Von den Todesarten der Verfolger

Von Laktanz (nach 317)

Widmung an Donatus.

Erhört hat der Herr deine Gebete, teuerster Donatus, die du täglich zu allen Stunden vor seinem Angesichte ergossest, sowie die Gebete unserer übrigen Brüder, die sich durch glorreiches Bekenntnis die immerwährende Krone für die Verdienste des Glaubens erworben haben. Siehe, nun sind alle Widersacher hinweggenommen, nun ist die Ruhe auf Erden wieder hergestellt; die unlängst zu Boden geschleuderte Kirche erhebt sich wieder, und in größerer Herrlichkeit wird der Tempel Gottes, den die Gottlosen umgestürzt hatten, durch die Barmherzigkeit des Herrn wieder aufgebaut. Denn Gott hat Herrscher auferweckt, welche die ruchlosen und blutigen Willkürbefehle der Gewaltherrscher abgeschafft und des menschlichen Geschlechtes sich angenommen haben, so daß nunmehr, gleich als hätte das Gewölk einer düsteren Zeit sich zerstreut, lieblicher und sonniger Friede alle Herzen erfreut. Nach den gewaltsamen Stürmen eines furchtbaren Ungewitters erstrahlt nun wieder sanfter Himmel und erwünschtes Licht. Durch ihre Bitten besänftigt, hat Gott seine Diener aus tiefer Drangsal durch himmlische Hilfe wieder aufgerichtet, hat die Verschwörung der Gottlosen zunichte gemacht und die Tränen der Trauernden abgewischt. Die wider Gott anstürmten, liegen darnieder; die den heiligen Tempel umgestürzt hatten, sind selbst in größerem Sturz zusammengesunken; die, welche die Gerechten zu Tode gequält, haben unter Schlägen von Gottes Hand in verdienten Qualen die schuldige Seele ausgehaucht. Zwar spät, aber schwer traf sie die Strafe und angemessen der Schuld. Denn Gott hatte ihre Züchtigung aufgeschoben, um an ihnen der Welt große und erstaunliche Beispiele zu zeigen, aus denen die späteren Geschlechter lernen sollten, daß es einen einzigen Gott gibt, der zugleich Richter ist und der gebührende Strafe über die gottlosen Verfolger verhängt. Von diesem Ausgang der Verfolger will ich nun Zeugnis ablegen, damit alle, die dem Schauplatz der Ereignisse ferne standen, oder die später zur Welt kommen werden, erfahren, auf welche Art der höchste Gott seine Macht und Majestät in der Ausrottung und Vernichtung der Feinde seines Namens gezeigt hat. Doch wird es zweckdienlich sein, wenn ich von der ersten Gründung der Kirche an die Verfolger aufführe, die sich wider die Kirche erhoben haben und der Strafen gedenke, mit denen die Strenge des himmlischen Richters sie heimgesucht hat.

Nero, 54—68.

In den letzten Zeiten des Kaisers Tiberius — so lesen wir in den hl. Schriften — ist unser Herr Jesus Christus von den Juden gekreuzigt worden, und zwar am 23. März unter dem Konsulate der beiden „Zwillingsbrüder“. Am dritten Tage stand er wieder von den Toten auf und sammelte die Jünger um sich, welche die Furcht vor seiner Gefangennehmung verscheucht hatte; und während der vierzig Tage, die er noch bei ihnen weilte, erschloß er ihnen das Verständnis und legte ihnen die Schriften aus, die ihnen bis dahin dunkel und verhüllt waren. Er gab ihnen Anordnung und Unterweisung zur Verkündigung seiner Glaubenslehre und gründete die unverbrüchliche Verfassung des Neuen Bundes. Nach Erfüllung dieser Aufgabe umhüllte ihn eine Sturmwolke, entrückte ihn den Augen der Menschen und führte ihn gen Himmel empor. Die Jünger deren damals elf waren, nahmen an Stelle Judas, des Verräters, Matthias und Paulus in ihre Zahl auf und zerstreuten sich über die ganze Erde, um das Evangelium zu verkünden, wie es ihnen ihr Herr und Meister geboten hatte. Und während der Zeit von fünfundzwanzig Jahren, bis zum Beginn der Herrschaft Neros, legten sie in allen Provinzen und Städten die Grundlagen der Kirche.

Als Nero bereits die Herrschaft führte, kam Petrus nach Rom, und durch eine Anzahl Wunder, die er in der Kraft Gottes, vermöge der ihm übertragenen Vollmacht wirkte, bekehrte er viele zur Gerechtigkeit und gründete dem Herrn einen zuverlässigen und dauerhaften Tempel. Die Sache wurde dem Nero hinterbracht, und da er wahrnahm, daß täglich nicht bloß in Rom, sondern überall sich eine große Menge vom Dienste der Götter abwandte und der neuen Religion sich anschloß, so brach er als arger und ruchloser Tyrann mit Ungestüm hervor, um den himmlischen Tempel zu zerstören und die Gerechtigkeit zu vernichten; und indem er als der erste von allen die Diener Gottes verfolgte, ließ er Petrus ans Kreuz schlagen, Paulus mit dem Schwerte töten. Doch ging es ihm nicht ungestraft hin; denn Gott schaute auf die Bedrängnis seines Volkes. Der zügellose Tyrann wurde der Herrschaft entsetzt und vom Gipfel der Macht herabgestürzt und war dann mit einemmale gänzlich verschwunden, so daß nicht einmal die Begräbnisstätte des Ungeheuers auf Erden zu finden war. Daraus entstand bei manchem der Aberglaube, daß Nero von der Erde hinweggenommen wurde und lebend aufbewahrt werde, um wie der erste, so auch der letzte Christenverfolger zu sein und dem Reiche des Antichrist voranzugehen gemäß der Weissagung der Sibylle, daß der flüchtige Muttermörder von den Enden der Erde kommen werde — was zu glauben nicht statthaft ist —; und wie die heiligen Schriftsteller verkünden, daß zwei Propheten lebend hinweggenommen wurden, um für die letzten Zeiten aufbewahrt zu werden, wenn Christus vor seiner heiligen und immerwährenden Herrschaft wieder kommen wird, so wähnen sie, daß auch Nero einst wieder kommen werde als Vorläufer und Vorbote des Teufels, wenn dieser zur Verwüstung der Erde und zur Ausrottung des menschlichen Geschlechtes erscheinen wird.

Domitian, 81—96.

Einige Jahre waren vergangen, da erhob sich ein anderer, nicht minder großer Tyrann, namens Domitian. Obwohl dieser eine verhaßte Herrschaft führte, so konnte er dennoch die längste Zeit den Untertanen auf dem Nacken sitzen und gefahrlos herrschen, bis er die ruchlose Hand wider den Herrn erhob. Nachdem er sich aber zur Verfolgung des gerechten Volkes auf Antrieb der Dämonen hatte verleiten lassen, da geriet er in die Hände seiner Feinde und verfiel der gerechten Strafe. Und es war der Rache noch nicht genug, daß er in seinem eigenen Palaste ermordert wurde; auch das Andenken seines Namens wurde ausgetilgt. Denn obschon er viele wunderbare Bauwerke geschaffen, das Kapitol und andere berühmte Denkmäler errichtet hatte, so verfolgte doch der Senat in dem Grade seinen Namen, daß er von seinen Bildnissen und Inschriften keine Spur mehr übrig ließ und durch eigene Beschlüsse ihn auch nach dem Tode noch brandmarkte zu immerwährender Schmach, Die Verordnungen des Tyrannen wurden aufgehoben und die Kirche nicht bloß im früheren Zustande wieder hergestellt, sondern sie blühte weit lebensvoller und herrlicher wieder auf; und in den folgenden Zeiten, in denen viele treffliche Herrscher das Steuerruder des römischen Reiches führten, streckte die Kirche, durch keinen feindlichen Anfall gestört, nach dem Osten und Westen ihre Arme aus, so daß bald kein Winkel der Erde mehr so entlegen war, wohin nicht die Religion Gottes gedrungen wäre; daß bald kein Volk mehr in so wilden Sitten lebte, daß es sich nicht durch die Annahme der wahren Gottesverehrung zu den Werken der Gerechtigkeit gesänftigt hätte. Hernach wurde freilich der lange Friede unterbrochen.

Decius, 249—251.

Nach Verlauf vieler Jahre trat ein verabscheuungswürdiges Ungeheuer auf, namens Decius, um die Kirche Gottes zu bedrängen. Denn wer sollte auch die Gerechtigkeit verfolgen außer ein Bösewicht? Und gerade als wäre er zu diesem Behufe zur kaiserlichen Würde erhoben worden, begann er alsbald wider Gott zu wüten, um alsbald gestürzt zu werden. Auf einem Heereszuge gegen die Karpen, die in Dazien und Mösien eingefallen waren, wurde er sogleich von den Barbaren umzingelt und mit einem großen Teile seines Heeres niedergemacht. Und nicht einmal die Ehre des Begräbnisses ward ihm zuteil, sondern beraubt und entblößt blieb er, wie es sich für einen Feind Gottes geziemte, den Raubtieren und Vögeln zum Fraße liegen.

Valerian, 253—260.

Nicht lange nachher streckte auch Valerian, von ähnlicher Wut ergriffen, die ruchlosen Hände wider Gott aus und vergoß in ganz kurzer Zeit eine Menge unschuldigen Blutes. Diesen suchte Gott mit einer neuen und ungewöhnlichen Art der Strafe heim. Er sollte späteren Geschlechtern zur Warnung dienen, daß die Widersacher Gottes immer den gebührenden Lohn für ihre Frevel empfangen. Er geriet in die Gefangenschaft der Perser und verlor nicht nur die Herrschaft, die er zügellos mißbraucht, sondern auch die Freiheit, die er anderen entrissen hatte, und führte in der Knechtschaft ein schimpfliches Leben. So oft nämlich der Perserkönig Sapor, der ihn gefangen genommen hatte, den Wagen oder das Roß besteigen wollte, mußte sich der Römer vor ihm niederkrümmen und ihm den Rücken darbieten; dann setzte ihm der König den Fuß auf den Nacken, indem er ihm unter Hohngelächter vorhielt, das sei die Wahrheit, nicht die Bilder, welche die Römer auf Tafeln und Wände malten. So lebte er, dem Hohn des Siegers verdientermaßen preisgegeben, eine geraume Zeit, damit der römische Name umso länger den Barbaren zu Spott und Gelächter diente. Und auch das kam ihm zur Strafe noch hinzu, daß er, der einen Kaiser zum Sohne hatte, für seine Gefangenschaft und äußerste Knechtschaft keinen Rächer fand, und daß überhaupt niemand seine Rückgabe verlangte. Nachdem er dann ein schimpfliches Leben in solcher Schmach geendigt hatte, wurde ihm die Haut abgezogen und mit roter Farbe getüncht, um im Tempel der barbarischen Götter zum Andenken an den herrlichsten Triumph aufbewahrt zu werden. Dort sollte ihr Anblick unseren Gesandten stets zur Warnung dienen, daß die Römer nicht allzusehr auf ihre Macht vertrauten, wenn sie die Haut des gefangenen Herrschers bei den persischen Göttern schauten. Nachdem nun Gott solche Strafen über die Frevler am Heiligtum verhängt hat, muß man sich da nicht wundern, wenn nachher sich noch jemand unterfangen hat, ich sage nicht, etwas zu tun, sondern auch nur zu denken wider die Majestät des alleinigen Gottes, der das Weltall lenkt und erhält?

Aurelian, 270—275.

Aurelian, dem Unüberlegtheit und Überstürzung von Natur aus eigen war, hatte wohl Valerians Gefangenschaft in Erinnerung, vergaß aber dessen Verbrechen und Strafe und reizte den Zorn Gottes durch grausame Taten. Allein es war ihm nicht einmal die Ausführung seiner Anschläge beschieden, sondern alsbald, noch in den ersten Anfängen seines Wütens, wurde er weggerafft. Noch waren seine bluttriefenden Erlasse nicht zu den entfernteren Provinzen gelangt, und schon lag er selbst zu Caenofrurium (Neuburg), einer Ortschaft in Thrazien, in seinem Blute. Wegen eines gewissen falschen Verdachtes hatten ihn die eigenen Freunde aus dem Wege geräumt. Bei so augenscheinlichen und zahlreichen Beispielen durfte man erwarten, daß sich die späteren Gewaltherrscher in Schranken hielten; aber diese ließen sich nicht nur nicht abschrecken, sondern traten nur umso dreister und vermessener wider Gott auf.

Diokletian, 284—305.

Diokletian, groß in Erfindung von Verbrechen und im Anstiften von Unheil, konnte bei dem allgemeinen Verderben, das er verbreitete, auch von Gott die Hand nicht zurückhalten. Zwei Eigenschaften wirkten bei ihm zusammen, um den Erdkreis zu verderben: seine Habsucht und seine Furchtsamkeit. Er teilte das gesamte Reich in vier Teile und nahm drei Mitregenten an. Die Heere wurden vervielfältigt; jeder trachtete, eine weit größere Anzahl Soldaten zu besitzen, als die früheren Herrscher zur Zeit der Alleinherrschaft gehabt hatten. So sehr stieg allmählich die Zahl der Empfänger über die Zahl der Geber, daß bei der Maßlosigkeit der Auflagen die Kräfte der Landleute sich erschöpften, die Ländereien verlassen wurden und die Saatfelder sich in Wald verwandelten. Und um alles mit Schrecken zu erfüllen, wurden auch die Provinzen in Stücke geteilt. Statthalter in Menge mit zahlreichen Unterbeamten übten den Druck ihrer Herrschaft aus über jedes Gebiet und fast schon über jede Stadt. Dazu kam noch eine Menge von Schatzmeistern, Verwaltungsbeamten, Unterbefehlshabern, und bei all diesen gab es gar selten Verhandlungen in bürgerlichen Rechtssachen, sondern nur Verurteilungen und Gütereinziehungen. Die Einforderungen unzähliger Dinge kehrten nicht bloß häufig wieder, sondern dauerten immerfort, und bei der Einhebung kam es zu unerträglichen Ungerechtigkeiten. Doch das hätte man noch ertragen können, was zum Unterhalt der Soldaten notwendig ist. Aber Diokletian wollte zugleich in unersättlicher Habsucht seine Schatzkammern nie vermindert sehen, sondern unaufhörlich raffte er auf außerordentlichem Wege Schätze und Gaben zusammen, um das, was er hinterlegt hatte, unversehrt und ungeschmälert zu bewahren. Durch mannigfache Ungerechtigkeiten hatte er eine ungeheure Teuerung hervorgerufen, und nun unternahm er es, den Preis der Lebensmittel durch Gesetz zu bestimmen. Jetzt kam es wegen geringfügiger und unbedeutender Dinge zu vielem Blutvergießen. Aus Furcht brachte man nichts Verkäufliches mehr auf den Markt, und die Teuerung nahm in weit schlimmerem Grade zu, bis die Notwendigkeit selbst das Gesetz nach dem Untergange vieler außer Gebrauch setzte. Zur Habsucht gesellte sich eine grenzenlose Baulust und eine nicht minder schrankenlose Ausplünderung der Provinzen, von denen Werkleute, Künstler, Lastwagen und alle Erfordernisse zur Herstellung der Bauten zu liefern waren. Hier gab es Gerichtshallen zu errichten, hier eine Rennbahn, hier eine Münzstätte, hier eine Waffenwerkstätte, hier ein Haus für die Gemahlin, hier für die Tochter. Plötzlich wurde ein großer Teil der Stadt Nikomedien niedergerissen. Alles wanderte mit Weib und Kind, als wäre die Stadt vom Feinde erobert. Und waren dann die Gebäude mit dem Untergang der Provinzen hergestellt, so hieß es: „Sie sind nicht recht ausgefallen, man muß sie anders machen“. So mußte man wieder niederreißen und ändern, was vielleicht wieder nicht Bestand haben sollte. Zu so törichtem Beginnen verleitete ihn immerfort das Streben, Nikomedien zur Größe der Stadt Rom zu erheben. Ich übergehe die Zahl derer, die um Besitz und Vermögen gekommen sind. Das war alltäglich und galt fast für erlaubt wegen der Gewöhnung an Übel. Aber das hatte Diokletian vor den übrigen voraus: Wo er immer ein wohlgepflegtes Stück Land oder ein schmuckvolleres Gebäude sah, da war für den Besitzer auch schon Anklage und Todesurteil bereit, als ob er nicht fremdes Gut ohne Blutvergießen hätte an sich reißen können.

