Drei Reden über den Glauben

Von Ephräm d. Syrer (373)

Erste Rede

Ich bin erstaunt darüber, nach welcher Höhe unsere Vermessenheit strebt. Nicht darüber bin ich erstaunt, daß sie dieselbe schon erreicht hätte, sondern darüber, daß sie wähnte, sie überhaupt erreichen zu können. Wenn nämlich jemand etwas zu erreichen wähnt, so hat er es noch lange nicht erreicht. Durch das bloße Meinen erreicht man nichts; freilich ist es sehr leicht, es zu meinen. Auch die Grübler meinten, ihr Ziel erreicht zu haben; aber dadurch, daß sie dies meinten, erreichten sie es doch nicht. Denn erhaben über jede Vernunft ist der Schöpfer aller Vernunftwesen. Unerforschlich ist er den Menschen und selbst den Engeln unbegreiflich. Das Geschöpf ist mit seiner Einsicht nicht imstande, über seinen Schöpfer zu sprechen, vermag es ja nicht, einmal zu sagen, wie es selbst gebildet wurde. Begreift es nun seine eigene Entstehung nicht, wie könnte es imstande sein, seinen Schöpfer zu begreifen? Der Verstand vermag nicht, die große Höhe seines Schöpfers zu erreichen, weit unter jener Höhe bleibt die Forschung der Forscher.

Sie mühen sich ab, Analogien für den zu finden, der nur Einem gleich ist. Sie alle gehen in seiner Erkenntnis fehl; nur er allein kennt sich. Er ist nicht gleicher Abkunft mit den Erschaffenen, daß sie ihn wie einen ihresgleichen erforschen könnten. Er ist nicht gleichen Geschlechts mit den [aus Erde] Geformten, daß der Mensch sein Wesen erklären könnte. Selbst mit den Wächtern [d. i. Engeln] ist er nicht verwandt, daß sie ihn wie einen der Ihrigen untersuchen könnten. Er ist nicht ein Genosse der Cherubim; denn diese tragen ihn als ihren Herrn. Er schwebt nicht unter den Seraphim; denn sein Ehrenplatz ist zur Rechten [des Vaters]. Zu den Dienstengeln gehört er nicht; denn sie dienen ihm wie seinem Vater. Alle Mächte des Himmels erhalten von ihm Befehle, sie können den Vater nicht schauen ohne den gebietenden Erstgeborenen; denn ohne ihn wurden sie bei ihrer Erschaffung auch nicht gebildet.

Das Auge vermag das Licht aufzunehmen, und dadurch wird der ganze Leib erleuchtet. Das Gehör ist für die Stimme eingerichtet und dadurch vernehmen die Glieder den Ton. Der Mund genießt die Speisen, und durch ihn und mit ihm der ganze Körper. So schauen die Wächter den Vater durch den Sohn, der aus seinem Schoße ist. Durch ihn hören sie auch seine Stimme, durch ihn empfangen sie seine Gabe. Da gibt es keine andere Mittelsperson, zu helfen oder Hilfe zu empfangen. Die Sinne bedürfen einander, sie hängen alle voneinander ab. Auch die Geschöpfe hängen alle voneinander ab, weil sie einen Körper bilden. Selbst die höheren Wesen erhalten von ihren Genossen Befehle; denn sie befehlen und erhalten Befehle voneinander je nach ihren Rangstufen. Alle aber, von denen ich gesprochen oder die ich nicht erwähnt habe, erhalten von dem einen Erstgeborenen Befehle. Von ihm hängen alle Geschöpfe ab, während er mit seinem Vater vereinigt ist. Wie willst du nun den Eingeborenen ergründen, der mit der Vaterschaft [dem ewigen Vater] vereinigt ist? Wenn du den Vater erforschen kannst, dann findest du in ihm und bei ihm auch den Sohn. Bei seinem Munde ist er [der Sohn], wenn er [der Vater] befiehlt, und bei seinem Arme ist er, wenn er erschafft. Durch ihn [den Sohn] wirkt er, und durch ihn befiehlt er. Nur sie kennen sich wechselseitig. In seinem [des Vaters] Schoße ist er [der Sohn], wenn er liebt, und zu seiner Rechten ist er, wenn er thront. Ihn liebt er, ihn schaut er an.

Sein [des Vaters] Glanz ist für seinen Diener zu groß. Die Wächter sind nicht imstande, ihn anzusehen. Davon möge dich Moses überzeugen, der verklärt wurde. Wenn das Volk den Moses, einen Menschen, nicht anzuschauen vermochte , wer kann dann das Wesen Gottes schauen? Nur der Eine, der aus ihm ist, vermag ihn anzublicken. Überaus herrlich ist der Glanz des Vaters. Nur der Eine sieht den Einen, nur der Eine vermag den Einen zu schauen, und durch den Einen schauen ihn alle Geschöpfe. Durch seine Güte vergibt er, und durch seine Gerechtigkeit straft er; durch sich vergilt er, und durch sich straft er; denn er selbst ist das Maß seiner Vergeltungen. Durch seinen Zorn geschieht es, wenn er zürnt, und durch seine Milde, wenn er verzeiht. Durch sein Wissen offenbart er, und durch seine Kenntnis belehrt er. Durch sich belehrt er, und durch sich bereichert er. Seine Weisheit ist bei seinen Geschöpfen. Durch sich unterstützt er die Dürftigen mit Gutem aus seinem Schatzhause. Durch sich gibt er seinen Streitern ihre Kronen nach ihrer Auferstehung. Er ist ganz in sich selbst verborgen, wer könnte ihn da ergründen? Die Wächter beten schweigend an, die Seraphe singen laut ihr „Heilig“, die Cherube tragen mit Ehrfurcht, die Räder rollen in Lichtglanz. Alle beten von ferne durch den sichtbaren Sohn den verborgenen Vater an.

Wenn es noch ein anderes Wesen gäbe und dieses den Sohn ergründen könnte, so könnte es ihn doch nicht aus sich selbst begreifen; denn nur das Eigene begreift man. Wenn dieses Wesen, obwohl von ihm verschieden, ihn verstehen würde, so wäre es seinesgleichen oder ebenbürtig. Wenn es noch ein anderes Wesen gäbe, das allein ihn verstehen würde, so könnte dies geschehen aus der Ferne, wenn es ihm fremd ist, oder aus der Nähe, wenn es ihm ebenbürtig ist. Ist das Wesen seinesgleichen, so ist es der Eine, der nur verschiedene Namen trägt; ist es aber nicht seinesgleichen, so sind die Geschöpfe zu schwach, die Seraphe und die Wächter zu unzureichend, und das andere Wesen, falls es ein solches gäbe, würde als ihm fremd noch weit davon entfernt sein. O Staubgeborener und Niedriger, nach welcher Höhe trachtest du also? Nicht wie der Himmel hoch ist, ist der Herr des Himmels erhaben über dich. Die Höhe des Himmels ist meßbar, sein Schöpfer jedoch unermeßlich. Alles Erschaffene ist meßbar größer als etwas anderes Erschaffenes; aber der Schöpfer ist in unermeßlicher Erhabenheit seinen Geschöpfen entrückt. Die Geschöpfe sind untereinander Genossen, wenn auch unendlich voneinander entfernt. Der Schöpfer aber ist seinem Wesen nach von seinen Geschöpfen entfernt. Nur Einer allein ist ihm nahe, nämlich derjenige, durch den er alles geschaffen hat. Kein Diener naht ihm, während sein Sohn ihm ganz nahe ist. Keiner seinesgleichen ist ihm zur Seite; denn nur sein Erzeugter sitzt an seiner Seite.

Ein großer Abstand ist zwischen der Wesenheit des Schöpfers und der Schöpfung, aber nicht so, daß er von ihr gänzlich abgeschnitten wäre; denn ohne ihn wäre sie überhaupt nicht. Sie ist bei ihm, nicht er bei ihr; er ist mit ihr verbunden  und von ihr getrennt. So nahe auch die Sonne der Erde ist, so ist doch ihre Natur von jener der Erde verschieden. Die Natur der Erde ist der herrlichen Natur des Lichtes nicht ähnlich. Auch das Gold ist, obschon es aus ihr kommt, von ihr verschieden und doch mit ihr vermengt. Um wieviel mehr muß der Schöpfer von der Schöpfung verschieden sein, obgleich er bei ihr ist. Er ist, was seine Erforschung betrifft, über alles erhaben.

Wohin versteigst du dich also, o Schwächling? Staub, hingeworfen auf den Staub, kümmere dich um den Staub! Aber auch der Staub unter dir ist für deine Erforschung zu hoch. Wenn nun das, was unter dir ist, für dich zu hoch ist, wie willst du dann das Höhere erreichen? Wenn der dir ebenbürtige Staub, von dem du genommen bist, dir unbegreiflich ist, wie wirst du dann die Majestät ergründen? Sie ist für deine Erforschung schlechthin zu hoch. Dem Aussehen nach ist der Erdboden einfach, klein und doch vielfältig in bezug auf seine Erforschung. Er ist nur einer und doch nicht einfach; denn er ist reich an den verschiedensten Erzeugnissen. Der eine unansehnliche Schoß erzeugt unzählige Genüsse; der eine geringfügige Schatz bringt zahllose Kostbarkeiten hervor; der gebärende Boden gebärt Kinder, die von ihm ganz verschieden sind und dem Aussehen nach weder ihm noch einander ähnlich sind. Aus seinem unansehnlichen Innern wird uns Wunderbares geboren, aus seinem armseligen Innern entquellen uns reiche Schätze. Aus Einem kommt alles; denn aus der Erde geht alles hervor. Der Erdenstaub ist an sich allen Sinnen feindlich: er schadet im Gehörgang, stört im Auge, verschließt die Pforten des Gehörs, trübt das Licht des Gesichtes. Er ist zu jeglichem Gebrauche ungeeignet und doch die Quelle aller Hilfe. Aber, obgleich er zum Gebrauch sich nicht eignet, kommt doch von ihm das Brauchbare. Er ist ein Gegner der Hungrigen [weil nicht eßbar] und doch der Tisch der Hungrigen. Der Staub ist dem Munde schädlich, er ist die Nahrung der verfluchten Schlange. Zur Strafe wurde er die Nahrung der Schlange und aus Erbarmung der Tisch für alle. Er ist für die Essenden ungeeignet und spendet uns doch alle Nahrungsmittel. Er schadet den Schauenden und verschafft uns doch alle Heilkräuter. Er trübt die Augen und öffnete doch die Augen der Blinden. Es ist in ihm selbst und seinem Nährstoffe jeglicher Nutzen enthalten. Wohlan denn, o Beschauer, bewundere die Schätze, welche die Erde ausschüttet! Dieses magere Ding ist die Quelle alles Fettes. Dieses trockene Ding sprudelt uns die fließenden Quellen hervor. Aus dem seiner Natur nach schwachen Boden kommt das Eisen und das Erz. Dem Anscheine nach arm, gießt er Gold und Silber aus. Er ist der Schatzmeister der Vögel, der Hausvater des Wildes, die große Vorratskammer, die alles, die Haustiere, die Kriechtiere, die Menschen, ernährt.

Es gibt noch etwas Wunderbares im Schoße des Staubes, das wegen seiner Unscheinbarkeit nicht beachtet wird. In der Erde wachsen die verschiedensten Wurzeln friedlich nebeneinander: neben einer süßen eine bittere, neben einer heilkräftigen eine todbringende. Der Staub bringt das Gift der bitteren ebenso hervor wie die Süßigkeit der heilkräftigen. Die bittere sammelt ihr Gift, ohne daß es sich in die süße ergießt; die süße sammelt ihre Süßigkeit, ohne sie den Wurzeln ihrer Umgebung mitzuteilen. Wie bringt es doch der verachtete Staub zustande, jeglichem sein Wachstum zu verleihen? Den Früchten gibt er ihren Wohlgeschmack und damit zugleich ihre Farben, den Blumen ihre Wohlgerüche und damit zugleich ihre Wohlgestalt. Den Früchten verschafft er Wohlgeschmack, den Wurzeln Aroma. Den Blüten verleiht er Schönheit, und die Blumen kleidet er in Pracht. Für den Samen wird er zum Künstler: er flicht den Weizen zu Ähren, festigt den Halm durch Knoten, wie ein Gebäude durch Gebälk, damit er die Frucht tragen und vor dem Winde bestehen könne. Wie viele Brüste hat doch die Erde, um jegliches mit ihrer Feuchtigkeit zu säugen! Es ist wunderbar, daß sie so viele Brüste hat, als es Wurzeln gibt, und daß sie die bittere und die süße Wurzel, jede ihrer Art entsprechend, säugt. Es ist wunderbar, daß es nur eine Brust ist, die alle Früchte aufzieht. An ihr saugen nämlich die Wurzeln und [dadurch] die Früchte, die süßen und die bitteren. In der einen vermehrt sie die Süßigkeit, in der andern die Bitterkeit.

Ist dies schon bei getrennten Dingen merkwürdig, so noch viel mehr bei solchen Dingen, die miteinander zusammenhängen. Der gleiche Saft nimmt in ein und demselben Baume verschiedenartige Eigenschaften an. So schmecken z. B. die Früchte süß, die Blätter bitter, ja, die Frucht ist beim Beginne der Reife noch sehr bitter. Sie stellt daher für die Büßer ein Vorbild dar, weil sie am Ende süß und angenehm ist . Wenn nun schon der Staub, den du mit Füßen trittst, bei seiner Erforschung dich verwirrt, wie wirst du dann die Majestät dessen ergründen, der dich schon durch unscheinbare Geschöpfe aus der Fassung bringt?

