Über das Gebet des Herrn

Die Lehren, die Christus, das Wort Gottes, uns gegeben hat, sind für uns Christen wichtiger als die Mahnungen der Propheten.

Die Gebote des Evangeliums, geliebteste Brüder, sind nichts anderes als göttliche Lehren, Grundlagen zur Erbauung der Hoffnung, Stützen zur Festigung des Glaubens, Speisen zur Erquickung des Herzens, ein Steuerruder auf den richtigen Weg und ein Hilfsmittel zur Behauptung des Heils, und indem sie den gelehrigen Sinn der Gläubigen auf Erden unterweisen, führen sie zum himmlischen Reiche. Vieles wollte Gott auch schon durch den Mund seiner Diener, der Propheten, verkündigen und uns vernehmen lassen; doch wieviel erhabener ist das, was der Sohn spricht, was das Wort Gottes, das in den Propheten wohnte, mit eigener Stimme bezeugt! Denn es befiehlt nicht mehr, dem Kommenden den Weg zu bereiten, sondern es kommt selbst und eröffnet und zeigt uns den Weg, damit wir, die wir in der Finsternis des Todes umherirrten und zuvor unachtsam und blind waren, erleuchtet durch das Licht der Gnade, unter der Führung und Leitung des Herrn den Weg des Lebens wandeln.

Das von ihm gelehrte Gebet zeigt uns am besten, wie wir Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten sollen.

Unter seinen übrigen heilsamen Mahnungen und göttlichen Vorschriften, mit denen er für das Heil seines Volkes Sorge trägt, hat er selbst uns auch die richtige Fassung für unser Gebet angegeben, hat er selbst uns gemahnt und unterwiesen, um was wir flehen sollen. Er, der uns das Leben verlieh, hat uns auch gelehrt, zu beten, mit der gleichen Güte eben, in der er uns auch schon alles übrige zu geben und zu gewähren die Gnade hatte, damit wir um so leichter erhört werden, wenn wir mit der Bitte und dem Gebete zum Vater sprechen, das der Sohn gelehrt hat. Schon im voraus hatte er verkündigt, es werde die Stunde kommen, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten würden, und er hat sein einstiges Versprechen erfüllt, und wir, die wir den Geist und die Wahrheit durch seine Heiligung empfangen haben, können auch nach seiner Anweisung in der Wahrheit und im Geiste Gott anbeten. Denn welches Gebet verdiente eher ein Gebet im Geiste zu heißen als das, welches von Christus uns zuteil geworden ist, von dem uns auch der Heilige Geist gesandt ward? Welches Gebet wäre eher vor dem Vater ein Flehen in der Wahrheit als das, welches aus dem Munde seines eigenen Sohnes stammt, der die Wahrheit ist? Anders zu beten, als er gelehrt hat, wäre daher nicht nur Unwissenheit, sondern auch ein Vergehen, da er selbst geäußert und gesagt hat: „Ihr verwerft das Gebot Gottes, um eure Überlieferung aufzustellen“.

Kein anderes Gebet kann bei Gott dem Vater so wohlgefällig und wirksam sein wie das von seinem eigenen Sohne stammende.

Laßt uns also beten, geliebteste Brüder, wie Gott unser Meister es gelehrt hat! Ein willkommenes und trautes Gebet ist es, wenn man zu Gott in seinen eigenen Worten flehen kann, wenn Christi Gebet zu seinen Ohren emporsteigt. Laßt den Vater seines Sohnes Worte wiedererkennen, wenn wir unser Gebet verrichten! Laßt ihn, der drinnen in unserer Brust wohnt, auch auf unseren Lippen wohnen, und da wir an ihm selbst bei dem Vater einen Fürsprecher haben für unsere Sünden, so wollen wir uns auch der Worte unseres Fürsprechers bedienen, wenn wir Sünder um Verzeihung für unsere Vergehen bitten! Denn da er sagt: „Was immer wir vom Vater erbitten werden in seinem Namen, das wird er uns geben“, um wieviel wirksamer erreichen wir dann das, was wir in Christi Namen erbitten, wenn wir unsere Bitte in seinen eigenen Worten ihm vortragen?

Beim Beten müssen wir schon in Haltung und Ton Bescheidenheit und Anstand walten lassen.

Wenn wir aber beten, so sollen unsere Worte und unser Flehen in aller Zucht Ruhe und Ehrerbietung vereinigen. Wir müssen bedenken, daß wir vor Gottes Angesicht stehen. Zu gefallen gilt es da den Augen Gottes nicht nur in der Haltung unseres Körpers, sondern auch durch den Ton unserer Stimme. Denn während es die Art eines Unverschämten ist, laut zu schreien und zu lärmen, ziemt es hingegen dem Ehrerbietigen, mit aller Bescheidenheit zu bitten und zu beten. Hat ja doch der Herr in seiner Lehre uns geboten, im geheimen zu beten, an verborgenen und abgelegenen Orten, ja sogar in unserem Kämmerlein, weil es so dem Glauben besser entspricht. Denn wir sollen wissen, daß Gott überall gegenwärtig ist, daß er alle Menschen hört und sieht und kraft der Fülle seiner Majestät auch in die geheimste Verborgenheit eindringt, wie geschrieben steht: „Ich bin ein Gott in der Nähe und nicht ein Gott aus der Ferne. Wenn sich ein Mensch im Verborgenen verbirgt, werde ich ihn deshalb nicht sehen? Erfülle ich nicht Himmel und Erde?“ und wiederum: „Allerorten sehen die Augen Gottes die Guten und die Bösen“. Auch wenn wir gemeinsam mit unseren Brüdern zusammenkommen und das göttliche Opfer mit dem Priester Gottes feiern, müssen wir der Ehrerbietung und Zucht gedenken und dürfen nicht so ohne weiteres unsere Bitten in nachlässigen Worten hinwerfen oder unser Anliegen, das wir in aller Bescheidenheit Gott anheimzustellen haben, in geräuschvoller Geschwätzigkeit heraussprudeln. Denn Gott horcht nicht auf die Stimme, sondern auf das Herz, und es ist nicht nötig, ihn, der die Gedanken sieht, erst durch lautes Geschrei zu mahnen. Das bestätigt der Herr, wenn er sagt: „Was denkt ihr Böses in eurem Herzen?“ und an einer anderen Stelle: „Und alle Gemeinden werden erkennen, daß ich der Erforscher der Nieren und des Herzens bin“.

Was innerlich beten heißt, sehen wir an Anna, der Mutter Samuels.

Dieses Gebot hat im ersten Buch der Könige Anna beobachtet und befolgt, die ein Sinnbild der Kirche darstellt. Nicht mit lautschreiender Bitte flehte sie zu Gott, sondern still und bescheiden tief im Grunde ihres Herzens. Sie redete in verborgenem Flehen, aber in deutlich sichtbarem Glauben, sie redete nicht mit den Lippen, sondern mit dem Herzen; denn sie wußte, daß der Herr darauf hörte. Und sie erlangte auch tatsächlich, was sie erflehte, weil sie glaubensvoll ihre Bitte vortrug. Das beweist die göttliche Schrift, die also sagt: „Sie redete in ihrem Herzen, und ihre Lippen bewegten sich, und ihre Stimme wurde nicht gehört, und Gott erhörte sie“. Ebenso lesen wir in den Psalmen: „Sprechet in euren Herzen, und auf euren Lagern empfindet Reue!“ Auch durch den Mund des Jeremias gibt der Heilige Geist die gleiche Mahnung und Lehre mit den Worten: „Im Herzen aber muß man zu Dir beten, o Herr“.

Auch der Zöllner im Tempel kann uns im Gegensatz zu dem selbstgefälligen Pharisäer beim Gebet als Vorbild dienen.

