Vom ersten katechetischen Unterricht

Von Augustinus (354-430)

Erster Teil

Theoretische Erörterungen

Einleitung. Die Veranlassung des hl. Augustinus zur Abfassung des vorliegenden Werkes

Mein Bruder Deogratias, du hast mich gebeten, dir einiges zu schreiben, was du für den ersten katechetischen Unterricht gebrauchen könntest. Wie du nämlich sagst, bringt man dir in Karthago, wo du Diakon bist, gar oft Leute, die den allerersten Einführungsunterricht ins Christentum erhalten müssen; denn wegen deiner gründlichen theologischen Kenntnisse und wegen deines anziehenden Vortrages hält man dich für einen ganz besonders geeigneten Katecheten. Wie du aber erklärst, bist du fast immer darüber in Verlegenheit, wie du das, was wir glauben müssen, um Christen zu sein, einem am besten beibringen kannst, von wo du ausgehen und wie weit du in deiner Darlegung kommen sollst, ob man an die Darlegung auch noch eine Ermahnung anschließen soll oder ob man sich einfach auf die Gebote beschränken dürfe, deren Beobachtung sich dem Schüler als wesentlicher Inhalt des christlichen Lebens und Bekenntnisses darstellen muß. Ferner bekennst und klagst du, du seiest dir gar oft wegen deiner langen und trockenen Vorträge selber überdrüssig und zuwider, um von dem gar nicht zu reden, dem dein Vortrag galt oder von den anderen, die als Zuhörer zugegen waren. Diese Not sei denn auch daran schuld, daß du mich bei meiner Liebe zu dir darum batest, ich solle mich doch durch meine Berufsgeschäfte nicht davon abhalten lassen, dir über diesen Gegenstand das eine oder andere zu schreiben.

Ich für meine Person fühle mich nun nicht bloß von meiner Freundschaft zu dir, sondern überhaupt auch durch das Gefühl der Liebe und das Bewußtsein der Verpflichtung zu unserer Mutter, der Kirche, gedrängt, keine Aufgabe zurückzuweisen, sondern sie vielmehr gerne und freudig zu übernehmen, wenn mich der Herr mit der Arbeitskraft, die mir dank seiner Freigebigkeit zur Verfügung steht, meine gottbestellten Brüder unterstützen heißt. Je mehr ich also wünsche, das vom Herrn erhaltene Talent möge weiter segensreich wirken, um so mehr muß ich, sobald ich sehe, daß meine Mitarbeiter in der Verteilung des Almosens [der christlichen Unterweisung in den göttlichen Wahrheiten] auf Schwierigkeiten stoßen, nach Möglichkeit dazu mitwirken, daß sie das mit Leichtigkeit und Gewandtheit ausführen können, wozu es ihnen nicht an Eifer und gutem Willen gebricht.

Es besteht nur zu oft ein bedauerlicher Gegensatz zwischen dem Wollen und dem Können eines Redners. — Der Redner darf nicht kleinmütig werden

Was nun die Bedenken bezüglich deiner eigenen Person anbelangt, so möchte ich nicht, daß du dich darüber beunruhigst, weil dir selbst dein Vortrag oft so platt und unbefriedigend vorkommt; denn möglicher weise machte er auf deinen Schüler diesen Eindruck nicht; vielleicht schienen dir selbst deine Worte nur deshalb für fremde Ohren so schlecht, weil du selbst ein besseres Verständnis gewünscht hättest. Auch ich habe an meinem Vortrag fast immer Mißfallen. Ich wünsche mir immer einen besseren und oft ist er auch wirklich in meinem Geist so vorhanden, bevor ich ihn in laute Worte zu kleiden beginne. Gelingt es mir dann nicht so gut als ich es eigentlich [in meinem Innern] wüßte, dann bin ich darüber betrübt, daß meine Ausdrucksfähigkeit nicht an meine Einsicht heranreichte. Denn ich möchte natürlich, es sollten auch meine Zuhörer alles ganz so verstehen, wie ich es selbst [in mir] verstehe; und doch fühle ich, daß meine Worte meiner Absicht nicht entsprechen. Dies kommt vor allem daher, daß das Verständnis in der Seele gleichsam blitzartig aufleuchtet, die mündliche Darlegung aber ganz im Gegenteil dazu nur langsam und allmählich erfolgen kann, so daß sich über ihrer allmählichen Entwicklung das Verständnis bereits wieder in die geheimen Falten der Seele zurückgezogen hat. Indessen hinterläßt jenes schnelle innere Erfassen doch in wundersamer Weise gewisse Eindrücke im Gedächtnis, und eben diese Eindrücke dauern in den Silben fort, die wir aussprechen, und aus ihnen entwickeln wir jene Töne und Bezeichnungen, die man Sprache nennt, sei es nun die lateinische oder die griechische oder die hebräische oder irgendeine andere; dabei ist es ganz gleich, ob diese Bezeichnungen bloß gedacht oder auch in Worte gekleidet werden; denn die bezeichneten Ausdrücke selbst sind weder lateinisch noch griechisch noch hebräisch noch irgendeinem Volke eigentümlich, sondern sie sind für den Geist, was die Gesichtszüge für den Körper sind. Der Begriff „Zorn“ z. B. wird im Lateinischen anders als wie im Griechischen und wieder anders in den verschiedenen übrigen Sprachen ausgedrückt: ein zorniges Gesicht aber ist weder lateinisch noch griechisch. Wenn darum einer sagt: „Iratus sum“, so verstehen ihn nicht alle Völker, sondern nur die Lateiner. Prägt sich aber die innere Aufregung sichtbar in seinem Antlitz aus und macht er ein zorniges Gesicht, so erkennen alle, die ihn nur anblicken, daß er zornig ist. Allein auch jene Eindrücke, die das [innere] Verständnis im Gedächtnis zurückließ, lassen sich noch nicht so durch Wort und Ton ausdrücken und der sinnlichen Wahrnehmung des Hörers gleichsam faßbar darbieten, wie sich Gesichtszüge offen und klar ersichtlich darstellen; denn jene Eindrücke haben ihren Sitz im Innern des Geistes, während diese Gesichtszüge außen am Körper erscheinen. Daraus läßt sich ermessen, wie weit unser gesprochenes Wort hinter der blitzschnell aufleuchtenden Erkenntnis zurückbleiben muß, da es nicht einmal mehr jenem eigenen Gedächtniseindruck entspricht. Und trotzdem möchten wir voll glühenden Eifers, den Nutzen unserer Zuhörer zu fördern, den Gegenstand unserer Rede so darlegen, wie wir ihn in dem Augenblick erfassen, wo wir wegen des inneren Aufmerkens [auf die aufblitzende Erkenntnis] noch nicht sprechen können. Weil uns dies nun nicht möglich ist, so befällt uns Kleinmut, und gerade als ob wir uns vergeblich Mühe gäben, lassen wir verdrießlich die Hände in den Schoß sinken; aber eben durch diesen Mißmut wird unser Vortrag noch schwächer und matter als er es in dem Augenblick war, als unsere Unzufriedenheit mit ihm anfing.

Allein der Eifer, mit dem manche nach meinem Worte verlangen, liefert mir dann doch auch manchmal wieder den Beweis, daß mein Vortrag nicht so ganz kalt läßt, wie es mir wohl scheint, und daß meine Zuhörer daraus doch einigen Nutzen schöpfen, das erkenne ich an dem Gefallen, den sie daran finden. Darum geht auch mein reges Streben dahin, es in der Ausübung dieses Amtes nicht an mir selber fehlen zu lassen, da ich sehe, wie meine Zuhörer das, was ich ihnen biete, so freudig aufnehmen. Aus dem gleichen Grund sollst auch du daraus, daß man so häufig jemanden zur Einführung in den Glauben zu dir weist, entnehmen, daß dein Vortrag anderen durchaus nicht so mißfällt wie dir selber; du sollst es auch nicht für eine verlorene Mühe halten, wenn du das, was du innerlich erfaßt hast, nun nicht nach deinem Wunsch darzustellen vermagst. Es ist auch möglich, daß schon dein Erfassungsvermögen nicht so ist, wie du es dir wünschest. Denn wer schaut in diesem Leben anders als wie in Rätseln und wie durch einen Spiegel? Wird es ja doch selbst der größten Liebe nicht möglich, das irdische Dunkel zu durchbrechen und in jene ewige Klarheit einzudringen, unter deren Glanz alles Vergängliche hier auf Erden erhellt wird. Weil sich aber die Guten von Tag zu Tag mehr bereiten, jenen Tag zu schauen, den kein Wechsel am Himmel und kein Einbruch der Nacht mehr unterbricht, den kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und der in keines Menschen Herz gedrungen ist2 , so liegt der tiefste Grund, warum uns beim ersten religiösen Unterricht unser Vortrag nicht befriedigt, einfach darin, daß wir wohl Gefallen daran finden, in ungewohnter Weise zu schauen, gegen eine gewöhnliche Darstellung aber Widerwillen empfinden. Dabei ist es Tatsache, daß man auch uns um so lieber zuhört, je mehr wir selber Freude an dem behandelten Gegenstand haben; denn wenn wir freudig gestimmt sind, so wirkt das auf den Fluß der Rede in der Weise ein, daß wir sowohl leichter als auch lieblicher reden. Darum ist es keine so große Leistung, darüber Vorschriften zu geben, womit der Unterricht in den Glaubenslehren anzuheben hat und wie weit er zu führen ist oder wie für Abwechslung in der Darbietung zu sorgen ist, so daß diese bald kürzer, bald wieder länger, immer aber etwas Ganzes und in sich Abgerundetes sei, oder was man kürzer, was hingegen wieder ausführlicher behandeln muß: aber wie es anzustellen ist, daß der Katechet mit der größtmöglichen Freudigkeit lehre — denn je größer diese ist, um so lieber wird man ihm zuhören — das ist es, worauf alles ankommt. Die Notwendigkeit einer solchen Stimmung liegt eigentlich auf der Hand; denn wenn Gott schon beim leiblichen Almosen einen fröhlichen Geber lieb hat, wieviel mehr bei einem geistigen! Diese Freudigkeit aber zur rechten Stunde zu geben, das vermag nur die Barmherzigkeit dessen, der solche Befehle gegeben hat.

So will ich denn, da ich weiß, daß dies dein Wunsch ist, zuerst von der Art und Weise des erzählenden Vortrages [narratio] handeln, sodann von der Weise, die Gebote einzuschärfen und zu ihrer Befolgung zu ermuntern und schließlich von der Erwerbung der besprochenen Freudigkeit. Das gebe Gott!

Der Lehrvortrag des Katecheten muß inhaltlich etwas Ganzes sein; er hat sich auf das Wesentliche zu beziehen, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren. Die ganze Lehre muß sich aber in Christus wie in einem Brennpunkt treffen

Der erzählende Vortrag ist dann vollständig, wenn dem Zuhörer alles vorgeführt wird, angefangen von dem Worte der Schrift: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, bis zur kirchlichen Gegenwart. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß man nun den ganzen Pentateuch, alle Bücher der Richter, der Könige und des Esdras und alle Evangelien nebst der Apostelgeschichte wörtlich auswendig lernen und dann aus dem Gedächtnis wiedergeben oder auch bloß mit eigenen Worten all das darlegen und erklären müsse, was in diesen Büchern steht. Zu einem solchen Unternehmen reicht weder die Zeit hin, noch liegt irgendeine Notwendigkeit darfür vor. Man muß vielmehr den gesamten Inhalt im großen und ganzen zusammenfassend darstellen, d. h. man greife nur das Bemerkenswerte heraus, was die Zuhörer gerade am liebsten hören und wie es die Zeitumstände gerade mit sich bringen. Dies darf jedoch nicht sozusagen bloß verhüllt gezeigt und dann gleich wieder dem Anblick entzogen werden, man soll es vielmehr mit einer gewissen weitläufigen Muße auseinandersetzen und vor der Seele des Zuhörers entfalten, damit er es betrachten und bewundern kann. Das andere [weniger Interessante] aber soll man in raschem Durcheilen dazwischen einschieben und damit verweben. Auf diese Weise tritt das Nebensächlichere mehr zurück, während gerade das, worauf wir das Hauptinteresse lenken wollen, mehr zur Geltung kommt; so kommt dann auch derjenige, auf den unser Vortrag Eindruck machen soll, nicht erst bei diesem wichtigsten Punkt an, wenn er schon [durch Nebensachen] ermüdet ist; auch wird sein Gedächtnis nicht gleich förmlich überschwemmt, während ihn unser Unterricht belehren soll.

Gewiß müssen bei dem allem wir selbst den Endzweck des Gebotes im Auge behalten, das da gebietet: „Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben“, und gewiß muß sich unser ganzes Reden darauf beziehen; aber auch den Blick unseres Schülers müssen wir gelegentlich auf dieses Gebot hinlenken. Denn nur zu dem Zweck ist all das, was wir in den heiligen Schriften lesen, schon vor der Ankunft des Herrn geschrieben worden, damit es auf seine Ankunft vorbereite und die künftige Kirche zum voraus verkünde, d. h. das alle Nationen umfassende Volk Gottes, seinen Leib. Dazu gehören dann auch noch all die Heiligen, die schon vor seiner Ankunft in dieser Welt gelebt haben und die geradeso fest geglaubt haben, er werde einstens kommen, wie wir heute glauben, daß er schon gekommen ist. So streckte auch Jakob bei seiner Geburt zuerst eine Hand aus dem Leibe seiner Mutter und hielt damit zugleich den Fuß des vor ihm geborenen Bruders [Esau] fest; auf die Hand folgte dann sicherlich das Haupt und dann natürlich auch all die übrigen Glieder; und doch übertraf das Haupt an Bedeutung und Macht nicht bloß die übrigen Glieder, welche nachfolgten, sondern selbst die Hand, die sich bei der Geburt [des Jakob] zuerst zeigte; es ist, wenn auch nicht gerade in der Zeit des Hervortretens [aus dem Mutterschoß], so doch der Ordnung der Natur nach das erste. So war es auch bei [unserm] Herrn Jesus Christus: bevor nämlich er, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, im Fleische erschien und sozusagen aus dem Mutterschoße seines geheimnisvollen Wesens vor die Augen der Menschen als Mensch hintrat, der da ist Gott über alles, hochgelobt in Ewigkeit, ließ er in den heiligen Patriarchen und Propheten gleichsam einen Teil seines Leibes schon zum voraus erscheinen und wies dadurch wie mit der Hand auf seine künftige Geburt hin, während er zugleich das übermütig einherschreitende Volk mit den Banden des Gesetzes wie mit fünf Fingern umspannt hielt. — So waren es auch fünf Zeitabschnitte, während deren er unablässig sein künftiges Erscheinen laut vorhersagen und prophezeien ließ; entsprechend diesen fünf Zeitabschnitten hat auch der, durch den das Gesetz gegeben ward [Moses], fünf Bücher geschrieben; auch Christus öffnete über die fleischlich gesinnten und auf ihre Gerechtigkeit bauenden Menschen seine Hand nicht und erfüllte sie nicht mit Segen, sondern mit fest verschlossenen Händen hielt er sie im Zaum; und so waren ihre Füße gefesselt und sie fielen, wir aber sind aufgestanden und stehen. — Wiewohl also Christus der Herr, wie gesagt, schon in den Heiligen, die ihrer Geburtszeit nach vor ihm erschienen, einen Teil seines Leibes zum voraus erscheinen ließ, so ist er doch selber das Haupt am Leibe der Kirche, und alle jene Heiligen waren mit dem Leibe, dessen Haupt er ist, dadurch verbunden, daß sie an ihn glaubten, den sie vorherverkündeten. Denn dadurch, daß sie ihm vorausgingen, waren sie von ihm nicht getrennt, sondern sie waren vielmehr durch ihre gläubige Unterordnung mit ihm verbunden. Die Hand mag immerhin dem Haupte vorangehen, sie steht doch durch ihre Verbindung mit dem Haupte unter ihm. Alles also, was vor Christus geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben und war ein Vorbild für uns: „Als Vorbild ist es geschehen an jenen, geschrieben aber wurde es für uns, zu denen die Fülle der Zeiten gelangt ist“.

Der Katechet soll sich als höchstes Ziel seiner ganzen Lehrunterweisung die von Christus gelehrte Liebe setzen

Was gäbe es aber für die Ankunft des Herrn für einen tieferen Grund, als daß er uns seine Liebe zu uns zeigen und eindringlich ans Herz legen wollte? „Denn da wir noch seine Feinde waren, ist Christus für uns gestorben“, und zwar deshalb, weil der Endzweck des Gebotes und die Fülle des Gesetzes in der Liebe besteht und damit ebenso auch wir einander lieben und für unsere Brüder unser Leben hingeben, wie er das seinige für uns hingab; auch sollen wir dafür, daß Gott uns zuerst geliebt und seines einzigen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns dahingegeben hat, ihm wenigstens unsere Gegenliebe schenken wollen, nachdem wir ihn nicht [aus eigenem Antrieb zuerst] lieben wollten. Nichts treibt ja so sehr zur Liebe an als die zuvorkommende Liebe, und gar zu hart wäre doch ein Herz, das nicht bloß nicht zuerst lieben, sondern nicht einmal Liebe mit Gegenliebe vergelten wollte. Wenn wir schon bei sündhaften und schmutzigen Liebesverhältnissen sehen, daß diejenigen, welche wiedergeliebt zu werden wünschen, nichts Angelegentlicheres zu tun haben als durch alle möglichen Beweise die Größe ihrer eigenen Liebe zu zeigen und daß sie es sogar als eine Forderung der Gerechtigkeit darzustellen suchen, daß diejenigen Personen, die sie zu verlocken trachten, Ihnen Gegenliebe gewähren müssen und daß sie selber noch heftiger entbrennen, wenn sie wahrnehmen, daß das gleiche Liebesfeuer endlich auch das Herz ihrer Geliebten in Wallung bringt, auf das sie es abgesehen haben: wenn also ein vorher kaltes Herz warm wird, falls es sich geliebt sieht, und wenn ein bereits warmes Herz noch mehr erglüht, sobald es merkt, daß es wiedergeliebt wird, dann ist es doch klar, daß die Liebe durch nichts mehr erregt und gesteigert wird, als wenn der noch nicht Liebende sich geliebt sieht oder wenn der, welcher selbst zuerst liebt, Gegenliebe erhofft oder bereits wirklich erfährt. Ist dies schon bei schändlichen Liebesverhältnissen der Fall, um wie viel mehr bei [wahrer] Freundschaft? Denn was fürchten wir bei einem Verstoß gegen die Freundschaft mehr als das, es könnte der Freund glauben, wir liebten ihn nicht oder wir liebten ihn weniger als er uns selbst liebt? Käme dieser Gedanke in ihm auf, so würde er gewiß in jener Liebe erkalten, deren sich die Menschen im gegenseitigen vertrauten Umgang erfreuen; und selbst wenn er nicht so schwach wäre, daß diese Kränkung seine Liebe ganz erkalten ließe, so würde er sich doch nur mehr in den Grenzen einer Liebe halten, die man nicht mehr um des Genusses, sondern nur um der Klugheit willen pflegt. Es ist übrigens der Mühe wert, darauf zu achten, in welchem Maße sich die Liebe eines Untergebenen entzündet, sobald er wahrnimmt, daß er vom Vorgesetzten geliebt wird, wenngleich auch die Vorgesetzten ihrerseits die Liebe ihrer Untergebenen wünschen, sich an ihrem eifrigen Gehorsam erfreuen und ihre Untergebenen um so mehr lieben, einen je größeren Gehorsam sie sehen. Denn da berührt die Liebe am angenehmsten, wo sie nicht aus armseliger Dürftigkeit, sondern aus der Fülle des Wohlwollens entspringt; jene Liebe ist eine Liebe aus dem Bewußtsein des eigenen Elends, diese aber entspringt aus erbarmender Güte. Und wenn erst der Niedrige gar nie auf Liebe von seiten des Höheren auch nur hoffen durfte, so wird eine ganz besonders feurige Liebesglut ihn entflammen, wenn sich der Höhere ganz aus freien Stücken dazu herabläßt, zu zeigen, wie sehr er den Niedrigen liebt, der es doch nie gewagt hätte, sich ein solches Glück zu versprechen. Wer aber steht höher als der richtende Gott und wer hätte mehr Grund [an seiner Liebe] zu zweifeln als der sündige Mensch, der sich um so vollständiger dem Schutz und der Dienstbarkeit jener stolzen Mächte überlassen hatte, die doch niemanden selig machen können, je mehr er voll Verzweiflung die Hoffnung aufgegeben hatte, es könnte sich vielleicht jene Macht seiner noch annehmen, die nicht durch Bosheit hoch stehen will, sondern die durch ihre Güte tatsächlich hoch steht!

