Über die Gefallenen

Von Cyprian von Karthago

Mit freudigem Jubel und mit Danksagung gegen Gott dürfen wir als gute Christen die Wiederkehr des Friedens begrüßen.

Den Frieden, geliebteste Brüder, seht ihr der Kirche wiedergegeben, und – was vor kurzem noch den Ungläubigen schwer und den Abtrünnigen unmöglich erschien – dank der göttlichen Hilfe und Rache ist unsere Sicherheit wiederhergestellt. Freude zieht wieder ein in die Herzen, verscheucht ist der Sturm und die Wolke der Bedrängnis, und von neuem lacht ein ruhiger, heiterer Himmel. Lauter Preis gebührt Gott; seine Wohltaten und Gaben haben wir mit Danksagung zu feiern, obwohl ja unser Mund auch in der Zeit der Verfolgung nicht abgelassen hat, ihm zu danken. Denn so viel Macht kann dem Feinde nicht verstattet sein, daß wir, die wir Gott aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele und aus allen Kräften lieben, seinen Segen und sein Lob nicht immer und überall rühmend verkündigten. Erschienen ist der von uns allen so sehnlich erwünschte Tag, und nach dem grauenvollen und schrecklichen Dunkel einer langen Nacht ist die Welt, von des Herrn Licht bestrahlt, zu neuem Glanze erwacht.

Besonderer Ruhm gebührt den Bekennern, aber auch die tapfere Haltung der übrigen standhaft Gebliebenen verdient herzliche Anerkennung.

Mit freudigen Blicken sehen wir hin auf die Bekenner, die sich durch den Ruf eines guten, unbefleckten Namens und durch das Lob ihrer Glaubensstärke Ansehen und Ruhm erworben haben, mit heiligen Küssen umfassen und umarmen wir in göttlichem und unersättlichem Verlangen die Heißersehnten. Da steht die glänzende Schar der Streiter Christi, die die stürmische Wut der drängenden Verfolgung in unerschütterlichem Kampfe gebrochen haben, bereit, die Schrecken des Kerkers zu erdulden, und gerüstet, selbst den Tod zu erleiden. Heldenmütig habt ihr der Welt widerstanden, ein ruhmvolles Schauspiel habt ihr Gott geboten, ein Vorbild habt ihr gegeben allen Brüdern, die euch nachfolgen wollen. Eure gottesfürchtigen Lippen haben von Christus Zeugnis abgelegt, an den sie einmal zu glauben bekannt haben. Eure unbefleckten Hände, die nur an göttliche Werke gewöhnt waren, haben sich den gotteslästerlichen Opfern widersetzt; der durch die himmlischen Speisen geheiligte Mund hat nach dem Genuß des Leibes und Blutes unseres Herrn die sündige Befleckung mit den Überresten der Götzenopfer voll Abscheu gemieden. Von der ruchlosen und frevelhaften Hülle, mit der dort die Opfernden ihr geknechtetes Haupt bedeckten, ist euer Haupt frei geblieben. Eure durch Gottes Zeichen geschützte, reine Stirne konnte unmöglich die Krone des Teufels tragen: nein, für des Herrn Krone erhielt sie sich würdig. Mit welcher Freude nimmt euch eure Mutter, die Kirche, bei eurer Rückkehr aus dem Kampfe wieder in ihrem Schoße auf! Wie selig, wie froh öffnet sie euch ihre Pforten, damit ihr in geschlossenem Zuge zusammen einzieht mit den Trophäen des Sieges über den niedergestreckten Feind! Mit den triumphierenden Männern kommen auch Frauen gezogen, die nicht nur die Welt, sondern auch ihr Geschlecht überwunden haben. Es kommen, mit doppeltem Kriegsruhm bedeckt, sogar Jungfrauen und Kinder, die an Tugendkraft ihren Jahren weit voraus sind. Aber auch die noch übrige Menge der Aufrechtgebliebenen hat Teil an eurem Ruhm und folgt euren Spuren, ausgezeichnet durch einen Ruhm, der dem euren ganz nahe, ja fast gleich kommt. Auch in ihnen wohnt dieselbe Lauterkeit des Herzens, die gleiche Reinheit beharrlichen Glaubens. Gestützt auf die unerschütterlichen Wurzeln der himmlischen Lehren und gefestigt durch die Überlieferungen des Evangeliums, haben sie sich weder durch die Androhung der Verbannung noch durch die angeordneten Martern oder durch die Strafen an Gut und Blut schrecken lassen. Zur Prüfung des Glaubens waren bestimmte Tage festgesetzt; wer aber nicht vergißt, daß er der Welt entsagt hat, der kennt auch keinen Tag der Welt, und mit der irdischen Zeit rechnet der nicht mehr, der von Gott die Ewigkeit erhofft.

Selbst die Flucht vor der Verfolgung gibt noch kein Recht, das Verdienst der Glaubenstreue zu schmälern.

Niemand, liebe Brüder, niemand wolle diesen Ruhm verkürzen, keiner suche die unwandelbare Festigkeit der Stehenden in böswilliger Verkleinerung herabzuziehen! Wenn die zum Abschwören gestellte Frist verstrichen ist, so hat sich jeder, der innerhalb dieser Frist nicht abgeschworen hat, damit als Christ bekannt. Der erste Ruhmestitel des Sieges ist es, wenn einer, von den Händen der Heiden ergriffen, den Herrn bekennt; die zweite Stufe zum Ruhme besteht darin, sich in vorsichtiger Flucht den Häschern zu entziehen und sich einstweilen für Gott noch aufzubewahren. Das erste ist ein öffentliches, dieses ein privates Bekenntnis; der erste ist Sieger über den weltlichen Richter, dieser begnügt sich damit, Gott zum Richter zu haben, und bewahrt sich in der Unschuld seines Herzens ein reines Gewissen. Dort zeigt sich mehr entschlossene Tapferkeit, hier mehr auf Sicherheit bedachte Vorsicht. Jener ward bereits reif befunden, als seine Stunde nahte, dieser aber, der Hab und Gut verließ und nur deshalb entwich, weil er nicht abschwören wollte, ist vielleicht nur zurückgestellt; er würde sicher bekennen, wenn er gleichfalls ergriffen worden wäre.

Um so tiefer ist die durch die Verfolgung unter den Christen angerichtete Verheerung zu beklagen.

Diese himmlischen Kronen der Märtyrer, diesen geistlichen Ruhm der Bekenner, diese großen, herrlichen Verdienste der aufrecht gebliebenen Brüder trübt nur die Trauer darüber, daß der wütende Feind einen Teil von unserem Fleisch und Blut losgerissen und mit seinem verheerenden Schlage zu Fall gebracht hat, Was soll ich hier tun, geliebteste Brüder, von den schwankenden Wogen meines Gemüts unschlüssig hin- und hergetrieben, was oder wie ich reden soll? Mehr der Tränen bedarf es als der Worte, um dem Schmerze Ausdruck zu geben, mit dem die unserem Körper geschlagene Wunde zu beweinen, mit dem der vielfache Verlust an dem einst so zahlreichen Volke zu beklagen ist. Denn wer wäre so hart und gefühllos, wer so aller brüderlichen Liebe bar, daß er inmitten des mannigfachen Sturzes der Seinigen, inmitten der traurigen, durch reichlichen Schmutz entstellten Trümmer seine Augen trocken zu halten vermöchte und nicht allsogleich in Weinen ausbräche und seinem Jammer eher in Tränen als in Worten freien Lauf ließe? Ich leide, ihr Brüder, ich leide mit euch, und die eigene Erhaltung und das persönliche Wohlbefinden tröstet mich nicht über meinen tiefen Schmerz hinweg, da ja der Hirte in der Verletzung seiner Herde noch schwerer betroffen wird. Mit jedem einzelnen fühle ich mich im Herzen eins, mit jedem einzelnen teile ich die jammervolle Last der Trauer um den schweren Verlust. Mit den Klagenden klage ich, mit den Weinenden weine ich, mit den Niedergeschmetterten fühle ich mich selbst niedergeschmettert. Von jenen Geschossen des tobenden Feindes wurden gleichzeitig auch meine Glieder durchbohrt, seine wütenden Dolchstöße sind auch mir durchs Herz gedrungen. Von dem Ungestüm der Verfolgung konnte auch mein Herz nicht frei und unberührt bleiben; in den niedergestreckten Brüdern hat das Mitgefühl auch mich zu Boden geworfen.

Denn die Verfolgung ist nichts anderes als eine von Gott gesandte Heimsuchung zur Prüfung unseres Glaubens.

Und dennoch, geliebteste Brüder, muß man der Wahrheit die Ehre geben, und das düstere Dunkel der feindseligen Verfolgung darf Herz und Sinn nicht so mit Blindheit geschlagen haben, daß gar kein helles Licht mehr übrig geblieben wäre, um die göttlichen Vorschriften überblicken zu können. Erkennt man die Ursache des Unheils, so läßt sich auch ein Heilmittel für die Wunde finden. Der Herr wollte seine Familie prüfen, und weil die uns von Gott überlieferte Lehre durch den langen Frieden gelitten hatte, so hat das himmlische Strafgericht den gesunkenen und, fast hätte ich gesagt, schlafenden Glauben wieder aufgerichtet; und obwohl wir durch unsere Sünden mehr verdienten, hat der Herr in seiner großen Milde alles so gnädig gefügt, daß alles Geschehene eher einer Prüfung glich als einer Verfolgung.

