Leben des hl. Bekennerbischofs Martinus von Tours

Von Sulpicius Severus (um 420)

Prolog

An Desiderius, meinen geliebten Bruder, Severus.

Liebtrauter Bruder, ich hatte mir allerdings vorgenommen, mein Büchlein über das Leben des hl. Martinus in der ersten Niederschrift zu belassen und innerhalb der vier Wände meines Hauses zu behalten. Bei meinem etwas empfindsamen Gemüte wollte ich dem Urteile der Menschen aus dem Wege gehen, wollte nicht, wie ich es befürchten mußte, durch meine weniger feine Ausdrucksweise das Mißbehagen der Leser wachrufen und mir von allen berechtigten Tadel zuziehen, daß ich mich allzu kühn an einen Stoff gemacht habe, an den sich eigentlich nur gewandte Schriftsteller wagen dürften. Allein ich konnte deiner so oft wiederholten Bitte nicht widerstehen. Welches Opfer würde ich nicht der Liebe zu dir bringen, selbst auf die Gefahr hin, meiner Ehre nahezutreten? Ich liefere dir nun das Büchlein aus in der festen Zuversicht, du werdest keinem Menschen etwas davon verlauten lassen. So hast du es ja feierlich versprochen. Allein ich fürchte, du möchtest dem Buche zur Türe werden, und ist es einmal draußen, so kann man es nicht mehr zurückrufen. Kommt es so und solltest du sehen, daß das Buch manche Leser findet, so tu mir den Gefallen und bitte sie, sie möchten mehr auf den Inhalt als auf die Form achten; sie möchten es mit Gleichmut über sich ergehen lassen, wenn etwa ein fehlerhafter Ausdruck an ihr Ohr dringen sollte. Das Reich Gottes besteht ja doch nicht in schön gefeilter Rede, sondern im Glauben. Sie sollten auch bedenken, daß schlichte Fischer der Welt das Evangelium verkündet haben, nicht geschulte Redner, wenngleich es Gott, wäre es von Nutzen gewesen, auch so hätte fügen können. Ich hielt es eben für unrecht, die Tugenden eines solchen Mannes im verborgenen zu lassen. Deshalb war ich mir, sobald ich mich zum Schreiben entschlossen hatte, darüber klar, selbst vor Verstößen gegen die Grammatik dürfe ich nicht zurückschrecken. Ich habe mir ja in dieser Kunst nie besondere Fertigkeit erworben. Was ich mir aber vielleicht durch derlei Studien dereinst notdürftig angeeignet, das habe ich während so langer Zeit aus Mangel an Übung gänzlich verlernt. Damit uns jedoch eine so lästige Rechtfertigung erspart bleibe, soll das Büchlein, wenn du damit einverstanden bist, ohne Namen des Verfassers erscheinen. Um das zu ermöglichen, tilge den Titel an der Spitze. Das Titelblatt soll stumm bleiben, oder doch nur vom Inhalte — das genügt —, nicht aber vom Verfasser reden.

Manche, die ganz in Wissenschaft und eitlem Weltruhm aufgingen, vermeinten dadurch, daß sie das Leben berühmter Männer mit ihrer Feder verherrlichten, unvergängliches Andenken für ihren Namen zu erringen. Dieses Bestreben brachte ihnen aber die erwarteten Lorbeeren nicht dauernd, sondern nur für kurze Zeit. Allerdings sorgten sie so, wenn auch nicht bleibend, für ihren Nachruhm und riefen damit auch bei den Lesern durch das Beispiel der großen Männer nicht geringen Wetteifer wach. Indes diese ihre geschäftige Sorge trug nichts ein für das selige Leben in der Ewigkeit. Was nützte ihnen denn auch der Ruhm, den sie mit ihren Schriften ernteten, da er ja mit der Welt vergehen wird? Was hat die Nachwelt davon, wenn sie von den Kämpfen Hektors und den philosophischen Disputationen des Sokrates liest? Ist es doch nicht bloß Torheit, sie nachzuahmen, sondern schon ein Zeichen von Unverstand, ihre entschiedene Bekämpfung zu unterlassen. Sie messen ja das menschliche Leben nur mit dem Maßstab der Gegenwart, setzen ihre Hoffnung auf Trugbilder und stürzen ihre Seele ins Grab. Sie vermeinten sich bloß im Andenken der Menschen verewigen zu müssen, und doch ist es Aufgabe des Menschen, eher ewiges Leben als ewiges Andenken zu erstreben, nicht durch Schriftstellern oder durch Heldenkämpfe oder Philosophenunterredungen, sondern durch ein frommes, heiliges, gottgefälliges Leben. Dieser menschliche Irrtum hat, einmal zu Papier gekommen, mächtig um sich gegriffen, und jetzt gibt es gar viele leidenschaftliche Anhänger der eitlen Philosophie oder dieses törichten Heldentums. Darum glaube ich ein lohnendes Werk in Angriff zu nehmen, wenn ich das Leben des gar heiligen Mannes beschreibe, das andern bald zum Vorbild dienen soll. Die Leser sollen dadurch zu weiser Lebensführung, zu himmlischem Kriegsdienst und göttlichem Tugendstreben kräftig angespornt werden. Hierbei rechne ich auch auf meinen eigenen Vorteil; ich erwarte aber nicht vergängliches Andenken bei den Menschen, sondern ewige Belohnung bei Gott. Denn wenn ich gleich selbst kein vorbildliches Leben geführt habe, trug ich doch Sorge, daß ein nachahmenswertes Leben nicht im verborgenen blieb. So will ich damit beginnen, das Leben des hl. Martinus zu erzählen, sein Leben vor seiner Erwählung zum Bischof, wie als Bischof zu beschreiben. Allerdings konnte ich nicht alle Einzelheiten aus seinem Leben in Erfahrung bringen; denn das, wobei er allein Zeuge war, entzieht sich unserer Kenntnis; er suchte ja nie Menschenlob; und, wäre es auf ihn angekommen, er hätte alle seine Wunderwerke verborgen. Indes, ich habe auch von dem, was zu meiner Kenntnis gekommen ist, manches übergangen, da ich glaubte, es sei genug, wenn nur das Wichtigere aufgezeichnet werde. Ich mußte zugleich auch auf die Leser Rücksicht nehmen, damit sie die Stoffülle nicht langweile. An meine Leser richte ich aber die Bitte, sie möchten meiner Erzählung Glauben schenken und davon überzeugt sein, daß ich nur Sicheres und Zuverlässiges niedergeschrieben habe; andernfalls hätte ich es vorgezogen, zu schweigen, statt Unsicheres zu berichten.

Martinus stammte aus Sabaria , einer Stadt in Pannonien. Er wuchs in Italien zu Ticinum auf. Seine Eltern waren nach ihrer Stellung in der Welt von nicht geringem Rang, aber Heiden. Sein Vater war zuerst gewöhnlicher Soldat, dann Militärtribun. Martinus selbst ergriff in seiner Jugend das Waffenhandwerk und diente in der Gardereiterei unter Kaiser Constantius, dann unter Kaiser Julian. Jedoch nicht aus eigenem Antrieb. Denn schon von früh auf sehnte sich der edle Knabe in seiner Kindesunschuld mehr darnach, Gott allein zu dienen. Zehn Jahre alt, flüchtete er sich gegen den Willen der Eltern in die Kirche und verlangte Aufnahme unter die Katechumenen. In ganz wunderbarer Weise war er dem Dienste Gottes ergeben, und als er zwölf Jahre alt war, sehnte er sich nach der Einöde. Er hätte seinen Herzenswunsch auch ausgeführt, hätte es ihm die Zartheit seines Alters nicht unmöglich gemacht. Doch beschäftigte er sich immerfort mit dem Kloster oder mit der Kirche und sann schon im Knabenalter über das nach, was er später in heiligem Eifer zur Ausführung brachte.

Nach einer kaiserlichen Verordnung mußten die Söhne der Veteranen zum Kriegsdienst herangezogen werden. Deshalb meldete ihn, da er fünfzehn Jahre alt war, sein Vater an; denn es mißfiel diesem ein so glücklicher Wandel. Martinus wurde festgenommen, gefesselt und zum Fahneneid gezwungen. Er gab sich zufrieden mit einem Diener als Begleitung. Indes gar oft vertauschte er die Rollen, und der Herr bediente seinen Diener; er zog ihm nämlich meist selbst die Schuhe aus und reinigte sie; sie aßen miteinander, wobei Martinus jedoch des öfteren aufwartete.

