Über die Jungfrau

Von Ambrosius von Mailand

I. Kapitel. Proömium : Die göttliche Offenbarung ein anvertrautes Talent; dessen Fruchtbarmachung Pflicht. Wenn eigenes Unvermögen verstummt, spricht Gott in seinem Diener. Ambrosius vergleicht sich mit Nathanael unter dem Feigenbaum, bezw. mit dem Feigenbaum der Lukasparabel. Auch das schriftliche Wort hat seine Berechtigung. Thema der Lobrede. 

Wenn wir nach dem Ausspruch der himmlischen Wahrheit über jedes Wort, das wir unnütz reden, Rechenschaft zu geben haben; oder wenn jeder Knecht, falls er die ihm anvertrauten Talente der geistlichen Gnade, die doch zum Zweck der Mehrung durch Zinszuwachs auf dem Geldmarkt anzulegen waren, sei es nach Art eines ängstlichen Wucherers, sei es nach Art eines geizigen Besitzers, in sein Erdreich vergräbt, bei der Rückkehr des Herrn nicht in geringe Ungnade fällt, muß sich uns mit Recht, da uns trotz der schwachen Begabung die strengste Pflicht zur Nutzbarmachung der anvertrauten Aussprüche Gottes im Herzen des Volkes obliegt, die Besorgnis aufdrängen, es möchte auch von unserem Predigtworte Zinsertrag gefordert werden, um so mehr, als der Herr von uns nur das Mühen, nicht den Erfolg verlangt. Daraus reifte denn der Gedanke zu einer schriftlichen Abhandlung. Ist doch das gesprochene Wort mehr als das geschriebene der Gefahr der Beschämung ausgesetzt: das Papier errötet nicht.

Wohl fehlt mir das Vertrauen auf meine Fähigkeit; doch durch Beispiele göttlichen Erbarmens ermutigt wage ich, an eine Rede zu denken. Hat doch selbst eine Eselin geredet, da Gott es wollte Steht mir, dem unter der schweren Last dieser Welt Schmachtenden, ein Engel zur Seite, so werde auch ich den Mund nach langem Schweigen öffnen; denn er, der in jener Eselin die hemmenden Bande der Natur löste, kann auch die Hemmnisse meiner Unzulänglichkeit lösen. In der alttestamentlichen Bundeslade fing der Stab des Priesters zu grünen an: ein Leichtes für Gott, daß in der heiligen Kirche auch aus uns wie aus Knoten eine Blüte breche. Warum die Hoffnung aufgeben, daß der Herr in einem Menschen rede, nachdem er im Dorngestrüpp geredet hat? Selbst einen Dornbusch verschmähte Gott nicht. O daß er auch mein Gehecke erhellte! Vielleicht werden dann manche auch in unserem Dorngestrüpp einigen Lichtglanz bewundern; werden manche nicht den brennenden Schmerz unseres Dornes fühlen; wird manchen unsere aus dem Dornbusch vernehmliche Stimme den Schuh von den Füßen lösen, daß ihr geistiger Wandel der Hindernisse des Fleisches los werde.

Doch das sind Auszeichnungen, deren heilige Männer gewürdigt wurden. O daß mich, der ich noch unter dem unfruchtbaren Feigenbaum liege, von ungefähr Jesu Blick träfe! Auch unser Feigenbaum würde nach drei Jahren Früchte tragen. Doch woher dürften Sünder so große Hoffnung schöpfen? Möchte doch wenigstens jener Gärtner des Weinberges des Herrn im Evangelium, der vielleicht schon den Auftrag erhalten hat, unseren Feigenbaum umzuhauen, auch noch für dieses Jahr davon ablassen! Möchte er bis dahin noch rings aufgraben und einen Korb Dünger einlegen, ob er nicht etwa den Dürftigen aus dem Staub heben und den Armen aus dem Kot aufrichten könnte! Selig, die ihre Rosse unterm Weinstock und unterm Ölbaum anbinden können, ihrer Mühen Lauf dem Licht und der Freude weihend! Mich umschattet noch der Feigenbaum, d. i. der verführerische Reiz der Weltfreuden: zu niedrig, um zur Höhe zu streben, zu schwächlich, um leistungsfähig, zu weichlich, um nutzdienlich, zu unvermögend, um fruchtbringend zu sein.

Wundere sich niemand, warum ich mich zu schreiben unterfange, nachdem ich zu sprechen außerstande bin! Und doch, wenn wir uns vergegenwärtigen wollten, was wir in den Evangelienschriften und in der Geschichte der Priester lesen, wenn wir den heiligen Propheten Zacharias als Zeugen beiziehen wollten, so wird man finden, daß es etwas geben kann, was nicht das Wort ausspricht, was der Griffel ausdrückt. Wenn der Name Johannes dem Vater die Sprache wiedergab, darf auch ich die Hoffnung nicht aufgeben, daß ich, ob ich auch stumm bin, die Sprache erhalte, wenn ich Christus ausspreche. „Wer wird sein Geschlecht aufzählen?“ lautet die Frage des Propheten. Als sein Diener will ich denn das Lob der Familie des Herrn feiern. Denn eine makellose Familie hat sich der makellose Herr in diesem vor Schmutz menschlicher Gebrechlichkeit starrenden Leib geheiligt.

II. Kapitel. Der heiligen Agnes zweifache Siegeskrone der Jungfräulichkeit und des Martyriums.

Ein glücklicher Zufall fügt es, daß ich heute als am Gedächtnistage einer Jungfrau über die Jungfrauen sprechen darf und meine Schrift somit mit einer Lobrede den Anfang nimmt. Der Gedächtnistag einer Jungfrau ist: laßt uns der Jungfräulichkeit folgen! Der Gedächtnistag einer Märtyrin ist: laßt uns Opfer bringen! Der Gedächtnistag der heiligen Agnes ist: Männer mögen staunen, Kinder nicht verzagen, Vermählte zur Verwunderung, Unvermählte zur Nachahmung fortgerissen werden! Doch welch würdiges Lob könnten wir auf sie sprechen? Entbehrte doch selbst ihr Name nicht des Ruhmesglanzes, den er ausstrahlt. Eine Frömmigkeit, die über das Alter, eine Tugend, die über die Natur hinausging! Nicht ein bloßer Menschenname, so will es mich dünken, war es, sondern ein prophetischer Märtyrname, der auf ihre Zukunft deutete.

Eins doch kommt mir zu Hilfe: der Name der Jungfrau verbürgt mir ihre Reinheit. Ich brauche nur den Namen der Märtyrin nennen, und ich künde das Lob der Jungfrau. Es ist Lob genug. Man braucht es nicht suchen, man hat es schon. Fort denn mit geistreichen Wendungen, weg mit schönen Phrasen! Ein einziges Wort tönt den Lobeshymnus. Alt und jung und selbst Kinder mögen ihn jubeln! Mehr Lob denn das Lob aller kann niemand ernten. So viel Menschen, so viel Herolde, die den Ruhm der Märtyrin verkünden, wenn sie dieselbe nur nennen.

Mit zwölf Jahren, so wird berichtet, hat sie das Martyrium bestanden. Um so verabscheuungswürdiger ist die Grausamkeit, die nicht einmal des zarten Alters schonte. Oder vielmehr: groß ist die Macht des Glaubens, der selbst von diesem Alter seine Bezeugung fand. Bot denn überhaupt des Kindes zarter Leib Raum für eine Todeswunde? Und doch, obschon es dem Mordstahl keine Angriffsstelle bot, vermochte es doch den Mordstahl sieghaft zu bestehen. Ja freilich, Mädchen in diesem Alter vermögen nicht einmal einen schiefen Blick der Eltern zu ertragen und pflegen über Nadelstiche zu heulen, als wären es Wunden: sie steht unerschrocken inmitten der bluttriefenden Hände der Schergen; sie steht unbeweglich beim grausigen Heranzerren klirrender Ketten. Schon bietet sie ihren ganzen Leib der Mordwaffe des wütenden Henkers dar, bevor sie weiß, was sterben heißt, doch bereit hierzu. Ob sie auch wider Willen zu den Götzenaltären gezerrt wird: sie streckt inmitten der Feuerflammen zu Christus die Hände empor und stellt selbst noch an entweihter Opferstätte das Siegeszeichen des triumphierenden Herrn dar. Jetzt will sie Hals und Hände in die eisernen Fesseln stecken: doch keine Fessel vermochte so zarte Glieder zu umschließen.

Eine neue Art des Martyriums. Noch war sie der Marter unzugänglich und schon reif zur sieghaften Ertragung derselben: zur Kampfesarbeit untauglich, doch tauglich für die Siegeskrone: im Vollsinn des Wortes eine Lehrmeisterin der Tugend, ob auch das Alter dem entgegenstand. So wäre keine Vermählte ins Brautgemach geeilt, wie die Jungfrau freudigen Schrittes, eilenden Fußes zur Richtstätte voranschritt, nicht mit künstlichem Haarschmuck das Haupt geziert, sondern mit Christus, nicht mit Blumen bekränzt, sondern mit Tugenden. Alles weint, ihr kommt keine Träne ins Auge. So viele wundern sich, daß sie so leicht ihr Leben dahingibt, als hätte sie es schon durchgekostet, nachdem sie kaum noch daran genippt hatte. Alles staunt, daß sie bereits als Zeugin für Gott eintritt, nachdem sie ob ihres Alters noch nicht ihre eigene Sache vertreten konnte. So bewirkte sie denn, daß sie von Gott zur Beglaubigung zugelassen ward, während sie menschlicherseits noch nicht zugelassen wurde. Denn was die Grenze der Natur überschreitet, leitet sich vom Schöpfer der Natur her.

Mit wie schrecklicher Drohung ging nicht der Henker zu Werke, um sie einzuschüchtern, mit wie verführerischen Schmeicheleien, um sie zu überreden! Wie viele Freier wünschten sie als Braut sich heimzuführen! Doch sie erwiderte: schon das hieße dem Verlobten Unrecht tun, eines Freiers zu harren, der gefiele. Der mich zuerst sich erwählte, soll mich haben! Was zauderst du, Henker? Dem Tode verfalle der Leib, die Augenweide einer Liebe, die ich nicht will! Sie stand da, betete, beugte den Nacken. Da konnte man den Schergen zittern sehen, als wäre er der Verurteilte gewesen. Des Henkers Rechte wankte, sein Gesicht erblaßte aus Bangen vor fremder Gefahr, während dem Mädchen nicht bangte vor der eigenen.

So habt ihr denn in dem einen Opfer ein zweifaches Martyrium, das der Jungfräulichkeit und das der Gottesverehrung: Jungfrau blieb sie, die Märtyrkrone erlangte sie.

III. Kapitel. Das Lob der Jungfräulichkeit: Sie schafft Märtyrer, stammt vom Himmel. Ihre typische Bezeugung im Alten Testamente, ihre standesmäßige Übung seit Christi Menschwerdung.

Es drängt uns jetzt die Liebe zur Enthaltsamkeit, und auch du, heilige Schwester, wenn auch nur mit der stummen Sprache deines stillen Tugendwandels, zu einiger Besprechung der Jungfräulichkeit, damit es nicht den Anschein gewinne, als wäre ihrer nur im Vorbeigehen gedacht worden, nachdem sie doch eine Haupttugend ist. Denn nicht deshalb verdient die Jungfräulichkeit Lob, weil man ihr selbst in Märtyrern begegnet, sondern weil sie selbst Märtyrer schafft.

Wer aber könnte mit dem bloßen Menschenverstand eine Tugend begreifen, welche die Natur nicht in den Bereich ihrer Gesetze eingeschlossen hat? Oder wer in natürliche Worte fassen, was über dem Bereich des Natürlichen liegt? Aus dem Himmel mußte sie das Vorbild herabholen, das sie auf Erden nachahmte. Und nicht ohne Grund verschaffte sie sich vom Himmel ihre Lebensweise, die im Himmel ihren Bräutigam fand. Über Wolken, Lüfte, Engel und Sterne sich aufschwingend hat sie das Wort Gottes im Schöße des Vaters selbst gefunden und mit vollen Zügen getrunken. Wer könnte auch von einem so großen Gute lassen, wenn er es gefunden? Denn „ausgegossenes Öl ist Dein Name, darum haben Jungfrauen Dich liebgewonnen und Dich an sich gezogen“. Sodann endlich ist es nicht mein Wort, daß die, „welche weder heiraten noch verheiratet werden, wie die Engel im Himmel sein werden“. Niemand wundere sich denn, wenn sie Engeln gleich erachtet werden, die dem Herrn der Engel sich vermählen! Wer wollte denn leugnen, daß dieses Leben dem Himmel entströmte? Schwerlich finden wir es auf Erden, bevor nicht Gott in diesen Erdenleib sich niederließ. Da empfing die Jungfrau im Schoße und das Wort ward Fleisch, auf daß das Fleisch Gott würde.

Da mag jemand einwenden: Doch auch von Elias trifft es zu, daß er keinerlei Lüsten fleischlichen Umganges frönte. Daher wurde er denn auch im Wagen zum Himmel entrückt. Daher erscheint er mit dem Herrn in der Verklärung. Daher wird er als Vorläufer der Ankunft des Herrn kommen. Auch Maria nahm die Pauke und führte in jungfräulicher Züchtigkeit den Reigen an. Doch bedenket, wessen Vorbild sie damals war! Nicht das der Kirche, die, selbst jungfräulich, die gottgeweihten Scharen des Volkes zu einem unbefleckten Geistesbund vereinigte, daß sie göttliche Lieder sängen? Lesen wir doch auch von Tempeljungfrauen in Jerusalem. Doch was spricht der Apostel? „Diese Rolle fiel ihnen zum Vorbild zu“, zum Hinweis auf das Zukünftige: nur wenige teilen die typische Rolle, viele hingegen das wirkliche Leben.

Doch seitdem der Herr in dieser Leiblichkeit erschienen ist und die Vermählung der Gottheit und Menschheit ohne die geringste Makel unreiner Vermischung vollzogen hat, wurde auf dem ganzen Erdkreis die himmlische Lebensführung im menschlichen Leibe heimisch. Das ist jenes Geschlecht, das die Engel bei ihrer Dienstleistung auf Erden1 für die Zukunft deutlich sinnbildeten, das dem Herrn mit der Hingabe eines unbefleckten Leibes seinen Dienst weihen sollte. Das ist jene himmlische Streitschar, welche das Heer der lobsingenden Engel auf Erden in Aussicht stellte. So haben wir denn das Alter [des jungfräulichen Lebens] seit Anbeginn bezeugt, die vollkommene, standesmäßige Übung desselben erst seit Christus.

IV. Kapitel. Die Jungfräulichkeit eine spezifisch christliche Tugend. Das Heidentum weist in den Vestalinnen, den Pallaspriestern usw. nur Zerrbilder der Jungfräulichkeit auf oder stempelt die Unzucht zum Gottesdienst. Auch die Philosophie vermochte keine Edelblüte der Jungfräulichkeit zu ziehen. Welcher Gegensatz zwischen der pythagoreischen Jungfrau Leäna und einer christlichen Jungfrau!

Fürwahr, das ist kein Gemeingut, das ich mit den Heiden, keine Volkssitte, die ich mit den Barbaren, keine Gepflogenheit, die ich mit den übrigen Lebewesen teile. Mögen wir mit diesen auch ein und denselben Lufthauch zum Leben einatmen, die gewöhnliche irdische Leibesgestalt teilen, auch in der Zeugung uns nicht davon unterscheiden: in diesem einen Punkte weisen wir eine Gleichstellung unserer Natur als beleidigend zurück; denn die Heiden heucheln nur Jungfräulichkeit, doch sie entweihen sie selbst im Falle ihrer Gelobung; die Barbaren stellen ihr nach, die übrigen Lebewesen kennen sie nicht.

Wer will mir die vestalischen Jungfrauen und die Priester der Pallas entgegenhalten? Was wäre das für eine Keuschheit, die nach den Jahren, nicht nach dem sittlichen Maßstab bemessen wird! Die nicht für immer, sondern nur zeitweilig verpflichtet! Nur um so schamloser ist eine solche Jungfräulichkeit, deren Entehrung den älteren Jahren vorbehalten wird. Sie, die der Jungfräulichkeit eine Grenze setzten, geben selbst damit zu verstehen, daß ihre Jungfrauen darin weder beharren sollen noch können. Was aber ist das für eine Religion, welche Mädchen in der Jugend zur Lauterkeit, im Alter zur Unlauterkeit anhält? Indes macht einerseits der gesetzliche Zwang das Mädchen nicht lauter, andrerseits die gesetzliche Freigabe es unlauter. O Mysterien! O Sitten! Wo der Keuschheit die Zwangsfessel angelegt, der Lüsternheit der Freibrief gegeben wird! Keine ist keusch, die nur durch Furcht sich zwingen, keine ehrbar, die nur um Lohn sich dingen läßt. Das ist keine Schamhaftigkeit, die, täglich der Schmach lüsterner Augen ausgesetzt, die Zielscheibe lasterhafter Blicke bildet. Steuerfreiheit wird verliehen, Preise ausgesetzt, als ob nicht im Verfeilschen der Keuschheit das bedenklichste Anzeichen von Schamlosigkeit gelegen wäre. Eine mit Geld erkaufte Verbindlichkeit läßt auch um Geld sich lösen: um Geld erfolgt die Zusage, um Geld die Aufnahme [der Vestalin]. Sie vermag aber die Keuschheit nicht zurückzukaufen, die sie zu verkaufen pflegt.

Was soll ich vom phrygischen Kulte sagen, bei dem die Unzucht Sitte ist? Und wäre es nur die des schwächeren Geschlechtes! Was von der Bacchusfeier, wo das Geheimnis der Religion der Entfachung der Begierlichkeil dient? Wie mag da, wo die Hurerei der Götter zum Kulte gehört, das Leben der Priester beschaffen sein? Da gibt es denn keine gottgeweihte Jungfrau.

Wir wollen sehen, ob nicht doch die Philosophie, die sich so gerne als die Lehrmeisterin für das gesamte Tugendgebiet aufspielt, eine Jungfrau aus ihren Schulen hervorgehen ließ. Von einer einzigen Jungfrau, einer Pythagoreerin, wird Redens und Rühmens gemacht. Als sie vom Tyrannen zum Verrate eines Geheimnisses gedrängt wurde, habe sie, daß kein Glied an ihr selbst unter Folterqualen zu einem erzwungenen Geständnis sich herbeilasse, sich die Zunge abgebissen und dem Tyrannen ins Gesicht gespien, so daß er keine Zeugin mehr hatte, die er mit seinen endlosen Fragen befragen konnte.

