Vom Segen der Geduld

Von Cyprian von Karthago (258)

 

Launig beweist Cyprian die Notwendigkeit der Geduld einleitend gleich damit, daß er seine Zuhörer bittet, auch seine Worte recht geduldig zu vernehmen. — Besonders nötig ist diese Tugend für einen Christen, der zur ewigen Herrlichkeit gelangen will.

Nachdem ich gesonnen bin, geliebteste Brüder, von der Geduld zu reden und ihren Nutzen und ihre Vorteile zu preisen, womit könnte ich da besser beginnen als mit dem Hinweis darauf, daß ich sehe, wie ich auch jetzt zum Zuhören eure Geduld nötig habe? Denn auch daß ihr jetzt eben auf mich hört und von mir lernt, ist gar nicht möglich ohne Geduld. Erst dann nämlich wird eine heilsame Rede und Belehrung mit gutem Erfolg aufgenommen, wenn das Gesprochene geduldige Ohren findet. Auch vermag ich, geliebteste Brüder, unter den übrigen Wegen der himmlischen Lehre, auf denen die Anhänger unserer Hoffnung und unseres Glaubens hingeleitet werden, von Gott ihren Lohn zu erlangen, nichts zu finden, was für das Leben nützlicher oder für die Verherrlichung wichtiger wäre, als daß wir, die wir des Herrn Gebote in gottesfürchtigem und demütigem Gehorsam zu erfüllen streben, vor allem die Geduld mit aller Sorgfalt beobachten.

Wahre christliche Geduld hat nichts gemein mit der Geduld der selbstgefälligen und törichten Philosophen.

Ihr streben nach ihrer Versicherung auch die Philosophen nach. Aber ihre Geduld ist ebenso falsch wie ihre Weisheit. Denn wie könnte einer weise oder geduldig sein, der weder die Weisheit noch die Geduld Gottes kennt? Sagt er selbst doch mit warnender Stimme von denen, die sich in der Welt weise dünken: „Vernichten will ich die Weisheit der Weisen und die Klugheit der Klugen verwerfen“, und auch der selige Apostel Paulus, der zur Berufung und Unterweisung der Heiden ausgesandt ist, bezeugt und lehrt es, des Heiligen Geistets voll, mit den Worten: „Sehet zu, daß euch niemand beraube durch die Philosophie und eitlen Trug nach der Überlieferung der Menschen, nach den Grundsätzen der Welt und nicht nach Christus; denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit“. Und an einer anderen Stelle sagt er: „Niemand täusche sich! Wenn einer glaubt, er sei weise unter euch, so werde er erst ein Tor für diese Welt, damit er ein Weiser werde! Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott. Denn es steht geschrieben: ‚Fangen werde ich die Weisen in ihrer eigenen Schlauheit‘, und wiederum: ,Der Herr kennt die Gedanken der Weisen, daß sie töricht sind'“. Wenn also bei ihnen nicht die wahre Weisheit zu finden ist, so kann auch ihre Geduld nicht die wahre sein. Denn wenn nur der geduldig ist, der demütig und sanft ist, die Philosophen aber, wie wir sehen, weder demütig noch sanft, sondern gar selbstgefällig sind und eben deshalb, weil sie sich selbst gefallen, Gott mißfallen, so ist es doch klar, daß es dort keine Geduld gibt, wo übermütige Frechheit unter der Maske des Freimuts herrscht und wo man ohne Scham die Brust offen und halbnackt zur Schau trägt.

Die beste Empfehlung der Geduld liegt darin, daß sie in Gott selbst ihren Ursprung hat.

Wir aber, geliebteste Brüder, die wir Philosophen sind nicht in Worten, sondern in Taten, und die Weisheit nicht in der Kleidung an den Tag legen, sondern in der Wahrheit, die wir mehr das innere Bewußtsein der Tugenden kennen als die Prahlerei damit, wir, deren Größe nicht in ihren Reden beruht, sondern in ‚ihrem Leben, wir wollen als die Diener und Verehrer Gottes die Geduld, die wir durch himmlische Belehrung lernen, in geistlichem Gehorsam zeigen! Denn diese Tugend haben wir mit Gott gemeinsam. Bei ihm entspringt die Geduld, von ihm nimmt ihre Herrlichkeit und Würde ihren Anfang. Der Ursprung und die Größe der Geduld geht auf Gott als Urheber zurück. Etwas, was Gott teuer ist, muß auch der Mensch hochschätzen; ein Gut, das die göttliche Herrlichkeit liebt, ist damit auch von ihr empfohlen. Wenn Gott unser Herr und Vater ist, so laßt uns auch der Geduld unseres Herrn und zugleich unseres Vaters nachstreben; denn die Diener müssen gehorsam sein, und die Kinder dürfen sich ihrer Abkunft nicht unwürdig zeigen.

Welch unendliche Geduld beweist Gott gegenüber den sündigen Menschen, indem er trotz des krassesten Götzendienstes seine Wohltaten allen gleichmäßig zukommen läßt und den Tag des Gerichts hinausschiebt, um ja noch allen eine Bekehrung zu ermöglichen.

