Über gute Werke und Almosen

Von Cyprian von Karthago

In der Wohltätigkeit hat uns der gütige Gott ein Mittel gegeben zur Sicherung unseres Heils.

Zahlreich und groß, liebste Brüder, sind die göttlichen Wohltaten, in denen die reiche und überschwängliche Güte Gottes des Vaters und Christi sich zu unserem Heile wirksam erwiesen hat und noch stets erweist, indem zu unserer Erhaltung und Wiederbelebung der Vater seinen Sohn sandte, um uns erlösen zu können, und indem der Sohn gesandt sein und des Menschen Sohn heißen wollte, um uns zu Gottes Kindern zu machen. Er hat sich erniedrigt, um das Volk, das zuvor daniederlag, wieder emporzurichten, er ließ sich knechten, um die Geknechteten zur Freiheit zu führen, er erlitt den Tod, um den Sterblichen die Unsterblichkeit zu verleihen. Zahlreich und groß sind diese Gaben der göttlichen Barmherzigkeit. Aber was ist das erst für eine große Fürsorge und Güte, das für uns in heilsamer Weise Sorge getragen und für die Bewahrung des Menschen, der erlöst worden ist, noch ganz besondere Vorkehrung getroffen wird! Denn nachdem der Herr bei seiner Ankunft jene Wunden, die Adam getragen hatte, geheilt und das alte Gift der Schlange unschädlich gemacht hatte, gab er dem Geheilten ein Gesetz und gebot ihm, fernerhin nicht mehr zu sündigen, damit ihm, dem Sünder, nicht etwas Schlimmeres widerfahre. Eingezwängt waren wir und in die Enge getrieben durch die Vorschrift der Unsträflichkeit. Und die Schwäche und Ohnmacht der menschlichen Gebrechlichkeit wüsste sich nicht zu helfen, wenn nicht abermals die göttliche Liebe zur Hilfe käme und durch den Hinweis auf die Werke der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit uns gewissermaßen einen Weg zur Sicherung des Heils eröffnete, um nachträglich all den Schmutz, mit dem wir uns bedecken, durch Almosen abzuwaschen.

Wie die Taufe uns von den alten Südnen gereinigt hat, so vermögen wir nach Gottes Wort durch gute Werke die neu hinzukommenden Sünden abzuwaschen.

In der Schrift spricht der Heilige Geist und sagt: „Durch Almosen und Treue werden die Vergehen gereinigt“. Natürlich nicht jene Vergehen, die vorher schon begangen waren; denn diese werden durch Christi Blut und Heiligung gereinigt. Ebenso sagt er wiederum: „Wie Wasser das Feuer löscht, so wird Almosen die Sünden auslöschen“. Auch hier wird gezeigt und bestätigt, dass ebenso, wie durch das Bad des heilbringenden Wassers das Feuer der Hölle gelöscht wird, durch Almosen und gerechte Werke auch die Flamme der Sünden sich ersticken lässt. Und weil schon einmal in der Taufe Vergebung der Sünden gewährt wird, so möge beständige und unablässige Mildtätigkeit geradeso wie die Taufe wiederum Gottes Gnade spenden. Dies lehrt auch der Herr im Evangelium. Denn als gegen seine Jünger der Vorwurf erhoben wurde, dass sie äßen, ohne vorher die Hände gewaschen zu haben, da antwortete er und sagt: „Wer geschaffen hat, was inwendig ist, hat auch geschaffen, was außen ist. Gebt vielmehr Almosen und seht, alles ist euch rein!“. Damit wollte er natürlich lehren und zeigen, dass man nicht die Hände, sondern das Herz waschen und dass man viel mehr inwendig als äußerlich den Schmutz beseitigen müsse, dass aber derjenige, der gereinigt habe, was inwendig ist, auch sein Äußeres gesäubert hat und damit der Reinigung des Herzens auch an Haut und Körper rein geworden ist. Indem er aber des Weiteren mahnte und zeigte, wodurch wir lauter und rein werden können, fügte er noch hinzu, man müsse Almosen spenden. Er, der Barmherzige, mahnt, Barmherzigkeit zu üben, und weil er die zu bewahren sucht, die er teuer erkauft hat, so lehrt er, dass diejenigen, die sich nach dem Empfang der Taufgnade wieder beschmutzt haben, von neuem gereinigt werden können.

Dieses Heilmittel haben wir deshalb nötig, weil wir uns in unserer menschlichen Gebrechlichkeit auch nach der Taufe von Sünden freihalten können.

Lasst uns also, geliebteste Brüder, das heilbringende Geschenk der göttlichen Gnade anerkennen, indem wir uns von unseren Sünden läutern und reinigen, und wollen wir, die wir doch nicht von jeder Wunde des Gewissens frei sein können, durch geistliche Heilmittel unsere Wunden heilen! Und keiner tue sich so viel zugute auf sein reines und unbeflecktes Herz, dass er im Vertrauen auf seine Unschuld sich einbildete, er brauche kein Heilmittel für seine Wunden anzuwenden; steht doch geschrieben: „Wer wird sich rühmen, dass er ein keusches Herz habe, oder wer wird sich rühmen, er sei rein von Sünden?“, und Johannes in seinem Briefe hinwiederum äußert sich in den Worten: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so täuschen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“: Kann aber niemand ohne Sünde sein und ist jeder, der sich für schuldlos erklärt, entweder hochmütig oder töricht, wie unentbehrlich, wie gnädig ist dann die göttliche Güte, die uns heilbringende Mittel zur abermaligen Pflege und Heilung der Wunden an die Hand gegeben hat, da sie weiß, dass es auch bei den Geheilten nachträglich ohne manche neue Wunden nicht abgeht!

Schon in zahlreichen Stellen des Alten Testaments werden wir eindringlich zum Almosengeben aufgefordert.

