Drei Dialoge

Von Sulpicius Severus

1. Dialog

Gallus und ich waren zusammengekommen. Dieser Mann ist mir überaus teuer, einmal wegen des Andenkens an Martinus, dessen Schüler er war, dann auch seiner eigenen Verdienste wegen. Unerwartet fand sich auch mein lieber Postumianus bei uns ein; er war unsertwegen aus dem Orient heimgekehrt. Vor drei Jahren hatte er sein Vaterland verlassen und sich dorthin begeben. Ich umarmte den liebtrauten Freund und küßte ihn auf Knie und Füße. Wir gingen voll Entzücken, Freudentränen in den Augen, einigemal auf und ab. Dann breiteten wir die rauhen Mäntel auf den Boden und ließen uns nieder.

Jetzt sah mich Postumianus an und begann zuerst: „Als ich im Herzen von Ägypten war, kam mir das Verlangen, an die Küste zu gehen. Dort fand ich ein Frachtschiff, das mit Waren beladen, gerade nach Narbonne abfahren sollte. In der gleichen Nacht kam es mir im Traume vor, als stündest du vor mir, zögest mich an der Hand und nötigtest mich, in jenes Schiff zu steigen. Als ich mich dann bei anbrechendem Morgen vom Orte meiner Ruhe erhoben hatte, dachte ich bei mir über den Traum nach. Da packte mich urplötzlich so heißes Verlangen nach dir, daß ich ohne Zögern das Schiff bestieg. Dreißig Tage später landete ich in Marseille, von da bin ich in zehn Tagen hierher gekommen; so günstig erwies sich die Fahrt meinem frommen Herzenswunsche. Du, um dessentwillen ich so viele Meere durchfahren, so viele Länder durcheilt habe, laß dich jetzt umarmen und genießen, gib dich mir ganz rückhaltlos“. Darauf antwortete ich: „Auch ich war, solange du in Ägypten weiltest, immer ganz bei dir mit Geist und Herz; Tag und Nacht mußte ich an dich denken, die Liebe zu dir hielt mich ganz gefangen. Um so weniger werde ich jetzt, das glaube nur, mich dir auch nur einen Augenblick entziehen; ich will an deinem Mund hängen, dir ins Auge blicken, dir lauschen, mit dir reden, aber so, daß durchaus niemand sich zu uns in die Heimlichkeit der abgelegenen Zelle drängen darf. Ich kann ja voraussetzen, daß dir die Anwesenheit dieses unseres Gallus nicht lästig fällt; er ist ja, wie du sehen kannst, ob deiner Rückkehr ebenso freudetrunken wie ich“. „Gut so“, entgegnete Postumianus, „Gallus darf in unserm Kreise bleiben. Obwohl er mir nicht recht bekannt ist, soll er doch, weil er dein bester Freund ist, auch mir teuer sein, zumal, da er zu den Schülern des Martinus zählt. Es fällt mir nicht schwer, die Unterhaltung mit euch nach Belieben lang auszudehnen. Wenn ich kam, geschah es ja aus Verlangen nach meinem Sulpicius, um mit ihm nach Herzenslust plaudern zu können“ — bei diesen Worten umschlang er mich mit beiden Armen.

„Fürwahr“, fiel ich da ein, „du hast Beweise genug erbracht für die vielvermögende Kraft treuer Liebe. Um meinetwillen hast du ja so viele Meere und Länder durcheilt und bist gleichsam vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Niedergang gekommen. Wohlan denn, wir sind so ungestört beisammen, keine Pflicht drängt uns, und wir können deinem Bericht in aller Ruhe lauschen. Drum erzähle uns doch, bitte, die ganze Geschichte deiner Wanderfahrt, erzähle vom blühenden Glaubensleben der Christen im Oriente, vom Frieden der Gottgeweihten, von den Einrichtungen der Mönche, von den wunderkräftigen Zeichen, die Christus durch seine Diener wirkt. Gewiß, hierzulande bei unsern gegenwärtigen Verhältnissen wird uns sogar das Leben zum Ekel. Deshalb vernehmen wir gern aus deinem Munde, ob die Christen wenigstens in der Einsamkeit ruhig leben können. Darauf erwiderte Postumianus : „Ich will deinem Wunsche nachkommen. Doch zuerst möchte ich von dir erfahren, ob alle jene Bischöfe, die ich hier verlassen habe, auch jetzt noch die gleiche Gesinnung haben wie vor meiner Abreise“. Da antwortete ich: „Laß solche Fragen; du kannst dir die Antwort darauf selbst geben; wenn nicht, dann ist es besser, keine Antwort zu vernehmen. Das kann ich dir aber nicht vorenthalten: die, über welche du Auskunft erhalten willst, haben sich gegen früher um nichts gebessert, ja nicht bloß das, auch jener, der allein uns einst Liebe entgegenbrachte und bei der Anfeindung durch die andern uns tröstlich aufatmen ließ, ist unfreundlich gegen uns geworden, mehr als recht ist. Doch ich will mich nicht schonungslos gegen diesen äußern, weil ich ihn als Freund verehrte und auch dann noch liebte, da er als mein Feind galt. Während ich dies still bei mir überdenke, empfindet mein Herz tiefes Weh darüber, daß wir die Freundschaft dieses weisen und frommen Mannes fast ganz eingebüßt haben. Doch lassen wir solch kummervolle Dinge; wir wollen lieber dem, was du uns schon längst versprochen, lauschen“. „Gut“, entgegnete Postumianus. Daraufhin schwiegen wir alle eine kleine Weile. Dann rückte er den Teppich, auf dem er Platz genommen hatte, näher zu mir heran und begann also:

„Jetzt sind es drei Jahre her, seit ich dir, Sulpicius, bei meiner Abreise Lebewohl sagte. In Narbonne bestiegen wir das Schiff. Fünf Tage nachher liefen wir in einem afrikanischen Hafen ein — so sehr begünstigte Gottes Vorsehung die Reise. Es kam uns das Verlangen, nach Karthago zu gehen, die Stätten der Heiligen aufzusuchen und besonders am Grabe des Märtyrers Cyprian zu beten. Nach fünfzehn Tagen kehrten wir zum Hafen zurück und stachen wieder in die See mit dem Kurs nach Alexandrien. Ein widriger Südwind hätte uns beinahe auf die Syrten getrieben, allein die umsichtigen Schiffsleute wichen der Gefahr aus und gingen vor Anker. Vor unseren Augen lag das Festland; wir fuhren in Kähnen hinüber. Da wir nirgends Spuren menschlicher Ansiedelungen wahrnahmen, wurde meine Neugierde wach; ich ging weiter landeinwärts, um die Gegend auszukundschaften. Ungefähr drei Meilen von der Küste erblickte ich mitten im Sande eine kleine Hütte. Ihr Dach glich einem Schiffskiele, wie Sallust sagt, war mit starken Dielen gedeckt und reichte bis auf den Boden. Man hat sich zwar dort nicht vor gewaltigen Regenschauern zu fürchten — denn dort hat noch nie jemand etwas von einem Regenschauer gehört —, allein die Stürme sind derart gewaltig, daß man in jenen Landstrichen schon mehr Unheil befürchten muß, als irgendwo auf dem Meer, wenn einmal auch bei nahezu klarem Himmel eine nur mäßige Brise einsetzt. Gras oder Saaten kommen hier nicht fort, da der Boden nicht fest ist und der trockene Sand von jedem Windstoß davongetragen wird. Wo aber Vorgebirge auf der Seite, die vom Meere abliegt, die Winde auffangen, ist der Boden ein klein wenig fester und läßt spärlich rauhes Gras hervorsprossen, das den Schafen gute Nahrung bietet. Die Einwohner leben von Milch; wer aber von ihnen unternehmender oder, wenn ich so sagen soll, reicher ist, nährt sich von Gerstenbrot. Gerste allein wird dort geerntet. Bei dem raschen Wachstum, wie es jener Boden dort ermöglicht, fällt sie gewöhnlich dem Verderben der rasenden Orkane nicht zum Opfer; soll sie doch schon dreißig Tage nach der Aussaat zur Reife kommen. Daß hier Menschen bestehen können, ist einzig und allein der Steuerfreiheit zu danken. Dieses Gebiet umschließt die äußerste Küste der Cyrenaica und stößt an jene Wüste, die zwischen Ägypten und Afrika liegt; durch diese führte einst Cato auf seiner Flucht vor Cäsar sein Heer.

Ich ging also zu jener Hütte, die ich von der Ferne erblickt hatte. Dort fand ich einen Greis; er war mit Fellen bekleidet und drehte an einer Handmühle. Er grüßte uns und nahm uns freundlich auf. Wir erklärten ihm, wir seien an dieses Gestade geworfen worden und würden jetzt durch die Seestille an der sofortigen Weiterfahrt gehindert; wir seien ans Land gegangen, um dem natürlichen Wissensdrange nachzugeben, die Bodenbeschaffenheit wie die Kultur der Einwohner kennen zu lernen. Wir seien Christen und deshalb möchten wir vor allem in Erfahrung bringen, ob es in dieser Einöde auch Christen gebe. Jetzt warf sich jener uns mit Freudentränen zu Füßen; immer und immer wieder küßte er uns und lud uns zum Gebete ein. Er breitete Hammelfelle auf den Boden aus und ließ uns Platz nehmen. Dann setzte er uns ein wahrhaft reichliches Mahl vor, ein halbes Gerstenbrot, Wir waren unser vier, er der fünfte. Er brachte auch ein Büschel Kräuter herbei, deren Name mir entfallen ist; sie glich der Minze, hatte viele Blätter und den Geschmack von Honig. Uns mundete dieses süße und wohlschmeckende Gericht gar sehr, und wir aßen uns satt“.

Da sprach ich lachend zu unserem Gallus: „Gallus, was hältst du von einem solchen Mahl? Ein Büschel Kräuter und die Hälfte eines Brotes für fünf Männer!“ Schüchtern, wie er ist, errötete er bei diesem Necken von meiner Seite und sagte: „Du bleibst immer derselbe; du lassest keine Gelegenheit, die sich dir bietet, vorübergehen, ohne mich wegen meines guten Appetits aufzuziehen. Aber das ist grausam von dir, daß du von uns Galliern verlangst, wir sollten wie Engel leben. Ja, bei meiner Vorliebe fürs Essen kommt mir der Gedanke, auch die Engel müßten essen. Denn was dieses halbe Gerstenbrot betrifft, so würde ich mich schämen, es auch nur für mich allein anzurühren. Jener Cyrenäer allerdings mag damit zufrieden sein; ihn zwingt ja die Not wie die Natur zum Hungern. Schließlich mögen damit auch jene vorlieb nehmen, denen das Schaukeln auf dem Meere alle Lust am Essen benommen hat. Wir sind weit weg vom Meere und, was ich dir schon oft versichert habe, wir sind eben Gallier, Doch dieser möge lieber mit seiner Erzählung von dem Cyrenäer weiterfahren“. „Natürlich werde ich mich“, entgegnete Postumianus, „in Zukunft in acht nehmen, irgend jemand wegen seiner Enthaltsamkeit zu loben, damit ein so unerreichbares Beispiel ja nicht bei unseren Galliern Anstoß errege. Ich wollte zwar von dem Mahle jenes Cyrenäers und auch von den folgenden Mahlzeiten noch mehr erzählen; denn wir blieben sieben Tage bei ihm.Doch ich will davon absehen, damit nicht Gallus den Eindruck bekomme, als wollte ich ihn zum besten halten. Als am folgenden Tage einige der Einwohner uns besuchten, erfuhren wir, daß unser Gastgeber Priester sei; er hatte uns das sorgfältig zu verheimlichen gewußt. Wir gingen dann mit ihm zur Kirche, die unserm Auge verborgen war, weil sie in einer Entfernung von ungefähr zwei Meilen hinter einem Berge lag. Sie war in Fachwerk aus gewöhnlichen Zweigen und Ästen hergestellt und sah nicht viel größer aus als die Hütte unseres Gastgebers, in der man nur gebückt stehen konnte. Als wir uns nach den Sitten der Einwohner erkundigten, machten wir die auffallende Wahrnehmung, daß sie von Kauf und Verkauf nichts wissen. Betrug und Diebstahl sind ihnen unbekannte Begriffe. Gold und Silber, das die Menschen als das Höchste preisen, besitzen sie nicht und haben auch kein Verlangen darnach. Als ich nämlich jenem Priester zehn Goldstücke anbot, wies er sie zurück und erklärte in hoher Weisheit, Gold errichte nicht die Kirche, sondern vernichte sie. Wir schenkten ihm dafür einige Kleidungsstücke. Er nahm sie dankbar an. Hierauf riefen uns die Schiffsleute ans Gestade zurück; so schieden wir von ihm. Nach glücklicher siebentägiger Fahrt langten wir in Alexandrien an. Hier lagen Bischöfe und Mönche in schimpflichem Zwiste miteinander. Veranlassung oder Ursache davon war: die Bischöfe hatten auf mehreren Versammlungen durch verschiedene Dekrete verboten, die Schriften des Origenes zu lesen oder zu besitzen. Dieser Origenes galt zwar als der gelehrteste Ausleger der Hl. Schrift, allein die Bischöfe wiesen auf manche Stellen in seinen Büchern hin, die ungesunden Geist verrieten; seine Anhänger wagten nicht, diese Sätze zu verteidigen, behaupteten vielmehr, sie seien von den Häretikern in betrügerischer Weise eingeschoben worden; man dürfe daher der Stellen wegen, die mit Fug und Recht getadelt werden, nicht auch alles andere verwerfen. Der Glaube der Leser könne ja leicht soweit unterscheiden, daß er keine Fälschung annehme und das beibehalte, was im katholischen Geiste geschrieben sei. Man dürfe sich aber nicht darob wundern, daß häretischer Betrug sich an neue, unlängst geschriebene Bücher gewagt habe; er habe sich ja mancherorts nicht gescheut, sich an der Wahrheit des Evangeliums zu vergreifen. Indes die Bischöfe blieben hartnäckig bei ihrem Widerstand und zwangen kraft ihrer Amtsgewalt dazu, mit dem Schlechten und mit dem Verfasser selbst auch alles Gute zu verwerfen; es gebe ja noch Bücher mehr als genug, die in der Kirche Aufnahme gefunden hätten. Eine Lektüre, die den Unverständigen mehr Schaden, als den Verständigen Nutzen bringe, sei daher zu unterdrücken. Als ich manche Teile jener Werke mit mehr Aufmerksamkeit las, fand ich an sehr vielem Gefallen, an manchem stieß ich mich. Origenes ist an diesen Stellen ohne Zweifel nicht richtiger Ansicht; allein seine Verteidiger erklären diese Stellen für gefälscht. Ich muß mich wundern, daß ein und derselbe Mann solche Gegensätze in sich vereinigen konnte. Da wo er Billigung verdient, hat er nicht seinesgleichen seit den Aposteln; dagegen behauptet man, da wo er mit Recht Tadel finde, sei niemand auf schimpflichere Irrwege geraten.

Unter vielen Stellen, die von den Bischöfen aus seinen Schriften ausgehoben waren und verlesen wurden, weil sie offenbar gegen den katholischen Glauben verstießen, rief besonders jene Stelle den Argwohn wach, in der man lesen konnte, unser Herr Jesus sei für die Erlösung des Menschengeschlechtes im Fleische erschienen, habe die Kreuzesstrafe für das Heil der Menschen erduldet und um ihrer ewigen Seligkeit willen den Tod gekostet. Ganz in der gleichen Weise werde er auf demselben Leidenswege auch den Teufel erlösen; denn es entspreche seiner Güte und Liebe, daß er auch den gefallenen Engel befreie, wie er die irregegangenen Menschen auf den rechten Weg gebracht habe. Da die Bischöfe solches und anderes vorbrachten, entstanden Parteiungen, und schließlich kam es zum Aufruhr. Die Bischöfe vermochten diese Unruhe durch ihr eigenes Ansehen nicht zu unterdrücken, sie zogen deshalb, was sehr bedauerlich war, den Präfekten bei, um die Zucht in der Kirche wiederherzustellen. Aus Furcht vor diesem zerstreuten sich die Brüder und flüchteten die Mönche nach verschiedenen Gegenden; denn sie durften sich nach dem Erlasse nirgends niederlassen.

Es gab mir zu denken, daß jetzt ganz besonders Hieronymus, ein durch und durch katholischer und in der Hl. Schrift sehr bewanderter Mann, alle Schriften des Origenes verurteilte, während er doch anfänglich im Rufe stand, Anhänger des Origenes zu sein. Allein ich möchte mir über niemand ein Urteil erlauben, sollen doch hervorragende, gelehrte Männer in dieser Streitfrage verschiedener Ansicht sein. Übrigens mag ein Irrtum vorliegen, was meine Anschauung ist, oder eine wirkliche Häresie, was von andern angenommen wird; auf jeden Fall waren die zahlreichen scharfen Maßregeln der Bischöfe nicht geeignet, die Bewegung einzudämmen; sie hätte nicht so große Ausdehnung angenommen, hätte nicht der Zwist sie vergrößert.

Dieser Streit wogte nun auf und ab, als ich nach Alexandrien kam. Der Bischof dieser Stadt nahm mich zwar überaus gütig auf, besser als ich es erwartet hatte; er suchte mich bei sich zurückzuhalten, allein ich hatte keine Lust, da zu bleiben, wo eben noch blinder Haß gegen Brüder wütete. Macht es vielleicht auch den Eindruck, es sei Pflicht der Brüder gewesen, den Bischöfen Gehorsam zu leisten, so hätte doch nicht aus diesem Grund eine so zahlreiche Brüderschar, die im Bekenntnis Christi zusammenlebte, ins Elend gebracht werden sollen, zumal nicht von Bischöfen.

Ich ging also von da weiter und kam nach Bethlehem, das von Jerusalem sechs Meilen, von Alexandrien sechzehn Tagereisen entfernt ist. Der Priester Hieronymus steht der dortigen Kirche vor, die zum Sprengel des Bischofs von Jerusalem gehört. Schon früher auf meiner ersten Wanderfahrt halte ich Hieronymus kennen gelernt. So ist es leicht verständlich, daß er die größte Anziehungskraft auf mich ausübte. Dieser Mann besitzt nicht bloß Verdienste um den Glauben und reiche Tugend, sondern ist auch im Lateinischen und Griechischen, ja sogar im Hebräischen derart bewandert, daß sich niemand mit ihm in irgendeiner Wissenschaft zu messen wagt. Ich müßte mich wundern, wäre er nicht auch euch durch seine vielen Schriften bekannt geworden, da man ihn in der ganzen Welt liest“. Da sagte Gallus: „Wir kennen ihn gut, nur zu gut; denn vor fünf Jahren habe ich ein Büchlein von ihm gelesen, worin er unsere ganze Mönchszunft heftig angreift und durchhechelt. Unser Belgier gerät darob hie und da in heftigen Zorn, weil er sagt, wir äßen uns gewöhnlich bis zum Erbrechen satt. Ich aber kann ihm noch verzeihen; ich denke eben, er habe sich mehr über die Mönche des Morgenlandes als des Abendlandes ausgelassen. Denn bei den Griechen ist die übermäßige Eßlust reines Gaumenkitzeln, bei uns Galliern aber Naturanlage“. Darauf entgegnete ich: „Gallus, du verteidigst geschickt dein Volk. Aber sag‘ mir, hat jenes Büchlein an den Mönchen nur jenes einzige Laster zu verdammen?“ „Im Gegenteil“, erwiderte er, „der Verfasser hat nichts übersehen, alles nimmt er aufs Korn, zerzaust es und deckt es schonungslos auf. Der Habsucht und ebenso der Eitelkeit rückt er besonders zu Leibe. Viel redet er über den Stolz, und über den Aberglauben auch nicht gerade wenig. Ich muß gestehen, daß ich den Eindruck bekomme, er habe die Fehler vieler zu dick aufgetragen.

