An Demetrianus

Von Cyprian von Karthago

Einleitung

Deinen gotteslästerlichen Äußerungen entgegenzutreten, habe ich bisher als nutzlos unterlassen.

Wenn du dich ereifertest und gegen Gott, der der e i n e und wahre ist, mit frevlem Munde und in ruchlosen Worten dich ergingst, dann hatte ich dich, lieber Demetrianus, gar oft unbeachtet gelassen, da ich es für ehrenhafter und besser hielt, die Unkenntnis des Irrenden stillschweigend zu übersehen, als durch Worte die Wut des Verblendeten noch herauszufordern. Und das tat ich nicht, ohne durch die göttliche Lehre dazu ermächtigt zu sein; denn es steht geschrieben: „Dem Toren sage nichts in die Ohren, damit er nicht, wenn er es hört, deinen verständigen Reden verlache!“ und wiederum: „Antworte dem Toren nicht nach seiner Torheit, damit du ihm nicht ähnlich werdest!“ Es wird uns ja auch befohlen, das Heilige in unserem Bewußtsein zu behalten und nicht den Schweinen und Hunden zum Zertreten hinzuwerfen, wie der Herr spricht und sagt: „Gebet das Heilige nicht den Hunden, und werfet eure Perlen nicht vor die Schweine, damit sie nicht mit ihren Füßen sie zertreten!“ Denn da du oft mehr in der Absicht, zu widersprechen als mit dem Wunsche zu lernen zu mir kamst und lieber deine Ansichten mit schreiender Stimme mir unverschämt aufdrängen als unsere Gedanken ruhig anhören wolltest, so schien es mir unangebracht, mit dir zu streiten, da es leichter und müheloser wäre, die erregten Wogen des stürmischen Meeres durch lauten Zuruf zur Ruhe zu zwingen als deine Wut durch sachliche Verhandlungen zu zügeln. Sicherlich ist es doch vergebliche Arbeit und ein erfolgloses Beginnen, dem Blinden Licht, dem Tauben Worte, dem Toren Weisheit zu bieten, da weder der Tor zu denken noch der Blinde Licht aufzunehmen noch der Taube zu hören vermag.

Mein Schweigen gegenüber deinen jüngsten Beschuldigungen der Christen könnte jedoch als Eingeständnis ausgelegt werden.

Aus diesen Erwägungen heraus habe ich oft geschwiegen und den Unduldsamen durch meine Geduld besiegt, da ich weder den jeder Belehrung Unzugänglichen zu belehren noch den Gottlosen durch Gottesfurcht zu bezwingen noch den Rasenden durch Milde zu bezähmen vermocht hätte. Aber freilich, nachdem du behauptest, es beklagten sich gar viele darüber und man mache uns dafür verantwortlich, daß immer häufiger jetzt Kriege sich erheben, daß Seuchen und Hungersnot wüten, daß langanhaltendes heiteres Wetter die Feuchtigkeit und den Regen fernhält, so darf ich nicht länger schweigen; sonst sieht allmählich unser Stillschweigen nicht mehr wie Zurückhaltung aus, sondern wie Mangel an Selbstvertrauen, und wir erwecken den Anschein, als müßten wir den Vorwurf als berechtigt anerkennen, wenn wir es verschmähen, die falschen Beschuldigungen zurückzuweisen. Ich erwidere also nicht nur dir, lieber Demetrianus, sondern zugleich auch den anderen, die vielleicht du erst aufgereizt und durch das Treiben und Sprossen deiner Wurzel und deines Stammes in größerer Anzahl als Anhänger für dich gewonnen hast, indem du mit verleumderischen Worten Haß gegen uns sätest. Aber dennoch glaube ich, daß sie für die Berechtigung unserer Worte ein Ohr haben. Denn wer sich nur durch trügerische Lüge zum Bösen hat verleiten lassen, der wird sich viel eher noch zum Guten bewegen lassen durch die Wahrheit.

Hauptteil I

Die jetzige Unfruchtbarkeit der Erde ist ein natürliche Folge ihres Alters und ein Zeichen, daß das Ende nahe ist.

Du hast behauptet, wir hätten die Schuld und uns müsse all das zugerechnet werden, was jetzt die Welt erschüttert und bedrängt, weil eure Götter von uns nicht verehrt würden. In dieser Beziehung mußt du, der du von göttlicher Erkenntnis keine Ahnung hast und der Wahrheit ferne stehst, in erster Linie wissen, daß die Welt bereits alt geworden ist, daß sie nicht mehr in ihrer früheren Kraft steht und sich nicht mehr derselben Frische und Stärke erfreut, in der sie ehemals prangte. Auch wenn wir schweigen und keine Belege aus den heiligen Schriften und den göttlichen Verkündigungen beibringen, so redet schon die Welt selbst eine deutliche Sprache, und sie bezeugt ihren eigenen Untergang durch den sichtlichen Verfall aller Dinge. Nicht mehr reicht im Winter des Regens Fülle aus, um die Samen zu nähren, nicht mehr stellt sich im Sommer die gewohnte Hitze ein, um das Getreide zur Reife zu bringen, nicht mehr kann sich der Frühling seiner früheren Milde rühmen, und auch der Herbst spendet uns die Früchte der Bäume nicht mehr in so reicher Menge. Weniger wird aus den durchwühlten und erschöpften Bergen an Marmorplatten gewonnen, weniger Schätze an Silber und Gold liefern die bereits ausgebeuteten Bergwerke, und die ärmlichen Adern versiegen noch mehr von Tag zu Tag. Mehr und mehr erlahmt und ermattet auf den Fluren der Landmann, auf dem Meere der Schiffer, im Felde der Soldat; es schwindet die Uneigennützigkeit auf dem Markte, die Gerechtigkeit vor Gericht, in der Freundschaft die Eintracht, in den Künsten die Fertigkeit, in den Sitten die Zucht. Glaubst du denn, etwas Alterndes könne wieder solch kräftiges Wesen annehmen, wie es früher in seiner noch frischen und üppigen Jugend zu blühen vermochte? Abnehmen muß alles, was seinem Ende schon ganz nahe ist und dem Untergang und Abschlüsse sich zuneigt. So sendet die Sonne bei ihrem Untergang Strahlen mit weniger hellem und feurigem Glänze aus, so wird des Mondes Scheibe wieder dünner, wenn sich sein Lauf dem Ende nähert und seine Hörner verblichen sind, und der Baum, der einst grün und ertragreich gewesen, wird später, wenn seine Äste verdorren, unfruchtbar und durch das Alter entstellt, und auch die Quelle, die ehedem aus überströmenden Adern reichlich hervorsprudelte, wird altersschwach und versiegt und läßt kaum mehr in kleinen Tropfen ihr Naß heraussickern. Das ist der Grundsatz, der für die Welt aufgestellt ist Das ist Gottes Gesetz, daß alles, was entstanden ist wieder vergeht, und alles, was gewachsen ist, altert, daß das Starke schwach, das Große klein wird und, wenn es dann schwach und klein geworden ist, sein Ende nimmt.