Wer aber anbetet, geliebteste Brüder, der möge auch das nicht übersehen, wie im Tempel neben dem Pharisäer der Zöllner betete. Nicht mit dreist zum Himmel erhobenen Augen, nicht mit keck empor gestreckten Armen flehte er die Hilfe der göttlichen Barmherzigkeit an, sondern indem er an seine Brust schlug und die in seinem Innern verschlossenen Sünden offen bekannte. Und während der Pharisäer sich selbst gefiel, verdiente er, der also flehte, viel eher geheiligt zu werden; denn er setzte die Hoffnung des Heils nicht in das Vertrauen auf seine Unschuld, da ja kein Mensch unschuldig ist, sondern er gestand seine Sünden ein und betete voll Demut. Und er, der den Demütigen verzeiht, erhörte auch sein Gebet. Dies berichtet der Herr in seinem Evangelium und sagt: „Zwei Menschen stiegen hinauf in den Tempel um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Als der Pharisäer hingetreten war, betete er bei sich also: ‚Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Ungerechte, Räuber Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner da. Ich faste zweimal am Sabbat, den Zehnten gebe ich von allem, was ich besitze.‘ Der Zöllner aber stand von ferne und hob nicht einmal seine Augen zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sagte: ,Gott sei mir Sünder gnädig!‘ Ich sage euch, dieser stieg besser gerechtfertigt in sein Haus hinab als jener Pharisäer; denn jeder, der sich erhebt, wird erniedrigt werden, und wer sich erniedrigt, wird erhöhet werden“.

Um was wir beten sollen, ersehen wir aus dem Wortlaut des Vaterunsers.

Indem wir dies aus der göttlichen Schrift lernen und nachdem wir ersehen haben, in welcher Weise wir an das Gebet herangehen sollen, wollen wir von dem Herrn uns auch darüber belehren lassen, was wir beten sollen! Er sagt: „Betet also: „Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiliget werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden, unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und laß uns nicht in Versuchung kommen, sondern erlöse uns von dem Übel!“.

Die erste Voraussetzung des christlichen Gebets ist die Einheit und Einmütigkeit, mit der jeder einzelne nicht nur für sich, sondern für alle bittet.

Vor allem wollte der Lehrer des Friedens und der Erzieher zur Einheit nicht haben, daß wir unser Gebet einzeln und besonders verrichten, so daß etwa einer, wenn er betet, nur für sich allein betete. Wir sagen nicht: „M e i n Vater, der Du bist im Himmel“, auch nicht: „M e i n Brot gib mir heute“, und ebensowenig fleht der einzelne nur für sich um Vergebung seiner Schuld oder bittet für sich allein, nur e r möge nicht in Versuchung geführt, nur e r möge von dem Übel erlöst werden. Öffentlich ist unser Gebet, und es gilt allen; und wenn wir beten, so beten wir nicht für einen einzigen, sondern für das ganze Volk, weil wir alle eins sind. Gott, der Lehrmeister des Friedens und der Eintracht, der die Einheit gelehrt hat, wollte, daß ebenso einer für alle bete, wie er selbst alle in einem getragen hat. Diese Vorschrift für das Gebet beobachteten die drei im Feuerofen eingeschlossenen Jünglinge, die in ihrem Flehen übereinstimmten und in der Eintracht ihres Geistes einmütig waren. Das beweist der glaubwürdige Bericht der göttlichen Schrift, und indem sie lehrt, wie diese Jünglinge gebetet haben, gibt sie uns ein Beispiel, das wir beim Beten nachahmen sollen, damit auch wir ihnen ähnlich werden können. „Darauf“, sagt sie, „sangen jene drei wie aus einem Munde einen Lobgesang und priesen Gott“. Sie sprachen „wie aus einem Munde“, und doch hatte Christus sie noch nicht beten gelehrt. Und die Worte der Betenden waren deshalb erfolgreich und wirksam, weil das friedfertige, schlichte und geistliche Gebet die Huld des Herrn gewann. Ebenso haben auch, wie wir finden, die Apostel mit den Jüngern nach der Himmelfahrt des Herrn gebetet. „Sie verharrten“, heißt es, „alle einmütig im Gebete mit den Frauen und Maria, die Jesu Mutter gewesen war, und mit seinen Brüdern“. „Sie verharrten im Gebete einmütig“, indem sie durch die Dringlichkeit und zugleich durch die Eintracht ihres Gebetes zeigten, daß Gott, der nur Einmütige im Hause wohnen läßt, auch in die göttliche und ewige Behausung nur solche zuläßt, die ihr Gebet einmütig verrichten.

Eine eingehende Betrachtung im einzelnen zeigt, wie lückenlos und vollständig das Gebet des Herrn ist. Schon in der Anrede „Vater unser“ ist ausgedrückt, daß wir uns seit der Taufe als Gottes Söhne betrachten dürfen.

Welcher Art nun, geliebteste Brüder, sind die heiligen Geheimnisse, die im Gebete des Herrn enthalten sind, wie zahlreich sind sie, wie bedeutsam, in Worten zwar kurz zusammengefaßt, aber in der Kraft dem Geiste nach überreich; nicht das Mindeste ist da Übergängen, und es gibt nichts, was nicht in unseren Bitten und Gebeten trotz der kurzen Zusammenfassung der himmlischen Lehre mit einbegriffen wäre. „Betet also“, sagt er: „Vater unser, der Du bist im Himmel“! Der neue, wiedergeborene und seinem Gott durch dessen Gnade zurückgegebene Mensch sagt zu allererst: „Vater“, weil er bereits angefangen hat, sein Sohn zu sein. „In sein Eigentum“, heißt es, „kam er, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf. Soviele ihn aufnahmen, denen gab er die Macht, Gottes Söhne zu werden, die an seinen Namen glauben“. Sobald einer also „an seinen Namen glaubt“ und ein Sohn Gottes geworden ist, muß er damit beginnen, daß er Dank sagt und sich offen als einen Sohn Gottes bekennt, indem er Gott seinen Vater im Himmel nennt. Auch soll er gleich bei den ersten Worten nach seiner Wiedergeburt bezeugen, daß er dem irdischen und fleischlichen Vater entsagt und nunmehr angefangen hat, nur den als seinen Vater zu kennen und anzusehen, der im Himmel ist, wie geschrieben steht: „Die zu Vater und Mutter sagen: ,Ich kenne dich nicht‘ und ihre Söhne nicht anerkennen, diese haben Deine Gebote beobachtet und Deinen Bund bewahrt“. Ebenso hat der Herr in seinem Evangelium geboten, wir sollten niemand auf Erden unseren Vater nennen, weil wir eben nur den einen Vater haben, der im Himmel ist. Und einem Jünger, der seines verstorbenen Vaters Erwähnung tat, erwiderte er: „Laß die Toten ihre Toten begraben!“ Er hatte nämlich gesagt, sein Vater sei tot, während der Vater der Gläubigen doch lebendig ist.

Der Zusatz „Vater u n s e r“ enthält eine Zurückweisung der abgefallenen Juden, an deren Stelle wir gläubigen Christen getreten sind.

Aber nicht nur darauf, geliebteste Brüder, müssen wir achten und merken, daß wir ihn einen „Vater“ nennen, „der im Himmel ist“, sondern wir fügen noch etwas hinzu und sagen: „Vater u n s e r“, das heißt: derer, die glauben, derer, die durch ihn geheiligt und durch die Geburt der Geistesgnade erneuert, Söhne Gottes geworden sind. Dieser Ausdruck enthält auch einen Vorwurf und eine Zurückweisung für die Juden, weil sie Christus, der ihnen durch die Propheten angekündigt und zu ihnen zuerst gesandt worden war, nicht nur ungläubig verachtet, sondern auch grausam getötet haben. Sie können nun Gott nicht mehr ihren Vater nennen, da der Herr sie abweist und von sich stößt, indem er sagt: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und die Gelüste eures Vaters wollt ihr befriedigen. Denn er war ein Mörder von Anfang und bestand nicht auf der Wahrheit, weil die Wahrheit nicht in ihm ist“. Auch durch den Mund des Propheten Isaias ruft Gott voll Unwillen: „Söhne habe ich gezeugt und erhöht, sie aber haben mich verachtet. Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber kennt mich nicht, und mein Volk hat mich nicht verstanden. Wehe dem sündigen Geschlechte, dem Volke voller Missetaten; nichtswürdiger Same, ruchlose Söhne! Verlassen habt ihr den Herrn und in Unwillen versetzt ihn, den Heiligen Israels“. Für sie ist es ein Vorwurf, wenn wir Christen beim Beten sagen: „Vater unser“, weil er nunmehr der unsrige geworden ist und aufgehört hat, der Vater der Juden zu sein, die ihn verlassen haben. Ebensowenig kann ein sündhaftes Volk ein Sohn Gottes sein, sondern nur denen, die Vergebung der Sünden erhalten, wird die Bezeichnung „Söhne“ beigelegt; nur ihnen wird auch die Ewigkeit verheißen in den Worten des Herrn selbst: „Jeder, der Sünde tut, ist ein Knecht [der Sünde]. Doch der Knecht bleibt nicht auf ewig im Hause, der Sohn aber bleibet ewiglich“.

