Über den Tod seines Bruders Satyrus

Von Ambrosius von Mailand

Erstes Buch

Wir haben, geliebteste Brüder, mein Opfer hergeleitet; ein unbeflecktes, Gott wohlgefälliges Opfer: meinen Herrn und Bruder Satyrus. Ich hatte wohl daran gedacht, daß er sterblich sei: und die Ahnung hat mich nicht getäuscht; aber überströmend ist auch die Gnade gewesen. Darum finde ich auch Nichts zu beklagen, aber wohl habe ich Grund genug, Dank zu sagen. Stets war es ja mein Wunsch, daß, wenn Leiden entweder der Kirche oder meiner warteten, dieselben aber auf mich und mein Haus fallen möchten. Gott sei also Dank, daß ich bei dem allgemeinen Bangen, wo Alles von den Unternehmungen der Barbaren gefürchtet wurde, daß ich da durch persönlichen Schmerz allgemeines Leid vielleicht beseitigt habe, daß auf mich gewendet ist, was ich für Alle fürchtete. Möchte es damit nur genug sein, damit mein persönlicher Schmerz die Abwendung allgemeinen Leides einschließe!

Nichts zwar von Allem, was die Erde besitzt, meine Brüder, hatte für mich einen höheren Werth als ein Bruder, wie Satyrus war; Nichts erschien mir liebenswürdiger. Nichts war mir theurer: aber das, was Alle betrifft, drängt das Persönliche zurück. Ja, hätte Jemand die eigene Meinung des Hingeschiedenen erforschen mögen: er hätte gefunden, daß Jener lieber für Andere den Tod zu erleiden gewillt war, als im eigenen Interesse sein Leben zu erhalten. Ist ja auch gerade deßhalb Christus dem Fleische nach für Alle gestorben, damit wir vergäßen, uns allein zu leben.

Es tritt noch hinzu, daß ich der göttlichen Vorsehung meinen Dank gar nicht verweigern kann: oder muß ich nicht innigere Freude darüber empfinden, einen solchen Bruder gehabt zu haben, als ich vom Schmerz bewegt sein darf, daß ich ihn verlor? Daß ich ihn besaß, war ein Gnadengeschenk; daß ich ihn verlor, war Heimzahlung einer Schuld. Wie ein mir anvertrautes Darlehen habe ich ihn, solange es mir gestattet wurde, behalten: jetzt hat er, der ihn mir anvertraute, ihn zurückgefordert. — Es ist kein Unterschied, ob man das anvertraute Pfand abschwört, oder ob man dem zurückgegebenen nachweint: in beidem liegt eine Verletzung der Treue und damit eine Gefahr für das öffentliche Leben. Es schließt doch eine Schuld ein, wenn man das Darlehen ableugnet? ist es denn Frömmigkeit, wenn man das Opfer vorenthält? Zudem kann man den Darleiher von Geld noch hintergehen. Der Urheber der Natur aber, der Darleiher aller Lebensbedürfnisse läßt sich nicht täuschen. Je größer und reicher aber nun das Darlehen ist, desto innigere Dankbarkeit muß doch auch, der Gebrauch desselben erwecken.

Ich kann also hinsichtlich des Bruders der Undankbarkeit keinen Raum geben: er hat, was der Natur gemein ist, zurückgegeben; was nur der Gnade eignet, hat er erworben. Wer möchte des allgemeinen Looses sich weigern? Wer darf klagen, daß ein ihm anvertrautes Pfand zurückgefordert wird, da doch der ewige Vater zu unserem Troste seinen eingeborenen Sohn für uns in den Tod dahingegeben hat? Wer darf denn beanspruchen, von dem allgemeinen Loose, zu sterben, ausgenommen zu werden, da er doch Theil hat an dem Loose, geboren zu sein? Das ist ein großes Geheimniß der göttlichen Liebe gegen uns, daß selbst Christus nicht ausgenommen war von dem Tode des Leibes, daß er, obwohl er der Herr der Natur war, doch nicht dem Gesetze des Fleisches, das er angenommen, sich entziehen wollte. Wir müssen ja sterben; für ihn bestand keine Nöthigung. Oder konnte er, der von dem Jünger sagte: „Wenn ich nun will, daß er so bleiben soll, bis ich komme“; sollte er selbst nicht haben so bleiben können, wenn er nur gewollt hätte? Aber freilich durch Verlängerung dieses Lebens (des Bruders) hätte er sich den Preis, mir das Opfer genommen. Kann es denn nun einen größeren Trost geben, als dieses, daß auch Christus dem Fleische nach gestorben ist? Oder warum sollte ich zu heftig den hingeschiedenen Bruder beweinen, da ich doch weiß, daß jenes göttliche Erbarmen nicht, sterben konnte?

Warum ferner soll ich allein vor allen Anderen den beweinen, den ihr Alle beweint? Ich habe meinen persönlichen Schmerz in dem allgemeinen Jammer versenkt, zumal ja auch meine Thränen nutzlos sind, während euer Weinen den Glauben beweiset und gleichzeitig Trost bringt. Ihr Reichen weinet, und euere Thränen beweisen, daß die Reichthümer, die ihr gesammelt, Nichts helfen zum Heile: um Geldespreis läßt der Tod sich ja nicht zurückdrängen, vielmehr rafft der letzte Tag in gleichem Schicksal Reich und Arm hin. Ihr Greise weinet: in ihm, der hier liegt, fürchtet ihr das Loos eurer eigenen Kinder; wohlan denn! da ihr das Leben des Leibes nicht verlängern könnt, so leitet eure Kinder nicht so sehr zur Verwerthung des Leibeslebens, als zur Uebung der Tugend an. Auch ihr Jünglinge weinet, weil das Ende des Lebens nicht zusammenfällt mit der Todesreife des Greisenalters. Geweint haben auch die Armen, und was werthvoller, fruchtbarer noch ist: sie haben mit ihren Thränen seine Vergehen abgewaschen. Ja das sind erlösende Thränen, das ist ein Weinen, welches das Wehe über den Tod wegnimmt, das ist ein Jammer, der durch den Reichthum der ewigen Freude das Gefühl des früheren Schmerzes bedeckt. Handelt es sich somit hier auch nur um die Bestattung eines Einzelnen, so ist doch das Klagen allgemein; gerade darum kann aber auch das Weinen, welches durch die Theilnahme Aller geheiligt ist, nicht andauernd sein.

Was soll ich nun, mein geliebtester Bruder, dich beweinen, der du mir so entrissen wurdest, daß du Aller Bruder würdest? Der Verkehr mit dir ist mir nicht genommen, sondern nur geändert: vordem waren wir leiblich unzertrennlich; jetzt sind wir ungetheilt im Herzen, du bist immer bei mir, du wirst auch stets bei mir bleiben. So lange du mit mir im Leben verbunden warest, hat niemals das Vaterland dich mir entrissen; niemals hast du selbst mir das Vaterland vorgezogen, und jetzt hast du für das andere Vaterland die Gewähr übernommen für uns beide; denn ich habe schon begonnen, dort kein Fremder mehr zu sein, wo mein besserer Theil ist. Ich war ja niemals ganz in mir abgeschlossen; vielmehr war stets der größere Theil von uns Beiden in einem Anderen; wir waren ja Beide in Christo, in dem Alles ruht, das Ganze um jeder Theil. So ist mir dieser Grabhügel angenehmer als die Stätte der Geburt: denn hier ruht die Frucht der Gnade, nicht die der Natur. In dem Leibe, der entseelt da liegt, birgt sich der bessere Theil meines Lebens, wie ja auch in dem Leibe, den ich noch trage, der reichere Theil deines Daseins sich birgt.

Ach wenn wir doch all’ unsere Athemzüge, wie der Erinnerung und Dankbarkeit gegen dich widmen, so auch deinem Leben beigeben könnten; wenn doch die Hälfte meiner kommenden Tage mir genommen und deinem Lebenslaufe zugelegt wäre! Es wäre ja wohl recht und billig, daß für die, welche immer ungetheilt Hab und Gut besessen, auch die Lebenszeit nicht verschieden sei: oder sicher doch, daß die, welche unterschiedslos Alles im Leben gemeinsam hatten, auch keinen Unterschied in der Sterbestunde gehabt hätten.

Wohin, mein Bruder, soll ich aber jetzt fortschreiten, wohin mich wenden? Der Zugstier sucht seinen Genossen und wähnt sich nicht vollständig, in wiederholtem Gebrüll sein Sehnen bezeugend, wenn einmal der fehlt, mit welchem zusammengefügt er den Pflug zu ziehen gewohnt ist. Und ich sollte dich, mein Bruder, nicht suchen? Oder kann ich denn jemals dein vergessen, nachdem ich stets mit dir gemeinschaftlich den Pflug dieses Lebens gezogen habe? In der Arbeit war ich schwächer, aber in meiner Liebe dir um so mehr verbunden; ich war nicht so sehr wegen meiner Tüchtigkeit brauchbar, als vielmehr durch deine Geduld ertragbar. Wie hast du mit treuer Liebe, immer besorgt, meine Seite mit deiner gedeckt: in deiner Liebe wie ein Bruder, in der Sorge wie ein Vater, vorsichtig bekümmert wie der ältere, voll Ehrfurcht wie ein jüngerer Bruder. So hast du mir, obschon nur durch das eine Band (der Bruderliebe) verpflichtet, die Dienste gar mannigfacher Pflichtverhältnisse geleistet, so daß ich in dir nicht einen, sondern Viele verloren habe und nun suchen muß, den Einen, bei dem Schmeichelei unbekannt, der lauter treue Hingebung war. Du brauchtest nichts Mangelndes durch Verstellung zuzufügen, weil du eben ganz von treuer Hingabe ergriffen wärest, so zwar, daß du keine Beförderung annahmest, keine Vertretung erwartetest.

Aber wohin soll ich jetzt gehen, uneingedenk der Pflicht, eingedenk der geschwundenen Gnade, in unsäglichem Schmerze? Der Apostel ruft zurück und legt dem Jammer gleichsam Zügel an mit jenen Worten, die ihr jüngst gehört habt: „Wir wollen euch nicht in Ungewißheit lassen hinsichtlich der Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie diejenigen, welche keine Hoffnung haben.“ Verzeiht, meine theuren Brüder! Nicht wir Alle können mit dem Apostel sagen: „Seid meine Nachahmer, wie ich Christi Nachahmer bin.“ Wollt ihr aber das Urbild zum Nachahmen, so habt ihr allerdings Einen, dem ihr nachahmen könnt. Nicht Alle sind zum Lehren geeignet, möchten nur Alle bereit und fähig zum Lernen sein!

Indessen haben wir mit den Thränen eine schwere Schuld uns sicher nicht aufgeladen: nicht jedes Weinen ist ja Ausfluß des Unglaubens oder der Schwachherzigkeit. Ein Anderes ist der Schmerz der Natur, ein Anderes das Klagen des Mißtrauens, und es liegt gar weit von einander ab, das zu wünschen, was man besessen und das zu betrauern, was man verloren hat. Hat ja auch nicht bloß der Schmerz, sondern ebenso die Freude Thränen! Die Hingabe an Gott weckt die Thränen, das Gebet läßt sie über das Lager ausströmen nach jenem bekannten Worte des Psalmisten. So erhoben auch die Hinterbliebenen ein großes Klagen, als die Patriarchen bestattet wurden. Es sind also die Thränen Zeugen der Ergebenheit, nicht die Anlocker des Schmerzes. Also habe auch ich geweint, ich will es gestehen; aber auch der Herr hat geweint. Er beweinte einen Fremden: ich den Bruder. Er beweinte in dem Einen Alle, ich werde in Allen dich beweinen, mein Bruder!

Der Herr weinte in unserer Natur (unserem Zustand), nicht in der ihm eigenen: denn die Gottheit hat keine Thränen. Er weinte, wie er auch traurig war; er weinte in der Natur, in der er auch gekreuzigt, gestorben und begraben ist; er weinte in der Natur, von der heute der Psalmist uns kündet, wenn er sagt: „Sagen wird die Mutter Sion: ein Mensch, ja ein Mensch ist in ihr geboren, und er selbst hat sie gegründet, der Allerhöchste.“ In der Natur hat er geweint, in welcher er Sion seine Mutter nannte, geboren in Judäa, Fleisch geworden aus der Jungfrau. Er konnte ja nach seiner Gottheit keine Mutter haben, weil er selbst der Schöpfer der Mutter ist. Geworden ist er nicht in göttlicher, sondern nur in menschlicher Geburt; Mensch ist er geworden, als Gott ist er von Ewigkeit geboren.

So heißt es auch anderswo: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“ „Kind“ heißt er zur Bezeichnung des Alters, „Sohn“, weil die Fülle der Gottheit in ihm ruht. Geworden ist er aus der Mutter, geboren von Ewigkeit vom Vater; es ist derselbe, der „geboren“ und der uns „geschenkt“ ist: der eine Sohn Gottes, der von Ewigkeit vom Vater geboren wird, der Fleisch angenommen hat aus der Jungfrau in verschiedener Ordnung, aber mit einem Namen bezeichnet. So heißt es auch in der Lesung des Tages: „Ein Mensch ist in ihr geboren, und er selbst hat sie gegründet, der Allerhöchste“. Mensch dem Leibe nach, an Macht der Höchste. Und wenn auch rücksichtlich des Naturunterschiedes Gott und Mensch, so ist er doch in beiden Naturen Einer und derselbe, nicht ein Anderer (Zweiter). Etwas Anderes ist also das, was ihm seiner Natur nach eigenthümlich ist, etwas Anderes, was er mit uns gemein hat; aber in Beiden ist er (nur) Einer, in Beiden vollkommen.

Darum darf es uns auch nicht Wunder nehmen, daß ihn Gott zum Herrn und Messias gemacht hat; ihn, der seinem leiblichen Dasein nach den Namen Jesus erhielt, von dem auch David schreibt: „Die Mutter wird zu Sion sagen: Ein Mensch, ja ein Mensch ist in ihr geboren.“ Als Mensch Gewordener aber ist er allerdings (dem Vater) unähnlich nicht durch die Gottheit, sondern durch die Leiblichkeit; er ist nicht losgetrennt vom Vater, aber unterschieden in seinem (Erlöser-) Amte; er bleibt mit ihm in Machtgemeinschaft, ist aber von ihm geschieden in seinem geheimnißvollen Leiden.

Die Auseinandersetzung dieser Stelle heischte noch gar Vieles, um zu beweisen die Majestät des Vaters, die Selbstständigkeit des Sohnes, die Einheit der ganzen Dreifaltigkeit: ich habe indessen heute das Amt, zu trösten, keineswegs das Amt, Streitfragen zu behandlen. Allerdings pflegt man gerade, um zu trösten, den Geist durch die Richtung auf andere Fragen abzulenken: ich will aber keineswegs die Regung des Schmerzes schlechthin erdrücken; — ich will vielmehr den Schmerz selbst nur mildern, so zwar, daß die Sehnsucht sich mäßigt, nicht ausgetilgt wird. Deßhalb mag ich denn auch nicht gar zu weit von dem Bruder abschweifen: diese Rede ist ja doch nur übernommen, um ihn gleichsam zu begleiten; um mit unserem Gefühle dem Scheidenden noch ferner zu folgen; um ihn, den unsere Augen hier sehen, mit dem Herzen auch zu umschließen. Ja den vollen Blick der Augen wollen wir auf ihm haften lassen? mit allen Regungen unseres Herzens wollen wir bei ihm weilen, mit der ganzen Hingabe süßer Zärtlichkeit ihm nahen. Obgleich mein Geist erstarrt, wähne ich doch den nicht verloren, den ich hier gegenwärtig erblicke; ich glaube den nicht gestorben, für den ich die Gefühle noch nicht vermisse, denen ich mein ganzes Leben, jeden Hauch geweiht hatte.

Wie soll ich nun solcher Huld, solcher Mühe vergelten? Ich hatte dich, mein Bruder, mir als Erben gedacht; du hast mich jetzt als Erben zurückgelassen: ich wünschte dich als Ueberlebenden, du hast nun mich als Ueberlebenden hier belassen. Ich habe für deine Gaben, um die Wohlthaten einigermaßen auszugleichen, Wünsche dargebracht: jetzt sind die verloren, aber deine Wohlthaten habe ich nicht verloren. Was soll ich nun beginnen als Nachfolger meines Erben? als Ueberlebender des eigenen Lebens? Was soll ich beginnen, da du des Lichtes, das ich aufnehme, nicht mehr theilhaftig bist? wie soll ich Dank oder Dienst dir erweisen ? Du hast von mir jetzt Nichts, als meine Thränen: aber vielleicht begehrst du, deines Lohnes schon sicher, auch diese Thränen nicht, welche einzig mir noch übrig sind? Ja, du hast, als du noch lebtest, zu weinen verboten; da hast du schon kundgegeben, daß unser Jammer dir mehr Schmerz bereitet als dein Tod. So sollen denn die Thränen nicht ferner fließen, das Jammern soll enden. Die Huld, die wir dir entgegenbringen, heischt es: wir möchten sonst, während wir unseren Verlust beweinen, an deinen Verdiensten zu verzweifeln scheinen.

Aber in der That minderst du auch die Schärfe jenes Schmerzes: um dich trug ich Sorge, jetzt bin ich um Nichts mehr besorgt; ich habe Nichts mehr, was mir etwa die Welt noch entrisse. Zwar bleibt mir eine heilige Schwester, verehrungswürdig in ihrer Tugend, nicht ungleich an Fähigkeit; aber wir beide haben doch zumeist Sorge um dich getragen, in dir glaubten wir unseres Lebens Freude beschlossen. Um deinetwillen zu leben, war uns Wonne, um deinetwillen zu sterben, hätten wir nicht gescheut. Daß du uns überleben möchtest, war der Gegenstand unserer Gebete; daß wir dich überleben sollten, konnte uns nicht erfreuen. Wann wäre unser Herz nicht erschrocken, wenn solche Furcht in ihm zitterte? Ach wie war unser Geist niedergebeugt, als deine Krankheit uns kund ward?

Ach der unglücklichen Täuschung! Wir hielten den für zurückgegeben, den wir entrissen sehen: jetzt erkennen wir, daß durch deine Gelübde bei dem heiligen Martyrer Laurentius das schützende Geleit erwirkt war. Wollte Gott, du hättest auch deines Lebens längere Dauer dir erfleht! Ja du hättest, wie du Geleit und Rückkehr dir erflehtest, auch noch weitere Lebensjahre dir erflehen können. Indessen auch so danke ich dir, allmächtiger ewiger Gott, dafür, daß du diesen letzten Trost uns nicht versagt, die so sehnlich gewünschte Rückkehr unseres geliebtesten Bruders aus den fernen Gegenden Siciliens und Afrikas uns gegönnt hast. So rasch freilich ist er uns nach seiner Ankunft entrissen, daß es scheinen könnte, als wäre es nur um deßwillen verzögert, daß er zu den Brüdern zurückkehrte.

Indessen besitze ich immerhin mein Unterpfand, das mir keine Trennung rauben kann: ich habe die Reliquien, die ich umfasse, den Grabhügel, über dem ich hingestreckt liege, den ich mit meinem Körper decke, und ich meine Gott wohlgefälliger zu werden, wenn ich auf den Gebeinen des heiligen Leichnams ruhe. Hätte ich doch auch dem Tode meinen Leib können entgegen werfen! Wärest du dem Schwerte ausgesetzt gewesen, ich hätte für dich mich durchbohren lassen; hätte ich deine scheidende Seele zurückrufen können, ich hätte auf das bereitwilligste mein Leben hingegeben. Nichts hat es mir genützt, deine letzten Athemzüge eingeschlürft und dem Sterbenden meinen Odem in den Mund gehaucht zu haben; denn ich hatte geglaubt, entweder deinen Tod selbst einathmen oder mein Leben in dich überströmen zu können. O schmerzliches und doch so süßes Pfand des letzten Kusses! O traurige Umarmung, die den entseelten Leib erstarren, den letzten Hauch entschwinden fühlt! Fest schloß ich die Arme, aber schon hatte ich den verloren, den ich umschlungen hielt; den letzten Athemzug nahm ich im Kusse entgegen, aber ich trank schon die Gemeinschaft des Todes. Ich weiß nicht, wie jener lebenspendende Hauch mir geworden ist, und wie er im Tode noch größere Anmuth athmete! Und da ich denn nun einmal dein Leben mit meinem Athem nicht verlängern konnte, wenn doch wenigstens die Kraft deines letzten Hauches in meine Seele jene Reinheit und Unschuld deines Herzens hätte hinüberströmen können! Hättest du doch diese Erbschaft mir hinterlassen mein theuerster Bruder! sie hätte nicht mit Jammer und Schmerz das Gemüth erschüttert, sondern mit wunderbarer Huld den Erben geschmückt.

Was soll ich denn nun beginnen, da ich alle Freude, allen Trost, alle Zier meines Lebens verloren habe? Du allein warst mir ja im Hause zum Troste, draußen zur Zier. Du wärest im Berathen maßgebend, der Theilnehmer meiner Sorgen, der Vermittler in den Geschäften, der Vertreiber des Kummers. Du tratest ein für meine Handlungen, wärest der Vertheidiger meiner Pläne. Du allein wärest es endlich, auf dem die häusliche wie die öffentliche Sorge lastete. Oft genug — deine heilige Seele rufe ich als Zeugin an! — oft genug habe ich beim Baue des Tempels einzig gefürchtet, dir zu mißfallen. Als du zurückkehrtest, hast du die Verzögerung getadelt. So sehr hast du im Hause und draußen dem Priester Rath und Entscheidung zu Theil werden lassen, daß du nicht aufhörtest, an die häuslichen Angelegenheiten zu denken, und gleichzeitig bestrebt wärest, die öffentlichen zu besorgen. Ich darf nicht fürchten, anmaßend in meiner Rede zu erscheinen: ist dieses ja dein Lobesantheil, da du ohne irgend welche Ueberhebung das Hauswesen deines Bruders geleitet und sein Priesteramt nach außen empfohlen hast.

Ich fühle, wie bei dem Gedanken an all’ deine Dienstleistungen, bei Erwägung deiner Tugenden mein Gemüth erregt wird; und doch finde ich in dieser Erregung selbst meine Ruhe: obgleich die Erinnerung meinen Schmerz erneuert, bereitet sie mir doch auch Freude. Oder wird es denn möglich sein, daß ich entweder dein überhaupt nicht mehr, oder auch nur ohne Thränen gedenke? Was gibt es denn für mich Angenehmes, das nicht in dir seinen Grund hätte? Was hat denn jemals mir ohne dich, was hat dir ohne mich Freude bereitet? Hatten wir denn nicht volle Lebensgemeinschaft, so daß selbst das Auge sich im Schlafe zu gleicher Zeit schloß? War unsere Willensmeinung jemals verschieden? war unser Weg nicht derselbe, so daß man Schritt für Schritt kaum unterscheiden konnte, wer den Fuß höbe?

Mußte aber bisweilen der Eine ohne den Anderen fortschreiten, und wenn du dann meine Seite schutzlos, mein Antlitz erregt, mein Gemüth traurig fandest: dann erglänzte auch in dir nicht die gewohnte Huld, die gewohnte Kraft. Alle überschlich dann die Furcht, als müsse die leidige Vereinsamung die Erkrankung des Einen oder Anderen herbeiführen. So sehr erschien es Allen als unerhört, daß wir getrennt würden. Ich selbst habe in meiner Ungeduld über die Abwesenheit meines Bruders oft genug das Haupt gewandt, um ihn, als wäre er gegenwärtig, zu suchen; ich redete mir dann wohl ein, ihn zu schauen, zu ihm zu reden. Fiel ich dann aber aus meiner Hoffnung, dann fühlte ich, ein wie schweres Joch ich gebeugten Hauptes trug: es schien mir, als wenn ich nur schwerfällig, furchtsam fortschritte, aber eilends den Fuß zurückzöge, weil ich ohne dich nicht vorgehen mochte.