Maximian, 285—305.

Diokletians Mitkaiser Maximian, mit dem Beinamen Herkulius, war ihm durchaus ähnlich. Sie hätten sonst nicht in so treuer Freundschaft zusammenhalten können, wenn nicht das gleiche Sinnen und Denken, das nämliche Wollen und Streben sie verbunden hätte. Nur darin unterschieden sie sich: bei Diokletian war die Habsucht und die Furchtsamkeit größer, Maximian war weniger habgierig und mehr entschlossen, freilich nicht zum Guten, sondern zum Schlimmen. Er hatte den Hauptsitz des Reiches, Italien, inne. Die wohlhabendsten Provinzen, Afrika und Spanien, lagen in seinem Machtbereiche. Darum war er nicht so sorgfältig in der Behütung der Schätze, die ihm in Fülle zu Gebote standen. Und trat einmal das Bedürfnis ein, so fehlte es nicht an sehr reichen Senatoren, die man durch bestellte Angeber des Trachtens nach der Herrschaft bezichtigen konnte, so daß der Senat in einem fort seiner hervorragendsten Mitglieder beraubt wurde. Der blutbefleckte kaiserliche Schatz floß von ungerecht erworbenen Reichtümern über. Und erst die Ausschweifung des unheilvollen Mannes! Sie trieb ihn nicht bloß zum Mißbrauch von Frauen, was Haß und Abscheu verdient, sondern auch zur Entehrung der Töchter der Vornehmsten. Wohin er immer den Weg nahm, da wurden die Jungfrauen aus den Armen der Eltern gerissen, um sogleich zur Verfügung zu sein. In diesen Dingen wähnte er sich glückselig, in diesen fand er das Glück der Herrschaft, wenn er seiner bösen Lust und Begierlichkeit nicht das Geringste versagte. — Den Konstantius übergehe ich. Er war den übrigen durchaus unähnlich und würdig, den Erdkreis allein zu beherrschen.

Galerius, 292—311.

Der andere Maximian, Galerius, den sich Diokletian zum Eidam erkoren hatte, übertraf an Schlechtigkeit nicht bloß diese beiden, die unser Zeitalter kennen gelernt hat, sondern die Bösen alle, die je gelebt haben. Es war in diesem Ungeheuer eine Barbarei, die ihm angeboren war, eine Wildheit, die dem römischen Blute fremd ist. Und kein Wunder; denn seine Mutter stammte vom jenseitigen Donauufer und hatte sich vor den Einfällen der Karpen über den Strom in das neue Dazien geflüchtet. Auch das Äußere des Galerius paßte zu den Sitten: eine hochgewachsene Gestalt, eine ungeheure Fleischfülle, die zu erschreckendem Umfang angeschwollen und aufgebläht war. Kurz, in Worten, Gebärden und Aussehen war er allen Gegenstand des Schreckens und Grauens. Auch sein Schwiegervater Diokletian fürchtete ihn über die Maßen, und dieser Furcht lag folgendes zugrunde: Der Perserkönig Narses, den die häuslichen Beispiele seines Großvaters Sapor nicht ruhen ließen, trachtete mit großer Heeresmacht nach dem Besitze des Orients. Diokletian, den jede Kriegsunruhe furchtsam und verzagt machte, und der zugleich das Schicksal Valerians fürchtete, wagte nicht, ihm entgegen zu ziehen, sondern schickte den Galerius über Armenien wider den Feind. Er selbst machte im Orient halt und wartete auf den Ausgang der Dinge. Die Perser haben die Gepflogenheit, mit all den Ihrigen ins Feld zu ziehen. Galerius legte sich in Hinterhalt, und es gelang ihm, die Barbaren, die dicht zusammengedrängt und durch den Troß gehindert waren, ohne große Schwierigkeit zu bewältigen. König Narses ergriff die Flucht. Galerius kehrte siegreich mit ungeheurer Beute zurück und brachte für sich den Stolz nach Hause und für Diokletian die Furcht. Denn von jenem Siege an erhob er sich zu solchem Dünkel, daß er bereits den Namen Cäsar verschmähte. Wenn er diese Bezeichnung in einem an ihn gerichteten Schreiben hörte, so schrie er mit grimmiger Miene und schrecklicher Stimme auf: Wie lange noch Cäsar? Von dieser Zeit an begann er sich aufs übermütigste zu benehmen. Wie ein zweiter Romulus wollte er als Sohn des Mars angesehen und benannt werden, und er wollte lieber seine Mutter Romula wegen Untreue in Verruf bringen, um nur selbst als Abkömmling der Götter zu erscheinen. Indes will ich einstweilen nicht von seinen Taten reden, um nicht die zeitliche Reihenfolge zu verwirren. Denn erst später, nachdem er den Namen Imperator erhalten und den Schwiegervater verdrängt hatte, begann er sich als Wüterich zu zeigen und über alle Schranken hinwegzusetzen. Obschon nun Diokles — so hieß er nämlich vor seiner Erhebung — durch solche Maßnahmen und solche Mitregenten den Staat zugrunde richtete, und obwohl er für seine Verbrechen jede Art von Strafe verdiente, so herrschte er doch so lange im höchsten Glücke, als er seine Hände nicht mit dem Blute der Gerechten befleckte. Die Ursache, die ihn zur Verfolgung trieb, will ich nun darlegen.

Anlaß der Verfolgung.

Während Diokletian, der aus Furcht gerne nach der Zukunft forschte, in den Ländern des Orients weilte, brachte er häufig Opfer dar und spähte in der Leber der Opfertiere nach den kommenden Ereignissen. Da machten einige der Diener, die (Gott) den Herrn kannten und die ihm beim Opfer zur Seite standen, auf ihre Stirne das unsterbliche Zeichen. Die Folge davon war, daß die Dämonen verscheucht und die Opfer gestört wurden. Die Opferschauer wandten sich unruhig hin und her und konnten in den Eingeweiden nicht die gewohnten Zeichen erblicken; und als hätten sie nicht den Göttern genehm geopfert, wiederholten sie mehrmals das Opfer. Aber auch das wiederholte Schlachten von Opfertieren ließ keine Zeichen erkennen, bis der Vorsteher der Opferschauer, Tages, sei es aus Mutmaßung oder aus Augenschein, erklärte, die Opfer gäben aus dem Grunde nicht Bescheid, weil bei den heiligen Handlungen unheilige Menschen zugegen wären. Jetzt geriet Diokletian in Wut. Es mußten sofort nicht bloß die beim Opfer Anwesenden, sondern die sämtlichen Palastbewohner opfern. Wer sich weigerte, sollte mit Ruten gestrichen werden. Auch an die Befehlshaber erließ er Schreiben mit dem Auftrag, die Soldaten zu den verruchten Opfern zu zwingen. Wer nicht gehorchte, sollte aus dem Heere gestoßen werden. So weit ging er in seinem Grimm und Zorn. Weiteres tat er nichts wider das Gesetz und die Religion Gottes. Nach Verlauf einiger Zeit kam er nach Bithynien, um dort den Winter zuzubringen. Dorthin kam auch Galerius, von Frevelmut entflammt, um den wankelmütigen Greis, der bereits den Anfang gemacht, zur Verfolgung der Christen aufzustacheln. Die Wut des Galerius aber hatte, meinen Erkundigungen nach, folgende Veranlassung:

Drängen des Galerius zur Verfolgung.

Die Mutter des Galerius war dem Dienste der Berggötter ergeben. Sie war ein gar abergläubisches Weib; daher veranstaltete sie fast täglich Opfermahlzeiten und zog die Dorfbewohner zum Mahle. Die Christen enthielten sich der Teilnahme, und während das Weib mit den Heiden schmauste, oblagen diese dem Fasten und Gebete. Aus diesem Grunde schöpfte sie Haß wider die Christen und reizte ihren nicht minder abergläubischen Sohn mit weibischen Klagen auf, ihr diese Leute vom Halse zu schaffen. So hielten die beiden Kaiser den ganzen Winter über Beratungen, zu denen niemand zugelassen wurde. Allgemein glaubte man, es handle sich um die wichtigsten Angelegenheiten des Staates. Lange widerstand der Greis dem Ungestüm des Galerius: es sei gefährlich, den Erdkreis zu beunruhigen und das Blut vieler zu vergießen; die Christen pflegten gerne zu sterben; es genüge, wenn man die Palastbeamten und die Kriegsleute von dieser Religion fern hielte. Doch konnte er den Unverstand des tollkühnen Mannes nicht zur Nachgiebigkeit bringen. Man beschloß also, die Ansicht der Freunde einzuholen. Denn so liebte es Diokletian in seiner Bosheit: wenn er etwas Gutes zu tun beschlossen hatte, so bedurfte er keines Rates, um allein das Lob zu ernten; wenn aber etwas Böses, von dem Tadel zu erwarten stand, so berief er viele zum Rate, damit man anderen zur Last legte, was er selbst verschuldet hatte. Es wurden also Männer aus dem Richterstande und Männer aus dem Militärstande in kleiner Anzahl beigezogen und nach ihrer Rangordnung befragt. Einige gaben aus eigenem Haß gegen die Christen ihre Stimme dahin ab, daß man die Feinde der Götter und die Widersacher der öffentlichen Religionen ausrotten müsse; andere, die nicht so dachten, merkten die Gesinnung des Galerius und. schlossen sich aus Furcht oder Willfährigkeit der nämlichen Meinung an. Aber auch so ließ der Kaiser sich noch nicht zur Erteilung seiner Zustimmung bewegen. Er beschloß vielmehr, zunächst die Götter zu befragen und schickte einen Opferschauer zum Apollo nach Milet. Der Gott antwortete, wie es von einem Feinde der göttlichen Religion zu erwarten war. So wurde denn Diokletian von seinem Vorhaben abgebracht; und nachdem er gegen die Freunde, gegen den Cäsar und gegen Apollo nicht aufkommen konnte, so versuchte er noch die Mäßigung einzuhalten, daß er befahl, die Sache ohne Blutvergießen abzumachen, während Galerius alle lebendig verbrannt wissen wollte, die gegen das Opfer sich sträubten.

Ausbruch der Verfolgung, 303.

Zur Ausführung der Angelegenheit suchte man nach einem passenden und glückverheißenden Tag und wählte gerade das Fest des Grenzgottes (Terminalia), das auf den 23. Februar fällt, damit so dieser Religion gleichsam die Grenze (Terminus) gesetzt würde.

„Jener Tag war des Todes Beginn und war des
Verderbens
Erster Beginn“,

das über die beiden Kaiser und über den Erdkreis kam. Als dieser Tag angebrochen war (die beiden Greise bekleideten eben — Diokletian das achte und Maximian das siebente — Konsulat), da kam noch in der Dämmerung des Morgens der Befehlshaber mit Obersten und Hauptleuten und Schatzmeistern zur Kirche. Die Türen wurden aufgerissen und nach dem Bildnisse Gottes gesucht. Die aufgefundenen Schriften wurden verbrannt; es wird allgemeine Plünderung gestattet, alles raubt, läuft und stürzt durcheinander. Die beiden Kaiser standen auf der Warte — die hochgelegene Kirche war nämlich vom Palaste aus zu sehen — und stritten lange miteinander, ob man nicht lieber Feuer anlegen sollte. Doch drang die Ansicht Diokletians durch, der befürchtete, es möchte ein großer Brand entstehen und ein Teil der Stadt in Flammen aufgehen; denn viele und große Gebäude umgaben ringsum den Platz. Es rückten also die Prätorianer in Reih und Glied mit Beilen und Brechwerkzeugen an, und von allen Seiten anstürmend machten sie das hochragende Heiligtum in wenigen Stunden dem Erdboden gleich.

Rechtloserklärung der Christen.

Am darauffolgenden Tage wurde in Nikomedien ein Edikt angeschlagen, das die Bekenner der christlichen Religion aller Ehren und Würden für verlustig erklärte. Die Christen sollten der Folter unterworfen sein, welchem Range und Stande sie auch angehörten. Wider sie sollte jede Klage angenommen werden; sie selbst sollten nicht wegen Unbill, nicht wegen Ehebruch, nicht wegen Beraubung Klage stellen können; sie sollten mit einem Worte der Freiheit und der Stimme beraubt sein. Dieses Edikt riß einer, zwar nicht ordnungsgemäß, aber mit großem Mute herab und zerriß es, indem er spöttisch bemerkte, Siege über Goten und Sarmaten seien angeschlagen. Er wurde sogleich vorgeführt und bis zum Äußersten gefoltert. Dann ward er regelrecht geröstet, alles unter wunderbarer Geduld, und zuletzt zu Asche verbrannt.

Brand im Palaste.

Galerius war mit den Bestimmungen des Ediktes nicht zufrieden; darum suchte er sich auf andere Weise an Diokletian heranzumachen. Um ihn nämlich zum Entschlusse der grausamsten Verfolgung zu bewegen, ließ er durch geheime Hand Feuer an den Palast legen. Ein Teil brannte nieder. Die Schuld legte man den Christen bei als Feinden der öffentlichen Wohlfahrt, und im wilden Aufflammen des Hasses brannte mit dem Palaste zugleich der Name der Christen. Diese hätten geheime Abmachungen mit den Kämmerern getroffen und an die Wegräumung der beiden Herrscher gedacht. Die beiden Kaiser wären in ihrem eigenen Palaste beinahe lebendig verbrannt worden. Diokletian, der sonst immer für schlau und einsichtsvoll gelten wollte, konnte hier keinen Argwohn schöpfen. In der ersten Aufwallung des Zornes befahl er sofort, seine ganze Dienerschaft zu foltern. Er selbst saß zu Gericht und ließ die Unschuldigen mit Feuer martern. Ebenso quälten die sämtlichen Richter, kurz alle im Palaste, da auch die Verwaltungsbeamten eigene Ermächtigung erhalten hatten. Man wetteiferte, wer zuerst etwas herausbringen würde. Nirgends konnte man etwas finden; denn das Hausgesinde des Galerius unterwarf niemand der Folterung. Dieser war selbst zur Stelle und drängte und ließ den Zorn des unbedachtsamen Greises nicht verlodern. Nach Verlauf von fünfzehn Tagen ließ Galerius abermals Feuer legen. Der Brand wurde rascher bemerkt, aber wieder trat kein Anstifter zutage. Jetzt rüstete er sich mitten im Winter zur Abreise und stürzte noch am nämlichen Tage aus dem Hause mit der Beteuerung, er fliehe, weil er nicht lebendig verbrannt werden wolle.

Heftigkeit der Verfolgung.