Zu dieser vertraulichen Ansprache sind wir nur berechtigt, wenn wir uns in unserem ganzen Wandel als wahre Söhne Gottes erweisen.

Welch große Nachsicht aber ist es von dem Herrn, welch reiche Fülle seiner Gnade und Güte gegen uns, daß er nicht nur wünschte, wir sollten unser Gebet im Angesichte Gottes in der Weise verrichten, daß wir Gott unseren Vater nennen, sondern daß auch wir ebensogut Söhne Gottes heißen, wie Christus Gottes Sohn ist! Diese Bezeichnung würde keiner von uns beim Gebete in den Mund zu nehmen wagen, hätte nicht er selbst uns gestattet, so zu beten. Darum sollten wir, gehebteste Brüder, stets daran denken und uns dessen bewußt bleiben: wenn wir Gott unseren Vater nennen, dann müssen wir auch als Söhne Gottes uns benehmen, damit ebenso, wie wir uns darin gefallen, Gott zum Vater zu haben, auch er an uns sein Gefallen hat. Laßt uns wandeln als Tempel Gottes, damit man sieht, daß Gott in uns wohnt! Laßt uns in unserem ganzen Handeln den Geist nicht verleugnen, und wollen wir, die wir geistlich und himmlisch geworden sind, auch nur Geistliches und Himmlisches denken und tun! Hat doch Gott der Herr selbst gesagt: „Diejenigen, die mich verherrlichen, werde ich verherrlichen, und die mich verachten, werden verachtet werden“. Auch der selige Apostel hat in seinem Brief geschrieben: „Ihr seid nicht euer; denn ihr seid um einen hohen Preis erkauft. Verherrlichet und traget Gott in eurem Leibe!“

Die erste Bitte geht dahin, daß die göttliche Heiligung, die wir durch die Wiedergeburt erfahren haben, uns auch verbleiben möge.

Wir fahren dann fort: „Geheiliget werde dein Name“, nicht als ob wir Gott wünschten, er möge durch unsere Gebete geheiligt werden, sondern weil wir Gott darum bitten, daß sein Name i n u n s geheiligt werde. Von wem könnte aber auch Gott geheiligt werden, der doch selbst heiligt? Aber weil er selbst gesagt hat: „Seid heilig, weil auch ich heilig bin“, so bitten und flehen wir darum, daß wir, die wir in der Taufe geheiligt worden sind, in dem verharren, was wir zu sein angefangen haben. Und darum beten wir Tag für Tag: denn uns tut tägliche Heiligung not, damit wir, die wir tagtäglich sündigen, unsere Sünden durch beständige Heiligung wieder reinwaschen. Worin aber diese Heiligung besteht, die uns durch Gottes Gnade zuteil wird, das verkündigt der Apostel mit den Worten: „Weder die Hurer noch die Götzendiener noch die Ehebrecher noch die Weichlinge noch die Knabenschänder noch die Diebe noch die Betrüger noch die Trunkenbolde noch die Schmähsüchtigen noch die Räuber werden das Reich Gottes erlangen. Und das seid ihr gewesen, aber ihr seid reingewaschen, aber ihr seid gerechtfertigt, aber ihr seid geheiligt im Namen des Herrn Jesu Christi und im Geiste unseres Gottes“. „Geheiligt“ nennt er uns „im Namen des Herrn Jesu Christi und im Geiste unseres Gottes“. Daß diese Heiligung in uns verbleiben möge, darum beten wir; und weil unser Herr und Richter dem von ihm Geheiligten und Neubelebten drohend einschärft, nun nicht mehr zu sündigen, damit ihm nicht Ärgeres widerfahre, so bitten wir in unablässigen Gebeten, so flehen wir Tag und Nacht darum, die Heiligung und Wiederbelebung, die von Gottes Gnade kommt, möge uns durch seinen Schutz erhalten bleiben.

Auch in der zweiten Bitte sprechen wir, die wir der Welt entsagt haben, den Wunsch aus, das uns verheißene Reich Gottes oder Christus selbst möge zu uns kommen.

Dann heißt es im Gebete weiter: „Dein Reich komme!“ Daß Gottes Reich bald erscheinen möge, auch das erbitten wir ebensogut f ü r  u n s, wie wir wünschen, daß auch sein Name i n u n s geheiligt werde. Denn wann bestünde Gottes Reich nicht? Oder wann finge bei ihm das an, was schon immer gewesen ist und nie zu sein aufhört? Unser Reich, so bitten wir, möge zu uns kommen, das Reich, das von Gott uns verheißen, das durch Christi Blut und Leiden erworben ist, auf daß wir, die wir in der Welt vorher gedient haben, nachmals in Christi Reich herrschen, wie er selbst verspricht und sagt: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, empfanget das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“ Es kann aber, geliebteste Brüder, auch Christus selbst das Reich Gottes sein, nach dessen Kommen wir täglich verlangen, dessen baldige Ankunft wir sehnsüchtig wünschen. Denn da er selbst die Auferstehung ist, weil wir in ihm wieder auferstehen, so kann er auch selbst als das Reich Gottes aufgefaßt werden, weil wir in ihm herrschen sollen. Mit Recht aber bitten wir um das Reich Gottes, das heißt: um das himmlische Reich, denn es gibt ja auch ein irdisches Reich. Wer jedoch der Welt bereits entsagt hat, der ist erhaben über ihre Ehren und über ihr Reich; wer sich also Gott und Christus weiht, der sehnt sich nicht nach einem irdischen, sondern nach dem himmlischen Reiche. Unablässiges Bitten und Flehen aber tut not, damit wir nicht ebenso des himmlischen Reiches verlustig gehen wie die Juden, denen es zuerst verheißen war. Das verkündigt und bestätigt uns der Herr. „Viele“, sagt er, „werden kommen vom Aufgang und vom Untergang und werden mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich sich niederlassen. Die Kinder des Reiches aber werden hinausgestoßen werden in die äußerste Finsternis; dort wird sein Heulen und Zähneknirschen“. Er zeigt, daß vordem die Juden Söhne des Reiches waren, solange sie eben auch Söhne Gottes blieben; seitdem aber der väterliche Name für sie verloren war, war es auch mit dem Reiche für sie zu Ende. Und deshalb bitten wir Christen, die wir Gott im Gebete unseren Vater nennen dürfen, auch darum, daß das Reich Gottes zu uns komme.

Ebenso flehen wir in der dritten Bitte darum, daß Gottes Wille in uns geschehe und wir mit Gottes Hilfe unseren Willen gehorsam ihm unterordnen.

Wir fügen auch noch die weiteren Worte hinzu: „Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden“, nicht etwa, damit Gott tun kann, was er will, sondern damit wir zu tun vermögen, was Gott will. Denn wer hindert Gott daran, seinen Willen zu tun? Weil hingegen wir vom Teufel verhindert werden, in unserem Tun und Trachten in allen Stücken Gott zu gehorchen, so beten und flehen wir darum, daß i n u n s der Wille Gottes geschehe. Damit dieser aber in uns geschieht, brauchen wir Gottes Willen, das heißt: seine Hilfe und seinen Schutz. Denn niemand ist stark aus eigener Kraft, sondern nur Gottes Gnade und Barmherzigkeil bietet sicheren Schutz. So sagte auch der Herr, indem er die Schwäche der menschlichen Natur verriet, die er an sich trug: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ Um aber seinen Jüngern ein Beispiel zu geben, daß sie nicht ihren, sondern Gottes Willen tun sollten, setzte er noch die Worte hinzu: „Doch nicht, was ich will, sondern was Du willst“. Und an einer anderen Stelle sagt er: „Ich bin nicht vom Himmel herabgestiegen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“. Wenn nun aber der Sohn gehorchte und den Willen seines Vaters tat, wieviel mehr muß dann der Knecht gehorchen, um den Willen seines Herrn zu erfüllen? So ermahnt und lehrt uns ja auch Johannes in seinem Briefe, den Willen Gottes zu tun, indem er sagt: „Liebet nicht die Welt noch das, was in der Welt ist! Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, ist Begehrlichkeit des Fleisches und Begehrlichkeit der Augen und weltliche Hoffart, die nicht vom Vater ist, sondern von der Begehrlichkeit der Welt. Und die Welt wird vergehen und ihre Begehrlichkeit; wer aber den Willen Gottes tut, bleibet in Ewigkeit, wie auch Gott bleibet in Ewigkeit“. Wenn wir also in Ewigkeit bleiben wollen, müssen wir den Willen Gottes tun, der ewig ist.

