Apologetikum

Von Tertullian

Unkenntnis des Christentums ist die Ursache, warum es gehaßt und verfolgt wird.

Ihr Spitzen der römischen Reichsregierung, die ihr an augenfälliger und erhabenster Stelle, sozusagen auf dem höchsten Punkte der Stadt den Vorsitz führt, um Recht zu sprechen, – wenn es euch nicht verstattet ist, offen zu untersuchen und vor aller Augen zu prüfen, was an der Sache der Christen Gewisses sei, – wenn eure Würde bei diesem einen Rechtsfalle allein vor einer sorgfältigen öffentlichen Rechtspflege zurückschreckt oder sich der Untersuchung schämt, – wenn endlich, wie kürzlich geschehen, bei den geheimen Prozessen im Palast die allzusehr beschäftigte Feindschaft gegen diese Genossenschaft der Verteidigung den Mund verschließt, – so möge es der Wahrheit vergönnt sein, wenigstens auf dem verborgenen Wege stummer Schriften zu euren Ohren zu gelangen. Sie sucht nicht durch Bitten ihre Sache zu bessern, weil sie über ihre Lage nicht einmal verwundert ist. Sie weiß wohl, daß sie als Fremdling auf Erden weilt und unter Fremden leicht Feinde findet, daß sie im übrigen aber ihre Herkunft, Heimat, Hoffnung, ihren Lohn und ihre Würde im Himmel hat. Eins nur wünscht sie für jetzt: nicht ungekannt verdammt zu werden. Was können denn hierdurch die Gesetze, die in ihrem eigenen Gebiete herrschen, verlieren, wenn sie Gehör erhält? Wird etwa deren Macht dadurch in höherem Glänze erstrahlen, daß man die Wahrheit sogar unverhört verurteilt? Wenn man sie übrigens unverhört verdammt, so wird man neben der Gehässigkeit dieses ungerechten Verfahrens sich auch noch den Verdacht zuziehen, von der Sache doch eine gewisse Kenntnis zu besitzen, indem man nicht anhören will, was angehört man nicht verurteilen könnte.

So legen wir euch denn als ersten Beschwerdepunkt vor: den ungerechten Haß gegen den Namen „Christ“. Diese Ungerechtigkeit wird durch eben denselben Titel erschwert und bewiesen, der sie zu entschuldigen scheint, nämlich durch die Unkenntnis. Denn was ist ungerechter als hassen, was man nicht kennt, gesetzt auch, es verdiente Haß? Eine Sache verdient erst dann Haß, wenn man erkennt, ob sie ihn verdient. Fehlt die Erkenntnis, ob der Haß ein verdienter sei, womit wird dann die Gerechtigkeit des Hasses dargetan? Dieselbe ist ja doch nicht aus dem Ausgang, sondern aus der genauen Kenntnis der Sache zu erweisen. Wenn man also deswegen haßt, weil man nicht weiß, wie der Gegenstand, den man haßt, beschaffen ist, warum sollte er denn nicht so beschaffen sein können, daß man ihn nicht hassen darf?! So überführen wir sie des einen durch das andere, daß sie in Unkenntnis sind, wenn sie Haß hegen, als auch, daß ihr Haß ein ungerechter sei, wenn sie sich in Unkenntnis der Sache befinden. Beweis für ihre Unkenntnis, durch welche die Ungerechtigkeit, wenn sie sich damit entschuldigt, erst recht verdammlich wird, ist der Umstand, daß alle, die ehedem, weil sie in Unkenntnis waren, sich dem Hasse überließen, aufhören zu hassen, sobald ihre Unwissenheit aufhört. Aus solchen werden die Christen, sicherlich nach genauer Prüfung, und sie fangen an zu hassen, was sie früher waren, und zu bekennen, was sie haßten, und ihre Zahl ist gerade so groß, als, was ihr mit Unwillen bemerkt, groß unsere Zahl ist. Die Stadt, schreit man, sei ganz damit erfüllt, auf dem Lande, in den Burgflecken, auf den Inseln seien Christen, man beklagt es als einen Nachteil, daß Leute jeden Geschlechts, jeden Alters und Standes, ja sogar Leute von Rang zu diesem Bekenntnis übergehen. Und doch erhebt man sich infolgedessen auch nicht einmal dazu, in ihm irgendeinen verborgenen Vorzug zu vermuten. Man darf nicht richtiger denken, man darf es nicht näher erforschen; hier allein bleibt der Wissenstrieb der Menschen untätig; man gefällt sich darin, unwissend zu bleiben, während andere sich der gewonnenen Erkenntnis freuen. Um wieviel mehr hätte Anacharsis diese gebrandmarkt, weil sie als Unkundige über Kundige zu Gericht sitzen wollen. Sie wollen lieber in Unkenntnis verharren, weil sie schon von Haß erfüllt sind. Somit sprechen sie im voraus das Urteil aus, die Sache sei derart, daß sie, wenn sie sie kennten, sie sie nicht zu hassen vermöchten, weil, wenn kein Grund für den Haß gefunden wird, es dann, jedenfalls das beste ist, den ungerechten Haß aufzugeben, wenn aber die Schuld ausgemacht ist, dann der Haß nicht nur nichts verliert, sondern dazu noch zu seiner Fortdauer der Ruhm der Gerechtigkeit erworbenwird.

Doch, sagt man, eine Sache wird noch nicht deswegen im voraus als gut beurteilt, weil sie Anziehungskraft für die Leute besitzt; denn wie viele lassen sich zum Schlechten verbilden, wie viele laufen der Verkehrtheit in die Arme! – Wer kann das leugnen? Allein, was wirklich schlecht ist, das wagen auch nicht einmal diejenigen, welche sich haben anlocken lassen, als gut zu verteidigen. Alles Schlechte hat die Natur mit Furcht und Scham übergössen. So wünschen z. B. die Übeltäter, verborgen zu bleiben, sie meiden die Augen der Leute, sie zittern bei ihrer Ergreifung, leugnen bei der Anschuldigung, bekennen nicht einmal auf der Folter leicht und jedesmal, sie trauern sicherlich bei ihrer Verurteilung, sie durchgehen unter Vorwürfen gegen sich selbst ihr früheres Leben, die moralische Schwäche ihres verderbten Charakters schreiben sie dem Fatum oder den Sternen zu. Denn sie wollen nicht, daß ihnen angehöre, was sie als schlecht erkennen. Beim Christen aber findet sich nichts Ähnliches. Keiner von ihnen empfindet Scham, keiner Reue, als darüber, nicht schon früher Christ geworden zu sein. Wenn er angezeigt wird, rühmt er sich; wenn er angeklagt wird, verteidigt er sich nicht; wenn er verhört wird, bekennt er von selbst; wenn er verurteilt wird, dankt er. Was kann« da Böses sein, wo die natürlichen Kennzeichen des Bösen fehlen? Furcht, Scham, Leugnen, Reue und Trauer? Ist das etwas Böses, worüber der Angeklagte sich freut? Wo angeklagt zu werden Gegenstand des Verlangens ist und die Verurteilung als Sieg gilt? Du darfst das nicht Wahnsinn nennen, was nicht zu kennen du überführt bist.

Das von den Obrigkeiten gegen die Christen eingehaltene Verfahren verstößt gegen die Prozeßordnung und die Rechtsprinzipien.

Wenn es gewiß ist, daß wir so große Verbrecher sind, warum werden wir von euch anders behandelt als unseresgleichen, die übrigen Verbrecher? Es müßte bei gleicher Schuldbarkeit doch auch die gleiche Behandlung eintreten. Mögen wir nun auch immer gehalten werden, wofür man will – wenn andere dafür gehalten werden, so bedienen sie sich der eigenen und bezahlten Verteidigungsrede, um ihre Unschuld zu beweisen; sie dürfen sich verantworten und für ihre Sache streiten, weil es ja durchaus nicht erlaubt ist, jemanden ohne Verteidigung und Verhör zu verurteilen. Den Christen allein erlaubt man nicht, die Aussagen zu machen, wodurch ihre Sache entlastet, die Wahrheit verteidigt und es dem Richter möglich gemacht wird, nicht ungerecht zu sein, sondern man wartet einzig auf das, was der allgemeine Haß für allein wesentlich hält, nämlich nicht auf die Untersuchung über das Verbrechen, sondern auf das Bekenntnis zu jenem Namen. Wenn ihr hingegen über irgendeinen Verbrecher zu erkennen habt, mag er sich auch – um bei unsern Titulaturen zu bleiben – zu der Schuldbezeichnung: Mörder, Religionsverbrecher, Blutschänder oder Hochverräter bekannt haben, so begenügt ihr euch nicht damit und sprecht ohne weiteres das Urteil, sondern ihr forscht auch nach den damit zusammenhängenden Dingen, nach der Beschaffenheit der Tat, nach Zahl, Ort, Zeit, Mitwissern und Mitschuldigen. In Betreff unser findet nichts derart statt, obwohl man bei den gegen uns erhobenen falschen Anschuldigungen es gerade so gut herauspressen müßte, wieviel Kindsmorde ein jeder schon hinuntergeschlungen habe, wie viele Mal er zur Blutschande dunkel gemacht, wer als Koch und welche Hunde dabei gewesen seien. Welcher Ruhm wäre es für einen Präsidenten, einen ausfindig gemacht zu haben, der schon hundert Kinder gefressen hätte!

Im Gegenteil, wir finden, daß sogar das Nachforschen nach uns verboten ist. Als nämlich Plinius Se-cundus seine Provinz verwaltete und einige Christen verurteilt hatte, andere aber zu Falle gekommen waren, fragte er, durch ihre Menge in Verlegenheit gesetzt, beim Kaiser Trajan an, was er in Zukunft tun solle, indem er beifügte, daß er außer dem Eigensinn, nicht opfern zu wollen, in Betreff ihres Religionswesens weiter nichts habe in Erfahrung bringen können, als Versammlungen, die zur Zeit der Morgendämmerung gehalten würden zu dem Zwecke, Christus als Gott Lob zu singen und die gemeinsame Sittenzucht zu befestigen, zufolge welcher Mord, Ehebruch, Betrug, Verrat und sonstige Verbrechen verboten seien. Da schrieb Trajan zurück, diese Art Leute sei nicht aufzusuchen, aber wenn sie angezeigt würden, zu bestrafen. Eine Entscheidung, die unvermeidlich verworren ausfallen mußte! Er sagt, wie bei Unschuldigen, man solle nicht auf sie fahnden, und befiehlt, sie doch, gleich Schuldigen, zu bestrafen! Er schont und wütet, er vertuscht und straft! Warum, o Zensur, umgarnst du dich selbst? Wenn du verdammst, warum läßest du nicht auch fahnden? Wenn du nicht fahnden läßest, warum sprichst du nicht auch frei? Zur Aufsuchung der Räuber wird in allen Provinzen eine Abteilung Soldaten beordert, gegen Majestätsverbrecher und Hochverräter wird jedermann zum Soldaten, bis auf die Helfer und Mitwisser wird die Nachsuchung ausgedehnt. Den Christen allein darf man nicht aufsuchen, wohl aber denunzieren, als ob die Aufsuchung etwas anderes bezweckte, als vor Gericht zu stellen. Ihr verurteilt also den Denunzierten, den doch niemand aufgesucht wissen wollte. Die Strafe also, so muß ich denken, hat er nicht deswegen verdient, weil er schuldig ist, sondern weil er als ein solcher erfunden wurde, auf den man nicht fahnden darf.

Aber auch in dem Punkte behandelt ihr uns nicht nach den Formalitäten des Kriminalprozesses, daß ihr bei ändern Verbrechern, wenn sie leugnen, die Folter anwendet, um sie zum Geständnis zu bringen, bei den Christen allein aber dazu, damit sie leugnen. Und doch, läge ein Verbrechen vor, so würden wir ganz gewiß uns aufs Leugnen verlegen, ihr aber würdet bemüht sein, uns durch die Folter zum Geständnis zu bringen. Denn ihr könnt unmöglich der Ansicht sein, von dem peinlichen Verfahren zur Ermittlung der Verbrechen sei deshalb abzusehen, weil ihr der festen Überzeugung seid, daß sie infolge des Bekennens zu diesem Namen begangen werden, da ihr doch aus einem Mörder, der bekannt hat, obwohl ihr recht gut wisset, was ein Mord ist, trotzdem jeden Tag auch noch den Hergang des Verbrechens herauszubringen sucht. Um wieviel ungerechter handelt ihr nun, wenn ihr uns, bei denen ihr schon infolge des Bekennens zu jenem Namen das Vorhandensein von Verbrechen voraussetzt, durch die Folter zwingen wollt, von dem Bekenntnis abzulassen und so mit Verleugnung des Namens in gleicher Weise auch die Verbrechen abzuleugnen, die ihr wegen des bloßen Bekenntnisses zu jenem Namen schon als vorhanden voraussetztet.

Aber vielleicht, dünkt mich, ist es nicht euer Wille, daß wir, die ihr für die schlechtesten Menschen haltet, umkommen. Denn so pflegt ihr zum Mörder zu sagen: „Leugne“, vom Religionsverbrecher, er müsse zerfleischt werden, wenn er bei dem Bekenntnis verharrt. Wenn ihr an Verbrechern nicht in dieser Weise handelt, so gebt ihr uns damit die Erklärung, daß wir unschuldig sind. Denn wie bei ganz Unschuldigen wollt ihr nicht, daß wir in einem Bekenntnis verharren, welches ihr nicht aus gerechten Ursachen, sondern nur notgedrungen verurteilen zu müssen glaubt. Es ruft jemand aus: „Ich bin ein Christ!“ Er sagt, was er ist. Du – willst hören, was er nicht ist. Ihr, die ihr als Vorsitzende bestellt seid, um die Wahrheit herauszubringen, von uns allein bemüht ihr euch Lügen zu hören. „Ich bin“, sagt jener, „das, wovon du erforschen willst, ob ich es bin. Was folterst du mich ungerechter Weise? Ich bekenne und du folterst mich?! Was hättest du also getan, wenn ich geleugnet hätte?“ Fürwahr! Wenn andere leugnen, so messet ihr ihnen nicht leicht Glauben bei; – uns glaubt ihr, wenn wir geleugnet haben, sogleich.

Es sollte euch bei diesem völlig ungerechten Verfahren der Verdacht aufsteigen, ob nicht im geheimen irgendeine Macht verborgen liege, die euch gegen alle Form, gegen das Wesen des Gerichtsverfahrens, ja gegen die Gesetze selbst zu handeln treibt. Wenn ich nicht irre, so befehlen die Gesetze, die Übeltäter ans Licht zu bringen, nicht sie versteckt zu halten, und schreiben vor, die Geständigen zu bestrafen, nicht aber sie freizusprechen. Dies bestimmen die Senatsbeschlüsse, dies die Verordnungen der Kaiser. Unser Staatswesen, dessen Diener ihr seid, ist eine zivilisierte Regierungsform, keine Tyrannenherrschaft. Denn bei den Tyrannen wurde die Folter auch als Strafe angewandt, bei uns ist ihre Anwendung auf das Verhör beschränkt. Beobachtet nur in Bezug auf sie eure eigene, gesetzliche Vorschrift, wonach sie nur bis zum Geständnis notwendig ist. Kommt das Geständnis ihr zuvor, so wird sie unterbleiben; dann ist die Sentenz am Platze. An dem Schuldigen muß die verdiente Strafe vollzogen, er darf derselben nicht entzogen werden. Überhaupt wünscht niemand dessen Freisprechung; es ist nicht einmal erlaubt, sie zu wünschen. Deshalb wird auch niemand zum Ableugnen gezwungen. Den Christen aber hält man für einen Menschen, der sämtlicher Verbrechen schuldig ist, für einen Feind der Götter, Kaiser, Gesetze, Sitten, ja der ganzen Natur und – man zwingt ihn zu leugnen, um ihn dann frei zu sprechen, ihn, den man nicht würde freisprechen können, außer wenn er geleugnet hat! Man setzt sich über die Gesetze hinweg. Man will, daß er seine Schuld leugne, um ihn schuldlos zu machen, und zwar gegen seinen Willen und sogar auch noch hinsichtlich der Vergangenheit! Woher kommt eine solche große Verkehrtheit, daß ihr nicht einmal das bedenket, einem, der freiwillig bekennt, sei eher zu glauben, als einem, der gezwungen leugnet, und nicht befürchtet, ob nicht etwa, wer gezwungen ableugnet, ohne Überzeugung ableugne, freigesprochen auf der Stelle nach eurer Gerichtssitzung sich über euren Haß lustig macht und wieder Christ ist?

Da ihr mit uns also in allen Stücken anders verfahrt als mit den übrigen Verbrechern und nur das eine anstrebt, daß wir jenes Namens verlustig werden – wir gehen desselben nämlich verlustig, wenn wir tun, was die Nichtchristen tun -, so könnt ihr daraus ersehen, daß kein Verbrechen zum Prozeß steht, sondern es sich um einen Namen handelt, welcher verfolgt wird durch ein gewisses, ihm feindselig entgegenwirkendes Prinzip, das in erster Linie das bezweckt, daß die Leute nicht den Willen haben möchten, mit Gewißheit etwas zu erkennen, wovon sie mit Gewißheit erkennen, daß sie es nicht kennen. Daher glauben sie auch in Betreff unser Dinge, die nicht bewiesen werden, wollen von einer Nachforschung nichts wissen, damit nicht bewiesen werde, daß die Dinge gar nicht existieren, welche sie für glaublich zu halten belieben, und so wird der jener feindseligen Macht so verhaßte Name auf bloß angenommene, nicht bewiesene Anschuldigungen hin, auf das bloße Bekennen zu ihm verurteilt. Deshalb werden wir gefoltert, obwohl wir bekennen, bestraft, wenn wir verharren, und freigesprochen, wenn wir ableugnen, weil es ein „Krieg gegen den Namen“ ist. Zum Schluß endlich, weshalb laßt ihr von der Schuldtafel ablesen, der N. N. sei ein Christ? Warum nicht auch, er sei ein Mörder, wenn der Christ ein Mörder ist? Warum nicht auch, er sei ein Blutschänder und das, was ihr sonst von uns noch glaubt? Bei uns allein schämet und scheut ihr euch, die Verbrechen mit ihrem Namen (im Schuldprotokoll) öffentlich bekannt zu machen. Wenn das Wort „Christ“ kein Name für irgendein Verbrechen ist, so ist es höchst albern, wenn es „das Verbrechen des bloßen Namens“ ist.

Von dem allgemeinen Hasse gegen den Namen „Christ“ vermögen sich die Heiden selbst keinen vernünftigen Grund anzugeben.

Was soll man dazu sagen, daß manche so mit geschlossenen Augen in den Haß gegen diesen Namen hineinrennen, daß sie, auch wenn sie jemand ein gutes Zeugnis geben, als Vorwurf beifügen, daß er ihn trägt? „Cajus Sejus ist ein braver Mann, nur daß er ein Christ ist.“ Ähnlich ein anderer: „Ich wundere mich, daß Lucius Titius, der doch ein verständiger Mann ist, auf einmal Christ geworden ist!“ Niemandem kommt das Bedenken, ob nicht Cajus etwa gerade deshalb brav und Lucius deshalb klug ist, weil er ein Christ, oder deshalb Christ, weil er gut und klug ist. Man lobt, was man kennt, und tadelt, was man nicht kennt, und zieht gegen das, was man kennt, los mit dem, was man nicht kennt, da es doch gerechter wäre, ein Urteil über geheime Dinge auf Grund von offenkundigen zu fällen, als offenkundige Dinge im voraus zu verdammen auf Grund von etwas Unbekanntem. Andere brandmarken die, welche sie früher vor der Annahme dieses Namens als unstete, gemeine, gottlose Menschen kannten, durch denselben Namen, durch den sie sie loben; in blindem Hasse verfallen sie auf das Urteil: „Dieses Weib da! Wie ausgelassen, wie vergnügungssüchtig war sie! Dieser Jüngling da! Wie ausschweifend, wie verbuhlt war er! Sie sind Christen geworden.“ So wird ihrer Besserung der Name als eine Schuld zugerechnet. Manche verkaufen sich sogar diesem Hasse auf Kosten ihres eigenen Nutzens und lassen sich den Schaden gern gefallen, wenn sie das nur nicht im Hause haben, was sie hassen. Der Ehemann, der jetzt nicht mehr eifersüchtig zu sein braucht, verstößt seine nunmehr züchtig gewordene Gattin, der früher so geduldige Vater enterbt einen nunmehr gehorsamen Sohn, der früher so nachsichtige Herr verweist den nun treu gewordenen Sklaven von seinem Angesicht. Sobald sich jemand unter dieser Bezeichnung bessert, stößt er an. So hohen Wert hat kein Gut – es wird aufgewogen durch den Haß gegen die Christen.

Wenn es also nun der Haß gegen den Namen ist, welche Schuld können denn Namen haben, wessen können Worte angeklagt werden? Höchstens, daß der Klang eines Namens barbarisch sei oder Unglück verkündend laute, eine Verwünschung enthalte oder schamlos sei. Der Name Christ aber wird, was seine Etymologie angeht, von Salben hergeleitet. Und auch, wenn er von euch falsch Chrestianus ausgesprochen wird – denn selbst den Namen kennt ihr noch nicht einmal genau -, so schließt er den Begriff Milde und Güte in sich. Man haßt also an ganz schuldlosen Menschen auch noch einen ganz unschuldigen Namen, Aber, so erwidert ihr, die Genossenschaft wird gehaßt, natürlich in dem Namen ihres Stifters. – Ist das denn etwas Neues, wenn eine Lehre ihren Anhängern eine vom Lehrer hergenommene Benennung beilegt? Nennen sich nicht die Philosophen nach ihren Häuptern Platoniker, Epikuräer, Pythagoräer, oder sogar von ihren Versammlungs- und Standorten Stoiker und Akademiker? Nicht auch die Ärzte nach Erasistratus, die Grammatiker nach Aristarchus und sogar die Köche nach Apicius? Und doch stößt sich niemand an dem Bekenntnis zu einem Namen, der sich mitsamt der Institution vom Urheber herschreibt. Allerdings, wenn jemand nachweist, daß der Stifter schlecht und die Genossenschaft schlecht ist, so weist er auch die Schlechtigkeit und Hassenswürdig-keit des Namens damit nach, infolge des schlechten Charakters der Schule und des Stifters. Und daher hätte es sich gehört, bevor man den Namen verabscheut, den Charakter der Schule an ihrem Urheber oder den Charakter ihres Urhebers an der Schule zu prüfen. Nun aber wird ohne Untersuchung und Erkenntnis beider der Name festgenommen, der Name bekämpft, und für die noch unbekannte Schule wie den noch unbekannten Stifter liegt schon in dem bloßen Worte zum voraus eine Verurteilung, bloß weil sie so genannt, nicht weil sie überführt werden.

Ob das Bestehen der christlichen Religion gegen die Staatsgesetze sei. Der Wert oder Unwert menschlicher Gesetze hängt von ihrer Zweckmäßigkeit und Moralität ab.

Nachdem ich somit dies, um die Ungerechtigkeit des öffentlichen Hasses gegen uns zu brandmarken, gleichsam als Vorrede vorausgeschickt habe, will ich nunmehr für unsere Unschuld den Beweis antreten, und zwar werde ich nicht bloß widerlegen, was uns vorgeworfen wird, sondern es auch auf die zurückschleudern, welche es uns vorwerfen, damit die Leute auch daraus erkennen, daß bei den Christen sich nicht findet, was sich bei ihnen selbst, nicht ohne ihr Wissen, wirklich findet, und damit sie zugleich darüber erröten, daß sie als ganz schlechte Menschen anklagen, ich will nicht sagen die besten, sondern ihresgleichen, wie sie es haben wollen. Wir werden im einzelnen auf das antworten, was wir im geheimen verüben sollen, und was man als offen verübt bei uns findet, worin wir für Verbrecher, und worin wir für Toren, worin wir für strafbare und worin wir für lächerliche Menschen gehalten werden.

Indessen, da der von uns vertretenen Wahrheit, weil sie allen Anklagen zu begegnen weiß, zuletzt die Autorität der Gesetze entgegen gehalten und entweder gesagt wird, nach Erlaß der Gesetze dürfe keine Verhandlung weiter statthaben, oder dem notwendigen Gehorsam müsse selbst wider Willen vor der Wahrheit der Vorzug eingeräumt werden, so will ich zuerst in Betreff der Gesetze mit euch, als ihren Schutzherrn, in den Streit eintreten, Erstens, wenn ihr nach dem Recht die Entscheidung fällt und sagt:“Es ist euch nicht erlaubt zu existieren“, und wenn ihr dies ohne jede weitere Untersuchung, die doch menschenwürdiger wäre, einfach als Präjudiz aufstellt, so proklamiert ihr die Gewalt und eine ungerechte Tyrannenherrschaft, wie von einer Zwingburg herunter, wenn ihr das „Erlaubtsein“ (unsere Existenzberechtigung) deshalb verneint, weil ihr es nicht wollt, nicht weil es (moralisch) nicht gestattet werden darf. Gesetzt aber, ihr wolltet es deshalb nicht gestatten, weil es nicht erlaubt werden dürfe, so unterliegt der Grundsatz keinem Zweifel, daß nur das nicht erlaubt werden darf, was schlecht ist, und eben dadurch ist der Schluß auf die Erlaubtheit dessen, was gut ist, gestattet. Wenn ich finde, daß gut ist, was das Gesetz verboten hat, so kann es – infolge des obigen Schlusses – mich unmöglich daran hindern, woran es mich von Rechtswegen hindern würde, wenn es etwas Schlechtes wäre. Wenn dein Gesetz geirrt hat, so ist es, meine ich, von einem Menschen verfaßt; es ist ja doch nicht vom Himmel gefallen.

Wundert ihr euch etwa, daß ein Mensch bei Erlaß eines Gesetzes sich habe irren können, oder daß er, wieder zur richtigen Einsicht gekommen, es verworfen habe? Hat nicht die Verbesserung der Gesetze sogar des Lykurg, welche die Lazedämonier vornahmen, ihrem Urheber solchen Schmerz verursacht, daß er in freiwilliger Verbannung sich selbst zum Tothungern verurteilte? Durchwühlet und fället ihr denn nicht, da neue Erfahrungen täglich die Dunkelheiten des Altertums erleuchten, jenen ganzen alten und wuchernden Wald von Gesetzen mit den neuen Äxten kaiserlicher Re-skripte und Edikte? Hat nicht kürzlich der charakterfeste Kaiser Severus die nichtsnutzigen Papischen Gesetze, welche früher Kinder zu haben gebieten, als die Julischen Gesetze zu heiraten vorschreiben, nach so langer Geltung aufgehoben? Doch es war ja früher Gesetz, daß die Verurteilten von ihren Gläubigern in Stücke geschnitten wurden, und dennoch wurde später mit allgemeiner Zustimmung diese Grausamkeit abgeschafft und die Todesstrafe in eine Strafe der Infamie verwandelt. Der angewandte Zwangsverkauf der Güter wollte lieber einem Menschen das Blut ins Gesicht treiben, als es vergießen. Wie viele Gesetze, die ihr verbessern müßtet, sind auch jetzt noch unbemerkt vorhanden! Gesetzen nämlich dient weder die Zahl ihrer Jahre, noch die hohe Stellung ihrer Urheber zur Empfehlung, sondern allein die Billigkeit. Daher werden sie, sobald sie als ungerecht erkannt sind, mit Recht verurteilt, obwohl sie selbst verurteilen. – Wie wir sie für ungerecht erklären können?! – Sogar für einfältig, wenn sie nämlich einen bloßen Namen bestrafen; wofern aber Taten, so frage ich, warum bestrafen sie denn an uns auf Grund des bloßen Namens Taten, die sie an ändern nur dann ahnden, wenn sie als wirklich begangen erwiesen sind, nicht wenn sie auf Grund eines Namens als erwiesen angesehen werden? Bin ich ein Blutschänder, warum untersucht man es nicht? Bin ich ein Kindsmorder, warum foltert man mich nicht? Habe ich gegen die Götter oder gegen die Kaiser etwas verbrochen, warum hört man mich nicht an, obwohl ich mich zu verteidigen imstande bin? Kein Gesetz verwehrt, zu untersuchen, was es zu begehen verbietet, weil einerseits kein Richter gerechter Weise straft, wenn er noch nicht erkannt hat, daß etwas Unerlaubtes begangen worden sei, und andererseits kein Bürger dem Gesetze getreulich gehorcht, wenn er nicht weiß, von welcher Art das ist, was das Gesetz ahndet. Kein Gesetz schuldet sich allein das Bewußtsein von seiner Gerechtigkeit, sondern denen, von welchen es Gehorsam erwartet. Übrigens, ein Gesetz ist verdächtig, wenn es sich nicht prüfen lassen will; nichtswürdig aber ist es, wenn es, der Gerechtigkeit nicht würdig befunden, tyrannisiert.

Prüfung der Gesetze gegen die Christen. Der Umstand, daß nur schlechte Kaiser Gesetze gegen die Christen erließen, erweckt eine ungünstige Meinung über deren Wert.

Um über den Ursprung solcher Gesetze etwas beizubringen, so gab es ein altes Dekret, kein Kaiser solle einen Gott einführen außer mit Billigung des Senates. Das hat M. Aemilius erfahren mit seinem Gotte Alburnus. Es gereicht unserer Sache auch der Umstand, daß bei euch die Gottheit von menschlichem Gutdünken abhängt, zum Vorteil. Wenn der Gott dem Menschen nicht zusagt, so wird er kein Gott. Bald wird der Mensch Gott gnädig sein müssen. Tiberius also, zu dessen Zeit der Christenname in der Welt aufkam, berichtete über die ihm aus dem palästinensischen Syrien überbrachten Tatsachen, durch welche daselbst die Wahrheit in Betreff dieser in Frage stehenden Gottheit geoffenbart worden war, an den Senat und gab als erster seine Stimme zu Gunsten derselben ab. Der Senat verwarf sie, weil er sie nicht selbst geprüft hatte; der Kaiser blieb aber bei seiner Meinung und drohte den Anklägern der Christen mit Nachteilen. Befragt eure Archive, dort werdet ihr finden, daß zuerst Nero das kaiserliche Schwert gegen diese Genossenschaft, als sie in Rom auftrat, wüten ließ. Daß ein solcher Mensch mit unserer Verdammung den Anfang machte, ist sogar ein Ruhm für uns. Denn wer ihn kennt, wird zu ermessen imstande sein, daß das, was ein Nero verdammt hat, gewiß nur ein sehr großes Gut sein konnte. Auch Domitian, an Grausamkeit ein halber Nero, versuchte es; aber weil er doch wenigstens noch ein Mensch war, so unterdrückte er schnell das Beginnen und rief sogar die von ihm Verbannten zurück. Solche Menschen waren unsere Verfolger, immer waren es Ungerechte, Ruchlose, Wollüstlinge. Ihr selbst seid gewohnt, sie zu verdammen, und ihr pflegt die von ihnen Verurteilten zu begnadigen. Hingegen zeigt uns aus der langen Reihe ihrer Nachfolger bis auf den heutigen Tag, unter den Kaisern, die in göttlichen und menschlichen Dingen weise waren, auch nur einen einzigen Christenverfolger! Wir aber können sogar unter ihnen einen Beschützer aufweisen, wenn man die Briefe des so würdevollen Kaisers Marc Aurel nachsähe, worin derselbe bezeugt, daß jener bekannte Wassermangel in Germanien durch einen Regen, der vielleicht durch das Gebet der Christen erlangt war, beendigt wurde. Befreite er gleich diese Klasse von Leuten nicht öffentlich von der Strafe, so annullierte er sie doch öffenllich auf andere Weise, indem er auch für die Angeber eine Strafe hinzufügte, und zwar eine schlimmere. Was sind das also für Gesetze, welche bloß die Gottlosen, die Ungerechten, die Schand-menschen, die Toren und Wahnsinnigen gegen uns in Vollzug setzen, welche ein Trajan aber zum Teil umging, indem er das Aufsuchen der Christen verbot, welchen ein Vespasian, obwohl Bezwinger der Juden, ein Hadrian, obwohl sonst ein beflissener Nachspürer aller Dinge, ein Pius, ein Verus keinen Nachdruck gab! Schlechte Menschen wären doch sicher eher von den besten, ihren natürlichen Widersachern, als von gleich-gesinnten Genossen zur Ausrottung verurteilt worden.