Die Wut Diokletians beschränkte sich nun nicht mehr auf das Hausgesinde, sondern richtete sich wider alle. Und zuerst von allen zwang er seine Tochter Valeria und seine Gemahlin Priska, sich mit dem heidnischen Opfer zu beflecken. Die einst einflußreichsten Kämmerer, ehedem die Stützen des Palastes und des Kaisers, verloren das Leben. Priester und Diakone wurden ergriffen und ohne allen Beweis, ohne alles Bekenntnis mit all den Ihrigen zum Tode geführt. Jedes Alter und Geschlecht wurde zum Feuertode geschleppt, und nicht mehr einzeln — so groß war die Menge —, sondern in ganzen Scharen wurden sie rings mit einem Wall von Feuer umgeben und verbrannt. Wer zur Dienerschaft gehörte, wurde mit einem Mühlstein am Halse ins Meer versenkt. Und nicht minder schwer lastete auf dem übrigen Volke die Wucht der Verfolgung; denn die Gerichtsbeamten zerstreuten sich über alle Tempel und zwangen alle zum Opfer. Die Kerker waren überfüllt. Unerhörte Arten von Martern wurden ausgedacht; und damit keinem unversehens Recht gesprochen würde, waren in den Gerichtssälen vor dem Richterstuhle Altäre aufgestellt. Dort hatten die Streitenden zuerst zu opfern und dann erst ihre Sache zu führen, so daß man also zu den Richtern wie zu Göttern hinzutreten mußte. Auch an Maximian und Konstantius waren Schreiben ergangen, die zu gleichem Verfahren mahnten. Ihr Gutachten war in Dingen von solcher Wichtigkeit nicht abgewartet worden. Gern gehorchte für Italien der greise Maximian, ein Mann, dem Milde nicht gerade sehr eigen war. Konstantius, der den Schein des Abweichens von den Vorschriften der Höheren vermeiden wollte, gestattete zwar das Niederreißen der Versammlungsstätten, d. h. der Wände, die man wieder herstellen konnte, aber den wahren Tempel Gottes, der in den Menschen besteht, ließ er unversehrt.

Lob des Bekenners Donatus.

So lag denn schwere Drangsal über der ganzen Erde, und mit Ausnahme Galliens wüteten vom Aufgange der Sonne bis zum Niedergange drei der grimmigsten Ungeheuer.

“Wäre der Zungen Zahl mir hundert und hundert
der Munde

Und die Stimme von Erz, so könnt‘ ich nimmer
der Frevel

Sämtliche Arten durchgeh’n und nimmer die
Namen der Strafen“,

welche die Richter in allen Provinzen über Gerechte und Unschuldige verhängten. Doch wozu bedarf es der Aufzählung besonders dir gegenüber, teuerster Donatus, der du das Ungewitter der stürmischen Verfolgung mehr als andere erfahren hast. Zuerst gerietest du in die Hände des Statthalters Flaccinius, eines nicht gewöhnlichen Würgers, dann in die Hände des Unterstatthalters Hierokles, der zu den Urhebern und Ratgebern beim Ausbruche der Verfolgung gehörte, endlich in die Hände Priscillians, seines Nachfolgers, und vor all diesen hast du den Beweis unbesiegbaren Heldenmutes gegeben. Neunmal bist du der Folter und verschiedenartigen Martern unterworfen worden, und neunmal hast du den Widersacher in glorreichem Bekenntnisse besiegt, neunmal den Teufel mit seinen Trabanten überwunden, in neun Siegen über die Welt mit ihren Schrecken triumphiert. Wie angenehm mußte jenes Schauspiel vor Gott sein, wenn er dich als Sieger schaute, der nicht weiße Rosse, nicht ungeheure Elephanten, sondern vor allem die siegreichen Feldherrn selbst vor seinen Siegeswagen spannte! Das ist der wahre Siegeszug, wenn die Überwinder überwunden werden. Dein Heldenmut hat sie besiegt und unterjocht. Du hast ihre ruchlosen Befehle mißachtet und alle Zurüstungen und Schrecknisse der tyrannischen Gewalt durch Seelenstärke zuschanden gemacht. Nichts vermochten Ruten wider dich, nichts eiserne Krallen, nichts Feuer und Schwert, nichts die mannigfachen Arten von Martern. Treue und Hingebung konnte keine Gewalt dir rauben. Das heißt in Wahrheit Jünger Gottes, das heißt Streiter Christi sein, wenn ihn kein Feind bezwingt, kein Wolf von der himmlischen Hürde raubt, kein Fallstrick verlockt, kein Schmerz besiegt, keine Marter beugt. Nach jenen neun ruhmvollen Kämpfen, aus denen du siegreich hervorgegangen, hat der Teufel es fürder nicht mehr gewagt, mit dir in den Kampf zu treten. In so vielen Schlachten hatte er deine Unüberwindlichkeit erfahren. Schon winkte dir die Siegeskrone, da ließ er von der Herausforderung ab, um sie dir nicht zukommen zu lassen. Aber hast du sie auch für den Augenblick nicht empfangen, so bleibt sie dir doch in vollem Glanz für deine Tugenden und Verdienste im Reiche des Herrn aufbewahrt. Doch kehren wir zum Gang der Ereignisse zurück.

Erkrankung des Diokletian.

Nachdem Diokletian solche Blutschuld auf sich geladen, war bereits auch das Glück von ihm gewichen. Er brach alsbald nach Rom auf, um dort das Fest der zwanzigjährigen Regierung zu feiern, das für den zwanzigsten November bevorstand. Nach Verlauf der Festlichkeiten stürzte er, da er den Freimut des römischen Volkes nicht ertragen konnte, ärgerlich und mißgestimmt aus der Stadt, obschon der erste Januar vor der Türe stand, an dem ihm das neunte Konsulat übertragen werden sollte. Dreizehn Tage konnte er nicht mehr aushalten, um lieber zu Rom als zu Ravenna seinen Aufzug als Konsul zu halten, sondern mitten im Winter brach er auf. Unter der Einwirkung von Kälte und Regen zog er sich eine zwar nicht erhebliche, aber andauernde Krankheit zu, so daß er auf dem ganzen Wege litt und sich zumeist in der Sänfte tragen ließ. So verging der ganze Sommer, bis er auf dem Umwege über das untere Donauufer nach Nikomedien kam, während bereits eine schwere Erkrankung im Anzuge war. Obwohl er sich sehr angegriffen fühlte, so ließ er sich doch in der Sänfte in die Öffentlichkeit bringen, um die von ihm erbaute Rennbahn einzuweihen, gerade ein Jahr nach dem Regierungsfeste. Dann verfiel er in eine tiefe Erschöpfung, so daß man bei allen Göttern für sein Leben betete. Am dreizehnten Dezember gab es mit einemmale Wehklagen im Palaste, Niedergeschlagenheit und Tränen auf dem Angesichte der Richter, Ängstlichkeit und Schweigen in der ganzen Stadt. „Er ist bereits gestorben,“ hieß es, „ja sogar schon begraben.“ Da verbreitete sich am darauffolgenden Morgen plötzlich das Gerücht, daß er lebe. Die Mienen der Hausgenossen und Gerichtsbeamten heiterten sich auf. Manche vermuteten die Geheimhaltung seines Todes, bis Galerius käme, damit die Soldaten keine Neuerung versuchten. Diese Mutmaßung kam so zur Geltung, daß niemand mehr an sein Leben glaubte, bis er am ersten März sich öffentlich zeigte. Er war kaum mehr zu erkennen; denn ein ganzes Jahr lang hatte die Krankheit an ihm gezehrt. An jenem dreizehnten Dezember war er in eine todesartige Betäubung gesunken. Er gewann zwar das Bewußtsein wieder, aber nicht ganz; denn er war nicht mehr recht bei Sinnen, so daß er zu gewissen Stunden den Gebrauch des Geistes verlor, zu gewissen Stunden ihn wieder gewann.

Abdankung Diokletians.

Wenige Tage nachher kam Galerius an, nicht um dem Vater Glück zu wünschen, sondern ihn zur Abtretung der Herrschaft zu zwingen. Bereits war er unlängst in Widerstreit mit Maximian geraten und hatte ihn durch Androhung des Bürgerkrieges erschreckt. Nun machte er sich an Diokletian heran, zuerst glimpflich und freundschaftlich: er sei bereits alt, nicht mehr gut bei Kräften, der Verwaltung des Staates nicht mehr recht gewachsen, er müsse sich Ruhe gönnen nach den Arbeiten. Zugleich führte er das Beispiel Nervas an, der dem Trajan die Herrschaft übertragen habe. Diokletian machte geltend, es wäre für ihn unschicklich, wenn er nach solchem Glanz der höchsten Stellung in die Dunkelheit des gewöhnlichen Lebens hinabsinken würde, und auch nicht ganz ungefährlich, weil er sich in so langer Herrschaft den Haß vieler zugezogen. Nerva habe nur ein Jahr lang regiert, und da er Last und Sorge einer so großen Herrschaft aus Alter oder Ungewohnheit nicht zu ertragen vermochte, so habe er das Steuerruder des Staates aus der Hand gelegt und sei zum bürgerlichen Leben zurückgekehrt, in dem er alt geworden war. Wenn Galerius den Namen Imperator wünsche, so stehe nichts im Wege, daß alle Augusti benannt würden. Galerius, der sich bereits im Geiste als Herrn des Erdkreises sah und der wohl erkannte, daß ihm aus dieser Änderung mit Ausnahme des Namens nichts oder nicht viel erwachsen würde, gab zur Antwort, Diokletians eigene Anordnung müßte für immer aufrecht erhalten werden, nach welcher es im Staate zwei Höhere geben müsse, die die Gesamtleitung inne hätten, und zwei Geringere, die zur Unterstützung dienten. Zwischen zwei Herrschern könne die Eintracht leicht aufrechterhalten werden, zwischen vier in gleichem Range sei es unmöglich. Wolle Diokletian nicht zurücktreten, so müsse er für sich selbst Rat schaffen, um nicht länger mehr der Geringere und Letzte zu sein. Bereits seien fünfzehn Jahre dahingegangen, seitdem er nach Illyrikum und ans Ufer der Donau verbannt mit barbarischen Völkerschaften sich herumschlage, während andere inmitten ausgedehnter und friedlicher Länder gemächlich herrschten. Der schlaffe Greis, der bereits auch von Maximian Schreiben erhalten hatte, worin ihn dieser von den Drohungen des Galerius in Kenntnis setzte und der zugleich erfahren hatte, daß Galerius das Heer verstärke, brach bei diesen Worten in Tränen aus und sprach: „So mag es denn geschehen, wenn es so gut dünkt.“ Es erübrigte nun, in gemeinsamer Beratung aller die Cäsaren auszuwählen.

Galerius: „Wozu bedarf es der Beratung, da jenen beiden notwendig gefallen muß, was immer wir bestimmen werden?“

Diokletian: „Das allerdings; man muß ja deren Söhne ernennen.“

Es hatte aber Maximian einen Sohn, namens Maxentius. Dieser war der Eidam des Galerius, ein Mann von bösartigem und unheilvollem Sinn, so hochmütig und trotzig, daß er weder dem Vater noch dem Schwiegervater die übliche Verehrung bezeigte und darum auch beiden verhaßt war. Auch Konstantius hatte einen Sohn, namens Konstantinus. Dieser war ein junger Mann von seltener Unbescholtenheit und jener Erhebung durchaus würdig. Seine ausgezeichnete und glänzende Erscheinung, seine kriegerische Tüchtigkeit, seine Rechtschaffenheit und ausnehmende Leutseligkeit hatten ihm die Liebe des Heeres und die Zuneigung des Volkes erworben. Er befand sich damals zu Nikomedien und war von Diokletian schon längst zum Tribun obersten Ranges ernannt worden.

Diokletian: „Was soll also geschehen?“

Galerius: „Maxentius ist nicht würdig. Er hat mich, als er noch nicht die Herrschaft hatte, verachtet. Was wird er erst tun, wenn er die Herrschaft erlangt hat?“

Diokletian: ,,Aber Konstantin ist liebenswürdig und verspricht eine Regierung, welche die seines Vaters an Güte und Milde übertrifft.“

Galerius: „So käme es, daß ich nicht tun könnte, was ich will. Man muß solche ernennen, die in meiner Botmäßigkeit sind, die sich fürchten, die nichts tun ohne mein Geheiß.“

Diokletian: „Welche sollen wir also ernennen?“

Galerius: „Den Severus.“

Diokletian: „Jenen Tänzer, den Trunkenbold, den Säufer, der die Nacht zum Tage macht und den Tag zur Nacht?“

Galerius: ,,Er ist würdig; er hat sich als zuverlässigen Heerführer erwiesen. Ich habe ihn auch bereits zu Maximian geschickt, damit er ihn mit dem Purpur bekleide.“

Diokletian: „Nun gut: und wer ist denn der andere, den du darbietest?“

Galerius: „Dieser hier.“

Und er zeigte auf Daja, einen halbbarbarischen jungen Mann, den er jüngst nach seinem eigenen Namen Maximin hatte benennen lassen. Denn auch ihm selbst hatte Diokletian den Namen teilweise geändert, der guten Vorbedeutung wegen, weil Maximian (Herkulius) mit größter Gewissenhaftigkeit die Treue hielt.

Diokletian: „Wer ist denn dieser, den du mir vorschlägst?“

Galerius: „Mein Anverwandter.“

Diokletian mit Seufzen: „Die Männer, die du mir darbietest, sind nicht dazu geeignet, daß man ihnen die Obhut des Staates anvertrauen kann.“

Galerius: „Ich habe sie bewährt gefunden.“

Diokletian: „So magst du zusehen, der du die Oberleitung des Reiches übernehmen sollst. Ich habe genug gearbeitet und gesorgt, daß unter meiner Herrschaft das Gemeinwesen in wohlerhaltenem Stande blieb. Wenn etwas Widriges eintrifft, so ist es nicht meine Schuld.“

Erhebung von Severus und Daja zu Cäsaren.

Nachdem diese Abmachungen getroffen waren, fand am ersten Mai ein feierlicher Aufzug statt. Alles blickte auf Konstantin. Man hegte keinerlei Zweifel. Die anwesenden Soldaten und die angesehensten des Heeres, die man aus den Legionen eigens ausgewählt und beigezogen hatte, schauten in freudiger Erwartung auf Konstantin allein. In ihm vereinigten sich ihre Wünsche und Gelübde. Außerhalb der Stadt lag in der Entfernung von drei Milien eine Anhöhe, auf deren Gipfel einst auch Galerius den Purpur erhalten hatte. Es war dort eine Säule errichtet mit dem Bildnisse Jupiters. Dorthin ging der Zug. Die Soldaten werden zur Versammlung berufen. Mit Tränen beginnt der Greis seine Ansprache an die Soldaten: Seine Kräfte seien erschöpft, er suche Ruhe nach der Arbeit. Die Herrschaft wolle er auf kräftigere Schultern übertragen und andere zu Cäsaren ernennen. Höchste Erwartung aller, was er vorbringen werde. Da verkündet er mit  einemmale Severus und Maximin als Cäsaren. Die Überraschung war allgemein. Oben auf der Tribüne stand Konstantin. Man war unschlüssig, ob nicht der Name Konstantins sei geändert worden. Da griff Galerius vor aller Augen mit der Hand nach rückwärts und zog unter Zurückdrängung Konstantins den Daja hervor. Dieser mußte die gewöhnliche Kleidung ablegen und in die Mitte treten. Alles frägt sich verwundert, wer er wäre, woher er stamme. Doch wagt niemand offenen Einspruch; so sehr hatte der unerwartete Vorgang alle überrascht und verwirrt. Dem Daja warf Diokletian den eigenen Purpur über die Schulter, den er ablegte, worauf er wieder Diokles wurde. Dann stieg man herab. Ein Reisewagen brachte den gewesenen Kaiser zur Stadt hinaus nach der Heimat. Daja war erst vor kurzem den Herden und Wäldern entnommen worden, war dann gleich Schildträger, rasch Leibwächter, alsbald Tribun und tags darauf Cäsar geworden. Nun erhielt er den Orient, um ihn unter den Füßen zu zerstampfen und zu zermalmen, ein Mann, der weder von Kriegskunst noch von Staatswesen das Geringste verstand, und der nun nicht mehr Führer der Herden, sondern der Heere war.

