Des Timotheus vier Bücher an die Kirche

Von Salvianus von Massilia

I. Buch

Die gegenwärtige Kirche leidet unter der Habsucht ihrer Kinder

Timotheus, der geringste der Knechte Gottes, an die über den ganzen Erdkreis verbreitete katholische Kirche! Gnade und Friede sei dir von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn, mit dem Hl. Geiste! Amen.

Unter den mannigfachen schweren, tod- und verderbenbringenden Krankheiten, die dir jene alte, häßliche Schlange in erbittertstem Neid und tödlicher Eifersucht, mit dem furchtbaren Hauch ihres giftigen Rachens einflößt, gibt es wohl keine, die unter deinen Gläubigen ärgeres Unheil und unter deinen Kindern schrecklicheres Siechtum anrichtet als diese eine: Sehr viele der Deinen erachten es nicht für genug, daß sie in diesem Leben den ihnen von Gott zu heiligem Dienst übergebenen Gütern anhängen, ohne daß die Barmherzigkeit und die Nächstenliebe Gewinn davon hätten, nein, sie dehnen ihre Habsucht – und sie ist ein knechtischer Götzendienst! – auch in die Zukunft, in die Zeit nach dem Tode aus. Vielleicht blickst und spähst du nun fragend um dich, wo diejenigen von deinen Gläubigen denn seien, die ich da meine. Du brauchst nicht lange zu suchen, um sie zu finden. Alle, ja, so sag’ ich, fast alle sind von meinem Vorwurf betroffen! Verschwunden und längst vorbei ist ja jene herrliche, alles überragende, beseligende Kraft der Frühzeit deines Volkes, da alle, die sich zu Christus bekannten, den vergänglichen Besitz an irdischem Vermögen verwandelten in die ewigen Werte himmlischer Güter; sie beraubten sich der Nutznießung am Gegenwärtigen im herrlichen Ausblick auf das Zukünftige; sie erkauften unsterblichen Reichtum um einen Augenblick der Armut, Und jetzt? Jetzt ist auf all dies gefolgt Habsucht, Begehrlichkeit, Raubgier und – in enger Bundesgenossenschaft und beinahe leiblicher Schwesternschaft mit ihnen vereint – Neid und Haß und Grausamkeit, Verschwendung und Schamlosigkeit und Verworfenheit: jene ersteren streiten ja doch mit den Machtmitteln der letzteren! Und so hat vielleicht dein äußeres Glück gegen dich selbst gekämpft: je stärker sich deine Anhänger mehrten, desto mehr wuchsen auch die Laster; je mehr deine Macht zunahm, desto mehr nahm die Zucht ab, und deine wirtschaftliche Blüte kam in Begleitung innerer Verluste. Denn als sich die Masse der Gläubigen vervielfachte, ward der Glaube selbst verringert, und mit dem Wachstum ihrer Kinder wird die Mutter krank; und so bist du, o Kirche, durch deine gesteigerte Fruchtbarkeit schwächer geworden, bist durch die Mehrung zurückgesunken und hast an Kräften abgenommen. Gewiß: du hast über die ganze Welt hin die Glieder ausgesandt, die zwar dem Namen nach den Glauben haben, aber keine Glaubenskraft; und so begannst du reich zu werden an Scharen, arm am Glauben; und wurdest zwar der Menge nach bereichert, verarmtest aber an Frömmigkeit, wurdest weiter dem Leibe nach, aber verkümmertest am Geiste, bist, möchte ich sagen, zu gleicher Zeit in dir größer und in dir kleiner geworden – eine fast nie dagewesene, unerhörte Art von Fortschritt und Rückschritt in einem, indem du zugleich zunahmst und abnahmst. Denn wo ist jetzt deine ehemalige wundervolle Gestalt, die Schönheit deines ganzen Leibes? Wo gilt noch jenes Zeugnis der Heiligen Schrift, das da von deinen lebendigen Tugenden rühmt: „Die große Zahl der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, und nicht einer nannte von dem, was er besaß, noch etwas sein” ? Von diesem Zeugnis – Gott sei es laut geklagt! – besitzest du nur mehr die geschriebenen Worte, nicht mehr die innere Kraft; nur mehr durch dein Wissen stehst du ihm nahe, im Gewissen stehst du ihm fern. Sind doch heute deine Kinder zum größten Teil Händler mit todbringender Ware, irdischen – nein! – teuflischen Krämern und Schankwirten gleich, und schachern mit Dingen, die selbst zugrunde gehen und andere zugrunde richten. Um Geldgewinn kaufen sie den Schaden am ewigen Leben; um fremdes Gut zu erwerben, verschwenden sie das eigene; der Erde überliefern sie ihre traurigen Schätze, die den Erben eine kurze Freude, den Stiftern einen langen Schmerz bringen werden; sie betrügen sich und andere um den wahren Nutzen dieses Daseins, wenn sie in tiefen Gruben ihren höllischen Reichtum bergen; graben sie doch so mit einem Mal ihr Geld und ihre Hoffnung ein nach jenem Wort unseres Herrn, das da sagt: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.” So sind sie neidisch auf ihr eigenes Heil und drücken die eigenen Seelen, die doch zum Himmel berufen sind, mit schweren irdischen Gewichten wieder zur Erde nieder. Der Sinn dessen nämlich, der sich einen Schatz errafft, folgt dem Schatze nach und wird gleichsam zur Natur eines irdischen Stoffes herabgemindert, jetzt sowohl wie in der Zukunft und immerdar. Denn da, wie geschrieben steht, dem Menschen gleichermaßen Leben und Tod zur Wahl vorliegen und er nur die Hand nach dem auszustrecken braucht, was er will, ist die notwendige Folge, daß jeder einzelne Mensch in der Ewigkeit das besitzt, was er hier auf Erden gewissermaßen mit eigener Hand an sich genommen hat, und daß er, getreu seiner Wahl und seinem Willen, in alle Zukunft an Dinge in harter Pflicht gekettet bleibe, an die er sich hierin bloßer Lust gekettet hat.

Jede Art der Anhäufung von Schätzen wird zum Verderben

Vielleicht aber wähnen sich manche von dieser Sünde frei, die da ihr Gold und ihr Vermögen zwar nicht in der Erde haben, es aber doch allenthalben versteckt halten. Täusche sich doch niemand mit lächerlichen Ausflüchten! Jeder, der in irdischem Begehren sich müht, seinen Reichtum zu vermehren, vergräbt auf alle Fälle sein Gold in der Erde. Das ist der Sinn des Heilandswortes im Evangelium: „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde!” Und weiter: „Sammelt euch vielmehr Schätze für den Himmel!” Diese Gedanken lassen sich nicht bloß mit dem leiblichen Ohr verstehen. Denn legen wirklich alle Bösen ihren materiellen Reichtum auf der Erde und alle Guten den ihren im Himmel nieder? So ist es wahrlich nicht! So meint der wirkliche Sinn des heiligen Ausspruchs eben nur die Wirkungen und Kräfte von geistigen Vorgängen – etwa folgendermaßen: Insoferne Begierde und Habsucht irdischen und höllischen Lohn, Mitleid aber und Mildtätigkeit himmlischen und ewigen Lohn im Gefolge haben, wurde der Unterschied zwischen einem „irdischen” und einem „himmlischen” Schatz festgelegt, daß alle, die ihrer Begierde und Habsucht zuliebe Reichtümer erwürben, erkennen sollten, sie legten ihre Güter in der Hölle nieder; daß aber diejenigen, die aus Mitleid und Menschlichkeit Schätze sammelten, sich freuen könnten in der Vorbereitung ihrer himmlischen Güter; dorthin werden schon im voraus die Schätze verlegt, wo dereinst ihre Sammler sein werden.

Die Verurteilung der Habsucht gilt auch für Eltern, die für ihre Kinder zu sorgen vorgeben

Nun mag vielleicht ein solcher Spruch zu streng erscheinen, der alle gleichermaßen zur Vollkommenheit aufruft und alle unter ein Gesetz zwingt, da doch nicht alle in ein und derselben Lage leben. Ganz treffend könnte man auf diesen Einwurf erwidern: Wenn alle das ewige Leben haben wollen, so müssen wohl auch alle danach streben, an diesem Leben teilzuhaben; ist es doch ganz albern und töricht, wenn manche offensichtlich gerade das, was sie nach Wunsch und Willen besitzen möchten, nach ihrem Tun und Handeln nicht erreichen zu wollen scheinen. Wenden wir uns aber trotzdem in erster Linie dem Teil der Christen, deiner Kinder, zu, der durch ganz bestimmte sachliche Hemmnisse und durch die Fesseln einer, wie er glaubt, unüberwindlichen Not von der Vollkommenheit abgezogen wird! Zunächst gehören, glaube ich, zu diesem Teil diejenigen, die da vorgeben, sie seien durch die Sorge für ihre Kinder, durch die übermächtige Liebe zu ihren Nachkommen gezwungen, Geld zu erwerben und nach ausgedehntem Güterbesitz zu trachten. Als ob jeder, der Vater ist, es überhaupt nur dann und nur dann sein könnte oder müßte, wenn er reich ist, und als ob keiner seine Kinder lieben könnte ohne Vermehrung seines Reichtums, oder aber als ob Habsucht und Gier Kraft und Mark der väterlichen Liebe seien! Nach dem Glauben dieser Menschen könnte es ja, wie keinen Körper ohne Mark, so auch keine Liebe ohne Habgier geben. Wenn dem wirklich so wäre, so wäre ja zweifellos jegliches fromme Pflichtgefühl eine Ursache des Bösen; dann lägen in diesem nicht die Keime einer liebevollen Gesinnung, sondern der Zündstoff zu Lastern verborgen. Und wo bliebe der heilige, göttlich beglaubigte Ausspruch: „Frömmigkeit ist zu allem nütze“? Denn nach dieser Auffassung ist sie nicht nur nicht zu allem nützlich, sondern fast für alles unheilvoll. Ist sie nämlich der Mutterboden für die Begierden, dann enthält sie viel mehr des Übels in sich als des Guten; es sagt ja die Hl. Schrift: „Die Wurzel aller Übel ist die Habgier.” Wenn demnach die Habgier die Wurzel aller Übel ist, diese aber wiederum im Mutterschoß der Frömmigkeit gezeugt und gleichsam mit ihrer giftigen Milch genährt wird, dann trifft der Vorwurf weniger die Habgier, die aus der Frömmigkeit geboren ist, als die Frömmigkeit selber, aus der eine solche Tochter hervorgeht. Die Folge wäre – wenn die Frömmigkeit so verderblich und so schädlich ist – daß man weder lieben noch geliebt werden dürfte; denn weder dürften die Eltern nach einer Liebe trachten, die ihnen schädlich ist, noch die Kinder nach einer Liebe verlangen, die den Eltern zum Nachteil ist. Indessen brächte eine solche Liebe nicht allein die Eltern, sondern auch die Kinder in Krankheitsnot, weil diese ebenso auf denen lastet, die verderbenbringendes Erbgut raffen, wie auf denen, die, mitten in schändlichem Gelderwerb befangen, zu schändlichen Erben herangezogen werden. So kommt es, daß fast alle Söhne ihren Eltern weniger im Besitz der elterlichen Güter als in den Lastern nachfolgen und weniger das väterliche Vermögen als die väterlichen Sünden übernehmen; immer gehen sie so zu den Sitten der Väter über und besitzen früher deren Verworfenheit als deren Habe. Denn die Güter der Eltern besitzen sie erst, wenn diese tot sind; ihre Sitten aber schon, solange sie noch leben und bei Kraft sind; ehe sie also die väterlichen Besitztümer in ihre Verwaltung bringen, haben sie in ihrer Gesinnung die Väter selbst; und ehe sie das besitzen, was man fälschlich „Güter” heißt, besitzen sie das, was in Wahrheit als schlecht erwiesen ist.

Die Elternliebe wird dadurch nicht verboten, sondern vielmehr erhöht

Aber nun: Wenn dem so ist, scheine ich da nicht den Eltern die Liebe zu den Kindern ganz zu verbieten? Durchaus nicht! Denn was wäre so grausam, so unmenschlich, so gesetzeswidrig, als wenn wir sagten, es dürften die Kinder nicht geliebt werden, wenn wir uns doch zur Feindesliebe bekennen? Oder wenn wir die naturgegebene Liebe hemmen wollten, die wir sogar die von der Natur gehemmte Liebe üben? Oder wenn wir der Seele die Liebe entrissen, die sie schon hat, da wir ihr doch jene einpflanzen möchten, die sie noch nicht hat? Nein, es ist nicht so! Wir sagen vielmehr; Die Kinder dürfen nicht nur geliebt werden, sie müssen vorzüglich und über alles geliebt werden, und nichts darf ihnen vorgezogen werden außer Gott allein. Denn auch das ist eine vorzügliche Liebe, wenn man nur jenen den Kindern vorzieht, der nie und nimmer an eine spätere Stelle treten darf! Wie steht es also: Auf welche Weise sollen nach unserer Meinung die Kinder geliebt werden? Zweifelsohne nur so, wie Gott es selbst festgesetzt hat. Gibt es doch keine bessere Liebe zu den Kindern, als sie jener gelehrt hat, der die Kinder selbst geschenkt. Und besser können die Nachkommen nicht geliebt werden, als wenn sie in eben dem geliebt werden, von dem sie gegeben sind. Wie also sollen nach Gottes Befehl die Kinder geliebt werden? Ich sage es nicht; das göttliche Wort selbst soll es sagen, das zu allen Vätern gemeinsam spricht; sie sollen Gottes Gesetze ihren Söhnen überliefern, „damit sie auf Gott ihre Hoffnung setzen und nicht vergessen der Taten ihres Gottes und seine Satzungen befolgen”. Und anderswo heißt es: „Und, ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, sondern erziehet sie durch Unterweisung und Ermahnung des Herrn!” Da seht ihr, was für Reichtümer auf Geheiß Gottes die Eltern den Kindern erwerben sollen! Nicht geldgefüllte Schränke, nicht Säcke, schwer vom goldenen Metall – sie haben zwar viel Gewicht, aber noch viel mehr Sünde in sich! – nicht stolze, über hochgebaute Städte noch hinausragende Häuser, nicht Firste, deren Höhe der menschliche Blick nicht mehr erreicht, noch Giebel, die – zum Wohnen in den Lüften – bis in die Wolken emporstoßen, nicht Ländereien ohne Grenzen, deren Größe sich sogar der Kenntnis des Besitzers entzieht, die es für eine Schande halten, wenn sie Genossen dulden müssen, und die eine Nachbarschaft für ein Unrecht halten. Also nicht derlei Dinge befiehlt Gott; nicht auf so niedrige Leistungen irdischer Geschäfte dehnt er die Pflicht väterlicher Fürsorge aus. Nur wenig ist es, was er gebietet, aber es ist heilsam; unbeschwert, aber heilig; karg an Worten, aber reich an Früchten; kurz im geschriebenen Satz, aber ewig durch die Beseligung. „Ihr Eltern”, sagt er nämlich, „verärgert eure Kinder nicht, sondern erziehet sie in der Zucht und in der Mahnung des Herrn”, damit sie, wie der Prophet sagte, „damit sie auf Gott ihre Hoffnung setzen und nicht der Taten ihres Gottes vergessen und seine Satzungen befolgen”. Sieh, solchen Reichtum liebt Gott, solche Schätze, fordert er, sollen für die Kinder aufgespeichert werden; ein solches Vermögen, will er, soll erworben werden: Glaube und Furcht Gottes, Demut und Unschuld und Zucht; nichts Irdisches, nichts Wertloses, nichts Vergängliches, nichts Hinfälliges – aber etwas Herrliches! Denn da er ein Gott der Lebendigen ist und nicht der Toten, hat er folgerichtig solche Dinge für die Kinder zu erwerben befohlen, durch die sie in Ewigkeit leben könnten, nicht solche, durch die sie in der Ewigkeit sterben müßten. Denn ohne Zweifel ist fast für alle bösen und ungläubigen Menschen weltlicher Reichtum mehr eine Ursache des Todes als des Lebens, wie der Heiland sagt: „Wie schwer werden diejenigen, die da Reichtümer besitzen, eingehen in das himmlische Reich!” Und dann: „Leichter ist es, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher eingeht in das Himmelreich.” Daher mahnt ein anderes Wort ganz besonders eindringlich: „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, sondern sammelt sie im Himmel!” Zwei Arten von Schätzen sind es, die in den oben genannten und den folgenden Aussprüchen aufgezeigt werden: die eine, wie die Väter ihre Kinder, die andere, wie sie sich selbst bereichern können. Wie ist es bei den Kindern? Sie sollen sie erziehen in der Pflicht und der Furcht Gottes. Wie bei ihnen selbst? Sie sollen sich Schätze sammeln im Himmel. Und zwar auf ganz wunderbare Weise: Da das Geld vergänglich ist, die Gottesfurcht aber unsterblich und so ziemlich alle Eltern ihre Kinder mehr lieben als sich selbst, erwerben sie sich hinfällige Güter, den Kindern ewige, und so sorgen sie zu gleicher Zeit für die Erfüllung ihrer Elternpflicht wie für ihr Seelenheil, wenn sie – eine doppelte, eine unsterbliche Wohltat – durch das, was ewig ist, ihre Kinder zu ewig Seligen machen, und wenn sie zur Erwerbung der eigenen Seligkeit das von Natur Vergängliche durch ihre guten Werke zu Ewigkeitswerten verwandeln. Warum erregst du dich also, väterliche Liebe? Warum quälst du dich um irdische Güter, die ja doch vergehen werden? Du kannst deinen Söhnen nichts Größeres schenken, als daß sie durch dich jenes Gut besitzen, das sie niemals und nimmer verlieren können! Nein, es ist wahrlich nicht nötig, daß du für deinen Sohn irdische Schätze aufhebest; durch nichts machst du ihn reicher, als wenn du gerade deinen Sohn selbst zu einem kostbaren Besitz Gottes machst.

Wir sind nur Nutznießer der uns von Gott gegebenen irdischen Güter

Obwohl dies alles sich nun so verhält und obwohl es wahr und höchst heilsam ist, so möchte ich doch nicht die Kinder von den Gütern und vom Vermögen der Eltern gewissermaßen gänzlich ausschließen. Doch wollen wir diese Frage später erörtern. Einstweilen von etwas anderem! Es glauben welche, sie machten sich keiner Sünde schuldig, wenn sie ihr Hab und Gut nicht zu Ehren des Evangeliums, nicht zu ihrem Seelenheil, nicht zu irgendeinem Dienst Gottes erwerben, sondern es in ihrer treulosen Willkür irgendwelchen nächstbesten Erben – auch gottlosen, auch begüterten – überschreiben lassen: eine schlechte, heidnische Gesinnung! Wir wollen daher kurz betrachten, von wem das Vermögen selbst gespendet ist und warum es gespendet ist, auf daß wir, wenn wir erst einmal Urheber und Ursache der Schenkung aufgezeigt haben, um so leichter beweisen können, wem es zurückgegeben und wozu es hingegeben werden soll. Daß alles irdische Vermögen jedwedem durch die göttliche Gnade geschenkt ist, daran zweifelt wohl, wie ich glaube, kein Mensch, der überhaupt unter die Zahl der Menschen gerechnet werden kann – es müßte denn einer so voll der Weisheit sein, daß er glaubt, die Welt selbst sei zwar dem Menschengeschlecht von Gott gegeben, das aber, was in der Welt ist, sei nicht von Gott gegeben. Wenn also Gott allen alles spendet, ist es doch für niemand zweifelhaft, daß wir auch alles, was wir von Gott zum Geschenk erhalten haben, zur Ehre Gottes zurückerstatten und in seinem Dienste das verwenden müssen, was wir durch seine Milde zugewendet erhalten haben. Denn das heißt die Gabe Gottes anerkennen, das heißt von den göttlichen Wohltaten richtigen Gebrauch machen, daß man mit seinen eigenen Geschenken den ehrt, von dem man eben diese Geschenke empfangen hat. Das lehren ja schon Beispiele aus dem menschliehen Leben. Wenn nämlich der Genuß irgendwelcher Güter irgendeinem Menschen durch eines anderen Menschen wohltätige Freigebigkeit zuteil wird und dieser nun, uneingedenk des Gebers, von dem er solchen Genuß erhalten hat, versuchen würde, das Eigentumsrecht an dem verliehenen Gut dem Eigentümer selbst zu entwinden, es ihm zu entfremden – würde ein solcher nicht als ganz undankbar, als ganz treulos gelten, der, seines gebefreudigen Wohltäters vergessend, gerade den seines Eigentums berauben wollte, der ihn selbst in den Besitz des Ertrags gesetzt und so bereichert hat? Auch wir haben nur den Ertrag von dem erhalten, was wir in Händen haben; wir genießen das Vermögen, das uns von Gott zur Verfügung gestellt ist, wir sind gewissermaßen Besitzer auf Widerruf. Einmal, wenn wir aus dieser Welt scheiden, müssen wir all das, ob wir wollen oder nicht, hier zurücklassen. Wenn wir also nur Nutznießer unseres Besitzes sind, warum versuchen wir das, was wir doch nicht mitnehmen können, dem Eigentumsrecht des wirklichen Herrn zu nehmen und zu entfremden? Warum genießen wir nicht auf Treu und Glauben das uns von Gott verliehene Gut? Wir hielten es fest, solange es uns vergönnt war, so lang es jener erlaubte, der es verlieh. Dann aber: was ist richtiger, was edler, als daß der Besitz, wenn das Gut schon den Nutznießer verlassen muß, zu dem zurückkehrt, der einst den Nießbrauch verliehen hat? Schließlich befiehlt das auch Gottes Stimme in der Sprache der Heiligen Schriften, wenn sie jeden einzelnen von uns mahnt: ,,Ehre den Herrn von deinem Vermögen!” und anderswo: ,,Zahle deine Schuld heim!” Wie milde, wie nachsichtig ist der Herr, unser Gott, daß er uns einlädt zur Ausgabe des irdischen Vermögens! „Ehre”, sagt er, „den Herrn von deinem Vermögen!” Obwohl es doch ganz sein ist, was wir von ihm empfangen haben, so sagt er, es sei unser, auf daß wir gäben; er spricht also von unserem eigenen Besitz, damit der Lohn einer guten Tat um so größer sei; denn notwendigerweise hat der Spender dann mehr Gewinn, wenn die Spende scheinbar aus seinem eigenen Besitz stammt.

Die Menschen müssen den empfangenen Reichtum zu guten Werken verwenden

Damit aber der menschliche Geist sich nicht etwa überhebe, weil der Herr dieses irdische Vermögen das unsrige genannt habe, fügt die Schrift bei: „Zahle deine Schuld zurück!” Das heißt: Wen die Gottesfurcht nicht zum Schenken triebe, den solle die Nötigung zum Bezahlen zwingen; und wen nicht die eigene Treue zum heiligen Dienst nötige, den solle wenigstens ein Zwang drängen. Zuerst heißt es: „Ehre Gott von deinem Vermögen”, dann aber: „Zahle deine Schuld heim!” Das will heißen: Wenn du gottesfürchtig bist, gib es, als ob es dein sei; wenn nicht, zahle es heim, als ob es nicht dein sei! Sinnvoll sind so der freie Wille des Gebers und die Verpflichtung des Schuldners nebeneinander gestellt. Das will eben jedem Menschen so viel besagen: zum heiligen Dienst wirst du eingeladen durch ein mahnendes Wort und gezwungen durch eine rechtliche Forderung: gib, wenn du willst; willst du nicht, dann zahle heim! Auch der Apostel ermahnt und belehrt die Reichen, sie sollten nicht hochmütig werden und nicht auf die Unsicherheit des Reichtums, sondern auf den lebendigen Gott ihre Hoffnung setzen, „der”, wie er sagt, ,,uns alles zum Genusse gibt in dem Willen zu guten Werken.” Mit einem Wort lehrt er beides: wer den Reichtum spendet und warum er ihn spendet. Wenn er nämlich sagt, man müsse auf Gott hoffen, der alles schenkt, so zeigt er damit, daß man nur durch Gott reich werde; wenn er aber hinzufügt „mit dem Willen zu guten Werken”, so lehrt er, daß jenes, was er als gottgegeben bezeichnet hat, nur um der guten Werke willen gegeben werde: „Er gibt alles in dem Willen guter Werke”. Dies will sagen: Gott macht die Menschen wohlhabend und begütert zu dem Zweck, daß sie reich seien durch gute Handlungen, daß heißt, daß sie den empfangenen Reichtum und ihr Vermögen umwandeln, indem sie alles in guten Werken anlegen, und daß sie die Gaben Gottes, die sie auf dieser Welt nur für kurze Zeit haben, durch guten Gebrauch zu ewigen machen; wenn sie so die Gnadengeschenke Gottes anerkennen, dann können sie sich eines doppelten Gewinnes freuen, indem sie schon auf dieser Welt reich sind, aber auch verdienen, dereinst im Himmel reich zu sein.

Geiz und Habgier werden von Gott mit furchtbarer Strafe bedroht

In diesem Sinne also muß man sich den Reichtum wünschen und nach ihm trachten, so ihn besitzen und vergrößern. Dagegen wäre es eine unfaßbare Sünde, die von Gott gegebenen Güter nicht richtig zu benützen; denn „nichts”, sagt die Heilige Schrift, „ist verwerflicher als ein Geiziger”; und die schlimmste, die tödlichste Krankheitsart ist ein Reichtum, der zum Verderben seines Herrn aufgespeichert ist. Ja, so ist es! Denn was ist schlimmer, was trauriger, als wenn einer das gegenwärtige Gute in zukünftiges Übel verwandelt, und wenn man gerade mit den Mitteln, die von Gott verliehen sind, um mit ihrer Hilfe die Seligkeit des ewigen Lebens zu erwerben – wenn man gerade mit ihnen ewigen Tod und ewige Verdammnis erstrebt? Hier ist dann noch eines zu beachten: Wenn schon überkommener Reichtum zum Verderben des Menschen aufgehoben wird, um wieviel größer muß das Verderben erst sein, wenn er aufgehäuft wird! Denn wieviele von den heutigen Reichen haben soviel Selbstbeherrschung, daß sie, mit der bloßen Bewachung ihres Besitzes zufrieden, es verschmähten, neuen aufzutürmen? O arme Zeit! O armes Kirchenvolk! So weit ist es gekommen! Während geschrieben steht, daß es eine Art großer Sünde sei, am Reichtum festzuhalten, hält man es jetzt schon für eine Art Tugend, ihn nicht zu vermehren! Wie kann es also Menschen geben, die, wie wir oben sagten, sich nicht im geringsten schuldbelastet fühlen, wenn sie nicht einmal beim Sterben durch die Verteilung ihres Vermögens für sich sorgen, da sie doch schon deswegen schuldig sind, weil sie bis zum Tod alles aufgehoben haben? Oder wie sollen dereinst die nicht schuldig befunden werden, die ihr Vermögen in treulosem Wahn den nächstbesten Menschen überlassen, da doch schon jene schuldig sein werden, die nicht schon in diesem Leben sich eines Teils ihres Besitzes zur Ehre Gottes entäußert haben? Darauf weist ja unser Herr selbst hin, wenn er durch den Apostel spricht: „Wohlan, ihr Reichen, weinet über das Elend, das euch droht! Euer Reichtum verschwindet, eure Kleider werden eine Speise der Motten. Euer Gold und Silber verrostet, und deren Rost wird einst Zeugnis gegen euch sein und wie Feuer euer Fleisch verzehren. Ihr häufet Schätze in den letzten Tagen.” Abgesehen von jener Strenge der göttlichen Worte, die ganz geheimnisvoll bleibt und noch viel größer und schrecklicher ist, glaube ich, daß schon das Geoffenbarte allein hinreichen mag, um Furcht und Schrecken zu erwecken; denn der Apostel redet ganz im besonderen zu den Reichen, Er heißt sie wehklagen, er verkündet künftiges Unheil, er droht mit dem ewigen Feuer, Und dies – die Drohungen werden dadurch noch furchtbarer – nicht wegen Menschenmords, nicht wegen Unzucht, nicht wegen frevlerischen Gottesraubs und anderer Laster, die zuletzt mit tödlichem Schwert die Seelen morden und in den ewigen Tod stürzen, – nein: einzig und allein wegen des Reichtums, wegen der krankhaften Gier, wegen des Hungers nach Gold und Silber, um zu zeigen, daß dies für den Menschen schon genüge zur Verdammnis, auch wenn keine andere Schuld vorläge! Kann etwas einfacher und deutlicher gesagt werden? Es wird dem Reichen nicht zugerufen: Du mußt gepeinigt werden, weil du ein Menschenmörder, weil du ein Hurer bist, sondern du mußt gepeinigt werden nur darob, weil du reich bist, das heißt, weil du von dem Reichtum schlechten Gebrauch machst, weil du nicht einsehen willst, daß dir dein Reichtum zu heiligem Dienst verliehen ist! Denn nicht der Reichtum an sich ist schädlich, sondern die Gesinnung derer ist verwerflich, die ihn falsch benützen; nicht der Besitz selbst ist für den Menschen der Grund zur Strafe, sondern die Reichen schaffen sich aus ihrem Besitz die Strafen, weil sie gerade ihren Reichtum in ihre Qual verwandeln, wenn sie den Reichtum nicht richtig gebrauchen wollen. ,,Ihr häufet Schätze”, heißt es, ,,in den letzten Tagen.” Ganz mit Recht ist an das Wort ,,ihr häufet Schätze” noch angefügt: ,,in den letzten Tagen”, Die Schuld der Geldraffer sollte noch größer sein, wenn sogar die letzten Augenblicke der Welt die schmähliche Sucht nach Reichtum vergrößern! „Ihr häufet Schätze”, heißt es, „noch in den letzten Tagen”. Mit den „Schätzen” wird die Habgier, mit den „letzten Tagen” die Treulosigkeit angeklagt. Und so ist es eine doppelte Sünde, der Habgier und der Treulosigkeit, weil es ja stets, auch zu anderen Zeiten, ein Vergehen war, Reichtümer zu begehren, nach dem Wort Gottes: „Du sollst nicht begehren!” – weil es aber ohne Zweifel noch ein größeres Vergehen ist, gerade aus Treulosigkeit noch am Ende der Welt Besitz anzuhäufen.