Geschichte und eigene Erfahrung lehren, daß Gesetze auch aufgehoben werden können und oft aufgehoben worden sind.

Nun sollten, wünschte ich, diese ehrfurchtsvollen Wächter und Rächer der Gesetze und Einrichtungen der Vorfahren sich ihrerseits hinsichtlich ihrer Treue, ihrer Ehrerbietigkeit und ihres Gehorsams gegen die Beschlüsse der Vorfahren verantworten, ob sie keinen verlassen, ob sie von keinem abgewichen, ob sie nicht gerade die Dinge, die zur Erhaltung der Sittlichkeit notwendig und die geeignetsten waren, aufgehoben haben. Wohin sind denn jene Gesetze gekommen, die den Aufwand und den Ehrgeiz einschränkten, wodurch verordnet wurde, nicht mehr als hundert Aß zu einer Mahlzeit zu verwenden, und auch nicht mehr als eine einzige Henne aufzutragen, und zwar eine ungemästete, wodurch ein Patrizier, weil er zehn Pfund Silbergeschirr gehabt hatte, aus dem Senate ausgestoßen wurde, weil man darin einen großen Schuldtitel des Ehrgeizes erblickte, wonach die Theater, die entstanden, um die Sitten zu korrumpieren, sogleich zerstört wurden, und welche nicht gestatteten, die Abzeichen von Würden und Adel sich vermessen und ungestraft anzumaßen? Denn ich finde, daß diese Hunderter-Gastmähler jetzt diese Benennung bekommen müßten nach den Hunderttausenden von Sesterzen, und daß das Silbermetall zu großen Schüsseln verarbeitet wird nicht für Senatoren – das wäre noch nichts -, sondern für Freigelassene oder sogar für solche, auf denen noch Peitschen zerschlagen werden. Ich sehe auch, was die Theater anlangt, daß nicht einmal mehr eins oder unbedeckte genügen. Für die Spiele also, damit die schamlose Lust von der Winterkälte nicht leide, haben die Lazedämo-nier zuerst den Gebrauch der schwerfälligen Mäntel erfunden. Ich sehe auch, daß zwischen ehrbaren Matronen und Dirnen kein Unterschied mehr in der Kleidung geblieben ist. In Betreff der Frauen sind auch jene Anordnungen der Vorfahren, wodurch die Sittsamkeit und Mäßigkeit geschützt wurde, gefallen, indem nämlich keine Gold kannte, außer für einen einzigen Finger, den der Bräutigam sich mit dem Trauring verpfändete, und indem die Weiber sich bis zu dem Grade des Weines enthielten, daß eine Matrone wegen Öffnung der Behälter im Weinkeller von den Ihrigen durch Hunger getötet wurde. Unter Romulus aber wurde eine, die den Wein angerührt hatte, von ihrem Ehemann Metennius ungestraft umgebracht. Daher mußten sie auch ihre Verwandten mit einem Kusse begrüßen, damit man sie nach dem Atem beurteilen könne. Wo ist jenes, sicher nur aus der Sittlichkeit erblühte Glück der Ehen, daß fast sechshundert Jahre hindurch, von Gründung der Stadt Rom an, keine Frau einen Scheidebrief schrieb? Jetzt hingegen ist bei den Weibern kein Glied von Gold unbelastet und von Weingeruch kein Kuß frei, die Scheidung aber ist bereits Gegenstand der Wünsche, gleichsam wie eine natürliche Folge der Ehe. Auch hinsichtlich eurer Götter selbst habt ihr, was eure Väter mit Bedacht dekretiert hatten, aufgehoben, ihr gehorsamen Leute. Den Vater Liber mit seinen Mysterien hatten die Konsuln auf Senatsgutachten nicht bloß aus der Stadt Rom, sondern sogar aus ganz Italien verbannt. Den Serapis, die Isis und den Arpokrates mit seinem Hundskopf, die nicht auf das Kapitol gebracht werden durften, d. h. aus der Ratsversammlung der Götter ausgeschlossen waren, haben die Konsuln Piso und Gabinius – sicher keine Christen – sogar nach Zerstörung ihrer Altäre entfernt, um die aus schändlichem und müßigem Aberglauben hervorgehenden Laster zu verhindern. Diese habt ihr wieder eingesetzt und ihnen die höchste Majestät verliehen. Wo ist die Pietät, wo die Verehrung, die ihr den Vorfahren schuldig seid? In Kleidung, Lebensweise, Hauseinrichtung, Sinnesart, selbst in der Sprache habt ihr euch von den Vorvätern losgesagt. Ihr lobt immer das Altertum, lebt aber Tag für Tag auf eine neue Weise. Daraus geht hervor, daß ihr, indem ihr von den guten Einrichtungen der Vorfahren abweichet, das beibehaltet und bewahret, was ihr nicht solltet, da ihr das nicht bewahrt, was ihr solltet. Und selbst, was den Punkt betrifft, den ihr als von den Vätern überkommen am treuesten zu beobachten scheint und worin ihr vorzugsweise die Christen als Übertreter bezeichnet, den Eifer in der Verehrung der Götter, worin das Altertum gerade am meisten geirrt hat, so wird er von euch, wie ich seines Ortes zeigen will, gänzlich verachtet und vernachlässigt und gegen das Ansehen der Vorfahren zerstört, obwohl ihr dem nunmehr römisch gewordenen Serapis seine Altäre wieder aufgerichtet habt, und obwohl ihr dem nunmehr italienischen Bacchus eure Raserei opfert. Denn nunmehr beabsichtige ich auf jene bekannte beschimpfende Anklage wegen der geheimen Verbrechen zu antworten, um mir den Weg zu jenen freizumachen, welche mehr der Öffentlichkeit angehören.

Daß bei den Christen thyesteische Mahlzeiten und Blutschande geübt werden, ist noch niemals nachgewiesen worden, sondern reine Erfindung der Fama.

Wir werden große Verbrecher genannt wegen des in Kindermord bestehenden Geheimkultus und des davon bereiteten Mahles und der auf das Mahl folgenden-Blutschande, zu der die Hunde, die das Licht umstürzen, als Kuppler der Finsternis zur Beschwichtigung der Scheu über die ruchlose Lust uns die Gelegenheit bereiten. Man sagt uns das in einem fort nach, und doch sorgt ihr nicht dafür, gerichtlich das zu ermitteln, was man uns schon so lange nachsagt. Folglich ermittelt es entweder, wenn ihr es glaubt, oder glaubt es nicht, wenn ihr es nicht ermittelt! Eure eigene Nachlässigkeit erhebt gegen euch die Prozeßeinrede, daß gar nicht existiere, was ihr nicht zu ermitteln wagt. Ihr stellt dem Folterknecht eine ganz andere Aufgabe bei den Christen: sie sollen nicht sagen, was sie tun, sondern verleugnen, was sie sind.

Die Entstehung unserer Lehre datiert, wie wir schon gesagt haben, von Tiberius an. Mit Verhaßtsein begann die Wahrheit. Sobald sie erschien, wurde sie als Feindin behandelt. Alle, die ihr fremd waren, waren auch ihre Feinde, und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes aus Feindseligkeit die Juden, um der Gelderpressung willen die Soldaten, aus natürlichen Ursachen auch unsere Hausgenossen selbst. Täglich werden wir umlagert, täglich verraten, selbst bei unsern Versammlungen und Zusammenkünften häufig überfallen. Wer hat dabei jemals das weinende Kind erwischt? Wer hat die blutigen Zyklopen- und Sirenenschädel dem Richter, wie er sie gefunden, aufbewahrt? Oder wer hat bei seiner Gattin jemals unreine Spuren entdeckt? Wer hätte solche Schandtaten, wenn er sie vorgefunden, verheimlicht oder sie sich abkaufen lassen, während er die Täter selbst vor Gericht zog? Wenn wir uns immer verborgen lialten, so frage ich, wann ist denn verraten worden, was wir treiben? Oder vielmehr, von wem konnte es verraten werden? Von den Schuldigen selbst doch sicher nicht, da ja schon nach dem bei allen Mysterien geltenden Gesetz die unverletzliche Pflicht der Verschwiegenheit auferlegt wird. Die samothrazischen und eleusinischen Mysterien werden geheim gehalten, um wieviel mehr noch solche, die, wenn verraten, auch dte menschliche Strafgerechtigkeit herausfordern würden, während die von Gott her drohende noch aufgespart bleibt. Wenn sie demnach nicht selbst ihre eigenen Verräter werden können, so folgt, es sind dem Bunde nicht Angehörige. Und woher sollte diesen die Kenntnis davon kommen, da man immer auch bei den erlaubten Mysterien die Uneingeweihten fernhält und sich vor Zeugen hütet? Es müßte denn sein, daß die Gottlosen weniger Scheu empfänden.

Wie es sich mit der Fama verhält, ist allen bekannt. Es ist eine eurer Redensarten: „Die Fama ist ein Übel, und keines ist geschwinder als sie.“ Warum ist die Fama ein Übel? Weil sie geschwind ist? Weil sie eine Verräterin ist oder weil sie meistens lügt? Sie ist auch nicht einmal dann, wenn sie etwas Wahres weiterträgt, vom Fehler des Lügens frei, indem sie an der Wahrheit Abstriche, Zusätze oder Änderungen vornimmt. Noch mehr, es ist mit ihr so bestellt, daß sie nur besteht, indem sie lügt. Und wirklich, sie lebt nur so lange, als sie nicht beweist. Sobald sie etwas bewiesen hat, hört sie auf, Fama zu sein; als ob sie sich ihres Amtes, Überbringerin von Nachrichten zu sein, entledigt hätte, übermittelt sie jetzt eine Tatsache. Von jetzt an wird die Tatsache festgehalten, die Tatsache bestimmt zum Ausdruck gebracht. Niemand sagt z. B, mehr: „Das und das soll zu Rom geschehen sein“ oder: „Es geht das Gerücht, der N. N. habe eine Provinz bekommen“, sondern: „Er hat eine Provinz bekommen“ und „das i s t zu Rom geschehen“. Für die Fama, die Bezeichnung des Ungewissen, ist kein Platz mehr, sobald etwas gewiß ist. Oder glaubt der Fama sonst jemand, außer ein Unbesonnener? Wer weise ist, glaubt dem Ungewissen nicht. Mag ein Gerücht auch noch so eifrig umhergetragen werden, mag es mit noch so großer Hartnäckigkeit auftreten, alle können und sollten den Umstand würdigen, daß es notwendigerweise irgend einmal von einem einzigen Urheber ausgegangen ist. Von dort schlängelt es sich in die Zungen und Ohren, die es weiterpflanzen, und so kommt es, daß ein Rattenkönig von Gerüchten den Fehler der ersten noch unansehnlichen Ausgeburt so sehr verdeckt, daß niemand daran denkt, ob nicht etwa jener erste Mund eine Lüge in die Welt setzte, was ja so oft geschieht, entweder durch die Erfindungsgabe der Feindschaft oder die Willkür des freventlichen Urteils oder eine nicht unbekannte, sondern manchen angeborene Lust am Lügen, Gut aber ist es, daß, wie eure eigenen Sprichwörter und Redensarten bezeugen, die Zeit alles an den Tag bringt, nach einer Einrichtung der Natur, welche es so angeordnet hat, daß nichts lange verborgen bleibt, auch was die Fama nicht herumgetragen hat. Mit Recht weiß so lange Zeit hindurch nur die Fama allein etwas von den Verbrechen der Christen. Diese ist es, die ihr als Angeberin gegen uns vorführt, sie, die das, was sie eines Tages ausgestreut und in einem so langen Zeitraum zur feststehenden Meinung gemacht hat, bis heute noch nicht zu beweisen imstande war. Was immer nur als Gerücht herumgetragen wird, das ist immer nicht Tatsache, weil das, was Tatsache ist, aufhört als bloßes Gerücht herumgetragen zu werden.

Diese Anschuldigungen sind auch in sich unsinnig.

Um gegen diejenigen, welche wähnen, dergleichen glauben zu müssen, an das natürliche ehrliche Gefühl zu appellieren: siehe, wir stellen vor Augen den Lohn für diese Schandtaten. Sie verheißen das ewige Leben. Glaubt vorläufig daran. Denn darauf spitzt sich meine Frage zu, ob der, welcher daran glaubt, den Erwerb desselben mit einem solchen Gewissen für etwas so Hohes ansehen kann. Komm, senke das Eisen in das Kind, das niemandes Feind, niemandem etwas zuleide getan, vielmehr gleichsam Kind aller ist; oder wenn dies das Amt eines ändern ist, so stehe nur dabei, wenn ein Mensch stirbt, ehe er eigentlich gelebt hat, erwarte die entweichende junge Seele, fange das frische Blut auf, sättige damit dein Brot und iß es mit Freude! Inzwischen zähle während des Mahles die Plätze ab, wo der Platz deiner Mutter, deiner Schwester ist; merke sie dir gut, damit, wenn die Finsternis durch den Hund eintritt, du dich nicht irrestl Denn du würdest einen Frevel verüben, wenn du keine Blutschande begingest. In solche Mysterien eingeweiht und besiegelt lebst du in Ewigkeit. – Ich bitte, antworte mir, ob für so etwas die Ewigkeit der Lohn sein kann? Wenn aber nicht, dann sind auch solche Dinge nicht zu glauben. Wenn du sie auch wirklich glauben solltest, so behaupte ich, du wirst sie nicht wollen, und wenn du sie selbst wollen würdest, so behaupte ich, daß du sie nicht vollbringen kannst. Warum also sollten andere dazu imstande sein, wenn ihr es nicht seid? Warum solltet ihr nicht auch dazu imstande sein, wenn es andere sind? Wir sind, meine ich, wohl von einer anderen Natur. Etwa Hundsgesichter oder Schattenfüßler? Wir haben wohl andere Reihen von Zähnen, ganz andere Organe zu blutschänderischer Lust?! Wenn du so etwas von einem Menschen glaubst, bist du imstande, es auch selbst zu tun, du bist selber ja auch ein Mensch, was auch der Christ ist. Wenn du aber so etwas nicht zu tun imstande bist, so darfst du es auch (vom Christen) nicht glauben. Denn auch der Christ ist ein Mensch so gut wie du.

„Es wird ihnen“, sagt ihr, „ohne daß sie es ahnen, zugeschoben und auferlegt. Denn sie wußten noch nicht, daß dergleichen den Christen nachgesagt werde, und sie mußten es natürlich erst für sich selbst beobachten und es vorsichtig ausspionieren.“ – Aber es ist doch, dünkt mich, Sitte, daß diejenigen, welche die Aufnahme begehren, zuerst zum Vorsteher der Mysterien gehen und sich aufschreiben, was für Vorbereitungen zu treffen sind. Der wird dann sagen: „Du brauchst ein noch zartes Kind, eins, das vom Sterben noch nichts weiß, das unter deinem Messer lächelt; dann ein Brot, womit du die Brühe des Blutes auffängst, außerdem Leuchter und Lampen, Hunde und Bissen, welche jene zum Umstürzen der Lichter springen machen. Vor allem wirst du mit deiner Mutter und Schwester kommen müssen.“ Wie aber, wenn diese nicht wollen oder keine da sind? Was gibt’s endlich mit den alleinstehenden Christen, die keine Verwandten haben? Du wirst also, scheint mir, kein rechter Christ sein können, wenn du nicht ein Bruder oder Sohn bist. „Was aber dann, wenn alle diese Dinge ohne Vorwissen der Betreffenden vorbereitet werden?“ Dann werden sie es jedenfalls doch nachher gewahr, und – lassen es sich gefallen und sehen darüber hinweg. Nicht wahr?! – „Ja, sie fürchten Strafe, wenn sie es bekannt machen.“ – Sie? Sie, die verteidigt zu werden verdienten, die es sogar vorziehen, lieber umzukommen, als unter einer solchen Gewissenslast fortzuleben? Gut denn, angenommen jetzt, sie fürchteten sich, warum verharren sie darin? Denn man will – das ist eine logische Notwendigkeit – nicht länger das bleiben, was man, wenn man es vorher gekannt hätte, gar nicht geworden wäre.

Bei den Heiden dagegen werden Dinge, wie man sie den Christen aufbürdet, tatsächlich geübt.

Damit meine Widerlegung um so schlagender sei, will ich zeigen, daß Derartiges bei euch teils öffentlich, teils im geheimen verübt wird, was vielleicht der Grund ist, warum ihr es auch von uns geglaubt habt, Kinder wurden in Afrika dem Saturn öffentlich geopfert bis zum Prokonsulat des Tiberius, der die Priester selbst an denselben Bäumen ihres Tempelhains, welche diese Verbrechen mit Schatten bedeckten, wie an ebensovielen Votivkreuzen lebendig aufhängte. Zeuge dessen ist die Kriegstruppe meines Vaters, die dem genannten Prokonsul bei dieser Verrichtung ihren Dienst leistete. Im geheimen aber besteht die Übung dieser sakralen Schandtat auch jetzt noch fort. Nicht die Christen allein verachten euch; auch wird kein Verbrechen für ewige Zeiten ausgerottet, noch ändert seine Gewohnheiten irgendein Gott. Da Saturn seine eigenen Söhne nicht geschont hat, so blieb er seiner Sitte treu, indem er fremde natürlich auch nicht schonte, indes solche, welche die eigenen Eltern ihm darbrachten. Sie sprachen gern die Weiheformel, sie liebkosten die Kleinen, damit sie nicht weinten, wenn sie geopfert würden. Und doch ist ein großer Unterschied zwischen Mord und Verwandtenmord. Leute hohen Alters wurden bei den Galliern dem Merkur geopfert. Die Erzählungen aus Taurus überlasse ich den Theatern, Siehe, in der so religiösen Stadt der frommen Äneaden ist ein Jupiter, den man zur Zeit seiner Spiele mit Menschenblut wäscht.“Es ist ja das Blut eines Tierkämpfers“, werdet ihr sagen. Das ist, dünkt mich, weniger als Menschenblut. Oder ist es nicht darum noch schändlicher, weil es das Blut eines schlechten Menschen ist? Jedenfalls wird es doch infolge eines Mordes vergossen. Oho! der Jupiter ist Christ, und der einzige Sohn seines Vaters infolge von dessen Grausamkeit!

Jedoch da es beim Kindermord keinen Unterschied macht, ob er zum Zweck eines Opfers oder aus Willkür geschieht – in Bezug auf den Umstand aber, ob er Verwandtenmord ist, ist ein Unterschied vorhanden -, so wende ich mich an das Volk. Wie viele von den hier Herumstehenden, die nach dem Blute der Christen lechzen, oder sogar von euch, ihr gerechten und gegen uns so gestrengen Präsidenten, wollt ihr, daß ich in ihrem Gewissen treffen soll als solche, welche die ihnen geborenen Kinder töten? Wenn aber auch noch die verschiedene Art des Todes nicht gleichgültig ist, so entreißt ihr ihnen jedenfalls auf eine grausamere Weise das Leben, entweder durch Wasser oder setzt sie der Kälte, dem Hungertode oder den Hunden aus; denn durch das Messer zu sterben, würde auch das reifere Alter vorziehen. Wir aber dürfen, da der Mord uns ein für allemal verboten ist, auch den Fötus im Mutterleibe, während noch das Blut zur Bildung eines Menschen absorbiert wird, nicht zerstören. Die Geburt verhindern ist nur eine Beschleunigung des Mordes, und es verschlägt nichts, ob man ein schon geborenes Leben entreißt oder ein in der Geburt begriffenes zerstört. Was erst ein Mensch werden soll, ist schon ein Mensch; ist ja doch auch jede Frucht schon in ihrem Samen enthalten.

Hinsichtlich des Blutgenusses und dergleichen Fabeln der Tragödie leset nach, ob nicht irgendwo – ich meine, es ist bei Herodot – erzählt wird, daß gewisse Nationen zur Abschließung von Bündnissen den Armen entzogenes und gegenseitig verkostetes Blut verwenden? Unter Catilina hat man auch etwas Derartiges, ich weiß nicht recht was, verkostet. Wie man sagt, wird bei gewissen skythischen Völkerschaften jeder Verstorbene von den Seinigen verzehrt. Ich entferne mich etwas zu weit. Heutzutage gibt es hier bei uns blutig Geschnittene zu Ehren der Bellona. Das mit der hohlen Hand aufgefangene und zum Genüsse gereichte Blut weiht ein. Wo sind diejenigen, welche gegen ein Stück Geld das frische Blut der in der Arena umgebrachten Verbrecher, wenn es aus der Kehle fließt, auffangen und es wie versessen auffangen, um damit die fallende Sucht zu heilen? Ebenso die, welche von den wilden Tieren aus der Arena sich eine Mahlzeit bereiten, die vom wilden Eber, vom Hirschen begehren? Und jener Eber hat im Kampfe den, welchen er blutig verletzt hat, abgewischt, und jener Hirsch hat im Blute des Gladiatoren gelegen. Sogar der Wanst des Bären, der noch mit Menschengedärmen vollgestopft ist, wird begehrt. Mensehen haben das Aufstoßen von einem Fleische, das mit Menschenfleisch genährt wurde. Ihr, die ihr dergleichen esset, wie weit seid ihr denn von den „Mahlzeiten der Christen“ entfernt?!

Ist es vielleicht etwas Geringeres, was jene tun, die in wilder Lust nach menschlichen Gliedern ihr Maul aufsperren, weil sie Lebendige verschlingen? Werden sie etwa weniger durch Menschenblut zur Unfläterei eingeweiht, weil sie etwas lecken, was Blut werden wird? Sie verschlingen fürwahr nicht Kinder, sondern vielmehr Erwachsene. Eure Verirrung möge schamrot werden vor uns Christen, die wir nicht einmal Tierblut unter unsern Speisegerichten haben und uns deshalb von Ersticktem und Krepiertem enthalten, damit wir auf keine Weise mit Blut befleckt werden, auch nicht einmal mit dem im Leibe verborgenen. Zur Quälerei der Christen bringt ihr ja auch noch Blutwürste herbei, sicherlich doch in der festen Überzeugung, daß gerade das bei ihnen verboten sei, wodurch ihr sie vom rechten Wege abbringen wollt. Wie soll ich es aber qualifizieren, wenn ihr glaubt, die, von denen ihr überzeugt seid, daß sie Tierblut verabscheuen, Seien nach Menschenblut begierig? Es müßte denn sein, daß ihr das letztere etwa selber schmackhafter befunden habt. Gerade Menschenblut und nichts anderes sollte man daher als Probiermittel bei den Christen anwenden in derselben Weise, wie das Brandaltärchen und die Schale mit Räucherwerk. Denn geradeso würden durch das Verlangen nach Menschenblut die Christen als Christen erwiesen werden, wie Sie als solche durch die Verweigerung des Opfers erwiesen, werden, und umgekehrt darf man sie nicht für solche halten, wenn sie es nicht verkosteten, wie man sie nicht für solche hält, wenn sie opferten. Sicher wird es euch beim Verhör und der Verurteilung der Eingekerkerten nicht an Menschenblut fehlen.

Ferner, wer begeht mehr Blutschande als diejenigen, welche Jupiter selbst zum Lehrer hatten? Ktesias berichtet, daß die Perser sich mit ihren Müttern geschlechtlich verbinden. Aber auch die Mazedonier sind dessen verdächtig, weil sie, als sie zuerst die Tragödie „Oedipus“ hörten, seinen Schmerz über die geschehene Blutschande verlachten und riefen: ‚Hlaune, ei0j th_n mhte/ra. Wohlan, bedenkt, welch großen Spielraum zur Herbeiführung von Blutschande eure Verirrungen haben, indem die unterschiedslos getriebene Unzucht reichlich die Werkzeuge dazu liefert! Erstens setzt ihr die Kinder aus, damit sie von einem vorübergehenden Fremden aus Mitleid aufgehoben werden, oder ihr entlaßt sie aus eurer Gewalt, damit sie von bessern Eltern adoptiert werden. Es ist nun unausbleiblich, daß bisweilen die Erinnerung an die Veränderung der Familienangehörigkeit verwischt wird. Sobald aber der Irrtum sich befestigt hat, wird von der Zeit an bereits das Vermittlungsglied für die Blutschande immer reichlicher vorhanden sein, indem die Familie samt dem Verbrechen sich ausbreitet. Dann ist weiterhin die Wollust an jedem Orte, zu Hause, in der Fremde und über See eure Gefährtin. Ihre stete und wahllose Befriedigung kann leicht irgendwo, selbst schon aus einem nur flüchtigen Geschlechtsverkehr, Kinder hervorrufen, ohne daß die Erzeuger selbst es erfahren. Infolge davon trifft dann die so gesäete Nachkommenschaft durch den Verkehr der Menschen mit ihren Blutsverwandten wieder zusammen, und keiner erkennt sie als solche, weil er von der sündhaften Blutsgemeinschaft keine Ahnung hat; Wir sind vor solchen Vorkommnissen durch die sorgfältigste und treueste Keuschheit gewahrt, und so sicher wir vor Hurerei und jeder Ausschreitung nach der Ehe sind, ebenso sicher sind wir vor dem Eintreten der Blutschände. Manche halten die ganze Macht dieser Verirrung noch viel sicherer durch jungfräuliche Enthaltsamkeit von sich fern; als Greise sind sie noch (rein) wie die Kinder.

Wenn ihr erwogen hättet, daß solche Dinge bei euch vorkommen, so würdet ihr daraus erkannt haben, daß sie sich bei den Christen nicht finden. Dieselben Augen hätten euch beides kundgemacht. Allein beide Arten der Blindheit treffen leicht zusammen: wer nicht sieht, was ist, glaubt dafür zu sehen, was nicht ist. So will ich es bei allen Punkten zeigen. Jetzt zu den Dingen, die offenbar sind.

Warum die Christen an der Verehrung der heidnischen Götter nicht teilnehmen wollen. Dieselben sind bloße vergötterte Menschen.

„Ihr ehret die Götter nicht“, wirft man uns vor, „und bringet keine Opfer für die Kaiser.“ Es ist folgerichtig, daß wir, da wir die Götter nun einmal nicht verehren und darum auch nicht für uns selbst opfern, aus demselben Grunde es eben so wenig für andere tun. Daher kommt es, daß wir als eines Religions- und eines Majestätsverbrechens schuldig belangt werden. Dies ist nun die Hauptsache, ja die ganze Sache, und sie ist wahrhaftig einer Untersuchung wert; nur darf nicht die stolze Vermessenheit oder die Ungerechtigkeit zu Gericht sitzen, wovon die eine an der Wahrheit verzweifelt, die andere sie verschmäht. Wir hören auf, eure Götter zu verehren von dem Zeitpunkte an, wo wir erkennen, daß sie keine sind. Das also habt ihr zu verlangen, daß wir beweisen, daß sie keine Götter sind und deshalb nicht verehrt werden dürfen, weil sie nur dann verehrt werden müßten, wenn sie Götter wären. Und anderseits sind die Christen dann zu bestrafen, wenn sie sie nicht verehren, im Glauben sie existierten nicht, obwohl von ihnen feststeht, daß sie existieren. „Aber für uns“, sagt ihr, „steht es fest, daß sie Götter sind“. Wir appellieren und berufen uns von euch an euer eigenes Bewußtsein, dieses soll uns verurteilen, dieses uns verdammen, wenn es imstande ist, zu leugnen, daß diese eure Götter alle Menschen gewesen sind. Wenn auch dieses versagen sollte, dann soll es aus den Zeugnissen des eigenen Altertums überführt werden, woraus es sie kennen gelernt hat, wobei bis heute Zeugnis ablegen die Städte, worin jene geboren s’ind, und die Gegenden, wo sie irgendwelche Spuren einer Wirksamkeit hinterlassen haben, wo auch ihre Gräber gezeigt werden. Soll ich die Götter also einzeln durchgehen, so viele und so verschiedene, die neuen und die alten, die griechischen und die der Barbaren, die römischen und die fremden, die gefangenen und die adoptierten, die speziellen und die allgemeinen, die männlichen und die weiblichen, die ländlichen und die städtischen, die Meeres- und Soldatengötter? Langweilig wäre es, auch nur die Titel durchzugehen. Somit will ich die Sache übersichtlich fassen, und zwar nicht, damit ihr sie zum erstenmal kennen lernt, sondern damit ihr sie nochmals kennen lernt; denn obwohl ihr von der Sache eine sichere Kenntnis habt, stellt ihr euch, als hättet ihr sie vergessen.

Vor Saturn gab es keinen Gott bei euch, von ihm stammt die ganze Klasse wenigstens der besseren und bekannteren Gottheiten ab. Was also hinsichtlich des Stammvaters feststeht, das wird auch von der Nachkommenschaft gelten. Was nun dasjenige angeht, was die schriftlichen Quellen lehren, so hat weder der Grieche Diodor oder Thallus, noch Cassius Severus oder Cornelius Nepos, noch sonst ein über diese Altertümer handelnder Schriftsteller etwas anderes veröffentlicht, als daß Saturn ein Mensch gewesen sei. Bezüglich der Zeugnisse aus den Tatsachen aber finde ich nirgends zuverlässigere als in Italien selbst, wo Saturn nach vielen Unternehmungen und nach seinen Besuchen in Attica sich niederließ, aufgenommen von Janus oder Janes, wie die Salier wollen. Der Berg, auf dem er wohnte, wurde Saturnusberg, die Stadt, welche er abgesteckt hatte, wird bis jetzt Saturnia genannt, ganz Italien endlich wird wie vorher Oenotria, nachher Saturnia beibenannt. Von ihm rühren die Wechseltische und die mit einem Bilde beprägten Münzen her, und daher steht er auch dem öffentlichen Schatz als Schutzgott vor. Indes, wenn Saturn ein Mensch war, so stammte er auch von einem Menschen und gewiß nicht vom Himmel oder von der Erde. Wenn seine Eltern unbekannt waren, so war es ein Leichtes, daß er der Erde oder des Himmels Sohn, als deren Söhne wir ja alle erscheinen können, genannt wurde. Denn wer sollte nicht den Himmel oder die Erde seinen Vater oder seine Mutter nennen, entweder der Ehre und Achtung halber oder auch einer menschlichen Gewohnheit zufolge, wonach die Unbekannten oder unversehens Erschienenen vom Himmel gekommen sein sollen? Daher widerfuhr es dem plötzlich erscheinenden Saturn, daß er überall als ein Himmlischer bezeichnet wurde; denn das gemeine Volk nennt die, deren Abkunft ungewiß ist, Söhne der Erde. Ich schweige davon, daß die damals noch ganz unzivilisierten Menschen es so trieben, daß sie beim Anblick eines jeden beliebigen, noch nicht gesehenen Menschen so außer sich gerieten, als hätten sie einen Gott geschaut, da heutzutage die hochzivilisierten solche zu Göttern machen, deren Tod und Begräbnis sie einige Tage vorher durch öffentliche Trauer anerkannt haben. Genug nunmehr vom Saturn, wenn es auch kurz war. Auch in Betreff des Jupiter werden wir nachweisen, daß er ein Mensch war und von Menschen abstammte, und daß somit der ganze Schwärm seiner Nachkommenschaft so sterblich ist, als er seinem Ahnherrn gleich ist.

