Commonitorium

Von Vinzenz v. Lerin (vor 450)

Vorrede: Für Alter und Allgemeinheit des katholischen Glaubens wider die gottlosen Neuerungen aller Häretiker

Die Schrift sagt und mahnt: Frage deine Väter und sie werden dir sagen, deine Ältesten und sie werden dir verkünden; und wiederum: Den Worten der Weisen leihe dein Ohr; und wiederum: Mein Sohn, meine Reden vergiß nicht, meine Worte aber bewahre dein Herz. Darum glaube ich, der geringste aller Diener Gottes, Peregrinus, daß es mit Hilfe Gottes nicht geringen Nutzen bringen wird, wenn ich das, was ich zuverlässig von den heiligen Vätern empfangen habe, schriftlich zusammenfasse. Es ist das wenigstens für meine eigene Schwäche sehr notwendig, da dann etwas zur Hand ist, womit der Schwäche meines Gedächtnisses bei fleißigem Lesen abgeholfen werden kann. Zu einem solchen Unternehmen mahnt mich aber nicht bloß der Nutzen des Werkes, sondern auch der Hinblick auf die Zeit und die Gunst des Ortes; die Zeit, weil von ihr alles Menschliche fortgerissen wird und daher auch wir ihr unsererseits etwas entnehmen müssen, was zum ewigen Leben dienlich ist, zumal da die schreckliche Erwartung des nahen göttlichen Gerichtes eine Steigerung des religiösen Eifers verlangt und die Arglist neuer Irrlehrer viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit angezeigt sein läßt; der Ort aber, weil wir, der Volksmenge und dem Getriebe der Städte entwichen, ein abgelegenes Gütchen und auf demselben eine stille Klosterzelle bewohnen, wo ohne viel Zerstreuung das geschehen kann, was man im Psalm singt: Haltet ein und erkennet, daß ich der Herr bin. Aber auch unser Lebensplan paßt dazu. Längere Zeit wurden wir von mannigfachen Unglücksstürmen des Weltdienstes hin- und hergeschleudert, bis wir uns endlich in den Hafen der Religion, der für alle immer der sicherste ist, mit Hilfe Christi geborgen haben, um dort, nachdem sich die Blähungen der Eitelkeit und des Stolzes gelegt haben, durch das Opfer der Demut Gott zu versöhnen und so nicht nur den Schiffbrüchigen des gegenwärtigen Lebens, sondern auch dem Brande der zukünftigen Welt entrinnen zu können.

Und nun will ich im Namen des Herrn an meine Aufgabe gehen, nämlich das von den Vorfahren Überlieferte und bei uns Hinterlegte aufzeichnen, mehr mit der Gewissenhaftigkeit eines Berichterstatters als mit dem Ansprüche eines Verfassers, jedoch unter Beobachtung der schriftstellerischen Form, daß ich keineswegs alles, sondern nur das Notwendige bringe und auch das nicht in gezierten und abgewogenen Worten, sondern in leichter und gewöhnlicher Gesprächsform, derart, daß das meiste mehr angedeutet als ausgeführt erscheint. Mögen diejenigen glänzend und abgemessen schreiben, die im Vertrauen auf ihr Talent oder von Amts wegen an diese Aufgabe herantreten. Mir aber soll es genügen, wenn ich zur Unterstützung meines Gedächtnisses oder besser meiner Vergeßlichkeit wegen für mich selbst ein Merkbüchlein schaffe, das ich jedoch durch Überdenken dessen, was ich gelernt habe, täglich mehr und mehr, so wie der Herr es gibt, zu verbessern und zu ergänzen suchen werde. Und das habe ich deshalb vorbemerkt, damit, wenn es vielleicht uns abhanden und in die Hände der Heiligen kommt, sie nichts in demselben vorschnell tadeln, wovon sie sehen, daß es noch durch Verbesserung, die ja auch ich zugesagt habe, gefeilt werden muß.

Die Heilige Schrift muß nach der Überlieferung der katholischen Kirche erklärt werden.

Eifrig also und angelegentlichst habe ich oft durch Heiligkeit und Gelehrsamkeit hervorragende Männer, soviele ich ihrer antraf, gefragt, wie ich auf einem sicheren und sozusagen allen zugänglichen und geraden Wege die Wahrheit des katholischen Glaubens von der Falschheit der häretischen Verkehrtheit zu unterscheiden vermöge. Ich erhielt dann jedesmal fast von allen die Antwort: wenn ich oder jeder andere die Betrügereien erstehender Irrlehrer aufdecken, ihre Fall stricke vermeiden und im rechten Glauben rein und un versehrt verharren wolle, so müsse ich auf doppelte Weise mit der Gnade Gottes meinen Glauben schützen, zunächst nämlich mittels der Autorität des göttlichen Gesetzes, sodann durch die Überlieferung der katholischen Kirche.

Hier könnte jemand fragen: Warum muß sich mit der Norm der Schriften, da diese doch vollkommen ist und sich selbst zu allem überreichlich genügt, die Autorität der kirchlichen Einsicht verbinden? Deshalb, weil die Heilige Schrift wegen der ihr eigenen Tiefe nicht von allen in ein und demselben Sinne verstanden wird, ihre Aussprüche von den einzelnen verschieden erklärt werden und es deswegen den Anschein hat, es könnten fast so viele Meinungen aus ihr hergeleitet wer den, als es überhaupt Menschen gibt. Denn anders erklärt sie Novatian, anders Sabellius, anders Donatus, anders Arius, Eunomius und Macedonius, anders Photinus, Apollinaris und Priscillian, anders Jovinian, Pelagius und Cälestius, anders endlich Nestorius. Und darum ist es wegen der so vielen Winkelzüge mannigfaltigen Irrtums sehr notwendig, daß bei der Erklärung der prophetischen und apostolischen Schriften die Leine nach dem Maßstabe des kirchlichen und katholischen Sinnes gerichtet werde.

Desgleichen ist in der katholischen Kirche selbst entschieden dafür Sorge zu tragen, daß wir das festhalten, was überall, was immer und was von allen geglaubt wurde; denn das ist im wahren und eigentlichen Sinne katholisch. Darauf weist schon die Bedeutung und der Sinn des Wortes hin, das alles in der Gesamtheit umfaßt. Dies wird aber nur dann geschehen, wenn wir der Allgemeinheit, dem Altertum und der Einstimmigkeit folgen; der Allgemeinheit aber werden wir folgen, wenn wir den Glauben allein als den wahren bekennen, den die ge samte Kirche auf dem Erdkreise bekennt; dem Alter tum aber dann, wenn wir von den Anschauungen in kei ner Weise abgehen, denen anerkanntermaßen unsere heiligen Vorfahren und Väter allgemein gehuldigt haben; der Einstimmigkeit dann, wenn wir innerhalb des Altertums selbst uns den Entscheidungen und Aus sprüchen aller oder fast aller Priester und Lehrer anschließen.

Genauere Bestimmung der Glaubensregel.

Was wird also der katholische Christ tun, wenn sich irgendein kleiner Teil der Kirche von der all gemeinen Glaubensgemeinschaft absondert? Was anders als dem ansteckenden, kranken Gliede die Gesundheit des ganzen Leibes vorziehen? Wie nun, wenn eine neue Seuche schon nicht allein einen kleinen Teil, sondern die ganze Kirche zugleich zu verpesten sucht? Dann wird er in gleicher Weise besorgt sein, sich ans Altertum zu halten, das in keiner Weise mehr von irgendeiner trügerischen Neuerung verführt werden kann. Wenn nun aber auch im Altertum ein Irrtum zweier oder dreier Männer oder sogar einer ganzen Stadt oder Provinz angetroffen würde? Dann wird er vor allem darauf bedacht sein, der Vermessenheit oder der Unkenntnis weniger die Beschlüsse eines allgemeinen Konzils, wenn solche in alter Zeit von der Gesamtheit gefaßt wurden, vorzuziehen. Wie aber, wenn so etwas auftaucht in Dingen, über die sich kein derartiger Beschluß finden läßt? Dann wird er sich Mühe geben, die Aussprüche der Alten miteinander zu vergleichen, heranzuziehen und zu befragen, jedoch nur derjenigen, die, wenn auch zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten, doch in der Gemeinschaft und im Glauben der katholischen Kirche verharrten und so als maßgebende Lehrer sich bewährten; wenn er dann findet, daß nicht nur einer oder zwei, sondern alle zugleich und in demselben Sinne etwas klar, wiederholt und andauernd festgehalten, geschrieben und gelehrt haben, so soll er wissen, daß auch er dieses ohne alles Bedenken für wahr halten muß.

Erläuterung der Glaubensregel an der donatistischen Spaltung und an der arianischen Irrlehre.

Damit aber das Gesagte noch deutlicher werde, soll es im einzelnen an Beispielen erläutert und etwas weiter ausgeführt werden, damit nicht im Streben nach allzu großer Kürze aller Eindruck der Sache durch die Eilfertigkeit der Rede hinweggenommen werde.

Als zur Zeit des Donatus, von welchem die Donatisten herstammen, ein großer Teil Afrikas sich in den Aberwitz seines Irrtums hineinstürzte und uneingedenk des [christlichen] Namens, der Religion und des Bekenntnisses die gotteslästerische Verwegenheit eines Mannes der Kirche Christi vorzog, da konnten die, welche in Afrika mit Verabscheuung des ruchlosen Schismas sich an sämtliche Kirchen der Welt hielten, allein von allen jenen innerhalb des Heiligtums des katholischen Glaubens selig werden und hinterließen den Späteren ein fürwahr herrliches Vorbild, wie man nämlich in der Folgezeit nach gutem Brauche dem Wahne eines einzelnen oder doch nur weniger die gesunde Lehre aller vorziehen solle.

Und als das Gift der Arianer nicht mehr einen kleinen Teil, sondern fast den ganzen Erdkreis angesteckt hatte, derart, daß fast alle Bischöfe des lateinischen Sprachgebietes teils durch Gewalt, teils durch List irregeführt waren und solche Finsternis über die Geister kam, daß sie nicht wußten, woran sie sich bei einer solchen Verwirrung halten sollten, da blieb in gleicher Weise jeder walire Liebhaber und Verehrer Christi dadurch, daß er den alten Glauben dem neuen Irrglauben vorzog, von aller Pest dieser Ansteckung unbefleckt. In der Gefahr dieser Zeit zeigte es sich mehr als genug, wie viel Unheil durch die Einführung einer neuen Glaubenslehre herbeigeführt wird; damals nämlich wurden nicht nur kleine Dinge, sondern sogar die größten ins Wanken gebracht. Nicht nur nahe und entfernte Verwandtschaften, Freundschaften und Häuser, sondern auch Städte, Völker, Provinzen, Nationen und zuletzt das ganze römische Reich wurden damals von Grund auf erschüttert und aufgewühlt. Denn jene gottlose Neuerung der Arianer nahm wie eine Kriegs- oder Rachegöttin zunächst den Kaiser gefangen und unterwarf darauf auch sämtliche Spitzen des Palastes ihren neuen Satzungen; dann aber hörte sie keineswegs auf, alles durcheinander zu mengen und zu rühren, Privates und Öffentliches, alles Heilige und Gemeine, keinen Wert mehr auf das Gute und Wahre zu legen, sondern alle nach Belieben wie von oben herab zu zerschmettern. Damals wurden Gattinnen vergewaltigt, Witwen betrübt, Jungfrauen geschändet, Klöster zerstört, Kleriker beunruhigt, Leviten geschlagen, Priester in die Verbannung getrieben, mit Heiligen überfüllt die Zuchthäuser, Kerker und Bergwerke, von denen ein sehr großer Teil, aus den Städten ausgestoßen und verjagt, in Einöden und Höhlen, unter wilden Tieren und Felsen, durch Blöße, Hunger und Durst gequält und aufgerieben hinschmachtete. Und das alles aus keinem anderen Grunde, als weil statt des vom Himmel stammenden Glaubens menschlicher Aberglaube eingeführt wird, wobei das wohlbegründete Altertum durch frevelhafte Neuerung untergraben wird, die Einrichtungen der Früheren verdrängt, die Satzungen der Väter zerrissen, die Beschlüsse der Vorfahren umgestoßen werden, ruchlose und moderne Neuerungssucht sich nicht in den so keuschen Grenzen des geheiligten und unverdorbenen Altertums hält.

Auch der hl. Ambrosius mahnt zum Festhalten an den Vorschriften der Alten.

Aber vielleicht erdichten wir dies aus Haß gegen das Neue und aus Liebe zum Alten? Wer das meint, möge wenigstens dem hl. Ambrosius glauben, der in seinem zweiten Buche an den Kaiser Gratian die Bitterkeit der Zeit also beweint: Aber schon hinlänglich, sagt er, haben wir, allmächtiger Gott, durch unser Verderben und mit unserem Blute die Hinschlachtung der Bekenner, die Verbannung der Priester und das Unrecht einer so großen Gottlosigkeit gebüßt; hinreichend ist klar geworden, daß die, welche den Glauben verletzt haben, nicht sicher sein können. Sodann im dritten Buche desselben Werkes: Wir wollen, sagt er, also festhalten die Weisungen der Alten und die uns überkommenen Siegel nicht in roher Waghalsigkeit verletzen. Jenes versiegelte Buch wagten weder Älteste noch Mächte noch Engel noch Erzengel zu öffnen; Christo allein ist das Vorrecht, es zu entfalten, vorbehalten. Wer von uns sollte wagen, von dem priesterlichen Buche, das von den Bekennern und schon durch den Martertod vieler gesiegelt ist, die Siegel abzureißen? Die gezwungen wurden es zu entsiegeln, haben es doch später durch Verurteilung ihrer Verführung wiedergesiegelt; die es zu verletzen nicht wagten, wurden Bekenner und Märtyrer. Wie könnten wir deren Glauben verleugnen, deren Sieg wir preisen? Ja wir preisen ihn, o ehrwürdiger Ambrosius, loben und bewundern ihn. Denn wer ist so töricht, daß er, wenn er sie auch nicht erreichen kann, denen nicht zu folgen wünschen sollte, die von der Verteidigung des Glaubens der Vorfahren keine Gewalt abbrachte, keine Drohungen noch Schmeicheleien, nicht Leben noch Tod, nicht Palast noch Trabanten, nicht der Kaiser noch die Kaisermacht, nicht Menschen noch Teufel? Sie hielt wegen ihres Festhaltens am frommen Altertum der Herr solcher Auszeichnung für würdig, daß er durch sie die verfallenen Kirchen wiederherstellte, die geistig erstorbenen Völker wiederbelebte, die abgenommenen Kronen der Priester wiederaufsetzte, jene ruchlosen Schriften oder vielmehr Schmierereien der neuen Gottlosigkeit durch einen vom Himmel den Bischöfen gesandten Strom treuer Tränen vertilgte, endlich fast die ganze Welt, die durch den heftigen Sturm der plötzlich auftauchenden Irrlehre erschüttert war, vom neuen Unglauben zum alten Glauben, von der Torheit der Neuheit zur alten Gesundheit, von der Blindheit der Neuheit zum alten Lichte zurückführte.

Aber bei dieser sozusagen göttlichen Kraft der Bekenner müssen wir auch jenes besonders bedenken, daß damals von ihnen bei der Verteidigung des kirchlichen Altertums nicht irgendein Teil, sondern die Gesamtheit ins Auge gefaßt wurde. Denn es war nicht recht, daß so große und so heilige Männer die schwankenden und einander widersprechenden Meinungen eines oder zweier Menschen so eifrig verfochten oder für die verwegene Abmachung irgendeiner kleinen Provinz stritten; sie folgten vielmehr den Beschlüssen und Bestimmungen aller Priester der heiligen Kirche, der Erben der apostolischen und katholischen Wahrheit, und wollten lieber ihre eigene Person als den Glauben der Allgemeinheit des Altertums preisgeben. Daher gelangten sie auch verdienterweise zu solchem Ruhme, daß sie mit Fug und Recht nicht nur als Bekenner, sondern auch als die ersten der Bekenner angesehen werden.

Vorbildliches Verhalten des Papstes Stephan in der Angelegenheit der Ketzertaufe.