Niemals, geliebteste Brüder, hat denn auch die göttliche Mahnung davon abgelassen und darauf verzichtet, in den heiligen Schriften, den alten wie den neuen, immer und überall Gottes Volk zu den Werken der Barmherzigkeit aufzurufen und durch die ermunternde Stimme des Heiligen Geistes jeden, der zur Hoffnung des Himmelreichs angewiesen wird, zum Almosengeben aufzufordern. Dem Isaias erteilt Gott den Auftrag und Befehl: „Rufe“, sagt er, „mit Macht und schone nicht! Wie eine Posaune erhebe deine Stimme und verkündige meinem Volke seine Sünden und dem Hause Jakob seine Missetaten!“. Und nachdem er ihnen ihre Sünden vorzuhalten geboten und im vollen Ungestüm seines Unmuts ihre Missetaten aufgedeckt und erklärt hatte, nicht einmal wenn sie zu Bitten und Gebeten und zu Fasten ihre Zuflucht nähmen, könnten sie für ihre Vergehen Genugtuung leisten, nicht einmal wenn sie in Sack und Asche sich wälzten, vermöchten sie Gottes Zorn zu besänftigen, da zeigte er trotzdem am Schlusse noch, dass Gott nur durch Almosen sich versöhnen lasse, und fügte die Worte hinzu: „Brich dem Hungrigen dein Brot und die obdachlosen Armen führe in dein Haus! Siehst du einen Nackten, so kleide ihn, und die Angehörigen deines Samens verachte nicht! Dann wird hervorbrechen dein Licht zur rechten Zeit, und deine Kleider werden eilends sich erheben, und vor dir hergehen wird die Gerechtigkeit, und die Herrlichkeit Gottes wird dich erhören. Während du noch sprichst, wird er sagen: „Siehe, da bin ich.“

Die Mittel, Gott zu versöhnen, sind uns durch Gottes eigene Worte gegeben worden; was die Sünder tun sollen, haben die göttlichen Lehren gezeigt: dass man nämlich durch gerechte Werke Gott Genugtuung leistet, dass man durch die Verdienste der Barmherzigkeit sich von den Sünden reinigt. Auch bei Salomo lesen wir: „Verschließe das Almosen im Herzen des Armen, und es [das Almosen] wird für dich flehen um Schutz vor allem Übel! “ und wiederum: „Wer seine Ohren verstopft, um den Schwachen nicht zu hören, wird auch selbst Gott anrufen, und niemand wird da sein, der ihn erhöht“ Denn Gottes Barmherzigkeit wird sich einer nicht verdienen können, wenn er selbst nicht barmherzig gewesen ist, und ebenso wenig wird derjenige in seinen Gebeten von der göttlichen Liebe etwas erreichen, der auf die Bitte des Armen sich nicht liebreich erwiesen hat. Das zeigt und bestätigt auch in den Psalmen der Heilige Geist, indem er sagt: „Selig, wer auf den Dürftigen und Armen bedacht ist; in der schlimmen Zeit wird ihn befreien der Herr“. Dieser Gebote eingedenk hat Daniel, als der König Nabuchodonosor [Nebukadnezar] durch einen bösen Traum erschreckt und in Angst und Sorge war, zur Abwendung des Unheils ein Heilmittel gegeben, um die göttliche Hilfe zu erlangen, indem er sagte: „Deshalb möge dir, König, mein Rat gefallen: Kaufe deine Sünden los durch Almosen und deine Ungerechtigkeit durch Wohltaten an den Armen, und Gott wird geduldig sein gegenüber deinen Sünden!“ Da ihm aber der König nicht gehorchte, hatte er die Heimsuchungen und Drangsale, die er [im Träume] gesehen hatte, wirklich zu erdulden; all dem hätte er entfliehen und entrinnen können, wenn er sich durch Almosen von seinen Sünden losgekauft hätte. Auch der Engel Raphael bezeugt das Gleiche und mahnt dazu, gerne und reichlich Almosen zu geben, indem er sagt: „Gut ist das Gebet, verbunden mit Fasten und Almosen; denn das Almosen befreit vom Tode und reinigt selbst von Sünden“. Er zeigt, dass unsere Gebete und unser Fasten weniger vermögen, wenn sie nicht durch Almosen unterstützt werden, dass unser Flehen allein zu schwach ist, um Erhörung zu finden, wenn nicht gute Taten und Werke als entsprechende Verstärkung hinzukommen. So offenbart der Engel und bestätigt und bekräftigt, dass erst durch Almosen unsere Bitten wirksam werden, dass erst durch Almosen unser Leben aus den Gefahren erlöst, dass erst durch Almosen unsere Seele von Tode befreit wird.

Im Neuen Testament ist besonders die Geschichte von Tabitha geeignet, die Wirksamkeit der guten Werke darzutun.

Doch dies führen wir, geliebteste Brüder, nicht nur etwa so an, ohne den Ausspruch des Engels Raphael auch durch einen tatsächlichen Beweis zu bestätigen. In der Apostelgeschichte findet sich eine Beglaubigung durch die Tat, und dass durch Almosen die Seelen nicht nur von dem zweiten, sondern auch von dem ersten Tode befreit werden, das hat man aus der Bestätigung eines wirklich eingetretenen und vorgefallenen Ereignisses ersehen. Als Tabitha, die sich gerechten Werken und im Spenden von Almosen überaus eifrig gezeigt hatte, krank wurde und starb, da rief man Petrus zur Leiche der Entseelten. Und nachdem dieser in seiner echt apostolischen Liebe ungesäumt gekommen war, umringten ihn die Witwen unter Tränen und Bitten, indem sie die Mäntel und Röcke und die Kleidungsstücke, die sie früher von ihr bekommen hatten, ihm zeigten und für die Verstorbene nicht mit ihren Worten, sondern mit deren eigenen Werken Fürbitte einlegten. Petrus sah, dass etwas zu erlangen sei, dass in solcher Weise erbeten wurde, und dass die Hilfe Christi den flehenden Witwen nicht mangeln werde, da er ja selbst in den Witwen gekleidet worden sei. Als er deshalb auf den Knien liegend gebetet und als wirksamer Anwalt der Witwen und Armen die ihm aufgetragenen Bitten vor den Herrn gebracht hatte, da rief er, zu der Leiche gewandt, die bereits gewaschen auf der Bahre lag: „Tabitha, stehe auf im Namen Jesu Christi!“ Und er verfehlte nicht, dem Petrus sofort Hilfe zu bringen, er, der im Evangelium gesagt hatte, alles werde gewährt, was man in seinem Namen erbitte. Und so wird der Tod aufgehoben und der Geist zurückgegeben, und zur Verwunderung und zum Staunen aller wird der wiederbelebte Körper aufs Neue für dieses Licht der Welt beseelt. So viel vermochten die Verdienste der Barmherzigkeit, so viel wirkten die gerechten Werke. Sie, die den Not leidenden Witwen reiche Mittel zum Leben gespendet hatte, wurde zum Lohn dafür auf die Bitten der Witwen wieder ins Leben zurück gerufen.

Am nachdrücklichsten hat uns Christus selbst bei zahlreichen Gelegenheiten zur Barmherzigkeit gemahnt.

