Der Hirte des Hermas

Von Hermas

Erscheinung der ersten Frau.

Mein Ernährer hat mich nach Rom an eine gewisse Rhode verkauft. Nach vielen Jahren sah ich sie wieder und gewann sie allmählich lieb wie eine Schwester. Nach einiger Zeit sah ich sie, wie sie im Tiber badete, ich reichte ihr die Hand und führte sie aus dem Fluß. Wie ich nun ihre Schönheit sah, wurde ich nachdenklich und sprach bei mir selbst: Glücklich wäre ich, wenn ich eine solche Frau bekäme mit dieser Schönheit, diesen Sitten. Nur dieses dachte ich, sonst nichts. Später ging ich nach Kumä; dabei pries ich die Werke Gottes: ihre Größe, Erhabenheit und Gewalt; da übermannte mich im Gehen der Schlaf. Und ein Geist erfaßte mich und entführte mich durch eine unwegsame Gegend, durch die kein Mensch durchkommen konnte; sie war steil und durch das Wasser zerklüftet. Nachdem ich jenen Fluß überschritten hatte, kam ich in die Ebene, fiel auf die Knie nieder, begann zum Herrn zu beten und meine Sünden zu bekennen. Während ich betete, tat sich der Himmel auf, und ich sah jene Frau, die ich ersehnte, mich vom Himmel her grüßen und (ich hörte) sie sagen: „Sei gegrüßt; Hermas!“. Die Augen auf sie gewandt, fragte ich sie: „Herrin, was machst du da?“ Und sie erwiderte mir: „Ich wurde aufgenommen, damit ich deine Sünden kund tue bei dem Herrn.“  Ich sagte zu ihr: „So bist du meine Anklägerin?“ „Nein“, entgegnete sie, „höre vielmehr, was ich dir zu sagen habe. Der Gott, der in dem Himmel wohnet und der aus dem Nichts das Seiende erschaffen, erweitert und vermehrt hat um seiner heiligen Kirche willen zürnt dir, weil du wider mich gesündigt hast.“ Ich entgegnete ihr und sagte: „Wider dich habe ich gesündigt? auf welche Weise? habe ich zu dir einmal ein schlüpfriges Wort gesagt? habe ich dich nicht stets wie eine Göttin angesehen? habe ich dich nicht stets behandelt wie eine Schwester? Warum lügst du, Weib, gegen mich dieses Schändliche und Unreine?“ Da lachte sie auf und sprach zu mir: „In deinem Herzen stieg die Lust zum Bösen auf. Oder scheint es dir nicht etwas Schlimmes zu sein für einen gerechten Mann, wenn in seinem Herzen die böse Lust aufsteigt? Das ist eine Sünde“, sagte sie, „und zwar eine große. Denn der gerechte Mann sinnt auf Gerechtes. Denn darauf, daß er Gerechtes sinnt, baut sich sein guter Ruf im Himmel, und der Herr ist ihm zugetan in all seinem Beginnen; die aber Böses sinnen in ihren Herzen, die ziehen sich Tod und Gefangenschaft zu, am meisten die, welche sich um diese Welt kümmern und sich ihres Reichtums rühmen und auf die kommenden Güter nicht hoffen. Bereuen werden es in ihren Herzen alle, die keine Hoffnung haben, sie haben ja sich selbst aufgegeben und ihr Leben. Du aber bete zu Gott, und er wird deine Sünden heilen und die deines ganzen Hauses und aller Heiligen.“

Erscheinung der zweiten Frau; ihre Anklage.

Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, schloß sich der Himmel; ich zitterte am ganzen Leibe und war betrübt. Und ich sprach bei mir selbst: Wenn mir dies zur Sünde angerechnet wird, wie werde ich das Heil erlangen können? oder wie werde ich Gott versöhnen für meine Sünden, die ich durch die Tat vollführt habe? oder mit welchen Worten soll ich mich an den Herrn wenden, auf daß er mir gnädig sei? Als ich dies in meinem Herzen erwog und überdachte, sah ich vor mir einen großen, leuchtenden Sitz aus schneeweißer Wolle. Und es kam eine bejahrte Frau in prächtigem Gewande, ein Buch in den Händen haltend, setzte sich allein nieder und grüßte mich: „Sei gegrüßt, Hermas.“ Voll Betrübnis sprach ich unter Tränen: „Sei gegrüßt, Herrin.“ Und sie sprach zu mir: „Warum bist du traurig, Hermas, du, der Langmütige und Friedliebende, der allzeit Lachende, warum siehst du so niedergeschlagen aus und warum bist du nicht munter?“ Ich antwortete ihr: „Wegen einer überaus guten Frau, die sagte, ich hätte wider sie gesündigt.“ Sie entgegnete: „Keinesfalls gibt es bei dem Diener Gottes ein solches Tun. Vielmehr stieg lediglich in deinem Herzen (der Gedanke) an sie auf. Allerdings ist es so, für die Diener Gottes zieht ein solcher Gedanke Sünde nach sich; sündhaft ist nämlich der Wunsch und verwerflich bei einer ganz lauteren und schon erprobten Seele, wenn sie eine schlimme Tat begehrt, und zumal (wenn es) Hermas (tut), der Enthaltsame, der sich frei hält von jeder schlechten Begierde und der erfüllt ist mit jeglicher reinen Gesinnung und großer Unschuld!

Rede und Weissagung der zweiten Frau.

Aber nicht deshalb zürnt dir Gott, sondern damit du dein Haus bekehrest, das sich versündigt hat gegen Gott und gegen euch, seine Eltern. Weil du die Kinder liebst, hast du dein Haus nicht gewarnt, ließest es vielmehr gar sehr verderben; deshalb zürnt dir der Herr; aber er wird all das Böse heilen, das in deinem Hause vorgekommen ist; denn wegen der Fehltritte und Sünden jener ging es dir schlecht in deinen zeitlichen Unternehmungen. Aber die Barmherzigkeit Gottes hatte Mitleid mit dir und deinem Hause, und er wird dich stark machen und dich befestigen in seinem Ruhme. Nur nimm du es nicht leicht, sondern fasse guten Mut und bestärke dein Haus. Wie nämlich der Schmied durch das Hämmern des Stückes fertig bringt, was er will, so wird auch die tägliche gute Zusprache Herr über jegliche Schlechtigkeit. Lasse also nicht ab, deine Kinder zu warnen; denn ich weiß es, wenn sie von ganzem Herzen sich bekehren, werden sie mit den Heiligen eingeschrieben werden in die Bücher des Lebens.“ Als sie diese Worte zu Ende gesprochen hatte, sagte sie zu mir: „Willst du mich anhören, wenn ich vorlese?“ Und ich versetzte: „Ja, Herrin!“ Da sagte sie zu mir: „Höre zu und vernimm die Herrlichkeiten Gottes.“ Ich hörte Mächtiges und Wunderbares, was ich nicht behalten konnte. Denn alle Worte waren zum Erschauern, so daß sie ein Mensch nicht ertragen kann. Nur die letzten Worte habe ich behalten; sie waren mir nämlich erträglich und milde. „Siehe, der Herr der Heerscharen, der mit seiner unsichtbaren Macht und Stärke und großen Weisheit die Welt erschuf und in seinem lobwürdigen Ratschlusse seine Schöpfung mit Schönheit umgab und mit seinem mächtigen Wort den Himmel befestigte und die Erde gründete über den Wassern und in der ihm eigenen Weisheit und Vorsicht seine heilige Kirche schuf, die er auch segnete, siehe, er versetzt die Himmel, die Berge, die Hügel und die Meere, und alles wird ebenes Land für seine Auserwählten, damit er ihnen das Versprechen einlöse, das er mit großem Ruhm und großer Freude gegeben, wenn sie nämlich die Satzungen Gottes halten, die sie in großem Vertrauen empfangen haben.“

Mahnung zum Starksein.

Als sie nun mit dem Vorlesen aufgehört und von dem Sitze sich erhoben hatte, kamen vier Jünglinge, nahmen den Sitz und entfernten sich gegen Osten. Sie aber rief mich, faßte mich an der Brust und sagte zu mir: „Hat dir meine Vorlesung gefallen?“ Und ich erwiderte ihr: „Herrin, der Schluß eben gefiel mir, das Vorhergehende aber ist schwierig und hart.“ Sie sagte mir aber entgegnend: „Diese Schlußworte sind für die Gerechten, das Vorhergehende ist für die Heiden und die Abtrünnigen.“ Während sie noch mit mir sprach, erschienen zwei Männer, trugen sie an den Armen und entfernten sich gegen Osten, wohin auch der Sitz gebracht worden war. Sie ging aber heiter weg, und im Gehen sagte sie zu mir: „Sei stark, Hermas!“

Hermas bekommt ein Büchlein zum Abschreiben.

Als ich nach Kumä ging zu derselben Zeit wie im vorigen Jahre, dachte ich beim Gehen an die vorjährige Erscheinung, und wiederum erhob mich der Geist und führte mich an den gleichen Ort wie damals. Hier angekommen, fiel ich auf die Knie, fing an zum Herrn zu beten und seinen Namen zu verherrlichen, weil er mich für würdig gehalten und mir meine früheren Sünden geoffenbart hatte. Wie ich mich dann vom Gebete erhob, sah ich mir gegenüber die ältere Frau, die ich auch im vorigen Jahre gesehen hatte, hin und her wandeln und in einem kleinen Buche lesen; und sie sprach: „Kannst du dies den Auserwählten Gottes verkünden?“ Ich erwiderte ihr: „Herrin, soviel kann mein Gedächtnis nicht behalten; gib mir das Buch zum Abschreiben!“ „Nimm es“, sagte sie, „aber gib es mir wieder zurück.“ Und ich nahm es, zog mich an einen Platz auf dem Felde zurück und schrieb alles buchstäblich ab; denn Silben fand ich nicht. Als ich mit dem Abschreiben der Buchstaben des Buches fertig war, wurde es mir plötzlich aus der Hand gerissen; von wem, sah ich nicht.

Mahnung zur Buße; die Bußzeit für die Christen geht zu Ende; für die Heiden dauert sie bis zum jüngsten Tage.

Vierzehn Tage später, nachdem ich gefastet und zum Herrn viel gebetet hatte, wurde mir die Erkenntnis der Schrift enthüllt. Folgendes stand darin: „Deine Kinder, Hermas, haben gesündigt gegen Gott und gelästert wider den Herrn; in großer Schlechtigkeit haben sie ihre Eltern verraten, man nannte sie Verräter der Eltern, und sie ließen es sich nicht zunutzen sein, sondern sie fügten ihren Sünden noch Ausschweifung und allerhand Bosheit hinzu, und so ist ihre Schlechtigkeit voll geworden. Tue diese Worte allen deinen Kindern kund und deiner Gattin, die einmal deine Schwester sein soll; denn sie beherrscht die Zunge nicht, sondern sündigt damit; wenn sie aber dies hört, wird sie es nicht mehr tun, und sie wird Erbarmung finden. Wenn du ihnen diese Worte mitgeteilt hast, die mir der Herr aufgetragen hat, damit du sie offen erkennest, dann werden ihnen alle Sünden nachgelassen, die sie früher begangen haben, ebenso allen Heiligen, was sie bis auf diesen Tag gesündigt haben, wenn sie aus ganzem Herzen sich bekehren und aus ihrem Herzen den Zwiespalt nehmen. Denn der Herr hat bei seiner Herrlichkeit gegen seine Auserwählten geschworen: wenn nach diesem festgesetzten Tage noch eine Sünde geschieht, dann sollen sie das Heil nicht erlangen; denn die Bußzeit hat ein Ende für die Gerechten; die Tage der Buße sind erfüllt für alle Heiligen; für die Heiden aber gibt es eine Buße bis zum Jüngsten Tage. Sage daher den Vorstehern der Kirche, auf daß sie ihre Wege bessern in Gerechtigkeit und mit großer Herrlichkeit aus dem Vollen die Verheißungen empfangen. Fahret fort, die Gerechtigkeit zu üben und duldet keinen Zwiespalt im Herzen, damit ihr eingehen werdet zu den heiligen Engeln! Glückselig seid ihr alle, wenn ihr die kommende große Trübsal aushaltet und wenn ihr euer Leben nicht verleugnet. Denn der Herr hat durch seinen Sohn geschworen, daß denen, die ihren Herrn verleugnen, ihr Leben abgesprochen ist, nämlich denen, die in den kommenden Tagen ihn verleugnen werden; wer es früher getan, dem zeigte sich der Herr gnädig wegen seiner Barmherzigkeit.

Mahnung und Trost für Hermas.

Du aber, Hermas, sollst deinen Kindern das Böse nicht nachtragen und auch deine Schwester nicht entlassen, damit sie von ihren früheren Sünden gereinigt werden. Sie werden nämlich in eine gerechte Zucht genommen werden, wenn du ihrer Sünden nicht gedenkst; denn Böses nachtragen, heißt sich den Tod zuziehen. Du aber, Hermas, wirst selbst große Trübsal mitmachen müssen wegen der Übertretungen der Deinigen, weil du dich nicht um sie gekümmert hast; vielmehr hast du sie vernachlässigt und warst verstrickt in deine bösen Unternehmungen.  Aber retten wird dich der Umstand, daß du nicht abgefallen bist vom lebendigen Gotte, und deine aufrichtige Gesinnung und deine große Enthaltsamkeit; das ist deine Rettung, falls du so bleibst, und das rettet alle, die so handeln und die wandeln in Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. Diese werden jegliche Schlechtigkeit überwinden und ausharren zum ewigen Leben. Glückselig alle, die Gerechtigkeit üben; sie werden in Ewigkeit nicht zugrunde gehen.  Dem Maximus aber sage: siehe, Trübsal kommt; wenn’s dir gut dünkt, verleugne abermals. Nahe ist der Herr denen, die sich bekehren, wie geschrieben steht bei Eldad und Modat, die dem Volke in der Wüste geweissagt haben.“

Offenbarung über die alte Frau.

Brüder, im Schlafe erhielt ich eine Offenbarung von einem gar schönen Jüngling, der mir sagte: „Was meinst du, wer die alte Frau war, von der du das Büchlein bekamst?“ Ich sagte: „Die Sibylle“. „Du irrst“, versetzte er, „die ist es nicht.“ „Wer ist es denn?“ fuhr ich fort. „Die Kirche“, war seine Antwort. Ich sagte ihm: „Warum ist sie alt?“ „Weil sie“, antwortete er, „von allem zuerst gegründet wurde; deswegen ist sie alt, und ihretwegen wurde die Welt geschaffen.“ Danach sah ich ein Gesicht in meinem Hause. Die alte Frau kam und fragte mich, ob ich das Buch schon den Presbytern gegeben habe. Ich sagte: „Nein.“ „Du hast recht getan“, fuhr sie fort. „Ich habe noch einiges hinzuzufügen. Wenn ich nun vollends alle Worte hinzugefügt habe, werden sie durch dich allen Auserwählten bekanntgegeben werden. Du wirst zwei Abschriften fertigen und eine dem Klemens, eine der Grapte senden. Klemens wird es an die auswärtigen Städte schicken, das ist ihm aufgetragen worden; Grapte wird die Witwen und Waisen mahnen. Und du wirst es in dieser Stadt gemeinsam mit den Presbytern, den Vorstehern der Kirche, vorlesen.“

Die Erscheinung auf dem Felde.