Herrlich also ist dieses Beispiel jener genannten Seligen; es ist wirklich göttlich und von allen wahren Katholiken in unermüdlicher Betrachtung zu beherzigen, da sie, nach Art des siebenarmigen Leuchters im siebenfachen Lichte des Heiligen Geistes strahlend, den Späteren das schönste Beispiel gaben, wie man in der Folge bei dem jedesmaligen Gefasel des Irrtums durch das Ansehen des geheiligten Altertums die Frechheit gottloser Neuerung zunichte machen soll. Das ist freilich nicht neu; denn immerdar herrschte in der Kirche der Brauch, daß jemand, je gottesfürchtiger er war, sich desto rascher den neuen Erfindungen widersetzte.

Von solchen Beispielen ist alles voll. Um Zeit zu sparen, wollen wir ein beliebiges Beispiel und dieses gerade vom Apostolischen Stuhle nehmen, damit alle sonnenklar sehen, mit welcher Kraft, mit welchem Eifer und mit welcher Anstrengung die seligen Nachfolger der seligen Apostel allezeit die Reinheit des einmal angenommenen Glaubens verteidigt haben. Vor langer Zeit also behauptete Bischof Agrippin von Karthago ehrwürdigen Angedenkens zuerst von allen Sterblichen entgegen der Hl. Schrift, entgegen der Lehre der Gesamtkirche, auch gegen die Ansicht aller Mitbischöfe und gegen den Brauch und die Verordnungen der Vorfahren die Notwendigkeit der Wiedertaufe. Diese falsche Meinung gab nicht nur allen Häretikern ein Beispiel der Glaubensverletzung, sondern auch einigen Katholiken Gelegenheit zum Irrtum. Als sich nun von allen Seiten gegen die Neuheit der Sache allgemeiner Widerspruch erhob und alle Priester allerorten je nach dem Maße ihres Eifers dagegen auftraten, da hat Papst Stephan seligen Andenkens, der Inhaber des Apostolischen Stuhles, zwar gemeinsam mit seinen übrigen Amtsgenossen, aber doch den anderen voran seine Stimme erhoben, da er es, wie ich glaube, für angemessen hielt, alle übrigen ebenso sehr an Hingabe für den Glauben zu übertreffen, als er sie an Ansehen seines bischöflichen Sitzes überragte. Er hat dann in dem Schreiben, das damals nach Afrika gesandt wurde, folgende Verordnung getroffen: Nichts Neues ist einzuführen gegenüber dem, was überliefert ist. Der heilige und kluge Mann erkannte nämlich, daß die Frömmigkeit nichts anderes gestatte, als daß alles mit derselben Treue den Kindern übermittelt werde, mit der wir es von den Vätern empfangen haben; daß ferner wir die Religion nicht dahin führen, wohin wir wollen, sondern ihr vielmehr zu folgen haben, wohin sie uns führt; daß es endlich das Eigentümliche der christlichen Bescheidenheit und Bedachtsamkeit ist, nicht das Eigene den Nachkommen zu überliefern, sondern das von den Vorfahren Empfangene zu bewahren. Was war nun damals der Ausgang der ganzen Angelegenheit? Kein anderer als der gewohnte und bekannte: man behielt das Alte und verwarf die Neuerung.

Aber vielleicht fehlte es damals der neuen Erfindung an Verteidigung? Im Gegenteil; solche Geisteskraft stand ihr zur Seite, solche Ströme von Beredsamkeit, eine so große Zahl von Verteidigern, solche Wahrscheinlichkeit und so gewichtige Aussprüche des göttlichen Gesetzes — die aber in völlig neuer und falscher Weise verstanden wurden —, daß jene ganze Verschwörung meines Erachtens nicht hätte vernichtet werden können, wenn nicht der Gegenstand eines so großen Unterfangens selbst, jenes neue Bekenntnis, das angenommen, verteidigt und gerühmt worden war, sie im Stiche gelassen hätte. Was war der Schluß, welche die Wirkungen des afrikanischen Konzils oder seines Beschlusses? Mit Hilfe Gottes keine, sondern alles wurde wie ein Phantasiegebilde, wie nutzlose Spielereibeseitigt, verworfen und niedergeschlagen.

Und o wunderbarer Wechsel der Dinge! Die Urheber der genannten Meinung werden für katholisch, ihre späteren Anhänger aber für häretisch erklärt; losgesprochen werden die Lehrer, die Schüler aber verurteilt; die Verfasser der Schriften werden Kinder des Reiches sein, ihre Verteidiger aber wird die Hölle aufnehmen. Denn wer wäre so töricht, daran zu zweifeln, daß jenes Licht aller heiligen Bischöfe und Märtyrer, der selige Cyprian, mit seinen übrigen Amtsgenossen in Ewigkeit bei Christus herrschen wird? Und wer wäre im Gegenteil so verrucht zu leugnen, daß die Donatisten und die übrigen Unglücksmenschen, die sich rühmen, auf die Autorität jenes Konzils hin wiederzutaufen, in Ewigkeit mit dem Teufel brennen werden?

Die Irrlehrer suchen dunklere Aussprüche älterer kirchlichen Lehrer in ihrem Sinne zu deuten. Schon der hl. Paulus warnt vor falschen Lehren.

Dieses Gericht scheint mir von oben herab ergangen zu sein besonders wegen der Arglist derjenigen, die unter fremdem Namen eine Häresie einzuführen trachten und darum gewöhnlich nach schwerverständlicheren Schriften irgendeines Alten greifen, die wegen ihrer Dunkelheit in gewissem Sinne zu ihrer Lehre passen, damit es nicht so aussehe, als ob sie zuerst oder allein jene ihre Behauptungen vorbrächten. Diese ihre Nichtswürdigkeit halte ich für doppelt abscheulich, weil sie einerseits sich nicht scheuen, das Gift ihrer Irrlehre auch anderen zu reichen, anderseits aber auch die Erinnerung an irgendeinen heiligen Mann wie bereits verglühte Asche mit ruchloser Hand wiederanfachen und das, was in Stillschweigen hätte begraben werden sollen, wiederauffrischen und unter die Leute bringen, wobei sie ganz in den Fußtapfen ihres Lehrmeisters Cham wandeln; denn dieser unterließ nicht nur, die Blöße des ehrwürdigen Noe zu bedecken, sondern machte auch anderen davon Mitteilung, damit sie ihn verspotteten. Dadurch zog er sich eine so große Schuld verletzter Kindespflicht zu, daß auch seine Nachkommen in den Fluch seiner Sünde verstrickt wurden, gänzlich ungleich jenen seinen tugendhaften Brüdern, welche die Blöße ihres ehrwürdigen Vaters weder mit eigenen Augen schänden noch anderen preisgeben wollten, vielmehr ihn, wie geschrieben steht, mit abgewandtem Gesichte zudeckten; das heißt: sie billigten weder den Fehler des heiligen Mannes noch zogen sie ihn ans Tageslicht, und darum wurden sie mit heiligem, auch auf ihre Nachkommen übergehenden Segen bedacht. Doch wir wollen zu unserem Gegenstande zurückkehren.

Mit ängstlicher Sorge müssen wir uns daher vor Glaubensänderung und Religionsentweihung hüten, von der uns nicht nur die Zucht der kirchlichen Verfassung, sondern auch die Strenge apostolischer Autorität abschreckt. Denn es ist allen bekannt, wie nachdrücklich, wie streng und wie kräftig der selige Apostel Paulus sich gegen einige wendet, die mit befremdlicher Leichtfertigkeit sich allzu bald hatten abbringen lassen von dem, der sie zur Gnade Christi berufen hatte, zu einem anderen Evangelium, obschon es doch kein anderes gibt, die sich nach ihren Gelüsten Lehrer ausgesucht hatten, von der Wahrheit die Ohren abwendend, zu Fabeln aber sich hinwendend; so zogen sie sich Verdammnis zu, weil sie die erste Treue gebrochen hatten. Sie waren von denen hintergangen worden, von welchen derselbe Apostel an die römischen Brüder schreibt: Ich bitte euch aber, Brüder, daß ihr im Auge behaltet die, welche Spaltungen und Anstöße wider die Lehre, die ihr gelernt habt, verursachen. Weichet ihnen aus; denn solche dienen nicht Christus dem Herrn, sondern ihrem Bauch und verführen durch süße Reden und Lobsprüche die Herzen der Arglosen. Sie drängten sich in die Häuser ein und nehmen schwache Weiber gefangen, die, mit Sünden beladen, von mancherlei Gelüsten getrieben werden, immer lernen, aber niemals zur Kenntnis der Wahrheit gelangen; Schwätzer und Verführer, die ganze Häuser verderben, indem sie lehren, was nicht recht ist, um schnöden Gewinnes willen; verdorbene Menschen, verworfen hinsichtlich des Glaubens, aufgeblasen und doch unwissend, kränkelnd an Streitfragen und Wortgezänk, die der Wahrheit bar sind und glauben, die Frömmigkeit sei ein Erwerbsmittel. Zugleich aber gewöhnen sie sich auch, müßig in den Häusern umherzugehen und nicht nur müßig, sondern auch geschwätzig und vorwitzig, redend, was sich nicht geziemt; ein gutes Gewissen preisgebend, haben sie im Glauben Schiffbruch gelitten; ihre eitlen Schwätzereien fördern gar sehr die Gottlosigkeit, und ihre Rede frißt wie Krebs um sich. Gut aber heißt es gleichfalls von ihnen: Aber weiter werden sie es nicht bringen; denn ihr Unverstand wird allen offenkundig sein, wie er es auch bei jenen war.

Erklärung von Gal. 1, 8—9.

Einige Leute derart zogen in den Provinzen und Städten herum und boten ihre Irrtümer käuflich an. Als sie nun auch zu den Galatern kamen, hörten diese auf sie, gaben, von einer Art Ekel an der Wahrheit befallen, das Manna der apostolischen und katholischen Lehre wieder von sich und fanden an dem Unflat der häretischen Neuerung ihre Lust. Da machte er1 aber die Stimme der apostolischen Vollgewalt in der Art geltend, daß er mit dem höchsten Nachdruck erklärte: Aber wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündigte als das, welches wir verkündigt haben, so sei er verflucht Warum sagt er: Aber wenn auch wir ? Warum nicht vielmehr: Aber wenn auch ich? Der Sinn ist: Wenn auch Petrus, wenn auch Andreas, wenn auch Johannes, wenn auch endlich der ganze Chor der Apostel euch ein anderes Evangelium verkündete als das, welches wir verkündet haben, so sei er verflucht! Fürchterliche Strenge, daß er, um zum Festhalten am ersten Glauben anzufeuern, weder sich noch die übrigen Apostel schonte! Aber das ist ihm noch zu wenig: wenn auch, sagt er, ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündet, als wir verkündet haben, so sei er verflucht! Es war ihm nicht genug, zum Schütze des einmal überlieferten Glaubens Wesen menschlicher Natur zu erwähnen, wenn er nicht auch die Hoheit der Engel miteinbegriff; er sagte: Wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel. Nicht als ob die heiligen und himmlischen Engel noch sündigen könnten, sondern das will er sagen: Wenn auch geschähe, was nicht geschehen kann; wer immer den einmal überlieferten Glauben zu ändern versucht, der sei verflucht!

Aber vielleicht hat er dieses nur so obenhin gesprochen und mehr in menschlichem Ungestüm ausgestoßen, als auf göttliche Weise erklärt. Das sei ferne; denn im folgenden erklärt er ganz dasselbe mit dem größten Nachdruck wiederholter Einschärfung: Wie wir vorhin gesagt haben, so sage ich jetzt wiederum: Wenn jemand euch ein anderes Evangelium verkündet als das, welches ihr empfangen habt, so sei er verflucht! Er sagte nicht: Wenn euch jemand etwas anderes verkündet als das, was ihr empfangen habt, so sei er gesegnet, werde gelobt und aufgenommen, sondern er sagte: der sei verflucht, d. h. abgesondert, abgetrennt und ausgeschlossen, damit nicht die unheilvolle Ansteckung eines Schafes die unverdorbene Herde Christi durch giftige Vermischung verderbe.

Niemals war es gestattet, den katholischen Christen etwas gegen die Überlieferung zu predigen.

Aber vielleicht wurde jenes nur den Galatern befohlen? Dann wäre auch das den Galatern allein befohlen worden, was im Verlaufe desselben Briefes erwähnt wird, nämlich: Wenn wir im Geiste leben, lasset uns auch im Geiste wandeln; werden wir nicht nach eitlem Ruhme begierig, indem wir einander herausfordern, einander beneiden1 usw. Wenn das unmöglich ist und diese Gebote allen gleichmäßig gegeben sind, so bleibt nur übrig, daß, wie diese Sittengebote, so auch jene Glaubensvorschriften alle in gleicher Weise angehen, und daß, wie es niemandem freisteht, andere herauszufordern und andere zu beneiden, es auch niemandem gestattet ist, etwas anderes anzunehmen, als was die katholische Kirche jederzeit als Evangelium verkündet. Oder wurde vielleicht damals befohlen, der solle verflucht sein, der etwas anderes predige, als was gepredigt worden war, und jetzt wird es nicht mehr befohlen? Dann wäre auch das, was er gleichfalls dort sagt: Ich sage aber: Wandelt im Geiste und vollbringt nicht das Gelüste des Fleisches! nur damals befohlen worden, und jetzt würde es nicht mehr befohlen. Wenn es nun gottlos und zugleich verderblich ist, so zu glauben, so folgt daraus, daß, wie das letztere zu allen Zeiten beobachtet werden muß, auch jenes, das in betreff der Unveränderlichkeit des Glaubens bestimmt wurde, für alle Zeiten geboten ist.

Also den katholischen Christen etwas zu predigen gegen das, was sie empfangen haben, war niemals gestattet, ist nirgendwo gestattet und wird nie gestattet sein; die aber zu verfluchen, die etwas anderes predigen, als einmal angenommen worden ist, war immer notwendig, ist überall notwendig und wird immer notwendig sein. Ist nun bei dieser Sachlage wohl jemand so verwegen, daß er etwas anderes predigt, als was in der Kirche gepredigt worden ist, oder so leichtsinnig, daß er etwas anderes annimmt, als was er von der Kirche empfangen hat? Er ruft und ruft wieder und ruft es allen und immerdar und überall in seinen Briefen zu, er, das auserwählte Gefäß, der Lehrer der Heiden, die Posaune der Apostel, der Herold der Erde, der Kenner des Himmels: wenn jemand eine neue Glaubenslehre verkünde, solle er verflucht sein. Und dagegen schreien einige Frösche, Bremsen und Eintagsfliegen, wie es die Pelagianer sind, und zwar sagen sie den Katholiken: Auf unsere Autorität hin, unter unserer Führung, nach unserer Auslegung verdammt, was ihr festhieltet, haltet fest, was ihr verdammtet, verwerfet den alten Glauben, die väterlichen Satzungen, den hinterlegten Schatz der Vorfahren, und nehmt an, nun was denn? Ich sage es mit Schaudern; denn es sind so hochmütige Zumutungen, daß nicht nur ihre Behauptung, sondern sogar ihre Zurückweisung ohne irgendeine Sünde nicht möglich scheint.

Warum läßt Gott es zu, daß manchmal sonst ausgezeichnete Männer in der Kirche neue Glaubenssätze aufstellen ?