Die allgemeine Entartung ist naturgemäß; sie darf also nicht den Christen zur Last gelegt werden.

Den Christen legst du es zur Last, daß mit dem zunehmenden Alter der Welt das einzelne dahinschwindet? Wie, wenn auch die Greise es den Christen zur Last legen wollten, daß sie im Alter nicht mehr so rüstig sind, daß sie nicht mehr im gleichen Grade wie früher sich des feinen Gehörs ihrer Ohren, der Schnelligkeit der Füße, der Schärfe der Augen, der Stärke der Muskeln, der gesunden Säfte des Blutes, des mächtigen Baues der Glieder zu erfreuen haben und daß man es gegenwärtig kaum auf hundert Jahre bringen könne, während dereinst das langfristige Leben der Menschen über achthundert und neunhundert Jahre hinausging? Grauköpfe sehen wir schon unter den Knaben: die Haare fallen aus, bevor sie noch wachsen, und das Leben endet nicht mehr mit dem Greisenalter, sondern fängt gleich mit ihm an. So eilt alles, was geboren wird, noch in seinem Entstehen bereits dem Ende zu, so entartet alles, was jetzt ins Leben tritt, infolge des Alters der Welt selbst, und niemand darf sich darüber wundern, wenn das einzelne in der Welt dahinzuschwinden begonnen hat, nachdem bereits die Welt selbst als Ganzes in Verfall und Untergang begriffen ist.

Auch an den hereinbrechenden Heimsuchungen sind nicht die Christen schuld, sondern die Heiden, die vom wahren Gott nichts wissen wollen.

Wenn nun aber immer häufiger Krieg auf Krieg folgt, wenn Mißwachs und Hungersnot die Besorgnis häufen, wenn durch wütende Seuchen die Gesundheit zerstört, wenn das Menschengeschlecht durch die Verheerung der Pest vernichtet wird, so wisse: auch das ist vorausgesagt, daß in den letzten Zeiten die Übel sich mehren und mannigfaches Unheil hereinbricht und daß nunmehr, wo der Tag des Gerichts schon näherkommt, die Strenge des zürnenden Gottes mehr und mehr zu Heimsuchungen des Menschengeschlechtes entflammt wird. Denn all das geschieht nicht etwa, wie deine falsche Klage und deine der Wahrheit bare Unwissenheit mit Geschrei verkündet, aus dem Grunde, weil eure Götter bei uns keine Verehrung finden, sondern umgekehrt, weil der eine Gott von euch nicht verehrt wird. Denn da er der Herr und Lenker der Welt ist und alles nach seinem Wink und Willen geschieht und nichts geschehen kann, außer was er entweder selbst tut oder geschehen läßt, so treten doch sicherlich solche Ereignisse, die den Grimm des zürnenden Gottes zeigen, nicht unseretwegen ein, von denen doch Gott verehrt wird, sondern sie gelten euren Vergehen und eurer Schuld. Denn von euch wird Gott überhaupt nicht gesucht oder gefürchtet, ihr verlaßt nicht den eitlen Aberglauben und erkennt nicht die wahre Religion, so daß er, der allein unser aller Gott ist, auch allein von allen verehrt und angebetet würde.

Dieses Strafgericht ist schon längst von Gott und den Propheten angedroht.

Höre nur, wie er selbst spricht, wie er selbst mit göttlicher Stimme uns lehrt und mahnt: „Den Herrn deinen Gott sollst du anbeten und ihm allein dienen!“ und abermals: „Du sollst keine anderen Götter haben außer mir!“ und wiederum: „Gehet nicht fremden Göttern nach, um ihnen zu dienen, und betet sie nicht an; und reizet mich nicht in den Werken eurer Hände, euch zu verderben!! Ebenso bezeugt und verkündigt der Prophet, des Heiligen Geistes voll, den Grimm Gottes mit den Worten: „So sagt der allmächtige Herr: ‚Darum, weil mein Haus verlassen ist, ihr aber eilt, jeder in sein Haus, deshalb wird der Himmel sich des Taues enthalten und die Erde ihre Erzeugnisse entziehen, und ich will das Schwert hinführen über das Land und über das Getreide und über den Wein und über das Öl und über die Menschen und über das Vieh und über alle Arbeiten ihrer Hände'“. Desgleichen wiederholt ein anderer Prophet und sagt: „Ich will regnen lassen über die eine Stadt, und über die andere will ich nicht regnen lassen. Ein Teil wird beregnet werden, und der Teil, über den ich nicht regnen lasse, wird verdorren. Und es werden zwei und drei Städte in einer Stadt sich versammeln, um Wasser zu trinken, und sie werden nicht einmal so gesättigt werden: und ihr bekehrt euch nicht zu mir, sagt der Herr“.

Es ist reichlich verdient durch den Unglauben und die Sündhaftigkeit der Heiden.