Etwa drei Jahre lang diente er vor seiner Taufe beim Militär. Er hielt sich frei von den Lastern, in die sich die Soldatenwelt gewöhnlich verstricken läßt. Seine Güte gegen die Kameraden war groß, seine Liebe erstaunenswert, seine Geduld und Demut überstiegen alles Maß. Die Genügsamkeit braucht an ihm nicht gerühmt zu werden; sie war ihm in dem Maße eigen, daß man ihn schon damals eher für einen Mönch denn für einen Soldaten hätte halten können. Um dieser Eigenschaften willen hatte er sich die Herzen aller seiner Kameraden gewonnen, so daß sie ihn mit seltener Hochachtung verehrten. Obwohl er in Christus noch nicht wiedergeboren war, ließ sein edles Wirken doch darauf schließen, daß er vor der Taufe stehe. Er half bei schwerer Arbeit mit, unterstützte Arme, speiste Hungernde, kleidete Nackte, von seinem Kriegersold behielt er nur das für sich, was er für den täglichen Unterhalt brauchte. Er machte sich keine Sorge um den kommenden Tag, er war ja schon damals nicht taub gegen die Stimme des Evangeliums.

Einmal, er besaß schon nichts mehr als seine Waffen und ein einziges Soldatengewand, da begegnete ihm im Winter, der ungewöhnlich rauh war, so daß viele der eisigen Kälte erlagen, am Stadttor von Amiens ein notdürftig bekleideter Armer. Der flehte die Vorübergehenden um Erbarmen an. Aber alle gingen an dem Unglücklichen vorbei. Da erkannte der Mann voll des Geistes Gottes, daß jener für ihn vorbehalten sei, weil die andern kein Erbarmen übten. Doch was tun? Er trug nichts als den Soldatenmantel, den er umgeworfen, alles Übrige hatte er ja für ähnliche Zwecke verwendet. Er zog also das Schwert, mit dem er umgürtet war, schnitt den Mantel mitten durch und gab die eine Hälfte dem Armen, die andere legte er sich selbst wieder um. Da fingen manche der Umstehenden an zu lachen, weil er im halben Mantel ihnen verunstaltet vorkam. Viele aber, die mehr Einsicht besaßen, seufzten tief, daß sie es ihm nicht gleich getan und den Armen nicht bekleidet hatten, zumal sie bei ihrem Reichtum keine Blöße befürchten mußten. In der folgenden Nacht nun erschien Christus mit jenem Mantelstück, womit der Heilige den Armen bekleidet hatte, dem Martinus im Schlafe. Er wurde aufgefordert, den Herrn genau zu betrachten und das Gewand, das er verschenkt hatte, wieder zu erkennen. Dann hörte er Jesus laut zu der Engelschar, die ihn umgab, sagen: „Martinus, obwohl erst Katechumen, hat mich mit diesem Mantel bekleidet“. Eingedenk der Worte, die er einst gesprochen: „Was immer ihr einem meiner Geringsten getan, habt ihr mir getan“, erklärte der Herr, daß er im Armen das Gewand bekommen habe. Um das Zeugnis eines so guten Werkes zu bekräftigen, würdigte er sich in dem Gewände, das der Arme empfangen hatte, zu erscheinen. Trotz dieser Erscheinung verfiel der selige Mann doch nicht menschlicher Ruhmsucht, vielmehr erkannte er in seiner Tat das gütige Walten Gottes und beeilte sich, achtzehnjährig, die Taufe zu empfangen. Er entsagte jedoch dem Heeresdienst noch nicht sogleich, da er den Bitten seines Tribuns nachgab, mit dem er in vertrauter Kameradschaft zusammenlebte. Denn jener versprach, nach Ablauf seiner Dienstzeit als Tribun der Welt den Rücken zu kehren. Durch diese Zusage ließ sich Martinus bestimmen, noch ungefähr zwei Jahre lang nach seiner Taufe, freilich nur dem Namen nach, zu dienen.

Unterdessen waren Barbaren in Gallien eingebrochen. Kaiser Julian zog bei der Stadt der Vangionen ein Heer zusammen und begann damit, Geldgeschenke unter die Soldaten zu verteilen. Dabei wurde nach der Gewohnheit jeder Soldat einzeln vorgerufen. So kam die Reihe auch an Martinus. Jetzt hielt dieser den Zeitpunkt für günstig, seine Entlassung zu erbitten. Er war nämlich der Ansicht, er habe keine freie Hand mehr, falls er das Geschenk in Empfang nehme, ohne weiter dienen zu wollen. Deshalb sprach er zum Kaiser: „Bis heute habe ich dir gedient; gestatte nun, daß ich jetzt Gott diene. Dein Geschenk mag in Empfang nehmen, wer in die Schlacht ziehen will. Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen“. Wutschnaubend ob dieser Rede, gab der Tyrann zur Antwort, er wolle sich nur aus Angst vor der Schlacht, die für den andern Tag zu erwarten war, nicht um seines Glaubens willen dem Kriegsdienst entziehen. Doch Martinus blieb unerschrocken, ja der Versuch, ihn einzuschüchtern, machte ihn nur noch fester. So sprach er: „Will man meinen Entschluß der Feigheit und nicht der Glaubenstreue zuschreiben, dann bin ich bereit, mich morgen ohne Warfen vor die Schlachtreihe zu stellen und im Namen des Herrn Jesus mit dem Zeichen des Kreuzes, ohne Schild und Helm, furchtlos die feindlichen Reihen zu durchbrechen“. Man ließ ihn also in Gewahrsam halten, damit er sein Wort wahr mache und sich waffenlos den Barbaren entgegenstelle. Am nächsten Tage schickten die Feinde Gesandte zu Friedensverhandlungen und ergaben sich mit Hab und Gut. Zweifellos war dieser Sieg dem heiligen Mann zu verdanken. Die Gnade verhütete, daß er sich wehrlos zum Kampfe stellen mußte. Gott hätte in seiner Güte seinen Streiter freilich auch inmitten der feindlichen Schwerter und Geschosse unversehrt erhalten können. Aber um das Auge des Heiligen auch nicht durch den Tod anderer zu verletzen, ließ Gott es nicht zum Kampfe kommen. Wenn die Feinde sich ohne Blutvergießen unterwarfen und so kein Menschenleben verloren ging, so hatte Christus es nicht notwendig, für seinen Streiter einen anderen Sieg zu wirken.

Martinus nahm also seinen Abschied und ging hernach zum heiligen Hilarius, Bischof von Poitiers, der damals, wie allgemein bekannt, für die Sache Gottes mit bewährter, erprobter Glaubensfestigkeit eintrat. Martinus hielt sich bei ihm einige Zeit auf. Hilarius versuchte, ihn durch die Diakonatsweihe enger an sich zu ziehen und dauernd für den kirchlichen Dienst zu gewinnen. Allein Martinus sträubte sich immer aufs neue dagegen, da er unwürdig sei. So erkannte der Bischof mit seinem klaren Blick, es bleibe nur ein Mittel übrig, Martinus festzuhalten, wenn man ihm nämlich ein Amt übertrage, das etwa als eine Beleidigung für ihn gelten konnte. Deshalb legte er ihm nahe, sich zum Exorzist weihen zu lassen. Diese Weihe wies Martinus nicht zurück, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob er sie ihres niederen Grades wegen verachte.

Bald darauf wurde er im Traum ermahnt, wieder in sein Vaterland zurückzukehren und in frommem Eifer seine immer noch heidnischen Eltern zu besuchen. Er machte sich mit Einwilligung des hl. Hilarius auf den Weg. Dieser nötigte ihm durch Bitten und Tränen das Versprechen ab, daß er wieder zurückkehren werde. Es wird erzählt, Martinus habe mit kummervollem Herzen diese Reise angetreten; denn es werde ihm viel Leid begegnen, so habe er seinen Brüdern versichert. Es kam dann auch wirklich so. Zunächst verirrte er sich in den Alpen und fiel Räubern in die Hände. Schon schwang einer von ihnen ein Beil, um mit wuchtigem Schlag sein Haupt zu treffen; doch ein anderer hielt den Todesstreich auf. Man band Martinus die Hände auf den Rücken und übergab ihn einem zur Bewachung und Ausplünderung. Dieser führte ihn beiseite und erkundigte sich, wer er sei. Seine Antwort lautete, er sei Christ. Er fragte ihn dann, ob er Angst habe. Da erklärte Martinus voll Festigkeit, er habe sich nie so sicher gefühlt; er wisse ja, daß Gottes Barmherzigkeit vor allem in Heimsuchungen helfend nahe sei; über den Räuber müsse er sich mehr betrüben, da er seines Räuberhandwerkes wegen kein Anrecht auf die Barmherzigkeit Christi habe. Martinus knüpfte daran ein Gespräch über das Evangelium und verkündete dem Räuber das Wort Gottes. Kurzum, der Räuber wurde gläubig und gab Martinus das Geleit, führte ihn auf den rechten Weg zurück und bat ihn auch, er möge für ihn zu Gott flehen. Später sah man denselben Mann ein frommes Leben führen. So soll denn, was ich soeben erzählt habe, aus seinem eigenen Munde stammen.

