Pascendi Dominici – Über den Modernismus

Von Pius X

Das uns von Gott aufgetragene Amt, die Herde des Herrn zu weiden, hat insbesondere von Christus die Aufgabe zugewiesen bekommen, den Schatz des den Heiligen überlieferten Glaubens aufs wachsamste zu hüten, unter Abweisung profaner Neuerungen in der Sprache und des Widerspruchs der falsch berühmten Wissenschaft. Diese Aufsicht des allerhöchsten Hirten war zu jeder Zeit der katholischen Herde notwendig; denn auf Antrieb des bösen Feindes des Menschengeschlechts haben niemals „Männer, die da verkehrte Lehren reden”, „Schwätzer und Verführer”, ”Verführte und Verführende” gefehlt. Aber man muss bekennen : Die Zahl der Feinde des Kreuzes Christi ist in dieser letzten Zeit gewachsen; mit ganz neuen und verschlagenen Kunstgriffen suchen sie die Lebenskraft der Kirche zu zerstören und möchten gerne, wenn sie könnten, das Reich Christi selbst von Grund aus vernichten. Darum dürfen Wir nicht länger, schweigen; sonst setzen Wir Uns dem Schein aus, unser heiligstes Amt zu versäumen, und Unsere bisher in der Hoffnung auf bessere Einsicht gezeigte Güte könnte als Pflichtvergessenheit beurteilt werden.

Schwerwiegende Situation

In dieser Sache unverzüglich vorzugehen, fordert vor allem die Tatsache, dass die Anhänger der Irrtümer nicht mehr nur unter den offenen Feinden zu suchen sind, vielmehr – das ist das Allerschmerzlichste und Furchtbarste – im Herzen und Schoße der Kirche selbst verborgen sind, um so schädlicher, je weniger sichtbar sie sind – Wir reden, ehrwürdige Brüder, von vielen aus der Zahl katholischer Laien, ja, – und das ist weit beklagenswerter – aus dem Kreise der Priester selbst, die, in einer gewissen verfälschten Liebe zur Kirche, ohne festen philosophischen und theologischen Schutz, vielmehr gänzlich angetan von den durch die Feinde der Kirche überlieferten giftigen Lehren, sich, bar jeder Bescheidenheit, zu Kirchenverbesserern aufwerfen und in kühnem Ansturme alles Heilige an Christi Werk angreifen, ja die Person des göttlichen Heilandes selbst nicht unangetastet lassen, die sie in sakrilegischem Unterfangen zu einem reinen und bloßen Menschen herabsetzen.

Dass Wir derartige Menschen zu den Feinden der Kirche rechnen, wenn, sie sich auch selbst darüber wundern, darüber kann niemand mit Recht staunen, der ihre Absicht, über die nur Gott ein Urteil zusteht, beiseite lässt und lediglich ihre Lehren und ihre Art zu reden und zu handeln zur Kenntnis nimmt. Der bleibt bei der Wahrheit, der sie für Gegner der Kirche, verderblicher als jeden anderen Gegner, hält; denn nicht außerhalb der Kirche, sondern, wie gesagt, innerhalb treiben sie ihre Anschläge auf das Verderben der Kirche; deshalb sitzt die Gefahr unmittelbar in den Adern und Eingeweiden der Kirche, und um so sicherer wütet der Schaden, je intimer sie die Kirche kennen. Sie legen ferner die Axt nicht an die Äste und Zweige, sondern an die Wurzel selbst, den Glauben und seine feinsten Fibern; ist aber die unsterbliche Wurzel getroffen, so treiben sie das Gift so durch den ganzen Baum, dass kein Teil katholischer Wahrheit übrig bleibt, an den sie nicht Hand anlegten, keiner, den sie nicht zu verderben sich bemühten. Sie gebrauchen tausend schädliche Künste; nichts ist verschlagener, nichts hinterlistiger als sie; durcheinander, spielen sie bald den Rationalisten, bald den Katholiken, und das so heuchlerisch, dass sie den Unvorsichtigen leicht in den Irrtum hereinziehen. Äußerst verwegen schrecken sie vor keinen Folgerungen zurück und drängen sie mit fester Zuversicht auf. Es kommt hinzu bei ihnen –. eine sehr geschickte Seelenfalle ! – ein sehr arbeitsames Leben, ein energischer, allenthalben sich betätigender Bildungstrieb und das Streben nach dem Ruhme einer zumeist strengen Sittlichkeit. Endlich und das nimmt fast das Vertrauen auf Heilung – sind sie auf ihre Lehren so versessen, dass sie jede Leitung verschmähen und keinerlei Zügel annehmen; im Vertrauen auf eine Art trügerisches Gewissen möchten sie dem Wahrheitsstreben zuschreiben, was einzig und allein dem Stolze und der Halsstarrigkeit zuzuschreiben ist.

Wir hatten zwar gehofft, diese Menschen zur besseren Einsicht einmal zurückrufen zu können; darum haben Wir zuerst liebevolle Zurede, wie gegen Söhne, dann Strenge, endlich, wenn auch widerwillig, die öffentliche Rüge gegen sie angewandt. Es war eitel, wie ihr wisst, ehrwürdige Brüder, für den Augenblick beugten sie den Nacken, um ihn alsbald nur stolzer zu straffen. Handelte es sich nur um sie, so könnten Wir vielleicht darüber hinweggehen, aber der feste Bestand des katholischen Namens steht auf dein Spiel. Längeres Schweigen wäre da Sünde. Wir müssen es unterbrechen und der ganzen Kirche jene unter böser Maske versteckten Menschen so zeigen, wie sie wirklich sind.

Einteilung der Enzyklika

Weil es aber der Modernisten – so werden sie mit Recht im Volke genannt – schlauester Kunstgriff ist, ihre Lehren nicht in methodischer Ordnung und als, geschlossenes System vorzuführen, sondern immer nur einzelne, versprengte Stücke, die ihnen den Anschein des Schwankenden und Fahrigen geben, während sie doch tatsächlich fest und beharrend sind, so ist es das Beste, ehrwürdige Brüder, die Lehren zunächst von einem Sehwinkel aus aufzuzeigen und das verknüpfende Band darzutun, um dann die Irrtümer aufzudecken und die Heilmittel zur Beseitigung des Verderbens zu befehlen.

Die modernistische Lehre

Um aber bei der etwas verwickelten Sache ordnungsgemäß vorzugehen, ist vor allem, zu beachten, dass jeder der Modernisten mehrere Rollen spielt und gleichsam mehrere Persönlichkeiten in sich vereinigt, nämlich den Philosophen, den Gläubigen, den Theologen, den Historiker, den Kritiker, den Apologeten, den Reformator – sie alle muss man einzeln unterscheiden, wenn man das modernistische System recht verstehen und seine Voraussetzungen und Folgerungen wirklich begreifen will.

Das philosophische Fundament – Der Agnostizismus

Um beim Philosophen zu beginnen, so setzen die Modemisten als Grundlage der Religionsphilosophie den sogen. A g n o s t i z i s m u s Kraft dessen ist die menschliche Vernunft auf die Phänomena, d. h. die Erscheinungswelt beschränkt; ihre Grenzen zu überschreiten hat sie weder Recht noch Vermögen. Deshalb ist sie auch außerstande, bis zu Gott vorzudringen und seine Existenz auf dem Wege durch sie Phänomena zu erkennen; Daraus folgt, dass Gott Gegenstand des Wissens auf direktem Wege in keiner Weise sein kann, dass, auf die Geschichtswissenschaft angewandt, Gott in keiner Weise als ein historisches Subjekt angesehen werden kann. Was aber bei dieser Annahme aus der natürlichen Theologie, aus den beweisenden Gründen für die Glaubwürdigkeit unseres Glaubens, aus der äußeren Offenbarung wird, ist leicht einzusehen. Das alles werfen die Modernisten völlig beiseite und lehnen es als Intellektualismus ab, ein lächerliches und längst abgetanes System, wie sie sagen. Sie lassen sich nicht zurückhalten durch die unzweideutige kirchliche Verdammung derartiger Irrtümer; denn das Vatikanische Konzil bestimmte: „Wenn einer sagt, dass der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und HERR, auf dem Wege durch die geschaffene Erscheinungswelt, durch das natürliche Licht der menschlichen Vernunft, nicht sicher erkannt werden könne, der sei im Banne !” Ferner : „Wenn einer sagt, es sei unmöglich oder unersprießlich, dass der Mensch durch göttliche Offenbarung über Gott und seine Verehrung belehrt werde, der sei im Banne !” Endlich : „Wenn einer sagt, die göttliche Offenbarung könne durch äußere Zeichen nicht glaubhaft gemacht werden, und deshalb müssten allein durch innere persönliche Erfahrung oder private Eingebung die Menschen zum Glauben bewogen werden, der sei im Banne!“ Wie aber aus dem Agnostizismus, der lediglich in einem Nicht-Wissen besteht, die Modernisten zum wissenschaftlichen und historischen Atheismus, der im Gegensatz zum Agnostizismus ganz in Verneinung aufgeht, fortschreiten, mit welchem Vernunftschlusse aus dem Nicht-Wissen, ob Gott in die Geschichte der Menschheit eingreift oder nicht, der Schritt getan wird zu einer Erklärung dieser Geschichte unter völliger Beiseiteschiebung Gottes, wie wenn Er wirklich nicht eingreife, das weiß, wer’s kann. Das jedoch steht ihnen unverbrüchlich fest, dass Wissenschaft und ebenso Geschichte atheistisch sein müsse;8 auf ihrem Gebiete können nur die Phänomena eine Stelle haben, Gott und alles Göttliche ist völlig getilgt. Welche Abgeschmacktheiten über die allerheiligste Person Christi, über die Geheimnisse des Lebens und Todes oder über die Auferstehung und Himmelfahrt aus dieser Lehre folgen, werden Wir bald sehen.

Die vitale Immanenz

Dieser Agnostizismus ist jedoch in der Lehre der Modernisten nur der negative Teil; der positive besteht in der, wie sie sagen, v i t a l e n I m m a n e n z . Das eine ergibt sich so aus dem andern : Die Religion, mag sie nun natürlich sein oder übernatürlich, muss wie jede Tatsache eine Erklärung zulassen. Da nun aber die natürliche Theologie beseitigt und der Zugang zur Offenbarung durch Verwerfung der Beweise für die Glaubwürdigkeit unseres Glaubens versperrt ist (s. o.), ja, auch jede äußere Offenbarung völlig aufgehoben ist, so sucht man außerhalb des Menschen vergeblich. Man muss die Erklärung also im Menschen selbst suchen, und da die Religion eine Art Lebensform ist, muss man sie im Leben des Menschen finden. So wird das Prinzip der religiösen Immanenz aufgestellt. Nun ist gleichsam der erste Trieb eines jeden Lebens-Phänomens – und, wie gesagt, gehört die Religion dazu – aus einem gewissen Bedürfnis oder einem Verlangen zu gewinnen; die Anfänge des Lebens im engeren Sinne aber liegen in einer Bewegung des Herzens, dem sogenannten Gefühl; um deswillen, da der Gegenstand der Religion Gott ist, folgt, dass der Glaube, der Anfang und Grund jeder Religion, in einer Art von innerstem Gefühl seine Wurzel haben muss, das aus Bedürfnis nach dem Göttlichen entsteht. Dieses Bedürfnis nach dem Göttlichen kann, da es nur in bestimmten und geeigneten Zusammenhängen gefühlt wird, an sich nicht zum Bereiche des Bewussten gehören; es ist zunächst verborgen unterhalb des Bewusstseins oder – so reden sie mit einem Lehnworte aus der modernen Philosophie – im „Unterbewusstsein”, wo auch seine Wurzel verborgen und unaufgedeckt liegt. – Aber man wird fragen, wie denn dieses Bedürfnis nach dem Göttlichen, das der Mensch in sich spürt, Religion wird ? Die Modernisten antworten : Wissenschaft und Geschichte sind in zwei Grenzen eingeschlossen; die eine ist eine äußere, die sichtbare Welt, die andere eine innere, das Bewusstsein. Sobald sie eine der Grenzen berühren, können sie nicht weiter; denn jenseits dieser Grenzen liegt das Unerkennbare. Angesicht dieses Unerkennbaren, mag es nun außerhalb des Menschen und jenseits der sichtbaren Natur sein oder im Menschen im Unterbewusstsein verborgen sein, erregt das Bedürfnis nach dem Göttlichen in einer für Religion empfänglichen Seele ohne – wenigstens behauptet der Fideismus das zu wissen – vorhergehendes Verstandesurteil ein gewisses, besonderes Gefühl; dieses nun trägt die Realität des Göttlichen teils als Gegenstand, teils als seine innerste Ursache in sich und verbindet den Menschen gewissermaßen mit Gott. Dieses Gefühl nennen die Modernisten Glauben, das ist für sie der Anfang der Religion.

Aber damit ist das Philosophieren oder besser Phantasieren noch nicht zu Ende. Denn in jenem Gefühl finden die Modernisten nicht nur den Glauben, sondern mit dem Glauben, ja in ihn selbst, wie sie ihn verstehen, setzen sie auch die Offenbarung. „Denn was fordert man für die Offenbarung mehr? Oder sollen wir nicht Offenbarung oder wenigstens Anfang der Offenbarung nennen jenes im Bewusstsein erscheinende religiöse Gefühl? Sollen wir es nicht Gott selbst nennen, der sich, wenn auch noch verworren, in eben diesem religiösen Gefühl offenbart ?” Sie geben aber vor : Da Gott Gegenstand des Glaubens ist und zugleich Ursache, so stammt jene Offenbarung über Gott gleichzeitig von Gott, sie enthält Gott gleichzeitig als Offenbarer und Offenbarung. Daher stammt, ehrwürdige Brüder, jene so abgeschmackte Behauptung der Modernisten nach der jede Religion, je nach dem Gesichtswinkel, zugleich natürlich und übernatürlich zu nennen ist. Daher stammt das Gesetz, nach dem das religiöse Bewusstsein zur allgemeinen Norm gemacht wird, völlig gleich mit der Offenbarung, eine Norm, der sich alle unterwerfen müssen, auch die oberste Kirchengewalt in Lehre, Kultus oder Disziplin.

Deformation der Religionsgeschichte und deren Folgen

Bei diesem ganzen Prozess, aus dem nach der Meinung der Modernisten Glaube und Offenbarung hervorgehen, ist ein wegen seiner historisch-kritischen Folgerungen bedeutsamer Punkt scharf zu beachten: Das Unerkennbare, von dem sie reden, gibt sich dem Glauben nicht abstrakt, gleichsam oder als ein Alleiniges; vielmehr zeigt es sich mit einem Phänomenon eng verknüpft, das zwar dem Gebiete der Wissenschaft oder Geschichte angehört, aber dennoch in gewisser Weise darüber hinausgeht, mag dieses Phänomenon nun irgendeine Tatsache in der Natur sein, die ein Geheimnis in sich birgt, oder irgendeine menschliche Persönlichkeit, deren Geist, Handlungen, Worte mit den gewöhnlichen Gesetzen der Geschichte nicht in Einklang gebracht werden zu können scheinen. Dann aber umfasst der Glaube, angelockt von dem Unerkennbaren, das mit dem Phänomenon verbunden ist, dieses ganz und durchdringt es gleichsam mit seinem Leben. Daraus folgt zweierlei: zunächst eine Art Verklärung des Phänomenon, nämlich durch seine Hinaushebung über seine wahren Seinsverhältnisse, um es für die göttliche Form, die der Glaube ihm geben will, geeigneter zu machen. Ferner eine Art von sozusagen Überkleidung desselben Phänomenons, wenn nämlich der Glaube ihm, dass er zuvor der Verbindung von Raum und Zeit entnommen hat, zuspricht, was es in Wirklichkeit nicht besitzt – das geschieht namentlich bei Phänomena der Vergangenheit, und um so mehr, je älter sie sind. Aus dieser Doppelfunktion machen die Modernisten wiederum zwei Gesetze, die zu dem dritten des Agnostizismus gestellt, die Grundlagen historischer Kritik ausmachen. Ein Beispiel wird die Sache klar machen. Nehmen wir die Person Christi : Bei ihr, sagen sie, stoßen Wissenschaft und Geschichte nur auf einen Menschen. Folglich ist kraft jenes ersten Gesetzes des Agnostizismus aus seiner Geschichte alles Göttliche zu streichen. Ferner: es ist kraft des zweiten Gesetzes Christi geschichtliche Person vom Glauben „verklärt” worden, es muss also alles entfernt werden, was sie über die geschichtlichen Bedingungen heraushebt. Endlich ist kraft des dritten Gesetzes dieselbe Person Christi vom Glauben überkleidet worden; folglich muss man von ihr Reden, Handlungen, kurz alles, was seinem Geiste, seiner Stellung, Erziehung, Ort und Zeit, in denen er lebte, nicht entspricht, entfernen. Gewiss eine wunderliche Logik ! Aber das ist modernistische Kritik.

