Mahnwort an die Jugend über den nützlichen Gebrauch der heidnischen Literatur

Von Basilius von Cäserea (379)

So vieles bestimmt mich, meine Jünglinge , euch zu raten, was ich für das Beste halte, und was nach meiner Überzeugung euch nützen wird, wenn ihr darauf eingeht. Ich stehe ja in einem Alter, habe schon so viele Kämpfe durchgemacht und habe wahrhaftig genug die in allweg erzieherische Gunst und Mißgunst des Lebens erfahren, daß ich mich jetzt in den menschlichen Dingen auskenne und denen, die eben in das Leben eintreten, den sichersten Weg weisen kann. Zudem komme ich dank unserer natürlichen Zusammengehörigkeit unmittelbar nach euren Eltern, so daß ich auch persönlich, kaum weniger Wohlwollen für euch habe als eure Väter. Ich glaube aber auch, mich in euch nicht zu täuschen, wenn ich annehme, daß ihr jetzt nicht nach euren Eltern verlangt, wo ihr mich vor euch seht. Wenn ihr nun meine Worte freudig aufnehmt, so werdet ihr zur zweiten Klasse der bei Hesiod Belobten gehören; wenn aber nicht, so möchte ich euch nichts Unangenehmes sagen, wohl aber sollt ihr selbst euch der bekannten Verse erinnern, in denen er sagt: „Der Beste ist der, der von sich aus weiß, was er zu tun hat; trefflich auch der der von andern sich belehren läßt; wer aber zum einen nicht taugt und nicht zum andern, der ist unnütz zu allem.“

Wundert euch nicht, wenn ich behaupte, ich hätte für euch, die ihr doch täglich eure Lehrer besucht und mit den berühmtesten Männern des Altertums durch deren literarische Hinterlassenschaft in Fühlung steht, noch etwas Eigenes und besonders Wertvolles zu sagen. Eben das, was ich euch jetzt anraten will, ist [der Rat], ihr mögt doch nicht diesen Männern ein für allemal gleichsam Steuer und Segel eures Geistes anheimgeben und ihnen dahin folgen, wohin sie euch führen, vielmehr euch darüber klar werden, was neben dem Nützlichen, das ihr aus ihnen schöpft, bei ihnen auch zu übergeben, habt. Was das ist, und wie wir es erkennen, das will ich nun eben an der Hand jener Schriftsteller zeigen.

Meine Jünglinge, wir halten dies irdische Menschenleben überhaupt für keinen Gewinn, wähnen und nennen durchaus kein Gut, was nur eine diesseitige Seligkeit bringt. Ahnenglanz, Körperstärke, Schönheit, Größe, allseitige Ehrung, selbst die Königswürde, kurz alles, was man menschlich groß nennen möchte, halten wir nicht einmal für begehrenswert, geschweige denn, daß wir ihre Besitzer anstaunen; wir gehen in unseren Hoffnungen weiter und tun alles zur Erlangung eines andern Lebens. Was uns nach dieser Richtung hin förderlich ist, das muß man unseres Erachtens lieben und mit aller Kraft anstreben, aber als wertlos beiseite lassen, was nicht auf jenes Leben abzielt.

Was es um dieses Leben ist, wo und wie wir es zubringen werden, darüber zu sprechen ginge über mein augenblickliches Vorhaben hinaus und erforderte auch größere Zuhörer, als ihr seid. Nur soviel will ich sagen, und damit dürfte ich euch genug angedeutet haben, daß alle Glückseligkeit aller Menschen, von ihrer Erschaffung an zusammengezählt und zusammengenommen, nicht einmal dem kleinsten Teile jener Güter vergleichbar ist, daß vielmehr alle Güter hienieden zusammen an Wert noch mehr hinter dem kleinsten jenseitigen Gute zurückstehen, als Traum und Schatten hinter der Wahrheit. Ja, um mich eines besseren Vergleiches zu bedienen: So hoch die Seele über allen Fähigkeiten des Körpers steht, so groß ist der Unterschied zwischen dem jenseitigen und diesseitigen Leben.

Zu jenem Leben weisen nun den Weg die heiligen Schriften mit ihren geheimnisvollen Lehren. Solange wir aber wegen des [jugendlichen] Alters nicht imstande sind, die Tiefe ihres Sinnes zu erlauschen, üben wir zunächst unser geistiges Auge an anderen Schriften, die ersteren nicht ganz fremd, sondern gleichsam als deren Schatten und Spiegel gegenüberstehen, und machen es so denen nach, die auf den Kampf sich einüben; haben nämlich solche in Hand- und Fußbewegungen sich gut trainiert, dann haben sie beim Kampfe den Nutzen von diesen Übungen. Nun haben auch wir einen Kampf zu kämpfen, und zwar den schwersten aller Kämpfe; dessen müssen wir uns bewußt sein. Für diesen haben wir uns zu wappnen und darum alles zu tun und nach Kräften uns zu mühen, müssen mit Dichtern, Geschichtschreibern, Rednern, kurz mit allen Menschen uns abgeben, die uns irgendwie zur Förderung des Seelenheils von Nutzen sein können. Wie die Färber erst sorgfältig vorbereiten, was sie einmal färben wollen, z.B. die Farbe beschaffen, die sie brauchen, sei es Purpur, sei es eine andere Farbe, so müssen auch wir, soll uns der Ruhm der Tugend unauslöschlich verbleiben, zuvor dieser Profanliteratur uns widmen; erst dann können wir den heiligen und geheimnisvollen Lehren aufhorchen. Erst müssen wir uns daran gewöhnen, die Sonne im Wasser zu sehen, ehe wir unseren Blick auf das Licht selbst heften.

