Verspottung der nichtchristlichen Philosophen

Von Hermias der Philosoph (um 200)

Der selige Apostel Paulus tat in seinem Briefe an die Korinther folgenden Ausspruch: „Geliebte, die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott“; er hat nicht ohne Bedacht gesprochen; denn wie mir scheint, ist er hierbei von dem Engelfall ausgegangen, der die Ursache ist, daß die Philosophen nichts Einstimmiges noch Übereinstimmendes in der Darlegung ihrer Lehrsätze hervorbringen. Die einen von ihnen behaupten nämlich, die Seele sei das Feuer oder die Luft; andere wiederum sagen, sie sei der Verstand, die Bewegung, die Ausdünstung oder eine von den Sternen ausgehende Kraft oder eine Bewegung hervorrufende Zahl; wieder andere behaupten, sie sei das Wasser als Erzeuger oder sie sei die Übereinstimmung von vier Elementen, sie sei das Blut, der Hauch oder die Einzahl; und viele andere wiederum sagen das Gegenteil. Welch eine Menge von Ansichten hierüber! Wie viele Beweise hierzu! Ja, wie viele Beweise von Sophisten, die mehr streiten als die Wahrheit finden.

Nun gut! Es sei dem so! Betreffs der Seele liegen sie zwar in Hader, bezüglich ihrer übrigen Verhältnisse aber stimmen ihre Aussprüche überein. Aber wie? Da bezeichnet einer das Vergnügen der Seele als ein Gut für sie, der andere als ein Übel, der Dritte als ein Mittelding zwischen Gut und Böse. Bezüglich der Natur der Seele behaupten die einen, sie sei unsterblich, andere, sie sei sterblich, andere wiederum, sie sei noch einige Zeit verweilend; einige lassen sie in Tiere übergehen, andere lösen sie in Atome auf, andere wiederum lassen sie eine Verbindung mit einem Körper eingehen, andere schließlich lassen sie eine Wanderung von dreitausend Jahren durchmachen. Leute also, die nicht hundert Jahre leben, künden uns von dreitausend zukünftigen Jahren. Wie soll man also das nennen? Soviel mir scheint Abenteuerlichkeit, Unsinn oder Wahnwitz oder Absonderlichkeit oder alles zugleich. Wenn sie eine Wahrheit gefunden haben, so sollen sie in Übereinstimmung sich einigen und ich werde dann mit Freuden ihnen Glauben schenken. Wenn sie aber die Seele auseinander reißen und sie hin- und herzerren, der eine sie in diese Natur, der andere in eine andere, also sie von einem Stoff in einen anderen verwandelt, so muß ich zugeben, daß eine derartige Unbeständigkeit der Dinge mich ärgert. Jetzt bin ich unsterblich und freue mich darob; dann aber werde ich wiederum sterblich und weine deshalb; allsogleich löse ich mich in Atome auf, werde Wasser, werde Luft, werde Feuer; kurze Zeit darauf bin ich weder Luft noch Feuer, zum Tier macht man mich, zum Fisch; ich habe also zur Abwechslung Delphine zu Brüdern. Wenn ich mich besehe, so graut mich mein Leib und ich weiß nicht, wie ihn benennen: Mensch oder Hund oder Wolf oder Stier oder Vogel oder Schlange oder Drache oder Chimäre. Denn in alle Tiere lassen mich die Philosophen sich verwandeln: in Land- und Wassertiere, in Vögel, in Gestalt wechselnde, in wilde und zahme, stumme und lautbegabte, in vernunftlose und unvernünftige: ich schwimme, fliege, flattere, krieche, laufe, sitze. Da kommt der Empedokles und macht mich zum Strauche.