Starken Mutes, doch schwangeren Schoßes zugleich, ein Vorbild der Verschwiegenheit und ein Zerrbild der Keuschheit, ließ sie sich durch sinnliche Lüste überwinden, die durch Folter unbezwinglich blieb. Das Geheimnis des Herzens vermochte sie zu verhüllen, des Leibes Schande verhüllte sie nicht. In physischer Beziehung war sie standhaft, in sittlicher hielt sie nicht Stand. Hätte sie doch lieber aus ihrer Zunge ein Bollwerk der Keuschheit gemacht! Vielleicht hatte sie ihre Standhaftigkeit nur dazu angeleitet, ihre Schuld zu leugnen. Nicht in allweg also ging sie sieghaft hervor. Selbst der Tyrann nämlich stieß, obschon er über den Fragepunkt selbst keine Auskunft erhalten konnte, auf jenen Tatbesland, der nicht in Frage stand.

Wie unvergleichlich standhafter sind unsere Jungfrauen! Selbst den unsichtbaren Gewalten sind sie sieghaft überlegen; denn nicht bloß über Fleisch und Blut, sondern selbst über den Fürsten der Welt und den Gebieter der Weltzeit triumphieren sie. An Alter freilich stand eine Agnes [jener Hetäre] nach, doch an Tugendgröße, an Zahl der Triumphe, an Zuversicht der Standhaftigkeit überragte sie dieselbe. Sie biß sich nicht aus Furcht die Zunge ab, sondern bewahrte sie, um daran eine Siegestrophäe zu haben. Es lag ja auch nichts vor, dessen Enthüllung sie scheuen mußte; nicht Schuld, sondern Gottesfurcht offenbarte ihr Bekenntnis. Jene verschwieg ein Geheimnis, diese trat offen für Gott ein, für welchen ihre Natur Zeugnis ablegte, weil ihr Alter es noch nicht vermochte.

V. Kapitel. Die Heimat der Jungfräulichkeit der Himmel. Ihr Urheber der Gottessohn und Jungfrausohn. Christus jungfräulich, seine Braut, die Kirche, eine Jungfrau-Mutter, die Jungfrauen deren Töchter. Die Jungfräulichkeit kein Gebot, sondern ein Rat.

In Lobreden pflegt man rühmend der Heimat und der Eltern zu gedenken, um mit dem Hinweis auf den Ahnherrn den Ruhm des Sprößlings zu erhöhen. Wiewohl ich nun keine Lobrede auf die Jungfräulichkeit, sondern nur eine Darstellung derselben in Angriff nehmen wollte, halte ich es doch für sachdienlich, wenn offensichtlich wird, welches ihre Heimat, welches ihr Urheber ist. Und zwar wollen wir zuerst bestimmen, wo ihre Heimat liegt. Wenn die Heimat dort Hegt, wo das Vaterhaus steht, so ist fürwahr die Heimat der Jungfräulichkeit im Himmel. Hier ist sie daher fremd, dort heimisch.

Was anders aber ist die jungfräuliche Keuschheit als makellose Unversehrtheit? Und wen anders können wir uns als ihren Urheber denken als den makellosen Gottessohn, dessen Menschheit die Verwesung nicht schaute, dessen Gottheit von Befleckung unberührt blieb? So sehet denn, welch großer Auszeichnungen die Jungfräulichkeit gewürdigt ward! Christus vor der Jungfrau, Christus aus der Jungfrau: vom Vater gezeugt vor der Welt, der Jungfrau Sohn aber wegen der Welt. Ersteres eignete seiner Wesenheit, letzteres erforderte unser Heil. Ersteres war er immerdar, letzteres wollte er werden.

Achtet noch auf eine andere Auszeichnung der Jungfräulichkeit! Christus der Bräutigam der Jungfrau, ja, wenn man so sagen darf, Christus selbst von jungfräulicher Reinheit! Denn die Jungfräulichkeit eignet Christus, nicht bloß Christus der Jungfräulichkeit. Eine Jungfrau ist seine Braut [die Kirche]; eine Jungfrau, die uns in ihrem Schöße trug; eine Jungfrau, die uns gebar; eine Jungfrau, die uns ihre Brust zur Nahrung reichte, von der wir lesen: „Wie Großes hat die Jungfrau Jerusalem getan! Nicht werden die Brüste fehlen vom Felsgestein, noch der Schnee vom Libanon, oder das Wasser, vom starken Wind bewegt, seine Bahn verfehlen“. Welches ist diese Jungfrau, die aus den Quellen des dreieinigen Gottes befruchtet wird? Der vom Fels die Wasser strömen, die Brüste nicht versiegen, der Honig fließt? Der Fels aber ist nach dem Apostel Christus. Von Christus also kommt ihrer Brüste Fülle, die nicht versiegt, von Gott die Herrlichkeit, vom Geiste das strömende Wasser. Das ist der dreieinige Gott, der seine Kirche befruchtet, der Vater, Christus und der Geist.

Doch laßt uns jetzt von der Mutter weg zu den Töchtern herabsteigen! „Über die Jungfrauen“, versichert der heilige Apostel, „habe ich kein Gebot des Herrn“. Wenn der Völkerlehrer keines hatte, wer hätte eines haben können? Ja, ein Gebot zwar hatte er nicht, doch das Vorbild hatte er. Es läßt sich ja die Jungfräulichkeit nicht anbefehlen, sondern nur anraten; denn was unsere Kräfte übersteigt, ist mehr als Wunsch denn als Lehre zu betonen. „Ich wünsche aber“, fährt er fort, „daß ihr ohne Sorge sein möchtet. Denn der Unverheiratete ist um des Herrn Sache besorgt, wie er Gott gefalle….., auch die Jungfrau ist auf des Herrn Sache bedacht, daß sie heilig sei an Leib und Geist. Die Verheiratete nämlich ist auf das Weltliche bedacht, wie sie ihrem Manne gefalle“.

VI. Kapitel. Die Ehe sittlichgut, die Jungfräulichkeit besser. Die Güter des Ehestandes teuer erkauft. Die Beschwerden und Nachteile des Ehestandes. Die Vorteile und Vorzüge des jungfräulichen Lebens. Von der Jungfrau-Mutter Kirche.

Ich meinerseits will die Ehe nicht widerraten, sondern ergänzend auf den Vorteil der Jungfräulichkeit hinweisen. „Wer schwach ist“, heißt es, „soll Gemüse essen“. Das eine fordere ich als Pflicht, dem anderen gilt meine Bewunderung. „Bist du an ein Weib gebunden? Suche keine Trennung! Bist du frei von einem Weibe? Suche kein Weib!“ So des Apostels Vorschrift für die Verheirateten. Was spricht er aber von den Jungfrauen? „Wer seine Jungfrau verheiratet, tut recht; wer sie nicht verheiratet, tut besser“. Jene sündigt nicht, wenn sie heiratet, diese verdient, wenn sie nicht heiratet, die Ewigkeit; dort bietet sich ein Heilmittel wider die Schwachheit, hier winkt der Ruhmeskranz der Keuschheit; jene verdient keinen Tadel, diese Lob.

Wir wollen, wenn es beliebt, die Vorteile einer Frau mit denen der letzten Jungfrau in Vergleich ziehen. Mag eine vornehme Frau ihres reichen Kindersegens sich rühmen: mit der Zahl der Kinder wächst ihre Mühsal. Mag sie die tröstlichen Freuden, die ihr die Kinder bereiten, aufzählen: sie soll zugleich aber auch die Beschwerden aufzählen. Sie heiratet und — weint. Was sind das für Wünsche und Freuden, denen die Tränen folgen! Sie empfängt und — wird schwanger. Mit Beschwerlichkeit fürwahr fängt erst die Mutterschaft an, bevor sie die Leibesfrucht hervorbringt Sie gebiert und — krankt. Der süße Liebling! Wie bedeutet seine erste Regung Gefahr, und Gefahren seine endliche Ankunft: ein Schmerzenskind, bevor es zur Freude erblüht! Gefahren sind sein Preis, sein Besitz nicht ins Belieben gegeben.

Was soll ich von den Unannehmlichkeiten reden, welche Ernährung, Erziehung und Verheiratung mit sich bringen? Glücklicher Mütter bedauernswertes Los ist das: es freut sich eine Mutter des Besitzes von Erben, doch sie mehrt damit ihre Schmerzen, Von einer unglücklichen Ehe darf man ja gar nicht reden, um nicht das Herz selbst recht heiligmäßiger Mütter schaudern zu machen. Sieh, meine Schwester, wie drückend muß das Kreuz sein, von dem man nicht einmal hören darf! Und das schon auf dieser Welt. ,,Es werden aber Tage kommen, da sie ausrufen: Selig die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben!“ Denn die Töchter dieser Welt werden geboren und gebären: die Tochter des Reiches aber entsagt der Lust des Mannes und der Lust des Fleisches, „daß sie heilig sei an Leib und Geist“.

Was soll ich nun zurückkommen auf die schweren Dienste und die Dienstbarkeit, welche die Frauen den Männern schulden; zu der sie Gott verpflichtete, bevor es noch einen Stand der Dienstbarkeit gab? Nur deshalb erinnere ich daran, daß sie dieselben um so williger leisten. Das trägt ihnen im Falle der Bewährung den Lohn der Liebe, im Falle der Nichtbewährung die Strafe der Sünde ein.

Daher stammen auch jene Reizmittel zur Sünde. In der Besorgnis, den Männern zu mißfallen, schminkt man sich mit künstlichen Farben das Gesicht und schweift mit seinen Gedanken vom schamlos gefälschten Gesichte zu schamloser Verletzung der Keuschheit. Welch unsinnige Torheit liegt in dem Beginnen, sein natürliches Bild zu verändern, ein übermaltes zu schaffen und, während man das Urteil des Gatten scheut, das eigene zu verraten! Denn eine solche fällt zuvor ein Urteil über sich, wenn sie das Aussehen zu ändern sucht, das ihr von Geburt eignet. Während sie auf solche Weise anderen zu gefallen strebt, muß sie doch zuvor sich selbst mißfallen. Könnten wir, o Weib, einen unparteiischeren Richter deiner Häßlichkeit beiziehen als dich selbst? als deine Angst, dich [beim wahren Gesicht] sehen zu lassen? Bist du schön, wozu das Verbergen? Bist du unschön, wozu eine erlogene Schönheit? Du wirst so weder das Wohlgefallen des eigenen Gewissens noch des irregeführten anderen Teiles gewinnen. Er liebt ja eine andere, du begehrst einem anderen zu gefallen. Und du willst aufgebracht sein, wenn er seine Liebe einer Dritten schenkt? An dir doch hat er das schamlose Treiben gelernt, du bist die schlimme Lehrerin des Unrechts, das dir widerfährt. Sogar eine solche, die sich dem Verführer in die Arme geworfen, verschmäht es, selbst die Verführerin zu spielen. Ist sie auch ein feiles Weib, macht sie sich doch nicht fremder, sondern nur eigener Sünde schuldig. Und fast erträglicher erscheint in diesem anderen Fall die Lasterhaftigkeit; denn da wird die Keuschheit, in unserem Fall die Natur geschändet.

Wie vielen Aufwand kostet es nicht schon einer schönen Frau, nicht zu mißfallen! Hier kostbares Perlengehänge, das den Hals schmückt, dort goldverbrämtes Gewand, das über den Boden schleift Ist solche Schönheit nicht erkaufter, ist sie angeborener Besitz? Und wie? Auch Wohlgerüche mannigfacher Art. die reizen sollen. Die Ohren strotzen von schwerem Edelgestein, um die Augen wird falscher Farbenreiz ausgegossen. Was bleibt denn da noch Eigenes, wo so vieles verändert wird? Das Weib geht ihrer Sinne verlustig: glaubt sie noch leben zu können?

Anders ihr, glückliche Jungfrauen, die ihr von solchen Dingen, die mehr drücken denn schmücken, nichts wißt! Über euer züchtiges Antlitz ist heilige Scham ausgegossen und lautere Keuschheit euer Schmuck. Menschlichem Auge nicht ausgesetzt, bleibt ihr, der Täuschung abhold, nur auf eure Verdienste bedacht. Gewiß ringt auch eure Schönheit um den Siegespreis, aber mit einer Waffe, die ihr der Reiz der Tugend, nicht des Leibes leiht. Solche Schönheit löscht kein Alter aus, kann kein Tod rauben, keine Krankheit entstellen. Ihres Reizes berufener Richter darf nur Gott sein, der auch in einem minder schönen Leib die um so schönere Seele liebt. Etwas Unbekanntes bleiben Schwangerschaft des Leibes, etwas Unbekanntes Geburtswehen. Und doch um so zahlreicher ist der Nachwuchs der frommen Seele, die alle als Kinder umfängt Reich gesegnet mit Nachkommenschaft, bleibt sie von Kinderverlust verschont; sie kennt keine Leichenbegängnisse, sie weiß nur von Erben.

So ist auch die heilige Kirche rein von Beischlaf, reich an Kindersegen: Jungfrau wegen ihrer Keuschheit, Mutter wegen ihrer Nachkommenschaft Eine Jungfrau, nicht vom Manne, sondern vom Geiste erfüllt, schenkt uns das Leben. Eine Jungfrau gebiert uns, nicht unter leiblichen Wehen, sondern unter dem Jauchzen der Engel. Eine Jungfrau zieht uns auf, nicht mit leiblicher Milch, sondern mit jener, welche der Apostel dem noch schwachen Alter des heranwachsenden Volkes reichte. Wo ist denn eine Vermählte, die mehr Kinder besäße als die heilige Kirche, die geheimnisvolle Jungfrau, die volkreiche Mutter, deren Fruchtbarkeit auch die Schrift mit den Worten bezeugt: „Denn zahlreichere Kinder hat die Verlassene, mehr als jene, welche einen Mann hat?“ Unsere Mutter hat keinen Mann, wohl aber hat sie einen Bräutigam; denn die Kirche inmitten des Volkes, bezw. die Seele in den einzelnen vereinigt sich bräutlich mit dem Worte Gottes wie mit ihrem ewigen Bräutigam ohne die leiseste Befleckung der Reinheit, unberührt von Verletzung, erfüllt von höherer Erkenntnis.

VII. Kapitel. Jungfräuliche Kinder ein großes geistiges Gut [Sühnopfer] für die Eltern, auch ein größeres irdisches Gut als Enkelkinder. Die Ehe nicht verwerflich: Polemik gegen die Manichäer. Die Güterreihe des jungfräulichen Lebens im Lichte der biblischen Auffassung hoch erhaben über der des Ehestandes: die größere Macht, der kostbarere Reichtum, die herrlichere Schönheit eignet der Braut Christi.

Ihr Eltern habt vernommen, in welchen Tugenden ihr eure Töchter unterweisen, in welchen Lehren ihr sie unterrichten sollt, damit euch die Möglichkeit werde, daß durch deren Verdienste eure Vergehungen gesühnt werden. Eine Jungfrau ist ein Geschenk an Gott, eine Weihegabe der Eltern, ein Priesterdienst der Keuschheit. Eine Jungfrau ist ein Opferlamm der Mutter, täglich dargebracht zur Versöhnung der göttlichen Macht. Eine Jungfrau ist ein unzertrennlicher Liebling der Eltern, der ihnen keine Aussteuersorge macht, durch keine Kränkungen sie beleidigt.

Doch es möchte einer gerne Enkelkinder haben und den Namen ,Großvater‘ erwerben. Fürs erste gibt er mit dem Verlangen nach fremden Kindern die eigenen weg; sodann büßt er mit der Hoffnung auf ungewisse Kinder die gewissen ein. Er gibt sein Vermögen hin — und immer neue Forderungen! Zahlt er die Mitgift nicht aus, wird er gerichtlich belangt. Lebt er lange, fällt er lästig. Den Schwiegersohn kaufen, nicht gewinnen heißt das. Selbst den Besuch der Eltern bei ihrer Tochter läßt dieser sich zahlen. Dazu also wird sie so viele Monate im Schöße getragen, daß sie in fremde Gewalt übergeht? Dazu dient die Sorge, die Aufmerksamkeit auf die Jungfrau zu lenken, daß sie um so rascher den Eltern entrissen wird?

 

Da wird einer sagen: du mißbilligst also die Ehe? Nein, ich billige sie und verurteile jene, welche sie zu mißbilligen pflegen. Ich verweise doch so gerne auf die Ehe einer Sara, Rebekka und Rachel sowie sonstiger alttestamentlicher Frauen zur Begründung der einzelnen Tugenden. Wer nämlich die Ehe verwirft, verwirft auch den Kindersegen, ja verwirft die menschliche Gesellschaft, die auf dem Wege geschlechtlicher Abfolge sich fortpflanzte. Wie hätte denn die Jahrhunderte fort ein Menschenalter dem anderen folgen können, wenn nicht Heiratslust das Interesse an der Kindererzeugung geweckt hätte? Oder wie dürfte man in der Predigt daran erinnern, wie der unschuldige Isaak als Opfer der Frömmigkeit seines Vaters an den Altar trat, wie Israel im menschlichen Leibe Gott schaute und seinen heiligen Namen seinem Volke gab, wenn man ihre Herkunft verwirft? In einem Urteil freilich begegnen sich selbst auch diese gottlosen Menschen, das in diesem Punkte auch von den größten Weisen bestätigt werden muß, daß sie mit der Verwerfung der Ehe das Bekenntnis aussprechen: wir sollten nicht geboren sein!

Ich mißbillige also die Ehe nicht, sondern will nur die Früchte der gottgeweihten Jungfräulichkeit aufführen. Diese ist der Beruf weniger, jene der der Allgemeinheit; und auch die Jungfräulichkeit hat den Eintritt durch die Geburt zur notwendigen Voraussetzung. Ich stelle nur die beiden Güterreihen gegenüber: es mag so leichter einleuchten, welche den Vorzug verdient. Und es ist nicht meine persönliche Ansicht, die ich damit vortrage, sondern ich wiederhole nur jene, welche schon der Heilige Geist durch den Propheten ausgesprochen hat: „Besser“, beteuert er, „ist die Kinderlosigkeit mit Tugend gepaart“.