Daher wird uns im Evangelium von dem Herrn, dem Lehrer unseres Lebens und dem Führer zum ewigen Heile, der das Volk der Gläubigen zu neuem Leben erweckt und für die Neubelebten auf die Ewigkeit bedacht ist, unter seinen göttlichen Geboten und himmlischen Lehren nichts häufiger eingeschärft und vorgeschrieben als das eine: wir sollten uns eifrig zeigen im Almosengeben und nicht an irdischem Besitz hängen, sondern vielmehr himmlische Schätze sammeln. „Verkaufet“, sagt er, „Eure Habe und gebt Almosen!“ und wiederum: „Sammelt euch keine Schätze auf Erden, wo Motte und Rost sie verzehren und wo die Diebe nachgraben und stehlen! Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost sie verzehren und wo die Diebe nicht nachgraben [und stehlen]! Denn wo dein Schatz ist, dort wird auch dein Herz sein“. Und als er uns einen durch die Beobachtungen das Gesetzes Vollkommenen und Vollendeten vor Augen stellen wollte, sagte er: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe all das Deinige und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Ebenso sagt er an einer anderen Stelle, wer sich die himmlische Gnade erkaufen und das ewige Heil erwerben wolle, der müsse seine ganze Habe veräußern und die kostbare Perle, das heißt das durch Christi Blut so kostbare ewige Leben, von dem Betrage seinen Vermögens erstehen. „Das Himmelreich“, sagt er, „ist ähnlich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte. Sobald er aber eine kostbare Perle gefunden hatte, ging der hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie“.

So nennt er ferner alle diejenigen auch Kinder Abrahams, die er mit der Unterstützung und Unterhaltung der Armen beschäftigt sieht. Denn als Zachäus sagte: „Siehe, die Hälfte meiner Habe gebe ich den Dürftigen, und wenn ich einen um etwas betrogen habe, so gebe ich das Vierfache zurück“, da antwortete Jesus: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, weil auch dieser ein Sohn Abrahams ist. Denn so gewiss „Abraham an Gott glaubte und ihm dies zur Gerechtigkeit angerechnet wurde“, so gewiss glaubt doch auch derjenige an Gott, der nach Gottes Gebot Almosen gibt; und wer den wahren Glauben hat, der bewahrt die Furcht Got-tes; wer aber die Furcht Gottes bewahrt, der denkt bei seiner Barmherzigkeit gegenüber den Armen an Gott. Denn er ist deshalb wohltätig, weil er an Gott glaubt, weil er weiß, dass all das wahr ist, was in Gottes Worten vorhergesagt wurde, und dass die Heilige Schrift nicht lügen kann, und dass die unfruchtbaren Bäume, das heißt die unnützen Menschen, herausgehauen und ins Feuer geworfen, die Barmherzigen aber zum Himmelreich berufen werden. Auch an einer anderen Stelle nennt er die Wohltätigen und Fruchtbaren seine Getreuen, während er den Unfruchtbaren und Unnützen die Treue abspricht mit den Worten: „Wenn ihr in dem ungerechten Mammon nicht treu gewesen seid, wer wird euch anvertrauen, was wahr ist? Und wenn ihr im Fremden nicht treu gewesen seid, wer wird euch das Eurige geben?“

Vor Verarmung braucht sich der Wohltätige nicht zu fürchten; denn gerade durch Almosengeben gewinnt der Christ Gottes Lohn und damit wahren Reichtum.

Aber du besorgst und fürchtest, wenn du nun anfängst, reichlich Wohltaten zu üben, so könntest du vielleicht in Armut geraten, sobald dein Vermögen durch die freigebigen Spenden erschöpft ist. Sei nur in dieser Beziehung ohne Angst, sei ganz außer Sorge! Erschöpfen kann sich nicht etwas, was einem himmlischen Werke dient. Und das versichere ich dir nicht etwa nur aus persönlicher Überzeugung, sondern ich verspreche es dir auf Grund der Zuverlässigkeit der heiligen Schriften und der Glaubwürdigkeit der göttlichen Verheißung. Durch Salomos Mund spricht der Heilige Geist und sagt: „Wer den Armen gibt, wird niemals darben; wer aber sein Auge abwendet, wird in großer Not sein“ . Damit zeigt er doch, dass die Barmherzigen und Wohltätigen nicht Mangel leiden können, dass vielmehr die Knauserigen und Unfruchtbaren nachmals in Not geraten. Ebenso sagt der selige Apostel Paulus, erfüllt von der Gnade der Eingebung des Herrn: „Wer Samen reicht dem Säenden, der wird auch Brot darbieten zum Essen und wird eure Saat vervielfältigen und wird das Wachstum der Früchte eurer Gerechtigkeit vermehren, auf dass ihr in allem reich werdet“. Und wiederum: „Die Erfüllung dieser Pflicht wird nicht das ersetzen, was dem Heiligen abgeht, sondern sie wird auch Überfluss haben durch die vielfache Dankerstattung bei dem Herrn“. Denn indem sich die Danksagung für unsere Almosen und guten Werke in dem Gebet der Armen an Gott wendet, häuft sich infolge der Wiedervergeltung Gottes das Vermögen des Wohltätigen immer mehr an. Und der Herr, der schon damals die Herzen derartiger Menschen kannte, bezeugt und sagt im Evangelium, indem er den Treulosen und Ungläubigen mit weissagender Stimme zuruft: „Denket und saget nicht: „Was werden wir essen, oder was werden wir trinken, oder womit werden wir uns kleiden?“ Denn danach trachten die Heiden. Euer Vater aber weiß, dass ihr alles dessen bedürftet. Trachtet zuerst nach dem Reiche und der Gerechtigkeit Gottes, und all dies wird euch zugeteilt werden!“. Denen, sagt er, werde alles zugeteilt und übergeben, die nach dem Reiche und der Gerechtigkeit Gottes trachten; denn wenn der Tag des Gerichts komme, so versichert der Herr, dann werden diejenigen zugelassen werden, um das Reich zu empfangen, die in seiner Kirche Gutes getan haben.

Auf sein Seelenheil, nicht auf das Vermögen muss der Gläubige in erster Linie bedacht sein.

Du fürchtest, es könnte vielleicht dein Erbgut dahinschwinden, wenn du anfängst, davon reichlich Wohltätigkeit zu üben, und du Unseliger weißt nicht, dass nichts Geringeres als dein Leben und dein Heil dahinschwindet, während du das Versiegen deines Vermögens fürchtest? Und während du darauf bedacht bist, ja nicht etwa an deiner Habe Einbuße zu leiden, merkst du gar nicht, dass du an dir selbst Schaden nimmst, da du den Mammon mehr liebst als deine Seele; du merkst nicht, dass du um deines Vermögens willen selbst zugrunde gehst, während du fürchtest, du könntest um deinetwillen dein Vermögen zugrunde richten. Und deshalb ruft und sagt der Apostel mit Recht: Nichts haben wir in diese Welt hineingebracht, aber wir können auch nichts mit hinwegnehmen. Haben wir also Nahrung und Kleidung, so lasst uns damit zufrieden sein.“ Die aber reich werden sollen, fallen in Versuchung und Fallstricke und in viele schädliche Begierden, die den Menschen versenken in Verderben und Untergang. Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht, und manche, die ihr nachhingen, haben im Glauben Schiffbruch gelitten und haben sich in viele Schmerzen gebracht“.