Aber, wird einer sagen, warum denn läßt Gott so oft es zu, daß einzelne ausgezeichnete Personen, die innerhalb der Kirche stehen, den Katholiken neue Lehren verkünden? Eine berechtigte Frage, die wert ist, sorgfältiger und eingehender behandelt zu werden; jedoch soll ihr nicht nach eigener Einsicht, sondern nach der Autorität des göttlichen Gesetzes, nach dem Ausspruche des kirchlichen Lehramtes Genüge geschehen. Hören wir also den hl. Moses; er soll uns lehren, warum es gelehrten Männern und solchen, die wegen ihrer Gabe der Wissenschaft vom Apostel sogar Propheten genannt werden, manchmal gestattet wird, neue Lehrsätze vorzutragen. Solche Männer pflegt das Alte Testament in seiner allegorischen Redeweise sogar fremde Götter zu nennen; ihre Meinungen werden nämlich von den Häretikern geradeso verehrt, wie von den Heiden ihre Götter. Es schreibt also im Deuteronomium [13, 1—3] der selige Moses: Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht oder einer, der ein Traumbild gesehen zu haben behauptet, das heißt, ein in der Kirche aufgestellter Lehrer, der nach dem Glauben seiner Schüler oder Hörer infolge irgendeiner Offenbarung lehrt; was dann? Und wenn er, so heißt es weiter, ein Zeichen oder Wunder voraussagt und das eintritt, was er gesagt hat. Es wird hier fürwahr ein großer Lehrer, mag es sein, wer es will, von solcher Wissenschaft angedeutet, daß er seinen Anhängern nicht nur Menschliches, sondern sogar Übermenschliches vorauswissen zu können scheint, wie etwa von Valentin, Donatus, Photinus, Apollinaris und anderen dieser Art ihre Schüler rühmen. Und spräche er, heißt es dann, zu dir: Laßt uns hingehen und fremden Göttern folgen, die du nicht kennst, und ihnen dienen. Was sind die fremden Götter anders als fremde Irrtümer, die du nicht kanntest, das heißt, neue und nicht gehörte? Und laßt uns ihnen dienen, das heißt, ihnen glauben, ihnen folgen. Was ist der Schluß? Dann höre, heißt es, nicht auf die Worte jenes Propheten oder Träumers. Und warum, ich bitte dich, wird er von Gott nicht gehindert zu lehren, was von Gott anzuhören verboten wird? Weil, heißt es, der Herr euer Gott euch versucht, damit offenbar werde, ob ihr ihn liebt oder nicht aus ganzem Herzen und mit eurer ganzen Seele. Klarer als das Sonnenlicht ist der Grund dafür angegeben, daß bisweilen die göttliche Vorsehung es duldet, daß einige kirchliche Lehrer einzelne neue Glaubenslehren predigen: damit, heißt es, der Herr euer Gott euch versuche. Und in der Tat ist es eine große Versuchung, wenn derjenige, den du für einen Propheten, den du für einen Prophetenschüler, den du für einen Lehrer und Verkündiger der Wahrheit hältst, an welchem du mit größter Verehrung und Liebe gehangen hast, wenn dieser plötzlich insgeheim schädliche Irrtümer einführt, die du weder sogleich zu bemerken vermagst, da du noch von dem Vorurteil für den alten Lehrer dich leiten lassest, noch leicht zu verurteilen wagst, da du durch die Zuneigung zu dem ehemaligen Lehrer daran gehindert wirst.

Der angeführte Ausspruch des Moses wird auf die Irrlehren des Nestorius, Photinus und Apollinaris angewandt.

Hier könnte jemand verlangen, daß das, was mit den Worten des Moses behauptet wurde, durch Beispiele aus der Kirchengeschichte bewiesen werde. Um also mit dem Nächstliegenden und Bekannten anzufangen, welcher Art war wohl kürzlich die Versuchung, als jener unselige Nestorius, plötzlich aus einem Schaf in einen Wolf verwandelt, die Herde Christi zu zerreißen anfing, da ihn selbst diejenigen, die angefallen wurden, großenteils noch für ein Schaf hielten und daher seinen Bissen mehr bloßgestellt waren? Denn wer hätte geglaubt, daß der so leicht irren würde, von dem er sah, daß er nach dem erhabenen Urteile des Hofes erwählt und von den Priestern sehnlichst gewünscht worden war, der großer Liebe der Heiligen und der höchsten Gunst des Volkes sich erfreute, täglich vor allem Volke die Aussprüche Gottes behandelte und alle verderblichen Irrtümer der Juden und Heiden als nichtig erwies? Wie hätte denn auch der nicht einem jeden die Überzeugung beibringen sollen, er lehre Rechtes, predige und glaube Rechtes, der, um seiner einen Irrlehre den Zugang zu eröffnen, die Lästerungen aller Irrlehren bekämpfte? Aber hier bewahrheitete sich der Ausspruch des Moses: Der Herr euer Gott versucht euch, ob ihr ihn liebt oder nicht.

Damit scheiden wir schon von Nestorius, der allezeit mehr Bewunderung fand als Nutzen stiftete und mehr Namen als Bedeutung hatte, und den in der Volksmeinung mehr menschliche als göttliche Gunst groß gemacht hatte. Wir wollen lieber solche erwähnen, die, mit vielen Vorzügen und mit großer Tatkraft ausgerüstet, den Katholiken eine nicht geringe Versuchung wurden. So soll in Pannonien zur Zeit unserer Vorfahren Photinus die Kirche von Sirmium versucht haben, wo er unter großem Beifall aller auf den bischöflichen Stuhl erhoben worden war und eine Zeitlang als guter Katholik sein Amt verwaltet hatte, dann aber plötzlich, wie jener schlimme Prophet oder Träumer, von dem Moses spricht, der ihm anvertrauten Gemeinde Gottes einzureden begann, sie möchte fremden Göttern nachgehen, d. h. fremden Irrtümern, von denen sie vorher nichts gewußt hatte. Doch das ist häufig der Fall; das Verderbliche aber war, daß er zu solchem Frevel sich nicht geringer Hilfsmittel bediente. Denn er besaß große Geistesgaben, war gelehrt und mächtig in der Rede, wie er denn auch beide Sprachen in Wort und Schrift beherrschte; das ergibt sich aus seinen Büchern, die er teils in griechischer, teils in lateinischer Sprache verfaßte. Doch zum Glück waren die ihm anvertrauten Schafe Christi für den katholischen Glauben sehr wachsam und vorsichtig und besannen sich schnell auf die Aussprüche des im voraus warnenden Moses; mochten sie auch die Beredsamkeit ihres Propheten und Hirten bewundern, so waren sie doch über die Versuchung nicht im unklaren. Denn dem sie früher wie einem Widder in der Herde folgten, den begannen sie später wie einen Wolf zu fliehen.

Und nicht nur an dem Beispiele des Photinus, sondern auch an dem des Apollinaris lernen wir die Gefahr jener kirchlichen Versuchung kennen, und zugleich werden wir dadurch zur Hut und zur sorgfältigen Beachtung des Glaubens gemahnt. Denn er brachte seine Zuhörer in große Angst und Verlegenheit, da die Autorität der Kirche sie hierhin, die Anhänglichkeit an den Lehrer aber dorthin zog und sie nun, zwischen beiden schwankend und unschlüssig, nicht wußten, welche Partei sie wählen sollten. Aber vielleicht war jener Mann derart, daß er ohne weiteres Verachtung verdiente? Im Gegenteil, er war so bedeutend und ausgezeichnet, daß er nur allzu bald bei sehr vielen Glauben fand. Denn wer hätte ihn an Scharfsinn, an Übung und an Gelehrsamkeit übertroffen? Wie viele Häresien er durch eine Menge von Schriften unterdrückt hat, wie viele glaubensfeindliche Irrtümer er widerlegt hat, das beweist jenes berühmte und großartige Werk von nicht weniger als dreißig Büchern, in welchem er die unsinnigen Verleumdungen des Porphyrius durch eine erdrückende Masse von Beweisen zuschanden gemacht hat. Es würde zu viel Zeit kosten, wenn ich alle seine Werke aufzählen wollte; er hätte durch sie gewiß den größten Baumeistern der Kirche gleichkommen können, wenn er nicht durch seine heillose Sucht häretischer Grübelei etwas Sonderliches gefunden hätte, womit er alle seine Arbeiten wie mit Aussatz befleckte und es verschuldete, daß seine Lehrtätigkeit nicht so sehr eine Erbauung als vielmehr eine Versuchung für die Kirche zu nennen war.

Genauere Darstellung der Irrlehren des Photinus, Apollinaris und Nestorius.

Hier wird vielleicht von mir verlangt, daß ich die Irrlehren der oben Genannten, nämlich des Nestorius, Apollinaris und Photinus, darlege. Das gehört zwar nicht zu der Sache, um die es sich hier handelt. Wir haben uns nämlich vorgenommen, nicht den Irrtümern einzelner Männer nachzugehen, sondern einige wenige Beispiele vorzubringen, aus denen klar und deutlich das hervorgeht, was Moses sagt, daß nämlich, wenn einmal ein kirchlicher Lehrer, und wäre es auch ein Prophet, in der Erklärung der Geheimnisse der Propheten etwas Neues in die Kirche Gottes einzuführen sucht, dies die göttliche Vorsehung zu unserer Versuchung geschehen läßt. Es wird also nützlich sein, im Vorbeigehen kurz auseinanderzusetzen, was die oben genannten Häretiker glauben, nämlich Photinus, Apollinaris und Nestorius.

Die Lehre des Photinus ist folgende. Er sagt, Gott sei einzig und allein nach Art der Juden zu denken; er leugnet die Fülle der Dreifaltigkeit und behauptet, daß es weder eine Person des Wortes Gottes noch eine des Heiligen Geistes gebe; Christus aber läßt er nur Mensch sein und in Maria seinen Anfang nehmen. Und das ist seine bestimmte Lehre, daß wir nur die Person Gottes des Vaters und Christus nur als Menschen verehren dürfen. So Photinus.

Apollinaris aber rühmt sich, in der Einheit der Dreifaltigkeit [mit der katholischen Lehre] übereinzustimmen — doch auch dies tut er nicht in ganz richtigem Glauben —; in betreff der Menschwerdung des Herrn aber lästert er offen. Er sagt nämlich, im Fleische unseres Heilandes habe entweder gar keine menschliche Seele gewohnt oder doch nur eine solche, der Verstand und Vernunft fehlen. Aber auch das Fleisch des Herrn selbst ließ er nicht vom Fleische der heiligen Jungfrau Maria angenommen, sondern vom Himmel in die Jungfrau hinabgestiegen sein und, immer schwankend und zweifelnd, lehrte er bald, es sei mit Gott dem Worte gleichewig, bald, es sei von der Gottheit des Wortes geschaffen. Er wollte nämlich in Christus nicht zwei Naturen anerkennen, die eine göttlich, die andere menschlich, die eine vom Vater, die andere von der Mutter; vielmehr glaubte er, die Natur des Wortes selbst sei gespalten, als wenn der eine Teil derselben in Gott zurückgeblieben wäre, der andere aber sich in Fleisch verwandelt hätte. Während also die Wahrheit sagt, der eine Christus habe zwei Naturen, behauptete jener entgegen der Wahrheit, aus der einen Gottheit Christi seien zwei Naturen geworden. So also Apollinaris.

Nestorius aber, der an einer dem Apollinarismus entgegengesetzten Krankheit leidet, gibt zwar vor, zwei Naturen in Christus zu unterscheiden, führt aber unversehens zwei Personen ein und will in unerhörtem Frevel, daß es zwei Söhne Gottes gebe, zwei Christus, der eine Gott, der andere Mensch, der eine aus dem Vater, der andere aus der Mutter gezeugt. Und deswegen behauptet er, die heilige Maria sei nicht Gottes-, sondern Christusgebärerin zu nennen, weil nämlich aus ihr nicht jener Christus, welcher Gott ist, sondern jener, welcher Mensch war, geboren worden sei. Wenn aber jemand meint, derselbe spreche in seinen Schriften von einem Christus und lehre nur eine Person Christi, so traue er dem nicht blindlings. Denn entweder hat er dies nur zur Täuschung ersonnen, um durch das Gute desto leichter auch das Schlechte aufzuschwatzen, wie der Apostel sagt: Durch das Gute hat er mir den Tod gewirkt; entweder also, wie ich sage, spricht er zum Zwecke der Täuschung an einigen Stellen seiner Schriften sich dahin aus, er glaube an einen Christus und an eine Person Christi, oder er meint wenigstens, gleich nach der Geburt der Jungfrau hätten sich die beiden Personen zu einem Christus vereinigt. Im letzteren Falle behauptet er doch dies, zur Zeit der jungfräulichen Empfängnis oder Geburt und noch einige Zeit später seien zwei Christus gewesen; Christus sei also zunächst als gewöhnlicher und bloßer Mensch geboren worden und noch nicht mit dem Worte Gottes in Einheit der Person verbunden gewesen und später sei dann die Person des [Fleisch] annehmenden Wortes auf ihn herabgekommen; wenn er also auch jetzt in der Herrlichkeit Gottes angenommen verbleibe, sei doch eine Zeitlang zwischen ihm und den übrigen Menschen kein Unterschied gewesen.

Ausführlichere Darlegung der katholischen Lehre von der Trinität und von der Person Christi.

So also bellen die wütenden Hunde Nestorius, Apollinaris und Photinus gegen den katholischen Glauben. Photinus bekennt nicht die Dreifaltigkeit; Apollinaris nennt die Natur des Wortes veränderlich, erkennt nicht zwei Naturen in Christus an, leugnet entweder die ganze menschliche Seele in Christus oder doch den geistigen und vernünftigen Teil derselben und behauptet, das Wort Gottes habe dessen Stelle eingenommen; Nestorius behauptet, immer oder doch eine Zeitlang habe es zwei Christus gegeben. Die katholische Kirche aber, die sowohl über Gott als auch über unseren Erlöser richtig denkt, stellt weder über das Geheimnis der Dreifaltigkeit noch über die Menschwerdung Christi gotteslästerische Behauptungen auf. Denn sie verehrt eine Gottheit in der Fülle der Dreiheit und die Gleichheit der Dreiheit in ein und derselben Majestät und bekennt einen Christus Jesus, nicht zwei, und diesen zugleich als Gott und Menschen. Sie glaubt, daß in ihm eine Person, aber zwei Naturen, zwei Naturen, aber eine Person sei; zwei Naturen, weil das Wort Gottes nicht veränderlich ist, so daß es sich in Fleisch verwandeln könnte; eine Person, damit man nicht durch das Bekenntnis zweier Söhne eine Vierheit statt der Dreiheit zu verehren scheine.

Doch es ist der Mühe wert, dieses noch einmal, und zwar genauer und ausführlicher, zu erörtern. In Gott ist eine Natur, aber drei Personen; in Christus sind zwei Naturen, aber eine Person. In der Dreifaltigkeit sind die Personen verschieden, nicht das Wesen; im Erlöser ist Verschiedenheit der Naturen, nicht der Person. Wie sind in der Dreifaltigkeit die Personen verschieden, nicht das Wesen? Weil die Person des Vaters eine andere ist, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes; aber dennoch haben Vater, Sohn und Heiliger Geist nicht eine verschiedene, sondern dieselbe Natur. Wie sind im Erlöser die Naturen verschieden, nicht die Person? Weil eine andere die Natur der Gottheit ist, eine andere die der Menschheit; aber dennoch sind Gottheit und Menschheit nicht zwei, sondern ein und derselbe Christus, ein und derselbe Sohn Gottes, ein und dieselbe Person eines und desselben Christus und Sohnes Gottes, wie im Menschen das Fleisch etwas anderes ist als die Seele, aber doch Seele und Fleisch ein und derselbe Mensch sind. In Petrus oder Paulus ist etwas anderes die Seele, etwas anderes das Fleisch, und doch sind Seele und Fleisch nicht zwei Petrus, oder ist die Seele ein Paulus, das Fleisch aber ein anderer, sondern es ist ein und derselbe Petrus, ein und derselbe Paulus, jeder bestehend aus der doppelten und verschiedenen Natur der Seele und des Leibes. So also sind in ein und demselben Christus zwei Naturen, aber die eine ist göttlich, die andere menschlich, die eine stammt aus Gott dem Vater, die andere aus der jungfräulichen Mutter; die eine ewig und gleich dem Vater, die andere zeitlich und geringer als der Vater; die eine wesensgleich dem Vater, die andere wesensgleich der Mutter, und doch ein und derselbe Christus in beiden Naturen. Nicht also ist ein Christus Gott und ein anderer Mensch; nicht einer unerschaffen, ein anderer erschaffen; nicht einer leidensunfähig, ein anderer leidensfähig; nicht einer gleich dem Vater und ein anderer geringer als der Vater; nicht einer aus dem Vater und ein anderer aus der Mutter; sondern ein und derselbe Christus ist Gott und Mensch, derselbe unerschaffen und erschaffen, derselbe unveränderlich und leidensunfähig und doch auch veränderlich und in Leiden, derselbe dem Vater gleich und auch nachstehend, derselbe vom Vater vor der Zeit gezeugt und auch in der Zeit aus der Mutter geboren, vollkommener Gott und vollkommener Mensch, in Gott die höchste Gottheit, im Menschen die volle Menschheit. Die volle Menschheit, sage ich, da sie Seele und zugleich Fleisch hat; wahres Fleisch, das unsrige, von einer Mutter hergenommenes; eine Seele aber mit Einsicht begabt, mit Verstand und Vernunft ausgestattet.