Wenn also Christus hauptsächlich deshalb auf die Welt gekommen ist, damit der Mensch erkenne, wie sehr ihn Gott liebt und damit er es darum erkenne, damit er selbst den recht innig wieder liebe, von dem er zuerst geliebt worden ist und damit er auch den Nächsten liebe nach dem Befehl und dem Beispiel dessen, der unser Nächster geworden ist, nicht weil er einen Nächsten geliebt hat, sondern einen, der weit abgeirrt ist; wenn ferner die ganze Heilige Schrift, die vor Christus geschrieben wurde, nur zur Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn geschrieben worden ist und wenn alles, was später aufgezeichnet und mit dem Charakter göttlicher Autorität ausgerüstet worden ist, nur die Predigt von Christus und die Ermahnung zur Liebe enthält, so ergibt sich offenbar, daß an diesen beiden Geboten der Gottes- und Nächstenliebe nicht bloß das Gesetz und die Propheten hängen — die übrigens bis zu diesem Ausspruch des Herrn die ganze Heilige Schrift bildeten —, sondern auch die ganze Heilige Schrift, die erst später zu unserm Heile verfaßt und uns überliefert worden ist. Demnach ist der Alte Bund das dunkle Vorbild des Neuen, der Neue Bund aber die Erfüllung des Alten. Nach jenem dunklen Vorbild leben die fleischlich Gesinnten, welche die Schrift nur fleischlich auffassen, damals wie jetzt unter dem Joche der Furcht vor der Strafe; nach dieser Erfüllung aber haben die geistig Gesinnten sowohl des Alten Bundes, denen wegen ihres frommen Anklopfens auch das Dunkel erhellt war, als auch die der Gegenwart, die darum nicht hochmütig grübeln, damit ihnen nicht auch das schon Erschlossene wieder verdeckt werde, durch das Geschenk der Liebe die wahre Freiheit erlangt. Weil nun der Liebe nichts mehr zuwider ist als der Neid, weil aber Mutter des Neides die Hoffart ist, so ist derselbe Herr Jesus Christus, der Gottmensch, sowohl das Wahrzeichen der göttlichen Liebe zu uns als auch das Beispiel der Demut, wie wir Menschen sie haben sollen: es sollte dadurch unser gewaltiger Stolz durch ein noch mächtigeres Gegenmittel geheilt werden. Eine große Armseligkeit ist nämlich ein stolzer Mensch, eine weit größere Erbarmung aber ist ein demütiger Gott. Diese Liebe also setze dir als höchstes Ziel, worauf deine ganze Rede abzielen muß, und dann halte deinen Vortrag so, daß dein Schüler durch Hören zum Glauben, durch den Glauben zur Hoffnung, durch die Hoffnung aber zur Liebe gelange.

Der Katechet suche sich darüber Klarheit zu verschaffen, aus welchen Beweggründen sich sein Schüler ihm naht

Auch auf dem Grunde der göttlichen Strafgerechtigkeit, wodurch das Herz der Sterblichen von einem ganz heilsamen Schrecken erschüttert wird, muß man die Liebe aufbauen, so daß der Schüler in seiner Freude darüber, daß er von dem nämlichen Gott, vor dem er sich fürchtet, geliebt wird, ihn auch wieder zu lieben wagt und sich scheut, dieser Liebe, die Gott zu ihm hegt, jemals mißfällig zu werden, selbst wenn es ungestraft geschehen könnte. Denn nur ganz selten, ja man kann schon sagen niemals ist es der Fall, daß jemand, der zu uns kommt um ein Christ zu werden, sich nicht irgendwie vor Gott fürchtet. Will aber einer nur deshalb Christ werden, weil er gewisse Vorteile von jemandem erhofft, dessen Wohlgefallen er auf andere Weise nicht erwerben zu können glaubt, oder weil er gewissen Unannehmlichkeiten entgehen möchte von Seiten solcher Leute, bei denen er Anstoß oder Feindschaft zu erregen fürchtet, so will er nicht so fast Christ als vielmehr bloß Scheinchrist werden. Denn der Glaube beruht nicht auf äußerlicher Höflichkeit, sondern auf gläubiger Herzenshingabe. Aber selbst in solchen Fällen greift gar oft die Barmherzigkeit Gottes vermittels des Katecheten ein, so daß der Betreffende infolge des Unterrichtes das nun im Ernste werden will, was er eigentlich nur zum Schein hatte auf sich nehmen wollen; und erst von dem Augenblick an, wo unserem Katechumenen dieser Entschluß kommt, sollen wir wirklich sein Kommen rechnen. Es ist uns zwar der Augenblick verborgen, wo der auch mit der Gesinnung des Herzens kommt, den wir körperlich in unserem Unterricht sehen, aber wir sollen mit ihm jederzeit so verfahren, daß der Entschluß [wirklich Christ zu werden] in ihm entsteht, selbst wenn er bis dahin in ihm noch nicht vorhanden ist. Denn das schadet nichts, daß er, falls er wirklich schon vorhanden wäre, durch ein derartiges Verfahren unsererseits noch gekräftigt wird, wenn wir auch nicht gerade Zeit und Stunde kennen, wo er entstanden ist. Übrigens ist es unter allen Umständen auch von Nutzen, über den Kandidaten bei den Leuten, die ihn kennen, womöglich schon vorher Erkundigungen einzuziehen, in welcher Gemütsverfassung er ist und was ihn veranlaßt hat, um Aufnahme ins Christentum nachzusuchen. Können wir derartige Aufschlüsse von anderen nicht erhalten, so soll man sogar ihn selber befragen, um aus seiner Antwort einen Ausgangspunkt für die Art unseres Vortrages erschließen zu können. Ist er allerdings in hinterhältiger Absicht gekommen, entweder um einen irdischen Vorteil zu erzielen oder um einen irdischen Schaden zu vermeiden, so wird er sich freilich aufs Lügen verlegen; aber gerade diese Lüge müssen wir dann zum Ausgangspunkt unserer Katechese nehmen, natürlich nicht so, daß man nun seine falschen Angaben mit Bestimmtheit einfach als Lüge zurückweist, sondern wenn er in reiner Absicht gekommen zu sein vorgibt — was an sich ja durchaus zu loben ist, ob er persönlich nun die Wahrheit gesprochen hat oder nicht —, so soll man die von ihm vorgeschützte Absicht loben und gut heißten und es dadurch soweit bringen, daß er Lust daran findet, das auch wirklich zu sein, was er nur zu scheinen wünschte. Gibt er aber eine andere Absicht an als eine solche, wie sie Katechumenen bei ihrer Aufnahme haben müssen, so soll man ihn in aller Sanftmut und Milde als einen Menschen zurechtweisen, der in der Angelegenheit unwissend und unkundig ist; dazu soll man ihm den Inbegriff der christlichen Lehre in seiner vollen Wahrheit vorstellen und rühmend nahelegen; dies tue man aber kurz und eindringlich, denn sonst nimmt man die Zeit, die für den folgenden [Haupt]-Vortrag notwendig ist, schon vorweg in Anspruch oder man begeht den Fehler, daß man diesen Vortrag schon hält, obwohl der Geist des Zuhörers dazu ja noch gar nicht vorbereitet ist: kurz, man muß ihn dazu bringen, das nun wirklich zu wollen, was bisher, sei es aus Irrtum oder aus Verstellung, noch keineswegs in seiner Absicht lag.

Von den persönlichen Motiven des Taufbewerbers ausgehend, gebe der Katechet einen gedrängten Überblick über die Geschichte der christlichen Religion von den ersten Anfängen der Biblischen Geschichte bis zur kirchlichen Gegenwart

Gibt der Betreffende etwa an, er fühle sich von Gott durch innere Einsprache oder Erschütterung angetrieben, ein Christ zu werden, so gibt er uns mit dem Gedanken, wie groß doch Gottes Sorge für uns sei, die allergünstigste Einleitung an die Hand. Von derartigen wunderbaren Gesichten läßt sich dann leicht auf den festeren Boden und die sichereren Ansprüche der [heiligen] Schriften überleiten, damit er erkenne, wie groß die Barmherzigkeit sei, die ihn schon gerufen hat, bevor er noch den heiligen Schriften nachhing. Und dann muß man ihm zeigen, daß der Herr ihn gewiß nicht ermahnt und angetrieben hätte, ein Christ zu werden und sich der Kirche einverleiben zu lassen und daß er ihn sicher nicht durch solche Zeichen und Offenbarungen belehrt hätte, wäre es nicht sein Wille gewesen, daß der Katechumene nunmehr sicherer und ruhiger den in der Heiligen Schrift vorbereiteten Weg gehen und sich daran gewöhnen solle, hier nicht so fast sichtbare Wunder zu suchen, sondern unsichtbare zu erhoffen und aus ihr nicht im Schlafe, sondern wachend Belehrung und Weisung zu schöpfen. — Darnach ist mit dem [eigentlichen] Vortrag zu beginnen, und zwar, wie wir schon gesagt haben, von da an, wie Gott alles sehr gut geschaffen hat fortlaufend bis zur kirchlichen Gegenwart. Dabei sollen von allen Tatsachen und Geschehnissen, von denen wir reden, die Ursachen und die inneren Zusammenhänge angegeben und die Ereignisse damit zugleich auf jenen [obersten] Endzweck, die Liebe, bezogen werden, den man ja niemals, weder beim Handeln noch beim Sprechen, aus dem Auge verlieren darf. Versuchen doch schon Grammatiker, die als tüchtig gelten und als solche bezeichnet werden, aus den Schöpfungen der Dichter, die doch bloß erfunden und für das Vergnügen solcher Leute ausgedacht sind, die ihren Geist mit Nichtigkeiten nähren, einigermaßen praktischen Nutzen zu ziehen, wenn dieser auch selbst wieder nur nichtig und auf weltliche Sättigung berechnet ist. Um wieviel mehr müssen uns dann wir davor hüten, die von uns erzählten wahren Ereignisse ohne Angabe ihrer Gründe vorzutragen, so daß sie deshalb nur aus bloßem Wohlgefallen oder aus verderblicher Neugier gläubig hingenommen werden. Lassen wir uns indes auf die Darlegung der Gründe nicht so ein, daß Herz und Mund den Faden der Erzählung verlieren und sich in verwickelte und schwierige Untersuchungen verirren; unsere wahrheitsgetreue Darstellung sei gleichsam nur die Goldfassung, welche die Perlenreihe zusammenhält, die aber nicht durch Überladung die Schmuckkette irgendwie stört.

An die Biblische Geschichte ist die Lehre von der Auferstehung und vom Gerichte anzureihen; ferner sind dem Taufbewerber Warnungen und Mahnungen für die Zeit des Katechumenates zu geben

Nach diesem Vortrag hat man den Katechumenen mit der Hoffnung auf die Auferstehung bekannt zu machen und dabei nach dem Maße seiner Fassungskraft und der zu Gebote stehenden geringen Zeit den nichtigen Spöttereien der Heiden über die Auferstehung des Leibes entgegenzutreten; ferner hat man von dem kommenden letzten Gericht und seinem Glück für die Guten, seiner Strenge gegen die Bösen und seiner Wahrheit gegen jedermann zu reden. Mit Abscheu und Entsetzen gedenke man hier der Strafen der Gottlosen und verkünde voll Sehnsucht das Reich der gläubigen Gerechten, jene himmlische Stadt [Gottes] und die Freude, die daselbst herrscht. Dann aber muß man die menschliche Schwachheit belehren und befestigen gegen die Versuchungen und Ärgernisse, die sich außerhalb und innerhalb der Kirche selbst finden, außerhalb gegen Heiden, Juden und Häretiker, im Innern aber gegen die Spreu auf der Tenne des Herrn. Ich meine das nicht so, als ob man sich nun gegen jede Art schlechter Menschen wenden und alle ihre verkehrten Meinungen in weitläufiger Auseinandersetzung widerlegen solle, nein, sondern man zeige, soweit es die Kürze der Zeit gestattet, wie dies alles schon vorhergesagt sei und welchen Nutzen derlei Versuchungen für die Vervollkommnung der Gläubigen haben und wie in der Langmut Gottes, der solches bis zum Ende der Tagß zulassen will, ein Vorbild und damit ein Heilmittel liege.

Während sich aber der Unterricht gegen den großen Haufen jener Verkehrten wendet, die bloß dem Körper nach die Kirchen füllen, müssen zugleich kurz und geziemend die Vorschriften für einen christlichen, sittlichen Lebenswandel mitgeteilt werden, damit der Aufzunehmende nicht so leicht verführt wird durch Trunkenbolde, Geizhälse, Betrüger, Spieler, Ehebrecher, Unzüchtige, Liebhaber von Schauspielen, durch solche, die abergläubische Heilmittel gebrauchen, durch Zauberer, Astrologen und all diejenigen, die mit nichtigen und nichtswürdigen Künsten die Zukunft enthüllen wollen, und was es sonst für Leute dieses Schlages gibt; [diese Aufklärung muß auch erfolgen,] damit er nicht glaube, er dürfe dergleichen ungestraft tun, weil er sieht, daß böse Menschen, die sich Christen heißen, solche Dinge lieben und treiben, sie verteidigen, dazu anraten und locken. Aus der Heiligen Schrift muß ihm klar gemacht werden, welches Ende es mit Leuten nehmen muß, die ständig ein solches Leben führen, daß sie zwar in der Kirche geduldet werden, schließlich aber doch aus derselben ausgeschieden werden müssen. Es muß auch zum voraus schon darauf hingewiesen werden, er werde in der Kirche eine große Anzahl guter Christen, wahre Bürger des himmlischen Jerusalem finden, sobald er selber nur erst einmal ein solcher zu werden beginne. Schließlich muß ihm eindringlich zugeredet werden, doch ja seine Hoffnung nicht auf Menschen zu setzen: denn nur schwer könne ein Mensch es beurteilen, wer wirklich gerecht ist, und selbst wenn dies leicht geschehen könnte, so hätten wir ja doch das Beispiel der Gerechten nicht deshalb vor Augen, damit wir gerechtfertigt würden, sondern deshalb, damit wir wüßten, daß wir nur dann von dem gerechtfertigt würden, der auch sie gerechtfertigt hat, wenn wir diese Gerechten nachahmen. Auf solche Weise wird man es erreichen, und darauf ist das allergrößte Gewicht zu legen, daß der, welcher uns, oder vielmehr Gott durch unsere Vermittlung hört, sobald er einmal im religiösen Leben und Erkennen sich zu entwickeln und wacker auf dem Wege Christi einherzuschreiten beginnt, dies alles weder uns noch sich selbst zuzuschreiben wagt, sondern daß er sich und uns und alle anderen, die er sonst noch als seine Freunde liebt, nur in dem und um dessentwillen liebt, der ihn geliebt hat, obwohl er sein Feind war, um ihn durch die Rechtfertigung sich zum Freunde zu machen. — Indes glaube ich kaum, daß du eines Lehrers hiefür bedarfst, um zu wissen, daß du dich kürzer fassen darfst, wenn deine oder deiner Zuhörer Zeit bereits anderweitig in Anspruch genommen ist, daß du aber ausführlicher sprechen kannst, wenn dir mehr Zeit zu Gebote steht. Daran braucht einen ja niemand besonders zu erinnern; das bringt schon die Notwendigkeit so mit sich.

Wie die Katechese für gebildete Taufbewerber einzurichten sei

Folgendes darf aber ja nicht übersehen werden: wenn ein Mann von wissenschaftlicher Bildung, der sich entschlossen hat, ein Christ zu werden, in deinen Unterricht kommt, um seinen Entschluß in die Tat umzusetzen, so ist das der heikelste Punkt, daß solche Leute schon das eine oder andere aus unseren Schriften und unserer Literatur kennen und es ihnen bei ihrer Kenntnis nur noch um Zulassung zu den Sakramenten zu tun ist. Solche Menschen pflegen nämlich nicht erst in dem Augenblick, wo sie Christ werden, sondern schon vorher alles ernstlich zu untersuchen und sich über das, was ihnen Herz und Sinn bewegt, mit anderen gründlich auszusprechen. Bei ihnen muß man sich darum kurz fassen und darf ihnen nicht zudringlich einzuprägen suchen, was sie bereits kennen, sondern man muß ihnen mit zurückhaltender Mäßigung einfach mitteilen, dieses und jenes sei, wie sie ja schon wüßten, unsere Glaubenslehre; so zählt man dann nur rasch all das auf, was man bei noch gar nicht eingeweihten und ungebildeten Leuten weitläufig erörtern muß: so bekommt dann der Gebildete das, was er schon weiß, nicht erst wie von seinem Meister zu hören, das aber, was er noch nicht weiß, lernt er doch auch kennen, weil wir es in der Voraussetzung, er habe schon Kenntnis davon, [wenigstens flüchtig] erwähnen. Aber auch bei einem solchen Kandidaten ist die Frage nach den Beweggründen seiner Bekehrung zum Christentum nicht unangebracht: sieht man, daß er durch die Lektüre, sei es der kanonischen Schriften oder anderer guter Abhandlungen, dazu veranlaßt worden ist, so kann man zu Beginn über diese Bücher etwas Rühmliches sagen, wie sie es gerade nach dem Grade ihres kanonischen Ansehens und nach dem Geschick und der Umsicht ihrer Ausleger verdienen; vor allem kann man an den kanonischen Schriften die köstlichste Einfachheit in Verbindung mit der wunderbaren Tiefe [der Gedanken] hervorheben, während man an den anderen Schriften den jedem einzelnen Werk eigenen Stil in seiner klangvollen und abgerundeten Ausdrucksweise gerade für Eingebildetere und darum auch Schwächere als recht passend erklärt.

Jedenfalls muß man aus dem Kandidaten auch herauszubringen suchen, welche Schriftsteller er am meisten gelesen und zu welchen Werken er eine besondere Vorliebe gefaßt hat und wie in ihm so der Entschluß gereift sei, sich der Kirche anschließen zu wollen. Hat er uns hierüber Auskunft gegeben, so wollen wir freudig unsern Beifall äußern, falls wir diese Bücher selber kennen oder wenigstens aus dem Ruf, den sie in der Kirche genießen, wissen, sie seien von einem angesehenen Katholiken verfaßt. Ist er aber auf häretische Bücher gestoßen und hat er dadurch häretische Ansichten, die der wahre Glaube verwirft, aus Unwissenheit als katholische Lehre fest in sich aufgenommen, so muß er nachdrücklich darüber belehrt werden. Dabei stütze man sich auf die Autorität der allgemeinen Kirche, sowie auf die Schriften und Abhandlungen der bedeutendsten Gelehrten, die im Lichte der kirchlichen Wahrheit erblühten. Freilich ist es auch schon vorgekommen, daß solche Leute, die selber als [gute] Katholiken aus dieser Welt schieden und die der Nachwelt Werke christlichen Inhaltes hinterließen, teils deshalb, weil einzelne Stellen ihrer Schriften falsch aufgefaßt wurden, teils auch, weil sie selbst, wie es die menschliche Schwachheit nun einmal mit sich bringt, aus Mangel an Scharfsinn nicht tief genug in ihren Gegenstand eindrangen und durch den Schein der Wahrheit selber an der Wahrheit irre wurden, für wissensstolze und freche Menschen Veranlassung waren, irgendeine Irrlehre zu erdenken und unter die Leute zu bringen. Dies darf uns auch gar nicht wundernehmen, haben ja doch viele sogar auf Grund der kanonischen Schritten, die doch gewiß die reinste Wahrheit enthalten, eine Menge verderblicher Lehren unter Zerstörung der kirchlichen Einheit aufgebracht; das taten sie nicht in der Weise, daß sie einzelnem einen anderen Sinn unterlegten, als es die Verfasser selbst verstanden hatten und als es der Wahrheit entspricht — denn wäre es bloß dies, wer wollte das nicht gerne der menschlichen Schwachheit nachsehen, die sich ja für Belehrung zugänglich erweist —, sondern sie machten es so, daß sie ihre verkehrten und falschen Meinungen mit der äußersten und hartnäckigsten Anmaßung verteidigten. All diese Punkte sind mit dem, der sich nicht als Idiote, wie man zu sagen pflegt, sondern als wissenschaftlich gebildeter Mann zur Aufnahme [in die christliche Gemeinschaft] meldet, in maßvoller Besprechung zu erörtern; dabei darf man sein Ansehen als Lehrer nur soweit geltend machen — will man ihn nicht ein verkehrtes, anmaßendes Verfahren fühlen lassen — als es die Demut, die ihn zu uns geführt hat, zuzulassen scheint. Das Übrige aber muß man nach den Regeln einer vernünftigen Methodik in der von uns angegebenen Weise schnell durchgehen und stets auf das schon bezeichnete, alles überragende Ziel beziehen, ob wir uns in unserem Vortrag nun über Glaubenslehren oder über Sittenregeln und Versuchungen verbreiten.