Übrigens wie wahr und entschieden hat er über den vertraulichen Verkehr der Jungfrauen mit Mönchen und auch mit Klerikern sich geäußert! Es sollen ihm darob manche, deren Namen ich ungenannt lasse, nicht gar hold sein. Wie unser Belgier darüber bös ist, daß wir wegen übergroßer Eßlust gebrandmarkt worden sind, so knirschen diese Leute, wie es heißt, vor Wut, wenn sie in jenem Buche lesen: „Den ehelosen leiblichen Bruder verachtet die Jungfrau, aber den Fremden sucht sie sich zum Bruder“. „Du gehst zu weit, Gallus“, warf ich da ein, „nimm dich in acht. Es könnte sich einer getroffen fühlen, wenn er das hört und dann auch dir wie dem Hieronymus seine Liebe versagen. Da du in der Schule studiert hast, darf ich nicht mit Unrecht meine Ermahnung in die Worte jenes Komikers kleiden: „Willfähriges Entgegenkommen macht Freunde, offene Wahrheit aber Feinde“. Postumianus, nimm du lieber wieder die Erzählung vom Orient auf, mit der du begonnen hast“. „Was ich sagen wollte“, fuhr er da weiter, „ich blieb sechs Monate bei Hieronymus. Sein beständiger Kampf und Streit gegen die Bösen zog ihm den Haß der Schlechten zu. Die Häretiker haßten ihn, weil er unablässig wider sie Fehde führte. Die Kleriker haßten ihn, weil er ihren Lebenswandel und ihre Vergehen geißelte. Dagegen sind alle Guten für ihn voll Bewunderung und Liebe; denn wer ihn für einen Häretiker hält, ist sicherlich nicht recht bei Sinnen. Wahrhaftig, ich behaupte, er ist ein Mann von katholischem Wissen und gesunder Lehre; immer ist er am Lesen, immer mit Büchern beschäftigt; weder bei Tag noch bei Nacht gönnt er sich Ruhe, immer liest oder schreibt er etwas. Hätte ich mir nicht fest vorgenommen und Gott versprochen gehabt, meinem früheren Plane entsprechend in die Einöde zu gehen, so hätte ich auch nicht einen Augenblick von der Seite eines solchen Mannes weichen mögen. So aber übergab und überließ ich ihm meine ganze Habe samt der Dienerschaft, die sich mir gegen meinen Willen angeschlossen hatte, mir aber nur hinderlich war. Jetzt sozusagen einer drückenden, schweren Last ledig geworden, ging ich vollkommen frei nach Alexandrien zurück. Dort besuchte ich die Brüder und begab mich dann in die obere Thebais, d. h. bis an die Grenzen von Ägypten. Man hatte mir nämlich gesagt, daß sich in den dortigen weiten Wüsteneinöden viele Mönche aufhielten. Es würde jedoch zu weit führen, wollte ich alles erzählen, was ich gesehen habe. Ich will mich kurz fassen.

Am Rande der Wüste lagen viele Klöster nahe beim Nil. Die Mönche wohnen manchmal an einem Orte bis zu hundert zusammen. Als wichtigste Regel gilt bei ihnen, nach dem Willen des Abtes zu leben, nicht nach eigenem Gutdünken zu handeln, in allem von dessem Willen und Befehl abzuhängen. Wenn einer von ihnen in sich das Verlangen nach vollkommenerer Tugend verspürt und sich in die Einöde begeben will, um hier als Einsiedler zu leben, so tut er diesen Schritt nur mit Erlaubnis des Abtes. Das ist also bei ihnen die Krone der Tugenden, sich fremdem Willen unterzuordnen. Denen, die mit Gutheißung ihres Abtes in die Wüste gegangen sind, wird Brot und andere Speise zugeschickt. Während der Tage meines Aufenthaltes hatte gerade ein Abt einem, der sich vor kurzem in die Einöde zurückgezogen und in einer Entfernung von nur sechs Meilen vom Kloster sich eine Zelle errichtet hatte, ein Brot durch zwei Knaben zugesandt. Der ältere von diesen war fünfzehn, der jüngere zwölf Jahre alt. Auf dem Heimweg trafen sie auf eine riesengroße Schlange; doch diese Begegnung erschreckte sie nicht. Sobald die Schlange bis zu ihren Füßen gekrochen war, drückte sie ihren dunkelblauen Kopf nieder, als wäre sie durch einen Zauberspruch gebannt. Der jüngere Knabe ergriff sie mit der Hand, wickelte sie in seinen Mantel und trug sie mit sich. Wie ein Sieger kam er im Kloster den Brüdern entgegen, vor aller Augen breitete er den Mantel auseinander und legte nicht ohne stolzes Prahlen das gefangene Tier vor sich auf den Boden. Die meisten rühmten den Glauben und die Tugend des Knaben. Der Abt aber in seinem weisen Bestreben, ihnen den jugendlichen Stolz zu benehmen, schlug beide mit der Rute; er schalt sie heftig aus, weil sie das verraten hätten, was der Herr durch sie gewirkt hatte. Nicht ihr Glaube habe das bewirkt, sondern die göttliche Wundermacht; sie müßten viel eher lernen, Gott in Demut zu dienen, nicht mit Zeichen und Wundertaten sich brüsten; denn besser sei es, seiner Schwachheit sich bewußt zu bleiben, als sich wegen seiner Wundertaten eitel zu erheben.

Jener Mönch hörte davon, wie die Kinder durch das Zusammentreffen mit der Schlange in große Gefahr gekommen waren und dann, als sie die Schlange gebändigt hatten, obendrein mit vielen Schlägen gezüchtigt wurden. Da bat er den Abt, man möge ihm fürderhin kein Brot noch sonst irgendeine Speise senden. Schon war der achte Tag vorüber, seit sich der Mann Christi freiwillig der Gefahr des Hungertodes ausgesetzt hatte. Das Fasten dörrte die Glieder aus, allein sein Geist, der auf den Himmel gerichtet war, konnte nicht ermüden. Der Leib ermattete vor Hunger, der Glaube blieb ungebrochen stark. Mittlerweile hatte der Geist den Abt angetrieben, seinen Schüler aufzusuchen. Voll treubesorgter Liebe, beseelt vom Verlangen, zu erfahren, womit der glaubensstarke Mann sein Leben friste, der kein Brot von einem Menschen annehmen wollte, machte er sich selbst auf die Suche nach ihm. Sobald der Mönch den Greis von ferne kommen sah, lief er ihm entgegen, dankte ihm und führte ihn zu seiner Zelle. Als sie miteinander eintraten, sahen sie vorn an dem Türpfosten einen Korb aus Palmzweigen hängen, der mit warmen Broten angefüllt war. Zunächst rochen sie den warmen Duft des Brotes, als sie es dann berührten, hatten sie den Eindruck, als wäre es vor kurzem erst aus dem Ofen gekommen. Die Form des Brotes war aber nicht die ägyptische. Voll Staunen erkannten beide darin eine Gabe vom Himmel. Der Einsiedler behauptete dabei, dieser Gnadenerweis sei der Ankunft des Abtes zu danken; dieser aber schob ihn vielmehr dem Glauben und der Tugend des Einsiedlers zu. So brachen sie beide das Himmelsbrot mit großer Freude. Als der Greis ins Kloster zurückgekehrt war, erzählte er es den Brüdern. Heiliger Eifer ergriff da alle; sie wollten um die Wette in die heilige Einsamkeit der Wüste eilen; sie erklärten, wenn sie noch länger in der Gemeinschaft mit vielen anderen verweilen müßten, würden sie unglücklich; der Umgang mit den Menschen sei ja nur eine Quelle von Leiden.

In diesem Kloster sah ich zwei Greise, die, wie man mir sagte, schon vierzig Jahre im Kloster waren, ohne daß sie je einen Schritt außer dasselbe gesetzt hätten. Ich glaube von diesen reden zu müssen, da ich hörte, wie der Abt selbst und alle Brüder ihrer Tugend das rühmende Zeugnis ausstellten: den einen habe die Sonne nie essen, den anderen nie zornig gesehen“.

Da sah mich Gallus an und sprach: „Wenn jetzt nur jener euer Freund — ich will seinen Namen nicht nennen — zugegen wäre. Ich wünschte sehr, daß er dieses Beispiel hörte, er läßt sich ja, wie wir haben erfahren müssen, oftmals zu heftigem Zorn gegen viele Personen hinreißen. Ich habe zwar vernommen, daß er neulich seinen Feinden verziehen habe, aber es würde in ihm, käme ihm dieses Beispiel zu Ohren, die Überzeugung immer mehr erstarken, daß es eine herrliche Tugend ist, sich vom Zorne nicht bemeistern zu lassen. Ich will ja nicht in Abrede stellen, daß er gerechte Gründe für seinen Zorn hatte, allein wo der Kampf heißer, da ist die Krone auch ruhmvoller. Ich bin überzeugt, daß deshalb ein gewisser Mann — du kannst verstehen, wen ich meine — mit Recht hohes Lob verdient: als ihm ein Freigelassener undankbar davonlief, wollte er lieber Erbarmen üben als dem Flüchtling nachsetzen lassen. Selbst gegen den empfindet er keinen Groll, von dem jener, wie es scheint, entführt wurde“.

Darauf entgegnete ich: „Hätte Postumianus nicht dies als Beispiel dafür angeführt, wie man den Zorn beherrschen muß, so wäre ich über diesen Flüchtling in heftige Aufregung geraten. Allein da man nicht zornig werden soll, darf ich über diesen Vorfall, der mir so peinlich ist, nicht weiter sprechen. Wir wollen lieber dich, Postumianus, weiter hören“. „Sulpicius“, sagte er darauf, „ich will deinem Wunsche nachkommen, da ihr, wie ich sehe, so begierig seid, weiteres zu hören. Aber ihr müßt wissen, ich erzähle euch dies nicht, ohne ein Entgelt von euch zu erwarten; gern erfülle ich euren Wunsch, wenn nur ihr bald darauf den meinigen nicht unerfüllt lasset“. Da gab ich zur Antwort: „Wir haben nichts, womit wir dir das Darlehen selbst ohne Zinsen zurückzahlen könnten. Und doch verlange von uns, was dir beliebt, wenn du nur unsern Wünschen entsprichst, so wie du begonnen hast. Denn wir finden an deiner Erzählung großen Gefallen“. Postumianus entgegnete: „Ich will eurem begeisterten Eifer durchaus keine Enttäuschung bereiten. Da die Tugend eines Eremiten euren Beifall gefunden, werde ich euch kurz über mehrere andere berichten.

Als ich den Wüstensaum betreten hatte, kam ich unter Führung eines wegkundigen Bruders in einer Entfernung von ungefähr zwölf Meilen vom Nil zu einem alten Mönch, der am Fuß eines Berges wohnte. Dort befand sich ein Brunnen, eine große Seltenheit in jener Gegend. Der Mönch hatte einen Ochsen, dessen ganze Arbeit darin bestand, ein Rad zu drehen und so Wasser heraufzupumpen; der Brunnen soll ja eine Tiefe von etwa tausend Fuß oder noch mehr haben. Nebenan war ein Garten voll Gemüse, ganz gegen die Natur der Wüste; hier ist ja alles ausgedorrt und durch die Sonnenglut ausgebrannt, kein Samenkorn kann auch nur ein wenig aufkeimen. Allein durch die gemeinsame Arbeit mit dem Tier und durch seine Geschicklichkeit hatte der Mönch das fertig gebracht; die häufige Bewässerung verlieh dem Sand eine solche Fruchtbarkeit, daß die Gemüse in jenem Garten in wundervollem Grün dastanden und herrlich gediehen; wir konnten uns selbst davon überzeugen. Von dem Erträgnis des Gartens lebte der Herr mit seinem Ochsen. Auch uns bereitete der Mönch ein Mahl von diesem seinem Überfluß. Ich sah dort, was euch Galliern wohl unglaublich vorkommt, wie der Topf mit dem Gemüse, das uns zur Mahlzeit bereitet ward, ohne Feuer glühend heiß wurde. Die Sonne brennt ja so stark, daß jeder Koch selbst für gallische Gerichte damit auskommen könnte. Nach dem Mahl, als es schon gegen Abend ging, lud er uns ein, zu dem Palmbaum zu gehen, der ungefähr zwei Meilen entfernt war. Er aß hie und da von seinen Früchten. Palmen sind die einzigen Bäume, die man, wenn auch selten, in der Wüste antrifft. Ich weiß nicht, ob sie uns durch die kluge Sorgfalt der alten Zeit geschenkt sind oder ob sie der Boden von selbst aufsprossen ließ, auf jeden Fall hat das Gott für seine Diener zubereitet, da er ja vorauswußte, daß diese Einöde einst Mönchen zur Wohnstätte dienen werde. Denn jene, die sich in dieser Einsamkeit niederlassen, nähren sich zum größten Teile von den Früchten dieser Bäume, da dort anderer Pflanzenwuchs nicht gedeiht. Sobald wir, von unserm freundlichen Gastgeber geführt, zu jenem Baume kamen, trafen wir dort einen Löwen. Als wir das Tier sahen, erschrak ich und mein Führer; der Mönch trat aber ohne Zaudern hinzu; wir folgten ihm, wenn auch zitternd. Wie auf göttlichen Wink trat das Tier bescheiden auf die Seite und blieb stehen, während der Mönch Früchte, die an den niedrigeren Zweigen leicht erreichbar waren, abpflückte. Dann hielt er dem Tier eine Handvoll Datteln hin. Dieses kam herzu, nahm sie aus seiner Hand, zahmer als ein Haustier, und ging dann weg, als es gefressen hatte. Bei diesem Schauspiel zitterten wir vor Angst und konnten dabei leicht ermessen, wie mächtig sich in jenem Mönch der Glaube erwies und wie schwach wir dagegen seien.

Einen anderen, nicht minder merkwürdigen Mann sahen wir in einer kleinen Hütte wohnen, die nur für einen Mann Raum bot. Man erzählte von diesem, daß sich bei seinem Mahl eine Wölfin einfinde. Selten bleibe das Tier aus und komme nicht zur gewöhnlichen Essenszeit zu ihm. Es warte so lange vor der Türe, bis er ihm das Brot gegeben habe, das bei seinem kargen Mahl übrig bleibe. Dann belecke das Tier immer seine Hand und gehe hernach fort, nachdem es so gleichsam seine Pflicht erfüllt und sich verabschiedet habe. Einmal geschah es nun, daß jener gottgeweihte Mönch einen Bruder, der ihn besuchte, auf dem Heimwege begleitete; er blieb so länger aus, erst bei Nacht kehrte er heim. Mittlerweile kam das Tier wie gewöhnlich zur Essenszeit. Da es merkte, daß der freundliche Schutzherr nicht da sei, ging das Tier in die leere Zelle, um neugierig auszuforschen, wo der Bewohner sei. Zufällig hing an der Wand ein Körbchen, das aus Palmblättern geflochten war; es war leicht erreichbar und enthielt fünf Brote. Das Tier nahm ein Brot heraus, fraß es und machte sich nach geschehener Tat davon. Nach seiner Rückkehr erblickte der Einsiedler das Körbchen zerrissen ohne die gewöhnliche Zahl Brote. Er erkannte, daß er an seinem Eigentum geschädigt war, und fand neben der Türschwelle Stückchen des verzehrten Brotes. Da war er sich darüber klar, wer der Übeltäter sei. An den folgenden Tagen kam das Tier nicht wie gewöhnlich. Denn im Bewußtsein seiner frechen Tat unterließ es, zu dem zu kommen, dem es ein Unrecht zugefügt hatte. Es schmerzte nun den Einsiedler, daß er ohne den Trost seines Pflegebefohlenen sein müsse. Endlich durch sein Gebet herbeigerufen, kam das Tier sieben Tage später wie früher während seiner Mahlzeit. Allein es wagte nicht, näher zu kommen, offenbar um seine reuevolle Gesinnung zu bekunden. Die Augen in tiefer Beschämung zu Boden gesenkt, bat es, was man klar erkennen konnte, gewissermaßen um Verzeihung. Dem Einsiedler ging diese Reuegesinnung zu Herzen, er hieß das Tier näherkommen und streichelte dem traurigen kosend den Kopf. Dann gab er ihm zwei Brote und erquickte das sündige Tier; so erlangte es Verzeihung. Jetzt verlor sich die Traurigkeit, und das Tier zeigte sich wieder erkenntlich wie vordem.

Auch hierin sollt ihr, ich bitt euch, die Kraft Christi erblicken. Zu seiner Ehre wurde verständig, was vernunftlos war, zu seiner Ehre zahm, was wild war. Eine Wölfin zeigte sich dankbar, einer Wölfin kam das Vergehen eines Diebstahls zum Bewußtsein, eine Wölfin wurde von Reuegefühl durchdrungen; als sie gerufen ward, reichte sie den Kopf hin und hatte das Gefühl, daß ihr verziehen wurde, wie sie vorher Scham empfunden ob des Vergehens. Das ist Deine Wunderkraft, Christus, Christus, Du hast dies Wunder gewirkt. Denn was Deine Diener in Deinem Namen vollbringen, das ist Dein Werk. Bitter empfinden wir, daß Tiere für Deine Majestät Verständnis bekunden, Menschen dagegen ihr die Achtung verwehren.

Damit aber keinem diese Erzählung vielleicht unglaublich vorkomme, will ich noch Größeres berichten. Der Glaube an Christus bietet die Gewähr, daß ich nichts erfinde und auch nichts auf unzuverlässige Mitteilung hin erzähle, sondern nur das, was ich von zuverlässigen Männern erfahren habe. Viele halten sich in der Wüste ohne eine Hütte auf; man nennt sie Anachoreten. Sie leben von Kräuterwurzeln und lassen sich an keinem bestimmten Orte nieder, um nicht häufig Besuche zu erhalten; wo die Nacht sie überrascht, da verweilen sie. Zwei Mönche aus Nitrien suchten einen Einsiedler auf, der nach dieser Regel und Norm lebte. Sie hatten von seiner Wunderkraft vernommen; sie wohnten zwar in einer ganz andern Gegend, allein sie hatten einst mit jenem im Kloster zusammengelebt, und da war er ihnen liebtrauter Freund geworden. Lange waren sie auf der Suche nach ihm. Endlich nach sieben Monaten fanden sie ihn am Rande der Wüste in der Nähe von Memphis. In dieser Einöde soll er sich zwölf Jahre aufgehalten haben. Obwohl er sonst allen Menschen aus dem Wege ging, entzog er sich ihnen doch nicht, als er sie wieder erkannte, sondern widmete sich ihnen als seinen Freunden drei Tage lang.

Als er am vierten Tag sie auf ihrer Heimreise eine Strecke weit begleitete, sahen sie eine Löwin von ungewöhnlicher Größe auf sich zukommen. Obwohl die Löwin drei Männer vor sich hatte, wußte sie doch genau, wen sie suche. Sie legte sich vor die Füße des Anachoreten. Während sie so dalag, wimmerte und winselte sie, wie jemand, der unter Tränen eine Bitte vorbringt. Alle wurden gerührt, besonders der Anachoret, der wohl verstand, daß die Bitte an ihn gerichtet sei. Die Löwin ging nun voran, sie folgten nach. Denn da sie von Zeit zu Zeit stehen blieb, dann wieder umschaute, gab sie unschwer ihr Verlangen zu verstehen, der Anachoret solle ihr dahin folgen, wohin sie ihn führe. Was soll ich noch viele Worte machen? Man langte bei der Höhle des Tieres an; dort nährte die unglückliche Löwenmutter fünf schon erwachsene Junge. Diese waren blind zur Welt gekommen und auch immer blind geblieben. Die Mutter trug eins nach dem andern aus dem Felsloch hervor und legte sie dem Anachoreten vor die Füße. Jetzt erst wurde es dem Mönche klar, was das Tier wünsche. Er rief den Namen Gottes an und berührte die geschlossenen Augen der Jungen mit der Hand. Die Blindheit wich sofort, und das lang entbehrte Licht strömte in die geöffneten Augen der Tiere.

Jene Brüder, die den Anachoreten nach ihrem Herzenswunsche besucht hatten, kehrten zurück, für ihre Mühe reichlich belohnt. Sie waren ja Zeugen solch großer Wunderkraft gewesen und hatten mit eigenen Augen den Glauben des Mönches wahrgenommen und die Herrlichkeit Christi, die sie von da an bezeugen sollten. Wunderbar: fünf Tage später kam die Löwin zu ihrem Wohltäter zurück und brachte ihm das Fell eines seltenen Tieres zum Geschenke. Der Mönch trug dasselbe oftmals wie einen Mantel. Er hatte es nicht verschmäht, von dem Tiere das Geschenk anzunehmen, denn er sah in ihm vielmehr einen andern Spender.