Nichts erscheint dir verächtlicher als der Staub, nichts armseliger als das Haar. Der verächtliche Staub ist unter dir, und doch erfassest du die Größe seines Reichtums nicht. Ebenso besiegt dich das Haar auf deinem Haupte; denn du begreifst seine Art und seine Menge nicht. Von den Meeren und Abgründen, vom Himmel und seinen Gestirnen will ich gar nicht reden. Mitten zwischen zwei unscheinbare Geschöpfe hat dich der Schöpfer gestellt. Das Obere [das Haar] schlägt dich, damit du nicht über den Allerhöchsten grübelst, und das Untere [der Staub] weist dich zurecht, die erhabene Hoheit nicht ermessen zu wollen. Durch diese beiden unscheinbaren Geschöpfe belehrt dich der Herr der Geschöpfe. Zügle doch deine Verwegenheit, damit du dich nicht an Geheimnisse wagest! Die Tadler sind nahe, sie sind ja jederzeit bei dir. Weil die Überhebung dir nahe ist, darum ist dir auch die Züchtigung nahe.

Kein Reiter spornt ohne Zügel sein Pferd zum Laufe an. Sie fallen dem Tiere zwar lästig, halten es aber im Zaume. Dem wilden Feuer [des Pferdes] ist auf diese Weise Dämpfung nahe. Lege denn auch du deiner Forschung Zügel an, daß sie nicht wild dahinrase! Es gibt Zügel, die man freiwillig anlegt, und es gibt Zügel, die mit Gewalt angebracht werden. Die freiwilligen sind in deiner Hand, um das Ungestüme deines Freiheitsdranges zu hemmen; die gewaltsamen sind in der Hand des Herrn. Wolltest du dich auch erfrechen, du bist ohnmächtig. Du magst wollen oder nicht, die Zügel deines Herrn sind dir angelegt. Wie weit reicht wohl dein Lauf? Mäßige dich also, o Ohnmächtiger!

Der Vater ist vollkommen durch seine Wesenheit [d. h. durch sich selbst], der Erstgeborene durch seine Erzeugung. Der Vater ist vollendet, weil der Sohn vollendet ist; der Erzeugte ist ebenso vollendet wie sein Erzeuger. Die Wurzel ist genau so vollkommen wie die Frucht. Der Baum versagt seiner Frucht den ihm eigenen Wohlgeschmack nicht, ebenso wohnt der Wohlgeschmack der unendlichen Wurzel dem von ihr Erzeugten inne. Wenn aber die Wurzeln ihre Kostbarkeiten ihren Früchten nicht vorenthalten, wie könnte da die gebenedeite Wurzel ihren Reichtum ihrer Frucht vorenthalten? Siehe, der Baum verbirgt in seinem Innern seinen Wohlgeschmack vor allem und jedem, und doch ergießt er ihn in das Innere der Frucht. Hat ihn seine Frucht erhalten, so teilt sie ihn den Essenden mit. Durch die Frucht wurde uns die Süßigkeit gegeben, die in der Wurzel ist. Hätte die Frucht sie nicht erhalten, so hätte niemand zu ihr gelangen können. Die Wurzel teilte sie ihrer Frucht mit, weil sie dieselbe über alles liebt; die Frucht teilte die Süßigkeit den Bedürftigen mit, weil sie dieselben liebt. Wie der Vater seine Frucht liebt, so liebt die Frucht die Essenden. Was die Wurzel birgt, kann durch ihre Frucht gekostet werden.

Ersinne doch nicht eine neue Lehre aus deinem Kopfe in deinem Zeitalter! Es reicht für dich hin, was von den früheren Quellen herabgeströmt ist. Heil dir, wenn du imstande bist, die von dort kommenden Ergüsse aufzunehmen! Vier Quellen ergossen die Wahrheit in die vier Weltgegenden. Dein Durst ist nicht größer als der Simons; die Fluten, die er trank, reichen auch für dich hin. Die Offenbarung, die von oben herabfloß, löschte seinen großen Durst. Der mächtige Strom, der zu ihm kam, ergoß sich aus ihm und kam zu dir. Er ist größer als der Fluß Edens, laufe also nicht zu Pfützen hin! Er ist größer als die ganze Schöpfung, weil er vom Herrn der Schöpfung ausströmt; denn die Offenbarung fließt bis jetzt und bis in Ewigkeit fort. Du liebst den Sohn nicht mehr als Simon, der hörte und schwieg. An allen anderen Stellen redet er, aber an dieser Stelle schweigt er nur. Wenn er auch beim Abendmahle schwieg, so konnte er es doch nicht unterlassen, wenigstens zu winken. Aber bei dieser Gelegenheit war er ganz still, empfing die Seligpreisung und beobachtete Schweigen. Durch Schweigen setzte er seiner Zunge Schranken, durch Stille stillte er seinen Forschungsdrang. Aber die Schranke, welche Simon nicht überschritt, treten Vermessene mit Füßen.

Wunderbares enthalten die hl. Schriften, jedoch unsichtbar der Rechthaberei. Unser Herr nahm sich nicht heraus, den Simeon über sich zu belehren – er war sich sozusagen fremd -, aber sein Vater offenbarte über ihn. Nicht als hätte unser Herr nicht selbst über sich offenbaren können, er wollte nur an seiner Person den Verwegenen ein Beispiel geben. Denn wenn er selbst über sich schwieg, wer dürfte sich dann vermessen, über ihn zu grübeln? Wenn er sich enthielt, über sich zu offenbaren, wer dürfte dann seine Erzeugung erforschen wollen? Er bekräftigte jenes Wort: „Der Vater kennt den Sohn“; darum verhielt er sich schweigend, damit sein Erzeuger über ihn rede. Der Vater, in dessen Schöße sein Sohn ist, weiß über ihn zu belehren. Der eine Vater begann und vollendete die Belehrung über den einen Erstgeborenen, wie auch der Erstgeborene den Willen des Vaters vom Anfang bis zum Ende erfüllte.

Ja, die Beweisführung der Forscher versagt, und unsere Vermessenheit bleibt unbefriedigt. Die Ruhmsucht müht sich mit Neuerungen ab, um nicht die Lehre von gestern vortragen zu müssen. Erniedrigung erscheint es dem Hochmütigen, die Wahrheit, so wie sie bereits niedergeschrieben ist, zu lehren. Während er tiefgründige Untersuchungen anstellt, verliert er die offen daliegende Wahrheit. Simon gab dir ein Beispiel, ahme ihn nach! Der Fischer wurde zum Maler: er malte den Kirchen ein Musterbild, das sich jeder auf sein Herz zeichnen soll. Wir sollen alle zum Sohne sagen: Du bist der Sohn des lebendigen Gottes! Dieses Wort ist für die Oberen und für die Unteren [Engel und Menschen] zu erhaben, und doch soll es dir zum täglichen Brote werden, und nie mögest du daran Ekel empfinden! Selig ist, wer ihn einfach Sohn Gottes nennt. Dieselbe Seligpreisung, die unser Herr [über Petrus] aussprach, wird auch ihm zuteil.

Nähere dein Auge dem Lichte, es wird dasselbe schauen, ohne darüber zu grübeln. Ebenso wendet es sich dem Schlafe zu, ohne sich mit der Untersuchung desselben abzuquälen. Nähere deinen Mund der Frucht, er gibt sich nicht mit ihrer Erforschung ab. Du wandelst auf der Oberfläche der Erde, ohne ihren Umfang zu untersuchen. Lieb ist dir die ganze Schöpfung auch ohne Forschen und Grübeln. Die endlichen Dinge lassest du unbeachtet und sinnest über den Unendlichen nach. Der Schöpfung gegenüber bleibst du in Ruhe, dem Schöpfer gegenüber gerätst du ins Grübeln. Dem All gegenüber verhältst du dich ganz ruhig und still, gerätst aber in Unruhe gegenüber dem Herrn des Alls.

Bei der Nahrungsaufnahme hältst du Maß, beim Forschen aber nicht. Der Schoß deiner Fassungskraft ist klein, gib ihr also nur mit Maß Belehrung! Ihre Nahrung soll mit ihrem Schoße [Aufnahmsfähigkeit] im Verhältnis stehen! Sie soll nicht zuviel zu sich nehmen, sonst muß sie sterben! Du sollst dich allerdings mit [gesunder] Lehre nähren! Sie ist ja eine Tafel, die alle ernährt. Sie ist die Tafel des [Himmel-] Reichs. Nimm ein wenig davon, um davon Nutzen zu haben; aber ihre Köstlichkeit verführe dich nicht, viel davon nehmen zu wollen, das keinen Nutzen bringt! Mit Maß forschen ist eine Arznei des Lebens, ohne Maß ist es tödliches Gift. Der du mit Maß Wasser trinkst, halte auch Maß im Forschen! Besser zuviel Wasser als zuviel Fragen.

Derjenige, nach dessen Höhe du dich ausstreckst, ist nicht bloß um ein geringes höher als du. Soviel der Himmel höher ist als du, ebensoviel höher ist er über dem Himmel. Hundertmal höher als du ist seine Erforschung. Nicht als ob er überhaupt unerkennbar wäre, weil er in unzugänglicher Höhe thront; er ist ja deutlich und klar in seinen Werken erkennbar, mag er auch seinen Geschöpfen verborgen und unsichtbar bleiben. Er ist in allem und zugleich außerhalb allem. So nahe er uns durch seine Huld ist, so ferne ist von uns seine Erforschung. Dies weiß der Verständige, aber von seinem Wesen weiß er nichts. Der Verstand müht sich ab, ihn zu begreifen, erkennt aber nur, daß er existiert. Die Vernunft strengt sich an, ihn zu erfassen; wenn sie glaubt, ihm nahe zu sein, so ist er weit entfernt. Sinne und Gedanken eilen auf ihn zu, erreichen ihn aber nicht Während sie dahinzueilen und ihn zu erreichen wähnen, stehen sie in Wirklichkeit erstaunt und verlegen still.

Dies hört das Gehör, ohne von ihm [seinem eigentlichen Wesen] etwas zu hören. Woge um Woge schlägt an das Gehör, wenn es die hl. Schriften hört. Während es zu hören sucht, daß er müde sei, hört es wiederum, daß er nie müde werde. Das eine Ohr hört, er schlafe, und das andere, er schlummere nicht. Es vernimmt, er sei klein und eingeschränkt, vernimmt aber wiederum, daß er die Himmel erfülle. Während er vor dem Gehöre klein zu sein sucht, ist er über alle Geschöpfe erhaben. Es hört, er habe Glieder; es geht aus, sie zu messen, und findet keine. Während es über seinen Wagen nachsinnt, findet es ihn ohne Wagen. Während es hört, er sei an einem Orte, hört es auch, er sei an jedem Orte. Während es sucht, ihn den Guten zu nennen, wird er als der Gerechte bezeichnet.

Das Auge schaut auf seine Gerechtigkeit und trifft auf seine Güte. Der Verstand schaut auf seine Barmherzigkeit: da eilt seine strenge Rute herbei. Erfreulich ertönt der Ruf der Vergebung, schrecklich der Ruf der Rache. So irrt der Verstand bestürzt und staunend zwischen Gottes Güte und Gerechtigkeit hin und her. Der Beobachter steht verwirrt zwischen Prüfung und Züchtigung. Während er sieht, wie die Bösen übermächtig sind, sieht er die Guten geschlagen. Gottes Läuterung prüft die Treuen, seine Rute züchtigt die Frevler. Gerechtigkeit und Güte sind eng verbunden, aber nicht vermengt; sie sind vereint, aber nicht verwirrt. Nur wegen seiner Unzulänglichkeit kann der Verstand sich nicht zurecht finden, weil er es nicht fassen kann. Während er den Tod von Greisen sieht, sieht er auch den Untergang von Kindern. Auf der einen Seite erblickt er Gerechtigkeit, auf der andern ihr Gegenteil; denn der eine Gerechte leidet, der andere bleibt verschont. Die einen Guten sieht er in Bedrängnis, die andern in Frieden. Dieses erscheint als widersinnig. Betrachtet er ferner die Bösen, so wird der eine schon beim ersten Morde ertappt, ein anderer dagegen tötet eine Menge und geht frei aus.

Wie zwischen den Wogen schwache Schiffe untergehen, ebenso leiden schwächliche Geister zwischen der Güte und der Gerechtigkeit Schiffbruch. Weil hier Unklarheit herrscht, so gerät die Armseligkeit [des Geistes] in Verlegenheit. Wenn man auch nicht alles davon begreift, so begreift man doch soviel, als zuträglich ist. Es genügt für uns zu wissen, daß der Richter aller nicht ungerecht handeln kann. Es ist für uns genug, zu wissen, daß wir ihm keinen Vorwurf machen können; denn es wäre Vermessenheit, wenn das Gefäß seinen Bildner belehren wollte. Mit welchem Rechte könnte der Mensch denjenigen tadeln, der die Urteilskraft verleiht? Wie könnte er ohne den urteilen, der ihn vernünftig gemacht hat? Welches Wissen könnte den richten, der alles weiß? Du hast von ihm deinen Verstand erhalten, sei also durch das dir Verliehene verständig, und wenn du von ihm etwas empfangen hast, so nahe ihm durch das Seinige [durch die verliehene Vernunft]! Die Gabe des Gebers bringt dich ja zum Geber; durch die Einsicht, die er dir verliehen, vermagst du dich selbst und deinen Gott zu erkennen. Was immer von ihm dir zufließt, zieht dich in Ruhe zu ihm; aber deine Anstrengung reicht nicht aus, um zu ihm zu gelangen. Er hat dir Vernunft gegeben und dich erhöht; setze doch nicht durch sie ihren Geber herab! Wenn du Gewinn erzielt hast und reich geworden bist, so verdankst du ihrem [der Vernunft] Kapital die Größe des Gewinnes. Dein Wissen stammt von ihm; du hast nur das Abbild, er die Vollendung. Wenn du durch den Verstand, den sein Hauch dir einblies, deine Schuldigkeit erkennst, um wieviel größer wird dann die Erkenntnis desjenigen sein, der die Quelle des Verstandes selbst ist! Betrachte genau die erlangte Erkenntnis deiner Schuldigkeit, so wirst du erkennen, daß sie der Weisheit anderer bedarf. Wo bleibt also dein Wissen? Es ist nichts im Vergleiche zur [wahren] Weisheit. Es ist also Vermessenheit, wenn das Geschöpf weiser sein will als sein Schöpfer.