Es ist also in Christus das Wort, die Seele und das Fleisch; aber dieses alles ist der eine Christus, der eine Sohn Gottes, unser einer Heiland und Erlöser. Einer aber nicht durch irgendeine verschlechternde Mischung von Gottheit und Menschheit, sondern durch die unversehrte und einzigartige Einheit der Person. Denn jene Verbindung hat nicht das eine in das andere verwandelt und verändert — ein Irrtum, der den Arianern eigentümlich ist —, sondern sie hat vielmehr beide so in eins zusammengefügt, daß in Christus zwar immerdar die Einzigkeit einer und derselben Person bleibt, aber auch auf ewig bleibt die Eigentümlichkeit einer jeden Natur, so daß weder Gott jemals anfängt, Leib zu sein, noch einmal der Leib aufhört, Leib zu sein. Das läßt sich auch anschaulich machen an dem Beispiel der menschlichen Wesenheit. Denn nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in Zukunft wird jeder Mensch aus Leib und Seele bestehen, und doch wird niemals weder der Leib in die Seele noch die Seele in den Leib verwandelt werden, sondern, wie jeder Mensch ohne Ende leben wird, so wird auch in einem jeden Menschen notwendig ohne Ende der Unterschied beider Wesensbestandteile fortdauern. So muß auch in Christus für beide Naturen die einer jeden zukommende Eigentümlichkeit in Ewigkeit festgehalten werden, jedoch unbeschadet der Einheit der Person.

Das Wort Gottes hat die menschliche Natur wahrhaft und ohne Vermischung angenommen.

Wenn wir aber öfters von „Person“ sprechen und sagen, Gott sei der Person nach Mensch geworden, so ist sehr zu befürchten, es möchte den Anschein haben, als wollten wir sagen, Gottes Wort habe nur durch Nachahmung der Tätigkeit das Unsrige angenommen und alles, was zur menschlichen Handlungsweise gehört, nur zum Scheine, nicht als wahrer Mensch getan; wie es im Theater zu geschehen pflegt, wo einer kurz nacheinander mehrere Personen darstellt, ohne selbst irgendeine derselben zu sein. Denn so oft die Nachahmung einer fremden Tätigkeit übernommen wird, werden die Leistungen und Werke anderer so ausgeführt, daß doch die Darsteller und die Dargestellten nicht dieselben sind. Wenn nämlich, um von den weltlichen Spielen ein Beispiel zu nehmen, ein tragischer Schauspieler einen Priester oder einen König darstellt, so ist er selbst kein Priester oder König; denn wenn die Vorstellung zu Ende ist, hört auch die übernommene Rolle auf.

Ferne sei von uns solch gottloser und frevelhafter Spott! Den Manichäern wollen wir diesen Unsinn überlassen, die als Prediger eines Wahngebildes behaupten, daß Gott Gottes Sohn nicht dem Wesen nach die Person eines Menschen geworden sei, sondern sie nur in einer Art vermeintlichen Handelns und Wandelns dargestellt habe. Der katholische Glaube dagegen sagt, das Wort Gottes sei Mensch geworden, um das Unsrige nicht trüglich und scheinbar, sondern wahrhaft und wirklich anzunehmen, um das Menschliche nicht wie etwas Fremdes nachzumachen, sondern vielmehr als Eigenes zu besitzen und um ganz und gar das Wesen und die Person, die es darstellte, auch zu sein, wie auch wir in dem, was wir sprechen, denken, leben und sind, Menschen nicht nachahmen, sondern sind; z. B. Petrus und Johannes waren nicht durch Nachahmung, sondern in Wirklichkeit Menschen; ebenso stellte sich nicht Paulus als Apostel oder gab sich für Paulus aus, sondern er war Apostel und existierte als Paulus. So hat auch Gott das Wort, indem es Fleisch annahm und hatte, indem es im Fleische redete, handelte und litt — allerdings ohne irgendeine Verschlechterung seiner göttlichen Natur —, dies alles zu tun sich gewürdigt, nicht um einen vollkommenen Menschen nachzuahmen oder darzustellen, sondern um sich als solchen zu betätigen, so daß er ein wahrer Mensch nicht zu sein schien oder dafür gehalten wurde, sondern in Wirklichkeit war. Wie also die Seele, die mit dem Fleische verbunden, aber doch nicht in Fleisch verwandelt ist, nicht einen Menschen nachahmt, sondern ein Mensch ist, und zwar Mensch nicht dem Scheine, sondern der Wesenheit nach, so ist auch Gott das Wort, indem es sich ohne irgendeine Verwandlung seiner selbst und ohne Vermischung mit dem Menschen verband, nicht durch Nachahmung Mensch geworden, sondern in wirklichem Sein. Fern sei also durchaus der Gedanke an eine solche Person, die durch Darstellung und Nachahmung angenommen wird, wo immer das eine ist und ein anderes vorgegeben wird, wo der, welcher darstellt, niemals derjenige ist, den er darstellt. Denn man darf nicht glauben, daß Gott das Wort auf solche trügerische Weise die Person eines Menschen angenommen habe; vielmehr wurde es, ohne Veränderung seiner eigenen Natur, durch Annahme der Natur eines in sich vollendeten Menschen, selbst Fleisch, selbst Mensch, selbst die Person eines Menschen, nicht eine scheinbare, sondern eine wahre, nicht eine nachgemachte, sondern eine wesenhafte, nicht eine solche, welche mit Beendigung ihrer Tätigkeit selbst zu sein aufhörte, sondern eine solche, die immer in ihrer Wesenheit verharrte.

Die Einheit der Person in Christus begann mit seiner jungfräulichen Empfängnis; Maria ist also wirklich Gottesgebärerin.

Diese Einheit der Person in Christus ist also keineswegs erst nach der jungfräulichen Geburt, sondern schon im Schöße der Jungfrau hergestellt und vollendet worden. Denn gar sehr müssen wir darauf sehen, daß wir Christus nicht bloß als einen, sondern als immerdar einen bekennen, weil es eine unerträgliche Lästerung wäre, wenn man zwar zugesteht, er sei gegenwärtig einer, aber doch behauptet, er sei einmal nicht einer, sondern zwei gewesen, einer nämlich nach der Zeit seiner Taufe, zwei aber zur Zeit seiner Geburt. Dieser Ungeheuern Gotteslästerung werden wir fürwahr nicht anders entgehen können, als wenn wir bekennen, daß der Mensch mit Gott in Einheit der Person vereinigt worden sei, nicht von seiner Himmelfahrt oder Auferstehung oder Taufe an, sondern schon in der Mutter, im Mutterschoße, ja sogar schon bei der jungfräulichen Empfängnis. Wegen dieser Einheit der Person wird ohne Unterschied und Trennung sowohl was Gott eigentümlich ist dem Menschen, als auch was dem Fleische eigentümlich ist Gott zugeschrieben. Daher stammt auch, was in der Heiligen Schrift steht: sowohl der Sohn des Menschen sei vom Himmel herabgestiegen, als auch, der Herr der Herrlichkeit ist gekreuzigt worden auf Erden; daß ferner, obschon nur das Fleisch des Herrn geworden, nur das Fleisch des Herrn geschaffen war, gesagt wird, das Wort Gottes selbst sei geworden5 , die Weisheit Gottes selbst sei erfüllt, die Allwissenheit erschaffen worden, wie in der Weissagung von einer Durchbohrung seiner Hände und Füße berichtet wird. Eine Folge dieser Einheit der Person ist auch, sage ich, ein ähnliches Mysterium, daß es nämlich, weil das Fleisch des Wortes aus der unversehrten Jungfrau geboren wurde, echt katholisch ist zu glauben, das Wort Gottes selbst sei aus der Jungfrau geboren worden, und daß es ganz gottlos ist, dies zu leugnen.

Und darum sei es ferne, daß jemand die heilige Jungfrau der Vorrechte der göttlichen Gnade und ihres einzigartigen Ruhmes zu berauben suche; denn sie ist durch die Gnade unseres Herrn und Gottes, ihres Sohnes, im wahrsten und seligsten Sinne als Gottesmutter zu bekennen, jedoch nicht in der Weise als Gottesgebärerin, wie es eine gottlose Häresie vermeint9 , daß ihr Name Gottesmutter ein bloßer Ehrentitel sei, weil sie nämlich den Menschen geboren habe, der nachher Gott geworden ist; in diesem Sinne nennen wir eine Frau Mutter eines Priesters oder Mutter eines Bischofs, die nicht einen solchen geboren hat, der schon Priester oder Bischof war, sondern einen solchen Menschen geboren hat, der nachher Priester oder Bischof geworden ist. Nicht so, sage ich, ist die hl. Maria Gottesgebärerin, sondern vielmehr darum, weil, wie oben bemerkt wurde, schon in ihrem geheiligten Schöße jenes hochheilige Geheimnis sich vollzogen hat, daß infolge einer besonderen und einzigartigen Einheit der Person, wie das Wort im Fleische Fleisch, so der Mensch in Gott Gott ist.

Zusammenfassung der Irrlehren des Photinus, Apollinaris und Nestorius mit Gegenüberstellung der katholischen Lehre.

Doch jetzt wollen wir das über die oben erwähnten Häresien und über den katholischen Glauben kurz Gesagte zur Auffrischung des Gedächtnisses noch kürzer und bündiger wiederholen, damit es durch die Wiederholung besser verstanden, fester eingeprägt und so behalten werde. Fluch also dem Photinus, der die Fülle der Trinität nicht annimmt und Christus für einen bloßen Menschen hält! Fluch dem Apollinaris, der in Christus eine Verwandlung und damit eine Verschlechterung der Gottheit behauptet und die Eigentümlichkeit der vollkommenen Menschheit aufhebt! Fluch dem Nestorius, der die Geburt Gottes aus der Jungfrau leugnet, zwei Christus behauptet und mit Verwerfung des Glaubens an die Trinität uns eine Vierheit einführt! Glückselig aber die katholische Kirche, welche einen Gott in der Fülle der Dreifaltigkeit und ebenso die Gleichheit der Dreifaltigkeit in der einen Gottheit verehrt, so daß weder die Einheit der Natur die Eigentümlichkeit der Personen verwischt noch auch die Unterscheidung der Dreiheit die Einheit der Gottheit trennt! Glückselig, sage ich, die Kirche, welche in Christus zwei wahre und vollkommene Naturen, aber nur eine Person Christi glaubt, so daß weder der Unterschied der Naturen die Einheit der Person zerreißt noch die Einheit der Person den Unterschied der Naturen verwischt. Glückselig, sage ich, die katholische Kirche, die, um zu bekennen, daß immerdar ein Christus sei und gewesen sei, die Vereinigung des Menschen mit Gott nicht erst nach der Geburt, sondern schon im Mutterschoße lehrt. Selig, sage ich, die Kirche, die erkennt, daß Gott Mensch geworden ist nicht durch Umwandlung seiner Natur, sondern durch das Band der Person, aber nicht einer scheinbaren und vorübergehenden Person, sondern einer wesenhaften und bleibenden. Selig, sage ich, die Kirche, die verkündet, die Einheit der Person habe so große Kraft, daß sie ihretwegen in wunderbarem und unaussprechlichem Geheimnis sowohl das Göttliche dem Menschen, als auch das Menschliche Gott zuschreibt; denn ihretwegen leugnet sie nicht, daß der Mensch nach seiner göttlichen Natur vom Himmel herabgestiegen sei, und. glaubt, daß Gott nach seiner menschlichen Natur auf Erden geworden sei, gelitten habe und gekreuzigt worden sei; ihretwegen bekennt sie endlich den Menschen als Sohn Gottes und Gott als Sohn der Jungfrau.== Glückseliges also und ehrwürdiges, gepriesenes, hochheiliges und durchaus jenem himmlischen Lobgesange der Engel gleichzustellendes Bekenntnis, das den einen Gott und Herrn durch ein dreimal Heilig verherrlicht; denn deswegen vor allem verkündet sie [die Kirche] die Einheit Christi, um nicht über das Geheimnis der Dreifaltigkeit hinauszugehen. Was hier im Vorbeigehen gesagt wurde, soll ein anderes Mal, so Gott will, ausführlicher behandelt und erklärt werden. Jetzt wollen wir zu unserem Gegenstande zurückkehren.

Die Gelehrsamkeit und die Schriften des Origenes waren eine große Versuchung für die Gläubigen.

Wir sagten früher, daß in der Kirche der Irrtum eines Lehrers für das Volk eine große Versuchung sei, eine um so größere Versuchung, je gelehrter der Irrende selbst ist. Das bewiesen wir zunächst durch die Autorität der Hl. Schrift, sodann an Beispielen aus der Kirchengeschichte, nämlich durch Erwähnung solcher Männer, die eine Zeitlang für rechtgläubig gehalten wurden, zuletzt aber entweder zu einer schon bestehenden Sekte abfielen oder selbst eine eigene Häresie gründeten. Fürwahr eine wichtige Sache, deren Kenntnis nützlich, deren Erwägung notwendig ist und die wir immer wieder durch neue Beispiele beleuchten und einschärfen müssen, damit alle wahren Katholiken wissen, daß sie mit der Kirche die Lehrer annehmen, nicht aber mit den Lehrern den Glauben der Kirche verlassen sollen.

Wir könnten nun viele Beispiele von Versuchung dieser Art beibringen; ich glaube aber, daß es kaum einen gibt, der hinsichtlich der Versuchung verglichen werden kann mit Origenes, in welchem sich so viel Vortreffliches, Einziges, Wunderbares fand, daß für den Anfang jeder leicht hätte meinen können, allen seinen Behauptungen sei Glauben zu schenken. Denn wenn der Lebenswandel Ansehen verschafft: groß war sein Fleiß, groß seine Keuschheit, Geduld, Standhaftigkeit; wenn Herkunft oder Bildung: wer war vornehmer als er, der zunächst in einer Familie geboren wurde, die durch das Martyrium ausgezeichnet wurde, der sodann für Christus nicht nur seines Vaters, sondern auch seines ganzen Vermögens beraubt wurde, aber unter den Bedrängnissen heiliger Armut solche Fortschritte machte, daß er um des Bekenntnisses des Herrn willen öfters, wie berichtet wird, zu leiden hatte? Doch das war nicht das Einzige an ihm, das nachher zur Versuchung werden sollte, sondern er besaß auch eine solche Geisteskraft, so viel Tiefe, Schärfe und Feinheit des Geistes, daß er fast alle weit übertraf, eine solche Gelehrsamkeit und eine so umfassende Bildung, daß es in der göttlichen Wissenschaft nur weniges, in der menschlichen vielleicht nichts gab, was er nicht vollständig erreichte; da seinem Wissenstrieb das Griechische nicht genügte, wandte er seine Arbeit auch dem Hebräischen zu. Was soll ich aber von seiner Beredsamkeit sagen, deren Redestrom so lieblich, so angenehm und so süß war, daß mir aus seinem Munde mehr Honig als Worte geflossen zu sein scheinen. Was hat er nicht, war es auch schwer zu beweisen, durch die Kraft seiner Rede aufgehellt und, wenn es schwer auszuführen war, dahin gebracht, daß es ganz leicht erschien? Aber vielleicht hat er seine Behauptungen nur auf menschliche Beweisgänge gestützt? Das Gegenteil ist der Fall: es gab nie einen Lehrer, der sich mehr der Zitate aus dem göttlichen Gesetze bedient hätte. Vielleicht aber hat er nur weniges geschrieben? Kein Sterblicher hat mehr geschrieben, so daß, wie ich glaube, seine Werke in ihrer Gesamtheit nicht nur nicht gelesen, sondern nicht einmal aufgestöbert werden können. Und damit ihm an Hilfsmitteln der Wissenschaft nichts fehle, wurde ihm auch noch die Fülle des Alters zuteil. Aber vielleicht war er mit seinen Schülern weniger glücklich? Wer war hierin je glücklicher? Denn unzählige Lehrer sind aus seiner Schule hervorgegangen, unzählige Priester, Bekenner und Märtyrer.