Wahre Diener Gottes können sowenig wie Elias jemals in Not geraten.

Du fürchtest, es könnte vielleicht dein Erbgut dahinschwinden, wenn du anfängst, davon reichlich Wohltätigkeit zu üben. Wann ist es denn schon vorgekommen, dass es dem Gerechten an den Mitteln zum Leben hätte gebrechen können? Steht doch geschrieben: „Der Herr wird die gerechte Seele nicht durch Hunger töten!“ Elias wird in der Wüste durch Raben gespeist, die ihm dienen, und als Daniel auf Befehl des Königs in die Löwengrube eingeschlossen ist, da wird ihm durch göttliche Fürsorge ein Mahl bereitet; und du fürchtest, es möchte dir, wenn du Gutes tust und dir bei dem Herrn Verdienste erwirbst, an Nahrung mangeln? Bezeugt und sagt er doch selbst zur Zurechtweisung der Zweifler und Kleingläubigen im Evangelium: „Seht die Vögel des Himmels an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch! Seid ihr denn nicht mehr als sie?“ Die Vögel speist Gott, und den Sperlingen wird ihre tägliche Nahrung zuteil, und auch denen, die keinen Sinn haben für etwas Göttliches, gebricht es weder an Trank noch an Speise: und du glaubst, es könne einem Christen, es könne einem Diener Gottes, du meinst, es werde einem, der sich in guten Werken eifrig zeigt, einem, der seinem Herrn teuer ist, an irgendetwas mangeln?

Wer jedoch aus Geiz den Versicherungen des Herrn keinen Glauben schenkt, der ist kein Christ, sondern ein Pharisäer.

Oder hältst du es etwa für möglich, dass einer, der Christus speist, nicht auch selbst wieder von Christus gespeist wird, oder dass es denen an irdischen Gütern gebrechen werde, denen himmlische und göttliche zuteil werden? Woher dieser ungläubige Sinn, woher diese gottlosen und verwerflichen Gedanken? Was will im Hause des Glaubens ein ungläubiges Herz? Was nennt und heißt sich der einen Christen, der zu Christus nicht das geringste Vertrauen hat? Du verdienst ja vielmehr den Namen eines Pharisäers! Denn als der Herr im Evangelium von den Almosen sprach und uns die treue und heilsame Mahnung gab, wir sollten uns von dem irdischen Gewinn durch vorsorgliche Wohltätigkeit Freunde machen, die uns nachmals in die ewigen Wohnungen aufnähmen, da fügte danach am Schlusse die Heilige Schrift noch die Worte hinzu: „Es hörten aber dies alles die Pharisäer, die sehr habgierig waren, und sie verlachten ihn“. So sehen wir auch jetzt manche in der Kirche, deren verschlossene Ohren und verblendete Herzen von den geistlichen heilsamen Mahnungen keinen Lichtstrahl einlassen, bei ihnen darf man sich nicht darüber wundern, dass sie den Diener in seinen Predigten missachten, da wir ja schon sehen, dass diese Art von Leuten den Herrn selbst missachtet hat.

Die angebliche Sorge um die Zukunft, durch die sich manche vom Wohltun abhalten lassen, ist nichts anderes als Habsucht.

Darum gefällst du dir in diesen albernen und törichten Gedanken, als ob du nur durch die Furcht und Besorgnis um die Zukunft von guten Werken dich abhalten ließest? Warum schützest du sozusagen das verhüllende Blendwerk einer nichtigen Entschuldigung vor? Gestehe doch lieber die Wahrheit und enthülle die verborgenen Geheimnisse deines Herzens; denn die Kundigen kannst du doch nicht täuschen! Die Finsternis der Unfruchtbarkeit hat deinen Sinn umlagert, und während das Licht der Wahrheit daraus entwich, hat das dichte und undurchdringliche Dunkel des Geizes dein fleischliches Herz umnachtet. Ein Gefangener und Sklave deines Geldes bist du, mit den Ketten und Banden der Habsucht bist du gefesselt, und du, den Christus bereits erlöst hat, bist von neuem in Bande geschlagen. Du behütest dein Geld, das, wenn auch noch so gut von dir behütet, doch dich nicht behütet; du häufst dein Vermögen, das dich mit seiner Last nur erdrückt, aber du denkst nicht an die Antwort, die Gott dem Reichen gab, als er mit der Fülle einer überreichen Ernte in törichtem Jubel sich brüstete. „Du Tor“, sagte er, „in dieser Nacht wird deine Seele abgefordert! Wem wird nun gehören, was du bereitet hast?“ Warum brütest du allein über deinem Reichtum, warum türmst du dir selbst zur Pein die Masse deines Erbgutes immer höher auf, nur um vor Gott umso ärmer zu werden, je reicher du vor der Welt bist? Teile deine Einkünfte mit deinem Gott, lass Christus an deinem Gewinn teilnehmen, mache dir Christus zum Teilhaber an deinem Besitz, damit auch er dich zum Miterben seines himmlischen Reiches macht!

Irdischer Reichtum erfüllt nur dann seinen Zweck, wenn er uns dazu dient, durch freigiebige Spenden himmlische Güter zu erwerben.

Du irrst und täuschest dich, wie jeder, der sich in der Welt für reich hält. Höre in der Offenbarung die Stimme deines Herrn, wie sie derartige Menschen mit berechtigten Vorwürfen zurechtweist! „Du sprichst“, heißt es dort, „ich bin reich und bin begütert und bedarf nichts: Und du weißt nicht, dass du elend bist und arm und blind und nackt! Ich rate dir, von mir im Feuer geläutertes Gold zu kaufen, damit du reich seiest, und ein weißes Gewand, damit du dich kleidest und an dir nicht die Hässlichkeit deiner Blöße offenbar werde, und mit Salbe bestreiche dei-ne Augen, damit du sehest! Wenn du also wohlhabend und reich bist, so kaufe dir von Christus im Feuer geläutertes Gold, damit dein Schmutz gleichsam durch Feuer ausgeschieden wird und du reines Gold sein kannst, wenn du durch Almosen und gerechte Werke dich läuterst! Kaufe dir ein weißes Gewand, damit du, der wie Adam nackt gewesen und vorher vor Hässlichkeit starrte, in das blinkende Gewand Christi dich kleidest! Und du, die du eine wohlhabende und reiche Matrone bist, salbe deine Augen nicht mit der Schminke des Teufels, sondern mit der Salbe Christi, damit du dazu gelangen kannst, Gott zu schauen, indem du dir durch deinen Wandel und deine Werke bei Gott Verdienste erwirbst!