Welch große und erhabene Geduld aber zeigt Gott, indem er die von den Menschen zur Schändung seiner Herrlichkeit und Ehre errichteten heidnischen Tempel, ihre aus Erde geformten Bildwerke und ihre gottlosen Opfer mit der größten Geduld erträgt und dennoch über Gute und Böse in gleicher Weise Tag werden und das Licht der Sonne aufgehen läßt, und wenn er die Länder mit Regen tränkt, keinen von seinen Wohltaten ausschließt, sondern den Gerechten ebenso wie den Ungerechten ohne jeden Unterschied sein Naß spendet! Wir sehen, wie mit unzertrennlicher, gleichmäßiger Geduld Schuldigen und Unschuldigen, Frommen und Gottlosen, Dankbaren und Undankbaren auf Gottes Wink die Jahreszeiten gefügig sind, die Elemente dienen, die Winde wehen, die Quellen strömen, wie die Fülle der Ernten gedeiht, der Ertrag der Weingärten heranreift, die Baumpflanzungen Obst in Fülle hervorbringen, wie die Wälder sich belauben und die Wiesen blühen. Und obwohl Gott durch häufige, ja durch fortwährende Kränkungen erbittert wird, beherrscht er dennoch seinen Unmut und wartet geduldig den einmal vorausbestimmten Tag der Vergeltung ab, und obgleich er die Rache in seiner Gewalt hat, will er doch lieber noch längere Zeit Geduld üben, indem er eben voll Milde [die Kränkungen] hinnimmt und [die Rache] hinausschiebt, damit womöglich die lange fortgesetzte Bosheit sich endlich doch noch ändere und der Mensch, nachdem er sich in dem befleckenden Schmutze des Irrtums und der Verbrechen gewälzt, wenn auch spät erst, sich zu Gott bekehre, der ja selbst mahnt und sagt: „Ich will nicht so sehr den Tod des Sterbenden als vielmehr, daß er sich bekehre und lebe“ [Und wiederum: „Kehret zurück zu mir, sagt der Herr“.] Und abermals: „Kehret zurück zu dem Herrn, eurem Gott; denn er ist barmherzig und gütig und geduldig und von großem Erbarmen, und er ändert sein Urteil gegenüber verhängten Heimsuchungen“. Indem dies auch der selige Apostel Paulus in Erinnerung bringt und den Sünder zur Buße ruft, äußert und sagt er: „Oder verachtest du etwa den Reichtum seiner Güte und seine Langmut und Geduld und weißt nicht, daß die Geduld und Güte Gottes dich zur Buße hinführt? Du aber nach deiner Härte und deinem unbußferligen Herzen häufest dir den Zorn am Tage des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der vergelten wird einem jeden nach seinen Werken“. Gerecht, sagte er, sei das Gericht Gottes, weil es spät erst kommt, weil es lange und weit hinausgeschoben wird, damit dem Menschen durch die langmütige Geduld Gottes zum Leben verholfen werde. Dann erst wird die Strafe an dem Gottlosen und Sünder vollzogen, wenn die Reue über die Sünde nichts mehr nützen kann.

Auch Christus empfiehlt uns die Geduld als etwas Göttliches, wodurch wir der Vollkommenheit näher kommen.

Und damit wir noch gründlicher ersehen können, geliebteste Brüder, daß die Geduld etwas Göttliches ist und daß jeder, der sanftmütig, geduldig und milde ist, Gott den Vater nachahmt, so hat der Herr, als er in seinem Evangelium die Vorschriften für die Gewinnung des Heiles gab und durch die Erteilung göttlicher Mahnungen seine Jünger zur Vollkommenheit hinleitete, geäußert und gesagt: „Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: ,Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen!‘ Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr die Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist, der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte! Denn wenn ihr nur diejenigen liebt, die euch lieben, was für einen Lohn werdet ihr da haben? Tun nicht auch die Zöllner so? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe? Seid also ihr vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“ Nur so, sagte er, würden die Kinder Gottes vollkommen, nur so, zeigte und lehrte er, gelangten die durch die himmlische Geburt Erneuerten zur höchsten Vollendung, wenn die Geduld Gottes des Vaters in uns bleibe, wenn die Gottähnlichkeit, die Adam durch die Sünde verloren hatte, in unseren Handlungen sich offenbare und sichtbar werde. Welcher Ruhm ist es, Gott ähnlich zu werden, welch großes und erhabenes Glück, in den Tugenden etwas zu besitzen, was sich mit den göttlichen Vorzügen vergleichen läßt!

Und ganz abgesehen von seinen Worten steht sein ganzes Wirken und Leben unter dem Zeichen der Geduld.

Und dies, geliebteste Brüder, hat unser Herr und Gott Jesus Christus nicht nur mit Worten gelehrt, sondern auch in seinen Taten erfüllt, und er, der gesagt hatte, er sei dazu herabgestiegen, um den Willen des Vaters zu tun, hat unter anderen wunderbaren Eigenschaften, durch die er deutliche Beweise seiner göttlichen Herrlichkeit gab, auch die Geduld des Vaters auf seinem ganzen Leidenswege bewahrt. Ja, sein ganzer Wandel trägt so überhaupt schon gleich von seiner Ankunft an das Gepräge der ihn begleitenden Geduld. Denn indem er erstens von seiner himmlischen Erhabenheit auf die Erde herniedersteigt, verschmäht er es nicht, als Sohn Gottes das Fleisch des Menschen anzunehmen, und obwohl er selbst kein Sünder war, die Sünden anderer zu tragen. Nachdem er für eine Weile die Unsterblichkeit abgelegt hat, bringt er es über sich, ein Sterblicher zu werden, um als Unschuldiger für das Heil der Schuldigen den Tod zu erleiden. Der Herr läßt sich taufen von dem Knechte, und er, der die Vergebung der Sünden dereinst verleihen wird, hält es nicht unter seiner Würde, durch das Bad der Wiedergeburt seinen Körper zu reinigen. Vierzig Tage lang fastet er, von dessen Hand die anderen reichlich gespeist werden: er hungert und fühlt Verlangen nach Nahrung, damit alle, die nach dem Worte und der Gnade hungrig waren, mit himmlischem Brote gesättigt werden. Er kämpft mit dem Teufel, der ihn versucht, und damit zufrieden, einen so gewaltigen Feind besiegt zu haben, begnügt er sich mit bloßen Worten. Über seine Jünger übte er nicht wie über Knechte die Gewalt eines Herrn aus, sondern voll Güte und Milde brachte er ihnen brüderliche Liebe entgegen, ja er ließ sich sogar dazu herab, den Aposteln die Füße zu waschen, um durch sein Vorbild zu lehren, wie ein Mitknecht gegen seine Genossen und Gefährten sich betragen soll, indem er als Herr sich also gegen die Knechte benahm. Und es ist gar kein Wunder, daß er sich gegen die gehorsamen Jünger in solcher Weise verhielt, er, der es über sich vermochte, einen Judas bis zuletzt in langmütiger Geduld zu ertragen, mit dem Widersacher zusammen zu speisen, den Feind in seiner nächsten Umgebung zu wissen, ohne ihn öffentlich bloßzustellen, ja nicht einmal den Kuß des Verräters zurückzuweisen. Was aber gar erst seine Geduld mit den Juden betrifft: welch großer Gleichmut, welch große Nachsicht gehörte dazu, die Ungläubigen durch Zureden für den Glauben zu gewinnen, den Undankbaren freundlich entgegenzukommen, den Widersprechenden sanftmütig zu erwidern, die Hochmütigen voll Milde zu ertragen, den Verfolgern in Demut sich zu fügen und bis zur Stunde des Kreuzes und Leidens bestrebt zu sein, die Mörder der Propheten und die steten Empörer gegen Gott um sich zu sammeln!