Logische und physische Unmöglichkeit des Entstehens von Nebengöttern.

Weil ihr nun aber, wie ihr einerseits nicht zu leugnen wagt, daß die Genannten Menschen gewesen sind, so anderseits als eure Lehre die Behauptung aufgestellt habt, sie seien nach dem Tode Götter geworden, so wollen wir die Ursachen prüfen, die dies etwa bedingt haben könnten. Vorab müßt ihr notwendig zugestehen, daß es irgendeinen höheren Gott, gewissermaßen als Ureigentümer der Gotteswürde, gebe, der aus Menschen Götter gemacht habe. Denn weder konnten die Genannten die Göttlichkeit, die sie nicht hatten, sich selbst zulegen, noch auch konnte ein anderer sie denen, die sie nicht hatten, verleihen, wenn er nicht selbst sie ureigen besaß. Ferner, wenn niemand da gewesen wäre, der Götter hätte machen können, so würde eure Vermutung, sie seien zu Göttern gemacht worden, ganz grundlos sein, indem ihr ja den Macher hinwegnehmt. Denn ganz sicher würden sie, wenn sie sich selbst zu Göttern hätten machen können, niemals Menschen gewesen sein, da ja die Macht zu einer höheren Wesensbeschaffenheit in ihrem Besitz war. Wenn es demnach ein Wesen gibt, das die Götter macht, so kehre ich zur Prüfung der Ursachen zurück, welche es veranlassen konnten, aus Menschen Götter zu machen, und finde keine ändern außer der, jener große Gott wünschte Diener und Helfer bei seinen göttlichen Ämtern zu haben.

Es ist aber erstens etwas Unwürdiges, daß er jemandes Hilfe bedürfte, und zwar noch dazu die eines verstorbenen Menschen, da es viel würdiger gewesen wäre, er, der einst der Hilfe eines toten Menschen benötigt sein sollte, hätte sich von Anfang an irgendeinen Gott gebildet. Jedoch ich finde auch nicht einmal Raum für eine Hilfe. Denn dieser ganze Weltkörper, mag er nun der Lehre des Pythagoras zufolge ungeboren und ungeworden sein, oder nach Plato geboren und geworden, ist doch sicher als in seinem Ursprung ein für allemal nach der Richtschnur einer lauteren. Vernunft disponiert, ausgerüstet und geordnet erfunden worden. Was alles zur Vollendung führt, konnte nicht unvollendet, sein. Nichts darin brauchte auf Saturn und das Saturnische Geschlecht zu warten. Die Menschen würden Toren sein, wenn sie nicht fest überzeugt wären, daß von allem Anfang an der Regen vom Himmel geflossen sei, die Gestirne gestrahlt, das Tageslicht geglänzt, der Donner gebrüllt und Jupiter selbst die Blitze gefürchtet habe, die ihr in seine Hand gelegt habt; ebenso daß jede Art Frucht vor Bacchus, Ceres und Minerva, ja sogar vor jenem, der der erste Mensch war, reichlich aus der Erde hervorgegangen sei, weil nichts von dem, was zur Entstehung und zur Erhaltung des Menschen vorgesehen ist, erst nach der Entstehung des Menschen konnte erfunden werden. Endlich sollen die Genannten diese zum Leben notwendigen Dinge auch nur aufgefunden, nicht hervorgebracht haben. Was aber aufgefunden wird, war da, und was da war, wird nicht dem zugeschrieben, der es aufgefunden, sondern dem, der es hervorgebracht hat; denn es war da, bevor es aufgefunden wurde. Wenn übrigens Liber deshalb Gott ist, weil er auf den Weinstock aufmerksam gemacht hat, so hat man an Lucull, der zuerst die Kirschen aus Pontus nach Italien verpflanzte, nicht schön gehandelt, weil man ihn nicht apotheosierte, obwohl er doch der Urheber einer neuen Frucht war, weil er sie zuerst kennen lehrte. Wenn folglich das Weltall von Anfang an gut eingerichtet und nach festen Normen zur Erfüllung seiner Aufgaben geordnet dastand, so ist von dieser Seite keine Ürsache vorhanden, Menschen der Gottheit beizugesellen, weil die Ämter und Gewalten, die ihr unter sie verteilt, von Anfang an da waren und dagewesen wären, wenn ihr auch jene nicht zu Göttern kreiert hättet.

Indessen ihr wendet euch nun zu einer ändern Ursache und antwortet, die Verleihung der göttlichen Würde sei in Rücksicht auf zu belohnende Verdienste geschehen. Hierbei werdet ihr, hoffe ich, zugeben, daß jener Götter machende Gott eine vorzügliche Gerechtigkeitsliebe besitze, daß er nicht blindlings, unverdienter und verschwenderischer Weise eine solche Belohnung verliehen habe. Ich will also die Verdienste durchgehen, ob sie von der Art sind, daß sie eine Erhebung in den Himmel, oder nicht vielmehr eher eine Versenkung in den tiefsten Tartarus, den ihr immer dann, wenn es euch genehm ist, als den Kerker der unterweltlichen Bestrafung ausgebt, motivieren würden. Dorthin nämlich pflegen verstoßeh zu werden die, welche sich ruchlos gegen ihre Eltern oder blutschänderisch gegen ihre Schwestern aufführen, die Ehebrecher, die Mädchenräuber, die Knabenschänder, die Grausamen, die Mörder, die Diebe, die Betrüger und diejenigen, die sonstwie irgendeinem eurer Götter ähnlich sind, bei denen ihr von keinem beweisen könnt, daß er von Verbrechen und Fehlern vollständig frei sei, es sei denn, daß ihr in Abrede stellt, er sei ein Mensch gewesen. Wie ihr aber nicht leugnen könnt, daß sie Menschen waren, so treten auch noch diese Schandflecken hinzu, welche auch nicht gestatten, zu glauben, sie seien nachher Götter geworden. Denn wenn ihr zur Bestrafung derartiger Leute angestellt seid, wenn alle Rechtschaffenen Verkehr, Gespräch, Umgang mit Bösewichten und schändlichen Menschen verschmähen, dabei aber jener große Gott gerade Leute, die diesen gleich sind, sich zu Genossen seiner Herrlichkeit erkoren hat, so muß man fragen, warum in aller Welt verurteilt ihr doch Leute, deren Genossen, ihr anbetet? Ein Hohn gegen den Himmel ist eure Gerechtigkeitspflege. Macht lieber alle großen Verbrecher zu Göttern, um küren Göttern zu gefallen! Die Apotheose ihrer Spießgesellen ist ja eine Ehrenbezeigung für sie.

Jedoch – um die Erörterung einer so unwürdigen Sache fallen zu lassen – ich gebe zu, sie mögen rechtschaffene, unbescholtene und gute Leute gewesen sein – dann aber, wie viele weit bessere Männer habt ihr der Unterwelt überlassen! Einen Sokrates in seiner Weisheit, einen Aristides in seiner Gerechtigkeit, einen Themistokles in seinem Feldherrnruhm, einen Alexander in seiner Hoheit, einen Polykrates in seinem Glück, einen Krösus in seinem Reichtum, einen Demosthenes in seiner Beredsamkeit! Wer von jenen euren Göttern war denn besonnener und weiser als Cato, gerechter und soldatischer als Scipio, erhabener als Pompejus, glücklicher als Sulla, reicher als Crassus, beredter als Tullius? Wieviel würdiger wäre es gewesen, Gott hätte gewartet, bis er sich die genannten Männer als Mitgötler zugesellen konnte, da er ja sicher voraussah, daß bessere kommen würden! Er ist, meine ich, zu eilig gewesen, hat den Himmel nun einmal zugemacht und schämt sich gewiß jetzt, da bessere Leute in der Unterwelt brummen.

Die sogenannten Götter der Heiden sind verstorbene Menschen und ihre Bilder bloße Materie.

Ich lasse diesen Punkt nunmehr fallen, in der Überzeugung, auf Grund des wirklichen Zustandes dartun zu können, was sie nicht sind, wenn ich dargelegt haben werde, was sie sind. Was also eure Götter angeht, so sehe ich da einzig und allein Statuen von einigen Verstorbenen aus alter Zeit, und ich höre Fabeln und lerne den Kult aus den Fabeln kennen. Was aber die Götterbilder selbst angeht, so finde ich nichts anderes, als daß der Stoff dazu dem Stoffe gewöhnlicher Gefäße und Geräte verwandt ist, oder gar von denselben Gefäßen und Geräten herrührt, indem er, sozusagen, sein Los durch die Weihe verbessert und die Macht der Kunst ihn umgestaltet – und zwar auf eine ganz schmachvolle und sakrilegische Weise. Daher könnte es gerade uns, die wir der Götter wegen Strafen leiden, wahrhaftig zum Tröste in unseren Verfolgungen gereichen, daß sie dasselbe wie wir erleiden müssen, um nur zur Existenz zu gelangen. – An Kreuze und Pfähle hängt ihr die Christen. – Welches Götterbild wird nicht erst in Ton entworfen, der um ein Kreuz oder einen Pfahl herum aufgeschichtet wird? An einem Galgen empfängt also der Leib eurer Gottheit seine erste Weihe! – Ihr zerkratzt mit Krallen uns Christen die Seiten. – Aber bei euren Göttern arbeiten noch viel kräftiger an allen Gliedern Axt, Hobel und Raspet! – Wir müssen unsern Nacken darbieten. – Eure Götter sind ohne das Lötblei, den Leim und die Nägel gar ohne Köpfe! – Wir werden vor die wilden Tiere getrieben. – Verstellt sich, zu solchen, wie ihr sie dem Bacchus, der Cybele und de» Cölestis beigebt. – Wir werden mit Feuer gebrannt. – Das werden jene auch, und zwar von ihrer anfänglichen Masse an! – Wir werden zu den Bergwerken verdammt. – Daher stammen eure Götter! – Wir werden auf Inseln verwiesen. – Es pflegt auch der eine oder andere von euren Göttern auf einer Insel geboren zu werden oder zu sterben! Wenn durch diese Dinge die Gottheit ihre Existenz hat, so werden also die ver-göttlicht, die gestraft werden, und die Leibesstrafen wird man Gottheiten nennen müssen. Offenbar jedoch empfinden eure Götter die Schmach und Schande ihrer Verfertigung so wenig als eure Huldigungen. Was für gottlose Reden und sakrilegische Schmähungen! Knirschet, schäumet! Ihr seid ja dieselben Leute, welche einem Manne wie Seneca, der mit noch mehr und bittereren Worten über euren Aberglauben redete, Beifall zollt. Wenn wir also Statuen, kalte, euren Toten ganz gleiche Bilder, von denen die Reiher, Mäuse und Spinnen wissen, was sie sind, nicht anbeten, verdiente diese Ablegung eines erkannten Irrtums nicht vielmehr Lob denn Strafe? Können wir aber als Beleidiger derjenigen angesehen werden, von denen wir fest überzeugt sind, daß sie gar nicht existieren? Was nicht existiert, kann doch nichts von dem erleiden, der existiert.

Dafür spricht auch deren Behandlung seitens ihrer Verehrer selbst und die Art der Verehrung.

„Aber uns gelten sie als Götter“, sagst du. Und wie gottlos, wie sakrilegisch, wie irreligiös gegen diese Götter werdet ihr nun im Gegensatz zu uns erfunden, so nämlich, daß ihr diejenigen vernachlässigt, deren Existenz ihr behauptet, diejenigen zerstört, die ihr fürchtet, diejenigen verspottet, deren Verletzung ihr sogar vor Gericht ahndet. Widerlegt mich, wenn ich lüge. Erstens, da die einen unter euch diese, die ändern jene verehren, so beleidigt ihr jedenfalls die unter ihnen, welche ihr nicht verehrt. Die Bevorzugung des einen kann es nicht geben ohne Schimpf für den ändern, wie es keine Wahl gibt ohne Verwerfung. Ihr verachtet einmal schon die, welche ihr zurücksetzt und die ihr durch eure Zurücksetzung doch nicht zu beleidigen fürchtet. Denn wie wir oben tadelnd bemerkt haben, hing die Stellung eines jeden Gottes von der Prüfung des Senats ab. Der wäre kein Gott geworden, den ein darum befragter Mensch nicht gemocht und durch sein Nichtwollen verworfen hätte. Die Häusgötter, die ihr Laren nennt, behandelt ihr auch mit Hausherrngewalt durch Verpfänden, Verkaufen, und indem ihr bald aus dem Saturn ein Kochtöpfchen, bald aus der Minerva einen Schöpflöffel macht, je nachdem ein jeder infolge der langen Verehrung zerbrochen oder zerstoßen ist, je nachdem man den häuslichen Bedarf für höher und heiliger erachtet als den Gott. Die öffentlichen Götter beschimpft ihr in gleicher Weise öffentlich; sie bringen euch im Auktionslokal Geld ein. Man geht nach dem Kapitol wie nach dem Gemüsemarkt; unter einem und demselben Rufe des Zuschlägers, unter demselben Hammer, unter demselben Anschreiben durch den Quästor wird die Gottheit dem Meistbietenden zugeschlagen. Grundstücke jedoch, mit einer Abgabe belastet, sind wohlfeiler, die mit einer Kopfsteuer belegten Menschen verlieren an Achtung – denn das sind Kennzeichen desVerlustes der Freiheit -, die Götter hingegen sind, je mehr besteuert, um so heiliger, oder besser gesagt, je heiliger, desto mehr besteuert. Die göttliche Majestät, wird zum Gegenstand des Schachers gemacht, die Religion geht bettelnd in den Schenken umher. Ihr fordert Bezahlung für den Grund und Boden des Tempels, für das Betreten des Heiligtums; man kann die Götter nicht ohne Bezahlung kennen lernen; sie sind nur für Geld zu haben. Was tut ihr denn überhaupt zu ihrer Ehre, was ihr nicht auch euren Verstorbenen widmet? Tempel hier wie dort,“ Altäre hier wie dort. Dieselbe Tracht, die gleichen Abzeichen an den Statuen. Wie das Alter, das Handwerk oder Geschäft des Verstorbenen war, so ist auch der Gott. Unterscheidet sich etwa das Totenmahl von einem Festschmaus des Jupiter, das Trankgeschirr bei den Totenlibationen von dem bei dem Opfern, der Haruspex vom Leichenreiniger? Denn auch der Haruspex versieht Dienste bei den Verstorbenen. Eine würdige Einrichtung ist es da noch, daß ihr den verstorbenen Kaisern göttliche Ehre zuerkennt, da ihr sie ihnen ja auch schon bei Lebzeiten zollt. Das wird eure Götter freuen, ja sie werden sich gratulieren, daß ihre Herren ihnen nun gleich werden. Aber, daß ihr die Larentina, eine öffentliche Dirne – ich wünschte, ihr nähmet wenigstens noch die Lais und Phryne hinzu -, mit der Juno, Ceres und Diana anbetet, daß ihr den Simon Magus mit einer Statue und der Inschrift: „Sanctus Deus“ beehrt habt, daß ihr einen, ich weiß nicht welchen Günstling aus den Knabeninstituten des Kaiserhofes zum Gott macht, das werden euch eure alten Götter, obwohl sie um nichts nobler sind, denn doch als eine angetane Beschimpfung anrechnen, daß das auch einem ändern erlaubt gewesen sein soll, was sie für sich allein von Alters her in Anspruch nehmen.

Die verschiedenen Zweige der Literatur haben das gemein, daß sie vieles Unwürdige von diesen Göttern enthalten.

Auch eure Religionsgebräuche will ich durchgehen. Ich verbreite mich nicht über eure Verfahrungs-Aveise beim Opfern, wie ihr nämlich alles, was abgerackert, hinfällig oder räudig ist, als Opfer schlachtet, wie ihr von dem fetten und gesunden Vieh nur das abschneidet, was entbehrlich ist, die Köpfe und Klauen, die ihr zu Hause wohl auch euren Kinflern oder den Hunden bestimmt haben würdet, daß ihr vom Zehnten des Herkules nicht einmal den dritten Teil auf seinen Altar legt – sondern ich will vielmehr eure Weisheit loben, womit ihr von dem, was sonst doch verloren ist, etwas rettet – aber indem ich mich zu eurer Literatur wende, wodurch ihr euch zur Wissenschaft und zu höheren Berufsarten heranbildet, wieviel Verächtliches finde ich dal Die Götter sollen wegen der Trojaner und Achiver, wie Gladiatorenpaare kämpfend, aneinander geraten, Venus soll von einem menschlichen Pfeile verwundet worden sein, als sie ihren Sohn Äneas dem Untergang entreißen wollte; Mars sei, dreizehn Monate lang gefesselt, beinahe umgekommen; Jupiter nur durch Hilfe eines gewissen Ungeheuers davon gerettet worden, daß ihm die übrigen Himmelsbewohner dasselbe Schicksal bereiteten; dann weine er wegen des Sarpedon und fröne mit seiner Schwester der schnöden Lust, wobei er an seine früheren Freundinnen denkt, die er nicht so heftig geliebt habe. Welcher Dichter hat sich nicht in der Folge nach dem Vorgange seines Meisters als ein Beschimpf er der Götter gezeigt? Der eine läßt den Apollo dem Könige Admet zum Viehweiden in Schuldhaft gegeben werden, der andere den Neptun sich dem Laomedon zu Frondiensten beim Bauen verdingen. Unter den Lyrikern gibt es einen, Pindar, meine ich, der da singt, Äskulap sei um seiner Habsucht willen, weil er die Heilkunde zum Schaden ausübte, durch den Blitz gezüchtigt worden. Das war niederträchtig von Jupiter, wenn er es nämlich ist, dem der Blitz gehört, hart war er gegen seinen Enkel und neidisch gegen den Heilkünstler. Dergleichen hätte, wenn es wahr, nicht mitgeteilt, wenn es falsch ist, von religiösen Leuten nicht einmal ersonnen werden sollen. Auch die Tragiker und Komiker üben keine Schonung, sondern machen die Sorgen oder Verirrungen in der Familie irgendeines Gottes zum Gegenstand des Prologs, Von den Philosophen schweige ich und begnüge mich mit Sokrates, der – zur Verachtung der Götter – bei der Eiche, beim Bocke und beim Hunde zu schwören pflegte. Aber Sokrates ist doch deswegen verurteilt worden, weil er den Götterglauben untergrub! Ja seit lange, d. h. immer, ist die Wahrheit verhaßt gewesen. Da jedoch die Athener später ihr Urteil bereuten, so daß sie die Verleumder des Sokrates später bestraften und sein Bild, aus Gold verfertigt, im Tempel aufstellten, so haben sie durch den Widerruf der Verurteilung dem Sokrates seinen guten Ruf zurückgegeben. Auch Diogenes verspottet, ich weiß nicht was, am Herkules, und der römische Zyniker Varro führt dreihundert Joves, die richtiger Jupiters heißen müßten, ohne Köpfe auf.

In den Theatern werden sie öffentlich beschimpft und verlacht und sogar in ihren Tempeln verunehrt und mißachtet.

Ändere laszive Künste bedienen sich der Schandtaten der Götter sogar, um euch Vergnügen zu machen. Sehet nur die anmutigen Sachen von Leuten, wie Lentulus und Hostilius an, ob ihr bf.i ihren Spässen und Schwanken mehr über die Possenreißer oder über eure Götter lacht: über den Anubis als Ehebrecher, Luna als Mann, die gepeitschte Diana, die Eröffnung des Testaments des verstorbenen Jupiter und die drei gefoppten, hungrigen Herkules? Auch die Pantomimentexte machen alle Schändlichkeiten der Götter kund. Sol betrauert den Sturz seines Sohnes vom Himmel, und ihr amüsiert euch dabei; Cybele schmachtet nach dem blasierten Schäfer, ohne daß ihr dabei errötet; ihr haltet es aus, daß man die Sündenregister des Jupiter absingt und Juno, Venus und Minerva von einem Hirten ihr Urteil empfangen. Wenn selbst ein Bild eures Gottes ein schmachvolles und verrufenes Haupt umkleidet, wenn ein geiler und für diese Kunst weibisch gemachter Körper bald eine Minerva, bald einen Herkules vorstellt, wird da nicht die göttliche Majestät verletzt und die Gottheit geschändet unter euren Beifallsrufen?! Noch religiöser fürwahr betragt ihr euch im Amphitheater, wo über Menschenblut, über dem von Vollziehung von Leibesstrafen herrührenden Unflat eure Götter Tänze aufführen, indem sie Verbrechern Gegenstand und Vorwurf bieten; freilich werden auch die Rollen eurer Götter öfters durch Verbrecher gegeben. Es gab einmal eine Zeit, wo wir zugesehen haben, wie Attis, jener euer Gott aus Pessinus, kastriert wurde, und wie einer, welcher lebendig verbrannt wurde, den Herkules spielte. Wir haben dazu gelacht, wenn zwischen den spaßhaften Grausamkeiten zur Mittagszeit Merkur die Toten mit dem Brenneisen untersuchte; wir haben gesehen, wie der Bruder des Jupiter mit seinem Hammer die Leichname der Gladiatoren wegbrachte. Wenn diese Dinge und was man noch dazu ausfindig machen konnte, die Ehre der Gottheiten in Verruf bringen, wenn sie ihre erhabene Majestät in den Schmutz ziehen, so sind verächtlich jedenfalls sowohl die, welche dergleichen ausüben, als auch die, gegen welche es aasgeübt wird. Das mag indessen als bloße Kurzweil noch passieren. Wenn ich aber weiter hinzufüge, was nicht weniger Wissen und Gewissen eines jeden als wahr anerkennen dürfte, daß in den Tempeln Ehebrüche verabredet, zwischen den Altären Kuppeleien verhandelt, ja unter den Zelten der Tempelhüter und Priester selbst, mit eben denselben gottesdienstlichen Kopfbinden, Hüten und Purpurgewändern, bei brennendem Weihrauch die Wollust befriedigt wird, so weiß ich nicht, ob sich eure Götter nicht über euch mehr als über die Christen beschweren. Ohne allen Zweifel sind die Tempelräuber, die ergriffen werden, jederzeit Leute aus eurer Zahl. Denn die Christen sind in den Tempeln nicht einmal bei Tage kundig. Sie würden sie aber vielleicht auch berauben, wenn sie Verehrer derselben wären.

Was ist es nun also wohl, was die verehren, welche solche Dinge nicht verehren? Unstreitig ist nunmehr die Erkenntnis nahegelegt, daß diejenigen, welche keine Anhänger der Lüge sind, Anhänger der Wahrheit sein müssen, und daß sie in dem nicht länger mehr irren, worin geirrt zu haben sie erkannten und wovon sie zurückgetreten sind. Dies begreifet zuerst, sodann vernehmet unsere heilige Lehre nach ihrem ganzen Zusammenhang, nachdem vorher erst noch die falschen Ansichten darüber zurückgewiesen sind!

Die Vulgärvorstellungen der Heiden über den Gott der Christen. Was der Christengott nicht ist.

Denn nach dem Vorbild gewisser Leute habt ihr geträumt, ein Eselskopf sei unser Gott. Diesen Verdacht eines solchen (Gottes) hat Cornelius Tacitus aufgebracht. Im vierten Buche seines Geschichtswerkes über den jüdischen Krieg beginnt er mit dem Ursprung besagten Volkes, und, nachdem er über Ursprung, Namen und Religion des Volkes nach Willkür berichtet hat, erzählt er, daß die Juden, aus Ägypten befreit oder, wie er glaubt, ausgewiesen, in den wüsten und wasserlosen Gegenden Arabiens von Durst ermattet sich der Waldesel, von welchen sie vielleicht vermuteten, daß sie nach der Weide zur Tränke liefen, zur Auffindung einer Quelle bedienten, und daß sie wegen dieser Wohltat das Abbild eines verwandten Tieres zur Gottheit machten. Daher ist, meine ich, die Vermutung entstanden, daß wir, als der jüdischen Religion nahestehend, zum Dienste desselben Götterbildes eingeweiht würden. Aber derselbe Cornelius Tacitus – er ist wirklich in seinen Lügen sehr redselig – erzählt doch selbst in demselben Geschichtswerke, daß Gnäus Pompejus, da er Jerusalem eingenommen hatte und, um die Heimlichkeiten des jüdischen Kultus aufzuspüren, den Tempel betrat, dort kein Götterbild gefunden habe. Wenn aber etwas bildlich Darstellbares verehrt wurde, so hätte es sich doch gewiß nirgends sicherer als in diesem seinem Heiligtum vorfinden müssen, um so mehr, als jener Kultus, mochte er noch so töricht sein, gar nicht einmal zu fürchten brauchte, fremde Lauscher zu haben. Denn nur den Priestern war der Zutritt gestattet, den übrigen war durch einen vorgespannten Vorhang sogar der Einblick versagt. Was euch betrifft, so werdet ihr doch wohl nicht leugnen, daß ihr alle Arten von Zugtieren und ganze Gäule mit ihrer Göttin Epona göttlich verehrt. Vielleicht ist das der Grund eures Mißfallens, daß wir mitten unter Anbetern sämtlichen zahmen und wilden Viehes bloß Eselsverehrer sind.

Aber auch jeden, der uns für Verehrer des Kreuzes hält, werden wir als unsern Religionsgenossen ansprechen können. Wenn zu einem Holze um Erbarmen gerufen wird, so liegt nichts an der äußeren Bekleidung, da ja die Materie dieselbe ist, und auch nichts an der äußeren Form, wenn das Holz selbst der Körper eines Gottes ist. Und doch, wie wenig unterscheiden sich die Pallas von Attica oder die Ceres von Pharos von einem Kreuzesholze, da sie sich ohne Menschenantlitz nur unter einem rohen Pfahl und gestaltlosen Holz darbieten? Denn jedes Holz, das in aufrechter Stellung befestigt ist, bildet ja einen Teil eines Kreuzes; wir beten darum im schlimmsten Falle doch noch einen vollständigen und ganzen Gott an. Wir haben oben gesagt, daß die Bildner den Anfang zu euren Göttern an einem Kreuze machen. Aber ihr betet ja auch die Siegesdenkmale an, trotzdem daß Kreuze die inneren Gestelle der Trophäen bilden. Die ganze römische Soldatenreligion besteht in der Verehrung der Feldzeichen, schwört bei den Feldzeichen und stellt die Feldzeichen über alle Götter. Der ganze Aufputz von Bildern an den Feldzeichen ist nur ein Behang für Kreuze; die Tücher der Reiter- und Prachtfahnen sind nur eine Bekleidung für Kreuze. Ich finde darin eine löbliche Gewissenhaftigkeit von eurer Seite. Ihr wollt keine unverzierten und nackten Kreuze für geheiligt erklären.

Andere haben wenigstens eine menschlichere und wahrscheinlichere Ansicht von uns, sie glauben, die Sonne sei unser Gott. So werden wir am Ende wohl gar noch zu den Persern gerechnet werden, obwohl wir keine auf Leinwand abgebildete Sonne anbeten, da wir sie selbst ja überall gegenwärtig haben an ihrem Him-melsrund. Um es kurz zu sagen, der Verdacht rührt daher, weil es bekannt geworden, daß wir nach Osten gewendet beten. Allein auch sehr viele von euch bewegen nach Sonnenaufgang hingewendet die Lippen, indem sie manchmal das Verlangen haben, auch himmlische Dinge anzubeten. Ebenso kommen wir, wenn wir den Sonntag der Freude widmen, und zwar aus einem ganz anderen Grunde als wegen Verehrung der Sonne, ja gleich nach denen, welche den Samstag dem Müßiggange und den Mahlzeiten widmen, wobei übrigens auch sie von der jüdischen Sitte, die sie nicht recht kennen, abweichen.

Aber da ist ja in hiesiger Stadt kürzlich eine neue Mitteilung über unsern Gott öffentlich zur Schau gestellt worden, seitdem ein Verbrecher, der für Geld das Geschäft betreibt, die wilden Tiere zu necken, ein Bild zum Vorschein brachte mit der Inschrift: „Der Christengott Onokoites“. Er hatte Eselsohren, einen Fuß von Huf, trug ein Buch und eine Toga. Wir lachten sowohl über den Namen als über die Gestalt. Unsere Gegner aber hätten sofort die zweigestaltige Gottheit anbeten müssen, weil sie Wesen, die mit dem Hundsund Löwenkopfe versehen sind, gehörnt wie ein Ziegenbock und Widder, von den Lenden an Böcke, von den Knieen an Schlangen, die an den Sohlen und auf dem Rücken mit Flügeln versehen sind, zu Göttern angenommen haben. Soviel zum Überflusse, damit wir nur nichts von all dem Gerede, gleichsam wie mit Absicht übergehen möchten! Von dem allem werden wir uns reinigen, indem wir uns zur Darlegung unserer Religion hinwenden.

Die Christen verehren den Schöpfer der Welt als den einzig wahren Gott. Auch die Heiden huldigen ihm manchmal unwillkürlich.