Die schweren Mißstände, die sich mit der Zeit auch bei den Christen einschließlich ihrer Bischöfe eingeschlichen haben, hätten ein noch viel schlimmeres Strafgericht verdient.

Da war jeder nur auf die Vergrößerung seines Vermögens bedacht, und ohne daran zu denken, was die Gläubigen früher zur Zeit der Apostel getan hatten und immer tun sollten, verlegte man sich, von unersättlicher Habgier entflammt, nur auf die Mehrung seines Besitzes. Vergebens suchte man die ergebene Gottesfurcht bei den Priestern, die unbefleckte Treue bei den Dienern; da kannte man keine Barmherzigkeit in den Werken, keine Zucht in den Sitten. Die Männer fälschten den Bart, die Frauen schminkten ihr Gesicht; entstellt wurden die von Gottes Hand geschaffenen Augen und die Haare mit lügnerischen Mitteln gefärbt. Schlauer Trug diente dazu, die Herzen der Einfältigen zu täuschen, tückische Ränke halfen die eigenen Brüder überlisten. Mit Ungläubigen knüpfte man das Band der Ehe, Heiden gab man die Glieder Christi preis. Man war nicht nur leichtfertig im Schwören, sondern man schwur auch Meineide; die Vorgesetzten verachtete man in übermütigem Dünkel, mit vergiftetem Munde verleumdete man einander, mit unerbittlichem Haß lebte man in gegenseitiger Feindschaft. Gar viele Bischöfe, die doch den übrigen eine Mahnung und ein Vorbild sein sollten, vernachlässigten ihr göttliches Amt und wurden die Beamten weltlicher Herrscher; sie verließen ihren Stuhl, ließen die Gemeinde im Stiche, reisten durch fremde Provinzen und trieben auf den Märkten ihr einträgliches Geschäft. Während die Brüder in der Gemeinde darbten, wollten sie Geld im Überflusse haben, brachten Grundstücke durch tückischen Betrug an sich und mehrten durch hohen Wucherzins ihr Kapital. Was hätten wir demnach nicht alles für derartige Sünden zu erdulden verdient, da ja schon längst die göttliche Strenge im voraus gemahnt und gesagt hat: „Wenn sie mein Gesetz verlassen und in meinen Rechten nicht wandeln, wenn sie meine Satzungen entheiligen und meine Gebote nicht halten, so will ich mit der Rute ihre Missetaten heimsuchen und mit Geißeln ihre Vergehen“.

Für den Kenner der Heiligen Schrift und ihrer warnenden Weissagungen kamen die Ereignisse keineswegs überraschend.

Das alles ist uns vorausverkündigt und vorhergesagt. Ohne aber an das gegebene Gesetz und seine Beobachtung zu denken, haben wir selbst es durch unsere Sünden dahin gebracht, daß wir die Ahndung unseres Vergehens und die Prüfung unseres Glaubens durch strengere Mittel nötig machten, indem wir die Gebote des Herrn verachteten. Ja, nicht einmal nachträglich ließen wir uns zur Furcht des Herrn bekehren, so daß wir dieser unserer Bestrafung und der göttlichen Prüfung uns geduldig und mutig unterzogen hätten. Gleich bei den ersten Worten des drohenden Feindes hat eine ganz große Anzahl von Brüdern ihren Glauben preisgegeben, und nicht der Sturm der Verfolgung hat sie zu Boden geschmettert, sondern sie haben sich selbst in freiwilligem Falle niedergeworfen. Was war denn, ich bitte euch, so Unerhörtes, was war denn so Außerordentliches vorgefallen, daß man den Christus geleisteten Treueid in jäher Hast brach, gleich als ob ganz unbekannte und unvermutete Ereignisse eingetreten wären? Haben das alles nicht Schon zuerst die Propheten und dann später die Apostel verkündigt? Haben sie, des Heiligen Geistes voll, nicht stets die Drangsale der Gerechten und die übergriffe der Heiden vorhergesagt? Heißt es nicht in der göttlichen Schrift, die stets unseren Glauben waffnet und Gottes Diener durch himmlischen Zuspruch stärkt: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen“? Sagt sie nicht abermals, indem sie auf den Zorn des göttlichen Unwillens hinweist und zur Furcht vor der Strafe mahnt: „Sie haben solche angebetet, die ihre Finger gemacht haben, und der Mensch bückte sich, und der Mann demütigte sich, und ich werde es ihnen nicht vergeben“? Und wiederum spricht Gott und sagt: „Wer Göttern opfert außer dem Herrn allein, der wird ausgerottet werden“. Hat nicht auch im Evangelium nachmals der Herr, ein Lehrer in Worten, ein Vollbringer in Taten – denn er hat gelehrt, was zu tun sei, und getan, was er gelehrt hatte –, hat nicht auch er all das mit mahnender Stimme vorhergesagt, was jetzt geschieht und noch geschehen wird? Hat er nicht schon im voraus den Leugnern ewige Strafen und den Bekennern heilbringende Belohnungen in Aussicht gestellt?

Dennoch vergaßen viele Christen diese Mahnungen so gänzlich, daß sie sich sofort zum Abfall bereit zeigten.

Aber einigen – welch ein Frevel! – ist das alles entfallen und aus dem Gedächtnis entschwunden. Sie warteten nicht einmal mit dem Emporsteigen zum Kapitol, bis sie etwa ergriffen, mit dem Ableugnen, bis sie gefragt wurden. Vor der Schlacht schon besiegt, ohne Kampf schon niedergestreckt, retteten viele für sich nicht einmal den Schein, als ob sie etwa nur widerwillig den Götzen geopfert hätten. Nein, aus freien Stücken liefen sie auf das Forum, freiwillig eilten sie ihrem geistlichen Tode entgegen, gerade als ob sie das schon längst ersehnt, als ob sie nur eine sich bietende Gelegenheit ergriffen, die sie von Herzen gewünscht hätten. Wie viele wurden da von den Behörden zurückgestellt, weil der Abend hereinbrach, wie viele baten sogar noch darum, ihren Untergang nur ja nicht zu verschieben! Wie kann ein solcher Mensch Gewalt vorschützen, um damit sein Vergehen zu rechtfertigen, da er vielmehr selbst Gewalt angewandt hat, um sein Verderben herbeizuführen? Als er freiwillig zum Kapitol kam, als er aus freien Stücken zur gehorsamen Ausführung der grausigen Tat vortrat, mußte da nicht sein Schritt wanken, wurde es ihm da nicht dunkel vor den Augen, schlug ihm da nicht zitternd das Herz, brachen nicht seine Glieder zusammen? Sind ihm da nicht die Sinne geschwunden, hat da nicht die Zunge gestockt, die Sprache versagt? Vermochte wirklich ein Diener Gottes dort zu stehen und zu sprechen und Christus zu entsagen, er, der bereits dem Teufel und der Welt entsagt hatte? Bedeutete nicht jener Altar, an den er, um zu sterben, herantrat, für ihn den Scheiterhaufen? Hätte er nicht vor des Teufels Opferherd, von dem er den gräßlich duftenden Rauch aufsteigen sah, als vor seiner Todes- und Grabesstätte schaudernd fliehen sollen? Wozu bringst du, Unseliger, erst noch eine Opfergabe mit, wozu ein Opfertier, das du demütig darbringen willst? Du selbst bist ja als Schlachtopfer, du selbst bist als Opfertier an den Altar gekommen; geopfert hast du hier dein Heil, deine Hoffnung; deinen Glauben hast du hier in den unheilvollen Flammen verbrannt.

Manche Eltern zogen sogar ihre eigenen Kinder mit sich ins Verderben.

Und vielen genügte noch nicht einmal der eigene Untergang. Durch gegenseitige Ermunterung wurde das Volk ins Verderben getrieben, aus verderbenbringendem Becher trank man sich untereinander den Tod zu. Und damit ja nichts fehle, um das Maß des Frevels voll zu machen, wurden sogar die Kinder von den Eltern auf den Armen herbeigetragen oder [an der Hand] herangeschleppt, um in frühester Jugend das zu verlieren, was sie gleich beim Eintritt in das Leben erlangt hatten. Werden diese Kleinen, wenn der Tag des Gerichts gekommen ist, nicht sagen: „Wir haben nichts begangen, wir haben nicht des Herrn Speise und Trank verlassen, um freiwillig zur ruchlosen Befleckung zu eilen: fremder Treubruch hat uns ins Verderben gestürzt, von unseren Eltern mußten wir den Tod erleiden. Sie haben uns durch ihr Leugnen in der Kirche die Mutter, sie haben uns in Gott den Vater geraubt, so daß wir fremdem Trug zum Opfer fielen, während wir, noch klein und ahnungslos und ohne Kenntnis von einem solchen Frevel, durch andere in die Gemeinschaft des Verbrechens mit hineingezogen wurden“?

Rechtzeitige Flucht hätte viele noch vor schwerem Schaden bewahren können.