Auf der Weiterreise kam Martinus an Mailand vorbei. Dort machte sich unterwegs der Teufel in Menschengestalt an ihn heran und fragte, wohin er gehe. Martinus gab zur Antwort, dorthin, wohin ihn der Herr rufe. Darauf jener: „Du magst gehen, wohin du willst, magst unternehmen, was du willst, immer wird der Teufel dir übel mitspielen“. Da erwiderte ihm Martinus mit den Worten des Propheten: „Der Herr ist mein Beistand, ich fürchte nicht der Menschen Anschläge wider mich“. Im selben Augenblick verschwand der Feind aus seinen Augen. Martinus konnte seine Mutter, was er so sehnlich wünschte, vom Wahne des Heidentums befreien. Der Vater verharrte im Unglauben. Hingegen bekehrte Martinus manche andere durch sein Beispiel.

Inzwischen hatte sich die Irrlehre der Arianer allüberall, namentlich in Illyrien ausgebreitet. Martinus war fast der einzige, der den treulosen Bischöfen entschiedenen Widerstand entgegensetzte. Er mußte deshalb manche harte Strafe über sich ergehen lassen. So wurde er öffentlich mit Ruten gepeitscht und schließlich aus der Stadt verwiesen. Er wandte sich jetzt nach Italien. Er hatte erfahren, daß auch in Gallien seit dem Weggang des hl. Hilarius die Kirche in Verwirrung geraten sei; die Häretiker hatten jenen mit Gewalt in die Verbannung getrieben. Deshalb baute sich Martinus zu Mailand eine Zelle. Aber auch hier ward er von Auxentius, dem tonangebenden Führer der Arianer, aufs heftigste angefeindet. Dieser überhäufte ihn mit Kränkungen und verjagte ihn aus der Stadt. Martinus glaubte nun bei den ungünstigen Verhältnissen nachgeben zu müssen und zog sich auf die Gallinaria-Insel zurück. Ein Priester begleitete ihn, ein wundertätiger Mann. Hier fristete Martinus eine Zeitlang sein Leben mit Kräuterwurzeln. Damals aß er ein Gericht von Nieswurz, die für giftig gilt. Er spürte schon in seinem Leibe die Wirkung des Giftes; er war schon am Rande des Grabes, da wehrte er der drohenden Gefahr durch sein Gebet, und sogleich verlor sich aller Schmerz.

Bald darauf erfuhr Martinus, der Kaiser habe seine Gesinnung geändert und dem hl. Hilarius wieder die Rückkehr erlaubt. Er versuchte darum in Rom mit Hilarius zusammenzutreffen und machte sich auf den Weg dorthin.

Hilarius war aber schon weitergereist. Martinus folgte deshalb eilends1 seinen Spuren. Er wurde von ihm äußerst liebevoll aufgenommen und baute sich unfern der Stadt eine Zelle. Damals schloß sich ihm ein Katechumene an, der den Wunsch hatte, bei dem heiligen Manne die Schule der Vollkommenheit durchzumachen. Er erkrankte aber nach wenigen Tagen und wurde von heftigem Fieber gequält. Martinus war gerade nun nicht da. Drei Tage blieb er aus. Als er zurückkehrte, fand er ihn schon tot. Der Mann war ohne Taufe aus dem Leben geschieden, so unversehens war der Tod eingetreten. Die Leiche war aufgebahrt; die Brüder umstanden sie in trauernder Liebe. Da kam Martinus, weinend und seufzend. Er spürte in seinem Innersten das Wehen des Heiligen Geistes. Er gebot den andern, die Totenzelle zu verlassen und verriegelte die Türe. Dann legte er sich über die starren Glieder des Verstorbenen und betete eine Zeitlang voll Inbrunst. Jetzt fühlte er, wie der Geist des Herrn ihm die Wunderkraft zuströmen ließ; er richtete sich etwas auf, schaute dem Toten unverwandten Blickes ins Antlitz und harrte voll fester Zuversicht auf die Wirkung seines Gebetes und den Erweis der göttlichen Barmherzigkeit. Noch waren kaum ungefähr zwei Stunden verflossen, da sah er, wie nach und nach alle Glieder des Toten erzitterten, und die Augen zuckend sich dem Lichte wieder erschlossen. Der glückliche Mann wandte sich jetzt zu Gott, dankte mit lauter Stimme und erfüllte die Zelle mit seinen Freudenrufen. Da eilten die außenstehenden Brüder allsogleich herein. Welch‘ Wunder! Sie erblickten den am Leben, den sie als Leiche verlassen hatten. So dem Leben zurückgegeben, empfing dieser sofort die Taufe. Er lebte nachher noch mehrere Jahre; er war der erste bei uns, der die Wunderkraft des Martinus am eigenen Leibe erfahren hatte und zugleich auch selbst dafür Zeugnis geben konnte. Der gleiche Mann erzählte öfter, daß er nach seinem Hinscheiden vor den Richterstuhl Gottes geführt wurde; er habe da den niederschmetternden Urteilsspruch vernommen, er sei dem Ort der Finsternis und der Rotte der Verdammten verfallen. Da hätten zwei Engel den Richter darauf aufmerksam gemacht, er sei derjenige, für den Martinus bete. Deshalb sei der Befehl ergangen, daß er durch die gleichen Engel zurückgebracht, dem Martinus wiedergeschenkt und dem früheren Leben zurückgegeben werde. Von nun an begann der Name des Heiligen berühmt zu werden; denn galt er vordem allgemein schon als Heiliger, so kam er jetzt in den Ruf eines Wundertäters und wahrhaft apostolischen Mannes.

Nicht lange nachher kam er am Landgut eines gewissen Lupicinus vorüber, der eine angesehene Stellung innehatte. Da drang lautes Wehklagen trauernder Leute an sein Ohr. Bekümmert trat er näher und erkundigte sich nach dem Grunde ihres Jammers. Man sagte ihm, einer aus dem Gesinde habe mit der Schlinge seinem Leben ein Ende gemacht. Daraufhin ging Martinus in die Kammer, wo die Leiche lag. Er wies alle Leute hinaus, legte sich über die Leiche und betete eine Weile. Bald färbte sich das Gesicht des Toten mit frischer Lebensfarbe, er richtete sein Auge noch müde auf das Angesicht des Heiligen und versuchte langsam, sich zu erheben. Dann ergriff er die Rechte des Heiligen, stellte sich fest auf die Füße und ging so mit Martinus bis zur Hausflur, wo alles Volk ihn sah.

Ungefähr zur selben Zeit wurde er auf den bischöflichen Stuhl von Tours verlangt. Allein es war kein Leichtes, ihn seinem Kloster zu entreißen. Rusticius, einer der Bürger, warf sich ihm daher bittend zu Füßen; er gab vor, seine Frau sei krank, So vermochte er ihn zum Fortgehen zu bewegen. Scharen von Bürgern hatten sich unterwegs aufgestellt; wie unter Ehrengeleite wurde Martinus so nach der Stadt geführt. Eine unglaublich große Menge hatte sich aus dieser Stadt wie auch aus den benachbarten Ortschaften zur Bischofswahl eingefunden. Ein Verlangen, ein Wunsch, eine Überzeugung beseelte sie alle, Martinus verdiene am meisten die bischöfliche Würde; glücklich sei die Kirche, die einen solchen Oberhirten erhalte. Doch einige Laien und besonders mehrere Bischöfe, die zur Einsetzung des Oberhirten herbeigerufen waren, widersetzten sich gewissenlos. Sie sagten, Martinus sei eine verächtliche Persönlichkeit, der bischöflichen Würde sei nicht wert ein Mann von so unansehnlichem Äußern, mit so armseligen Kleidern und ungepflegtem Haar. Indes das Volk bekundete gesünderen Sinn und lachte über ihre Torheit; denn während jene einen Tadel gegen den ruhmwürdigen Mann aussprechen wollten, verkündeten sie ja doch nur sein Lob. Sie konnten nichts anderes bewirken, als was das Volk nach dem Willen Gottes im Sinne hatte. Man erzählt sich, daß unter den anwesenden Bischöfen besonders einer namens Defensor Widerstand erhoben habe. Es fiel allgemein auf, wie dieser in der Lesung aus dem Propheten deutlich getroffen wurde. Zufällig war nämlich der Lektor, der an diesem Tage hätte lesen sollen, nicht da, weil er im Gedränge des Volkes eingekeilt war. Die Altardiener kamen in peinliche Verlegenheit. Während man noch auf den Abwesenden wartete, ergriff einer der Umstehenden das Psalmenbuch und begann mit dem nächsten besten Vers, auf den sein Auge fiel. Der Vers lautete: „Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen hast du das Lob bereitet wegen deiner Feinde, um den Feind und den Defensor [Rächer] zu beschämen“. Kaum hatte er so gelesen, da begann das Volk ein Beifallsrufen, die Gegenpartei war zuschanden geworden. Man war davon überzeugt, daß dieser Psalm auf Antrieb Gottes gelesen worden war, damit Defensor ein Urteil über seine Handlungsweise zu hören bekäme. Gott hatte durch den Mund von Kindern und Säuglingen für Martinus Lob bereitet, sein Feind aber war mit einem Schlag gebrandmarkt und überwunden.