Besonders in seinem Leiden und Sterben hat er uns das herrlichste Vorbild in dieser Tugend gegeben.

In der Zeit des Leidens und des Kreuzes selbst aber, bevor es noch zum grausamen Tode und zum Blutvergießen kam, welch schimpfliche Schmähungen hörte er da geduldig an, welch kränkende Hohnreden ließ er sich da gefallen, so daß der Speichel der höhnenden Rotte ihn traf, der mit seinem Speichel kurz vorher die Augen der Blinden geöffnet hatte, und er, in dessen Namen jetzt von seinen Dienern der Teufel samt seinen Engeln gegeißelt wird, selbst Geißelhiebe erduldete, daß er mit Dornen gekrönt wurde, der die Märtyrer mit unverwelklichen Blumen bekränzt, daß man ihn mit der Hand ins Antlitz schlug, der die wahre Palme den Siegern reicht, daß er der irdischen Kleider beraubt wurde, der die anderen mit dem Gewande der Unsterblichkeit kleidet, daß man ihn mit Galle speiste, der die himmlische Speise darbot, daß man ihn mit Essig tränkte, der den Kelch des Heils kredenzte! Er, der Unschuldige, er, der Gerechte, ja vielmehr die Unschuld und die Gerechtigkeit selber, wird unter die Missetäter gezählt, und durch falsche Zeugnisse wird die Wahrheit unterdrückt, gerichtet wird er, der selbst dereinst richten wird, und das Wort Gottes läßt sich schweigend zum Kreuze führen. Und während bei der Kreuzigung des Herrn die Gestirne aus ihrer Ordnung kommen und die Elemente in Aufruhr geraten, während die Erde erbebt, die Nacht den Tag verdrängt und die Sonne ihre Strahlen und Augen abwendet, um nicht den Frevel der Juden schauen zu müssen, spricht er kein Wort und rührt sich nicht und gibt seine Herrlichkeit nicht einmal inmitten des Leidens zu erkennen. Bis zum Ende erträgt er alles beharrlich und beständig, damit die Geduld in ihrer ganzen Vollkommenheit sich in Christus vollende.

Seine Langmut geht so weit, daß er auch nach seinem Tode sogar seinen Feinden im Falle der Bekehrung Gnade und Verzeihung gewährt.

Und nach dem allem nimmt er sogar noch seine Mörder in Gnaden an, wenn sie sich bekehren und zu ihm kommen, und, in heilbringender Geduld voll Güte auf ihre Rettung bedacht, verschließt er seine Kirche für keinen. Jene Widersacher, jene Lästerer, jene beständigen Feinde seines Namens läßt er nicht nur zur Vergebung ihrer Schuld, sondern sogar zum Lohne des himmlischen Reiches gelangen, wenn sie nur über ihr Vergehen Reue zeigen, wenn sie nur den begangenen Frevel erkennen. Was läßt sich Geduldigeres, was läßt sich Gütigeres anführen? Zum Leben wird durch Christi Blut sogar der erweckt, der Christi Blut vergossen hat! So groß und so erhaben ist die Geduld Christi; denn wäre sie nicht so groß und erhaben, so hätte die Kirche auch keinen Apostel Paulus aufzuweisen.

Als Christen haben wir die Pflicht, dem Beispiele Christi zu folgen, wie schon die Apostel gemahnt haben.

Wenn nun aber auch wir, geliebteste Brüder, in Christus sind , wenn wir ihn angezogen haben, wenn er der Weg unseres Heiles ist, so laßt uns, die wir Christus auf den Spuren des Heils nachfolgen, nach dem Vorbild Christi wandeln, wie der Apostel Johannes lehrt mit den Worten: „Wer sagt, er bleibe in Christus, der muß auch selbst wandeln, wie er gewandelt ist!“ Auch Petrus, auf den nach dem gnädigen Willen des Herrn die Kirche gegründet ist, äußert in seinem Briefe und sagt: „Christus hat gelitten für euch, indem er euch ein Vorbild hinterließ, damit ihr seinen Fußtapfen folgt: er, der keine Sünde beging und in dessen Mund kein Trug gefunden wurde, der, als er geschmäht wurde, nicht wieder schmähte, als er litt, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der ungerecht richtete“.

Auch das Alte Testament hat uns in Abel, in den Patriarchen, in Moses und David glänzende Beispiele der Geduld vor Augen gestellt; ebenso haben viele Propheten sowie die Märtyrer nur dank ihrer Geduld die himmlische Krone erlangt.