Wer nun solche Wissenschaft besitzt, der möge dir sagen, von wem er sie erhalten hat. Wenn er sie nicht von seinem Herrn empfangen hat, dann ist er weder dessen Diener noch dessen Freund. Er kann sich aber nicht verbergen; denn es gibt ein Mittel, das ihn offenbart: daß er nämlich des Schöpfers bedarf, überführt ihn, daß er ein Geschöpf ist. Wenn aber sein Herr ihm verliehen hat, zu wissen, wie kann der Herr dann von ihm getadelt werden? Er kann ja über die Gabe nicht hinausgehen, die er von Gott empfangen hat. Je größer aber die ihm verliehene Gabe ist, desto mehr bedarf er des Gebers. Wenn dieser den Dürftigen nicht vollkommen gemacht hat, so kommt dies nicht daher, daß sein Schöpfer dazu zu schwach wäre, sondern er hat ihn dem Bedürfnis unterworfen, damit er fühle, wer ihn ernährt. Alles, was der Erschaffene hat, hat er von dem Einen aus Gnade empfangen.

Wenn nun der Erschaffene schon durch die ihm nur geliehenen Gaben groß ist, um wieviel größer muß dann der Herr der Güter sein? Seine Güte drängte ihn heftig, dir viele Gaben zu verleihen. „Er ist arm geworden, um dich reich zu mache“. Sei nicht bei seinem Reichtum arm; denn es gefällt ihm nicht, wenn du in deiner Dürftigkeit bleibst. Seine Armut hat dich reich gemacht, mache sie nicht arm durch dein Grübeln! Er, der alles reich macht, wird freilich nicht arm; arm wird nur der Grübler selbst. Weit besser als du ist der Stumme, der sich gegen seinen Schöpfer nicht empört; weit besser als du ist der Taube, der über seinen Erschaffer nicht grübelt. Dein sprachfähiger Mund redet vermessen; besser als du ist der Schweigende. Unser Herr hat dich über beide erhöht; du aber vergiltst ihm auf verkehrte Weise. Der Erstgeborene [der Sohn Gottes] hat deine Niedrigkeit erhöht; erniedrige du seine Erhabenheit nicht! Doch derjenige, der alle erhöht, wird nicht niedriger; nur dich erniedrigt das Grübeln über ihn. Seine Güter verwandeln sich dir ins Gegenteil, wenn du dich verkehrt beträgst.

Werde nicht arm durch den, der alle reich macht; nicht erniedrigt durch den, der alle erhöht! Verirre dich nicht durch den, der alle sammelt; gehe nicht verloren durch den, der alle findet! Wenn du nämlich über ihn grübelst, so verirrst du dich durch ihn. Willst du ihn ermessen, so gehst du durch ihn verloren. Willst du ihn erfassen, so wirst du umfaßt [so daß dir kein Ausweg bleibt]; denn er ist unbegrenzt. Der Erforscher ist mehr als das von ihm Erforschte. Du nennst ihn Schöpfer und grübelst doch über ihn wie über ein Geschöpf. Du nennst ihn den Allerhöchsten und erniedrigst ihn zur Untersuchung; denn wer erforscht werden kann, ist niedriger, und derjenige, der ihn erforscht, ist größer. Wenn Gott vom Menschen erforscht und begriffen werden könnte, so würde ein Schiedsrichter den Forschenden und Begreifenden vorziehen. Wie könnte also ein Mund, der sich soweit erfrecht, von Schuld freigesprochen werden? Knechte ehren hoch ihre Herren und Kriegsheere ihre Könige; du aber erniedrigst den allerhöchsten Erstgeborenen durch Grübelei. Dem Feuer zu nahen, bist du zu feig; aber gegen dessen Schöpfer erhebst du dich vermessen. Die Glut des Feuers erschreckt dich; aber über die Erhabenheit sinnest du grübelnd nach. Weil du [dabei] nicht versengt worden bist, erhebst du dich stolz. Die Barmherzigkeit verschonte dich gnädig, Schwächling; aber aus den Blitzen, die andere verbrannten, nimm ab, wie sie dich gnädig verschonte, o Frecher! Lerne den Sender kennen aus dem Blitze, der von ihm entsendet wird! Dein Auge fürchtet sich vor dem Blitze und dein Ohr vor dem Donner, und doch hat es deine Zunge so eilig, den Herrn beider zu ergründen.

Die sichtbaren Dinge begreifst du nicht, wie kannst du dann den Unsichtbaren begreifen wollen? Du stehst als ein armseliges Geschöpf da, einer aber ist die Schöpfung voll. Du bist nur an einem Orte, er aber ist größer als jeder Raum. An welchem Orte willst du wohl den suchen, der von keinem Orte umschlossen wird? Siehe, in diesem kleinen Raume kann dein Verstand nicht umherfliegen. Untersuche nur das, was vom Himmel abwärts unten ist! An den sichtbaren Dingen erprobe deinen Scharfsinn! Rede über die Quellen, diese offenen, nie versiegenden Schätze! Werden sie aus nichts erzeugt oder werden sie aus etwas gesammelt? Wenn sie aus einem Vorrat erzeugt werden, dann ist der Schöpfer arm, weil auch er, wie der Mensch, seine Schatzkammer aus etwas versehen muß. Aber der Schöpfer ist nicht arm, wohl aber der Grübler. Sein Wille ist seine Schatzkammer; denn aus nichts entstand alles. Wenn aber die Wasser nur immer wieder an ihren Ort zurückkehren würden, dann wäre der Schöpfer nur in der Kunst größer als der Mensch. Durch den Willen ist der Schöpfer groß; denn sein Wille ist sein Wirken. Er ist keiner Kunst unterworfen, die ihm erst zeigen müßte, wie er es machen solle; sie kann ihren Schöpfer nicht belehren, wie er schaffen müsse. Keine Kunst gebietet jenem Willen, der alles erschafft.

Ein Künstler ist nämlich wie ein Sklave unter dem Joche der Kunst; er arbeitet nicht nach seinem Willen, sondern ist der Kunst unterworfen. Er steht zwischen Zweifeln, weil er nicht, wie er will, arbeitet; bald will er, bald will er nicht. Von der Kunst geht ihm wie einem Unbeholfenen die Anleitung zu. Der Schöpfer dagegen wird nicht von der Kunst unterstützt, sondern er hat die Kunst geschaffen, daß sie den Menschen unterstütze. Durch sie wird der Künstler befähigt, aus etwas etwas zu bilden. Wenn es sich bei Gott auch so verhalten würde, so wäre er dem Menschen gleich; wenn er auch größer an Kunst wäre, wäre er doch bezüglich seiner Gottheit verkleinert. Ist aber Gott wirklich Gott, so hat sein Wille Macht über alles. Der Mensch schafft aus etwas, Gott aus nichts.

Ebensowenig als unser geschöpfliches Wesen dem absoluten Wesen gleichkommt, gleicht es ihm an Wirkungsmacht. Schildere uns doch, welcher Art das Wesen des Himmels ist! Ist der Himmel dicht oder fein, naß oder trocken? Gewaltiger als das Feuer hier unten ist die Sonne oben, und doch verbrennt sie das Firmament nicht, weil es [Gottes Gebot] nicht gestattet. Der nämliche Befehl hält sie zurück, welcher das Feuer des Ofens zurückhielt. Was wäre wohl imstande, die unbegreiflichen Geschöpfe zu beschreiben? Sind ja selbst die sichtbaren Dinge, sobald man sie erforschen will, wie wenn sie unsichtbar wären. Wenn nun schon die sichtbaren Dinge verborgen sind, um wieviel mehr die unsichtbaren? Und wenn die unsichtbaren Geschöpfe verborgen sind, um wieviel mehr muß der verborgen sein, der sich in seine geheimnisvolle Wesenheit hüllt! Deine Gier [zu grübeln] ist viel größer als die Wissenschaft deines Forschens. Vor dem Feuerbrande fliehst du, aber den Herrn desselben bestrebst du dich zu erforschen. Fürchtest denn du nicht das Feuer, wie dieses sich vor seinem Herrn fürchtet? Wenn du aber das Feuer fürchtest, so fürchte dich auch vor dem, der im Feuer wohnt! Das Feuer, welches [Gott] dient, ist so überaus glänzend; um wieviel glänzender muß der sein der von ihm bedient wird! Vor dem Dinge, das dient, fliehst du; aber über den, dem gedient wird, grübelst du.

In herrlicher, aber nur entlehnter Schönheit betraten die Engel Sodoma. Beim Anblicke ihrer alles überragenden Schönheit wurde jung und alt rasend in sie verliebt. Da kam das Feuer der Höhe zur Hilfe der Söhne der Höhe herab, nicht um die Heiligen zu retten, sondern um die Frevler zu verderben. Die Himmlischen hatten eine andere Gestalt angenommen, darum wagten die Irdischen solche Frechheiten. Wären die Geisteswesen in Strahlenglanz erschienen, so wären die Staubgeborenen erschreckt zu Boden gestürzt. Sie hielten die Engel, die geistiger Natur sind, für ihresgleichen; daher ging ihre Lüsternheit über die Grenzen ihrer Natur hinaus und überschritt sie doch wieder nicht. Der wenn auch unnatürliche Umgang verlangte nach Wesen gleicher Gattung, nicht aber nach Himmelsbewohnern, die ganz anderer Natur sind. Wesen, die nicht Söhne unserer Erde sind, sind nicht geschaffen für den Umgang mit uns. Nur wenn sie zu uns gesandt werden, dann können sie durch den Willen des Allmächtigen mit uns verkehren. Die Lüsternheit [der Sodomiten] begehrte also der Himmlischen, welche die Gestalt der Irdischen angenommen hatten. Dies war gegen ihre Natur und doch wieder innerhalb ihrer Natur, da sie ja nur nach ihresgleichen begehrten.

Wer über Gott nachgrübelt, dessen Tollheit überschreitet die Grenzen der Natur. Er bekennt zwar seinen Glauben an das absolute Wesen, forscht aber doch darüber wie über ein Geschöpf. Er erhebt Gott überaus hoch dem Namen nach, aber durch das Grübeln erniedrigt er ihn wieder. Gib entweder die Benennung oder das Forschen auf! Nennst du ihn Gott, so muß alles Grübeln aufhören; zwischen Gott und dem Mengen wird nur Glaube gefordert. Glaubst du an ihn, so ehrst du ihn; forschest du aber über ihn, so entehrst du ihn. Zwischen dem Menschen und Gott gibt es nur Glaube und Gebet; denn du mußt seiner Wahrhaftigkeit glauben und zu seiner Gottheit beten. Er sagt in der Hl. Schrift, daß er die Geschöpfe erschaffen habe. Du glaubtest es ihm, ohne es gesehen zu haben. Du hast das, was du glaubtest, nicht selbst erfahren; hättest du es selbst erfahren [und nur deshalb geglaubt], so hättest du ihn dadurch für unzuverlässig gehalten. Wie nämlich das Selbsterfahren dem Glauben entgegen ist, so auch die Grübelei. Die Grübelei forscht; wenn sie aber forscht, glaubt sie nicht; ja, je mehr sie forscht, desto weiter entfernt sie sich vom Finden.

Der Glaube geht nicht irre, er findet die klare Wahrheit, da sie ihm ja entgegenkommt. Die Einheimischen werden aber von den Auswärtigen als vermessene Menschen zurechtgewiesen. Durch Irrende wird ferner der Wissende beschämt, der da weiß und doch verwegen forscht. Die Anbeter der Sonne forschen nicht über sie nach, die doch nur ein Geschöpf ist. So offenkundig auch ihre [der Sonne] Dienstbarkeit ist, so geben sie ihr doch den Namen ihres [der Sonne] Herrn. Auch der Heide untersucht das Götzenbild nicht, das der Irrwahn. bildete. Denn wenn er es untersuchen würde, dann könnte er es unmöglich mehr anbeten. Er könnte nicht mehr zu ihm beten, weil er erforscht hätte, daß es taub ist. Die Erfahrung würde ihn belehren, daß es weder sieht noch hört. Der Irrtum gestattet also den Irrenden nicht, daß sie nachforschen, führt aber das Forschen bei den Gläubigen ein, um ihnen den Tod zu bringen Er [der Irrtum] verhindert nämlich [bei den Heiden] das Forschen, um sie blind zu erhalten; dagegen gestattet er es [den Christen], um sie blind zu machen. So heilsam es ist, ein Götzenbild zu untersuchen, ebenso verderblich ist es, über Gott nachzugrübeln.

Der Irrtum verleiht Glauben, wo Untersuchung nützlich wäre, führt aber das Forschen ein, wo nur der Glaube erforderlich ist. Findet einmal das Forschen Eingang, dann ist es um den Glauben geschehen, und der Mensch kommt wegen seiner Schwäche bei beiden nicht zum Ziele; denn er erreicht nichts für das Forschen und gewinnt nichts für den Glauben. Untersuche den Tauben, damit du erfahrest, daß er des Gehöres beraubt ist; untersuche aber nicht bei dem alles Hörenden, wie und wodurch er hört! Er hört nämlich nicht mit Ohren, weil er ganz und gar Gehör ist; er sieht auch nicht mit Augen, weil er voll und ganz Gesicht ist. Er ist ein Wesen, das mit seinem ganzen Sein hört und sieht. Nimm zum Glauben deine Zuflucht; denn Gott ist über alle Forschung erhaben! Nur der Glaube kann unsere Schwäche beleben.