Die Forderung, das Vermögen beim Sterben Gott zu hinterlassen, bedeutet nicht eine Härte, sondern einen Versuch der Rettung

Mancher mag meine Rede bis hierher als zu hart beurteilen. Und sie ist wirklich hart, wenn sie irgendeine Mahnung nicht auf Grund heiliger Zeugnisse ausgesprochen hat; sie mag aber nur als hart gelten, wenn sie nur solches enthielt, wie es der Apostel hier verkündigte. Wir wollen ja gar nicht jenes Wort des Herrn hinzufügen, durch das er alle jene als seiner nicht würdig erklärte, die nicht auf all ihren Besitz verzichteten. Müssen da nicht, von hier aus gesehen, unsere Worte für ganz nachsichtig und milde gehalten werden, da wir doch für die Menschen, denen wir schon nicht vollkommene Schuldlosigkeit zusprechen können, wenigstens eine Rettung ihres verspielten Heiles aufspüren, und da wir versuchen, wenigstens die Todesstunde jener zu erleichtern, deren Leben wir nicht heilen können? Denn was ist vollkommene Gesundheit? Was anderes als gute Taten in diesem Leben? Was ist Heilung in letzter Stunde? Was anderes als die Erlangung eines guten Reisegelds in den letzten Zügen? Was ist vollkommene Gesundheit? Was anderes als der richtige Gebrauch der von Gott verliehenen Güter? Was ist das letzte Heilmittel? Was anderes als ganz spät noch das zu tun, was einen reut, nicht früher getan zu haben? Ja, hart mag einer meine Worte heißen; und für hart, ja für ganz hart mögen sie gelten, wenn sie nicht so sind, daß sie im Vergleich mit der Strenge des Apostelworts noch milde und sanft erscheinen. Denn der Apostel ruft die Reichen zur Wehklage auf wie zur Heilung; der Apostel nennt den Reichtum ein Feuer; wir möchten aus dem Reichtum ein Wasser machen, das das Feuer löscht nach dem Wort: ,,Wie das Wasser das Feuer löscht, so das Almosen die Sünde.” Nach des Apostels Zeugnis liegt in den zu Unrecht aufgespeicherten Schätzen die Verdammnis; ich aber möchte aus dem, was nach seinem Wort allen den ewigen Tod bringt, noch das ewige Leben bereiten. Freilich nicht so, daß ich glaubte, es reiche für einen in Fleischessünden verstrickten Menschen zum ewigen Leben hin, wenn er bis an die Schwelle des Todes in Sünden gealtert, beim Sterben noch richtig verfügt über alles, ohne daß er vorher seinen Lastern entsagt, das schmutzbefleckte Gewand der Schuld abgeworfen und dafür das neue Kleid der Bekehrung und Heiligung aus der Hand des also mahnenden Apostels empfangen hat. Hört doch wirklich derjenige nicht auf zu sündigen, den in den letzten Zügen nur die Unmöglichkeit, nicht sein Wille zwingt, von der Sünde abzustehen! Denn wer sich von seinen schlimmen Taten erst mit dem Tode trennt, der verläßt nicht seinen Frevel, sondern wird von den Freveln verlassen; auf diese Weise ist er nur durch die Not von den Lastern abgesondert und sündigt auch dann, wenn sie ausgeblieben sind, weil, wenigstens der Gesinnung nach, doch der noch nicht zu sündigen aufgehört hat, der es noch wollte, wenn er könnte. Der stützt sich also nicht auf eine sichere Hoffnung, der nur mit dem Ziel im Leben sündigt, daß er im Tod seiner Sündenlast ledig werde, und deshalb glaubt, der Strafe zu entrinnen, nicht weil er gut, sondern weil er reich ist. Als ob Gott nicht das Leben der Menschen begehrte, sondern ihr Geld! Als ob er von allen, die sich mit der falschen Hoffnung tragen, sich vom Unheil loskaufen zu können, für ihre Verbrechen nur ihre Silberlinge nähme und nach Art bestochener Richter forderte, um die Sündenschuld zu tilgen! So ist es nicht! Gewiß nützt Freigebigkeit sehr viel; aber nicht denen, die mit einer ganz fernen Hoffnung auf ihre künftige Wohltätigkeit ein schlechtes Leben führen, die im Vertrauen, dereinst ihre Entschuldung erkaufen zu können, ihre Frevel begehen, sondern nur denen, die von der Haltlosigkeit der Jugend oder vom Nebel des Irrtums oder vom Fehler ihrer Unwissenheit oder schließlich von den schlimmen Neigungen der menschlichen Gebrechlichkeit getragen, endlich doch zur Einsicht zu kommen beginnen, gleichsam wie nach der Todesnot einer ganz schweren Krankheit oder wie nach dem Jammer einer Geistesgestörtheit; wie wahnsinnige Menschen nach der Raserei wieder zum Bewußtsein zurückkommen, so kehren auch diese nach dem Irrtum wieder heim – nur dadurch voneinander verschieden, daß jene sich freuen, wenn sie der Krankheit entronnen sind, diese aber trauern, wenn sie die Gesundheit wieder erlangt haben. Und das mit Recht! Denn jene sind um so beglückter, je mehr an Gesundheit sie wiedererlangt zu haben fühlen; diese aber geraten um so mehr außer Fassung, je deutlicher sie die Krankheit ihrer Verirrung erkennen. So kommt es in notwendiger Folge, daß jene jubeln und diese trauern, weil jene ihre Krankheit nur dem Wechsel ihres Zustandes, diese aber ihre Verirrung sich selber zuschreiben; und so sind jene froh über ihre Heilung, diese verängstigt ob ihrer Schuld.

Erste Pflicht des Sünders ist die Abkehr von der Sünde, und zwar nicht erst an der Schwelle des Todes

Daher ermahne ich alle, besonders aber diejenigen, die das schreckliche Bewußtsein schwerer Vergehen peinigt, und die in ihrem unglücklichen Gewissen unter der Erinnerung an strafwürdige Sünden seufzen – ich ermahne sie zunächst, sie möchten, wenn sie schon gefallen sind, nicht in ihrem Falle verharren und nicht in ihrem Morast liegen bleiben wie die schmutzigen Schweine, die, wenn sie einmal ihren erhitzten Bauch in die Pfütze eingetaucht haben, erst dann genug bekommen an ihrem schlammigen Vergnügen, wenn sie sich mit allen ihren Gliedern im Kote wälzen können. Nein: die Menschen sollen nicht die diesen Tieren angeborene Schmutzigkeit nachahmen; sie sollen sich nicht beruhigen bei ihren ins Unheil lockenden Sünden; sie sollen nicht im Abgrund ihrer Lüste verweilen und sich in ihrem eigenen Verderben begraben; sondern sie sollen sofort, wenn sie gefallen sind, wieder aufstehen und unverzüglich, schon beim Sturze, an die Erhebung denken; und wenn es durch eine schnelle Reue nur irgendwie möglich ist, soll die Heilung des sich erhebenden Sünders so rasch vor sich gehen, daß kaum mehr eine Spur des Sturzes sichtbar ist. So ist es denn in solcher Lage der erste Schritt zur Gesundung, daß die Leidenden ihre Krankheit verabscheuen, daß die Verletzten sich beeilen, ihre Wunden zu heilen, und die Verwundeten raschestens die Pfeile aus ihrem Körper herausreißen. Am besten legt man ja den Umschlag oder die Naht an eine noch warme Wunde; und das klaffende Fleisch schließt sich schneller, wenn es nicht lange offen gelassen wird. Und wenn ein Geschwür am Körper in Fäulnis übergeht, dehnt es sich überallhin aus; und wenn erst auf eine Wunde der Krebs folgt, dann folgt notwendig auf den Krebs auch das Ende. Daher müssen die Sünder zuerst diese Übel fliehen und dürfen dem Teufel keinen Raum gönnen, auf daß er, der die Stehenden zum Falle brachte, die Gefallenen auch noch in den ewigen Tod stürze. Freilich, wenn die Gewalt der Krankheit so mächtig oder die Sorglosigkeit der Kranken so groß ist, daß sie den Verfall der Gesundheit immer weiter, bis in die letzten Lebenstage, hinauszieht, dann weiß ich nicht mehr, was ich sagen, und erst recht nicht mehr, was ich versprechen soll. Die Gefährdeten von der Suche nach der allerletzten Hilfe abhalten, wäre hartherzig und frevelhaft. Irgend etwas aber bei so später Behandlung versprechen, wäre tollkühn. Und doch ist es zweifellos immer noch besser, daß sich auch die von langer Auszehrung verdorrten Hände noch mit einem Funken Kraft zum Himmel erheben, als daß sie sich für immer in voller tödlicher Verzweiflung auflösen; es ist besser, nichts unversucht zu lassen, als beim Sterben sich um nichts zu kümmern, vor allem, weil ich ja nicht weiß, ob es nicht doch eine Hilfe bedeutet, im letzten Augenblick etwas zu versuchen, weil ich aber gewiß weiß, daß nichts versuchen das Verderben bedeutet. Und auch das eine weiß ich, daß keinem, der das Ende seines Seelensiechtums bis zu dieser Unglücksstunde hinausschiebt, gesagt werden kann, wieviel Reuetränen er für seine Fehler schuldet, weil er ja nie seine Fehler erkannte.

Die Wohltätigkeit gegen die Kirche kann aber vielleicht doch eine letzte Rettung bedeuten

Aber was wird in all dieser Zeit geschehen? Wann wird der trauern, der die Tage zur Trauer verschwendet hat? Wann wird der genugtun, der die Zeit zur Genugtuung verloren hat? Natürlich: er wird zu langen Fasten seine Zuflucht nehmen. Und das bedeutet auch etwas, wenn sich das Almosen hinzugesellt, nach dem Wort: „Gut ist Fasten mit Almosen.” Aber wie kann ihm eine lange Buße noch zu Hilfe kommen, wenn er in den letzten Zügen liegt? Doch dann wird er mit einem härenen Gewand sein Fleisch wundreiben und es mit Staub und Asche entehren, auf daß natürlich die Härte und Rauheit dieser Bußübungen in der Gegenwart die Verweichlichung und die Vergnügungssucht der Vergangenheit aufwiege und auf daß er die Schuld des langen Freudentaumels zurückzahle mit der notwendigen Selbsterniedrigung, die ihn nun schützen soll. Aber wann wird er dies große Werk vollbringen, wenn er durch den nahen Tod auch schon an der geringfügigsten Handlung gehindert ist? Endlich wird die Strenge als Glaubensrichterin den an seinem Leibe schuldig gewordenen Menschen unter das Kreuz verschiedener Unbilden und Entbehrungen beugen, natürlich zu dem Zwecke, um die Gnade ewiger Strafbefreiung durch freiwillige Selbstbestrafung in diesem Leben zu verdienen. Aber wo wird die urteilfällende Seele ihres strengen Amtes walten können, wenn der Körper schon ermattet? Denn kein Richter kann ein hartes Urteil vollstrecken, wenn der Schuldige das Urteil zu tragen nicht mehr fähig ist. Es gibt also nur ein einziges Mittel, das nach dem Verlust aller Hilfe, aller Zuflucht dem in der Not der Verlassenheit bangenden Menschen Beistand bieten könnte; er soll sich zu jenem heiligen und heilsamen Rat des Gottesmannes Daniel flüchten; er wollte den König von Babylon heilen und legte auf die aus seinem Zorn gewachsenen Geschwüre die lindernde Salbe der Erbarmung: „Laß dir daher, o König, meinen Rat gefallen und mache dich frei von deinen Sünden durch Wohltätigkeit und von deinen Missetaten durch Mitleid mit den Armen: vielleicht wird der Herr dann Geduld haben mit deinen Verfehlungen.” So soll auch der Mensch handeln, wie der Prophet gesagt hat Er soll das Heilmittel, das hier einem andern angeboten ist, für seine Wunden anwenden, in Furcht soll er gedenken des Beispiels schmählich gestraften Ungehorsams; er soll erwägen, was er selbst dereinst im Tode erleiden würde, wenn er sieht, was der assyrische König im Leben ertragen mußte. An ihm hat er ein Vorbild des Hochmuts und der Auflehnung. Er soll sich überlegen, ob er selbst, falls er nicht gehorcht, nach dem Sterben entrinnen wird, wenn er sieht, daß jener König, der auch nicht gehorchte, im Leben schon sich selbst verloren hat. So möge er denn doch wenigstens noch auf dem Sterbebette zur Befreiung seiner Seele von den ewigen Strafen, weil er schon nichts anderes mehr kann, sein Vermögen opfern; aber er opfere es in Zerknirschung und in Tränen, in Betrübnis und Schmerz. Denn anders ist ein Opfer zu nichts nütze, da es nicht durch seinen Wert, sondern durch die Liebe angenehm ist. Und nicht empfiehlt sich die Gesinnung des Gebers durch die Gabe, sondern die Gabe durch die Gesinnung des Gebers; nicht empfiehlt das Geld den Glauben, sondern der Glaube das Geld! Wer also will, daß ihm nütze, was er Gott darbringt, der bringe es auf die Weise dar, wie wir sagten. Es ist ja nicht der Mensch, der Gott mit dem, was er gibt, eine Wohltat erweist; sondern Gott tut es dem Menschen mit dem, was er empfängt, weil auch das, was der Mensch hat, ein Geschenk seines Herrn und Gottes ist. Und so gibt der Mensch mit dem, was er opfert, zurück, was nicht sein ist; und der Herr nimmt entgegen, was sein ist. Wenn deshalb jemand Gott sein Vermögen darbringt, so bringt er es nicht sozusagen mit den großen Hoffnungen eines Schenkenden, sondern in der Demut eines Zurückzahlenden; dann glaube er nicht, daß er seiner Sündenlast ledig werde, sondern daß er sie nur erleichtere; dann opfere er nicht im Vertrauen auf seine Erlösung, sondern mit dem Pflichtgefühl eines armen Bittstellers, und nicht, als ob er nun die ganze Schuld zurückzahle, sondern als ob er nur ein kleines Stück der großen Schuld begleichen wolle; denn wenn er auch hingibt, was er nach dem Maßstab seiner Verhältnisse besitzt, so erstattet er doch nicht, was er nach der Größe seiner Sünden schuldet. So mag er opfern, aber zugleich zu Gott flehen, daß sein Opfer wohlgefällig sei, und das Unglück beklagen, daß er das Opfer so spät bringt, es beklagen und bereuen, daß es nicht früher geschah. So wird vielleicht nach dem Wort des Propheten Gott seinem Vergehen gnädig sein.

Der Mensch muß Gott alles, was er besitzt, darbringen, weil er Gott alles schuldet

Doch sagt da jemand: soll der Mensch denn alles Gott darbringen, was er besitzt? Nein, er soll nicht seinen ganzen Besitz opfern, wenn er glaubt, er schulde nicht alles, was er hat. Ich frage nicht, wessen Eigentum das Dargebrachte sei, aus wessen Hand es früher empfangen worden ist, was zurückgegeben wird: ich sage nur, der Mensch solle nicht das Ganze als seine Schuld zurückzahlen, wenn er nicht das Ganze als Entgelt für seine Vergehen zu schulden glaubt. Also muß er, spricht wiederum einer, und sogar ein Sünder, doch alles opfern? Nein, nichts muß er opfern, außer im Glauben, nichts, außer in innerer Umkehr, nichts, außer mit flehentlicher Bitte, nichts, außer wenn er im Geiste gerade die Gnade zu den vorzüglichsten Wohltaten Gottes rechnet, daß er ihm den Gedanken des Opferns eingab, und wenn er glaubt, daß ihm mit dem, was er Gott hinterläßt, mehr erwiesen wird, als mit dem, was er vorher besaß. Denn das, was ein Mensch besitzt, ist zeitlich; was aber Gott hinterlassen wird, ist ewig. Alles, sagt einer, muß man opfern ? Ich aber sage, daß dieses Alles noch zu wenig ist! Warum? Weiß denn einer, ob sein Opfer das Maß seiner Sünden ausgleicht? Weiß denn einer, ob er im Werk seiner Wiederversöhnung gerade so weit gekommen ist wie im Zwiespalt der Trennung? Ja, wenn einer von den sündigen Menschen weiß, wie teuer er seine Verfehlungen loskaufen kann, dann kann er seine Wissenschaft gebrauchen zu seiner Erlösung. Wenn er es aber nicht weiß, warum soll er nicht alles opfern, was er kann? Wenn er seine Sünden schon nicht durch die Höhe des Wertes aufzuwiegen vermag, mag er sie so wenigstens durch die fromme Gesinnung aufwiegen. Denn nur der zeitigt eine vollendete Frucht seines Gewissens, der im Gewissen keine Makel zurückläßt. Nun werden sicher einige unsere Ansicht als allzu hart, als maßlos beklagen, vor allem, weil der von uns angeführte Prophet den König von Babylon nur dahin zu ermahnen scheint, daß er viel verschenke, nicht daß er alles austeile. Indessen bringe ich keine Zeugnisse des Evangeliums vor und nehme meine Zuflucht nicht zur Stimme Gottes, der dort spricht; ich spreche auch nicht davon, daß ein anderes Gebot im alten, ein anderes im neuen Gesetz stehe. So sagt ja auch der Apostel: „Das Alte ist vergangen, alles ist neu geworden; alles aber aus Gott.” Damit will er lehren, man müsse nicht das Alte nach dem Buchstaben, sondern das Neue nach dem Willen Gottes tun. Doch ich will mich ganz mit dem bescheiden, was der Prophet sagte. Er hielt ja seine Zwiesprache mit einem König, und zwar nicht mit dem König einer Stadt, sondern, wie es damals erschien, der ganzen bekannten Welt; und der konnte doch nicht die von ihm beherrschten Völker durch ein Testament den Armen überlassen, konnte nicht seine barbarischen Nationen wie Münzen den Bedürftigen schenken, konnte nicht sein weitausgedehntes Reich in Almosen für die Armen verwandeln. Daher sagte der Prophet nur: „Kaufe dich los von deinen Sünden durch Mitleid!” Das heißt: Gib den Bedürftigen Gold, da du ja dein Königreich doch nicht geben kannst! Verteile dein Vermögen, weil du deine Macht nicht als Vorschuß geben kannst! So hat er offenbar doch befohlen, alles hinzugeben, wenn er dem König nur das nicht zu verteilen befahl, was dieser nimmer verausgaben konnte.

Wir können das Maß dessen, was wir Gott für unsere Sünden schuldig sind nicht erkennen

Vielleicht aber übertreiben wir den Gegenstand durch unsere Worte und machen zuviel Aufhebens von ihm. Wollen wir also sehen, wie es eigentlich bestellt ist! Es heißt; „Kaufe deine Sünden los durch Mitleid!” Was heißt „etwas loskaufen”? Ich denke doch: den Preis der Dinge bezahlen, die losgekauft werden. Ich frage nun nicht, welches die Sünden jenes Königs gewesen sind: er soll selbst wissen, um wieviel er seine Taten loskaufen mußte. Zu dir spreche ich, um dessen Sache es geht; dich rede ich an, dessen Schicksal sich entscheidet! Du sollst das tun, was der Prophet befahl: „Kaufe deine Sünden los durch Mitleid!” Hinterlasse Gott nicht so viel, wie du besitzest, wenn du deinen Besitz zum Ausgleich deiner Sünden nicht für notwendig hältst; Berechne ganz sorgfältig jede Schuld, die du auf dich geladen! Berechne das verschiedene Gewicht der Sünden; sieh zu, was du schuldest für deine Lügen, was für deine Flüche und falschen Schwüre, was für deine unnützen Gedanken und unsauberen Reden, was endlich für jede Regung eines bösen Willens! Und dann füge hinzu – wenn irgendeines von den Lastern dein Gewissen belastet, von denen der Apostel spricht, Ehebruch und Unzucht, trunkene Schamlosigkeit, gottverhaßte Unreinheit, götzendienerischer Geiz – und nach all dem vielleicht noch Verbrechen, bei denen Menschenblut geflossen ist! Und wenn du die Zahl von all diesen Sünden ausgerechnet hast, dann wäge den Preis der einzelnen ab! Und daraufhin verlange ich nicht mehr, daß du alles Gott übergibst, was du besitzest; nein, gib nur das zurück, was du schuldest! Nach all dem füge ich aber nur noch das eine hinzu: Wenn du deine Vergehen dir vor Augen geführt und sie abgeschätzt hast, wirst du umso viel mehr für deine Übeltaten schulden, je weniger du deine Sünden wertest; denn – so heißt es – ,,wer sich einbildet, etwas zu sein und ist nichts, der verführt sich selber”. Ich will dir nicht lange erzählen, daß jener König noch länger leben sollte und wahrscheinlich ein junger Mann war; und es ward ihm doch befohlen, seine Sünden durch Mitleid loszukaufen: Du aber schuldest umsomehr für dich, als du dies erst beim Sterben oder in der Erwartung des Sterbens tust. Denn wahrlich, etwas Großes muß jene Mildtätigkeit und Frömmigkeit sein, die das ausgleichen könnte, was du erst dann deinem Herrn zurückerstattest, wenn du es schon nicht mehr besitzen kannst, zumal zu all dem hinzukommt, daß der Prophet selbst, der jenen König zum Loskauf seiner Vergehen aufruft, ihm durch das, was er als notwendig befiehlt, nicht so sehr die sichere Verzeihung in Aussicht stellt, als vielmehr einen Weg zum Suchen des Heils zeigt. Denn wenn er sagt: „Kaufe deine Sünden los durch Mitleid, vielleicht wird dann Gott mit deinen Fehlern gnädig sein”, so kündigt gerade das Wort „vielleicht” nur eine Hoffnung an, ohne eine Gewißheit zu versprechen. Daraus läßt sich ersehen, wie schwer es für die schon in den letzten Zügen liegenden Sünder sein muß, durch Mildtätigkeit noch die vollständige Vergebung zu erlangen, wenn der Prophet selbst, der zum Streben nach der Erbarmung Gottes rät, es doch nicht wagt, die sichere Gewährung zu versprechen. Er rät zu einer Handlung, zweifelt aber doch an ihrem Erfolg; er will ein Mahner sein zu gutem Tun, nicht ein Gewährsmann für die glückliche Wirkung dieses Tuns, und warum? Alle Sünder müssen für sich wenigstens in den letzten Augenblicken alles versuchen, auch wenn sie die Erfüllung ihrer Hoffnung nicht voraussetzen dürfen. Denn wenn jener Prophet dem König nur auf Grund wohltätiger Werke keine vollkommene Verzeihung versprechen kann, so kann auch der Sünder, der die Reue über seine Irrungen nicht geübt hat, ersehen, welch ungeheuere, welch reiche Mildtätigkeit derjenige in den letzten Augenblicken des Lebens bezeigen muß, der vom Herrn durch allzu späten Opfersinn das erhalten möchte, was er sich durch das Gesetz nicht mehr aneignen kann.

II. Buch

Die heiligmäßig lebenden Menschen sind wie alle anderen zur Wohltätigkeit verpflichtet

Wir sprachen von den Heilmitteln für die Sünden oder vielmehr von der Hoffnung auf solche Heilmittel und von der Vertröstung auf sie, und sagten, es sei der erste Schritt zur Erlangung des Heils, daß der Sünder seinen Irrtum bereue, dann, daß er nach der Heiligen Schrift sofort seine Sünden durch Mitleid loskaufe, und endlich, wenn er dies nicht getan haben sollte, daß er wenigstens im Sterben nichts unversucht lasse, um sich noch durch eine allerletzte Hingabe seiner Güter zu Hilfe zu eilen. Vielleicht aber kann hier folgendes entgegengehalten werden: Wenn die sündhaften Menschen an diese Notwendigkeit des Loskaufs ihrer Sünden gebunden sind, dann sind die heiligmäßigen, die frei von Sünde sind, zweifellos nicht gebunden; und folglich haben diejenigen keinen zwingenden Grund, ihr Vermögen zu verschenken, die nichts haben, was sie durch Mildtätigkeit loskaufen müßten. Ich höre diesen Einwand; wir werden aber später sehen, wie sich dies verhält. Nur soviel einstweilen: Liegen auch keine vergangenen Übeltaten vor, die der heiligmäßige Mensch mit seiner ganzen Habe loskaufen müßte, so gibt es doch ewige Güter, die er um hohen Preis erwerben soll. Aber darüber später ausführlicher! Jetzt aber behaupte ich ganz freimütig und fest das eine: Es gibt nie und nirgends einen heiligmäßigen Menschen, der nicht in vielem Gottes Schuldner wäre; und daraus folgt, daß auch er alles, was er seinem Herrn gibt, weniger verschenkt als vielmehr zurückzahlt. Um zunächst von den Wohltaten ganz im allgemeinen zu reden: wer du auch seiest, einer von den Frommen oder einer von den Reichen, zu allererst bist du durch das Wohlwollen und durch das freie Geschenk Gottes geboren und ernährt und erzogen worden; du bist mit den zum Leben notwendigen Mitteln ausgestattet, mit den nicht notwendigen bereichert worden; Gott, dein Herr, hat dir mehr zum Genuß gespendet, als es das unbedingte Maß erfordert; er hat seine Gnaden weit über das hinaus, was du hoffen durftest, erstreckt, ja – das Größte und Seltenste – seine Gaben haben sogar deine Wünsche übertroffen. Zu alldem füge ich hinzu, daß dieser dein Herr, der dich am Anfang durch seine Gnade ins Leben rief, dich später durch sein Leiden gerettet hat, daß deinetwegen, o Mensch – der du nur Staub und Kot bist, nein, nur ein ganz winziger Teil von Staub und Kot – daß deinetwegen der Herr des Weltalls auf die Erde niederstieg, gleichermaßen aus dem Fleische und im Fleische hervorging, daß er sich erniedrigte, herab bis zur beschämenden Menschwerdung, bis zum Schmutz der Windeln, bis zur Armseligkeit der Krippe, daß er all den unwürdigen Zwang dieses Daseins, das Essen, das Trinken, auf sich nahm, dazu den traurigen Wechsel von Wachsein und Schlafen und all die schmählichen Notwendigkeiten dieses vergänglichen Erdenwandels, ja sogar das Umgebensein von unflätigen Mitmenschen, Leuten, über und über bedeckt mit dem Schlamm ihrer Sünden, beladen mit den Untaten eines schlechten Gewissens, die den eklen Geruch ihrer Schändlichkeiten ausatmeten und so nicht fähig waren, die himmlischen Lehren zu begreifen und den Strahl der Himmelsflamme zu ertragen, weil die durch die Sünde verfinsterten Augen der Glanz des göttlichen Lichtes blendete. Und das genügt noch nicht: zu all dem kommt hinzu der freche Widerspruch des übermütigen Volkes, kommen die Beschimpfungen, die Schmähungen, kommt die gottlose Verfolgung und das falsche Zeugnis, das grausame Gericht und der Hohn der Menge, kommen das Anspeien, die Schläge, kommen die bitteren Leiden und die Erniedrigungen, bitterer noch als die Martern, die Dornenkrone, der Essigtrank, die Speisung mit Galle – und endlich der von den Menschen verurteilte Herr der Welt, das am Kreuzesholz hängende Heil des Menschengeschlechtes, ein Gott, der da auf Grund irdischer Satzung stirbt!