Besteht nun zwischen den beiderseitigen Lehren eine Verwandtschaft, so wird ihre Kenntnis uns von Nutzen sein, wenn nicht, dann macht eine vergleichsweise Zusammenstellung uns auf den Unterschied aufmerksam und dient nicht wenig zur Befestigung des Besseren. Wie könnte man denn wohl die heidnische und christliche Lehre in ihrem Verhältnisse zueinander bildlich darstellen? Etwa mit einem Baume, dessen eigentlicher Wert darin liegt, daß er zu seiner Zeit Früchte trägt, der aber doch auch seinen Schmuck hat und Blätter treibt, die die Zweige umrauschen. So verlangt auch die Seele vornehmlich eine Frucht in der Wahrheit; aber es steht ihr auch das Gewand fremder Weisheit nicht übel an, wie denn auch Blätter der Frucht Schatten und ein liebliches Aussehen verschaffen. — So soll denn auch Moses, der Hochberühmte, der dank seiner Weisheit in aller Welt den größten Namen hat, seinen Verstand in der Wissenschaft der Ägypter geschult haben und so zur Erkenntnis dessen gekommen sein, „der da ist,“. Ähnlich soll auch später der weise Daniel in Babylon die Weisheit der Chaldäer erlernt und erst dann mit den göttlichen Lehren sich abgegeben haben.

Doch jetzt sind der Worte genug darüber, daß solches Studium der profanen Wissenschaft nicht wertlos ist; inwieweit aber ihr euch damit beschäftigen sollt, davon soll im Folgenden die Rede sein.

Fürs erste dürft ihr nicht allem, was die Dichter sagen, um damit zu beginnen — es gibt ja ihrer so manche und verschiedene —, und allen der Reihe nach eure Aufmerksamkeit schenken. Aber wenn sie von Handlungen und Reden guter Männer erzählen, so sollt ihr sie lieben und nach Kräften nachzuahmen versuchen. Kommen sie auf schlechte Menschen zu sprechen, so müßt ihr euch in Acht nehmen und eure Ohren verschließen, genau so, wie es Odysseus bei den Sirenengesängen gemacht haben soll. Denn die Angewöhnung an schlechte Reden ist leicht der Weg zu schlechten Taten. Deshalb müssen wir mit aller Sorgfalt uns davor hüten, nicht durch das Wohlgefallen an den Worten unvermerkt etwas Schlechtes in unsere Seele aufzunehmen, wie die, welche mit dem Honig das Gift einnehmen. Wir dürfen die Dichter auch nicht loben, wenn sie schmähen und spotten, Verliebte oder Trunkene schildern, auch nicht, wenn sie die Glückseligkeit nach einer luxuriösen Tafel und ausgelassenen Liedern bemessen. — Am wenigsten aber dürfen wir auf sie hören, wenn sie von ihrer Vielheit und Uneinigkeit erzählen. Denn bei ihnen steht Bruder gegen Bruder auf, Vater gegen Kinder, und die Kinder führen wiederum einen unversöhnlichen Krieg gegen die Eltern. Ehebrüche, Buhlereien und öffentliche Umarmungen der Götter, besonders die ihres Oberhauptes, des höchsten Zeus, wie sie ihn nennen, die man ohne Erröten nicht einmal von Tieren aussagen könnte, wollen wir den Schauspielern überlassen.

Dasselbe läßt sich freilich auch von den Geschichtschreibern sagen, besonders wenn sie den Hörern zum Gefallen und zum Vergnügen Geschichten erzählen. Auch die Fertigkeit der Rhetoren im Lügen wollen wir nicht nachahmen. Weder in den Gerichtshöfen noch bei anderweitiger Betätigung steht uns die Lüge an, uns, die wir doch den wahren und rechten Lebensweg eingeschlagen haben, und denen durch ein Gesetz geboten ist, nicht zu prozessieren. Dagegen wollen wir gern von ihnen lernen, soweit sie die Tugend lobten oder das Laster rügten. Denn wie die meisten Geschöpfe von den Blumen nur etwas haben, insoweit sie an deren Duft oder Farbe sich ergötzen, die Bienen aber auch Honig aus ihnen zu gewinnen wissen, so werden auch die, die nicht bloß nach dem Angenehmen und Ergötzlichen solcher Schriften haschen, daraus auch einigen Gewinn für ihre Seele erzielen. Ja, ganz nach dem Vorbilde der Bienen müßt ihr mit jenen Schriften umgehen. Diese fliegen ja nicht allen Blumen unterschiedslos zu, noch wollen sie die, die sie besuchen, ganz wegtragen, vielmehr nehmen sie nur soviel mit, als sie verarbeiten können, und lassen das Andere gern zurück. Wollen wir klug sein, dann eignen wir auch aus jenen Schriften nur das uns Passende und der Wahrheit Verwandte uns an, übergehen aber das andere. Und wie wir beim Pflücken der Rose die Dornen vermeiden, so werden wir auch bei einer nutzbringenden Benützung solcher Schriften vor dem Schädlichen auf der Hut sein. Wir müssen also gleich von vorneherein jede Wissenschaft ins Auge fassen und auf den Zweck einstellen oder, wie das dorische Sprichwort sagt, „den Stein nach der Schnur richten“.

