Homilien über die Busse

Von Chrysostomus (407)

Erste Homilie von der Buße, als er vom Lande in die Stadt zurückkehrte.

 

Chrysostomus beginnt diese mit der Versicherung der innigsten Liebe zu seiner Gemeinde. Dann geht er über zum Ausspruch des heiligen Paulus: „Meine Kinder, die ich mit Schmerzen wieder gebäre, damit Christus eine Gestalt in euch gewinne,“ und sagt damit, daß Christus im Christen eine Gestalt gewinnen könne, wenn er sie noch nicht gewonnen habe, und kommt zu seinem Hauptsatze, den er ziemlich lebhaft ausführt: „Sich zu üben in jedem guten Werke, Buße zu thun und weder zu verzweifeln, noch träge zu sein.“ Trägheit sei schlimm, die Verzweiflung noch schlimmer. Zum Eifer sei jeder berufen, Unthätigkeit des Einen schade dem Ganzen; die Sünde des Einen sei ein Krebs, der den ganzen Körper verzehre. Um vor Verzweiflung zu warnen, führt er das Beispiel des Blutschänders zu Korinth an. Wer gefallen, erhebe sich; Gott komme freundlich entgegen: der verlorne Sohn und sein Vater; der gute Hirt und das verlorne Schäflein.

Habt ihr während dieser Zeit meiner Entfernung von euch wohl auch meiner gedacht? Ich wenigstens konnte euch nirgends vergessen, sondern behielt, obgleich ich die Stadt verließ, doch das Andenken an euch. Denn wie Diejenigen, welche für eine körperliche Schönheit erglühen, das Bild der Geliebten überall, wohin sie sich immer begeben, mit sich herumtragen, so trage auch ich, von der Schönheit eurer Seele entzückt, das herrliche Bild eures Geistes mit mir herum. Und gleichwie die Maler durch die Mischung verschiedener Farben das Bild des Körpers ausdrücken, so entwarf auch ich mir aus eurer Andacht in den Versammlungen, aus eurem eifrigen Zuhören, aus dem Wohlwollen gegen den Redner und aus den übrigen Tugenden, wie aus verschiedenen Farben, das Bild eurer Seele, drückte mir den Charakter desselben in’s Herz, hielt mir das Bild vor die Augen des Geistes und schöpfte aus diesem Anblick hinlänglich Trost auf der Reise. Und ich mochte daheim sitzen oder aufstehn, wandeln oder ruhen, ein- oder ausgehen, immer war ich damit beschäftigt, von eurer Liebe zu träumen; und nicht nur bei Tage, sondern auch bei Nacht schwelgte ich in solchen Gedanken. Und was Salomo spricht: „Ich schlafe, und mein Herz wacht.“ das widerfuhr damals auch mir. Die Nothwendigkeit des Schlafes zog mir zwar die Augenlider zusammen, allein die Macht eurer Liebe erhielt die Augen meiner Seele wach, und oft glaubte ich im Traume mit euch zu reden. Denn es ist ja gewöhnlich, daß die Seele das des Nachts in der Einbildung sieht, woran sie des Tags hindurch denkt. So erging es damals auch mir: Obgleich ich euch nicht mit den leiblichen Augen erblickte, sah ich euch doch mit den Augen der Liebe, und körperlich ferne von euch war ich durch die Liebe euch nahe, und von eurem Rufe erschallten mir beständig die Ohren. Obgleich die Schwäche meines Körpers mich zwang, länger dort zu verweilen, und die reine Luft meiner leiblichen Gesundheit förderlich war, so ertrug das die mächtige Liebe zu euch nicht länger, schrie laut auf und ließ nicht eher ab mich zu plagen, als bis sie mich zum Entschluß gedrängt, vor der Zeit mich wegzubegeben und eure Versammlung für meine Gesundheit, meine Wonne, mein Alles zu halten. Dieser Liebe gehorchte ich nun und wollte lieber zurückkehren, obgleich die Gesundheit nicht ganz hergestellt war, als durch nieine Abwesenheit eure Liebe langer betrüben, falls ich so lange wartete, bis ich die Schwäche des Körpers gänzlich verloren. Denn auch in meinem dortigen Aufenthalte hörte ich eure Klagen; viele Briefe brachten sie mir, und den Klagenden wie Lobenden bin ich gleich sehr verbunden. Denn jene Klagen (über meine Entfernung) rühren von Seelen her, die zu lieben wissen. Deßhalb machte ich mich auf und eilte zu euch; deßwegen konnte ich euch niemals vergessen. Was Wunder, daß ich bei meinem Aufenthalte auf dem Lande, bei der Freiheit, die ich genoß, eurer Liebe gedachte, da auch Paulus in Banden liegend und tausend ihm drohende Gefahren vor Augen im Gefängnisse wie in einem Lustgarten lebte, also der Brüder gedachte und schrieb: „Wie es sich für mich gebührt, von euch Allen zu denken, weil ich euch in meinem Herzen trage in meinen Banden, in der Vertheidigung und in der Bestätigung des Evangeliums.“ Äusserlich fesselten ihn die Ketten der Feinde, innerlich die Ketten der Liebe zu seinen Schülern; allein die äussere Kette war aus Eisen geschmiedet, die innere aus Liebe gemacht; jene legte er zum öftern ab, diese löste er niemals. Weiber, die einmal die Geburtsschmerzen empfunden und Mütter geworden, sind mit denen, die sie geboren, mögen diese sich auch wo immer befinden, innigst verbunden. Ebenso stark und noch stärker war das Band, das den Paulus an seine Anhänger knüpfte, und um so stärker, je mehr die geistige Geburt die leibliche an Innigkeit übertrifft. Denn er hat sie nicht bloß einmal, sondern zweimal geboren, indem er ja ausruft und sagt: „Meine Kinder, die ich abermal mit Schmerzen gebäre.“ Das möchte ein Weib wohl nicht fürder auf sich nehmen und nicht zum zweiten Male dieselben Schmerzen erdulden; aber Paulus ertrug, was wir in der Natur nicht erblicken, und gebar Diejenigen, die er schon einmal geboren, noch einmal und erduldete dabei schneidende Schmerzen. Damit wollte er sie auch beschämen, indem er sagte: „Die ich zum zweiten Male gebäre,“ gleich als wollte er sagen: Schonet meiner! Kein Sohn hat dem Mutterleibe zum zweiten Male die Geburtsschmerzen bereitet, wie ihr mich nöthigt, sie zu ertragen. Die leiblichen Geburtsschmerzen dauern nur eine ganz kurze Zeit; denn sobald das Kindlein dem Mutterleibe entgleitet, hören sie auf; die geistigen aber sind nicht von der Art, sondern dauern ganze Monate fort; denn Paulus hat diese Wehen oft ein ganzes Jahr durch empfunden, und die er empfangen, doch nicht geboren. Bei jenen leidet der Leib; hier aber strengen die Schmerzen nicht den Körper an, sondern verzehren selbst die geistige Kraft. Und damit du wissest, daß diese Schmerzen weit brennender sind: welche Mutter wünschte wohl je für ihre geborenen Kinder die Hölle zu erdulden? Paulus aber will sie nicht nur erdulden, sondern wünscht sogar verworfen zu werden von Christus, um die Juden, wegen welcher er beständige Wehen ausstand, gebären zu können, und weil das nicht geschah, beklagt er sich mit den Worten: „Ich habe große Traurigkeit und beständigen Schmerz in meinem Herzen,“ und wieder über den nämlichen Punkt: „Meine Kinder, die ich wieder gebäre mit Schmerz, bis Christus eine Gestalt in euch gewinne.“ Was kann wohl seliger sein als jener Leib, der solche Kinder zu gebären vermochte, die Christum in sich hatten? Was wohl fruchtbarer als der, welcher die ganze Welt gebar? Was stärker als der, welcher schon geborene und großgewordene unzeitige Geburten wieder empfangen und ihnen eine andere Gestalt geben konnte? Denn das ist bei natürlichen Geburten unmöglich. Warum sagt er aber nicht: „Meine Kinder, die ich wieder gebäre,“ sondern: „Die ich mit Schmerzen gebäre“? Und doch sagt er an einem andern Orte: „Ich habe euch in Christo Jesu gezeugt.“ Hier wollte er bloß seine Verwandtschaft zeigen, dort aber trachtet er auch den Schmerz zu bezeichnen. Wie nennt er aber diejenigen Kinder, die er noch nicht geboren? Denn wenn er die Wehen empfindet, so hat er noch nicht geboren: wie nennt er sie also Kinder? Damit man ersehe, daß Dieß nicht die ersten Geburtsschmerzen seien, was hinreichend gewesen wäre, sie zu beschämen. „Denn,“ sagt er, „ich bin schon einmal Vater geworden und habe die gehörigen Wehen erduldet; aber auch ihr seid schon einmal Kinder geworden; warum nöthigt ihr mich zum zweiten Mal zu den Wehen? Es genügen ja doch die ersten Geburtswehen; warum ängstigt ihr mich zum zweiten Male damit?“ Denn die Sünden der Gläubigen verursachten ihm keinen geringern Schmerz als die Derjenigen, die noch nicht glaubten. Denn es war ja unerträglich, Einige nach der Theilnahme an so großen Geheimnissen zur Gottlosigkeit von selbst zurückkehren zu sehen. Deßhalb klagt er so sehr und seufzt kläglicher als eine Frau: „Meine Kinder, die ich wieder mit Schmerzen gebäre, bis Christus in euch eine Gestalt gewinne.“ Das sagte er, um ihnen gleichzeitig sowohl Muth zu machen, als auch Furcht einzuflößen. Denn wenn er ihnen zeigt, Christus habe noch keine Gestalt in ihnen gewonnen, so flößt er ihnen Angst und Furcht ein; wenn er aber sagt, daß er eine Gestalt gewinnen könne, so will er sie hinwieder ermuthigen. Denn dadurch, daß er sagt: „Damit er eine Gestalt gewinne,“ ist Dieß beides ausgedrückt, sowohl daß diese Gestalt noch nicht gewonnen sei, als auch, daß sie wieder gewonnen werden könne. Denn wenn das nicht möglich wäre, so hätte er zu ihnen vergeblich gesagt: „Bis Christus eine Gestalt in euch gewinne,“ und er hätte sie mit eitler Hoffnung getäuscht.

Da wir nun Dieses wissen, so laßt uns weder die Hoffnung aufgeben, noch auch nur der Trägheit verfallen: denn das ist beides verderblich. Denn die Verzweiflung läßt den, der da liegt, nicht erstehen, die Trägheit aber bringt auch den, der da stehet, zum Falle; jene beraubt uns der Güter, die wir schon gewonnen haben; diese läßt uns nicht befreit werden von den Übeln, unter denen wir seufzen. Die Trägheit stößt uns aus dem Himmel selbst, die Verzweiflung führt bis auf den Abgrund der Bosheit, wie das Vertrauen schnell daraus erhebt. Betrachte nur die beiderseitige Kraft. Der Teufel war vorher ein guter Geist; weil er aber träg’ war und verzweifelte, so fiel er in solche Ruchlosigkeit, daß er sich nie wieder zu erheben vermag. Daß er aber gut war, — vernimm aus den Worten: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.“ Die Ähnlichkeit mit dem Blitze aber zeigt sowohl die Vortrefflichkeit seines ersten Zustandes als auch die Schnelligkeit seines Falles. Paulus war ein Lästerer und ein Verfolger und ein Gewaltmensch gegen die Christen; weil er aber eifrig war und nicht verzweifelte, stand er wieder auf und wurde den Engeln gleich. Judas hingegen war ein Apostel; weil er aber nachlässig war, wurde er ein Verräther. So kam auch der Schächer vor allen Andern in’s Paradies, weil er nach so großer Bosheit doch nicht verzweifelte. Der Pharisäer, der auf sich selber vertraute, stürzte selbst von der Höhe der Tugend; der Zöllner, der den Muth nicht verlor, erhob sich so, daß er jenem zuvorkam. Soll ich dir zeigen, daß es auch einer ganzen Stadt so erging? Die gesammte Stadt der Niniviten wurde auf diese Weise gerettet, obwohl der göttliche Ausspruch ihnen alle Hoffnung benahm. Denn er lautete nicht: „Sie werden gerettet werden, wenn sie Buße thun,“ sondern bloß: „Drei Tage noch, und Ninive wird zerstört werden.“ Obgleich aber Gott drohte, und der Prophet verkündigte, obgleich der Ausspruch nichts von einem Aufschub oder einer Bedingung sagte, ließen sie den Muth nicht sinken und gaben die Hoffnung auf Gnade nicht auf. Denn es war eben deßwegen keine Bedingung hinzugesetzt und nicht gesagt worden: „Wenn sie Buße thun, werden sie gerettet werden,“ damit auch wir, wenn wir einen unbedingten Ausspruch Gottes vernehmen, selbst so die Hoffnung nicht aufgeben und nicht verzweifeln, sondern auf jenes Beispiel hinsehen. Die Menschenfreundlichkeit Gottes erhellet nicht allein daraus, daß er den bußfertigen Sündern verzieh, obgleich sein Ausspruch unbedingt war, sondern auch gerade daraus, daß er ihn eben ohne Bedingung gethan. Um nämlich die Furcht zu vermehren und ihre große Trägheit aufzurütteln, that er Dieß, und die Zeit der Buße selbst zeigt seine unaussprechliche Gnade. Denn wie wären drei Tage im Stande gewesen, eine solche Ruchlosigkeit zu tilgen? Du siehst, wie auch hier die Vorsorge Gottes sich zeigt; denn diese hat das Meiste beigetragen, die Stadt zu erhalten. Da wir also das wissen, sollen wir niemals verzweifeln; denn keine Waffe des Satans ist stärker als die Verzweiflung. Deßhalb bereiten wir ihm eine größere Freude, wenn wir verzweifeln, als wenn wir sündigen. Höre, wie Paulus in Betreff des Blutschändens mehr wegen der Verzweiflung als wegen der Sünde in Furcht war. Denn in seinem Schreiben an die Korinther sagt er: „Allgemein hört man von Hurerei unter euch, und zwar von einer solchen Hurerei, die nicht einmal bei den Heiden genannt wird.“ Er sagt nicht: „Eine solche, welche nicht einmal die Heiden zu begehen wagen,“ sondern: „Die nicht einmal genannt wird;“ wovon ihnen schon der Name unerträglich ist, das habt ihr thatsächlich gewagt. Und „ihr seid aufgeblasen;“ er sagt nicht: „Er ist aufgeblasen,“ sondern er verläßt Den, der gesündiget hat, und redet zu den Gesunden, gleichwie es die Ärzte machen, die von den Kranken weggehen und mit deren Verwandten lange Zeit sprechen. Übrigens waren auch sie an seinem ganzen Hochmuthe Schuld, weil sie ihn nicht tadelten und straften. Er macht daher Allen Vorwürfe, damit die Wunde desto leichter geheilt werde. Denn die Sünde ist zwar ein schweres Verbrechen, aber ein noch schwereres ist es, auf die Sünden stolz sein. Denn wenn Derjenige, welcher auf die Gerechtigkeit stolz ist, dieselbe verliert, wie viel mehr wird uns der Stolz über die Sünde den größten Schaden zufügen, und ein größeres Verbrechen als die Sünde selbst sein? Deßwegen heißt es: „Wenn ihr Alles gethan habt“ (was euch befohlen ist), so sprechet: „Wir sind unnütze Knechte.“ Denn wenn Diejenigen sich erniedrigen müssen, die Alles gethan haben, um so billiger ist es, daß der Sünder weine und sich selbst unter die Allermindesten zähle. Nachdem Paulus dieses gezeigt hatte, sagt er: „Und ihr seid nicht vielmehr in Trauer versetzt?“ Was sprichst du? Ein Anderer hat gesündiget, und ich soll trauern? Ja, spricht er; denn wir sind wie der Leib und die Glieder mit einander vereinigt. Wenn aber am Körper auch nur der Fuß eine Wunde erhält, so sehen wir, daß sich das Haupt senkt. Und doch was ist wohl ehrwürdiger, als dieses? Allein zur Zeit der Noth denkt es nicht an seine Würde. Also thue auch du. Daher ermahnet auch Paulus, „mit den Fröhlichen sich zu freuen, mit den Weinenden zu weinen.“ Deßwegen spricht er auch zu den Korinthern: „Und ihr seid nicht vielmehr in Trauer versetzt, daß Der, welcher diese That begangen, aus eurer Mitte geschafft werde.“ Er sagt nicht: „Ihr habt nicht mehr Eifer gezeigt,“ sondern was? „Ihr seid nicht vielmehr in Trauer versetzt,“ da gleichsam eine allgemeine Krankheit und Pest die Stadt ergriffen hat; fast als sagte er: Man muß beten, seine Sünden bekennen, flehen, damit diese Krankheit von der ganzen Stadt weggetilgt werde. Siehst du, welche Furcht er ihnen einflößte? Denn weil sie glaubten, das Übel berühre bloß ihn und sei bei ihm stehen geblieben, so macht er ihnen bange und sagt: „Wißt ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig die ganze Masse durchsäuert?“ Damit will er aber sagen: ein Übel, das um sich greift, erfaßt auch die andern Glieder, und ihr müßt euch, wie über ein gemeinsames Übel, berathen, dasselbe zu heilen. Denn sage mir nicht, daß er allein gesündiget hat, sondern bedenke, daß die Sünde ein Fäulniß ist, die den ganzen übrigen Körper ergreift. Wie bei einer Feuersbrunst diejenigen, deren Haus die Flamme noch nicht ergriffen, in nicht geringerer Noth sich befinden und Alles anwenden, damit das Feuer nicht fortwüthe und ihre Häuser erreiche, so ermahnet auch Paulus die Korinther: „Es ist eine Feuersbrunst; laßt uns dem Übel zuvorkommen, den Brand löschen, ehe er die Kirche ergreift!“ Vernachlässigst du aber die Sünde, weil sie sich in einem fremden Körper befindet, so begehst du die gewaltigste Thorheit; denn Jener ist ein Glied des ganzen Körpers.

Bedenke nur das: Bist du lässig und träg, so wird auch dich die Sünde ergreifen; wenn nicht um deines Bruders willen, so laß dich doch wenigstens um deiner selbst willen aufschrecken und unterdrücke die Pest, komme der Fäulniß zuvor, steure der um sich greifenden Flamme. Nachdem er Dieß und Andres gesagt und befohlen, ihn dem Satan zu überliefern, spricht er zuletzt: Nachdem er sich gebessert und bekehrt hat, „so genügt es für ihn, daß er von so Vielen bestraft worden ist; bewährt also die Liebe zu ihm.“ Denn nachdem er ihn Allen als gemeinsamen Feind und Widersacher bezeichnet und ihn von der Heerde ausgeschlossen und vom Körper abgeschnitten hatte, siehe nun, wie sehr er sich Mühe gibt, ihn mit demselben wieder zu vereinigen und zu verbinden. Er sagt nicht einfach: „Liebet ihn,“ sondern „bewähret eure Liebe an ihm,“ d. h. zeigt ihm eine feste und unveränderliche Freundschaft, die warm, glühend und brennend ist, und bringt ihm statt des frühern Hasses Liebe entgegen. Was ist geschehen? sage es mir! Hast du ihn nicht dem Satan übergeben? Ja, spricht er; aber nicht, damit er in den Händen des Satans verbleibe, sondern damit er bald von seiner Gewalt befreit werde. Aber wie ich erwähnte beachte, wie Paulus die Verzweiflung als eine gewalttige Waffe des Satans befürchtete. Denn nachdem er gesagt: „Bewähret eure Liebe,“ fügt er auch den Grund bei: „Damit Der, welcher ein solcher ist, nicht in allzu große Traurigkeit versinke.“ Das Schaf, sagt er, ist im Rachen des Wolfes; laßt uns ihm also zuvorkommen, entreissen wir es ihm, bevor er das Glied von uns verschlinge und verderbe; das Schiff ist von Wogen bedrängt: beeilen wir uns das-ßelbe, ehe es Schiffbruch leidet, zu retten. Denn wie ein Nachen versinkt, wenn das Meer stürmisch ist und ringsum die Wogen sich thürmen: so wird auch die Seele, die um und um mit Trauer erfüllt ist, in Bälde erstickt, wenn sie Niemanden hat, der ihr die Hand reicht: und wie es heilsam ist, über die Sünden zu trauern, so wird die Traurigkeit schädlich, wenn sie das Maaß überschreitet. Siehe nur, wie genau der Apostel sich ausdrückt; denn er sagt nicht: „Damit ihn der Satan nicht verderbe,“ sondern was? „Damit wir nicht übervortheilt werden vom Satan.“ Übervortheilen heißt aber, nach Fremdem begehren. Indem er zeigt, daß der Sünder dem Satan nicht mehr angehöre, und Daß er durch die Buße zur Herde Christi zurückgekehrt sei, sagt er: „Damit wir nicht übervortheilt werden vom Satan;“ denn wenn er ihn verschlingt, so entreißt er uns ein Glied und nimmt das Schaf von der Herde; denn durch die Buße hat er die Sünde abgelegt. Da Paulus wußte, wie es der Satan dem Judas gemacht hat, so befürchtete er, es möchte auch hier dasselbe geschehen. Was that er aber an Judas? Judas bereute seine Sünde; „denn ich habe gesündigt,“ sagt er, „indem ich unschuldiges Blut verrieth.“ Der Satan hörte diese Worte, erkannte, daß er den Weg der Besserung einschlage, zur Rettung einlenke, und befürchtete die Bekehrung. Er hat einen gütigen Herrn, spricht er; da er ihn verrathen wollte, beweinte er ihn und hielt ihn auf mannigfaltige Weise zurück. Wird er ihn nicht um so mehr aufnehmen, wenn er Buße thut? Als er verstockt und halsstarrig war, zog er ihn an sich und rief ihn zu sich; um wieviel mehr wird er ihn nicht anziehen, wenn er seinen Sinn ändert und seine Sünde erkennt? Deßwegen kam er ja, sich kreuzigen zu lassen. Was that also der Satan? Er erschreckte ihn, verfinsterte seine Seele mit allzu großer Betrübniß, verfolgte ihn und trieb ihn, bis er ihn zum Stricke brachte und ihn des Lebens und des Vorsatzes beraubte, Buße zu thun. Denn daß auch er, falls er am Leben geblieben, Gnade erlangt hätte, das beweisen Diejenigen, die Jesum kreuzigten. Denn da er Denen, die ihn kreuzigten, Gnade widerfahren ließ und am Kreuze selbst seinen Vater anflehte und bat, ihnen die so große Sünde nicht anzurechnen: so ist es offenbar, daß er auch den Verräther, wenn er aufrichtig Buße gethan hätte, mit aller Sanftmuth aufgenommen haben würde. Aber er konnte dieses Heilmittels sich nicht bedienen, weil er allzu heftiger Trauer erlag. Das fürchtete nun auch Paulus und drang in die Korinther, den Mann dem Rachen des Satans zu entreissen. Was brauche ich lange von den Korinthern zu reden? Petrus verläugnete nach der Gemeinschaft an den Geheimnissen dreimal den Herrn, aber er weinte und löschte Alles aus. Paulus war ein Verfolger und ein Lästerer und ein Gewaltmensch; er verfolgte nicht bloß den Gekreuzigten, sondern auch alle seine Anhänger; aber er bereute und wurde ein Apostel. Denn Gott fordert von uns nur einen kleinen Grund zur Verzeihung und erläßt uns dann viele Sünden. Ich führe auch eine Parabel an, die euch das beweist.

Es waren einmal zwei Brüder; sie theilten das väterliche Erbe; der Eine von ihnen blieb zu Hause, der Andere verschwendete Alles, was er erhalten hatte, und verließ sein Vaterland, weil er die Schande der Armuth nicht ertrug. Ich erwähne aber dieser Parabel, damit ihr sehet, daß auch die Sünden nach der Taufe verziehen werden, wenn wir nur darauf achten. Ich sage Dieß aber nicht, um zur Trägheit zu verleiten, sondern um von der Verzweiflung zurückzurufen. Denn die Verzweiflung stürzt uns in größeres Elend als die Trägheit. Dieser Sohn ist also ein Bild Derer, die nach der Taufe gefallen sind. Daß er aber Diejenigen, die nach der Taufe gefallen, bezeichnet, geht daraus hervor, daß er Sohn genannt wird; denn ohne Taufe führt diesen Namen ja Niemand. Er hatte auch im Hause des Vaters gewohnt und das ganze väterliche Erbtheil erhalten: vor der Taufe aber kann man weder väterliche Güter noch eine Erbschaft empfangen; daraus erhellt, daß durch all dieses der Zustand der Gläubigen angedeutet wird. Er war aber auch der Bruder des rechtschaffenen Sohnes; ohne geistige Wiedergeburt aber kann Niemand Bruder eines Gläubigen sein. Nachdem er nun in’s äusserste Elend gerathen, was sagt er? „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“ Denn deßhalb hat ihn der Vater gehen lassen und nicht gehindert, in ein fremdes Land zu ziehen, damit er aus Erfahrung geziemend lerne, welch große Wohlthat es sei, zu Hause zubleiben. Denn oft läßt Gott, wenn er durch Worte nicht zu überzeugen vermag, die Belehrung durch die Erfahrung von Thatsachen zu. Das sagte er auch zu den Juden. Denn nachdem er unzählige Mahnungen der Pro- pheten vergeblich angewandt hatte und sie nicht überzeugte und nicht an sich zu ziehen vermochte, so ließ er es zu, daß sie durch Bestrafung gezüchtiget würden. Er sprach zu ihnen: „Dein Aufruhr wird dich züchtigen, deine Bosheit dich anklagen.“ Er hätte nämlich Glauben bei ihnen finden sollen auch vor dem Eintritt dieser Dinge. Weil sie aber thöricht waren, daß sie seinen Ermahnungen und seinem Rathe nicht glaubten und ihm nicht folgten, daß sie von ihrer Bosheit abließen: so ließ er sie durch Thatsachen züchtigen, um sie so wieder zu gewinnen.

Nachdem der verlorne Sohn nun in die Fremde gezogen und aus Erfahrung gelernt hatte, wie schlimm es sei, das väterliche Haus zu verlassen, so kehrte er um; der Vater aber gedachte der Beleidigung nicht, sondern empfing ihn mit offenen Armen. Warum denn? Weil er Vater und nicht Richter war. Und Tänze und Gastmähler und Feste folgten, und das ganze Haus war voll Freude und Heiterkeit. Was sagst du? Erhält die Schlechtigkeit eine solche Belohnung? Nicht die Bosheit, o Mensch, wird belohnt, sondern die Rückkehr; nicht die Sünde, sondern die Buße; nicht das Laster, sondern die Besserung. Und was noch mehr ist; der ältere Bruder ward unwillig darüber; jedoch auch diesen besänftigte der Vater mit den Worten: „Mein Sohn, du bist immer bei mir; dieser aber war verloren und ist wieder gefunden, war todt und lebte wieder auf.“ Wenn aber ein Verlorner zu retten ist, meint er, so ist es nicht Zeit zum Richten, zu strenger Untersuchung, sondern nur zur Gnade und Erbarmung. Wird doch kein Arzt den Kranken, anstatt ihm ein Heilmittel zu reichen, wegen seines unordentlichen Lebens zur Rechenschaft ziehen und strafen. Und wenn dieser je eine Strafe verdiente, so ist er hinlänglich im fremden Lande gezüchtiget worden. Denn so lange Zeit war er von uns entfernt und hat Hunger und Schande und den Kampf mit dem äussersten Elend ausstehen müssen.

Deßwegen sagt er: „Er war verloren und ist wieder gefunden; er war todt und lebte wieder auf.“ Siehe nicht auf die Gegenwart, meint er, sondern erwäge die Größe des frühern Elends. Du siehst einen Bruder, nicht einen Fremden vor dir. Zum Vater kam er zurück, und dieser kann der Vergangenheit gar nicht gedenken; er denkt vielmehr nur an Dasjenige, was zum Mitleid, zum Erbarmen, zur Liebe und Schonung, die den Eltern so eigen ist, zu bewegen vermag. Deßwegen redet er nicht von Dem, was er gethan, sondern was er gelitten; erinnert nicht daran, daß er das Vermögen vergeudet, sondern daß er mit mannigfachem Unglück zu kämpfen gehabt hat. Mit solchem Eifer, ja mit noch größerem hat der Hirt das Schäflein gesucht. Denn hier kömmt der Sohn selber zurück, dort zieht der Hirt aus, es zu suchen, und wann er es gefunden, bringt er es zurück, und freut sich darüber mehr, als über alle andern, die nicht in Gefahr waren. Siehe aber, wie er dasselbe zurückbringt: er geißelt es nicht, sondern hebt es auf seine Schultern, trägt es und bringt es wieder zur Heerde.

Da wir also wissen, daß sich Gott von Denjenigen, die wieder zu ihm zurückkehren, nicht nur nicht abwende, sondern sie mit nicht geringerer Freude aufnehme, als Die, die ihm treu blieben; daß er nicht nur keine Bestrafung verlangt, sondern die Verlornen sogar selbst aufsucht und sich über Die, die er findet, mehr freut, als über Die, welche an sicherem Orte geblieben: so wollen wir weder bei unsern Sünden verzweifeln, noch bei unserer Tugend uns allzuviel einbilden, sondern sowohl, wenn wir tugendhaft wandeln, uns fürchten, damit wir nicht fallen aus allzugroßem Vertrauen, als auch Buße thun, wenn wir gesündiget haben. Denn was ich im Anfang gesagt, sag’ ich auch jetzt: daß dieß Beides uns unseres Heiles beraube, nämlich: sowohl allzugroßes Vertrauen zu hegen, wenn wir stehen, als auch zu verzweifeln, wenn wir gefallen. Daher fagt Paulus zu denen, die stehen, um sie vorsichtig zu machen: „Wer glaubt, daß er stehe, sehe zu, daß er nicht falle,“ und wiederum: „Ich fürchte, während ich Andern predige, selbst verwerflich zu werden.“ Daß aber Paulus die Gefallenen aufzurichten und einen größern Eifer, in ihnen zu erwecken gedachte, bezeugt er, indem er an die Korinther schreibt: „Daß ich nicht Leid tragen muß über Viele, die gesündigt und noch nicht Buße gethan,“ wodurch er zeigt, daß nicht sowohl Die, welche sündigen, als Die, welche keine Buße thun, beweint zu werden verdienen. Der Prophet sagt zu den Juden: „Wird Der, welcher fällt, nicht aufstehen, und der sich abgewendet, nicht zurückkehren?“ Deßhalb ermahnet auch David eben dieselben: „Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht, wie bei der Erbitterung.“ So lang es nun „heute“ heißt, wollen wir nicht verzweifeln, sondern gute Hoffnung zu Gott haben und das Meer seiner Liebe zu den Menschen bedenken, uns von allem bösen Gewissen ferne halten, mit vieler Bereitwilligkeit und großer Hoffnung der Tugend treu bleiben und mit allem Eifer Buße thun, damit wir alle Sünden hier ablegen, mit Zuversicht uns vor den Richterstuhl Jesu stellen können und des Himmelreichs theilhaftig werden. Das verleihe uns Allen die Gnade und Erbarmung unseres Herrn Jesu Christi, dem mit dem Vater und dem heiligen Geiste Ruhm, Macht und Ehre gebührt nun und immer und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Zweite Homilie von der Buße, und über die Traurigkeit des Königs Achab, und über Jonas den Propheten.

Es gibt vielerlei Wege der Buße. Chrysostoums führt deren drei weitläufiger aus: 1. „Die Sünde bekennen“ — David und der Gegensatz Kain; 2. „Die Sünde beweinen“ — König Achab; 3. „Die Demuth“ — der Zöllner im Tempel — gegenüber der Pharisäer. St. Paulus.