Auch der Name eines andern Anachoreten war in jener Gegend in aller Mund. Dieser wohnte in der Wüste bei Syene. Er hatte sich erst vor kurzem in die Wüste zurückgezogen und wollte von Kräuterwurzeln leben, wie sie hie und da ganz süß und außerordentlich schmackhaft im Sande wachsen. Nun sammelte er, weil er es nicht verstand, unter den Kräutern auszuwählen, häufig schädliche Wurzeln. Es war ja nicht leicht, am Geschmacke die Beschaffenheit der Wurzeln zu unterscheiden; denn es waren alle gleich süß, aber manche enthielten ganz verborgen ein tödliches Gift. Als er nun einmal solche gegessen hatte, empfand er furchtbare Schmerzen, unsägliche Peinen folterten alle edlen Körperteile; er mußte sich häufig erbrechen, der Magen versagte schon seinen Dienst, unerträgliche Schmerzen drohten sein Leben aufzureiben. Infolge davon hatte er einen großen Ekel vor allem Eßbaren und brachte sieben Tage ohne Speise zu, so daß sich seine Lebenskraft verzehrte. Da kam ein Tier zu ihm, ein Steinbock. Da es sich näherte, warf er ihm ein Büschel Kräuter hin, die er tags zuvor gesammelt hatte, aber sich nicht anzurühren getraute. Das Tier warf, was darunter giftig war, mit seiner Schnauze auf die Seite und suchte sich nur heraus, was es als unschädlich kannte. So wurde der heilige Mann durch das Beispiel des Tieres belehrt, was er essen dürfe und was nicht, entging der Gefahr des Verhungerns und wußte von da an die giftigen Kräuter zu meiden.

Es würde zu weit führen, wollte ich alles erzählen, was ich von den Bewohnern der Einöde erfahren und gehört habe. Ich blieb ein ganzes Jahr und fast sieben Monate in der Wüste, mehr um die Tugend der andern zu bewundern, als weil ich imstande gewesen wäre, mich zu so hohen und schwierigen Grundsätzen zu verpflichten. Mehrmals verweilte ich bei jenem Greis mit dem Brunnen und dem Ochsen.

Ich besuchte auch zwei Klöster des hl. Antonius, die bis heute von seinen Schülern bewohnt werden. Auch dorthin kam ich, wo der hl. Paulus, der erste Einsiedler, gelebt hat. Ich sah das Rote Meer und die Gebirgskette des Sinai, die mit ihrer Spitze fast bis zum Himmel reicht und nicht erstiegen werden kann. Ich hatte gehört, daß sich in den dortigen Schluchten ein Anachoret aufhalte. Lange suchte ich nach ihm, konnte ihn aber nicht zu Gesicht bekommen, fast fünfzig Jahre lebte er fern vom Verkehre mit den Menschen. Er trug kein Gewand, sondern war nur von den dichten Haaren seines Körpers bedeckt; durch Gottes Gnade wußte er nicht um seine Nacktheit. So oft ihn fromme Männer besuchen wollten, eilte er rasch an unzugängliche Orte und mied jede Begegnung mit Menschen. Nur einem einzigen soll er — es sind fünf Jahre her — eine Unterredung gewährt haben. Jener hat diese Gnade wohl durch die Kraft seines Glaubens verdient. Als er den Einsiedler unter anderm fragte, warum er die Menschen so fliehe, soll er zur Antwort gegeben haben, wer häufig von Menschen Besuch erhalte, könne nicht auf Besuche von Engeln rechnen. Deshalb bildete sich nicht mit Unrecht unter den Leuten die Meinung und ging das Gerede, jener Mönch werde von Engeln besucht.

Vom Berge Sinai ging ich wieder zum Nil zurück; ich durchwanderte auf beiden Seiten die Ufer, die mit Klöstern wie besäet sind. Oft konnte ich, wie ich schon sagte, wahrnehmen, daß an einem Orte Hunderte beieinander wohnten. Ja es ist sicher, daß selbst zwei- und dreitausend in derselben Ortschaft beisammen lebten. Ihr müßt aber nicht meinen, daß die so zahlreich zusammenlebenden Mönche jenen Grad der Tugend nicht erreicht hätten, den ihr bei denen fandet, die sich von der Gesellschaft der Menschen getrennt haben. Als vorzüglichste und hauptsächlichste Tugend gilt hier, wie ich schon sagte, der Gehorsam. Keiner, der sich zur Aufnahme meldet, wird vom Abte des Klosters aufgenommen, er wäre denn vorher auf die Probe gestellt und geprüft worden; er muß ja bereit sein, in Zukunft jeden, auch noch so harten, beschwerlichen und unerträglichen Befehl des Abtes zu erfüllen.

Nur zwei große Wunder will ich euch erzählen, Wunder eines fast unglaublichen Gehorsams, obgleich ich mich an viele erinnere, die ich erwähnen könnte. Doch wem wenige nicht genügen, um sich dadurch zur Tugend aneifern zu lassen, dem frommen auch viele nicht. Als einer der Welt Lebewohl sagte, sich in ein Kloster mit strenger Zucht begab und um Aufnahme bat, stellte ihm der Abt vieles vor die Seele: die Mühsal dieser Lebensordnung sei gewaltig, hart seien seine Befehle, selbst ein geduldiger Mann könne sie nicht leicht zur Ausführung bringen. Er solle lieber ein anderes Kloster aufsuchen, wo man nach leichteren Satzungen lebe; er solle nicht in Angriff nehmen, was er doch nicht vollenden könne. Indes jener ließ sich dadurch nicht einschüchtern, versprach im Gegenteil in allem Gehorsam; heiße ihn der Abt ins Feuer springen, dann sei er sofort dazu bereit. Sobald der Meister diese Zusage vernommen hatte, stellte er ihn unverzüglich auf die Probe. Zufällig brannte in der Nähe ein Ofen; er war stark geheizt und zum Brotbacken zubereitet, die Flammen schlugen oben aus dem Ofen heraus; in seinem Hohlraum wütete fessellos der Feuerbrand. Der Meister befahl dem Ankömmling, sich dort hineinzustürzen. Dieser zauderte nicht, dem Befehle nachzukommen. Ohne Zögern warf er sich mitten in die Flammen. Sofort wichen diese, besiegt durch solch kühnen Glauben, vor ihm zurück, wie einst vor den hebräischen Jünglingen. Die Natur war überwunden, das Feuer entfloh. Man hätte glauben sollen, jener würde zu Asche verbrennen, aber zu seiner eigenen Verwunderung ward er wie von erfrischendem Tau umgeben. Doch, Christus, was brauchen wir darüber zu staunen, daß jenes Feuer Deinen Jünger nicht berührte? So brauchte der Abt seinen Befehl nicht zu bedauern, und der Schüler brauchte es nicht zu bereuen, daß er dem Befehle Folge geleistet hatte. Am Tage seiner Ankunft sollte jener als Schwächling erprobt werden, ward aber vollkommen erfunden. Wahrhaft glückselig ist er, wahrhaft ruhmwürdig, im Gehorsam erprobt, im Leiden verherrlicht.

Was ich jetzt erzählen will, soll sich im selben Kloster erst vor kurzem ereignet haben. Wieder kam einer zu dem Abte und bat um Aufnahme. Als erstes Gesetz wurde ihm der Gehorsam vorgehalten. Jener versprach, in allen, selbst den schwierigsten Verhaltnissen immer Geduld üben zu wollen. Der Abt hielt gerade eine schon längst eingetrocknete Storaxrute in der Hand. Er steckte diese in den Boden und gab dem Ankömmling den Auftrag, die Rute solange mit Wasser zu begießen, bis das dürre Holz in dem ausgedörrten Boden zu grünen anfange, was ja den Naturgesetzen ganz widersprach. Gehorsam dem harten Befehle trug jener täglich auf seinen Schultern Wasser herbei. Man mußte es ungefähr zwei Meilen weit aus dem Nil holen. Schon war ein Jahr verstrichen, die mühsame Arbeit dauerte immer noch an; es war auch keine Aussicht, daß die Mühe Erfolg haben könne. Dennoch hielt die Kraft des Gehorsams aus bei dieser Arbeit. Auch das folgende Jahr spottete der fruchtlosen Mühe, schon wollte dem Bruder der Mut sinken. Die Zeit verging. Es war schon im dritten Jahre, der fleißige Wasserträger war bei Tag und Nacht an der Arbeit. Endlich begann das Reis zu blühen. Ich habe selbst das Bäumchen gesehen, das aus jener Rute gewachsen ist; bis heute steht es im Vorhofe des Klosters und ist mit seinen grünen Zweigen ein fortdauerndes Zeugnis für das Verdienst des Gehorsams und die Kraft des Glaubens geblieben. Doch der Tag ginge zu Ende, bevor ich alle verschiedenen Wunder der Reihe nach aufzählen könnte, die mir von der Tugendkraft der Mönche bekannt geworden sind.

Noch zwei lehrreiche Erzählungen will ich folgen lassen; die eine ist eine eindringliche Warnung vor Stolz und armseliger Eitelkeit, die andere bietet ein treffendes Beispiel gegen falsche Gerechtigkeit. Ein Mönch besaß eine unglaubliche Gewalt, Teufel aus Besessenen auszutreiben. Täglich wirkte er unerhörte Zeichen; nicht bloß durch seine Gegenwart und mit Worten heilte er Besessene, sondern zuweilen auch, wenn er abwesend war, durch Übersendung von Fasern seines Bußgewandes oder Briefen. Es schien unglaublich, wie man scharenweis aus allen Weltgegenden zu ihm strömte. Ich will nicht reden von gewöhnlichen Leuten: oft lagen sogar Präfekten, Comites und Beamte verschiedener Gerichtshöfe vor seiner Türe. Selbst heilige Bischöfe vergaßen ihrer bischöflichen Würde und verlangten demütig, er möge ihnen seine Hand auflegen und sie segnen. Sie glaubten nicht mit Unrecht, jedesmal, wenn sie jenes Mannes Hände oder Gewand berührten, würden sie geheiligt und mit göttlichen Gaben ausgerüstet. Es hieß von ihm, daß er sich allezeit jeglichen Getränkes enthalte und sein Leben — ich will es dir ins Ohr sagen, Sulpicius, damit es Gallus nicht höre — mit ganzen sechs getrockneten Feigen gefristet habe. Allmählich erwuchs dem heiligen Mann aus seiner Tugend äußere Ehrung. Aber mit der Ehre begann auch Eitelkeit sich einzuschleichen. Sobald er merkte, daß das Übel in ihm um sich greife, versuchte er zwar lang und viel, es zu unterdrücken, indes es gelang nicht ganz. Im tiefsten Herzenswinkel blieb noch eitle Selbstgefälligkeit versteckt, da die Wunderkraft fortdauerte. Die Dämonen machten seinen Namen überall bekannt. Der Mönch vermochte die zusammenströmenden Volksscharen nicht von sich fernzuhalten. Mittlerweile fraß das Gift im Verborgenen seines Herzens weiter. Er, der doch aus dem Körper anderer durch seinen Befehl die bösen Geister austrieb, war nicht imstande, sich selbst von den Gedanken geheimer Eitelkeit freizumachen. Nun wandte er sich in innigem Gebete zu Gott und soll darum gefleht haben, daß dem Teufel fünf Monate lang Macht über ihn gegeben werde, und er so jenen gleich werde, die er selbst geheilt hatte. Kurzum, der Mann, der so übermächtig und seiner Zeichen und Wunder wegen im ganzen Morgenlande berühmt war, der Mann, vor dessen Schwelle die Volksscharen zusammenfluteten, vor dessen Türe sich die höchsten Reichsbeamten niederwarfen, der wurde jetzt von einem Teufel ergriffen und in Banden geschlagen. All das, was die Besessenen gewöhnlich zu erdulden haben, mußte er ausstehen. Erst nach fünf Monaten wurde er wieder frei nicht bloß vom Teufel, sondern auch von der Hoffart, was ihm nützlicher und auch lieber war.

Während ich so erzähle, muß ich an unsere eigene Glaubensarmut und Hinfälligkeit denken. Wenn uns nur ein ganz gewöhnliches Menschenkind grüßt, oder ein Weib mit faden Schmeicheleien lobt, erhebt sich da nicht gleich jeder in Stolz und wird von Eitelkeit aufgeblasen? Daher kommt es, daß sich einer für den allerheiligsten Menschen hält, weil ihn törichte Schmeichelei oder eine irrige Ansicht zum Heiligen stempelt, obwohl das eigene Gewissen ihm das Zeugnis der Heiligkeit nicht ausstellen kann. Würden einem solchen häufig Geschenke gemacht, so sagte er, Gott ehre ihn mit freigebiger Güte, alles Nötige werde ihm ja in seiner Sorglosigkeit wie im Schlafe gegeben. Gelängen ihm gar noch, wenn auch nur in ganz bescheidenem Maße, einige Zeichen von überirdischer Kraft, dann hielte er sich für einen Engel. Übrigens leistet er auch in Tat und Tugend nichts Besonderes, so läßt er sich doch sofort den Kleidersaum verbreitern, wenn er Kleriker geworden ist. Es tut ihm wohl, wenn man ihn grüßt. Er bildet sich etwas ein, wenn man ihn besucht; er selbst läuft auch überall herum. Ist er früher gewöhnlich zu Fuß oder auf dem Esel dahergekommen, so reitet er jetzt stolz auf schäumendem Rosse. Vordem begnügte er sich mit einer kleinen, bescheidenen Wohnung, jetzt läßt er sich hohe getäfelte Decken machen und richtet viele Gemächer ein. Er läßt geschnitzte Türen herstellen und die Schränke bemalen. Er verschmäht rauhe Gewandung und liebt dafür weiche Kleider. Den Witwen und Jungfrauen, die mit ihm befreundet sind, legt er Lasten auf. Die eine muß ihm einen Regenmantel aus dickem Zeug, die andere einen wallenden Überwurf weben. Doch ich will es lieber dem hl. Hieronymus überlassen, derlei Dinge mit der nötigen Schärfe zu schildern. Ich will wieder zu unserem Gegenstand zurückkehren“. Da sagte mein lieber Gallus: „Ich wüßte nicht, was du noch für Hieronymus übrig gelassen hättest. So bündig hast du die ganze Lebensart der Unseren gezeichnet, daß ich meine, deine kurzen Worte müßten ihnen großen Nutzen bringen, falls sie dieselben mit Gleichmut aufnähmen und in Geduld erwögen. Sie brauchten dann künftighin nicht mehr in den Schriften des Hieronymus gegeißelt zu werden. Nun erzähle du aber wieder weiter und bringe das Beispiel gegen die falsche Gerechtigkeit, das du uns in Aussicht gestellt hast. Ich muß dir nämlich gestehen, daß sie das schlimmste Übel ist, an dem wir in Gallien kranken“. „Ich will es tun“, gab Postumianus zur Antwort, „und dich nicht länger in Spannung halten.

Ein junger, reicher, vornehmer Asiate war Tribun in Ägypten. Er hatte ein Weib und einen kleinen Sohn. Auf seinen Kriegszügen gegen die Blember kam er öfter durch einen Teil der Wüste, sah dort mehrere Mönchsbehausungen und nahm auch die Heilsbotschaft an aus dem Munde des heiligen Mannes Johannes. Bald lernte er den unnützen Kriegsdienst mit seinen eitlen Ehren verachten. Voll Mut begab er sich in die Wüste und bald erstrahlte er dort als Vorbild jeglicher Tugend. Stark im Fasten, ein Muster der Demut, fest im Glauben, tat er es bald den alten Mönchen im Tugendstreben gleich. Aber nach und nach stieg in ihm, auf des Teufels Einflüsterung hin, der Gedanke auf, daß es besser sei, wenn er in sein Vaterland zurückkehre und seinen einzigen Sohn, sein ganzes Haus und seine Gattin für den wahren Glauben gewinne. Dies sei Gott angenehmer, als sich bloß damit zu begnügen, für sich selbst wohl der Welt zu entfliehen, aber das Heil der Seinen in liebloser Weise zu vernachlässigen. Ganz verblendet durch den Schein solch falscher Gerechtigkeit verließ er nach vier Jahren seine Zelle und gab seinen Eremitenberuf auf. Als er aber zum nächsten Kloster gekommen war, das von vielen Brüdern bewohnt wurde, gab er auf Befragen Grund und Absicht seines Wegganges an. Alle rieten ihm ab; zumal der dortige Abt suchte ihn zurückzuhalten. Indes, jener ließ sich nicht von der Ansicht abbringen, die sich traurigerweise in ihm festgesetzt hatte. In unseliger Verblendung stürzte er davon und verließ zum Bedauern aller die Brüder. Kaum war er jedoch ihren Augen entschwunden, da fuhr ein Teufel in ihn. Mit seinen eigenen Zähnen zerfleischte er sich, und blutiger Geifer strömte aus seinem Munde. Auf den Schultern der Brüder wurde er wieder ins Kloster zurückgetragen. Da man den bösen Geist in ihm nicht zu bändigen vermochte, mußte man den Unglücklichen in Eisen legen und an Händen und Füßen fesseln. Diese Strafe hatte der Flüchtling wohl verdient. Da der Glaube ihn nicht zurückhalten konnte, mußte die Kette ihn halten. Erst nach zwei Jahren befreite ihn endlich das Gebet der Mönche vom bösen Geiste. Der Geheilte kehrte alsbald in die Wüste zurück, die er verlassen hatte. Nachdem er so selbst gebessert worden, war er künftighin den anderen ein Beispiel dafür, daß sich niemand durch falsche Scheingerechtigkeit täuschen oder in unnützem Leichtsinn und schwankender Unbeständigkeit verleiten lassen dürfe, das, was er einmal angefangen hat, wieder aufzugeben. Jetzt habt ihr aber genug von den Wunderwerken gehört, die Gott in seinen Dienern gewirkt hat, entweder als Vorbild zur Nachahmung oder zum abschreckenden Beispiel. Ich habe euch genug geboten, ja vielleicht mehr als recht ist geredet. Jetzt mußt du — das galt mir — den schuldigen Zins bezahlen. Wir wollen dich über deinen Martinus, so sagst du ja gewöhnlich, vielerlei erzählen hören. Schon längst brennt mein Herz in Sehnsucht darnach“.

Ich gab zur Antwort: „Wie, hast du denn nicht genug an meinem Büchlein über meinen Martinus? Du weißt ja, daß ich darin sein Leben und seine Wundertaten veröffentlicht habe“. „Ich weiß das wohl“, erwiderte Postumianus, „dies Büchlein kommt nie aus meiner Hand. Sieh, da ist es, wenn du es erkennst“. Dabei öffnete er ein Buch, das er unter seinem Gewände verborgen getragen hatte. „Dies Büchlein war mein Begleiter zu Wasser und zu Land, es war mir Gefährte und Trost auf meiner ganzen Pilgerfahrt. Gern will ich dir berichten, wohin das Buch überall gedrungen ist und daß es auf dem Erdkreis kaum einen Ort gibt, wo ein so beglückendes Lebensbild nicht allgemein bekannt und in aller Hände wäre. Nach Rom brachte es als erster dein treuer Freund Paulinus. Man riß sich dort um die Wette darum. Ich sah die Buchhändler vor Freude strahlen, denn sie hielten kein Geschäft für einträglicher, verkauften sie doch das Buch so rasch und teuer wie keines. Meiner Seereise war es schon lange vorausgeeilt. Als ich nach Afrika kam, wurde es schon in ganz Karthago gelesen. Nur jener Priester zu Cyrene besaß es nicht; aber ich lieh es ihm, und er schrieb es ab. Was soll ich von Alexandria sagen? Es ist dort allen fast mehr bekannt als dir. Das Buch hat Ägypten, Nitrien, Thebais, überhaupt alle Reiche von Memphis durchwandert. In der Wüste sah ich einen Greis darin lesen. Als ich ihm sagte, ich sei dein Freund, da trug er mir mit vielen seiner Mitbrüder auf, dich zu bewegen, daß du ergänzest, was du in diesem Buche nach deiner eigenen Aussage von den Wunderwerken des Martinus übergangen hast. Das war sein Auftrag, falls ich je wieder hierher kommen und dich noch gesund antreffen sollte. Drum, wohlan! Ich will nicht das von dir hören, was schon zur Genüge aufgezeichnet ist. Willfahre meinem Wunsche und dem vieler anderer, erzähle jetzt das, was du damals nicht angeführt hast, um, wie ich glaube, bei den Lesern Überdruß zu vermeiden“.