Da wir ja durch die Tugend zu jenem unserem Leben gelangen müssen, auf diese aber von den Dichtern oft und oft auch von den Geschichtschreibern, noch weit öfter aber von den Philosophen ein Loblied gesungen wird, so müssen wir besonders solchen Schriften und Partien unsere Aufmerksamkeit schenken. Denn es ist ein großer Gewinn, wenn schon das jugendliche Herz mit der Tugend sich vertraut macht und an sie sich gewöhnt, da derlei Lehren bei der Empfänglichkeit des Gemütes sich tief einprägen und gewöhnlich unauslöschlich bleiben. Oder was mag denn wohl Hesiod mit den nachfolgenden, allgemein gesungenen Versen anders beabsichtigt haben als die Jugend zur Tugend zu begeistern? „Rauh ist anfangs der Weg und beschwerlich, kostet unendlich viel Schweiß und Mühe, und steil ist der Pfad, der zur Tugend führt. Nicht jedermanns Sache ist es, ihn zu betreten, weil er so steil ist, und wer ihn betreten, erreicht nicht leicht die Spitze. Wer aber einmal oben, darf schauen, daß er eben ist und schön, leicht und gangbar und angenehmer als der andere, der zum Laster führt, das man — wie derselbe Dichter gesagt — nebenan haufenweise haben kann.“ Wohl aus keinem andern Grunde, will mich dünken, hat er das gesagt, als um uns zur Tugend zu begeistern und alle aufzufordern, gut zu sein, und das bis ans Ende, d.h. nicht zu erliegen und zu ermüden in der Arbeit, bis man am Ziele ist. — Haben auch noch andere in ähnlicher Weise die Tugend gepriesen, so wollen wir auch deren Worten gerne lauschen, da sie mit uns dasselbe Ziel verfolgen.

Wie ich mir von einem Manne, der fähig ist, in den Geist des Dichters einzudringen, sagen ließ, ist die ganze Dichtung Homers ein Hymnus auf die Tugend, und alles, was nicht nebensächlich, diene diesem Zwecke, nicht zuletzt die Partie, wo er den Führer der Kephallener nackt aus dem Schiffbruche gerettet werden, allein zunächst die Königstochter vor dem einsam Erschienenen Ehrfurcht überkommen und auf den, der nackt sich zeigte, entfernt keine Makel kommen läßt, da ihn statt der Kleider die Tugend schmückte. Dann läßt er ihn auch bei den übrigen Phäaken in ein solches Ansehen kommen, daß sie von der Schwelgerei, der sie frönten, abstanden, alle auf ihn und sein Beispiel achteten, und es damals keinen Phäaken gab, der lieber etwas anderes hätte sein mögen als Odysseus, und zwar der aus dem Schiffbruche gerettete. Mit dieser Schilderung — so erklärte mein Interpret des dichterischen Genius — wollte Homer nur laut verkünden: „Ihr Menschen müßt euch um die Tugend bemühen, die selbst mit dem Schiffbrüchigen aus dem Meere schwimmt und den nackt ans Land Gespülten ehrwürdiger macht als die glücklichen Phäaken.“ — Und so verhält es sich in der Tat. Denn die anderweitigen Güter gehören ihren Besitzern nicht mehr als dem nächsten Besten und fallen wie im Würfelspiele bald diesem, bald jenem zu. Einzig und allein von den Gütern ist es die Tugend, die nicht geraubt werden kann; sie verbleibt dem Lebenden wie dem Toten. Daher scheint mir auch Solon zu den Reichen gesagt zu haben:
„Doch nicht werden wir je ihnen für Güter und Geld
Wechseln die Tugend; sie ist doch unumstößlich und dauernd,
Während der Menschen Besitz wandert bald hierhin, bald dorthin.“

Diesen Versen ähnlich lauten auch die des Theognis, in denen es heißt, „Gott“ — wen immer auch er damit meint — „lasse den Menschen die Wagschale bald dahin, bald dorthin sich neigen, lasse sie bald reich sein, bald darben.“

Und der Sophist von Chios hat sich irgendwo in seinen Schriften ähnlich zur Tugend und zum Laster geäußert; auch ihm müssen wir unsere Aufmerksamkeit schenken; denn der Mann ist nicht zu verachten. Sein Bericht — ich entsinne mich nur des Inhaltes; denn vom Wortlaut weiß ich nur soviel, daß er schlicht und in ungebundener Rede gesprochen — besagt etwa folgendes: Dem jungen, etwa euch gleichaltrigen Herkules seien in der Schwebe, welchen Weg er einschlagen solle, ob den beschwerlichen Weg zur Tugend oder den andern, ganz leichten, zwei Frauen erschienen, nämlich die Tugend und das Laster. Obschon sie geschwiegen, hätten sie schon in ihrem Äußern ihre Verschiedenheit verraten. Die eine, künstlich aufgeputzt und verschönt, sei vor Lust und Schmachtung fast vergangen und hätte in ihrem Gefolge einen ganzen Haufen von Vergnügen gehabt, habe diese und noch mehr angeboten, um so den Herkules an sich zu locken. Die andere sei mager und schmucklos gewesen und ernst ihr Blick, und sie hätte ganz anders gesprochen: sie habe nichts Leichtes und Angenehmes in Aussicht gestellt, sondern unzählig viel Schweißtropfen und Mühen und Gefahren allüberall zu Wasser und zu Lande; aber zum Lohne dafür würde er, wie jener Bericht lautet, ein Gott werden. Ihr nun sei Herkules bis zu seinem Tode gefolgt.