Das religiöse Gefühl also, das durch vitale Immanenz aus dem verborgenen Quell des Unterbewusstseins hervorbricht, ist der Keim jeglicher Religion und zugleich der Grund von allem, was in irgendeiner Religion war oder sein wird. Anfänglich roh und fast ungestaltet, ist dieses Gefühl allmählich unter dem Einfluss jenes geheimnisvollen Prinzips, von dem es herstammt, gewachsen zugleich mit dem Fortschritt des menschlichen Lebens, von dem es ja, wie gesagt, eine Art Form ist. So haben wir also hier den Ursprung jeder Religion, mag sie auch übernatürlich sein; denn die Religionen sind alle nur Entfaltungen des religiösen Gefühls. Und man glaube nicht, die katholische Religion sei ausgenommen; sie steht vielmehr den übrigen vollkommen gleich; ist sie doch im Bewusstsein Christi, des auserlesenen Mannes, dem niemand gleich war noch sein wird, durch den Prozess vitaler Immanenz, und nicht anders, entstanden. – Wahrlich, man staunt über die Kühnheit solcher Behauptung, über solchen Frevel am Heiligen ! Aber, ehrwürdige Brüder, das ist nicht nur verwegenes Geschwätz der Ungläubigen, nein Katholiken, ja mehrere Priester sogar, haben das öffentlich gelehrt, sie brüsten sich mit solchem Wahnsinn die Kirche zu reformieren ! Hier handelt es sich nicht mehr um den alten Irrtum, durch den man der menschlichen Natur gleichsam das Recht einer übernatürlichen Ordnung zuschrieb. Darüber ist man weit hinausgegangen : man gibt unserer allerheiligsten Religion in dem Menschen Christus und in uns einen durchaus natürlichen Ursprung aus sich selbst. Das ist aber das beste Mittel, jede übernatürliche Ordnung abzuschaffen. Daher wurde vom vatikanischen Konzil mit Recht bestimmt : „Wenn einer sagt, der Mensch könne zu einer Kenntnis und Vollkommenheit, die die Natur übersteigt, nicht von Gott erhoben werden, sondern könne und müsse zum Besitz des Wahren und Guten von sich selbst aus in wachsendem Fortschritt gelangen, der sei, im Banne !”

Der Ursprung des Dogmas…

Bei dem Bisherigen, verehrenswerte Brüder, sahen Wir den Intellekt nicht in Tätigkeit. Aber auch er hat nach modernistischer Lehre seinen Anteil am Glaubensakt. Nämlich so : In jenem vielgenannten Gefühl, so sagen sie, zeigt sich Gott zwar dem Menschen, aber, da Gefühl nicht Erkennen ist, so verworren und mit anderem vermischt, dass er von dem Gläubigen kaum, oder nur wenig unterschieden wird. Es muss also das Gefühl durch ein Licht hell erleuchtet werden, damit Gott klar heraustritt und sich abhebt. Das ist Aufgabe des Intellektes, dessen Wesen das Denken und Analysieren ist; durch ihn teilt der Mensch die in ihm sich erhebenden Lebensphänomene zuerst in ihre Arten und dann gibt er ihnen Namen. Daher das bei den Modernisten gebräuchliche Wort : Der religiöse Mensch muss seinen Glauben denken. – Der Verstand also tritt zum Gefühle hinzu, bohrt sich hinein, arbeitet in, ihm wie ein Maler, der die verwaschenen Züge eines Gemäldes beleuchtet, um sie wieder glänzend heraustreten zu lassen – so nämlich fast legt ein modernistischer Gelehrter die Sache dar. Bei dieser Arbeit aber ist der Verstand in doppelter weise tätig : zuerst, in natürlichem und spontanem Akte, legt er den Sachverhalt, klar und gemeinverständlich dar; dann aber reflektierend und gründlicher, in Gedankenarbeit, wie sie sagen; spricht er seine Gedanken, in abgeleiteten, aber vertieften und schärfer unterscheidenden Aussprüchen aus. Wenn dann schließlich, diese Aussprüche zweiter Ordnung vom höchsten Lehramt der Kirche sanktioniert worden sind, so machen sie ein D o g m a aus.

So also kommt man in der Lehre der Modernisten zu einem Hauptkapitel, nämlich zum Ursprung und zur Natur des Dogmas. Sie setzen zwar den Ursprung des Dogmas in jene ursprünglichen, einfachen (Gedanken-)Formeln, die in gewisser Hinsicht für den Glauben notwendig sind – denn die Offenbarung als Realität verlangt, ein deutliches Kundwerden Gottes im Bewusstsein –, aber offenbar lassen sie das Dogma selbst nur in den abgeleiteten Formeln recht eigentlich enthalten sein. – Um seine Natur wirklich zu verstehen, gilt es vor allem die Beziehungen zwischen den religiösen Formeln und dem religiösen Gefühl zu erforschen. Der wird leicht das rechte Verständnis gewinnen, der festhält, dass diese Formeln nur dazu dienen, dem Gläubigen behilflich zu sein, sich über seinen Glauben Rechenschaft zu geben. Darum stehen sie mitten zwischen dem Gläubigen und seinem Glauben; für den Glauben sind sie inadäquate Bezeichnungen seines Gegenstandes, sogenannte Symbole, für den Gläubigen bloße Hilfsmittel.

… sei Entwicklung

Deshalb können sie unmöglich die absolute Wahrheit enthalten; denn als Symbole sind sie nur Bilder der Wahrheit, die um deswillen dem religiösen Gefühl in seine Beziehungen zum Menschen sich anzupassen haben. Als Hilfsmittel sind sie nur Werkzeuge der Wahrheit und um deswillen wiederum dem Menschen in seinen Beziehungen zum religiösen Gefühl anzupassen. Der Gegenstand des religiösen Gefühls aber, das Absolute, hat unzählige Erscheinungsformen; bald kann diese, bald jene erscheinen. Entsprechend kann der glaubende Mensch immer wieder in anderen Verhältnissen sich befinden. Darum müssen auch die Formeln, die wir Dogma nennen, demselben Wechsel unterliegen, und darum der Veränderlichkeit verfallen sein. So ist der Weg zu innersten E n t w i c k l u n g des Dogmas, gebahnt. Wahrlich eine Unsumme von Trugschlüssen, die alle Religion vernichtet und zerstört !

Das Dogma kann sich aber nicht nur entwickeln und verändern, sondern muss es, so behaupten die Modernisten unentwegt, und so folgt es aus ihren Meinungen deutlich. Denn eine Hauptlehre, abgeleitet aus dem Prinzipe der vitalen Immanenz, ist für sie : die religiösen Formeln, wenn anders sie wirklich religiöse sein sollen und nicht nur Reflexionen des Verstandes, müssen Leben in sich tragen und das Leben des religiösen Gefühles selbst leben. Das darf man nicht so verstehen, als wenn diese Formeln, zumal wo sie reine Vorstellungen sind, an die Stelle des religiösen Gefühls selbst gesetzt seien – denn auf ihren Ursprung, ihre Zahl oder Eigenschaft kommt es gar nicht an – vielmehr so, dass sie das religiöse Gefühl, wenn nötig unter Veränderung ihrer Form, lebendig mit sich verknüpft. Mit anderen Worten : es muss die ursprüngliche, einfache Formel vom Herzen ergriffen und von ihm geheiligt werden, das Herz muss desgleichen die Leitung haben, wenn die abgeleiteten Formeln gebildet werden. Daher müssen diese Formeln, um lebendig zu sein, dem Glauben und dem Gläubigen angepasst sein und bleiben. Wenn also aus irgend einem Grunde die Anpassung aufhört, so verlieren jene ihren ursprünglichen Inhalt und müssen geändert werden. – Da so Kraft und Schicksal der dogmatischen Formeln unbeständig ist, nimmt es kein Wunder, dass die Modernisten so sehr darüber spotten und sie verachten; sie ihrerseits kennen und preisen nur das religiöse Gefühl und religiöse Leben. Deshalb greifen sie auch verwegen die Kirche an, als wenn sie auf falschem Wege wäre, weil sie von der äußeren Formel nicht die religiöse und sittliche Kraft zu unterscheiden wisse, sich in eitlem Mühen hartnäckig auf inhaltleere Formeln versteife und dabei die Religion selbst fahren lasse. – Blinde und Blindenführer, die aufgeblasen durch den stolzen Namen : Wissenschaft ! in ihrem Wahn so weit gehen, dass sie den ewigen Begriff der Wahrheit und das echte Gefühl der Religion verkehren ! Sie führen ein neues System ein, „in schranken- und zügelloser Begierde nach Neuerungen suchen sie die Wahrheit nicht da, wo sie wirklich und gewiss liegt, sie schieben die heiligen und apostolischen Überlieferungen beiseite und schließen sich an eine unsichere, von der Kirche nicht gebilligte Lehre eitel und nichtig an und glauben – die Toren ! – dadurch die Wahrheit selbst stützen und aufrecht halten zu können.”

Der modernistische Glaube: Einzelerfahrung und Überzeugung

Soviel, ehrwürdige Brüder, über die modernistische Philosophie. Gehen Wir nun zum modernistischen Glauben über, und möchte man den Unterschied zwischen beiden wissen, so muss man beachten, dass der Philosoph zwar die Realität des Göttlichen als Glaubensgegenstand zulässt, dennoch aber diese Realität nur im Gemüte des Gläubigen finden lässt, sofern sie Gegenstand des Gefühls und der inneren Bejahung ist und deshalb über den Kreis der Phänomena nicht hinausgeht; ob sie außerhalb des Gefühls und solcher rein inneren Bejahung an sich existiert, das kümmert den Philosophen nicht. Umgekehrt steht es dem Modernisten als Gläubigen fest, dass die Realität des Göttlichen an sich existiert und nicht allein vom Gläubigen abhänge. Fordert man den Stützpunkt dieser Gewissheit des Gläubigen, so verweisen sie auf die persönliche Erfahrung des Einzelnen. Wenn sie dabei auch von den Rationalisten abweichen, so verfallen sie doch in den Wahn der Protestanten und Pseudo-Mystiker. Denn sie erklären den Vorgang so : In dem religiösen Gefühl muss man eine Art unmittelbare Ergriffenheit des Herzens anerkennen; durch sie kommt der Mensch unmittelbar zur Realität Gottes und schöpft daraus eine so feste Überzeugung von der Existenz und inner- wie außermenschlichen Wirksamkeit Gottes, dass sie alle wissenschaftliche Überzeugung weit übertrifft. Sie setzen also die innere Erfahrung als Wahrheit und wertvoller denn jede Vernunfterfahrung; wer sie, wie die Rationalisten, leugnet, zeigt damit, dass er sich den sittlichen Bedingungen, die zur Gewinnung der Erfahrung erforderlich sind, nicht fügen will. Diese Erfahrung macht also ihren Besitzer zum wirklichen und wahrhaftigen Gläubigen. Wie weit sind wir hier von katholischen Anschauungen entfernt ! Dass das vatikanische Konzil solche Erdichtungen verwirft, sahen wir schon. Wir werden unten zeigen, wie bei dieser Annahme in Verbindung mit den übrigen, schon erwähnten Irrtümern der Weg zum Atheismus offen steht. Hier möchten wir nur sogleich bemerken, dass nach dieser Erfahrungslehre in Verbindung mit der andern über den Symbolismus jede Religion, auch eine heidnische, für wahr angesehen werden muss. Denn begegnen nicht in jeder Religion Erfahrungen dieser Art ? Mehr als Einer behauptet es. Mit welchem Recht aber wollen die Modernisten die vom Türken behauptete Wahrheit der Erfahrung seiner Religion leugnen ? Und wie wollen sie wahre Erfahrungen allein für die Katholiken in Anspruch nehmen ?! Tatsächlich leugnen die Modernisten das auch nicht, vielmehr, teils heimlich, teils öffentlich, erklären sie alle Religionen für wahr. Offenbar können sie ja auch gar nicht anders denken. Denn wie könnte nach ihren Prinzipien irgend einer Religion Irrtum zugeschrieben werden ? Doch höchstens auf Grund einer Täuschung über das religiöse Gefühl oder eines Truges in der vom Intellekt gegebenen Formel. Aber das religiöse Gefühl ist allenthalben dasselbe, wenn auch mitunter weniger vollkommen; für die Wahrheit der Formel des Intellekts aber genügt, dass sie dem religiösen Gefühl und dem gläubigen Menschen entspreche, wie es auch um seine geistige Höhenlage stehen mag. Einzig und höchstens könnten vielleicht in dem Widerstreit der verschiedenen Religionen die Modernisten behaupten, die katholische Religion als die lebendigere enthalte mehr Wahrheit, desgleichen sei sie des christlichen Mannes würdiger, weil sie den Anfängen des Christentums mehr entspreche. – Dass diese Folgerungen alle aus den gegebenen Voraussetzungen hervorgehen, wird jeder bestätigen. Darüber muss man am meisten staunen, dass katholische Männer und Priester sich dazu hergeben, zwar, wie Wir lieber vermuten möchten, sich vor diesen Gräueln zu entsetzen, aber doch so zu handeln, als wenn sie sie vollkommen billigten. Loben und ehren sie doch die Lehrer solcher Irrtümer öffentlich so, dass jeder überzeugt sein muss, sie ehren nicht die Menschen, die vielleicht nicht einer gewissen Bedeutung entbehren, sondern vielmehr die Irrtümer, die diese offen vertreten und mit allen Mitteln unter die Menge zu werfen sich bemühen.

Religiöse Erfahrung und Überlieferung

Noch ein Anderer ist in diesem Kapitel ihrer Lehre, das der katholischen Wahrheit durchaus entgegen ist. Denn jenes Gebot von der Erfahrung wird auch auf die Tradition übertragen, die die Kirche bisher vertreten hat, und zerstört sie völlig. Denn die Modernisten verstehen unter Tradition die andern gemachte Mitteilung einer ursprünglichen Erfahrung durch die Predigt mit Hilfe der Formel des Intellekts. Dieser Formel schreiben sie daher außer der, wie sie sagen, Repräsentativkraft noch eine gewisse Suggestivkraft zu, sowohl im Gläubigen zur Erweckung seines vielleicht erstarrten religiösen Gefühls und zur Erneuerung einer früheren Erfahrung, als auch in den noch nicht Gläubigen zur ersten Erzeugung des religiösen Gefühls und ersten Hervorrufung der Erfahrung. So aber verbreitet sich die religiöse Erfahrung weithin durch die Völker, nicht nur unter den Zeitgenossen durch die Predigt, sondern auch unter späteren Geschlechtern, teils durch Bücher, teils durch gegenseitige mündliche Mitteilung. Diese Mitteilung der Erfahrung schlägt bald Wurzel und sprießt auf, bald wird sie sofort welk und stirbt ab. Aufsprießen aber ist für die Modernisten ein Beweis für die Wahrheit; denn Wahrheit und Leben ist ihnen dasselbe. Daraus wird man wiederum schließen dürfen : alle existierenden Religionen sind wahr, sonst würden sie nicht leben.

Glaube und Wissenschaft

Soweit gekommen, ehrwürdige Brüder, haben Wir genug und übergenug Stoff, um das Verhältnis von Glauben und Wissen bei den Modernisten zu erkennen; unter Wissenschaft verstehen sie auch Geschichte. – Zuerst ist festzuhalten, dass der Gegenstand des Einen dem des Andern vollkommen fremd und von ihm getrennt ist. Denn der Glaube hat allein das im Auge, was die Wissenschaft als für sich unerkennbar bezeichnet. Von da her gewinnen beide verschiedene Aufgaben : die Wissenschaft bewegt sich in der Erscheinungswelt, wo für den Glauben keine Stätte ist; der Glaube umgekehrt bewegt sich im Göttlichen, das die Wissenschaft gar nicht kennt. Daraus folgert man, dass zwischen Glaube und Wissenschaft niemals ein Streit sein kann; denn wenn jedes sein eigenes Gebiet hat, werden sie niemals aufeinander stoßen, und darum sich auch nicht widersprechen können. Hält man dem etwa entgegen, in der Erscheinungswelt begegne doch Einiges, das auch zum Gebiet des Glaubens gehöre, wie etwa das menschliche Leben Christi, so werden die Modernisten das leugnen. Denn (so sagen sie) es gehört jenes zwar zur Erscheinungswelt, aber, sofern es vom Leben des Glaubens durchdrungen und vom Glauben in der oben angegebenen Weise ”verklärt” und ”überkleidet” wird, ist es der Sinnenwelt entnommen und in das Reich des Göttlichen übertragen. Fragt man daher weiter, ob Christus wirklich Wunder getan und wirklich die Zukunft vorausempfunden habe, ob er wirklich wieder lebendig geworden und gen Himmel gefahren sei, so wird die Wissenschaft kraft ihres Agnostizismus das ablehnen, der Glaube aber bejahen, dennoch wird darüber kein Streit zwischen beiden entstehen. Denn der eine wird als Philosoph vor Philosophen ablehnen, da er Christus nur nach seiner geschichtlichen Wirklichkeit betrachtet hat, der Andere wird als Gläubiger vor Gläubigen bejahen, da er Christi Leben betrachtet, wie es wiederum vom Glauben und im Glauben erlebt wird.

