Wider die Irrlehren

Von Eznik v. Kolb (5. Jhd)

Erstes Buch: Widerlegung der Irrlehre der Heiden. 

Wenn jemand über das Unsichtbare und seine ewige Kraft eine Erörterung anstellen will, so muß er als leibliches Wesen seinen Sinn erhellen, seine Gedanken läutern, die Leidenschaften zügeln, um das vorgesteckte Ziel erreichen zu können. Derjenige, welcher das Licht der Sonne schauen will, muß auch entfernen, was das Auge verdunkelt, Unsauberkeit und Ausfluss, damit nicht sonst Nebel das Auge umflimmern und es hindern, das Licht klar zu schauen.

Da es nun eine, ihrer Natur nach unerforschbare und unerfaßbare Wesenheit gibt, so müssen wir vor ihrer Unerforschlichkeit unsere Unwissenheit bekennen, ihrem Dasein gegenüber aber zugestehen, daß wir es erkennen, ohne dasselbe erforschen zu können. Denn der Absolute muß ewig und anfangslos sein. Er kann von keinem andern den Anfang des Seins gewonnen haben. Und er hat niemand über sich, der für seine Ursache zu halten wäre oder von dem man glauben müßte, er habe aus ihm den Anfang des Seins erhalten. Denn vor ihm ist niemand und nach ihm ist niemand ihm gleich, er hat keinen Genossen, der ihm gleich steht. Es gibt auch kein Sein, das im Widerspruch zu ihm existierte und nichts besteht als Gegensatz zu ihm. Kein Wesen besteht, das die Materie darböte für dessen Bedarf, noch gibt es einen Stoff, aus dem er nehmen müßte, was er schaffen wird. Aber er ist die Ursache von allem, was zu Sein und Existenz gekommen ist, aus Nichtseienden wie aus Seienden, wie der obere Himmel und was in ihm, und der sichtbare Himmel, der aus Wassern ist, und die Erde und alles, was aus ihr und in ihr ist. Von ihm ist alles, aber er ist von nichts anderem. Er hat jedem nach seiner Ordnung das Sein gegeben, dem unsichtbaren und unkörperlichen Wesen und ebenso den sichtbaren Körperwesen. Wie er imstande ist, das Leben zu schenken, so ist er auch imstande, zur Kenntnis seiner unerschaffenen Wesenheit zu leiten und an seinen Geschöpfen nach ihrer Art zur Befestigung zu bringen. Nicht nur deshalb müssen wir ihn bewundern, weil er das Seiende aus dem Nichts zum Sein rief und die Wesen aus Nichts zum Etwas, sondern auch deshalb, weil er unverletzt und unerschütterlich die seienden Dinge erhält. Neidlos gab er denselben auch das Leben, um seine Schöpfergüte zu offenbaren.

Denn er ist erhaben über allen Mangel und braucht nicht aus solchem Grunde das Leben für sich allein zurückzubehalten; erhaben über Kraftlosigkeit und Schwäche, und braucht seine Macht nicht zu erschleichen, erhaben über Unwissenheit und braucht nicht für sich allein sein Wissen zu bewahren, und erhaben über die Beschränktheit in der Weisheit, daß er, wenn er andern Weisheit mitteilt, selbst sich benachteiligen würde. Er ist lebendig und der Quell des Lebens, er spendet allen das Leben und ist selbst voll unendlichen Lebens. Er kräftigt das Schwache mit seiner großen Kraft und seine schöpferische Macht verringert sich nicht dabei. Den Unwissenden allen schenkt er das Wissen und bewahrt in sich vollkommen die Allwissenheit. Über alle ergießt er die Fülle der Weisheit und bleibt selbst im ungeschmälerten Besitz aller Weisheit.

Die immersprudelnden Quellen, welchen er die Ordnung vorgeschrieben hat, fließen immer und nehmen nicht ab; und mit ihrem Reichtum ersetzen sie die Armut anderer, während sie selbst immerdar die gleiche Fülle bewahren; wieviel mehr (muß) derjenige, der ihnen ihre reiche Quellkraft gab, (in seiner Fülle beharren) der Quell der Güte, er, der alles, was er schuf, gut schuf, das Vernünftige und das Unvernünftige, die erkennenden und die erkenntnislosen Wesen, die redebegabten und die sprachlosen, die lautmächtigen und stummen Geschöpfe. Und für die vernünftigen und erkennenden Wesen hat er die Anordnung getroffen, daß sie gemäß ihrer Tugendbestrebungen die Güte besitzen sollten, nicht aber die Schönheit. Denn der Geber der Schönheit ist er selbst, aber die Auswirkung der Güte hat er dem eigenen persönlichen Kraftgebrauch als Ursache zugewiesen.

Wenn nun einige meinen, daß, was unter den Geschöpfen schön ist, vom guten Schöpfer sei, wie es die heidnischen Griechen, die Anhänger der Magier und Häretiker annehmen, welche an eine wesenhaft böse Substanz im Gegensatz zu einer guten glauben, welche sie ὑλη [hylē], übersetzt Stoff, nennen, so ist unsere erste, zum voraus bemerkte Entgegnung diese: Vom wohltätigen Schöpfer kann nichts Böses herstammen, und: Es gibt nichts Böses, was seiner Natur nach böse wäre, und: Es gibt keinen Schöpfer der bösen Dinge, sondern der guten.

Und nun, welche Geschöpfe sollen für gut, welche für böse gelten? Vielmals erweisen sich Dinge, die als gut erscheinen, alleinstehend und ohne Verbindung mit andern nach allgemeinem Zeugnis für schädlich. Obwohl die Sonne gut ist, so wirkt sie doch ohne die Mitwirkung der Luft versengend und vertrocknend. In ähnlicher Weise ist der Mond mit feuchter Natur ohne Teilnahme an der Wärme der Sonne schädlich und verderblich. Auch die Luft ist ohne die Feuchtigkeit des Taues und der Wärme schädlich und verderblich. Das Wasser schwemmt den Boden der Erde hinweg und verdirbt ihn, der Erdboden ohne Wasser hinwieder wird rissig und sandig[?]. Auf diese Weise sind die vier Naturstoffe, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, für sich allein genommen gegenseitig schädlich, mit und durcheinander gemischt aber sind sie nützlich und segenbringend. Das sind für alle, welche sich belehren lassen wollen, bekannte Verhältnisse.

Folglich besteht also eine verborgene Macht, welche das, was einander verderblich wäre, durch Untereinandermischung gegenseitig nützlich macht. Und wer bei gesundem Sinne ist, der kann nicht das, was bewegt wird, sondern muß den Beweger preisen; nicht über die Diener, sondern über den Leiter müssen sie staunen, nicht über das, was wandelt, sondern über den, der wandeln macht. Denn jene tuen durch ihre Veränderungen kund, daß irgendeiner ist, der sie verändert, die Sonne, indem sie leuchtet, sich erhebt und zum Untergang sich wendet, der Mond, indem er wächst, voll wird und abnimmt, und ebenso die andern Wesen unter den Geschöpfen, indem sie nach ihrer natürlichen Beschaffenheit bewegt werden und ruhen. Und nun ist es nicht Sache des gesunden Denkens, den Beweger und Veränderer zu verlassen, und dem, was bewegt und verändert wird, zu dienen und Anbetung zu leisten. Denn was bewegt wird und sich ändert, ist nicht das Ursein, sondern ein Sein, das durch jemand oder von etwas geworden ist oder das gewirkt worden ist aus dem Nichts. Der aber, welcher von sich ist und alles bewegt, wird nicht selbst bewegt oder verändert, da er das Ursein ist und unbeweglich.

Und daß eine einzige ewige Wesenheit ist und auch für alles die Ursache ist, daß es ist, dafür geben auch jene Zeugnis, welche den Kult einer Vielheit von Göttern eingeführt haben. Sie begründen ihn so: Da wir, so sagen sie, nicht imstande sind, der Ursache aller Dinge uns zu nahen, dem Ursein, der (Ur)substanz, dem Ewigen und Unzugänglichen, deshalb dienen wir ihm durch andere unter ihm stehende Wesen, und nun müssen wir auch die Geneigtheit derjenigen Wesen, durch welche wir ihm Anbetung leisten, mit Opfern und Gaben erwerben.

Wenn nun, wie sie bezeugen, es nur eine Ursache aller Dinge gibt und dieselbe urseiend und ewig ist, so ist es offenbar, daß die anderen Wesen nicht urseiend und nicht ewig sind; wieso nun empfangen die nichturseienden und nichtewigen Wesen an Stelle des Urseienden und Ewigen Anbetung? Und das ganz besonders die körperlichen und sichtbaren Dinge, wie die Sonne und der Mond und die Sterne und das Feuer, das Wasser und die Erde, welchen von den Magiern und Heiden gedient wird?

Sollte jemand aus diesen Kreisen nun sagen: Es ist gut, daß ihr ein einziges Wesen als die Ursache von allem anerkennet; allein, wenn es ein Wesen ist, welches alles in allen Dingen bewirkt und nichts ihm entgegensteht, weshalb mutet ihr uns dann zu, die gütigen und wohltätigen Geschöpfe, welche von ihm hergestellt sind, zu mißachten? Darauf werden wir sagen: Wir muten euch nicht zu, die gütigen und wohltätigen Dinge, die von ihm hergestellt sind, zu mißachten, wohl aber (befehlen wir euch) andererseits den Gott(schuldigen) Dienst auch nicht den Geschöpfen zu leisten. Denn niemand ist wohltätig und gütig außer dem Einen, welcher geschaffen ohne Vorenthalt und welcher die vernünftigen, unsichtbaren Wesen im Leben erhält ohne Neid, die Engel nämlich und die Seelen der Menschen und die sinnbegabten unbeseelten Wesen, jedes an seiner Stelle.

Gut ist also die Sonne und schön von Natur, uns und allen Geschöpfen, die unter dem Himmel sind, nützlich und zur Fürsorge, wie ein Licht im großen Hause zwischen der Decke und dem Boden leuchtend, um die Finsternis und das Dunkel der beiden großen Gefäße zu verscheuchen. Aber sie weiß selbst nicht, ob sie ist, oder ob sie nicht ist, denn sie gehört nicht zu den vernunftbegabten erkenntnisfähigen Wesen. Ebenso verhält es sich mit den anderen unbeseelten Geschöpfen. Wasser, Feuer, Erde und Luft wissen nicht, ob sie sind, oder ob sie nicht sind, und unaufhörlich vollziehen sie den Dienst, zu dem sie verordnet sind, in Kraft der Führung desjenigen, der sie gebildet hat. Wir verachten sie nicht und dienen ihnen auch nicht, sondern im Hinblick auf sie preisen wir ihren Schöpfer und Beherrscher. Denn sie dienen uns zum Gebrauche, und ihrem Schöpfer zum Ruhme.

Weshalb sollten wir die Sonne anbeten, die bald gerufen wird, wie ein Knecht zum Dienste zu kommen, für den sie bestimmt ist, und bald enteilt und sich wie erschrocken verbirgt und der Finsternis Platz macht, daß sie den Raum im großen (Welten)hause ausfülle? Von Zeit zu Zeit kehrt sie in die Finsternis zurück zur Widerlegung und Beschämung ihrer Anbeter, indem sie dabei offen dartut: Nicht ich bin der Anbetung würdig, sondern derjenige, der mich jeden Tag leuchtend erhält und nachts verbirgt; und von Zeit zu Zeit verfinstert sie sich und, obwohl unbeseelt, spricht sie doch mit beredtem Mund: Nicht Anbetung zu empfangen bin ich würdig, sondern Anbetung zu leisten. Oder weshalb der Mond, der Monat für Monat abnimmt und gleichsam stirbt und dann wieder anhebt, lebendig zu werden, um euch ein Vorbild der Auferstehung darzubieten? Weshalb die Luft, die bald heult, in Aufruhr erregt, nach Befehl, bald furchtsam von ihrem gewaltigen Brausen abläßt? Oder weshalb das Feuer, zu dessen zweitem Schöpfer dich der Erschaffer selber gemacht hat? Denn wenn du willst, entfachest du es, und wenn du willst, löschest du es aus. Oder die Erde, welche wir immer umgraben und betreten und auf welche wirunsern und unserer Tiere Unrat ausschütten? Oder das Wasser, welches wir immer trinken und dessen Wohlgeschmack wir in unserem Leibe in Übelgeruch verkehren, mit welchem wir uns innerlich und äußerlich vom Schmutz reinigen.

Durch alles dies wird klar, was sie für Götter halten, mißachten sie sehr und entehren sie. Zittern und Zagen befällt die Geschöpfe, wenn jemand ihnen die dem Schöpfer schuldige Anbetung zollt. Die Erde tut es kund in ihrem Beben, die Lichtgestirne durch ihre Verfinsterung, die Luft durch Zittern und Erschütterungen, das Meer durch das ungestüme Drohen seiner Wogen. Denn wenn nicht die Macht des Schöpfers sie zurückhielte, so wäre jedes einzelne von ihnen imstande, alles zu verschlingen, um Rache zu nehmen für die gemeinsame Entehrung des Schöpfers; sei es, daß das Meer, das nur durch schwachen Sand umzäunt ist und gemäß dem Befehl nicht über seine Grenzen schreiten kann, sie bedeckte (= überflute); sei es, daß die Erde, welche über dem Nichts erbaut steht und nicht imstande ist, ins Nichts zurückzukehren und ihre Bewohner dahin zurückzuführen, sie verschlingt; sei es, daß der Wind, der das Leben aller beseelten Wesen ist, und ohne Befehl des Lebensherrn das Leben nicht hindern kann, Erschlaffung brächte; sei es, daß die Luft bald Kälte weht, bald Hitze herbeiführt, und alles zu nichts wird. Die Welt stellt sich also nur unserem Anblick dar, wie ein Wagen, bespannt von vier Pferden; diese sind die Wärme, Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit. Und eine verborgene Kraft ist der Wagenlenker, welcher die vier einander Widerstreitenden zur Verträglichkeit und Eintracht bringt und bändigt. Alle Wagen werden von gleichartigen Rossen bespannt, dieser Wagen allein ist von ungleichartigen bespannt. Auch solche Wagen mit gleichartigem Gespann, stoßen bisweilen an und geraten aus der Bahn, bringen den Wagenlenker in Gefahr und sich selbst. Bisweilen bringen sie den Wagen zum Zerschellen. Und ist der Wagen gut, gut auch der Wagenlenker und die Pferde abgerichtet, da richten sie ihre Aufmerksamkeit nur nach vorn und laufen dahin. Doch dieser Wagen, so wunderbar miteinander ganz widerstrebenden Pferden bespannt und von unsichtbarer Hand geleitet, läuft nicht nur in einer Richtung gerade nach vorwärts, sondern fährt nach allen Seiten und läuft überallhin, ist immer in Bewegung und ist für alles genügend. Während er seinen Lauf nach Osten nimmt, hindert ihn nichts, auch nach Westen zu gehen, und während er nach Norden eilt, hindert ihn nichts, nicht auch nach Süden sich zu bewegen. Denn die Hand seines Lenkers ist mächtig genug, ihn nach allen Seiten zu lenken und nach den vier Himmelsrichtungen des Erdkreises ihn in Bewegung zu setzen.

Auf solche wahre Sätze bringen sie nun wieder unpassende Fragen vor. Woher kommen überhaupt, so sagen sie, diese Unstimmigkeiten? Wenn Gott der Schöpfer des Guten ist, und nicht der Schöpfer der bösen Dinge, woher stammt die Finsternis, woher kommen die bösen Sachen, woher die Mühsale, woher die Bedrängnisse bald von Seiten der Kälte, bald von Seiten der Wärme? Oder woher stammen die Verkehrtheiten, denn wir sehen doch, wie Männer eines Stammes gegeneinander sich aufreizen lassen und einer nach Tod und Blut des anderen dürstet. Andere wühlen die Gräber auf und entblößen den im Staub begrabenen Leichnam und entehren ihn im Lichte der Sonne, ja geehrte Leichname berauben sie absichtlich ihrer Hülle und werfen sie vielleicht den Hunden und Geiern vor. Manchmal flieht der eine und sucht, irgendwohin sich flüchtend, sein Leben zu erhalten, der andere aber, voll glühenden Zornes, folgt mit dem Schwert hintendrein und lässt nicht nach, bis er seinen Groll gesättigt hat. Woher kommt dieser unersättliche Zorn? Ein anderer zieht dem Nächsten die Kleider vom Leib, und kehrt er sich gegen ihn, dann schafft er ihn aus dem Lichte der Sonne. Ein anderer hat es sich in den Kopf gesetzt, den Nächsten um sein eheliches Recht zu hintergehen. Er naht sich ungerechterweise dem Bette desselben und hindert denjenigen, Vater an Söhnen zu werden, der nach dem Gesetze vermählt ist. Bald werden Kriege heraufbeschworen, wo der Sünder und der Gerechte miteinander hingeschlachtet werden und frühzeitiger Tod und bittere Schmerzen zu kosten sind. Und wozu wäre es nötig, eines um das andere herzuzählen, statt kurz zu sagen: Woher ist das alles, wer ist der Urheber und Bringer all dieses Widerwärtigen, wenn es nicht eine böse Macht gibt, welche alle diese Störungen eintreten lässt und selbst Urheberin davon ist. Denn Gott den Schöpfer davon zu nennen, gehört sich nicht, auch nicht, von ihm das Sein des Bösen herzuleiten. Wie wäre es möglich, solches von Gott zu denken, denn Gott ist gütig und Schöpfer aller Güte. Das Böse berührt ihn nicht einmal, es gelüstet ihn nicht, daran sich zu weiden, sondern er verabscheut dessen Tat und Täter. Denn das Böse ist mit seiner Natur unvereinbar.

Daher kommt die Meinung, daß es etwas außer ihm gebe, wofür sie den Namen ὕλη [hylē] haben, was Stoff heißt, daraus habe er alle Geschöpfe gemacht und sie mit allweiser Kunst unterschieden und mit Schönheit geschmückt. Diesem Stoffe sei das Böse zuzuschreiben, da er an sich unwirklich und gestaltlos und in ungeordneter Menge zerstreut umhertrieb und der göttlichen Kunstordnung entbehrte. Diesen Stoff habe nun Gott nicht immer im Zustande der Unordnung gelassen, sondern er habe sich angeschickt, die Geschöpfe zu schaffen. Und er wollte aus dem schlecht Beschaffenen daran das Edlere ausscheiden. Und so schuf Gott aus ihm, wie es ihm gefiel, die Geschöpfe zu erschaffen. Und was an ihm Unreines war und ungeeignet zur Schöpfung, das ließ er beiseite. Und aus diesem Bodensatze stamme das Böse unter den Menschen.

Antwort: In Wahrheit hat allerdings in vielen das vorkommende Böse Bedenken wachgerufen und viele hervorragende Männer haben darüber sehr große Untersuchungen angestellt. Die einen wollten etwas Anfangsloses neben Gott annehmen, die anderen aber neben ihm die Materie, die sie Hyle (Stoff) nennen, daß er aus ihr das Böse geschaffen habe, noch andere aber gehen der Frage ganz aus dem Wege, weil man bei der Behandlung derselben doch an kein Ende komme. Allein uns nötigt die Liebe zu den Freunden und die irrig blickende Gegnerschaft, gemäß unserer Schwachheit zur Gnade Gottes unsere Zuflucht zu nehmen und in die Untersuchung dieser Fragepunkte einzutreten, zumal da wir Hoffnung und Vertrauen haben auf die bereitwillige Aufmerksamkeit unserer Zuhörer, welche es möglich macht, ihnen die Wahrheit vorzutragen, und es uns erspart, die Worte eitel und für nichts aufzuwenden. Denn wir bemühen uns nicht etwa, um mit Unrecht zu siegen, sondern um mit Recht das Wahre zu lernen.

In dieser vorwürfigen Frage ist es nun offenbar, daß nicht zwei unerschaffene Wesen zugleich miteinander existieren können. Denn wo zwei Wesen irgend zugleich miteinander existieren, da muß etwas da sein, was dieselben voneinander trennt. Was halten sie nun von Gott? Vielleicht daß er gleichsam örtlich überall in der Materie sei, oder etwa bloß in einem Teile derselben? Wollten sie sagen, daß Gott ganz in aller Materie sei, so können sie Gott noch so groß denken, die Materie erweist sich doch größer als er. Denn wenn jemand in einem andern ist, so ist das, in dem (das andere) ist, größer als das, was in ihm ist, denn es war fähig, ihn ganz zu umfassen. Wenn er nur in einem Teile von ihr war, so erweist sich auch dann die Materie tausendmal größer, weil schon ein kleiner Teil von ihr ihn ganz aufzunehmen vermochte. Und wenn er nicht in ihr ist und auch nicht in einem Teile von ihr, dann ist offenbar, daß etwas anderes als Zwischenraum zwischen beiden ist, größer als beide. Und nicht nur zwei anfangslose Wesen finden sich dann, sondern drei: Gott und die Materie und der Zwischenraum, dabei ist der Zwischenraum insbesondere größer als beide.

War aber jemals die Materie ungeschmückt, eigenschaftslos und gestaltlos und hat sie Gott geschmückt, weil er sie aus dem niedrigen Zustand in den besseren erheben wollte, da gab es also eine Zeit, während welcher Gott im Ungeschmückten, Eigenschaftslosen und Gestaltlosen sich befand, und er und die Materie mußten in chaotischem Durcheinander schweben.

Und wenn Gott, wie sie sagen, in der ganzen Materie war, worin konnte er, als er sie zur Ordnung, Beeigenschaftung und Gestaltung emporführte, sich selbst einschließen, da er doch allezeit unumschließbar ist. Hat er sich etwa selbst mit der Materie zur Ordnung, Beeigenschaftung und Gestaltung erhoben, da ja nirgends ein Ort war, sich abzuschließen. Das (anzunehmen) wäre doch die größte Ruchlosigkeit.

Wollten sie jedoch ferner sagen, daß die Materie in Gott war, so müßte man in gleicher Weise fragen, ob als etwas von ihm Getrenntes, wie die Tiere in der Luft, die in ihr sind und doch von ihr getrennt sind, ob wie in einem Orte, gleichwie das Wasser auf der Erde.

Von der Materie behaupten sie, daß sie unbestimmt, ungeordnet, eigenschaftslos und böse war. Wenn es sich ihrer Ansicht nach verhielte, so wäre Gott der Ort des Bösen, denn das Wirre und Ungeordnete wäre in ihm. Es ist aber eine unerträgliche Gottlosigkeit, von Gott zu meinen, daß er jemals das Böse als seinen Gast aufgenommen hätte und noch der Schöpfer des Bösen wäre. Ja auch für teilbar müßte man ihn noch halten, weil es örtlich in ihm war.

Es ist hier notwendig, zu den Ursachen des Übels zu kommen und zu zeigen, sowohl, woher die Übel kommen, als auch, daß Gott nicht die Ursache des Übels ist, und zwar gerade damit, daß sie ihm die Materie zur Seite setzen.

Was für eine Materie denn stellen sie für Gott bereit? Nicht etwa jene, aus welcher er die Welt gemacht hat, die gestaltlos, ungeordnet und roh gefügt war? Denn wir sehen die Welt in mannigfaltigen Gestalten, Ordnungsweisen und Zierden. Also wäre Gott der Schöpfer der Gestalten, Ordnungsweisen und Zieraten, nicht aber des Wesens. Gehört es nun aber zum Werk Gottes, die Wesenheiten zu schaffen und nicht allein die Zieraten und die Ordnungsweisen und Gestalten, so erhellt, daß es ganz überflüssig ist, zu meinen, daß Gott aus einer ihm vorliegenden Materie die Welt erschaffen habe, sondern, (daß festzuhalten ist, daß er sie schuf) aus dem Nichts und dem Nichtseienden.

Wir sehen, daß auch die Menschen aus nichts etwas hervorbringen. So z. B. bauen die Baumeister nicht aus Städten Städte und nicht aus Tempeln Tempel, da diese nicht imstande sind, etwas überhaupt aus nichts zu machen, so nennen sie doch die Steine, die sie zu Bauten zusammenfügen, nicht auch wieder Steine, sondern Städte und Tempel. Denn nicht ein Werk der Natur sind die Städte oder Tempel, sondern der Kunst, die in der Natur ist. Und die Kunst nimmt nicht nach irgend etwas (in der Natur) Vorhandenen die Kunstfertigkeit, sondern nach den Eigenschaften, welche an den Naturen vorkommen. Denn das für sich Bestehende kann nicht am Fürsichbestehenden (als solchem) die Kunst zeigen, sondern an den Eigenschaften, welche eintreffen. So zeigt in der Schlosserei der Schlosser (seine Kunst) und in der Tischlerei der Tischler. Denn der Mensch ist vor der Kunst. Aber die Kunst wäre nicht, wenn nicht der Mensch wäre. So muß man sagen, daß im Menschen die Kunst aus nichts bereitet ist. Wenn sich das beim Menschen so verhält, wieviel mehr ziemt es sich, von Gott zu denken, daß er nicht allein der Schöpfer von Eigenschaften und Ordnungsweisen und Gestaltungen ist, sondern daß er die Kraft besitzt, die Naturen selbst aus nichts zu schaffen und nicht bloß Beschaffenheiten der Materie, indem Gott aus dieser das Gute auf die eine Seite ausschied und das Böse in wirrer Mischung auf die andere, weshalb dann das Wirrvermischte das Reine zu trüben sucht.

Woher kommt das Böse, das geschieht? Fragen auch wir danach. Ist das Böse Substanz oder Eigenschaft an Substanzen? Man antwortet, es liegt nahe, zu glauben, daß es Eigenschaft an Substanzen ist.

Und die Materie, welche sie eigenschaftslos und gestaltlos nennen, weshalb soll sie, die eigenschaftslose und gestaltlose, an anderen Eigenschaften hervorbringen können, wenn nicht das Böse vom Zufälligen stammte, und nicht von ihr? Denn der Mord ist keine Substanz und auch der Ehebruch ist keine Substanz, und so weiterhin die andern Übel, eines nach dem andern. Sondern wie vom Schreiben der Schreiber seinen Namen hat, und von der Kunst der Künstler und von der Krankenheilung der Arzt, und das nicht, weil sie als solche Substanzen sind, sondern sie von den Sachen den Namen erhalten, so empfängt auch das Böse seine Benennung vom Zufälligen.

Wenn dann auch ein anderer als Anstifter und Anzeiger zum Bösen gilt, der es den Menschen in den Sinn einflößt, so erhält auch dieser vom Werk, das er ausübt, den Namen der Bosheit. Man muß freilich das bedenken, daß keiner das ist, was er schafft. Wenn z. B. der Töpfer Geschirre macht, so wird er nicht selbst zum Gefäß, sondern er ist nur der Hersteller der Gefäße. So bekommt er auch die Bezeichnung seines Handwerkes. In derselben Weise empfängt der Übeltäter von der Vollbringung des bösen Werkes den Namen seiner Bosheit, mag es nun ein Ehebrecher sein oder ein Mörder. Es werden also die Menschen mit Recht als Täter des Bösen bezeichnet, denn sie sind die Ursache, daß es geschieht oder nicht geschieht. Und die Übel dürfen wir nicht als etwas Substanzielles bezeichnen, sondern als Eigenschaften der Substanzen und als bös.

Wenn sie nun mit gleicher Hartnäckigkeit darauf bestehen bleiben, daß die Materie wirklich eigenschaftslos und gestaltlos war, und Gott sie in den Zustand der Form, Gestalt und Beeigenschaftung übergeführt habe, so halten sie also Gott für den Urheber des Bösen. Es wäre besser gewesen, daß sie ungeformt und eigenschaftslos geblieben wären, als mit Eigenschaften und Gestalt versehen zu werden und anderen zur Ursache des Bösen zu sein. Indes, wie wäre es möglich, daß etwas werden könnte, was da ist, wenn es gestaltlos wäre? Schon wenn man etwas gestaltlos nennt, weist man auf Gestaltung hin. Wenn aber hinwiederum (die Materie) Substanz und gestaltet gewesen wäre, so wäre es überflüssig, Gott als (ihren) Schöpfer zu bezeichnen.

Jedoch sie behaupten, deshalb, daß er aus Eigenschaftslosigkeit und Ordnungslosigkeit sie zur Ordnung und Gestaltung führte, wird er mit Recht Schöpfer genannt.

Das ist dem ähnlich, wenn jemand aus Steinen ein Gebäude aufführt. Da kommt ihm nur die Herstellung der Zubereitung und des Gefüges zu, nicht aber die der natürlichen Wesenheit. Zu was nun hätte Gott das Formlose erschaffen, zum Guten oder zum Bösen? Wenn sie sagen zum Guten, so muß man fragen, woher das Böse kommt, das geschieht. Es müßten also die Eigenschaften nicht so geblieben sein, wie sie waren, sondern weil sie zum Guten gewendet waren, hätten sie auch als gut erscheinen müssen. Haben sie sich aber zum Schlechten gewendet, werden sie dann noch sagen können, daß Gott die Ursache des Übels sei, da er ja die Eigenschaften zum Guten wandte?

Doch sie behaupten, daß er das Reine auswählte auf die eine Seite und daraus die Geschöpfe gemacht habe, aber das wirre Gemenge beiseite ließ.

Darauf müssen wir bemerken: Da er auch die Macht hatte, dies zu reinigen und das Böse hinwegzuschaffen, so müßte man, wenn er es nicht hinwegschaffen wollte, ihn die Ursache des Bösen heißen. Denn dann hatte er aus der Hälfte davon gute Geschöpfe geschaffen, die andere Hälfte aber vernachlässigte er so, daß sie den guten Geschöpfen zum Untergang wurde. Und wenn jemand die Sache wahrheitsgemäß überlegt, so findet er, daß die Materie in viel schlimmere Gefahr gekommen ist, als früher bei ihrer anfänglichen Strukturlosigkeit; denn vor der Ausscheidung und vor dem Gefühl der Gefahr des Bösen war sie in Sicherheit und Sorglosigkeit; nun aber beim Gefühl des Bösen befindet sie sich in Gefahr und Zweifel. Wenn es dir gefällt, so nimm den Menschen zum Beispiel. Bevor er gebildet war und zum Leben kam, war er des Bösen unteilhaft. Wenn er aber das Maß des menschlichen Alters erreicht hat, dann stürzt er sich in das Böse mit eigener Macht. So ergibt sich auch bezüglich der Güte, welche sie der Materie als (ursprüngliche) Gabe Gottes beilegen, daß sie der Verschlechterung anheimfiel.

Wenn ferner Gott das Böse in dieser Art zuließ, weil er es nicht hinwegschaffen konnte, so übertragen sie damit eine Schwäche auf Gott, mag er nun von Natur schwach sein, oder mag er furchtsam einem unterlegen sein, der stärker war als er. Ist er erschreckt vor einem andern unterlegen, der größer war als er, dann muß das Böse von ihnen als Gebieter seines Willens betrachtet werden. Warum wurden dann gemäß ihren Worten die Übel nicht Götter, die über Gott obsiegen konnten.

Kehren wir zurück zur Materie und fragen wir: War sie eine einfache Natur, oder war sie zusammengesetzt. Denn die mannigfachen Wirkungen der Dinge bringen uns auf solche Untersuchungen. Denn wenn die Materie eine einfache Natur und eingestaltig, die Welt aber aus Zusammensetzungen und aus mannigfaltigen Naturen und Mischungen hergestellt ist, so ist es unmöglich zu sagen, daß sie stofflich sei. Es ist ja nicht möglich, daß die zusammengesetzten Dinge aus einer einfachen Natur ihren Bestand erlangt haben. Denn die zusammengesetzten Dinge werden aus einfachen Naturen (in Mehrheit) zusammengesetzt.

Und wenn sie aus einfachen Naturen zusammengesetzt ist, so gab es einmal eine Zeit, wo die Materie nicht war, denn aus der Zusammensetzung des Einfachen ist die Materie erst geworden. Also ist die Materie etwas Gewordenes und nicht unerschaffen. Denn wenn die Materie aus Zusammengesetztem besteht, und die zusammengesetzten Dinge ihre Substanz aus den einfachen haben, so gab es eine Zeit, wo noch keine Materie war, bis die einfachen Elemente miteinander in Verbindung getreten waren, und gab es eine Zeit, wo keine Materie war, dann gab es keine Zeit, in der sie unerschaffen gewesen wäre. Denn wenn Gott unerschaffen war, und die einfachen Elemente, aus denen die Materie zusammengesetzt wurde, auch noch unerschaffen wären, dann wären offenbar nicht bloß zwei Unerschaffene, sondern deren fünf.

Und nun wollen wir weiter sehen: Waren die Wesenheiten, aus denen die Materie zusammengesetzt ist, miteinander in Übereinstimmung oder lagen sie zueinander im Widerspruch? Wahrlich, wir sehen, daß die Elemente zueinander im Widerspruch stehen. Denn zum Feuer ist das Wasser im Gegensatz, zum Licht die Finsternis, zur Kälte die Wärme, zum Trockenen das Feuchte. Und das einzelne ist für sich nicht gegensätzlich und schädlich, sondern nur mit Beziehung auf das andere. Und daraus geht hervor, daß sie nicht aus einer Materie herstammen, und daß es nicht eine aus vier gegensätzlichen Elementen zusammengesetzte Materie ist. Wenn eine Materie irgend war, so kann sie nicht in sich gegensätzlich gewesen sein, sondern nur gegenüber einem andern, wie das Weiße gegenüber dem Schwarzen und das Süße gegenüber dem Bitteren.

Verlassen wir jetzt die Untersuchung über die Materie, welche sie als Grundstoff von allem bezeichnen, und gehen wir zur Untersuchung des Übels, welches sie von jener herleiten. Denn wenn es klar ist, daß die Übel nicht etwas Substanzielles sind, so wird auch die Materie zurückgewiesen, weil sie einst nicht war und weil sie keine Substanz ist. Fragen wir zunächst nach dem Bösen bei den Menschen. Ist hier das Böse Eigenschaft einer Substanz oder selbst Substanz? Die Bewegungen, welche im Leib und in der Seele des Menschen verlaufen, kann man nicht als den Menschen selbst ansprechen, sondern nur als freiwillige Bewegungen. Denn der Mensch ist eine Substanz, aber die Sitten sind keine Substanzen wie der Mord oder der Ehebruch, welche von den Sitten bewirkt werden.

Wenn diese also substanzielle Geschöpfe wären, dann wäre es auch nötig, die Ursache, die sie aufstellen, für eine geschöpfliche Substanz zu halten. Denn wenn von einer Sache ein Teil geschöpflich ist, dann ist offenbar das Ganze geschöpflich. Und wo ein Teil unerschaffen ist, da ist auch das Ganze nicht geschöpflich. Nun aber gab es doch eine Zeit, da überhaupt ein Schöpfer (des Bösen) gar nicht da war, bevor Gott den Menschen erschaffen hatte, aus dem das Böse entstanden ist. Da der Mensch sich als den Schöpfer eines Teiles des Bösen erweist, so zeigte sich, daß vom ganzen Bösen, wenn es nämlich Substanz wäre, Gott der Schöpfer wäre, was aber durchaus niemals gesagt werden kann, so daß also von einer substanziellen ewigen Ursache des Bösen neben Gott nicht die Rede sein kann, daß nämlich Gott die Ursache des Bösen sei, sondern jener ist sie, der mit seinem Willen das Werk des Bösen vollführt. Und der, von dem das Böse bewirkt wird, erhält auch mit Recht den Namen der Bosheit, wie wir es auch schon oben gesagt haben.

Jetzt wollen wir an die Untersuchung der Dinge selbst herantreten, denn wenn die Auseinandersetzung mit Sorgfalt geschieht, wird die Klarheit der Betrachtung leicht zutage treten.

Wollen sie denn nun Gott gut und wohltätig nennen? Gewiss müssen sie ihn als gut und wohltätig anerkennen und daß keinerlei Bosheit an ihn herankommt. Ist dem nun also, so wollen wir zunächst über den Ehebruch und die Unkeuschheit fragen und hernach über andere verwandte Erscheinungen. Wenn solche Missetaten mit Gottes Willen geschehen würden, weshalb fordert er dann Rache von denen, welche das Böse getan haben. Dadurch, daß er für böse Taten Rache nimmt, wird es im Gegenteil klar, daß er das Böse nicht liebt, sondern es haßt und ernste Strafe über die Täter verhängt. Diesen erscheinen wohl, gemäß ihrer Geistesverwirrung, seine Maßnahmen als böse. Auch heute rufen die Mörder, wenn sie der Bestrafung überliefert werden, die Vollzieher ihrer Strafe nicht Wohltäter, sondern Übeltäter. Denn so ist es Sitte bei den Verbrechern, daß sie das Recht Unrecht nennen. Ferne sei es aber, uns derartiges zu sagen, sondern statt das Böse für etwas Selbständiges zu halten, erachten wir es als Ausgeburt des Willens.

In der Tat besteht die Unkeuschheit und der Ehebruch in der gegenseitigen Verbindung eines Mannes mit einer Frau. Wenn jemand der Frau sich naht, mit welcher er gesetzlich verheiratet ist, um Kinder zu erzeugen und Nachkommenschaft zu pflanzen, so ist die Verbindung ein gutes Werk. Jedoch wenn einer seine Frau verlässt und den Ehebund eines andern feindlich stört, so verübt er eine Missetat. Obwohl die Verbindung (materiell) dieselbe ist, so ist doch das Rechtsverhältnis der Verbindung nicht dasselbe, denn der erstere wird der gerechte Vater der Kinder, der andere aber als Dieb. Ebenso liegt die Sache bei der Unzucht. Naht jemand mit der Absicht der Fortpflanzung seiner eigenen Frau, so tut er recht; aber wenn jemand aus Wollust der Begierde nach den Leibern anderer nachgibt, so tut er schweres Unrecht. Und so ist es klar, daß die Dinge dann böse werden, wenn die Bedürfnisse nicht in gesetzmäßiger Weise gestillt werden.

In der gleichen Weise verhält es sich mit dem Mord. Wenn jemand einen auf dem Ehebruch ertappt und ihn tötet zur Strafe für seine Frechheit, so tut er nichts Böses. Tötet aber jemand einen Unschuldigen, der sich nichts Verdammenswertes hat zu Schulden kommen lassen, sei es nun, um ihm (seine) Mittel zu entreißen, sei es, um ihn seines Besitzes zu berauben, so verübt er ein Verbrechen. Die Tat ist bei beiden (materiell) die gleiche, aber das Rechtsverhältnis ist nicht eben dasselbe.

Gleiches ist wieder zu sagen bezüglich der Wegnahme von Sachen. Wer von einem Herrn eine Gabe oder ein Geschenk von einem Freunde annimmt, der tut nichts Böses. Wer aber gewalttätig den Schwachen beraubt, der begeht ein Verbrechen. Das Nehmen ist bei beiden dasselbe, aber deren Umstände beim Nehmen sind nicht die gleichen.

In gleicher Weise zeigt sich in der Art des Gottesdienstes das Böse. Wenn jemand dem wahren Gott dient, so vollbringt er ein edles Werk; wenn hingegen jemand den wahren Gott verläßt und Stein und Holz wie Gott dient, dann begeht er ein unsägliches Unrecht. Denn er überträgt das Verhältnis der Abhängigkeit auf die unvernünftigen Geschöpfe. Stellt jemand ein Bild her und zwar nicht aus Liebe zu einem Teuern, der ihm durch den Tod entrissen wurde, oder um seine Kunst zu zeigen, sondern weiht ihm Dienst und betet es an als Gott, so tut er ein Werk der Bosheit.

Und so wirkt, welcher Art die Dinge an sich auch sein mögen, die Absicht des Täters das Böse, wie auch das Eisen bald zum Guten dient und bald zum Bösen; denn wenn jemand daraus eine Pflugschar oder eine Sense oder eine Sichel macht, so wird es zum Guten verwendet; wenn aber jemand daraus ein Schwert oder eine Lanze oder ein (Wurf-)Geschoß oder sonst irgendeine Waffe macht, die den Menschen schadet, so vollbringt er ein Werk des Bösen. Und die Ursache des Bösen ist der Vorarbeiter, nicht das Eisen.

Werden nun, so sagt man weiter, die Menschen solche Regungen von sich aus haben, oder kommen sie von Gott, oder gibt es sonst jemand, der sie in die Menschen hineinbringt? Daß den Menschen dieses von Gott angetan würde, scheint man nicht mit Recht zu behaupten, wohl aber, daß der erste Mensch, der von Gott erschaffen wurde, die Gewalt über sich selbst und Freiheit hatte, und daß seine Nachkommen dieselben von ihm erben. Im Besitze der Gewalt über sich selbst nun, dient der Mensch, wem er will; das ist eine große von Gott ihm erteilte Gunst. Denn alle anderen Wesen müssen dem göttlichen Befehl dienen mit (natürlichem) Zwange. Betrachtest du den Himmel, er steht fest und bewegt sich nicht von dem einmal für ihn bestimmten Ort; und möchtest du die Sonne anführen, so vollendet auch sie den ihr zugewiesenen Lauf und vermag nicht, von ihrer Bahn abzuweichen, sondern, der Notwendigkeit unterworfen, dient sie nach göttlichem Befehle. In ähnlicher Weise sehen wir die Erde mit ihrer dichten Masse; geduldig trägt sie die Befehle ihres Gebieters. Und alle anderen Mitgeschöpfe sind so dienstbar den Befehlen des Schöpfers. Und sie vermögen nichts anderes zu tun, als das, wozu sie bestimmt sind. Daher loben wir sie nicht, daß sie die Grenzen ihres Auftrages einhalten.