Ja, fast alle, die ob ihrer Weisheit gerühmt werden, haben mehr oder weniger, je nach Vermögen, in ihren Schriften der Tugend das Lob gesungen; ihnen muß man gehorchen und ihre Worte im Leben zu verwirklichen suchen. Wer die Weisheit, die bei den andern nur in Worten sich äußert, in die Tat umsetzt, „der allein ist weise und verständig, indes die andern gleich Schatten entfliehen“. Es kommt mir so etwas vor, wie wenn ein Maler etwas Wunderbares, z.B. die Schönheit eines Menschen malte, wobei er selbst in Wahrheit dem nahe käme, den er im Bilde darstellte. Vor aller Welt die Tugend mit glänzenden Worten loben und ein langes Gerede darüber machen, für sich aber das Ergötzliche der Enthaltsamkeit und den Eigennutz der Gerechtigkeit vorziehen, das gleicht meines Erachtens dem Gebahren der Schauspieler auf der Bühne, die oft als Könige und Regenten auftreten, und doch weder Könige noch Regenten sind, ja vielleicht nicht einmal volle Freie sind. Sodann würde ein Musiker schwerlich es aushalten, wenn seine Lyra verstimmt wäre, oder ein Chorführer, wenn sein Chor nicht ganz harmonisch sänge. So wird jeder mit sich in Widerspruch kommen, der sein Leben nicht mit seinen Worten in Übereinstimmung bringt, sondern mit Euripides sagt: „Die Zunge hat geschworen, das Herz aber weiß von keinem Schwur“, und der darauf ausgeht, lieber gut zu scheinen, als gut zu sein. Das ist aber der Gipfel der Ungerechtigkeit, wenn man hier Plato folgen muß: Gerecht zu scheinen, ohne es zu sein.

So wollen wir also die Schriften, die die Grundlagen des Schönen lehren, benützen. Es sind uns aber auch vorbildliche Handlungen der Alten entweder in mündlicher Überlieferung erhalten oder in den Schriften von Dichtern und Geschichtschreibern niedergelegt, und auch den Nutzen hieraus dürfen wir nicht außer acht lassen. Ein Beispiel nach. Es schmähte den Perikles irgendein Marktschreier, ohne daß dieser darauf achtete. Ja, einen ganzen Tag lang überhäufte das Lästermaul den Perikles schonungslos mit seinen Schmähungen; er aber kümmerte sich nicht um ihn. Als es dann bereits Abend und dunkel geworden war und jener immer noch nicht gehen wollte, ließ ihn Perikles mit einem Licht [nach Hause] geleiten, um sich so recht in der Schule der Weisheit zu üben. — Wieder ein anderer war über Euklid von Megara aufgebracht, hatte ihm den Tod angedroht und geschworen. Er seinerseits aber schwur, er werde ihn gewiß versöhnen und seinen Feind beschwichtigen. Wie wertvoll und wichtig, die Erinnerung an solche Vorbilder wachzurufen, sooft ein Mann vom Zorne erfaßt wird! Dagegen muß man auf der Hut sein vor der Tragödie, die einfach sagt: „Gegen Feinde bewaffnet Zorn die Hand.“ Vielmehr ist es das Beste, überhaupt nicht in Zorn zu geraten. Ist das nicht das leichteste, dann wollen wir ihn wenigstens mit unserer Vernunft zügeln und ihn nicht weiter austoben lassen.

Doch laßt uns die Rede wieder auf die Beispiele der vorbildlichen Handlungen zurückbringen! Jemand schlug dem Sokrates, des Sophroniskus Sohn, rücksichtslos direkt ins Gesicht. Dieser wehrte ihm nicht, sondern ließ dem Zorntrunkenen freie Hand, so daß sein Antlitz unter den Schlägen bereits aufgeschwollen und von Beulen unterlaufen war. Als dann jener zu schlagen aufhörte, soll Sokrates lediglich den Namen des Täters auf seine Stirn wie auf eine Bildsäule geschrieben und so sich gerächt haben.