Wenn nun künftige Bräute vor allem das vor den übrigen voraus haben möchten, daß sie sich auf die Schönheit ihres Bräutigams etwas zugute tun können, so müssen sie schon hierin gestehen, daß sie es den gottgeweihten Jungfrauen nicht gleichtun können; denn nur diesen ist es beschieden, zu sprechen: „Schön an Gestalt bist Du vor den Menschenkindern; Anmut ist ausgegossen über Deine Lippen“. Wer ist dieser Bräutigam? Nicht einer, der im Dienst des Alltagslebens aufgeht; nicht einer, der auf vergänglichen Reichtum pocht, sondern dessen „Thron immerdar und ewig währt“. „Königstöchter sonnen sich in seiner Herrlichkeit. Zu deiner Rechten steht die Königin im Goldgewande, im bunten Tugendkleide. Höre denn, Tochter, und sieh und neige dein Ohr und vergiß deines Volkes und des Hauses deines Vaters! Denn es verlangte den König nach deiner Schönheit; er ist ja dein Gott“.

Beachte, wie Großes dir der Heilige Geist nach dem Zeugnisse der göttlichen Schrift verliehen: Königsmacht, Gold und Schönheit! Königsmacht, sei es, weil du die Braut des ewigen Königs bist, sei es, weil du unbesieglichen Sinnes dich nicht von den Lockungen sinnlicher Genüsse einnehmen läßt, sondern wie eine Königin herrschst. Gold, weil diesem physischen Elemente gleich, das, im Feuer geläutert, um so kostbarer wird, auch die leibliche Schönheit einer Jungfrau durch die Weihe an den göttlichen Geist an Anmut nur gewinnt. Wer aber könnte sich eine größere Schönheit denken als die Herrlichkeit einer Braut, die der hiebe des Königs gewürdigt, vom Richter erprobt, dem Herrn geweiht, Gott geheiligt wird: immerfort Braut, immerfort Jungfrau, so daß die Liebe kein Ende hat, die Reinheit keine Verletzung erleidet?

Das ist in der Tat die wahre Schönheit, der nichts gebricht, die allein aus des Herrn Mund das Lob zu hören verdient: „Ganz schön bist du, meine Schwester, und Tadeliges ist nicht an dir. Meine Braut, komm hierher vom Libanon, komm hierher vom Libanon! Vom Aufgang des Glaubens, vom Scheitel des Sanir und Hermon, von den Verstecken des Löwen, von den Bergen der Leoparden ausgehend wirst du vorüber-, glücklich herübergelangen“. In diesen Zügen offenbart sich die vollendete, untadelige Schönheit der jungfräulichen Seele, die sich Gottes Altar zum Opfer weihte, inmitten der offenen oder versteckten Gefahren von Seiten der Raubtiere im geistigen Sinn sich nicht durch das Vergängliche betören ließ, sondern, unverwandten Blickes auf Gottes Geheimnisse gerichtet, des Geliebten sich würdig erwies, deren Brüste [schöner als Wein] voll der Freude quellen2 ; denn „der Wein erfreut das Menschenherz“.

„Der Duft deiner Kleider“, heißt es, „geht über alle Gewürzen. Und im folgenden: „Und der Duft deiner Kleider ist wie der Duft des Libanon“. Sieh, Jungfrau, welchen Fortschritt du uns darbietest! Dein erster Duft geht über alle Gewürze, die zu des Erlösers Bestattung verwendet wurden; sein Duften zeigt an, daß die leiblichen Regungen erstorben und die fleischlichen Lüste ertötet sind. Dein zweiter Duft ist wie der Duft des Libanon; sein Duften sinnbildet die Unversehrtheit des Leibes des Herrn, die Blüte jungfräulicher Keuschhe

VIII. Kapitel. Die Jungfrau einer Biene vergleichbar: Ihr nährender Tau Gottes Wort, ihre Frucht des Mundes Wahrheit  voll Verdienstlichkeit und Gemeinnützigkeit, ihre Blume „die Blume des Feldes“, Christus.

Honigseim strömen deine Werke. Die Jungfräulichkeit verdient es ja, daß man sie mit den Bienen vergleicht : so arbeitsam, so keusch, so enthaltsam ist sie. Von Tau nährt sich die Biene, fremd ist ihr Begattung, Honig bereitet sie. Auch der Jungfrau Tau ist Gottes Wort; denn wie Tau träufeln Gottes Worte nieder. Die Keuschheit der Jungfrau liegt in der unversehrten Natur. Der Kindersegen der Jungfrau ist die Frucht der Lippen, frei von Bitterkeit, voll von Süßigkeit. Gemeinsam ist die Arbeit, gemeinsam die Frucht.

Wie gern sähe ich dich, meine Tochter, als Nachahmerin dieser kleinen Biene, die von der Blüte sich nährt, mit dem Munde ihre Brut aufliest, mit dem Munde sie sammelt!“ Ja diese ahme nach, du meine Tochter! Deine Worte sollen nimmer den Schleier der Arglist tragen, nimmer in das Gewand des Truges sich hüllen. Lautere Wahrheit sollen sie sein und voll Würde und Ernst.

Auch soll dir eine ewig blühende Segensfrucht deiner Verdienste aus deinem Munde sprossen. Und nicht bloß für dich, sondern für viele andere sollst du sie sammeln — weißt du denn, wann deine Seele von dir zurückgefordert wird? —, auf daß du nicht getreidegefüllte Scheuerräume, die dir weder zum Lebensunterhalte noch zu Verdienst nützen würden, zurücklassen mußt, wenn du dorthin entrafft wirst, wohin du deinen Reichtum nicht mitnehmen kannst. So sei denn reich, doch für die Armen! Wie sie deine Natur teilen, so mögen sie auch deinen Besitz teilen!

Noch will ich dir die Blume zeigen, aus der du die Frucht ziehen sollst, jene meine ich, die gesprochen: „Ich bin eine Blume des Feldes und eine Lilie des Talgrundes, wie eine Lilie mitten unter Dornen“, Damit ist klar angedeutet, daß der Tugenden Pfad vom Dorngestrüpp der Geister der Bosheit bedräut wird: niemand kann daher die Frucht pflücken, der nicht vorsichtig naht.

IX. Kapitel. Der Gottesgarten der Jungfräulichkeit in der Beleuchtung des Hohen Liedes: sein Blühen und Duften auf der ganzen Welt; sein dreifacher Schutz die Kirche, der Herr selbst. seine Engel. Das jungfräuliche Leben ein Engelleben, ein Auferstehungsleben auf Erden.

So lege denn Flügel an, Jungfrau, doch Flügel des Geistes! Flieg hinaus über den Sündenbereich, wenn du zu Christus gelangen möchtest! „In der Höhe wohnt er und blickt herab auf das Niedrige“. Und seine Gestalt gleicht der Zeder des Libanon, die ihre Krone in die Wolken trägt, ihre Wurzel in die Erde senkt. Denn sein Ursprung entstammt dem Himmel, was er nachmals geworden, der Erde, die Früchte, die er hervorbringt, reifen dem Himmel nahe. Sieh dich um so eifriger um die so köstliche Blume um, ob du sie nicht irgendwo in der Niederung deines Herzens finden kannst! Denn den Demütigen duftet so gern ihr Hauch.

Mit Vorliebe sprießt sie in den Gärten, in denen Susanna sie beim Lustwandeln fand, eher zu sterben bereit, als ihre Reinheit preiszugeben. Welches aber diese Gärten sind, zeigt sie selbst mit den Worten: „Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester-Braut, ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle“. Nur in solchen Gärten nämlich sprudelt hellen Strahls die Flut des reinen Quells, besiegelt mit dem Bilde Gottes, daß nicht die unreinen Geister gleich Tieren darin sich wälzen und mit ihrem Schmutz sie trüben. Mit einer geistigen Mauer umfriedet sich darum jene jungfräuliche Reinheit, um nicht räuberischem Überfall ausgesetzt zu sein. Wie ein den Dieben unzugänglicher Garten strömt sie Rebenduft aus, atmet Olivenduft, strahlt der Rose Schönheit wider: in der Rebe erblüht der Frommsinn, in der Olive der Friede, in der Rose die Reinheit der gottgeweihten Jungfräulichkeit. Das ist jener Wohlgeruch, den der Patriarch Jakob ausströmte, als er zu hören verdiente: ,,Sieh, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft vollen Feldes“. Mochte nämlich auch das Ackerfeld des heiligen Patriarchen voll von fast allen Fruchterzeugnissen wogen: dort brachte es vermöge größerer Tugendarbeit Erntefrüchte, hier Blumen hervor.

Gürte dich denn, Jungfrau! Und willst du, daß auch dir ein solcher Garten dufte, schließ ihn ab kraft der Weisungen des Propheten: „Stelle eine Wache an deinen Mund und eine Türe ringsum an deine Lippen!“ So magst auch du sprechen: „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Haines, so ist mein Bruder inmitten der Söhne. Unter seinen Schatten verlangte es mich und sitze ich, und seine Frucht mundet süß in meinem Gaumen“. „Ich fand, den meine Seele liebte, ich faßte ihn und werde ihn nicht lassen“. „Es stieg mein Bruder in seinen Garten hinab, um an seiner Apfelfrucht sich zu laben“. „Komm, mein Bruder, wir wollen aufs Feld hinausgehen!“ „Lege mich wie einen Siegelring in dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm!“ „Mein Bruder ist blendend weiß und rot“. Es geziemt sich nämlich, daß du, Jungfrau, ihn, den du liebst, genauer kennen lernst und das ganze Geheimnis in ihm, das seiner ungezeugten Gottheit und seiner angenommenen Menschheit erfassest. „Blendend weiß“ heißt er mit Recht als des Vaters Abglanz, „rot“ als der Jungfrau Sohn. Der Farbenglanz beider Naturen strahlt und leuchtet in ihm. Doch bedenke, daß der Gottheit herrliche Vorzüge in ihm älter sind als der Menschheit Geheimnisse! Denn er nahm nicht von der Jungfrau seinen Anfang, sondern er, der war, kam zur Jungfrau.

Und er, der von den Kriegsknechten [von dir] getrennt, er, der vom Lanzenstich verwundet wurde, um uns mit dem Blute der heiligen Wunde zu heilen, wird fürwahr dir erwidern — er ist ja „sanftmütig und demütig von Herzen“ und „lieblich anzusehen“ —: „Erhebe dich, Nord, und komm, Süd! Durchwehe meinen Garten, und träufeln sollen meine Gewürze!“ In allen Weltteilen ward ja der ohlgeruch des gottgeweihten Lebens heimisch und verbreitete sich der Duft, den der gottgeliebten Jungfrau Leiblichkeit ausströmt. „Herrlich bist du, meine Schwester, wie das Wohlgefallen selbst, schön wie Jerusalem!“ Nicht also der unter Krankheit oder Altersschwäche schwindende Reiz des vergänglichen Leibes macht die Schönheit der Jungfrauen aus, sondern der Ruf edler Verdienste, der, allen Wechselfällen entrückt, nimmer sterben wird.

Würdig denn, nicht mehr mit menschlichen, sondern mit den himmlischen Wesen, deren Leben du auf Erden lebst, verglichen zu werden, vernimm vom Herrn die Weisungen, die du einhalten sollst! ,,Lege mich wie einen Siegelring in dein Herz“, mahnt er, ,,und wie ein Siegel auf deinen Arm!“ Das Denken und Tun, das du an den Tag legst, soll dadurch im besonderen gekennzeichnet sein, daß in ihm das Bild Gottes, Christus, widerstrahlt, der, in vollem Umfang gleichwesentlich mit dem Vater, die ganze vom Vater überkommene Natur in sich zur Darstellung brachte. Darum auch des Apostels Paulus Versicherung, wir sind vom Geiste besiegelt. Weil wir des Vaters Bild im Sohne haben, besitzen wir des Sohnes Siegel im Geiste. Von diesem dreieinigen Gott besiegelt, sollen wir uns doppelt ängstlich hüten, daß nicht leichtfertiger Wandel oder der Trug irgendeiner entehrenden Handlung das Siegel des Unterpfandes, das wir in unseren Herzen empfangen haben, breche.

Doch fort mit dieser Furcht bei den gottgeweihten Jungfrauen! Sie haben allererst an der Kirche eine so starke Schutzwehr. Ängstlich besorgt um das Gedeihen ihrer zarten Kinderschar, wächst sie mit ihren übervollen, sich türmenden Brüsten wie eine Mauer an, bis sie den Ansturm der dräuenden Feinde gebrochen und so der jugendlichen, unter dem Schutz der mütterlichen Kraft erstarkten Schar den Frieden erkämpft. Daher des Propheten Segenswort: „Es werde Friede in Deiner Kraft und Überfluß in Deinen Türmen!“.

Sodann legte auch der Herr des Friedens selbst seinen noch stärkeren Arm um die ihm anvertrauten Weinpflanzen und sah seine Reben knospen. Und nun wehrt er mit gebieterischer Miene Wind und Sturm von der reifenden Frucht, wie er selbst bezeugt: „Mein Weinberg liegt vor meinem Angesicht: tausend dem Salomon und zweihundert denen, die seine Frucht bewahren!“

Im Vorausgehenden versichert er: „Sechzig Starke stehen rings um sein Geschlecht, mit gezückten Schwertern bewaffnet und in der Kriegskunst wohlbewandert“. Hier ist die Rede von tausend und von zweihundert. Die Zahl wuchs mit der wachsenden Frucht. Je heiliger nämlich jemand ist, um so größer die Gemeinschaft, in der er steht. So konnte der Prophet Elisäus auf Heerscharen von Engeln hinweisen, die zu seinem Schütze zugegen wären. So erkannte Jesus Nave [Josue] den Führer der himmlischen Heerschar. Sie nun können die Frucht in uns bewachen, nachdem sie für uns auch zu kämpfen vermögen. Ihr aber, heilige Jungfrauen, die ihr in unversehrter Reinheit des Herrn heiliges Brautgemach hütet, erfreut euch ihres besonderen Schutzes. Kein Wunder auch, wenn die Engel für euch streiten, die ihr das Leben der Engel führt. Die jungfräuliche Keuschheit ist des Schutzes derer würdig, deren Lebens sie sich würdig erweist.

Was soll ich noch weiter ausholen zum Lobe der Keuschheit? Die Keuschheit hat selbst Engel geschaffen: wer sie bewahrt hat, ist ein Engel, wer sie verloren, ein Teufel. Von ihr bekam die Religion geradezu eine neue Bezeichnung: Jungfrau ist sie, die Gott sich vermählt; eine Buhlerin jene, die Götter geschaffen. Was soll ich denn von der Auferstehung reden, deren Preis ihr bereits innehabt? ,,Bei der Auferstehung aber werden sie weder heiraten noch Frauen heimführen, sondern sein“, so heißt es, ,,wie die Engel im Himmel“. Das Gut, das uns erst verheißen, habt ihr bereits; das Leben, nach dem wir uns sehnen, führt ihr bereits. Von dieser Welt seid ihr, aber ihr lebt nicht in dieser Welt: die Welt ward gewürdigt, euch aufzunehmen, euch festzuhalten vermochte sie nicht.

Wie wunderbar! Engel sind ob ihrer Unenthaltsamkeit vom Himmel zur Welt herabgestürzt, Jungfrauen ob ihrer Keuschheit von der Welt zum Himmel aufgestiegen! Selig die Jungfrauen, welche die Lockung des Fleisches nicht beirrt, die schmutzige Flut der Begierden nicht jäh zur Tiefe reißt! Karge Speise, mäßiger Trank lehren die Sünde meiden, indem sie die Gelegenheit zur Sünde meiden lehren. Die Gelegenheit zur Sünde hat oft selbst Gerechte zu Fall gebracht. So hat das Gottesvolk, nachdem es „sich setzte zu essen und zu trinken“, Gott verleugnet. So ward Lot der Blutschande mit seinen Töchtern sich nicht bewußt und beging sie. So mußten die Söhne Noes einst rücklings sich nahend des Vaters Scham bedecken: auf das voreilige Hinsehen ein sanftes Erröten, ein ehrerbietiges Zudecken ob des Ärgernisses, wenn auch nur des Vaters Auge selbst darauf gefallen wäre! Welch furchtbare Wirkung des Weines! Ihn, den die Sintflut nicht zu entblößen vermochte, hat Weingenuß entblößt.

X. Kapitel. Die Jungfrau ist über Habsucht und Gefallsucht erhaben. Last und Lästigkeit schweren Schmuckes. Die Braut wird nach Sklavinnenart nach der Schönheit verfeilscht. Hangen und Bangen vor dem Freier.

Wozu noch Folgendes? Wie unendlich glücklich seid ihr, daß euch keine Habsucht entflammt? Der Arme verlangt nur, was du hast; was du nicht hast, begehrt er nicht. Die Frucht deiner Arbeit ist der Reichtum für den Dürftigen. Und wenn es auch nur zwei Kupfermünzen sind, es ist das Vermögen des Spenders.

Vernimm nun, was du alles entbehren mußt! Denn wovor du dich hüten mußt, brauche ich weder lehren noch du lernen; denn die Übung der Vollkommenheit benötigt der Belehrung nicht, sondern erteilt sie. Den Götzenbildern ähnlich, die man bei feierlichen Umzügen herumschleppt, siehst du eine einherziehen: sie putzt sich auf, um zu gefallen, sucht aller Augen und Gesichter auf sich zu ziehen, durch diese geflissentliche Gefallsucht nur noch häßlicher. Bevor sie noch einem Manne gefällt, erregt sie das Mißfallen der Leute. Umgekehrt gefällt an euch weit mehr, daß ihr nichts auf Ziererei gebt: gerade der Umstand, daß ihr euch nicht ziert, gereicht euch zur Zierde.

Sieh nur die wund zerstochenen Ohren, und bedauere die Last, die den Nacken beugt! Der Unterschied in den Metallen verringert nicht deren Pein. Hier schnürt eine Kette den Hals, dort umklammert eine Fessel den Fuß. Ob Gold oder Eisen den Leib beschwert, macht keinen Unterschied aus: der Nacken bekommt so die Last zu fühlen. Der Preis tut nichts zur Sache: nur daß ihr, Frauen, auch noch in Sorgen seid, es möchte euch die Qual [des Schmuckes] verloren gehen. Was liegt daran, ob das Urteil eines anderen oder das eigene den Stab über euch bricht? Darin seid ihr sogar noch kläglicher daran als öffentlich Verurteilte: diese trachten von den Ketten loszuwerden, ihr verlangt danach.