Der Mensch aber, welcher die Gewalt über sich selbst erhalten hat, dient, wem er will, nicht zwangsweise der Nötigung der Natur unterworfen, nicht von der Kraft verlassen, die ihm für die Rechtschaffenheit verliehen, sondern allein vom Gehorsam gewinnt er Nutzen und vom Ungehorsam Schaden. Und wir behaupten, daß dies dem Menschen nicht zum Unheil dient, sondern zum Besten. Denn wenn er beschaffen wäre, wie irgendeines von den andern Geschöpfen, welche Gott gezwungen dienen, dann wäre er auch nicht würdig, für seine Willfährigkeit Lohn zu empfangen. Er wäre dann vielmehr nur wie ein Werkzeug des Schöpfers, das, ob es bald zum Guten dient, bald zum Schlimmen, weder Tadel noch Lob erntet, die Ursache jedoch läge bei dem, der sich seiner bedient. Ja, selbst des Guten wäre alsdann der Mensch nicht kundig, auch von keiner anderen Sache hätte er ein Verständnis, als nur von dem, wozu er ausgestattet ist. Gott wollte aber den Menschen zu solcher Ehre erheben, daß er ihm die Gewalt über sich selbst gab, damit er im Guten erfahren würde und so imstande wäre, zu tun, was er wollte. Und die Gewalt über sich selbst leitete er ihn an, zum Guten zu gebrauchen. Er macht es wie ein Vater. Dieser mahnt seinen Sohn, der in der Lage ist, einen Unterricht zu genießen, nicht lässig zu sein, und treibt ihn an, vorwärtszustreben zum Besseren. Weil er weiß, daß er imstande ist, voranzukommen, verlangt er von ihm auch das Wissen, welches ihm vorgelegt wurde. So müssen wir auch von Gott denken. Er ermuntert den Menschen, seinen Geboten zu folgen. Aber die Macht des freien Willens nimmt er ihm nicht, durch welche er in den Stand gesetzt ist, seinen Geboten zu gehorchen und nicht zu gehorchen. Er mahnt nur und ermuntert den Menschen, nach dem Guten zu trachten, dadurch würde er der großen Gaben Gottes würdig, wenn er Gott gehorchte, während er zugleich die Macht hätte, Gott nicht zu gehorchen. Denn nicht umsonst wollte Gott solche Gaben geben, der ewige Unvergänglichkeit ist. Umsonst aber würden sie einem solchen gegeben, der nicht die Macht hat, sich für beides zu entscheiden, das zu befolgen, was Gott wollte, oder das nicht zu befolgen, was er nicht billigte. Das ist vielmehr das Rechte, daß jemand nach dem, was er Würdiges getan hat, empfängt. Wie nun erschiene eine Wahl in den Werken, wenn der Mensch nicht die Fähigkeit zu beiden hätte, zu gehorchen und nicht zu gehorchen. Und so ist es also klar, daß der Mensch frei erschaffen wurde, um das Gute zu tun und auf das Böse zu verfallen. Nicht als ob etwas Böses vorhanden gewesen wäre, auf das er hätte verfallen sollen. Nur das stand vor ihm, entweder Gott zu gehorchen oder nicht zu gehorchen, und nur dies ist als Ursache des Bösen anzusehen. Denn nachdem der erste Mensch erschaffen war, erhielt er von Gott ein Gebot, und indem er den Gehorsam gegen das göttliche Gebot verweigerte, verfiel er in das Böse und von dort nahm das Böse seinen Anfang.

Daher kann niemand das Böse als etwas Unerschaffenes und Substantielles hinstellen. Und nicht vom Schöpfer wurde es eingeführt, sondern durch die Unbotmäßigkeit des Ungehorsamen und den Antrieb aus irgendeiner Belehrung. Denn auch den Menschen vermag niemand als von Natur so geschaffen hinzustellen. Wenn der Mensch eine solche Natur empfangen hätte, (so würde er nicht durch die Belehrung eines andern dem Ungehorsam verfallen sein), dann würde ihm auch nicht aus der Natur des Geschöpfes und aus der Heiligen Schrift die Belehrung zukommen. So sagt die Heilige Schrift an einem Orte, daß die Menschen von Jugend auf zu den Gedanken des Bösen geneigt sind, [Genesis 8, 21] um zu zeigen, daß die, welche dazu hinneigen, es freiwillig tun und nicht aus jemandes Zwang.

Also ist der Ungehorsam allein, mit welchem man sich beim Werke außerhalb des göttlichen Willens stellt, als die Ursache des Bösen anzusehen. Und für denselben ist ein anderer verborgener Lehrer anzunehmen, der dazu anregt, aber nicht zwingen kann, weil er den Menschen seiner Güter berauben wollte. Wenn sie sodann auch dafür den Grund suchen möchten, so werden sie im Neid, der gegen den Menschen sich regte, diese Ursache finden. Und wenn sie auch über den Ursprung des Neides eine sorgfältige Untersuchung anstellen, so werden wir zur Antwort die bevorzugte Ehrung des Menschen geltend machen; denn der Mensch allein ist nach dem Bilde und Gleichnis Gottes geworden. Wollte man nun aber deswegen Gott als die Ursache des Bösen bezeichnen, so würde man unvernünftigen Gedanken nachgeben. Denn wenn, was dem Menschen ward, dem Neider genommen worden wäre, dann würde der Geber mit Recht für die Ursache des Bösen betrachtet. Aber da er letzeren bewahrt, wie er war, und es ihm gefiel, so den Menschen zu schaffen, so ist der Urhebende der Neidische. Wenn jemand zwei Sklaven hat und er den einen im Sklavenstand behält, den andern aber als seinen Sohn eintragen läßt, und der erstere über den zweiten herfällt und ihn tötet, dürfte man da wohl den Herrn für die Ursache des Bösen halten, weil er den einen nicht aus dem Sklavenstand befreite, dem anderen aber (die Freiheit) schenkte?

Nun stellen sie auch noch die Frage: Woher kannte die Schlange, die ihr Satan nennt, die Eigenschaften des Bösen, wenn noch nichts Böses vorhanden war? Wir antworten: Der Satan erkannte den Ungehorsam des Menschen gegen Gott als böse, deshalb ermunterte er ihn dazu. Es ist das dem Fall zu vergleichen, daß bei einer verborgenen Feindschaft der Feind heimlich zu schaden sucht, aber keine Gelegenheit dazu kennt und nun herumgeht, um die Mittel ausfindig zu machen; trifft er nun den Augenblick, wo einer von den Ärzten seinem Feind die Vorschrift gegeben hat, sich von etwas fern zu halten und eine Art von Speisen durchaus nicht zu essen, um so die Gesundheit zu erlangen, dann kann er wohl mit dieser Erfahrung rasch heuchlerisch die Rolle des Freundes spielen, den Arzt verstellterweise tadeln, ihm das Nützliche als Schädliches verführerisch hinstellen, den Anordnungen des Arztes entgegengesetzte Weisungen geben und so Schaden anrichten. Dieser hat nicht die Eigenschaften der Schädigung zuvor gekannt, sondern aus den Vorschriften des Arztes die Mittel gewonnen, Schaden zu stiften. So glaubt man, daß der Satan den ersten Menschen beneidet habe und (zugleich) die Beschaffenheit des Schädlichen nicht gekannt habe. Denn nicht, weil etwas Böses vorhanden war, aus dem er die Eigenschaften hätte entnehmen können, sondern weil er den Befehl Gottes kannte, der an die Menschen ergangen war, um sie abzuhalten, vom todbringenden Baume zu essen, daher legte er diese (Frucht) dem Menschen vor. Diese war nicht ungeeignet zur Nahrung des Menschen, noch von Natur eine todbringende Pflanze, so daß deshalb der Mensch abgehalten worden wäre, von ihr zu essen, sondern der Ungehorsam wurde für den Menschen die Ursache des Todes, wie für einen Verbrecher, welcher die Befehle seines Herrn übertritt, die ihm aufgetragen wurden.

Der Feind hat also den Menschen angereizt, das Gebot Gottes zu übertreten, nicht als hätte er sicher gewußt, daß er ihm dadurch Schaden zufügen kann, sondern im Ungewissen schwankend, ob es so sei oder nicht so sei; und nachher erkannte er aus der Strafe, welche den Menschen wegen Übertretung des Gebotes traf, daß seine Gebote ihm den Tod bewirkten, und daß er und der Mensch mit Recht der Strafe verfielen, der Mensch, den er zum Ungehorsam verleitet hatte, nämlich vom Baume zu essen, welcher nicht von Natur todbringend war, sondern kraft der Strafandrohung Gottes zur Ursache solchen Verhängnisses wurde.

Wir können den Arzt nicht beschuldigen, weil er seine Vorsichtsmaßregeln traf, nach denen der Mensch gesund werden sollte, wenn der letztere diese ärztlichen Vorschriften außer acht läßt und auf den Feind hört, der ihm einen verderblichen Rat gibt; hier ist die Ursache des Schadens nicht beim Arzt zu suchen, der zuvor die Vorsichtsmaßregeln für ihn traf, sondern beim Feind, der aus der Anordnung des Arztes die Möglichkeit zu seiner Schädigung gewann. So sagen wir auch vom Satan, daß er ein Feind des Menschen geworden war noch ehe er die Eigenschaften des Bösen kannte, aber von dem Gebot Gottes unterrichtet, wollte er dem Menschen schaden, (versuchend) ob er wohl die Strafe des Todes erlitte, wenn er ohne den Willen Gottes vom Baume äße. Denn hätte Gott nicht zuvor dem Menschen verboten, von der Nährfrucht des Baumes zu essen, und hätte der Mensch unwissend von ihr gekostet, so wäre die Strafe des Todes nicht über ihn gekommen. Hätte er gleichsam aus Unkenntnis oder aus Unenthaltsamkeit von der Frucht des Baumes gegessen, so wäre er keiner Strafe verfallen. Denn auch ein Säugling, den nach einer anderen Speise gelüstet, ist nicht strafbar, sondern nur bedauernswert. Die Schlange selbst wurde auch mit Recht bestraft, weil sie sich einer grausamen Feindseligkeit gegen den Menschen ergab.

Und nun bezeichnen wir als den Anfang des Bösen den Neid, und zwar den Neid über die höhere Ehrung des Menschen durch Gott und (leiten) das Böse aus dem Ungehorsam her. Denn Gott hat den Menschen so sehr mit Vorzug geehrt, dieser aber mißachtete das Gebot im Ungehorsam. Daher wissen wir, daß alles, was böse ist, nicht von Natur böse ist, sondern weil Dinge ohne Gottes Willen gewirkt werden, deswegen werden sie böse.

Gemäß seiner geschöpflichen Herkunft von Gott wußte auch der Satan, daß Gott in irgend etwas nicht Gehorsam leisten böse ist und nicht gut. Denn er wurde nicht als ein unwissendes Wesen von Gott erschaffen, das nicht verstünde, wie alles, was nach Gottes Willen geschieht, gut, und was außerhalb des Willens Gottes geschieht, bös ist; und deshalb straft ihn Gott mit Recht, denn er kannte das Gute und tut es nicht, und weiß um das Böse und meidet es nicht. Nicht als böses Wesen und zur Hervorbringung des Bösen hat ihn Gott geschaffen; auch nicht als Versucher, um durch die Versuchung von seiner Seite die Gerechten auszuscheiden; auch wird er nicht aus sich selbst als böse erfunden und nicht als unerschaffen und als Widersacher Gottes; sondern als ein vernünftiges Geschöpf ist er von Gott erschaffen worden, und ausgestattet mit der Erkenntnis, daß es böse ist, sich dem Befehle Gottes zu widersetzen; und das, wovon er gewußt hat, daß es böse ist, hat er sich herausgenommen, nämlich den Ungehorsam. Der Ungehorsam gelangte nicht als etwas Substantielles im Vorauswissen zur Kenntnis des Satans, sondern als etwas, das aus der gelegentlichen Willkür des Wollenden hervorging.

Aber auch vom Menschen müssen wir sagen, daß er mit Recht die Strafe trägt für das, was er getan hat. Denn mit freiem Willen geht er ein auf die Erlernung solcher Dinge, von denen er, wenn er wollte, sich fernhalten könnte. Denn er hat die Fähigkeit, zu wollen und nicht zu wollen und mit dieser verbunden das Vermögen, auch zu tun, was er will.

Da ihr nun, so sagen sie, Gott nicht als den Urheber des Bösen bezeichnen wollt, sondern erklärt, daß es unter Eingebung des Satans von den Menschen gewirkt werde, indem sie ihm folgen und von ihm sich betrügen lassen, wofür sie mit Recht ihre Strafe erleiden, da sie das Böse hätten ausscheiden und entfernen können, aber nicht wollten, so werden wir nun in betreff des Satans selbst die Frage stellen: Hat ihn etwa Gott so gemacht, wenn er nicht von selbst so beschaffen war, und hat er zugestimmt zum Übergang ins Böse.

Wenn ihn Gott so gemacht hätte, so hätte er keine Strafe über ihn verhängen dürfen, denn er hat die Ordnung der Natur, in der ihn Gott erschaffen hat, bewahrt. Und was immer jemand ohne seinen Willen getan hat, dafür darf man ihn nicht bestrafen, sondern mit Recht wird nur derjenige bestraft, in dessen Willen es gestellt war, etwas zu tun, und der so eine schlechte Tat begangen hat. Denn er blieb nicht bei dem, was Gottes Wille ist. Wenn er also (der Satan) von Gott gut erschaffen wurde und er selbst von sich aus seinen Willen dem Bösen zuwandte und sich vom Guten abkehrte, dann verfiel er mit Recht der Bestrafung für sein Unterfangen. Denn wir wissen, daß der Satan nicht von Gott zum Satan gemacht wurde. Denn den Namen Satan empfing er als seinen Namen von der Verführung. Denn der Name Satan heißt in der hebräischen und syrischen Sprache soviel als Verführer (Widersacher). Und er wurde allerdings als eine Kraft, die das Gute kennt, von Gott geschaffen und aus Feindseligkeit gegen den Menschen wurde er aus eigenem Willen zum Teufel (Beschuldiger). Er entzog sich der Untertänigkeit gegen Gott und begann ungehorsam zu werden und die Menschen zur Widersetzlichkeit gegen die Befehle Gottes zu verleiten, und wie ein Abtrünniger sagte er sich los und fiel von Gott ab. Es gibt für diese Aussage das göttliche Wort Zeugnis, welches ihn einen abgefallenen Drachen nennt; „durch seinen Befehl tötete er den abgefallenen Drachen“. Und wahrlich, das Wort Gottes tötete den Satan dadurch, daß es die Macht gab, ihn mit Füßen zu treten. Also einen Abtrünnigen nennt ihn die Schrift. Wenn er so geblieben wäre, wie Gott ihn geschaffen hat, dann würde sie ihn nicht abtrünnig nennen. Denn wenn jemand abtrünnig wird, so verläßt er seine Ordnung. Dadurch zeigt er auch, daß er nicht unerschaffen ist. Denn wenn er unerschaffen wäre, so würde er nicht von seiner Natur abgekommen sein, denn es kann keine Natur ohne ihren Willen bald gut, bald böse sein.

Nun kommen sie mit der Bemerkung: Wenn also Satan nach euerer Ansicht nicht unerschaffen war und nicht durch Gott seine (böse) Beschaffenheit erlangt hat, und durch sich selbst sich vom Guten dem Bösen zuwendete, nämlich vom Gehorsam zum Ungehorsam, so äußert euch nun doch darüber: Wußte Gott, daß derselbe diese Wendung nehmen werde oder wußte er es nicht? Wußte er es und erschuf er ihn dennoch, so war er die Ursache, daß jener sich vom Guten abwendete, wußte er es nicht, wie schuf er den, von dem er nicht wußte, wie er sich künftighin entwickeln werde. (Antwort). Bei Gott eine Unwissenheit vorauszusetzen, ist eine ungeheure Torheit. Denn er allein besitzt über das Zukünftige ein Vorauswissen. Aber weil Gott ein gütiges Wesen ist, wollte er seinen Edelmut nicht ungeoffenbart lassen. Weil er vorauswußte, daß der Satan abfallen und die Menschen verführen werde, seinen Befehlen nicht zu gehorchen, erschuf er ihn gerade, um dadurch zugleich die Freiheit der Menschen offenbar werden zu lassen, damit die Vortrefflichkeit seiner Güte den Menschen offenbar werde auf Grund der den Menschen gewährten Verzeihung ihrer zuvor begangenen Sünden. Denn wenn sie sehen, daß der Satan trotz seiner Gottlosigkeit nicht hinweggerafft wird, dann werden sie auch in Hinsicht auf ihre eigenen Sünden den Gedanken fassen, daß es möglich ist, durch Buße Nachlassung zu erlangen, auf daß Gottes Güte sich zeige und die Menschen seine Huld erkennen. Denn wäre das nicht so, so würde auch niemand zur Einsicht von seiner Güte gekommen sein.

Wirklich, sagen sie nun, warum hat er den Satan nach seinem Abfall und seiner Verführung an den Menschen nicht hinweggerafft, damit er nicht die vielen in den Untergang stürze!

Nicht deshalb, als ob es nicht in der Macht Gottes gelegen gewesen wäre, den Satan zu vernichten. Denn in Gott ist keinerlei Ohnmacht. (Er tat es deshalb nicht), weil es keine große Tat Gottes gewesen wäre, den Satan selbst persönlich zu töten und eines seiner hinfälligen Geschöpfe ins Nichts zurückzuschleudern. Es sollte ja nicht den Anschein bekommen, als tötete er ihn, weil er seine Bosheit nicht ertragen könne. Und es wäre, um es nochmals zu wiederholen, Gottes Güte bei den künftigen Menschen unbekannt geblieben, wenn er den Satan zuvor getötet hätte. Denn dann hätte niemand ein klares Zeichen dafür gehabt, Gott gütig zu nennen. Vielleicht würde dann der Verdacht aufgekommen sein, als wäre (Satan) ein Gott Gleicher gewesen und als hätte Gott deshalb geeilt, ihn zu vernichten. So bewahrte er ihn und vernichtete ihn nicht, auf daß die Menschen, unterrichtet über das, was gut ist, über ihn siegten, anstatt jener, die zuvor von ihm besiegt worden waren.

Das aber ist groß und wunderbar, daß der Mensch Gottes, ausgerüstet mit Gottes Hilfe, den Kampf aufnehmen und über Satan siegen kann. Ein Fechtlehrer sucht seine Schüler mit aller Kunst einzuüben, um ihnen die Arten des Fechtens beizubringen, durch welche sie den Gegner zu besiegen vermöchten; er schickt sie aus, mit den Gegnern selbst sich in der Kampfesart zu erproben, und ermahnt sie, auf den Sieg zu denken bis zur Verachtung des Lebens; denn es gilt für besser, für einen guten Namen zu sterben, als zu leben und geringgeschätzt zu sein; wenn diese die Unterweisungen ihres Lehrers im Auge behalten und an die Siegesgeschenke denken, dann können sie ihre Gegner besiegen, bekränzt zu ihren Lehrern zurückkehren und, als Zeichen ihres Kampfes mit dem Gegner, den Kranz zu ihm bringen. Vergessen sie aber ihres Lehrers und verlangen sie nicht nach Sieg und Kranz, dann erliegen sie mit Geringschätzung ihrem Gegner; mit Recht werden sie dann verachtet und gepeinigt und erleiden sie für ihre Feigheit die Strafe des Todes. Ähnlich muß man von Gott denken. Durch sein Gebot verleiht er dem Menschen eine schöne Ausrüstung, um den Sieger mit dem Kranze zu schmücken und den Feigling zu beschämen. Wenn nun jemand die Gebote Gottes mißachtet, so wird er, wenn er sich mit seinem Widersacher in den Kampf einläßt, alsbald erliegen, denn es fehlen ihm die Vorzeichen des Sieges. Und mit Recht wird ein solcher strenger Bestrafung unterworfen, weil er seinem Gefährten nicht gleichkam, welcher kämpfte und siegte.

Deshalb nun hat Gott den Satan, wie zum Zweck der Ringschule in der Welt gelassen. Denn indem seine [sc. Gottes] Tapfern mit ihm [sc. Satan] kämpfen und ihn besiegen, soll der Ruhm seines ersten Sieges nunmehr zerstört werden durch solche Menschen, welche voll Liebe zum Guten ihn überwinden und das Ruhmeszeichen des Sieges im Kampfe aufpflanzen. Denn hingeworfen zu unsern Füßen liegt er dann tot und vernichtet, niedergeworfen durch unsere Liebe zum Guten.

Nach all diesen überzeugenden Darlegungen bringen sie nun hartnäckig immer wieder das gleiche vor. Von Natur ist das Böse, so sagen sie, und nicht aus freiem Willen.

Demgegenüber weisen wir darauf hin: Wenn es von Natur wäre, weshalb werden von den Königen Gesetze erlassen, und von den Fürsten Drohungen, von den Richtern Strafen verfügt. Nicht etwa fürwahr, um das Böse hintanzuhalten? Wenn das Böse von Natur wäre, dann brauchte der Gesetzgeber keine Gesetze zu geben, kein Fürst Strafen gegen die Übeltäter zu verhängen. Weshalb sollten jene gestraft werden, die ohne ihren Willen böse sind? Solche Menschen muß man bemitleiden, aber nicht bestrafen.

Wenn das Weib eines solchen nun die Ehe bricht, dann darf man sie nicht Sünderin nennen, denn sie ist nicht freiwillig zum Bösen hingetrieben worden, sondern sie sah sich durch die Natur dazu gezwungen. Und wenn ihr Sohn zum Schwert greift und sich auf sie stürzt, so soll man ihn nicht beschuldigen. Denn er tat den Schritt nicht mit seinem Willen, sondern das Böse zieht ihn dazu. Und wenn jemand vom Nachbar und vom Freunde Feindseligkeiten erfährt, so soll er nicht auch Feindseligkeit dafür zeigen, sondern sie vielmehr noch bemitleiden. Denn nicht sie haben ihm Feindseligkeit zugefügt, sondern das Böse, welches gewaltsam sie leitet. Ähnlich ist es, wenn eine Tochter ihre Mutter schmäht, und die Schwiegertochter ihre Schwiegermutter und die Frau den Mann, der Sklave den Herrn, der Bruder den Bruder, da sollen jene, die geschmäht wurden, es nicht zu Herzen nehmen, sondern mit jenen Mitleid haben, weil sie eben vom Bösen vergewaltigt wurden.

Jedoch, wenn wir sehen, daß der König Strafe verlangt für seine Gesetze und durch die Einführung von Strafe das Böse vermindert; und daß der Richter den Dieb und Räuber fesselt und auf die Seite schafft, um den Schaden abzuwenden; und daß der Vater seinen mißratenen todeswürdigen Sohn den Richtern übergibt; und daß die andern alle insgesamt für die ihnen zugefügten Beleidigungen Strafe verlangen, entweder durch sie selbst oder durch die Obrigkeit, so ist es doch offenbar, daß das Böse, welches geschieht, freiwillig ist und nicht von Natur. Wohlan also, binde und schlage einen, der stark in Ausschweifungen versunken ist, und siehe, ob sich in ihm dann irgendwelche Erinnerung an die Ausschweifung überhaupt noch findet. Und wahrlich, nicht vergeblich hat der Weise den Ausspruch getan: Der Knecht, welcher nicht durch das Ohr hören will, den läßt man durch den Rücken hören.

Aber auch sonst vermögen wir zu erkennen, daß die Natur des Menschen das Verlangen nach dem Guten in sich trägt und nicht nach dem Bösen. Denn der Ehebrecher, welcher Ehebruch treibt, entrüstet sich, wenn ihn jemand einen Ehebrecher nennt, während er doch im Ehebruch begriffen ist; der Unkeusche, welcher offen Unkeuschheit treibt, will den Namen Unzucht nicht hören. In ähnlicher Weise wollen Diebe und Räuber und andere Übeltäter, obwohl sie in der Tat das Böse tun, doch den Namen ihrer Übeltat nicht tragen. Auch der Heuchler in seiner Vorstellung, der seinen Nächsten mit List in Schaden stürzen will, verbirgt seine Heuchelei, und gleich, als gäbe er einen guten Rat, stürzt er durch seine Verlockungen den Unschuldigen in Nachteil. Und würde er nicht den Schein des Guten verstellter Weise zur Schau tragen, so könnte er den des Rechtes Kundigen nicht hintergehen.

Auch wenn einer einen harten Fürsten zur Milde stimmen will, so darf er nicht offen vorgehen und sagen: du bist hart, sondern sucht zunächst ihn günstig zu stimmen mit den einnehmenden Worten: Du bist, o Herr, milde und wohltätig gegen alle; alle sind mit dir zufrieden, alle halten dich für rechtserfahren. Und so vermag er mit Gefälligkeit die Härte des Fürsten zu mildern, ihn weich zu machen und ihn zum Rechten und Billigen zu führen. So begegnet man auch dem Zornigen, dem Aufgeregten und Neidischen mit Sanftmut und begütigt ihn. Daraus ist klar, daß die Natur des Menschen das Verlangen nach dem Guten in sich hat und nicht nach dem Bösen.

Und wenn sie die Wildheit der wilden Tiere bestimmt, etwas von Natur Böses anzunehmen, so mögen sie wissen, daß ein Teil der Tiere für die Bedürfnisse (der Menschen) erschaffen ist, wie das Rind und das Schaf und alles, was eßbar und zum Lastentragen geeignet ist. Der andere Teil aber hat die Aufgabe, den Herzen der Menschen Furcht einzuflößen. Denn wenn die wilden Tiere schrecklich sind, und Drachen und Schlangen und andere schädliche Kriechtiere und der Mensch (trotzdem) so stolz ist, daß er die Grenzen der Gottesfurcht im Ungehorsam durchbricht, wie wenig würde er erst ohne diese Schreckmittel standhaft sein?

Jedoch auch jene Wesen, welche den Toren als böse erscheinen, werden oft Segenbringer und Lebensretter. Was wäre böser als die Schlange, und doch kommt von ihr das Theriak; hat die Hinterlist der Menschen tödliche Mittel zur Anwendung gebracht, da bringt es Heilung, wenn es kaum zur Verwendung gekommen ist. Wenn die Schlange von Natur aus böse wäre oder das Geschöpf eines bösen Wesens, dann könnte sich in ihr nichts Segenbringendes finden und niemals könnte sie durch Zähmung aus dem Zustand ihrer Wildheit erhoben werden. Nun sehen wir aber wahrlich, daß sie durch die Kunst der Zauberer gezähmt wird und ihnen wie ein Stück zum Spielzeug dient; oftmals wohnt sie sogar (bei ihnen) im Hause, ohne den Bewohnern zu schaden.

Und wenn nun irgendein Heide meinte, es gäbe etwas von Natur Böses, so würde er widerlegt werden von seinen Zunftgenossen, welche Schlangen anbeten. Diese verstehen die Schlangen so zu zähmen, daß sie dieselben mit Beschwörungen in die Häuser rufen und ihnen Nahrung vorsetzen, wie die Babylonier dem Drachen, welchen sie anbeteten. Und es tötete ihn der Liebling Gottes mit seiner gewohnten Speise.

Und wenn ein Magier die wilden Tiere als Geschöpfe des Bösen betrachtete wegen ihrer Wildheit, so würde er vom allgemeinen Urteil gerügt und zum Schweigen gezwungen. Denn wenn die wilden Tiere Geschöpfe des Bösen wären und die Erde das des Guten, wie könnte das Geschöpf des Guten für die Geschöpfe des Bösen zur Erzieherin und Nährerin werden? Vom Guten gewinnen sie ihre Nahrung und in ihrem Schoße ruhen sie. Denn zwei einander gegnerische Wesen zerstören einander, wie das Licht die Finsternis und die Wärme die Kälte.

Wenn also die wilden Tiere Geschöpfe des Bösen wären und die Erde das des Guten, dann müßte die Erde jene verschlingen und nicht ernähren, sie verwehen aber nicht säen. Wenn aber die Erde auch die wilden Tiere ernährt und sie nicht vernichtet, dann ist klar, daß die wilden Tiere vom gleichen Schöpfer erschaffen sind, dem auch die Erde ihr Sein verdankt, und daß es nichts gibt, was von Natur aus böse wäre.

Denn es gibt auch keinen seiner Natur nach bösen Schöpfer. Insbesondere zeigen ja die wilden Tiere, von denen sie behaupten, daß sie einem bösen Schöpfer ihr Sein verdanken, selbst, daß sie nirgends herstammen, als von der Erde. Sie tun es dadurch, daß sie von der Erde sich nähren, auf ihr wohnen und, wieder in sie zurückkehrend, zu Staub werden.

Wenn es böse Geschöpfe gäbe, hervorgegangen aus dem Bösen, dann könnte keines derselben nützlich sein, sondern sie wären durchaus schädlich. Nun sehen wir aber, daß die Haut einiger uns zum Schutzmittel unserer Nacktheit wird, das Fett einiger zum Heilmittel und anderes an den Leibesteilen, wie vom Löwen und Bären und von jedem andern, je nach ihrer Beschaffenheit (ebenso). Daher ist es offenbar, daß sie von einem guten Schöpfer ins Dasein gerufen sind, weil an einem jeden unter ihnen etwas Nützliches sich finden läßt. Denn was (von Natur) böse ist, von dem ist durchaus alles schädlich, sowohl Haut als Fleisch. Wie wir uns jedoch mit der Haut dieser Tiere bekleiden, ohne daß sie uns schadet, so würde es auch nicht schaden, wenn einer sich das Herz nähme und von ihrem Fleische äße. So ist der Eber das wildeste aller Tiere, aber sein Fleisch wird gegessen und schadet nichts, so würde es auch bei jenen nicht schaden, wenn es jemand äße.

Vom Rinde sagen sie, es sei durch den guten Schöpfer erschaffen worden; und gerade am Rinde findet sich Schädliches. Das Fleisch des Stieres zu essen, dient dem Leib zur Nahrung, aber wenn jemand sein Blut tränke, würde er dahingerafft. In gleicher Weise gibt es unter den Kräutern etwas, was für sich selbst verderblich ist, aber in der Mischung mit anderen Kräutern, ein Heilmittel gegen viele Leiden ist. Ißt jemand reinen Alraun, so wirkt er tödlich; vermischt mit anderen Wurzeln, ist er ein Mittel gegen Schlaflosigkeit. Und wenn jemand in der heißen Jahreszeit Lattich ißt, so wirkt er als Kühlmittel der Hitze des Leibes entgegen; ißt ihn aber jemand in der kalten Jahreszeit, so wirkt er schädlich. Und wenn jemand das daraus ausgepreßte Wasser unvermischt trinkt, so kostet es ihn das Leben, trinkt man aber den zerriebenen Samen mit Wasser, so befreit er von der Begierlichkeit. So ist auch der Hanf eine Staude, deren Samen ein Heilmittel ist. Es stillt gleichfalls die Begierlichkeit. Den Schierling, welcher für sich allein zu bekannter Zeit tödlich ist, können die Ärzte gebrauchen, um veraltete Galle zu entfernen. Eine Art Wolfsmilch ist für sich allein tödlich, mit anderen Heilkräutern vermischt, ist sie ein Gallenheilmittel, das vom Tode rettet.

Indem sie bei diesen verquickten Dingen nicht recht sahen, meinten sie, es gäbe etwas von Natur aus Böses. Aber Gott hat die Menschen so vernünftig erschaffen, daß sie auch die heilenden Mittel zu gebrauchen vermögen und aus Dingen, die man als schädlich betrachtet, das Nützliche durch Kunstgriffe herausholen können, um die Art der Toren zurechtzuweisen (indem er zeigt), es gibt nichts, was von Natur böse ist.

Obgleich diese nicht an die göttlichen Gesetze glauben, so wollen wir doch die zu uns Gehörigen der richtigen Antwort nicht berauben.

So sehr ist in den wilden Tieren nichts von Natur Böses, daß er (Gott) die Neugemachten zum Neuerschaffenen führte und ihm befahl, ihnen Namen zu geben. Wenn sie ihm nicht nahe gekommen wären, wie hätte er ihnen, jedem nach seiner Art, einen Namen beilegen können? Kamen sie aber zu ihm heran und hatten sie Zutrauen zum Menschen, so ist es offenbar, daß sie dem Menschen nicht verderblich waren. Freilich, als der Mensch das Gebot Gottes übertreten hatte, da wurden sie ihm als Schreckenerreger zur Seite gegeben, damit der Neugeborene sich nicht erhebe, der aus Staub geworden ist und wieder zum Staub zurückkehrt.

Und noch bezeugt ihre ursprüngliche Unschädlichkeit für den Menschen ihre noch heute zu erkennende Neigung und Zutraulichkeit. Denn da nährt einer das Junge des Wolfes und wie in dem Jungen des Hundes erwacht in ihm Zutraulichkeit gegen ihn. Ein anderer zieht das Junge eines Löwen groß, entlockt ihm Neigung und Liebkosungen, so daß es an seinen Ernährer sich anschmiegt. Wenn aber ein anderer sich ihm naht, da erinnert es sich seiner wilden Art und stürzt auf ihn. Der aber droht dem wilden Tiere wie einem Hund und bändigt so seine ungezähmte Wildheit. Ein anderer zieht das Junge eines Bären auf und lehrt es den Tanz und bringt ihm menschenähnliche Haltung bei und zähmt das wildgeartete Tier. Ein anderer fängt Affen in der Wildnis und lehrt dieselben das Possenreißen und Grimmassenschneiden und alle Bosheit. Andere fangen die weibliche Viper und bringen ihr durch Zauberei die Neigung zum Menschen bei, nachdem sie ihr das tödliche Gift abgenommen haben.

Wenn nun die wilden Tiere von Natur böse wären, wäre es nicht möglich, daß die schädlichen zu denen, die ihnen schaden, Neigung gewännen. Und wenn sie annehmen, daß Hitze und Kälte in ihrer Schädlichkeit vom bösen Schöpfer stammen, so sollten sie wissen, daß, wenn nicht der Schnee und die Kälte die Berge verschlössen, die Wurzeln der Pflanzen nicht kräftig werden, und wenn die Hitze die Felder nicht erwärmte, so kämen die Früchte nicht zur Reife.

Wenn sie aber die Meinung hegen, daß Leiden und Krankheiten, der vorzeitige Tod und der Tod überhaupt von einem bösen Schöpfer stammten, so würden wir, wenn sie an die göttlichen Gesetze glaubten, aus den Gesetzen sofort Antwort geben. Da sie aber die Ansicht haben, daß diese Mißverhältnisse von einem bösen Schöpfer herrühren, so wollen auch wir sie fragen: wer ist stärker als der andere, der Schöpfer des Guten oder der des Bösen?

Sagen sie, daß der Schöpfer des Guten mächtiger sei, dann lügen sie. Denn wenn er ein Mächtigerer wäre als der Schöpfer des Bösen, dann würde er demselben nicht gestatten, Schädigungen über seine Geschöpfe zu bringen. Ja, er dürfte ihm nicht einmal eine Stelle in seinem Bereiche einräumen. Denn wenn er ein Mächtigerer wäre, so würde er zuerst seinen Bereich von ihm getrennt haben und hernach gemäß seiner Kraft Geschöpfe hervorbringen.

Sie werden also darüber Aufklärung geben müssen: War der Gute imstande, von seinen guten Geschöpfen ihn (den Bösen) fernzuhalten, oder war er dazu nicht imstande? Wenn sie sagen, er war imstande, so sollen sie hören: Wenn er imstande war, das Böse fernzuhalten und es nicht fernhielt, so ist er selber Ursache des Unheils. Und wenn er nicht imstande war, das Böse fernzuhalten, so ergibt sich daraus, daß der Böse, welcher gewaltsam die guten Geschöpfe desselben bedrängt und vernichtet, stärker ist als er. Auch das ist falsch, was sie weiterhin sagen, daß am Ende der Gute über ihn siegt. Denn wer im Beginn nicht obsiegen kann, der kann offenbar auch am Ende nicht siegen.

Wir können nun andererseits für Leiden und Tod viele Ursachen in richtiger Darlegung vorführen. Zunächst die Tatsache, daß der Mensch den Leiden und dem Tode verfiel, als er das Gebot Gottes übertrat. Denn er sprach zum Weibe: „Mit Schmerzen und Trübsal sollst du deine Kinder gebären“, und zum Manne: „Mit Arbeit und im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde zurückkehrst, von der du genommen bist. Denn du warst Staub und zum Staub wirst du zurückkehren.“ (Genesis 3, 16. 19) Daraus geht hervor, daß der Lebensspender den Menschen, wenn er dem Gebote treu geblieben wäre, lebend erhalten hätte, obgleich seine Natur als körperlich dem Leiden und dem Tod unterworfen zu erachten war. Wer die Macht hatte, die Seele des Menschen aus nichts zu erschaffen und sie ewig lebend und unsterblich erhält, der war auch imstande, den Leib, den er aus Erde gebildet hatte, im Leben zu erhalten.

Wenn die Feinde der Wahrheit dieses hören, so rüsten sie sich jedoch nur mit verschiedenen Waffen gegen die sichere Erkenntnis. Die einen sagen, es sei nicht möglich, daß ein Körperwesen unsterblich sei, die andern sagen, es sei notwendig, daß das Unbeständige sterbe, weil der Leib nicht lange Zeit mit der Seele verbunden bleiben könne.

Allein die ersteren widerlegt Elias und Henoch, welche bis heute am Leben geblieben sind, und die anderen die gemeinsame Auferstehung aller. Denn wenn jetzt die Leiber wegen ihrer Unbeständigkeit sterben würden, dann würden sie aus demselben Grunde auch in der Auferstehung nicht in der Verbindung mit der Seele ausdauern. Damit offenbaren jene, daß sie auch die Auferstehung des Fleisches selbst in Abrede stellen wollen, während die heiligen Schriften und die Natur der Geschöpfe unaufhörlich für die Auferstehung der Verstorbenen Zeugnis ablegen.

Doch, sagen sie, wenn der Leib nicht sterblich gewesen wäre, wie hätte es geschehen können, daß er wegen einer geringfügigen Übertretung dem Tode verfiel und daß der Schöpfer nicht Mitleid mit ihm fühlte und ihm den Fehltritt verzieh.

Daß der Schöpfer versöhnlich und barmherzig ist, das ist allen bekannt; insbesondere daher, daß nach der Sünde des Menschen der Unkörperliche, wie körperlich, mit hörbarem Tritt in den Garten herabstieg und mit milder, weicher Stimme zum Sünder sprach: „Wo bist du, Adam?“ auf daß er ihn nicht mit Angst erfülle und ihm den Gedanken an die Buße nähme. Und da der Sündige nicht Zerknirschung zeigte, so verfiel er mit Recht der Strafe des Todes. Dafür spricht auch der weitere Grund. Er hatte zuvor von seinem Schöpfer die Warnung erhalten, daß er an dem Tage, an welchem er von der Frucht des Baumes essen würde, sterben müsse; hernach war der Feind gekommen und hatte (zu ihm) gesagt: Du wirst nicht sterben, sondern du wirst wie Gott sein. Wessen Wort sollte nun Bestand haben? Das dessen, welches ihn zuvor warnte und durch den Gehorsam gegen das Gebot unsterblich erhalten wollte, oder das des andern, der ihn durch Täuschung sterblich zu machen bemüht war?

Ja, wenn Gott nach der Übertretung seines Gebotes den Menschen nicht der Sterblichkeit hätte verfallen lassen, dann würde der Mensch stets dem Teufel und nicht mehr Gott geglaubt haben; denn dieser sagte, wenn du von der Frucht issest, wirst du sterben, und jener sagte, wenn du issest, wirst du nicht sterben, sondern sein wie Gott. Also schickte der Schöpfer der Natur über die Natur des Menschen den Tod, damit sein Wort bestehen bleibe und der böse Ratgeber in seiner Schuld bloßgestellt werde, so zwar, daß der Mensch aus diesen beiden Gründen dem Tod zeitweilig verfiel, aber Gott ihn doch nach seiner Macht zum zweitenmal zum Leben erweckte und ihn in der Ewigkeit ohne Ende lebendig und unsterblich erhalten wird. Und derjenige, welcher die Engel und die Seelen der Menschen aus Nichts erschaffen hat und in Leben und Unsterblichkeit bewahrt, er konnte auch den Leib unsterblich erhalten, wenn nicht der erste Mensch den Befehl Gottes mißachtet hätte.

Daß Gott des Todes Ursache nicht ist, dafür  soll uns der allbewährte Weise Zeugnis geben. Dieser sagt, daß Gott den Tod nicht gemacht hat und sich nicht freut am Untergang des Menschen, sondern daß Gott den Menschen zur Unvergänglichkeit als Abbild seiner Ewigkeit erschaffen hat und daß durch den Neid des Teufels der Tod in die Welt gekommen ist. Und wiederum erklärt (Gott) selbst: „Ich habe gesagt, daß ihr Götter seid und Söhne des Allerhöchsten alle“. Das heißt soviel als: „Ich hätte euch unsterblich gemacht, wenn ihr meinem Befehl treu geblieben wäret. Nachdem ihr nun aber nicht in der Treue gegen mein Gebot verharrtet, verfallt ihr als Menschen dem Tod“, „wie einer der Fürsten sinkt ihr hin“. Mein Wille aber war euer Tod nicht, noch euer Sturz unter dem schlechten Einfluß des „Fürsten“ (d. h. des Teufels als Engelsfürsten).

Warum denn wahrlich, sagen sie nun, führt er sie aber miteinander in Streit!

Damit wollen sie die Freiheit des Teufels und des Menschen über sich selbst aufheben. Denn Gott, welcher sie neidlos als Freie erschaffen hat, wollte nicht, daß sie gleich den Tieren dem Zwang unterliegen sollten und folglich dann ihre Freiheit nicht mehr Freiheit wäre.

Wiewohl nun Gott seinerseits die Macht hatte, die Erprobung seiner Geschöpfe vorzunehmen, so hat er doch nicht selbst sie angetrieben, einander gegenseitig zu stürzen. Als er sah, daß Satan von Neid entbrannt war, ließ er den Freien mit dem Freien kämpfen, denn er wußte, daß die Freiheit des einen nicht schwächer ist als die Freiheit des andern; daß der eine nicht vorherwissend ist wie der andere, der eine nicht voll Tyrannenmacht, der andere aber schwach. Und daß der eine nicht voll Tyrannenmacht war, bekundet sich dadurch, daß er sich dem Weibe mit einer List nahte und es ausforschte, statt daß er es mit seiner Gewalt erschreckte. Und weil er kein Vorherwissen besaß, daher sagte er: „Was ist das, was Gott euch gesagt hat“, um von ihm die Verhältnisse kennenzulernen.

Weiterhin ist aus den Versuchungen Jobs zu erkennen, daß der Satan keine Tyrannengewalt und kein Vorauswissen hat. Denn wenn er mit dieser Gewalt begabt wäre, so würde er nicht von Gott die Erlaubnis geholt und dann die Versuchung bereitet haben. Und wenn er Vorherwissen besäße, so würde er nicht zur Versuchung sich herauswagen; denn er wüßte, daß er zuschanden werden wird, wenn er nicht obsiegen kann.

Auch aus den Versuchungen des Herrn ist es zu erkennen, daß er (der Teufel) kein Vorauswissen hat, sofern er selbst sagte: „Wenn du Gottes Sohn bist“ und verriet, daß er zwar von den Propheten gehört hatte, Gottes Sohn werde kommen, daß er aber die Zeit seiner Ankunft nicht kannte. Wenn er gewußt hätte, daß der, welcher ihm als Mensch erschien, wirklich Gottes Sohn war, dann würde er ihn gar nicht versucht haben und der Beschämung sich entzogen haben. Hatte er doch gleichwohl aus den göttlichen Wundern die Ankunft des Sohnes Gottes erkannt und gequält gerufen: „Ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes!“

Überdies würde er, wenn er Vorauswissen besessen hätte, die Juden nicht aufgereizt haben, ihn an das Kreuz zu schlagen. Denn er hätte wissen müssen, daß der Tod Christi ihn aus seiner Herrschaft verdränge, gemäß dem Wort, welches der Herr gesprochen, daß der Fürst dieser Welt wird hinausgeworfen werden. Und ferner: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“, und wiederum: „Der Fürst dieser Welt ist nun schon gerichtet“, auf daß er zeige, daß er seine Macht verloren hat, der da Gott gleich sein wollte und das Gericht ewiger Verwerfung sich zuzog.