Da diese Handlungen mit unseren Lehren fast übereinstimmen, so bezeichne ich solche Männer als sehr nachahmenswert. Das Verhalten des Sokrates entspricht doch jenem Gebote: Dem, der uns auf die rechte Wange schlägt, soll man auch die andere darbieten und entfernt sich nicht rächen. Das Beispiel des Perikles und Euklid entspricht jenem Gebote, gegen die Verfolger geduldig zu sein und ihren Zorn gelassen zu ertragen, den Feinden Gutes zu wünschen und ihnen nicht zu fluchen. Wer nun hierin vorgebildet ist, der wird jene Gebote nicht mehr als undurchführbar verwerfen. — Auch an das Verhalten des Alexander will ich erinnern, der die gefangenen Töchter des Darius, denen man eine ganz wunderbare Schönheit nachrühmte, nicht einmal zu sehen verlangte; er hielt es für schmählich, von Frauen sich besiegen zu lassen, nachdem er Männer zu Gefangenen gemacht hatte. Dies Verhalten entspricht doch ganz genau dem Worte: Wer ein Weib ansieht mit Begierde nach ihr, ist nicht frei von Schuld, auch wenn er keinen tatsächlichen Ehebruch begangen, sondern nur die Begierde in sein Herz eingelassen hat. — Das Verhalten des Klinias aber, eines der Schüler des Pythagoras, ist unseres Erachtens schwerlich bloß ein zufälliges Zusammenstimmen mit unseren Lehren, sondern deren geflissentliche Beobachtung. Was tat er denn? Er hätte mit einem Eide einer Verurteilung zu drei Talenten entgehen können, bezahlte aber lieber, als daß er schwur, obschon er gut hätte schwören können. Er scheint mir aber vom Gebote gehört zu haben, das uns den Eidesschwur verbietet.

Doch wir wollen wieder zu dem zurückkehren, was ich anfangs sagte, daß wir nämlich nicht alles ausnahmslos, sondern nur das Nützliche uns aneignen sollen. Es wäre ja erbärmlich, wenn wir wohl die schädliche Kost von uns wiesen, aber von den Lehren, die unsere Seele nähren, gar keine Notiz nähmen, wenn wir einem Gießbache gleich alles, was uns in den Weg kommt, mitfortrissen und in uns aufnähmen. Der Steuermann überläßt seinen Kahn nicht blindlings den Winden, sondern steuert ihn den Häfen zu; der Schütze schießt auf ein Ziel; der Schmied oder Zimmermann verfolgt bei seiner Kunst einen Zweck. Wäre es da vernünftig, wenn wir hinter diesen Handwerksleuten zurückblieben und uns unfähig zeigten, unseren Vorteil wahrzunehmen? Es hat doch wahrlich nicht etwa das Handwerk nur sein Ziel, das menschliche Leben aber keinen Zweck; und auf einen solchen muß ein jeder all sein Tun und Reden einstellen, wenn er nicht der ganz vernunftlosen Kreatur gleichen will. Oder wären wir nicht so recht Schiffe ohne Ballast, wenn unser Verstand nicht am Steuerruder der Seele säße, blindlings im Leben hin- und hergeworfen? Nein, wir müssen es machen, wie man es hält bei gymnastischen Kämpfen, oder, wenn du willst, bei einem Preissingen, wo die Wett- und Preisbewerber auf den Wettkampf sich einüben, wo dann keiner, der im Ringen oder sonstigen Kämpfen sich übt, um Zither oder Flöte sich kümmert. Polydamas wenigstens hat es nicht getan, vielmehr hemmte er vor den olympischen Spielen den Lauf der Wagen und stärkte dadurch seine Kraft. Auch jener Milo ließ sich von seinem geölten Schilde nicht herabstoßen, sondern hielt allen Stößen stand wie mit Blei befestigte Statuen. Kurz, solche Übungen waren die Vorbereitung zu ihrem Kampfe. Hätten sie aber neugierig auf die Töne des Marsyas oder des phrygischen Olympus gehorcht und Staub und Kampfplatz verlassen, hätten sie dann wohl Siegeskränze und Ruhm erlangt? Wären sie nicht vielmehr mit ihrem Körper dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? Anderseits setzte Timotheus mit der Musik nicht aus, um auf den Kampfplätzen sich herumzutummeln. Denn sonst hätte er nicht alle andern so weit in der Musik übertroffen, er, der eine solche Virtuosität hatte, daß er mit wuchtigen und ernsten Harmonien das Gemüt in Wallung brachte und es doch wieder, sobald er wollte, mit lieblichen Akkorden besänftigte und beruhigte. In dieser Virtuosität soll er einmal den Alexander, dem er die phrygische Tonart vorspielte, veranlaßt haben, mitten im Mahle aufzustehen und zu den Waffen zu greifen; durch den Übergang zur weicheren Tonart soll er ihn wieder zu den Gästen zurückgeführt haben. Eine so große Macht auf dem Gebiete der Musik sowohl wie in den gymnastischen Kämpfen verleiht die Übung und läßt so das Ziel erreichen.