Habt ihr am vergangenen Sonntag Kampf und Sieg gesehen? Den Kampf des Satans und den Sieg Christi? Habt ihr gesehen, wie die Buße gepriesen wurde, wie der Satan diesen Streich nicht aushalten konnte, sondern erschrack und erbebte? Warum fürchtest du dich, o Satan, wenn die Buße gerühmt wird? Warum seufzest du? Warum erschrickst du? Wohl mit Recht, antwortet er, seufze ich und betrübe ich mich: diese Buße hat mir mächtige Rüstzeuge geraubt. Und welches sind diese Rüstzeuge? Die Buhlerin, den Zöllner, den Schächer, den Gotteslästerer. Ja gewiß, die Buße hat ihm viele Rüstzeuge geraubt; sie hat ihm sogar seine Veste zerstört; und durch die Buße empfing er einen tödlichen Streich. Das wirst du, mein Geliebter, aus Dem einsehen, was neulich die Erfahrung gezeigt hat. Warum benutzen wir also diese Versammlung nicht? warum kommen wir nicht täglich in die Kirche, um Buße zu thun? Bist du ein Sünder, so gehe in die Kirche, um deine Sünden zu bekennen; bist du gerecht, so gehe hinein, um die Gerechtigkeit nicht zu verlieren: denn für Beide ist die Kirche ein Hafen. Bist du ein Sünder? Verzweifle nicht, sondern gehe hinein und erzeige dich als einen Büßer. Hast du gesündigt? Sage zu Gott: ich habe gesündigt. Was ist das für eine Mühe, was für ein Umweg, was für eine Anstrengung, was für eine Noth zu sagen: Ich habe gesündigt? Denn wirst du, falls du dich nicht selbst als Sünder bekennst, nicht den Teufel als Ankläger haben? Komme ihm zuvor und raube ihm die Ehre; denn seine Ehre besteht darin, daß er Ankläger ist. Warum kommst du ihm nun nicht zuvor und bekennst deine Sünde und reinigest dich von derselben, da du weißt, daß du einen solchen Ankläger hast, der nicht zu schweigen vermag? Hast du gesündigt? Gehe in die Kirche und sage zu Gott: Ich habe gesündigt. Ich verlange nichts Anderes von dir, als dieses allein; denn die heilige Schrift sagt: „Sage zuerst deine Sünden, auf daß du gerechtfertigt werdest.“ Bekenne die Sünde, damit du die Sünde tilgest. Das macht keine Mühe; dazu gehören nicht viele Worte noch Geldaufwand noch sonst etwas ähnlicher Art. Sprich ein Wort und sei unbesorgt wegen der Sünde; sage nur: Ich habe gesündigt. Wie kömmt es denn aber, möchte Jemand sagen, daß ich die Sünde tilge, wenn ich zuerst sie bekenne? Ich habe in der heiligen Schrift einen Menschen, der sie bekannte und tilgte, und einen Menschen, der sie nicht bekannte und verdammt wurde. Kain erschlug, vom Neide erfaßt, seinen Bruder Abel, so daß der Mord dem Neide unmittelbar folgte; denn er nahm den Bruder auf das Feld hinaus und ermordete ihn. Und was spricht Gott zu ihm? „Wo ist dein Bruder Abel?“ Der Allwissende fragt nicht, als ob er es nicht wüßte, sondern um den Mörder zur Buße zu locken. Denn daß er diese Frage nicht aus Unkenntniß gestellt, hat er bewiesen: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Kain aber erwiderte: „Ich weiß es nicht; bin denn ich der Wächter meines Bruders?“ Gut; du bist nicht der Wächter; warum bist du aber der Mörder? Du hast ihn nicht bewacht; warum hast du ihn aber getödtet? Das wirst du doch wohl bekennen? Du bist aber auch strafbar, daß du ihn nicht bewacht hast. Was sagt also Gott zu ihm? „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ Er hält ihm sogleich sein Verbrechen vor und bestraft ihn, nicht so fast wegen des Mordes, als wegen der Unverschämtheit. Denn Gott haßt Den, der sündigt, nicht so sehr, als Den, der unverschämt ist. Er nahm den Kain, als er zur Buße schritt, nicht mehr an, weil er seine Sünde nicht gleich bekannt hatte. Denn was sagt Kain? „Meine Sünde ist größer, als daß sie mir erlassen werde,“ als wollte er sagen: Ich habe eine große Sünde begangen; ich bin des Lebens nicht werth. Was sprach nun Gott zu ihm? „Seufzend und zitternd wirst du auf Erden sein,“ und legte ihm eine harte und schwere Strafe auf. Ich tödte dich nicht, spricht er, damit die Wahrheit (dieser Lehre) nicht in Vergessenheit komme, sondern ich mache dich zu einem Gesetze, das Alle lesen können, damit das Unglück die Mutter der Weisheit werde. Und Kain irrte herum, ein lebendiges Gesetz, eine wandelnde Säule, die schweigend eine stärkere Stimme hatte, als eine Trompete. Niemand, ruft sie, thue dasselbe, damit er nicht dasselbe erdulde. Er wurde bestraft, weil er unverschämt war; und er wurde verdammt wegen der Sünde, weil er sie, obgleich überwiesen, nicht bekannt hatte; denn hätte er sie freiwillig bekannt, so hätte er sie gleich auch getilgt.

Damit du aber einsehen lernest, daß dem also sei, so höre, wie ein Anderer, welcher die Sünde gleich bekannte, dieselbe getilgt hat. Kommen wir auf den König und Propheten David. Ich nenne ihn aber lieber einen Propheten; denn als König herrschte er nur in Palästina, als Prophet bis an die Grenzen des Erdkreises; seine Herrschaft dauerte nur kurze Zeit, sein prophetischer Mund aber hat unsterbliche Worte gesprochen. Es wäre besser, daß die Sonne erlösche, als daß die Worte Davids der Vergessenheit überantwortet würden. David verfiel in Ehebruch und Mord; „denn er sah,“ heißt es, „ein schönes Weib, das sich badete, entbrannte in Liebe zu ihr und vollbrachte, was er sich vorgenommen.“ Und der Prophet lag im Ehebruch, die Perle mitten im Kothe. Aber noch erkannte er nicht, daß er gesündigt; so sehr war er durch die Leidenschaft eingeschläfert. Denn ist der Fuhrmann betrunken, so läuft auch der Wagen unordentlich fort; was aber Fuhrmann und Wagen ist, das ist Seele und Leib. Ist aber die Seele verfinstert, so wälzt sich auch der Leib im Schlamme herum. Denn so lange der Fuhrmann noch steht, geht auch der Wagen ordentlich weiter. Gebricht es aber jenem an Kraft und ist er nicht mehr im Stande die Zügel zu halten, so sieht man, daß auch der Wagen selbst in Gefahr ist. So geht es auch bei dem Menschen. So lange die Seele nüchtern und wachsam ist, bleibt auch der Leib rein. Wenn aber die Seele umnebelt ist, so wälzt sich auch der Leib in Schlamm und Wollust. Was hat also David begangen? Einen Ehebruch. Er erkannte es aber nicht, erhielt auch von Niemanden eine Rüge; das geschah, als er schon in hohem Alter stand, damit du daraus lernest, daß dir auch das Alter nicht frommt, wenn du nachlässig bist, und daß hinwieder die Jugend nicht zu schaden vermöge, wenn du die gehörige Sorgfalt anwendest. Denn der Lebenswandel hängt nicht vom Alter ab, wohl aber ist die Tugend ein Ausfluß der Gesinnung. Denn Daniel zählte zwölf Jahre und war schon Richter, jene hochbetagten Greise aber dichteten (Susanna) eine unzüchtige Aufführung an; und wie diesen ihr Alter Nichts nützte, so brachte jenem die Jugend keinerlei Nachtheil. Und damit du erkennest, daß edle Handlungen nicht nach dem Alter, sondern nach der Gesinnung beurtheilt werden, so erwäge: David befand sich in demselben hohen Alter, fiel doch in einen Ehebruch, beging einen Mord und war so gesinnt, daß er nicht einmal seine Sünde erkannte; denn der Führer, die Seele, war berauscht von Unenthaltsamkeit. Was thut nun Gott? Er schickt den Propheten Nathan zu ihm; der Prophet kommt zum Propheten; denn so geschieht es auch bei den Ärzten; wenn ein Arzt krank ist, bedarf er eines andern Arztes. So war es auch hier: ein Prophet hatte eine Sünde begangen, und ein Prophet ist es, der ihm das Heilmittel bringt. Nathan kömmt also zu ihm; er macht ihm nicht sogleich Vorwürfe und sagt nicht: Du Lasterhafter, du Schändlicher, du Ehebrecher und Mörder! Gott hat dich mit so vieler Ehre überhäuft, und du hast seine Gebote mit Füßen getreten. Nichts dergleichen sagt ihm Nathan, um ihn nicht noch unverschämter zu machen; denn wenn man die Sünden offenbar macht, so wird der Sünder zu größerer Unverschämtheit gereizt. Nathan kommt also zu ihm, erzählt ihm eine erdichtete Geschichte und sagt: „Ich habe dir eine Klage vorzutragen, o König. Es war ein reicher Mann, und es war ein armer Mann; der Reiche hatte viele Schafe und Rinder, der Arme aber besaß nur ein einziges Schäfchen, welches aus seinem Becher trank und von seinem Tische aß und an seinem Busen schlief.“ Hier bedeutet das die Liebe des Mannes zum Weibe. „Als nun zum reichen Manne ein Gast kam, so wollte er die eigenen Schafe schonen, nahm das Schäfchen des armen Mannes und schlachtete es.“ Siehst du, wie er diese Erzählung einkleidet und das Eisen unter dem Schwämme verbirgt? Was sagt nun der König dazu? In der Meinung, daß er über einen Andern urtheile, that er sehr schnell seinen Ausspruch; denn so machen es die Menschen: gegen Andere zu urtheilen sind sie gleich bei der Hand; sie bilden sich strenge Urtheile und sprechen sie aus. Und was spricht nun David? „So wahr der Herr lebt, der Mann ist ein Kind des Todes, und das Schäflein wird er vierfach wiedererstatten.“ Was that nun Nathan? Er brachte nicht erst viele Stunden zu, den Streich sanft zu führen, sondern führte ihn stracks und schnitt in aller Geschwindigkeit, um ihm nicht das Gefühl des Mordes zu rauben: „Du bist der Mann, o König!“ Was sprach nun der König? „Ich habe gesündigt wider den Herrn.“ Er sagte nicht: Wer bist denn du, daß du mich anklagst? Wer hat dich gesandt, so freimüthig zu reden? Mit welcher Kühnheit thatest du das? Er sprach kein ähnliches Wort, sondern er erkannte die Sünde. Und was spricht er? „Ich habe gesündigt wider den Herrn.“ Was sagt nun Nathan zu ihm? „Auch der Herr hat deine Sünde weggenommen; du hast dich selbst verurtheilt, ich erlasse dir die Strafe; du hast ein aufrichtiges Bekenntniß abgelegt und so die Sünde getilgt; du hast dir das Urtheil selber gesprochen, ich hebe das meinige auf.“ Siehst du, daß erfüllt wird, was geschrieben steht: „Bekenne du zuerst deine Sünden, auf daß du gerechtfertigt werdest?“ Was kostet es doch für eine Arbeit, zuerst die Sünde zu bekennen?

Es gibt aber auch noch einen andern Weg der Buße. Was ist das für einer? Die Sünde beweinen. Hast du gesündigt? Weine und du tilgest die Sünde. Was kostet das für eine Anstrengung? Ich verlange von dir nichts weiter, als daß du die Sünde beweinest. Ich befehle dir nicht Meere zu durchschneiden, nicht in Häfen einzulaufen, nicht weite Reisen zu machen, nicht Geldsummen zu bezahlen, nicht den grimmigen Wogen dich anzuvertrauen, — sondern was? Weine über die Sünde. Aber woher kommt denn das, sagst du, daß ich die Sünde tilge, wenn ich sie beweine? Auch davon hast du einen Beweis in der göttlichen Schrift. Es war ein König Achab; man gibt ihm das Zeugniß, daß er gerecht war; er herrschte aber ungerecht wegen seines Weibes Jezabel. Diesen gelüstete nach dem Weinberge eines Israeliten, Naboth, und er ließ ihm melden: „Gib mir deinen Weinberg, welchen ich wünsche, und nimm entweder Geld von mir, oder vertausch ihn um ein anderes Grundstück.“ Naboth aber sprach: „Es sei ferne von mir, daß ich dir meiner Väter Erbtheil verkaufe.“ Achab sehnte sich zwar nach dem Weinberge, aber er wollte ihn doch nicht erzwingen; darüber verfiel er in eine Krankheit. Da tritt nun Jezabel zu ihm, ein unverschämtes, freches, unzüchtiges, gottloses Weib und spricht: „Warum bist du traurig, und issest nicht? Steh’ auf und iß; ich will schon bewirken, daß du das Erbgut Naboths des Israeliten besitzest.“ Sie schreibt also einen Brief unter dem Namen des Königs an die Ältesten und sagt: Lasset Fasten ausrufen und bestellet Männer gegen Naboth, die da lügen sollten, daß er Gott und den König gesegnet, d. h. gelästert habe. O ein Fasten voll der gewaltigsten Bosheit! Sie rufen ein Fasten aus, um einen Mord zu begehen. Was geschah nun? Naboth wurde gesteinigt und starb. Als Jezabel dieses erfuhr, sprach sie zu Achab: „Stehe auf; nun können wir den Weinberg in Besitz nehmen; denn Naboth ist todt.“ Achab, der bisher traurig gewesen, stand auf, ging in den Weinberg und nahm ihn in Besitz. Gott sendet nun den Propheten Elias zu ihm; „Gehe hin,“ spricht er, „und sage dem Ahab: Weil du einen Mord begangen und ein Erbgut genommen, so soll auch dein Blut vergossen werden; und die Hunde werden dein Blut lecken, und die Huren werden sich in deinem Blute baden.“ Der Zorn Gottes ist entbrannt, der Ausspruch gethan, das Urtheil der Verdammung gefällt. Und siehe, wohin er ihn entsendet: in den Weinberg. Dort wo das Verbrechen verübt worden, dort soll auch die Strafe erfolgen. Und was spricht er? Als ihn Achab erblickte, sagt er: „Du, mein Feind, hast mich gefunden,“ als wollte er sagen: „Du hast mich schuldig erfunden, weil ich gesündiget habe; nun hast du Gelegenheit, mir Vorwürfe zu machen; du, mein Feind, hast mich gefunden.“ Weil Elias dem Achab immer Vorwürfe machte, und Achab einsah, daß er gesündiget habe, so sagt er: „Du hast mich immer getadelt: jetzt aber machst du mir den Vorwurf mit Recht;“ denn er wußte, daß er gesündiget habe. Der Prophet Hinwider kündigt ihm das Urtheil an: „So spricht der Herr: Weil du einen Mord begangen und (fremdes Eigenthum) in Besitz genommen und das Blut eines Gerechten vergossen, so soll auch dein Blut vergossen werden, und die Hunde werden dasselbe lecken, und die Huren werden sich in deinem Blute baden.“ Als Achab dieses hörte, wurde er traurig und weinte ob seiner Sünde. Er erkannte seine Missethat, und Gott widerrief das gegen ihn gesprochene Urtheil. Allein zuerst rechtfertigte sich Gott bei Elias, damit er nicht als Lügner erschiene, und ihm nicht das gleiche Loos, wie dem Jonas, begegnete. Gott sagte zu Jonas: „Gehe hin und predige in Ninive, einer Stadt, in welcher 120,000 Menschen wohnen, ohne Weiber und Kinder: Noch drei Tage, und Ninive wird untergehen.“ Jonas wollte nicht gehen; er erkannte die Güte Gottes. Allein was thut er? Er flieht; denn er spricht: „Ich gehe hin und predige; du aber, weil barmherzig, wirst dein Urtheil ändern; und ich werde als ein Lügenprophet ermordet werden.“ Jedoch das Meer, das ihn aufnahm, verbarg ihn nicht, sondern gab ihn an’s Land und rettete ihn für Ninive wieder und erhielt als treue Mitmagd den Mitknecht unversehrt. „Denn Jonas,“ heißt es, „begab sich in die Flucht und traf ein Schiff, das nach Tarsis ging und gab sein Fahrgeld und bestieg dasselbe.“ Wohin fliehst du, o Jonas? Reisest du in ein anderes Land? „Dem Herrn gehört ja die Erde und ihre Fülle.“ Oder gehst du aufs Meer? Weißt du nicht, daß das Meer sein ist, und daß er es gemacht hat? Oder in den Himmel? Hast du nicht David gehört, der da spricht: „Ich werde die Himmel anschauen, die Werke deiner Finger.“ Doch dessen ungeachtet wähnte Jonas in seiner Angst entfliehen zu können: denn in Wahrheit kann Gott Keiner entfliehen. Nachdem ihn aber das Meer dem Lande wiedergegeben, ging er nach Ninive, predigte und sprach: „Noch drei Tage, und Ninive wird untergehen.“ Damit du aber erkennest, daß er aus diesem Grunde sich flüchtete, daß nämlich der barmherzige Gott über das Unglück, das er über sie aussprach, Reue empfinden, und er selbst dann als ein Lügenprophet angesehen würde, so zeigt er das selbst deutlich an. Denn nachdem er in Ninive geprediget hatte, verließ er die Stadt und wollte sehen, was nun geschehen würde. Als er nun nach Verlauf der drei Tage sah, daß Nichts von all Dem, was er gedroht hatte, geschah, erinnerte er sich seines ersten Gedankens und sprach: „Sind Dieß nicht meine Worte, die ich sagte, daß Gott barmherzig und langmüthig sei und über das Unglück der Menschen Reue empfinde?“ Damit nun Elias nicht dasselbe erfahre, was Jonas erfuhr, so verkündet Gott die Ursache, warum er dem Achab vergab. Und was spricht Gott zu Elias? „Siehst du, wie Achab trauernd und weinend vor mir wandelt? Ich werde ihm nicht nach seiner Bosheit vergelten.“ Erstaunlich! Der Herr des Knechtes wird sein Fürsprecher, und Gott vertheidigt einen Menschen vor einem Menschen. „Glaube nicht,“ spricht er, „daß ich ohne Grund ihm verzeihe; er hat sein Leben geändert, und ich habe meinen Zorn umgewandelt und ihn verbannt. Möge man dich nicht für einen Lügenpropheten ansehen! Denn du hast Wahrheit gesprochen: hätte Achab seinen Sinn nicht geändert, so wäre das Urtheil an ihm vollzogen worden: aber er hat sein Leben geändert, und ich habe meinen Zorn verbannt.“ Und Gott sprach zu Elias: „Siehst du, wie Achab trauernd und weinend vor mir wandelt? Ich werde nicht nach meinem Zorne handeln.“ Siehst du, wie die Thränen Sünden auslöschen?

Du hast noch einen dritten Weg zur Buße. Ich nenne aber vielerlei Wege der Buße, um dir durch die Verschiedenheit der Wege das Heil zu erleichtern. Welches ist nun dieser dritte Weg? Die Demuth. Sei demüthig, und du lösest die Fesseln der Sünde. Du hast auch dafür wieder den Beleg in der göttlichen Schrift an der Erzählung vom Zöllner und Pharisäer. „Es gingen,“ heißt es, „der Pharisäer und der Zöllner hinauf in den Tempel, um zu beten;“ und der Pharisäer fing an, seine Tugenden herzuzählen: „Ich bin nicht,“ spricht er, „ein Sünder, wie alle andern Leute, auch nicht, wie dieser Zöllner hier.“ Du elende und unglückliche Seele! Du verurtheilst die ganze Welt; warum kränkst du auch noch deinen Nachbar? Die Welt genügte dir nicht; mußtest du auch noch den Zöllner verdammen? Alle hast du auf diese Weise verurtheilt und nicht Eines Menschen geschont: „Ich bin nicht, wie alle andern Leute, noch wie dieser Zöllner da. Zweimal in der Woche faste ich, gebe den Zehnten von Allem, was ich besitze, den Armen.“ Wie prahlerisch redet er! Unglückseliger Mann! Es sei, du hast die ganze Welt verurtheilt, was verdammst du auch noch den Zöllner an deiner Seite? Du begnügtest dich nicht mit der Anklage der ganzen Welt, mußtest du auch deinen Nachbar verdammen? Was sprach nun der Zöllner? Nachdem er Dieses gehört, sagte er nicht: „Wer bist denn du, daß du mir diese Vorwürfe machst? Woher kennst du mein Leben? Du bist nicht mit mir umgegangen, hast nicht bei mir gewohnt, hast deine Zeit nicht mit mir verlebt. Warum bist du also so stolz? Wer gibt denn Zeugniß von deinen guten Werken? Warum lobst du dich selbst? Was schmeichelst du dir?“ Aber Nichts von all dem sagte der Zöllner, sondern betete gesenkten Hauptes und sprach: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ Und der Zöllner, der sich demüthigte, wurde gerechtfertigt; der Pharisäer aber verließ den Tempel mit dem Verluste der Gerechtigkeit; der Zöllner aber hatte sie erlangt, als er hinwegging, und Worte waren hier besser, als Thaten; denn Jener verlor bei seinen Werken die Gerechtigkeit, dieser erwarb sich dieselbe durch sein demüthiges Bekenntniß. Ja, das war noch nicht einmal Demuth; denn Demuth ist es, wenn ein Hoher sich erniedrigt; die Handlung des Zöllners war also nicht Demuth, sondern Wahrheit; denn wahr lauteten seine Worte; denn er war ein Sünder. Denn sage mir, was ist schlechter als ein Zöllner? Aus fremder Noth zieht er seinen Gewinn, bei fremden Arbeiten nimmt er Antheil am Nutzen; er kümmert sich nicht um die Arbeit, am Nutzen betheiligt er sich, so daß die Sünde des Zöllners eine sehr große ist. Denn Zöllner sein heißt nichts anderes, als offene Gewalt brauchen, gesetzlich Unrecht begehen und nehmen unter dem Scheine des Rechtes. Denn was ist schlechter, als ein Zöllner, der am Wege sitzt und die Früchte fremder Arbeiten erntet, und der, wo es Arbeit gibt, sich darum nicht im Mindesten kümmert, wo aber Gewinn ist, seinen Antheil von Dem nimmt, was er nicht durch Arbeit errungen? Da nun der Zöllner ein Sünder ist und eine so große Gnade erhielt, weil er demüthig war; wie viel mehr Gnade wird der Tugendhafte finden, wenn er demüthig ist? Wenn du also deine Sünden bekennest und demüthig bist, so wirst du dadurch gerecht. Willst du aber wissen, wer demüthig ist? Sieh auf Paulus, den wahrhaft Demüthigen, auf Paulus, diesen Lehrer der Welt, diesen geistlichen Redner, dieses auserwählte Rüstzeug, diesen ruhigen Hafen, diesen unerschütterlichen Thurm, auf ihn, der mit schwachem Körper alle Welt durchzog und wie mit Flügeln von einem Orte zum andern eilte. Siehe, wie demüthig er ist; sieh’ diesen Thoren und Weisen, diesen Armen und Reichen. Ihn nenne ich wahrhaft demüthig, ihn, der so viel gearbeitet hat, ihn, der tausend Siege wider den Satan davon trug, ihn, der da ausruft und sagt: „Seine Gnade ist an mir nicht vergeblich gewesen; allein ich habe mehr als sie alle gearbeitet“: welcher Gefängniß, Streiche und Schläge ertrug, welcher die ganze Welt mit seinen Briefen bekehrte, welcher durch eine himmlische Stimme berufen wurde; der war demüthig, da er sagte: „Ich bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht werth bin, ein Apostel zu heissen.“ Siehst du die Größe der Demuth? Siehst du, wie Paulus sich erniedrigt, indem er sich selbst den Geringsten nennt? „Denn ich,“ sagt er, „bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht werth bin, ein Apostel zu heissen.“ Denn das ist die wahre Demuth, daß man sich in Allem erniedrigt und sich den Geringsten nennt. Erwäge nur, wer Der war, der dieses sagte: Paulus, der Himmelsbürger, mit dem schwachen Leibe selbst, womit er umgeben war, die Säule der Kirchen, der irdische Engel, der himmlische Mensch. Ich verweile so gerne bei diesem Manne, wenn ich die Schönheit seiner Tugend betrachte. Die aufgehende Sonne mit all ihren glänzenden Strahlen, die sie entsendet, erheitert meine Augen nicht so sehr, als das Antlitz des Paulus meinen Geist erleuchtet. Denn die Sonne erleuchtet zwar die Augen, aber Paulus erbebt unsern Blick selbst bis zum Himmelsgewölbe: denn er macht die Seele erhabener als die Sonne, und herrlicher, als der Mond ist. Das ist die Kraft der Tugend: sie macht den Menschen zum Engel; sie beflügelt die Seele im Laufe zum Himmel. Diese Tugend lehrt uns Paulus. Bestreben wir uns, eifrige Nachahmer dieser Tugend zu werden!

Allein es ziemt sich nicht, von unserem Gegenstande abzuweichen; denn es war unsere Absicht, die Demuth als den dritten Weg zur Buße zu zeigen, daß der Zöllner sich nicht gedemüthigt hat, sondern bloß aufrichtig war, indem er seine Sünden bekannte und gerechtfertigt wurde ohne Aufwand von Geld, ohne Meere zu durchschneiden, ohne lange Fußreisen zu machen, ohne unermeßliche Meere zu durchschiffen, ohne daß er seine Freunde um ihre Fürsprache bat oder viel Zeit verwendete: bloß durch seine Demuth wurde er gerechtfertigt und des Himmelreichs für würdig befunden. Möchten wir alle durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi desselben theilhaftig werden! Ihm sei Ehre und Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Dritte Homilie. Von dem Almosen und über die zehn Jungfrauen.

Die verschiedenen Wege der Buße: Der Besuch der Kirche, das Almosen, das Gebet und die Thränen. Die drei letzten Punkte führt Chrysostomus näher aus. Das Almosen ist die Königin der Tugenden; ohne sie ist selbst die Jungfrauschaft von wenig Werth. Lob der Jungfräulichkeit. Ebenso schön stellt er die Belohnung des Barmherzigen dar — mit Wenigem kannst du den Himmel erkaufen. Die Thränen des heiligen Petrus.

Wißt ihr noch, womit unsere neuliche Rede begann, oder wo sie aufhörte, oder welcher Gegenstand es war, mit dem wir die frühere Rede beschlossen? Ich glaube, ihr habt es vergessen, wo unser Vortrag aufhörte; ich aber weiß es und tadle euch darum nicht und mach’ euch keinen Vorwurf. Denn Jeder von euch, der ein Weib hat, ist für seine Kinder besorgt und bekümmert sich um Alles im Haushalt; Andere beschäftigen sich mit dem Kriegsdienst, wieder Andere sind Handwerker: Jeder von euch hat seine besondere Arbeit. Wir aber beschäftigen uns mit diesen geistigen Dingen und üben uns in denselben und bringen damit unsere Zeit zu. Ihr verdient daher keinen Tadel, sondern Lob wegen des Eifers, daß ihr uns an keinem Sonntage verlasset, sondern Alles hintansetzend zur Kirche kommet. Denn das ist eben das größte Lob unserer Stadt, nicht, daß so viel Lärm in ihr ist, daß sie Vorstädte, Paläste mit goldenen Decken und Prachtzimmern hat, sondern daß das Volk so eifrig und aufmerksam ist. Denn einen edlen Baum erkennen wir nicht an den Blättern, sondern an den Früchten. Eben deßwegen haben wir einen Vorzug vor den stummen Thieren, weil wir eine Sprache haben, miteinander reden können und Gespräche lieben; denn ein Mensch, welcher die Gespräche nicht liebt, ist viel unvernünftiger, als die Thiere, weil er nicht weiß, warum er geehrt worden, und woher er diese Ehre empfangen. Deßhalb spricht der Prophet mit Recht: „Der Mensch, da er in Ehren war, verstand es nicht, hat sich verhalten, wie die unvernünftigen Thiere und ist ihnen gleich geworden.“ Du bist ein vernünftiger Mensch und liebst Gespräche nicht? Sage mir, wirst du dich denn entschuldigen? Ihr seid daher mehr, als alle Andern, meine Freunde, ihr, die ihr zu den Lehren der Tugend so eifrig herbeigeeilt seid und dem göttlichen Worte Alles hintangesetzt habt.

Wohlan, wir wollen also zur Sache kommen und die folgende mit den vorausgegangenen Reden in Zusammenhang bringen; denn ich bin euer Schuldner und freudig bezahl’ ich die Schuld; denn das bringt mir nicht Armuth, sondern Reichthum. In weltlichen Dingen fliehen die Schuldner vor den Gläubigern, um nicht zu bezahlen, ich aber verfolge diese, um sie zu bezahlen: und beides ist natürlich; denn in der Welt macht die Bezahlung arm, die Bezahlung mit dem Worte Gottes aber macht reich. Ich gebe ein Beispiel: Ich schulde Jemanden Geld; bezahl’ ich es ihm, so kann es nicht bei ihm und mir zugleich, sein, sondern mir geht es ab, der Andere besitzt es; wenn ich aber mit dem Worte bezahle, so behalte ich es, und ihr alle besitzt es; behalte ich es und theile es nicht unter euch aus, so bin ich arm; bezahle ich dasselbe, so werde ich reicher. Behalte ich die Rede, so bin ich allem reich; theile ich sie aber euch mit, so gewinne ich mit Euch Allen die Frucht. Wohlan, bezahlen wir also die Schuld. Worin besteht nun dieselbe? Wir haben von der Buße zu reden begonnen und gesagt, daß es viele und verschiedene Wege zur Buße gebe, um uns das Heil zu erleichtern. Denn hätte uns Gott nur Einen Weg der Buße gezeigt, so hätten wir ihn verworfen und gesagt: Diesen können wir nicht wandeln; so können wir das Heil nicht gewinnen. Nun hat aber Gott diese deine Einrede abgeschnitten, indem er dir nicht einen oder zwei, sondern viele und verschiedene Wege gezeigt hat, um dir durch die Menge derselben den Aufstieg zum Himmel leichter zu machen.

Wir haben gesagt, die Buße sei leicht und koste nicht viele Mühe. Bist du ein Sünder? Geh’ in die Kirche, sage: Ich habe gesündigt, und du tilgst deine Sünde. Wir führten als Beispiel den David an, der da gesündiget hatte, und Nachlaß der Sünde erhielt. Hierauf zeigten wir einen andern Weg (der Buße), die Sünde beweinen, und sagten: „Ist das wohl schwer?“ Man braucht kein Geld auszugeben, keinen weiten Weg zu machen, noch etwas Anderes dieser Art, sondern nur die Sünde zu beweinen. Und wir führten Das aus der Schrift an, daß Gott an Nahab sein Urtheil geändert, weil er weinte und traurig war; und dieses sprach er auch zu Elias: „Siehst du, wie Achab, trauernd und weinend, vor mir wandelt? Ich werde nicht handeln nach meinem Zorn.“ Wir zeigten sofort den dritten Weg der Buße und führten als Beispiel aus der Schrift den Pharisäer und Zöllner an, daß nämlich der Pharisäer, weil er im Übermuth prahlte, seine Gerechtigkeit einbüßte, der Zöllner aber, weil er sich demüthigte, die Frucht der Gerechtigkeit davon trug; und zwar ohne alle Anstrengung wurde er gerechtfertigt: er spendete Worte und erhielt Thaten. Wohlan! wir wollen nun fortfahren und den vierten Weg der Buße vorführen. Was ist das für einer? Ich sage: Die Barmherzigkeit, die Königin unter den Tugenden, welche die Menschen schnell in die Himmelslüfte erhebt und die beste Fürsprecherin ist. Die Barmherzigkeit ist etwas Grosses; deßhalb ruft auch Salomon aus: „Der Mensch ist etwas Großes, und ein Barmherziger etwas Köstliches.“ Die Barmherzigkeit hat mächtige Flügel: sie durchschneidet die Luft, erhebt sich über den Mond, steigt über die strahlende Sonne empor und dringt bis in die Höhen des Himmels hinauf. Allein auch dort bleibt sie nicht stehen, sondern sie durchdringt auch den Himmel und eilt durch die Schaaren der Engel und die Chöre der Erzengel und durch alle höhern Mächte und stellt sich vor den Thron des Königs selbst. Lerne dieses aus der heiligen Schrift selbst, die da sagt: „Kornelius, dein Almosen und dein Gebet sind hinaufgekommen vor das Angesicht Gottes.“ Dieses „Vor das Angesicht Gottes“ will sagen: „Hast du auch viele Sünden, aber das Almosen zur Fürsprecherin, so fürchte dich nicht; denn keine der höhern Mächte widersetzt sich demselben; es fordert die Schuld und trägt seine Handschrift in Händen. Denn der Herr sagt ja selbst: „Was Jemand einem dieser Geringsten gethan hat, das hat er mir gethan.“ Mit was immer für Sünden du also beschwert bist, deine Barmherzigkeit überwieget sie alle.“

Weißt du nicht aus dem Evangelium die Parabel von den zehn Jungfrauen, welche, eben weil sie keine Barmherzigkeit zeigten, von dem Brautgemach ausgeschlossen wurden, obgleich sie Jungfrauen waren? „Es waren zehn Jungfrauen,“ heißt es, „fünf thörichte und fünf kluge.“ Die fünf klugen hatten Öl, die thörichten aber nicht; ihre Lampen erloschen. Die thörichten kamen nun zu den klugen und sagten: „Gebt uns Öl aus euren Gefäßen.“ Ich schäme mich und erröthe und weine, wenn ich von den thörichten Jungfrauen höre. Ich erröthe, wenn ich diesen Namen vernehme, weil diese Jungfrauen nach so großer Tugend, nach diesem Eifer, die Jungfrauschaft zu bewahren, nachdem sie ihren Leib in den Himmel erhoben, nachdem sie einen Wettstreit mit den obern Mächten eingegangen, nachdem sie die Glut überwunden und das Feuer der Wollust erstickt hatten, — weil diese Jungfrauen nun thörichte heissen, und sie heissen mit Recht so, weil sie schon Großes geleistet hatten und nun vom geringern Feinde besiegt wurden. „Und die thörichten kamen herbei,“ heißt es „und sagten zu den klugen: Gebt uns Öl aus euren Gefäßen! Diese aber sprachen: Wir können euch keines geben, es möchte uns und euch dann gebrechen. Sie thun das nicht aus Unbarmherzigkeit oder aus Bosheit, sondern weil die Zeit drängte; denn der Bräutigam sollte bald kommen. Die thörichten hatten auch Lampen; allein die klugen hatten Öl darin, die thörichten nicht. Das Feuer ist die Jungfrauschaft, das Öl aber das Almosen. Wie nun das Feuer erlischt, wenn es nicht flüssiges Öl hat, so geht das Verdienst der Jungfrauschaft verloren, wenn sie nicht Barmherzigkeit übt. „Gebt uns Öl aus euren Gefäßen!“ Jene aber sprachen zu diesen: „Wir können euch keines geben.“ Allein sie sagten das nicht aus Bosheit, sondern aus Furcht: „Damit es nicht etwa uns und euch an demselben gebreche,“ damit wir nicht, während wir Alle hineinzukommen trachten, Alle zurückbleiben müssen. „Aber gehet hin und kaufet von den Verkäufern.“ Wer sind nun aber die Verkäufer dieses Öls? Die Armen, die vor der Kirche sitzen, um Almosen zu erhalten. Und um welchen Preis (wird es gekauft?) Um welchen man will; ich setze keinen Preis an, damit du nicht die Armuth vorschützest. So viel du besitzest, um so viel kaufe. Hast du einen Obolus? Kaufe den Himmel, nicht als ob der Himmel so wohlfeilen Kaufs wäre, sondern weil der Herr gnädig ist. Hast du keinen Obolus? Gib einen Becher kalten Wassers: „Wer Einem dieser Geringsten nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt in meinem Namen, der wird den Lohn dafür nicht verlieren.“ Der Himmel ist ein Kauf, ein Handel, und wir sind so saumselig! Gib Brod und nimm den Himmel; gib Kleines und nimm Grosses; gib Sterbliches und nimm Unsterbliches; gib Vergängliches und nimm Unvergängliches. Gesetzt es wäre Markt, und Überfluß an Allem vorbanden, und Alles sehr wohlfeil und niedrigen Preises: würdet ihr nicht euere Habe verkaufen und alles Andere hintansetzen, um an diesem Geschäfte Antheil zu haben? Ja, wo es sich um Vergängliches handelt, da zeigt ihr einen solchen Eifer; wo aber das Geschäft die Ewigkeit angeht, da säumet ihr und seid zaghaft. Gib dem Armen, damit, wenn auch du schweigst, tausend Lippen für dich reden, da das Almosen dich beschützt und vertheidigt. Almosen ist das Lösegeld für die Seele. Wie deßhalb die Becken voll Wassers vor den Kirchthüren stehen, um die Hände zu waschen, so sitzen vor der Kirche die Armen, um die Hände der Seele zu reinigen. Hast du deine leiblichen Hände mit Wasser gewaschen? Wasche die Hände der Seele durch das Almosen rein. Schütze nicht Armuth vor. In der größten Armuth nahm die Wittwe den Elias gastfreundlich auf, und die Noth hinderte sie nicht daran, sondern mit großer Freude nahm sie ihn auf; deßhalb ward sie aber auch würdig belohnt und erntete die volle Frucht ihrer Mildthätigkeit. Vielleicht sagt aber der Zuhörer: Gib mir den Elias. Was brauchst du den Elias? Ich gebe dir den Herrn des Elias, und du speisest ihn nicht. Wie würdest du den Elias bewirthen, wenn du ihn fändest? Der Ausspruch Christi, des Herrn der Welt, ist: „Was Jemand einem der Geringsten gethan hat, das hat er mir gethan.“ Wenn etwa ein König Jemanden zur Tafel beriefe und zu den gegenwärtigen Dienern spräche: Danket diesem statt meiner, so viel ihr vermöget; er hat mich in der Noth erhalten und gastlich bewirthet; er hat mir zur Zeit der Bedrängniß viele Wohlthaten erwiesen: wie würde nicht ein Jeder all sein Geld daran setzen für Den, dem der König gedankt hat? Wie würde nicht Jeder ihm Alles zu verdanken glauben? Wie würde nicht Jeder bestrebt sein, sich ihm zu empfehlen und sich ihn zum Freunde zu machen?