Die verblendeten Geizigen sollten sich an der armen Witwe im Evangelium ein Muster nehmen.

Aber so, wie du bist, kannst du ja gar nicht in der Kirche Wohltätigkeit üben. Deine Augen, die mit schwarzer Schminke überstrichen, die in dunkle Nacht gehüllt sind, sehen ja gar nicht den Dürftigen und Armen. Wohlhabend und reich, wie du bist, glaubst du den Tag des Herrn zu feiern, obwohl du in das Haus des Herrn ohne Opfergabe kommst und obwohl du den Opferkasten gar nicht beachtest, obwohl du einen Teil von dem Opfer nimmst, das ein Armer dargebracht hat? Betrachte die Witwe im Evangelium, die, der himmlischen Gebote eingedenk, selbst inmitten ihrer Not und ihrer drückenden Armut sich wohltätig zeigte und in den Opferstock zwei Heller einwarf, die einzigen, die sie noch hatte! Als der Herr sie bemerkte und sah, da beurteilte er ihre Gabe nicht nach ihrem Vermögen, sondern nach ihrer Gesinnung, und sah nicht darauf, wie viel, sondern von wie vielem sie weggegeben hatte, und antwortete und sprach: „Wahrlich, ich sage euch: Diese Witwe hat mehr als alle in die Gottesgaben eingelegt. Denn diese alle haben von ihrem Überflusse in die Gottesgaben eingeworfen, sie aber hat von ihrer Armut den ganzen Lebensunterhalt, den sie hatte, eingelegt“. Welch hochseliges und ruhmvolles Weib, das sogar schon vor dem Tage des Gerichts sich würdig erwies, durch den Mund des Richters gepriesen zu werden! Schämen mögen sich die Reichen ihrer Unfruchtbarkeit und Unseligkeit! Eine Witwe, und noch dazu eine arme, wird wohltätig befunden, und während alle Gaben für die Waisen und Witwen bestimmt sind, gibt gerade sie, die doch hätte empfangen sollen. Daraus können wir entnehmen, welche Strafe den unfruchtbaren Reichen erwartet, nachdem nach diesem Vorbild sogar die Armen Wohltätigkeit üben sollen. Und damit wir erkennen, dass diese guten Werke Gott erwiesen werden und dass jeder, der sie tut, sich bei Gott Verdienste erwirbt, so nennt sie Christus „Gottesgaben“ und weist darauf hin, dass die Witwe in die Gottesgaben ihre zwei Scherflein eingelegt hat, damit es mehr und mehr an den Tag treten kann, dass jeder, der sich eines Armen erbarmt, sich Gott zum Schuldner macht.

Auch die Rücksicht auf die Kinder ist keine stichhaltige Entschuldigung; Christus muss dem Christen höher stehen als sie.

Aber auch der Umstand, liebste Brüder, soll den Christen nicht von guten und gerechten Werken abhalten und abziehen, dass einer etwa glaubt, er könne sich mit der Rücksicht auf seine Kinder entschuldigen. Denn bei geistlichen Aufwendungen müssen wir an Christus denken, der sich als den [eigentlichen] Empfänger bekannt hat, und wir ziehen nicht unsere Mitknechte, sondern den Herrn unseren Kindern vor, wie er selbst lehrt und mahnt: „Wer Vater oder Mutter“, sagt er, „mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“. Auch im Deuteronomium steht zur Stärkung unseres Glaubens und unserer Liebe zu Gott das Gleiche geschrieben: „Diejenigen“, heißt es dort, „die zu Vater und Mutter sagen: „Ich kenne dich nicht“ und ihre Kinder nicht anerkannt haben, diese haben Deine Gebote gehalten und Deinen Bund bewahrt“. Denn wenn wir Gott von ganzem Herzen lieben, dürfen wir weder unsere Eltern noch unsere Kinder Gott vorziehen. Schreibt doch auch Johannes in seinem Briefe, die Liebe Gottes sei nicht bei denen, die, wie wir sähen, gegen den Armen keine Barmherzigkeit üben wollten. „Wer Güter der Welt hat“, sagt er, „und seinen Bruder darben sieht und sein Herz verschließt, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Denn wenn durch die Almosen an die Armen Gott unser Schuldner wird und wenn Christus der Empfänger ist, so oft man an die Geringsten gibt, so hat man keine Ursache, das Irdische dem Himmlischen vorzuziehen und das Menschliche über das Göttliche zu stellen.

Hierin kann das Beispiel der Witwe von Sarepta vorbildlich wirken.

Als so jene Witwe im dritten Buch der Könige, nachdem bei der Dürre und Hungernot alles aufgezehrt war, von dem wenigen Mehl und Öl, das noch geblieben, ein Aschenbrot gebacken hatte, nach dessen Genuss sie mit ihren Kindern sterben wollte, da kam Elias hinzu und bat sie, zuerst ihm zu essen zu geben und dann erst das, was noch übrig bleibe, selbst mit ihren Kindern zu verzehren. Und sie gehorchte ohne Bedenken, und trotz Hunger und Not gab sie, die Mutter, ihren Kindern doch nicht den Vorzug vor Elias. Nein, es geschieht vielmehr im Angesichte Gottes etwas, was Gott gefällt. Rasch und gerne wird das Erbetene dargereicht, und es wird nicht etwa nur ein Teil vom Überfluss, sondern trotz geringen Vorrats das Ganze hingegeben; und obwohl die eigenen Kinder hungern, wird der Fremde zuerst gespeist, und trotz Mangel und Hunger wird an das Essen nicht eher gedacht als an die Übung der Barmherzigkeit. So wird [in geistlicher Weise] die Seele gerettet, während bei dem heilbringenden Werke das Leben dem Fleische nach verachtet wird. Indem daher Elias, der Christi Gestalt an sich trägt, zeigte, dass dieser jedem nach seiner Barmherzigkeit wieder vergilt, antwortete er und sprach: „So spricht der Herr: Der Mehltopf wird nicht leer werden, und der Ölkrug wird nicht versiegen bis auf den Tag, an dem der Herr Regen geben wird über die Erde“. Nach der glaubwürdigen Versicherung der göttlichen Verheißung wurde der Witwe das, was sie gab, vielfältig und reichlich vergolten, und indem ihre gerechten Werke und die Verdienste ihrer Barmherzigkeit die reichsten Früchte trugen, füllten sich die Mehl- und Ölgefäße. Auch entzog nicht etwa die Muttern ihren Kindern das, was sie dem Elias gab, sondern sie wandte vielmehr ihren Kindern das zu, was sie gütigen und frommen Herzens tat. Und doch wusste sie noch nichts von Christus, hatte noch nicht seine Gebete vernommen, war nicht durch sein Kreuz und sein Leiden erlöst, sodass sie Speise und Trank nur für sein Blut hingegeben hätte. So geht also daraus hervor, wie schwer in der Kirche derjenige sich versündigt, der sich und seine Kinder über Christus stellt und seinen Reichtum behält, statt sein stattliches Vermögen mit der Armut der Dürftigen zu teilen.