Nachdem ich nun von den Siegeskränzen und den Kämpfern gesprochen, muß ich noch daran erinnern, daß jene tausend und abertausend Mühen auf sich nehmen, daß sie auf alle mögliche Weise sich stählen, bei ihren gymnastischen Übungen viel schwitzen, in den Übungsschulen häufig Streiche bekommen, keine leckere Kost bekommen, sondern eine solche, die ihnen von ihren Lehrern ausgesucht wird, kurz, daß sie überhaupt so leben, daß ihr dem Kampfe vorangehendes Leben eine stete Vorbereitung auf den Kampf ist. Dann erst entkleiden sie sich zum Auftreten auf dem Kampfplatze, nehmen alle Gefahren und Mühen auf sich, um einen Kranz von Ölzweigen oder von Epheu oder dergleichen zu erlangen und vom Herold als Sieger ausgerufen zu werden. Und wir, denen unsagbar viele und schöne Kronen winken, schlafen auf beiden Ohren, leben in voller Sorglosigkeit dahin und wollen kaum mit einer Hand darnach greifen? Wahrlich, dann würde der Leichtsinn im Leben sich reichlich lohnen, und jener Sardanapal wäre als der Allerglücklichste zu preisen oder auch, wenn du willst, jener Margites, von dem Homer sagt, er habe weder geackert noch gegraben noch sonst etwas Brauchbares getan, vorausgesetzt, daß die betreffende Schrift von Homer stammt. Indes, sollte nicht der Ausspruch des Pittakus wahrer sein, der es als schwer bezeichnete, ein guter Mensch zu sein? Denn, haben wir uns auch wirklich viel Mühe gegeben, es will uns kaum gelingen, jener Güter teilhaft zu werden, mit denen, wie gesagt, kein irdisches Gut vergleichbar ist. Deshalb dürfen wir nicht leichtsinnig sein und nicht große Hoffnungen für eine kurze Ruhe eintauschen wollen, wenn wir nicht Schimpf und Schande ernten und Strafe gewärtigen wollen, nicht etwa hienieden vor menschlichem Forum — ist übrigens doch auch dies für einen Vernünftigen keine Kleinigkeit —, sondern vor dem Gerichte, mag nun dies unter der Erde oder sonstwo sein. Mag dem, der unfreiwillig gegen seine Pflicht verstößt, von Gott vielleicht auch Verzeihung werden, wer vorsätzlich für das Schlimme sich entscheidet, den wird unerbittlich eine vielfache Bestrafung treffen.

Was sollen wir nun tun? mag man fragen. Was anders, als für die Seele sorgen und uns aller anderen Sorgen entschlagen?

Wir dürfen also nicht dem Leibe dienen, außer soweit es absolut notwendig ist; wir müssen vielmehr für die Seele unser Bestes tun, um sie mit unserer Philosophie aus den Banden des sinnlichen Leibes zu befreien und zugleich den Körper den Leidenschaften gegenüber stark zu machen. Wohl muß man dem Bauche das Notwendige zukommen lassen, aber nicht darf man ihm das Angenehmste geben, wie die es machen, die nach Tafeldeckern und Köchen die ganze Erde und das ganze Meer absuchen, um gleichsam einem launischen Herrn den Tribut zu bezahlen — eine leidige Beschäftigung, bei der es ihnen nicht besser geht als den in der Unterwelt Gefolterten, die da sinnlos Wolle fürs Feuer krempeln, in einem Siebe Wasser tragen und in ein durchlöchertes Faß gießen, ohne mit ihrer Arbeit an ein Ende zu kommen. Für Haarfrisur und Kleider aber mehr tun als notwendig, sagt, Diogenes, verrät den albernen oder schlechten Menschen. Daher muß meines Erachtens putzsüchtig sein und heißen für ebenso schändlich gelten wie Buhlen oder fremden Ehen nachstellen. Was liegt denn einem vernünftigen Menschen daran, ob er ein kostbares Kleid trägt oder einen schlechten Rock, wenn er nur gegen Kälte und Hitze genügend Schutz hat? Auch in anderer Beziehung soll man sich nicht mehr beschaffen als notwendig ist, und um den Leib uns nicht mehr zu kümmern, als es gut ist für die Seele. Es ist doch wahrlich in den Augen eines Mannes, der wirklich diese Bezeichnung verdient, das Gebahren eines Zierbengels und Gecken keine geringere Schande, als sonst einer Leidenschaft niedrig frönen. Denn alle Mühen darauf verwenden, dem Leibe es möglichst angenehm zu machen, ist doch nicht die Art eines Mannes, der sich selber kennt und den weisen Ausspruch beherzigt, daß der Mensch nicht das ist, was man sieht, daß vielmehr eine höhere Weisheit vonnöten ist, mit der ein jeder aus uns sich und seine Eigenschaften erkennt. Dies ist aber denen, die keinen geläuterten Sinn haben, noch weniger möglich als das Aufschauen zur Sonne, wenn man triefäugig ist.