Was der Wille Gottes ist, das erkennen wir aus Christi Lehren und Taten.

Der Wille Gottes aber, den Christus erfüllt und gelehrt hat, ist Demut im ganzen Verhalten, Beständigkeit im Glauben, Bescheidenheit in unseren Worten, Gerechtigkeit in unseren Taten, Barmherzigkeit in unseren Werken und Zucht in unseren Sitten. Anderen niemals Unrecht tun, erlittenes Unrecht aber willig ertragen, mit den Brüdern Frieden halten, den Herrn von ganzem Herzen verehren, ihn lieben als unseren Vater, ihn fürchten als unseren Gott, Christus über alles stellen, weil auch er nichts über uns gestellt hat, ihm in unzertrennlicher Liebe anhangen, voll Mut und Vertrauen zu seinem Kreuze stehen, wenn um seinen Namen und seine Ehre der Streit tobt, mit unserem Munde voll Standhaftigkeit das Bekenntnis ablegen, beim gerichtlichen Verhör voll Zuversicht in den Kampf gehen und im Tode durch Geduld die Krone erringen: das heißt danach streben, ein Miterbe Christi zu sein, das heißt dem Gebote Gottes nachkommen, das heißt den Willen des Vaters erfüllen.

Der göttliche Wille soll sich vollziehen „im Himmel und auf Erden“, das heißt: an Seele und Leib, zwischen denen jeder Streit verstummen muß.

Wir bitten aber, der Wille Gottes möge geschehen „im Himmel und auf Erden“; dies läuft beides auf die Vollendung unserer Wohlfahrt und unseres Heils hinaus. Denn da wir einen Leib von der Erde und einen Geist vom Himmel besitzen, so sind wir selbst Erde und Himmel und bitten darum, es möge in beiden, das heißt: nicht nur im Leibe, sondern auch im Geiste, Gottes Wille geschehen. Denn Fleisch und Geist liegen miteinander in Fehde, und bei ihrem gegenseitigen Zwist kommt es täglich zum Kampfe; und so können wir gerade das, was wir wollen, nicht ausführen, da der Geist das Himmlische und Göttliche sucht, während das Fleisch nach dem Irdischen und Zeitlichen verlangt. Deshalb bitten wir darum, es möge zwischen diesen beiden Gegnern mit Gottes Beistand und Hilfe Eintracht hergestellt werden, damit die durch ihn wiedergeborene Seele gerettet wird, indem nicht nur im Geiste, sondern auch im Fleische Gottes Wille sich vollzieht. Dies erklärt in offenen und deutlichen Worten der Apostel Paulus. „Das Fleisch“, sagt er, „begehrt wider den Geist und der Geist wider das Fleisch. Denn diese widerstreben einander, so daß ihr eben das nicht tut, was ihr wollt. Offenkundig aber sind die Werke des Fleisches, als da sind Ehebruch, Hurerei, Unlauterkeit, Unzucht, Götzendienst, Zauberei, Totschlag, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Aufreizung, Groll, Zwietracht, Zerwürfnis, Mißgunst, Trunkenheit, Schwelgerei und dergleichen; die solches tun, werden das Reich Gottes nicht besitzen. Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Großmut, Güte, Glaube, Sanftmut, Enthaltsamkeit, Keuschheit“. Das ist der Grund, warum wir in täglichen, ja in unablässigen Gebeten darum flehen, es möge nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden der Wille Gottes an uns geschehen. Denn der Wille Gottes geht dahin, daß das Irdische vor dem Himmlischen zurücktrete und daß das Geistliche und Göttliche die Oberhand gewinne.

Die Worte „im Himmel und auf Erden“ können auch bedeuten: bei den Gläubigen und bei den noch Ungläubigen, die der Wiedergeburt noch nicht teilhaftig geworden sind.

Man kann es auch so verstehen, geliebteste Brüder: nachdem der Herr befiehlt und uns mahnt, sogar die Feinde zu lieben und auch für die zu beten, die uns verfolgen, sollen wir auch für die bitten, die noch Erde sind und noch nicht angefangen haben, himmlisch zu sein, damit auch an ihnen der Wille Gottes geschehe, den Christus durch die Erhaltung und Erneuerung des Menschen erfüllt hat. Denn die Jünger werden von ihm nicht mehr Erde, sondern das Salz dar Erde genannt, und der Apostel sagt, der erste Mensch stamme vom Lehm der Erde, der zweite aber vom Himmel. Deshalb ist es nur recht und billig, wenn auch wir, die wir Gott dem Vater ähnlich sein sollen, der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte, — wenn auch wir nach der Mahnung Christi in der Weise beten und flehen, daß wir für das Heil aller Menschen Fürbitte einlegen, damit ebenso wie im Himmel, das heißt: an uns, durch unseren Glauben der Wille Gottes geschehen ist, so daß wir vom Himmel sind, nun auch auf Erden, das heißt: an jenen noch Ungläubigen, der Wille Gottes geschehe und damit sie, die noch von ihrer ersten Geburt her irdisch sind, aus Wasser und Geist neugeboren werden und anfangen, himmlisch zu sein.

Auch die nächste Bitte läßt eine zwiefache Erklärung zu. In übertragenem Sinn kann unter dem täglichen Brot der Leib des Herrn verstanden werden, um dessen täglichen Genuß wir bitten.

Im weiteren Verlauf des Gebetes bitten und sagen wir: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Dies kann sowohl in geistlichem als auch in wörtlichem Sinne verstanden werden; denn beide Arten der Auffassung bergen einen göttlichen Nutzen und dienen zum Heile. Das Brot des Lebens nämlich ist Christus, und dieses Brot gehört nicht allen, sondern nur uns. Und wie wir beten: „Vater unser“, weil er der Vater der Erkennenden und Gläubigen ist, so sagen wir auch: „unser Brot“, weil Christus das Brot derer ist, die wie wir seinen Leib berühren dürfen. Daß aber dieses Brot uns täglich zuteil werden möge, darum bitten wir deshalb, damit wir, die wir in Christus sind und seine Eucharistie jeden Tag als Speise des Heils empfangen, vom Leibe Christi nicht getrennt werden, indem irgendein schwereres Vergehen dazwischentritt, das uns aus jeder Gemeinschaft ausscheidet und uns den Genuß des himmlischen Brotes verschließt. Verkündet und sagt er doch selbst: „Ich bin das Brot des Lebens, der ich vom Himmel herabgestiegen bin. Wenn jemand ißt von meinem Brote, so wird er leben in Ewigkeit. Das Brot aber, das ich gebe, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“. Wenn er also sagt: wer von seinem Brote esse, der lebe in Ewigkeit, so ist es zwar offenbar, daß alle die leben, die seinen Leib berühren und die Eucharistie nach dem Rechte der Gemeinschaft empfangen, andererseits aber muß es unsere Sorge und unser Gebet sein, daß keiner von der Gemeinschaft ausgeschlossen und vom Leibe Christi getrennt werde und so des Heiles verlustig gehe. Damit droht er selbst in den Worten: „Wenn ihr nicht esset das Fleisch des Menschensohnes und trinket sein Blut, so werdet ihr nicht das Leben in euch haben“. Und deshalb bitten wir darum, daß unser Brot, das heißt: Christus, täglich uns gegeben werde, damit wir, die wir in Christus bleiben und leben, von seiner Heiligung und seinem Leibe uns nicht entfernen.

Es kann aber auch ganz wörtlich als die zum Leben erforderliche Nahrung aufgefaßt werden, die wir immer nur für den einzelnen Tag von Gott erbitten dürfen.