Nachdem somit aus den von Gott gegebenen Schriften gezeigt wurde, daß Tod und Leiden dem Menschen auferlegt worden sind und in die Welt eintraten, weil er das Gebot Gottes übertreten hatte, wollen wir nun auch die anderen Ursachen vorführen, derentwillen der Tod vorzeitig eintritt.

Oftmals stehen wohl dem Menschen große Übel bevor oder Bedrängnisse, welche er nicht überstehen kann, oder auch Versuchungen, denen er nicht gewachsen ist, da erbarmt sich Gott, der in die Zukunft sieht und ein Freund der Menschen ist, seines Geschöpfes und entreißt den Menschen durch einen frühen Tod solchen Übeln gemäß dem Wort der Schrift: „Früher als der Böse wird der Gerechte heimgenommen“ (Is. 57, 1).

Ein anderer Grund sodann ist der: Es treten vorzeitige Todesfälle ein, damit alle Tage und in der ganzen Zeit der Mensch bereit erfunden werde und nicht ablasse vom Dienste Gottes.

Obwohl infolge der Verfluchung gleich die Leiden in die Welt einzogen, so gibt es doch auch andere Ursachen für dieselben. Bald die Sünden gemäß dem Wort des Herrn an den Gichtbrüchigen: „Du bist gesund geworden, von nun an sündige nicht mehr“ [Joh. 5, 14]. Im Hinblick auf den Glauben derer, welche den anderen Gichtbrüchigen herbei getragen hatten, sagte er zu demselben: „Deine Sünden sind dir vergeben“ [Matth. 9, 2]. Er wollte damit kundtun, daß es Leiden gibt, die wegen der Sünden eintreten, und Leiden, die nicht wegen der Sünden kommen. So auch damals, als die Jünger den Herrn wegen des Blinden fragten: Wen trifft die Schuld an dieser Blindheit, ihn oder seine Eltern, und er sprach: „Weder ihn noch seine Eltern, sondern (sie trat ein) zur Verherrlichung Gottes, damit an diesem Gott verherrlicht werde.“ Dann gibt es Leiden, die weder von der Sünde kommen noch zur Verherrlichung Gottes, sondern vom Mangel des Gleichgewichts in der Stoffmischung. Denn der Leib des Menschen ist aus vier Elementen zusammengesetzt: aus Feuchtigkeit, Trockenheit, Kälte und Wärme. Wenn es an einem von diesen fehlt oder eines zu stark ist, so bringt das Schmerzen im Leibe. Das tritt ein teils infolge zu vielen Essens oder Trinkens oder auch bei zu starkem Fasten oder bei ungeregeltem Durcheinanderessen oder von zu starkem Arbeiten in der Hitze oder von den Beschwerden großer Kälte oder von anderen derartigen Widrigkeiten, wodurch Störungen im Leibe entstehen.

Und der Anstoß zu den Kriegen ist von der Unersättlichkeit der Menschen gekommen. Daher kommt es zu Beraubungen der Grenzgebiete, der Dörfer und fremden Städte, der Güter und Besitzungen.

Ähnlich ist es mit der Unzucht. Sie kommt daher, daß der Mensch sich nicht in den Grenzen des ehelichen Lebens hält, welches Gott von Anfang an eingesetzt hat, indem der Mann Vater und Mutter verlassen wird und seinem Weibe nachgeht. Er sagt: seinem Weibe nachgeht und nicht seinen Weibern. Und um das Urgesetz der Natur wieder festzustellen, sagt der Herr im hl. Evangelium: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen.“ Die Besessenheit kommt vor wegen des menschlichen Stolzes. Denn wenn der Sohn von jemand geistesgewandt ist, so wird er keine Strafe kosten. Und wenn er nicht geistesgewandt ist, so kommt es oft vor, daß sie vor ihm einen Sklaven züchtigen, damit er beim Anblick daran klug werde. Wenn er dann dadurch sich nicht belehren läßt, dann vollziehen sie die Peinigung an ihm selber.

Das ist angemerkt worden, weil manche die Frage gestellt haben: Wenn die Sünder ihrer Sünden willen vom Teufel gequält werden, weshalb haben dann die Dämonen auch über unschuldige Kinder Gewalt?

Alle Menschen hat Gott zur Kindschaft berufen, wie es beim Propheten heißt: ,,Mein erstgeborener Sohn ist Israel“ (Exodus 4, 22). Und ein andermal: „Söhne habe ich erzeugt und großgezogen“ (Is. 1, 2). Wenn nun die Tugendhaften, die unter dem Gesetz lebten, Söhne Gottes hießen, wieviel mehr sind jene so zu nennen, von denen er sagt, daß er ihnen die Gewalt gab, Kinder Gottes zu werden.

Weil nun Gott zu uns gleichwie zu seinen Kindern gekommen ist, um uns zu ermahnen, so schlägt er vor unsern Augen, ähnlich dem Sklaven, bald unsere Tiere, bald die Äcker und Weinberge, damit wir beim Anblick daran uns dem Joche der Gottesfurcht beugten. Wenn wir aber dadurch uns nicht bewegen lassen, so kommt er über uns selbst mit seinen Strafen, seien es Leiden, seien es Leibesschwächen oder Dämonen. Und auch über Unschuldige kommen die Heimsuchungen, damit andere das Wort zu Herzen nehmen, welches der Weise ausgesprochen hat: „Wenn kaum der Gerechte leben wird, wo werden der Gottlose und der Sünder gefunden werden“ (1 Petrus 4, 18; Sprichw. 11, 31). Das geschieht gerade deswegen, daß der Gerechte in seiner Gerechtigkeit nicht erschlaffe und daß der Sünder nicht dauernd in den Sünden beharre. Und Gott ist nicht schuldig daran, sondern die menschliche Bosheit veranlaßt Gott, mit solchen Strafen den Menschen aufzurütteln. Denn wie er auf den Glauben der anderen hin den Gichtbrüchigen geheilt hat und ihm die Nachlassung der Sünden gewährte, so führt er durch die Heimsuchung einiger weniger andere viele zur Furcht und Besinnung; dazu wählt er nach Umständen bald Unschuldige, bald Sünder, wie er in seiner Weisheit allein es weiß. Die dämonischen Qualen kommen dabei keineswegs zur Verdammung der Seelen über den Menschen, sondern vielmehr zur Erbarmung, ganz besonders, wenn es ein Unschuldiger ist, und diese Qualen über ihn kommen, um andern Furcht einzuflößen. Diese läßt die göttliche Vorsehung schauen wie eine Peitsche, die in einem großen Hause aufgehängt ist. Beim Hinblick darauf sollen viele in sich gehen und von Furcht erfaßt, zum Gehorsam gegen Gott sich wenden.

Es gibt Fälle, wo diese Strafen wegen der Sünden eintreten, es gibt aber auch Fälle, daß Unglücksschläge eintreten. Nehmen dann die Leute ihre Zuflucht zu den Reliquien der heiligen Märtyrer und finden Befreiung von den Heimsuchungen, so wird dadurch die Macht Gottes, die in den Heiligen ist, offenbar, und sie selbst werden an ihren Seelen in keiner Weise geschädigt.

Aber daß ein Dämon einen Dämon nicht austreibt, das offenbart (d)er (Herr) selbst. Wenn Satan, sagt er, (Matthäus 12, 26. 28) den Satan austreibt, dann ist er in sich selber geteilt. Aber ich, sagt er, treibe im Geiste Gottes die Teufel aus. Warum nun sagt er, der selber Gott war: Im Geiste Gottes treibe ich die Teufel aus, wenn nicht um die Menschen zu belehren, daß sie die Teufel nicht austreiben können, wenn sie der Gnaden des HeiligenGeistes nicht würdig geworden sind, wie auch die Apostel, ehe sie die Gewalt vom Herrn empfingen, Teufel nicht austreiben konnten. Er aber hat auch dem die Gewalt gegeben, Teufel auszutreiben, welcher sich in den Qualen befindet; er sagt: Diese Art entweicht durch nichts, als durch Fasten und Beten. Nicht als gäbe es eine Art von Dämonen, welche auf Fasten und Gebet weicht, während andere es nicht tun, sondern alle Scharen von Dämonen ergreifen vor dem Fasten und Beten die Flucht.

Doch die Zauberer, sagen sie, schicken Dämonen und vertreiben Dämonen.

Daß die Zauberer keine Dämonen austreiben können, dafür ist uns das Wort unseres Herrn ein überzeugender Beweis, wo er erklärt, daß Satan den Satan nicht austreibt (Matth. 12, 26). Denn wenn der Zauberer ihn austriebe, so würde er es doch nur durch einen Dämon tun. Christus sagt aber, daß ein Dämon einen Dämon nicht austreibt. Also ist es klar, daß die Dinge auf andere Weise verlaufen, als wie von ihnen das Wort ausgegangen ist, nicht von uns. Sie gestehen nun, austreiben können sie nicht, aber zu binden vermögen sie, daß der Dämon zur dauernden Fessel der Freiheit der menschlichen Seele wird. Und dies geschieht durch Gott mit Recht nach Würdigkeit. Denn ein solcher hat Gott verlassen, die Heiligen und das Fasten und Gebet, und seine Zuflucht zu dem Zauberer genommen, der sich nicht helfen kann; ist denn je einer von den Zauberern leidlos, ohne Dämon und unsterblich? Auch sehen wir, daß die Zauberer immer überwältigt werden von den Dämonen, insbesondere die Wahnsinnigen. Denn sie werden zuerst von den Dämonen befallen, und dann versprechen sie, andere zu geben, was weder in ihrer noch der Dämonen Gewalt ist, durch deren Wort sie etwas zu geben aussagen, sondern allein in Gottes Hand, der Schöpfer und Gebieter ist.

Es wäre also besser, statt den Teufel sofort zu binden, wie die Zauberer sagen, und die Freiheit der menschlichen Seele in Fesseln zu schlagen, ihn zu zeigen, und mit Hilfe der Heiligen Gott anzuflehen, und die Hilfe dessen zu finden, der vom Bösen befreit.

Wir behaupten jedoch, daß (der Dämon) auch keine Macht hat, in einen Menschen einzugehen, außer durch Zulassung Gottes. Dafür gibt es verschiedene Ursachen, wie er allein weiß. Es geht dies daraus hervor, daß sie, als sie in die Herde der Schweine eindringen wollten, dies nicht konnten, ehe sie zuvor von Christus die Erlaubnis erhalten hatten. Und als der Satan Job versuchen wollte, da konnte er es nicht unternehmen, ehe er von Gott die Erlaubnis zur Versuchung erhalten hatte. Und bezüglich Judas heißt es, daß mit dem Bissen der Satan in ihn fuhr. Hätte Christus es nicht zugelassen, so wäre es für Satan, der anstachelte, und für Judas, der aus Geiz dahin kam, nicht möglich gewesen, in ihn einzudringen. Um aber die Freiheit beider zu zeigen, ließ er es zu nach dem Willen der beiden.

Ja, wenn nicht Gottes Vorsehung den Dämon zurückhielte, so würde er manche, die von ihm gequält werden, mit bitterem Tode hinraffen. Wenn nicht Gottes Drohungen schützten, so würden sie selbst ihre eigenen Diener mit verschiedenen Verletzungen zerfleischen und mit schrecklichem Tod vernichten. Aber weil ihnen die Macht gebricht, können sie solche Dinge nicht ausführen. Und dies erhellt daraus, daß Gott, obschon er vorausweiß, daß einer ein Götzendiener sein werde, ein anderer ein Zauberer, wieder ein anderer ein Mörder, er es doch nicht hindert, daß sie zum Leben erstehen und beseelt werden, um seine Güte zu offenbaren und damit jene gemäß ihrer freien Entscheidung verurteilt würden.

Und es ist klar, daß, wie er der Herr ist, der bestimmt, was er schafft, so auch der Herr ist, der über den Genuß der Dinge verfügt und über die Rettung von den Bedrängnissen des Bösen. Denn was jemand gehört, dessen schont er und trägt Nachsicht. Was ihm aber nicht gehört, das Fremde, das zerstreut und zersplittert er (der Dämon). So heißt es ja im Evangelium, daß der Wolf wegen nichts anderem kommt, als um zu rauben und um zu zerstören (Joh.10, 10. 12). Jedoch die wahrhaft Gläubigen kann der Satan durch seine Versuchung nicht beschädigen, noch der Zauberer durch Dämonen. So hat es der Herr selbst zu seinen Jüngern gesagt: „Siehe, ich habe euch die Gewalt gegeben, Schlangen zu zertreten und Skorpione und alle Macht des Feindes“ (Markus 16, 18). Und wiederum: Die Zeichen für jene, welche glauben werden, sind folgende: sie werden die Teufel austreiben und Schlangen mit der Hand erfassen und tödliches Gift trinken, und es wird ihnen nicht schaden. Überhaupt ist zu sagen, daß dem Unschuldigen weder die Dämonen schaden können, noch wagen ihn die wilden Tiere zu töten, wie auch dem Daniel die wilden Tiere kein Leid getan haben und den drei Jünglingen das Feuer des Ofens.

In gleicher Weise sind sie ja auch dem ersten Menschen, bevor er gesündigt hatte, gehorsam gewesen und schadeten ihm nicht. Und zu den Zeiten der Apostel war der Satan so um seine Macht gekommen, daß die Zauberer, erschreckt durch die Wunder, welche die Apostel taten, die kostbaren Zauberbücher herbeibrachten und vor den Aposteln verbrannten; und die Teufel schrien: „Diese sind die Diener Gottes, des Allerhöchsten“ (Apg. 19, 19; 16, 17). Noch heute sieht man die verbliebene Kraft dieser Wunder wirksam in heiligen Bischöfen und wahren Mönchen. Und die Erprobungen derselben sind nicht allein den Christen, sondern auch den Heiden und Magiern bekannt.

Aber auch das müssen wir wissen, daß die Engel, die Teufel und die Menschenseelen unkörperlich sind. Denn von den Engeln heißt es: „Er hat seine Engel zu Geistern gemacht und seine Diener zu Feuerflammen“ (Ps. 103, 4; Hebr. 1, 7) [= Psalm 104, 4; Hebr. 1, 7]. Geister nennt er sie wegen ihrer Geschwindigkeit, gleich als wollte er sagen, daß sie schnell sind wie der Wind. Denn im Hebräischen, Griechischen und Syrischen gibt es für Seele und Wind das gleiche Wort. Auch im Armenischen findet es sich so, wenn jemand genau zusieht. Wenn jemand von einem geängstigt worden ist, heißt es: er ließ ihn keinen (Atem) Geist schöpfen, er ließ ihn keinen (Atem) Geist holen, und spricht von der Luft, die wir immer einatmen. Und feurig nennt er sie wegen ihrer Gewalt, wie es anderswo heißt: sie sind gewaltig an Kraft, zu tun seinen Willen. Nicht aber als wären sie ihrer Natur nach von Wind oder Feuer. Denn bestände ihre Natur aus Wind oder Feuer, dann würden sie mit Recht körperlich genannt, nicht aber unkörperlich. Denn was körperlich ist, ist aus den vier Elementen zusammengesetzt wie die Leiber der Menschen und aller Tiere. Und was immer unkörperlich ist, das ist von einfacher Natur, wie die der Engel, der Teufel und der Menschenseelen.

Wie also unterständen sich jene zu schwätzen, die behaupten, daß Engel mit Menschen sich vermählt hätten; denn jene werden feurig genannt, die Menschen aber wie Heu. Denn es ist ja klar, daß es zwischen Feuer und Heu zu keiner Vermählung kommt, sondern zum Hinraffen. Und diese drei Gruppen werden, weil sie gleiche Natur haben, auch in gleicher Weise mit demselben Namen benannt. Der Engel heißt: Geist (ogi), aber dienender Geist, weil er gehorsam und voll guten Willens ist. Auch der Teufel heißt Geist, aber böser Geist, wegen seines Ungehorsams und Abfalls. Denselben nennen wir gleichwohl in unserer Sprache „bösen“ (ais) Geist, wie es durch die Unterscheidungen unserer ersteren Väter bei uns Gewohnheit wurde, aber wir wissen, daß Geist (ais) Wind ist und Wind Geist (ogi) nach dem, was oben gesagt wurde. Denn wenn wir sagen, der „milde Wind“ weht, sagen die Syrer der ais (=Wind) weht. Und wegen der ausgedehnten Ortsbeherrschung und der Schnelligkeit allein werden die Engel, die Teufel und die Menschenseelen geistig, d. h. windig genannt. Wie die Engel wegen ihrer Gewalt feurig genannt werden, ebenso wegen der Schnelligkeit und ausgedehnten Ortsbeherrschung geistig, das ist windig; aber ihre Natur ist eine höhere als die des Windes und des Feuers, feiner und schneller als der Verstand.

Und es ist nicht zu verwundern, daß sie mit den Namen der uns nahestehenden Geschöpfe bezeichnet werden. Denn auch ihr Schöpfer verschmäht es nicht, aus mancherlei Rücksichten solche Namen anzunehmen. Gott wird Geist genannt. Jedoch besteht hiebei ein Unterschied. Es heißt: Gott ist ein lebendiger Geist (Joh.4, 24), d. h. lebendigmachend. Er wird auch Feuer genannt gemäß jenem (Ausspruch): „Dein Gott ist ein verzehrendes Feuer“ (Deut.4, 24). Wir wollen nun sehen, ob Gott nur ein verzehrendes Feuer ist. Siehe da, durch einen anderen Propheten desselben Geistes ist uns kundgetan worden, daß er „Licht“ ist (Micha 7, 8) gemäß dem Worte: „Der Herr ist mein Licht und mein Leben, vor was soll ich bangen?“ (Ps. 26,1) [= Psalm 27, 1]. Wenn er nur ein verzehrendes Feuer wäre, wie würde er dann auch lebendigmachendes Licht genannt? Ist es also nicht klar, daß er dort Feuer genannt wird, wo es der Strenge bedarf, und wo Milde am Platz ist, belebendes Licht. Er selbst ist erhaben über Feuer und Licht. Und er nimmt noch viele andere Namen an sich wegen verschiedener Vorteile.

Und wenn er seinen Heiligen erscheinen wollte, so zeigte er sich in keiner anderen Gestalt als in der Gestalt des Menschen, den er nach seinem Bilde erschaffen hatte. Und das geschah nicht ohne Grund, sondern damit er die Liebe, die er zu den Menschen trägt, besser zeige, und damit er zum voraus Sorge trage, um die Menschen zur Erkenntnis zu führen. Sie sollten, wenn er seinen Sohn als Mensch in die Welt senden werde, diese Veranstaltung nicht für etwas Fremdes halten, zumal sie wüßten, daß er selbst in solcher Gestalt sich offenbarte. So machte er z. B., als er zu Adam ins Paradies herniederstieg, ein Schrittgeräusch nach Art des Menschen (Gen.3, 8-11). Und als der Sohn mit zwei Engeln zu Abraham kam (Gen. 18, 8) [= Gen.18, 2], da würdigte er ihn, das Mahl in seinem Zelte zu essen. Und als er mit Abraham auf dem Berge sich in ein Gespräch einließ, da schickte er seine beiden Jünglinge, die menschengestaltigen Engel, zu Lot, dem schönen Gastfreund. Den Engel im Dornbusch, der brannte und doch nicht verbrannte, ließ er menschliche Stimme annehmen, und so mit dem zuerst Gott geweihten Manne, mit Moses, reden (Exodus 3, 2). Und seinen Heerführer Michael zeigte er in Mannesgestalt seinem Heerführer Josua in der Ebene (Josua 5, 13 f.). Der Engel, welcher in das Haus des Manoach gesendet worden war, um mit ihm zu sprechen, stellte sich ihm in Menschenart dar (Richter 13, 3). Und oftmals redete er, gleichsam Mensch geworden, von Mund zu Mund und von Hand zu Hand mit seinem Freunde Moses (Exodus 33, 11). Und dem Könige, den er nach seinem Herzen erfunden hatte, da er trauerte über die Heimsuchungen, zeigte er den Engel in Menschengestalt, das Schwert in der Hand. (2 Kön. 24, 16. 17) [= 2. Samuel 24, 16 f.]. Und dem Ezechiel ließ er in Feuerschein und Flammenzungen auf einem aus mannigfachen Gestalten zusammengesetzten Wagen auch einen Wagenführer in menschlicher Gestalt erscheinen, und Cherubim, mit verschiedenen Tieren verbunden, und die Hand des Cherubs zeigte er ausgestreckt wie die Hand eines Menschen, inmitten der Cherubim (Ezech. 10, 7 ff.). Und sich selbst zeigte er bald als Alten der Tage, bald als Jüngling an Jahren dem Manne seines Wohlgefallens (Daniel). Und indem er so sich und seine Diener in gleicher Weise zeigte, offenbarte er den Reichtum seiner Liebe, die er zu den Menschen trug.

Alles dieses wurde gesagt, um zu zeigen, daß, was sichtbar ist, körperlich, und was unsichtbar ist, unkörperlich ist. Und unter dem Körperlichen gibt es solche Wesen, welche dichten Körpers sind, und solche, welche feinen Körpers sind. In diesem Sinn sagt der Apostel, daß anders sind die Leiber der Himmlischen und anders die Leiber der Irdischen; der Irdischen, nämlich der Menschen und der Tiere, der Vögel und der Kriechtiere, der Himmlischen, nämlich der Sonne, des Mondes und der Sterne. daß er von diesen spricht und nicht von den Engeln, das bemerkt er, indem er dazu beifügt: anders ist der Glanz der Sonne, anders der Glanz des Mondes [1 Kor. 15, 40 f].

Überhaupt was von unsern Sinnen berührt wird, beobachtet oder wahrgenommen wird, ist körperlich, und was von den Sinnen nicht erfaßt werden kann, das ist unkörperlich. Fein ist das Element des Lichtes, aber es wird durch die Sinne wahrgenommen und daher ist es körperlich. Fein ist das Element der Luft, aber weil es als Kälte dem Körper zur Empfindung kommt, ist es körperlich. Fein ist das Element des Feuers, aber weil es als Wärme am Körper empfunden wird, ist es körperlich. Ebenso verhält es sich mit dem Wasser, welches feiner ist als das Schwerkörperliche und dichter als das Feinkörperliche.

Da die Engel und Teufel unkörperlich sind, gibt es unter ihnen also auch keine Geburten.

Aber es gibt doch Geburten der Feen, sagen sie, und sie sterben.

Wir wollen zuerst danach schauen, ob es überhaupt außer den Engeln, den Teufeln und den Menschen noch andere vernünftige Geschöpfe gibt. Hernach wollen wir an die Ergründung herantreten, ob von den Dämonen ein Teil körperlich, ein Teil unkörperlich ist. daß es außer diesen drei Klassen, nämlich den Engeln, den Teufeln und den Menschen, keine vernünftigen Geschöpfe gibt, das erhellt aus allen von Gott gegebenen Büchern und aus der Natur der Geschöpfe. Denn wenn auch in den Schriften die Namen von Centauren, Feen und Sirenen genannt werden, so werden sie nur in Anlehnung an die menschlichen Vorstellungen genannt, nicht aber gemäß den wirklichen Verhältnissen der Natur. Denn die Teufel pflegen mancherlei Gestalten zu zeigen, und die Menschen geben die Namen nach den Gestalten. Wie wenn Städte und Dörfer verwüstet werden, und dort nun Teufel wohnen und sich in verschiedenen Erscheinungsformen zeigen, und die Menschen ihnen, der Erscheinungsform entsprechend, Namen geben, die einen Centauren, andere Sirenen, und andere Nymphen nennen, so sagt auch die Heilige Schrift im Anschluss an die Vorstellungen der Menschen, um die Größe der Verwüstung eines Landes zu bezeichnen, daß in den Trümmern Centauren wohnen, welche auf griechisch Eselsstiere heißen.

Sie mögen doch beweisen, daß sich Eselsstiere in Babylon finden. Es ist also nun klar, daß man es bei den Centauren und Eselsstieren mit Namen ohne Wesen zu tun hat, die Schrift verfuhr nach der Gewohnheit menschlicher Anschauung und nannte solche Namen, um die Zerstörung Babylons zu beschreiben. Ähnlich ist es mit dem Meeresstier, den sie von einer Kuh herleiten, der Fee, vom Menschen, und dem Lecktier, vom Hunde.

Nicht als ob dieses Wesen wären, sondern es sind nur Namen für Erdichtetes und Albernheiten von Leuten, deren Sinn von den Dämonen betört ist. Denn vom Körperlichen geht nichts Unsichtbares hervor, wie aus dem Unsichtbaren nichts Körperliches. Nie ist von Menschen eine Fee hervorgegangen, so daß sie für die Augen ein Geschöpf wäre, und nie von Kühen ein Meeresstier, so daß er im See sich aufhielte. Für das Körperliche ist es ja nicht möglich, im Wasser zu leben, und für die Wasserwesen, daß sie auf dem Trockenen leben. Und nichts stammt vom Hunde her, so daß es mit unsichtbaren Kräften lebte, und daß es den im Kampfe Verwundeten und ihm Vorgehaltenen lecke und gesund mache, was sie Lecktier nennen. Das alles sind Fabeln und Altweibermärchen und stammt insbesondere aus der Verführung durch die Teufel.

Aber noch den Streit darüber aufnehmend, bleiben sie bei ihren Behauptungen. Der eine sagt: In unserem Dorf hat ein Meeresstier eine Kuh gemacht und das Geschrei hören wir alle beständig und ein anderer sagt: Ich habe die Fee mit eigenen Augen gesehen. Kann auch vom Lecktier einer behaupten, daß jemand es gesehen habe? Und wenn in den ersten Zeiten die Lecktiere die Verwundeten geleckt und gesund gemacht haben, warum lecken sie jetzt nicht mehr und bringen die Gesundheit nicht zurück? Gibt es nicht ebenso Kriege und fallen nicht ebenso Verwundete? und keinen machen sie mehr mit ihrem Lecken gesund.

Aber zu jener Zeit gab es, sagen sie, Heroen.

So wollen wir sie über die Götter befragen: Waren etwa die Götter körperlich oder waren sie unkörperlich? Waren sie körperlich, so ist es klar, daß sie Menschen waren, und man hat die Bilder der Menschen zum Gegenstand der Verehrung gemacht und Götter genannt. Waren sie aber unkörperlich, so konnten sie als unkörperliche Wesen sich nicht mit körperlichen Weibern vermählen. Denn wenn dieses möglich wäre, so hätte der Satan nie aufgehört, mit den Weibern Satanssprößlinge zu erzeugen. Denn ist jemand ohne Körper, so ist er auch ohne Samen. Denn der Same ist dem Körperwesen eigen, nicht den Körperlosen. Ohne Samen aber vom Weibe zu zeugen, das ist nur einem möglich gewesen, der der Schöpfer der Natur des Leibes ist. Nach seinem Willen war er imstande, aus der Jungfrau ohne Verehelichung zu zeugen.

Daher haben im Hinblick auf die Schwachheit ihrer Götter alle die Weisen draußen nicht gewagt zu sagen, daß einer von einer Jungfrau ohne Vermischung geboren worden sei. Und wie es bei den Dämonen keine Geburten gibt, so auch keinen Tod. Obwohl von Natur allein die Gottheit unsterblich, welche ewig ist und nicht von jemandem den Anfang des Seins empfangen hat, so hat sie doch in ihrer Güte auch dem einem Anfang unterworfenen und vernünftigen Wesen die Unsterblichkeit geschenkt, nämlich den Engeln und den Dämonen und den Seelen der Menschen. Von diesen entstehen die Menschen, da sie aus zwei Naturen bestehen, einer körperlichen und einer unkörperlichen, passend aus dem Samen durch die Geburt und kommen zur Vermehrung durch die Ehe, und sterben dem Leibe nach, nicht aber nach der Seele, wegen der Übertretung des Gebotes.

Die Engel aber und die Dämonen gewinnen keine Vermehrung durch Geburt und erleiden keinen Abgang durch den Tod, sondern in derselben Zahl, in welcher sie erschaffen worden sind, beharren sie ohne Vermehrung und ohne Verminderung. Und es gibt kein anderes Geschöpf, welches in verschiedenen Gestalten auftreten könnte, wie es die Sage von den Drachen und den Meeresungeheuern behauptet, als allein die Engel und die Dämonen, welche imstande sind, die Luft zusammenzuballen und auszudehnen und Gestalten verschiedener Art erscheinen zu lassen.

Aber die Drachen, sagen sie, und die Meeresungeheuer treten in verschiedenen Gestalten auf, von welchen die eine ihnen eigentümlich ist, die andere nicht.

Der Drache, welcher körperlich ist, kann seine Gestalt nicht ändern. Denn wenn es körperlichen Wesen möglich wäre, die Gestalt abzuändern, so würde doch zuerst der Mensch, welcher mehr ist als sie, die Gestalt ändern, wie er wollte. Allein, wie es dem Menschen nicht möglich ist, seine Gestalt abzuändern, wozu er will, so ist es auch dem Drachen nicht möglich. Ja, auch die Wasserungeheuer existieren nicht für sich, sondern sofern ein Dämon an den Orten sich aufhält und bald die Gestalt annimmt und bald Schaden anrichtet. Auch tragen die Drachen nicht die Ernte der Früchte, noch haben sie ein Lasttier, daß sie die Früchte aus den Tennen irgendwohin verschleppen, und es ist vergeblich, in den Tennen zu sagen: Leg, leg, und nicht: Nimm, nimm! Denn der Drache, der selbst ein (Last-)Tier ist, sofern er unvernünftig und sprachlos ist, wie sollte er, der selbst ein Tier ist, ein anderes Tier leiten? Denn dem Drachen kommt keine andere Natur zu, als die der Schlange. Das ist offenbar. Und ein Schlangenungeheuer oder ein meergeborenes Untier nennt die Heilige Schrift den Drachen; wie sie einen Menschen von ungeheurer Größe Riesen nennt, so nennt sie die ungeheure Schlange des Festlandes und das berggestaltige Meerestier, die Walfische sage ich, und Delphine Drachen, gemäß dem Wort: du hast zermalmt das Haupt der Drachen über den Wassern und sie zur Speise gegeben den Völkern Äthiopiens.

Siehst du, daß die Schrift die größten, im Meer geborenen Fische Drachen nennt? Und es ist daraus klar, daß sie Fische meint, weil er sie den Völkern Äthiopiens zur Speise gab, obschon hier andere auch den Ausdruck Drachen parabolisch auf Satan bezogen, gleich jenem Wort, das Job geschrieben hat. Und etwas anderes sind die Drachen nicht, als entweder große Schlangen des Festlandes oder riesenhafte Meerfische, von denen man sagt, daß sie bergeshoch und sehr groß sind, und deren Nahrung die kleinen Fische sind, wie auch der großen Schlangen verschiedene kleine Schlangen oder Tiere. Und niemals haben die Drachen Jagden veranstaltet wie die Menschen oder werden sie veranstalten, noch haben sie Paläste wie die Menschen zur Wohnung, noch haben sie irgendeinen königlichen Sproß oder Herren bei sich lebendig gebunden. Denn von den im Leibe einst Lebenden sind nur zwei im Leben geblieben, Henoch, Elias.

Von Alexander haben die Dämonen die Täuschung aufgebracht, daß er lebe. Nach ägyptischer Kunst banden sie einen Dämon durch Zauberei und warfen ihn gefesselt in eine Flasche und machten glauben, daß Alexander noch lebe und den Tod verlange. Die Ankunft Christi machte diesen Betrug zuschanden und schaffte das Ärgernis hinweg. In gleicher Weise hat auch die Verführung der Dämonen die armenischen Götzendiener getäuscht, daß einer namens Artawazd von den Dämonen festgehalten sei und noch lebe, und daß er kommen werde und das Land an sich reißen werde. In dieser leeren Hoffnung sind die Ungläubigen befangen, wie auch die Juden, welche die vergebliche Erwartung hegen, daß David kommen werde und Jerusalem erbaue und die Juden sammele und dann über sie herrsche.

So bemüht sich Satan, jedermann an guten Erwartungen irrezumachen und an eitle Hoffnungen zu ketten. Er übertreibt in den Augen der Menschen die Größe der Drachen, damit sie manchen furchtbar erscheinen und sie ihnen Anbetung leisten. Er verleitet zum Glauben, daß auch in den Flüssen irgendwelche Ungeheuer seien und Schutzherrn der Felder. Und hat er solchen Glauben gefunden, dann verwandelt er sich selbst entweder in die Gestalt eines Drachen oder eines Wasserungeheuers oder eines solchen Schutzherrn, um so den Menschen von seinem Schöpfer abwendig zu machen. Denn wenn das Wasserungeheuer als solches etwas Wirkliches wäre, dann erschiene es nicht bald in der Gestalt eines Weibes und wäre nicht bald ein Seehund und würde nicht den Schwimmenden sich zwischen die Füße werfen und sie ertränken. Denn entweder würde es als Weib ein Weib bleiben oder als Seehund ein Seehund.

In gleicher Weise würde das Wesen, welches sie Schutzherrn der Felder nennen, nicht bald als Mensch erscheinen, bald als Schlange, wodurch es ihm möglich war, auch die Anbetung der Schlangen in die Welt zu bringen. Ebenso würde der Drache nicht das eine Mal in Schlangengestalt erscheinen und das andere Mal in Menschengestalt, wie schon oben hervorgehoben wurde, weil, was etwas Körperliches ist, sich nicht in andere Gestalten verwandeln kann.

Wenn dann auf den Tennen Maulesel und Kamele erscheinen, so sind das Dämonengestalten und nicht solche von Drachen. Und wenn auf den Feldern rasche Tiere dahineilen und Reiter wie Menschen hinter dem Wilde nachsetzen, so sind das dämonische Truggestalten, nicht aber Wahrheit und Wirklichkeit. Und wenn in den Flüssen sich etwas zeigt in Gestalt von Weibern, so sind das Satansgestalten. Denn die Wasserungeheuer sind nicht etwas Wirkliches und der Drache dringt nicht ein in den Menschen wie der Dämon, wie einige aus dem Zischen von Besessenen erschlossen, denn es ist für ein Körperwesen nicht möglich, in ein anderes Körperwesen einzugehen. Und wenn ein Drache emporgehoben würde, so (würde es) nicht etwa durch sogenannte Ochsen geschehen, sondern durch eine gewisse verborgene Kraft auf Befehl Gottes, damit sein Hauch nicht Menschen oder Tieren schade; wie der sogenannte Basilisk, eine Schlangenart, durch den Blick allein Menschen und Tiere hinrafft. Wenn daher in einem Brunnen ein solcher sich befindet, dann steigen sie mit einem Licht hinab, ihn zu fangen, damit die Schlange auf das Licht hinblicke und dem Menschen nicht schade.

Aus der Heiligen Schrift wissen wir unsererseits, daß die Engel Diener sind zum Beistand für die Menschen, die Völker und Königreiche. Denn (die Schrift) sagt: „Er hat die Grenzen der Länder bestimmt nach der Zahl der Engel Gottes.“ Ferner heißt es ja im Evangelium: „Verachtet keines von den Kleinen, denn ihre Engel schauen das Angesicht meines Vaters, der im Himmel ist“ (Matth.18, 10). So zeigt es sich, daß einem jeden Menschen sein Engel als Schützer zur Seite steht. Freilich wollen andere dies Wort des Herrn vom Gebet verstehen, gleich als ob ihre Gebete, die immer zu Gott dringen, Engel genannt würden. Doch auch der Apostel sagt: Sind sie nicht alle dienende Geister, ausgesandt zum Dienste für diejenigen, welche das Heil erben sollen? (Hebr. 1, 14.) Ihm (Gott) stehen sie zu Dienst, Helfer des Heiles aber werden sie für uns.

Wenn aber der Satan, sagen sie, der Anstifter zum Bösen ist, weshalb ruft er für andere Geschöpfe die heidnische Anbetung hervor und nimmt sie nicht für sich allein in Anspruch?

Daß der Satan im Ruf des Bösen steht, das ist allgemein bekannt. Wenn er nun für sich allein Anbetung suchte, so würden seine Diener sofort erschrecken, weil er ihnen als böse und Böses stiftend verdächtig erschiene. Allein er trieb die einen an zur Anbetung der Lichtgestirne und andere zur Anbetung der Luft, des Feuers, der Erde und des Wassers, der (Menschen)gestalten, der Hölzer und Steine, selbst der Schlangen, der Raubtiere und der Kleintierwelt, damit er nur den Neid, mit welchem er die Menschen zu bekämpfen sich vorgenommen hat, befriedige. Darum soll keiner von denen, welche Geschöpfe anbeten, sich brüsten, daß sie nicht den Willen Satans tun. Denn die Anbetung der Geschöpfe hat keinen andern Meister, der sie eingeführt hat, als allein den Satan.

Wie vermöchten nun diejenigen dem Satan zu fluchen, die seinen Willen tun? Diejenigen, welche den wahren Gott anbeten, aber in ihrem sittlichen Wandel zu Fall gekommen sind, werden schon im Worte Gottes getadelt: „Sie gestehen, Gott zu kennen, aber in ihrem Wirken verleugnen sie ihn“ (Titus 1, 16). Wieviel weniger können jene sich verantworten, welche den Dienst des wahren (Gottes) besessen haben, aber unbeseelten und stummen Geschöpfen Anbetung leisten.

Aber dieweil der Feind der Wahrheit mit verschiedenen Waffen sich bewehrt, und den Weisen der Griechen beibrachte, daß eine Materie immer Gott zur Seite stand, aus welcher er die Geschöpfe bildete und weil der Name der Materie in ihrer Sprache ähnlich ist dem Wort für Schlamm, Schmutz, so haben sie deshalb den Ursprung des Bösen daher geleitet.

Auch die Erfinder der Religion der Perser waren darüber im Zweifel, woher das Böse komme. Sie traten in dieselben Fußstapfen und irrten von der Wahrheit ab. Sie bringen dieselbe Fabelei mit anderen Erzählungen zusammen und zwar so: Von einem Vater wurden zwei Söhne geboren, der eine gut und Schöpfer der guten Wesen, der andere schlecht und Hersteller des Bösen. Demselben Herumtasten verfielen auch die Sekten, welche der Feind wie Lolch unter den Weizen gesäet hat. Denn ein Teil nahm drei Ursprünge an, einen für das Gute, einen für das Gerechte und einen für das Böse, undandere zwei, einen für das Gute und einen für das Böse, und manche sieben.

Und nun ist die Aufgabe der Kirche Gottes, die draußen mit der sachlichen Wahrheit ohne Schrift, diejenigen, welche als Drinnenstehende angesehen werden und die Wahrheit nicht anerkennen, durch die Heilige Schrift zu widerlegen.

Die Meinungen in Hinsicht auf die Materie, durch welche die Griechen in Irrtum verfielen, wollen wir durch die in den vorstehenden Auseinandersetzungen enthaltene Widerlegung für genügend behandelt betrachten. Treten wir mit Hilfe der göttlichen Gnade nun auch in den Streit gegen die Erfinder der Religion der Perser.

Zweites Buch: Widerlegung des persischen Heidentums

Ehe irgend etwas war, sagen sie, als noch kein Himmel, keine Erde noch irgendeines der Geschöpfe war, die im Himmel und auf der Erde sind, da war ein Wesen, Zerwan mit Namen, was übersetzt Schicksal oder Ruhm bedeutet. Tausend Jahre brachte es ein Opfer dar, daß ihm vielleicht ein Sohn würde, dessen Name Ormizd, der den Himmel und die Erde und alles, was darin ist, erschaffen sollte. Nachdem es tausend Jahre das Opfer dargebracht hatte, fing ihm der Gedanke an, durch den Sinn zu gehen: Wird das Opfer, das ich darbringe, etwas nützen, und wird mir ein Sohn Ormizd beschieden sein, oder bemühe ich mich vergeblich? Und während er so dachte, wurden Ormizd und Ahriman im Leib ihrer Mutter empfangen. Ormizd als Frucht des Opfers und Ahriman wegen des entstandenen Zweifels. Nachdem Zerwan das erkannt hatte, sagte er: Zwei Söhne sind da im Leibe. Wer von ihnen zuerst zu mir kommt, den will ich zum König machen. Ormizd erfuhr den Gedanken des Vaters und teilte ihn Ahriman mit, indem er sagte: Zerwan, unser Vater, beschloß in Gedanken, daß er den von uns, der zuerst zu ihm käme, zum Könige machen werde. Als Ahriman dies gehört hatte, riß er den Leib auf, ging heraus und trat vor den Vater. Zerwan sah ihn, aber er wußte nicht, wer er wäre. Und er fragte ihn: Wer bist du? Jener sagte zu ihm: Ich bin dein Sohn. Zerwan erwiderte: Mein Sohn ist voll Wohlgeruch und Licht, du aber bist finster und übelriechend. Während sie miteinander diese Worte wechselten, wurde zur rechten Zeit auch Ormizd geboren, licht und voll Wohlgeruch. Er kam und trat vor Zerwan. Und als Zerwan ihn sah, erkannte er, daß es Ormizd sei, sein Sohn, um dessentwillen er das Opfer gebracht hatte. Da nahm er die Barsomszweige, die er in den Händen hatte, und mit denen er opferte, und gab sie Ormizd und sagte: Bisher habe ich wegen deiner das Opfer gebracht, von jetzt ab wirst du meinetwegen es tun. Während Zerwan dem Ormizd die Barsomszweige gab und ihn segnete, trat auch Ahriman vor ihn und sprach zu ihm: Hattest du nicht gelobt, denjenigen von deinen beiden Söhnen, welcher zuerst zu dir käme, zum König zu machen? Zerwan antwortete Ahriman, um sein Gelübde nicht zu brechen: Ach! du Falscher und Böses Wirkender, es soll dir die Herrschaft neuntausend Jahre verliehen sein, und Ormizd sei als König über dich gesetzt. Und nach neuntausend Jahren wird Ormizd herrschen und, was ihm zu tun gefällt, vollführen. Da begannen Ormizd und Ahriman, Geschöpfe zu bilden. Und alles, was Ormizd machte, war gut und recht; was aber Ahriman bildete, war bös und verdorben.

Auf solche unglaubliche und fabelhafte Erzählungen, die Leute ohne Urteil zusammengestoppelt haben, wäre es überhaupt unnötig, eine Antwort zu geben. Es wäre genug, daß ihre Sinnlosigkeit schon sie widerlegt durch ihre eigenen Worte, die gegeneinander streiten und miteinander in Widerspruch stehen. Allein weil dadurch die Häupter des Irrwahns vor ihren Anhängern als etwas Großes erscheinen, und weil sie ihre Fallstricke auswerfen und solche in die Grube stürzen, ist es nötig, eine Widerlegung anzustellen und zu zeigen, daß sie nichts Besseres lehren als Mani, den sie doch selbst geschunden haben.