Dabei gibt es aber, leider Gottes, gar keinen triftigen und schwerwiegenden Grund, der einen solchen Frevel zu entschuldigen vermöchte. Man hätte ja nur die Heimat zu verlassen und sein Vermögen preiszugeben brauchen. Muß denn nicht jeder, der geboren wird und wieder stirbt, irgendeinmal die Heimat wieder verlassen und sich von seinem Vermögen trennen? Christus darf auf keinen Fall verlassen werden, vor dem Verlust des ewigen Heils und der ewigen Heimat muß man sich sorgsam hüten. Siehe, durch den Mund des Propheten ruft der Heilige Geist: „Weichet, weichet, ziehet von dannen und berühret nichts Unreines; geht aus seiner Mitte weg, sondert euch ab, die ihr die Gefäße des Herrn traget!“ Und doch gehen und weichen sie, die die Gefäße des Herrn und der Tempel Gottes sind, nicht aus der Mitte, um nichts Unreines berühren, um nicht mit todbringenden Speisen sich beflecken und besudeln zu müssen? Auch an einer anderen Stelle läßt sich eine Stimme vom Himmel vernehmen , die da mahnt, was die Diener Gottes tun sollen, mit den Worten. „Geh aus von ihr, mein Volk, auf daß du nicht teilhaftig werdest ihrer Sünden und damit du nicht betroffen wirst von ihren Heimsuchungen!“ Wer herausgeht und entweicht, wird der Sünde nicht teilhaftig; wer aber als Mitschuldiger an dem Verbrechen befunden wird, der wird von ihren Heimsuchungen gleichfalls betroffen. Und deshalb hat der Herr dazu aufgefordert, in der Verfolgung zu entweichen und zu fliehen, und damit dies befolgt werde, hat er es nicht nur gelehrt, sondern auch getan. Denn da die Krone von der Gnade Gottes kommt und da man sie nicht erlangen kann, wenn nicht die Stunde da ist, sie in Empfang zu nehmen, so verleugnet einer, der in Christo bleibt und nur für eine Weile entweicht, nicht etwa seinen Glauben, sondern er wartet nur seine [richtige] Zeit ab. Wer aber gefallen ist, da er nicht entwich, der ist zurückgeblieben in der Absicht, zu leugnen.

Nur die ängstliche Rücksicht auf Hab und Gut war der Grund für ihr Bleiben und ihren frevelhaften Abfall.

Die Wahrheit, liebe Brüder, darf nicht verschleiert, die Ursache und der Grund unserer Wunder nicht verschwiegen werden. Viele hat die blinde Liebe zu ihrem Mammon verführt, und allerdings konnten solche unmöglich dazu bereit und gerüstet sein, zu entweichen, die von ihren Schätzen wie von Fesseln festgehalten wurden. Das waren für die Zurückbleibenden die Bande, das die Ketten, die ihren Mut lähmten, die ihre Glaubenstreue niederhielten, die ihren Sinn umstrickten und ihnen den Atem beengten, und so wurden sie, die dem Irdischen anhingen, eine Beute und ein Fraß der Schlange, die nach Gottes Ausspruch Erde frißt. Und deshalb sagt der Herr, der Lehrer alles Guten, indem er für die Zukunft im voraus mahnt: „Willst du vollkommen sein, so verkaufe all das Deinige und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir!“ Täten dies die Reichen, so gingen sie nicht durch ihren Reichtum zugrunde; indem sie sich einen Schatz im Himmel sammelten, hätten sie jetzt nicht im eigenen Haus einen Feind, der sie überwindet. Im Himmel weilte dann ihr Herz, Sinn und Gefühl, wenn sie ihren Schatz im Himmel hätten, und der Welt könnte der nicht unterliegen, der in der Welt nichts hätte, was ihn zu besiegen vermachte. Frei und ledig könnte er dem Herrn folgen, wie es die Apostel und zur Zeit der Apostel noch viele andere und manche auch sonst schon oftmals getan haben, die ihre Habe und ihre Eltern verließen und in unzertrennlicher Vereinigung Christus anhingen.

Und doch sollten uns die Güter dieser Welt nichts gelten gegenüber dem himmlischen Lohn, der uns verheißen ist.

Wie können aber solche Leute Christus folgen, die durch die Fesseln ihres Vermögens festgehalten sind? Oder wie sollten solche zum Himmel emporstreben und zum Erhabenen und in die Höhen sich aufschwingen, die durch irdische Begierden herabgezogen werden? Sie bilden sich ein, zu besitzen und sind doch vielmehr selbst fremder Besitz, die Sklaven ihres Vermögens; und nicht etwa Herren über das Geld sind sie, sondern vielmehr die Leibeigenen ihres Mammons. Auf diese Zeit, auf diese Menschen weist der Apostel hin, wenn er sagt: „Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstricke und viele schädliche Begierden, die den Menschen in Verderben und Untergang stürzen. Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht, und etliche, die ihr nachjagten, sind vom Glauben abgeirrt und sind in viele Schmerzen geraten“. Durch welch lockende Belohnungen aber fordert uns der Herr auf zur Verachtung des Vermögens! Mit welch reichem Lohn wiegt er die kleinen und geringfügigen Verluste dieses zeitlichen Lebens auf! „Es gibt keinen“, sagt er, „der Haus oder Feld oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder wegen des Reiches Gottes verließ und nicht siebenmal so viel in dieser Zeit empfinge, in der künftigen Welt aber das ewige Leben“. Nachdem wir dies gehört und auf Grund der Wahrhaftigkeit der Verheißungen des Herrn als sicher vernommen haben, genügt es noch nicht, einen derartigen Verlust nicht zu fürchten, sondern man muß ihn sogar wünschen, wie ja der Herr selbst von neuem preisend verkündigt und mahnt: „Selig werdet ihr sein, wenn sie euch verfolgen und euch absondern und vertreiben und euren Namen als nichtswürdig schmähen um des Menschensohnes willen. Freuet euch an jenem Tage und frohlocket, denn seht, euer Lohn ist reich im Himmel“.

Nachsicht kann man den Gefallenen zubilligen, die erst unter den Qualen der Folter erlagen.

„Aber hernach waren die Folterqualen gekommen, und den Widerspenstigen drohten schwere Martern“. Über Foltern kann sich aber doch nur der beklagen, der durch die Foltern schließlich überwunden wurde; den Schmerz kann nur der zu seiner Entschuldigung vorbringen, der im Schmerze unterlag. Ein solcher kann bitten und sagen: „Ich wollte ja tapfer streiten und, meines Treuschwurs eingedenk, ergriff ich die Waffen der frommen Ergebung und des Glaubens; aber mitten im Kampfe erlag ich den mannigfachen Martern und der langen Pein. Fest blieb mein Sinn und stark der Glaube, und lange rang die Seele unerschütterlich mit den folternden Qualen. Als aber die Wut des grausamen Richters von neuem erwachte und man mich, den schon Erschöpften, bald auch noch mit Geißeln zerfleischte, bald mit Knütteln zerschlug, bald auf der Folterbank verrenkte, bald mit der Kralle zerriß, bald mit der Flamme versengte, da ließ mich das Fleisch inmitten des Kampfes im Stiche, da gab mein schwacher Leib nach, und so erlag nicht mein Geist, sondern nur mein Körper unter dem Schmerze.“ Ein solcher Fall kann freilich schnell Verzeihung finden, eine derartige Entschuldigung vermag allerdings Mitleid zu erwecken. Unter solchen Umständen hat einst der Herr dem Castus und Ämilius verziehen, aus solchen Gründen hat er sie, die beim ersten Angriff unterlegen waren, im zweiten Kampfe zu Siegern gemacht, so daß dieselben, die vorher vor dem Feuer zurückgewichen waren, sich nun stärker erwiesen als die Flammen und gerade da als Sieger hervorgingen, wo sie vorher besiegt worden waren. Sie baten um Gnade nicht mit mitleiderregenden Tränen, sondern mit Wunden, und nicht mit klagender Stimme, sondern mit ihrem zerfleischten und zermarterten Körper: statt zu weinen vergossen sie ihr Herzblut, und statt der Zähren quoll ein dicker Blutstrom an dem halbversenkten Leibe herab.

Gegen alle hingegen, die gleich zu Beginn der Verfolgung sich freiwillig unterwarfen, muß unnachsichtige Strenge walten.