Wo wir aber beide zusammengingen, da waren auf dem Wege kaum mehr Tritte, als Worte; weniger um das Wandeln war es uns zu thun, als um die Unterhaltung: wir hingen gegenseitig, der Eine an des Andern Munde. Da dachten wir nicht daran, aufmerksamen Auges den Weg zurück zu legen, sondern nur daran, die besorgten Reden gegenseitig zu vernehmen, die Huld der Augen zu schöpfen, den Anblick des brüderlichen Bildes zu kosten. Wie oft habe ich da schweigend in mir deine Vorzüge bewundert! wie habe ich jubelnd mich beglückwünscht, daß der Herr mir einen solchen Bruder geschenkt hatte, der so rein, so unschuldig, so einfach und doch so thatkräftig war! Betrachtete ich deine Einfalt, dann schien mir unglaublich deine Tatkraft; faßte ich deine Thatkraft ins Auge, dann wollte mir wieder deine Einfalt unglaublich erscheinen! Und doch verbandest du beides mit wunderbarer Gewalt!

Was wir beide dann nicht zu Ende führen konnten das hast du allein vollbracht. Prosper wünschte sich, wie ich höre, schon Glück, weil er glaubte, er brauche anläßlich meines Priesterthums nicht mehr zurückzuerstatten, was er schuldete; aber er hat deine Thatkraft erprobt, die für sich allein schärfer war, als die beider. Er hat seine Verpflichtungen sämmtlich erfüllt nicht ohne Anerkennung deiner Mäßigkeit, aber auch nicht ohne einen Anflug von Scham. — Und für wen, mein Bruder, hast du Alles erstrebt? Wir wünschten, daß das der Preis deiner Mühen sei, was auch Beweis für dieselben war. Alles hast du zu Ende geführt, und als du dann nach Abwickelung der Geschäfte zurückkehrtest, da wurdest du allein, der du mehr werth wärest als Alles, uns entrissen: als hättest du nur deßhalb den Tod hingehalten, um erst die übernommene Liebespflicht zu erfüllen und die Palme deiner Thatkraft zu verdienen.

Wie haben uns selbst die Ehren dieser Welt gar nicht erfreut, weil sie uns von einander trennten! Wir haben sie denn auch angenommen, nicht weil ihre Annahme wünschenswerth war, sondern nur um den Schein einer thörichten Verstellung zu vermeiden. Vielleicht sind sie uns aber auch um deßwillen zu Theil geworden, damit wir lernen sollten, getrennt von einander zu leben, weil das Ende unserer Freude doch durch deinen vorzeitigen Tod in Aussicht stand.

Ich erkenne nun aber die Angst des vorahnenden Herzens, indem ich selbst nur wiederhole, was ich geschrieben. Ich habe dich zurückgehalten, mein Bruder, daß du nicht selbst nach Afrika gehen, vielmehr irgend Jemanden dorthin senden möchtest. Ich war besorgt, dich dem weiten Wege und den Meeresfluthen anzuvertrauen, und mehr als sonst erfüllte Furcht meine Seele: du hast indessen die Reise ausgeführt, hast die Angelegenheit geordnet und dann auf altem, leckem Fahrzeuge dich von Neuem den Fluthen preisgegeben. Da du nämlich auf Schnelligkeit bedacht wärest, hast du die Vorsicht hintangesetzt, begierig nach unserer Liebe, während du die eigene Gefahr dir ausredetest.

O trügerische Freude! o unsicheres Loos irdischer Dinge! Aus Afrika zurückgekehrt, dem Meere entronnen, aus dem Schiffbruche errettet, könntest du uns — so dachten wir — nicht mehr entrissen werden: indessen erlitten wir, obwohl am Land, schweren Schiffbruch, da der Tod desjenigen, den Meeresunfall dem Tode nicht zuzuführen vermochte, uns zum Schiffbruche wurde. Was bleibt denn auch denjenigen noch an Annehmlichkeit, denen so süße Zierde genommen, denen das Licht, das so überherrlich in des Lebens Finsterniß leuchtete, ausgelöscht wurde? In ihm ist nicht allein die Zierde unserer Familie, sondern des ganzen Vaterlandes gestorben.

Ich schulde euch aber, meine geliebtesten Brüder, den innigsten Dank dafür, daß ihr meinen Schmerz nicht anders denn als eueren eigenen ansehet; daß ihr unsere Vereinsamung auch euch zurechnet, daß ihr das Weinen der ganzen Stadt, die Gebete aller Stände mit einer besonderen Treue darbietet. Das ist nicht der Schmerz persönlichen Mitgefühles, sondern das ist der Dienst öffentlicher Theilnahme, eine Gabe des tiefen Wohlwollens. Sollte aber doch rein persönliches Mitleid mit mir euch erfassen, weil ich einen solchen Bruder verloren habe, so finde ich dafür die reichste Entschädigung in dem Beweise eurer Zuneigung. Ich wünschte vielleicht persönlich lieber, daß der Bruder noch leben möchte; aber immerhin ist die öffentliche Theilnahme im Glücke angenehmer, während sie im Unglücke dankeswürdiger ist.

Und in der That erscheint auch mir das Verdienst solcher Theilnahme keineswegs gering. Es wird ja in der Apostelgeschichte beim Tode der Thabita der weinenden Frauen nicht müßiger Weise Erwähnung gethan; auch im Evangelium wird die Schaar, welche, tief erregt durch die Thränen der Wittwe, der Leiche des Jünglings folgte und welcher die Auferweckung zu danken war, nicht ohne Grund aufgeführt. Die Thabita beweinten die Wittwen, den Jüngling zu Naim beweinte die ganze Stadt: so ist es denn nicht zweifelhaft, daß ihr mit euren Thränen den Schutz der Apostel erwerbt; ja, Christus selbst ist vom Mitleid bewegt, da er euch weinen sah. Wenn er auch nicht die Todtenbahre berührte, so hat er doch die Seele sich lassen empfohlen sein; wenn er auch den Gestorbenen mit vernehmbarem Worte nicht angeredet hat, so hat er doch mit der Fülle seiner Macht die Seele von den Qualen des Todes, von den Anfechtungen des bösen Geistes befreit. Wenn ferner er, der gestorben war, sich auch nicht aufrichtete auf der Bahre, so hat er doch seine Ruhe gefunden in Christo; wenn er zu uns nicht geredet hat, so erkennt er doch jetzt, was über uns liegt, und er erfreut sich im Anschauen desjenigen, was erhabener ist als wir. Durch das, was wir im Evangelium lesen, erkennen wir ja, was zukünftig ist, und die Gestaltung der Gegenwart birgt das Zeichen der Zukunft.

Zeitliche Auferweckung war für den nicht nöthig, dessen die Auferweckung für die Ewigkeit wartet. Wozu sollte er denn in diese elende, gefahrvolle Armseligkeit zurückfallen, wozu sollte er zurückkehren in dieses beweinenswerthe Dasein, da wir uns ja vielmehr freuen müssen, daß er den drohenden Uebeln, den anstürmenden Gefahren entrissen ist? Wenn einstmals Niemand den Henoch beweinte, da er aufgenommen wurde, während doch der Erdkreis beruhigt war und die Kriege beendigt; wenn vielmehr nach dem Zeugnisse der Schrift 1 der Prophet lobpreisend sprach: „Er ist weggenommen, damit die Bosheit nicht sein Herz verderbe:“ um wie viel mehr müssen wir das jetzt sagen, wenn zu dem allgemeinen Elende dieser Welt noch das Unsichere der Zeit hinzutritt! Er ist weggenommen, damit er nicht in die Hände der Barbaren falle: er ist weggenommen, damit er nicht den Untergang des ganzen Erdkreises, das Ende der Welt, den Tod der Mitbürger, die Bestattung der eigenen Angehörigen, und damit er nicht — was bitterer als aller Tod ist — die Befleckung der heiligen Jungfrauen und Wittwen erlebe.

Ich preise also dich glücklich, mein Bruder: sowohl wegen der Blüthe deines Lebens, als wegen der Leichtigkeit deines Todes. Nicht so sehr uns bist du entrissen, als den Gefahren; du hast nicht so sehr das Leben verloren, als vielmehr die Schrecken der hereinbrechenden Trübsale. Welch’ tiefes Mitgefühl mit den Deinen hätte wohl dein Herz erfüllt, wenn du Italien in solcher Nähe schon vom Feinde bedrängt sähest; wie würdest du seufzen und beklagen, daß unser ganzes Heil schließlich auf der Schutzwehr der Alpen beruhe, und daß aus Holzverschanzungen die Schutzmauer für die Keuschheit errichtet werde! Wie tief betrübt würdest du sein, wenn du die Deinen durch eine so schwache Scheidewand von einem Feinde getrennt wüßtest, der roh und grausam weder der Keuschheit noch des Lebens schonet!

Wie würdest du ertragen, was wir dann zu ertragen und — was vielleicht schwerer ist — anzusehen gezwungen werden: daß die Jungfrauen geraubt, daß zarte Kindlein aus den Armen der Eltern gerissen und den Wurfspießen zugeworfen, daß Gott geweihte Jungfrauen entweihet werden?! Wie würdest du das alles ertragen, der du mit deinem letzten Athemzuge, deiner selbst schon vergessend, für uns aber noch besorgt, uns so dringend mahntest, zeitig genug auf den Schutz vor dem Einfalle der Barbaren zu denken! Dann würdest du dich erinnern, daß du nicht ohne Grund gesagt, wir sollten fliehen. Vielleicht thatest du das, weil du erkanntest, daß du durch den Tod uns entrissen würdest, nicht aus Geistesschwäche, sondern aus treuer Ergebenheit: erschienest du um unseretwillen schwach, so wärest du für dich gleichwohl stark. Als du von Symmachus zurückgerufen wurdest, weil in Italien der Krieg schon entbrannt wäre, und weil du der Gefahr und dem Feinde dich entgegenwerfen solltest: da antwortetest du, daß für dich hinreichende Ursache zu kommen vorläge, um bei unserer Gefahr nicht ferne zu sein, um an dem Geschicke des Bruders Theil zu nehmen.

Glücklich also darf ich dich preisen in deinem Scheiden zur rechten Stunde, weil du für unseren Schmerz nicht erhalten bliebest; glücklicher jedenfalls als deine heilige Schwester, die deines Trostes beraubt jetzt für ihre Jungfräulichkeit besorgt sein muß. Eben noch selig im Besitz zweier Brüder, bereiten beide ihr jetzt Kummer, weil sie dem Einen nicht folgen und auch den Anderen, dem dein Grab nun zur Heimathstätte geworden, nicht verlassen kann. Und wenn hier nur sicherer Aufenthalt wäre! Ach wir nehmen Speise und Trank mit Weinen und Klagen. Mit dem Psalmisten können wir sagen: „Du hast uns gespeiset mit Thränenbrod, getränkt mit Thränen in vollem Maße,“ vielleicht sogar über das Maß hinaus.

Und was soll ich nun von mir sagen? Nicht sterben darf ich, um die Schwester nicht zu verlassen; und ich mag auch nicht leben, um von dir nicht getrennt zu sein. Was kann mir denn ohne dich noch Freude bereiten, da in dir meine ganze Freude beschlossen war? Was kann mich locken, noch länger dieses Leben zu fristen, noch ferner hier zu weilen, wo wir nur so lange glücklich gelebt haben, als wir zusammen lebten? Und gäbe es auch noch Etwas, das uns hier erfreuen könnte, ohne dich wäre das doch nicht möglich; und hätten wir auch noch so dringend gewünscht, unser Leben zu verlängern, ohne dich könnten wir es doch nicht.

Das ist in der That unerträglich. Oder was ist erträglich ohne dich, den Begleiter meines Lebens, den Genossen meiner Arbeiten und Geschäfte? Konnte ich ja seinen Tod nicht einmal vorausbedenken, um ihn erträglicher zu machen: so scheute mein Geist, von ihm solches zu denken, nicht als hätte ich die Lage der Dinge verkannt, sondern weil eine besondere Art des Wünschens und Betens das Gefühl der allgemeinen Gebrechlichkeit zurückdrängte, so zwar, daß ich außer Stande war, von ihm etwas Anderes als Glückliches zu denken.
Als dann aber dieser schwere Unfall — wollte Gott, es wäre der letzte für mich gewesen! — mich bedrohte, daß wir scheiden müßten: da beklagte ich nur dieses, daß du selbst nicht an meinem Bette saßest und mit der Schwester den Liebesdienst theilend die Augen des Sterbenden mit deiner Hand schloßest. Was hatte ich alles gewünscht? Was vergelte ich jetzt? Welche Gelübde sind unerhört geblieben? Welche Dienstleistungen folgen jetzt? Ach ich bereitete eine andere Dienstleistung vor, als ich jetzt gezwungen werde auszuführen: nicht Gegenstand, sondern Führer der Bestattung bin ich. Wie wäret ihr Augen so abgestumpft, daß ihr den Bruder konntet sterben sehen! Wie wäret ihr Hände so grausam, daß ihr die Augen schloßet, in denen ich so Vieles gesehen! Und härter noch war der Nacken, der die Todtenlast, wenn auch im trostbringenden Dienste, tragen konnte! Du, mein Bruder, hättest mit mehr Recht mir diesen Dienst erweisen müssen! Von dir habe ich ihn erwartet und gewünscht. Wo soll ich nun, des eigenen Lebens Ueberleber, wo soll ich Trost finden ohne dich, der du allein den Trauernden zu trösten pflegtest, wie du auch die Freude brachtest, den Trübsinn verscheuchtest? Ach, wie erblicke ich dich jetzt, mein Bruder! Kein Wort mehr sagst du nur, keinen Kuß mehr bietest du mir! Freilich, so hatte immer unsere gegenseitige Liebe uns beseelt, daß dieselbe mehr durch inneres Fühlen genährt, als durch äußere Zärtlichkeit kundgegeben wurde: da wir unserer gegenseitigen Huld sicher waren, suchten wir nicht das Zeugniß äußerer Handlungen. So sehr hatte sich der Geist der Blutsverwandtschaft in uns ergossen, daß wir unsere Liebe nicht durch Zärtlichkeiten zu beweisen brauchten: vielmehr schien es, als verlangten wir gar nicht nach diesem eitlen Dunst von Schmeicheleien, weil wir im Bewußtsein der Ergebenheit mit der inneren Liebe zufrieden waren, zumal selbst die äußere Gestalt uns zur gegenseitigen Liebe gewissermaßen formte: wir erschienen ja, ich weiß selbst nicht, ob durch einen gewissen geistigen Ausdruck, ob durch die Aehnlichkeit des Leibes, der Eine im Anderen.
Wer hat dich je angeschaut und nicht gemeint, mich zu sehen? Wie oft habe ich Jemanden gegrüßt, der, weil er dich zuvor gegrüßt hatte, jetzt von dir gegrüßt zu sein wähnte? Wie Viele haben dir etwas gesagt, während sie behaupteten, es mir gesagt zu haben? Welche Freude, welche Heiterkeit ist mir oft daraus entstanden, wenn ich erkannte, daß sie in uns sich irrten? Wie angenehm war der Irrthum, wie erheiternd die Täuschung, aber auch wie schuldlos und wie lieb war solche Irrung und Verläumdung! Denn von Allem, was du sagtest oder thatest, fürchtete ich Nichts; vielmehr freuete ich mich, wenn dein Thun mir zugeschrieben wurde.

Wenn sie aber gar zu heftig auf ihrer Behauptung bestanden, daß sie mir Etwas anvertraut hätten, dann sagte ich wohl mit fröhlichem Lächeln: Sehet zu, ob ihr es nicht dem Bruder gesagt habt. Denn während wir Alles gemein hatten, während Geist und Gemüth untrennbar waren, wurde doch das Geheimniß der Freunde keineswegs Gemeingut; nicht als ob wir Gefahr in der Mittheilung besorgt hätten, sondern nur um die Treue des Schweigens zu bewahren. War eine Angelegenheit zu berathen, so hielten wir immer gemeinschaftlich Rath; das Geheimniß tauschten wir aber nicht aus. Wenngleich nämlich die Freunde so zu dem Einen von uns sprachen, daß das Gesagte auch zu dem Anderen kommen sollte: so bin ich doch gewiß, durchweg die Treue des Geheimnisses so bewahrt zu haben, daß nicht einmal dem Bruder Mittheilung wurde. Es mußte als ein Vertrauen erweckendes Zeichen dafür gelten, daß nach außen nicht verrathen würde, was nicht einmal dem Bruder bekannt geworden.

Durch all diese so großen, aus unserer Gemeinschaft entspringenden Güter in eine Art geistiger Verzückung versetzt hatte ich die Furcht, ich könnte der Ueberledende sein, aufgegeben, weil ich ihn eben zu leben würdiger erachtete: und deßhalb empfing ich den Schlag, wie ich ihn jetzt nicht ertragen kann. Voraus erwogener Schmerz ist ja erträglicher als eine Wunde, die man nicht erwartete. Wer wird nun den Traurigen trösten, den Gebeugten aufrichten? Mit wem soll ich die Sorgen theilen? wer wird mir das Mühen um die zeitlichen Angelegenheiten abnehmen? Du warst ja der Führer der Geschäfte, der Aufseher der Diener, der Schiedsrichter der Geschwister, nicht freilich im Streite, sondern in den Erweisen, der Liebe.

Wenn mitunter zwischen mir und meiner heiligen Schwester zu verhandeln war, welche Meinung als die bessere erscheine, dann wählten wir dich zum Richter, der du Keinen von uns beleidigtest, sondern in dem Bestreben, Jedem gerecht zu werden, gleichzeitig, das Gefühl der Liebe und das Amt des Schiedrichters im Auge hieltest. So entließest du uns beide in voller Zufriedenheit und verdientest dir jedesmal gesteigerte Huld. Legtest du selbst Etwas zur Entscheidung vor, wie angenehm war dann dein Streiten! wie ganz ohne Bitterkeit war selbst dein Unwille! Sogar die Zurechtweisung der Diener hatte nichts Verletzendes, da du mehr bemüht wärest, dich vor den Brüdern anzuklagen, als aus der Erregtheit des Geistes zu strafen. Das Bekenntniß erstickte in uns dann das Verlangen zu strafen! Ja, du nähmest mir, mein Bruder, jede Neigung zu strafen, indem du, bemüht zu sänftigen, versprachest, selbst die Strafe zu verhängen.

Das muß aber als Beweis für eine nicht gewöhnliche Klugheit gelten, die ja von den Weisen folgendermaßen erklärt wird. Das höchste der Güter sei — sagen sie — Gott zu erkennen, ihn als das Wahre und Göttliche frommen Sinnes zu verehren, jene liebens- und begehrenswürdige Schönheit der ewigen Wahrheit mit der vollen Gluth des Herzens zu lieben. Das Zweite aber bestehe darin, von jenem göttlichen Urquell aller Dinge die Liebe auf die Nebenmenschen hinüberzuleiten, weil auch die Weisen der Welt aus unseren Gesetzen geschöpft haben. Sie hätten ja nicht in die menschliche Gesetzgebung hinüberleiten können, was sie nicht aus jenem himmlischen Quell des göttlichen Gesetzes geschöpft hatten.
Was soll ich nun von seiner Treue in der Verehrung Gottes sagen? Eines wird genügen. Er kam in die Gefahr des Schiffbruches, ohne zuvor der erhabenen Geheimnisse theilhaftig geworden zu sein. Als das Schiff, mit dem er fuhr, auf einer klippenreichen Untiefe festfuhr und sich unter dem Andränge der Ruthen löste, da fürchtete er nicht den Tod, sondern lediglich das Eine, ohne das Geheimnis; aus dem Leben scheiden zu müssen. Darum erbat er von denjenigen, von welchen er wußte, daß sie bereits zugelassen waren, das göttliche Geheimniß der Gläubigen, sicher nicht um einen neugierigen Blick auf das Geheimniß zu werfen, sondern um die Gnadenhilfe des Glaubens zu erlangen. In ein Leinentuch barg er dann das Geheimniß, schlang jenes um seinen Hals, und so warf er sich in das Meer hinab, ohne daran zu denken, wie er ein Brett, das vom Schiffsgefüge sich losgerissen, erhaschen möchte, auf dem er schwimmend sich rettete: er suchte einzig die Hilfe des Glaubens. Damit hielt er sich hinreichend gedeckt und geschützt und verlangte deßhalb andere Hilfe nicht.

Man wird dabei wohl die Tapferkeit desjenigen betrachten dürfen, der bei ermattendem Ruder nicht wie ein Schiffbrüchiger nach einem Rettungsbrette greift, sondern wie ein Starker aus sich die Stütze seines Muthes nimmt: die Hoffnung hat ihn nicht irren lassen, seine Ueberzeugung hat ihn nicht getäuscht. Aus den Ruthen gerettet und glücklich in dem Hafen gelandet, erkannte er zuerst seinen Führer, dem er sich anvertraut hatte: als er dann auch die Diener theils durch sich selbst, theils durch Andere gerettet wußte, da kümmerte er sich nicht mehr um das verlorene irdische Gut, sondern eilte alsbald zur Kirche Gottes, um dort für seine Rettung zu danken und die ewigen Geheimnisse zu schauen, unter der lauten Versicherung, daß es keinen erhabeneren Gottesdienst gebe, als die Darbringung des Dankes. Sei es ja schon vordem dem Morde gleichgeachtet, wenn man einem Menschen den schuldigen Dank nicht darbringt: wie groß sei dann das Verbrechen, ihn Gott zu versagen?

Gerade das entspricht der Tugend der Klugheit, sich selbst zu erkennen und wie es von den Weisen erklärt wird — der Natur gemäß zu leben. Was ist aber so naturgemäß, als dem Schöpfer Dank zu sagen? Blicke doch nur auf zum Himmel, ob er dem Schöpfer nicht Dank darbringt! „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände.“ So bietet auch das Meer, wenn es friedlich und still ist, ein Bild des göttlichen Friedens; ist es erregt, dann zeigt es die Schrecken des höchsten Zornes. Bewundern wir Alle nicht mit Recht Gottes Huld, wenn wir bemerken, daß auch die leblose Natur doch gewissermaßen mit Vernunft ihre Fluthen bändigt, daß auch die Woge Grenze und Ziel für sich erkennt? Was soll ich von den Fluren sagen, welche gehorsam göttlichem Gebote, allen Thielen Nahrung bieten, und welche die Saat, die sie aufgenommen, mit reichlichen Zinsen vermehrt zurückerstatten?

Jener nun, der an der Hand der Natur das Wesen des göttlichen Werkes mit der Gluthtraft seines Geistes erfaßt hatte, der wußte auch, daß er vor Allem seinem Erretter Dank darbringen müsse: und da er ihn darbringend nicht hingeben konnte, so behielt er ihn fortdauernd im Besitze. Das ist ja die eigenthümliche Kraft des Dankes, daß er, während er dargebracht wird, im Besitze bleibt. So brachte jener den Dank dar und empfing den Glauben. Denn wer so den Schutz des himmlischen Geheimnisses, das in das Leinentuch eingeschlossen war, erfahren hatte: wie sehr glaubte der wohl, wenn er das Geheimniß mit dem Munde empfing und in die Tiefe seines Herzens aufnahm! Wie viel erhabener mußte er es erkennen, wenn er es in seiner Brust trug, da es ihm schon in der Umhüllung des Tuches solchen Schirm bereitet hatte!

Wie groß aber auch sein Verlangen war, so vergaß er doch nicht der schuldigen Vorsicht, wie das bekanntlich bei Manchen in der Gluth des Verlangens wohl vorkommt. Er rief den Bischof zu sich, und da er nicht glaubte, daß wahre Dankbarkeit ohne den wahren Glauben bestehen könnte, erforschte er zunächst, ob Jener auch mit den katholischen Bischöfen oder, was dasselbe ist, mit der Römischen Kirche verbunden sei. Und allerdings befand sich ja die Kirche jenes Landes bis zu der Zeit im Schisma; Lucifer hatte sich nämlich damals von unserer Gemeinschaft getrennt. Obgleich derselbe um des Glaubens willen verbannt war und Zeugen seines Glaubens zurückgelassen hatte, so glaubte mein Bruder doch nicht, daß der wahre Glaube im Schisma fortdauere. Hält man dabei auch Glauben und Treue gegen Gott, so doch nicht gegen die Kirche, da man duldet, daß ihre Glieder gleichsam zerrissen werden. Da aber Christus um der Kirche willen gelitten hat, und da die Kirche der Leib Christi ist, so scheint ihm doch wahrlich die Treue von denjenigen nicht bewahrt zu werden, die sein Leiden fruchtlos machen und seinen heiligen Leib zertheilen.