Siehe, der Herr entrüstet sich und zürnt und droht, daß ihr euch nicht zu ihm bekehrt: und trotz dieser eurer Verstocktheit und Mißachtung wunderst oder beklagst du dich, wenn nur selten Regen vom Himmel fällt, wenn die Erde unter einer dichten Staubschicht begraben liegt, wenn die unfruchtbare Scholle kaum mehr magere und blasse Kräuter hervorzubringen vermag, wenn zerschmetternder Hagel den Weinstock vernichtet, wenn ein reißender Windstoß den Ölbaum entwurzelt, wenn Trockenheit die sprudelnde Quelle zum Stillstand bringt, wenn giftige Dünste die Luft verpesten, wenn verheerende Krankheit die Menschen dahinrafft? Und doch ist all das nur die Folge eurer Sünden, und Gott wird immer mehr erbittert, weil selbst solche schwere Heimsuchungen nichts nützen. Denn daß dies alles nur zur Züchtigung der Verstockten oder zur Bestrafung der Bösen geschieht, zeigt derselbe Gott deutlich in den heiligen Schriften mit den Worten; „Ohne Grund habe ich eure Söhne geschlagen, sie haben die Züchtigung nicht angenommen“. Und der seinem Gott ergebene und geweihte Prophet antwortet auf eben diese Worte und sagt: „Du hast sie geschlagen, und sie haben nichts gespürt; du hast sie gegeißelt, und sie haben die Züchtigung nicht annehmen wollen“. Siehe, von Gott werden Heimsuchungen über euch verhängt, und doch ist keine Gottesfurcht zu finden; siehe, es fehlt nicht an Schlägen und Geißelhieben von oben, und doch zeigt sich keine Angst, kein Schrecken. Wenn nun erst in das menschliche Leben nicht wenigstens dieses strenge Strafgericht eingriffe, wieviel größer noch wäre dann erst bei den Menschen die Vermessenheit, wenn sie infolge der Straflosigkeit ihrer Missetaten unbesorgt sein könnten!

Denn Gott muß über die Menschen doch dasselbe Recht zustehen wie einem Herrn über einen ungehorsamen Knecht.

Du beklagst dich darüber, daß sich gegenwärtig reiche Quellen, gesunde Luft, häufiger Regen und fruchtbarer Boden weniger deinem Wunsche gefügig zeigen, daß die Elemente nicht mehr so deinem Nutzen und Vergnügen dienen. Du freilich dienst ja Gott, durch dessen Gnade dir alles dienstbar ist; du gehorchst ihm, auf dessen Wink dir alles gehorsam ist! Du selbst verlangst von deinem Knechte Knechtesdienst, und, selbst nur ein Mensch, zwingst du einen anderen Menschen, dir ergeben und Untertan zu sein. Und obgleich ihr das nämliche Los der Geburt und ein und dasselbe Schicksal des Todes habt, obwohl euer Leib völlig übereinstimmt in der Zusammensetzung und eure Seele die gleiche Beschaffenheit zeigt, obwohl ihr nach demselben Rechte und nach dem nämlichen Gesetze in diese Welt tretet und später wieder aus ihr abscheidet, so erzwingst du dennoch, wenn man dir nicht nach deinem Wunsche dient, wenn man nicht deinem Willen voll Hingebung gehorcht, in herrischer rücksichtsloser Strenge knechtische Unterwürfigkeit, und du geißelst und schlägst, du strafst und quälst durch Hunger, Durst und Entblößung, häufig auch mit Schwert und Kerker. Und den Herrn deinen Gott erkennst du nicht an, obwohl du selbst deine Herrschaft so nachdrücklich ausübst?

Aber trotz der Drohungen und Heimsuchungen ist noch keine Besserung an den Menschen zu bemerken.

Mit Recht also läßt es Gott bei dem Hereinbrechen der Heimsuchungen an Geißelhieben und Schlägen nicht fehlen. Und da diese hienieden nichts fruchten und doch nicht die einzelnen durch den gewaltigen Schrecken der Drangsale zu Gott bekehren, so steht nachher noch ewiges Gefängnis, nie verlöschendes Feuer und beständige Pein zu erwarten. Das Seufzen der Flehenden wird dort kein Gehör finden, weil auch hier die schreckliche Drohung des zürnenden Gottes nicht gehört wurde, der durch den Mund des Propheten ruft und sagt: „Höret das Wort des Herrn, ihr Kinder Israels: denn das Gericht des Herrn ergeht wider die Bewohner des Landes, weil weder Barmherzigkeit noch Wahrheit noch Erkenntnis Gottes im Lande ist; Verwünschung, Lüge, Mord, Diebstahl und Ehebruch hat sich ergossen über das Land, Blutschuld häufen sie auf Blutschuld. Darum wird das Land trauern mit allen seinen Bewohnern, mit den Tieren des Feldes, mit den kriechenden Geschöpfen der Erde, mit den Vögeln des Himmels, und dahinschwinden werden die Fische des Meeres, damit niemand richte, niemand tadle“. Gott sagt, daß er zürnt, weil es keine Kenntnis Gottes gebe auf Erden, und doch wird Gott nicht erkannt noch gefürchtet. Die Sünden der Lüge, der Wollust, des Betrugs, der Grausamkeit, der Gottlosigkeit, der Wut tadelt und beschuldigt Gott, und doch bekehrt sich niemand zur Rechtschaffenheit. Siehe, es geschieht, was durch Gottes Wort vorhergesagt ist, und nicht e i n e r läßt sich durch die Gewißheit der Gegenwart mahnen, auf die Zukunft bedacht zu sein. Inmitten der Drangsale, unter denen die eingeengte und bedrängte Seele kaum mehr zu atmen vermag, wagt man es noch immer, lasterhaft zu sein und trotz der großen Gefahren statt über sich über den Nächsten zu richten. Und da seid ihr noch empört darüber, daß Gott empört ist, wie wenn ihr durch euren schlechten Lebenswandel etwas Gutes verdientet, wie wenn nicht all diese Heimsuchungen noch gering und unbedeutend wären gegen eure Sünden?

Bei einiger Selbsterkenntnis müßte jeder zugeben, daß noch schlimmer als die gegenwärtigen Drangsale die menschlichen Leidenschaften wüten.