Welche Verletzungen aber vermögen denn jetzt die Besiegten aufzuweisen, welche tiefklaffenden Wunden an ihrem, Körper, welche Martern ihrer Glieder, jetzt, wo der Glaube nicht im Kampfe zu Falle gekommen ist, sondern der Abfall dem Kampfe zuvorkam? Der Unterlegene kann sein Verbrechen auch nicht mit einem Zwang entschuldigen, wo doch das Verbrechen seinem [freien] Willen entspringt. Ich sage das aber nicht etwa deshalb, um die Lage der Brüder noch zu erschweren, sondern nur, um unsere Brüder noch mehr zu bußfertigem Gebet anzueifern. Denn da geschrieben steht: „Die euch glücklich nennen, führen euch in die Irre und stören den Weg eurer Füße“, so liefert jeder, der dem Sünder mit schmeichelnden Koseworten schöntut, nur neue Nahrung zum Sündigen, und er dämmt die Vergehungen nicht ein, sondern fördert sie noch, Wer hingegen durch gesunde Ratschläge den Bruder zurechtweist und zugleich belehrt, der bringt ihn vorwärts auf dem Wege zum Heil. „Die ich liebe“, sagt der Herr, „die strafe und züchtige ich“. So darf auch ein Priester des Herrn nicht in täuschender Willfährigkeit irreführen, sondern er muß mit heilsamen Mitteln Vorsorge treffen. Ein unerfahrener Arzt ist es, der die angeschwollenen Wundbeulen nur mit schonender Hand betastet und das in den tiefen Höhlungen des Körpers eingeschlossene Gift nur noch vermehrt, indem er es beläßt. Geöffnet muß die Wunde werden und aufgeschnitten, und nachdem das Faule mit dem Messer beseitigt ist, gilt es, sie mit einem kräftigen Mittel zu behandeln Mag auch der Kranke schreien und rufen und jammern, weil er es vor Schmerzen kaum mehr aushält, er wird nachher um so dankbarer sein, wenn er sich wieder gesund fühlt.

Auch sie wieder zur Gemeinschaft zuzulassen, wäre falsche Milde, durch die der Frevel der Schuldigen nur noch gesteigert würde.

Es ist nämlich, geliebteste Brüder, eine ganz neue Art von Unheil aufgetaucht und, gleich als ob der Sturm der Verfolgung noch zu wenig gewütet hätte, ist zu allem Überfluß unter dem Scheine der Barmherzigkeit ein trügerisches Übel und ein verführerisches Verderben noch hinzugekommen. Im Widerspruche mit der Strenge des Evangeliums, im Widerspruche mit dem Gesetze unseres Herrn und Gottes wird von einigen voll Leichtfertigkeit den Unvorsichtigen wieder ohne weiteres die Gemeinschaft gewährt, ein ungültiger und falscher Friede, gefährlich für die Spender und ohne Nutzen für die Empfänger. Sie verlangen kein geduldiges Warten auf die Rückkehr der Gesundheit, nicht das wahre Heilmittel der Genugtuung; die Buße ist aus ihrem Herzen gebannt, die Erinnerung an die so schwere und schreckliche Sünde ist getilgt. Verdeckt werden die Wunden der Sterbenden, und den tödlichen Stoß, der tief im Innersten sitzt, verhüllt man, indem man das Leiden verborgen hält. Von den Altären des Teufels kommen sie zurück und treten mit ihren unreinen, noch von dem Opferqualm befleckten Händen an das Heilige des Herrn heran; die todbringenden Speisen der Götzen stoßen ihnen fast noch auf, aber während noch ihr Schlund sein Verbrechen durch den Atem und die unheilvolle Befleckung durch den Geruch verrät, wagen sie sich an den Leib des Herrn. Und doch tritt ihnen die göttliche Schrift entgegen und ruft und sagt: „Jeder Reine soll von dem Fleische essen, und jede Seele, die von dem Fleische des Heilsopfers ißt, das dem Herrn zugehört, und hat eine Unreinigkeit an sich, diese Seele soll aus ihrem Volke verschwinden“, und auch der Apostel bezeugt und sagt; „Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der bösen Geister; ihr könnt nicht am Tische des Herrn teilhaben und am Tische der bösen Geister“. Der gleiche Apostel droht ja auch den Trotzigen und Hartnäckigen und ruft ihnen die Worte zu: „Wer immer unwürdig von dem Brote ißt und von dem Kelche des Herrn trinkt, wird schuldig sein an dem Leib und Blut des Herrn“.

Ihre Wiederaufnahme unter Ausschaltung der Buße wäre von ebenso verderblicher Wirkung wie die Verfolgung selbst.

Ohne jedoch auf dies alles zu achten und zu merken, bevor man noch den Frevel gesühnt und das Verbrechen offen eingestanden hat, ehe noch das Gewissen durch das Opfer und die Hand des Priesters gereinigt und der Groll des empörten und drohenden Herrn versöhnt ist, tut man seinem Leibe und Blute Gewalt an, und sie vergehen sich jetzt an dem Herrn mit Hand und Mund noch mehr wie damals, als sie den Herrn verleugneten. Für Frieden halten sie das, was einige mit trügerischen Worten anpreisen. Nicht Frieden ist das, sondern Krieg; und wer vom Evangelium sich losreißt, der bleibt nicht mit der Kirche vereinigt. Warum nennen sie das Unrecht eine Wohltat? Warum bezeichnen sie die Gottlosigkeit mit dem Namen Frömmigkeit? Warum halten sie Sünder, die beständig weinen und zu ihrem Herrn flehen sollten, von bußfertiger Wehklage zurück und stellen sich, als könnten sie ihnen die Aufnahme in die Gemeinschaft erteilen? Solche Leute sind für die Gefallenen das nämliche wie der Hagel dem Getreide, wie stürmisches Wetter den Bäumen, wie eine verheerende Seuche den Herden, wie ein wütender Sturm den Schiffen. Sie rauben [ihnen] nur den Trost der Hoffnung, sie reißen den Stamm mit der Wurzel aus, in gefährlicher Rede schleichen sie sich heran, um tödliches Gift zu verbreiten, und schleudern das Schiff an die Klippen, damit es ja nicht in den Hafen gelangt. Solches Entgegenkommen bietet nicht den Frieden, sondern macht ihn unmöglich, und es gewährt nicht die Gemeinschaft, sondern ist nur hinderlich auf dem Wege zum Heil. Eine neue Verfolgung ist das, eine neue Versuchung, durch die der schlaue Feind in heimlicher Verheerung wütet, um auch die Gefallenen noch zu bekämpfen, damit ihr Wehklagen zur Ruhe komme, damit der Schmerz verstumme, damit die Erinnerung an das Verbrechen schwinde, damit das Seufzen des Herzens unterdrückt, der Tränenstrom der Augen zum Versiegen gebracht und der schwergekränkte Herr ja nicht in anhaltender, tiefer Buße flehentlich um Verzeihung angegangen werde, obwohl doch geschrieben steht: „Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße!“

Nur von der Gnade des Herrn ist Verzeihung zu erwarten.

Keiner täusche, keiner betrüge sich! Der Herr allein ist es, der Barmherzigkeit üben kann. Verzeihung für die Sünden, die gegen ihn begangen sind, kann er allein spenden, der unsere Sünden getragen, der für uns gelitten, den Gott für unsere Sünden dahingegeben hat. Der Mensch kann doch nicht größer sein als Gott, und der Knecht kann nicht durch seine Nachsicht das erlassen und vergeben, was in schwerem Frevel gegen den Herrn begangen worden ist. Sonst kommt zu der Schuld des Gefallenen auch noch ein weiteres Vergehen hinzu, wenn er nicht weiß, daß vorhergesagt ist: „Verflucht der Mensch, der seine Hoffnung setzt auf einen Menschen!“ Den Herrn muß man bitten, den Herrn gilt es durch unsere Genugtuung zu versöhnen, ihn, der erklärt hat, er verleugne den, der ihn verleugne, ihn, der das ganze Gericht allein vom Vater empfangen hat. Wir glauben zwar, daß die Verdienste und die Werke der Märtyrer bei dem Richter sehr viel vermögen, aber erst dann, wenn der Tag des Gerichts gekommen ist, erst dann, wenn nach dem Untergang dieser zeitlichen Welt Christi Volk vor seinem Richterstuhle steht.

Auch die Bekenner dürfen sich nicht mit dem Herrn in Widerspruch setzen und über ihn hinweg die Gefallenen der Buße entheben.

Glaubt aber jemand in überstürzter Eile, so ohne weiteres allen insgesamt Vergebung ihrer Sünden gewähren zu können, oder wagt er es, die Gebote des Herrn aufzuheben, so bringt er den Gefallenen nicht nur keinen Nutzen, sondern sogar Schaden. Es heißt den Zorn des Herrn herausfordern, wenn man seine Willensmeinung nicht beachtet, wenn man es nicht für nötig hält, zuerst seine Barmherzigkeit anzuflehen, sondern sich erlaubt, voll Eigenmächtigkeit sie selbst zu üben, ohne auf den Herrn zu achten. Unter Gottes Altar rufen die Seelen der getöteten Märtyrer mit mächtiger Stimme und sagen: „Wie lange noch, Herr, Du Heiliger und Wahrhaftiger, richtest Du nicht und rächest unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?“. Und ihnen wird geboten, noch eine Weile zu ruhen und Geduld zu haben. Und da glaubt noch jemand, es könne irgendeiner [der Märtyrer] in Widerspruch mit dem Richter sich gütig zeigen wollen, indem er ganz nach Willkür Sünden erläßt und vergibt, oder es vermöge einer andere zu schützen, noch bevor er selbst gerächt ist? „Die Märtyrer wünschen, daß etwas geschehe“; ja, wenn es sich um etwas Gerechtes, um etwas Erlaubtes handelt, wenn sich der Priester Gottes dabei nicht mit dem Herrn selbst in Widerspruch zu setzen braucht; gerne und willig gewähre der willfahrende Priester seine Zustimmung, wenn der Bittende fromme Mäßigung bewahrt. „Die Märtyrer wünschen, daß etwas geschehe“; wenn aber im Gesetze des Herrn nicht geschrieben steht, was sie verlangen, so müssen wir zuerst wissen, daß sie von dem Herrn das erlangt haben, was sie fordern, dann erst dürfen wir tun, was sie wünschen. Denn man kann nicht annehmen, durch die göttliche Majestät sei sofort alles zugestanden, was menschliches Versprechen verheißt.