Ich entgegnete: „Postumianus, schon vorhin, da ich mit gespannter Aufmerksamkeit deiner Erzählung über die Wundertaten der Mönche lauschte, wandten sich meine Gedanken im stillen meinem Martinus zu. Ich sehe jetzt berechtigter Weise klar ein, daß er zweifellos all das zusammen allein vollbracht hat, was jene im einzelnen getan haben. Geht auch dein Bericht über das Gewöhnliche hinaus, so habe ich trotzdem — die heiligen Mönche mögen es mir nicht verübeln — gar nichts von dir vernommen, worin Martinus nachstehen müßte. Wenn ich jedoch offen heraussage, daß keines Mannes Tugend mit den Verdiensten des Martinus den Vergleich aushalten kann, so muß ich billigerweise noch darauf aufmerksam machen, daß der Vergleich mit dem Eremiten oder gar mit dem Einsiedler nicht auf gleicher Grundlage ruht. Diese sind nämlich frei von jedem Hindernis und haben nur den Himmel und die Engel zu Zeugen, wenn sie, wie man uns belehrt, wundersame Werke vollbringen. Martinus dagegen lebte mitten im Weltgedränge und im Umgange mit den Menschen, unter zwiespältigen Klerikern und fanatischen Bischöfen. Fast jeder Tag brachte unangenehme Dinge, bald von da, bald von dort; aber allen Schwierigkeiten zum Trotz stand er mit unerschütterlichem Mute fest hin und hat so Großes geleistet wie keiner von jenen, die, wie wir gehört haben, in der Wüste lebten oder noch leben. Selbst wenn diese die gleichen Taten vollbracht hätten, wer wollte in seinem Urteile so ungerecht sein, daß er dem Martinus nicht mit Fug und Recht die Palme zuerkannte? Wisse, wenn Martinus ein Soldat war, der auf ungünstigem Gelände kämpfte, aber doch den Sieg errang, so mußt du jene billigerweise auch mit Soldaten vergleichen, aber mit solchen, die auf günstigem Gelände oder sogar von der Höhe herab kämpfen. Was folgt daraus? Wohl sind alle Sieger, aber keineswegs kommt allen gleicher Ruhm zu. Du hast zwar herrliche Wundertaten erzählt, indes, von niemand konntest du berichten, daß er einen Toten erweckt habe. Ja, man muß uns zugeben, in diesem Punkt ist Martinus unerreicht.

Wenn wir uns wundern müssen, daß das Feuer jenen Ägypter nicht Versehrte, so hat auch Martinus mehrmals dem Feuerbrande gewehrt. Wenn du darauf aufmerksam machst, daß Raubtiere ihre Wildheit vergaßen und sich dem Anachorelen zu Füßen legten, so bannte auch Martinus die Wut wilder Tiere und giftiger Schlangen und machte sie zutraulich. Wenn du den zum Vergleiche beiziehest, der von unreinen Geistern Besessene durch sein machtvolles Wort oder schon bloß durch die wunderkräftigen Fasern seines Gewandes heilte, so stand Martinus in dieser Beziehung auch nicht kleiner da, wie viele Tatsachen beweisen, Wenn du auf jenen zurückkommst, den die Haare seines Körpers wie ein Gewand bedeckten und den Engel besucht haben sollen, so hat auch Martinus täglich mit Engeln verkehrt. Der Eitelkeit und Prahlerei gegenüber war er so gefeit, daß niemand eine tiefgehendere Verachtung gegen diese Laster hegen konnte. Und das, obwohl er oft aus der Ferne Besessene heilte und nicht bloß Comites und Präfekten, sondern selbst Königen befahl. Es will zwar bei seiner Tugendfülle nicht viel heißen, aber glaubt es mir, niemand hat nicht bloß der Eitelkeit, sondern auch den Veranlassungen und Gelegenheiten dazu entschiedeneren Widerstand geleistet. Was ich jetzt berichten will, ist freilich geringfügig, aber ich will es doch nicht übergehen. Gewiß darf der Mann gelobt werden, der gegen den Heiligen eine fromme, ehrfurchtsvolle Gesinnung an den Tag legte, obwohl er im Besitze großer Machtvollkommenheit war. Ich denke da an den Präfekten Vinzentius, einen hochangesehenen Mann, der in Gallien alle an Tugend übertraf. Wenn er durch das Gebiet der Turonen kam, bat er öfter Martinus, ihm doch im Kloster ein Gastmahl zu bereiten. Er folgte hierin dem Beispiele des heiligen Bischofs Ambrosius, der damals, wie es hieß, hin und wieder Konsuln und Präfekten zur Tafel lud. Indes, der heilige Mann, dessen Geist auf Höheres gerichtet war, lehnte ab, damit sich dabei ja nicht Eitelkeit und Stolz einschleichen könne. Du mußt also zugeben, daß Martinus die Tugenden all derer besaß, von denen du nacheinander erzählt hast, daß dagegen alle zusammen die Tugendfülle des Martinus nicht erreichten“.

„Was sprichst du so zu mir“, entgegnete Postumianus, „als ob ich nicht der gleichen Ansicht wäre wie du und es nicht immer gewesen wäre. Solange ich lebe und vernünftig denken kann, werde ich zwar immer die Mönche Ägyptens preisen, die Anachoreten loben, die Einsiedler bewundern, aber Martinus wird dabei immer ausgenommen sein. Ich wage es nicht, ihm irgendeinen Mönch, sicherlich nicht einen Bischof, an die Seite zu stellen. Dies gesteht Ägypten und Syrien zu. Dies hat der Äthiopier erfahren, der Inder gehört, der Parther und Perser vernommen. Dies weiß Armenien. Dies erkennt der weltabgeschiedene Bosporus und endlich auch, wer auf den Inseln der Seligen oder im Eismeere wohnt. Um wieviel trauriger ist es mit unserem Heimatland bestellt. Es war nicht würdig, solch einen Mann zu kennen, obschon es ihn in seiner Nähe hatte. Indes, ich will dies Unrecht nicht den Laien aufbürden; die Kleriker allein, einzig die Bischöfe sind es, die ihn nicht kennen. Die Neider haben wohl ihren Grund dafür, ihn nicht kennen zu wollen; denn hätten sie seine Tugend gekannt, dann wären ihnen ihre eigenen Laster zum Bewußtsein gekommen. Ich erschaudere, wenn ich euch mitteile, was ich neulich gehört habe. Irgendein Unglücklicher sagte nämlich, du habest an manchen Stellen deines Buches gelogen. So spricht nicht ein Mensch, sondern ein Teufel. Nicht die Ehre Martins wird dadurch geschädigt, sondern man verweigert dem Evangelium damit den Glauben. Hat doch der Herr selbst bezeugt, daß alle Gläubigen solche Taten, wie sie Martinus gewirkt hat, vollbringen könnten. Wer daher nicht glaubt, daß Martinus dieses getan hat, glaubt auch nicht, daß Christus solches gesprochen hat. Allein diese Unglücksraben, diese erbärmlichen Wichte, diese Schlafhauben erröten vor Scham darüber, daß Martinus das getan hat, was sie nicht tun können. Darum ziehen sie es vor, seine Wunderkraft zu leugnen, statt ihr träges Unvermögen zu bekennen. Doch, wir wollen zu anderem eilen und nicht weiter von solchen Leuten reden. Fahre du lieber fort zu erzählen, was noch an Taten des Martinus übrig ist; ich sehne mich schon längst gar sehr darnach“. Da gab ich zur Antwort: „Meiner Ansicht nach ist es besser, wir wenden uns mit diesem Verlangen an Gallus. Der weiß noch manches, da ihm, dem Schüler, die Werke seines Meisters nicht unbekannt sein können. Diesen Gegendienst schuldet er billigerweise nicht bloß Martinus, sondern auch uns; denn ich habe schon ein Buch herausgegeben; du hast bis jetzt von den Orientalen erzählt. So soll denn Gallus das Gespräch unserer freundschaftlichen Unterhaltung weiterführen, er ist uns ja, wie schon gesagt, diese Gegengabe schuldig. Er wird auch Martinus zuliebe gern ohne Widerstand von dessen Taten berichten“.

Darauf meinte Gallus: „Ich bin zwar einer solchen Bürde nicht gewachsen, allein die Beispiele des Gehorsams, die Postumianus soeben angeführt hat, zwingen mich, die mir zugedachte Aufgabe nicht zurückzuweisen. Aber bei dem Gedanken, daß ich als Gallier vor Aquitaniern sprechen soll, überkommt mich die Furcht, mit meiner bäurischen Ausdrucksweise euer allzu feines Ohr zu beleidigen. Gleichviel, ihr werdet mir, dem gordonischen Manne, zuhören, der ohne eitles Phrasengeklingel redet. Habt ihr nämlich zugestanden, daß ich ein Schüler Martins bin, so müßt ihr es auch gelten lassen, daß ich, seinem Beispiel entsprechend, unnützes Wortgepränge und Redeschmuck verachte“. „Sprich keltisch oder, so du lieber willst, gallisch“, fiel ihm da Postumianus ins Wort, „wenn du nur endlich von Martinus erzählst. Ich glaube jedoch, daß es dir, selbst wenn du stumm wärest, nicht an Worten gebräche, wenn es gilt, mit beredtem Munde über Martinus zu sprechen. Dem Zacharias löste ja auch der Name Johannes die Zunge. Übrigens bist du ebenfalls in der Schule gebildet und schützest nur nach Professorenart dein Unvermögen vor, wenngleich dein Mund von Beredsamkeit überfließt. Indes, für einen Mönch geziemt es sich nicht, daß er so gerieben, und für einen Gallier nicht, daß er so geistsprühend sei. Mach dich jetzt lieber ans Werk, komm dem nach, was dir obliegt, und erzähle. Wir vertrödeln allzu viel Zeit mit anderen Dingen. Schon mahnt der lange Schatten der untergehenden Sonne, daß die Nacht nahe und vom Tag nicht mehr viel übrig ist“.

Hierauf schwiegen wir alle eine Weile. Dann hub Gallus also an: „In erster Linie muß ich mich davor in acht nehmen, das, was Sulpicius vom Tugendleben des Martinus schon in seinem Buche erzählt hat, nochmals zu wiederholen. Ich übergehe daher seine Taten als Soldat und will auch das nicht berühren, was er als Laie und Mönch getan hat. Auch werde ich nichts berichten, was ich aus anderer Leute Mund weiß, sondern nur, was ich selbst mit eigenen Augen gesehen habe.

2. Dialog

Noch in der ersten Zeit, da ich meine Studien aufgegeben und mich dem heiligen Manne angeschlossen hatte, es war erst wenige Tage her, begleiteten wir ihn auf seinem Gange zur Kirche. Da begegnete ihm ein Armer, halbnackt — es war Winter —, und bat, man möge ihm ein Kleidungsstück geben. Martinus rief den Erzdiakon herbei und befahl, den frierenden Mann sofort zu bekleiden. Hierauf ging er in den Anbau der Kirche. Dort verweilte er allein, wie er es gewohnt war. Auf diese Weise machte er es sich möglich, auch im Gotteshaus allein zu sein, während er den Klerikern Freiheit ließ. Diese saßen in einem anderen Räume beisammen, empfingen dort Besuche oder schlichteten Streitsachen; Martinus indes blieb in seiner Einsamkeit bis zur Stunde, da der übliche Gottesdienst für das Volk gehalten werden mußte. Ich möchte hierbei nicht übergehen, daß er in der Sakristei sich niemals des Bischofsstuhles zum Sitzen bediente — in der Kirche sah ihn ja überhaupt niemand sitzen. Neulich allerdings mußte ich — Gott ist mein Zeuge —, die Schamröte stieg mir dabei ins Gesicht, sehen, daß einer auf prunkendem Hochsitz wie auf einem königlichen Gerichtsstuhl erhaben thronte; Martinus dagegen saß auf einem ganz gewöhnlichen Stuhle, so wie ihn das Gesinde benützt, und wie er bei uns ungebildeten Galliern Tripezzia, bei euch Schulgelehrten oder wenigstens bei dir, der du aus Griechenland kommst, Tripus heißt. In diese stille Zelle des heiligen Mannes drang jetzt jener Arme ein; er glaubte sich hintergangen. Da der Archidiakon ihn auf das Gewand so lange warten ließ, beschwerte er sich, der Kleriker habe ihn vernachlässigt, und klagte unter Tränen, daß es ihn friere. Da zog der Heilige alsbald, ohne daß es der Arme bemerkte, heimlich unter dem Mantel sein Untergewand aus, legte es dem Armen um und hieß ihn gehen. Bald darauf trat der Archidiakon herein und mahnte, wie üblich, das Volk warte in der Kirche, er müsse zur Feier der heiligen Geheimnisse aufbrechen. Martinus antwortete, zuerst müsse der Arme — er meinte damit sich selbst — bekleidet werden. Er könne nicht zur Kirche kommen, solange der Arme das Gewand nicht erhalten habe. Dem Diakon war die Antwort rätselhaft, da er Martinus doch äußerlich mit dem Mantel bekleidet sah, aber nicht bemerkte, daß er ohne Untergewand war. Schließlich entschuldigte er sich, der Arme sei nicht mehr da. Da sagte Martinus: „Man soll mir das bereitgehaltene Gewand bringen; denn der Arme ist schon da, um sich bekleiden zu lassen“. Jetzt endlich im Drange der Not, die Galle lief ihm schon über, holte der Kleriker eiligst aus einem nahen Laden ein bigerrisches, kurzes, rauhhaariges Gewand für fünf Silberlinge und warf es zornig Martinus vor die Füße mit den Worten: „Hier ist das Kleid, der Arme ist aber nicht da“. Ohne jede Erregung hieß ihn Martinus kurze Zeit draußen warten. So gelang es ihm, allein zu bleiben, während er das Gewand anzog. Er gab sich zwar alle Mühe, daß sein Tun nicht offenbar werde, aber wann bleibt bei heiligen Männern, trotz ihres Versuches, derlei geheim? Ob sie es wollen oder nicht, man bringt doch alles ans Licht.

Er rüstete sich also in diesem Gewände, Gott das Opfer darzubringen. Ein Wunder ist, was ich jetzt erzähle. Während er am selben Tage, wie es Brauch ist, den Altar beräucherte, sahen wir über seinem Haupte eine Feuerkugel leuchten, derart, daß sie, in die Höhe steigend, einen langen Lichtschweif herniedersenkte. Obwohl dieses Wunder, wie wir sahen, an einem Festtage in Gegenwart einer großen Volksschar geschah, wurde es doch bloß von einer Jungfrau, einem Priester und drei Mönchen wahrgenommen. Warum es den andern verborgen blieb, vermag ich nicht zu entscheiden.

Ungefähr zur selben Zeit wurde mein Onkel Evanthius, der trotz seiner vielfachen weltlichen Geschäfte ein Mann von echt christlicher Gesinnung war, in schwerer Krankheit schon vom Tode bedrängt. Da ließ er Martinus zu sich rufen. Der machte sich eilends auf den Weg. Noch hatte der heilige Mann nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, da fühlte der Kranke die Wunderkraft des Kommenden, ward plötzlich geheilt und kam uns selbst entgegen. Andern Tags wollte Martinus heimkehren, doch ließ er sich durch vieles Bitten noch weiter zurückhalten. Inzwischen hatte eine Schlange einen jungen Knecht gebissen. Schon war er infolge der Wirkung des Giftes halb tot. Evanthius selbst trug ihn auf seinen Schultern herbei und legte ihn dem Heiligen zu Füßen, im festen Glauben an dessen Allvermögen. Das schleichende Gift hatte bereits alle Glieder ergriffen; man sah, wie die Adern hochaufgeschwollen und der Leib aufgetrieben war. Martinus streckte seine Hand aus, berührte alle Glieder des Knechtes und legte seinen Finger neben die kleine Wunde, durch die das Gift des Tieres eingedrungen war. Da, o Wunder — von überallher zurückgerufen, lief das Gift ganz sichtbar auf den Finger des Martinus zu, staute sich an der kleinen offenen Wunde und schoß dann mit Blut untermischt heraus. Ganz ähnlich fließt aus dem Euter der Ziegen und Schafe unter der melkenden Hand des Hirten in langem Strahle reichlich Milch heraus. Der Knecht stand auf, vollständig gesund. Wir waren über solch ein Wunder ganz verblüfft. Das unleugbare Geschehnis nötigte uns zuzugestehen, daß niemand unter dem Himmel Martinus gleichkomme.

Ein andermal waren wir wieder mit ihm auf der Reise, als er die Pfarreien besuchte. Während wir aus irgendeinem Grunde aufgehalten wurden, war er eine kleine Strecke vorangegangen. Da kam auf der Landstraße ein Staatswagen daher, ganz besetzt mit Beamten. Als die Zugtiere Martinus im zottigen Gewände mit dem schwarzen, wallenden Mantel ganz nahe neben sich erblickten, scheuten sie und wichen etwas zur Seite. Die Stränge verwickelten sich und die langen Reihen gerieten in Unordnung; denn, wie du schon oft gesehen hast, werden die armen Tiere in langen Zügen aneinander geschirrt. Mühsam machte man sie frei; dadurch verzögerte sich die eilige Weiterreise. Aufgebracht über dieses Mißgeschick, sprangen die Beamten rasch aus dem Wagen und drangen mit Peitschen und Stöcken auf Martinus ein. Der aber bot, ohne etwas zu sagen, mit unbegreiflicher Geduld seinen Rücken ihren Schlägen dar, brachte aber dadurch die Unseligen in nur noch größere Raserei. Da er die Schläge ja verachtete, als spüre er sie nicht, steigerte das bloß ihre Wut. Wir eilten sofort herbei, fanden ihn entsetzlich blutend und am ganzen Leibe zerfleischt; wie entseelt war er zu Boden gestürzt. Sogleich setzten wir ihn auf seinen Esel, eilten rasch weg und verfluchten den Ort dieser Bluttat. Mittlerweile waren jene, nachdem sie sich ausgetobt hatten, zu ihrem Wagen zurückgekehrt. Sie gaben Befehl, die Tiere zur Weiterfahrt anzutreiben. Allein diese standen wie angemauert da, gleich ehernen Bildern. Die Treiber schrieen lauter, auf allen Seiten knallten die Peitschen — allein die Tiere waren durchaus nicht von der Stelle zu bringen. Jetzt erhoben sich alle, um vereint dreinzuschlagen, die gallischen Peitschen gingen in Stücke beim Einhauen auf die Maultiere, ein ganzes Gehölz in der Nähe wurde zusammengerissen, und mit diesem Prügelholz wurden die Tiere jämmerlich zugerichtet. Doch nichts, gar nichts vermochten die rohen Hände: auf ein und demselben Fleck blieben sie stehen, die eingemauerten Erzbilder. Die unglücklichen Menschen wußten sich nicht zu helfen. Sie konnten sich trotz ihrer tierischen Gesinnung doch der Erkenntnis nicht mehr verschließen, daß Gottes Wundermacht sie festbanne. Endlich gingen sie in sich und erkundigten sich, wer der sei, den sie kurz vorher an eben der Stelle mißhandelt hatten. Da erfuhren sie auf ihr Fragen hin von Leuten, die des Weges kamen, daß es Martinus gewesen, den sie so grausam geschlagen hatten. Jetzt war ihnen allen die Sache klar, sie konnten es mit Händen greifen, daß sie ob der Unbill, die sie ihm angetan hatten, zurückgehalten wurden. Deshalb eilten alle raschen Schrittes uns nach. Im Bewußtsein ihrer bösen Tat, schamverwirrt, mit Tränen in den Augen, Haupt und Gesicht mit Staub bestreut, womit sie sich selbst verunstaltet hatten, warfen sie sich Martinus zu Füßen. Sie flehten um Gnade und baten, er möge sie weiter ziehen lassen. Die Pein ihres bösen Gewissens sei schon Strafe genug für sie. Es sei ihnen ganz klar geworden, wie leicht die Erde sie selbst bei lebendigem Leibe an eben der Stelle hätte verschlingen können. Sie selbst hätten leblos zu unbeweglichen Felsen erstarren sollen, so wie die Tiere vor ihren Augen an ihrem Standort festgebannt seien. Sie bäten daher flehentlich, er möge ihnen ihre Untat verzeihen und ihnen gestatten, weiter zu ziehen. Schon ehe sie gekommen waren, wußte der heilige Mann, daß sie festgebannt seien, und hatte es uns schon zum voraus mitgeteilt. Er gewährte ihnen bereitwillig Verzeihung und ließ sie Weiterreisen, indem er ihnen die Tiere gleichsam zurückgab.