Wie man Leute behandeln soll, die eine besondere, mehr philologisch gerichtete Vorbildung mitbringen

Es kommen ferner manchmal auch Leute aus den besuchtesten Grammatiker- und Rhetorenschulen, die man weder zu den Idioten rechnen darf, noch aber auch zu jenen hochgebildeten Menschen, die ihren Geist durch Untersuchungen über bedeutende Fragen geübt haben. Solche Leute, die durch ihre Sprachgewandtheit ihre Umgebung zu übertreffen scheinen, müssen wir, wenn sie Christen werden wollen, mehr noch als die Ungebildeten mit Aufwand allen Fleißes dazu ermahnen, sie sollten doch christliche Demut annehmen und es lernen, diejenigen nicht mehr gering zu schätzen, die, wie sie sähen, mehr Gewicht darauf legten, sittliche als sprachliche Fehler zu vermeiden; und während sie bisher gewohnt gewesen seien, eine gewandte Zunge einem reinen Herzen vorzuziehen, sollten sie [künftig] beide nicht einmal mehr für gleichwertig halten wollen. Besonders aber muß man dergleichen Leute zum Verständnis der Heiligen Schrift anleiten, damit sie deren kraftvolle, aber so wenig schmuckvolle Sprache nicht verachten und auch nicht meinen, man müsse die dort erzählten menschlichen Worte und Handlungen, welche mit sinnlichen Einkleidungen verhüllt und verdeckt sind, streng buchstäblich verstehen und dürfe sie nicht des Verständnisses wegen jener Umhüllungen entkleiden und offen darlegen. An praktischen Beispielen zeige man ihnen ferner, welchen Nutzen das Dunkel des Geheimnisvollen, der sogenannten Mysterien, habe, wie gerade dieses Undurchdringliche und Rätselhafte zur Schärfung der Wahrheitsliebe und zur Verhütung des Überdrusses und der Erschlaffung dienlich sei, und zwar zeige man es ihnen an irgendeinem Gegenstand, der, solange er einfach dalag, kein Interesse erregte, während er durch eine allegorische Deutung klar und anziehend wird. Denn gerade für sie ist es von höchster Bedeutung, zu erkennen, daß der innere Sinn wichtiger ist als die bloße Wortbedeutung, geradeso wie die Seele höher steht als der Leib. So müssen sie dann bei einem Vortrag mehr und lieber auf die Wahrheit des Inhaltes als auf die Schönheit des Ausdruckes sehen, geradeso wie sie ja auch bei ihren Freunden mehr auf deren Klugheit als auf deren Schönheit achten müssen. Sie sollen auch wissen, daß es für die Ohren Gottes keine andere Stimme gibt als die liebende Hingabe des Herzens; dann werden sie nicht mehr darüber zu spotten haben, wenn sie hören, daß dieser oder jener Vorsteher oder Diener der Kirche in barbarischen Ausdrücken oder falschen Wortverbindungen zu Gott betet oder die eigenen Worte nicht recht versteht oder verkehrt ausspricht. Ich sage nicht, man solle derartige Fehler nicht verbessern; denn das Volk soll bloß zu dem sein „Amen” sprechen, was es deutlich versteht; allein solche Mängel müssen doch milde ertragen werden von solchen Leuten, die wissen, daß in einer weltlichen Versammlung der Wortklang, in der Kirche aber die Gebetsstimmung das gute Reden ausmacht. Darum kann solch ein weltlicher Vortrag gar wohl einmal eine gute Rede, aber niemals ein Gebet heißen. Bezüglich des Sakramentes aber, das sie empfangen sollen, mag bei einsichtigeren Leuten die einfache Erklärung seiner Bedeutung genügen; beschränkteren Geistern dagegen muß man es durch eine etwas längere Auseinandersetzung und durch Gleichnisse klar zu machen suchen, damit sie das, was sie sehen, nicht gering achten.

Wenn der Grund der Verdrossenheit in der geistigen Beschränktheit der Zuhörer liegt, so ist eine aufopfernde Nächstenliebe das beste Heilmittel gegen eine solche Unlust

Wahrscheinlich wünschest du nunmehr auch das praktische Beispiel eines Vortrags, worin ich dir tatsächlich klar mache, wie du die von mir gegebenen Regeln anwenden sollst. Ich will dir ein solches Beispiel geben, so gut ich es mit Gottes Beistand vermag. Doch zuvor muß ich noch meinem Versprechen gemäß von der Erwerbung der schon erwähnten notwendigen Freudigkeit sprechen. Denn über die Regeln des katechetischen Vortrags über die im Christentum zu Unterrichtenden glaube ich mich dem mir gesetzten Ziel gemäß hinlänglich verbreitet zu haben; darum brauchte ich eigentlich in dieser Schrift auch nicht selbst das praktisch zu tun und zu zeigen, was ich als Theorie und Regel aufgestellt habe. Tue ich es aber dennoch, so habe ich damit etwas über das schuldige Maß hinaus getan: wie könnte ich aber etwas Überflüssiges dreingeben, wenn ich vorher nicht schon wenigstens das schuldige Maß vollgemacht hätte?

Wie ich höre, klagst du ja auch über nichts mehr als darüber, daß dir beim Unterricht der Katechumenen dein Vortrag platt und unzureichend erscheine. Ich weiß aber, daß die Schuld hievon nicht so sehr im Gegenstand des Vortrages liegt — denn darin bist du, wie ich weiß, hinreichend bewandert und unterrichtet —, auch nicht in dem Mangel an Beredsamkeit, sondern in Verdrossenheit. Dieses Übel kann nun entweder aus der schon angegebenen Ursache entstehen, daß wir mehr Freude und größeres Interesse an dem finden, was wir in der Stille in unserem Geiste schauen und wovon wir uns nur ungern abziehen lassen zu dem ihm doch durchaus nicht entsprechenden Wortgetön; oder auch daraus, daß wir selbst im Falle, daß uns das Halten des Vortrags angenehm ist, immerhin ein noch größeres Behagen darin finden, etwas Besseres zu hören oder zu lesen, besonders wenn wir dies ganz ohne eigene Sorge und Anstrengung haben können, als nach dem Sinne anderer aus dem Stegreif Worte zusammenzufügen, wobei noch obendrein der Erfolg ungewiß bleibt, ob sie sich nämlich auch wirklich nach Wunsch unserer Zunge darbieten oder eine ersprießliche Aufnahme beim Zuhörer finden; [die Verdrossenheit kann aber auch darin ihren Grund haben,] weil es uns langweilig wird, bei der Belehrung von Neulingen immer wieder auf Dinge zurückkehren zu müssen, die uns schon ganz bekannt und für unseren eigenen Fortschritt nicht mehr notwendig sind und weil sich der schon einigermaßen erstarkte Geist in solchen alltäglichen und fast kindischen Dingen nicht mehr gerne bewegt. — Aber auch ein unbeweglich dasitzender Zuhörer kann den Vortragenden verdrießlich machen [sei es nun, daß er sich innerlich nicht gepackt fühlt oder daß er wenigstens nach außen kein Zeichen davon gibt, ob er für den Vortrag Verständnis oder Wohlgefallen hat]. Es ziemt sich ja nun freilich nicht, nach Menschenlob zu haschen, aber was wir darbieten, ist ja Gottes Gabe und je größer unsere Liebe zu unseren Schülern ist, um so mehr wünschen wir darum auch, sie möchten an dem, was ihnen zu ihrem Heil dargeboten wird, auch Gefallen finden. Tritt dieser Erfolg nicht ein, dann werden wir traurig, ermatten im Laufe des Vortrages und lassen uns durch den Gedanken niederdrücken, als sei unsere Mühe vergebens. — Manchmal liegt der Grund [zur Verdrießlichkeit] auch darin: wir werden von einem Geschäft weggerissen, an dessen Vollendung wir Interesse haben, an dem wir Freude haben oder das uns vordringlicher erscheint [als der augenblickliche Unterricht]; und nun sehen wir uns durch jemandens Befehl, bei dem wir nicht anstoßen wollen, oder durch unausweichliche Bitten genötigt [unsere Arbeit zu unterbrechen] und einen Katechumenen zu unterrichten; so treten wir dann schon mißmutig an unsere Aufgabe heran, bei der es doch große Ruhe brauchte, und sind ärgerlich, daß man uns in unserem Tun nicht die gewünschte Ordnung einhalten läßt und wir nicht in allem genügen können. Ein solcher mit Mißstimmung begonnener Unterricht muß freilich weniger gut sein; denn auf dem trockenen Boden der Niedergeschlagenheit kann er ja auch nur wenig gedeihen. Ein andermal ist unser Herz wieder mit Kummer erfüllt über ein geschehenes Ärgernis und da heißt es dann auf einmal: „Komm, rede mit diesem da: er will Christ werden!“ So spricht man zu uns, weiß aber nicht, was für ein Feuer in unserem Innern verschlossen brennt; und wenn wir ihnen dann unsere Stimmung nicht einmal entdecken dürfen, so gehen wir auf ihre Wünsche um so weniger gerne ein. Ein solcher Vortrag muß natürlich matt und wenig ansprechend ausfallen, kommt er ja doch aus einem erregten und erhitzten Gemüt. — Welcher von den angeführten Gründen nun die Heiterkeit unserer Seele umwölken mag, die Heilmittel, durch welche jene Beklemmung behoben und uns die geistige Frische gegeben wird, wodurch wir mit Vergnügen und Freudigkeit in Herzensruhe Gutes wirken, müssen wir bei Gott suchen. „Denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“

Sind wir sonach darüber betrübt, weil der Zuhörer unsere Gedanken nicht zu verstehen vermag, von deren Höhe wir sozusagen herabsteigen müssen, um uns mit den weit [hinter den Gedanken] zurückbleibenden und nur langsam nachkommenden Silben aufzuhalten und sind wir dabei voll Besorgnis, wie auf langen und verwickelten Umwegen das aus unserem fleischlichen Mund hervorgehen soll, was der Geist gleichsam in einem raschen Zug in sich aufnimmt, und bekommen wir deshalb, weil das Wort den Gedanken so gar nicht entspricht, Widerwillen gegen den Vortrag, so daß wir lieber gleich ganz stillschweigen möchten, dann wollen wir uns an das Gebot dessen erinnern, der uns ein Beispiel gezeigt hat, auf daß wir seinen Fußtapfen nachfolgen. Mag immerhin unsere sprachliche Darstellung noch so weit hinter der Lebhaftigkeit unserer geistigen Auffassung zurückstehen, so ist doch unser sterbliches Fleisch noch unendlich weiter entfernt von der Gleichheit mit Gott. Und doch hat sich Christus, obwohl er auch in der Gestalt Gottes war, selbst entäußert, indem er Knechtsgestalt annahm usw. [und gehorsam war] bis zum Tode am Kreuz. Aus welchem anderen Grund tat er dies, als nur deshalb, weil er schwach wurde für die Schwachen, um die Schwachen für sich zu gewinnen? Höre nur, was sein Nachfolger [Paulus] einmal sagt: „Sei es nun, daß wir uns überheben, so wisset, es geschieht zur Ehre Gottes; rede ich jedoch geringschätzig von mir, so tue ich es zu eurem Besten; denn die Liebe Christi drängt uns, da wir bedenken, daß einer für alle gestorben ist.“ Würde sich Paulus wohl bereit zeigen für ihre Seelen einzustehen, wenn es ihm schon zu viel wäre, sich zu ihren Ohren herabzuneigen? Darum ist er klein geworden unter uns, wie eine Amme, die ihrer Kinder wartet. Ist es etwa ein Vergnügen, abgebrochene und verstümmelte Worte vorzulallen, wenn nicht die Liebe dazu einlädt? Und doch sehnen sich die Menschen darnach, Kinder zu haben, bei denen sie dies tun können, und eine größere Freude findet eine Mutter darin, dem Kinde ganz kleine Bissen in den Mund zu streichen als selber größere zu kauen und zu verzehren. Stellen wir uns also in jedem Augenblick jene Henne vor, die da mit ihrem geschmeidigen Gefieder ihre zarte Brut bedeckt und mit leiser Stimme ihre piependen Küchlein lockt und deren schützende Flügel die Jungen nicht verlassen können, ohne den Raubvögeln zur Beute zu fallen. Wenn also unser Geist seine Freude daran hat, in das innerste Heiligtum der Wahrheit einzudringen, so müssen wir auch unsere Freude daran haben, wenn wir sehen, wie die Liebe in dem trostvollen Bewußtsein, daß sie bei denen, zu welchen sie sich herabgelassen hat, einzig und allein deren ewiges Heil sucht, wieder um so kräftiger wird, in das Geheimnisvollste einzudringen, je eifriger sie sich in die Tiefe herabgelassen hat.

Von der Lust und der Liebe, womit man seinen katechetischen Lehrvortrag halten soll. Es gibt viele Gründe, warum manche Katecheten schon mit Verdrossenheit an ihren Unterricht herantreten.

Manchmal liegt der Grund der Verdrossenheit in dem Gefühl der Unzulänglichkeit des eigenen Wissens und in der Ungewißheit des Erfolges. — Verhaltungsmaßregeln für den Fall, daß uns in unserer Unterweisung ein Irrtum unterlaufen ist

Wenn wir aber lieber schon etwas Fertiges und besser Ausgearbeitetes [von anderen] lesen und hören möchten und wenn es darum zumal im Hinblick auf die Ungewißheit des Erfolges lästig fällt, selber eine Zeitlang unsere Worte schön aneinander zu reihen, so wird das der Zuhörer, soferne er nur nicht bezüglich des Inhaltes von der Wahrheit abgeleitet wird, wenn er auch im Vortrag selbst manches auszusetzen hätte, doch aus den Umständen leicht abnehmen, daß man, hat man nur erst einmal den Inhalt erfaßt, im übrigen nicht so sehr auf den weniger tadellosen und nicht ganz entsprechenden Ausdruck sehen darf; denn der Ausdruck wurde ja dazu gewählt, um das Verständnis zu ermöglichen. Hätten wir aber wirklich in menschlicher Schwachheit trotz der aufgewandten Mühe eine falsche Lehre vorgetragen, wiewohl dies ja beim ersten Religionsunterricht, wo man sich auf wohl gebahnten Straßen bewegen darf, schwerlich vorkommen wird, so müssen wir zu der Überzeugung gelangen, Gott habe das nur zugelassen, um uns zu prüfen, ob wir auch gutwilligen Herzens bereit sind, uns selbst zu verbessern und ob wir uns nicht etwa zur Verteidigung unseres [ersten] Irrtums in einen [zweiten] noch größeren stürzen; denn sonst könnte es vorkommen, daß unser Zuhörer auch daran noch Ärgernis nimmt. Macht uns indes niemand auf unsern Irrtum aufmerksam und bleibt er uns und unseren Zuhörern [augenblicklich] ganz unbemerkt, so liegt darin kein Grund, uns darob einen Kummer zu machen; wenn es sich nur nicht wiederholt! Meist aber finden wir selbst beim nochmaligen Überdenken unseres gesprochenen Wortes den einen oder den anderen Punkt, wo wir ungewiß sind, wie er wohl beim Vortrag aufgefaßt worden ist; in einem solchen Falle ist allerdings, wenn wirklich Liebe in uns glüht, unser Kummer um so größer, wenn die Sache, trotzdem sie falsch war, doch mit Freuden aufgenommen worden ist. Man muß eben dann eine günstige Gelegenheit zu finden wissen und dafür sorgen, daß geradeso, wie wir uns selbst bereits in der Stille [des Herzens] verbessert haben, auch unsere Zuhörer ohne Aufsehen von dem Irrtum abgebracht werden, in den sie nicht durch Gottes Wort, sondern ganz allein durch das unsrige geraten sind. Wenn aber einige Ohrenbläser, Verleumder und Feinde Gottes ganz blind vor törichter Scheelsucht Freude an unserm Irrtum haben, so sollen uns diese Leute Gelegenheit bieten, Geduld und Erbarmen zu üben, weil sie auch die Geduld Gottes zur Buße führt. Denn was gibt es Abscheulicheres und was häuft mehr den Zorn Gottes für den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes auf, als wenn man sich in sündhafter Ähnlichkeit und Nachahmung des Teufels über das Böse am Nächsten freut?

Manchmal mag eine Aussage ganz richtig und wahrheitsgemäß gemacht werden; und doch erregt die Sache Anstoß und beunruhigt den Zuhörer, weil sie entweder nicht verstanden wird oder weil sie in ihrer Neuheit einem alt gewohnten Irrtum und Wahn widerstreitet. Sobald man so etwas merkt und eine Heilung des Zuhörers möglich erscheint, muß man sie unter Aufwendung des ganzen Ansehens seiner Person und aller Vernunftgründe ungesäumt in Angriff nehmen. Schweigt er aber über den Anstoß, den er genommen hat, und bleibt uns dieser darum verborgen, dann kann nur Gott Hilfe schaffen. Gesetzt also, es wäre ihm nicht beizukommen und er wiese jeden Heilversuch zurück, dann möge uns jenes Beispiel aus dem Leben des Herrn trösten: als nämlich einmal die Leute an seinen Worten Anstoß nahmen und ihn wegen seiner scheinbaren Härte verließen, da sprach er doch noch zu den Zurückbleibenden: „Wollt auch ihr weggehen?“ Denn fest und unerschütterlich müssen wir in unserem Herzen die Überzeugung festhalten, Jerusalem werde aus seiner Gefangenschaft, worin es von dem Babylon dieser Welt gehalten wird, nach Ablauf der bestimmten Zeit befreit werden und keiner seiner Bewohner werde verloren gehen, weil ja die, welche verloren gehen werden, gar nicht zu ihm gehörten. „Denn fest steht die Grundfeste des Herrn und ihr Siegel ist: es kennt der Herr die Seinigen und er stehe von der Ungerechtigkeit ab, wer da nennt den Namen des Herrn!“

Wenn wir solches betrachten und den Herrn in unser Herz herabrufen, dann macht die Aussicht auf einen wegen der zweifelhaften Stimmung unseres Zuhörers zweifelhaften Erfolg unseres Vortrags weniger Besorgnis; es wird uns vielmehr gerade das Widrige, das wir bei diesem Werk der Barmherzigkeit zu erdulden haben, zur Freude gereichen, wenn anders wir dabei nicht unsere Ehre suchen. Denn erst dann ist ein Werk ein wahrhaft gutes, wenn der Wille des Handelnden von der Liebe [wie ein Pfeil] vorwärts getrieben wird und zurückkehrend zu seinem Ausgangspunkt in der Liebe wieder seine Ruhe findet. Eine ansprechende Lektüre aber oder das Anhören eines besseren Vortrags werden uns für den Fall, daß wir um ihretwillen mißmutig und verdrossen an unsere Katechese gingen und sie uns lieber gewesen wären [als selbst einen Vortrag halten zu müssen], um so aufgeräumter finden und uns um so größere Freude machen, wenn unsere Arbeit einmal hinter uns liegt. Wir werden auch mit um so größerem Vertrauen beten, es möge Gott so zu uns sprechen, wie wir es wünschen, wenn wir es gutwillig hinnehmen, daß er so durch uns spricht, wie es unsere Kräfte mit sich bringen. So geht dann an uns in Erfüllung, daß denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.