Oberherrschaft des Galerius.

Nachdem Galerius durch Verdrängung der beiden Greise seinen Willen durchgesetzt hatte, betrachtete er sich nunmehr als alleinigen Herrn des Erdkreises. Den Konstantius verachtete er, obschon dessen Name an erster Stelle genannt werden mußte; denn dieser war von Natur aus mild und überdies durch schwächliche Gesundheit behindert. Auch erwartete er dessen baldiges Ableben. Und würde dieses nicht erfolgen, so könnte man ihn unschwer auch wider seinen Willen des Purpurs entkleiden. Denn was wollte er anfangen, wenn er von drei Kaisern zur Niederlegung der Herrschaft gezwungen würde? Galerius selbst hatte einen Freund, namens Licinius, einen alten Waffengefährten, der ihm von den ersten Jahren des Kriegsdienstes an vertraut war und dessen er sich als Ratgeber in der ganzen Leitung der Geschäfte bediente. Zum Cäsar wollte er ihn nicht machen, um ihn nicht Sohn nennen zu müssen; vielmehr wollte er ihn später an Konstantius Stelle zum Augustus und zum Bruder ernennen. Er selbst würde dann den ersten Rang einnehmen, und wenn er nach Herzenslust gegen den Erdkreis gewütet, das Fest der zwanzigjährigen Regierung feiern, seinen Sohn Kandidian, der damals neun Jahre zählte, zum Cäsar ernennen und auch seinerseits die Herrschaft niederlegen. Wenn dann Licinius und Severus die oberste Leitung des Reiches inne hätten und Maximin und Kandidian den zweiten Rang als Cäsaren bekleideten, so würde er mit einer unbezwingbaren Mauer umgürtet sein und ein sorgloses und ungetrübtes Alter verleben. Dahin zielten seine Entwürfe. Aber Gott, den er sich zum Feinde gemacht, hat all seine Berechnungen vereitelt.

Grausamkeit des Galerius.

Nach Erlangung der höchsten Gewalt richtete Galerius nunmehr sein Augenmerk auf die Mißhandlung des Erdkreises, der ihm nun offen stand. Nach dem Siege über die Perser, die den Brauch und die Sitte haben, sich dem Dienste ihrer Könige als Leibeigene zu widmen, während die Könige ihr Volk als Hörige behandeln, wollte der Ruchlose diese Sitte auch in die römische Welt einführen und pflegte sie von jener Zeit des Sieges an ohne jegliche Scheu zu loben. Und weil er dies nicht offen befehlen konnte, so richtete er sein Handeln darauf ein, dem Volke auch seinerseits die Freiheit zu entreißen. Vor allem hob er die Ehrenrechte auf. Er ließ der Folterung nicht bloß die Ratsherren der Flecken unterwerfen, sondern auch die Vornehmsten der Städte, Männer, die mit „vortrefflich“ (gregius) und „vollkommenst“ (perfectissimus) angeredet wurden, und das noch dazu in geringfügigen und bürgerlichen Streitsachen. Schienen sie todeswürdig, so standen Kreuze aufgerichtet. Für mindere Vergehen lagen Ketten bereit. Edle und vornehme Familienmütter wurden ins Frauenhaus geschleppt. Wer zu Ruten verurteilt war, für den standen in der Rüstkammer vier Pfähle eingerammt, wie sie sonst nie zur Ausspannung eines Sklaven verwendet wurden. Und was soll ich erst von seiner Kurzweil und Ergötzung sagen? Er hatte Bären, die ihm an Wildheit und Größe ganz ähnlich waren. Diese hatte er während der ganzen Zeit seiner Herrschaft ausgesucht. So oft er sich nun ergötzen wollte, ließ er einen der Bären mit Namen herbeischaffen. Diesen warf man dann Menschen vor, nicht um sie völlig zu verschlingen, sondern um ihnen das Blut auszuschlürfen. Und wenn ihnen die Gliedmaßen auseinandergerissen wurden, so konnte er aufs Vergnüglichste lachen, und nie speiste er zu Abend ohne Menschenblut. Wer nicht Rang und Würde hatte, dem diente zur Strafe das Feuer. Diese Art der Todesstrafe hatte er zuerst wider die Christen gestattet, indem er durch Gesetze verordnete, daß sie nach der Folterung in langsamem Feuer verbrannt würden. Wenn sie dann an Pfähle gebunden waren, so wurde ihnen zuerst unter den Füßen gelindes Feuer angelegt, und zwar für so lange, bis die Haut der Sohlen vor Hitze zusammenschrumpfte und sich von den Knochen löste. Dann wurden ihnen Fackeln, die man ab und zu anzündete und auslöschte, an alle Glieder gehalten, damit ja kein Plätzchen am Leibe unversehrt blieb. Und inzwischen übergoß man ihnen das Antlitz mit frischem Wasser und bespülte den Mund mit Flüssigkeit, damit nicht der Schlund vor Trockenheit verlechze und das Veratmen zu schnell herbeigeführt würde. Dies trat erst spät ein, wenn während vieler Stunden des Tages die ganze Haut allmählich versengt war und die Kraft des Feuers ins Innerste der edleren Teile drang. Dann wurde ein Scheiterhaufen errichtet und die verbrannten Leiber wieder verbrannt. Die Gebeine wurden zusammengelesen und in die Flüsse oder ins Meer geworfen.

Willkürherrschaft des Galerius.

22. Was Galerius bei den grausamen Martern der Christen gelernt hatte, das brachte er schon aus Gewohnheit auf alle zur Anwendung, Es gab bei ihm keine geringe Strafe, nicht Inseln, nicht Kerker, nicht Bergwerke; nur Feuer, Kreuz und wilde Tiere waren alltägliche und geläufige Dinge. Zur Zurechtweisung der Diener und Hausbeamten diente der Speer. In Sachen über Leben und Tod wurde die Hinrichtung mit dem Schwerte nur mehr wenigen als besondere Vergünstigung eingeräumt, wenn ihnen alte Verdienste Anspruch auf milden Tod erworben hatten. Im Vergleich zu dem Gesagten mag das Nachfolgende nunmehr als geringfügig erscheinen. Die Beredsamkeit war abgeschafft, die Anwaltschaft aufgehoben, die Rechtsgelehrten verwiesen oder ums Leben gebracht, Wissenschaft wurde unter die verderblichen Künste gerechnet. Wer sie inne hatte, war als Feind und Friedensstörer verhaßt und verabscheut. An Stelle der aufgehobenen Gesetze trat allgemeine Willkür, die den Richtern eingeräumt wurde. Männer aus dem Militärstande, denen alle höhere Bildung abging, wurden als Richter ohne Beisitzer auf die Provinzen losgelassen.

Allgemeine Kopf- und Vermögenssteuer.

Indes wurde das Unglück und der Jammer erst allgemein durch die Kopf- und Vermögenssteuer, die gleichzeitig für alle Provinzen und Städte angeordnet wurde. Die Menge der Steuerbeamten ergoß sich überallhin und brachte alles in Aufruhr. Es waren Bilder des Schreckens, wie beim Einfall der Feinde und der Wegführung der Gefangenen. Die Äcker wurden schollenweise abgemessen, Weinstöcke und Bäume gezählt. Jede Art von Haustieren wird verzeichnet, bei den Menschen die Zahl der Köpfe vermerkt. In den Städten drängte sich städtische und ländliche Bevölkerung zusammen. Alle Plätze waren mit Scharen von Gesinde überfüllt. Jeglicher war mit Kindern und Sklaven zur Stelle. Foltern und Schläge hallten wieder. Söhne folterte man wider die Väter, die treuesten Sklaven gegen die Herren, Gattinnen wider die Gatten. Wenn alles erfolglos war, so folterte man die Besitzer gegen sich selbst, und wenn der Schmerz obsiegte, so schrieb man als Eigentum zu, was nicht vorhanden war. Nicht Alter, nicht Gebrechlichkeit fand Nachsicht. Kranke und Bresthafte wurden herbeigeschleppt und bei den einzelnen das Alter abgeschätzt. Kindern fügte man Jahre hinzu, Greisen nahm man sie weg. Alles war voll Jammer und Trauer. Was einst die Alten gegen Besiegte nach dem Kriegsrechte verfügt hatten, das wagte jetzt Galerius gegen Römer und Untertanen der Römer zu verfügen; denn seine Vorfahren waren einst der Kopfsteuer unterworfen worden, die Trajan als Sieger den Daziern wegen ihrer immerwährenden Empörungen zur Strafe auferlegt hatte. Von da an mußte man Steuer für den Kopf entrichten und Kaufpreis für das Leben zahlen. — Doch traute man nicht den nämlichen Schätzleuten, sondern schickte immer die einen nach den anderen, als ob diese noch mehr finden würden; und immer wurden die Ansätze verdoppelt. Wenn nämlich die späteren nichts fanden, so fügten sie nach Belieben hinzu, um nicht umsonst geschickt zu sein. Inzwischen nahmen die Haustiere ab, Menschen starben weg. Dies hinderte nicht, daß die Abgaben nicht auch für die Verstorbenen entrichtet werden mußten. Kurz, unentgeltlich konnte man nicht mehr leben und nicht einmal mehr sterben. Nur die Bettler waren noch übrig, von denen man nichts eintreiben konnte. Elend und Unglück hatte sie gegen jede Art von Beeinträchtigung sichergestellt. Doch siehe, der mildherzige Mann erbarmte sich auch dieser, um ihrer Not ein Ende zu machen. Er ließ sie alle zusammenbringen, auf Booten hinausschaffen und ins Meer versenken. Wie barmherzig von dem Manne, daß er allem Elende unter seiner Herrschaft abhelfen wollte. Während er so der Hinterziehung der Steuer unter dem Vorwand der Besitzlosigkeit vorbeugen wollte, hat er eine Menge wirklich Armer gegen alles Gebot der Menschlichkeit ums Leben gebracht.

Die Rückkehr Konstantins.

Bereits nahte sich ihm das Gericht Gottes, und es folgte die Zeit, wo ihm alles unter den Händen zu zerfallen und zu zerfließen begann. Er hatte noch nicht Zeit gefunden, an den Sturz oder die Verdrängung des Konstantius zu denken, indem er mit den ebenerwähnten Angelegenheiten beschäftigt war. Auch erwartete er dessen baldigen Tod, glaubte indes nicht, daß dieser so schnell erfolgen werde. Konstantius, der sich sehr angegriffen fühlte, hatte Schreiben geschickt und, wie früher schon öfters, um Zurücksendung seines Sohnes Konstantin gebeten, um ihn noch einmal zu sehen. Aber Galerius wollte alles lieber als dieses. Er hatte den jungen Mann öfters hinterlistig in Gefahr gebracht; denn offen wagte er nichts wider ihn, um nicht einen Bürgerkrieg hervorzurufen und, was er am meisten fürchtete, den Haß der Soldaten auf sich zu laden. Er hatte ihn oftmals unter dem Vorwand der Übung und des Spieles dem Kampfe mit wilden Tieren ausgesetzt, aber alles umsonst, denn die Hand Gottes beschützte den jungen Krieger. Und Gott befreite ihn auch jetzt aus den Händen des Feindes im Augenblick der höchsten Gefahr. Da Galerius die oftmaligen Bitten nicht länger mehr ablehnen konnte, so gab er Konstantin bereits an der Neige des Tages den kaiserlichen Geleitsbrief und befahl ihm, am nächsten Morgen die Aufträge entgegenzunehmen und dann abzureisen. Sein Hintergedanke dabei war, ihn entweder selbst aus irgendeinem Grunde zurückzuhalten oder Schreiben an Severus vorauszuschicken, damit dieser ihn festhielt. Konstantin sah diese Möglichkeiten voraus, und während der Kaiser nach der Abendmahlzeit bereits zur Ruhe war, brach er unverweilt auf, nahm in einer Reihe von Stationen die Postpferde mit und suchte schleunigst zu entkommen. Am anderen Tag dehnte der Kaiser den Schlaf absichtlich bis Mittag aus und ließ dann Konstantin rufen. Man berichtet ihm, dieser sei nach der Abendmahlzeit sogleich aufgebrochen. Nun knirscht er vor Wut und verlangt Pferde, um ihn zurückzuschaffen. Man meldet ihm, die Staatspost sei von Pferden entblößt. Mit Mühe hält er die Tränen zurück. Konstantin aber gelangte mit unglaublicher Schnelligkeit zu seinem Vater, den bereits die Kräfte verließen. Dieser empfahl ihn dem Heere und übergab ihm die Herrschaft von Hand zu Hand. Und so fand er auf seinem Lager, wie er es sich wünschte, einen ruhigen Tod. Nachdem Konstantinus Augustus die Herrschaft übernommen hatte, war es für ihn die erste und wichtigste Angelegenheit, den Christen die Ausübung ihrer Religion wieder zu gestatten. Das war seine erste Verordnung, die Wiederherstellung der heiligen Religion.

Die Anerkennung Konstantins als Cäsar.

Einige Tage nachher wurde das lorbeergeschmückte Bild Konstantins dem Galerius überbracht. Lange überlegte er bei sich, ob er es annehmen sollte. Es war nahe daran, daß er Bild und Überbringer verbrennen ließ. Die Freunde brachten ihn von diesem wahnsinnigen Schritte ab, indem sie ihn an die Gefahr mahnten: das gesamte Heer, dem man unbekannte Männer als Cäsaren aufgedrängt hatte, würde Konstantin mit größter Bereitwilligkeit aufnehmen und um ihn sich scharen, wenn er mit Waffenmacht käme. So nahm er denn das Bild sehr ungerne an und schickte Konstantin den Purpur, gleich als hätte er ihn freiwillig zur Regierungsgemeinschaft berufen. So waren bereits seine Berechnungen gestört. Er konnte über die Zahl hinaus keine weiteren mehr ernennen, wie er es gewünscht hatte. Doch sann er noch den Ausweg aus, daß er den Severus, der an Jahren voranging, zum Augustus erhob, den Konstantin aber nicht zum Imperator, wie er es tatsächlich geworden war, sondern neben Maximin zum Cäsaren ernannte, um ihn so von der zweiten Stelle auf die vierte zu verweisen.

Erhebung des Maxentius zum Kaiser.