Obgleich er also die Schuld der Dankbarkeit behielt, und auch nicht ohne Furcht war, als Schuldner eines so erhabenen Herrn das Schiff von Neuem zu besteigen, so wollte er doch lieber dorthin eilen, wo er seine Schuld mit aller Sicherheit zahlen konnte. Er war ja überzeugt, daß die Erfüllung der Gott schuldigen Dankespflicht in der Liebe und im Glauben beruhe. Sobald er aber eine Kirche fand, wo ihm die Erfüllung der Pflicht ermöglicht wurde, zögerte er auch nicht länger damit. So empfing er denn die ersehnte Gnade Gottes und er hat sie treu bewahrt. Kann es denn nun etwas Weiseres geben als solche Klugheit, welche Göttliches und Menschliches stets geschieden hält?

Was soll ich von seiner angestaunten Beredsamkeit in öffentlichen Rechtshändeln sagen? Welch’ glänzende unglaubliche Bewunderung erregte er vor dem Gerichtshöfe der hohen Präfectur! Aber ich will doch lieber mein Lob dem spenden, was er selbst nach dem Empfang der heil. Geheimnisse höher hielt als alles Irdische.

Will Jemand seinen Starkmuth ganz und voll würdigen, der bedenke nur, wie oft er nach dem Schiffbruche gleichsam mit ungebrochener Verachtung dieses Lebens die Meere durchschifft und weitentlegene Gebiete durchzogen; wie er auch gerade jetzt diese Gefahr nicht gescheut, sondern aufgesucht hat, geduldig gegen Beleidigung, der Kälte nicht achtend: wollte Gott, er wäre in gleicher Weise um seine Sicherheit besorgt gewesen! Aber gerade darin ruhte seine Seligkeit, daß er, solange es ihm gestattet war, seine körperliche Kraft zu gebrauchen, unaufhaltsam in dem, was er erreichen wollte, sein Leben verbrachte, indem er jugendlicher Arbeit sich unterzog, ohne irgend um die Schwäche sich zu kümmern.

Wie aber soll ich seiner offenen Einfalt gedenken? Ich verstehe darunter eine gewisse Gleichmäßigkeit im sittlichen Verhalten und eine nüchterne Ruhe des Geistes. Verzeihet mir und haltet es meinem Schmerze zu gute, wenn ich hier etwas ausführlicher über ihn rede, da ich ja mit ihm nicht mehr reden kann. Es wird aber sicherlich auch bei euch bewirken, daß ihr erkennet, wie ihr diesen Ehrendienst nicht, um einer gewissen Menschlichkeit zu genügen, sondern auf Grund ruhigen Urtheilens erwiesen habt, nicht vom Mitleide über den Tod bewegt, sondern durch die Ehrfurcht vor der Tugend hergerufen. Reichgesegnet ist ja die einfältige Seele. So groß war seine heilige Einfachheit, daß er, gleichsam in ein Kind verwandelt, in der Einfalt jenes schuldlosen Alters, als ein Bild vollkommener Tugend, als ein Spiegel reiner Sitten erglänzte. Er ist nun eingegangen in das Himmelreich, weil er dem Worte Gottes geglaubt; weil er dem Kinde gleich, die Kunst falschen Schmeichelns verschmäht; weil er den Schmerz der Kränkung lieber geduldig hingenommen hat, als daß er dieselbe mit Verletzung der Sanftmuth gerächt hätte. So war er dem Worte der Klage zugänglich, niemals dem Truge, geneigt zu jeder Genugthuung, unzugänglich ehrgeizigem Streben, heilig in jungfräulicher Scham, so zwar, daß man ihm eher eine überflüssige Scheu nachrühmen, als die pflichtmäßige bei ihm vermissen mochte.

Genau genommen, sind freilich die Grundlagen der Tugend niemals überflüssig; denn züchtige Scham hindert die Erfüllung der Pflicht keineswegs, verleiht ihr vielmehr höheren Reiz. So ward sein Antlitz mit jungfräulicher Scham übergossen — und verrieth auf diese Weise sein inneres Fühlen, — wenn er zufällig einer nahestehenden Verwandten begegnete: er war dann gewissermaßen zu Boden gedrückt, obgleich er ohnehin — und davon wich er selbst im Kreise von Männern durchaus nicht ab — sparsam war, das Haupt zu erheben, die Augen aufzuschlagen oder ein Gespräch anzuknüpfen : das alles that er mit zarter züchtiger Scheu des Herzens, der dann auch die äußere Schamhaftigkeit entsprach. Hat er ja die Gaben der heiligen Taufe unbefleckt bewahrt, reinen Körpers, aber noch reineren Herzens: er hat nicht weniger die Schmach unlauteren Redens als die unlauteren Handelns verabscheut; er hat nicht geringer geachtet die Ehrfurcht, die man der Tugend durch Reinheit der Worte, als die, welche man ihr durch die Keuschheit des Leibes zollen muß.

Kurz er hat die Tugend der Keuschheit so sehr geliebt, daß er auch nicht eine Gattin begehrte: gleichwohl lebte in ihm nicht bloß das Streben, die Tugend der Keuschheit zu bewahren, sondern auch die Zierde treuer Ergebenheit gegen uns. In bewunderungswürdiger Weise aber entzog er sich unmerklich der Ehe und vermied doch dabei jede Ueberhebung: so durchgreifend war die fromme List, deren er sich bediente, daß es uns, die wir ihn wohl zu einem Entschlusse drängten, eher schien, als verzögere er die Vermählung mehr als daß er sie gänzlich vermeiden wollte. Dieses allein war es denn auch, was er sogar den Brüdern nicht anvertraute: keineswegs aber wegen eines zweifelnden Zögerns, sondern lediglich aus tugendhafter Zurückhaltung.

Wer sollte einem Mann die Bewunderung versagen, der dem Alter nach in der Mitte zwischen zwei Geschwistern stand, von denen die eine den jungfräulichen Stand, der andere das Priesterthum erwählt hatte? Und doch hat er in seiner Großherzigkeit vor beiden in den erhabensten Berufsarten den Vorzug erlangt; so zwar, daß er die Reinigkeit, welche dem Einen sein Amt auflegte, und die Heiligkeit des Andern in sich vereinigte, lediglich in treuer freiwilliger Uebung der Tugend, keineswegs durch das Band eines Gelübdes gefesselt! Wenn nun böse Lust und aufbrausender Zorn die Quelle der anderen Laster sind, so kann man mit Recht auch die Keuschheit und Sanftmuth die Mutter der Tugenden nennen. Dabei bleibt bestehen, daß die fromme Hingabe an Gott wie die Spitze alles Guten, so auch die Pflanzstätte der übrigen Tugenden ist.

Was soll ich dann noch über die Genügsamkeit sagen und über jene Tugend, die ich Keuschheit im Besitze nennen möchte? Der sucht ja nicht fremdes Eigenthum, der das Seinige bewahrt, wie auch derjenige nicht von ungebührlichen Wünschen erregt wird, der mit dem Eigenen zufrieden ist. So wollte er nichts Anderes, als das Eigenthum wiedererlangen; und dabei war er mehr von der Absicht geleitet, die Sünde des Betruges zu verhindern, als sein Vermögen zu vermehren. Man kann ja diejenigen, welche fremdes Gut erstreben, mit Recht als Raubvögel des Goldes bezeichnen. Ist nun die Habgier die Wurzel alles Bösen, so entäußert sich derjenige, der Laster, welcher nach Reichthum nicht hascht.

In gleicher Weise hatte er auch an reicheren Mahlzeiten, an feineren Gerichten kein Wohlgefallen, es sei denn, daß er Freunde geladen; er verlangte nur, was der Natur genügt, keineswegs was der Genußsucht schmeichelt. Dabei war er doch nicht arm an Mitteln, aber freilich arm im Geiste. Dürfen wir darnach nun wohl zweifeln an der Seligkeit desjenigen, der, obwohl vermögend, doch sich nicht überhob im Reichthum, der, wo er arm war, doch das Wenige, was er besaß, nicht gering schätzte?

Zum Schlusse müssen wir dann noch, um eben die Haupttugenden alle zu erwähnen, auch des Antheils gedenken, welchen die Gerechtigkeit in seiner Seele einnahm. Sind auch die Tugenden alle unter sich verwandt und gleichsam zusammengewachsen, so wird doch in gewissem Sinne eine ausgeprägtere Form bei einzelnen Tugenden verlangt, und gerade zumeist gilt das von der Gerechtigkeit. Karg gegen sich selbst, offenbart sie sich ganz nach außen, und mit einer gewissen Härte gegen sich ergießt sie sich, hingerissen von allumfassender Liebe, auf die Nächsten.

Die Art, wie diese Tugend sich zeigt, ist freilich mannigfaltig. Sie ist eine andere gegen die Verwandten als gegen Alle; eine andere in Bezug auf die Verehrung Gottes als auf die Unterstützung der Dürftigen. Wie sie bei ihm gegen die Gesammtheit war, das beweist die Liebe und Ergebenheit der Bewohner der Provinz, deren Vorgesetzter er war: sagen sie ja doch, er habe eher als ihr eigener Vater denn als Richter ihnen gegolten; ein gütiger Vermittler aller ihm von Herzen ergebenen Klienten sei er gewesen und ein unerschütterlicher Verfechter billigen Rechtes.

Wie er gegen seine Geschwister trotz des Wohlwollens, mit dem er Alle umfaßte, gesonnen war, das beweiset das ungetheilte väterliche Vermögen: das Erbe sollte eben nicht getheilt, nicht gemindert, sondern bewahrt bleiben. Und doch wollte er nicht zugeben, daß die Ergebenheit gegen seine Verwandten für ihn Veranlassung sein müsse, letztwillige Verfügungen zu treffen. Mit den Worten, die er scheidend sprach, gab er das noch kund, als er diejenigen, die ihm so sehr am Herzen gelegen, empfahl. Er habe — sagte er — den Entschluß, sich nicht zu vermählen, gefaßt, um nicht von seinen Geschwistern getrennt zu werden; den Entschluß aber, keine letztwillige Verfügung zu treffen, halte er aufrecht, damit unsere Anschauung nicht etwa verletzt würde. Obwohl von uns gebeten und beschworen, glaubte er doch, Nichts festsetzen zu sollen. Dabei vergaß er der Armen keineswegs; vielmehr beschwor er uns, so viel an sie zu vertheilen, als uns gerecht erschiene.

Das allein ist schon ein vollgültiger Beweis seiner Gottesfurcht, wie es auch ein Beispiel seiner menschlich treuen, liebevollen Gesinnung ist. Was er den Armen zudachte, das wies er ja Gott zu: „Denn wer den Armen gibt, der leiht Gott auf Wucher;“ und indem er forderte, ihnen zu geben, was gerecht sei, hinterließ er ihnen nicht wenig, sondern Alles. Das ist ja erst die Fülle der Gerechtigkeit, zu verkaufen, was man hat, und es den Armen zu geben. Denn „wer ausstreut und den Armen gibt, dessen Gerechtigkeit bleibt ewiglich.“ So hat er denn uns eigentlich nur als Vertheiler seiner Hinterlassenschaft, nicht als Erben eingesetzt: die Erbschaft ist für den Nachfolger in Frage gestellt, die Vertheilung an die Armen zur Pflicht gemacht.

Man darf also ohne Unrecht sagen, daß der heilige Geist uns durch die Stimme unseres jugendlichen Lectors heute gesagt hat, wie Jener eigentlich war: „Unschuldig an Händen und rein von Herzen war er, der seine Seele nicht gebrauchte zum Eiteln, nie gegen seinen Nächsten trügerisch war: das ist das Geschlecht, das nach Gott verlanget.“ Er wird deßhalb auch zum Berge des Herrn hinansteigen und in den Zelten Gottes wohnen; denn „ohne Makel ging er einher und übte Gerechtigkeit; die Wahrheit sprach er, und den Nächsten hat er nicht getäuscht.“ Sein Geld hat er nicht auf Wucher gegeben, er wollte nur das Ererbte bewahren. Ich erkenne den Gottesspruch an; was durch letztwillige Verfügung nicht geordnet ist, das hat der Geist Gottes kund gemacht.

Wie soll ich aber zur Schätzung bringen, daß er selbst über die Gerechtigkeit hinaus in seiner Frömmigkeit vorschritt? So war er einmal der Meinung, es müsse Jemandem, der den Nießbrauch unserer gemeinschaftlichen Grundstücke unrechtmäßig besaß, mit Rücksicht auf mein Amt etwas zugewendet werden: nachher aber rühmte er mich als den freigebigen Spender, obwohl er den Gewinn, der auf seinen Theil fiel, vollständig der gemeinsamen Verwaltung zuführte.

Dieses und so manches Andere, was mir damals hohe Freude bereitete, ruft jetzt die Erinnerung meines Schmerzes wach. Es bleibt aber doch, wird auch immer bleiben und geht nicht wie ein Schatten vorüber, weil die Gnadengabe der Tugend nicht mit dem Leibe stirbt, und weil das Ende der Verdienste noch keineswegs zusammenfällt mit dem Ende der Natur: ja selbst der Gebrauch der Natur hört nicht für ewig auf, sie ersteht vielmehr nach zeitweiliger Ruhe.

Wenn ich nun über ihn, den solche Tugenden schmückten, der den Gefahren entrissen war, weine, so entspringt das mehr aus der tiefen Sehnsucht nach dem Geschiedenen als aus dem Verluste. Schon die Zeit des Todesfalles darf uns zu der Überzeugung bringen, daß wir ihm mehr unsere Huld als unsere Trauer folgen lassen: es steht ja geschrieben, daß im allgemeinen Schmerze der eigene Schmerz schweigen soll. Das ist nun in prophetischer Rede nicht bloß jenem einen Weibe, sondern allen einzelnen gesagt, da es ja der Kirche gesagt zu sein scheint.

Es ist also das Wort der heiligen Schrift auch zu mir gesagt: „Das lehrst du, so unterweisest du das Volk Gottes? Weißt du denn nicht, daß dein Beispiel eine Gefahr für die Anderen einschließt, wenn du nicht vielleicht geradezu klagst, daß du nicht erhört seiest. Vor Allem liegt darin eine schamlose Anmaßung, wenn du für dich allein zu erhalten wünschest, was — wie du sehr wohl weißt — vielen Anderen, selbst Heiligen, verweigert wurde: auch ist dir recht wohl bekannt, daß nach den Worten der Schrift, „bei Gott kein Ansehen der Person ist.“ Gott ist freilich barmherzig: wollte er aber immer und Alle erhören, so würde es ja den Anschein gewinnen, als handle er nicht in voller Freiheit seines Willens, sondern in Folge einer gewissen Notwendigkeit. Wollte er Alle erhören, so würde ja, da Alle ihre Bitten an Gott richten, Niemand sterben. Für wie Viele betest du täglich? Sollen denn die Rathschlüsse Gottes durch die Rücksicht auf deine Person vereitelt werden? Warum klagst du, wenn du mitunter unerhört bleibst, da du doch weißt, daß die Erhörung eben nicht immer eintreten kann?

„Du vor allen Weibern thörichtes Menschenkind!“ sagt die Schrift, und das Wort gälte auch mir; „siehst du denn unsere Trauer nicht? weißt du nicht, was uns begegnet ist, — daß unsere Mutter Sion in unser Aller Trauer mittrauert und in unserer Erniedrigung erniedrigt ist? So weinet denn auch ihr jetzt in tiefster Trauer, da wir alle weinen; betrübet euch, da wir alle traurig sind.“ Du aber bist voll Trauer um deinen Bruder?! „So frage denn die Erde: sie wird es dir sagen, daß sie allein berechtigt ist, zu klagen, die all’ ihre Sprossen überdauert: aus ihr sind wir alle geboren, die Anderen werden aus ihr kommen, und siehe, Alle gehen dem Sterben entgegen, die ganze große Menge ist dem Tode geweiht. Darf nun sie, die eine solche Menge verloren hat, nicht mehr trauern als du, der du um einen Einzigen dich härmest?“

So soll denn der gemeinsame Jammer unseren eigenen Schmerz verschlingen und die Schärfe desselben tilgen. Wir dürfen ja auch diejenigen nicht beklagen, welche wir befreit wissen; und wir erinnern uns auch, daß nicht so ganz ohne Grund heilige Seelen gerade in dieser Zeit ihrer körperlichen Fesseln entledigt sind. Wir sehen nämlich, wie gleichsam nach einem göttlichen Urteilsspruche edle, verehrungswürdige Wittwen zur selben Zeit sterben, so zwar, daß ihr Hinscheiden wie der Abschluß einer Reife, nicht wie ein Niedersinken im Tode erscheint: als sollte die hinreichend erprobte Keuschheit nicht der Gefahr neuer Kämpfe ausgesetzt werden. Hat denn nun diese so herbe Erinnerung mir Seufzer ausgepreßt oder Schmerzen bereitet? Wenn ich aber nicht ganz frei blieb von Klage und Trauer, dann tröstete mich doch in diesem persönlichen Leid über den Verlust eines solchen Kranzes von Verdiensten eben das allgemeine Gesetz der Natur.

Ich wiederhole also deine Tröstungen, heiliges Buch der Offenbarung. Lohnt es doch, bei deinen Aussprüchen zu verweilen, in deine Mahnungen sich zu vertiefen. Eher soll ja Himmel und Erde vergehen, als ein Buchstabe des Gesetzes vergeht. Hören wir denn die Worte, welche dort geschrieben sind: „Halte zurück in dir deinen Schmerz und trage ruhig und muthig, was dir widerfahren ist. Wenn du den Zeitpunkt, den Gott bestimmte, rechtfertigst, dann wirst du zu gegebener Zeit deinen Sohn zurückerhalten und gepriesen werden unter den Weibern.“ Wenn das zu einem Werbe gesagt ist, wie viel mehr gilt es dem Priester! War es mit Rücksicht auf den Sohn gesagt, so darf es auch wohl beim Verluste eines Bruders in das Gedächtnis gerufen werden: obwohl ich den Hingeschiedenen, wenn er mein Sohn gewesen, nicht inniger geliebt hätte. Wie beim Tode der Kinder die aufgewendeten Mühen, die nun vergebens ertragenen Schmerzen den Kummer zu vermehren scheinen: so schärft beim Tode des Bruders die Gemeinschaft des Lebens und der Arbeit die Bitterkeit des Schmerzes.

Aber da höre ich wieder das Wort der Schrift: „Rede nicht also, sondern lasse dich belehren und überzeugen. Was ist Sion begegnet? Tröste dich selbst um des Schmerzes Jerusalems willen. Du siehst es ja: unsere Heiligthümer sind entweiht, der Name, der angerufen ist über uns, ist der Verachtung preisgegeben und Schmach haben die Unsrigen erfahren. Unsere Priester sind verbrannt, unsere Leviten in der Gefangenschaft: unsere Weiber sind entehrt, unsere Jungfrauen geschändet, unsere Heiligen uns entrissen. Verrathen sind unsere Kinder, unsere Jünglinge sind Knechte, unsere Starken sind schwach geworden. Und, was mehr noch ist als alles Andere: Sion ist jetzt, nachdem sie ihres Ruhmesglanzes entkleidet worden, hingegeben in die Hände derer, die uns hassen. So vertreibe denn deine tiefe Trauer, entferne die Fülle deiner Schmerzen, damit der Allmächtige dir wieder Erbarmen erweise, damit der Allerhöchste dir Ruhe gebe in der Sänftigung deines Schmerzes.“

Versiegen sollen also die Thränen! Den von Gott gegebenen Heilmitteln gemäß soll man leben, weil doch zwischen Gläubigen und Ungläubigen ein Unterschied obwalten muß. Diejenigen mögen weinen, welche die Hoffnung der Auferstehung nicht hüben tönten, jene Hoffnung, welche kein Urteilsspruch Gottes, welche uns einzig die Schwäche des Glaubens raubt. Ein Unterschied muß zwischen den Dienern Christi und den Verehrern der Götzen bestehen: diese mögen die Ihrigen beweinen, die sie für immer dem Untergange geweiht erachten; sie mögen ihren Thränen keine Unterbrechung, ihrem Schmerze keine Ruhe gestatten, weil sie an das Ruhen der Todten nicht glauben. Uns aber, denen das Sterben nicht der Tod der Natur, sondern nur das Ende dieses Lebens ist, wobei die Natur selbst zum Besseren verwandelt wird: uns soll der Eintritt des Todes auch die Thränen allzumal trocknen.

Wenn nun aber selbst jene noch irgend einen Trost für sich gefunden haben, welche den Tod für das Ende des Fühlens, für die Auflösung der Natur halten: um wie viel mehr müssen wir uns trösten, denen das Bewußtsein der guten Werke nach dem Tode herrlichere Belohnung verheißt! Die Heiden haben Trost gefunden, indem sie den Tod als das Ausruhen von allen Leiden ansahen: wie sie den Genuß des Lebens entbehrten, so — meinen sie — fehlte dort auch jedes schmerzliche Gefühl von all’ den Leiden, die wir im diesseitigen Leben so schwer und andauernd zu ertragen haben. Wir aber müssen, wie durch die Belohnung mehr aufgerichtet, so auch in der Tröstung geduldiger sein; nicht verloren, sondern nur vorausgeschickt scheinen ja die zu sein, welche der Tod nicht verschlingen, sondern die Ewigkeit aufnehmen sollte.

So werden denn auch meine Thränen aufhören zu fließen: oder wenn sie noch nicht gänzlich versiegen können, dann werde ich in den allgemeinen Klagen dich mitbeweinen, mein Bruder, und unter dem öffentlichen Jammer werde ich den häuslichen Schmerz verbergen. Wie sollten sie auch schon gänzlich versiegen, da sie bei jedem Anklingen deines Namens wieder hervorbrechen: mag nun der tägliche Verkehr die Erinnerung wachrufen, mag das Gefühl das Bild wieder vorführen oder mag die Erinnerung den Schmerz erneuern? Wann bist du mir abwesend, der du in so erhabenen Geschäften mir vergegenwärtigt wirst? Du bist immer gegenwärtig, sage ich; immer drängst du dich meinem Geiste auf, und mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele umfasse ich dich; ich schaue dich an, ich rede mit dir, küsse und umarme dich in nächtlicher Ruhe wie in dem Glänze des Tageslichtes: so läßt du dich herbei, den Trauernden zu besuchen und zu trösten. So sind in gewissem Sinne die Nächte jetzt willkommen, welche, als du noch lebtest, so lästig erschienen, weil sie den gegenseitigen Anblick uns entzogen; so beginnt jetzt selbst der Schlaf, der lange genug ein unliebsamer Störer unserer Unterhaltung gewesen, angenehm zu werden: gibt er ja dich mir zurück! Nicht beklagenswert also, sondern selig sind diejenigen, deren Beisammensein nicht aufhört, deren zärtliche Sorge um einander nicht vermindert, deren Huld aber gesteigert wird. So findet der Tod Bild und Gleichniß im Schlafe.

Wenn die Seele, obwohl noch haftend in den Fesseln des Körpers, gebunden gleichsam im Kerker der Glieder, doch Höheres und Geistiges erkennen kann: um wie viel mehr wird sie das schauen, wenn sie dereinst in ihrem reinen vergeistigten Fühlen kein Hinderniß körperlicher Gebrechlichkeit mehr empfindet! So bist du mir, als ich einst beim Neigen des Tages mit Recht beklagte, daß du den Ruhenden nicht heimsuchtest, in deiner ganzen Persönlichkeit zur Seite gestanden. Meine Glieder waren im Schlummer hingestreckt, aber im Geiste war ich wach für dich, und du wärest für mich lebendig geworden: so konnte ich dir zurufen: „Was ist denn der Tod, mein Bruder?“ Du wurdest ja für keinen Augenblick von mir getrennt; ja so wärest du mir jetzt zur Seite, daß der ununterbrochene Verkehr, dessen wir uns im Leben nicht erfreuen konnten, nunmehr uns zu Theil geworden ist. Vordem war das ja nicht unter allen Umständen thunlich: selbst die Ergüsse unserer zärtlichen Liebe waren zu jeder Zeit und an jedem Orte nicht möglich. Die Bilder der Seele aber waren immer bei uns, auch wenn wir selbst nicht beisammen waren: und sie sind auch jetzt nicht erloschen, ohne Unterlaß tauchen sie auf, um so zahlreicher, je größer die Sehnsucht ist.