Die Schuld der Gesamtheit mindert nicht die Schuld des einzelnen

So ist dies alles: Und sagt mir alle, die ihr heiligmäßig seid oder euch für heiligmäßig haltet, sagt mir doch, ob dies allein schon gutgemacht werden kann, auch wenn sonst nichts mehr geschuldet würde? Was auch der Mensch um Gotteswillen trägt, nimmermehr kann das bezahlt werden, was Gott um des Menschen willen gelitten hat; denn selbst, wenn sich das Dulden nicht durch die Art der Leiden unterschiede, so muß doch ein großer Unterschied gemacht werden infolge der Verschiedenheit der Duldenden. Aber vielleicht sagst du, in dem, was wir anführten, liege eine allgemeine Schuld der gesamten Menschheit begründet; und hier sei das ganze Menschengeschlecht ohne jeden Unterschied der Schuld verfallen. Das ist wahr: Aber schuldet denn deshalb einer weniger, weil ein anderer das gleiche schuldet? Oder wenn die Schuldscheine von hundert Menschen auf je hundert Sesterzen lauten, wird deswegen die Last eines einzigen leichter, weil alle die gleiche Summe schuldig sind? „Denn jeder”, sagt der Apostel, „hat seine eigene Last zu tragen” und jeder muß für sich Rechnung ablegen. Keineswegs also wird die Last des einen durch die Last des andern verringert, noch wird ein Schuldiger frei von Schuld, weil er in zahlreicher Gesellschaft ist. Und der Schrecken der Verdammnis wird nicht kleiner, weil der Verdammte vielleicht viele Genossen hat, die der Strafe mitschuldig sind. Mag so das oben Angeführte auch eine allgemeine Schuld bedeuten, so bedeutet es doch zweifellos auch eine Einzelschuld; mag die Schuld auch allen gemeinsam sein, sie trifft doch jeden einzelnen eigens; so verteilt sie sich auf alle gleichmäßig, während doch für den einzelnen von seiner ganzen Schuld nichts abgezogen wird. Denn Christus hat zwar für alle gelitten, aber auch für jeden einzelnen, hat sich in gleichem Maße für alle hingegeben wie für den einzelnen, hat sich ganz für die Gesamtheit geopfert und ebenso ganz für den einzelnen; alles, was so der Erlöser durch sein Leiden und Sterben erworben hat, das sind ihm in ganzem Umfang alle zusammen, aber auch die einzelnen schuldig; ja fast noch in höherem Maße die einzelnen als alle zusammen, weil der einzelne doch für sich ebensoviel empfängt wie die Gesamtheit. Denn wo ein einziger soviel erhält wie alle zusammen, da ist die Eifersucht größer, selbst wenn das Maß das gleiche ist. So scheint er, mag er auch gleichviel erhalten, doch mehr zu schulden, weil doch ein einziger mehr verpflichtet ist, wenn er mit der Gesamtheit auf gleiche Stufe gestellt scheint. Soviel über diese Frage: Es glauben einige Gottesfürchtige deshalb nicht Schuldner Gottes zu sein, nur weil sie ihre Schuld nicht abzuschätzen vermögen.

Auch die sich dem klösterlichen Leben weihen, sind Gottes Schuldner

Nun wendet aber jemand ein – nicht etwa, daß die heiligmäßigen Menschen nicht Schuldner seien, nein, – aber daß doch die Schuld der Weltmenschen um vieles größer sei, da sie mehr Sünden hätten. Das ist etwa, als wenn einer sagte: „Ich bin deshalb unschuldig, weil ein anderer schuldiger ist; ich bin deshalb gerecht, weil ein anderer ungerecht, deshalb hervorragend gut, weil ein anderer ausnehmend schlecht ist.” Es ziemt ja schon von vornherein nicht einem frommen Sinn, wenn man das eigene Gute am fremden Übel wachsen sieht und wenn man sich für besser hält auf Grund eines Vergleichs mit den Schlechteren. Denn es ist wirklich die armseligste Art des Trostes, aus dem Elend der Sünde Trostgründe zu holen, da uns doch der Apostel Freude zu haben heißt mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Weinenden, und befiehlt, daß nicht ein jeder nur an das Seinige denke, sondern auch an das, was der anderen ist. Aber mag immerhin ein solcher Vergleich noch als gerecht und ehrbar erscheinen, kann er denn auch als zuverlässig gelten? Denn wer ist sich hinlänglich gewiß über das gewaltige, schreckliche, kommende Gericht Gottes? Oder wer kann sagen; ich schulde weniger, der und der schuldet mehr? Wer kann endlich für sich hoffen und für einen anderen verzweifeln? Denn ..wir alle”, sagt der Apostel, „werden stehen vor dem Richterstuhl Christi”, und: „ein jeder wird seine Last tragen müssen”. Dann ist also, wirft jemand ein, gar kein Unterschied zwischen Frommen und Sündern? O ja, und zwar ein großer, fast unermeßlicher Unterschied! Aber weil die Schrift sagt: „Selig der Mensch, der stets auf seiner Hut ist” – und weil sich der Sinn des Weisen über das eigene Heil niemals in Sicherheit wiegt, möchte ich doch – trotz des großen Unterschiedes zwischen Frommen und Sündern – alle, die sich zum klösterlichen Leben bekannt haben, fragen, wer von ihnen denn nach seinem eigenen Gewissen genug heiligmäßig ist, wer nicht zittert vor der fürchterlichen Strenge des kommenden Gerichtes, wer seines ewigen Heiles sich wirklich sicher fühlt. Wenn dies aber nicht so ist – und es darf auch nicht so sein! – dann möchte doch bei Gott mir irgendein Mensch sagen, warum er nicht mit allen Kräften seines Vermögens darnach trachtet, wenigstens durch ein frommes Sterben all das loszukaufen, was er durch ein anstößiges Leben an Schuld gehäuft hat. Ich möchte aber, es sollten alle Leser dieser meiner Worte wissen, daß ich nicht von allen Frommen schlechthin, sondern nur von denen spreche, die von ihrem Reichtum nicht ablassen, obwohl sie sich zum klösterlichen Leben bekannt haben. Denn von jenen, die ledig aller irdischen Bürde den Weg des Erlösers wandeln und den Herrn Jesus Christus nicht allein durch ihre Frömmigkeit, sondern auch durch ihre Armut sich erwerben, – von diesen läßt sich nichts anderes sagen als einzig jenes Wort des Propheten: ,.Bei mir, o Gott, sind deine Freunde hochgeehrt.”Denn diese Ehre ich nicht anders denn als Nachahmer Christi; ich verehre sie nicht anders denn als Abbilder Christi; sie bewundere ich nicht anders denn als Glieder Christi; und nur darum gedenke ich ihrer, um ihres Gedenkens würdig zu werden.

Schon das Alte Testament kennt, wenn auch nur im Rahmen des Gesetzes, Verzicht auf zeitliche Güter

Manchem aber mögen unsere Worte als ein Unrecht gegen die frommen Gelübde erscheinen. Wie verhält es sich denn, fragt jemand, wenn eine Witwe reich ist und ihre Witwenschaft auch mitten in einem großen Reichtum nicht aufgibt? Wie, wenn eine Jungfrau Keuschheit gelobt hat und in der Heiligkeit ihres unbefleckten Leibes verharrt? Wie, wenn da eine Ehe ist ohne Vollzug der Ehe, so daß sie sich selbst verleugnet und die Gatten sich besitzen, gleichsam als ob sie sich nicht besäßen? Wie, wenn ein Mönch von Kindesbeinen auf für Gott streitet? Wie, wenn ein Kleriker die heilige Knechtschaft göttlichen Dienstes als getreuer Knecht zu Ende trägt? Laufen denn auch alle diese Gefahr um die Frucht ihres ewigen Heils, wenn sie entweder im Leben ihr Hab und Gut ungeschmälert besitzen oder es im Sterben nicht den Dürftigen hinterlassen? Um über eine solche Frage ein Urteil hinausgeben zu können, dazu ist mein Wort und meine Vollmacht zu gering. Wir wollen also schauen, was über all diese Dinge die Stimme der heiligen Bücher und der himmlischen Lehrmeister verlauten lassen, und dann werden wir am sichersten nach der von Gott gegebenen Norm unsere eigenen Grundsätze richten. Zunächst allerdings darf jetzt niemand glauben, bei den Beispielen des Alten Testaments Zuflucht und Trost finden zu können, indem er sagt, es seien doch einige gottesfürchtige Menschen entweder im Gesetz oder vor dem Gesetz reich geworden. Nein; jene Zeit ist vorbei, das Denken ist anders geworden; denn vor dem Gesetz stand es im freien Willen eines jeden, ein Vermögen zu besitzen oder auch zu erstreben; er wurde ja noch nicht durch die Rute des göttlichen Verbots gezüchtigt. „Denn”, wie der Apostel sagt, „wo kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung.” Erst das Gesetz bewirkt, daß etwas nicht erlaubt ist; „denn”, sagt wieder der Apostel, „ich hätte nichts von der Lust gewußt, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: Laß dich nicht gelüsten!” Daher konnte der Mensch den Reichtum, den Gott vor dem Gesetz nicht getadelt hatte, in völliger Freiheit besitzen. Aber auch im Gesetze noch genügte fast der gleiche Grundsatz für alle, weil das Gesetz in keiner Weise verbot, daß der Mensch besitze, was er wolle, solange es nur in Gerechtigkeit geschah. Daher genossen damals alle heiligmäßigen Menschen durchaus all ihr Vermögen nach den Gesetzesvorschriften, indem sie, so lesen wir, „wandelten in allen Satzungen und Geboten Gottes, untadelhaft“. So wandelten alle jene, von denen uns solches berichtet ist, wie die Prophetin Anna, die in Fasten und Gebet ihr Leben verbrachte, wie jener Nathanael, von dem wir lesen, ausgezeichnet durch das Lob eines wahren Israeliten und nach dem Zeugnis Gottes des Herrn selbst bewundernswert, wie Tobias, der in seiner Großmut und Frömmigkeit über die Vorschriften des Gesetzes hinausging, der mit eigener Todesgefahr dem Begräbnis der Toten seine Dienste weihte und, für die Armen bis zur eigenen Armut besorgt, so weit ging in seiner Opferfreudigkeit, daß er seinem Taglöhner einen Teil von allen seinen Gütern überwies, und dies – um noch mehr ein wunderbares Beispiel zu geben – schon als Reicher, ja – und das ist noch bewundernswerter – als ehedem armer Reicher; denn der Reichtum nach der Armut erregt fast immer noch größere Habsucht.

Das Evangelium stellt andere Forderungen als das Gesetz

Darin also bestand damals ein heiligmäßiges Leben; dem Gesetz gemäß alles zu besitzen, dem Gesetz gemäß alles zu verlassen. Und so war ein jeder vollkommen, der dem Gesetz gehorchte; und derjenige, der damals weniger tat, war genau so gottesfürchtig wie im Evangelium einer, der mehr tut. Denn damals war das Gesetz soviel wie das Evangelium. Wer also sich damals dem Gesetz gehorsam erwies, der erfüllte gewissermaßen auch das Evangelium. So darf jetzt keiner glauben, zum Gesetz seine Zuflucht nehmen zu können; „denn das Alte”, sagt der Apostel, „ist vergangen, alles ist neu geworden”. Damals herrschte mehr Nachsicht, mehr Freiheit. Damals wurde der Fleischgenuß gepredigt, jetzt Enthaltsamkeit; damals gab es im ganzen Leben nur wenige Fasttage, jetzt ist gleichsam das ganze Leben ein einziger Fasttag, Damals geschah einer Beleidigung Genüge durch Rache, jetzt durch Geduld; damals war das Gesetz ein Diener des Zornes, jetzt ein Gegner; damals drückte es dem Ankläger das Schwert in die Hand, jetzt die Liebe; damals hatte das Gesetz sogar Nachsicht mit den Lockungen des Fleisches, jetzt nicht einmal mit dem bloßen Blick; damals hatten die leiblichen Lüste eine gewisse Freiheit, jetzt müssen schon die Augen in strenger Zucht gehalten werden; damals gab das Gesetz im Lager eines Gatten Raum, um viele Frauen aufzunehmen, jetzt verpflichtet Frömmigkeit und gelobte Keuschheit sogar zur Fernhaltung einer einzigen Frau! „Denn”, so sagt der Apostel, „das bleibt übrig, daß auch denen, die Weiber haben, so sein wird, als hätten sie keine; und den Weinenden, als weinten sie nicht; und den Fröhlichen, als freuten sie sich nicht; und den Käufern, als besäßen sie nichts; und denen, die diese Welt genießen, als genössen sie dieselbe nicht; denn es vergeht die Gestalt dieser Welt” Seht, in welcher Kürze der gottgesandte Lehrer alles in den richtigen Grenzen hält, wie er alles zu einem einzigen Bild der Vollkommenheit zusammenschließt, indem er nicht allein das Unerlaubte untersagt, sondern auch das Erlaubte einschränkt; indem er sozusagen alles beschneidet, den ehelichen Umgang, die Kraftlosigkeit der Tränen, das Übermaß der Freuden, die Sucht nach Besitz, die Begierde am Kaufen, endlich die ganze kurze und schattenhafte Lust an dieser Welt. Und warum dies alles? Ja warum – wenn nicht deswegen, weil, wie er selbst sagte, die Gestalt dieser Welt vergeht? Wie weit entfernt von Gottes Gebot sind also diejenigen, die Gott geheißen hat, für sich selbst im Leben auf ihren Reichtum zu verzichten, die ihn aber noch im Tode in ihren Verwandten besitzen möchten! Oder wie weit entfernt sind sie noch von jener Hingabe, daß sie sich um Gottes willen selbst enterben, wenn sie nicht einmal Fremde um ihrer selbst willen enterben wollen! Ihnen möchte ich ganz freimütig zurufen: „Was für ein Wahnsinn ist das, ihr Unseligen, daß ihr Menschen, sei es welche auch immer, zu eueren Erben macht, euch selbst aber eures Erbes entblößt! Daß ihr andere als reich zurücklasset – auch das nur auf kurze Zeit! – euch selbst aber zur ewigen Bettelarmut verdammt!”

Die Christen verdanken Gott mehr als die Juden; daher muß der Christ mit allem Gott dienen. Beispiel der christlichen Witwe

Doch fragt nun jemand, was es denn eigentlich sei, daß Gott jetzt durch das Evangelium von den Christen mehr verlange als einst durch das Gesetz von den Juden. Dieser Gedanke ruht auf festem Grunde: Wir müssen unserem Herrn Größeres zurückzahlen, weil wir Größeres schulden. Die Juden hatten einst nur den Schatten der Dinge, wir haben die Wahrheit; die Juden waren Knechte, wir sind Adoptivkinder; die Juden empfingen ein Joch, wir die Freiheit; die Juden den Fluch, wir die Gnade; die Juden den tötenden Buchstaben, wir den belebenden Geist; den Juden ward ein Knecht zum Lehrer gesandt, uns der Sohn; die Juden gingen durch das Meer hindurch in eine Wüste, wir gehen durch die Taufe hindurch ins Reich Gottes; die Juden aßen das Manna, wir essen Christus; die Juden das Fleisch der Vögel, wir den Leib Gottes; die Juden den Reif des Himmels, wir den Gott des Himmels, ,,der”, wie der Apostel sagt, „obwohl er göttlicher Natur war, sich selbst erniedrigte bis zum Tode, zum Tode des Kreuzes”; nicht zufrieden damit, für uns einen einfachen Tod zu erleiden, ohne daß er auf das freiwillig erkorene Sterben auch noch die ganze Qual der bittersten Henkersstrafe gehäuft hätte. Was wird der Mensch für diese Tat allein erstatten können, der Mensch, für den sich Christus in martervollem Leiden geopfert hat? Oder was Gleichwertiges wird er dem Herrn von sich aus vergelten, er, der dem Gott selbst, von dem er erlöst worden ist, schuldet? Das also ist der Grund, warum der Herr eine größere Hingabe von uns verlangt, weil er eben unsere Hingabe um einen so hohen Preis erworben hat. Daher sagt der heilige Apostel Paulus: „Wer kann uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?” Der Apostel sagt hier, daß wir nicht nur unser Geld und nicht nur unsern Reichtum Gott schulden, sondern Trübsal, Angst, Hunger, das Schwert, das Blutvergießen, den letzten Atemzug und jegliche Art der Todesqualen. Daraus mögen alle Gottgeweihten ersehen, daß sie Gott nicht genug zurückgeben, auch wenn sie ihr gesamtes Vermögen spenden, weil sie dann, mögen sie auch alles andere verteilen, doch immer noch sich selbst schuldig bleiben. Und deshalb – wir fingen schon an, davon zu sprechen – darf irgendeine Witwe mit nichten glauben, es genüge der bloße Name der Witwenschaft zum ewigen Heil, sondern sie soll vernehmen, wie beschaffen nach dem Apostel der Herr eine Witwe haben will: „Eine wahre Witwe, die verlassen ist, hofft auf Gott und läßt nicht ab vom Beten Nacht und Tag; denn die ein üppiges Leben führt, ist lebendig tot.” In ein und demselben Satze hat der Apostel die zwei Formen der Witwenschaft zum Ausdruck gebracht: die des Lebens und die des Todes; auf die Üppigkeit aber hat er den Tod gesetzt. Also will er offenbar nicht, daß eine Witwe reich ist, wenn er nicht duldet, daß sie üppig lebt. Denn jegliche Frucht des Reichtums besteht doch im Genuß eines üppigen Lebens; sonst bleibt ja, wenn dieser Genuß fehlt, kein Grund mehr für den Reichtum.

Wie die Witwen, verpflichten sich auch die enthaltsamen Ehegatten zur Wohltätigkeit gegen die Kirche

Wenn daher der Apostel das üppige Leben einer Witwe mit ,,Tod” bezeichnet, so liegt es auf der Hand, daß er alles zum Genuß des ewigen Lebens verteilt wissen möchte, da er doch gar nichts für den Gebrauch des ,,Todes” aufgespart wissen will. Deshalb sagt er: ,,Eine wahrhafte Witwe setzt in ihrer Einsamkeit ihre Hoffnung auf Gott;” er will damit lehren, daß es nicht genug ist, wenn eine Witwe nicht üppig lebt oder nicht reich ist, wenn sie nicht auch Gott anhängt, dem Gebete sich widmet, allen Lockungen der Welt ferne, und durch dies alles eine wahrhafte Witwe ist. Im Hinblick darauf darf eine Frau, die dem „Leben” und nicht dem „Tode” zu eigen sein will, sich nicht damit zufrieden geben, sich um Gottes willen Wohlleben und Reichtum zu versagen, wenn sie sich nicht gleichzeitig durch Gebet und Arbeit es verdient, eine „Witwe Gottes” zu heißen; es ist ja kein Zweifel, daß jemand so im Leibe Christi verbleiben wird, wie er auf dieser Welt Christus angehangen hat nach dem Wort: „Es hängt an dir meine Seele, es hält deine Rechte mich aufrecht.” Daraus geht klar hervor, daß nur eine Seele, die Gott auf dieser Welt angehangen ist, die Rechte Gottes im zukünftigen Leben aufrecht halten wird. Das also ist die Richtschnur der Witwenschaft.

Wer dürfte dann von den Ehegatten, die Enthaltsamkeit gelobt haben und voll des Geistes Gottes sind zweifeln, daß sie das Ihrige nicht in den Dienst weltlicher Erben stellen wollen, sie, die sich selbst aus der Welt ausgeschlossen haben? Denn wie sollten sie das, was ihnen zusteht, anderen zuschreiben, die sich selbst sich versagen? Sie, die, mit so ungewöhnlicher Tugendkraft gerüstet, erlaubte und – was noch das Größere ist – schon gekostete leibliche Freuden in strenger, bewundernswerter Enthaltsamkeit zu Boden treten, wie sollten sie irgend etwas von ihrem Besitz nicht Gott geloben, da sie doch Gott selbst in ihr Inneres aufgenommen haben? Nach meinem Ermessen kann von einer solchen Ehe mit vollstem Recht gesagt werden; „Frohlocke, Unfruchtbare, daß du nicht gebierst! Erhebe Jubel und jauchze, daß du keine Wehen fühlst! Denn die Einsame soll mehr Kinder haben als jene, die einen Mann hat.” Unfruchtbar ist das, was nicht gebiert; einsam ist das, was sich von allen Lockungen der Welt abgesondert hat; ohne Mann ist das, was ohne den Umgang des Mannes den Mann so hat, daß es den Anschein hat, als hätte es ihn nicht. Wer möchte nun zweifeln, daß solche Ehegatten, solange sie leben, wie an sich schon, so auch in ihrem Besitz für Gott leben, und wenn sie aus dem Leben scheiden, zusammen mit ihrem Vermögen zu Gott hinübergehen, für den sie gelebt haben? Denn anders, also wenn er seinen Besitz den Weltleuten und damit der Welt selbst hinterläßt, hätte jeder von diesen Leuten vergebens den Namen göttlichen Dienstes beansprucht; er scheint ja doch immer dafür gelebt zu haben, wofür er stirbt. Über die Ehegatten mag nun genug gesagt sein.

Ebenso müssen die gottgeweihten Jungfrauen zur Opferung all ihrer Habe bereit sein

Wollen wir nun zu den gottgeweihten Jungfrauen übergehen! Ihnen hat das Gesetz ihrer Frömmigkeit der Heiland selbst vorgeschrieben, nämlich durch das Gleichnis von den zehn Jungfrauen. Die Schar der törichten Mädchen unter ihnen verurteilt er nur deswegen zur ewigen Pein, weil es ihr an Barmherzigkeit fehlt. Ganz deutlich hat der Herr damit zu verstehen gegeben, wie hoch er eine gebefreudige Barmherzigkeit wertet; ohne sie, sagt er, wird selbst die Unversehrtheit einer Jungfrau nichts frommen. Aber einige schmeicheln vielleicht sich selber und halten es für genügend, wenn sie nur ein weniges verschenken, obwohl sie ein großes Besitztum haben. Ich selbst leugne auch gar nicht, daß man so glauben soll, wenn dieser Schluß stimmt. Gut: man gebe zu wenig, wenn dieses zu Wenige genügen wird; aber ich weiß nicht, ob ein ,,zu wenig” genügt; vielmehr ich weiß bestimmt, daß dieses ,,zu wenig” nicht genügt. Wenn solche selbst etwas anderes wissen, gut, so sollen sie es bei sich selbst wissen; ich weiß nur eines, nämlich, daß Gott von den ausgelöschten Lampen der Jungfrauen spricht, die nicht das Öl der guten Werke hatten. Glaubst du aber, wer du auch seiest, daß du genug des Öls habest? Auch jene törichten Jungfrauen, von denen wir sprechen, dachten sicherlich so; denn wenn sie nicht geglaubt hätten, Öl zu haben, hätten sie dafür gesorgt, es zu haben. Wenn sie nämlich hernach, wie der Herr sagt, es entlehnen wollen und es mit heftigem Eifer zu bekommen trachten, hätten sie es zweifelsohne auch schon vorher erworben, wenn sie nicht der Glaube, es schon zu haben, getäuscht hätte. Sieh daher auch du zu, Jungfrau, wer du auch seiest, – sieh zu, daß du es nicht auch so nicht habest, obwohl du glaubst, es zu haben! Du trägst den gleichen Namen wie jene, du hast den gleichen Stand. Du bist eine Jungfrau, und jene waren Jungfrauen; du meinst weise zu sein, und jene hielten sich nicht für töricht; du glaubst, daß deine Lampe ein Licht trage, und auch jene haben ihr Licht eingebüßt durch ihre Hoffnung auf das zukünftige Licht. Deshalb heißt es ja, sie hätten ihre Lampen zurechtgemacht, weil sie glaubten, daß sie angezündet werden müßten. Ja, ich glaube sogar, daß auch bei ihren Lampen ein wenig Licht aufflammte. Denn wenn sie selbst, wie wir lesen, fürchteten, es möchten ihre Lampen verlöschen, so mußten sie doch etwas haben, dessen Verlöschen sie besorgten. Und ihre Vermutung und ihre Furcht trogen nicht: die Lampen erloschen und wurden dunkel. Denn nichts hat es der Reinheit genützt, daß in ihr das Licht der Jungfräulichkeit erschien, weil sie infolge des mangelnden Öles kraftlos ward. Daraus ersehen wir, daß das, was zu wenig ist, soviel wie nichts ist; denn es nützt soviel wie nichts, ein Licht anzuzünden, das sofort wieder verlöscht; und es hat keinen Wert, daß etwas aufleuchtet, was im Entstehen schon den Untergang birgt; und daß es nur deshalb einen Anfang zum Leben nimmt, um einen Anfang zum Sterben zu haben. Nein, eine volle Lampe ist nötig, damit das Licht dauern kann. Denn wenn sogar in den Lampen, die wir Menschen doch nur auf kurze Zeit benützen, das Licht immer matter und schwächer wird, so nicht reichlich Öl zugegossen ist – welche Fülle des Öls brauchst du erst, gleichviel wer du auch bist, auf daß deine Leuchte für die ganze Ewigkeit leuchte? Für niemanden genügt es also zum ewigen Leben, wenn er nur glaubt, zu haben, was er in Wirklichkeit nicht hat; denn törichte Einbildungen sind die Ursache des Verderbens, nicht des Heils; „denn wer”, sagt der Apostel, ,,da wähnt, er sei etwas, während er doch nichts ist, der verführt sich selber.” Oder es müßte dir – wer du auch seiest, die ich anspreche – es müßte dir von Gott unmittelbar das Maß der Mildtätigkeit enthüllt worden sein und du müßtest vom Heiligen Geist genau umschriebene Grenzen für dein Schenken erhalten haben, daß du ihre Überschreitung für eine Sünde halten und es irgendwie als Fehltritt ansehen müßtest, wenn du frömmer wärest, als es dir von Gott geheißen ist. In einem solchen Falle sollst du ungehindert deine von Gott verliehene Wissenschaft gebrauchen. Weil aber diese Einbildung ebenso töricht wie leichtfertig ist, welch ein Wahnsinn ist es da, in vorsichtiger und furchtsamer Sorge nicht alles zu tun, was überhaupt möglich ist, da du doch gar nicht wissen kannst, wieviel zum Heile hinreicht!

