An Fortunatus

Von Cyprian von Karthago

Du hast den Wunsch geäußert, teuerster Fortunatus, nachdem jetzt schwere Drangsale und Verfolgungen über uns hereinbrechen und bei dem Ende und der Vollendung der Welt die schreckliche Zeit des Antichrists bereits angefangen hat, näher zu kommen, ich sollte zur Vorbereitung und Festigung der Herzen unserer Brüder aus den göttlichen Schriften Mahnungen zusammenstellen, um durch sie die Streiter Christi zum geistlichen und himmlischen Kampf zu entflammen. Dein so dringender Wunsch erheischte Gehorsam, damit, soweit unsere schwachen Kräfte mit Hilfe der göttlichen Eingebung es vermögen, gleichsam gewisse Waffen und Schutzmittel den Brüdern für den bevorstehenden Kampf aus den Lehren des Herrn dargeboten würden. Denn es genügt noch nicht, daß wir das Volk Gottes durch den Weckruf unserer Stimme aufrichten, wenn wir nicht die Treue und den Gott geweihten und ergebenen Mut der Gläubigen auch durch göttliche Worte stärken.

Was gäbe es aber Besseres oder Größeres, das unserer Sorge und unserem Kummer entspräche, als das uns von Gott anvertraute Volk und das im himmlischen Lager stehende Heer gegen die Geschosse und Speere des Teufels durch beständige Ermunterung im voraus zu rüsten? Denn für den Kampf kann sich kein Krieger eignen, der nicht zuvor auf dem Exerzierplatz eingeübt worden wäre. Oder wird einer, der den Siegespreis im Wettkampf zu gewinnen trachtet, in der Rennbahn wirklich den Kranz erringen, wenn er nicht zuerst auf die Übung und Ausbildung seiner Kräfte bedacht ist? Ein alter Widersacher und ein Erbfeind ist es, mit dem wir zu kämpfen haben. Sechstausend Jahre sind schon fast vergangen, seitdem der Teufel den Menschen bekämpft. Alle möglichen Arten, um ihn zu versuchen, alle möglichen Ränke und Kniffe, um ihn zu stürzen, hat er schon im Laufe der Zeit durch Übung sich angeeignet. Findet er den Streiter Christi unvorbereitet, findet er ihn unerfahren, findet er ihn nicht von ganzem Herzen aufmerksam und wachsam, dann überfällt er den Arglosen, dann täuscht er den Unvorsichtigen, dann betrügt er den Unkundigen. Steht aber einer gegen ihn, der die Gebote des Herrn beobachtet und Christus tapfer anhängt, dann muß der Satan unbedingt unterliegen; denn Christus, den wir bekennen, ist unbesiegbar.

Um nun meine Rede nicht zu sehr in die Länge zu dehnen, teuerster Bruder, und dadurch den Hörer oder Leser durch die Fülle einer allzu breiten Ausführung zu ermüden, habe ich eine kurze Zusammenstellung angefertigt in der Weise, daß ich die Überschriften voransetzte, die einer kennen und behalten muß, und darauf die betreffenden Abschnitte aus der Heiligen Schrift folgen ließ und so die vorausgeschickten Leitsätze durch das Ansehen des göttlichen Wortes bekräftigte. Ich bilde mir daher nicht etwa ein, dir eine Abhandlung von mir geschickt, vielmehr nur den Stoff für eine solche dargeboten zu haben. Aber diese Art bringt dem einzelnen größeren praktischen Nutzen. Denn wenn ich dir ein schon fertiges und ausgearbeitetes Kleid gäbe, dann wäre es eben ein Kleid von mir, das ein anderer tragen müßte, und vielleicht würde es als gar nicht gut passend befunden, weil es nicht für den anderen nach seinem Wuchs und seiner Körpergestalt gefertigt ist. Nun aber schicke ich dir von dem Lamme, durch das wir erlöst und zum Leben erweckt worden sind, die rohe Wolle und den Purpur. Nach dem Empfang kannst du dir also ein Gewand nach deinem Wunsche herstellen, und du wirst um so größere Freude daran haben, weil es ja eigens auf deine Person zugeschnitten ist. Auch anderen wirst du von dem übersandten Stoff mitteilen, damit auch sie nach ihrem Geschmack ihn verarbeiten können. So wird dann ihre frühere Blöße bedeckt, und sie alle tragen, durch die Heiligung der himmlischen Gnade bekleidet, ein Gewand Christi.