So finden wir ferner, daß auch die Patriarchen und die Propheten und alle Gerechten, die Christi Gestalt als seine Vorläufer im Bilde an sich trugen, bei ihren ruhmwürdigen Tugenden auf nichts mehr achteten als darauf, daß sie in starkem und beständigem Gleichmut die Geduld bewahrten. So setzt Abel, der als der erste das Vorbild eines Märtyrers gibt und dem Leiden des Gerechten gleichsam die erste Weihe erteilt, seinem Bruder, der ihn ermordet, keinen Widerstand, kein Sträuben entgegen, sondern läßt sich voll Demut und Milde geduldig erschlagen. So kennt Abraham, der gläubig auf Gott vertraut und als der erste die Wurzel und den Grund des Glaubens legt, kein Zögern und Zaudern, wie er in seinem Sohne auf die Probe gestellt wird, sondern er gehorcht den Geboten Gottes mit der ganzen Geduld seiner Frömmigkeit. Auch Isaak, der das Opfer des Herrn voraus im Bilde andeutet, wird geduldig befunden, wie ihn sein Vater als Opfer darbietet; und Jakob verläßt, von seinem Bruder vertrieben, geduldig seine Heimat, und mit noch größerer Geduld führt er ihn nachmals, als er sich noch liebloser [gegen ihn] zeigte und ihn verfolgte, durch seine flehentlichen Bitten und durch versöhnende Geschenke zur Eintracht zurück. Joseph, den seine Brüder verkauft und in die Fremde getrieben haben, verzeiht ihnen nicht nur geduldig, sondern er weist ihnen sogar bei ihrer Ankunft voll Güte in reichem Maße unentgeltlich Getreide zu. Moses wird von dem undankbaren und treulosen Volke oft verachtet und fast gesteinigt, und doch fleht er für das gleiche Volk den Herrn um Gnade an. Und David gar, auf den der Stammbaum Christi dem Fleische nach zurückgeht: welch große, wunderbare und wahrhaft christliche Geduld bewies er nicht damit, daß er oftmals die Möglichkeit in der Hand hatte, den König Saul, der ihn verfolgte und ihm nach dem Leben trachtete, zu töten, und ihn dennoch, selbst als er in seine Gewalt gegeben und ihm ausgeliefert war, lieber am Leben erhielt und daß er an seinem Feinde nicht Vergeltung übte, sondern sogar noch seinen Tod rächte! Dazu noch endlich die große Zahl der Propheten, die hingemordet, die Märtyrer, die durch einen ruhmvollen Tod verherrlicht wurden und die alle durch den Ruhm der Geduld zur himmlischen Krone gelangt sind! Denn man kann unmöglich die Krone der Schmerzen und Leiden empfangen, wenn nicht in Schmerz und Leid die Geduld vorausgeht.

Die Geduld haben wir schon deshalb so nötig, weil das Menschengeschlecht seit Adams Sündenfall von Gott zu einem Leben voll Mühsal verurteilt ist.

Um jedoch, geliebteste Brüder, noch deutlicher und vollständiger ersehen zu können, wie nützlich und notwendig die Geduld ist, denke man nur an den Ausspruch Gottes, den gleich am Anfang der Welt und des Menschengeschlechtes Adam zu hören bekam, als er das Gebot vergaß und das ihm gegebene Gesetz überschritt. Dann werden wir erkennen, wie geduldig wir in dieser Welt sein sollten; denn wir werden schon mit der Bestimmung geboren, daß wir hienieden unter Not und Drangsal zu leiden haben. „Weil du gehört hast“, sprach er, „auf die Stimme deines Weibes und gegessen hast von jenem Baume, von dem allein ich dir geboten hatte, nicht zu essen, so soll die Erde verflucht sein in allen deinen Werken! In Traurigkeit und Seufzen sollst du von ihr essen alle Tage deines Lebens! Dornen und Disteln soll sie dir tragen, und du sollst die Frucht des Feldes essen! Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du zur Erde zurückkehrst, von der du genommen bist; denn Erde bist du, und zu Erde wirst du werden“. Durch das feste Band dieses Wortes sind wir alle gebunden und gefesselt, bis wir dem Tod unseren Tribut gezollt haben und von dieser Welt abscheiden. In Traurigkeit und Seufzen müssen wir hinbringen alle Tage unseres Lebens, in Schweiß und Arbeit müssen wir unser Brot essen.

Doppelt nötig ist sie als Trost dem Christen, der den Anfechtungen und Verfolgungen des Teufels ganz besonders ausgesetzt ist.

Deshalb bricht jeder, wenn er geboren ist und als Gast in dieser Welt aufgenommen wird, sofort in Tränen aus, und obwohl in allem noch unwissend und unkundig, weiß er gleich bei seiner Geburt nichts anderes zu tun als zu weinen. Mit einer gewissen natürlichen Vorahnung jammert er über die Ängste und Mühen des vergänglichen Lebens, und die noch unerfahrene Seele bezeugt gleich zu Beginn durch ihr Klagen und Seufzen die Stürme der Welt, denen sie entgegengeht. Denn Schweiß kostet es, solange man hienieden lebt und sich abmüht. Und während man so im Schweiße sich abmüht, kann einem kein anderer Trost besser zustatten kommen als der der Geduld; und wenn dieser auch für alle Menschen auf dieser Welt förderlich und notwendig ist, so ist er es doch noch mehr für uns, die wir von den Angriffen des Teufels noch mehr heimgesucht werden, die wir täglich im Felde stehen und durch das Ringen mit dem alten, wohlgeübten Feind ermüdet werden, die wir außer den mannigfaltigen und beständigen Kämpfen gegen Versuchungen auch noch in den Wirren der Verfolgung gezwungen werden, Haus und Hof zu verlassen, in das Gefängnis zu wandern, Ketten zu tragen, unser Leben zu opfern und den Tod durch das Schwert, durch wilde Tiere, durch Feuer oder am Kreuz, kurz Martern und Qualen aller Art zu erleiden mit dem Vertrauen und mit der Kraft der Geduld, wie der Herr selbst lehrt und sagt: „Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habet, in der Welt aber [werdet ihr] Bedrängnis [haben]. Aber seid getrost, denn ich habe die Welt überwunden“. Wenn aber wir, die wir dem Teufel und der Welt entsagt haben, die Bedrängnisse und Anfechtungen des Teufels und der Welt besonders häufig und heftig zu erdulden haben, wieviel mehr müssen wir da an der Geduld festhalten, um mit ihrer Hilfe und mit ihrem Beistand alle Widerwärtigkeiten zu ertragen?