Auch die Kleriker sind in besonderem Maße dazu verpflichtet

Noch müssen wir einiges über die Diener der Kirche und die Priester sagen, obwohl es eigentlich überflüssig sein mag. Denn was von allen anderen gesagt wurde, all das gilt ohne Zweifel in noch höherem Maße von denen, die allen ein Vorbild sein müssen und die alle übrigen an Frömmigkeit ebensoweit überragen sollen, wie sie es durch ihre Würde tun. Denn was ist ein Vorrang ohne erhöhte Verdienste anderes als ein ehrenvoller Titel ohne ehrbaren Namen, oder was bedeutet die Würde an einem Unwürdigen anderes als ein Schmuckstück in einer Pfütze? Daher müssen alle, die oben auf den Stufen des Opferaltares stehen, ebenso hoch durch ihre Verdienste wie durch ihre Stellung herausragen. Denn wenn Gott Männern im Laienvolke und Frauen, die doch zum schwächeren Geschlecht gehören, schon so feste, vollkommene Lebensregeln gegeben hat, um wieviel größere Vollkommenheit verlangt er erst von denen, die andere belehren müssen, wie sie zur Vollkommenheit gelangen können! Von ihnen hat doch Gott in allen Dingen ein so gutes Beispiel verlangt, daß er sie zu einer ganz besonderen Lebensweise nicht nur durch das neue, sondern auch schon durch das alte Gesetz aufs strengste verpflichtete! Mochte auch der Alte Bund allen übrigen Menschen die weiteste Vollmacht zur Vergrößerung ihres Besitzes gönnen – gerade alle Beamten und Priester schränkte er hinsichtlich ihrer Habe auf gewisse Grenzen ein und erlaubte ihnen weder ein Saatfeld noch einen Weinberg noch überhaupt irgendein Grundstück zu besitzen. Daraus läßt sich doch entnehmen, ob unser Herrgott heute wollen kann, daß die im Evangelium lebenden Kleriker irgendwelchen Weltkindern die Güter vererben sollen, deren Besitz er nicht einmal den unter dem alten Gesetz Stehenden erlaubte! Und daher verkündete ihnen der Heiland selbst im Evangelium dies nicht als freiwillige, sondern als pflichtgemäße Leistung zur Vollkommenheit. Denn was, lesen wir, hat er jenem Jüngling – einem Laien – gesagt? „Wenn du vollkommen sein willst, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen!” Was aber sagt er zu seinen Dienern? „Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Geld in euren Gürteln tragen, weder eine Reisetasche noch doppelte Kleidung noch Schuhe noch Stab haben.” Beachtet wohl den großen Unterschied zwischen diesen beiden Worten des Herrn! Dem Laien sagt er: „Wenn du willst, verkaufe deine Habe”, dem Diener aber: „Ich will nicht, daß du besitzest.“ Er hielt es aber für noch zu wenig, wenn er ihm nur den Besitz etwa eines größeren Vermögens nahm; nein, er wollte ihm selbst die Tasche nicht belassen, wenn er eine Reise vor sich hatte, und wollte ihn sogar zum Genügen an einem einzigen Gewand verurteilen! Und ferner nicht genug damit! Er befiehlt auch noch seinen Knechten, mit nackten Sohlen über die Erde zu wandeln, und hat ihnen die Schuhe von den froststarrenden Füßen genommen. Und was noch? Den Stab hat er aus der Hand des Apostels gerissen und seinen Dienern, wenn sie die ganze Welt durchwanderten, auch nicht einen kleinen Stecken zur Stütze gelassen. Und nach all dem dünkt es ihren Nachfolgern, den Leviten und Priestern, die eines so hohen, heiligen Amtes walten, nicht genug, wenn sie selber reich sind – sie wollen auch noch reiche Erben hinterlassen! Schämen wir uns doch über diese Treulosigkeit! Seien wir doch damit zufrieden, wenn wir wenigstens nur bis zum Lebensende Gott zu verschmähen scheinen! Warum bemühen wir uns, diese Verachtung Gottes auch noch über den Tod hinaus zu erstrecken? Wir sprachen nun von den einzelnen Personen und Ständen, und zwar deshalb, weil es – wie schon gesagt – Leute gibt, die sich zwar Gottes besonderem Dienste verlobt haben, die aber glauben, sie schuldeten Gott ihr Vermögen nicht so, oder doch nicht in dem Maße wie die Weltleute. In Wirklichkeit schulden sie es in viel höherem Grad; denn der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt und ihn nicht ausführt, soll mit vielen, der ihn aber nicht kennt, mit wenig Schlägen gezüchtigt werden. Weihe an Gott aber ist auch Wissenschaft von Gott; und daher bezeugt jeder Gottgeweihte allein durch die Hingabe an Gott sein Wissen um den göttlichen Willen. Das Gelöbnis der Gottgeweihtheit erläßt daher nicht die Schuld, sondern erhöht sie, weil die Aneignung des gottgeweihten Namens auch ein Versprechen tiefster Ergebenheit bedeutet und auf diese Weise einer um so mehr durch seine Werke schuldet, je mehr er durch sein Gelöbnis versprochen hat, nach dem Wort: ,,Es ist besser, nichts zu geloben, als nach einem Gelöbnis das Versprechen nicht zu halten.”

Das ganze natürliche Denken schon muß den Gott geweihten zu dieser besonderen Pflicht hinleiten

Vielleicht sagt aber jemand: wenn dem so ist, dann ist ja die Weltlichkeit ein sichererer Weg als die Gottgeweihtheit! Ganz und gar nicht! Denn der Gottgeweihte ist dadurch Schuldner, daß er sich als Gottgeweihten bekennt; der Weltmensch aber deswegen, weil er von der Hingabe an Gott nichts wissen will; und so haben beide je nach der Verschiedenheit ihres Standes ihre Schuld. Der Gottgeweihte schuldet alles, was er feierlich zu wissen bekennt; der Weltmensch aber auch das, was er nicht gerne wissen möchte, nach jenem Wort, das die Heilige Schrift ganz besonders von ihm spricht: „Er will vom Gutestun nichts wissen.” Aber immerhin: wir haben einmal die Gottgeweihten dadurch belastet, daß wir das Bekenntnis zu diesem Namen als ein Gelöbnis besonderer Frömmigkeit bezeichneten; wir wollen also diese Last beiseiteschieben und wollen annehmen, das Gesagte verhalte sich nicht so. Wir wollen dafür erwägen, nicht was wir auf Grund unseres Bekenntnisses, sondern aus Vernunft, nicht was wir auf Grund eines Gelübdes, sondern rein aus Gründen unseres Heils tun müssen. Sagt mir doch, ihr Gottgeweihten alle, ob es einen Menschen gibt, der nicht alles, was er tut, um seines Heiles oder wenigstens um eines Nutzens willen tut! Ich glaube, es gibt keinen; denn durch die Leitung und den Antrieb der Natur selbst kommen alle dahin, daß sie gern irgendeinen Nutzen haben oder haben wollen. Daher hält der, welcher Kriegsdienste leistet, dieses Tun für schön; und wer Handel treibt, dieses Geschäft für nützlich; und wer den Acker bebaut, diese Arbeit für fruchtbringend; ja sogar die Diebe und Räuber und Giftmischer und Meuchelmörder und alle, die irgendwie ein verbrecherisches Dasein führen, erachten ihre Tätigkeit als ihnen zusagend, nicht weil etwa irgendeinem Menschen wirklich Missetaten frommen, sondern weil derjenige, der sich mit Missetaten abgibt, einfach davon überzeugt ist, daß eben das Böse für ihn paßt. Und so haben auch wir, glaube ich, aus keinem anderen Grunde die Lebensweisheit des göttlichen Dienstes für uns in Anspruch genommen, als weil auch wir glaubten, daß sie uns wirklich zusage; wir dachten an die Kürze alles Irdischen und an die Ewigkeit des Kommenden; wie klein das Jetzt und wie unendlich groß das Einst ist; wir dachten auch an den künftigen Richter und die gewaltigen Entscheidungen des furchtbaren Gerichtes, an das feuerglühende Tal der ewigen Tränen mitten unter den Völkern ringsum – es ist ein unfaßbares, ungeheueres Leid, dieses Tal betreten und seine Qual erdulden zu müssen; nein, es allein schon sehen und fürchten zu müssen, ist ein Teil des allerschlimmsten Leids! Wir dachten auch, im Gegensatz zu diesen furchtbaren Peinen, an jene herrliche, unendliche Seligkeit, an den neuen Himmel und die neue Erde, da das Antlitz aller Dinge schöner wird, an die ewige Wohnung der Gerechtigkeit, an die neue Wohnstatt der Geschöpfe, an die goldenen Paläste aller Heiligen jenseits der neuerschaffenen Himmel, an die hohen Hallen, geziert mit glitzerndem Edelgestein, köstlich im Glanze nie erblindenden Metalls; an das Licht, das da, um das Siebenfache heller, immerfort in purpurnen Leuchtern erstrahlt, an die Glückseligkeit voll unaussprechlicher Güter; an die nie endende Freude der Himmelsbewohner, an die Gesellschaft der Patriarchen, den Umgang der Propheten, die Freundschaft der Apostel, die Würde der Märtyrer und bei allen Heiligen die Ähnlichkeit mit den Engeln, an die Fülle des himmlischen Reichtums, an den Überfluß unsterblicher Freuden, an das Leben in Gemeinschaft mit Gott. Das alles bedachten, das alles betrachteten wir und haben dann zum heiligen, gottgeweihten Dienst unsere Zuflucht genommen. Wir haben Gott gleichsam als Bürgen zur Erlangung all dieser Güter, als Fürsprecher von ganz besonderer Wirkung für uns in Anspruch genommen; mit Eifer und Demut zugleich haben wir uns unter seinen Schutz und Schirm begeben.

Gott belohnt die Wohltätigen und bedroht den Geiz mit den schwersten Strafen

Da wir also diese Güter alle zugleich in unseren Gedanken wie in unseren Wünschen hegen, wollen wir nunmehr sehen und ganz sorgfältig erwägen, womit wir all dies Große von Gott erkaufen können, vorausgesetzt, daß die Möglichkeit hierzu in unserem Handeln oder in unserem Vermögen vorliegt. Ist dies aber nicht der Fall, so möchte ich doch fragen, warum nicht jeder von uns alles für sich opfert, was er besitzt, da er ja doch nicht alles opfern kann, was er schuldet! Besonders da doch unser Herr und Heiland selbst sagt, es gäbe für keinen Menschen etwas Besseres, als all sein Hab und Gut bei der Barmherzigkeit auf Zins anzulegen, und da er dies immer wieder im Alten wie im Neuen Bund einschärfte, wenn er sagte, daß die, so ihr Eigentum teilen, reicher werden, und daß die Barmherzigkeit vom Tode erlöst. Und anderswo heißt es von einem heiligen Mann: ,,Er teilt seine Habe aus, er spendet den Armen, und seine Gerechtigkeit währet ewiglich.” Auch im Evangelium heißt es: „Häufet nicht Schätze an auf dieser Welt.” Und dann: „Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon.” Und weiter; „Weh euch, ihr Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin!” Auch von den Geizigen, die sich gegen die Menschlichkeit verfehlen, spricht er: „Gehet in das ewige Feuer, das mein Vater dem Satan und seinen Engeln bereitet hat,” Es läßt sich leicht erschließen, welches ihre Strafe sein wird, wenn ihr Schicksal mit dem Teufel verknüpft wird. Und doch: Mit solchen ungeheuren Strafen werden nicht etwa gräßliche Verbrechen – Unzucht, Menschenmord, Gottesraub – geahndet, sondern einzig und allein der Geiz, die Lieblosigkeit, die sich der Barmherzigkeit versagt. Wir müssen daher begreifen, was diejenigen erleiden werden, die sich neben anderen Vergehen auch noch der Habsucht schuldig machen, da schon die mit schwerster Pein bedroht werden, die allein die Sünde des Geizes, ohne daß sie sich sonst wie verfehlt hätten, zum ewigen Tode verdammt. Und wenn wir glauben, daß dies alles so geschehen wird, müssen wir ihm unter jeder Bedingung zu entfliehen trachten. Suchen wir ihm aber nicht zu entkommen, dann glauben wir auch nicht daran, Glauben wir aber nicht, dann sind wir überhaupt keine Christen; wir können doch niemand einen Christen heißen, der da meint, man brauche Christo nicht zu glauben.

Wir können und müssen unser Vermögen zum Erwerb der Seligkeit anlegen; denn Gott verdient unser Vertrauen

Aber sagen wir einmal, wir brauchten jene angeführten Strafen nicht als Schuldige zu fürchten, – können wir denn auf einen Lohn hoffen ohne Verdienste? Und wenn wir unseren Reichtum schon nicht hingeben zum Loskauf von unseren Sünden, geben wir ihn wenigstens hin zum Erwerb der Seligkeit; wenn nicht zur Abwendung der Verdammnis, dann wenigstens zur Erlangung der Gnade! Denn wenn es für die Gottgeweihten auch nicht Übel der Vergangenheit gutzumachen gilt, so gibt es doch ewige Güter, die sie um einen hohen Preis erwerben müssen; wenn es auch keine Strafe zu fürchten gilt, so gibt es doch ein Reich, nach dem man streben soll; wenn also die Frommen schon nichts loszukaufen haben – sie haben doch etwas zu erkaufen! Oder fürchtet jemand etwa einen Nachteil beim Kauf? Daß er mehr ausgäbe als wiedererhalte? Daß er ein großes Kapital ausleihe und nur wenig Ertrag bekomme? Daß das Zurückerstattete die Schenkung nicht aufwiege und so die Höhe des bezahlten Preises das Geld des Käufers in Gefahr bringe? Als ob er Gott auf Erden wunder etwas Großes anvertraut habe und Christus habe im Himmel nichts, wovon er ihm zurückzahlen könnte! Freilich, bei einem solchen Bedenken kann ich zu nichts mehr raten; einem solchen Zweifler kann schlechterdings nichts mehr nützen! Denn jedes Geschäft ist innerlich hohl, wenn das feste Vertrauen fehlt; ohne Sinn leiht der etwas aus, der von vorneherein an der Zurückerstattung verzweifelt. Christus ist, wie wir glauben, der Vergelter aller Taten. Wenn du also meinst, er sei so arm, daß er nichts vergelten könne, oder so ungetreu, daß er es nicht wolle, – ja, wie wirst du von ihm eine Vergeltung erhoffen können, dessen Unvermögen und Untreue du selber verurteilst? Wenn dem aber nicht so ist, wenn du nicht zweifelst, daß er sein Versprechen halten werde, – welche Torheit, welche Verirrung ist es dann, daß du ihm nicht so viel gibst, wie du nur kannst, da du doch keinen Zweifel hast, viel mehr zurückzuerhalten, als du hingegeben hast? Was für ein Unglück liegt darin, daß du es vorziehst, nichts von dem wiederzuerhalten, was du hier zurücklassest, während du das Ganze immerdar zu eigen haben könntest, das du Gott anvertraust! Aber – weh mir! – ich muß vermuten, daß man Gott nicht vertraut! Was sage ich? Vermuten? Ach, hätte es doch bei diesem zweifelnden „Vermuten” sein Bewenden, und sähe ich nicht alles ganz deutlich vor mir! Dann würde ich vielleicht noch mit Gewalt meine Ahnungen niederhalten und mein Gefühl zwingen können, nicht an noch zweifelhafte Dinge zu glauben; dann könnte ich mich zu besseren Hoffnungen bekehren. Aber was geschieht denn in Wirklichkeit? Was uns niederdrückt, ist gar nicht zweifelhaft; und was uns Gewalt antut, liegt klar zutage! Denn wer kann Gott nur im Geiste vertrauen, nicht aber mit seinem Vermögen? Wer kann Gott seine Seele hingeben und sein Geld versagen? Wer kann den Glauben hegen an die himmlischen Verheißungen, aber nicht danach streben, dieser Verheißungen teilhaft zu werden? Wenn wir also sehen, daß die Menschen nicht danach trachten, so müssen wir sie doch notgedrungen, jedoch offen und unwiderleglich als Ungläubige erkennen. Wir dürfen einfach nicht annehmen, daß diese zu Gott ein gläubiges Vertrauen haben, wenn sie in Wirklichkeit verkünden, daß sie Gott den Glauben verweigern. Ja, es ist leider notwendig, hier die geringe Glaubenstreue bei fast allen Menschen bitter zu beklagen! Welch ein Elend, welch eine Torheit! Einem Menschen glaubt der Mensch, nicht aber glaubt er Gott; auf menschliche Versprechungen setzt man Hoffnungen, auf Gott zu hoffen, sträubt man sich. Ja, alles, was auf Erden vor sich geht, lebt von der Hoffnung auf die Zukunft; dieses ganze zeitliche Leben nährt und fristet sich allein durch die Hoffnung. Vertrauen wir doch darum dem Erdboden das Getreide an, daß wir einmal das Anvertraute zusamt den Zinsen zurückerhalten! Und darum wird soviel Arbeit und Plage in einen Weinberg gesteckt, weil die Hoffnung auf die Lese die Menschen tröstet; und darum wagen es die Handelsleute, durch Käufe ihre Kassen zu leeren, weil sie ja hoffen, sie durch Verkäufe wieder aufzufüllen; und darum vertrauen die Schiffer ihr Leben den Winden und Stürmen an, um das Ziel ihrer Hoffnungen und Wünsche zu erringen. Und noch weiter! Auch der Friede zwischen wilden, barbarischen Völkern beruht auf der Hoffnung und wird auf Treue und Glauben abgeschlossen. Sogar die Räuber und Mörder versagen sich gegenseitig nicht den Glauben und vertrauen einander, daß sie bei ihrem Wort bleiben werden. Kurz und gut: überall im menschlichen Dasein ist die Hoffnung am Werk; nur Gott allein ist’s, auf den man keine Hoffnung hat! Und obwohl unser Herr sogar allen Stoff und alles Wesen in der Welt vertrauenswürdig gemacht hat, schenken doch fast alle diesem Schöpfer kein Vertrauen, der allein erst bewirkt hat, daß alles auf Erden Vertrauen verdient.

Auch bestimmte Notfälle befreien nicht von der Pflicht, dem überflüssigen Reichtum zu entsagen

Man könnte aber hier vorbringen, es sei bisweilen nicht das fehlende Vertrauen, sondern die zwingende Not schuld, wenn die Menschen ihr Vermögen genießen; und es sei nicht so, daß die Frommen auf Gott nicht vertrauten, sondern sie legten nur das, was sie für die Notdurft des Lebens unbedingt brauchten, zurück. Denn viele, und zwar ganz gottesfürchtige Menschen, seien an einer völligen und vollkommenen Aufteilung ihrer Habe verhindert, entweder wegen ihres Geschlechts oder wegen ihres Alters oder auch durch die Schwäche und Kränklichkeit ihres armseligen Körpers. Gut: mag dies meinetwegen fortgenommen werden; aber wenn schon, dann soll es so geschehen, daß je nach der Art der Nöte und Gründe nur das Genügende behalten, das Uberflüssige aber abgelegt wird. Denn es sagt der Apostel; „Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so lasset uns damit zu frieden sein. Denn die reich werden wollen, fallen in Versuchung und in die Schlinge des Teufels.” Wir sehen also: nur in dem wirklich Nötigen liegt das Heil, im Überflüssigen ein Fallstrick; in der Mäßigkeit die Gnade Gottes, im Reichtum eine Kette des Teufels. Was fügt denn der Apostel unmittelbar daran? „Sie stürzen den Menschen in Untergang und Verderben.” Wenn demnach der Reichtum den Untergang in sich schließt, meiden wir doch jede Üppigkeit, auf daß wir nicht in den Abgrund stürzen! Es heißt, ein großer, mächtiger Besitz ziehe das Verderben nach sich; fliehen wir also den großen Besitz, auf daß nicht das große Verderben folge! Und mögen so das Geschlecht, das Alter, die körperliche Schwachheit etwas Notwendiges verlangen – immer müssen sie sich mit dem gerade Ausreichenden begnügen; und alles, was den Lebensbedarf übersteigt, tut dem Beruf eines Gottgeweihten Abbruch. Wer du auch seiest – Mann oder Weib – wenn du dich zu einem Leben im Dienste Gottes bekannt hast und dann doch noch begierig bist, Schätze anzusammeln und ein Vermögen anzuhäufen – es ist höchst überflüssig, daß du Krankheit vorschützest! Kann denn das schwächere Geschlecht sein Leben nicht anders fristen, als wenn es die Sorge um seine Seele durch die vielgestaltige Verwaltung eines mächtigen väterlichen Erbes zersplittert? Können eine geweihte Jungfrau oder eine Witwe, die Keuschheit gelobt hat, ihren erwählten heiligen Stand nur dann unverletzt und mit Ausdauer bewahren, wenn sie auf schweren Mengen Goldes und Silbers schlafen und sich eines Besitzes bewußt sind, dessen Größe weit über die Forderungen des Lebensbedarfs der Besitzer hinausgeht? Oder: dem schwachen Geschlecht ist doch ebenso wie der keuschen Zurückgezogenheit Ruhe und Stille sehr vonnöten; glaubt nun wirklich irgendeine solche Frau, diese Ruhe und Stille – vielleicht nur von wenigen Mägden bedient – nicht ungestört hüten und pflegen zu können? Muß in ihren Ohren denn wirklich der Lärm einer riesigen Dienerschaft dröhnen und das Durcheinander und das Geschrei dieser lauten Schar um sie herum ihr Gehör abstumpfen? Für eine die Heiligkeit suchende und den wahren Frieden ersehnende Seele bedeutet es ja gewissermaßen schon eine arge Störung des Friedens, solches auch nur ansehen, geschweige denn erst ertragen zu müssen. Und wenn jemand auch solche Leute einer schweigsamen Zucht unterwerfen wollte, könnte er doch nicht ihre Unruhe mit seiner eigenen Ruhe niederhalten; so muß der Versuch, den Unfrieden anderer zu bessern, zu einer Zerstörung unseres eigenen Friedens führen. Was wir aber von dem schwachen Geschlecht sagten, das bezieht sich auf alle und paßt in gleicher Weise für den Vorwand des Alters, des Geschlechtes und der Krankheit. Nein, es darf wirklich kein Mensch glauben, der Reichtum stimme zum Leben in Gott oder schade ihm nicht: in Wahrheit bedeutet er doch eine Hemmung und keine Förderung, eine Last und keine Hilfe! Durch den Besitz und den Genuß von Reichtümern wird das gottverbundene Leben nicht gestützt, sondern gestürzt nach dem Wort, das der Herr selbst sagt: ,,Die Sorge dieser Welt und die Täuschung des Reichtums ersticken das Wort Gottes, und so bleibt es ohne Frucht.“ Ja, ganz treffend und schön bezeichnet dieser Ausspruch den Reichtum als „täuschend”. Gilt er doch gemeinhin als „Gut” und heißt auch so, und daher täuscht er die Menschen unter dem Namen eines irdischen Gutes, obwohl er die Ursache ewigen Verderbens ist.

Wohltätigkeit gegen die Kirche beim Sterben, die letzte Rettung

Aber immerhin: mag dies wirklich so sein, wie Gott vorausgesagt hat – trotzdem wollen wir etwas bei den Kümmernissen und Ängsten von solchen Menschen verweilen, die da ohne große Besitztümer überhaupt ihr Leben nicht fristen zu können glauben. Nun: meinetwegen magst du, der oder die du den Namen und den Beruf einer gottgeweihten Person trägst – meinetwegen magst du deinen Reichtum, deine Güter bis zum Ende dieses irdischen Lebens haben, wenn du sie nur am Ende selbst für dich verwendest! Meinetwegen genieße deine Habe und dein Vermögen in diesem Leben, wenn du wenigstens beim Sterben deiner nicht vergissest und daran denkest, daß du deinen Besitz zu dessen Dienst und Ehre hingeben mußt, als dessen Gnadengabe du ihn nach deiner eigenen Erkenntnis erhalten hast! Seht, ihr Reichen dieser Welt, es ist ja so menschenfreundlich, so freudebringend, was von euch verlangt wird! Wenn es sich schon bei keinem von euch erreichen läßt, daß er auf dieser Welt arm sein will, so soll er sich doch das eine gönnen, daß er nicht in der Ewigkeit zu betteln braucht. Die ihr eine augenblickliche Armut scheut, warum fürchtet ihr sie nicht für die weite Zukunft? Wenn ihr für kurze Leiden so furchtsam seid, so meidet die langen, die endlosen! Warum verabscheut ihr in diesem Leben die Armut so sehr? Warum ängstigt ihr euch? Was ihr hienieden fürchtet, ist ja viel zu gering! Wenn ihr schon eine zeitweilige Bedürftigkeit als drückend empfindet, wie drückend erst – bedenkt! – wird jene sein, die niemals aufhört? Wir führen gewissermaßen die Sache eurer eigenen Seele und eures eigenen Gelübdes vor euch selbst! Wenn ihr wirklich des Genusses eurer Güter nicht ganz entraten wollt, sorgt dafür, daß ihr dereinst nichts entbehren müßt! Wir verlangen ja von euch etwas Köstliches, etwas Freudiges! Ihr, die ihr ohne Reichtum überhaupt nicht zu leben vermögt, sorgt dafür, daß ihr immer reich sein könnt nach jenem Wort: „Wenn ihr euch also freuet an Thronsesseln und Diademen, ihr Könige des Volkes, liebet die Weisheit, auf daß ihr für immerdar herrschet!” Übrigens: was für ein Irrtum, was für eine Torheit ist es, zu denken, es könne einen Menschen geben, der nach einem bis zum allerletzten Tag in Wohlhabenheit zugebrachten Leben – dies allein würde ja schon als Schuld genügen! – nicht einmal im letzten Augenblick weitblickend und heilsam an sich selber dächte, der nicht mit seinen eigenen Mitteln sich selbst noch in den letzten Zügen zu Hilfe eilte (zumal doch im Reichtum, der schon für sich allein seinen Herrn anklagt nach dem Wort: ,,Wehe euch Reichen,..!” auch der Keim zu anderen Sünden für den Besitzer verborgen ist, die gerade im Mutterschoße des Reichtums wie in einer Art natürlichem Treibhaus aufgesproßt sind) – und der nicht in seinem letzten Stündlein noch dafür sorgt und danach trachtet und mit Aufgebot seiner ganzen Mittel es erreichen möchte, daß er nicht als Schuldiger fort müsse, nicht als Schuldiger von dieser Welt scheide, daß er trotz der Seelenqual des Augenblicks nicht auch für später den Leib der ewigen Qual überantworte? Wer also ist so treulos, so von Sinnen, der das nicht bedenkt und nicht fürchtet, der mit seiner Habe mehr für andere sorgt als für sich und, von jeglicher Hoffnung, von jeglicher Hilfe für dieses Leben verlassen, die eine, die allereinzige Planke, an die er sich noch wie ein Schiffbrüchiger mitten im Meer klammern könnte, losläßt – nein, nicht nur losläßt, sondern wegwirft, weit von sich schleudert – wenn er so auf jede Weise dahin arbeitet, sich ja kein Mittel übrig zu lassen, durch das er dem Verderben entrinnen könnte?

Der bis zum Tod gegen solche Einsicht verhärtete Mensch schadet sich selbst in furchtbarstem Grade

So sagt mir denn, ich bitte euch, ihr alle, die ihr Christus liebt, ob überhaupt irgendein Mensch so unbarmherzig, so grausam gegen seine Feinde sein kann, wie diese es gegen sich selbst sind? Nein: keiner ist so roh und so entmenscht, daß er nicht wenigstens den schon ganz verzweifelten, den sterbenden Mörder zu verfolgen aufhörte; solche Menschen aber verfolgen sich selbst noch an der Schwelle des Todes. Oder ist das etwa keine Verfolgung, oder kann es eine ärgere geben, als wenn ein Mensch von sich selbst des Erbes beraubt wird? Als wenn er aus seinem Besitztum fliehen muß? Als wenn er gleichsam von sich selber ins Elend gejagt wird? Und dies dazu nicht etwa auf allgemeine, gewöhnliche, sondern auf eine neue, ganz grausame Art: hier wird die Seele selbst ins Elend gejagt, hier wird der Geist seines ewigen Besitztums beraubt! O wie viel leichter sind äußerliche, körperliche Feinde zu ertragen! Sie sind ja doch nur Gegner des Leibes, ihr aber seid Widersacher eurer Seelen! Gering ist daher ihr Haß im Vergleich zu eurer Missetat! Was auf dieser Welt schadet, fällt nicht schwer ins Gewicht; das aber ist schwer, das ist verderblich, was für alle Ewigkeit tötet! Darum sagt der Heiland selbst: „Fürchtet diejenigen nicht, die zwar den Leib töten, die Seele aber nicht töten können.” 1Etwas Geringfügiges ist also der Haß, der den Leib verwundet, die Seele aber nicht verwundet; denn wenn auch der Leib verletzt ist – die Seele ist doch ohne Schaden geblieben, und durch das Leiden des Fleisches wird die Seligkeit des Geistes nicht getrübt. So ist jene Schuld ein unsühnbares, ja überhaupt ein unfaßbares Übel, das den ganzen Menschen für endlose Zeiten der Verdammnis überliefert. Und daher sind eure Feinde nicht so hart gegen euch, wie ihr selbst. Alle Feindschaft löst sich ja auch im Tode auf: Ihr aber handelt so euch selbst zuwider, daß ihr eurer Feindschaft nicht einmal nach dem Tod entrinnet!