So halte ich dich denn, mein Bruder, und die Zeit wird dich mir eben so wenig entreissen, als der Tod. Die Thränen sogar, die ich um dich weine, sind süß und angenehm, weil sie die Gluth der Seele sänftigen und so das Gefühl der Liebe gleichsam erfrischt aufathmen lassen. Ohne dich kann ich nun einmal nicht sein, dein muß ich immer gedenken, und das kann ich nicht ohne Thränen. O ihr bitteren Tage, die ihr verrathet, daß das Band zwischen uns zerrissen ist! O ihr bejammernswerlhen Nächte, die ihr diesen so guten, diesen unzertrennlichen Genossen meiner Träume mir genommen habt! Welche Qualen würdet ihr bereiten, wenn sein Bild sich nicht mir gegenwärtig zeigte, wenn das geistige Auge den nicht schaute, dessen körperliche Gestalt mir entzogen!

Und doch, mein theuerster Herzensbruder, obwohl du so vorzeitig im Tode hingesunken, darf ich dich selig preisen, daß du dieses nicht zu ertragen hast, was ich trage, daß du nicht gezwungen bist, den Bruder als verloren zu betrauern. Du konntest ja die Trennung von ihm nicht einmal ertragen, und in beschleunigter Rückkehr suchtest du ihn wieder auf. Wenn du nun damals eiltest, den Jammer meiner Einsamkeit zu verscheuchen, die Trauer meines brüderlichen Herzens zu heben: wie viel mehr mußt du dann jetzt mein tief betrübtes Gemüth heimsuchen, um die Trauer, die um dich begonnen, auch durch dich zu sänftigen!

Indessen gewährt mir die Erfüllung meiner Berufspflicht immerhin noch einige Geistesabspannung, und die Richtung meines priesterlichen Amtes lenkt meinen Geist ab: was wird aber meine heilige Schwester erdulden, die zwar durch die Furcht Gottes ihre Verwandtenliebe regelt, aber andererseits auch an der Frömmigkeit den Schmerz ihrer Anhänglichkeit entzündet? Auf den Boden hingestreckt, das Grab ihres Bruders im Herren umschließend, ermattet von mühsamem Wandeln, tief betrübt in ihrer Seele hält sie Tag und Nacht den Schmerz wach und frisch. Wenn sie dann auch bisweilen ihre Thränen durch ein Gespräch hemmt und unterbricht, so ruft sie dieselben im Gebete doch wieder hervor. Obgleich sie ferne? durch ihr Erinnern an die Worte der Schrift Allen vorgeht, die Anderen Tröstungen darbieten: so gleicht sie doch auch wieder ihr Verlangen nach dem Thränenguß der Liebe aus durch die Ausdauer im Gebete, und gerade dann läßt sie die Thränen von Neuem und reichlicher strömen, wenn Niemand sie unterbrechen kann. So findest du denn hier wohl, was du bedauern, Nichts, was du tadeln könntest: denn im Gebete weinen, ist immerhin ein Zeichen der Tugend. Zwar ist das den Jungfrauen mehr eigen, daß ihr zarteres Geschlecht, ihr weicheres Gefühl schon beim Anblicke der allgemeinen Gebrechlichkeit auch ohne Hinzutritt häuslichen Schmerzes in Thränen überströmt: steigert sich aber der Grund zur Traurigkeit, dann ist der Trauer kein Ziel zu setzen.

Es fehlt darnach die Möglichkeit zu trösten, weil entschuldigende Ausrede zur Hand ist. Du kannst ja nicht tadeln, was du lehrst, mein Bruder, zumal wenn die Schwester ihre Thränen der Frömmigkeit, nicht dem Schmerze zuschreibt, und wenn sie dem allgemeinen Jammer eben aus Furcht vor Beschämung sich entzieht. So tröste du sie denn, mein Bruder! Du kannst ihrer Seele nahen, in ihr Herz eindringen. Sie möge dich gegenwärtig sehen, sie möge fühlen, daß du ihr nicht ganz gestorben bist. Sie soll von dem getröstet, dessen Verdienst ihr nicht zweifelhaft ist, lernen, den ferner nicht zu beklagen, der sie erinnert, daß er nicht zu beklagen sei.
Aber was soll ich dich aufhalten, mein Bruder? Was soll ich warten, meine Rede mit dir sterben und begraben zu lassen? Wenn auch die Gestalt deines entseelten Leibes uns noch tröstet, wenn auch ihre huldreiche Schönheit, so lange sie da vor uns ruht, die Augen erquickt: so zögere ich doch nicht länger. Wir wollen hinziehen zum Grabe! Aber vorher rufe ich noch hier vor allem Volke das letzte Lebewohl, künde dir den Frieden, biete dir den Abschiedskuß. So gehe denn voran zu dem Hause, das Aller wartet, das Alle beziehen müssen, das aber mir jetzt vor allen Anderen erwünscht ist. Bereite dem Hausgenossen dort eine gemeinsame Stätte! Wie wir hier Alles gemeinschaftlich besaßen, so wollen wir auch dort getrenntes Recht für uns nicht kennen lernen.

Darum aber bitte ich dich, daß du nicht lange den zurückhältst, der nach dir sich sehnt: erwarte den Kommenden, hilf dem Eilenden, sporne an, wenn ich dir zu lange zu zögern scheine! Sind wir doch nie längere Zeit von einander getrennt gewesen; du pflegtest mich ja immer zu besuchen. Da du nun aber nicht mehr zurückkehren kannst, so wollen wir zu dir kommen: es ist ja billig, daß wir gegenseitig die Pflichten erfüllen. Niemals war ja die Lage unseres Lebens eine zu getrennte: stets war uns Krankheit wie Gesundheit gemeinsam: wenn der Eine erkrankte, dann fiel auch der Andere der Krankheit anheim; wenn der Eine der Genesung sich zuwendete, dann erhob sich auch der Andere wieder. Wie haben wir nun unser Recht verloren? War doch auch jetzt noch in der Krankheit eine Gleichzeitigkeit, wie ist denn die Gemeinsamkeit des Todes uns verweigert?

So empfehle ich denn dir, allmächtiger Gott, diese lautere Seele, dir bringe ich mein Opfer dar: nimm du in Gnade und Milde die Gabe des Bruders, das Opfer des Priesters? Diese Weihegabe meiner selbst finde ich jetzt schon voraus; in diesem Unterpfande komme ich selbst zu dir; es ist kein Pfand an Geld, sondern vom Leben genommen. Laß mich denn nicht gar zu lange als Schuldner des Darlehens hier zurück! Es handelt sich ja nicht um gewöhnlichen Zins brüderlicher Liebe, nicht um niedriges Loos der Natur, wo die Fülle der Tugend die Schuld anhäuft. Ich kann sie tragen, wenn ich bald zur Zahlung gezwungen werde.

Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

Im ersten Buche haben wir unserer Sehnsucht einigermaßen Rechnung getragen: wir wollten den Schmerz der noch brennenden Wunde nicht durch zu herbe Mittel schärfen, statt ihn zu lindern. Da wir zudem den Bruder öfters anredeten und unsere Augen an ihm haften ließen, so war es nicht verkehrt, dem natürlichen Gefühle einigermaßen nachzugeben, das in Thränen allmälig sich beruhigt, im stummen Schrecken aber erstarrt. Weich und zart ist ja die Aeusserung inniger Ergebenheit, die nichts Herbes, nichts Uebermüthiges mag: die Geduld aber bewahrt sich eben im Ertragen, nicht im Widerstand.

Wenn also der Tag des Todes bei dem traurigen Anblicke das Gemüth des Bruders ganz ablenken durfte, weil es ganz von ihm erfüllt war: so ist es doch jetzt, wo wir am siebenten Tage, dem Vorbilde des ewigen Ruhetages, zum Grabe zurückkehren, ganz entsprechend, daß wir von dem Hingeschiedenen den Geist abwenden und auf eine allgemeine Ermahnung denken. So mögen wir es einrichten, daß wir einerseits uns nicht ganz in den Anblick des Bruders versenken, damit nicht unvermerkt das Gefühl uns übermannt; andererseits wollen wir, wenn wir so viel Huld und Ergebenheit unbeachtet lassen, ihn, den wir lieben, doch nicht ganz vergessen. Wir würden uns ja sonst die Pein solchen Schmerzes nur vermehren, wenn er für uns heute auch in der Rede stürbe.

Deßhalb haben wir uns vorgenommen, theuerste Brüder, mit dem allgemeinen Laufe der Dinge uns zu trösten und das nicht für hart zu erachten, was Aller wartet. Wir sind der Meinung, der Tod sei nicht zu beweinen, zuerst weil er allgemein und für Alle gewissermaßen pflichtmäßig ist; sodann, weil er uns von den Mühen dieses Lebens befreit; endlich, weil uns unter der Form des Schlafes, während dessen eben Ruhe von der Arbeit dieses Lebens eintritt, lebendigere Kraft eingegossen wird. Welchen Schmerz sollte die Gnade der Auferstehung nicht trösten? Wo ist ein Kummer, der nicht schwände vor dem Glauben, daß im Tode Nichts zu Grunde geht, ja daß durch Beschleunigung des Todes sogar Manches vor dem Untergange bewahrt bleibt. So also wird es sein, meine theuersten Brüder, daß wir in der allgemeinen Ermahnung auch dem Bruder unser Gefühl zuwenden: wir dürfen ja nicht fürchten, allzu weit von ihm uns zu entfernen, wenn er uns mit der Hoffnung auf die Auferstehung, mit der Süßigkeit der künftigen Glorie, die wir in der Rede uns vorführen, wieder auflebt.

Beginnen wir denn damit, daß wir den Beweis führen, wie der Tod unserer Angehörigen nicht beklagt werden darf. Es ist ja in der That nicht berechtigt, dasjenige als ein besonderes Leid zu beweinen, wovon man weiß, daß es Allen zugemessen ist. Das hieße vielmehr, sich über die allgemeine Lage erheben, das gemeinschaftliche Gesetz nicht annehmen, die Gleichheit der Natur zurückweisen, fleischlichen Sinn zulassen und das Ziel des Fleisches doch verkennen. Oder was kann es Thörichteres geben als zu verkennen, was man ist, und scheinen wollen, was man nicht ist? Was kann weniger verständig sein als zu wissen, was kommen muß, und das doch, wenn es eintritt, nicht ertragen können? Die Natur selbst ruft uns zurück und entführt uns dem Schmerze durch eine ihr eigene Tröstungsweise. Ist doch kein Jammer so tief, kein Schmerz so herbe, in dem nicht bisweilen eine Änderung einträte. Das eben bietet die Natur, daß die Menschen, wenn sie auch in der trübsten, traurigsten Lage sind, doch eben weil sie Menschen sind, ihren Geist von dem Trübsinne mitunter ablenken.

Es soll auch Völker gegeben haben, welche die Geburt eines Menschen betrauerten, sein Hinscheiden aber als Freudenfest feierten. Das ist nicht ganz ohne Sinn: man glaubte eben diejenigen beklagen zu müssen, welche auf das fluthende Lebensmeer zusteuerten, während man denjenigen nicht zu Unrecht mit freudiger Stimmung folgen wollte, welche den Stürmen und Fluthen dieses Lebens entrissen wären. Wir selbst vergessen die Geburtstage unserer heiligen Verstorbenen und begehen den Tag festlich, an welchem sie heimgegangen sind.

Der Natur entsprechend darf also eine zu tiefe Trauer gar nicht Platz greifen, wenn man sich dem Scheine nicht aussetzen will, eine ganz besondere Ausnahme von der Natur zu beanspruchen oder die allgemeine Lage zurückzuweisen. Denn der Tod ist Allen gemeinsam, ohne Unterschied für die Armen, ohne Ausnahme für die Reichen. Und obgleich er nur durch Eines Mannes Sünde in die Welt gekommen, so ist er doch auf Alle übergegangen, damit wir denjenigen, welchen wir als Urheber des ganzen Geschlechtes nicht verleugnen, auch nicht verleugnen als den Urheber des Todes; damit ferner durch Einen uns die Auferstehung komme, wie durch Einen der Tod gekommen ist. Wir sollen also die Plage nicht zurückweisen, damit wir auch zur Gnade gelangen. Denn Christus ist nach den Worten der Schrift „gekommen, um selig zu machen, was verloren war, damit er nicht bloß herrsche über die Lebendigen, sondern auch über die Todten.“ Gefallen, aus dem Paradiese verstoßen, gestorben sind wir in Adam; wie soll der Herr uns sonst auch zurückführen, wenn er uns in Adam nicht findet? Wie wir in diesem der Schuld und dem Tode verfallen sind, so sind wir in Christus gerechtfertigt. Ist nun der Tod eine allgemeine Schuld, so muß es auch erträglich sein, sie zu zahlen. Das bleibt aber besser späterer Ausführung vorbehalten.
Jetzt liegt uns ob, zu beweisen, daß der Tod nicht Ursache gar zu herber Trauer sein darf, weil die Natur selbst eine solche zurückweiset. Beispiels halber soll es ja auch bei den Lyciern ein Gesetz gegeben haben, welches verlange, daß die Männer, wenn sie der Klage sich überlassen wollten, Frauenkleider anlegten, weil die Klage für weichlich und weibisch beim Manne galt. Es ist auch in der That ein formloser Widerspruch, daß diejenigen, welche für den Glauben, für die Religion, für das Vaterland, für die Billigkeit eines Unheils ihre Brust dem Tode entgegenwerfen, daß diese bei einem Anderen gar zu heftig beklagen, was sie nöthigenfalls für sich selbst aufsuchen. Oder wie kann man sich weigern, für sich selbst dem Tode zu entfliegen, wenn man bei einem Anderen ihn gar so ungehalten beklagt? Weise die Trauer ganz zurück, wenn du es vermagst: vermagst du das nicht, so verschließe sie wenigstens in dem Inneres!

Wie soll es nun werden? Soll der Schmerz ganz aufgezehrt oder unterdrückt werden? Aber warum soll denn die Vernunft nicht mehr vermögen zur Sänftigung der Trauer, als die Zeit vermag? Was die Abfolge der Zeit der Vergessenheit anheimgibt, sollte das nicht besser durch vernünftiges Erwägen gemildert werden? Ja ich erachte es sogar geradezu für eine Schmach, die man dem frommen Gedanken der Hingeschiedenen anthut, wenn man sie als Verlorene betrauert: so zwar, daß man lieber ihrer vergessen als durch Tröstungen sich beruhigen will; daß man lieber mit Schrecken als mit Liebe und Huld ihrer gedenken, daß man das Erinnern an sie fürchten will, während es doch hohen Genuß bereiten sollte; daß man endlich hinsichtlich der Verdienste der Hingeschiedenen mehr Mißtrauen als Hoffnung hegen und die, welche man geliebt hat, eher der Strafe als der Unsterblichkeit überliefert erachten will.

Man wendet vielleicht ein: wir haben aber die, welche liebten, immerhin verloren. Ist denn das nicht das Loos, das wir gemeinsam mit der Erde und mit den Elementen haben, weil man eben das auf Zeit Geliehene nicht für ewig behalten kann? Es seufzt die Erde unter dem Pfluge, der Regen trifft sie, von Unwetter wird sie erschüttert, von Kälte in Fesseln geschlagen, von Sonnengluth verbrannt: Alles, damit sie befruchtet den jährlichen Ertrag liefere. Während sie aber mit mannigfaltigem Schmuck bekleidet wird, ist sie des eigenen Schmuckes entkleidet und beraubt. Wie viele Berauber hat sie nicht?! Und doch beklagt sie ihre Frucht nicht als verloren, welche sie ja nur um deßwillen hervorgebracht hat, um sie zu verlieren: auch für die Zukunft weigert sie die Frucht nicht, obwohl sie sich bewußt ist, daß ihr Alles genommen wird.

Der Himmel selbst erglänzt nicht immer in den Leuchtkugeln schimmernder Sterne, welche wie eine Krone ihn schmücken. Nicht immer ergänzt er im Aufgange des Lichtes, nicht immer ist er vergoldet von den Strahlen der Sonne: vielmehr bedeckt sich in regelmäßigem Wechsel sein holdes Antlitz mit der kalten Düsterkeit der Nächte. Was ist angenehmer als das Licht? was wonnereicher, als die Sonne? Beide verschwinden tagtäglich: wir aber tragen es ohne Beschwer, daß sie für uns verschwunden sind, weil wir voraus setzen, daß sie zurückkehren. Das belehrt dich, wie sehr du Geduld üben mußt bei dem Geschicke deiner Angehörigen. Wenn Himmelskörper dir schwinden, empfindest du keinen Schmerz; warum soll denn menschliches Sterben dich mit Schmerz erfüllen?

Immerhin sei aber der Schmerz milde: auch im Unglück muß das Maß beachtet werden, das im Glücke gefordert wird. Oder wie soll übermäßige Trauer sich geziemen, wenn übermäßige Freude sich nicht geziemt? Es ist ja in der That das Uebermaß des Schmerzes und die Furcht vor dem Tode (der Angehörigen) kein geringes Uebel. Wie Viele hat das zum Stricke greifen lassen, wie Vielen hat es das Schwert in die Hand gedrückt! Die gaben dann dadurch freilich ihren Wahnsinn aller Welt kund: sie konnten den Tod nicht ertragen und suchten ihn gleichwohl; was sie als ein Unglück flohen, das suchten sie gleichwohl als ihre Zufluchtsstätte. Während sie das, was der Statur ganz entsprechend, nicht ertragen konnten, fielen sie in das, was ihrem eigenen Wollen und Wünschen widersprach: und so werden sie für ewig von denen getrennt, welchen sie zu folgen verlangt hatten. Das ist aber doch immerhin selten, weil die Natur selbst zurückruft, wo augenblicklicher Wahnsinn fortreissen mochte.

Häufig aber kommt es bei Frauen vor, daß sie ihr Klagen vor aller Welt ertönen lassen, als fürchteten sie, ihr Unfall möchte übersehen werden. Sie bieten mit einer Absichtlichkeit den Schmutz ihrer Gewandung aus, als wenn darin das Gefühl des Schmerzes beschlossen wäre; sie nässen ihr ungekämmtes Haupt gleichfalls mit Schmutz. An manchen Orten pflegt es sogar vorzukommen, daß sie mit gelöstem Gürtel, mit entfesseltem Gewande ihre Scham preisgeben, als wollten sie jetzt die Scham selbst feilbieten, weil sie die verloren, welche sie um den Preis ihrer Jungfräulichkeit erworben hatten. So werden freche Augen veranlaßt, Schamloses zu begehren; das wäre vermieden, wenn ihre Augen nicht Schamloses erblickt hätten. Es wäre wohl entsprechender, wenn jene schmutzigen Gewande nicht die Gestalt des Körpers, sondern die Seele bedeckten. Oft genug birgt sich ja unter dem Trauerkleide Lüsternheit des Geistes, und es wird dann die abstoßende Häßlichkeit des Gewandes nur übergeworfen, um die geheimen Gelüste eines üppigen Herzens zu verbergen.

Diejenige bekundet hinreichend, wie treu gemeint ihr Schmerz ist, welche ihre Keuschheit bewahrt und die Treue nicht verletzt. Die Pflichten gegen die Verstorbenen werden gut erfüllt, wenn diese im Geiste fortleben und im Herzen ihre Stätte bewahren. Die hat ihren Gatten nicht verloren, welche ihre Keuschheit hochhält; die ist nicht verwitwet, welche den Namen des Gatten nicht gewechselt hat. Du hast auch den Erben nicht verloren, wenn du den Miterben unterstützest: vielmehr hast du statt des Rechtsnachfolgers in vergänglichem Besitze die Teilnahme an den ewigen Gütern eingetauscht. Dir fehlt ja derjenige nicht, welcher dir den Erben darstellt: gib nur den Armen, was den Erben zukommt. Du hinterlassest deinem Rechtsnachfolger um so mehr, wenn sein Erbtheil nicht dem Ueberfluß der gegenwärtigen, sondern dem Kaufpreise der zukünftigen Güter zugewendet wird.

Aber wir sehnen doch die zurück, welche wir verloren haben. Ein Doppeltes quält uns: entweder das Verlangen nach den Hingeschiedenen — an meinem eigenen Beispiele messe ich es ab, — oder die Meinung, daß dieselben der Annehmlichkeit ihres Lebens und der Früchte ihrer Arbeit beraubt seien. Es ist wie ein leises Wonnegefühl, welches in dem liebenden Herzen plötzlich die Sehnsucht aufflammen läßt, so zwar, daß es mehr dazu dient, den Schmerz zu sänftigen als zu ersticken. Das ist um so mehr der Fall, weil es ja der treuen Ergebenheit ganz zu entsprechen scheint, wenn man nach dem sich sehnt, was man verloren hat: so wächst dann unter dem Scheine der Tugend die Schwäche heran.

Aber warum glaubst du denn, daß jene, die ihren Geliebten in ferne Gegenden entläßt; die es erleben muß, daß er im Kriegsdienste, im Interesse einer übernommenen Verwaltung oder im Geschäftsverkehr über weite Meere zieht: daß sie geduldiger sein müsse als du, der du verlassen bist nicht um eines zufälligen Entschlusses oder um Geldgewinnes willen, sondern nach dem Gesetze der Natur? Du wendest ein: dir sei die Hoffnung auf Wiedervereinigung genommen? Als ob irgend Jemand sichere Hoffnung hätte, zurückzukehren! Obendrein lähmt der Zweifel den Geist sehr oft nur um so mehr, solange die Furcht vor Gefahr besteht; und es ist peinlicher, zu fürchten, es möchte sich etwas ereignen, als das zu ertragen, was man bereits als eingetroffen kennt. Dort mehrt sich die Last des Schreckens; hier bietet sich in der Erwartung das Ende des Schmerzes.
Soll denn den Herrn das Recht zustehen, ihre Sklaven, wohin sie wollen, zu versetzen, während Gott dieses Recht nicht zustehen soll? Es geht nicht immer an, die Rückkehr zu erwarten, wohl aber, dem Vorangegangenen zu folgen. In der That scheint der kurze Lauf des Lebens dem, welcher vorangegangen ist, nicht viel entrissen zu haben, wie er dich nicht allzulange aufhält, nachdem du zurückgeblieben.

Wenn du deine Sehnsucht nicht sänftigen kannst, scheint es dir dann nicht immerhin unwürdig, zu verlangen, daß aus Rücksicht auf diese deine Sehnsucht die ganze Ordnung der Natur umgewälzt werde? Die Sehnsuchtswünsche der Liebenden sind immerhin noch glühender, und doch mäßigen sie sich im Hinblick auf die Verhältnisse. Wenn sie aber bei ihrem Schwinden Schmerz erregen, so pflegen sie doch nicht zu trauern: vielmehr erröthen die bitter Getäuschten nachher nur um so lebhafter. So wird die sanfte Geduld bei der Sehnsucht nur wieder mehr erwiesen.

Was soll ich aber von denen sagen, welche glauben, daß die Heimgegangenen der Annehmlichkeit des Lebens beraubt seien? Es gibt ja eigentlich gar keine Annehmlichkeit bei diesen Bitterkeiten und Schmerzen, unter denen unser Leben hingeht, und die entweder aus der Schwäche des Körpers selbst oder aus der Ungunst äußerer widerwärtiger Verhältnisse hervorgehen. Immer sind wir geängstigt und gleichsam angewiesen auf die bloßen Wünsche nach glücklicheren Zeiten; unsicher fluthen wir umher, und unser Hoffen bietet Zweifelhaftes für Gewisses, Unfälle statt Glückliches, Wankendes statt fester Verhältnisse: so fehlt unserem Willen die Macht, unseren Wünschen die Sicherheit. Wenn dann Etwas gegen unseren Willen geschieht, so halten wir uns für verloren; wir werden weit mehr durch den Schmerz des Unglücks niedergebeugt, als wir des Genusses im Glücke froh werden. Welcher Güter entbehren denn nun diejenigen, welche eigentlich doch mehr dem Ungemach entrissen sind?