Man kann es aber auch so auffassen, daß wir, die wir der Welt entsagt und ihren Reichtum und Prunk im Vertrauen auf die geistliche Gnade abgeworfen haben, nur um Speise und Lebensunterhalt für uns bitten, weil der Herr lehrt und sagt: „Wer nicht allem entsagt, was sein ist, der kann nicht mein Jünger sein“. Wer aber angefangen hat, Christi Jünger zu sein und nach dem Worte seines Meisters allem entsagt, der darf nur um die gleiche Nahrung flehen und nicht auf lange hinaus Wünsche und Bitten äußern, wie abermals der Herr selber vorschreibt und sagt: „Sorget nicht für morgen; denn der morgige Tag wird selbst für sich sorgen. Jedem Tage genügt seine Plage“. Mit Recht also bittet der Jünger Christi, dem es verboten ist, für den kommenden Tag zu sorgen, immer nur für e i n e n Tag um seinen Lebensunterhalt; denn es wäre ein unvereinbarer Widerspruch, wenn wir lange auf dieser Welt zu leben suchten, obwohl wir doch darum bitten, daß das Reich Gottes bald zu uns kommen möge. Ebenso mahnt auch der selige Apostel, indem er die Festigkeit unserer Hoffnung und unseres Glaubens sichert und kräftigt. „Nichts“, sagt er, „haben wir in diese Welt hereingebracht, wir können aber auch nichts mit uns fortnehmen. Haben wir also Nahrung und Kleidung, so lasset uns damit zufrieden sein! Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstricke und viele schädliche Lüste, die den Menschen in Verderben und Untergang versenken. Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht; und einige, die ihr anhingen, haben am Glauben Schiffbruch gelitten und haben sich in viele Schmerzen gestürzt“.

Denn Reichtümer sind für den Christen, der dem Herrn nachfolgen will, als die Wurzel alles Übels nur ein Hindernis auf dem Wege zum Heil.

Der Reichtum, so lehrt er, ist nicht nur zu verachten, sondern er ist auch gefährlich: hier liege die Wurzel verführerischer Übel, die den verblendeten Geist des Menschen in geheimem Truge betören. Deshalb tadelte auch Gott den reichen Toren, der nur auf zeitlichen Wohlstand bedacht war und sich mit der Fülle seiner überreichen Ernte brüstete, indem er zu ihm sagte: „Du Tor, heute Nacht wird deine Seele von dir gefordert! Wem wird nun gehören, was du erworben hast?“. Der Tor freute sich seiner Ernte, und er sollte doch noch in derselben Nacht sterben, und während sein Leben schon dem Ende nahe war, dachte er noch an die reichen Vorräte für sein Leben. Umgekehrt aber wird nach des Herrn Lehre derjenige vollkommen und vollendet, der seine ganze Habe verkauft, und zum Besten der Armen verteilt und sich so einen Schatz im Himmel sammelt. Nur der, sagt er, könne ihm folgen und den Herrn in dem Ruhm des Leidens nachahmen, der, gewappnet und gerüstet, von keinen Fesseln seines irdischen Besitzes umstrickt ist, sondern los und ledig selbst seiner Habe nachfolgt, die er vorher zum Herrn vorausgesandt hat. Damit sich jeder von uns zu gleichem Tun bereiten kann, lernt er in dieser Weise beten und aus dem vorgeschriebenen Wortlaut des Gebetes erkennen, wie er sein soll.

An dem für unser zeitliches Leben Notwendigsten aber hat es Gott den Gerechten noch niemals fehlen lassen.

Denn dem Gerechten kann es gar nicht an der täglichen Nahrung fehlen, da geschrieben steht: „Der Herr wird eine gerechte Seele nicht durch Hunger töten“, und abermals: „Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch keinen Gerechten verlassen gesehen noch, wie sein Same nach Brot ging“. Ebenso verspricht der Herr und sagt: „Ihr sollt nicht sorgen und sagen: „‚Was werden wir essen, oder was werden wir trinken, oder womit werden wir uns kleiden?‘ Denn danach trachten die Heiden. Euer Vater aber weiß, daß ihr dies alles bedürfet. Trachtet zuerst nach dem Reiche und nach der Gerechtigkeit Gottes, und dies alles wird euch auch zuteil werden“. Denen, die nach dem Reiche und nach der Gerechtigkeit Gottes trachten, soll nach seiner Verheißung auch alles andere zuteil werden. Denn da alles Gott gehört, so wird es dem, der Gott hat, an nichts fehlen, wenn er selbst es Gott gegenüber an nichts fehlen läßt. So wird für Daniel durch göttliche Fügung ein Mahl beschafft, während er auf Befehl des Königs in der Löwengrube eingeschlossen ist, und der Mann Gottes wird inmitten der wilden Tiere gespeist, die trotz ihres Hungers ihn verschonen. So wird Elias auf der Flucht und in der Einsamkeit durch Raben unterhalten, die ihm dienen, und durch Vögel, die ihm Speise zutragen, wird er in der Verfolgung ernährt. Und — welch verabscheuenswerte Grausamkeit menschlicher Bosheit! — die wilden Tiere üben Schonung, die Vögel bringen Nahrung, und die Menschen — sinnen auf Nachstellungen und Wut!

Der fünften Bitte bedarf der Christ für sein ewiges Leben, denn er weiß, daß er täglich sündigt.

Sodann flehen wir auch für unsere Sünden mit den Worten: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!“ Auf die Bitte um Gewährung der Nahrung folgt die Bitte um Vergebung der Sünde, auf daß derjenige, der von Gott gespeist wird, auch in Gott lebt und damit nicht nur für das gegenwärtige und zeitliche, sondern auch für das ewige Leben Sorge getragen wird. Denn zu diesem kann man nur gelangen, wenn die Sünden vergeben werden, die der Herr Schulden nennt, wie er in seinem Evangelium sagt: „Ich habe dir die ganze Schuld erlassen, weil du mich gebeten hast“. Wie notwendig aber, wie vorsorglich und heilsam ist für uns die Erinnerung daran, daß wir Sünder sind, und die Nötigung, für unsere Sünden zu flehen; denn die Seele gedenkt so ihrer Schuld, indem Gott um Nachsicht angegangen wird. Damit ja keiner voll Selbstgefälligkeit tut, als wäre er unschuldig, und durch seine Selbstüberhebung nur noch unrettbarer dem Verderben verfällt, wird jeder unterrichtet und belehrt, daß er täglich sündigt, indem er aufgefordert wird, täglich für seine Sünden zu beten. So mahnt uns ja auch Johannes in seinem Briefe mit den Worten: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns, Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist der Herr getreu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt. In seinem Briefe hat er beides zusammengefaßt, erstens, daß wir für unsere Sünden bitten müssen, und zweitens, daß wir Verzeihung erlangen, wenn wir das tun. Deshalb hat er auch gesagt, der Herr sei getreu, die Sünden zu vergeben, weil er sein Versprechen getreulich hält. Denn er, der uns gelehrt hat, für unsere Schulden und Sünden zu beten, hat uns auch verheißen, daß die väterliche Barmherzigkeit und die Verzeihung nachfolgen wird.

Das beigefügte Sätzchen: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ enthält eine Einschränkung, die uns die größte Versöhnlichkeit zur Pflicht macht.