Denn dieser behauptet zwei Wurzeln, für das Gute und das Böse, und dieses nicht durch Zeugung und Geburt, sondern durch sich selbst bestehend, zueinander im Gegensatz; jene behaupten das gleiche, jedoch (entstanden) durch Zeugung und Geburt infolge des Verlangens von Zerwan. Wenn nun aber beide dieselbe Religionsanschauung haben, weshalb hassen die Magier die Zandik, wenn nicht deshalb, weil sie durch ihre Sitten voneinander geschieden sind, allerdings bloß in der Form, nicht aber dem Inhalt nach. Aber in der Religionsanschauung sind beide eins. Jene sind Dualisten, diese ebenfalls; jene sind Sonnenanbeter und diese Diener der Sonne; jene glauben an eine Beseeltheit aller unbeseelten Dinge, derselben Anschauung sind auch diese.

Allein weil Mani heuchlerisch höhere Sitten zeigen wollte, nämlich daß er frei sei von allen Fesseln der Leidenschaften und nicht nur mehr als jene, sondern mehr als alle Religionen, deshalb wurde er, der Verführung eines Mädchens bezichtigt, durch die Schindung als Todesstrafe des Lebens beraubt. Hierdurch zeigt sich, daß sie allein durch die Sitten voneinander getrennt sind, denn jene sind Frömmler, diese ausschweifend und lebensfroh. Aber was die Religion angeht, sind sie ein und dieselben.

Lassen wir nun jene, und fragen wir diese: War Zerwan, der nach ihrer Behauptung vor allen Dingen war, vollkommen oder unvollkommen? Sagen sie, daß er vollkommen war, so mögen sie hören: Wenn er vollkommen war, wieso war er dann genötigt, um einen Sohn zu bitten, der käme und Himmel und Erde schaffen würde? Denn war er vollkommen, so war er selbst imstande, Himmel und Ende zu erschaffen. War er aber unvollkommen, dann ist offenbar, daß jemand war, der über ihm stand und der seinen Mängeln abhelfen konnte. Und wenn jemand über ihm stand, dann kam es diesem zu, Himmel und Erde und alles, was in ihnen ist, zu erschaffen, um seine Gütigkeit und seine Macht zu zeigen; nicht aber dem Zerwan einen Sohn zu schenken, daß er Himmel und Erde und alles, was in ihnen ist, erschaffe.

Allein er brachte, so behaupten sie, das Opfer dem Ruhm. Da wollen wir fragen: Woher war der Ruhm ihm zugekommen, wurde er verherrlicht, weil er ewig war? Wenn ihm der Ruhm von irgend jemand geschenkt war, so muß man glauben, daß ein Höherer als er war, reicher an Macht und Herrlichkeit, von dem ihm der Ruhm zugekommen ist. War aber kein Höherer, so war es eitel, das tausendjährige Opfer zu bringen. Denn der Ruhm ist nichts, was für sich besteht, sondern vom günstigen Gelingen wird etwas Ruhm benannt, wie vom Mißlingen etwas als Mißglück bezeichnet wird. Beides sind aus dem Zutreffen sich ergebende Verhältnisse, aber nicht selbstbeständige Wesenheiten.

Überdies, wenn die Sonne und der Mond noch nicht waren, durch welche die Stunden, Tage, Monate und Jahre geordnet werden, woher zeigt sich das Jahrtausend? Denn es waren doch die Lichtgestirne noch nicht vorhanden, nach welchen die Zahl der Tage und Monate und Jahre aneinandergereiht wird. So ist es klar, daß (diese Erzählung) sinnlose Torheit ist.

Sodann, wenn Himmel und Erde und was in ihnen ist, noch nicht war, wo verrichtete er (Zerwan) das Opfer und womit? Als die Erde noch nicht war und nicht die Pflanzen, die aus ihr sprossen, woher kam der Fund der Barsomszweige in seine Hände? Oder vollends, was schlachtete er nur zum Opfer, da die Tiere noch nicht geschaffen waren? Was aber das Törichtste von allem ist, sie sagen: Tausend Jahre brachte er ein Opfer und nach tausend Jahren zweifelte er und sprach: Wird mir wohl ein Sohn Ormizd sein; und wenn er mir nicht werden sollte, und ich vergeblich mich bemüht hätte! Dadurch zeigt sich, daß Zerwan schwach war und bedürftig und ohne Wissen. Ja, er war die Ursache des Bösen und nicht Ahriman. Denn wenn er nicht gezweifelt hätte, wie sie erzählen, so wäre Ahriman nicht geworden, den sie als den Schöpfer des Bösen erniedrigen. Aber er zweifelte, was unglaublich ist und voll Ungereimtheit.

Niemals kommen aus einer Quelle zwei Bäche, der eine süß, der andere bitter, nie wachsen an einem Baum zweierlei Früchte, die eine wohlschmeckend, die andere herb. Wenn sie also wissen, daß Zerwan gütig ist, dann dürfen sie die bittere Frucht, den Ahriman, nicht von ihm herleiten. Und wenn sie ihn für mißgünstig betrachten, dann fehlt der Grund, die süße Frucht, den Ormizd, ihm zuzuschreiben. Und es paßt auf sie das göttliche Wort, welches lautet: „Entweder macht ihr den Baum süß und seine Früchte süß, oder ihr macht den Baum bitter und auch seine Früchte bitter, denn am Baume wird seine Frucht erkannt“ (Matth.12, 33 [korrekt: an der Frucht erkennt man den Baum].).

Wenn schon die Geschöpfe alle in ihren Verhältnissen stehen, und keines jemals die ihm gesetzten Grenzen überschreitet, um wieviel mehr müßte Zerwan, wenn er etwas Ewiges wäre, und wenn er die Möglichkeit gesucht hätte, die Geschöpfe zu erschaffen, sei es durch sich, sei es durch jemand anders, sei es auch durch einen Sohn, wie sie sagen, Ordnung gezeigt haben und nicht Ordnungslosigkeit.

Denn wir haben niemals gesehen, daß eine Kuh einen Esel geboren hat und der Esel einen Ochsen und Wölfe Schafe und Schafe Füchse, und nicht Löwen Pferde und Pferde Schlangen. Nur eine Zuchtart gibt es, welche die Menschen außerhalb der Ordnung der Natur erfunden haben, nämlich daß sie aus Pferden und Eseln Maulesel erzielen. Aber diese sind ohne Samen und unfruchtbar. Denn sie sind nicht nach der Ordnung Gottes, sondern stammen aus menschlicher Erfindung. Wenn nun Zerwan ein Stier war, wie gebar er den Skorpion Ahriman? Und wenn er ein Wolf war, wie gebar er das Lamm Ormizd? Sind das nicht wahrhaft Torheiten im menschlichen Denken?

Denn auch Zerwan war ein Mensch, ein Gewaltiger unter den Titanen. Und wie die Griechen und die Arier und alle heidnischen Völker die Herren für Göttersprossen zu halten pflegen, so will der Religionsstoppler der Perser, weil die Leute im Lande ihn (Zerwan) für einen Gott hielten, die Schöpfung des Himmels und der Erde und aller Geschöpfe ihm zuschreiben.

Daß das ein wahres Wort ist, geht auch daraus hervor, daß er die Religion mit menschlichen Sitten zusammenstoppelt und durch Empfängnis und Geburt die religiöse Ordnung zusammengliedert. Denn zuvörderst lehrt er die Geburt der beiden Schöpfer, des Guten und des Bösen, aus einem Vater. Hernach führt er die lichten Geschöpfe auf mütterliche und schwesterliche Vermischung zurück und das aus keinem anderen Grunde als aus fleischlicher Liebe und sinnlicher Begierlichkeit. Denn da er sah, daß das arische Volk der Weiberliebe ergeben war, hat er ihnen in Anpassung an diese weichlichen Sitten die Gesetze zusammengestellt. Wenn sie von ihren Göttern hörten, daß sie unwürdigen Vermischungen hingegeben waren, so sollten auch sie nach ihrem Vorbild denselben Ausschweifungen sich unterschiedslos ergeben. Davon ist aber die Gottheit ferne, die in der Höhe ist! Denn einen Sohn zu haben, geziemt Gott nicht durch Vermählung, sondern von Ewigkeit her wie der Gedanke das Wort, die Quelle den Fluß, das Feuer die Wärme, die Sonne das Licht. Nicht aber ist dies so (zu denken), wie jene sich erkühnen, daß er das Bedürfnis fühlte, daß ihm ein Sohn werde, dessen Name Ormizd wäre.

O Torheit! Noch ist kein Sohn da, und den noch nicht Empfangenen und nicht Geborenen gibt er schon den Namen. Alle Geborenen erhalten nach der Geburt den Namen. Er aber, wieso gab er schon vor der Geburt ihm den Namen Ormizd, als weil er glaubte, daß er sicher einen Sohn bekomme? Und wenn er das sicher glaubte, weshalb zweifelte er dann und wurde durch seinen Zweifel die Ursache der Geburt Ahrimans, durch den das Böse in die Welt kam? Auch das ist zu verwundern, daß der eine nach einem tausendjährigen Opfer kaum wurde und der andere schon nach einem augenblicklichen Zweifel.

Ferner, warum kannte der, der wußte, daß zwei Söhne im Leibe da sind, nicht, daß der eine gut, der andere böse ist? Wenn er das wußte und den Bösen nicht zerstörte, so ist er schuld am Bösen. Und wenn er diesen nicht kannte, wie wäre es glaubhaft, daß er den andern kannte? Und wenn er es dort nicht einsah, hat er ihn auch jetzt, als er ihn finster und übelriechend sah, nicht erkannt? Allein er kannte den Finstern, sah ihn und machte ihn zum König. So ist er die Ursache des Bösen deshalb, weil er den Bösen nicht vernichtete, sondern ihm auch noch die Herrschaft auf neuntausend Jahre übergab. Und über wen erhob er ihn zum König als über die guten Geschöpfe, die durch Ormizd wurden, um sie zu quälen, indem er seine bösen Geschöpfe unter sie mischte.

Doch auch den Ormizd hat er, wie sie behaupten, zum König über ihn gesetzt.

Wenn Ormizd König über ihn wäre, weshalb hat er ihm dann seine guten Geschöpfe zum Quälen überlassen? Wenn der Vater die Geschöpfe des Sohnes nicht schonte, indem er sie den Händen des Bösen überlieferte, wie sollte der Sohn die seinen nicht schonen? Aus Schwäche etwa oder aus bösem Willen? Wenn er sie aus Schwäche nicht schonte, dann hat er jetzt keine Herrschaft und auch nicht am Ende gelangt er, wie sie behaupten, zum Siege. War es aber aus Böswilligkeit, dann ergibt sich, daß nicht allein der Vater, welcher den Bösen zum König erhob, schuld ist an den Übeln, sondern auch der Sohn, der sich dem Willen seines Vaters anschloß und Förderer des Bösen wurde.

Wiederum, wenn er die Herrschaft den Söhnen gab, dem einen auf neuntausend Jahre, dem andern auf unbegrenzte Zeit, auf welcher Stufe stand er selbst? Denn so lange nichts dagewesen war, war er König über nichts, denn er war ja auch nicht Schöpfer von etwas. Und als die Söhne wurden, da wurden sie die Schöpfer, der eine des Guten, der andere des Bösen, sie wurden die Könige, der eine eine Zeitlang, der andere für immer. Zerwan blieb seinerseits ohne Teilnahme an der Schöpfung und ohne Teilnahme an der Herrschaft. Denn Schöpfer ist er nicht, da es nichts gibt, was er geschaffen hatte; König wurde er auch nicht, denn über welches der Geschöpfe wurde er Herrscher? Da dieser nun weder Schöpfer ist noch Geschöpf, so war er auch niemals Gott und ist es nicht und wird es nicht.

Während Zerwan, so sagen sie nun noch, bei sich dachte, denjenigen von meinen beiden Söhnen, der zuerst zu mir kommt, werde ich zum König machen, da erkannte Ormizd den Gedanken seines Vaters und tat ihn Ahriman kund.

Wenn Ormizd den Gedanken seines Vaters erkannte, warum erkannte er nicht auch den Gedanken seines verschlagenen Bruders, den Leib zu öffnen und herauszugehen, vorzutreten und das Königtum an sich zu reißen, das jenem und seinen Geschöpfen zum Unheil werden sollte? Warum schlug er ihn dabei nicht gleich im Anfang zurück und setzte ihn ab, und hätte dann nicht neuntausend Jahre Schmerz und Reue haben müssen beim Hinblick auf seine guten Geschöpfe in dieser Zeit, die jener elend verdarb. Und warum hat auch Zerwan, dem die Empfängnis zweier Söhne im Leib bekannt war, Ahriman nicht gekannt, als derselbe vor ihn trat?

Sodann, wieso hat der, welcher Ormizd schon im Leibe als wohlriechend und licht kannte, von seinem anderen Sohn nicht gewußt, daß er übelriechend und finster war? Zeigt sich da nicht sicher, daß uns von jenen (Magiern) nicht glaubwürdige Dinge berichtet werden, sondern vielmehr ein Fabelknäuel?

Das Unglaublichste von allem ist noch, daß der eine kaum nach einem tausendjährigen Opfer wurde, der andere sofort durch ein Zweifeln. Und ist der Sohn Ahriman durch den Zweifel entstanden, so durfte er ihn gar nicht seinen Sohn nennen. Denn wäre er sein Sohn gewesen, so hätte er ihm ähnlich sein müssen in verwandter Beschaffenheit, wenn er gut war, in Güte, wenn er schlecht war, in Bosheit. War etwa der Vater Zerwan gut und zugleich böse, und ist aus seiner guten Ader der gute Sohn; aus seinem schlechten Samen aber der böse geworden? Wenn es nicht etwas Derartiges auch wäre, dann würde er den Bösen nicht seinen Sohn genannt haben und ihm nicht die Herrschaft gegeben haben. Wäre er aber gut gewesen, so würde er den Bösen vernichtet und dem guten die Herrschaft gegeben haben. Dadurch würde er selbst sich Ruhm bereitet haben und hätte Ormizd, seinen guten Sohn, nicht in beständige Trauer gestürzt. Aus allen diesem wird aber klar, daß es nie einen Zerwan gegeben hat, den Vater der Götter, und daß er nie Verleiher der Herrschaft war.

Ferner sagen sie: „Die Barsomszweige, welche er in seinen Händen hielt, gab er seinem Sohn Ormizd und sagte: Bisher brachte ich deinetwillen das Opfer, von jetzt ab sollst du es meinetwillen tun.“ Nun, wenn er für ihn deshalb Opfer brachte, daß er einen Sohn erhalte, weshalb sollte Ormizd für ihn Opfer darbringen? War ihm von irgendeiner Seite Furcht eingeflößt worden, und befahl er ihm deshalb, seinethalben das Opfer zu vollziehen? (Fürchtete er etwa), es werde vielleicht jener, von dem er den Sohn erbeten hatte, dafür, daß er ihm den Sohn gegeben, ihn als seinen Teil (Zoll) nehmen? Hätte er das im Sinne gehabt, so konnten die Barsomszweige nicht helfen; und als er die Barsomszweige abgab, sagte dieser nicht, du sollst mir opfern, um zu zeigen, daß jemand war, welchem er um den Sohn das Opfer dargebracht hatte. Und dem Sohn befahl er, wegen seiner jenem das Opfer darzubringen.

War über ihm und dem Sohn jemand, dem sie das Opfer darbrachten, dann mußte jener für die Ursache gelten und für den Schöpfer von allem und nicht Zerwan die Ursache von Ormizd und Ahriman, und diese als die Schöpfer des Bösen und des Guten. Konnte nicht vielmehr jener, welcher über Zerwan stand, statt Zerwan einen Sohn als Schöpfer zu geben, von sich aus selbst Himmel und Erde, und was in ihnen ist, erschaffen, wie es schon oben bemerkt wurde, und (so) seine Macht und Güte offenbaren? Oder wenn er Furcht hatte vor seinem Sohn Ahriman und er deswegen die Barsomszweige Ormizd gab, damit er mit ihnen dem Höheren das Opfer darbringe und er von Besorgnis frei werde, so mußte doch sicherlich jemand da sein, dem er das Opfer darbrachte. War also jemand da, dem ein Opfer gebührte, dann war folglich Zerwan nicht ewig, sondern verdankt einem (andern) sein Dasein. Somit wird es nötig zu fragen, durch wen er wurde, und wer derjenige war, dem er selbst das Opfer darbrachte, und wer derjenige, dem zu opfern er seinem Sohn seinetwillen befahl. Denn es ist nicht möglich, daß etwas zu sein anfange, wenn es nicht das Sein von einem anderen empfängt. Gott allein besitzt die Macht, aus nichts zu schaffen, wie er will. Und nun, wer (anderes) sollte der Schöpfer Zerwans sein als Gott, dem er opferte? Der ihm auch in der Weise den Sohn gab, daß er Himmel und Erde und was in ihnen ist, erschaffe. Nur wäre das wunderbar, daß er nicht selbst schafft, aber die Macht hat, dem Sohn Zerwans die Schöpferkraft zu verleihen.

Sie behaupten freilich, es war keiner da, dem Zerwan opferte. War dem so, dann war auch Zerwan nicht. Und es ist in hohem Maße lächerlich, daß, der nicht war, denen, die nicht waren, Opfer brachte für solche, die nicht waren.

Da aber, wie sie hin und wieder sagen, das Glück Zerwan war, so war er doch das Glück von jemand. Und wer war nun doch der, dessen Glück er (Zerwan) war? Denn das Glück ist nichts für sich Bestehendes, sondern der günstige Fall des Zutreffens. Wie man von der Gerechtigkeit gerecht genannt wird und von der Tapferkeit tapfer, so wird man vom Ruhm glücklich genannt. War nun Zerwan das Glück, so war er nichts für sich Seiendes. Somit ist klar, daß Zerwan überhaupt gar nicht existierte.

Und wenn, wie sie sagen, aus dem Zweifeln Ahriman erzeugt wurde, dann hätte er gleich im Anfang zweifeln sollen, daß ohne Zögern er den Sohn erhalten hätte und nicht hätte er tausend Jahre sich abhärmen und Opfer bringen sollen, daß ihm der Sohn geboren würde. Wurde ihm nun aber sowohl ein Guter als auch ein Böser, so nahm (der Böse) die Bosheit von seiner Gesittung, nicht von der Geburt. Denn es ist nicht möglich, daß ein Leib den Bewirker des Guten und den Schöpfer des Bösen in sich enthalte. Denn wenn er böse war, dann durfte er nur der Wirt des Bösen sein; war er aber gut, dann nur des Guten. Denn das Gute und das Böse können nicht in eins zusammenfallen, wie auch nicht Wölfe und Lämmer aus demselben Mutterleib hervorgehen können. – Sie halten ja fest, daß die zur guten Seite Gehörigen von Ormizd stammen, nämlich die Rinder und Schafe und andere nützliche Tiere, die zur bösen Seite aber von Ahriman, nämlich die Wölfe und die Raubtiere und das schädliche Ungeziefer. Und sie verstehen nicht, daß, wie das Schädliche nicht beim Unschädlichen wohnen kann, so auch das Gute nicht in einem Mutterleib mit dem Schlechten empfangen werden konnte. Denn wie es nicht möglich ist, das Wasser und Feuer am gleichen Orte zu machen, wenn nicht der überwiegende Teil seinen Ortsgenossen zerstören soll, so ist es auch nicht möglich, daß Gut und Bös an denselben Ort eingehen. Sollte es doch geschehen, so wird entweder dieses jenes oder jenes dieses vernichten.

Wenn nun die Söhne aus dem Samen hervorgehen sollten, so war es nicht möglich, daß einer zwei einander entgegenstehende Samen ausstreuen konnte. Auch vermag selbst ein Mutterleib nicht verschiedenen Samen aufzunehmen. Denn auch wenn viele Männer mit einer Frau verkehren, so haftet nicht der Samen aller, denn der zuerst gefallene Samen stößt den anderen als überflüßig ab. Wie hätte es auch geschehen sollen, daß dieser Leib zweierlei, einander nicht vertragende Samen aufgenommen hätte?

Warum denn hat der Sprößling des Opfers nicht obgesiegt und den Sprossen des Zweifels abgewehrt, sondern warum stiegen diese gegenseitigen Feinde in feierlicher Eintracht in denselben Leib nieder? Auch der Vater durfte, nachdem er wußte, daß zwei Söhne, ein guter und ein böser, im Leib seien, nicht ins Blaue hinein die Herrschaft versprechen, sondern nur dem allein, dessentwegen er das Opfer gebracht hatte.

Gewiß war auch Ormizd, ehe er geboren wurde, unvollkommen. Wie aber durchschaute der Unvollkommene die Gedanken seines Vaters? Denn wer des andern Gedanken erkennen kann, steht höher als dieser. Gott allein vermag das, kein Mensch. Also war Ormizd größer als sein Vater, mächtiger und weiser. Denn als er im Leibe war, kannte er die Gedanken des Vaters, und als er aus dem Leibe hervorgekommen war, besaß er die Macht, Himmel und Erde zu machen, wozu sein Vater nicht imstande war.

Und nun, derjenige, welcher an Macht und Weisheit so seinen Vater überragt, kennzeichnet sich als größer in der Nichtswürdigkeit, denn er ließ sich vom Nichtswürdigen täuschen indem er ihm die Gedanken des Vaters mitteilte, ihm, gegen welchen er sich in unversöhnlicher Feindschaft hätte abschließen sollen fern aller Freundschaft.

Ferner, wenn es nötig war, den Leib aufzureißen und hervorzugehen, dann hätte das der tun sollen, welcher die Gedanken seines Vaters erkannt hatte, auf daß er gerade zuerst gekommen und die Herrschaft erhalten hätte, nicht aber Ahriman, der die Gedanken des Vaters nicht wußte, noch für die Herrschaft geeignet war. Jedoch da er den Leib aufriß, tötete er doch wohl die Mutter. Nun muß man fragen, ob sie denn wirklich in der Tat eine Mutter hatten.

Allein, wie soll es sich zeigen, daß eine Mutter da war? Zumal, wo sie behaupten, daß ehe irgend etwas war, weder Himmel noch Erde, da war Zerwan allein. Das wäre arg lächerlich, wenn er selbst Vater und Mutter zugleich, Erzeuger und Empfängerin des Samens wäre. Noch verächtlicher ist es aber, daß sie sagen, als Ahriman den Leib aufriß und vor den Vater trat, kannte ihn der Vater nicht. Wieso kannte er ihn nicht, wenn doch niemand überhaupt war, während er allein existierte. War das fürwahr nicht offenbar, daß derjenige, der nun zu ihm kam, einer von seinen Söhnen war. Ja er zeigt sich noch nichtswürdiger als der Nichtswürdige, denn jener kannte diesen, dieser aber jenen nicht und verleugnete seinen Sohn: Mein Sohn ist wohlriechend und licht, du aber bist finster und übelriechend. Wieso sollte der sein Sohn nicht sein, der im gleichen Leibe mit dem Guten empfangen worden war? Dennoch verleugnete er jenen: Du bist nicht mein Sohn, den andern anerkannte er: Du bist mein Sohn. Und da er jenen als einen Bösen verleugnete, so hätte er ihn auch nicht der Empfängnis würdigen sollen, sondern sich von ihm als Bösen fernhalten, ja ihn vernichten – und nicht ihn allein, sondern auch den Ormizd, welcher seine Gedanken an den Tag gebracht hatte.

Noch ungereimter ist überdies die Erzählung, daß er ihm die Barsomszweige gab, damit er für ihn Opfer darbringe, gleichsam als ob nicht in Ormizd oder im Opfern die Kraft läge, sondern in den Zweigen. Denn wenn er für sich das Vertrauen hatte, erhört zu werden, dann war es überflüssig, die Zweige in der Hand zu halten; war er aber dessen unwürdig, dann reichten auch die Zweige nicht hin, den zum Opfer Unwürdigen würdig zu machen. Denn die Zweige zu halten und ein Opfer zu bringen, ist das Werk der Menschen, nicht Gottes. Wenn er jedoch Gott war und die Macht hatte, Himmel und Erde zu schaffen, wozu bedurfte es für ihn der Barsomszweige und des Opfers, um den Vater von den Befürchtungen zu befreien? Wer ohne Barsomszweige Himmel und Erde erschaffen konnte, warum sollte er den Vater nicht ohne die Zweige von der Sorge befreien können? So stellt sich denn heraus, daß der Vater töricht und schwach und zur Zufluchtnahme zu andern gedrängt war, und daß der Sohn ebenfalls töricht und schwach war. Denn jener konnte die Geburt des Sohnes nicht erlangen, ohne daß er ein Opfer brachte, und der Sohnkonnte jenen nicht von Befürchtungen befreien, ohne die Zweige in die Hand zu nehmen.

Ja, beide sind sogar die Ursachen der Geißeln des Bösen geworden, der Mißhandlungen der im Gebiete des Guten geschaffenen Werke des Guten. Denn nach ihrer Angabe hat Ormizd alles, was gut ist, gemacht und gerechte und wohltätige Menschen, und Ahriman alle bösen Geschöpfe und die Dämonen.

Wenn nun die Dämonen Geschöpfe des Bösen und von Natur böse sind, so konnte keiner von ihnen jemals auch nur etwas Gutes denken, und kann dies Ahriman von vornherein nicht. Nun sehen wir aber, daß Ahriman von einem Gute (der Sonne), das (die) unter den Geschöpfen sehr wohltätig ist, wie sie erklären, der Erfinder ist. Denn sie sagen, als er sah, daß Ormizd die schönen Geschöpfe gemacht hatte, aber ihnen kein Licht zu spenden vermochte, da habe er mit den Dämonen den Gedanken beraten und sagte: was nützt es Ormizd, daß er so schöne Geschöpfe schafft, sie aber in Finsternis sich befinden, denn er verstand es nicht, Licht zu schaffen. Wenn er weise wäre, würde er jetzt zu seiner Mutter eingehen, und die Sonne würde als Sohn entstehen, er würde sich zum Lager der Schwester gesellen und es würde der Mond geboren. Und er gab Befehl, daß keiner seinen Gedanken errate. Als dies der Dämon Mahme gehört hatte, ging es eilends zu Ormizd und verriet ihm diesen Gedanken. O der Sinnlosigkeit und faden Dummheit! Wer die Verhältnisse zur Erschaffung von Himmel und Erde und aller Dinge in ihnen zu finden wußte, der konnte nicht das Geringe unter den Veranstaltungen denkend ersinnen. Damit stellen sie nicht nur Ormizd als Tor hin, sondern machen auch den Ahriman zum guten Erfinder der guten Geschöpfe.

Demgemäß überliefern sie auch die andere Sage, daß Ahriman gesagt habe: nicht, als könnte ich nicht Gutes schaffen, aber ich will nicht. Und um das Wort zu bekräftigen, habe er den Pfau geschaffen. Siehst du, daß er durch seinen Willen böse ist und nicht von Geburt.

Was gäbe es nun Glänzenderes, als das Licht, dessen Erfinder Ahriman wurde, oder was Schöneres als den Pfau, den er zum Beweis seiner guten Schöpferkraft gemacht hat. Damit ist offenbar, daß, wenn Ahriman ein von Natur Böser wäre, dann wäre er nicht der Erfinder des Lichtes und nicht der Schöpfer der Schönheit. Ja, wenn die Dämonen von Natur böse wären, wäre es auch Mahme nicht möglich gewesen, der Verkünder der Bedingungen zur Schöpfung des Lichtes zu werden. Noch jetzt bringen ihm die Diener dieser Religion dreimal im Jahre Opfer dar. Deshalb wird ihnen der Vorwurf gemacht von den Gegnern, daß sie Teufelsanbeter sind, und die Dämonen nicht von Natur, sondern mit Willen schlecht sind. Wenn sie selbst den Dämonen opfern, mit welcher Miene möchten sie die Dämonenanbeter verfolgen. Siehst du demgemäß, daß alles, was jene lehren, Fabeleien und leere Erzählungen sind?

Hernach bringen diejenigen, welche das Geschöpf der Lichtkörper von solchen Ursachen herleiten, mit einer anderen Wendung ihrer Worte wieder eine andere Ursache für das Werden der Sonne vor. Ahriman, so erzählen sie, hatte den Ormizd zum Mahle geladen; Ormizd kam auch, wollte aber nicht vom Mahle kosten, wenn nicht zuerst ihre Söhne gekämpft hätten. Und als aber der Sohn Ahrimans den Sohn des Ormizd niederschlug, gingen sie auf die Suche nach einem Richter und fanden keinen. Da hätten sie sich daran gemacht und die Sonne erschaffen, damit sie ihr Richter sei.

Dort bezeichnen sie Ahriman als Erfinder der Sonnenentstehung und hier 1 offenbar als Miterschaffer des Lichtes. Und wenn kein anderer Richter da war, konnten sie nicht zu ihrem Vater gehen oder zu demjenigen, welchem der Vater und der Sohn der Fabel zufolge Opfer darbrachten?

Wieso mögen dann aber Ormizd und Ahriman einander Feind sein, die sie doch in einem Mutterleib gelegen waren, zueinander zum Mahle kamen und in gegenseitiger Wirkungsgemeinschaft die Sonne erschufen und zu ihrem Richter aufstellten. Die eine Aufstellung macht ein gewisser Zradascht wegen der Ausschweifungen, nämlich, daß sie durch mütterlichen und schwesterlichen Umgang Sonne und Mond gemacht haben. Im Hinblick darauf soll das Volk sich ohne Unterschied der gleichen Ausschweifung ergeben. Die andere Aufstellung macht er, um die Schändlichkeit zu verbergen, nämlich, daß sie dieselbe zum Zweck des Gerichtes gemacht hätten. Und da die Religion nicht in Büchern niedergeschrieben ist, so verkünden sie bald das, und täuschen damit, bald dies und verführen damit die Dummen. Aber wenn Ormizd Gott wäre, dann besäße er die Macht, die Lichtkörper aus Nichts zu erschaffen, wie Himmel und Erde, und nicht aus Lastertaten oder wegen Nichtdaseins eines Richters.

Eine ganz unglaubliche Torheit wiederum ist ihre folgende Überlieferung: als Ormizd starb, habe er seinen Samen in eine Quelle geworfen und nahe am Ende soll von diesem Samen eine Jungfrau gebären; es soll von ihr ein Sohn hervorgehen und dieser werde viele von den Kriegsheeren des Ahriman schlagen. Zwei andere, die auf dieselbe Weise entstehen sollen, würden seine Heere niederschlagen und vernichten.

Zunächst werden sie dadurch widerlegt, daß das Wasser den Samen nicht bewahren kann, sondern ihn vernichtet. Dann werden sie noch durch ein anderes zurückgewiesen. Warum vermochte (Ormizd) er, statt der Quelle seinen Samen zu geben, ihn lebendig zu erhalten, nicht sich selbst lebendig zu erhalten, sondern warum wurde der Sohn eines so guten Gottes vom Sohne des bösen Gottes hingerafft? Auch ist offenbar, daß diejenigen, welche im Zustand des Niederganges über den guten (Gott) und seinen Sohn obgesiegt hatten, auch am Ende über sie die Gewalt behaupten werden, deren Scharen sie für so unermeßlich halten.

Wenn ferner die Götter derselben sterblich sind, wie sollen sie selbst auf eine Auferstehung hoffen und insbesondere auf eine dreiteilige(?) Auferstehung, welche man gar nicht für eine Auferstehung halten darf, sondern für eine Nicht-Auferstehung. Wenn aber wirklich, wie sie sagen, der Sohn starb, dann war es auch mit Bezug auf Ormizd und seinen andern Sohn Choraschet nicht recht, zu zweifeln, daß sie nicht sterben, da ja der Stamm ihrer Götter ein Geschlecht von sich Verheiratenden und Sterblichen ist.

Und Götter dieser Art sind gar nicht für Götter zu halten, sondern für Ungötter. Denn, der wahrhaft Gott ist, hat sein Alles von Ewigkeit, wie das Wesen, so auch ewiges Leben und den ewigen Besitz des Sohnes bei sich, ohne irgendwelche Gelegenheitsursachen und ohne Mittelding, und die Schöpfung nicht von Erfindungen, sondern von freier, ihrem Willen dienstbarer Kraft. Er hat auch keinen Widerpart zur Seite, so daß er der Schöpfer des Guten und jener der Schöpfer des Bösen wäre, wie sie die guten Geschöpfe von Ormizd herleiten, die bösen von Ahriman. Sie können auch, wenn sie genau zusehen, gar kein Geschöpf aufzeigen, welches von Natur böse wäre, nicht den Ahriman und nicht die Dämonen, welche sie für seine Geschöpfe halten. Wir haben das vielmals und an reichlichen Beispielen in der ersten Abhandlung zu zeigen nicht versäumt.

Wenn Ahriman ihnen böse erscheint, weil er den Namen Charaman an sich trägt, von dem Umstand, daß er die Sonnenverehrer von der Sonne geworfen, woher er den Namen Charaman erhielt, so ist ähnlich auch Satan nicht Bezeichnung der Natur, sondern des Charakters, wie von der Güte jemand gut, von der Bosheit böse genannt wird. Und das geschieht, weil der Charakter nicht von Natur angeboren ist, sondern erworben wird. Daher erklärt es sich, daß wir vielmal viele Bösewichte Vernunft annehmen und Vernünftige der Bosheit verfallen sehen; daß wir Schamlose zu ehrbarem Wandel sich wenden, Ehrbare der Schamlosigkeit sich ergeben sehen. So der, welcher auf Seiten der Vernünftigen steht.

Aber auch in Hinsicht auf die vernunftlosen Tiere darf man wegen der verschiedenen Charaktereigenschaften nicht zwei Schöpfer annehmen, so wie jene in ihrer Torheit gemeint haben, daß Ormizd an den Tieren die Vierfüßler, die Vögel, die Fische und alles, was gut und schön ist, geschaffen habe, hingegen Ahriman die bösen Raubtiere, die unreinen Vögel, die Kriechtiere und Schlangen, die Skorpionen und alles Ungeziefer. Wenn Himmel und Erde und Luft und Wasser Geschöpfe des Ormizd sind, wieso wohnen dann die schädlichen Geschöpfe des Ahriman auf derselben Erde, und atmen dieselbe Luft, und nähren sich von derselben Nahrung, die auf der Erde sich findet, und findet in denselben Gewässern das häßliche Ungeziefer neben den reinen Fischen seinen Unterhalt, und sind in denselben Lüften aasfressende Vögel mit den edleren Vögeln zu sehen? Diese müßte Ormizd, der gute Schöpfer, ausrotten, nicht aber ernähren, denn sein ist die Erde, das Wasser und die Luft.

Und will man die wilden Tiere wegen ihrer Schädlichkeit von einem bösen Schöpfer glauben, dann wäre es passender, den Menschen vom bösen Schöpfer (stammend) anzunehmen, als dieselben. Denn diese sind den wilden Tieren viel schädlicher, als die wilden Tiere ihnen. Aus Städten und Dörfern kommen sie, die wilden Tiere zu töten, während diese eilig auf die Berge und in die Höhlen fliehen und sich zu bergen suchen. Die Verstecke mancher derselben sind ganz außerhalb des Umganges der Menschen.

Ähnlich verkriechen sich die Reptilien, wenn sie ein Geräusch von Menschen vernommen haben, die einen in Löcher, andere in Gräben und andere in Erdhöhlen, um sich zu verbergen. Und wenn sie, heftig bedrängt, einen Menschen verletzen, so ist das nicht ihre, sondern die Schuld des Menschen. Man darf daher die Raubtiere und das Ungeziefer nicht als Werke des Bösen betrachten, sondern als solche des einen guten Schöpfers. (Er hat die) einen für die Bedürfnisse, die andern zur Verschönerung, andere zum Schrecken (erschaffen), um den grundlosen Stolz des Menschen zu beugen. Und bleiben wir beim Hinblick auf ihre Schädlichkeit, so schaden sie doch einander nicht. Wenn es dann recht ist, ihre Schädlichkeit, welche nicht aus Überlegung sich äußert, zu hassen, wieviel mehr ist das am Platze gegenüber der Schädlichkeit des Menschen, die planmäßig und mit Hinterlist sich betätigt.

Auch mit nichtigen Wesen belästigt er uns, wie mit dem Floh und der Fliege, der Mücke, der Wespe, der Stechmücke, der Maus und vielen anderen derartigen Wesen, welche unbedeutend, aber uns doch Last machen können. Denn es sind darunter, welche uns Mühe machen, und auch solche, welche uns schaden, wie die Maus, die Motte und der Wurm und derartige Tiere. Durch diese demütigt und beugt er unsere Sinne. Denn wenn wir finden, daß selbst kleine Wesen uns schädlich sein können, da werden wir ablassen von dem eitlen Stolze und uns nicht mehr für hochwertig halten.

Überdies sollte Gottes Vorsehung uns zu Gemüt geführt werden. Wenn schon die kleinen Tiere uns schaden können, wie könnten wir (leben), wenn er uns unter die Schlangen und wilden Tiere als Mitbewohner geschaffen hätte. Auch darauf müssen wir noch schauen, wie er die Tiere wegen unserer Bedürfnisse uns untertänig machte, die Pferde, die Kamele, Elefanten, das Rind und Schaf, und auf den Bergen und in den Ebenen die Rehe und die Hirsche und die Steinböcke. Die einen von diesen dienen als Lasttiere, die anderen zur Nahrung.

Auch gab er uns dann zu wissen, daß wir diejenigen überwältigen können, die er will; diejenigen aber, die er nicht will, können wir nicht bezwingen. Das gilt nicht bloß von den bedeutenden, sondern auch von den unbedeutenden. Was ist nichtiger als der Floh und die Maus. Und wir können sie nicht ausrotten und nicht von der Welt vertreiben. In den Gewässern gibt es noch einige andere, die nicht unseren Bedürfnissen dienen, sondern nur zur Belästigung. Sehen wir, daß wir unvermögend sind, sie auszurotten, da mögen wir unsere eigene Schwachheit erkennen und vom eiteln Stolz ablassen; jenem allein sollen wir den Sieg zuerkennen, welcher mit dem Geringfügigen uns Last macht und die großen uns untertan macht z. B. den Elefanten, das Kamel, den Löwen, den Leoparden und Panther, von denen man die einen zum Lasttragen, die andern zum Vergnügen abrichtet und zähmt.

Andere haben über den Satan allerdings eine andere Meinung aufgestellt, nämlich, daß Gott ihn böse erschaffen habe.

Aber wenn Gott ihn als böse geschaffen hätte, weshalb treibt dann die Kirche Teufel aus? Wenn die Teufel als Rächer des Bösen aufgestellt sind, dann tut die Kirche denjenigen schaden, welche durch dieselben ermahnt werden sollen, und stellt sich dem Willen Gottes entgegen. Denn dieser hat sie zur Warnung erschaffen, und jene treibt sie aus. Allein, daß sie die Gewalt zum Austreiben nicht von sich besitzt, sondern von Gott, ist daher offenbar, daß, wenn der Herr nicht den Zwölfen den Geist eingehaucht hätte (Joh. 20, 22) und den Siebzig die Gewalt gegeben hätte (Matth. 10, 8; Mark. 6, 7; Luk. 10, 17), hätten sie die Teufel nicht austreiben können. Und auch er selbst hätte sie nicht gescholten, wenn er sie als Ermahner erachtet hätte, noch hätte er seinen Jüngern befohlen, sie auszutreiben, wenn jene auf seinen Befehl in den Menschen hineingefahren wären.

Wie käme es auch, daß die Engel sich freuen, wenn sie den Namen Gottes hören, die Teufel aber niemals, sondern vielmehr erschaudern (Jak. 2, 19), wenn sie ihn hören? Wenn die Dämonen Verminderer der Sünden wären, dann hätten sie die Menschen niemals zum Götzendienst verleitet und zu den verschiedenen Sekten der Philosophen und Häretiker, zu den Losewerfern, zu den Fatalisten und zu den gebundenen Bestimmungen, zum Aufschauen zu den Gestirnen, als wären sie die Ursachen des Glückes und des Verhängnisses.

Daß nun der Götzendienst eine Erfindung der Dämonen ist, bezeugt uns David: „Alle Götter der Heiden sind Dämonen“ (Ps. 95, 5) [=Psalm 96, 5]. Und der heilige Paulus sagt: „Welche Gemeinschaft besteht zwischen Christus und Beliar?“ (2 Kor. 6, 15). Nun siehe, nach ihrer Lehre bestände zwischen ihnen eine gegenseitige Gemeinschaft. Denn wenn er (der Dämon Beliar) deshalb, weil Gott ihn bös erschuf, Böses wirkte, bestände kein Recht, ihn böse zu nennen, sondern bloß Rächer. Böse wäre er vielmehr dann, wenn er seinen Auftrag nicht vollführte.

Warum hat aber nicht er, sondern der Engel Gottes die Erstgeburt der Ägypter geschlagen (Ex. 17, 29) [= Exodus 12, 29] und vielmals dann die Juden in der Wüste? Denn wenn er dazu bestellt war, warum hat nicht er diese geschlagen, sondern der Engel? Und in den Tagen Davids die siebzigtausend aus den zwölf Stämmen Israels (2 Kön. 24, 15) [= 2 Samuel 24, 15), in dem Lager der Assyrer die hundertfünfundsiebzigtausend (4 Kön. 19, 35; Is. 37, 36) [= 2. Könige 19, 35; Is 37, 36) Krieger? Diese erschlug der Engel Gottes und nicht die Dämonen. Warum auch sagte in den Tagen des Josua, des Sohnes des Josedek [Esra 3, 8; Haggai 1, 1], der Engel zum Verleumdergeist, der ihm entgegengetreten war: Es schelte dich der Herr, Satan (Zach. 3, 2). Weshalb werden die Juden Kinder Satans genannt um ihrer Gesetzesübertretungen willen, wenn dieser dem Befehle treu wäre, den er erhalten hätte, und jene die Gebote übertreten? Und überhaupt, wie würde er sogar „Lügner“ genannt (Joh. 8, 44), wenn er gerecht in der Ordnung sich hielte? Denn nicht von ihm wäre das Böse, sondern von dem, der ihn so beschaffen erschuf. Und weshalb wurde er hinausgestoßen in die Finsternis draußen?

Sie ihrerseits behaupten wohl, die Finsternis ist für ihn Ruhe. Aber fürwahr, das war nicht das Geschrei der Legion Teufel (Luk. 8, 31), sondern daß ihnen Qualen bereitet seien. Was ist zwischen uns und dir, sagte er, Sohn Gottes, daß du vor der Zeit kommst, uns zu quälen? (Matth. 8, 29) Und um seine Nichtswürdigkeit zu offenbaren, sagt er (Christus): Niemand kann die Waffenrüstung des Starken nehmen, wenn er nicht zuvor den Starken gefesselt hat (Mark. 3, 27). Aber warum fesselte er ihn, wenn nicht deshalb, weil er wußte, daß er mit seinem Wollen böse ist, und, wenn er will, imstande ist, gut zu werden.

