten und so sie mehr dem Abscheu als der Verehrung preisgaben?

Brüder! Laßt uns diejenigen beweinen, die solchen Ideen gefolgt sind; wir aber wollen uns freuen, dass wir durch des Himmels Gnade solchem Verderben entgangen sind! Ihre Ehebrüche stellen sie in Bildern dar, ihr unzüchtiges Treiben malen sie auf die Leinwand, ihre Blutschändereien schmücken sie aus auf den Gemälden, ihre Grausamkeiten zeichnen sie ein in die Bücher [der Geschichte], ihre Mordtaten verewigen sie der Nachwelt, ihre Gottlosigkeit verherrlichen sie in Trauerspielen, ihre Gemeinheit ehren sie in Spielen in welcher Verblendung könnten sie die für Götter ansehen, wenn nicht deshalb, weil sie solche lasterhaften Götter zu haben wünschen, da sie selbst brennen vor Begier nach Verbrechen, vor Verlangen nach Lastern? Denn wer zu sündigen verlangt, ehrt und verehrt den Urheber der Sünden! Daher weiht sich der Ehebrecher der Venus zum Dienste, daher weihet sich der Grausame dem Mars! Dies haben wir gesagt, Brüder, um den Grund anzugeben, warum die Heiden heute ihren Göttern das aufbürden, unter dessen Last wir seufzen; warum sie die Götter in einer Weise darstellen, dass sie dem Beschauer Abscheu und Scham erwecken, warum mitunter auch diejenigen selbst, die [diese Bilder] anfertigen, sich entsetzen und davor fliehen, und schließlich, warum die Christen sich rühmen sollen, durch Christus von ihnen erlöst zu sein! [Aber wir haben dies auch gesagt,]damit die Christen sich nicht beflecken sollen durch die Teilnahme an solchen Schauspielen, damit sie sich nicht beschmutzten durch die Berührung, damit sie der Gefahr der Zustimmung aus dem Wege gehen sollten, weil immer die Zustimmung gleich zu erachten ist der Handlung selbst, wie der Apostel bekundet, wenn er spricht: „Nicht allein, die es tun, sondern auch, die mit denen einverstanden sind, welche es tun“. Und wenn ein solches Urteil schon dem Zustimmenden zuteil wird, wer kann dann genugsam beklagen diejenigen, die in solchen Bildern sich vorführen?. Haben sie nicht das Ebenbild Gottes verloren, haben sie nicht ihre Gottebenbildlichkeit vernichtet, haben sie nicht das Gewand Christi abgelegt, die in solchen gotteslästerlichen Gestalten sich aufgeführt haben?

Doch es mag jemand einwenden: es soll dies keine Gotteslästerung sein, es ist nur lustige Tollerei! Es ist dies nur der Ausdruck der Freude über die neue Zeit, nicht soll es sein das Werk des alten Wahnglaubens! Es ist ja die Absicht, den Jahresanfang zu feiern, nicht eine anstößige Handlung des Heidenglaubens! Mensch, du täuschst dich! Das sind keine Scherze, sondern Verbrechen! Denn wer spielt mit der Gottlosigkeit, wer ergötzt sich an Gotteslästerungen, wer nennt denn das Verbrechen einen Scherz? Sattsam belügt sich, der so denkt. Ein Tyrann ist, wer das Gebahren eines Tyrannen nachzumachen sich unterfängt! Wer sich als Gott ausgibt, ist in Wahrheit des [echten] Gottes Widersacher; Gottes Bild [in sich] zu tragen verschmäht der, welcher die Maske eines Götzenbildes tragen will. Wer scherzen will mit dem Teufel, wird sich nicht freuen können mit Christus! Keiner spielt ohne Gefahr zu laufen mit der Schlange, keiner spielt ungestraft mit dem Teufel! Wenn wir also noch etwas von Liebe in unseren Herzen haben, wenn wir in uns noch etwas von Achtung vor der Menschenwürde tragen, wenn wir also noch in uns hegen etwas von Liebe zu dem Heile des Nächsten, so laßt uns alle die davon abziehen, die so in ihr Verderben rennen, die so hinabgerissen werden in den Tod, in den Tartarus, die so eilends in die Hölle rennen! Der Vater also halte [von solchem Treiben] ab den Sohn, der Herr den Sklaven, der Verwandte den Verwandten, der Bürger den Mitbürger, ein Mensch den andern, der Christ alle, die sich in wilde Tiere verkleiden, den Tieren sich gleichmachen, dem niedrigen Vieh sich ähnlich gestalten, dem Teufel sich nachbilden! Und der Retter wird seinen Lohn empfangen; wer aber säumig ist, den erwartet die Strafe! Glückselig, wer sein eigenes Leben bewacht und auch besorgt ist um das Heil der andern!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s