Über den Überdruß, der uns bei der ständigen Wiederholung der gleichen Heilswahrheit ergreifen möchte, muß uns das Mitleid mit dem nach der Wahrheit dürstenden Mitmenschen hinweghelfen

 

Wenn wir aber darüber überdrüssig werden, daß wir so oft Dinge wiederholen müssen, die uns schon ganz gewöhnlich sind und nur für die Kleinen passen, dann wollen wir uns in Bruder-, Vater- und Mutterliebe zu ihnen herablassen, und wenn wir so mit ihrem Herzen verbunden sind, dann werden auch uns diese Dinge wieder neu erscheinen. Denn so groß ist die Gemütsbewegung eines teilnehmenden Herzens, daß wir, indem jene durch unsere Reden, wir aber durch ihr Lernen gerührt werden, gleichsam eines im anderen wohnen und daß jene das, was sie hören, gleichsam in uns sprechen, während wir das, was wir lehren, gewissermaßen in ihnen lernen. Geschieht es nicht gewöhnlich auch, wenn wir anderen, die dergleichen noch nie gesehen haben, eine weit gedehnte, schöne Gegend mit Städten und Ackerfluren zeigen, an denen wir gerade deshalb, weil wir sie so oft sehen, gewöhnlich ohne jedes Bewußtsein des Vergnügens vorübergehen, daß durch die Freude, welche die Neuheit dieses Anblickes in den anderen hervorruft, auch unsere Freude erneuert wird? Ja, dies ist um so mehr der Fall, je lieber uns diejenigen sind, [denen wir sie zeigen]; denn auch das Altbekannte wird für uns selbst wieder in dem Maße neu, als wir durch das Band der Liebe in ihnen wohnen. Haben es aber wir in der Betrachtung [irdischer Dinge] zu einiger Vollkommenheit gebracht, so wollen wir nicht bloß, daß sich unsere Freunde beim Anblick dieser Werke von Menschenhand freuen und verwundern, nein, dann wollen wir sie auch zum Verständnis der künstlerischen Absicht des Meisters emporheben und wollen sie dann von da aus zur Bewunderung und zum Preis des allschaffenden Gottes emporsteigen lassen, des fruchtreichsten Endzieles der Liebe. Um wieviel größer muß folglich unsere Freude sein, wenn die Leute kommen, um diesen Gott [von uns] unmittelbar kennen zu lernen, auf den all unser Lernen hinzielen muß. Um wieviel mehr muß da alles, was ihnen neu ist, auch uns wieder neu werden, so daß dann infolge davon auch unser Vortrag dank der ungewöhnlichen Aufmerksamkeit unserer Zuhörer wieder warm wird, wenn er wegen der Gewöhnlichkeit des Stoffes allzu frostig war. Zur Erwerbung der Freudigkeit dient ferner auch die ernstliche Erwägung, wie schrecklich doch der Tod im Irrtum ist, aus dem [durch unseren Unterricht] nun ein Mensch zum Leben des Glaubens erstehen soll. Und wenn wir schon mit dem wohltuenden Gefühl der Freude durch ganz bekannte Gegenden wandeln, falls wir einem darin Verirrten in seiner Not den Weg weisen können, um wieviel größerer Bereitwilligkeit und Freude müssen wir dann das Gebiet der Heilswahrheiten durchwandeln, das wir unseretwillen nicht mehr zu begehen brauchten, wenn wir dadurch eine arme, auf den Irrpfaden des Lebens ermattete Seele auf den Wegen des Friedens einherführen können auf Befehl dessen, der diese Seele an uns gewiesen hat.

Der Grund der Verdrossenheit liegt oft auch in der Teilnahmslosigkeit der Zuhörer. Große, nachsichtige Nächstenliebe und ein gewisser praktischer Sinn werden die daraus erwachsenden Schwierigkeiten beheben

Groß aber wird das Opfer fürwahr erst dann, wenn man mit seinem Vortrag bis zum vorgesteckten Ziel ausharren soll, ohne daß man einen Eindruck bei seinem Zuhörer wahrnimmt. Mag das nun daher kommen, daß er es aus heiliger Ehrfurcht nicht wagt, seinen Beifall durch ein Wort oder auch nur durch eine Gebärde kund zu tun oder daß er seinen Beifall aus natürlicher Schüchternheit unterdrückt oder auch, daß er das Vorgetragene nicht versteht oder vielleicht sogar verachtet: kurz, sobald wir, die wir ja nicht in sein Herz hineinblicken können, über den Grund hievon nicht im klaren sind, müssen wir die ganze Kraft unseres Vortrags aufbieten, um ihn aufzurütteln und gleichsam aus seinen Schlupfwinkeln herauszureißen. Ist es übertriebene Furchtsamkeit, die ihn hindert, sein Urteil kund zu tun, so muß man sie durch liebevolles Zureden verscheuchen, muß seine Schüchternheit durch brüderliche Behandlung mäßigen, muß sich durch Fragen von seinem Verständnis überzeugen und muß ihm Mut einsprechen, sich frei darüber zu äußern, wo er Einwände machen zu müssen glaubt. Man frage ihn auch, ob er nicht etwa von diesen Dingen schon einmal gehört habe und ob sie ihn nicht vielleicht als etwas gar wohl Bekanntes ansprächen; je nach seiner Antwort verfahre man dann mit ihm: man spreche entweder deutlicher und klarer, widerlege die gemachten Einwürfe oder lasse sich über das ihm schon Bekannte nicht mehr so weitläufig aus, sondern fasse es kurz zusammen und wähle schließlich einige mystische Stellen der Heiligen Schrift vor allem im [katechetischen] Vortrag selbst aus und erkläre sie in ihrem eigentlichen Sinn, um den Vortrag anziehend zu gestalten. Ist der Zuhörer aber gar zu schwerfällig, so daß er auch für solche Schönheiten keinen Sinn oder gar nur Abneigung hat, dann ertrage man ihn eben mit Nachsicht und schärfe ihm nach einer nur knappen Behandlung vor allem andern lediglich das Allernotwendigste ein, d.h. die Wahrheiten von der Einheit der Kirche, von den Versuchungen, vom christlichen Wandel, den wir wegen des künftigen Gerichtes zu führen haben, und verlege sich darauf, mehr für ihn zu Gott, als vor ihm von Gott zu sprechen.

Auch das kommt oft vor, daß einer, der anfangs gerne zuhörte, vom Aufpassen und Stehen müde wird und den Mund öffnet, aber nicht um Beifall zu spenden, sondern um zu gähnen, und daß er so, ohne es zu wollen, erkennen läßt, er möchte gerne fortgehen. Sobald man so etwas merkt, so muß man seine Aufmerksamkeit von neuem wecken, indem man seine Rede mit einem anständigen und dem Gegenstand angemessenen Scherz würzt oder indem man von etwas recht Merkwürdigem und Staunenswertem oder auch von etwas Traurigem und Beklagenswertem spricht; mehr noch [hilft es vielleicht], wenn man von ihm selbst redet, um ihn durch das Interesse an der eigenen Person wach zu erhalten. Doch soll man nicht irgendwie durch Schroffheit sein Zartgefühl verletzen, sondern muß ihn vielmehr durch freundliche Behandlung anziehen; man komme ihm vielleicht auch dadurch entgegen, daß man ihn zum Sitzen einlädt. Es ist übrigens zweifelsohne überhaupt besser, dem Zuhörer, wo es füglich geschehen kann, gleich von Anfang an einen Sitz anzubieten. Noch weit angemessener aber ist es, wenn wie in manchen überseeischen Kirchen nicht nur der Bischof sitzt, wenn er zum Volke spricht, sondern wenn auch das Volk seine Sitze hat, damit nicht etwa ein Schwacher vom Stehen ermüdet und auf diese Weise von der so notwendigen Aufmerksamkeit abgezogen wird oder gar ganz weggehen muß. Dabei besteht aber doch ein großer Unterschied, ob sich einer aus der großen Gemeinde, der schon durch die Teilnahme an den Sakramenten festgehalten wird, der Erholung halber entfernt, oder ob einer weggeht, der eben erst durch die ersten Sakramente Aufnahme finden soll; [wenn dieser sich entfernt, dann] wird er sich in der Regel unbedingt dazu gedrängt fühlen, wenn er nicht etwa vor lauter Übelkeit in eine Ohnmacht fallen will; dabei schämen sich solche Leute, den Grund anzugeben, warum sie gehen müssen, obwohl sie vor Schwäche gar nicht mehr stehen können. Ich kann da aus Erfahrung sprechen: denn so ging es mir einmal in einer Katechese mit einem Bauersmann; aus diesem Fall habe ich gelernt, wie fürsorglich man in dieser Beziehung sein muß. Oder wer wird es nicht als eine unerträgliche Anmaßung von unserer Seite auffassen, wenn wir Leute, die doch unsere Brüder sind oder die, was wir uns mit noch größerer Sorgfalt sollen angelegen sein lassen, noch unsere Brüder werden sollen, in unserer Gegenwart nicht sitzen lassen; hat ja doch ein Weib sogar unserm Herrn sitzend zugehört, vor dem selbst die Engel stehen. Allerdings, wenn der Vortrag nur kurz werden soll oder wenn kein passender Platz zum Sitzen vorhanden ist, dann mögen die Zuhörer immerhin stehen, aber auch da nur, wenn ihre Zahl groß ist und wenn es keine Katechumenen sind. Kommen nämlich nur einer oder zwei oder doch nur wenige zu dem Zwecke, um Christen zu werden, so ist es gefährlich, sie bei unserm Vortrag stehen zu lassen. Ist dies aber doch von Anfang an so geschehen, so muß man dem Zuhörer, wenigstens sobald man ihn überdrüssig werden sieht, einen Sitz anbieten, ja ihn förmlich zum Sitzen nötigen und dann von etwas reden, was ihn wieder von neuem anregt und etwa auch jene Unbehaglichkeit, die ihn vielleicht schon zu zerstreuen begann, wieder aus seinem Geist zu vertreiben geeignet ist. Da nämlich die Gründe, warum er uns teilnahmslos die weitere Aufmerksamkeit versagt, ungewiß sind, so lasse man ihn zuerst sich setzen und rede dann, wie gesagt, auf scherzhafte oder auch auf ernsthafte Weise von etwas, was von den zerstreuenden Gedanken an weltliche Geschäfte abbringt: sind es dann gerade diese Geschäfte, mit denen sich der Geist abgegeben hatte, so müssen sie wohl weichen, da sich ja unsere Anklage gewissermaßen namentlich gegen sie wendet; sind sie es aber nicht und ist jener bloß durch das Aufmerken müde geworden, so wird gerade dadurch, daß wir von diesen Gedanken geradeso, als ob sie wirklich vorhanden wären — wir wissen dies aber eigentlich nicht —, in der angegebenen Weise ganz unerwartet und vom eigentlichen Gegenstand abspringend etwas sagen, die Aufmerksamkeit aufs neue wieder angeregt. Doch soll dies nur kurz geschehen, vor allem deshalb, weil es ja außerhalb des Zusammenhangs liegt; denn sonst könnte ja gerade das Heilmittel selbst die Krankheit des Überdrusses, der wir doch entgegenarbeiten wollen, noch verstärken. Im übrigen beeile man sich, verspreche und mache auch wirklich bald Schluß.

Hat unsere Unlust darin ihren Grund, weil wir durch den katechetischen Unterricht von anderen Arbeiten abgehalten werden, so sollen wir bedenken, daß vor Gott die Arbeit für fremde Seelen wertvoller ist als unsere private Beschäftigung. — Ist fremdes Ärgernis an unserer Unlust schuld, so soll der Gedanke, dem lieben Gott eine neue Seele gewissermaßen als Entgelt retten zu können, uns aneifern; sind wir aber wegen unserer eigenen Sündhaftigkeit niedergedrückt, so soll ein doppelter Eifer in der Seelsorge unsere Buße dafür sein

Wenn du aber deshalb mißgestimmt bist, weil du ein anderes, dir notwendiger erscheinendes Geschäft, von dem du gerade in Anspruch genommen warst, liegen lassen mußt und wenn du aus Unmut hierüber deinen Unterricht schlecht gelaunt gibst, so mußt du bedenken, daß wir eigentlich nur das eine sicher wissen, daß wir bei all unserm Wirken für die Menschen uns nur von Barmherzigkeit und von reinster Liebe antreiben lassen müssen; aber abgesehen davon ist es ganz ungewiß, welche von unseren Verrichtungen gerade die nützlichere ist und welche wir [im einzelnen Fall] besser unterbrechen oder auch ganz unterlassen sollen. Was nämlich die Menschen, denen unser Wirken gilt, von Seiten Gottes verdienen, das wissen wir ja nicht; was darum für die Menschen im einzelnen Fall gerade nützlich ist, das beruht nicht so fast auf einem Wissen, als vielmehr nur auf einem recht schwachen und unsicheren Erschließen unsererseits. Wir müssen darum unsere Geschäfte zwar nach unserem [besten] Verständnis ordnen: können wir sie dann in der von uns beabsichtigten Ordnung auch ausführen, dann wollen wir uns darüber freuen, aber nicht darob, weil wir, sondern weil Gott sein Wohlgefallen daran gehabt hat; tritt aber ein Zwangsfall ein, der diese unsere [schöne] Ordnung stört, so sollen wir uns gern beugen, aber nicht brechen: soll ja doch die von Gott der unsrigen vorgezogene Ordnung auch die unsrige sein. Denn es ist wahrlich geziemender, daß wir seinem Willen folgen, als daß er sich nach dem unsrigen richten muß. Denn schon wenn wir uns für unsere Geschäfte nach eigenem Gutdünken eine Ordnung festsetzen, ist sie nur dann lobenswert, wenn in ihr das Wichtigere voransteht. Warum sollten also wir Menschen darüber traurig sein, daß Gott den Vorrang vor uns Menschen verlangt, wenn er doch soviel mehr ist als wir? Wollten wir vielleicht gerade in dem Augenblick, wo wir der von uns aufgestellten Ordnung den Vorzug geben, aus der eigentlichen [von Gott gewollten] Ordnung heraustreten? Denn derjenige ordnet seine Geschäfte am besten, der größere Bereitwilligkeit hat, auf das zu verzichten, woran die Macht Gottes ihn hindert, als wer darnach begehrt, das zu tun, worauf er mit seinem menschlichen Denken sinnt. Gar vielfach sind nämlich die Gedanken eines Menschen, der Ratschluß des Herrn aber bleibt in Ewigkeit.

Gesetzt aber, wir brächten deshalb keinen von Herzen kommenden und ansprechenden Vortrag zustande, weil wir durch irgendein Ärgernis aus der Verfassung gebracht worden sind, so muß unsere Liebe zu denen, für die Christus gestorben ist, um sie durch den Preis seines Blutes von dem Tode der Irrtümer dieser Welt zu erlösen, so groß sein, daß, sobald uns in unserer Mißstimmung gemeldet wird, es sei jemand da, der Christ werden wolle, gerade diese Nachricht unsere Mißstimmung besänftigen, ja völlig beseitigen muß, geradeso, wie die Freude an einem Gewinn den Schmerz über einen erlittenen Verlust lindert. Denn nur ein Ärgernis über einen solchen versetzt uns in Trauer, von dem wir glauben oder sehen, daß entweder er selbst oder ein Schwacher durch seine Schuld zugrunde geht. Kommt also nun ein anderer, um sich in die Kirche aufnehmen zu lassen, so mag er durch die Hoffnung, die er auf seine Rettung gibt, den Schmerz über den Untergang dessen aufwiegen, an dessen Abfall wir Ärgernis nehmen. Mag immerhin auch noch die Furcht Platz greifen, es könne der Neuangekommene vielleicht doch noch ein Kind der Hölle werden, da wir so viele derartige Fälle vor Augen haben, wovon eben jene Ärgernisse, die uns so wehe tun, herrühren, so darf dies für uns doch kein Grund zum Nachlassen, sondern vielmehr ein Anlaß zu noch größerem eifrigen Bemühen sein. Wir sollen vielmehr gerade deshalb unsere Schüler dazu ermahnen, sich doch recht vor einer Nachahmung derer zu hüten, die nicht in Wahrheit, sondern nur dem Namen nach Christen sind; die große Anzahl solcher Christen dürfe ihn nicht dazu verleiten, ihnen zu folgen oder ihretwegen vielleicht Christus nicht zu folgen oder nicht zu der Kirche Gottes gehören zu wollen, zu der solche Leute gehören, oder in dieser Kirche ein solches Leben führen zu wollen wie jene. Bei solchen Ermahnungen gewinnt der Vortrag ein merkwürdig höheres Feuer, das sich an dem Schmerz entzündet, der uns gerade drückt: also nicht lässiger sollen wir in solcher Lage sein, sondern gerade deshalb sollen wir um so gehobener und eindringlicher im Vortrag dessen sein, was wir in ruhigeren Augenblicken kälter und schleppender vortragen würden; freuen sollen wir uns darüber, daß sich uns eine Gelegenheit bietet, wo unsere Gemütsbewegung nicht vorübergeht, ohne Frucht zu tragen.

Befällt uns aber Traurigkeit wegen eines von uns selbst begangenen Fehlers oder wegen einer Sünde, so wollen wir nicht bloß bedenken, daß ein zerknirschter Geist vor Gott ein Opfer ist, sondern wir wollen uns auch jenes Ausspruches erinnern: „Gleichwie das Wasser das Feuer, so tilgt das Almosen die Sünde aus“, und des anderen: „Barmherzigkeit will ich mehr als Opfer“. Wie wir also, wenn uns das Feuer bedroht vor allem nach Wasser eilen, um den Brand löschen zu können, und froh darüber sind, wenn jemand schnell solches herbeischafft, so müssen wir uns, wenn aus unserm Heu die Flamme der Sünde hervorbricht wjr darob in Schrecken geraten, doch auch wieder freuen daß sich uns nun Gelegenheit zu einem ganz großen Werk der Barmherzigkeit bietet und wir somit eine Quelle haben, aus der sich der entstandene Brand löschen läßt. Es müßte schon sein, daß wir so töricht wären und meinten, es sei notwendiger, mit dem Brote zu eilen, um den Magen eines Hungrigen zu stopfen, als mit dem Worte Gottes, um damit den Geist dessen zu unterrichten, der es genießt. Überdies würden wir, auch wenn diese Tätigkeit nur Nutzen, ihre Unterlassung aber keinen Schaden brächte, das Heil nicht bloß unseres Nächsten sondern auch von uns selbst in Gefahr bringen, würden wir die sich uns bietende Heilsgelegenheit zurückweisen. Wie drohend klingen aus dem Munde des Herrn schon jene Worte: „Du nichtswürdiger und träger Knecht du hättest mein Geld den Wechslern geben sollen“ Wie groß ist daher erst der Wahnsinn wollten wir deshalb, weil jene eine Sünde uns ängstigt nun noch eine neue dadurch hinzubegehen daß wir das Geld des Herrn dem nicht geben wollten, der doch inständig darnach verlangt. —

Mit solcherlei Gedanken und Erwägungen vertreibt man das Dunkel mißmutiger Verdrossenheit und schafft so die rechte Stimmung für den Unterricht, auf dass der Geist [des Zuhörers] mit Wohlgefallen in sich aufnimmt, was aus der Fülle der Liebe mit Lust und Freude [aus dem Munde des Katecheten] hervorquillt. Das sage ich nicht dir, nein, zu uns allen spricht es jene Liebe selbst „die da ausgegossen ist in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Der Lehrvortrag des Katecheten muß je nach den Zuhörern ein verschiedener sein