Wenn er (Gott) ihn durch seine Natur zum Bösen bestimmt hätte, weshalb gab er ihm dann tadelnd den Namen des Bösen, da er doch nur die Natur so bewahrte, wie sie geworden war? Auch der Bestrafung wäre er nicht würdig, weil er seine Natur erprobte. Niemand straft doch auch das Feuer (mit der Anklage): Warum brennst du, und das Wasser: Warum ertränkst du? In gleichem Sinne aber lösen sich die Fragen wegen der Schicksalsbestimmung zugleich.

Sterben die Menschen, sagen sie, kraft einer Schicksalsbestimmung oder ohne Schicksalsbestimmung?

Zuerst müssen wir wissen, was Schicksalsbestimmungen sind, und woher der Name Schicksalsbestimmung in die Welt gekommen ist.

Eine feste Schicksalsbestimmung bezüglich des Todes finden wir in den von Gott gegebenen Schriften nirgends. Denn der Herr über Leben und Tod kann seinen Beschluß verkürzen oder verlängern. So hat er bei der Sintflut gesagt: Es sollen die Lebenstage dieser Menschen sein hundertzwanzig Jahre (Gen. 6, 3). Aber wegen der Menge ihrer Übertretungen nahm er von ihnen zwanzig (Jahre) weg. Und ähnlich sagte er zu Adams Zeit: Am Tag, an welchem du von der Frucht des Baumes issest, an demselben sollst du sterben (Gen. 2, 17), und gemäß seiner Güte und wegen der Kindererzeugung und der Fortpflanzung der Menschen in der Welt schenkte er ihm aus Gnade neunhundertunddreißig Jahre (Gen. 5, 5), damit seine schöne Schöpfung nicht gänzlich erlösche. Und dem König Ezechias fügte er wegen seiner Tränen fünfzehn Jahre hinzu [2. Kön.20, 6]. Auch die Stadt der Niniviten zerstörte er ihrer Buße wegen nicht am dritten Tage, wie es sein Prophet verkündigt hatte. [Jona 3, 10]

Und nicht (lehrt sie) wie die chaldäischen Sternendeuter, welche die Ursache der Geburt und des Todes den Sternen, als wären sie Lebewesen, entnehmen. Gleichsam in der Stunde der Geburt würde für jeden auch unabänderlich der Todestag festgesetzt. Und demgemäß sei es keinem möglich, das Sterben zu beschleunigen oder es zu verzögern.

Allein dem widersprechen schon die Zufälle des Krieges. Denn an einem Tage fallen Abertausende von Menschen in ganz verschiedenen Lebensaltern, die einen im Knabenalter, die anderen in den Jünglingsjahren, die anderen in der Vollreife des Greisenalters. Ihre Geburt fiel also keineswegs in dieselbe Zeit, der Tod aber traf doch zugleich ein.

Wenn ferner die Sterne die Ursachen der Geburt wären, weshalb wird dann bei den Indern nicht auch einmal ein weißer geboren, warum (sieht man) nicht in einem andern Land eine solche Erscheinung? Ist dorthin allein der weißmachende Stern nicht gekommen und in die andern Länder kein schwarzmachender? Warum sind auch die Zähne des Inders so weiß?

Des weiteren halten sie die Sterne für die Ursachen von Glück und Unglück. Als wären die Sternbilder etwas, und als würden gemäß dem Zusammentreffen der verursachenden Sterne mit den Sternbildern die Geburten geschehen.

Wenn jemand geboren wird, solange der Löwe im Sternbild ist, sagen sie, der ist bestimmt, König zu werden. Wird jemand geboren, während der Stier (darin) ist, so wird er stark und glücklich sein; wird jemand geboren, während der Widder (darin) ist, so wird er reich werden und wie dieser dichthaarig und wollig; wird jemand geboren, während der Skorpion (darin) ist, so wird er schlecht und schädlich werden. Und andere (Sternbilder) werden die Ursachen verschiedener anderer Dinge. So stirbt, wenn Kronos in das Sternbild eintritt, ein König. Das trat zweimal ein, wie sie sagen, unter Kaiser Theodosius, und die Chaldäer behaupteten fest, daß der König stirbt. Er aber ist nicht gestorben, damit die lügnerische Wahrsagerei zuschanden werde.

Nun sollen sie uns zuerst darüber Aufschluß geben: Wer hat diese irdischen Namen, Aasfresser und Pflanzenfresser, zum Himmel erhoben, daß sie dort die Ursachen für die Geburt der Menschen werden sollten? Denn wer die Ursache der Geburt für jemand soll sein können, der muß durch Weisheit größer sein als der, dessen Ursache er ist. So wollen wir mit dem gemeinen Verstande schauen und sehen, wer höher steht, der Mensch, welcher über das Tier gebietet, oder das Tier, welches unter dem Joch des Menschen steht. Nicht allein unter seinem Joch steht es ja, sondern ist auch seine Nahrung. Nun sehen wir, daß von den wilden Tieren die einen fliehen, die anderen in dichten Wäldern sich bergen, wenn sie nur die Stimme des Menschen hören. Denn Gott hat Angst und Schrecken vordem Menschen über die wilden Tiere, die Reptilien, über Vieh und Vögel kommen lassen, um ihn mit Ehre auszuzeichnen. Er hat auch seine Erschaffung in neuer Weise ausgeführt, indem er ihn bildete, gleichsam wie mit Händen, und ihm den Lebensodem einblies, gleichsam wie mit dem Munde. Dadurch hat er geoffenbart, daß er ihn höherer Ehre würdig erweisen will.

Daß aber Gott erhaben ist über die zusammengesetzten Körperwesen, das ist denen, die die Wahrheit haben, offenbar. Und wenn seinetwegen das Wild und das Vieh geworden ist, wie die Erfahrung zeigt, wie kam es, daß sie in den Himmel hinauf gelangten und die Ursachen der Geburt des Menschen wurden? Sie sind doch soweit entfernt vom Leben, wie ein Licht, das von Menschen gemacht ist, um das Haus in der Nacht zu erleuchten. Wie aber könnten leblose Wesen die Ursache für die Geburt lebendiger Wesen sein?

Freilich machen jene geltend, wenn sie nicht lebendig wären, würden sie auch keine Bewegung haben. Da sie sich aber bewegen, so ist klar, daß sie lebendig sind.

Nun mögen sie sich sagen lassen: Wenn alles, was sich bewegt, lebendig wäre, dann wäre auch das Wasser, das fließt, für lebendig zu halten. Auch das Feuer, das in Bewegung ist, müßte für lebendig angesehen werden. Licht und Wind müßten wegen des Wehens zum Lebenden gerechnet werden, auch Pflanzen und Kräuter, wiewohl sie nur langsam sich bewegen, aber doch durch ihr Wachstum erkennen lassen, daß sie Bewegung haben. Wie nun nicht alles, was in Bewegung ist, geistiges und vernünftiges Leben hat, so haben es auch nicht Sonne, Mond und Sterne. Noch auch der Himmel, um welchen jene kreisen, hat geistiges und vernünftiges Leben. Himmel und Erde sind vielmehr als die ruhenden Gefäße vom Schöpfer hingestellt worden, um in sich alles beschlossen zu halten, was in ihnen ist; und die Lichtgestirne als erhellende Leuchten, die Finsternis im großen Hause (der Schöpfung) zu verscheuchen. Sie sind von Natur Diener gemäß dem Willen ihres Schöpfers, zum Besten aller Lebewesen. Sie sind nicht für sich bestehende Wesen, denn sie wissen nicht, ob sie sind oder nicht sind. In gleicher Weise sind Himmel und Erde, Wasser, Holz und Felsen wegen derer, für die sie geworden sind, aber nicht für sich seiende Dinge. Denn sie wissen nicht, ob sie sind, oder ob sie nicht sind, deshalb, weil sie weder Vernunft noch Verstand haben.

Was ferner ihre Behauptung betrifft, wenn der Löwe im Sternbild sei, werde ein König geboren, so müßten, wenn dem so wäre, vielmals viele Könige geboren werden; denn es kommt nicht nur ein Mensch auf die Welt, wenn der Löwe im Sternbild ist, sondern viele.

Und wenn in Wahrheit der Löwe die Ursache für die Geburt der Könige wäre, dann würde nicht der Sohn des Königs König werden, sondern irgendein(es beliebigen Mannes Sohn), dessen Geburt gerade mit dem Eintritt des Löwen in das Sternbild zusammentraf. Aber sehen wir zu, so wird der Sohn des Königs König, wie Salomo, der Sohn Davids, den Thron seines Vaters bestieg und dessen Sohn wieder den Thron jenes, und so ist, einer nach dem andern, die Reihe der Könige von Juda fortgeführt worden bis zu den Makkabäern. In ähnlicher Weise empfängt bei den Assyrern und Babyloniern der Sohn vom Vater der Reihe nach die Königsherrschaft. Ebenso haben die Sassaniden, von einem gewissen Sassan, Sohn auf Vater der Reihe nach folgend, bis heute die Herrschaft der Sassaniden erhalten. Und es hat sich nicht gefunden, daß, (wenn) am Himmel der Löwe in das Sternbild eingetreten, im Orient das Königtum auf ein anderes Geschlecht übergegangen wäre.

Wie nun offenbar kein Stern die Ursache für die Königsherrschaft ist, so ist es auch keiner für die Gewalt und für das Erlangen von Reichtum, ganz besonders, da wir sehen, wie Reiche verarmen und Arme reich werden. Werden sie etwa auch noch behaupten können, daß ein und derselbe Stern die Ursache von Reichtum und Armut, von Kraft und Schwäche sei? Denn wir sehen ja, daß bisweilen Starke schwach werden und Schwache erstarken, Verkehrte Vernunft annehmen und Kluge sich der Bosheit ergeben. Wo hätte dann das Bestand, daß es dem, was im Schicksalsbuch der Bestimmungen geschrieben,ganz unmöglich ist, sich zu entziehen, sondern daß derjenige, welcher einmal als ehrenvoll eingeschrieben ist, auch ehrenvoll ist, und wer als elend, elend ist, und daß, wo und von was die Bestimmungen sind, gemäß dem (die Menschen) auch sterben; und daß ein Entrinnen aus dem bestimmten Schicksal unmöglich sei.

O schwaches Schicksal, o kraftlose Bestimmung, welche Diebe und Räuber durchbrechen können, wenn sie über einen herfallen und ihn der Güter und des Lebenslichtes berauben! Wenn die Dinge nach einem vorausbestimmten Schicksalsspruch bewirkt würden, dann wäre es nicht mehr nötig, daß Könige einen Todesbefehl geben, noch daß die Richter einen Menschenmörder entfernen und töten lassen. Indem diese aber ihre Strafe walten lassen, zeigen sie, daß die Vergehungen der Übeltäter nicht nach einem vorausbestimmten Schicksal geschehen, sondern durch die Gewaltmacht der Bosheit.

Und wenn dann Räuber in ein Land einbrechen, um die Leute auszuplündern und zu morden, dann sollten sie keine Soldaten zusammenrufen, nicht Schar um Schar sammeln, um die Räuber aus dem Lande zu treiben; sondern sie müßten ein Gesetz geben, daß das Land die Bestimmung hat, von den Räubern verwüstet zu werden, und wie sollten wir uns gegen das Geschick wenden? Indem sie aber Truppen sammeln und den Feind aus dem Land werfen, zeigen sie, daß die Verwüstungen nicht kraft eines fest bestimmten Schicksals angerichtet werden, sondern von der Gewaltmacht der Räuber, der von Habsucht getrieben kommt, das Land verwüstet und es seiner Güter und Besitzungen beraubt.

Das müssen wir allerdings wissen, daß alle Schädigungen, welche von Missetätern zugefügt werden, Gott zum voraus weiß.

Wenn er den Schaden, der über einen Menschen kommen wird, weiß, sagen sie, weshalb wehrt er ihn nicht ab?

Wieviel Schädigungen Gott von den Menschen abwehrt, das ist nicht allen bekannt, sondern ihm allein, der seine Fürsorge über alle nach ihren Bedürfnissen walten läßt. Er verhindert bisweilen den Schaden der Unheilstifter, damit es nicht scheine, als vermöchte er nicht, das Unheil abzuhalten. Dann aber läßt er auch zu, daß ein Übeltäter seinen Willen am Nächsten erfüllt, damit es nicht scheine, als ob er die Vernunftwesen mit Notwendigkeit leite, sondern damit in dem Werke eines jeden seine Erprobung kund würde. Er weiß alles im voraus und das Vorauswissen ist nicht die Ursache der Übel. Denn wenn jemand sieht, wie sein Nebenmensch über eine schlüpfrige Stelle geht und da sagt, daß er ausgleiten wird, dann ist er doch nicht Ursache für das Ausgleiten des Nächsten geworden. Auch wenn er den Nächsten nach einer von Räubern erfüllten Gegend gehen sieht und sagt, daß er Unheil findet, ist er nicht Ursache des Nachteils. Und wenn er sieht, daß der Sohn eines Edelmanns sich Ausschweifungen ergibt, und er sagt, daß derselbe die väterlichen Güter vergeuden wird, so ist er nicht Ursache der Verschwendung des Vermögens. So ist auch das Vorherwissen Gottes nicht Ursache des Guten oder Bösen.

Gott weiß alles zum voraus. Aber es gibt Dinge, die er will, und gibt Dinge, die er nicht will. Er wollte die Sintflut herbeiführen, aber das war nicht sein Wille, daß die Sintflut Mensch und Tier zusammen hinraffe, sondern die Verwegenheit der unwürdigen Verbindung des Geschlechtes vermochte ihn zu dem, was er nicht tun wollte. Er gelobt in dieser Weise selbst durch den Propheten: Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe.

Er wollte, daß Adam nicht sündigte. Aber da er dessen Sünde vorauswußte, befahl er ihm, nicht von der Frucht des Baumes zu essen (Gen. 2, 7) [= Genesis 2, 17]. Und weil er dem Befehl nicht gehorchte, wurde er mit Recht bestraft. Zum voraus wußte Gott von Jakob, daß er tugendhaft sein werde, und von Esau, daß er sich in Verkehrtheiten stürzen werde. Daher sprach er, bevor sie geboren waren, und ehe sie etwas Gutes oder Böses getan hatten, Jakob liebe ich, Esau aber hasse ich (Röm. 9, 11. 13) und [Mal. 1, 2 f.]. Und im Vorausblick auf den Eifer des Königs Josias von Juda tat er durch den Propheten zum voraus kund, daß aus ihnen sich ein König erheben werde, der dem Götzendienst der Söhne Israels ein Ende machen werde (3 Kön. 13, 2; 1 Esdr. 1) [= 1. Kön. 13, 2;]. Da er auch den Edelmut des Persers Cyrus voraussah, verkündigte er vorher, daß derselbe die Gefangenen des Volkes befreien werde [Jer. 29, 10]; (2 Chron. 36, 22) [Esra 1]. Und es ist klar, daß das Vorauswissen ein Vorzug des wunderbaren Wesens ist.

Das Gute zu wollen und nicht das Böse, das war die Betätigung der Güte seiner menschenfreundlichen Natur. Im Vorausblick auf die Verstockung Pharaos sagt er: Ich werde das Herz Pharaos verhärten (Exod. 7, 3; 10, 3).

Und wenn er ihn verhärtete, sagen sie, weshalb verhängte er die Plagen über ihn und das Land der Ägypter? Doch der Apostel tritt als Verteidiger seines Herrn auf. Nicht er hat Pharao verstockt, sondern jener selbst sich selbst. Und das Wort Gottes: „Ich habe verhärtet“ (Röm. 9, 17), ist so zu verstehen, wie wenn jemand seinen Nebenmenschen oder seinen Knecht ehrte, dieser aber stolz den verachtet, der ihm Ehre antat, und dann der erstere sagt: Weshalb gebe ich ihm die Schuld? Ich selbst habe mir die Beleidigungen bereitet, weil ich einem Unwürdigen Ehre antat. So ist auch das Wort Gottes zu verstehen: Ich bin durch meine Güte die Ursache der Verhärtung desselben geworden, weil ich nicht schon anfangs seinen Erstgeborenen getötet habe.

Aber Gott wollte, sagt (d)er (Apostel), seinen Zorn zeigen und seine Macht kundtun, welche er mit großer Langmut über die zum Untergang bestimmten Gefäße ausübte. Daraus erhellt, daß die Langmut Gottes die Ursache der Herzensverhärtung des Pharao wurde, sofern er die letzten Plagen nicht am Anfang über ihn verhängte.

Daß jedoch Gott das Herz des Pharao nicht versteinert hatte, ist daraus zu erkennen, daß er bald einwilligte, das V olk zu entlassen, bald nicht einwilligte. Und die zum Untergang bereiten Gefäße haben sich selbst (dazu) gemacht, und nicht Gott, von dem der Apostel sagt: Er will, daß alle Menschen leben und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen [1. Tim 2, 4]; (Joh. 3, 15). Fürwahr, gehören diese nicht auch zu allen Menschen?

Und nicht, wie die gegnerische Seite sagt, daß es nicht auf das Wollen noch auf das Laufen ankommt, sondern auf das Erbarmen Gottes (Röm. 9, 16). „Denn er erbarmt sich, wessen er will, und verhärtet, wen er will.“ Der Heilige bringt seinen Gegner zum Schweigen, indem er sagt: „Wer bist du, o Mensch, daß du Rechenschaft verlangst von Gott? Auch wenn es so wäre, wer wärest du, daß du Rechenschaft von Gott verlangtest? Sagt denn der Ton zum Töpfer, weshalb hast du so mich gebildet?“ (Römer 9, 20.) Aber daß es nicht so ist, sagt derselbe im gleichen Briefe: „Wenn ihr wollt, unterwerft ihr euch selbst im Gehorsam, sei es der Gerechtigkeit, sei es im Gehorsam der Sünde“ (Römer 6, 12) [und Römer 6, 16]. Und an Timotheus schreibend, sagt er: „Wenn jemand sich selbst reinigt, wird er ein nützliches Gefäß, zubereitet zum Dienst seines Herrn“ (3 Tim. 2, 27) [= 2. Tim. 2, 21]. Und der Prophet sagt: „Wenn ihr willig seid und mich höret, werdet ihr das Gut der Erde genießen“ (Is. 1, 19).

Aus all diesen und vielen andern Stellen erhellt, daß nicht er Gefäße des Zornes bildet für den Untergang und nicht Gefäße der Erbarmung zur Ehre, sondern sie selbst (bilden) sich selbst, sei es für den Untergang, sei es zur Ehre. Daß bei Gott keine Parteilichkeit ist, sagt er (mit den Worten): „Ist etwa Gott nur (der Gott) der Juden und nicht auch der Heiden? Ja, auch der Heiden. Denn es ist derselbe Gott, der die Beschneidung rechtfertigt durch den Glauben und die Unbeschnittenheit durch denselben Glauben“ (Apg. 10, 24; Röm. 2, 11; Kol. 3, 25; Röm. 3, 20) [und Römer 3, 29 f.]. Und wiederum (sagt) der (Apostel): „Welche er gerufen hat nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden“ (Röm. 9, 24). Und an einem andern Ort: „Es ist ein Herr und ein Glaube und eine Taufe und ein Gott über alle und mit allen und durch alles“ (Eph. 4, 5 f.).

Als er ferner den Juden zum voraus die Gefangenschaft angedroht hatte, da gelobte er: „Ich habe gesprochen, nun werde ich handeln und nicht umkehren“ (Ezech. 22, 14; 36, 36). Nicht als wäre dies sein eigener Wille gewesen, sondern ihre Gottlosigkeit führte ihn zu dem, was er nicht wollte. Wenn sie nicht noch nach seinen Drohungen sich ihm in derselben Hartnäckigkeit widersetzt hätten, hätte er sie nicht in die Hände der Feinde überliefert. Er hielt es für besser, seine Worte zu übergehen, als sie in die Hände fremder Völker zu übergeben. In dieser Weise hat er in Ansehung der Buße der Niniviten die Stadt nicht zerstört (Jon. 3, 10).

Ebenso spricht er wiederum aus seiner Voraussicht von Jeremias: „Ehe du im Mutterleib gebildet wurdest, kannte ich dich“ (Jer. 1, 5). „Ich kannte dich“, sagt er, um zu zeigen, daß er zum voraus wußte, wie einer werden würde, und er bezeichnete ihn als Heiligen dadurch, daß er sagte: „Bevor du aus dem Mutterleib gekommen warest, kannte ich dich und reinigte ich dich und gab dich den Völkern als Propheten“ (Jer. 1, 5).

Ähnlich ist es mit Samuel (1 Kön. 1, 20) [= 1. Samuel 1, 20], Johannes (Luk. 1, 41) und Paulus. Wie auch dieser sagt: „Er hat mich auserwählt vom Leibe meiner Mutter an, zu verkünden (im Evangelium) seinen Sohn durch mich“ (Gal. 1, 15. 16). So auch mit allen Heiligen, wie der Apostel sagt: „Die er zum voraus kannte, hat er auch zum voraus bestimmt, gleichförmig zu werden dem Bilde seines Sohnes“ (Röm. 8, 20) [= Römer 8, 29 f]. Und wiederum: „Er hat uns auserwählt, ehedem die Welt war“ (Eph. 1, 4).

Und daß Gott das Gute will, lehrt unser Herr mit den Worten: „Das ist der Wille meines Vaters, der im Himmel ist, daß jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, das ewige Leben empfange“ (Joh. 6, 40). Und dazu; „Meine Speise ist die, daß ich den Willen meines Vaters tue“ (Joh. 4, 34); und „Das ist der Wille meines Vaters, daß von allen, welche mir der Vater übergeben hat, keines verloren gehe, sondern, daß ich sie auferwecke am Jüngsten Tage“ (Joh. 6, 39).

Er will also, daß alle, welche an den Sohn glauben, nicht verloren gehen, sondern daß sie auferstehen am Tage der Auferstehung. Und das Werk der Auferstehung wird geschehen nach vielen Geschlechtern. Aber Gott hatte den guten Willen von Natur und hat ihn; der Wille ist nicht erst (nachträglich) über ihn gekommen, sondern (er ist) naturhaft entsprechend der unsäglichen Güte. Und wie wir im vorstehenden gesagt haben, sein Wille liebt immer das Gute und er will, daß seine vernunftbegabten Geschöpfe nach dem Guten voll Sehnsucht verlangen und Vollführer der Gerechtigkeit werden sollen.

Allein, da er weiß, daß ein Teil nach seinem Willen wandelt, der andere Teil aber nicht, deshalb hat er die Tugend der einen, um die andern zum guten Eifer anzutreiben, schon vom Mutterleibe an verkündigt, ebenso die Nichtswürdigkeit der andern; nicht als ob er den einen schon im Mutterleibe als nichtswürdig erschaffen habe, den andern als trefflich. Und wenn es so wäre, was wäre es dann angebracht, den Trefflichen zu loben und den Nichtswürdigen zu tadeln, da er selbst der Urheber sowohl der Würdigkeit als der Nichtswürdigkeit wäre? Ja es dürfte derselbe nicht einmal der Nichtswürdigkeit beschuldigt werden, wenn er ihn so im Mutterleib gebildet hätte.

Und nun ist deutlich, daß, wenn Gott spricht: „Den Jakob habe ich geliebt, den Esau aber gehaßt“, dies der Ausdruck dafür ist, daß er voraus wußte, daß jener liebenswürdig sein werde infolge seiner Sitten, dieser aber hassenswert. Und daß Esau infolge seiner Sitten hassenswert wurde, sagt der Apostel: „Kein Unkeuscher oder Unreiner wie Esau und keiner möge wie eine bittere Wurzel in der Höhe erscheinen und die andern bedrücken“ (Hebräer 12, 15). Auch daß Esau durch eigenen Willen, nicht durch Gottes Schöpfung, so wurde, hat er kundgetan, wie er auch anderswo sagt: „Gott hat den Menschen recht erschaffen und sie haben die Gedanken des Bösen ersonnen.“ Und durch den Propheten erklärt er: „Ich habe dich gepflanzt als lieblichen Weinstock, weshalb nun hast du dich mir zur Bitterkeit verkehrt als unfruchtbarer Weinstock?“ (Jer. 2, 21).

Daraus erhellt, daß Gott das Gebilde aller gut geschafft. Und er gab die freie Selbstbestimmung, sich zum Guten und zum Bösen zu wenden, damit jeder sich der Seite zuwenden könne, zu welcher er wolle, und nach seinen Werken die Vergeltung empfange. Er sollte eben nicht wie unvernünftige Wesen getrieben werden, welchen keine guten Werke zustehen und keine Hoffnung auf Vergeltung, weil es eben ein unvernünftiges Tier ist und keine Wahl zwischen Gut und Bös durch das Denken zu treffen weiß, sondern nur nach natürlichen Trieben. Durch die Erinnerung derselben allein wird es zum Nützlichen geleitet und vom Schädlichen abgehalten.

Es finden sich in ihnen auch natürliche Instinkte, wodurch ihnen die Aufmerksamkeit auf gewisse kommende Dinge gelenkt wird. So läßt das Pferd sich durch den Huf bestimmen, und der Ochse legt sich im Winter in den Hintergrund des Stalles und wendet sich beim Nahen des Frühlings nach der Seite der Türen, die Schwalbe geht vor dem Herbst in warme Gegenden zum Winteraufenthalt, die Kraniche erkennen zum voraus schwere Winter und flüchten sich rasch auf Rasenplätze, die Holzhäher sammeln sich im Herbste beizeiten in Scharen und die Tauben schwärmen in gemeinsamen Scharen, die Raben beeilen sich, von schattigen Plätzen an warme Orte zu kommen, und die Geier finden aus der Ferne die Spur eines gefallenen Aases.

Und auch alle andern Tiere und Vögel; so bereiten die Ameisen im Sommer die Nahrung und schneiden das Korn entzwei, damit es nicht sprosse und holen es an warmen Tagen aus dem Haufen hervor und trocknen es; die Bienen verstopfen vor Einbruch der Kälte die Türen der Bienenhäuser mit Türwachs, und der Bär zieht sich vor dem Winter in die Höhle zurück, das Wild wendet sich zuvor aus den Bergen in die Ebene, die Hirsche erkennen sicher die Zeit der Paarung und die eifersüchtigen Wildesel töten die männlichen Füllen in ihrer Jugend. Und alle diese Triebe sind an den Tieren naturhaft und beruhen nicht auf Denken. Sie sind ihnen vom Schöpfer eingegeben, um sie zum Nützlichen anzutreiben und vom Schädlichen fernzuhalten.

Die Tiere besitzen die natürlichen Instinkte auch nicht allein, sondern auch die sprach- und vernunftbegabten Menschen (haben solche). Wenn z. B. das Auge blinkt, so ist das, wie diejenigen sagen, welche oft darauf achten, ein vom naturhaften Instinkt herrührendes Zeichen, daß man jemand Neuen sieht. Wenn in den Weichen oder an anderen Gliedern das Fleisch sich regt, so ist das, wie sie sagen, das Zeichen, daß jemand reitet, oder kostbare Kleider anzieht, oder daß er mit einem Freunde zusammentrifft, oder daß er Schläge empfängt. Ähnlich ist ein Kitzel am Fuß oder an der Hand das Zeichen, daß man eine Reise macht oder des Regens, und das andere ein Zeichen, daß man von jemand etwas erhalten oder etwas geben wird. Desgleichen ist das Niesen und das Kitzeln auf der Zunge und das Sausen in den Ohren und das Kitzeln des Halses nicht von irgendeinem bösen Geist, sondern von naturhaften Instinkten, die vom Schöpfer in die Glieder gelegt sind, damit, wenn die verständige Vorsicht mangelt, man durch naturhafte Instinkte Bewahrung finde.

Und das Gähnen und Sich-Strecken rührt nicht, wie manche glauben, vom Dämon her, sondern von der körperlichen Erlahmung und Erschlaffung. Daher führen kundige Ärzte das häufige Gähnen und Sich-Strecken auf eine Ansammlung von Schleim zurück, und die Erfahrung bestätigt dies. Denn wenn jemand häufig gähnt, so geht ein Zittern durch die Gebeine und ein Schauer überläuft die Glieder.

Und auch das Niesen entsteht nicht durch einen Engel, sondern entweder von der Kälte oder aus anderen natürlichen Reizen. Auch das Seufzen stellt sich bald durch eine Erinnerung, bald ohne die Erinnerung an jemand ein. Und daß sie von natürlichen Reizen und nicht von Dämonen herrühren, zeigt sich darin, daß sie auch in der Natur der Tiere sich finden. Das Seufzen, auch wenn es nicht herrührt von der Erinnerung an jemand oder an etwas Gutes oder Schweres, kommt von einem natürlichen Reiz, um einen zur Furcht gegen den Schöpfer anzutreiben oder um einen die Schwachheit seiner Natur erkennen zu lassen. Und wenn es mit einer Erinnerung eintritt, so ist es entweder aus Liebe zum Geliebten oder aus dem Weinen über etwas Unwürdiges und Schädliches, wie wer im wachen Zustand müßig geht, in nächtlichen Traumbildern mit Furcht erfüllt wird.

Auch die Träume haben verschiedene Ursachen. Bald ist es etwas, was der Mensch bei Tage im Munde führte und was beim Ausruhen des Körpers der Geist im Schlafe wieder aufgreift, bald etwas, was ganz und gar nicht Gegenstand geistiger Beschäftigung gewesen ist und (doch) ihm im Traume erscheint. Und hiefür gibt es zwei Ursachen.

Entweder ist es das Sehen von etwas Bestimmtem in sichtbarer Form durch Einwirkung der Gnade Gottes, um den Menschen zur Tugend anzutreiben, ohne klar vorgestellte Wahrheit, wie Joseph und Daniel in Gesichten große Dinge geoffenbart worden sind.

(Oder) eine Art ist auch vom Widersacher, denn er ist unkörperlich, wie auch die Seele des Menschen unkörperlich ist. Er gaukelt verschiedene Gestalten vor, bald die von Weibern, um zur bösen Begierlichkeit anzureizen, bald die von wilden Tieren und Reptilien, um Schrecken zu erregen. Schon Job sagt ja: „Und durch Träume setzest du mich in Schrecken“ (7, 14). Vielmal nimmt er die Gestalt von Weibern an und täuscht die Männer im Traume. Dann verführt er wieder in der Gestalt von Männern die Weiber. Nicht als ob er männliche oder weibliche Glieder hätte, sondern durch Kitzeln läßt er das Gefäß der Begierlichkeit, die Männlichkeit, ausströmen. Auch wenn er in einen Menschen eingegangen ist, und in weiblicher oder männlicher Stimme Worte verursacht, so darf man nicht glauben, daß er eine männliche oder weibliche Natur hätte. Auch dann nicht, wenn er vor Schlägen oder vor dem Schwerte Furcht zeigt, darf man dies glauben. Denn Schläge sind für ihn die Rüge Gottes und die Gnaden der Heiligen, welche sie vom Heiligen Geiste haben. Sei es im Zustand des Wachens oder sei es im süßen Schlummer, spiegelt er Furcht vor Schlägen und dem Schwerte vor, auf daß er dem Menschen Vertrauen einflöße und ihn dadurch am Gebet um die göttliche Hilfe lähme. Das erklärte der Herr selbst, als er sprach: „Diese Art weicht nicht, außer durch Fasten und Gebet.“ [Markus 9, 29]

Auch nicht jeder Ohnmachtsanfall oder jede Raserei ist vom Dämon. Es gibt Fälle, wo dies von der Galle kommt und Fälle, wo es vom Schleime herrührt, dann Fälle, wo es von der Leere des Gehirns stammt und vom Verderben des Magens und von Verstopfung des Leibes. Dabei führt es selbst bis zum Schäumen und bis zum Verdrehen der Augen.

Wenn aber das Gehirn leer ist, kommt der Mensch von Sinnen und redet mit den Mauern und hadert mit dem Winde. Deshalb bestehen die Ärzte darauf, daß es gar keine Dämonen sind, welche in den Menschen eindringen, sondern es sind das nur Krankheiten, und wir können sie mit Heilmittel heben. Wir aber lehren solches nicht, denn das Wort des Evangeliums ist uns wahr: „Viele Dämonen, sowie sie Jesus sahen, schrien und fuhren aus den Menschen aus (Mark. 3, 11). „Und er schalt sie und verbot ihnen zu reden“ (Luk. 4, 41). Und so bei anderen ähnlichen. Und die sogenannten Mondsüchtigen werden nicht so genannt, weil sie vom Mond Schaden gelitten hätten, sondern es liegt da eine Art von Dämonen vor, welche in ihrer Bekundung sich nach dem Monde richten.

Versuchungen kann der Satan in dem Maße bereiten, als er dazu Befehl erhalten hat. Das zeigt sich an den Versuchungen des Job. Denn wenn er nicht zuvor den Befehl von Gott erhalten hätte, hätte er es nicht gewagt, ihn zu versuchen. Auch an der Schweineherde (ist es zu ersehen), denn in dieselbe hätten die Dämonen nicht einzudringen vermocht, wenn sie nicht Erlaubnis vom Herrn erhalten hätten.

Nun gibt es aber auch manche, welche überhaupt bestreiten, daß der Satan den Menschen versucht.

Jedoch diese werden vom Apostel zurückgewiesen, der sagt: „Viele Male wollte ich zu euch kommen, aber Satan hat mich verhindert“ (1. Thess. 2, 18). Ferner bemerkt er: „Wir haben nicht zu kämpfen mit Fleisch und Blut, sondern mit den Mächten und Gewalten und Beherrschern dieser Welt der Finsternis“ (Eph. 6, 12). Und im Evangelium erklärt er, daß der Satan in das Herz des Judas des Iskarioten es gelegt hatte, daß er ihn verrate (Joh. 13, 2); und ferner, daß mit dem Bissen der Satan in ihn fuhr (Joh. 13, 27); des weiteren: „Satan hat verlangt, euch zu sieben wie den Weizen“ (Luk. 22, 31).

Versuchungen zu bereiten, gibt er (Gott) ihm in dem Maße Macht, als der Mensch es ertragen kann, wie der heilige Apostel sagt: „Gott ist getreu, und er wird euch nicht in Versuchungen stürzen über euere Kraft, sondern er wird bei Versuchungen auch den Ausgang geben, daß ihr überstehen könnt“ (1. Kor. 10, 13). Und unser Herr lehrt uns das Gebet sprechen: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ (Matth. 6, 13). Er will damit zeigen, daß wir durch das Gebet uns aus den Versuchungen des Bösen retten können.

Wenn dem so ist, weshalb, sagen sie, hat Gott ihn zum Versuchen erschaffen? Doch wir haben oben durch viele Zeugnisse aus der Heiligen Schrift bewiesen, daß Gott ihn nicht erschaffen hat zum Bedrängen und zum Versuchen, sondern auch durch ihn, der zum Bösen abgefallen ist, wirkt Gott das gute Werk, obwohl der Böse nicht in dieser Absicht zur Versuchung schreitet, sondern auf den Sieg rechnet und dann als überwältigt erfunden wird. Er lässt ihn nach seinem bösen Willen die Tugendhaften versuchen. Indem diese in die Versuchung geraten wie in einen Schmelzofen, werden sie geläutert und erprobt wie reines Gold, das aus dem Feuerofen gekommen ist.

Wenn ihn also Gott zum Diener des Bösen erschaffen hätte, dann würde er nicht in den Tagen des Achab als falscher Geist im Munde der falschen Propheten gewesen sein, sondern es wäre seine Pflicht gewesen, diesen Dienst zu verrichten. Und warum wäre der Geist, der den Herrn Jesus nicht bekennt, nicht von Gott (1. Joh. 4, 3), welcher den Dienst Gottes nicht aufhebt? Und warum würde er Menschenmörder genannt, der durch die Versuchung zum Leben anregt? Und warum würden diejenigen, welche nicht an den Herrn Jesus glauben, Söhne des Bösen genannt, wenn er nach dem Worte Gottes der Versucher wäre? Und wenn die Israeliten Kinder des Bösen wären, welcher gegen Gott willfährig ist, weshalb wird dann auch nicht Abraham so genannt? Und warum wurde der Böse Lügner und Menschenmörder genannt, wenn er auf dem Boden der Wahrheit stände und nicht dem der Lüge?

Und laßt uns einmal schreiben (= annehmen), daß der Jude von sich aus Lügen spreche, warum wird er dann der Vater des Juden genannt (Joh. 8, 44), der seine Natur nicht fälscht, sondern so spricht, wie er geworden ist? Und weshalb sagte der Apostel: „Gehorsam wird unserem Erlöser samt dem Tode auch der Satan sein, und er wird stürzen von seiner Macht und Herrschaft, der von sich selbst sich zu Gott machen wollte“ (3 Kor. 16 meint er 1. Kor. 15, 23-28?). Und weshalb wurde er gebunden und in die Pein überliefert [Offenb. 20, 10]? Nicht deshalb wahrlich, weil er nach eigenem Willen den Dienst Gottes von den Menschen zu empfangen verlangte und den Götzendienst verbreitete und mit Zauberei, Wahrsagerei und Sterndeuterei die Menschen von der Wahrheit Gottes wegführte in den Irrtum.

Und Feind heißt er, weil er den Lolch in den Weizen [Matth. 13, 25] sät. Daher zeigt sich, daß er nicht von Natur, sondern nach seinem Willen Feind ist. Und wenn es zu seiner Natur gehörte, Gott, den Vater, nicht zu erkennen, wieso konnte er den Sohn erkennen und schreien: „Du bist der Sohn Gottes?“ (Mark. 3, 12) [= Markus 3, 11]. Und wiederum mit Bezug auf die Apostel: „Diese Männer sind Diener Gottes des Höchsten“? (Apg. 16, 17.)

Aus all dem ergibt sich klar, daß er nicht von Natur böse ist, sondern durch den Willen. Und Gott hat ihn nicht als Bösen und als Bedränger geschaffen, sondern durch die bösen Sitten seines Willens macht er die Gerechten tugendhaft, und es kommt ihm dafür gar kein Verdienst zu.

Auch die Lichtkörper sind, wie wir oben gesagt haben, nichts Lebendiges und nicht Ursache des Guten oder des Bösen, sondern sie leisten allein den Dienst, zu dem sie verordnet sind. Wie Moses gesagt hat, Gott machte große Lichter und setzte sie an die Feste des Himmels, Lichtspender zu sein für die Erde (Gen. 1, 14 ff.). Daraus geht hervor, daß er sie allein geschaffen hat, daß sie Lichtspender seien, und zu Zeichen und Zeiten und Tagen und Monaten und Jahren. Nicht als Lebewesen, sondern als Lichtgestirne (schuf er sie), Lichtspender zu sein denen, die unter dem Himmel sind, und die Zeichen der Gotteserkenntnis zu zeigen und die des Regens und der Veränderungen der Lüfte. Wie auch unser Herr gesagt hat: „Wenn ihr am Morgen den Himmel gerötet sehet, sagt ihr, es wird Regen geben, und es gibt; und wenn der Südwind weht, sagt ihr, daß große Hitze kommen wird, und sie kommt“ (Lukas 12, 54).

Denn beim Aufgehen der Sonne nimmt die Luft die Feuchtigkeit des Wassers auf und schwingt sie gegen die Strahlen der Sonne, und weil die Luft noch nicht verdichtet ist und wolkig, hält sie nur ein wenig die Strahlen auf und rötet nur die Sonne, ohne sie zu verdunkeln. Daraus erhellt, daß dies ein Zeichen des Regens ist.

In ähnlicher Weise sucht der Mond, bedrängt von der Feuchtigkeit der Luft, die Feuchtigkeit von sich auszutreiben. Daher nähert sich ihm zwar die Feuchtigkeit, aber sie kommt nicht an ihn heran und bildet einen Hof rings um ihn sich lagernd. Daraus wird auch das Zeichen des Regens ersehen. Und nicht allein beim Monde, sondern auch an der Kerze, welche das kleinste Licht ist, zeigt sich dies.

Auch dreht sich der Himmel nicht, wie auswärtige Weise lehren, so daß er beim Drehen bald die Lichtgestirne verbirgt, bald sie zeigt. Und wenn er jeden Tag sich dreht, wieso führt er die Sonne jeden Tag gleichermaßen von Osten herauf und den Mond kaum in einem Monat an dieselben Stellen? Dazu gibt es noch andere Sterne, welche kaum einmal im Jahre an dieselbe Stelle gelangen. Es gibt solche, welche, wie sie sagen, in zwölf Jahren an dieselbe Stelle gelangen, und solche, welche es in anderthalb Jahren tun, und solche, welche in dreißig Jahren dahin kommen.

Aber die Erfahrung an den Dingen führt zu einer anderen Erklärung. Denn die Sterne, welche nachts am Himmel sind, befinden sich daselbst auch während des Tages. Wenn der Himmel sich bewegte, würden sie nicht am Tage auf derselben Bahn sich befinden, auf welcher wir sie nachts gesehen haben. Allein, da sie auf derselben Bahn gehen, wie wir auch den Mond und die Sterne auf derselben Bahn sehen, so zeigt es sich, daß diese sich bewegen und der Himmel unbeweglich feststeht. So nennen auch die von Gott gegebenen Schriften den Himmel eine Feste. Und was immer Feste ist, das ist unbeweglich.

Andere allerdings wollen aus der Schrift eine andere Begründung entnehmen. Sie sagen: In denselben Büchern steht: Er setzte sie an das Firmament des Himmels. Daraus geht hervor, daß sie (daran) befestigt sind und keine Bewegung haben.

Doch wenn dem so wäre, wollen sie auch annehmen, wann (die Schrift) von Adam sagt, daß er ihn in den Garten der Wonne setzte, er sei darin befestigt gewesen und ohne Bewegung? Wenn nun die von Gott gegebene Schrift das Wandeln Adams mit dem Wort „er setzte“ bezeichnet, so ist es klar, daß die Schrift auch das Wandeln der Gestirne mit: „er setzte“ ausdrückt.