Die Angelegenheiten schienen ihm nunmehr einigermaßen beigelegt, als plötzlich eine andere Schreckensnachricht eintraf: sein Schwiegersohn Maxentius sei zu Rom zum Imperator ausgerufen worden. Diese Umwälzung hatte folgende Veranlassung: Nachdem Galerius beschlossen hatte, durch Einführung der Kopf- und Vermögenssteuer den Erdkreis auszuplündern, ging er in seinem Unverstande so weit, daß er von diesem Los der Unterworfenen nicht einmal das römische Volk ausgenommen wissen wollte. Schon ging man daran, Schätzleute aufzustellen, die sich nach Rom begeben und das Verzeichnis der Bevölkerung herstellen sollten. Fast zu gleicher Zeit hatte Galerius. auch das Lager der Prätorianer zu Rom aufgehoben. Da ergriffen die wenigen Soldaten, die man im Lager zurückgelassen hatte, die günstige Gelegenheit, erschlugen einige der Gerichtsbeamten, was das Volk in seiner Aufregung nicht ungern sah, und bekleideten Maxentius mit dem Purpur. Die Nachricht von den unerwarteten Vorgängen beunruhigte zwar einigermaßen den Galerius, ohne ihn jedoch allzusehr zu schrecken. Er haßte den Maxentius, und drei konnte er nicht zu Cäsaren ernennen. Es schien genug, einmal das Gegenteil von dem getan zu haben, was er wollte. Er beruft den Severus, mahnt ihn, die Herrschaft wieder an sich zu nehmen und schickt ihn mit dem Heere Maximians zur Unterwerfung des Maxentius ab. Er schickt ihn nach Rom, wo Maximians Soldaten oftmals mit den höchsten Freudensbezeugungen waren aufgenommen worden, weshalb sie nicht bloß die Erhaltung der Stadt, sondern auch ihren bleibenden Aufenthalt in derselben wünschten. Maxentius war sich seines Wagnisses wohl bewußt. Er hatte zwar Aussicht, das Heer seines Vaters nach dem Anrecht der Erbschaft für sich zu gewinnen, mußte jedoch zugleich mit der Möglichkeit rechnen, daß sein Schwiegervater Galerius gerade aus dieser Befürchtung den Severus in Illyrikum zurücklassen und mit seinem eigenen Heere gegen ihn ziehen werde. Daher suchte er nach Mittel und Wegen, um sich gegen die drohende Gefahr zu schützen. Er schickte seinem Vater Maximian, der nach seiner Abdankung in Kampanien weilte, den Purpur und ernannte ihn zum zweiten Male zum Augustus. Maximian, der sich nach Veränderung sehnte und nur ungern abgedankt hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit. Severus zog inzwischen heran und näherte sich den Mauern der Stadt. Sogleich erhoben die Soldaten die Feldzeichen, verließen das Lager und ergaben sich dem Maxentius, wider den sie gekommen waren. Was blieb dem Verlassenen übrig als die Flucht? Aber schon trat ihm Maximian in den Weg, der die Herrschaft wieder übernommen hatte. Vor dessen Herankunft flüchtete sich Severus nach Ravenna und schloß sich dort mit geringer Mannschaft ein. In der Voraussicht seiner Auslieferung ergab er sich selbst an Maximian und stellte dem das purpurne Gewand wieder zurück, von dem er es empfangen hatte. Doch erwirkte er damit nichts anderes als Anspruch auf einen milden Tod. Man öffnete ihm die Adern und zwang ihn so zu sanftem Sterben.

Zug des Galerius gegen Rom.

Herkulius, der das ungestüme Wesen des Galerius kannte, begann bei sich also zu überlegen: Galerius werde auf die Nachricht vom gewaltsamen Tode des Severus im ersten Aufbrausen des Zornes sofort die Feindseligkeiten eröffnen und mit dem Heere erscheinen, vielleicht auch den Cäsar Maximin an sich ziehen und so sein Heer verdoppeln; dann sei jeder Widerstand umsonst. Er ließ daher die Hauptstadt befestigen und mit allem sorgfältig versehen. Dann machte er sich auf den Weg nach Gallien, um Konstantin durch Vermählung mit seiner jüngeren Tochter für seine Sache zu gewinnen. Galerius brach inzwischen mit Heeresmacht in Italien ein und rückte vor die Stadt Rom mit dem Entschlusse, den Senat auszurotten und das Volk niederhauen zu lassen. Er findet alles verschlossen und verschanzt. Das Eindringen erschien unmöglich, die Bestürmung schwierig; zur Umlagerung reichte die Truppenmacht nicht aus. Galerius hatte Rom nie gesehen und schätzte die Stadt für nicht viel größer als die übrigen Städte, die er kannte. Da befiel einige Legionen Abscheu vor dem Greuel, daß der Schwäher den Eidam, daß römische Soldaten Rom bestürmten. Sie wandten die Feldzeichen und verließen den Kaiser. Schon wankte auch das übrige Heer. Da brach der Stolz des Galerius, und es entsank ihm der Mut. Aus Furcht vor dem Schicksale des Severus warf er sich den Soldaten zu Füßen und beschwor sie, ihn nicht dem Feinde auszuliefern, und schließlich gelang es ihm unter ungeheuren Versprechungen, die Gemüter umzustimmen. Nun gab er Befehl zum Rückzug und ergriff ängstlich die Flucht. Auf dieser hätte er leicht überwältigt werden können, wenn ihm jemand mit geringer Mannschaft folgte. Dies fürchtete er auch und gab daher den Soldaten Erlaubnis, sich möglichst weit zu zerstreuen und alles zu plündern und zu verderben, um die Verfolgung aus Mangel an Lebensmitteln unmöglich zu machen. So verfiel jener Teil Italiens dem Schicksal der Verwüstung, durch den jener unheilvolle Zug den Weg nahm. Alles wurde rein ausgeplündert, Frauen entehrt, Jungfrauen geschändet, Väter und Gatten auf der Folter gezwungen, ihre Töchter und Gattinnen sowie ihre Schätze zu verraten. Herden von Schafen und Rindern wurden wie aus Barbarenland als Beute fortgetrieben. Auf diese Weise zog sich Galerius zu seinen Sitzen zurück, nachdem er, ehedem römischer Kaiser, jetzt Verwüster Italiens, alles nach Feindesart verheert hatte. Schon ehedem, seit seiner Erhebung zum Imperator, hatte er aus seiner Feindschaft gegen den römischen Namen kein Hehl gemacht. Auch die Benennung des Reiches wollte er geändert wissen. Es sollte nicht mehr römisches Reich, sondern dazisches heißen.

Vertreibung Maximians aus Rom.

Nach dem Rückzug des Galerius kehrte Maximian aus Gallien zurück und führte mit seinem Sohne gemeinsam die Herrschaft. Aber dem jungen Manne gehorchte man mehr als dem Greise; denn die Macht des Sohnes war älter und größer, und er hatte auch dem Vater die Herrschaft zurückgegeben. Mit Unmut ertrug es der Greis, daß er nicht mehr nach Willkür herrschen konnte, und in kindischer Eifersucht beneidete er den Sohn. Er gedachte den jungen Mann zu verdrängen, um selbst wieder die frühere Macht zu gewinnen; und das erschien ihm leicht, weil das Heer des Maxentius aus Soldaten bestand, die den Severus verlassen hatten. Er berief also Heer und Volk zur Versammlung, als wollte er eine Ansprache über die augenblicklichen Mißstände im Staate halten; nachdem er sich über diese Übelstände des Längeren verbreitet hatte, wies er mit der Hand auf den Sohn und bezeichnete diesen als Urheber der Übel und Anstifter des Unheils, das auf dem Staate laste, und riß ihm den Purpur von der Schulter. So entblößt, stürzte sich Maxentius über die Tribüne hinab und ward von den Soldaten aufgefangen. Deren erbittertes Geschrei brachte den ruchlosen Greis außer Fassung, und er wurde wie ein zweiter Superbus aus Rom verjagt.

Erhebung des Licinius zum Augustus.

Maximian kehrte nun wieder nach Gallien zurück und hielt sich dort eine Zeitlang auf. Dann begab er sich zum Feinde seines Sohnes, Galerius, angeblich um sich mit ihm über die Beilegung der Wirren im Staate zu besprechen, in Wirklichkeit aber, um den Galerius bei Gelegenheit der Aussöhnung zu ermorden und dessen Reich an sich zu reißen, nachdem er sich von dem seinigen ausgeschlossen sah, wohin er sich immer wandte. Dort hatte auch Diokles sich eingefunden; der Schwiegersohn hatte ihn jüngst herbeigerufen, um, was er früher nie getan hatte, in seiner Anwesenheit den Licinius an Stelle des Severus zum Augustus zu ernennen. So geschah es auch in Gegenwart beider, und so gab es zu gleicher Zeit sechs Kaiser. Maximian sah sich dadurch an der Ausführung seiner Anschläge gestört und wollte nun auch noch einen dritten Streich wagen. Voll von frevlerischen Gedanken, kehrte er nach Gallien zurück, um den Kaiser Konstantin, seinen Schwiegersohn, den Sohn seines Schwiegersohnes, mit tückischer Arglist zu umgarnen, und zur leichteren Täuschung legte er das kaiserliche Gewand ab. Das Volk der Franken stand eben unter Waffen. Maximian beredete den arglosen Schwiegersohn, nicht das ganze Heer mit sich zu führen; eine geringe Anzahl genüge zur Überwältigung der Barbaren. Dabei leitete ihn eine doppelte Absicht: er wollte selbst ein Heer haben, das er sich aneignen könnte, und Konstantin sollte bei seiner geringen Streitmacht dem Feinde unterliegen. Der junge Mann glaubte ihm als erfahrenem Greise, gehorchte ihm als seinem Schwiegervater und brach mit Zurücklassung des größeren Teiles des Heeres auf. Maximian wartete einige Tage ab, bis Konstantin das Gebiet der Barbaren betreten haben konnte, legte dann plötzlich den Purpur wieder an, bemächtigte sich des Staatsschatzes und schenkte freigebig nach seiner gewohnten Art. Über Konstantin erdichtet er Dinge, die sofort auf sein eigenes Haupt zurückfallen sollten. Dem Kaiser werden die Vorgänge schleunigst hinterbracht, und er eilt in bewunderungswürdiger Schnelligkeit mit dem Heere zurück. Maximian wird unversehens überrascht, da er noch nicht genugsam gerüstet war. Die Soldaten kehren zu ihrem Oberfeldherrn zurück. Maximian hatte sich Massiliens bemächtigt und die Tore verschlossen. Konstantin tritt näher heran und redet den auf der Mauer stehenden Greis in milden und freundlichen Worten an, was ihm denn in den Sinn gekommen, was ihm gefehlt habe, warum er Dinge tue, die sich gerade für ihn am wenigsten geziemten. Maximian schleudert Verwünschungen von der Mauer herab. Plötzlich werden hinter seinem Rücken die Tore aufgeschlossen und Soldaten eingelassen. Man schleppt den aufrührerischen Kaiser, den unnatürlichen Vater, den treulosen Schwiegervater vor den Kaiser. Hier muß er seine Verbrechen hören; man reißt ihm das kaiserliche Gewand ab; doch wird ihm nach strenger Zurechtweisung das Leben geschenkt.

Tod Maximians, 310.

So hatte Maximian die Ehre als Kaiser und Schwiegervater eingebüßt. Aber er konnte sich in die Erniedrigung nicht finden und sann wieder auf neue Nachstellungen, nachdem es ihm das erstemal ungestraft hingegangen. Er beruft seine Tochter Fausta und reizt sie durch Bitten und Schmeicheleien zum Verrat an dem Gemahl. Er verspricht ihr einen anderen, würdigeren Mann, nur solle sie gestatten, daß das Schlafgemach offen bleibe und nachlässiger bewacht werde. Jene verspricht alles, hinterbringt aber die Sache sofort ihrem Gemahl. Man verabredet eine Veranstaltung, um den handgreiflichen Beweis der Untat zu erlangen. Ein geringfügiger Eunuch wird unterschoben, um für den Kaiser zu sterben. Maximian steht in der Stille der Nacht auf und findet alles für den Anschlag gelegen. Die Wächter waren spärlich und in größeren Abständen. Diesen schützt er ein Traumgesicht vor, das er geschaut habe und das er seinem Sohne erzählen wolle. So dringt er bewaffnet ein, ermordet den Eunuchen und stürzt prahlend heraus unter lauter Anpreisung seiner Tat. Da zeigt sich plötzlich auf der anderen Seite Konstantin mit einem Haufen Bewaffneter. Der Leib des Erschlagenen wird aus dem Schlafgemach gebracht. Wie angewurzelt steht der auf frischer Tat ertappte Mörder, wie

„Hartes Gestein aufragt und starrt marpessische
Klippe“.

Man wirft ihm Ruchlosigkeit und Verbrechen vor und gestattet ihm schließlich die freie Wahl des Todes; und

„Hoch an den Balken knüpft er die Schlinge des
garstigen Todes“.

Maximian war einer der mächtigsten Kaiser des römischen Namens gewesen; er hatte, was lange nicht mehr stattgefunden, mit ungeheurem Glanze das Fest der zwanzigjährigen Regierung gefeiert; und jetzt endigte er, den so stolzen Hals zerquetscht und gebrochen, ein abscheuliches Leben mit einem schimpflichen und schmachvollen Tode.

Vorbereitungen des Galerius zum zwanzigsten Regierungsfeste.

Von Maximian wandte Gott, der Rächer seiner Religion und seines Volkes, die Augen auf den anderen Maximian, Galerius, den Urheber der schrecklichen Verfolgung, um auch an ihm die Macht seiner Erhabenheit zu zeigen. Bereits dachte auch er an die Feier des zwanzigsten Regierungsjahres, und wie er schon vorher die Provinzen durch Auflage von Gold und Silber erschöpft hatte, um dem Heere seine Versprechungen zu erfüllen, so holte er auch jetzt aus Anlaß dieses Festes zu einem weiteren Schlage aus. Wie schwer insbesondere die Auflage am Ertrag der Felder auf dem Volke lastete, ist nicht zu beschreiben. Die Soldaten oder vielmehr die Henkersknechte aller Gerichtsbeamten hefteten sich jedem einzelnen an die Ferse; man wußte nicht, wem man zuerst Genüge tun sollte. Für den, der nichts hatte, gab es keine Nachsicht Man mußte vielfältige Qualen aushalten, wenn man nicht sogleich darbieten konnte, was man nicht besaß. Mitten unter zahlreichen Wächtern hatte niemand die Möglichkeit zum freien Atmen, niemand zu irgendeiner Jahreszeit auch nur ein bißchen Ruhe. Häufig entstand über die nämlichen Leute Streit unter den Beamten selbst oder unter den Soldaten der Beamten. Keine Tenne war ohne Schätzmann, keine Weinlese ohne Wächter; nichts blieb für Mühe und Arbeit zum Unterhalte übrig. Das sind unerträgliche Dinge, wenn man den Leuten das Brot vom Munde reißt, das sie durch Arbeit erworben haben; aber man kann sich darüber noch einigermaßen trösten mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Was soll ich erst von der Auflage an Kleidung jeder Art, an Gold und Silber sagen? Müssen diese Dinge nicht erst vom Erlös der Feldfrüchte beschafft werden? Womit soll ich denn, unsinniger Tyrann, diese Dinge aufbringen, wenn du alle Erträgnisse wegnimmst, alle Bodenerzeugnisse gewaltsam entreißest? Wer ist nicht um Hab und Gut gebracht worden, um die Schätze, die es unter seiner Herrschaft noch gab, zusammenzuscharren zu einem Feste, das er doch nicht feiern sollte?

Aufhebung des Namens der Cäsaren.

Die Erhebung des Licinius zum Augustus erbitterte den Maximin, und er wollte nun nicht mehr Cäsar heißen, noch an dritter Stelle genannt werden. Galerius schickte mehrmals Gesandte an ihn, er möge sich fügen, an die getroffene Anordnung sich halten, den Jahren den Vorzug lassen und dem Alter Ehre erweisen. Maximin erhebt kühner das Haupt und kämpft mit dem Vorrecht der Zeit; er müsse den Vorrang haben, denn er habe zuerst den Purpur empfangen. Bitten und Befehle ließ er unbeachtet. Galerius braust auf vor Ärger; das sei nun der Dank dafür, daß er einen Mann von unbekannter Herkunft zum Cäsar gemacht habe in der Erwartung, daß er ihm willfährig sein würde, und jetzt vergesse dieser der Wohltat und widerstrebe undankbar seinem Willen und seinen Bitten. Zuletzt gab er dem Trotze nach, hob den Namen Cäsar auf und benannte sich und Licinius Augusti, Maximin und Konstantin Söhne der Augusti. Nach einiger Zeit schrieb ihm Maximin in der Form einer Meldung, er sei auf dem jüngst abgehaltenen Märzfelde vom Heere zum Augustus ausgerufen worden. Galerius empfing die Nachricht mit Betrübnis und Schmerz und befahl, alle vier Imperatoren zu nennen.

Erkrankung des Galerius.

