Das Leben der heiligen Melania

Von Melania (439)

Einleitung des Verfassers

Gelobt sei Gott, der Dich bewogen hat, ehrwürdiger und heiliger Priester, mich Armseligen anzutreiben zur Darstellung des Lebens unserer heiligen Mutter, der Römerin Melania, die jetzo bei den Engeln wohnt! Ich war ja lange Zeit mit ihr zusammen und weiss auch einigen Bescheid, wie sie, einem Senatorengeschlecht entsprossen, alle Pracht und allen Prunk der Welt mit Füssen trat und ihren engelgleichen Wandel anfing. Aber im klaren Bewusstsein, dass ich nur ein Stümper, schien ich mir selber nicht geschaffen, so herrliche Kämpfe zu schildern, glaubte vielmehr besser zu tun, wenn ich nein sagte; denn es dünkte mir passender, durch mein Stillschweigen Gottes edle Magd zu preisen, als durch mein mattes Geschwätz ihr leuchtendes Tugendleben zu misshandeln. Doch weil Du das Versprechen gabest, heiliger Priester, durch Dein frommes Gebet mir beizustehen, will ich im Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes zu erzählen mich anschicken, wie man sich auf das endlose Meer hinauswagt, und den Blick hinlenken auf den himmlischen Lohn, der dem Gehorsam verheissen ist. Und es ist in der Tat nicht zu verwundern, dass ich unerfahrener Mensch mit ungelenker Zunge nur zögernd diese Arbeit unternehme; scheint mir doch, es wären nicht einmal die gelehrtesten Männer einem Auftrag von solcher Grösse gewachsen. Denn wer soll imstande sein, das männlich starke Tugendleben dieser Heiligen anschaulich zu schildern? Ich meine den vollen Verzicht auf alle Güter dieser Welt; den flammenden Eifer um den wahren Glauben und dies Wohltun ohnegleichen; die strengen Nachtwachen und das regelmässige Schlafen auf blossem Boden; die unerbittliche Härte, wenn es irgendwie der Abtötung der Seele und des Leibes galt; ihre Sanftmut und ihre Keuschheit, die mit den körperlosen Kräften im Wettstreite zu liegen schien; die Dürftigkeit der Kleidung und den hohen Grad der Demut, der Mutter alles Guten. Denn jede von ihren Tugenden bietet unerschöpflichen Stoff und über jede könnte man ein ganzes Buch schreiben, was meine Kraft um vieles übersteigt. Weil ich also der Riesenaufgabe nicht gewachsen bin, will ich es machen wie die Fischer, die ja genau so wissen, dass sie nicht alle Fische fangen können, aber trotzdem das Geschäft nicht aufgeben, sondern männiglich soviel fangen, als ihnen just gelingt oder auch wie jene Leute, die auf eine Wiese gehen, wo Blumen jeder Art blühen und duften; auch diese können nicht die ganze Wiese pflücken, gehen aber doch nicht heim, bevor sie genug zusammenlasen. Deren Beispiel nachahmend und fest vertrauend auf das Gebet Deiner Heiligkeit will ich hinausgehen auf die geistige Wiese der Werke unserer seligen Mutter Melania und pflücken, was mir möglich ist, und es denen, die gerne zuhören, darbieten zur Belebung ihres Tugendeifers und zu reichstem Nutzen für jene, die gesonnen sind, dem Heiland aller, ihrem Gotte, die Seelen zu weihen. Womit soll ich aber den Anfang machen, die Kämpfe der Heiligen zu berichten? Wie soll ich jene loben, deren Lob im Himmel erschallt? Ich bin ja, wie gesagt, ohne Wissenschaft, und schwerfällig ist meine Zunge. Was soll ich jener anbieten, die so treubeflissen war um Sicherstellung meines Heiles? Ich kann nur ihre heiligen hilfreichen Fürbitten herabrufen auf mich, denn diese haben schon, da sie noch lebte, mein Heil gefördert. Diese will ich anrufen auch nach ihrem Entschlafen, damit ich, eingedenk ihrer heiligen Aufträge, jede Saumseligkeit, Vergesslichkeit und Schläfrigkeit, allen Wankelmut und alle Glaubensschwäche abschüttelnd, imstande sei, doch teilweise die grossen und herrlichen Tugendwerke darzustellen, die sie gemäss der Mahnung des Evangeliums zu verbergen strebte. Doch weil es ein Wort des Herrn gibt, das da lautet: „Was man euch in das Ohr geflüstert hat, wird von den Dächern ausgerufen werden“, deshalb können die Tugenden der Heiligen nicht verborgen bleiben; denn sie mögen sich alle Mühe geben, im Verborgenen all‘ ihre guten Werke zu vollbringen, dennoch offenbart Gott, der auf Heil und Erbauung aller bedacht ist, ihr herrliches Tugendleben nicht allein zum Nutzen jener, die davon hören, sondern auch zum Ruhme jener, die um seinetwillen kämpften bis zum Tode. So will ich denn einiges aufzeichnen von dem vielen, das ich selber sah mit eignen Augen und was ich aus fremdem Munde zuverlässig erfuhr; doch dem übrigen nachzuforschen muss ich Deinem eignen Eifer überlassen, wie geschrieben steht: „Gib dem Weisen Gelegenheit, so wird er noch weiser werden“.