Aber vielleicht verlangst du nunmehr auch schon als dein gutes Recht, was ich dir gar nicht schuldig gewesen wäre, hätte ich es dir nicht vorher versprochen; vielleicht verlangst du nämlich, ich möchte dir doch einen Mustervortrag halten und dir so anschaulich einen solchen zeigen, als ob ich selbst jemanden unterrichtete. Bevor ich das jedoch tue, möchte ich dir noch folgendes zu bedenken geben: In einer ganz anderen Stimmung befindet sich bei der Abfassung [eines Vortrages] der, der an einen künftigen Leser denkt, als derjenige, der bei seinem mündlichen Vortrag seinen Zuhörer persönlich vor seinen Augen hat. Selbst in letzterem Falle ist die Stimmung ganz verschieden bei dem, der ohne kritisierenden Zeugen unter vier Augen seine Ermahnung gibt und bei dem, der öffentlich lehrt und dabei den so verschiedenartigen Meinungen seiner Zuhörerschaft ausgesetzt ist; und auch hiebei ist es wieder etwas anderes, ob der Unterricht nur einem Zuhörer gilt, während die anderen als Richter oder Zeugen über Dinge, die ihnen schon bekannt sind, dem Vortrag beiwohnen, oder ob alle zusammen auf unsern Vortrag acht geben. Und schließlich ist auch in letzterem Falle wieder ein Unterschied, ob man sich wie zu einer freundschaftlichen Unterhaltung im häuslichen Kreis zusammensetzt oder ob das Volk lautlos am Munde des von erhabener Stätte aus sprechenden Redners hängt; und auch bei dieser Vortragsweise kommt viel darauf an, ob nur wenige Zuhörer da sind oder viele, ob es gebildete oder ungebildete oder beide Arten untermischt, ob es Städter oder Bauersleute oder beides zusammen sind oder ob sich das Volk aus allen möglichen Menschenklassen zusammensetzt. Denn alle diese Umstände müssen ja doch jedesmal verschieden auf den einwirken, der da im Begriffe steht zu sprechen und einen Vortrag zu halten, und der Vortrag, der gehalten wird, muß ja doch gleichsam ein Abbild von dem geistigen Zustand des Redners sein und muß gemäß der angegebenen Verschiedenheit auch ganz verschieden auf die Zuhörer wirken, während diese selbst schon durch ihre Gegenwart verschieden aufeinander einwirken. Da wir indes hier vom ersten Religionsunterricht sprechen, so kann ich aus meiner eigenen Erfahrung bezeugen, wie ganz verschieden meine Stimmung ist, je nachdem ich bei dem Unterricht einen Gelehrten oder geistig Beschränkten, einen Einheimischen oder einen Fremden, einen Reichen oder einen Armen, einen Privatmann oder einen, der in Ehren und Würden steht, einen Angehörigen dieses oder jenes Volkes, einen Menschen dieses oder jenen Alters oder Geschlechtes, ein Mitglied dieser oder jener Sekte, einen, in diesem oder jenem Irrtum Befangenen vor meinen Augen sehe. Diese meine verschiedene Stimmung bedingt dann auch die Einleitung, den Fortgang und den Schluß meines Vortrages. Es muß zwar die Liebe zu allen gleich groß sein, allein sie darf doch nicht allen dieselbe Arznei reichen: dieselbe Liebe liegt mit den einen in Geburtswehen, ist mit den anderen schwach, ist bemüht, die einen zu erbauen und vermeidet ängstlich anderen Anstoß zu geben, zu den einen neigt sie sich herab, zu den anderen steigt sie empor, den einen begegnet sie schmeichelnd, den anderen mit Strenge, sie ist gegen niemand feindselig, für jedermann aber ist sie Mutter. Und wer in derselben Liebe noch nicht erfahren hat, was ich sage, der hält uns deshalb für glücklich, weil er mit Freuden sieht, wie uns in einem gewissen Grad die Gabe zuteil geworden ist, in anerkennenswerter Weise den Leuten zu Herzen zu reden. Gott aber, vor dessen Angesicht das Seufzen der Gefangenen hintritt, möge unsere Armseligkeit und Mühsal ansehen und uns all unsere Sünden verzeihen. Gefällt dir demnach das eine oder andere an mir und wünschest du darum von mir ein Muster für deinen Vortrag zu erhalten, so würdest du die Sache doch viel besser erfassen, wenn du mich während meines Vortrages selber sähest und hörtest, statt bloß zu lesen, was ich darüber niederschreibe.

Die grosse Kathechese

Die Hinwendung zu Christus und seiner Lehre gewährt wahre Ruhe

Setzen wir indes den Fall, es habe sich einer bei uns eingefunden, der Christ werden will; er ist ein Mensch ohne höhere Bildung, jedoch keiner vom Lande, sondern aus der Stadt, so wie sie dir in Karthago in der Regel vorkommen müssen; du hast ihn auch bereits darüber befragt, ob er um irgendeines irdischen Vorteiles wegen Christ werden will oder um jenes Ruhezieles willen, auf das wir nach diesem Leben hoffen: einen solchen Menschen würde ich mit folgendem Vortrag unterrichten: Gott sei Dank, mein Bruder! Ich wünsche dir von Herzen Glück und freue mich darüber, daß du in den großen und gefahrvollen Stürmen dieser Zeitlichkeit darauf bedacht bist, dich wahrhaft und wirklich sicherzustellen. Schon in diesem Leben suchen ja die Menschen mit großer Mühe nach Ruhe und Sicherheit, finden sie aber wegen ihrer bösen Neigung nicht. Sie wollen nämlich die Ruhe in ruhelosen und vergänglichen Dingen finden; da diese Dinge aber durch den Schwund der Zeit hinweggenommen werden und vergehen, so quälen sie den Menschen durch ständige schmerzliche Furcht und lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Will sich aber der Mensch im Besitz von Erdengütern beruhigen, so machen sie ihn hochfahrend, aber nicht zufrieden. Oder sehen wir nicht, wie so viele ihren Reichtum plötzlich verlieren, wieviele andere zugrunde gehen, weil sie entweder nach ihm trachten oder weil sie mit seinem Verlust noch gierigeren Menschen zur Beute werden? Würde aber auch der Reichtum dem Menschen sein ganzes Leben lang bleiben und ließe er seinen Liebhaber nicht im Stiche, so müßte doch der Mensch bei seinem Tode ihn verlassen. Denn wie lange dauert das Leben des Menschen und wenn er noch so alt würde? Und wenn sich die Menschen ein hohes Alter wünschen, was wünschen sie sich damit anders als ein lange dauerndes Siechtum? Geradeso ist es mit den Ehren dieser Welt: was sind sie anders als leerer Stolz und eine stets drohende Gefahr des Verderbens? Denn also heißt es in der Heiligen Schrift: „Alles Fleisch ist nur Heu und die Herrlichkeit des Menschen ist nur eine Heublume. Das Heu verdorrt und die Blume fällt ab: das Wort des Herrn aber bleibt in Ewigkeit.“ Wer sich also nach wahrer Ruhe und nach wahrem Glück sehnt, der darf seine Hoffnung nicht auf sterbliche und vergängliche Dinge setzen, sondern muß sie auf das Wort des Herrn bauen, damit er in fester Verbindung mit dem, was ewig bleibt, selber in Ewigkeit bleibe.

Es gibt dann auch Menschen, die zwar nicht reich sein wollen und die nicht nach dem eitlen Glanz der Ehre trachten, die aber ihre Freude und ihre Befriedigung in Schwelgerei und Unzucht, in Theatern und leichtfertigen Schauspielen suchen, wie die großen Städte sie ihnen unentgeltlich darbieten. Aber auf solche Weise bringen auch diese Leute ihr bescheidenes Vermögen in ihrer Üppigkeit durch und von der Not lassen sie sich dann am Ende zu Diebstahl und Einbruch, ja häufig sogar zu offenem Raub verführen; es überfällt sie dann oft auf einmal große Furcht, und während sie eben noch in der Kneipe jubelten, träumen sie nun schon von der Trübsal des Gefängnisses. In ihrer Leidenschaft für Schauspiele werden sie aber wie Dämonen: durch ihr Geschrei hetzen sie Menschen dazu auf, aufeinander loszuschlagen und miteinander auf Leben und Tod zu kämpfen, Menschen, die einander nicht beleidigt haben und nur dem wahnsinnigen Volk zu gefallen wünschen: sehen die Zuschauer, daß die Gladiatoren miteinander verträglich sind, dann wüten sie voll Haß gegen sie, verlangen mit Geschrei, man müsse auf sie wie auf Falschspieler mit Prügeln einhauen und zwingen sogar den Richter, den Rächer des Unrechts, zu solcher Ungerechtigkeit. Sehen die Zuschauer aber, daß die Gladiatoren schauerliche Feindschaft gegeneinander haben — ganz gleich, ob es nun leibhaftige Räuber sind oder Schauspieler oder Musiker oder Wagenlenker oder Tierkämpfer: lauter unglückselige Menschen, die man nicht etwa bloß zum Wettkampf gegen Menschen, sondern auch gegen Tiere zwingt —, so sind sie ihnen um so lieber und um so willkommener, von je größerem Haß sie dieselben entbrannt sehen; sie klatschen den wütenden Kämpfern noch Beifall und bringen sie durch diesen Beifall noch mehr in Wut und damit rasen dann die Zuschauer selbst alle zusammen gegeneinander mehr noch als jene, deren Raserei sie selber rasend hervorrufen und an der sie in ihrer Raserei eine Augenweide haben wollen. Wie kann da der Geist die Gesundheit des Friedens finden, wenn er sich an Zwietracht und Kampf weidet? Denn nach der Nahrung, die man genießt, richtet sich der Gesundheitszustand. Schließlich sind freilich wahnsinnige Freuden eigentlich überhaupt keine Freuden: allein mag es damit auch sein wie immer und mag man sich noch so glücklich fühlen in der Prahlerei des Reichtums, in der Aufgeblasenheit von Ehrenstellen, in Völlerei und Schwelgerei, in den Kämpfen der Schauspiele, in dem Schmutz der Unzucht, in der Geilheit der Bäder: all diese Lust nimmt ein einziges Fieberchen hinweg, das, noch solang man lebt, die ganze falsche Seligkeit vernichtet; übrigens bleibt dann nur das öde, blutende Gewissen, das nunmehr den Gott als Richter fühlen wird, den es nicht als Beschirmer haben wollte, und das nunmehr den als gestrengen Herrn kennen lernen wird, den es nicht als gütigen Vater suchen und lieben wollte.

Du aber suchst die wahrhaftige Ruhe, die dem Christen nach diesem Leben in Aussicht gestellt wird; du wirst darum diese süße, erquickende Ruhe auch schon unter den so bitteren Beschwernissen dieses Lebens verkosten dürfen, wenn du die Gebote desjenigen hebst, der dir jene Ruhe versprochen hat. Denn gar bald wirst du erkennen, daß die Früchte der Gerechtigkeit süßer sind als die der Sünde, und daß mitten in den Beschwerden [des Lebens] die Freuden eines guten Gewissens wahrhaftiger und süßer sind als mitten in den Vergnügungen die Freuden des bösen Gewissens; denn du bist ja nicht deshalb gekommen, dich in die Kirche Gottes aufnehmen zu lassen, damit du aus ihr irgendeinen zeitlichen Vorteil ziehest.

Zu der im Christentum liegenden beglückenden Ruhe gelangt natürlich nur, wer aus reiner Absicht zur christlichen Religion übertritt

26. Es gibt nämlich Leute, die deswegen Christen werden wollen, um sich denen angenehm zu machen, von denen sie zeitlichen Vorteil erhoffen oder um bei denen nicht anzustoßen, die sie fürchten. Aber das sind Verworfene und wenn sie die Kirche auch eine Zeitlang trägt, wie ja auch die Tenne bis zur Zeit der Reinigung Platz für die Spreu hat, so werden auch diese Leute schließlich ausgeschieden werden, wenn anders sie sich nicht bessern und anfangen, um der künftigen, ewigen Ruhe willen wahre Christen zu sein. Sie mögen sich nicht damit schmeicheln, daß sie auf der Tenne noch mit dem Getreide Gottes vermischt sein können: in die Kornkammer werden sie nicht mit ihm gelangen, sondern sie werden für das verdiente Feuer bestimmt. — Wieder andere gibt es, die zwar mehr Aussicht haben, die aber doch in nicht geringer Gefahr schweben: diese leben allerdings in der Furcht Gottes, lästern auch den christlichen Namen nicht und treten auch nicht mit heuchlerischem Herzen in die Kirche Gottes ein, aber sie erwarten ihr Glück schon in diesem Leben und wollen in ihren irdischen Angelegenheiten mehr Glück haben als jene, die Gott nicht verehren; sehen solche Leute dann, wie manche böse und verruchte Menschen im Erdenglück schwelgen und darin voran sind, während sie selber wenig damit bedacht sind oder es gleich ganz einbüßen müssen, so werden sie irre, als ob sie Gott vergeblich verehrten und fallen leicht vom Glauben ab.

Wer aber wegen der ewigen Seligkeit und wegen der unaufhörlichen Ruhe, die den Heiligen für die Zeit nach diesem Leben in Aussicht gestellt ist, zum Christentum übertritt, um nicht mit dem Teufel in das ewige Feuer, sondern mit Christus in das ewige Reich einzugehen, der ist ein wahrer Christ. So einer ist in jeder Versuchung vorsichtig, auf daß das Glück ihm nicht zum Verderben werde und das Unglück ihn nicht breche, er ist maßvoll und bescheiden im Überfluß irdischer Güter und stark und geduldig in Trübsalen. In seinem Fortschreiten wird er dann auch zu einer solchen Geistesverfassung gelangen, daß seine Liebe zu Gott mächtiger ist als seine Furcht vor der Hölle, so daß er, selbst wenn ihm Gott sagte: „Fröne in alle Ewigkeit den Gelüsten des Fleisches und sündige, soviel du nur kannst: du sollst nicht sterben und auch nicht in die Hölle kommen: nur mit mir sollst du nicht vereint sein“, selbst dann zurückschaudern und auf keinen Fall sündigen würde. Das würde er nicht tun, um nicht dem zu verfallen, was er fürchtete, sondern um jenen nicht zu beleidigen, den er liebt und bei dem allein jene Ruhe ist, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und die in keines Menschen Herz gedrungen ist, die aber Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.

Von dieser Ruhe redet auch die Heilige Schrift und sie schweigt nicht davon, daß Gott im Anbeginn der Welt, da er Himmel und Erde und alles, was darin ist, geschaffen hat, in sechs Tagen sie gemacht, am siebten Tage aber geruht hat. Als der Allmächtige hätte er ja auch in einem einzigen Augenblick alles hervorbringen können. Er hatte aber nicht [mühsam] gearbeitet, um dann auszuruhen, denn „er sprach und es wurde, er befahl und es ward geschaffen“, sondern um anzudeuten, daß er, nachdem diese Welt sechs Zeiträume lang bestanden, im siebten Zeitraum oder gleichsam am siebten Tag ruhen werde in seinen Heiligen; denn diese werden dann in ihm ruhen nach all den guten Werken, in denen sie ihm gedient haben und die er selbst in ihnen wirkt, er, der da beruft und Gebote gibt, der die begangenen Sünden nachläßt und den rechtfertigt, der vordem ungerecht war. Wie es aber mit Recht heißt, er sei der Wirkende, wenn seine Heiligen vermöge seiner Gnade Gutes wirken, so wird er auch, wenn sie in ihm ruhen, ebenso richtig als selbst ruhend bezeichnet. Denn er für seine Person verlangt nach keiner Unterbrechung der Arbeit, da er ja dabei eine Anstrengung nicht empfindet. Aber er hat alles durch sein Wort geschaffen, und dieses Wort ist Christus selbst, in dem die Engel und alle reinsten Geister des Himmels in heiligem Schweigen ruhen. Der Mensch aber hat durch den Fall in die Sünde jene Ruhe verloren, die er in der Gottheit [des ewigen Wortes] hatte, und er gewinnt sie nur wieder durch dessenMenschheit. Darum ist Christus zu seiner Zeit, als er es in seiner Weisheit für notwendig erachtete, Mensch geworden und vom Weibe geboren worden. Dabei konnte er natürlich vom Fleische nicht befleckt werden, da er ja selbst dazu bestimmt war, das Fleisch zu reinigen. Sein künftiges Erscheinen haben die Heiligen des Alten Bundes dank der Offenbarung des [Heiligen] Geistes erkannt und vorhergesagt und so sind sie selig geworden, weil sie an seine dereinstige Ankunft glaubten, wie auch wir selig werden durch den Glauben, daß er bereits gekommen ist. Wir sollten so Gott lieben, der uns so sehr geliebt hat, daß er seinen einzigen Sohn sandte, damit er mit der Niedrigkeit unserer sterblichen Natur bekleidet durch die Hand von Sündern und für Sünder den Tod erleide. So ist dieses tiefe Geheimnis bereits vom Anbeginn der Welt ohne Unterlaß vorgebildet und angekündigt worden.

Von der Erschaffung der Menschen und der übrigen Geschöpfe

Da nun Gott allmächtig ist und dazu gut und gerecht und barmherzig, so hat er alles gut gemacht, das Große und das Kleine, das Höchste und das Niedrigste, das, was sichtbar ist, nämlich Himmel und Erde und Meer und am Himmel Sonne und Mond und alle übrigen Gestirne, auf der Erde aber und im Meer Bäume und Sträucher und Tiere jeglicher Art, kurz alle Himmels- und Erdenkörper, dazu das was unsichtbar ist, nämlich die Geister, wodurch die Körper Wachstum und Lebenskraft haben. Auch den Menschen hat er erschaffen, und zwar nach seinem Ebenbild, damit wie er selber durch seine Allmacht die ganze Schöpfung beherrscht, so der Mensch durch seine Vernunft, womit er zugleich seinen Schöpfer erkennt und verehrt, alle irdischen Wesen beherrsche. Er schuf ihm auch zur Gehilfin das Weib, nicht zum Zweck der Fleischeslust, denn ihre Körper waren ja, ehe sie der Sterblichkeit als Sündenstrafe unterlagen, auch der Verderbnis nicht unterworfen, sondern damit der Mann Ehre habe von seinem Weibe, indem er ihm den Weg zu Gott voranwandle und ihm in Heiligkeit und Hingebung ein Beispiel zur Nachahmung gebe, geradeso wie der Mann selber der Ruhm Gottes gewesen wäre, wenn er Gottes Weisheit nachgefolgt wäre.

Gott setzte dann die Menschen an einen Ort beständiger Glückseligkeit, den die Heilige Schrift Paradies nennt, und gab ihnen ein Gebot, dessen getreue Haltung ihnen den dauernden Besitz einer glückseligen Unsterblichkeit gesichert hätte, dessen Übertretung sie aber mit der Strafe des Todes büßen sollten. Gott wußte zwar voraus, daß sie das Gebot übertreten würden; dennoch schuf er sie, um so mehr, da er ja auch die Tiere schuf, um so die Erde mit irdischen Gütern anzufüllen; denn er ist ja der Schöpfer und Urheber alles Guten. Auch im Stande der Sünde ist ja der Mensch fürwahr immer noch besser als das Tier. Und das Gebot, das sie nicht halten sollten, hat er ihnen auch mehr deshalb gegeben, damit sie keine Entschuldigung hätten, falls er sie zu strafen beginne; denn mag der Mensch auch handeln wie er will, Gott zeigt sich ihm bei seinen Handlungen immer preiswürdig: preiswürdig in seiner lohnenden Gerechtigkeit, wenn der Mensch Gutes tut, preiswürdig aber auch in seiner strafenden Gerechtigkeit, wenn der Mensch sündigt, preiswürdig in seiner verzeihenden Barmherzigkeit, wenn der Mensch seine Sünde bekennt und zu einem gerechten Leben zurückkehrt. Warum hätte also Gott den Menschen nicht erschaffen sollen, wenn er auch vorauswußte, daß er sündigen werde? Wollte er ihm ja doch die Krone geben, wenn er aufrecht bliebe, wollte er ihm ja doch seine rechte Stellung anweisen, wenn er fiele und wollte er ihm ja doch helfen, wenn er wieder aufstände: immer und überall gleich glorreich in seiner Güte und Gerechtigkeit und Milde. Vor allem aber sah er zugleich auch voraus, daß aus diesem sterblichen Geschlechte einmal Heilige hervorgehen würden, die nicht das Ihrige suchen, sondern ihrem Schöpfer die Ehre geben würden und die in seinem Dienste von aller Verderbnis frei werden und sich ein ewiges, seliges Leben mit den heiligen Engeln verdienen würden. Denn er, der den Menschen den freien Willen gegeben hat, damit sie nicht in knechtischer Notwendigkeit, sondern in freier Selbstentscheidung Gott verehrten, hat jenen freien Willen auch den Engeln gegeben; darum hat auch jener Engel, der mit den anderen ihm anhängenden Geistern in Hochmut Gott den Gehorsam aufsagte und so zum Teufel wurde, nicht Gott geschadet, sondern nur sich selbst. Denn Gott weiß auch die von ihm abfallenden Seelen seiner Ordnung zu unterwerfen und aus ihren gerechten Qualen für die niedrigen Teile seiner Schöpfung durch die angemessensten und weisesten Gesetze seiner wunderbaren Fügung Gutes zu ziehen. So hat weder der Teufel Gott geschadet, als er selber [in Sünde] fiel oder als er den Menschen zum Tode verführte, noch hat auch der Mensch irgendwie der Wahrheit oder der Macht und Glückseligkeit seines Schöpfers Eintrag getan, als er freiwillig seinem vom Teufel verführten Weibe zu dem zustimmte, was Gott verboten hatte. Denn ganz mit Recht sind sie alle nach den Gesetzen Gottes verworfen worden, Gott steht glorreich da in der Gerechtigkeit seiner Rache, sie aber stehen voll Schande da in ihrer schmachvollen Strafe: denn der Mensch, der sich von Gott abwendet, muß dem Teufel unterliegen und ihm unterworfen werden, der Teufel aber soll wieder in dem Menschen, der sich seinem Schöpfer wieder zuwendet, seinen Besieger finden; alle aber, die bis zum Ende in der Gemeinschaft mit dem Teufel ausharren, sollen mit ihm in die ewige Verdammnis eingehen, alle jedoch, die sich demütig unter Gott beugen und mit seiner Gnade über den Teufel Herr werden, sollen ewigen Lohn verdienen.