Sulpicius, ich habe schon oft an das gedacht, was Martinus oftmals dir gegenüber äußerte, daß ihm nämlich während seiner bischöflichen Amtsverwaltung keineswegs die gleiche Wunderkraft zu Gebot gestanden sei, über die er früher seiner Erinnerung nach verfügen konnte. Wenn das wahr ist, ja weil es wahr ist, können wir daraus einen Schluß ziehen, welche Wundertaten er als Mönch und allein ohne Zeugen gewirkt hat, da er als Bischof so große Zeichen vor aller Augen getan hat, wie wir es mit angesehen haben. Viele seiner früheren Taten sind zwar der Welt bekannt geworden und konnten nicht verheimlicht werden, allein unmöglich wird man wohl aufzählen können, was er, allem eitlen Lob abhold, verborgen hielt und nicht zur Kenntnis der Leute kommen ließ. Er war ja über menschliche Natur erhaben, war sich seiner inneren Kraft und Fülle bewußt, trat den Weltruhm mit Füßen und wollte nur den Himmel zum Zeugen haben. Daß dies wahr ist, können wir dem entnehmen, was uns zur Kenntnis kam und nicht verborgen bleiben konnte. Er hat ja, wie dein Buch ausführlich erzählt, bevor er Bischof wurde, zwei Tote wieder zum Leben erweckt; als Bischof aber, was du zu meiner Verwunderung übergangen hast, nur einen. Dafür bin ich Zeuge, allerdings nur, wenn ihr mein Zeugnis für glaubwürdig haltet. Wie sich das aber zugetragen, will ich euch erzählen.

Aus irgendeiner Veranlassung waren wir auf dem Wege nach Chartres. Wir kamen an einem stark bevölkerten Dorfe vorbei. Da zog uns eine große Schar entgegen, die nur aus Heiden bestand; denn niemand wußte dort etwas vom Christentum. Aber auf die Kunde von der Ankunft eines so berühmten Mannes strömte eine große Volksmenge zusammen und die ganze, sich weit ausdehnende Ebene wimmelte von Menschen. Martinus überkam die Ahnung eines kommenden Wunders und er erbebte, da der Geist ihm dieses kundtat. Nun predigte er den Heiden das Wort Gottes mit überirdischer Salbung. Er seufzte dabei wiederholt, daß eine so große Schar nichts vom Herrn und Heiland wisse. Während uns diese unglaublich große Menge umgab, streckte ein Weib den Leichnam ihres Sohnes, der kurz vorher gestorben war, dem heiligen Mann entgegen mit den Worten: „Wir wissen, daß du ein Freund Gottes bist. Gib mir meinen Sohn wieder, er ist ja mein einziger“. Die Menge schloß sich an und unterstützte die Bitten der Mutter. Martinus erkannte, daß er um des Seelenheiles der harrenden Menge willen, wie er uns nachher gestand, Wunderkraft erlangen könne. Er nahm den Leichnam in seine Arme. Dann kniete er angesichts aller nieder. Nachdem er gebetet hatte, erhob er sich und gab das Kind lebend der Mutter wieder. Das Freudengeschrei der Menge schallte bis zum Himmel und sie bekannte, daß Christus Gott ist. Schließlich warfen sich alle scharenweise dem Heiligen zu Füßen mit dem glaubensvollen Verlangen, er solle aus ihnen Christen machen. Er legte ihnen allen ohne Zögern, so wie sie mitten auf freiem Felde waren, die Hände auf und machte sie zu Katechumenen. Dabei wandte er sich zu uns und äußerte, nicht ohne tieferen Sinn vollziehe sich die Katechumenenaufnahme auf freiem Felde; denn da werde ja gewöhnlich auch die Märtyrertaufe erteilt“.

„Gallus, du hast gesiegt“, sagte da Postumianus, „nicht über mich, da ich eher Anwalt des Martinus bin und all das über ihn schon erfahren habe und von jeher davon überzeugt war, du hast gesiegt über alle Einsiedler und Anachoreten. Denn keiner von ihnen hat wie dieser euer, oder besser gesagt unser Martinus dem Tode geboten. Unser Sulpicius stellt ihn mit Recht den Aposteln und Propheten an die Seite; erreichte er sie doch in allweg. Zeugen hierfür sind seine Glaubenskraft und Wunderwerke. Doch fahre fort, ich bitte dich. Wir können zwar nichts Ruhmvolleres mehr vernehmen. Fahre aber doch fort, Gallus, zu erzählen, was jetzt noch von Martinus erübrigt. Die Seele verlangt ]a, auch die unbedeutendsten und gewöhnlichen Ereignisse aus seinem Leben kennen zu lernen. Was bei ihm unbedeutend scheint, ist sicher gewichtiger als die Grosstaten anderer“.

„Gut“, sagte Gallus. „Von dem, was ich jetzt erzählen will, war ich nicht selbst Augenzeuge. Es hat sich zugetragen, bevor ich mich diesem heiligen Manne anschloß. Allein es ist ein vielbesprochenes Vorkommnis, das durch die Aussage zuverlässiger Brüder, die dabei waren, weit und breit bekannt wurde. Zur Zeit etwa, als ihm die Bischofswürde zuteil wurde, mußte er aus dringender Veranlassung zu Hof gehen. Damals führte Valentinian der Ältere die Zügel der Regierung. Als er in Erfahrung gebracht hatte, daß Martinus eine Bitte stellen wolle, die er nicht gewähren mochte, gab er Befehl, ihn nicht über die Schwelle des Palastes treten zu lassen. Seine arianische Gemahlin hatte sich nämlich seinen rücksichtslosen Stolz zunutzen gemacht und ihn dem heiligen Manne ganz entfremdet, um es zu erreichen, daß er diesem nicht die gebührende Ehre erwiese. Martinus versuchte es ein erstes und zweites Mal, eine Audienz bei dem hochmütigen Kaiser zu erlangen. Dann nahm er zu den bekannten Hilfsmitteln seine Zuflucht: er legte ein Bußgewand an, bestreute sich mit Asche, nahm weder Speise noch Trank und betete unablässig Tag und Nacht. Am siebten Tage erschien ihm ein Engel und hieß ihn furchtlos zum Palaste gehen, die verschlossenen Tore des Kaiserpalastes würden sich von selbst öffnen, der hochfahrende Geist des Kaisers würde sich zur Milde stimmen lassen. Durch solches Zureden des Engels, der ihm erschienen war, ermutigt und auf dessen Hilfe vertrauend, ging er zum Palaste. Die Tore taten sich ihm weit auf, niemand vertrat ihm den Weg. Schließlich gelangte er ungehindert bis zum Kaiser. Als dieser ihn von ferne kommen sah, ward er wütend, daß man ihn vorgelassen habe. Er hielt es unter seiner Würde, sich vor Martinus, der vor ihm stand, zu erheben, bis Flammen unter dem Thronsessel aufloderten und Feuer am sitzenden König hinaufzüngelte. Jetzt schnellte der stolze Mann rasch von seinem Sitze empor; er erhob sich wider seinen Willen vor Martinus und schloß den vielmals in seine Arme, dem er doch vorher Mißachtung bezeugen wollte. Umgewandelt gestand er, er habe eine göttliche Kraft an sich verspürt. Ohne auf des Martinus Bitten zu warten, gewährte er schon zum voraus alles. Häufig zog er ihn in vertrauliches Gespräch und lud ihn zu Tisch. Als Martinus schließlich abreiste, bot er ihm viele Geschenke an. Der heilige Mann wies sie aber alle zurück, wie er ja immer treu seine Armut zu wahren suchte.

Da wir nun einmal doch im Palaste sind, will ich hier anfügen, was darin, wenn auch zu anderer Zeit, geschehen ist. Denn ich glaube, das Beispiel nicht übergehen zu dürfen, das eine gläubige Herrscherin in ihrer bewundernden Verehrung gegen Martinus gab. Kaiser Maximus führte die Regierung. Er hätte in seinem ganzen Leben mit Recht nur Lob verdient, wäre es in sein freies Belieben gestellt gewesen, die Krone, die ihm gesetzwidrig bei einem Militäraufstand angeboten wurde, auszuschlagen und den Bürgerkrieg zu vermeiden. Allein eine solche Machtstellung konnte nicht ohne Gefahr abgelehnt, aber auch nicht ohne Waffengewalt behauptet werden. Öfter ließ er Martinus kommen, nahm ihn in seinem Palaste auf und erwies ihm voll Hochschätzung alle Ehre. Sie sprachen dann miteinander nur über Gegenwart und Zukunft, über den Ehrenvorzug der Christen und die ewige Seligkeit der Heiligen. Unterdessen hing die Kaiserin Tag und Nacht an den Lippen des Martinus. Sie stand jenem Vorbild im Evangelium nicht nach, benetzte die Füße des Heiligen mit Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren ab. Martinus, den doch sonst nie ein Weib berührt halte, konnte sich ihrer unermüdlichen Aufmerksamkeit oder besser gesagt ihrer Dienstbeflissenheit nicht entziehen. Sie vergaß den Reichtum ihres Thrones, die Würde der Herrschaft, Diadem und Purpur. Auf dem Boden liegend ließ sie sich von den Füßen des Martinus nicht wegbringen. Schließlich stellte sie an ihren Gemahl die Bitte, sie sollten beide Martinus dazu bestimmen, daß sie allein, ohne die Dienerschaft, ihm ein Mahl bereiten dürfe. Der heilige Mann konnte sich nicht länger hartnäckig dagegen sträuben. Die Kaiserin richtete mit eigener Hand voll heiliger Gesinnung alles her: sie stellte einen kleinen Sessel zurecht, rückte einen Tisch herbei, reichte Wasser für die Hände und trug die Speisen auf, die sie selbst gekocht hatte. Während er aß, stand sie, wie es sich für Diener ziemt, in einiger Entfernung, unbeweglich wie an den Boden gewachsen, da und legte so in allem die Bescheidenheit einer Dienerin und die Demut einer Magd an den Tag. Sie selbst mischte den Wein, wenn er trinken wollte, und reichte ihn dar. Nach Beendigung der kleinen Mahlzeit sammelte sie die übrig gebliebenen Brotkrumen. Sie zog diese Überreste in ihrer gläubigen Gesinnung der kaiserlichen Tafel vor. Glückseliges Weib! Wenn wir uns an die bloße Erzählung halten wollen, ist sie billigerweise in ihrer frommen Hingebung jener zu vergleichen, die von den Enden der Erde kam, um Salomon zu hören. Indes, man muß den Glauben der Herrscherinnen in Betracht ziehen, dann kann man, wenn man die Erhabenheit des Geheimnisses nicht weiter berücksichtigt, sagen, jene verlangte nur, den Weisen zu hören, diese gab sich nicht zufrieden, ihn bloß zu hören, sondern darf den Weisen auch bedienen“.

Darauf bemerkte Postumianus: „Gewiß, mein Gallus, auf deine Erzählung hin zolle ich dem Glauben der Herrscherin hohe Bewunderung. Allein wie steht es damit, daß nie ein Weib in die Nähe des Martinus gekommen sein soll? Siehe, diese Königin ist nicht nur in seiner Nähe gewesen, sie hat ihn sogar bedient. Mir kommt die Besorgnis, es möchten diejenigen dieses Beispiel einigermaßen vorschützen, welche Frauengesellschaft so lieben“.

Darauf erwiderte Gallus: „Warum achtest du nicht auf Ort, Zeit und Person, wie uns die Grammatiker lehren? Stelle dir vor Augen, wie er im Palast zurückgehalten und vom Kaiser mit Bitten bestürmt wurde, wie ihm der Glaube der Königin Gewalt antat, wie er bei den traurigen Zeitverhältnissen sich für verpflichtet hielt, Gefangene aus dem Kerker zu befreien, Verbannten die Heimkehr zu ermöglichen, eingezogene Güter zurückzugewinnen. Wie gering hätte der Bischof all das wohl anschlagen müssen, wäre er nicht um solcher Zwecke willen von seinen strengen Grundsätzen etwas abgewichen. Da du aber meinst, es würden manche dieses Beispiel mißbrauchen, so wisse, sie werden sogar glücklich sein, wenn sie sich streng an die Lehre dieses Beispieles halten. Sie sollen beachten, daß es bei Martinus nur einmal im Leben der Fall war, da er schon siebzig Jahre zählte. Nicht eine zügellose Witwe, nicht eine leichtsinnige Jungfrau, sondern eine in der Ehe lebende Herrscherin durfte, da auch ihr Gemahl die Bitte unterstützte, ihm bei Tische dienen und aufwarten. Sie setzte sich aber nicht mit ihm zu Tisch und wagte nicht, am Mahle teilzunehmen, sondern erfüllte nur die Pflicht einer Magd. Zieh daraus die Lehre: eine Matrone mag dir dienen, dich aber nicht beherrschen, dienen, aber nicht mit dir tafeln. So hat auch Martha den Heiland bedient und wurde doch nicht zum Mahle zugelassen, vielmehr wurde jene, die lieber zuhörte, der dienenden vorgezogen. Doch bei Martinus hat die Königin beides erfüllt: sie war Dienerin wie Martha und Hörerin wie Maria. Wenn jemand dieses Beispiel zum Vorbild nehmen will, so soll er es in allen Punkten festhalten: es muß sich um eine solche Veranlassung handeln, eine solche Person, eine solche Dienstleistung, ein solches Mahl und das im ganzen Leben nur einmal.“

„Ganz ausgezeichnet“, sagte darauf Postumianus, „nötigt dein Wort gewisse Leute unter uns dazu, sich genau an das Beispiel des Martinus zu halten. Aber ich muß dir sagen, du predigst damit tauben Ohren; denn wollten wir des Martinus Wege wandeln, so wären wir allen Vorwürfen einer verkehrten Anschauung enthoben. Übrigens, wie du gewöhnlich, wenn man dich der Vielesserei beschuldigt, dich damit ausredest: „wir sind eben Gallier“, so lassen wir uns in dieser Beziehung nie zur Besserung bewegen, weder durch das Beispiel des Martinus noch durch deine Erörterung. Sulpicius, warum verharrst du in so hartnäckigem Schweigen, während wir schon so lange hierüber miteinander sprechen?“ „Ich schweige nicht bloß jetzt“, gab ich zur Antwort, „ich habe mir schon früher vorgenommen, von solchen Dingen nicht zu sprechen. Denn ich hatte einmal eine leichtfertige Witwe, die sich gerne schminkte und in ihrem zügellosen Leben großen Aufwand machte, getadelt, ebenso ein andermal eine Jungfrau, die für einen mir teuren jungen Mann maßlos schwärmte, während sie doch selbst in meiner Gegenwart auch andere ob ähnlichen Verhaltens häufig auszankte. Durch diesen Tadel habe ich mir so sehr den Haß aller Frauen und aller Mönche zugezogen, daß sich alle diese zusammenscharten und zum Kriege gegen mich verschworen. Aus diesem Grunde bitte ich euch, schweiget, damit nicht auch eure Worte mir wieder Haß eintragen. Wir wollen überhaupt die Erinnerung an derartige Vorkommnisse beiseite lassen und lieber zu Martinus zurückkehren. Also, Gallus, nimm die angefangene Erzählung wieder auf.“

Darauf erwiderte jener: „Ich habe euch zwar schon so vieles erzählt, daß meine Worte eurem Verlangen genügen sollten, allein, weil ich eurem Wunsche nicht entgegen sein darf, will ich weiter sprechen, soweit heute noch dazu Zeit ist. Da ich diese Lagerstätte sehe, die zu unserer Nachtruhe hergerichtet wird, kommt mir ins Gedächtnis, wie auch von einer Ruhestätte des Martinus eine wunderbare Kraft ausgegangen ist. Die Sache verhielt sich so. Claudiomagus ist ein Grenzort zwischen dem Gebiet der Bituriger und Turonen. Dort stand eine Kirche, berühmt durch den frommen Wandel ihrer Mönche und nicht minder angesehen wegen einer großen Schar gottgeweihter Jungfrauen. Als Martinus dorthin kam, nahm er im Anbau der Kirche Wohnung. Nach seinem Weggang eilten alle Jungfrauen in jenen Anbau, bedeckten alle Stellen, wo der Heilige gesessen oder gestanden hatte, mit Küssen, und teilten auch die Lagerstätte unter sich, auf der er geruht hatte. Wenige Tage nachher hing eine von ihnen ein Stückchen jenes Strohlagers, das sie als Reliquie für sich gesammelt hatte, einem Besessenen, der in Wutausbrüche verfiel, um den Hals. Sofort, im gleichen Augenblicke wurde der Teufel ausgetrieben und der Mann befreit.

Ungefähr zur selben Zeit, als Martinus auf der Rückkehr von Trier begriffen war, rannte ihm eine Kuh in den Weg, die von einem Dämon gehetzt wurde. Sie hatte sich von ihrer Herde getrennt, ging auf Menschen los und hatte schon viele mit ihren verderblichen Stößen durchbohrt. Als sie in unsere Nähe kam, riefen uns diejenigen, die ihr von ferne nachliefen, zu, wir sollten uns in acht nehmen. Nachdem das Tier wutschnaubend, mit verdrehten Augen, uns näher gekommen war, erhob Martinus seine Hand und gab ihm den Befehl, stehen zu bleiben. Auf sein Wort hin blieb das Tier sofort unbeweglich stehen. Mittlerweile sah Martinus auf seinem Rücken einen Dämon sitzen. Diesen fuhr er an und sprach: „Weiche von dieser Kuh, du Unheilbringer, quäle das unschuldige Tier nicht weiter.“ Der böse Geist gehorchte und wich. Das junge Tier fühlte gar wohl, daß es wieder freigeworden war; zur Ruhe gekommen, fiel es vor dem Heiligen nieder. Dann suchte es auf des Martinus Geheiß wieder seine Herde auf und gesellte sich zur Schar der andern, friedsamer als ein Lamm.

Es war dies damals, als er, rings von Flammen umgeben, das Feuer nicht spürte. Doch hierüber glaube ich mich nicht weiter verbreiten zu müssen, da unser Sulpicius es so ausführlich berichtet hat, zwar nicht in seiner Lebensbeschreibung, wo er es übergangen, aber doch nachher in dem Briefe an Eusebius, der damals Priester war, jetzt Bischof ist. Diesen Brief hast du, Postumianus, wie ich annehme, schon gelesen oder hast ihn, wenn er dir bis jetzt unbekannt geblieben, nach Belieben in jenem Schranke zur Verfügung. Ich will nur erzählen, was jener übergangen hat.

Als Martinus einmal Pfarreien visitierte, trafen wir auf eine Jägerschar. Hunde jagten einem Hasen nach. Das Tierlein hatte nur mehr einen ganz kleinen Vorsprung. Ringsum war freies Feld, nirgends bot sich ein Schlupfwinkel. Es lief im Zickzack, um das drohende Todesverhängnis noch aufzuhalten, schon der nächste Augenblick mußte ihm ja den Garaus machen. Bei seiner erbarmenden Milde ging dem Heiligen die gefahrvolle Lage des Tierleins zu Herzen. Er befahl den Hunden, von der Verfolgung abzustehen und das flüchtige Tier entkommen zu lassen. Das erste Wort brachte sie sofort zum Stehen, als hätte man sie festgebunden, ja als hafteten sie vielmehr wie angewurzelt an ihrem Platze. So entwischte das Häslein mit heiler Haut seinen festgebannten Verfolgern.