Weil der Irrtum die Schwachen beneidete, reizte er sie durch die Forschung, versah sie durch die Kritik mit scharfen Waffen und stellte sie zur Schlacht auf, da er sah, daß die Liebe gekommen war, um den Menschen zum Himmel emporzuführen. Die Streitsucht beeilte sich, die zum Himmel führende Wurzel abzuschneiden. Da verstummte der Disput mit den Ungläubigen und die Untersuchung der Irrlehren. Die Streitsucht sah, daß ihre Partei unterliege und gestürzt werde, da lieh sie sich die Larve der Wahrheit, um dadurch die Kinder der Wahrheit zu täuschen. Sie verursachte unter ihnen durch die Forschung Spaltungen, indem sie gegen die Erhabenheit [Gottes] aufreizte. Da die Außenstehenden die siegreiche Partei nicht zu besiegen vermochten, so wurde sie jetzt dadurch besiegt, daß sie unter sich zu streiten begann.

Unserer Schwäche genügt die Wahrheit, die mit offenkundigen Erweisen kam. Bekenne einfach, daß es wirklich einen Vater und einen Sohn gibt, genau wie die Namen lauten! Die Voraussetzung des Namens ist das Objekt, mit ihm sind die Namen verbunden; denn wer würde etwas, das gar nicht existiert, einen Namen beilegen? Wie könnte denn eine Frucht diesen Namen tragen, wenn sie nicht wirklich vorhanden wäre? Nenne also den Vater den Stamm und heiße den Sohn seine Frucht! Er ist mit ihm vereinigt und von ihm getrennt; er ist in seinem Schoße und zu seiner Rechten. Wenn er nicht mit ihm verbunden wäre, so wäre er nicht als sein Geliebter in seinem Schoße, und wenn er nicht von ihm getrennt wäre, so säße er nicht zu seiner Rechten. Er ist mit ihm vereinigt, weil er in seinem Schoße ist, und er ist von ihm getrennt, weil er zu seiner Rechten sitzt. Eins sind sie durch einen Willen, zwei aber wegen der zwei Namen. Sie haben nicht zwei Willen, wohl aber zwei Benennungen. Den Namen der Vaterschaft, weil er Vater ist: dieser Name schließt seinen Ruhm in sich; und den Namen der Sohnschaft, weil er Sohn ist: dieser Name schließt seine Erzeugung in sich. Der Name „Vater“ zeigt das Verhältnis an und der Name „Sohn“ verdeutlicht es. Die Ordnung der Namen schließt die Ordnung ihres gegenseitigen Verhältnisses ein. Wie ihre Namen nicht verborgen sind, obwohl sie eins sind, so wird auch ihr Verhältnis, daß sie eins sind, nicht verheimlicht. Die Juden allerdings wollten den Sohn, der doch nicht verheimlicht werden kann, verheimlichen; aber seine Geschichte ist von seinen Propheten geoffenbart und in geheimnisvollen Vorbildern deutlich dargestellt.

Auch die Frucht und der Baum sind nicht eines, obwohl sie eins sind. Die Frucht ist als Frucht bekannt und der Baum als Stamm. Durch ein und dieselbe Liebe sind sie vereinigt, aber durch zwei Namen getrennt. Den Namen Frucht trägt die Frucht allein; Baum aber ist der Name des Stammes. Es sind da zwei Namen und zwei Dinge durch eine Kraft und durch eine Liebe verbunden: Wäre bloß der Name Frucht vorhanden, die Frucht selbst aber würde nicht existieren, so würde man mit Baum den Stamm, mit dem Worte Frucht aber etwas bezeichnen, was jener nicht hervorbringen würde. Gleichwie aber der Baum sowohl dem Namen als auch der Sache nach existiert, ebenso ist auch die Frucht dem Namen und der Wirklichkeit nach vorhanden. Wäre die Frucht nur dem Namen, der Stamm aber der Sache nach vorhanden, dann würde man Lüge und Wahrheit zugleich nennen, da das eine wäre, das andere aber nicht. Ist also der Vater wirklich, so ist auch der Sohn wirklich, und zwar sowohl dem Namen als auch der Wirklichkeit nach.

Wie nun einerseits der Vater und der Sohn nicht zwei Willen haben können, so müssen sie doch anderseits wieder in Wahrheit als Zweiheit angesehen werden. Den Vater haben wir durch seinen Namen kennen gelernt, ebenso ist uns der Sohn durch seinen Namen bekannt geworden. Ohne die Namen gibt es kein Wissen, durch den Namen werden die Begriffe vermittelt. Nimm die Namen und die Bezeichnungen weg, dann werden alle Ordnungen durcheinander geworfen. Du erkennst dann nicht, wen du [im Gebete] anrufst; du weißt dann nicht, wen du bekennst. Du kannst dann nicht unterscheiden, wer gezeugt hat, und ebensowenig erkennen, wer gezeugt wurde; denn die zwei Namen sind wie zwei Leuchten gekommen. Sie verscheuchten das Dunkel, das den Zuhörern den Unterschied verhüllte. Den Vater lernst du durch seinen Namen kennen und ebenso den Eingeborenen durch seine Benennung. Du hast gehört: Vater! Das ist genug für dich. Auch der Name „Sohn“ reicht für dich hin. Hier gibt es kein Angesicht, daß du aus den Gesichtszügen belehrt werden könntest. Die Namen gelten uns als die Gesichter, durch ihre Namen kann man sie unterscheiden. So lernt man ja auch weit entfernte Menschen durch ihre Namen kennen. An die Stelle der entfernten Angesichter treten die nahen Namen, an die Stelle der Gesichtszüge die Benennungen, an die Stelle der Gestalten die Namen. Der Laut flammt anstatt des Lichtes auf, die Stelle des Auges vertritt das Gehör. Das Ohr naht den Namen und unterscheidet sie wie Gestalten.

Aber auch die Gleichnisse sind nicht imstande, die Wahrheit vollkommen darzustellen. So kann z. B. die Frucht eines Baumes über den Erstgeborenen keine erschöpfende Aufklärung geben. Die Frucht hängt nämlich an ihrem Baume, aber wenn man sie abgepflückt hat, ist sie von ihm getrennt; denn sie kann nicht mehr an ihrem Baume sein, wenn sie bei dem ist, der sie weggenommen hat. Der Erstgeborene ist aber bei seinem Vater, er blieb bei ihm und kam zu uns, er ist bei ihm und auch bei uns. Er kam und ging, obwohl er doch überall ist. Die Schöpfung ist voll von seinem ganzen Wesen, während er doch ganz in seinem Vater ist. Weder sein Gehen noch sein Kommen vermag ein Mund auszusprechen. Ehe er kam, war er schon hier, und auch, nachdem er wegging, ist er noch da. Bevor er zu seinem Vater ging, war er schon ganz bei ihm. Er ging dorthin, obwohl er schon dort war. Er kam hierher, obwohl er bereits hier war. Sein Gehen und sein Kommen ist wirklich. Er kam und ging, ohne zu scheiden. Gott ist allgegenwärtig, seine Frucht ist nicht von ihm entfernt. Vom Erstgeborenen, der alles erfüllt, ist auch sein Vater nicht entfernt. Wenn die Geschöpfe von ihm abhängen, wie können sie da fern von ihm sein? Ferne ist seine Nähe und nahe ist seine Ferne. Ferne ist er, wenn er auch noch so nahe ist. Wer kann über ihn sich aussprechen?

Wie hat sich doch Adams Vermessenheit auf seine Kinder fortgepflanzt! Adam strebte vermessen nach höherem Range, seine Kinder erhoben sich frech gegen seinen Herrn. Die Kinder Adams forschten und wähnten dann, Gott erfaßt und begriffen zu haben. Wer sich gegen Gott vermessen erhob, der schaue auf Adam wie in einen Spiegel! Auch derjenige, der Gott erforscht zu haben vermeint, ist des Todes schuldig [wie Adam]. Nicht weil er weiß, daß Gott existiert, ist er schuldig, sondern weil er sich erfrechte zu grübeln. Wenn du einmal glaubst, daß das absolute Wesen ist, so ist es Zweifelsucht. wenn du weiter grübelst. Wenn du weißt, daß er ist, so forsche nicht, wie er ist. Von wo aus willst du denn den Unbegrenzten sehen? Willst du das absolute Sein untersuchen, wohlan, so beginne an seiner Grenze! Und wenn du dann gefunden hast, daß er unbegrenzt ist, von wo aus willst du dann zu messen beginnen? Hältst du dich in der Mitte auf, dann bist du von seiner Grenze entfernt. Wenn du also an jeder Stelle dazu unfähig bist, so kehre doch zum Gebote zurück! Schaue auf Adam! Wäre er beim Gebote geblieben, so wäre er Herrscher geworden. Weil er sich aber erkühnte, das Gebot zu übertreten, so erlangte er die gewünschte [Herrscher-] Würde nicht. Als ihn Gott schuf, schuf er ihn zu einem erschaffenen Gott, indem er ihm die Freiheit verlieh, nach seinem eigenen Willen zu wandeln. Allein Adam wollte törichterweise nach dem verlangen, was er bereits besaß; während er aber mit aller Gewalt danach trachtete, verlor er auch das, was er bereits besaß.

Gott gab dir nun die Gebote als Lehrmeister. Sie belehren dich: Wenn du sie beobachtest, wirst du ein Bruder Christi. Anstatt aber auf sie einzugehen, suchst du, wie du ihnen entgehen könntest. Trete ein in die Untersuchung der Gebote, und sie werden dir als Spiegel dienen. Schaue in ihnen deine Aufgabe und deine Pflicht! Suche in ihnen den Lohn und die Verheißung! Ferner sollen dir die Gerechten ein Vorbild der Liebe sein! Ahme sie nach! Betrachte z. B. den Henoch und sei ebenso tugendhaft! Ahme den Noë, den zweiten Stammvater, nach! Wenn du aber meinst, sie zu übertreffen, kannst du Abraham übertreffen? So zahlreich auch deine Tugenden sein mögen, sein Schoß bleibt doch der Hafen, in den du einlaufen sollst Unser Herr lehrte dich in seinem Evangelium, daß dein Weg zu ihm [Abraham] führe. Forsche daher als ein Verständiger, wie sein Wandel beschaffen war! Wenn aber Abraham nur dadurch, daß er glaubte, die allerhöchste Stufe erlangte, wie willst dann du durch Grübeln auf seiner Stufe stehen? Zweierlei kann man von ihm lernen: Glauben und Nicht-Forschen; denn weil er glaubte, empfing er die Verheißung; weil er nicht forschte, erhielt er das Reich. Wer glaubt, grübelt nicht; wer aber grübelt, glaubt nicht.

Siehe! Abraham hätte gar wohl über die Worte, die er vernahm, nachgrübeln können; denn er hatte nicht durch ein Gebot gelernt, daß ein Gott im Himmel ist, sondern er urteilte aus sich selbst, daß die Schöpfung einen Herrn haben muß. Der aber seinen Gedanken sah, offenbarte sich ihm, damit er in seinem Glauben bestärkt wurde. Als aber Abraham eingesehen hatte, daß Gott ist, grübelte er über ihn nicht nach, wie er sei. Und auch nachdem sich ihm Gott geoffenbart hatte, fragte ihn Abraham nicht: Wie bist du? Er kannte auch den Messias, forschte aber nicht, wie er sei. Er sah ihn und sehnte sich mit Freuden nach ihm. Er vollbrachte das Geheimnis und beobachtete Stillschweigen. Wie wagst du dich also kühn an die Erforschung des Eingeborenen? Fliehe und verberge dich, bei den Geboten forschend, was du zu tun hast und wie du das Leben erlangen kannst! Untersuche, welches der Gebote für dich der Schlüssel zum Leben sein könne!

Beachte jedoch, welche Gebote nur ihrer Zeit dienen sollten und nur für sie zweckdienlich waren, und laß dich nicht beirren, wenn du einander widersprechende Aussprüche vernimmst! So lautet ein Ausspruch: „Ich will Schlachtopfer“, und ein anderer: „Ich verabscheue die Brandopfer“; ein Ausspruch lautet: „Reinige das Unreine!“ und ein anderer: „Vermische und iß!“ Ein Ausspruch lautet: „Feiere Feste!“ und ein anderer: „Ich entweihe die Feste“; ein Ausspruch lautet: „Heilige den Tag!“ und ein anderer: „Ich verabscheue die Sabbate“; ein Ausspruch lautet: „Beschneide das Männliche!“ und ein anderer: „Ich verabscheue die Beschneidung“. Wenn du all‘ dieses vernimmst, so ergründe die Zwiespältigkeit durch Untersuchung und laß dich nicht wie so viele irre führen welche die Tiefe verschlang!

Höre also: Die Aussprüche ergingen zwar aus Einem Munde, aber an verschiedene Geschlechter. An das erste Geschlecht erging ein Ausspruch, das Geschlecht verschwand und mit ihm das Gebot; es kam ein anderes Geschlecht und es erfolgte ein anderer Ausspruch, der ein neues Gesetz verordnete. Die Aussprüche aller Geschlechter sammelten sich und häuften sich an bei dem einen [letzten] Geschlechte. Es traten nun Toren auf, welche die sich widersprechenden Aussprüche durch die Annahme verschiedener Götter, als Urheber derselben erklärten. Sie sahen eben nicht, daß auch die einzelnen Geschlechter einander unähnlich waren und daß dieselben sich in ihrer Handlungsweise von einander unterschieden. Wenn das Gesetz eines Geschlechtes alle Geschlechter verpflichten würde, warum hat dann die Flut jene hinweggerafft, die sich doch dem Baume nicht genaht hatten? Wenn der Ausspruch an Adam sich auch auf Noë bezog, wie stand es dann mit der Vergeltung, da er ja gegenstandslos war? Es müssen aber in allen Geschlechtern entsprechende Verordnungen vorhanden sein, und daher ergingen an die [einzelnen] Geschlechter Aussprüche zum Frommen der Söhne des [jeweiligen] Geschlechtes. Aber auf diese Weise häuften und vermehrten sich die Aussprüche; die gehäuften Aussprüche verwirrten die Unwissenden, so daß sie von dem Einen [Gotte] abirrten. Aus den [vielen] auf Erden geschehenen Aussprüchen schlössen sie auf [mehrere] Götter im Himmel.