Das ist um so mehr (anzunehmen), als wir an vielen Stellen den Lauf der Gestirne (angegeben) finden; wie als Josue [Josua], der Sohn des Naves [Nun], sagte: Es soll die Sonne stehenbleiben gegenüber dem Tale Gabaon [Gibeon], und der Mond gegenüber dem Tale Elon [Ajalon] (Josua 10, 12). Er sagte nicht: der Himmel solle seine Bewegung einstellen, sondern die Sterne; daraus geht hervor, daß der Himmel feststeht, aber die Gestirne Bewegung haben. Und von Ezechias [Hiskija] hieß es: „Es soll der Strahl um zehn Stufen zurückgehen am Palast des Achaz [Ahas]“ [Is. 38, 8; 2. Kön. 20, 9. 11]. Daraus ist ersichtlich, daß die Sonne zurückging, nicht der Himmel. Und im Buch Ekklesiastes [Kohelet] steht geschrieben: „Die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter und schwebt ihrem Orte zu“ (1, 56) [=1, 5]. Aufgegangen, wandelt sie am Süden vorbei und geht nach Norden weiter, um zu zeigen, daß sie am Tage auf der Südseite gegen Abend geht und in der Nacht um den Norden nach Osten zurückkehrt unter den Fuß der Berge, wie die Weisen lehren. Und nicht unter dem Meere, wie sie behaupten, noch unter der Erde hindurch. Denn unter der Erde ist das Nichts, wie Job sagt: Er hat die Erde über dem Nichts ausgespannt, und im Syrischen heißt es: „Er hat die Erde über dem Nichts aufgestellt“ (26, 7). Ein Wirkliches nun aber kann nicht durch ein Nichts sich bewegen und eine trockene Natur nicht in der Feuchtigkeit der Gewässer.

Wir sehen aber doch, sagen sie, mit unseren Augen, daß sie aus dem Meer hervorgeht.

Und das wissen sie nicht, daß, weil das Festland vom Meere aus nicht zu sehen ist, es deshalb den Anschein gewinnt, daß sie in das Meer ginge. Wie wenn einer im Westen (dem Horizont) nahe ist und auf der östlichen Seite ein Berg steht, den Eindruck bekommt, daß die Sonne von jenem Berge heraufsteigt. Und an allen Orten, wo jemand im Unbegrenzten steht, da scheint es ihm, daß irgendwo aus der Nähe die Sonne komme. So geht es auch denjenigen, die nahe am Meer stehen; weil das Auge nicht auf das Festland hinaus sehen kann, scheint es, als käme (die Sonne) aus dem Meere. Doch sie geht nicht aus dem Meere hervor, sondern von den Enden des Himmels, wie David spricht, vom Heiligen Geiste belehrt: „Von den Enden des Himmels ist ihr Ausgang und ihre Rüste bis an seine Enden“ (Ps. 18, 7) [= Psalm 19,7].

Doch sie wirft, wie sie sagen, einen starken Tau auf das Land; darin zeigt sich, daß sie aus dem Meere kommt.

Nur wissen sie das nicht, daß die Nässe, welche in der Nacht die Luft von der Feuchtigkeit des Wassers annimmt, die zu derselben hinzukommende Wärme der Sonnenstrahlen wegträufelt, weshalb nicht nur dort, sondern auf der ganzen Erde bei Sonnenaufgang der Tau fällt.

Und wenn sich der Himmel drehte, wieso behaupten sie von Kronos und den andern als Verursacher geltenden Sternen, daß sie in das Sternbild eintreten? Dieser Eintritt geschieht doch offenbar durch Bewegtheit und nicht ohne Bewegung.

Aber auch die Erde, sagen sie, steht im Raum. Und sie machen dazu folgendes Beispiel: Wirf ein Hirsekorn in eine Blase hinein, welche du aufblasen willst; die Luft, welche in der Blase eingeschlossen wird, faßt das Hirsekorn und hält es im Mittelraum; sie läßt es nicht nach oben steigen und nicht nach unten fallen. So macht es auch, sagen sie, die Luft, welche im Himmelsraum eingeschlossen ist. Sie hält die Erde im Gleichgewicht und läßt sie nicht nach oben steigen, noch in die Tiefe stürzen.

Vorerst finden sie ihre Widerlegung in ihren eigenen Worten. Denn sie sagen, was leicht ist, geht nach oben, und alles, was schwer ist, nach unten. Das zeigt auch die Erfahrung. Denn der Rauch und die Ausdünstung der Erde und die Flammen des Feuers gehen nach oben, weil sie leicht sind, der Stein aber und das Eisen und das Holz und anderes dieser Art, sinken ihrer Neigung entsprechend nach unten, wie sehr man sie auch zur Höhe wirft. Wenn nun die Luft eine kleine Last nicht in der Höhe halten kann, wieviel weniger ist es der Luft möglich, die große Last der Erde in der Höhe zu halten. Dem Worte Gottes aber, welcher sie über das Nichts stellte, (ist dies möglich).

Wenn jemand zweifeln möchte, wie eine solche Last über das Nichts gestellt werden könne, der betrachte die Feste des Himmels, die auf nichts steht, und er wird gestehen, daß, wer durch sein Wort den Himmel über dem Nichts befestigte, auch die Erde über dem Nichts festgestellt hat. Und sein Befehl hält auch die beiden unbeweglich und fest nach dem Worte: „Er sprach und es geschah“ (Ps. 329) [= Ps.33, 9]. „Er hat befohlen, und sie standen fest.“ „Er hat sie hingestellt für alle Ewigkeit, er hat sein Gebot gegeben, und es wird nicht vergehen“ (Ps. 148, 5. 6).

Eine weitere Behauptung von ihnen ist noch diese: Wenn die Erde über dem Nichts steht, wieso sagt David: „Er hat die Erde festgestellt über den Wassern“ (Ps. 135, 6) [=Ps. 136, 6], und wiederum: ,,Er legte ihren Grund über dem Meer, und über den Flüssen hat er sie bereitet“ (Ps. 23,2) [=Ps. 24, 2].

Wer diese Worte von David vernommen hat, der möge auch die andern von Job und Isaias [Jesaja] hören, denn sie sagen: „Über dem Nichts“ (Job 28, 7; Is. 10, 21 ff.) und jener: „Über den Wassern“. Nicht als wären nun die Bücher (der Heiligen Schrift) miteinander in Widerspruch, nein, was das eine Buch ausgelassen hat, das ergänzt das andere im gleichen Geiste. So sehen wir, daß, was Moses nicht gesagt hat, das haben andere Propheten nachgetragen durch denselben Geist. Moses sagt: „Es erschuf Gott den Menschen aus dem Staub der Erde und hauchte ihm den lebenden Geist ein“ (Gen. 2, 7). Und das „Hauchen“ läßt die Meinung noch offen, ob der Geist ein Geschöpf sei oder nicht. Nun tritt der Prophet Zacharias [Sacharia] auf, von demselben Geiste geleitet, und zeigt die Geschöpflichkeit des Geistes. Er sagt: „Der die Seele des Menschen geschaffen hat, die in ihm ist“ (Zach. 17,1) [=Sach. 12, 1] und Isaias [Jesaja] sagt: „Jeden Geist habe ich erschaffen.“

Ebenso spricht Moses nicht vom Feuer und nicht vom Wasser, nicht von der Luft und nicht vom Blitze, nicht vom Donner und nicht von der Finsternis. Sie sind enthalten in den beiden großen Gefäßen, dem Himmel und der Erde, und da muß man denken, daß alles, was in ihnen sich findet, notwendig mit ihnen erschaffen worden ist, gemäß dem Wort: Gott hat Himmel und Erde und alles, was darin ist, erschaffen.

Aber damit nicht diejenigen Dinge, deren Schöpfung von Moses nicht erzählt wird, von den Unwissenden der Ehre des Von-selber-Seins teilhaftig erachtet würden, hat, um den Vorwandsuchern die Vorwände zu entreißen, derselbe Geist durch andere Propheten ihre Schöpfung nachgewiesen.

Zunächst (tat es) David, indem er alle geistigen und alle sichtbaren Geschöpfe zur Verherrlichung des Schöpfers aufruft, wenn er sagt: „Preiset ihn Himmel und Erde und Engel und Kräfte und Feuer und Wind und Stürme, welche sein Wort vollziehen.“ Diejenigen aber, welche in einen Dienst treten und den Dienst leisten, sind offenbar Geschöpfe.

Und wenn Schnee und Reif und Hagel und Sturm von einem anderen Schöpfer wären, würde sie der Geist nicht zur Verherrlichung rufen, sondern als fremd beiseite halten. Aber wir sehen fürwahr, daß derselbe Geist nicht nur allein sie, sondern auch die Drachen, die Raubtiere, die Finsternis und die Blitze, die jene vom Bösen herleiten, zur gleichen Verherrlichung gerufen und es sowohl bei David, als auch bei den drei Jünglingen im Ofen dartut, um zu zeigen, daß sie mit Recht zur Verehrung dessen berufen werden, von dem sie erschaffen sind. (Nicht so ist es), als ob, wie Marcion träumt, die Geschöpfe des Gerechten einem fremden guten Gott wegen seiner Güte dienen müßten. Die fade Lehre desselben werden wir zur passenden Zeit widerlegen.

Und nun, obwohl es daraus schon klar ist, daß, was immer zur Verehrung des Schöpfers gerufen wird, sein Geschöpf ist, so ist es doch möglich, von ihnen im einzelnen, auch aus der Schrift die Erschaffung nachzuweisen.

Zuvörderst von den Engeln, wie David sagt: „Er machte seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen“ (Ps. 103, 4; Hebr. 1, 7) [= Ps.104, 4; Hebr. 1, 7]. Dann vom Feuer und den andern Wesen der Reihe nach. „Seine Blitze hat er zu Regen gemacht“ (Ps. 134, 7) [=Ps. 135, 7]. Und die Blitze sind nicht anderswoher, als aus der Natur des Feuers. Und von der Finsternis sagt er: „Du brachtest die Finsternis, und es wurde Licht“ (Ps. 103,20) [= Ps. 104, 20]. Und vom Donner und Wind zugleich sagt Amos: „Der den Donner geschaffen, der den Wind geschaffen, allmächtiger Herr ist sein Name“ (4, 13). Und so hat, was ein Prophet ausgelassen hat, der Heilige Geist durch einen anderen ergänzt.

Wenn also David sagt, daß die Erde über dem Wasser ist, und Job und Isaias [Jesaja], daß sie über dem Nichts steht, so darf man sich darüber nicht wundern und die Prophezeiung nicht als widerspruchsvoll mit sich selbst betrachten. Denn das eine ist Wahrheit und das andere feststehend. Nimm nur das Beispiel des Leibes. Zuoberst ist Haut und Fleisch, in der Mitte die Adern und Röhren des Blutes und darunter wiederum ebenso Haut und Fleisch. Und es ist der Leib über den Adern des Blutes und unter den Adern. Nach demselben Bild ist auch die Erde über dem Wasser. Denn sie führt in ihrer Mitte das Wasser und ist unter dem Wasser. Und über dem Nichts steht sie fest und trägt in sich die flüssige Natur des Wassers eingeschlossen. Und beide Prophezeiungen zielen auf ein und dasselbe, und es liegt gar keine Abweichung vor. Denn nicht verschiedene Geister haben die Weissagungen gegeben, sondern ein und derselbe Geist. Er hat den einen gewürdigt, ihn zum Erzähler des einen zu machen, und den anderen (zu dem) des von jenem Übergegangenen.

Daß also die Himmel sich nicht bewegen, daß alles, was nicht war und wird, Geschöpf ist und nicht von selbst besteht, davon die Verständigen, zu überzeugen genügen die Beispiele der ersten (vortrefflichsten) Naturen. Aber da sie hartnäckig dabei bleiben, alles als lebend und beseelt zu betrachten, wollen wir nicht versäumen, nach unserem Können auch darauf Antwort zu geben.

Drittes Buch: Widerlegung der Religion der griechischen Weisen.

Der Mond, sagen sie, geht schneller als die Sonne in dreißig Tagen durch alle Sternbilder d. h. über den ganzen Himmel hin, und kommt dann an denselben Ort, die Sonne aber in einem Jahr. Der Himmel dreht sich in einem Tag und einer Nacht um sich und kommt wieder zur selben Stelle. Sieben Sterne allein sind beweglich, die andern alle sind am Himmel befestigt. Die sieben beweglichen Sterne, die Sonne, der Mond und fünf andere Sterne gehen nicht von Osten nach Westen, sondern von Westen nach Osten.

Sie führen ein Beispiel an, das aber nicht zutrifft. Wenn ein Rad sich dreht und eine Ameise auf der Scheibe von Westen nach Osten geht, so scheint es, weil das Rad sich schneller nach der Westseite dreht, daß die Ameise von Osten nach Westen gehe, während sie doch nicht von der Ostseite nach der Westseite, sondern von der Westseite nach der Ostseite geht. Durch das eilige Drehen läßt das Rad es doch so erscheinen.

Und der Himmel, sagen sie, geht ebensoweit, wie er in die Höhe ragt, in die Tiefe, und in derselben Entfernung umgibt er von allen Seiten die Erde. Und die Erde umgibt rings das Wasser, und das Wasser und die Erde die Luft, und die Luft das Wasser und die Erde das Feuer. Und der Mond hat kein eigenes Licht für sich, sondern das Licht kommt zu ihm von der Sonne. Das geht, sagen sie, daraus hervor, daß auf jener Seite, auf welcher die Sonne ist, das Licht auf ihm zu entstehen beginnt, und gemäß der Entfernung der Sonne das Licht auf ihm abnimmt, und gemäß der allmählichen Annäherung das Licht auf ihm wächst, und wenn sie ganz in seine Nähe kommt, ist er voll, und wenn er an der Sonne vorbeigeht, es allmählich abzunehmen beginnt, und in dem Maße, als er sich entfernt, auch auf ihm das Licht abnimmt, bis es gänzlich ausgeht, und wenn er wieder der Sonne begegnet, in ihm wieder ein wenig Licht hervorbricht, der Entfernung wegen, und wenn er sich nähert, das Licht nach und nach wächst.

Der Mond steht auch, sagen sie, tiefer als die Sonne und als alle Sterne. Und da er unterhalb steht, verfinstert sich die Sonne, wenn er ihr gerade gegenüber zu stehen kommt. Und für die Ursachen der Veränderungen der Stoffe der vier Elemente halten sie die Sterne gleichwie lebende Wesen. Alles das lehren sie mit Absicht, um Himmel und Gestirne als lebend und als Götter hinstellen zu können.

Wahrlich (es ist), wie der Apostel sagt: Mit der Weisheit Gottes hat die Welt Gott nicht erkannt (1 Kor. 1, 21). Was ist es auch zu verwundern an diesen, daß sie den Himmel wegen seiner unermeßlichen Größe und die Gestirne wegen ihres hervorstehenden Glanzes für Götter hielten, da sie selbst in Hölzern und in Steinen und in Raubtieren, ja selbst in den Insekten Götter suchten. Die Sitten ihrer eigenen Natur weist diese zurecht dadurch, daß sie Schöpfersucher und Gottersehner sind und doch von dem Einen wahren abgefallen und auf viele verfallen sind. Und nirgends kam es dabei zu Ruhe und Festigkeit. Denn das Suchen nach Gott war des Lobes wert. Daß sie aber nicht einen allein, sondern viele einführten, das ist eine unerträgliche Frevelhaftigkeit.

Und noch mehr trifft der Tadel die griechischen Weisen. Denn sie haben die Weisheit erreicht und doch mit der Weisheit den Schöpfer nicht erkannt. Denn auch sie halten dafür, daß eine durch sich selbst bestehende Ursache von allem da sei. Diese sei von nichts anderem geworden, sondern sei von sich selbst aus durch sich bestehend das erste; als zweites nehmen sie den Verstand als Gott und Schöpfer an, als drittes den Geist, welchen sie als die Seele von allem bezeichnen. Sofern sie zwei Wesen aus einer Ursache herleiten, zeigen sie, daß sie an die Türe der wahren Erkenntnis gekommen sind. Und indem sie von diesen andere unzählige unsichtbare (d. h. durch den Geist allein zu denkende) und sichtbare Götter durch Geburt abstammen ließen, haben sie sich von selbst die Türe der Glaubenserkenntnis verschlossen. Denn wie die Sonne mit ihren Strahlen denken sie sich die Gottheit mit vielen unsichtbaren und sichtbaren Göttern und (halten) sogar die ganze Welt für gleichewig mit ihm. Und in allem (glauben sie) seinen Geist wie die Seele von allem, sowohl im Himmel als auf den Gestirnen und im Feuer, in der Luft, im Wasser und in der Erde bis herab selbst zu den Steinen, Hölzern, Bäumen und endlich zu Wurzeln der Kräuter. Und durch dieses Leben, sagen sie, hängen alle Geschöpfe von seiner Natur ab, wie die Strahlen der Sonne vom (Sonnen-) Rad abhängig sind. Er selbst ist einer und vieles und das viele ist an uns eines, wie die Sonne eines und vieles ist; eines als Sonnenscheibe, vieles als Strahlen. Und es sagen das nicht alle so, denn es gibt viele Sekten unter den Philosophen.

Die Pythagoräer und die Peripatetiker lehren eine Einheit und eine Vorsehung und den Göttern nicht zu opfern. Pythagoras stellte die Regel auf, das Fleisch von beseelten Wesen nicht zu essen und sich vom Weine zu enthalten, und alles was im Monde ist und über dem Mond für unsterblich zu halten, was aber unterhalb desselben sich befindet, für sterblich. Ferner die Wanderung der Seelen von Leib zu Leib bis zu den Tieren, sogar zu den Insekten. Auch schrieb er die Regel des Stillschweigens vor, und zuletzt hat er sich selbst einen Gott genannt.

Die Platoniker hinwieder anerkennen Gott und den Stoff und die Idee, von denen das erste die Materie ist und das zweite das Besondere an irgendeinem. Und die Welt ist ein Geschöpf und zerstörbar. Die Seelen dann sind unerschaffen, unsterblich und göttlich. Dieselben haben drei Teile, einen vernünftigen, einen zornigen (reizempfänglichen) und einen begierlichen. Die Weiber seien für alle gemeinsam zu halten. Keiner soll eine Frau für sich allein haben, sondern die Männer sollen mit jenen sein, die sie wollen, die Frauen, mit jenen, welche ihnen gefallen. Auch die Seelenwanderung von einem Körper zum andern lehren sie bis herab zu den Insekten und sogar zu den Kriechtieren. Zugleich stellt er viele Götter fest, die aus dem Einen hervorgegangen seien.

Die Stoiker ihrerseits halten alles für einen Leib und glauben, daß die sichtbare Welt Gott sei. Manche von ihnen glauben, daß sie aus dem Wesen des Feuers ihre Natur habe. Und für Gott haben sie den Verstand hingestellt, gleich als wäre er die Seele von allem, von den Elementen, dem Himmel und der Erde. Für seinen Leib halten sie alles, was ist, und die Gestirne für seine Augen; die Leiber aller dann für vergänglich und die Seelen für der Wanderung von Körper zu Körper unterworfen.

Die Epikureer aber sagen: „Untrennbare und unteilbare Körper waren zuerst und von da aus kam alles.“ Und als Ziel des Guten bestimmten sie die Lust. Und Gott existiere nicht noch eine Vorsehung, die alles lenkt. Das sind die Sekten der Philosophen.

Das Heidentum jedoch hat seinen Anfang zu den Zeiten des Serug genommen (Gen. 11, 20). Denn man stellte das Bild derer, welche als Rechtschaffene auf die Welt gekommen und gestorben waren, zum Andenken an ihre Tüchtigkeit auf, in Farben gemalt. Und die Unwissenden, die es lernten, nahmen es zum Gegenstand der Verehrung. Die Übung, Götzenbilder zu schnitzen, kam dann auf mit Thare [Therach], dem Vater Abrahams. Und es schnitzte sich jeder nach seiner Kunstfertigkeit ein solches, der Schlosser mit der Schlosserkunst, der Schreiner mit der Tischlerei, der Silberarbeiter und Erzarbeiter, der Steinhauer und Töpfer mit ihrer Kunst. Von da weg gelangte der Reihe nach das Werk der Bildschnitzerei und sein Geheimnis zu den Ägyptern, den Babyloniern, den Phrygiern, den Phöniziern, und dann zu den Hellenen, welche auch Jonier heißen, zur Zeit des Kekrops. Und später (wurden sie) noch mehr daselbst unter Kronos und Rhea und Dia und Apollo und vielen andern, die sie nacheinander Götter nannten.

Die Jonier werden Hellenen genannt von einem Mann, der den Namen Helenos hatte, im Lande der Helladier. Aber andere sagen, es komme vom Ölbaum, welcher zu Athen von selbst ersproßte, weil der Ölbaum auf griechisch Elea genannt wird. Aber die Jonier kommen von Jawan (Gen. 10, 2), der einer von den Führern beim Turmbau war, weshalb alle Merops genannt werden, wegen der Teilung der Sprachen. Denn Teilung heißt im griechischen Merismos. Und als die ältesten Religionen werden die barbarischen, skythischen und heidnischen genannt, bis der Gottesdienst Abrahams kam und dieselben zerstörte.

Und das Judentum wird nach Juda benannt, welches das Hebräertum ist, dem vierten Sohne Jakobs; weil von diesem das Königtum war, erhielt das ganze jüdische Volk den Namen.

Und am Ende des Hebräertums, des Christentums Name ist von Christus. Mit diesem Namen ist es zuerst in Antiochien von den Jüngern genannt worden (Apg. 11, 26).

Im Suchen der Philosophen nach Gott nun, aus den natürlichen Gesetzen, welche in den Verstand gelegt sind, ist, wie wir schon früher sagten, etwas, was des Lobes würdig ist. Aber daß sie auf viele Götter verfielen und die Welt für gleichewig mit ihm (Gott) hielten, das ist ein ungeheurer Frevel. Und es paßt auf sie das Wort des Apostels: „Sie haben Gott erkannt, aber (trotzdem) ihn nicht als Gott geehrt“ (Röm. 1, 21).

Denn das ist die Verehrung Gottes, daß die Ehre des Schöpfers unterschieden wird von (derjenigen) der Geschöpfe, und die Geschöpfe selbst in ihren Bewegungen und Veränderungen vom Schöpfer predigen. Wenn jedoch den Träumereien dieser zufolge die Sterne Götter wären, der Himmel, die Sonne, der Mond, die ohne Sprache und ohne Laut sind, worin wäre dann die Ursache besser als die Wirkungen? Und ganz besonders, wenn sie den Verstand und die Seele desselben (Gottes), sofern man überhaupt von einer Seele Gottes reden kann, allen Geschöpfen den beseelten und unbeseelten von Natur (als Ausfluss) aus seiner Wesenheit zuschreiben, (so ist das etwas), was einen ungeheueren Frevel bedeutet, Gottes eigenen Wesens Leben den geistigen beseelten und unbeseelten Geschöpfen gemeinsam zu erachten, und nicht vielmehr ein geschöpfliches Leben in den Engeln, Dämonen und Menschen, welche mit Vernunft und Verstand begabt sind, und ein naturhaftes Leben zusammengemischt und zusammengesetzt, aus den vier Elementen in den andern beseelten Wesen, welches bei deren Auflösung sich in die vier Elemente auflöst.

Es sind Geister der Engel und Teufel und Seelen der Menschen. Sollen nun diejenigen nicht von ihren eigenen Worten beschämt werden, welche die Seele für ungeschaffen, unsterblich und göttlich von göttlicher Natur erklären und hernach Strafen und Peinen für die sündigen Seelen annehmen? Das ist die ärgste Lästerung, daß die göttliche Wesenheit sich zerteile und in vieler Seele zerschnitten werde, und dann eine Hälfte ihrer Natur, die andere Hälfte quäle, die eine Hälfte in Herrlichkeit, die andere Hälfte in Schmach, der eine Teil in Seligkeit, der andere in der Hölle sich befinde.

Auch sagen sie wieder: ,,Wenn das Leben nicht etwas in allem Vorfindliches ist, woher käme es, daß alles sich bewegt, daß die Samen und Pflanzen, in die Erde gesteckt, sprossen, und daß (die Samen) in die weiblichen Menschen und Tiere gepflanzt, zu Geburt und Wachstum kommen; Vorgänge, die auch wir nicht leugnen, weil die Erfahrung sie auch im gegenwärtigen Lauf der Dinge offenbart.

Allein die Frage ist die, ob dieses Leben nicht das Leben der göttlichen Wesenheit ist, sondern ein geschöpfliches Leben, anders geartet in den vernünftigen und verständigen Wesen, anders in den Tieren und allen beseelten Wesen und andersartig im Naturhaften wie in den Samen, welche auch in die weiblichen Menschen und Tiere eingesenkt werden. Unter diesen ist der Mensch das vorzüglichste und ehrwürdigste Wesen. In ihm ist dem Leibe nach naturhaftes Leben und vernünftiges Leben wunderbar der Seele nach. Denn auch der Leib dieser besteht aus vier Stoffen, und die Seele ist nicht aus vier Stoffen zusammengesetzt, sondern aus einfacher und feiner Wesenheit. Bei den andern Lebewesen ist es nicht so. Sie sind von naturhafter und empfindungsfähiger Substanz. Auch bei den Samen ist es nicht so, sie sind von naturhaften und unbeseelten Trieben.

Ebenso ist auch in den Lichtkörpern keine vernünftige Beseelung, sondern sie haben nur naturhafte und fortlaufende Bewegung. Daher haben manche Engel als ihre Leiter aufgestellt. Allein wir wollen der Heiligen Schrift folgen, welche vom Regen sagt: „Noch hatte Gott nicht regnen lassen auf die Erde“ (Gen. 2, 5). Und nicht, wie manche faseln, hatte Satan die Macht, die Lüfte zu bewegen und zu verändern gemäß dem Wort des Apostels „gemäß dem Fürsten des Reiches dieser Luft“ (Eph.2, 1. 2; vgl. 6, 11 ff.). Er nennt ihn deswegen Fürst dieser Luft, weil er vom Himmel stürzte und in den Lüften umherschweift. Daraus erklärt sich auch das Wort, das er braucht: „Luft dieser Finsternis“. Er will damit zeigen, daß er aus dem Licht in die Finsternis gestürzt wurde und nicht der Veränderer der Luft ist bald zu Regen, bald zu Schnee, bald zu Hagel.

Daß aber dies Gottes, und nicht des Teufels Werk ist, soll uns zunächst David sagen im Heiligen Geiste: „Er führt die Wolken herbei von den Enden der Erde und macht die Blitze zu Regen. Und er führt die Winde aus seinen Speichern“ (Ps. 134, 7; vgl. Jer. 10, 13) [= Ps. 135, 7; vgl. Jer. 10, 13] und wiederum: „Er gibt Schnee wie Wolle, und den Reif streut er aus wie Staub, und das Eis wirft er hin wie Bissen;“ (Ps. 147, 16) und so mit andern (Worten). Und ein Prophet sagt: „Er ruft das Wasser des Meeres und gießt es aus über das Angesicht der Erde“ (Amos 9, 6). Und Job sagt: „Wer hat den Regentropfen geboren und aus welchem Mutterschoß trat das Eis hervor, und wer hat im Himmel den Reif erzeugt, der herabfällt wie fließendes Wasser, daß er sagen könnte: Mein Werk ist das und keines anderen“? (Job 38, 28 ff.)

So ist auch die Bewegung der Sterne das Werk seines Wortes und nicht das eines anderen. Und nicht bloß sieben Sterne haben Bewegung, und die andern sind ohne Umlauf, sondern alle sind bewegt, die einen langsam wandelnd, die andern in raschem Gange. Nicht sind sie an den Himmel befestigt, wie schon oben gesagt wurde, daß sie wie im Kreise sich drehen und jene bald sichtbar machen, bald verbergen. Was am meisten lächerlich ist, ist noch die Behauptung, daß die Sonne von Westen nach Osten gehe. Ach warum nennen sie dann den Sonnenuntergang nicht lieber Sonnenaufgang und den Sonnenaufgang Sonnenuntergang?

Die Sonne geht jedoch, sagen sie, überhaupt nicht unter. Daß sie nicht untergeht, ist daraus auch offenbar, daß nachts von ihrem Licht im Mond aufgefangen, das Licht erstrahlt. Denn ist sie auf ihrem Laufe ferngerückt, so befindet sie sich auf der anderen Seite des Himmels.

Und würdest du sagen: Wenn sie nachts am Himmel wäre, woher käme die Finsternis, die eintritt? so sagen sie: Vom Schatten der Erde mag sie kommen. Woher käme nun aber die Finsternis, welche oben am Himmel ist? Ist es hierdurch nicht sicher erwiesen, daß sie nachts doch irgendwo sich verbirgt, wie es auch beim Untergang zu beobachten ist. Denn gleich wie von oben steigt sie zur Tiefe herab und beim Aufgang wiederum erhebt sie sich gleichsam wieder aus der Tiefe zur Höhe in ihrem Lauf empor.

Eitel sind auch die Redensarten derjenigen, welche sagen, daß sie dem Himmel dieselbe Größe zuerkennen wie der Erde. Denn die göttlichen Schriften bezeichnen den Himmel mit Spanne und die Erde mit Hand. Und wir finden nicht, daß die Spanne größer sei als die Hand.

Wenn dann ferner der Mond auch nicht sein eigenes Licht hätte, so ist doch ihre Rede zunächst darin falsch, daß sie sagen, er wachse in allen seinen Beziehungen und nehme zu an der Materie, die in ihm ist, und sie werde voll bei seinem Vollwerden und nehme ab bei seinem Abnehmen. Die Erfahrung zeige das so am Mark von allem, was aus Fleisch besteht, und an den Bäumen und Pflanzen der Saft. Und in Europa gebe es Plätze am Meer, deren Wasser, gemäß dem Zunehmen des Mondes zunimmt, und gemäß dem Vollwerden voll wird und mit seinem Abnehmen abnimmt. Ihre Anmaßung geht so weit, daß sie die Augen der Menschen zuhalten wollen, welche nachts nach dem Untergang der Sonne das Licht des Mondes in noch größerem Glanze strahlen sehen.

Wie können sie den unselbständigen Mond behender als die Sonne nennen, denn er vollendet, wie sie sagen, in dreißig Tagen seine Bahn; die Sonne dagegen in einem Jahre. Ihnen widerspricht also der wirkliche Tatbestand und die Heilige Schrift, welche erklärt: ,,Er erschuf zwei große Lichter und setzte sie an die Feste des Himmels.“ Und um den größeren Glanz der Sonne anzuzeigen, sagt sie: „Er machte ein großes Licht zur Herrschaft über den Tag und das kleine Licht zur Herrschaft über die Nacht und die Sterne.“ Daraus geht hervor, daß einem jeden sein Herrschaftsgebiet zugeteilt ist und daß nicht das eine vom andern sein Licht empfängt. Und das Wachsen und Abnehmen des Mondes ist, sagen die Weisen, wie das Eintreten und Austreten bei einer Umschalung. Als Anzeichen davon nennen sie die Erscheinung, daß bisweilen beim Wachstum und Vollwerden es rings um das Gefäß herum anschwillt, wie wenn aus einer engen Ritze eines Hohlraums die Strahlen hervorbrechen.

Wenn dann die Opposition des Mondes Ursache wäre für die Verfinsterung der Sonne, was träte in Opposition, wenn der Mond verfinstert ist? Wenn sie einen Stern durch seine Opposition als Ursache betrachten wollten, wohlan, wir sehen, daß am Himmel kein Stern von solcher Größe ist, der durch seine Opposition mit dem Monde den Mond verdecken könnte. Auch gibt es keinen Stern niedriger als der Mond, so daß er, von unten her ihm begegnend, ihn verfinstern würde.

Wenn der Mond das Licht der Sonne abhalten könnte, dann würde er sicher sein Licht auf die Erde senden, daß der Tag etwa wie mondhell erschiene und nicht völlig finster.

Jedoch das Wort der Schrift ist wahr, welches sagt: ,,Ich werde die Sonne in Finsternis verkehren und den Mond in Blut“ (Joel 7, 31) [= Joel 3, 4; Apg 2, 20, Off. 6, 12] und damit zeigen will, daß ein Herr der Lichtkörper ist, zu erhellen und zu verfinstern, damit die Sonnenanbeter und die Mondanbeter beschämt werden.

Der Mond kann auch nicht auf die Erde herabsteigen, wie die Zauberer vorgeben, wenn sie sehen, daß zur Zeit, wo auf Gottes Befehl der Mond blutiger wird, sein Aussehen einem Dämon ähnelt (und sie behaupten), daß sie den Mond herabholen. Das ist eine Unmöglichkeit. Er, der größer ist als die Welt, kann nicht von einem kleinen Platz umfaßt werden, auch kann, der ohne Brüste ist, nicht säugen.

Es gibt auf der Welt unzählige Tausende von Zauberern. Wenn ihn jeder von ihnen herabholen könnte, so würden sie ihn niemals mehr zum Himmel hinaufsteigen lassen. Daß er indes nie herabsteigt, ist daraus offenbar, daß niemand sein Herabsteigen und sein Hinaufsteigen beobachtet hat. Und wenn du hinsiehst und die Aufmerksamkeit auf ihn richtest, so wird das Gefäß nach und nach verdunkelt und wieder allmählich vom Licht erfüllt, bis es ganz hergestellt ist. Wenn es nun also auch möglich wäre, daß er herabsteigt, obschon niemand sein Herabsteigen gesehen hat, so würden alle doch sein Heraufsteigen sehen. Aber den Lichtkörpern kommt nach den Worten der gottgegebenen Schrift nur das zu, daß sie zu Zeichen und zu Zeiten und zu Tagen und zu Jahren seien (1 Mos. 1, 14).

Wenn nun die Sterne zu Zeichen werden, sei es der Wärme oder der Kälte, so geschieht dies nicht als ob sie lebende Wesen wären, sondern insofern sie von Gott dazu bestimmt sind, damit sie unter den Geschöpfen Gottes nicht müßig seien. Und die griechischen Weisen sind deshalb tadelnswert, weil sie die Ursache vernachlässigen und den verursachten Dingen Anbetung darbringen, wie der heilige Apostel sagt: „Den Geschöpfen dienten sie und zollten sie Anbetung, aber nicht dem Schöpfer“ (Röm. 1, 26) [= Römer 1, 25].

Und sodann ist es auch nicht so, wie sie sagen, als wenn die Erde Wasser umgebe, sondern in der Erde und über der Erde befindet sich Wasser; und über die Erde hinaus ist nichts, sogar auch kein Wasser. Das bezeugen ihnen die Säulen des Herakles, auf denen geschrieben steht, wie es heißt: „Von dieser Stelle wage niemand weiter zu gehen!“

Und die Luft ist mit dem Wasser und mit der Erde vermischt. Und daß mit dem Wasser Luft vermischt ist, das erhellt an den Reptilien, welche im Wasser das Leben der Luft einatmen. Und daß mit der Erde gleichfalls Luft vermischt ist, wird deutlich offenbar, wenn es geregnet hat und die Sonne scheint, an dem Dunste, der aus dem Herzen der Erde aufsteigt. Und daß mit der Luft Feuer vermischt ist, zeigt sich deutlich offenbar an den Blitzen, welche infolge der gegenseitigen Reibung der Wolken und des Windes zur Entsendung kommen. Und wiederum, wenn du in ein weißes Glas Wasser gießt und es gegen die Sonne hältst, so dringt das Licht der Sonne in die Weiße des Glases ein, und durcheilt die Klarheit des Wassers mit der durchdringlichen Luft und bringt Feuer hervor. Und daß mit dem Wasser Feuer gemischt ist, zeigt sich klar an Steinen, die aus dem Wasser genommen werden, welche man aneinanderreibt und Feuer hervorbringt. Und wenn du nachts am Meeresufer stehst und das Wasser schlägst, dann entwickeln sich Strahlen von Licht.

Und die Reptilien, welche im Wasser drinnen sind, sind aus vier Grundstoffen zusammengesetzt, aus Erde, Wasser, Luft und Feuer, wie alle Leibeswesen, welche auf dem Trockenen sind. Denn so hat Gott die Welt gebildet; zuerst schuf er die vier Grundstoffe getrennt, hernach fügte er aus ihnen alles zusammen. Und alles ist das Werk eines einzigen Schöpfers allein, und er leitet und unterhält das Ganze.

Und es ist nicht, wie das Haupt ihrer Philosophen Pythagoras und die Peripatetiker behaupten, eine einzige Einheit als Ursache von allem und die Vorsehung; wobei sie die Vorsehung nicht von jener herleiten, sondern als für sich bestehende Kraft betrachten. Würde er, wie er die Ursache von allem in einer Einheit angibt, auch die Vorsehung von ihr stammen lassen, so würde er trefflich und lobenswert seine Aufstellung machen. Allein, weil er die Ursache und die Vorsehung jeweils bei einem andern sucht, deshalb ist er des Tadels würdig, nicht aber der Ehre.

Ferner auch, daß er den Göttern nicht zu opfern befahl, das ist lobenswert, aber, daß er nicht offen verkündigte, daß nur ein Gott ist und nicht viele, das macht ihn sehr tadelnswert.

Lobenswert, ja sehr lobenswert ist es, daß er, um über die Leidenschaften und Begierden zu siegen, Enthaltsamkeit von Speisen übte; aber daß er eine Wanderung der Seelen von Leib zu Leib (zu glauben) gab, das ist sehr tadelnswürdig. Als ob die Seelen der verstorbenen Gerechten in andere reine Leiber wanderten, sei es in die von Menschen oder von reinen Tieren; und das geschehe ihnen zur Vergeltung der guten Werke; und die Seelen der Sünder in schmutzige Leiber wanderten, sei es in die von Menschen oder in die von Raubtieren und Insekten und Reptilien; und das ihnen zur Vergeltung der bösen Werke geschehen würde.

Und wenn er zur Bezwingung der Leidenschaften des Fleisches geboten hätte, kein Fleisch zu essen, so würde er gut und gerecht getan haben. Aber wenn er den Befehl gab, sich davon fernzuhalten, als wie von unreinen Geschöpfen, dann (befahl er) Schlimmeres. Doch die Gründe sind offenbar, derentwillen er das Fleisch beseelter Wesen zu essen verbot, nämlich gleich als wäre die Seele etwas Göttliches im Fleische und als wäre es deswegen nicht recht, das Fleisch von Lebewesen zu essen. Deshalb opfern auch zuerst die Magier und töten (erst) nachher die Tiere, damit die Seele ohne Empfindung aus den Körpern sich entfernte. Und sie beachten das nicht, daß sie mit zweifachem Tode (dabei) töten, einmal beim Opfern, das andere Mal beim Schlachten.

Desgleichen verbietet auch Pythagoras, den Götzen Tiere zu opfern, gleich als wäre es nicht recht, Götter den Göttern zu opfern. Denn er lehrt auch die Göttlichkeit der Seele in den Tieren. Und so erklärt es sich, daß er befiehlt, sie anzubeten, jedoch nicht zu opfern.

Ein sehr unwürdiges Beginnen war es, alles, was über dem Mond ist, für unsterblich zu halten. Es zeigt dies, daß er das alles für göttlich hielt; und sofern er das, was unten ist, für sterblich hielt, gab er vor, daß Feuer, Luft und Erde etwas Lebendiges sind und sterben; und doch fühlen diese weder das Leben, noch machen sie eine Wahrnehmung vom Tode. Das kommt (nur) dem Beseelten zu, nicht aber dem Unbeseelten.

Das fünfjährige Stillschweigen dann, welches er denjenigen auferlegte, welche neu in die Jüngerschaft eintraten, war zwar eine Probe großer Selbstbeherrschung, da sie auch nichts fragen durften, sondern bloß hören, allein es war doch nichts sehr Nützliches. Denn wenn einer vor dem fünfjährigen Zeitraum (das Leben) vollendete, so nützte, auch wenn er vom eifrigen Hören schon weise geworden war, die Weisheit ihn nichts, da er nicht reden durfte, und anderen nichts, weil sie diese Weisheit nicht hörten.

Zuletzt noch, was eine ungeheure Torheit ist, hat er, wie sie überliefern, sich selbst Gott genannt. Dieser (Einfall) entstammt seinem allzugroßen Hochmut. Denn er wandelte nicht nach dem Wort des Weisen: „In dem Maße, in welchem du zur Größe gekommen bist, halte dich in der Demut“ (Sprichw. 4, 16) [= Spr. 15, 33].

Platon, welcher Gott, die Materie und die Idee für wesenhaft seiend hält, zeigt, daß Gott der Schöpfer der Formen ist, aber nicht der Naturen. Von ihm haben die Sekten das angenommen und reden nun ebenso davon, daß, wie Gott wesenhaft war, so auch die Materie und die Idee, welche für sich allein das Etwas von irgendeinem ist.

Wie Gott die Kunstfertigkeit eigen ist, so war der Materie der Stoff zu eigen; nur in Gestalten einführen konnte er die Materie, welche ungeordnet dahintrieb, nicht aber schuf er alles aus nichts zum Sein wie ein Allmächtiger. So fällt eine Schwäche auf Gott, sofern er es nötig hatte, von einem andern den Stoff zu erbetteln. Dadurch zeigt sich, daß er nicht mehr ist als ein Künstler, da er wie dieselben den Stoff bedarf. Und die Welt bezeichnet er als erschaffen und zerstörbar, doch mitunter faßt er und andere sie als Ewigkeitsgenossen Gottes auf.

Wenn sie erschaffen und zerstörbar wäre, wie könnte sie ein Ewigkeitsgenosse Gottes sein. Wenn sie mit ihm ewig wäre, und wie nach ihren Worten der Schatten von etwas sich niemals von diesem trennt, so auch die Welt niemals von Gott getrennt ist, denn, wenn es sich so verhielte, wäre es eitel, die Welt ein zerstörbares Geschöpf zu nennen. Sie müßten denn gerade auch die Gottlosigkeit zu sagen wagen, daß auch der, welcher die Ursache des Schattens ist, werde weggeschafft werden. Aber wenn das nicht geschieht, und es geschieht auch wirklich nicht, dann wird auch der Schatten nicht weggeschafft werden. Somit handelt es sich da um eitles Gerede.

Und wenn die Seelen, weil sie aus Gottes Wesenheit stammten, unerschaffen und unsterblich wären, woher kommt es, daß in ihnen drei Teile (zu unterscheiden) sind, das Vernünftige, das Zürnende und das Begehrende. Denn wenn auch das eine in Gott ist, denn er ist die Quelle aller Vernünftigkeit, so ist er doch erhaben über Zorn und Begierde und frei von ihnen. Denn das Göttliche ist nun einmal frei von Leidenschaften und ohne Teile.

Und wenn er, wie sie sagen, der Tugend wegen jungfräulich von dieser Welt ging, warum befahl er anderen, die Weiber für gemeinsam zu halten und nicht einem Weib allein sich zuzuwenden?

Und warum glaubte er, wie die Früheren, daß auch die göttlichen Wesens teilhaftigen Seelen von Körper zu Körper wanderten, bis herab zu den Schlangen und Insekten? Das ist eine Entheiligung, welche die Natur selbst betrifft, nach dem Maße ihrer Gottlosigkeit. Gleich als behielte das Göttliche die Hälfte seiner Substanz in sich selbst und quälte die andere Hälfte von sich in Schlangen und Insekten. Das aber trifft bei dem Wesen nicht zu, welches unteilbar und unermeßlich und untrennbar und ohne Teile ist.