Was ich schaute, Brüder, verhält sich so. Als ich oftmals gefastet und den Herrn gebeten hatte, daß er mir die Offenbarung enthülle, die er mir durch jene alte Frau zu zeigen versprochen hatte, da erschien mir mitten in der Nacht jene Frau und sagte mir: „Da du so mangelhaft unterrichtet bist und so begierig, alles zu erfahren, so komme auf das Feld, wo du Korn bauest, und um die fünfte Stunde werde ich dir erscheinen und dir zeigen, was du sehen mußt.“ Ich fragte sie: „Herrin, wo auf dem Felde?“ „Wo du willst“, sprach sie. Ich wählte einen schönen, etwas zurückgelegenen Platz. Bevor ich aber sie anreden und ihr den Ort bezeichnen konnte, sagte sie: „Ich komme dorthin, wohin du willst.“ Ich begab mich also, Brüder, auf das Feld, zählte die Stunden, kam an den Platz, den ich ihr als Treffpunkt bezeichnet hatte, und sah eine Bank aus Elfenbein dastehen, und über der Bank lag ein leinenes Kopfkissen, und über dem Linnen war ein feines, flächsenes Tuch gebreitet. Als ich dies daliegen und niemand an dem Orte sah, geriet ich in Verwirrung, und es überkam mich wie ein Zittern, und die Haare stiegen mir zu Berge. Wie ein Schauern kam es mich an, weil ich allein war. Als ich wieder zu mir gekommen war, als ich an Gottes Herrlichkeit mich erinnert und wieder Mut gefaßt hatte, fiel ich auf die Knie und bekannte dem Herrn abermals meine Sünden, wie früher. Da kam sie mit sechs Jünglingen, die ich auch früher schon gesehen hatte, trat neben mich und hörte zu, wie ich betete und dem Herrn meine Sünden bekannte. Und indem sie mich berührte, sprach sie: „Hermas, höre auf, nur immer wegen deiner Sünden zu beten; bete auch um die Gerechtigkeit, damit du von ihr einen Teil in dein Haus bringest.“ Dann richtete sie mich auf an der Hand und führte mich zu der Bank und sagte zu den Jünglingen: „Gehet fort und bauet.“ Und als die Jünglinge sich entfernt hatten und wir allein waren, begann sie zu mir: „Setze dich hierher!“ Ich erwiderte ihr: „Herrin, laß die Älteren zuerst Platz nehmen.“ „Was ich dir sage“, fuhr sie fort, „setze dich!“ Als ich mich dann auf die rechte Seite setzen wollte, gab sie es nicht zu und winkte mit der Hand, daß ich mich auf die linke Seite setzen solle. Dann sann ich darüber nach und war mißstimmt, weil sie mich nicht rechts hatte sitzen lassen. Sie sagte dann: „Bist du traurig, Hermas? Der Platz zur Rechten gehört anderen, die Gott ganz wohlgefällig sind und um seines Namens willen gelitten haben; dir fehlt noch viel, bis du dich zu ihnen setzen darfst. Aber verbleibe in der Aufrichtigkeit, wie du sie hast, und du wirst bei ihnen Platz nehmen, ebenso alle, welche die Werke jener tun und ertragen, was auch jene ertragen haben.“

Das Gesicht vom Bau des Turmes

„Was“, fragte ich, „haben sie ertragen?“ „Höre“, erwiderte sie, „Geißeln, Gefängnis, große Trübsal, Kreuzesstrafe, wilde Tiere um des Namens willen. Deshalb gehört jenen die rechte Seite der Beseligung und jedem, der wegen des Namens leidet; den übrigen gehört die linke Seite. Aber beide, sowohl die zur Rechten als auch die zur Linken Sitzenden haben die gleichen Gnaden und dieselben Verheißungen; nur genießen die zur Rechten Sitzenden eine gewisse Ehre. Du bist voll Begierde, mit ihnen zur Rechten zu sitzen, aber deiner Unvollkommenheiten sind es viele; aber du wirst von ihnen gereinigt werden; auch werden alle diejenigen auf diesen Tag von ihren Fehlern befreit, die nicht doppelten Sinnes sind. Nach diesen Worten wollte sie gehen; ich fiel ihr aber zu Füßen und bat sie bei dem Herrn, sie möge mir das versprochene Gesicht zeigen. Da faßte sie mich wiederum bei der Hand, hob mich auf und hieß mich auf der Bank zur Linken Platz nehmen; sie selbst nahm auch Platz zur Rechten. Und nachdem sie einen prunkvollen Stab erhoben hatte, begann sie zu mir: „Du siehst etwas Großes.“ Ich entgegnete ihr: „Herrin, ich sehe gar nichts.“ Sie sprach zu mir: „Da, siehst du nicht, wie dir gegenüber ein großer Turm über den Wassern aus prächtigen Quadersteinen erbaut wird?“ Im Viereck aber wurde der Turm aufgeführt von den sechs Jünglingen, die mit ihr gekommen waren; aber außerdem trugen unzählige Männer Steine herbei, die einen aus der Meerestiefe, die anderen von der Erde, und übergaben sie den sechs Jünglingen; diese nahmen sie in Empfang und setzten sie in den Bau. Die aus der Tiefe heraufgezogenen Steine fügten sie alle so in den Bau; denn sie eigneten sich so und paßten in den Mauerverband mit den übrigen Steinen; sie wurden so untereinander verbunden, daß man die Fugen nicht sah. Es schien, als ob das Gefüge des Turmes aus einem Stein hergestellt sei. Von den anderen Steinen, die sie von der trockenen Erde holten, warfen sie einen Teil weg, den anderen fügten sie ein in den Bau; wieder andere schlugen sie zusammen und warfen sie weit weg vom Turme. Und wieder andere Steine lagen in großer Zahl rings um den Turm, aber sie verwendeten sie nicht für den Bau; einige von ihnen hatten Flecken, andere hatten Risse, andere waren verstümmelt, andere waren glänzend und abgerundet, so daß sie in den Bau nicht paßten. Auch sah ich, wie einige Steine weit vom Turme weggeschleudert auf den Weg fielen, aber in dem Wege nicht liegen blieben, sondern weiter rollten vom Weg auf unwegsamen Boden; andere sah ich ins Feuer fallen und verbrennen; endlich sah ich, wie einige nahe am Wasser niederfielen, wie sie aber nicht ins Wasser weiterrollen konnten, obwohl sie weiter springen und ins Wasser fallen wollten.

Beginn der Enthüllungen über den Turm.

Als sie mir dies gezeigt hatte, wollte sie weggehen. Da sagte ich ihr: „Herrin, was nützt es mir, wenn ich dies gesehen habe, aber nicht verstehe, was diese Dinge zu bedeuten haben?“ Antwortend sagte sie mir: „Du bist ein neugieriger Mensch, da du das Nähere über den Turm erfahren willst.“ „Ja, Herrin“, erwiderte ich, „damit ich es den Brüdern mitteile, damit sie froher werden und damit sie, wenn sie dies hören, den Herrn erkennen in großer Herrlichkeit.“ Sie entgegnete: „Es werden zwar viele dies hören; von diesen werden die einen sich freuen, andere werden weinen; aber auch diese werden sich sogar freuen, wenn sie darauf hören und Buße tun. So höre denn das Gleichnis von dem Turm; ich will dir nämlich alles enthüllen. Aber mache mir keine Vorwürfe mehr wegen der Enthüllung; denn diese Offenbarungen haben ein Ende; sie sind nämlich erfüllt; du aber hörst nicht auf, Offenbarungen zu verlangen; so anspruchsvoll bist du. Der Turm, den du bauen siehst, bin ich, die Kirche, die dir jetzt wie auch früher erschienen ist; was du nun willst, das frage über den Turm, und ich werde es dir künden, damit du dich freuest mit den Heiligen.“ Da sagte ich zu ihr: „Herrin, da du mich nun einmal für würdig hieltest, mir alles zu enthüllen, so rede.“ Sie aber entgegnete: „Was immer dir enthüllt werden kann, das wird enthüllt werden. Nur soll dein Herz zu Gott gerichtet sein, und du darfst nicht anzweifeln, was du siehst.“ Ich fragte sie: „Warum ist der Turm auf Wasser gebaut, Herrin?“ „Ich habe es dir“, versetzte sie, „schon früher gesagt, du fragst genau nach; wenn du also fragst, wirst du die Wahrheit finden. Höre nun, warum der Turm auf Wasser gebaut ist. Weil euer Leben durch Wasser gerettet wurde und gerettet werden wird. Der Grund des Turmes ist nämlich gelegt durch das Wort des allmächtigen und verherrlichten Namens, er wird zusammengehalten durch die unsichtbare Macht des Herrn.“

Die sechs Jünglinge sind hervorragende Engel Gottes; auch die übrigen Bauleute sind Engel.

Ich antwortete ihr mit den Worten: „Herrin, groß und wunderbar ist diese Sache. Wer aber sind die sechs Jünglinge, die beim Bau tätig sind, Herrin?“ „Das sind die heiligen Engel Gottes, die zuerst geschaffenen, denen der Herr den Auftrag gab, seine ganze Schöpfung zu fördern, zu ordnen und sie ganz zu beherrschen. Durch sie wird daher der Bau des Turmes vollendet werden.“ „Und wer sind die anderen, welche die Steine beitragen?“ „Auch das sind heilige Engel Gottes; jene sechs aber sind höheren Ranges als diese. Der Turm wird also seine Vollendung finden, und alle insgesamt werden sich freuen rings um den Turm, und sie werden Gott verherrlichen, weil der Bau des Turmes zu Ende geführt wurde.“ Ich fragte sie: „Herrin, ich hätte gerne gewußt, welche Bewandtnis es hat mit der Herkunft und der Bedeutung der Steine.“ Ihre Antwort lautete: „Nicht weil du von allen der würdigste bist, diese Enthüllung zu erhalten – denn andere kommen vor dir und sind besser als du, so daß ihnen diese Gesichte hätten geoffenbart werden sollen – vielmehr damit der Name Gottes verherrlicht werde, wurde dir die Offenbarung und wird sie dir zuteil werden wegen der Zweifler, wegen derer, die grübeln in ihren Herzen, ob es so sei oder nicht. Sage, ihnen, daß dies alles wahr ist und nichts gegen die Wahrheit verstößt, sondern alles fest, sicher und wohlbegründet ist.“

Die Bausteine versinnbilden die einzelnen Gläubigen.

„Nun höre von den Steinen, die in den Bau kamen. Die viereckigen, weißen und in den Verband passenden Steine, das sind die Apostel, Bischöfe, Lehrer und Diakonen, welche lebten nach der Heiligkeit Gottes, die ihr Hirtenamt, Lehramt und ihren Dienst heilig und fromm versehen haben für die Erwählten Gottes; die einen von ihnen sind schon entschlafen, die anderen leben noch; immer waren sie einig miteinander, hielten Frieden unter sich und hörten aufeinander; deshalb passen in dem Bau des Turmes die Fugen zueinander.“ „Was aber bedeuten die Steine, die aus der Meerestiefe heraufgezogen und in den Bau eingemauert wurden und deren Linien mit den übrigen schon zum Bau verwandten Steinen übereinstimmten?“ „Das sind die, welche für den Namen des Herrn gelitten haben.“ „Auch über die anderen Steine, welche von der Erde genommen, möchte ich Auskunft und Deutung haben, Herrin.“ Sie erklärte: „Die, welche zum Bau verwendet wurden, ohne daß man sie behauen mußte, sind vom Herrn erprobt, weil sie in der Gerechtigkeit des Herrn wandelten und seine Gebote richtig hielten.“ „Was bedeuten aber die, welche herbeigeführt und in den Bau gelegt wurden?“ „Das sind die Neulinge im Glauben und (andere) Gläubige; sie werden von den Engeln zu guten Werken ermahnt, weil in ihnen keine Sünde gefunden wurde.“ „Und was bedeuten die Weggeworfenen und Fortgeschleuderten?“ „Das sind solche, welche gesündigt haben und sich bekehren wollen; deshalb wurden sie nicht weit vom Turme weggeworfen, weil sie für den Bau brauchbar sein werden, wenn sie sich bekehrt haben. Die, welche die Bekehrung vorhaben, werden nach ihrer Bekehrung stark sein im Glauben, wenn ihre Bekehrung jetzt geschieht, solange am Turme noch gebaut wird; wenn aber der Bau vollendet ist, dann gibt es für sie keinen Platz mehr, und sie werden verworfen sein; nur das bleibt ihnen, daß sie in der Nähe des Turmes liegen.“

Die Deutung der einzelnen Steine wird fortgesetzt.

„Willst du auch über die Zerschlagenen und vom Turme weit Weggeschleuderten Auskunft haben? Das sind die Kinder der Sünde; ihr Glaube war Heuchelei, und keine Schlechtigkeit blieb fern von ihnen. Deshalb finden sie das Heil nicht, weil sie wegen ihrer Sünden nicht brauchbar sind für den Bau. Deshalb wurden sie zusammengeschlagen und weit fort geworfen wegen des Herrn Zorn, weil sie ihn geärgert haben. Dann hast du andere in großer Zahl daliegen sehen, die nicht in den Bau kamen; das sind die mit Flecken Behafteten; sie haben die Wahrheit zwar erkannt, aber sie blieben nicht bei ihr und schlossen sich den Heiligen nicht an; deshalb sind sie unbrauchbar.“ „Wer sind dann die mit den Rissen?“ „Sie bedeuten Leute, die im Herzen etwas gegeneinander haben und miteinander nicht im Frieden leben, vielmehr sich den Anschein des Friedens geben; sobald sie aber auseinander gegangen sind, leben ihre Sünden fort in ihren Herzen; das sind die Risse, welche die Steine haben. Die Verstümmelten sodann sind diejenigen, welche zwar gläubig sind und der Hauptsache nach in Gerechtigkeit leben, aber doch einigen Anteil an der Sünde haben; deshalb sind sie verstümmelt und nicht ganz.“  „Was ist aber dann mit den weißen, rundlichen Steinen, die nicht in das Bauwerk passen, Herrin?“ Sie antwortete mir: „Wie lange noch bist du töricht und unverständig und fragst nach allem und siehst nichts ein? Das sind solche, die zwar den Glauben haben, zugleich aber auch den Reichtum dieser Welt; wenn die Trübsal kommt, dann verleugnen sie ihren Herrn wegen ihres Reichtums und wegen ihrer Geschäfte.“ Ich erwiderte ihr und sagte: „Herrin, wann werden sie brauchbar werden für den Bau?“ „Sie werden dann brauchbar sein für Gott, wenn ihnen der Reichtum, der ihre Seele beherrscht, vermindert worden ist. Wie nämlich der rundliche Stein nur dadurch viereckig wird, daß man ihn behaut und einiges von ihm wegnimmt, so können auch die Reichen in dieser Welt nur dadurch für den Herrn brauchbar werden, daß ihnen der Reichtum beschnitten wird. Erkenne dies zuerst an dir selbst; solange du reich warst, warst du nicht zu brauchen, jetzt aber bist du sehr brauchbar und nützlich für das Leben. Werdet brauchbar für Gott! Denn du selbst wirst aus diesen Steinen genommen.“

Die Deutung der übrigen Steine.