Zahlreich waren die Aussprüche der Propheten, welche der Gebrechlichkeit wehren sollten; alle möglichen Arzneien wandten sie gegen die Krankheit der Hinfälligkeit an. Es gibt Gebote, welche zessieren, weil das frühere Leiden nicht mehr vorhanden ist; es gibt aber auch solche, welche fortbestehen, weil auch die Leiden fortbestehen. Die Apostel und die Propheten sind ja Seelenärzte. Sie brachten Heilmittel herbei, welche dem Elend der Menschheit entsprechen; sie bereiteten Arzneien für die Krankheiten ihrer Geschlechter. Ihre Arzneien dienen aber den Späteren wie den Früheren. Es gibt Krankheiten, welche den einzelnen Geschlechtern eigentümlich sind, und Krankheiten, welche allen Geschlechtern gemeinsam sind. Gegen die neu auftretenden Krankheiten gaben sie neue Arzneien, gegen die in allen Geschlechtern gleichbleibenden Krankheiten gaben sie gleichbleibende Arzneien. So gab man das Gebot: Du sollst nicht stehlen! Die Krankheit dauert fort, daher auch das Gegenmittel. Man gab das Gebot der Beschneidung; die Krankheit ist verschwunden und damit auch das Gegenmittel. Man richtete für die Beschnittenen ein Instrument gegen die neu aufgetretenen Krankheiten her; aber die Instrumente, welche man wegen der früheren Krankheiten hergerichtet hatte, sind unnütz geworden, weil diese Krankheiten heute nicht mehr bestehen. Weil der Schaden beseitigt ist, ist das Instrument überflüssig geworden. So sind heutzutage die Gebote des Sabbats, der Beschneidung und der [levitischen] Reinheit für uns Spätere überflüssig, den Mittleren waren sie jedoch nützlich. Den Früheren waren sie unnütz, weil diese durch die Erkenntnis gesund waren; auch den Späteren sind sie unnütz, da diese durch den Glauben gesund sind. Nur den Mittleren dienten sie, da diese durch das Heidentum verletzt waren. Wer sich heutzutage noch der Gesetze als Instrumente bedient, der ist ein Genosse des Mörders, weil er gesunde Glieder abtrennt.

Die Gesetze sind eisernen Instrumenten gleich, so belehrt dich Jeremias. Den Verwundeten sind sie nützlich, verletze aber nicht damit die Unversehrten! Sie sind für die Krankheiten bestimmt, verwunde nicht mit ihnen die Gesunden! Schlimmer als die sichtbaren Verletzungen sind jene, welche die unsichtbare Seele beschädigen. So heilsam sie für die Kranken sind, so schädlich sind sie für die Gesunden. Du darfst den gesunden Körper nicht quälen, weil dir Arzneien zu Gebote stehen. So ruhten auch schon zu ihrer Zeit bisweilen die Gesetze; denn, wo Gesundheit war, brauchte man keine Binden und Arzneien, die ärztliche Behandlung ist bei Gesunden überflüssig. Wenn aber noch zur Zeit der Krankheit die Arznei da und dort unnütz war, so sind jetzt, wo das [Juden-] Volk und seine Krankheiten verschwunden sind, seine Arzneien erst recht unnütz.

Die eine Krankheit hörte auf, die andere besteht fort; die eine Arznei hörte auf, die andere besteht fort. Die Krankheiten und die Arzneien der Opfer, der Sabbate und der Zehnten hörten auf, es bleiben aber die Krankheiten und die Arzneien: Du sollst nicht schwören, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen! Laufe doch nicht einem Gesetze nach, das samt seiner Krankheit aufgehört hat; hab’ aber recht acht auf das Gesetz, das Arznei für deine Verletzung ist, behandle jedoch deine Wunden nicht mit Arzneien, die nutzlos sind! Du häufst nur Krankheit auf Krankheit, wenn du zur Schuld Eigensinn hinzufügst. Der Gesetzgeber zürnt, weil du bindest, was er gelöst hat. Das Gesetz, das er dir gab ist abgeschafft, aber du beobachtest, was er gelöst hat.

O Tor, denke doch ein wenig über die Gesetzesbeobachtung nach! Was hilft denn die Beschneidung, wenn die Sünde im Innern bleibt? Die Sünde bleibt in deinem Herzen, aber deine Vorhaut schneidest du weg, statt daß du bei dir sprechen würdest: Die Beschneidung war zu ihrer Zeit vortrefflich; der All-Hirte hat sie der törichten Herde, die er sich erworben, zum Merkmal gemacht. Der Allwissende hat sie der Schar, welche ihre Führer tötet, zum Zeichen gemacht. Es [das Judenvolk] war eine Herde, die sich immer wieder unter die verirrten Herden mischte. Er bezeichnete sie [diese Herde = Juden] daher mit einem sichtbaren Merkmale, damit sie auch gegen ihren Willen abgesondert bliebe. Denn das sichtbare Zeichen, das er ihnen gab, sollte das Ungestüm ihrer Tollheit zügeln. Er hat die Herde nur wegen dessen, was in ihr war, behütet. Was in ihr verborgen war, trat hervor und ward der Hüter der Menschheit. In der armseligen Herde war verborgen der Hirte der Hirten. Er verließ die törichte Herde, damit die [Heiden-] Völker seine Herde würden.

Bereite dir doch keinen Schmerz durch die Beschneidung, deren Zeit vorüber ist; bereite dir aber Schmerz durch eine [andere] Beschneidung: beschneide die häßlichen Auswüchse in deinem Innern! Dein Wille ist freigeboren; der kann dich durch Beschneiden von der Sünde befreien. Äußere Gewalt kann nicht ins Innere dringen und deine Gesinnung beschneiden. Beachte, daß derjenige, der ihnen die Körper zu beschneiden gebot, ihnen auch zurief: „Beschneidet eure Herzen!“ Warum forderte er eine andere Beschneidung, da doch ihr Fleisch schon beschnitten war? Wenn er eine andere Beschneidung verlangt, so wende die äußerliche nicht mehr an!

Erwähle dir das erste Gebot, den König aller Gebote! Erwähle das zweite Gebot, den Heerführer aller Gebote! Vom Könige und vom Heerführer hängt ja das ganze Heer ab. Und an diesen zwei Geboten hängen auch das Gesetz und die Propheten. Laß den Sabbat und die Beschneidung; denn sie haben dich auch freigelassen und sind abgeschafft! Du bist zum innerlichen Leben verpflichtet, beobachtest aber nur Äußerlichkeiten. Die Seele im Innern geht verloren, aber der äußerliche Sabbat wird beobachtet.

Die abtrünnigen [Juden] beobachteten die Gebote zu ihrer Zeit nicht, aber uns will man jetzt zwingen, das Gesetz zu beobachten, dessen Zeit abgelaufen ist. Es [das Judenvolk] will seine frühere Krankheit den Gesunden verschaffen; durch Schneiden, Brennen und Arzneien, die gegen seine eigenen Krankheiten bestimmt waren, sucht es die gesunden Glieder zu zerfleischen. Es bestrebt sich, die Handschellen, Fußfesseln und Bande, welche für seine eigene Sklaverei bestimmt waren, denen anzulegen, die sich durch die Liebe seines Herrn der Freiheit erfreuen. Der rohe Sklave bemüht sich, den Freien seine eigenen Fesseln anzulegen und verlangt, daß sie stolz seien auf das Joch, das ihnen ein Sklave auferlegt. Unter dem Scheine der Ehre will er die Freigeborenen beschimpfen. Er treibt uns zu Moses, um uns dadurch von Christus zu trennen.

Wenn es [das Judenvolk] schon darauf stolz ist, daß es an der Seite des Sklaven [Moses] steht, um wieviel mehr darf derjenige stolz sein, der an der Seite des Herrn selbst steht. Aber es steht gar nicht einmal an der Seite des Sklaven, wer den Herrn des Sklaven verleugnet. Von ihnen [den Juden] wird Moses beschimpft, bei uns dagegen geehrt. Den Herrn muß man ehren, wie es einem Herrn gebührt, die Sklaven aber, wie es Sklaven gebührt. Den Moses hat es [das Judenvolk] zu seiner Zeit verfolgt und seinen Herrn hat es zu seiner Zeit gekreuzigt. Schon damals, als die [Heiden-] Völker noch im Irrtum waren, war er [Christus] zu ihnen geflohen [nach Ägypten]. Heute, wo das Volk [der Juden] ihn verleugnet und im Irrtum ist, ruft er die [Heiden-] Völker zu sich. In der Gemeinde der Völker herrscht Reinheit, in Ägypten aber herrschte [damals] Unreinheit.

Es [das Judenvolk] wäre wieder nach Ägypten zurückgekehrt, wenn das Meer es nicht daran gehindert hätte Das Land voll Heiligkeit [die Kirche] betrat es nicht, aber dem Land voll Trug [Ägypten] eilte es zu. Es hatte zuviel Blut gekostet, daher konnte es das Morden nicht mehr lassen. Damals mordete es offen, jetzt mordet es heimlich. Es durchstreift Land und Meer, um seine Anhänger der Hölle zuzuführen. Es hat keine Propheten mehr, die es in seiner Raserei offen morden könnte; es wurde unter die Könige zerstreut, damit sie es mit Gewalt zur Ruhe brächten. Aber es sah, wie die Heiden auf die Propheten und nicht auf die Dämonen achteten, daher legte es die Maske gerade der Propheten an, die es vordem gemordet hatte. Je nach Bedarf legte es den Prophetenmantel an oder ab, um durch Disputieren [über Bibelworte] zu morden. Die Leiber der Propheten hat es gemordet, ihre Stimmen aber hat es angenommen, um statt der Propheten diejenigen zu morden, die in den Propheten lesen.

Armseliger, fliehe vor ihm [dem Judenvolke]; denn nichts gilt ihm dein Tod und dein Blut! Es hat das Blut Gottes auf sich genommen, sollte es da vor deinem Blute zurückschrecken? Es trägt kein Bedenken, dich in Irrtum zu führen; es trug ja auch kein Bedenken, sich selbst in Irrtum zu führen. Es hat sich nicht gescheut, unter der Wolkensäule ein Kalb anzufertigen, und hat sich nicht entblödet, im Tempel ein Bild mit vier Gesichtern aufzustellen. Gott hing es am Kreuze auf: die Geschöpfe erschauderten, als sie es sahen. Der Geist zerriß den Vorhang, damit der Ungläubige sein Herz zerreiße. Die Felsen der Gräber spalteten sich, aber das Herz von Felsen blieb ungerührt. Als der Geist sah, daß es [das Judenvolk] nicht erschauderte, da floh er es ob seiner Tollheit.

Die Verfluchten [die Juden] schnaubten mit ihrer Nase vor ihrem ehrfurchtgebietenden Gotte. Der Prophet schämt sich, ihre Unverschämtheit so zu erzählen, wie sie tatsächlich war Schamhaft berichtet Ezechiel ihre Unverschämtheiten. Weil sie von einem Schamhaften erzählt werden, darum werden sie auch nur geschämig berichtet. Während in ihrem Munde das Heilige geschändet wurde, wurden im Munde der Reinen sogar ihre Schmutzereien rein. Sie schlachteten die Propheten wie fehlerlose Lämmer ab. Ärzte kamen zu ihnen, sie aber wurden denselben zu Schlächtern.

Fliehe und rette dich vor dem rasenden Volke, nimm eilends deine Zuflucht zu Christus! Damit du nicht als Grübler zu ihm kommst, nahe dich ihm als Anbeter! Wenn der Ungläubige ein Kreuziger und der Anbeter ein Grübler ist, so ist das für die Einsichtigen ein großes Leid, da der eine lästert, während der andere grübelt. [Gottes Sohn] kam zum Samen Abrahams, aber die Erben wurden zu Mördern. Er kam zu den törichten Heiden, da wurden Einfältige zu Grüblern. Sei einfältig deinem Herrn gegenüber und klug deinem Widersacher gegenüber! Forsche, untersuche und lerne seine Schlingen kennen, wo und wie er sie verbirgt! Sei verständig, beobachte und betrachte sein verstecktes und feines Netz! Neige dein Ohr, beobachte und schaue, wo er seine Fallstricke legt! Verschaffe dir einen Führer und lerne, wo der Feind dir Nachstellungen bereitet! Allein, anstatt deinem ränkevollen Gegner nachzuspüren, bist du dahin gekommen, über deinen Gott nachzustudieren.

Wisse, daß Gott Gott ist und daher von dir nicht erfaßt werden kann! Wisse aber auch, daß der Böse ein Betrüger ist und daß deine Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet sein soll! Nahe daher jedem von beiden mit kluger Unterscheidung je nach seiner Art! Dem Satan tritt im Kampf entgegen, Gott aber nahe in Einfalt! Bekriege jenen im Streite, diesem aber glaube, dass er ist! Erkühne dich nicht, in seine große geheimnisvolle Flut zu tauchen, damit nicht der Abgrund vor dir zu tief werde und deinen Geist Schauder ergreife!

Zweite Rede

Gerne möchte ich mich nahen, aber ich fürchte, mich zu entfernen; denn der Verwegene, der sich forschend nähert, entfernt sich sehr weit. Wer sich aber mit Maß nähert, den stößt die Billigkeit nicht zurück. Nähern wir uns also nicht zu sehr, damit wir uns nicht entfernen! Entfernen wir uns nicht, damit wir nicht zugrunde gehen! Nahen wir uns also mit Maß und Zurückhaltung dem unermeßlichen Wesen! Weil langes Gerede darüber nichts nützt, so möge nur Weniges gesagt werden! Wie sollte der armselige Staub imstande sein, von seinem Bildner zu sprechen! Gnade hat den Staub geformt, damit er ein Ebenbild seines Schöpfers sei; die Gerechtigkeit aber soll ihn abschrecken, gegen seinen Schöpfer sich frech zu erheben. Wohl gab der Schöpfer dem Gefäße Verstand, jedoch um sich selbst kennen zu lernen. Nun aber grübelt das Gebilde über den Bildner und tut durch Forschen der Gnade Unrecht. Geben wir daher demjenigen, der mit Maß lernt, gleichsam nach der Wage Gehör! Wir wollen eine Wage aufstellen und nach Gewicht nehmen und geben! Von den Meistern wollen wir darnach nehmen, darnach aber auch den Schülern geben!