Es lohnt sich auch der Mühe, vertrauliche Äußerungen voll geistiger Würze aus dem Munde Martins anzuführen. Einmal fiel sein Blick zufällig auf ein frisch geschorenes Schaf. Da sagte er: „Dieses Tier hat die Vorschrift des Evangeliums erfüllt: zwei Röckchen hatte es, eines schenkte es dem, der keines hatte. So sollt auch ihr tun.“

Als er ein andermal einen Schweinehirten erblickte, der vor Frost zitterte und mit einem Felle nur notdürftig bekleidet war, sprach er: „Sieh da, Adam; aus dem Paradies verstoßen, mit einem Fell bekleidet, weidet er Schweine. Wir aber sollen den alten Adam, der noch in diesem fortlebt, ablegen und dafür den neuen anziehen.“

Rinder hatten eine Wiese zum Teil abgeweidet, Schweine einen andern Teil der Wiese durchwühlt, der übrige, noch unberührte Teil prangte frühlingsfrisch in reicher Blumenzier wie ein gestickter Teppich. Da sagte er: ,Das Bild der Ehe haben wir in jenem Teil der Wiese, der, von den Rindern abgeweidet, die Zier des frischen Grüns zwar nicht ganz verloren hat, aber doch keinen Blumenschmuck mehr aufweisen kann. Der Teil, den die Schweine, diese unreinen Tiere, durchwühlt haben, stellt das häßliche Bild der Unzucht dar. Der Teil, der unberührt blieb, veranschaulicht die herrliche Würde der Jungfräulichkeit; er treibt üppiges Grün, bringt überreichen Ertrag; mit prächtigen Blumen über und über besät, leuchtet er wie mit blitzenden Edelsteinen geziert. O selige, Gottes würdige Schönheit! Nichts halt den Vergleich aus mit der Jungfräulichkeit. Deshalb irren jene gewaltig, die die Ehe mit Unzucht auf eine Linie stellen, aber auch jene sind arme Toren, welche die Ehe der Jungfräulichkeit gleichmachen wollen. Wer aber weise sein will, halte diese Unterscheidung fest: die Ehe gehört in das Gebiet des Erlaubten, die Jungfräulichkeit bringt Glorie, die Unzucht wirkt Strafe, wenn sie nicht durch Genugtuung gesühnt wird.‘

Ein Soldat hatte den Kriegsdienst verlassen und im Gotteshause sich zum Mönchsleben verpflichtet. Er hatte sich fern von den Menschen an einem einsamen Ort eine Klause erbaut, um wie ein Einsiedler zu leben. Bald aber beunruhigte der schlaue Feind mit verschie-dentlichen Einflüsterungen sein ungebildetes Herz. Er wurde in seinem Entschlüsse schwankend und wünschte, sein Weib, das Martinus in ein Jungfrauenkloster gewiesen hatte, möchte mit ihm wieder zusammenwohnen. So ging also der tapfere Einsiedler zu Martinus und gestand, was er im Sinn habe. Der Heilige war entschieden dagegen, es sei unpassend, daß ein Weib wieder in Gemeinschaft mit ihrem Manne lebe, der schon Mönch geworden sei und nicht mehr Gatte sein wolle. Allein der Soldat bestand auf seinem Willen und behauptete, es sei nichts Schlimmes um diesen Vorsatz; er wolle ja nur den Trost genießen, sein Weib neben sich zu haben. Es sei nicht zu fürchten, daß sie ins alte Leben zurücksänken. Er sei Soldat Christi; auch sie habe denselben Fahneneid geschworen. Der Bischof möge sie in heiliger Gesinnung nebeneinander streiten lassen; sie wollten in der Kraft des Glaubens nichts vom Geschlechte wissen. Darauf antwortete Martinus — ich will euch seine eigenen Worte anführen: ,Sag‘ mir, bist du schon im Kriege, bist du in der Schlacht gewesen?‘ Darauf entgegnete er: ‚Schon oft stand ich in der Linie und habe häufig Feldzüge mitgemacht.‘ Hierauf sagte Martinus: ,Sag mir also, hast du wohl in der Linie, die kampfbereit dastand oder schon gegen ein feindliches Heer Mann gegen Mann mit gezücktem Schwert im Handgemenge kämpfte, je ein Weib stehen oder kämpfen sehen?‘ Jetzt endlich errötete beschämt der Soldat und war dankbar, daß man ihn nicht seinem Irrtum überlassen und nicht mit harten Scheltworten auf bessere Wege gebracht habe, sondern durch ein Gleichnis, das aus dem Leben gegriffen war und auch einem Soldaten einleuchten mußte. Dann wandte sich Martinus — es umgab ihn nämlich eine große Brüderschar – zu uns und sagte: ,Das Weib soll das Feldlager der Männer nicht betreten, die Schlachtreihe der Soldaten soll gesondert sein. Das Weib bleibe fern in ihrer Behausung. Ein Heer wird verächtlich, wenn sich unter die Reihen der Männer eine Weiberschar mischt. Der Soldat soll in der Linie stehen, der Soldat soll im Felde kämpfen; das Weib halte sich innerhalb der schützenden Mauern. Ihr wird es auch Ehre eintragen, wenn sie in Abwesenheit des Mannes die Keuschheit bewahrt. Es ist für sie höchste Tugend und vollkommener Sieg, wenn sie sich nicht sehen läßt.‘

Sulpicius, du erinnerst dich wohl daran, mit welcher Begeisterung er in unserer Gegenwart — du warst ja selbst dabei — jene Jungfrau lobte, die sich so vollständig den Blicken aller Männer entzogen hatte, daß sie nicht einmal Martinus empfing, obwohl er sie als Oberhirte besuchen wollte. Martinus kam an dem kleinen Gute vorbei, wo sie sich in jungfräulicher Scheu seit mehreren Jahren abgeschlossen hatte. Da man Marlinus von ihrem Glauben und von ihrer Tugend erzählte, kehrte er ein, um ein Mädchen von so seltenem Verdienst in frommem Eifer mit seinem bischöflichen Besuch zu ehren. Wir schlössen uns ihm an und meinten, es werde der Jungfrau große Freude bereiten; sie könne ja darin ein Zeugnis für ihre Tugend sehen, wenn ein Bischof von so glänzendem Namen ganz entgegen seinen strengen Grundsätzen zu ihr komme. Allein, nicht einmal mit Rücksicht auf Martinus lockerte die Jungfrau die Bande ihres unbeugsamen Willensenischlusses. So nahm denn der heilige Mann aus dem Mund einer anderen Frau die lobenswerte Entschuldigung entgegen und verließ voll Freude die Schwelle jener, die sich nicht hatte sehen und grüßen lassen. Ruhmwürdige Jungfrau, die es nicht einmal zugeben wollte, daß Martinus sie zu sehen bekam! Seliger Martinus, der es nicht als Beleidigung ansah, von jener abgewiesen zu werden, vielmehr frohlockend ihre Tugend pries und sich freute über das sonst in dieser Gegend ungewohnte Beispiel! Als uns die einbrechende Nacht zwang, nicht weit von jenem Gute Unterkunft zu suchen, sandte jene Jungfrau dem heiligen Mann ein Gastgeschenk. Da tat Martinus, was er sonst nie getan hat; nie hatte er ja von irgend jemand ein Gastgeschenk oder eine andere Gabe entgegengenommen; jetzt wies er aber nichts von dem zurück, was die verehrungswürdige Jungfrau ihm gesandt hatte, tr sprach, ein Bischof dürfe ihre geheiligte Gabe nicht verschmähen, da man sie vielen Priestern vorziehen müsse. Dieses Beispiel mögen die Jungfrauen zu Herzen_ nehmen. Wollen sie, daß ihre Türe den Bösen verriegelt sei, so müssen sie diese auch für die Guten schließen. Damit den Bösewichtern der Zugang zu ihnen nicht offen stehe, dürfen sie sich nicht bedenken, auch Bischöfen den Zutritt zu verwehren. Die ganze Welt soll das hören: eine Jungfrau hat einen Martinus nicht zu Besuch angenommen; sie hat nicht einen gewöhnlichen Bischof abgewiesen, sie bekam jenen Mann nicht zu Gesicht, den zu schauen alle für ein hohes Glück hielten. Welcher Bischof außer Martinus hätte darin nicht eine persönliche Beleidigung gesehen? Wie zornig wäre er gegen die gottgeweihte Jungfrau aufgebraust! Er hätte sie eine Ketzerin gescholten und den Bann über sie verhängt. Er hätte dieser heiligen Seele jene Jungfrauen vorgezogen, die es so einrichten, daß sie dem Bischof oft begegnen, die kostspielige Gastmähler veranstalten und sich dabei mit zu Tische setzen. Doch wohin verirre ich mich? Ich muß meine allzu freimütigen Worte ein wenig mäßigen, daß sie nicht etwa bei anderen Anstoß erregen. Bei Leichtsinnigen helfen ja tadelnde Worte nichts, für die Guten reicht das Beispiel aus. Wohl will ich die Tugend dieser Jungfrau rühmend preisen, aber ich darf doch nicht dabei jenen Jungfrauen zu nahe treten, die oft von weither kamen, um Martinus sehen zu können. In solcher Gesinnung kamen ja selbst Engel häufig zum heiligen Manne.

Sulpicius, was ich dir jetzt erzählen will, dafür bürgt mir dieser da — dabei schaute er auf mich. Eines Tages wachten ich und unser Sulpicius vor des Martinus Türe. Wir saßen schon einige Stunden schweigend da, voll überwältigender Ehrfurchtsschauer, als hätten wir vor einem Engelszelt Wache zu halten, derweil Martinus, da die Zellentüre geschlossen war, nichts davon wußte, daß wir zugegen waren. Da hörten wir nun das Gemurmel eines Zwiegespräches. Starres Staunen überkam uns, und wir konnten uns nicht verhehlen, daß etwas Überirdisches vor sich gehe. Nach zwei Stunden ungefähr kam Martinus zu uns heraus. Unser Sulpicius stellte an ihn — es stand ja niemand in vertrauterem Verkehre mit ihm — die Bitte, er möge unsere fromme Neugier befriedigen und uns mitteilen, worin das geheimnisvolle Erschaudern, das uns erfaßt hätte, seinen Grund habe, und mit wem er in seiner Zelle gesprochen habe; wir hätten außen einen schwachen, kaum vernehmbaren Klang von Stimmen gehört. Lange und ernstlich zauderte er. Doch auch wider seinen Willen konnte ihm Sulpicius alles entlocken. Vielleicht klingt es mehr als unglaublich, was ich erzähle; allein Christus ist mein Zeuge, ich sage gewiß die Wahrheit, es müßte denn jemand so ruchlos sein und Martinus für einen Lügner halten. So sprach also Martinus: ,Ich will es euch sagen, doch saget es, bitte, nicht weiter: Agnes, Thekla und Maria waren bei mir.‘ Er schilderte uns dann die Gesichtszüge und das Äußere jeder einzelnen. Er gestand, daß sie ihn nicht bloß an diesem Tage, sondern schon öfter besucht hätten. Er mußte auch zugeben, daß er Petrus und Paulus öfter gesehen habe. Die Teufel schalt er, wenn einer zu ihm kam, mit ihrem Namen. Merkur war, wie er es zu fühlen bekam, sein besonderer Widerpart; von Jupiter sagte er, er sei roh und stumpfsinnig. Diese Äußerungen deuchten auch vielen Mönchen im selben Kloster unglaublich; um so weniger kann ich das Vertrauen hegen, daß alle meine Zuhörer daran glauben. Hätte Martinus nicht ein überaus bewundernswertes Tugendleben geführt, so wäre er in unsern Augen nicht in solchem Ruhmesglanz erstrahlt. Freilich ist es nicht zu verwundern, wenn menschliche Schwäche an den Werken des Martinus Zweifel hegte, da ja bis heute, wie wir sehen, viele nicht einmal den Evangelien geglaubt haben. Daß Martinus oft mit Engeln vertrauten Umgang gepflogen hat, dessen sind wir ganz sicher.

Was ich weiter erzählen werde, ist nicht von großer Bedeutung, ich will es aber doch erwähnen. In Nimes fand eine Bischofsversammlung statt. Martinus wollte an ihr nicht teilnehmen, wünschte aber doch, den Gegenstand der Verhandlung zu erfahren. Zufällig war mit ihm unser Sulpicius auf einem Schiff zusammen, aber Martinus saß wie immer abseits von den andern in einem Winkel des Schiffes. Dort teilte ihm ein Engel mit, was auf der Synode verhandelt wurde. Nachher forschten wir genau nach der Zeit jener Synode und brachten in sichere Erfahrung, daß es gerade der Tag der Beratung war und daß jene Beschlüsse dort gefaßt wurden, die der Engel Martinus mitgeteilt hatte.

Als wir ihn über das Ende der Welt befragten, sagte er uns, zunächst müssen Nero und der Antichrist auftreten, Nero werde zehn abendländische Könige überwinden und dann die Herrschaft führen; er müsse eine Verfolgung eintreten lassen, um so zum Götzendienste zu zwingen. Der Antichrist werde zuerst im Morgenlande die Herrschaft an sich reißen und Jerusalem zur Residenz und Hauptstadt seines Reiches machen. Er werde Stadt und Tempel wiederherstellen. Die Verfolgung, die er anfange, ziele darauf ab, zur Leugnung der Gottheit Christi zu zwingen. Dafür werde er sich selbst als Christus ausgeben und den Befehl erteilen, daß sich alle nach dem Gesetze beschneiden lassen müßten. Nero selbst werde schließlich vom Antichrist vernichtet, und so müßten alle Völker der Erde unter dessen Herrschaft kommen, bis der Gottlose durch Christi Ankunft gestürzt werde. Es sei sicher, daß der Antichrist, vom bösen Geiste gezeugt, schon zur Welt geboren sei und in den Knabenjahren stehe. Wenn er das verlangte Alter habe, werde er die Herrschaft an sich reißen. Acht Jahre sind es, seit wir das aus seinem Munde vernommen haben. Urteilet selbst, wie schrecklich nahe schon ist, was wir für die Zukunft zu befürchten haben.“

Gallus war noch am Erzählen und mit seinem Stoffe nicht zu Ende, als ein Diener eintrat und meldete, der Priester Refrigerius stehe draußen. Da schwankten wir nun unschlüssig, ob wir Gallus noch zuhören oder dem sehnlich erwarteten Manne, den Berufsgeschäfte zu uns führten, entgegengehen sollten. Gallus aber sagte: „Müßte ich auch ob der Ankunft dieses heiligen Priesters meine Erzählung nicht beschließen, so nötigte doch die Nacht, der bisher geführten Unterhaltung ein Ende zu machen. Da jedoch noch lange nicht alles über die Wundertaten des Martinus erzählt werden konnte, so möget ihr euch heute mit dem Gehörten begnügen. Morgen werde ich weiter erzählen.“ Wir waren mit diesem Versprechen des Gallus einverstanden und erhoben uns daher von unsern Sitzen.

3. Dialog

„Gallus, der Tag graut schon, wir müssen uns erheben. Du siehst ja, wie Postumianus drängt, und dieser Priester hier, der gestern um die Freude kam, zuhören zu können, wartet auch, daß du dein Versprechen einlösest und uns von Martinus erzählest, was du für heute aufgespart hast. Er kennt zwar schon alles, was zu berichten ist; allein es ist immer erfreulich und angenehm, auch schon Bekanntes sich wieder zu vergegenwärtigen, Es ist ja uns Menschen von Natur aus eigen, daß wir uns mit größerer Zuversicht zu wissen freuen, was wir durch das Zeugnis vieler bestätigt finden. Dieser Priester hat sich ja schon in frühester Jugend an Martinus angeschlossen und weiß daher schon alles; allein gerne läßt er schon Bekanntes wieder an sich vorüberziehen. Auch ich muß dir, Gallus, gestehen, mehr als einmal habe ich schon von den Wundertaten des Martinus vernommen; ich habe ja auch vieles über ihn geschrieben — aber immer zeigt mir die Bewunderung seiner Taten das in neuem Lichte, was ich wieder überdenke, wenngleich ich es schon öfter gehört habe. Wir wünschen uns herzlich dazu Glück, daß wir an Refrigerius einen neuen Zeugen gewonnen haben. Um so bereitwilliger wird jetzt unser Postumianus, der die Kunde hiervon dem Morgenlande rasch übermittelt, die Wahrheit aus deinem Munde entgegennehmen, da sie durch Zeugen erhärtet ist.“

Während ich so sprach und Gallus sich schon anschickte, mit der Erzählung zu beginnen, stürmte eine Schar Mönche daher, der Priester Evagrius, Apers, Sabbatius und Agricola; bald darauf trat unser Priester Ätherius ein mit dem Diakon Calupio und dem Subdiakon Amator, zuletzt mein liebster Freund, der Priester Aurelius“; er hatte einen längeren Weg zurückgelegt und war ganz außer Atem. „Was gibts?“ frage ich. „Warum lauft ihr denn so plötzlich und unerwartet aus allen Himmelsrichtungen am frühen Morgen hier zusammen?“ „Wir“, so antworten sie, „haben gestern erfahren, dieser Gallus habe den ganzen Tag von den Wundertaten des Martinus erzählt, die Nacht aber habe ihn dabei überrascht und deshalb habe er den Rest der Erzählung auf heute verschoben. Darum sind wir so zahlreich herbeigeeilt, um auch dabei zu sein, wenn er so Wichtiges erzählt.“

Mittlerweile meldete man, viele Laien stünden vor der Türe; sie wagten nicht einzutreten, bäten aber um Einlaß. Da sagte Aper: „Es schickt sich durchaus nicht, daß diese sich zu uns gesellen; sie sind mehr aus Neugierde als in frommer Absicht, zuzuhören, gekommen.“ Mir ging das Los derer, die er nicht zulassen wollte, zu Herzen. Doch setzte ich schließlich mit vieler Mühe durch, daß man den früheren Vikarius Eucherius und den Statthalter Celsus einließ; die andern wurden abgewiesen. Dann richteten wir für Gallus in der Mitte einen Sitzplatz her. Er schwieg lange in seiner vornehmen Bescheidenheit. Endlich begann er also:

„Ehrwürdige und redekundige Männer, ihr seid hier zusammengekommen, mir zuzuhören. Ich nehme aber an, ihr seid hierhergekommen mehr mit dem Ohr eines Heilsbegierigen als eines Kritikers, gekommen, um in mir einen Zeugen des Glaubens zu hören, nicht einen wortreichen Redekünstler. Was gestern erzählt wurde, will ich nicht nochmals wiederholen; wer es nicht mit angehört hat, kann es dann in den Schriften nachlesen. Postumianus wartet auf Neues, um es dem Morgenlande mitzuteilen, damit es sich in Ansehung des Martinus nicht stolz über das Abendland erheben könne. Zuerst drängt es mich, das zu erzählen, worauf mich Refrigerius .aufmerksam macht, indem er mir ins Ohr raunt. Die Sache hat sich in Chartres zugetragen.

Ein Familienvater brachte seine zwölfjährige Tochter, die von Geburt an stumm war, zu Martinus. Er bat, der Gottesmann solle kraft seiner heiligen Verdienste die gebundene Zunge lösen. Martinus schob die Bischöfe Valentinus und Viktricius vor, die damals gerade in seiner Begleitung waren; er sei einer so schweren Aufgabe nicht gewachsen, ihnen, den heiligeren, sei kein Ding unmöglich. Doch diese vereinigten ihre frommen Bitten in inständigem Flehen mit dem Vater und baten Martinus, er möge gewähren, was man von ihm erhoffe. Jetzt zauderte er nicht mehr länger. Beides ist gleich rühmenswert, die Demut, die er an den Tag legte, wie auch die väterliche Liebe, die er nicht mehr länger zurückdrängte. Er hieß die Volksmenge, die ihn umstand, weggehen. Nur die Bischöfe und der Vater des Mädchens blieben zurück. Nun warf sich Martinus seiner Gewohnheit gemäß auf den Boden nieder, um zu beten. Hierauf sprach er den Exorzismus über etwas Öl und segnete es. Dann goß er die geweihte Flüssigkeit dem Mädchen in den Mund, während er ihre Zunge mit seinen Fingern berührte. Der Heilige täuschte sich nicht in der Wirkung der Wunderkraft. Er fragte nach dem Namen des Vaters, sogleich antwortete das Mädchen. Da schrie der Vater laut auf, mit Freudentränen umfaßte er die Kniee des Martinus; er erklärte zum Staunen aller, das sei das erste Wort, das er aus dem Munde seiner Tochter vernommen habe. Damit niemand diese Erzählung für unglaublich halten könne, soll Evagrius, der hier zugegen ist, der Wahrheit Zeugnis geben; in seiner Gegenwart hat sich ja dieses damals zugetragen.