„Die anderen Steine, die, wie du sahest, weit vorn Turme weggeworfen wurden und auf den Weg fielen, aber vom Wege weiterrollten in wegloses Feld, das sind die, welche zwar geglaubt haben, aber wegen ihres Zweifels ihren wahren Weg verließen; in der Meinung, einen besseren Weg finden zu können, irren sie umher und sind unglücklich durch ihr Umherstreifen in den weglosen Gebieten. Die, welche ins Feuer fielen und verbrannten, das sind die, welche am Ende von dem lebendigen Gott abgefallen sind und in deren Herzen keine Sinnesänderung mehr aufkam wegen ihrer schwelgerischen Lüste und ihrer Sünden, die sie begingen. Möchtest du endlich wissen, was die zu bedeuten haben, welche nahe am Wasser niederfielen, aber nicht ins Wasser weiterrollen konnten? Das sind die, welche das Wort hörten und sich taufen lassen wollten auf den Namen des Herrn; wenn ihnen hernach die Keuschheit (als Forderung) der wahren Lehre zu Gemüte geführt wird, kehren sie um und laufen wieder ihren schlechten Begierden nach.“ Da schloß sie mit der Deutung des Turmes. Ich aber war frech und fragte sie noch, ob alle diese weggeworfenen und in den Bau des Turmes nicht passenden Steine, ob es für sie eine Buße gibt und ob sie eine Stelle finden in diesem Turme. „Es gibt für sie eine Buße“, erwiderte sie, „aber in diesen Turm können sie nicht kommen. Aber sie werden für einen anderen viel geringeren Platz passen, und zwar dann, wenn sie ihre Schmerzen getragen und die Tage ihrer Sünden erfüllt haben. Sie werden aber deshalb an einen anderen Ort versetzt werden, weil sie teilgenommen hatten an dem gerechten Worte. Und nur dann wird es ihnen gelingen, ihren Qualen entrissen zu werden, wenn in ihrem Herzen (die Reue über) die bösen Werke, die sie verübt, sich regt. Wenn diese sich aber nicht regt in ihrem Herzen, dann werden sie nicht gerettet werden wegen ihrer Herzenshärtigkeit.“

Das Gesicht von den sieben Frauen.

Als ich nun aufhörte, sie nach all diesem zu fragen, sagte sie zu mir: „Willst du etwas anderes sehen?“ Da ich sehr begierig war, etwas zu schauen, wurde ich überglücklich durch (die Aussicht auf) ein neues Gesicht. Lächelnd sah sie mich an und sagte: „Siehst du sieben Frauen um den Turm?“ „Ja, Herrin“, erwiderte ich. „Der Turm hier wird von diesen getragen gemäß der Anordnung des Herrn. Vernimm nun ihre Bedeutung. Die erste von ihnen, die mit den kräftigen Händen, wird Glaube genannt. Durch sie werden die auserwählten Gottes gerettet. Die zweite, mit dem Gürtel und mit dem mannhaften Aussehen, heißt Enthaltsamkeit; sie ist die Tochter des Glaubens. Wer ihr nachfolgt, wird glücklich in seinem Leben, weil er sich von allen bösen Taten frei halten wird, weil er glaubt, daß er das ewige Leben erben wird, wenn er sich frei hält von jeder sündhaften Lust.“ „Was bedeuten aber die übrigen, Herrin?“ „Die eine ist die Tochter der anderen. Ihre Namen sind: Aufrichtigkeit, Wissenschaft, Unschuld, Keuschheit, Liebe. Wenn du alle Werke der Mutter von ihnen tust, kannst du das Leben besitzen.“ „Ich hätte gerne gewußt, Herrin, welche Bedeutung jede von ihnen hat.“ „So höre“, antwortete sie, „die Bedeutung, die jede hat. Die Bedeutung der einen ist von der anderen abhängig und folgt ihr in der Ordnung, wie sie geboren sind. Von dem Glauben stammt die Enthaltsamkeit, von der Enthaltsamkeit die Aufrichtigkeit, von der Aufrichtigkeit die Unschuld, von der Unschuld die Keuschheit, von der Keuschheit die Wissenschaft, von der Wissenschaft die Liebe. Ihre Werke nun sind rein, keusch, göttlich. Wer nun diesen dient und es fertig bringt, ihre Werke zu üben, der wird im Turme Wohnung finden bei den Heiligen Gottes.“ Ich fragte sie dann nach der Zeit, ob schon die Vollendung da sei. Da schrie sie laut auf und rief: „Du unverständiger Mensch, siehst du nicht, daß an dem Turme noch gebaut wird? Erst wenn der Turm fertig dasteht, kommt das Ende. Aber es wird rasch gebaut werden. Frage mich nichts mehr! Diese Mahnung genügt für dich und die Heiligen und die Erneuerung eures Geistes. Aber nicht für dich allein wurde diese Offenbarung gegeben, sondern dazu, daß du sie allen kund tuest. Nach drei Tagen (du mußt es nämlich zuerst verstehen) werde ich dir, Hermas, erst die Worte ans Herz legen, die ich dir sagen will, damit du sie alle den Heiligen ins Ohr redest, damit sie dieselben hören und erfüllen und so gereinigt werden von ihren Sünden, du selbst und sie.“

Mahnung an die Reichen und die Vorsteher der Kirche.

„Höret mich, Kinder! Ich habe euch aufgezogen in aller Aufrichtigkeit und Unschuld und Keuschheit wegen der Erbarmung des Herrn, der seine Gerechtigkeit herabtauen ließ über euch, damit ihr gerechtfertigt und entsühnt würdet von allem Bösen und aller Verkehrtheit; ihr aber wollt nicht ablassen von eurer Schlechtigkeit. Nun höret jetzt auf mich und haltet Frieden unter euch selbst und besuchet einander und nehmet einander auf und genießet die Gaben Gottes nicht allein im Überfluß, sondern teilet auch den Bedürftigen davon mit! Während nämlich die einen infolge zu vieler Nahrungsaufnahme sich eine Krankheit des Körpers zuziehen und ihn schädigen, leidet der Körper der anderen Schaden infolge mangelnder Nahrung, weil sie nicht genug zu essen haben, und so geht ihr Leib zugrunde. Diese Unmäßigkeit ist schädlich für euch Wohlhabende, die ihr dem Bedürftigen nichts gebet. Schauet hin auf das kommende Gericht! Suchet also ihr, die ihr in Überfluß habet, die Hungernden auf, solange der Turm noch nicht fertig ist! denn nach Vollendung des Turmes werdet ihr Gutes tun wollen, aber es wird euch nicht mehr möglich sein. Sehet zu, ihr im Reichtum Schwelgenden, daß die Darbenden nicht etwa seufzen und daß ihr Seufzen nicht emporsteige zum Herrn und ihr nicht mitsamt euren Gütern ausgeschlossen werdet von dem Eingang des Turmes! Jetzt aber rede ich zu den Vorstehern der Kirche und den Inhabern der ersten Plätze; werdet den Giftmischern nicht ähnlich! Diese tragen nun zwar ihr Gift in Büchsen, ihr aber habt euer Gift und euer tötendes Mittel im Herzen. Ihr seid verhärtet und wollet euer Herz weder reinigen noch eine einmütige Gesinnung miteinander haben in einem reinen Herzen, auf daß ihr Erbarmen erlangen könntet von dem großen Könige. Sehet also zu, Kinder, daß diese Zwistigkeiten euch nicht um das Leben bringen! Wie wollt ihr die Erwählten des Herrn erziehen, wenn ihr selbst keine Zucht habet? Es erziehe also einer von euch den anderen; und haltet Friede unter euch selbst, damit auch ich frohen Herzens vor den Vater treten und eurem Herrn Rechenschaft geben könne über euch alle!“

Das verschiedene Aussehen der Frau bei den drei Erscheinungen.

Als sie nun ihr Gespräch mit mir beendigt hatte, kamen die sechs Jünglinge, welche bauten, und trugen sie weg zu dem Turme, und vier andere nahmen die Bank und trugen sie ebenfalls zum Turme; ihr Antlitz konnte ich nicht sehen, weil sie abgewandt waren. Als sie nun weggehen wollte, bat ich sie um Aufklärung über die drei Gestalten, in denen sie mir erschienen war. Ihre Antwort lautete: „Darüber mußt du mich ein anderes Mal fragen, damit ich es dir enthülle.“ Bei dem ersten Gesichte voriges Jahr war sie mir, Brüder, als eine ganz alte Frau, auf einem Sessel sitzend, erschienen. Bei der zweiten Erscheinung hatte sie ein jüngeres Gesicht, aber einen alten Körper und graue Haare, und sie stand, als sie mit mir sprach; sie war aber in besserer Stimmung als das erste Mal. Bei der dritten Erscheinung war sie ganz jung und von ausgezeichneter Schönheit, nur hatte sie graue Haare; aber sie war fröhlich bis zum Schlusse und saß auf einer Bank. Dies machte mich ganz traurig, weil ich die Deutung hiervon kennen wollte. Da schaute ich in einem nächtlichen Gesichte die alte Frau, und sie sagte mir: „Jedes Gebet bedarf demütiger Gesinnung; faste also und du wirst erhalten, was du vom Herrn begehrst.“ So fastete ich denn einen Tag, und in der gleichen Nacht erschien mir ein Jüngling, der mir sagte: „Warum verlangst du im Gebete die Offenbarungen der Reihe nach? Sieh zu, daß du nicht zuviel verlangst und so deiner Gesundheit schadest. Diese Enthüllungen genügen dir. Oder kannst du stärkere Offenbarungen als die erlebten aushalten?“ Ich antwortete ihm: „Herr, nur um das eine bitte ich, nämlich (um Aufklärung) über die dreifache Gestalt der alten Frau, damit die Offenbarung vollständig werde.“ Da erwiderte er: „Wie lange seid ihr noch unverständig? Vielmehr sind es die Zweifel, die euch das Verständnis nehmen, und der Umstand, daß ihr euer Herz nicht beim Herrn habet.“ Ich antwortete ihm, indem ich nochmals sagte: „Aber von dir, o Herr, werde ich es genauer erfahren.“

Erklärung der ersten Gestalt.

„So höre denn über die drei Gestalten, wie du es verlangst. Warum sie bei dem ersten Gesichte dir alt erschien und auf einem Sitze ruhend? Weil euer Geist schon alterte und schon abgezehrt war und keine Kraft mehr hatte wegen eurer Schwäche und eurer Zweifel; wie nämlich die alten Leute, weil sie keine Aussicht haben, wieder jung zu werden, nur noch auf das Einschlummern warten, so habt auch ihr, durch die zeitlichen Sorgen geschwächt euch der Sorglosigkeit überlassen und habt nicht alle eure Sorgen auf den Herrn geworfen; vielmehr wurde euer Sinn niedergebeugt, und ihr seid gealtert durch eure Kümmernisse.“ „Warum sie auf einem Sessel ruhte, möchte ich wissen, Herr.“ „Weil jeder Schwache sich auf einen Ruheplatz niedersetzt wegen seiner Schwäche, damit die Schwäche seines Körpers überwunden werde. Damit hast du die Bedeutung des ersten Gesichtes.“

Die Deutung der zweiten Gestalt.

„Bei der zweiten Erscheinung sahest du sie stehend, mit einem jugendlicheren Gesichte und fröhlicher als das erste Mal, nur mit älterem Körper und grauem Haar. Vernimm“, sagte er, „auch dieses Gleichnis! Wenn einer schon alt ist und sich schon wegen seiner Schwäche und seiner Armut aufgegeben hat, dann erwartet er nichts anderes mehr als den letzten Tag seines Lebens; da fällt ihm plötzlich eine Erbschaft zu, und er springt bei der Nachricht hiervon auf, und voll Freude bekommt er wieder Kraft und bleibt nicht mehr liegen, sondern steht auf, und sein Geist, der infolge der früheren Arbeiten schon abgemattet war, lebt wieder auf; er bleibt nicht mehr sitzen, sondern rührt sich männlich: so ist es auch euch ergangen, als ihr die Offenbarung hörtet, die euch der Herr gegeben hat. Weil er sich erbarmt hat über euch, hat sich auch euer Geist erneuert, habt ihr eure Schwäche abgelegt, habt ihr wieder Kraft geschöpft und seid wieder stark geworden im Glauben, und als der Herr eure Erstarkung sah, freute er sich; und deshalb hat er auch den Bau des Turmes geoffenbart und wird euch noch mehr offenbaren, wenn ihr aus ganzem Herzen unter euch Frieden bewahrt.“

Erklärung der dritten Gestalt.

„Bei der dritten Erscheinung sahst du sie jung, schön, fröhlich und von edler Gestalt 2. Wie nämlich ein Trauriger, dem plötzlich eine gute Botschaft zukommt, sogleich das alte Leid vergißt und nichts anderes erwartet als die (Erfüllung der) frohen Botschaft, von der er hörte, und wie er künftighin stark sein wird im Hinblick auf das Gute und wie sein Geist sich erneuert wegen der Freude, die ihm zuteil geworden, so habt auch ihr eine Erneuerung eures Geistes erlebt, als ihr diese Güter sahet. Und wenn du sie auf einer Bank sitzen sahest, so wisse, daß es ein starker Sitz war, weil die Bank vier Füße hatte und fest stand; denn auch die Welt beruht auf vier Elementen. Wer also völlig sich bekehrt, wer nämlich aus ganzem Herzen seine Gesinnung ändert, der wird neu werden und fest gegründet. Nun hast du die Offenbarung vollständig, und du sollst fernerhin gar nichts mehr fragen über die Offenbarung; sollte aber etwas notwendig sein, so wird es dir geoffenbart werden.“

Die Erscheinung eines großen Tieres.

Das vierte Gesicht, welches ich hatte, Brüder, zwanzig Tage nach dem letzten, ist zum Vorbild der kommenden Trübsal. Ich ging auf dem Feldweg in meinen Acker. Von der Staatsstraße ist es ungefähr zehn Stadien entfernt; es ist aber leicht, an den Ort zu kommen. Wie ich nun allein dahinging, bat ich den Herrn, er möge die Enthüllungen und die Gesichte, die er mir durch seine heilige Kirche gezeigt hatte, vollenden, auf daß er mich stärke und seinen Dienern, die gesündigt haben, Reue schenke, zur Verherrlichung seines großen und berühmten Namens, weil er mich gewürdigt hatte, mir seine Wunder zu zeigen. Und während ich ihn lobte und ihm dankte, bekam ich Antwort wie vom Echo einer Stimme: „Zweifle nicht, Hermas!“ Ich fing an bei mir selbst zu überlegen und zu sprechen: „Was habe ich zu zweifeln, der ich so gefestigt bin vom Herrn und seine herrlichen Werke geschaut habe?“ Ich ging ein wenig vorwärts, Brüder, und da sah ich Staub gleichsam bis zum Himmel aufsteigen, und ich begann bei mir selbst zu sprechen: Kommen denn Tiere und machen Staub? Es war von mir etwa ein Stadium weg. Als aber die Staubwolke größer und größer wurde, merkte ich, daß es etwas Göttliches sei; einen Augenblick leuchtete die Sonne auf, und da sah ich ein großes Tier wie ein Meerungeheuer, und aus seinem Maule kamen feurige Heuschrecken hervor. Das Tier hatte eine Länge von ungefähr hundert Fuß, und sein Kopf war wie aus Ton. Und ich fing an zu weinen und den Herrn zu bitten, er wolle mich von ihm erlösen.; da erinnerte ich mich des Wortes, das ich gehört hatte: Zweifle nicht, Hermas! Da wappnete ich mich, Brüder, mit dem Glauben des Herrn und erinnerte mich an seine erhabenen Lehren, und so ermutigt, begab ich mich zu dem Tiere. Es kam aber das Tier daher mit einer Gewalt, daß es hätte eine ganze Stadt verwüsten können. Ich ging auf das Tier zu, da streckte sich das riesige Ungeheuer auf den Boden aus, zeigte nur noch die Zunge und regte sich überhaupt nicht, bis ich an ihm vorbeigegangen war. Das Tier hatte aber vier Farben am Kopfe: schwarz, feurig- und blutigrot, golden und weiß.

Die Deutung des Ungeheuers durch die Jungfrau (= Kirche).