Es verlief bereits das achtzehnte Jahr seiner Herrschaft, als ihn Gott mit einem unheilbaren Schlage traf. Es wächst ihm ein bösartiges Geschwür am unteren Teile der Genitalien und greift weiter um sich. Die Ärzte schneiden und heilen. Bereits hatte sich die Narbe gebildet, da bricht die Wunde wieder auf, es reißt eine Ader, und Blut fließt bis zur Lebensgefahr. Mit Mühe wird das Blut gestillt, und das Heilverfahren beginnt von neuem; endlich kommt es wieder zur Vernarbung. Eine leichte Körperbewegung erneuert die Wunde, und es entfließt noch mehr Blut als vorher. Sein Aussehen erbleicht, die Kräfte schwinden, der Leib magert ab. Auch jetzt gelingt es noch, den Strom des Blutes anzuhalten. Die Wunde wird allmählich für Heilung unempfindlich; der Krebs erfaßt die nächstliegenden Teile, und je mehr man ringsum schneidet, desto weiter frißt er um sich; je mehr man heilt, desto stärker wächst er.

„Ablassen die Meister, Chiron, der Phillyre Sohn, und Amythaons
Melampus“.

Von allen Seiten werden berühmte Ärzte herbeigezogen, aber menschliche Bemühungen sind umsonst. Man nimmt die Zuflucht zu den Göttern. Apollo und Äskulap werden angerufen und dringend um ein Heilmittel angegangen. Apollo gibt ein Heilverfahren an, das Übel verschlimmert sich bedeutend. Schon war das Verderben nicht mehr ferne; alle unteren Teile waren ergriffen. Von außen dringt die Zersetzung in die Gewebe ein; das ganze Gesäß geht in Auflösung über. Doch hören die unglücklichen Ärzte mit Pflege und Heilung nicht auf, auch ohne Hoffnung, die Krankheit überwinden zu können. Das Übel, durch die Heilmittel zurückgedrängt, wirft sich einwärts und erfaßt die inneren Teile. Es bilden sich Würmer im Leibe. Der Geruch dringt nicht bloß durch den Palast, sondern verbreitet sich über die ganze Stadt. Und kein Wunder, denn bereits hatten sich die Ausgänge des Afters und Harns vermengt. Er wird von Würmern zerfressen, und unter unerträglichen Schmerzen löst der Leib sich in Fäulnis auf.

„Schreckliches Jammergeschrei erhebt er zu den
Gestirnen,
Wie sich Gebrüll erhebt, wenn verwundet der
Stier vom Altar flieht“.

An das sich auflösende Gesäß werden gekochte Tierchen in warmem Zustande gelegt, damit die Wärme die Tierchen herauslocke. Bei der Wegnahme des Verbandes quoll immer ein unschätzbarer Schwarm hervor, und doch hatte das in der Zersetzung der Eingeweide so fruchtbare Übel eine noch weit größere Fülle hervorgebracht. Bereits hatte das Unheil in entgegengesetzter Wirkung den Teilen des Leibes ihr Aussehen benommen. Der obere Teil bis zur Wunde war zusammengeschrumpft, und in kläglicher Abmagerung hatte sich die fahle Haut tief zwischen die Knochen eingelagert. Der untere Teil hatte nicht mehr die Gestalt der Füße, sondern war nach Art von Schläuchen aufgetrieben und auseinandergegangen. Dies dauerte ein ganzes Jahr lang ununterbrochen fort, bis er endlich, durch Leiden gebeugt, sich gezwungen sah, Gott zu bekennen. In der Zwischenzeit, bis wieder ein neuer Anfall des Schmerzes kam, rief er oft laut aus, er werde den Tempel Gottes wieder herstellen und für den Frevel Genugtuung leisten. Als er bereits dem Ende nahe war, erließ er folgendes Edikt:

„Das Toleranzedikt von Nikomedien.“
30. April 311.

„Unter den übrigen Anordnungen, die wir immer zu Nutz und Frommen des Gemeinwesens treffen, waren wir bisher willens gewesen, im Einklang mit den alten Gesetzen und der staatlichen Verfassung der Römer alles zu ordnen und auch dafür Sorge zu tragen, daß auch die Christen, welche die Religion ihrer Väter verlassen hatten, zu vernünftiger Gesinnung zurückkehrten. Denn aus irgendeinem Grunde hatte eben diese Christen ein solcher Eigenwille erfaßt und solche Torheit ergriffen, daß sie nicht den Einrichtungen der Alten folgten, die vielleicht ihre eigenen Vorfahren zuerst eingeführt hatten, sondern sich nach eigenem Gutdünken und Belieben Gesetze zur Beobachtung schufen und in verschiedenen Gegenden verschiedene Bevölkerungen zu einer Gemeinschaft vereinigten. Nachdem dann von uns der Befehl ergangen war, zu den Einrichtungen der Alten zurückzukehren, sind viele in Anklagen auf Leben und Tod verwickelt, viele auch von Haus und Herd verscheucht worden. Und da die meisten auf ihrem Vorsatze verharrten und wir sahen, daß sie weder den Göttern den gebührenden Dienst und die schuldige Verehrung erwiesen, noch auch den Gott der Christen verehrten, so haben wir in Anbetracht unserer mildesten Schonung und im Hinblick auf unsere immerwährende Gepflogenheit, allen Menschen Verzeihung zu gewähren, diese unsere bereitwilligste Nachsicht auch auf die Christen ausdehnen zu müssen geglaubt, so daß sie von neuem Christen sein und ihre Versammlungsstätten wieder herstellen dürfen, jedoch so, daß sie nichts wider die öffentliche Ordnung unternehmen. Durch ein anderes Schreiben werden wir den Gerichtsbeamten Anweisung geben, welches Verfahren sie einzuhalten haben. Daher wird es auf Grund dieser unserer Nachsicht Aufgabe der Christen sein, zu ihrem Gott zu beten für unsere Wohlfahrt, für die Wohlfahrt des Staates und ihre eigene, auf daß nach jeder Richtung hin das Gemeinwesen vor Schaden bewahrt bleibe und sie sorglos auf ihren Wohnsitzen leben können.“

Tod des Galerius, 311.

Dieses Edikt wurde zu Nikomedien angeschlagen am dreißigsten April, unter dem achten Konsulate des Galerius und dem zweiten des Maximin. Jetzt öffneten sich die Kerker, und auch du, teuerster Donatus, bist mit den übrigen Bekennern aus dem Gewahrsam entlassen worden, nachdem dir der Kerker sechs Jahre lang zur Wohnstätte gedient hatte. Doch erlangte Galerius durch diese Tat nicht Verzeihung von Gott für seine Schuld. Wenige Tage nachher empfahl er dem Licinius Gemahlin und Sohn und vertraute sie seinem Schutze an. Dann wurde er, während ihm bereits die Glieder am ganzen Leibe zerfielen, in schauerlicher Verwesung dahingerafft. Das wurde zu Nikomedien um Mitte Mai bekannt, während für den kommenden ersten März das Regierungsfest bevorstand.

Besitznahme Nikomediens durch Maximin.

Auf die Nachricht vom Ableben des Galerius eilte Maximin auf der kaiserlichen Post, die vom Orient her nach Nikomedien führte, schleunigst herbei, um sich der Provinzen zu bemächtigen und, während Licinius säumte, alles Land bis zur Meerenge von Chalcedon in Besitz zu nehmen. Nachdem er den Boden Bithyniens betreten, hob er, um sich für den Augenblick in Gunst zu setzen, zur allgemeinen Freude die Kopfsteuer auf. Nun entstand Zwietracht zwischen den beiden Kaisern und beinahe Krieg. Mit Heeresmacht hielten sie die gegenüberliegenden Ufer besetzt; doch einigte man sich unter bestimmten Bedingungen zu Friede und Freundschaft. Mitten auf der Meerenge wird das Bündnis geschlossen und durch Handschlag bekräftigt. Maximin kehrte sorglos zurück und setzte in Nikomedien das Treiben fort, das er in Syrien und Ägypten begonnen hatte. Vor allem hob er die den Christen unter gemeinsamer kaiserlicher Gewährschaft gestattete Religionsfreiheit auf, indem er insgeheim die Städte zu Gesandtschaften veranlaßte, die das Ansuchen stellen mußten, daß es innerhalb ihrer Stadtgebiete den Christen nicht erlaubt sein sollte, gottesdienstliche Gebäude zu errichten. Dadurch wollte er den Anschein erwecken, als habe ihn fremde Überredung zu einer Maßregel veranlaßt und bestimmt, die er aus eigenem Antriebe ergreifen wollte. Den Gesandten gewährte er dann gerne ihre Bitten. Auch führte er ein neues Herkommen ein. Er stellte nämlich in allen Städten Hauptpriester aus der Zahl der Vornehmsten auf, denen die Pflicht oblag, bei allen Göttern täglich Opfer zu bringen und, gestützt auf die Amtsbefugnisse der alten Priester, darüber zu wachen, daß die Christen keine Versammlungsstätten errichteten und nicht öffentlich oder im geheimen zusammenkämen; würden Christen ergriffen, so sollten sie dieselben aus eigener Machtbefugnis zu den Opfern zwingen oder den Gerichten überliefern. Und das genügte ihm noch nicht. Auch über die Provinzen setzte er eine Art Oberpriester mit höherer Rangstufe ein, und beide Klassen von Priestern durften nur im Schmucke des weißen Amtsgewandes in der Öffentlichkeit erscheinen. So traf er Vorbereitung zu dem, was er schon längst in den Gebieten des Orients getan hatte. Dem äußeren Anscheine nach bekannte er sich zur Milde, in der Wirklichkeit ließ er die Diener Gottes zwar nicht töten, wohl aber verstümmeln. Es wurden demnach den Bekennern Christi Augen ausgestochen, Hände und Füße abgehauen, Nasen und Ohren abgeschnitten.

Verschwendung Maximins.

Von diesem Unterfangen schreckte ihn ein Schreiben Konstantins ab. Er änderte also dem Scheine nach das Verhalten. Wenn ihm jedoch ein Christ in die Hände fiel, so ließ er ihn insgeheim ins Meer versenken. Ebenso unterbrach er nicht seine Gewohnheit, täglich im Palaste opfern zu lassen. Auch hatte er zuerst den Brauch eingeführt, sämtliche Tiere, von deren Fleisch er aß, nicht von Köchen, sondern von Priestern an den Altären schlachten zu lassen und überhaupt nichts auf die Tafel zu bringen, ohne daß Spende und Opfer oder Übergießung mit Opferwein vorausgegangen wäre, so daß niemand, der zu Tisch geladen war, ohne Befleckung und Verunreinigung vom Mahle ging. Auch im übrigen machte er seinen Meistern Ehre. Den Rest der Habe, den etwa Diokles und Galerius noch übrig gelassen, schabte er vollends ab und nahm ohne alle Scham alles hinweg. Die Scheuern der Bevölkerung wurden allenthalben abgesperrt, die Vorratskammern versiegelt, die Reichnisse der künftigen Jahre im voraus einverlangt. Die Folge davon war Hungersnot, trotz des reichen Ertrages der Felder, und eine unerhörte Teuerung. Herden von Rindern und Schafen wurden aus den Ländereien zu den täglichen Opfern weggetrieben, und durch diese Opfer hatte er die Seinigen so verwöhnt, daß sie bereits die Kornfrucht verschmähten. Seine Verschwendung war ohne Auswahl und ohne Maß. Die ganze Leibwache, deren Zahl ins Ungeheure ging, erhielt zur Auszeichnung kostbare Gewänder und Goldmünzen; die gewöhnlichen Soldaten und die Rekruten bekamen Silber; die Barbaren wurden verschiedentlich aufs reichlichste beschenkt. Daß er übrigens die Leute am Leben ließ und nur die Güter wegnahm oder an die Seinigen, die etwa nach fremdem Gute Gelüste trugen, verschenkte, das darf man ihm wohl noch zum Verdienste anrechnen, daß er nämlich nach Art milder Wegelagerer die Beute ohne Blutvergießen an sich riß.

Ausschweifung Maximins.

Die verderblichste Leidenschaft, an der ihm kein Früherer gleichkam, war seine Lüsternheit und Ausschweifung. Man kann sie nur unersättlich und zügellos nennen, und doch drücken diese Worte nicht genugsam die Entrüstung aus. Die Sprache versagt den Dienst vor der Größe des Greuels. Verschnittene und Kuppler durchspürten alles. Wo sich immer ein edleres Angesicht fand, mußten Vater und Gatte zurücktreten. Vornehmen Frauen und Jungfrauen wurden die Gewänder vom Leibe gerissen und sie an allen Gliedmaßen beschaut, damit kein Teil des Leibes des königlichen Lagers unwürdig wäre. Weigerung zog den Tod im Wasser nach sich, gleich als wäre unter diesem Ehebrecher die Züchtigkeit ein Verbrechen des Hochverrats. Manche nahmen sich nach der Entehrung ihrer Gattinnen, die ihnen wegen ihrer Keuschheit und Treue sehr lieb waren, selbst das Leben, da sie den Schmerz nicht zu ertragen vermochten. Unter diesem Ungeheuer gab es keine Unversehrtheit für die Züchtigkeit, außer wo auffallende Mißgestalt das barbarische Gelüste hemmte. Schließlich hatte er bereits als herrschenden Brauch eingeführt, daß niemand ohne seine Erlaubnis eine Gattin nahm, damit ihm bei jeder Vermählung das erste Anrecht gewahrt blieb. Edle Jungfrauen schenkte er nach der Entehrung seinen Sklaven als Gattinnen. Auch sein Gefolge ahmte unter solchem Haupte die Schändungen nach und entweihte ungestraft das Lager der Gastfreunde; wer hätte es auch ahnden sollen? Die Töchter gewöhnlicher Leute durfte jeder nach Belieben rauben. Die Töchter der Vornehmen, die man nicht rauben konnte, wurden als besondere Vergünstigung erbeten, und wenn der Kaiser das Gesuch unterstützte, so durfte man sich ja nicht weigern, ohne daß man den Untergang oder irgendeinen Barbaren als Schwiegersohn zu gewärtigen hatte. Denn fast seine ganze Leibwache bestand aus Barbaren, und zwar gehörten sie zum Stamme der Barbaren, die, von den Goten zur Zeit des Regierungsfestes Diokletians aus ihren Wohnsitzen verdrängt, sich dem Galerius ergeben hatten, zum Unheil für das menschliche Geschlecht; denn jetzt führten die, welche vor der Knechtschaft der Barbaren geflohen waren, die Herrschaft über die Römer. Von solchen Trabanten und Leibwächtern umgeben, trieb Maximin mit dem Orient sein übermütiges Spiel.

Valerias Verweigerung der Ehe mit Maximin.

Da er für seine Ausschweifung kein anderes Gesetz kannte, als jedes Gelüste für erlaubt zu halten, so legte er sich auch gegen die Kaiserin, die er jüngst noch Mutter genannt hatte, keine Schranken auf. Nach dem Ableben des Galerius war zu ihm Valeria gekommen. Sie glaubte, auf seinem Gebiete sicherer weilen zu können, vor allem deshalb, weil er eine Gattin hatte. Aber im ruchlosen Ungeheuer entbrannte sofort die Leidenschaft. Noch war die Frau in schwarzen Gewändern, da die Zeit der Trauer noch nicht vorüber war. Durch Gesandte, die er ihr entgegenschickte, bat Maximin um ihre Hand; im Falle der Erhörung werde er seine Gattin verstoßen. Die Kaiserin gab freimütig die Antwort, die sie allein geben konnte: Fürs erste könne sie jetzt in ihrem Trauergewande nicht über Vermählung verhandeln, wo die Asche ihres Gemahls, seines Vaters, noch warm sei; sodann handle er wider Ehre und Pflicht, wenn er eine ihm treu ergebene Gattin verstoße, um wohl auch ihr einst das gleiche zu tun; endlich sei es nicht statthaft, daß eine Frau von ihrem Namen und Rang gegen Sitte und Vorgang in eine zweite Verbindung sich einlasse. Die kühne Antwort wird dem Maximin hinterbracht. Seine Leidenschaft verwandelt sich in Zorn und Wut. Sogleich erklärt er die Frau in Acht, raubt ihre Güter, nimmt ihr das Gefolge und läßt die Kämmerer zu Tode foltern. Sie selbst verweist er samt ihrer Mutter in die Verbannung, aber nicht an einen bestimmten Ort, sondern mit Hohn verscheucht er sie unversehens bald dahin, bald dorthin. Ihre Freundinnen läßt er unter Andichtung des Ehebruches verurteilen.