Gerade eine größere Zahl von Kindern muss den Christen gleich Job nur umso mehr zur Übung der Barmherzigkeit aneifern.

Aber freilich, du hast viele Kinder im Hause, und nur die Größe deiner Familie hindert dich daran, in reichlichem Maße dich der guten Werke zu befleißigen. Doch gerade deshalb solltest du umso mehr Wohltätigkeit üben, weil du der Vater vieler Kinder bist. Umso mehr sind es, für die du den Herrn anflehen musst, die Sünden vieler gilt es zu sühnen, das Gewissen vieler zu reinigen, die Seelen vieler zu erlösen. Wie in diesem zeitlichen Leben die Ausgaben für die Ernährung und den Unterhalt der Kinder umso größer sind, je größer ihre Zahl ist, so muss auch im geistlichen und himmlischen Leben der Aufwand an guten Werken umso größer sein, je stattlicher die Schar der Liebsten ist. So brachte auch Job zahlreiche Opfer für seine Kinder dar, und so groß im Hause die Anzahl der Kinder war, so groß war auch die Zahl der Opfertiere, die Gott von ihm gespendet wurden. Und weil kein Tag vergeht, ohne dass man im Angesichte Gottes sündigte, so ließ er es auch nicht an täglichen Opfern fehlen, um durch sie die Sünden abwaschen zu können. Das bestätigt die Schrift mit den Worten: „Job, ein wahrhaftiger und gerechter Mann, hatte sieben Söhne und drei Töchter, und er reinigte sie, indem er für sie Gott Opfer darbrachte nach ihrer Anzahl und für ihre Sünden ein Kalb“. Wenn du also deine Kinder wahrhaftig liebst, wenn du ihnen die volle, süße Innigkeit der väterlichen Lie-be entgegenbringst, dann musst du umso mehr Gutes tun, um deine Kinder durch deine gerechten Werke Gott zu empfehlen.

Bei Gott ist ja das Erbteil unserer Kinder am Allersichersten aufgehoben.

Sieh auch nicht den wirklichen Vater für deine Kinder in einem Menschen, der der Zeit unterworfen und schwach ist, sondern gib ihnen einen Vater in dem, der ein ewiger und starker Vater seiner geistlichen Kinder ist! Ihm überantworte deine Habe, die du jetzt für deine Erben auf bewahrst, er sei deinen Kindern der Vormund, er der Verwalter, er kraft seiner göttlichen Herrlichkeit ihr Beschützer gegen alle Unbilden der Welt! Das Vermögen, das man Gott anvertraut, reißt weder der Staat an sich, noch vergreift sich an ihm der Fiskus, noch wird es durch irgendwelche gerichtlichen Schikanen zerrüttet. Sicher ist das Erbe angelegt, das unter Gottes Obhut ruht. Das heißt auf die Zukunft seiner treuen Lieblinge bedacht sein, das heißt für die künftigen Erben mit väterlicher Liebe sorgen nach der Versicherung der Heiligen Schrift, die da sagt: „Jung bin ich gewesen und bin alt geworden, und ich habe noch keinen Gerechten verlassen gesehen noch seinen Samen Brot suchen. Den ganzen Tag ist er barmherzig und leiht weg, und sein Same wird gesegnet sein, und wiederum: „Wer ohne Tadel in Gerechtigkeit wandelt, wird glückliche Kinder hinterlassen“. Ein pflichtvergessener und verräterischer Vater bist du demnach, wenn du nicht getreulich für deine Kinder sorgst, wenn du nicht in gewissenhafter und wahrer Liebe auf ihre Erhaltung dein Augenmerk richtest. Warum trachtest du mehr nach irdischem als nach himmlischem Gut und willst deine Kinder lieber dem Teufel als Christus empfehlen? Zweimal vergehst du dich, einmal, weil du deinen Kindern nicht die Hilfe Gottes des Vaters verschaffst, und dann, weil du deine Kinder lehrst, das Vermögen mehr zu lieben als Christus.

Auch in Tobias hat uns die Heilige Schrift einen musterhaften Vater vor Augen gestellt.

Sei lieber deinen Kindern ein solcher Vater, wie Tobias es war! Gib deinen Lieben nützliche und heilsame Lehren, wie er sie seinem Sohne gab, schärfe deinen Kindern ein, was auch er [seinem Sohne] einschärfte, indem er sagte: „Und jetzt, mein Sohn, trage ich euch auf: dienet Gott in der Wahrheit und tut vor ihm, was ihm gefällt! Und euren Kindern tragt auf, dass sie Gerechtigkeit üben und Almosen geben und Gottes gedenken und seinen Namen preisen jederzeit!“ Und wiederum: „Alle Tage deines Lebens, mein Sohn, habe Gott im Herzen und übertritt nicht seine Gebote! Übe Gerechtigkeit alle Tage deines Lebens und wandle nicht den Weg der Ungerechtigkeit! Denn wenn du nach der Wahrheit handelst, so wird Rücksicht genommen werden auf deine Werke. Von deinem Vermögen spende Almosen und wende dein Antlitz nicht ab von irgendeinem Armen! So wird es geschehen, dass auch von dir sich Gottes Antlitz nicht abwendet. Je nachdem du hast, mein Sohn, so tue! Hast du ein stattliches Vermögen, so gib davon umso mehr Almosen; hast du wenig, so teile selbst von diesem Wenigen mit! Und sei ohne Furcht, wenn du Almosen spendest: einen guten Lohn legst du dir zurück auf den Tag der Not, weil das Almosengeben vom Tode befreit und nicht in die Finsternis kommen lässt. Eine gute Spende ist das Almosen für alle, die es geben vor dem höchsten Gott.

Mit guten Werken geben wir unter Gottes Augen das herrlichste Schauspiel.