Glaube Subjekt der Wissenschaft

Jedoch ist die Meinung eine schwere Täuschung, zwischen Glauben und Wissenschaft bestände keinerlei Unterordnung. Richtig ist das bezüglich der Wissenschaft, nicht aber des Glaubens; der muss nicht nur aus einem, nein, aus drei Gründen sich der Wissenschaft unterwerfen. Erstens nämlich muss man beachten, dass bei jedem religiösen Erlebnis, abgesehen von der göttlichen Realität und der Erfahrung des Gläubigen von ihr, alles Übrige, namentlich die religiösen Formeln, keineswegs den Kreis der Erscheinungswelt überschreiten und deshalb dem Spruch der Wissenschaft verfallen. Meinethalben mag der Gläubige, wenn er will, die Welt überfliegen; solange er aber in der Welt ist, wird er, mag er wollen oder nicht, niemals den Gesetzen, der Kontrolle, dem Urteilsspruch der Wissenschaft und Geschichte entrinnen. Zweitens : mag auch, wie gesagt, Gott Gegenstand allein des Glaubens sein, so gilt das zwar von der göttlichen Realität, nicht aber von der Idee von Gott. Die untersteht der Wissenschaft, sie erreicht hei ihrem „Philosophieren in logischer Ordnung”, wie sie sagen, auch das Absolute und ideelle Sein, daher hat die Philosophie oder Erkenntnistheorie eine Macht über die Gottesidee; sie kann sie in ihrer Entwicklung mäßigen und, wenn sie auf fremdes Gebiet gerät, korrigieren. Daher stammt der Spruch der Modernisten : Die religiöse Entwicklung muss mit der moralischen und intellektuellen in Einklang gebracht werden oder, wie einer ihrer Lehrer sagt, sich ihr unterordnen. Drittens : der Mensch duldet in sich keinen Dualismus; ein innerer Zwang drängt daher den Gläubigen, Glauben und Wissen so in Ein klang zu bringen, dass der Glaube mit der allgemeinen wissenschaftlichen Weltanschauung nicht in Zwiespalt gerät. So also kommt es dahin, dass die Wissenschaft dem Glauben völlig unabhängig ist, der Glaube hingegen, mag man ihn auch als fremdes Gebiet der Wissenschaft gegenübergestellt haben, tatsächlich ihr unterworfen ist.

Das alles, verehrenswerte Brüder, widerspricht völlig der Lehre unseres Vorgängers Pius IX. : „Die Philosophie hat in religiösen Dingen nicht zu herrschen, sondern zu dienen, sie hat keine Glaubensvorschriften zu machen, sondern den Glauben mit dem Gehorsam der Vernunft zu umfassen, sie hat nicht die Tiefe der Geheimnisse Gottes zu erforschen, sondern sie fromm und demütig zu verehren. Die Modernisten kehren die Sache gerade um; auf sie passen daher die Worte eines anderen Vorgängers von Uns, Gregors IX., die er gegen einige Theologen seiner Zeit schrieb : „Einige unter Euch, vom Geist der Eitelkeit wie ein Schlauch aufgebläht, streben die von den Vätern gesetzten Grenzsteine in profaner Neuerung, zu verrücken, sie unterwerfen das Verständnis der himmlischen Dinge der philosophisch-rationalen Erkenntnis, nur um mit der Wissenschaft zu prunken, nicht zu irgendeiner Förderung ihrer Hörer. Verführt durch allerlei fremde Lehren, setzen sie den Kopf an den Schwanz und lassen die Magd Königin sein.

Die Methode der Modernisten

Noch klarer wird der Sachverhalt werden bei einem Blick auf das praktische Handeln der Modernisten, das sich ganz ihrer Lehre anpasst. Scheinbar nämlich ist Vieles von ihnen widerspruchsvoll geschrieben oder gesagt, so dass man sie leicht für schwankend und unsicher halten könnte; aber das geschieht alles mit Absicht und Überlegung, auf Grund ihrer Meinung über die Trennung von Glauben und Wissen. So haben Wir in ihren Büchern Mancherlei gefunden, dass ein Katholik durchaus billigen könnte; Anderes wieder; auf dem nächsten Blatte, könnte ein Rationalist geschrieben haben. Schreiben sie z. B, Geschichte, so erwähnen sie die Gottheit Christi nicht, beim, Gottesdienst in der Predigt aber, verkündigen sie sie laut. Oder ihre Geschichtsdarstellung kennt keine Autorität von Konzilien und Vätern, beim Katechismusunterricht finden beide ehrenvolle Erwähnung. So trennen sie auch theologisch-erbauliche Exegese von wissenschaftlich-historischer. Ähnlich zeigen sie, kraft ihres Grundsatzes der völligen Unabhängigkeit der Wissenschaft vom Glauben, bei ihren Erörterungen über Philosophie, Geschichte, Kritik, ohne Scheu vor den Spuren Luthers eine Geringachtung katholischer Vorschriften, der heiligen Väter, der ökumenischen Konzile, des kirchlichen Lehramtes auf jede Weise. Fasst man sie deshalb, so klagen sie über Freiheitsberaubung. Nach ihrem Bekenntnis von der Unterordnung des Glaubens unter die Wissenschaft tadeln sie die Kirche allenthalben offen, weil sie die Unterordnung ihrer Dogmen unter die Meinungen der Philosophie und die Anpassung an sie hartnäckigst ablehne; sie selbst aber haben zu dem Zwecke die alte Theologie aufgehoben und wollen eine neue einführen, die den Wahngebilden der Philosophen gefällig ist.

Der Modernist als Theologe: Seine Grundsätze – Immanenz und Symbolismus

Damit kommen Wir, ehrwürdige, Brüder, schon zur Theologie der Modernisten, – eine knifflige Sache, aber mit wenigen Worten zu erledigen. – Es handelt sich nämlich um die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft, der Art, dass das Eine dem Andern sich unterordnet. Hier gebraucht der modernistische Theologe dieselben Grundsätze, wie Wir sie beim Philosophen kennen lernten, und passt sie dem Gläubigen an; Wir meinen die Grundsätze der Immanenz und des Symbolismus. So aber stellt sich die Sache sehr einfach dar : vom Philosophen übernimmt man, das Prinzip des Glaubens sei immanent; der Gläubige fügt hinzu, dieses Prinzip sei Gott, folglich – ist Gott selbst im Menschen immanent. Daher die theologische Immanenz. Wiederum : dem Philosophen steht der nur symbolische Wert der Darstellungen des Glaubensgegenstandes fest; dem Gläubigen steht ebenso fest, dass der Gegenstand des Glaubens Gott an sich ist. Folglich, schließt der Theologe, sind die Darstellungen der göttlichen Realität nur symbolisch – daher der theologische Symbolismus. Wahrlich schlimmste Irrtümer; ihre Verderbtheit zeigen die Folgerungen ! Denn, um mit dem Symbolismus zu beginnen, da die Symbole Sinnbilder sind nur im Hinblick auf den Gegenstand, im Hinblick auf den Gläubigen aber nur Hilfsmittel, so muss sich, sagen sie, der Gläubige zunächst hüten, sich auf die Formel, eben weil sie nur Formel ist, zu stark zu verlassen, er darf sie nur gebrauchen als Hilfsmittel auf dem Wege zur absoluten Wahrheit, die die Formel zugleich verhüllt und enthüllt, die sie ausdrücken möchte, ohne sie doch je zu erreichen. Ferner : der Gläubige darf die Formeln nur soweit anwenden, als sie für ihn brauchbar sind; denn zur Förderung sind sie ihm gegeben, nicht als Hemmnis, dabei soll mit Rücksicht auf die Gesellschaft den Formeln, die das öffentliche Lehramt als Ausdruck des Gemeinbewusstseins für geeignet erklärt hat, die schuldige Ehrerbietung gewahrt bleiben, solange dieses Lehramt nichts anderes verfügt. – Wie die Modernisten wirklich über die Immanenz denken, ist schwer zu sagen; denn sie sind nicht alle einer Meinung. Manche finden die Immanenz darin, dass Gott im Innersten des Menschen wirkend vorhanden ist, mehr als der Mensch sich selbst gegenwärtig ist – richtig verstanden, verdient das keinen Tadel. Andere finden sie in einem Zusammenwirken Gottes mit dem Wirken der Natur : Gott ist die erste Ursache, die Natur die zweite – dadurch wird die übernatürliche Ordnung zerstört. Wieder andere erklären sie so, dass sie sich dem Verdachte des Pantheismus aussetzen – das passt am besten zu den übrigen modernistischen Lehren.

Zu diesem Begriff der Immanenz gesellt sich ein anderer, den man göttliche Permanenz nennen kann. Beides unterscheidet sich wie eigene Erfahrung von der durch Überlieferung überkommenen. Ein Beispiel wird das klar machen; nehmen wir Kirche und Sakramente. Dass Kirche und Sakramente von Christus selbst eingesetzt sind, darf man keineswegs glauben; der Agnostizismus verbietet das, der in Christus nur den Menschen kennt, dessen religiöses Bewusstsein, wie das der Menschen überhaupt, sich allmählich entwickelt hat; es verbietet das ferner das Gesetz der Immanenz, das, wie sie sagen, einen rein äußeren Anschluß verwirft; es verbietet das ferner das Gesetz der Entwicklung, das für die Entwicklung von Keimen Zeit fordert und eine Reihe voneinander folgenden und untereinander verbundenen Umständen; es verbietet das endlich die Geschichte, die einen derartigen entwicklungsgeschichtlichen Verlauf tatsächlich aufzeigt. Aber die mittelbare Einsetzung von Kirche und Sakrament durch Christus ist festzuhalten. Inwiefern? Sie sagen : Jedes christliche Bewusstsein ist in Christi Bewusstsein virtuell eingeschlossen, wie die Pflanze im Samen. Leben aber die Schösslinge das Leben des Samens, so gleichsam alle Christen das Leben Christi. Nun ist Christi Leben, nach dem Bewusstsein des Gläubigen, göttlich, also auch das Leben der Christen. Wenn also dieses Leben im Lauf der Zeiten Kirche und Sakramente erzeugte, so kann man durchaus mit Recht den Anfang auf Christus zurückführen und ihn als göttlich bezeichnen. Ebenso tun sie die ”Göttlichkeit” der Heiligen Schrift oder Dogmen dar. – Darin erschöpft sich etwa die modernistische Theologie. Gewiss ein bescheidener Haushalt, aber reichlich groß für einen Bekenner des unbedingten Gehorsams gegen die Wissenschaft. Die Anwendung auf das Folgende wird jeder leicht erkennen.

Das Dogma und die Sakramente

Vom Ursprung des Glaubens und seinem Wesen sprachen Wir bisher. Der Glaube aber hat viele Schösslinge, namentlich die Kirche, das Dogma, Heiligtümer und Kultus, die Heilige Schrift; so müssen Wir auch die modernistische Lehre darüber prüfen. Beginnen Wir mit dem Dogma, so haben Wir über Ursprung und Wesen schon gesprochen. Es entspringt aus einer Art Trieb oder Notwendigkeit, kraft deren der Gläubige sich um einen immer klareren gedankenmäßigen Ausdruck seines eigenen wie des anderen Bewusstseins bemüht. Diese Arbeit besteht ganz in einem Durchdringen und Klarlegen der ursprünglichen Formel des Verstandes, nicht in der Art einer logischen Entwicklung, sondern nach den Umständen, oder, wie sie selbst, nicht gerade klar, sagen ”vital”. So entstehen um jene ursprüngliche Formel, abgeleitete Formeln, von denen Wir schon sprachen; schließlich werden sie zu einem Korpus zusammengeschlossen oder in ein Lehrgebäude, dann von dem öffentlichen Lehramt sanktioniert als vollentsprechend dem allgemeinen Bewusstsein, und das ”Dogma” ist fertig. Von ihm muss man sorgsam unterscheiden die Erläuterungen der Theologen; zwar sind sie nicht dem Dogma an lebendiger Kraft gleichwertig, aber doch keineswegs unnütz; man gebraucht sie, um die Religion mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen und Zwiespalt zwischen beiden zu beseitigen, oder auch zur Erklärung und Verteidigung der Religion nach außen hin; vielleicht auch dienen sie dazu, Bausteine für ein neues künftiges Dogma zu beschaffen. Über den Kultus wäre nicht viel zu sagen, wenn nicht die Sakramente auch unter diesem Namen liefen; über sie hegen die Modernisten schwerste Irrtümer. Sie lassen den Kultus aus einem doppelten Antrieb oder Zwang entstehen; alles ja, wie wir sahen, muss in ihre Systeme aus inneren Antrieben oder Notwendigkeiten entstehen. Die eine Notwendigkeit ist, die Religion greifbar zu machen, die andere sie zu verbreiten, beides kann, nicht geschehen ohne eine greifbare Form und weihende Handlungen, die wir Sakramente nennen. Die Sakramente sind aber den Modernisten bloße Symbole oder Zeichen, obwohl nicht wirkungslos. Zur Veranschaulichung der Wirkungskraft gebrauchen sie das Beispiel von den sogenannten Schlagworten, die die glückliche Kraft besitzen Ideen weiterzutragen, die durchschlagend wirken. Wie diese Schlagwörter zu den Ideen, so verhalten sich die Sakramente zum religiösen Gefühl nicht anders. Deutlicher wäre es, sie sagten : Sie Sakramente dienen einzig und allein als Glaubensspeise. Das Tridentinum hat den Satz verdammt : „Wenn Einer sagt, diese Sakramente seien nur als Glaubensspeise eingesetzt, der sei im Banne”

Die Heilige Schrift

Über Wesen und Ursprung der Heiligen Schrift haben Wir schon Einiges angedeutet. Will man sie erklären im Sinne der Modernisten, so könnte man sie bezeichnen als eine Sammlung von außergewöhnlichen und hervorragenden Erfahrungen, wie sie nicht jedem zuteil werden. So lehren die Modernisten von unseren alt- und neutestamentlichen Büchern. Sehr schlau aber merken sie an : zwar gehört die Erfahrung der Gegenwart an, aber sie kann ihren Stoff in gleicher Weise aus Vergangenheit und Zukunft schöpfen, je nachdem der Gläubige die Vergangenheit durch Erinnerung als Gegenwart durchlebt oder die Zukunft durch Vorwegnahme. Das erklärt, wie auch historische und apokalyptische Schriften unter den heiligen Büchern sein können. – So redet also in diesen Büchern zwar Gott durch den Gläubigen, aber nach der Theologie der Modernisten nur auf dem Wege der Immanenz und Permanenz. – Fragen wir : Wie steht’s denn mit der Inspiration ? so antworten sie : Die lässt sich von jenem Trieb, der den Gläubigen zur Mitteilung seines Glaubens in Wort oder Schrift treibt, niemals trennen, es liege denn höchstens ein Unterschied der Intensität vor. Etwas Ähnliches haben wir bei der dichterischen Inspiration; daher sagte jemand : „ein Gott ist in uns, seine Kraft lässt uns erglühen.” Auf diese Weise muss Gott der Ursprung der Inspiration der Heiligen Schrift genannt werden. Die Modernisten sagen ferner von dieser Inspiration, nichts in der Heilige Schrift sei ohne sie geschrieben. Wenn sie das sagen, so möchte man sie für orthodoxer halten als einige Neuerer, die die Inspiration etwas einschränken, wenn sie z. B. die sogenannten stillschweigenden Zitate anführen. Aber die Orthodoxie liegt bei ihnen nur in den Worten und ist Heuchelei. Denn wenn wir die Bibel nach den Geboten des Agnostizismus beurteilen als Menschenwerk, von Menschen für Menschen verfasst, mag auch der Theologe das Recht bekommen, sie auf dem Wege der Immanenz als göttlich auszugeben, wie kann dann die Inspiration überhaupt eingeschränkt werden ? So ist freilich alles Inspiration in der Heiligen Schrift für die Modernisten, aber wahrlich nicht in katholischem Sinne !

Die Kirche

Mehr zu sagen ist über die Phantasiegebilde der Modernistenschule von der Kirche. – Sie lassen sie aus einer doppelten Notwendigkeit entstehen. Die eine liegt in jedem Gläubigen, besonders in dem, der eine ursprüngliche und besondere Erfahrung gemacht hat, nun diesen seinen Glauben anderen mitzuteilen. Die andere in dem Kollektivdrange, wenn der Glaube für mehrere Gemeinbewusstsein geworden ist, sich zusammenzuschließen zu einer Genossenschaft zum Schutze, zur Stärkung und Verbreitung des gemeinsamen Gutes. Was ist also die Kirche ? Produkt des Kollektivbewusstseins oder des gesellschaftlichen Zusammenschlusses der Einzelbewußtseine; kraft der vitalen Immanenz hängen sie von einem Erstgläubigen ab, nämlich, für die Katholiken, von Christus. – Jede Gesellschaft bedarf ferner einer leitenden Autorität, deren Aufgabe es ist, die gesellschaftlich Verbundenen einem Zwecke zu unterstellen und den Zusammenhalt klug zu wahren, der in einer religiösen Genossenschaft sich in Lehre und Kultus erschöpft. So kam in die Katholische Kirche die dreifache Gewalt hinein : Disziplinargewalt, Lehrgewalt, Kultgewalt. – Das Wesen dieser Autorität ist schon aus ihrem Ursprung zu erschließen, aus ihrem Wesen dann ihre Rechte und Pflichten. In früheren Zeiten war der Irrtum allgemein, dass die Autorität von außen in die Kirche hineingekommen sei, nämlich unmittelbar von Gott; deshalb hielt man die Kirche mit Recht für autokratisch. Aber, das ist jetzt veraltet. Wie die Kirche aus dem Kollektivbewusstsein entstanden ist, so die Autorität aus der Kirche, beide Mal durch vitale Emanation. Die Autorität entsteht also wie die Kirche aus dem religiösen Bewusstsein und ist um deswillen ihm unterworfen; verachtet sie diese Unterordnung, so wandelt sie sich zur Tyrannei. Wir leben jetzt in einer Zeit, in der das Freiheitsgefühl seinen Gipfelpunkt erreicht hat; in der Staatsordnung hat das allgemeine Bewusstsein ein konstitutionelles volkstümliches Regiment eingeführt. Nun gibt es aber im Menschen nur ein Bewusstsein, so gut wie, ein Leben. Will also die Autorität der Kirche nicht innerhalb des menschlichen Bewusstseins einen innern Widerstreit entfachen und begünstigen, so hat sie die Pflicht, demokratische Formen anzuwenden; tut sie es nicht; so droht ihr der Untergang. Denn nur ein Wahnsinniger könnte bei dem jetzt herrschenden Freiheitsgefühl einen Rückschritt erwarten. Will man die Freiheit mit Gewalt zurückdämmen und einsperren, nur kräftiger wird sie durchbrechen, Religion und Kirche zerstören. – Das alles lehren die Modernisten, deshalb gehen sie darin auf, Wege zu finden, um die Autorität der Kirche mit der Freiheit der Gläubigen in Einklang zu bringen.

Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat

Die Kirche muss aber nicht nur innerhalb ihrer vier Pfähle freundschaftlich den Zusammenhang wahren, sie hat auch Beziehungen nach außen. Nicht sie allein beherrscht die Welt; neben ihr stehen andere Genossenschaften, mit denen sie notwendig verkehren muss. Die Rechte und Pflichten der Kirche gegenüber den bürgerlichen Genossenschaften sind also auch festzustellen, und zwar entsprechend dem Wesen der Kirche, wie die Modernisten sie uns beschrieben haben. Dabei gebrauchen sie dieselben Regeln wie gegenüber Wissenschaft und Glauben; nur war dort von den Gegenständen die Rede, hier von den Zwecken. Wie wir also bezüglich des Gegenstandes Glauben und Wissen einander fremd gesehen haben, so sind Staat und Kirche einander fremd wegen der Zwecke, die sie verfolgen, dort weltlich, hier geistlich. Früher konnte man das Weltliche dem Geistlichen unterordnen, man konnte von „gemischten Fragen” reden, bei denen die Kirche die Rolle der Königin und Herrin spielte, weil die Kirche als unmittelbar göttliche Einrichtung, stammend vom Urheber der übernatürlichen Ordnung, angesehen wurde. Aber das wird nunmehr von den Philosophen und Historikern verworfen. Staat und Kirche sind zu trennen, wie Katholik und Bürger ! Deshalb hat jeder Katholik, weil er auch Bürger ist, das Recht und die Pflicht, die Autorität der Kirche gering zu achten, hier Wünsche, Ratschläge und Gebote beiseite zu schieben, ja ihren Tadel zu verachten und dem nachzugehen, was er für den Staatsvorteil förderlich ansieht. Dem Bürger eine Handlungsweise unter irgendeinem Vorwand, vorschreiben, ist Missbrauch der Kirchengewalt und völlig zu verwerfen. Die Ursprünge, ehrwürdige Brüder, aller dieser Lehren sind dieselben, die Unser Vorgänger Pius VI. in der apostolischen Konstitution ”Auctorem fidei” feierlich verdammt hat.

Das Lehramt der Kirche

Aber der Modernistenschule ist die Trennung von Staat und Kirche noch nicht genug. Wie der Glaube bezüglich seiner der Erscheinungswelt angehört Bestandfeile der Wissenschaft unterworfen werden muss, so muss in weltlichen Angelegenheiten die Kirche dem Staate sich unterordnen. Das sagen sie vielleicht noch nicht offen, aber, wenn sie logisch sind, müssen sie es zugegeben. Denn bei der Annahme der Staatssouveränität in weltlichen Dingen muss, wenn der Gläubige, mit den intimen religiösen Vorgängen nicht zufrieden, nach außen drängt, nämlich zur Verwaltung oder Annahme der Sakramente, dieses unter die Herrschaft des Staates fallen. Und was bleibt dann von der kirchlichen Autorität ? Da sie nur nach außen hin in ihren Maßnahmen sich zeigen kann, so wird sie ganz und gar dem Staate verfallen müssen. In logischer Folgerichtigkeit heben viele von den liberalen Protestanten jeden äußeren heiligen Kultus, ja auch jede äußere religiöse Gemeinschaft auf und möchten die Religion für „individuell“ ausgeben. – Wenn die Modernisten offen noch nicht so weit gehen, so fordern sie doch vorläufig, dass die Kirche freiwillig ihren Wünschen und sich den staatlichen Formen anpasse. Soviel über die disziplinäre Autorität.

Über die Lehr- und dogmatische Autorität denken sie noch viel Schlimmeres und Verderblicheres. Über das Lehramt der Kirche nämlich lehren sie so : Eine religiöse Genossenschaft kann nur dann wirklich zur Einheit zusammenwachsen, wenn ein gemeinsames Bewusstsein, eine Lehrformel sie beherrscht. Diese doppelte Einheit aber erfordert gleichsam einen Gemein-Verstand, der die für das gemeinsame Bewusstsein am besten passende Formel finden und festsetzen muss. Dieser Verstand muss genügend Autorität besitzen, um die Gemeinschaft an die von ihm festgesetzte Formel zu binden. In dieser Verbindung und gleichsam Verschmelzung des die Formel aussuchenden Verstandes und der sie anbefehlenden Autorität sehen die Modernisten den Begriff des kirchlichen Lehramtes. Da also das Lehramt seinen Ursprung im Bewusstsein der einzelnen besitzt, ebenso sein öffentliches Amt zum Nutzen des Bewusstseins der einzelnen auszuüben hat, so muss es notwendig von ihm abhängen und den Formeln der Gesamtheit sich fügen. Deshalb ist eine Hemmung des Bewusstseins der einzelnen Menschen, so dass sie ihre Empfindungen nicht frei und offen kundtun können, und eine Behinderung der Kritik, die das Dogma der notwendigen Entwicklung unterwerfen möchte, nicht ein Gebrauch, vielmehr ein Missbrauch der zum gemeinsamen Nutzen anvertrauten Gewalt. Ähnlich ist beim Gebrauch der Gewalt Maß und Ziel anzuwenden. lrgend ein Buch ohne Wissen des Verfassers auf den Index zu setzen und zu verbieten ohne Erläuterung und Diskussion, kommt wahrlich der Tyrannei nahe. Man muss den Mittelweg einhalten, Autorität und Freiheit zu gleicher Zeit wahren. Indessen muss der Katholik sich so verhalten, dass er öffentlich zwar sich als gehorsamsten Sohn der Autorität bekennt, aber dabei doch seinem eigenen Willen folgt. – Im allgemeinen aber geben sie der Kirche die Vorschrift : Da der Zweck der kirchlichen Gewalt allein auf die geistlichen Dinge sich richtet, muss man allen äußeren Prunk, der die Kirchengewalt in den Augen der Zuschauer glänzender herausputzt, abschaffen. Dabei wird völlig übersehen, dass die Religion doch nicht völlig im Gemüte aufgeht, wenn sie auch Gemütssache ist, und dass die Ehre, die man der Autorität erweist, auf Christus, ihren Urheber, zurückfällt.

Die Lehre der Entwicklung

Um endlich mit diesem Thema ”Glaube und seine verschiedenen Ausläufer” abzuschließen, müssen Wir, ehrwürdige Brüder, noch die modernistischen Lehren über die Entwicklung beider hören. Das Allgemeinprinzip ist dieses : in einer lebendigen Religion ist alles veränderlich und muss deshalb verändert werden. Von da schreiten sie fort zu dem Hauptpunkt nahezu ihrer Lehren, der Evolution. Dogma, Kirche, Kultus, Heilige Schriften, ja der Glaube selbst müssen, wollen sie nicht tot sein, den Entwicklungsgesetzen sich beugen. Das kann nicht mehr befremden, wenn man die Einzelgedanken der Modernisten hierüber sich vor Augen hält.

Unter Voraussetzung des Entwicklungsgesetzes beschreiben uns die Modernisten die Art und Weise der Entwicklung. Zuerst bezüglich des Glaubens. Die ersten Keime des Glaubens, so sagen sie, trugen eine rohe und allen Menschen gemeinsame Form, wie sie aus Natur und Lebensform der Menschen selbst entsprang. Lebendige Entwicklung ließ sie fortschreiten, nicht in neuen von außen kommenden Formen, sondern durch immer tieferes Eindringen des religiösen Empfindens in das Bewusstsein. Der Fortschritt aber war ein doppelter : erst negativ, jeder von außen, wie etwa aus der Familie oder Nation kommende Element wurde abgestoßen; dann positiv durch intellektuelle und moralische Verfeinerung des Menschen, wodurch der Begriff des Göttlichen umfassender und klarer, und das religiöse Gefühl feiner wurde. Die Ursachen für den Fortschritt des Glaubens sind dieselben, wie Wir sie früher zur Erklärung seines Ursprungs anführten, nur muss man einige außergewöhnliche Menschen hinzunehmen, teils weil sie in ihrem Leben und in ihren Reden ein Stück Geheimnis an sich trugen, das der Glaube dem Göttlichen zuschrieb, teils weil sie neue und nie da gewesene Erfahrungen gehabt haben, die dem religiösen Bedürfnis ihrer Zeit entsprachen. – Der Fortschritt des Dogmas aber kommt vornehmlich daher, dass der Glaube Hindernisse zu überwinden, Feinde zu besiegen, Widerspruch zu widerlegen hat; eine Art von fortgesetztem Drang, die Glaubensgeheimnisse immer besser zu durchdringen, muss man noch hinzunehmen. So ist es, um sonstige Beispiele zu übergehen, mit Christus gegangen; bei ihm ist das Göttliche, das der Glaube annahm, Schritt für Schritt so erweitert worden, dass man ihn schließlich für Gott hielt – Zur Entwicklung des Kultus treibt vornehmlich die Notwendigkeit der Anpassung an die Sitten und Überlieferungen der Völker, desgleichen die Notwendigkeit, gewisse wohlbewährte Handlungen zu fruktifizieren. Der Grund für die Entwicklung der Kirche endlich liegt in dem Bedürfnis des Einklangs mit den geschichtlichen Verhältnissen und den öffentlichen Formen des Staates. – So denken sie über die einzelnen Punkte.

Doch, ehe Wir weiter gehen, müssen Wir diese Lehre von den ”Notwendigkeiten” oder ”Bedürfnissen” charakterisieren; denn sie ist neben dem schon Gehörten gleichsam Basis und Fundament jener berüchtigten sogenannten historischen Methode.

Bleiben Wir also noch bei der Evolutionslehre; es ist zu beachten, dass zwar „Notwendigkeit” oder ”Bedürfnis” zur Entwicklung treibt, aber wenn sie allein wirken, so überschreitet die Entwicklung leicht Grenzen der Überlieferung, reißt sich von ihrem ursprünglichen Prinzip los, und führt eher zum Untergang denn zum Fortschritt. Von da aus müssen Wir, um den Gedanken der Modernisten gerechter zu werden, sagen : Die Evolution erwächst, aus dem Konflikt zweier Kräfte, von denen eine zum Fortschritt treibt, die andere zum Althergebrachten zurückzieht. Diese konservative Macht lebt in der Kirche und fasst sich zusammen in der Überlieferung, es offenbart sie die religiöse Autorität, und zwar sowohl von rechts wegen – Schutz der Überlieferung liegt im Wesen der Autorität – als auch tatsächlich – die Autorität, von den Wechselfällen des Lebens unberührt, wird vom Fortschrittsstachel gar nicht oder kaum getroffen. Umgekehrt ist die zum Fortschritt treibende und den innersten Bedürfnissen entsprechende Macht verborgen tätig im Laien-Bewusstsein, besonders bei denen, die, wie sie sagen, in engerem Konnex mit dem Leben stehen. – Seht, ehrwürdige Brüder, da erhebt schon jene verderbte Lehre ihr Haupt, die die Laien als Elemente des Fortschritts in die Kirche einführt ! – Aus einem Kompromiss und Pakt nun zwischen diesen beiden Kräften, der konservativen und fortschrittlichen, der Autorität und dem Laienbewusstsein, entstehen Fortschritt und Veränderung. Denn das Laienbewusstsein oder etwas Ähnliches wirkt auf das KoIlektivbewußtsein; dieses wieder auf die Autoritätsträger und zwingt sie Vereinbarungen zu treffen und einzuhalten. – Leicht kann man von hier aus verstehen, warum die Modernisten so erstaunt sind, wenn sie sich getadelt oder gestraft wissen. Was man ihnen als Schuld anrechnet, halten sie selbst für religiöse Pflicht. Die inneren Nötigungen des Bewusstseins kennt niemand besser als sie selbst, weil sie ihnen näher stehen als der kirchlichen Autorität. Sie. umschließen gleichsam alle diese Nötigungen in sich, deshalb fühlen sie die Pflicht, öffentlich zu reden und zu schreiben. Mag sie meinethalben die Autorität fassen wollen, sie stützen sich auf ihr Pflichtbewusstsein; aus innerster Erfahrung wissen sie, dass ihnen nicht Tadel gebührt, sondern Lob. Sie wissen auch gut, dass jeder Fortschritt Kampf kostet und jeder Kampf Opfer, so wollen sie Opfer sein wie die Propheten und Christus. Darum zürnen sie auch der Autorität nicht, die sie schlecht behandelt; ohne weiteres lassen sie sie tun, was ihres Amtes ist. Sie klagen nur, dass man gar nicht auf sie hört; denn dadurch wird der geistige Fortschritt aufgehalten. Aber die Stunde wird sicher kommen, da das Zurückhalten zerbrochen wird; denn die Entwicklungsgesetze können eingedämmt, aber nimmermehr zerbrochen werden. So geben sie auf fester Bahn vorwärts; sie gehen vorwärts, unbekümmert um Tadel und Verdammung; unglaubliche Verwegenheit suchen sie mit dem Schleier, äußerer Unterwerfung zu verdecken. Heuchlerisch beugen sie den Nacken, aber mit Herz und Hand setzen sie nur verwegener ihr Unterfangen fort. Klug und wohlüberlegt handeln sie so, teils weil sie daran festhalten, man müsse die Autorität anspornen, aber nicht zerstören, teils weil sie ein Verbleiben in der Kirche brauchen, um das Kollektivbewusstsein allmählich, ändern zu können; damit freilich gestehen sie zu, ohne es zu merken, dass das Kollektivbewusstsein von ihnen abweicht, und dass sie darum kein Recht haben, sich als sein Ausleger auszugehen.

So also, ehrwürdige Brüder, darf es für die modernistischen Theoretiker und Praktiker nichts Festes, nichts Unveränderliches in der Kirche geben. In dieser Ansicht sind sie nicht ohne Vorläufer, nämlich die, über die Unser Vorgänger Pius IX. schrieb : ”Jene Feinde der göttlichen Offenbarung, die den Fortschritt der Menschheit aufs höchste herausstreichen und ihn in verwegenem und sakrilegischem Unterfangen in die Kirche einführen möchten, gleich als wenn die Religion nicht Gottes, sondern Menschenwerk wäre oder ein philosophisches Fündlein, das durch menschliche Mittel vervollkommnet werden könnte.” – Speziell über Offenbarung und Dogma ist die Lehre der Modernisten keine Neuheit; sie ist dieselbe, die wir im Syllabus Pius’ IX. verworfen finden mit den Worten : ”Die göttliche Offenbarung ist unvollkommen und um deswillen einem beständigen und unbegrenzten Fortschritt unterworfen, der dem Fortschritt der menschlichen Vernunft entspricht” oder noch feierlicher auf dem vatikanischen Konzil mit den Worten : ”Denn die Glaubenslehre, die Gott offenbart hat, ist nicht wie ein philosophisches Fündlein dem Menschengeiste zur Vervollkommnung überlassen, sondern gleichsam als göttlicher Schatz der Braut Christi übergeben, treu zu hüten und unfehlbar auszulegen. Daher ist auch der Sinn der heiligen Dogmen beständig festzuhalten, den einmal die heilige Mutter Kirche kundgetan hat, und niemals darf man unter Schein und Namen höherer Einsicht davon abweichen.” Dadurch ist, auch auf dem Gebiete des Glaubens, eine Entwicklung unserer begrifflichen Erkenntnis keineswegs gehindert, im Gegenteil, sie wird gefördert und begünstigt. Deshalb fügt das vatikanische Konzil sofort hinzu : ”Es möge also wachsen und bedeutend zunehmen die Einsicht, die Wissenschaft und Weisheit bei einzelnen wie bei allen, in dem Gläubigen wie in der ganzen Kirche, von Geschlecht zu Geschlecht und Jahrhundert zu Jahrhundert, aber stets nach seiner Art, nämlich nach demselben Dogma, demselben Sinn, derselben Auffassung.”

Der Modernist als Historiker und Kritiker

Nachdem Wir so den modernistischen Philosophen, Gläubigen, Theologen kennen gelernt haben, bleibt Uns noch ein Blick auf den Historiker, den Kritiker, Apologeten, Reformator übrig.