Als ich aber an dem Tiere vorbeigegangen war und es ungefähr dreißig Schritte hinter mir hatte, begegnete mir eine Jungfrau, geschmückt, wie wenn sie aus dem Brautgemach käme, ganz in Weiß gekleidet auch die Sandalen waren weiß, verschleiert bis zur Stirne, am Kopfbund war ihr Schleier; sie hatte aber weißes Haar. Ich wußte aber aus den früheren Erscheinungen, daß es die Kirche war, und wurde froh. Sie grüßte mich mit den Worten: „Sei gegrüßt, Mann.“ Ich erwiderte ihren Gruß: „Herrin, sei gegrüßt.“ Sie antwortete mir: „Ist dir nichts begegnet?“ Ich sagte ihr: „Ja Herrin, so ein großes Tier, daß es ganze Völker vernichten kann; aber durch des Herrn Macht und seine Barmherzigkeit bin ich ihm entronnen.“ „Du kamst gut davon“, fuhr sie fort, „weil du deine Sorge auf den Herrn geworfen und dein Herz für den Herrn geöffnet hast im Vertrauen, daß du durch nichts anderes gerettet werden kannst als durch den großen und herrlichen Namen Deshalb hat Gott seinen Engel, der über die Tiere gesetzt ist und dessen Name Thegri heißt, abgesandt, und dieser hat dem Tiere das Maul verschlossen, damit es dir nichts zuleid tue Du bist einer großen Trübsal entronnen durch deinen Glauben, weil du beim Anblick des Ungeheuers nicht verzweifeltest. So gehe denn hin, erkläre den Erwählten des Herrn seine Großtaten und sage ihnen, daß dieses Tier ein Abbild ist der großen Trübsal, die kommen wird; wenn ihr nun euch vorher bereit haltet und aus eurem ganzen Herzen zum Herrn euch bekehret, werdet ihr derselben entrinnen können, wenn euer Herz rein wird und ohne Sünde und wenn ihr die übrigen Tage eures Lebens dem Herrn untadelig dienet. Werfet eure Sorge auf den Herrn, und er selbst  wird sie in Ordnung bringen! Glaubet dem Herrn, ihr Zweifler, daß er alles kann, daß er seinen Zorn wegwendet von euch und daß er Geißeln senden wird für euch, die Zweifler. Wehe denen, die diese Worte hören und sie verwerfen! Es wäre besser für sie, sie wären nicht geboren!“

Die Deutung der vier Farben am Kopfe des Ungeheuers.

Ich fragte sie nach den vier Farben, die das Tier an seinem Kopfe hatte. Sie erwiderte mir: „Wiederum bist du neugierig nach diesen Dingen.“ „Ja, Herrin“, versetzte ich, „künde mir, was dies zu bedeuten hat.“ „So höre“, erwiderte sie, „das Schwarze bedeutet diese Welt, in der ihr wohnet; das Feurige und Blutige aber, daß diese Welt durch Blut und Feuer zugrunde gehen muß. Der goldige Teil aber seid ihr, die ihr dieser Welt entronnen seid; denn wie das Gold durch das Feuer erprobt und brauchbar wird, so werdet auch ihr erprobt, die ihr unter ihnen (den Leuten dieser Welt) lebet. Wenn ihr nun ausharret und von ihnen durch das Feuer erprobt seid, werdet ihr gereinigt werden. Wie nämlich das Gold, was an ihm unrein ist, abwirft, so werdet auch ihr alle Trauer und alle Angst ablegen, und ihr werdet gereinigt und brauchbar werden für den Bau des Turmes. Der weiße Teil aber ist die kommende Welt, in der die Erwählten Gottes wohnen werden, weil die von Gott zum ewigen Leben Auserkorenen fleckenlos und rein sein werden. Versäume nun nicht, den Heiligen es recht zu sagen. Ihr habt nun auch das Abbild der großen Trübsal, die kommen wird. Wenn ihr aber guten Willen habt, wird sie nichts zu bedeuten haben. Denket an das, was weiter oben niedergeschrieben worden ist.“ Nach diesen Worten entfernte sie sich, und ich konnte nicht sehen, wohin sie ging; es erhob sich nämlich ein Getöse; und ich wandte mich rückwärts vor Angst, weil ich glaubte, das Tier käme.

Als ich in meinem Hause betete und mich auf mein Lager niedergelassen hatte, trat ein Mann herein mit einem vornehmen Gesichtsausdruck; er kam in einem Hirtengewand, hatte ein weißes Ziegenfell umgeworfen, trug eine Tasche über die Schultern und einen Stab in der Hand. Er grüßte mich, und ich grüßte ihn wieder. Und sogleich setzte er sich neben mich und sagte mir: „Ich bin gesandt von dem ehrwürdigsten Engel, daß ich den Rest deiner Lebenstage bei dir wohne.“ Ich war der Meinung, er sei gekommen, um mich auf die Probe zu stellen und entgegnete ihm: Wer bist du denn? Denn ich kenne den“, sagte ich, „dem ich übergeben worden bin.“ Er versetzte: „Kennst du mich nicht?“ „Nein“, entgegnete ich. „Ich bin“, lautete seine Antwort, „der Hirte, dem du übergeben worden bist.“ Während er noch redete, veränderte sich seine Gestalt, und ich erkannte ihn als den, dem ich übergeben worden war, und sogleich fuhr ich zusammen, Furcht ergriff mich, und ich brach ganz zusammen aus Trauer darüber, daß ich ihm eine so schlechte und ungeschickte Antwort gegeben hatte. Er aber erwiderte mir: „Sei nicht verzagt, sondern werde stark durch die Vorschriften, die ich dir geben werde! Ich wurde nämlich gesandt“, fuhr er fort, „damit ich dir alle Gesichte, die du früher schon geschaut hast, noch einmal zeige, und zwar das Wichtigste, das euch von Nutzen ist. Vor allem sollst du meine Gebote und die Gleichnisse aufschreiben; das andere sollst du, so wie ich es dir zeigen werde, aufschreiben; ich verlange von dir deshalb zuerst die Niederschrift der Gebote und Gleichnisse, damit du sie hernach lesest und sie beobachten kannst.“ So habe ich also seinem Auftrag gemäß die Gebote und Gleichnisse niedergeschrieben. Wenn ihr nun dieselben höret, beobachtet, in ihnen wandelt und sie erfüllt mit reinem Herzen, werdet ihr vom Herrn empfangen alles, was er euch versprochen hat; wenn ihr sie aber höret und euch nicht bekehret, sondern in euren Sünden weitermachet, werdet ihr das Gegenteil vom Herrn erhalten. Dies alles so aufzuschreiben, befahl mir der Hirte, der Engel der Buße.

Erstes Gebot

Glaube an den einen Gott und fürchte ihn!

„Fürs allererste: glaube, daß es einen Gott gibt, der alles erschaffen und vollendet und aus Nichts gemacht hat, daß es sei, indem er auch alles umfaßt, während er allein unfaßbar ist, Ihm also glaube und fürchte ihn, aus Furcht sei enthaltsam. Dies halte, und du wirst jegliche Schlechtigkeit von dir werfen, und du wirst anziehen jegliche Tugend der Gerechtigkeit und (für) Gott leben, wenn du dieses Gebot hältst.“

Zweites Gebot

Fliehe die Verleumdung; tue Gutes!

Er sagte mir: „Sei geraden Sinnes und werde fehlerlos, dann wirst du sein wie die kleinen Kinder, welche die Schlechtigkeit nicht kennen, die das Leben der Menschen zerstört. 2. Vor allem verleumde niemanden und höre dem Verleumder nicht gerne zu; sonst wirst auch du, der Hörer, Teil haben an der Sünde des Verleumders, wenn du der Verleumdung Glauben schenkst, die du hörst. Denn wenn du es glaubst, wirst du selbst eingenommen sein gegen deinen Bruder. Auf diese Weise also wirst du Teil haben an der Sünde des Verleumders, Es ist etwas Schlechtes um die Verleumdung, sie ist ein unruhiger, böser Geist, der niemals Friede hält, sondern stets bei Zwistigkeiten wohnt. Halte dich also fern von ihm, und du wirst stets Ansehen genießen bei allen. Umgib dich mit Würde, die nichts Schlimmes (und) Anstößiges an sich hat, sondern in allem gerade und freudig ist. Tue Gutes und gib vom Segen deiner Arbeit, den Gott dir gibt, allen Bedürftigen schlechthin, ohne zu fragen, wem du geben und wem du nicht geben sollst. Gib allen; denn Gott will, daß man allen von seinen eigenen Geschenken gibt. Die Empfänger aber müssen Gott Rechenschaft geben, warum und wozu sie empfangen haben; wer nämlich in der Not eine Gabe empfangen hat, wird nicht gerichtet werden, wer aber Unterstützungen erheuchelt, wird bestraft werden. Der Geber ist frei von Schuld; denn wie er vom Herrn seinen Dienst zur Erledigung bekommen hat, so hat er ihn einfach erledigt, ohne zu untersuchen, wem er geben und wem er nicht geben solle. Und dieser einfach erledigte Dienst ist ehrenvoll geworden vor Gott. Wer demnach so einfach seinen Dienst erfüllt, wird (in) Gott leben. Halte also dieses Gebot, wie ich es dir gesagt habe, damit deine und deines Hauses Bekehrung als aufrichtig erfunden werde und dein Herz rein und unbefleckt sei.“

Drittes Gebot

Lüge nicht!

Wiederum sprach er zu mir: „Die Wahrheit liebe, und nur wahre Rede komme aus deinem Munde, damit der Geist, den Gott in dieses Fleisch gepflanzt hat, als wahr(haftig) erfunden werde vor allen Menschen; dadurch wird dann der Herr, der in dir wohnt, verherrlicht werden; denn der Herr ist wahrhaft in jedem Worte, und bei ihm gibt es keine Lüge. Die Lügner verleugnen demnach den Herrn und betrügen ihn, da sie ihm das anvertraute Gut, das sie empfingen, nicht zurückgeben. Denn sie bekamen von ihm einen wahrhaften Geist. Wenn sie diesen als lügnerischen Geist zurückgeben, dann haben sie den Auftrag des Herrn nicht gehalten und sind Betrüger geworden.“  Als ich nun dieses hörte, mußte ich laut weinen. Wie er mich weinen sah, fragte er: „Warum weinst du?“ „O Herr“, erwiderte ich, „weil ich nicht weiß, ob ich gerettet werden kann.“ „Warum?“ fragte er. „Niemals nämlich, o Herr“, fuhr ich fort, „habe ich in meinem Leben ein wahres Wort gesprochen, sondern stets war mein Leben mit jedermann voller Ränke und List, und meine Lüge habe ich bei allen Menschen für Wahrheit ausgegeben; und nie hat mir jemand widersprochen, vielmehr glaubte man meinem Worte. Wie nun, o Herr, kann ich das Leben bekommen nach solchem Tun?“ „Du denkst gut und wahr“, erwiderte er; „du hättest nämlich wie ein Diener Gottes in Wahrheit wandeln sollen, und ein schlechtes Gewissen hätte nicht zusammenwohnen sollen mit dem Geiste der Wahrheit und hätte dem erhabenen und wahren Geiste kein Leid zufügen sollen.“ „Nie, o Herr“, sagte ich, „habe ich solche Worte klar und deutlich gehört.“ „Jetzt aber“, versetzte er, „hörst du sie; befolge sie, damit auch das, was du früher bei deinen Geschäften gelogen hast, wenn das jetzige als wahr erfunden wird, auch jenes glaubhaft werde; denn es kann glaubhaft werden. Wenn du dies beobachtest und von jetzt ab nur Wahrheit redest, so kannst du dir das Leben erwerben; und wer immer dieses Gebot hört und sich frei hält von der verwerflichen Lüge, der wird das Leben haben bei Gott.“

Viertes Gebot

Bewahre die Keuschheit!

„Ich gebiete dir“, fuhr er fort, „die Keuschheit zu bewahren, und es soll in deinem Herzen keine Begierde aufsteigen nach dem Weibe eines anderen oder nach einer unzüchtigen Handlung oder sonst einer derartigen Schlechtigkeit. Wenn du nämlich dies tust, begehst du eine große Sünde. Wenn du aber allezeit an deine eigene Frau denkst, so sündigst du niemals. Wenn nämlich jene Begierde in deinem Herzen aufsteigt, sündigst du, und auch wenn sonst solche schlechte Dinge (in deinem Herzen aufsteigen), begehst du eine Sünde; denn eine solche Begierde ist für einen Diener Gottes eine große Sünde; wenn aber einer diese böse Tat vollbringt, dann zieht er sich den Tod zu. Siehe also du zu! Enthalte dich von dieser Begierde; wo immer nämlich die Heiligkeit zu Hause ist, dort darf die Sünde nicht in das Herz eines gerechten Mannes kommen.“ Ich erwiderte ihm: „Herr, gestatte mir, einige Fragen an dich zu richten.“ „Rede“, sprach er. „Wenn“, so sprach ich, „wenn, o Herr, einer eine im Herrn gläubige Frau hat und diese bei einem Ehebruch ertappt, sündigt der Mann, wenn er weiter mit ihr zusammenlebt?“ „Solange er nichts davon weiß“, antwortete er, „sündigt er nicht; wenn aber der Mann von ihrer Sünde Kenntnis erhalten hat und wenn sich die Frau nicht bekehrt, sondern in ihrer ehelichen Untreue verharrt und der Mann mit ihr zusammenlebt, dann bekommt er Teil an ihrer Sünde und ist mitschuldig an ihrem Ehebruch.“  „Was nun, o Herr“, fragte ich weiter, „soll der Mann tun, wenn die Frau in dieser Leidenschaft verharrt?“ „Dann soll er sie entlassen“, sagte er, „und der Mann soll für sich bleiben; wenn er aber seine Frau entläßt und eine andere heiratet, dann bricht er selbst die Ehe. „Wenn nun, Herr“, sagte ich, „die Frau nach ihrer Entlassung sich bekehrt und zu ihrem rechten Manne zurückkehren will, darf sie nicht aufgenommen werden?“  „Aber freilich“, antwortete er; „wenn der Mann sie nicht wieder aufnimmt, sündigt er, und zwar zieht er sich eine große Sünde zu; vielmehr muß man den Sünder, der Buße tut, aufnehmen, aber nicht mehrere mal; denn für die Diener Gottes gibt es nur eine einzige Buße. Wegen der Buße nun darf der Mann nicht (eine andere) heiraten. Diese Vorschrift gilt für Mann und Weib. Es ist nicht nur Ehebruch, wenn einer sein eigenes Fleisch befleckt, sondern die Ehe bricht auch der, welcher Ähnliches tut wie die Heiden. Wenn also einer in solchen Werken verharrt und sich nicht bekehrt, dann bleibe ihm fern und lebe nicht mit ihm zusammen; andernfalls hast auch du Teil an seiner Sünde. Deshalb habt ihr die Vorschrift erhalten, für euch zu bleiben, Mann wie Weib; es kann nämlich auch in solchen Fällen eine Buße geben.  Ich will aber“, fuhr er fort, „damit nicht Anlaß geben, daß dieser Fall tatsächlich vorkomme, sondern nur, daß einer, der gesündigt hat, nicht weiter sündige. Für seine frühere Sünde aber gibt es einen, der die Macht hat, Heilung zu geben; er ist ja der, welcher Macht hat über alle Dinge.“

Fünftes Gebot

Lob der Langmut.