Wären noch, wie sie träumen, viele Götter aus dem einen Gott hervorgegangen, weshalb sollten nicht auch viele Welten sein und nicht viele Himmel und nicht viele Sonnen und nicht viele Erden. Oder hat er vielleicht untätige Götter aus sich hervorgebracht? Wozu aber sollten untätige Götter gut sein?

Die sinnlich gerichteten Stoiker hinwieder faßten die sichtbare Welt ins Auge und hielten alles für einen Körper; und als Gott betrachteten sie die sichtbare Welt. Sie sind die Sektierer unter den Philosophen; selbst vermochten sie zur Erfassung des Geistigen sich nicht zu erheben, und auch von den andern wollten sie nicht lernen, daß es eine Macht gibt, welche das Sichtbare bewegt, und den Beweger muß man für Gott halten und nicht die bewegten Dinge.

Manche von ihnen meinen wohl, daß die Natur der Welt aus dem Wesen des Feuers stamme, weil sie die Sonne für das Bewunderungswürdigere halten und die Natur des Feuers für das Kräftigste betrachten.

Da sie auch am Verstand bei ihrer Erwägung erkannten, daß sie durch den Verstand alles zu unterscheiden vermöchten, haben sie daher den Verstand für Gott gehalten, gleich als wäre er die Seele des Himmels und der Erde und alles dessen, was in ihnen ist und als wären die Lichtkörper seine Augen. Diese sind, gemäß ihrer unwürdigen Torheit, nicht wert, daß man eine Antwort gibt.

Und den Körper halten sie auch, wie die anderen, für vergänglich, und die Seelen seien einer Wanderung von Leib zu Leib unterworfen. Das können aber weder sie nachweisen noch die andern, welche bedeutender waren als sie. Alle bringen sie nämlich nur Fabeleien vor, und wenn auch einige zur Wahrheit gelangt sind, blieben sie doch nicht beharrlich in der Wahrheit.

Die Epikureer dann halten die Welt für durchaus selbständig. Zuerst hätten sich gleichsam nur Stäubchen bewegt; ähnlich wie wenn ein Sonnenstrahl durch ein Dachfenster scheint und die Staubteile im Strahle sich zeigen, so sagen sie, seien die ersten Körperchen unteilbar und ungetrennt, und indem sie sich hernach verdichteten, sei die Welt selbst gebildet worden. Es gebe keinen Gott und keine Vorsehung, welche die Welt regiere. Über diese (Sektierer) spotten selbst die (heidnischen) Philosophen und zählen sie gar nicht als Schule. Von ihnen sagt auch der Apostel: Ohne Gott gehen sie auf der Welt umher (Eph. 2, 12). So groß war ihre törichte Hartnäckigkeit, daß sie von den vielen Göttern der früheren Philosophen auch nicht einen Gott festhielten. Siehst du, daß das Werk der Auflehnung so sehr die Ergriffenen überwältigte, daß es sie als Gottesleugner aus der Welt schaffte.

Unter Saruch [Serug] (Gen. 11, 20 f.; Jos. 21, 2) [= Jos. 21, 2??], sagen sie, nahm das Heidentum seinen Anfang. Folglich ist offenbar, daß bis zu dieser Zeit (die Menschen) Gottesanbeter waren, und daß die Kirche Gottes von Anbeginn der Welt war. Darüber ist auch David vom Heiligen Geist belehrt worden und betete daher: „Gedenke deiner Kirche, die du von Anbeginn besaßest“ (Ps. 73, 2) [=Ps. 74, 2].

Obgleich aber das Heidentum in die Welt eintrat, so hat doch die Anbetung (des wahren) Gottes nicht ganz aufgehört. Das geht daraus hervor, daß Abraham bei seiner Auswanderung aus den Kreisen der Heiden auf Anbeter des wahren Gottes stieß, nämlich auf Melchisedech [Melchisedek], den Priester Gottes des Allerhöchsten (Gen. 14, 18) – nie wird ja jemand Priester genannt, wenn ihm nicht eine Gemeinde zur Seite steht; und auf Abimelech, welcher nur durch Gott mit Abraham redete, nicht durch die Dämonen (Gen. 20, 2). Auch die Freunde des Job und Eliu [Elihu] redeten allein durch den allmächtigen Gott mit ihm (Job 32 ff.).

Und so ließ Gott die Welt niemals ohne sein Zeugnis. So sagte auch der Prophet unter dem Judentum wie vor dem Angesichte Gottes: „An allen Orten streuen sie Weihrauch und bringen meinem Namen Opfer dar“ (Mal. 1, 11). Er wollte zeigen, daß zu allen Jahrhunderten sich Diener des wahren Gottes fanden, welche die Götzendiener widerlegen.

Warum aber, sagen sie, verzögerte sich die Ankunft Christi und gingen so viele Geschlechter ohne den Dienst Gottes zugrunde?

Wenn (Gott) nicht Verkündiger des Dienstes Gottes in allen Jahrhunderten gesandt hätte, dann wäre für solche Worte vielleicht Anlaß, da er aber nie aufhörte, Zeugnis zu geben, so sollen jene, die nicht glaubten, sich selbst die Schuld geben und nicht Gott.

Christus kam nicht im Kindesalter der Welt, weil die Kinder der Milch bedürfen und nicht fester Speise (Hebr. 5, 12); er kam nicht im stürmischen Jugendalter, währenddessen der Irrtum des Dämonendienstes eintrat und groß wurde, sondern er unterrichtete (die Menschen) zuerst durch Prediger und Propheten wie mit Milch und dann kam er, die vollkommene Belehrung zu erteilen wie feste Speise. Denn auch dem Kinde gibt man nicht feste Speise, noch verkündigt man ihm große Geheimnisse, noch spricht man zu ihm erhabene Worte, bevor es zum Maß des reifen Alters gekommen ist.

In diesem Geiste spricht der Apostel, an sich die Rolle der ganzen Menschheit darstellend: „Solange ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, aber als ich zum Manne geworden war, streifte ich von mir die Kindheit“ (1 Kor. 13, 11). Er wollte damit zeigen, daß die Welt im reifen Alter zum vollendeten Wissen gelangte, wie es in dieser Welt überhaupt nur möglich ist, zum Wissen zu kommen. Doch zum Genuß des vollendeten Wissens lud er sich und andere ins Jenseits ein mit den Worten: „Jetzt wissen wir Stückwerk, aber wenn die Vollendung kommt, dann schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“

Daraus geht hervor, daß Gott allmächtig ist und zu allem genügend. Er wäre imstande gewesen, auch schon am Morgengrauen der frühesten Ewigkeit die Welt zu erschaffen. Aber er wollte so (sie schaffen), daß er sie nicht gar zu früh und auch nicht allzu spät machte, sondern, wann es passend und geeignet wäre. Es sollten die Geschöpfe nicht Schaden nehmen, indem er sie gar früh erschuf und sie zur Meinung kämen, als wären sie gleich ewig mit ihm, und wiederum auch nicht, indem er sie spät erschuf, und der Verdacht der Schwäche entstünde, und der ersten und mittleren und letzten Gedanken.

Er schuf den Menschen, welchen er zum Erben von allem machen wollte (Hebr. 1, 2), nicht früher, als das Erbe, sondern zuerst Himmel und Erde, Wasser, Feuer, Luft, Keime und Pflanzen, Wild und Haustiere und Vögel. Zuerst das Haus, dann den Hausherrn, zuerst den Besitz und dann den Besitzer, zuerst die Knechte, dann den Herrn, damit nicht, wenn jene später wären, über die der Mensch Herr ist, er schädliche Einbildung in sich fasse, als wären es seine Geschöpfe. Wenn er aber sieht, daß jene zuvor erschaffen wurden, da sollte er erkennen und im Herzen die Wahrheit behalten, daß es eine Macht gibt, welche jene geschaffen und seiner Herrschaft unterworfen hat. Nicht für sich sollte er die Ehre und Verherrlichung in Anspruch nehmen wollen, sondern sie seinem Herrn und Schöpfer erweisen, der ihm dieses freigebig geschenkt hat.

In ähnlicher Weise hat er auch die Ankunft seines Sohnes auf diese Zeit gefügt, in welcher er wußte, daß sie Segen bringen werde. Und wenn der Arzt nach Maßgabe der verschiedenen Krankheiten, den Leidenden Heilmittel mancherlei Art darbietet, so zwar, daß sie, was im Anfang des Leidens geeignet ist, am Anfang reichen, was inmitten paßt, in der Mitte, und was beim Altwerden des Leidens paßt, endlich hernach, wieviel mehr tut der Allmächtige zur rechten Zeit, was er macht, er, von dem alle Arten der Kunst verteilt werden. Nicht vom ersten zum mittleren und letzten Gedanken fortschreitend, sondern zumal nach seinem Willen vollführt er das Werk seiner Taten. Bei ihm folgt nicht der Wille hintennach, sondern als Allwissender weiß er alles, ehe es war, und wie es zu machen ist, zu welcher Zeit und für welche Bedürfnisse. Nicht in Unordnung schafft er etwas, so daß er es nachher bereute und sein Werk zerstörte. Auch bedarf er keines Dinges, so daß er, um etwas zu machen, ausschauen müßte, von was und von wem er es machen solle, sondern er besitzt ganz in sich selbst alle Macht, alles zu machen und zu schaffen und es unerschütterlich zu bewahren. Noch hat er jemand zum Teilhaber wie einen Bruder oder einen Gefährten oder einen fremden Mithelfer, als allein seine Macht und Weisheit, die aus seinem Wesen stammen und gleichewig mit ihm sind, und den Geist seiner Natur, der aus ihm hervorgeht und immer bei ihm ist, untrennbar und ohne Teilung.

Aus alledem geht auch hervor, daß nicht irgendwelche Materie, welche der Stoff ist, Gott zur Seite stand, so daß er aus ihr, wie die Weisen der Griechen sagen, die Geschöpfe gebildet hätte, und daß von ihr aus das Böse in die Welt eingedrungen sei, wie die Sekten sagen, welche von jenen den Anlaß genommen haben, die Materie zu vergöttern (und sie als) Gott Gott gegenüberzustellen. Auch gibt es nicht noch einen anderen Schöpfer für das Böse, wie die Magier vorgeben, daß Charaman die bösen Wesen geschaffen habe, sondern der eine Gott allein ist der Schöpfer und zwar der Guten, nicht der bösen Geschöpfe, und er ist ein ewiger Schöpfer. Denn schon bevor er die Geschöpfe erschaffen hatte, trug er nach seiner Allwissenheit die Ordnung für die Bildung der Geschöpfe in seinem Sinne. Es gab keine Zeit, in welcher er nicht Schöpfer gewesen wäre, deshalb, weil er in sich das Vermögen trug, das für alle zum Sein ausreichend war.

Gott hatte viele Ursachen, durch welche er dazu kam, Geschöpfe zu erschaffen. Zunächst war es nicht recht, das Wissen von seiner Kunstfertigkeit müssig zu lassen, damit er nicht wie ein Schwacher erfunden werde, beschuldigt, das nicht machen zu können, wozu er das Verständnis durch eine vorausbestehende Wissenschaft in sich hatte. Zweitens sodann, weil er von Natur aus gütig ist, lagen keine Gründe vor, seine Wohltätigkeit ohne Segen zurückzuhalten. Und noch viele andere Gründe dieser Art lagen für Gott vor, um deren Willen er mit der Weltschöpfung begann.

Wenn jemand eine Kunst verstände, sei es z. B. die Musik oder die Heilkunde oder die Holzverarbeitungskunst, er aber in Wirklichkeit diese Kunst nie zeigen würde, so hätte er vergeblich die Anlage der Kunst empfangen, weil er weder selbst einen Nutzen davon hat, noch er anderen das Wissen seiner Kunst zeigte. Ähnlich wäre es, wenn irgend jemand wohltätig wäre; wenn keine Menschen da sind, die von seiner Wohltätigkeit Nutzen empfangen, für wen wäre diese Wohltätigkeit von Vorteil? Denn die Tugend der Wohltätigkeit liegt darin, daß andere von ihr Nutzen haben. Gibt es keine, die von der Wohltätigkeit Nutzen haben, was wäre da der Nutzen der Wohltätigkeit?

Ähnlich hätte es sich mit Gott verhalten, der das Verständnis aller Künste in sich hatte. Hätte er keine Geschöpfe erschaffen, so hätte man geglaubt, daß er sein Wissen umsonst besäße, da keine wären, welche aus seiner Kunst erschienen. Er hätte auch seine Wohltätigkeit nicht als Wohltätigkeit zeigen können, wenn er keine Geschöpfe erschaffen hätte, welche von seiner Wohltätigkeit Nutzen gezogen hätten. Allein er ist so wohltätig, daß er denselben nicht bloß die Gnade erwies, daß er sie schuf, sondern auch die Freude bot, das Gute zu genießen.

Ferner, wenn Gott keine Geschöpfe erschaffen hätte, dann wußte auch niemand, daß überhaupt Gott ist, dieweil dann keine vorhanden waren, welche die Fähigkeit des Wissens besäßen. Da er sie nun aber zu seiner Erkenntnis führen und zeigen wollte, daß er ist, ließ er sich also bestimmen, Geschöpfe zu seiner Erkenntnis hervorzubringen, damit sie von seiner Wohltätigkeit Segen genössen. Und die Mächte der Welt hat er des Menschen wegen gemacht, zum Dienste aller notwendigen Dinge; und den Menschen zu seiner Ehre, auf daß derselbe den Herrn preise und seine Wohltätigkeit erkenne.

Und so war Gott niemals ohne schöpferische Tätigkeit. Denn immer hatte er im Geiste geformt, was er schaffen werde. Deshalb, weil es nicht angemessen war, bloß im Willen und in Gedanken die Macht zu haben, deswegen brachte er, um seinen Willen und seine Gedanken zu offenbaren, die Geschöpfe ans Licht hervor, damit seine Macht offenbar werde und die Geschöpfe von seiner Güte Segen gewännen.

Allein, niemand soll die Welt für durch sich bestehend halten oder für etwas Gott zur Seite stehendes, damit er nicht die Größe seiner Macht herabmindere, sondern er hat allen Wesen, die zuvor nicht waren, das Sein geschenkt. Weshalb möchten sie seine Macht entfernen wollen und ihn allein als den kundigen Bearbeiter einer Materie betrachten und ihm nicht es zuschreiben, daß er aus dem Nichtsein ins Sein, den Körper von allem hervorbringe? Es gab kein mit Gott gleichzeitiges Wesen und keine Materie, aus welcher er (den Stoff) nahm und die Geschöpfe bildete, sondern er ist der Schöpfer aller Naturen und nicht der Mischer des Wesens der seienden Dinge, sondern der Seinsschöpfer des Seins der Dinge, die werden sollten.

So müssen die Menschen von Gott reden, solcher Erzählungen Verbreiter müssen sie sein, durch welche Gott verherrlicht wird und die Menschen keinen Schaden leiden.

Doch wer könnte würdiger sein, der Erzähler der Verdienste Gottes zu werden, als die Freunde Gottes, die aus Liebe zu ihm das Leben dieser Welt verachteten; selbst bis zum Tode wegen der lebendigen Hoffnung, die bei Gott ist, die sich Mühsale aufluden und selbst ihren Leib der Vernichtung preisgaben, wodurch die Rettung der Seele gewonnen wird.

Eitel waren die Bemühungen der griechischen Weisen, über Gott zu reden, deshalb, weil sie den Schöpfer und die Geschöpfe nicht voneinander zu trennen wußten. Diese hat die Nacht der Dämonen verfinstert und so irrten sie ab zur Einführung vieler und zahlloser Göttergeburten. In dieser Art hat Hesiod, einer ihrer Weisen, viele Göttergeburten angenommen. Und der eitle Schwätzer Homer folgt ihm dabei. Mit kunstvollen Worten faselt er das gleiche. Und viele andere Philosophen versprechen, mit fabelhaften Worten bestrickend, von Gott eine Darstellung zu geben. Die Gott nicht kennen und den Schöpfer von den Geschöpfen nicht zu trennen wissen, wie sollten sie es sich in den Sinn kommen lassen, über Gott zu reden? Am allermeisten jener, welchen sie für den allerweisesten halten, Plato, der über Gott, die Seelen und die Geschöpfe zu handeln sich angetrieben fühlte.

Und nun laßt uns gegen ihn mit unerschrockenem Worte kämpfen, der den Griechen mehr als alle Philosophen fromm erschien. Denn es zeigt sich, daß er am meisten Gott verkannte und die Geschöpflichkeit der Geschöpfe. Dann nämlich, wenn wir seine hochgeschätzten Ansichten herabsetzen und ihn aus den Augen seiner betrogenen Anhänger herausnehmen, dann werden wir zeigen, wer Gott ist, und was seine Geschöpfe sind.

Und eines, was Plato am wenigsten glaubte aussprechen zu dürfen, das ist, daß Gott immer war und keine Geschöpfe (neben sich) hatte. Ich freue mich an seinem guten Willen, daß er über Gott forschte, aber seinen Hochmut lobe ich nicht.

Viertes Buch: Widerlegung der Sekte des Marcion.

Der Sektierer Marcion führt ein anderes Wesen gegen den Gott des Gesetzes ein und stellt ihm die Materie als wesenhaft seiend zur Seite und drei Himmel. Im einem, sagen sie, wohnt der andere (d. h. als der Gott des Gesetzes), im zweiten der Gott des Gesetzes und im dritten seine Heerscharen. Und auf der Erde (ist) die Materie. Sie nennen dieselbe die Kraft der Erde.

Und die Ordnung der Welt und der Geschöpfe erzählt er wie das Gesetz (d. h. Moses). Aber er fügt auch hinzu, daß er durch Beteiligung mit der Materie erschuf, was alles er erschaffen hat. Einer Frau und einem Eheweib gleich war die Materie. Nachdem er die Welt erschaffen hatte, ging er selbst mit seinen Heerscharen in den Himmel. Die Materie und ihre Söhne blieben auf der Erde, und es ergriffen beide Teile Besitz von ihrer Herrschaft, die Materie auf der Erde und der Gott des Gesetzes im Himmel.

Und als der Gott des Gesetzes sah, daß die Welt schön ist, dachte er, auf ihr den Menschen zu erschaffen. Er stieg hinab zur Materie auf der Erde und sagte: Gib mir von deinem Lehm und ich gebe meinerseits Geist und so wollen wir den Menschen schaffen nach unserem Gleichnis. Da gab ihm die Materie von ihrer Erde, und er schuf ihn und hauchte in ihn Geist, und es wurde der Mensch zum lebendigen Hauche. Daher wurde er Adam genannt, denn aus Lehm war er gemacht worden. Und er schuf ihn und eine Gattin für ihn und setzte sie ins Paradies, wie das Gesetz erzählt. Da kamen sie immer und gaben ihnen Befehle und freuten sich an ihnen wie über einen gemeinsamen Sohn.

Und wie, so sagt er [Marcion], der Gott des Gesetzes, welcher der Herr der Welt war, sah, daß Adam edel sei und würdig für den Dienst, überlegte er, wie er ihn der Materie rauben und auf seine Seite allein als Bundesgenossen hinüberziehen könnte. Er nahm denselben auf die Seite und sagte: „Adam, ich bin Gott und es gibt sonst keinen. Und außer mir sollst du einen anderen Gott nicht haben. Wenn du einen anderen Gott außer mir haben würdest, so wisse, daß du des Todes sterben wirst.“ Und wie er das zu ihm sagte und ihn an den Namen des Todes erinnerte, da wurde Adam vom Schrecken erfaßt und begann nach und nach von der Materie sich zu trennen.

Wie nun ihrer Gewohnheit gemäß die Materie wiederkam und ihnen Befehle gab, sah sie, daß Adam ihr nicht gehorchte, sondern mit Bedacht sie zurückwies und sich ihr nicht näherte. Da faßte die Materie Bedenken und erkannte, daß der Herr der Geschöpfe sie betrogen habe. Sie sprach: ,,Von der Quelle des Wassers ist das Wasser getrübt.“ Was bedeutet das? Noch hat sich der Mensch nicht durch Geburt vermehrt und schon hat er unter dem Titel seiner Gottheit ihn von mir weggestohlen. Weil er gegen mich Haß gezeigt und den Bund mit mir nicht gehalten hat, werde ich nun viele Götter machen und mit ihnen die Erde erfüllen nach ihrem ganzen Sein, damit er forschen muß, wer eigentlich Gott sei und er nicht gefunden wird.

Und sie machte, so lehren sie, viele Götzen und nannte sie Gott und erfüllte mit ihnen die Erde. Da ging der Name Gottes, des Herrn der Geschöpfe, unter inmitten der Namen vieler Götter und ward nirgends mehr gefunden. Durch sie geriet sein Geschlecht auf Irrwege und diente ihm nicht mehr, denn die Materie zog alle an sich und ließ gar niemand mehr frei, ihm zu dienen. Da, so sagen sie, erzürnte der Herr der Geschöpfe, daß sie ihn verlassen hatten und der Materie gehorchten. Und einen nach dem andern, welche ihre Leiber verlassen hatten, warf er aus Zorn in die Hölle. Und Adam warf er in die Hölle wegen des Baumes. Und so warf er nach und nach alle in die Hölle bis zum Ablauf von neunundzwanzig Jahrhunderten.

Auch der gute andere Gott, sagen sie nun, welcher im dritten Himmel sitzt, sah, daß so viele Geschlechter verlorengingen und der Qual überliefert wurden als Zankapfel (arm: inmitten) zweier Neider, nämlich des Herrn der Geschöpfe und der Materie. Und es schmerzten ihn die ins Feuer Gestürzten und der Qual Verfallenen. Er sandte seinen Sohn, auszuziehen und sie zu befreien und die Gestalt des Knechtes anzunehmen und in Menschengestalt aufzutreten unter den Kindern des Gottes des Gesetzes. Du sollst, so sagte er zu ihm, ihre Aussätzigen heilen, ihre Toten zum Leben erwecken, ihre Blinden öffnen und unter ihnen große Heilungen umsonst wirken, bis der Herr der Geschöpfe dich sieht, beneidet und dich ans Kreuz erhöht. Dann, wenn du gestorben bist, steigst du hinab in die Hölle und führst sie von dort heraus. Denn die Hölle ist es nicht gewöhnt, das Leben in sich aufzunehmen. Deswegen auch kommst du an das Kreuz, damit du den Toten gleichst und die Hölle wird ihren Mund auftun, dich zu verschlingen. Du gehst nun mitten in sie hinein und wirst sie leeren.

Und als sie ihn ans Kreuz erhöht hatten, da stieg er, wie sie sagen, in die Hölle hinab und leerte sie. Er führte die Geister aus ihr heraus und brachte sie in den dritten Himmel zu seinem Vater. Der Herr der Geschöpfe erzürnte und zerriß im Zorn seinen Mantel und den Vorhang seines Tempels, dann verfinsterte er seine Sonne und kleidete in Dunkel seine Welt und saß traurig voll Betrübnis.

Da stieg Jesus in der Gestalt seiner Gottheit zum zweitenmal hernieder zum Herrn der Geschöpfe und hielt Gericht mit ihm wegen seines Todes. Als der Herr der Welt die Gottheit Jesu sah, da erkannte er, daß noch ein anderer Gott ist als er. Und Jesus sprach zu ihm: „Jetzt ist Gericht durch mich gegen dich, und niemand anders soll Richter sein zwischen dir und mir als deine Gesetze gerade, die du geschrieben hast. Als sie die Gesetze vorgelegt hatten, sprach Jesus: „Hast nicht du in deinen Gesetzen geschrieben, wer tötet, der soll sterben; und wer das Blut eines Gerechten vergießt, dessen Blut sollen sie vergießen?“ (Gen. 9, 6.) Er sprach: „Ja, das habe ich geschrieben.“ Und Jesus sprach zu ihm: „Also ergib dich in meine Hände, damit ich dich töte und dein Blut vergieße, wie du mich getötet und mein Blut vergossen hast. Denn ich bin gehörigermaßen gerechter als du. Und auch deinen Geschöpfen habe ich große Wohltaten erwiesen. (Anschließend) fing er an, die Wohltaten aufzuzählen, welche er seinen Geschöpfen erwiesen hatte.

Als der Herr der Geschöpfe sah, daß er über ihn obsiegte, und als er nicht wußte, was er sagen sollte, weil er durch seine eigenen Gesetze der Schuld überführt wurde, und er nichts fand, was er zur Antwort hätte geben können, weil er des Todes schuldig war wegen des Todes jenes, da flehte er ihn an und bat: „Dafür, daß ich gesündigt und dich unwissentlich getötet habe, wußte ich doch nicht, daß du Gott seiest, sondern hielt dich für einen Menschen, will ich dir diese Sühne zum Ersatz geben, alle, welche an dich glauben wollen, sollst du hinführen, wohin du willst. Da ließ Jesus von ihm ab und nahm in einer Entrückung den Paulus und offenbarte ihm den Preis. Und er sandte ihn aus, zu verkünden, daß wir um einen Preis losgekauft sind, und jeder, der an Jesus glaubte, vom gerechten (Gott) dem Guten verkauft ist.

Das ist der Anfang der Sekte des Marcion, abgesehen von vielen anderen geringfügigen Dingen. Doch das wissen nicht alle, sondern nur wenige von ihnen. Sie pflanzen ihre Lehre einander mündlich fort. Sie sagen: Der andere (Gott) hat uns vom Herrn der Geschöpfe um einen Preis erkauft. Doch auf welche Weise und womit er sie erkauft habe, das wissen nicht alle.

Erwiderung: Wahrhaftig, es ist, wie der selige Apostel sagt: „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott“ (Kor. 3, 19) [= 1. Kor. 3, 19a]. Was nehmen sie an, was stellen sie sich zusammen oder mit wessen Worten reden sie?

Wenn der Gott der Gesetze ihm als Wahrheit gilt, von dem er alle Geschöpfe herleitet, dann sollte der andere (Gott), den er als Räuber jenem gegenüber einführt, nicht nach den Geschöpfen jenes verlangen, gleichviel, ob sie in Qualen sich befanden oder in der Ruhe. Denn wenn er ein Gott war, dann ziemte es sich auch für ihn, Geschöpfe zu erschaffen und nicht nach den Geschöpfen eines anderen zu verlangen. Allein, da er nichts erschuf, so ist klar, daß er auch selbst gar nicht existierte, denn wenn er wie Gott war, dann müßte er auch alle Macht in sich haben. Und wenn er in sich selbst eine solche Weisheit nicht hatte, dann hätte er wenigstens auf den Schöpfer der Welt hinschauen und doch von ihm die Kunst erlernen sollen. Andernfalls, wenn er ihn nicht nachahmen konnte, dann hätte er doch die Materie nachahmen können, welche über die Erde hinzieht (?) und doch teilhaft wurde der Schöpfung des Schöpfers. Aber es ist ja klar, daß Abirrungen des Geistes die Sekte bringen, aber nicht die Wahrheit.

Daß er zuvörderst einen Gott der Gesetze und als seinen Genossen die Materie annimmt, das hat er von den Philosophen gestohlen, welche bei Gott die Schwachheit voraussetzen, daß er nicht aus nichts etwas erschaffen könne, sondern nur aus der vorliegenden Materie. Und wenn sie auch tausendfach zu dem Namen des „andern“ und seines Sohnes Jesu, den sie den wohltätigen nennen, ihre Zuflucht nehmen, so sind sie doch gar nicht von den Heiden unterschieden. Denn so, wie jene viele Götter bekennen, so verkünden auch diese dieselben Götter; und sie sind des Todes vielmal schuldig; denn, erschaffen vom Gott der Gesetze, rufen sie den Namen des fremden an wie Verräter, welcher auch unter den Menschen nicht verehrt wird. Denn es kann ein Knecht des Königs der Könige nicht den Kaiser anrufen, noch ein Knecht des Kaisers zu den Sassaniden sich schlagen, andernfalls wird er der Todesstrafe schuldig befunden.

Ferner lehren auch jene Geburten vieler Götter. Und diese sagen, daß auf dem Wege der Vermählung des Gottes der Gesetze mit der Materie alle Geschöpfe erschaffen worden seien. Worin sollten sie auch besser sein als die Magier, welche ihre Götter aus der Vermählung herleiten. Nun sollen sie zeigen, welcher Geist ihnen diese Gesetze gegeben hat. Denn vom Heiligen Geist, welcher in den Propheten und in den Aposteln gesprochen hat, sind sie abgewiesen.

Doch sie sagen: „Paulus wurde in den dritten Himmel entrückt (2 Kor. 12, 21) [= 2. Kor. 12, 2]. Er hörte die unaussprechbaren Worte, welche wir verkünden.“ Fürwahr, Paulus sagt: „Was die Menschen nicht aussprechen dürfen“ (2 Kor. 12, 4). Also waren sie auch für Marcion, wenn er ein Mensch ist, unaussprechbare Worte. Und auch er ist ein Mensch, ja, er ist der mindeste von allen Menschen, er, der die Wahrheit des Heiligen Geistes verlassen hat, hinsitzt und Märchen zusammenspinnt. So frech ist er geworden durch den Geist der Hölle, daß er eine Auswahl vornahm unter den Aussprüchen des Heiligen Geistes und den einen Teil der Evangelien auswählte, um ihn anzunehmen, den andern Teil als etwas Verkehrtes verwarf. Ähnlich verfuhr er mit den apostolischen Briefen, und das Alte Testament verwarf er völlig, gleich als wäre es von einem Verdorbenen, nicht von einem Guten.

Der Apostel sagt dazu: „Unerzählbar sind die Worte, die ich hörte“ (2 Kor. 12, 4). Marcion dann behauptet: „Ich habe sie gehört.“ Geziemt es sich nun aber, dem Apostel beizupflichten, welcher diese Worte für unaussprechlich hält oder dem Marcion, der, in Niedrigkeit versunken, die Worte entwertete.

Sodann, wenn der Gott der Gesetze ewig war, so mußte er wahrlich auch die Zukunft vorauswissen und allwissend sein. Und wäre er nicht voraussehend und allwissend gewesen, so wäre er auch nicht vollkommen gewesen. Dieser zeigte sich wahrlich als vollkommen dadurch, daß er den ganzen Himmel und die ganze Erde erschaffen hat, und nicht bloß einen Himmel, sondern zwei und seine vielen Heerscharen. Und er, der zu diesem allen die Macht hatte, wie sollte der nicht haben wissen können, daß einer über ihm sei, vor welchem er sich zu fürchten habe? Und wenn er das wußte, weshalb versorgte er sein Bereich nicht mit Schutzvorrichtungen, daß kein Feind dahin Eingang fand, der seine Geschöpfe beständig zum Abfall von ihm brachte?

Und wenn „der Gute“, wie sie ihn nennen, hinwieder gemäß ihren Angaben von Natur aus gut war und in ihm von Bosheit nichts zu finden war, dieweil er andern nur Gutes zudachte, warum hat er gerade für ihn Böses beabsichtigt und ihn mit Betrübnis von Seiten seiner Geschöpfe erfüllt. Denn der erschafft immer Menschen und, da jener sie ihm immer entreißt, versetzt er ihn immer in Trauer. Das ist aber nicht eines Guten, sondern eines Bösen Werk.

Überdies, wie hätte auch der nach ihrer Benennung Gerechte, wenn er wirklich gerecht wäre, als er nach der Teilung der Herrschaftsgebiete für sich die beiden Himmel genommen und der Materie und ihren Sprößlingen die Erde allein gelassen hatte, dazu kommen können, zugleich auch nach ihrer Erde zu verlangen und zu sagen: „Gib mir von deinem Lehm und ich werde von mir Geist geben, und wir wollen den Menschen nach unserem Ebenbild schaffen.“ Das war doch nicht die Handlungsweise eines Gerechten, daß er nach der Welt eines anderen Begierden trägt, sondern vielmehr des Ungerechten.

Oder wie konnte die Materie so betört werden, daß sie, einmal von ihm getrennt, wieder mit ihm eine Gemeinschaft schloß und sich selbst täuschte und dem Fremden Teil gab an ihrer Welt, damit er den Adam und seine Gemahlin erschaffe, welcher bald dieser, bald jenem sich anschloß.

Warum aber nennen sie auch den Gerechten allein Herrn der Geschöpfe, denn von Anfang an hat er, wie sie sagen, nichts für sich allein erschaffen, sondern sie erschufen gemeinsam, was immer sie erschufen. Zum zweiten erschufen sie aus einem gemeinsamen Stoff den Menschen, und beide waren gleichmäßig über ihn erfreut. Wenn, wie sie sagen, gerecht allein der Gott der Gesetze war, so ist es offenbar, daß er auch ihm die Gebote der Gerechtigkeit gab. Und wenn die Materie allein böse war, so war es notwendig, daß sie böse Ratschläge erteilte.

Wie kommt es dabei, daß beide sich an ihm freuten, da sie doch einander gegensätzliche Befehle gaben, der eine in betreff des Guten als wie gut, der andere in betreff des Bösen als wie böse? Denn der Gerechte, der von Natur aus gerecht ist, kann nichts Böses in seinen Befehlen vorschreiben, und der Böse, der von Natur böse ist, kann nicht zum Guten einen Antrieb geben.

Woher hätte es des weiteren kommen sollen, daß das Böse erfreut war, das doch immer finster und mürrisch war, oder daß der Gerechte betrog, da er doch von Natur rechtschaffen und gerechter Denkart war? Für diesen war es nicht möglich, den Menschen, das gemeinsame Geschöpf, für sich zu entziehen. Aber für den Gerechten war es nötig zu denken: Wie wir ihn gemeinsam erschaffen haben, so ist es auch geziemend, daß wir uns zusammen an ihm erfreuen. Doch nicht wie ein Gerechter, sondern wie ein verschlagenes und argwöhnisches Wesen nahm er den Menschen auf die Seite und täuschte ihm vor: „Ich bin Gott und es ist kein anderer außer mir.“ Und für Adam hätte es sich gepaßt, daß er gesagt hätte: Da du mich schaffen wolltest, war noch ein anderer Gott, als du die Erde suchtest. Wie willst du mich zu dir allein hinzuziehen, als ob du allein Gott seiest und kein anderer außer dir.

Allein vielleicht erschrak er über die Kunde vom Tode, den er doch leiden mußte, ob er wollte oder nicht. Und das wußte er nicht, daß für sein Betrügen die Materie ihn betrüge und seinen alleinigen Namen untergehen lassen werde unter den Namen vieler Götzen, die sie machte zum Fallstrick für die Menschen. Für diesen Schaden ist auch nicht der verantwortlich, welcher hintennach sündigte, sondern derjenige, welcher mit dem Betrug anfing. Hätte jener solche Künste nicht gezeigt, so würde die Materie sie nicht begriffen haben. Er ward aber zum Lehrer, sowohl seiner Betrügerei, als auch der Hinterlist der Materie.

Und als er sah, daß keiner ihm diente, erzürnte er und machte sie sterblich, und die Seelen aller, welche ihre Leiber verlassen hatten, warf er der Reihe nach in die Hölle.

Warum nun warf er nicht, bevor er sie in die Hölle warf, den hinab, der sie verführt hatte? Nicht deshalb, weil er ihn nicht bemeistern konnte? Wenn also die Materie gewaltiger war als er, warum gab sie die von ihr Betrogenen jenen in die Hände, sie zu quälen?

Der Gerechte, wenn er wirklich gerecht war, durfte aber auch fürderhin keine Menschen mehr erschaffen, denn er wußte, daß die Materie sie betören werde. Vielmehr war es am Platze, daß er als Gerechter überlegte: Was nützt es, daß ich schaffe, wenn ein anderer sie mir wegnimmt? Er hätte auch kein Recht, sie zu strafen, denn er wußte, daß das Wort anderer sie zum Sündigen gebracht hatte.

Ein anderer Punkt, den sie lehren, ist noch gottloser als alles, nämlich, daß der Gute, der im dritten Himmel wohnte, neunundzwanzig Generationen hindurch sah, wie die Seelen in der Hölle Qualen litten, dann Mitleid fühlte und seinen Sohn Jesus ausschickte, damit er gehe und die Ähnlichkeit eines Knechtes annehme und in der Gestalt des Menschen auftrete. Wenn er so mitleidig war, warum schickte er dann nicht sofort seinen Sohn, daß er gehe und sie befreie, sondern erst nachdem neunundzwanzig Generationen hindurch so viele Seelen der Höllenqual verfallen waren.

Indes, woher kommt er zunächst dazu, vom dritten Himmel zu reden? Denn Moses spricht nur von zwei Himmeln (Gen. 1, 6―8). Wie eben alle Häretiker irren, so auch dieser. Der eine spricht nämlich von zehn Himmeln, der andere von sieben und Marcion von drei. Ihren Irrtum wollen sie aus der Heiligen Schrift beweisen, da die heiligen Bücher von Himmeln und von Himmeln der Himmel in der Mehrzahl reden.

Wenn sie von niemand durch Fragen im Zaum gehalten werden, dann faseln sie außerhalb der Heiligen Schrift. Wenn sie sich aber in Gefahr sehen, dann flüchten sie zur Schrift. Doch Himmel und Himmel der Himmel finden wir in der Heiligen Schrift deshalb, weil man in der hebräischen Sprache Himmel (in der Einzahl) nicht sagen kann, wie auch in der syrischen Sprache nicht Wasser oder Himmel; sondern das Einzählige wird in der Vielzahl ausgedrückt.

Und es ist klar, daß die Septuaginta bei der Übersetzung in die griechische Sprache sagen: Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, gleichwie betreffend des einen Himmels Kunde gebend. Und in syrischer Sprache heißt es, da man dort nicht Himmel in der Einzahl sagen kann: Im Anfang schuf Gott die Himmelmasse (yathnjerkins) und die Erdmasse. Obwohl es ihnen nicht möglich ist, in der Einzahl von einem Himmel zu reden, so tut doch die Übersetzung durch den Gebrauch von yathn, welches Masse (Element, Körper) bedeutet, kund, daß sie wie von einer Masse des einen Himmels (redet). Auch das sichtbare Firmament, welches vom Wasser getrennt wurde, übersetzen die Siebzig durch Himmel in der Einzahl (Gen. 1, 6 ̶ 8). Daraus geht hervor, daß der obere Himmel und der untere Himmel zwei Himmel sind, nicht aber drei oder noch mehr.

Nun sagen sie: Paulus sagt, daß ein solcher so in den dritten Himmel entrückt wurde (2 Kor 12, 8) [= 2. Kor. 12, 2]. Doch das wissen sie nicht, daß noch nicht klar ist, ob er ,,bis in den dritten Himmel“ sagt, oder bis in den dritten Teil des Himmels, irgendwie unter den vielen Teilen des einen Himmels. Denn in der griechischen Sprache trifft das Wort beides. Ganz besonders, da er ohne den Artikel spricht, welcher ν ist; denn er sagt nicht bis zum dritten Himmel, sondern bis zum dritten des Himmels, den Singular gebrauchend. Damit gibt er einen Fingerzeig, daß er in den dritten Teil von den vielen Teilen des Himmels entrückt wurde, deshalb fügt er hernach an: ein solcher wurde entrückt in das Paradies. Und das Paradies ist doch nicht der dritte Himmel, ja, es ist gar nicht einmal im Himmel, sondern auf der Erde. Das bezeugen sie auch selber, daß sie den Menschen, als sie ihn erschaffen hatten, in das Paradies setzten, welches auf der Erde und nicht im Himmel ist.

Es wird aber auch die Höhe Himmel genannt, wie z. B. die Schrift sagt: die Vögel des Himmels und der Tau des Himmels und die Wolken und Winde des Himmels. Nicht als ob diese im Himmel wären, sondern weil sie in der Höhe sind, werden sie „des Himmels“ geheißen. Ja selbst bezüglich der Bäume, die doch nur ein wenig in die Höhe ragen, sagen wir, sie seien himmelhoch. Und vom Rauche, daß er zum Himmel reicht. In dieser Weise ist auch des Paulus‘ Wort vom dritten Himmel zu verstehen.

Beginne mit dem ersten und steige zum zweiten, und gelange in den dritten Luftraum, der in der Schrift Himmel genannt wird, und du findest, was der heilige Paulus sagt: „Und ich hörte unaussprechbare Worte, welche niemand aussprechen darf,“ Obschon er Apostel war und ein Gefäß der Auserwählung, so war er doch der Genosse des Petrus, der Mitknecht der Donnerssöhne, im Predigen Gefährte des Barnabas; weshalb sollte er allein die unaussprechlichen Worte hören und sprechen dürfen, seine Genossen aber nicht? War denn nicht eine Gnade in allen und ein und derselbe Geist in ihnen? Und unaussprechlich heißen die Worte, nicht, als ob sie für ihn aussprechbar gewesen wären, für seine Genossen aber unaussprechlich, sondern im Sinne des Ausspruchs, den Paulus im ersten Brief an die Korinther tut: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, und was in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben [=1. Kor. 2, 9].“

Auch das ist im Sinne der Worte zu denken: Nicht als wäre ich allein der tieferen Geheimnisse gewürdigt worden, der ich der Unterste bin unter den Aposteln, allein auch wenn Petrus, der das Haupt der Apostel ist, es sehen würde, so könnte er es nicht aussprechen, und wenn er es hörte, so könnte er es nicht wiedergeben. Denn es ist unaussprechlich und erhaben über den Verstand und die Sprache der Menschen. Und deswegen sagt der Apostel: „Obwohl ich es sah, kann ich es nicht wiedergeben, und obwohl ich es hörte, kann ich es nicht darlegen.“

Ferner, wessen Gott wurde der Beschützer der Geschöpfe wessen Gottes, sowohl als sie in Qualen lagen, als in der Ruhe? Und weshalb hat er den Übergang Jesu in seine Welt nicht wahrgenommen, weshalb keiner aus seinen Heerscharen, weshalb keiner von den andern seinen Weggang? Und wenn sie von ihm als Gott kein Geräusch wahrnehmen konnten, warum vernahmen sie nicht den Hall so vieler Seelen, welche er an ihnen vorbei, in seinen Himmel erhob?

Warum dann gaben auch die Wächter des Kerkers der Seelen ihrem Herrn keine Meldung? Doch es ist ja klar, daß es leere Worte sind und unglaubwürdige Erzählungen.

Wenn er zudem bloß der Ähnlichkeit nach Mensch wurde, und Kreuz, Leiden und Tod nur Schein waren, dann ist auch keine Erlösung bewirkt worden. Doch warum befreite er die Geschöpfe eines andern, die er selbst nicht geschaffen hatte? Das ist nicht des Guten Werk, sondern das des Ungerechten, daß er heimlich sich einschleicht in das Haus eines anderen und ihn betrügt.