Die Reinheit der Seele aber, um es ein für allemal und euch deutlich zu sagen, besteht in der Verachtung der sinnlichen Genüsse, in der Abkehr der Augen von den albernen Vorstellungen der Gaukler oder von Körpern, die zur Sinnlichkeit reizen, in der Hut vor lockerer Melodie, die durchs Gehör in die Seele eindringen könnte. Denn aus solcher Art von Musik entstehen gern Leidenschaften als die Ausgeburten von Sklaverei und Gemeinheit. Wir wollen indes eine andere Art von Musik lieben, die besser ist und besser macht, die auch David, der Verfasser der heiligen Lieder, gepflogen hat, um, wie es heißt, den König von seiner Schwermut zu befreien. Auch soll Pythagoras, als er unter betrunkene Zecher geriet, dem Flötenspieler, der den Zug führte, befohlen haben, die Melodie zu ändern und ihnen die Dorische Weise vorzuspielen; und diese Melodie soll bei jenen eine solche Ernüchterung bewirkt haben, daß sie die Kränze wegwarfen und beschämt nach Hause gingen. Andere aber springen und toben beim Flötenspiele wie Korybanten und Bachanten. So sehr kommt es also darauf an, ob man guter oder schlechter Musik sein Ohr leiht! Deshalb dürft ihr eine Musik, wie sie zur Zeit im Schwünge ist, ebensowenig aufsuchen wie sonst eine Schändlichkeit. Daß man alles mögliche Rauchwerk dem Geruchsinne zulieb der Luft beimischt und mit Salben sich bestreicht, das zu sagen will ich mich fast schämen. Welch andern Grund aber wird man für das Verbot, nicht dem Tast- und Geschmacksinne zu frönen, anführen als den, daß diese Sinne ihre Sklaven nötigen, wie das Vieh für den Bauch und, was darunter liegt, zu leben.

Mit einem Worte: Wer sich nicht im Schlamme sinnlicher Lust vergraben will, der muß den Leib überhaupt verachten, bzw. darf nur insoweit an ihn sich halten, als er, um mit Plato zu reden, beim Streben nach Weisheit behilflich ist. Plato sagt damit das Gleiche wie Paulus, der da warnt, nicht für den Leib zu sorgen zur Erregung der Lüste. Worin unterscheiden sich die, welche zwar für das Wohlbefinden des Leibes sorgen, aber die Seele, deren Organ der Leib ist, als etwas Wertloses vernachlässigen, von denen, die sich um die Instrumente kümmern, aber auf die Kunst nichts geben, der diese dienen? Man muß also gerade im Gegenteile den Leib züchtigen und niederhalten wie das Ungestüm eines Tieres, und ungeordnete Regungen, die er in der Seele weckt, mit der Geißel der Vernunft dämpfen, nicht aber der Sinnlichkeit die Zügel schießen lassen und die Vernunft so außer acht lassen, daß sie wie ein Fuhrmann von zügellosen, wild dahinstürmenden Rossen mitfortgerissen wird. — Auch an Pythagoras sollen wir uns erinnern, der zu einem seiner Schüler, den er durch Leibesübungen und reichliche Kost sehr fett werden sah, sprach: „Willst du nicht aufhören, dir das Gefängnis noch leidiger zu machen?“ Daher soll denn auch Plato in klarer Voraussicht der schädlichen Folgen eines gemästeten Körpers absichtlich einen ungesunden Ort in Attika für seine Akademie gewählt haben, um das zu große Wohlbehagen des Körpers zu beschneiden, wie man es macht bei zu üppigem Sprossen eines Weinstockes. Ich habe übrigens auch von Ärzten gehört, die bis zum Äußersten getriebene Behaglichkeit sei gefährlich.

Ist also die übertriebene Sorge für den Leib selbst unnütz und der Seele nachteilig, dann ist es doch heller Wahnsinn, ihm botmäßig zu sein und zu dienen. Wären wir es aber gewohnt, ihn gering zu achten, dann würden wir auch ein anderes irdisches Gut kaum bewundern. Was würden wir denn auf den Reichtum geben, wenn wir die leiblichen Genüsse nicht schätzten? Ich wenigstens sehe es nicht, es müßte denn nur ein Vergnügen sein, gleich den Drachen in der Fabel vergrabene Schätze zu bewahren. Wer nun solchen Gütern gegenüber sich frei weiß und fühlt, der wird entfernt nie etwas Schändliches in Wort oder Tat sich erlauben. Denn alles Überflüssige und Unnötige, sei es lydischer [Gold-] Sand oder das Werk goldtragender Ameisen, wird er um so mehr verachten, je weniger er dessen bedarf; er bemißt ja seinen Bedarf nach den Bedürfnissen der Natur, nicht nach dem Vergnügen. Denn diejenigen, die über die Grenzen des Notwendigen hinausgehen, können gleich den auf schiefer Ebene Befindlichen nirgends festen Halt gewinnen, um das Abwärtsgleiten zu hemmen; im Gegenteile, je mehr sie zusammenraffen, desto mehr benötigen sie eben dieses Quantum bzw. noch mehr zur Stillung ihrer Begierde, wie Solon, des Exekestidas Sohn, sagt:
„Kein ausgesprochen Maß von Reichtum setzt sich der Mensch.“
Auch der Lehrer Theognis gehört hierher, der sagt:
„Nicht lieb‘ ich, reich zu sein, noch wünsch‘ ich es; doch vergönnt sei mir,
Zu leben mit Wenig, frei von jeglichem Leid.“

Auch an Diogenes bewundere ich seine Verachtung aller menschlichen Güter zumal. Er tat ja den Ausspruch, er sei reicher als der Großkönig, weil er zum Leben weniger bedürfe als jener. Uns aber sollte nichts genügen, wenn wir nicht die Talente des Pythius von Mysien, so viel und so viel Morgen Land und mehr Viehherden haben, als wir zählen können! Nein, ich glaube, wir sollten uns nach dem Reichtum, der uns fehlt, nicht sehnen; und ist er uns zur Hand, dann sollten wir nicht so fast darauf stolz sein, ihn, zu besitzen, als vielmehr darauf, ihn recht verwerten zu können. Es ist ein treffliches Wort des Sokrates, der einem reichen, geldstolzen Manne erklärte, er werde ihn nicht eher bewundern, als bis er erfahren, daß er den Reichtum auch zu gebrauchen verstehe. Wären Phidias und Polyklet, von denen der eine den Eleern den Jupiter, der andere den Argivern die Juno fertigte, auf das Gold und Elfenbein stolz gewesen, so hätte man sie verlacht, weil sie mit fremdem Reichtum prahlend ihre Kunst hintangesetzt hätten, durch die doch das Gold seinen erhöhten Reiz und Wert gewann. Glauben wir denn, weniger beschämend zu handeln, wenn wir die menschliche Tugend nicht für einen hinreichenden Schmuck halten?