Gegenstand unserer Verehrung ist der eine Gott, welcher diesen ganzen Weltenbau mit der gesamten Ausrüstung der Elemente, Körper und Geister durch das Wort, womit er befahl, und die Weisheit, womit er ordnete, und die Macht, womit er es vermochte, aus dem Nichts hervorbrachte zur Zierde seiner Herrlichkeit, woher auch die Griechen der Welt den Namen Kosmos beigelegt haben. Er ist unsichtbar, obwohl er gesehen wird, unfaßbar, obwohl er mittels seiner Huld vergegenwärtigt wird, unschätzbar, obwohl er durch die menschlichen Sinne geschätzt wird. Deshalb ist er der wahre und so groß. Was gewöhnlich gesehen, umfaßt und abgeschätzt werden kann, das ist geringer als die Augen, durch die es erfaßt, als die Hände, durch die es berührt, und als die Sinne, durch die es ermittelt wird. Was dagegen unermeßlich ist, ist nur sich selbst bekannt. So kommt es, daß Gott geschätzt werden kann, während er zugleich alle Schätzung überragt. So stellt ihn seine gewaltige Größe den Menschen dar als etwas Bekanntes und zugleich Unbekanntes. Darin beruht gerade das Hauptvergehen derer, die den nicht erkennen wollen, den sie nicht ignorieren können. Wollt ihr, daß wir aus seinen vielen und großen Werken,“ von denen wir umgeben sind, wodurch wir erhalten, wodurch wir ergötzt, wodurch wir auch erschreckt werden, oder wollt ihr, daß wir aus dem Zeugnis der Seele selbst sein Dasein beweisen? Obwohl durch den Kerker des Körpers beengt, obwohl von verkehrter Erziehung und Bildung umstrickt, obwohl von Lüsten und Begierden entkräftet, obwohl falschen Göttern sklavisch unterworfen, nennt sie doch, sobald sie sich gleichsam wie nach einem Rausch, nach einem Schlaf oder nach einer Krankheit auf sich selbst besinnt und ihre natürliche Gesundheit wieder erlangt, nur Gott, mit diesem Namen allein, weil er der dem wahren Gott allein zukommende ist.“Der große Gott“, „der gute Gott“, oder „was Gott geben möge“, so spricht sie allüberall. Auch daß er Richter sei, bezeugt sie: „Gott sieht es“, „ich stelle es Gott an-heim“ und „Gott wird es mir vergelten“. O Zeugnis der Seele, die von Natur Christin ist! Endlich, wenn sie dergleichen spricht, so blickt sie nicht nach dem Kapitol, sondern zum Himmel; sie kennt nämlich den Sitz des lebendigen Gottes, von ihm und von dort ist sie ja auch herniedergestiegen.

Gott hat sich geoffenbart. Die Hl. Schrift.

Damit wir desto vollständiger und nachdrücklicher zu ihm, zu seinen Anordnungen und seinem Willen den Zugang fänden, hat er das Hilfsmittel des geschriebenen Wortes hinzugefügt, für den Fall, daß man in Betreff Gottes nachforschen, nachdem man nachgeforscht, ihn finden, nachdem man ihn gefunden, an ihn glauben, und nachdem man an ihn geglaubt, ihm dienen will. Denn von Anfang an hat er Männer, die um ihrer Gerechtigkeit und Tadellosigkeit willen würdig waren, Gott zu erkennen und ihn ändern zu zeigen, mit dem göttlichen Geiste überströmt in die Welt gesandt, damit sie verkündeten, daß ein einziger Gott sei, welcher alles erschaffen, welcher den Menschen aus Erde gebildet hat – er ist nämlich der wahre Prometheus, welcher für den Lauf der Welt die Ordnung festgestellt hat in der bestimmten Einteilung und dem Ausgang der Zeitalter -, sodann, welche Zeichen seiner erhabenen Richterwürde er gegeben habe durch Wasserfluten und Feuerflammen, was er als sittliche Ordnung, wodurch man sich sein Wohlgefallen gewinnen könne, festgesetzt, was er als Vergeltung für deren Nichtachtung und Übertretung und für ihre Beobachtung vorher bestimmt habe. Denn er ist derjenige, welcher, nachdem die gegenwärtige Weltperiode verstrichen, richten wird, seine Diener zur Belohnung des ewigen Lebens, die Gottlosen aber zum Feuer, das ebenso beständig und dauernd ist, nachdem alle von Anfang an Verstorbenen auferweckt, wieder hergestellt und zur vollen Ausgleichung des Verdienstes und Mißverdienstes klassifiziert worden sind. Diese Dinge haben ehedem auch wir verlacht. Wir sind aus eurer Mitte hervorgegangen; man wird Christ, aber man wird nicht als solcher geboren. Die genannten Verkünder nun werden von ihrem Amte des Vorhersagens Propheten genannt. Ihre Aussprüche und ebenso ihre Wunder, welche sie zum Beweis ihrer göttlichen Sendung verrichteten, werden in den Schätzen der Literatur aufbewahrt, und diese ist nicht unzugänglich. Ptolemäus mit dem Zunamen Philadelphus – ein sehr gelehrter König und Kenner in jeder Art Literatur und im Eifer für Büchersammlungen ein Rivale, glaube ich, des Pisistratus – verlangte unter ändern Denkmälern, welchen entweder ihr Altertum oder irgendeine Besonderheit zur Berühmtheit verhalf, auf Anraten des damals bewährtesten Grammatikers, des Demetrius Phalereus, dem er die oberste Verwaltung übertragen hatte, auch von den Juden ihre Bücher, die ihnen eigentümlichen und in ihrer Muttersprache abgefaßten Schriften, welche sie ganz allein besaßen. Denn aus ihnen stammten und zu ihnen redeten immer die Propheten, nämlich zu dem Volke, das wegen der seinen Vätern zuteil gewordenen Gnade Gott eigentümlich zugehörte. Hebräer hießen früher die jetzt sogenannten Juden, daher auch die Schrift und Sprache hebräisch. Damit man aber ihres Verständnisses nicht entbehre, wurde dem Ptolemäus von den Juden auch das Hebräische übersetzt, indem man ihm zweiundsiebzig Übersetzer gewährte, welche der Philosoph Menedemus, ein Verteidiger der Vorsehung, wegen der Übereinstimmung mit seiner Ansicht bewunderte. Auch Aristäus versichert euch dieses Vorganges, So werden diese Schriftdenkmale, aufgeschlossen in die griechische Sprache, in der Bibliothek des Ptolemäus im Serapeum heute noch nebst den hebräischen Schriften gezeigt. Auch die Juden lesen sie ganz unverhohlen; für die Erlaubnis wird eine Abgabe bezahlt, und es wird allgemein an Sabbaten davon Gebrauch gemacht. Wer sie hört, wird Gott finden; wer sich bemüht, in sie einzudringen, wird sich gezwungen sehen, auch daran zu glauben.

Die Schriften des Moses und ihr hohes Alter.

Das hohe Alter ist es also zunächst, was diesen Urkunden ihre Autorität verleiht. Auch bei euch verleiht es ja eine religiöse Weihe, wenn man Glaubwürdigkeit auf Grund der Zeit in Anspruch nehmen kann. Ansehen verleiht den Schriftstücken ein sehr hohes Alter. Der älteste Prophet war Moses. Er hat die Erschaffung der Welt, das Heranwachsen der Menschheit und sodann die Rache für die Gottlosigkeit jener Zeit, die gewaltige Sündflut, durch Sehergabe von der Vergangenheit an bis zu seiner Lebenszeit dargestellt und darnach durch sein eigenes Wirken Vorbilder der Zukunft kundgemacht. Bei ihm ist auch die Aufeinanderfolge der Zeiten genau dargelegt und damit die Berechnung der Dauer der Welt an die Hand gegeben. Ungefähr dreihundert Jahre waren seit ihm vergangen, als Danaus, bei euch der älteste, nach Argos herüberkam. Dem trojanischen Kriege geht er tausend Jahre voraus, und deshalb auch dem Saturn selbst. Denn in dem Ge-schichtswerk des Thallus, worin der Krieg des Belus und der des Saturnus, der Könige der Assyrier und der Titanen, mit Jupiter berichtet wird, wird gezeigt, daß Belus dem Untergang von Troja dreihundertzweiundzwanzig Jahre vorausgegangen sei. Durch diesen Moses ist auch den Juden das ihnen eigene Gesetz von Gott gegeben worden. Darnach gab es viele andere Propheten, welche älter sind als eure Urkunden. Denn auch der, welcher zuletzt geweissagt hat, geht entweder um etwas voraus oder gehörte demselben Zeitalter an wie die ersten Weisen und Gesetzgeber, Denn Zacharias lebte unter der Regierung des Kyros und Darius zur Zeit als Thales, der erste Physiker, auf die Fragen des Krösus in Betreff der Gottheit nichts Bestimmtes antwortete, in Verwirrung nämlich gesetzt durch die Aussprüche der Propheten. Solon hat demselben Könige gepredigt, man müsse das Ende des langen Lebens im Auge behalten, nicht anders als die Propheten.

Man kann also in Betracht ziehen, daß sowohl euer Rechtswesen als auch eure Wissenschaften von dem göttlichen Gesetz und der göttlichen Lehre befruchtet worden sind. Was das Frühere ist, muß auch der Same sein. Von dorther habt ihr manches mit uns oder doch fast wie wir. Von der Sophia, der Weisheit, hat die Philosophie ihren Namen, von der Prophetie hat das Haschen nach derselben die poetische Weissagung abgeleitet. Ruhmsüchtige Menschen haben das, was sie vorfanden, gefälscht, um es dann als ihr Eigentum auszugeben. Auch bei den Früchten kommt es ja vor, daß sie entarten. Auf vielerlei Weise möchte ich noch für das Alter der göttlichen Schriften den Kampf führen, wenn nicht ihnen zum Erweis ihrer Glaubwürdigkeit ein größeres Ansehen durch die Macht ihrer Wahrheit, als durch das Zeugnis ihres Alters verschafft würde. Denn was dürfte ihnen machtvoller zugute kommen, als das tägliche Gericht über die ganze Welt, wo die Lage der Reiche, die Unglücksfälle der Städte, die Schicksale der Völker und der Zustand der Zeiten in allem dem entsprechen, wie es vor tausend Jahren geweissagt wurde? Dadurch wird auch unsere Hoffnung, die ihr verlacht, belebt und unser Vertrauen, das ihr einen Wahn nennt, gekräftigt. Denn die Erwägung des Vergangenen ist geeignet, Vertrauen auf die Zukunft zu erwecken. Dieselben Aussprüche haben beides verkündigt, dieselben Schriften beides aufgezeichnet. Die Zeit ist bei ihnen nur eine, die bei uns. getrennt zu sein scheint. So ist alles, was noch Unerwiesenes übrig bleibt, für uns erwiesen, weil es mit dem, was bewährt ist, damals aber in der Zukunft lag, verkündet wurde. Soviel ich weiß, habt ihr auch eine Sibylle, insofern diese Benennung einer wahren Seherin des wahren Gottes hie und da in Bezug auf andere, die Sehergabe zu haben scheinen, gebraucht worden ist; so haben euere Sibyllen diesen Namen von der Wahrheit entwendet, wie es auch euere Götter getan haben.

So wird denn der ganze Inhalt, werden alle Gegenstände, Ursprünge, Ordnungen und Quellen eines jeden eurer alten Schriftwerke, auch die meisten Völkerschaften und die berühmten Städte, die altersgrauen Geschichtserzählungen und Überlieferungen, sogar die Schriftzüge der Buchstaben, wodurch die Ereignisse gemeldet und aufbewahrt werden – und, ich glaube, ich habe noch zu wenig gesagt – selbst eure Götter, Tempel, Orakel und Opfer – sie alle werden an Alter um Jahrhunderte durch die Schriftwerke eines einzigen Propheten übertroffen, worin wie in einem Schreine der Schatz der ganzen jüdischen und daher auch unserer Religionslehre niedergelegt ist. Moses, wenn ihr einstweilen von einem solchen Manne gehört habt, ist dem argivischen Inachus gleichzeitig; um fast vierhundert Jahre, nämlich nur sieben weniger, geht er selbst dem Danaus, der bei euch als der älteste gilt, voraus, um etwa tausend geht er der Niederlage des Priamus vorher, und, da ich Gewährsleute dafür habe, kann ich sagen, auch um mehr als fünfhundert Jahre dem Homer. Wenn die übrigen Propheten auch nach Moses lebten, so werden doch die allerletzten von ihnen nicht jünger erfunden, als eure uralten Weisen, Gesetzgeber und Geschichtschreiber. Auseinanderzusetzen, durch welche Zeitrechnungen man das beweisen kann, ist für mich mehr weitläufig als schwierig, die genaue Aufzählung ist nicht sosehr mühevoll als vorläufig zu umständlich. Viele Hilfsmittel unter fortwährenden Fingerbewegungen beim Rechnen wären nötig, um es darzulegen. Aufzuschließen wären die Archive der ältesten Völker, der Ägypter, Chaldäer, Phönizier; zu Hilfe zu nehmen wären ihre Landsleute, durch welche uns die Kenntnis davon vermittelt wird, Männer wie Manethon der Ägypter, Berosus der Chaldäer, aber auch der Phönizier Hieromus, König von Tyrus, sowie ihre Nachfolger Ptolemäus von Mendes, Menander von Ephesus, Demetrius Phalereus, der König Juba, Appion, Thallus und der Jude Josephus, der einheimische Verteidiger der jüdischen Altertümer, der die eben Genannten entweder bestätigt oder widerlegt. Auch die Bücher über die Urgeschichte der Griechen wären zu vergleichen, was geschehen, und wann es geschehen ist, damit die Verkettungen der Zeiten, durch welche die Jahreszahlen der Annalen Licht erhalten, aufgehellt werden. Man müßte die Geschichte und die Literatur des ganzen Erdkreises durchgehen, – Indes, wir haben gleichsam einen Teil des Beweises schon beigebracht, indem wir einfließen ließen, woraus er geführt wird. Doch es ist besser, den Beweis aufzuschieben, damit wir nicht etwa einerseits in der Eile ihn zu wenig erschöpfen, oder andererseits zu weit abschweifen, indem wir ihn vertiefen.

Erhabenheit und Glaubwürdigkeit der Hl. Schrift.

Statt dessen, was wir verschieben, bieten wir ein Höheres dar: die Erhabenheit der heiligen Schriften, für den Fall, daß unser Beweis für ihre Göttlichkeit aus dem Alter keine Zustimmung findet, für den Fall, daß ihr Alter in Zweifel gezogen wird. Auch braucht man nicht lange oder weit zu suchen, um sich von ihr zu überzeugen; vor den Augen liegen die Beweise: die Welt, die Zeit und die Ereignisse. Was geschieht, wurde vorher verkündet; was jetzt geschaut wird, wurde vorher angesagt, daß die Erde Städte verschlingt, daß das Meer Inseln raubt, daß auswärtige und innere Kriege zerfleischende Wirkungen ausüben, daß Reiche mit Reichen in Zusammenstoß geraten, daß Hunger und Seuchen, lokale Plagen, welcher Art auch immer, und oft sehr große Sterblichkeit Verwüstungen anrichten, daß die Geringen erhöht und die Hohen erniedrigt werden, daß die Gerechtigkeit selten wird, die Gottlosigkeit wächst, die Sorge für alle guten Bestrebungen einschläft, daß auch die Verrichtungen der Jahreszeiten und die Wirkungen der Elemente aus ihrer Bahn weichen, daß durch Mißgeburten und Ungeheuer die rechte Form der natürlichen Dinge gestört wird, – das alles ist mit Voraussicht aufgeschrieben worden. Zur selben Zeit, wo wir solche Dinge erleben, werden sie vorgelesen, während wir uns ihrer erinnern, erfüllen sie sich. Die wirkliche Erfüllung einer Weissagung ist aber, sollte ich meinen, ein hinreichender Beweis für ihre Göttlichkeit. Daher also ist bei uns auch der Glaube an die noch zukünftigen Dinge ein zuverlässiger, indem sie nämlich schon beglaubigt sind, weil sie gemeinschaftlich mit denen, die täglich ihre Bestätigung finden, vorhergesagt wurden; es sind dieselben Stimmen, die es kundtun, dieselben Schriften, die es berichten, es ist derselbe Geist, der antreibt; für den Sehergeist, welcher die Zukunft vorher verkündet, gibt es nur eine Zeit. Unterschieden wird die Zeit höchstens von den Menschen, indem ihr Lauf sich vollendet, indem aus der Zukunft die Gegenwart und sodann aus der Gegenwart die Vergangenheit sich ableitet. Worin fehlen wir – ich bitte euch – wenn wir nun auch an die zukünftigen Dinge glauben, da wir ja schon durch zwei Vorstufen angeleitet sind, sie für wahr zu halten.

Der Zusammenhang des Christentums mit dem Judentum. Der Logos, seine Gottheit, Menschwerdung, Geburt, Leben, Wunder, Leiden, Sterben, Auferstehung und Himmelfahrt.

Weil wir jedoch behauptet haben, daß diese unsere Religionsgesellschaft – welche zwar noch ziemlich neu ist, wie alle wissen und auch wir bekennen, nämlich im tiberianischen Zeitalter entstanden ist – weil wir also behauptet haben, daß sie sich doch auf die sehr alten Schriften der Juden stütze, so könnte man vielleicht in Betreff ihrer Beschaffenheit in der Hinsicht Bedenken hegen, als wollte sie unter dem Deckmantel einer so bekannten Religion, die sicherlich eine erlaubte ist, von ihren eigenen Meinungen etwas verbergen, um so mehr, da wir außer dem Alter weder in Betreff der Speiseyerbote noch der Feiertage, noch sogar des körperlichen Zeichens, noch in der Namensgemeinschaft es mit den Juden halten, was doch der Fall sein müßte, wenn wir demselben Gott zugehörten. Indes, sogar der große Haufe kennt schon Christum, als einen Menschen freilich, der so war, daß ihn die Juden verurteilt haben, ein Umstand, kraft dessen man uns um so leichter für Menschenanbeter hält. Allein wir schämen uns Christi nicht, wir freuen uns vielmehr nach seinem Namen benannt und um seinetwillen verurteilt zu werden; auch haben wir darum keine andere Auffassung von Gott. Es ist also notwendig, über Christus, insofern er Gott ist, einiges Wenige zu sagen.

Die ganze Zeit hindurch besaßen die Juden bei Gott einen besonderen Vorzug wegen der ausgezeichneten Rechlschaffenheit und des Glaubens ihrer Urväter. Daraus erblühte die Größe ihres Stammes und das Ansehen ihres Reiches, und ein besonders großes Glück stand ihnen zur Seite infolge der Aussprüche Gottes, wodurch sie sowohl belehrt wurden, wie man sich vor Gott verdient machen könne, als auch im voraus gemahnt wurden, ihn nicht zu beleidigen. Wie große Fehltritte sie trotzdem begangen haben, durch vermessenes Vertrauen auf ihre Väter so aufgebläht, daß sie das Gesetz in eine unheilige Art verkehrten, das würde, wenn sie es auch nicht selbst geständen, ihr heutiges Schicksal beweisen. Zerstreut, umherirrend, von ihrem heimischen Boden und Himmel verbannt, schweifen sie auf dem Erdkreise umher, ohne einen Menschen oder Gott zum König zu haben; es wird ihnen nicht einmal erlaubt, als Fremdlinge ihr Vaterland zu betreten und zu begrüßen. Die heiligen Aussprüche fügten, indem sie ihnen dieses Schicksal androhten, alle immer dasselbe bei: Gott werde in den letzten Zeitläufen sich aus jedem Stamme und Volke und an allen Orten treuere Verehrer auswählen und auf sie seine Gnade übertragen, und zwar eine reichlichere Gnade wegen des Reichtums des erhabeneren Lehrsystems. Es kam also derjenige, der nach Gottes Vorherverkündigung kommen sollte, um die Lehre zu erneuern und ins Licht zu stellen, Christus nämlich, der Sohn Gottes. Er, der Herr und Meister dieser Gnade und Lehre, der Erleuchter und Führer des Menschengeschlechtes, wurde als Sohn Gottes angekündigt, nicht zwar so erzeugt, daß er erröten müßte über den Namen „Sohn“ oder über den Samen des Vaters, als über den Beischlaf eines Stieres. Er hat nicht Gott zum Vater bekommen infolge von Blutschande mit der Schwester oder Schändung der Tochter oder Gattin eines ändern – etwa einen schuppigen, gehörnten, befiederten oder als Liehaber der Danae in Gold verwandelten Vater. Das ist das Menschliche, das ihr dem Jupiter beilegt. Der Sohn Gottes aber hat nicht eine Mutter bekommen infolge einer Verletzung ihrer Keuschheit, auch die, welche als seine Mutter angesehen wird, war nicht verheiratet.

Doch ich will erst sein Wesen besprechen, dann wird man die Beschaffenheit seiner Geburt verstehen. Wir haben es schon ausgesprochen, Gott habe dieses Weltall durch sein Wort, seine Vernunft und seine Macht erschaffen. Auch bei euren Weisen steht es fest, daß der Logos, d. i. das Wort und die Vernunft, als der Bildner des All gelte. Ihn bezeichnet nämlich Zeno als den Hervorbringer, der alles in seinem Ratschluß gebildet habe; derselbe werde auch Fatum genannt, Gott, Seele des Jupiter und Notwendigkeit aller Dinge. Alle diese Prädikate zusammen überträgt Kleanthes auf den Geist, von dem er sagt, daß er das All durchdringe. Aber auch wir schreiben dem Worte, der Vernunft und ebenso der Macht, wovon wir gesagt haben, daß Gott alles durch sie geschaffen habe, als eigentümliche Substanz den Geist zu, in dem das Wort ist, wenn er spricht, bei dem die Vernunft ist, wenn er anordnet, und dem die Macht gegenwärtig ist, wenn er ausführt. Hinsichtlich seiner sind wir belehrt worden, er sei aus Gott hervorgebracht und durch Hervorbringen gezeugt und deswegen Sohn Gottes und Gott genannt wegen der Einheit der Substanz. Denn auch Gott ist Geist. Und wenn ein Strahl aus der Sonne ausgesendet wird, so ist er ein Teil vom Ganzen; aber dabei ist die Sonne doch in dem Strahl, weil er ein Sonnenstrahl ist, und die Substanz wird dabei nicht geteilt, sondern auseinandergebreitet, wie ein Licht am Lichte angezündet wird. Es bleibt der Mutter-Stoff unversehrt und unvermindert, auch wenn man ihm mehrere gleichartige Ableitungen entnimmt. In dieser Weise ist auch, was von Gott ausgegangen ist, Gott und Gottes Sohn, und beide sind einer. In dieser Weise Geist vom Geiste und Gott von Gott dem Maß (der Wesenheit) nach ein Zweiter, bewirkte er die Zahl durch die Abstufung, nicht durch die Beschaffenheit (der Substanz), und er ist von der mütterlichen Substanz nicht weggetreten, sondern aus ihr ausgetreten. Dieser Strahl Gottes nun ist, wie früher immer geweässagt wurde, in eine Jungfrau herabgekommen, und, in ihrem Mutterschoße Fleisch geworden, wird er geboren als ein Mensch, der mit Gott geeint ist. Das vom Geiste gebildete Fleisch wird genährt, wächst heran, redet, lehrt, wirkt und ist Christus.

Laßt euch diese Fabel – sie ist ja den eurigen ähnlich – einstweilen gefallen, bis wir euch zeigen, wie Christus bewiesen wird, und wer bei euch zum voraus für derartige Fabeln gesorgt hat, damit sie als Rivalen diese unsere Wahrheit zerstören sollten. Auch die Juden wußten, daß Christus kommen würde, da zu ihnen ja die Propheten redeten. Denn sie erwarten seine Ankunft auch jetzt noch, und es gibt keinen größeren Streitpunkt zwischen ihnen und uns, als den, daß sie nicht glauben, er sei schon gekommen. Da nämlich in betreff seiner eine zweimalige Ankunft angezeigt wurde, die erste, welche schon vollbracht ist in der Niedrigkeit des menschlichen Lebens, und die zweite, welche zum Abschluß der Zeitlichkeit bevorsteht in der Hoheit der hell erstrahlenden Gottheit, so haben sie die erste nicht verstanden und die zweite, welche sie, weil deutlicher vorhergesagt, erhofften, für die einzige gehalten. Daß sie nämlich die frühere nicht verstanden, während sie doch, wenn sie sie verstanden, geglaubt und, wenn sie sie geglaubt haben würden, das Heil erlangt hätten, – das hat ihre Sünde verschuldet. Daß sie gestraft seien um die Weisheit und um die Erkenntnis und um die Frucht der Augen und Ohren, das lesen sie selbst in der Schrift.

Da sie ihn also infolge seiner Niedrigkeit für einen bloßen Menschen hielten, so bereiteten sie ihm Nachstellungen, so daß sie ihn wegen seiner Machttaten als einen Zauberer ansahen, da er durch sein bloßes Wort Dämonen aus den Menschen austrieb, Blinde wieder sehend machte, Aussätzige reinigte, Gelähmte wieder straff machte, Tote sogar durch sein Wort dem Leben wieder gab, die Elemente selbst zu Dienern machte, indem er die Stürme bändigte und auf dem Meere einherging, und so zeigte, daß er der Sohn Gottes war, jener, der von alters her verkündigt und zum Heil aller geboren war, jenes uranfängliche, erstgeborene, von der Macht und der Vernunft begleitete und vom Geiste getragene Wort, eben derselbe, der alles durch sein bloßes Wort macht und gemacht hat. Die Lehrer und Vornehmen der Juden waren aber gegen seine Lehre, durch welche sie widerlegt wurden, so erbittert, am meisten deswegen, weil sich eine sehr große Menge von ihnen weg ihm zuwandte, daß sie ihn zuletzt dem Pontius Pilatus, damaligem Prokurator Syriens von römischer Seite, überlieferten und durch das Ungestüm ihrer Stimmen von ihm erzwangen, daß er ihnen zur Kreuzigung ausgeliefert wurde. Er hatte es auch selbst vorhergesagt, daß sie es so machen würden, was jedoch nicht genügen würde, hätten es nicht auch die früheren Propheten verkündet. Und doch hat er, ans Kreuz geheftet – das war die für ihn bestimmte Todesstrafe – noch Wunder getan. Er hauchte nämlich, der Dienstleistung des Scharfrichters zuvorkommend, freiwillig den Geist mit einem Ausrufe aus. In demselben Augenblick verschwand das Tageslicht, obwohl die Sonne Mittagshöhe zeigte. Das hielten die, welche nicht wußten, daß auch dies in betreff Christi vorhergesagt war, natürlich für eine bloße Sonnenfinsternis. Und doch findet sich auch dieser Zwischenfall im Weltall in euren geheimen Archiven berichtet.

Nachdem er darauf herabgenommen und ins Grab gelegt war, ließen ihn die Juden mit großer Sorgfalt bewachen und von einer Militärwache umzingeln, damit ja die Jünger, weil er seine Auferstehung von den Toten nach drei Tagen vorhergesagt hatte, nicht den Leichnam durch Diebstahl auf die Seite brächten und die, um welche man bangte, in Irrtum führten. Aber bei Anbruch des dritten Tages wurde plötzlich die Erde erschüttert, der Steinkoloß, welcher das Grab verschloß, weggewälzt, die Wache durch Schrecken zersprengt, und ohne daß irgendein Jünger dabei zugegen war, wurde nichts im Grabe gefunden, als die abgelegten Umhüllungen des Begrabenen. Nichtsdestoweniger sprengten die Vornehmen der Juden, denen daran lag, das Vorkommnis eines Verbrechens auszusprengen und das ihnen steuerpflichtige und untergebene Volk vom Glauben fernzuhalten, aus, er sei von den Jüngern gestohlen worden. Denn Christus selbst zeigte sich nicht mehr dem Volke, damit die Gottlosen nicht von ihrem Irrtum befreit würden, damit auch der Glaube, dem ja eine nicht gewöhnliche Belohnung vorbehalten ist, nicht ohne Schwierigkeit sei. Mit einigen Schülern aber verkehrte er gegen vierzig Tage in Galiläa, einer Provinz des Judenlandes, sie lehrend, was sie lehren sollten. Nachdem diese hierauf für das Amt, auf dem ganzen Erdkreis zu predigen, bestimmt waren, wurde er, von einer Wolke umgeben, in den Himmel aufgenommen, was viel zuverlässiger ist, als was bei euch Leute wie Proculus von Leuten wie Romulus zu bekräftigen pflegen. Dies alles hat Pilatus, selbst schon in seinem Innersten ein Christ, dem damaligen Kaiser Tiberius über Christus gemeldet. Aber auch die Kaiser hätten hinsichtlich Christi geglaubt, wenn nicht einesteils die Kaiser für den Weltlauf notwendig wären, oder wenn andererseits Christen Kaiser sein könnten. – Die Jünger aber gehorchten folgend dem Befehl ihres göttlichen Lehrers und zerstreuten sich über den Erdkreis, und nachdem auch sie von den sie verfolgenden Juden vieles erduldet, haben sie – ihrem Vertrauen auf die Wahrheit entsprechend, mit Freudigkeit – zuletzt zu Rom durch die Grausamkeit des Nero ihr Christenblut als Samen ausgestreut.

Jedoch, ich werde euch später sogar noch diejenigen, welche ihr anbetet, als geeignete Zeugen für Christus vorführen. Etwas Großes ist es, wenn ich, damit ihr den Christen Glauben schenket, diejenigen als Mittel anwende, durch deren Einfluß ihr den Christen den Glauben versaget. Für jetzt habt ihr den geschichtlichen Zusammenhang, in dem unser Religionssystem steht, so legen wir dar den Ursprung unserer Genossenschaft und unseres Namens im Zusammenhang mit ihrem Stifter.

Es möge nun niemand mehr uns in Verruf bringen, niemand denken, es sei doch anders, da es doch keinem möglich ist, in betreff seiner Religion lügnerische Angaben zu machen. Denn dadurch, daß man vorgibt, man verehre ein anderes Wesen, als man wirklich verehrt, verleugnet man das, welches man eigentlich verehrt, überträgt Kult und Ehre auf ein anderes und verehrt eben durch diese Übertragung das auch schon nicht mehr, welches man verleugnet hat. Wir machen ja die Aussage, und zwar die öffentliche Aussage und rufen es unter euren Martern, zerfleischt und von Blut übergössen, laut aus: „Wir verehren Gott durch Christus!“ Haltet ihn immerhin für einen bloßen Menschen! Dennoch will Gott durch ihn und in ihm erkannt und verehrt werden. Um den Juden Rede zu stehen, sagen wir: sie haben selbst durch den Menschen Moses Gott verehren gelernt; um den Hellenen zu entgegnen: Orpheus hat in Pieria, Musäus in Athen, Melampus zu Argos, Trophonius zu Böotien die Leute durch Einweihungszeremonien in religiöse Pflicht genommen; um mich an euch, ihr Beherrscher der Völker, zu wenden, sagen wir: Numa Pompilius war nur ein Mensch und hat doch die Römer mit so mühevollem Aberglauben belastet. Es dürfte auch wohl Christus freigestanden haben, Erklärungen über die Gottheit, sein Eigentum, zu geben, nicht in der Weise, daß er ganz ungebildete und noch wilde Menschen durch eine so große Anzahl Gottheiten, deren Wohlwollen zu gewinnen sei, gleichsam verblüfft machte und sie so zur Zivilisation heranbildete, wie Numa es tat, sondern wie einer, der schon zivilisierten und durch Überbildung in die Irre geführten Menschen die Augen zur Erkenntnis öffnet. Untersuchet also, ob diese Gottheit eine wahre sei. Wenn sie das ist, so folgt aus ihrer Erkenntnis, daß man der falschen entsagen muß, nachdem man vor allem jene in ihrer ganzen Art genau kennen gelernt hat, die, unter Namen und Bildern von Verstorbenen versteckt, durch gewisse Zeichen, Wunder und Orakel den Glauben an ihre Göttlichkeit hervorzurufen sucht.

Über die Natur der Dämonen.