Es gibt seit der Erschaffung der Menschheit, also auch im Schoße der Kirche, Gute und Schlechte nebeneinander. Schon die Gerechten des Alten Bundes gehörten dank der kommenden Erlösungsgnade Christi zur Kirche

Aber auch das darf uns nicht anfechten, daß sich so viele dem Teufel ergeben und nur so wenige zu Gott halten: ist ja doch auch das Getreide im Vergleich zur Spreu viel weniger. Wie aber der Bauer recht wohl weiß, was er mit dem großen Spreuhaufen tun soll, so hat auch bei Gott die große Menge der Sünder nichts zu bedeuten: er weiß ja, was er mit ihnen tun soll, damit die Ordnung in seinem Reiche in keiner Weise störend beeinflußt werde. Man darf nicht glauben, deshalb, weil der Teufel die Mehrzahl auf seine Seite gezogen hat, deshalb sei er nun auch Sieger; denn samt dieser Mehrzahl wird er von den wenigen überwunden. So gibt es von Anfang der Menschheit an zwei Reiche, das der Bösen und das der Heiligen; und sie dauern bis zum Ende der Welt. Körperlich sind sie jetzt noch miteinander vermischt, der Gesinnung nach aber sind sie [jetzt schon] getrennt, am Gerichtstage müssen sie sich auch äußerlich voneinander trennen. Denn alle Menschen, die an Hoffart und zeitlicher Gewalt, an eitlem Stolz und anmaßendem Gepränge ihre Freude haben, sowie alle Geister, welche die gleiche Liebe hegen und ihren Ruhm darin suchen, sich die Menschen Untertan zu machen, sind gleichsam zu einer Familie verbunden; und wenn sie auch häufig untereinander um den Besitz solcher irdischer Güter streiten, so lassen sie sich doch alle von der auf ihnen lastenden Begierlichkeit dem gleichen Abgrunde zutreiben und bilden eine Gemeinschaft in bezug auf die gleiche Beschaffenheit ihrer Sitten und Verdienste. Anderseits gehören zu einer Gemeinschaft alle diejenigen Menschen und Geister, die in demütiger Unterwerfung die Ehre Gottes und nicht ihre eigene suchen und mit frommem Sinn Gottes Wege wandeln. Trotzdem ist dabei aber Gott überaus erbarmungsreich und langmütig auch gegen die Gottlosen und läßt ihnen Gelegenheit zur Buße und Besserung.

Denn wenn er auch in der Sintflut mit Ausnahme des einen Gerechten und seiner Familie, die er in der Arche retten wollte, alle Menschen vernichtet hat, weil er wußte, daß sie sich nicht bessern würden, so wurde jenen doch wahrlich durch den hundert Jahre dauernden Bau der Arche das ihnen bevorstehende Strafgericht Gottes laut genug angekündigt. Gott hätte sie auch geschont, wenn sie sich zu ihm bekehrt hätten, so wie er später die Stadt Ninive wirklich verschont hat, als sie Buße tat, sobald er ihr durch den Propheten ihren bevorstehenden Untergang androhen ließ. Geradeso macht es aber Gott auch mit denen, von denen er weiß, daß sie in ihrer Bosheit verharren werden: er gibt ihnen Zeit zur Buße, um uns in der Geduld zu üben und an seinem Beispiel zu lernen, mit welch großer Langmut auch wir die Bösen ertragen müssen; wissen wir ja doch nicht, was in Zukunft aus ihnen werden wird, indem sie selbst derjenige schonend am Leben läßt, dem doch auch das Zukünftige nicht verborgen ist. — Durch das Geheimnis der Sintflut, in der die Gerechten durch das Holz [der Arche] gerettet wurden, wurde aber auch die zukünftige Kirche vorgebildet, die Christus, ihr König und Gott, durch das Geheimnis seines Kreuzes über den Fluten dieser Welt aufgerichtet hat. Denn auch das wußte Gott gar wohl, daß auch von den in der Arche geretteten Menschen wieder Böse geboren würden, die das Antlitz der Erde abermals mit ihren Sünden erfüllen würden: er gab jedoch [mit der Sintflut] zugleich auch ein Vorbild des künftigen Gerichtes und deutete damit zugleich die Befreiung der Heiligen durch das Geheimnis des Holzes vorher an. Denn auch nachher hörte die Bosheit nicht auf, stets von neuem ins Unkraut des Hochmutes, der Begierlichkeit und der unerlaubten Lüste zu schießen. Nachdem nämlich die Menschen einmal ihren Schöpfer verlassen hatten, sanken sie nicht bloß zu der von Gott erschaffenen Kreatur herab, so daß sie nicht Gott selbst, sondern nur die Werke Gottes verehrten. Sie erniedrigten sich sogar bis zu Werken aus Menschenhand und zu Gebilden von Handwerkern, so daß der Teufel und seine Geister um so schmählicher über die Menschen triumphieren konnten; denn deren Freude ist es ja, sich unter solchen Trugbildern anbeten und verehren zu lassen und die menschlichen Verirrungen sind sozusagen die Weide für die Ihrigen.

Aber auch da fehlte es fürwahr nicht an gerechten Menschen, die frommen Sinnes Gott suchten und die Hoffart des Teufels überwanden; diese waren Bürger jener heiligen Stadt, die ihr Heil fanden in der künftigen Niedrigkeit Christi, ihres Königs, die ihnen durch den [Heiligen] Geist geoffenbart wurde. Unter ihnen war Abraham, der fromme und getreue Knecht Gottes, dazu auserwählt, daß ihm das Geheimnis des Sohnes Gottes kundgetan werde, auf daß die Gläubigen aller Völker in der Nachahmung seines Glaubens seine künftigen Söhne heißen sollten. Von ihm stammte jenes Volk, von dem der eine wahre Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, verehrt werden sollte, während die übrigen Völker den Götzenbildern und den Teufeln dienten. In diesem Volke war die Kirche Gottes schon viel deutlicher vorgebildet. Die große Masse desselben war nämlich allerdings fleischlich gesinnt und verehrte Gott nur um seiner sichtbaren Wohltaten willen; einzelne indessen gedachten doch der zukünftigen Ruhe und trachteten nach dem himmlischen Vaterlande und diesen wurde in Prophezeiungen die künftige Erniedrigung Gottes, unseres Königs und Herrn Jesus Christus, geoffenbart, damit sie durch diesen Glauben von jeglicher Hoffart und Überhebung geheilt würden. Bei diesen Heiligen, die der Zeit nach der Geburt des Herrn vorangingen, war nicht nur ihr Wort, sondern auch ihr Leben, ihre Eheschließung, ihre Kinder und ihre Taten eine Prophetie der Jetztzeit, in der sich die Kirche aus den Heiden zusammenschart durch den Glauben an das Leiden Christi. Durch jene heiligen Patriarchen und Propheten wurden dem so fleischlich gesinnten Volke Israel, das später auch „die Juden“ geheißen wurde, sowohl die irdischen Wohltaten zuteil, die sie in ihrer fleischlichen Gesinnung vom Herrn erbaten, wie auch die körperlichen Züchtigungen, wodurch sie zur rechten Zeit erschreckt werden sollten, so wie es ihre Herzenshärtigkeit verdiente. Aber in all diesen Dingen lag schon die Andeutung von geistigen, auf Christus und seine Kirche bezüglichen Geheimnissen und schon jene Heiligen selbst waren Glieder eben dieser Kirche, wenngleich sie schon lebten, bevor noch Christus der Herr dem Fleische nach geboren wurde. Denn er, der eingeborene Sohn Gottes, das Wort des Vaters, gleichen Wesens und gleich ewig mit dem Vater, durch das alles gemacht worden ist, ist unsertwegen Mensch geworden, um das Haupt der ganzen Kirche als des ganzen Leibes zu sein. Wie aber bei der Geburt des ganzen Menschen recht wohl zuerst eine Hand erscheinen mag und wie diese dann doch in ihrer engen Verbindung mit dem ganzen Leibe dem Haupte untersteht — wie ja auch zum Vorbild hievon einige Patriarchen wirklich bei der Geburt zuerst eine Hand hervorstreckten —, so standen alle Heiligen, die vor der Geburt unseres Herrn Jesus Christus auf der Erde lebten, dennoch mit dem gesamten Körper, dessen Haupt Christus ist, in Unterordnung unter dem Haupte miteinander in Verbindung.

Der Aufenthalt des israelitischen Volkes in Ägypten und seine mystische Vorbedeutung

Dieses Volk wurde nun nach Ägypten verpflanzt, mußte dort einem sehr harten König dienen und lernte in der Schule der härtesten Mühsale in Gott seinen Befreier suchen. Aber einer aus diesem Volke selbst, der heilige Diener Gottes, Moses, wurde ihnen gesandt, der in der Kraft Gottes durch große Wunderzeichen das damals gottlose Volk der Ägypter in Schrecken setzte und das Volk Gottes von dort hinaus und durch das Rote Meer führte; hier wich das Wasser auseinander und ließ ihnen freie Bahn zum Hindurchschreiten. Ihre Verfolger aber, die Ägypter, gingen in den in sich wieder zusammensinkenden Fluten zugrunde. Wie also bei der Sintflut die Erde durch das Wasser von der Bosheit der Sünder gereinigt wurde, die damals bei der Überschwemmung ihren Untergang fanden, während die Gerechten durch das Holz [die Arche] dem Verderben entgingen, so fand auch das Volk Gottes bei seinem Auszug aus Ägypten einen Weg durch das Wasser, während seine Feinde gerade durch dieses Wasser vernichtet wurden. Aber auch dabei fehlte das Geheimnis des Holzes nicht; denn mit einem Stabe schlug Moses [auf das Wasser] um das Wunder zu bewirken. In beiden Fällen liegt ein Bild der heiligen Taufe vor, durch welche die Gläubigen zu einem neuen Leben hindurchschreiten, während ihre Sünden als ihre Feinde vernichtet werden und sterben müssen. Noch deutlicher aber wurde das Leiden Christi an jenem Volke damals vorgebildet, als ihm befohlen wurde, ein Lamm zu schlachten und zu essen und mit dessen Blut seine Türpfosten zu bestreichen, diesen Brauch alljährlich so zu begehen und diese Feier Pascha des Herrn zu heißen. Ganz klar sagte einmal die Prophezeiung von dem Herrn Jesus Christus: „Wie ein Schaf ist er zur Opferung geführt worden.“ Mit dem Zeichen dieses Leidens und Kreuzes sollst du heute an deiner Stirne wie an einem Türpfosten bezeichnet werden, so wie alle Christen damit bezeichnet werden.

Darauf wurde jenes Volk vierzig Jahre lang durch die Wüste geführt. Es empfing auch ein Gesetz, geschrieben vom „Finger Gottes“, ein Ausdruck, womit nach der ganz deutlichen Erklärung des Evangeliums der Heilige Geist bezeichnet wird. Gott ist ja von keiner körperlichen Gestalt begrenzt und man darf sich an ihm nicht Glieder und Finger denken, wie wir sie an uns sehen. Allein da durch den Heiligen Geist die Gaben Gottes den Heiligen so ausgeteilt werden, daß sie zwar verschiedene Fähigkeiten haben, aber dennoch der Einheit der Liebe nicht verlustig gehen und da sich ferner [am Leibe] gerade in den Fingern am meisten eine gewisse Trennung zeigt, jedoch ohne daß dabei eine Lostrennung von der Einheit stattfände, so wird aus diesem [oder einem andern] Grunde der Heilige Geist Finger Gottes genannt; wenn wir dies hören, dürfen wir aber nicht an die Gestalt eines menschlichen Körpers denken. Jenes Volk empfing also das vom Finger Gottes geschriebene Gesetz auf Tafeln, und zwar auf steinernen, um ihre Herzenshärtigkeit anzudeuten: sie sollten ja dieses Gesetz nicht erfüllen. Denn da sie nur irdische Güter von Gott verlangten, so wurden sie auch mehr von fleischlicher Furcht als von geistiger Liebe geleitet: das Gesetz aber erfüllt nichts als nur die Liebe. So fühlten sie sich denn belastet mit vielen sichtbaren, sakramentalen Anordnungen und niedergehalten in einem Sklavenjoch durch Beobachtung von Speisegesetzen, Tieropfern und unzähligen anderen Vorschriften: das waren jedoch alles nur Bilder geistiger Dinge, die sich auf Christus, den Herrn, und auf die Kirche bezogen; von den wenigen Heiligen der damaligen Zeit wurden sie auch tatsächlich zu ihrem eigenen Heil so verstanden und jener Zeit entsprechend beobachtet; von der großen Masse der fleischlich Gesinnten wurden sie jedoch ohne Verständnis beobachtet.

Mit so vielen und mancherlei Zeichen für die künftigen Geschehnisse, deren vollständige Aufzählung zu weit führen würde und die wir jetzt in der Kirche in Erfüllung gehen sehen, wurde jenes Volk in das Land der Verheißung geführt, um dort seinem Wunsche gemäß eine zeitliche und fleischliche Herrschaft zu begründen. Aber auch dieses irdische Reich trug die Züge eines geistigen Reiches an sich. Dort wurde Jerusalem erbaut, die hochberühmte Stadt Gottes, die als Vorbild dienen sollte für jene freie Stadt, die das himmlische Jerusalem heißt. — Jerusalem ist ein hebräisches Wort und bedeutet soviel wie „Erscheinung des Friedens“. — Bürger dieser Stadt sind alle geheiligten Menschen, die jemals waren, jetzt sind oder einmal sein werden, und auch alle geheiligten Geister, die da in den himmlischen Höhen in frommer Anbetung Gott dienen und es nicht dem frechen Hochmut des Teufels und seiner Engel gleichtun wollen. König dieser Stadt ist der Herr Jesus Christus, das Wort Gottes, der Herrscher über die höchsten Engel, das Wort, welches Menschennatur angenommen hat, um auch über die Menschen zu herrschen, die einst alle zusammen mit ihm herrschen sollen in ewigem Frieden. Das hervorragendste Vorbild dieses Königs war in jenem irdischen Reich des Volkes Israel der König David, aus dessen Samen ein wahrer König, unser Herr Jesus Christus, der da ist unser alles, Gott, hochgelobt in Ewigkeit, dem Fleische nach hervorgehen sollte. Vieles ist in jenem Lande der Verheißung geschehen, was auf den kommenden Christus und seine Kirche hinwies und was du nach und nach aus den heiligen Schriften wirst lernen können.

Die babylonische Gefangenschaft des israelitischen Volkes und ihre mystische Bedeutung

Nach einer Reihe von Geschlechtern aber zeigte Gott seinem Volke ein ganz besonders sprechendes Vorbild. Jenes [israelitische] Reich geriet nämlich in fremde Gewalt und ein großer Teil [der Juden] wurde nach Babylonien abgeführt. Wie nun Jerusalem das Reich und die Gemeinschaft der Heiligen sinnbildet, so sinnbildet Babylon das Reich und die Gemeinschaft der Bösen; denn Babylon soll soviel bedeuten wie „Verwirrung“. Daß diese beiden Reiche vom Anbeginn des Menschengeschlechtes bis zum Ende der Welt zu den verschiedenen Zeiten untereinander gemischt sind und erst beim letzten Gerichte voneinander geschieden werden sollen, davon haben wir kurz vorher gesprochen. Die erwähnte Eroberung der Stadt Jerusalem also und die Abführung des Volkes in die babylonische Gefangenschaft wurde durch den damals lebenden Propheten Jeremias von Gott anbefohlen. Unter den babylonischen Königen, in deren Knechtschaft die Juden standen, gab es einige, die bei dieser Gelegenheit durch verschiedene Wunderzeichen zur Erkenntnis des einen wahren Gottes, des Schöpfers aller Dinge, gelangten, ihm dienten und auch [ihre Untertanen] zu seinem Dienste anhielten. Die Juden selber aber mußten für die, von denen sie gefangen gehalten wurden, beten, auf daß auch sie Frieden hätten, wenn jene Frieden hielten, und [in Frieden] Kinder erzeugen, Häuser bauen und Gärten und Weinberge anlegen könnten. Nach siebzig Jahren wurde ihnen die Befreiung aus dieser Gefangenschaft verheißen.

All dies aber deutete vorbildlich an, wie die Kirche Christi in all ihren Heiligen, welche dem himmlischen Jerusalem als Bürger angehören, unter der Knechtschaft der Könige dieser Welt stehen muß. Sagt ja doch auch die apostolische Lehre: „Jedermann sei Untertan den obrigkeitlichen Gewalten”, und „einem jeden werde alles gegeben [was ihm zusteht]: Steuer, wem Steuer, Zoll, wem Zoll gebührt!“ Und so soll es bei allen Abgaben sein, die wir unter Wahrung des Dienstes unseres Gottes den Fürsten der menschlichen Gesellschaft leisten. Hat es ja doch der Herr selbst, um uns diese Lehre durch sein Beispiel als die rechte zu bekräftigen, nicht unter seiner Würde gehalten, als Mensch, dessen Natur er angenommen hatte, Kopfsteuer zu bezahlen. Aber auch die christlichen Knechte und die guten Gläubigen sollen in Herzenseinfalt und Treue ihren weltlichen Herren dienen, über die sie entweder einst richten sollen, wenn diese bis ans Ende ungerecht befunden werden, oder mit denen sie gleichberechtigt herrschen sollen, wenn sie sich zum wahren Gott bekehren. Alle aber müssen den menschlichen und irdischen Gewalten nur bis zum vorher bestimmten Zeitpunkt dienen, was die siebzig Jahre andeuten wollen, wo dann die Kirche ebenso wie einstmals Jerusalem von der Verwirrung dieser Welt wie aus einer babylonischen Gefangenschaft befreit wird. Unter dem Einfluß dieser Gefangenschaft haben sogar auch irdische Könige ihre falschen Götter, um deretwillen sie die Christen verfolgten, verlassen, den einen wahren Gott und Herrn Jesus Christus anerkannt und sich seinem Dienste ergeben; für diese Könige befiehlt der Apostel Paulus auch dann zu beten, wenn sie die Kirche verfolgen. Denn also spricht er: „Zuerst beschwöre ich euch also, es möchten doch Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen geschehen für die Könige, für alle Menschen und für alle Obrigkeiten, auf daß wir ein friedliches und ruhiges Leben in aller Gottseligkeit und Liebe führen mögen.“ So ist durch diese Obrigkeiten der Kirche ein wenn auch nur zeitlicher Friede und zeitliche Ruhe zuteil geworden, um geistigerweise Häuser zu bauen und Gärten und Weinberge anlegen zu können. Denn siehe, hat nicht unser ganzer Vortrag nur das Ziel, dich zu erbauen und zu pflanzen? Und unter dem Friedensschutz christlicher Könige geht es so auf der ganzen Erde nach dem Worte des gleichen Apostels Paulus: „Gottes Ackerfeld, Gottes Gebäude seid ihr.“

Nach jenen siebzig Jahren nun, die Jeremias geheimnisvollerweise als Vorbild des Endes der Zeiten vorhergesagt hatte, wurde, um das Bild vollständig zu machen, in Jerusalem der Tempel Gottes aufs neue aufgebaut; weil jedoch dies alles immer noch nur vorbildlich geschah, so erhielten die Juden noch nicht den vollen Frieden und die volle Freiheit. Darum wurden sie nachher von den Römern unterworfen und zinspflichtig gemacht. Von der Zeit an, wo sie das Gelobte Land erhielten und Könige zu haben begannen, wurde ihnen immer deutlicher durch eine Menge von Prophezeiungen Christus vorher verkündigt, damit sie nicht glauben sollten, die Verheißung von Christus, dem Befreier, sei bereits in einem ihrer Könige in Erfüllung gegangen. [Diese Prophezeiungen geschahen] nicht allein von David selbst in seinem Psalmenbuch, sondern auch von all den anderen großen und heiligen Propheten bis zur babylonischen Gefangenschaft. Ja selbst in der Gefangenschaft erstanden Propheten, welche die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus als des allgemeinen Befreiers vorhersagten. Später aber, als nach Ablauf der siebzig Jahre auch der Tempel wieder aufgebaut war, da hatten die Juden solche Bedrückungen und solches Ungemach von seiten der heidnischen Könige zu erdulden, daß sie einsehen mußten, es sei der Befreier noch nicht erschienen. Daß der Befreier allerdings ein geistiger sein werde, das wollten sie nicht einsehen, ihr Verlangen stand nur nach der Befreiung vom irdischen Joch.