Nur geduldiges Ausharren in hoffnungsvollem Glauben und in werktätiger Liebe sichert uns nach der Heiligen Schrift die Krone des Ruhmes im Jenseits.

Ein heilsames Gebot unseres Herrn und Meisters lautet: „Wer ausharren wird bis zum Ende, der wird selig sein“, und wiederum: „Wenn ihr bleiben werdet bei meinem Wort, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“. Zu dulden und auszuharren gilt es, geliebteste Brüder, damit wir, die wir zur Hoffnung der Wahrheit und Freiheit zugelassen sind, auch zur wirklichen Wahrheit und Freiheit gelangen können; denn schon der Umstand, daß wir Christen sind, ist eine Sache des Glaubens und der Hoffnung. Damit aber die Hoffnung und der Glaube zu ihrer Frucht gelangen können, bedarf es der Geduld. Denn wir streben nicht nach dem gegenwärtigen Ruhm, sondern nach dem künftigen, wie der Apostel Paulus mahnt mit den Worten: „Durch die Hoffnung sind wir gerettet. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung. Denn was einer sieht, was hofft er da noch? Wenn wir aber hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir in Geduld“. Geduldiges Abwarten ist notwendig, damit wir das, was wir zu sein angefangen haben, auch vollenden und das, was wir hoffen und glauben, aus Gottes Hand gewährt erhalten. So unterweist und belehrt auch an einer anderen Stelle derselbe Apostel die Gerechten und Wohltätigen, die durch den Zuwachs ihres an Gott geliehenen Gutes sich Schätze im Himmel zurücklegen, sie sollten auch geduldig sein, indem er sagt: „Laßt uns also, solange wir Zeit haben, an allen Gutes tun, besonders aber an den Angehörigen des Glaubens! Gutes zu tun aber laßt uns nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir ernten“. Er mahnt, keiner solle aus Ungeduld im Wohltun ermüden, keiner solle durch Versuchungen sich abhalten oder bezwingen lassen und mitten auf dem Wege zu Ehre und Ruhm halt machen, damit nicht das Erreichte verloren gehe, wenn das Begonnene nicht mehr vollendet wird, wie geschrieben steht: „Die Gerechtigkeit des Gerechten wird ihn nicht befreien, an welchem Tage er auch immer abirrt“, und wiederum: „Halte fest, was du hast, damit nicht ein anderer deine Krone nehme!“ Dieses Wort fordert dazu auf, geduldig und tapfer auszuharren, damit derjenige, der nach der Krone strebt und dem der Ruhm schon winkt, dank seiner anhaltenden Geduld auch wirklich die Krone erlange.

Die Geduld ist zugleich der beste Schutz gegen Laster und Sünden.

Die Geduld, geliebteste Brüder, bewahrt aber nicht nur das Gute, sondern sie vertreibt auch das Böse. Da sie dem Heiligen Geist ergeben und mit dem Himmlischen und Göttlichen eng verbunden ist, kämpft sie gegen die Werke des Fleisches und des Leibes, von denen die Seele erstürmt und eingenommen wird, unter dem Schütze ihrer Tugenden. So laßt uns denn nur einige Beispiele aus vielen heraus betrachten, um aus den wenigen auch auf das übrige zu schließen. Ehebruch, Betrug und Mord sind todeswürdige Verbrechen: laßt nur starke und beständige Geduld im Herzen wohnen, so wird der geheiligte Leib und der Tempel Gottes weder durch Ehebruch befleckt, noch wird die der Gerechtigkeit geweihte Unschuld durch das Gift des Betruges angesteckt, noch auch die Hand durch Schwert und Blut besudelt, nachdem sie einmal die Eucharistie getragen hat1

Auch für die Liebe, die Haupttugend eines Christen, ist sie die unerläßliche Vorbedingung.

Das Band der Brüderlichkeit, die Grundlage des Friedens, der feste Anker der Einheit ist die Liebe, die mächtiger ist als die Hoffnung und der Glaube, die nicht nur den guten Werken, sondern auch dem Märtyrertum vorangeht, die mit uns immer und ewig im himmlischen Reiche fortdauern wird. Nimm ihr jedoch die Geduld; und vereinsamt hat sie keinen Bestand; nimm ihr die Fähigkeit, zu ertragen und zu dulden; und es fehlen ihr die Wurzeln und die Kraft, um weiterzuleben. Darum hat auch der Apostel, als er von der Liebe sprach, die Ausdauer und Geduld ihr an die Seite gestellt. „Die Liebe“, sagt er, „ist hochherzig, die Liebe ist gütig, die Liebe eifert nicht, sie bläht sich nicht auf, sie läßt sich nicht reizen, sie denkt nichts Schlimmes, alles liebt sie, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles erträgt sie“. Er zeigte, daß sie [die Liebe] nur deshalb fest ausharren könne, weil sie alles zu ertragen verstehe. Und an einer anderen Stelle sagt er; “ . . . . . indem ihr einander ertraget in Liebe, indem ihr so recht bestrebt seid, die Einheit des Geistes in der Verbindung des Friedens zu erhalten“. Er legte dar, daß weder die. Einheit noch der Friede erhalten werden könne, wenn nicht die Brüder einander in gegenseitiger Duldung entgegenkämen und das Band der Eintracht mit Hilfe der Geduld bewahrten.

Vor allem das Gebot der Feindesliebe können wir ohne sie unmöglich befolgen.