Die selige Melania war das einzige Kind einer römischen Senatorenfamilie. Von zartester Jugend auf trug sie Verlangen nach Christo, war von göttlicher Liebe verwundet und von dem innigen Wunsche beseelt, die Reinheit des Leibes zu bewahren. Weil aber die Eltern hoch in Ehren standen im römischen Senat und von ihr die Fortpflanzung des Stammes erhofften, zwangen sie die Tochter gewaltsam zur Ehe mit ihrem seligen Gatten Pinian, der aus konsularischem Geschlechte war. Sie zählte damals dreizehn Jahre, während ihr Lebensgefährte bei siebzehn war. Nach der Hochzeit bat sie, voll tiefen Abscheus gegen die Welt, den Gatten unter vielen Tränen: „Mein Herr, ich will dich als Gebieter anerkennen über mein Leben, wenn du mit mir die Keuschheit bewahrest; dünkt es dir aber zu schwer um deiner Jugend willen, so nimm mein ganzes Vermögen und schalte damit als Eigentümer nach deinem Belieben! Nur lass mich unberührt, auf dass ich imstande sei, Christo den Leib und die Seele makellos entgegenzubringen an jenen schrecklichen Tage! Denn nur so vermag ich meine Sehnsucht nach Gott zu stillen.“ Doch ging er anfangs weder auf ihren Vorschlag ein noch gab er sich Mühe sie ganz davon abzubringen; er sagte nur: „Haben wir einmal durch Gottes Gnade zwei Kinder als Erben unseres Eigentumes, dann wollen wir beide der Welt entsagen.“ Und es ward ihnen nach dem Willen des Allerhöchsten ein Töchterlein geschenkt; das weihten sie Gott sogleich als Jungfrau.

Aber die göttliche Flamme brannte noch heller in ihrem Herzen. Sandten die Eltern sie der Sitte gemäss in das Bad, so ging sie gehorsam, wenn auch wider den eigenen Willen, aber sie wusch nur das Angesicht mit warmen Wasser, trocknete sich mit den Tüchern ab und beschenkte das Gefolge, damit man nicht weitersage, was sie getan. So hatte die Selige stets die Gottesfurcht vor Augen.

Oft bat sie den jungen Gatten, enthaltsam mit ihr zu leben; sein Geist aber fand noch Gefallen am Glanze der Welt und er hörte nicht darauf und sagte stets, er wünsche noch ein Kind.

Die Heilige wollte nun entfliehen und all ihren Reichtum verlassen. Sie teilte diesen Plan den Heiligen mit, doch diese mahnten, sie solle noch kurze Zeit ausharren, damit sie durch Geduld das Apostelwort erfülle. „Wie kannst du wissen, Weib, ob du den Mann (nicht) retten wirst?“ Sie begann jetzt unter den Seidengewändern ein Kleid von rauher Wolle zu tragen; doch ihre Tante merkte das und warnte sie, voreilig solches zu tun. Es schmerzte die Selige sehr, dass ihre Tat nicht verborgen blieb, und sie beschwor die Tante, die Sache den Eltern nicht zu verraten.

Da sie dank den Gebeten der Heiligen das zweite Kind gebären sollte, stand der Gedächtnistag des heiligen Laurentius bevor. Sie gönnte sich aber keine Ruhe, sondern durchwachte betend und die Knie beugend die Nacht in ihrem Oratorium und ging am frühen Morgen mit der Mutter in die Basilika des Märtyrers. Dort bat sie Gott unter vielen Tränen, er möge sie der Welt entsagen und den Rest ihres Lebens in Einsamkeit verbringen lassen. Danach verlangte sie nämlich von Anbeginn. Als sie vom Heiligtum des Märtyrers heimkam, gebar sie mit furchtbaren Wehen ein unreifes Kind; ein Knäblein war es, das gleich nach der Taufe hinging zum Herrn.