„Werde langmütig und verständig“, fuhr er fort, „und du wirst erhaben sein über alle bösen Werke und nur Gerechtigkeit üben. Wenn du nämlich langmütig bist, dann wird der in dir wohnende Heilige Geist rein sein, nicht verdunkelt von einem anderen bösen Geiste, sondern in einer geräumigen Behausung wohnend wird er frohlocken und freudig sein mit dem Gefäße, in dem er wohnt, und er wird Gott dienen mit vieler Freude, da er sein Glück in sich selbst hat. Wenn aber irgendwie der Jähzorn sich einnistet, dann wird es alsbald dem Heiligen Geiste, der zart ist, zu enge, da er keinen reinen Wohnort mehr hat, und er sucht von da auszuziehen. Der böse Geist sucht ihn nämlich zu ersticken, indem der Zorn ihn vergewaltigt, und so kann er dem Herrn nicht mehr dienen, wie er will. Denn in der Langmut wohnt Gott, in der Zornmütigkeit aber der Teufel. Wenn nun beide Geister in einem Menschen zusammenwohnen, so ist das unzuträglich und schädlich für den, in dem sie wohnen. Wenn du nämlich nur ein ganz klein wenig Absinth nimmst und ihn in einen Topf voll Honig schüttest, ist dann nicht der ganze Honig verdorben? Und zwar wird eine solche Menge Honig von dem bißchen Absinth verdorben, er nimmt dem Honig seine Süßigkeit, und dieser schmeckt dem Herrn nicht mehr, weil ihm etwas beigemischt und er so ungenießbar wurde. Wenn aber der Absinth dem Honig nicht beigegeben wird, dann behält er seine Süßigkeit und ist dem Herrn wohlbekömmlich. Du siehst also, daß die Langmut viel süßer ist als Honig und daß sie gar genehm ist für den Herrn und daß er in ihr wohnt. Der Jähzorn aber ist bitter und unnütz. Wenn sich nun der Zorn vermischt mit der Langmut, dann wird diese verdorben, und das Dazukommen jenes ist dem Herrn nicht genehm.“ „Ich möchte gern, o Herr, die Wirkung des Jähzorns kennen lernen“, fuhr ich fort, „damit ich mich vor ihm hüte.“ „Fürwahr“, entgegnete er, „wenn du dich vor ihm nicht hütest mit deinem Hause, dann ist all deine Hoffnung dahin. So hüte dich also vor ihm; denn ich bin mit dir. Und auch alle, die sich von ganzem Herzen bekehren, werden sich von ihm enthalten; denn auch mit ihnen werde ich sein und werde sie bewahren; denn sie alle wurden gerechtfertigt von dem heiligsten Engel.“

Sechstes Gebot

Der gute und der schlechte Weg.

„In dem ersten Gebote“, fuhr er fort, „habe ich dir aufgetragen, den Glauben, die Furcht und die Enthaltsamkeit zu bewahren.“ „Ja, Herr“, versetzte ich. „Aber jetzt will ich dir auch ihre Bedeutung mitteilen“, sagte er, „damit du auch erkennst, welche Bedeutung und welche Wirkung jedes von ihnen hat; zweifach sind nämlich die Wirkungen derselben; sie liegen auf dem Gebiete des Rechten und des Unrechten. Du sollst dem Rechten vertrauen, aber nicht dem Unrechten; denn das Gerechte hat einen geraden Weg, das Unrechte einen verkehrten. Du sollst den rechten, ebenen Weg gehen, den verkehrten sollst du meiden. Denn der verkehrte Weg hat keine (gepflegten) Pfade, sondern er ist nicht gangbar, bietet vielfachen Anstoß, er ist rauh und dornig; so schadet er denen, die ihn begehen. Die aber auf dem rechten Wege wandeln, gehen eben und ohne Anstoß dahin; er ist auch nicht rauh und dornig. Du siehst also, daß es nützlicher ist, auf diesem Wege zu gehen.“ „Mir gefällt es, o Herr, gut, diesen Weg einzuschlagen.“ „Du wirst ihn gehen“, sprach er, „und jeder, der sich von ganzem Herzen zum Herrn bekehrt, wird ihn gehen.“

Siebtes Gebot

Von der Gottes Furcht.

„Fürchte den Herrn“, sprach er, „und halte seine Gebote; wenn du nämlich die Gebote Gottes hältst, wirst du mächtig sein in all deinem Tun, und dieses wird unvergleichlich sein. Denn in der Furcht des Herrn wirst du alles trefflich machen. Das ist die Furcht, die du haben mußt, um das Heil zu erlangen. Den Teufel sollst du nicht fürchten; denn in der Furcht des Herrn wirst du den Teufel überwinden, weil er keine Macht besitzt. Wer aber keine Macht hat, den braucht man auch nicht zu fürchten; wessen Macht aber anerkannt ist, vor dem hat man auch Furcht. Jeder, der Macht hat, flößt auch Furcht ein; nur wer machtlos ist, wird allgemein übersehen. Furcht haben sollst du vor des Teufels Werken, weil sie böse sind. Wenn du nun den Herrn fürchtest, fürchtest du auch die Werke des Teufels und tust sie nicht, sondern hältst dich fern von ihnen. Demnach gibt es also eine zweifache Furcht: fürchte den Herrn, wenn du etwas Böses tun willst, dann wirst du es nicht tun; wenn du aber etwas Gutes tun willst, so fürchte den Herrn, und du wirst es tun. So ist die Furcht des Herrn stark, mächtig und rühmlich. Fürchte also den Herrn, und du wirst ihm leben; und alle, die ihn fürchten und seine Gebote halten, werden in Gott leben.“ „Warum, Herr“, fragte ich, „sagtest du von denen, die seine Gebote halten: Sie werden in Gott leben?“ „Weil“, entgegnete er, „weil jedes Geschöpf den Herrn zwar fürchtet, aber seine Gebote nicht hält. Wer aber ihn fürchtet und seine Gebote hält, der wird das Leben haben bei Gott; wer aber seine Gebote nicht hält, der wird auch das Leben nicht haben.“

Achtes Gebot

Von der Enthaltsamkeit.

„Ich habe dir gesagt“, sprach er weiter, „daß die Geschöpfe Gottes zwei Seiten haben. So hat auch die Enthaltsamkeit zwei Seiten: von einigen Dingen muß man sich nämlich enthalten, von anderen aber nicht.“ „Sage mir, o Herr, von welchen Dingen man sich enthalten und von welchen man sich nicht enthalten muß.“ „Vernimm es; dem Bösen bleib fern und tu es nicht; vom Guten aber bleibe nicht weg, sondern tue es, [denn wenn du dem Guten ferne bleibst und es nicht tust, begehst du eine große Sünde]. Wenn du dich also beherrschst und das Böse nicht tust, erfüllst du große Gerechtigkeit. Darum halte dich fern von jeder Schlechtigkeit und vollbringe das Gute.“ „Welches sind nun aber, o Herr, die bösen Dinge“, fragte ich, „deren wir uns enthalten müssen?“ „Höre“, versetzte er; „von Ehebruch und Hurerei, von maßlosem Trunk, von sündhaftem Wohlleben, von häufigen Tafelgenüssen, von Verschwendung des Reichtums, von Prahlerei, Einbildung und Stolz, von Lüge, Verleumdung und Heuchelei, von übler Nachrede und jeglicher Lästerung. Das sind die allerschlimmsten Werke im Leben des Menschen; deshalb muß sich auch ein Diener Gottes fern halten von ihnen. Denn wer sich einläßt auf diese Dinge, kann nicht in Gott leben. Vernimm auch noch, welche Dinge sie nach sich ziehen.“  „Gibt es denn“, fragte ich, „noch andere böse Werke?“ „Gewiß, und zwar noch viele gibt es“, antwortete er, „deren ein Diener Gottes sich enthalten muß: Diebstahl, Lüge, Raub, falsches Zeugnis, Gewinnsucht, böse Begierlichkeit, Trug, Eitelkeit, Prahlerei und was sonst dem ähnlich ist. Hast du nicht den Eindruck, daß diese Dinge bös sind, und zwar sehr bös für die Diener Gottes? Wer Gott dienen will, darf nichts von all diesem tun. Also halte dich frei von allen diesen Dingen, damit du lebest in Gott und dein Name einmal stehe bei denen, die in diesen Stücken sich beherrscht haben. Nun folgen die Dinge, die man nicht zu meiden braucht. Höre, was man nicht lassen, sondern tun muß. Das Gute unterlasse nicht, sondern vollbringe es.“  „Künde mir auch, Herr, die Bedeutung der guten Dinge, damit ich in ihnen wandle und ihnen diene und dadurch das Heil erlangen könne.“ „So höre auch die guten Werke, die du tun mußt und nicht unterlassen darfst. Vor allem ist es der Glaube, die Furcht des Herrn, Liebe, Eintracht, gerechte Rede, Wahrheit, Geduld; etwas Besseres als dies gibt es nicht im Leben des Menschen. Wenn einer dieses tut und nicht unterläßt, wird er glückselig in seinem Leben. 10. Höre auch, was diese Tugenden nach sich ziehen: den Witwen beistehen, Waisen und Unglückliche besuchen, die Diener Gottes aus Bedrängnis befreien, Gastfreundschaft üben (in der Ausübung der Gastfreundschaft findet man einmal Wohltätigkeit), mit niemand Feindschaft halten, in Ruhe leben, sich kleiner machen als alle (anderen) Menschen, das Alter ehren, die Gerechtigkeit üben, die Bruderliebe pflegen, Übermut erdulden, langmütig sein, Unrecht nicht nachtragen, die Niedergeschlagenen trösten, die im Glauben Strauchelnden nicht verstoßen, sondern zurückbringen und ihnen das Gleichgewicht der Seele geben, die Fehlenden zurechtweisen, die Schuldner und die Bedürftigen nicht drängen und noch vieles dieser Art. Dünkt dich dies gut?“ „Was soll es denn Besseres geben als dies, o Herr?“ „So wandle denn“, fuhr er fort, „in ihnen und halte dich nie fern von ihnen, dann wirst du das Leben haben in Gott. Halte also dieses Gebot; wenn du das Gute tust und es nicht meidest, wirst du in Gott leben, und auch alle, die so handeln, werden in Gott leben. Noch einmal (sage ich dir), wenn du das Böse nicht tust und dich davon frei hältst, wirst du in Gott leben, ebenso werden alle in Gott leben, welche diese Gebote halten und in ihnen wandeln.“

Neuntes Gebot

Über das vertrauensvolle Gebet.

Er sagte mir: „Wirf weg von dir allen Zweifel und jegliches Bedenken, etwas von dem Herrn zu erbitten, indem du bei dir sprichst: wie kann ich etwas von dem Herrn erbitten und erlangen, da ich so sehr gegen ihn gesündigt habe?  Mach dir darüber keine Gedanken, sondern wende dich von ganzem Herzen an deinen Herrn und bitte ihn ohne Bedenken, und du wirst seine Barmherzigkeit kennen lernen, daß er dich gewiß nicht verläßt, sondern die Bitte deines Herzens erfüllen wird. Denn Gott ist nicht wie die Menschen, die Böses nachtragen, vielmehr verzeiht er und erbarmt sich seines Geschöpfes. Reinige also dein Herz von allen Eitelkeiten dieser Welt, auch von den oben erwähnten Bedenken; dann flehe zum Herrn, und du wirst alles erhalten, und keine deiner Bitten wird fehlschlagen, wenn du sie vertrauensvoll an ihn richtest. Wenn du aber zweifelst in deinem Herzen, wirst du keine Bitte erfüllt sehen; denn die an Gott zweifeln, das sind die Zweifler, and diesen wird überhaupt keine ihrer Bitten gewährt. Aber die Vollkommenen im Glauben bitten um alles im Vertrauen auf den Herrn und erhalten es, weil sie mit Vertrauen bitten, frei von allem Zweifel. Denn es wird schwerlich geschehen, daß ein Zweifler sein Heil findet, wenn er sich nicht bekehrt. Reinige also dein Herz vom Mißtrauen, gürte dich mit dem Glauben, denn er ist stark, und vertrau zu Gott, daß du alles, um was du ihn bittest, erlangen werdest. Und wenn du einmal den Herrn um etwas gebeten hast, aber die Erhörung deiner Bitte sich etwas verzögert, so verliere das Vertrauen nicht, weil deine Seele die Erfüllung ihres Gebetes nicht schnell erhielt; denn sicherlich ist eine Prüfung oder ein dir unbekannter Fehltritt daran schuld, daß sich die Erfüllung deiner Bitte verzögert. Auch mußt du beharrlich sein mit dem Gebete deiner Seele, dann wirst du es erlangen. Wenn aber dein Eifer und dein Vertrauen beim Beten nachlassen, dann klage dich selbst an und nicht den, der dir geben sollte. Schau dir solch ein Mißtrauen an; es ist böse, sinnlos, reißt vielen den Glauben mit der Wurzel aus, sogar ganz Tiefgläubigen und Gefestigten. Und zwar ist diese Zweifelsucht eine Tochter Satans, und sie vergeht sich gar schwer an den Dienern Gottes. Lege also den Zweifel beiseite und beherrsche ihn in allem, rüste dich dafür mit dem starken und mächtigen Glauben; der Glaube verspricht nämlich alles und vollendet auch alles, das Mißtrauen aber, das nicht (einmal) an sich selbst glaubt, versagt bei allem, was es beginnt. So siehst du denn“, schloß er, „daß das Vertrauen von oben kommt, vom Herrn, und daß es große Macht besitzt; das Mißtrauen aber ist ein irdischer Geist, kommt vom Teufel und hat keine Macht. Diene also du dem mächtigen Glauben und halte dich fern von dem machtlosen Mißtrauen, dann wirst du in Gott leben; auch alle anderen, die so denken, werden in Gott leben.“

Zehntes Gebot

Traurigkeit ist schlimmer als Mißtrauen und Zorn.

„Vertreibe aus deinem Herzen die Traurigkeit“, begann er wieder; „denn sie ist eine Schwester des Mißtrauens und des Zornes.“ „Wie ist sie“, fragte ich, „eine Schwester von diesen, o Herr? Mir scheint doch etwas anderes der Zorn, etwas anderes der Zweifel, und die Traurigkeit wieder etwas anderes zu sein.“ „Bist du so ein unverständiger [Mensch“, sprach er,] „und siehst nicht ein, daß die Traurigkeit schlimmer ist als alle (anderen) Geister und gar schrecklich für die Diener Gottes, daß sie mehr als alle schlimmen Geister dem Menschen schadet, den Heiligen Geist austilgt und ihn auch wieder rettet?“  Ich antwortete; „O Herr, ich bin töricht und verstehe diese Gleichnisse nicht. Wie sie nämlich austilgen und doch wieder retten kann, das begreife ich nicht.“ „So höre“, sprach er. „Leute, die niemals nachgedacht haben über die Wahrheit, die nach der Gottheit nicht geforscht, sondern nur geglaubt haben, die aber in Geschäfte, Reichtum, heidnische Liebhabereien und sonst in vielerlei Dinge dieser Welt verwickelt sind, alle, sage ich, die mit diesen Dingen sich abgeben, verstehen die Gleichnisse der Gottheit nicht; denn infolge dieser Geschäfte werden sie blind, verdorben und werden wertlos. Wie nämlich die guten Weinstöcke, wenn sie vernachlässigt werden, unter Dornen und vielen anderen Gewächsen schlecht werden, so kommen auch gläubige Leute, die sich in diese genannten vielfachen Geschäfte verwickeln, von ihrer guten Gesinnung ab und sind gar nicht mehr empfänglich für die Gerechtigkeit; ja sogar, wenn sie von der Gottheit und Wahrheit reden hören, wendet sich ihr Geist ihrem Geschäfte zu, und sie erfassen gar nichts mehr. Wer aber Gottesfurcht besitzt, wer über Gottheit und Wahrheit nachdenkt, wessen Herz auf Gott gerichtet ist, der erfaßt und versteht, was man ihm sagt, schneller, weil er die Furcht des Herrn in sich hat; wo nämlich der Herr wohnt, da ist auch viel Einsicht. Schließe dich also dem Herrn an, und du wirst alles begreifen und verstehen.“

Traurigkeit hat schlimme Folgen.