Haben doch nicht einmal die gottgefälligen Gerechten des Alten Testaments durch ihre Fürbitte für das sündige Volk etwas zu erreichen vermocht.

Hat doch auch Mose für die Sünden des Volkes gebeten und dennoch für die Sündigen die erbetene Verzeihung nicht erlangt, „Ich bitte Dich, Herr“, sprach er, „dieses Volk hat eine große Sünde begangen [und sie haben sich goldene Götter gemacht]; und nun, wenn Du ihnen ihre Sünde vergibst, so vergib sie; wenn aber nicht, so tilge mich aus dem Buche, das Du geschrieben hast!“ Und der Herr sprach zu Moses: „Wenn einer vor mir gesündigt hat, den will ich aus meinem Buche tilgen“. Er, ein Freund Gottes, er, der oftmals von Angesicht zu Angesicht mit, dem Herrn gesprochen hat, vermochte seine Bitte nicht durchzusetzen, und es gelang ihm nicht, den Groll des zürnenden Gottes durch seine Fürbitte zu besänftigen. Den Jeremia lobt und rühmt Gott mit den Worten: „Ehe ich dich im Mutterleibe bildete, habe ich dich gekannt, und ehe du aus dem Mutterschoße hervorgingst, habe ich dich geheiligt und dich zum Propheten gesetzt für die Völker“. Und doch sprach er zu dem nämlichen, der gar häufig Fürbitte und Gebet für die Sünden des Volkes einlegte: „Bete nicht für dieses Volk und verlange nichts für sie in Bitten und Gebet; denn ich will nichts hören zu der Zeit, zu der sie mich anrufen, zu der Zeit ihrer Bedrängnis“. Wo gäbe es vollends einen Gerechteren als Noach, der damals, als die ganze Erde mit Sünden erfüllt war, allein auf Erden als gerecht befunden wurde? Wer wäre ruhmreicher als Daniel? Wer hätte in der Festigkeit des Glaubens mehr Kraft gezeigt, das Martyrium zu erdulden, wer wäre in der Gnade Gottes glücklicher gewesen als er, der so oftmals, wenn er kämpfte, den Sieg errang, und wenn er siegte, am Leben blieb? Wer wäre eifriger in guten Werken als Ijob, wer wäre in Versuchungen stärker, geduldiger im Schmerze, demütiger in der Furcht, wahrhaftiger im Glauben als er? Und doch hat Gott erklärt, nicht einmal ihre Bitten wolle er erhören. Als der Prophet Ezechiel für die Sünde des Volkes um Vergebung flehte, sprach er: „Wenn sich irgendein Land gegen mich verfehlt, so daß es eine Sünde begeht, so will ich meine Hand über dieses [Land] ausstrecken und die Stütze des Brotes zermalmen, und ich will Hunger hineinschicken und Menschen und Vieh von ihm hinwegnehmen. Und wären auch jene drei Männer in seiner Mitte: Noach und Daniel und Ijob, so werden sie weder Söhne noch Töchter befreien, nur sie selbst sollen unversehrt bleiben“. So sehr beruht alles, um das man bittet, nicht etwa auf der vorgreifenden Einbildung des Bittenden, sondern vielmehr auf der Entscheidung des Gebers, und nichts darf menschliche Meinung sich anmaßen und für sich in Anspruch nehmen, wenn nicht auch der göttliche Wille seine Zustimmung gibt.

Da Christus jeden, der ihn verleugnet, gleichfalls verleugnen wird, können die gläubigen Bekenner unmöglich für die Gefallenen eintreten wollen.

Im Evangelium spricht der Herr und sagt: „Wer mich bekennet vor den Menschen, den will auch ich bekennen vor meinem Vater, der im Himmel ist; wer mich aber verleugnet, den werde auch ich verleugnen“. Verleugnet er den, der ihn verleugnet, nicht, dann bekennt er auch nicht den, der ihn bekennt. Das Evangelium kann nicht in einem Teile bestehen und in dem anderen Teile wanken. Entweder muß beides seine Geltung behalten, oder es muß beides die Kraft der Wahrheit verlieren. Sind die Verleugnenden eines Verbrechens nicht schuldig, dann empfangen auch die Bekennenden keinen Lohn für ihr Verdienst. Wird hingegen der Glaube gekrönt, der gesiegt hat, dann muß unbedingt auch der Unglaube bestraft werden, der unterlegen ist. So vermögen also die Märtyrer entweder nichts, falls das Evangelium seine Gültigkeit verlieren kann, oder es können, wenn das unmöglich ist, nicht dieselben dem Evangelium zuwider handeln, die auf Grund des Evangeliums zu Märtyrern werden. Keiner, geliebteste Brüder, keiner trete der Würde der Märtyrer zu nahe, keiner raube ihnen ihren Ruhm und ihre Krone! Ungeschwächt bleibt die Stärke ihres unverletzten Glaubens, und wider Christus kann der nichts reden und tun, dessen Hoffnung und Glaube, dessen Verdienst und Ruhm gänzlich auf ihm beruht. Daß die Bischöfe gegen Gottes Gebot handeln, können solche nicht verlangen, die selbst Gottes Gebote erfüllt haben. Oder gibt es einen, der größer wäre als Gott oder barmherziger als Gottes Güte und der das ungeschehen wünschte, was Gott geschehen ließ, oder sich einbildete, uns durch seine Hilfe retten zu können, gleich als ob Gott zu wenig Macht hätte, um seine Kirche zu schützen?

Von Gott allein kommt alle Strafe, er allein vermag aber auch zu retten, wenn wir reumütig unsere Sünden erkennen.

Wenn nun dies nicht etwa ohne Wissen Gottes geschehen oder all das ohne seine Erlaubnis so gekommen ist, so möge die göttliche Schrift die Ungelehrigen belehren und die Vergeßlichen erinnern, die da spricht und sagt: „Wer hat Jakob übergeben zur Plünderung und Israel den Räubern? War es nicht Gott, an dem sie gesündigt haben? Und sie wollten nicht auf seinen Wegen wandeln und nicht hören auf sein Gesetz. Und er hat über sie ausgeschüttet den Grimm seines Zornes“. Und an einer anderen Stelle bezeugt sie und sagt: „Ist etwa die Hand Gottes nicht stark genug, zu retten, oder hat er sein Ohr taub gemacht, daß er nicht höre? Nein, eure Sünden stehen trennend zwischen euch und Gott, und wegen eurer Sünden wendet er sein Antlitz von euch ab, damit er sich nicht erbarme“. Laßt uns lieber unsere Sünden betrachten, laßt uns die Geheimnisse unseres Denkens und Handelns durchforschen und die Schuld unseres Gewissens prüfen! Wollen wir es uns ins Bewußtsein zurückrufen, daß wir nicht gewandelt sind auf den Wegen des Herrn, daß wir das Gesetz Gottes verworfen haben, daß wir seine heilsamen Gebote und Mahnungen niemals haben beobachten mögen!

Durch Verstocktheit und Widerstand gegen die kirchliche Obrigkeit kann sich die Lage der Gefallenen nur noch verschlimmern.

Was kann man von dem Gutes denken, wie kann man Gottesfurcht, wie kann man Glauben bei dem voraussetzen, den nicht einmal die Angst zu bessern vermochte, den auch die Verfolgung nicht umgewandelt hat? Der hocherhobene Nacken beugte sich nicht einmal deshalb, weil er gefallen war; der stolze, übermütige Sinn ließ sich nicht einmal dadurch brechen, daß er unterlag. Der Gestürzte droht den Stehenden, der Verwundete den Unverletzten, und weil er nicht sofort den Leib des Herrn mit seinen besudelten Händen empfangen oder das Blut des Herrn mit seinem befleckten Munde trinken darf, zürnt der Gottesschänder den Gottesdienern. Und so grollst du – welch gewaltige Torheit, du Rasender! – gerade ihm, der sich bemüht, den Zorn Gottes von dir abzuwenden, und du drohst dem, der für dich die Barmherzigkeit des Herrn erfleht, der deine Wunde fühlt, für die du selbst kein Gefühl hast, der für dich die Tränen vergießt, die du selbst vielleicht nicht fließen lässest. Du vergrößerst und häufst nur noch deine Schuld, und während du selbst gegen die Vorsteher und Priester Gottes unversöhnlich bleibst, bildest du dir ein, der Herr könne sich mit dir versöhnen lassen?

Einen Teil von ihnen erreicht die Strafe für ihr Vergehen sogar schon hier auf Erden.