III. Buch

Die Absicht des Verfassers in den folgenden Büchern

In den beiden vorausgehenden Büchern habe ich, meine Herrin, du Kirche Gottes, mit den zwei Gruppen deiner Kinder, der einen, die der Welt anhängt, und der anderen, die sich den Anschein eines gottgeweihten Lebens gibt, gewissermaßen getrennt geredet. Im folgenden Buch aber möchte ich, wenn Gott mir gnädig ist, zu beiden reden, je nachdem es die Sache und die jeweilige Überlegung verlangen, indem ich mich bald an die eine oder andere, bald an beide zusammen wende. Es bleibt nur noch übrig, daß beide Teile, wenn sie im Laufe des Lesens die jeweils für sie bestimmten Gedanken erkennen, auch das mit der rechten Liebe zu Gott aufnehmen, was von mir aus Liebe zu Gott ausgesprochen wird. Nun haben wir in unseren ganzen bisherigen Ausführungen immer wieder die Barmherzigkeit und die Mildtätigkeit als das vorzüglichste Gut der Christen hervorgehoben; wir haben durch treffende – so darf ich wohl annehmen – und zahlreiche Zeugnisse bewiesen, daß in diesen Tugenden hervorragende Verdienste für die Frommen und auch hervorragende Heilmittel für die Sünder eingeschlossen sind; und so glaube ich, daß niemand noch Weiteres erwartet, zumal ja derjenige, der wirklich noch mehr Belege wünscht, sich nur an die heiligen Bücher selbst zu wenden braucht; denn diese sind so voll von gewichtigen Zeugnissen, daß es fast nur ein einziges Zeugnis der gesamten Heiligen Schrift gibt. So bleibt nur noch übrig, auf solche ungläubige Einwände, die von einigen in der verderblichen Absicht einer Entschuldigung entgegengehalten zu werden pflegen, ein paar Worte zu erwidern. Der Heiland sagt im Evangelium, den Menschen werde Geld und Gut zu dem Zweck verliehen, daß sie das Verliehene mit vielfältigen Zinsen zurückgäben, indem er zum geizigen Schuldner also spricht: „Du böser und fauler Knecht, du wußtest, daß ich ernte, wo ich nicht säe, und sammele, wo ich nicht ausstreue. Du hättest also mein Geld den Wechslern anvertrauen sollen, und ich hätte bei meiner Ankunft das Meinige mit Zins zurückerhalten. Nehmt ihm also das Talent und gebt es dem, der zehn Talente hat!” 1Und gleich darauf; „Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird Heulen und Zähneknirschen sein.” Wenn diese Worte auch auf etwas anderes bezogen werden können, so lassen sie sich doch nicht ohne Gewinn auch an dieser Stelle und für unseren Zweck anwenden. Denn da man mit Recht unter den „Wechslern” des Heilandes die Armen und Bedürftigen verstehen kann, da sich das an sie verteilte Geld vermehrt, wird ohne Zweifel alles, was man an die Armen verausgabt, von Gott mit Zinsen zurückgegeben. Daher befiehlt der Herr selbst auch an einer anderen Stelle” den Reichen, die Schätze der Welt zu verteilen und sich Beutel zu machen, die nicht veralten. Aber auch durch das Gefäß seiner Auserwählung läßt er es verkünden, daß den Wohlhabenden der Reichtum deswegen vom Herrn gegeben ist, damit sie an guten Werken reich werden. Und so behaupte auch ich, der geringste und unwürdigste Diener Gottes: Es ist das erste und heilsamste Gebot eines religiösen Lebens, daß ein reicher Christ, so lange er in diesem Leben weilt, die Reichtümer dieser Welt im Namen und zur Ehre Gottes verbraucht; das zweite aber wäre dies, daß er wenigstens beim Sterben alles verteilt, wenn er es schon vorher nicht getan hat, sei es durch die Furcht, sei es durch eine Krankheit, sei es durch irgendwelche andere Notwendigkeit daran verhindert.

Die Vererbung des Vermögens an die eigenen Kinder kann zur Not entschuldigt werden, nicht aber die an Fremde

Aber da sagt vielleicht einer: Ich habe doch Kinder! Nun hat über diesen Punkt schon ein früherer Abschnitt dieser Schrift, wie ich glaube, Zutreffendes und wirklich auch nicht wenig gesagt, und außerdem mag für diese Frage der Ausspruch des Herrn als Antwort genügen: „Wer seinen Sohn oder seine Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.” Aber auch jenes Prophetenwort gehört hierher, daß die Väter nicht für die Söhne und die Söhne nicht für die Eltern gerichtet werden sollen, sondern daß jeder einzelne Mensch je nach seiner Gerechtigkeit gerettet werde oder nach seiner Ungerechtigkeit zugrunde gehe. Und so wird es dem Menschen, welche Reichtümer er auch für seine Kinder zusammentrage, beim Gerichte gar nichts nützen, daß er einen reichen Erben hinterläßt. Aber immerhin: es mag den Eltern noch verziehen werden, wenn sie bis zu einem bestimmten Teil ihren Söhnen ein Vermögen vererben, – freilich soll es nur an Gute, nur an Gerechte fallen; ja schließlich mag ihnen sogar verziehen werden, wenn sie etwas an böse und lasterhafte Kinder vererben. Sie haben ja einen Schein von Entschuldigung für sich, indem sie sagen können: die Elternliebe hat in uns obgesiegt, die Kraft des Blutes hat uns dazu getrieben, ja die Natur selbst hat uns gewissermaßen durch die Hand der Liebe in ihren Bann gezogen. Wir wußten zwar, was die Gerechtigkeit Gottes forderte und was die heilige Wahrheit verlangte, aber wir unterlagen – so müssen wir bekennen – dem Joch eines uns eingeborenen Zwanges; wir ließen unsere Hände in Bande schlagen von der Liebe zu den Unsern; so räumte der Glaube das Feld dem Blute und das Recht der Verwandtenliebe siegte über die Hingabe an Gott. Ja, so etwas kann wohl vorgebracht werden; aber es ist nicht gut, wenn es vorgebracht wird; es ist das nur der Schatten einer armseligen Entschuldigung, die gar nichts entschuldigt, die dem Schuldigen den schwachen Anschein einer Abbitte verleiht, aber nicht eine Sicherheit über seine Schuld selbst. Denn nach wie vor kann ich keinem Menschen eine Sicherheit in irgendeinem Falle versprechen, der irgend etwas mehr geliebt hat als Gott – nach jenem Wort der Schrift, das werde die Menschen verurteilen, daß das Licht in die Welt gekommen sei und sie die Finsternis mehr liebten als das Licht. Denn es ist doch für niemanden zweifelhaft, daß all das für den Menschen eine Finsternis sein werde, was er der Liebe Gottes vorzieht. So liegen nun die Dinge: und doch, sagte ich, kann es den Eltern vielleicht nachgesehen werden, die – allerdings auch nicht zu ihrem Heil – ihrer Natur nachgeben. Aber da gibt es doch auch solche, die keine Kinder haben und doch ihr Augenmerk ganz von ihrem Seelenheil und von der Genugtuung für ihre Sünden abwenden und die, obwohl sie selbst der Erben aus eigenem Blute entbehren, doch nach irgendwelchen anderen auf die Suche gehen, denen sie ihr ganzes eigenes Vermögen zuschreiben könnten, denen sie also irgendwie den schattenhaften Titel eines Verwandten verleihen, die sie, selbst nur Eltern der bloßen Einbildung nach, zu ihren Adoptivkindern machen, damit sie in die Stelle der nicht vorhandenen eigenen Nachkommen einrücken können – und die Treulosigkeit ist hierbei Erzeugerin! Und so schaffen sich diese ganz unglücklichen und gottentfremdeten Menschen, da sie schon nicht durch die Fesseln eigener Kinder gebunden sind, selber solche Fesseln, in denen sie ihre unglücklichen Seelen erdrosseln; da schon kein gefährlicher Zwang innerhalb der eigenen Familie herrscht, holen sie die Gefahr von außen herein; und wenn ja schon die Grundlagen zu Versuchungen fehlen, stürzen sie sich gleichsam in das freigewählte Verderben. Bei manchen mag es fast eine Frage scheinen, in welcher Gemütsstimmung man ihren Irrtum aufnehmen soll: soll man ihnen zürnen oder soll man sie bedauern? Der Irrtum, gewiß, verdient Mitleid, die Gottlosigkeit aber Verdammung; ihr Unglück treibt uns wohl zum Weinen, ihre Untreue aber zum Zorn. In dem einen Fall möchten wir trauern um die Torheit der Menschen, in einem anderen uns um der Liebe Gottes willen erzürnen. Daß überhaupt ein Mensch sich finden oder auf Erden sein kann, der nach dem Ablauf dieses kurzen armseligen Lebens, schon schwebend in der Angst des letzten Stündleins, um im nächsten Augenblick vor den Richterstuhl Gottes zu treten, – der also hier an irgend etwas anderes denkt, als an sein Ende, an irgend etwas anderes als an sein Verscheiden, an irgend etwas anderes als an seine Todesnot – und der auf seine ewige Hoffnung verzichtet und sich nicht um seine Seele kümmert – ihr müßte er doch wenigstens in seinem letzten Augenblick noch mit aller Kraft und mit allen Mitteln, die er noch hat, in etwa zu Hilfe kommen! – sondern der nur daran denkt, nur das eine in seinem Sinne wälzt, wie köstlich sich sein Erbe an seinem Vermögen weidet!

Wer nur an seine Erben denkt, schadet sich selbst

Du ganz unglücklicher Mensch, warum bist du so besorgt? Warum regst du dich so auf? Warum willst du der Schöpfer von Gütern werden, die ja doch dem Verderben geweiht sind? Fürchtest du denn, es könnte an Leuten fehlen, die nach deinem Tode aufzehren, was du hinterlassest? Ich rate dir, dich hierüber ja nicht zu ängstigen. O fiele es dir nur so leicht, selig zu werden, wie es sicher ist, daß all das Deine zugrunde gehen wird! Welch eine Glaubensarmut, welch eine Torheit! Ist es doch sogar ein Satz im Volksmund; jeder wünscht sich selbst etwas Besseres als einem anderen. So ist es etwas ganz ungeheuerlich Neues, wenn jemand für irgendeinen anderen sorgen möchte, nur nicht für sich. Sieh, du ganz erbärmlicher Mensch, du stehst im Begriff, zur göttlichen Prüfung hinzugehen, zu jenem furchtbaren, niederschmetternden Gericht, wo der heimatlosen, verängstigten Seele kein Trost erstehen kann außer ganz allein ein gutes Gewissen, außer ein unschuldiges Leben oder – was einem guten Leben ganz nahe kommt – außer die Barmherzigkeit – wo der schuldbeladene Mensch keine Stütze finden kann außer in seiner mildtätigen Gesinnung, in einer fruchtbringenden Reue, in reichlichem Allmosengeben – wo du endlich je nach dem verschiedenen Wert deiner Verdienste entweder ewigen Lohn oder endlose Qual erlangen wirst. Und da machst du dir noch Gedanken, ob du weiß Gott welchen Erben bereichern sollst! Du machst dir Kummer über die Habe deiner Verwandten und Verschwägerten, wen du wohl am besten durch dein Vatergut noch bereichern kannst, wem du all den bunten Kram und Zierat zuschreiben sollst, wessen Truhen du mit deinen Besitztümern füllen sollst, wem du die größere Zahl der Sklaven hinterlassen sollst! Du armseligster aller Menschen, du denkst zwar daran, wie gut andere nach dir leben können, denkst aber nicht, wie schlecht du selbst stirbst! Sag mir doch, du armer und treuloser Christ: wenn du dein Gut unter viele verteilst, wenn du viele mit deinem Vermögen reich machst, warum sorgst du für dich allein so schlecht, daß du dir nicht einmal selbst unter all den Fremden den Platz eines Erben sicherst? Sieh, bald wirst du aus diesem Leben wandern, und schon wartet auf dich das Urteil des göttlichen Richterstuhls; es warten auf dich die Teufel mit ihren Foltern, die schrecklichen Henkersknechte der ewigen Qualen – und du wälzest nur die künftigen Vergnügungen der nach dir kommenden weltlichen Erben im Sinn! Du quälst deinen Verstand mit dem Wohlleben der anderen; etwa wie gut es deinem Erben geht, wenn er dereinst von deinem Hab und Gut zehrt, mit welchen Vorräten er seinen Bauch füllt, wie er seinen ohnehin schon satten Magen noch bis zum Erbrechen vollstopft! Du ganz Unglückseliger, was frommen dir denn solche Trauerlieder? Was frommen dir solche Tollheiten? Was nützt dir dieser törichte Irrtum, was diese nichtswürdige Verworfenheit? Kann es dir beim hochpeinlichen Gericht zu Hilfe kommen, wenn der Erbe, der deine Habe verpraßt, nach Bad und Frühstück behaglich rülpsen kann?

Unter allen Erben sind die gottgeweihten Personen die besten und wichtigsten, werden aber am wenigsten bedacht

Aber auf die Fragen, die wir hier berühren, werden wir später noch zurückkommen, wenn es der Gegenstand und der Gang der Darlegung verlangt. Einstweilen möchte ich nur davon reden und nur dazu mit ganz besonderer Eindringlichkeit mahnen, daß keiner irgendeinem Lieben, auch dem teuersten, gegenüber seiner Seele den Vorzug gebe! Es ist wirklich kein Unrecht, wenn ein Christ auch für seine rechtmäßigen Erben auf dieser Welt weniger aufhäuft, wenn er nur in der Ewigkeit sich selbst auf alle mögliche Weise Hilfe bringt; denn es ist ja auch erträglicher, wenn hienieden den Kindern etwas fehlt, als wenn in alle Zukunft den Eltern etwas fehlt; und die Dürftigkeit in diesem Leben ist viel weniger drückend als die Armut in der Ewigkeit, zumal dort drüben nicht allein die Armut zu fürchten ist, sondern auch Tod und Pein, und es daher doch wirklich von geringerer Bedeutung ist, wenn hienieden den Erben etwas am Erbgut als wenn drüben den Erblassern etwas an ihrem ewigen Heil fehlt; es müßten doch gerade diejenigen, denen eine Erbschaft zufällt – wenn sie noch einen Funken von Pietät in sich haben – ganz besonders wünschen, daß die Erblasser nicht zugrunde gehen. Wünschen sie dies aber nicht, so sind sie erst recht nicht wert, daß ihnen etwas vermacht wird; denn ein weiser Erblasser tut ganz recht daran, wenn er nichts hinterläßt, was der pietätlose Erbe nicht verdient. Daher ist es am besten, wenn jeder für sich vorsorgt und alles für seine Seele und sein künftiges Heil zurückläßt.

Freilich mögen bisweilen nicht bloß Kinder vorhanden sein, denen man schon nach natürlichem Recht mehr schuldig ist, sondern auch andere nahestehende Menschen; und ihr Verdienst und ihre Stellung mag so sein, daß hier Gerechtigkeit und Gottesfurcht selbst eine ihnen zugewiesene Schenkung in Schutz nehmen; und hier mag es nicht bloß liebevoll sein, wenn man ihnen etwas vermacht, sondern sogar unfromm, wenn man ihnen nichts vermacht, mögen es nun vom Leid heimgesuchte Eltern oder treue Geschwister oder fromme Gattinnen oder – um den Wirkungskreis der Güte und Milde noch zu erweitern – mögen es auch arme Verwandte oder mittellose Verschwägerte oder endlich überhaupt solche sein, die sich in irgendeiner Not befinden – oder gar solche – und das ist das Höchste – die sich Gott geweiht haben. Denn das wäre das größte und hervorragendste Glück, wenn einer seine Liebestat auch gleichzeitig zu einer religiösen Tat machen könnte. Selig derjenige, der seine Teuren im Geiste der göttlichen Liebe liebt, dessen Dienst am Nächsten auch ein Dienst an Christus ist, der auch in den Banden der Natur an Gott denken kann, den Vater aller Natur, der seine Liebesgaben umwandeln kann in heilige Opfer und der sich auf diese Weise so viel unsterblichen Gewinn und selige Früchte sichert, daß er die Gaben an seine Angehörigen seinem Herrn auf Zinsen leiht und so gerade durch die zeitliche Freigebigkeit gegenüber den Seinen sich ewigen Lohn erwirbt! Zur Zeit aber tut man höchst verwerflich gerade das Gegenteil: niemandem wird von den Seinen weniger hinterlassen als solchen, denen aus Ehrfurcht vor Gott gerade mehr gebührt; auf niemand nimmt die Mildtätigkeit weniger Rücksicht als gerade auf solche, die ihr heiliger Stand empfiehlt. Und wenn von Eltern Kinder Gott dargebracht werden, so werden gerade die dargebrachten gegenüber allen anderen Kindern in den Hintergrund gerückt; man hält sie des Erbes für unwürdig, weil sie ja der göttlichen Weihe würdig gewesen seien; und so sinken sie bei den Eltern im Werte auf Grund der einzigen Tatsache, daß sie vor Gott wertvoll geworden sind. Daraus kann man schließen, daß fast niemand bei den Menschen weniger gilt als Gott; denn es geschieht offenbar aus Verachtung gegen ihn, wenn Eltern vornehmlich jene Kinder hintansetzen, die in Gottes Eigentum übergegangen sind.

Die Kinder, die den geistlichen Stand erwählt haben, dürfen gegenüber den anderen im Vermögen nicht verkürzt werden

Aber natürlich: die so handeln, geben auch gleich eine herrliche Rechenschaft über ihre Gedankengänge ab und sagen: „Wozu ist es denn notwendig, daß auf die Kinder, die schon den heiligen Beruf gewählt haben, der gleiche Anteil am Erbe fällt?” Nichts ist also gerechter, nichts verdienter, als daß sie, weil sie nun einmal Gott geweiht sind, betteln gehen! Nicht als ob die Entblößung von allem irdischen Gut und die Armut solche Menschen niederdrücken könnte, die den Himmel schon der Hoffnung nach besitzen und bald auch in Wirklichkeit besitzen werden, da sie doch unter Gottes Leitung und Schutz stehen, der ihnen zugleich mit der unsterblichen Hoffnung auf die ewigen Güter auch genug zum zeitlichen Dasein spendet; nein, sie sind nur arm im Hinblick auf die herzlose Handlungsweise ihrer Eltern, von denen sie mit Absicht der Armut überantwortet wurden. Das aber ist ganz sicher: Wenn einige wirklich nicht völlig aus dem Hause gejagt und auch nicht überhaupt verbannt und geächtet werden, so werden sie doch bei der Hinterlassenschaft so weit unter ihre Brüder gestellt, daß sie zwar nicht in bitterer Armut zu leben brauchen, aber bei einem Vergleich doch arm erscheinen müssen, Ihr fragt, wozu denn die gottgeweihten Personen noch einen gerechten Anteil am väterlichen Erbe benötigten. Da antworte ich: Damit sie ihres heiligen Amtes walten können, damit das religiöse Leben durch den Besitz der Religiösen gefördert werde, damit sie spenden, damit sie schenken können, damit alle, die nichts haben, durch sie, wenn sie etwas haben, auch etwas haben; und endlich, damit sie, wenn ihr Glaube so vollkommen ist, auch nur besitzen, um bald nichts mehr zu besitzen, und um so seliger zu werden, wenn sie zuerst besessen haben und dann nichts mehr besitzen. Warum denn, ihr herzlosen Eltern, legt ihr ihnen den Zwang einer ganz unwürdigen Armut auf? Überlaßt dies doch der Askese selbst, der ihr ja euere Kinder übergeben habt! Es ist viel richtiger, wenn sie aus sich selbst heraus arm werden! Wenn ihr nur den Wunsch habt, sie arm zu sehen, nun, laßt nur ihre eigene Frömmigkeit dafür sorgen! Laßt ihnen doch die Freiheit, arm werden zu wollen! Sie sollen die Armut wählen, nicht aufgezwungen erhalten! Und wenn sie dieselbe schließlich doch tragen müssen, so sollen sie sie in frommer Demut auf sich nehmen und nicht durch ein verdammendes Urteil erdulden! Warum schließt ihr sie sozusagen aus der natürlichen Gemeinschaft aus? Warum sprecht ihr ihnen gewissermaßen das Recht des Geblütes ab? Sicher: auch ich möchte sie arm wissen, aber so, daß auch die heilige Armut ihren Lohn erhalte und sie in einem herrlichen Tausche an Stelle der Fülle die Armut wählen, auf daß sie dann durch diese freie Wahl der Armut die Fülle erlangen! Indessen wozu mühe ich mich ab, euch gerade durch den Gedanken an eine heilige Pflicht zu Menschlichkeit und Kinderliebe fortzureißen, da doch eben die Erwägung ein Hindernis ist und die Eltern lieblos macht, die sie eigentlich liebevoll machen müßte? Denn während ihr aus eurem Erbgut gerade deshalb den gottgeweihten Kindern mehr hinterlassen müßtet, damit etwas aus eurem Vermögen wenigstens auf dem Umweg über eure Kinder zu Gott gelange, vererbt ihr gerade deswegen nichts an eure Kinder, damit sie nichts haben, um es Gott zu überlassen. Wenn ihr so eure Kinder nicht mehr anerkennet, begnügt ihr euch freilich ganz herrlich mit dem vorsichtigen Grund, sie möchten sonst sich nicht als Kinder Gottes erkennen; und so vergeltet ihr die göttlichen Wohltaten ganz prächtig, wenn ihr mit allem Eifer danach trachtet, daß Gott nicht einmal über eure Angehörigen Ehre zuteil werde, während ihr doch alles von der Hand Gottes habt! Warum, frage ich, handelt ihr so treulos, so gottesfeindlich? Wir wollen ja gar nicht verlangen, daß ihr das Eurige dem Herrn schenkt; aber gebt Gott nur etwas von dem Seinigen zurück! Warum verfahrt ihr so geizig, so lieblos? Es gehört gar nicht euch, was ihr da verweigert! Ihr meint also, es sei unbillig, wenn ihr eure geistlichen Kinder mit den in der Welt gebliebenen dem Vermögen nach auf gleiche Stufe stellt? So arbeitet ihr darauf hin, daß sie es bereuen müssen, ein geistliches Leben begonnen zu haben, wenn dieses Leben sie in euren Augen minderwertig macht. Gnädig und gütig ist deshalb der Herr, wenn er an ihnen seine Absicht und sein Versprechen erfüllt; ihr aber wollt eurerseits nur bezwecken, daß ihr die wieder zu Dienern der Welt macht, denen ihr die Kinder der Welt vorziehet. Denn was heißt es anderes, als einem das Ordensleben verbieten, wenn man ihn ob dieses Lebens verachtet?

Es ist auch eine Beraubung Gottes, den Kindern geistlichen Standes nur die Nutznießung, nicht das Eigentumsrecht zuzuerkennen

Nun könnten wir aber in den Verdacht der Ungerechtigkeit kommen, wenn wir bei dieser Angelegenheit alle Eltern in gleicher Weise beschuldigen, da doch nicht alle gleich unbillig an ihren Kindern handeln. Es gibt nämlich, sagt da jemand, unter den Eltern manche, die für ihre Kinder gewiß gleiche Teile herstellen, aber nur in dem einen Punkt einen Unterschied machen, daß sie bei den Anteilen, die für die geistlichen Personen bestimmt scheinen, die Nutznießung zwar diesen, das Eigentum aber anderen übertragen. Ein solches Vorgehen ist jedoch noch viel schlimmer und treuloser! Denn offenbar ist es eine noch erträglichere Lieblosigkeit, wenn jemand seinen Kindern einen geringeren Teil zum Eigentum hinterläßt, als wenn er ihnen das Eigentum am Vermögen überhaupt wegnimmt. Schließlich mag man eine solche Bedingung bis zu einem gewissen Grade noch hinnehmen, wenn auf diese Weise entweder Freunden oder Verschwägerten oder Verwandten etwas vermacht wird; wer aber den Kindern das Eigentum an ihrem Vermögen nicht zuerkennt, hinterläßt ihnen gar nichts. Vielmehr hat hiermit die Ungerechtigkeit und Treulosigkeit der Eltern einen Weg gefunden, wie man Gott vom Erbe überhaupt ausschließen kann, indem man den gottverlobten Kindern das Eigentumsrecht entzieht. Man gibt ihnen zwar die Nutznießung, damit sie selbst den Lebensunterhalt hätten, – aber man nimmt ihnen das Eigentum, damit sie nichts bekommen, um es dann Gott zu hinterlassen. Eine neue Schlauheit der gottesfeindlichen Gesinnung! Sie hat entdeckt, wie man den Schein der Fürsorge für die Kinder erwecken kann, obwohl die Unehrlichkeit gegen Gott noch größer ist! Sie bringt es zuwege, daß ein gottgeweihter Nachkomme zwar den Genuß des Vermögens, aber kein Recht auf das Vermögen hat, und daß er so zwar im Reichtum leben kann, aber arm wie ein Bettler sterben muß! Und also kann ein so treuloser Erblasser getrost und sicher aus dieser Welt scheiden, da er doch weiß, daß von seinem Hab und Gut wirklich auch gar nichts Gott anheimfallen kann! Ja, wenn ich oben sagte, durch die Nutznießung am Vermögen besäßen die Kinder im geistlichen Stande wenigstens irgendeinen Schein von Reichtum, so ist nicht einmal das ganz richtig; denn wenn der Nießbrauch auch etwas zu besitzen scheint, so besitzt das Gewissen doch in Wirklichkeit nichts; niemand kann sich ja auch auf kurze Zeit für reich halten, der weiß, daß er keinerlei Eigentum hat.

Freigelassene werden von ihren Herren bisweilen besser behandelt als solche Kinder von ihren Vätern

Wie handelst du, o unselige Treulosigkeit, in deiner – ich kann nicht anders sagen – heidnischen, gottentfremdeten Verirrung? Ist dein Haß gegen Gott so groß, daß du schon deine Kinder allein deswegen nicht lieben kannst, weil sie Gott angehören? Es gibt ja Leute, die ihre Freigelassenen in besseren Verhältnissen zurücklassen als du deine Kinder! Gehört es doch zum gewöhnlichen Brauch, daß Sklaven – sie brauchen nicht einmal im allerbesten, aber doch in einem nicht unmenschlichen Sklavenverhältnis zu leben – von ihren Herren mit der „römischen Freiheit” beschenkt werden, in der sie bekanntlich sowohl Eigentum an ihrem Sparvermögen, als auch das Testierrecht erlangen, so daß sie im Leben ihre Habe geben können, wem sie wollen, und im Sterben sie ebenso verschenken und vermachen können; und nicht allein das: auch das, was sie nach ihrer Sklavenzeit sich erworben haben, dürfen sie ganz ungehindert aus dem Hause ihrer Herren mit fortnehmen. Also: die Huld und Freigebigkeit eines Patrons gewährt ihnen bisweilen so viel, daß er sogar an seinem Rechte etwas abzieht, um es dem Besitztum des Freigelassenen zu überlassen. Wie viel besser, du ganz ungetreuer Vater – magst du sonst sein, wer du willst – wie viel besser gehen solche Herren mit ihren Freigelassenen um als du mit deinen Kindern! Was sie schenken, schenken sie zu dauerndem Rechte, du nur zu zeitlichem; sie geben ihren Freigelassenen volle Entschlußfreiheit zu einem Testament, du nimmst sie deinen Kindern; endlich: sie überantworten ihre Sklaven der Freiheit, du zwingst gleichsam deine Kinder in die Sklaverei. Denn ein solches Verfahren ist doch wirklich nichts anderes als eine Versklavung derer, denen du nicht gönnst, etwas wie Freigeborene zu besitzen. Du machst dir also die Sitte jener Herren zu eigen, die ihre Sklaven, die sich keine Verdienste um sie erworben haben und die sie daher des römischen Bürgerrechtes für unwürdig halten, unter das Joch der „latinischen Freiheit” beugen; sie lassen sie also unter dem Namen von Freigelassenen ihr Leben fristen, wollen aber nicht, daß sie beim Sterben etwas ihr eigen nennen. Denn da ihnen die Freiheit des letzten Willens versagt ist, können sie auch das, was sie wirklich haben, wenn sie den Herrn überleben, doch bei ihrem Sterben nicht verschenken. So machst auch du deine geistlichen Kinder gewissermaßen zu „latinischen” Freigelassenen: sie sollen zwar leben, als ob sie Freie wären, aber sterben wie Sklaven; sie sind durch die Fessel der „latinischen Freiheit” gleichsam an das Recht ihrer Brüder gebunden, auch wenn sie freien Willen zu haben scheinen, solange sie leben, – sie sollen aber doch gewissermaßen unter der Vormundschaft sterben. Siehst du denn – ich bitte dich – schon im Namen „Religion” ein solches Verbrechen, daß du diejenigen, die sich dem religiösen Dienste weihen, nicht mehr als deine Kinder anerkennst – nur deshalb, weil sie begonnen haben, Kinder Gottes zu sein? Was für einer Sünde – gleichsam mit bestem Willen – haben sie sich in deinen Augen schuldig gemacht, daß du glaubst, sie seien deswegen schlechter zu behandeln, weil sie besser zu sein wünschen?