In welch kläglicher Lage aber befindet sich die künftige Braut, daß sie nach Art einer Sklavin, deren Schönheit feil steht, verfeilscht wird. Dem Meistbietenden fällt sie käuflich zu. Da ist doch das Los der Sklaven, die verkauft werden, noch erträglicher, die häufig den Herrn wählen dürfen. Zeigt sich die Jungfrau wählerisch, ist’s gefehlt; wählt sie nicht, ist’s beleidigend. Ist sie noch so schön und zierlich, sie trägt Bedenken und Verlangen zugleich, sich besichtigen zu lassen: Verlangen, um sich um so teurer verkaufen zu lassen, Bedenken, es möchte eben dieser Anblick mißfallen. Welch grausames Spiel, das mit ihrem Sehnen und Wünschen getrieben wird! Welche Furcht und Besorgnis, falls Freier auftauchen, es möchte ein armer sie täuschen, ein reicher sie verschmähen, ein stattlicher sie narren, ein vornehmer sie abweis

XI. Kapitel. Das Lob auf die Jungfräulichkeit nicht vergeblich: aus Placentia und Bononia und selbst Mauritanien nehmen Jungfrauen den Schleier. Das gemeinsame Jungfrauenheim in Mailand Sitz rühriger Propaganda für das jungfräuliche Gemeinschaftsleben.

Da will einer sagen: Du singst uns doch täglich das Lob der Jungfrauen! Was will ich machen, der ich täglich dasselbe Lob herableiern muß und nichts erreiche? Es ist freilich nicht meine Schuld. Übrigens kommen ja aus der Gegend von Placentia Jungfrauen um sich weihen zu lassen, aus der Gegend von Bononia kommen sie, von Mauritanien kommen sie, um hier den Schleier zu nehmen. Ein erhabenes Schauspiel! Hier predige ich und anderswo überzeuge ich. Wenn dem so ist, müßte ich anderswo predigen, um euch zu überzeugen.

Wie? Wenn selbst solche, die mich nicht hören, folgen: sollen solche, die mich hören, nicht folgen dürfen? Von so manchen Jungfrauen weiß ich nämlich, daß sie wollten, aber von den Müttern und, was schlimmer ist, selbst von Witwen, verhindert werden, auch nur [zur Predigt] zu kommen. Mit diesen nun habe ich folgendes Wörtlein zu reden. Wenn eure Töchter einem Menschen ihre Liebe schenken wollten, könnten sie kraft des Gesetzes nach ihrem Belieben einen erwählen. Wenn sie nun einen Menschen erwählen dürfen, sollten sie Gott nicht erwählen dürfen?

Seht, wie lieblich muß die Frucht der Keuschheit sein, wenn sie selbst im Herzen der Barbaren heimisch ward! Aus den entlegensten Gebieten diesseits und jenseits der Grenzen Mauritaniens verlangen Jungfrauen, die man wegschleppte, dahier geweiht zu werden. Mögen alle Familien in Fesseln schmachten, die Keuschheit kennt keine Bande. Mag sie seufzen unter dem Unrecht der Sklaverei, sie gehört dem Reich der Ewigkeit an.

Was soll ich denn von den Jungfrauen aus Bononia sagen, der stattlichen Streiterinnenschar der Reinheit, die den Weltfreuden entsagend in einem gottgeweihten Jungfrauenheim wohnen? Nicht zu geschlechtlichem, sondern zu keuschem Zusammenleben brachen sie auf und verließen gegen zwanzig an Zahl und hundertfältig an Frucht ihr elterliches Heim und weilen in den Gezeiten Christi: unentwegte Streiterinnen der Keuschheit. Bald erschallt ihre Stimme in geistlichen Gesängen, bald mühen sie sich werktätig um den Lebensunterhalt oder sehen sich auch mit ihrer Hände Arbeit um Mittel zur Betätigung der Freigebigkeit um.

Wittern sie die Spur von Jungfrauen — sie gehen nämlich am liebsten von allem auf Jagd darauf aus, ob sie nicht eine Spur keuschen Lebens erspähen könnten —, so lassen sie in ihren Bemühungen keine Schritte unversucht, nach der verborgenen Beute selbst bis in die stillen Gemächer hinein zu fahnden. Oder aber nimmt eine mehr offen und frei den leuchtenden Flug nach oben, da könntest du sehen, wie alle zum Aufstieg weit die Schwingen breiten, die rauschenden Fittiche heben, die schimmernden Flügel schlagen, um dieselbe beim Emporfliegen in keuschem jungfräulichem Reigen zu umringen, bis sie vom strahlenden Geleite hingerissen, des Vaterhauses vergessend, demselben in die Gefilde des jungfräulichen Lebens, zur umfriedeten Stätte der Keuschheit folgt.

XII. Kapitel. Weder der Widerstand der Eltern noch der Verlust der Vatergüter soll die Jungfrau beirren, den Schleier zu nehmen. Das heroische Beispiel einer jungfräulichen Seele.

Gut, wenn elterlicher Eifer einer Jungfrau wie Windeswehen die Flamme keuschen Lebens entfacht: doch rühmlicher der Fall, wenn die Glut des zarten Alters von selbst ohne die schürende Hand von Älteren zum Opferfeuer der Keuschheit sich entflammt. Eltern werden die Mitgift verweigern: doch du hast einen reichen Bräutigam; mit seinem Schatz zufrieden, magst du auf die Erträgnisse des väterlichen Erbes verzichten. Wie unvergleichlich kostbarer denn alle Kostbarkeiten der Mitgift ist doch keusche Armut!

Doch von welcher Jungfrau hättet ihr gehört, sie sei ob ihres Strebens nach Jungfräulichkeit ihres rechtlichen Erbteiles verlustig gegangen? Die Eltern erheben Widerspruch: doch sie wollen besiegt werden. Sie leisten anfänglich Widerstand, weil sie nicht daran zu glauben wagen. Sie zeigen oft Unwillen, daß du siegen lernest. Sie drohen mit Enterbung, um zu prüfen, ob du furchtlos dem Verlust des Zeitlichen ins Auge schauen kannst. Sie kosen dich mit dem Zauber ausgesuchter Reize, um zu sehen, ob dich nicht die verführerische Lust der mannigfachen Genüsse umstimmen könne. Prüfung bedeutet, o Jungfrau, der Zwang. Und die ersten Kämpfe sind es, die dir der Eltern Bitten und Wünsche heraufbeschwören. Den ersten Sieg, Mädchen, trag über die Elternliebe davon! Mit dem Sieg über das Elternhaus besiegst du die Welt.

Doch angenommen, es sollte euer der Verlust des Vatergutes harren: wiegen nicht die Regionen des künftigen Himmelreiches die Einbuße der vergänglichen und hinfälligen Güter auf? Indes niemand verläßt doch, wenn wir den himmlischen Aussprüchen glauben, Haus oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder, um des Reiches Gottes willen, der nicht siebenmal soviel schon in dieser Welt zurückerhielte; in der künftigen Welt aber wird er das ewige Leben besitzen. Vertraue Gott deinen Glauben wie ein Darlehen an! Wenn du schon einem Menschen Geld darleihest: leih es Christus auf Wucher hin! Ein treuer Behüter der anvertrauten Hinterlage, bezahlt er das Talent deines Glaubens mit Zinseszins heim. Die Wahrheit täuscht nicht, die Gerechtigkeit hintergeht nicht, die Tugend trügt nicht. Und glaubt ihr dem Worte nicht, glaubt doch Beispielen!

In Erinnerung steht uns ein Mädchen, vor kurzem noch adeligen Standes in der Welt, jetzt noch höheren, gottgeweihten Standes. Von den Eltern und Verwandten zur Heirat gedrängt, floh es an den hochheiligen Altar. Wohin könnte denn auch eine Jungfrau besser fliehen als dorthin, wo das Opfer der Jungfräulichkeit dargebracht wird? Noch war das nicht das Ende seines Heldenmutes. Kaum stand es am Altare, ein Lämmlein der Unschuld, ein Opfer der Keuschheit, da legt es des Priesters Hand auf sein Haupt, das Weihegebet sich erflehend; da ruft es, über dessen berechtigtes Zaudern ungehalten und den Scheitel zum Altare niedergebeugt, aus: „Wird mich denn der Brautschleier besser hüllen als der Altar, der selbst Schleier heiligt? Besser geziemt sich der Flammenschleier, worin das Haupt aller, Christus, die tägliche Weihegabe wird. Ihr Verwandten, was macht ihr? Was sinnt und sorgt ihr euch noch um die Wahl, die zur Vermählung zu treffen sei? Sie ist längst für mich getroffen. Ihr bietet einen Bräutigam an: einen besseren habe ich gefunden. Übertreibt, soviel ihr wollt, seinen Reichtum, rühmt seinen Adel, preist seine Macht! Ich habe einen, dem es niemand gleich tut: sein Reichtum ist die Welt, seine Macht die Herrschaft, sein Adel der Himmel. Habt ihr seinesgleichen, lehne ich die Wahl nicht ab, findet ihr keinen, ist eure Vorsorge, Eltern, um mich nicht wohl, sondern übel angebracht.“

Alle schweigen, nur einer bemerkt etwas vorwitzig: Wie? wenn dein Vater lebte, würde er dulden, daß du unvermählt bleibst? Darauf jene, mehr von Gottesliebe, weniger von Kindesliebe beraten: „Vielleicht ist er gerade deshalb nicht mehr da, daß niemand mehr ein Hindernis in den Weg legen könne.“ Und was sie vom Vater erwiderte, von sich selbst aussprach, bestätigte er selbst durch einen raschen Tod, der ihn ereilte. So ließen auch die übrigen, die Schwierigkeiten zu machen suchten, aus Furcht, es möchte sie das gleiche Los treffen, sich allmählich zu ihren Gunsten umstimmen. Und die Jungfräulichkeit führte zu keiner Einbuße des Pflichtigen Vermögensanteiles, sondern sogar zur Empfehlung des enthaltsamen Lebens. Da habt ihr, Mädchen, den Lohn frommer Hingabe: ihr Eltern, laßt euch das Beispiel zur Warnung sein, um euch nicht zu versündigen!

Zweites Buch.I. Kapitel. Das zweite Buch eine Unterweisung der Jungfrauen, an der Hand von Beispielen, auf deren Bitten, mehr im Tone der Schmeichelrede. Das schriftliche Wort ein Ersatz des mündlichen für die abwesenden Jungfrauen.

Im vorausgehenden Buch wollten wir —wir vermochten es nicht — die Erhabenheit des Jungfrauenberufes dartun, damit die himmlische Schönheit des Berufes schon für sich die Jungfrau, die es liest, einlade. Im zweiten Buch soll füglich eine Unterweisung der Jungfrau geboten werden, eine Schulung gleichsam an der Hand zuständiger Lehrer.

Doch da wir uns selbst zur Mahnung schwach und zur Belehrung ungeeignet fühlen — der Lehrer soll ja vor dem Schüler sich hervortun —, hielten wir es, um uns nicht den Anschein zu geben, als hätten wir die unternommene Aufgabe sei es aufgegeben, sei es nur anmaßend fortgeführt, für angezeigt, die Anweisung lieber in Form von Beispielen als von Belehrungen zu geben. Auch der Sache ist so mehr gedient; denn nicht schwer kann dünken, was schon einmal geschehen, und nützlich ist, was erprobt ward, und ehrwürdig, was als Väterbrauch und -tugend sich vererbte und auf uns sich fortpflanzte.

Wollte uns trotzdem jemand der Anmaßung zeihen, so zeihe er uns lieber der Gefälligkeit, indem ich gerade auch dies den Jungfrauen auf ihre Bitten nicht abschlagen zu sollen glaubte. Lieber wollte ich mich der Gefahr beschämender Kritik aussetzen, als dem Wunsche derer nicht willfahren, zu deren Streben auch unser Gott gnädig seine wohlwollende Zustim­mung gab.

Doch einerseits kann von Anmaßung nicht die Rede sein, weil es den Jungfrauen, nachdem sie anderweitige Lerngelegenheit hatten, mehr um einen Erweis des Wohlwollens als um eine Belehrung von meiner Seite zu tun war; andererseits erscheint meine Bereitwilligkeit entschuldbar. Denn spricht auch für sie die Autorität eines Blutzeugen1 , der sie zur Beobachtung ihrer Regel bestimmt, hielt ich es doch nicht für überflüssig, meine Schmeichelrede als Lockruf für ihren Beruf ergehen zu lassen. Wer ernsten Sinnes die Laster geißelt, schlägt leichter den belehrenden Ton an, wir den Schmeichelton, nachdem sich uns keine Möglichkeit der Belehrung bietet.

Weil nun so manche Jungfrauen in ihrer Abwesenheit den Wunsch äußerten, aus meiner Rede einen Nutzen zu ziehen, habe ich diese Schrift verfaßt. Möchten sie, im Besitze der Gabe meines Wortes, das zu ihnen gedrungen, den nicht fern glauben, den sie besitzen! Doch wir wollen das Thema fortführen.

II. Kapitel. Maria das Bild der Jungfräulichkeit, darum das Vorbild der Jungfrauen auf Erden, die Braut- und Chorführerin der triumphierenden jungfräulichen Seelen im Himmel. Die Herzen der Jungfrauen Opferaltäre Gottes.

Das Bild der Jungfräulichkeit nun sei euch das Leben Marias, aus dem wie aus einem Spiegel die Schönheit der Keuschheit und die Norm der Tugend widerstrahlt. Von da mögt ihr euch die Beispiele des Lebens nehmen! Wie in einem Musterbilde sind hier die Grundsätze der Rechtschaffenheit ausgeprägt und zeigen, was ihr noch verbessern, was ihr ausformen, was ihr festhalten sollt.

Den ersten Lerneifer entfacht die Würde des Lehrers. Was überträfe an Würde die Gottesmutter? Was an Glanz jene, die der Abglanz [des Vaters] erwählte? Was an Keuschheit jene, die ohne leibliche Berührung einen Leib gebar? Was soll ich denn von ihren sonstigen Tugenden sprechen? Jungfrau war sie nicht bloß dem Leibe, sondern auch dem Geiste nach: kein verhohlenes Buhlen, mit dem sie die Reinheit der Gesinnung verletzte. Von Herzen demütig, in Worten bedächtig, kluges Sinnes, im Gespräche mehr karg, um so eifriger in der Lesung. Nicht auf das Unzuverlässige des Reichtums, sondern auf das Gebet der Armen setzte sie ihre Hoffnung. Sie war bedacht auf die Arbeit, sittsam in der Rede, gewohnt, nicht einen Menschen, sondern Gott als Zeugen ihres geistigen Sinnens beizuziehen. Niemand beleidigte sie, meinte es allen gut, erhob sich vor älteren Personen, war gegen ihresgleichen nicht gehässig, mied eitles Prahlen, folgte der Vernunft, liebte die Tugend. Wann hätte sie auch nur mit einer Miene den Eltern wehe getan? Wann sich mit den Verwandten entzweit? Wann einen Bresthaften verlacht? Wann einen Dürftigen gemieden, gewohnt, nur solche Mannespersonen aufzusuchen, vor welchen die Barmherzigkeit nicht erröten, an welchen das Zartgefühl nicht vorübergehen brauchte? Nichts Scheeles lag in ihren Augen, nichts Freches in ihrem Benehmen. Die Haltung war nicht zu weichlich, der Gang nicht zu ausgelassen, die Rede nicht zu leichtfertig, so daß schon die äußere Erscheinung ein Abbild ihres Geistes, ein Sinnbild ihrer Tugendhaftigkeit war. Ein gutes Haus muß doch schon im Vorraum als solches sich erkennen, zum voraus beim ersten Betreten schon ersehen lassen, daß im Inneren keine Finsternis sich berge: so soll auch unser Geist, ungehindert durch die hemmende Leibeshülle, wie ein Licht, das im Inneren auf den Leuchter gestellt ist, seinen Schein nach außen werfen.

Was soll ich des weiteren auf das karge Maß ihrer Speisen, auf das überreiche ihrer [religiösen] Übungen hinweisen? Das eine überstieg die natürliche Kraft, das andere war fast kein natürliches Bedürfnis mehr. Hier lange Zwischenzeiten, dort verdoppelte Fasttage. Und wenn einmal das Verlangen nach Erquickung sich einstellte, diente meist die nächste beste Speise mehr den Tod zu verhüten, denn Genüsse zu gewähren. Das Verlangen nach Schlaf trat erst mit dessen Notwendigkeit ein. Die Seele doch blieb wach, während der Leib ruhte: sie wiederholt während des Schlafes die [Schrift-] Lesung oder unterbricht den Schlaf und setzt sie fort oder bringt gefaßte Vorsätze zur Ausführung oder gibt zum voraus neue in den Sinn.

Das Haus zu verlassen, ließ sie sich nicht einfallen, außer sie ging zum Gottesdienst, und auch das nur in Begleitung der Eltern oder Verwandten. Zu Hause in einsamer Beschäftigung, außer dem Hause in Begleitung, hatte sie gleichwohl keinen besseren Behüter über sich als sich selbst. In Gang und Rede ehrbar, setzte sie nicht sowohl des Fußes Tritt vorwärts, sondern der Tugend Schritt aufwärts. Mag immerhin eine Jungfrau andere zu ihres Leibes Wächtern haben, zu ihrer Sittenwächterin muß sie sich selbst haben. Viele wird es geben, von denen sie lernen kann, wenn sie ihre eigene Lehrerin bleibt, welche die Tugenden zu Lehrmeisterinnen hat. Ihr ganzes Handeln ist eine Tugendschule. So achtete Maria auf alles, als ließe sie sich von vielen mahnen; so erfüllte sie alle Tugendpflichten, daß sie nicht sowohl Schülerin denn Lehrerin war.

So hat der Evangelist sie gezeichnet, so hat der Engel sie angetroffen, so hat der Heilige Geist sie erwählt. Was soll ich bei Einzelheiten stehen bleiben? Daß die Eltern sie lieb hatten, Außenstehende voll des Lobes über sie waren? War sie doch würdig, daß Gottes Sohn aus ihr geboren wurde. Beim Eintritt des Engels ward sie zu Hause angetroffen, im inneren Gemach, ohne Gesellschafterin: niemand durfte ihre Beschaulichkeit unterbrechen, niemand sie stören; denn sie verlangte sich keine Frauen zu Gesellschafterinnen, nachdem sie gute Gedanken zu Gesellschaftern hatte. Ja sie fühlte sich gerade dann, wenn sie allein war, am wenigsten vereinsamt. Wie denn vereinsamt? Waren ihr doch so viele Bücher, so viele Erzengel, so viele Propheten zur Stelle.

So traf sie denn auch Gabriel dort, wo er sie heimzusuchen pflegte. Zwar auch vor dem Engel erbebte Maria erschrocken, weil er in Mannesgestalt eintrat, erkannte ihn aber als einen nicht Unbekannten wieder, sobald sie seinen Namen vernahm. Fremd war ihr der Mann, nicht fremd der Engel. Du magst daraus ihr frommes Ohr, ihr züchtiges Auge erkennen! Auf den Gruß endlich verstummte sie, erst auf die Anrede antwortete sie: während sich anfänglich ihr Herz einschüchtern ließ, versprach sie nachher willigen Gehorsam.