Als nun ihr seliger Gatte sah, welch entsetzliche Schmerzen sie litt und wie sie mit dem Tode rang, befiel ihn Angst ohne Massen, auf dass er fast gestorben wäre. Da lief er eilig zum Altar und schrie weinend zum Herrn um ihr Leben. Als er noch neben dem Altare sass, liess ihm die Heilige sagen. „Willst du, dass ich am Leben bleibe, so mache vor Gottes Antlitz das Gelübde, dass wir beide künftig in Keuschheit leben; dann sollst du Christi Kraft erkennen.“ Weil er in Furcht war, sie nicht mehr lebendig zu treffen, versprach er es gern. Sie aber fühlte sich besser teils durch die Gnade von oben, teils durch den Jubel über die Zusage des Gatten. Als sie dann endlich genas, trug sie kein Seidengewand mehr, angeblich aus Trauer um das entschlafene Knäblein. Um dieselbe Zeit starb auch ihr Töchterlein in kindlicher Unschuld. Nun begannen beide sofort ihr Versprechen, das sie Gott gegeben hatten, zu halten; doch wurde das von den Eltern nicht erlaubt. Sie fielen darob in solche Traurigkeit, dass sie nichts mehr essen wollten, bis sie die Zustimmung erlangten. Dann hegten sie den Wunsch, aus dem Elternhause wegziehen zu dürfen, um ohne Hindernis dem eitlen Glanze der Welt den Rücken zu kehren und ihren Wandel dem der Engel des Himmels gleichförmig zu gestalten. Doch widersetzten sich die Eltern den Wunsche der Kinder, denn sie scheuten den Vorwurf der Leute. Die beiden aber empfanden es schwer, dass sie durch den Zwang der Eltern abgehalten waren, das Joch Christi zu nehmen; deshalb beschlossen sie, miteinander aus der Stadt zu fliehen. Während sie diesen Plan erwogen – die Selige hat es uns erzählt zur Erbauung – umströmte sie, da der Abend dämmerte, plötzlich ein himmlischer Wohlgeruch und verwandelte die tiefe Traurigkeit in unaussprechliche Freude, so dass sie Gott dankten und neuen Mut fassten gegen die Nachstellungen des Feindes.

Nach einiger Zeit warf eine schwere Krankheit ihren Vater, der ein frommer Christ war, auf das Sterbelager. Da liess er die Seligen rufen und sagte: „Verzeiht mir, Kinder, dass ich, unsinnig verblendet, eine schwere Sünde begangen habe; denn aus Angst vor den Lästerreden böser Zungen widerstand ich eurem Wunsch, einen himmlischen Wandel zu führen, und tat euch wehe. Nun geh‘ ich zum Herrn, ihr aber sollt für alle Zukunft volle Freiheit haben, den frommen Entschluss auszuführen. Nur betet für mich, damit Gott, der Herr der ganzen Schöpfung, mir gnädig sei!“ Das hörten sie hocherfreut und gingen, nachdem er im Herrn entschlafen war, voll Zuversicht aus der grossen Stadt Rom hinweg und übten sich auf ihren Landgütern eifrig in aller Tugend, denn sie wussten wohl, dass sie nicht imstande seien, dem Herrn ein reines Opfer darzubringen, es sei denn, sie gingen der Welt aus dem Wege, wie geschrieben steht: „Höre, Tochter, und sieh‘ und neige dein Ohr und vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters, und der König wird Verlangen fragen nach deiner Schönheit“.

Als sie den engelgleichen Wandel begannen, stand die selige Melania im Alter von zwanzig Jahren, Pinian aber, von jetzt an ihr Bruder im Herrn, zählte vierundzwanzig. Der Jugend wegen ausserstande, sich unablässig zu kasteien, waren sie bestrebt, sich einfach zu kleiden. Die Selige trug ein Gewand, das wertlos war und zudem abgenützt; sie suchte damit ihre jugendliche Schönheit in Schatten zu stellen. Pinian dagegen zog kilikische Gewänder an; er hatte vor kurzem erst auf glänzende Kleidung und weichliches Leben verzichtet. Als nun die Selige wahrnahm, dass er noch immer auf prächtige Kleider etwas hielt, empfand sie nicht geringen Schmerz, aber aus Angst, er sei nach Art der jungen Männer unbeständig und gerate schnell in Zorn, wagte sie nicht, ihn offen zu tadeln; denn sie sah, dass er in vollster Jugendkraft und Blüte stand. Deshalb hielt sie die Absicht geheim und sagte: „Hat sich, seit wir anfingen unser Gelübde vor Gott zu erfüllen, niemals in deinem Innern ein Verlangen nach mir geregt?“ Und der Selige, der die Reinheit ihres Herzens kannte, beteuerte vor dem Herr: „Ich sehe dich, seit wir Gott das Versprechen gaben und ein keusches Leben begannen, nicht anders an als deine heilige Mutter Albina.“ Da fügte sie die Mahnung bei: „Dann folge mir auch als einer Mutter und geistlichen Schwester und lege die kilikischen Kleider ab. Derlei taugt nicht für einen Menschen, der aus Liebe zu Gott die Eitelkeit der Welt verlassen hat.“ Gerne kam er dem trefflichen Rate nach, weil er überzeugt war, dem Heile beider zu nützen, und vertauschte die kilikischen Kleider mit antiochenischen von Naturfarbe, die nur ein Goldstück wert waren.