Und somit behaupten wir denn, daß es gewisse geistige Wesen gebe. Auch der Name ist nicht neu. Dämonen sind den Philosophen bekannt, indem Sokrates selbst die Willensäußerung seines Dämonium abwartete. Warum auch nicht? Soll ihm ja ein Dämonium von seiner Kindheit an angehangen haben, das ihn selbstverständlich vom Guten zurückhielt. Alle Dichter kennen sie; auch der ungebildete Haufe bedient sich häufig ihrer Namen zum Zweck eines Fluches. Denn auch den Namen Satans, des Fürsten dieser schlimmen Gattung, stößt er – infolge der der Seele von Natur innewohnenden Überzeugung – im Tone der Verwünschung aus. Auch Plato hat das Dasein von Engeln nicht in Abrede gestellt. Als Zeugen für beide Namen stehen besonders die Magier da. Indessen, wie aus gewissen Engeln, die freiwillig gesunken sind, ein noch gesunkeneres Geschlecht von Dämonen geworden ist, das von Gott samt den Urhebern des Geschlechtes und mit dem, welchen wir eben den Fürsten genannt haben, verdammt wurde, – dieser Hergang wird aus den heiligen Schriften erkannt. Für jetzt wird es genügen, ihr Wirken auseinanderzusetzen. Gegenstand ihres Strebens ist, den Menschen zu verderben. So nahm von Anbeginn an die Bosheit der Geister damit ihren Anfang, daß sie den Menschen ins Verderben stürzte. So also verursachen sie einerseits dem Körper sowohl Krankheiten als auch bittere Unfälle verschiedener Art, der Seele dagegen plötzliche und außerordentliche Ausschreitungen durch Gewalt. Es kommt ihnen, um beide Bestandteile des Menschen angreifen zu können, ihre wunderbare Feinheit und Dünnheit zustatten. Vielmals ist es den geistigen Mächten gegönnt, daß sie – an sich unsichtbar und mit den Sinnen nicht wahrnehmbar – mehr in ihren Wirkungen als beim Akte sichtbar werden, wenn z. B, eine unerklärliche, verborgene, fehlerhafte Beschaffenheit der Atmosphäre die Baum- und Feldfrüchte in der Blüte herabwirft, im Keime tötet, in der Jugendkraft verwundet, und wenn die durch eine geheime Ursache verschlechterte Luft ihren pestbringenden Hauch herabschüttet. Mit derselben Heimlichkeit der Ansteckung bewirkt die Einflüsterung der Dämonen und Engel auch Verderbnis des Geistes durch Raserei, Abscheu erregenden Wahnsinn oder wilde Gelüste, verbunden mit verschiedenen Verirrungen, wovon die schwerwiegendste jene ist, daß sie den verlockten und betörten Menschengeistern jene bewußten Götter empfehlen, um sich auch das ihnen gemäße, in Opferdampf und Blut bestehende Futter zu verschaffen. Und was könnte es für eine ausgesuchtere Weide für sie geben, als daß sie den Menschen von der Erforschung der wahren Gottheit durch das Blendwerk einer falschen Wahrsagung abziehen? Auch wie sie dieses Blendwerk bewirken, will ich entwickeln. Jeder Geist ist wie beflügelt; so sind die Engel sowohl wie die Dämonen. Sie sind also im Augenblick überall. Der ganze Erdkreis ist für sie nur ein einziger Ort; was geschieht und wo es geschieht, erfahren und melden sie mit gleicher Leichtigkeit. Ihre Schnelligkeit nun hält man für Göttlichkeit, weil man ihr Wesen nicht kennt. So wollen sie mitunter auch als Urheber der Dinge erscheinen, die sie nur verkünden, und sie sind es zuweilen wirklich bei den schlechten Dingen, bei den guten jedoch niemals. Sogar die Ratschlüsse Gottes entnahmen sie früher den Propheten, die sie verkündeten, und jetzt entnehmen sie dieselben den Vorlesungen, welche sie wieder ertönen lassen. Auf diese Art und aus dieser Quelle erfahren sie manche Geschicke der Zeiten und suchen es der Gottheit gleichzutun, obwohl sie die Sehergabe nur stehlen.

Wie schlau sie aber bei den Orakeln die Zweideutigkeiten auf den etwaigen Erfolg berechnen, davon wissen Leute wie Krösus und Pyrrhus zu erzählen. Daß eine Schildkröte mit Schaffleisch zusammengekocht werde, wußte der pythische Apollo übrigens auf die oben angegebene Weise zu verkündigen – sie waren im Augenblick in Lydien gewesen. Infolge ihres Wohnens in der Luft, ihrer Nachbarschaft zu den Gestirnen und ihrer Verbindung mit den Wolken können sie sofort wissen, was sich am Himmel vorbereitet, so daß sie den Regen, den sie schon fühlen, versprechen können. Allerliebst wohltätig fürwahr sind sie in bezug auf Heilmittel der Krankheiten. Sie schädigen nämlich zuerst, darnach schreiben sie Heilmittel vor, und zwar, damit es ein Wunder sei, ungewöhnliche oder anscheinend gegenteilige, nach deren Anwendung sie aufhören zu schädigen und nun für die Heilbringer gehalten werden. Was soll ich also noch von der übrigen Schlauheit oder auch von der Macht der betrügerischen Geisterschar sprechen, wenn sie Wahrsagungen feilbietet, wenn sie Wunder wirkt, etwa von den Trugbildern der Kastoren, dem in einem Sieb getragenen Wasser, dem mittels eines Gürtels in Bewegung gesetzten Schiff, dem durch einfaches Anrühren rot gefärbten Bart? Daß Steine für Götter gehalten werden und der wahre Gott nicht gesucht wird, das haben sie bewirkt.

Die Vermutung, daß die Dämonen, deren Dasein auch die Heiden anerkennen, mit den sogenannten Göttern identisch seien, wird durch Tatsachen bestätigt. Die Macht des Namens Christi und des Exorzismus über sie.

Ferner, wenn die Zauberer Spukgesichte sehen lassen und Seelen Verstorbener herabwürdigen, wenn sie Knaben töten, damit sie Orakelsprüche gewinnen, wenn sie viele wunderbare Schaustücke durch marktschreierische Blendwerke aufführen, wenn sie sogar Träume senden, indem sie die Macht der zitierten Engel und Dämonen, durch welche es etwas Gewöhnliches gegeworden ist, daß sogar Ziegen und Tische weissagen, zu ihrer Hilfe ein- für allemal bei der Hand halten, – um wieviel mehr wird dann dieselbe Macht bestrebt sein, nach ihrem eigenen Gutdünken und zu ihrem Nutzen mit allen Kräften das zu wirken, was sie fremdem Geschäftsbetriebe zu Gebote stellt! Oder wenn die Engel und Dämonen dasselbe bewirken wie eure Götter, wo bleibt dann der Vorzug der Gottheit, die man doch schlechterdings für erhabener als jegliche andere Macht halten muß? Würde die Vorstellung, sie selbst seien es, die sich zu Göttern machen, indem sie gerade die Dinge tun, welche den Glauben an Götter hervorrufen, nicht würdiger sein, als zu glauben, daß die Götter den Engeln und Dämonen gleich seien. Nur noch die Ortsverschiedenheit, meine ich, gibt den Ausschlag dafür, daß ihr in den Tempeln die für Götter haltet, die ihr anderswo nicht Götter nennt, daß der, welcher durch die heiligen Türme fliegt, in einer ändern Art des Wahnsinns befangen scheint als der, welcher über die Dächer der Nachbarschaft springt, und das Walten einer anderen Gewalt verkündigt wird in dem, welcher sich die Zeugungsglieder oder Arme, als in dem, der sich die Kehle zerschneidet. Vergleiche nur den Verlauf des Wahnsinns bis zu Ende und die Ursache der Anstiftung ist eine und dieselbe.

Doch nun keine Worte weiter, schon trete die Sache selbst als Beweis auf, ein Verfahren, wodurch wir augenscheinlich zeigen wollen, daß beide Namen dieselbe Wesensbeschaffenheit haben. Es möge sich hier vor eurem Tribunal irgend jemand präsentieren, von dem es feststeht, daß er von einem Dämon regiert wird. Auf eines beliebigen Christen Befehl zu reden, wird jener Geist so sicher bekennen ein Dämon zu sein, was er in Wahrheit ist, wie er sich anderswo für einen Gott ausgibt, was er in Wahrheit nicht ist. Ebenso möge einer von denen vorgeführt werden, die vermeintlich unter Einwirkung eines Gottes stehen, welche, wenn sie die Altäre anhauchen, den göttlichen Geist aus dem Opferfette empfangen, welche dann durch schlucksende Bewegungen kuriert werden und unter Keuchen Weissagungen geben. Und selbst eure Jungfrau Cölestis, die Verheißerin des Regens, und ebenso euer Äskulap, der Mitteiler von Arzneien, der das Leben mit Scordium, Thanatium und Asclepiodotum erhielt und dann am ändern Tage sterben mußte, – wenn sie nicht sofort bekennen, daß sie Dämonen sind, indem sie nicht wagen, einen Christen zu belügen, so vergießet auf der Stelle das Blut dieses unverschämtesten aller Christen! Was ist einleuchtender als ein solcher tatsächlicher Vorgang, was zuverlässiger als diese Beweisführung? Die Wahrheit in ihrer Einfalt steht vor den Schranken des Gerichts, ihre Kraft steht ihr zur Seite; nicht der geringste Argwohn ist gestattet. Daß es durch Zauberei oder sonst eine Betrügerei vollbracht werde, werdet ihr nur dann sagen können, wenn eure Augen und Ohren es euch erlauben. Was aber kann man vorbringen gegen das, was in unverhüllter Ehrlichkeit sich zeigt? Wenn auf der einen Seite jene wirklich Götter sind, warum geben sie sich lügenhafter Weise für Dämonen aus? Etwa, um uns einen Gefallen zu tun? Dann wäre eure Gottheit ja schon den Christen unterworfen; was aber einem Menschen, und zwar sogar dann, wenn er etwas zu ihrer Unehre tut, also ihrem Widersacher, Untertan ist, das ist schlechterdings nicht für eine Gottheit anzusehen. Auf der ändern Seite, wenn sie aber Dämonen oder Engel sind, warum antworten sie an anderer Stelle, daß sie das Amt der Götter ausüben? So gut wie denen, welche für Götter gehalten werden, es niemals in den Sinn kommen würde, sich Dämonen zu nennen, wenn sie wirklich Götter wären, nämlich um sich nicht ihrer Hoheit zu entledigen, so wenig würden es diese, welche ihr direkt als Dämonen kennt, wagen, anderwärts als Götter aufzutreten, wenn das überhaupt Götter wären, deren Namen sie sich bedienen. Sie würden dann nicht wagen, die Majestät höherer Wesen, die sie ohne Zweifel auch zu fürchten halten, zu mißbrauchen. Also, was ihr als solche festhaltet, das ist überhaupt keine Gottheit, weil sie, wenn sie es wirklich wäre, weder von den Dämonen erheuchelt, noch beim Bekenntnis von den Göttern abgeleugnet werden könnte. Da also beide Teile in dem Bekenntnis zusammentreffen, keine Götter zu sein, so erkennet an, daß sie nur Wesen einer Art sind, nämlich Dämonen hier wie dort. Sehet euch nun nach Göttern um! Die, welche ihr dafür gehalten hattet, erkennt ihr nun als Dämonen. Durch diese unsere Tätigkeit aber und von eben diesen euren Göttern, die nicht bloß das eine verraten, daß weder sie selbst noch irgendwelche andere Wesen Götter sind, werdet ihr nun sofort auch das weitere erfahren, nämlich wer der wahre Gott sei, ob es der sei und ob der allein, den wir Christen bekennen, und ob er so zu glauben und so zu verehren sei, wie es dem Glauben und der Sittenzucht der Christen entspricht. Mögen doch auch sie uns sagen: Wer ist denn jener Christus mit seiner Fabel, wenn er nur ein gewöhnlicher Mensch, wenn er ein Zauberer war, wenn er nach seinem Tode von den Schülern aus dem Grabe gestohlen wurde, wenn er endlich jetzt in der Unterwelt ist, wenn er nicht vielmehr im Himmel ist und von dannen unter Erschütterung der ganzen Welt, unter dem Wehklagen aller, nur nicht der Christen, wiederkommen wird, als die Kraft Gottes und der Geist Gottes, als das Wort und die Vernunft Gottes, als der Sohn Gottes und alles, was Gottes ist! Alles, was ihr verlacht, das mögen doch auch jene mit euch verlachen! Mögen sie doch leugnen, daß Christus alle Seelen von Anbeginn der Zeiten an in ihren wiederhergestellten Körpern richten werde; mögen sie doch sagen, nach der einstimmigen Lehre Platos und der Dichter hätten doch ein Minos und Rhadamanthus wohl dieses Amt für ihr Tribunal erhalten! Mögen sie doch wenigstens das Brandmal ihrer Schande und Verwerfung zurückweisen; mögen sie doch in Abrede stellen, daß sie unreine Geister sind, was man doch schon aus ihrer Nahrung, dem Blut, dem Rauch, den stinkenden Brandopfern von Vieh, den ganz unsauberen Reden ihrer Propheten selbst ersehen sollte! Mögen sie doch in Abrede stellen, daß sie mit ihren sämtlichen Anbetern und Werken für denselben Gerichtstag schon zum voraus verworfen sind! Aber diese unsere volle Herrschaft und Gewalt übt ihre Macht auf sie aus bei Nennung des Namens Christi und durch Erinnerung an das, was sie von Gott durch Christus, den Richter, als bevorstehend zu gewärtigen haben. Indem sie Christum in Gott fürchten und Gott in Christo, sind sie den Dienern Gottes und Christi unterworfen. So weichen sie, infolge unseres Berührens und Anhauchens, durch Betrachtung und Vergegenwärtigung jenes Feuers bestürzt gemacht, auf unsern Befehl sogar aus den Körpern, ungern zwar und mit Schmerz und in eurer Gegenwart sich schämend. Glaubet ihnen, wenn sie in betreff ihrer die Wahrheit sagen – ihr, die ihr ihnen glaubet, wenn sie lügen! Niemand lügt zu seiner eigenen Schande, sondern vielmehr zu seiner Ehre. Der Glaube neigt sich mehr zu denen hin, welche gegen sich selbst etwas eingestehen, als zu denen, welche zu ihren Gunsten etwas leugnen. Diese Zeugnisse eurer Gotter haben die Gewohnheit an sich, Übertritte zum Christentum zu bewirken. Sehr häufig glauben wir dadurch, daß wir ihnen glauben, an Christus und durch ihn an Gott. Sie selbst zünden den Glauben an unsere heiligen Schriften an, sie selbst bauen das Vertrauen zu unserer Hoffnung auf. Ihr verehret sie ja, soviel ich weiß, sogar mit Christenblut. Sie würden daher es gewiß nicht zulassen, Leute, die ihnen so nützlich und so diensteifrig sind wie ihr, zu verlieren, schon damit sie nicht auch aus euch, eines Tages vielleicht Christen, ausgetrieben werden, wenn es ihnen gestattet wäre, unter der Macht eines Christen, der euch die Wahrheit beweisen will, zu lügen.

Da die heidnischen Götter keine Götter sind, so beschuldigt man die Christen, wenn sie dieselben nicht verehren, mit Unrecht des Atheismus; man muß ihnen vielmehr die Religionsfreiheit gewähren, deren sich im römischen Reiche die Kulte anderer Völker tatsächlich erfreuen.

Dieses ihr gesamtes Bekenntnis, wodurch sie in Abrede stellen, Götter zu sein, und andererseits aussagen, daß es außer dem einen Gott, dem wir angehören, keinen ändern mehr gibt, ist vollständig genügend, um uns von der Beschuldigung öffentlicher und schwerer Verletzung der römischen Religion zu entlasten. Denn wenn die Götter sicher nicht existieren, so hat auch ihre Religion sicher keine Existenz; hat aber ihre Religion sicher keine Existenz, weil die Götter keine haben, so sind wir auch sicher der Verletzung der Religion nicht schuldig. Im Gegenteil, auf euch wird dieser Vorwurf zurückprallen, die ihr etwas Nichtiges verehrend in Wahrheit das Verbrechen wirklicher Irreligiosität begeht, dadurch, daß ihr die Religion des wahren Gottes nicht nur verschmähet, sondern sie noch dazu bekämpfet. Aber gesetzt nun, es stände fest, daß jene Götter existierten, müßtet ihr nicht zugestehen, daß es nach allgemeiner Annahme einen gibt, der der Höhere und Mächtigere, gleichsam der Weltbeherrscher von vollkommener Majestät ist? So legen sich ja die meisten von euch die Gottheit zurecht, daß sie lehren, die Gewalt der Oberleitung stehe nur bei einem, seine Ämter aber würden durch viele verwaltet, wie z. B. Plato auch den großen Zeus im Himmel beschreibt als begleitet von einem Heere von Göttern sowohl als Dämonen. Man müsse daher auch die Verwalter, Statthalter und Vorsteher auf gleiche Weise verehren. Und doch, wie kann der ein Verbrechen begehen, welcher, um den Kaiser sich geneigt zu machen, seinen Dienst und seine Hoffnung auf ihn bezieht und auch die Benennung „Gott“, ebenso wie „Kaiser“, als keinem ändern als dem höchststehenden zukommend erklärt, da es doch für ein Hauptverbrechen gehalten wird, einen ändern als den Kaiser Kaiser zu nennen und nennen zu lassen? Mag also nun der eine immerhin Gott verehren, der andere den Jupiter; der eine seine betenden Hände zum Himmel ausstrecken, der andere zum Altar der Fides; der eine, wenn ihr das doch einmal glaubt, beim Beten die Wolken, der andere die Felder des Getäfels an der Decke zählen; der eine seinem Gott seine Seele, der andere das Leben eines Bockes weihen!

Sehet vielmehr zu, ob nicht auch das auf den Vorwurf der Gottlosigkeit hinausläuft, wenn man jemand die Freiheit der Religion nimmt und ihm die freie Wahl seiner Gottheit verbietet, so daß mir nicht freisteht, zu verehren, wen ich will, sondern ich gezwungen werde, den zu verehren, den ich nicht will. Niemand möchte wohl von jemand geehrt werden wollen, der es nicht gern tut, nicht einmal ein Mensch. Daher ist sogar den Ägyptern die Erlaubnis zu ihrem so nichtigen Aberglauben erteilt worden, Vögel und Vierfüßler für geheiligt zu erklären, und den mit dem Tode zu bestrafen, welcher etwa einen solchen Gott getötet hatte. Auch hatte jede Provinz und Stadt ihren Gott, Syrien die Atargatis, Arabien den Dusares, Noricum den Belenus, Afrika die Cälestis, Mauretanien seine kleinen Königlein. Die Länder, die ich da hergezählt habe, sind – meine ich – römische Provinzen, aber ihre Götter sind keine römischen, weil sie zu Rom nicht mehr Verehrung genießen, als die Götter, welche in Italien selbst in irgendeiner Munizipalstadt angebetet werden, z. B. der Delventinus der Einwohner von Casinum, der Visidianus von Narnia, die Ancharia von Asculum, die Nortia der Volsinier, die Valentia von Ocriculum, die Hostia von Sutrium. Die Juno der Falisker hat zur Ehre des Vaters Curis sogar einen Beinamen empfangen. Uns allein verwehrt man, unsere besondere Religion zu haben. Wir beleidigen die Römer und werden nicht für Römer gehalten, weil wir den Gott der Römer nicht verehren. Gut nur, daß Gott der Gott aller ist, dem wir alle angehören, wir mögen wollen oder nicht. Aber bei euch ist gesetzlich gestattet, alles beliebige zu verehren außer dem wahren Gott, als ob nicht dieser mehr als alles zu verehren sei, dessen Eigentum wir alle sind.

Daß die Römer die Herrschaft über den Erdkreis der eifrigen Verehrung ihrer Götter zu danken haben, ist ein Irrtum.

In betreff der wahren und falschen Gottheit glaube ich nun genug bewiesen zu haben, da ich gezeigt habe, wie die Beweisführung nicht bloß auf Erörterungen und Untersuchungen, sondern auch auf den Aussagen solcher beruht, die ihr für Götter haltet, so daß in bezug auf diesen Punkt keine weitere Behandlung mehr nötig ist. Indes, da die Autorität des römischen Namens vorzugsweise hier auftritt, so will ich dem Kampfe nicht aus dem Wege gehen, zu welchem die Annahme derer herausfordert, die da behaupten, die Römer seien dem Verdienste ihrer gewissenhaften Religionsübung entsprechend zu dieser Höhe emporgestiegen, daß sie die Herren des Erdkreises geworden sind, – und somit hätten ihre Götter bewirkt, daß die, welche ihnen vor allen ändern religiösen Dienst erweisen, auch vor allen ändern in Blüte stehen. Man denke nur, dieser Lohn ist dem römischen Namen von den Göttern als besondere Bevorzugung verliehen worden. Sterculus, Mutunus und Larentina haben das Reich gemehrt. Denn ich glaube nicht, daß ausländische Götter ein fremdes Volk mehr begünstigt haben als das eigene, noch auch, daß sie den vaterländischen Boden, wo sie geboren, herangewachsen, geadelt und begraben wurden, überseeischen Fremdlingen überliefert haben. Mag Cybele immerhin die Stadt Rom in Erinnerung an das trojanische Volk, ihr vaterländisches und gegen die Waffen der Argiver geschütztes Volk, liebgewonnen haben, wenn sie voraussah, daß sie zu ihren Rächern übertragen werde, von welchen sie wußte, daß sie die Griechen, die Besieger von Phrygien, einst unterwerfen würden! Hat sie doch deshalb in unsern Tagen einen so großartigen Beweis von ihrer nach Rom übertragenen Majestät gegeben, indem ihr Oberpriester, der hochehrwürdige Archigallus, nachdem Marc Aurel bei Sirmium dem Staate am 17. März entrissen worden war, noch am 24. desselben Monats, wo er auch seine Arme zu zerschneiden und sein unreines Blut zu opfern pflegt, für das Wohl des Kaisers Marcus die üblichen Anempfehlungen machte, obwohl er schon durch den Tod weggerafft war. Daß die Boten auch so langsam, die Berichte so verschlafen sein mußten! Durch deren Schuld erfuhr Cybele den Hintritt des Kaisers nicht früher. Wahrhaftig, eine solche Göttin würden die Christen auslachen! Aber Jupiter hätte doch nicht sofort zugelassen, daß sein Kreta durch die römischen Fasces in Schrecken gesetzt wurde, ganz vergessend der bekannten Höhle im Ida, der korybantischen Pauken und des so lieblichen Geruches seiner dortigen Amme. Würde er nicht seinen dortigen Grabhügel dem ganzen Kapitolium vorgezogen haben, damit vielmehr das Land, welches die Asche Jupiters deckte, den ersten Rang auf dem Erdkreise einnehme? Würde Juno wohl darein gewilligt haben, daß ihre punische Stadt, welche sie mit Zurücksetzung von Samos liebte, sogar durch das Volk der Äneaden zerstört würde? Soviel ich weiß, „befand sich hier ihre Waffenrüstung, hier ihr Wagen, darum strebte schon damals die Göttin darnach, daß dieses Reich Herrscherin der Völker werde, wenn es irgend das Fatum erlaube, und begünstigte es“. Diese beklagenswerte Gattin und Schwester des Jupiter, gegen das Fatum vermochte sie nichts! Freilich, „vor dem Fatum macht selbst Jupiter halt“. Und dennoch haben die Römer dem Fatum, das ihnen gegen die Bestimmung und gegen den Wunsch der Juno Karthago preisgab, noch nicht einmal soviel Ehre erwiesen, als der Larentina, dieser erzliederlichen Hure.

Von mehreren eurer Götter steht es fest, daß sie Könige gewesen sind. Wenn sie also die Macht haben, die Weltherrschaft zu verleihen, von wem haben denn sie selber, als sie regierten, diese Gunst empfangen? Wen hat denn Saturnus und Jupiter angebetet? Vermutlich einen Sterculus. Aber er findet sich mit seinem Rituale erst in späterer Zeit, in Rom. Wenn einige von ihnen keine Könige waren, so wurde doch von ändern Königen regiert, die auch noch nicht ihre Verehrer waren, weil sie noch gar nicht für Götter gehalten wurden. Es sind also andere, deren Sache es ist, die Herrschaft zu verleihen, weil schon in viel früherer Zeit regiert wurde, bevor die genannten Götter auftreten. Nach Vermehrung des Besitzes mag immerhin die Religion sich weiter entfaltet haben. Aber wie töricht ist es, die Größe des römischen Namens dem Verdienst der Religiosität beizumessen, da doch die Religion sich nach Aufrichtung des Reiches bezw. des Königreiches entfaltete. Denn wenn auch schon in Nu-mas Geist jene abergläubische peinliche Religionsordnung entstand, so hatte doch der religiöse Kult noch keine Götterbilder und Tempel. Die Gottesverehrung war dürftig, die Riten ärmlich, es gab noch keine wetteifernd zum Himmel strebende Kapitole, sondern nur improvisierte, aus Rasen errichtete Altäre und tönerne Gefäße; der Opferdampf war gering und der Gott selbst nirgends zu sehen. Denn noch hatten die griechischen und etrurischen Künstler Rom nicht überschwemmt, um Götterbilder zu verfertigen. Also waren die Römer nicht erst religiös und dann groß; folglich auch nicht deshalb groß, weil religiös.

Im Gegenteil, wie können die durch ihre Religion groß geworden sein, deren Größe aus Irreligiosität hervorging? Jedes Königreich oder jede Herrschaft wird nämlich, wenn ich mich nicht sehr irre, durch Kriege erlangt und durch Siege ausgedehnt. Nun aber bestehen Kriege und Siege meistens in der Einnahme und Zerstörung von Städten. Dieses geht aber nicht ohne Gewalttätigkeit gegen die Götter vor sich. Zerstörung von Stadtmauern und Tempeln ist nicht zu trennen, Nieder-metzlung von Bürgern und Priestern ist beisammen, Raub von heiligen und profanen Schätzen geht Hand in Hand. Die Zahl der Sakrilegien der Römer ist also gerade so groß, als die ihrer Trophäen, ihre Triumphe über Götter so zahlreich, als ihre Triumphe über Völker; der Beutestücke sind so viele als Bilder der gefangen genommenen Götter vorhanden sind. Einerseits ertragen diese es, daß sie von ihren Feinden angebetet werden, andererseits dekretieren sie für die, denen sie eher Unbilden als Huldigungen zu vergelten hätten, eine Herrschaft ohne Ende! Freilich, Wesen, welche nichts fühlen, verletzt man ebenso ungestraft, als man sie nutzlos verehrt. Sicherlich kann die Annahme doch nicht zu Recht bestehen, daß die um ihrer Religiosität willen zur Größe gelangt seien, welche, wie wir gezeigt haben, entweder durch Verletzung der Religion gewachsen sind, oder sie durch ihr Anwachsen verletzt haben. Auch die, deren Länder zum römischen Gesamtstaate verschmolzen worden sind, waren, als sie dieselben verloren, nicht ohne Religion.

Der wahre Gott allein verleiht die Weltherrschaft nach seinem Wohlgefallen, wem er will.

Schauet also zu, ob nicht jener, dem sowohl der Erdkreis, der regiert wird, zugehört, als auch die Menschen, welche ihn regieren, es sei, der die Reiche verteilt, ob nicht jener, der vor aller Zeit gewesen ist und der den Weltlauf gleichsam zum Körper der Zeiten gemacht hat, den Wechsel der herrschenden Reiche nach Zeitperioden im Weltlauf bestimmt hat, ob nicht etwa jener, unter welchem eine Zeitlang das Menschengeschlecht ohne Staatenbildung lebte, es ist, der die Staaten erhöht und erniedrigt. Was geht ihr noch in der Irre? Rom, das waldumgebene, existierte eher als einige seiner Götter, und herrschte schon, bevor es das so große, vielumfassende Kapitol erbaute. Auch haben die Babylonier die Weltherrschaft besessen, bevor es römische Priester, die Meder, bevor es Quindecimvirn, die Ägypter, bevor es Salier, die Assyrier, bevor es Luperci, und die Amazonen, bevor es vestalische Jungfrauen gab. Schließlich, wenn die römischen Götterverehrungen es sind, welche die Reiche verleihen, dann würde in früherer Zeit Judäa, die Verächterin aller dieser gemeinschaftlichen Gottheiten, niemals ein Reich besessen haben. Und doch habt ihr Römer seinen Gott einmal durch Opfer, seinen Tempel durch Geschenke, und das Volk durch Bündnisse geehrt, und ihr wäret niemals Herren über Judäa geworden, wenn es nicht zuletzt gegen Christus gefrevelt hätte.

Wenn die Christen sich dem Ansinnen der Heiden, den Göttern zu opfern, nicht fügen, so ist das kein bloßer Eigensinn. Denn diese Opfer beziehen sich in letzter Instanz immer auf die bösen Dämonen.

Das Gesagte genügt wider die Anklage auf Frevel gegen die Religion und gegen die Gottheit; auf daß wir nicht als Frevler gegen dieselbe angesehen werden können, haben wir gezeigt, daß sie nicht existiert. Zum Opfern vorgefordert, stemmen wir uns also dagegen, entsprechend der Festigkeit unserer Überzeugung, in der wir Sicherheit darüber haben, auf wen sich jener Dienst unter schändlichem Mißbrauch der Bilder und unter der Apotheose menschlicher Namen bezieht. Allein manche halten dies für Wahnsinn; wir gäben unserem Eigensinn den Vorzug vor der Erhaltung des Lebens, da es ja in unserer Macht stehe, für den Augenblick zu opfern und mit heiler Haut wegzukommen, wobei im Geiste der Vorsatz bestehen bleibe. Fürwahr, ihr gebt uns einen Rat, wodurch wir mit euch ein Spiel treiben würden. Aber wir durchschauen es, von woher solche Eingebungen kommen, wer das alles betreibt, und wie einmal verschmitztes Zureden, dann wieder die grausamste Härte tätig sind, um unsere Festigkeit zu erschüttern. Jener Geist nämlich von dämonischer und engelhafter Ausrüstung, der wegen seines Abfalles unser Feind und wegen der Gnade Gottes unser Neider ist, kämpft gegen uns von eurem Innern aus, welches er durch versteckte Einflüsterung umstimmt und zu jenem gesetzlosen Gerichtsverfahren und jener ungerechten und grausamen Verfolgung antreibt, wovon wir anfangs geredet haben. Denn, mag uns auch die ganze Menge der Dämonen und derartiger Geister unterworfen sein, so gesellt sich doch bei ihnen wie bei nichtsnutzigen Sklaven nicht selten zur Furcht der Trotz, und sie brennen vor Verlangen, diejenigen verletzen zu können, welche sie sonst fürchten. Denn auch die Furcht flößt Haß ein. Außerdem hält es auch ihre, infolge der vorausgegangenen Verwerfung verzweifelte Lage für einen Trost, in der Zwischenzeit infolge des Aufschubs ihrer Strafe ihrer Bosheit fröhnen zu können. Dennoch werden sie, wenn ergriffen, sogleich überwunden, sie fügen sich in ihre Lage und sind unterwürfig und flehen in der Nähe diejenigen an, welche sie von weitem bekämpfen. Nach Art derjenigen, welche ihre Zwangsarbeit, ihre Kerkerstrafe oder ihre Verurteilung zu den Bergwerken mit Unwillen ertragen und sich gegen sie auflehnen, bricht also auch diese zur Sklaverei verurteilte Sippe aus und kämpft gegen uns, in deren Gewalt sie sich befindet. Wir aber, die wir sicher sind, daß sie schon verloren sind und wegen dieses Kampfes gegen uns noch tiefer verdammt werden, widerstehen ihnen nur ungern als solche, die ihnen gewachsen sind, wir schlagen sie zurück dadurch, daß wir in dem beharren, was sie bekämpfen, und wir triumphieren niemals glänzender über sie, als wenn wir für die Standhaftigkeit im Glauben verurteilt werden.