Du hast gehört, daß Gott Gott ist. So lerne dich selbst als Menschen kennen! Du hast gehört, daß Gott der Schöpfer ist; wie soll dann das Geschöpf ihn erforschen können? Du hast gehört, daß Gott Vater ist; an seiner Vaterschaft erkenne seinen Sohn! Ist nämlich der Vater der Erzeuger, so ist der von ihm Erzeugte natürlich sein Sohn. Den einen Sohn, der da der Eingeborene ist, sollen deine Fragen nicht zerteilen! Du hast von der Herrlichkeit des Sohnes gehört; lästere ihn nicht durch deine Untersuchung! Du hast vom Geiste gehört, daß er der Hl. Geist sei; benenne ihn also mit dem Namen, mit dem man ihn bezeichnet! Du hast seinen Namen gehört, bekenne also diesen seinen Namen! Aber sein Wesen zu erforschen, dazu bist du nicht berechtigt. Du hast vom Vater, vom Sohn und vom Hl. Geiste gehört; so schließe also von den Namen auf das wirkliche Dasein der Personen! Die Namen sind nicht vereint, aber die drei sind wahrhaft eins. Bekennst du ihre Namen, nicht aber ihr persönliches Dasein, so bist du wohl dem Namen nach ein Anbeter, in der Wirklichkeit jedoch ein Leugner. Wo kein persönliches Dasein vorhanden ist, da haben wir nur einen leeren Namen. Was nicht wirklich ist, dessen Benennung ist eitel. Der Ausdruck Person belehrt uns, daß sie wahrhaft etwas ist. Daß sie etwas ist, wissen wir; wie sie aber ist, das begreifen wir nicht. Dadurch, daß du weißt, sie existiert, hast du noch nicht erfaßt, wie sie ist. Deshalb, weil du sie nicht begreifst, darfst du ihr Dasein nicht leugnen. Beides ist Lästerung, Skepsis und Grübelei.

Das Meer ist groß. Wenn du es ergründen willst, so wirst du von der Wucht seiner Wogen abgetrieben. Eine einzige Woge kann dich davontragen und an eine Klippe schleudern. Es genügt für dich, o Schwächling, daß du in einem Schiffe Handel treiben kannst. Der Glaube ist aber für dich besser als ein Schiff auf dem Meere. Das Schiff leiten zwar die Ruder, allein die Fluten können es versenken; dein Glaube aber versinkt nicht, wenn nicht dein Wille es will. Wie wünschenswert wäre es für den Seemann, wenn das Meer sich nach seinem Willen richten würde! Doch anders denkt der Seemann und anders macht es die Woge. Nur unser Herr schalt das Meer, so daß es schwieg und sich beruhigte. Er hat aber auch dir die Gewalt verliehen, gleich ihm ein Meer zu schelten und zum Schweigen zu bringen. Das Forschen ist ärger als das Meer und die Streitsucht stürmischer als die Wogen. Tobt in deinem Geiste die Grübelei, so schilt sie und glätte ihre Wogen! Wie der Sturm das Meer aufwühlt, so regt das Grübeln deinen Geist auf. Unser Herr schalt, da hörte der Wind auf, und das Schiff glitt ruhig dahin. Schilt das Grübeln und bezähme es, dann wird dein Glaube beruhigt sein.

Davon sollten dich schon die Geschöpfe überzeugen, deren Gebrauch du kennst. So bist du z. B. nicht imstande, die Quelle zu erklären, und doch unterlässest du es nicht, von ihr zu trinken. Dadurch aber, daß du von ihr getrunken hast, glaubst du noch nicht, sie begriffen zu haben. Auch für die Sonne bist du unzureichend, und doch entziehst du dich ihrem Lichte nicht. Deshalb aber, weil sie zu dir herabsteigt [durch ihre Lichtstrahlen], wagst du es doch nicht, zu ihrer Höhe emporzusteigen. Die Luft ist zu groß für dich, und doch erhält der Hauch von ihr dein Leben. Ihr Unterpfand [der Hauch] ist bei dir; aber wie groß ihr Maß ist, erkennst du nicht.

Du empfängst von den Geschöpfen nur eine geringe zweckdienliche Hilfeleistung und dennoch lässest du ruhig das Viele unbegriffen in ihren Schatzkammern liegen. Das Wenige verschmähst du nicht, aber nach dem Vielen trägst du kein Verlangen. Die Geschöpfe des Schöpfers belehren dich also über den Schöpfer, daß du dich um seine Hilfe bemühen, aber von der Grübelei über ihn dich fernhalten sollst. Empfange das Leben von der [göttlichen] Majestät, laß aber das Grübeln über die Majestät! Liebe die Güte des Vaters, forsche aber nicht über seine Wesenheit! Liebe und schätze die Milde des Sohnes, forsche aber nicht über seine Zeugung! Liebe das Schweben des Hl. Geistes, wage dich aber nicht an seine Ergründung! Den Vater, den Sohn und den Hl. Geist lernen wir aus ihren Namen kennen. Doch sinne nicht über ihre Persönlichkeit nach, sondern erwäge nur ihre Namen! Willst du das Wesen erforschen, dann bist du verloren; glaubst du aber an den Namen, so wirst du leben. Der Name des Vaters sei dir eine Schranke; überschreite sie nicht, um seine Natur zu ergründen! Der Name des Sohnes sei dir eine Mauer; gehe nicht darüber hinaus, seine Zeugung zu ergründen! Der Name des Hl. Geistes sei dir ein Zaun; laß dich nicht in eine Ergründung desselben ein! Diese Namen sollen dir also eine Schranke sein; durch die Namen halte die Untersuchungen zurück! Nachdem du die Namen und die Wirklichkeit gehört hast, wende dich den Geboten zu! Du hast vom Gesetz und von den Geboten gehört, wende dich nun den Sitten zu! Und wenn deine Sitten vollkommen sind, dann wende dich den Verheißungen zu! Laß nicht das Gebotene fahren, um dich mit Dingen abzumühen, die nicht vorgeschrieben sind! Du hast die Wahrheit durch offenbare Dinge erfahren, verirre dich nicht wegen verborgener Dinge! Offenbares sprach Simon aus, er gab die Wahrheit und empfing Seligsprechung Siehe, Simon sprach nur eines, verirre dich also nicht durch vieles!

Die Wahrheit ist in wenigen Worten niedergeschrieben, stelle also keine lange Untersuchung darüber an! Daß der Vater ist, weiß jedermann; wie er aber ist, das weiß niemand. Daß der Sohn ist, bekennen wir alle; allein sein Wesen und seine Güte begreifen wir nicht. Den Hl. Geist bekennt jeder; ihn zu ergründen, vermag niemand. Bekenne also, daß der Vater ist, bekenne aber nicht, daß er begreiflich ist! Glaube ferner, daß der Sohn ist; daß er aber erforschbar sei, glaube ja nicht! Daß der Hl. Geist ist, halte für wahr; daß er ergründet werden könne, halte aber nicht für wahr! Daß sie eins sind, glaube und halte für wahr; bezweifle aber auch nicht, daß es drei sind! Daß der Vater der erste ist, glaube; daß der Sohn der zweite ist, halte für wahr; zweifle auch nicht daran, daß der Hl. Geist der dritte ist! Nie gebeut der Erstgeborene dem Vater; denn dieser ist der Gebieter. Nie sendet der Hl. Geist den Sohn; denn dieser ist sein Sender. Der Sohn, der zur Rechten sitzt, maßt sich nicht die Stelle des Vaters an; ebensowenig maßt sich der Hl. Geist den Rang des Sohnes an, von dem er gesandt wird. Der Sohn freut sich über die Erhabenheit seines Erzeugers und der Hl. Geist über die Erhabenheit des Geliebten des Vaters. Nur Freude und Eintracht, Vereinigung samt Ordnung, herrschen dort. Der Vater kennt die Zeugung des Sohnes, und der Sohn kennt den Wink des Vaters. Der Vater winkt, der Sohn versteht es, der Hl. Geist führt es aus. Da gibt es keinen Zwiespalt, weil es da nur einen Willen gibt; da ist keine Verwirrung bei der Vereinigung, sondern die größte Ordnung. Meine ja nicht, daß Verwirrung herrsche, weil sie vereinigt sind, noch denke, daß eine Zerteilung vorliege, weil sie getrennt sind! Sie sind vereinigt, aber nicht verwirrt; getrennt, aber nicht zerteilt. Ihre Vereinigung ist keine Verwirrung und ihre Trennung ist keine Zerteilung. Die Art und Weise, wie sie getrennt und vereinigt sind, kennen nur sie allein Nimm deine Zuflucht zum Schweigen, Schwächling!

Dritte Rede

Die Lehre ist zwar älter als die Lehrer und die Lernenden, sie ist jedoch die Gespielin der Jugend, um bei allen alles zu sein: Lehrerin bei den Meistern und Lernende bei den Schülern. Sie lehrt und lernt also, da sie auf beiden Seiten tätig ist. Mit den Beredten erwirbt sie Ruhm, bei den Klugen zeigt sie ihre Weisheit. Sie weilt bei den Einfältigen und bei den Scharfsinnigen, in jedem Maße [je nach der Fähigkeit des Einzelnen] teilt sie sich allen Seelen mit. Jedem Dinge gibt sie sich als die Herrin aller Dinge hin. Sie paßt sich [verschiedenen] Maßen an, obschon sie über jene erhaben ist, die sie messen wollen. Die Lehrlinge können sie nicht ausmessen, da ihre Kräfte dazu nicht ausreichen; es gibt keine Meister, welche ihr Maß finden könnten, da sie ihre Quellen nicht zu erschöpfen vermögen.

Während aber die Lehre größer ist als die Lehrer und die Lernenden, so ist sie doch viel kleiner als ihr Schöpfer, weil sie unfähig ist, ihn zu erforschen. Kein Lernender vermag zu begreifen, wie groß die Macht des Schöpfers ist. Er kann nicht ermessen, was er erschuf, noch was er zu erschaffen imstande ist; denn diese Geschöpfe, die er schuf, und diese Werke, die er wirkte, machen nicht die ganze Macht des Schöpfers aus. Nicht deshalb, weil er es nicht könnte, will er nicht mehr erschaffen. Sein Wille ist unbeschränkt; wenn er wollte, könnte er tagtäglich erschaffen; allein dann entstünde ein Wirrwarr. Wenn die Geschöpfe immer mehr würden, dann würden sie wegen ihrer Unzahl einander gar nicht mehr kennen lernen können. Obwohl er ihnen allen gewachsen bliebe, so würden sie doch sich nicht gewachsen sein. Zu welchem Nutzen würde er sie dann erschaffen haben, wenn sie doch einander fremd bleiben müßten? Was auch immer der Schöpfer erschuf, es geschah nicht, um sich selbst größer zu machen; denn er war nicht kleiner, bevor er schuf, noch wurde er größer, nachdem er geschaffen hatte. Seine Werke wollte er groß machen; darum schuf er mit Maß. Wohl hätte er diese Schöpfung unendlich groß machen können; allein dann wären ihre Bewohner in Verwirrung geraten, und mit der Verwirrung wäre Schaden verbunden gewesen; denn man hätte weder auf die Gerechten gemerkt, noch auf die Propheten geachtet. Wäre die Schöpfung hundertmal größer, als sie wirklich ist, so wären die Prediger außerstande, der ganzen Schöpfung zu genügen. Gott stellte Jerusalem in die Mitte [der Welt], damit die ganze Schöpfung auf dasselbe merke. Als er daher die Israeliten aus Ägypten herausführte und als er sie später aus Babel heimführte, bemerkte ihren Wegzug und ihre Heimkehr die ganze Schöpfung. Wäre aber die Welt größer, als sie es in der Tat ist, so hätte sie es nicht in dieser Weise bemerken können. Nur der könnte sie dann erfassen, der nach allen Seiten hin größer ist als sie. Die Schöpfung hätte davon nicht den gleichen Nutzen wie jetzt. Denn wenn sie schon jetzt, wo sie doch [verhältnismäßig] klein ist, von irrigen Reden erschüttert wird, um wieviel mehr würde sie erschüttert werden, wenn sie noch größer wäre? Auch könnte die Sonne nicht von einem Ende zum andern eilen, da der Zwischenraum zu groß wäre, der Tag würde zum Jahre werden. Es würde ein großer Nachteil sein, wenn die Ordnung zerstört würde. Winter und Sommer würden zu lange dauern, Tag und Nacht endlos sein. Wann würde die Saat keimen und wann die Frucht reifen? Er könnte es allerdings so einrichten, aber für uns wäre es zu drückend. Also nicht gemäß seiner Macht schafft der Schöpfer alles und jedes, sondern nach der Maßgabe unseres Vorteils schafft und wirkt er alles.

Aus diesem unendlichen Schoße ging der unerforschliche Sohn hervor. Willst du ihn dennoch erforschen, so will ich dir Berater sein. Gehe hin und erforsche zuerst seinen Vater, erprobe deine Kraft an seinem Erzeuger, mit seiner Ergründung beginne und ende! Miß ihn nach Länge und Breite! Wenn du den Ewigen gemessen haben wirst, dann hast du auch den Sohn aus seinem Schoße gemessen. Bist du imstande, den Vater zu messen, so bist du es auch beim Eingeborenen. Aber du vermagst dies weder beim Ewigen noch bei seinem Sohne. Steige also, Schwächling, wieder aus dem Meere [der Forschung] empor! Komm, wir wollen uns dem verlassenen Gegenstande wieder zuwenden! Lassen wir doch nicht das Bekannte fahren, um uns mit dem abzumühen, was wir doch nicht erkennen [können]!