Einige Modernisten, die sich dem Geschichtsstudium widmen, scheinen sehr darum besorgt zu sein, man möchte sie für Philosophen halten, sie erklären daher von Philosophie gar nichts zu verstehen. Sehr schlau ! Niemand soll meinen, sie hegten vorgefasste philosophische Meinungen und seien deshalb nicht allenthalben objektiv. Tatsächlich redet ihre Geschichte oder Kritik die reine Sprache der Philosophie, was sie nur vorbringen, ist aus ihren philosophischen Prinzipien auf logischem Wege erschlossen. Das sieht man leicht. – Die drei Gesetze dieser Historiker oder Kritiker sind eben jene Prinzipien, die Wir oben bei den Philosophen anführten, nämlich Agnostizismus, die Theorie von der Transfiguration durch der Dinge durch den Glauben, und das, was Wir Defiguration nennen zu nennen glaubten. Die Folgerungen im einzelnen wollen wir sehen. Aus dem Agnostizismus folgt : die Geschichte hat es, genau wie die Wissenschaft, nur mit den Phänomena zu tun. Folglich ist Gott sowie jeder göttliche Eingriff in menschliche Dinge auf den Glauben abzuschieben, zu dem sie allein gehören. Begegnet also etwas, aus doppeltem Bestandteil, göttlichem und menschlichem sich zusammensetzt, wie Christus, Kirche, Sakramente und derartiges mehr, so muss man so teilen und trennen, dass das Menschliche der Geschichte, das Göttliche dem Glauben zugewiesen wird. Deshalb ist bei den Modernisten die Unterscheidung zwischen dem Christus der Geschichte und dem Christus des Glaubens, zwischen der Kirche der Geschichte und der Kirche des Glaubens, den Sakramenten der Geschichte und den Sakramenten des Glaubens, und dergleichen ganz gewöhnlich. – Ferner ist dieser menschliche Bestandteil selbst, den sie für die Geschichte beanspruchen, so wie er in den historischen Denkmälern erscheint, vom Glauben durch Transfiguration über die historischen Bedingungen hinaus erhoben worden. Man muss also die vom Glauben gemachten Zusätze wieder abtrennen und sie dem Glauben der Geschichte des Glaubens zuweisen, so z.B. bei Christus alles die menschliche Bedingtheit übersteigende, mag es nun aus der Psychologie oder der Zeitgeschichte und dem Milieu erschlossen werden. – Endlich, auf Grund des dritten philosophischen Prinzips, sehen sie auch die Dinge, welche das historische Gebiet nicht übersteigen, gleichsam durch ein Sieb, sie scheiden alles aus und weisen es dem Glauben zu, was nach ihrem Urteil nicht in der Logik der Tatsachen oder zu den Personen nicht passt. So behaupten sie, Christus habe das nicht gesagt, was das Verständnis des zuhörenden Volkes zu übersteigen scheint. Von hier aus streichen sie aus dem geschichtlichen Leben JESU alle in Seinen Reden begegnenden Allegorien; sie überlassen sie dem Glauben. Man könnte fragen, nach welchem Gesetze sie die Scheidung vornehmen ? Nach dem Charakter des Menschen Jesus, nach seiner Stellung in seinem Vaterland, nach seiner Erziehung, nach der Gesamtheit von Nebenumständen zu jeder Handlung mit einem Worte, wenn Wir es richtig verstehen, nach einer gänzlich subjektiven Norm. Sie bemühen sich Christi Person zu fassen und gleichsam selbst anzuziehen, und was sie dann selbst unter gleichen Umständen getan haben würden, das alles übertragen sie auf Christus. – So also, um zusammenzufassen, behaupten sie „a priori“ und auf Grund gewisser philosophischer Prinzipien, die sie befolgen, aber angeblich nicht kennen, in der sogenannten wirklichen Geschichte sei Christus nicht Gott und habe nichts Göttliches getan; als Mensch habe er nur das getan oder gesagt, was sie unter Bezugnahme auf Seine Zeit Ihm gestatten.

Der Kritizismus und Grundsätze

Wie die Geschichte von der Philosophie, so empfängt die Kritik von der Geschichte ihre Schlüsse. Denn der Kritiker, der den vom Historiker ihm gereichten Angaben folgt, teilt die Geschichtsdenkmäler doppelt. Was nach jener dreifachen Verstümmelung übrig bleibt, weist er der wirklichen Geschichte zu, das Übrige schiebt er der Glaubens- oder inneren Geschichte zu. Denn diese zwei Arten Geschichte unterscheiden sie scharf, und die Glaubensgeschichte setzen sie wohlgemerkt ! der wirklichen Geschichte als solcher gegenüber. Daher, wie gesagt, der doppelte Christus. Der eine, so wie er wirklich war, der andere, der niemals wirklich war, sondern dem Glauben angehört; der eine, der an bestimmtem Orte zu bestimmter Zeit lebte, der andere, der sich nur in den frommen Erwägungen des Glaubens findet; der Art z. B. ist der Christus des Johannesevangeliums; dieses Evangelium ist von Anfang bis zu Ende fromme Erwägung.

Aber damit ist die Vormundschaft der Philosophie über die Geschichte nicht erschöpft. Sind die Geschichtsdenkmäler in der angegebenen Weise doppelt geteilt, so kommt wieder der Philosoph zum Wort mit seinem Dogma von der vitalen Immanenz; alle Tatsachen der Kirchengeschichte, so sagt er, müssen durch vitale Entwicklung erklärt werden. Aber die Ursache oder Bedingung jeder vitalen Entwicklung ist in einer Notwendigkeit oder einem Bedürfnis zu suchen, folglich muss die Tatsache nach der Notwendigkeit ins Leben getreten sein, ist also geschichtlich später als diese. – Was tut nun der Historiker ? Zum zweiten Male durchforscht er die Geschichtsdenkmäler, mögen sie in der Heiligen Schrift enthalten oder anderswoher genommen sein, und stellt aus ihnen eine Liste der einzelnen Notwendigkeiten auf, soweit sie das Dogma, den Kultus oder Sonstiges betreffen und in der Kirche nacheinander sich geltend gemacht haben. Diese Liste übergibt er dem Kritiker. Dieser greift mit der Hand nach den Denkmälern, die der Glaubensgeschichte angehören, und verteilt sie so auf die einzelnen Zeiten, dass die einzelnen Stücke der Liste entsprechen, immer des Grundsatzes eingedenk : Tatsache kommt nach Notwendigkeit, Bericht nach Tatsache. Zwar kann es vorkommen, dass einige Teile der Bibel, wie z.B. die Briefe, selbst eine von einer Notwendigkeit geschaffenen Tatsache sind. Wie dem auch sei, Gesetz ist : das Alter eines Denkmals ist nur aus dem Alter der in der Kirche entstandenen Notwendigkeit zu bestimmen. – Man muss ferner unterscheiden zwischen dem Anfang einer Tatsache und ihrer Entwicklung; was an einem Tage entstehen kann, wächst nur im Laufe der Zeit. Deshalb muss der Kritiker die, wie gesagt, schon nach den Zeiten eingeteilten Denkmäler noch einmal teilen; er muss scheiden Ursprung und Entwicklung, und auch hier wieder nach den Zeiten ordnen.

Dann tritt wieder der Philosoph auf; er lässt den Historiker seine Studien so ausüben, wie es die Gebote und Gesetze, der Entwicklung vorschreiben. Zu dem Zwecke muss der Historiker die Denkmäler wiederum durchforschen, sorgsam die Umstände und Verhältnisse prüfen, wie sie in der Kirche zu den einzelnen Zeiten vorlagen, ferner ihre konservative Kraft, die inneren wie äußeren zum Fortschritt treibenden Bedürfnisse, die entgegenstehenden Hindernisse, mit einem Worte alles, was die Wirkung der Entwicklungsgesetze erklären kann. Dann endlich beschreibt er in äußeren Umrissen die Entwicklungsgeschichte. Der Kritiker unterstützt ihn und legt die übrigen Denkmäler zurecht. Nun setzt die Hand zum Schreiben an : die Geschichte ist fertig. – Wessen Werk nun, bitte, ist diese Geschichte ? Des Historikers oder Kritikers ? Keines von beiden, vielmehr des Philosophen. Alles ist hier mit Apriorismus gemacht, und zwar mit einem Apriorismus, der von Ketzereien strotzt. Es jammert einen dieser Menschen, von denen der Apostel sagte : „sie sind in ihrem Dichten eitel geworden … da sie sich für weise hielten, sie sind zu Narren geworden”, aber man ergrimmt doch, wenn sie die Kirche beschuldigen, die Denkmäler so durcheinander zu mengen und zurechtzurücken, dass sie für ihren Nutzen sprechen. Sie dichten der Kirche an, was ihnen ganz deutlich ihr eigenes Gewissen vorwirft.

Auffassung der Bibel

Aus dieser Verteilung und Anordnung der Geschichtsdenkmäler nach Zeiten folgt von selbst, dass die heiligen Bücher der Bibel nicht den Verfassern zugewiesen werden können, nach denen sie tatsächlich genannt werden. Deshalb behaupten die Modernisten ohne Zögern, dass jene Bücher, besonders der Pentateuch und die drei ersten Evangelien, aus einem kurzen, ursprünglichen Berichte allmählich gewachsen sind durch Zusätze, Einschübe; teils in Form theologischer, teils allegorischer Erklärung, teils auch zum Zweck der Verbindung verschiedener Einzelstücke. Um es kurz und klar zu machen : man muss die vitale Entwicklung der Bücher zugeben, entstanden aus der Entwicklung des Glaubens und ihm entsprechend. Sie setzen hinzu, die Spuren dieser Entwicklung seien so offenkundig, dass ihre Geschichte nahezu geschrieben werden könnte. Ja, sie schreiben sie wirklich, so wenig zaghaft, dass man mit eigenen Augen die einzelnen Schriftsteller zu sehen glaubt, die in den einzelnen Zeiten zur Erweiterung der heiligen Bücher Hand angelegt haben. Zu dem Zweck nehmen sie die sogenannte Textkritik zu Hilfe und bemühen sich klar zu machen, diese oder jene Geschichte, dieses oder jenes Wort stehe nicht am rechten Orte, und was dergleichen mehr ist. Man wäre versucht zu sagen : sie haben einige Erzählungen oder Reden als Typen aufgestellt, einen Maßstab für sie, was an seinem Orte steht, was an fremdem.

Wie kompetent ihr Urteil bei diesem Verfahren ist, das mag abschätzen, wer will. Wer aber ihre Behauptungen bei ihren Arbeiten über die heiligen Bücher hört, bei denen sie soviel Unstimmigkeiten in der Bibel nachgewiesen haben wollen, der möchte fast glauben, dass vor ihnen kein Mensch sich mit diesen Büchern beschäftigt habe, und dass nicht eine fast unbegrenzte Menge von Gelehrten sie nach allen Seiten durchforscht habe, an Geist, Bildung, und Heiligkeit des Lebens viel vortrefflicher als sie. Diese hochweisen Gelehrten haben die Heilige Schrift in keiner Weise beanstandet, im Gegenteil, je tiefer ihr Forschen drang, desto mehr dankten sie Gott, dass er sich herabließ, so mit den Menschen zu reden. Freilich, o weh, Unsere Gelehrten arbeiteten nicht mit denselben Hilfsmitteln wie die Modernisten ! Sie hatten nicht zum Lehrer und Führer die Philosophie, die mit der Leugnung Gottes anhebt, und sie wählten sich nicht selbst die Urteilsnorm ! – So, glauben Wir, ist die Geschichtsmethode der Modernisten klar : Der Philosoph geht voran, der Historiker löst ihn ab, dann kommen der Reihe nach die innere und die Textkritik. Und sofern die erste Ursache ihre Kraft allem Folgenden mitteilt, ist offenbar diese Art Kritik nicht eine beliebige, sondern – so nennt man sie mit Recht – die agnostische, immanente, evolutionistische. Wer sie daher anwendet und sich zu ihr bekennt, wird Bekenner der in ihr enthaltenden Irrtümer und Feind der katholischen Lehre. Deshalb möchte es wunderbar erscheinen, dass bei Katholiken diese Art Kritik heut so sehr blüht. Es hat einen doppelte Ursache : zuerst den engen Verband zwischen Historikern und Kritikern dieser Art, unter Zurückschiebung der Verschiedenheit von Nation und Religion; dann die Frechheit, mit der ein Fündlein eines unter ihnen von den übrigen austrompetet und als Fortschritt der Wissenschaft gepriesen wird, bzw. ein unbefangener Beurteiler des ”Wundertiers” in geschlossener Phalanx angegriffen wird. Wer leugnet, ist ihnen Ignorant; wer zustimmt und verteidigt, wird gelobt. So lassen sich nicht wenige täuschen, die zurückschaudern würden, wenn sie sich die Sache genauer ansähen. – Infolge dieser Vorherrschaft der Irrenden, dieser unvorsichtigen Zustimmung unbedachter Gemüter wird eine Art verderbter Luftschicht erzeugt, die alles durchdringt mit ihrem Pesthauche. – Doch gehen Wir zum Apologeten über.

Der Modernist als Apologet

Der modernistische Apologet hängt in doppelter Weise auch seinerseits vom Philosophen ab. Zunächst indirekt, indem er sich zum Gegenstande die Geschichte wählt, die, wie wir sahen, nach Vorschrift des Philosophen geschrieben ist; dann direkt, sofern er von ihm Lehranschauungen und Urteile entlehnt. Daher stammt jenes in der Modernistenschule übliche Gebot : die neue Apologetik muss die Streitigkeiten um die Religion beseitigen durch historische und psychologische Forschung. Deshalb beginnen die modernistischen Apologeten ihr Werk mit einer Erinnerung an die Rationalisten; sie stellten die Religion weder sicher durch die Heilige Schrift noch durch die in der Kirche allgemein angenommenen Geschichtsbücher, die nach alter Methode geschrieben seien, vielmehr aufgrund der wirklichen Geschichte nach modernen Gesetzen und moderner Methode. Und das sagen sie nicht gleichsam als diskutable Hypothese, nein, sie halten in der Tat nur diese Geschichte für die richtige. Um den Ruf ihrer Lauterkeit bei ihrer Schriftstellerei sind sie unbekümmert; bei den Rationalisten kennt man und lobt man sie, da sie unter derselben Fahne dienen; zu diesem Lobe, das ein wahrer Katholik verschmähen würde, gratulieren sie sich und stellen es den kirchlichen Verweisen gegenüber. – Doch wie führen sie ihre Apologetik durch ? Ihr Endzweck ist der, den glaubensleeren Menschen dahin zu bringen, dass er von der katholischen Religion die Erfahrung bekommt, welche nach den Grundsätzen der Modernisten das einzig berechtigte Glaubensfundament ist. Dazu führt ein doppelter Weg : der eine ist der objektive, der andere der subjektive. Jener geht vom Agnostizismus aus und will in der Religion, besonders der katholischen, eine Lebenskraft aufweisen, die jeden Psychologen und Historiker, der guten Willens ist, überzeugt, es müsse in der Geschichte der Religion etwas Unbekanntes verborgen sein. Dazu muss gezeigt werden, dass die katholische Religion, so wie sie jetzt ist, dieselbe ist, wie Christus sie gründete, d. h. nur die fortschreitende Entwicklung dieses Ursprungs von Christus her. Zuerst also muss man das Wesen dieses Ursprungskeimes bestimmen. Das möchten sie so : Christus hat die Ankunft des Reiches Gottes, das in kurzem aufgerichtet werden sollte, verkündigt, sich selbst als den künftigen Messias, gottgegebenen Träger und Ordner. Sodann ist die allmähliche historische Entwicklung dieses der katholischen Religion immanenten und permanenten Keimes und seine Anpassung an die Reihenfolge der Zeitumstände zu zeigen, wobei er lebenskräftig an sich zog, was immer von Lehre, Kultus, kirchlichen Formen ihm nützlich war; entgegenstehende Hindernisse hat er überwunden, Gegner niedergeworfen und bei allen Angriffen und Kämpfen gesiegt. – Ist das alles, Hindernisse nämlich, Gegner, Verfolgungen, Kämpfe, ebenso Leben und Fruchtbarkeit der Kirche gezeigt, der Art, dass unbeschadet der Wirksamkeit der Entwicklungsgesetze in der Geschichte der Kirche, diese Gesetze dennoch nicht restlos, die Geschichte erklären, so steht das Unbekannte offen da und präsentiert sich. – So jene. Bei dieser ganzen Reflexion vergessen sie nur eins, dass sie jene Bestimmung des Ursprungskeimes einzig und allein dem Apriorismus des agnostischen Philosophen und Evolutionisten verdanken, und der Keim selbst infolgedessen ohne jeden Wert in Übereinstimmung mit ihrer Sache gebracht wird.