Merket ihr wohl den Nachdruck der Rede? Wenn also Solches bei einem sterblichen Könige so viel Ehre einbringt, so denke an Christus, der an jenem Tage vor den Engeln und allen Mächten (den Barmherzigen) hervorrufen und sagen wird: Dieser hat mich auf der Erde beherbergt; dieser hat mir unzählige Wohlthaten erwiesen; dieser hat mich, den Fremdling, liebreich aufgenommen. Erwägt dann das Rühmen unter den Engeln und die Freudigkeit unter den Chören der Geister. Wem Christus ein solches Zeugnist gibt, sollte der sich nicht mehr als die Engel rühmen dürfen? Etwas Großes, meine Brüder, ist’s also um die Mildthätigkeit; lasset uns diese üben; Nichts kömmt ihr gleich; sie ist im Stande auch andere Sünden zu tilgen und das Urtheil darüber ferne zu halten. Wenn auch du schweigst, so steht sie da und spricht für dich; ja noch mehr, du brauchst den Mund nicht zu öffnen, unzählige Lippen reden dankerfüllt zu deinen Gunsten. Solche Güter entspringen aus der Mildthätigkeit, und wir sind so nachlässig und lassen den Muth sinken. Gib Brod nach deinem Vermögen. Hast du kein Brod? Gib einen Obol. Hast du keinen Obol? Reiche einen Becher kalten Wassers. Hast du auch das nicht? Habe Mitleid mit dem Bedrängten, und du empfängst einen Lohn; denn die Unmöglichkeit hindert den Lohn nicht, der Wille erhält ihn.

Jedoch, indem wir hievon redeten, sind wir von den Jungfrauen abgekommen; wohlan, kehren wir zu unserm Gegenstande zurück. „Gebt uns,“ heißt es, „Öl aus euren Gefäßen.“ Wir können euch keines geben, damit es nicht etwa uns und euch an demselben gebreche; gehet vielmehr hin und kaufet von den Verkäufern. Da sie aber hingingen, kam der Bräutigam, und welche brennende Lampen hatten, traten mit ihm hinein, und die Thüre des Brautgemachs wurde geschlossen.“ Es kamen aber die fünf thörichten Jungfrauen, klopften an die Thüre und riefen: „Mache uns auf!“ Und es erscholl die Stimme des Bräutigams von innen an sie: „Weichet von mir, ich kenne euch nicht.“ Was hörten sie also nach solchen Bemühungen? „Ich kenne euch nicht;“ das ist es, was ich gesagt habe: das große Gut der Jungfräulichkeit nützte ihnen ganz und gar Nichts. Bedenke es nur: nach solcher Anstrengung wurden sie abgewiesen. Sie hatten die Unenthaltsamkeit gebändigt; sie hatten sich mit den höhern Mächten in einen Kampf eingelassen; sie hatten das Irdische verachtet: sie hatten die gewaltige Brunst überstanden; sie hatten die Laufbahn zurückgelegt; sie hatten sich von der Erde gegen den Himmel erhoben; sie hatten das Siegel ihres Leibes nicht gelöst; sie hatten den herrlichen Glanz der Jungfrauschaft sich errungen; sie hatten den Wettstreit mit den Engeln bestanden; sie hatten die Bedürfnisse des Leibes besiegt; sie hatten die Natur vergessen; sie hatten in Körpern Geistiges geübt; sie hatten das große und unbesiegliche Gut der Jungfrauschaft im Besitz: und nun hören sie die Worte: „Weichet von mir, ich kenne euch nicht.“ Denn glaube ja nicht, daß die Jungfrauschaft etwas Geringfügiges sei; sie ist so groß, daß keiner der Alten sie zu behaupten vermochte. Deßwegen ist’s eine so große Gnade, daß, was für die Propheten und Väter schrecklich war, jetzt leicht geworden ist. Denn was war damals so schwer und fast unmöglich? Die Jungfrauschaft und die Verachtung des Todes. Jetzt aber halten Dieses selbst zarte Jungfrauen für etwas Geringes. Denn Jungfrau bleiben war so schwer, daß keiner der Alten es zu beobachten vermochte. Noe war ein gerechter Mann, und Gott selbst gab ihm dieses Zeugniß, aber er hatte ein Weib. Auf gleiche Weise pflogen auch Abraham und Isaak, die Träger seiner Verheissung, Gemeinschaft mit ihren Frauen. Joseph, der Keusche, wies den Antrag, die greuliche Missethat des Ehebruchs zu begehen, zurück; aber auch er genoß des Umgangs mit seiner Frau; denn es war schwer, enthaltsam zu bleiben. Seitdem aber die Blume der jungfräulichen Keuschheit geboren hat, seitdem ist die Jungfrauschaft stark geworden. Keiner der Alten vermochte die Jungfräulichkeit zu bewahren; denn es ist etwas Großes, den Leib zu bezähmen. Male dir nur einmal mit Worten ein Bild von der Jungfräulichkeit und lerne, welch große Tugend sie sei: täglich muß sie einen Krieg führen, und nie kann sie ruhen, und dieser Krieg ist grausamer, als der gegen Barbaren; denn der Krieg gegen diese bietet zuweilen einen Stillstand, wenn Unterhandlungen gepflogen werden; zuweilen kämpft man, zuweilen aber nicht, und der Streit hat seine Ordnung und seine Zeit. Aber im Streite für die Jungfräulichkeit gibt es keinerlei Stillstand; denn der Satan ist der Feind und achtet nicht auf eine bestimmte Zeit, ordnet nicht zur Schlacht, sondern sucht stets Gelegenheit, die Jungfrau unbewaffnet zu finden, um ihr eine tödtliche Wunde zu schlagen. Die Jungfrau kann also nie von diesem Kampfe ablassen, überall führt sie den innern Widerspruch und den Feind in sich herum. Verbrecher empfinden keine so heftige Unruhe, wenn sie auf einige Zeit ihren Gebieter erblicken; die Jungfrau aber führt, wohin sie sich immer begibt, den Richter mit sich herum und trägt ihren Feind, und der Feind gönnt ihr keine Ruhe am Abend, noch in der Nacht, noch Morgens, noch Mittags, sondern kämpft immerfort, stellt sinnliche Freuden vor Augen, erinnert sie an die Hochzeit, um ihr die Tugend zu nehmen und in ihr das Laster zu pflanzen, um aus ihr die Schamhaftigkeit zu vertreiben und dafür die Unzucht zu säen. Das Feuer der Wollust wird stündlich auf eine reizende Weise entzündet. Bedenke, welche Mühe es kostet, dieser Pflicht zu genügen! Allein jene hörten nach all dem die Worte: „Weichet von mir, ich kenne euch nicht.“ Sieh’ aber, welche große Tugend die Jungfräulichkeit ist, wenn sie die Barmherzigkeit als Schwester besitzt; dann kann nichts Widriges sie überwinden, sondern sie ist über Alles erhaben. Deßwegen wurden die Thörichten nicht eingelassen, weil sie mit der Jungfräulichkeit nicht auch die Barmherzigkeit hatten. Die Sache ist schmachvoll: die Wollust hast du besiegt, dem Gelde bist du unterlegen; als Jungfrau hast du dem Leben entsagt und liebst — so gekreuzigt — das Geld. Hättest du doch eher einen Mann geliebt, und das Verbrechen wäre geringer; denn du hättest Etwas begehrt, was deines Wesens ist. Aber dein Verbrechen ist jetzt größer, weil du Etwas begehrst, was andrer Natur ist. Es mag sein, daß manche verheirathete Frauen unter dem Vorwande, daß sie Kinder haben, auf eine unverantwortliche Weise keine Barmherzigkeit üben. Wenn du ihnen sagst: Gib mir ein Almosen, so erwidern sie: Ich habe Kinder und kann Nichts geben. Gott hat dir Kinder gegeben, und du hast empfangen die Frucht deines Leibes, damit du mildthätig, nicht damit du hartherzig seiest. Mach’ also Das, was dich zur Barmherzigkeit stimmen soll, nicht zur Ursache deiner Hartherzigkeit. Willst du deinen Kindern ein schönes Erbtbeil zurücklassen? Hinterlaß ihnen die Mildthätigkeit, und Alle werden dich loben, und du wirst dir ein rühmliches Andenken stiften. Du aber, die du keine Kinder hast, sondern der Welt gekreuziget bist, warum sammelst du Schätze?

Jedoch wir sprechen gar eifrig sowohl von dem Wege der Buße als auch über das Almosen. Wir sagten, daß die Mildthätigkeit ein erhabenes Gut sei; dann nahm uns das Meer der Jungfräulichkeit aus. Du hast also an dem Almosen eine vortreffliche und mächtige Buße, die im Stande ist, die Fesseln der Sünden zu losen. Es gibt aber auch einen andern und zwar sehr bequemen Weg, auf dem du dich von den Sünden losmachen kannst. Bete zu jeder Zeit und laß nicht ab zu beten. Flehe die göttliche Barmherzigkeit nicht nachlässig an; sie wird dich, wenn du anhältst, nicht von sich stoßen, sondern dir deine Sünden verzeihen und deine Bitten gewähren. Wird dein Gebet erhört, so verharre dankbar in deinem Gebete; wirst du nicht erhört, so fahre fort zu beten, auf daß du erhört werdest, und sage nicht: Ich habe viel gebetet und bin nicht erhört worden; denn Das geschieht oft zu deinem Vortheil. Denn Gott weiß, daß du träge bist, und dein Eifer bald erkaltet, und daß du, falls dein Wunsch erfüllt wird, nachläßst zu beten. Gott hält dich also hin, um dich zu nöthigen, öfter mit ihm zu reden und dich dem Gebete zu widmen. Denn wenn du selbst bei deiner Noth und bei deiner Bedürfniß nachlässig bist und im Gebete nicht anhältst; was würdest du dann thun, wenn du keinerlei Bedürfnisse hättest? Er thut Dieß also zu deinem Besten, indem er will, daß du im Gebete nicht nachlassest. Bete also beharrlich und laß deinen Eifer nicht sinken; denn viel vermag das Gebet zu erzielen, mein Geliebter, und du thust durchaus nichts Geringes, wenn du dem Gebete dich widmest. Daß aber das Gebet Sünden hinwegnehme, das lerne aus der heiligen Schrift. Denn was sagt sie? Das Himmelreich ist gleich einem Menschen, der seine Thüre verschlossen und mit seinen Kindern sich schlafen gelegt hat. Es kömmt des Abends Einer zu ihm, will von ihm Brod, klopft an und sagt: Mache mir auf, ich brauche Brod. Dieser aber sagte zu ihm: Ich kann dir jetzt keines geben; denn wir und unsere Kinder haben uns schon zur Ruhe begeben. Jener aber klopft fort an der Thür. Und dieser sprach wieder zu ihm: Ich kann dir keines geben; denn wir und unsere Kinder haben uns schon zur Ruhe begeben. Obwohl Jener das hört, klopft er doch fort und geht nicht von dannen, bis der Hausvater ruft: Steht auf und gebt ihm und heißt ihn gehen. Der Herr lehret, dich also immer zu beten und nie zu ermüden, und wenn du auch Nichts erhältst, so lange anzuhalten, bis deine Bitte gewährt ist.

Noch viele andere Wege der Buße wirst du in der Schrift finden. Die Buße selbst wurde schon vor der Ankunft Christi durch den Propheten Jeremias mit den Worten verkündet: „Wird Derjenige, der fällt, nicht aufstehen, und der sich abwendet, nicht zurückkehren?“ Und abermals: „Hierauf sprach ich zu ihr: Nachdem du Unzucht getrieben, so komme und kehre zu mir zurück.“ Deßhalb zeigte Gott viele andere Wege zur Buße, um jeden Vorwand der Nachlässigkeit abzuschneiden. Denn hätten wir nur einen einzigen Weg, so würden wir auf demselben nicht zu wandeln vermögen. Dieses Schwert flieht stets der Teufel. Hast du gesündigt? Geh’ in die Kirche und tilge dort deine Sünde. So oft du auf dem Markte fällst, so oft stehst du auf; ebenso thue Buße über die Sünde, so oft du gesündiget hast. Verzweifle nicht an dir selbst; selbst wenn du zum zweiten Mal fällst, thue zum zweiten Mal Buße, damit du dich nicht aus Zaghaftigkeit der Hoffnung auf die zukünftigen Güter beraubst. Ja, wenn du im spätesten Alter bist und sündigst, komm’ und bereue; denn hier ist der Ort des Heiles, nicht des Gerichtes; hier werden die Sünden nicht bestraft, sondern vergeben. Gott allein bekenn’ deine Sünde: „Dir allein habe ich gesündigt und Böses vor dir gethan,“ und die Sünde wird dir vergeben.

Du hast noch einen andern Weg der Buße, der nicht schwierig, sonderlich ausserordentlich leicht ist. Was ist das für einer? Beweine deine Sünde und lerne Dieß aus der heiligen Schrift. Jener Petrus, das Haupt der Apostel, der Erste in der Kirche, der Freund Christi, welchem sein Bekenntniß nicht von Menschen, sondern vom Vater geoffenbart war, wie der Herr selbst ihm dieses Zeugniß gibt mit den Worten: „Selig bist du, Simon Bar-Jonas denn nicht Fleisch und Blut hat dir das geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.“ Dieser Petrus nun — wenn ich aber den Petrus nenne, so nenne ich den unerschütterlichen Fels, die unbewegliche Säule, den großen Apostel, den Ersten der Jünger, den zuerst Berufenen, den, der zuerst dem Rufe folgte — dieser Petrus beging nicht ein kleines, sondern ein sehr großes Verbrechen, weil er den Herrn verläugnete. Dieses sage ich nicht, um den Heiligen anzuklagen, sondern um dir Anlaß zur Buße zu geben. Er hat den Herrn der Welt selbst, den Erlöser und Heiland Aller verläugnet. Jedoch betrachten wir die Geschichte von Anfang. Als der Heiland bei der Auslieferung einige Jünger von sich weggehen sah, sprach er zu Petrus: „Willst auch du weggehen?“ Petrus aber antwortete: „Und wenn ich auch mit dir sterben müßte, so werde ich dich nicht verläugnen.“ Was sagst du, o Petrus? Gott offenbart es dir selbst, und du widerstrebst? Petrus zeigte wohl seinen persönlichen Willen, aber die schwache Natur widerlegt ihn. Wann geschah Dieß? In der Nacht, in welcher Christus verrathen wurde. Da stand, heißt es, Petrus am Feuer und wärmte sich, und eine Magd trat herzu und spricht zu ihm: „Gestern warst auch du bei diesem Menschen.“ Er aber sprach: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Und so läugnete er zum zweiten und dritten Mal, bis die Prophezeiung erfüllt war. Dann blickte Christus den Petrus an; denn nicht mit Worten sprach er zu ihm, um ihn nicht vor den Juden zu beschämen und seinem eigenen Schüler Vorwürfe zu machen, sondern durch den Blick sprach er zu ihm, als wollte er sagen: Petrus, was ich gesagt, ist geschehen. Petrus empfand Dieses und fing an zu weinen; allein er weinte nicht bloß, sondern weinte bitterlich, indem er mit den Thränen seiner Augen zum zweiten Male die Taufe bestand. Als er aber so bitterlich weinte, tilgte er seine Sünde. Darauf wurden ihm die Schlüssel des Himmels anvertraut. Wenn nun die Thränen des Petrus eine so große Sünde tilgten, wie wirst nicht auch du die Sünde tilgen, wenn du sie beweinest? Es war doch kein kleines Verbrechen, den eigenen Herrn zu verläugnen, sondern ein großes und schweres; und doch haben die Thränen die Sünde getilgt. Beweine also auch du deine Sünde, aber nicht einfach und scheinbar, sondern, wie Petrus, bitterlich. Aus der Tiefe des Herzens laß hervorbrechen die Quellen der Thränen, damit der Herr also gerührt dir die Sünde vergebe; denn er ist barmherzig und hat selbst gesagt: „Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre, bereue und lebe.“ Eine kleine Mühe verlangt er von dir, und er spendet erhabene Güter; er verlangt von dir nur, daß du ihm Gelegenheit bietest, dir den Reichthum der Seligkeit zu schenken. Laß deine Thränen fließen, und er gibt dir Verzeihung; thue Buße, und er spendet dir Nachlaß der Sünden; gib ihm nur eine kleine Gelegenheit, damit du eine ehrenvolle Vertheidigung erhältst. Denn Einiges thut er. Einiges thun’ wir; wenn wir das Unsrige thun, so thut er auch das Seinige; ja das Seinige hat er schon gethan: er hat die Sonne, den Mond und das mannigfaltige Heer der Sterne geschaffen, die Luft ausgebreitet, die Erde ausgedehnt, das Meer eingeschlossen und Berge, Schluchten, Hügel, Quellen, Seen, Flüsse, die unzähligen Arten von Pflanzen, Auen und alles Andere gemacht, was du siehst: thue hinwieder auch du etwas Kleines, damit er dir so die himmlischen Güter bescheere. Vernachlässigen wir also uns selbst nicht, und hören wir nicht auf, unser Heil zu besorgen, da wir ein solches Meer der Güte des Herrn der Welt vor uns haben, welcher gerührt wird ob unserer Sünden. Das Himmelreich und das Paradies liegt vor unsern Augen, und die Güter, die kein Auge gesehen, und kein Ohr gehört hat, und die in keines Menschen Herz gedrungen sind, welche Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Und sollten wir nicht Alles anwenden, um Etwas beizutragen, damit wir derselben nicht verlustig gehen? Weißt du nicht, was Paulus sagt, der so viel gearbeitet, so unzählige Siege über den Satan errungen, der in seinem Leibe den Erdkreis durchwandert, der Land, Meer und Luft durchlaufen, der, als hätte er Flügel, die ganze Erde durchzogen hat; welcher gesteinigt, geschlagen, gegeißelt worden und Alles um des Namens Jesu willen erduldet hat, welcher vom Himmel selbst (zu seinem Amte) berufen ward, — höre, was Dieser sagt, welche Sprache er führt; Wir haben, spricht er, die Gnade von Gott empfangen; aber auch ich habe gearbeitet und das Meinige beigetragen; und seine Gnade ist in mir nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr, als sie alle, gearbeitet und beigetragen. Ich erkenne, will er sagen, ich erkenne die Größe der Gnade, die ich empfing, allein sie hat mich nicht träg gefunden, und offenbar ist, was ich gethan. So laßt nun auch uns die Hände lehren, Almosen zn spenden, damit wir etwas Kleines beitragen. Weinen wir über die Sünde, seufzen wir über die Bosheit, damit wir doch etwas Weniges gethan zu haben scheinen, da für die Zukunft uns große Güter erwarten, die unsere Macht weit übertreffen; denn es ist das Paradies und das Himmelreich. Möchten wir doch alle desselben theilhaftig werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi. Ihm und dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Macht und Ehre jetzt und immer und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Vierte Homilie über die Buße und das Gebet.

Das Lesen der heiligen Schrift gewährt dem Sünder und Gerechten reichlichen Trost; denn es kommen darin Beispiele von Heiligen vor, die fielen, aber wiederaufstanden: so wird also der Sünder den Muth nicht verlieren, und der Tugendhafte in der Tugend verharren. Der bußfertige Sinn wendet sich aber vorzüglich zum Gebete und nimmt seine Zuflucht zu Gott. Bete auch im Glücke, und du wirst erhört werden; bete aber nie gegen deine Feinde; schreibe du Gott nicht vor, was er dir geben soll. Er gibt dir, selbst wenn du ihn beleidiget hättest. Menschen werfen einander die Wohlthaten vor, Gott thut das nicht. Murren wir nicht wegen zeitlicher Trübsal; denn das einzig wahre Uebel ist die Sünde allein.

Die Hirten führen die Schäflein gewöhnlich dahin, wo sie wissen, daß die Weide in reicherer Fülle vorfindig ist, und treiben sie nicht eher hinweg, als bis die Heerde sie ganz abgeweidet hat. Auch wir folgen ihrem Beispiele, und es ist nun schon der vierte Tag, daß wir unsere Heerde mit dem Unterrichte von der Buße weiden, und wir wollen sie auch heute nicht davon wegführen; denn wir sehen, daß noch reichliche Weide vorhanden, und nebst viel Vergnügen auch großer Vortheil dabei ist. Denn die Zweige der Bäume, die um die Mittagszeit den Schafen ein Schutzdach gewähren, erquicken sie nicht so sehr und bieten ihnen keinen so angenehmen und wohlthuenden Schatten und laden sie nicht zum Schlafe ein mit solcher Lust, als das Lesen der heil. Schrift traurige und niedergeschlagene Seelen aufrichtet und erquickt, indem sie den heftig brennenden Schmerz lindert und einen Trost gewährt, der angenehmer und erquickender ist, als jeglicher Schatten. Denn sie tröstet uns nicht bloß erfolgreich bei dem Verluste der Güter, oder bei dem Verluste der Kinder, oder in andern ähnlichen Leiden, sondern auch in den Nöthen unserer Sünden. Denn wenn ein Mensch, von der Sünde umstrickt, strauchelt und fällt, so zerfleischt ihn dann das Gewissen, stets schwebt ihm die Sünde vor Augen, die Hast des Kummers drückt ihn darnieder, und von Tag zu Tag wird der Schmerz heftiger. Und wenn ihn auch Tausende trösten, so wird er vielleicht diesen Trost gar nicht annehmen; betritt er aber die Kirche und hört, daß viele Heilige fielen und aufstanden und ihre frühere Würde wieder erhielten, so wird er heimlich getröstet davongehen. Wenn wir zuweilen uns gegen Menschen versündigen, so können wir vor Scham und Erröthen unsern Fehltritt nicht offenbaren, und wenn wir ihn auch bekennen, so haben wir davon keinen Nutzen. Wenn aber Gott ermahnt und unser Herz rührt, so wird schnell alle Traurigkeit verscheucht werden, womit uns der Satan erfüllt. Deßwegen sind auch die Fehltritte der Heiligen für uns aufgezeichnet, damit sowohl die Frommen als die Gottlosen den größten Gewinn daraus ziehen. Denn der Sünder läßt den Muth nicht sinken und fällt nicht in Verzweiflung, wenn er sieht, daß ein Anderer fiel und wieder aufstehen konnte; wer aber Gerechtigkeit übt, wird nur um so eifriger und vorsichtiger sein. Denn wenn er sieht, daß Viele, die weit besser waren, als er, gefallen sind, so wird er, durch die Furcht ihres Falles belehrt, allenthalben desto sorgfältiger sein und sich mit großer Vorsicht wappnen. Und so wird der Tugendhafte in der Tugend verharren, der Sünder aber vor Verzweiflung gerettet; Jener wird fest stehen, dieser aber eilfertig in den Zustand zurückkehren, aus dem er gefallen. Denn wenn uns ein Mensch in unserer Betrübniß tröstet, und es den Anschein hat, als seien wir einigermaßen getröstet, so verfallen wir wieder in die alte Betrübniß; wenn uns aber Gott durch Andere ermuntert, welche sündigten und Buße thaten und gerettet wurden, so offenbart er uns dadurch seine Güte, damit wir an unserm Heil nicht verzweifeln, sondern eines gewissen und sichern Trostes theilhaftig werden. Wie nun die alten Geschichten der Schrift in den Nöthen der Sünde ein Mittel darreichen, ebenso bieten sie Allen, die es nur wünschen, gegen den Kummer über bevorstehende Gefahren ein wirksames Heilmittel dar. Mag uns also unser Vermögen genommen, oder unsre Ehre von Verleumdern beschimpft, mögen wir in Bande gelegt oder gegeißelt werden, oder mag irgend ein anderes Unglück uns überraschen: so schauen wir auf die Gerechten, die Dieß alles erduldet und ertragen haben, und wir werden uns bald zu fassen vermögen. Denn wenn Jemand körperlich krank ist und Kranke um sich sieht, so wird sein Leiden dadurch vermehrt, oft wird er auch von einer Krankheit angesteckt, die er früher nicht hatte; so zum Beispiel haben Manche, welche Andere an den Augen leiden sahen, dasselbe Übel durch den bloßen Anblick sich zugezogen. Anders aber verhält es sich bei den Krankheiten der Seele; da geschieht gerade das Gegentheil: denken wir nämlich fleissig an Die, welche dasselbe gelitten, so erleichtert Dieß uns in unsern Leiden den Schmerz. Deßwegen tröstet auch Paulus die Gläubigen dadurch, daß er nicht nur die lebenden Heiligen, sondern auch die todten als Beispiele vorführt. Denn indem er an die Hebräer schreibt, die schon wankten und strauchelten, erinnert er sie an die heiligen Männer: an Daniel, an die drei Knaben, an Elias, an Elisäus und sagt: „Sie haben der Löwen Rachen verstopft, die Kraft des Feuers gelöscht, sind der Schärfe des Schwertes entronnen, sind gesteiniget worden, haben Schimpf und Schläge, Bande und Kerker erduldet; sie gingen in Schafpelzen und Ziegenfellen, dürftig, gedrangsalt, mißhandelt, sie, deren die Welt nicht würdig war.“ Diese Gemeinschaft der Leiden aber gibt den Unglücklichen Trost, und wie das Alleinleiden etwas Unerträgliches ist, da sich in diesem Elend keinerlei Trost bietet, so wird die Plage dadurch erleichtert, daß man Andere findet, die dasselbe Unglück erlitten.

Damit wir also bei allen widrigen Zufällen den Muth nicht verlieren, wollen wir auf die Geschichten der Schrift sorgfältig bedacht sein; denn wir werden darin vielen Grund zur Geduld finden und durch die Gemeinschaft mit Jenen, die das Gleiche erduldet, nicht nur getröstet, sondern wir werden auch lernen, wie wir von den Leiden, die uns drücken, befreit werden, damit wir nach erlangter Ruhe im frühern Zustande verharren und weder in Trägheit versinken noch von Hochmuth uns aufblasen lassen. Denn daß wir im Unglück uns demüthigen und erniedrigen und viel Frömmigkeit zeigen, das ist gar nicht zu bewundern; denn das ist die Natur der Versuchung, daß sie selbst Die, welche ein steinernes Herz haben, dieses aus Betrübniß zu thun zwingt; allein das ist ein Beweis einer frommen Seele, die Gott stets vor Augen hat, wenn sie auch von der Versuchung befreit seiner nimmer vergißt, was die Juden immer gethan haben. Deßhalb tadelt sie auch der Prophet mit den Worten: „Wenn er sie tödtete, suchten sie ihn und kehrten um und kamen des Morgens zu Gott. Auch Moses wußte Das und ermahnte sie oft mit den Worten: „Wenn du gegessen und getrunken hast und gesättiget bist, so sei darauf bedacht, daß du nicht des Herrn, deines Gottes vergißst.“ Dieses geschah auch; denn es heißt: „Jakob aß und wurde dick und fett, und der Geliebte schlug aus.“ Daher darf man die Heiligen nicht deßhalb bewundern, weil sie unter der Last der Leiden so fromm nud weise geblieben, sondern weil sie nach vorübergegangenem Sturm und eingetretener Ruhe in demselben gebührenden Eifer ausharrten. Das Pferd muß man vor allen bewundern, welches ohne Zügel ordentlich hergeht; wenn es aber mit Zaum und Zügel einen geordneten Schritt hält, so ist Dieß nichts Auffallendes; denn dann muß man den geregelten Gang nicht der Vortrefflichkeit des Thieres, sondern dem hemmenden Zaume zuschreiben. Dasselbe läßt sich auch von der Seele behaupten: daß sie bei der Furcht sich ruhig verhält, ist gar nicht zu verwundern; ist aber die Versuchung vorüber, und hält dich die Furcht nicht mehr im Zaume, dann zeige mir die Weisheit der Seele und all deine Zucht. Aber ich fürchte, indem ich die Juden anklage, unser Benehmen zu tadeln; denn als wir von Hunger und Pest und von Hagel und Dürre, von Feuersbrünsten und Einfällen der Feinde bedrängt wurden: wurde nicht täglich der Raum dieser Kirche zu eng für die Menge, die sich versammelte? Damals herrschte unter uns viele Weisheit und Verachtung der irdischen Güter; damals beunruhigte uns kein Sehnen nach Reichthum, keine Begierde nach Ehre, keine Sucht und Liebe zur Ausschweifung, noch irgend ein anderer böser Gedanke, sondern ihr ergabt euch Alle mit Beten und Thränen der Gottseligkeit: der Unzüchtige übte die Keuschheit, der Rachgierige wandte sich zur Versöhnung, der Geizhals ließ sich herbei Almosen zu spenden, der Zornige und Übermüthige lernte Demuth und Sanftmuth. Nachdem sich aber jener Zorn Gottes gelegt, und der Sturm vergangen, und die Ruhe nach dem gewaltigen Brausen des Meeres zurückgekehrt war, so kehrten auch wir zur alten Lebensweise zurück. Eben das habe ich nun gerade zur Zeit der Versuchungen immer vorausgesagt und vorausverkündet: allein ich habe damit gar Nichts erreicht, sondern ihr habt dieß: Alles wie einen Traum oder einen vorüberziehenden Schatten eurem Gemüthe entschwinden lassen. Deßhalb hege ich jetzt die größere Furcht als damals und besorge noch mehr, wir möchten uns noch größere Übel zuziehen und von Gott eine unheilbare Wunde empfangen. Denn wenn der Mensch, der oft sündigt, von Gott Verzeihung erhält und diese Langmuth nicht dazu benützt, seine Bosheit abzulegen, so verfährt endlich Gott mit ihm so, daß er ihn auch wider den Willen desselben dem Rande des Verderbens zuführt, ihn gänzlich zermalmt und ihm keine Zeit mehr zur Buße vergönnt, wie es ja auch dem Pharao ging. Denn da er nach der ersten und zweiten und dritten und vierten und den folgenden Plagen die Langmuth Gottes erfahren und daraus keinen Nutzen gezogen, so wurde er endlich sammt seinem Reiche zermalmt und gänzlich vernichtet. Dasselbe traurige Loos traf auch die Juden. Als demnach Christus sie verderben und den Gräuel der Verwüstung über sie bringen wollte, so sagte er: „Wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, und ihr habt nicht gewollt? Siehe, euer Haus wird wüste gelassen werden.“ Ich befürchte also, es möchte auch uns dasselbe Loos treffen, weil wir weder durch fremdes noch durch eigenes Unglück zur Besinnung gebracht werden. Das sage ich aber nicht bloß zu euch, die ihr jetzt hier seid, sondern auch zu Denen, die in ihre täglichen Geschäfte zerstreut der frühern Drangsale nicht mehr gedenken, zu denen ich, ohne mich zu schonen, ohne Unterlaß sagte: Mögen auch die Anfechtungen vorüber sein, so bleibe doch das Andenken daran in unseren Herzen, damit wir auch der Wohlthat fortwährend gedenkend Gott, der uns dieselbe gewährt, beständig Dank sagen.