Es übersteigt mein Können, sein Leben und seine Bedeutung als Bischof zu schildern. Nicht die geringste Änderung gegen früher ließ sich an ihm wahrnehmen. Dieselbe Demut wohnte in seinem Herzen, dieselbe Ärmlichkeit zeigte er in seiner Kleidung. Im Vollbesitz seiner Macht und Weihegnade, ward er der Stellung eines Bischofs durchaus gerecht, verlor aber dabei das Tugendstreben eines Mönches nicht aus dem Auge. Eine Zeitlang bewohnte er eine Zelle, die an die Kirche stieß. Indes, er konnte die Belästigung durch die häufigen Besuche nicht ertragen; deshalb erbaute er sich etwa zwei Meilen außerhalb der Stadt ein Klösterlein. Dieser Ort war so verborgen und abgelegen, daß es den Heiligen nicht nach der Einsamkeit der Wüste verlangte. Auf der einen Seite war der Ort abgeschlossen von einer hohen, jähen Felswand; die freibleibende Ebene umgrenzte die Loire mit einer kleinen Krümmung; nur auf einem, dazu noch recht engem Wege konnte man dorthin gelangen. Martinus hatte eine rohgezimmerte Zelle, ebenso auch viele seiner Brüder. Manche hatten den Fels des überhängenden Berges ausgehöhlt und sich so eine Wohnstätte geschaffen. Es waren ihrer gegen achtzig Jünger. Diese suchten sich nach dem Vorbild des heiligen Meisters zu bilden. Keiner besaß dort Eigentum, alles war Gemeingut. Keiner durfte etwas kaufen oder verkaufen, wie dies bei den Mönchen vielfach üblich ist. Handarbeit wurde nicht betrieben, das Bücherschreiben ausgenommen; für dieses Geschäft wurden jedoch nur die Jüngeren verwendet, die Älteren lagen ausschließlich dem Gebete ob. Selten verließ einer seine Zelle, es sei denn, man ging gemeinschaftlich zum Gotteshaus. Ihre Mahlzeit nahmen sie zusammen erst nach der Stunde des Fastens. Alle enthielten sich des Weines, außer wenn Krankheit es anders verlangte. Die meisten trugen ein Gewand aus Kamelhaaren; feinere Kleider zu tragen, galt dort als Vergehen. Diese Strenge ist um so bewunderungswerter, als viele Vornehme unter ihnen waren; obwohl ganz anders erzogen, hatten sich diese freiwillig zu jener Übung der Demut und Geduld verpflichtet. Gar manche aus ihnen sahen wir später auf Bischofsstühlen. Welche Stadt oder welche Kirche hätte sich nicht auch einen Oberhirten aus dem Kloster des Martinus gewünscht?

Nun will ich mit der Erzählung der Wundertaten beginnen, die er als Bischof wirkte. Unweit der Stadt, nahe beim Kloster, lag ein Ort, den die Leute in der irrigen Anschauung, als wären dort Märtyrer begraben, zu einem Heiligtum gestempelt hatten. Es stand daselbst auch ein Altar, den frühere Bischöfe errichtet haben sollten. Martinus schenkte aber nicht leichthin unerwiesenen Behauptungen Glauben. Er verlangte daher von den älteren Priestern und Klerikern, daß sie ihm den Namen des Märtyrers und die Zeit seines Martertodes angäben: es beunruhigten ihn ernste Bedenken, da keine übereinstimmende Überlieferung aus alter Zeit zuverlässige Bürgschaft bot. Zunächst hielt er sich also eine Zeitlang von diesem Orte fern. So tat er einerseits der Verehrung keinen Eintrag, da er noch nichts Bestimmtes wußte, andererseits trat er aber auch mit seinem Ansehen nicht für die Volksmeinung ein, damit der Aberglaube nicht neue Nahrung erhalte. Später begab er sich mit einigen wenigen Brüdern an den Ort, trat an das Grab heran und betete zum Herrn, er möge ihm kundtun, wer hier begraben liege und was von seinem Tugendverdienst zu halten sei. Dann drehte er sich nach links und sah neben sich einen schmutzigen Schatten mit drohender Geberde. Martinus befahl ihm, Namen und Tugendverdienst anzugeben. Er nannte seinen Namen und gestand, daß er ein Verbrecher sei. Er sei ein Räuber gewesen und wegen seiner Freveltaten hingerichtet worden. Das Volk verehre ihn irriger Weise als Heiligen. Er habe mit den Märtyrern nichts gemein; ihr Anteil sei Himmelsherrlichkeit, seiner aber Höllenpein. Merkwürdiger Weise hörten die Anwesenden wohl jemand reden, sahen aber niemand. Nachher erzählte Martinus, was er gesehen. Dann ließ er den Altar, der dort war, wegschaffen. Auf diese Weise befreite er das Volk von jener irrigen, abergläubischen Verehrung.

Einige Zeit nachher traf es sich, daß er auf einer Reise einem Leichenzuge begegnete, der unter abergläubischen Gebräuchen einen Heiden zu Grabe trug. Schon von weitem sah er die Leute kommen. Er blieb etwas stehen, im unklaren darüber, was das wäre. Es mochte etwa eine Entfernung von fünfhundert Schritt sein, so daß man nur schwer deutlich sehen konnte. Er vermeinte aber, es handle sich um eine heidnische Opferfeier, weil er Bauernvolk sah und die Tücher über der Leiche im Winde flatterten. Es ist nämlich bei den Heiden in Gallien Brauch, die Götzenbilder in einen weißen Schleier zu hüllen und so in beklagenswerter Torheit durch die Felder zu tragen. Martinus machte das Kreuzzeichen über die ihm entgegenkommende Schar und befahl ihr so, stehen zu bleiben und die Last niederzusetzen. Da sah man, wie die Armen wunderbarerweise zunächst starr wie Felsen wurden. Als sie mit äußerster Kraftanstrengung vorwärts zu kommen suchten, es aber nicht vermochten, drehten sie sich im Kreise — man mußte lachen. Schließlich gaben sie doch nach und setzten die Leiche nieder. Wie betäubt schauten sie einander an und überdachten stumm, was ihnen denn zugestoßen wäre. Als aber der heilige Mann erfahren hatte, daß es sich um einen Leichenzug, nicht um Götzendienst handle, erhob er wieder seine Hand und gab die Erlaubnis, weiterzuziehen und die Leiche fortzutragen. So hat sein Wille sie zum Halten gezwungen und sein freies Ermessen das Weiterziehen ermöglicht.

Ein andermal hatte er in einem Dorf einen uralten Tempel zerstört. Er war eben im Begriff, eine Föhre, die ganz nahe beim Heiligtum stand, umzuhauen. Da widersetzen sich die dortigen Oberpriester mit der ganzen Schar der Heiden. Während der Zerstörung des Tempels hatten sie sich auf Gottes Geheiß ruhig verhalten. Den Baum wollten sie jedoch nicht auch noch fällen lassen. Martinus redete ihnen eindringlich zu, der Baum berge nichts Heiliges in sich; sie sollten sich lieber dem Gott anschließen, dem er selbst diene; der Baum müsse gefällt werden, weil er dem bösen Geist geweiht sei. Da sprach einer aus ihrem Kreise, der verwegener war als die andern: „Wenn du etwas Vertrauen hast zu dem Gott, den du zu verehren vorgibst, so laß uns den Baum umhauen und du mußt ihn im Sturz aufhalten. Ist dein Gott, wie du sagst, mit dir, so wirst du unverletzt bleiben“. Martinus sagte das zu; denn er kannte keine Furcht und vertraute fest auf Gott. Die ganze Heidenschar war jetzt mit dieser Bedingung einverstanden; gern wollten sie ihren Baum fallen sehen, wenn sie nur durch seinen Sturz auch den Feind ihrer Heiligtümer erschlagen sähen. Die Föhre stand nach einer Seite geneigt. Es war klar, nach welcher Seite sie beim Umhauen fallen mußte. Martinus ließ sich fesseln und nach dem Willen der Heiden gerade dorthin stellen, wohin nach jedermanns Überzeugung der Baum stürzen mußte. Alsbald begannen sie in unbändiger Freude damit, die Föhre umzuhauen. Eine neugierige Schar schaute von ferne zu. Schon fing die Föhre an zu wanken und drohte umzustürzen. Die Mönche standen schreckensbleich in einiger Entfernung und waren voll Entsetzen, da die Gefahr näher kam; sie hatten alle Hoffnung und alles Vertrauen aufgegeben und warteten nur mehr auf den Tod des Martinus. Der aber harrte voll Gottvertrauen furchtlos aus. Schon krachte die Föhre, sie neigte sich, sie sank, sie fiel schon auf ihn, da erhob Martinus seine Hand gegen sie und setzte ihr das Zeichen des Heiles entgegen. Wie von einem Wirbelsturm erfaßt, wurde sie da zurückgeworfen und stürzte nach der entgegengesetzten Richtung. Beinahe hätte sie dabei die Heiden, die sich dort sicher glaubten, zu Boden geschlagen. Durch lautes Schreien gaben die Heiden ihrem Staunen über das Wunder Ausdruck. Die Mönche aber weinten vor Freude. Alle priesen zusammen den Namen Christi. Es zeigte sich klar, daß dieser Tag jener Gegend Heil gebracht habe. Denn kaum einer war unter dieser großen Heidenschar, der nicht um die Handauflegung gebeten, den Irrwahn des Heidentums aufgegeben und an den Herrn Jesus geglaubt hätte. Bevor Martinus gekommen war, hatten in diesen Gegenden nur wenige, fast niemand, das Christentum angenommen. Durch die Wundermacht und das Beispiel des Heiligen erstarkte das Christentum so sehr, daß sich jetzt dort kein Gau findet, der nicht mit vielbesuchten Kirchen oder stark bevölkerten Klöstern ganz besät wäre. Martinus hatte nämlich die Gewohnheit, überall dort, wo er Heidentempel zerstörte, sofort Kirchen oder Klöster zu bauen.