Welch herrliche Festspende ist es, deren Veranstaltung unter Gottes Au-gen begangen ist! Wenn es bei einem Schauspiel der Heiden als etwas Großes und Rühmliches erscheint, dass Prokonsuln oder Imperatoren als Festteilnehmer zugegen sind, und wenn dann die Pracht und der Aufwand von Seiten der Spender des Festes umso größer ist, um ja den Beifall der Großen finden zu können, wie viel herrlicher und größer ist da erst der Ruhm bei einer Spende, wenn man Gott und Christus als Zuschauer hat! Wie viel umfassendere Zurüstungen gilt es hier zu treffen, ein wie viel reicherer Aufwand ist hier erforderlich, wo die Mächte [Heerscharen] des Himmels herbeikommen, um zuzusehen, wo alle Engel sich einfinden, wo es sich für den Spender nicht um ein Viergespann oder um die Konsulwürde handelt, sondern um die Verleihung des ewigen Lebens, wo man nicht nach der eitlen und rasch wandelbaren Gunst des Volkes hascht, sondern den ewigen Lohn des himmlischen Reiches empfängt.

Oder wollen wir etwa den Satan triumphieren lassen über die viel größere Freigiebigkeit, mir der die weltlichen Schauspiele in seinem Dienste ausgestattet werden?

Und damit die Trägen und Unfruchtbaren, die in ihrer Geldgier sich nicht im Geringsten durch gute Werke um die Frucht des Heils bemühen, umso mehr erröten, damit die Scham über ihre eigene Schande und Schmach ihr unreines Gewissen noch schwerer trifft, so stelle sich jeder einzelne den Satan vor Augen, wie er mit seinen Dienern, das heißt mit dem Volke des Verderbens und des Todes, in die Mitte hervorstürzt und die Gemeinde Christi, während dieser selbst als Richter zugegen ist, zu vergleichender Prüfung herausfordert, indem er sagt: „Ich habe für diese hier, die du bei mir siehst, weder Backenstreiche empfangen noch Geißelhiebe zu spüren bekommen noch das Kreuz getragen noch mein Blut vergossen noch auch meine Angehörigen um den Preis meines Leidens und Blutes erkauft. Ja, ich verheiße ihnen nicht einmal das himmlische Reich, noch auch rufe ich sie durch Wiederverleihung der Unsterblichkeit von neuem ins Paradies zurück; und dennoch: Welch kostbare, welch herrliche, mit welch gewaltiger und langwieriger Mühe vorbereitete Schauspiele sind es, die sie mir mit dem kostspieligsten Aufwand bereiten, indem sie Hab und Gut für die Ausstattung des Schauspiels entweder verpfänden oder verkaufen! Und fällt dann die Aufführung nicht ehrenvoll aus, so werden sie unter Hohnrufen und Zischen hinausgeworfen und von der Volkswut manchmal fast gesteinigt. Zeige mir du, Christus, unter den Deinigen solche Festspender, zeige mir jene Reichen, jene Wohlhabenden, die im Überfluss schwelgen, ob sie in der Kirche unter deinem Vorsitz und vor deinen Augen ein derartiges Schauspiel bieten, indem sie ihre Habe verpfänden oder veräußern oder sie vielmehr zu den himmlischen Schätzen legen und so ihren Besitz gegen Besseres vertauschen! Bei diesen meinen vergänglichen und irdischen Schauspielen wird niemand gespeist, niemand gekleidet, niemand durch den Trost irgendeiner Speise oder eines Trankes aufgerichtet. Inmitten der Verblendung des Festgebers und der Verirrung des Zuschauers geht alles in der verschwenderischen und törichten Nichtigkeit trügerischer Lustbarkeiten zugrunde. Dort in deinen Armen wirst du gekleidet und gespeist, du versprichst den Wohltätigen das ewige Leben; und dennoch lassen sich die Deinigen, die du mit göttlichen Belohnung und himmlischen Gaben auszeichnest, kaum mit den Meinigen vergleichen, die doch dem Verderben geweiht sind“.

Bedenken wir doch wenigstens, dass Christus am Jüngsten Tage einem jeden nach seinen Werken Lohn und Strafe zuerkennen wird!

Was erwidern wir auf diese Worte, liebste Brüder? Mit welchen Gründen verteidigen, mit welcher Entschuldigung rechtfertigen wir die gottlose Unfruchtbarkeit [an guten Werken] und den sozusagen in finstere Nacht gehüllten Sinn der Reichen, wir, die wir hinter den Dienern des Satans zurückstehen und gegenüber Christus für den Preis seines Leidens und Blutes nicht einmal im Kleinen Vergeltung üben? Gebote hat er uns gegeben, er hat uns gelehrt, was seine Diener tun sollen, indem er den Wohltätigen Belohnung verhieß und den Unfruchtbaren Strafe androhte, hat er sein Urteil kundgegeben; wie er richten werde, hat er vorhergesagt. Wie kann es da eine Entschuldigung geben für den Saumseligen, wie eine Verteidigung für den Unfruchtbaren? Wenn der Knecht nicht tut, was ihm befohlen, dann wird eben der Herr tun, was er androht. Er sagt ja auch: „Wenn der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Throne seiner Herrlichkeit, und es werden vor ihm versammelt werden alle Völker, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirte die Schafe scheidet von den Böcken; und er wird die Schafe stellen zu seiner Rechten, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König zu denen sagen, die zu seiner Rechten sind: “ Kommt, ihr Gesegneten meines Vater; empfanget das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben, ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt, ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt, ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet, ich bin krank geworden, und ihr habt mich besucht, ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen“ Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: „Herr, wann haben wir Dich hungrig gesehen und haben Dich gespeist, durstig und haben Dich getränkt? Wann haben wir Dich als Fremdling gesehen und haben Dich beherbergt, nackt und haben Dich gekleidet? Wann ferner haben wir Dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu Dir gekommen?“ Dann wird der König ihnen antworten und sagen: „Wahrlich, ich sage euch: soweit ihr es einem unter diesen meinen geringsten Brüdern getan hat, habt ihr es mir getan. Dann wird er zu denen sagen, die zu seiner Linken sind: „Weichet von mir, ihr Veruchten, ins ewige Feuer, das mein Vater bereitet hat dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich habe gehungert, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben, ich habe gedürstet und ihr habt mich nicht getränkt, ich ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt, ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet, ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr seid nicht zu mir gekommen.“ Dann werden auch sie antworten und sagen. „Herr, wann haben wir Dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben Dir nicht gedient?“ und er wird ihnen antworten: „Wahrlich, ich sage euch: soweit ihr es nicht einem unter diesen Geringsten getan hat, habt ihr es auch mir nicht getan.“ Und diese werden hingehen in das ewige Feuer, die Gerechten aber in das ewige Leben“. Was hätte uns Christus Größeres verkünden, wie hätte er uns eindringlicher zu den Werken der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit anregen können als dadurch, dass er erklärte, man kränke ihn, wenn man einem Dürftigen und Armen nicht spendet. So soll derjenige, der sich durch die Rücksicht auf den Bruder in der Kirche nicht bewegen lässt, wenigstens durch den Hinblick auf Christus sich bestimmen lassen, und wer an seinen Mitknecht trotz Not und Armut nicht denkt, wenigstens des Herrn gedenken, der in eben dem Armen verkörpert ist, den er verachtet.