Der du über andere richtest, sei endlich einmal auch dein eigener Richter, schau in die geheimen Winkel deines Gewissens oder vielmehr — denn man kennt ja nicht einmal mehr eine Scheu vor dem Vergehen, und man sündigt gerade so, als ob man eben durch die Sünden erst Gefallen erweckte —, der du deutlich und unverhüllt allen sichtbar bist, betrachte dich auch selbst einmal! Entweder bist du nämlich von Hochmut aufgeblasen oder aus Habsucht raubgierig oder vor Jähzorn wütend, oder es macht dich das Würfelspiel verschwenderisch oder die Trunksucht berauscht oder der Neid gehässig oder die Wollust unzüchtig oder die Grausamkeit gewalttätig. Und da wunderst du dich noch, wenn zur Bestrafung des Menschengeschlechts der Zorn Gottes immer mehr anwächst, obwohl doch die Schuld von Tag zu Tag größer wird, die Strafe verdient? Du beklagst dich darüber, daß der Feind sich erhebt, gerade als ob mitten in der Zeit der friedlichen Toga wirklicher Friede herrschen könnte, selbst wenn kein Feind da wäre. [Du beklagst dich darüber, daß der Feind sich erhebt,] gerade als ob nicht im Innern die Waffen des häuslichen Kampfes infolge der Ränke und Gewalttätigkeiten mächtiger Bürger noch wilder und schlimmer wüteten, selbst wenn draußen die gefahrdrohenden Waffen der Barbaren überwältigt würden. Über Mißwachs und Hunger klagst du, als ob die Trockenheit größere Hungersnot hervorriefe als die menschliche Habgier, als ob nicht durch künstliche Anhäufung der Getreidevorräte und Steigerung der Preise das Feuer der Not noch mächtiger emporloderte. Du klagst, daß der Himmel dem Regen verschlossen bleibt, obwohl doch so schon die Scheunen verschlossen bleiben auf Erden. Du klagst, es wachse weniger, als ob das, was schon gewachsen ist, den Dürftigen dargereicht würde. Pest und Seuche schuldigst du an, obwohl doch gerade durch die Pest und Seuche die Verbrechen der einzelnen entlarvt oder vermehrt worden sind, indem den Kranken keine Barmherzigkeit erwiesen wird und auf die Verstorbenen nur Habgier und Raub lauert. Die nämlichen, die im Dienste der Nächstenliebe so zurückhaltend sind, zeigen sich rasch entschlossen, wenn es sich um ruchlosen Gewinn handelt; sie fliehen vor dem Elend der Sterbenden und greifen hastig nach der Beute der Gestorbenen, und so wird es deutlich offenbar, daß man die Unglücklichen in ihrer Krankheit vielleicht nur deshalb im Stiche gelassen hat, damit sie ja nicht davonkommen können, wenn sie Pflege finden; denn den Untergang des Kranken hat doch der gewünscht, der über das Vermögen des Sterbenden sogleich herfällt.

Ganz offen und ungescheut übt man diese Laster, und doch sucht man Gott und die Christen für die Strafe verantwortlich zu machen.

Und dennoch vermag dieser gewaltige Schrecken der Heimsuchungen nicht zu einem rechtschaffenen Leben zu erziehen, und inmitten des massenhaft dahinsterbenden Volkes bedenkt niemand, daß auch er sterblich ist. Allenthalben rennt, raubt und plündert man; beim Beutemachen kennt man keine Heimlichkeit, kein Zaudern. Wie wenn es erlaubt, wie wenn es ein Muß wäre, wie wenn jeder, der nicht raubt, den Schaden und Verlust am eigenen Leibe zu fühlen hätte, so beeilt sich alles, etwas zu erbeuten. Bei wirklichen Räubern ist immerhin noch einige Scheu vor dem Verbrechen zu finden, sie wählen mit Vorliebe abgelegene Hohlwege und verlassene Einöden, und der Frevel wird dort verübt in einer Weise, daß doch wenigstens die Untat des Verbrechers in Dunkel und Nacht gehüllt ist. Die Habsucht hingegen wütet ganz offen, und gerade durch die eigene Verwegenheit gesichert, läßt sie auf offenem Markte die Waffen ihrer zügellosen Begierde sehen. Daher die Fälscher, daher die Giftmischer, daher inmitten der Stadt die Meuchelmörder, die um so leichter geneigt sind zum Sündigen, als ihre Sünde ungestraft bleibt Von dem Schuldbefleckten wird das Verbrechen verübt und da findet sich kein Schuldloser, es zu ahnden. Vor einem Ankläger oder Richter kennt man keine Furcht. Straflosigkeit genießen die Bösen, indem die Zurückhaltenden schweigen, die Mitschuldigen sich fürchten und die, welche richten sollten, sich bestechen lassen. Und deshalb wird durch den Mund des Propheten nach der Eingebung des göttlichen Geistes der wahre Sachverhalt dargelegt, deshalb wird klar und deutlich der Grund dafür gezeigt: der Herr könne nämlich die Drangsale wohl verhindern, aber die Schuld der Sünder sei die Ursache, daß er nicht zu Hilfe kommt. „Ist etwa“, sagt er, „die Hand des Herrn nicht stark genug, zu retten, oder hat er sein Ohr taub gemacht, daß er nicht höre? Nein, eure Sünden scheiden euch und Gott voneinander, und wegen eurer Vergehen wendet er sein Angesicht von euch, daß er sich nicht erbarme“. Die eigenen Sünden und Vergehen also möge man erwägen, die Wunden des Gewissens möge man bedenken, und jeder einzelne soll davon ablassen, über Gott oder über uns Klage zu führen, wenn er einsieht, daß er das verdient, was er zu leiden hat.

Hauptteil II

Außer dem Götzendienst laden die Heiden besonders durch die grausame Verfolgung der Christen schwere Schuld auf sich.