Eine gute Gesundheit — ich glaube das wohl — erfreut mehr, als eine schlechte quält. Der Reichthum bietet größeren Genuß, als Dürftigkeit belästigen kann; die Huld der Kinder gewährt mehr Liebensseligkeit, als ihr Verlust Trauer hervorruft; die Jugend ist reicher an Freuden als das Alter an Trauer. Oft genug aber stellt der Widerwille an den eigenen Wünschen sich ein: man bereut es, gewünscht zu haben; man fühlt Schmerz, wenn man das erlangt hat. was man fürchtete nicht zu erlangen. Die Verbannung aber und alle die anderen Bitterkeiten des Leides: welches Vaterland, welche Lust kann sie aufwägen? Wird ja die Lust, selbst wenn sie kommt, doch wieder geschwächt entweder durch das Gefühl, sie nicht genießen, oder durch die Furcht, sie verlieren zu können.

Angenommen aber, Jemand bliebe ganz ohne Anstoß, frei von jedem Schmerze, festgewurzelt gewissermaßen in allen Freuden eines menschlichen Lebenslaufes: was kann dann die Seele eigentlich für Nutzen erlangen, eingeschlossen in das Gefüge des Leibes, gehalten in der Haft der Glieder? Wenn schon unser Leib den Kerker flieht und Alles verabscheut, was die Möglichkeit des freien Umherschweifens beeinträchtigt; wenn unser Leib immer mit seinen armen schwachen Sinnen über sich hinaus zu eilen scheint, um zu hören und zu sehen: um wie viel mehr drängt es dann unsere Seele, diesem Gefängniß des Leibes zu entrinnen, da sie ja frei ist wie die Bewegung der Luft, so daß wir nicht wissen, wohin sie zieht, woher sie kommt!

Wir wissen, daß die Seele den Körper überlebt und daß sie, wenn der Riegel des körperlichen Sinnes weggeschoben ist, ungehindert in freiem Aufblicke erkennt, was sie vorher, eingeschlossen im Körper, nicht sah. Das können wir schon Beispiels halber an dem Schlafenden erfahren: seine Seele erhebt sich aus dem in Ruhe gleichsam begrabenen Leibe zu höheren Dingen und kann diesem Kunde bringen von Gesichten ferner und selbst himmlischer Dinge. Wenn nun der Tod des Leibes uns von den Mühseligkeiten der Zeit befreit, so kann er kaum ein Uebel sein, da er uns die Freiheit zurückgibt, den Schmerz aber für alle Zukunft ausschließt.
Hier bietet sich uns die Gelegenheit, darzuthun, daß der Tod als ein Uebel nicht bezeichnet werden kann, weil er eben der Zufluchtsort gegen alle Bedrängnisse und Qualen ist, der zuverlässige Hafen der Ruhe und Sicherheit. Wo gibt es eine Widerwärtigkeit, die wir in diesem Leben nicht erfahren müßten? Welche Stürme und Ungewitter ertragen wir nicht? Von welchem Ungemach werden wir nicht umhergeworfen? Wo ist das Verdienst, das Schonung erfährt? Der heilige Patriarch Jakob mußte fern vom Vaterland, vom Bruder, von den Eltern flüchtig umherirren; er tauschte die Heimat mit der Verbannung; er hatte die Schändung seiner Tochter, den Tod des Eidam zu beweinen ; er hatte Hunger und Elend zu ertragen, und nach dem Tode mußte er seine Grabstätte wieder verlassen; er hatte ja die Seinigen beschworen, als sollte er selbst im Tode nicht ruhen, seine Gebeine nach Kanaan hinüberzuführen.

Der heilige Patriarch Joseph mußte den Haß seiner Brüder, die Nachstellungen des Neides, die Willfährigkeit der Diener, die gebieterischen Anordnungen der Käufer erdulden: er mußte die Lüsternheit seiner Herrin, die unüberlegte Handlungsweise seines Gebieters, die Bitterkeiten des Kerkers erfahren. David verlor zwei Söhne: den Einen als Blutschänder, den Andern als Brudermörder. Tiefe Schmach, solche Kinder besessen, herber Schmerz, sie verloren zu haben! Den dritten, den er so sehr liebte, hat er schon in dessen Kindheit verloren. Diesen letzten beweinte er, während derselbe noch lebte; als er gestorben, sehnte er ihn nicht zurück. So lesen wir ja in der heiligen Schrift: „David flehte zu dem Herrn um das Kind, und er fastete und zog sich zurück und lag auf der Erde; es kamen aber die Aeltesten seines Hauses und drangen in ihn, aufzustehen von der Erde; er aber wollte nicht und aß keine Speise mit ihnen.“ Als er aber erfahren hatte, daß das Kind gestorben, da stand er auf von der Erde, wusch und salbte sich, wechselte die Kleider, betete den Herrn an und nahm wieder Speise. Als das aber seinen Dienern wunderlich erschien, sagte er ihnen, daß er mit vollem Rechte, so lange das Kind noch lebte, gefastet und gemeint habe, weil er überzeugt gewesen, daß der Herr sich erbarmen und das Leben des Kindes erhalten könne, da er ja auch Gestorbene ins Leben zurückrufe. „Nun aber, sprach er, da der Tod erfolgt ist, warum sollte ich fasten? Kann ich es denn wieder zurückrufen? Ich werde wohl zu ihm gehen, aber es wird nicht zu mir zurückkehren.“

O höchster Trost der Sehnsucht! o wahres Urtheil der Weisheit! o wunderbare Weisheit der Unterwürfigkeit! Niemand trage es mit Unwillen, wenn ihm etwas Uebles widerfahren ist; Niemand klage, daß er, entgegen seinen Verdiensten, bedrängt sei! Wer bist du denn, daß du von deinem Verdienste zum Voraus so viel Rühmens machst? Warum verlangst du denn, deinem Richter zuvorzukommen? Warum willst du das Urtheil deines künftigen Richters schon jetzt erpressen? Das ist nicht einmal den Heiligen je erlaubt gewesen, auch niemals ungestraft von ihnen anmaßlich verlangt. Bekennt ja David, daß er gerade um deßwillen gezüchtigt sei! „Siehe es sind Sünder,“ — sagt er— „und haben doch Ueberfluß in der Welt und Reichthümer an sich gebracht. (Und ich sprach): Also habe ich umsonst gerecht gemacht mein Herz und unter den Unschuldigen gewaschen meine Hände. Und ich bin geschlagen den ganzen Tag und gestraft schon am frühen Morgen.“

Auch Petrus kam, ehe der Hahn zum dritten Male krähte, in die Versuchung, welche falsche Sicherheit bereitet, weil er ohne eigene Erfahrung über unsere Schwäche anmaßlich gesagt hatte: „Ich will mein Leben für dich geben.“ Immerhin ist diese Versuchung ein lehrreiches Ereigniß für unser Heil; wir sollen daraus lernen, die Schwäche des Fleisches keineswegs gering zu schätzen, damit wir nicht in dieser Geringschätzung uns die Versuchung bereiten. Wer darf es denn wagen, zu versichern, er könne nicht versucht werden, wenn selbst Petrus versucht wurde? Ohne Zweifel ist ja Petrus für uns versucht worden, so zwar, daß die Erprobung dieser Versuchung nicht in einem Stärkeren stattfand: vielmehr sollten wir in ihm lernen, wie wir, wenn auch in der Verfolgung, selbst wo wir um den Preis des Lebens versucht wurden, standhaft geblieben, doch den Stachel der Versuchung nur mit den Thränen der Geduld besiegen. Um aber Menschen, die am Schrifttexte strenge halten, durch die Mannigfaltigkeit der angeführten Thatsachen nicht zu erregen, kehren wir zu David zurück. David beweinte — sagten wir — den Brudermörder, während er das unschuldige Kind nicht beweinte. Als er Jenen in tiefer Trauer beklagte, rief er aus: „Mein Sohn Absalon, Absalon mein Sohn! Wer gibt mir, daß ich für dich sterbe?“ In Absalon aber wird zugleich der Brudermörder, wird auch Ammon beweint; ja nicht bloß beweint, sondern auch gerächt: der Eine durch den Verlust des Reiches, der Andere durch die Verbannung des Bruders. So fließen also die Thränen über den verbrecherischen Sohn, nicht über das geliebte Kind. Wo liegt da der vernünftige Grund? Das erfordert bei den Klugen ein nicht gewöhnliches Nachdenken, findet aber bei den Weisen Anerkennung: zeigt sich ja doch tiefe, beständige Klugheit bei einer so großen Verschiedenheit der Handlungsweise, aber gleichzeitig auch ein und derselbe Glaube. Jene Söhne beweinte David als gestorbene, das unschuldige Kind glaubte er als gestorben nicht beweinen zu dürfen; jene mußte er für verloren halten, diesen hoffte er wieder auferstanden zu sehen.

Ueber die Auferstehung reden wir später; jetzt kehren wir zu dem eigentlichen Gegenstande zurück. Wir haben ja vorausgeschickt, daß auch heilige Männer Vieles und Schweres in dieser Welt ohne Rücksicht auf ihre Verdienste, trotz der Last ihrer Arbeiten, erduldet haben. Deßhalb sagt auch David, als er in sich gegangen: „Gedenke, Herr, daß wir Staub sind, daß des Menschen Tage wie Heu sind;“ und anderswo: „Der Mensch ist gleich der Eitelkeit; seine Tage gehen vorüber wie ein Schatten.“ Gibt es denn nun etwas Armseligeres, als wir sind? Nackt und bloß werden wir in dieses Leben geworfen mit gebrechlichem Körper, schlüpfrigen Herzens, schwachen Geistes; ängstlich sind wir im Hinblick auf die Sorgen, träge zur Arbeit, hingeneigt zu Vergnügungen.

„Nicht geboren sein“ ist also weitaus das Beste nach dem Ausspruche Salomo’s. Ihm sind denn auch diejenigen gefolgt, welche in der Philosophie sich auszuzeichnen gemeint haben. Er selbst, älter als diese, jünger aber als andere heilige Schriftsteller, hat gesagt: „Ich pries die Todten glücklicher, als die Lebendigen, und hielt für glücklicher als Beide den, der noch nicht geboren ward und die Uebelthaten nicht gesehen hat, die unter der Sonne geschehen. Wiederum betrachtete ich alle Mühen der Menschen und merkte, daß die Bemühungen die Zielscheibe des Neides der Menschen sind: und auch darin ist Eitelkeit und unnütze Sorge.“
Wer anders hat diesen Ausspruch gethan als Jener, der die Weisheit erfleht und erhalten hat? so zwar, daß er erkannte „die Anordnung der Welt und die Kräfte der Elemente, des Jahres Lauf und der Sterne Stand; daß ihm nicht unerkannt blieben die Neigungen und Abneigungen der zahmen und wilden Thiere, die Gewalt der Winde und die Gedanken der Menschen.“ Wie sollte denn ihm nun Irdisches, Vergängliches verborgen bleiben, da ihm doch Himmlisches nicht verborgen blieb? Sollte der, welcher die Gedanken des Weibes, das ein fremdes Kind sich zueignen wollte, erforschte, der die Natur der Wesen, die er selbst nicht besaß, durch den Hauch der göttlichen Gnade erkannte: sollte er hinsichtlich der Beschaffenheit seiner eigenen Natur, die er in sich selbst kennen gelernt, irren oder lügen können?

Aber Salomo hat das nicht allein gefühlt, wenn er allein es auch ausgesprochen hat. Er hatte schon das Wort des frommen Job gelesen: „Verloren sei der Tag, an dem ich geboren.“ Auch Job hatte erkannt, daß „geboren werden“ der Anfang aller Leiden ist, und deßwegen hatte er gewünscht, daß der Tag, an dem er geboren, möchte verloren sein, damit Anfang und Quelle allen Ungemachs gehoben würde; deßwegen hatte er gewünscht, es möchte der Tag seiner Geburt verloren sein, damit er den Tag der Auferstehung empfinge. Gleichfalls hatte Salomo gehört, was sein Vater erflehte: „Thue mir, Herr, mein Ende kund, und welches die Zahl meiner Tage ist, damit ich wisse, was mir mangle.“ David hatte erkannt, daß das, was vollkommen ist, hier nicht könnte erreicht werden, und deßbalb eilte er der Zukunft entgegen. Unser jetziges Wissen ist ja nach den Worten des Apostels Stückwerk. Dereinst aber wird erkannt werden können, was vollkommen ist, wenn das Antlitz der herrlichen Majestät, der ewigen Gottheit enthüllt ist und statt des Schatten die Wahrheit selbst ihre Strahlen uns entgegen zu werfen beginnt.
Es würde ja auch Niemand dem Ende zueilen, wenn er nicht dem Ungemache dieses Lebens entfliehen wollte. Darum setzte auch David erklärend hinzu, warum er dem Ende zueile: „Siehe ein Maß gabst du meinen Tagen, und mein Wohnen auf Erden ist wie Nichts vor dir. Wahrlich lauter Eitelkeit ist jeglicher Mensch, der da lebet.“ Was zaudern wir denn nun, die Eitelkeit zu fliehen? oder was ergötzt es uns, in diesem irdischen Dasein nutz- und zwecklos der Verwirrung anheimgegeben zu sein. Schätze Goldes zu bergen, ohne zu wissen, für wen als Erben wir sammeln? Beten wir doch, daß alle diese Mühseligkeit von uns genommen, daß wir dieser thörichten Welt entrissen werden, daß dieses ewige Wandern aufhöre, daß wir zum Vaterlande, zur eigentlichen Heimath zurückkehren! Hier auf Erden bleiben wir ja Fremde und Pilger: wir müssen dorthin zurückeilen, von dannen wir gekommen sind; nicht nebenbei, sondern inständig sollen wir Gott bitten und beschwören, daß wir von aller List und Bosheit trügerisch redender Menschen befreit werden. David, der den Zufluchtsort kannte, beklagte, daß seine Pilgerfahrt so lange daure, beweinte, daß er so lange mit Sündern und Ungerechten zusammenwohnen müsse. Was soll ich denn nun thun, der ich selbst in Sünden bin und das Heilmittel nicht kenne?

Auch Jeremias beklagt seine Geburt mit diesen Worten: „Weh mir! meine Mutter, warum hast du mich geboren, einen Mann, mit dem man hadert und zanket im ganzen Lande? Ich habe keinen Nutzen gebracht, und auch mir hat Niemand genützet; hingeschwunden ist meine Kraft.“ Wenn nun heilige Männer das Leben fliehen, obschon es für uns als nützlich, wenngleich für sie selber als nutzlos erscheint: was sollen dann wir thun, die wir Anderen in keiner Weise nützen können, und die wir fühlen, wie, zinsbringendem Gelde gleich, das mit dem Keim der Selbstvermehrung wucherischem Kapitale entnommen ist, auch uns das Leben täglich mit steigender Sündenschuld belastet wird?

„Ich sterbe jeden Tag“ sagt der Apostel. Das ist sicher besser als das Verfahren der Philosophen, welche die Betrachtung des Todes für Weisheit gehalten haben: diese predigten geistige Beschäftigung mit dem Tode, jener übte das Sterben selbst. Sie hatten dabei sich selbst im Auge; Paulus aber, selbst vollkommen, starb nicht um seiner selbst, sondern um unserer Schwäche willen. Was ist übrigens das Betrachten des Todes anders, als in gewissem Sinne ein Trennen von Leib und Seele? Wird ja der Tod im gewöhnlichen Sinne lediglich als Trennung des Leibes von der Seele erklärt.

Nach der Schrift freilich nehmen wir einen dreifachen Tod an. Der erste Tod tritt ein, wenn wir der Sünde sterben und Gott zu leben beginnen: selig der Tod, entronnen der Sünde, Gott ergeben zu sein, geschieden vom Sterblichen, geweiht dem Unsterblichen! Der zweite Tod ist der Ausgang dieses Lebens, wie ihn Abraham, wie ihn David starb, da sie versammelt wurden zu ihren Vätern: da wird die Seele von den Banden des Leibes befreiet. Der dritte Tod ist der, von dem gesagt ist: „Laß die Todten ihre Todten begraben.“ Da stirbt nicht der Leib allein, da stirbt auch die Seele, gemäß dem Worte: „Welche Seele gesündigt hat, die soll sterben.“ Sie stirbt dem Herrn nicht wegen der Gebrechlichkeit der Natur, sondern wegen der Schuld. Dieser Tod ist nicht die Vollendung dieses Lebens, sondern der Abschluß der Verirrung.

Der eine Tod ist also ein geistiger Tod, der andere ein natürlicher, der dritte ein zur Strafe verhängter. Der natürliche Tod ist nicht ein zur Strafe verhängter: denn Gott der Herr hat den Tod nicht als Strafe, sondern als Heilmittel eintreten lassen. Beides, Strafe und Heilmittel, wurde Adam verkündigt; die Strafe mit folgenden Worten: „Da du gehört hast auf die Stimme deines Weibes und gegessen hast von dem Baume, von dem ich dir geboten hatte, daß du nicht davon essen solltest, so soll die Erde verflucht sein in deinen Werken: in Trauer sollst du ihre Frucht genießen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln soll sie dir tragen, und du sollst das Kraut der Erde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen, bis du wieder zur Erde zurückkehrest, von der du genommen bist.“

Da hast du aber auch Ruhetage der Strafen, weil letztere gegen die Dornen der Welt, gegen die Sorgen der Zeit: und gegen die Lüste des Reichthums, die das ewige Wort ausschließen, die Strafe enthalten: der Tod ist nämlich auch als Heilmittel gegeben, als das Ende der Uebel. Denn der Herr hat nicht gesagt: „Da du auf die Stimme des Weibes gehört hast, so sollst du zur Erde wiederkehren;“ sondern: „Verflucht sei die Erde; Disteln und Dornen soll sie dir tragen, bis du zur Erde wiederkehrest.“ Du siehst, wie der Tod die Grenzmarke für unsere Strafen ist, und daß damit der Abschluß des Lebens zusammenfällt.

Der Tod ist also nicht bloß kein Uebel, sondern er ist ein Gut. So wird er wie ein Gut gesucht, wo es heißt: „Die Menschen werden den Tod suchen, aber nicht finden.“ Suchen werden ihn jene, „welche zu den Bergen sagen: Fallet über uns; und zu den Hügeln: Bedecket uns.“ Suchen wird ihn die Seele, die sündigt. Es sucht den Tod jener Reiche, der in die Hölle gestürzt ist, der wünschte, daß seine Zunge mit der Fingerspitze des Lazarus gekühlt würde.

Wir sehen also, daß auch hier der Tod als Gewinn, das Leben als Strafe gilt. Paulus sagt aber: „Christus ist für mich Leben, Sterben ist mir Gewinn.“ Was ist Christus aber anders, als der Tod des Leibes, der Hauch des Lebens? Und gerade deßhalb müssen wir um ihm sterben, damit wir auch mit ihm leben. Das sei also unsere tägliche Uebung, der Gesinnung nach zu sterben, damit durch diese Trennung unsere Seele lerne, sich von den körperlichen Lüsten loszuschälen. Gleichsam emporgetragen, bis wohin irdische Begierden nicht dringen, wo diese ihrer sich nicht bemächtigen können, soll die Seele das Bild des Todes aufnehmen, damit sie der Strafe des Todes nicht verfalle. Denn es kämpft das Gesetz des Fleisches wider das Gesetz des Geistes und überliefert die Seele an das Gesetz der Verirrung, wie der Apostel dieses uns enthüllt hat, wenn er sagt: „Ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, welches dem Gesetze meines Geistes widerstreitet und mich gefangen hält unter dem Gesetze der Sünde.“ Wir alle werden bekämpft, wir Alle fühlen jenes Gesetz: aber wir werden nicht Alle befreiet: was soll ich unglücklicher Mensch denn nun anders thun, als das Heilmittel aussuchen?

Welches Heilmittel aber soll ich suchen? „Wer wird mich befreien vom Leibe dieses Todes? Die Gnade Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus.“ Wir haben also einen Arzt, folgen wir dem Heilmittel! Es ist die Gnade Jesu Christi, und der Leib des Todes ist unser sterblicher Leib. Darum wollen wir dem Körper uns entfremden, damit wir nicht Christo entfremdet werden. Wenn wir auch im Leibe sind, wollen wir doch nicht irdischer Lust folgen: nicht die Rechte der Natur wollen wir aufgeben, sondern die Gabe der göttlichen Gnade zum Voraus wünschen: „Aufgelöst und mit Christus zu sein,“ sagt der Apostel, „wäre um Vieles besser; aber mehr noch ist es nothwendig, im Fleische zu bleiben um euretwillen.“ 

Nicht bei Allen jedoch trifft diese Notwendigkeit zu; Herr Jesus! nicht bei mir, der ich Niemanden nützlich bin: mir ist Sterben Gewinn, damit ich nicht mehr sündige! Mir ist Sterben Gewinn, da ich selbst in meiner Schrift, die Andere trösten soll, einen heftigeren Antrieb zur Sehnsucht nach dem Heimgegangenen Bruder finde: sie läßt nicht zu, daß ich sein vergesse. Jetzt liebe ich noch inniger, sehne mich noch heftiger. Ich fühle die Sehnsucht, wenn ich rede, ich fühle sie, wenn ich das Gesprochene wieder lese; und fast glaube ich, daß ich um so eher zum Schreiben mich entschloß, damit ich niemals von der Erinnerung an ihn getrennt würde. Das thue ich nun nicht gegen die Schrift, sondern ich fühle mit der Schrift, so daß ich geduldiger den Schmerz empfinde, aber mit größerer Ungeduld auch die Sehnsucht.

Du hast den Beweis mir geliefert, mein Bruder, daß ich den Tod nicht fürchten sollte: wenn nur meine Seele in deiner Seele sterben möchte! Das wünschte sich auch Balaam als das größte Gut, da er im prophetischen Geiste ausrief: „Wenn doch stürbe meine Seele in den Seelen dieser Gerechten, und wäre doch mein Same wie ihr Same!“ Das ist in Wahrheit prophetisch gesprochen; denn wie er die Ankunft Christi erkannt hatte, so sah er auch seinen Triumph; er sah seinen Tod, aber auch in seinem Triumphe die Auferstehung aller Menschen zur Ewigkeit: und gerade deßhalb fürchtet er den Tod nicht, weil er auferstehen wird. Meine Seele möge also nicht sterben in der Sünde, auch nicht die Sünde in sich aufnehmen; sie möge vielmehr sterben in der Seele der Gerechten, damit sie Tugend derselben in sich aufnehme. Wer aber nun in Christo stirbt, der wird im Bade der Taufe auch seiner Gnade theilhaftig.

Der Tod ist also keineswegs schrecklich: er ist für die Armen nicht bitter und auch für die Reichen nicht allzu schwer; er schließt keine Unbill ein gegen die Bejahrten, er ist kein Zeichen der Feigheit für die Starken; den Gläubigen droht er nicht für immer, den Weisen kommt er nicht unerwartet. Wie Viele haben ihrem vergangenen Leben lediglich durch den Tod eine Weihe verliehen! wie Viele hat die Scham gehindert, fortzuleben, während der Tod Gewinn war! Es fehlt uns nicht an Belegen, daß durch den Tod eines Einzigen große Völker gerettet, daß durch den Tod des Feldherrn die Feinde in die Flucht geschlagen sind, die Jener lebend nicht hätte besiegen können.

Durch den Tod der Märtyrer ist die Religion vertheidigt, ist der Glaube vertheidigt, die Kirche gefestigt: gesiegt haben sie im Tote, ihre Verfolger sind unterlegen. Während wir ihr Leben oft nicht kennen, ehren wir jetzt ihren Tod. Deßhalb hat auch David in seines Geistes Entzückung prophetisch gerühmt: „Kostbar vor dem Angesichte des Herrn ist der Tod seiner Heiligen.“ Er wollte lieber dem Tod als dem Leben den Vorzug geben. Der Tod der Märtyrer selbst ist Lohn und Preis ihres Lebens: im Tode wird auch der Haß ihrer Feinde gelöset.