Indem er uns durch eine feste Bedingung und feierliche Verpflichtung bindet, hat er allerdings noch die Vorschrift beigefügt und hinzugesetzt: wir sollten für uns um Vergebung unserer Schulden ebenso bitten, wie wir auch selbst unseren Schuldigern vergeben, in der Gewißheit, daß wir das, was wir für unsere Sünden erbitten, nicht erlangen können, wenn wir nicht selbst auch an unseren Schuldigern das gleiche tun. Deshalb sagt er auch an einer anderen Stelle: „Mit dem Maße, mit dem ihr messet, wird auch euch wieder gemessen werden“. Und der Knecht, der seinem Mitknecht die Schuld nicht nachlassen wollte, nachdem ihm doch sein Herr die ganze Schuld erlassen hatte, wird ins Gefängnis geworfen. Weil er mit seinem Mitknecht keine Nachsicht haben wollte, verlor er das, was ihm von dem Herrn vorher schon nachgesehen worden war. Dies hält uns Christus in seinen Geboten noch nachdrücklicher vor Augen in der vollen Strenge seines Gerichts. ,,Wenn ihr dasteht“, sagt er, „zum Gebet, so vergebet. wenn ihr gegen irgendeinen etwas habt, damit auch euer Vater, der im Himmel ist, euch eure Sünden vergibt! Wenn aber ihr nicht vergebt, dann wird auch euer Vater, der im Himmel ist, euch eure Sünden nicht vergeben“. Gar keine Entschuldigung bleibt dir da am Tage des Gerichts übrig, denn du wirst nach deinem eigenen Urteil gerichtet, und was du anderen getan hast, das hast du auch selbst zu erleiden. Gott hat uns ja doch geboten, friedfertig, einträchtig und einmütig in seinem Hause zu wohnen, und er will, daß wir nach unserer Wiedergeburt so bleiben, wie er uns durch die zweite Geburt geschaffen hat. So sollen also wir, nachdem wir angefangen haben, Gottes Söhne zu sein, in Gottes Frieden verharren, und wie wir einen Geist haben, auch eines Herzens und eines Sinnes sein. Deshalb nimmt auch Gott das Opfer eines unversöhnlichen Menschen nicht an und fordert ihn auf, vom Altar wegzutreten und sich zuvor mit seinem Bruder auszusöhnen, damit er dann durch seine friedfertigen Bitten auch bei Gott Frieden finde. Ein größeres Opfer in Gottes Augen ist es, wenn Friede und brüderliche Eintracht unter uns herrscht und wenn das Volk in der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes verbunden ist.

Nur der Friedfertige und Gerechte kann bei Gott Gnade finden.

Denn auch bei den Opfern, die Abel und Kain zuerst darbrachten, sah Gott nicht auf ihre Gaben, sondern auf ihre Herzen, so daß der mit seiner Gabe Gnade fand, der mit seinem Herzen wohlgefiel. Indem der friedfertige und gerechte Abel Gott in Unschuld opferte, lehrte er auch die übrigen: wenn sie am Altar ihre Gaben darbringen, sollten sie ebenso hintreten in der Furcht Gottes, in der Einfalt des Herzens, nach dem Gesetze der Gerechtigkeit und in dem Frieden der Eintracht. Mit Recht ist er, der Gott in dieser Weise sein Opfer darbrachte, später selbst für Gott ein Opfer geworden, und als der erste Märtyrer wurde gerade er mit dem Ruhme seines Blutes der Vorläufer für das Leiden des Herrn, der nicht nur die Gerechtigkeit, sondern auch den Frieden des Herrn gehabt hatte. Solche also sind es, die von dem Herrn gekrönt werden, solche werden am Tage des Gerichts an der Seite des Herrn als Richter sitzen. Wer aber in Uneinigkeit und unversöhnlicher Feindschaft lebt und mit den Brüdern keinen Frieden hält, der wird nach dem Zeugnis des seligen Apostels und der Heiligen Schrift dem Vorwurf des Bruderzwistes nicht einmal dann entgehen, wenn er für den Namen [Christi] den Tod erlitten hat; denn, wie geschrieben steht, ist der ein Totschläger, der seinen Bruder haßt; ein Totschläger aber gelangt nicht zum Himmelreich und lebt nicht mit Gott. Mit Christus kann einer nicht sein, wenn er lieber ein Nachahmer des Judas hat sein wollen als ein Nachahmer Christi. Welch schweres Vergehen muß das sein, wenn man es nicht einmal durch die Bluttaufe abwaschen kann! Welch furchtbare Sünde ist es, wenn sie sich nicht einmal durch den Märtyrertod sühnen läßt!

Die sechste Bitte gibt uns die tröstliche Zuversicht, daß der Satan nichts über uns vermag, wenn ihm Gott nicht die Macht dazu erteilt.

Auch das ist notwendig, daß der Herr uns mahnt, im Gebete zu sprechen: „Und laß uns nicht in Versuchung kommen!“ Aus diesen Worten geht hervor, daß der Widersacher nichts gegen uns ausrichten kann, wenn nicht Gott es vorher zuläßt; deshalb soll sich all unsere Furcht, unsere Ergebenheit und unser Gehorsam Gott zuwenden, da der Böse bei seinen Versuchungen nichts gegen uns vermag, wenn ihm nicht von dorther die Macht erteilt wird. Das bestätigt die göttliche Schrift, wenn sie sagt: „Nabuchodonosor, der König von Babylonien, kam nach Jerusalem und eroberte es, und der Herr gab es in seine Hand“. Gegeben aber wird dem Bösen die Macht über uns nur infolge unserer Sünden, wie geschrieben steht: „Wer hat Jakob zur Plünderung hingegeben und Israel den Räubern? War es nicht der Herr, an dem sie gesündigt haben? Und sie wollten auf seinen Wegen nicht wandeln und nicht hören auf sein Gesetz, und er hat über sie ausgeschüttet den Grimm seiner Entrüstung“. Und abermals heißt es, als Salomo sündigte und von den Geboten und Wegen des Herrn abwich: „Und der Herr erweckte den Satan gegen Salomo selbst“.

Nur dem Herrn haben wir es zu verdanken, wenn wir aus solchen Versuchungen siegreich hervorgehen.

Gewalt aber wird ihm zu zweierlei Zwecken gegen uns gegeben: entweder zur Strafe, wenn wir sündigen, oder zur Verherrlichung, wenn wir uns bewähren. So war es, wie wir sehen, bei Hiob der Fall, da Gott erklärt und sagt: „Siehe, alles, was er hat, gebe ich in deine Hände; aber hüte dich, ihn selbst zu berühren!“ Und der Herr spricht im Evangelium in der Zeit seines Leidens: „Du hättest keine Gewalt wider mich, wenn sie dir nicht verliehen wäre von oben“. Wenn wir aber darum bitten, daß wir nicht in Versuchung kommen, so werden wir an unsere eigene Ohnmacht und Schwäche erinnert; denn wir beten so, damit keiner voll Vermessenheit sich überhebe, damit keiner voll Stolz und Eitelkeit sich etwas anmaße, damit keiner den Ruhm des Bekenntnisses oder des Leidens für sich in Anspruch nehme. Hat doch der Herr selbst Demut gelehrt und gesagt: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt; der Geist zwar ist willig, aber das Fleisch ist schwach“. Indem man also ein demütiges und unterwürfiges Bekenntnis vorausschickt und alles Gott zuschreibt, erhält man all das von seiner liebevollen Güte gewährt, was man in Furcht und Ehrerbietung vor Gott flehentlich erbittet.

In der siebenten Bitte fassen wir endlich all das Schlimme, das vom bösen Feind und der Welt uns droht, noch kurz zusammen und stellen uns unter Gottes mächtigen Schutz.

Nach all dem kommt am Ende des Gebetes ein Schlußsatz, der alle unsere Bitten und Anliegen in gedrängter Kürze in sich begreift. Denn wir schließen mit den Worten: „Sondern erlöse uns von dem Übel“, indem wir alle Widerwärtigkeiten zusammenfassen, die der Feind in dieser Welt gegen uns im Schilde führt. Vor ihnen kann es nur dann einen festen und zuverlässigen Schutz geben, wenn uns Gott erlöst, wenn er uns auf unser Bitten und Flehen hin seine Hilfe angedeihen läßt. Wenn wir aber sagen: „Erlöse uns von dem Übel“, so bleibt uns nichts weiter zu erflehen übrig, da wir damit ein für allemal Gottes Schutz gegen das Übel erbitten. Haben wir aber diesen erlangt, so stehen wir sicher und ungefährdet da gegen alles, was der Teufel und die Welt gegen uns im Werke haben. Denn wie kann einer sich fürchten vor der Welt, wenn ihm Gott in der Welt als Beschützer zur Seite steht?

So bildet das Vaterunser für die Christen jedes Alters und Standes einen Auszug aus den Lehren Christi in wunderbarer Kürze.