Der Schöpfer erschafft also nicht, soviel er kann. Er schafft nicht soviel, als er kann, sondern soviel, als es sich geziemt. Würde er nämlich in einem fort erschaffen und sein Wirken nicht beschränken, so wäre dies ein maßloses Gebaren, das der Klugheit entbehren würde. Er würde einem Brunnen gleichen, der immerfort ohne Beschränkung fließt. Der Schöpfer wäre eine Quelle, die durch ihre Natur gebunden ist und daher ihren Lauf nicht hemmen kann; denn er hätte keine Gewalt über seinen Willen. Wie er uns nur dadurch, daß er [seiner Schöpfermacht] freien Lauf läßt, seinen Willen offenbart, so kann er uns nur dadurch seine Macht zeigen, daß er sie zurückhält. Er beginnt [zu erschaffen], um Geschöpfe aufzustellen; er hört auf, um Ordnung herzustellen. Wenn er täglich Himmel und Erde und Geschöpfe erschaffen würde, so wäre sein Wirken eine Verwirrung ohne Ordnung, und er wäre im Wirken nicht groß, weil er an Weisheit klein wäre. Es muß ja auch der redende Mund nach einer gewissen Ordnung reden. Muß er denn nicht, obwohl er reden kann, auch wieder zu reden aufhören? Das Reden fällt aber dem Munde nicht so leicht wie das Schaffen dem Schöpfer. Die Schöpfungen sind für den Schöpfer viel leichter als die Worte für die Redenden; aber deshalb, weil er schaffen könnte, erschafft er doch nicht immerfort Neues. Er gibt den Menschen beim Reden Ordnung; um so mehr wird er Maß halten, obwohl er stündlich erschaffen könnte. Er hörte also zu schaffen auf, um zu ordnen, was er geschaffen.

Wer wäre wohl imstande, anzugeben, wieviel er hätte schaffen können? Viel ist, was er schuf; viel auch, was er zu schaffen unterließ. Was er erschaffen hat, ist unermeßlich, und was er ungeschaffen ließ, ist unerforschlich. Alles, was er durch seinen Wink hervorbringt, ist aus nichts. Es ist den Forschern gänzlich verborgen, mag es sichtbar oder unsichtbar sein. Du erkennst nicht, wieviel er gemacht hat, noch wieviel er machen kann. Nur der Eingeborene, der in seinem Schoße verborgen ist, kennt das Wie und das Wieviel. Denn der Sohn, der verborgen und offenbar ist, kennt das Verborgene und das Offenbare. Wie könnte aber ein Lehrling zu den Quellen gelangen, die für ihn unzugänglich sind? Den Schwachen und Ohnmächtigen [im Begreifen] könnte [vielleicht] die [Rechnungs-] Lehre hierzu  behilflich sein, sie lehrt ja beim Multiplizieren schnelle Sprünge machen. Sie vermehrt 10 mit 10 und springt so auf die Zahl 100; sie vermehrt 100 mit 10 und gelangt zur Zahl 1000; sie springt von einem Tausend zum andern und von einer Myriade zur andern. Daraus kannst du schließen, daß sie auch im übrigen ebenso flink ist.

Die Wissenschaft ist die verborgene Brücke der Seele, auf der sie zu den verborgenen Dingen hinübergeht. Sie ist der Schlüssel der Armut, womit diese sich Schatzkammern aufschließt. Sie ist die Ehre des Alters, welches durch sie der Jugend Einsicht mitteilt. Sie ist die Schutzmauer der Jungfräulichkeit, von der sie die Räuber abhält. Sie unterwarf das Meer den Seefahrern und das Land den Bauern; sie legte den Schiffen Zügel an und machte sie über das Meer eilen. Wagen auf dem Meere entstanden ihr, und Schiffe bereitete sie sich auf dem Lande. Sie nimmt sich der Schwachheit an und macht sie kräftig; sie naht sich der Ausgelassenheit und macht sie besonnen. Sie naht sich der Unwissenheit und lehrt sie eine Menge von Kenntnissen; sie naht sich der Stummheit und bringt sie zur Beredtheit. Streng tritt sie mit dem Richter auf, demütig mit dem Schuldigen. Jenen lehrt sie, wie er zu strafen; diesen, wie er zu flehen hat. Sie forscht mit den Forschenden und untersucht mit den Unterrichteten; sie sucht auf der einen Seite und findet auf der andern Seite. Beides ist in ihr verbunden, weil sie zu beidem Dienste leistet. Ohne mit Gewalt zu zwingen, herrscht sie doch über alles. Sie lehrt den Künstler, aus etwas etwas zu machen, damit er Gott kennen lerne, der alles aus nichts macht. So belehrt sie den Geschaffenen, daß sein Schöpfer größer ist als er; denn der Geschaffene schafft aus etwas, der Schöpfer aus nichts.

Meine Brüder! Erwecken wir doch unsere Schläfrigkeit, damit die Wächter [Engel] sich über unser Erwachen freuen! Wappnen wir uns mit dem Glauben und töten wir das Böse, das uns den Tod gebracht hat! Der Gestank unserer Verwesung schlägt uns ins Gesicht, weil unser Geruch nicht in Christus gut ist. Der wache Krieg unserer Streitigkeiten schläfert die Wächter durch seine Kämpfe ein. Weil die Priester sich auf die Disputation werfen, stürzen sich die Könige in den Kampf. Der äußere Krieg läßt nicht nach, solange der innere Krieg wütet. Der Hirte) kämpft mit seinem Genossen, der Priester mit seinem Amtsbruder. Bei dem Streite der Hirten gehen Herde und Weide zugrunde. Während die Hirten uns ganz besonders fein weiden wollten, haben sie unsere gute Weide zertreten, die uns in schlichter Weise erhalten hatte. Während wir nach unserer Bereicherung strebten, raubte man uns all unser Gut. Man hat die Lampe der Wahrheit verborgen, um diese in der Finsternis zu suchen. Die Wahrheit erschallt laut in der Welt, aber man sucht sie in Schluchten. Die Kinder des Lichts stören die im Finstern lagernde Grübelei auf und suchen die offen zutage liegende Wahrheit, als wäre sie verloren gegangen. Sie suchen einen hohen Berg in engen Schluchten; er überragt die ganze Schöpfung, und sie suchen ihn wie schwachen Schimmer. Sie mühen sich ab, die Wahrheit zu erforschen, die doch ausgedehnter als alles ist. Sie wollen sie nicht sehen; statt dieser suchen sie etwas anderes. Sie mühen sich ab, die Wahrheit zu vernichten, welche doch sie gefunden hat, Der Forscher kann allerdings zugrunde gehen, nicht aber die Wahrheit Der Blinde sieht vom Lichte nichts, obwohl es sich bei ihm befindet. Der Taube vernimmt von der Stimme nichts, wenn sie auch neben ihm ertönt. Der Tor ist ferne von der Wissenschaft, wenn auch vor ihm die Bücher aufgeschlagen sind. Mögen gleich alle Kenntnisse naheliegen, die Toren sind doch davon entfernt. Götzenpriester erkannten die Wahrheit, aber christliche Priester suchen sie immer noch. Sogar Magier erkannten, daß ihre Kräfte durch die Kraft der Wahrheit gebrochen wurden. Selbst Sterndeuter erkannten, daß ihre Bücher durch das Buch der Wahrheit abgetan sind. Ebenso erkannten Wahrsager, daß die Wahrheit ihre Schwindeleien zunichte gemacht hat. Teufel erkannten, daß durch die Gesänge der Wahrheit unreine Geister ausgetrieben wurden. Heiden erkannten, daß durch den wahren Gott die Götzen vernichtet wurden.

Die Wahrheit ruft laut in der ganzen Welt, die Grübler aber suchen sie, wo sie sich etwa befinde. Sogar Feinde des Sohnes erkannten sie, aber Verkünder von ihr suchen sie noch. Das jüdische Volk verleugnete ihn [den Sohn = Christus] zwar, wußte aber doch, wer es ausrottete. Wenn sie es auch nicht eingestanden, so erkannten sie doch, woher dies über sie kam. Die Kirche, Christi Braut, belehrt sie, daß ihretwegen Jerusalem verlassen wurde. Das Priestertum, das er gab, zeigt ihnen, daß ihr Priestertum durch ihn aufgelöst ist. Die Propheten, die er uns gab, verkünden laut, daß durch ihn alles in Erfüllung gegangen sei.

Der Satan legte in seinem Neide den Grüblern Streitfragen vor, damit durch die von ihm eingeführten Kontroversen verkehrte Lehren ausgesprochen würden. Nach außen erschienen sie als tugendhaft, während ihr Inneres ganz verdorben ist. Die Einfältigen finden den Sohn, die Gelehrten suchen ihn. Ferne kamen und wurden Jünger; Fremde kamen und wurden Hausgenossen; Auswärtige staunten, daß die Einheimischen noch suchen. Was jetzt am Ende [nach der Einführung des Christentums] vorgeht, gleicht dem, was am Anfang geschah. Die Magier gewahrten in der Ferne den König der in Bethlehem geboren war. Die harmlosen Magier dachten, die Schriftgelehrten und die Hebräer würden den dort geborenen Königssohn auf ihren Händen im Triumphe umhertragen; die Fernen kamen und fanden, daß die Nahen ihn nicht kannten. Der König befand sich unter ihnen, und sie plagten sich mit Nachfragen. Der König war schon tatsächlich geboren, sie aber grübelten noch darüber nach, ob er geboren sei. Die Fremden wunderten sich, daß sie noch in der Schrift über seine Geburt nachforschten. Das Unterpfand [seiner Geburt] war bei den Auswärtigen, die Nachforschung aber bei den Einheimischen. Sein Bote [der Stern] war vor den Fremden, die Unsicherheit über ihn bei den Hausgenossen. Die Magier ließen sich jedoch nicht irre machen durch die, welche ihn suchten; sondern verließen sie und gingen mit ihren Geschenken geraden Weges zu dem Erstgeborenen. Die offenbare Wahrheit war bei den Magiern, das Fragen bei den Pharisäern.

Auch ihr, Lehrlinge, laßt euch nicht dadurch verwirren, daß eure Lehrer die Wahrheit erst suchen! Wie die Magier jenen, über den sie nachfragten, in Bethlehem fanden, so wird er auch von dem, der ihn redlich sucht, in der hl. Kirche gefunden. Ahme den Magiern nach und bringe reinen Lebenswandel als Geschenk dar! Bete den Sohn mit gesundem Glauben an, so wie du ihn gefunden hast und wie er sich dir geoffenbart hat! Gleichwie nämlich die Magier beim Aufleuchten des von ihm gesandten Sternes sich zu ihm aufmachten, so findet ihn der Suchende auch in der Offenbarung, welche Simon ausgesprochen hat. Es möge dich doch die gegenwärtige Zeit, die der früheren gleicht, nicht ängstigen! Die Ankunft des Sohnes, als er zum erstenmale erschien, ist jener ähnlich, wo er wieder erscheinen wird. Denn wie bei der damaligen Ankunft die Fragen der Gelehrten verwirrt waren, ebenso sind sie es jetzt vor seiner Wiederkunft. Auf einem Füllen reitend zog er ein; vor ihm her riefen Heiden. Die einheimischen Beschnittenen hörten den Ruf und begannen, von den Völkern zu lernen; denn sie fingen an zu fragen, wer denn derjenige sei, der da komme. Da es den Hausgenossen entgangen war, lernten sie es von den Auswärtigen. Sie erkundigten sich bei diesen, um von den Außenstehenden ihre eigenen Angelegenheiten zu erfahren. Die heidnischen Völker, die zu den Festen der Blinden gekommen waren, unterrichteten die Hebräer und erzählten ihnen von ihren eigenen Dingen. Die Unbeschnittenen riefen den Beschnittenen zu: Dieser ist Jesus von Nazareth! Die Hebräer fingen an, von den Heiden die Erklärung dieses Namens, der in den Schriften der Blinden aufgezeichnet war, zu lernen. Sie lernten von Fremden das Studium ihrer eigenen Bücher, und Weitentfernte belehrten sie über die Auslegung ihrer eigenen Schriften. Laß dich also nicht verwirren, Zuhörer, wenn ein Gelehrter verkehrte Lehren vorträgt! Erliege nicht, Lehrling, wenn ein Forscher sich verirrt! Wenn dein Lehrer abirrt, so gehe hin und lerne aus den hl. Schriften, daß Kluge nicht strauchelten, wo Forscher abirrten, und daß Hörer nicht sich beirren ließen, wo Lehrer fehlgingen! Nicht Menschenwort trägt die Predigt des Evangeliums – das Menschenwort ist vergänglich, und alles fällt, was daran hängt -, sondern vom Worte Gottes hängt die Predigt der Wahrheit ab. Von diesem Worte, das alles trägt, hängt deine Belehrung, o Lehrling, ab. Wer den Weg verwirrt, gerät selbst dadurch in Verwirrung. Denn er weiß nicht, wie er gehen soll; der Weg ist vor ihm verloren gegangen. Für Kluge aber ist der Weg mit Meilensteinen und Herbergen besät.