Da es also für die Philosophen ein Ding der Unmöglichkeit ist, das Wesen der Seele des Menschen in Übereinstimmung ausfindig zu machen, so dürften sie schwerlich bezüglich der Götter und der Welt die Wahrheit beibringen. Denn sie besitzen die Kühnheit, um nicht zu sagen die Unverfrorenheit, daß sie, die nicht einmal imstande sind, ihre eigene Seele zu erforschen, Untersuchungen anstellen über die Natur der Götter selbst und sich, die ja betreffs ihres eigenen Leibes nichts wissen, um die Natur des Weltalls abmühen. So widersprechen sie sich gar arg schon hinsichtlich der Grundprinzipien der Natur. Da nimmt mich Anaxagoras beiseite, und lehrt mich: „Das Grundprinzip aller Dinge ist der Verstand und dieser ist der Grund und Herr aller Dinge; er gibt Ordnung dem Ungeordneten, Bewegung dem Unbewegten, Scheidung dem Zusammengemengten und Schönheit dem Unschönen“. Mithin ist mir Anaxagoras teuer und ich glaube seiner Lehre. Aber gegen ihn treten Melissus und Parmenides auf. Und zwar verkündet Parmenides sogar in poetischen Worten, daß das Wesen der Dinge Eins sei, ewig, unbegrenzt, unbeweglich und Einer Art. Und wiederum gehe ich in dieser Lehre, ich weiß nicht wie, ganz auf. Parmenides hat Anaxagoras aus meinem Herzen hinausgedrängt. Wollte ich aber glauben, ich besäße eine unerschütterliche Lehre, so ergreift Anaximenes das Wort und schreit dawider: „Ich aber sage dir, das All ist die Luft und wenn diese sich verdichtet und zusammenzieht, so wird sie zu Wasser, und dehnt sie sich aus, so wird sie zu Äther und Feuer; kehrt sie zu ihrer eigenen Natur zurück, so wird sie zur flüssigen Luft; verdichtet sie sich aber auch noch, so ändert sie ihre Natur“. Und wiederum stimme ich diesem bei und habe den Anaximenes lieb.

Dagegen steht aber Empedokles gewaltig zürnend und ruft laut vom Aetna herab: „Aller Dinge Anfang sind Haß und Liebe, diese, indem sie vereinigt, jener, indem er trennt, und ihr Widerstreit schafft alles; ich bestimme aber die Dinge als gleiche und ungleiche, als unbegrenzte und begrenzte, als ewige und werdende“. Wohlan, Empedokles! Ich folge dir und sei es bis zu den Kratern des Aetna. Aber auf der anderen Seite steht Protagoras und zieht mich zu sich mit der Behauptung: „Bestimmung und Beurteilung der Dinge ist der Mensch, das Sinnfällige ist, was nicht in die Sinne fällt, ist nicht unter den Gestalten des Seins“. Ich fühle mich aber durch diesen Ausspruch des Protagoras sehr geschmeichelt, daß alles oder doch das meiste dem Menschen zufällt. Jedoch von einer anderen Seite zeigt mir Thales die Wahrheit durch einen Wink an, indem er das Wasser als Grundprinzip des Alls aufstellt. „Aus dem Feuchten besteht alles und in das Feuchte löst sich alles auf und die Erde schwimmt auf dem Wasser.“ Warum soll ich dem Thales nicht glauben, er ist ja der Älteste unter den Joniern? Aber sein Landsmann Anaximander sagt, die ewige Bewegung sei ein früheres Prinzip als die Feuchtigkeit und durch sie entstehe das Werden und Sterben. Und es muß dem Anaximander Vertrauen geschenkt werden.

Und ist es aber nicht der Ruhm des Archelaus, daß er als Grundprinzipien aller Dinge die Wärme und die Kälte aufstellt? Doch mit ihm stimmt wiederum nicht überein der großsprecherische Plato, wenn er sagt, die Prinzipien seien Gott, die Materie und das Abbild. Nun bin ich aber auch überzeugt. Denn wie sollte ich nicht dem Philosophen glauben, der den Wagen des Zeus verfertigt hat. Hinter ihm steht aber sein Schüler Aristoteles, der eifersüchtig ist auf den Lehrer wegen der Verfertigung des Wagens. Dieser stellt andere Prinzipien auf, das Handeln und das Leiden; und zwar ist das Handeln keiner Entwicklung fähig, das Leidende habe aber vier Eigenschaften: die Trockenheit, die Feuchtigkeit, die Wärme und die Kälte; denn durch den gegenseitigen Ausgleich dieser Dinge entsteht und vergeht alles. Schon hat uns das Auf und Ab in den Lehrsätzen ermüdet; übrigens werde ich bei der Meinung des Aristoteles beharren und keine Argumentation soll mich irre machen.