Und siehe, wie steht es gerade damit, worüber wir jetzt vor allem zu reden haben: daß ihr uns Unschuldige anfeindet, daß ihr Gott zur Schmach die Diener Gottes bekämpft und unterdrückt? Es ist noch nicht genug, daß die Mannigfaltigkeit der wütenden Laster, daß die Ungerechtigkeit todeswürdiger Verbrechen, daß blutige Räubereien aller Art euer Leben beflecken, daß falscher Aberglaube die wahre Frömmigkeit untergräbt, daß ihr Gott weder irgendwie sucht noch fürchtet: nein, ihr peinigt auch noch obendrein Gottes Diener und die seiner Majestät und seiner Macht Geweihten durch ungerechte Verfolgungen. Es ist noch nicht genug, daß du selbst Gott nicht ehrst: du verfolgst auch noch die anderen, die ihn verehren, mit frevlerischer Feindseligkeit. Gott verehrst du weder selbst noch läßt du ihn irgendwie verehren, und während alle anderen deinen Beifall finden, die nicht nur diese albernen Götzen und die von Menschenhand gefertigten Bilder, sondern auch gewisse Ungeheuer und Scheusale anbeten, ist es allein der Verehrer Gottes, der dir mißfällt. Allerorten rauchen in euren Tempeln die Brandstätten von Schlachtopfern und ganze Scheiterhaufen von Opfertieren: und Gott hat entweder überhaupt keine Altäre oder nur versteckte. Krokodile und hundsköpfige Wesen, Steine und Schlangen werden verehrt: und Gott ist der einzige auf Erden, der entweder gar nicht verehrt wird oder dessen Verehrung nicht ungestraft bleibt. Die Unschuldigen, die Gerechten, die Lieblinge Gottes jagst du von Haus und Hof, bringst du um ihr Vermögen, wirfst du in Ketten, sperrst du ins Gefängnis, verurteilst du zum Tod durch wilde Tiere, durch das Schwert, durch das Feuer. Aber du gibst dich nicht etwa damit zufrieden, uns nur Schmerzen von kurzer Dauer zu bereiten und die Strafe einfach und rasch zu vollziehen; nein, um unseren Leib zu zerfleischen, wendest du langwierige Foltern an, um unsere Eingeweide zu zerreißen, häufst du Marter auf Marter. Deine unmenschliche Wildheit kann sich nicht begnügen mit den üblichen Arten der Folter: immer neue Pein ersinnt deine erfinderische Grausamkeit.

Ist der christliche Glaube ein Verbrechen, so darf der Christ, der sich offen dazu bekennt, wohl getötet, aber nicht gefoltert werden. Noch richtiger wäre es, ihn durch Gründe von seinem Irrtum zu überzeugen.

Was für eine unersättliche Henkerswut, welch unerschöpfliche, zügellose Grausamkeit ist das! Entscheide dich doch lieber für eine der beiden Auffassungen: ein Christ zu sein, ist entweder ein Verbrechen oder es ist keines! Ist es ein Verbrechen, warum tötest du dann nicht jeden, der sich als Christen bekennt? Ist es aber keines, wozu verfolgst du dann den Unschuldigen? Denn die Folter hätte ich nur dann verdient, wenn ich leugnete. Wenn ich aus Furcht vor deiner Strafe mit trügerischer Lüge das verhehlte, was ich früher gewesen war, und verheimlichte, daß ich deine Götter nicht verehrt hatte, dann hätte ich gefoltert, dann zum Bekenntnis meines Verbrechens durch die Gewalt der Schmerzen gezwungen werden dürfen. So werden ja auch sonst bei gerichtlichen Untersuchungen die Angeklagten gefoltert, die es in Abrede stellen, des ihnen zur Last gelegten Verbrechens schuldig zu sein, damit der wahre Tatbestand, der durch ein mündliches Geständnis nicht herauszubringen ist, durch den körperlichen Schmerz ans Licht gebracht wird. Nun aber, da ich freiwillig bekenne, da ich es laut rufe und in häufigen und oftmals wiederholten Versicherungen beteure, daß ich ein Christ bin, wozu wendest du jetzt noch Foltern an gegen einen, der schon geständig ist und der nicht an verborgenen und heimlichen Orten, sondern ganz offen und vor aller Welt mitten auf dem Markte vor den Ohren der Behörden und Statthalter deine Götter verwirft? Selbst wenn es also noch nicht genügt hätte, was du früher mir zur Last legen konntest, so ist jetzt die Schuld gewachsen, so daß du sie noch mehr hassen und bestrafen mußt. Wenn ich mich an einem belebten Orte und vor dem umstehenden Volke als Christen bekenne und euch und eure Götter durch meine laute und öffentliche Erklärung widerlege, wozu wendest du dich dann an die Gebrechlichkeit des Leibes, warum kämpfst du dann mit der Schwächlichkeit des irdischen Fleisches? Nimm den Kampf auf gegen die Kraft des Geistes, brich den Mut der Seele, zerstöre den Glauben, siege, wenn du es vermagst, durch Gegengründe, siege durch die Waffen der Vernunft!

Oder warum überlassen die Heiden die Rache nicht ihren Göttern? Halten sie diese für nicht mächtig genug?

Oder wenn deinen Göttern irgendwelche Hoheit und Macht innewohnt, so mögen sie selbst zu ihrer Rache sich erheben, so mögen sie selbst sich kraft ihrer eigenen Majestät verteidigen! Aber was vermögen die ihren Verehrern zu gewähren, die sich an solchen, die sie nicht verehren, nicht einmal selbst rächen können? Denn wenn der, welcher die Rache vollzieht, höher steht als der, welcher gerächt wird, so bist du mächtiger als deine Götter. Bist du nun also mächtiger als sie, die du verehrst, so mußt nicht du sie verehren, sondern sie dich. Eure Rache verteidigt sie, wenn sie verletzt sind, ebenso wie sie auch euer Schutz eingeschlossen hält und bewacht, damit sie nicht zu Schaden kommen. Schäme dich, die zu verehren, die du selbst verteidigen mußt; schäme dich, von denen Schutz zu erhoffen, die auf deinen Schutz angewiesen sind!

Allerdings zeigt ihr Verhalten bei der Austreibung (der Dämonen) deutlich genug, wie sie vor der Macht der Christen zittern.