Selbst in dem Falle, daß nur verlangt wird, für das Wohlergehen des Kaisers den Göttern zu opfern, darf man es nicht.

Weil es aber leicht als Ruchlosigkeit erscheinen würde, freie Leute wider ihren Willen zum Opfern zu zwingen – denn es wird sonst für Begehung einer gottesdienstlichen Handlung eine bereitwillige Stimmung anbefohlen -, weil es sicher als Widersinn erachtet würde, wenn jemand von einem ändern gezwungen würde, die Götter zu ehren, da er sie ja in seinem eigenen Interesse von freien Stücken ehren müßte, und damit das Recht der Freiheit nicht zu Gebote stehe, kraft dessen man sagen darf: „Jupiter braucht mir nicht gnädig zu sein! – wer bist du denn? – mag mir Janus im Zorne begegnen, mit welchem Gesichte er Lust hat! – was habe ich mit dir zu schaffen?“ seid ihr von denselben Geistern natürlich angeleitet worden, uns zu zwingen, für die Wohlfahrt der Kaiser zu opfern, und es ist euch ebensowohl die Notwendigkeit, uns zu zwingen, auferlegt, als uns die Verpflichtung, unser Leben der Gefahr auszusetzen. Wir sind also beim zweiten Anklagepunkt angekommen, dem der Verletzung einer noch höheren Majestät, da ihr ja dem Kaiser mit größerer Furcht und erfinderischerer Ängstlichkeit dient, als dem olympischen Jupiter selbst. Und mit Recht, wenn ihr gescheit seid. Denn welcher Lebende, wer es auch sei, ist nicht mächtiger als jedweder Toter? Aber auch das tut ihr nicht sowohl aus Vernunftgründen, als vielmehr aus Rücksicht auf die sieht- und fühlbare Macht. Ihr zeigt euch also auch darin irreligiös gegen eure Götter, daß ihr einem menschlichen Herrscher größere Ehrfurcht zollt. Infolge dessen wird bei euch leichter bei allen Göttern zusammen ein Meineid geschworen, als bei dem Genius des Kaisers allein.

Die vermeintlichen Götter sind nicht imstande, den Kaisern etwas zu nützen; sie sind ganz ohnmächtig.

Es möge also erst festgesetellt werden, ob die, denen man opfert, dem Kaiser oder irgendeinem beliebigen Menschen Heil und Wohlergehen zu verschaffen imstande sind; und dann erklärt uns der Majestätsbeleidigung schuldig, wenn Engel oder Dämonen, ihrer Substanz nach böse Geister, irgend etwas Wohltätiges bewirken, wenn Verworfene Erhaltung, wenn Verurteilte Befreiung, wenn endlich Tote, und ihr wißt ja wohl, daß sie das sind, Lebenden Schutz gewähren. Sicher würden sie vorerst ihre Statuen, Bilder und Tempel schützen, welche, meine ich, nur durch die Wachtposten der kaiserlichen Soldaten unversehrt bewahrt werden. Ich glaube aber, daß selbst das Material dazu erst aus den Bergwerken der Kaiser kommt und die Tempel alle nur durch die Zustimmung der Kaiser bestehen. Viele Götter endlich haben sich den Zorn des Kaisers zugezogen. Besitzen sie aber seine Gewogenheit, so stimmt das ebenso zu unserer Behauptung, indem er es ist, der ihnen eine Schenkung oder ein Privilegium erteilt. Wie können mithin Wesen, welche in der Gewalt des Kaisers sind und ihm gänzlich angehören, über die Wohlfahrt des Kaisers Macht haben, und imstande sein, sie ihm zu verleihen, während sie selbst eher die ihrige vom Kaiser erlangen. Deshalb also begehen wir ein Verbrechen gegen die kaiserliche Majestät, weil wir sie nicht von ihrem Eigentum abhängig sein lassen, weil wir mit der pflichtmäßigen Sorge für ihre Wohlfahrt kein Spiel treiben, da wir nicht glauben, sie sei in Hände gelegt, die mit Blei verlötet sindl Ihr dagegen seid religiös, ihr, die ihr diese Wohlfahrt da suchet, wo sie nicht ist, sie von denen erbittet, die sie nicht verleihen können, denjenigen übergehet, der sie wirklich in seiner Hand hat, und überdies noch diejenigen niederkämpft, welche um dieselbe zu bitten verstehen und sie auch erlangen können, eben weil sie zu bitten verstehen!

Die Weigerung, für das Wohl der Kaiser den Göttern zu opfern, kann keine Majestätsbeleidigung sein; denn die Christen beten statt dessen für die Kaiser zum wahren Gott.

Wir rufen nämlich für die Wohlfahrt der Kaiser den ewigen Gott an, den wahren Gott, den lebendigen Gott, dessen Geneigtheit die Kaiser selber mehr wollen, als die der übrigen Götter. Sie wissen wohl, wer ihnen das Kaisertum, sie wissen, da sie Menschen sind, auch, wer ihnen ihr Leben verliehen habe, sie sind sich bewußt, daß jener der alleinige Gott ist, in dessen alleiniger Gewalt sie sich befinden, von welchem an gerechnet sie die zweiten, nach welchem sie aber die ersten sind, vor allen und über allen sogenannten Göttern. Warum auch nicht, da sie über allen Menschen stehen, die als Lebende jedenfalls über den Toten stehen? Sie erwägen, wie weit die Macht ihrer Kaiserwürde reiche, und so erkennen sie Gott; sie sehen ein, daß sie durch den, gegen den sie nichts vermögen, stark sind. Möge der Kaiser z. B. einmal den Himmel bekriegen, den Himmel gefangen in seinem Triumphe einherführen, gegen den Himmel Vorposten aussenden, dem Himmel Tribut auferlegen! Er kann es nicht. Deshalb ist er eben groß, weil er geringer ist als der Himmel; er gehört nämlich mit seiner Person selbst jenem an, dem auch der Himmel und jede Kreatur angehört. Durch den ist er Kaiser, durch den er Mensch ist, bevor er Kaiser war; von daher hat er seine Macht, von woher er seinen Lebensodem hat. Dort hinauf blicken wir Christen und beten, die Hände aufgehoben, weil sie unschuldig sind, das Haupt entblößt, weil wir nicht zu erröten brauchen, und ohne Vorbeter, weil aus dem Herzen. Wir beten allezeit für alle Kaiser um ein langes Leben, um eine ungestörte Herrschaft, um die Sicherheit ihres Hauses, um tapfere Heere, einen treuen Senat, ein rechtschaffenes Volk, um die Ruhe des Erdkreises und welche Wünsche sie immer als Mensch und als Kaiser haben mögen. Ich bin nicht imstande, um diese Dinge irgendeinen ändern zu bitten als den, von welchem ich es zu erlangen überzeugt bin, weil er es selbst ist, der allein sie verleiht, und ich es bin, dem Erhörung gebührt, ich, sein Knecht, der allein ihm dient, der für seine Lehre in den Tod geht, der ihm ein fettes und besseres Schlachtopfer darbringt, das er selbst darzubringen befohlen hat, nämlich Gebet, das von einem keuschen Leibe, einem unschuldigen Herzen und einem heiligen Geiste ausgeht, nicht aber Weihrauchkörner von einem As, Tränen eines Baumes in Arabien, auch nicht zwei Tropfen Wein oder das Blut eines auszähligen, lebensmüden Ochsen, und dazu noch nach all diesen Unsauberkeiten ein besudeltes Gewissen, so daß ich mich verwundert fragen muß, warum da bei euch die Opfertiere durch höchst lasterhafte Priester besichtigt werden, das Innere der Opfertiere untersucht wird, und nicht vielmehr das der Opfernden selbst. So also, die Hände zu Gott ausgebreitet, mögen wir durch die eisernen Krallen zerfurcht, an die Kreuze erhöht werden, mag das Feuer an uns emporzüngeln, mögen Schwerter uns den Hals durchhauen, die Bestien uns anfallen, – gerüstet ist zu jeder Todesqual der betende Christ schon in seiner Haltung. Frisch voran, ihr wackeren Präsidenten! Presset die für den Kaiser zu Gott betende Seele aus ihrem Leibe! Da wird das Verbrechen wohnen, wo die Wahrheit Gottes thront und die Treue gegen ihn!

Dieses wird den Christen schon in ihren hl. Schriften befohlen.

Nun haben wir dem Kaiser geschmeichelt, und die genannten Wünsche sind erlogen, um uns der Gewalt zu entziehen! Allein dieser angebliche Betrug kommt uns zu statten, denn ihr laßt uns nun zum Beweise alles dessen zu, was wir behaupten. Wenn du also etwa glaubst, es liege uns nichts an der Wohlfahrt des Kaisers, so tue einen Blick in die Aussprache Gottes, in unsere Schriften, womit wir selbst einerseits nicht zurückhalten und welche andererseits der Zufall sehr oft in fremde Hände spielt. Wisset, daß uns darin, damit unsere Güte überfließe, die Vorschrift gegeben wird, auch für unsere Feinde Gott zu bitten und für unsere Verfolger Gutes zu erflehen. Welche sind nun ärgere Feinde und Verfolger der Christen als die, um derentwillen wir als Majestätsverbrecher belangt werden? Aber auch mit Nennung des Namens und ganz ausdrücklich heißt es: „Betet für die Konige, Fürsten und Gewalten, damit ihr in allem Ruhe habt“. Denn wenn das Reich erschüttert wird, so werden mit Erschütterung seiner übrigen Glieder natürlicherweise auch wir, obwohl wir uns von der Menge fernhalten, an irgendeinem Flecke von Unglück getroffen.

Die Christen wünschen den Bestand des römischen Reiches und schwören beim Wohlergehen des Kaisers.

Es gibt für uns auch eine andere, noch größere Nötigung, für die Kaiser, ja, sogar für den Bestand des Reiches überhaupt und den römischen Staat zu beten. Wir wissen nämlich, daß die dem ganzen Erdkreis bevorstehende gewaltsame Erschütterung und das mit schrecklichen Trübsalen drohende Ende der Zeiten nur durch die dem römischen Reiche eingeräumte Frist aufgehalten wird. Daher wünschen wir es nicht zu erleben und, indem wir um Aufschub dieser Dinge beten, befördern wir die Fortdauer Roms. So auch schwören wir nicht beim Genius der Kaiser, wohl aber bei ihrem Wohlergehen, welches erhabener ist als alle Genien. Wißt ihr nicht, daß die Genien Dämonen genannt werden und in der Diminutivform Dämonia? Wir verehren in den Kaisern die Entscheidung Gottes, der sie über die Völker gesetzt hat. Wir wissen, daß sie das sind und das besitzen, was Gott will; deshalb wünschen wir auch, daß wohlbehalten sei, was Gott will, und dies gilt uns als ein großer Eidschwur. Die Dämonen aber, d. i. die Genien, sind wir gewohnt zu beschwören, um sie aus den Menschen auszutreiben, aber nicht bei ihnen zu schwören in der Art, daß wir ihnen göttliche Ehre beilegten.

Wenn sie den Kaiser nicht als ein götttliches Wesen ansehen und ihn nicht „Gott“ titulieren, so achten und lieben sie ihn darum doch, und gerade erst in der rechten Weise.

Indessen, was soll ich noch länger über die Ehrfurcht und Pietät der Christen gegen den Kaiser reden, den wir mit Notwendigkeit hochachten müssen, als einen, den unser Gott auserwählt hat, weshalb ich mit Recht sagen könnte: Als von unserem Gott eingesetzt, gehört der Kaiser mit größerem Recht uns. Und da er so mein Kaiser ist, so trage ich mehr zu seiner Wohlfahrt bei, nicht nur dadurch, daß ich sie von dem erflehe, der sie wirklich verleihen kann, und bei meinem Flehen solche Eigenschaften habe, daß ich der Erhörung würdig bin, sondern auch dadurch, daß ich die Majestät des Kaisers in das Verhältnis der Unterordnung zu Gott setze und ihn so angelegentlicher dem Gott empfehle, dem allein ich ihn unterworfen sein lasse; ich lasse ihn aber dem unterworfen sein, dem ich ihn nicht gleich stelle. Ich nenne den Kaiser nicht Gott, einerseits, weil ich nicht zu lügen verstehe, andererseits, weil ich ihn nicht zu verspotten wage und er auch selbst nicht einmal Gott genannt sein will. Wenn er ein Mensch ist, so ist es ihm als Menschen nützlich, Gott den Vorrang zu überlassen. Er möge sich genügen lassen, Kaiser tituliert zu werden; erhaben ist auch dieser Titel, welcher von Gott erteilt wird. Es negiert eigentlich den Kaiser, wer ihn Gott nennt. Wenn derselbe nicht Mensch ist, so ist er auch gar nicht Kaiser. Daß er Mensch sei, daran wird er auch beim Triumph auf seiner hohen Prachtkarosse gemahnt. Denn es wird ihm von hinten zugerufen: „Blicke hinter dich, bleibe eingedenk, daß du Mensch bist!“ Und sicherlich ist es ihm eine um so größere Freude, in solchem Ruhme zu strahlen, daß ihm eine Erinnerung an seinen eigentlichen Zustand notwendig wird. Geringer wäre er, wenn er alsdann Gott genannt würde, weil er nicht mit Recht so genannt würde. Größer ist der, welcher von seiner Höhe herabgerufen wird, damit er sich nicht Gott zu sein dünke.

Fortsetzung.

Augustus, der Schöpfer der Kaiserwürde, wollte nicht einmal „Herr“ genannt werden. Das ist nämlich auch ein Beiname Gottes. Ich werde allerdings den Kaiser Herr nennen, aber nicht, wenn ich gezwungen werde, ihn an Gottes Stelle Herr zu nennen. Übrigens bin ich ihm gegenüber ein Freier. Denn mein Herr ist nur“ einer, der allmächtige und ewige Gott, derselbe, der auch der seinige ist. Und wer der Vater des Vaterlandes ist, wie kann der Herr sein? Aber auch wohltuender ist der das Kindesverhältnis bezeichnende Titel als der vom Machtverhältnis hergenommene; auch die Häupter der Familien nennt man lieber Väter als Herren. Um so weniger darf der Kaiser Gott genannt werden in einer Schmeichelei, die ihm nicht bloß schweren Schimpf antut, sondern auch Unheil wünscht, was man doch nicht als beabsichtigt annehmen kann. Wenn man schon einen Kaiser hätte und trotzdem noch jemand anders so titulieren wollte, würde man da nicht dem, den man schon hat, eine sehr große, nicht wieder gut zu machende Beleidigung zufügen, die auch dem so Titulierten Besorgnis verursachen müßte? Diene also mit religiöser Ehrfurcht Gott, wenn du willst, daß Gott dem Kaiser gnädig sei. Höre auf, an einen ändern Gott zu glauben, und auf diese Weise den Gott zu nennen, der Gott nötig hat. Wenn diese Art Schmeichelei, die einen Menschen als Gott anredet, nicht über ihre innere Unwahrheit errötet, so möge sie wenigstens in Furcht sein wegen des zugewünschten Unheils. Es ist eine Verwünschung, den Kaiser vor seiner Apotheose Gott zu nennen.

Auffallender Eifer, den Kaisern solche sinnlose und schädliche Ehrenbezeigungen zu erweisen, ist noch nicht einmal ein sicherer Beweis treuer und loyaler Gesinnung.

Die Christen gelten also deshalb für Feinde des Staates, weil sie den Kaisern keine sinnlosen, lügenhaften und vermessenen Ehrenbezeugungen zollen, weil sie als Anhänger der wahren Religion auch die Festlichkeiten der Kaiser mehr im Herzen als durch Ausgelassenheit feiern. Fürwahr, ein großer Ehrendienst ist es, Räucherpfannen und gepolsterte Pfühle auf die Straßen herauszutragen, gassenweise zu schmausen, die ganze Stadt in eine Garküche zu verwandeln, den Straßendreck nach Wein duften zu lassen, in hellen Haufen herumzulaufen zu Schabernack, Schamlosigkeit und schändlicher Unzucht! So also wird der allgemeinen Freude Ausdruck gegeben durch eine allgemeine Entwürdigung! Solche Dinge ordnen sie für die Festtage der Fürsten an, die sich für die ändern Tage nicht geziemen! Leute, welche Zucht und Ordnung aus Rücksicht auf den Kaiser beobachten, übertreten sie zu Ehren des Kaisers! Unsittliche Zügellosigkeit wird also als Pietät gegen ihn, Gelegenheit zur Ausschweifung als religiöse Ehrfurcht ausgegeben werden! O, wir sind mit Recht zu verdammen! Warum begehen wir auch den Tag der feierlichen Gelübde und der kaiserlichen Festfreude durch Keuschheit, Mäßigkeit und Rechtschaffenheit?! Warum behängen wir auch an dem Freudentage unsere Türpfosten nicht mit Lorbeerkränzen und trüben nicht das Tageslicht durch Lampen?! Seinem Hause, wenn eine öffentliche Festfreude es verlangt, den Aufputz eines neueröffneten Hurenhauses zu geben, das gilt als anständig.

Doch auch in betreff dieser Verehrung, der zweiten Majestät – hinsichtlich deren wir Christen des zweiten Religionsverbrechens angeklagt werden, weil wir die Feste der Kaiser nicht mit euch auf eine Weise feiern, wie Sittsamkeit, Ehrbarkeit und Schamhaftigkeit sie einmal nicht zu feiern verstatten, wozu mehr die dabei gebotene Gelegenheit zur Wollust als irgendein ehrbarer Grund antreibt – auch in dieser Hinsicht habe ich Lust, eure Treue und eure Wahrhaftigkeit zu beleuchten, ob nicht etwa auch in bezug auf diesen Punkt diejenigen, welche wollen, daß wir nicht als Römer, sondern als Feinde der römischen Herrscher gelten sollen, schlechter befunden werden als die Christen. Die Qui-riten selbst, die eingeborene Bevölkerung selbst der sieben Hügel, klage ich an, ob die Zunge der Römer irgendeinen ihrer Kaiser schone? Zeugen dafür sind der Tiber und die Schulen der wilden Tiere. Wenn nun gar die Natur die menschliche Brust, um sie durchsichtig zu machen, mit durchsichtigem Material umgeben hätte, in wessen Herzen würde dann nicht eingegraben erscheinen ein neuer und wieder ein neuer Kaiser, wie er mit Pomp bei der Austeilung der Spenden auf seinem Sitze thront, sogar in jener Stunde, wo man ihm zuruft: „Jupiter, nehme von unsern Jahren und vermehre die deinigen!“ Zu solchen Zurufen versteht der Christ sich so wenig, als einen neuen Kaiser zu wünschen. Aber es ist ja nur das gemeine Volk, entgegnet man. – Freilich, das gemeine Volk, aber doch sind es Römer; und es gibt auch keine ärgeren Schreier gegen die Christen als das gemeine Volk. Jawohl, die übrigen Stände sind ihrem Ansehen entsprechend voll Loyalität und Treue; nichts Feindseliges geht vom Senate, vom Ritterstande, vom Militär oder gar vom Palaste selbst aus! – Woher kommen denn Leute wie Cassius, Niger und Albinus? Woher die Leute, welche zwischen den zwei Lorbeerbäumen dem Kaiser nachstellen? Woher die, welche die Kunst des Ringens ausüben, um ihm die Kehle zuzuschnüren? Woher die, welche, noch verwegener wie alle Sigerius und Parthenius, bewaffnet in den Palast einbrechen? Aus den Römern natürlicherweise, d. h. aus den Nichtchristen. Und so pflegten alle Genannten bis zu dem Augenblick, wo ihre Frevelhaftig-keit hervorbrach, für das Wohl des Kaisers zu opfern, bei seinem Genius zu schwören, die einen öffentlich, die ändern für sich, gleichzeitig gaben sie natürlich den Christen den Namen: Feinde des Staates. Aber auch die, welche noch jetzt täglich entlarvt werden als Genossen und Begünstiger der verbrecherischen Parteien, gleichsam als die noch übrige Nachlese nach einer ganzen Ernte von Hochverrätern, wie pflegten sie nicht ihre Türpfosten mit den frischesten und dichtesten Lorbeerzweigen zu versehen, wie die Vorhöfe mit hoch angebrachten und hell leuchtenden Lampen förmlich zu verräuchern, wie den Raum des Forums für die herrlich geschmückten und prachtvollen Polster unter sich zu verteilen?! Das taten sie nicht, um die allgemeine Freude mitzufeiern, sondern um bereits ihre eigenen Wünsche bei der Festlichkeit eines ändern auszusprechen, und um ein Modell und ein Abbild des Gegenstandes ihrer eigenen Hoffnung zu inaugurieren, indem sie in ihrem Herzen den Namen des Kaisers vertauschten. Eben dieselben Ehrendienste werden auch von denen geleistet, welche Astrologen, Opferbeschauer und Auguren in betreff des Lebens der Kaiser befragen, Künste, welche die Christen, weil sie von den abtrünnigen Engeln bekannt gegeben, von Gott aber verboten sind, nicht einmal in ihren persönlichen Angelegenheiten zur Anwendung bringen. Wer aber kommt denn sonst in die Lage, über die Wohlfahrt des Kaisers Nachforschungen anstellen zu müssen, als nur, wer etwas gegen ihn’im Schilde führt und dergleichen Wünsche hegt, oder wer nach dessen Tode etwas hofft und erwartet? Denn nicht mit derselben Gesinnung stellt man Fragen in betreff seiner Herren, wie hinsichtlich seiner eigenen Lieben. Anders beflissen ist die Besorgnis beim Verhältnis der Blutsverwandtschaft, anders beim Verhältnis der Knechtschaft.

Auch ist die Pflicht der Nächstenliebe für den Christen eine allgemeine, von der niemand auszuschließen ist, am wenigsten der Kaiser.

Wenn das sich so verhält und Leute als Feinde erfunden werden, welche beständig den Namen Römer führen, warum versagt man uns, die wir als Feinde gelten, den Namen Römer? Wir können nicht Nicht-Römer sein, wenn wir Feinde sind, da die als Feinde erfunden werden, die für Römer gehalten wurden. Also besteht die den Kaisern schuldige Liebe, Ehrfurcht und Treue nicht in derartigen Erweisungen, die auch ein feindseliger Sinn verrichten kann, eher noch zum Deckmantel für sich, sondern sie besteht in einem Betragen, wie es die dem göttlichen Befehl Gehorchenden ebenso aufrichtig als gegen alle an den Tag legen müssen. Wir sind nämlich nicht bloß den Kaisern allein solche Erweise einer guten Gesinnung schuldig. Nichts Gutes verrichten wir unter Bevorzugung bestimmter Personen, weil wir es ja eigentlich uns erweisen, da wir nicht von Menschen eine Bezahlung durch Lob oder Lohn begehren, sondern von Gott, der eine Güte fordert und vergilt, die keinen Unterschied macht. Seinetwegen sind wir dieselben gegenüber den Kaisern wie gegenüber unseren Nachbarn. Denn Übles zu wünschen, Übles zu tun, Schlechtes zu reden und Schlechtes zu denken ist uns in gleicher Weise jedem gegenüber verboten. Was gegen den Kaiser nicht erlaubt ist, das ist es auch gegen keinen ändern; was gegen keinen ändern erlaubt ist, das äst es vielleicht gerade darum noch weniger gegen den Kaiser, der durch Gott eine so hohe Person ist.

Ein Beweis der Treue der Christen ist es, daß sie, obwohl eine so zahlreiche Partei, doch nicht gegen ihre Unterdrücker die Waffen ergreifen oder in Masse auswandern.

Wenn uns, wie eben gesagt, die Feinde zu lieben befohlen ist, wen gibt es da noch, den wir hassen könnten? Ebenso, wenn wir Beleidigungen nicht mit Gleichem vergelten dürfen, um nicht faktisch dasselbe zu tun, wen können wir denn da überhaupt beleidigen? Befragt darüber nur euch selber! Wie oft wütet ihr gegen die Christen, teils aus eigenem Antriebe, teils infolge der bestehenden Gesetze! Wie oft auch fällt uns mit Übergehung eurer Person der feindselige Pöbel auf eigene Faust mit Steinwürfen und Brandlegung an! In der Raserei bei den Bacchanalien schont man nicht einmal der verstorbenen Christen, man reißt sie aus der Ruhe des Grabes, aus dem Asyle des Todes heraus, obwohl sie schon verändert, obwohl sie nicht mehr ganz sind, zerschneidet, zerstückelt sie. Welche Kränkung habt ihr jemals von Leuten erfahren, die so eng miteinander verbunden sind, welche Wiedervergeltung für das erlittene Unrecht habt ihr erlebt von Leuten, die von solchem Mute, einem Mute bis in den Tod beseelt sind, während doch eine einzige Nacht und ein paar armselige Fackeln schon genügen würden, um reichliche Rache zu üben, wenn es bei uns erlaubt wäre, Böses mit Bösem zu vergelten?! Doch fern sei es von uns, daß unsere, Gott angehörige Genossenschaft durch irdisches Feuer sich räche, oder auch nur ungern das leide, wodurch sie bewährt wird. Sogar dann, wenn wir nicht bloß die heimlichen Rächer, sondern die offenen Staatsfeinde spielen wollten, würde uns dann etwa die nötige Zahl von Regimentern und Hilfstruppen fehlen? Fürwahr, die Mauren, Markomannen und auch sie, die Parther, oder andere, wenn auch noch so ansehnliche, aber doch nur auf einen einzigen Raum und auf ihre Landesgrenzen beschränkte Völker, sind sie zahlreicher als das Weltvolk? Von gestern erst sind wir, und doch haben wir schon den Erdkreis und all das eurige erfüllt, die Städte, Inseln, Kastelle, Munizipalstädte, Ratsversammlungen, sogar die Heerlager, Zünfte, Dekurien, den Palast, den Senat und das Forum; wir haben euch nur die Tempel gelassen. Gibt es einen Krieg, für welchen wir, wenn auch ungleich in bezug auf militärische Macht, nicht bereit wären, wir, die wir uns so gern töten lassen, wenn es nicht bei dieser unserer Lehre eher erlaubt wäre, sich töten zu lassen, als selbst zu töten? Wir wären imstande gewesen, auch ohne Waffen, auch ohne Aufstand, als bloße Unzufriedene schon durch Haß und Absonderung gegen euch zu kämpfen. Denn, wenn wir – eine solche Anzahl von Menschen – uns von euch losgerissen und nach irgendeinem abgelegenen Winkel des Erdkreises begeben hätten, so hätte eure ganze Regierung vor Scham erblassen müssen; bei dem Stillstande des Verkehrs und dem unheimlichen Anblick des gleichsam ausgestorbenen Erdkreises hättet ihr euch nach Leuten umsehen müssen, über welche ihr befehlen könntet. Es wären auch mehr Feinde als Bürger zurückgeblieben. Jetzt nämlich ist die Zahl der Feinde, die ihr habt, geringer als die Zahl der Bürger, wegen der Menge der Christen, die fast die Gesamtzahl der loyalen Bürger ausmachen. Und indem ihr in den Christen beinahe alle Bürger für Feinde haltet, wolltet ihr sie doch lieber Feinde des menschlichen Geschlechts nennen, als Feinde der menschlichen Irrtümer. Aber wer würde euch dann jenen verborgenen, euch die geistige und körperliche Gesundheit beständig verwüstenden Feinden entreißen, ich meine, den Angriffen der Dämonen, welche wir von euch ohne Belohnung, ohne Bezahlung vertreiben? Es wäre schon eine hinreichende Rache für uns gewesen, daß ihr von da an den unreinen Geistern wie ein freiliegender Besitz offen gestanden hättet. Ihr habt es aber vorgezogen, anstatt auf eine angemessene Belohnung für solchen Schutz Bedacht zu nehmen, eine Menschenklasse, die euch nicht nur nicht lästig, sondern sogar unentbehrlich ist, für Feinde anzusehen, was wir fürwahr sind – aber nicht des menschlichen Geschlechts, sondern vielmehr des menschlichen Irrtums.

Daß man den Christenbund unter die staatlich unerlaubten Faktionen rechnet, ist nicht motiviert.

Demgemäß hätte man auch nicht in etwas milderer Beurteilung diese Genossenschaft zu den unerlaubten Verbindungen rechnen sollen, welche nichts von jenen Dingen begeht, hinsichtlich deren man durch das Verbot von Verbindungen Vorsorge trifft. Denn, wenn ich nicht sehr irre, so beruht die Ursache des Verbots der Parteiverbindungen in der Fürsorge für die öffentliche Loyalität, damit nicht die Bürgerschaft in Parteiungen zerrissen werde, insofern sie leicht die Komitien, die berufenen Versammlungen, die Kurien, die Volksversammlungen und sogar die Schauspiele durch den Kampf eifersüchtiger Bestrebungen beunruhigen könnten, zumal wenn sie schon die feilen und käuflichen Leistungen ihrer Gewalttätigkeiten als einen Erwerbszweig zu betrachten begonnen haben. Wir hingegen, die wir von dem Feuer der Ruhm- und Ehrsucht durchaus nichts empfinden, wir haben auch kein Bedürfnis einer Parteistiftung, und es ist uns nichts fremder als die Politik. Wir erkennen nur ein einziges Gemeinwesen für alle an, die Welt. Und sogar euren Schauspielen entsagen wir in demselben Maße, wie den Ursprüngen derselben, welche wir aus dem Aberglauben entnommen wissen, da wir auch den Dingen ganz fern stehen, wodurch sie sich vollziehen. Unsere Zunge, unser Auge, unser Ohr hat keine Beziehung zum Wahnsinn des Zirkus, zur Schamlosigkeit des Theaters, zu den Gräßlichkeiten der Arena, zu den Eitelkeiten der Fechthalle. War es doch auch den Epikuräern erlaubt, eine andere Lehre darüber aufzustellen, worin die wahre Lust bestehe, nämlich in der Ruhe des Gemütes. Wodurch denn in aller Welt beleidigen wir euch, wenn wir uns andere Vergnügungen auswählen? Wenn wir zuletzt nicht amüsiert sein wollen, so ist der etwaige Schaden unser, nicht euer. Aber wir strafen das, woran ihr Gefallen findet, mit Verachtung! – Ihr findet ja auch an dem unserigen keinen Gefallen.

Näherer Nachweis dessen aus den Zusammenkünften, Gottesdiensten, Einrichtungen und der Organisation der christlichen Genossenschaft.