Während jedoch die neuen Apologeten so sich um den Beweis der katholischen Religion bemühen, geben sie aus freien Stücken mehrerlei Anstößiges in ihr zu. Ja, ganz offen erklären sie, auch in der Dogmatik Irrtümer und Widersprüche zu finden; sie fügen jedoch bei, das lasse sich nicht nur entschuldigen, sondern – darüber muss man sich wundern – sei nach Recht und Ordnung geschehen. So finden sich nach ihnen auch in der Heiligen Schrift sehr viel wissenschaftliche und historische Irrtümer. Aber, so sagen sie, es handelt sich in der Schrift nicht um Wissenschaft und Geschichte, sondern nur um Religion und Ethik. Wissenschaft und Geschichte sind eine Art Hülle für die religiösen und sittlichen Erfahrungen zum Zweck ihrer Popularisierung; das Volk versteht auf anderem Wege nicht, daher würde eine vollkommenere Form der Wissenschaft oder Geschichte ihm nicht genutzt, sondern geschadet haben. Übrigens, setzen sie hinzu, sind die heiligen Schriften, weil ihrem Wesen nach religiös, notwendig lebendig; das Leben hat seine eigene Wahrheit und Logik, anders als die Wahrheit und Logik der Vernunft, ja überhaupt von einer ganz anderen Ordnung; es ist die Wahrheit des Ausgleichs und der Anpassung, teils an das Milieu (so sagen sie), in dem man lebt, teils an den Zweck, für den man lebt. Schließlich gehen sie so weit, schonungslos auszusprechen. Alles, was sich lebenskräftig entwickelt, ist wahr und berechtigt. – Wir, ehrwürdige Brüder, für die es nur eine einzige Wahrheit gibt, und die Wir die heiligen Bücher so einschätzen, dass sie „auf Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben Gott zum Urheber haben”, Wir sagen, dass das Gott eine Nutz- oder Notlüge zuzuschreiben heißt. Mit den Worten Augustins sagen Wir : ”Lässt man einmal gegen eine solch hohe Autorität eine Notlüge zu, so wird kein Stückchen von jenen Büchern übrig bleiben, das nicht nach belieben teils als schwer zu erfüllen, teils als schwer zu glauben kraft eben dieser verderblichen Regel zur absichtlichen Lüge des Autors gestempelt würde.” Es wird soweit kommen, wie eben dieser heilige Lehrer weiter sagt : „In ihnen, nämlich den Büchern der Heiligen Schrift, wird jeder glauben was er will, und nicht glauben, was er nicht will”. – Aber die modernistischen Apologeten reiten schnell. Sie geben weiterhin zu, dass in den heiligen Büchern Vernunftgründe zum Beweis irgendeiner Lehre, die jedes vernünftigen Grundes tatsächlich entbehren. Z. B. die prophetischen Weissagungen. Aber auch verteidigen sie, das seien eine Art Kunstgriffe der Predigt, die das Leben legitimiert. Was will man mehr ? Sie geben zu, ja sie behaupten fest, dass Christus in Ankündigung der Zeit des Kommens des Reiches Gottes offenbar geirrt habe. Kein Wunder, sagen sie; stand doch auch er unter den Gesetzen des Lebens ! – Was will man nach diesem noch über die Dogmen der Kirche hören ? Die wimmeln von offenbaren Widersprüchen, aber sie widerstreiten nicht der symbolischen Wahrheit, abgesehen davon, dass die vitale Logik sie zulässt. In ihnen handelt es sich ja um das Unendliche, und des Unendlichen Gesichtspunkte sind unendlich. Schließlich halten sie mit solchem Nachdruck dies alles fest, dass sie ohne Scheu bekennen : Dem Unendlichen tut man keine größere Ehre an, als wenn man Widersprechendes über es aussagt. – Hat man aber den Widerspruch gebilligt, was wird man nicht billigen ?

Subjektive Argumente

Aber der noch nicht Gläubige kann nicht durch objektive Beweisgründe für den Glauben empfänglich gemacht werden, sondern auch durch subjektive. Zu dem Zweck kehren die modernistischen Apologeten zur Lehre von der Immanenz zurück. Sie bemühen sich um die Überzeugung, dass im Menschen, im innersten Winkel seiner Natur und seines Lebens, eine gewisse Sehnsucht und ein Drang nach Religion schlummert, und zwar nicht nach jeder beliebigen Religion, sondern nach der katholischen; sie nämlich, so sagen sie, wird von der vollkommenen Entwicklung des Lebens gefordert. – Wiederum müssen Wir hier laut klagen, dass unter den Katholiken sich Leute finden, die zwar die Lehre der Immanenz als Lehre zurückweisen, sie aber für die Apologetik benutzen, und zwar so unvorsichtig, dass sie der menschlichen Natur nicht nur die Fähigkeit und Empfänglichkeit für die übernatürliche Ordnung zusprechen, – das haben katholische Apologeten stets nach Zweckmäßigkeitserwägungen erwiesen –, sondern eine wirkliche Forderung daraus machen. Genauer gesagt : diese Forderung katholischer Religion wird von den gemäßigteren Modernisten vertreten, die auch als solche gelten wollen. Die anderen, die man Integralisten nennen kann, wollen dem noch nicht gläubigen Menschen den in ihm schlummernden Keim abweisen, der in Christi Bewusstsein war und von ihm aus den Menschen sich übermittelte.

Das, ehrwürdige Brüder, ist in Kürze die modernistische apologetische Methode, die mit ihren Lehren völlig stimmt; Methode wie Lehren voll von Irrtümern, nicht dienlich zur Erbauung, sondern zur Zerstörung, nicht dazu angetan, Katholiken zu machen, sondern Katholiken zur Ketzerei zu bringen, ja, reif zur Vernichtung jeder Religion !

Der Modernist als Reformer

Nur wenig noch ist über den Modernisten als Reformator zu sagen. Schon das bisher Ausgeführte zeigt deutlich genug die Neuerungssucht dieser Menschen. Sie geht auf alle Dinge, die nur immer bei Katholiken sich finden. Sie wollen eine Reform der Philosophie, besonders in den Seminaren; es soll die scholastische Philosophie der Geschichte der Philosophie neben den übrigen schon veralteten Systemen zugewiesen und den jungen Leuten die moderne, zeitgemäße Philosophie vorgetragen werden. Für die Reform der Theologie wünschen sie die moderne Philosophie zur Grundlage der sogenannten spekulativen Theologie, die positive Darstellung der Glaubenslehre aber soll sich hauptsächlich auf die Dogmengeschichte stützen. Auch die Geschichte soll nach ihrer Methode und modernen Gesetzen geschrieben werden. Die Dogmen und ihre Entwicklung müssen mit Wissenschaft und Geschichte in Einklang gebracht werden. In den Katechismen sollen nur dem Volksverständnis neu angepasste Lehren aufgezeichnet werden. Im Kultus sind die äußerlichen Religionsformen zu vermindern, ihre Zunahme ist zu verbieten. Einige freilich, die zum Symbolismus freundlicher stehen, sind hier nachsichtiger. Das Kirchenregiment soll in allen seinen Zweigen reformiert werden, besonders auf dem Gebiete der Disziplin und Lehre. Deshalb, so sagen sie, ist es innerlich wie äußerlich mit dem modernen, ganz zur Demokratie hinneigenden Bewusstsein in Einklang zu bringen. Der niedere Klerus und selbst die Laien müssen am Kirchenregiment teilnehmen, die viel zu stark zentralisierte Autorität muss verteilt werden. Die römischen Kongregationen sollen umgestaltet werden, besonders das Heilige Offizium und die Indexkongregation. Die politische und soziale Tätigkeit des Kirchenregiments möchten sie geändert sehen; es soll sich von ins bürgerliche Gebiet übergreifenden Verordnungen fernhalten, andrerseits sich ihnen anpassen, um sie mit seinem Geiste zu durchdringen. In der Ethik sollen nach Art der Amerikanisten die aktiven Tugenden den passiven vorgehen und auch vor ihnen betätigt werden. Der Klerus soll die alte Demut und Armut wieder annehmen, dabei aber modernistisch denken und handeln. Einige schließlich von ihnen leihen nur zu gerne protestantischen Lehren ihr Ohr und möchten selbst den heiligen Zölibat der Priester abgeschafft sehen. Kurz was lassen sie in der Kirche unangetastet, was soll nicht von ihnen und nach ihren Lehren reformiert werden ?

Der Modernismus – Das Sammelbecken aller Irrtümer

Vielleicht wird man Uns, ehrwürdige Brüder, bei der Auseinandersetzung dieser ganzen modernistischen Lehre zu ausführlich finden. Aber das musste so sein; wir dürfen Uns nicht den Vorwurf der Unkenntnis, den man so leicht erhebt, von ihnen machen lassen; es muss auch klar werden, dass es beim Modernismus sich nicht um zerfahrene, untereinander nicht verbundene Lehrstücke handelt, sondern um ein festgeschlossenes Ganzes; wer hier einen Punkt zugibt, hat mit innerer Folgerichtigkeit alles zugegeben. Deshalb sind Wir fast didaktisch vorgegangen und haben mitunter selbst Fremdwörter nicht gescheut, die die Modernisten gebrauchen. – Überschaut man gleichsam mit einem Blick das ganze System, so wird niemand sich wundern, wenn Wir es als ein Sammelbecken aller Häresien bezeichnen. Wenn jemand sich vorgenommen hätte, Kraft und Saft aller Glaubensirrtümer gleichsam zusammenzupressen, hätte es niemand besser machen können als jetzt die Modernisten. Ja sie sind noch weiter gegangen, bis dahin, nicht nur die katholische, nein, wie gesagt, alle Religion zu zerstören. Daher der Beifall bei den Rationalisten; die frei und offen redenden Rationalisten gratulieren sich, sie hätten nie, wirksamere Helfershelfer gefunden als die Modernisten. – Kehren Wir, ehrwürdige Brüder, für einen Augenblick zu jener verderblichen Lehre des Agnostizismus zurück. Durch sie wird vom Intellekt her jeder Zugang zu Gott dem Menschen verschlossen, indem angeblich ein besserer Weg vom Gefühl und der inneren Regung her aufgestellt wird. Wie töricht : denn das Gefühl antwortet nur auf eine Regung, die der Intellekt oder die äußeren Sinne ihm gleichsam vorlegen. Bei Ausschaltung des Intellekts wird der Mensch den äußeren Sinnen, zu denen es ihn schon hinzieht, mit Riesenschritten nachgeben. Ferner töricht um deswillen, weil Phantasien über das religiöse Gefühl den gesunden Menschenverstand nicht niederzwingen werden; der gesunde Menschenverstand aber lehrt uns, dass jede Störung oder Befangenheit der Seele der Erkenntnis der wirklichen Wahrheit nicht förderlich, sondern hinderlich ist; denn die andere subjektive Wahrheit ist als Erzeugnis des inneren Gefühls und der inneren Regung empfänglich für Vorspiegelungen; nützt aber dem Menschen gar nichts, für den das Wichtigste ist, zu wissen, ob es einen Gott außer ihm gibt, in dessen Hand er einst fallen wird. – Die Erfahrung geben sie dem Gefühl zur Stütze. Aber was tut sie hinzu ? Nichts weiter als eine Verstärkung, je stärker das Gefühl, je fester die Überzeugung von der Wahrheit. Aber beide zusammen lassen das Gefühl bleiben und verändern nicht sein Wesen das immer der Täuschung ausgesetzt bleibt, solange es nicht vom Intellekt geleitet wird; ja, sie stärken und fördern die Täuschung, denn je intensiver das Gefühl, desto mehr bleibt der Gefühlscharakter. – Da Wir von dem religiösen Gefühl und der in ihm enthaltenen Erfahrung handeln, so wisst ihr wohl, ehrwürdige Brüder, welcher Klugheit es hier Bedarf, desgleichen welchen Wissens, das die Klugheit leite. Ihr wisst es aus Eurem Umgang mit den Seelen, besonders solchen, in denen das Gefühl prävaliert. Ihr wisst es aus der asketischen Literatur; mögen die Modernisten sie auch für wertlos halten, sie zeigt doch eine viel gesündere und feinere Beobachtungsgabe, als die von den Modernisten selbst sich angepasste. Uns scheint es Torheit oder wenigstens, höchste Unklugheit zu sein, ohne Prüfung innere Erfahrungen nach Art der Modernisten für Wahrheit zu halten. Warum, so fragen wir im Vorbeigehen, wenn diese Erfahrungen solche Kraft und Stärke haben, sprechen sie sie nicht in gleichem Maße der Erfahrung zu, die mehrere tausend Katholiken über den Irrweg der Modernisten zu haben behaupten ? Ist diese Erfahrung nur falsch und trügerisch ? Die überwältigende Mehrheit der Menschen hält fest und wird immer festhalten, dass man mit Gefühl und Erfahrung allein, ohne Führung und Erleuchtung des Verstandes, niemals zur Erkenntnis Gottes kommen kann. Es bleibt also wieder Atheismus und Religionslosigkeit. – Nichts Besseres sollten die Modernisten von ihrer Lehre des Symbolismus sich versprechen. Denn wenn alle intellektuellen Elemente, wie sie sagen, nur Symbole Gottes sind, warum soll dann der Name Gott oder göttliche Persönlichkeit selbst nicht Symbol sein ? Wenn ja, so wird man an der Persönlichkeit Gottes zweifeln können, und die Türe zum Pantheismus steht offen. – Ebendahin, nämlich zum reinen und nackten Pantheismus, führt die andere Lehre von der Immanenz Gottes. Denn Wir fragen : unterscheidet eine solche Immanenz Gott vom Menschen oder nicht ? Wenn ja, worin liegt dann die Abweichung, von der katholischen Lehre, oder warum lehnt man die Lehre von der äußeren Offenbarung ab ? Wenn nein, so haben wir den Pantheismus. Aber diese Immanenz der Modernisten lässt jedes Bewusstseinsphänomen vom Menschen als Menschen ausgehen. Eine richtige Logik folgert daraus, dass Gott und Mensch eines und dasselbe sind. – das heißt Pantheismus. – Endlich ihre Unterscheidung zwischen Wissen und Glauben führt zu demselben Schlusse. Denn zum Gegenstand des Wissens machen sie die Realität des Erkennbaren, zu dem des Glaubens umgekehrt die Realität des Unerkennbaren. Das Wesen des Unerkennbaren liegt in der Kluft zwischen Gegenstand und Erkenntnis. Und diese Kluft ist stets, auch in der modernistischen Lehre, unüberbrückbar. Also wird das Unerkennbare dem Gläubigen wie dem Philosophen stets unerkennbar bleiben. Gibt es also Religion, so muss sie Religion unerkennbarer Realität sein : warum diese Realität nicht auch nach Art einiger Rationalisten Weltseele sein kann, ist nicht einzusehen. – Das wird genügend zeigen, wie die Lehre der Modernisten auf mannigfachem Wege zum Atheismus und zur Beseitigung aller Religion führt. Protestanten-Irrtum hat den ersten Schritt auf diesem Wege getan, Modernisten-Irrtum folgt, Atheismus wird der nächste Schritt sein.

Die Ursache des Modernismus

Zum Zweck tieferer Einsicht in den Modernismus und richtiger Bestimmung der Heilmittel für die so schwere Wunde müssen Wir, ehrwürdige Brüder, jetzt die Ursachen dieses Übels oder seines Wachstums, erforschen. – Zweifellos liegt die nächste und unmittelbare Ursache in einem Verstandesirrtum. Weiter zurück liegen zwei weitere Ursachen, Neugierde und Hochmut. Wird die Neugierde nicht durch Weisheit in Schranken gehalten, so genügt sie für sich allein zur Erzeugung von allerlei Irrtümern. Daher schrieb Unser Vorgänger Gregor XVI. mit Recht : ”Sehr traurig ist es, wohin es mit den Wahnprodukten der menschlichen Vernunft kommt, wenn jemand neuerungssüchtig ist und gegen Mahnung des Apostels weiser sein möchte als er darf, sich allzu viel zutraut, die Wahrheit außerhalb der katholischen Kirche suchen will, in der sie ohne auch nur die geringste Spur von Irrtum sich findet.“ Aber bei weitem wirkungskräftiger den Geist zu verblenden und in Irrtum zu führen, ist der Hochmut. Er ist in der Lehre des Modernismus gleichsam zu Hause; aus ihr empfangt er Nahrung und zeigt sich nach allen Seiten. Hochmut ist es, wenn die Modenisten verwegen auf sich selbst vertrauen, sich gleichsam für die Gesetzgeber der ganzen Welt halten. Hochmut ist ihre eitle Ruhmsucht, als wenn sie die Wahrheit allein gepachtet hätten, stolz und aufgeblasen sprechen sie : ”Wir sind nicht wie die übrigen Menschen”, um mit diesen nicht, verglichen zu werden, vertreten und erträumen sie allerlei Neuigkeiten mögen sie noch so abgeschmackt sein. Hochmut lässt, sie allen Gehorsam abwerfen und Autorität mit Freiheit zu verbinden suchen. Hochmut lässt sie sich selbst vergessen und nur an die Reformation anderer denken, Respekt haben sie vor keiner Rangstufe, auch nicht vor der höchsten Gewalt. Kein Weg führt kürzer und leichter zum Modernismus als der Hochmut. Wenn ein Katholik aus dem Kreise der Laien oder auch ein Priester das christliche Lebensgebot vergisst, sich selbst zu verleugnen, wenn man CHRISTO folgen will, und er den Hochmut nicht aus seinem Herzen reißt – der ist wie geschaffen für die Irrtümer der Modernisten ! – Darum, ehrwürdige Brüder, muss das Eure erste Pflicht sein, diesen hochmütigen Menschen entgegenzutreten, sie mit niedrigeren und unbeutenderen Aufgaben zu betrauen, damit sie umso tiefer erniedrigt werden, je höher sie sich erheben, und damit sie auf einen unbedeutenden Posten gestellt, weniger schaden können. Prüfet, teils persönlich, teils durch die Seminarvorsteher, sorgsamst die Zöglinge des Klerus; findet ihr Hochmütige, so weiset sie energisch vom Priesteramte zurück. Wäre doch immer die nötige Wachsamkeit und Energie beobachtet worden !