„Höre also“, fuhr er fort, „Unverständiger, wie die Traurigkeit den Heiligen Geist austilgt und wieder rettet. Wenn der Mißtrauische ein Werk begonnen hat und dieses wegen seines Mißtrauens nicht gelingt, dann zieht die Traurigkeit ein bei dem Menschen, sie betrübt den Heiligen Geist und löscht ihn aus. Wenn aber dann der Zorn einen solchen Menschen wegen einer Sache ergriffen und ihn ganz verbittert hat, dann schleicht sich wiederum die Trauer in das Herz des Zornigen; er ist dann unglücklich über die Tat, die er vollbracht, und es reut ihn, daß er Böses getan hat. Diese Art von Traurigkeit scheint Rettung zu bringen, weil sie Reue über das böse Tun hervorgerufen hat. Beide Handlungen betrüben also den Geist. Das Mißtrauen betrübt den Geist, weil sein Unternehmen nicht geglückt ist und der Zorn betrübt ihn, weil er das Böse getan hat. So sind demnach beide für den Heiligen Geist betrübend, das Mißtrauen und der Zorn. Wirf also die Trauer von dir und betrübe den Heiligen Geist nicht, der in dir wohnt, auf daß er nicht etwa bei Gott wider dich spreche und dich verlasse. Denn der Geist Gottes, der diesem Körper gegeben wurde, erträgt keine Trauer und keine Angst.“

Freude bringt Segen, Trauer schadet.

„Ziehe also jenen Frohsinn an, der Gott stets wohlgefällig und angenehm ist und freue dich in ihm. Denn jeder Fröhliche tut Gutes, denkt Gutes und verachtet die Traurigkeit. Ein Trauriger aber macht seine Sache immer schlecht; erstens ist es nicht gut, daß er den Heiligen Geist betrübt, der dem Menschen gegeben wurde als ein Geist der Freude. Zweitens sündigt der, welcher den Heiligen Geist betrübt, weil er nicht mehr zu Gott betet und vor ihm nicht bekennt. Überhaupt hat das Gebet eines traurigen Menschen nicht die Kraft, auf den Altar des Herrn emporzusteigen.“ „Weshalb“, fragte ich, „steigt das Gebet des Trauernden nicht zum Altar empor?“ „Weil die Traurigkeit in seinem Herzen sitzt. Wenn aber die Traurigkeit mit dem Gebete vermischt ist, dann läßt sie das Gebet nicht rein emporsteigen zum Altare. Wie nämlich Essig und Wein miteinander gemischt nicht den gleich guten Geschmack haben (wie der reine Wein), so hat auch die Traurigkeit mit dem Heiligen Geist gemischt nicht das gleiche Gebet. Mache dich daher frei von dieser schlimmen Traurigkeit, dann wirst du in Gott leben; ebenso werden alle in Gott leben, welche die Traurigkeit von sich werfen und sich in lauter Frohsinn kleiden.“

Elftes Gebot

Über die wahren und falschen Propheten.

Er zeigte mir Leute, die auf einer Bank saßen, und dazu einen Menschen, der auf einem Stuhle saß. Und er sagte zu mir: „Siehst du die Leute, die auf der Bank sitzen?“ „Ja, Herr“, erwiderte ich. „Das sind“, fuhr er fort, „gläubige Menschen, und der auf dem Stuhle ist ein falscher Prophet, [der] die Diener Gottes um ihre gute Gesinnung bringt, aber nur die Zweifler, nicht die Gläubigen. Die Zweifler kommen zu ihm wie zu einem Weisen (Zauberer) und fragen ihn, wie es ihnen gehen werde; und dieser falsche Prophet, der nichts von der Kraft des göttlichen Geistes in sich hat, richtet sich in seinen Reden mit ihnen nach ihren Fragen [und nach ihren schlechten Begierden und macht ihnen das Herz voll], so wie sie es wünschen. Da er selbst ein hohler Kopf ist, gibt er auch den hohlen Menschen gehaltlose Antworten; was immer gefragt wird: die Antwort entspricht der Hohlheit des Menschen. Allerdings spricht er auch einige wahre Worte. Denn der Teufel erfüllt ihn mit seinem Geiste, ob er etwa einen Gerechten abwendig machen könne. Alle aber, die im Glauben des Herrn gefestigt, die gewappnet sind mit der Wahrheit, verkehren nicht mit derartigen Geistern, sondern bleiben ihnen fern; die Zweifler aber und die häufig ihre Gesinnung ändern, befragen den Heiden gleich den Seher und ziehen sich eine gar große Sünde zu, da sie Götzendienst treiben; denn, wer einen falschen Propheten über irgendeine Sache befragt, ist ein Götzendiener, ist der Wahrheit bar und töricht. Denn jeder von Gott gegebene Geist läßt sich nicht fragen, sondern im Besitze göttlicher Kraft gibt er von selbst jegliche Auskunft, da er von oben ist, von der Kraft des göttlichen Geistes. Aber ein Geist, der sich fragen läßt und der entsprechend den Wünschen der Menschen redet, ist von der Erde, oberflächlich und ohne Kraft; er redet überhaupt nicht, außer wenn er vorher befragt wird.“ „Wie nun, Herr“, fragte ich, „soll ein Mensch erkennen, wer von ihnen ein richtiger Prophet und wer ein falscher Prophet ist?“ „So vernimm mich über die beiden Prophetenarten; und so wie ich dir sagen werde, wirst du den richtigen und den falschen Propheten beurteilen. Nach seinem Leben erprobe den Menschen, der den göttlichen Geist besitzt. 8. Fürs erste ist der Mensch, der den [göttlichen] Geist von oben besitzt, milde, ruhig, demütig, frei von jeder Schlechtigkeit und von jeder eitlen Begierde nach dieser Welt, er macht sich geringer als alle Menschen, nie gibt der göttliche Geist jemand auf eine Frage Auskunft noch redet er im verborgenen für sich oder wenn ein Mensch will, daß er rede, vielmehr spricht der Heilige Geist nur dann, wenn es Gottes Wille ist, daß er rede. Wenn also ein Mensch, der im Besitze des göttlichen Geistes ist, in eine Versammlung gerechter Männer kommt, die den Glauben an den göttlichen Geist haben, und wenn von diesen versammelten Männern das Gebet an Gott verrichtet wird, dann erfüllt der Engel des prophetischen Geistes den Menschen, bei dem er wohnt, und vom Heiligen Geist erfüllt, redet der Mensch zu der Menge, so wie der Herr es wünscht. Auf diese Weise also wird der göttliche Geist offenbar werden. Daran (siehst du), wie groß die Macht des Herrn sich zeigt im göttlichen Geiste.“  „Jetzt sollst du auch etwas hören über den irdischen, hohlen, ohnmächtigen Geist, der töricht ist Vor allem brüstet sich ein solcher, der sich im Besitze des Geistes wähnt, er will den ersten Platz einnehmen, ist gleich keck, frech, geschwätzig, in vielen Genüssen und vielen anderen Täuschungen bewandert und läßt sich für seine Prophetie bezahlen; wenn er kein Geld bekommt, prophezeit er nicht. Kann nun ein göttlicher Geist Lohn nehmen und dafür prophezeien? Das geht nicht an bei einem Propheten Gottes, vielmehr ist der Geist solcher Propheten von der Erde. Sodann kommt er gar nicht in die Versammlung gerechter Männer, sondern geht ihnen aus dem Wege; dafür verkehrt er mit den Zweiflern und hohlen Menschen, prophezeit ihnen in Winkeln und betrügt sie, indem er lauter eitles Zeug schwatzt nach ihrem Begehren; leeren Menschen gilt seine Antwort; wenn man nämlich ein leeres Gefäß mit anderen leeren zusammenstößt, dann zerspringt es nicht, sondern sie tönen miteinander zusammen. Wenn er aber in eine Versammlung von lauter gerechten Männern, die den göttlichen Geist haben, kommt und wenn von diesen gebetet wird, dann steht jener Mensch leer da: der irdische Geist flieht von ihm aus Furcht, und so wird er stumm und ganz bestürzt, so daß er nichts mehr reden kann. Wenn du in einer Vorratskammer Wein oder Öl aufbewahrst und darunter ein leeres Gefäß gestellt hast, so wirst du beim Räumen der Kammer jenes Gefäß, das du leer hingestellt hast, noch leer finden; so wird man auch die leeren Propheten, wenn sie zu den Geistern von Gerechten kommen, in dem Zustand finden, in dem sie gekommen sind. Damit hast du das Leben der beiden Prophetenarten; beurteile also nach den Werken und nach dem Leben einen Menschen, der sich als Träger des Geistes ausgibt. Glaube aber nur dem Geiste, der von Gott kommt und Macht besitzt; dem irdischen und leeren Geiste aber glaube nicht, weil keine Macht in ihm ist; denn er kommt vom Teufel. Höre das Gleichnis, das ich dir sagen will: nimm einen Stein, wirf ihn gen Himmel und siehe zu, ob du ihn (den Himmel) erreichen kannst; oder nimm eine Wasserspritze, spritze zum Himmel und siehe zu, ob du den Himmel damit durchbohren kannst.“ „Wie ist denn dies möglich, o Herr? beidemal redest du von Unmöglichem.“ „Wie nun diese Dinge“, fuhr er fort, „unmöglich sind, so sind auch die irdischen Geister ohne Macht und ohne Kraft. Halte dagegen die Macht, die von oben kommt. Ein Hagelkorn ist ein ganz kleines Kügelchen, aber welchen Schmerz verursacht es, wenn es einem Menschen auf den Kopf fällt! oder nimm den Wassertropfen, der von dem Ziegel zur Erde fällt und den Stein aushöhlt! Du siehst also, daß ganz geringfügige Dinge, die von oben auf die Erde fallen, eine große Gewalt haben, so ist auch der göttliche Geist, der von oben kommt, voll Macht. Diesem Geiste also glaube, von dem anderen halte dich fern.“

Zwölftes Gebot

Die böse Begierde schadet Leuten mit verkehrter Herzensrichtung.

Er sagte zu mir: „Lege ab jede schlechte Begierde und ziehe an die gute und heilige Begierde; denn wenn du diese Begierde umgetan hast, dann wirst du die böse Lust hassen und sie beherrschen, wie du willst Die böse Begierde ist nämlich etwas Wildes, und sic läßt sich schwer bezähmen; sie ist nämlich fürchterlich, und durch ihre Wildheit richtet sie die Menschen gar sehr zugrunde; ganz besonders wird ein Diener Gottes, der ihr verfällt und nicht klug zu Werke geht, von ihr schrecklich zugerichtet. Sie vergreift sich aber nur an denen, die das Kleid der guten Begierde nicht tragen, sondern in diese Welt verstrickt sind; diese überliefert sie dem Tode.“ „Welcher Art, o Herr, sind die Werke der bösen Begierde, daß sie die Menschen in den Tod bringen? Künde sie mir, damit ich mich von ihnen fern halte.“ „Höre, durch welche Werke die böse Begierde die Diener Gottes tötet.“

Die bösen Folgen der schlechten Begierde.

„An der Spitze steht die Begierde nach der Frau eines anderen oder nach einem anderen Manne, nach verschwenderischem Reichtum, nach vielem, unnötigem Essen und Trinken und nach vielen anderen törichten Genüssen; denn alle Üppigkeit ist töricht und eitel für die Diener Gottes. Diese Begierden sind schlecht und bringen den Dienern Gottes den Tod; denn diese schlechte Begierde ist eine Tochter des Teufels. Deshalb müßt ihr euch dieser schlechten Begierden enthalten, auf daß ihr durch die Enthaltung in Gott lebet. Wer sich aber von ihnen beherrschen läßt und ihnen nicht widersteht, wird dem Tode verfallen bis ans Ende; denn diese Begierden sind tödlich. Ziehe an die Begierde nach Gerechtigkeit und wappne dich völlig mit der Furcht des Herrn und leiste ihnen Widerstand; denn die Furcht Gottes wohnt in der guten Begierde. Wenn nämlich die böse Begierde sieht, wie du gewappnet bist mit der Furcht Gottes und ihr Widerstand leistest, wird sie weit von dir fliehen und sich nicht mehr bei dir blicken lassen aus Furcht vor deiner Rüstung. Wenn du [den Sieg über jene errungen und] den Kranz dir erkämpft hast, dann wende dich der Begierde nach Gerechtigkeit zu, übergib ihr den Sieg, den du errungen, und diene ihr so, wie sie will. Wenn du der guten Begierde dienst und ihr ergeben bleibst, dann wirst du es fertig bringen, die böse Begierde zu beherrschen und sie zu unterdrücken, wie du willst.“

Wie man der guten Begierde dienen soll.

„Ich möchte gerne wissen, o Herr, auf welche Weise ich der guten Begierde dienen muß.“ „Vernimm es: übe Gerechtigkeit und Tugend, Wahrheit und Furcht des Herrn, Glauben, Sanftmut und was es sonst noch verwandtes Gutes gibt! Wenn du dieses erfüllst, wirst du ein wohlgefälliger Diener Gottes sein und ihm leben; alle werden in Gott leben, die der guten Begierde dienen.“ Damit war er fertig mit den zwölf Geboten und dann sprach er: „Du hast diese Gebote; wandle in ihnen und rede den Hörenden zu, auf daß ihre Bekehrung rein sei die übrigen Tage ihres Lebens. Erfülle den Auftrag, den ich dir hiermit gebe, gewissenhaft, und du wirst viel erreichen; du wirst nämlich Dank ernten bei denen, die sich bekehren und deinen Worten folgen werden; ich werde nämlich mit dir sein und sie zwingen, dir zu gehorchen.“ Da sprach ich zu ihm: „0 Herr, diese Gebote sind groß, gut, herrlich und fähig, das Herz des Menschen zu erfreuen, der imstande ist, sie zu halten. Aber ich weiß nicht, ob ein Mensch diese Gebote beobachten kann, weil sie gar schwer sind.“ Seine Antwort lautete: „Wenn du dir selbst einredest, daß es möglich ist, sie zu halten, wirst du sie ohne Mühe halten, und sie werden keineswegs schwer sein; wenn sich aber in deinem Innern die Meinung regt, sie könnten von einem Menschen nicht gehalten werden, dann wirst du sie auch nicht halten. Jetzt aber sage ich dir: wenn du sie nicht hältst, sondern sie mißachtest, wirst weder du selbst noch deine Kinder noch dein Haus das Heil erlangen, weil du dir selbst das Urteil schon gebildet hast, daß es unmöglich für den Menschen sei, diese Gebote zu halten.“

Der Mensch ist Herr der Welt, er soll auch Herr seiner Begierden sein.

Und zwar sprach er diese Worte in großem Zorn, so daß ich ganz bestürzt war und mich sehr vor ihm fürchtete; sein Äußeres veränderte sich nämlich, so daß kein Mensch seinen Zorn ertragen konnte. 2. Wie er mich aber ganz verwirrt und bestürzt sah, begann er milder [und freundlicher] zu mir zu sprechen, indem er sagte: „Törichter, Unverständiger, Zweifler, weißt du nicht, wie groß, wie mächtig und wunderbar die Herrlichkeit Gottes ist, weil er die Welt um des Menschen willen geschaffen hat und seine ganze Schöpfung dem Menschen unterstellt und ihm die Macht gegeben hat, über alles, was sich unter dem Himmel befindet, zu herrschen? Wenn nun“, fuhr er fort, „der Mensch Herr ist über alle Geschöpfe Gottes und wenn er über alles herrscht, kann er dann nicht auch Herr werden über diese Gebote? Gewiß, über alles, auch über alle diese Gebote kann der Mensch Herr werden, wenn er den Herrn in seinem Herzen trägt. Für diejenigen aber, die den Herrn nur auf den Lippen haben, deren Herz aber verstockt und vom Herrn weit entfernt ist, für solche sind diese Gebote schwer und nur mit Mühe zu erfüllen. Nehmet also ihr, die ihr leer seid und geringen Glaubens, den Herrn in euer Herz auf, und ihr werdet erkennen, daß nichts leichter, nichts süßer und milder ist als diese Gebote. Bekehret euch daher, die ihr in den Geboten des Teufels wandelt, von diesen schweren, bitteren, wilden und wüsten Geboten und fürchtet den Teufel nicht, weil er keine Gewalt wider euch besitzt. Denn ich, der Engel der Buße, werde mit euch sein, und ich habe Gewalt über ihn. Der Teufel flößt nur Furcht ein, aber diese Furcht ist ohne Belang; fürchtet ihn also nicht, und er wird von euch weichen.“

Den im Glauben Gefestigten kann der Teufel nicht schaden.