Mehr aber gilt noch, daß durch den Tod eines Einzigen die ganze Welt erlöset ist. Christus konnte gar nicht sterben, wenn er nicht wollte: aber er glaubte weder den Tod fliehen zu sollen, weil es etwa eine Feigheit einschlösse, noch hätte er uns besser, als durch seinen Tod erlösen können. Sein Tod ist Aller Leben; mit dem Zeichen seines Todes bezeichnen wir uns; seinen Tod verkünden wir betend. Preisen wir opfernd: sein Tod ist unser Sieg, unser Geheimniß, und jährlich wiederkehrende Festfeier. Was sollen wir von seinem Tode noch sagen, da wir an einem göttlichen Beispiele erweisen, daß der Tod allein die Unsterblichkeit erworben, daß der Tod sich selbst erlöset hat? Zu beklagen ist somit der Tod sicher nicht, weil er ja die Ursache des allgemeinen Heiles ist: auch zu fliehen ist er nicht, da der Sohn Gottes selbst sich zu ihm herabgelassen, ihn aber nicht geflohen hat. Die Ordnung der Natur darf nicht durchbrochen werden; denn was Allen gemeinsam ist, das kann bei Einzelnen nicht eine Ausnahme erleiden.

Zwar in der Natur des Menschen lag der Tod nicht, er ist vielmehr erst hinein gebracht worden: Gott hat ihn ja nicht von Anbeginn, sondern nur als Heilmittel verordnet. Sehen wir aber zu, ob nicht das Gegentheil der Fall zu sein scheint! Wenn nämlich der Tod ein Gut ist, warum sagt dann die Schrift: „Gott hat den Tod nicht gemacht, sondern durch die Bosheit der Menschen ist er in die Welt gekommen.“ In der That haftete der Tod dem Werke Gottes nicht nothwendig an, da den ersten Menschen im Paradiese der Strom alles Guten unaufhörlich zufloß. Als aber das Leben durch die Übertretung zur täglichen Arbeit verurtheilt wurde, und als unter ewigem Seufzen sein Elend begann: da mußte dem irdischen Uebel ein Ziel geschaffen werden, und so mußte der Tod zurückgeben, was das Leben verloren hatte. Die Unsterblichkeit ohne den Hauch der Gnade würde ja weit eher eine Last als ein Genuß sein.

Sehen wir genau zu, so tritt der Tod der Natur überhaupt nicht ein, sondern der Tod der Sündhaftigkeit: die Natur bleibt, die Sünde stirbt. Es ersteht, was dagewesen. Wenn es nur ersteht, wie frei vom Sündigen, so rein von früherer Schuld! Gerade das aber ist ein Zeichen, daß es sich nicht um den Tod der Natur handelt, weil wir dieselben sein werden, die wir gewesen sind: so werden wir entweder die Strafen unserer Sünden tragen, oder den Lohn für die guten Werke erhalten. Dieselbe Natur wird ja erstehen, nur mehr geehrt durch den Sold, den sie an den Tod abgetragen hat. Deßhalb sagt der Apostel: „Die Todten, die in Christo sind, werden zuerst auferstehen; dann werden wir, die noch leben und übrig geblieben sind, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft, und werden so immerfort bei dem Herrn sein.“ Jene sind also die Ersten, die Lebendigen folgen. Jenen ist das Leben süßer nach der Ruhe; den Lebendigen wird zwar ein gnadenvoller Gewinn zu Theil, aber das Heilmittel ist ihnen unbekannt geblieben.

Es ist also nichts im Tode, was wir fürchten oder beklagen müßten, wenn das Leben entweder der Natur zurückgegeben wird, da es von ihr zurückgefordert wird, wie sie es gegeben hat; oder wenn das Leben einer Pflicht geopfert wird, in welcher ein Akt der Gottesverehrung oder eine Uebung der Tugend eingeschlossen ist. Es hat denn auch in der That noch Niemand gewünscht, „so zu bleiben. Es wurde wohl angenommen, Solches sei dem Johannes versprochen; aber gegeben war das Versprechen nicht. Wir halten die Worte fest und leiten aus ihnen den Sinn ab. Johannes selbst bestreitet im Evangelium, daß ihm versprochen sei, er solle nicht sterben, damit Niemand an solchem Beispiele eitle Hoffnung nähre. Das nun doch zu wünschen, wäre gar eine kecke, übermüthige Hoffnung; aber noch unberechtigter ist es, wenn man das, was ganz dem Laufe der Dinge gemäß eintritt, über alles Maß betrauern wollte.

Auch heidnische Männer trösten sich rücksichtlich des Todes durchweg mit der Allgemeinheit des Unglücks, oder mit dem Rechte der Natur, oder mit der Unsterblichkeit der Seele. Wenn nur dieses letzte Wort ihnen feststände, und wenn sie nur nicht die arme Seele in allerlei abgeschmackte wunderliche Gestalten nach dem Tode versetzten! Was müssen wir aber thun, da die Auferstehung als Lohn uns winkt? Niemand kann ihre Huld und Gnade leugnen, wenn man auch den Glauben an dieselbe verweigert. Und gerade deßhalb wollen wir die Unsterblichkeit mit möglichst vielen Gründen zu beweisen versuchen.

Etwas wird nun aber als wirklich geglaubt entweder auf Grund der Erfahrung oder vernünftigen Nachdenkens; auf Grund ferner eines entsprechenden Beispiels oder auch weil es sich geziemt, daß es sei. Diese einzelnen Erwägungen helfen uns zum Glauben. Die Erfahrung lehrt uns, daß wir uns bewegen; die Vernunft sagt uns, daß das, was uns bewegt, als Eigenthümlichkeit einer, zweiten Kraft betrachtet werden muß; das Beispiel belehrt uns, daß der Acker Frucht getragen hat, und so nehmen wir an, daß er auch ferner Frucht tragen werde. Geziemend erscheint uns das, weil wir —auch wo wir die Frucht selbst nicht glauben — doch annehmen, daß sie kommen müsse, um nicht das Wirken der Kraft gänzlich aufzugeben.

Das Einzelne wird nun auch im Einzelnen erwiesen. Es gibt aber drei Gründe, aus denen der Glaube an die Unsterblichkeit gefolgert wird, welche Alles zusammenfassen: die Vernunft, das Beispiel des ganzen Universums und das Zeugniß der Vergangenheit, weil eben gar Viele schon erstanden sind. Die Vernunft spricht unwiderleglich. Denn wenn der ganze Ablauf unseres Lebens in der Verbindung von Leib und Seele stattfindet, die Auferstehung aber den Lohn für die guten oder die Strafe für die bösen Werke bringt: so muß doch auch der Leib erstehen, dessen Handlungen ja geratet werden. Oder wie soll die Seele ohne den Leib zum Gerichte gefordert werden, wenn über ihre gegenseitige Verbindung Rechenschaft gegeben werden soll?

Die Auferstehung ist Allen zugetheilt, und an dieselbe zu glauben, wird nur deßhalb schwer, weil sie nicht unser eigenes Verdienst, sondern eine Gabe der göttlichen Güte ist. Zuerst bietet sich der Glaube an die Unsterblichkeit in dem Gange der Welt: in dem Wechsel des Werdens und der Abfolge der Dinge, in dem Auf- und Untergange der Himmelszeichen, in dem Niedergange von Tag und Nacht und ihrem täglich wiederkehrenden Beginne. Die bestimmte Art der Zeugungskraft dieser Erde könnte gleichfalls nicht fortdauern, wenn nicht die göttliche Weisheit es so geordnet hätte, daß von jenem Safte, aus dem alles Irdische entsteht, genau so viel durch nächtlichen Thau ersetzt wird, als die Gluth der Tagessonne ausgedörrt hat. Was soll man von den Früchten sagen? Scheint das, was hinabsteigt in den Schooß der Erde, nicht zu sterben? Scheint nicht zu erstehen, was wieder erblüht? Was gesäet ist, was erstorben war, das ersteht wieder und wird zur selben Gattung und Art neu gebildet. Diese Erstehungsfrüchte hat zuerst die Erde gebracht; in ihnen hat unsere Natur die künftige Auferstehung vorgebildet.

Was zweifelst du, daß Leib vom Leibe auferstehen wird? Das Saatkorn wird eingesenkt, das Saatkorn ersteht; aber es wird mit Blüthe und Fruchthaut umkleidet. So sagt der Apostel auch: „Dieses Verwesliche muß bekleidet werden mit Unverweslichkeit; dieses Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit.“ Die Blüthe der Auferstehung ist die Unsterblichkeit, ist die Unverweslichkeit. Gibt es denn nun etwas Fruchtbareres als die Grabesruhe?

Du wunderst dich aber, wie das in Fäulniß Zerfallene sich wieder festigen, wie das Aufgelöste sich wieder einigen, wie das Geschwundene wieder hergerichtet werde? Und doch wunderst du dich nicht darüber, daß die Samenkörner, aufgelöst in der warmen Umhüllung der Erde, wieder ergrünen! Denn diese Samenkörner, welche in der Erde begraben der Fäulniß anheimfallen und sich auflösen, werden doch, obwohl sie verdeckt und gestorben sind, von dem Safte des mütterlichen Bodens belebt, und dann hauchen sie mit der wieder erhaltenen Lebenswärme gewissermaßen die Seele der grünenden Pflanze aus. Allmählich richtet sich dann im Halme die zarte Jugend der sprossenden Aehre auf, und die Natur umgibt, einer sorgsamen Mutter vergleichbar, dieselbe mit schützender Haut, damit die starre Eiseskälte die schwellende Frucht nicht verderbe, damit die übergroße Gluth der Sonne sie nicht versenge. Wenn dann die Frucht selbst gleichsam aus ihrer Wiegenumhüllung hervorbricht, dann umhegt die Natur sie mit einer Schutzwehr von Stacheln, damit der strömende Regen sie nicht verwasche, der Wind sie nicht umherstreue, damit das Nagen der kleinen Vögel sie nicht schädige.

Wie kannst du dich denn nun wundern, wenn die Erde die Menschenleiber, die sie aufgenommen hat, wieder heraus geben soll? Belebt, kleidet, bewahrt und beschützt sie doch alle Saatkörner, die ihr anvertraut werden! So höre denn auf zu zweifeln, daß die Treue der Erde die Hinterlage an menschlichem Gebein wieder herausgeben werde, da sie alle anvertraute Saat mit Wucherzins in der Befruchtung zurückgibt. Was brauche ich noch von den Arten der Bäume zu reden, die sich aus dem eingelegten Kerne erheben und in wiederbelebter Fruchtbarkeit reiche Ernten bieten? Sie erhalten die altgewohnte Form und Gestalt, und mancher Baum überdauert siegreich die Jahrhunderte. Wir sehen die Beere der Traube verwesen, aber den Weinstock erstehen; der Schößling wird eingesenkt, der Baum wächst empor.
Soll denn nun die göttliche Vorsehung um das Aufsehen der Baume Sorge tragen und der Menschen nicht gedenken? Wenn sie das, was sie zum Gebrauche der Menschen geschaffen, nicht zu Grunde gehen läßt: soll sie gestatten, daß der Mensch vernichtet werde, der doch nach Gottes Ebenbilde geschaffen ist?

Erscheint es dir gleichwohl unglaublich, daß die Todten wieder zum Leben erstehen? „Du Thor,“ antwortet der Apostel, „was du säest, lebt nicht auf, wenn es nicht zuvor stirbt.“ Säe du nur die dürre Frucht: sie wird wieder belebt werden. „Freilich,“ erwiderst du, „weil sie den Lebenssaft in sich trägt.“ Aber unser Körper hat auch seinen Lebenssaft im Blute. Deßhalb erscheint mir auch abgeschmackt, daß Einige behaupten, der verdorrende Schößling lebe nicht wieder auf, und daß sie dieses dann auch gegen das Wiederaufstehen des Fleisches auszubeuten suchen. Das Fleisch ist ja nicht verdorret; denn alles Fleisch ist aus Lehm gebildet, der Lehm aber hat Theil an der Lebensfruchtigkeit der Erde. Zudem ersprossen viele Pflanzen mit unvergänglicher Frische aus dürrem, sandigen Erdreich; die Erde bereitet sich selbst hinreichenden Lebenssaft. Soll sie denn nun gerade beim Menschen Vernichtung eintreten lassen, während sie sonst immer neu belebt? Daraus erhellt schon, daß es keineswegs bezweifelt werden darf, wie es mehr der Natur entspricht, als ihr widerstreitet, daß Alles erstehe: im Gegentheile ist das „Vernichtet-Werden“ der Natur zuwiderlaufend.

Es folgt nun, was die Heiden meistens in Verwirrung bringt: wie es nämlich zugehe, daß die Erde Diejenigen zurückgebe, welche das Meer verschlungen, welche wilde Thiere zerrissen haben. Damit kommt man denn nothwendiger Weise schon dahin, daß man nicht mehr den Glauben an die Auferstehung bestreitet, sondern nur theilweise bezweifelt. Nehmen wir an, daß die Leiber der so Zerrissenen nicht auferstehen, so erstehen doch die Übrigen: die Auferstehung wird also noch nicht aufgehoben, wenn eine bestimmte Ausnahme zugelassen würde. Ich wundere mich meinerseits allerdings, wie man hinsichtlich Jener zweifeln zu dürfen glaubt, als ob nicht Alles, was von der Erde kommt, auch wieder zur Erde zurückkehrte und wieder zu Erde würde. Wirft doch das Meer selbst oft genug die Leiber, die ihm zum Opfer gefallen, mit seinen Wellen an das nächste Ufer! Und wenn das auch nicht der Fall wäre: soll ich denn glauben, es fiele Gott schwer, das Gelöste und Zerstreute wieder zu verbinden? Gehorcht ihm denn nicht die Welt, fügen sich denn nicht stumm und willig die Elemente, dient ihm nicht die Natur? Oder ist es denn in der That nicht ein größeres Wunder, den Lehm zu beseelen, als ihn wieder zu verbinden?

Jener Vogel Arabiens, den wir Phönix nennen, lebt wieder auf, wenn nach seinem Tode die wiedererwachende Lebenskraft ihm zurückgegeben wird; und daß die Menschen wieder auferstehen, glauben wir nicht? Oft genug haben wir vernommen und in Schriften gelesen, daß dem gedachten Vogel genau fünfhundert Jahre Lebenszeit bestimmt seien; wenn er dann in prophetischer Ahnung das Ende seines Lebens nahe erkenne, so bereite er sich eine Urne mit Weihrauch, Myrrhen und anderem kostbaren Rauchwerke; nachdem dieses Beginnen zugleich mit der bestimmten Zeit erfüllt sei, trete er selbst in die Urne und sterbe allda; aus seinem Lebenssafte aber entstehe ein Wurm, der allmählich zur Gestalt des Vogels wieder heranwachse; indem die Flugfedern wieder zurückgegeben würden, erneuere sich die frühere Lebensgewohnheit, und so beginne er die alten Lebensverrichtungen wieder gleichsam in Erfüllung einer Dankespflicht. Jene Urne nämlich, — Hülle des Todes oder Wiege der Auferstehung, — in welcher der Phönix nach Ablauf seiner Zeit stirbt, aber aus der er auch wieder seinen Ausgang nimmt: diese Urne kommt aus Äthiopien noch Lycaonien. So erkennen denn die Bewohner jener Gegenden aus dem Wiedererstehen des wunderbaren Vogels, daß die Zeit von fünfhundert Jahren vollendet ist.“ Für den Phönix ist also das fünfhundertste, für uns aber das tausendste Jahr das Jahr der Auferstehung: für jenen noch in der Weltzeit, für uns beim Ende der Welt.“ Gar Viele nehmen auch an, daß der Phönix die Urne selbst anzünde und aus seiner eigenen Asche wieder erstehe.

Vielleicht hat aber die Annahme Berechtigung, daß die tiefer erforschte Natur auch tiefere Begründung des Glaubens anbahnt. So möge denn unser Geist auf den Anfang und Ursprung des werdenden Menschen zurückgreifen. Ihr seid Männer und Frauen, denen das, was menschlich, nicht unbekannt ist. Sollten aber Einige von euch in Unwissenheit sein, so glauben diese wohl ohne Zweifel, daß wir aus Nichts geboren werden. Wie verschwindend klein ist die Quelle unseres Daseins! Wenn wir auch nicht weiter uns aussprechen, so wisset ihr doch, was wir sagen, oder eigentlich was wir nicht sagen wollen. Woher wird nun dieses Haupt, dieses bewunderungswürdige Antlitz, dessen Urheber wir nicht sehen, während wir das Werk anstaunen, — woher wird Beides zu den verschiedenen Verwendungen und Tätigkeiten gestaltet? Woher kommt diese aufgerichtete Gestalt, diese erhabene Haltung, die Kraft zu handeln, die Lebhaftigkeit des Gefühles, die Fähigkeit ferner, aufrecht einher zu schreiten? Die eigentlichen Organe der Natur entziehen sich unserer Kenntniß, nur die Verrichtungen derselben sind uns bekannt. Auch du bist Samen gewesen, und dein Leib ist der Samen dessen, was auferstehen wird. Höre, was Paulus sagt, und lerne von ihm, daß du Samen bist: „Gesäet wird der Leib in Verweslichkeit, auferstehen wird er in Unverweslichkeit; gesäet wird er in Unehre, auferstehen wird er in Herrlichkeit; gesäet wird er in Schwachheit, auferstehen wird er in Kraft; gesäet wird ein thierischer Leib, auferstehen wird ein geistiger Leib.“ Und auch du wirst gesäet, wie alles Übrige; was wunderst du dich, wenn du auch erstehest, wie alles Uebrige? Jenes glaubst du, weil du es siehest; dieses glaubst du nicht, weil du es nicht siehest: und doch „sind selig diejenigen, welche nicht sehen und gleichwohl, glauben.“

Übrigens sollte darnach auch Jenes nicht geglaubt werden, ehe die Zeit dazu kommt; jede Zeit ist ja nicht geeignet, die Saat hervorzurufen. Zu anderer Zeit wird der Weizen gesäet, zu anderer geht er auf; zu anderer Zeit wird die Rebe gesetzt, zu anderer schwellen die knospenbedeckten Reiser, sprossen die Blätter, bildet sich die Traube; zu anderer Zeit wird der Ölzweig gepflanzt, zu anderer birgt er wie im Mutterschooße die Last der Beeren, und wieder zu anderer Zeit neigt er sich unter der reichen Fülle seiner Frucht. Ehe aber für jedes seine Zeit kommt, ist das Wachsthum karg, und die zeugende Kraft der Natur hat die Zeit des Werdens nicht in ihrer Gewalt. Du kannst beobachten, wie sie formlos, nackt im Keime liegt, wie sie dann aber unter Blüthen ergrünt, wie sie dann in der Gluthdürre wieder Mutter aller Dinge wird. Wollte sie auch für alle Zeiten sich schmücken, wollte sie niemals den goldenen Schmuck der Saaten, die grünende Pracht der Wiesen ablegen: sie wird doch des Mangels ihrer eigenen Früchte nicht überhoben sein; sie wird nicht im Besitze ihrer Erträgnisse bleiben, die sie wieder zum Zwecke anderer Befruchtung abgegeben.

Willst du also unsere Auferstehung nicht im Glauben, auch nicht auf Grund anderer Beispiele annehmen, so wirst du doch sie glauben auf Grund der Erfahrung. Viele Früchte, Wein, Oel, verschiedene Obstarten und andere haben am Schlusse des Jahres die Zeit ihrer Reife: auch uns bezeichnet das Ende der Welt, gleichsam das äußerste Ende des Jahres, die zur Auferstehung passende Zeit. Mit Recht fällt die Auferstehung der Todten mit dem Ende der Welt zusammen, damit nach der Auferstehung eine Rückkehr zu dieser sündigen Welt und Zeit nicht mehr stattfinden könne. Hat ja Christus gerade deßwegen gelitten, um uns von dieser bösen Welt zu befreien, damit die Versuchungen der Welt uns nicht von Neuem überstürzten und so die Wiedergeburt, wenn es eine Wiedergeburt zur Schuld wäre, Unheil statt Segen brächte.

Da haben wir also Grund und Zeit für die Auferstehung: den Grund, sofern die Natur sich bei allen Geschöpfen gleich bleibt, also auch beim Menschen allein nicht ausartet; die Zeit, weil Alles am Ende des Jahres zur Frucht wird. Die Zeiten der Welt sind Ein Jahr. Ist das zu verwundern, da sie in Einem Tage zusammengefaßt werden? An Einem Tage führt der Herr die Arbeiter in seinen Weinberg mit den Worten: „Was stehet ihr hier den ganzen Tag müßig?“
Grund allen Entstehens ist der Same; daß aber auch der menschliche Leib Same sei, lehrt der Völkerapostel. Daraus folgt, daß er auch die Substanz zur Auferstehung einschließt. Wenn dem aber auch nicht so wäre, sollte denn wohl Jemand glauben, es sei für Gott schwierig, wo und wie er es wollte, die Menschen wieder in das Dasein zu rufen, da er doch nur befahl, die Erde solle ohne irgend eine Substanz oder Materie entstehen — und sie entstand!? Blicke den Himmel an, betrachte die Erde! Woher kommt das Gluthfeuer der Sterne? Woher der strahlende Umkreis der Sonne? Woher der Mondball? Woher kommen die Gipfel der Berge, die Härten der Felsen, die schattigen Haine der Wälder? Woher kommt ferner die weit ergossene Luft, das eingeschlossene und überströmende Gewässer? Wenn nun Gott dieses alles aus Nichts gemacht hat („Er sprach, und es ward; er befahl, und es war erschaffen“): warum sollen wir dann anstaunen, daß wiedererstehen könne, was einst gewesen ist? Sehen wir doch, daß geworden ist, was nicht war.

Darüber freilich möchte man sich wundern, daß diejenigen, welche an die Auferstehung nicht glauben, doch in ihrer milden Güte Fürsorge treffen, daß das Geschlecht der Menschen nicht zu Grunde gehe: sie sagen nämlich, die Seelen wanderten deßhalb in verschiedene Körper hinüber, damit die Welt nicht zu Grunde gehe. Was aber schwieriger sei: daß die Seelen in andere Körper einkehren, oder daß sie zu ihrem Körper zurückkehren; daß sie ihre Körper wieder finden, oder neue aufsuchen — das mögen jene Weltweisen selber ausmachen.