Und ferner ; daß du nicht schwörst und fluchst, daß du das dir Abgenommene nicht zurückforderst, daß du dem, der dich schlägt, auch die andere Wange darreichst, wenn du einen Backenstreich erhalten hast, daß du dem Bruder, der sich an dir versündigt, nicht nur siebzigmal siebenmal, sondern überhaupt alle seine Verfehlungen verzeihst, daß du deine Feinde liebst, daß du für deine Widersacher und Verfolger Fürbitte einlegst, wirst du all das über dich bringen können ohne zähe Geduld und Ausdauer? Das sehen wir aber erfüllt in Stephanus, der bei seinem gewaltsamen Tod durch die Steine der Juden nicht um Rache für sich, sondern um Verzeihung für seine Mörder flehte mit den Worten: „Herr, rechne ihnen nicht diese Sünde an!“ So mußte der erste Märtyrer Christi sein, der den folgenden Märtyrern in ruhmvollem Tode vorauseilen und nicht nur das Leiden des Herrn laut verkündigen, sondern auch seine so geduldige Sanftmut nachahmen sollte. Was soll ich sagen von dem Zorn, von der Zwietracht, von der Streitsucht, lauter Lastern, die bei einem Christen nicht zu finden sein sollten? Lasset Geduld im Herzen wohnen: und all diese Eigenschaften können dort keinen Raum finden, oder selbst wenn sie sich einzuschleichen versuchen, so werden sie rasch abgewiesen und müssen abziehen, damit im Herzen die friedliche Wohnung weiterbesteht, wo der Gott des Friedens gerne weilt. So mahnt und lehrt auch der Apostel, indem er sagt: „Betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, in dem ihr besiegelt seid auf den Tag der Erlösung! Alle Bitterkeit und Zorn und Unwillen und Geschrei und Lästerung sei ferne von euch!“ Denn wenn der Christ den fleischlichen Leidenschaften und Kämpfen wie Meeresstürmen entronnen und voll Ruhe und Sanftmut in dem Hafen Christi eingelaufen ist, so darf er weder dem Zorn noch der Zwietracht den Zugang zu seinem Herzen gewähren, da es ihm weder erlaubt ist, Böses mit Bösem zu vergelten, noch Haß zu hegen.

Nur sie gibt dem Gerechten die nötige Kraft, alles Ungemach des irdischen Lebens zu ertragen.

Aber auch gegenüber den mannigfachen Heimsuchungen des Fleisches und den häufigen und harten Qualen des Leibes, von denen das Menschengeschlecht tagtäglich gepeinigt und geplagt wird, ist die Geduld dringend notwendig. Denn da bei jener ersten Übertretung des Gebots die Stärke des Leibes zugleich mit der Unsterblichkeit entschwunden und mit dem Tode die Schwäche gekommen ist und da man die Stärke nicht zurückgewinnen kann, außer wenn man auch die Unsterblichkeit wiedergewinnt, so gilt es bei dieser körperlichen Gebrechlichkeit und Ohnmacht, sich beständig abzuringen und abzukämpfen. Und dieses Ringen und Kämpfen läßt sich nur durch die Kraft der Geduld ertragen. Zu unserer Prüfung und Erprobung aber werden die verschiedensten Leiden uns auferlegt und Versuchungen aller Art über uns verhängt durch die Einbuße des Vermögens, durch hitzige Fieber, qualvolle Wunden oder durch den Verlust unserer Lieben. Aber nichts anderes unterscheidet die Ungerechten und Gerechten mehr voneinander, als daß der Ungerechte im Unglück voll Ungeduld klagt und lästert, während der Gerechte in Geduld sich bewährt, wie geschrieben steht: „Im Leid halte aus und in deiner Niedrigkeit habe Geduld; denn im Feuer wird Gold und Silber bewährt!“

Nur so vermochten Job und Tobias ihre harten Prüfungen zu bestehen.

So wurde auch Job geprüft und bewährt und dank der Kraft seiner Geduld zum höchsten Gipfel des Ruhmes erhoben. Welch gefährliche Geschosse des Satans wurden gegen ihn geschleudert, welch gewaltige Geschütze auf ihn gerichtet! Es trifft ihn die Einbuße seines Vermögens, der Verlust seiner zahlreichen Nachkommen wird über ihn verhängt: reich als Herr durch sein Besitztum und noch reicher als Vater durch seine Kinder, ist er mit einem Male weder Herr noch Vater mehr. Dazu kommen noch seine entsetzlichen Wunden, und seine faulenden und eiternden Glieder werden auch noch von der nagenden Pein der Würmer zerfressen. Und damit ja nichts übrig bliebe, was Job in seinen Versuchungen nicht an sich erfahren hätte, waffnet der Teufel auch noch sein Weib gegen ihn, indem er zu jener uralten Kunst seiner Bosheit greift, gleich als könnte er alle mit Hilfe eines Weibes täuschen und betrügen, wie er es am Anfang getan hat. Und dennoch läßt sich Job durch die schweren und dicht aufeinanderfolgenden Heimsuchungen nicht beugen, sondern inmitten seiner Not und Bedrängnis bleibt seine Geduld Siegerin, und er verkündigt laut Gottes Preis. Auch Tobias, der nach den herrlichen Werken seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit durch den Verlust seines Augenlichtes versucht wurde, erwarb sich ebenso, wie er seine Blindheit mit Geduld ertrug, durch den Ruhm seiner Geduld bei Gott reiche Verdienste.

Umgekehrt können wir die gefährlichen Wirkungen der Ungeduld an dem Schicksal ersehen, das den Satan, das einen Adam, Kain und Esau traf, sowie an dem Beispiel des jüdischen Volkes und der Häretiker.