Wenn das ganze Volk sich bekehrt und in Sack und Asche gefleht hätte, dann hätte der Allerhöchste die Verkehrtheit der Oberhäupter nicht hingehen lassen. Allein der Priester war wie das Volk, und das Volk machte es den Priestern nach. Beide Parteien verdienen es, voneinander gequält zu werden. Der nachlässige Lehrer hat unruhige Schüler; sie werden von ihm verdorben, und er wird dafür von ihnen belästigt. Ein ausgezeichnetes Oberhaupt hat dagegen Untergebene, die ihm erquickende Ruhe gewähren. Sie werden von ihm behütet, und er wird hinwiederum von ihnen erfreut. Unsere Vorsteher haben uns vernachlässigt und wir sie. Unsere Leiden kümmern sie nicht, und wir sind gegen die ihrigen gleichgültig. An demselben Körper sind Spaltungen, weil Haupt und Glieder uneins sind. Die Tiere auf den Bergen sind einig, in der Kirche aber sind die Seelen uneinig. Wer fühlt wohl über dieses gemeinsame Leiden Schmerz? Nachdem wir den Weg vollendet haben, kehren wir um, seinen Anfang zu suchen. Wir sind am Ende des Weges angelangt und haben noch nicht begriffen, welches sein Anfang ist. Unsere Reise ist am Ende, und wir suchen noch ihren Anfang. Nachdem wir unter Meistern alt geworden, kommen wir dahin, wieder Schüler zu werden. Nachdem wir das Buch zu Ende gelesen haben, fangen wir an, lesen zu lernen.

Knaben, die gestern noch in die Schule gingen, blühen plötzlich auf wie die Staude des Jonas. Siehe, schon bilden sie eine neue Glaubensnorm an Stelle jener, welche die Heiligen gebildet haben; sie ist aber voll des Stoffes zu Streitigkeiten, eine Quelle von Zwisten und Kriegen, selbst Bescheidene berauschend und in Raserei versetzend, so daß sie mit jedem Worte Unsinn reden. Sie macht den Mund zum Strome und das Gehör zur Furt. Stille und Schweigsame sehen sie und werden zänkisch und streitsüchtig. Freunde und Kameraden sehen sie und zücken die Zungen gegeneinander. Die sich sonst zärtlich liebten, sehen sie und hassen sich. Einträchtige und Gleichgesinnte sehen sie und verursachen Schismen und Spaltungen. Seit langer Zeit Vertraute sehen sie und zerreißen das Band langjähriger Liebe. Ehrwürdigkeit sieht sie und wird dadurch zur Ausgelassenheit. Verständigkeit sieht sie, und das Salz der Wahrheit wird schal. Die Demut sieht sie und bekommt Hörner zum Stoßen. Der Knabe, der am Anfang des Lebens steht, sieht sie und schmäht den sechzigjährigen Greis; der siebzigjährige Greis sieht sie und lästert siebenmal siebzigmal ärger. Hirten sehen sie und werden dadurch zu Tyrannen. Schweigsame Lämmer sehen sie und werden durch Grübeln zu Panthern. Tauben sehen sie und werden zu giftigen Nattern.

Der Eingeborene hat zwei Seiten, eine verborgene und eine sichtbare. Die sichtbare läßt sich nichtverbergen und die unsichtbare läßt sich nicht erforschen. Der allerschlaueste Satan zieht uns von der sichtbaren Seite ab und umstrickt uns mit der verborgenen, damit wir ja nicht das Leben durch die sichtbare erlangen. Schauet den Vater, seinen Erzeuger, an! Auch er hat zwei Seiten. Daß er ist, begreift jedermann; aber sein verborgenes Wesen ist unerforschlich. Seine sichtbare Seite ist so offenbar, daß auch Toren erkennen, daß er ist; aber seine verborgene Seite ist so verborgen, dass selbst die Engel nicht begreifen, wie sie ist. Ja, nicht bloß diese Majestät [Gottes] ist unbegreiflich, sondern auch alle Geschöpfe haben zwei Seiten, eine sichtbare und eine verborgene. Man kann zwar die einzelnen Wesen erkennen, aber ganz erfaßt man sie nicht. Wenn also selbst die Geschöpfe dieses Zweifache an sich haben, daß sie verborgen und doch wieder sichtbar, erkennbar und doch wieder nicht erkennbar sind, um wieviel mehr muß dies dann beim Schöpfer und beim Sohne des Erschaffers der Fall sein, daß sich beides vorfindet: eine sichtbare und eine verborgene Seite? Es gibt daher ein Wissen von seiner Sichtbarkeit und ein Nichtwissen von seiner Verborgenheit. So sicher man weiß, daß er ist, so wenig weiß man, wie er ist. Zur Erkenntnis seiner Sichtbarkeit gibt es einen Weg; Verwirrung aber ist es, seine Verborgenheit ergründen zu wollen.

Frägst du, ob der Sohn existiert, so erfährst du dies im Augenblicke; frägst du aber, wie er ist, so bleibt die Frage offen, bis er kommt. Auch wenn du ihn sehen würdest, könntest du doch nicht wissen, wie er ist. Wenn du dann darüber forschen würdest, so würdest du gar nicht mehr sehen, was du früher gesehen hast. Und wenn du die geschaute Herrlichkeit untersuchen würdest, so würdest du nicht mehr wissen, daß du sie geschaut hast. Und wenn du dieses im Himmelreiche untersuchen wolltest, so bestünde dort deine Qual darin, daß du dich mit dem Forschen über Christus quälst, während die andern alle sich an Christus erfreuen. Eher wäre Hoffnung, aus der Hölle herauszukommen, als daß dort deine Pein aufhören würde, wenn du das Forschen nicht aufgeben würdest. Übrigens, wenn du in dieser Weise grübelst, so nimmt dich das Reich dort gar nicht auf, damit du nicht durch deinen Eintritt Zwietracht in den Ort der Eintracht hineinbringst. Das Himmelreich verschafft der hl. Kirche Sühne; denn die Aufwiegler, welche sie hier beunruhigen, kommen nicht in jenes Reich hinein. Die da Streitigkeiten verursachen, finden nicht Eingang in den Garten des Friedens. Die wahre Kirche diesseits ist ein Abbild des Reiches jenseits. Gleichwie nämlich im Himmelreiche Eintracht herrscht, so muß auch in der hl. Kirche Einigkeit sein. Wenn es dort keine Grübler gibt, warum sollen dann hier Forscher sein? Wenn dort Ruhe und Friede walten, warum soll dann hier Streit sein? Den Einen Sohn sieht man dort und durch ihn seinen Einen Erzeuger. Niemand forscht und grübelt dort, jeder betet an und lobpreist. Wenn dieses den Engeln genügt, warum sollte es nicht auch den Gefallenen genügen? Wenn Geist und Feuer schweigen, soll sich dann Staub und Asche lächerlich machen? Der Himmel und seine Bewohner benehmen sich ehrfurchtsvoll, die Erde und ihre Bewohner dagegen wahnwitzig.

Gebenedeit sei derjenige, der wegen dieser Verkommenheit Drangsale herbeiführte. Er hat offenkundige Räuber herbeigeführt, weil uns Nachbarn im tiefsten Frieden beraubt haben. Er hat den Weg der Irrgläubigen begünstigt, weil die Gelehrten ihn verkehrt haben. Die Irrgläubigen verwüsteten das Heiligtum, weil wir die Lüge mit der Wahrheit verbanden. Weil die Priester einander stießen, darum erhoben die Irrgläubigen das Horn. Welche Rolle wäre für uns groß genug, um darauf die Streitigkeiten zu schreiben? Weil die Brüder sich gegenseitig verfolgten, darum verfolgt nun einer viele Weil wir uns von unserem Helfer abgewendet haben, machte er uns zum Gegenstande des Schimpfes für unsere Nachbarn. Da seine Worte uns gleichsam zum Gespötte geworden sind, so sind auch wir zum Gespötte und zum Gerede geworden. Betrachten wir die Künste und nehmen wir von ihnen ein Beispiel! Wer ausgezeichnet arbeitet, dessen Kunst wird gerühmt; wer aber seine Kunst stümperhaft und schmählich betreibt, der wird auch von allen geschmäht. Der Schöpfer hat also den Künsten die Gerechtigkeit beigesellt, damit auf die Künstler die Unbilden zurückfallen, die sie den Künsten antun. Um so mehr wird bei dem, der der Gerechte ist, das Gebührende besorgt werden. Weil wir unseren Weg verachtet und großer Beschimpfung preisgegeben haben, so hat uns der Herr unsern Nachbarn zum Schimpfe gemacht, so daß wir von ihnen Verhöhnung davontragen. Seht, die Irrgläubigen fragen uns: „Wo ist denn da die Kraft der Wahrheit?“ Also an uns wird jetzt die Kraft geschmäht, die alle Kräfte überwindet! Weil unser freier Wille seine Kraft verbarg und die Wahrheit nicht siegreich verteidigte, so verbarg auch die Wahrheit ihre Kraft, damit die Irrgläubigen uns verhöhnen.

Grausame Rächer haben sich erhoben, freche Räuber sind eingedrungen. Weil wir durch Grübelei entzweit sind, haben sie sich zum Kriege vereinigt. Weil wir durch Forschen entzweit sind, verbinden sie sich zur Plünderung. Weil wir dem Sohne nicht gehorchen, gehorchen sie ihrem Oberhaupte, Weil wir das Gebot verachten, ist dort das Gebot stramm. Weil hier die Anordnungen [mit Füßen] getreten werden, werden sie dort genau beobachtet. Dort erwachen die Gesetze, die bei uns gestorben sind, zu neuem Leben. Weil wir unter uns uneins sind, folgen dort alle Einem. Niemand forscht über den König nach und fragt, wie und wo er sei; wir aber grübeln zum Zeitvertreib über den Sohn des Herrn des Alls nach. Schon durch den Wink jenes Sterblichen werden seine Heerscharen erschreckt; in der Kirche werden die hl. Schriften mit Füßen getreten, und man erzählt sich dafür seine eigenen Phantasien. Was wir hier ausgeliehen haben, das wird uns von dort heimgezahlt Die Habgier  ist anderswo erloschen, hier dagegen ist ihre Glut entbrannt. Die Diebereien, die dort nachgelassen haben, stehen hier in [voller] Kraft. Während man dort der Blutsaugerei zu Leibe geht, findet sie bei uns freudiges Entgegenkommen. Während dort die Betrügerei abflaute, haben wir hier ihre Stärke verdoppelt. Und wenn wir auf die Wahrheit zu sprechen kommen, wer steht bei uns in der Wahrheit fest?

Siehe, auch sie [die Wahrheit] ist gegen uns: denn gerade durch die Irrgläubigen richtet Er uns. Dort wird die Sonne verehrt, aber niemand grübelt über sie, die doch nur ein Geschöpf ist; hier aber verachten wir den Schöpfer, indem jedermann den Anzubetenden untersucht. Statt des Feuers, das man dort anbetet, erforscht man hier dessen Herrn. Dort wird das Wasser verehrt, wir aber schätzen unsere Taufe gering. Jene verehren in ihrem Irrtum Geschöpfe statt des Schöpfers; wir aber, die wir doch die Wahrheit kennen, ziehen ihm den Mammon vor. Wir sind noch darauf sehr stolz und irren gegen besseres Wissen. Weil wir unserem Denken keine Schranke ziehen, stürzen die Feinde die Mauern unserer Stadt um, und weil wir unserem Sinnen keine Ruhe gönnen, verwüsten Auswärtige unsere Fluren. Weil unser Herz ganz an der Erde hängt, begraben sie uns unter Erdhaufen. Weil wir nicht nach der Liebe dürsten, werden wir durch Durst gestraft. Weil wir des Erwerbs wegen umherschweifen, irren unsere Gefangenen  im Gebirge umher. Weil wir Spreu statt Weizen geworden sind, worfelt uns der Ostwind. Weil wir nach allen Seiten hin ausschwärmen, werden wir nach allen Seiten hin zerstreut. Weil wir nicht zu dem einen Zufluchtsorte eilen, werden wir von einem Orte zum andern gejagt. Weil wir mitten im Frieden tot waren, darum entschlafen wir auf den Straßen. Weil wir die Armen nicht speisen, sättigen sich die Vögel an unseren Leichnamen. Unsere Hirten, die sich so sehr brüsteten, werden nach dem Lande der Magier geschleppt. Unreine stecken unsere Kirchen in Brand, weil wir darin nicht richtig beten; den Altar zertrümmern sie, weil wir ihm nicht gewissenhaft dienen. Die hl. Schriften zerreißen sie, weil wir deren Vorschritten nicht beobachten.

Doch er, den wir verließen, verläßt uns nicht; er will uns nur züchtigen und dadurch wieder gewinnen. Es erhob sich eine einige Macht und drang auf unsere entzweite Einigung ein. Scharfe Gewalthaber standen auf, räuberische Richter drangen ein. Von der Ferne rückte ein Krieg an, weil mitten unter uns ein großer Krieg war. Bevor die Bogenschützen kamen, waren versteckte Bogenschützen bei uns. Bevor die gezückten Schwerter kamen, waren gezückte Zungen unter uns. Durch den Haß, den in unserer Mitte gespannten Bogen, schleudern wir gespitzte Pfeile. Niemand ist da, der nicht auf den andern schießt; wir schießen alle aufeinander. Der Gerechte führt Übel herbei, um dadurch unseren Übeln ein Ende zu machen. Er führt Bogen herbei, um dadurch den Bogen des Neides zur Ruhe zu bringen. Er schleudert auf uns sichtbare Pfeile, um den verborgenen Pfeilen ein Ende zu machen. Er führt geharnischte Feinde herbei, damit wir unsere Schlechtigkeiten ablegen und infolge des Panzers der Auswärtigen den Panzer der Wahrheit anlegen. Wenn er gezückte Schwerter über uns kommen läßt, so sollen die gezückten Zungen zur Ruhe kommen. Wenn er den Bogen des Assyrers herbeiführt, so soll die Begierde nicht mehr ihre Pfeile abschießen. Durch das Schwirren der Bogensehne draußen soll der Spott drinnen zur Ruhe kommen. Infolge der Furchtbarkeit und Wucht der Elefanten sollen wir uns nicht mehr über Niedrige stolz erheben. Bemühen wir uns doch, Buße und Selbstverleugnung unter uns zu säen, denn von allen Seiten sind innen und außen Kämpfe über uns hereingebrochen.

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