Vernimm und beherzige doch lieber unsere Worte! Warum hören deine tauben Ohren nicht auf die heilsamen Mahnungen, die wir dir geben? Warum sehen deine blinden Augen nicht den Weg der Buße, den wir dir zeigen? Warum will dein verschlossener und betörter Sinn nichts wissen von den lebenspendenden Heilmitteln, die wir auf Grund der himmlischen Schriften lehren und lernen? Oder wenn einige Ungläubige weniger an die Zukunft glauben, so mögen sie sich wenigstens durch die Gegenwart schrecken lassen! Seht nur: welche Strafen werden vor unseren Augen über die verhängt, die geleugnet haben! Welch trauriges Ende haben wir an ihnen zu beweinen! Nicht einmal hier auf Erden können sie ungestraft bleiben, obwohl noch gar nicht der Tag des Gerichts gekommen ist. Nur ein Teil allerdings wird einstweilen zur Strafe gezogen, damit die übrigen sich danach richten. Ein warnendes Beispiel aber für alle sind die Qualen dieser wenigen.

Das zeigt sich z. B. an dem Schicksal zweier Erwachsener.

Einer von ihnen, der aus freien Stücken auf das Kapitol hinaufstieg, um abzuleugnen, wurde stumm, gleich nachdem er Christus verleugnet hatte. Die Strafe begann da, wo auch das Verbrechen seinen Ausgang genommen hatte, und der Bestrafte konnte nicht einmal mehr [um Vergebung] bitten, da er keine Worte hatte, um Barmherzigkeit zu erflehen. Eine andere, die gerade in den Bädern weilte – denn das fehlte noch zu ihrer Schuld und ihrem Elend, daß sie, die die Gnade des lebenspendenden Bades verloren hatte, auch noch sogleich in die Bäder eilte! –, wurde dort, unrein, wie sie war, von einem unreinen Geiste ergriffen und zerbiß sich mit den Zähnen die Zunge, mit der sie Ruchloses gegessen oder Gotteslästerliches gesprochen hatte. Nach dem Genuß der frevelhaften Speise waffnete sich die Wut ihres Mundes zum eigenen Verderben. Sie wurde ihre eigene Mörderin und konnte danach nicht mehr lange am Leben bleiben; unter qualvollen Schmerzen im Leib und in den Eingeweiden gab sie ihren Geist auf.

Einen anderen warnenden Vorfall mit einem Kinde kann Cyprian aus eigener Anschauung erzählen.

Vernehmt weiter einen Fall, der sich in meiner Gegenwart und vor meinen eigenen Augen zugetragen hat! Ein Elternpaar, das sich gerade flüchtete und in seiner Angst die nötige Vorsicht vergaß, ließ unter der Pflege einer Amme sein kleines Töchterchen zurück. Die Amme aber brachte das ihr überlassene Kind vor die Behörden. Hier gab man ihm vor einem Götzenbilde, bei dem das Volk zusammenströmte – denn bei seinem jugendlichen Alter konnte es noch kein Fleisch essen –, ein Stückchen Brot, in Wein getaucht, der jedoch gleichfalls von dem Opfer der Verlorenen noch übrig war. Später nahm die Mutter ihre Tochter wieder zu sich; allein das Mädchen konnte den begangenen Frevel ebensowenig erzählen und mitteilen, als es ihn seinerzeit hätte verstehen und verhindern können. Aus Unkenntnis also geschah es unvermerkt, daß die Mutter ihr Kind zu unserem Opfer mitbrachte. Als nun aber das Mädchen inmitten der Gemeinschaft von Unbefleckten sich fand, da vermochte es unsere Bitten und Gebete nicht zu ertragen, sondern brach bald in lautes Weinen aus, bald warf es sich, von innerer Unruhe ergriffen, stürmisch hin und her. Wie unter dem Zwang der Folter gab die noch in den Jahren kindlicher Einfalt stehende unwissende Seele die Beteiligung an der Tat durch alle möglichen Anzeichen zu erkennen. Als dann gar nach der Beendigung der Feier der Diakon damit begann, den Anwesenden den Kelch zu reichen, und, indem die anderen ihn empfingen, die Reihe auch an die Kleine kam, da wandte sie auf Eingebung der göttlichen Majestät ihr Gesicht ab, preßte den Mund und die Lippen fest zusammen und wies den Kelch zurück. Der Diakon jedoch gab nicht nach und goß ihr, so sehr sie sich auch sträubte, etwas von dem heiligen Inhalt des Kelches hinein, Da stellte sich heftiger Schlucken mit Erbrechen ein. In dem entweihten Körper und Munde konnte unmöglich die Eucharistie bleiben, und den im Blute des Herrn geheiligten Trank mußte der schuldbefleckte Magen wieder von sich geben. So groß ist die Macht des Herrn, so groß seine Majestät! Die Geheimnisse der Dunkelheit wurden unter den Strahlen seines Lichtes enthüllt, dem Priester Gottes blieben selbst die versteckten Verbrechen nicht verborgen.

Noch zwei weitere Fälle können beweisen, daß es nur Unheil bringt, wenn sich ein Gefallener an dem Leibe Christi vergreift.

Dies trug sich mit einem Kinde zu, das noch nicht das Alter hatte, um das von einem anderen an ihm begangene Verbrechen kundzutun. Bei einer Frau hingegen, die schon in vorgerückterem Alter und reiferen Jahren stand und sich bei unserem Opfer einschlich wirkte die [heilige] Speise, die sie genoß, wie ein Dolch, und wie wenn sie irgendein tödliches Gift in Hals und Brust aufgenommen hätte, bekam sie Beklemmungen und danach Erstickungsanfälle, wobei ihr Atem keuchend ging. Und unter dem Drucke nicht mehr der Verfolgung, sondern ihres eigenen Verbrechens brach sie zuckend und zitternd zusammen. Nicht lange blieb das Verbrechen, daß sie ihre Schuld verheimlicht hatte, ungestraft und verborgen. Sie, die den Menschen getäuscht hatte, mußte Gottes Rache fühlen. Und als eine andere Frau ihr Kästchen, in dem sie den heiligen Leib des Herrn aufbewahrt hatte, mit ihren unreinen Händen zu öffnen versuchte, schlug Feuer daraus hervor, und sie erschrak so, daß sie ihn nicht zu berühren wagte. Und auch ein anderer, der gleichfalls befleckt war, sich aber dennoch erlaubte, nach der Feier des Opfers durch den Priester einen Teil gleich den übrigen heimlich in Empfang zu nehmen, vermochte den heiligen Leib des Herrn nicht zu genießen und zu berühren: als er die Hände2 öffnete, fand er, daß er Asche darin trug. An dem Beispiel dieses einen hat es sich gezeigt, daß der Herr entschwindet, wenn er verleugnet wird, und daß dem Unwürdigen das, was er sich nimmt, nicht zum Heile dient, da das Heilige entweicht und die heilbringende Gnade sich in Asche verwandelt. Wie viele werden täglich von unreinen Geistern erfüllt, indem sie keine Buße tun und die Schuld ihres Verbrechens nicht bekennen! Wie viele werden bis zu geistiger Umnachtung verblendet und mit Raserei und Wahnsinn geschlagen! Doch es ist nicht nötig, das Ende einzelner zu erzählen, da bei dem mannigfaltigen Verderben, das über die Welt hereinbricht, die Strafe für die Sünden ebenso verschiedenartig ausfällt, wie die Menge der Sünder zahlreich ist. Ein jeder beherzige, nicht was ein anderer zu erleiden hatte, sondern was er selbst zu erleiden verdient, und er glaube nicht schon glücklich entronnen zu sein, wenn ihn vorerst die Strafe noch verschont hat, denn gerade der muß nur um so mehr in Angst sein, den der Zorn des richtenden Gottes sich noch zurückbehalten hat.

Auch die sogenannten libellatici haben mit dem Vorlegen eines Opferzeugnisses schwere Schuld auf sich geladen, die sich nur durch wahre Buße sühnen läßt.

Vor der Einbildung, als ob sie weniger Buße zu tun brauchten, mögen sich auch die anderen hüten, die zwar nicht ihre Hände mit verbrecherischen Opfern besudelt, wohl aber ihr Gewissen durch Opferzeugnisse befleckt haben. Auch dies ist das Bekenntnis eines Verleugners, das Geständnis eines Christen, der das in Abrede stellt, was er gewesen war. Er hat behauptet, all das getan zu haben, was in Wirklichkeit ein anderer begangen hat, und obwohl geschrieben steht: „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen“, hat er dem weltlichen Herrn gedient, hat er seinem Gebot Folge geleistet und der menschlichen Obrigkeit mehr gehorcht als seinem Gott. Mag er zusehen, ob ihm die Veröffentlichung seines Vergehens in den Augen der Menschen vielleicht weniger Schande oder Vorwürfe einträgt: Gott jedoch, seinem Richter, wird er nicht entfliehen und entrinnen können. Sagt doch der Heilige Geist in den Psalmen: „Was unvollendet an mir ist, sahen Deine Augen, und in Deinem Buche werden alle eingeschrieben werden“. und wiederum: „Der Mensch sieht auf das Äußere, Gott aber in das Herz“ .. Und auch der Herr selbst mahnt und bereitet uns vor mit den Worten: „Und alle Gemeinden werden erkennen, daß ich es bin, der Nieren und Herz durchforscht“. Er durchforscht das Verborgene und sieht das Geheime und Versteckte, und keiner vermag den Augen Gottes zu entgehen, der da sagt: „Ich bin ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott von ferne her. Wenn ein Mensch sich verborgen hält im Verborgenen, werde ich ihn deshalb nicht sehen? Erfülle ich nicht Himmel und Erde?“ Er sieht in das Herz und in die Brust eines jeden, und er, der nicht nur über unsere Handlungen, sondern auch über unsere Worte und Gedanken richten wird, erblickt die Gesinnungen und die Wünsche, die jeder einzelne hegt, selbst in den innersten Winkeln des noch verschlossenen Herzens.