Aber was soll ich machen? Denn ältere Greise als diese wirken auf meine Nerven ein: Pherekydes, der da sagt, die Prinzipien seien Zeus, Chthonia und Kronos: Zeus sei der Äther, Chthonia die Erde, Kronos die Zeit; der Äther sei das handelnde, die Erde das leidende, die Zeit das werdende Prinzip. Schon aber herrscht Eifersucht unter diesen Greisen. Dieses alles nämlich erklärt Leukippus für Geschwätz und sagt, die Grundprinzipien seien die unbegrenzten, ewig bewegten, kleinsten Atome: und zwar steigen die feinen in die Höhe und werden zu Feuer und Luft, die groben, da sie eine tiefere Lage einnehmen, zu Wasser und Erde. Wie lange noch soll ich über so vieles belehrt werden und dennoch nichts Wahres lernen? Es müßte denn Demokrit mich von dem Irrtume befreien, indem er sagt, die Grundprinzipien seien das Seiende und Nichtseiende; und das Seiende sei voll und das Nichtseiende sei leer; das Volle bringt aber im Leeren durch Drehung und Gestaltung alles hervor. Vielleicht würde ich dem guten Demokrit Glauben schenken und mit ihm lachen wollen, wenn nicht Heraklit meine Überzeugung änderte, der da in weinerlichem Tone sagt: „Das Grundprinzip des Alls ist das Feuer; zwei Eigenschaften hat es: die Leichtigkeit und die Dichtigkeit, die eine schaffend, die andere leidend, die eine verbindend, die andere auseinanderhaltend“. Aber ich habe genug und bin schon trunken durch so viele Prinzipien. Aber von dorther ruft mir Epikur, daß ich ja nicht seine schöne Lehre von den Atomen und den Leeren verachte; denn durch deren vielfältige und vielgestaltige Verbindung komme alles Entstehen und Vergehen zustande.

Ich widerspreche dir nicht, Epikur, du bester der Männer; aber Kleonthes erhebt sein Haupt vom Brunnentrog und verlacht deine Lehre und schöpft selbst wahre Grundprinzipien, Gott und die Materie: die Erde verwandle sich in Wasser, das Wasser in Luft, die Luft steige nach oben und das Feuer trete in die der Erde benachbarten Orte; die Seele aber dringe durch die ganze Welt und wir, die wir einen Teil davon besitzen, seien beseelt. Obgleich nun die Zahl der Prinzipien so groß ist, so strömt mir doch eine weitere Menge aus Lybien zu, Karneades und Kleitomachos und alle deren Nachfolger, welche alle Lehren der übrigen vernichten, und selbst mit beredten Worten erklären, daß alles unfaßbar sei und daß jeder Wahrheit eine irrige Vorstellung zugrunde liege. Was soll ich daher tun, der ich mich solange abgeplagt habe? Wie soll ich alle diese Lehren aus meinem Kopfe bringen? Wenn nämlich nichts faßbar ist, so gibt es keine Wahrheit für die Menschen und die vielgepriesene Philosophie tappt eher noch im Dunkeln, als daß sie die Kenntnis des Seienden besäße.