Verurteilung der Freundinnen der Valeria.

Es war eine erlauchte Frau, die von erwachsenen Söhnen bereits Enkel hatte. Valeria liebte sie wie eine zweite Mutter, und ihrem Rate schrieb Maximin die Weigerung zu. Der Statthalter Eratinus erhält den Auftrag, sie mit Schimpf und Schmach zu töten. Ihr werden zwei andere gleich vornehme Frauen beigesellt. Die eine von ihnen hatte zu Rom eine Tochter als vestalische Jungfrau zurückgelassen und war im stillen mit Valeria vertraut. Die andere hatte einen Senator zum Gemahl und stand der Kaiserin nicht minder nahe. Beiden war ihre ausnehmende Schönheit und Züchtigkeit Ursache des Todes. Die drei Frauen werden plötzlich vor eine Versammlung nicht von Richtern, sondern von Räubern geschleppt; es trat auch niemand als Ankläger auf. Endlich fand sich ein Jude, der wegen anderer Untaten verurteilt war und der in der Hoffnung auf Straflosigkeit, die man ihm anbot, falsches Zeugnis wider die Schuldlosen ablegen wollte. Der unparteiische und umsichtige Richter läßt ihn unter Bedeckung aus der Stadt bringen, um ihn vor Steinigung zu schützen. Der Schauplatz dieses Trauerspiels war Nicäa. Der Jude wird auf die Folter gelegt und macht die gewünschten Aussagen; die Faust der Folterknechte hindert die Frauen an der Einsprache. Es ergeht Befehl, die Unschuldigen zum Tode zu führen. Weinen und Wehklagen nicht bloß von seiten des Gatten, der seiner treuverdienten Gattin schützend zur Seite stand, sondern von seiten aller, die der empörende und unerhörte Vorgang herbeigeführt hatte. Und damit der ungestüme Andrang des Volkes die Frauen nicht aus den Händen der Henker reiße, so ward der Zug von Gepanzerten in voller Ausrüstung eröffnet und von Bogenschützen geschlossen. So wurden die Frauen mitten unter Reihen von Bewaffneten zum Tode geführt. Und sie wären unbestattet liegen geblieben, da sich das Hausgesinde zur Flucht gewandt hatte, wenn nicht verstohlenes Mitleid der Freunde sie begraben hätte. Auch dem vorgeblichen Ehebrecher wird die versprochene Straflosigkeit nicht gewährt. An den Pfahl geheftet, deckt er das ganze Geheimnis auf, und bis zum letzten Atemzuge beteuerte er allen, die zur Stelle waren, jene Frauen seien unschuldig ums Leben gebracht worden.

Vergebliche Bitten Diokletians um Rücksendung der Tochter.

Valeria, in menschenleere Wüsteneien Syriens verwiesen, setzte ihren Vater Diokletian durch geheime Boten von ihrer Lage in Kenntnis. Dieser schickt Gesandte und bittet um Rücksendung der Tochter, aber umsonst. Wiederholtes Bitten und Beschwören erreicht ebensowenig den Zweck. Endlich ordnet er einen seiner Verwandten ab, einen kriegserfahrenen und einflußreichen Mann, um Maximin unter Hinweis auf die früheren Wohltaten zu bitten. Auch dieser erreicht nicht den Zweck der Sendung und meldet die Erfolglosigkeit der Bitten zurück.

Diokletians Tod, 313.

Zur nämlichen Zeit wurden die Standbilder Maximians auf Konstantins Befehl umgestürzt und die Gemälde mit seinem Bilde herabgerissen. Und weil die beiden Greise zumeist mitsammen gemalt waren, so wurden auch die Bildnisse beider gemeinsam herabgenommen. So mußte Diokletian lebend schauen, was keinem der früheren Kaiser je widerfahren war, und, von doppeltem Gram erfaßt, beschloß er zu sterben. In glühendem Schmerz der Seele warf er sich von einer Seite zur anderen und versagte sich Schlaf und Speise. Unter Seufzen und Stöhnen, unter häufig ausbrechenden Tränen wälzte er sich ruhelos bald auf dem Lager, bald auf dem Boden. Nachdem er zwanzig Jahre lang der glücklichste Kaiser gewesen, war er nun von Gott zur Niedrigkeit herabgestürzt worden. Die Unbilden beugten ihn nieder und machten ihm das Dasein verhaßt, bis endlich Hunger und Gram seinem Leben ein Ende machten.

Bündnis zwischen Maximin und Maxentius.

So war denn von den Widersachern Gottes nur noch ein einziger übrig, Maximin, dessen Sturz und Untergang ich nun anfügen will. Er war eifersüchtig auf Licinius, den ihm Galerius vorgezogen hatte. Zwar hatte er noch jüngst mit ihm das Band der Freundschaft befestigt; aber sobald er von der Verlobung der Schwester Konstantins mit Licinius hörte, kam er auf den Gedanken, daß diese Verschwägerung der beiden Kaiser wider ihn geschlossen werde. Er schickte daher Gesandte nach Rom, um dem Maxentius Bundesgenossenschaft und Freundschaft anzutragen. Diesen gab er auch vertrauliche Schreiben mit. Die Gesandten werden in Rom zuvorkommend aufgenommen. Es kommt zum Freundschaftsbündnis, und die Bilder der beiden Kaiser werden mitsammen aufgestellt. Maxentius ergriff gerne die ihm wie vom Himmel geschickte Hilfe. Denn bereits hatte er an Konstantin den Krieg erklärt unter dem Vorwande, den Tod seines Vaters rächen zu wollen. Daraus war die Vermutung aufgetaucht, der unheilvolle Greis habe die Zwietracht mit dem Sohne nur erdichtet, um sich den Weg zum Sturz der übrigen zu bahnen und dann nach Beseitigung aller sich und seinem Sohne die Herrschaft über den ganzen Erdkreis zu verschaffen. Doch war dies falsch. Sein Vorhaben ging vielmehr dahin, den Sohn mit den übrigen aus dem Wege zu räumen und sich und Diokletian wieder in die Herrschaft einzusetzen.

Sieg Konstantins über Maxentius, 312.

Bereits war der Bürgerkrieg zum Ausbruch gekommen. Maxentius hielt sich innerhalb Roms, denn ein Götterspruch verkündete ihm den Untergang, wenn er den Fuß vor die Tore der Stadt setzen würde. Doch ließ er den Krieg durch tüchtige Feldherren führen. An Streitkräften war Maxentius überlegen; denn er hatte das Heer seines Vaters von Severus überkommen und sein eigenes Heer jüngst aus dem Lande der Mauren und Gätuler herbeigezogen1. In der ersten Schlacht behielt das Heer des Maxentius die Oberhand. Da faßte Konstantin neuen Mut, und zu Sieg oder Tod entschlossen, rückte er mit der ganzen Macht gegen die Stadt heran und lagerte sich gegenüber der Milvischen Brücke. Es stand der Tag bevor, an dem Maxentius die Herrschaft angetreten hatte. Es war dies der siebenundzwanzigste Oktober; die Feierlichkeiten seiner fünfjährigen Regierungszeit gingen zu Ende. Konstantin ward im Traume ermahnt, das himmlische Zeichen Gottes auf den Schildern anbringen zu lassen und so die Schlacht zu beginnen. Er kommt dem Befehle nach, und indem er den Buchstaben X wagerecht legte und die oberste Spitze umbog, zeichnete er Chr(istus) auf die Schilde. Mit diesem Zeichen gewaffnet, greift das Heer zum Schwert. Der Feind rückt ohne Oberfeldherrn entgegen und überschreitet die Brücke. Die Heere stoßen in gleicher Ausdehnung aufeinander. Auf beiden Seiten wird mit höchster Anstrengung gekämpft:

„Nicht hier gilt Fliehen und dort nicht“.

In der Stadt entsteht Aufruhr. Man schilt auf Maxentius als Verräter der öffentlichen Wohlfahrt, und als man seiner ansichtig wurde — er gab gerade Rennspiele am Jahrestage seiner Erhebung —, da schrie plötzlich das Volk wie mit einer Stimme: „Konstantin kann nicht besiegt werden!“ Durch diesen Zuruf außer Fassung gebracht, stürzt er aus der Rennbahn, beruft einige Senatoren und läßt die Sibyllinischen Bücher nachschlagen. In diesen fand sich, daß an jenem Tage ein Feind der Römer umkommen werde. Dieser Ausspruch erweckt in ihm die Hoffnung auf Sieg. Er bricht auf und zieht in die Schlacht. Hinter ihm wird die Brücke aufgerissen. Bei seinem Anblicke verschärft sich der Kampf, und die Hand Gottes waltete über dem Schlachtfelde. Schrecken befällt das Heer des Maxentius; er selbst wendet sich zur Flucht und eilt der Brücke zu, die teilweise abgebrochen war. Die Masse der Fliehenden stürzt ihm nach und drängt ihn in den Tiber hinab. So war endlich der erbitterte Krieg zu Ende. Konstantin wird unter großer Freudenbezeigung des Senates und Volkes als Kaiser empfangen. Er überzeugt sich von der Treulosigkeit Maximins, entdeckt dessen Briefe und findet die Statuen und Bilder. Zur Anerkennung der Tapferkeit erkannte der Senat dem Konstantin das Vorrecht des ersten Namens zu, das Maximin für sich in Anspruch nahm. Dieser nahm die Nachricht vom Siege und der Befreiung der Stadt nicht anders auf, als wäre er selbst besiegt worden. Als er dann noch vom Senatsbeschluß hörte, entbrannte er so in Unmut, daß er nicht mehr mit der Feindschaft zurückhielt, sondern sich in Spott und Schmähungen wider den obersten Imperator erging.

Krieg zwischen Maximin und Licinius.

Nach Ordnung der Angelegenheiten in der Hauptstadt begab sich Konstantin im nächsten Winter nach Mailand. Dorthin kam auch Licinius, um seine Gattin in Empfang zu nehmen. Sobald Maximin vernahm, daß sie mit den Hochzeitsfeierlichkeiten beschäftigt seien, brach er mitten im strengsten Winter von Syrien auf und eilte in doppelten Tagmärschen nach Bithynien, wo er mit erschöpftem Heere ankam. Denn ungewöhnliche Regengüsse und Schneemassen, Schlamm, Kälte und Anstrengung hatten die Zugtiere aller Art zu Fall gebracht, und der klägliche Anblick der den ganzen Weg entlang hingestreckten Tiere kündigte den Soldaten bereits das Schicksal des künftigen Krieges und eine ähnliche Niederlage an. Ohne sich innerhalb seines Gebietes aufzuhalten, setzte Maximin sofort über die Meerenge und zog zum Angriffe vor die Tore von Byzanz. Es lag dort eine Besatzung, die Licinius für derartige Zwischenfälle hineingelegt hatte. Diese suchte Maximin zuerst durch Versprechung von Geschenken zu gewinnen, dann durch Drohung mit Sturm zu schrecken; aber Versprechungen und Drohungen blieben ohne Erfolg. Bereits waren elf Tage verstrichen, während welcher ausreichend Zeit war, Boten mit Schreiben an Licinius zu senden. Dann ergab sich die Besatzung, nicht weil sie treulos war, sondern weil sie bei der geringen Anzahl den Widerstand für aussichtslos hielt. Von Byzanz zog Maximin vor Heraklea, wurde dort in der nämlichen Weise aufgehalten und verlor wieder einige Tage Zeit. Bereits war Licinius mit geringer Mannschaft in Eilmärschen nach Adrianopel gekommen. Maximin hielt sich nach der Übergabe von Perinth (Heraklea) eine Zeitlang dort auf und rückte dann achtzehn Milien bis zum nächsten Lagerplatze vor. Über diesen hinaus konnte er nicht mehr ziehen, da den nächsten Haltplatz, der ebenfalls achtzehn Milien entfernt war, bereits Licinius innehatte. Dieser hatte aus der nächsten Umgegend möglichst viele Mannschaft zusammengerafft und zog nun Maximin entgegen, mehr um ihn aufzuhalten als in der Absicht, eine Schlacht zu wagen, oder in der Hoffnung auf Sieg. Denn Maximin führte ein Heer von siebzigtausend Bewaffneten mit sich, während Licinius nur dreißigtausend Mann zusammengebracht hatte. Denn seine Soldaten lagen über weitentlegene Gebiete zerstreut, und bei der Kürze der Zeit war es nicht möglich, sie alle zusammenzuziehen.

Traumgesicht des Licinius.

Schon standen sich die Heere einander nahe, und nächster Tage war die Schlacht zu erwarten. Nun machte Maximin ein Gelübde an Jupiter des Inhaltes: Wenn er den Sieg gewinne, so werde er den Namen der Christen ausrotten und von Grund aus vertilgen. Da trat zu Licinius in der nächsten Nacht ein Engel Gottes ans Lager und mahnte ihn, schleunigst aufzustehen und zum höchsten Gott mit seinem ganzen Heere zu beten; es werde ihm der Sieg zufallen, wenn er es tue. Nach diesen Worten kam es ihm vor, als ob er aufstünde, und als ob der Engel, der ihn mahnte, zu seiner Seite stehend ihn belehrte, auf welche Weise und mit welchen Worten man beten müsse. Nachdem dann Licinius den Schlaf abgeschüttelt hatte, befahl er, den Geheimschreiber zu rufen und hieß ihn folgende Worte niederschreiben, gerade wie er sie gehört hatte: „Höchster Gott, wir bitten Dich! Heiliger Gott, wir bitten Dich! Alle Gerechtigkeit befehlen wir Dir, unsere Wohlfahrt befehlen wir Dir, unser Reich befehlen wir Dir! Durch Dich leben wir, durch Dich werden wir siegreich und glücklich. Höchster Gott, heiliger Gott, erhöre unsere Bitten! Unsere Arme breiten wir aus zu Dir! Erhöre, heiliger, höchster Gott!“ Diese Worte ließ er auf eine Anzahl Blätter schreiben und an sämtliche Befehlshaber und Tribunen verteilen, damit jeder sie seine Soldaten lehre. Allen wuchs der Mut; denn sie glaubten, es sei ihnen der Sieg vom Himmel verkündigt. Licinius bestimmte zum Tag der Schlacht den ersten Mai, an dem Maximin sein achtes Regierungsjahr vollendete, damit dieser gerade am Jahrestage seiner Erhebung besiegt würde, wie Maxentius zu Rom war besiegt worden. Maximin wollte zeitiger vorgehen und stellte tags vorher am Morgen sein Heer in Schlachtordnung auf, um am Tage nachher das Fest seiner Erhebung als Sieger zu begehen. Maximins Aufbruch wird ins Lager gemeldet. Die Soldaten greifen zu den Waffen und rücken dem Feinde entgegen. In der Mitte lag eine kahle und unfruchtbare Ebene, das Sonnenfeld (Campus Serenus) genannt. Beide Schlachtreihen waren sich bereits ansichtig. Die Soldaten des Licinius legen die Schilde ab, lösen die Helme, strecken nach dem Vorgange der Befehlshaber die Hände zum Himmel und sprechen das Gebet für den Kaiser. Das dem Untergange geweihte Heer hört das Gemurmel der Betenden. Jene wiederholen dreimal das Gebet, und nunmehr das Herz voll Mut, setzen sie die Helme wieder auf und erheben die Schilde. Die Kaiser treten zur Unterredung vor. Maximin läßt sich nicht zum Frieden bestimmen. Er war voll Geringschätzung gegen Licinius und erwartete den Abfall seines Heeres. Denn Licinius war im Schenken zurückhaltend, während Maximin verschwenderisch war; und er hatte den Krieg in der Absicht unternommen, das Heer des Licinius ohne Schwertstreich an sich zu ziehen und dann mit verdoppelten Streitkräften sogleich gegen Konstantin aufzubrechen.