Und damit, geliebteste Brüder, der Wert der Geduld noch mehr in die Augen fällt, laßt uns nur bedenken, wieviel Schlimmes umgekehrt die Ungeduld mit sich bringt! Denn wie die Geduld ein Segen Christi ist, so ist andererseits die Ungeduld ein Fluch des Teufels, und wie der, in dem Christus wohnt und bleibt, geduldig befunden wird, so zeigt sich der stets ungeduldig, dessen Sinn von der Bosheit des Teufels in Besitz genommen ist. Laßt uns nur gleich den Anfang [der Welt] besehen! Der Teufel ertrug es nur mit Ungeduld, daß der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde; deshalb war er der erste, der [selbst] zugrunde ging und andere zugrunde richtete. Dem göttlichen Gebote zuwider vermochte Adam in seiner Ungeduld der tödlichen Speise sich nicht zu enthalten und verfiel so dem Tode, statt die von Gott empfangene Gnade unter dem Schutze der Geduld zu bewahren. Und auch dazu, daß Kain seinen Bruder erschlug, kam es nur, weil er mit Ungeduld auf dessen Opfer und Gabe sah. Und wenn Esau von Höherem zu Niedrigerem herabsank, so rührt es daher, daß er das Vorrecht seiner Erstgeburt durch sein ungeduldiges Gelüste nach dem Linsengericht verlor. Wenn ferner das gegenüber den göttlichen Wohltaten treulose und undankbare jüdische Volk zum ersten Male von Gott abtrünnig wurde, war nicht auch daran die Ungeduld schuld? Da es ungeduldig wurde, als Moses mit Gott sprach und lange ausblieb, wagte es, unheilige Götter zu verlangen, so daß es das Haupt eines Rindes und ein Gebilde aus Erde zu Führern auf seinem Zuge ausrief. Und von dieser Ungeduld ließ es niemals ab, sondern der göttlichen Belehrung und Leitung gegenüber stets ungeduldig, mordete es seine Propheten und alle Gerechten und ließ sich sogar dazu hinreißen, den Herrn zu kreuzigen und sein Blut zu vergießen. Die Ungeduld ist es auch, die in der Kirche die Häretiker hervorbringt und sie, die ähnlich den Juden gegen den Frieden und die Liebe Christi sich empören, zu feindseligem und wütendem Hasse aufstachelt. Und — um mich nicht allzu lange mit der Anführung von Einzelheiten aufzuhalten — überhaupt all das, was die Geduld durch ihre Werke aufbaut zum Ruhme, das richtet die Ungeduld zugrunde.

Der Vergleich lehrt, welch reichen Segen die Geduld für den Christen in allen Lebenslagen in sich birgt.

Nachdem wir also, geliebteste Brüder, die Vorzüge der Geduld und die Nachteile der Ungeduld sorgfältig gegeneinander abgewogen haben, laßt uns aber auch an der Geduld, durch die wir in Christus bleiben und mit Christus zusammen zu Gott gelangen können, mit aller Gewissenhaftigkeit festhalten! Reich und vielseitig, wie sie ist, ist sie nicht in enge Grenzen eingeschlossen oder auf ein kleines Gebiet beschränkt. Weithin reicht die Wirkung der Geduld, und ihre Fülle und ihr Reichtum entspringt zwar aus der Quelle dieses einen Namens, aber sie ergießt sich in übersprudelnden Bächen über viele Wege des Ruhmes; und in unserem ganzen Tun und Treiben kann nichts zur Vollendung der Herrlichkeit gelangen, wenn es nicht von ihr die Kraft der Vollendung empfängt. Die Geduld ist es, die uns unserem Gott empfiehlt und bewahrt. Sie ist es, die den Zorn mäßigt, die Zunge im Zaum hält, die den Sinn leitet, den Frieden behütet, die Zucht lenkt, die das Ungestüm der Begierde bricht, die Gewalt des Stolzes unterdrückt, den Brand der Feindschaft auslöscht, die Macht der Reichen in Schranken hält, die Not der Armen lindert, die an den Jungfrauen ihre glückselige Unschuld, an den Witwen ihre mühevolle Keuschheit, an den ehelich Verbundenen ihre unzertrennliche Liebe schützt. Sie macht demütig im Glück, mutig im Unglück, sanftmütig gegen Unrecht und Kränkung. Sie lehrt, den Fehlenden schnell zu verzeihen, wenn man aber selbst sich vergeht, lange und inständig [um Verzeihung] zu bitten. Sie überwindet die Versuchungen, sie erträgt die Verfolgungen, sie führt das Leiden und das Martyrium zur Vollendung. Sie ist es, die die Grundlagen unseres Glaubens unerschütterlich befestigt, sie ist es, die das Wachstum unserer Hoffnung gewaltig fördert. Sie leitet unser Tun und Lassen, so daß wir imstande sind, den Weg Christi einzuhalten, indem wir in seiner Geduld wandeln. Sie bewirkt es, daß wir Gottes Kinder bleiben, indem wir die Geduld des Vaters nachahmen.

Mit Geduld müssen wir besonders auch, selbst in Zeiten der größten Not und Verfolgung, auf den Tag des Gerichtes und der Rache harren.

Und weil ich weiß, geliebteste Brüder, daß gar viele unter der Last drückender Unbilden oder im Schmerz an denen, die wider sie toben und wüten, schnell gerächt werden möchten, so darf ich zum Schlusse auch das nicht verschweigen, daß wir, die wir inmitten dieser Stürme der wogenden Welt stehen und den Verfolgungen der Juden oder Heiden und sogar der Häretiker ausgesetzt sind, mit Geduld den Tag der Rache abwarten und nicht mit ungeduldiger Klage auf eilige Vergeltung unseres Schmerzes dringen sollen, da geschrieben steht: „Erwarte mich, sagt der Herr, am Tage meiner Auferstehung zum Zeugnis! Denn mein Gericht wendet sich an die Versammlung der Völker, um herzunehmen die Könige und meinen Zorn über sie auszugießen“. Zu warten befiehlt uns der Herr und auf den Tag der kommenden Rache in standhafter Geduld zu harren, er, der auch in der Offenbarung spricht und sagt: „Versiegle nicht die Worte der Weissagung dieses Buches, denn schon ist die Zeit ganz nahe! Diejenigen, die fortfahren, zu schaden, mögen schaden, und wer im Schmutze ist, möge sich weiter beschmutzen; der Gerechte aber möge noch Gerechteres tun, und ebenso der Heilige noch Heiligeres! Siehe, ich komme bald, und mein Lohn ist mit mir, zu vergelten einem jeden nach seinen Werken“. Daher werden auch die Märtyrer, die laut rufen und in ihrem hervorbrechenden Schmerze eilige Rache wünschen, aufgefordert, noch zu warten und Geduld zu üben, bis die Zeit sich vollende und die Zahl der Märtyrer voll werde. „Und als es [das Lamm]“, heißt es dort, „das fünfte Siegel geöffnet hatte, da sah ich unter dem Altare Gottes die Seelen derer, die wegen des Wortes Gottes und ihres Zeugnisses ermordet worden waren, und sie riefen mit lauter Stimme und sagten: ,Wie lange, Herr, Du Heiliger und Wahrhaftiger, richtest und rächest du nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?‘ Und es wurde ihnen gegeben einem jeden ein weißes Kleid und ihnen gesagt, sie sollten noch eine kurze Zeit ruhen, bis die Zahl ihrer Mitknechte und Brüder voll werde, die auch in der Folge noch sollten getötet werden nach ihrem Beispiel“.