Wer aber könnte beschreiben, wie viel Bewunderung er bei allen fand, wie groß sein Ruhm, wie groß sein Ansehen war? Wer eilte nicht, wenn er auch nur etwas religiöses Interesse hatte, zu ihm hin von den äußersten Teilen der Welt? Welcher Christ verehrte ihn nicht fast wie einen Propheten, welcher Philosoph nicht fast wie einen Lehrer? Wie verehrungswürdig er nicht nur Privatpersonen, sondern sogar dem Hofe erschien, zeigt die Geschichte, die erzählt, daß ihn die Mutter des Kaisers Alexander zu sich berief, offenbar um der himmlischen Weisheit willen, von deren Gnade er und von deren Liebe sie überfloß; aber Zeugnis davon geben auch seine eigenen Briefe, die er an den Kaiser Philippus, der zuerst unter den römischen Herrschern ein Christ war, mit der Autorität des christlichen Lehramtes richtete. Wenn jemand in betreff seines unglaublich großen Wissens unserem Berichte als einem christlichen Zeugnisse keinen Glauben schenkt, so möge er wenigstens das Zeugnis heidnischer Philosophen annehmen. Es sagt nämlich jener gottlose Porphyrius, daß er auf seinen Ruf hin fast noch im Knabenalter nach Alexandrien gekommen sei und ihn, der damals schon ein Greis war, dort gesehen habe als einen in jeder Hinsicht so bedeutenden Mann, als wenn er das Gebäude der ganzen Wissenschaft aufgeführt hätte. Der Tag würde zu Ende gehen, ehe ich das, was sich an jenem Manne Vorzügliches fand, auch nur zum kleinsten Teile aufgezählt hätte.

Und doch diente dies alles nicht nur zum Ruhme der Religion, sondern auch zur Mehrung der Versuchung. Denn wie viele hätten wohl einen Mann von so viel Geist, von solcher Gelehrsamkeit und Beliebtheit leichthin aufgegeben und nicht vielmehr nach jenem Satze gehandelt: Sie wollen lieber mit Origenes irren als mit anderen recht haben. Und was weiter? Es kam so weit, daß die von einer solchen Persönlichkeit, einem solchen Lehrer, einem solchen Propheten ausgehende nicht gewöhnliche, sondern, wie der Verlauf zeigte, allzu gefährliche Versuchung sehr viele von der Reinheit des Glaubens abbrachte. Und so hat dieser so ausgezeichnete Origenes, weil er die Gnade Gottes übermütig mißbrauchte, weil er seinem Genie zu viel vertraute und sich selbst für genügend hielt, weil er die alte Einfachheit der christlichen Religion geringschätzte und gescheiter als alle zu sein sich vermaß, weil er, die kirchlichen Traditionen und die Lehren der Alten mißachtend, einige Stellen der Heiligen Schrift auf neue Weise erklärte, ich sage, er hat es verschuldet, daß auch in betreff seiner zur Kirche Gottes gesagt wurde: Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht, und kurz darnach: so höre nicht auf die Worte jenes Propheten, und dann: denn es versucht euch der Herr euer Gott, ob ihr ihn liebt oder nicht. Wahrlich, es war nicht nur eine Versuchung, sondern sogar eine große Versuchung, die ihm ergebene Kirche, die sein Genie, seine Wissenschaft und Beredsamkeit, seinen Wandel und den ihm eigenen Reiz bewunderte, an ihm hing, nichts in betreff seiner argwöhnte und nichts fürchtete, plötzlich von der alten Religion zu einer neuen falschen Lehre unvermerkt und allmählich hinüberzuführen. Aber man wird sagen, die Schriften des Origenes seien gefälscht worden. Ich will mich nicht dagegen erklären, sogar eher dafür; denn es ist von einigen überliefert und geschrieben worden, nicht nur von Katholiken, sondern auch von Häretikern. Aber in diesem Falle müssen wir beachten, daß, wenn auch nicht er selbst, so doch die unter seinem Namen herausgegebenen Schriften eine große Versuchung sind, da sie, von gotteslästerischen Behauptungen wimmelnd, nicht als die eines anderen, sondern als die seinigen gelesen und geschätzt werden, so daß, wenn auch der Sinn des Origenes dem Irrtum fremd war, doch das Ansehen des Origenes zur Verbreitung des Irrtums viel beiträgt.

Dasselbe gilt auch von Tertullian.

Ebenso ist es mit Tertullian. Denn wie jener bei den Griechen, so darf dieser bei den Lateinern unbedenklich für den ersten von uns allen gehalten werden. Denn wer war gelehrter, wer gewandter in göttlichen und menschlichen Dingen als dieser Mann? Umspannte er doch mit wunderbarer Fassungskraft des Geistes die ganze Philosophie und alle philosophischen Schulen, die Gründer und Anhänger der Schulen und alle ihre Systeme, die ganze Mannigfaltigkeit der geschichtlichen Ereignisse und der wissenschaftlichen Forschungen. Hat er sich nicht durch einen so tiefen und gewaltigen Geist ausgezeichnet, daß er fast nichts zu bekämpfen unternahm, das er nicht mit seinem Scharfsinn durchschaute oder mit seinem Gewichte zermalmte? Wer vermöchte ferner seine Redekunst genügend zu preisen, die durch eine solche, fast unwiderstehliche Macht der Gründe wirkt, daß sie zur Zustimmung auch die nötigt, die ihm nicht glauben wollen? Bei ihm sind fast so viele Gedanken als Worte, so viele Siege als Sätze. Das wissen Marcion, Apelles, Praxeas, Hermogenes, Juden, Heiden, Gnostiker und andere, deren Gotteslästerungen er durch die Wucht seiner zahlreichen und umfassenden Schriften wie mit Blitzschlägen vernichtete. Und doch hat auch er, dieser Tertullian, sage ich, nach all diesem am katholischen, d. h. allgemeinen und alten, Glauben zu wenig festgehalten und mehr beredt als treu, da er in der Folge seine Gesinnung änderte, er hat, sage ich, zuletzt das getan, was von ihm der selige Bekenner Hilarius an einer Stelle schreibt: Durch die spätere Verirrung hat er seinen bewährten Schriften das Ansehen entzogen. Auch er ist in der Kirche eine große Versuchung geworden. Doch mehr will ich über ihn nicht sagen; nur das möchte ich noch erwähnen, daß er entgegen der Vorschrift des Moses den eben erst in der Kirche auftauchenden neuen Wahnwitz des Montanus und seine tollen, von verrückten Weibern vorgebrachten Träumereien der neuen Lehre als wahre Prophezeiungen verfocht und es so verdiente, daß auch von ihm und seinen Schriften das Wort gilt: Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht, und dann: sollst du nicht auf die Worte jenes Propheten hören; warum? weil, so heißt es, der Herr euer Gott euch versucht, ob ihr ihn liebt oder nicht.

Kurze Zusammenfassung des in Kap. 17 und 18 Gesagten.

Aus diesen so vielen bedeutenden und aus anderen derartig gewichtigen Beispielen der Kirchengeschichte sollen wir deutlich ersehen und gemäß den Bestimmungen des Deuteronomiums sonnenklar erkennen, daß, wenn einmal ein kirchlicher Lehrer vom Glauben abirrt, die göttliche Vorsehung dies zu unserer Prüfung geschehen läßt, ob wir Gott lieben oder nicht aus ganzem Herzen und aus unserer ganzen Seele.

Charakterisierung der echten Katholiken und der Häretiker.

Mithin ist jener ein wahrer und echter Katholik, der die Wahrheit Gottes, der die Kirche, der den Leib Christi liebt, der der göttlichen Religion, der dem katholischen Glauben nichts vorzieht, nicht das Ansehen irgendeines Menschen, nicht Zuneigung, nicht Talent, nicht Beredsamkeit und nicht Philosophie, sondern, dies alles geringschätzend und im Glauben festgegründet, standhaft bleibt und entschlossen ist, nur das, was nach seiner Überzeugung die katholische Kirche allgemein von alters her festgehalten hat, festzuhalten und zu glauben, das aber, wovon er findet, daß es später von einem einzelnen ohne Rücksicht auf die Gesamtheit oder im offenen Gegensatz zu allen Heiligen als neu und unbekannt eingeführt wurde, nicht als zur Religion, sondern vielmehr als zur Versuchung gehörig betrachtet, in einem solchen Falle besonders durch Aussprüche des seligen Apostels Paulus beraten. Denn darüber schreibt er im ersten Korintherbriefe: Es muß auch Häretiker geben, damit die Bewährten unter euch offenbar werden; als wollte er sagen: Deswegen werden die Urheber der Häresien nicht sofort von Gott ausgerottet, damit die Bewährten offenbar werden, das heißt, damit es offenkundig werde, wie standhaft, treu und fest ein jeder in der Liebe zum katholischen Glauben sei.

Und wahrlich, wenn irgendeine Neuerung auftaucht, zeigt sich sofort die Schwere der Fruchtkörner und die Leichtigkeit der Spreu; da wird ohne große Mühe von der Tenne entfernt, was, ohne Gewicht zu haben, auf der Tenne lag. Einige fliegen sofort ganz davon; andere, die nur entfernt wurden, fürchten sich vor dem Untergange, fürchten aber auch die Rückkehr, verwundet, halbtot und halblebend, da sie so viel Gift getrunken haben, daß es weder tötet noch sich verdauen läßt, weder zu sterben nötigt noch leben läßt. O jämmerlicher Zustand! Von welcher Sorgenlast, von welch heftigen Stürmen werden sie hin- und hergetrieben! Denn bald werden sie dahin, wohin der Wind sie treibt, vom Triebe des Irrtums fortgerissen; dann wieder werden sie, zu sich selbst zurückkehrend, wie abprallende Wogen zurückgeworfen. Bald geben sie in waghalsiger Vermessenheit auch dem ihre Zustimmung, was als unsicher erscheint; bald aber schrecken sie in törichter Furcht auch vor dem zurück, was sicher ist, unentschieden, wohin sie gehen, wohin sie zurückkehren, was sie erstreben, was sie fliehen, was sie festhalten, was sie preisgeben sollen. Diese Bedrängnis eines zweifelnden und schwankenden Herzens ist allerdings für sie eine Arznei der göttlichen Barmherzigkeit, wenn sie vernünftig sind. Denn deshalb werden sie außerhalb des sicheren Hafens des katholischen Glaubens von mannigfaltigen Stürmen der Gedanken geschüttelt, gepeitscht und fast zu Tode gehetzt, damit sie die hochgespannten Segel ihres übermütigen Sinnes einziehen, die sie zu ihrem Unheil von den Winden ihrer Neuerungen hatten schwellen lassen, und damit sie sich in den so sichern Ankerplatz ihrer sanften und guten Mutter zurückziehen, darin bleiben und vorerst jene bittern und trüben Fluten ihrer Irrtümer wieder von sich geben, um dann vom Strome lebendigen und sprudelnden Wassers trinken zu können. Verlernen sollen sie zu ihrem Heile, was sie zum Unheile gelernt haben, und von der ganzen Lehre der Kirche das erfassen, was mit dem Verstande erfaßt werden kann, und das glauben, was nicht erfaßt werden kann.

Neuerungen im Glauben sind unstatthaft nach 1 Tim. 6, 20.

Unter diesen Umständen kann ich, wenn ich das Gesagte immer wieder betrachte und erwäge, mich nicht genug wundern über den so großen Wahnsinn einiger Menschen, über die so große Gottlosigkeit ihres verblendeten Sinnes und endlich über ihre so große Neigung zum Irrtume, daß sie nicht zufrieden sind mit der überlieferten und einmal vor alters angenommenen Glaubensregel, sondern immer wieder nach Neuem suchen, immer darauf sinnen, der Religion etwas beizufügen, daran zu ändern oder davon wegzunehmen, als wäre es nicht eine himmlische, ein für allemal geoffenbarte Lehre, sondern eine irdische Einrichtung, die nur durch beständige Verbesserung oder vielmehr Kritik zur Vollendung gebracht werden könnte, während doch die göttlichen Aussprüche laut verkünden: Verrücke nicht die Grenzsteine, die deine Väter gesetzt haben, und: Über einen Richtenden richte nicht, und: Wer Gemäuer niederreißt, den wird die Schlange stechen. Dazu kommt jenes apostolische Wort, mit dem wie mit einem geistigen Schwerte allen verruchten Neuerungen aller Häresien oft der Kopf abgeschlagen worden ist und abgeschlagen werden muß: O Timotheus, bewahre die Hinterlage, indem du die heillosen Wortneuerungen und die Gegensätze der fälschlich so genannten Wissenschaft meidest, zu welcher einige sich bekennend vom Glauben abgefallen sind. Und trotzdem finden sich Menschen von so frecher Stirne, von so eiserner Verwegenheit und von so diamantharter Starrsinnigkeit, daß sie einer solchen Masse göttlicher Aussprüche nicht erliegen, unter solcher Wucht nicht zusammenbrechen, durch so schwere Hämmer nicht zermalmt, durch so schreckliche Blitze nicht niedergeschmettert werden. Meide, heißt es, die heillosen Wortneuerungen; er sagte nicht: das Altertum, nicht: die alten Lehren; er deutete vielmehr klar an, was aus dem Gegenteil folgt; denn wenn die Neuerung zu meiden ist, so ist am Altertum festzuhalten; wenn die Neuerung unheilig ist, so sind die alten Lehren geheiligt. Und die Gegensätze, heißt es, der fälschlich so genannten Wissenschaft; in Wahrheit ein falscher Name für die Lehren der Häretiker, daß die Unwissenheit als Wissenschaftlichkeit, die Dunkelheit als Aufklärung, die Finsternis als Licht ausgegeben wird. Zu der einige, heißt es, sich bekennend vom Glauben abgefallen sind. Zu was anders bekannten sie sich und fielen ab, als zu irgendeiner neuen und unbekannten Lehre?

Denn man höre nur einige von ihnen reden: Kommt, ihr Unverständigen und Armseligen, die ihr gemeiniglich Katholiken genannt werdet, und lernet den wahren Glauben, den außer uns niemand kennt, der früher jahrhundertelang verborgen blieb, kürzlich aber geoffenbart und ans Licht gezogen wurde. Aber lernet ihn verstohlen und in der Stille, denn er wird euch Freude machen; und wenn ihr ihn gelernt habt, lehret ihn ebenso heimlich, damit die Welt es nicht höre und die Kirche nicht wisse; denn nur wenigen ist es gegeben, ein so verborgenes Geheimnis zu fassen. Sind das nicht die Worte jener Buhlerin, die in den Sprichwörtern Salomons die am Wege Vorübergehenden, die ihre Straße wandeln, zu sich ruft? Wer unter euch, sagt sie, recht unwissend ist, kehre bei mir ein. Die aber arm an Geist sind, ladet sie also ein: Nach geheimen Broten langet mit Wohlgefallen, und süßes Wasser trinket verstohlen. Aber jener, heißt es weiter, weiß nicht, daß die Erdenkinder bei ihr zugrunde gehen. Wer sind diese Erdenkinder? Der Apostel mag es sagen: Die vom Glauben abgefallen sind, sagt er.

Fortsetzung.