Die Kinder geistlichen Standes verdienen den Vorzug vor denen in der Welt

Nun sagt ihr aber, ihr heget bei diesem Tun keine solche Absicht. Das ist gerade so, als wenn einer sagte, er verübe seine schlechten Taten in guter Absicht, und er sei ganz fromm dabei, wenn er ein gottloses Verbrechen begehe! Was kann es euch, ihr ganz unmenschlichen Eltern, was kann es euch nützen, wenn ihr allen Ernstes versichert, eure geistlichen Kinder würden von euch in guter Absicht der Ehre beraubt? Die Tat selbst ist’s, die euch zurückstößt; die Tat ist’s, die euch widerlegt! Das ist gar nichts wert, daß ihr mit bloßen Behauptungen etwas versichert, nein: ihr seid durch eure Handlungen selbst Zeugen wider euch! Ihr haltet es also für unbillig, daß eure gottgeweihten und Gott wohlgefälligen Kinder den der Welt dienenden Söhnen gleichgestellt werden? Ja wahr ist’s, ihr habt richtig geurteilt: nur solltet ihr aus eurem Urteil eine gerechte, und zwar gerade die gegenteilige Nutzanwendung ziehen, das heißt: ihr solltet nicht glauben, daß die schlechten mit den guten Kindern und die Sünder mit den Heiligen auf eine Stufe gestellt werden dürfen; und diejenigen, die bei Gott durch ihr verdienstvolles Leben höher stehen, die sollten auch bei euch größere Huld und Ehre genießen. Denn was ist richtiger, was ist gerechter, als daß die Besseren auch die Geehrteren sind; daß sie, die dem Gericht nach höher stehen, auch der Belohnung nach höher stehen; und daß sie, die im heiligen Evangelium den Vorrang haben, ihn auch in einem menschlichen Testament haben? Und hier würde dann der fromme Wille der Eltern mit dem Willen Christi übereinstimmen, indem die Eltern gerade den Kindern an Würde den Vorzug gäben, die Gott durch seine Auserwählung vorgezogen hat. Aber das alles geschieht nicht nur nicht – nein, gerade das Gegenteil von allem geschieht – den Unschuldigen werden die Schuldbefleckten, den Gläubigen die Gottlosen vorgezogen; dem Licht wird die Finsternis, die Erde wird dem Himmel und die Welt wird Gott vorgezogen. Und fassen es solche Eltern wirklich nicht, daß sie ob dieser Sünde allein dem Gerichte Gottes unrettbar verfallen sind, da sie die Verehrung Gottes und die hohe Würde seines Gerichtes durch ihr ganz unwürdiges Verhalten mit Füßen treten?

Auch die Ausrede, die geistlichen Personen könnten niemandem mehr etwas hinterlassen, ist hinfällig

Aber freilich sagen da die Eltern, sie handelten so nicht aus Verachtung gegen Gott, sondern auf Grund sachlicher Überlegung. Denn wem, so wenden sie ein, sollen diejenigen das hinterlassene Vermögen hinterlassen, die keine Kinder haben? Ich will sagen, wem; und ich will nicht, wie oben, die Armen Gottes nennen, keine fremden, keine weit entfernten Menschen, damit es nicht als zu hart und unmenschlich erscheint. Nein, ich meine jene ganz Lieben, jene ganz Engvertrauten, die auch ihr, selbst wenn ihr viele Nachkommen habt, den Kindern vorzieht. Wir nennen die Menschen selbst, ihr ungetreuen Eltern, wir nennen sie und niemand anderen! Kann denn für irgend jemand auf der Welt etwas Näherstehendes, etwas Lieberes erfunden werden als er selbst? Wir empfehlen jedem von euch nur seine eigene Seele, sein eigenes Heil, seine eigene Hoffnung. Ihr heißt euch liebevoll, die ihr eure Kinder liebt? Wahrlich, nichts kann hartherziger, nichts unmenschlicher, nichts so wild, nichts so herzlos genannt werden wie ihr, von denen man nimmer erreichen kann, daß ihr euch selber liebt. ,,Haut um Haut”, sagt der Satan in der Hl. Schrift, „alles, was der Mensch hat, gibt er für seine Seele“ Daß also die Seele dem Menschen das Allerteuerste ist, stellt auch der Teufel nicht in Abrede; und gerade er, der mit ganzer Kraft alle von der Liebe zu ihren Seelen abzuziehen sucht – und gerade er bekennt, daß die Seele einem jeden das Teuerste sein muß; was für einen Wahnsinn bedeutet es also, daß ihr eure Seele für wertlos erachtet, euere Seele, die sogar der Satan für kostbar hielt! Was für ein Wahnsinn, die Seele für wertlos zu erachten, von der sogar derjenige, der sie wertlos zu machen sucht, sagt, daß sie uns teuer sein muß! Und so lieben sich alle diejenigen, die ihre Seele vernachlässigen, weniger, als es selbst der Teufel für richtig hält! Nun also: Sehet ihr, die ihr da glaubt, die geistlichen Personen hätten ja niemand, dem sie ihr Vermögen hinterlassen sollten, sehet – sogar nach der Ansicht des Teufels – sehet, ob diejenigen niemanden haben, die sich selber haben!

Was lehrt die Apostelgeschichte über diese Frage?

Ich glaube nun, daß das bis jetzt Gesagte für den Teil unserer Aufgabe, den wir gerade behandeln, genügen mag; aber vielleicht habt ihr den Wunsch, dies alles nicht allein durch die Beweiskraft der Dinge selbst, sondern auch durch die Autorität von Beispielen erhärtet zu sehen. Zwar könnte ich sagen, Gottes Gebote seien doch größer als alle Beispiele, und es bedeute für das Ansehen des Wortes Gottes gar nichts, ob sie die Menschen erfüllten oder nicht erfüllten; denn ihre Kraft beruhe doch ganz sicher auf der Persönlichkeit Gottes, nicht auf dem Gehorsam der Knechte; von uns aus kann ihnen nichts hinzugefügt noch weggenommen werden, da ihre Geltung infolge ihrer göttlichen Urheberschaft immer gleich groß ist. Wenn jedoch die schwachen Menschen auch noch durch menschliche Vorbilder gestützt werden wollen, damit auch sie um so leichter das ausführen können, von dem sie erfahren, daß es andere schon ausgeführt haben, so zeigten wir schon im ersten Buch, daß das, was auch jetzt von einigen Nachahmern Christi getan wird, nicht in geringem, sondern in höchstem Ausmaß, nicht von ganz wenigen, sondern von ganzen Völkern, nicht von den Menschen der grauen Vorzeit, sondern von solchen in der aller jüngsten Zeit erfüllt worden ist. Was erzählt denn die Apostelgeschichte Neues, was gleichsam heute noch vor unseren Augen steht? „Alle, die da glaubten, hatten alles gemeinsam.” Und weiter: „Groß war die Gnade in ihnen allen; denn kein Dürftiger war unter ihnen. Denn alle, die Besitzer von Grundstücken oder Häusern waren, verkauften sie, brachten den Erlös aus dem Verkauften und legten ihn den Aposteln zu Füßen.“ Und wieder an anderer Stelle: „Keiner nannte von seinem Besitz etwas sein eigen, sondern sie hatten alles gemeinsam.“ Und das war nicht etwa nur eine kleine Zahl von Gläubigen! (Es könnte schließlich auf den einen oder anderen die Autorität der Hl. Schrift geringeren Eindruck machen, wenn er glaubt, nur einige wenige hätten solch ein Vorbild gegeben.) Wie groß die Gläubigenmenge in der Urkirche war, läßt sich ja schon daraus allein erkennen, daß ganz am Anfang innerhalb zweier Tage achttausend Menschen sich der Kirche angeschlossen haben; und auf Grund einer Schätzung mag es klar werden, welche Menschenmenge der verschiedensten Herkunft sich in den übrigen Tagen zusammenfand, wenn schon einzige zwei Tage eine solche Masse nur von Männern hervorbringen konnten – ganz abgesehen von einem anderen Lebensalter und Geschlecht! Wenn also damals das Volk schon so ungeheuer zahlreich und so vollkommen war, so frage ich euch, zu denen ich rede, ob damals alle Eltern unter der gewaltigen Menge von Gläubigen, die in solcher Vollkommenheit lebten – ob alle Eltern Kinder hatten oder kinderlos waren. Wohl keines von beiden; denn es gibt keine Kirchengemeinde, in der nicht beide Gruppen vertreten wären. Es können also die Christen, die keine Kinder haben, erkennen, wem sie ihr Vermögen hinterlassen sollen, da sie doch sehen, wem es die Kinderlosen damals hinterlassen haben. Haben sie aber Kinder, so mögen auch sie lernen, was sie tun sollten, wenn sie sehen, daß damals die Eltern der Liebe zu Gott vor ihren Kindern den Vorzug gaben. Hier hat also jedes Lebensalter und jede Lebenslage ein Vorbild: Wer teilhat am Glauben, soll sich auch teilhaftig machen am heiligen Beispiel! Wenn die Christen von damals all das Ihre her schenkten und sich selbst zu Lebzeiten enterbten, dann wollet doch ihr lernen, eure Güter beim Tode selbst zu ererben! Ihr dürft ja, glaubt es mir doch, auch mitten unter euren Kindern eures Seelenheils nicht vergessen! Gewiß, eure Nachkommen stehen euch ganz nahe und sind euch aufs engste verbunden: aber glaubt es mir doch, niemand steht euch näher, niemand ist euch enger verbunden als ihr selbst. Liebet daher – wir haben nichts dagegen – liebet eure Kinder, aber doch erst eine Stufe nach euch selbst! Liebet sie so, daß ihr euch selbst nicht zu hassen scheinet! Denn das ist eine sinnlose, törichte Liebe, die an einen anderen denkt und an sich selbst nicht denkt. ,,Der Sohn”, sagt die Hl. Schrift, ,.soll nicht tragen des Vaters Sünde und der Vater nicht die Sünde seines Sohnes.“ Und der Apostel sagt; „Ein jeder hat seine eigene Last zu tragen.”

Das warnende Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus

Wenn also Eltern ihren Kindern Reichtümer hinterlassen, so befreit sie das nicht von der tiefsten Armut; im Gegenteil; eine allzugroße Hinterlassenschaft für die Kinder bedeutet ewige Armut für die Eltern! Und so fügt den Eltern niemand größeren Schaden zu als zu sehr geliebte Kinder. Während nämlich diese im väterlichen Besitze schwellen, leiden die Eltern ewige Pein. Auch wenn etwa der Sohn noch so pietätvoll sein sollte und, um die Qual des Vaters zu lindern,1hinterher die vererbten Güter mit dem Vater noch teilen wollte – er wird es nicht können: die Pietät des Sohnes kann nach dem Tode keinem Vater das mehr zurückgeben, was ihm die eigene Unfrömmigkeit und Treulosigkeit entzogen hat! Daher soll nach dem Apostel ein jeder an seine Last denken, da jeder Mensch an seiner Bürde zu tragen hat. Die Feuerqual der unseligen Toten wird nicht gemildert durch den Reichtum der Erben, Jener Reiche im Evangelium, der sich in Purpur und feine Leinwand kleidete und der ohne Zweifel auf dieser Welt sehr vermögend gewesen war, hatte bei seinem Tode auch seine Erben reich gemacht. Aber es nützte ihm gar nichts, daß seine reichen Brüder auf Gold und Schätzen saßen, nicht einen Tropfen der Linderung konnte es ihm verschaffen! Sie saßen im Überfluß, er schmachtete in Armut; sie waren im Glück, er in Schmerzen; sie in Reichtümern, er in Qualen; sie lebten vielleicht in unaufhörlicher Prasserei, er litt in ewigen Flammen. Ein unseliges, jammervolles Geschick! Mit seinen Gütern hatte er anderen ein fröhliches Leben, sich selbst den tiefsten Sturz verschafft; anderen Freuden, sich selbst Tränen; anderen eine kurze Lust, sich selbst das unauslöschliche Feuer! Wo waren da seine Verschwägerten, wo die Verwandten, wo auch seine Kinder, wenn er solche besessen hatte, wo selbst seine Brüder, deren er gedachte, und die er sicher mit solcher Liebe geliebt hatte, daß er ihrer nicht einmal mitten in seiner Pein vergaß? Was konnten sie ihm nützen, wie ihm helfen? Der Unglückliche wurde gepeinigt; und während andere seinen Reichtum verzehrten, mußte er in der Glut um einen lindernden Tropfen bitten, ohne ihn erhalten zu können! Und dazu – wenn eine solche Strafe überhaupt noch vergrößert werden kann – mußte er diesen Tropfen von jenem erbitten, den er einstmals verachtet hatte; von dem, dereinst in eitrigen Geschwüren dahingefault war; von dem, dessen Gestank und Schmutz er in weitem Bogen ausgewichen war, der mit den Schwären seiner Glieder die Hunde gefüttert hatte, den die ganzen Haufen von wimmelnden Würmern bis in das Innerste seines zerfressenen Leibes hinein aufgebissen hatten. O furchtbare, o traurige Lage! Der Armeerkauft mit seiner Dürftigkeit die Seligkeit, der Reiche mit seinem Vermögen die Verdammnis; der Arme, der gar nichts besaß, konnte sich mit seiner Armut ewigen Reichtum erwerben. O wie viel leichter hätte diesen mit seinem großen Besitz der Reiche erwerben können, der da mitten in der brennenden Qual seiner Strafe ausrief: „Vater Abraham, erbarme dich meiner und schicke den Lazarus zu mir herab, daß er seine Fingerspitze in das Wasser tauche und meine Zunge kühle; denn ich leide Qual in dieser Flamme!” Wahrlich, nun verabscheute der reiche Mann nicht mehr die Hand des einst armen Lazarus und verschmähte nicht seine Hilfe; ja er verlangte, daß er seine Finger in seinen Mund stecke, und empfände es als Gnadengeschenk, wenn nun die unerträgliche Hitze seiner Kehle von seiner ehedem so häßlichen, eitrigen Hand abgekühlt würde. Welcher Wandel des Geschicks war da eingetreten! Ja, jetzt sehnte er sich nach einer Berührung von jenem, den er einst nicht einmal hatte sehen wollen.

Zu spät kommt jegliche Reue nach dem Gericht

Daran mögen also die Reichen denken, die sich nicht entschließen können, sich mit ihrem Vermögen von solchen Leiden loszukaufen. Reich war jener, von dem wir gerade sprachen; reich sind auch die, zu denen wir jetzt sprechen. Sie tragen die gleiche Bezeichnung; sie sollen sich hüten, auch in die gleiche Lage zu kommen! Denn nicht werden die reichen Söhne ihre schuldigen Eltern befreien; und ein vermöglicher Erbe wird mit all dem Überfluß seines Wohllebens die Flammen, in denen der unglückliche Erblasser weilt, nicht auslöschen. Wohl ist es hart, wenn jemand seinen Kindern und Verwandten zu wenig hinterläßt: aber noch viel härter ist die Pein in der Ewigkeit! Ich glaube nämlich, daß jenen Reichen in seiner Qual die Schätze seines Erben nicht in dem Maße freuen konnten, wie ihn die Foltern seines Leibes ängstigten; daß es ihm nicht so viel Freude machte, daß sein Erbe ein gutes Mahl halten konnte, als es ihn bedrückte, daß er selbst so fürchterlich gequält wurde; – daß es ihn nicht so sehr freute, daß sein Erbe in auserlesenen Genüssen schwelgte, als es ihn ängstigte, daß er selbst in unerträglicher Glut welkte; – daß es ihn nicht so freute, wenn sein Erbe Parasiten und Schlemmer mit seinem Besitztum fütterte, als es ihn peinigte, daß er selbst mit seinem Mark die Flammen nähren mußte. Und ich glaube: wenn ihm damals einer die Wahl freigestellt hätte, ob er lieber seine Erben im Reichtum oder sich ohne Elend und Qual wissen wolle – wahrlich er hätte sicher lieber jene völlig enterbt, wenn er nur von all seinen Leiden erlöst worden wäre; er hätte lieber all seinen Besitz hingegeben, wenn er nur dem entronnen wäre, was er nun erdulden mußte; er hätte sein ganzes großes Vermögen und alle vergänglichen Schätze Goldes und Silbers für sich geopfert, nur um jene immerwährenden, ewigen Martern und jene unaufhörliche Glut, wenn er es irgendwie vermöchte, durch die darauf geworfene Masse seines Reichtums auszulöschen und die ihn allenthalben umlodernden Feuerwogen durch die unermeßliche Fülle seiner Besitztümer zurückzudämmen. Was sage ich? Er habe das alles gewollt, um sich von jenem grenzenlosen Unheil durch sein Vermögen loszukaufen? Nein, ich muß noch mehr sagen: Er hätte gerne all seine reiche Habe hingegeben, nur um damit mitten in den Flammen auch nur ein einziges Stündlein der Ruhe zu erlangen! Denn wenn er schon zur Erquickung seiner brennenden Kehle sich nach dem angefeuchteten Finger des Armen sehnt, wie hätte er nicht um jeglichen, auch noch so hohen Preis sich eine Rast erkauft, da er doch schon einen einzigen Tropfen Labe mit solcher Inbrunst verlangte? Aber was nützte dies alles? Was half es nun dem Unglücklichen, daß er jetzt alles für sich opfern wollte, nachdem er es vorher nicht gewollt? Oder was nützte es ihm jetzt, daß er alles zu verschenken wünschte, was er schon verloren hatte, er, der zu der Zeit, da er noch alles hatte, nichts für sich hatte hingeben wollen? Wahrlich, zu spät kommt, wie der Heilige Geist in der Schrift sagt, zu spät kommt die Reue der Toten. ,,Gibt es doch”, sagt das göttliche Wort zu Gott dem Vater, „gibt es doch im Tode keinen, der deiner gedenkt; in der Unterwelt, wer kann dir da bekennen?” So wird bezeugt, daß der tote Sünder gänzlich von einem Bekenntnis seiner Sünden ausgeschlossen ist, und daß keiner später Gottes eingedenk sein kann, der in diesem Leben seiner vergessen hat. Ja, es gibt nur einen Weg des Heils für den Schuldigen, nämlich Gott mit Bitten zu bestürmen und unaufhörlich seine Barmherzigkeit anzuflehen; aber einem solchen Sünder ist jegliche Hoffnung so völlig abgeschnitten, so fest jeder Zugang des Lebens verriegelt, daß ihn auch noch die Strafe eines tödlichen Vergessens trifft: ihm bleibt nicht einmal mehr das Gedenken an Gott, von dem er Heil erhoffen müßte! Daran sollen also jene denken, die, nur weil sie nach dem Tode reiche Kinder zu haben wünschen, sich nicht einmal im Tode an das künftige Strafgericht erinnern! Daran sollen jene denken, die, nur um in diesem vergänglichen, kurzen Leben reiche Erben zu haben, sich selbst zu ewigem Tode verurteilen! Auf diese Art ist ihre Liebe zu jenen geringer als ihr Haß gegen sich selbst; denn eine Liebe, die nur auf kurze Zeit vorsorgt, ist nicht so heilsam, als der Haß mächtig ist, der Foltern schafft für alle Ewigkeit. Und daher befiehlt auch unser Gott – wir haben es schon im ersten Buche gesagt – den Eltern, für ihre Kinder nicht Geld, sondern sittliche Zucht anzuhäufen; er heißt sie Ewiges, nicht Hinfälliges sammeln. Ein solcher Besitz, ein so heiliges Werk nützt ja Gleichermaßen den Kindern wie den Eltern: den Kindern werfen ihrer Erziehung zu sittlicher Zucht, den Eltern wegen ihrer Freigebigkeit und Wohltätigkeit. Und den Kindern gewährleistet die sittliche Zucht die Erlangung des ewigen Heils, den Eltern aber ihre Wohltätigkeit die Erlösung vom ewigen Tod.

Die törichte Suche nach fremden Erben

Aber wem sagen wir dies alles, und warum sagen wir es? Wo werden wir offene Ohren und sehende Augen finden können? Wir lesen doch von den Gottlosen: „Alle, fast alle sind abgewichen, alle zusammen sind verdorben; keiner ist, der Gutes tut, fast auch nicht einer!” Eine neue Torheit hat jetzt Weltleute sowohl wie auch einige, die sich dem Dienste Gottes geweiht haben, befallen. Wir haben schon davon zu reden begonnen: sie weisen ihr eigenes Vermögen, den Preis für ihren Loskauf, schon nicht mehr bloß ihren Kindern und Enkeln zu – das könnte ja noch aus einem natürlichen Zwang heraus geschehen – nein, sie weisen es auch Verwandten und Verschwägerten zu, und zwar nicht nur, wie man sagt, in geradliniger Abstammung, sondern auch solchen aus Neben- und Querlinien, ja sagen wir gleich: solchen aus einer ganz fremden und verkehrten Richtung. Und sie machen schon keinen Unterschied mehr, für wen sie nun sorgen, wenn sie nur für sich nicht zu sorgen brauchen! Wenn nämlich solche, von denen die Rede ist, beim Herannahen des Todes keine Kinder haben, dann suchen sie in ihrer Treulosigkeit nach solchen, die sie Verwandte oder Verschwägerte nennen können; oder wenn es auch daran fehlt, suchen sie nach etwas Neuem, dem man künstlich den Namen Verwandtschaft geben kann. Und, wie ich sagte, es liegt ihnen nichts daran, wessen sie gedenken, wenn sie nur ihrer selbst vergessen; es liegt nichts daran, wen sie zu lieben vorgeben, wenn sie nur ihre eigene Seele hassen; es liegt nichts daran, wen sie reich machen, wenn sie nur sich selbst in ewiger Armut verzehren können!

Warum ist ein solches Verfahren so töricht?

O Unglück, o Wahnsinn! Was haben nur diese ganz armseligen Menschen verbrochen, daß sie sich selbst beständig verfolgen müssen, während sie dem Vergnügen anderer dienen? Da kann man sehen, wie einige in ihrer ganz unseligen Verblendung nach neuen und vornehmen Verwandten suchen; man kann beschämende Titel für bisher unbekannte Verwandtschaften und lächerliche Lügen über hochmächtige Gevatterschaften hören, wenn da einer von irgendeinem plötzlich auftauchenden Adoptiverben sagt: Den und den Vetter mache ich zu meinem Erben – oder wenn irgendeine gottverlobte Witwe oder Jungfrau erklärt: Den und den Verwandten setze ich als meinen Erben ein. Und so kommen im letzten Augenblick manche Leute urplötzlich zu Verwandten, die sie zeitlebens für fern und fremd gehalten haben; und die den Lebenden völlig fern gestanden waren, werden auf einmal die teuren Angehörigen der Toten! Man setzt Leute ins Testament, die man nie in seine Liebe eingesetzt hat; und, wie gesagt, das sind vor allem reiche oder vornehme oder hochangesehene Leute, die vielleicht nur, weil sie mächtig sind, zu Verwandten geworden sind! Es ist doch von so einem unglücklichen Erblasser ein lächerlicher Ehrgeiz, wenn er den ganzen Wert seines Vermögens daran gibt, um eine Verwandtschaft zu erhalten; wenn er um den Preis der Erbschaft nur den Namen eines Erben erkauft und mit seinem ganzen mächtigen Vätergut nur das bezwecken möchte, daß der zum Erben Erkorene ja die Verwandtschaft nicht verleugne und damit der unglückliche Erblasser,  der in seinem Leben zu niedrig eingeschätzt wurde, im Tode um so angesehener erscheine, wenn er sich in seiner törichten und armseligen Eitelkeit glücklich einen vornehmen Erben geschaffen hat. O wahnsinnige Verblendung! Ihr unseligen Menschen, welchen Eifer wendet ihr daran, nur um in der Ewigkeit unglücklich zu sein? Wieviel weniger Sorge, wieviel weniger Anstrengung würde es euch kosten, für immer glücklich zu werden? Für ein solches Gebaren kann ich beim besten Willen keine andere Ursache finden als den Unglauben und die Untreue, insoferne die Menschen wohl nicht annehmen, daß sie dereinst von Gott gerichtet werden müssen, oder überhaupt nicht an ihre dereinstige Auferstehung glauben. Denn es gibt keinen, der seiner Auferstehung und des notwendigen Gerichtes Gottes über seine guten und bösen Werke gewiß ist und der nicht zu gleicher Zeit für seine ewige Hoffnung und Seligkeit besorgt wäre, um für seine guten Taten ewige Güter zu gewinnen, oder nicht in Angst und Bangen schwebte, um für seine üblen Taten nicht das ewige Übel zu erleiden.

Der innere Widerspruch einer solchen Handlungsweise

Freilich scheint es mit dem Namen eines Christen unvereinbar zu sein, wenn jemandem der Glaube an die Zukunft abgesprochen wird. Welchen Grund also hat es, daß einer, der an Gottes Wort glaubt, nicht seine Drohungen fürchtet? Daß einer, der den Worten glaubt, die Gott gesprochen hat, nicht an die Belohnungen glaubt, die Gott verspricht? Denn derjenige beweist, daß er nicht an die Verheißungen Gottes glaubt, der nicht so handelt, daß er zu den von Gott verheißenenS 350>Belohnungen gelangen kann. Und dabei ist es doch schon in diesem Leben so: Wenn jemand einmal weiß, daß er von einer menschlichen Behörde abgeurteilt und vor einen irdischen Richterstuhl geschleppt werden soll, dann sucht er nach Verteidigern, dann zieht er Patrone heran, dann erkauft er sich Huld und Gnade von den Beamten; und dies alles tut er nur aus Furcht vor dem kommenden Gericht, während er doch das endgültige Urteil damit nicht erwerben kann. Wenn er so auch den Sieg selbst nicht kaufen kann, so kauft er doch wenigstens die Hoffnung auf Sieg um hohen Preis. Wer du auch seist und behauptest, du glaubest an das Gericht Gottes, sag mir doch: Wenn nun du nach dem Vorbild der eben geschilderten Leute glauben würdest, daß Gott über dich urteilt, würdest du nicht um jeden Preis die Hoffnung auf dein Heil zu erwerben trachten? Aber in Wirklichkeit glaubst du eben nicht daran, du glaubst nicht! Und magst du auch deine Gläubigkeit mit Worten beteuern, du glaubst doch nicht! Mit Worten bekennst du, wie der Apostel sagt, aber durch deine Handlungen verleugnest du! Um endlich deinen Unglauben dir aus dir selbst heraus zu beweisen – sag mir doch, ich beschwöre dich, wer du auch seiest, der du dein Vermögen irgendeinem Verwandten oder Verschwägerten oder, wenn auch die gerade fehlen, einem Fremden hinterlassest – sag mir doch, warum du dich dieses Vermögens nicht entäußert hast, solange du gesund und bei Kräften warst. Warum hast du es nicht in ungeschwächter Rüstigkeit deinen Erben übergeben, sondern sorgst dich erst im Testament so gewissenhaft und schreibst mit sorgfältigem Eifer hin: „Wenn ich aus dieser Zeitlichkeit geschieden bin, dann sollst du, Teuerster, mein Erbe sein”? Sag mir doch, warum du diesem, wie du sagst, Teuersten solange nichts von dem Deinen überlassest, als du glaubst, noch weiter zu leben, sondern erst dann, wenn du siehst, daß es ans Sterben geht Was sage ich, wenn du siehst, daß es ans Sterben geht? O nein! Du triffst ganz peinlich Fürsorge, daß er ja nichts von dem Deinen bekomme, solange du noch atmest oder noch im Sterben bist, sondern erst, wenn du wirklich abgeschieden und tot bist. Es ist nur ein Wunder, daß du soviel zugibst, daß er schon nach deinem Ableben deinen Besitz erhält und nicht erst nach deinem letzten Gang und deiner Beerdigung! Du scheinst allerdings mit deinen Worten: „…wenn ich alles Zeitliche verlassen habe …” doch auch dafür gesorgt zu haben. Denn erst dann hat man alles Zeitliche völlig hinter sich gelassen, erst dann hat der Mensch ganz und gar mit seinem Leibe unter den Menschen zu weilen aufgehört! Sag mir also, warum du im Testament so vorsorglich bist, warum du so bedacht und klug einen solchen Satz einfügst? Ohne Zweifel nur darum, weil du meinst, daß dein Besitz, solange du am Leben bist, für dich notwendig ist, weil du dich von deiner Habe nicht trennen willst und es für ganz ungerechtfertigt hältst, wenn ein anderer, solange du am Leben und bei Gesundheit bist, durch das Deinige reich würde, du aber dich in Armut verzehren müßtest. Das hat seine Richtigkeit, und ich lehne eine solche Sorge nicht als unvernünftig ab und ich billige durchaus, was du in dieser Richtung sagst. Aber nur in einem Punkt sollst du mich zufrieden stellen! Wenn du den Genuß deines Besitzes so notwendig für dich hältst, warum glaubst du, daß die Früchte und Einkünfte deines Vermögens nach dem Tode nicht notwendig sind? Ja, wirst du ohne Zweifel sagen, nach dem Tode brauche ich nichts mehr und muß also für jene Zeit nichts aufheben; denn wenn ich einmal tot bin und nichts mehr verspüre, kann ich mich weder über den Besitz meiner Güter freuen noch mich über ihren Verlust quälen. Das ist ein wirklich einleuchtender Grund! Du überweisest also beim Sterben dein Vermögen einem anderen nur deshalb, weil du selbst nach deinem Tod aus ihm keinen Gewinn mehr ziehen kannst. Aber bedenke, was der Apostel Paulus, das auserwählteste Gefäß Gottes, so laut bezeugt: daß alles, was der Mensch in diesem Leben säet, er auch nach dem Tode erntet, und daß der, der kärglich säet, auch kärglich ernten wird; und wer aus Segen säet, wird auch aus Segen ernten! Offenbar wollte er diesen Satz dahin verstanden wissen, daß diejenigen, die mit ihrem Säen kargen, auch keinen Segen ernten können; denn wenn er sagt; wer kärglich säet, wird auch kärglich ernten, und wer aus dem Segen säet, wird aus dem Segen ernten, und wenn er so den Segen offensichtlich ganz allein auf reichliche Freigebigkeit gründet, so zeigt er, daß die kärglichen Säer Armut, die freigebigen aber Segen ernten werden.