O, wenn du sie hören und sehen wolltest, wenn sie von uns beschworen werden, wenn sie mit geistlichen Knuten gemartert und durch folternde Worte aus dem Körper der Besessenen ausgetrieben werden, wenn sie mit menschlicher Stimme heulend und seufzend durch göttliche Macht die Geißelhiebe und Schläge empfinden und das nahende Gericht bekennen! Komm und überzeuge dich von der Wahrheit unserer Worte! Und weil du die Götter, wie du sagst, so sehr verehrst, so glaube wenigstens ihnen selbst, die du verehrst! Oder wenn du auch dir selbst Glauben schenken willst, so wird er, der jetzt dein Herz in Besitz genommen, der jetzt deinen Geist durch die Macht der Unwissenheit getrübt hat, dir in deine eigenen Ohren von dir selbst sprechen. Sehen wirst du, wie wir von denen gebeten werden, die du bittest, wie wir von denen gefürchtet werden, die du anbetest; sehen wirst du, wie die unter unserer Hand gefesselt dastehen und als Gefangene zittern, die du als deine Herren achtest und ehrst. Sicherlich wirst du dich wenigstens auf solche Weise in diesen deinen Irrtümern beschämen lassen, wenn du siehst und hörst, wie deine Götter auf unsere Frage sofort verraten, was sie sind, und selbst in eurer Gegenwart nicht imstande sind, dieses ihr Blendwerk und ihren Trug zu verheimlichen.

Statt sich vor solch ohnmächtigen Götzen zu beugen, sollten die Heiden sich lieber zum wahren Gott bekehren.

Welche Geistesträgheit ist es also oder vielmehr welch blinder und törichter Wahnsinn alberner Menschen, aus der Finsternis nicht zum Lichte kommen zu mögen, von den Banden des ewigen Todes umstrickt, die Hoffnung der Unsterblichkeit nicht erfassen zu wollen und Gott nicht zu fürchten, der da droht und sagt: „Wer Göttern opfert außer dem Herrn allein, soll ausgerottet werden“, und wiederum: „Sie haben die angebetet, die ihre Finger gemacht haben, und der Mensch hat sich gebückt und der Mann gedemütigt, und ich werde es ihnen nicht erlassen“. Wozu demütigst und beugst du dich vor falschen Göttern, wozu krümmst du vor albernen Bildwerken und Gestalten aus Erde deinen knechtischen Leib? Aufrecht hat dich Gott geschaffen, und während die übrigen Geschöpfe nach vorne gebückt und infolge der Neigung ihres Körperbaues zur Erde gebeugt sind, hast du eine emporstrebende Haltung, und dein Blick ist zum Himmel und zum Herrn nach oben gewandt. Dorthin schau, dorthin lenke deine Augen, in der Höhe suche Gott! Damit du alles hier unten entbehren kannst, erhebe deine Brust zu dem Hohen und Himmlischen! Warum wirfst du dich mit der Schlange, die du verehrst, zu Boden, um dem Tod entgegen zu kriechen? Warum stürzest du dich in das Verderben des Teufels durch ihn und mit ihm selbst? Bewahre die Hoheit, die dir angeboren ist! Bleibe so, wie du von Gott geschaffen bist! Mit der Richtung deines Antlitzes und deines Leibes richte auch deinen Geist empor! Damit du Gott zu erkennen vermagst, erkenne zuerst dich selbst! Verlaß die Götzen, die menschliche Verirrung erfunden hat! Zu Gott bekehre dich! Rufst du ihn an, so eilt er dir zu Hilfe. Auf Christus vertraue, den der Vater gesandt hat, um uns zum Leben zu erwecken und neu zu schaffen! Laß ab davon, Gottes und Christi Diener durch deine Verfolgungen zu verletzen, sie, die die göttliche Rache gegen jede Verletzung in Schutz nimmt!

Dieser nimmt seine Gläubigen in Schutz, und die jüngsten Heimsuchungen sind nichts anderes als die Strafe für die Verfolgung der Christen.

Denn daher kommt es, daß keiner von uns sich widersetzt, wenn er ergriffen wird, und daß unser Volk trotz seiner Stärke und Zahl gegenüber eurer ungerechten Gewalttätigkeit nicht an Rache denkt. Geduldig macht uns die Gewißheit der nachfolgenden Strafe. Die Unschuldigen geben nach den Schuldigen, die Unbescholtenen nehmen ruhig die Strafen und Martern hin in dem sicheren Vertrauen, daß all das, was wir erleiden, nicht ungeahndet bleibt und daß die Rache für unsere Verfolgung um so gerechter und schwerer ausfällt, je größer das Unrecht der Verfolgung war. Und wirklich, niemals erhebt sich der Frevel der Ruchlosen gegen unseren Namen, ohne daß sofort die göttliche Rache ihm auf dem Fuße folgte. Um von den alten Zeiten ganz zu schweigen und auf die oftmals wiederholten Strafgerichte zum Schutze der Verehrer Gottes mit gar keinem rühmenden Wort zurückzukommen, so kann schon ein Ereignis der jüngsten Vergangenheit als Beweis genügen. Erst vor kurzem ist so schnell und bei aller Schnelligkeit doch so nachdrücklich die Rache für uns vollzogen worden durch den Zusammensturz des Reiches, durch die Einbuße an Macht, durch die Opfer an Kriegern und durch die Verluste an Heerlagern. Möge nur ja niemand glauben, das sei nur von ungefähr so gekommen, oder annehmen, es sei ein bloßer Zufall gewesen; hat doch schon vor langer Zeit die göttliche Schrift geäußert und gesagt: „Mir die Rache; ich will vergelten, sagt der Herr“, und wiederum mahnt der Heilige Geist im voraus; „Sage nicht: ich will mich rächen an meinem Feinde, sondern warte auf den Herrn, daß er dir zu Hilfe kommel“ Daher ist es deutlich und offenbar, daß nicht durch unsere Schuld, sondern zu unserem Schutze all das geschieht, was Gottes Ungnade und Zorn herabsendet.

Hauptteil III

Freilich wird der Christ durch sie mitbetroffen, aber er kann alles geduldig ertragen im Hinblick auf die Zukunft.