Aber es ist der Mühe wert, den ganzen Wortlaut des apostolischen Spruches genauer zu behandeln. O Timotheus, sagt er, bewahre die Hinterlage, indem du die heillosen Wortneuerungen meidest! O! Dieser Ausruf zeugt zugleich von seinem Vorherwissen und von seiner Liebe; denn er sah die kommenden Irrlehren vorher und betrauerte sie im voraus. Wer ist heutzutage jener Timotheus anders als entweder im allgemeinen die ganze Kirche oder im besonderen der ganze Stand der Vorgesetzten, welche die reine Wissenschaft der Gottesverehrung sowohl selbst besitzen als auch den anderen mitteilen müssen? Was heißt: Bewahre die Hinterlage? Bewahre sie, sagt er, wegen der Diebe, wegen der Feinde, damit sie nicht, während die Menschen schlafen, Unkraut säen unter jenen guten Weizensamen, den der Menschensohn auf seinen Acker gestreut hatte. Die Hinterlage, sagt er, bewahre; was ist Hinterlage? Das heißt: was dir anvertraut ist, nicht was du erfunden hast; was du empfangen, nicht was du ausgesonnen hast; eine Sache nicht des Verstandes, sondern der Lehre, nicht eigenen Gutdünkens, sondern öffentlicher Überlieferung; was dir zugebracht, nicht von dir hervorgebracht, wovon du nicht der Urheber, sondern der Wächter sein sollst, nicht der Stifter, sondern der Schüler, nicht der Führer, sondern der Nachfolger. Die Hinterlage, sagt er, bewahre; das heißt: Das Talent1 des katholischen Glaubens bewahre unverletzt und unversehrt. Was dir anvertraut worden ist, das bleibe bei dir, das werde von dir weitergegeben. Gold hast du empfangen, Gold gib wieder heraus; ich bin nicht damit einverstanden, daß du an die Stelle des einen etwas anderes setzest, nicht einverstanden, daß du statt Gold entweder verwegen Blei oder betrügerischerweise Kupfer unterschiebst; ich will kein Flittergold, sondern echtes. O Timotheus, o Priester, o Prediger, o Lehrer! Wenn die Gnade Gottes dich hierzu geeignet gemacht hat durch Talent, Übung und Gelehrsamkeit, so sei ein Beseleel2 des geistigen Zeltes, schleife die kostbaren Edelsteine der göttlichen Lehre, füge sie treu zusammen, richte sie weise ein, gib ihnen Glanz, Anmut und Schönheit! Deutlicher soll infolge deiner Erklärung verstanden werden, was vorher dunkler geglaubt wurde; durch dich soll die Nachkommenschaft die glückliche Einsicht in das erhalten, was vorher das Altertum glaubte, ohne es zu verstehen. Lehre jedoch dasselbe, was du gelernt hast, in der Weise, daß du auf neue Weise sprichst, nicht Neues.

Fortschritt im Glauben.

Aber vielleicht sagt jemand: Wird es also in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion geben? Gewiß soll es einen geben, sogar einen recht großen. Denn wer wäre gegen die Menschen so neidisch und gegen Gott so feindselig, daß er das zu verhindern suchte? Allein es muß in Wahrheit ein Fortschritt im Glauben sein, keine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, daß etwas in sich selbst zunehme, zur Veränderung aber, daß etwas aus dem einen sich in ein anderes verwandle. Wachsen also und kräftig zunehmen soll sowohl bei den einzelnen als bei allen, sowohl bei dem einen Menschen als in der ganzen Kirche, nach den Stufen des Alters und der Zeiten, die Einsicht, das Wissen und die Weisheit, aber lediglich in der eigenen Art, nämlich in derselben Lehre, in demselben Sinne und in derselben Bedeutung.

Die Religion der Seelen soll die Art der Leiber nachahmen, die im Verlauf der Jahre wohl ihre Teile entfalten und entwickeln, aber doch dieselben bleiben, die sie waren. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Blüte der Kindheit und der Reife des Alters; aber die Greise sind dieselben, die sie als Jünglinge waren, so daß wohl die Größe und das Aussehen eines und desselben Menchen sich ändert, nichtsdestoweniger aber die Natur und die Person dieselbe bleibt. Klein sind die Glieder der Säuglinge, groß die der Jünglinge, doch sind sie die nämlichen; so viele Gliedmaßen der Knabe hatte, so viele hat auch der Mann, und wenn es Glieder gibt, die erst im reiferen Alter hervorkommen, so waren sie doch schon keinartig vorhanden, so daß nachher beim Greise nichts Neues sich zeigt, was nicht vorher beim Knaben schon verborgen gewesen wäre. Daher ist ohne Zweifel die gesetzmäßige und richtige Norm des Fortschritts, die feststehende und schönste Ordnung des Wachstums diese, daß die Zahl der Jahre immer bei den Erwachsenen die Teile und Formen ausgestaltet, welche schon bei den Kleinen die Weisheit des Schöpfers grundgelegt hatte. Sollte die menschliche Gestalt sich später in ein fremdartiges Gebilde verwandeln oder doch etwas der Zahl der Glieder beigefügt oder davon weggenommen werden, so müßte der ganze Leib entweder zugrunde gehen oder verunstaltet oder wenigstens geschwächt werden. So muß auch die Lehre der christlichen Religion diesen Gesetzen des Fortschrittes folgen, daß sie mit den Jahren gefestigt, mit der Zeit erweitert und mit dem Alter verfeinert werde, dabei jedoch unverdorben und unversehrt bleibe und in dem gesamten Umfang ihrer Teile, sozusagen an allen ihr eigentümlichen Gliedern und Sinnen, vollständig und vollkommen sei, außerdem keine Veränderung zulasse, keine Beeinträchtigung ihrer Eigentümlichkeit und keine Veränderung ihres Wesens erleide.

Hierfür ein Beispiel. Unsere Vorfahren haben vor Zeiten auf dem Saatfelde der Kirche die Samen des Glaubensweizens ausgestreut. Es wäre nun sehr unrecht und unpassend, wenn wir, ihre Nachkommen, statt der echten Wahrheit des Getreides den untergeschobenen Irrtum des Unkrautes einsammelten. Im Gegenteil, es wäre das Richtige und Entsprechende, daß wir, da Anfang und Ende sich nicht widersprechen dürfen, von dem Wachstum der Weizenunterweisung auch die Frucht des Weizendogmas einernten, so daß, wenn sich etwas von jenem uranfänglichen Samen im Laufe der Zeit entwickelt, dasselbe jetzt grünt und zur Reife gelangt, an der Eigentümlichkeit des Keimes sich aber nichts ändert; Aussehen, Gestalt und Bestimmtheit mögen neu werden, das Wesen der Arten aber muß dasselbe bleiben. Denn fern sei es, daß sich jene Rosenpflanzung des katholischen Sinnes in Disteln und Dornen verwandle; ferne sei es, sage ich, daß in diesem geistigen Paradiese von Zimmet- und Balsamreisern plötzlich Lolch und Giftkräuter hervorkommen. Was also in dieser Pflanzung der Kirche Gottes durch den Glauben der Väter gesät worden ist, das soll durch den Fleiß der Kinder ausgebildet und gepflegt werden, es soll blühen und gedeihen, wachsen und zur Vollendung kommen. Denn es gehört sich, daß jene alten Lehrsätze einer himmlischen Philosophie im Verlaufe der Zeit weiter ausgebildet, gefeilt und geglättet werden; aber es ist unzulässig, daß sie verändert, unzulässig, daß sie entstellt, unzulässig, daß sie verstümmelt werden; sie mögen an Deutlichkeit, Licht und Klarheit gewinnen, aber sie müssen ihre Vollständigkeit, Reinheit und Eigentümlichkeit behalten. == Denn wenn einmal eine solche Willkür gottlosen Betruges zugelassen würde, so würde, ich sage es mit Schrecken, die größte Gefahr der Zerstörung und Vernichtung der Religion die Folge sein. Denn wird einmal auch nur ein kleiner Teil der katholischen Glaubenslehre aufgegeben, so wird auch ein anderer und dann wieder ein anderer und zuletzt einer nach dem anderen wie gewohnheits- und rechtmäßig aufgegeben werden. Wenn aber die einzelnen Teile verworfen werden, was anders wird dann die letzte Folge sein, als daß das Ganze zugleich verworfen wird? Auf der anderen Seite aber muß, wenn man anfängt, Neues mit Altem, Auswärtiges mit Einheimischem, Unheiliges mit Heiligem zu vermengen, diese Unsitte auf das Ganze hinübergreifen, so daß hernach nichts in der Kirche unberührt, nichts unverletzt, nichts unversehrt, nichts makellos gelassen wird, vielmehr in der Folgezeit dort eine Schandstätte gottloser und häßlicher Irrtümer ist, wo vorher ein Heiligtum keuscher und unversehrter Wahrheit war. Aber diesen Frevel möge von den Herzen der Seinigen die Barmherzigkeit Gottes abwenden, dieser Wahn möge vielmehr den Gottlosen überlassen bleiben!

Die Kirche Christi aber, die eifrige und sorgsame Wächterin der bei ihr hinterlegten Glaubenslehren, ändert an ihnen niemals etwas, nimmt nichts hinweg und tut nichts hinzu; sie schneidet Notwendiges nicht ab und fügt Überflüssiges nicht bei; sie läßt das Ihrige nicht fahren und eignet sich Fremdes nicht an; sie ist vielmehr mit aller Sorgfalt nur darauf bedacht, das Alte treu und weise zu verwalten, und zwar das, was von alters her ungeformt und keimhaft überliefert war, genauer zu gestalten und zu feilen, was schon gehörig ausgedrückt und entwickelt war, zu kräftigen und zu sichern, was schon klar- und festgestellt war, zu bewahren. Was hat sie denn auch je anderes durch die Beschlüsse der Konzilien bezweckt, als daß das, was früher mit Einfalt hingenommen wurde, später mit mehr Bestimmtheit geglaubt werde; was früher lässiger gepredigt wurde, später nachdrücklicher verkündigt werde; was man früher ruhig bewahrte, später sorgsamer ausgebildet werde? Das und nichts anderes, sage ich, hat die katholische Kirche immer, durch die Neuerungen der Häretiker veranlaßt, mit ihren Konzilsbeschlüssen erreicht, daß sie das, was sie früher von den Vorfahren nur durch mündliche Überlieferung empfangen hatte, später den Nachkommen auch schriftlich und urkundlich hinterließ, indem sie in wenige Worte vieles zusammenfaßte und oft zum Zwecke des klareren Verständnisses einen nicht neuen Glaubenssinn mit einem passenden neuen Ausdruck bezeichnete.

Weitere Erklärung von 1 Tim. 6, 20.

Doch kehren wir zum Apostel zurück. O Timotheus, sagt er, bewahre die Hinterlage, indem du die heillosen Wortneuerungen meidest. Meide sie, sagt er, wie eine Natter, wie einen Skorpion, wie einen Basilisken, damit sie dich nicht durch Berührung und nicht einmal durch ihren Blick und Hauch verwunden. Was heißt meiden? Mit einem solchen nicht einmal speisen. Was heißt: Meide? Wenn jemand, heißt es, zu euch kommt und diese Lehre nicht mitbringt. Welche Lehre, wenn nicht die katholische und allgemeine, die durch die unverfälschte Überlieferung der Wahrheit in der Folge der Zeiten eine und dieselbe bleibt und ohne Ende bis in Ewigkeit bleiben wird? Was dann? Nehmt ihn, heißt es, nicht ins Haus auf und sagt ihm keinen Gruß; denn wer ihn grüßt, nimmt an seinen bösen Werken teil. Die heillosen Wortneuerungen, sagt er; was heißt: heillosen? Solche, die nichts Heiliges, nichts Frommes an sich haben, die dem Heiligtum der Kirche, die ein Tempel Gottes ist, völlig fremd sind. Die heillosen Wortneuerungen, sagt er. Wortneuerungen sind Neuerungen in der Lehre, in der Sache, in der Auffassung, die dem Altertum und der Vorzeit entgegen sind, deren Annahme notwendig eine ganze oder doch teilweise Verletzung des Glaubens der seligen Väter ist und soviel bedeutet als behaupten, daß alle Gläubigen aller Zeiten, alle Heiligen, alle Reinen, Enthaltsamen und Jungfräulichen, alle Kleriker, Leviten und Priester, so viele Tau-sende Bekenner, so viele Scharen der Märtyrer, eine solche Menge von Städten und Völkern, so viele Inseln, Provinzen, Könige, Völker, Reiche und Stämme, kurz fast der ganze durch den katholischen Glauben Christo als seinem Haupte einverleibte Erdkreis so viele Jahrhunderte hindurch in Unwissenheit und Irrtum befangen gewesen sei, gelästert und nicht gewußt habe, was zu glauben sei.

Die heillosen Wortneuerungen meide, heißt es. Solche anzunehmen und ihnen zu folgen, war niemals Sache der Katholiken, sondern immer den Häretikern eigen. Und in der Tat, welche Häresie tauchte je anders auf als unter einem bestimmten Namen, an einem bestimmten Orte und zu bestimmter Zeit? Wer stiftete je eine Sekte, ohne sich zuvor von der Übereinstimmung mit der Allgemeinheit und mit dem Altertum der katholischen Kirche losgesagt zu haben?

Für diesen Tatbestand sprechen Beispiele sonnenklar. Wer hat denn je vor jenem unseligen Pelagius dem freien Wahlvermögen eine solche Kraft beigelegt, daß er leugnete, zur Unterstützung desselben in allen einzelnen Akten des Guten sei die Gnade Gottes notwendig? Wer hat vor dessen mißgestaltetem Schüler Cälestius geleugnet, daß das ganze Menschengeschlecht in die Schuld der Sünde Adams verstrickt ist? Wer hat vor dem gotteslästerischen Arius gewagt, die Einheit der Dreifaltigkeit zu zerreißen, wer vor dem verruchten Sabellius, die Dreiheit in der Einheit zu verwischen? Wer hat vor dem überaus grausamen Novatian Gott grausam genannt, weil er den Tod des Sterbenden lieber wolle, als daß er sich bekehre und lebe? Wer hat vor dem Magier Simon, den das Strafgericht des Apostels traf, und von dem jener alte Pfuhl der Schändlichkeiten bis neuestens auf Priscillian herab in ununterbrochenem und geheimem Laufe sich ergossen hat, zu sagen gewagt, der Urheber des Bösen, d. h. unserer Frevel, Gottlosigkeiten und Schandtaten, sei Gott der Schöpfer? Er behauptet nämlich, Gott habe mit selbsteigenen Händen die menschliche Natur so gemacht, daß sie infolge ihres Triebes und durch notwendigen Willenszwang nichts anderes könne und nichts anderes wolle als sündigen, weil sie, durch die wahnsinnige Wut aller Laster aufgeregt und entflammt, in jeglichen Abgrund der Schändlichkeit fortgerissen werde.

Unzählig sind die Beispiele dieser Art, die wir aber der Kürze halber übergehen; jedoch erhellt aus all diesem klar und deutlich genug, daß es bei fast allen Häresien Gewohnheit und Regel ist, immerdar an frevelhaften Neuerungen Freude zu haben, die Satzungen des Altertums zu verwerfen und durch gegenteilige Behauptungen einer fälschlich so genannten Wissenschalt im Glauben Schiffbruch zu leiden. Dagegen ist es den Katholiken eigen, das von den heiligen Vätern Hinterlegte und Anvertraute zu bewahren, heillose Neuerungen zu verurteilen und mit dem Apostel zu sagen und immer wieder zu sagen: Wenn jemand etwas verkündet gegen das, was überliefert ist, den verfluchet.

Die Häretiker mißbrauchen die Heilige Schrift.

Hier könnte jemand fragen, ob sich auch die Häretiker der göttlichen Schrift bedienen. Freilich bedienen sie sich ihrer und sogar viel. Denn man kann sie alle Schriften des heiligen Gesetzes durchfliegen sehen, die Bücher des Moses und der Könige, die Psalmen, die Apostel, die Evangelien und die Propheten. Denn sowohl unter sich als auch bei Fremden, privatim und öffentlich, in Reden und in Schriften, bei Gastmählern und auf den Straßen bringen sie fast niemals etwas von dem Ihrigen vor, das sie nicht auch mit Schriftworten zu belegen versuchen. Lies die Werke des Paul von Samosata, des Priscillian, des Eunomius, des Jovinian und der übrigen Unheilstifter; da kannst du eine endlose Masse von Beispielen und kaum eine Seite finden, die nicht mit Sätzen aus dem Neuen oder Alten Testament geschminkt und gefärbt ist. Aber um so mehr muß man sie meiden und fürchten, je geheimer sie sich unter den Schatten des göttlichen Gesetzes verstecken; denn sie wissen, daß ihr Gestank so rasch bei keinem Gefallen finden würde, wenn sie ihn nackt und unverhüllt von sich gäben, und darum besprengen sie ihn gleichsam mit dem lieblichen Duft der himmlischen Sprache, damit der, welcher den menschlichen Irrtum ohne weiteres zurückweisen würde, die göttlichen Aussprüche nicht leicht mißachte. Und so machen sie es wie solche, die, wenn sie kleinen Kindern einen Becher mit bitterem Getränke reichen wollen, zuvor den Rand desselben mit Honig bestreichen, damit das arglose Alter, wenn es zuerst die Süßigkeit schmeckt, vor der Bitterkeit nicht zurückschrecke. Das besorgen auch jene, die schlechte Kräuter und schädliche Tränke mit dem schönen Namen Arznei versehen, damit nicht leicht jemand, der die Aufschrift „Heilmittel“ liest, an Gift denke.