Auch die geringste Gabe wird von Gott belohnt

Vielleicht aber scheint dir, Ungläubigem, wo du auch seist, dies alles zu wenig beweiskräftig oder zu wenig einleuchtend. Jedoch lehrt der Herr selbst im Evangelium ganz klar, daß kein Christ etwas von seinen guten Werken verliere: „Jeder, der einem von diesen Geringsten nur einen Becher frischen Wassers zum Trünke gibt auf den Namen eines Jüngers hin, wahrlich, ich sage euch: er wird seinen Lohn nicht einbüßen!” Kann etwas noch deutlicher gesagt werden? Sagt er doch, daß in der Zukunft sogar eine Sache ihren Lohn erhielte, die in der Gegenwart keinen Wert hätte. So viel der Ehre weist er seinem Dienste zu, daß dort drüben etwas durch den Glauben wirklich zu etwas wird, was hier durch seine Wertlosigkeit eigentlich gar nichts war. Auf daß sich aber gewisse Leute nicht schon damit schmeicheln, daß sie trotz ihres großen Besitzes um einen geringen Preis Großes erkaufen können, drückt er es ganz genau so aus, daß auch für einen Becher frischen Wassers der Lohn nicht zugrunde gehen werde; damit zeigt er ganz deutlich, nicht daß für etwas Geringes etwas Großes zurückerstattet werden soll, wohl aber, daß kein Werk des Glaubens, wie es auch sein mag, untergehen werde. Da hast du also die zweifellose Sicherheit einer künftigen Vergeltung, da hast du einen hinlänglichen Bürgen für die Aufnahme der guten Werke; dieser Bürge ist nicht bloß so unendlich treu, nein, auch so barmherzig und gnädig, daß er nicht allein sein Versprechen wie eine Schuld einlöst, sondern sogar noch darauf hinweist, wie er sich zum Schuldner macht. Denn wer da sagt, er werde einen Becher frischen Wassers belohnen, der will nicht nur bezahlen, was er erhalten hat, nein, er zeigt auch gleich auf, was er bezahlen will. In seiner Gnade, in seiner Barmherzigkeit und in seinem fürsorglichen Wollen zeigt er nicht bloß der Freigebigkeit der Reichen, sondern auch schon dem Pflichteifer der Armen, wie sich auch einer, der gar nichts zum Ausleihen auf Zins besitzt, doch in irgendeiner Form Gott zum Schuldner machen könne.

Jeder ist nach der Größe seines Vermögens verpflichtet

Nun mag es aber sein, daß dir, einem Reichen, ein solches Liebeswerk der Armut als deinem Vermögen nicht angemessen erscheint und daß du ein feierliches Versprechen hören möchtest, das gerade auf dich paßt! Da hast du als erstes das Wort Gottes an den Reichen im Evangelium: „Geh’ hin, verkaufe deine Güter, und du wirst einen Schatz im Himmel haben!” Und dann jenes streng verpflichtende Gebot, das da ganz allgemein befiehlt: „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, sammelt euch aber Schätze im Himmel!” Und endlich jene Worte, mit denen der Herr alle Besitzer weltlicher Güter zu reichlichen und mildtätigen Werken in der Hoffnung auf die kommende Vergeltung einlädt, wenn er säet, daß jeder, der zu seiner Ehre und aus Liebe zu ihm sein Haus oder seinen Acker oder irgendein anderes Stück seiner Habe zu einem barmherzigen Zweck veräußert, es in der Zukunft hundertfach zurückerhalten werde; und obendrein, heißt es, ,,wird er das ewige Leben besitzen.” Konnte er denen, die an ihn glauben, etwas Größeres versprechen, als daß er seinen großen Gläubigern zusagte, er werde das Hundertfache zurückzahlen? Und nicht allein das, sondern „das ewige Leben”, sagt er, „wird ein solcher besitzen”. Das ist viel mehr als selbst die Zurückzahlung des Hundertfachen, weil einer selbst das, was er hundertfach erhält, für immer besitzen wird. Es wird also dann keinen hinfälligen, vergänglichen Besitz mehr geben, keinen, der nach Art des irdischen Reichtums vergehen wird wie ein Schatten, der vorüberzieht, oder wie ein Traum, der entflieht! Nein, was dann von Gott gegeben wird, das wird unsterblich sein; was der Mensch dann empfängt, wird endlos dauern. Und deshalb empfängt, wie ich sagte, einer, der so empfängt, mehr als das Hundertfache, weil es doch den Wert des Hundertfachen übersteigt, wenn dieses Hundertfache ewig ist.

Der Mensch hat nichts Kostbareres zu retten als seine Seele

Wenn nun dem so ist, und wenn einer, der an Gott glaubt, zweifellos so großen Lohn erhält, warum meinst denn du, daß du von dem, was du Gott schenkst, nach dem Tode keinen Genuß mehr hast? Verspricht dir doch der Herr nicht nur den Genuß davon, sondern sogar eine Mehrung, eine Häufung in überragendem Maß! Oder willst du vielleicht all dies Große gar nicht erhalten? Nein, die Vernunft läßt nicht zu, daß du es verschmähst! Gibt es doch keinen Menschen, der, wenn er glücklich sein könnte, lieber unglücklich ist; keinen gibt es, der, wenn er die Freuden des höchsten Gutes haben könnte, lieber die Pein des größten Übels erduldet; keinen gibt es – und daher bist auch du nicht so! – es müßte denn sein, daß in dir ein geradezu unbegreifliches, dem Menschengeschlecht ganz fremdes Wesen wohnte, so daß du ganz allein dir selber nichts Gutes wünschest, ganz allein das Glück fliehest, ganz allein an Qualen dich erfreuest. Da dies aber sicher nicht der Fall ist, was für ein Grund besteht also, daß du nicht wenigstens beim Sterben, in den letzten Zügen, noch mit der letzten Besinnung auf deine Pflicht zum Opfern und mit Einsatz all deiner Habe danach trachtest, daß du, wenn du es bei Gott noch verdienen magst, reich und glücklich wirst; wenn du dies aber nicht erreichen kannst, daß du dann wenigstens nicht ganz elend bist, nicht brennen mußt, nicht gepeinigt, nicht in der äußersten Finsternis hingemartert, nicht in unauslöschlichem Feuer gebraten wirst! Was für ein Grund also, wie gesagt, besteht, daß du nicht danach handelst? Was für ein Grund besteht, daß du dir nicht die ewigen Güter erwirbst? Was für ein Grund besteht, daß du nicht das ewige Unheil fürchtest? Ja, welcher Grund außer dem einen, den ich schon genannt habe; entweder du glaubst nicht daran, daß du von Gott gerichtet werden sollst, oder du glaubst nicht daran, daß du überhaupt auferstehen wirst. Denn, wenn du glauben würdest, wie wäre es da möglich, daß du nicht das unfaßbare Unheil des künftigen Gerichtes fliehst und nicht den furchtbaren Qualen ewiger Strafe zu entrinnen suchst? Aber du glaubst nicht, du glaubst wirklich nicht; und magst du auch mit Worten immer das Gegenteil behaupten und verkünden, du glaubst einfach nicht! Wohl brüsten sich deine Worte und deine Bekenntnisse mit dem Glauben, aber – dein Leben und dein Sterben tun deinen Unglauben kund! Ist es anders, so widerlege mich; ich möchte widerlegt werden! Ich will dabei gar nicht, daß du mir deine Gläubigkeit durch Taten aus deinem früheren Leben beweisest; ich begnüge mich einzig und allein mit dem Zeugnis deiner letzten Stunde. Sieh, schon mußt du sterben! Du wirst das Haus deines Leibes verlassen; du weißt nicht, wohin du gehen wirst, wohin es sich führt, zu welchen Qualen, zu weichem Grauen du entrückt werden sollst; und es bleibt dir im letzten Augenblick nur eine einzige Zuflucht; nur eine einzige, winzige Hoffnung ist dir gelassen, um dem ewigen Feuer zu entrinnen: nämlich, daß du für dich hingebest, was in deinem Vermögen steht; etwas anderes hast du ja nicht mehr Gott darzubringen! Und du, deiner selbst uneingedenk, deines ewigen Heils vergessend, machst dir bedanken über neue Testamentsbestimmungen, du quälst dich ab um die Bereicherung eines Erben! Und während du so handelst, behauptest du noch, an das Gericht Gottes zu glauben, und sorgst nicht für dich, nicht einmal im letzten Augenblick, obwohl du doch gerichtet werden sollst! Und du sprichst davon, daß du irgend etwas über das Heil deiner Seele glaubest, du, für den niemand weniger Wert hat als deine Seele; dem es fast nicht darauf ankommt, wem du nützest, wenn du nur dir schadest? Und du sagst, du glaubest an einen zukünftigen Richter, du, in dessen Augen niemand geringer und verachteter ist als gerade dieser Richter? Denn so sehr lehnst du ihn ab, so sehr verachtest du ihn, daß du nicht einmal für dich selber sorgen willst, nur um seine Gebote zu übertreten! Oder widerlege mich, überzeuge mich, wenn ich lüge! Ruft dir doch im Sterben gerade der Richter, der dich einst richten wird, zu, du solltest bei der Zuteilung deines Guts und deines Vermögens niemanden mehr lieben als dich selbst; du solltest im Sterben mit deinem Reichtum niemand reichlicher bedenken als dich selbst; du solltest niemand für näherstehend, niemand für teurer halten als deine Seele! So sagt der Erlöser: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet? Oder was kann der Mensch für seine Seele zum Tausche geben?” Das will heißen: Was nützt es dir, unseliger Mensch, wenn du die ganze Welt selbst besitzest oder deinen Anverwandten hinterlassest und dabei Schaden am Heil deiner Seele leidest? Denn ein Schaden der Seele nimmt alles mit sich fort; und ein Mensch, der sich selbst infolge des Verlustes oder des Verderbens seiner Seele verliert, wird überhaupt nichts mehr besitzen können. „Oder”, heißt es, ,,was kann der Mensch für seine Seele zum Tausche geben?” Das will besagen: Schau, o Mensch, nicht auf dein Geld, nicht auf deinen Besitz; besinne dich nicht, wenigstens beim Sterben, für deine Ewigkeitshoffnung von deinem Hab und Gut soviel zu opfern, wie du nur kannst! Denn alles, was du für dich gibst, ist ja wenig; alles, was du für dich opferst, hat geringen Wert, weil deine Seele im Vergleich zu allem andern das Kostbarste ist. So zaudere denn nicht, für dich zu opfern, weil du alles in dir verlierst, wenn du dich verlierst; wenn du aber dich gewinnst, wirst du mit dir und in dir alles besitzen.

Es gibt keinen Grund für die Vernachlässigung dieses kostbarsten Gutes

Während dir also, du magst sein, wer du willst, dein Herr noch im Sterben solches zuruft, verschließest du dein Herz, verstopfest du dein Ohr; und wenn du mit leeren Redensarten deinen Glauben versicherst, hältst du Worte statt der Taten für hinreichend und meinst, du habest für deine Gläubigkeit eine genügend starke Stütze, wenn du Gott, den du mit Werk und Tat verachtest, mit verlogenen Worten zu ehren scheinst. „Mein Sohn”, sagt die Hl. Schrift, „wenn du besitzest, erweise dir Wohltaten und bringe Gott fromme Opfer dar!” Und an anderer Stelle sagt sie: „Hab Erbarmen mit deiner Seele!” Siehe, wie barmherzig unser Herr ist, der uns selbst für uns um Erbarmen bittet: „Erbarme dich”, sagt er, ,,deiner Seele!” Das heißt: Hab auch du Mitleid mit ihr, aus Mitleid zu der du mein Herz brechen siehst! Erbarme du dich endlich ihrer, deren ich mich schon immer erbarme! Erbarme dich deiner eigenen Seele, wenn du siehst, wie ich mich der fremden erbarme! Und warum, du ganz unglücklicher Mensch, stimmst du nicht zu, wenn Gott so mit dir unterhandelt? Er bittet dich, du sollest dich deiner erbarmen – und du willst nicht? Er führt deine Sache vor dir – und er hat bei dir keinen Erfolg? Und wie soll er – du magst, Unseliger, sein, wer du willst – wie soll er einmal bei seinem Gericht auf dein Flehen hören, wenn du selbst ihn jetzt, da er für dich bittet, nicht hören willst? Aber freilich, das ist ja eine schwerwiegende Ursache, daß du Gott nicht hören kannst: in deiner Krankheit stehen ja Verwandte und Verschwägerte um dich herum, stehen reiche Familienmütter, stehen vornehme Männer, und dein Krankenbett belagert eine Menge Leute in seidenen und golddurchwirkten Gewändern! O welch riesigen Gewinn wirft es für die Ewigkeit ab, solchen Bettlern sein Eigentum zu übergeben! Ja, das ist wahrlich ein gültiger, gerechter Grund, daß du deiner Seele das raubest, was du solchen Armen hinterlassest! Aber selbstverständlich: das Mitleid macht dich weich, und die Anhänglichkeit deiner jammernden Verwandten überwältigt dich! Ein überzeugender Gedanke! Du siehst, wie Menschen, die in Reichtum und glänzenden Verhältnissen leben, um dich weinen, wie sie mit betrübten Mienen und in feierlichem Kleid dir zur Trauer vorbereitete Gesichter zeigen, wie sie mit ihrem erheuchelten Kummer sich ihr Erbe kaufen – wen sollte auch eine solche Liebe, wen sollte ein solcher Schmerz nicht rühren? Oder wie solltest du deiner selbst nicht vergessen, wenn du solches siehst? Du siehst ja die herausgepreßten Tränen, die geheuchelten Seufzer, die gemachte Angst, die nicht wünscht, daß du wieder genesest, sondern nur wartet, wann du stirbst. Du siehst die Gesichter, die alle auf dich gerichtet sind, als wollten sie die Langsamkeit deines Sterbens anklagen! Wehe dir Unglücklichem, dir Unseligem, dessen letzten Atemzug eine solche Schar von Verwandten herbeisehnt! Ich weiß übrigens und bin ganz sicher, daß die Gebete solcher Menschen bei Gott gar nichts vermögen! Ich fände es höchstens wunderbar, wenn du noch lebtest, da so viele deinen Tod wünschen. Und um dieser Menschen willen, um solcher Leute willen lassest du – seiest du, wer du willst! – lassest du deine Seele im Stich und sagst, du glaubtest an das Gericht Gottes, während du Gottes Gebote nur darum verachtest, um dein väterliches Gut solchen Menschen zu vererben? „Er teilt aus”, sagt der Prophet von einem, der an Gott glaubt, „er teilt aus, er gibt den Armen, seine Gerechtigkeit währet in Ewigkeit.” Aber auch der Erlöser selbst sagt zu allen Reichen: „Verkaufet, was ihr besitzet und gebet Almosen!” Und anderswo: „Verkaufe, was du besitzest und gib es den Armen !” Sagt er etwa: Gib es den Verwandten, gib es den Verschwägerten? Nein, er sagt: den Armen, den Darbenden! Sagt er: einem reichen Vetter, irgendeinem hochmögenden Herrn? Nein: dem Hilflosen, dem Bedürftigen! Sagt er etwa: Wenn du dein Vermögen deinen reichen Anverwandten gibst, währet deine Gerechtigkeit in Ewigkeit? Oder wenn du ihren Reichtum noch durch deinen Reichtum vergrößerst, wirst du einen Schatz im Himmel besitzen? „Wehe denen”, sagt der Prophet, „die das Süße bitter nennen und das Bittere süß!” Der Herr verbietet sogar, daß du solche Leute auch nur lobst – und du scheust dich nicht, sie zu bereichern? Er will nicht, daß man ihnen preisende Worte gönne – und du spendest ihnen sogar dein Gold? Er untersagt, daß man ihren Lebenswandel auch nur mit falschen Redensarten ehre – und du türmst ihnen die reichsten Schätze auf?

Menschenfurcht soll niemanden von der Sorge um das ewige Heil abhalten

Aber du fürchtest dich natürlich vor den Gesichtern deiner herumsitzenden Verwandten und hast Angst, die zu beleidigen, die vor dir dastehen und dein Bett belagern. ,.Fürchte sie nicht”, spricht der Herr durch den Propheten, ,,und erschrick nicht vor ihrem Angesicht, denn ein Haus der Widerspenstigen sind sie!” So sei auch du furchtlos und standhaft! Erzittere nicht vor ihren Mienen, beuge dich nicht ihren Wünschen! Verachte sie, die nur dein Erbe begehren, die schon dein Vermögen unter sich teilen, die nicht dich, sondern nur deinen Besitz lieben, ja, die dich aus Begierde nach deiner Habe verfluchen! Denn während sie voll Ungeduld nach dem Deinigen dürsten, hassen sie dich, betrachten dein Weilen auf der Welt als Neid und Feindschaft und halten es nur für einen Riegel, ein Hindernis gegen ihre Begehrlichkeit, daß du noch lebst! Verachte also solche Leute und tue gar nichts! Laß dich nicht rühren von ihren Schmeichelworten: sie sind Gift für dich! Höre nicht auf ihr Schöntun: es sind Dolche, die dich töten, verderblicher als die eisernen Klingen der Feinde! Denn Feindesschwerter können alle Menschen sehen, solche aber sehen Unvorsichtige nicht! Jenen kann man entrinnen, weil sie ganz offen wüten; diese aber töten, weil sie in der Verborgenheit lauern; und sie sind um so gefährlicher und unheilvoller durch die sonderbare Art, wie sie schaden: von jenen eisernen Schwertern möchte sich kein einziger auch nur verwunden lassen, von solchen lassen sich viele sogar töten! Welch unerhörte, unfaßbare Lockung zu einem unheilvollen Tode! Wer von jenen Schwertern getroffen wird, den quälen gleichermaßen Furcht und Schmerz: wer aber von diesen getötet wird, der freut sich! Fliehe also dieses Übel! Fliehe die Liebedienerei, die dir auflauert! Fliehe die Aufmerksamkeiten, die dir schaden! Fliehe die Gunsthascher, die dich betrügen! Das sind Liebesdienste, die dich morden; das sind Dinge, die dich in den Tod zerren! Fliehe vor den Schmeicheleien solcher Leute! Fliehe vor ihrem Eifer: es sind deine Henker und Peiniger, die sich zwar jetzt um dich bemühen, die dich aber in der Zukunft töten und dich gewissermaßen mit gefesselten Händen und wie eine unter sich verschworene Verbrecherbande in das ewige Feuer der Hölle gewaltsam hinabzustürzen versuchen. Daher fürchte dich nicht und erschrick nicht vor ihnen! Richte deinen Mut auf und rufe die gewaltige Macht zu Hilfe! Denn wenn jene so heftig nach deinem Tode trachten, warum solltest du nicht mit noch größerem Mute um dein Leben ringen? Daher sei stark, sei standhaft und sorge für dich! Ganz ungläubig, ganz töricht ist derjenige, der lieber anderen sein Elend als sich selbst seine Seligkeit verschafft und der sich selbst dem ewigen Feuer ausliefert, um anderen das Schwelgen in zeitlicher Lust zu gönnen!

IV. Buch

Man muß Gott im Leben wie im Sterben gleichermaßen dienen

Wohl weiß ich, o Kirche, du meine Herrin, du Spenderin seliger Hoffnung, daß unsere Ausführungen in den vergangenen Büchern einigen von deinen Kindern, die Christus zu wenig lieben, mißfallen müssen. Aber wir schätzen ihre Stimmungen nicht hoch ein; ist es doch gar nicht verwunderlich, daß Worte, die von Gott sprechen, solchen nicht gefallen, denen vielleicht Gott selbst nicht gefällt; und ist es doch auch nicht zu erwarten, daß solche Menschen, die selbst ihr Heil und ihre eigene Seele nicht lieben, eine Rede lieben würden, die ihnen ihr Heil und ihre Seele empfiehlt! So muß uns, wie anderswo, auch hier die Zustimmung und das Urteil der Frommen genügen; wenn diese das gleiche fühlen wie wir, dann sind wir wahrlich sicher, daß auch Gott selbst mit uns fühlt; denn da in seinen Heiligen der Geist Gottes weilet, steht ohne Zweifel Gott auf der Seite derjenigen, von denen der Geist Gottes nicht weicht. Die Gedanken schlechter Menschen, der Heiden wie der Weltdiener, darf man also gering oder für gar nichts wert achten; denn „wenn ich”, sagt der Apostel, „den Menschen gefallen wollte, wäre ich kein Knecht Christi”. 1Das aber ist härter und beschwerlicher, daß, wie ich glaube, manche deiner Kinder unter dem Namen des religiösen Lebens mit diesem religiösen Leben in Zwiespalt sind und mehr ihrem Gewand als ihrer Gesinnung nach die Welt verlassen haben; wenn ich mich nicht täusche, drückt sich ihre Meinung dahin aus, daß jeder Christenmensch schlechthin beim Sterben seine Verwandtschaft mehr berücksichtigen müsse als Christus. Und weil dies eine ganz gottlose, fluchwürdige Meinung wäre, versuchen sie, wie ich glaube, dieselbe durch einen Zusatz gleichsam in einen verdunkelnden Schatten zu hüllen, indem sie sagen, alle Gottgläubigen müßten nur in gesundem und kräftigem Zustand sich Christus verpflichtet fühlen; aber dann, wenn sie aus der Welt wandern, müßten sie mehr an ihre leibliche Verwandtschaft als an den Dienst Gottes denken. Als ob ein Christ ein anderer sein müßte, wenn er bei vollen Kräften ist, und ein anderer, wenn er diese Welt verläßt! Als ob er sich Christus gegenüber anders erweisen müßte in der Vollkraft, anders im Tode, anders im früheren, anders im späteren Leben! Wenn dem so ist, dann müßte also ein Mensch als Jüngling von Christus etwas anderes halten denn als Greis, und die Menschen müßten gerade so oft ihren Glauben wechseln wie ihr Alter. Wenn nämlich einer zum Dienste Gottes sich anders stellt als kräftiger Mensch, anders als Schwacher, anders als Gesunder, anders als Kranker, so wird in den Augen des Menschen Gott in dem Grade veränderbar, wie der Zustand des menschlichen Leibes ein ungleicher sein wird; und so oft das Befinden des Menschen sich ins Gegenteil verkehrt, ebenso oft wird auch sein religiöses Denken ein anderes sein; als ob diejenigen, die im vollen Leben Christus gehören müssen, beim Sterben nicht mehr Christo gehören müßten! Und wo bleibt da jenes Wort: „Wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden”, oder jene andere Prophezeiung des göttlichen Wortes in den Sprüchen: „Die Weisheit wird beim Sterben verkündigt”- Dadurch soll doch gezeigt werden: Wenn die Weisheit auch in jedem Lebensalter etwas Heilsames ist, so müssen doch alle vornehmlich bei ihrem Sterben weise sein, weil alle Klugheit des verflossenen Lebens keinerlei Verdienst haben wird, wenn sie nicht mit einem guten Ende abschließt; denn die Weisheit kündet sich beim Sterben. Warum sagt die Schrift nicht ,,in der Jugend”, nicht ,,im mannbaren Alter”, nicht „in einer gefestigten Lebenslage”, nicht ,,im Zustand des Glücks”? Eben weil in all diesen Zeiten jegliches Lob auf unsicherem Boden stünde, Solange nämlich ein Mensch dem Wechsel unterworfen ist, kann er nicht mit voller Sicherheit gelobt werden; und so ,,kündet sich”, wie es heißt, ,,die Weisheit erst beim Sterben”. Was ist nun, so frage ich, die Weisheit eines Christen? Was anderes als die Ehrfurcht und Liebe zu Christus? „Der Anfang der Weisheit”, heißt es, „ist die Furcht des Herrn;”und anderswo: „Vollkommene Liebe verdrängt die Furcht.” Wir sahen also: Der Anfang der Weisheit liegt in der Furcht, die Vollendung in der Liebe Christi. Wenn daher die Weisheit eines Christen Ehrfurcht und Liebe zum Herrn ist, so sind wir erst dann wirklich weise, wenn wir Gott immer und über alles lieben, und dies zwar zu jeder Zeit, aber ganz besonders bei unserem Sterben, denn: die Weisheit kündet sich beim Sterben.

Wie der Mensch über Gott urteilt, so wird er von Gott gerichtet werden

Wenn sich also die Weisheit beim Sterben vor allem darin kundgibt, ob Gott über alles geliebt wird, welcher Wahnsinn ist es dann, wenn einer sagt, Christus müsse zwar von den Gesunden der leiblichen Verwandtschaft vorgezogen werden, nicht aber von den Sterbenden? Warum denn sollen ihn die Gesunden vorziehen, wenn ihn die Sterbenden nicht vorziehen müssen? Oder wenn es religiöses Handeln bedeutet, daß einer im Tode seine Verwandten und Vettern Christus vorzieht, warum soll es nicht religiös sein, wenn er dies schon vorher tut? Oder wenn da irgendeine Stunde am Lebensende ist, in der einer mehr die anderen lieben muß als sich selbst oder Gott, warum soll er sie dann nicht auch im vorangegangenen Leben mehr lieben? So löst sich alles auf, so wird alles hinfällig, so geht alles zugrunde; so kommt es, daß ein Mensch niemanden geringer einschätzt als sich selber und niemanden niedriger als Gott. Denn wenn es einen Zeitpunkt gibt, zu dem Gott mit Recht von jemandem den Verwandten und Befreundeten nachgestellt werden könnte, dann gibt es keinen Zeitpunkt, zu dem er mit Recht vorgezogen werden könnte; wenn aber – und das ist die Wahrheit – es überhaupt keinen Augenblick gibt, in dem er nicht vorgezogen werden muß, dann gibt es auch nie und nimmer einen Augenblick, in dem er mit Recht hintangesetzt werden könnte. Ja, keinen einzigen Augenblick, und daher auch nicht in den letzten Zügen! Denn auch der Gerechte, sagt der Prophet,1wird zugrunde gehen an dem Tage, da er in Sünde fällt. Wenn daher jede Sünde eines Sünders mit dem Untergang bestraft wird und das Leben der Menschen schon durch solche Verirrungen in Gefahr kommt, durch die die menschliche Unschuld auf gewöhnliche, ganz allgemeine Art befleckt wird, was, glauben wir, wird erst geschehen, wenn man sich gegen Gott selbst in fluchwürdiger Untreue versündigt? „Wenn nämlich”, sagt der Apostel, „jeglicher Ungehorsam gerechten Vergeltungslohn empfängt, wie sollen wir entrinnen, wenn wir eines solchen Heiles nicht achten?” Niemand aber mißachtet das wahre Heil mehr als einer, der irgendeiner Sache den Vorzug gibt vor Gott. Da nämlich unser Heil ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes ist, wie kann der mit der Erreichung des Heiles rechnen, der Gott selbst verachtet – Gott, auf dessen Barmherzigkeit unser Heil beruht! Oder: da Gott der Richter ist über die Lebendigen und die Toten, wie kann der Hoffnung auf Gottes Urteil haben, der nach seinem eigenen Urteil beim Sterben auf Gott verzichtet – auf Gott, vor dessen Richterstuhl er im nächsten Augenblick treten muß? Deshalb sagt die Hl. Schrift: „Wie einer richtet, so wird auch über ihn gerichtet werden;” d. h, wie einer über Gott urteilt, so wird auch über ihn von Gott geurteilt werden; und er wird es nicht als Unrecht betrachten können, wenn ihn der Herr in der Ewigkeit allem hintansetzen wird, da er doch in diesem Leben selber Gott hinter alles andere setzte; und er wird sich nicht beklagen dürfen, wenn ihn Gott für verdammenswerter hält als alles andere, da er ja selber Gott für minderwertiger hält als alles andere.