Aber auch den Grundsatz, liebster Bruder, habe ich als nützlich und heilsam erkannt: bei einer so wichtigen Aufmunterung, die Märtyrer schaffen soll, gilt es, den langsamen und schleppenden Gang unserer Worte zu vermeiden und alle Weitläufigkeit der menschlichen Rede fernzuhalten, und man darf nur Worte Gottes anführen, mit denen Christus seine Diener zum Martyrium ermuntert. Die göttlichen Gebote selbst muß man als Waffen den Kämpfenden darbieten. Sie mögen als Mahnrufe der Kriegstrompete, sie als Kampfsignale dienen! Auf sie sollen die Ohren gespannt lauschen, durch sie sollen die Herzen in Bereitschaft gesetzt, durch sie die geistigen und körperlichen Kräfte gestählt werden, um alle Leiden zu ertragen! Wollen nur wir, die wir durch Gottes Gnade den Gläubigen die erste Taufe gegeben haben, jeden einzelnen auch für die andere Taufe vorbereiten, indem wir ihnen ans Herz legen und zeigen. daß dies eine Taufe ist, noch größer in der Gnade, noch erhabener in der Macht, noch kostbarer an Wert, eine Taufe, die die Engel vollziehen, eine Taufe, über die Gott und sein Gesalbter sich freuen, eine Taufe, nach der niemand mehr sündigt, eine Taufe, die das Wachstum unseres Glaubens zur Vollendung bringt, eine Taufe, die uns bei unserem Abscheiden von der Welt sofort mit Gott vereinigt! Bei der Wassertaufe empfängt man Vergebung der Sünden, bei der Bluttaufe die Krone der Tugenden. Es ist etwas Wünschens- und Begehrenswertes, das wir mit all unseren Bitten und Gebeten erflehen müssen, daß wir, die Gottes Diener gewesen sind, auch Gottes Freunde werden mögen.

Wollen wir also unsere Brüder ermuntern und vorbereiten, wollen wir sie in der Festigkeit der Tugend und des Glaubens wappnen für das offene Bekenntnis zu dem Herrn und für den Kampf in Verfolgung und Leiden, so müssen wir vor allem feststellen:

1. Die Götzen, die der Mensch sich fertigt, sind keine Götter — denn weder ist das, was geschaffen wird, größer als sein Schöpfer und Meister, noch können sie irgend jemand schützen und behüten, die selbst aus ihren Tempeln verschwinden, wenn nicht der Mensch sie behütet —, aber auch die Elemente dürfen nicht verehrt werden, die nach der Bestimmung und dem Gebote Gottes dem Menschen dienstbar sind.

2. Sind sodann die Götzen gestürzt und ist das Wesen der Elemente dargelegt, so gilt es zu zeigen, daß Gott allein verehrt werden muß.

3. Danach ist noch anzuführen, was Gott denen androht, die den Götzen opfern.

4. Außerdem haben wir nachzuweisen, daß Gott Götzendienern nicht leicht verzeiht

5. und daß Gott über den Götzendienst so empört ist, daß er befohlen hat, auch die zu töten, die dazu geraten haben, den Götzen zu opfern und zu dienen.

6. Hierauf müssen wir noch beifügen, daß wir, die durch Christi Blut erlöst und zum Leben erweckt sind, nichts über Christus stellen dürfen; denn auch er hat nichts über uns gestellt, sondern hat unseretwegen den Leiden den Vorzug gegeben vor den Freuden, dem Reichtum vor der Armut, der Knechtschaft vor der Herrschaft, dem Tode vor der Unsterblichkeit, während wir in der Zeit unseres Leidens den Reichtum und die Wonne des Paradieses wählen statt der Armut der Welt, die Herrschaft und das ewige Reich statt der zeitlichen Knechtschaft, die Unsterblichkeit statt des Todes, Gott und Christus an Stelle des Teufels und Antichrists.

7. Auch die eindringliche Mahnung davor ist nötig, daß nicht etwa dieselben, die dem Rachen des Teufels entrissen und aus den Schlingen der Welt befreit sind, wenn sie nun in Not und Bedrängnis geraten, Lust verspüren, von neuem zur Welt zurückzukehren, und so um den Gewinn kommen, daß sie schon entronnen waren.

8. Es ist vielmehr Pflicht, an dem Glauben und der Tugend und an der Vollendung der himmlischen und geistlichen Gnade festzuhalten und dabei zu verharren, um zur Palme und Krone gelangen zu können.

9. Nur deshalb kommen Drangsale und Verfolgungen, damit wir geprüft werden.

10. Auch die Unbilden und Heimsuchungen der Verfolgung sind nicht zu fürchten; denn der Herr hat größere Macht, uns zu schützen, als der Teufel, uns zu bekämpfen.

11. Und damit niemand in Schrecken und Verwirrung gerät bei den Drangsalen und Verfolgungen, die wir in dieser Welt zu erdulden haben, ist darauf hinzuweisen, daß es schon vorhergesagt ist, die Welt werde uns hassen und werde Verfolgungen gegen uns ins Werk setzen. So geht also gerade aus dem Eintreffen dieser Prophezeiungen die Gewißheit der göttlichen Verheißung bezüglich der uns dereinst erwartenden reichen Belohnungen deutlich hervor, und es ist durchaus nichts Neues, was damit den Christen widerfährt, nachdem schon seit Beginn der Welt die Guten zu leiden hatten und die Gerechten unterdrückt und getötet wurden von den Ungerechten.

12. Im letzten Teil ist darzulegen, welche Hoffnung und welcher Lohn den Gerechten und Märtyrern nach den Kämpfen und Leiden dieser Zeit winkt,

13. und zu zeigen, daß wir bei der Vergeltung unseres Leidens mehr empfangen werden, als vor hier im Leiden selbst zu ertragen haben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s