Denn daß dieser Tag kommt und an den Schuldigen schreckliche Vergeltung übt, wissen wir sicher.

Wann aber für das gerechte Blut die göttliche Rache erscheint, das gibt der Heilige Geist durch den Mund des Propheten Malachias kund mit den Worten: „Siehe, der Tag des Herrn kommt brennend wie ein Ofen, und es werden alle Fremden und alle Ungerechten Stoppeln sein, und der kommende Tag wird sie anzünden, spricht der Herr“. Das gleiche lesen wir auch in den Psalmen, wo die durch die Erhabenheit seines strengen Urteils ehrwürdige Ankunft Gottes zum Gericht angekündigt wird: „Gott wird offenbar kommen, unser Gott, und er wird nicht schweigen. Feuer wird vor ihm her brennen, und rings um ihn herum tobt gewaltiger Sturm. Rufen wird er den Himmel droben und die Erde, um sein Volk abzusondern. Versammelt ihm seine Gerechten, diejenigen, die den Bund mit ihm aufstellen bei den Opfern; und verkündigen werden die Himmel seine Gerechtigkeit, denn Gott ist Richter“. Auch Isaias kündigt das nämliche im voraus an, indem er sagt: „Denn siehe, der Herr wird wie ein Feuer kommen und wie ein Sturmwind sein Wagen, um im Zorne rächende Vergeltung zu üben. Denn im Feuer des Herrn werden sie gerichtet und mit seinem Schwerte verwundet werden“, und wiederum: „Der Herr, der Gott der Heerscharen, wird hervortreten und den Krieg niederschlagen, er wird Streit erwecken und mit Macht rufen über seine Feinde: ,Ich habe geschwiegen, soll ich etwa immer schweigen?'“

Gerade Christus, der Meister der Geduld, ist es, der als Rächer erscheinen wird.

Wer ist nun aber der, der da sagt, er habe früher geschwiegen, und der nicht immer schweigen will? Natürlich er, der wie ein Schaf zur Schlachtbank sich führen ließ und wie ein Lamm vor seinem Scherer stumm blieb, ohne seinen Mund zu öffnen. Natürlich er, der nicht schrie und dessen Stimme auf den Gassen nicht zu hören war. Natürlich er, der nicht widerspenstig war und nicht widersprach, als er seinen Rücken zu Geißelhieben und seine Wangen zu Backenstreichen darbot, ja sein Angesicht nicht einmal vor dem ekelhaften Speichel abwandte. Natürlich er, der auf die Anklagen der Priester und Ältesten kein Wort erwiderte und zur Verwunderung des Pilatus das geduldigste Stillschweigen beobachtete. Er ist es, der zwar im Leiden geschwiegen hat, der aber dereinst bei der Vergeltung nicht schweigen wird. Er ist es, unser Gott, das heißt: der Gott nicht aller, sondern nur der Getreuen und Gläubigen, der nicht schweigen wird, wenn er bei seiner zweiten Ankunft offenbar erscheint. Denn während er zuvor in seiner Niedrigkeit verborgen war, wird er dann in seiner Macht offenbar kommen.

Nachdem der Herr noch nicht einmal sich selbst gerächt hat, wollen auch wir in aller Geduld den Tag seiner Ankunft und seines Zornes erwarten, an dem wir mit ihm zur ewigen Herrlichkeit eingehen.

Auf ihn wollen wir harren, geliebteste Brüder, als auf unseren Richter und Rächer, der einst das Volk seiner Kirche und die Schar aller Gerechten seit Anbeginn der Welt zugleich mit sich selbst rächen wird! Wer gar zu schnell und eilig Rache für sich heischt, der möge bedenken, daß der selbst noch nicht gerächt ist, der die Rache vollzieht. Gott der Vater hat geboten, seinen Sohn anzubeten, und des göttlichen Gebotes eingedenk, bemerkt und sagt der Apostel Paulus: „Gott hat ihn erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist, damit im Namen Jesu alle ihr Knie beugen, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind“. Und in der Offenbarung widersetzt sich der Engel dem Johannes, der ihn anbeten will, und sagt: „Sieh zu, tue es nicht! Denn ich bin dein und deiner Brüder Mitknecht. Bete den Herrn Jesus an!“ Wie gütig ist der Herr Jesus, und wie groß ist seine Geduld, daß er, der im Himmel angebetet wird, nicht einmal sich selbst schon auf Erden rächt! An seine Geduld, geliebteste Brüder, laßt uns in unseren Verfolgungen und Leiden denken! Seiner Ankunft wollen wir in gehorsamer Erwartung entgegensehen und nicht in gottloser und unbescheidener Übereilung darauf dringen, daß wir, obwohl nur Knechte, vor dem Herrn gerächt werden! Laßt uns vielmehr danach streben und darauf hinarbeiten, daß wir mit ganzem Herzen wachsam und entschlossen, alles standhaft zu ertragen, die Gebote des Herrn beobachten, damit wir nicht mit den Gottlosen und Sündern zusammen bestraft, sondern mit den Gerechten und Gottesfürchtigen verherrlicht werden, wenn jener Tag des Zornes und der Rache erscheint!

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