Etwa um dieselbe Zeit erwies sich bei einer ähnlichen Gelegenheit die Wunderkraft des Martinus als nicht weniger staunenswert. Als er in einem Dorf an einen alten, hochberühmten Tempel Feuer gelegt hatte, trieb der Sturm ganze Feuergarben gegen das Nachbarhaus, das angebaut war. Sowie Martinus dies gewahr wurde, stieg er rasch auf das Dach jenes Hauses und stellte sich den heranzüngelnden Flammen entgegen. Da konnte man sehen, wie das Feuer wunderbarerweise ganz gegen die Windrichtung zurückschlug, so daß es den Anschein erweckte, als lägen die Elemente miteinander im Kampf. So wütete das Feuer durch die Wunderkraft des Martinus nur da, wo er es haben wollte.

Ein andermal wollte Martinus in einem Dorf, das Leprosum heißt, auch den Tempel zerstören, den abergläubische Verehrung überaus prächtig ausgestattet hatte. Eine Schar Heiden widersetzte sich ihm, mißhandelte und vertrieb ihn. Martinus zog sich in die Nähe zurück. Dort fastete er unter beständigem Gebet drei Tage lang in Sack und Asche. Er flehte zum Herrn, die Kraft Gottes möge diesen Tempel vernichten, weil ihn Menschenhand nicht zerstören könne. Da erschienen ihm auf einmal zwei Engel mit Schild und Lanze bewehrt wie himmlische Krieger. Sie sprachen, der Herr habe sie gesandt, die Rotte der Heiden zu verjagen und Martinus zu beschützen, damit niemand sich widersetze, während er den Tempel zerstöre. Er solle also zurückkehren und das begonnene Werk in frommem Eifer zu Ende führen. Martinus kehrte also zum Dorf zurück. Die Heidenschar verhielt sich ruhig; unter ihren Augen legte er den Götzentempel bis auf die Fundamente nieder und zermalmte alle Altäre und Götzenbilder zu Staub. Bei diesem Anblick kam es den Heiden zum Bewußtsein, daß eine höhere Macht sie gelähmt und in Schrecken gesetzt habe, damit sie sich dem Bischof nicht widersetzen könnten. Fast alle nahmen den Glauben an den Herrn Jesus an und bekannten unter lautem Rufen, den Gott des Martinus müsse man anbeten, die Götzenbilder seien zu verachten, da sie sich nicht einmal selbst schützen könnten.

Jetzt will ich erzählen, was sich im Gebiet der Äduer zugetragen hat. Als Martinus dort einen Tempel zerstören wollte, stürzte ein Haufe heidnischer Bauern wütend auf ihn los. Der frechste unter ihnen drang mit gezücktem Schwert auf ihn ein. Da warf Martinus den Mantel zurück und bot den entblößten Nacken dem Streiche dar. Der Heide zauderte nicht und wollte wirklich zuschlagen. Er holte aber zu weit zum Hiebe aus, so daß er rücklings zu Boden stürzte. Erschüttert durch die Angst, die Gott in ihm hervorgerufen, flehte er jetzt um Gnade.

Ähnlich war folgender Fall. Als Martinus Götzenbilder zertrümmerte, wollte einer mit dem Winzermesser nach ihm stoßen. Während des Stoßes wurde das Eisen seiner Hand entrissen und verschwand spurlos. Oft wußte er durch sein frommes Wort die Heiden umzustimmen, wenn sie sich ihm bei der Zerstörung eines Götzentempels widersetzten; es ging ihnen das Licht der Wahrheit auf, und sie rissen ihre Tempel selbst nieder.

Die Gnade der Krankenheilung besaß er in so hohem Grad, daß kaum ein Kranker zu ihm kam, ohne sofort die Gesundheit wiederzuerlangen. Dies erhellt auch aus folgendem Beispiel. Zu Trier lag ein Mädchen an Lähmung schwerkrank darnieder. Schon seit langem versagten die Glieder gänzlich ihren Dienst, am ganzen Leibe war das Mädchen gefühllos, die Lebensflamme flackerte nur noch schwach. Traurig umstanden sie die Verwandten und warteten nur auf ihren Tod. Da kam plötzlich die Kunde, Martinus sei in die Stadt gekommen. Sobald der Vater des Mädchens davon hörte, eilte er ganz außer Atem dorthin, um für seine Tochter zu bitten. Martinus war gerade in eine Kirche eingetreten. Laut schluchzend umfaßte dort der Greis vor den Augen des Volkes und in Gegenwart vieler anderer Bischöfe die Knie des Heiligen und sprach: „Meine Tochter siecht an einer schrecklichen Krankheit dahin; ja, was noch grausamer ist als der Tod, nur die Seele zeigt noch Leben, der Leib ist schon erstorben. Bitte, gehe zu ihr, segne sie. Ich habe das feste Vertrauen, sie wird durch dich gesund werden“. Durch diese Bitte verwirrt und betroffen, suchte Martinus abzuwehren; das gehe über seine Kraft; der Greis beurteile ihn falsch; er sei nicht würdig, daß Gott durch ihn ein Wunder wirke. Weinend beschwor und bat ihn der Vater noch inständiger, er möge die Halbtote besuchen. Schließlich begab sich Martinus, weil auch die umstehenden Bischöfe ihn drängten, zur Wohnung des Mädchens. Eine große Menschenmenge wartete außen voll Spannung auf das, was der Diener Gottes tun werde. Zunächst warf er sich auf den Boden und betete. Das waren in solchen Fällen seine gewöhnlichen Mittel. Dann schaute er die Kranke an und verlangte Öl. Er segnete es und goß die wunderkräftige, geheiligte Flüssigkeit dem Mädchen in den Mund, Sofort kehrte der Gebrauch der Sprache wieder. Durch die Salbung erhielt ein Glied nach dem andern wieder neue Lebenskraft; auch die Füße erstarkten, und das Mädchen konnte wieder aufstehen, das ganze Volk war Zeuge davon.

Zur selben Zeit wurde ein Knecht des Prokonsuls Tetradius vom Teufel ergriffen und zum Erbarmen gequält. Martinus wurde gebeten, er möge ihm die Hand auflegen. Er gab den Auftrag, den Unglücklichen zu ihm zu führen. Allein der böse Geist war auf keine Weise aus dem Zimmer zu bringen, das der Besessene bewohnte. Gegen alle, die ihm nahen wollten, fletschte er so wütend die Zähne. Da warf sich Tetradius dem Heiligen zu Füßen und drang in ihn, er möge doch ins Haus kommen, wo der Besessene war. Martinus erklärte, er könne das Haus eines Heiden nicht betreten. Tetradius lebte nämlich damals noch im Irrwahne des Heidentums; aber jetzt versprach er, Christ zu werden, wenn sein Knecht vom Teufel befreit würde. Martinus legte nun dem Knecht die Hand auf und trieb den unreinen Geist aus. Als Tetradius das sah, glaubte er an den Herrn Jesus, ließ sich sogleich unter die Katechumenen aufnehmen und wurde bald darnach getauft. Er brachte von da an Martinus, dem er sein Heil verdankte, grenzenlose Verehrung entgegen.