Von den sechs Weltzeitaltern, die ihre Vollendung fanden in Christus; vom ewigen Königtum Christi und von seinem gottmenschlichen Erlösungswerk

So waren also fünf Zeitalter vollendet: das erste beginnt mit der Erschaffung des Menschengeschlechtes, d.h. mit Adam, dem erstgeschaffenen Menschen, und reicht bis Noe, der in der Sintflut seine Arche baute; das zweite währte von da bis Abraham, welcher der Vater all jener Völker genannt wurde, die ihn in seinem Glauben nachahmten; der fleischlichen Abstammung nach war er der Vater des künftigen Volkes der Juden, das noch bevor die Völker den christlichen Glauben annahmen, allein auf dem ganzen Erdkreis den wahren Gott verehrte und aus dem Christus, der Erlöser, dem Fleische nach hervorgehen sollte. Diese beiden Zeitabschnitte sind ganz klar schon in den Büchern des Alten Testamentes umrissen. Über die drei letzten Abschnitte aber erklärt sich auch das Evangelium1 dort, wo es von der leiblichen Abstammung des Herrn Jesus Christus berichtet. Das dritte Zeitalter reicht nämlich von Abraham bis zum König David, das vierte von David bis zu der bekannten Überführung des Volkes Gottes nach Babylon, das fünfte schließlich reicht von jener Überführung bis zur Ankunft unseres Herrn Jesus Christus, seit dessen Ankunft wir nun das sechste Zeitalter haben. In diesem soll die Gnade des [Heiligen] Geistes, die bis dahin nur den wenigen Patriarchen und Propheten bekannt war, allen Völkern offenbar werden; ein jeder soll nunmehr den Dienst Gottes durchaus uneigennützig leisten, nicht wegen zeitlicher Belohnung oder wegen der Glückseligkeit dieser Welt, sondern einzig und allein im Verlangen nach dem ewigen Leben, wo Gott selbst unser Lohn sein soll. Und so soll in diesen sechs Zeitaltern der Menschengeist nach dem Bilde Gottes wieder hergestellt werden, geradeso wie am sechsten Tage der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Damit erst vollzieht sich auch die vollkommene Gesetzeserfüllung, indem das ganze Gesetz nicht aus Begierde nach zeitlichen Dingen, sondern nur aus Liebe zum Gesetzgeber erfüllt wird. Wer aber wollte nicht dem gerechtesten und erbarmungsreichsten Gott seine herzliche Gegenliebe schenken, der die Menschen bei all ihrer Ungerechtigkeit und ihrem Hochmut zuerst so geliebt hat, daß er ihretwillen seinen eingebornen Sohn sandte, durch den er alles gemacht hat, der nicht durch Veränderung seines eigenen Wesens, sondern durch Annahme der menschlichen Natur Mensch geworden ist, und zwar nicht bloß um unter den Menschen zu leben, sondern auch um für sie und durch sie sterben zu können.

So hat also Christus die Offenbarung vom Neuen Bunde der ewigen Erbschaft gebracht, worin der Mensch durch die Gnade Gottes wiederhergestellt wird und ein neues Leben, d.h. ein Leben des Gesetzes führen soll; damit hat er aber auch gezeigt, daß der Alte Bund, in dem das fleischlich gesinnte Volk mit Ausnahme von einigen wenigen klarschauenden Patriarchen und Propheten und von einigen verborgenen Heiligen als der alte Mensch in fleischlichen Gelüsten dahinlebte, auch nur zeitlichen Lohn von dem Herrn verlangte und auch als Vorbilder der geistigen Güter empfing, nur eben der Anfang war. Darum hat auch Christus der Herr, als er Mensch wurde, alle irdischen Güter verachtet, um so ihre Verächtlichkeit zu zeigen, und hat alle irdischen Leiden ertragen und sie zu tragen geboten: wir sollen eben nicht in den irdischen Gütern das Glück suchen und die Leiden als ein Unglück fürchten. Durch seine Geburt von einer Mutter, die zwar ohne Berührung eines Mannes empfing und alle Zeit unberührt blieb — Jungfrau bei der Empfängnis, Jungfrau bei der Geburt, Jungfrau bis zum Tode —, die aber doch mit einem bloßen Zimmermann verlobt war, hat er allen Stolz auf den Adel fleischlicher Abstammung zunichte gemacht. Dadurch ferner, daß er auch noch in Bethlehem geboren wurde, das unter allen Städten von Judäa so klein war, daß es noch heute nur als Flecken bezeichnet wird, wollte er lehren, wie sich niemand mit der Größe seiner Vaterstadt brüsten solle. Arm wurde er, dem alles als Eigentum gehört und durch den alles erschaffen worden is, auch deshalb, damit es keiner, der an ihn glauben will, wage, sich wegen irdischen Reichtums stolz zu erheben. Die ganze Schöpfung bezeugt zwar sein ewiges Königtum: aber dennoch wollte er nicht von den Menschen zum König gemacht werden, weil er jenen Armen, die der Hochmut von ihm getrennt hatte, den Weg der Demut weisen wollte. Er, der alle speist, hungerte; der dürstete, von dem jeder Trank geschaffen wird und der geistigerweise das Brot der Hungernden und die Quelle der Dürstenden is; der ermüdete vom irdischen Wandern, der sich selbst uns zum Himmelsweg gemacht hat“; der ward gleichsam stumm und taub vor denen, die ihn lästerten, der dem Stummen die Sprache und dem Tauben das Gehör schenkte; der die Fesseln der Krankheiten löste, ließ sich fesseln; der die Geißeln aller Schmerzen von dem Leib der Menschen hinwegnahm, ließ sich geißeln; ans Kreuz geschlagen wurde der, der all unserm Kreuz ein Ende macht; und gestorben ist der, welcher die Toten erweckt. Aber er ist auch wieder auferstanden, um nie mehr zu sterben, damit man wohl von ihm den Tod verachten lerne, aber nicht so, als ob man danach nicht mehr leben werde.

Von der Sendung des Heiligen Geistes und von dessen stärkendem Einfluß auf die Bildung der jungen Christengemeinde

Nachdem Jesus so den Glauben seiner Jünger gestärkt hatte, verweilte er noch vierzig Tage unter ihnen und fuhr dann vor ihren Augen zum Himmel auf; fünfzig Tage nach seiner Auferstehung sandte er ihnen dann, wie er es verheißen hatte, den Heiligen Geist, durch den die Liebe in ihre Herzen ausgegossen wurde, so daß sie nun nicht allein ohne Beschwerde, sondern sogar mit Freudigkeit jenes Gesetz erfüllen konnten, das die Juden in den zehn Geboten, dem sogen. Dekalog besaßen. Diese zehn Gebote lassen sich wieder in zwei Gebote zusammenfassen, daß wir nämlich Gott lieben sollen aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus ganzem Gemüt, und daß wir auch den Nächsten lieben wie uns selbst. Denn an diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten, wie es der Herr selber im Evangelium erklärt und wie er es durch sein eigenes Beispiel dargetan hat. Am fünfzigsten Tage, nachdem das Volk Israel zum erstenmal das vorbildliche Paschafest gefeiert hatte, indem sie ein Lamm schlachteten und aßen und mit seinem Blute zur Sicherung ihres Lebens die Türpfosten bestrichen, da erhielten sie ein Gesetz, geschrieben vom Finger Gottes, ein Ausdruck, mit dem, wie gesagt, der Heilige Geist bezeichnet wird. In gleicher Weise wurde auch am fünfzigsten Tage nach dem Leiden und der Auferstehung des Herrn, dem wahren Pascha, der Heilige Geist den Jüngern gesandt; [er offenbarte sich] nicht mehr durch steinerne Tafeln als Sinnbilder harter Herzen, sondern als die Jünger zu Jerusalem an einem Orte versammelt waren, da entstand plötzlich vom Himmel her ein Brausen als ob ein heftiger Wind wehe, und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie Feuer, und sie fingen an in Sprachen zu reden, so daß von allen, die hinzukamen, ein jeder seine eigene Sprache hörte. Es pflegten nämlich in jener Stadt die Juden der ganzen Welt, über die hin sie zerstreut waren, zusammenzukommen, und diese hatten sich natürlich die verschiedenen Sprachen der verschiedenen Völker angeeignet. Die Jünger aber predigten von nun an mit voller Zuversicht die Lehre von Christus und taten in seinem Namen viele Zeichen; so erstand z.B. einmal ein Toter, den der Schatten des vorübergehenden Petrus berührte, wieder zum Leben.

Als aber die Juden sahen, wie im Namen dessen, den sie teils aus Haß, teils aus Irrtum gekreuzigt hatten, so große Wunder geschahen, da ergriff die einen der Zorn und sie verfolgten die Apostel, die von ihm predigten; andere Juden aber staunten um so mehr gerade darüber, daß im Namen dessen, den sie verlacht hatten, weil er sich von ihnen hatte völlig überwältigan lassen, so große Wunder geschahen; diese letzteren taten darum Buße und bekehrten sich und glaubten zu Tausenden an ihn. Diese verlangten jetzt von Gott keine zeitlichen Wohltaten und keine irdische Herrschaft mehr und warteten auf den Messias nicht mehr in fleischlichem Sinn als auf den verheißenen König, nein, sie erkannten und liebten jetzt geistigerweise den, der für sie durch ihre eigenen Hände im sterblichen Leben so vieles hatte erdulden müssen, der ihnen so viele Sünden, selbst die, daß sie sein Blut vergossen, verziehen und ihnen durch das Beispiel seiner Aufertehung die Unsterblichkeit gezeigt hatte, die sie von ihm erhoffen und erwarten sollten. Darum ertöteten sie jetzt in sich die Begierden des alten Menschen und in ihrer glühenden Sehnsucht nach einem neuen geistigen Leben verkauften sie, wie es der Herr im Evangelium befohlen hatte, alles was sie besaßen und legten den Erlös aus ihrem Eigentum zu den Füßen der Apostel nieder, damit diese einem jeden nach Bedürfnis davon zuteilen möchten. In christlicher Liebe lebten sie einträchtig zusammen und nannten nichts ihr Eigentum, sondern alles war ihnen gemeinsam; sie selbst aber waren ein Herz und eine Seele für Gott. Da hatten denn auch sie von den fleischlichgesinnten Juden, ihren Mitbürgern und Stammesgenossen, Verfolgung zu leiden und wurden [in alle Welt] zerstreut; aber gerade durch diese Zerstreuung konnte nun Christus in weiterer Ferne gepredigt werden, sie selbst aber hatten Gelegenheit, die Geduld ihres Herrn nachzuahmen; denn er, der ja auch sie in Sanftmut ertragen hatte, verlangte auch von ihnen sanftmütiges Dulden um seinetwillen.

Zu diesen Verfolgern der Heiligen hatte auch der Apostel Paulus gehört, ja er besaß eine ganz besondere Wut auf die Christen. Nachher aber wurde sogar er gläubig und ein Apostel und erhielt als solcher die Sendung, den Heiden das Evangelium zu predigen. In diesem Amt ertrug er nun für den Namen Christi Schwereres als er vorher gegen den Namen Christi Böses getan hatte. Überall aber, wo er unter den [heidnischen] Völkern kirchliche Gemeinden gründete und den Samen des Evangeliums ausstreute, da gebot er mit Nachdruck, sie sollten, weil sie bei ihrem Übertritt aus dem Götzendienst als Neulinge in der Verehrung des einen Gottes nicht wohl durch Verkauf und Verteilung ihrer Güter Gott dienen konnten, wenigstens freiwillige Gaben für die Heiligen spenden, die in den christusgläubig gewordenen kirchlichen Gemeinden der Juden in Armut lebten. So macht die christliche Lehre die einen [die Juden] gleichsam zu [einheimischen] Soldaten, die anderen [die Heiden] aber zu Söldnertruppen aus den Provinzen. Gleichsam als Eckstein aber, wie es durch den Propheten vorherverkündet worden war, fügte die christliche Lehre Christus ein, indem sich beide wie zwei von verschiedenen Seiten her — von den Juden und von den Heiden her — zusammenlaufende Wände in gegenseitiger Bruderliebe verbinden sollten. Später erhoben sich indes von seiten der ungläubig gebliebenen Heiden noch schwerere und heftigere Verfolgungen gegen die Kirche Christi und tagtäglich ging das prophetische Wort des Herrn mehr in Erfüllung: Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe.

Von dem Werke Christi, der Kirche, und von ihren Geschicken bis zur Wiederkunft ihres Stifters

Der Weinstock aber, der gemäß den Prophezeiungen und nach den Weissagungen des Herrn selbst seine fruchtbringenden Reben über den großen Erdkreis hin ausstreckte, trieb um so kräftiger, je reicher er mit Martyrerblut begossen wurde. Als nun die Märtyrer in allen Ländern in ungezählten Scharen für die Wahrheit ihres Glaubens starben, da wurden endlich auch die verfolgenden Reiche [der Verfolgung] müde und wandten sich, nachdem ihr hochmütiger Nacken gebrochen war, der Erkenntnis und der Verehrung Christi zu. Notwendigerweise mußte auch der Weinstock genau nach der Vorhersage des Herrn beschnitten und die unfruchtbaren Schößlinge von ihm entfernt werden; denn es entstanden an verschiedenen Orten Häresien und Spaltungen, die zwar den Namen Christi trugen, die aber nicht Christi Ehre suchten, sondern die eigene; aber gerade durch deren feindseliges Benehmen sollte die Kirche mehr und mehr geübt und ihre Lehre und Ausdauer erprobt und ins Licht gesetzt werden.

Wie wir nun all diese Dinge in den lange vorher geschehenen Prophezeiungen lesen, so sind sie, wie wir sehen können, auch in Erfüllung gegangen: und wie die ersten Christen noch durch Wunder zum Glauben veranlaßt werden mußten, weil sie die Erfüllung der Prophezeiung noch nicht vor Augen sahen, so werden wir deshalb zum Glauben auferbaut, weil sich jetzt alles geradeso erfüllt hat, wie wir es in jenen Büchern lesen, die längst vor der Erfüllung abgefaßt wurden und wo alles das, was wir jetzt gegenwärtig sehen, als erst in der Zukunft eintretend dargestellt wurde. Diese unsere Erbauung ist so groß, daß wir in unablässigem Vertrauen auf Gott die zweifellose Erfüllung auch der [bis jetzt] noch nicht eingetroffenen Prophezeiungen für die Zukunft erwarten. So lesen wir z.B. in den heiligen Schriften auch von Verfolgungen, die noch bevorstehen, und besonders vom Tage des Jüngsten Gerichtes, wo alle Bürger jener beiden [früher bezeichneten] Reiche ihren Leib wieder erhalten und auferstehen werden, um vor dem Richterstuhl des richtenden Christus von ihrem Leben Rechenschaft abzulegen. Da wird dann in der Herrlichkeit seiner Macht derjenige kommen, der sich ehedem dazu herabließ, in der Niedrigkeit der Menschennatur zu kommen; dann wird er alle Frommen von den Bösen scheiden, und zwar nicht bloß von jenen, die den Glauben an ihn mit Hartnäckigkeit zurückwiesen, sondern auch von jenen, deren Glauben an ihn vergeblich und unfruchtbar blieb; mit den einen wird er sein ewiges Reich teilen, den andern aber wird er eine ewige Strafe beim Teufel geben. Wie auf der einen Seite keine Erdenfreude irgendwie der Freude des ewigen Lebens ähnlich befunden werden kann, die den Heiligen zuteil werden wird, so kann auch anderseits keine irdische Qual mit den ewigen Qualen der Bösen verglichen werden.

Vom Glauben an die schließliche Auferstehung zu einer ewigen Glückseligkeit oder zu einer ewigen Verdammnis

Wohlan denn, mein Bruder, stärke dich selbst im Namen und mit dem Beistande dessen, an den du glaubst, gegen die Reden derer, die unseren Glauben verlachen und durch deren Mund der Teufel verführerische Worte spricht, hauptsächlich zu dem Zweck, um den Glauben an die Auferstehung lächerlich zu machen. Aber entnimm du aus deinem eigenen Bewußtsein den Glauben an dein künftiges Leben nach diesem Leben, weil du siehst, daß du ja jetzt auch bist, wiewohl du vordem nicht gewesen bist. Denn wo war der Stoff zu deinem Leibe, wo diese deine Gestalt und die Verbindung deiner Glieder ein paar Jahre, bevor du geboren oder auch bevor du im Schöße deiner Mutter empfangen wurdest, wo, sage ich, waren diese Stoffe und wo die Gestalt deines Leibes? Ist sie nicht dadurch, daß Gott, der Herr, sie unsichtbarerweise gestaltete, aus der geheimnisvollen Verborgenheit der Schöpfung an das Licht hervorgetreten und durch bestimmte [regelmäßige] Zunahme in den verschiedenen Altersstufen bis zu dieser deiner Größe und Gestalt herangewachsen? Wird es demnach für Gott, der in einem Augenblick ganze Gebirge von Wolken aus der Verborgenheit zusammenzieht und in einem Nu den ganzen Himmel überzieht, schwer sein, die Bestandteile deines Leibes wieder so zusammenzugeben, wie sie vordem waren, wo er sie doch auch schaffen konnte, als sie überhaupt noch nicht waren? Glaube also fest und unerschütterlich, daß zwar alles Sichtbare den Augen der Menschen entrückt wird, als ob es unterginge, daß es aber für die Allmacht Gottes ganz und vollständig erhalten bleibt; glaube auch, daß es Gott, sobald er will, ohne Verzug und ohne Schwierigkeit wieder herstellen wird, das heißt insoweit wenigstens, als seine Gerechtigkeit ihre Wiederherstellung für gut findet. Es sollen nämlich die Menschen in dem Körper über ihre Taten Rechenschaft ablegen, in dem sie dieselben vollbracht haben, und in diesem Körper sollen sie auch ihre Vergeltung erhalten, sei es nun den Lohn der himmlischen Unvergänglichkeit für die Werke der Frömmigkeit oder den Lohn des körperlichen Verderbens für die Werke der Bosheit; letzteres wird aber nicht in dem Sinn geschehen, als würde der Leib durch den Tod zerstört, sondern nur insofern, als er den Gegenstand ewiger Schmerzen abgeben wird.

Hüte dich also, mein Bruder, hüte dich vermittels unerschütterlichen Glaubens und guter Sitten vor jenen Qualen, wo die Peiniger nicht ermüden und die Gepeinigten nicht sterben können, obwohl sie in der Unmöglichkeit, in den Qualen zu sterben, einen endlosen Tod finden. Entbrenne dagegen in sehnsüchtigem Verlangen nach dem ewigen Leben der Heiligen, wo die Arbeit nicht ermüdet, die Ruhe nicht müßig geht, wo Gottes Lob ohne Überdruß und ohne Aufhören ertönt, wo die Seele keine Verdrießlichkeit und der Leib keine Mühsale zu erdulden hat, wo weder du ein Bedürfnis haben wirst, für das du Abhilfe verlangst, noch auch dein Nächster, dem du in seiner Not zu Hilfe eilen könntest. Die ganze Freude und Sättigung der heiligen Stadt wird Gott ausmachen, in dem und aus dem sie ein weises und glückliches Leben hat. Denn wie wir es nach seiner Verheißung voll Erwartung hoffen, werden wir alsdann den Engeln Gottes gleich werden und zugleich mit ihnen in den wirklichen Genuß der Anschauung der göttlichen Dreifaltigkeit gelangen, in der wir jetzt nur im Glauben wandeln. Wir glauben nämlich das, was wir nicht sehen, um [dereinst] gerade durch das Verdienst des Glaubens auch das Schauen und Besitzen dessen zu verdienen, was wir glauben; alsdann werden wir die Wesensgleichheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und die Einheit dieser Dreifaltigkeit, wodurch sie, obgleich drei Personen, doch nur ein Gott ist, nicht bloß mit den Worten des Glaubens und tönenden Lauten bekennen, sondern sie im reinsten und innigsten Anschauen in jenem [geheimnisvollen] Schweigen [der Gottheit] genießen.