Wie ehrerbietig sie aber gegen die Verwandten war, bezeugt die göttliche Schrift. Denn noch demütiger wurde sie, sobald sie ihre Auserwählung von Gott vernommen hatte, und eilte sogleich zu ihrer Base ins Gebirge. Nicht als ob sie eines Vorbildes zum Glauben bedurft hätte. Sie hatte bereits dem [Engels-] Worte geglaubt; denn ,,selig“, heißt es, ,,die du geglaubt hast!! Und drei Monate blieb sie bei ihr. In der so langen Zwischenzeit aber kann es sich nicht um die Erlangung des Glaubens, sondern nur um die Betätigung der Liebe handeln. Und dies, nachdem das im Mutterschoße aufhüpfende Knäblein sie bereits als die Mutter des Herrn begrüßt hatte, der Ehrfurchtsbezeugung eher denn des Naturgebrauches fähig.

Als dann so viele Zeichen sich folgten, als die Kinderlose gebar, die Jungfrau empfing, der Stumme redete, der Magier anbetete, Symeon [den Trost Israels] erwartete, die Sterne [ihn] verkündeten: „bewahrte“, so heißt es, „Maria“, trotz dem Wunderbaren die Ruhe nicht verlierend, „dies alles in ihrem Herzen“. Obschon Mutter des Herrn, oblag sie gleichwohl voll Verlangen der Erfüllung der Gebote des Herrn; obschon Gottesgebärerin, trachtete sie gleichwohl sehnlich nach Gotteserkenntnis.

Und wie ging sie nicht auch alle Jahre zum Osterfesttag nach Jerusalem, und zwar in Begleitung des Joseph. Überall ist bei einer Jungfrau Züchtigkeit die Begleiterin der einzelnen Tugenden. Sie muß die unzertrennliche Gefährtin der Jungfräulichkeit sein, ohne welche die Jungfräulichkeit nicht bestehen kann. Nicht einmal zum Tempel ging daher Maria ohne einen Beschützer ihrer Reinheit.

Das ist das Bild der Jungfräulichkeit. Denn derart war Maria, daß ihr Leben allein die Norm für alle bildet. Wenn uns also die Meisterin nicht mißfällt, laßt uns auch ihr Werk billigen! Jede, die ihren Lohn sich wünscht, ahme ihr Beispiel nachl Wie vielfache Tugend strahlt in der einen Jungfrau wider! Eingezogene Sittsamkeit, das Banner des Glaubens, williger Frommsinn: Jungfrau innerhalb des Hauses, eilt sie als Gefährtin zur Dienstleistung [zu Elisabeth], als Mutter zum Tempel.

O wie zahllosen Jungfrauen wird Maria entgegeneilen! Wie zahllose in zärtlicher Umarmung dem Herrn entgegenführen mit dem Rufe: Diese hat das Lager meines Sohnes, diese sein Braulgemach in unversehrter Reinheit bewahrt. Wie wird der Herr selbst sie dem Vater empfehlen und gewiß jenes sein Wort wiederholen: Heiliger Vater, diese sind es, die ich Dir behütet habe, in denen der Menschensohn das Haupt zur Ruhe niederlegte. Ich bitte, daß, wo ich bin, auch sie mit mir seien. Doch wenn ihr Leben nicht allein ihnen frommen darf, weil sie nicht allein sich selbst gelebt haben: laß die eine den Eltern, die andere den Brüdern Erlösung bringen! Gerechter Vater, die Welt hat mich nicht erkannt, diese aber haben mich erkannt und wollten von der Welt nichts wissen.

Welch glänzender Triumphzug daselbst! Wie endloser Jubel jauchzender Engel, weil sie, die schon in der Welt ein himmlisches Leben lebte, nun der Wohnstätte im Himmel gewürdigt wird! Da wird wiederum Maria zur Pauke greifen und die Chöre der Jungfrauen aufrufen, dem Herrn zu singen, daß sie unberührt von den Fluten der Welt durch das Meer der Welt hindurchgegangen sind. Dann wird eine jede jubeln und sprechen: „Und ich will hintreten zum Altare meines Gottes und zu Gott, der meine Jugend erfreut“. „Ich opfere Gott ein Opfer des Lobes und löse dem Höchsten meine Gelübde“.

Kein Zweifel nämlich, daß euch Gottes Altäre zugänglich sind! Darf ich doch getrost euren Geist einen Altar nennen, worauf täglich Christus zur Erlösung des Leibes geopfert wird. Denn ist schon der Leib einer Jungfrau Gottes Tempel, was erst ihr Geist, der gleichsam die Lohe in den Gliedern schürt und, von der Hand des ewigen Priesters angefacht, den Gluthauch göttlichen Feuers sprüht? Selig ihr Jungfrauen, die ihr so unsterbliche Gnade atmet, wie Gärten Blumenduft, wie Tempel Andachtsweihe, wie Altäre priesterlichen Wohlgeruch!

III. Kapitel. Thekla das Ideal jungfräulichen Opfertodes. Selbst Bestien bezeugen der Märtyrjungfrau Hochachtung. Jede Jungfrau gleich Thekla eine Schülerin des Völkerlehrers.

So weise denn die heilige Maria den Tugendweg des Lebens: Thekla lehre den Opfertod! Die eheliche Verbindung fliehend und als Opfer der Wut ihres Bräutigams verurteilt, ließ sie selbst die Raubtiere aus Achtung vor ihrer Jungfräulichkeit ihre Natur vergessen. Bereit zur Beute für die wilden Tiere, bewirkte sie, da sie schon den Anblick männlicher Personen meiden und selbst ihr Leben dem grimmigen Löwen preisgeben wollte, daß die Lüstlinge, die ihr schamloses Auge auf sie gerichtet hatten, in Scham es abwendeten.

Da konnte man die Bestie am Boden liegen sehen, wie sie die Füße [der Jungfrau] leckte und mit stummem Laut bezeugte, daß sie den heiligen Leib der Jungfrau nicht verletzen durfte. So erwies also die Bestie ihrer Beute Verehrung. Der eigenen Natur vergessend, nahm sie die Natur an, welche die Menschen verloren hatten. Man hätte sehen können, wie gleichsam die Naturen sich verkehrten und die Menschen tierische Wildheit annahmen und die Bestie zur Blutgier antrieben, die Bestie hingegen. die Füße der Jungfrau koste und so zu erkennen gab, was Menschen geschuldet hätten. So wunderbarer Zauber liegt über der Jungfräulichkeit, daß ihr selbst Löwen ihre Bewunderung bezeugen: ob auch hungrig, der Fraß verleitete sie nicht; ob gereizt, das Ungestüm riß sie nicht fort; ob aufgestachelt, die Wut entflammte sie nicht; ob daran gewöhnt, die Gepflogenheit beirrte sie nicht; ob wild, die Natur hatte sie nicht mehr in ihrer Gewalt. Sie wurden Lehrer der Frömmigkeit, indem sie der Märtyrin huldigten, ebenso Lehrer der Keuschheit, indem sie der Jungfrau nur die Füße kosten, die Augen gleichsam aus Schamhaftigkeit zur Erde gesenkt, daß nichts Männliches, und wäre es auch tierischer Art, die entblößte Jungfrau anblicke.

Da wird einer sagen: Warum führtest du das Beispiel Marias an, als ob sich jemand finden ließe, der es der Mutter des Herrn gleichtun konnte? Warum ferner das der Thekla, die der Völkerlehrer unterwiesen hat? Gib einen solchen Lehrer, wenn du eine solche Schülerin verlangst! Ich führe euch ein solches Beispiel aus jüngster Zeit an, damit ihr daraus erseht, daß der Apostel nicht nur der Lehrer einer einzigen, sondern aller Jungfrauen ist.

IV. Kapitel. Von einer antiochenischen Märtyr-Jungfrau. Ihr Entschluß zur Jungfräulichkeit macht sie zum Opfer der Verfolgung. Ihrer Standhaftigkeit im Glauben folgt als Strafe die Prostitution. Ihre wunderbare Befreiung durch einen Krieger. Der beiden Wettstreit um die Märtyrkrone. Beiden fällt sie zu.

Zu Antiochien lebte unlängst eine Jungfrau, die geflissentlich den Blicken der Öffentlichkeit sich entzog. Doch je mehr sie den Augen der Männerwelt aus dem Weg ging, um so mehr entfachte sie deren Lüsternheit. Doppelt heftig entbrennt ja das Verlangen nach einer Schönheit, von der man nur zu hören, nichts zu sehen bekommt, weil von einem zweifachen Stachel der Leidenschaften geschürt, dem der Liebe und dem der Neugier. Was weniger gefällt, springt nicht ins Auge, was gefällt, wird in der Einbildung übertrieben, weil nicht das Auge als Richter nach Befund, sondern das verliebte Herz nach Wunsch darüber urteilt. Damit nun nicht länger lüsterne Gier sich mit der Hoffnung auf ihren Besitz nährte, entschloß sich die heilige Jungfrau für den Stand unversehrter Jungfräulichkeit. Doch damit dämpfte sie das Feuer [der Leidenschaft] in den Verruchten nur soweit, daß sie fürder nicht mehr geliebt, wohl aber preisgegeben wurde.

Sieh, eine Verfolgung bricht los! Das Mädchen denkt nicht an Flucht, ist aber doch voll Bangen. Um nicht ein Opfer der Nachsteller ihrer Keuschheit zu werden, bereitete sie ihr Herz mit solcher Gottergebenheit zur Standhaftigkeit vor, daß sie den Tod nicht fürchtete, mit solcher Reinheit, daß sie ihn ersehnte. Der Tag, der mit der Siegeskrone winkt, bricht an. Alles steht in gespanntester Erwartung. Das Mädchen wird vorgeführt, entschlossen für den zweifachen Kampf der Jungfräulichkeit wie des Glaubens. Doch da man sich überzeugt hatte von der Standhaftigkeit in ihrem Berufe, ihrer ängstlichen Beflissenheit für die Keuschheit, ihrer Entschlossenheit zu Martern, ihrem Erröten vor bloßen Blicken, begann man auszuklügeln, wie man ihr unter dem Schein der Keuschheit den Glauben nehmen könnte: hätte man erst die Hauptsache weggenommen, würde man auch das übrige wegnehmen können. Entweder, so heischen sie, die Jungfrau muß opfern, oder sie wird als Prostituierte einem öffentlichen Hause überwiesen. Wie muß die Gottesverehrung von Leuten beschaffen sein, die also verfahren? Oder wie das Leben derer, die also richten?

Da nun sprach die Jungfrau zu sich selbst, nicht als ob sie in ihrer religiösen Überzeugung irre wurde, sondern aus Besorgnis für ihre Keuschheit: Was tun? Ich stehe heute vor der Wahl: entweder Märtyrin oder Jungfrau! Eine der beiden Kronen auf unserem Haupte will man uns nicht gönnen. Doch wo der Urheber der Jungfräulichkeit verleugnet wird, kann selbst dem Namen nach von einer Jungfrau nicht die Rede sein. Wie denn Jungfrau, wenn man eine buhlerische Gottheit verehrt? Wie Jungfrau, wenn man ehebrecherische liebt? Wie Jungfrau wenn man nach deren Liebe begehrt? Lieber noch die Jungfräulichkeit des Geistes denn des Fleisches. Beides ist, geht es an, ein Gut; geht es nicht an, mögen wir wenigstens, wenn nicht vor den Mensehen, so doch vor Gott als keusch gelten. Auch Rachab war eine Buhlerin, fand aber, nachdem sie Gott geglaubt hatte, HeilJos. 2, 1 ff; 6, 22 ff. . Auch Judith schmückte sich, um einem Wüstling zu gefallenJud. 10, 3. ; doch da sie dies um Gottes willen, nicht aus sinnlicher Liebe tatEbd. 4. , hielt sie niemand für eine Ehebrecherin. Das Beispiel fügte sich trefflich. Denn wenn jene, welche sich um Gottes willen preisgab, sowohl ihre Reinheit wie ihr Vaterland rettete, werden vielleicht auch wir mit der Wahrung der Religion auch die Keuschheit wahren. Hätte Judith die Unversehrtheit höher stellen wollen als die Religion, würde sie mit dem Verluste des Vaterlandes auch die Unversehrtheit eingebüßt haben.

Durch solche Beispiele nun belehrt und zugleich im Geiste die Worte des Herrn festhaltend, worin er beteuerte: „Wer immer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden“, fing sie zu weinen an und schwieg, daß kein Wüstling auch nur einen Laut von ihr vernähme. Nicht die Entehrung der Jungfräulichkeit wählte sie, sondern die Entehrung Christi wies sie ab. Urteilt selbst: war die imstande, den Leib zu schänden, die nicht einmal ein schändliches Wort über ihre Lippen brachte?

Schon längst errötet mein Wort und sträubt sich gleichsam, an den schandbaren Verlauf der folgenden Geschehnisse heranzutreten und ihn aufzuzeigen. Schließt das Ohr, Jungfrauen! Man führt das gottgeweihte Mädchen ins Haus der Schande. Doch nein, öffnet das Ohr, Jungfrauen! Christi Jungfrau kann wohl preisgegeben, kann aber nicht entehrt werden. Wo immer eine gottgeweihte Jungfrau ist, da ist Gottes Tempel. Die Stätten des Lasters nehmen der Keuschheit nicht den guten Ruf, vielmehr die Keuschheit der Stätte den schlechten Ruf.

Eine ungeheure Menge von Lüstlingen strömt zusammen ins Hurenhaus, Merket euch, heilige Jungfrauen, die Wunder der Märtyrer, merket euch nicht die Namen jener Stätten! Die Taube schließt man drinnen ein, die Habichte kreisen draußen; sie hadern sich, wer zuerst über die Beute herfallen soll. Jene indes erhebt ihre Hände zum Himmel, als wäre sie in ein Bethaus gekommen, nicht in ein Haus der Lust. Christus, so fleht sie, der Du dem jungfräulichen Daniel die wilden Löwen gebändigt hastDan. 6, 16 ff. , Du kannst auch den wilden Sinn der Menschen bändigen. Den chaldäischen Jünglingen taute das Feuer KühlungEbd. 3, 24. 50. . Den Juden staute sich die Flut kraft Deines Erbarmens, nicht kraft ihrer NaturExod. 14, 21 f. . Susanna beugte schon das Knie zum Todesstreich und triumphierte über die EhebrecherDan. c. 13. . Die Rechte verdorrte, die an Deines Tempels Weihegaben sich vergriff3 Kön. 13, 4 f. . Jetzt legt man an Deinen Tempel selbst Hand an. Dulde seine frevle Schändung nicht, der Du seine Beraubung nicht geduldet! Auch jetzt werde Dein Name gepriesen, daß ich als Jungfrau von hinnen gehe, die ich zur Entehrung gekommen bin.

Kaum hatte sie das Gebet geendet, sieh, da stürzte ein Mann, dem Aussehen nach ein Krieger, herein. Entsetzt wich die Menge vor ihm zurück. Wie entsetzte sich erst die Jungfrau vor ihm! Doch diese vergaß nicht, was sie gelesen. Auch Daniel, sagte sie sich, war gekommen, um Augenzeuge der Hinrichtung Susannas zu sein; und er allein befreite sie, während das Volk sie verurteilte. Auch in dieser Wolfsgestalt kann ein Schäflein sich bergen. Auch Christus hat seine Streiter, selbst Legionen hat er. Oder vielleicht auch trat ein Scherge ein. Fürchte nicht, Seele! Ein solcher pflegt Märtyrer zu machen. — O Jungfrau, dein Glaube hat dir geholfen!.

„Fürchte dich nicht, Schwester,“ beschwichtigte sie der Krieger. „Als Bruder bin ich hierher gekommen, dein Leben zu retten, nicht zu nehmen. Hilf mir zum Heil, daß auch du heil hinwegkommst! Anscheinend ein Lüstling, kam ich herein, als Märtyrer werde ich. so du willst, weggehen. Laßt uns die Kleider vertauschen! Mir geziemen die deinigen, dir die meinigen, doch beide Christo. Dein Gewand wird mich zum wahren Streiter machen, das meinige dich zur Jungfrau. Für dich mag die Bekleidung gut sein, für mich besser die Entkleidung, daß der Verfolger mich erkenne. So nimm das Gewand: es berge das Weib! Reiche [das deinige]: es weihe den Märtyrer ein! Wirf den Mantel um: er verheimliche den jungfräulichen Leib und bewahre dessen Unversehrtheit! Nimm den Helm: er bedecke das Haar, verberge das Gesicht! Es pflegen sich Lüstlinge zu schämen, wenn sie ein öffentliches Haus betreten haben. Freilich, wenn du entkommen, schau nicht zurück, der Frau des Lot gedenkend, die ihre Natur einbüßte. weil sie, wenn auch keuschen Auges, auf die unkeuschen [Bewohner Sodomas und Gomorrhas] zurückblickte. Fürchte auch nicht, es möchte deinem Opfer Eintrag geschehen! Ich biete für dich Gott ein Schlachtopfer dar, du für mich Christo eine Streiterin: da hast du den guten Kampf der Keuschheit, der für unvergänglichen Sold die Waffe schwingt; den Panzer der Gerechtigkeit, daß er mit geistiger Wehr den Leib umschließe; den Schild des Glaubens, um damit Verwundung abzuschlagen; den Helm des Heils, weil da, wo Christus, die Schutzwehr unseres Heils ist; „denn des Weibes Haupt ist der Mann“, das der Jungfrau Christus.“

Während dieser Worte nun zog er den Mantel aus. Noch ließ jedoch sein Gebahren sowohl den Schergen wie den Lüstling vermuten. Die Jungfrau bietet den Nacken, der Krieger den Mantel dar. Welches Schauspiel war das, welch herrlicher Anblick, als sie an der Stätte des Lasters um die Palme des Martyriums stritten! Man stelle sich die Personen gegenüber: einen Krieger und eine Jungfrau, von Natur einander so unähnlich, doch durch Gottes Erbarmen ähnlich! Es sollte sich der Ausspruch erfüllen: „Dann werden Wölfe und Lämmer mitsammen weiden“. Doch sieh, Lamm und Wolf weiden nicht bloß, sondern opfern sich auch mitsammen! Wozu noch mehr? Nach Vertauschung des Kleides entrinnt das Mädchen dem Fallstrick, nicht mehr wie von eigenen, nein, wie von geistigen Fittichen getragen, und verläßt, was keine Jahrhunderte je geschaut, als Jungfrau, freilich als Christi Jungfrau, die Stätte der Lust.