Ich selbst will nunmehr die Zwecke der christlichen Verbindung darlegen; um zurückzuweisen, daß sie schlecht seien, werde ich zeigen, daß sie gut sind, schon wenn ich die Wahrheit über sie offenkundig mache. Wir bilden eine Korporation durch unsere religiöse Überzeugung, durch eine göttliche Sittenzucht und durch das Band einer gemeinschaftlichen Hoffnung. Wir treten zu einem Bunde zusammen und halten gemeinschaftliche Versammlungen ab, um, gleichsam ein Heer bildend, Gott mit Bitten zu umlagern. Eine solche Gewalttätigkeit ist Gott wohlgefällig. Wir beten auch für die Kaiser, für diejenigen, welche kaiserliche Ämter bekleiden und Machtvollkommenheiten ausüben, für den Bestand der Welt, für die Ruhe der Staaten, für den Aufschub des Endes. Wir kommen zusammen zur Erforschung und Erwägung der göttlichen Schriften, wenn die Beschaffenheit der gegenwärtigen Zeitläufte eine Ermahnung oder Erinnerung erheischt; zum wenigsten nähren wir durch heilige Worte unsern Glauben, richten die Hoffnung auf, befestigen das Vertrauen und geben ebensosehr der Disziplin Festigkeit durch Einschärfung der sittlichen Vorschriften. Ebenda geschehen auch die Aufmunterungen, Zurechtweisungen und die göttliche Rüge. Es wird nämlich auch Gericht gehalten mit großem Nachdruck, wie bei Leuten, die der Gegenwart Gottes gewiß sind, und es ist ein höchst ergreifendes Vorgericht des künftigen Gerichtes, wenn jemand so gefehlt hat, daß er von der Gemeinschaft des Gebetes, der Zusammenkünfte und des gesamten heiligen Verkehrs zurückgewiesen wird. Es führen den Vorsitz die jedesmaligen bewährteren Ältesten, die jene Ehre nicht durch Geld, sondern durch gutes Zeugnis erlangt haben; denn es ist keine göttliche Gabe um Geld feil. Und wenn auch eine Art von Kasse vorhanden ist, so wird sie nicht etwa durch eine Aufnahmegebühr, was eine Art von Verkauf der Religion wäre, gebildet, sondern jeder einzelne steuert eine mäßige Gabe bei an einem bestimmten Tage des Monats, oder wann er will, wofern er nur will und kann. Denn niemand wird dazu genötigt, sondern jeder gibt freiwillig seinen Beitrag. Das sind gleichsam die Sparpfennige der Gottseligkeit. Denn es wird nichts davon für Schmausereien und Trinkgelage oder nutzlose Freßwirtschaften ausgegeben, sondern zum Unterhalt und Begräbnis von Armen, von elternlosen Kindern ohne Vermögen, auch für bejahrte, bereits arbeitsunfähige Hausgenossen, ebenso für Schiffbrüchige, und wenn welche in den Bergwerken, auf Inseln oder in den Gefängnissen, selbstverständlich nur dann, wenn wegen der Sache der Genossenschaft Gottes diese Heimsuchung sie trifft, Versorgungsberechtigte ihres Bekenntnisses werden. Aber sogar die Ausübung dieser hohen Art von Liebe drückt uns bei gewissen Leuten eine Makel auf. „Siehe“, sagen sie, „wie sie sich untereinander lieben“ – sie selber nämlich hassen sich untereinander – und „wie einer für den ändern zu sterben bereit ist“; sie selber nämlich wären eher bereit, sich gegenseitig umzubringen.

Aber auch darüber, daß wir mit dem Namen Brüder bezeichnet werden, geraten sie, wie mich dünkt, aus keinem ändern Grunde in Aufregung, als weil bei ihnen jeder der Blutsverwandtschaft entnommene Name, was herzliche Zuneigung betrifft, nur Heuchelei ist. Was aber die Bezeichnung Bruder angeht, so sind wir sogar auch eure Bruder nach dem Rechte der Natur, die unsere gemeinsame Mutter ist, wenn auch ihr nicht einmal ganze Menschen seid, weil ihr böse Brüder seid. Mit wieviel mehr Recht werden diejenigen Brüder genannt und als solche angesehen, welche Gott als ihren einen Vater erkannt, welche den einen Geist der Heiligkeit eingesogen haben, welche aus demselben Dunkel der Unwissenheit zu dem einen Licht der Wahrheit staunend übergegangen sind! Aber vielleicht werden wir deshalb für weniger legitime Brüder gehalten, weil unser Bruderverhältnis nicht Gegenstand einer lärmenden Tragödie ist, oder weil wir, auch wenn es sich um das Familienvermögen handelt, wo bei euch in der Regel die Brüderlichkeit aufhört, Brüder sind.

Und so haben wir, die wir nach Geist und Seele innigst verbunden sind, keine Bedenklichkeit hinsichtlich der Mitteilung unserer Habe, Alles ist bei uns gemeinschaftlich, nur nicht die Weiber. In diesem Punkte, welcher der einzige ist, worin die übrigen Menschen Gemeinsamkeit haben, lösen wir die Gemeinsamkeit. Sie maßen sich nicht nur die ehelichen Rechte ihrer Freunde an, sondern treten auch die ihrigen ihren Freunden mit dem größten Gleichmut ab, wie ich glaube, zufolge der Praxis ihrer Vorfahren und ihrer weisen Männer, welche, wie Sokrates unter den Griechen, wie Cato unter den Römern, von ihren Freunden ihre Gattinnen mitbenutzen ließen, die sie wohl geheiratet hatten, damit sie auch noch anderweitig Kinder gebären sollten. Ich weiß nicht gerade, ob dies wider den Willen der Gattinnen geschah; denn warum sollten sie um ihre Keuschheit, welche die Ehemänner so leichten Kaufs hinweggaben, so sehr besorgt sein? O über dieses Beispiel von attischer Weisheit und römischer Würde! Kuppler ist der Philosoph so gut wie der Zensor!

Was ist es nun also Wunderbares, wenn eine so große Liebe auch gemeinschaftliche Mahlzeiten veranstaltet. Denn sogar unsere geringen Mahlzeiten – außerdem verrufen als verbrecherisch – verspottet ihr auch noch als verschwenderisch. Auf uns wird nämlich der Ausspruch des Diogenes angewendet: „Die Me-garenser schmausen, als wenn sie morgen sterben müßten, und bauen, als wenn sie niemals sterben müßten.“ Allein man bemerkt leichter den Strohhalm im Auge eines ändern, als den Balken in dem seinigen. Wenn so viele Tribus, Kurien und Dekurien rülpsen, so wird die ganze Atmosphäre weinsäuerlich; wenn die Salier schmausen wollen, so wäre eine Anleihe erforderlich; den Aufwand der Herkuleszehnten und Opferschmäuse müssen Registratoren zusammenrechnen; für die Apatu-rien, Bacchanalien und attischen Mysterien wird eine Aushebung unter den Köchen angesagt, durch den beim Bereiten des Serapismahles verursachten Qualm könnte die Löschmannschaft alarmiert werden. Aber nur über das Gastmahl der Christen stellt man Untersuchungen an.

Unser Mahl gibt durch seinen Namen schon sein Wesen und seine Bestimmung an; es trägt den Namen, womit man im Griechischen die Liebe bezeichnet (Agape). Wie teuer es auch kommt, ein Gewinst ist es, im Namen der Frömmigkeit Aufwand zu machen, zumal da wir die Dürftigen mit jener Erholung erquicken, nicht in der Weise, wie bei euch die Schmarotzer nach der Ehre begierig sind, ihre Freiheit in Sklaverei zu verwandeln, um den Lohn, daß sie unter Beschimpfungen ihren Bauch füllen dürfen, sondern deswegen, weil bei Gott das Ansehen der Niedrigen größer ist. Wenn die Veranlassung des Mahles schon eine ehrbare ist, so beurteilt auf Grund derselben die Zucht, die beim ganzen Verlauf desselben herrscht. Was zu den religiösen Pflichten gehört, das duldet keine Gemeinheit und keine Unsitte. Man geht nicht eher zu Tisch, als bis man des Gebetes zu Gott verkostet hat, man ißt so viel, als Hungrigen genügt, man trinkt so viel, als züchtigen Leuten dienlich ist. So sättigen sie sich wie Leute, die nicht vergessen, daß sie auch in der Nacht Gott anbeten müssen; so unterhalten sie sich wie Leute, die wissen, daß Gott es hört. Wenn die Hände gewaschen und die Lichter angezündet sind, wird jeder aufgefordert, vorzutreten und Gott Lob zu singen, wie er es aus der. Heiligen Schrift oder nach eigenem Talente vermag; daran erkennt man, wie er getrunken hat. Ebenso bildet das Gebet den Schluß des Mahles. Von da geht man auseinander, nicht um sich zu Keilereien zusammenzurotten, nicht um in hellen Haufen herumzuschwärmen, noch zu den heimlichen Schlichen der Liederlichkeit, sondern zu der früheren Sorge für Sittsamkeit und Keuschheit, wie Leute, die nicht so sehr ein Mahl, als vielmehr eine Lehre verkostet haben. Das ist die Zusammenkunft der Christen; allerdings mit Recht unerlaubt, wofern sie unerlaubten Zusammenkünften gleich ist, mit Recht zu verdammen, wenn jemand darüber auf den Titel hin zu klagen hat, auf den hin man über die Parteiverbindungen klagt. Zu wessen Verderben sind wir denn irgend einmal zusammengekommen? Versammelt sind wir genau das, was wir zerstreut, alle miteinander das, was die einzelnen sind, niemanden beschädigend, niemanden betrübend. Wenn rechtschaffene und gute Leute zusammenkommen, wenn fromme und keusche Menschen sich vereinigen, so verdient das nicht den Namen einer Parteiverbindung, sondern eines Senates.

Daß die allgemeinen Kalamitäten und Notstände von den Göttern aus Zorn wegen der Christen gesendet würden, ist ein bloßer Wahn, wie schon die Geschichte zeigt. Schuld daran ist in Wirklichkeit die allgemeine Sündhaftigkeit, besonders der Heiden. Den Christen hat man es zu danken, daß es nicht noch schlimmer geht.

Man müßte im Gegenteil denen den Namen einer Parteiung beilegen, welche zum Haß gegen die Guten und Rechtschaffenen sich verschwören, welche nach dem Blute Unschuldiger schreien, indem sie zur Rechtfertigung ihres Hasses auch noch jenen leeren Vorwand gebrauchen, daß sie wähnen, von jeder öffentlichen Kalamität, von jedem das Volk treffenden Ungemach seien die Christen die Ursache. Wenn der Tiber bis in die Stadtmauern steigt, wenn der Nil nicht bis über die Feldfluren steigt, wenn die Witterung nicht umschlagen will, wenn die Erde bebt, wenn es eine Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt, sogleich wird das Geschrei gehört:“Die Christen vor den Löwen!“ So viele vor einen?! Ich bitte euch, wie viele Kalamitäten haben nicht schon vor Tiberius, d, h. vor der Ankunft Christi, den Erdkreis und die Stadt betroffen? Wir lesen, daß die Inseln Hiera, Anaphe, Delos, Rhodus und Cos mit vielen tausend Menschen zugrunde gegangen sind. Auch berichtet Plato, daß ein Land größer als Asien oder Afrika vom Atlantischen Meere verschlungen sei. Ein Erdbeben hat das korinthische Meer entleert, und die Macht der Wogen Lucanien abgerissen und unter dem Namen Sizilien abgesondert. Das alles konnte natürlich nicht ohne großen Schaden für die Bewohner geschehen. Wo waren damals, als die große Flut den ganzen Erdkreis, oder doch, wie Plato meint, das niedere Land vertilgte, ich will nicht fragen, die Verächter eurer Götter, die Christen, sondern sie selber, eure Götter? Denn daß sie einer späteren Zeit angehören als die Not der großen Flut, das beweisen eben die Städte, in welchen sie geboren sind und gelebt haben, sowie auch diejenigen, die von ihnen gegründet wurden. Denn nur dann, wenn sie nach jener Kalamität entstanden sind, konnten sie bis zum heutigen Tage bestehen.

Noch hatte Palästina den aus Ägypten ausziehenden Schwärm der Juden nicht aufgenommen, noch hatte sich dort nicht jenes Volk, aus dem die christliche Genossenschaft entsprungen ist, niedergelassen, als schon daran anstoßende Gegenden, Sodoma und Gomorrha, durch einen Feuerregen versengt wurden. Die Erde riecht jetzt noch brennerig, und wenn dort etwa Baumfruchte zu wachsen versuchen, so sind sie nur zum Ansehen, angerührt aber zerfallen sie zu Asche. Auch Etrurien und Kampanien hatten sich noch nicht über das Vorhandensein von Christen zu beklagen zu der Zeit, als Vulsinii vom Himmel und Pompeji von seinem Berge mit Feuer überschüttet wurde. Niemand betete noch zu Rom den wahren Gott an zur Zeit, als Hannibal bei Kannä die römischen Ringe infolge des von ihm angerichteten Gemetzels mit dem Scheffel maß. Zur Zeit, als die Senonen das Kapitol selbst eingenommen hatten, wurden ausschließlich eure sämtlichen Götter von allen verehrt.

Gut ist es nur, daß, so oft irgendeiner Stadt ein widriges Geschick zugestoßen ist, auch die Tempel von demselben Unheil wie die Stadtmauern getroffen wurden, so daß ich auch noch das hinzubeweise, daß diese Geschicke nicht von jenen herrühren können, die selbst von ihnen in gleicher Weise betroffen wurden.

Zu allen Zeiten hat sich das Menschengeschlecht gegen Gott schwer verschuldet, und zwar zuerst durch Mangel an Diensteifer gegen den, welchen es, da es ihn doch zum Teil erkannte, nicht zu verehren suchte, sondern sich vielmehr andere ersann, die es verehrte; zweitens dadurch, daß es, weil es den Lehrer der Sittenreinheit, den Richter und den Rächer der Schuld nicht suchte, in Laster und Verbrechen versank. Wenn es ihn nämlich gesucht hätte, so wäre die Folge gewesen, daß es den gesuchten Gott erkannt, den erkannten geehrt, und wenn es ihn geehrt, dann mehr seine Erbarmung als seinen Zorn erfahren hätte. Darum muß es auch jetzt noch seinen Zorn erfahren, so gut wie früher immer, ehe man noch von Christen etwas gehört hatte. Seine Güter, die er spendete, bevor es sich noch Götter ersann, genoß das Menschengeschlecht – warum sollte es nicht zur Einsicht gelangen, daß auch das Unglück von dem ausgehe, von welchem es nicht anerkannte, daß er der Urheber der Güter sei? Der Strafe schuldig ist es vor dem, gegen dessen Wohltaten es undankbar ist. Und doch, wenn wir die früheren Unglücksfälle in Vergleich ziehen, so ist, was sich jetzt ereignet, seitdem Gott den Erdkreis mit Christen beschenkt hat, nicht so schlimm. Seither nämlich sind die Schlechtigkeiten der Welt durch die sittliche Reinheit vermindert worden und es hat angefangen, Fürbitter bei Gott zu geben. Schließlich, wenn die Sommertemperatur den Regen aus der Winterzone ausbleiben läßt und man wegen des Jahres in Sorgen ist, dann macht ihr es also: ihr eßt euch täglich voll und seid bereit, sofort wieder zur Mahlzeit zu gehen, die Bäder, die Schenken und Hurenhäuser sind in voller Tätigkeit. Ihr opfert dem Jupiter die sog. Aquilicien, sagt dem Volke Umgänge mit bloßen Füßen an, sucht den Himmel beim Kapitol und erwartet Wolken von den getäfelten Decken der Tempel, während ihr dem eigentlichen Gott sowohl als dem Himmel den Rücken kehrt. Wir aber, abgemagert vom Fasten und ausgemergelt durch jede Art von Enthaltsamkeit, von jedem Lebensgenuß uns fernhaltend, in Sack und Asche uns wälzend, wir klopfen durch unsere Enthaltsamkeit an den Himmel und greifen Gott an und haben wir Barmherzigkeit errungen, dann – erhält von euch Jupiter die Ehre, Gott aber keine Beachtung.

Daß die Christen dabei mitbetroffen werden, liegt an der gegenwärtigen Weltordnung, die Gott nicht zugunsten der Guten umstößt.

Ihr also seid es, die den menschlichen Geschicken Unheil bringen, ihr seid immer diejenigen, welche die öffentlichen Unglücksfälle herabziehen, ihr, die ihr Gott verachtet und Bildsäulen anbetet. Denn es muß doch durchaus für wahrscheinlicher gelten, daß der zürnt, der vernachlässigt wird, als daß die zürnen, welche Verehrung erhalten; oder fürwahr, jene eure Götter sind die ungerechtesten von der Welt, wenn sie wegen der Christen auch ihre eigenen Verehrer schädigen, die sie doch von dem, was die Christen verdient haben, ausnehmen müßten. Diesen Vorwurf, sagt ihr, kann man auch auf euren Gott zurückschleudern, da er selbst ja ebenfalls zugibt, daß wegen der Unheiligen auch seine Verehrer geschädigt werden. – Nehmet doch nur erst seine Anordnungen an, und ihr werdet keine Gegenbeschuldigung mehr machen! Da er nämlich einmal das ewige Gericht nach dem Ende der Welt anberaumt hat, so drängt es ihn nicht, vor dem Weltende die Sonderung vorzunehmen, welche die Vorbedingung für das Gericht ist. Bis dahin verhält er sich in Betreff des ganzen Menschengeschlechtes gleichmäßig – in seiner Nachsicht wie im Ahnden. Gemeinsam sollen sowohl die Güter den Unheiligen, als die Übel den Seinigen zuteil werden, so daß wir alle in gleicher Weise seine Milde wie seine Strenge erfahren. Wir, die wir das so bei ihm selbst gelernt haben, lieben seine Milde und fürchten seine Strenge, ihr dagegen verachtet beides. Und daraus folgt, daß alle Plagen hienieden uns, wenn sie uns etwa treffen, zur Mahnung, euch hingegen zur Strafe von Gott zukommen. Gleichwohl leiden wir doch auf keine Weise Schaden; vornehmlich deswegen, weil uns auf dieser Welt an nichts liegt, als sie so schnell wie möglich zu verlassen; sodann, weil, wenn uns etwas Widriges trifft, es euren Vergehen zuzuschreiben ist. Aber selbst wenn wir, insofern wir ja mit euch zusammenhängen, von Dingen der Art berührt werden, so freuen wir uns vielmehr; durch die Erinnerung an die göttlichen Weissagungen werden wir gestärkt, da wir nämlich erkennen, daß wir auf sie bauen können und unsere Hoffnung auf festem Grunde ruht. Wenn aber wirklich alle eure Übel auf Betreiben dieser eurer Götter um unsertwillen euch zuteil werden, warum fahrt ihr dann fort, so undankbare und so ungerechte Wesen zu verehren, die euch bei der Heimsuchung der Christen doch viel mehr hätten helfen und schützen sollen?

Die Klage, daß die Christen nichts zum gemeinen Besten beitrügen und unnütze Mitglieder der menschlichen Gesellschaft seien, ist grundlos.

Wir werden aber auch noch auf einen anderen Titel hin der widerrechtlichen Schädigung angeklagt: man sagt, wir seien unnütz für das geschäftliche Leben. Wie? Leute, die mit euch zusammenleben, Leute von derselben Lebensweise, Kleidung, Einrichtung und denselben Bedürfnissen des Lebens? Wir sind doch keine Brahmanen oder indische Gymnosophisten, Waldmenschen und aus dem Leben ausgeschieden! Wir sind dessen stets eingedenk, daß wir Gott, als Herrn und als Schöpfer, Dank schuldig sind und verschmähen keine der Früchte seiner Werke, Allerdings zügeln wir uns, daß wir uns ihrer nicht über das rechte Maß oder in verkehrter Weise bedienen. Daher wohnen wir mit euch in dieser Welt zusammen nicht ohne den Gebrauch des Forums, nicht ohne den Fleischmarkt, ohne die Bäder, ohne eure Kaufläden, Werkstätten, Gasthäuser, Jahrmärkte und den sonstigen Handelsverkehr, Wir betreiben mit euch zusammen die Schiffahrt, tun mit euch Kriegsdienst, treiben Ackerbau und bringen dann unsern Erwerb in den Handel, die Erzeugnisse unserer Kunstfertigkeit und unserer Arbeit geben wir öffentlich zu eurem Gebrauche hin. Da wir mit euch und von euch leben, so begreife ich nicht, wie wir als unnütz erscheinen können für eure Geschäfte. Wenn ich auch deinen Zeremonien nicht beiwohne, so bin ich doch wohl auch an jenem Tage noch ein Mensch, Ich bade mich an den Saturnalien nicht während es noch Nacht ist, um mir nicht den Tag mit der Nacht zu verderben. Dafür bade ich mich zu einer Stunde, die dafür angebracht und der Gesundheit zuträglich ist, wo ich meine Lebens- und Blutwärme behalte; denn kalt und bleich nach einem Bade zu sein, das kann ich als Leiche genießen. Am Bacchusfeste liege ich nicht öffentlich zu Tisch, wie die Tierkämpfer bei ihrer Henkersmahlzeit zu tun pflegen, jedoch wo auch immer, ich speise von deinen Vorräten. Ich kaufe mir keinen Blumenkranz für mein Haupt. Was kann dir daran liegen, wie ich meine Blumen, die ich nichtsdestoweniger kaufe, verwende? Ich glaube, es ist angenehmer, sich nicht gebundener, loser und von allen Seiten frei herabhängender Blumen zu bedienen. Aber auch dann, wenn sie zu einem Kranze gebunden sind, so nehmen wir den Kranz mit der Nase wahr; mögen andere meinetwegen mit den Haaren riechen. Zu den Schauspielen finden wir uns nicht ein; die Gegenstände aber, welche bei jenem Zusammenfluß von Menschen feilgehalten werden, werde ich, wenn ich ihrer begehre, ungenierter ihren eigentlichen Kaufplätzen entnehmen. Weihrauchkörner kaufen wir allerdings gar nicht. Wenn sich aber Arabien über uns beklagen sollte, so mögen die Sabäer wissen, daß eine größere Menge und bessere Sorte ihrer Ware beim Begräbnis von Christen sozusagen verschwendet wird, als die ist, womit man die Götter beräuchert.

Sicher ist, klagt ihr, daß die Tempelsteuern täglich mehr zusammenschmelzen; wie wenige geben noch Spenden in den Tempeln! Jawohl; wir sind nicht imstande, zu gleicher Zeit den Betteleien der Menschen und denen euerer Götter Hilfe zu gewähren, und sind auch der Meinung, daß man nur denen, die darum bitten, etwas geben müsse. So strecke denn Jupiter erst seine Hand aus, dann soll er etwas bekommen. Vorläufig gibt unsere mitleidige Gesinnung auf den Gassen mehr Geld aus, als eure Religiosität in den Tempeln. Aber auch die übrigen Steuern werden geschädigt! Zur Antwort genügt, daß diese sich bei den Christen bedanken können weil wir mit eben der Gewissenhaftigkeit, vermöge deren wir uns betrügerischer Aneignung fremden Gutes enthalten, bezahlen, was wir schuldig sind, so daß, wenn ein Überschlag gemacht würde, wieviel der Staatskasse durch eure Betrügereien und lügenhaften Angaben verloren geht, dieser Überschlag leicht zu haben ist, da die Klage in Bezug auf eine Art weit auf gewogen wird durch die Sicherheit in Bezug auf die übrigen Posten.

Fortsetzung.

Ich will aber unumwunden angeben, welche Leute sich allenfalls mit Grund über die Nutzlosigkeit der Christen beklagen können. Die ersten dürften sein die Kuppler, die Zuführer von Mädchen und die Gelegenheitsmacher, zweitens die Meuchelmörder, Giftmischer und Zauberer, ingleichen die Opferbeschauer, Wahrsager und Sterndeuter. Diesen Leuten keinen Nutzen zu bringen, ist ein großer Nutzen! Und dennoch, jeder etwaige Verlust, den ihr durch unsere Genossenschaft an eurer Habe erleidet, kann sicherlich durch einen in anderer Hinsicht geleisteten Schutz aufgewogen werden. Wie viele habt ihr jetzt unter euch, die, ich sage nicht einmal, die bösen Geister von euch austreiben, ich sage auch nicht einmal, die dem wahren Gott auch für euch Gebete darbringen, sondern ich sage nur, von denen ihr nichts zu fürchten braucht!

Unter den Christen findet man keine Verbrecher.

Aber freilich, niemand bedenkt jene ebenso unleugbare als große Schädigung des Gemeinwesens, keiner erwägt jene Benachteiligung des Staates, die darin besteht, daß wir, eine solche Anzahl rechtschaffener Leute, dahin geopfert und so viele Unschuldige zugrunde gerichtet werden! Wir rufen nunmehr eure eigenen Akten zu Zeugen auf, indem ihr ja täglich, um die Gefangenen abzuurteilen, zu Gericht sitzet und die Liste der Angeklagten durch eure Richtersprüche erledigt. Wie viele Verbrecher werden mit den verschiedenen Schuldbezeichnungen von euch heruntergelesen – aber wer, der dort als Mörder, als Beutelschneider, als Tempelräuber, als Verführer, als Bestehler der Badenden aufgeschrieben steht, wer von diesen wird auch noch unter dein Prädikat Christ aufgeschrieben? Und, was damit zusammenhängt, wenn Christen unter diesem ihrem Titel aufgeführt werden, wer aus ihnen steht da als nur einzig und allein unter jenem Schuldtitel, der durch den Namen Christ ausgedrückt wird? Mit Leuten aus eurer Mitte sind stets die Gefängnisse überfüllt, von dem Ächzen der eurigen hallen stets die Bergwerke wieder, mit Leuten aus eurer Mitte werden auch die wilden Tiere gemästet, aus eurer Mitte stammen die Verbrecher, welche die Veranstalter von Gladiatorenspielen wie Herdenvieh mästen. Dort findet sich kein Christ, außer nur als solcher, oder wenn auch noch als etwas anderes, dann ist er schon kein Christ mehr.

Das Christentum enthält für seine Anhänger eine moralische Nötigung zum tugendhaften Verhalten.

Wir sind also die einzigen sittenreinen Menschen. Was Wunder, wenn es so sein muß? Und in der Tat, es muß so sein. Da uns die Sittenreinheit von Gott gelehrt worden ist, so kennen wir sie einerseits vollkommen, da sie uns von einem vollkommenen Lehrer geoffenbart worden ist, und anderseits bewahren wir sie getreulich, da sie uns von einem Wächter vorgeschrieben ist, der sich nicht verachten läßt. Euch aber hat nur menschliche Abwägung und Wertschätzung den Begriff der Sittenreinheit beigebracht, und ebenso ist es nur die Kundgebung menschlicher Herrschaft, welche sie euch zum Gebot gemacht hat. Daher besitzt ihr weder eine vollkommene, noch eine genügenden Respekt einflößende Anleitung zur wahren Moralität. Die Autorität des Menschen, die Erfüllung des sittlich Guten zu fordern, ist nicht größer als seine geistige Fähigkeit, aufzuzeigen, was wahrhaft sittlich gut ist; ebenso leicht wie diese getäuscht, kann jene verachtet werden. Wohlan denn, welcher Ausspruch ist von tieferem Gehalt: D u sollst nicht töten, oder aber: Du sollst nicht einmal zürnen ? Was ist vollkommener, den Ehebruch verbieten, oder sogar von der Begierlich-keit der Augen, auch wenn sie im Herzen verborgen bleibt, zurückhalten? Was verrät größere Weisheit, die böse Tat oder auch schon die böse Rede verbieten? Was dringt tiefer ein, Unrecht nicht gestatten, oder nicht einmal das Wiedervergelten des Unrechts zuzulassen? Wenn ihr doch nur einsähet, daß eure Gesetze selber, die auf die Pflege der Sittlichkeit hingerichtet sind, vom göttlichen Gesetze ihre ältere Form entlehnt haben! Es ist ja schon vom Alter des Moses die Rede gewesen. Wie gering aber ist oft das Ansehen menschlicher Gesetze, da es zutrifft, daß der Mensch, da seine begangenen Taten verborgen bleiben, sich ihnen entzieht, und manchmal daß er sie, sei es freiwillig sei es genötigt, verachtet. Beurteilt ihr Ansehen auch nach der Kürze jedweder Strafe, die ja doch nicht über den Tod hinaus fortdauert! Auf diese Weise schätzt selbst Epi-kur jede Qual und jeden Schmerz nur gering ein, indem er den Ausspruch tut, ein mäßiger Schmerz sei zu verachten, ein großer aber dauere nicht lange. Wir aber, die wir unter der Aufsicht Gottes, des Beobachters aller, stehen und gegen seine ewige Strafe Vorsorge treffen, wir streben notwendig nach wahrer Sittenreinhelt, indem Wir entsprechend der Fülle unserer Erkenntnis und der Schwierigkeit, sich zu verbergen, und ebenso wegen der Größe der Strafe, die nicht bloß lange, sondern ewig dauert, den fürchten, den auch jener fürchten muß, der selbst über solche zu Gericht sitzt, die ihn fürchten, indem wir mit einem Wort Gott fürchten, nicht den Prokonsul.

Das Christentum ist nicht etwa nur eine neue Art philosophischer Lehre, sondern etwas Göttliches und steht hoch über jeder Philosophie.

Wir haben nun, wie ich hoffe, standgehalten gegen sämtliche uns aufgebürdete Beschuldigungen, welche das Blut der Christen fordern könnten. Wir haben dargelegt alles, was wir sind, dargelegt auch, wodurch wir beweisen können, daß es sich in Wirklichkeit so verhält, wie wir es dargelegt haben, nämlich durch die. Glaubwürdigkeit und das Altertum der Hl. Schriften, sowie durch das Geständnis der geistigen Mächte. Sollte einer auftreten und es wagen, uns zu widerlegen, nicht durch gekünstelte Worte, sondern auf dieselbe Weise, wie w i r den Beweis geliefert haben, so wird er durch die Wahrheit zu Boden geworfen, allerdings vorausgesetzt, daß unsere Wahrheit jedermann zur Kenntnis gebracht wird. Vorläufig hält die Hartgläubigkeit, wenn sie davon überführt wird, daß unsere Genossenschaft etwas Gutes ist, was ja schon durch den täglichen Umgang und durch den Verkehr sich kundgemacht hat, dieselbe keineswegs für eine göttliche Sache, sondern höchstens für eine Art Philosophie. Zu eben denselben Tugenden, sagt man, bekennen sich und ermahnen auch die Philosophen, zur Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Geduld, Mäßigkeit und Keuschheit. Wenn wir also mit ihnen hinsichtlich unserer Lehre verglichen werden, warum werden wir nicht sofort auch in Bezug auf Erlaubtheit und Freiheit der Lehre ihnen gleichgestellt? Oder warum werden jene als unseresgleichen nicht auch zu den Leistungen gedrängt, deren Unterlassung uns Gefahr bringt? Wer zwingt denn einen Philosophen, zu opfern oder zu schwören oder mitten am Tage zwecklos Lampen zur Schau zu stellen? Weit entfernt davon suchen sie vielmehr öffentlich eure Götter zu vernichten und klagen in ihren Schriften eure öffentlichen Religionsgebräuche als Aberglauben an – und ihr lobt sie. Sehr viele kläffen auch gegen die Fürsten – und ihr seht ruhig zu; ja sie bringen es eher zu Ehrenstandbildern und Jahrgehältern, als daß sie zu den wilden Tieren verdammt würden. Natürlich! Sie führen ja auch nicht den Beinamen Christen, sondern Philosophen.