Diese Wahrheiten halte in deinem Herzen fest und rufe zu Gott, an den du glaubst, er möge dich gegen die Versuchungen des Teufels schützen; und sei auf der Hut, daß sich jener Feind, der in seiner Bosheit zu seinem eigenen Tröste in seiner Verdammnis nun wieder Mitgenossen seiner Verdammnis sucht, nicht von einer anderen Seite her bei dir einschleiche. Denn nicht bloß mit Hilfe solcher Leute, die einen Haß auf alles haben, was Christus heißt und die voll Grimm darüber sind, daß sich dieser Name schon den Erdkreis erobert hat und die noch heute am Götzendienst und an Teufelskünsten ihre Freude haben, wagt es der Teufel, die Christen zu versuchen, sondern auch vermittels der eben erst erwähnten, von der Einheit der Kirche gewissermaßen bei der Reinigung des Weinstockes abgerissenen Zweige, das heißt vermittels der sogenannten Häretiker und Schismatiker, macht er zuweilen die gleiche Anstrengung. Manchmal indessen bedient er sich auch der Juden zu diesen Versuchungen und Verführungen. Vorzüglich aber davor muß sich jedermann hüten, daß er nicht versucht und irregemacht wird von Leuten, die zwar selbst der katholischen Kirche angehören, welche aber die Kirche gleich der Spreu bis zur Zeit der Reinigung nur duldet. Denn deshalb ist Gott gegen solche Leute langmütig, um den Glauben und die Klugheit solcher Auserwählten mittels der Bosheit dieser Menschen zu üben und zu befestigen und weil sogar aus der Zahl dieser Leute viele vorwärts kommen wieder barmherzig gegen ihre eigene Seele werden und mit grossem Eifer nach dem Wohlgefallen Gottes streben. Denn nicht alle häufen sich durch die Langmut Gottes seinen Zorn auf für den Zornestag seines gerechten Gerichtes; denn gar viele führte eben diese Langmut des Allmächtigen zum heilsamsten Reueschmerz. Bis zu diesem Erfolg aber haben diejenigen Christen, die schon auf dem rechten Wege wandeln, Gelegenheit zur Übung der Geduld und der Barmherzigkeit. Du wirst darum gar manchmal zu sehen bekommen: Trunkenbolde und Geizhälse, Betrüger und Spieler, Ehebrecher und Unzüchtige, solche, die sich mit Zaubermitteln behängen und solche, die es mit den Wahrsagern und Sterndeutern [mathematici] halten oder wer sonst mit gottlosen Mitteln die Zukunft deuten will. Auch wirst du wahrnehmen, daß Leute, welche an den Festtagen der Christen die Kirchen füllen, geradesogut an den Festlichkeiten der Heiden deren Theater füllen, und wenn du dies siehst, wirst du vielleicht versucht sein, ein Gleiches zu tun. Was ich noch sagen könnte, das wirst du noch selber sehen, hast es vielleicht selber schon erfahren: es ist dir ja doch nich unbekannt, daß viele, die sich Christen heissen, all das Böse wirklich tun, das ich dir eben kurz aufgezählt habe. Ja, du weißt recht wohl, daß manche Leute, die du Christen hast nennen hören, sogar noch Schlimmeres tun. Doch wenn du hier in der Absicht gekommen bist, um solcherlei böse Taten gleichsam in Sichertheit vollbringen zu können, so befindest du dich in grossem Irrtum. Nichts wird dir vielmehr der Name Christi helfen, wenn der einmal sein so strenges Gericht beginnen wird, der dir zuvor voll Erbarmen entgegenkommen wollte. Das hat er ja vorausgesagt, wo er im Evangelium sagt: „Nicht ein jeder, der zu mir sagt: „Herr, Herr!“ wird in das Himmelreich eingehen, sondern nur der, welcher den Willen meines Vaters tut. Gar viele werden an jenem Tag zu mir sprechen: „Herr, Herr! In deinem Namen haben wir ja gegessen und getrunken ….“ Für alle also, die in solchen Werken [bis ans Lebensende] ausharren, ist das Ende Verdammnis. Wenn du also siehst, daß viele Menschen solche Werke nicht allein tun, sondern sie auch noch verteidigen und dazu raten, so halte dich fest an das Gesetz Gottes und folge nicht seinen Übertretern; denn nicht nach ihrem Sinn wirst du gerichtet werden, sondern nach der Wahrheit Gottes.

An jene guten Christen schließe dich vielmehr an, von welchen du siehst, daß sie mit dir deinen König lieben. Gar viele von der Art wirst du nämlich finden, wenn du selbst einmal ebenso zu werden anfängst. Denn wenn du bisher darnach verlangtest, im Theater mit jenen zusammen zu sein und an jene dich anzuschließen, die ebenso wie du an einem Wagenlenker oder Tierkämpfer oder irgendeinem Schauspieler ihren Gefallen hatten, um wieviel größere Freude muß dir nun die Gemeinschaft mit denen bereiten, die mit dir Gott lieben, dessen sich derjenige, der ihn liebt, niemals zu schämen braucht, weil nicht nur er selbst niemals überwunden werden kann, sondern weil er auch diejenigen, die ihn lieben, unüberwindlich machen wird. Aber nicht einmal auf diese Guten, die dir auf dem Weg zu Gott vorangehen oder dich dabei begleiten, darfst du deine Hoffnung setzen, weil du dies ja nicht einmal auf dich selbst tun darfst, selbst wenn du noch so große Fortschritte gemacht hättest; du darfst deine Hoffnung vielmehr nur auf den setzen, der jene Guten sowohl als auch dich rechtfertigt und so zu dem macht, was ihr seid. Auf Gott kann man sich nämlich verlassen, weil er sich nicht ändert, auf einen Menschen aber kann sich vernünftigerweise niemand verlassen. Wenn wir aber schon die lieben müssen, die noch nicht gerecht sind, auf daß sie es werden, um wieviel inniger müssen wir dann die lieben, die es schon sind! Aber es ist etwas anderes, einen Menschen zu lieben als seine Hoffnung auf einen Menschen zu setzen; und zwar ist der Unterschied hievon so groß, daß Gott das erstere sogar befiehlt, das letztere aber verbietet. Mußt du aber um des Namens Christi willen zuweilen Anfechtungen und Trübsale ausstehen und weichst du trotzdem nicht vom Glauben ab und verlassest du den guten Pfad nicht, dann wirst du um so größeren Lohn erhalten; wer aber in diesen Anfechtungen dem Teufel nachgibt, der verliert sogar auch einen kleineren Lohn. Aber demütig mußt du sein vor Gott, auf daß er dich nicht über deine Kräfte hinaus versuchen läßt.

Von der Aufnahme ins Katechumenat

Eine kleinere Katechese des heiligen Augustinus, deren Hauptinhalt darin gipfelt, daß alle Prophezeiungen des Alten Testamentes in Christus erfüllt worden sind

Nach diesem Vortrag frage man den Zuhörer, ob er daran glaube und ob er den Wunsch habe, sich darnach zu richten. Bejaht er dies, so soll er feierlich [mit dem Kreuzzeichen] bezeichnet und nach dem Gebrauch der Kirche behandelt werden. In Betreff des Sakramentes, das er empfängt, muß ihm zunächst wohl eingeschärft werden, daß die äußeren Zeichen der übernatürlichen Dinge zwar sichtbar sind, daß in ihnen aber etwas Unsichtbares verehrt wird und daß man die durch Segnungen geheiligten Sachen nicht mehr so ansehen dürfe, wie es im gewöhnlichen Leben geschieht; dann muß man ihm aber auch sagen, was die Worte bedeuten, die er gehört hat und welches in ihm die geistige Wirkung dessen sei, wovon jene Sache nur ein Sinnbild ist. Bei dieser Gelegenheit soll man ihn auch ermahnen, er solle immer,. wenn ihm beim Anhören der Heiligen Schrift etwas gar zu fleischlich klingt, selbst dann, wenn er es nicht versteht, doch glauben, es liege darin ein geistiger, auf einen heiligmäßigen Wandel und das künftige Leben bezüglicher Sinn. So lernt er in Kürze, wenn er in den kanonischen Büchern etwas hört, was er nicht auf die Liebe zur Ewigkeit, Wahrheit und Heiligkeit oder auf die Liebe zum Nächsten anwenden kann, dies gläubig für ein sinnbildliches Wort oder Ereignis anzunehmen und er versucht dann schon, es so auszulegen, daß er es mit jener doppelten Liebe in Einklang bringen kann. Demgemäß wird er z. B. auch den Ausdruck „Nächster“ nicht fleischlich verstehen, sondern jeden Menschen für seinen Nächsten halten, der mit ihm in jenem heiligen Gottesstaat sein kann, mag er es nun in Wirklichkeit schon sein oder noch nicht als dessen Mitglied erscheinen; er wird auch an keines Menschen Besserung verzweifeln, solange er sieht, daß Gottes Langmut ihn noch am Leben läßt, was ja nach dem Ausspruch des Apostels aus keinem anderen irdischen Grunde geschieht, als damit er zur Buße geführt werde.

Wenn dir aber dieser Vortrag, womit ich gleichsam einen persönlich gegenwärtigen, im Religiösen noch unwissenden Menschen unterrichtet habe, zu lange erscheinen sollte, so darfst du seinen Inhalt ja nur selber kürzer zusammenfassen; noch ausführlicher aber wirst du wohl nicht mehr werden, wenngleich viel darauf ankommt, was die Sachlage selbst im wirklichen Falle noch erheischt und was die anwesenden Zuhörer nicht bloß geduldig annehmen, sondern vielmehr augenscheinlich sogar mit Spannung erwarten. Ist aber Eile notwendig, so siehe, wie sich die ganze Sache auch schnell abmachen läßt. Denke dir also wiederum, es sei einer gekommen, der Christ werden will; er sei wie der erste befragt worden und habe auch die gleiche Antwort gegeben. [Denn selbst wenn er diese Antwort tatsächlich nicht gibt, hätte er, so müssen wir den Fall setzen, dieselbe doch geben wollen.] Danach wäre dann das übrige folgendermaßen zusammenzufassen.

Wahrlich groß und wahrhaftig ist nur jene Seligkeit, geliebter Bruder, die den Heiligen für das künftige Leben verheißen ist. Alles Sichtbare aber geht vorüber und aller Glanz dieser Welt und alle Lust und alle Wissensbegierde werden untergehen und ihre Liebhaber mit ins Verderben hinabziehen. Von diesem Verderben, das heißt von den ewigen Strafen, wollte der barmherzige Gott die Menschen befreien, wenn anders sie nicht ihre eigenen Feinde sein und der Barmherzigkeit ihres Schöpfers nicht widerstehen wollten; darum sandte er ihnen seinen eingebornen Sohn, das heißt das mit ihm wesensgleiche Wort, durch das er alles erschaffen hat. Dieses Wort Gottes behielt nun zwar seine göttliche Natur bei, verließ den Vater nicht und erlitt auch keinerlei Veränderung; aber es nahm noch die Menschennatur dazu an und kam im sterblichen Fleisch, sichtbar den Menschen, zu den Menschen; auf diese Weise sollten, wie durch den einen Menschen, der zuerst geschaffen worden ist, nämlich durch Adam, der Tod über das Menschengeschlecht kam, weil er seinem vom Teufel verführten Weibe zustimmte und so beide das Gebot Gottes übertraten, in gleicher Weise durch einen Menschen, der zugleich Gott selbst und Gottes Sohn ist, nämlich durch Jesus Christus, alle begangenen Sünden getilgt werden und so alle, die an ihn glauben würden, ins ewige Leben eingehen können.

Alles nämlich, was du heute in der Kirche Gottes und unter dem Namen Christi auf dem ganzen Erdkreis vor sich gehen siehst, ist schon vor Jahrhunderten vorausgesagt worden, und wie wir es dort lesen, so sehen wir es hier in Erfüllung und werden dadurch zum Glauben auferbaut. Einst kam eine Flut über die ganze Erde, um die Sünder auszurotten. Diejenigen aber, die in der Arche entrannen, stellten so das Geheimnis der künftigen Kirche vor, die jetzt auf den Fluten der Welt umherschwimmt und durch das Holz des Kreuzes Christi vor dem Untersinken bewahrt wird. Abraham einem treuen Diener Gottes, also einem einzelnen Menschen, wurde vorhergesagt, es solle von ihm ein Volk geboren werden, das mitten unter den übrigen götzendienerischen Völkern den einen Gott verehren wird. Und tatsächlich traf alles, was jenem Volke als zukünftig vorausgesagt wurde, genau der Voraussage entsprechend ein. Es wurde in jenem Volk auch Christus vorherverkündet, der König und Gott aller Heiligen, der dem Samen Abrahams entsprießen sollte gemäß dem Fleische, das er annahm, auf daß alle, die Abraham im Glauben nachahmten, auch Abrahams Söhne seien. Und so geschah es: Geboren wurde Christus wirklich aus Maria, der Jungfrau, die aus jenem Geschlechte [Abrahams] stammte. Vorhergesagt wurde durch die Propheten auch, er werde von ebendemselben Volke der Juden, von dem er dem Fleische nach abstammte, den Kreuzestod erleiden müssen: und wirklich traf es so ein. Vorausgesagt wurde auch, er werde wieder vom Tod auferstehen: und er ist auferstanden und stieg empor zum Himmel und schickte [von dort] seinen Jüngern den Heiligen Geist, geradeso wie es von den Propheten vorherverkündet worden war. Vorausgesagt wurde auch, und zwar nicht bloß von den Propheten, sondern auch vom Herrn Jesus Christus selbst, es werde sich seine Kirche über den ganzen Erdkreis verbreiten und der Same hiezu durch den Martyrertod und das Leiden der Heiligen ausgesät werden, und zwar geschah diese Vorhersage schon zu einem Zeitpunkt, wo der Name Christus den Heiden noch unbekannt war und wo er dort, wo er wirklich schon bekannt war, bloß verlacht wurde. Und doch sehen wir, daß kraft der Wunder die er entweder selbst oder durch seine Diener wirkte, jetzt wo diese Lehre verkündigt und geglaubt wird, die Vorhersage bereits in Erfüllung gegangen ist und daß sich sogar Könige der Erde, welche vorher die Christen verfolgten, jetzt unter das Joch des Namens Christi gebeugt haben. Vorausgesagt wurde auch, es würden sich Spaltungen und Irrlehren in dieser Kirche bilden und würden unter Christi Namen dort, wo sie es vermöchten, ihre und nicht Christi Ehre suchen; und auch dies ist in Erfüllung gegangen. Werden nun die Prophezeiungen, deren Erfüllung noch aussteht, nicht eintreffen? Es ist ganz offenbar, daß, wie es bei ihnen so kam, wie es vorher gesagt worden war, ebenso sicher auch alle die den Gerechten [zwar schon geweissagten, aber erst in der Zukunft noch] in Aussicht stehenden Verfolgungen eintreten werden, desgleichen auch der Tag des Gerichtes, der bei der Auferstehung der Toten die Bösen von den Gerechten scheiden und nicht bloß diejenigen, welche überhaupt nicht zur Kirche gehören, sondern auch die Spreu innerhalb der Kirche selbst, welche die Kirche noch bis zur letzten Reinigung in größter Geduld ertragen muß, für das wohlverdiente Feuer aussondern wird. Wer aber in dem Wahne, daß das Fleisch, weil es verwest, nicht auferstehen kann, über die Auferstehung spottet, der wird in diesem Fleisch zu seiner Bestrafung auferstehen müssen: Gott wird ihm dann zeigen, daß derjenige, der die Leiber erschaffen konnte, bevor sie waren, sie auch in einem Augenblick wieder so herstellen kann, wie sie vorher waren. Alle Gläubigen aber werden, um mit Christus zu herrschen, in dem nämlichen Leib [den sie auf Erden hatten] so auferstehen, daß sie zugleich zur Unverweslichkeit der Engel umgewandelt zu werden verdienen; sie sollen dann nach der Verheißung des Herrn selbst den Engeln gleich sein und ihn selbst ohne Unterlaß und ohne Überdruß loben in ewigem Leben, in und aus ihm und in so großer Freude und Seligkeit, daß kein Mensch sie aussprechen oder erdenken kann. £ Du also, der du dieses glaubst, hüte dich vor Versuchungen – denn der Teufel sucht Menschen, die mit ihm zugrunde gehen –, damit dich dieser böse Feind nicht verführe, nicht nur durch solche, welche außerhalb der Kirche stehen, nämlich durch Heiden, Juden oder Ketzer, sondern auch durch solche, die, wie du siehst, in der katholischen Kirche selbst ein schlechtes Leben führen, den Gelüsten des Bauches, der Kehle und der Unzucht ergeben sind, eitler und verbrecherischer Neugier huldigen, sei es nun bei Schauspielen oder in teuflischer Zauberei oder Wahrsagerei oder im Prunk und Übermut der Habsucht oder der Hoffart oder in irgendeiner anderen Lebensweise, die Gottes Gesetz verdammt und bestraft. Solche sollst du nicht nachahmen. Schließe dich vielmehr den Guten an, die du leicht herausfinden wirst, wenn du nur selber einmal gut bist; ehre dann und liebe in Gemeinschaft mit ihnen Gott ohne Rücksicht auf Lohn; denn er selbst wird unser voller Lohn sein und im Genuß seiner Güte und Schönheit werden wir im künftigen Leben unsere Beseligung finden. Man muß Gott aber lieben nicht wie etwas, was man mit leiblichen Augen sieht, sondern so, wie man die Weisheit liebt oder die Wahrheit, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Güte und wie solche Tugenden sonst noch heißen; aber auch dies wiederum nicht so, wie sie sich bei Menschen, sondern wie sie sich im Urquell der unvergänglichen und unveränderlichen Weisheit finden. Wenn du also jemanden siehst, der eine solche Liebe hat, so schließe dich an ihn an, damit du durch Christus, der Mensch geworden ist, um Mittler zwischen Gott und Menschen zu sein, mit Gott versöhnt wirst. Glaube aber nicht, daß die bösen Menschen wie sie eingehen in die Mauern der Kirche, jemals so auch ins Himmelreich eingehen werden: nein, zu ihrer Zeit werden sie ausgeschieden werden, falls sie sich nicht [noch zuvor] bessern wollen. Gute Menschen also ahme nach, böse ertrage in Geduld, alle aber liebe: denn du weißt ja nicht, was morgen aus dem geworden ist, der heute noch böse ist. Du brauchst auch nicht ihre Ungerechtigkeit zu lieben, sondern nur ihre Person, auf daß sie für die Gerechtigkeit gewonnen werden. Denn nicht nur die Liebe zu Gott ist uns zur Pflicht gemacht, sondern auch die Liebe zum Nächsten: zwei Gebote, an denen das ganze Gesetz und die Propheten hängen. Dieses Gesetz der Liebe aber kann nur der erfüllen, der als Geschenk den heiligen Geist empfangen hat, welcher gleichen Wesens ist mit dem Vater und dem Sohne; denn diese Dreieinigkeit ist Gott und auf diesen Gott müssen wir all unsere Hoffnung setzen. Auf einen Menschen aber, mag er sein wer er will, dürfen wir sie nicht setzen. Denn es ist ein Unterschied zwischen dem, von dem wir gerechtfertigt werden und denjenigen, mit denen zusammen wir gerechtfertigt werden. Der Teufel aber versucht nicht bloß durch die Regungen der Begierlichkeit, sondern auch durch die Schrecken der Verfolgungen, der Schmerzen und sogar des Todes. Indes, was der Mensch auch immer für den Namen Christi und in der Hoffnung auf ein künftiges Leben leidet und mit Beharrlichkeit erträgt: es wird ihm ein Lohn zuteil werden, der noch größer ist. Gibt er jedoch dem Teufel nach, so wird er zugleich mit ihm verdammt werden. Um ihrer Barmherzigkeit, Frömmigkeit und Demut willen läßt es jedoch der Herr nicht zu, daß sein Diener stärker versucht werden, als sie aushalten können.

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