Sie sollten sich lieber die Brüder zum Muster nehmen, die sich voll Reue anklagen, weil sie nur daran gedacht haben, zu leugnen.

Wieviel größer ist demnach der Glaube, wieviel besser die Gottesfurcht derer, die sich zwar durch kein wirkliches Opfer oder Opferzeugnis eines Vergehens schuldig gemacht haben, die aber dennoch, weil sie daran vielleicht nur dachten, dies allein schon vor den Priestern Gottes mit Betrübnis und Aufrichtigkeit bekennen und ein Geständnis ihrer Schuld ablegen, die sich der auf ihrem Herzen ruhenden Last entledigen und für ihre wenn auch nur kleinen und unbedeutenden Wunden rettende Heilung suchen! Sie wissen eben, daß geschrieben steht: „Gott läßt sich nicht verspotten“. Unmöglich ist es, Gott zu verspotten und zu hintergehen oder durch irgendwelche trügerische Arglist irrezuführen. Ja, nur noch schwerer versündigt der sich, der Gott nach menschlicher Art sich vorstellt und der Strafe für seinen Frevel zu entgehen glaubt, wenn er das Verbrechen nicht öffentlich begangen hat. Christus sagt in seinen Geboten: „Wer sich meiner schämt, dessen wird sich auch des Menschen Sohn schämen“ und da hält sich noch einer für einen Christen, der sich schämt oder scheut, ein Christ zu sein? Wie kann denn der mit Christus sein, der darüber errötet oder sich fürchtet, Christus anzugehören? Mag er immerhin weniger schwer sich versündigt haben, weil er die Götzenbilder nicht ansah und nicht unter den Augen des herumstehenden und höhnenden Volkes die Heiligkeit des Glaubens entweihte, weil er nicht seine Hände mit den unheilvollen Opfern besudelte und seinen Mund nicht mit den verruchten Speisen befleckte. Das hilft ihm so viel, daß seine Schuld geringer ist, nicht aber, daß sein Gewissen völlig rein wäre. Er kann leichter Verzeihung für sein Vergehen erlangen, aber er ist dennoch nicht frei von Schuld. Und er lasse ja nicht ab, Buße zu tun und die Barmherzigkeit des Herrn anzuflehen, damit nicht seine Sünde, wenn er die Genugtuung verabsäumt, um soviel schwerer wird, als sie ihrer Beschaffenheit nach leichter erscheint!

Wer bei Gott wieder Gnade finden will, muß sich in bußfertiger Demut an ihn wenden, solange es noch Zeit ist.

Jeder – ich bitte euch, liebe Brüder! – bekenne seine Sünde, solange, er, der gesündigt hat, noch auf der Welt ist, solange sein Bekenntnis noch angenommen werden kann, solange noch seine Genugtuung und die durch die Priester gewährte Vergebung bei dem Herrn genehm ist. Wollen wir uns von ganzem Herzen an den Herrn wenden und Gottes Barmherzigkeit anflehen, indem wir der Buße über unsere Sünde in aufrichtigem Schmerze Ausdruck geben! Vor ihm beuge sich unsere Seele, ihm leiste unsere Trauer Genugtuung, auf ihn werfe sich all unsere Hoffnung! Wie wir bitten sollen, das sagt er selbst: „Bekehret euch zu mir“, spricht er, „aus eurem ganzen Herzen und zugleich mit Fasten und Weinen und Wehklagen, und zerreißet eure Herzen und nicht eure Kleider!“. Zum Herrn also laßt uns von ganzem Herzen zurückkehren, seinen Zorn und Grimm laßt uns nach seiner eigenen Mahnung mit Fasten, Weinen und Wehklagen beschwichtigen!

Wer aber statt dessen auch noch eines hoffärtigen und weltlichen Leben zu huldigen wagt, der häuft dadurch nur noch größere Schuld auf sich.

Glauben wir, daß der von ganzem Herzen jammert und mit Fasten, Weinen und Wehklagen den Herrn anfleht, der vom ersten Tage seines Vergehens an tagtäglich die Bäder besucht, der lieber an üppiger Tafel schwelgt und mit allzu reichlichen Speisen sich den Magen überlädt, so daß er tags darauf noch das Unverdaute von sich gibt, anstatt Speise und Trank mit der Not der Armen zu teilen? Beweint etwa der seinen Tod, der heiter und fröhlich einhergeht und, obwohl geschrieben steht: „Ihr sollt die Gestalt eures Bartes nicht entstellen“, den Bart zustutzt und sein Gesicht herausputzt? Und da sucht jetzt einer, der Gott mißfällt, noch jemand anderem zu gefallen? Oder seufzt und wehklagt etwa sie, die zwar Muße findet, sich in kostbare Prachtgewänder zu kleiden, aber nicht, an das Kleid Christi zu denken, das sie verloren hat; die zwar Zeit hat, wertvollen Schmuck und feingearbeitetes Geschmeide anzulegen, aber nicht, den Verlust des göttlichen und himmlischen Schmuckes zu beweinen? Magst du auch fremdländische Gewänder und seidene Kleider anlegen, du bleibst dennoch nackt; magst du auch mit Gold und Perlen und Edelsteinen dich schmücken, ohne den Schmuck Christi bist du dennoch häßlich. Und während du sonst deine Haare färbst, laß wenigstens jetzt in deinem Schmerz davon ab, und wenn du sonst mit schwarzem Pulver die Linien deiner Augenbrauen nachziehst2 , bade wenigstens jetzt deine Augen in Tränen! Hättest du eines deiner Lieben durch einen Todesfall verloren, so würdest du gar betrübt seufzen und weinen, du würdest dein Gesicht ungepflegt lassen und Trauerkleider anlegen, du würdest dein Haar vernachlässigen, eine traurige Miene zeigen, dein Haupt senken und durch diese Zeichen deine Trauer zu erkennen geben. Deine eigene Seele ist es, du Unglückliche, die du verloren hast, geistig bist du gestorben, und du hast angefangen, hier dich selbst zu überleben und im Umherwandeln deine eigene Leiche herumzutragen: und du ringst nicht voll Verzweiflung die Hände, du mußt nicht in einem fort seufzen, du hältst dich nicht verborgen aus Scham über dein Vergehen, oder um dich ohne Unterbrechung den Wehklagen hinzugeben? Siehe, das sind noch ärgere Wunden der Sünde, das sind noch größere Verbrechen, wenn man gesündigt hat und dann keine Genugtuung leistet, wenn man sich vergangen hat und dann die Vergehungen nicht einmal beweint.

Das Verhalten der drei Jünglinge im feurigen Ofen und die Demut Daniels müßte allen Gefallenen als Vorbild dienen.

Hananias, Azarja und Mischael, diese edlen, vornehmen Jünglinge, ließen nicht einmal inmitten der Flammen und im glühenden Brande des lodernden Ofens davon ab, vor Gott das Bekenntnis ihrer Sünden abzulegen. Obwohl sie ein gutes Gewissen hatten und sich oftmals durch ihren Gehorsam im Glauben und in der Furcht bei dem Herrn Verdienste erworben hatten, so hörten sie auch inmitten der ruhmvollen Martern, die sie um ihrer Tugenden willen zu erdulden hatten, dennoch nicht auf, an der Demut festzuhalten und Gott Genugtuung zu leisten. Die göttliche Schrift spricht und sagt: „Stehend betete Azarja und öffnete seinen Mund und legte Gott sein Bekenntnis ab zugleich mit seinen Genossen mitten im Feuer“. Auch Daniel sucht sich noch durch Fasten Gottes Huld zu erwerben, auch nachdem sein Glaube und seine Unschuld vielfach Gnade gefunden, auch nachdem ihm der Herr ob seiner Tugenden und Verdienste des öfteren seine Anerkennung wiederholt hat; in Sack und Asche wälzt er sich, indem er schmerzbewegt sein Bekenntnis ablegt und sagt: „Ach Herr, Du großer, starker und furchtbarer Gott, der Du Bund und Erbarmen hältst denen, die Dich lieben und Deine Gebote halten, wir haben gesündigt wir haben Unrecht getan, wir sind gottlos gewesen, wir haben Deine Gebote und Deine Satzungen übertreten und verlassen, wir haben nicht gehört auf die Worte Deiner Diener, der Propheten, die sie in Deinem Namen über unsere Könige und alle Völker und über die ganze Erde gesprochen haben. Dein, Herr, Dein ist die Gerechtigkeit, uns aber gebührt Scham“.