Jene aber, die mit Augen sahen und nicht sahen, schnaubten wie Raubtiere nach dem Lamme, oder aber wie Wölfe nach der Beute. Einer von ihnen, ein besonders Unverschämter, trat ein. Doch sobald er mit den Augen die Sachlage überschaut hatte, rief er aus: „Was bedeutet das? Ein Mädchen ist eingetreten, ein Mann steht vor meinem Auge. Sieh, es ist keine Fabel: eine Hirschkuh statt der Jungfrau, in Wirklichkeit jedoch: ein Krieger aus einer Jungfrau! Doch auch das hatte ich vernommen, aber nicht geglaubt, daß Christus Wasser in Wein verwandelte: jetzt beginnt er auch die Geschlechter zu verwandeln. Laßt uns von hinnen eilen, solange wir noch sind, was wir gewesen! Bin ich selbst schon verwandelt, weil ich anderes sehe als ich glaube? Zum Hause der Lust kam ich, ich schaue einen Bürgen: und dennoch will ich umgewandelt fortgehen, will als Liebhaber der Keuschheit abziehen, der ich als Schandbube gekommen bin.“

Mit einem „schuldig“ wurde der Krieger, weil einem so herrlichen Sieger die Krone gebührte, statt der Jungfrau verurteilt, nachdem er auch statt der Jungfrau ergriffen ward. So gingen aus dem Hause der Schande nicht bloß eine Jungfrau, sondern auch Märtyrer hervor. Es heißt, das Mädchen habe sich an der Richtstätte eingefunden, zwischen beiden habe sich ein Wettstreit um den Tod entsponnen. Er machte geltend: „Mich traf der Todesbefehl, dich gab das Urteil in dem Augenblick, da es mich band, frei.“ Sie hingegen hub mit lauter Stimme zu versetzen an: „Nicht zum Bürgen, um für mich zu sterben, habe ich dich erkoren, sondern zum Behüter der Unschuld dich erlesen. Steht die Unschuld in Frage, hat’s beim Geschlecht sein Bewenden; wird das Blut gefordert, verlange ich mir keinen Bürgen, da kann ich selbst die Verbindlichkeit einlösen. Gegen mich ward dieses Urteil gefällt, das gegen meinen Stellvertreter gefällt wurde. Fürwahr, hätte ich dich in einer Geldforderung zum Bürgen bestellt, und hätte der Richter, weil ich nicht erschienen, dein Vermögen dem Gläubiger zugesprochen, du würdest der gleichen Ansicht sein wie ich: ich müßte deine Verbindlichkeiten mit meinem Vermögen begleichen. Würde ich es verweigern, wer würde mich nicht eines entwürdigenden Todes für würdig erachten? Ein wie unvergleichlich höheres Interesse steht bei diesem Kapital [Haupt]1 in Frage! Ich will unschuldig sterben, um nicht schuldig sterben zu müssen. Ein drittes gibt es hier nicht: entweder werde ich mich heute deines Blutes schuldig machen oder selbst Blutzeuge werden. Wenn ich schnell wiederkehrte: wer darf es wagen, mich zurückzuweisen ? Hätte ich gezaudert: wer dürfte es wagen, mich freizusprechen? Um so mehr verfiele ich dem Gesetze, wenn ich nicht bloß der eigenen Flucht, sondern auch fremden Blutes mich schuldig machte. Dem Tode mag der Leib sich darbieten, der sich der Schande nicht darbot. Für Todeswunde ist Raum gegeben an der Jungfrau, der für Schändung nicht gegeben war. Der Schmach bin ich aus dem Weg gegangen, nicht dem Martyrium. Das Kleid trat ich dir ab, nicht das Bekenntnis wechselte ich. Nimmst du mir den Tod vorweg, hast du mich nicht befreit, sondern betrogen. Hüte dich doch zu widerstreiten! Hüte dich verwegen zu widersprechen! Reiß die Wohltat nicht an dich, die du mir erwiesen! Während du mir dieses Straf urteil vereitelst, gibst du mich dem früheren anheim: das Urteil wandelt sich in das frühere: bindet mich das letzte nicht, bindet mich das erste. Wir können beide dem Urteile Genüge tun, wenn du mich zuerst in den Tod gehen läßt. Für dich verbleibt ihnen keine andere Strafe zu vollziehen: bei einer Jungfrau läuft die Keuschheit Gefahr. Ehrenvoller wirst du sonach dastehen, wenn du aus einer Prostituierten eine Märtyrin machst, als wenn du eine Märtyrin von neuem zu einer Prostituierten machst.“

Welchen Ausgang nun erwartet ihr? Beide stritten und beide siegten. Nicht geteilt wurde die Krone, sondern verdoppelt. So erwiesen sich die heiligen Märtyrer beiderseits eine Wohltat: die eine machte den Anfang im Martyrium, der andere den Schluß.

V. Kapitel. Größeres Lob als den Pythagoreern Damon und Pythias gebührt der antiochenischen Märtyr-Jungfrau und deren Befreier [34—35]. Die Ohnmacht der Götzen gegen frevle Entehrung durch Menschenhand und -wort [36— 37]; die Macht des strafenden und erbarmenden Gottes gegenüber dem ruchlosen, bezw. reuigen Sünder [38].

Doch auch die Philosophenschulen erheben die Pythagoreer Damon und Pythias zum Himmel. Der eine von ihnen erbat sich, da er zum Tode verurteilt war, eine Frist zur Ordnung seiner Angelegenheiten. Der Tyrann aber verlangte, daß er einen Bürgen stelle, der statt seiner, falls er mit der Rückkehr zögerte, dem Tode geweiht würde. Er rechnete nämlich in seiner Verschlagenheit darauf, daß sich keiner finden ließe. Was von beiden nun bewunderungswürdiger ist, weiß ich nicht; beides verdient Bewunderung: der eine fand den Bürgen, der andere bot sich hierzu an. Da nun der Verurteilte den Zeitpunkt für die Hinrichtung versäumte, wahrte der Bürge ruhige Miene sträubte sich nicht gegen den Tod. Als man ihn abführte, kam der Freund zurück, bot sein Haupt dar, hielt seinen Nacken hin. Da ergriff Staunen den Tyrannen, daß den Philosophen die Freundschaft über das Leben ging. Er bat, daß er selbst von ihnen, die er verurteilt hatte, in den Freundschaftsbund aufgenommen werde: so überwältigend sei ihrer Tugend Schönheit, daß sie selbst einen Tyrannen bezwinge.

Die Begebenheit bleibt rühmenswert, doch hinter der unserigen zurück. Denn dort waren beide Männer, hier eines der beiden eine Jungfrau, die zuvor auch noch über das Geschlecht den Sieg erringen mußte. Jene waren Freunde, diese sich unbekannt. Jene boten sich nur einem Wüterich dar, diese Wüterichen in großer Zahl, und noch dazu grausameren, insofern ersterer Schonung übte, letztere Mord verübten. Bei jenem gehorchte einer dem Zwange, bei diesen handelten beide freiwillig. Auch insofern zeigten sich letztere an Weisheit überlegen, als für jene das Ziel des Strebens holde Freundschaft, für sie die Märtyrkrone war: der ersteren Wettstreit galt Menschen, ihr Wettkampf Gott.

Und weil wir einmal jener Begebenheit Erwähnung getan, mag billig beigefügt werden, was [jener Tyrann] von seinen Göttern hielt. Ihr mögt deren Ohnmacht um so tiefer einschätzen, wenn ihre eigenen Anhänger sie verhöhnen. Als er nämlich einmal in den Tempel des Jupiter gekommen war, gab er den Befehl von dessen Bild den goldenen Mantel, mit dem es bekleidet war, abzunehmen und ihm einen wollener zuhängen, weil ein goldener, wie er bemerkte, im Winter kalt, im Sommer schwer sei. So höhnisch dachte er von seinem Gott, daß er glaubte, er könne weder Last noch Kälte ertragen. Ebenso befahl er, als er einmal des goldenen Bartes des Äskulap gewahr wurde, denselben zu beseitigen, indem er sich auf das Unschickliche ausredete, wenn der Sohn einen Bart trage, der Vater [Apollo] nicht. Desgleichen nahm er den Götzen die goldenen Opferschalen weg, die sie hielten, und bemerkte dazu, er müsse doch das entgegennehmen, was die Götter ihm darreichten; denn das wünschen sich die Leute, daß sie von den Göttern Gutes empfangen. Nichts besser aber denn Gold. Ist es jedoch schlecht, dürfen es Götter nicht besitzen; ist es gut, sollen es lieber Menschen haben, die es zu nutzen verstehen.

Solchem Hohn waren die Götter preisgegeben, daß weder Jupiter sein Gewand noch Äskulap seinen Bart zu schützen vermochte, Apollo noch nicht einmal das Zeichen der Männlichkeit tragen durfte und alle sogenannten Götter die Schalen, die sie hielten, zu behalten außerstande waren. Es war freilich weniger Furcht vor frevlem Diebstahl denn Fühllosigkeit ihrerseits. Wer aber wollte solche Wesen verehren, die sich weder als Gottheiten wehren noch wie Menschen verbergen können?

Als hingegen im Tempel unseres Gottes der verruchte König Roboam die Weihegeschenke, die sein Vater niedergelegt hatte, wegnahm und über dem heiligen Altare den Götzen opferte, verdorrte da nicht seine Rechte, die er ausstreckte? Und waren ihm nicht die Götzen, die er anrief, zu nichts nutze? Da bat er, zum Herrn gewendet, um Vergebung, und sogleich ward seine Hand, die auf den Gottesraub hin verdorrt war, kraft der Gottesverehrung geheilt.

VI. Kapitel. Das Bild der Jungfräulichkeit bei Ambrosius nach dem Leben der Jungfrauen selbst gezeichnet. Die jungfräuliche Seele als Braut Christi in den Farben des Hohen Liedes dargestellt. Christi Brautwerbung, der Jungfrau bräutliche Vereinigung mit Christus.

Dieses kleine Geschenk wollte ich euch, heilige Jungfrauen, machen, ein Priester mit nicht drei Jahren, zwar ohne eigene Erfahrung und Kenntnis, doch wohlunterrichtet durch euren Sittenwandel. Welche Erfahrung hätte auch in der kurzen Zeit seit meiner Aufnahme in die [christliche] Religion heranreifen können? Seht ihr dennoch hier einige Blumen, so nehmt sie, ein Sträußchen, vom verborgenen Grund eures Lebens aufgelesen! Nicht Vorschriften für Jungfrauen sind es, sondern nur Beispiele von Jungfrauen. Das Bild eures eigenen Tugendlebens zeichnete meine Rede; den Widerschein eures würdigen Wandels seht ihr aus meinen Worten wie aus einem Spiegel aufleuchten. Habt ihr meiner Geistesfrucht einige duftige Anmut eingehaucht, ist der Wohlgeruch, den die Schrift atmet, euer Verdienst. Doch soviel Menschen, soviel Meinungen. Soweit darum meine Darstellung Abgeklärtes enthält, mögen alle es lesen; soweit Reifes, reifere Leser es prüfen; soweit Ehrbares, mag es ins Herz sich prägen, die Wangen röten; soweit eine blühende Sprache, das blühende Alter es nicht mißbilligen.

Wir mußten die Liebe der Braut entfachen; denn es steht geschrieben: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben!“ Wir mußten bei der Vermählung zum mindesten die Rede gleichsam mit künstlich gekräuselten Haaren zieren; denn es steht geschrieben: „Klatsche mit der Hand und strample mit dem Fuß!“ Wir mußten das ewige Brautgemach mit Rosen bestreuen. Auch bei einer zeitlichen Hochzeitsfeier hier auf Erden huldigt man erst der Braut, statt herrisch ihr zu begegnen, daß nicht der schroffe gebieterische Ton sie abstoße, bevor noch die Liebe, durch Kosungen genährt, im Herzen Wurzeln schlage.

Auch der Rosse Kraft „lernt die klatschende Hand lieben, die den Nacken koste“, daß sie sich nicht wider das Joch bäumt: eher fügt sie sich schließlich dem schmeichelnden Wort als dem bändigenden Schlag. Hat sie aber den Nacken einmal dem Joche gebeugt, bändigt sie der Zügel, spornt sie der Stachel, reißt das Gespann sie mit, feuert das Nebenpferd sie an. So bedurfte es auch bei unserer Jungfrau erst der spielenden zärtlichen Liebe; noch an der Schwelle der bräutlichen Verbindung stehend, sollte sie erst die goldene Pracht des himmlischen Brautlagers anstaunen, die Pfosten mit Laubgewinde bekränzt sehen und innen die Freudenklänge des rauschenden Chores vernehmen, daß sie nicht eingeschüchtert des Herrn Joch verschmähe, bevor sie noch seiner Einladung folgte und ihm sich neigte.

„Komm denn hierher vom Libanon, komm hierher vom Libanonl Du wirst herüber-, glücklich herübergelangen“. Wieder und wieder nämlich müssen wir dieses Verses Klänge ertönen lassen, daß sie wenigstens dem Rufe der Herrnworte Folge leiste, wenn sie Menschenwort nicht glaubt. Diese Lehre ist nicht von uns ersonnen, sondern uns überkommen, So lautet die Unterweisung des geheimnisvollen [Hohen] Liedes: „Er reiche mir einen Kuß von den Küssen seines Mundes! Denn Deine Brüste gehen über Wein und der Duft Deiner Salben über alle Gewürze. Ein ausgegossenes Salböl ist Dein Name“. Dieser ganze wonnige Text tönt Spiel und Scherz, entfesselt rauschende Freude, entfacht Liebe. „Darum“, so heißt es, „gewannen Dich die Mägdlein lieb und zogen Dich an sich: Hinter dem Duft Deiner Salben laßt uns einherlaufen! Der König führte mich in sein Zelt“. Mit Zärtlichkeiten machte er den Anfang, um so zum Gezelt zu gelangen.

Sie hingegen, an so harte Arbeit und strenge Tugendübung gewöhnt, daß sie mit der Hand die verschlossenen Tore öffnet, ins Freie hinauszieht, in den Kastellen dauernd Aufenthalt nimmt, läuft doch anfänglich noch „hinter dem Duft des Salböls einher“. Doch kaum gelangt sie ins Zelt, bewirken die Kastelle eine Umwandlung des Salböls: da sie dort anlangt, sieh, da ruft sie schließlich aus: „Ist er eine Mauer, laßt uns Türme von Silber darüber aufbauen!“ Sie, die mit Zärtlichkeiten tändelte, führt bereits Türme auf. Hinter den kostbaren, hochragenden Turmzinnen der Heiligen gedeckt, vermag sie nicht bloß feindliche Überfälle abzuschlagen, sondern auch die sichere Schutzwehr der guten Werke herzustellen.

I. Kapitel. Die Ansprache des Papstes Liberius gelegentlich der Profeßfeier der hl. Marcellina zu Rom, I. dogmatischer Teil.

Nachdem wir unseren Lehrstoff in den beiden vorausgehenden Büchern erörtert haben, erlaubt es die Zeit, heilige Schwester, auf jene Unterweisungen des Liberius seligen Andenkens zurückzukommen, die du so gern mit mir besprichst. Je heiliger der Mann, um so willkommener seine Rede. Als du nämlich am Geburtsfeste des Heilandes — an welchem Tag wäre es auch besser gewesen als am Tag, da die Jungfrau das [Gottes-] Kind erhielt? — am Grabe des Apostels Petrus in Gegenwart mehrerer anderer gottgeweihter Mädchen, die in gegenseitigem Wetteifer das Gemeinschaftsleben mit dir teilen wollten, das Gelöbnis der Jungfräulichkeit ablegtest und zum Zeichen hierfür selbst das Kleid gewechselt hattest, da sprach derselbe: Nach einer guten Vermählung ging, o Tochter, dein Verlangen. Siehst du, wie zahlreich das Volk zum Geburtsfeste deines Bräutigams sich eingefunden hat? Wie niemand ungespeist hinweggeht? Er ist’s, der zur Hochzeit geladen, Wasser in Wein wandelte. Er wird auch dir das reine Geheimnis des jungfräulichen Lebens mitteilen, nachdem du zuvor den nichtigen Dingen der sichtbaren Natur hingegeben warst. Er ist’s, der mit fünf Broten und zwei Fischen vier Tausende des Volkes in der Wüste gespeist hat. Noch mehr hätte er zu speisen vermocht, wenn es damals schon mehr zu speisen gegeben hätte. So hat er denn auch zu deiner Vermählung eine größere Anzahl gerufen: doch nicht mehr Gerstenbrot, sondern ein himmlischer Leib gelangt zur Austeilung.

Seiner menschlichen Natur nach zwar als Mensch am heutigen Tage aus der Jungfrau geboren, ward er doch vor aller Welt aus dem Vater erzeugt. Wie mit der Leiblichkeit auf die Mutter, so sollte er mit der Kraft auf den Vater weisen: der Eingeborene auf Erden, der Eingeborene im Himmel, Gott von Gott, Kind aus der Jungfrau, Gerechtigkeit vom Vater, Kraft vom Mächtigen, Licht vom Licht, nicht ungleich dem Erzeuger, nicht verschieden davon an Macht, nicht in der Weise als innerlich hervortretendes oder äußerlich geoffenbartes Wort eins mit ihm, daß er mit dem Vater ein und derselbe wäre, daß er vielmehr kraft der Zeugung vom Vater unterschieden ist. Er nun ist dein Bruder, ohne welchen nichts von dem besteht, was im Himmel und im Meere und auf dem Festlande ist: das gütige Wort des Vaters, welches, wie es heißt, „im Anfang war“. Da hast du seine Ewigkeit. „Und es war“, heißt es weiter, „beim Vater“. Da hast du seine vom Vater nicht unterschiedliche und unteilbare Macht. ,,Und Gott war das Wort“. Da hast du seine ungezeugte Gottheit. Aus den kurzen Sätzen nämlich magst du deinen Glauben schöpfen.