Wenn indessen auch diejenigen zweifeln, die keinen Lehrmeister gehabt haben, so dürfen wir doch nicht zweifeln, die wir das Gesetz, die Propheten, das Evangelium und die Apostel haben. Wer kann noch zweifeln, wenn er liefet: „Zur selben Zeit wird dein Volk errettet werden. Alle, die man im Buche des Lebens wird verzeichnet finden. Und die Menge derer, die im Staube der Erde schlafen, werden aufwachen, Einige zum ewigen Leben, und Einige zur Schmach, um sie ewig zu schauen. Die aber erleuchtet waren in der Erkenntniß, werden leuchten, wie der Glanz des Firmamentes, und die Viele in der Gerechtigkeit unterwiesen, wie Sterne immer und ewig.“ Mit Recht spricht der Prophet von der Ruhe der Schlafenden, damit wir erkennen, wie es sich nicht um immerwährenden Tod handelt: derselbe beginnt gleich dem Schlafe in bestimmter Zeit und endet zur bestimmten Zeit. Der Prophet aber belehrt uns, daß der Lauf des Lebens nach dem Tode besser sei als der Lauf des Lebens, den wir vor dem Tode in Kummer und Schmerz zurückgelegt haben. Wird das künftige Leben mit den Sternen verglichen, so gehört das jetzige dem Elende an. Wozu soll ich noch anfügen, was an einer anderen Stelle geschrieben steht: „Du wirst mich erwecken, und ich werde dich preisen.“ Wozu soll ich jenes Wortes gedenken, das Job selbst sich zum Troste sagte, nachdem er die Unbilden dieses Lebens erfahren und alles Widerwärtige mit der Geduld heiliger Tugend überwunden hatte? „Du wirst diesen meinen Leib erwecken,“ sprach er, „der viel Übles ertragen hat.“ Auch Isaias, der den Völkern die Auferstehung ankündigte, und der versichert, daß er als ein Bote göttlichen Auftrages rede, auch er hat gesagt: „Geredet hat der Mund des Herrn, und die Völker werden ausrufen: Wegen deiner Furcht, o Herr, haben wir empfangen und den Geist deines Heiles geboren, den du ausgegossen hast über die Erde. Hinsinken werden die, welche die Erde bewohnen, erstehen werden die, welche in den Gräbern sind. Dein Thau ist Heil für sie, aber der Gottlosen Land wird vergehen. Gehe, mein Volk, gehe in deine Kammer; verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorüber ist.“
Auch der heilige Prophet Ezechiel lehrt und beschreibt ausführlich, wie den dürren Gebeinen die Lebenskraft zurückgegeben wird, wie Sinn, Bewegung, Nerventhätigkeit zurückkehrt und so das Gebilde des menschlichen Körpers wieder erstarkt; wie dann die dürren Gebeine mit Fleisch umgeben werden, und wie der Lauf der Adern die Ströme Blutes wieder unter die Decke der Haut leitet. Lesen wir diese prophetischen Schilderungen, so scheint es uns, als wenn die Saat der menschlichen Körper vor unseren Augen wieder erstehe; wir meinen das ausgedehnte Blachfeld sich regen zu sehen in aufgehender Menschensaat.

Wenn nun heidnische Weise geglaubt haben, daß aus hingestreuten Drachenzähnen auf den Gefilden Thebens einstmals eine starre Saat Bewaffneter hervorgegangen sei, während es doch sicher ist, daß die Natur ihre Saat nicht in andere Wesen verwandeln kann, auch niemals von der Saat verschiedene Frucht hervorgebracht hat, so daß Menschen aus Schlangen oder aus Zähnen hervorgingen: wenn die Weisen gleichwohl so glauben, so sollte man doch um so mehr glauben, daß Alles, was gesäet worden, zu seiner früheren Natur und Wesenheit wieder auferstehe. Könnt ihr Heiden, dürfen wir fragen, könnt ihr die Veredlung der Natur leugnen, wenn ihr die Veränderung derselben annehmet? Solltet ihr dem Propheten und dem Evangelium nicht glauben können, wenn ihr leere Fabeln so bereitwillig glaubt?

Hören wir nun den Propheten selbst! So lauten seine Worte: „Die Hand des Herrn kam über mich und führte mich hinaus im Geiste des Herrn und ließ mich nieder mitten auf ein Feld, das voll von Gebeinen war. Und er führte mich durch sie allenthalben ringsum; es waren ihrer aber sehr viele auf der Oberfläche des Feldes, und sie waren sehr dürre. Und er sprach zu mir: Menschensohn, meinst du wohl, daß diese Gebeine lebendig werden? Und ich sprach: Gott, Herr, du weißt es! Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr dürren Gebeine, höret das Wort des Herrn! So spricht Gott der Herr zu diesen Gebeinen: Siehe ich will Geist in euch bringen, daß ihr lebendig werdet. Ich will euch Nerven geben und Fleisch über euch wachsen lassen, und euch mit Haut überziehen, und will euch Geist geben, daß ihr lebendig werdet, und ihr sollet erfahren, daß ich der Herr bin. Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte. Und da ich weissagte, fing es zu rauschen an, und es regte sich über die Erde hin.“

Beachte wohl, daß der Prophet kundgibt, wie in den Gebeinen Gehör und Bewegung war, auch ehe noch der Geist des Lebens in sie ausgegossen war. Ueber die dürren Gebeine hin ergeht das Gebot, zu hören, als hatten sie den Gehörsinn auch jetzt noch. Daß sie wirklich gehört und sich zu einander hin bewegt haben, liegt in der Beschreibung des Propheten, der fortfährt: „Gebein nähert sich zu Gebein, ein jegliches zu seinem Gliede. Und ich schaute, und siehe, Nerven und Fleisch kamen über sie, und Haut zog sich darüber: Geist aber hatten sie noch nicht.“

Groß ist dieser Gnadenerweis des Herrn, daß er einen Propheten als Zeugen der Auferstehung so ausersehen hat, daß auch wir dieselbe mit seinen Augen erkennen. Nicht Alle können ja als Zeugen zur Verwendung kommen, aber in dem einen Punkte sind wir alle Zeugen, daß weder in einem heiligen Mann die Lüge Eingang finden, noch bei einem so erhabenen Propheten ein Irrthum stattfinden kann.

Das kann übrigens auch gar nicht als unwahrscheinlich gelten, daß die Gebeine auf Geheiß Gottes sich wieder zusammenfügen, da wir ja zahllose Beispiele haben, in denen die Natur himmlischen Befehlen gehorcht hat. So erging das Gebot an die Erde, grünende Kräuter hervorzubringen: sie brachte sie hervor; auf den Schlag des Stabes sollte der Fels dem dürstenden Volke Wasser hervorsprudeln: das harte Gestein strömte durch Gottes Barmherzigkeit mächtige Fluthen den vor Hitze Versengten entgegen. Der zur Schlange verwandelte Stab — was kündet er uns anders, als daß auf Gottes Geheiß leblose Geschöpfe zu lebendigen werden können? Oder hältst du es in der That für unglaublicher, daß Gebeine, wenn das Geheiß an sie ergeht, sich wieder nähern, als daß die Fluthen des Meeres sich rückwärts wenden? „Das Meer sah es und floh,“ bezeugt der Psalmist, „der Jordan wandte sich zurück.“ Auch das kann nicht in Zweifel gezogen werden, was von zwei Völkern und zwar durch die Rettung des einen, den Untergang des andern bestätigt ist: daß nämlich die Fluthen des Meeres gebändigt vor den Einen zurückströmten, während sie über die Anderen hinstürzten, so daß die Einen dort in die Meerestiefe versenkt, die Anderen gerettet wurden. Was lesen wir ferner im Evangelium selbst? Hat der Herr dort nicht bewiesen, daß auf sein Wort die Wogen sich beruhigen, die stürmenden Wolken fliehen, die brausenden Wetter verziehen, daß bei beruhigtem Gestade dann stumm und still die Elemente Gott dienen?

Aber hören wir, was der Prophet weiter schildert! „Und der Herr sprach zu mir: Weissage zum Geiste, weissage, Menschensohn, und sprich zum Geiste: So spricht Gott der Herr: Komme du Geist von den vier Winden und wehe diese Getödteten an, daß sie wieder lebendig werden. Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte. Da fuhr der Geist in sie, und sie lebten und stellten sich auf ihre Füße, ein großes, sehr großes Heer. Und er sprach zu mir: Menschensohn, alle diese Gebeine sind das Haus Israel; sie sprechen: Unsere Gebeine sind verdorret und unsere Hoffnung ist dahin; wir sind abgeschnittene Zweige. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Siehe ich will eure Grabhügel aufthun und euch, die ihr mein Volk seid, aus euern Gräbern herausführen und euch bringen in das Land Israel. Und ihr sollet erfahren, daß ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber geöffnet und euch, mein Volk, aus euren Grabhügeln herausgeführt habe. Und ich will meinen Geist in euch geben, daß ihr lebet, und will euch zur Ruhe bringen in eurem Lande, damit ihr erfahret, daß ich, der Herr, geredet und es gethan, spricht Gott der Herr.“
Wir bemerken hier, wie der Lebensgeist seine Thätigkeit wieder aufnimmt; wir erkennen, wie aus den kreisenden Grabhügeln die Todten erstehen. Und ist es denn in der That so sehr zu verwundern, daß auf Gottes Geheiß die Grabmäler sich erschließen, wenn doch die ganze Erde in ihren äußersten Grenzen in einem Donnerschlage erzittert, wenn das Meer seine Fluthen ausgießt und doch wieder seinen Lauf zügelt? So wird denn derjenige, welcher geglaubt hat, daß in einem Augenblicke auf den Ton der letzten Posaune die Todten erstehen, mit den Ersten hingerissen werden in den Wolken Christo entgegen: die aber nicht geglaubt haben, werden zurückbleiben und in ihrem Vertrauensmangel werden sie sich selbst dem verwerfenden Urtheilsspruche unterziehen.

Übrigens belehrt uns der Herr auch im Evangelium, wie wir erstehen werden. Er hat ja nicht bloß den Lazarus, sondern den Glauben Aller erweckt; glaubst du das, was du von ihm liesest, so wird ja auch dein Geist, falls er todt war, mit Lazarus wieder zum Leben erwachen. Ober was bezweckt der Herr damit, daß er zum Grabmale hintrat und mit lauter Stimme rief: „Lazarus, komme heraus!“ Doch nichts Anderes, als ein Bild und Beispiel der künftigen Auferstehung zu geben! Warum rief er mit lauter Stimme, als sei er nicht gewohnt, bloß durch sein geistiges Wollen ohne Worte zu wirken? Offenbar um uns zu zeigen, was geschrieben steht: „Plötzlich in einem Augenblicke, auf den Schall der letzten Posaune werden die Todten unverweslich auferstehen.“ Das Erheben der Stimme gilt dem Tone der Posaune gleich. Er rief: „Lazarus, komme heraus!“ Warum anders wird der Name beigefügt, als um den Schein zu vermeiden, es sei ein Anderer erstanden, oder es sei die Auferstehung mehr zufällig geschehen, als frei gewollt.

Der Todte hat den Ruf vernommen, und er kam heraus, an Händen und Füßen noch gebunden mit den Grabtüchern und sein Antlitz noch mit dem Schweißtuche verhüllt. Begreife, wenn du kannst, wie er mit geschlossenen Augen den Weg gefunden, wie er mit gefesselten Füßen frei einhergeschritten! Die Bande waren da, aber sie hielten ihn nicht auf: bedeckt waren die Augen, aber sie sahen gleichwohl. Ja er sah, da er erstand, da er das Grab verließ und einherschritt. Die Kraft des göttlichen Befehles wirkte, und so heischte die Natur nicht ihre eigene Thätigkeit: sie gehorchte im Grabe ruhend nicht der eigenen Gewöhnung, sondern dem göttlichen Winke. Früher wurden die Fesseln des Todes als die des Grabes zersprengt; die Kraft des Gehens war schon zurückgegeben, ehe die Hindernisse beseitigt waren.

Wundert dich das, so beachte, wer den Befehl hier gegeben: du wirst dann aufhören dich zu verwundern. Jesus Christus ist die Kraft Gottes, das Leben, das Licht, die Auferstehung der Todten: die Kraft richtete den Liegenden auf, das Leben hob seinen Schritt, das Licht vertrieb die Finsternisse und öffnete das Auge wieder, die Auferstehung erneuerte die Gnadengabe des Lebens.

Vielleicht veranlaßte der Herr, daß die Juden den Grabstein wegnahmen und die Grabbinden löseten, damit nicht etwa auch du besorgt seiest, wer den Stein von deinem Grabmale heben möchte. Das hieße freilich annehmen, als könne der, welcher den Geist zurückgeben konnte, den Stein nicht entfernen: als könne er die Fesseln nicht zerbrechen, während er doch den Gefesselten wandeln machte; als vermöge er nicht das Antlitz zu enthüllen, während er doch den geschlossenen Augen Licht eingeflößt, als sei er endlich außer Stande, den Felsen zu spalten, da er doch die ganze Natur umwandelte. Es sollten aber diejenigen, welche in ihrem Geiste zum Glauben sich nicht entschließen wollten, ihren eigenen Augen glauben: darum müssen sie den Stein entfernen, den Leichnam sehen, den Todtengeruch empfinden, die Grabbinden lösen. Die können ja nicht leugnen, daß er gestorben, die gesehen haben, wie er erstand; sie haben die Zeichen des Todes, die Gaben des Lebens gesehen. Werden sie nun, während sie sich bemühen, durch ihre eigene Arbeit bekehrt? Werden sie jetzt ihren Ohren glauben, was sie hörten? Werden sie durch ihre Augen belehrt über das, was sie sahen? Werden sie die Bande ihres Geistes zersprengen, da sie die Grabbinden lösen? Wird das Volk, während Lazarus erweckt wird, auch befreit? Werden sie selbst zum Herrn sich wenden, da sie Lazarus sich entfernen sehen? Immerhin haben Viele, die zu Maria kamen, geglaubt, da sie sahen, was geschehen war.

Das ist nicht das einzige Beispiel der Erweckung, das der Herr gegeben: er hat noch Andere erweckt, damit wir auf Grund der sich häufenden Beispiele zum Glauben kämen. Er hat, gerührt durch das Weinen der Mutter, den Jüngling erweckt, als er hinzutrat und die Bahre berührte mit den Worten: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!“ Und es richtet sich auf, der todt war, und begann zu reden. Sobald das Wort zu ihm drang, richtete er sich auf, sogleich redete er. Anders freilich ist die Tugendgnade, anders die Ordnung der Natur.

Soll ich noch erwähnen der Tochter des Synagogenvorstehers, bei deren Tode die Schaaren weinten, während die Klagelieder erschollen? Zum Zeugnisse, daß der Tod wirklich eingetreten, war die Leichenfeierlichkeit veranstaltete Aber wie schleunig kam auf das Wort des Herrn der Geist zurück, wie rasch richtete der wiederbelebte Leib sich auf und nahm Speise, damit auch das Zeugniß des Lebens geglaubt werde!

Wie ferner dürfen wir uns wundern, daß auf Gottes Geheiß die Seele zurückkehrte, das Fleisch den Gebeinen sich wieder verband, wenn wir uns daran erinnern, daß einst die Berührung des Körpers des Propheten den todten Knaben erweckte? Elias flehte, und er rief den Gestorbenen ins Leben zurück: Petrus befahl der Tabitha im Namen Christi, aufzustehen und zu wandeln, und die jubelnden Armen durften glauben, daß sie um der Wohlthaten willen ihnen zurückgegeben sei: und wir sollten nicht glauben um unseres Heiles willen? Jene erlangten die Auferstehung der Tabitha mit ihrem Weinen und Flehen, und wir sollten nicht glauben, daß unsere Auferstehung durch Christi Leiden und Sterben erworben sei? Und doch hat er, um uns zu beweisen, daß er für unsere Auferstehung sterbe, die Auferstehung zuerst gewirkt, als er den Geist aufgab. „Jesus rief abermals mit lauter Stimme und gab seinen Geist auf: die Gräber öffneten sich, und viele Leiber der Heiligen, die entschlafen waren, standen auf; und sie gingen nach seiner Auferstehung aus den Gräbern, kamen in die heilige Stadt und erschienen Vielen.“

Wenn das geschah, als er den Geist aufgab, warum sollen wir für unglaublich erachten, was er thun wird, wenn er wiederkommt zum Gerichte? zumal jene Auferstehung für die dereinstige Auferstehung Bild und Beispiel ist, ja selbst bereits volle Wirklichkeit. Wer hat denn nun damals die Gräber geöffnet, wer hat den Erstehenden die Hand gereicht, den Weg gezeigt, auf dem sie der heiligen Stadt zuwandeln sollten? Wenn es Niemand war, so war es doch sicher die göttliche Kraft, welche in den todten Körpern wirksam wurde. Was suchst du nun des Menschen Hilfe, wo du das Wirken Gottes erkennst?

Das Göttliche bedarf nicht der menschlichen Hilfeleistung. Gott befahl, daß der Himmel werde, und er ist geworden; daß die Erde ins Dasein trete, und sie war da. Wer hat denn nun auf seinen Schultern die Steine herbeigetragen? Wer hat die Stoffe zurecht gelegt? Wer hat dem schaffenden Gotte seine Hilfe geliehen? In einem Augenblicke ist ja Alles geworden: „Er sprach, und es ward.“ Wenn nun auf sein Wort die Elemente sich erheben, warum sollten die Todten auf sein Wort sich nicht von Neuem erbeben? Wohl sind sie todt, aber sie haben doch einstmals gelebt, sie haben eine Seele zum Fühlen und Kraft zum Handeln gehabt: und es ist doch ein gewaltiger Unterschied, niemals einen Geist gehabt zu haben, als von ihm verlassen zu sein. „Sprich zu den Steinen, daß sie Brod werden,“ lautete die Aufforderung des Teufels. Er bekannte dadurch, daß auf Gottes Befehl die Natur sich umwandeln könne: und du willst nicht glauben, daß auf Gottes Befehl die Natur veredelt erstehen könne?

Über den Lauf der Sonne und das Wesen des Himmels haben die Philosophen ihre Meinungen, und es gibt Leute genug, welche meinen, daß man ihnen glauben müsse, während sie doch nicht wissen, was sie sagen. Sie haben ja den Himmel nicht erstiegen, haben seine Achse nicht gemessen, haben die Welt nicht durchforscht. Keiner von ihnen ist bei Gott gewesen im Anfange der Dinge; keiner von ihnen hat von Gott gesagt: „Als er die Himmel bereitete, da war ich bei ihm, und erfreute mich vor ihm Tag für Tag.“ Wenn man gleichwohl Jenen glaubt, soll dann Gott doch nicht geglaubt werden? „Wie die neuen Himmel und die neue Erde, die ich vor mir bestehen mache, spricht der Herr, so wird auch euer Same und euer Name bestehen. Und es wird geschehen von Monat zu Monat, und von Sabbath zu Sabbath, daß alles Fleisch kommt, um vor mir anzubeten, spricht der Herr. Und man wird hinaus gehen und schauen die Leichname der Menschen, die sich an mir versündigt haben: ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen, und sie werden zum Abscheu sein allen Menschen.“ 

Wenn nun Himmel und Erde erneuert wird, warum zweifeln wir dann, daß auch der Mensch erneuert werde, um deßwillen doch Himmel und Erde gemacht sind? Wenn der Sünder zur Strafe erhalten bleibt, warum soll nicht der Gerechte ewig leben zur Glorie? Wenn der Wurm der Sünder nicht stirbt, wie soll dann der Leib der Gerechten vernichtet werden? Das ist ja die Auferstehung, wie das Wort selbst es ausdrückt: was niedergesunken, erhebt sich wieder; was gestorben war, soll wieder aufleben.

Das ist aber Ende und Ziel der Auferstehung, daß Leib und Seele, wie ihre Handlungen gemeinsam sind, beide auch zum Gerichte kommen, damit beiden Lohn zu Theil werde oder Beide ihre Strafe erhalten. Es erscheint auch in der That nahezu unvernünftig, daß der Geist, wenn das Gesetz des Geistes wider das Gesetz des Fleisches kämpft, wenn der Geist oft thut, was er haßt, da die in dem Menschen wohnende Sünde des Fleisches sich auswirkt: daß der Geist dann doch aller Strafe unterliege, weil er fremd er Schuld theilhaftig geworden, während der Leib, der Urheber der ganzen Schmach, tiefer Ruhe genießet. Die Seele allein sollte gestraft werden, da sie doch nicht allein gesündigt? Sie allein sollte der Glorie theilhaftig werden, da sie doch nicht allein unter (Hilfe) der Gnade gekämpft hat?

Gerecht und vollkommen ist der Grund, wenn nicht Alles täuscht: ich verlange aber von Christus überhaupt keinen Grund. Werde ich nur durch Vernunftgründe überzeugt, so lehne ich den Glauben ab. Wie Abraham dem Herrn glaubte, so müssen auch wir glauben, damit wir, wie wir seines Geschlechtes sind, so auch Erben des Glaubens werden. Auch David „glaubte, und darum redete er;“ auch wir müssen glauben, damit wir reden können, in der Ueberzeugung, „daß derselbe, der Jesum auferweckt hat, auch uns mit Jesu auferwecken wird.“ Gott, der niemals lügt, hat das versprochen; die ewige Wahrheit hat es versprochen im Evangelium mit den Worten: „Das ist aber der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, daß ich nichts von dem, was er mir gegeben hat, verliere, sondern, daß ich es am jüngsten Tage auferwecke.“ Und als ob er geglaubt hätte, es genüge einmaliges Aussprechen dieser Wahrheit nicht, wiederholte er ausdrücklich: „Das ist nämlich der Wille meines Vaters, der mich gesandt hat, daß Jeder, welcher den Sohn sieht und an ihn glaubt, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.“

Wer sagt dieses? Fürwahr derjenige, welcher, selbst gestorben, viele Leiber der Todten wieder auferweckte. Wenn wir nun Gott nicht glauben, werden wir auch der Erfahrung nicht glauben? Glauben wir nicht, was er verheißen, da er doch gewirkt, was er nicht verheißen hat? Welchen Grund, zu sterben, hätte er wohl gehabt, wenn er nicht auch einen Grund gehabt hätte, aus dem Grabe zu erstehen? Da Gott nicht sterben konnte, konnte auch seine ewige Weisheit nicht sterben: nun konnte aber nicht auferstehen, was nicht gestorben war. Das Fleisch, welches sterben konnte, nahm er wieder an; so erstand, was gestorben, während das starb, was dem Tode unterworfen war. Anders konnte auch die Auferstehung nicht gewirkt werden: „denn durch einen Menschen ist der Tod, und durch einen Menschen ist die Auferstehung von den Todten.“ 

Der Mensch ist also erstanden, wie er gestorben war. Der Auferweckte ist der Mensch, aber der Erweckende ist Gott: damals Mensch dem Fleische nach, jetzt aber Gott, Alles in Allem. „Jetzt erkennen wir“ nach den Worten des Apostels „Christum nicht mehr dem Fleische nach,“ wohl aber besitzen wir die Huld und Gnade des auferstandenen Fleisches; und so erkennen wir ihn als „den Erstling der Entschlafenen, als den Erstgeborenen aus den Todten.“ Die Erstlinge haben aber mit der weiteren Frucht gleiche Natur; sie werden für reicheren Ertrag als Erstlingsgaben dem Herrn dargebracht, als heiliges Dankopfer für die ganze Frucht, gewissermaßen als Weihegeschenk der erlöseten Natur. Der Erstling der Entschlafenen ist Christus. Aller Entschlafenen? Gewiß; „denn wie in Adam Alle sterben, so werden auch in Christo Alle wieder lebendig gemacht.“

Alle erstehen; aber Niemand verzage, kein Gerechter darf das allgemeine Loos der Auferstehung betrauern, da er ja in ihr den vorzüglichsten Lohn seiner Tugend erhält. „Alle erstehen, aber ein Jeglicher in seiner Ordnung.“ Die Frucht des himmlischen Erbarmens wird Allen zu Theil; aber verschieden ist doch die Ordnung der Verdienste. Allen leuchtet der Tag. Alle erwärmt die Sonne, über alle Gaue ergießen die Wolken reichlichen Regen.

Wie wir Alle gleiche Geburt haben, so werden wir auch Alle auferstehen: wie aber im Leben Gnade und Verhalten verschieden ist, so auch in der Auferstehung. „Plötzlich in einem Augenblicke, auf den Schall der letzten Posaune werden die Todten unverweslich auferstehen, und wir werden verwandelt werden.“ Ja selbst im Tode ist Ruhe und Leben gemischt. Gut ist die Ruhe, besser aber das Leben. Darum ruft der Apostel die Schlafenden zum Leben: „Wache auf, der du schläfst, stehe auf von den Todten, und Christus wird dich erleuchten.“ Er wird aufgeweckt, damit er lebe, damit er mit Paulus sagen kann: „Wir, die wir leben, werden denen, die entschlafen sind, nicht zuvorkommen.“ Das ist nicht gesagt von dem gewöhnlichen Leben, das Allen, wie das Athmen, gemein ist, sondern von der Gabe der Auferstehung. Wenn der Apostel sagt: „Die Todten, die in Christo sind, werden zuerst auferstehen,“ fügt er hinzu: „Und wir, die noch leben, werden zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft.“

Paulus ist freilich gestorben und hat durch sein verehrungswürdiges Leiden das Leben des Leibes mit ewiger Glorie vertauscht: hat er sich nun getäuscht, als er schrieb, daß er lebend in den Wolken Christus entgegen geführt werde? Wir lesen genau dasselbe von Henoch und Elias: und auch du wirst im Geist weggeführt werden. Der feurige Wagen des Elias wird, obwohl ungesehen, bereitet, damit der Gerechte ihn besteige, in seiner Unschuld emporgeführt werde und damit so sein Leben das Sterben nicht erfahre. Kann man doch auch von den Aposteln sagen, daß sie das Sterben nicht erfahren haben nach den Worten: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch, es sind einige von denen, die hier stehen, die den Tod nickt kosten werden, bis sie des Menschen Sohn in seinem Reiche haben kommen gesehen.“ Derjenige lebt ja, in dem Nichts sich findet, was sterben kann der aus Ägypten nichts Vergängliches auf seinen Weg mitgenommen, der das vielmehr abgelegt hat, ehe der Leib seinen Dienst versagt. Darnach ist Henoch nicht der Einzige, der lebt, weil er nicht allein fortgerissen ist; auch Paulus wird fortgerissen, Christus entgegen.