Was Wunder, geliebteste Brüder, wenn das Gebet von so trefflicher Kürze ist! Hat es doch Gott gelehrt, der durch eine Unterweisung all unser Flehen in heilsamen Worten kurz zusammenfaßte. Dies war schon durch den Propheten Isaias vorherverkündigt worden, als er, des Heiligen Geistes voll, von Gottes Majestät und Güte sprach: „Das Wort vollendend“, sagt er, „und abkürzend in Gerechtigkeit; denn kurze Worte wird Gott machen auf dem ganzen Erdkreise“. Denn da das Wort Gottes, unser Herr Jesus Christus, für alle gekommen ist, da er ohne Unterschied Gelehrte wie Ungelehrte um sich gesammelt und jedem Geschlecht und Alter seine Heilsgebote gegeben hat, so stellte er seine Vorschriften in einem vollständigen Auszug zusammen, damit das Gedächtnis der Lernenden mit der himmlischen Lehre keine Mühe habe, sondern das für einen schlichten Glauben Notwendige schnell erlernen könne. Als er zum Beispiel lehrte, was das ewige Leben sei, da faßte er das heilige Geheimnis des Lebens in vorzüglicher und göttlicher Kürze zusammen in den Worten: „Dies aber ist das ewige Leben, daß sie erkennen Dich, den einzigen und wahren Gott, und den Du gesandt hast, Jesus Christus“. Ebenso sagte er, als er aus dem Gesetze und den Propheten die ersten und wichtigsten Gebote auswählte: „Höre, Israel: der Herr, dein Gott, ist ein einziger Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deiner ganzen Kraft! Dies ist das erste Gebot; und das zweite ist diesem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“. Und wiederum: „Alles, was ihr wollt, daß euch die Menschen Gutes tun, das tuet auch ihr innen ebenso! Denn dies ist das Gesetz und die Pro pheten“.

Auch durch sein eigenes Beispiel hat uns der Herr ans Herz gelegt, fleißig zu beten.

Aber nicht nur in Worten, sondern auch durch die Tat hat der Herr uns beten gelehrt, indem er selbst häufig betete und flehte und durch das Zeugnis seines eigenen Beispiels zeigte, was wir zu tun haben. So steht geschrieben: „Er selbst aber entwich in die Wüste und betete“, und wiederum: „Er ging hinaus auf den Berg, zu beten, und verbrachte die Nacht im Gebete des Herrn“. Wenn nun aber er betete, der doch ohne Sünde war, wieviel mehr müssen dann die Sünder beten? Und wenn er die ganze Nacht hindurch ununterbrochen wachte und in beständigem Gebete flehte, wieviel mehr müssen dann wir in fleißigem Gebet die Nacht durchwachen?

Sein Gebet galt nicht ihm, sondern uns und unserer Einheit, ein Beweis, wie schwer sich jeder versündigt, der sie zu stören und zu zerreißen sucht.

Der Herr aber betete und flehte nicht für sich, — denn was hätte er, der Schuldlose, für sich erbitten sollen? — sondern für unsere Sünden. Das tut er auch selbst kund, indem er zu Petrus sagt: „Siehe, der Satan hat verlangt, euch zu sieben wie den Weizen, Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre“‚. Und hernach legt er bei dem Vater Fürbitte ein für alle mit den Worten; „Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben werden, auf daß sie alle eins seien, gleichwie Du, Vater, in mir und ich in Dir, daß auch sie in uns seien“. So groß ist die Güte und zugleich die Liebe des Herrn um unseres Heiles willen, daß er sich nicht damit begnügte, uns durch sein Blut zu erlösen, sondern für uns auch überdies noch bat. Beachtet aber, wie sein sehnlichster Wunsch bei dieser Bitte dahin ging, es möchten ebenso, wie der Vater und der Sohn eins sind, auch wir in eben dieser Einheit verharren! So kann man auch daraus ersehen, wie schwer sich einer versündigt, der die Einheit und den Frieden zerreißt, wenn der Herr sogar dafür gebetet hat. Er wollte eben, daß sein Volk lebe, und er wußte, daß die Zwietracht nicht ins Reich Gottes gelangt.

Wenn das Gebet wirklich aus dem Herzen kommen soll, muß der Geist wach sein und sich zur tiefsten Andacht sammeln.

Wenn wir aber dastehen und beten, geliebteste Brüder, so müssen wir wachsam und mit ganzem Herzen auf das Gebet bedacht sein. Jeder fleischliche und weltliche Gedanke sei dann ferne, und der Geist denke an nichts als allein an das, um was er betet! Deshalb schickt auch der Priester vor dem Gebet einige einleitende Worte voraus und bereitet die Herzen der Brüder vor, indem er sagt: „Die Herzen in die Höhe!“, damit die Gemeinde, die darauf antwortet: „Wir haben sie beim Herrn“, daran erinnert wird, daß sie an nichts anderes als an den Herrn denken darf. Verschließen soll sich das Herz gegen den Widersacher, Gott allein soll es offen stehen und dem Feinde Gottes in der Stunde des Gebets keinen Zutritt verstatten. Denn er schleicht sich gar häufig heran und drängt sich bei uns ein und lenkt durch schlauen Trug unser Gebet von Gott ab, so daß wir etwas anderes im Herzen haben als auf der Zunge. Und doch ist es nicht der Klang der Stimme, sondern Herz und Sinn, die den Herrn in lauterer Andacht anflehen sollen. Von welcher Lässigkeit aber zeugt es, durch ungehörige und sündige Gedanken sich ablenken und fesseln zu lassen, wenn man zum Herrn fleht, gleich als ob es etwas anderes gäbe, woran man mehr denken dürfte als an das, was man mit Gott spricht. Wie kannst du verlangen, daß Gott auf dich hört, wenn du selbst nicht auf dich hörst? Du willst, daß der Herr an dich denke, wenn du bittest, obwohl du selbst nicht an dich denkst? Das heißt alle Vorsicht vor dem Feinde außer acht lassen, das heißt beim Gebete zu Gott die göttliche Majestät durch die Nachlässigkeit im Beten beleidigen, das heißt mit den Augen wachen und mit dem Herzen schlafen; und doch soll der Christ selbst dann, wenn er mit den Augen schläft, mit dem Herzen wachen, wie geschrieben steht im Hohen Liede, wo die Kirche von sich sagt: „Ich schlafe und mein Herz wacht“. Deshalb mahnt uns der Apostel mit eindringlicher Vorsicht und sagt: „Oblieget dem Gebete und wachet darin“, indem er offenbar lehren und zeigen will, daß nur solche die Erfüllung ihrer Wünsche von Gott erlangen können, die Gott im Gebete wachen sieht.

Fruchtbar und wirksam wird es erst, wenn gute Werke daneben hergehen.

Die Betenden aber sollen nicht mit unfruchtbaren und leeren Bitten zu Gott kommen. Unwirksam ist unser Flehen, wenn wir uns in fruchtlosem Gebet an Gott wenden. Denn da jeder Baum, der keine Frucht bringt, herausgehauen und ins Feuer geworfen wird, so können natürlich auch Worte, die keine Frucht tragen, Gottes Gnade nicht erwirken, weil sie nicht ergiebig sind an guten Werken. Und deshalb lehrt die göttliche Schrift und sagt: „Gut ist das Gebet mit Fasten und Almosen“. Denn er, der am Tage des Gerichtes die guten Werke und Almosen belohnen wird, leiht auch heute schon jedem ein gnädiges Ohr, der mit guten Werken zum Gebete kommt. So wurde ja auch dem Hauptmann Cornelius die Gnade zuteil, daß sein Gebet erhört wurde; denn „er spendete dem Volke viele Almosen und betete stets zu Gott“. Zu ihm trat um die neunte Stunde, während er betete, ein Engel, der ihm seine guten Werke bezeugte und sagte: „Cornelius, deine Gebete und deine Almosen sind emporgestiegen zum Gedächtnis vor Gott“.

Daß das Gebet im Verein mit Barmherzigkeit der Erhörung gewiß sein kann geht aus der Heiligen Schrift hervor.