Darum rief auch der Heiland: Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind. Was sind Schafskleider anders als die Aussprüche der Propheten und Apostel, welche diese mit der Einfalt der Schafe für jenes unbefleckte Lamm, das die Sünde der Welt hinwegnimm, wie eine Art Vlies gewebt haben? Wer sind die reißenden Wölfe, wenn nicht der wilde und gewalttätige Sinn der Häretiker, die den Hürden der Kirche immer nachstellen und die Herde Christi, wo sie nur können, zerfleischen? Um aber desto hinterlistiger an die nichts ahnenden Schafe heranschleichen zu können, legen sie, obschon sie die Wildheit der Wölfe beibehalten, doch die Wolfsgestalt ab und hüllen sich in Aussprüche des göttlichen Gesetzes ein wie in ein Vlies, damit ein jeder, wenn er die weiche Wolle fühlt, sich nicht vor den spitzen Zähnen fürchte. Aber was sagt der Heiland: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen? Das heißt: Wenn sie anfangen, jene göttlichen Worte nicht nur anzuführen, sondern auch auseinanderzusetzen, nicht nur hinzuwerfen, sondern auch zu erklären, dann wird man jene Bitterkeit und Herbheit, auch ihre Wut erkennen, dann wird das Gift der Neuerung ausgespritzt, dann werden die heillosen Neuerungen an den Tag kommen; dann kann man sehen, wie der Zaun durchbrochen, die Grenzsteine der Väter von der Stelle gerückt, der katholische Glaube niedergeworfen, die kirchliche Lehre zerrissen wird.

Derart waren die, welche der Apostel Paulus im zweiten Korintherbriefe im Auge hat, wenn er sagt: Denn diese falschen Apostel sind trügerische Arbeiter, die sich umgestalten zu Aposteln Christi. Was heißt das: die sich umgestalten zu Aposteln Christi? Die Apostel beriefen sich auf Beispiele des göttlichen Gesetzes: auch jene beriefen sich darauf; die Apostel beriefen sich auf die Autorität der Psalmen: auch jene beriefen sich darauf; die Apostel beriefen sich auf Aussprüche der Propheten: nicht weniger taten das auch jene. Als sie aber anfingen, das, worauf sie sich in gleicher Weise berufen hatten, nicht in gleicher Weise zu erklären, da konnte man die Geraden von den Hinterlistigen, die Echten von den Gekünstelten, die Richtigen von den Scheinbaren, endlich die wahren Apostel von den falschen unterscheiden. Und das ist nicht zu verwundern, heißt es; denn selbst der Teufel verstellt sich in einen Engel des Lichtes; es ist also nichts Großes, wenn seine Diener sich umgestalten zu Dienern der Gerechtigkeit. Wenn also falsche Apostel, falsche Propheten oder falsche Lehrer sich auf Aussprüche des göttlichen Gesetzes berufen, um auf falscher Erklärung derselben ihre Irrtümer aufzubauen, so ist es nach der Lehre des Apostels Paulus nicht zweifelhaft, daß sie den schlauen Kunstgriffen ihres Lehrmeisters folgen; dieser würde solche nicht aussinnen, wenn er nicht wüßte, daß es, um zu täuschen, gar keinen leichteren Weg gibt, als dort, wo der Betrug frevelhaften Irrtums eingeführt wird, die Autorität der Worte Gottes vorzuschützen.

Darin ahmen die Häretiker das Verfahren des Satans bei der Versuchung Jesu nach.

Aber, wird einer sagen, wie läßt sich beweisen, daß der Teufel sich auf Stellen der Heiligen Schrift zu berufen pflegt? Er lese die Evangelien nach, in denen geschrieben steht: Dann nahm der Teufel ihn, d. h. den Herrn und Heiland, stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürze dich hinab; denn es steht geschrieben: Er hat seinen Engeln deinetwegen befohlen, dich zu behüten auf allen deinen Wegen; sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa mit deinem Fuß an einen Stein stoßest. Was wird der den armen Menschen tun, der selbst auf den Herrn der Herrlichkeit mit Schriftzeugnissen losging? Wenn, sagte er, du der Sohn Gottes bist, stürze dich hinab; warum? Denn es steht geschrieben, sagte er. Gar sehr müssen wir auf die sich aus dieser Stelle ergebende Lehre achten und sie uns einprägen, damit wir, wenn wir heute apostolische oder prophetische Worte gegen den katholischen Glauben vorbringen sehen, aus jenem so wichtigen Beispiele evangelischer Autorität klar erkennen, daß der Teufel durch sie spricht. Denn wie damals das Haupt zum Haupte, so sprechen auch jetzt die Glieder zu den Gliedern, nämlich die Glieder des Teufels zu den Gliedern Christi, Treulose zu Treuen, Gotteslästerer zu Gottesfürchtigen, Häretiker zu Katholiken. Aber was sagen sie denn? Wenn du, heißt es, der Sohn Gottes bist, so stürze dich hinab. Das heißt: Wenn du Sohn Gottes sein und die Erbschaft des Himmels erhalten willst, so stürze dich hinab, nämlich von der Lehre und Überlieferung jener hohen Kirche, welche auch für den Tempel Gottes gehalten wird, stürze dich hinunter.== Und wenn jemand einen Häretiker, der ihm solches zuredet, fragen sollte: Womit beweisest, womit zeigst du, daß ich den allgemeinen und alten Glauben der katholischen Kirche verlassen soll? so antwortet er flugs: Denn es steht geschrieben. Und dann hat er tausend Zeugnisse, tausend Beispiele, tausend Belegstellen aus dem Gesetz, den Psalmen, den Aposteln und Propheten bereit, durch deren neue und falsche Auslegung die unglückliche Seele von der katholischen Burg herab in den Abgrund der Hölle gestürzt wird.

Ferner pflegen die Häretiker auf wunderliche Weise unvorsichtige Menschen durch Versprechungen folgender Art zu täuschen. Sie wagen nämlich zu versprechen und zu lehren, daß es in ihrer Kirche, d. h. im Kreise ihrer Gemeinschaft, eine große, besondere und ganz persönliche Gnade Gottes gebe derart, daß alle jene, die zu ihrer Zahl gehören, ohne irgendwelche Anstrengung, ohne irgendeine Mühe und Selbsttätigkeit, auch wenn sie nicht bitten, nicht suchen, nicht anklopfen, doch von Gott so geleitet werden, daß sie, von Engelshänden getragen, d. h. durch Engelsschutz bewahrt, niemals mit ihrem Fuß an einen Stein anstoßen, d. h. niemals zum Bösen verführt werden können.

Die Heilige Schrift ist nach der Tradition der katholischen Kirche zu erklären.

Aber da sagt jemand: Wenn sich der göttlichen Kundgebungen, Aussprüche und Verheißungen auch der Teufel und seine Jünger bedienen, von denen die einen falsche Apostel, die andern falsche Propheten und Lehrer, alle aber in jeder Hinsicht Irrlehrer sind, was werden da die Katholiken und die Kinder der Mutterkirche tun? Auf welche Weise werden sie in den Heiligen Schriften das Wahre vom Falschen unterscheiden? Sie werden es sich besonders angelegen sein lassen, das zu tun, was, wie wir im Anfange dieses Merkbuches [c. 2 und 3] geschrieben haben, die heiligen und gelehrten Männer uns überliefert haben, daß sie nämlich die göttlichen Schriften nach den Überlieferungen der allgemeinen Kirche und nach der Richtschnur der katholischen Glaubenslehre erklären; ferner müssen sie innerhalb der katholischen und apostolischen Kirche der Allgemeinheit, dem Altertum und der Übereinstimmung folgen, und wenn einmal ein Teil gegen die Allgemeinheit, eine Neuerung gegen das Altertum, die Abweichung eines oder weniger Irrenden mit der Übereinstimmung aller oder wenigstens der meisten Katholiken in Widerspruch steht, sollen sie der Verderbtheit eines Teiles die Unversehrtheit der Allgemeinheit vorziehen; in dieser Allgemeinheit aber sollen sie der Ruchlosigkeit einer Neuerung den frommen Sinn des Altertums und ebenso im Altertum selbst der Vermessenheit eines oder weniger an erster Stelle die allgemeinen Beschlüsse aller auf einem Gesamtkonzil, wenn solche vorhanden sind, vorziehen; wenn das nicht möglich ist, mögen sie dem folgen, was das Nächste ist, nämlich den übereinstimmenden Lehranschauungen vieler großen Lehrer. Wird das mit Hilfe des Herrn treu, besonnen und sorgsam beachtet, werden wir ohne große Schwierigkeit alle schädlichen Irrtümer der auftauchenden Häresien aufzudecken wissen.

Benutzung der Väterzeugnisse für die Bekämpfung der Häresien.

Hier halte ich es für angebracht, an Beispielen zu zeigen, wie die ruchlosen Neuerungen der Häretiker durch Anführung und Vergleichung der unter sich übereinstimmenden Aussprüche der alten Lehrer aufgedeckt und verurteilt werden sollen. Jedoch müssen wir diese Übereinstimmung der alten heiligen Väter nicht bei jeder unbedeutenden Frage über das göttliche Gesetz, sondern nur oder doch hauptsächlich in der Glaubensregel angelegentlichst aufsuchen und berücksichtigen. Aber weder zu jeder Zeit noch alle Häresien kann man auf diese Weise bekämpfen, sondern nur die neuen und eben erst entstandenen, ehe sie nämlich Zeit gewinnen, die Regeln des alten Glaubens zu fälschen und ehe sie bei weiterer Verbreitung des Giftes die Schriften der Vorfahren zu fälschen versuchen. Dagegen verbreitete und eingewurzelte Häresien soll man keineswegs auf diesem Wege angreifen, weil ihnen in der Länge der Zeit Gelegenheit genug zu Gebote stand, sich die Wahrheit zu erschleichen. Und daher sollen wir alle jene altern Ruchlosigkeiten von Spaltungen und Irrlehren entweder, wenn es nötig ist, nur durch die Autorität der Schriften bekämpfen oder wenigstens meiden, wenn sie schon in alter Zeit durch allgemeine Konzilien katholischer Priester überführt und verurteilt worden sind. Wenn daher der Eiter irgendeines schlimmen Irrtums aufzubrechen und zu seiner Verteidigung Worte des heiligen Gesetzes sich anzueignen und falsch oder trügerisch auszulegen beginnt, dann müssen sofort zur Erklärung der Schrift die Aussprüche der Vorfahren gesammelt werden, durch die das, was als neu und darum gottlos hervortritt, ohne alle Umschweife aufgedeckt und ohne alle Umstände verworfen wird. Aber nur die Aussprüche der Väter sind zusammenzustellen, die im Glauben und in der katholischen Gemeinschaft heilig, weise und standhaft lebend, lehrend und bleibend es verdient haben, entweder in Christus treu zu sterben oder für Christus selig ihr Blut zu vergießen. Doch auch ihnen ist nur in der Weise zu glauben, daß alles, was sie in ihrer Gesamtheit oder doch der Mehrzahl nach in ein und demselben Sinne klar, oft und beharrlich wie eine einmütige Versammlung von Lehrern angenommen, festgehalten, überliefert und bekräftigt haben, für unzweifelhaft sicher und gültig gehalten werde, daß dagegen solches, was jemand, mag er auch heilig und gelehrt, mag er auch Bischof, Bekenner oder Märtyrer sein, gesondert von allen anderen oder auch im Gegensatze zu ihnen aufgestellt hat, zu den eigenen, geheimen und privaten Meinungen gerechnet und von dem Ansehen eines gemeinsamen, öffentlichen und allgemein anerkannten Ausspruches ausgeschlossen werde, damit wir nicht mit höchster Gefahr des ewigen Heiles nach der gottlosen Art der Häretiker und Schismatiker unter Preisgabe der alten Wahrheit der allgemeinen Lehre dem neuen Irrtum eines Menschen uns hingeben.

Damit aber niemand glaube, die heilige und katholische Übereinstimmung dieser seligen Väter leichthin mißachten zu dürfen, sagt der Apostel im ersten Briefe an die Korinther: Und einige setzte Gott in der Kirche zunächst als Apostel — von denen er selbst einer war —, sodann als Propheten — in der Apostelgeschichte wird als solcher Agabus erwähnt —, drittens als Lehrer. Diese heißen jetzt Traktatoren; derselbe Apostel bezeichnet sie bisweilen als Propheten, weil durch sie die geheimnisvollen Aussprüche der Propheten den Völkern aufgehellt werden. Wer also diese Männer, die in der Kirche Gottes nach göttlicher Fügung in den verschiedenen Zeiten und Gegenden auftreten, wenn sie in betreff der katholischen Glaubenslehre hinsichtlich eines Punktes in Christo übereinstimmen, verachtet, der verachtet nicht einen Menschen, sondern Gott. Und damit keiner von ihrer die Wahrheit verbürgenden Einheit abweiche, mahnt derselbe Apostel nachdrücklich, indem er sagt: Ich ermahne euch aber, Brüder, daß ihr alle ein und dasselbe sagt und keine Spaltungen unter euch seien, daß ihr vielmehr vollkommen seiet in demselben Sinne und in derselben Meinung. Sollte nun jemand von ihrer gemeinsamen Meinung abfallen, so höre er jenes Wort desselben Apostels: Er ist nicht ein Gott des Zwiespaltes, sondern des Friedens — das heißt: nicht ein Gott dessen, der von der Einheit der Übereinstimmung sich lossagt, sondern deren, die im Frieden der Übereinstimmung verbleiben —, wie ich in allen Gemeinden der Heiligen lehre, das heißt, der Katholiken, die deshalb heilig sind, weil sie in der Gemeinschaft des Glaubens verharren.

Und damit niemand anmaßlich verlange, daß man mit Ausschluß der übrigen ihn allein höre, ihm allein glaube, sagt er kurz darnach: Ist etwa von euch das Wort Gottes ausgegangen oder ist es zu euch allein gekommen? Und damit das nicht als nur so obenhin gesprochen aufgenommen werde, fügte er hinzu: Wenn einer ein Prophet oder ein Geistbegabter zu sein sich dünkt, so erkenne ert daß das, was ich euch schreibe, des Herrn Gebote sind. Was für andere Gebote sind das, als daß der, welcher ein Prophet oder ein Geistbegabter, d. h. ein Lehrer geistlicher Dinge ist, mit höchstem Eifer die Gleichheit und Einheit pflege, daß er weder seine Meinungen denen der übrigen vorziehe noch vom Sinne aller abweiche? Wer in dieser Hinsicht die Gebote nicht kennt, der wird verkannt werden, das heißt: Wer entweder, wenn er sie nicht kennt, sie nicht kennen lernt, oder, wenn er sie kennt, sie mißachtet, der wird verkannt werden, das heißt, er wird für unwürdig gehalten werden, zu den im Glauben Geeinigten und durch Demut Gleichgewordenen von Gott gezählt zu werden, das Schlimmste, was man sich denken kann. Und doch ist dies, wie wir sehen, nach der Drohung des Apostels jenem Pelagianer Julian zugestoßen, der entweder der Auffassung seiner Amtsgenossen nicht beitreten wollte oder vermessen aus ihrer Gemeinschaft austrat.

Aber nunmehr ist es an der Zeit, das versprochene Beispiel anzuführen, wo und wie die Aussprüche der heiligen Väter zusammengestellt worden seien, damit aus ihnen nach dem Beschlüsse und der Autorität eines Konzils die kirchliche Glaubensregel festgestellt werde. Damit das um so bequemer geschehe, sei hiermit dieses Commonitorium geschlossen; das folgende wollen wir in einem anderen Buche behandeln.