Was ich kürzlich vom Priester Arpagius gehört habe, ist zwar nicht von großem Belange; doch darf es, so will mich bedünken, nicht übergangen werden. Die Frau des Comes Avitianus schickte dem Martinus Öl, das bei verschiedenen Krankheitsfällen Verwendung findet, damit er es, wie üblich, segne. Das Gefäß war aus Glas, hatte runde, bauchige Form und einen langen Hals. Doch war dieser lange Hals nicht vollständig angefüllt; denn gewöhnlich macht man solche Gefäße nur soweit voll, daß der oberste Teil für den Verschluß leer bleibt. Der Priester bezeugte, er habe gesehen, wie das Öl unter dem Segen des Martinus zunahm, bis es über den Rand des übervollen Gefäßes herabrann. Auch noch dann, während dasselbe zu der Frau getragen wurde, ließ es derselbe Gnadensegen weiter überlaufen; denn in den Händen des Dieners, der es trug, habe sich das Öl ununterbrochen so gemehrt, daß die überströmende Flüssigkeit sein ganzes Gewand tränkte. Als die Matrone das Gefäß erhielt, war es daher bis zum obersten Rande gefüllt. So war es, wie der Presbyter heute noch aussagt, ganz unmöglich, an jenem gläsernen Gefäß einen Verschluß anzubringen; man verschließt ja gewöhnlich, was man sorgfältiger verwahren will.

Wunderbar ist auch das, was meiner Erinnerung nach dieser da erlebte — hierbei schaute er auf mich. Er stellte ein mit Öl gefülltes Glasgefäß, das Martinus gesegnet hatte, auf ein etwas hohes Fenstergesims. Ein Diener, der nichts davon wußte, daß dort eine Flasche stehe, zog unvorsichtig an dem darüber gebreiteten Linnen. Das Gefäß fiel auf den Marmorboden hinab. Alle erschracken voll Besorgnis, der geweihte Gegenstand sei in Scherben gegangen. Doch man fand das Fläschchen so unversehrt, als wäre es auf ganz weiche Federn gefallen. Dieses Ereignis ist nicht dem Zufall, vielmehr der Wunderkraft des Martinus zuzuschreiben; der von ihm gesegnete Gegenstand konnte nicht zugrunde gehen. Ich komme nun auf eine Begebenheit zu sprechen, die einen angeht, dessen Namen verschwiegen werden soll; er ist ja hier anwesend und will nicht verraten werden. Damals war auch unser Saturninus dabei. Ein Hund belästigte uns mit seinem unangenehmen Gebell. Da sprach jener: „Im Namen des Martinus befehle ich dir, zu verstummen.“ Dem Hund blieb das Gebell im Halse stecken, man hätte glauben können, die Zunge sei abgeschnitten, so verstummte er. Es hat noch nicht soviel Bedeutung, daß Martinus in eigener Person Wunderwerke verrichtete; glaubet mir, auch andere haben in seinem Namen oftmals solche gewirkt.

Es ist euch bekannt, wie unbändig, maßlos, grausam und roh der frühere Comes Avitianus war. Er hielt einmal voll wütenden Ingrimms seinen Einzug in die Stadt der Turonen. Eine ganze Reihe erbarmungswürdiger Gestalten, mit Ketten beladen, folgten ihm. Er ließ alle möglichen qualvollen Peinen für seine Opfer vorbereiten und setzte zum Entsetzen der Stadt den Vollzug des Henkerwerkes auf den nächsten Tag fest. Sobald dies dem Martinus zu Ohren kam, eilte er kurz vor Mitternacht allein zum Palaste jenes Unmenschen. Alles ruhte in der Stille der Nacht in tiefem Schlafe. Alle Tore waren geschlossen, kein Zugang stand offen. Da warf sich Martinus vor der bluttriefenden Schwelle nieder. Avitianus lag also unterdessen in tiefem Schlafe. Da schreckte ihn ein Engel auf, der plötzlich vor ihm stand und sagte: „Der Diener Gottes liegt vor deiner Schwelle und du kannst dich der Ruhe überlassen?“ Verwirrt sprang er bei diesen Worten rasch aus dem Bette, rief seine Diener herbei und erklärte zitternd, Martinus sei vor der Türe, sie sollten eilen und das Tor öffnen, damit der Diener Gottes keine Unbill erleide. Allein jene taten, wie es gewöhnlich Diener machen: sie traten kaum etwas über die Türschwelle hinaus, dann lachten sie über ihren Herrn, daß er sich durch einen Traum habe täuschen lassen; sie stellten in Abrede, daß jemand draußen sei; legte ihnen doch ihre Veranlagung die Vermutung nahe, bei Nacht könne niemand wachen; noch viel weniger konnten sie glauben, daß ein Bischof in einer so unfreundlichen Nacht vor einer fremden Türe liege. Dem Avitianus leuchtete das auch sofort ein. Wieder sank er in Schlaf. Aber bald wurde er noch heftiger wieder aufgerüttelt. Er rief, Martinus müsse vor der Türe stehen; deshalb könne er an Leib und Seele keine Ruhe finden. Da die Diener zögerten, ging er selbst bis zum äußeren Tore. Dort traf er Martinus, wie er geahnt hatte. Ganz erschüttert durch den Erweis solcher Tugend, fragte der Elende: „Herr, warum tatest du mir das? Du brauchst kein Wort zu sagen, ich weiß schon, was du wünschest, ich sehe klar, was du verlangst. Geh so rasch du kannst fort von hier, auf daß der Zorn des Himmels mich nicht verzehre ob der Unbill, die du erlitten hast. Genug habe ich wohl bis jetzt gebüßt. Glaube nur, daß es mich nicht leicht angekommen ist, selbst herauszukommen“. Nachdem der Heilige weggegangen war, rief Avitianus seine Beamten zusammen, befahl, alle Gefangenen freizulassen und reiste bald nachher selbst ab. Jetzt kehrte Freude und Freiheit in die Stadt zurück, da Avitianus vertrieben war.

Diesen Vorfall haben viele aus dem Munde des Avitianus selbst vernommen. Erst vor kurzem hat davon auch der Priester Refrigerius, den ihr hier vor euch sehet, von dem glaubenstreuen früheren Tribun Dagri-dus gehört; bei der Majestät Gottes schwur dieser, daß es ihm Avitianus selbst mitgeteilt habe. Übrigens soll es euch nicht wundern, daß ich heute tue, was ich gestern unterlassen habe, daß ich nämlich bei den einzelnen Wundertaten immer die Namen der Zeugen und die Personen erwähne. Wenn einer nicht glauben will, so kann er sich an diese wenden, da sie ja noch am Leben sind. Dazu zwingt mich der Unglaube vieler, die zu manchem, was gestern erzählt wurde, zweifelnd den Kopf schütteln sollen. Diese mögen sich an die noch lebenden Zeugen halten; ihnen werden sie wohl eher Glauben schenken, wenn sie an meiner Zuverlässigkeit zweifeln. Doch sind sie wirklich derart mißtrauisch, dann werden sie meiner Ansicht nach auch jenen keinen Glauben schenken. Ich muß mich wundern, wie jemand, der auch nur einen Funken frommen Gefühls hat, sich auf ein so verabscheuungswürdiges Verbrechen einlassen kann, zu glauben, daß jemand über Martinus Unwahres berichten könne. Ferne sei von jedem, der ein gottes-fürchtiges Leben führt, so ein Verdacht. Martinus ist ja auch nicht auf Lügenberichte angewiesen. Christus, sei du Bürge für die Wahrheit meiner ganzen Erzählung, daß ich nichts anderes erzählt habe und nichts anderes erzählen werde, als was ich selbst gesehen oder von zuverlässigen Zeugen, oft auch aus seinem eigenen Munde, vernommen habe. Ich habe zwar die Form des Dialoges gewählt, um die Langweile zu verscheuchen und beim Lesen Abwechslung zu bieten; aber ich erkläre feierlich, nur geschichtliche Wahrheit will ich gewissenhaft zur Darstellung bringen. Der Unglaube mancher nötigt mich zu meinem großen Schmerze, diese Bemerkung hier einzufügen, obwohl sie nicht zur Sache gehört. Doch nun möge die Erzählung zu unserm Freundeskreise zurückkehren. Da erblicke ich so aufmerksam lauschende Zuhörer. Ich muß mich daher mit dem entschiedenen Auftreten Apers einverstanden erklären, daß er den Nörglern die Türe wies und dahin entschied, daß nur solche zuhören dürfen, die Glauben schenken.

Glaubt mir, ich komme in leidenschaftliche Erregung, der Schmerz macht mich wie toll: Christen schenken den Wundertaten des Martinus keinen Glauben, aber Dämonen anerkennen sie!

Das Kloster des Heiligen lag zwei Meilen von der Stadt. So oft Martinus den Fuß über die Schwelle seiner Zelle setzte, um zur Kirche zu gehen, bot sich ein merkwürdiges Schauspiel: in der ganzen Kirche stöhnten die Besessenen und zitterten wie Menschen, die den Richter kommen sehen und ihre Verurteilung befürchten müssen. Das Ächzen der Dämonen zeigte so den Klerikern das Eintreffen des Bischofs an, auch wenn sie von seiner Ankunft nichts wußten. Ich sah, wie beim Nahen des Martinus einer in die Luft gehoben wurde und mit ausgebreiteten Armen in der Höhe schwebte, so daß er den Boden mit seinen Füßen gar nicht berührte. Wenn Martinus es auf sich nahm, einen bösen Geist zu beschwören, berührte er keinen Besessenen mit der Hand und schalt keinen aus, wie es häufig Kleriker machen, die dabei eine ganze Flut von Redensarten ergießen; er nahm vielmehr die Besessenen beiseite, hieß die andern fortgehen, schloß die Türe, zog ein Bußgewand an, bestreute sich mit Asche, warf sich in der Mitte der Kirche auf den Boden nieder und betete. Da hätte man sehen können, wie sich bei den Bedauernswerten die Qualen verschiedentlich äußerten. Die einen wurden in die Luft gehoben, mit den Füßen nach oben, als ob sie aus einer Wolke herunterhingen, doch fielen dabei die Kleider nicht gegen das Angesicht herab, damit das Schamgefühl durch den Anblick des nackten Körpers nicht verletzt werde. Man konnte hören, wie andere, ohne gefragt zu sein, sich gequält fühlten und ihre Vergehen bekannten. Auch gaben sie ungefragt ihre Namen an, der eine bekannte sich als Jupiter, der andere als Merkur. Schließlich wurden alle Helfershelfer Satans samt ihrem Meister gepeinigt. Auf diese Weise ging schon an Martinus offenbar jenes Wort der Schrift in Erfüllung: „Die Heiligen werden Richter der Engel sein“.

Ein Gau im Senonengebiet wurde Jahr für Jahr schwer vom Hagel heimgesucht. Von der äußersten Not getrieben, wandten sich die Bewohner an Martinus um Hilfe. Sie schickten an Martinus einen zuverlässigen Boten in der Person des früheren Präfekten Auspicius, dessen Ländereien das Unwetter jedesmal besonders stark heimsuchte, ärger als die der andern. Martinus verrichtete an Ort und Stelle Gebete und befreite jene ganze Gegend so gründlich von der drohenden Geißel, daß alle die zwanzig Jahre, die er nachher noch am Leben war, niemand dort unter einem Hagelwetter zu leiden hatte. Damit man nicht meine, das sei Zufall und nicht dem Martinus zu verdanken, brach in seinem Todesjahre wiederum aufs neue ein Unwetter herein. So bekam auch die Welt das Ableben des Gottesmannes zu fühlen; wie sie mit Fug und Recht sich über sein Leben freuen durfte, so sollte sie auch seinen Tod betrauern müssen. Falls ein Zuhörer, schwach im Glauben, auch noch einen Zeugenbeweis für diese Erzählung verlangen wollte, so kann ich nicht bloß einen, nein viele tausend vorführen; das ganze Senonengebiet kann ich zum Zeugnis aufrufen für die Wunderkraft, die es an sich erfahren durfte. Du Priester Refrigerius erinnerst dich wohl noch daran, wie wir kürzlich darüber mit Romulus, dem Sohne jenes Auspicius, sprachen, einem hochgestellten, frommen Manne. Als er uns dies erzählte, war es uns noch nicht bekannt. Da Romulus wegen des bisher immer eingetretenen Schadens um die künftige Ernte in Sorge war, empfand er, wie du selbst sehen konntest, großen Schmerz darüber, daß Martinus nicht bis in unsere Tage am Leben geblieben ist.

Doch ich will zu Avitianus zurückkehren. Während dieser Mann sonst an allen andern Orten und in allen Städten Zeichen seiner unerhörten Grausamkeit zurückließ, konnte man ihm allein den Bewohnern von Tours gegenüber keinen Vorwurf machen. Jene Bestie, die sich von Menschenblut und vom Hinmorden Unglücklicher nährte, zeigte sich sanft und ruhig in Gegenwart des heiligen Mannes. Ich erinnere mich, daß Martinus eines Tags zu ihm kam. Als er in sein Amtszimmer trat, sah er auf seinem Rücken einen erstaunlich großen Dämon sitzen. Martinus hauchte diesen von der Ferne an — ich muß mich hier notwendig eines Wortes bedienen, das nicht gut lateinisch ist. Avitianus meinte, er werde angehaucht und sprach: „Heiliger Mann, warum tust du mir das an?“ Darauf entgegnete Martinus: „Nicht dir galt es, sondern dem Garstigen, der dir auf dem Nacken sitzt.“ Jetzt wich der Teufel und verließ den liebgewonnenen Platz. Es ist allgemein bekannt, daß Avitianus von diesem Tag an milder ward, sei es weil er erkannte, er habe immer nur dem Willen des Teufels gefolgt, der ihn beherrschte, sei es weil der unreine Geist, durch Martinus von seinem Sitze vertrieben, die Macht einbüßte, weiter sein Unwesen zu treiben: der Knecht schämte sich ja seines Herrn, und der Herr setzte dem Knechte nicht mehr zu.

In dem Ort Ambatia, einem alten Kastell, das jetzt von einer zahlreichen Brüderschar bewohnt wird, stand, wie ihr wißt, ein großartig angelegter Götzentempel. Der wuchtige Bau, aus fein behauenen Steinen gefügt, reckte sich turmartig in die Höhe. Oben hatte er eine thronförmige Gestalt. Er war mit seiner Pracht ein Bollwerk des Heidentums in jener Gegend. Öfter hatte der heilige Mann dem dort ansässigen Priester Marcellus aufgetragen, den Tempel zu zerstören. Später kam er wieder dorthin. Er tadelte den Priester, daß der Götzentempel immer noch dastehe. Dieser entschuldigte sich damit, selbst ein militärisches Aufgebot und die vereinte Anstrengung vieler staatlichen Arbeiter vermöchte es kaum, einen so gewaltigen Bau abzubrechen, noch viel weniger dürfte er leichthin glauben, schwache Kleriker oder kraftlose Mönche hätten dies zu Werke bringen können. Jetzt nahm Martinus die Zuflucht zu seinen gewöhnlichen Hilfsmitteln, er verbrachte die ganze Nacht wachend im Gebete: früh morgens brach ein Sturm los und legte den Götzentempel bis auf die Grundmauern nieder. Für das Gesagte ist Marcellus Zeuge.

Jetzt will ich ein anderes, nicht unähnliches Wunderwerk erzählen, das sich bei einer ähnlichen Veranlassung zugetragen hat; Refrigerius verbürgt die Wahrheit. Martinus traf Anstalten, eine riesige Säule, auf der ein Götzenbild stand, zu zertrümmern; doch sah er keine Möglichkeit, den Plan zur Ausführung zu bringen. So nahm er jetzt nach seiner Gewohnheit seine Zuflucht zum Gebete. Da sah man ganz deutlich, wie eine fast gleich große Säule vom Himmel herabstürzte; sie stieß auf das Götzenbild und zermalmte den ganzen unzerstörbaren Koloß zu Staub. Das wäre freilich kein so großes Wunder, wenn die Kräfte des Himmels sich nur in unsichtbarer Weise in den Dienst des Martinus gestellt hätten; allein man konnte auch mit leiblichem Auge schauen, wie sie ihm sichtbar zu Diensten waren. Derselbe Refrigerius kann mir auch bezeugen, wie ein blutflüssiges Weib gleich dem Weib im Evangelium das Gewand des Martinus berührte und sofort geheilt wurde.

Eine Schlange durchfurchte das Wasser und schwamm dem Ufer zu, auf dem wir standen. Da sprach Martinus: „Im Namen Gottes befehl ich dir, kehr um.“ Sofort drehte sich das gefährliche Tier auf das Wort des Heiligen um und schwamm vor unseren Augen auf das andere Ufer hinüber. Während wir alle diesen wunderbaren Vorgang beobachteten, seufzte Martinus tief und sagte: „Die Schlangen hören auf mich, die Menschen aber nicht.“

Martinus war gewohnt, in den Ostertagen einen Fisch zu essen. Kurz vor der Essenszeit fragte er, ob einer zugerichtet wäre. Da erklärte ihm der Diakon Cato, dem die Verwaltung des Klosters oblag und der sich selbst aufs Fischen verstand, er habe den ganzen Tag über keinen glücklichen Fang getan, aber auch die anderen Fischer, die ihre Beute zu verkaufen pflegten, hätten nichts gefangen. Da sprach Martinus: „Geh, wirf dein Netz aus, der Fang wird gelingen.“ Unsere Zellen lagen, wie es unser Sulpicius beschrieben hat, neben dem Flusse. Wir gingen alle, da es Feiertag war, hinaus, ihm beim Fischen zuzusehen und erwarteten voll Spannung, daß der Versuch nicht mißlingen werde, wenn Martinus für sich selbst einen Fisch fangen lasse. Gleich beim ersten Auswerfen zog der Diakon im kleinen Netz einen riesigen Salm heraus. Freudestrahlend lief er zum Kloster zurück, gerade wie ein Dichter sagt, ich weiß nicht mehr welcher — ich zitiere einen Schulvers, spreche ich ja unter gebildeten Männern —.zum Staunen von Argos brachte er das erbeutete Wildschwein daher. Martinus war in der Tat ein Schuler Christi, er eiferte den Wundern nach, die der Heiland zum Vorbild für seine Heiligen wirkte. Er zeigte so, daß Christus in ihm wirksam war. Christus wollte ja seinen Heiligen auf alle Weise verherrlichen und vereinigte deshalb verschiedene Gnadengaben in einer Person. Der Expräfekt Arborius bezeugt, er habe gesehen, wie die Hand des Martinus, als er das Meßopfer darbrachte, gleichsam mit herrlichen Perlen geziert war und im Purpurlichte schimmerte; er habe die Perlen aneinanderstoßen hören, so oft sich seine Hand bewegte.