In der gleichen Stadt besuchte Martinus zur selben Zeit das Haus eines Mannes. Er blieb schon an der Türschwelle stehen und sagte, er sehe im Vorraum des Hauses einen abscheulichen Teufel. Als Martinus diesem befahl zu weichen, fuhr er in den Koch jenes Herrn, während er gerade in einem Gemach im Innern des Hauses weilte. Der Arme biß um sich und zerfleischte alle, die in seine Nähe kamen. Das ganze Haus geriet in Bestürzung, das Gesinde ward ganz verstört, das Volk stob auseinander. Da trat Martinus dem Wütenden entgegen und hieß ihn zunächst stille stehen, Dieser knirschte mit den Zähnen, riß den Rachen weit auf und drohte zu beißen. Martinus legte ihm seine Finger in den Mund. „Vermagst du etwas“, sprach er, „so verschlinge sie,“ Da war’s, als wäre ihm ein glühend Eisen in den Rachen gesteckt worden — er sperrte die Kiefer weit auseinander und hütete sich, die Finger des Heiligen zu berühren. Durch diese qualvolle Strafe wurde der Teufel gezwungen, den Besessenen zu verlassen. Da er aber durch den Mund den Ausweg nicht nehmen konnte, fuhr er im Unrat des Leibes aus und ließ schmutzige Spuren zurück.

Inzwischen war die Stadt durch ein unerwartetes Gerücht von dem Vormarsch und Einfall der Barbaren in Bestürzung versetzt worden, Martinus ließ nun einen Besessenen vor sich bringen; er befahl ihm, zu bekennen, ob diese Nachricht auf Wahrheit beruhe. Da gestand dieser, zehn Dämonen seien bei ihm gewesen; sie hätten das Gerücht unter dem Volk ausgestreut, damit wenigstens auf solche Schreckenskunde hin Martinus aus der Stadt flüchtete. Die Barbaren dächten an nichts weniger als an einen Einfall. Da der unreine Geist mitten in der Kirche dieses Geständnis ablegte, wurde die Stadt von der beängstigenden Furcht befreit. Als der Heilige, von einer großen Schar begleitet, durch ein Tor von Paris einzog, küßte und segnete er zum Entsetzen aller einen Aussätzigen, der einen ganz jämmerlichen Anblick bot. Sofort verließ diesen alle Krankheit. Er kam tags darauf mit glänzend weißer Haut zur Kirche, um für die wiedererlangte Gesundheit zu danken. Es verdient auch Erwähnung, daß Fasern, die von seinem Oberkleid und seinem Bußgewand abgetrennt wurden, häufig Kranke wunderbar heilten. Wenn man sie nämlich den Kranken um die Finger band oder auf den Hals legte, dann wichen oft die Krankheiten von ihnen.

Die Tochter des früheren Präfekten Arborius, eines gar frommen und gläubigen Mannes, lag schon vier Tage an einem äußerst hitzigen Fieber darnieder. Da legte der Vater einen Brief des Martinus, der zufällig in seine Hände gekommen war, bei einem neuen Fieberanfall dem Mädchen auf die Brust. Alsbald wurde es fieberfrei. Dieses Vorkommnis machte auf Arbonus einen solchen Eindruck, daß er das Mädchen gleich Gott darbrachte und zu ständiger Jungfräulichkeit weihte, br reiste daher zu Martinus und übergab ihm das Madchen, ein augenfälliges Zeugnis seiner Wunderkraft; war es doch sogar aus der Ferne von ihm geheilt worden. Kein anderer als Martinus durfte sie nach des Vaters Willen mit dem Gewand der Jungfrauen bekleiden und ihr die Weihe erteilen.

Paulinus, der später ein leuchtendes Vorbild werden sollte, hatte heftige Augenschmerzen. Schon hatte sich eine dichte Wolke verdüsternd über das Auge gelegt; da berührte Martinus das Auge mit einem Schwämmchen. Im selben Augenblick schwand aller Schmerz, und die frühere Gesundheit kehrte wieder.

Infolge eines Mißgeschickes kam Martinus selbst im oberen Geschosse seines Hauses zu Fall, stürzte die holperigen Stufen der Treppe hinab und verletzte sich dabei schwer. Er lag wie tot in seiner Zelle und wurde von unsäglichen Schmerzen gefoltert. Da war es ihm bei Nacht, als wasche ihm ein Engel seine Wunden aus und bestreiche die zerquetschten Glieder mit heilender Salbe. Und wirklich, tags darauf war er wieder hergestellt. Man hätte meinen können, ihm wäre kein Unglück zugestoßen. Doch es würde zu weit führen, noch weitere Einzelheiten zu berichten. Diese allerdings kleine Auswahl aus dem reichen Stoffe soll genügen. Ich will damit zufrieden sein, bei den auffallendsten Wundern streng bei der Wahrheit zu bleiben, ohne durch ein Übermaß Verdruß zu erzeugen.

Nach solch großen Wundertaten will ich minder bedeutende Ereignisse erzählen. Freilich beim heutigen Zeitgeist, da alles bodenlos verkommen ist, muß es beinahe als etwas Außerordentliches erscheinen, wenn ein Bischof soviel Charakter hat, daß er sich nicht zum Hofschranzentum erniedrigt. Viele Bischöfe waren aus verschiedenen Teilen der Welt zu Kaiser Maximus gekommen. Dieser war ein gewalttätiger Mann, der sich auf seinen Sieg im Bürgerkrieg viel einbildete. Da sah man, wie alle jene Bischöfe in schnöder Kriecherei den Fürsten umschmeichelten und in ihrer Charakterlosigkeit sich soviel vergaben, daß sie ihre bischöfliche Würde geringer anschlugen als die Gunst des Kaisers. Martinus war der einzige, der die apostolische Würde entschieden zu wahren wußte. Mußte er nämlich für andere beim Kaiser Fürsprache einlegen, so tat er auch dies eher im Ton eines Befehls als einer Bitte. Er schlug auch die oft wiederholte Einladung zur Tafel ab mit der Begründung, er könne sich nicht mit dem zu Tische setzen, der zwei Kaiser beraubt habe, den einen des Thrones, den anderen des Lebens. Allein Maximus versicherte, nicht aus eigenem Antrieb habe er die Regierung übernommen, sondern durch Gottes Fügung sei ihm von den Soldaten die Krone aufgenötigt worden und er habe sie dann mit dem Schwerte verteidigen müssen. Offenbar sei ihm Gott nicht ungnädig, da ihm ein Sieg mit so unglaublich günstigem Erfolg zuteil geworden sei. Seine Gegner seien nur in der Schlacht gefallen. Durch solche Gründe und Bitten ließ sich Martinus schließlich doch noch bestimmen, bei der Tafel zu erscheinen. Der Kaiser war über diesen Erfolg hocherfreut. Hohe und angesehene Männer fanden sich als Gäste ein, als wären sie zu einem Feste gerufen. Unter ihnen waren der Präfekt und Konsul Evodius, ein Muster aller Gerechtigkeit und zwei Comites, die die höchsten Ämter bekleideten, nämlich der Bruder und der Oheim des Kaisers. Zwischen diesen beiden nahm der Priester des Martinus Platz. Martinus selbst saß neben dem Kaiser. Die Tafel war ungefähr halb vorüber, da reichte der Diener der Sitte gemäß dem Kaiser die Trinkschale. Dieser befahl, man solle die Schale lieber dem heiligen Bischof reichen; denn er brannte vor Verlangen, sie aus der Hand des Martinus zu empfangen. Indes Martinus trank und gab dann die Schale seinem Priester. Er war nämlich der Ansicht, kein anderer sei würdiger, nach ihm zuerst zu trinken; er könne es mit seinem Gewissen nicht vereinen, wenn er den Kaiser oder jemand aus dessen nächsten Umgebung dem Priester vorzöge. Darüber verwunderten sich der Kaiser und alle Gäste so sehr, daß sie an dieser Zurücksetzung sogar Gefallen fanden. Im ganzen Palast bildete es das allgemeine Gespräch, Martinus habe bei der kaiserlichen Tafel gewagt, was kein Bischof bei der Tafel niederer Beamten sich herausgenommen hätte.

Martinus gab dem Maximus auch die Prophezeiung, falls er, wie es sein Plan war, nach Italien ziehe, um Kaiser Valentinian zu bekämpfen, werde er beim ersten Angriff zwar siegen, dann aber bald umkommen. Wir erlebten, daß es so kam. Denn beim ersten Anmarsch des Maximus floh Valentinian; nach Jahresfrist jedoch sammelte er neue Streitkräfte, nahm Maximus in den Mauern von Aquileja gefangen und ließ ihn hinrichten.