Kurze Inhaltsangabe des ersten Commonitoriums und Beginn der Abhandlung über das allgemeine Konzil zu Ephesus.

[Das zweite Commonitorium1 ist verloren gegangen; es ist von ihm nichts übrig geblieben als der letzte Teil, d. h. eine bloße Zusammenfassung, die hier folgt].

Da dem so ist, so ist es nunmehr Zeit, das in diesen beiden Commonitorien Gesagte am Schlüsse dieses zweiten zusammenzufassen. Wir haben im vorherigen gesagt, daß es stets bei den Katholiken Brauch gewesen ist und auch jetzt noch ist, den wahren Glauben auf folgende zwei Arten zu erweisen: zunächst durch die Autorität der göttlichen Schrift, dann durch die Überlieferung der katholischen Kirche. Nicht als ob die Heilige Schrift nicht für sich allein zu allem genügend sei, sondern weil viele dadurch, daß sie die göttlichen Aussprüche nach eigenem Belieben erklären, mannigfache Neuerungen und Irrtümer aushecken und es deshalb notwendig ist, daß das Verständnis der himmlischen Schrift sich nach der einen Norm des kirchlichen Sinnes richte, besonders in denjenigen Punkten, auf denen die Grundlagen der gesamten katholischen Kirchenlehre ruhen.

Ebenso haben wir gesagt, daß in der Kirche selbst hinwiederum die Übereinstimmung der Allgemeinheit und in gleicher Weise des Altertums beachtet werden müsse, damit wir nicht entweder vom Zusammenhange der Einheit zu einem Bruchstücke des Schismas abgerissen oder von der Religion des Altertums hinweg in die Neuerungen der Häresie gestürzt werden. Weiterhin sagten wir, in der alten Kirche habe man mit besonderem Eifer auf zwei Dinge zu achten, nach denen die sich genau richten müßten, die keine Häretiker sein wollten: erstens, ob etwas in früherer Zeit von allen Priestern der katholischen Kirche mit der Autorität eines allgemeinen Konzils beschlossen worden sei; zweitens, wenn eine neue Streitfrage auftauche über eine Sache, in der ein solcher Beschluß nicht vorliege, müsse man auf die Aussprüche der heiligen Väter zurückgehen, deren nämlich, die sich jeder zu seiner Zeit und an seiner Stelle, in der Einheit der Gemeinschaft und des Glaubens verharrend, als zuverlässige Lehrer bewiesen hätten, und man müsse das, wovon sich finde, daß sie es einstimmig und einmütig festgehalten haben, ohne alles Bedenken für wahre und katholische Lehre der Kirche halten.

Damit es nun nicht den Anschein habe, als ob wir dies mehr nach eigener vorgefaßter Meinung als auf Grund der kirchlichen Autorität vorbrächten, haben wir das Beispiel des heiligen Konzils vorgeführt, das vor etwa drei Jahren in der Provinz Asien zu Ephesus abgehalten wurde unter dem Konsulate des Bassus und Antiochus. Als dort über die Feststellung der Glaubensregeln verhandelt wurde, schien, damit sich daselbst nicht eine ruchlose Neuerung nach Art des Glaubensbruches von Rimini einschleiche, allen Priestern, die etwa zweihundert an der Zahl dort zusammengekommen waren, dies am meisten katholisch, zuverlässig und geraten zu sein, daß die Aussprüche heiliger Väter zur Kenntnis gebracht würden, nämlich solcher, von denen es feststehe, daß sie entweder Märtyrer oder Bekenner und zugleich katholische Priester gewesen und geblieben seien; nach ihrer Übereinstimmung und nach ihrem Gutachten sollte förmlich und feierlich die Religion der alten Glaubenslehre bestätigt und die Gotteslästerung der ruchlosen Neuerung verdammt werden. Das geschah auch, und dann wurde mit Fug und Recht jener gottlose Nestorius für einen Feind des Altertums, der selige Cyrill aber als übereinstimmend mit der hochheiligen Vorzeit erklärt. Und damit zur Beglaubigung dessen nichts fehle, haben wir auch die Namen und die Zahl jener Väter angeführt — die Reihenfolge zwar haben wir vergessen —, nach deren einhelliger und übereinstimmender Lehre die Aussprüche des heiligen Gesetzes erklärt und die Norm der göttlichen Lehre daselbst festgestellt wurde. Diese zur Auffrischung des Gedächtnisses auch hier aufzuzählen, ist keineswegs überflüssig.

Zehn Kirchenväter, deren Glaubenszeugnisse auf dem Konzil zu Ephesus verlesen wurden.

Es sind also folgende Männer, deren Schriften wie von Richtern oder von Zeugen auf jenem Konzil verlesen wurden: der hl. Petrus, Bischof von Alexandrien, ein vorzüglicher Lehrer und seliger Märtyrer; der hl. Athanasius, Bischof derselben Stadt, ein treuer und hervorragender Bekenner; der hl. Theophilus, ebenfalls Bischof jener Stadt, ein durch Glauben, Lebenswandel und Wissenschaft hinlänglich bekannter Mann; sein Nachfolger war der ehrwürdige Cyrill, der jetzt noch die alexandrinische Kirche ziert. Und damit man nicht etwa glaube, daß dies nur die Lehre einer Stadt und Provinz sei, wurden auch jene Leuchten Kappadoziens zugezogen: der hl. Gregor, Bischof und Bekenner von Nazianz; der hl. Basilius, Bischof und Bekenner von Cäsarea in Kappadozien; ebenso der andere hl. Gregor, Bischof von Nyssa, in Glauben, Wandel, Reinheit und Weisheit seines Bruders Basilius durchaus würdig. Zum Beweise, daß nicht nur Griechenland und der Orient, sondern auch der Okzident und die lateinische Welt immer dieselbe Überzeugung gehabt haben, wurden dann auch einige Briefe des hl. Märtyrers Felix und des hl. Julius, die beide Bischöfe von Rom waren, daselbst verlesen. Und damit nicht nur die Hauptstadt des Erdkreises, sondern auch die Seitenteile für jenes Gericht ihr Zeugnis abgäben, wurde auch von Süden der hl. Cyprian, Bischof von Karthago und Märtyrer, und von Norden der hl. Ambrosius, Bischof von Mailand, herangezogen. Alle diese also wurden zu Ephesus nach der geheiligten Zahl des Dekalogs als Lehrer, Ratgeber, Zeugen und Richter vorgeführt; an ihrer Lehre festhaltend, ihrem Rate folgend, ihrem Zeugnisse vertrauend und ihrem Urteile gehorchend, hat jene heilige Synode ohne Abneigung, ohne Voreingenommenheit und Vorliebe sich über die Glaubensregeln ausgesprochen. Es hätte wohl eine viel größere Zahl von Vorfahren beigezogen werden können, aber es war nicht notwendig; denn weder durfte durch Häufung der Zeugen die für die Verhandlung notwendige Zeit gekürzt werden noch zweifelte jemand, daß jene zehn Männer keine andere Überzeugung gehabt haben als alle ihre übrigen Amtsgenossen.

Verhandlungen desselben allgemeinen Konzils zu Ephesus.

Nach all diesem haben wir auch eine Meinungsäußerung des seligen Cyrill beigefügt, die in den kirchliehen Akten selbst enthalten ist. Denn nach Verlesung eines Briefes des hl. Kapreolus, Bischof von Karthago, der nichts anderes beabsichtigte und wollte, als daß die Neuerung abgetan und das Altertum geschützt werde, ergriff der Bischof Cyrill das Wort und gab eine Erklärung ab, die auch hier einzuschalten mir angebracht scheint. Es heißt nämlich am Schluß der Akten: Auch dieser Brief des ehrwürdigen und tieffrommen Bischofs Kapreolus von Karthago, der vorgelesen worden ist, soll den wahrheitsgetreuen Akten beigelegt werden. Sein Sinn ist klar; er will nämlich, daß die alten Glaubenslehren bekräftigt, dagegen die neuen, überflüssig ersonnenen und gottlos unter das Volk gebrachten, verworfen und verdammt werden. Alle Bischöfe riefen: Das ist die Stimme aller, das sagen wir alle, das ist aller Wunsch. Was anders war denn die Stimme aller und der Ruf aller, als daß das Altüberlieferte festgehalten, das erst kürzlich Ersonnene verworfen werden solle?

Darnach haben wir unsere Verwunderung ausgesprochen und die große Demut und Heiligkeit jenes Konzils gerühmt, daß so viele Priester, größtenteils Metropoliten, von solcher Bildung und solcher Gelehrsamkeit, daß sie fast alle über Glaubenssätze Erörterungen anstellen konnten, denen überdies ihre Zusammenkunft an einem Orte das Vertrauen geben durfte, daß sie etwas wagen und beschließen konnten, daß sie, sage ich, dennoch nichts neuerten, nichts beanspruchten und sich durchaus nichts anmaßten, sondern auf alle Weise nur Vorsorge trafen, daß den Späteren nichts überliefert werde, was sie selbst nicht von den Vätern empfangen hatten, und nicht nur für die Gegenwart den Streit beilegten, sondern auch den Nachkommen ein Beispiel gaben, auch ihrerseits die Lehren des geheiligten Altertums festzuhalten und die Erfindungen gottloser Neuerung zu verdammen.

Wir wandten uns auch gegen die verruchte Anmaßung des Nestorius, daß er sich groß mache, als verstehe er zuerst und allein die Heilige Schrift und als hätten alle sie nicht verstanden, die vor ihm, mit dem Lehramte betraut, die göttlichen Aussprüche behandelten, nämlich alle Priester, alle Bekenner und Märtyrer, von denen die einen das Gesetz Gottes ausgelegt, die andern ihrer Auslegung zugestimmt und geglaubt hatten, daß er endlich behaupte, die ganze Kirche irre auch jetzt noch und habe immer geirrt, weil sie, wie er glaubte, unwissenden und irrenden Lehrern gefolgt war und noch folgte.

Auch in Briefen der Päpste Sixtus III. und Cälestin I. werden dogmatische Neuerungen verurteilt.

Obgleich dieses alles reichlich und überreichlich genügt hätte, um alle ruchlosen Neuerungen zu vernichten und auszutilgen, so haben wir doch, damit an dieser Fülle nichts zu fehlen scheine, zuletzt noch eine doppelte Autorität des apostolischen Stuhles beigefügt, nämlich einmal die des hl. Papstes Sixtus, der gegenwärtig hochverehrt die römische Kirche erleuchtet, dann die seines Vorgängers seligen Angedenkens, des Papstes Cälestin, die wir auch hier einzusetzen für notwendig hielten. Es sagt also der hl. Papst Sixtus in dem Briefe, den er in der Sache des Nestorius an den Bischof von Antiochien schickte: Weil also, wie der Apostel sagt, der Glaube einer ist, welcher auch siegreich die Oberhand erhielt, so laßt uns das, was gesagt werden muß, glauben und das, was festzuhalten ist, sagen. Was ist denn nun das, was zu glauben und zu sagen ist? Er fährt fort und sagt: Nichts soll der Neuerung weiterhin verstattet sein, weil man dem Altertum nichts beifügen darf; der klare Glaube und die Gläubigkeit der Vorfahren soll durch keine Vermengung mit Schmutz getrübt werden. Es ist ganz und gar apostolisch, daß er die Gläubigkeit der Vorfahren ehrend als klares Licht bezeichnete, die neuen Ruchlosigkeiten aber als Vermengung mit Schmutz brandmarkte.

Aber auch der hl. Papst Cälestin zeigte dieselbe Art und dieselbe Überzeugung. Er schickte ein Schreiben an die gallischen Priester, in welchem er ihre Nachsicht tadelt, daß sie den alten Glauben stillschweigend preisgäben und ruchlose Neuerungen aufkommen ließen; in diesem sagt er: Mit Recht fällt es uns zur Last, wenn wir durch Stillschweigen den Irrtum begünstigen; darum sollen solche zurechtgewiesen werden, es soll ihnen nicht gestattet sein, nach Belieben frei zu sprechen. Hier könnte jemand zweifelnd fragen, wer denn jene sind, die nicht nach Belieben sollen frei sprechen dürfen, die Verherrlicher des Altertums oder die Erfinder der Neuerung. Er selbst mag es sagen und selbst den Zweifel der Leser lösen; es folgt nämlich: Es höre auf, wenn die Sache sich so verhält — das heißt: Wenn es so ist, wie einige bei mir eure Städte und Provinzen anschuldigen, daß ihr in schädlicher Lässigkeit sie gewissen Neuerungen zustimmen laßt — es höre also auf, heißt es, wenn die Sache sich so verhält, die Neuerung das Altertum anzugreifen. Das also war des seligen Cälestin glückselige Entscheidung, daß nicht das Altertum aufhören solle, die Neuerung zu unterdrücken, sondern daß vielmehr die Neuerung davon ablassen solle, das Altertum anzugreifen.

Schluß

Wer nun immer diesen apostolischen und katholischen Beschlüssen widerstrebt, der muß zu allererst das Andenken des hl. Cälestin schänden, da dieser entschied, die Neuerung solle aufhören, das Altertum anzugreifen; der muß ferner die Bestimmungen des hl. Sixtus verhöhnen, der erklärte, fürderhin solle der Neuerung kein Spielraum mehr gewährt werden, weil man dem Altertum nichts beifügen dürfe; er muß aber auch die Satzungen des seligen Cyrill verachten, der den Eifer des ehrwürdigen Kapreolus gar sehr lobte, weil dieser verlangte, daß die alten Glaubenssätze bestätigt, die neuerfundenen aber verdammt werden sollten. Auch die ephesinische Synode, d. h. die Beschlüsse der heiligen Bischöfe fast des ganzen Orients, tritt er mit Füßen, weil es ihnen nach Gottes Eingebung gefiel, nichts anderes den Nachkommen zum Glauben vorzuschreiben, als was das geheiligte und mit sich selbst in Christus übereinstimmende Altertum der heiligen Väter festgehalten hätte, und weil sie auch laut und feierlich bezeugten, es sei die Stimme aller, der Wunsch aller, die Meinung aller, daß, wie fast alle Häretiker vor Nestorius, die das Alte verachteten und Neues vorbrachten, verurteilt worden seien, so auch Nestorius selbst als Urheber einer Neuerung und Bekämpfer des Altertums verurteilt werde. Wenn nun ihre hochheilige und durch die Kraft der himmlischen Gnade gewirkte Übereinstimmung jemandem mißfällt, so heißt das nichts anderes als behaupten, die Ruchlosigkeit des Nestorius sei nicht mit Recht verdammt worden; ein solcher muß schließlich auch die ganze Kirche Christi und ihre Lehrer, die Apostel und Propheten, besonders aber den seligen Apostel Paulus als Auskehricht mißachten; die Kirche, weil sie von der gewissenhaften Pflege und Ausbildung des ihr einmal anvertrauten Glaubens niemals abgewichen ist; den hl. Paulus aber, weil er schrieb: O Timotheus, bewahre die Hinterlage, indem du die heillosen Wortneuerungen meidest, und ebenso: Wenn euch jemand etwas anderes verkündet, als was ihr empfangen habt, so sei er verflucht. Wenn nun weder die apostolischen Satzungen noch die kirchlichen Entscheidungen verletzt werden dürfen, durch welche nach der hochheiligen Übereinstimmung der Allgemeinheit und des Altertums immerfort alle Häretiker und zuletzt Pelagius, Cälestius und Nestorius mit Fug und Recht verurteilt worden sind, so müssen fürwahr in der Folgezeit alle Katholiken, die sich als echte Söhne der Mutter Kirche erweisen wollen, dem heiligen Glauben der heiligen Väter anhangen und bis zum letzten Atemzuge treu bleiben, die ruchlosen Neuerungen ruchloser Menschen aber verwünschen, verabscheuen, bekämpfen und verfolgen.

Das etwa ist es, was in den beiden Commonitorien weiter ausgeführt, hier aber viel kürzer wiederholt und zusammengezogen wurde, damit mein Gedächtnis, zu dessen Unterstützung das Werk verfaßt worden ist, durch beständige Erinnerung aufgefrischt, durch Überdruß an Weitschweifigkeit aber nicht niedergedrückt werde.

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