Auch die Patriarchen leben fort; anderenfalls könnte, wenn die Gestorbenen nicht mehr lebten, Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs genannt werden: „denn Gott ist kein Gott der Todten, sondern ein Gott der Lebendigen.“ So werden auch wir leben, wenn wir die Thaten und Sitten der Ahnen haben nachahmen wollen. Wir bewundern die Belohnungen der Patriarchen: so ahmen wir auch ihren Gehorsam nach; wir preisen die Gnade, die der Herr ihnen verliehen: so folgen wir denn auch ihrer Treue gegen Gott. Die Patriarchen gingen fort aus ihrem Vaterlande: so wollen auch wir im Vorsatze scheiden von der Herrschaft des Leibes; wir wollen scheiten im Vorsatze, jene schieden durch Verbannung; aber sie erachteten nicht als Verbannung, was die Furcht Gottes ihnen auflegte, wozu die Noth sie nicht zwang. Jene vertauschten ihre Heimath mit anderem Lande, wir sollen die irdische Heimath mit himmlischer vertauschen: jene in wirklicher Wanderschaft, wir im Geiste. Jenen zeigte die ewige Weisheit den mit Sternen besäeten Himmel; möchte sie auch die Augen unseres Geistes erleuchten!

Abraham, bereit zur Aufnahme der himmlischen Gäste, treu seinem Gotte, unverdrossen in seiner Dienstfertigkeit, sah die Dreifaltigkeit im Abbild. Er fügte der Gastfreundschaft einen Akt der Gottesverehrung zu, als er, die Drei, erblickend, doch nur Einen anbetete. Er beachtete den Unterschied der Personen und nannte nur Einen den Herrn; allen Dreien bot er die Gabe der Ehre, aber nur Eine Macht erkannte er an. Da redete nicht gelehrtes Erkennen in ihm, sondern die Gnade; er glaubte besser, was er nicht erlernt hatte, als wir das glauben, was wir gelernt haben. Keiner hatte ja die Darstellung der Wahrheit gefälscht, und darum verehrte er die Einheit, obgleich er drei erblickte. Drei Brode von Weizenmehl legte er vor, aber er schlachtete nur ein Kalb, weil er glaubte, daß ein Opfer genüge, während die andere Gabe dreifach war! Eine Opfergabe, aber dreifache Huld. Wer erkennt ferner nicht, daß er in jenen vier Königen, die er besiegte, die Elemente der sinnlich wahrnehmbaren Natur sich unterwarf, zum Vorzeichen des Leidens unseres Herrn, das alles Irdische unterworfen hat? Treu im Kriege, enthaltsam beim Triumphe wollte er nicht durch die Gaben eines Menschen reicher werden, sondern nur durch die Gaben Gottes.

Abraham glaubte als Greis, daß er noch einen Sohn zeugen, er urtheilte als Vater, daß er seinen Sohn opfern könne. Das Vaterherz zitterte nicht, als die Treue gegen Gott die Hand des Greises führte: er wußte jetzt, daß der geopferte Sohn Gott wohlgefälliger war, als wenn er in voller Gesundheit fortlebte. Deßhalb führte er den so geliebten Sohn zum Opferaltar: den er spät erhalten hatte, brachte er ungesäumt zum Opfer, ohne daß ihn die Berufung auf den väterlichen Namen abgehalten hätte, als der Sohn ihm „Mein Vater!“ zurief, als er „Mein Sohn!“ antwortete. Theure Unterpfänder der Liebe sind diese Namen, aber theuerer sind doch die Befehle des Herrn. Obgleich also beide Herzen mit einander litten: die Entschlüsse des Gehorsams blieben fest. Die Hand des Vaters streckte das Schwert über den Sohn aus, und im Herzen hatte er den Stoß schon geführt; wenn er etwas fürchtete, so war es dieses, daß der Stoß fehl gehen, daß die Hand erlahmen möchte. Wohl fühlte er das Aufwallen väterlicher Liebe, aber er vergaß deßhalb nicht die Pflicht frommer Ergebung in Gottes Willen: als er die Weisung des Himmels empfing, leistete er sofort Folge. Auch wir müssen also Gott den Herrn Allen vorziehen, die uns theuer sind: Vater, Mutter und Geschwistern; dann kann Gott dieselben auch für uns erhalten, wie wir ja in Abrahams Geschichte den Herrn als reichen Vergelter erkennen, mehr noch als wir in Abraham den treuen Diener sehen.
Der Vater bot den Sohn zum Opfer dar, aber Gott wird nicht durch Blut, sondern durch Gehorsam versöhnt. Er zeigte dem Abraham den Widder im Gebüsch: so gab er dem Vater den Sohn zurück, ließ aber auch dem Priester die Opfergabe nicht mangeln. Nun wurde weder Abraham befleckt mit dem Blute des Sohnes, noch wurde Gott das Opfer vorenthalten. Der Patriarch erblickte den Widder, und ohne eine übermüthige Halsstarrigkeit zur Schau zu tragen, brachte er die umgetauschte Opfergabe dar. Um so tiefer offenbart sich hier, wie fromm und gehorsam er denjenigen zum Opfer gebracht hat, den er jetzt so freudig zurückempfing. Wenn du also Gott deine Gabe darbringst, verlierst du sie keineswegs. Aber wir sind so karg gegen Gott. Er hat seinen eingebornen Sohn in den Tod für uns dahin gegeben, und wir weigern uns ihm unsere Angehörigen zurückzugeben. Abraham erkannte das Geheimniß, daß uns aus dem Opferholze Heil erblühen werde: und es blieb ihm nicht verborgen, daß in ein und demselben Opfer ein Anderes dargebracht, ein Anderes getödtet werden könnte.

So ahmen wir denn Abrahams fromme Hingebung, Isaaks Güte und Züchtigkeit nach! Dieser war im vollen Sinne des Wortes ein guter, keuscher Mann, Gott ergeben, treu seiner Gattin: er vergalt die Beleidigung nicht, er wich seinen Drängern, und nahm die Reuigen wieder auf, ohne Halsstarrigkeit, ohne Widerstand gegen milde Gnade. Er zeigte sich friedliebend, als er zurückwich; zur Verzeihung geneigt, als er die Gegner wieder aufnahm; aber noch viel, reicher an Güte, als er verzieh.

Ahmen wir auch in Jakob das Vorbild Christi nach, damit eine gewisse Ähnlichkeit seiner Handlungen sich in uns finde. Wir werden seines Looses theilhaftig sein, wenn wir ihm nachahmen. Er gehorchte der Mutter, wich seinem Bruder, diente dem Schwager und suchte seinen Lohn nicht in der Theilung der Heerde, sondern in dem Ueberflusse der erzielten Frucht. Diese Theilung war nicht habgierig, weil der ihm zufallende Antheil so reich war. Auch jenes Gesicht der Himmelsleiter war nicht ohne Bedeutung, weil die künftige Vereinigung der Engel und Menschen dadurch vorgebildet erschien. Die Sehne seiner Hüfte fühlte er verdorren, und so wurde das Leiden seines glorreichen Nachkommen zum Voraus angekündigt.

Wir sehen also, wie der Himmel sich der Tugend öffnet, und zwar nicht für Wenige, sondern: „Viele werden kommen vom Aufgang und Niedergang und im Reiche Gottes zu Tische sitzen.“ Folgen wir Abrahams Beispiel, damit er auch uns aufnehme in seinen Schooss, wie er den Lazarus, der Erbe seiner Demuth, aber auch reich geschmückt mit eigenen Tugenden war, mit inniger Umarmung hegt. Zwar werden wir nicht in Wirklichkeit in seinem Schooße ruhen, vielmehr wird uns die von Gott bewährte Nachfolge des heiligen Patriarchen das Ruhepolster guter Werke darbieten.

Wir sehen also, eine wie schwere Gotteslästerung darin eingeschlossen liegt, wenn wir nicht an die Auferstehung glauben. Wenn wir nicht auferstehen, dann ist Christus vergebens gestorben, dann ist Christus gleichfalls nicht auferstanden. Denn wenn er für uns nicht auferstanden ist, so ist er überhaupt nicht auferstanden, weil gar kein Grund vorbanden war, daß er für sich selbst auferstände. In ihm ist Welt, Himmel und Erde auferstanden, denn es wird ein neuer Himmel, eine neue Erde sein. Wie aber könnte für ihn selbst die Auferstehung als Notwendigkeit gelten, da ihn die Bande des Todes gar nicht halten konnten? Obwohl er als Mensch gestorben ist, so war er doch auch in der Unterwelt frei.

Wlllst du wissen, wie sehr er frei gewesen? „Ich bin geworden“ — sagt der Prophet von ihm — „wie ein Mensch ohne Hufe, aber unter den Todten ein Freier.“ Wohl ist der frei, der sich selbst erwecken konnte nach seinen eigenen Worten: „Zerstöret diesen Tempel, und in drei Tagen will ich ihn wiederaufbauen.“ Wohl ist der frei, der nur hinabstieg zur Unterwelt, um Andere zu erlösen. Er ist Mensch geworden, nicht bloß dem äußeren Scheine nach, sondern in Wahrheit, und wer wird ihn erkennen? „Er ist den Menschen gleich geworden,“ sagt der Apostel, „und im Äußern wie ein Mensch erfunden; er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode.“ Durch seinen Gehorsam sollen wir aber auch seine Glorie erkennen: „die Glorie wie des Eingeborenen vom Vater.“

Er bedurfte keines Helfers: er mußte denselben entbehren, als er die Welt schuf, damit er seiner auch entbehren könnte, als er die Welt erlöste. Kein himmlischer Bote oder Gesandter kam, sondern der Herr selbst hat ihn gerettet. Wer könnte ihm auch Hilfe leisten, durch den Alles geschaffen ist, durch den Alles besteht? Wer könnte ihm Hilfe leisten, der Alles in einem Augenblicke gemacht hat, der durch den Ton der letzten Posaune Alle erwecken wird? Der „letzten“ Posaune sagen wir; nicht als ob er nicht durch den Ton der ersten, zweiten oder dritten Gleiches wirken könnte: vielmehr wird lediglich die Ordnung beobachtet, nicht weil die entgegenstehende Schwierigkeit sich erst spät überwinden ließ, sondern weil die festgesetzte Zahl erfüllt werden muß.

Es wird aber an der Zeit sein, über diese Posaunen zu reden, da ja ohnehin die Rede ihrem Ende zueilt: so wird die Posaune auch für uns das Zeichen zum Abschlusse der Rede. Wir lesen von sieben Posaunen in der geheimen Offenbarung des Johannes, und daß sieben Engel sie genommen haben. Gleichfalls lesen wir dort, daß der siebente Engel die Posaune ertönen ließ, und daß eine mächtige Stimme vom Himmel erschallte: „Das Reich dieser Welt ist unseres Herrn und seines Gesalbten geworden, und er wird herrschen in alle Ewigkeit.“ Das Wort „Posaune“ wird aber auch für „Stimme“ gebraucht: „Siehe, eine Thüre ward aufgethan im Himmel, und die erste Stimme, die ich gleich einer Posaune mit mir reden hörte, sprach: Steige herauf, so will ich dir zeigen, was geschehen soll.“ So lesen wir auch: „Blaset mit der Posaune am Neumonde“ und wiederum anderswo: „Lobet den Herrn mit Posaunenschall.“

Mit aller Anstrengung müssen wir nun erforschen, was die Schrift mit der Bezeichnung Posaune will, damit wir nicht Gefahr laufen, thörichte Fabeln anzunehmen, wenn wir etwas Unwürdiges als Gegenstand des Glaubens fassen, oder wenn wir etwas der Hoheit der Schrift nicht Entsprechendes denken. Wenn wir nämlich lesen, „daß wir nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die geistigen Mächte kämpfen müssen, die in den Wolken sind,“ so müssen wir auch nicht „fleischliche Waffen für hinreichend erachten, sondern nur Waffen, die stark sind durch Gott.“ Was nützt es, die Posaune zu sehen, ihren Schall zu hören, wenn wir die eigentliche Bedeutung ihres Tones nicht erfassen? Wie soll sich der zum Kriege bereit halten, für den die Posaune einen unsicheren, unverstandenen Ton gibt? Gerade deßhalb müssen wir die tiefe Kraft der Posaune kennen, damit wir nicht als Fremdlinge erscheinen, wenn wir sie hören, oder wenn wir durch sie reden müssen. Bitten wir nur den heiligen Geist, daß er uns die Erklärung gnädiglich gebe.

Sehen wir denn zu, was wir in den Schriften des alten Bundes von den Posaunen lesen! Wir können ja überzeugt sein, daß die Festlichkeiten, welche den Juden durch das Gesetz vorgeschrieben waren, Schatten und Vorbild der himmlischen Fest sind: hier ist der Schatten, dort die Wahrheit. Bemühen wir uns denn durch den Schatten zur Wahrheit vorzudringen. So spricht der Herr zu Moses: „Sage den Söhnen Israels: Im siebenten Monate am ersten Tage des Monats soll euch ein Sabbath sein, eine Gedächtnißfeier mit Posaunenschall und soll heilig genannt werden. Kein knechtlich Werk sollet ihr an demselben thun und ein Brandopfer dem Herrn bringen.“ Anderswo aber heißt es: „Und der Herr redete zu Moses und sprach: Mache dir zwei silberne Trompeten aus Einem Stücke die Gemeine damit zu versammeln, wenn aufbrechen sollen die Lager. Und wenn du in die Trompeten stoßest, soll sich die ganze Gemeine versammeln vor den Thüren des Zeltes des Bundes. Wenn du nur einmal blasest, sollen die Fürsten zu dir kommen, die Häupter der Gemeine Israels. Wenn aber länger und mit Absätzen der Schall erklinget, dann sollen zuerst aufbrechen, die gen Morgen sind. Und wenn zum zweitenmale und auf ähnliche Weise die Posaunen erschallen, dann sollen aufbrechen, die gen Mittag sind; und also sollen auch die Übrigen thun, wenn die Trompeten zum Aufbruche blasen. Wenn aber das Volk soll versammelt werden, soll der Trompeten Klang einfach sein und nicht in Absätzen erschallen. Die Söhne Aarons, die Priester sollen mit den Trompeten blasen: und das soll ein ewig Gesetz sein in euren Geschlechtern. Wenn ihr ausziehet zum Streite aus euerm Lande gegen Feinde, die gegen euch streiten, sollet ihr schmettern mit den Trompeten: und also wird euer gedacht werden vor dem Herrn, euerm Gotte, daß ihr entkommet den Händen euerer Feinde. Und wenn ihr ein Freudenmahl habet oder Festtage oder Neumonde, sollet ihr mit den Trompeten blasen zu euern Brandopfern und Friedopfern, daß sie euch zum Gedächtniß seien vor euerm Gotte. So spricht der Herr, euer Gott.“
Werden wir nun annehmen, daß es sich um festliche Tage in Trank und Speise handle? Uns soll Niemand um der Speise willen richten, da „wir wissen, daß das Gesetz geistig ist.“ Sagt doch der Apostel: „Niemand soll uns richten wegen Speise und wegen Trank, oder in Hinsicht eines Festtages oder eines Neumondes oder der Sabbathe, welche sind ein Schatten dessen, was zukünftig ist: der Körper aber ist Christi.“ So suchen wir denn diesen Körper Christi, wie ihn die Stimme des himmlischen Vaters gleichsam mit letztem Posaunenschalle geoffenbart hat, damals nämlich, als die Juden meinten, daß ein mächtiger Donner erschollen sei; jenen Leib Christi, wie ihn dereinst die letzte Posaune ankündigen wird: „denn der Herr selbst wird beim Aufgebote, bei der Stimme des Erzengels und bei der Posaune Gottes, vom Himmel herabsteigen, und die Todten, die in Christo sind, werden auferstehen.“

Die siebente Posaune scheint also den Abschluß der Woche zu bezeichnen, die Sabbathruhe, welche nicht allein nach Tagen, Jahren und bestimmten Perioden (der Jobelperiode zum Beispiele) gerechnet wird, sondern auch das siebenzigste Jahr mitbegreift, in welchem das Volk nach Jerusalem aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Und selbst wenn es sich um die hundert und tausend Jahre handelt, bleibt die Rücksicht auf die heilige Zahl Sieben keineswegs außer Acht. Gott hat nämlich nicht umsonst gesagt: „Siebentausend Männer sind mir übrig geblieben, die ihre Kniee nicht vor Baal gebeugt haben.“ Es wird also der Schatten künftiger Ruhe vorgebildet in den Tagen, Monaten und Jahren, sogar in der Dauer der Welt selbst. Deßhalb wird gerade durch Moses den Kindern Israels geboten, daß sie im siebenten Monate Ruhetag halten sollten „zum Gedächtnisse der Posaunen:“ kein knechtliches Werk solle geschehen, sondern Gott solle ein Opfer dargebracht weiden, weil am Ende der Woche, dem Bilde des der einstigen Weltsabbathes, von uns nicht knechtliche, sondern geistige Werke gefordert werden. Was fleischlich ist, ist eben knechtlich: denn das Fleisch ist der Knecht des Geistes. So macht die Unschuld frei, die Schuld aber macht zum Sklaven.

Das Geistige mußte aber durch Bild und Räthsel angedeutet werden; „denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel räthselhaft; dereinst aber von Angesicht zu Angesicht.“ Jetzt kämpfen wir im Fleische, dann aber werden wir im Geiste die göttlichen Geheimnisse sehen. Deßhalb muß das Gepräge des wahren Gesetzes in uns Ausdruck finden, sofern wir dem Abbilde Gottes gemäß wandeln: für die fleischlich gesinnten Juden war der Schatten, für uns ist das Abbild, für die, welche auferstehen werden, bleibt die Wahrheit. Der Schatten ist im Gesetze, das Abbild im Evangelium, die entschleierte Wahrheit im Gerichte. Aber Christi ist Alles und Alles ist in Christo, den wir jetzt seiner Wesenheit nach nicht sehen können: wir sehen ihn nur gleichsam im Abbilde der künftigen Dinge, deren vorausgeworfenen Schatten wir im Gesetze erkannten. Christus ist also nicht Schatten, sondern Abbild Gottes, und zwar kein inhaltloses, sondern ein wesenhaftes Abbild. Deßwegen ist das Gesetz durch Moses vermittelt, weil der Schatten durch einen Menschen kommen muß, während die Wahrheit durch Jesus kommt. Die Wahrheit kann ja keinen anderen Ursprung als wieder die Wahrheit haben.

Wenn nun Jemand dieses Abbild Gottes zu schauen verlangt, so muß er Gott lieben, damit er wieder geliebt werde, damit er durch die Beobachtung der göttlichen Gebote nicht Knecht, sondern Freund sei: dann wird er auch eintreten können in die Wolke, darin der Herr ist. Er mache für sich nur zwei durchaus entsprechende Posaunen, getrieben aus bewährtem Silber, d. h. mit kostbaren Worten begabt und geschmückt; denselben sollen nicht schrille, schreckenerregende Töne, sondern erhabene Dankesergießungen in ununterbrochenem Jubel entströmen. Der Ruf solcher Posaunen erweckt die Todten; sie werden wieder beseelt, nicht zwar durch den Ton des Erzes, sondern durch das Wort der Wahrheit. Vielleicht sind das jene zwei Posaunen, durch welche im Geiste Gottes Paulus gerufen hat, wenn er sagt: „Ich will mit dem Geiste beten, aber ich will auch verständlich beten: ich will mit dem Geiste singen, aber ich will auch verständlich singen.“ Das Eine scheint ja ohne das Andere keinen vollen, abgerundeten Ton zu haben.

Nicht Allen aber steht es zu, beide Posaunen ertönen zu lassen, wie es auch nicht Allen obliegt, die ganze Gemeine zu versammeln. Das gebührt allein den Priestern, den Dienern Gottes, welchen dieses Vorrecht übertragen ist. Wer immer aber jenen Ton hört und ihm dorthin folgt, wo die Herrlichkeit des Herrn weilt, wer mit vorerwogener Absicht zum Zelte des Bundes kommt: der kann auch die göttlichen Wunderwerke sehen und die entsprechende ewige Heimat für die ganze Reihenfolge seiner Nachkommenschaft verdienen. Dann wird ja der Krieg beendigt, der Feind vertrieben, wenn die Gnade des heiligen Geistes und der Eifer des eigenen Herzens zusammenwirkt.

Auch das kann man als heilkündende Posaunen bezeichnen, wenn man mit dem Herzen glaubt und mit dem Munde bekennt; denn „mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, mit dem Munde geschieht das Bekenntniß zum Heile.“ Mit dieser doppelten Posaune kommt man zu jenem heiligen Lande, nämlich zur Glorie der Auferstehung. Möchten sie also immer dir tönen, damit du immer die Stimme Gottes hörest; möchten dich immer die Sprüche der Engel und Propheten aufwecken, damit du dem Himmlischen zueilest.

Daran dachte David, als er in seinem Herzen zu sich sprach: „Ich will hinüber an den Ort des wunderbaren Zeltes gehen, bis zum Hause Gottes, unter Jubel und Lobgesang und festlichem Klang.“ Denn nicht bloß die Feinde werden durch den Klang dieser Posaunen besiegt, es können vielmehr auch die Freuden und die festlichen Tage der Neumonde ohne sie nicht stattfinden. Es kann ja Niemand, der nicht aus den Verheißungen des göttlichen Wortes schöpft, die festlichen Tage der Neumonde mit Heller Freude feiern, wenn er nämlich von irdischer Sorge befreit sich dem Lichte Jesu Christi hingeben will. Selbst die Opfer können Gott nicht gefallen, wenn nicht das Bekenntnis des Mundes hinzutritt, welcher in Priesterlicher Hingabe das Volk aufzurufen gewohnt ist, zur Erflehung der göttlichen Gnade.

Wir wollen darnach den Herrn verkündigen und ihn loben mit Posaunenschall. Nicht gering oder niedrig wollen wir von der Kraft des Schalles denken, überzeugt, daß er das Ohr des Geistes erfüllen und die tiefsten Tiefen des Gewissens erschüttern kann. Nicht das, was Menschen entspricht, wollen wir dabei auf die Gottheit übertragen, auch nicht die Größe der göttlichen Macht nach menschlichen Kräften messen. So wollen wir denn auch nicht fragen, wie Jemand ersteht, mit welchem Leibe er kommt, oder wie das Zerfallene sich wieder einigt und hergestellt wird: alles dieses wird nach göttlichem Befehle geschehen, wie es durch göttlichen Rathschluß festgestellt ist. Es wird ja auch keineswegs das sinnliche Wahrnehmen des Posaunenschalles erwartet; vielmehr wirkt die unsichtbare Macht himmlischer Majestät: denn bei Gott fällt Wollen und Thun zusammen. Nicht der Anstrengung des Auferstehens haben wir nachzuforschen, sondern die Frucht der Auferstehung müssen wir zu erlangen streben. Sie wird um so rascher vollzogen werden, wenn wir von Sünde und Laster befreit die Fülle des geistigen Geheimnisses erlangen; wenn der neugewordene Leib vom Geiste seine Anmuth nimmt, und wenn der Geist den Glanz des ewigen Lichtes von Christus entlehnt.

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