Das sagte ich damals zu euch und sag’ es auch jetzt und durch euch den Andern. Ahmen wir die Heiligen nach, die weder durch Trübsal gebeugt, noch vom Glücke übermüthig geworden sind, was jetzt Vielen von uns widerfährt. Es geht uns wie leichten Kähnen, die von jedem Sturm der Wellen erfaßt werden und versinken. Denn oft schon hat uns die Armuth, die uns drückte, überflutet und uns Schiffbruch gebracht; und kam dann der Reichthum, so blähte er uns wieder auf und stürzte uns in die äusserste Fahrlässigkeit. Deßhalb bitte ich: laßt uns Alles hintansetzen und unsere Seelen in die geeignete Stimmung versetzen, damit Jeder von uns gerettet werde. Denn wenn es damit gut steht, mag ein Übel kommen, welches da will, sei es Hunger, sei es Krankheit, sei es Verleumdung, sei es Verlust der Habe, oder irgend ein anderes Unglück: es wird erträglich und leicht sein wegen des Gebotes des Herrn und der Hoffnung auf ihn. Wo sich aber die Seele nicht in einer Gott wohlgefälligen Stimmung befindet, mag auch der Reichthum von allen Seiten herbeiströmen, mögen Kinder da sein, mag der Genuß unzähliger Schätze zu Gebote stehen, ein solcher wird dennoch tausend Plagen und Sorgen auf sich laden. Suchen wir also nicht Reichthum, fliehen wir nicht vor der Armuth, sondern kümmern wir uns männiglich vor Allem um unsere Seele, damit wir sie recht einrichten, sowohl für das gegenwärtige Leben, als auch für die Reise in die Ewigkeit. Denn es dauert nur eine kleine Weile, und ein Jeder aus uns wird Rechenschaft ablegen müssen, und wenn wir alle vor dem schrecklichen Richterstuhl Christi stehen, umgeben von unsern Thaten, dann werden wir mit eigenen Augen hier die Thränen der Waisen, dort die schändlichen Ausschweifungen, mit denen wir unsere Seele befleckten, hier die Seufzer der Wittwen, dort die Mißhandlung der Dürftigen und die Beraubung der Armen erblicken, und nicht allein Das, und was diesem gleichsieht, sondern auch jeglichen Fehler, den wir im Herzen begangen; denn „Er ist der Erforscher der Gedanken und der Richter der Gesinnung,“ und wiederum: „Er prüft Herzen und Nieren“ und „vergilt einem Jeden nach seinem Werke.“ Dieses sage ich aber nicht bloß zu Denen, welche ein geschäftiges Weltleben führen, sondern auch zu Denen, die ihre Hütten auf den Bergen aufschlugen, um ein einsames Leben zu führen, weil solche nicht bloß ihre Leiber rein bewahren sollen von befleckender Unzucht, sondern auch ihre Seele von aller satanischen Habsucht. Denn der Apostel Paulus redet nicht nur die Weiber, sondern auch die Männer und die ganze Kirche an, wenn er spricht, daß eine Seele, die eine Jungfrau sein will, sowohl am Leibe als an der Seele keusch sein müsse. Und wieder: „Zeiget eure Leiber als reine Jungfrau.“ Wie aber als reine? „Die keine Makel und keine Runzel hat.“ So waren auch jene Jungfrauen mit den ausgelöschten Lampen wohl dem Leibe, aber nicht der Seele nach reine Jungfrauen. Obgleich sie kein Mann geschwächt hatte, hatte sie doch die Liebe zum Gelde entehrt; ihr Körper war rein, ihre Seele aber voll Unzucht, indem sie von bösen Gedanken, von der Liebe zum Gelde, von Unbarmherzigkeit und Zorn und Neid und Trägheit und Nachlässigkeit und Hochmuth erfüllt waren, was Alles den Glanz ihrer Jungfräulichkeit verfinsterte. Und deßhalb spricht Paulus, „daß die Jungfrau heilig sei dem Leibe und der Seele nach,“ und wieder: „eine reine Jungfrau Christo entgegen zu bringen.“ Denn wie der Leib von Unkeuschen entehrt wird, so wird auch die Seele von lasterhaften Gedanken, von irrigen Lehren, von unheiligen Vorstellungen befleckt. Denn wer da sagt: „Ich bin Jungfrau dem Leibe nach,“ in der Seele aber den Bruder beneidet, der ist keineswegs Jungfrau; denn die Makel des Neides hat seine Jungfrauschaft zu Grunde gerichtet. Ebenso wenig ist Der, welcher dem Ehrgeize fröhnt, eine Jungfrau; denn die Liebe zur Mißgunst (gegen Andere) hat seine Jungfrauschaft zum Falle gebracht. Denn sobald er diese Leidenschaft in seine Seele eindringen läßt, vernichtet er ihre Jungfräulichkeit. Wer aber seinen Bruder haßt, der ist eher ein Mörder, als eine Jungfrau. Deßwegen verbannt Paulus alle diese lasterhaften Verbindungen und heißt uns reine Jungfrauen sein in dem Sinne, daß wir keinen Gedanken aufnehmen, welcher der Reinheit entgegen ist.

Was sollen wir nun dazu sagen? Wie werden wir Barmherzigkeit erlangen? Wie werden wir gerettet werden? Ich will es sagen: Laßt uns beständig in unserm Herzen beten und die Früchte davon, nämlich die Demuth und Sanftmuth uns eigen machen; denn es heißt: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Und wieder sagt David: „Ein Gott wohlgefälliges Opfer ist ein zerknirschter Geist; ein zerknirschtes und gedemüthigtes Herz wird Gott nicht verachten.“ Denn Nichts billigt und liebt Gott so sehr, als ein sanftmüthiges, demüthiges und dankbares Herz. Merke auch du das, mein Bruder, und wenn dir ein unerwartetes Unglück zustößt und Kummer verursacht, so nimm deine Zuflucht nicht zu Menschen und schaue nicht auf irdische Hilfe, sondern erhebe dich. Alle nicht achtend, in deinem Geiste zum Arzte der Seelen. Denn das Herz zu heilen vermag der allein, welcher unsere Herzen, und zwar eines Jeden, gebildet hat und alle unsere Werke kennt. Er weiß den Weg zu unserm Gewissen; er kann das Herz rühren und die Seele ermuntern. Wenn nicht er unsere Herzen ermuntert, so ist Alles, was von Menschen kömmt, umsonst und vergeblich, sowie andererseits, wenn Gott uns ermuntert und tröstet, uns Nichts im geringsten schädigen kann, mögen uns auch die Menschen tausend Unannehmlichkeiten bereiten; denn befestiget er unser Herz, so kann Niemand dasselbe erschüttern.

Da wir nun Dieses wissen, Geliebte, so wollen wir stets unsere Zuflucht zu Gott nehmen, der unsere Leiden beendigen kann und auch will. Denn wollen wir von Menschen Etwas erbitten, so müssen wir uns zuerst an die Thürsteher wenden, Schmarotzer und Schmeichler ersuchen und manchen Weg machen; bei Gott aber ist es ganz anders: er läßt sich ohne Fürsprecher erbitten und gewährt die Bitte ohne Aufwand und Geld. Du darfst nur in deinem Herzen rufen und Thränen vergießen, nur gerade zugehen, und du hast ihn gewonnen. Wenn wir einen Menschen um Etwas bitten, so fürchten wir oft, es möchte einer unserer Feinde, oder ein Freund (derselben) oder irgend ein Gegner die Sache erfahren, oder ein Anderer die Unterredung ausschwätzen und so das Recht beugen; allein bei Gott ist dieser Argwohn unmöglich. Denn wenn du eine Gnade von mir erbitten willst, sagt er, so komme allein, wenn Niemand zugegen ist, d. h. rufe in deinem Herzen, ohne die Lippen zu rühren. Denn er spricht: „Geh’ in deine Kammer, schließ’ deine Thür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist: und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir offen geben.“ Sieh’, welches Übermaß der Ehre! Wenn du mich bittest, sagt er, soll Niemand es sehen; wenn aber ich dich ehre, so bringe ich die ganze Welt als Zeuge deiner Vergeltung. Halten wir uns also daran, beten wir nicht, um uns sehen zu lassen, nicht gegen unsere Feinde, und schreiben wir ihm nicht die Art der Hilfe vor. Denn wenn wir den Sachwaltern und Vertheidigern vor weltlichen Richtern auch nur unsere Verhältnisse sagen, ihnen aber die Art unserer Vertheidigung ganz überlassen, so müssen wir mit Gott um so mehr also verfahren. Hast du ihm dein Anliegen entdeckt und dein Leiden geklagt? Schreib’ ihm nicht vor, wie er dir helfen soll; denn er weiß genau, was für dich gut ist. Es gibt aber Viele, die um tausend Dinge bitten, wenn sie beten, und sagen: „Herr, gib mir Gesundheit des Leibes, Verdoppelung meines Vermögens, räche mich an meinem Feinde! Aber Dieß alles ist sehr thöricht. Deßwegen soll man Dieß alles in seinem Gebete weglassen und nur bitten, wie der Zöllner gethan mit den Worten: „O Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Und er weiß dann schon, wie er dir helfen soll. „Denn suchet,“ sagt er, „zuerst das Reich Gottes, und Dieß alles soll euch hinzugethan werden.“ Laßt uns also, Geliebte, mit Eifer und Demuth die weisen Lehren befolgen und wie Jener an unsere Brust schlagen, und wir werden erlangen, um was wir flehen. Beten wir aber voll Zorn und Ingrimm, so werden wir bei Gott als ein Gegenstand des Abscheues und des Hasses befunden. Zerknirschen wir also unsern Sinn, demüthigen wir unsere Herzen und beten wir für uns selbst und Die, die uns beleidiget haben. Denn willst du den Richter gewinnen, daß er deiner Seele helfe und auf deiner Seite stehe, so rufe ihn nie an gegen deinen Widersacher; denn dieser Richter hat die Gewohnheit, daß er denjenigen am meisten geneigt ist und ihre Bitten gewährt, welche für ihre Feinde beten und der Beleidigung nicht gedenken und gegen ihre Widersacher nicht aufgebracht sind. Und je mehr sie Dieses thun, desto mehr erbebt sich Gott gegen sie, wenn sie sich nicht zur Buße wenden.

Seht also zu, meine Brüder, daß wir nicht gleich zornig werden, wenn uns Jemand beleidigt, und in Trauer versinken, sondern uns weise betragen und den Beistand des Herrn erwarten. Aber könnte uns Gott nicht Gutes erweisen, ehe wir ihn darum bitten? Könnte er uns nicht ein Leben ohne allen Schmerz und Kummer gewähren? Aber er thut beides aus Liebe zu uns. Denn warum läßt er über uns Trübsale kommen und schafft nicht sogleich Hilfe? Warum? Auf daß wir fleissig bedacht sind, uns seine Hilfe zu erbitten, und zu ihm unsere Zuflucht nehmen und beständig seinen Beistand verlangen. Daher kommen die Schmerzen des Leibes, daher der Mißwachs, daher die Hungersnoth, damit wir in diesen Trübsalen uns beständig an ihn klammern und so durch die zeitlichen Leiden das ewige Leben erwerben. Also sollen wir Gott auch für die Trübsale danken, ihm, der auf mancherlei Weise das Heil und die Seligkeit unserer Seelen befördert. Wenn uns Menschen zufällig eine Wohlthat erweisen, und wir diese später selbst gegen unsern Willen auch nur ein wenig beleidigen, so schmähen sie und werfen uns sogleich die Wohlthat vor, so daß Viele sich selber verwünschen, von jenen irgend eine Wohlthat angenommen zu haben. Gott aber macht es nicht so. Im Gegentheile: wenn er auch nach den Wohlthaten entehrt und beleidiget wird, so rechtfertigt er sich noch und legt vor denjenigen Rechenschaft ab, die ihn beleidiget haben, indem er also spricht: „Mein Volk, was habe ich dir gethan?“ Sie wollten ihn nicht Gott nennen, er aber hörte nicht auf, sie sein Volk zu heissen. Sie entsagten seiner Herrschaft, er aber verleugnete sie nicht, sondern behandelte sie als die Seinigen und zog sie an sich mit den Worten: Mein Volk, was habe ich dir gethan? Bin ich dir überlästig gewesen, spricht er, beschwerlich und drückend geworden? Allein das kannst du keineswegs sagen; und wenn das auch wäre, so hättest du dich doch nicht so auflehnen sollen; „denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtiget?“ Aber auch das könnt ihr nicht sagen. Und wieder an einem andern Orte: „Was haben eure Väter Ungerechtes an mir gefunden?“ Diese Frage ist groß und bewunderungswürdig; denn er will damit sagen: Was habe ich gesündigt? So spricht Gott zu den Menschen: Was habe ich gesündigt? Das lassen nicht einmal Knechte ihren Gebieter sagen. Und er sagt nicht: Was habe ich gegen euch gesündigt, sondern: gegen eure Väter? Aber auch das, spricht er, könnt ihr nicht sagen, daß ihr die von denVätern überkommene Feindschaft gegen mich vor Augen habt; denn ich habe euren Voreltern keinen Anlaß gegeben, über meine Vorsicht sich zu beklagen; ich habe sie weder im Kleinen noch im Großen verlassen. Und er sagt nicht schlechthin: Was haben eure Väter an mir Ungerechtes gehabt, sondern: Was haben sie gefunden? Sie suchten lange, gaben sich in den vielen Jahren meiner Herrschaft große Mühe zu finden und fanden doch keinen Fehler. Aus all diesen Gründen wollen wir stets unsere Zuflucht zu ihm nehmen und in jeder Betrübniß seinen Trost suchen, in jeder mißlichen Lage seine Rettung und Gnade, in jeder Versuchung seine Hilfe erflehen. Denn so groß die Noth, so drückend ein Unglück auch sein mag, er kann Alles aufheben und ändern. Allein nicht nur das, sondern auch alle Sicherheit und alle Kraft und wahrhafte Ehre und Gesundheit des Leibes und Weisheit der Seele und treffliche Hoffnungen und die Gnade, nicht so bald wieder zu sündigen, wird uns seine Barmherzigkeit geben. Murren wir also nicht, wie undankbare Knechte, und beklagen wir uns nicht über den Herrn, sondern danken wir ihm in allen Dingen und halten wir die Sünde gegen ihn für das einzige Übel. Und wenn wir gegen Gott solche Gesinnungen hegen, so wird keine Krankheit, keine Armuth, keine Schmach, kein Mißwachs, noch etwas Anderes, was wir unter die Trübsale rechnen, uns treffen, sondern wir werden beständig ein wahres und reines Vergnügen genießen und der künftigen Güter theilhaftig werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi, dem zugleich mit dem Vater und dem heil. Geiste Ehre gebührt jetzt und allzeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Fünfte Homilie. Über die Muße, den Propheten Jonas und die drei Knaben im Feuerofen. Gehalten zum Eingang in die heil. Fastenzeit.

Eine der herrlichsten Homilien des heiligen Chrysostomus. Was Ninive rettete, war das strenge Fasten; dieses macht aus Gefangenen Freie, aus Sklaven Herren. Wenn Männer groß wurden, so geschah es durch das Fasten: Elias fastete, Moses fastete; Adam verlor das Paradies, weil er nicht fastete; Ninive wurde durch das Fasten gerettet. Die schöne Episode von Jonas. Auch Daniel wurde durch das Fasten befreit.

Heute begehen wir eine glänzende Feier und die Versammlung ist festlicher, als gewöhnlich. Was ist wohl die [S. 409] Ursache davon? Das ist die vortreffliche Wirkung der Fasten, nicht der gegenwärtigen, sondern der nur erwarteten. Denn sie hat uns in das väterliche Haus versammelt; sie hat auch diejenigen, die früher etwas nachlässig waren, heute zur Mutterhand zurückgeführt. Wenn nun aber die nur erwartete Zeit in uns einen solchen Eifer erregte, welche Andacht wird sie in uns erst erwecken, wenn sie erscheint und da ist? So erwacht auch eine Stadt aus all ihrer Trägheit und entwickelt einen großen Eifer, wenn ein gefürchteter Herrscher seinen Einzug zu halten gedenkt. Aber fürchtet euch nicht, wenn ihr von der Fastenzeit hört, als wäre sie ein strenger Gebieter; denn nicht für uns ist sie furchtbar, sondern für die dämonischen Wesen. Denn wenn Jemand mondsüchtig ist, so zeige ihm nur das Antlitz eines Fastenden, er wird von Furcht — erfaßt unbeweglicher als selbst Steine dastehen und als wäre er in Bande geschlagen, besonders, wenn er sieht, daß mit dem Fasten das Gebet sich verbindet als Schwester und Gefährtin. Deßwegen sagt auch Christus: „Diese Art wird nicht ausgetrieben, als durch Gebet und Fasten.“ Da also das Fasten die Feinde unseres Heiles so abwehrt, und sich die Widersacher unseres Lebens so sehr davor fürchten, so müssen wir dasselbe hochschätzen und lieben, nicht aber uns, davor scheuen. Denn wenn wir je Etwas fürchten müssen, so dürfen wir nicht das Fasten, sondern dic Trunkenheit und Völlerei fürchten. Denn diese bindet uns die Hand auf den Rücken und überantwortet uns der Tyrannei der Laster, einer harten Herrin, und macht uns zu Sklaven und Gefangenen. Das Fasten hingegen, das uns als Gefangene und Sklaven vorfindet, löst uns die Bande, befreit uns von der Tyrannei und führt uns zur vorigen Freiheit zurück. Weil es nun sowohl unsre Feinde bekämpft, der Sklaverei uns entreißt und uns zur Freiheit zurückführt: was suchen wir nach einem andern grössern Beweis von Gottes Freundschaft zu unserm Geschlechte? Denn das ist doch der größte Beweis der Liebe, wenn er die liebt, die wir lieben, und die haßt, die wir hassen. Willst du wissen, welcher Schmuck das Fasten für die Menschen sei? Welcher Schutz und Schirm? Erinnere dich an die Einsiedler, diese glücklichen und bewunderungswürdigen Männer. Denn diese entzogen sich dem Lärm der Welt, eilten auf die Höhen der Berge und schlugen ihre Hütten in der Stille der Einsamkeit auf, wie in einem ruhigen Hafen, und wählten sich das Fasten für immer zum Freunde und Genossen des Lebens. Das hat sie denn auch aus Menschen zu Engeln gemacht, allein nicht nur sie, sondern auch Alle in den Städten, die sich davor nicht entsetzten und dadurch den höchsten Grad der Weisheit erreicht haben. Denn auch Moses und Elias, die Thürme der Propheten im alten Bunde, die auch durch andere Thaten groß und berühmt waren und ein großes Gottvertrauen besaßen, nahmen ihre Zuflucht zum Fasten, wenn sie Gott nahen und mit ihm, so weit es einem Menschen möglich ist, reden wollten, und an der Hand desselben wurden sie zu Gott hingeführt. Als daher Gott im Anfange den Menschen schuf, so empfahl er ihn sogleich der Hand des Fastens, als einer liebvollen Mutter und der besten Lehrmeisterin, und legte so dessen Heil in ihre Hand. Denn eine Art Fasten ist es, wenn es heißt: „Von jedem Baume des Paradieses wirst du essen; aber vom Baume der Erkenntniß des Guten und Bösen sollt ihr nicht essen.“ Wenn aber das Fasten im Paradiese nothwendig war, so ist es dieß noch weit mehr ausser demselben. War es vor der Verwundung ein wirksames Heilmittel, so ist es Dieß um viel mehr nach derselben. Wenn die Waffe des Fastens uns schützte, ehe der Krieg der Begierden entbrannte, so bedürfen wir derselben noch weit mehr, nachdem die bösen Geister die Begierden zu einem so gewaltigen Kampfe gegen uns losgelassen haben. Hätte Adam dieser Stimme gehorcht, so hätte er nicht die zweite gehört, die da lautet: „Du bist Staub und sollst wieder zu Staub werden.“ Weil er aber diese überhörte, so kam der Tod, die Sorgen, die Mühen, die Traurigkeit und ein Leben, schlimmer als jeglicher Tod. Daher kommen Dornen und Disteln, daher Arbeit und Schmerz und ein Leben voll Mühsal.

Siehst du, wie Gott zürnet, wenn man das Fasten verachtet? Lerne nun auch, wie er sich freut, wenn man es ehrt. Denn wie er den Verächter desselben mit dem Tode bestraft hat, so hat er seine Verehrer vom Tode zurückgerufen. Denn um dir die Kraft desselben zu zeigen, gab er ihm Macht, nach gesprochenem Urtheile, nach der Abführung zum Tode die Abgeführten mitten vom Wege wegzunehmen und sie zum Leben zurückzuführen; und diese Kraft zeigte es nicht an zwei oder drei oder zwanzig Personen, sondern an einem ganzen Volke, an der großen und bewunderungswürdigen Stadt der Niniviten, die auf den Knieen lag, ihr Haupt schon zum Verderben neigte und den von oben geführten Streich erwartete: da flog, gleich einer höhern Macht, das Fasten hernieder, entriß sie dem Rachen des Todes und führte sie zum Leben zurück. Nun, wenn es euch angenehm ist, wollen wir die Geschichte selbst hören. „Es geschah,“ heißt es, „das Wort des Herrn zu Jonas: Mache dich auf und geh’ in die große Stadt Ninive.“ Gott wollte gleich durch die Größe der Stadt den Propheten bewegen, dessen künftige Flucht er vorher sah. Hören wir aber, was er predigen sollte: „Noch drei Tage, und Ninive wird untergehen.“ Warum läßt du das Unglück, das du verhängen willst, vorherverkünden? Um das, was ich verkünde, nicht ausführen zu müssen. Deßhalb hat er auch mit der Hölle gedroht, damit er Niemand in die Hölle verstoße. Lasset euch, spricht er, durch die Worte erschrecken, damit euch ihre Erfüllung nicht ängstige. Warum beschränkt er aber die gegebene Frist auf einen so kurzen Zeitraum? Damit du einerseits die Tugend der Barbaren kennen lernest, nämlich der barbarischen Niniviten, welche einen so gewaltigen Zorn ob ihrer Sünden in drei Tagen zu besänftigen vermochten; damit du andererseits die Güte Gottes bewunderst, der sich mit einer dreitägigen Buße für so große Sünden begnügte; und damit du selbst nicht der Verzweiflung anheimfällst, wenn du auch tausendmal gesündiget hättest. Denn wie eine träge und nachlässige Seele, obwohl sie eine lange Frist zur Buße erhält, nichts Großes leistet und aus Fahrlässigkeit sich mit Gott nicht versöhnt: so kann hinwieder Derjenige, der eifrig ist und voll Lebhaftigkeit und voll Feuer Buße wirkt, in ganz kurzer Zeit die Sünden vieler Jahre austilgen. Hat Petrus (den Herrn) nicht dreimal verläugnet? Und das dritte Mal nicht mit einem Schwure? Fürchtete er nicht die Worte einer unbedeutenden Magd? Wie nun? Bedurfte er vieler Jahre zur Buße? Keineswegs; sondern in derselben Nacht fiel er und stand wieder auf, wurde verwundet und geheilt, wurde krank und wieder gesund. Wie und auf welche Weise? Er weinte und seufzte; aber er weinte nicht einfach, sondern mit großem Eifer und vieler Rührung, und deßhalb sagte der Evangelist auch nicht einfach: Er weinte, sondern: „Er weinte bitterlich.“ Und welche Kraft jene Thränen gehabt, vermag keine Rede zu schildern; aber der Erfolg zeigt es zur Genüge. Denn nach diesem schweren Falle — und welches Verbrechen ist größer als die Verleugnung? — nach diesem großen Verbrechen hat ihn der Herr dennoch in seine vorige Würde eingesetzt und die Aufsicht über die ganze Kirche in seine Hände gelegt; und das Allerwichtigste ist: Petrus zeigte uns, daß er zum Herrn eine größere Liebe als alle Apostel gehabt; denn es heißt: „Petrus, liebst du mich mehr, als diese?“ Keine Tugend kann mit der in Vergleich kommen. Damit du aber ja nicht behauptest, Gott habe den Niniviten als barbarischen und ungebildeten Leuten, billig verziehen— „denn ein Knecht,“ heißt es, „der den Willen seines Herrn nicht kennt und nicht darnach handelt, wird wenige Schläge erhalten“ — damit du also das nicht behauptest, führte ich den Petrus an, der den Willen des Herrn ganz wohl wußte; allein er sündigte, ja beging die größte Sünde, und dennoch siehe, zu welcher Höhe des Vertrauens er aufstieg! Verzage also auch du nicht, wenn du gesündiget hast; denn schlimmer als die Sünde ist das Verharren in der Sünde, und schlimmer als der Fall sich nicht erheben vom Falle. Das beweint und beklagt auch Paulus und nennt es bejammerungswürdig, indem er sagt: „Damit mich Gott nicht, wenn ich zu euch komme, demüthige, und ich Viele betrauern muß, nicht nur, die einfach gesündiget haben, sondern nicht Buße gethan für ihre Ausschweifung, Unreinigkeit und Hurerei, die sie getrieben.“ Welche Zeit ist aber zur Buße geeigneter, als die Fastenzeit?

Jedoch kehren wir zur Geschichte zurück. „Als aber der Prophet diese Worte vernahm, ging er nach Joppe hinab, um vor dem Angesichte des Herrn nach Tharsis zu fliehen.“ Wohin fliehst du, o Mensch? Hast du nicht den Propheten gehört, der da spricht: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geiste, und wohin soll ich mich flüchten vor deinem Angesichte?“ In die Erde? „Aber die Erde ist des Herrn und ihre Fülle.“ In die Hölle? „Wenn ich in die Hölle hinabsteige,“ heißt es, „bist du da.“ In den Himmel? „Aber wenn ich in den Himmel hinaufsteige, bist du dort.“ Auf das Meer? „Auch dort,“ heißt es, „wird mich deine Rechte festhalten.“ Und das widerfuhr ihm. Aber so geht es mit der Sünde: sie stürzt unsere Seele in große Thorheit. Denn wie Diejenigen, die einen schweren Kopf haben und vom Weine berauscht sind, unbedachtsam und unvorsichtig umhertaumeln und, mag auch ein Abgrund, mag auch eine jähe Höhe oder irgend etwas Anderes da sein, sorglos hineinfallen; so ist es mit denen, die in die Sünde stürzen: gleichsam berauscht von der Begierde zu sündigen wissen sie nicht, was sie thun; sie haben weder die Gegenwart, noch die Zukunft vor Augen. Sage mir, du fliehst vor dem Herrn? Gedulde dich nur ein wenig, und du wirst durch den Erfolg belehrt werden, daß du nicht einmal dem Meere, das ihm geborcht, zu entfliehen vermagst. Denn kaum hatte er das Schiff bestiegen, so erhob die See ihre Wogen und trug sie zu einer gewaltigen Höhe empor. Und wie eine treue Magd, die einen Mitknecht auf der Flucht findet, der von den Gütern des Herrn Etwas entwendet hat, nicht von seiner Seite weicht und tausend Hindernisse denen, die ihn aufnehmen, in den Weg legt, bis sie ihn erwischt und zurückgebracht hat; ebenso fand und erkannte das Meer seinen Mitknecht und verursachte den Schiffern tausend Hindernisse: es stürmte, es brauste, nicht um ihn vor Gericht hinzuschleppen, sondern es drohte, das Schiff sammt der Mannschaft in den Abgrund zu schleudern, woferne es ihm seinen Mitknecht nicht auslieferte. Was thaten nun die Schiffer bei diesem Ereigniß? „Sie warfen,“ heißt es, „die Geräthe, die auf dem Schiffe waren, in’s Meer; allein das Schiff wurde nicht leichter;“ denn noch lag die ganze Last auf ihm, die Person des Propheten, die schwere Last, nicht wegen der Schwere der Person, sondern wegen der Größe der Sünde; denn Nichts ist so schwer und unerträglich als Sünde und Ungehorsam. Deßwegen stellt sie auch Zacharias unter dem Bilde eines Klumpen Blei vor; David aber schildert ihre Natur mit den Worten: „Meine Missethaten haben mein Haupt überschritten, und sie sind schwer geworden über mir, wie eine schwere Last.“ Christus aber rief Denen, welche in vielen Sünden lebten, zu: „Kommet Alle zu mir, die ihr mit Mühe und Arbeit beladen seid, und ich will euch erquicken.“ Die Sünde beschwerte also auch das Schiff und hätte es versenken müssen: Jonas aber lag unten im Schiffe und schlief. Es war ein schwerer, aber kein süßer, sondern ein trauriger Schlaf, in den er nicht aus Schläfrigkeit, sondern aus Schwermuth gefallen; denn rechtschaffene Knechte empfinden es bald, wenn sie gefehlt haben. Das widerfuhr auch ihm; denn nach vollbrachter Sünde fühlte er das Drückende derselben; denn das ist die Natur der Sünde: wenn sie geboren ist, so erregt sie der Seele, die sie geboren, Wehen und Schmerzen gegen das Gesetz unserer Geburt; denn sobald wir geboren sind, haben die Geburtsschmerzen der Mutter ein Ende; kaum ist aber die Sünde begangen, so zerfleischt sie mit Schmerzen die Gedanken, die sie geboren.

Was thut nun der Schiffsherr? „Er geht zu ihm hin,“ heißt es, „und sagt: Steh’ auf und rufe Gott, deinen Herrn an.“ Er wußte nämlich aus Erfahrung, daß Dieß kein gewöhnlicher Sturm, sondern ein Schlag sei, den die Hand Gottes geführt; daß die Wellen größer seien, als daß menschliche Hilfe sie bezwänge, und daß die Hände des Steuermannes Nichts auszurichten vermöchten. Denn hier war die Hilfe eines höhern Steuermannes nöthig, die Hilfe dessen, der die ganze Welt regiert, der Beistand von oben. Deßhalb verließen sie auch Segel, Ruder, Seile und Alles, hoben ihre Hände zum Himmel und flehten zu Gott. Da aber auch dieses Nichts half, so warfen sie, heißt es, das Loos, und das Loos verrieth sofort den Schuldigen. Sie griffen ihn aber auch so nicht augenblicklich und warfen ihn in’s Meer, sondern hielten während dieses gewaltigen Sturmes und Wetters, als genössen sie tiefer Ruhe, auf dem Schiffe Gericht, gestatteten ihm zu reden und sich zu vertheidigen und untersuchten Alles mit Sorgfalt, gleichsam als müßten sie Jemanden Rechenschaft geben von ihren Beschlüssen. Höre sie nur, wie sie in dem Gerichte Alles erforschten. Was ist dem Gewerbe? Woher kommst du? Wohin gehst du? Und von welchem Lande und Volke bist du? Das Meer klagte ihn an durch sein Brausen, das Loos verdammte und verurtheilte ihn; aber ob auch das Meer brauste, das Loos gegen ihn zeugte, sprachen sie das Urtheil doch nicht sogleich, sondern wie im Gerichte die Richter trotz der anwesenden Kläger, der vorhandenen Zeugen und erbrachten Beweise das Urtheil nicht eher fällen, als bis der Angeklagte selbst seines Verbrechens geständig wird: so beobachteten auch diese Schiffer, ungebildete und unwissende Leute, die bei den Gerichten übliche Form, obgleich sie eine solche Furcht, ein solches Gewoge, ein solcher Stmm bedrängte, und ihnen das Meer kaum vergönnte, Athem zu schöpfen, — so tobte und wüthete es, so brüllte es und schleuderte beständig die Wogen empor. Woher also eine solche Vorsicht gegen den Propheten, meine Geliebten? Von der Weisheit Gottes; denn Gott ließ dieses geschehen, um den Propheten dadurch zu mahnen, menschenfreundlich und gütig zu sein: es war, als riefe er ihm zu und spräche: Folge dem Beispiele der Schiffer, dieser unwissenden Männer; sie achten ja nicht eine Seele gering und schonen einen einzigen Leib, den deinigen, und du hast eine ganze Stadt mit soviel tausend Bewohnern, soviel an dir ist, der Gefahr ausgesetzt. Sie wissen, daß du die Ursache des Unglückes bist, das sie getroffen, und doch stürmen sie nicht mit dem Urtheile der Verdammung auf dich los; du aber hast gegen die Niniviten keinen Grund zur Beschwerde und stürzest sie in’s Elend und Unglück. Ich habe dir den Auftrag gegeben hinzugehen und sie durch die Predigt zum Heile zurückzuführen, und du hast nicht gehorcht; sie, ohne Jemand zu hören, thun Alles und wagen Alles, um dich Schuldigen von der Strafe zu befreien. Denn obgleich ihn das Meer anklagte, das Loos gegen ihn zeugte, er sich selbst schuldig bekannte und seine Flucht eingestand; so stürzten sie doch nicht über den Propheten her, um ihn zu tödten, sondern warteten ruhig und gaben sich Mühe und unternahmen Alles, um ihn nicht, nachdem doch die Schuld so offen am Tag lag, dem stürmenden Meere zu opfern. Aber das Meer, oder vielmehr Gott ließ dieses nicht zu, indem er ihn, wie durch die Schiffer, so durch den Wallfisch bessern wollte. Denn als sie hörten: „Nehmet mich und werft mich in’s Meer, und das Meer wird von euch ablassen,“ so suchten sie an’s Land zu kommen, aber die Fluthen ließen es nicht zu.