Diesen Namen Philosoph fliehen die Dämonen nicht. Warum auch, da die Philosophen die Dämonen den Göttern für gleich halten. Eine der Redensarten des Sokrates lautet: „Wenn das Dämonium es erlaubt.“ Derselbe Sokrates aber, der etwas von der Wahrheit erkannt hatte, als er das Dasein der Götter leugnete, befahl doch bei seinem Ende, dem Äskulap als Opfer einen Truthahn zu schlachten, vermutlich aber nur, um dessen Vater zu ehren, da ja Apollo den Sokrates als den weisesten aller Menschen gepriesen hatte. Dieser unbesonnene Apollo! Ein Weisheitszeugnis stellte er einem Manne aus, der das Dasein der Götter leugnete. Wer die Wahrheit aus Überzeugung vertritt, stößt in dem Grade an, als diese selbst den Haß entzündet; derjenige aber, welcher sie verfälscht und nachäfft, befestigt sich gerade dadurch am meisten in der Gunst der Verfolger der Wahrheit. Dieselbe Wahrheit, welche die Philosophen, um mit ihr Spott zu treiben und sie zu verfälschen, in theatralischer Weise affektieren und durch ihr Affektieren fälschen, weil sie nur von Ruhmsucht geleitet sind, dieselbe Wahrheit suchen die Christen mit Notwendigkeit und treten für sie ein mit voller Kraft, weil sie für ihr Heil besorgt sind. Daher haben wir weder in Bezug auf Wissen, noch in Bezug auf Sittenzucht, wie ihr meint, unseresgleichen. Denn was hat Thaies, jener Begründer der Physik, dem Krösus, der nach der Gottheit forschte, Gewisses zu antworten gewußt, nachdem er ihn mit der erbetenen Bedenkzeit so oft hingehalten hatte. Jeder beliebige christliche Handwerker aber hat Gott bereits gefunden, tut ihn kund und besiegelt in der Folge alles, was man in Bezug auf Gott fragen kann, durch die Tat, während Plato behauptet, daß man den Werkmeister des Weltalls nicht leicht finden und, wenn man ihn gefunden habe, nur schwer allen verkünden könne.

Im übrigen, wenn wir nun zum Wettstreit herausfordern in Betreff der Keuschheit, so lese ich da einen Teil der Sentenz Athens gegen Sokrates: als ein Verderber der Jünglinge wird er erklärt. Der Christ vertauscht zum geschlechtlichen. Verkehr nicht einmal seine Frau gegen eine andere. Ich kenne auch die Phryne, die Buhlerin des Diogenes, wie sie mit ihm zusammenliegend in Wollust schwelgte, und ich höre, daß ein gewisser Speusippus aus der Schule des Plato beim Ehebruch den Tod fand. Ein Christ ist Mann nur für seine Frau allein. Dadurch, daß Demokrit sich selbst blendete, weil er die Weiber nicht ohne Begierlichkeit anblicken konnte, und sich ärgerte, wenn er sie nicht besitzen konnte, gestand er selbst durch seine Selbstzüchtigung seine Unenthaltsamkeit ein. Aber der Christ behält seine Augen und sieht doch die Frauen nicht an; er ist der Lust gegenüber geistig blind.

Wenn ich mich über die Tüchtigkeit des Charakters auslassen soll, siehe, so ist das nur Stolz anderer Art, wenn Diogenes mit kotigen Füßen die stolzen Sofas des Plato zertritt. Der Christ zeigt hochfahrende Verachtung nicht einmal gegen einen Armen. Wenn ich über die Freiheit von politischem Ehrgeiz streiten soll, siehe, so sind da Pythagoras, der zu Thurii, und Zeno, der zu Priene nach der Alleinherrschaft strebte: – der Christ aber begehrt nicht einmal die Ädilenwürde, Wenn ich in Bezug auf Gleichmut der Seele mich messen soll, so hat Lykurg sich den Hungertod gewünscht, weil die Lazedämonier seine Gesetze verbessert hatten – der Christ aber dankt, selbst wenn er verurteilt worden ist. Wenn ich die Redlichkeit in Vergleich stellen soll, Anaxagoras verweigerte seinen Gastfreunden das ihm anvertraute Gut – der Christ aber gilt allgemein auch bei den außer seiner Gemeinschaft Stehenden als ehrlich. Wenn ich für die schlichte Geradheit der Gesinnung einstehen soll, Aristoteles hat seinen Freund Her-mias auf schimpfliche Weise von seiner Stelle verdrängt – der Christ fügt auch nicht einmal seinem Feinde Schaden zu. Derselbe Aristoteles schmeichelte dem Alexander, den er vielmehr hätte leiten sollen, auf ebenso unziemliche Weise, als Plato sich bei Dionysius des Wohllebens halber einzuschmeicheln suchte. Ari-stippus schwelgt im Purpur unter dem äußeren Schein großer Sittenstrenge, und Hippias wird getötet, während er dem Staate Gefahren bereitet. Dergleichen hat kein Christ je unternommen, noch nicht einmal für die Seinigen, wenn sie durch jede Art Grausamkeit auseinandergesprengt wurden.

Doch es wird vielleicht einer oder der andere einwerfen, daß auch aus unserer Mitte manche von der sittlichen Zucht und Regel abweichen. Ja sie hören aber auf, bei uns für Christen zu gelten, die genannten Philosophen hingegen behalten bei euch trotz solcher Handlungen den Namen und das Ansehen von Weisen. Was haben also schließlich miteinander der Philosoph und der Christ gemein, der Zögling Griechenlands und der Zögling des Himmels, der nur in Worten macht und der Taten vollbringt, der eitlem Ruhme und der dem Heile nachjagt, der Auferbauer und der Zerstörer der Irrtümer, der Verfälscher und der Wiederhersteller der Wahrheit, der Entwender und der Wächter derselben?

Viele philosophische Ansichten sind weiter nichts als verderbte und verunstaltete Offenbarungslehren.

Außerdem kommt mir der oben gelieferte Nachweis des hohen Alters der göttlichen Schriften zustatten, wodurch man leicht zu dem Glauben geführt wird, daß sie für jede spätere Weisheit als Schatzkammer gedient haben. Und wenn ich den Umfang meines Buches nicht schon beschränken müßte, so würde ich mich auch noch auf diesen Nachweis eingelassen haben. Wen gibt es unter den Dichtern, wen unter den Weisen, der gar nicht aus den Propheten als einer Quelle geschöpft hätte? Von dort haben also auch die Philosophen ihren dürstenden Geist benetzt. Darf man uns aber deshalb mit ihnen in eine Art zusammenstellen, weil sie einiges von dem Unsrigen besitzen? [Deshalb, vermute ich, ist die Philosophie auch sogar von einigen durch die Gesetze verbannt worden, nämlich von den Thebanern, den Spartanern und Argivern.] Wenn sie sich an das Unsere heranwagen, aber als Männer, die einzig und allein, wie schon bemerkt, einerseits auf Ruhm, andererseits auf Wortgepränge ausgehen, so haben sie, wenn sie an etwas in den hl. Schriften Anstoß nahmen, dies je nach der Zugehörigkeit zu einer besonderen Schule so umgestaltet, daß es in ihr System paßte. Entweder glaubten sie nämlich nicht fest genug, daß sie etwas Göttliches vor sich hatten, um von Fälschungen abzustehen, oder sie verstanden es nicht hinreichend, da es damals noch dunkel und selbst den Juden, deren Eigentum es schien, verhüllt war. Sogar, wenn eine Wahrheit leicht und verständlich war, schwankte der menschliche Grübelgeist, weil er die gläubige Hingabe verschmähte, um so mehr hin und her. Infolge dessen brachten sie auch das, was sie als sicher gefunden hatten, so in Verwirrung, daß es unsicher wurde.

Hatten sie nämlich unsern Gott schlechthin gefunden, so behandelten sie die Lehre von ihm nicht, wie sie sie gefunden hatten, sondern so, daß sie auch über seine Beschaffenheit, seine Natur und seinen Wohnsitz Debatten anstellten. Die einen behaupten, er sei unkörperlich, die ändern, er sei körperlich, so einerseits die Platoniker, andererseits die Stoiker; andere, er bestehe aus Atomen, wieder andere, er bestehe aus Zahlen, so einerseits Epikur, andererseits Pythagoras. Einem anderen däuchte es, er bestehe aus Feuer, so Heraklit. Die Platoniker nahmen an, er bekümmere sich um die Dinge, da er sie gebildet habe und sie beeinflusse, die Epikureer dagegen, er sei müßig und unbeschäftigt und sozusagen ein Nichts in den menschlichen Angelegenheiten. Die Stoiker glauben, er befinde sich außerhalb der Welt und drehe wie ein Töpfer von draußen das Weltgebäude, die Platoniker, er sei innerhalb der Welt und bleibe nach dem Beispiel des Steuermannes innerhalb dessen, was er regiere. So sind sie auch verschiedener Meinung in Betreff der Lehre von der Welt, ob sie geworden oder ungeworden sei, ob sie vergehen oder bleiben werde, sowie auch in Betreff der Beschaffenheit der Seele, von der die einen behaupten, sie sei göttlich und ewig, die ändern, sie löse sich wieder auf. Je nach semer Meinung machte jeder seine Zusätze und Umgestaltungen. Es ist auch nicht zu verwundern, wenn die alten Urkunden durch die Erfindungen der Philosophen verunstaltet wurden. Von ihrem Samen befruchtet hat man auch schon diese unsere noch so jungen schriftlichen Denkmäler durch allerlei eigene Meinungen in Anpassung an philosophische Lehrsätze verfälscht und den einen geraden Weg in viele krumme und in die Irre führende Pfade gespalten.

Dieses Umstandes habe ich deswegen gedacht, damit nicht jemand, dem die Mannigfaltigkeit unserer Genossenschaft bekannt geworden, meine, er könne auch in der Hinsicht uns mit den Philosophen gleichstellen, daß er aus der Mannigfaltigkeit den Mangel der Wahrheit erweist. Ohne Mühe aber weisen wir diejenigen, die das Unsrige verfälschen, mit der Rechtseinrede ab, daß nur jene die Regel der Wahrheit ist, die von Christus, durch seine Gefährten überliefert, herrührt, und daß diese abweichenden Ausleger als solche erfunden werden, die bedeutend später als jene sind. Alles, was gegen die Wahrheit aufgestellt wird, ist aus der Wahrheit selbst entnommen, indem die Geister des Irrtums es sind, die eine solche Nebenbuhlerschaft bewirken. Von ihnen sind derartige Verfälschungen der heilbringenden Lehre heimlich ins Werk gesetzt, von ihnen auch gewisse Fabeln eulgegeben worden, welche vermöge ihrer Ähnlichkeit mit der Wahrheit den Glauben an letztere schwächen oder vielmehr durch diese Ähnlichkeit den Glauben für sich stehlen sollten, so daß manche meinen, den Christen sei deswegen nicht zu glauben, weil auch den Dichtern und Philosophen nicht zu glauben sei, oder wähnen, deshalb müsse man den Dichtern und Philosophen mehr glauben, weil man den Christen nicht glauben dürfe. Daher werden wir verlacht, wenn wir einen Gott predigen, der Gericht halten wird. In dieser Weise nehmen nämlich auch die Dichter und Philosophen ein Tribunal in der Unterwelt an. Und wenn wir mit der Hölle drohen, welche ein unterirdischer Behälter eines geheimnisvollen Feuers zum Zweck der Strafe ist, so werden wir tüchtig ausgelacht. So ist nämlich auch der Pyriphlegethon ein Strom für die Toten. Und wenn wir vom Paradies sprechen, einem Ort voll göttlicher Anmut, der für die Aufnahme der heiligen Seelen bestimmt und durch die bekannte Feuerzone gleichsam umfriedigt und der Kenntnis des gewöhnlichen Erdkreises entrückt ist, so haben die elyseischen Gefilde bereits den Glauben in Besitz genommen. Woher, frage ich, haben die Philosophen oder Dichter diese so verwandten Vorstellungen? Nur aus unsern Heilsgeheimnissen. Wenn dieselben aber aus unsern Heilsgeheimnissen als der ursprünglicheren Form stammen, so sind unsere Lehren treuer und glaubwürdiger, deren Nachbildungen ja schon Glauben gefunden haben. Wenn sie aber dem eigenen Denken entstammen, dann würden unsere Heilsgeheimnisse damit sofort als Nachbildungen dieser späteren gelten müssen. Das aber gestattet die Natur der Dinge nicht. Denn niemals ist der Schatten früher als der Körper, das Abbild früher als das Original.

Kurze Verteidigung der Lehre von der Auferstehung.

Wohlan! Gesetzt, irgendein Philosoph behaupte, wie Laberius auf Grund der Meinung des Pythagoras angibt, der Mensch entstehe aus dem Maultiere, und aus dem Weibe eine Schlange, und er wüßte mit seiner Zungenfertigkeit alle Beweise zugunsten dieser Behauptung zuzustutzen, wird er nicht Zustimmung finden und Glauben erwecken? Manch einer möchte sogar der Überzeugung sein, er müsse sich von Fleischspeisen enthalten, um nicht etwa einmal Ochsenfleisch von einem seiner Urgroßväter zu verspeisen. Aber freilich, wenn der Christ verheißt, aus dem Menschen solle wieder ein Mensch und sogar aus dem Cajus wieder der Cajus werden, so sucht man ihn sofort an Ort und Stelle zu bepissen, und vom Volke wird er weggesteinigt und nicht etwa bloß weggestäupt werden, als ob nicht jeder Vernunftgrund, der für die Rückkehr menschlicher Seelen im Körper vorliegt, fordere, daß sie in dieselben Körper zurückversetzt werden, denn das gerade heißt „zurückversetzt werden“, nämlich das sein, was sie waren. Denn wenn sie nicht das sind, was sie waren, das heißt, wenn sie nicht Seelen sind, die einen menschlichen und denselben individuellen Körper angenommen haben, so sind sie auch selbst schon nicht mehr, was sie waren. Wie aber in aller Welt kann man von ihnen sagen, sie seien zurückgekehrt, wenn sie selbst nicht mehr dieselben sind? Entweder sind sie etwas anderes geworden, und dann sind sie nicht mehr dieselben, oder sie bleiben dieselben, und dann können sie unmöglich etwas anderes geworden sein, Ich müßte auch mit Muße eine Menge Stellen beibringen, wenn ich nach der Richtung hin scherzende Erörterungen anstellen wollte, wer in ein Tier und in welches ein jeder verwandelt zu sein schien. Aber es trägt mehr zu unserer Verteidigung bei, wenn wir vor Augen stellen, es sei doch schlechthin viel glaubwürdiger, daß aus dem Menschen wieder ein Mensch zurückkehren werde, Mensch für Mensch, wofern es nur ein Mensch ist, so daß also die Seele, ihre Seinsbeschaffenheit bewahrend, wenn auch nicht in dieselbe Gestalt, so doch sicher in denselben Seinszustand zurückversetzt wird. Weil aber der Grund der Wiederherstellung in der Bestimmung zum Gericht liegt, so wird notwendig genau derselbe, der früher war, vorgeführt werden müssen, damit er das Urteil über seine guten und schlechten Werke, wie er es verdient hat, von Gott empfange. Folglich werden auch die Leiber vorgeführt werden müssen, weil einerseits die Seele allein ohne eine feste Materie, d, h. ohne das Fleisch, nichts erleiden kann, und andererseits überhaupt die Seelen dem Gerichte Gottes gemäß das erleiden müssen, was sie nicht ohne das Fleisch verdient haben, da sie mit ihm vereinigt alles vollbrachten.

Aber wie kann, wendet man ein, die aufgelöste Materie wieder vorgeführt werden? Betrachte dich selbst, o Mensch, und du wirst den Glauben daran finden. Bedenke, was du gewesen bist, ehe du warst. Offenbar nichts; denn, wenn du etwas gewesen wärest, so würdest du dich daran erinnern. Du also, der du, bevor du wurdest, nichts warst, und der du demselben Nichts angehören wirst, wenn du zu sein aufhörst, warum solltest du durch den Willen desselben Schöpfers, der dich aus dem Nichts entstehen machte, nicht nochmals aus dem Nichts entstehen? Nichts Neues also wird dir passieren. Du warst nicht und bist geworden, und wiederum wirst du werden, wenn du nicht mehr bist. Erkläre, wenn du kannst, wie du geworden bist, und dann suche zu erklären, wie du wieder werden wirst. Und doch wird es sicherlich leichter sein, daß du wieder wirst, was du schon einmal gewesen bist, da es gleich unschwer war, daß du wurdest, was du noch niemals warst.

Darf man aber, meine ich, an der Macht Gottes zweifeln, der da diesen so großen Weltkörper aus dem Nichtsein, was nicht weniger ist wie aus dem Tode der Öde und Leerheit, hervorgezogen und hingestellt hat, der vom Geiste, der aller Dinge Gestalten ist, durchhaucht und der sogar durch denselben Geist zum ausdrucksvollen Vorbild der menschlichen Auferstehung gestaltet ist, euch zum Zeugnis? Das Tageslicht, das erstorben ist, erglänzt jeden Tag wieder; die Finsternis weicht und kehrt wieder in gleichem Wechsel; die erblichenen Gestirne gewinnen wieder Leben, die Zeitperioden fangen wieder an, sobald sie aufgehört haben; die Früchte werden zeitig und vergehen wieder; die Samen erheben sich sicher nur dann, wenn sie verwest und aufgelöst sind, wieder zu größerer Fruchtbarkeit. Alles wird dadurch erhalten, daß es untergeht; alles wird infolge des Unterganges wieder hergestellt. Und du, o Mensch, ein so erhabenes Wesen, wenn du dich, selbst nur von der Aufschrift des Pythischen Gottes“ lernend, erkennst, du, der Herr aller sterbenden und wiedererstehenden Dinge, du solltest nur darum sterben, um vernichtet zu bleiben? Nein, du wirst wiedererstehen, wo immer du auch aufgelöst worden sein solltest, welche Materie dich auch immer zerstören, verzehren, verschlingen, ins Nichts versetzen wird, sie wird dich wieder herausgeben. Demselben, dem das All zugehört, gehört auch das Nichts.

Demzufolge, höre ich euch nun sagen, muß man immerfort sterben und immerfort wieder erstehen! Ja, wenn der Herr der Welt es so bestimmt hätte, so würdest du, magst du wollen oder nicht, das Naturgesetz deiner Erschaffung an dir erfahren. Nun aber hat er es nicht anders bestimmt, als er es kundgetan hat. Dieselbe Weisheit, welche das Weltall aus Gegensätzen gebildet hat, so daß alles aus gegensätzlichen Substanzen unter der Herrschaft der Einheit bestehen sollte, aus dem Leeren und Festen, aus dem Belebten und dem Leblosen, aus dem Faßbaren und dem Unfaßbaren, aus Licht und Finsternis, sogar aus Leben und Tod – dieselbe Weisheit hat auch die Dauer der Welt so geschieden und auf Grund der Scheidung verknüpft, daß der gegenwärtige erste Teil, den wir vom Anfange der Dinge an als Bewohner innehaben, in zeitlicher Dauer abfließt und ein Ende nimmt, der zweite aber, den wir noch erwarten, in eine unendliche Ewigkeit sich fortsetzt. Sobald also das Ende und die Grenzscheide, welche trennend in der Mitte steht, gekommen sind, so daß auch die in gleicher Weise zeitliche Gestalt dieser Welt, welche nur nach Art eines Vorhanges vor jene Gestaltung in der Ewigkeit gespannt ist, umgewandelt wird, dann wird auch das Menschengeschlecht wieder erneuert, damit voll ausgezahlt werde, was es in dieser Zeitlichkeit an Gutem oder Bösem verdient hat, um es von da an die ganze unermeßliche Dauer der Ewigkeit hindurch abzubezahlen.

Darum gibt es dann auch keinen weiteren Tod mehr und keine wiederum stattfindende Auferstehung, sondern wir werden dieselben sein, die wir jetzt sind, und nicht andere nachher, und zwar die Verehrer Gottes bei Gott, überkleidet mit der der Ewigkeit eigenen Substanz, die Gottlosen dagegen und die, welche sich nicht gänzlich zu Gott gehalten, in der Strafe eines ebenfalls ewigen Feuers; sie besitzen nämlich die Unvergänglichkeit aus der Natur dieses Feuers, selbstverständlich durch göttliche Zuteilung. Die Verschiedenheit jenes geheimnisvollen Feuers vom gemeinen war auch den Philosophen bekannt. Ganz anders ist das Feuer, welches zu menschlichem Gebrauche, und ganz anders jenes, welches zur Vollstreckung eines Gerichtes Gottes dient, mag es nun vom Himmel Blitze schleudern oder aus der Erde durch Berggipfel herausquellen; es zehrt nämlich das, an dem es flammet, nicht auf, sondern stellt wieder her in dem Maße wie es zerstört. Daher bleiben die Berge, obwohl sie immer im Feuer stehen, und wer durch Feuer vom Himmel getroffen wird, bleibt unverletzt, so daß er durch kein Feuer mehr ganz zu Asche wird. Das ist ein Beweis für das ewige Feuer, das ein Vorbild des ewigen Gerichtes, das sein Opfer ernährt: die Berge brennen und bleiben bestehen. Wie wird es den Schuldbeladenen und Feinden Gottes ergehen?

Wenn man die Lehren des Christentums auch nicht billigt, so hat man doch keinesfalls Ursache, die Christen zu verfolgen, sondern müßte es so gut dulden als jede philosophische Sekte.

Das sind Lehren, welche man nur bei uns verwegene Phantastereien, bei den Philosophen und Dichtern aber höchste Wissenschaft und erhabene geistige Einblicke nennt. Jene sind die Klugen, wir die Narren, sie müssen geehrt, wir ausgelacht, nein, noch mehr, sogar bestraft werden. Gesetzt nun, es sei falsch, was wir verteidigen, und es werde mit Recht eine Verwegenheit genannt, so ist es doch notwendig; gesetzt, es sei läppisch, so ist es doch nützlich, da ja diejenigen, welche daran glauben, gezwungen sind, besser zu werden durch die Furcht vor der ewigen Pein und durch die Hoffnung auf die ewige Freude. Und somit frommt es nicht, falsch zu schelten und für läppisch zu halten, was frommt, wenn man es als wahr annimmt. Folglich darf auf keinen Titel hin das irgendwie zu einer Strafe verurteilt werden, was Nutzen bringt. Somit liegt bei euch Verwegenheit vor, Verwegenheit ist es, wenn ihr das verurteilt, was nützlich ist! Folglich können unsere Lehren auch nicht läppisch sein – sicherlich sind sie, selbst wenn sie falsch und läppisch wären, doch niemandem schädlich. Denn sie sind vielen anderen ähnlich, worauf ihr keine Strafen setzt. Bei Dingen solcher Art, die, unter Klage gestellt, ungestraft bleiben, weil sie unschädlich sind, muß man doch, mit gleichem Maße messend, das Urteil fällen, wenn überhaupt ein solches gesprochen werden soll, sie seien dem Spott preiszugeben, aber nicht dem Schwert, Feuer, Kreuz und wilden Tieren, ein ungerechtes Wüten, über das nicht bloß die blinde Volksmenge jauchzt und dabei ihrem Mutwillen frönt, sondern auch Gewisse aus eurer Mitte, welche durch Ungerechtigkeit sich populär zu machen wünschen, suchen ihren Ruhm darin.

Als ob nicht alles, was ihr gegen uns vermöget, eigentlich unser freier Wille wäre! Fürwahr nur wenn ich will, werde ich Christ. Nur dann also wirst du mich verurteilen können, wenn ich verurteilt werden will. Da du aber alles, was du gegen mich vermagst, nicht vermöchtest, wenn ich es nicht will, so ist dein Können Sache meines Wollens, nicht Sache deiner Macht. Ebenso freut sich der Pöbel durchaus ohne Grund über die uns zugefügten Quälereien. Denn unser ist die Freude, die er sich aneignet, deshalb weil wir uns lieber verurteilen lassen, als daß wir von Gott abfallen. Jene, die uns hassen, müßten im Gegenteil betrübt sein, statt sich zu freuen, da wir ja erlangten, was wir frei gewählt haben.

Die Philosophen werden von den Christen an Standhaftigkeit übertroffen. Lob und Würde des Martyriums.

„Nun denn“, heißt es da, „wenn ihr also leiden wollt, warum beklagt ihr euch denn darüber, daß wir euch verfolgen, da ihr doch vielmehr diejenigen lieben müßtet, durch welche euch das begehrte Leiden zuteil wird?“ Allerdings, wir wollen das Leiden, aber in der Weise, wie man auch den Krieg auf sich nimmt. Keiner nimmt ihn gern auf sich, da er notwendig auch Unruhe und Gefahr im Gefolge hat. Dennoch wird der Kampf mit aller Kraft geführt und, wer sich über den Kampf beklagte, freut sich, wenn er im Kampfe siegt, weil ihm Ruhm und Beute zuteil wird. Ein Kampf ist es für uns, wenn wir vor die Schranken des Gerichts gerufen werden, um dort, unser Leben in die Wagschale werfend, für die Wahrheit zu streiten. Siegen aber heißt, das erlangen, wofür man gestritten hat. Dieser Sieg trägt als Ruhm das Wohlgefallen Gottes heim und als Beute das ewige Leben.

Aber, wir werden niedergemacht! – Dann, wenn wir sie (die Beute) sicher im Besitz haben. Also siegen wir, wenn wir niedergemacht werden; kurz, wir entrinnen, wenn wir vorgeführt werden. Möget ihr uns immerhin Sarmentitier und Semiaxier titulieren, weil wir an einen aus einem halben Wellbaume bestehenden Pfahl angebunden, rings mit Reisigbündeln umgeben, verbrannt werden. Das ist unser Siegesaufzug, dies ist unser Siegeskleid, auf solchem Wagen triumphieren wir. Mit Recht gefallen wir also den Besiegten nicht, mit Recht hält man uns für aufgegebene und verlorene Leute, Allein ein solches Sichaufgeben und Verlorensein für den Ruhm und die Ehre hebt ja auch bei euch hoch empor die Standarte der Tugend.

Mucius ließ bereitwillig seine rechte Hand im Altarfeuer zurück. Welche Hochherzigkeit! Empedokles opferte seine ganze Person dem Feuerregen des Ätna. Welche Geistesstärke! Jene bekannte Gründerin von Karthago entrann durch den Scheiterhaufen einer drohenden zweiten Ehe. Welche Verherrlichung der Keuschheit und Züchtigkeitl Regulus duldete, um nicht durch die Erhaltung seines Lebens vielen Feinden das Leben zu erhalten, am ganzen Leibe Kreuzespeinen. Welch ein tapferer Mann, Sieger selbst als Gefangener! Als Anaxarchus zum abschreckenden Beispiel mit dem Stößer eines Gerstenmörsers zerstampft wurde, rief er aus: „Stampfe, stampfe nur die Hülse des Anaxarchus; denn den Anaxarchus stampfest du nicht!“ Welche Seelengröße des Philosophen, der über einen solchen Tod noch scherzte!

Ich übergehe die, welche sich mit Hilfe ihres eigenen Schwertes oder durch eine andere sanftere Todesart des Nachruhmes versicherten. Denn siehe da, auch der Kampf gegen Folterqualen findet bei euch seine Krone! Eine Buhlerin zu Athen spie, als der Folterknecht schon müde war, zuletzt dem rasenden Tyrannen ihre zerkaute Zunge ins Gesicht, um damit auch ihre Stimme von sich zu werfen, damit sie nicht die Mitverschworenen angeben könne, selbst wenn sie es, etwa überwunden, wollen würde. Zeno, der Eleat, von Dionysius befragt, was die Philosophie denn gewähre, antwortete: „Verachtung des Todes; die Apathie“ und besiegelte, den Geißelhieben des Tyrannen preisgegeben, seinen Ausspruch mit dem Tode. Bekannt ist, daß bei den Lazedämoniern Geißelstreiche, die unter den Augen der sogar noch aufmunternden Verwandten verschärft werden, der Familie ebensoviel Lob der Ausdauer einbringen, als sie Blut kosteten.

O, ein Ruhm, der erlaubt ist, weil er ein menschlicher ist, ein Ruhm, dem, wenn er den Tod und jegliche Grausamkeit verachtet, weder eine sich verloren gebende Verwegenheit noch eine an allem verzweifelnde Gesinnung als Beweggrund untergeschoben wird, dem vielmehr für das Vaterland, für die heimatliche Scholle, für das Reich und für die Freundschaft alles das zu leiden erlaubt ist, was für Gott zu leiden nicht erlaubt wird. Und ihr beschließt, den Genannten Standbilder zu errichten, ihr grabet ihre Brustbilder und zeichnet Ehrentitel ein, um sie so zu verewigen. Soviel ihr es durch Monumente vermöget, verleihet auch ihr den Toten gewissermaßen die Auferstehung. Wer aber, für Gott leidend, die wirkliche Auferstehung von Gott erwartet, den haltet ihr für einen Narren.

Aber fahrt nur so fort, treffliche Präsidenten, die ihr beim Pöbel viel beliebter werdet, wenn ihr ihm Christen opfert; quält, martert, verurteilt uns, reibt uns auf; eure Ungerechtigkeit ist der Beweis unserer Unschuld! Deswegen duldet Gott, daß wir solches dulden. Denn noch neulich, als ihr eine Christin zum Hurenhaus anstatt zur Löwengrube verurteiltet, habt ihr das Geständnis abgelegt, daß bei uns eine Verletzung der Schamhaftigkeit für schlimmer gelte als jede Strafe, als jede Todesart. Und doch, die ausgesuchteste Grausamkeit von eurer Seite nützt nichts; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.

Schmerz und Tod geduldig zu ertragen, dazu fordern viele der Eurigen auf, Cicero in den Tuskulanen, Seneca in der Schrift: Über die Zufälligkeiten, Diogenes, Pyrrho, Callinicus; aber ihre Worte finden nicht so viele Schüler, als die Christen, die durch Taten lehren.

Gerade jener „hartnäckige Trotz“, den ihr uns zum Vorwurf macht, ist ein Lehrer. Denn welcher Mensch fühlt sich nicht, wenn er ihn betrachtet, mit Gewalt angetrieben, zu untersuchen, was innerlich der Sache zugrunde liegt. Wer tritt, wenn er untersucht hat, uns nicht bei? Wer wünscht nicht, wenn er beigetreten ist, zu leiden, um sich die Fülle der Gnade Gottes zu erwerben und sich von ihm Vergebung aller Schuld durch den Preis seines Blutes zu erkaufen? Denn um solcher Tat willen werden alle Vergehungen nachgelassen. Das ist der Grund, warum wir euch sofort für eure Richtersprüche Dank sagen. So beschaffen ist der Widerstreit zwischen einer göttlichen und menschlichen Sache: von euch verurteilt werden wir von Gott losgesprochen.

 

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