Es ist auch sicher, daß dem hl. Martinus mehrmals Engel erschienen sind; sie unterhielten sich lange mit ihm. Auch der Teufel trat ihm leibhaftig unter die Augen; er zeigte sich ihm unter mancherlei Gestalten, bald in seiner natürlichen Beschaffenheit, bald verbarg er sich unter verschiedenen Formen, wie es böse Geister tun. Der Teufel wußte wohl, daß er Martinus nicht entkommen könne; deshalb belästigte er ihn oft mit Schmähungen; er vermochte ja nicht, hinterlistiger Weise ihn zu täuschen. Einmal stürmte er mit einem blutigen Ochsenhorn in der Hand unter furchtbarem Lärm in seine Zelle, zeigte seine bluttriefende Rechte und sprach triumphierend ob seines neuen Verbrechens: „Martinus, wo ist deine Macht? Soeben habe ich einen deiner Leute ums Leben gebracht“. Martinus rief seine Brüder zusammen und sagte ihnen, was der Teufel ihm verkündet habe; dann hieß er sie sorgfältig in allen Zellen nachsehen, wen etwa dieser Unfall betroffen haben könnte. Sie kamen mit der Nachricht, keiner der Mönche fehle, indes sei ein Bauer, den man gedungen habe, Holz auf einem Wagen zu holen, in den Wald gefahren. Martinus befahl, einige sollten ihm entgegenfahren. Da fand man ihn nahe beim Kloster, schon fast tot. Er lag in den letzten Zügen, doch konnte er noch den Brüdern die Ursache seiner tödlichen Verletzung angeben: er habe bei den angeschirrten Ochsen die locker gewordenen Riemen straffer anziehen wollen; da habe eines der Tiere rasch mit dem Kopf gestoßen und das Hörn ihm in die Weichen gebohrt. Bald hernach verschied der Mann. Es mag uns rätselhaft vorkommen, warum Gott dem Teufel solche Gewalt eingeräumt hat. Wunderbar ist an Martinus der Umstand, daß er nicht bloß das eine Mal, von dem wir oben gesprochen, sondern oftmals kommende Dinge schon lang vorher sah und den Brüdern davon Mitteilung machte, sobald sie ihm kund geworden.

Auf tausenderlei Weise versuchte der Teufel dem Heiligen zu schaden und ihn zu hintergehen. Deshalb ließ er sich unter den verschiedensten Gestalten sehen. Denn bisweilen trat er als Jupiter auf, meist als Merkur, oft auch als Venus und Minerva. Martinus schützte sich gegen ihn unerschrocken jedesmal mit dem Zeichen des Kreuzes und der Waffe des Gebets. Öfter hörte man gemeine Schmähworte, welche die Dämonenschar gegen ihn ausstieß. Allein Martinus durchschaute den eitlen Betrug und ließ sich durch derartige Vorwürfe nicht beunruhigen. Einige der Brüder bezeugten auch, sie hätten gehört, wie der Teufel den Heiligen mit rohen Worten anfuhr, weil er manchen Brüdern, die infolge vielfacher Verirrungen die Taufgnade verloren hatten, später nach ihrer Bekehrung Aufnahme gewährt habe. Dabei habe der Teufel die Fehltritte der einzelnen aufgezählt. Martinus habe ihm widersprochen und mit aller Entschiedenheit geantwortet, die alten Sünden würden durch frömmeren Wandel getilgt; um der Barmherzigkeit Gottes willen müßten alle jene losgesprochen werden, die von ihren Sünden abgelassen hätten. Der Teufel habe den Einwand gemacht, Verbrecher könnten keine Vergebung erlangen; wer einmal gefallen sei, dem könne der Herr kein Erbarmen mehr angedeihen lassen. Da soll Martinus ungefähr also ausgerufen haben: „Wenn du Elender selbst davon abließest, die Menschen anzufeinden und wenigstens jetzt, da der Tag des Gerichts ganz nahe ist, über dein Treiben Reue empfändest, dann würde ich fest auf den Herrn Jesus Christus bauen und dir Begnadigung in Aussicht stellen“. Welch heilige Kühnheit im Vertrauen auf die Güte Gottes! Konnte Martinus durch sie auch keine sichere Gewißheit gewähren, so offenbarte er darin doch seinen Edelmut.

Weil ich nun einmal daran bin, vom Teufel und seinen Ränken zu sprechen, so deucht es mir gut, noch eine Begebenheit zu erzählen, wenn sie auch nicht streng hierher gehört. Denn es spielt dabei auch die Wunderkraft des Martinus mit, und zudem verdient ein Ereignis, das eines Wunders wert war, der Nachwelt überliefert zu werden, zum warnenden Beispiel, falls sich später wieder Ähnliches zutragen sollte.

Clarus, ein vornehmer junger Mann, nachmals Priester, der jetzt schon selig im Herrn entschlafen ist, hatte alles verlassen und sich zu Martinus begeben. Schon nach kurzer Zeit erstrahlte er im hellsten Glänze des Glaubens und aller andern Tugenden. Unweit vom Kloster des Bischofs hatte er sich seine Zelle erbaut und viele Brüder schlössen sich ihm an. Auch ein Jüngling namens Anatolius kam zu ihm; er trug im Mönchsgewand die größte, demütigste Unschuld heuchlerisch zur Schau. Er wohnte eine Zeitlang mit den andern zusammen. Im Verlauf der Zeit gab er an, Engel pflegten Zwiesprache mit ihm. Niemand wollte ihm Glauben schenken. Doch er wußte es den meisten durch einige auffallende Zeichen glaubhaft zu machen. Schließlich verstieg er sich zu der Behauptung, zwischen ihm und Gott gingen Boten hin und her. Schon wollte er für einen Propheten gehalten werden. Indes Clarus ließ sich nicht bewegen, das zu glauben. Jener drohte ihm mit dem Zorne Gottes und augenblicklichen Strafen, weil er ihm, dem Heiligen, nicht traue. Zu guter Letzt soll er ausgerufen haben: „Heute Nacht wird mir Gott ein weißes Gewand vom Himmel geben, und ich werde mit diesem Gewand in eurer Mitte weilen. Dieses Gewand, das ich aus der Hand Gottes empfange, soll euch zum Zeichen sein, daß ich eine Kraft Gottes bin.“ Auf diese Beteuerung hin waren alle voll Spannung. Ungefähr um Mitternacht entstand ein Getöse; es war, als ob das ganze Kloster unter dem Gestampfe vieler von der Stelle gerückt würde. In der Zelle, wo jener Jüngling sich aufhielt, konnte man häufig Lichtblitze aufleuchten sehen; ein lärmendes Hin- und Herlaufen und ein wirres Durcheinanderreden vieler Stimmen war vernehmbar. Dann wurde es still. Anatolius trat heraus, rief einen von den Brüdern, Sabatius mit Namen, zu sich und zeigte ihm das Gewand, das er anhatte. Voll Staunen rief dieser die andern herbei, auch Clarus selbst eilte herzu. Man brachte Licht, und jetzt besahen alle sorgfältig das Gewand. Es war ungemein weich, blendend weiß und purpurrot; doch ließ sich Stoff und Webart nicht genau bestimmen. Das forschende Auge und der fühlende Finger konnte auf nichts anderes als auf ein Gewand schließen. Indessen mahnte Clarus die Brüder zu eifrigem Gebet, auf daß der Herr ihnen dieses Rätsel kläre. So verstrich der übrige Teil der Nacht unter Hymnen- und Psalmengebet. Sobald der Tag graute, nahm ihn Clarus bei der Hand und wollte ihn zu Martinus bringen; denn er wußte wohl, daß diesen keine Teufelskunst hintergehen könne. Mit lautem Geschrei wehrte sich der Unglückliche dagegen; er erklärte, es sei ihm verwehrt, sich vor Martinus zu zeigen. Man zwang ihn gegen seinen Willen zu gehen. Da verschwand das Kleid unter den Händen der Brüder, die ihn fortzerrten. Sicherlich ist auch dies der Wunderkraft des Martinus zuzuschreiben, daß der Teufel sein Blendwerk nicht länger verheimlichen und verbergen konnte, sobald es Martinus unter die Augen kommen sollte.

Man hat erfahren, daß ungefähr zur selben Zeit in Spanien ein junger Mann durch viele Wunderzeichen sich einen Namen verschaffte. Zuletzt trieb er es in seinem Hochmut so weit, sich als Elias auszugeben. Da die meisten leichtsinnig daran glaubten, ging er noch weiter und gab sich für Christus aus. Auch hierbei spielte er seine Heuchlerrolle so gut, daß ein Bischof, namens Rufus, ihn sogar als Gott anbetete; wir erlebten, daß dieser später deshalb als Bischof abgesetzt wurde. Viele Brüder erzählten uns auch, gerade damals sei im Orient einer aufgestanden, der sich rühmte, Johannes zu sein. Aus all dem, nämlich aus dem Auftreten solcher falschen Propheten, können wir entnehmen, daß die Ankunft des Antichrists bevorsteht; er wirkt ja schon in solchen Leuten das Geheimnis der Bosheit.