Doch wir wollen auch danach fragen: War Jesus körperlich oder unkörperlich? Sagen sie, daß er unkörperlich war, dann mögen sie hören: Wenn er ohne Körper kam, und hier, wie sie sagen, sich nicht mit einem Körper umkleidete, dann ist es klar, daß er weder etwas gab, noch etwas nahm, nicht starb und nicht erlöste. Und Marcion spricht umsonst: Wir sind der Preis des Blutes Jesu. Denn es wurde weder sein Blut vergossen, noch wurden wir erkauft, deshalb, weil nach ihrer Aussage Kreuz und Tod nur Schein, aber nicht Wahrheit waren. Die Juden widerlegen sie auch, welche bis heute darauf bestehen: Unsere Väter haben Jesus ans Kreuz erhöht. Damit wird ganz klar bewiesen, daß Christus nicht nur scheinbar, sondern in Wahrheit ans Kreuz kam. Denn auch für unsere wahrhaftige Auferstehung hat er seine eigene Auferstehung als Vorbild aufgestellt.

Und wenn Jesus, wie sie sagen, als Richter und Mittler die Gesetze des Gerechten gefordert hätte, dann wäre er sofort durch die Gesetze vielmal des Todes schuldig erwiesen worden, weil er vor seiner Kreuzigung viele geraubt hat. Das tat er zudem nicht nur allein, sondern er wählte auch viele andere von ihnen aus und sandte sie, Jünger zu sammeln und zu ihm zu führen.

Dabei beließ er es zudem nicht einmal, sondern gab ihnen auch die Gewalt, die Scharen ihres Herrn niederzutreten, und warf Schwert und Zwist in sein Haus und entfachte ein Feuer unter den Geschöpfen jenes, bis man seine Gesetze kürzte und unterdrückte in den Tagen Johannes des Täufers, und bis sein Reich verkündigt wurde mit Aussendung vieler Prediger zur Predigt und vieler Schnitter zur Ernte, die er doch selbst nicht gesät hatte. Und ehe noch irgendjemand ihm einen Schaden zufügte, ehe man ihn kreuzigte und sein Blut vergoß, raubte dieser jenem sein Haus aus und zerstörte sein Reich. Und jener stand dabei und schwieg und fügte ihm keinen Schaden zu!

Wie können sie auch sagen, daß er durch seine Kreuzigung den Marcion erkaufte. Denn siehe, alle diese Scharen von großer Zahl hat er an sich gerissen, schon ehe er ans Kreuz gekommen war.

Doch, sie sagen: diese nahm er für sich als Preis der Heilungen. Er heilte die Kranken, machte die Aussätzigen rein, erweckte die Toten, gab den Gelähmten Kraft und trieb die Teufel aus. Und wäre irgendein Arzt, welcher den Sohn von irgendjemand heilte, und keinen Lohn nimmt, sondern den Geheilten selbst ganz und gar als Preis der Heilung fordert? Räumen wir auch ein, daß die Geheilten ihm zufielen für die Wohltaten, weshalb hat er aber auch jene, welche er nicht geheilt hat, an sich gelockt und sie von ihrem Herrn abgebracht? Das war nicht die Art des Guten, sondern des Betrügers.

Und wie konnte er die Gesetze zum Richter verlangen, denen er schon, ehe ihm der Tod angetan ward, im Hause jenes soviel Abtrag getan hatte; zumal er auch wußte, daß die Gesetze ihn verurteilen und nicht rechtfertigen. Wenn er in Gestalt eines Israeliten in das Haus jenes kam, so war er ja gleichwohl zu verurteilen. Denn im Gesetze steht geschrieben, daß jeder Jude, der das Gesetz übertritt, getötet werden soll, und wer nicht beschnitten würde, und den Sabbat nicht hielte, sollte sterben (Gen. 17, 14; Exodus 35, 2). Und er übertrat das Gesetz und erschütterte die (jüdische) Religion und war nach dem Gesetz der Todesstrafe verfallen. Und auch wenn er in der Gestalt anderer Völker zu ihnen gekommen wäre, so war ihnen zuvor ja befohlen, die fremden Völker zu töten und nicht zu schonen, nachher aber bestand bezüglich der Ankömmlinge und Fremdlinge, daß sie des Todes sterben sollten, wenn sie die Religion des Gesetzes nicht beobachteten. Er war also auch so nach dem Gesetz des Todes schuldig.

Käme es vor, daß jemand heimlich in das Haus seines Nächsten hineinginge, um etwas zu verderben, und wenn er ertappt wird, nicht des Todes schuldig wäre? Oder, daß jemand den Sohn oder Knecht eines andern zur Ungebührlichkeit und Widersetzlichkeit anstiftete, und man ihn nicht um den Kopf strafte, wenn man hinter ihn kommt? Oder gäbe es jemand, der als Späher in das Reich eines andern hineingeht, und es heimlich ausforscht, und den sie nicht sofort töteten, wenn sie ihn entlarvten?

In ähnlicher Art hat Jesus vor seiner Kreuzigung dem Gesetz vielen Schaden zugefügt im Hause des Gerechten. Und nach dem Gesetz, das er zum Richter verlangte, wurde er vielmal des Todes schuldig befunden. Denn als Fremder war er in das Haus eines andern eingedrungen und hatte darin großes Unheil angerichtet. Das Gesetz und die Propheten desselben hemmte er und verkündigte sein eigenes Reich.

Doch wer wäre es, der solch große Dinge tun könnte, wenn nicht der Herr von allem, der gesagt hat: „Alles ist mir von meinem Vater in die Hand gegeben“ (Matthäus 11, 27)? Daraus ergibt sich, daß ihm nicht als einem Fremden auf dem Weg des Raubes, sondern vom Vater alles gegeben worden war, und daß er als Herr der Gesetze dem Gesetz das Ende brachte. Und ehe er ans Kreuz kam, offenbarte er sein Reich.

O ihr Unverständigen, da ihr nicht begriffen habt, daß der Vater Jesu der Herr von allem ist, weil er alles in seine Hand gegeben hat. Er ist auch der Herr der Welt, und nicht derjenige, welchen ihr dafür hieltet, der gar nicht existiert. Denn alles, was neben ihm Gott genannt wird, das ist nicht Gott von Natur. Und noch vieles andere zeigt, daß unser Herr zu den Seinigen kam, und nicht zu Fremden. Er und sein Vater sind der eine Herr der Welt. Am besten zeigt der Verwundete, der, als er von Jerusalem nach Jericho ging, von den Räubern verwundet wurde, daß Christus für den Verwundeten kein Fremder war, sondern sein Nächster und sein Verpfleger. So hat er auch zu dem Pharisäer gesagt: Du hast recht geurteilt (Luk. 10, 30) [= Lukas 10, 28]. Und von dem Schafe und der Drachme, die verloren waren und gefunden wurden, ist klar zu folgern, daß er zu den Seinigen kam, nicht aber zu Fremden (Lukas 15, 4-8).

Übrigens entwerten sie auch ein anderes Wort, das der Apostel richtig gesprochen hat: Daß, wenn er alle Herrschaften und Mächte wird niedergeworfen haben, er herrschen muß, bis alle seine Feinde unter seine Füße gelegt werden. Und sie sagen, daß der Herr der Welt sich und seine Welt für Ewigkeit zerstört (Kor. 15, 24 f.)[= 1. Kor. 15, 24 f.].

O ihr Unverständigen! Wenn es in seiner Hand liegt, zu bauen und niederzureißen, und er diese Welt, weil sie altert und hinwelkt, zerstört, warum sollte er nicht eine andere und schönere erschaffen, als sie war? Wenn er, ehe die Welt war, sie zu ersinnen und durch sein Wort zu erschaffen wußte, warum sollte er jetzt, da er gehört und erfahren hat, daß noch eine andere Welt eines Fremden besteht, schöner und vornehmer als die seine, nicht eine bessere als jene machen, so daß auch die Bürger des Fremden wegen ihrer Schönheit und Herrlichkeit nach ihr verlangten? Denn wie er die Macht besaß, die erste durch sein Wort zu erschaffen, so war er, wenn er wollte, auch mit der Macht versehen, eine vornehmere als diese zu schaffen. Warum sollte dann er, der so mächtig ist, sich selbst erniedrigen und zum Schemel der Füße eines anderen werden und nicht seine Welt von neuem erschaffen, schöner als zuvor, und über sie ewig herrschen.

Aber wenn ihn der Fremde hinderte? Wenn derselbe um so viel mächtiger ist als er, daß er ihn hindern kann, dann ist er auch nicht der Herr von allem, wie er (Marcion) doch selbst sagt, sondern ein Knecht unter der Herrschaft eines andern.

Oder womit beweist ihr, daß der Herr der Gesetze seine Welt niederreißen wird? Etwa deshalb, weil bei seinen Propheten geschrieben steht: Die Himmel werden zusammengerollt werden wie Pergament, und die Erde wird zerschmelzen wie Wachs (Judith 16, 18; Ps. 96, 5 )[= Judit 16, 18; Ps. 97, 5]. Allein es steht auch bei den Propheten geschrieben: „Ich werde einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen“ (Is. 65, 17). So geht aus der Prophetie hervor, daß er diese Welt zerstören, aber eine neue schaffen wird, wie auch ihr selbst bezeugt habt.

Aber auch auf das Weitere gebt Antwort: Wer ist der, welcher die Herrschaften und Mächte niederbeugen wird? Wisset ihr nicht aus dem Apostel, daß Christus die Herrschaften niederbeugt und alle seine Feinde unter seine Füße legt? Nicht ist es der, von dem ihr redet, der gar nicht existiert, noch etwas geschaffen hat, noch schafft, sondern unser Herr und sein Vater, welche die Macht haben, alles zu erschaffen und alle Gegner zum Gehorsam unter ihre Füße zu beugen.

Wenn dann ferner ein Fremder die Macht hatte, wie Marcion sagt, die Seelen aus den Qualen zu erlösen, weshalb hat er nicht mit Gewalt Hand angelegt und die Seelen der Gequälten an sich gezogen, sondern ließ es zuerst zu, daß sie gequält wurden und befreite sie erst nachher, ja auch das nicht mit offenem Mut, sondern mit List und um den Kaufpreis des Blutes?

Sie erwidern: Er tat das aus Barmherzigkeit. Als er die Seelen der Gequälten in der Hölle in Bedrängnis sah, sandte er seinen Sohn aus, sie zu befreien. Wenn er nun diese befreite, was sollten die späteren tun, welche in dieselbe Hölle fallen mußten? Tat er aus Barmherzigkeit, was er tat, daß er doch die Ankunft seines Sohnes bewahrt hätte bis ans Ende der Welt und ihn dann gesandt hätte, damit er an allen Barmherzigkeit geübt und alle zum Leben geführt hätte, statt zu eilen und ihn in der Mitte der Zeiten zu schicken! So war für die letzten, welche dorthin gerieten, keine Möglichkeit mehr, frei zu werden. Denn von nun ab hütet sie der Quäler.

Jedoch sie irren sehr und vergessen, daß es keinen schlechten Baum gibt, der gute Früchte bringt, und daß man keine Trauben an den Dornen und keine Feigen von den Disteln sammelt“ (Luk. 6, 43. 44), und daß ein jeder das Seine empfängt.

Eine weitere ihrer Behauptungen lautet: Die Hölle nimmt das Leben nicht auf; deshalb kam er ans Kreuz, damit er als ein Toter hinabsteige und ihn die Hölle aufnehme.

Wird also niemand lebend dorthin geschickt, weder ein sündiger Mensch, noch Satan und die Dämonen im Leben? Wenn dem so wäre, würden auch diese nicht aufgenommen. Wohin ging aber nun Jesus als Toter? Etwa in das irdische Grab, das die Schrift Hölle nennt? Wohlan, dort sind keine Seelen und kein Feuer, sie zu quälen. Und wenn sie sagen möchten: In die Hölle ging er als Toter, so sind diese Worte nicht gerechtfertigt. Denn der Apostel gibt nicht zu, daß er zweimal des Todes starb, sondern nur einmal, den Tod des Kreuzes, den er mit seinem Leibe trug und gehorsam wurde bis zum Tode des Kreuzes. Er lehrt nicht, daß ein anderer ihn richtete und ihn in die Hölle stürzte, sondern, daß der Vater ihn in den Tod gab. Und wieder, daß er sich selbst als Lösegeld hingab für die vielen, durch den leiblichen Tod, nicht aber durch Qualen der Seele.

Doch die Gesetze des Gerechten, sagen sie, stehen zu den Gnaden Jesu so sehr im Widerspruch, daß dort die Seligkeit den Reichen gilt und die Entmutigung den Armen (Ekkli. 31,8) [=Sirach 31, 8] und hier die Seligkeit den Armen und das Wehe den Reichen (Luk. 6, 20). Dort heißt es: „Töte nicht!“ und hier heißt es: ,,Wer seinem Nächsten zürnt ohne Not, ist der Hölle schuldig“ (Exod. 20, 13; Matth. 5, 22). Dort heißt es: „Du sollst nicht ehebrechen“ (Exod. 20, 14), und hier heißt es: „Wer auf ein Weib hinblickt, um es zu begehren, hat schon in seinem Herzen die Ehe gebrochen“ (Matth. 5, 28). Dort heißt es: „Du sollst nicht falsch schwören, sondern dem Herrn deinen Eid halten“, und hier heißt es: „Du sollst überhaupt nicht schwören.“

Wie denn sollen Gesetz und Gnade miteinander im Widerspruch stehen? Denn Abraham wurde, weil er den Fremden und Armen aufgenommen hatte, ein Freund Gottes genannt (Jak. 2, 23) und Christus sagt, daß der Arme in den Schoß Abrahams getragen wurde und der Reiche aber in die Qualen des Feuers (Luk. 16, 22). Christus preist die Armen selig und die Barmherzigen, weil sie Barmherzigkeit finden werden; und der Gott der Gesetze zeigt die Barmherzigkeit dermaßen, daß er verbietet, am Lasttier des Feindes, welches unter seiner Last zusammengebrochen ist, (ohne Hilfe zu leisten) vorbeizugehen, sei es nun einer von dem Volke oder einer aus fremdem Lande (Exod. 23, 5). Er verbietet, das Zicklein in der Milch der Mutter zu kochen [Exodus 23, 19] und die Henne, welche auf den Eiern oder auf den Jungen sitzt, zugleich miteinander zu nehmen (Exod. 23, 19) [= ?]. Dort heißt es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev. 19, 18); und hier heißt es: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, denn an diesem Gebot hängen das Gesetz und die Propheten (Matth. 22, 36 ff.). Und er (Christus) sagt: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen.

Wie könnte nun auch der zum Gesetz im Widerspruch stehen, der gekommen ist, das Gesetz und die Propheten zu erfüllen. Zu dem Aussätzigen, den er heilte, sagte er auch: „Gehe und bringe das Opfer für deine Reinigung, wie es Moses im Gesetze vorgeschrieben hat (Matth. 8, 4). Und zu dem Gesetzesgelehrten, der ihn fragte: „Was soll ich tun, daß ich das ewige Leben erbe“, sagte er: „Die Gebote des Gesetzes kennst du.“ Und als er wieder fragte: Welche Gebote? da sagte er: „Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten!“ (Matth. 19, 16 ff.) Damit offenbarte er, daß seine Lehre zum Gesetz nicht in Widerspruch steht, sondern mit ihm übereinstimmt.

Übrigens ist das Nichtzürnen durchaus nicht ein Widerspruch zum Nichtmorden, sondern stimmt damit gar sehr überein. Denn wenn einer nicht zürnt, der trägt in seinem Geist auch keinen mörderischen Anschlag. In gleicher Weise steht das Nichtbegehren dem Nichtehebrechen keineswegs als Widerspruch gegenüber, sondern stimmt mit ihm aufs Beste überein. Denn wenn man nicht begehrt, der erfrecht sich auch nicht, einen Ehebruch zu begehen. Das Überhauptnichtschwören und das Nichtfalschschwören sind auch keineswegs Widersprüche, sondern sehr eng verbunden. Denn wenn einer sich nicht gewöhnt, häufig zu schwören, der schwört auch nie falsch. Da sie dort beim Namen der Götzen schwörten, sagt er: „Ihr sollt dem Herrn eure Schwüre halten.“ Er lehrt: „Auf mich sollst du schwören, den Lebendigen, und nicht auf Götzen, die kein Leben haben.“ Hier jedoch sagt Christus, um seine Jünger vollkommen zu machen: „Ihr sollt gar nicht schwören, sondern euer Ja sei Ja, euer Nein sei Nein und das, was darüber hinaus ist, ist vom Bösen (Jak. 5, 12; Matth. 5, 37). Wenn schon, was über Ja und Nein hinausgeht, vom Bösen ist, wieviel mehr, wer auf den furchtbaren Namen falsch schwört.

Was dann des weiteren das Nichtzürnen und Nichtbegehren angeht, welches Jesus lehrte 1, so hält er den Gott des Gesetzes so sehr für Gott, daß er dessen Worte im Evangelium erhärtet, und jene rasen, daß Jesus sie das Entgegengesetzte lehrt! Bezüglich der Speisen finden wir im Alten und im Neuen Testament desgleichen, daß sie von Gott zur Nahrung gegeben sind. Dort sagt er: „Schlachte und iß alle eßbaren Tiere und Vögel“ (Gen. 9, 3). Und hier sagt er: „Was zum Mund des Menschen hineingeht, das alles verunreinigt ihn nicht (Matthäus 15, 17. 18; Markus 7, 15), sondern, was zum Mund herauskommt, das verunreinigt ihn.“ Und von dem allen ist eines auch das Fleisch. Und wenn Nahrungsmittel etwas Unreines wären, so würde er nicht zuerst von ihnen gegessen haben und den andern hernach den Befehl gegeben haben, davon zu essen.

Wenn wir nun im Neuen Testament nirgendwo dies Wort von ihm finden: „Du sollst dieses nicht essen“, so ist klar, daß er die Unterscheidungen der Speisen, welche nach dem Gesetz bestanden, aufhob dadurch, daß er mit Sündern und Zöllnern und Pharisäern aß und trank. Bezüglich des Ostermahles sagte er auch zu den Jüngern: „Mit Sehnsucht habe ich verlangt, dieses Ostermahl mit euch zu essen.“ Wollen sie etwa auch vom Ostermahl sagen, daß es Fisch sei, nicht ein Lamm. Denn Christus aß alle Speisen ohne Unterschied, wie es aus den Evangelien hervorgeht.

Wenn sie dennoch sagen sollten: Christus aß nach der Auferstehung Fisch, aber nicht Fleisch, deswegen essen auch wir Fische, aber kein Fleisch, so ist zu sagen: daß dann eben auch sie in diesem Leben nicht Fisch essen sollten, sondern dereinst in der Auferstehung, wie auch er nach der Auferstehung Fisch aß, welchen er bei den Fischern fand.

Daß übrigens auch der Fisch Fleisch ist, dies ist allen bekannt. Denn was Fleisch und Blut und Fett und Knochen hat, das muß auch fleischern und lebendig sein. Es gibt ja einen Fisch, bei dem, wie bei einem Schweinsrücken ein Fleischsattel über die Seiten geht und bei dem Blut fließt, mehr als wie es bei einem Schafe herauskommt. Und diese wüste Speise ißt er, von der selbst die Raubtiere und das Vieh nicht fressen. Den Fisch muß man doch eher ein Raubtier nennen, der ohne Unterschied seinesgleichen verzehrt. So rein wie er sind die Tiere auch zu nennen, denn von ihnen werden Gott Schlachtopfer und Brandopfer dargebracht, von den Fischen aber nicht desgleichen.

Aber auch zum Geheimnis und zum Vorbild des großen Geheimnisses, welches offenbar werden sollte, wurden Schafe und Rinder bestimmt, nicht aber Fische, so war das Lamm, durch dessen Blut die Erstgeburt der Israeliten in Ägypten gerettet wurde (Exodus 12.), und der Widder, der statt Isaaks getötet wurde (Gen. 22, 13), ein Geheimnis des wahren Lammes, welches die Sünden der Welt trägt; ebenso das Kalb, welches sie außerhalb des Lagers als Brandopfer schlachteten, nach dessen Vorbild auch Christus außerhalb der Stadt litt (Hebräer 13, 11 f.; Lev. 4, 12). David sagt auch: „Möge es dem Herrn gefallen wie ein zartes Kälblein“ (Ps. 68, 32) [= Ps. 69, 32], nicht aber wie ein zarter Fisch. Denn wenn auch der Fisch zum Gleichnis dient, so ist er doch nur ein Gleichnis des Grabes, nicht des Lebens, gemäß dem Wort des Herrn: „Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so muß auch der Menschensohn in das Herz der Erde eingehen und dort sein drei Tage und drei Nächte“ (Matthäus 12, 40). So finden wir in der Heiligen Schrift nicht, daß er den Fisch heiligte und zur Speise gab und Enthaltung vom Fleische als von etwas Unreinem und Gemeinem auferlegte.

Im Gesetz jedoch ist geschrieben: „Ich gab euch zu essen die Tiere und die Vögel wie das Kraut des Feldes, jedoch das Gefallene (Aas) und das Blut sollt ihr nicht essen, denn die Seele des Tieres ist sein Blut“ (Gen. 9, 3; Lev. 17, 11). Im Briefe, den die Apostel von Jerusalem nach Antiochia sandten, bestimmten auch sie dasselbe, daß ihr euch enthalten sollt vom Erstickten, vom Gefallenen und von Unzucht (Apg. 15, 22 ff). Sie sagten aber nicht: Vom Fleische. So nennt er auch im Gesetz die eßbaren Tiere rein, die nicht eßbaren unrein (Lev. 11), nicht als ob etwas von Natur unrein wäre, sondern was für die Sinne des Menschen nicht begehrlich ist, nennt er unrein. Denn er wußte, daß es Dinge gibt, die sie zu essen begehren, und Dinge, die sie nicht zu essen begehren. Und dementsprechend gab er dafür das Gesetz.

daß jedoch unter den Nahrungsmitteln nichts unrein ist, das sollt ihr vom Herrn hören: „Es ist nichts von dem, was in den Leib des Menschen hineingeht, was den Menschen verunreinigen könnte, sondern was aus dem Menschen herausgeht, das verunreinigt den Menschen“ (Matthäus 15, 11). Mit einem Vorausblick auf den unmäßigen Hochmut der Irrlehrer sagt der Apostel mit prophetischem Wort: „Sie verbieten die Nahrung und halten vom Heiraten ab, was doch Gott eingesetzt hat zum Trost der Gläubigen, die es mit Dank genießen. Denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und das Gebet.“ [1. Tim.4, 3-5] Nicht als ob es unrein wäre und gereinigt würde, sondern über das, was jenen noch unrein schien wegen des Opferns, sagt der Apostel, daß es gereinigt wird durch das Wort Gottes und das Gebet. Deshalb erklärt er auch in einem anderen Briefe: „Wenn euch jemand von den Ungläubigen einladet, und ihr gehet hin, so esset alles, was euch vorgesetzt wird und laßt euch nicht verwirren“ (1 Kor. 10, 27). Es ist auch dabei offenbar, daß eines von allem das Fleisch ist. Und nochmals (sagt er): „Was verkauft wird beim Fleischer, das heißt auf dem Fleischmarkt, das esset und laßt euch nicht verwirren (1 Kor. 10, 25).

Doch sie sagen: „Der Apostel sagt doch auch, daß es besser ist, kein Fleisch zu essen und keinen Wein zu trinken und überhaupt nichts, woran ein Bruder Anstoß nehmen könnte“, und dann noch: „Ich würde kein Fleisch essen in Ewigkeit, wenn dadurch mein Bruder geärgert würde“ (1 Kor. 8, 13; Röm. 14, 21).

Wir wollen darauf antworten: Wenn ein Bruder am Fisch Anstoß nimmt, dann wäre es also auch nicht recht, ihn zu essen. Denn des Ärgernisses wegen ist es nicht recht, zu essen und nicht deshalb, als ob etwas Unreines in den Nahrungsmitteln sich befände. Das gilt besonders vom Wein, bei welchem viele sündigen. Nicht ebenso reizt auch das Fleisch zur Sünde, wie es der Wein tut bei denen, die ihn trinken, und wie er Ärgernis bereitet denen, die zuschauen. Was sollte es bedeuten, daß die Marcioniten vom Fleisch sich enthalten, vom Wein aber sich nicht hüten, denn das Wort (der Schrift) geht doch über beide. Es sagt, man solle kein Fleisch essen und keinen Wein trinken und fügt den Grund dafür bei mit dem Zusatz: „Wenn dadurch mein Bruder Ärgernis nähme oder schwach würde.“ Daraus geht hervor, daß er wegen des Ärgernisses diesen Gedanken darlegte, nicht aber, als ob er Lebensmittel für unrein hielte. Sagt er doch: „Mancher glaubt, alles essen zu dürfen“ (Röm. 14, 2) und bemerkt: „Wenn du glaubst, daß die Lebensmittel durch Gottes Wort und Gebet geheiligt werden, so iß und mache keinen Unterschied“ (1 Tim. 4, 5). „Aber wenn du schwach bist im Glauben und in Verwirrung kommst, dann esse nur Gemüse und nimm kein Ärgernis. Und wenn du nicht glaubst, alles als rein essen zu dürfen, so wage es nicht, jenen zu richten, welcher ißt, wie auch der, welcher ißt, dich nicht als schwach gering achten darf, der du nicht glaubst, alles als rein essen zu dürfen. Denn nicht die Speisen bringen uns zu Gott oder reißen los vom Angesichte Gottes, sondern der Glaube oder das Gewissen und das Ärgernis.“

Weshalb, so sagen sie, sind dann immerhin euere durch Gelübde Geweihten enthaltsam vom Fleische?

Unsere in Gelübden Lebenden enthalten sich nicht deshalb von Speisen, weil sie diese Speisen für unrein hielten, und (glaubten), sie wären von einer Materie gleich als von etwas Bösem. Wenn sie deshalb sich den Gelübden zugewandt hätten, weil sie Speisen für unrein hielten, dann zählte ihr Gelübdestand gar nicht als Gelübdestand. Sie enthalten sich vielmehr von Speisen, damit sie die Reinheit, welche sie zu bewahren sich vorgenommen haben, leichter bewahren.

Deshalb haben auch unsere Väter, die heiligen Bischöfe, Verordnung getroffen, daß wenn ein Gläubiger kein Fleisch esse und wenn er von Gemüsen nicht essen will, die mit Fleisch gekocht sind, so sei er im Banne. Weshalb? Damit man die von Gott gegebenen Speisen nicht für verwerflich halte und damit man nicht durch unangemessenen Stolz schade, gleich als wäre deshalb jemand besser als die anderen Menschen.

Auch die Jungfrauen in der heiligen Kirche bewahren nicht deswegen die Jungfräulichkeit, als ob sie die von Gott eingesetzte Ehe für Unreinheit hielten wie Marcion und Mani und die Messalianer . Denn wenn sie in diesem Geiste sich den Gelübden zugewandt hätten, dann wäre auch die Jungfräulichkeit nicht wahre Jungfräulichkeit. Allein zum Zwecke größerer Liebe Gottes enthalten sie sich auch von guten Geschöpfen Gottes, auf daß sie den Engeln Gottes ähnlich sich zeigen, wo es weder Mann noch Weib gibt, und auf Erden dieselbe Tugend (bewahrten). Das geschieht nach dem Worte: „Es gibt Verschnittene, welche sich selbst zu Verschnittenen gemacht haben um des Himmelreiches willen, zu werden in der Auferstehung wie die Engel Gottes“ (Matth. 19, 12). Und der Apostel, ein glaubwürdiger Mann, ruft nach Jungfrauen. Allein hinblickend auf die Natur, wagt er es nicht, einen offenen Befehl zu geben, sondern ermuntert nur dazu durch seinen Hinweis (Apg. 7, 25; 1 Kor. 7, 7) [= nur 1. Kor. 7, 7], wie auch der Herr nur einen Hinweis gibt, aber nicht zwingt.

Alles dies wurde über die Sekte des Marcion gesagt, welche die Ehe und den Fleischgenuß verwerfen. Sie verpflichteten sich samt den Weltleuten zur Jungfräulichkeit, strafen aber das Gelübde Lügen. Denn indem sie der Begierlichkeit nicht Stand halten können, unterziehen sie dieselben ein zweites Mal der Buße.

Wenn sie nun dem Gesetze nicht glauben wollen, welches sagt: Es wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe folgen und sie werden beide zu einem Leibe, warum sollen sie Jesus nicht folgen, der dasselbe bestätigt und hinzufügt: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen“ (Matth. 19, 6). Für die Gläubigen, welche die Wahrheit darstellen wollen, ist die erste Aufgabe nun die, daß sie die Dinge, so wie sie sind, bekennen, und wenn sie dann auserwählt in der Tugend werden, so ist dies annehmbar. Und nicht (soll man es machen) wie jene, welche große Dinge vorgeben, wie wenn wir von der Taufe an schon durch Gelübde uns der Enthaltsamkeit von Fleisch und Ehe hingeben, dann aber die Gelübde brechen und der Buße sich unterziehen.

Und wenn du fragst, ob beim Guten (Gott) Qualen beständen, sagen sie: Es bestehen keine. Ja, wenn keine Furcht vor den Qualen wäre, wozu wäre dann die Buße? Ist nicht wahrlich offenbar, daß, wenn sie (die Menschen) sich nicht vor Qualen fürchten, sie unterschiedslos in Sünden sind. Es ist doch klar, daß es für den, für welchen es keine Qualen gibt, auch keine Vergeltung besteht.

Allein, sagen sie, wir flöhen doch vor dem Gerechten deshalb, weil er mit furchtbaren Drohungen in seinen Gesetzen droht, nämlich: „Das Feuer ist entfacht in meinem Zorne und es wird brennen bis in die unterste Hölle (Deut. 32, 22 ff.), und: „Alles dies ist aufbewahrt in meinem Schatze“, und außerdem: „Durch Feuer richtet Gott“ (Ps. 16, 3; 65, 10; 2 Petr. 3, 7) [= Ps. 17, 3; 66, 10; 2. Petrus 3, 7]. O ihr Unverständigen und Verirrten, wenn du wegen der furchtbaren Drohungen vom Gott der Gesetze flöhest, wohin solltest du fliehen, da Jesus noch schrecklichere Drohungen als diese ausspricht, ein unauslöschliches Feuer, einen Wurm, der nicht stirbt, und ewige Qualen. Und wenn wir im Alten und Neuen Testament dieselben Drohungen und dieselben Versprechungen von Gütern finden, zeigt sich da nicht, daß einer der Geber des Alten und des Neuen ist?

Woher dann kommt es noch, daß Marcion und Mani und andere ihrer Sorte nicht an die Auferstehung des Fleisches glauben?

Sie behaupten, der Apostel lehrt, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben und die Vergänglichkeit nicht die Unvergänglichkeit (1 Kor. 15, 50), und ferner: „Ich verlange, aus dem Leibe zu kommen und bei Christus zu sein“ (Phil. 1, 23). Dadurch wird klar, so behaupten sie, daß der Leib, weil er aus Materie ist, deshalb der Auferstehung nicht gewürdigt wird.

Und wenn der Leib, weil er aus Materie ist, des Reiches (Gottes) nicht gewürdigt würde, dann sollten auch die Seelen, weil sie vom Gerechten sind, des Reiches des Guten nicht gewürdigt werden. Doch derselbe Apostel weist diese an demselben Ort auch zurück; er weist wie mit dem Finger auf den Leib und sagt: „Es geziemt sich, daß dieses Verwesliche sich mit Unverweslichkeit umkleide und dieses Sterbliche sich umkleide mitUnsterblichkeit (1 Kor. 15, 33) [= 1. Kor. 15, 53]. Hier zeigt sich klar, daß er nicht die Seelen mit dem Verweslichen und Sterblichen bezeichnet, sondern die Leiber. Und im andern Briefe sagt er: „Uns allen steht bevor, zu erscheinen vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder an seinem Leib empfange, was er zuvor gewirkt hat, ob Gutes oder Böses“ (2 Kor. 5, 10). Siehst du nun, daß er sagt, wir haben mit dem Leibe zu tragen das Gute und das Böse, nicht nur mit der Seele.

Doch sie behaupten: „Der Apostel hat gesagt, daß das Verwesliche die Unverweslichkeit nicht erbt.“

O Wortklauber Marcion, der das eine hört und das andere vernachlässigt! Wenn er mit rechtem Sinn dieses (Wort) gelesen hätte, daß die Verweslichkeit die Unverweslichkeit nicht erbt, dann hätte er die Wahrheit erfassen können. Denn der Apostel verbreitet sich so sehr über die Auferstehung der Leiber, daß er selbst viele Beispiele vorträgt.

Zuvörderst (bespricht er) als erstes und naturgemäßes (Beispiel) die Auferstehung Christi, daß Christus gestorben ist und nach der Schrift begraben wurde und am dritten Tage auferstanden ist (1 Kor. 15, 3-4). Dann verweilt er bei dieser Stelle und zeigt viele Arten zur Befestigung der Auferstehung, besonders jenes, was er gleichsam dem Marcion und Mani in die Ohren hinein schreit, und sagt: „Wenn die Toten nicht auferstehen, was täten jene, welche für Tote sich taufen lassen“ (1 Kor. 15, 20) [= 1. Kor. 15, 29]. Ihr behauptet, sagt er, daß die Leiber, weil sie aus Materie sind, nicht auferstehen. Wenn die sterblichen Leiber nicht auferstehen können, weshalb sollen die lebenden Seelen wegen der toten Leiber Bekenntnis ablegen. Oder weshalb sollten tote Leiber für die lebenden Seelen getauft werden, wenn, wie ihr sagt, sterbliche Leiber nicht auferstehen werden.

So ist das Wort zu verstehen und nicht wie Marcion faselt, daß an Stelle eines verstorbenen Katechumenen sein Nachbar getauft werde, damit es ihm dort angerechnet werde. Die Marcioniten tun dies auch tatsächlich. Aber das Wort des Herrn weist sie zurück, das sagt: „Wenn jemand nicht wiedergeboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh. 3, 3. 5) [= Joh. 3, 3]. Und wiederum: „Wenn jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Geiste, kann er nicht eingehen in das Reich Gottes“ (Joh. 3, 5). Daraus geht hervor, daß ein jeder selbst getauft werden muß und nicht einer für den andern.

Wiederum zeigt dann die Parabel vom Samen klar die Auferstehung der Leiber. Denn wie der Same, welchen du säest, aufgeht, nicht ein anderer für ihn, obwohl er mit vielfachem Nutzen sich umkleidet, du aber niemals Gerste gesäet und Weizen geerntet, niemals Hirse gesäet und Korn geerntet hast, wie du das erntest, was du säest, nach diesem Bilde, sagt er, wird auch der gleiche Leib, welcher hingesunken ist, auferstehen.

Das Wort des Apostels ferner, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben, und daß das Verwesliche die Unverweslichkeit nicht erben wird, ist nicht in dem Sinn zu verstehen, in dem Marcion es nimmt, als ob die Leiber, weil sie aus Materie sind, nicht auferstehen, sondern nach zwei anderen Weisen.

Die eine ist die, daß solange ein Mensch noch in fleischlichen Gedanken und Werken sich bewegt, solange ist er sinnlich, und Fleisch und Blut, und weil er nur das dem Leibe gemäß denkt und tut, ist er nicht würdig, in das Reich des Himmels einzugehen. So schreibt ja der Apostel auch in einem anderen Briefe an seine Jünger, daß die, so dem Leibe nach sind, auch die Gedanken des Leibes denken; ihr aber seid nicht nach dem Leibe, sondern nach dem Geist (Röm. 8, 5-9). Sind wohl, als er das an seine Jünger schrieb, die einen im Leibe gewesen, die andern nicht? So ist es klar, daß alle im Leibe waren, aber nicht alle in den Werken des Leibes und Geistes.

Dann ist es noch in einem anderen Sinn zu verstehen, daß nicht die Leiber aufgebläht nach Fleisch und Blut, sondern erneuert durch die Auferstehung, die Verweslichen die Unverweslichkeit erben, wie er auch hinzufügt bezüglich derselben: „Die Posaune ertönt, und die Toten, welche in Christus sind, stehen in Unverweslichkeit auf und werden erneuert“ (1 Kor. 14, 52) [= 1. Kor. 15, 52].

Dadurch wird gezeigt, daß die Leiber durch die Auferstehung erneuert und befreit von allen Leidenschaften auferstehen. Und der Tod geht unter in seiner Niederlage, wenn die Verweslichen die Unverweslichkeit anziehen und die Sterblichen die Unsterblichkeit, und das, was in Schwachheit gesät worden war, die Kraft, und das, was in Niedrigkeit wandelte, die Herrlichkeit. Kein Leib bleibt in der Erde zurück, sondern alle Seelen werden, mit ihren Leibern bekleidet, in einem Augenblicke vor dem schrecklichen Richterstuhl stehen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu den Strafen des Gerichtes.

Woher dann kommt es noch, daß Marcion und Mani und andere ihrer Sorte nicht an die Auferstehung des Fleisches glauben?

Sie behaupten, der Apostel lehrt, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben und die Vergänglichkeit nicht die Unvergänglichkeit (1 Kor. 15, 50), und ferner: „Ich verlange, aus dem Leibe zu kommen und bei Christus zu sein“ (Phil. 1, 23). Dadurch wird klar, so behaupten sie, daß der Leib, weil er aus Materie ist, deshalb der Auferstehung nicht gewürdigt wird.

Und wenn der Leib, weil er aus Materie ist, des Reiches (Gottes) nicht gewürdigt würde, dann sollten auch die Seelen, weil sie vom Gerechten sind, des Reiches des Guten nicht gewürdigt werden. Doch derselbe Apostel weist diese an demselben Ort auch zurück; er weist wie mit dem Finger auf den Leib und sagt: „Es geziemt sich, daß dieses Verwesliche sich mit Unverweslichkeit umkleide und dieses Sterbliche sich umkleide mitUnsterblichkeit (1 Kor. 15, 33) [= 1. Kor. 15, 53]. Hier zeigt sich klar, daß er nicht die Seelen mit dem Verweslichen und Sterblichen bezeichnet, sondern die Leiber. Und im andern Briefe sagt er: „Uns allen steht bevor, zu erscheinen vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder an seinem Leib empfange, was er zuvor gewirkt hat, ob Gutes oder Böses“ (2 Kor. 5, 10). Siehst du nun, daß er sagt, wir haben mit dem Leibe zu tragen das Gute und das Böse, nicht nur mit der Seele.

Doch sie behaupten: „Der Apostel hat gesagt, daß das Verwesliche die Unverweslichkeit nicht erbt.“

O Wortklauber Marcion, der das eine hört und das andere vernachlässigt! Wenn er mit rechtem Sinn dieses (Wort) gelesen hätte, daß die Verweslichkeit die Unverweslichkeit nicht erbt, dann hätte er die Wahrheit erfassen können. Denn der Apostel verbreitet sich so sehr über die Auferstehung der Leiber, daß er selbst viele Beispiele vorträgt.

Zuvörderst (bespricht er) als erstes und naturgemäßes (Beispiel) die Auferstehung Christi, daß Christus gestorben ist und nach der Schrift begraben wurde und am dritten Tage auferstanden ist (1 Kor. 15, 3-4). Dann verweilt er bei dieser Stelle und zeigt viele Arten zur Befestigung der Auferstehung, besonders jenes, was er gleichsam dem Marcion und Mani in die Ohren hinein schreit, und sagt: „Wenn die Toten nicht auferstehen, was täten jene, welche für Tote sich taufen lassen“ (1 Kor. 15, 20) [= 1. Kor. 15, 29]. Ihr behauptet, sagt er, daß die Leiber, weil sie aus Materie sind, nicht auferstehen. Wenn die sterblichen Leiber nicht auferstehen können, weshalb sollen die lebenden Seelen wegen der toten Leiber Bekenntnis ablegen. Oder weshalb sollten tote Leiber für die lebenden Seelen getauft werden, wenn, wie ihr sagt, sterbliche Leiber nicht auferstehen werden.

So ist das Wort zu verstehen und nicht wie Marcion faselt, daß an Stelle eines verstorbenen Katechumenen sein Nachbar getauft werde, damit es ihm dort angerechnet werde. Die Marcioniten tun dies auch tatsächlich. Aber das Wort des Herrn weist sie zurück, das sagt: „Wenn jemand nicht wiedergeboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh. 3, 3. 5) [= Joh. 3, 3]. Und wiederum: „Wenn jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Geiste, kann er nicht eingehen in das Reich Gottes“ (Joh. 3, 5). Daraus geht hervor, daß ein jeder selbst getauft werden muß und nicht einer für den andern.

Wiederum zeigt dann die Parabel vom Samen klar die Auferstehung der Leiber. Denn wie der Same, welchen du säest, aufgeht, nicht ein anderer für ihn, obwohl er mit vielfachem Nutzen sich umkleidet, du aber niemals Gerste gesäet und Weizen geerntet, niemals Hirse gesäet und Korn geerntet hast, wie du das erntest, was du säest, nach diesem Bilde, sagt er, wird auch der gleiche Leib, welcher hingesunken ist, auferstehen.

Das Wort des Apostels ferner, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben, und daß das Verwesliche die Unverweslichkeit nicht erben wird, ist nicht in dem Sinn zu verstehen, in dem Marcion es nimmt, als ob die Leiber, weil sie aus Materie sind, nicht auferstehen, sondern nach zwei anderen Weisen.

Die eine ist die, daß solange ein Mensch noch in fleischlichen Gedanken und Werken sich bewegt, solange ist er sinnlich, und Fleisch und Blut, und weil er nur das dem Leibe gemäß denkt und tut, ist er nicht würdig, in das Reich des Himmels einzugehen. So schreibt ja der Apostel auch in einem anderen Briefe an seine Jünger, daß die, so dem Leibe nach sind, auch die Gedanken des Leibes denken; ihr aber seid nicht nach dem Leibe, sondern nach dem Geist (Röm. 8, 5-9). Sind wohl, als er das an seine Jünger schrieb, die einen im Leibe gewesen, die andern nicht? So ist es klar, daß alle im Leibe waren, aber nicht alle in den Werken des Leibes und Geistes.

Dann ist es noch in einem anderen Sinn zu verstehen, daß nicht die Leiber aufgebläht nach Fleisch und Blut, sondern erneuert durch die Auferstehung, die Verweslichen die Unverweslichkeit erben, wie er auch hinzufügt bezüglich derselben: „Die Posaune ertönt, und die Toten, welche in Christus sind, stehen in Unverweslichkeit auf und werden erneuert“ (1 Kor. 14, 52) [= 1. Kor. 15, 52].

Dadurch wird gezeigt, daß die Leiber durch die Auferstehung erneuert und befreit von allen Leidenschaften auferstehen. Und der Tod geht unter in seiner Niederlage, wenn die Verweslichen die Unverweslichkeit anziehen und die Sterblichen die Unsterblichkeit, und das, was in Schwachheit gesät worden war, die Kraft, und das, was in Niedrigkeit wandelte, die Herrlichkeit. Kein Leib bleibt in der Erde zurück, sondern alle Seelen werden, mit ihren Leibern bekleidet, in einem Augenblicke vor dem schrecklichen Richterstuhl stehen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu den Strafen des Gerichtes.

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