Du hast den Propheten auf seiner Flucht gesehen; höre ihn nun auch aus dem Bauche des Fisches sein Bekenntniß ablegen. Dort erschien er in menschlicher Schwachheit; hier aber zeigte er sich als Prophet. Das Meer nahm ihn also auf und verschloß ihn in den Bauch des Wallfisches, wie in ein Gefängniß, um den Flüchtling unversehrt für den Herrn aufzubewahren. Weder die furchtbaren Wogen erstickten ihn, noch tödtete ihn im Bauche der Wallfisch, der grimmiger war als das Meer, sondern bewahrte ihn auf und führte ihn zur Stadt. Sowohl das Meer als der Wallfisch gehorchten gegen ihre Natur, damit der Prophet durch Alles Gehorsam lerne. Er kömmt also in die Stadt, verkündet den Ausspruch des Herrn, wie einen königlichen Befehl, der eine Bestrafung enthält, ruft laut und spricht: „Noch drei Tage, und Ninive wird zerstört werden.“ Die Einwohner hörten das und glaubten es und schlugen es nicht nur nicht in den Wind, sondern eilten Alle sogleich zum Fasten, Männer, Weiber, Sklaven, Herren, Fürsten, Unterthanen, Knaben, Greise, ja selbst die unvernünftigen Thiere schloßen sie nicht aus von dieser Verbindlichkeit: überall Sack und Asche, überall Thränen und Seufzer; denn der König selbst stieg von seinem Throne, legte das Diadem ab, legte sich auf den Bußsack, bestreute sich mit Asche und befreite so die Stadt aus der Gefahr. Es war ein ganz neues Schauspiel, daß der Purpur mit dem Sacke vertauscht wurde. Denn was der Purpur nicht vermochte, das vermochte der Sack; was die Krone nicht bewirkte, das brachte die Asche zu Stande. Siehst du, daß ich nicht umsonst sagte, man habe sich nicht vor dem Fasten, wohl aber vor Betrunkenheit und Völlerei zu hüten; denn die Trunkenheit und Völlerei hat die feste Stadt erschüttert und bis zum Falle gebracht; das Fasten aber richtete sie auf, da sie schon wankte und den Einsturz drohte. Mit diesem ging Daniel in die Löwengrube und kam heraus, als wäre er unter zahmen Schafen gewesen. Denn obgleich sie vor Wuth brannten, und Blutdurst aus ihren Augen blitzte, so rührten sie doch die vorgeworfene Beute nicht an, ungeachtet die Natur sie dazu reizte (denn nichts ist grausamer, als diese Thiere), und obgleich der Hunger (denn seit sieben Tagen hatten sie keine Nahrung Nahrung erhalten), wie ein Henker von innen sie drängte und ihnen zurief, die Eingeweide des Propheten zu zerreissen, so hatten sie doch Ehrfurcht vor dieser Speise. Mit diesem Fasten kamen auch die drei Knaben in den Feuerofen zu Babylon, blieben lange Zeit im Feuer und kamen heraus mit Leibern, die schimmernder waren, als das Feuer. Wenn also jenes Feuer ein wirkliches Feuer war, warum doch äußerte es nicht seine Kraft? Wenn jene Körper wirkliche Körper waren, warum traf sie nicht dasselbe Schicksal, wie andere Körper? Wie! Frage das Fasten, und es wird Antwort geben und dein Räthsel lösen. Denn es war wirklich ein Räthsel; denn die Natur der Leiber kämpfte gegen die Natur des Feuers, und der Sieg stand auf auf Seite der Leiber. Hast du den merkwürdigen Kampf betrachtet? den noch merkwürdigeren Sieg bewundert? Bewundere das Fasten und nimm es auf mit ausgestreckten Armen. Denn, wenn dasselbe im Feuerofen hilft, in der Löwengrube bewahrt, die Teufel vertreibt, den Ausspruch Gottes aufhebt, den Sturm der Leidenschaften besänftigt, uns zur Freiheit zurückführt und in unsern Gedanken große Ruhe bewirkt: wie sollte es nicht die größte Thorheit sein, dasselbe zu fliehen und zu fürchten, da es so viele Güter darbietet? „Es schwächt aber,“ heißt es, „und entkräftet unsern Körper.“ Aber je mehr der äussere Mensch an uns schwindet, desto mehr wird der innere von Tag zu Tag erneuert; ja im Gegentheil, willst du die Sache genau untersuchen, so wirst du finden, daß es die Mutter der Gesundheit sei. Und schenkst du meinen Worten nicht Glauben, so frage die Ärzte darüber; diese werden es dir besser erklären, sie, welche die Enthaltsamkeit eine Mutter der Gesundheit nennen und sagen, daß die Schmerzen an den Füßen und am Haupte und Schlag und Schwindsucht und Wassersucht und Entzündungen und Geschwulst und die Anfälle tausend anderer Krankheiten vom Wohlleben und der Schwelgerei herkommen, wie aus einer ganz verdorbenen Quelle schlechtes Wasser, und sowohl der Gesundheit des Leibes als dem Heile der Seele Schaden zufügen.

Erschrecken wir also nicht vor dem Fasten, das uns von so vielen Übeln befreit. Denn nicht ohne Grund ermahne ich euch dazu; sondern weil ich sehe, daß gegenwärtig Viele darin nachlässig sind und davor zurückschaudern, als ob sie einer wilden Furie übergeben werden sollten, dagegen der Trunkenheit und Schwelgerei sich ergeben und sich zu Grunde richten. Deßwegen ermahne ich euch, euch nicht der Vortheile, die das Fasten gewährt, durch Völlerei und Unmäßigkeit zu berauben. Denn wenn magenschwache Leute, falls sie bittere Arznei nehmen sollen, mit Speise sich überfüllen und so das Heilmittel nehmen, so schmecken sie zwar das Bittere der Arznei, aber ohne Nutzen, weil die Speisen die Wirkung der Arznei gegen die verdorbenen Säfte erschweren. Daher verordnen die Ärzte, sich, ohne vorher gegessen zu haben, niederzulegen, damit die ganze Kraft der Arznei gleich Anfangs gegen die schädlichen Säfte zu wirken vermöge. So ist es auch mit dem Fasten: Wenn du dich heute voll trinkest und morgen dagegen das Heilmittel nimmst, so ist dieses vergeblich und unnütz. Wohl hast du die Anstrengung, ziehst aber keinen Nutzen daraus, weil du die ganze Kraft der Arznei gegen das Übel, das du dir eben zugezogen, verbrauchst. Bereitest du ihr aber einen erleichterten Leib, und nimmst du das Heilmittel mit nüchterner Seele, so wirst du dich von vielen alten Gebrechen reinigen können. Wir wollen also nicht von der Trunkenheit zum Fasten eilen und uns nicht vom Fasten wieder zur Trunkenheit kehren, damit es uns nicht ergehe wie einem, der einen kranken Körper hat und aufzustehen versucht, aber durch einen Fußtritt leicht wieder zur Erde fällt. Dasselbe geschieht auch bezüglich unserer Seele, wenn wir am beiderseitigen Ende der Fasten, sowohl beim Beginne derselben, als am Schlusse, die in uns vorgegangene Reinigung durch die Wolke der Trunkenheit verdunkeln. Denn wie Diejenigen, welche mit wilden Thieren kämpfen wollen, die wichtigsten Glieder mit mancherlei Waffen und Rüstung bedecken und den Kampf gegen dieselben beginnen, so machen es auch jetzt viele Menschen. Gleich als hätten sie mit dem Fasten, wie mit einem wilden Thiere zu kämpfen, waffnen sie sich mit Berauschung, füllen sich bis zum Bersten und verfinstern ihren Verstand und erwarten in solch’ ungebührlichem Zustande den heitern und ruhigen Anblick der Fasten. Wenn ich dich fragen würde: „Warum gehst du heute in’s Bad?“ so wirst du antworten: „Damit ich mit gereinigtem Körper das Fasten beginne.“ Wenn ich aber die Frage stellte: „Warum berauschest du dich?“ So wirst du erwidern: „Weil ich bald fasten muß.“ Ist es also nicht thöricht, diese so herrliche Festzeit mit reinem Leibe, aber mit unreiner und berauschter Seele zu beginnen? Wir hätten noch mehr zu sagen als das, allein den Verständigen genügt das zur Besserung. Ich muß also meine Rede beschließen; denn mich verlangt noch, die Stimme des Vaters zu hören. Denn wir blasen gleich Hirtenknaben auf schmächtigem Rohr unter einer Eiche oder einem Ahorn sitzend im Schatten dieser heiligen Versammlung; dieser aber ermuntert, gleich einem ganz ausgezeichneten Meister, der eine goldene Zither spielt, durch die Harmonie seiner Töne die ganze Versammlung. Ebenso schafft uns derselbe, nicht durch harmonische Töne, sondern durch die Übereinstimmung seiner Worte und Werke, den größten Nutzen. Solche Lehrer fordert auch Christus: „Denn,“ sagt er, „wer thut und lehrt, wird groß genannt werden im Himmelreiche.“ So ist unser Vater; deßhalb ist er auch groß im Himmelreiche. Möchten doch auch wir durch sein und aller Bischöfe Gebet des Himmelreichs würdig erachtet werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi, dem mit dem Vater und dem heiligen Geist Ehre sei jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Sechste Homilie von der Buße, in der sechsten Woche der heil. Fastenzeit.

Sechste Homilie von der Buße, in der sechsten Woche der heil. Fastenzeit.

Chrysostomus warnt darin zuerst vor dem Besuche der Schauspiele. Was nützt das Fasten denjenigen, welche die Schauplätze der Bosheit besuchen, die öffentliche Schule der Unzucht und den Tummelplatz der Frechheit betreten? Was nützt das Fasten, wenn du dem Korper nach enthaltsam bist, aber mit den Augen die Ehe brichst? Dieß letztere geschieht im Theater. Der Redner führt nun die Stelle bei Matth. 5, 27 an; „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen“ und verbreitet sich weitläufig darüber und bleibt auch den Beweis nicht schuldig, daß dieß göttliche Gebot nicht schwer, nicht unmöglich sei. Gegen das Ende spricht er von der Harmonie des alten mit dem neuen Gesetze und von der beiderseitigen Belohnung. Am Schlusse selbst bringt er noch eine eindringliche Ermahnung, das allerheiligste Altarssakrament würdig zu empfangen.

Wie angenehm sind uns die Wellen dieses geistigen Meeres, angenehmer noch, als die des wirklichen! Denn jene (des wirklichen Meeres) werden von den ungestümen Winden, diese von der Begierde, (das göttliche Wort) zu hören, erregt. Jene, wenn sie sich erheben, versetzen den Steuermann in gewaltige Angst; diese, wenn sie sich zeigen, machen dem Redner viel Muth; denn jene sind Zeichen eines tobenden Meeres, diese aber Zeichen einer fröhlichen Seele; jene, an Felsen sich brechend, geben einen dumpfen Laut, diese, durch das Wort der Lehre gebrochen, geben einen lieblichen Ton. Ebenso fällt auch der Hauch des Zephyrs auf die Saaten; ihre Häupter wallen, von ihm gebeugt und wieder aufgerichtet, auf und nieder und ahmen das Wogen des natürlichen Meeres nach. Aber der Anblick der geistigen Wellen ist angenehmer, als selbst der dieser wogenden Saaten; denn nicht das Wehen eines Zephyrs, sondern die Gnade des heil. Geistes erregt und entzündet euere Seelen und jenes Feuer, von dem Christus einst sagte: „Ich bin gekommen, auf die Erde ein Feuer zu senden, und was will ich anders, als daß es angezündet werde?“ Ich sehe, daß dieses Feuer in eueren Herzen sich findet und brennt. Weil uns also die Furcht Christi so viele Lampen angezündet hat, wohlan, so wollen wir das Öl der Lehre hineintröpfeln lassen, damit uns das Licht um so nachhaltiger leuchte. Übrigens wird die Fastenzeit bald ihr Ende erreichen; denn da wir in die Mitte des Kampfplatzes gekommen sind, so eilen wir vollends zum Ende. Denn wie der, welcher zu laufen beginnt, die Mitte zu erreichen bestrebt ist, so sucht der, welcher dieselbe erreicht hat, an das Ziel zu gelangen. Die Fastenzeit geht also zu Ende, und das Schiff erblickt von ferne den Hafen; doch es handelt sich nicht darum, in den Hafen zu kommen, sondern daß wir nicht mit einem unbefrachteten Schiffe einlaufen. Ich ersuche und bitte euch flehentlich alle, daß Jeder in seinem Gewissen diesen geistigen Handel des Fastens bedenke: findet einer, daß er schon grossen Gewinn gemacht hat, so trachte er noch mehr zu gewinnen; hat er aber noch Nichts gesammelt, so verwende er die übrige Zeit zu diesem Geschäfte. Solange der Markt dauert, wollen wir uns bemühen, viel zu gewinnen, daß wir nicht mit leeren Händen davon gehen, die Beschwerde des Fastens zwar tragen, den Lohn dafür aber verlieren. Denn man kann die Beschwerde des Fastens ertragen und die Frucht desselben verlieren. Wie das? Wenn wir uns nämlich der Speisen, nicht aber der Sünden enthalten; wenn wir zwar kein Fleisch essen, aber die Häuser der Armen verspeisen; wenn wir uns zwar nicht im Weine berauschen, aber von schändlichen Listen taumeln; wenn wir zwar den ganzen Tag nüchtern bleiben, aber denselben bei unzüchtigen Schauspielen zubringen. Siehe, das heißt die Mühe des Fastens haben, aber keinen Gewinn daraus ziehen, wenn wir zu den Schauspielen des Lasters hinlaufen. Ich sage das nicht wider euch; denn ich weiß, daß ihr frei von diesem Vorwurfe seid; allein so pflegen es Jene zu machen, die Schmerzen empfinden, daß sie in Abwesenheit derer, welche daran Ursache sind, an den gegenwärtigen Personen ihren Zorn auslassen. Was nützt das Fasten denjenigen, welche die Schauplätze der Bosheit besuchen, die öffentliche Schule der Unzucht und den gemeinschaftlichen Tummelplatz der Frechheit betreten und auf den Sitzen der Pest sich niederlassen? Denn man sündigt in der That nicht, wenn man das Theater einen Sitz der Pest, einen Tummelplatz der Ausschweifung und jeglicher Schlechtigkeit nennt, jenen schändlichen Ort, der voll von lauter Seuchen ist, jenen babylonischen Feuerofen! Denn der Satan schleudert die Stadt in’s Theater, wie in einen Feuerofen und zündet ihn von unten aus an, indem er, nicht wie dort jener Barbar, Reisig unterlegt, noch Naphta, noch Werg, noch Pech, sondern mit Dingen, die weit gefährlicher sind, mit geilen Blicken, schändlichen Worten, weichlichem Tanz und Gesängen voll Schande und Bosheit. Jenen Ofen nun zündeten barbarische Hände an, diesen aber entzünden Gedanken, die thörichter sind als jene Barbaren. Dieser Ofen ist schlimmer als jener, weil das Feuer schädlicher ist; denn es zerstört nicht den natürlichen Leib, sondern das Heil der Seele, und das Schlimmste ist, daß die Gebrannten Dieß gar nicht bemerken; denn empfänden sie es, so würden sie nicht dabei in ein schallendes Gelächter ausbrechen. Das ist aber das größte Übel, wenn ein Kranker nicht einmal weiß, daß er krank ist, und wenn einer elendiglich und jämmerlich verbrennt und die Feuersbrunst dennoch nicht merkt. Was nützt denn das Fasten, wenn du zwar dem Körper die gewöhnliche Nahrung entziehst, der Seele aber eine schädliche reichst? Wenn du den Tag gemächlich dort durchbringst und siehst, wie die Natur geschändet und verführt wird, wenn du unzüchtige Weiber und jene begaffest, welche die Ehebrüche und Laster eines jeglichen Hauses aufsammeln und auf der Bühne darstellen? Denn man kann dort Buhlereien und Unzucht sehen und Lästerungen hören, damit das Gift sowohl durch die Augen als auch durch die Ohren in die Seele eindringt. Die Schauspieler äffen die Noth anderer Leute nach, daher auch ihr Name mit Schande bedeckt ist. Was nützt nun das Fasten, wenn die Seele eine solche Nahrung erhält? Mit welchen Augen wirst du nach einem solchen Schauspiel dein Weib ansehen? Mit welchen Augen deinen Sohn anblicken? Mit welchen deinen Knecht, deinen Freund? Du mußt unverschämt sein, wenn du erzählen willst, was dort geschah, oder schweigen und erröthen. Von hier aber ziehst du nicht also fort, sondern du kannst zu Hause Alles, was du gehört, ganz dreist wieder erzählen, die prophetischen Aussprüche, die apostolischen Lehren, die göttlichen Gesetze; du kannst ihnen einen ganzen Tisch von Tugend vorsetzen und machst so deine Frau mit dergleichen Erzählungen keuscher, deinen Sohn verständiger, deinen Knecht williger, deinen Freund besser gesinnt und wird selbst den Feind überreden, seinen Haß fahren zu lassen.

 

Siehst du, wie die Lehren, welche du hier vernimmst, nach allen Seiten Nutzen gewähren, was du aber dort hörst, nach allen Richtungen unbrauchbar sei? Sage mir: Was nützt denn das Fasten, wenn du dem Leibe nach zwar enthaltsam bist, mit den Augen aber die Ehe brichst? Denn Ehebruch ist nicht nur eine Verbindung oder Vermischung des Fleisches, sondern auch ein geiler Blick. Was nützt es dir, wenn du von dieser Stätte an jenen Ort gehst? Ich bessere, jener verdirbt; ich gebe Arznei wider die Krankheit, jener ruft die Krankheit hervor; ich lösche das Feuer der Natur, jener zündet die Flamme der Sinnlichkeit an. Was nützt es, sag’ es mir? „Der Eine baut, der Andere reißt nieder; was haben sie für einen weitern Nutzen davon als Anstrengung?“ Wir wollen also nicht hier und dort, sondern nur hier verweilen, damit es hier nicht vergebens und fruchtlos, nicht unnütz und zu unserm Verderben geschehe. „Einer baut, der Andere reißt nieder; was haben sie für einen weitern Nutzen davon als Anstrengung?“ Ja selbst, wenn Viele bauten, und nur Einer zerstörte, so bliebe dieser doch Sieger über die Vielen, denn es ist leichter zerstören als bauen. Es ist in der That eine große Schande, daß Jünglinge und Greise mit solcher Begierde dahin laufen. Jedoch wollte Gott, es reichte das Übel nur bis zur Schande! Ist diese doch für einen freien Mann nicht zu ertragen, und Verachtung und Schmach für einen vernünftigen Menschen die empfindlichste Strafe. Allein die Strafe besteht nicht bloß in der Schande, sondern es lastet darauf eine gewaltige Rache und Buße. Denn es ist nothwendig, daß Alle, welche jene Sitze einnehmen, theilnehmen an der Sünde des Ehebruchs, nicht weil sie sich mit den dort befindlichen Weibern vermischen, sondern weil sie dieselben mit unzüchtigen Augen anschauen. Daß aber diese nothwendig die Ehe brechen, dafür will ich, damit ihr darauf achtet, nicht mein Wort einsetzen, sondern euch die göttliche Satzung vortragen, die man doch keineswegs gering achten darf. Was sagt nun die göttliche Satzung? „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht ehebrechen; ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, der hat die Ehe im Herzen schon gebrochen.“ Siehst du den vollendeten Ehebruch? Siehst du die begangene Sünde? Und was das Schlimmste ist, der in diesem Ehebruch ergriffene Sünder ist nicht bei Menschen, sondern beim göttlichen Richterstuhle des Verbrechens schuldig, und hier sind ewige Strafen; „denn Jeder, der ein Weib ansieht, hat die Ehe in seinem Herzen schon gebrochen.“ Gott reißt nicht bloß die Krankheit, sondern auch die Wurzel der Krankheit heraus. Denn die Wurzel des Ehebruches ist die unreine Begierde; deßhalb bestraft er nicht nur den Ehebruch, sondern auch die Begierde, die Mutter des Ehebruchs. So machen es auch die Ärzte; sie bleiben nicht bei den Krankheiten stehen, sondern machen sich auch an die Ursachen selbst. Wenn sie kranke Augen sehen, so suchen sie die schlechten Säfte vom Haupte und den Schläfen zu entfernen. So macht es auch Christus. Der Ehebruch ist eine gefährliche Augenkrankheit; er ist eine Augenkrankheit, nicht bloß des Leibes, sondern mehr noch der Seele; deßhalb verstopft er den Zufluß der Schamlosigkeit durch die Furcht vor dem Gesetze; deßhalb straft er nicht nur den Ehebruch, sondern auch die Begierde: „Der hat die Ehe schon in seinem Herzen gebrochen.“ Wenn aber das Herz verdorben ist, was bleibt noch Gutes am Körper? Denn gleichwie wir bei Pflanzen und Holz, wenn wir sehen, daß das Herzblatt weggefressen ist, das Übrige wegwerfen: so taugt auch beim Menschen, ist sein Herz zu Grunde gerichtet, die übrige Gesundheit des Leibes Nichts mehr. Ist der Fuhrmann umgekommen, zerquetscht, herabgeworfen, so laufen die Pferde vergeblich. Das Gesetz ist freilich beschwerlich und fordert viel Anstrengung, bietet aber auch eine große Belohnung; denn was große Mühe kostet, hat auch Anspruch auf reiche Vergeltung, Du aber sieh’ nicht auf die Arbeit, sondern denk’ an den Lohn; denn so geschieht es ja auch bei den gewöhnlichen Geschäften. Denn wenn du bei den guten Werken auf die Anstrengung siehst, so ist sie hart und beschwerlich; schaust du aber auf die Belohnung, so ist die Ausführung leicht und überaus angenehm. So ist es auch mit dem Steuermann: sieht er nur auf die Wogen, so wird er nie sein Schiff aus dem Hafen entfernen; weil er aber mehr auf den Gewinn schaut als auf die Wellen, so wagt er sich auf die unermeßliche See. So auch der Krieger: sähe er bloß auf Wunden und Mord, so würde er nie den Panzer anziehen; wenn er aber eher an Sieg und Triumph als an die Wunden denkt, so eilt er, wie auf eine liebliche Wiese, zum Kampf. Denn was von Natur beschwerlich erscheint, wird leicht, wenn wir nicht der Mühen gedenken, sondern den Lohn derselben betrachten. Willst du wissen, wie das von Natur Beschwerliche leicht wird, so höre die Worte des Paulus: „Die Trübsal, die schnell vorübergehend und leicht ist, wirkt in uns eine überschwengliche und ewige Herrlichkeit.“ Dieser Ausspruch ist ein Räthsel. Wie kann Etwas eine Trübsal und leicht, oder leicht und eine Trübsal sein? Denn das widerspricht sich. Allein Paulus löset das Räthsel, indem er im Zusatze zeigt, wie die Trübsal leicht wird. Wie? „Wenn wir nicht auf das Sichtbare sehen.“ Gott hat die Krone versprochen und den Kampf dadurch erleichtert; er hat den Kampfpreis gezeigt und damit einen Trost für unsern Schweiß. Siehst du also ein Weib mit reizendem Antlitz, in glänzender Kleidung; siehst du, daß die Begierde dich kitzelt; siehst du, daß deine Seele sich nach ihrem Anblicke sehnt: so blicke auf zur Krone, die oben dir winkt, damit du einem solchen Anblick entrinnest. Hast du eine Mitmagd gesehen? Denke an den Herrn, und du wirst die Krankbeit gründlich vertreiben. Denn wenn Knaben, die ihrem Lehrer folgen, sich nicht herumtreiben, nicht müssig herumstehen, nicht vom Studium ablassen; so wird dir Dieß um so viel weniger begegnen, wenn du auf Christus, der die Gedanken kennt, schaust. „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat in seinem Herzen die Ehe schon gebrochen.“ Freudig und öfter lese ich die Worte des (göttlichen) Gesetzes. O daß ich doch und zwar den ganzerr Tag euch damit unterhalten könnte, oder besser gesagt, nicht sowohl euch, als Die, welche in Sünden dahinleben; aber dennoch auch euch, denn auch ihr würdet kräftiger werden, die aber krank sind, würden desto eher die Gesundheit erlangen.

„Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat in seinem Herzen die Ehe schon gebrochen.“ Diese einfachen Worte, die ich angeführt habe, reichen hin, die ganze Fäulniß dieser Krankheit zu tilgen. Aber vergebt mir; wir reinigen Wunden; wer aber Wunden reiniget, muß auch bittere Heilmittel gebrauchen. Je mehr ihr die Worte ertraget, desto mehr wird das Gift entfernt. Denn gleichwie die Natur des Feuers, je mehr es die Natur des Goldes durchdringt, dieses desto mehr von den Schlacken befreit, so ist es auch mit der Furcht vor unsern Worten: je mehr sie sich in euere Gesinnung einprägt, desto mehr wird sie alle Sünde der Unkeuschheit tilgen. Läutern wir also dieselbe, durch dieses Feuer der (göttlichen) Lehre, damit wir nicht gezwungen werden, sie dort läutern zu lassen im Feuer der Hölle. Denn einer Seele, welche geläutert von hinnen scheidet, wird jenes Feuer Nichts schaden; eine Seele aber, die von hier mit ihren Sünden abscheidet, wird jenes Feuer ergreifen; „denn,“ heißt es, „wie eines Jeden Wert beschaffen sei wird das Feuer bewähren.“ Jetzt wollen wir uns selbst prüfen ohne Schmerzen, damit wir dann nicht geprüft werden mit Schmerzen. „Aber was du auch sagen magst,“ sprichst du, „das Gesetz ist doch schwer.“ Was willst du damit? Trägt uns Gott Unmögliches auf? Nein, sage ich. Verstumme und klage den Herrn nicht an; denn das rechtfertigt dich doch nicht, sondern du fügst zur frühern Sünde eine noch schwerere bei. Daß aber viele Sünder ihre Schuld dem Herrn beizumessen gewohnt sind, das höre nun. Es kam der Knecht, dem fünf Talente anvertraut waren und brachte fünf andere; es kam auch Der, dem zwei Talente anvertraut waren, und brachte zwei andere; es kam Der, welchem Ein Talent anvertraut war, und weil er kein anderes hervorbringen konnte, so brachte er statt des Talents eine Klage. Wie spricht er? „Ich wußte, daß du ein harter Mann bist.“ Welche Verwegenheit des Knechtes! Es ist nicht genug, daß er gesündigt hat, er macht dem Herrn auch noch Vorwürfe: „Du erntest, wo du nicht gesäet hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast.“ So ist’s auch im gewöhnlichen Leben; Alle, die nichts Gutes thun, vermehren ihre Sünde, indem sie den Herrn anklagen. Klage also den Herrn nicht an; er befiehlt nichts Unmögliches. Willst du erfahren, daß er nichts Unmögliches fordert? Viele thun mehr, als die Gebote verlangen; wären sie aber unmöglich, so könnten sie dieselben aus eigenem Antriebe nicht übertreffen. Er hat die Jungfrauschaft nicht geboten und doch halten sie Viele; er hat die Armuth nicht geboten, und doch werfen Viele das Ihrige weg, um durch die Werke zu zeigen, daß die Gebote gar leicht, zu beobachten sind; denn sie hätten dieselben, wenn sie nicht leicht wären, wohl nicht übertroffen. Er hat die Jungfrauschaft nicht geboten; denn wer sie befiehlt, stellt auch den unter den Zwang des Gesetzes, der sie nicht beobachten will; wer aber dazu rathet, der macht den Zuhörer zum Herrn seines eigenen Willens. Deßhalb spricht auch Paulus: „Von den Jungfrauen habe ich kein Gebot des Herrn, ich gebe aber einen Rath.“ Siehst du, daß es nicht ein Gebot, sondern ein Rath ist? Siehst du, daß es kein Befehl, sondern eine Ermunterung ist? Das ist aber ein großer Unterschied: das Eine muß man thun, beim Andern ist’s freier Wille. „Ich befehle nicht,“ sagt er, „damit ich keine Last auflege; ich ermahne und rathe, um zu gewinnen.“ So auch Christus. Er sagte nicht: „Bewahret Alle die Jungfräulichkeit.“ Denn hätte er Allen befohlen jungfräulich zu bleiben und diese Anordnung zu einem Gesetze erhoben, so würde der, der es befolgt, nicht einer so großen Ehre genießen wie jetzt, und der Übertreter der größten Strafe sich aussetzen. Siehst du, wie uns der Gesetzgeber schont? Wie er für unsere Wohlfahrt besorgt ist? Denn konnte er nicht auch dieses Gebot geben und sagen: „Die Jungfrauen bleiben, sollen belohnt, die nicht Jungfrauen bleiben, sollen bestraft werden?“ Allein er hätte so der Natur eine Last aufgebürdet; er schont aber unsere Natur. Er hat die Jungfräulichkeit vom Kampfplatze ausgeschlossen, hat sie über die (gewöhnlichen) Kämpfe erhoben, damit sowohl Diejenigen, die sie dennoch bewahren, ihre persönliche Großherzigkeit zu zeigen vermögen, und die sie nicht bewahren, dennoch sich der Gnade des Herrn erfreuen.

So hat er auch bezüglich der Armuth kein Gebot aufgestellt; er hat nicht schlechthin gesagt: „Verkaufe, was du besitzest,“ sondern: „Wenn du willst vollkommen sein, gehe bin, verkaufe, was du besitzest.“ Es sei deiner Willkür anheimgestellt; sei Herr deiner Entschließung. Ich zwinge Niemanden; ich beschwere Niemanden; allein ich kröne Den, der meinen Rath annimmt, bestrafe aber Den nicht, der ihn verschmäht. Denn was man aus Pflicht und Schuldigkeit thut, das erhält keine so große Belohnung; was aber aus freiem Willen und eigenem Entschluß geschieht, das erhält einen glänzenden Lohn. Ich führe dafür den Paulus als Zeugen an: „Wenn ich das Evangelium predige,“ sagt er, „so darf ich mich dessen nicht rühmen.“ Warum? Denn es liegt mir ob, es zu verkünden; wehe aber mir, wenn ich es nicht verkünde.“ Du siehst, daß Der, welcher die Gebote befolgt, keinen großen Lohn erntet; denn es ist seine Pflicht; wer sie aber nicht beobachtet, der unterliegt der rächenden Strafe; „denn wehe mir,“ sagt er, „wenn ich das Evangelium nicht verkünde.“ Was man aber freiwillig thut, damit verhält es sich anders. Was sagt der Apostel davon? „Was ist also mein Lohn? Daß ich das Evangelium Gottes ohne Kosten verkünde, damit ich nicht meine Gewalt mißbrauche.“ Dort war es Gebot; deßhalb empfing er keine große Belohnung; dieses aber stand in seinem freien Willen, und deßhalb erhielt er einen reichlichen Lohn.

Dieß alles sage ich nicht vergebens, sondern wegen des göttlichen Gesetzes, um zu zeigen, daß es nicht schwer, daß es nicht mühsam, daß es nicht anstrengend, nicht unmöglich sei. Wohlan denn, wir wollen dieses aus den Worten Christi selbst zeigen. „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen.“ Christus wußte selbst wohl, daß Viele dieses Gebot der Härte beschuldigen würden; deßwegen stellt er es nicht so einfach und nackt und auf sich allein beschränkt hin, sondern erinnert auch an das alte Gesetz, um durch die Vergleichung sowohl die Leichtigkeit, als auch die Menschenfreundlichkeit desselben zu zeigen. Vernehmet, wie er Dieß zeigt. Er sagt nämlich nicht einfach: „Wer ein Weib anblickt, ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen“ (seid hier nur recht aufmerksam), sondern er erinnert zuerst an das alte Gesetz und spricht: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen; ich aber sage euch: Jeder, der ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen.“ Siehst du die zwei Gesetze, das alte und das neue, das, welches Moses gab, und Das, welches er einführte? Oder aber besser gesagt: Auch jenes hat er gegeben; denn er hat durch Moses geredet. Wodurch ist aber klar, daß er auch dieses gegeben hat? Nicht aus Johannes, auch nicht aus dem Zeugnisse der Apostel; denn ich habe jetzt mit den Juden zu streiten; sondern aus den Propheten, denen sie zu glauben scheinen; aus diesem will ich zeigen, daß das alte wie das neue Gesetz Einen Gesetzgeber habe. Was sagt nun Jeremias? „Ich werde mit euch einen neuen Bund machen.“ Siehst du, daß der neue Bund im alten erwähnt ist? Siehst du, daß sein Name schon seit so vielen Jahren darin glänzt? „Ich werde einen neuen Bund mit euch machen.“ Aber woher ist denn klar, daß er auch das alte Gesetz gegeben hat? Nachdem er gesagt: „Ich werde einen neuen Bund mit euch machen,“ fügt er hinzu: „Nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit eueren Vätern gemacht habe.“ Wohl; aber damit haben wir die Sache noch nicht bewiesen; man muß zuerst Alles, was ein Widerspruch scheint, anführen und deutlich machen, damit unsere Rede durchgängig klar sei, und den Unverschämten kein Vorwand mehr übrig bleibe. „Ich werde mit euch einen neuen Bund machen, nicht wie den, den ich mit eueren Vätern schloß.“ Er hatte einen Bund mit Noe geschlossen, als die Sündfluth kam, um uns die Furcht zu benehmen, es möchte uns, wenn wir beim Gedanken an die Sündfluth einen immerwährenden Regen erblicken, auch der allgemeine Untergang nahen. Deßwegen sagt er: „Ich werde einen Bund schließen mit dir und allem Fleische.“ Darauf machte er einen Bund mit Abraham wegen der Beschneidung; er schloß auch einen Bund mit Moses, den Alle kennen. Jeremias sagt: „Ich werde einen neuen Bund mit euch machen, nicht wie der Bund gewesen, den ich mit eueren Vätern geschlossen habe.“ Sage mir, mit welchen Vätern? Denn Noe war Vater, und Abraham war Vater; mit welchen Vätern also? Denn durch die ungenaue Bezeichnung der Person kann Verwirrung entstehen. Hier merket nun auf. „Nicht wie der Bund gewesen, den ich mit eueren Vätern schloß.“ Damit man also weder den Bund mit Noe, noch den Bund mit Abraham darunter, verstehe, so bezeichnet er die Zeit des Bundes; denn nachdem er gesagt: „Ich werde einen Bund mit euch schließen, nicht wie der gewesen, den ich mit eueren Vätern schloß,“ so setzt er auch die Zeit hinzu: „An dem Tage, da ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten führte.“ Siehst du, wie sehr die Angabe der Zeit die Sache klar macht? Nun kann selbst ein Jude nicht mehr widersprechen: gedenke der Zeit, da das Gesetz gegeben wurde; „An dem Tage, da ich sie bei der Hand nahm.“ Warum gibt er aber, auch die Art und Weise des Auszuges an? „Da ich sie bei der Hand nahm, aus Ägypten zu führen.“ Um seine väterliche Liebe zu zeigen; nicht als Knechte führte er sie heraus, sondern wie einen Sohn, den der Vater bei der Hand nimmt, und so befreite er sie; er befahl ihnen nicht, wie Sklaven ihm auf dem Fuße zu folgen, sondern nahm sie gleich edlen und freigebornen Söhnen bei der Hand und führte sie heraus. Siehst du, daß zwei Bündnisse sind und nur ein Gesetzgeber? Nachdem wir also die Widersprüche gelöst, will ich dir Dieß auch aus dem neuen Bunde beweisen, damit du die Übereinstimmung beider erkennest. Hast du die Prophezeiung in Worten gesehen? Lerne sie nun auch in Bildern kennen. Weil nun Dieß wieder undeutlich ist, was eine vorbildliche, und was eine wörtliche Prophezeiung sei, so will ich auch das in Kürze erklären. Die Prophezeiung im Bilde ist Die, welche durch Thatsachen, die andere ist eine Prophezeiung, welche durch Worte geschieht. Die Einsichtsvolleren hat er nämlich durch Worte belehrt, die minder Verständigen durch den Anblick von Thatsachen ermuntert. Denn es sollte etwas ganz Ausserordentliches geschehen: Gott sollte unser Fleisch annehmen, die Erde sollte ein Himmel werden, unsere Natur die Würde der Engel erklimmen, und unsere Hoffnung und Erwartung von der Verheissung der künftigen Güter übertroffen werden. Damit nun eine so neue und unerwartete Begebenheit sowohl die, die sie sehen, als die, die sie hören, wenn sie plötzlich eintritt, nicht betäube, so hat er sie durch Thatsachen und Worte vorgebildet, um so unser Ohr und unser Gesicht daran zu ge- wöhnen und für das Künftige vorzubereiten. Das ist es, was ich sagen wollte: was nämlich eine vorbildliche, und was eine wörtliche Weissagung sei: jene geschieht durch Thatsachen, diese durch Worte. Soll ich dir eine vorbildliche und wörtliche Weissagung nennen, die eine Sache betrifft? „Wie ein Schaf ist er zum Tode geführt worden, und wie ein Lamm lautlos ist vor dem, der es scheert.“ Das ist eine Weissagung durch Worte. Denn als Abraham den Isaak auf den Altar gelegt hatte, sah er einen Widder mit den Hörnern in einem Gebüsche verwickelt und opferte ihn wirklich, um uns im Bilde das heilsame Leiden voraus zu verkünden.