Ich komme zu einem Ereignis, das Martinus wegen der damaligen traurigen Zustände immer verheimlichte, aber vor uns nicht verbergen konnte. Bei dieser Erzählung ist das wunderbar, daß ein Engel mit ihm von Angesicht zu Angesicht redete. Der Kaiser Maximus war sonst sicherlich ein guter Mann, aber Bischöfe hatten ihn durch ihre Ratschläge auf verkehrte Wege gebracht. Nach der Hinrichtung des Priscillian schützte er den Ankläger des Priscillian, den Bischof Ithacius, samt dessen Gesinnungsgenossen, die ich nicht zu nennen brauche, mit seinem kaiserlichen Arme. So sollte diesem niemand das Verbrechen zur Last legen können, daß auf sein Betreiben hin ein Mann von solchem Rufe verurteilt worden sei. Unterdessen nötigten viele schwere Anliegen von andern Bedrängten Martinus, zu Hof zu gehen. Er kam da mitten in den Sturm des ganzen Unwetters. Die in Trier versammelten Bischöfe verweilten dort längere Zeit; sie verkehrten täglich mit Ithacius und machten gemeinschaftliche Sache miteinander. Als sie unerwartet die Nachricht traf, Martinus sei angekommen, sank ihr Mut ganz und gar; ängstliche Bedenken stiegen in ihnen auf und Furcht be-schlich sie. Der Kaiser hatte schon tags zuvor auf ihren Rat hin beschlossen, Beamte mit unbeschränkter Vollmacht nach Spanien zu schicken, um die Häretiker aufzuspüren, sie zu verhaften und ihnen Leben und Besitz zu nehmen. Dieser Sturm mußte sicher auch die zahlreiche Schar der Mönche vernichtend treffen; man machte ja kaum einen Unterschied zwischen den einzelnen Menschenklassen; man urteilte damals nur nach dem Augenscheine, so daß einer mehr wegen seines bleichen Aussehens und seiner Kleidung als wegen seines Glaubens für einen Häretiker gehalten wurde. Die Bischöfe fühlten wohl, daß dies ihr Vorgehen von Martinus nicht gebilligt werde; bei ihrem schlechten Gewissen befiel sie die drückende Angst, er möchte nach seiner Ankunft sich vor dem Verkehre mit ihnen hüten; es gäbe dann sicher Leute, die an der Festigkeit eines solchen Mannes sich ein Vorbild nähmen. Sie hielten mit dem Kaiser Rat. Es wurde beschlossen, Martinus Hofbeamte entgegenzusenden; diese sollten ihm verbieten, sich der Stadt zu nähern, außer er gäbe die Versicherung, daß er mit den dort versammelten Bischöfen Frieden halten wolle. Martinus täuschte sie in kluger Weise und sagte, er werde im Frieden Christi kommen. Schließlich betrat er bei Nacht die Stadt und begab sich in die Kirche, nur um zu beten. Anderen Tages ging er in den Palast. Unter vielen anderen Bitten, deren Aufzählung zu weit führen würde, wollte er folgende dem Kaiser vortragen: er wollte um Gnade bitten für den Comes Narses und den Präses Leucadius. Beide waren Anhänger Gratians gewesen und hatten durch ihre leidenschaftliche Parteinahme den Zorn des Siegers auf sich geladen, was ich jetzt nicht weiter ausführen kann. Vor allem wollte er darum bitten, daß keine Beamten mit der Befugnis über Leben und Tod nach Spanien geschickt werden sollten. Martinus nämlich war in seiner Liebe ängstlich dafür besorgt, nicht bloß die Christen, die bei dieser Gelegenheit zu leiden hatten, sondern auch die Häretiker zu befreien. Allein am ersten und am folgenden Tage hielt der schlaue Kaiser den heiligen Mann hin, sei es um der Angelegenheit mehr Gewicht zu verleihen, sei es weil er seinen hartnäckigen Gegnern nicht verzeihen wollte, sei es weil er, wie die meisten damals annahmen, aus Habsucht widerstand, da ihn nach ihren Besitzungen gelüstete. Man sagt ja, daß er sich allzu wenig von der Habsucht freigehalten habe, obwohl er sonst viele guten Eigenschaften aufweisen konnte; dabei muß man vielleicht die Not des Reiches als Entschuldigung dafür gelten lassen, daß er bei jeder Gelegenheit Hilfsquellen für seine Herrschaft erschloß. Die früheren Herrscher hatten ja mit dem Staatsschatz völlig abgewirtschaftet, und er hatte beinahe immer Bürgerkiege zu gewärtigen und mußte dafür gerüstet sein.

Die Bischöfe, mit denen Martinus keine Gemeinschaft haben wollte, eilten nun voll Angst zum Kaiser und beschwerten sich darüber, daß sie schon zum voraus verurteilt seien; es sei um ihrer aller Stellung geschehen, wenn das Ansehen des Martinus dem hartnäckigen Theognitus, der allein sie öffentlich durch seine Stellungnahme gebrandmarkt hatte, Waffen in die Hand drücke; man hätte diesen Menschen nicht in die Stadt einlassen sollen; er sei nicht bloß Verteidiger der Häretiker, vielmehr schon ihr Rächer! nichts sei durch den Tod des Priscillian erreicht, wenn Martinus die Rache für ihn übernähme. Zuletzt fielen sie mit weinerlichem Gejammer auf die Kniee und riefen die Macht des Kaisers an, er möge sie gegen diesen einen Menschen mit seiner Macht schützen. Wirklich hätte nicht viel gefehlt und der Kaiser hätte sich dazu bringen lassen, Martinus in das Schicksal der Häretiker mit hineinzuziehen. Indes, trotz seiner allzu willfährigen Nachgiebigkeit gegenüber den Bischöfen wußte er doch ganz wohl, daß Martinus an Glauben, Heiligkeit und Tugend alle Sterblichen übertraf. Er suchte darum auf einem anderen Wege den Heiligen umzustimmen. Zuerst ließ er ihn ganz im Geheimen kommen und redete ihm freundlich zu: die Häretiker seien mit Recht verurteilt worden, mehr durch das hergebrachte, öffentliche Gerichtsverfahren, als infolge der feindseligen Haltung der Bischöfe. Martinus habe keinen Grund, ein Zusammengehen mit Ithacius und dessen Anhängern zu verdammen; Theognitus habe mehr aus Haß, denn aus wohlberechtigtem Grunde das Zerwürfnis herbeigeführt; er sei auch der einzige, der inzwischen die Gemeinschaft aufgegeben habe; die übrigen hätten keine Änderung eintreten lassen. Ja wenige Tage vorher hatte sich die Synode dahin ausgesprochen, Ithacius sei ohne Schuld. Diese Gründe machten auf Martinus wenig Eindruck. Da entbrannte der Kaiser in heftigem Zorn; er ließ Martinus stehen und ging rasch davon. Darauf wurden die Häscher ausgesandt nach denen, für die Martinus Fürbitte eingelegt hatte.

Sobald Martinus das erfahren hatte, eilte er noch zur Nachtzeit rasch in den Palast. Er versprach, die Gemeinschaft wieder aufzunehmen für den Fall, daß Schonung gewährt würde und auch die Tribunen zurückgerufen würden, die schon nach Spanien zum Verderben der dortigen Kirchengemeinden abgegangen waren. Maximus gewährte unverzüglich alles. Auf den folgenden Tag war die Weihe des Bischofs Felix anberaumt. Dieser wahrhaft heilige Mann hätte verdient, in besseren Zeiten Bischof zu werden. An diesem Tage trat Martinus in Gemeinschaft mit den Bischöfen; er hielt es für besser, für kurze Zeit nachzugeben, als die ihrem Schicksal zu überlassen, über deren Nacken schon das Schwert schwebte. Indes, so sehr auch die Bischöfe in ihn drangen, jene Gemeinschaft mit seiner Unterschrift zu bekräftigen, hierzu ließ er sich nicht bewegen. Anderen Tages brach er rasch auf. Während der Heimreise seufzte er voll Betrübnis darüber, daß er, wenn auch nur kurze Zeit, sich in eine so verderbliche Gemeinschaft eingelassen habe. Es war nicht weit von dem Orte, der Andethanna heißt; hier führte der Weg durch endlose Waldeinsamkeiten. Martinus setzte sich nieder, seine Begleiter waren etwas vorausgegangen; er dachte über die Ursache des betrübenden Vorkommnisses nach; bald warfen ihm seine Gedanken Schuld vor, bald sprachen sie ihn frei. Plötzlich stand ein Engel vor ihm und sprach: „Martinus, mit Recht verurteilen dich Gewissensbisse; allein es gab für dich keinen anderen Ausweg. Fasse wieder Mut, werde wieder fest, sonst kommt nicht deine Ehre, sondern dein Seelenheil in Gefahr.“ Von jener Zeit an hütete er sich sehr, sich je wieder in weitere Gemeinschaft mit der Partei des Ithacius einzulassen. Doch da er einige Besessene langsamer als sonst und mit geringerer Wunderkraft geheilt hatte, bekannte er uns öfter mit Tränen, wegen jener verderblichen Gemeinschaft, zu der er sich für einen Augenblick aus Not, nicht aus Überzeugung herbeigelassen habe, fühle er eine Verringerung der Wunderkraft. Sechzehn Jahre lebte er noch nachher; er nahm an keiner Synode mehr teil und hielt sich von jeder Zusammenkunft der Bischöfe fern.

Die Wundergnade, die eine Zeitlang abgenommen hatte, kam ihm jedoch in doppelter Fülle wieder. Ich konnte mich davon überzeugen, denn ich sah nachher, wie „ein Besessener, den man zur hinteren Pforte des Klosters führte, geheilt wurde, noch ehe er die Schwelle betrat. Vor kurzem hörte ich jemand versichern, daß plötzlich, als er auf dem tyrrhenischen Meer mit dem Kurse nach Rom fuhr, ein Wirbelsturm losgebrochen sei und alle in größte Lebensgefahr gekommen seien. Währenddessen habe ein Kaufmann, ein Ägyptier, der noch nicht Christ war, mit lauter Stimme gerufen: „Gott des Martinus, rette uns“; sofort habe sich der Sturm gelegt, und sie hätten bei ganz ruhiger See den gewünschten Kurs einhalten können.

Die Familie des früheren Vicarius Lycontius, eines gläubigen Mannes, war arg von einer Seuche betroffen; im ganzen Hause lagen Kranke, wie es bei einer so unerhörten Heimsuchung ergeht. Lycontius bat Martinus brieflich um Hilfe. Der heilige Mann war sich klar, daß er nur schwer Erhörung finden werde; denn er fühlte im Geiste, daß jenes Haus von Gott gestraft werde. Dennoch betete und fastete er sieben Tage und Nächte ununterbrochen und hörte nicht eher auf, als bis er erlangte, was zu erbitten er auf sich genommen hatte. Nachdem Lycontius die Güte Gottes an sich erfahren hatte, eilte er zu Martinus, um seinen Dank zu überbringen und zugleich zu melden, daß sein Haus von jeder Gefahr befreit sei. Er bot auch hundert Pfund Silber an; der Heilige wies sie weder zurück noch nahm er sie an, sondern bestimmte diese Summe, noch bevor sie über die Schwelle des Klosters gekommen war, sofort für die Loskaufung von Gefangenen. Als ihm die Brüder nahelegten, er möge etwas davon für die Bedürfnisse des Klosters zurückbehalten, da der Unterhalt für alle karg bemessen sei und es vielen an Kleidern fehle, antwortete er: „Uns mag die Kirche nähren und kleiden, wenn wir nur nicht den Anschein erwecken, als hätten wir etwas für unseren Gebrauch gesucht.“

Bei dieser Gelegenheit kommen meine Gedanken auf große Wunder jenes heiligen Mannes, die wir leichter bewundern als erzählen können. Ihr gebet gewiß zu, wenn ich sage: vieles ist an ihm, was sich nicht schildern läßt. Derart ist jenes Ereignis, das ich kaum so erzählen kann, wie es sich zugetragen hat. Einer der Brüder, der euch bekannt ist, dessen Person ich aber verheimlichen muß, um nicht einem gottgeweihten Manne Schimpf anzutun — dieser also fand beim Kamine des Martinus ein Häuflein Kohlen, rückte seinen Stuhl hin, spreizte die Beine auseinander und saß mit entblößtem Unterleib über jenem Feuer. Da merkte Martinus sofort, daß der gottgeheiligte Raum entehrt werde. Laut rief er aus: „Wer befleckt mit entblößtem Leib unseren Wohnraum?“ Sobald das der Bruder hörte und sein Gewissen ihm sagte, der Tadel gelte ihm, eilte er sogleich ganz außer Atem zu mir und gestand seine Schande ein. Martinus hatte dies durch seine Wunderkraft bewirkt.

Eines Tags saß Martinus in dem kleinen Hofraum, der seine Zelle umschloß, auf dem hölzernen Stuhle, der euch wohlbekannt ist. Da sah er, wie zwei Dämonen auf den hohen Felsen traten, der das Kloster überragte; von dort riefen sie in ausgelassener Lust wie um aufzumuntern: „He da, Brictio, voran Brictio.“ Ich glaube, sie sahen von ferne, wie jener Arme sich näherte und wußten wohl, welche Wut sie in ihm angefacht hatten. Nicht lange, und Brictio stürzte wütend daher; in seiner rasenden Tollheit überschüttete er Martinus mit einer Flut von Schimpfworten. Dieser hatte ihn nämlich tags zuvor ausgescholten. Brictio war im Kloster von Martinus aufgezogen worden. Bevor er Kleriker war, besaß er gar nichts; jetzt warf ihm Martinus vor, daß er Pferde halte und Sklaven aufkaufe. Ja viele beschuldigten ihn damals, daß er nicht bloß ausländische Sklaven, sondern auch hübsche Mädchen zusammengekauft habe. Infolge dieser Vorwürfe war dem Ärmsten in blinder Wut die Galle übergelaufen; dazu wurde er noch, ich bin davon überzeugt, ganz besonders von jenen Dämonen aufgestachelt. So ging er auf Martinus in einer Weise los, daß er sich kaum von Tätlichkeiten enthalten konnte. Der Heilige jedoch bewahrte seine friedliche Miene und sein ruhiges Gemüt, er suchte die Raserei des Unglücklichen durch sanfte Worte in Schranken zu halten. Allein in jenem hatte der Geist der Bosheit schon so sehr die Oberhand gewonnen, daß er die Herrschaft über sein freilich willensschwaches Gemüt verlor; seine Lippen zitterten, er wechselte die Gesichtsfarbe; blaß vor Wut stieß er gottlose Worte hervor. Er sagte, ihm käme größere Heiligkeit zu, er sei von Kindheit an im Kloster und in heiliger Kirchenzucht unter der Leitung des Martinus herangewachsen; Martinus aber habe sich in der ersten Zeit, was er nicht in Abrede stellen könne, durch sein Soldatenleben befleckt, und bei seinem törichten Aberglauben und seinen eingebildeten Gesichten sei er in lächerlichem Firlefanz alt geworden. Nachdem er aber derartige und noch andere bissige Äußerungen, die ich besser verschweige, gleichsam ausgespuckt und so seine Wut gekühlt hatte, machte er sich endlich wie einer, der seinen Rachedurst gestillt hat, eilenden Schrittes auf demselben Wege, den er gekommen war, wieder davon. Inzwischen hatte jedenfalls das Gebet des Martinus die Dämonen von seinem Herzen verjagt; zur Reue gestimmt, kehrte er bald um, warf sich Martinus zu Füßen, bat um Verzeihung, bekannte seine Verirrung und gab, endlich wieder vernünftig geworden, zu, daß der Teufel ihn beherrscht habe. Er hatte keine schwere Mühe, bei Martinus Verzeihung zu erwirken. Hierauf erzählte der Heilige ihm und uns allen, wie er gesehen habe, daß Dämonen jenen aufgestachelt hatten; Schmähreden machten keinen Eindruck auf ihn, sie hätten mehr dem Schaden zugefügt, aus dessen Munde sie gekommen seien. In der Folgezeit wurden demselben Brictio bei Martinus oft viele und schwere Vergehen zur Last gelegt; trotzdem ließ er sich nicht dazu bestimmen, ihn seiner priesterlichen Würde zu berauben, um nicht den Anschein zu erwecken, als ahnde er dabei die ihm zugefügten Unbilden; häufig äußerte er sich dann: „Wenn Christus den Judas geduldig ertragen hat, warum sollte ich den Brictio nicht ebenso ertragen?“

Darauf sagte Postumianus: „Dieses Beispiel möge jenem in unserer Nachbarschaft zu Ohren kommen. Er ist zwar ein kluger Mann, der sich nicht um die Gegenwart, nicht um die Zukunft kümmert, aber wenn er beleidigt worden ist, gerät er so in Wut, daß er die Herrschaft über sich selbst verliert: er wütet dann gegen die Kleriker, tobt gegen die Laien und bringt die ganze Welt in Aufregung, um sich Rache zu verschaffen. Schon drei Jahre ist er immer mit dieser Streitsucht behaftet, und weder Zeit noch Vernunft bringen ihn zur Ruhe. Zu bedauern und zu bejammern ist das Los eines Menschen, der unter der Geißel auch nur dieses einen unheilbaren Übels zu leiden hat. Gallus, du hättest ihm öfter diese Beispiele der Geduld und Seelenruhe vorhalten sollen, damit er verlerne, zornig zu sein, und lerne, zu verzeihen. Sollte es vielleicht zu seiner Kenntnis kommen, daß diese kurze, eingeflochtene Äußerung auf ihn gemünzt ist, so möge er wissen, daß ich nicht so sehr mit dem Mund eines Feindes, als mit dem Herzen eines Freundes gesprochen habe. Denn läge es im Bereiche der Möglichkeit, so wollte ich wünschen, daß man ihm eher Ähnlichkeit mit dem Bischof Martinus, als mit dem Tyrannen Phalaris nachsagen könnte. Doch, Gallus, verlassen wir diese Persönlichkeit, von der zu reden keine angenehme Sache ist, und kehren wir zu unserm Martinus zurück.“

Da ich bemerkte, wie die Sonne unterging und schon die Dämmerung anbrach, sagte ich: „Postumianus, der Tag ist zur Neige gegangen; wir müssen uns erheben; haben doch auch so aufmerksame Zuhörer ein Mahl verdient. Du darfst nicht erwarten, daß der Erzähler mit Martinus an ein Ende käme. Seine Persönlichkeit ist zu bedeutend, als daß sie sich in die Grenzen irgendwelcher Worte einzwängen ließe. Das, was du über diesen Mann gehört hast, magst du dem Orient überbringen. Den Namen und den Ruhm des Martinus sollst du unter den Völkern verbreiten, wenn du auf der Rückreise an den verschiedenen Küsten, Ortschaften, Häfen, Inseln und Städten vorbeikommst. Ganz besonders versäume nicht, Kampanien zu berühren; es liegt zwar weit abseits von deinem Reisewege, aber du darfst keinen Zeitverlust zu hoch anschlagen, um dort Paulinus zu besuchen, den hochedlen und weltberühmten Mann. Lies ihm zuerst das Büchlein vor mit dem Bericht über unsere gestrige und heutige Unterredung; erzähl ihm alles, trage ihm alles vor, damit durch ihn bald Rom die Vorzüge des heiligen Mannes kennen lerne; er hat ja auch unser erstes Büchlein nicht nur in Italien, sondern auch in ganz Illyrien verbreitet. Er neidet dem Martinus seinen Ruhm nicht; er weiß dessen heilige Tugendgröße in Christus fromm zu würdigen; er wird also nicht anstehen, unseren Oberhirten mit seinem Felix auf eine Stufe zu stellen. Wenn du von dort vielleicht nach Afrika übersetzest, wirst du das Gehörte in Karthago erzählen; wenn auch der Heilige deiner Aussage zufolge dort schon bekannt ist, so soll jene Stadt besonders von ihm jetzt noch mehr erfahren, damit sie nicht allein zu ihrem Märtyrer Cyprian in Bewunderung aufschaue, wenngleich dieser sie durch sein heiliges Blut geheiligt hat. Wenn du dann nach links etwas abbiegend in den Busen von Achaia einläufst, dann möge Korinth, dann möge Athen erfahren, daß Plato in der Akademie nicht weiser, noch Sokrates im Kerker standhafter war. Griechenland verdient zwar glücklich gepriesen zu werden, weil es die Predigt eines Apostels hören durfte, aber die gallischen Lande wurden von Christus nicht stiefmütterlich behandelt, da er ihnen einen Martinus schenkte. Kommst du aber bis nach Ägypten, das so stolz ist auf die Zahl und Wunderkraft seiner Heiligen, so soll es doch nicht die Kunde verschmähen, daß Europa ihm, ja dem gesamten Asien in dem einen Martinus nicht nachsteht.

 

Schwellt dann wieder der Wind die Segel des Schiffes, wenn du von dort nach Jerusalem gelangen willst, so betraue ich dich mit einem für mich schmerzvollen Auftrage. Kommst du nämlich je an das Gestade des berühmten Ptolemais, dann forsche sorgfältig nach, wo unser Pomponius begraben liegt, und laß es dich nicht verdrießen, die in der Fremde beigesetzten Gebeine zu besuchen. Vergieße dort viele Tränen, wie es deine Freundschaft und auch mein Herz erheischt, streue dort auf den Boden Purpurblumen und wohlduftende Kräuter, ist dies auch eine eitle Gabe, In der Sprache des Mitgefühls magst du, jedoch nicht in hartem, herbem, vorwurfsvollem Ton, ihm sagen, hätte er einstmals immer auf dich oder auf mich hören wollen und den Martinus und nicht jenen, den ich nicht nennen will, zum Vorbild genommen, so würde er nicht so grausam von mir getrennt worden sein, und es würde ihn nicht eine unbekannte Sandbank decken; er teilt ja das Los eines schiffbrüchigen Seeräubers, er starb mitten auf dem Meer und fand gerade noch am Rande des Gestades ein Grab. Es mögen dies ihr Werk schauen alle, die mir Schaden zufügen wollten, um ihn zu rächen; sie mögen ihren Ruhm schauen und wenigstens jetzt, da ihr Rachedurst gestillt, ihr Wüten gegen mich einstellen.“

Während ich dabei mit schluchzender Stimme seufzte, füllten sich bei meinem Wehklagen aller Augen mit Tränen; wir gingen auseinander, das Herz voll Bewunderung für Martinus, aber auch ebenso mit bitterem Schmerze ob unserer Zähren.

 

 

 

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