Daß aber keiner deswegen glaube, in diesen Ereignissen sei deshalb keine Rache für den Christen zu erblicken, weil man ja sehe, wie sie gleichfalls durch das hereinbrechende Unheil hart betroffen werden! Als Strafe empfindet die Drangsale der Welt nur der, dessen Freude und Herrlichkeit vollständig auf der Welt beruht. Nur der trauert und weint, wenn es ihm schlecht geht in der Zeitlichkeit, dem es nicht gut gehen kann nach dieser Zeitlichkeit, der die ganze Frucht des Lebens nur hier auf Erden genießt, dessen ganzer Trost hienieden endigt, dessen vergängliches und kurzes Leben nur hier einige Wonne und Lust erwartet und dem nur mehr Strafe und Schmerz bevorsteht, wenn er von hinnen geschieden ist. Dagegen kennen die keinen Schmerz über das Hereinbrechen der gegenwärtigen Übel, die mit Vertrauen den künftigen Gütern entgegensehen. Und so lassen wir uns durch diese Widrigkeiten weder aus der Fassung bringen noch entmutigen, weder betrüben wir uns noch murren wir bei irgendwelchem Verlust an Hab und Gut oder bei leiblicher Krankheit. Da wir mehr im Geiste als im Fleische leben, besiegen wir durch die Stärke unseres Geistes die Schwäche des Leibes. Wir wissen und vertrauen darauf, daß gerade das uns nur zur Prüfung und Stärkung dient, was für euch nur Qual und Pein ist.

Trotz der Gemeinsamkeit des Fleisches, wegen der die Christen hienieden natürlich auch alles Schlimme mit den Heiden gemeinsam zu erdulden haben, fehlt bei den Christen das Schmerzgefühl.

Glaubt ihr denn, wir leiden unter den Drangsalen in gleicher Weise wie ihr, obwohl ihr doch seht, daß die Art und Weise ganz verschieden ist, in der dieselben Heimsuchungen von uns und von euch ertragen werden? Bei euch herrscht immer nur laute und klagende Ungeduld, bei uns mutige und gottergebene Geduld, die sich stets ruhig verhält und immer gegen Gott dankbar ist; sie beansprucht hienieden für sich keine Freude und kein Glück, sondern mild und sanft und unerschütterlich gegenüber allen Stürmen der ruhelos hin und herwogenden Welt erwartet sie die Zeit der göttlichen Verheißung. Denn solange dieser Leib uns gemeinsam verbleibt mit den übrigen Menschen, so lange muß auch das leibliche Schicksal gemeinsam bleiben, und dem Menschengeschlecht ist keine gegenseitige Absonderung gestattet, außer wenn wir aus der Zeitlichkeit hienieden abscheiden. In einem Hause wohnen wir, Gute und Böse, einstweilen beisammen. Alles, was innerhalb des Hauses eintritt, das haben wir nach gleichem Lose zu erdulden, bis das Ende des zeitlichen Lebens erfüllt ist und wir der Stätte des ewigen Todes oder der ewigen Unvergänglichkeit als Gäste zugeteilt werden. So sind wir also nicht etwa deswegen mit euch völlig auf eine Stufe zu stellen, weil wir den Unbilden der Welt und des Fleisches in gleicher Weise wie ihr ausgesetzt sind, solange wir noch auf dieser Welt und in diesem Fleische leben. Denn da jegliche Strafe auf Schmerzgefühl beruht, so ist es doch offenbar, daß der an deiner Strafe keinen Anteil hat, der, wie du siehst, nicht wie du Schmerz empfindet.

Denn da die Christen ihre Seligkeit erst im zukünftigen Leben erwarten, können sie inmitten der Leiden frohlocken; trotzdem bitten sie in beständigem Gebet Gott um Gnade auch für den Feind.

Es blüht bei uns die Stärke der Hoffnung und die Festigkeit des Glaubens, und selbst mitten unter den Trümmern der hinsinkenden Welt bleibt unser Geist aufrecht und unser Mut unerschütterlich, es bleibt immerdar freudig unsere Geduld und stets ihres Gottes sicher unsere Seele, wie der Heilige Geist durch den Mund des Propheten spricht und mahnt, indem er die Festigkeit unserer Hoffnung und unseres Glaubens durch himmlische Worte stärkt: „Der Feigenbaum“, sagt er, „wird keine Frucht bringen, und es wird nichts wachsen an den Weinstöcken. Trügen wird die Arbeit am Ölbaum, und die Felder werden keine Nahrung gewähren. Fehlen werden die Schafe auf der Weide, und in den Ställen werden keine Rinder sein. Ich aber werde in dem Herrn frohlocken, ich werde mich freuen in Gott, meinem Heiland“. Ein Gottesmensch, sagt er, und ein Verehrer Gottes, der sich stützt auf die Wahrheit der Hoffnung und gegründet ist auf die Festigkeit des Glaubens, läßt sich durch die Heimsuchungen dieser Welt und Zeitlichkeit nicht erschüttern. Mag auch der Weinstock enttäuschen und der Ölbaum trügen, mögen auch die Gräser vor Trockenheit absterben und das glühende Feld verdorren, was kümmert das die Christen, was geht das die Diener Gottes an, denen das Paradies winkt und alle Gnade und Fülle des himmlischen Reiches zu erwarten steht? Sie frohlocken stets in dem Herrn und jubeln und freuen sich in ihrem Gott, und sie tragen mutig die Übel und Widrigkeiten der Welt im Hinblick auf die künftigen Güter und Freuden. Denn wir, die wir nach dem Ablegen der irdischen Geburt im Geiste neuerschaffen und wiedergeboren sind und nicht mehr der Welt, sondern Gott leben, wir werden Gottes Gaben und Verheißungen erst empfangen, wenn wir zu Gott gelangt sind. Und dennoch flehen wir beständig und senden Gebete empor um Abwehr der Feinde, um Gewährung von Regen und um Abwendung oder Milderung der Drangsale und bitten Gott Tag und Nacht unablässig und inständig, indem wir ihn zu besänftigen und zu versöhnen suchen euch zum Frieden und euch zum Heile.