Doch wir wollen wohl den Reichtum verachten und die sinnlichen Lüste verschmähen, aber nach Schmeichelei und Lobhudelei haschen und die Schlauheit und Verschlagenheit des Fuchses des Archilochus zum Vorbild nehmen? Allein es gibt nichts, was der verständige Mensch mehr fliehen muß, als für den Ruhm zu leben und auf das zu sehen, was dem großen Haufen gefällt, statt die gesunde Vernunft zur Führerin des Lebens zu wählen, an deren Hand er niemals von dem als recht Erkannten abweicht, müßte er auch allen Menschen widersprechen und um des Guten willen Schmähung und Gefahr riskieren. Oder wie wollen wir einen anders Gesinnten von jenem ägyptischen Sophisten unterscheiden, der nach Laune und Willkür Pflanze, Tier, Feuer, Wasser und alles wurde? Denn auch er wird bald die Gerechtigkeit loben, wo man sie hochhält, und bald das Gegenteil sagen, wenn er merkt, daß man an der Ungerechtigkeit Gefallen findet; so machen es ja die Schmeichler. Wie der Polyp der Farbe des Bodens unter ihm sich angleichen soll, so wird ein solcher auch seine Ansicht den Meinungen derer anpassen, mit denen er umgeht.

Wohl können wir das noch vollkommener aus unseren Schriften ersehen; aber jetzt gilt es, an Hand der Profanschriftsteller gleichsam einen Schattenriß der Tugend zu entwerfen. Denn diejenigen, welche aus jedem Gebiete sorgfältig ihren Nutzen ziehen, bekommen so wie die großen Ströme natürlich von überallher ihren Zuwachs. Denn die Weisung des Dichters, Kleines zu Kleinem zu legen, bezieht sich nicht so fast auf die Vermehrung des Silbers als auf das Wachstum in jeglicher Wissenschaft. Daher sagte denn auch Bias zu seinem Sohne, als dieser nach Ägypten reisen wollte und ihn frug, womit er ihm den größten Gefallen erweisen könnte: „Erwirb dir einen Zehrpfennig für das Alter!“
Unter „Zehrpfennig“ verstand er die Tugend, gab ihr aber zu enge Grenzen, da er ihren Wert auf das menschliche Leben einschränkte. Wenn mir nämlich jemand auch das Alter eines Tithonus oder Arganthonius oder eines Methusalem nannte, welch letzterer ja am längsten unter uns gelebt hat und eintausend weniger dreißig Jahre alt geworden sein soll, ja rechnete man die ganz Zeit seit Erschaffung des Menschen zusammen, ich würde im Hinblicke auf die lange und nie alternde Ewigkeit darüber wie über einen kindlichen Einfall lachen, vermag man doch der Ewigkeit Grenze ebensowenig mit dem Verstande zu erfassen wie ein Ende der unsterblichen Seele anzugeben. Für diese Zeit den Zehrpfennig zu erwerben, möchte ich euch gemahnt haben, und, wie das Sprichwort sagt, jeden Stein in Bewegung zu setzen, durch den euch irgendein Vorteil zu seiner Erlangung erwachsen kann. Mag das auch schwer und mühsam sein, wir dürfen deshalb nicht zagen und zaudern, vielmehr müssen wir dessen gedenken, der die Weisung gegeben hat, jeder müsse das beste Leben wählen und an das Beste Hand anlegen — in der Hoffnung, die Gewohnheit mache solches Leben süß. Es wäre doch erbärmlich, die gegenwärtige Stunde zu vergeuden und später nach der verflossenen zu rufen, wann es nämlich für die Reuigen keine mehr geben wird.
Damit habe ich euch wenigstens zum Teil gesagt, was ich für das Beste halte; ich will euch aber das ganze Leben lang beratend zur Seite stehen. Hoffentlich aber habt ihr von den drei Krankheitsarten, die es gibt, nicht die unheilbare, und leidet ihr nicht an jener geistigen Krankheit, die der physischen Erkrankung von Unrettbaren ähnlich ist. Denn diejenigen, die nur unbedeutende Leiden haben, gehen selbst zu den Ärzten; die von schweren Krankheiten heimgesucht sind, rufen die Ärzte zu sich; die aber an einer ganz unheilbaren Melancholie leiden, lassen die Ärzte, auch wenn sie kommen, nicht zu sich. Möge es euch nicht gehen wie letzteren und mögt ihr euch nicht von denen abkehren, die richtig und vernünftig denken!

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