Gehen Wir von den moralischen Ursachen zu den intellektuellen über, so wird zuerst die Unwissenheit begegnen. Denn wie viele Modernisten möchten als Lehrer in der Kirche gelten, posaunen die moderne Philosophie mit vollen Backen aus, verachten die Scholastik, haben aber, durch Flitter und Trug getäuscht, jene Philosophie nur deshalb sich angeeignet, weil sie in voller Unkenntnis der Scholastik über keine Beweismittel verfügen zur Beseitigung der Begriffsverwirrung und der Trugschlüsse. Aus der Verbrüderung von falscher Philosophie mit ihrem Glauben ist ihr an Irrtümern überreiches System entsprungen.

Methoden der Werbung

Möchten sie doch auf die Propaganda weniger Eifer und Sorge verwenden ! Aber ihr Eifer ist so hurtig, ihr Arbeiten so unermüdlich, dass es einem leid tut um den Verbrauch solcher Kräfte zum Verderben der Kirche, die, richtig angewandt den höchsten Nutzen stiften könnten. – Eine doppelte Kunst gebrauchen sie zur Täuschung der Seelen. Zuerst möchten sie die Hemmnisse nivellieren, dann suchen, sie eifrig nach Vorteilen für sich und wenden sie unermüdlich mit zäher Ausdauer an. Drei Hindernisse für ihre Unternehmungen vornehmlich empfinden sie : die scholastische Methode der Philosophie, Autorität und Überlieferung der Väter, das kirchliche Lehramt. Hiergegen kämpfen sie aufs schroffste. Darum verspotten und verachten sie scholastische ”Philosophie und Theologie. Mögen sie es aus Unkenntnis tun oder aus Furcht oder aus beiden Gründen, gewiss ist, dass Neuerungssucht sich stets mit Hass scholastischer Methode verbindet. Nichts zeigt klarer, dass jemand für modernistische Lehren empfänglich wird, als der beginnende Abscheu vor scholastischer Methode. Möchten doch die Modernisten und Modernistenfreunde gedenken des Verdammungsurteils Pius’ IX. über den Satz : „Methode und Prinzipien der Theologie nach Art der alten scholastischen Lehrer passen zu den Bedürfnissen und dem Fortschritte der Wissenschaften in unserer Zeit ganz und gar nicht.

Kraft und Wesen der Tradition bemühen sie sich hinterlistigst zu zerstören, um ihr jedes Gewicht zu nehmen. Dennoch wird für die Katholiken unerschütterlich feststehen die Autorität der zweiten Nicänischen Synode; sie verdammte, ”die es wagen… nach Art verbrecherischer Häretiker die kirchlichen Überlieferungen zu verachten und beliebige Neuheiten auszudenken… oder die hinterlistig darauf sinnen, aus den anerkannten kirchlichen Überlieferungen etwas herauszubrechen.” Es wird ferner feststehen das Bekenntnis der vierten Synode von Konstantinopel : „Wir bekennen also, die der heiligen katholischen und apostolischen Kirche von den berühmten heiligen Aposteln, den ökumenischen und Lokal-Konzilien oder auch von jedem gottbeauftragten Kirchenvater und -lehrer überlieferten Regeln halten and schützen zu wollen.” Daher haben die römischen Päpste Pius IV. und IX. auch in das Glaubensbekenntnis diesen Zusatz einfügen lassen : ”Die apostolischen und kirchlichen Traditionen und die übrigen Gepflogenheiten und Gesetze der Kirche erkenne ich unverbrüchlich an und halte sie fest.”

Nicht anders wie über die Tradition urteilen die Modernisten über die allerheiligsten Kirchenväter. Mit höchster Verwegenheit erklären sie sie zwar für aller Verehrung sehr würdig, aber doch für schlimmste Ignoranten in Kritik und Geschichte; nur die Zeit, in der, sie lebten, könne die Unwissenheit entschuldigen.

Endlich unterfangen sie sich, die Autorität des kirchlichen Lehramtes nach Kräften herabzusetzen und zu schwächen; teils zerstören sie frevlerisch ihren Ursprung, Wesen und Rechte, teils streuen sie offen gegnerische Verleumdungen gegen sie aufs neue aus. Auf die Modernistenschar trifft zu, was in tiefstem Leid Unser Vorgänger schrieb : ”Um die mystische Braut Christi, der das wahre Licht ist, der Verachtung und der Missgunst preiszugeben, pflegen die Söhne der Finsternis sie öffentlich tückisch zu verleumden, die Dinge und Begriffe auf den Kopf zu stellen, sie als Freundin des Dunkelmännertums, Förderin der Unwissenheit, Feindin des Lichtes der Wissenschaft und des Fortschritts zu bekämpfen. – Angesichts dessen, ehrwürdige Brüder, ist es kein Wunder, wenn die Modernisten Katholiken, die wacker für die Kirche streiten, mit höchstem Übelwollen und Scheelsucht verfolgen. Mit jeder nur möglichen Beleidigung kränken sie sie; der Vorwurf der Unwissenheit und Starrköpfigkeit kehrt allenthalben wieder. Wenn sie die Bildung und Geisteskraft ihrer Gegner fürchten, so brechen sie durch verabredetes Totschweigen dem die Spitze ab. Diese Handlungsweise gegen Katholiken ist um so gehässiger, als sie in gleicher Zeit alle ihre Anhänger fortgesetzt maßlos herausstreichen; ihren Büchern, die von Neuerungen strotzen, spenden sie Beifall; je grundstürzender eines ist, Tradition und kirchliches Lehramt verachtet, eine um so bessere Weisheitsnote erhält es; schließlich, wenn einen der kirchliche Bannstrahl getroffen hat, dann – jeder Gute würde zurückschaudern – loben sie ihn nicht nur in geschlossener Phalanx überreichlich, sondern verehren ihn fast als Märtyrer der Wahrheit. – Die von all diesem Tam-tam an Lobhudelei und Schmähungen verwirrten jungen Brauseköpfe geben sich, um nicht in den Ruf der Unwissenheit zu kommen, vielmehr den der Weisheit beanspruchen zu können, unter dem inneren Zwang von Neugierde und Hochmut oft gefangen und liefern sich dem Modernismus aus.

Doch die gehört schon zu den Kunstgriffen, mit denen die Modernisten ihre Ware verkaufen. Was tun sie nicht für das Wachstum der Zahl ihrer Anhänger ? In den geistlichen Seminaren, den Universitäten nehmen sie Lehrstühle, ein, die sie in Giftsitze verwandeln. Ihre Lehren, wenn auch vielleicht verborgen, verbreiten sie im Gotteshause bei der Predigt; offener verkündigen sie sie auf Kongressen; in die Vereine schleppen sie sie ein und preisen sie an. Bücher, Zeitschriften, Abhandlungen geben sie unter ihrem oder fremdem Namen heraus. Ein und derselbe Schriftsteller gebraucht verschiedene Namen, um durch Vorspiegelung vieler Autoren Arglose zu täuschen. Kurz, in Wort, Werk, Presse lassen sie nichts unversucht, man möchte sie fiebertoll nennen. – Und wohin führt das alles ? Zahlreiche Jünglinge, schönste Hoffnungen, die das Beste für die Kirche versprachen, sehen Wir tränenden Auges vom rechten Pfade abgeirrt ! – Sehr viele auch pflegen zu Unserem Schmerze, wenn sie auch noch nicht direkt abgeirrt sind, laxer zu denken, zu reden und zu schreiben, als sich für den Katholiken ziemt – gleichsam als, wenn sie verdorbene Luft eingeatmet hätten. Es sind Laien, aber auch Priester, ja, – das hatte man weniger erwarten sollen – sie fehlen selbst nicht in Mönchskreisen. Die Bibel behandeln sie nach modernistischen Gesetzen, in der Geschichtsschreibung zerren sie unter dem Scheine der Wahrheit mit offenbarer Lust sorgsamst das ans Licht, was die Kirche mit Flecken zu bespritzen scheint. Die heiligen populären Überlieferungen suchen sie von vorgefasster Meinung aus mit aller Kraft zu zerstören. Heilige, durch ihr Alter empfohlene Reliquien verachten sie. In eitlem Wunsche möchten sie, dass die Welt von ihnen rede, und sie wissen, das wird nicht geschehen, wenn sie nur Althergebrachtes sagen. Dabei reden sie sich ein, sie gehorchten Gott und der Kirche; tatsächlich beleidigen sie beide aufs Schwerste, nicht sowohl durch ihre Tätigkeit, als durch den Geist, der sie leitet, und die Hilfe, die sie den Unternehmungen der Modemisten leisten.

Heilmittel

Unser Vorgänger seligen Gedächtnisses Leo XllI. hat energisch in Wort und Tat dieser offen wie heimlich auftretenden Schar von Irrtümern zu begegnen sich bemüht, besonders betreffs des Bibelstudiums. Aber, wie Wir schon sahen, die Modernisten lassen sich nicht leicht durch solche Waffen schrecken, Gehorsam und Demut heuchelnd, haben sie die Worte Päpste in ihrem Sinne ausgelegt und seine Taten auf beliebige andere, nicht auf sich selbst bezogen. So ist das Übel von Tag zu Tag stärker geworden. Darum, ehrwürdige Brüder, haben Wir Uns entschlossen, nicht länger zu zögern und schärfere Maßregeln zu ergreifen. – Wir bitten und beschwören Euch, in einer so wichtigen Sache es an Wachsamkeit, Sorgfalt, Mut auch nicht im geringsten fehlen zu lassen. Was Wir von Euch erbitten und erwarten, das erbitten und erwarten Wir auch von den übrigen Seelenhirten, von den Erziehern und Lehrern des jungen Klerus insbesondere von den Klostervorstehern.

Das Studium der scholastischen Philosophie

Was zuerst die Studien betrifft, so wünschen und verfügen Wir, dass die scholastische Philosophie zur Grundlage der Theologie gemacht werde. „Wenn etwas von den scholastischen Doktoren so spitzfindig gefragt oder zu wenig überlegt von ihnen überliefert wurde, wenn etwas mit ausgemachten Lehren späterer Zeit weniger zusammenhängt oder auf irgend eine Weise unannehmbar erscheint, so wollen Wir das natürlich in keiner Weise unserer Zeit zur Nachahmung empfehlen. Die Hauptsache ist : wenn Wir die scholastische Philosophie als Vorbild hinstellen, so meinen Wir vornehmlich die vom heiligen Thomas von Aquino überlieferte. Was über sie Unser Vorgänger bestimmte, soll alles in Kraft bleiben; soweit nötig, erneuern und bekräftigen Wir es und befehlen strengen Gehorsam allenthalben. Pflicht der Bischöfe wird es sein, wo in den Seminaren Nachlässigkeit in diesem Punkte herrschte, in Zukunft strenge Befolgung zu verlangen. Dasselbe befehlen Wir den Ordensobern. Die Lehrer ermahnen Wir, ordnungsgemäß daran festzuhalten : den Aquinaten gibt man, besonders in der Metaphysik, nur mit großem Schaden preis.

Auf diesem philosophischen Fundamente erhebe sich sorgsam der Bau der Theologie ! – Fördert, ehrwürdige Brüder, das Studium der Theologie, soviel ihr könnt, lasset die Kleriker beim Verlassen der Seminare von ihrem herrlichen Werte und von Liebe zur Theologie durchdrungen sein, so dass ihr Studium ihnen immer eine Lust ist ! Denn ”Jedermann weiß, dass unter der Menge der Disziplinen, die ein wahrheitsdurstiger Geist ergreifen kann, die heilige Theologie den ersten Platz einnimmt, so dass ein alter Spruch der Weisen sagt : alle anderen Wissenschaften und Künste müssen ihr als Mägde dienen und Handreichung tun.“ – Wir setzen hinzu, dass die Lob zu verdienen scheinen, die in unentwegter Ehrerbietung gegen Tradition, Väter und kirchliches Lehramt, in weisem Urteil, nach katholischer Norm, die positiv-systematisch-darstellende Theologie mit wahrem historischem Lichte zu erleuchten suchen. Vielmehr Wert als ehedem ist dieser positiv-systematisch-darstellenden Theologie beizumessen; doch muss es ohne Schaden der Scholastik geschehen; solche, die mit dem Anscheine einer Verachtung der scholastischen Theologie jene positive herausstreichen, verdienen als Anwälte der Modernisten Tadel.

Für die profanen Disziplinen mag es genügen, die weisheitsvollen Worte Unseres Vorgängers ins Gedächtnis zu rufen : „Arbeitet eifrig, an der Erforschung der Natur; die genialen Entdeckungen unserer Zeit und ihre nützliche Anwendung, die die Gegenwart mit Recht bewundert, wird auch die Zukunft dauernd loben.” Freilich – ohne Schaden der Theologie. Daran hat in den folgenden Worten Unser Vorgänger mahnend erinnert : „Wenn jemand die Ursache dieser Irrtümer sorgsam erforscht, so wird er sie vornehmlich darin finden, dass zu unserer Zeit infolge des gewaltigen Aufschwungs der Naturwissenschaften die Geisteswissenschaften strengerem Sinne in gleichem Maße gesunken sind; einige sind fast ganz in Vergessenheit geraten, andere werden geringschätzig und oberflächlich behandelt, ihr früheres Ansehen ist ihnen genommen, und sie werden, unwürdig ihrer, durch falsche Lehren und grausige Meinungen vergiftet. Nach dieser Norm soll in den Seminaren das Studium der Naturwissenschaften betriebe werden.

Praktische Anwendung

Alle diese Vorschriften, von Uns oder Unserem Vorgänger, muss man, im Auge behalten, wenn es sich um die Wahl der Rektoren und den Dozenten an den Seminaren oder katholischen Universitäten handelt. Wer nur irgendwie vom Modernismus angetan ist, soll ohne jede Rücksicht vom Rektor- oder Dozentenamte ausgeschlossen sein; ist er schon im Amte, so wird er entfernt. Desgleichen wer den Modernismus heimlich oder öffentlich begünstigt, die Modernisten lobt, ihre Schuld entschuldigt; Scholastik, Väter und kirchliches Lehramt kritisiert oder der kirchlichen Gewalt, gleichgültig wer sie ausübt, Gehorsam verweigert; desgleichen wer in Geschichte oder Archäologie oder im Bibelstudium nach Neuerungen strebt, wer die Theologie vernachlässigt oder Profanwissenschaften ihr vorzuziehen scheint – Bei dieser Aufgabe, ehrwürdige Brüder, besonders bei der Wahl der Lehrer, werdet ihr niemals zuviel an Aufmerksamkeit und Energie tun können; denn nach dem Lehrer bildet sich zumeist der Schüler. Darum, fest im Bewusstsein eurer Pflicht, handelt klug und energisch !

Ebenso sorgsam und strenge sind die zu prüfen und auszuwählen, die die heiligen Weihen empfangen möchten. Fern, fern sei vom Priestertum, Neuerungssucht ! Hochmütige und Widerspenstige hasst Gott ! – Das Doktorrat in Theologie und im kanonischen Recht soll fortan niemandem verliehen werden der nicht vorher den festgesetzten Kursus in scholastischer Philosophie absolviert hat. Wird er trotzdem verliehen, ist er ungültig. Die Vorschriften der Heiligen Kongregation der Bischöfe und Ordensleute vom Jahre 1896 an die Säkular- und Regularkleriker Italiens über den Besuch von Universitäten sollen künftighin für alle Nationen gelten. Kleriker und Priester, die an einer katholischen Universität oder einem katholischen Institut eingeschrieben sind, sollen Disziplinen, für die dort Lehrstühle vorhanden sind, an keiner Staatlichen Universität lernen. Wo das, bisher erlaubt war, ist es künftig verboten. Bischöfe, die in der Spitze solcher Universitäten oder Institute stehen, sollen sorgsamst über der Ausführung, dieser Vorschriften wachen.

Wachsamkeit der Bischöfe über Veröffentlichungen

Ferner ist es Pflicht der Bischöfe, die Lektüre gedruckter Schriften der Modernisten oder solcher, die nach Modernismus schmecken und ihn begünstigen, zu verhindern, bzw., wenn sie noch nicht gedruckt sind, den Druck zu verbieten. Desgleichen sollen alle Bücher, Zeitschriften, Broschüren aller Art weder den jungen Leuten in den Seminaren noch den, Studenten an den Universitäten gestattet werden; denn solche Schriften sind nicht weniger schädlich als unmoralische, ja, noch schädlicher, denn sie vergiften die Quellen des christlichen Lebens. Nicht anders ist zu urteilen über die Schriften gewisser Katholiken, sonst nicht übler Leute, die aber, ohne Kenntnis der Theologie und angetan von der neueren Philosophie, sie mit dem Glauben in Einklang zu bringen suchen und, wie sie sagen, für den Glauben fruchtbar machen möchten. Da diese Schriften um des Namens und Rufes ihrer Verfasser willen unbedenklich gelesen werden, so vermehren sie die Gefahr, allmählich den Leser zum Modernismus zu führen.