Den Christen sind Drangsale und Verfolgungen, aber auch die Strafe dafür von Gott vorhergesagt.

Niemand schmeichle sich also damit, daß uns und den Ungläubigen, Gottes Verehrern und Gottes Gegnern, einstweilen infolge der Gleichheit des Fleisches und des Leibes das gemeinsame Los der zeitlichen Mühsale beschieden sei, und niemand schließe etwa daraus, daß nicht all das, was da kommt, über euch verhängt werde! Ist doch durch die Verkündigung Gottes selbst und durch das Zeugnis der Propheten schon vorhergesagt worden, der Zorn Gottes werde über die Ungerechten kommen und die Verfolgungen würden nicht ausbleiben, mit denen uns die Menschen verletzten, es werde aber auch die Rache folgen, mit der Gott die Verletzten in seinen Schutz nehme.

Schlimmer als jetzt wird sich Gottes Zorn am Tage des Gerichts zeigen, wo keiner dem Verderben entrinnen wird, der nicht mit dem Blute Christi besiegelt ist.

Und wie gewaltig ist schon das, was einstweilen hienieden für uns geschieht! Nur ein kleines Beispiel wird uns damit gegeben, damit man daraus den Zorn des rächenden Gottes erkennt. Aber zu erwarten steht erst noch der Tag des Gerichts, den die Heilige Schrift ankündigt mit den Worten: „Heulet, denn ganz nahe ist der Tag des Herrn, und Verwüstung wird von Gott erscheinen! Denn siehe, der Tag des Herrn kommt voll unversöhnlichen Unwillens und Zorns, den Erdkreis wüste zu legen und die Sünder daraus zu vertilgen“. Und wiederum: „Siehe, der Tag des Herrn kommt brennend wie ein Ofen, und alle Fremdlinge und alle Ungerechten werden Stroh sein, und der herankommende Tag wird sie anzünden, sagt der Herr“. Angezündet und verbrannt, so verkündigt der Herr im voraus, werden die Fremdlinge, das heißt: die dem göttlichen Geschlechte Fernstehenden und Unheiligen, die nicht geistig wiedergeboren und Gottes Söhne geworden sind. Daß nämlich nur die entrinnen können, die wiedergeboren und mit dem Zeichen Christi versehen sind, das sagt Gott an einer anderen Stelle, wenn er zur Verwüstung der Welt und zum Untergang des Menschengeschlechts seine Engel aussendet und zuletzt noch schwerere Drohungen ausstößt, indem er sagt: „Geht hin und schlaget drein und schonet nicht eure Augen! Habt kein Erbarmen mit den Alten oder mit den Jünglingen und tötet Jungfrauen und Weiber und Kinder, damit sie ausgetilgt werden! Jeden aber, über den das Zeichen geschrieben ist, laßt unberührt!“ Was das aber für ein Zeichen ist und an welchem Teile des Leibes es angebracht sein soll, das offenbart Gott an einer anderem Stelle mit den Worten: „Geh mitten durch Jerusalem und mache ein Zeichen auf die Stirnen der Männer, die seufzen und trauern über die Ungerechtigkeiten, die in ihrer Mitte geschehen!“ Und daß dieses Zeichen sich auf das Leiden und das Blut Christi bezieht und daß jeder heil und unversehrt erhalten bleibt, an dem dieses Zeichen befunden wird, das wird gleichfalls durch das Zeugnis Gottes bestätigt, wenn er sagt: „Und das Blut wird euch zum Zeichen dienen an den Häusern, in denen ihr dort wohnen werdet; und ich werde das Blut sehen und euch beschützen, und euch wird nicht treffen der Streich des Verderbens, wenn ich das Land Ägypten schlage“. Was vorher bei dem Schlachten des Lammes im Bilde vorausgeht, das wird in Christus erfüllt, indem die Wahrheit später nachfolgte. Wie dort, als Ägypten heimgesucht ward, das jüdische Volk nur durch das Blut und Zeichen des Lammes entrinnen konnte, so entrinnt auch dann, wenn die Verwüstung und Heimsuchung der Welt begonnen hat, nur der, an dem das Blut und Zeichen Christi befunden wird.

Beides, die Furcht vor Gottes Zorn und die Einsicht in seine Güte, sollte den Heiden eine Mahnung sein, zum christlichen Glauben überzutreten, solange noch Zeit dazu ist.

Seht also, solange es noch Zeit ist, auf das wahre und ewige Heil und wendet, weil bereits das Ende der Welt ganz nahe ist, in Gottesfurcht eure Herzen Gott zu! Habt nicht in der Welt eure Freude an dieser ohnmächtigen und eitlen Herrschaft inmitten von Gerechten und Sanftmütigen; denn auch auf dem Felde inmitten der wohlbestellten und fruchtbaren Saaten führt nur Lolch und wilder Hafer die Herrschaft. Behauptet auch nicht, diese Übel brächen nur deshalb herein, weil eure Götter von uns nicht verehrt würden, sondern wisset, daß dies der Zorn, dies das Gericht Gottes ist, damit man ihn, der an seinen Wohltaten nicht erkannt wird, wenigstens an seinen Heimsuchungen erkenne! Suchet Gott, wenn auch spät; denn schon längst warnt Gott im voraus durch den Mund des Propheten und spricht mahnend: „Suchet Gott, und leben wird eure Seele!“ Erkennet Gott, wenn auch spät; denn auch Christus bei seiner Ankunft mahnt und lehrt dies mit den Worten: „Dies ist aber das ewige Leben, daß sie Dich, den alleinigen und wahren Gott, erkennen, und den Du gesandt hast, Jesum Christum“. Glaubet ihm, der gewiß nicht trügt! Glaubet ihm, der dies alles für die Zukunft vorausgesagt hat! Glaubet ihm, der den Gläubigen den Lohn des ewigen Lebens geben wird! Glaubet ihm, der über die Ungläubigen ewige Strafen verhängen wird in dem euer der Hölle!

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