Gewisse Ausreden sind nicht stichhaltig

Aber da sagt einer, er handle so ja nicht in der Absicht, um Gott zu verachten oder ihn herabzusetzen, sondern um diejenigen zu lieben oder zu ehren, die er als Erben einsetzt. Nun, wir wollen das zugeben; diese Entschuldigung steht ja schließlich allen anderen Verbrechern zu Gebote, auch den schwersten und schuldbelastetsten. Kann doch auch ein Buhler sagen, er treibe Unzucht nicht deswegen, um Gott zu mißachten, weil er ja von der Hitze und Schwachheit des Fleisches überwältigt werde. Auch die Mörder können behaupten, daß sie nicht aus Gottesverachtung heraus menschliches Blut vergießen; sie begingen ihre Verbrechen nur aus Haß oder aus Leidenschaft. Aber was nützt den Bösewichtern diese Ausrede, da doch wahrhaftig nichts daran liegt, aus welcher Ursache einer sündigt, wo doch jede Sünde ein Unrecht gegen die Gottheit ist? Aber wie gesagt: geben wir ruhig zu, es geschehe nicht aus Verachtung gegen Gott, wenn einer seine Güter lieber einem anderen überantwortet als Gott, sondern er sehe sich eben aus Ehrerbietung gegen seinen Erben dazu gezwungen oder wenigstens von Liebe getrieben. Aber was können wir dagegen tun, wenn gerade dadurch die Vernachlässigung und Verachtung Gottes erst recht bewiesen wird? Wenn du nämlich – gleichgültig, wer du bist – angibst, du möchtest dadurch, daß du dein Eigentum deinem Erben oder irgendwem hinterlassest, sie ehren und ihnen deine Liebe erweisen, so verrätst du damit eben nur, daß du Gott, dem du nichts hinterlassest, nicht ehrst und nicht liebst. Und so steht alles, was du für dich anführtest, gegen dich, und die Liebe und Ehrerbietung gegen die anderen erscheint als Verachtung und Beleidigung Gottes! Denn wenn du anderen etwas hinterlassest, weil du sie ehrst, so ehrst du offenbar Gott nicht, da du ihm nichts hinterlassest; wenn du anderen deshalb viel hinterlassest, weil du sie liebst, so hinterlassest du folgerichtig Gott deshalb nichts, weil du ihn nicht liebst. Siehe, wenn du stirbst und dein Testament machst, so stehen vor dir nebeneinander der Mensch und Gott. Die Sache liegt offen und klar: wen du von beiden wählst, dem hast du den Vorzug gegeben. Wenn die Ehre auf einen einzigen kommt, dann ist die Folge, daß auf den anderen die Mißachtung kommt. Wenn der Mensch, der den Vorzug erhält, sich deiner Liebe freuen kann, dann muß es Gott, der übergangen wird, schmerzen, daß er von dir nicht geliebt wird. Aber du glaubst natürlich, Gott bedürfe der Freigebigkeit des Menschen nicht; also was braucht ihm da, fragst du, der Mensch etwas zu schenken, da er doch selbst allen alles gegeben hat? Ob der Herr unserer Freigebigkeit bedarf oder nicht, oder warum er ihrer bedarf und nicht bedarf – das werden wir noch sehen. Vorderhand ist er – du wagst ja selbst nicht zu leugnen, daß er allen alles gibt – ist er allein schon deshalb ohne Zweifel unserer Gebefreudigkeit in höherem Grade würdig, weil er selbst uns vorher beschenkt hat; wir versuchen ihm daher um so eifriger mit unserem Dienst gerecht zu werden, je weniger wir seinen Wohltaten nahekommen können. Verpflichtet doch gewissermaßen die menschliche Natur und die allgemeine Gewohnheit alle durch ein ausnahmsloses Gesetz, daß wir denen größeren Dank schulden, von deren freigebiger Hand wir etwas empfangen; ein erhaltenes Geschenk drängt uns zur Rückerstattung des Gegebenen. Denn vor dem Genuß und vor der Spende einer fremden Freigebigkeit ist man ganz frei, unbeschwert von der Schuldenlast einer Wohltat. Alle aber werden durch ihr eigenes Gewissen zu einer Vergeltung, einem Ersatz hingezwungen, wenn sie erst einmal Schuldner geworden sind. So stehen wir denn bei Gott in um so größerer Schuld, weil wir alles von ihm empfangen haben; und wir können seine Wohltaten um so weniger vergelten, weil wir auch dann, wenn wir unsere Schuld begleichen möchten, doch nur mit dem Seinigen zurückzahlen können. Es hat also niemand einen Grund, auf seine Freigebigkeit sehr stolz zu sein. Wie alles, was einer vom Herrn empfängt, nicht sein ist, so ist auch alles nicht sein, was er zurückgibt. Und daher gebührt die Strafe für Veruntreuung demjenigen, der Gott versagt, was ihm von Gott übergeben ward; der aber kann es sich nicht als Wohltätigkeit anrechnen, der nur Empfangenes heimgibt.

Inwiefern ist Gott unserer Wohltaten bedürftig?

Aber Gott, sagst du, bedarf ja keiner Vergeltung! Nichts weniger, als daß er ihrer nicht bedürfte! Denn er bedarf ihrer nicht auf Grund seiner Macht, sondern auf Grund seines Gebots; bedarf ihrer nicht gemäß seiner Hoheit, sondern gemäß seinem Gesetz; er bedarf ihrer zwar nicht in sich selbst, sondern in vielen anderen; er sucht die Wohltätigkeit nicht an sich, sondern an den Seinen, und daher bedarf er ihrer nicht nach seiner Allmacht, sondern nach seiner Barmherzigkeit; in seiner Göttlichkeit bedarf er nicht für sich selbst, sondern in seiner Gnade bedarf er für uns! Denn wie spricht Gott zu den mildtätigen und freigebigen Spendern? „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters! Nehmet das Reich in Besitz, das euch von Anbeginn der Welt an bereitet ist, denn ich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; ich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken.“ Und anderes in dieser Art. Und damit die Sache, von der wir reden, nicht als zu geringfügig erscheine, fügte er auch noch den Gegensatz hinzu, indem er zu den Geizigen und Ungetreuen sagt: „Weichet, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat! Denn ich habe gehungert, und ihr gabt mir nichts zu essen; ich habe gedürstet, und ihr gabt mir nichts zu trinken.” Wo sind nun diejenigen, die behaupten, unser Herr Jesus Christus bedürfe nicht unseres Dienstes und unserer Gaben? Gleichzeitig sagte er ja, daß er hungere und dürste und friere. Es soll mir einer der Gegner erwidern, ob er nichts bedürfe, wenn er seinen Hunger klagt; ob er nichts bedürfe, wenn er seinen Durst bezeugt. Ich aber sage noch mehr: Christus bedarf nicht bloß soviel wie die anderen, nein, er bedarf sogar viel mehr als die anderen! Bei der ganzen großen Zahl der Armen gibt es doch nicht eine einzige allgemeine Armut. Den einen fehlt es zwar an Kleidung, aber doch nicht an Lebensmitteln; viele wieder sind obdachlos, brauchen aber doch keine Kleider; viele haben zwar kein Heim, aber doch ein Vermögen; kurz, manchen mag vieles fehlen, es fehlt ihnen aber doch nicht alles. Christus allein, er ganz allein, empfindet alle Mängel, an denen das gesamte Menschengeschlecht leidet. Keiner seiner Diener ist herausgestoßen, keiner ist von Kälte und Blöße gepeinigt, mit dem Christus nicht fröre; er allein hungert mit den Hungernden und dürstet mit den Durstigen. Und so bedarf er – wenn seine Gnade in Betracht gezogen wird, mehr als die anderen; denn jeder Bedürftige bedarf nur für sich und in sich, Christus aber ist es einzig und allein, der die ganze ungeheure Not der Armut tragen muß! Und wenn dem so ist, was sagst du, o Mensch, der du vorgibst, ein Christ zu sein? Willst du deine Habe, wenn du siehst, wie Christus ihrer bedarf, willst du sie irgendwem hinterlassen, der sie nicht braucht? Christus ist arm, und du häufest noch die Schätze der Reichen? Christus hungert, und du verschaffst denen, die schon Überfluß haben, noch ein üppiges Leben? Christus klagt, daß ihm sogar Wasser fehle – und du füllst die Keller der Trunkenen noch mit Wein? Christus erliegt unter dem Mangel an allem – und du sammelst noch Vorräte für die Verschwender? Christus verspricht dir für deine Gaben ewigen Lohn – und du schenkst alles solchen, die nichts leisten werden? Christus stellt dir für deine guten Taten ewige Güter und für deine Missetaten ewiges Unglück vor Augen – und du lassest dich weder durch himmlische Güter umstimmen noch durch ewige Qualen bewegen? Und dabei sagst du, du glaubst an Gott – und sehnst dich nicht nach seinem Lohn, noch zitterst du vor seinem Zorn?

Wer andere höher einschätzt als Gott, wird von Gott bestraft

Nein, du glaubst nicht – wir sagten es schon im vorigen Buche – du glaubst nicht, magst du auch die Religion durch dein Gewand vortäuschen, magst du auch deinen Glauben durch den Bußgürtel beweisen, magst du auch deine Heiligkeit durch die Kutte heucheln! Und so sage ich ebenso von Männern wie von Frauen dieser Art; sie glauben nicht! Mag eine noch so eifrig das Gewand der Heiligkeit anziehen und den Schild der Gottgeweihtheit vor sich hertragen, wenn sie mit ihrem Vermögen mehr für andere sorgt als für sich – dann glaubt sie einfach nicht. Denn niemand ist gläubig, der möchte, daß seine Habe eher anderen nützt als ihm selbst; niemand ist da gläubig, der damit zufrieden ist, anderen das Glück mit seinem Elend zu erkaufen; niemand ist gläubig, der ewige Armut auf sich zu nehmen begehrt, um anderen ein zeitliches Wohlleben zu verschaffen. Wer also mit seinem Erbe mehr für andere als für sich selber sorgt, der glaubt nicht, daß ihm das, was er Gott gibt, werde überhaupt nützen können. Es soll mir doch einer von diesen sagen, warum er eigentlich sein Vermögen anderen hinterläßt! Nicht etwa deswegen, weil er als sicher annimmt, daß es dem nützen werde, dem er es hinterläßt? Ohne Zweifel aus diesem Grunde! Wenn du also, wer du auch seiest, das, was du einem hinterlassest, deshalb hinterlassest, weil du sicher bist, daß es demjenigen, dem du es hinterlassest, nützen wird, – so würdest du ohne allen Zweifel in erster Linie alles dir zuwenden, wenn du glaubtest, daß alles, was du in frommen Geschenken hingibst, dir nützen würde; denn um wie viel mehr du dich liebest als jene, denen du etwas hinterlassest, um so viel eher würdest du es dir hinterlassen, wenn du auch nur die leiseste Vermutung hättest, daß es dir nützen könnte. Du hassest dich ja doch nicht selbst, so daß du dir selbst nicht nützen wolltest; aber du glaubst nicht, daß dir das Nutzen bringen wird, was du den Armen hinterlassest. Daher wirst du so empfangen, wie du glaubst. Du schätzest den Erlöser ganz gering ein – und er dich als nichts; du setzest Christus anderen hintan – Christus dich allen anderen; dir ist der Herr im Vergleich auch mit verworfenen Menschen nichts wert – und du wirst dereinst beim Gericht unter den letzten der Verworfenen stehen!

Auch die Askese frommt zu nichts, wenn ihre Früchte den Unrechten zugutekommen

Aber du schmeichelst dir vielleicht, wie schon erwähnt, mit irgendeinem äußeren Anschein eines heiligmäßigen Standes. Du bist aber noch tiefer in der Schuld, weil du durch solche aufgezeigte Heiligkeit Größeres versprichst; daher wirst du auch schwerere Strafe erdulden, weil du dein Gelöbnis weniger hältst. Ja, Großes versprichst du dem Scheine nach, nichts leistest du deinen Taten nach; du machst dich des Verbrechens der Fälschung schuldig, und Gott ist es, den du mit all dem belügst. Nicht ohne Grund bezeugt die Hl. Schrift, daß das Gericht beim Gotteshaus seinen Anfang nehme; „Das Gericht”, sagt sie, „kommt vom Hause des Herrn.” 1Auch an anderer Stelle heißt es: „Bei meinem Heiligtum machet den Anfang.” Aber wir wollen zum früher Gesagten zurückkehren! „Fort mit euch”, sagt Gott zu den Geizigen und den Ungläubigen, „fort in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat!” Aber du glaubst vielleicht, du müßtest von diesem Unheil durch einige leibliche Vorzüge befreit werden. Du rühmst dich etwa, daß du die Reinheit geliebt habest. Aber denk daran, daß der Erlöser auch jene, die er im Evangelium den ewigen Strafen überantwortet hat, nicht der Schamlosigkeit bezichtigte! Du sagst, du habest an der Nüchternheit dein Gefallen gehabt? Ja, aber auch jene, von denen die Schrift spricht, werden nicht ob der Trunkenheit bestraft! Du sagst, du habest gefastet? Auch jene haben nicht die Schmausereien zu Schuldigen gemacht. Doch wahrlich! Das ist ein gewichtiger Grund, daß du um deiner Enthaltsamkeit und deines Fastens willen dir selber wohlgefällst! Du hast also zu dem Zweck gefastet, zu dem Zweck kärglich und ärmlich gelebt, um nach deinem Tode – jetzt nicht die Armen zu speisen, o nein! um – den Besitz irgendeines beliebigen Erben noch durch neue Reichtümer zu vergrößern! Wirklich, du erntest großartige Früchte deiner Enthaltsamkeit! Du hast ja weniger Brot gegessen, auf daß ein anderer mehr Gold besitze! Infolge deiner einfachen Nahrung hat dein Leib abgenommen, auf daß der Geldschrank irgendeines Menschen, vielleicht sogar eines lasterhaften, zunehme. Wenn du also einmal zum Gerichte Gottes kommst, wirst du mit Recht dein Fasten in Rechnung stellen und sagen können: Sieh, Herr, ich habe gefastet und bin enthaltsam gewesen und habe mir lange Zeit jegliche Frucht der Freude versagt. Die Tatsachen beweisen das, denn sieh, nun können meine Erben von meinem Gut im Überfluß leben, jetzt können sie in uferlosem Reichtum schwelgen! Und damit du doch auch etwas aus dem Evangelium für dich in Anspruch nehmest, kannst du von deinen Erben sagen, was der Erlöser von jenem Reichen sagte: Sie kleiden sich in Purpur und feines Linnen, sie halten glänzende Mähler, sie liegen auf den von mir vergrabenen Talenten, sie sitzen auf den zusammengescharrten Haufen Goldes und Silbers; auch die Mittel für all ihre Lustbarkeiten habe ich bereitet; und sie blähen sich auf in all den Freuden, die ich ihnen zurückließ. Ich habe mich lange enthalten, auf daß sich jene betrinken könnten. Meine Mäßigkeit ist jetzt deren Völlerei. Das Pflaster schwimmt im Wein, der von den übervollen Tafeln niederströmt; sie gießen den edlen Falerner in den Schmutz; ihre Tische, ihre schön getriebenen Krüge triefen beständig vom kostbaren Naß; nie werden sie trocken. Sie prassen auf den Teppichen, die ich ihnen verschafft; sie treiben Unzucht in der Seide, die ich ihnen hinterlassen. Und wenn du dies alles für dich vorgebracht hast – wie solltest du da von Christus keinen ewigen Lohn verdienen können, von ihm, dem du in solchen Heiligen eine solche Fülle der Freuden bereitet hast?

Wer sein Gut zu frommen Zwecken hinterläßt, schenkt es Christus und wird es so nach dem Zeugnis Christi wieder gewinnen

Wie viel besser – du magst sein, wer du willst – wie viel besser und heilsamer hättest du in Armut und Dürftigkeit gelebt als im Wohlstand! Denn die Armut hätte dich zu Gott hinführen können, der Reichtum hat dich zum Schuldigen gemacht. Es wäre also richtiger gewesen, wenn du infolge deiner Not gerettet wärest, als wenn du infolge deines Reichtums dich und andere belastet hättest – dich, indem du ihn auf schlechte Art vererbst, die anderen, indem sie dein Erbe selbst durch ihre unmenschliche Genußsucht auf schlechte Art besitzen und so auch nachher anderen wieder auf schlechte Art hinterlassen. Wenn du also einen Rat annehmen willst, wenn du das ewige Leben haben und gute Tage sehen willst, dann hinterlasse dein Vermögen den frommen Armen, den Lahmen, den Blinden, den Kranken! Dein Hab und Gut soll die Nahrung der Elenden sein, dein Reichtum die Lebensmöglichkeit der Armen, so daß ihre Labung dein Lohn werde und ihre Erquickung dich erquicke! Wenn nämlich jene von dem Deinigen essen werden, wirst du satt werden; wenn jene von dem Deinigen trinken werden, wirst du die heiße Glut deines Durstes löschen; ihr Gewand wird dich bekleiden, und ihre Freude wird dich erfreuen. Halte es also nicht für minderwertig und verächtlich, wenn du dein Vermögen den Unglücklichen und Dürftigen hinterlassest! Christus ist es, den du in ihnen zu deinem Erben machst! Was will aber der Name Christi hier besagen? Ja, Christus machst du zwar zum Erben, aber du selbst wirst die Vorteile der Erbschaft genießen. Alles, was du Christus hinterlassest, alles wirst du durch Christus besitzen. Aber – so vermute ich – du hältst ja solche Sätze für unsinnig und verachtest sie wie Träumereien und Hirngespinste: du glaubst ja nicht, daß Christus die Wahrheit gesprochen hat. Die Sache beweist, daß du ihm gar nicht glaubst; denn wenn du seine Gebote nicht einmal auf dem Sterbebette erfüllst, nimmst du entweder an, daß sie gar nicht vorhanden sind, oder verurteilst sie als falsch. Alle wahrhaft Frommen müssen es beklagen und beweinen, daß du und deinesgleichen niemandem, aber auch niemandem weniger glaubet als Christus. Wenn dir irgendein Schankwirt etwas versprechen würde, du würdest ihm auf sein Versprechen hin dein Vertrauen nicht versagen; und wenn ein Krämer, ein Gewürzhändler dich auffordert, ihm etwas zu leihen, du würdest ihm nicht mißtrauen, daß er dir das Gegebene zurückgeben wird; und schließlich vertraut man bisweilen Lügnern und Meineidigen etwas an, wenn sie Sicherheit geben oder einen Gutständer beibringen. Nun hat aber Christus dir die festeste Bürgschaft und die besten Gutständer gegeben, die Bürgschaft in seinem Evangelium, als Gutständer seine Apostel – und wenn dir das noch zu wenig ist – seine Patriarchen, Propheten und Märtyrer, ja die ganze große Reihe der heiligen Schriften: und du glaubst ihm nicht, du schenkst ihm kein Vertrauen? Ich frage dich: Könntest du unter den Menschen einen solchen Verschwender, eine so elende Kreatur finden, daß du ihm bei so vielen Gutständern das Vertrauen abschlagen müßtest? Daher gibst du deine Habe dem Reichen und verweigerst sie den Armen, gibst sie den Prassern und verweigerst sie den Frommen, gibst sie vielleicht jedem Verworfenen und verweigerst sie Christus. Wie du also geurteilt hast, so wirst du beurteilt werden; wie du gewählt hast, wirst du erhalten; du wirst nicht teilhaben an Christus, den du verachtet hast; du wirst teilhaben an denen, denen du den Vorzug gabst.

Selig sind nur die Barmherzigen; die Unbarmherzigen – auch die gottgeweihten – können keine Barmherzigkeit erlangen

Nun sagt aber vielleicht einer aus der Schar der Ungläubigen, die Sache sei es doch wirklich nicht wert, daß sie Gott errege oder die Menschen in eine ewige Gefahr bringe. Ich weiß zwar, daß alle Schuldigen stets ihre Schuld als verzeihbar hinstellen möchten. Auch der Diebstahl ist für die Diebe nur ein kleines Vergehen, und die Trunksucht ist in den Augen der Trinker etwas ganz Unschädliches, und bei den Schamlosen ist die Unzucht kein Verbrechen; kurz, es gibt keine Schuld, die so groß wäre, daß sie nicht in der Meinung dessen verringert würde, durch den sie begangen ward. Aber wenn einer von den Sündern wissen will, wie schwer von Gott große Vergehen angerechnet werden, dann soll er zu erfahren suchen, wie die Asketen an sich selbst auch schon leichte Sünden strafen; sie sind sich ja auf Grund der göttlichen Lehren des künftigen Gerichtes bewußt, sie erkennen aus den Worten ihres Herrn auch seine Urteile und daher leben sie ganz im Werk Gottes, ganz in der Reue, ganz unter dem Kreuze. Selig sie, die mit allen anderen Mitleid haben, sich aber nie und nimmer etwas verzeihen; die sich selbst in nichts schonen, sondern ganz nur Gott anhangen und deshalb beim kommenden Gericht des Lohnes würdig sind, weil sie hier auf Erden vor sich selbst stets in der Schuld gestanden! Was soll ich denn sagen von ihrer Barmherzigkeit und Mildtätigkeit, einer Tugend, die bei ihnen gewissermaßen die Reigenführerin aller anderen Tugenden ist? Denn der Anfang, gewissermaßen die Wiege der Hinwendung zu Gott, besteht bei den meisten von ihnen darin, daß sie, bevor sie die Schwelle der heiligen Gelübde überschreiten, von all ihrer Habe nichts für sich zurückbehalten nach jenem Wort unseres Herrn, wo er sagt: „Geh hin, verkaufe all dein Gut und gib es den Armen, dann komm und folge mir nach!” So verkaufen auch jene, wenn sie dem Rufe Gottes folgen wollen, alles, ehe sie folgen. Sie betrachten ja den Reichtum gleichsam als Last, als ein Hemmnis, und glauben, sie könnten den Weg der Nachfolge nicht ungehindert gehen, wenn sie nicht vorher alles belastende irdische Gepäck abgeworfen haben; sie machen es wie die Menschen, die ihre Behausung wechseln und die ihre Habe früher an den künftigen Wohnsitz befördern, als sie selbst übersiedeln, damit sie selbst, wenn sie schon all das Ihrige hinübergeschafft haben, dereinst in das Haus einziehen können, das vollgefüllt ist mit unsterblichen Gütern, und, nachdem sie ihre irdische Habe dorthin vorausgesandt haben, in sicherer Hoffnung sind, daß ihnen in Zukunft nichts fehlen werde, da sie doch beim Auszug aus der schlechten, verächtlichen und allmählich doch zusammenstürzenden Behausung dort nichts zurückgelassen haben, was zugrunde gehen müßte. Das also ist die Hoffnung, das ist der Glaube der Frommen; so sorgen sie für sich im voraus durch eine großzügige Hingabe ihres irdischen Guts, auf daß sie auf ewig den Genuß unsterblicher Güter hätten. Du aber – gleichviel wer du bist, Mann oder Frau – der du, deiner Seele und deines Heils vergessen, dich selbst deiner armseligen Habe beraubst, wie sollst du dereinst drüben das aufbewahrt und bereitliegend vorfinden, was du hier auf Erden entweder solchen, die seiner nicht bedurften, oder sogar solchen, die schon Überfluß hatten, zugewendet hast? Wie kannst du glauben, daß Gott dir das vergelten müsse, was du Gott nicht anvertraust? Wie kannst du überhaupt etwas zurückverlangen wollen, was du nicht anvertraut wissen willst? Denn niemand will eine Bezahlung dessen, was er nicht hergibt; und niemand ist so töricht, daß er glaubt, etwas müsse zurückerstattet werden, was er gar nicht ausgeliehen hat. Deswegen wirst auch du unter keinen Umständen hoffen können, daß Gott dir etwas wiedergeben muß, von dem du ja gar nicht wünschest, daß es dir Gott wiedergeben solle, da du es ihm ja gar nicht anvertrautest. So soll an dir das göttliche Wort erfüllt werden: Weil du anderen oder Fremden deinen Reichtum hinterlassen hast, wird dein Grab dein Haus sein auf ewig. Und auch jenes Wort, das der Erlöser zu deinesgleichen spricht: ,,Weil du lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Munde.” Du sagst: „Ich bin reich und besitze Schätze und brauche nichts” und weißt nicht, daß gerade du elend und arm und blind und nackt bist? Daher soll sich keiner, der in seinem Testament einen Menschen Gott vorzieht, irgendwie mit dem Vorrecht seines geistlichen Lebens und Gelöbnisses schmeicheln! Sträflich und verderblich ist für einen Menschen die Sicherheit, eine vorgefaßte Hoffnung ist noch eine Belastung der Schuld, eine freventlich beanspruchte Freisprechung zieht die Verdammung nach sich. Jeder, der sich vor sich selbst entschuldigt, klagt sich vor Gott an nach dem Wort: „Denn wer da glaubt, er sei etwas, und ist doch nichts, der verführt sich selbst.” Niemandem soll also seine Sache als leicht erscheinen; niemand entrinnt schwerer als einer, der fest auf das Entrinnen rechnet.

Die Gebote Gottes sind hart, aber nicht für die Frommen

Wohl mag dies alles allzu hart und streng scheinen. Warum auch nicht? Sagt doch die Hl. Schrift: „Jede Züchtigung ist nicht Freude, sondern Trauer.“Gewiß, das alles ist hart und streng. Aber was können wir dazu? Das Wesen der Dinge darf nicht geändert werden; und die Wahrheit kann nicht anders verkündet werden, als wie es die Kraft der Wahrheit selbst verlangt! Das halten einige für hart: ich weiß es auch und bin sogar dessen ganz gewiß. Aber was können wir dazu? Nur auf hartem Pfad gelangt man ins Himmelreich. „Denn enge”, sagt der Herr, „und schmal ist der Weg, der zum Leben führt.” Und der Apostel spricht: „Ich halte dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht vergleichbar sind mit der Herrlichkeit, die künftig an uns offenbar werden wird.” Er sagt, jegliches Menschenwerk sei unwürdig, mit „der künftigen Herrlichkeit” verglichen zu werden. Und darum darf den Christenmenschen nichts zu hart und streng scheinen; denn mögen sie Christus für die ewige Seligkeit auch noch so viele Opfer bringen, immer ist das Gegebene noch gering, wo das Empfangene so unendlich groß ist. Nichts ist groß, was auf Erden von Menschen an Gott entrichtet wird, wo das erworben werden kann, was im Himmel das Größte ist. Wohl bedeutet es für die Geizigen eine Härte, das Ihrige herzuschenken. Kein Wunder: alles ist hart, was jemandem wider Willen aufgezwungen wird. Fast jedes Gotteswort hat seine Widersacher. So vielerlei Gebote, so vielerlei Gegner! Wenn der Herr befiehlt, daß Mildtätigkeit unter den Menschen wohne, zürnt der Geizhals; wenn er Sparsamkeit fordert, flucht der Verschwender. Die heiligen Lehren halten die Ruchlosen für ihre Feinde. Die Räuber verabscheuen, was über die Gerechtigkeit geschrieben ist; die Hochmütigen verabscheuen, was über die Demut geboten wird; die Trunkenbolde widerstreben, wo Nüchternheit verkündet wird; die Unzüchtigen stoßen Verwünschungen aus, wo Keuschheit befohlen wird. Man darf also entweder gar nichts sagen, oder alles, was gesagt wird, wird irgendeinem der bezeichneten Menschen mißfallen. Jeder Übeltäter will lieber das Gesetz verfluchen, als seine Gesinnung bessern, will lieber die Gebote hassen als die Laster. Was sollen bei all dem diejenigen tun, denen da von Christus die Aufgabe ward, zu sprechen? Sie mißfallen Gott, wenn sie schweigen; sie mißfallen den Menschen, wenn sie reden. Aber – so antworteten die Apostel den Juden – es ist besser, Gott zu gehorchen als den Menschen. Ich gebe jedoch allen, denen Gottes Gesetz schwer und drückend ist, einen Rat – vorausgesetzt, daß sie sich nicht weigern, ihn anzunehmen – wie ihnen die Gebote Gottes gefallen könnten. Denn alle, die ein heiliges Gebot hassen, tragen die Ursache des Hasses in sich selbst. Für jeden liegt der Grund des Abscheues nicht in den Vorschriften des Gesetzes, sondern in seinen Sitten; denn das Gesetz ist gut, aber die Sitten sind schlecht. Und deshalb sollen die Menschen ihre Vorsätze und ihre Begierden ändern. Wenn sie ihre Sitten rechtschaffen gemacht haben, wird ihnen nichts an dem mißfallen, was ein gutes Gesetz vorschreibt. Denn wenn einmal jemand gut geworden ist, dann muß er notwendig das Gesetz Gottes lieben; denn Gottes heiliges Gesetz enthält gerade das in sich, was ein heiliger Mensch in seinem sittlichen Bewußtsein trägt.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit deinem Geiste! Amen.

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