Willst du also, daß ich dir meinem Versprechen gemäß diese beiden Testamente in Thatsachen zeige? Sowie du das Lamm im Worte gesehen, so lerne es nun auch in der That kennen. „Sagt mir, die ihr unter dem Gesetze sein wollet.“ Schön sagt er: „Die ihr wollet;“ denn sie waren es nicht. Denn wären sie unter dem Gesetze gewesen, so wären sie nicht unter dem Gesetze gestanden. Es mag diese Rede räthselhaft klingen. Das Gesetz wies nämlich die Aufmerksamen auf Christus hin: Wer den Meister verunehrt, verläugnet auch den Zuchtmeister. Deßhalb spricht er: „Sagt mir, die ihr unter dem Gesetze sein wollet, habt ihr das Gesetz nicht gehört, daß Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd, den andern von der Freien: welche Worte einen bildlichen Sinn haben?“ Siehst du eine Prophezeiung durch eine Thatsache? Denn daß Abraham Weiber hatte, ist nicht ein Wort, sondern eine Thatsache. Ich habe dir an der Magd und der Freien durch Worte gezeigt, daß nur ein Gesetzgeber beider Testamente sei; lerne nun dasselbe auch durch die Vorbilder. Abraham hatte zwei Weiber; diese aber bedeuten zwei Testamente und einen Gesetzgeber. Gleichwie dort ein Schaf in Worten ein Schaf in Wirklichkeit war (denn es ist volle Übereinstimmung in Worten und Sachen), so sind auch hier zwei Testamente. Jeremias hat sie durch Worte geweissagt, Abraham bildete sie thatsächlich vor durch die zwei Weiber. Denn wie dort ein Mann und zwei Weiber sind, so ist hier nur ein Gesetz, aber zwei Testamente. Doch kehren wir zu dem zurück, was ich früher gesagt und weßwegen ich Das alles vorgebracht habe; denn wir dürfen nicht von unserm Gegenstand abschweifen. „Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen.“ So ist es; aber — und das ist der Grund, warum wir Das alles berührten — aber warum erinnert er sie an das alte Gesetz? Denn er sagt zu ihnen: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht ehebrechen.“ Er wußte, daß das Gebot schwer sei, nicht seiner eignen Natur nach, sondern wegen der Trägheit derer, die es hören. Denn manches Leichte an sich wird schwer durch unsere Trägheit; wie andererseits das Schwere leicht und ganz angenehm wird durch unsern Eifer. Denn die Schwierigkeit liegt nicht in der Natur der Dinge, sondern in dem Willen Derer, die damit umgehen. Daß Dieses wahr sei, erhellet aus Folgendem. Der Honig ist von Natur aus süß und sehr angenehm, allein den Kranken erscheint er bitter und unangenehm, jedoch nicht vermöge seiner eignen Natur, sondern wegen der Krankheit der Leute. So ist es auch mit dem Gesetz; scheint es beschwerlich zu sein, so kömmt das nicht von seiner eignen Natur, sondern von unserer Trägheit. Es ist nicht schwer zu beweisen, daß es leicht zu beobachten sei: denn was dasselbe schwer macht, ist etwas Anderes, als er sagte. Denn jetzt spricht er: „Fliehe vor dem Anblick des Weibes, entfliehe der Ausschweifung.“ Das Gegentheil davon wäre schwer gewesen, wenn er gesagt hätte: „Schaue nach den Frauen, beobachte vorwitzig fremde Schönheiten und beherrsche dennoch deine Begierde.“ Das wäre schwer gewesen; denn zu sagen: meide den Ofen, gehe vom Feuer weg, nähere dich der Flamme nicht, damit du nicht verletzt werdest, das ist sehr leicht; denn dieses Gebot ist natürlich. „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht ehebrechen.“ Warum erinnert er uns also an’s alte Gesetz, da er ein neues einführen will? Damit du aus der Vergleichung erkennst, daß dieses mit jenem nicht im Widerspruch steht. Denn wenn man eine Vergleichung anstellt, so wird die Beurtheilung leichter. Denn weil Einige den Einwurf gemacht haben würden, daß er Dieses sagte, um das Gegentheil vom andern Gesetz zu gebieten, so sagte er: Siehe, ich stelle beide Gebote zusammen; prüfe sie und lerne ihre Übereinstimmung. Er that dieses nicht bloß deßwegen, sondern auch um zu zeigen, daß das Gebot auch leicht sei und recht zeitgemäß eingeführt wurde. Deßwegen sagt er: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen.“ So lange Zeit habt ihr euch im alten Gesetze geübt. Er macht es wie ein Lehrer, der einen trägen Knaben, welcher stets bei den ersten Lehren stehen bleiben will, zu den höhern Kenntnissen zu führen gedenkt und sagt: „Bedenke doch, wie lange Zeit du dich schon bei diesem Gegenstand aufgehalten hast!“ So erinnert auch Christus (die Juden), daß sie schon lange das alte Gesetz gehalten und sich in demselben geübt haben, und daß es nun Zeit sei, ein höheres anzunehmen; darum führt er das den Vätern gegebene Gebot an mit den Worten: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen.“ Das wurde zu den Alten gesagt. „Ich aber sage euch.“ Hätte er das zu den Alten gesagt, so könntest du mit Recht dich beklagen, weil damals euere5 Natur noch unvollkommener war. Als sie aber wuchs und vollkommener wurde, so kam auch die Zeit für vollkommenere Gesetze. Deßhalb spricht er, da er das Gesetz geben will, damit Niemand beim Anblick der höhern Weisheit sich träge zurückziehe: „Wenn euere Gerechtigkeit nicht vollkommner ist, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“ Du verlangst von mir eine größere Anstrengung? Warum? Habe ich nicht mit jenen dieselbe Natur? Bin ich nicht Mensch, wie sie? Damit sie nicht sagen: Warum legt er uns diese Beschwerden auf? Warum setzt er uns einem härtern Kampf aus? Deßwegen kömmt er dem Einwurf zuvor und redet vom Himmelreiche. Ich gebe größere Belohnungen, sagt er. Wenn er von Mühsalen spricht, wenn er von Kämpfen redet, wenn er das Gesetz erweitert, so erinnert er auch an den Kampfpreis. „Denn ich gebe euch nicht Palästina,“ sagt er, „nicht das Land, das von Milch und Honig fließt, sondern ich biete euch den Himmel selbst an.“ Aber wir ernten nicht nur einen größern Lohn bei Erfüllung der Pflichten, sondern ziehen uns auch eine größere Züchtigung zu bei Unterlassung derselben. Diejenigen, welche vor dem Gesetze gesündiget haben, erdulden eine leichtere Strafe, als Jene, welche im Gesetze gesündiget haben: „Denn welche ohne Gesetz gesündiget haben, werden auch ohne Gesetz zu Grunde gehen,“ d. h. das Gesetz wird sie nicht anklagen; „jedoch,“ heißt es, „will ich nach der Natur selbst unter den Gedanken, die sich einander verklagen und entschuldigen, das Urtheil fällen.“ Ebenso werden Diejenigen, welche im Gesetze fehlen und unter der Gnade Sünden begehen, härtern Strafen verfallen. Paulus selbst zeigt diesen Unterschied so mit den Worten: „Wenn Jemand das Gesetz Mosis übertritt, der muß sterben sonder Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. Wie viel härtere Strafen, glaubt ihr, wird Der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Testamentes, durch das er geheiliget ist, unrein erachtet und den Geist der Gnade schändet?“ Siehst du, daß unter der Gnade die Strafe härter, aber auch der Kampfpreis ein größerer ist? Weil ich euch aber an die heiligen, schrecklichen und geistlichen Geheimnisse (des Altares) erinnert habe, bitte und beschwöre ich euch und flehe euch recht inständig an, jegliche Sünde abzulegen und so euch diesem furchtbaren Tische zu nahen. „Befleissiget euch des Friedens mit Jedermann,“ heißt es, „und der Heiligung, ohne welche Niemand Gott sehen wird.“ Wer aber nicht würdig ist, den Herrn zu sehen, verdient auch keine Gemeinschaft am Leibe des Herrn. Deßwegen spricht Paulus: „Jeder prüfe sich selbst und dann esse er von diesem Brode und trinke von diesem Kelche.“ Er hat die Wunde nicht aufgedeckt, nicht vor aller Welt Klage geführt, keine Zeugen deiner Verbrechen gestellt. In dir selbst, in deinem Gewissen, wo Niemand ausser dem allsehenden Gott ist, halte Gericht und erforsche deine Fehler, durchgehe das ganze Leben und rufe die Sünden dir in’s Bewußtsein: bessere, was du Böses gethan, und nahe dich so mit reinem Gewissen dem heiligen Tische und mache dich theilhaftig des heiligen Opfers. Das wollen wir im Herzen behalten und uns erinnern an Das, was wir von der Wollust gesagt haben, und welche Strafe Jenen bevorsteht, die ohne Umstände und unzüchtig Frauengesichter begaffen. Noch mehr als die Furcht vor der Hölle wollen wir die Furcht und Liebe Gottes vor Augen haben, uns selbst durch und durch reinigen und so den heiligen Geheimnissen nahen, auf daß sie uns nicht zum Gerichte und zur Verdammung gereichen, sondern auf daß wir sie zum Heile und zur Gesundheit der Seele und als beständiges Unterpfand dieses Heiles empfangen in Christo Jesu unserm Herrn, dem Ehre und Herrschaft gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Siebente Homilie über die Buße und über die Reue, sowie, daß Gott sich beeilt, unser Heil zu befördern, und zögert, uns zu bestrafen. Dazu eine auffallende Geschichte über die Rahab.

Lob über den heil. Paulus, der als Herold des Herrn den Büßern Gnade verkündet. Der Weg zur Buße steht allen Sündern offen. Die Langmuth Gottes will sowohl die Sünder selbst bessern, als auch ihren Nachkommen diese Wohlthat zuwenden. Beispiele: Tharra, Esau, die Aegyptier; Paulus, der Zöllner, wir selbst. Ueberall erscheint Gott streng gegen die Gerechten, barmherzig gegen die Sünder. Beides ist heilsam; den Gerechten stärkt er durch die Furcht, den Sünder weckt er durch die Barmherzigkeit auf. Die zwei Schuldner bei Matth. 18, 26 und Luk. 19, 23. Der Tugendhafte ist vor Gott reich, der Sünder ein Bettler; daher fordert er vom Erstern strenge Verantwortung, des Letztern — des armen Sünders — erbarmt er sich. So macht es Gott auch auf Erden: gegen die Machthaber redet er furchtbar (Ps. 2, 10), den Armen erscheint er als „Vater der Waisen und Richter der Wittwen“ (Ps. 67, 6). Ermahnung zur Buße, die sich durch Werke bewährt. Fortwährende Erinnerung an die begangenen Sünden bewahret vor künftigen. Gott vergibt schnell dem reumüthigen Sünder, der seine Frevel bekennt. David. Gott zögert aber zu strafen. Jericho. Rahab und ihre Rettung. Die Sünden sind die Ursache aller Uebel. Auch der Schmerz ist eine Frucht der Sünde; aber durch Trauer und Schmerz werden die Sünden hinwieder getilgt. Man muß aber schon vor der Zeit des Gerichtes den Richter versöhnen, was besonders durch Almosen geschieht: „Die Buße ohne Almosen ist todt.“ Der Hauptmann Kornelius. Wir haben dazu so viele Gelegenheiten und dann reichen Lohn zu erwarten: „Wer sich des Armen erbarmt, der leiht Gott auf Zinsen“ (Sprüchw. 19, 17). Gott zahlt hundert Procent und zwar vor aller Augen.

Der heilige Apostel Paulus bedient sich zwar immer einer göttlichen und himmlischen Sprache und ordnet mit tiefem Verständniß das evangelische Wort; er redet aber nicht einfach nach eigener Erkenntniß, sondern predigt seine Lehre als Gewalthaber des Herrn. Dieser Wissenschaft bedient er sich aber hauptsächlich dann, wann er sein Wort an die Sünder richtet, um ihnen Buße zu predigen. Diesen Gegenstand nun will ich euch allen in Erinnerung bringen. Ihr habt gehört, — um das Einzelne, was bereits gesagt worden ist, zu berühren, — wie jener wackere und bewunderungswürdige Mann zu den Korinthern sprach und sagte: „Damit ich etwa nicht, wenn ich komme, über Viele trauern müsse, die vorher gesündigt und nicht Buße gethan.“ Dieser Mann war zwar von Natur aus ein gewaltiger Lehrer, aber von Gott zu seiuem Diener erwählt; deßhalb bedient er sich gleichsam einer himmlischen Sprache und redet wie vom Himmel herab: so droht er den Sündern, so verkündet er den Büßern Sühnung. Wenn ich aber Das sage, so schreibe ich diese Gewalt nicht der Sprache des Paulus zu, sondern beziehe Alles auf die göttliche Gnade, worüber er selber spricht: „Verlangt ihr einen Beweis über den in mir redenden Christus?“ Den Sündern nun bietet er ein wohlthätig wirkendes Mittel und die Buße zu ihrem Heile. Es trifft aber heute mit der apostolischen Lesung auch das evangelische Ansehen des Erlösers zusammen, welches reichlichen Nachlaß der Sünden gewährt. Denn als der Erlöser den Gichtbrüchigen heilte, sprach er, wie ihr eben gehört, habt: „Sohn! Deine vielen Sünden sind dir vergeben.“ Die Vergebung der Sünden aber ist die Ouelle des Heiles und der Lohn für die Buße; denn die Buße ist ein Mittel, welches die Sünde hinwegnimmt; sie ist eine Gabe des Himmels, eine bewunderungswürdige Kraft, und übertrifft an Gnade die Befolgung der Gebote. Deßhalb weist sie keinen Hurer von sich, verscheucht keinen Ehebrecher, verschmäht keinen Säufer, verachtet keinen Götzendiener, vertreibt keinen Schmäher, verfolgt keinen Gotteslästerer, keinen Prahler, sondern Alle wandelt sie um; denn die Buße ist ein Schmelztiegel der Sünde. Vorerst müssen wir aber die Absicht Gottes kennen lernen, jedoch nicht so, daß wir diese Untersuchung durch unser eigenes Denken beginnen, sondern die Wahrheit aus den Zeugnissen der heiligen Schrift selbst erweisen. Wenn Gott gegen die Sünder langmüthig ist, so hat er dabei als huldvoller Retter einen doppelten Zweck: er gewährt den Büßern selbst das ewige Heil und spart dieselbe Wohlthat auch für ihre Nachkommen auf, welche den Pfad der Tugend wandeln wollen. Um es noch einmal zu sagen: Gott ist langmüthig, damit sowohl der Sünder sich bessere, als auch, um dessen Nachkommen den Weg des Heiles nicht zu versperren. Denn obgleich der Sünder selbst unbußfertig dahinlebt, so verschont Gott nicht selten die Wurzel, um die Früchte zu schützen: oft aber wandelt er auch die Wurzel selbst um, wie ich vorher gesagt habe. Ist aber diese gänzlich dem Verderben verfallen, so verschiebt Gott heilsam die Strafe und wartet, damit sie als Büßer selig werden. Höre, wie das geschieht. Tharra, Abrahams Vater, war ein Götzendiener. Aber nicht Dieser erlitt die Strafe des Frevels und zwar mit Recht: denn hätte Gott die Wurzel vernichtet, woraus hätte eine solche Frucht des Glaubens zu sprießen vermocht? Wer war schlechter, als Esau? Siehe da einen Beweis einer andern Milde. Gab es wohl eine unverschämtere Bosheit? War er nicht ein Hurer und Verächter des Heiligen, wie der Apostel sagt? War er nicht ein Mutter- und Vatermörder? War er nicht ein Brudermörder, wenigstens der Gesinnung nach? War er nicht von Gott gehaßt, wie die Schrift bezeugt, indem sie sagt: „Jakob liebei ch. Esau aber hasse ich.“ Ist also Jemand ein Hurer, ein Brudermörder, ein Verächter des Heiligen, ein Gegenstand des Hasses, warum wird er nicht vertilgt? Warum nicht ausgerottet? Warum empfängt er nicht gleich die verdiente Strafe? Warum? Wahrlich, es ist schön auch den Grund anzugeben. Wäre er vertilgt worden, so wäre die Welt der herrlichsten Frucht der Gerechtigkeit verlustig geworden. Höre nun, welcher Frucht. „Esau zeugte Raguel. Raguel Zara, Zara Job.“ Siehst du, welch große Blume der Geduld vertilgt worden wäre, hätte Gott vorgreifend die Strafe von der Wurzel geheischt?

Mache nun diese Betrachtung bei allen Ereignissen. Darum ist Gott langmüthig gegen die Ägyptier, die da unerträgliche Gotteslästerungen ausstoßen: wegen der jetzt in Ägypten blühenden Kirchen, wegen der Klöster und wegen Derjenigen, die ein englisches Leben führen. Denn wie die Lehrer des öffentlichen Rechtes behaupten, und die römischen Gesetze gebieten, darf eine Schwangere, wenn sie ein todeswürdiges Verbrechen begangen, nicht eher, als sie geboren, umgebracht werden. Und das ist ganz in der Ordnung; denn die wackern Gesetzgeber hielten es nicht für gerecht, daß die Unschuld mit der Schuldigen sterbe. Wenn aber die menschlichen Gesetze Diejenigen schonen, die nichts Böses gethan, wird Gott nicht um so mehr die Wurzel bewahren, indem er für die Früchte der Buße die Wohlthat aufspart? Nimm übrigens die Wohlthat der Buße auch bei den Sündern selbst an; denn auch bei ihnen gilt der nämliche Grund dieser Gnadenerweisung. Denn wäre die Strafe der Besserung vorausgegangen, so hätte die Welt gänzlich vertilgt werden und zu Grunde gehen müssen. Hätte Gott sich beeilt Strafe zu üben, so hätte die Kirche keinen Paulus erhalten, keinen solch gewaltigen Mann, überkommen. Deßhalb ertrug Gott den Lästerer, um ihn uns dann als Büßer zu zeigen. Die Langmuth Gottes machte aus dem Verfolger einen Herold; die Langmuth Gottes wandelte den Wolf in einen Hirten um; die Langmuth Gottes machte aus dem Zöllner einen Evangelisten; die Langmuth Gottes hat sich unser Aller erbarmt. Alle umgewandelt, Alle bekehrt. Wenn du siehst, daß der frühere Säufer nun faste; wenn du siehst, daß der ehemalige Gotteslästerer nun von göttlichen Dingen rede; wenn du siehst, daß Der, welcher vorher den Mund durch schändliche Lieder beschmutzte, nun seine Seele durch heilige Hymnen reinige: so bewundere die Langmuth des Herrn, preise die Buße und aus dieser Umwandlung nimm Anlaß zu sagen: „Diese Umwandlung ist ein Werk der Rechten des Allerhöchsten.“ Gott ist zwar gegen Jedermann gütig, besonders aber zeigt er seine Langmuth gegen die Sünder. Und willst du einen fremdartig klingenden Ausspruch vernehmen, — fremdartig für die gewöhnliche Welt, aber wahr für den frommen Sinn — so hör’ ihn! Überall erscheint Gott streng gegen die Gerechten, milde aber gegen die Sünder und schnell Gnade zu üben. Den Sünder, der gefallen ist, richtet er auf und spricht zu ihm: „Steht Der, welcher fällt, nicht wieder auf? Oder kehrt Der, welcher sich abwendet, nicht wieder um?“ Und: „Warum hat sich die unverständige Tochter Juda in schmählicher Abkehr weggewendet?“ Und wieder: „Bekehret euch zu mir, und ich werde mich zu euch bekehren.“ Und an einer andern Stelle bekräftigt er aus übermäßiger Güte durch einen Eidschwur, daß die Buße zur Seligkeit führe. „So wahr ich lebe, ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe.“ Zum Gerechten aber spricht er: „Wenn ein Mensch die ganze Gerechtigkeit und die ganze Wahrheit übt, aber umkehrt und sündigt, so werde ich mich nicht an seine Gerechtigkeit erinnern, sondern er wird in seiner Sünde sterben.“ O welche Strenge gegen den Gerechten, welch reiches Erbarmen gegen den Sünder! So handelt er zwar verschieden und ungleich, ohne sich selber zu ändern; er vertheilt nur auf eine nützliche Weise die Schätze seiner Gnade. Vernimm, wie das geschieht. Würde Gott den Sünder und Den, der in seinen Sünden verharret, erschrecken, so triebe er ihn zur Verzweiflung und zum Aufgeben der Hoffnung; würde er aber den Gerechten beloben, so würde er den Tugendhelden zum Hochmuth verleiten und bewirken, daß der Gelobte in seinem Eifer erkalte. Deßhalb hat er mit dem Sünder Erbarmen, erschreckt aber den Gerechten; denn „furchtbar ist er gegen Alle, die in seinem Umkreise sind,“ und „milde ist der Herr gegen Alle.“ „Furchtbar,“ heißt es, „ist er gegen Alle, die in seinem Umkreise sind.“ Und wer können Diese wohl sein, als die Heiligen? „Denn Gott,“ spricht David, „welcher im Rathe der Heiligen verherrlicht wird, ist groß und furchtbar gegen Alle, die in seinem Umkreise sind.“ Sieht er einen Gefallenen, so reicht er ihm die Hand der Versöhnung; sieht er einen, der steht, so flößt er ihm Furcht ein; und das ist ein Akt der Gerechtigkeit und eines gerechten Urtheils. Denn den Gerechten stärkt er durch die Furcht, den Sünder aber weckt er durch die Barmherzigkeit auf. Willst du wissen, daß seine Güte zeitgemäß und seine Strenge für uns nützlich und angemessen sei? Gib fleissig Acht, damit dir die Wichtigkeit dieser Betrachtung nicht entgehe. Jenes sündige Weib, das sich der ganzen Sündhaftigkeit und Gesetzübertretung schuldig bekannte, das so viele Sünden begangen, an so vielen Freveln betheiliget war, dürstete nach der heilsamen Reue und schlich sich hin zum Gastmahl der Heiligen. Ich nenne es aber ein Gastmahl der Heiligen, weil der Heilige der Heiligen anwesend war. Denn als der Heiland im Hause des Pharisäers Simon zu Tische saß, trat jenes sündige Weib ein, berührte die Füße des Heilandes, wusch dieselben mit ihren Thränen und trocknete sie mit den Haaren. Und der Heiland richtete Jene, die durch so viele Sünden von ihm getrennt war, huldvoll auf mit den Worten: „Ihre Sünden sind ihr vergeben.“ Denn es ist nicht meine Absicht, die ganze Geschichte jetzt zu erzählen; ich will nur ein Zeugniß anführen. Betrachte nun die überschwengliche Milde: „Deßwegen sage ich dir: Es werden ihr die vielen Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat.“ Die Verzeihung so vieler Sünden also hat das sündige Weib mit sich genommen. Maria aber, die Schwester des Moses, wurde, weil sie ein wenig gemurrt hatte, mit dem Aussatze bestraft. Zu den Sündern spricht er: „Wären euere Sünden roth wie Scharlach, so werde ich sie weiß machen wie Schnee.“ Er verwandelt die Finsterniß in Licht, wenn der Sünder durch die Buße sich ändert, und löst die zahllosen Sünden durch das Wort seiner Gnade. Zu dem aber, der in der Gerechtigkeit wandelt, spricht er: „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Für ein Wort also hat er eine solche Strenge bestimmt, und bei zahllosen Sünden übt er eine solche Großmuth!

Betrachte auch eine andere Merkwürdigkeit. Da die Sünden gleichsam als Schulden verzeichnet werden, so schenkt Gott den Sündern, wenn sie Buße thun, auch das Kapital, von den Gerechten aber fordert er sogar die Zinsen. Es trat Einer zu ihm, der viele Talente schuldete und gleichsam durch Reue und inständiges Flehen den Urtheilsspruch milderte: „Herr! Habe Geduld mit mir, und ich werde Alles bezahlen.“ Der gütige Herr wartete nicht, bis er zahlen konnte, sondern ließ das Bekenntniß an Zahlungs Statt gelten. Er schenkte dem Schuldner von zehntausend Talenten das Ganze, ja das Kapital selbst. Von den Gerechten aber sagt er, daß er auch die Zinsen fordern werde: „Warum habt ihr mein Geld nicht bei den Wechslern angelegt, damit ich dasselbe, wenn ich wieder käme, mit Zinsen zurückfordern könnte?“ Das sage ich, nicht als wenn Gott gegen die Gerechten feindselig wäre; denn Gott liebt Niemanden mehr, als den Gerechten; sondern er tröstet, wie ich oben gesagt, den Sünder, um ihn aufzuwecken; er schreckt aber auch den Gerechten, um ihn zu stärken. Den Sündern, seinen stolzen Feinden, verzeiht er die vielen Vergehen; den Gerechten aber fordert er auch über Geringfügiges strenge Rechenschaft ab, indem er will, daß ihnen Nichts mangle zur äussersten Vollkommenheit. Denn was der Reiche in der Welt ist, das ist der Gerechte vor Gott, und was in der Welt der Arme ist, das ist der Sünder vor Gott: es gibt keinen ärmern Bettler, als den Sünder, und keinen reichern Mann, als den Gerechten. Deßhalb sagt Paulus von Jenen, die in der Frömmigkeit und in der Fülle der Tugend verharren: „Ich danke Gott, daß ihr in Allem durch ihn reich geworden seid in aller Lehre und in aller Erkenntniß.“ Von den Gottlosen aber spricht der heilige Jeremias: „Vielleicht sind es Arme, weßhalb sie das Wort Gottes nicht zu hören vermochten.“ Siehst du, wie er Diejenigen Arme nennt, die sich von der Tugend getrennt haben? Er erbarmt sich also der Sünder, als wären sie arm; von den Gerechten aber fordert er Rechenschaft, als wären sie reich; gegen Jene zeigt er sich gnädig ob ihrer Armuth, von diesen aber fordert er ob des Reichthums der Tugend mit großer Strenge Verantwortung. Was er aber bezüglich der Gerechten und Sünder vornimmt, das thut er auch hinsichtlich der Reichen und Armen, und wie er den Sünder durch Milde erweckt, den Gerechten aber durch die Strafe erschreckt, so befolgt er diese Ordnung auch in weltlichen Dingen. Sieht er Machthaber, die in Würden erglänzen, Könige, Fürsten und Alle, die sich durch Reichthum hervorthun, so redet er furchtbar zu ihnen und versetzt so die Mächtigen in einen heilsamen Schrecken. „Und nun, ihr Könige, werdet verständig, laßt euch belehren, ihr alle, die ihr die Erde richtet. Dienet dem Herrn mit Furcht und frohlocket ihm mit Zittern;“ weil er „der König der Könige und der Herr der Herrscher ist.“ Wo herrschende Macht ist, dort offenbart er seine furchtbare eigene Macht; wo sich aber demüthige Erniederung findet, dort kömmt er mit seiner Gnade zu Hilfe. Denn Gott ist dieser große König der Könige und der Herr der Herrscher. Dieser nämliche nun steigt hinwieder von seinem Throne herab und erscheint in der heiligen Schrift als „Vater der Waisen und Richter der Wittwen,“ der König der Könige, der Herr der Herrscher. Siehst du die überschwengliche Fülle der Gnade? Siehst du die heilsame Furcht für Tugend und Macht? Denn wo er sich selbst genügende Mächthaber sieht, dort bedient er sich der heilsamen Furcht; wo er aber schmählich unterdrückte Waisen und Arme, schwache und geplagte Wittwen erblickt, dort zeigt er seine tröstende Milde. „Ich bin der Vater der Waisen.“ Zweierlei thut er; er zeigt seine Milde und züchtigt die Magd. Er nennt sich selbst einen Vater der Waisen, um den Elenden Trost zu gewähren und die Mächtigen zu schrecken, damit sie Wittwen und Waisen nicht zu belästigen wagen. Da raubt der Tod einem den Vater, dort einer den Mann; was das Naturgesetz hingerafft hat, das ersetzt die himmlische Milde. Die nämliche Gnade gab der Wittwe den Richter, dem Verwaisten als Vater den König der Heiligen. Deßhalb heißt es: O Frevler, wenn du eine Wittwe übermüthig behandelst, so reizest du den Sachwalter der Wittwen; wenn du gegen Verwaiste ungerecht bist, so vergehst du dich an Kindern Gottes. „Ich bin der Vater der Waisen und der Richter der Wittwen.“ Siehst du, wie heilsam er die Tugendmittel bereitet, indem er die Einen erschreckt, der Andern sich aber erbarmt? Er ist da nicht mit sich selber in Zwiespalt, sondern richtet sich nur nach dem Erkenntnißvermögen der Menschen. Gebrauchen wir also, ihr Brüder, die Buße als ein Mittel zu unserem Heile; oder besser gesagt: Greifen wir nach der Buße, die uns von Gott kommt, um uns selig zu machen; denn nicht wir bringen Diese ihm dar, sondern er spendet sie uns. Siehst du seine Strenge im Gesetze? Siebst du seine Milde in der Gnade? Wenn ich aber die Strenge im Gesetze anführe, so tadle ich diese Einrichtung nicht, sondern ich preise nur die Milde in der evangelischen Gnade, weil das Gesetz die Sünder unerbittlich bestrafte, die Gnade aber die Strafe gar langmüthig aufschiebt, um die Besserung herbeizuführen. Greifen wir also zur Buße, ihr Brüder, dem Mittel selig zu werden; nehmen wir die Arznei, die unsere Sünden austilgt. Das ist aber keine Buße, die man bloß mit Worten anpreist; die Buße muß sich durch Werke bewähren; das ist Buße, was die Makel der Sünde aus dem Herzen selber auslöscht. Denn es heißt: „Waschet euch, ihr sollet rein sein; entfernt die Bosheit aus euern Herzen vor meinen Augen.“ Was bedeutet denn der Überfluß in dieser Rede? Denn genügte es nicht zusagen: „Entfernet die Bosheit aus euern Herzen,“ um das Ganze zu bezeichnen? Warum setzt er denn bei: „Vor meinen Augen?“ Weil die Augen der Menschen anders sehen, als das Auge Gottes sieht. Denn „der Mensch schaut auf das Gesicht (das Äussere), Gott sieht aber in’s Herz.“ „Verfälschet,“ heißt es, „die Buße nicht durch den Schein, sondern zeiget die Früchte der Buße vor meinen Augen, die das Verborgene durchforschen.“

Es ist aber unsere Pflicht, wenn wir von den Sünden gereiniget sind, dieselben vor Augen zu haben. Denn obgleich Gott in seiner Barmherzigkeit dir die Sünde ver-gibt, so behalte doch du sie zur Sicherstellung deiner eigenen Seele vor Augen; denn die Erinnerung an die vorausgegangenen Fehler hält von künftigen ab, und wer über die frühern bittere Reue empfindet, wird für die Zukunft behutsamer sein. Deßhalb spricht David: „Und meine Sünde ist vor mir alle Zeit,“ damit er so die frühern vor Augen habe und nicht mehr in künftige falle. Daß aber Gott von uns diese Beschaffenheit fordert, darüber höre sein eigenes Wort: „Ich bin es, der deine Sünden auslöscht, und ich werde nicht mehr daran denken; du aber denke daran, und wir werden dann rechten, spricht der Herr. Bekenne du zuerst deine Sünden, damit du gerechtfertigt werdest.“ Gott wartet nicht auf die Zeit der Buße: Du bekennst deine Sünde, und du bist gerechtfertigt; du thust Buße, und du erlangst Barmherzigkeit. Nicht die Zeit entsündigt, sondern der Wandel des Büßers tilget die Sünde. Es kann sein, daß Jemand lange Zeit wachsam gewesen und doch das Heil nicht erlange, und daß Jemand, der in kurzer Frist eine aufrichtige Beicht abgelegt hat, die Sünde austilge. Samuel verschwendete eine lange Zeit, indem er für Saul Fürbitte einlegte, und hat viele Nächte durchwacht, um den Sünder zu retten. Gott aber achtete nicht auf die Zeit (denn die Buße des Frevlers entsprach nicht der Fürbitte des Propheten) und sprach zu seinem Propheten: „Wie lange noch trauerst du über Saul, und ich habe ihn verworfen?“ Jenes: „Wie lange noch“ zeigt die Zeit an und die Ausdauer des Fürsprechers; und Gott wies die Zeit des fürsprechenden Propheten zurück: denn die Buße des Königs stand nicht in Einklang mit der Vermittelung des Gerechten. Dem Könige David aber, welcher vom hl. Propheten Nathan den Vorwurf ob der Sünde hinnahm und gleich nach der Drohung wahre Besserung zeigte und sprach: „Ich habe vor dem Herrn gesündigt,“ hat ein einziges Wort, das er als Büßer in einem Augenblick sprach, vollkommene Sühnung gebracht; denn seinem Worte folgte sofort die Änderung seiner Gesinnung. Daher sprach Nathan zu ihm: „Und der Herr hat deine Sünde verziehen.“ Siehe da, wie Gott zögert zu strafen und eilet zu retten. Und betrachte zuvörderst, wie der barmherzige Gott nach langer Zeit diese Zurechtweisung gab; David hatte gesündigt, das Weib ging schwanger, und es erfolgte keine Rüge auf diese Sünde. Aber nachdem das Kind der Sünde das Licht des Tages erblickt, wird der Arzt der Sünde gesendet. Warum hat er aber den Sünder nicht gleich zurechtgewiesen? Weil er wußte, daß das Herz der Sünder beim Beginne der Frevel verblendet ist, daß ihre Ohren, die sich in die Tiefe der Sünde versenkten, verstopft sind. Er verschiebt also die Anwendung des Mittels, so lange die Leidenschaft wallt, und nach so langer Zeit kömmt die Zurechtweisung, und in demselben Augenblicke Buß’ und Verzeihung. „Und der Herr hat deine Sünde verziehen.“ Welch’ heilsames Vorgehen des drohenden Herrn! Siehst du, daß er schnell ist zu retten? So macht er es auch in andern Dingen; er zögert niederzureissen, beeilt sich aber, Hilfe zu leisten. Ich gebe ein Beispiel davon. Wir Menschen brauchen zu unsern Bauten einen gewaltigen Zeitraum, ja lange Zeit, um ein Haus herzustellen: das Bauen derart lang, die Zerstörung geht schnell. Bei Gott aber findet das Gegentheil Statt: Wenn er baut, so baut er schnell; wenn er zerstört, zerstört er langsam. Gott ist schnell im Aufbauen, langsam im Zerstören; Beides geziemt sich für Gott; denn jenes ist ein Beweis seiner Macht, dieß ein Beweis seiner Güte: durch seine unendliche Macht ist er schnell, durch die Fülle seiner Güte ist er langsam. Die thatsächliche Erfahrung ist der Beweis für diese Behauptung. In sechs Tagen hat Gott den Himmel und die Erde erschaffen, die mächtigen Berge, die Ebenen, die Thäler, die Schluchten, die Wälder, die Quellen, die Flüsse, das Paradies, die ganze bunte sichtbare Natur, dieses große und geräumige Meer, die Inseln, die Küsten- und Binnenländer, diese ganze sichtbare Welt und die Pracht auf derselben hat Gott in sechs Tagen gemacht; und die lebenden Wesen darauf, die vernünftigen und vernunftlosen, und die ganze sichtbare Herrlichkeit machte Gott in sechs Tagen! Als nun dieser schnelle Baumeister mit sich selber zu Rath’ ging, wie er eine Stadt zerstören könnte, so zeigte er sich zaudernd ob seiner Güte. Er will Jericho zu Grunde richten und spricht zu Israel: „Umgehet die Stadt sieben Tage und am siebten Tage wird die Mauer fallen.“ Die ganze Welt bauest du in sechs Tagen, und eine Stadt zerstörst du in sieben Tagen? Was lähmt deine Macht? Warum richtest du sie nicht plötzlich zu Grunde? Ruft nicht von dir der Prophet aus mit den Worten: „Wenn du den Himmel öffnest, so wird der Schrecken von dir Berge erfassen, und sie werden schmelzen wie Wachs vor dem Antlitz des Feuers.“ Spricht nicht David, der die Werke deiner Macht schildert: „Wir werden uns nicht fürchten, wenn auch die Erde erbebte, und die Berge versetzt würden mitten in’s Meer.“ Berge kannst du versetzen und sie in’s Meer werfen, und eine widerspenstige Stadt willst du nicht zerstören, sondern bestimmst sieben Tage sie zu vernichten? Warum? Es fehlt nicht die Macht, sondern die Barmherzigkeit zeigt ihre Langmuth. „Ich gewähre sieben Tage, wie Ninive drei: vielleicht gehorcht sie der Bußpredigt und wird gerettet.“ Und wer predigt ihnen die Buße? Die Feinde umlagern die Stadt; der Feldherr umschließet die Mauern; ringsum Furcht, ringsum Schrecken; welchen Weg zur Buße öffnest du ihnen? Denn hast du einen Propheten gesendet? Hast du einen Herold geschickt? War Jemand, der ihnen einen nützlichen Rath gab? „Ja,“ heißt es, „sie hatten einen Lehrer der Buße mitten unter sich, jene bewunderungswürdige Rahab, die ich durch die Buße gerettet.“ Sie war aus derselben Masse gebildet; weil sie aber nicht dieselben Gesinnungen hegte, nahm sie nicht Theil an der Sünde, eben weil sie nicht ungläubig war.