Niederlage Maximins, 313.

Die Heere schreiten sich näher, die Trompeten erschallen, die Feldzeichen rücken vor. Licinius eröffnet den Angriff und stürzt auf die Gegner ein. Diese wissen im ersten Schrecken weder das Schwert zu handhaben noch den Speer zu werfen. Maximin umgeht die Schlachtreihe und sucht das Heer des Licinius durch Bitten und Geschenke zum Abfalle zu reizen. Man hört nirgends auf ihn. Es geschieht ein Ausfall auf ihn, und er flieht zu den Seinigen zurück. Sein Heer ward inzwischen ohne Gegenwehr niedergemacht und eine so große Anzahl Legionen, eine solche Masse Soldaten von geringer Mannschaft niedergemäht. Niemand ist des Namens, niemand der Tapferkeit, niemand der alten Auszeichnungen eingedenk. Gleich als wären sie zum göttergeweihten Opfertode, nicht zum Kampfe gekommen, so hat sie der höchste Gott dem Schwerte der Feinde preisgegeben. Bereits war eine ungeheure Menge niedergemacht. Maximin sieht die Dinge anders verlaufen, als er erwartete. Da warf er den Purpur von sich, zog ein Sklavenkleid an und floh der Meerenge zu. Von seinem Heere bedeckte die eine Hälfte das Schlachtfeld, der andere Teil ergab sich oder wandte sich zur Flucht; denn der ausreißende Oberfeldherr hatte die Scham vor dem Ausreißen benommen. Maximin gelangte am ersten Mai, das ist in einer Nacht und einem Tag zur Meerenge und von da in einer anderen Nacht nach Nikomedien, obschon das Schlachtfeld einhundertsechzig Milien von der Stadt entfernt war. Dort riß er eilends Kinder und Gattin und einiges Gefolge vom Palaste an sich und eilte dem Orient zu. In Kappadozien machte er Halt, nachdem sich ein Teil der Geflüchteten und einige Mannschaft vom Orient um ihn gesammelt hatte. Und jetzt zog er das kaiserliche Gewand wieder an.

Das Edikt von Mailand, Januar 313.

Licinius verteilte den Teil des Heeres, der sich ihm ergeben hatte, unter seine Mannschaft, setzte dann mit dem Heere wenige Tage nach der Schlacht nach Bithynien über und hielt seinen Einzug in Nikomedien. Hier erstattete er Gott, durch dessen Beistand er gesiegt hatte, den schuldigen Dank und ließ am Tage der Iden des Juni (13. Juni 313) unter dem dritten Konsulate des Konstantin und Licinius folgendes Edikt an die Statthalter über die Wiederherstellung der Kirche öffentlich anschlagen:

„Nachdem wir, sowohl ich Konstantinus Augustus, als auch ich Licinius Augustus glücklich zu Mailand uns eingefunden hatten und alle Angelegenheiten der öffentlichen Wohlfahrt und Sicherheit in Beratung nahmen, so glaubten wir unter den übrigen Anordnungen, von denen wir uns Nutzen für die Gesamtheit versprachen, vor allem die Dinge ordnen zu müssen, auf denen die Verehrung der Gottheit beruht, und zwar in der Art, daß wir sowohl den Christen wie auch allen übrigen freie Befugnis gewährten, der Religion sich anzuschließen, die jeder sich wählen würde, auf daß alles, was von göttlicher Wesenheit auf himmlischem Sitze thront, uns und allen, die unter unserer Herrschaft stehen, gnädig und gewogen sein möge. Und so glaubten wir in heilsamer und vernünftiger Erwägung den Entschluß fassen zu müssen, durchaus keinem die Erlaubnis zu versagen, der entweder der Religionsübung der Christen oder jener Religion sich zuwenden wollte, die er für sich als die geeignetste erachtete, auf daß die höchste Gottheit, deren Verehrung wir aus freiem Herzen ergeben sind, uns in allem die gewohnte Huld und Gnade erweisen könne. Es mag daher deine Ergebenheit wissen, daß es uns gefallen hat, die Bestimmungen, die in den früheren Erlassen an deine Dienstbeflissenheit über den Namen der Christen enthalten waren und die als durchaus ungünstig und unserer Milde widersprechend erschienen, alle ohne Ausnahme aufzuheben, so daß jetzt frei und unbehindert jeder, der die Religion der Christen zu beobachten geneigt ist, ohne alle Beunruhigung und Belästigung dieser Beobachtung obliegen mag. Und dies glauben wir deiner Besorgtheit ausführlichst zur Kenntnis bringen zu sollen, damit du wissest, daß wir freie und unbeschränkte Ausübung ihrer Religion den nämlichen Christen gewährt haben. Und indem du deutlich ersiehst, daß wir dieses den Christen gestattet haben, so erkennt deine Ergebenheit, daß wir auch den übrigen eine ähnlich offene und uneingeschränkte Ermächtigung zur Ausübung ihrer Religion im Interesse der Ruhe unserer Zeit eingeräumt haben, so daß jeder in der Verehrung dessen, was er sich erwählt hat, ungehinderte Freiheit hat. Und dies ist von uns geschehen, damit keine Art von Gottesverehrung und keine Religion durch uns irgendwelchen Abbruch erfahre. Und überdies haben wir bezüglich der Gesamtheit der Christen folgendes zu bestimmen für gut befunden: Wer etwa solche Stätten, an denen die Christen früher zusammenzukommen pflegten — über welche auch in den früheren Schreiben an deine Dienstbeflissenheit besondere Anweisungen enthalten waren —, in früherer Zeit von unserem Schatze oder sonst von irgend jemand käuflich erworben hat, der muß dieselben ohne Kaufpreis und ohne irgendwelche Entschädigung mit Ausschluß aller Hintanhaltung und Umständlichkeit zurückerstatten. Und wer solche Stätten zum Geschenke erhalten hat, muß sie ebenfalls den nämlichen Christen in kürzester Bälde zurückgeben; und sowohl Käufer als Beschenkte mögen sich, wenn sie etwas von unserer Wohlgeneigtheit erhoffen, an unseren Stellvertreter wenden, damit auch für sie durch unsere Milde gesorgt werde. Und dies alles muß der Körperschaft der Christen durch deine Vermittlung unverweilt und unverzüglich übergeben werden. Und nachdem die nämlichen Christen nicht bloß die Stätten, an denen sie sich zum Gottesdienst zu versammeln pflegten, sondern auch noch anderes zum Eigentum hatten, das zum Recht ihrer Körperschaft, das heißt der Kirchen, nicht einzelner Menschen, gehörte, so wirst du all dieses nach dem Gesetz, das wir oben dargelegt haben, ohne jegliche Ausflucht und Widerrede denselben Christen, das heißt der Körperschaft und den Versammlungsstätten der Christen zurückgeben lassen unter Einhaltung der vorher erwähnten Rücksichtnahme, daß jene, welche dieselben ohne Entgelt zurückerstatten, Schadloshaltung von unserem Wohlwollen erwarten dürfen. In all diesen Dingen wirst du der erwähnten Körperschaft der Christen deine wirksamste Vermittlung angedeihen lassen, damit unsere Vorschrift je eher desto lieber zur Ausführung komme, auf daß auch hierin durch unsere Milde für die öffentliche Ruhe gesorgt werde. Auf diese Art wird es geschehen, daß, wie wir bereits oben angeführt haben, die göttliche Hulderweisung gegen uns, die wir in Dingen von höchster Wichtigkeit erfahren haben, für alle Zeit glücklich bei unseren Unternehmungen zur allgemeinen Glückseligkeit verbleibe. Damit aber der Wortlaut dieser unserer gnädigen Verordnung allen zur Kenntnis gelangen kann, so wirst du dieses Schreiben durch öffentlichen Anschlag überall bekannt machen und zur Wissenschaft aller gelangen lassen, damit die Anordnung unseres Wohlwollens niemand unbekannt bleiben kann.“

Nach Veröffentlichung dieses Erlasses gab Licinius auch noch mündliche Anweisungen, daß den Christen die gottesdienstlichen Stätten in früherem Zustande zurückgegeben würden. So sind vom Umsturze der Kirche bis zur Wiederherstellung zehn Jahre und ungefähr vier Monate verflossen.

Tod Maximins, 313.

Dann nahm Licinius die Verfolgung des Tyrannen wieder auf. Dieser räumte flüchtig das Feld und eilte wieder den Engpässen des Taurus zu. Dort versuchte er durch Errichtung von Schanzwerken und Türmen den Weg zu versperren; aber da die Sieger alles durchbrachen, so wurde er von den Höhen hinabgedrängt und flüchtete zuletzt nach Tarsus. Als er sich hier bereits zu Wasser und zu Land eingeschlossen sah und keinen Ausweg mehr hoffen konnte, nahm er in innerer Angst und Furcht seine Zuflucht zum Tode als dem letzten Heilmittel der Übel, die Gott auf sein Haupt geschleudert hatte. Er füllte sich zuerst mit Speise und schlang Wein in Menge hinab, wie solche pflegen, die dies zum letztenmal zu tun glauben, dann nahm er Gift. Die Kraft des Giftes wurde vom überfüllten Magen zurückgestoßen und konnte für den Augenblick nicht wirken; aber das Übel ging in ein pestartiges Siechtum über, damit er mit Verlängerung des Atems auch länger die Qualen fühlte. Bereits begann der Giftsaft in ihm zu wüten. Vor dessen Wirkung tobten die Eingeweide, der unerträgliche Schmerz brachte ihn bis zur Raserei, so daß er vier Tage lang in der Aufregung des Wahnsinns Erde mit den Händen aufraffte und wie im Heißhunger verschlang. Als er dann nach langen und schrecklichen Qualen mit dem Kopfe gegen die Wände rannte, sprangen ihm die Augen aus den Höhlen. Jetzt erst, nachdem er das Augenlicht eingebüßt, begann er Gott zu sehen, wie er mit Diakonen in weißen Gewändern über ihn zu Gerichte saß. Er schrie laut auf gleich einem Gefolterten und rief, nicht er, sondern andere hätten es getan. Dann wie durch Folterqualen gezwungen, bekannte er Christus, indem er immer wieder bat und flehte, er möchte seiner sich erbarmen. So hauchte er unter Stöhnen, wie wenn er verbrannt würde, in entsetzlicher Todesart die schuldbeladene Seele aus.

Die Familien der Verfolger.

So hat Gott die sämtlichen Verfolger seines Namens in der Weise gestürzt, daß von ihnen weder Stamm noch Wurzel mehr übrig blieb. Denn kaum hatte Licinius die höchste Gewalt erlangt, so gab er Befehl, vor allem Valeria, die Maximin in seiner Erbitterung nicht einmal nach seiner Flucht, als er den Tod vor Augen sah, zu töten gewagt hatte, und ebenso den Kandidianus ums Leben zu bringen. Es war dies der Sohn des Galerius von einem Nebenweibe, den Valeria ob ihrer Kinderlosigkeit an Kindesstatt angenommen hatte. Valeria hatte auf die Nachricht vom Siege des Licinius ihren Anzug geändert und sich unter das Gefolge desselben gemischt, um das Schicksal Kandidians auszukundschaften. Dieser war zu Nikomedien vor Licinius erschienen und schien in Ehren zu stehen, bis er, ohne die geringste Ahnung zu haben, getötet wurde. Auf die Kunde von seinem Ausgange ergriff Valeria sogleich die Flucht. Ebenso ließ Licinius den bereits herangewachsenen Sohn des Severus, Severianus, der den Maximin auf der Flucht vom Schlachtfelde begleitet hatte, unter dem Vorwande, als habe er nach dem Tode Maximins an die Annahme des Purpurs gedacht, auf Leben und Tod anklagen und hinrichten. Alle diese hatten von Licinius schon längst Unheil befürchtet und daher lieber bei Maximin verweilen wollen, mit Ausnahme Valerias, welche die Aufforderung, ihr Erbrecht auf alle Güter des Galerius abzutreten, wie dem Licinius so auch dem Maximin verweigert hatte. Auch Maximins ältesten Sohn, der damals acht Jahre zählte, und dessen siebenjährige Tochter, die mit Kandidian verlobt gewesen, ließ Licinius ums Leben bringen. Aber vorerst wurde ihre Mutter in den Orontes hinabgestürzt. Dort hatte sie oftmals züchtige Frauen in den Wellen begraben lassen. So haben alle Gottlosen in wahrem und gerechtem Gerichte Gottes den gebührenden Lohn für ihre Taten empfangen.

Tod der Valeria und Priska.

Auch Valeria, die in gewöhnlicher Volkskleidung fünfzehn Monate lang in verschiedenen Provinzen herumgeirrt war, wurde zuletzt in Thessalonich erkannt, samt der Mutter ergriffen und zur Strafe gezogen. Die beiden Frauen wurden vor zahlloser Zuschauerschaft unter ungeheurem Mitleid über einen so gewaltigen Sturz zur Hinrichtung geführt. Es wurde ihnen das Haupt abgeschlagen und ihre Leiber ins Meer geworfen.

Schlußwort und Danksagung.

All diese Vorgänge glaubte ich mit gewissenhafter Treue — ich rede ja zu einem Kundigen — gerade so, wie sie sich zugetragen, der Schrift anvertrauen zu müssen, damit nicht etwa das Andenken an so große Ereignisse sich verliere oder ein künftiger Geschichtsschreiber die Wahrheit entstelle, indem er entweder die Versündigungen der Verfolger wider Gott oder das Gericht Gottes wider die Verfolger verschweigt. Der ewigen Erbarmung Gottes, der endlich auf die Erde herabgeblickt hat, müssen wir Dank sagen, daß er sich gewürdigt hat, seine Herde, die von reißenden Wölfen teils verwüstet, teils zerstreut war, wiederherzustellen und zu sammeln und die bösen Untiere auszurotten, welche die Weideplätze der göttlichen Herde niedergestampft und die Hürden auseinandergerissen hatten. Wo sind jetzt jene hochtrabenden und bei den Völkern einst so gefeierten Beinamen der Jovier und Herkulier, die zuerst Diokles und Maximian in Anmaßung sich beigelegt, und die hernach auf ihre Nachfolger sich vererbt haben? Der Herr hat sie ausgetilgt und weggefegt von der Erde. So laßt uns also den Triumph Gottes mit Frohlocken feiern, den Sieg des Herrn mit Lobliedern begehen! Laßt uns durch Gebete bei Tag und Nacht Gott verherrlichen, ja Gott verherrlichen, daß er den Frieden, den er nach zehn Jahren seinem Volke wieder geschenkt hat, für alle Zukunft befestigen wolle! Du vor allem, teuerster Donatus, der du von Gott erhört zu werden verdienst, bitte inständig den Herrn, daß er seine Barmherzigkeit mild und gnädig seinen Dienern immerdar erhalte, daß er alle Nachstellungen und Anfälle des Teufels von seinem Volke abwehren und der aufblühenden Kirche immerwährende Ruhe bewahren möge!

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Laktanz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s