Im allgemeinen, ehrwürdige Brüder, geben Wir in dieser ernsten Sache Befehl : Wo nur immer in einer Diözese schädliche Bücher : vorhanden sind, da bemüht Euch wacker um ihre Fernhaltung, selbst durch feierliches Verbot. Wenn auch der Apostolische Stuhl sich in jeder Weise um die Beseitigung solcher Schriften bemüht, so sind sie doch schon so zahlreich geworden, dass kaum die Kräfte zur Zensurierung aller reichen. So erklärt es sich, dass mitunter die Arznei zu spät gereicht wird, weil das Übel schon lange Zeit sich eingefressen hat. Wir wünschen daher, dass die Bischöfe ohne alle Furcht, ohne Rücksicht auf fleischliche Klugheit, ohne Acht auf böses Geschrei, milde zwar, aber fest ihre Aufgaben anfassen, eingedenk der Vorschrift Leos XIII. in der Apostolischen Konstitution „Officiorum“ : ”Die Bischöfe sollen, auch als Delegaten des apostolischen Stuhles, schädliche Bücher und Schriften, die, in ihrer Diözese erscheinen oder verbreitet werden, zu verbieten und aus den Händen der Gläubigen zu entfernen suchen.” Hier wird ein Recht sowohl gewährt als eine Pflicht geboten. Niemand glaube, diese Pflicht erfüllt zu haben, wenn er das eine oder andere Buch Uns angezeigt hat, während zahlreiche andere ruhig verteilt und verbreitet werden dürfen. – Lasst Euch, ehrwürdige Brüder, nicht stutzig machen durch die vielleicht einem Buche anderswoher beigegebene Druckerlaubnis des sogenannten Imprimatur; es könnte ja gefälscht oder zu sorglos erteilt, oder von zu großer Güte und zu großem Vertrauen auf den Verfasser diktiert sein : das geschieht vielleicht mitunter bei den Orden. Es kommt hinzu, dass, wie eine Speise sich nicht für alle schickt, so Bücher, die an einem Orte harmlos sind, am anderen unter Umständen schädlich sein können. Wenn also ein Bischof nach Beratung mit Sachverständigen die Zensurierung auch solcher Bücher in seiner Diözese für gut befindet, so geben Wir ihm ohne weiteres dazu Vollmacht, ja Wir gebieten es als seine Pflicht. Taktvoll unter Einschränkung des Gebotes, wenn das genügt, auf den Klerus allein, muss verfahren werden, aber die Pflicht katholischer Buchhändler, vom Bischofe zensurierte Bücher nicht zu verkaufen, bleibt bestehen. – Und da von den Buchhändlern die Rede ist, so sollen die Bischöfe darüber wachen, dass sie nicht aus Gewinnsucht schlechte Buchware feilhalten; ganz gewiss werden in manchen Bücherkatalogen modernistische Bücher marktschreiend angeboten. Weigern sie den Gehorsam, so sollen die Bischöfe nach vorhergehender Ermahnung unbedenklich ihnen den Titel ”katholischer Buchhändler” entziehen; erst recht den Titel ”bischöflicher Buchhändler”; führen sie den Titel ”päpstlicher Buchhändler”, so hat Anzeige beim Apostolischen Stuhl zu erfolgen. Allen schließlich rufen Wir die Worte der Apostolischen Konstitution „Officiorum“ Artikel 26 ins Gedächtnis zurück : „Alle, die apostolische Erlaubnis für die Lektüre und den Besitz verbotener Bücher erhalten haben, dürfen darum noch nicht alle beliebigen von dem betreffendem Diözesanbischof verbotenen Bücher oder Zeitschriften lesen und besitzen, es sei denn, dass ihnen in der apostolischen Vollmacht eine ausdrückliche Erlaubnis gegeben sei, alle nur irgendwie verdammte Bücher zu lesen und zu besitzen.”

Zensuramt

Aber es genügt noch nicht, die Lektüre und den Verkauf schlechter Bücher zu verhindern, auch die Herausgabe muss verhindert werden. Deshalb sollen die Bischöfe bei Erteilung der Druckerlaubnis so streng wie möglich verfahren. Da aber nach der Konstitution „Officiorum“ die für die Erteilung der Druckerlaubnis seitens des Diözesanbischofs erforderlichen Bedingungen sehr zahlreich sind und der Bischof allein nicht alles prüfen kann, so wurden amtlich in einzelnen Diözesen Zensoren in genügender Zahl eingesetzt, um den Bischof zu unterrichten. Diesen Zensoreninstitut findet Unseren vollen Beifall, Wir ermahnen nicht, nur dazu, nein Wir befehlen seine Ausdehnung auf alle Diözesen. An allen Bischofsitzen also sollen amtlich Zensoren zur Prüfung der Druckmanuskripte sein; sie sollen aus dem Welt- und Ordensklerus ausgewählt werden. Männer, die sich durch ihr Alter, Bildung, Klugheit empfehlen und bei der Billigung und Verwerfung die sichere Mittelstraße gehen. Ihnen soll die Prüfung der Schriften übertragen werden. Sie nach der Schriften übertragen werden, die nach und  genannter Konstitution der Druckerlaubnis bedürfen. Der Zensor hat sein Urteil schriftlich abzugeben. Ist es günstig, soll der Bischof die Druckerlaubnis durch das Wort : Imprimatur erteilen; doch soll ihm die Formel : Nihil obstat mit dem Namen des Zensors voraufgehen. – An der römischen Kurie sollen genau wie an den übrigen Bischofssitzen amtlich Zensoren eingerichtet werden. Nach Anhören des Kardinalvikars in Rom, unter Zustimmung des Papstes selbst soll, sie der Magister „sacri palatii“ ernennen. Er soll zur Prüfung der einzelnen Schriften den Zensor bestimmen; desgleichen erteilt er die Druckerlaubnis, oder auch der Kardinalvikar oder der stellvertretende Bischof; wie gesagt; ist die Approbationsformel vorauszuschicken und der Name des Zensors beizusetzen. – Nur bei außerordentlichen Umständen und sehr selten soll nach dem Gutachten des: Bischofs die Erwähnung des Zensors unterbleiben können. Den Verfassern soll der Name des Zensors niemals bekannt werden, ehe er ein günstiges Urteil gefällt hat, damit der Zensor bei der Prüfung oder Verweigerung der Druckerlaubnis keine Schwierigkeiten erfährt. – Zensoren sollen aus den Ordensleuten nur nach geheimer Anhörung des Provinzial- bzw. in Rom des General-Oberen gewählt werden; über Sitten, Wissen und Glaubensreinheit des Kandidaten, soll der betreffende Obere unter Amtspflicht ein Zeugnis abgeben. Die Ordensoberen gemahnen Wir an die furchtbare ernste Pflicht, niemals von ihren Untergebenen ohne ihre und die bischöfliche Erlaubnis etwas drucken zu lassen. – Schließlich bestimmen Wir, dass der Titel Zensor für die Bestätigung der Privatansichten des betreffenden Verfassers gar keine Bedeutung hat und niemals in diesem Sinne herangezogen werden darf.

Priester als Verleger

Nach diesen allgemeinen Anordnungen wünschen Wir insbesondere sorgsame Beachtung der Worte in Artikel der Konstitution „Officiorum“ : „Weltgeistlichen ist es verboten, ohne vorherige Erlaubnis ihres Bischofs die Leitung von Zeitungen oder Zeitschriften zu übernehmen.“ Wer die gegebene Erlaubnis zum Unheil missbraucht, dem wird sie nach vorheriger Ermahnung entzogen. Da Priester, die, wie man sagt, Korrespondenten oder Mitarbeiter sind, häufiger in Zeitungen oder Zeitschriften vom Modernismus infizierte Artikel veröffentlicht haben, so sollen die Bischöfe darauf achten, dass hier keine Vergehen vorkommen, im Übertretungsfalle ermahnen und die Schriftstellerei verbieten. Genau so sollen, wie Wir eindringlich ermahnen, die Ordensobern verfahren; sind sie nachlässig, so sollen die Bischöfe mit päpstlicher Vollmacht einschreiten. – Katholische Zeitungen und Zeitschriften sollen, soweit möglich, einen bestimmten Zensor haben. Seine Aufgabe ist, die einzelnen Blätter oder Hefte nach Erscheinen zu gelegener Zeit durchzulesen; findet er etwas Gefährliches, so soll er es baldmöglichst verbessern lassen. Dieselbe Befugnis soll den Bischöfen zustehen, selbst wenn der Zensor vielleicht günstig geurteilt haben sollte.

Kongresse

Kongresse und öffentliche Versammlungen haben Wir schon als Mittel für öffentliche Verteidigung und Propaganda der Modernistenlehre oben erwähnt. – Priesterkongresse sollen die Bischöfe künftighin nur in den allerseltensten Fällen dulden. Tun sie es, so doch nur unter der Bedingung, dass nichts verhandelt wird, was vor die Bischöfe oder den apostolischen Stuhl gehört; nichts soll vorgeschlagen oder gefordert wegen, was Anmaßung kirchlicher Gewalt bedeutet; von allem, was nach Modernismus, Presbyterianismus oder Laizismus schmeckt, darf keine Rede sein. – Derartigen Versammlungen, die nur vereinzelt, bei günstiger Gelegenheit durch schriftliche Verfügung gestattet werden dürfen, darf ein Priester aus einer anderen Diözese nur auf Grund eines Empfehlungsschreibens seines Bischofs beiwohnen. Alle Priester aber sollen der ernsten Worte Leos XIII. gedenken : ”Heilig sei den Priestern die Autorität ihrer Bischöfe; es sei ihnen gewiss, dass das Priesteramt nur unter Leitung der Bischöfe heilig, nützlich und ehrbar sein kann.”

Diözesane Wächterkomitees

Aber, ehrwürdige Brüder, was nützen Unsere Gebote und Vorschriften, wenn sie nicht ordentlich und streng ausgeführt werden? Um den Erfolg nach Wunsch zu erzielen, beschlossen Wir die Ausdehnung einer vor mehreren Jahren erlassenen klugen Verfügung umbrischer Bischöfe auf alle Diözesen : ”Zur Ausrottung schon verbreiteter Irrtümer und zur Verhinderung der Weiterverbreitung oder Aufrechterhaltung der schlimmen Folgen der Verbreitung durch gottlose Lehrer, beschließt der heilige Konvent, in den Spuren des heiligen Karl Borromäus, die Einrichtung eines Aufsichtsrates in jeder Diözese, bestehend aus Männern des Welt- und Ordensklerus; seine Aufgabe ist, darüber zu wachen, ob und mit welchen Kunstgriffen neue Irrtümer weiter schleichen oder verbreitet werden, und den Bischof davon zu benachrichtigen, damit er nach gemeinsamer Beratung Mittel ergreife, das Übel noch sogleich im Anfang, zu unterdrücken; so wird es sich zum Verderben der Seele nicht immer weiter verbreiten können oder, was noch schlimmer ist, täglich sich kräftigen und wachsen.” – Einen solchen Aufsichtsrat wünschen wir baldmöglichst in den einzelnen Diözesen eingerichtet zu sehen. Seine Mitglieder sollen ebenso erwählt werden wie die Zensoren. Jeden zweiten Monat, an bestimmtem Tage sollen sie mit dem Bischof zusammenkommen; ihre Verhandlungen und Beschlüsse sind Amtsgeheimnis, ihre amtlichen Aufgaben diese : sorgsame Aufspürung aller Anzeichen und Spuren des Modernismus, in Büchern wie im Lehrunterricht, kluge, aber treffende und wirksame Vorschriften zur Bewahrung des Klerus und der Jugend. – Neue Begriffe sollen sie nicht zulassen und der Mahnung Leos XIII. gedenken : ”In katholischen Schriften kann eine Redeweise nicht geduldet werden, die neuerungssüchtig, die Frömmigkeit der Gläubigen zu verspotten scheint und von einer Neuordnung des christlichen Lebens spricht, von neuen Kirchengesetzen, von neuen Bedürfnissen des modernen Geistes, einem neuen sozialen Beruf des Klerus, neuer christlicher Humanität u. dergl. . Derartiges darf in Büchern und Vorlesungen nicht geduldet werden. Bücher in denen fromme Lokal-Überlieferungen oder heilige Reliquien behandelt werden, sollen sie im Auge behalten. Derartige Fragen sollen sie nicht in Zeitungen oder Erbauungszeitschriften behandeln lassen auch, nicht mit spöttischen oder despektierlichen Worten oder in apodiktischem Urteilsspruch, namentlich wenn es sich, wie gewöhnlich, bei den Aussagen nur um Wahrscheinlichkeiten oder vorgefasste Meinungen handelt.

Bezüglich der heiligen Reliquien soll Folgendes gelten. Wenn die hier allein zuständigen Bischöfe sicher wissen, eine Reliquie ist unecht, sollen sie sie der Verehrung der Gläubigen entziehen. Sind die Beglaubigungen einer Reliquie, vielleicht infolge bürgerlicher Unruhen oder sonst irgendwie zugrunde gegangen, so soll sie nur nach ordnungsgemäßer Anerkennung durch den Bischof ausgestellt werden. Verjährung oder begründete Echtheitsvermutung soll nur dann als Beweis gelten, wenn die Verehrung sich durch ihr Alter empfiehlt; entsprechend hat sich Dekret der heiligen Kongregation für Ablässe und Reliquien von 1896 ausgesprochen : ”Alte Reliquien sind in der bisherigen Verehrung zu belassen, außer wenn man im besonderen Falle bestimmte Beweise für die Fälschung oder Unechtheit besitzt.” – Bei einem Urteile über fromme Überlieferungen aber muss man bedenken : die Kirche lässt mit größter Klugheit derartige Überlieferungen nur unter Anwendung der von Urban VIII. erlassenen Vorsichtsmaßregel schriftlich behandeln; geschieht das auch ordnungsgemäß, so behauptet die Kirche damit noch nicht die Wahrheit der Tatsache, sondern gestattet nur daran zu glauben wenn menschliche Beweise für die Glaubwürdigkeit nicht fehlen. So bestimmte vor 30 Jahren die heilige Ritenkongregation: ”Derartige Erscheinungen oder Offenbarungen sind vom apostolischen Stuhle weder gebilligt noch verworfen worden, vielmehr erlaubt als Gegenstände des frommen, allerdings nur menschlichen Glaubens, nach der Überlieferung die sie mit sich führen und die durch geeignete Zeugnisse und Geschichtsdenkmäler bekräftigt wird.” Wer das festhält, braucht keinerlei Besorgnis zu hegen. Denn die Verehrung einer Erscheinung, sofern sie auf die Tatsache selbst geht und relativ heißt, schließt immer die Wahrheit der Tatsache als Voraussetzung in sich. Sofern sie aber absolut ist, stützt sie sich stets auf die Wahrheit; denn sie bezieht sich auf die Personen der verehrten Heiligen selbst. Dasselbe ist von den Reliquien zu sagen. – Endlich gebieten Wir dem Aufsichtsrate, die sozialen Einrichtungen und Schriften aller Art zur sozialen Frage sorgsam und beständig im Auge zu behalten, damit keinerlei Modernismus sich dort verberge, sie vielmehr den Vorschriften der römischen Päpste entsprechen.

Berichterstattung an den Heiligen Stuhl

Damit Unsere Verordnungen nicht in Vergessenheit geraten, wünschen und befehlen Wir, dass die Bischöfe der einzelnen Diözesen ein Jahr nach Veröffentlichung dieses Erlasses, später alle drei Jahre, sorgsam und unter Eid an den apostolischen Stuhl über die Verfügungen dieses Unseres Erlasses Bericht erstatten, desgleichen über die im Klerus herrschenden Lehranschauungen, insbesondere in den Seminaren und sonstigen katholischen Instituten, einschließlich der bischöflicher Autorität nicht unterstehenden. Den gleichen Befehl erteilen Wir den Ordensobern für ihre Zöglinge.

Schluss

Das, ehrwürdige Brüder, haben Wir Euch mitteilen zu müssen geglaubt, zum Heile aller Gläubigen. Die Feinde der Kirche werden sicher diese Anweisung benutzen zur Neubelebung der alten Verleumdung, Wir seien Feinde der Weisheit und des Fortschrittes der Menschheit. Um auf diese Beschuldigungen, die die Geschichte des Christentums überreichlich fortdauernd widerlegt, eine neue Antwort zu geben, ist Unsere Absicht, ein besonderes Institut mit allen Mitteln zu fördern, in dem mit Unterstützung aller hervorragenden katholischen Gelehrten alle Zweige der Wissenschaft und Bildung unter Führung und Leitung der katholischen Wahrheit gepflegt werden sollen. Gebe Gott die glückliche Erfüllung dieses Vorhabens ! mögen alle wahren Freunde der Kirche dabei helfen ! Doch davon bei anderer Gelegenheit.

Inzwischen, ehrwürdige Brüder, auf deren Hilfe und Eifer Wir fest vertrauen, erflehen Wir Euch von ganzem Herzen die Fülle des göttlichen Lichtes, damit ihr angesichts der Größe der Gefahr, die von den allenthalben einherschleichenden Irrtümern droht, Eure Aufgabe klar erkennet und auf ihre Erfüllung alle Kraft und Energie verwendet. Jesus Christus, der Urheber und Vollender unseres Glaubens stehe Euch bei mit Seiner Kraft, mit Gebet und Hilfe die Unbefleckte Jungfrau, die Vernichterin aller Ketzereien ! – Wir aber erteilen Euch, Eurem Klerus und Eurem Volke als Unterpfand Unserer Liebe und göttlichen Trostes im Leid in voller Liebe den Apostolischen Segen.

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