Ich darf nicht übergehen, auf welch schlaue Weise der Teufel damals Martinus versuchte. Eines Tages stand er vor ihm in der Zelle, während er betete. Purpurlicht strahlte er vor sich her und war auch selbst ganz davon umflossen; mit diesem erborgten Lichtglanze hoffte er um so leichter täuschen zu können. Ein Königsmantel umwallte ihn, er trug ein edelsteinfunkelndes, goldenes Diadem auf dem Haupte, seine Schuhe waren golddurchwirkt; gewinnend war seine Miene, freundlich sein Antlitz, so daß man eher alles andere als den Teufel in ihm vermuten mußte. Auf den ersten Anblick hin war Martinus höchlichst überrascht; beide schwiegen geraume Zeit. Dann begann der Teufel zuerst: „Erkenne, wen du vor dir erblickst. Ich bin Christus. Da ich im Begriff bin, auf die Erde herniederzusteigen, wollte ich mich dir zuerst offenbaren“. Martinus schwieg und antwortete mit keiner Silbe darauf. Da hatte der Teufel die Frechheit, sein frevelhaftes Bekenntnis zu wiederholen: „Martinus, warum zweifelst du. Glaube doch, da deine Augen es ja schauen? Ich bin Christus“. Jetzt ward es Martinus durch eine Geistesoffenbarung kund, der Teufel stehe vor ihm, nicht Gott. Daher sprach er: „Jesus, unser Herr, hat nicht gesagt, daß er im Purpur und im Glänze einer Krone wiederkommen werde. Ich kann nicht glauben, daß Christus anders gekommen wäre als in jener Haltung und äußeren Gestalt, so wie er gelitten, als mit den Wundmalen des Kreuzes“. Bei diesen Worten verschwand der Teufel plötzlich wie Rauch und erfüllte die Zelle mit üblem Geruch. Auf diese Weise hinterließ er das untrügliche Anzeichen dafür, daß er wirklich der Teufel gewesen. Dieses Vorkommnis habe ich wortgetreu nach der Aussage des Martinus erzählt; das bemerke ich deshalb, daß niemand die Erzählung für ein Märchen halte.

Da mir vieles über seinen Glauben und seinen Tugendwandel zu Ohren gekommen war, brannte ich vor Verlangen nach ihm. Deshalb unternahm ich eine mir höchst willkommene Pilgerfahrt zu ihm. Mich beseelte damals auch der glühende Wunsch, sein Leben zu beschreiben. So forschte ich einerseits ihn selbst aus, soweit er sich ausforschen ließ, andererseits zog ich von jenen Erkundigungen ein, die bei ihm waren und ihn kannten. Er nahm mich damals mit erstaunlicher Demut und Güte auf. Herzlich wünschte er sich Glück und freute sich darüber, daß ich ihm soviel Ehre angetan und eine Pilgerfahrt unternommen habe, um ihn aufzusuchen. Er zollte mir soviel Aufmerksamkeit, daß er mich Armseligen, kaum wage ich es zu bekennen, zu seinem heiligen Mahle lud; er reichte mir dabei selbst das Wasser für die Hände und wusch mir abends eigenhändig die Füße. Ich hatte nicht den Mut, mich zu sträuben und zu widersetzen. So sehr war ich im Banne seiner machtvollen Persönlichkeit, daß es mir als Unrecht vorgekommen wäre, hätte ich nicht nachgegeben. Unser Gespräch drehte sich um nichts anderes, als wie ich der lockenden Lust der Welt und ihrer drückenden Bürde entsagen müsse, um frei und ungehindert dem Herrn Jesus folgen zu können. Als herrliches Beispiel aus unserer Zeit stellte er uns den oben erwähnten, hochangesehenen Paulinus vor Augen. Dieser habe seinen gewaltigen Reichtum dahingegeben, sei Christus nachgefolgt und fast der einzige, der in unseren Tagen die Weisungen des Evangeliums befolgt habe. Diesem, so betonte er oft, müsse ich nachfolgen, diesem ähnlich werden. Unser Jahrhundert sei ob eines Mannes von solchem Glauben und Tugendbeispiel glücklich zu preisen. Entsprechend dem Ausspruche Christi habe ja der reiche und begüterte Mann all das Seine verkauft und den Erlös an die Armen verteilt und so, was unmöglich schien, durch sein Beispiel möglich gemacht. Welch würdevoller Ernst lag dabei in seinen Worten und Gesprächen! Wie treffend, wie kraftvoll redete erl Wie schlagfertig und gewandt löste er schwierige Fragen der heiligen Schriftenl Indes ich weiß, viele wollen in diesem Punkt nicht glauben; muß ich doch sehen, daß sie auch meiner Erzählung nicht trauen. Deshalb schwöre ich bei Jesus und unser aller Hoffnung: nie habe ich aus einem Mund eine solche Fülle von Wissen, so trefflichen Geistes und klarer Rede vernommen. Und doch wie klein muß dieser Lobpreis erscheinen bei der Tugendgröße eines Martinus! Es ist ja schon ein Wunder für sich, daß einem Mann, der nicht wissenschaftlich gebildet war, auch eine solche Gabe zu Gebote stand.

Das Büchlein drängt jetzt aber zum Schluß, die Erzählung geht ihrem Ende entgegen, allerdings nicht, weil es an Stoff mangelte und über Martinus nichts mehr zu sagen wäre, sondern weil es mir ergeht, wie einem nachlässig gewordenen Dichter: gegen Schluß der Arbeit werde ich müde und unterliege, erdrückt durch die Menge des Stoffes. Seine äußeren Taten konnte man ja schlecht und recht in Worte fassen, allein das muß ich gestehen, keine menschliche Rede vermag sein inneres Leben, seinen gewöhnlichen Wandel, seine Seelenverfassung zu schildern, die immer auf Himmlisches gerichtet war. Seine kluge Beharrlichkeit in Abbruch und Fasten zu beschreiben, seine Meisterschaft im Wachen und Beten, den Eifer, womit er die Nächte wie den Tag verbrachte, dem Dienste Gottes auch nicht einen Augenblick entzog, den er dem Müßiggang oder der Schlichtung von Streitsachen geweiht hätte, den Eifer, womit er sich nur so viel Speise und Trank vergönnte, als die Natur unbedingt erforderte — das alles könnte, ich muß es gestehen, nicht einmal ein Homer schildern, wenn er, wie man sagt, von den Toten erstünde: so groß ist alles an Martinus, daß es sich nicht in Worte fassen läßt. Keine Stunde, kein Augenblick verstrich, wo er nicht dem Gebete obgelegen oder mit Lesung sich beschäftigt hätte. Doch wenn er auch las oder sonst mit einer Arbeit beschäftigt war, ließ sein Geist nie vom Gebete ab. Wie ein Schmied bei seiner Arbeit immer wieder den Hammer zu seiner Erleichterung auf den Amboß fallen läßt, so betete Martinus ohne Unterbrechung, auch wenn er anscheinend etwas anderes tat. O wahrhaft glücklicher Mann, der kein Falsch kannte, der keinen verurteilte, keinen verdammte, niemand Böses mit Bösem vergalt! Er hatte sich ja bei allen Beleidigungen eine solche Geduld zur Gewohnheit gemacht, daß er, obwohl Bischof, selbst von niederen Klerikern, ohne zu strafen, Beleidigungen hinnahm; keinen entsetzte er deshalb je seines Amtes, noch schloß er einen, soviel an ihm lag, von seiner Liebe aus.

Niemand hat ihn je zornig, aufgeregt, traurig, niemand lachen gesehen. Er blieb sich immer gleich; wie von himmlischer Freude strahlte sein Angesicht. Er machte den Eindruck einer übermenschlichen Erscheinung. In seinem Munde war nichts anderes als Christus, in seinem Herzen wohnte nur Güte, nur Frieden, nur Erbarmen. Häufig weinte er auch über die Sünden seiner offenkundigen Widersacher, die ihn, den weltentrückten, stillen Mann, mit giftiger Schlangenzunge verwundeten. Wir haben in der Tat manche kennen gelernt, die mit scheelem Auge sein Tugendleben betrachteten, die an ihm haßten, was sie an sich vermißten und nicht nachzuahmen vermochten. Ja, es ist traurig und beklagenswert: man nannte als seine Gegner — es waren deren freilich nur wenige — allgemein fast nur Bischöfe. Ich brauche keine Namen zu nennen, wenn auch viele mich angeifern. Es soll mir genug sein, wenn einer, der dies liest, zur Einsicht kommt und ihm dann die Schamröte ins Gesicht steigt. Denn braust er auf, dann zeigt er selbst, daß er sich getroffen fühlt, während ich vielleicht an andere dachte. Es schreckt mich aber nicht, wenn solche Leute vielleicht auch mich mit demselben Haß wie diesen Heiligen verfolgen. Das darf ich sicherlich mit Zuversicht erwarten, daß mein Büchlein allen gottgeweihten Mönchen eine willkommene Gabe ist. Wenn sonst einer beim Lesen ungläubig bleibt, so ist das seine eigene Schuld. Ich bin mir bewußt, daß die Glaubwürdigkeit der Tatsachen und die Liebe zu Jesus Christus mich zum Schreiben bewogen hat und daß ich nur Sicheres berichtet, nur Wahres mitgeteilt habe. Wenn Gott auch nicht für jeden Leser schlechthin einen Lohn bereit hält, so doch, wie ich fest vertraue, für jeden gläubigen Leser.

 

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