Ihn liebe, Tochter! Denn er ist gut. „Niemand ist ja gut als der eine Gott“. Wenn nämlich zweifelsohne der Sohn Gott, Gott aber gut ist, dann ist doch zweifelsohne der Sohn „der gute Gott“. Ihn, sage ich, liebe! Er ist’s, den der Vater vor dem Morgenstern gezeugt hat als den Ewigen; aus dem Schoße gezeugt hat als den Sohn; aus dem Herzen strömen ließ als das Wort. Er ist’s, an dem der Vater sein Wohlgefallen hat. Er ist des Vaters Arm, weil Schöpfer des Alls; des Vaters Weisheit, weil aus Gottes Mund hervorgegangen; des Vaters Kraft, weil der Gottheit Fülle leibhaftig in ihm wohnt. Ihn liebt der Vater in einer Weise, daß er ihn im Schöße trägt, zur Rechten setzt, auf daß du die Weisheit erkennen, die Kraft ersehen möchtest.

Wenn nun Christus die Kraft Gottes ist, war etwa Gott einmal ohne die Kraft? War etwa der Vater einmal ohne den Sohn? Wenn der Vater fürwahr ewig ist, ist doch auch der Sohn ewig. Des vollkommenen Vaters vollkommener Sohn ist er demnach. Wer nämlich die Kraft herabsetzt, setzt den herab, dessen Kraft sie ist. Eine Ungleichheit verträgt sich nicht mit Gottes Vollkommenheit. So liebe also den, welchen der Vater liebt! Ehre den, welchen der Vater ehrt! Denn „wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht“. Und „wer den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht“. Soviel, was den Glauben betrifft.

II. Kapitel. Die Ansprache des Papstes Liberius, II. paränetischer Teil: Mahnung zur Mäßigkeit. Sie ist der Zügel jener fleischlichen Begierden, welche in der heidnischen Mythologie ihre Orgien feiern. Warnung vor erhitzenden Speisen.

Doch zuweilen erregt, auch wenn der Glaube verlässig ist, die Jugend Besorgnis. So trink denn wenig Wein, um nicht die Schwachheit des Leibes zu steigern, um nicht die Genußsucht zu reizen! Denn beide entflammen ihn gleicherweise, Wein und Jugend. Auch dem zarten Alter soll Fasten Zügel anlegen und Mäßigkeit im Essen die unbändigen Begierden wie mit Fesseln zähmen. Die Vernunft banne sie, die Hoffnung besänftige sie, die Furcht binde sie! Denn wer die Begierden nicht zu beherrschen weiß, der wird von ihnen wie von unbändigen Rossen fortgerissen, fortgezerrt, zertreten, zerrissen, zerstampft.

Einst soll dies einem Jüngling [Hippolytus] wegen seiner Liebe zu Diana begegnet sein. Dichterische Lügen freilich malen die Sage so aus, daß Neptun aus Kränkung über die Bevorzugung des Nebenbuhlers Rosse zur Wut aufgestachelt haben soll. Es wird das als Zeichen seiner großen Macht gerühmt, daß er den Jüngling nicht mit Gewalt besiegte, sondern mit Trug überlistete. Man veranstaltet darum auch alljährlich ein Opfer zu Ehren der Diana: man schlachtet an ihrem Altar ein Pferd. Die Jungfräuliche nennt man sie, die es über sich brachte — selbst Dirnen pflegen sich dessen zu schämen •— einen Nichtliebhaber zu lieben. Doch mögen sie ihre Fabel von mir aus für bedeutungsvoll halten. Beide waren gewiß lasterhaft; doch weniger will es bedeuten, wenn ein Jüngling in Liebe zu einer Buhlerin so heftig entbrannte, daß er darüber zugrunde ging, als wenn zwei Götter, wie sie selbst zugeben, im Ehebruch wetteiferten. Zeus habe die Kränkung seines Schandkindes am Arzte des ehebrecherischen Buhlen gerächt, weil er dessen Wunden heilte. Derselbe hatte nämlich die Diana in den Hainen geschändet, die treffliche Jägerin nicht fürwahr auf Tiere, sondern auf Lüste — doch auch auf Tiere, um ihnen nackt nachzujagen.

Mögen sie denn dem Neptun die Gewalt zur Wuterregung beilegen, um so das Verbrechen blutschänderischer Liebe zu erklären! Mögen sie der Diana die Herrschaft im Reiche der Haine beilegen, die sie bewohnte, um den Ehebruch zu erklären, den sie beging! Mögen sie dem Äskulap die Wiedererweckung eines Toten beilegen: wenn sie nur gestehen, daß er selbst, vom Blitze getroffen, dem Tode nicht entging! Mögen sie desgleichen dem Jupiter den Blitz beilegen, den er nicht hatte, um auch seine Schandtaten zu bezeugen, die er hatte. Doch laßt uns vom Fabelhaften zum vorliegenden Gegenstand zurückkehren!

Auch von allen Speisen, welche die Glieder erhitzen, sollte man, wie ich glaube, nur spärlich genießen. Fleisch zieht selbst Adler im Fluge von der Höhe nieder. Auch in euch regt sich innerlich jener Adler, von dem wir gelesen: „Erneuen soll sich wie ein Adler deine Jugend!“ Auf dem Fittich der Jungfräulichkeit raschen Fluges zur Höhe strebend, soll er kein Verlangen nach übermäßigem Fleischgenuß kennen. Festgelage sollen vermieden, Tanzbelustigungen geflohen werden.

III. Kapitel. Die Ansprache des Papstes Liberius, II. Teil [Forts.]: Einer Jungfrau geziemt nicht häufigerer Empfang von Besuchen, sondern züchtige Zurückgezogenheit und Schweigsamkeit, namentlich in der Kirche. Selbst Heiden und unvernünftige Tiere üben solches Schweigen.

Selbst Besuche, falls etwa Verwandten oder Kameradinnen eine Aufwartung zu machen ist, wünsche ich bei jüngeren Personen nicht zu häufig. Mit diesen Verbindlichkeiten geht nämlich die Schamhaftigkeit darauf; unter der Höflichkeit, die man heuchelt. schillert keckes Wesen, mischt Lachen sich darein, verliert sich die Bescheidenheit. Auf Fragen keine Antwort geben, wäre Kinderei, Antwort geben Plauderei. Lieber zu wenig Worte als zuviel bei einer Jungfrau. Wird nämlich schon von den Frauen verlangt, daß sie in der Kirche sogar in Sachen des Göttlichen schweigen und zu Hause ihre Männer darüber fragen sollen, welche Behutsamkeit haben wir erst bei Jungfrauen anzunehmen, deren Jugend schönster Schmuck die Schamhaftigkeit ist, deren Schamhaftigkeit die Schweigsamkeit empfiehlt?

Oder ist vielleicht das Beispiel der Schamhaftigkeit so bedeutungslos, daß Rebekka, als sie auf dem Gang zur Vermählung des Bräutigams gewahr wurde, einen Schleier faßte, daß sein Blick nicht vor der Vermählung sie träfe? Fürwahr nicht für ihre Schönheit war die herrliche Jungfrau besorgt, sondern für ihre Züchtigkeit. Was tat Rachel? Wie weinte und seufzte sie ob des Kusses, der ihr abgenötigt wurde! Und sie würde nicht zu weinen aufgehört haben, hätte sie nicht erfahren, daß es ein Nächstverwandter gewesen ist. So wahrte sie einerseits die pflichtschuldige Schamhaftigkeit und ließ es andrerseits nicht an Pietätsgefühl fehlen. Wenn schon dem Manne eingeschärft wird: „Hefte deine Augen nicht auf eine Jungfrau, daß sie dir nicht zum Falle werde!“, was muß erst einer gottgeweihten Jungfrau eingeschärft werden, die, wenn sie liebt, eine Herzenssünde, wenn sie sich lieben läßt, auch eine Tatsünde begeht?

Etwas gar Großes ist es um die Tugend der Schweigsamkeit, zumal in der Kirche. Kein Satz der göttlichen Schriftlesungen wird dir entgehen, wenn du das Ohr offen, den Mund geschlossen hältst. Kein Wort laß dem Mund entschlüpfen, das du zurücknehmen möchtest, sondern traue wenig der Zunge! Viele Sünde liegt ja in der VielredereiSprichw. 10, 19. . Dem Menschenmörder ward gesagt: „Du hast gesündigt, halt dich still!“Gen. 4, 7 [LXX It.]. , auf daß er nicht weiter sündigte; der Jungfrau hingegen muß gesagt werden: Halt dich still, daß du nicht sündigest! Maria bewahrte, wie wir lesen, alles, was vom Sohne gesprochen ward, in ihrem HerzenLuk. 2, 19. 51. : auch du unterbrich nicht mit Schwätzen eine Lesung, welche die Wiederkunft Christi in der Zukunft verkündet oder seine bereits erfolgte Ankunft dartut, sondern leihe ihr das geistige Ohr! Oder gäbe es etwas Unziemlicheres, als wenn die göttlichen Aussprüche im lauten Lärm ringsum untergehen, so daß sie weder Gehör noch Glauben noch inneres Verständnis finden? Als wenn die Geheimnisse von wirren Reden rings übertönt werden, so daß die im Interesse des allgemeinen Heils unternommene Ansprache hierdurch gestört wird?

Sogar die Heiden bezeugen mit Schweigen ihren Götzen Ehrfurcht. So erzählt man sich denn folgendes Beispiel: Während der Mazedonierkönig Alexander ein Opfer darbrachte, fing ein Diener barbarischer Herkunft, der ihm das Licht anzündete, am Arme Feuer. Trotz der Brandwunden am Leibe aber blieb er unbeweglich, verriet mit keinem Wehlaut den Schmerz und offenbarte mit keiner stillen Träne die Pein. So groß war im barbarischen Diener die Zucht und Scheu, daß sie den Sieg über die Natur davontrugen. Und doch fürchtete er nicht die Götter, die es nicht gab, sondern nur den König. Was hätte er denn auch Wesen fürchten sollen, die, falls das gleiche Feuer sie erfaßt hätte, Feuer gefangen hätten?

Wie unvergleichlich besser noch war es, daß einem Jüngling [Clitiphus] bei einem Gastmahle des Vaters verboten wurde, durch freches Gebahren unzüchtige Neigungen zu verraten! Auch du, gottgeweihte Jungfrau, enthalte dich bei der Feier des Geheimnisses des Seufzens, Räusperns, Hustens und Lachens! Was jener beim Mahle fertig bringt, willst du bei der Feier des Geheimnisses nicht fertig bringen? Erst offenbare sich die Jungfräulichkeit im Siegel der Zunge: Schamhaftigkeit schließe den Mund, Frömmigkeit wehre der Schwäche, Gewöhnung stähle die Natur! Ihr gesetztes Wesen soll mir in erster Linie die Jungfrau anzeigen: züchtig im Auftreten, gemessen im Schritt, ehrbar im Blick! Und die Kennzeichen der Tugend sollen ihr als die Herolde ihrer Unversehrtheit vorausgehen! Eine Jungfrau, nach deren Stand man erst fragen muß, wenn man sie sieht, ist nicht genügend bewährt.

Nach einer geläufigen Sage hat ein Priester Fröschen, die mit ihrem vielen Quaken dem Volke beim Gottesdienst die Ohren betäubten, geboten zu schweigen und vor der heiligen Gebetshandlung Ehrfurcht zu wahren. Da sei auf der Stelle der Lärm ringsum verstummt. So schweigen denn die Sümpfe: Menschen wollen nicht schweigen? Selbst das unvernünftige Tier anerkennt durch sein ehrerbietiges Verhalten, was es kraft der Natur nicht erkennt: der Menschen Unehrerbietigkeit will so groß sein, daß man vielfach dem religiösen Bedürfnis des Geistes nicht soviel Rechnung trägt wie einem Ohrenschmaus?

IV. Kapitel. Marcellina überbietet noch das Ideal eines jungfräulichen Tugendlebens. Ihr übermäßig strenges Fasten. Mit Rücksicht auf ihr Alter und ihre Gesundheit sollte sie letzteres mäßigen. Von der Pflicht häufigen Gebetes bei Tag  und Nacht  und der Ablegung des Symbolums.

Dies die Ansprache des Liberius heiligen Andenkens an dich: Ideale, welche bei anderen die Wirklichkeit übersteigen, bei dir hinter dem vorbildlichen Wandel zurückbleiben. So hast du nicht bloß jede sittliche Anforderung kraft deiner Tugend voll eingelöst, sondern kraft deines Eifers noch überboten. Das Fasten gehört zu unseren Geboten, aber nur an einzelnen Tagen: du aber vervielfältigst die Tage und Nächte und bringst ungezählte Stunden ohne Speise zu. Und wenn man dich einmal bittet, doch Speise zu dir zu nehmen und die [Heilige] Schrift für einige Augenblicke aus der Hand zu legen, bist du mit der Antwort gleich fertig: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jeglichem Worte Gottes“. Bei den Mahlzeiten selbst pflegst du unschmackhafte Speisen zu wählen, damit der Widerwille beim Essen das Verlangen nach Fasten wecke: den Trunk vom Bronnen, Tränen beim Gebete, den Schlaf über dem Buche.

Das mochte in jüngeren Jahren angezeigt sein, solange der Geist zur Altersreife sich entwickelte: doch wenn einmal die Jungfrau den Leib bezwungen und den Sieg über ihn davongetragen hat, soll sie das Mühen mäßigen, damit sie dem etwas jüngeren Alter als Lehrmeisterin erhalten bleibt. Rasch bricht der altersschwache Weinstock unter der Last der üppig treibenden Schößlinge zusammen, wenn er nicht einmal zurückgeschnitten wird. Solange er heranwächst, mag er üppig sprossen; ist er aber erstarkt, soll er zugeschnitten werden, daß er nicht in die Schößlinge schieße oder, von allzu schwerer Frucht beladen, absterbe. Ein tüchtiger Gärtner schirmt den besten Weinstock mit wärmender Erde, schützt ihn vor Kälte und gibt obacht, daß ihn die Mittagssonne nicht versenge. Auch das Ackerland bearbeitet er zu wiederholten Malen, bezw. wechselt, wenn er es nicht brach liegen läßt, mit dem Samen, damit der Boden auf Grund des Saatwechsels sich erhole. Auch du, Jungfrau im ehrwürdigen Alter, bebaue das Gelände deines Herzens doch wenigstens mit abwechselnden Samenarten, jetzt mit mäßigen Speisen, dann wieder mit nicht allzu häufigem Fasten, mit Lesung, Arbeit und Gebet! Die Abwechslung im Mühen mag die Ruhepause ersetzen.

Nicht jeder Acker bringt Getreidefrucht hervor: hier erheben sich Weinberge vom Hügelgelände, dort magst du purpurfarbige Oliven, dort duftige Rosen schauen. Oft auch läßt selbst der starke Landmann den Pflug liegen und ritzt mit dem Finger den Boden, um Blumenpflänzchen darin einzusenken und drückt mit den rauhen Händen, mit denen er die ungebärdigen jungen Stiere im Weinberg bändigt, sanft das Euter der Schafe. Je ergiebiger die Frucht, um so besser fürwahr der Acker. So folge denn auch du dem Beispiel des tüchtigen Landmanns und pflüge nicht mit andauerndem Fasten wie mit tief eingelassener Pflugschar dein Erdreich. Es blühe in deinen Gärten auch die Rose der Schamhaftigkeit, die Lilie des Geistes, und dein Veilchenbeet trinke den erfrischenden Quell des heiligen Blutes! Ein Sprichwort lautet so: Was du lange tun willst, das tu mitunter nicht! Das Vierzigtägige Fasten verlangt freilich ein Mehr, doch so, daß nichts aus Scheinheiligkeit, sondern in religiöser Absicht geschieht.

Auch eifriges Gebet soll uns Gott empfehlen; denn wenn schon der Prophet, der von den notwendigen Regierungsgeschäften in Anspruch genommen war, versichert: „Siebenmal des Tages sang ich Dir Lob“, wie müssen dann wir es halten, die wir lesen: „Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung geratet“? Ja, feierliche Gebete mit Danksagung sind darzubringen, so oft wir vom Schlafe aufstehen, so oft wir ausgehen, so oft wir uns anschicken, die Mahlzeit einzunehmen, so oft wir sie eingenommen, sodann ,,zur Stunde des Rauchwerkes“, endlich so oft wir zur Ruhe gehen.

Selbst noch im Bette magst du, so wünsche ich es, oftmals Psalmengebet mit dem Gebete des Herrn wechseln, sei es wenn du aufwachst, sei es bevor noch der Schlaf den Körper erquickt: frei von der Sorge um weltliche Dinge, in die Betrachtung des Göttlichen versunken, soll dich der Schlaf beim Eintritt der Ruhe überkommen. So ließ auch jener Weise, der zuerst der Philosophie ihren Namen gab, täglich, bevor er zu Bette ging, einen Flötenspieler sanftere Weisen spielen, um die vor weltlichen Sorgen bangen Herzen [auch der Jünger] zu beruhigen. Doch umsonst trachtete er gleich einem, der ein Brustbad nimmt, Weltliches mit Weltlichem abzuwaschen; denn nur noch mehr beschmutzte er sich damit, daß er das Mittel hierfür in sinnlicher Lust suchte. Wir aber wollen den Unrat irdischer Leidenschaften abwaschen und das Innere des Geistes von aller Befleckung des Fleisches reinigen. Insbesonders sollen wir auch das Glaubensbekenntnis, gleichsam das Siegel unseres Herzens, tätlich in den frühen Morgenstunden ablegen, zu ihm auch dann, wenn uns vor etwas bangt, die Zuflucht nehmen. Wann träfe man denn einen Soldaten im Zeltlager, einen Krieger in der Schlacht ohne den Fahneneid?

V. Kapitel. Notwendigkeit der Bußtränen. „Bett“ in Psalm 6, 7 entweder wörtlich oder bildlich vom Leibe, „Schmerzenshett“ in Psalm 40, 4 vom Schmerzensleibe des Herrn zu verstehen, der sich zum leidensunfähigen Auferstehungsleib wandelte. Bußtrauer in der Welt, Herzensfreude in Gott: nur die religiöse Freude geziemt der gottgeweihten Jungfrau.