Andere Philosophen nun von altem Schlage, Pythagoras und seine Genossen, ernste und schweigsame Männer, verraten nun mir andere Lehren, gleichsam wie Geheimnisse, und daneben jenes große und geheimnisvolle Wort: „Er selbst hat’s gesagt. Grundprinzip aller Dinge ist die Einzahl. Aus deren Verhältnissen und aus deren Zahlen entstehen die Elemente. Und Zahl, Gestalt und Maß jedes einzelnen Elementes beschreibt er also: Das Feuer besteht aus 24 rechtwinkligen Dreiecken und diese werden von 4 gleichseitigen Dreiecken begrenzt; jedes dieser gleichseitigen Dreiecke besteht aus 6 rechtwinkligen Dreiecken, weshalb nun sie das Feuer der Pyramide gleichstellen. Die Luft aber wird von 48 Dreiecken gebildet und begrenzt durch 8 gleichseitige; man vergleicht sie mit dem Oktaëder, das von 8 gleichseitigen Dreiecken begrenzt wird, von denen ein jedes sich in 6 rechtwinklige zerlegen läßt, so daß im ganzen 48 sind. Das Wasser ist von 120 rechtwinkligen Dreiecken begrenzt und gleicht dem Ikosaëder, das ja aus 6 gleichen mal 20 gleichseitigen Dreiecken besteht. Der Äther wird gebildet von 12 gleichseitigen Fünfecken und ist dem Dodekaëder gleich. Die Erde ist gebildet aus 48 Dreiecken und von 6 Quadraten begrenzt und gleicht dem Kubus. Denn der Kubus ist von 6 Quadraten begrenzt, deren jedes in 8 rechtwinklige Dreiecke zerfällt, so daß es im ganzen 48 sind.

Also mißt Pythagoras die Welt! Ich aber, berührt von einem göttlichen Hauche, lasse Haus und Vaterland, Weib und Kind im Stich und kümmere mich nicht um diese; ich steige selbst in den Äther empor, mit dem von Pythagoras mir abgetretenen Maßstab das Feuer zu messen. Denn es ist nicht mehr genug, daß Zeus mißt; aber wenn nicht auch ich, jenes hohe Wesen, jener gewaltige Leib, jener erhabene Geist, in den Himmel hinaufstiege und den Äther durchmäße, das Reich Jupiters würde untergehen. Nachdem ich aber meine Messungen beendigt habe und Jupiter weiß, wie viele Winkel das Feuer hat, steige ich wieder vom Himmel herab, verspeise eiligst Oliven, Feigen und Kohl und mache mich dann ins Wasser und messe das nasse Element nach Elle, Zoll und Halbzoll und berechne seine Tiefe, damit ich auch den Poseidon über die Größe des von ihm beherrschten Meeres belehre. Die ganze Erde durchstöbere ich an einem Tage und nehme mir von ihr Zahl und Maß und alle Verhältnisse; denn ich bin überzeugt, daß ich nicht ein Viertel der ganzen Welt übergangen habe, da ich ein so herrliches und großes Wesen bin. Ich kenne die Anzahl der Sterne, Fische und wilden Tiere und leicht kann ich, indem ich die Welt auf die Wagschale lege, ihr Gewicht erfahren. In dieser Hinsicht strebt mein Geist wirklich nach der Herrschaft über das Universum.

Da neigt sich aber Epikur zu mir und sagt: „Du hast zwar, mein Lieber, eine Welt ausgemessen; es gibt aber deren viele und unermeßliche“. Ich sehe mich daher wiederum gezwungen, viele Himmel, andere Äther, und zwar viele, auszumessen. Nun wohlan! Zögere nicht länger! Versieh dich mit Proviant für einige Tage und verreise nach den Welten Epikurs! Leicht gleite ich über die Grenzen der Welt, Thetis und Ozeanus, hinüber. Ich betrete eine neue Welt, gleichsam eine andere Stadt und vermesse alles in wenigen Tagen; und von hier gehe ich weiter in eine dritte Welt, in eine vierte und fünfte, in eine zehnte, hunderste und tausendste — und wie weit dann noch? Denn bereits umfängt mich allerorts die Finsternis der Unwissenheit, dunkle Täuschung, unbegrenzter Irrtum, endlose Einbildung und unfaßliche Torheit. Es müßte denn sein, daß ich noch in Angriff nähme, selbst die Atome zu zählen, aus denen so viele Welten entstanden sind, damit ich nichts unerforscht lasse, zumal da dieses so notwendige und nützliche Dinge sind, von denen das Heil der Familie und des Staates abhängt.

Dies alles bin ich deshalb durchgegangen, um die Widersprüche darzulegen, die in ihren (der Philosophen) Lehren herrschen, und wie sich ihre Erforschung der Dinge ins End- und Raumlose verliert und daß ihr Resultat ohne Begründung und ohne Nutzen ist, da es sich auf keine feste Tatsache und keinen klaren Grund stützt.

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