Siehe da eine neue Verkündung der Milde: Der im Gesetze gesagt hat: „Du sollst nicht ehebrechen,“ du sollst nicht huren, hat diesen Ausspruch aus Milde geändert und ruft durch den seligen Jesus: „Rabab die Hure soll leben.“ Jener Jesus, der Sohn des Nave, der da spricht: „Die Hure soll leben,“ war ein Vorbild des Herrn Jesus, der sagt: „Huren und Zöllner werden eher in’s Himmelreich eingeben, als ihr.“ Wenn sie leben soll, warum ist sie eine Hure? Wenn sie eine Hure ist, warum soll sie leben? Ich bezeichne, sagt er, ihren frühern Zustand, damit du die folgende Umwandlung bewundern mögest. Und was hat denn Rahab Ersprießliches für ihre Rettung gethan? Etwa daß sie die Kundschafter freundschaftlich aufnahm? Das thun ja die Gasthäuser auch? Jedoch nicht aus der Rede allein schöpft sie das Heil, sondern hauptsächlich aus dem Glauben und der Liebe zu Gott. Und damit du die Größe ihres Glaubens erkennest, so höre darüber die Schrift, die ihre herrlichen Thaten erzählt. Sie war in einem Hause der Unzucht, wie ein im Schmutze begrabener Edelstein, ein im Kothe liegendes Goldstück, eine von Dornen umrankte Blume der Gottseligkeit, eine fromme Seele an eine Stätte des Frevels gebannt. Merke mir nun fleissig auf. Rahab nahm die Kundschafter auf und verkündete Den, welchen Israel in der Wüste verrathen, im Hause der Unzucht. Warum erwähne ich wohl Israels in der Wüste? Als der Berg sich in eine dunkle Wolke gehüllt, Trompeten erschallten, und er von Blitzen und andern furchtbaren Dingen erfüllt war, vernahm Israel Gott aus der Mitte des Feuers: „Höre Israel! Der Herr ist dein Gott; es ist ein Herr. Du sollst keine andern Götter haben. Ich bin oben im Himmel und unten auf der Erde, und ausser mir ist kein Gott.“ Als Israel Das hörte, goß es ein Kalb und verschmähte Gott, verkannte den Herrn, wies seinen Wohlthäter ab und sprach zu Aaron: „Mache uns Götter!“ Wenn es Götter sind, warum sagst du: Mache! Wie sind das Götter, die man machen kann? So bekämpft die blinde Bosheit sich selber und zerstöret sich selbst. Ein Kalb wurde gemacht, und das undankbare Israel schreit: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Lande Ägypten geführt.“ Das sind die Götter. Israel sieht nur ein Kalb, nur ein gemachtes Götzenbild; warum also: „Dieß sind die Götter?“ Um zu zeigen, daß es nicht bloß Das, was es sieht, anbete, sondern auch noch prahle mit der Vielgötterei; es äussert so seine Gesinnung und beurtheilt nicht, was es sieht. Kehren wir aber wieder zu unserm Gegenstande zurück. Was Israel, umgeben von solchen Wundern, geleitet durch ein solches Gesetz gehört und von sich gewiesen hatte, das verkündete Rahab in der Klause der Unzucht. Denn sie sagt zu den Kundschaftern: „Wir wissen, wie Großes euer Gott den Ägyptiern gethan hat.“ Der Jude spricht: „Das sind deine Götter, die dich aus Ägypten geführt haben;“ und die Hure schreibt die Rettung Gott, nicht den Göttern zu: „Wir wissen, wie Großes euer Gott den Ägyptiern in der Wüste gethan; wir hörten es, und es schmolz unser Herz, und es ist keine Kraft mehr in uns. Wir wissen, wie Großes euer Gott gethan hat.“ Siehst du, wie sie das Wort des Gesetzgebers durch den Glauben aufnimmt? „Und ich weiß, daß euer Gott oben im Himmel und unten auf der Erde ist; und ausser ihm gibt’s keinen Gott.“ Rahab ist ein Bild der Kirche und zwar derjenigen, die sich einst beim Abfall der Engel befleckte, jetzt aber die Kundschafter Christi aufnimmt, die von Jesus, dem wahren Erlöser, nicht von Jesus, dem Sohne des Nave, gesandten Apostel: „Ich weiß,“ heißt es, „daß euer Gott oben im Himmel und unten auf der Erde ist; und ausser ihm gibt’s keinen Gott.“ Diese Lehre überkamen die Juden, und sie befolgten sie nicht; diese Lehre hörte die Kirche, und achtete darauf. Rahab, das Vorbild der Kirche, verdient daher jegliches Lob. Deßhalb hält sie auch der heilige Paulus, nachdem er den Werth ihres Glaubens erfaßt, nicht für verwerflich wegen ihres frühern Standes, sondern für tadellos wegen der göttlichen Umwandlung und zählt sie allen Heiligen bei, und nachdem er gesagt: „Durch den Glauben hat Abel sein Opfer gebracht: durch den Glauben hat Abraham Dieß und Jenes gethan; durch den Glauben hat Noe die Arche gebaut, durch den Glauben Moses diese und jene Werke vollführt;“ und nachdem er viele andere Heilige aufgezählt hat, fügt er schließlich noch bei: „Durch den Glauben ging Rahab, die Hure nicht zu Grunde mit den Ungläubigen, weil sie die Kundschafter aufnahm und sie auf einem andern Wege entließ.“ Und siehe, mit welcher Klugheit sie in ihrer edlen Gesinnung Maaß zu halten verstand. Denn als vom Könige Boten gesandt wurden, welche die Kundschafter suchten, stellen sie die Frage an sie: „Sind Männer zu dir eingetreten?“ Sie gibt ihnen eine bejahende Antwort. Sie stellt die Wahrheit voran und geht so zur Täuschung über. Denn nie wird man eine Lüge schlechterdings glauben, wenn man nicht vorerst die Wahrheit zu zeigen bemüht ist. Deßhalb sagen Diejenigen, welche auf eine überzeugende Weise zu lügen gedenken, zuerst die Wahrheit und Das, was Allen einleuchtet, und dann bringen sie das Falsche und Zweideutige. „Sind Kundschafter zu dir eingetreten?“ Sie antwortet: Ja. Denn hätte sie anfänglich eine verneinende Antwort gegeben, so hätte sie die Boten zum Nachforschen gereizt. Sie aber sagt: „Es sind (Männer) eingetreten und auf diesem Wege hinausgegangen, verfolget sie, und ihr werdet sie erwischen.“ O herrliche Lüge! O vortreffliche List, die das Göttliche nicht verräth und die Menschenfreundlichkeit wahrt! Wenn also die Buße jene Raha würdig gemacht, das Heil zu erlangen, und wenn sie der Mund selbst der Heiligen preist, indem Jesus, Nave’s Sohn, in der Wüste ausruft: „Die Hure Rabab soll leben,“ und indem Paulus spricht: „Durch den Glauben ist Rahab, die Hure, mit den Ungläubigen nicht zu Grunde gegangen“ — um wie viel mehr werden wir, wenn wir Buße wirken, Rettung erlangen? Jetzt ist die Bußzeit; denn wir müßten uns sehr fürchten vor unsern künftigen Sünden, wenn nicht die Buße der Strafe zuvorkommt. „Lasset uns frühzeitig mit unserm Bekenntniß vor sein Angesicht kommen!“ Löschen wir den Scheiterhaufen der Sünden, nicht durch vieles Wasser, sondern durch einige Thränchen. Groß ist das Feuer der Sünde, und doch wird es durch wenige Thränen gelöscht; denn die Thräne löschet den Sündenbrand und verscheucht den Gestank der Missethat. Dieß bezeugt David, wenn er spricht und beweist, wieviel die Thränen vermögen: „Denn ich werde,“ sagt er, „jede Nacht mein Bett waschen und mit meinen Thränen mein Lager benetzen.“ Hätte er dadurch die Fülle der Thränen an den Tag legen wollen, so genügte es ja wohl zu sagen: „Ich werde mit meinen Thränen mein Lager benetzen;“ warum setzt er denn: „Ich werde waschen“ voraus? Um zu zeigen, daß die Thränen ein Bad und ein Reinigungsmittel der Sünden seien.

Die Sünden sind die Ursache aller Übel: wegen der Sünden leiden wir Schmerzen, wegen der Sünden haben wir Aufruhr, wegen der Sünden Kriege, wegen der Sünden Krankheiten und alle schwer zu heilenden Leiden zu dulden. Wie also die besten unter den Ärzten nicht bloß das äussere Übel erforschen, sondern den Grund der äussern Erscheinungen aufsuchen; so spricht auch der Erlöser, um zu zeigen, daß der Grund aller Übel bei den Menschen die Sünde sei, zu dem Gichtbrüchigen (denn jener Seelenarzt sah, daß dieser zuerst an der Seele und dann am Leibe gelähmt sei): „Siehe, du bist nun geheilt worden; sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres begegne.“ Also ist die Sünde auch der Grund der früheren Krankheit; sie ist die Ursache der Strafe, sie auch die Ursache des Schmerzes, sie der Grund des ganzen Unglücks. Übrigens erscheint mir Das bewunderungswürdig, wie nämlich Gott, welcher von Anfang dem Menschen wegen der Sünde das Leiden zugeschickt hat, sein Urtheil durch ein anderes aufhebt und die Verdammung durch eine Verdammung verwirft. Höre, wie Das geschieht. Die Traurigkeit ist eine Folge der Sünde, und durch die Traurigkeit wird die Sünde getilgt. Merke nun fleissig auf. Als Gott dem Weibe drohte und wegen der Übertretung die Strafe ankündigte, sprach er zu ihr: „Mit Schmerzen wirst du Kinder gebären,“ und zeigte den Schmerz als Frucht der Sünde; allein er verwandelte, o des großmüthigen Spenders! das, was er als Strafe verhängt hatte, in Rettung. Die Sünde gebar den Schmerz, der Schmerz tilgte die Sünde; und wie der aus dem Holze geborene Wurm das Holz selber verzehrt, so zerstört auch der Schmerz, der aus der Sünde hervorgeht, durch die Buße die Sünde. Deßhalb sagt Paulus: „Die gottgefällige Betrübniß bewirkt Buße zum ewigen Heile.“ Für die wahren Büßer ist die Traurigkeit heilsam; es ziemt den Sündern über die Sünde zu trauern: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ Trauere über die Sünde, um nicht über die Strafe weinen zu müssen. Vertheidige dich zuerst vor dem Richter, ehe du vor das Gericht kömmst. Weißt du denn nicht, daß Alle, welche den Richter besänftigen wollen, Dieß nicht bei der sachlichen Untersuchung selbst thun, sondern daß sie, ehe sie in den Gerichtshof eintreten, den Richter, sei es durch Freunde oder Patrone oder auf was immer für eine Weise, günstig zu stimmen bedacht sind? So ist es nun auch bei Gott: zur Zeit des Gerichtes kann man den Richter nicht mehr umstimmen, aber vor der Zeit des Gerichtes kann Derselbe besänftiget werden. Deßhalb spricht David: „Lasset uns frühzeitig vor sein Angesicht kommen mit unserm Bekenntniß.“ Dort täuschen den mächtigen Richter nicht die Kunstgriffe der Redner; ihn beugt nicht die Macht; er läßt sich nicht durch die Würde bestimmen; er scheuet Niemanden; er läßt sich durch Geld nicht bestechen, sondern sein Urtheil ist furchtbar und unversöhnlich, aber gerecht. Hier also wollen wir den Richter bitten und zu besänftigen suchen; hier mit aller Kraft ihn anflehen, aber nicht durch Geld; und dennoch, um die Wahrheit zu sagen, läßt sich der menschenfreundliche Richter durch Geld gewinnen, das er freilich nicht selber annimmt, sondern das die Armen erhalten. Schenke dem Armen ein Geldstück, und du hast den Richter versöhnt. Dieß aber sage ich gleichsam, um euch mir zu Freunden zu machen, weil die Buße ohne Almosen todt ist und der Flügel entbehrt: Die Buße vermag nicht zu fliegen, wenn sie nicht den Fittig des Almosens hat. Daher war für Kornelius, der aufrichtig Buße gethan, das Almosen der Fittig zur Buße: „Deine Almosen,“ heißt es, „und deine Gebete stiegen zum Himmel empor.“ Hätte die Buße nicht den Fittig des Almosens besessen, so wäre sie wohl nicht bis in den Himmel gelangt. Heute nun beginnt ein Almosen-Handel; denn wir sehen die Gefangenen und die Armen; wir sehen Solche, die sich auf dem Markte herumtreiben; wir sehen, wie sie da rufen und weinen und jammern: wir haben da einen wunderbaren Jahrmarkt vor Augen. Bei einem Jahrmarkte aber gibt es keinen andern Zweck, hat der Geschäftsmann keinen andern Gedanken, als die Waare wohlfeil zu kaufen, sie aber theuer zu verschleißen. Ist das nicht die Absicht aller Geschäftsleute? Widmet sich wohl Jemand aus einem andern Grunde dem Handel, als daß er Das, was er billig erstanden, theuer verkaufe und so sein Geschäft immer mehr ausbreite? Einen solchen Jahrmarkt nun hat Gott uns eröffnet: Kaufe die Werke der Gerechtigkeit billig, um sie in der Zukunft um einen hohen Preis zu verwerthen, wenn es anders erlaubt ist, die Wiedervergeltung ein Verwerthen zu nennen. Hier erkauft man die Gerechtigkeit billig, durch ein unbedeutend Stück Brod, durch ein ärmliches Kleid, durch einen Becher kalten Wassers: „Wer einen Becher kalten Wassers zum Trunke reicht, wahrlich sage ich euch“ — spricht der Lehrer des geistlichen Handels — „der wird seinen Lohn nicht verlieren.“ Ein Becher kalten Wassers erhält eine Belohnung: sollten wohl Kleidungsstücke und Geld, als wohlthätige Spenden, unbelohnt bleiben? Mit Nichten; sie werden einen großen Lohn ernten. Warum erwähnt nun Christus einen Becher kalten Wassers? Er nannte ein Almosen, das keinen Aufwand erfordert. Denn zu einem kalten Wasser brauchst du kein Holz und auch sonst keinen Aufwand zu machen. Wenn nun für eine Spende, die ohne Aufwand geschieht, eine solche Vergeltung der Wohlthat erfolgt; welchen Lohn müssen wir wohl von dem gerechten Richter empfangen, wenn wir reichlich Kleider vertheilen, (die Armen) mit Geld unterstützen und ihnen viele andere Wohlthaten spenden? So lange wir also die Tugenden um so geringen Preis zu erwerben vermögen, so laßt uns sie von jenem großmüthigen (Herrn) annehmen, sie an uns reissen und kaufen. „Die ihr dürstet,“ spricht er, „kommet zum Wasser, und die ihr kein Silber habt, gehet hin und kaufet.“ So lange also der Markt dauert, laßt uns Almosen kaufen, oder besser gesagt, laßt uns das Heil durch das Almosen erkaufen. Wenn du einen Armen kleidest, kleidest du Christum. Das, sagst du, wußte ich ganz gut und genau; das habe ich schon früher gelernt; das hast du nicht der Erste gelehrt; das haben wir von dir nicht zuerst gehört; du predigst uns nichts Neues, sondern nur Das, was uns Viele von den Gegenwärtigen schon oft gelehrt haben. Das weiß ich wohl selbst, daß ihr Dieses und Dergleichen oft gehört habt; aber wollte Gott, daß wir die wir häufig darüber belehrt worden, ein wenn auch nur geringes gutes Werk übten! „Wer sich eines Armen erbarmt, der leiht Gott auf Zinsen.“ Borgen wir Gott das Almosen auf Zinsen, damit wir von ihm als Wiedervergeltung seine Nachsicht erlangen. Aber, o des weisesten Ausspruchs! „Wer sich eines Armen erbarmet, der leiht Gott auf Zinsen.“ Warum sagt er nicht: „Wer sich eines Armen erbarmt, der gibt (das Almosen) Gott,“ sondern: „Der leiht Gott auf Zinsen?“ Die Schrift kennt unsere Habsucht; sie nimmt darauf Bedacht, daß unsere unersättliche Gier auf den Vortheil sieht und Bereicherung sucht, und deßhalb sagt sie nicht einfach: „Wer sich eines Armen erbarmt, der gibt (das Almosen) Gott,“ damit man nicht glaube, es erfolge dann eine einfache Wiedervergeltung, sondern: „Wer sich eines Armen erbarmt, der leiht Gott auf Zinsen.“ Wenn wir Gott auf Zinsen borgen, so ist er ja unser Schuldner. Was willst du nun, daß er gegen dich sei. Richter oder Schuldner? Der Schuldner scheut seinen Gläubiger, der Richter fürchtet seinen Schuldner nicht.

Es ist aber nothwendig, auch nach einem andern Grunde zu sehen, warum Gott gesagt hat, daß der ihm auf Zinsen leihe, der einen Armen beschenkt. Weil er sah, daß unsere Habsucht, wie ich früher bemerkte, nach Bereicherung strebe, und daß Derjenige, der Vermögen besitzt, keineswegs ohne Sicherheit wuchern wolle; denn Der, welcher auf Zinsen ausleiht, fordert entweder eine Hypothek, oder ein Pfand, oder auch einen Bürgen, und nach dieser dreifachen Sicherstellung vertraut er einem sein Geld an, indem er, wie ich eben gesagt, entweder eine Bürgschaft verlangt, oder eine Real-Hypothek, oder ein Pfand. Gott sah nun, daß Niemand ohne diese Sicherheit Geld auf Zinsen ausleihe, Niemand auf Menschenfreundlichkeit schaue, sondern nur den Gewinn im Auge behalte, daß aber von dem Allen der Arme entblößt sei, da er keine Hypothek hat, denn er hat kein Besitzthum, kein Pfand beibringt, denn er hat ja gar Nichts, keinen Bürgen zur Seite hat, denn man glaubt ihm nicht ob seiner Noth. Da nun Gott sah, daß Dieser wegen der Armuth, und auch der Reiche wegen der Herzlosigkeit der Gefahr ausgesetzt sei, so hat er sich selber in’s Mittel gelegt als Bürge für den Bedrängten und als Pfand für den Wucherer. Er sagt: Mißtrauest du Diesem ob seiner Armuth, so traue doch mir ob meines Reichthums. Er sieht den Armen und erbarmt sich seiner; er sieht den Bettler und verachtet ihn nicht, sondern gibt sich selber zum Pfand Dem, der gar Nichts besitzt, und steht dem Elenden bei aus überschwenglicher Güte, von welcher Herablassung der heilige David Zeugniß ablegt mit den Worten: „Er steht zur Rechten des Armen.“ „Wer sich des Armen erbarmt, leiht Gott auf Zinsen.“ „Habe Vertrauen,“ sagt er, „du leihest ja mir.“ Und was werde ich denn so Großes gewinnen, wenn ich dir leihe? Wahrlich ist es höchst frevelhaft, von Gott Rechenschaft zu verlangen; jedoch um mich deiner Bosheit anzubequemen und deine Härte durch meine Milde zu erweichen, wollen wir Folgendes gegenseitig erwägen. Wenn du Andern leihst, was gewinnst du? Welchen Zins verlangst du von ihnen? Nicht wahr, ein Procent, wenn du den gesetzlichen forderst? Wenn du aber in unersättlicher Habgier einen grössern forderst, so wirst du als Frucht drei- und vierfache Ungerechtigkeit ernten. Ich aber übertreffe deine Habaier und überwinde deine unersättliche Geldsucht: ich verdunkle deine Maßlosigkeit durch meinen Reichthum. Du forderst ein Procent, ich gebe dir hundert. Du nimmst also, o Herr, Geld auf Zinsen und wirst mein Schuldner von Dem, was ich hier dem Armen verabreiche, um mir dann Das zurückzuerstatten? Ich wünsche ein Übereinkommen und will, daß der Vertrag rechtskräftig werde. Gib mir die Zeit der Zurückstellung an; bestimme den Zahlungstermin. Das ist nun aber höchst überflüssig; „denn der Herr ist treu in allen seinen Worten.“ Weil es aber bei Dem, der in gutem Glauben Zinsen annimmt, Sitte und Absicht ist, eine Zeit, auszusetzen und die Tage zu bestimmen, so höre, wann und wie dir Derjenige die Schuldigkeit abträgt, dem du durch die Armen auf Zinsen geliehen. „Wann aber der Sohn des Menschen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, erscheinen und die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke zur Linken hinstellen und zu Denen, die rechts sind, sagen wird“ — hier merke nun auf, wie gütig der Schuldner gegen den Wucherer ist, auf welche Weise Der, welcher das Anlehen empfangen, es mit großem Danke wieder erstattet: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters! Besitzet das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginne der Welt.“ Warum? „Weil ich hungerig gewesen, und ihr mich gespeist habt; weil ich durstig gewesen, und ihr mich getränkt habt; weil ich nackt gewesen, und ihr mich bekleidet habt; weil ich im Kerker gewesen, und ihr zu mir gekommen seid; weil ich krank gewesen, und ihr mich besucht habt; weil ich fremd gewesen, und ihr mich beherberget habt.“ Dann werden Diejenigen, die in der Zeit (ihres Lebens) gute Dienste geleistet, im Hinblick auf ihre eigene Schwäche und auf die Würde des Anlehen-Nehmers ausrufen: „Herr! Wann haben wir dich hungerig gesehen und dich gespeist? Oder durstig und dich getränkt?“ Dich, auf den Aller Augen hoffen, und denen du ihre Nahrung bietest im Überfluß.“ O der überschwenglichen Güte! Aus Milde verbirgt er seine Würde: „Denn ich bin hungerig gewesen, und ihr habt mich gespeist.“ O der überschwenglichen Güte! O der maßlosen Milde! Er, der allem Fleische Nahrung gibt und seine Hände öffnet und alles Lebendige mit Segen erfüllt, spricht: „Ich bin hungerig gewesen, und ihr habt mich gespeist,“ wobei nicht seine Würde beeinträchtigt wird, sondern seine Milde für die Armen als Bürge erscheint. „Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt.“ Wer ist Der, der also spricht? Der den Seen und Flüssen und Quellen die Natur des Wassers gegeben, der durch die Evangelien spricht: „Wer an mich glaubt, aus dessen Leibe werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen;“ der gesagt hat: „Wenn Jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke.“ „Allein ich war nackt,“ spricht er, und ihr habt mich bekleidet.“ Wir haben Jenen bekleidet, der den Himmel mit Wolken umhüllet, der die ganze Kirche und den Erdkreis bekleidet. „Ihr Alle, die ihr in Christo getauft seid, habt Christum angezogen.“ „Ich bin im Kerker gewesen.“ Du bist im Kerker gewesen, der die Gefangenen daraus befreit? Erkläre mir, was du da sagst! Denn deine Würde spricht gegen die Worte. Wann sahen wir dich in solcher Bedrängniß? Wann thaten wir Das? „Soviel ihr immer,“ heißt es, „einem dieser Geringsten gethan habt, das habt ihr mir gethan.“ Ist also der Ausspruch nicht wahr: „Wer sich des Armen erbarmt, der leiht Gott auf Zinsen?“ Und siehe, wie merkwürdig! Er erwähnt kein anderes Werk der Tugend, als Dieses; und doch hatte er sagen können: „Kommet, ihr Gesegneten! weil ihr enthaltsam gewesen, weil ihr jungfräulich geblieben, weil ihr ein Leben der Engel erwählt habt;“ allein darüber schweigt er, nicht weil es keine Erwähnung verdiente, sondern weil das der Nächstenliebe nachsteht. Sowie er aber denen zur Rechten wegen ihrer Barmherzigkeit den Himmel als Lohn zeigt, so droht er auch denen zur Linken die Strafe wegen Unterlassung derselben: „Gehet, ihr Verfluchten, in die äusserste Finsterniß, welche dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“ Warum? Aus welchem Grunde? „Weil ich hungrig war, und ihr mich nicht gespeist habt.“ Er sagt nicht: Weil ihr Hurer gewesen, weil ihr Ehebrecher, weil ihr Diebe gewesen, weil ihr falsches Zeugniß gegeben, weil ihr einen Meineid geschworen. Das sind doch offenbar Sünden, allein geringere als Gefühllosigkeit und Unbarmherzigkeit. Warum aber, o Herr! gedenkst du nicht auch anderer Wege (der Sünder)? „Ich verurtheile,“ sagt er, „nicht die Sünde, sondern die Unmenschlichkeit; ich verurtheile nicht die Sünder, sondern Diejenigen, die nicht Buße gethan: Ich verurtheile euch wegen der Gefühllosigkeit, weil ihr im Besitze eines solchen und so kräftigen Heilmittels, nämlich des Almosens, wodurch alle Sünden getilgt werden, eine so große Wohlthat verschmäht habt. Ich tadle also die Herzlosigkeit, weil sie die Wurzel der Bosheit und aller Gottlosigkeit ist; ich lobe die Barmherzigkeit, weil sie die Wurzel alles Guten ist; den Unbarmherzigen drohe ich mit dem ewigen Feuer, den Barmherzigen aber verheisse ich das Himmelreich.“ Schön, o Herr! sind deine Verheissungen; schön ist es, daß dein Reich in Aussicht gestellt ist, und auch die Hölle, mit welcher du drohst: Jenes lockt an, diese aber erschreckt; freundlich ziehet das Himmelreich an, heilsam erschrecket die Hölle. Denn Gott droht mit der Hölle, nicht um in die Hölle zu stürzen, sondern von der Hölle ferne zu halten. Denn wollte er strafen, so würde er nicht zuerst drohen, auf daß wir uns sicher stillen, und der Drohung entgehen. Er droht mit der Strafe, damit wir der thatsächlichen Bestrafung entrinnen. Er erschreckt mit Worten, um nicht im Werke strafen zu müssen. Wuchern wir also mit der Milde bei Gott; leihen wir ihm auf Zinsen, damit wir, wie ich oben bemerkt, ihn als Schuldner und nicht als Richter antreffen; denn der Schuldner hat Ehrfurcht vor dem, der ihm auf Zinsen geliehen; er hat Ehrfurcht vor ihm und erröthet. Kömmt einer, der auf Zins ausgeliehen, zur Schwelle des Schuldners, so flüchtet sich dieser, wenn er mittellos ist; ist er aber vermöglich, so nimmt er den Gläubiger vertrauensvoll auf. Siehe aber auch noch ein anderes Wunder, das ich dir aus dem menschlichen Leben vorstelle. Wenn du einem, der in mißlicher Lage war, Geld vorgestreckt hast, und der Schuldner später wieder in glücklichere Verhältnisse kömmt, so daß er die Schuld zurückzahlen kann, so hält er es vor der Menge geheim und zahlt sie zurück, um sich nicht seiner früheren Lage schämen zu müssen. Er spricht dir zwar seinen Dank aus, verheimlicht aber die Wohlthat aus Scham über die frühere Noth. Gott aber macht es nicht so, sondern im Geheimen empfängt er das Anlehen, ganz öffentlich zahlt er die Schuld. Denn wenn er Etwas empfängt, so geschieht das durch das heimliche Almosen; zahlt er es aber zurück, so thut er das vor den Augen der ganzen Welt. Aber vielleicht wird Jemand bemerken: Warum hat denn Gott das nicht auf gleiche Weise dem Armen gegeben, was er mir Reichen zukommen ließ? Er halte zwar dich und den Armen gleich betheiligen können; allein er hat nicht gewollt, daß dein Reichtdum unfruchtbar sei, noch, daß die Armuth des Andern der Belohnung entbehre. Dir, dem Reichen, gestattet er durch das Almosen Schätze zu sammeln und sie in Gerechtigkeit auszustreuen, denn: „Er streuet aus, gibt den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewig.“ Siehst du, daß der Reiche durch das Almosen die ewige Gerechtigkeit als Schatz sich erwirbt? Und wieder sieh’ auf den Armen! Weil er keinen Reichthum besitzt, um dadurch Gerechtigkeit zu üben, so hat er die Armuth, wodurch er ewige Geduld zu gewinnen vermag; denn „die Geduld der Armen wird in Ewigkeit nicht verloren sein“ in Christo dem Herrn, dem Ruhm sei von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Achte Homilie über die Buße.

Die Kirche ist ein Paradies ohne verführerische Schlange, besser als die Arche Noe’s, aus welcher die Thiere als solche herauskamen, die Kirche aber wandelt sie um durch die Buße. Ermahnung ja nicht zu verzweifeln; denn wenn zur Buße die Barmherzigkeit Gottes hinzutritt, so darf auch der größte Sünder Rettung erwarten. Auch die Rückfälligen sollen immer wieder bei der Predigt erscheinen: es wiederholen ja auch die Aerzte ihre Arzneien; eine Eiche stürzt nicht auf den ersten Streich nieder. Die Sünde ist eine Wunde, die Buße das Heilmittel; in der Sünde liegt Schmach und Knechtung, in der Buße Vertrauen und Freiheit. Der Teufel verkehrt diese Ordnung, indem er bewirkt, daß sich der Mensch der Sünde nicht schäme, aber erröthe Buße zu thun; dadurch verleitet er zur Sünde und hindert die Buße. Gott macht aus dem Sünder einen Gerechten; ein Beispiel davon ist der Missethäter am Kreuze. Gott klagt bitter über die Unbußfertigkeit der Juden, und doch will er sich ihrer erbarmen. Gott will aus Unreinen Reine machen, wenn sich nur der Mensch nicht selbst widersetzt.