Wer wollte nicht einsehen, daß jener Ausspruch des heiligen Propheten zu unserer Belehrung getan wurde: „Allnächtlich will ich mein Bett waschen, mit meinen Tränen mein Lager netzen“. Will man nämlich „Bett“ im Literalsinn verstehen, so zeigt er, es müsse eine solche Tränenfülle fließen, daß von den Zähren des Flehenden das Bett gewaschen, das Lager genetzt werde. Tränen im Diesseits bedeuten Lohn in der Zukunft; denn „selig, die ihr jetzt weint; ihr gerade werdet lachen“. Oder aber wir können jenen prophetischen Ausspruch vom Leibe verstehen: dann laßt uns die Vergehungen des Fleisches mit Tränen abwaschen! Salomo fertigte sich ein Lager aus Holz vom Libanon; dessen Säulen waren von Silber, dessen Lehne von Gold, dessen Polster eine mit Edelsteinen besetzte Decke Was anders ist dieses Lager als das Bild unseres Leibes? In den Edelsteinen offenbart sich der Widerschein des Luftglanzes, im Golde das Feuer, im Silber das Wasser, im Holze die Erde. Aus diesen vier Elementen aber besteht der menschliche Leib, worin unsere Seele ruht, wenn sie nicht ruhelos auf rauher Bergeshöhe oder auf dürrem Grunde irrt, sondern über die Sünde erhaben, auf Holz gebettet, der Ruhe genießt. Daher denn auch Davids Gebet: „Der Herr bringe ihm Hilfe auf seinem Schmerzensbette!“ Wer sonst könnte denn das Schmerzensbett sein, nachdem doch unmöglich jemand Schmerz empfindet, der keine Empfindung hat? Einen Leib des Schmerzes aber gibt es, wie einen Leib des Todes: „Ich unglücklicher Mensch, wer wird mich befreien vom Leibe dieses Todes!“

Wir haben einen Schriftvers angeführt, worin des Leibes des Herrn Erwähnung geschieht. Damit nun nicht jemand irre wird, wenn er liest, der Herr habe einen Schmerzensleib angenommen, mag er sich erinnern, wie er des Lazarus Tod schmerzlich beweinte, wie er im Leidenstode verwundet wurde, wie Blut und Wasser aus seiner Wunde floß und wie er den Geist aushauchte: das Wasser zur Taufe, das Blut zum Trank, der Geist zur Auferstehung. Denn der eine Christus ist uns Hoffnung, Glaube und Liebe: unsere Hoffnung in der Auferstehung, unser Glaube in der Taufe, unsere Liebe im Sakramente.

Doch gleichwie er einen Schmerzensleib angenommen, so hat er auch „das Lager im Leiden gewendet“, d. i. zum Segen für den menschlichen Leib gewandelt; denn die Schwäche wurde im Leiden, der Tod in der Auferstehung getilgt, Und doch sollt ihr in Bußtrauer und frohem Gnadenglück in Sachen der Welt trauern, im Herrn euch freuen, mag immerhin der Völkerlehrer durch sein Heilsgebot die Notwendigkeit einschärfen „mit den Weinenden zu weinen und mit den Fröhlichen sich zu freuen“.

Doch wer völlig sich klar werden will über die Lösung der ganzen heiklen Frage, nehme seine Zuflucht zum nämlichen Apostel, der mahnt: „Alles, was immer ihr tut in Wort oder in Werk, [tut] im Namen unseres Herrn Jesus Christus, indem ihr Gott dem Vater durch ihn danksagt!“ Alle unsere Worte und Werke wollen wir sonach auf Christus beziehen, der aus dem Tode Leben weckte und aus Finsternis Licht schuf. Ein kranker Leib wird bald durch warme Umschläge erwärmt, bald durch kalte abgekühlt. Und die Abwechslung in den Mitteln ist, wenn sie nach der Weisung des Arztes erfolgt, von heilsamer Wirkung; wenn sie eigenmächtig gegen seine Weisung angewendet wird, mehrt sie das Siechtum. So ist auch alles, was durch unseren Arzt Christus verordnet wird, Heil, was eigenmächtig gebraucht wird, Unheil.

Die Freude soll sonach dem guten Gewissen entquellen, nicht durch ausgelassene Schmausereien, nicht durch Hochzeitsklänge erregt sein; denn wo zuletzt der Tanz zu Vergnügen sich gesellt, da ist die Schamhaftigkeit ohne Schutz, die Lust verdächtig. Ich wünsche, daß gottgeweihte Jungfrauen von Tanz sich fernhalten; denn schon nach dem Ausspruch eines weltlichen Lehrers tanzt kein nüchterner Mensch, er sei denn von Sinnen. Wenn also schon nach der Weltweisheit entweder Trunkenheit oder Wahnsinn die Urheber des Tanzes sind, welche Warnung liegt unseres Erachtens erst in den Beispielen der Heiligen Schrift! Ist doch Johannes, der Vorbote Christi, der auf den Wunsch einer Tänzerin ermordet wurde, ein Beispiel dafür, wie der Reiz des Tanzes noch mehr Unheil anstiftete als die Sinnlosigkeit frevlen Wütens.

Weil man nun eines solchen Mannes nicht im Vorbeigehen gedenken soll, so ist es von Interesse, wer der Getötete war, und von wem und warum, wie und zu welcher Zeit er getötet wurde. Von Ehebrechern wird der Gerechte getötet und von den Schuldigen die Strafe auf den Richter ihres todeswürdigen Verbrechens abgewälzt. Der Lohn der Tänzerin sodann ist der Tod des Propheten. Während des Festmahles und inmitten der Gäste endlich wird der Befehl zur Vollführung der Grausamkeit erteilt, ein Vorgehen, das selbst alle Barbaren zu verabscheuen pflegen; und vom Gelage zum Kerker und vom Kerker zum Gelage lenkt eilige Willfährigkeit im Dienste fluchwürdiger Schandtat den Schritt. Wie viele Verbrechen häufen sich da in der einen Freveltatl

Mit fürstlichem Luxus wird das verhängnisvolle Mahl veranstaltet. Der Zeitpunkt, da eine ungewöhnlich große Festschar sich eingefunden hatte, ward ausersehen: da ruft man der Königin Tochter aus den verborgenen inneren Gemächern und führt sie vor, um vor den Augen der Männer zu tanzen. Was anders hätte sie auch von einer Ehebrecherin lernen können als Verletzung der Schamhaftigkeit? Oder was reizte mehr zur Lüsternheit als die durch lose Bewegungen veranlaßte Entblößung jener dem Auge entzogenen Körperteile, welche teils die Natur verbarg, teils die gute Sitte verhüllte? Als neckisches Liebäugeln, Halsdrehen und fliegendes Haar? Mit Recht ist von da zur Beleidigung Gottes nur ein Schritt. Wie könnte es denn dort, wo getanzt, gestrampelt, geklatscht wird, eine Ehrbarkeit geben?

Da gefiel es, heißt es, dem König, und er sagte zum Mädchen, es solle vom König verlangen, waj es wolle. Er versicherte ferner unter einem Schwur, er werde ihm selbst die Hälfte des Reiches geben, wenn es sie fordern würde. Sieh, wie irdische Machthaber selbst ihren irdischen Besitz einschätzen! Für einen Tanz gibt man selbst Königreiche hin. Das Mädchen aber begehrte auf Anraten seiner Mutter, daß ihm in einer Schüssel das Haupt des Johannes gebracht werde. „Da ward“, heißt es, „der König traurig“. Nicht eine Reuegesinnung des Königs, sondern ein Schuldgeständnis spricht daraus; denn es ist eine gewohnte Begleiterscheinung des göttlichen Gerichtes, daß die, so Böses getan, durch ihr eigenes Geständnis selbst ihr Urteil über sich sprechen. „Aber wegen der Tischgenossen“, heißt es weiter. Was kann es Schmachvolleres geben, als einen Menschenmord befehlen, um Tischgenossen nicht zu mißfallen? „Und wegen des Eides“. O welche neue Art der Gottes Verehrung! Lieber noch hätte er einen Meineid geschworen. Nicht mit Unrecht verbietet deshalb der Herr im Evangelium das Schwören, daß es keinen Anlaß zu Meineid gebe, daß es keine Zwangslage zu Verbrechen schaffe. Um also den Eid nicht zu verletzen, erfolgt die Hinrichtung des Unschuldigen. Ich weiß nicht, wovor ich mich am meisten entsetzen soll. Lieber noch Meineide als Tyranneneide!

Wer hätte nicht, da er ein Gelaufe vom Festmahl zum Kerker sah, vermutet, es sei die Freilassung des Propheten angeordnet worden? Wer hätte nicht, sage ich, an eine Abordnung zur Entlassung des Johannes geglaubt, nachdem er vernommen, es sei der Namenstag des Herodes, ein festliches Gelage, einem Mädchen sei die Wahl anheimgegeben worden, eine Gnade sich auszubitten? Was hat Grausamkeit mit Genuß und Freude, was Lustbarkeit mit Mord und Tod zu tun? Zur Zeit des Festmahles zerrt man den Propheten zur Hinrichtung, kraft eines auf dem Festmahle erteilten Befehles, durch den er sich nicht einmal die Freilassung wünschte. Er wird durch das Schwert enthauptet, sein Haupt in der Schüssel herbeigebracht. Dieses Mahl stimmte zur Grausamkeit; daran mochte die entmenschte, durch Speisen ungesättigte Gier sich sättigen.

Schau dir, grausamer König, das Schauspiel genau an, würdig deines Mahles! Strecke deine Rechte aus, daß nichts deiner Raserei fehle:, laß zwischen deinen Fingern das heilige Blut in Strömen rinnen! Und weil dein Hunger beim Mahle sich nicht sättigen, der Durst deiner unerhörten Grausamkeit mit Bechern sich nicht stillen ließ, so trink das Blut, das den noch frisch quellenden Adern des abgeschlagenen Hauptes entströmt! Betrachte die Augen, noch im Tode die Zeugen deiner frevlen Tat, die mit Abscheu von dem Anblick deiner ausschweifenden Lüste sich abwenden! Ihr Licht schließt sich, nicht sowohl von der Gewalt des Todes dazu gezwungen, als vielmehr aus Entsetzen vor dem wüsten Treiben. Jener blasse, goldene Mund, dessen Urteil du nicht ertragen konntest, ist zwar verstummt: und noch bangt dir davor; doch die Zunge, die selbst nach dem Tode wie im Leben, wenn auch nur in Zuckungen, ihre Pflicht erfüllt, verurteilte noch fort und fort deine Blutschande. Dieses Haupt nun trägt man vor Herodias: sie freut sich, sie jubelt, als wäre sie ihres Verbrechens los, weil sie den Richter ermordet.

Was sagt ihr dazu, heilige Frauen? Seht ihr, was ihr eure Töchter lehren, oder auch was ihr sie nicht lehren sollt? Sie tanzt — doch es ist der Ehebrecherin Tochter! Eine ehrbare, eine keusche Mutter aber soll ihre Töchter Gottesfurcht, nicht Tanz lehren. Ihr aber, ernste und vernünftige Männer, lernet die Gelage verabscheuungswürdiger Menschen meiden! Sind die Gastmähler der Gottlosen solcher Art, welcher Art wird ihr Gericht sein?

VII. Kapitel. Die Frage, ob eine Jungfrau im Notfall zur Rettung ihrer Unversehrtheit sich selbst dem Tode weihen darf, entscheidet das Beispiel der hl. Pelagia und ihrer Mutter und Schwestern im bejahenden Sinn. Die Jungfräulichkeit bei Marcellina ein Familienerbe. Das Martyrium ihrer Ahnfrau, der hl. Sotheris.

Schon wollte ich die Segel schwellen, um rasch mit der Rede zum Schluß zu eilen: da legst du mir, heilige Schwester, mit Recht noch die Frage nahe, was vom Verdienste derer zu halten ist, die sich, um nicht den Verfolgern in die Hände zu geraten, von der Höhe herabgestürzt oder ins Wasser geworfen haben, nachdem doch die göttliche Schrift einer Christin verbietet, sich Gewalt anzutun. Bezüglich der Jungfrauen, die eingeschlossen in einer Notlage sich befinden, ist nun zwar die Frage bereits im bejahenden Sinne gelöst, da ein vorbildliches Martyrium vorliegt.

Es lebte einst bei Antiochien die heilige Pelagia, ungefähr fünfzehn Jahre alt, die Schwester von Jungfrauen und selbst Jungfrau. Diese schloß sich zuerst als das Zeichen zur Verfolgung gegeben war, zu Hause ein. Als sie sich rings von den Nachstellern ihres Glaubens oder auch ihrer Reinheit umlagert sah, fern von Mutter und Schwestern, des Schutzes bar, doch um so mehr Gottes voll, sprach sie: „Was tun, Opfer der Jungfräulichkeit, als dich vorsehen? Es verlangt dich einerseits zu sterben, es bangt dir andrerseits davor, weil hier der Tod nicht entgegenzunehmen, sondern herbeizuführen ist. Laßt uns sterben, wenn es angeht, ja laßt uns sterben, selbst wenn man es nicht angehen lassen will! Gott wird durch das Rettungsmittel nicht beleidigt, und die Tat befreit den Glauben von drückender Not. Fürwahr, wenn wir die Bedeutung des Begriffes „freie Willenskraft“ bedenken, so liegt die größere Kraft im Sterbenwollen und nicht im Sterbenkönnen. Wir brauchen auch keine Schwierigkeit besorgen. Gibt es denn jemand, der sterben will und es nicht kann? Führen doch so viele Wege jäh zum Tod. Stürze ich mich jetzt da hinab, werde ich zum Sturz der götzendienerischen Altäre beitragen, mit meinem Blute das lodernde Opferfeuer darauf auslöschen. Ich erspare mir die Furcht, es möchte die Rechte versagen und den Todesstoß nicht führen, oder die Brust der schmerzlichen Wunde sich entziehen. Zu keiner Sünde will ich dem Fleische Gelegenheit lassen. Mir braucht auch nicht bangen, daß es an einem Schwerte gebricht. Wir können mit unseren eigenen Waffen den Tod herbeiführen, können ohne den Gnadenstoß des Henkers ihn herbeiführen, schon im Mutterschoß.“

Es heißt, sie habe dann ihr Haupt geziert und Brautschmuck angelegt, so daß man hätte meinen mögen, sie sei auf dem Weg nicht zum Tod, sondern zum Bräutigam. Sobald indes die verächtlichen Verfolger die keusche Beute sich entrissen sahen, fingen sie an, nach der Mutter und den Schwestern zu fahnden. Schon erreichten jedoch diese wie auf geistigen Schwingen der Keuschheit das freie Feld: da sahen sie sich plötzlich von der einen Seite durch die herannahenden Verfolger, von der anderen durch einen reißenden Fluß von der Flucht abgeschnitten, vielmehr eingeschlossen, um die Siegeskrone zu verdienen. „Was bangen“? sprechen sie, „sieh, da ist Wasser! Wer hindert uns, daß wir getauft werden?“1 Auch das ist eine Taufe, durch welche die Sünden vergeben, die Reiche [des Himmels] erworben werden. Auch das ist eine Taufe, nach welcher niemand mehr sündigt. Möge das Wasser uns aufnehmen, das die Wiedergeburt zu bewirken pflegt! Möge das Wasser uns aufnehmen, das Jungfrauen macht! Möge das Wasser uns aufnehmen, das den Himmel öffnet, die Wehrlosen deckt, den Tod birgt, Märtyrer schafft. Dich, o Gott, Schöpfer der Dinge, bitten wir, daß selbst die Flut unsere entseelten Leiber nicht trennen möge; daß der Tod die Leichen derer nicht scheide, deren Leben die Liebe nicht schied! Nein, die gleiche Standhaftigkeit, der gleiche Tod und auch das gleiche Grab einige uns!“

So sprachen sie und schürzten ihr Gewand etwas in die Höhe, um die Scham noch zu verdecken, den Gang nicht zu behindern, die Hände wie zum Reigen zu schmiegen. Nun schreiten sie in die Mitte des Strombettes vor: wo die Strömung am reißendsten, wo die Tiefe am jähsten, dahin lenken sie den Schritt. Keine zog den Fuß zurück, keine hielt den Gang inne, keine suchte festen Boden unter den Füßen: voll Bangen, wenn ein Boden sich fühlbar machte, voll Widerwillen gegen eine seichte Stelle, voll Freude über die Tiefe. Da hätte man die besorgte Mutter sehen sollen, wie sie mit krampfhafter Hand die Lieblinge umschlang und ihre Freude an ihnen hatte, wie sie nur den Fall befürchtete, es möchten ihr auch noch die Fluten die Töchter entführen. „Diese Opfer“, betete sie, „bringe ich Dir dar, Christus: Hüterinnen der Keuschheit, Führerinnen des Weges, Genossinnen des Leidens!“

Doch wer wollte sich mit Recht über ihre so große Standhaftigkeit im Leben wundern, nachdem sie selbst im Tode noch eine unerschütterliche Leibeshaltung einnahmen? Die Flut entblößte ihren Leichnam nicht, die reißende Strömung des Flusses trug ihn nicht fort. Ja, noch hielt die heilige Mutter, ob auch der Sinne beraubt, [die Kinder] dennoch in Liebe umfangen und löste das fromme Band, das sie geschlungen, selbst im Tode nicht. Wie sie der Gottesverehrung den schuldigen Tribut geleistet hatte, so sollte bei ihrem Tode auch der Mutterliebe ihr Erbe verbleiben: sie nahm [die Kinder], die sie zusammen zum Martyrium geführt hatte, noch im Tode an sich.

Doch was soll ich bei dir, Schwester, fremde Beispiele anziehen? Sprößling einer Familie, welche die Keuschheit als Erbgut hütet, Blutsverwandte einer Märtyrin [Sotheris], erhieltst du von daher die Unterweisung eingepflanzt. Woher hättest du sie denn gelernt, nachdem du keine Gelegenheit zum Lernen hattest: auf dem Lande lebend, ohne Beisein einer Jungfrau, ohne Unterricht durch einen Lehrer? Nicht also die Rolle einer Tugendschülerin, was ohne Unterricht undenkbar wäre, sondern einer Tugenderbin fiel dir zu.

Wie wäre es auch denkbar, daß die heilige Sotheris nicht auch deine geistige Mutter war, wie sie deine leibliche Ahnfrau ist? Es war zur Zeit der Verfolgung. Unter gemeinen Mißhandlungen ging sie den Weg hinauf zur Höhe des Martyriums. Selbst das Gesicht, das doch gewöhnlich, wenn der ganze Leib den Martern unterworfen ist, von Unbill verschont bleibt und die Qualen mehr schaut denn erduldet, bot sie dem Henker dar: so stark und ausdauernd, daß, als sie die zarten Wangen der Marter preisgab, eher der Henker des Schlagens müde wurde als die Märtyrin der Mißhandlung. Sie verzog keine Miene, wendete das Gesicht nicht ab. Kein Seufzer entrang sich der Brust, keine Träne dem Auge. Als sie schließlich alle Arten von Qualen siegreich bestanden hatte, fand sie, wie sie es verlangte, den Tod durch das Schwert.

 

 

euigen Verzeihung gewährt wurde.

 

 

 

 

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