Schnell steigen die Gebete zu Gott empor, wenn sie durch das Verdienst unserer guten Werke vor Gott gebracht werden. So trat auch der Engel Raphael zu Tobias, der immerdar betete und stets Gutes tat, und sagte: „Die Werke Gottes zu enthüllen und zu bekennen, ist ehrenvoll. Denn als du mit Sarra betetest, brachte ich das Gedächtnis eures Gebetes vor das Angesicht der Herrlichkeit Gottes. Und da du die Toten in Einfalt begrubest und weil du nicht säumtest, aufzustehen und dein Mahl zu verlassen, sondern fortgingst und den Toten verbärgest, wurde ich gesandt, dich zu versuchen. Und wiederum hat mich Gott geschickt, dich zu heilen und Sarra, deine Schwiegertochter. Denn ich bin Raphael, einer von den sieben gerechten Engeln, die wir stehen und wandeln vor der Herrlichkeit Gottes“. Auch durch Isaias mahnt und lehrt der Herr, indem er Ähnliches bezeugt: „Löse“, sagt er, „jeden Knoten der Ungerechtigkeit, löse den erstickenden Zwang unmäßiger Forderungen, laß die Bedrängten in Ruhe und zerreiße jede ungerechte Verbriefung! Brich dem Hungrigen dein Brot und die obdachlosen Armen führe in dein Haus! Siehst du einen Nackten, so kleide ihn, und die Angehörigen deines Samens verachte nicht! Dann wird hervorbrechen dein Licht zur rechten Zeit, und deine Kleider werden eilends sich erheben, und vor dir hergehen wird die Gerechtigkeit, und die Herrlichkeit Gottes wird dich umgeben. Dann wirst du rufen, und Gott wird dich erhören. Während du noch sprichst, wird er sagen: .Siehe, da bin ich'“. Er verspricht da zu sein und versichert, diejenigen zu erhören und zu beschützen, die die Knoten der Ungerechtigkeit vom Herzen lösen und Almosen unter die Angehörigen Gottes nach seinen Geboten verteilen und die so ihrerseits verdienen, von Gott erhört zu werden, indem sie auf das hören, was Gott zu tun befiehlt. Als der selige Apostel Paulus in der schlimmen Zeit der Bedrängnis bei den Brüdern Unterstützung fand, da nannte er die guten Werke, die man verrichtet, Opfer für Gott. „Ich bin gesättigt“, sagt er, „indem ich von Epaphroditus das empfange, was von euch geschickt worden ist, einen lieblichen Geruch, ein angenehmes und Gott wohlgefälliges Opfer“. Denn wenn einer, der des Armen sich erbarmt, Gott auf Zinsen leiht, und einer, der den Geringsten gibt, Gott beschenkt, so opfert er damit Gott in geistlichem Sinne liebliche Wohlgerüche.

Auch zeitlich gilt es beim Beten manches zu beobachten. So haben die alten Gebetsstunden (die dritte, sechste und neunte) in geheimnisvollen Beziehungen ihren tieferen Grund.

Was aber die Verrichtung der Gebete betrifft, so finden wir, daß Daniel und die drei Jünglinge, die im Glauben so stark und in der Gefangenschaft so siegreich blieben, die dritte, sechste und neunte Stunde eingehalten haben, offenbar im Hinblick auf das heilige Geheimnis der Dreieinigkeit, die in den letzten Zeiten geoffenbart werden sollte. Denn die erste bis zur dritten Stunde weist eine vollkommene Dreizahl auf; ebenso deutet der Zeitraum von der vierten bis zur sechsten Stunde eine zweite Dreizahl an, und auch mit den drei Stunden, die von der siebenten bis zur neunten verlaufen, ergibt sich wieder die volle Zahl drei. Diese Stundeneinteilung setzten die Anbeter Gottes schon vor langer Zeit in geistlicher Weise fest, und sie dienten ihm zu den für das Gebet bestimmten und verordneten Zeiten. Und wirklich wurde es nachmals offenbar, daß einst geheimnisvolle Beziehungen zugrunde lagen, wenn die Gerechten vordem gerade zu diesen Stunden beteten. Denn in der dritten Stunde senkte sich auf die Jünger der Heilige Geist herab, der die gnadenvolle Verheißung des Herrn erfüllte. Ebenso ward Petrus in der sechsten Stunde, als er oben auf das Dach hinaufstieg, durch ein Zeichen und zugleich durch die mahnende Stimme Gottes angewiesen, alle zur Gnade des Heils zuzulassen, da er vorher wegen der Reinigung der Heiden im Zweifel war. Und der Herr ward in der sechsten Stunde gekreuzigt und bis zur neunten Stunde wusch er unsere Sünden durch sein Blut rein und errang damals durch sein Leiden den vollen Sieg, um uns erlösen und zu neuem Leben erwecken zu können.

Diese Gebetszeiten können jedoch für uns Christen nicht genügen; z.B. kommt für uns auch dem Morgen- und Abendgebet besondere symbolische Bedeutung zu.

Für uns jedoch, geliebteste Brüder, sind außer den von alters her beobachteten Stunden jetzt nicht nur die Gebetszeiten zahlreicher geworden, sondern auch die geheimnisvollen Beziehungen des Betens haben sich vermehrt. Denn auch in der Frühe muß man beten, um die Auferstehung des Herrn in der Morgenandacht zu feiern. Das deutete einst der Heilige Geist in den Psalmen an mit den Worten: „Mein König und mein Gott, denn zu Dir will ich beten, mein Herr, in der Frühe. Und Du wirst meine Stimme hören; frühe will ich vor Dich treten und Dich ansehen“. Und abermals spricht der Herr durch den Mund des Propheten: „Mit dem dämmernden Morgen werden sie zu mir erwachen und sagen: ,Laßt uns gehen und zurückkehren zu dem Herrn, unserem Gott!'“ Ebenso hat man unbedingt wieder zu beten, wenn die Sonne untergeht und der Tag sich neigt; denn Christus ist die wahre Sonne und der wahre Tag. Wenn wir also beim Untergang der zeitlichen Sonne und beim Schwinden des zeitlichen Tages darum beten und bitten, das Licht möge von neuem über uns aufgehen, so flehen wir um die Ankunft Christi, die uns die Gnade des ewigen Lichtes bringen soll. Daß aber Christus mit dem Tag gemeint ist, das beweist der Heilige Geist in den Psalmen: „Der Stein“, sagt er, „den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Von dem Herrn ist er gemacht und ist wunderbar in unseren Augen. Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wollen wir uns freuen und fröhlich sein in ihm!“. Ebenso bezeugt von ihm der Prophet Malachias, daß er als die Sonne bezeichnet ist, indem er sagt: „Euch aber, die ihr den Namen des Herrn fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und unter ihren Flügeln ist Heil“. Wenn nun aber in den heiligen Schriften Christus die wahre Sonne und der wahre Tag ist, so dürfen die Christen keine Stunde vorübergehen lassen, ohne Gott fleißig und unablässig anzubeten. Deshalb sollen wir, die wir in Christus sind, das heißt: in der wahren Sonne und in dem wahren Tage, auch den ganzen Tag über dem Flehen und dem Gebete obliegen. Und wenn dem Weltgesetze folgend in stetem Wechsel die Nacht wiederkehrt und den Tag ablöst, so kann den Betenden auch die nächtliche Finsternis keinen Abbruch tun, weil es für die Kinder des Lichtes auch in der Nacht Tag ist. Denn wann wäre der ohne Licht, der das Licht im Herzen hat? Oder wann fehlte dem Sonne und Tag, für den Christus Sonne und Tag ist?

Wie wir Gott dereins unablässig loben und preisen werden, so sollten wir auch hier auf Erden schon Tag und Nacht beten ohne Unterlaß.

Wir aber, die stets in Christus, das heißt: im Lichte sind, wollen auch des Nachts nicht vom Gebete ablassen! So war die Witwe Anna in beständigem Beten und Wachen ohne Unterlaß bemüht, sich bei Gott Verdienste zu erwerben, wie im Evangelium geschrieben steht: „Sie wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Gebeten Tag und Nacht“. Was kümmern uns die Heiden, die noch nicht erleuchtet sind, oder die Juden, die das Licht verlassen haben und in der Finsternis geblieben sind? Wir, geliebteste Brüder, die wir stets in dem Lichte des Herrn sind, die wir bedenken und festhalten, was wir seit dem Empfang der Gnade zu sein angefangen haben, wir wollen die Nacht als Tag betrachten! Wollen wir daran glauben, daß wir stets im Lichte wandeln, und uns nicht hindern lassen von der Finsternis, der wir entronnen sind! Die Stunden der Nacht dürfen unserem Flehen keine Störung bringen, Trägheit und Lässigkeit soll unseren Gebeten keinen Abbrach tun. Durch Gottes Gnade geistig neugeschaffen und wiedergeboren, wollen wir uns in dem üben, was wir sein werden! Da wir im Himmelreich, durch keine Nacht gestört, nur Tag haben werden, so laßt uns des Nachts ebenso wie am hellen Tage wachen; und da wir einst immerdar beten und Gott danken werden, so wollen wir auch hier unablässig beten und Dank sagen!

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s