Die Aussicht auf reiche Vergeltung dereinst macht die Barmherzigkeit jedem Christen zur Pflicht.

Und somit, liebste Brüder, deren Furcht Gott zugewandt ist, deren Geist die Welt verachtet und verschmäht und bereits zu dem Himmlischen und Göttlichen emporgerichtet ist, wollen wir versuchen, in vollem Glauben, mit gottergebenem Sinn und in beständigem Wohltun uns bei Gott Verdienste zu erwerben und ihm unseren Gehorsam zu bezeugen! Lasst uns Christus unsere irdischen Kleider geben, um himmlische Gewänder dafür zu empfangen! Lasst uns ihm zeitliche Speise und zeitlichen Trank spenden, um dafür mit Abraham und Isaak und Jakob zum himmlischen Mahle zu gelangen! Um nicht zu wenig zu ernten, lasst uns nur recht viel säen! Für unsere ewige Sicherheit und Wohlfahrt lasst uns sorgen, solange es noch Zeit ist, nach der Mahnung und den Worten des Apostels Paulus: „Lasst uns daher, solange wir Zeit haben, Gutes tun an allen, am meisten aber an den Genossen des Glaubens! Lasst uns aber nicht müde werden, Gutes zu tun, denn seinerzeit werden wir ernten!“

Wenn wir nach dem Vorgang der ersten Christen unablässig nach allen Seiten Gutes tun, erfüllen wir den Willen Gottes, der die gleichmäßige Verteilung der irdischen Güter wünscht.

Bedenken wir nur, geliebteste Brüder, was zur Zeit der Apostel das Volk der Gläubigen geleistet hat, als gerade in den Anfängen das Herz noch in größeren Tugenden sich lebendig zeigte, als der Glaube der Frommen noch in frischer Glaubenswärme glühte! Sie verkauften damals Haus und Hof und gaben den Erlös gern und freigiebig zur Verteilung unter die Armen den Aposteln hin, indem sie nach dem Verkauf und der Veräußerung ihres irdischen Besitzers ihre Güter dorthin verlegten, wo sie Früchte ewigen Besitzes ernten, indem sie sich dort Häuser erwarben, wo sie für immer Wohnung nehmen sollten. Ebenso groß wie die Eintracht in der Liebe war damals der Reichtum an guten Werken, wie wir in der Apostelgeschichte lesen: „Die Schar derer aber, die gläubig geworden waren, lebte eines Herzens und eines Sinnes, und es gab keinen Unterschied unter ihnen, und sie hielten nichts von den Gütern, die sie besaßen, für ihr Eigentum, sondern es war ihnen alles gemeinsam“. Das heißt kraft der geistlichen Geburt in Wahrheit ein Kind Gottes werden, das heißt nach dem himmlischen Gesetze das gleichheitliche Verfahren Gottes des Vaters nachahmen. Denn alles, was von Gott kommt, dient uns allen gemeinsam zu Gebrauche, und niemand ist von seinen Wohltaten und Gaben ausgeschlossen, sondern das ganze Menschengeschlecht hat sich der göttlichen Güte und Freigebigkeit in gleicher Weise zu erfreuen. So leuchtet der Tag, so strahlt die Sonne, so strömt der Regen, so weht der Wind für alle ohne Unterschied, die Schlafenden haben einen und denselben Schlummer, und der Glanz der Sterne und des Mondes leuchtet allen gemeinsam. Der Besitzer also, der auf Erden nach diesem Vorbild der Gleichheitlichkeit seine Einkünfte und Erträgnisse mit seinen Brüdern teilt, ahmt Gott den Vater nach, indem er in seinen freiwilligen Spenden die Gleichheit wahrt und Gerechtigkeit übt.

Wie dem Christen in den Zeiten der Verfolgung die rote Märtyrerkrone winkt, so gilt es im Frieden, durch Almosen und gute Werke die weiße Siegeskrone zu gewinnen.

Was wird das, liebste Brüder, für eine Herrlichkeit sein für die Wohltätien, welch große und erhabene Freude, wenn der Herr damit beginnen wird, sein Volk zu mustern, unseren Verdiensten und guten Werken die verheißenen Belohnungen zuzuweisen und für das Irdische Himmlisches, für das Zeitliche Ewiges, für das Kleine Großes zu gewähren, wenn er beginnt, uns dem Vater darzustellen, dem er uns durch seine Heiligkeit wiedergegeben, die Ewigkeit und die Unsterblichkeit uns zu spenden, die er für uns durch sein Leben spendendes Blut wiedergewonnen hat, uns von neuem zum Paradies zurückzuführen und nach der Gewissheit und der Wahrheit seiner Verheißung uns das Himmelreich zu eröffnen. Dies lasst fest in unserem Sinne haften, dies lasst uns mit vollem Glauben erkennen, dies von ganzem Herzen lieben, dies durch hochherziges, unablässiges Wohltun erkaufen! Etwas Herrliches und Göttliches, liebste Brüder, ist heilbringende Wohltätigkeit, ein starker Trost der Gläubigen, ein heilsamer Hort unserer Sicherheit, ein Bollwerk der Hoffnung, ein Schutz des Glaubens, ein Heilmittel gegen die Sünde; eine Sache, die ganz in der Macht des Einzelnen steht, eine Sache, erhaben und doch leicht zugleich, frei von der Gefahr der Verfolgung, die Krone des Friedens, der wahre und größte Gottesdienst, notwendig für die Schwachen, ruhmvoll für die Starken, ein Gottesdienst, mit dessen Hilfe der Christ die geistliche Gnade erlangt, mit dem er Christus als huldvollen Richter gewinnt und Gott zu seinem Schuldner macht. Nach dieser Palme heilsamer Werke lasst uns gerne und willig streben, bei dem Wettkampf in der Gerechtigkeit unter den Augen Gottes und Christi wollen wir alle als Läufer teilnehmen und uns in unserem Lauf durch keine zeitliche und weltlich Begierde hemmen lassen, nachdem wir bereits angefangen haben, über Zeit und Welt erhaben zu sein! Wenn uns der Tag der Vergeltung oder der Verfolgung gerüstet, wenn er uns behend, wenn er uns als Läufer bei diesem Wettkampf in gu-ten Werken findet, dann wird es der Herr auf keinen Fall unseren Verdiensten am Lohne fehlen lassen. Im Frieden wird er den Siegern für ihre guten Werke die weiße Krone verleihen, in der Verfolgung aber wird er ihnen für ihr Leiden die purpurne [Krone] noch dazu reichen.

 

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