Wenn ich auch gestern von euch ferne sein mußte, so geschah es wider Willen, aus Nothwendigkeit; mein Körper war ferne, nicht aber der Geist; mit dem Leib war ich ferne, nicht mit der Herzensgesinnung. Denn ich umfaßte euch alle, so viel ich vermochte, und trug euch im Herzen. Nachdem ich die vorübergehende Krankheit bestanden, bemühe ich mich voll Eifer von Neuem, ihr Brüder, euer Antlitz zu schauen; denn obgleich ich noch die Nachwehen der Krankheit verspüre, so eile ich doch in euere Liebesversammlung; denn die Kranken suchen nach ihrer Krankheit Bäder und Badeanstalten auf; ich aber halte es für zweckdienlich, euer ersehntes Antlitz zu schauen und euere geziemende Sehnsucht mich anzuhören zu stillen, dieses gewaltige Meer, welches rein und nicht von Wogen aufgewühlt ist. Ich komme, um eueren gereinigten Acker zu sehen. Denn wo ist wohl ein ähnlicher Hafen, wie es die Kirche ist? Welcher Garten ist wohl eurer Versammlung vergleichbar? Hier ist keine verführerische Schlange, sondern Christus, der in die Geheimnisse einführt; hier ist keine überlistende Eva, sondern die Kirche, die zur Tugend anleitet; hier sind nicht Baumblätter, sondern Früchte des Geistes; hier ist kein Dornengehege, sondern fruchtbarer Weinberg. Denn wenn ich einen Dornstrauch finde, so verwandle ich ihn in einen Ölbaum; denn hier kömmt nicht die Armuth der Natur in Betracht, sondern es wird die Freiheit des Willens geehrt: Finde ich einen Wolf, so mache ich ein Lamm daraus, nicht dadurch, daß ich seine Natur umwandle, sondern daß ich seine Gesinnung umkehre. Deßhalb dürfte der nicht geirrt haben, der da gesagt hat, die Kirche übertreffe die Arche. Denn die Arche nahm die Thiere auf und beschützte die Thiere; die Kirche aber nimmt die Thiere auf und wandelt sie um. Ich gebe ein Beispiel. Dort kam ein Habicht hinein und kam als Habicht heraus; es kam ein Wolf hinein und kam als Wolf heraus; hier aber kömmt ein Habicht hinein und kömmt als Taube heraus; es geht ein Wolf hinein und kömmt als Schaf zurück; es kömmt eine Schlange hinein und kehrt als Lamm zurück — nicht dadurch, daß die Natur sich ändert, sondern dadurch, daß die Bosheit verschwindet. Deßhalb rede ich fortwährend über die Buße. Denn die Buße, die dem Sünder beschwerlich und furchtbar erscheint, heilt die Gebrechen, sühnet die Frevel, vergießt Thränen, vertrauet auf Gott, ist eine Waffenrüstung gegen den Teufel, ein Schwert, das ihm den Kopf abschlägt, sie ist die Hoffnung des Heils und verscheucht die Verzweiflung. Sie öffnet den Himmel, sie führt in’s Paradies, sie überwindet den Teufel (und eben deßhalb rede ich so oft über die Buße); denn sie erweckt das Vertrauen, daß er besiegt werden könne. Bist du ein Sünder? Verzweifle nicht. Ich höre nicht auf, euch mit diesem Heilmittel zu salben; denn ich weiß, welch’ gewaltige Waffe gegen den Teufel es ist, daß ihr nicht verzweifelt. Bist du in Sünden, so verzweifle nicht. Das ist meine beständige Rede; und wenn du auch täglich sündigst, so bereue auch täglich. Und was wir bei alten Häusern thun, wenn sie baufällig werden, indem wir nämlich das Schadhafte wegnehmen. Neues einfügen und es nirgends an unserer Sorgfalt ermangeln lassen: dasselbe wollen wir auch an uns selber vornehmen. Stehst du heute in veralteten Sünden, so erneuere dich selbst durch die Buße. Ja kann ich, sagst du, durch die Buße Rettung erlangen? Vollkommen kannst du es. Ich habe das ganze Leben in Sünden vollbracht, werde ich gerettet, wenn ich mich der Buße zuwende? Allerdings. Woraus wird das klar? Aus der Güte deines Herrn gegen die Menschen. Darf ich mich denn auf deine Buße verlassen? Genügt deine Buße, so viele Sünden zu tilgen? Ja, wäre es die Buße allein, so müßtest du begreiflicher Weise dich fürchten; wenn aber zu deiner Buße die Barmherzigkeit Gottes hinzutritt, dann fasse Muth; denn die Menschenfreundlichkeit Gottes ist maaßlos, und seine Güte läßt sich durch Worte gar nicht ausdrücken. Denn deine Bosheit hat ihr Maaß, das Mittel dagegen aber keines; deine Bosheit, von welcher Art immer sie sei, ist eine menschliche Bosheit; unaussprechlich aber ist die Barmherzigkeit Gottes gegen die Menschen; vertraue, daß sie deine Bosheit besiege. Stelle dir vor, ein Funken falle in’s Meer; kann er sich dort wohl halten und leuchten? Wie groß ein Funke im Vergleiche zum Meer ist, so groß ist deine Bosheit im Vergleiche mit der Barmherzigkeit Gottes, oder besser gesagt: die Barmherzigkeit ist nicht nur so groß, sondern noch um Vieles größer; denn das Meer, so groß es auch ist, hat eine Grenze, die Barmherzigkeit Gottes aber kennt keine Grenze. Ich sage das nicht, um euch kecker zu machen, sondern um euren Eifer zu fördern. Ich bade oft die Ermahnung gegeben, nicht in’s Theater zu gehen. Du hast sie gehört, aber nicht befolgt; du bist in’s Schauspiel gegangen und gegen meine Ermahnung ungehorsam gewesen; schäme dich nicht, wieder hieher zu kommen und wieder zu hören. „Ich habe die Ermahnung gehört und sie nicht befolgt; wie kann ich da wieder herkommen?“ Wenigstens weißt du gerade das, daß du sie nicht befolgt hast; wenigstens schämst du dich; wenigstens erröthest du; wenigstens trägst du, ohne daß dir Jemand darüber Vorwürfe macht, den Zügel, wenigstens hat meine Rede in dir Wurzel gefaßt, und meine Lehre reiniget dich, ohne daß ich dabei bin. Du hast sie nicht befolgt: hast du dich verurtheilt? Du hast sie zur Hälfte befolgt, wenn du sie auch nicht befolgt hast, sondern nur sagst: „Ich habe sie nicht befolgt;“ denn wer sich selbst verurtheilt durch das Geständniß, daß er sie nicht befolgt habe, beeilt sich eben dadurch, sie zu befolgen. Bist du bei Schauspielen gewesen? Hast du gefrevelt? Bist du ein Sklave einer Buhlerin geworden? Hast du das Theater verlassen? Hast du dich wieder (an die Ermahnung) erinnert? Hast du dich geschämt? Komme nur her. Empfindest du Reue? Flehe zu Gott, und du bist der Besserung nahe. „Wehe mir, ich habe (die Ermahnung) gehört und sie nicht befolgt. Wie soll ich wieder in die Kirche gehen? Wie sie wieder anhören?“ Um so mehr komme daher, nachdem du sie nicht befolgt hast, damit du sie neuerdings hörest und darnach handelst. Wenn dir der Arzt ein Heilmittel reicht, und dir es nicht hilft, wird er nicht an einem folgenden Tage dasselbe wieder anwenden? Da ist ein Holzhauer; er will eine Eiche fällen: er nimmt die Axt und haut auf die Wurzel. Wenn er nur einen Streich führt, und der unfruchtbare Baum dadurch nicht stürzt, thut er da nicht den andern, den vierten, den fünften, oder auch den zehnten Streich? So mach’ es auch da. Die Buhlerin ist die Eiche, ein unfruchtbarer Baum, der Eicheln trägt zum Futter für unvernünftige Schweine. Seit langer Zeit hat sie in deinem Herzen Wurzel gefaßt und dein Gewissen hinabgeschleudert in den Umkreis der Bäume. Mein Wort ist die Axt. Du hast es einmal gehört. Wie wird die in so langer Zeit eingewurzelte Eiche an Einem Tag fallen? Denn wenn es in zwei, wenn es in drei, wenn es in hundert, ja wenn es in taufend Streichen gelingt, so ist das nicht zu verwundern; rotte nur Eine schlimme und eingewurzelte That, nur Eine böse Gewohnheit aus! Die Juden aßen das Manna und sehnten sich nach den Zwiebeln Aegyptens. „In Aegypten lebten wir gut; so ist auch die Gewohnheit eine schändliche und gar schlimme Sache. Denn wenn du auch durch zehn, wenn du durch zwanzig, wenn du durch dreissig Tage tugendhaft bist, so liebe ich dich nicht, weiß dir keinen Dank, umarme dich nicht; nur lasse den Muth nicht sinken, sondern schäme dich und verdamme dich selbst!

Ferner habe ich über die Nächstenliebe gesprochen. Hast du zugehört, bist du davon gegangen und hast (das Wort) geraubt? Hast du mein Wort nicht durch Thaten bewährt? Schäme dich nicht, wieder in die Kirche zu kommen; schäme dich der Sünden, nicht aber der Reue. Merke auf das, was dir der Teufel gethan. Sünde und Buße sind zwei verschiedene Dinge: die Sünde ist eine Wunde, die Buße ein Heilmittel. Denn so wie es am Körper Wunden und Heilmittel gibt, so in der Seele Sünden und Buße; allein die Sünde verursachet Scham, die Buße erwecket Vertrauen. Gib mir nun, ich bitte, recht fleissig Acht, damit du nicht die Ordnung verwirrest und den Nutzen einbüßest. Es ist da Wunde und Heilmittel, Sünde und Buße. In der Wunde befindet sich Eiter, im Heilmittel die Reinigung von demselben; in der Sünde ist Fäulniß, in der Sünde Schmach, in der Sünde Verachtung; in der Buße liegt Vertrauen, in der Buße Freiheit, in der Buße Reinigung von der Sünde. Merke fleissig auf. Auf die Sünde folgt Beschämung, auf die Buße Vertrauen. Merkst du, was ich sage? Der Teufel verkehrte die Ordnung und gab das Vertrauen der Sünde, der Buße die Scham. Ich werde bis zum Abend nicht aufhören, ehe ich dieses erklärt habe; ich muß mein Versprechen erfüllen; ich kann es unmöglich unterlassen. Es ist da Wunde und Heilmittel; die Wunde hat den Eiter in sich, das Heilmittel bewirkt die Reinigung davon. Ist denn im Heilmittel Eiter? Liegt denn in der Wunde das Mittel? Hat nicht dieses seine eigene Bestimmung, wie jenes? Kann dieses in jenes, oder jenes in dieses sich wandeln? Keineswegs. Kommen wir nun auf die sündenbeladene Seele. In der Sünde liegt die Beschämung, in der Sünde die Schande; ihr Loos ist Entehrung. Die Buße vertraut, die Buße fastet, die Buße erlangt die Gerechtigkeit, denn: „Bekenne du zuerst deine Missethaten, auf daß du gerechtfertigt werdest,“ und „der Gerechte ist im Beginne der Rede sein eigener Ankläger.“ Weil nun der Teufel weiß, daß auf die Sünde die Scham folgt, ein Mittel, das den Sünder wirksam zu schrecken vermag, in der Buße aber die Zuversicht liege, ein Mittel, das den Büßer zu gewinnen im Stand’ ist; so hat er die Ordnung verkehrt und der Buße die Scham, der Sünde das Vertrauen gegeben. Woraus ist das klar? Ich will es sagen. Da läßt sich Einer von heftiger Leidenschaft zu einer öffentlichen Buhlerin fangen; er folgt der Dirne wie ein Gefangener; er betritt ihr Gemach; ohne sich zu schämen, ohne zu erröthen vereinigt er sich mit der Hure und begeht die Sünde; nirgends zeigt er Beschämung, nirgends Erröthen! nachdem er die Sünde vollbracht, tritt er heraus und schämt sich — Buße zu thun. Elender! Als du mit der Buhlerin zusammenkamst, da schämtest du dich nicht; aber jetzt, wo du Buße thun sollst, da schämest du dich? Er schämt sich, es zu bekennen. Wie? Sage mir: Warum hat er sich nicht geschämt, als er mit der Hure die Sünde beging? Die Schandthat vollbringt er und schämet sich nicht; sie zu bekennen, erröthet er. Diese Verkehrtheit stammt aber vom Teufel. Bei der Sünde benimmt er ihm die Scham, läßt aber die Sache unter das Volk kommen; denn er weiß, daß jener, wenn er sich schämte, die Sünde fliehen würde; bei der Buße bewirkt er, daß jener sich schäme; denn er weiß, daß er aus Scham nicht Buße thun werde. Er stiftet also doppeltes Unheil; er verleitet zur Sünde und hindert die Buße. Warum schämst du dich denn? Als du mit der Buhlerin sündigtest, schämtest du dich nicht: da du das Heilmittel anwenden sollst, kömmt dir die Scham. Damals hättest du dich schämen, damals erröthen sollen, als du die Sünde begingst; jetzt, da du gerechtfertigt wirst, schämest du dich? „Bekenne du zuerst deine Missethaten, damit du gerechtfertigt werdest.“ Es heißt nicht: „Damit du nicht gestraft werdest,“ sondern: „damit du gerechtfertigt werdest.“ Genügt es für ihn nicht, daß du ihn nicht bestrafst? Machst du ihn noch zu einem Gerechten? Allerdings. Aber merke flüssig auf meine Rede. „Ich mache aus ihm einen Gerechten.“ Und wo hat er dieses gethan? Am Missethäter, und zwar, weil er zu seinem Genossen das einzige Wort sprach: „Auch du fürchtest Gott nicht; und wir (leiden) mit Recht: denn nur empfangen den verdienten Lobn für unsere Thaten.“ Der Heiland spricht zu ihm: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Er sagt nicht: „Ich erlasse dir Strafe und Züchtigung;“ sondern er führt ihn gerechtfertigt in’s Paradies. Siehst du, wie er durch das Bekenntniß gerechtfertigt worden? Gott ist höchst barmherzig: er hat des Sohnes nicht geschont, um den Knecht zu verschonen; er hat den Eingebornen hingegeben, um undankbare Knechte zu erkaufen; er hat das Blut seines Sohnes als Preis hinterlegt. O Güte des Herrn! Und wende mir nicht wieder ein: „Ich habe viel gesündigt; wie werde ich gerettet werden können?“ Du kannst es nicht, dein Herr kann es, und zwar so, daß er die Sünden vertilgt. Gib genau Acht auf die Rede. Er tilgt die Sünden so aus, daß nicht einmal eine Spur von ihnen zurückbleibt. Beim Leibe geschieht nicht dasselbe; denn wenn auch der Arzt sich tausendmal abmüht und die Wunde mit Salben belegt, so beseitigt er zwar die Wunde, allein es bleibt dem, der etwa einen Schlag in’s Gesicht erhalten, auch wenn die Wunde geheilt ist, oft die Narbe zurück, und er trägt als Beweis der Verwundung die Entstellung des Gesichtes herum. Der Arzt strebt auf die verschiedenste Weise auch die Narbe zu bannen, allein er vermag’s nicht; denn es widersteht ihm die schwache Natur, die unzulängliche Kunst und die geringe Arznei. Gott aber läßt, wenn er die Sünden austilgt, keine Narbe zurück, auch nicht eine Spur, sondern mit der Gesundheit spendet er auch noch die Schönheit, mit dem Nachlaß der Strafe gibt er auch die Gerechtigkeit und stellt den Sünder dem gleich, der nicht gesündigt hat. Denn er vertilgt die Sünde und bewirkt, daß sie nicht mehr ist, und als wäre sie nicht begangen worden; so gänzlich tilgt er sie aus. Es bleibt keine Narbe, keine Spur, kein Beweis, kein Mal davon übrig.

Und woraus geht das klärlich hervor? Denn für das, was ich sage, muß ich auch die Beweise beibringen, damit die Sache nicht bloß so scheine, sondern aus der Schrift gezeigt werde, und so die untrügliche, volle Gewißheit da sei. Ich führe euch also verwundete Leute vor Augen, ein ganzes Volk, voll von Geschwüren, Eiter und Würmern; Alles ist Wunde, Alles Eiter an ihnen, und dennoch können sie so geheilt werden, daß keine Narbe, keine Spur, kein Mal übrig bleibt; Leute, die nicht Eine, nicht zwei, nicht drei, nicht vier Wunden haben, sondern die vom Kopf bis zu den Füßen ganz Wunde sind. Achte genau auf die Worte; denn diese meine Rede geht Alle an und ist heilsam. Ich bereite eine Arznei, die besser ist als die der Aerzte, die selbst Könige nicht zu bereiten vermögen. Was kann denn ein König? Aus dem Kerker entlassen, aber von der Hölle befreien, das kann er nicht; Gelder austheilen, aber eine Seele reiten, das kann er nicht. Allein ich übergebe euch der Hand der Buße, um ihre Macht zu erproben, um ihre Kraft kennen zu lernen, damit ihr einsehet, daß keine Sünde sie überwinde, daß kein noch so gewaltiger Frevel im Stande sei, ihre Kraft zu bestehen. Ich stelle euch nun vor Augen nicht Einen, nicht zwei, oder drei, sondern viele Tausende, die voll waren von eiternden Wunden, die seufzten unter der Last unzähliger Sünden, und die dennoch durch die Kraft der Buße Rettung erlangten, so daß von den frühern Geschwüren keine Spur, keine Narbe zurückblieb. Allein merket genau auf die Rede; aber merket nicht bloß auf das, was ich da sage, sondern prägt es auch euerem Gedächtnisse ein, um auch die Abwesenden belehren zu können und so diejenigen, welche aus dieser Rede keinen Nutzen gezogen, im Eifer zu fördern. Es erscheine nun Isaias, der seraphische Seher, der jenes geheimnißvolle Lied vernommen, der so Unendliches von Christus vorausgesagt hat. Untersuchen wir, was er da sagt: „Das Gesicht, welches Isaias geschaut gegen Judäa und gegen Jerusalem.“ Nenne das Gesicht, das du geschaut hast! „Höre, o Himmel, und vernimm es, o Erde, weil der Herr gesprochen hat.“ Etwas Anderes verheissest du, etwas Anderes sagst du. „Was habe ich denn Anderes verheissen?“ Am Anfange sagst du: „Das Gesicht gegen Judäa und gegen Jerusalem;“ nun lässest du Judäa und Jerusalem fahren, sprichst den Himmel an und richtest dein Wort an die Erde; du lässest die vernünftigen Menschen bei Seite und redest mit den vernunftlosen Elementen? „Weil die vernünftigen Menschen unvernünftiger wurden, als die vernunftlosen Wesen.“ Aber nicht bloß darum allein, sondern weil sie, als Moses sie in das Land der Verheissung einzuführen gedachte und die Zukunft voraussah, das Dargebotene ausschlagen würden. „Höre, o Himmel,“ sagt er, „und die Erde merke auf die Worte aus meinem Munde.“ Ich rufe euch Himmel und Erde zu Zeugen an, spricht Moses, daß, wenn ihr eintretet in das Land der Verheissung, und den Herrn euren Gott verlasset, ihr unter alle Völker zerstreut werden sollt. Es kam Isaias; die Drohung sollte erfüllt werden; er konnte sich nicht auf Moses, der todt war, berufen und nicht auf die, die den Moses gehört; sie waren ja todt: er ruft also die Elemente herbei, die sich Moses zu Zeugen genommen. Sehet, ihr Juden, ihr habt die Verheissung verscherzt; sehet, ihr habt euren Gott verlassen. Wie soll ich dich, o Moses, zum Zeugen aufrufen? Du bist ja gestorben, bist todt. Wie soll ich mich auf Aaron berufen? Auch er ist dem Tode verfallen. Du kannst dich also auf keinen Menschen berufen? Rufe die Elemente herbei. Darum habe auch ich, so lange ich lebe, nicht den Aaron, nicht diesen oder jenen zu Zeugen genommen, sie waren ja sterblich, sondern ich führe euch die Elemente, die da bleiben, Himmel und Erde, als solche vor. Isaias spricht also: „Höre, o Himmel, und vernimm es, o Erde!“ Denn Moses befiehlt, euch heute als Zeugen zu rufen. Aber nicht darum allein ruft er die Elemente herbei, sondern deßhalb, weil er die Juden anredet. „Höre, o Himmel!“ Denn du hast das Manna herabregnen lassen. „Höre, o Erde!“ Denn du hast die Wachteln gegeben. „Höre, o Himmel,“ höre; denn du hast das Manna herabregnen lassen; denn du hast übernatürliche Gaben gespendet; du warst in der Höhe und ahmtest die Tenne nach. „Vernimm es, o Erde!“ Denn du warst in der Tiefe und bereitetest ohne Vorbereitung den Tisch. Träg war die Natur, und es wirkte die Gnade. Es arbeiteten keine Ochsen, und die Aehre war fertig; keine Hände der Bäcker, kein Auftrag; allein, das Manna ersetzte Das alles, wie eine geheiligte Ouelle: die Natur vergaß ihrer eigenen Schwäche. Auf welche Weise nützten sich denn ihre Kleider nicht ab? Wie wurde denn ihre Fußbedeckung nicht alt? Das geschah alles, um ihnen zu dienen. „Höre, o Himmel, und vernimm es, o Erde!“ Nach diesen Ermahnungen, nach diesen Wohlthaten wird der Herr schimpflich behandelt. „An wen soll ich mich wenden? An euch? Ich habe keinen Menschen, der hört. Sieh’, ich bin gekommen, und kein Mensch war da; ich habe geredet, und es war kein Zuhörer da.“ Ich spreche nun zu den vernunftlosen Wesen, weil die vernünftigen zur Gemeinheit der vernunftlosen hinabgestürzt sind. Deßhalb schaut ein anderer Prophet einen rasenden König, ein Götzenbild, dem man Ehre erweist, Gott, den man verhöhnt, und alle Andern von Staunen erfaßt, und spricht: „Höre, o Altar, höre mich!“ Einen Stein redest du an? Ja, weil der König gefühlloser ist als ein Stein. „Höre mich, o Altar, höre! So spricht der Herr.“ Und sogleich barst der Altar, und der Stein hörte; und der Stein zersprang und verschüttete das Opfer. Wie hörte denn der Mensch nicht? „Er streckte seine Hand aus, um nach dem Propheten zu greifen.“ Und was thut Gott ? Er läßt dessen Hand verdorren. Schaue, was er gethan, schaue die Milde des Herrn und die Sünde des Knechtes! Warum ließ er dessen Hand nicht Anfangs verdorren? Damit er durch das Bersten des Steines verständiger würde. Denn wäre der Stein nicht zersprungen, so hätte ich deiner geschont. Nachdem er aber geborsten, und du dich doch nicht bekehrt hast, so übertrage ich den Zorn auf dich. Er streckte die Hand aus, um nach dem Propheten zu greifen, und die Hand verdorrte. Da steht das Siegesdenkmal! Da stehen eine Unzahl Trabanten und Heerführer und Schaaren von Hilfstruppen und sind nicht im Stande, seine Hand in die alte Lage zu bringen; allein die erstarrte Hand predigt laut die Niederlage der Bosheit, den Sieg der Tugend, die Barmherzigkeit Gottes gegen die Menschen und die Thorheit des Königs. „Und sie waren nicht im Stande, sie in die alte Lage zu bringen.“

Um aber im Verlaufe der Rede das Thema nicht zu vergessen, wohlan, so will ich euch zeigen, was ich versprochen. Was habe ich aber versprochen? Daß, wenn Jemand auch unzählige Wunder an sich hat, aber Buße thut und die Tugend übt, Gott dieselben so wegtilgt, daß sich keine Narbe, keine Spur, kein Mal der frühern Sünden mehr zeigt. Das hab’ ich versprochen; das will ich zu beweisen suchen. „Höre, o Himmel, und vernimm es, o Erde, weil der Herr gesprochen hat.“ Sage mir, was hat er gesprochen? „Ich habe Söhne gezeugt und sie erhöht; sie aber haben mich verachtet. Der Ochs kennt seinen Eigenthümer,“ — sie sind unvernünftiger als die vernunftlosen Thiere — „und der Esel (kennt) die Krippe seines Herrn“ — sie sind eselhafter als Esel. — „Israel aber kennt mich nicht, und das Volk versteht es nicht. Wehe dem sündigen Volke!“ Warum, sagt man, ist denn keine Hoffnung der Rettung? Sage mir, warum sprichst du denn: Wehe? Weil ich kein Heilmittel finde. Warum sprichst du denn: Wehe? Wenn ich Mittel anwandle, und die eiternde Wunde nicht weicht! Deßhalb wende ich mich ab. Was habe ich ferner zu thun? Ich werde mich um die Heilung nicht mehr bemühen. „Wehe!“ Er ahmt eine weinende Frau nach; und der thut wohl daran. Ich bitte, merkt mir nun fleissig auf. „Wehe!“ Warum? Weil dasselbe auch gewöhnlich bei Körpern geschieht. Denn wenn der Arzt sieht, daß der Kranke keine Hoffnung der Besserung habe, so weint er, und die Hausgenossen und Verwandten jammern und stöhnen, aber umsonst und vergebens. Denn einen Sterbenden, der in den letzten Zügen liegt, stellt die ganze Welt, selbst wenn sie weint, nimmer her. Es taugt also die Thräne als ein Zeichen der Trauer, nicht aber als Mittel der Rettung. Bei der Seele aber ist das nicht der Fall, sondern wenn du weinest, erweckest du oft den, welcher der Seele nach todt ist. Warum? Weil ein todter Leib durch menschliche Kraft nicht auferweckt wird, eine todte Seele aber durch die Bekehrung erweckt wird. Schau’ einen Unzüchtigen an und weine, und oft erweckst du ihn. Darum hat auch Paulus nicht nur geschrieben und ermahnt, sondern auch unter Thränen und Weinen jeden Einzelnen ermuntert. Sei es, daß du ermahnst; warum weinest du? Damit, wenn die Ermahnung nicht stark genug ist, die Thränen sie unterstützen. So weint auch der Prophet. Unser Herr sprach, als er den Untergang Jerusalems schaute: „Jerusalem, das du die Propheten tödtest und diejenigen steinigest, die zu dir geschickt werden.“ Er richtet seine Rede an die schon gefallene Stadt und ahmt einen Weinenden nach. Und der Prophet: „Wehe dir, sündiges Volk, wehe dir, mit Missethaten belastetes Volk.“ Der Körper hat nichts Gesundes an sich. Siehst du, wie voll von Geschwüren sie sind? „Boshaftes Geschlecht, lasterhafte Söhne!“ Warum weinst du? sag’ es mir! „Ihr habt den Herrn verlassen und den Heiligen Israels zum Zorn gereizt.“ Wohin soll man euch noch schlagen? „Womit soll ich euch noch schlagen?“ Mit Hunger oder mit Pest? Jegliche Strafe ist über euch gekommen, und euere Bosheit wurde nicht überwunden. „Ihr habt Sünde auf Sünde gehäuft; das ganze Haupt ist krank, und das ganze Herz betrübt; es ist darin nicht eine Wunde, nicht eine Beule.“ Das ist sonderbar. Kurz vorher hast du gesagt: „Ein boshaftes Geschlecht, lasterhafte Söhne, ihr habt den Herrn verlassen und den Heiligen Israels zum Zorn gereizt;“ und „Wehe dir, sündiges Volk?“ Du weinest, trauerst und klagst und zählest die Wunden und sprichst dann umgekehrt: „Keine Wunde, keine Beule.“ Merke auf. Eine Verletzung ist da, wann Ein Theil des Körpers gesund, der andere Theil des Leibes ohne Gefühl ist. Hier aber sagt er, daß der ganze Leib Eine Wunde bilde. „Keine Wunde, keine Beule, keine Geschwulst,“ sondern von den Füßen bis zum Scheitel kann man keinen Umschlag, kein Oel, keinen Verband anbringen. „Euer Land ist eine Wüste, euere Städte sind mit Feuer verbrannt, euer Gebiet verzehren Fremdlinge.“ Das alles hab’ ich gethan, und ihr seid nicht zur Besinnung gekommen; alle Mittel der Kunst hab’ ich angewendet, der Kranke aber bleibt todt. „Kommet, höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodoma und Gomorrha. Was soll mir die Menge euerer Opfer?“ Was ist denn das? Er redet die Bewohner von Sodoma an? Mit nichten, sondern die Juden nennt er Sodomiten; weil sie nämlich deren Sitten nachahmten, so gibt er ihnen auch deren Namen. „Kommet, höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodoma und Gomorrha. Was soll mir die Menge euerer Opfer?“ spricht der Herr. „Ich bin satt von den Brandopfern der Widder, und das Fett der Lämmer begehre ich nicht. Wenn ihr mir das feinste Weizenmehl opfert, so ist es vergeblich; das Rauchwerk ist mir ein Greuel; euere Neumonde und die Sabbate haßt meine Seele; das Fasten und den großen Tag ertrage ich nicht; wenn ihr zu mir eure Hände ausstrecket, so werde ich meine Augen von euch abwenden.“ Gibt es einen gleichen Zorn wie diesen? Der Prophet ruft den Himmel zum Zeugen an, weint, jammert, klagt und spricht: „Es ist keine Wunde, keine Beule daran.“ Gott ist ergrimmt; er nimmt kein Opfer, keinen Neumond, keinen Sabbat, nicht feinstes Weizenmehl, kein Gebet, kein Händeausstrecken mehr an. Siehst du das Geschwür? Siehst du die unheilbare Krankheit, nicht von Einem, nicht von zwei, nicht von zehn, sondern von Tausenden? Was also weiter? „Waschet euch, ihr sollt rein werden.“ Ist das nicht eine Sünde, bei der man verzweifeln muß? Es ist der nämliche Gott, der da spricht: „Ich höre euch nicht,“ und sagt: „Waschet euch.“ Zu welchem Zwecke sagst du denn das? Wozu? „Beides ist nützlich; Jenes, um zu schrecken, Dieses, um anzuziehen.“ Wenn du auf sie nicht hörst, so haben sie ja keine Hoffnung auf Rettung; wenn sie aber keine Hoffnung auf Rettung haben, warum sagst du: „Waschet euch“? Aber der Vater hat eine zärtliche Liebe; er ist allein gut; er ist mehr als ein Vater bereit, barmherzig zu sein. Und damit du einsehest, daß er ein Vater ist, so sagt er zu ihnen: „Was soll ich thun, Juda?“ Weißt du nicht, was du thun sollst? Ich weiß es, aber ich will nicht: Die Natur der Sünden fordert es; aber die Größe der Barmherzigkeit hält mich zurück. Was soll ich dir thun? Soll ich dich verschonen? Allein du wirst noch lässiger werden. Soll ich mich an dir rächen? Das gestattet meine Barmherzigkeit nicht. Was soll ich dir thun? Soll ich dich wie Sodoma behandeln, oder wie Gomorrha zu Grunde richten? Mein Herz hat sich umgewendet. Er, der von Gefühlen nicht berührt wird, ahmt einen gefühlvollen Menschen nach oder, besser gesagt, eine zärtlich liebende Mutter. Mein Herz hat sich umgewendet, als wenn eine Mutter über ihr Kind sagte: Mein Herz hat sich in mütterlicher Liebe umgewendet. Allein die frühern Worte genügten ihm nicht, sondern: „Ich bin verwirrt in meiner Reue.“ Gott ist verwirrt? Das sei ferne! Die Gottheit kennt keine Verwirrung, sondern Gott ahmt, wie ich gesagt, unsere Redeweise nach. Mein Herz hat sich  umgewendet: „Waschet euch, ihr sollt rein werden!“ Was habe ich euch versprochen? Daß Gott die Sünder, und seien sie auch mit unzähligen Freveln belastet und voll von Geschwüren, wenn sie nur Buße thun, aufnimmt und so heilt, daß ihnen keine Spur, keine Narbe, kein Mal der Sünden zurückbleibt. „Waschet euch, ihr sollt rein werden; verbannet eure Bosheiten aus eueren Herzen; lernet Gutes thun!“ Und was befiehlst du Gutes zu thun? „Schaffet Recht der Waise und Gerechtigkeit der Wittwe.“ Nicht schwer sind die Gebote, sondern Solche, wie sie selbst die Natur kennt: zudem ziemt sich ja Barmherzigkeit gegen ein Weib. „Alsdann kommet, und wir wollen rechten.“ Der Herr sagt: „Thut etwas Weniges, und das Übrige lege ich dazu: gebt mir eine Kleinigkeit, und ich beschere euch das Ganze.“ „Kommet!“ Wohin sollen wir gehen? Zu mir, den ihr herausgefordert, den ihr ergrimmt habt; zu mir, der da sagt: „Ich höre euch nicht,“ damit ihr durch die Drohung erschreckt, meinen Zorn besänftigt. Kommet zu Dem, der nicht hört, damit ich höre. Und was thust du? „Ich lasse keine Spur, ich lasse kein Mal, ich lasse keine Narbe übrig bleiben.“ „Kommet, und wir wollen rechten,“ spricht der Herr und setzt bei: „Und wenn euere Sünden wären wie Purpur, so mache ich sie weiß wie Schnee.“ Ist da irgendwo eine Narbe? irgendwo eine Runzel, auch nur mit dem Anstrich der Reinigung? „Und wenn sie wären wie Scharlach, so mache ich sie weiß wie Wolle.“ Sind da irgendwo schwarze Flecken? Ist irgend ein Schmutzfleck? Und wie geschieht Das? Sind das neue Verheissungen? Denn der Mund des Herrn hat Dieses gesprochen. Du hast nicht bloß die Größe der Verheissungen, sondern auch die Würde Dessen, der sie gethan hat, gesehen. Denn Gott ist Alles möglich, ihm, der aus einem Unreinen einen Reinen zu machen vermag. Nachdem wir also seine Stimme gehört, und das das Heilmittel der Buße kennen gelernt, so wollen wir ihm die Ehre geben, weil ihm Ruhm und Herrschaft gebührt in Ewigkeit.

Amen.

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