Im Verein mit allen Gläubigen sollen sie Buße tun, wozu sie viel mehr Grund haben als jene Gerechten.

Dies haben Sanftmütige, dies haben Herzenseinfältige, dies haben Unschuldige getan, um sich bei der göttlichen Majestät Verdienste zu erwerben; und jetzt weigern sich solche, dem Herrn Genugtuung zu leisten und ihn anzuflehen, die ihn verleugnet haben! Ich bitte euch, ihr Brüder, bleibt bei den segenbringenden Heilmitteln, gehorchet den besseren Ratschlägen, verbindet eure Tränen mit den unseren, mit unseren Seufzern vereinigt eure eigenen! Euch bitten wir, um für euch den Herrn bitten zu können; und mit dem gleichen Flehen, mit dem wir Gott um Erbarmen für euch angehen, wenden wir uns zuerst an euch. Tut volle Buße und laßt die Betrübnis eines schmerzbewegten und wehklagenden Herzens erkennen!

Darin dürfen sie sich auch durch einzelne verstockte Sünder nicht irremachen lassen, die den leichtsinnigen Versprechungen der Abtrünnigen Glauben schenken.

Laßt euch auch nicht beeinflussen durch den unvorsichtigen Irrtum oder eitlen Unverstand von einigen, die, obwohl mit so schwerer Schuld behaftet, derart mit Geistesblindheit geschlagen sind, daß sie ihre Vergehen weder einsehen noch beklagen! Das ist nur eine noch größere Strafe des zürnenden Gottes, wie geschrieben steht: „Und Gott gab ihnen den Geist der Verblendung“, und wiederum: „Die Liebe zur Wahrheit haben sie nicht angenommen, auf daß sie selig würden. Und deshalb schickt ihnen Gott das Wirken des Irrtums, so daß sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt haben, sondern sich in der Ungerechtigkeit gefallen“. Die in der Ungerechtigkeit sich gefallen und durch die Verrücktheit ihres verblendeten Sinnes betört sind, die verachten die Gebote des Herrn, vernachlässigen die Heilung der Wunde und wollen nichts von Buße wissen. Vor dem Begehen der Sünde unvorsichtig, nach der Sünde verstockt, zuerst ohne festen Halt und nachher ohne demütiges Flehen, lagen sie am Boden, als sie aufrecht hätten stehen sollen, und bilden sich ein, zu stehen, wenn sie vor Gott sich niederwerfen und am Boden liegen sollten. Den Frieden haben sie eigenmächtig sich selbst angeeignet, ohne daß ihn jemand ihnen gegeben hätte; durch falsche Verheißung verleitet und mit Abtrünnigen und Treulosen im Bunde, nehmen sie den Irrtum an für die Wahrheit, halten sie die Gemeinschaft mit solchen für gültig, die selbst an der Gemeinschaft gar nicht teilhaben, und glauben den Menschen gegenüber Gott, obwohl sie doch Gott nicht glauben wollten gegenüber den Menschen.

Vor ihrer verderblichen Gesellschaft kann man gar nicht genug warnen.

Derartige Menschen fliehet, so viel ihr könnt: sie, denen das verderbliche Gift der Ansteckung anhaftet, meidet in heilsamer Scheu! Ihre Rede frißt um sich wie der Krebs, ihr Gespräch greift weiter wie eine Seuche, ihre schädliche und vergiftete Überredungskunst bringt schlimmeren Tod als die Verfolgung selbst. Dort bleibt wenigstens die Buße noch übrig, um Genugtuung zu leisten. Wer aber die Buße für das Vergehen aufhebt, der versperrt den Weg der Genugtuung. So kommt es, daß die Hoffnung auf das wahre Heil zunichte wird, indem durch die Leichtfertigkeit gewisser Leute ein falsches Heil verheißen wird oder Glauben findet.

Je nach der Schwere seiner Schuld hat jeder Genugtuung zu leisten und in guten Werken sich zu betätigen.

Ihr aber, liebe Brüder, deren Furcht auf den Herrn gerichtet ist und deren Seele selbst nach dem Sturz ihres Unglücks gedenkt, prüfet voll Reue und Schmerz eure Sünden, erkennet die schwere Schuld eures Gewissens, öffnet die Augen des Herzens, um euer Vergehen einzusehen, ohne an der Barmherzigkeit des Herrn zu verzweifeln, aber auch ohne bereits im voraus seine Verzeihung euch anzumaßen! So gnädig und gütig Gott stets in seiner väterlichen Liebe ist, so sehr ist er in seiner Majestät als Richter zu fürchten. So schwer unsere Vergehen gewesen sind, so bitterlich laßt sie uns beweinen! Wollen wir es nicht an einer sorgfältigen und anhaltenden Heilung der tiefen Wunde fehlen lassen: die Buße darf nicht geringer sein als das Vergehen! Glaubst du, Gott läßt sich so schnell versöhnen, er, den du in treulosen Worten verleugnet, dem du lieber Hab und Gut vorgezogen und dessen Tempel du durch gottlose Befleckung entweiht hast? Glaubst du, der erbarme sich deiner so leicht, den du als den Deinigen abgelehnt hast? Um so inständiger gilt es jetzt zu bitten und zu beten, den Tag in Trauer zu verleben, die Nächte wachend und weinend zu verbringen, jeden Augenblick mit tränenvollen Wehklagen auszufüllen, hingestreckt am Boden zu liegen, in Sack und Asche und im Schmutze sich zu wälzen, nach dem Verlust des Gewandes Christi nach keinem Kleid mehr zu verlangen, nach dem Genuß der Speise des Teufels lieber zu fasten, gerechten Werken obzuliegen, wodurch die Sünden getilgt, und häufig Almosen zu spenden, wodurch die Seelen von dem Tode befreit werden. Was der Widersacher euch rauben wollte, das möge Christus empfangen, und Hab und Gut, wodurch man sich hat betrügen und überwinden lassen, darf man nicht mehr festhalten und lieben. Wie einen Feind gilt es den Besitz zu meiden, wie einen Räuber ihn zu fliehen, wie Dolch und Gift haben ihn die Besitzenden zu fürchten. Nur dazu möge die noch verbliebene Habe dienen, daß man sich damit von Verbrechen und Schuld loskaufe! Unverzüglich und reichlich gilt es Wohltätigkeit zu üben, das ganze Vermögen zur Heilung der Wunde zu verwenden und unsere Reichtümer und Schätze dem Herrn auf Zinsen zu leihen, der über uns dereinst richten wird. So lebendig war der Glaube zur Zeit der Apostel, so treu hielt die erste Gemeinde der Gläubigen die Gebote Christi: sie waren willig, sie waren freigebig; alles gaben sie hin zur Verteilung durch die Apostel, und doch hatten sie keine solchen Vergehen zu tilgen.

Dem wahrhaft Bußfertigen aber winkt Gottes Gnade und – bei einem neuen Kampf – sogar die Krone.

Wenn einer von ganzem Herzen sein Flehen vorbringt, wenn er mit aufrichtigen Klagen und mit Tränen der Reue seufzt, wenn er durch gerechte und beständige Werke den Herrn um Verzeihung seines Vergehens zu bewegen sucht, so kann er über solche sich erbarmen, er, der ja auch seine Barmherzigkeit kundgegeben hat mit den Worten: „Wenn du dich bekehrst und seufzest, dann wirst du gerettet werden und wirst wissen, wo du gewesen bist“, und wiederum: „Ich will nicht den Tod des Sterbenden, spricht der Herr, sondern vielmehr, daß er umkehre und lebe“. Auch der Prophet Joel verkündet die Güte des Herrn nach der Mahnung des Herrn selbst: „Kehret zurück“, sagt er, „zu dem Herrn, eurem Gott; denn er ist barmherzig und gütig und geduldig und von reichem Erbarmen und ändert sein Urteil gegen verhängtes Leid“. Er kann Nachsicht gewähren, er kann sein Urteil abändern. Dem Reumütigen, dem Wohltätigen, dem Bittenden kann er gnädig verzeihen, er kann all das zugute rechnen, was für einen solchen die Märtyrer erfleht und die Priester getan haben. Oder wenn ihn einer mehr durch seine eigene Genugtuung gerührt, wenn er seinen Grimm, wenn er die Erbitterung des Zürnenden durch gebührende Abbitte besänftigt hat, dann reicht er auch wieder die Waffen dar, um den Unterlegenen damit zu rüsten, dann erfrischt und stärkt er seine Kräfte, um damit den erneuerten Glauben wieder zu beleben. Von neuem wird der Krieger seinen Kampf aufnehmen, er wird die Schlacht wieder beginnen und den Feind herausfordern, und zwar tüchtiger geworden für den Kampf durch den Schmerz. Wer in dieser Weise Gott Genugtuung geleistet, wer aus Reue über seine Tat, wer aus Scham über sein Vergehen gerade aus dem Schmerz über seinen Fall mehr Kraft und größere Glaubenstreue gewonnen hat, der wird, erhört und unterstützt von dem Herrn, die Kirche fröhlich machen, die er vor kurzem so betrübt hatte, und er wird nicht nur die Verzeihung Gottes sich erwerben, sondern die Krone.

 

 

 

 

 

 

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