Ich sprach zu ihm: „Höre, o Herr, ein paar Worte von mir an.“ „Sprich, was du willst.“ „Der Mensch“, begann ich, „o Herr, hat zwar den guten Willen, die Gebote Gottes zu halten, und es gibt niemand, der nicht den Herrn um die Gnade anflehen würde, in den Geboten gefestigt zu werden und ihnen untertan zu sein; aber der Teufel gibt nicht nach und wird Herr über die Menschen.“ „Aber“, versetzte er, „er kann nicht Herr werden über die Diener Gottes, die von ganzem Herzen auf ihn hoffen. Der Teufel kann zwar ringen (wider den Menschen), aber niederringen kann er ihn nicht. Wenn ihr ihm also widerstehet, wird er besiegt voll Schmach von euch abziehen. Allerdings die leeren Menschen fürchten den Teufel, wie wenn er Macht hätte. Wenn nämlich jemand passende Krüge mit gutem Weine anfüllt und unter diesen einige nicht voll werden, dann kommt er wieder zu den Weinkrügen, schaut aber nicht nach den vollen; denn er weiß, daß sie voll sind; aber nach den halbvollen schaut er aus Furcht, sie möchten sauer werden; denn halbvolle Krüge werden rasch sauer, und der gute Geschmack des Weines geht verloren. So kommt auch der Teufel zu allen Dienern Gottes, um sie zu versuchen. Wer nun voll ist im Glauben, der widersteht ihm standhaft, und so zieht jener von dannen, da er keinen Platz findet, wo er eindringen kann. Er geht dann zu den Halbvollen, und da er Platz hat, zieht er bei ihnen ein und wirkt in ihnen, was er will, und so werden sie seine Knechte.“

Auch frühere Sünder können mit Gottes Hilfe die Versuchungen des Teufels überwinden.

„Ich aber, der Engel der Buße, sage euch: Fürchtet den Teufel nicht. Denn ich wurde gesandt, auf daß ich mit euch sei, die sich aus ganzem Herzen bekehren, und daß ich euch stärke im Glauben. Vertrauet also auf Gott, die ihr wegen einer Sünden die Hoffnung auf das Leben aufgeben mußtet, da ihr in Sünden weiter gelebt und euer Leben belastet habt; denn, wenn ihr euch von ganzem Herzen zum Herrn bekehret und die Gerechtigkeit übet in den übrigen Tagen eures Lebens, und wenn ihr ihm recht dienet nach seinem Willen, dann wird er Heilung schaffen für eure früheren Sünden, und ihr werdet Macht bekommen, über die Werke des Teufels Herr zu werden. Die Drohung des Teufels braucht ihr gar nicht zu fürchten; denn er ist ohne Kraft wie die Sehnen eines Toten. So höret denn auf mich, fürchtet den Allmächtigen, der retten und ins Verderben stürzen kann und haltet diese Gebote, dann werdet ihr das Leben in Gott haben.“ Ich sagte ihm dann: „Herr, nun bin ich gestärkt in allen Gerechtsamen des Herrn, weil du mit mir bist; und ich weiß, daß du alle Macht des Teufels zerbrechen wirst, daß wir Herr sein werden über ihn und alle seine Werke überwinden werden. Auch hoffe ich, o Herr, daß ich imstande bin, alle Gebote. die du mir aufgetragen hast, zu halten, da der Herr mir Kraft. verleiht.“ „Du wirst sie halten“, schloß er, „wenn dein Herz in Lauterkeit hingerichtet ist zum Herrn; auch werden alle die, welche ihr Herz gereinigt haben von den eitlen Begierden dieser Welt, sie halten und in Gott leben.“

III. Gleichnisse

 

Erstes Gleichnis.

Die Menschen haben hier keine bleibende Stätte. Sie sollen mit ihrem Gelde sich Reichtümer vor Gott erwerben durch Übung der Nächstenliebe.

Er sprach zu mir: „Wisset, daß ihr Diener Gottes in der Fremde wohnet! Denn eure (Heimat-) Stadt ist weit entfernt von dieser Stadt. Wenn ihr nun aber eure Heimat kennet, in der ihr wohnen sollet, wozu erwerbet ihr hier Grundbesitz, kostspielige Einrichtungen, Wohnungen und überflüssige Bauten? Wer sich in dieser Stadt so einrichtet, der erwartet nicht, daß er zurückkehren werde in seine eigentliche Vaterstadt. Du unverständiger, wankelmütiger und armer Mensch, siehst du nicht ein, daß all dies nicht dir gehört und in der Gewalt eines anderen steht? Denn der Herr dieser Stadt wird sagen: Ich will nicht, daß du in meiner Stadt wohnest; wandere aus von dieser Stadt, weil du nicht nach meinen Gesetzen lebst. Du hast aber Grundstücke, Wohnungen und sonst manchen Besitz; wenn du nun von ihm vertrieben wirst, was fängst du an mit deinem Acker, deinem Hause und den anderen Dingen, die du dir erworben hast? Denn mit Recht wird dir der Herr dieses Landes sagen: Entweder lebe nach meinen Gesetzen oder verlasse mein Land. Was willst du nun tun, da du doch dein (eigenes) Gesetz hast in deiner (Heimat-) Stadt? Wirst du etwa wegen deiner Äcker und deines übrigen Besitzes dein eigenes Gesetz ganz verleugnen und nach dem Gesetze dieser Stadt leben? Gib acht, daß dir die Verleugnung deines Gesetzes nicht verderblich werde; denn wenn du in deine (Heimat-) Stadt zurückkehren willst, wirst du nicht aufgenommen, weil du das Gesetz deiner (Vater)stadt verleugnet hast, sondern von ihr ausgeschlossen werden. Darum siehe zu: Da du in der Fremde weilst, erwirb dir nur den ausreichenden Lebensbedarf und halte dich bereit, damit du, wenn der Fürst dieser Stadt dich wegen des Ungehorsams gegen sein Gesetz hinausjagen will, seine Stadt verlassen und in deine (Vater)stadt kommen kannst und du nach deinem Gesetze unbeschädigt in Freude leben kannst. Sehet euch also vor, ihr Diener Gottes, den ihr im Herzen traget! Vollbringet die Werke Gottes eingedenk seiner Gebote und der Verheißungen, die er gegeben, und vertrauet, daß er sie erfüllen wird, wenn seine Gebote beobachtet werden. Kaufet euch je nach Vermögen anstatt der Äcker bedrängte Seelen, besuchet Witwen und Waisen und verachtet sie nicht, und verwendet euren Reichtum und allen Besitz, den euch der Herr gegeben hat, für solche Äcker und Häuser. Denn der Herr hat euch eben dazu Reichtum verliehen, damit ihr ihm diese Dienste erweiset; es ist dir viel besser, dir solche Äcker, solchen Besitz und solche Häuser zu erwerben, die du wieder finden wirst in deiner Heimatstadt, wenn du dort dich niederlässest. Dieser Aufwand ist gut und heilig, er bringt keinen Kummer und keine Furcht, sondern Freude. Den Aufwand der Heiden sollt ihr nicht mitmachen; denn dieser bringt euch, den Dienern Gottes, Schaden. Vielmehr verwendet euer Geld in einer Art, über die ihr euch freuen könnt; übet keinen Betrug, greifet nicht nach fremdem Gut und begehret dessen auch nicht; denn es ist böse, nach fremdem Gute Begierde zu haben. Erfülle vielmehr deine eigene Pflicht, und du wirst das Heil erlangen.“

Zweites Gleichnis.

Die Gaben des Reichen an die Armen werden durch das Gebet der Armen von Gott belohnt.

Als ich spazieren ging in meinem Acker und dabei Ulme und Weinstock betrachtete und mir so meine Gedanken über sie und ihre Früchte machte, da erschien mir der Hirte und sprach: „Was denkst du bei dir über die Ulme und den Weinstock?“ „Ich finde, [Herr,] daß sie vorzüglich zueinander passen.“ „Diese beiden Pflanzen sind zum Abbild gesetzt für die Diener Gottes.“ „Ich möchte gerne die Bedeutung der Gesträuche, von denen du redest, kennen lernen.“ „Siehst du die Ulme und den Weinstock?“ „Ja, Herr.“ „Der Weinstock hier trägt Früchte, die Ulme aber ist ein unfruchtbarer Baum; wenn sich aber der Weinstock nicht an der Ulme emporrankt, kann er keine Frucht bringen, weil er zu sehr am Boden kriecht, und wenn er Frucht trägt, so verfault sie, weil der Weinstock nicht an der Ulme sich emporwindet. Wenn also der Weinstock an der Ulme emporwächst, dann trägt er sowohl von sich selbst aus Frucht und zugleich wegen der Ulme. Du siehst also, daß sowohl die Ulme viel Frucht hervorbringt, und zwar nicht weniger als der Weinstock, eher aber noch mehr.“ [ „Wie sogar noch mehr, Herr?“] „Weil der Weinstock, wenn er an der Ulme emporwächst, viele und gute, wenn er aber am Boden kriecht, faulige und wenige Früchte bringt. Dieses Gleichnis bezieht sich nun auf die Diener Gottes, auf die Armen und die Reichen.“ „Sage mir, Herr, wie sich das verhält.“ „Merke auf! Der Reiche hat zwar ein großes Vermögen, aber dem Herrn gegenüber ist er ein Bettler; er gibt sich zuviel mit seinem Reichtum ab, und allzu kurz verrichtet er sein Bekenntnis und sein Gebet zu dem Herrn, und wenn er es verrichtet, so ist es kurz, schwächlich und ohne Kraft nach oben. Wenn nun der Reiche zu dem Armen geht und ihm das Mangelnde gibt im Glauben, daß, was er dem Armen tut, seinen Lohn bei Gott finden wird – weil der Arme reich ist durch sein Gebet und sein Bekenntnis und weil sein Gebet gar viel vermag bei Gott -, so gewährt also der Reiche dem Armen alles ohne Bedenken. Der Arme aber, dem von dem Reichen aufgeholfen wurde, betet für ihn, indem er Gott dankt wegen seines Wohltäters. Und jener fährt in seiner Sorge um den Armen fort, damit diesem während seines Lebens nichts abgehe; denn er weiß, daß das Gebet des Armen wohlgefällig und vielvermögend ist bei Gott. Durch die Mitwirkung beider wird das Ziel erreicht; der Arme verrichtet sein Gebet, in dem er reich ist und das ihm Gott verliehen; dies gibt er als Entgelt dem Herrn, der ihm geholfen hat. Und der Reiche gibt gleicherweise den Reichtum, den er vom Herrn empfangen hat, ohne Bedenken dem Armen. Und dieses Werk ist groß und angenehm vor Gott, weil er in richtiger Beurteilung seines Reichtums die Gaben Gottes für die Armen verwendete und so seine Aufgabe richtig erfüllte. Bei den Menschen herrscht die Meinung, daß die Ulme keine Frucht trage; sie wissen und verstehen nicht, daß zur Zeit der Dürre die Ulme mit ihrer Feuchtigkeit den Weinstock tränkt und daß dieser, stets mit Feuchtigkeit versorgt, doppelte Frucht bringt sowohl für sich als auch für die Ulme. So vermehren auch die Armen durch ihr Gebet für die Reichen zum Herrn deren Reichtum, und umgekehrt sorgen die Reichen, wenn sie den Armen das Notwendigste geben, für ihre Seelen. So haben also beide gemeinsam Anteil an dem guten Werke. Wer so handelt, den wird Gott nicht verlassen, vielmehr wird er eingeschrieben werden in die Bücher der Lebendigen.  Glücklich die Besitzenden, die einsehen, daß sie ihren Reichtum von Gott haben. Wer nämlich dies einsieht, der wird auch seinen Dienst erfüllen können.“

Drittes Gleichnis.

Gerechte und Sünder unterscheiden sich in ihrem äußeren Leben nicht viel.

Er zeigte mir viele Bäume, die keine Blätter hatten, sondern geradezu dürr zu sein schienen; alle waren einander ähnlich. Und er sagte zu mir: „Siehst du diese Bäume?“ „Ja, Herr, ich sehe, daß sie einander gleichen und dürr sind.“ Da antwortete er mir: „Die Bäume, die du hier siehst, das sind die Menschen, die in dieser Welt leben.“ „Warum, o Herr“, entgegnete ich, „sind sie wie dürr und einander ähnlich?“ „Weil weder die Gerechten noch die Sünder in dieser Welt auffallen, sondern einander ähnlich sind. Denn für die Gerechten ist diese Welt ein Winter, und man erkennt sie nicht, da sie unter den Sündern wohnen. Wie nämlich im Winter die Bäume ihr Laub abwerfen und einander gleichen, so daß man nicht sieht, welche dürr sind und welche Leben haben, so unterscheiden sich in dieser Welt die Gerechten nicht von den Sündern, sondern alle gleichen einander.“

Viertes Gleichnis.

Wie man im Sommer die grünen Bäume von den dürren unterscheidet, so werden in der künftigen Welt Gerechte und Sünder verschieden sein.

Wiederum zeigte er mir viele Bäume, teils grünende, teils dürre, und sagte mir: „Siehst du diese Bäume?“ „Ja, Herr, ich sehe grünende und dürre,“ „Die grünenden Bäume hier“, sprach er, „das sind die Gerechten, die in der zukünftigen Welt wohnen werden; denn die zukünftige Welt ist Sommer für die Gerechten, aber Winter für die Bösen. Wenn nämlich die Barmherzigkeit des Herrn aufleuchtet, dann werden die Diener Gottes offenbar werden, und zwar alle. Wie man nämlich im Sommer an jedem einzelnen Baum die Früchte sieht und ihre Beschaffenheit erkennt, so werden auch die Früchte der Gerechten offenbar werden, und bei allen wird man in jener Welt sehen, wie schön gewachsen sie sind. Die Heiden und die Sünder aber wird man in jener Welt so finden, wie du die dürren Bäume gesehen hast, nämlich dürr und ohne Frucht, und man wird sie verbrennen wie Holz, da man erkannte, daß ihre Werke schlecht waren während ihres Lebens. Denn die Bösen werden ins Feuer geworfen werden, weil sie sündigten und keine Buße taten; die Heiden aber werden ins Feuer wandern, weil sie ihren Schöpfer nicht erkannt haben. Bringe daher Frucht, daß sie in jenem Sommer offenbar werde; von den vielen Geschäften halte dich fern, und du wirst nicht sündigen. Denn wer sich mit vielem abgibt, sündigt auch viel, da er ganz aufgeht in seinen Geschäften und seinem Herrn nicht dient. Wie kann denn ein solcher vom Herrn etwas erflehen und erlangen, wenn er dem Herrn nicht dient? Wer dem Herrn dient, dessen Wünsche werden erfüllt, wer ihm aber nicht dient, der bekommt auch nichts. Wer aber nur ein Geschäft betreibt, der kann auch dem Herrn dienen; denn sein Herz wird nicht verdorben und abgelenkt von dem Herrn, er wird ihm vielmehr dienen mit lauterem Herzen. Wenn du dieses tust, kannst du Früchte tragen in der zukünftigen Welt; ebenso alle, die dies halten.“

Fünftes Gleichnis.

Nicht das Fasten an den Stationstagen ist vollwertig, richtig fasten heißt die Gebote Gottes halten.

Fastend saß ich auf einem Berge und dankte dem Herrn für alles, was er mir getan hatte. Da sah ich den Hirten neben mir sitzen; er sprach: „Warum bist du so früh hierher gekommen.“ „Weil ich Stationstage halte, o Herr.“  „Was ist Station?“ fragte er mich. „Ich faste, o Herr.“ „Was ist das für ein Fasten, das ihr haltet?“ „Wie ich es gewohnt bin, Herr, so faste ich.“  „Ihr verstehet nicht, dem Herrn zu fasten, aber trotzdem ist das Fasten, das ihr ihm haltet, nicht wertlos.“ „Warum, o Herr“, fuhr ich fort, „redest du so?“ „Ich sage dir, daß das kein Fasten ist, das ihr zu halten wähnet; aber ich will dich lehren, was vollwertiges und dem Herrn genehmes Fasten ist. Höre! Gott will ein solches nutzloses Fasten nicht; denn wer also dem Herrn fastet, der tut nichts für die Gerechtigkeit. Halte aber dem Herrn ein Fasten in folgendem Sinne: Tue nichts Böses in deinem Leben und diene dem Herrn mit reinem Herzen; halte seine Gebote, indem du wandelst in seinen Gesetzen, und lasse keine schlechte Begierde aufkommen in deinem Herzen; vertraue zu Gott, daß du ihm leben wirst, wenn du dies befolgst, ihn fürchtest und dich jeder bösen Tat enthältst; auf diese Weise wirst du ein rechtes, Gott wohlgefälliges Fasten halten.“

Sechstes Gleichnis.

Das Gleichnis vom fröhlichen Hirten und den ausgelassenen Schafen.

Ich saß in meinem Hause, lobte den Herrn für alles, was ich hatte sehen dürfen, dachte nach, wie schön die Gebote sind, wie kraftvoll, erfreulich, rühmlich und mächtig, der Seele eines Menschen das Heil zu verschaffen, und sprach bei mir selbst: Ich werde selig sein, wenn ich in diesen Geboten wandle, ebenso alle, die in ihnen wandeln. Wie ich dies bei mir sprach, bemerkte ich, wie er plötzlich neben mir saß und sprach: „Warum grübelst du nach über die Gebote, die ich dir gegeben habe? Sie sind gut; du sollst gar nicht zweifeln; gürte dich vielmehr mit dem Vertrauen auf den Herrn und wandle in ihnen; denn ich werde dich stark machen durch sie. Diese Gebote sind nützlich für die, welche Buße tun wollen. Denn wer sie nicht befolgt, dessen Buße ist wertlos. Wenn ihr also Buße tut, dann leget ab die Schlechtigkeit dieser Welt, die euch aufreibt. Ziehet an jegliche Tugend der Gerechtigkeit, und ihr werdet imstande sein, diese Gebote zu halten und in euren Sünden nicht weiter zu machen. [Wenn ihr also in gar keine neue Sünde mehr fallet, werdet ihr auch von den früheren Fehltritten frei werden.] Wandelt daher in diesen meinen Geboten, und ihr werdet in Gott leben. Dies alles ist euch von mir gesagt worden.“ Als er diese Worte an mich gerichtet hatte, fuhr er fort: „Wir wollen aufs Feld gehen, dort will ich dir die Hirten der Schafe zeigen.“ „Wir wollen gehen, Herr“, sagte ich. Wir kamen in eine Ebene, und da zeigte er mir einen jugendlichen Hirten, der durchaus in safranfarbige Gewänder gekleidet war. Er weidete eine sehr zahlreiche Herde; seine Schafe waren geradezu üppig und sehr ausgelassen, und munter hüpften sie hin und her; der Hirte selbst war ganz vergnügt mit seiner Herde; und erst das Aussehen des Hirten war überaus freudig, wie er so unter seinen Schafen dahinging. [Auch andere Schafe sah ich noch ausgelassen und üppig an einem Orte, aber sie sprangen nicht umher.]

Siebtes Gleichnis.

Hermas wird wegen der Sünden seiner Angehörigen dem Engel der Strafe übergeben.

Einige Tage später sah ich ihn in derselben Ebene, wo ich auch die Hirten gesehen hatte, und er fragte mich: „Was suchst du?“ „Ich bin hier, o Herr, damit du dem Hirten der Strafe befehlest, mein Haus zu verlassen, weil er mich gar sehr plagt,“ „Es ist nötig, daß du geplagt werdest; denn der herrliche Engel hat es so angeordnet für dich; er wünscht nämlich, daß du geprüft werdest.“ „Was habe ich denn so Schlimmes getan, o Herr, daß ich diesem Engel übergeben wurde?“ „Höre! Du hast zwar viele Sünden, aber nicht so viel, daß du hättest diesem Engel übergeben werden müssen; aber dein Haus hatte große Fehler und Sünden begangen, und der herrliche Engel wurde erbittert über ihr Tun; deshalb befahl er, daß du eine Zeitlang bedrängt werdest, damit auch jene Buße tun und sich reinigen von jeder Begierde dieser Welt. Wenn sie Buße getan und sich gereinigt haben, dann wird der Engel der Strafe von dir weichen.“ Da entgegnete ich: „Herr, wenn doch jene solche Dinge verübt haben, daß der herrliche Engel erbittert wurde, was habe dann ich getan?“ „Jene können nur dadurch gestraft werden, daß auch du, das Haupt des Hauses, in Bedrängnis kommst. Wenn sie nämlich an dich kommt, dann trifft sie notwendig auch jene, wenn es aber dir gut geht, können jene keine Bedrängnis erleiden.“ „Aber sieh doch, o Herr, daß sie von ganzem Herzen Buße getan haben.“ „Auch ich weiß, daß sie aus ganzem Herzen Buße getan haben; aber glaubst du, daß den Büßern [sogleich] die Sünden nachgelassen werden? Keineswegs; vielmehr muß der Büßer seine Seele züchtigen, er muß sich bei jedem Werke kräftig demütigen und in allen möglichen Drangsalen sich quälen; und wenn er die Drangsale, die über ihn kommen, aushält, dann wird der Schöpfer und Bekräftiger aller Dinge volles Erbarmen üben und ihm irgendeine Heilung gewähren. Und dies auf alle Fälle, [wenn er das Herz] des Büßers frei von jeglichem Fehltritt sieht. Dir und deinem Hause aber ist die jetzige Drangsal von Nutzen. Doch wozu soll ich dir viele Worte machen? Du mußt die Bedrängnis erleiden, so wie es jener Engel des Herrn, der dich mir übergab, angeordnet hat; und dafür sollst du dem Herrn Dank sagen, daß er dich gewürdigt hat, dir die Drangsal vorher zu offenbaren, damit du sie starkmütig auf dich nimmst, weil du es vorher schon weißt.“ Ich sagte: „Herr, bleibe du bei mir, dann werde ich die Kraft haben, jede Drangsal zu bestehen.“ „Ich werde mit dir sein; und ich will den Engel der Strafe bitten, daß er etwas milder mit dir verfahre; aber auf kurze Zeit wirst du bedrängt und dann wieder deinem Hause zurückgestellt werden; nur sei ausdauernd in der Demut und ganz reinen Herzens im Dienste des Herrn, ebenso soll es sein bei deinen Kindern und bei deinem Hause; wandle in den Geboten, die ich dir gebe, und deine Buße wird wirkungsvoll und reinigend sein können. Und wenn du mit deinem Hause dieses befolgst, wird jegliche Drangsal von dir weichen; auch wird sie von allen denen sich entfernen, die in diesen meinen Geboten wandeln.“

Achtes Gleichnis

Grüne, halbgrüne, dürre Zweige.

Er zeigte mir einen großen Weidenbaum, der Ebenen und Berge bedeckte, und in den Schatten dieser Weide kamen alle, die im Namen des Herrn berufen sind. Ein herrlicher Engel des Herrn aber stand ganz erhaben neben dem Weidenbaum und schnitt mit einem großen Messer Zweige von der Weide ab und gab sie dem Volke, das im Schatten der Weide stand; er gab ihnen aber nur kleine Zweige, etwa ellengroße. Als alle ihren Zweig erhalten hatten, legte der Engel das Messer weg, und jener Baum war unversehrt, so wie ich ihn gesehen hatte. Darüber wunderte ich mich und ich sprach bei mir selbst: Wie ist der Baum noch unversehrt geblieben, obwohl so viele Zweige abgeschnitten wurden? Der Hirte sagte mir: „Wundere dich nicht, wenn der Baum unversehrt geblieben ist trotz der Wegnahme so vieler Zweige; [aber warte nur zu;] sobald du alles gesehen hast, wird dir auch klar werden, was dies bedeutet. Der Engel, der dem Volke die Zweige ausgeteilt hatte, forderte sie wieder von den Leuten zurück; und so wie sie die Zweige in Empfang genommen hatten, so wurden sie zu ihm herangerufen, und jeder gab seinen Zweig zurück. Der Engel des Herrn nahm die Zweige und sah sie an. Von einigen bekam er dürre Zweige, die wie von einer Motte angefressen waren; der Engel ließ die Überbringer solcher Zweige sich gesondert aufstellen. Andere übergaben dürre Zweige, die aber von der Motte nicht angefressen waren; auch diese ließ er gesondert aufstellen. Wieder andere gaben halbdürre Zweige ab; auch diese nahmen einen besonderen Platz ein. Einige kamen auch mit halbdürren Zweigen, die Risse hatten; auch diese stellten sich gesondert auf. 10. [Wieder andere brachten zwar grüne, aber aufgesprungene Zweige, auch diese traten an einen besonderen Platz.] Es kamen auch einige mit Zweigen, die zur Hälfte dürr, zur Hälfte grün waren; auch diese stellten sich besonders auf. Andere brachten ihre Zweige, die zu zwei Teilen grün, zu einem Teil dürr waren; auch diese nahmen einen besonderen Platz ein. Einige übergaben Zweige, die zu zwei Teilen dürr, zu einem Teil grün waren; auch sie bekamen einen besonderen Platz. Andere brachten Zweige, die fast ganz grün waren; nur ein ganz kleiner Teil, und zwar die Spitze war verdorrt; auch zeigten sie Risse; auch diese stellten sich gesondert auf. Bei einigen war nur ganz wenig grün, der übrige Teil der Zweige aber verdorrt; auch diese bekamen einen Platz für sich. Endlich kamen andere mit Zweigen, die so grün waren, wie sie dieselben von dem Engel bekommen hatten; und zwar übergab der größere Teil der Menge solche Zweige. Über sie war der Engel hocherfreut; auch diese traten an einen besonderen Platz. [Auch kamen einige mit grünen Zweigen, die Schößlinge hatten, auch diese stellten sich gesondert auf, und auch über sie war der Engel hocherfreut.] Zuletzt übergaben einige ihre Zweige, die grün waren und Schößlinge hatten; die Schößlinge zeigten Fruchtansätze. Und die Leute, deren Zweige dergestalt sich zeigten, waren überaus fröhlich; der Engel war entzückt über sie, und auch der Hirte war ihretwegen ganz froh.

Neuntes Gleichnis

Das Aussehen der zwölf Berge.

Als ich die Gebote und Gleichnisse des Hirten, des Engels der Buße, aufgeschrieben hatte, kam er zu mir und sprach zu mir: „Ich will dir zeigen, was dir der Heilige Geist gezeigt hat, der in der Gestalt der Kirche mit dir gesprochen hat; jener Geist nämlich ist der Sohn Gottes. Da du nämlich zu schwach warst im Fleische, wurde dir keine Offenbarung durch einen Engel gegeben. Nachdem du dann gestärkt warst durch den Geist und gekräftigt in deiner Kraft, so daß du auch den Anblick eines Engels ertragen konntest, da wurde dir durch die Kirche der Bau des Turmes geoffenbart; du hast alles schön und würdig geschaut, wie wenn eine Jungfrau es dir gezeigt hätte. Jetzt aber wird dir die Offenbarung von einem Engel durch denselben Geist gegeben. Aber du sollst durch meine Vermittlung alles genauer kennen lernen. Deshalb wurde mir auch von dem herrlichen Engel der Auftrag gegeben, in deinem Hause zu wohnen, damit du alles mit starkem Sinne sehest, nichts fürchtend wie das erste Mal.“ Und er führte mich weg nach Arkadien auf einen busenförmigen Berg, hieß mich auf der Spitze des Berges niedersitzen und zeigte mir eine große Ebene und rings um die Ebene zwölf Berge, von denen jeder ein anderes Aussehen hatte. Der erste war schwarz wie Ruß, der zweite war kahl ohne Pflanzenwuchs, der dritte war voll Dornen und Disteln. Was auf dem vierten wuchs, war halbdürr, oben grün und gegen die Wurzel hin verdorrt; einige Pflanzen verdorrten, wenn die Sonne darauf brannte. Der fünfte Berg hatte grüne Kräuter, war aber rauh. Der sechste Berg war voll von Spalten, teils kleinen teils großen; in den Spalten wuchsen Pflanzen, aber sie waren gar nicht üppig, sondern mager. Der siebte Berg hatte lachende Kräuter, und der ganze Berg war frisch, und alle Arten von Tieren und Vögeln weideten auf diesem Berge; und je mehr die Tiere und die Vögel fraßen, um so reicher wuchsen die Pflanzen dieses Berges. Der achte Berg war voll von Quellen, und alle Geschöpfe des Herrn tranken aus den Quellen dieses Berges. Der neunte Berg aber hatte gar kein Wasser und sah ganz wie eine Wüste aus; auf ihm lebten wilde Tiere und tödliche Schlangen, die den Menschen verderblich sind. Der zehnte Berg war mit sehr hohen Bäumen bewachsen und war ganz schattig, und in seinem Schatten lagerten viele Schafe, die ausruhten und wiederkäuten. Auf dem elften Berge standen die Bäume dicht, ganz dicht beieinander, und zwar waren es fruchtbare Bäume, jeder mit anderen Früchten behangen, daß es jeden, der sie sah, gelüstete, davon zu essen. Der zwölfte Berg war ganz weiß und bot einen freudigen Anblick, und der Berg an sich war sehr schön.

Zehntes Gleichnis

Die Macht und Würde des Hirten.

Als ich dieses Buch vollendet hatte, kam jener Engel, der mich diesem Hirten übergeben hatte, in das Haus, in dem ich war, ließ sich nieder auf das Lager, und zur Rechten stellte sich der Hirte auf. Dann ließ er mich kommen und sagte zu mir: „Ich habe dich und dein Haus diesem Hirten übergeben, damit du von ihm beschützt werdest.“ „Ja, Herr“, versetzte ich. „Wenn du also geschützt sein willst gegen alle Plage und alle Grausamkeit, und wenn du Erfolg haben willst bei jedem guten Werke und Worte, und wenn du jegliche Tugend der Gerechtigkeit erreichen willst, dann wandle in den Geboten dieses Mannes, die ich dir gegeben habe, und du wirst Herr sein können über alles Böse. Wenn du nämlich die Gebote dieses Mannes befolgst, wird alle böse Lust und die Lockung dieser Welt unter dir sein, und in jedem guten Werke wird guter Erfolg deiner warten. Nimm in dich auf die Würde dieses Mannes und seine Bescheidenheit und verkünde es allen, daß er in großer Ehre und Achtung steht bei dem Herrn, daß er über starke Macht verfügt und daß er Gewalt hat in seinem Amte. Ihm allein ist auf dem ganzen Erdkreis die Bußgewalt übertragen. Scheint er dir mächtig zu sein? Ihr aber mißachtet seine Würde und die Ehrfurcht, die er gegen euch zeigt.“

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