Nachdem sie mit der Gnade Gottes in dieser Tugendübung vorangeschritten waren, sannen sie wieder auf eine neue, doch überlegten sie weise miteinander: „Wenn wir uns abtöten, so dass die Kräfte versagen, wird der weichlich erzogene Leib die Kasteiung nicht aushalten und wir fallen zurück in das üppige Leben von ehemals.“ Sie machten sich infolgedessen zur Aufgabe, ringsum alle Kranken zu besuchen, und pflegten einen jeden. Sie nahmen die Fremdlinge gastlich auf und beschenkten sie reich, wenn sie schieden: allen Dürftigen und Armen teilten sie mit vollen Händen aus, gingen in alle Gefängnisse und überallhin, wo Verbannte waren, auch in die Bergwerke, und machten die Schuldgefangenen frei, indem sie diesen Geld gaben. Nach dem Beispiel des seligen Job, des Dieners des Herrn, stand ihre Türe jedem Armen offen. Dann fingen sie an, ihre Besitzungen zu verkaufen, eingedenk des Wortes, das der Herr zum Reichen sprach: „Willst du vollkommen sein, so verkauf‘ deine ganze Habe und gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben and nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach!“

Während beide damit beschäftigt waren, schickte Satan, der Feind der Wahrheit, sich an, auf das härteste sie zu versuchen. Er sah voll Neid die glühende Gottesliebe des jungen Paares und gab Severus, dem Bruder des seligen Pinian, ein, ihre Sklaven aufzuhetzen, so dass sie erklärten: „Wir lassen uns überhaupt nicht verkaufen; zwingt man uns aber, dann soll Severus, dein Bruder, unser Gebieter sein und uns kaufen,“ Die beiden wurden sehr bestürzt, als sie sahen, dass sogar die Sklaven in der Umgebung Roms sich empörten.

Nun wusste die fromme Königin Serena genau, welch blendender Glanz die heilige Melania vordem in dieser Welt umgab, und sie hatte schon erfahren von ihrem heldenhaften Tugendbeispiel, wie sie dem irdischen Prunk entsagt und ein frommes Leben begonnen hatte. Sie sehnte sich darum sehr nach ihrem Anblick, eingedenk des Wortes, das der Psalmensänger sagt: „Das ist die Wandlung von des Höchsten Hand“. Weil sie die Herrlichkeit der Welt völlig verachtete, sprach sie wiederholt den Wunsch aus, die Selige zu sehen. Da nun ihre Sklaven auf den Gütern um die Stadt sich empörten, sagte diese zu dem seligen Gatten: „Jetzt müssen wir doch zur Königin gehen: denn, erheben sich sogar die Haussklaven in der Nähe gegen uns, was werden dann die anderen tun, die weit hinweg in den Städten sind, in Spanien und Kampanien, in Sizilien und Afrika und Mauretanien, in Britannien und den übrigen Ländern?“ So sahen sich beide genötigt, um Gelegenheit zur Unterredung mit der frommen Königin zu bitten; durch Vermittlung heiliger Bischöfe ward sie gewährt. Nachdem ich es ungemein nützlich erachtet habe, von dieser Unterredung einiges zu berichten, was sie selber uns oft zur Erbauung mitgeteilt hat, will ich nun auch das Folgende niederschreiben, treulich der Wahrheit gemäss zum Nutzen der Leser. Trotzdem viele, wie sie sagte, behaupteten, sie müsse nach Sitte der römischen Senatorenfrauen bei dieser Begegnung das Haupt entblössen, blieb sie dennoch auf ihrem edlen Vorsatz bestehen und versicherte, sie wolle weder das Gewand wechseln [weil geschrieben steht: „Angezogen hab‘ ich mein Gewand: wie soll ich es ausziehen?“] noch das Haupt entblössen [weil der Apostel sagt: „Es ziemt dem Weibe nicht, unverhüllten Hauptes zu beten], sogar wenn ich all meinen Reichtum verlöre: denn besser ist es, ich übertrete kein Pünktlein der Schrift und handle gewissenhaft nach Gottes Willen, als wenn ich die ganze Welt gewänne“. Denn ihr Kleid war das Gewand des Heiles und ihr ganzes Leben schien ihr ein Gebet; deshalb wollte sie nicht einmal eine Spanne Zeit das Haupt enthüllen, damit sie die Engel, die sie umgaben, nicht betrübe. Sie nahm kostbare Kleinodien und kristallene Vasen als Geschenke für die fromme Königin, auch sonstige Wertsachen, Ringe, Silber und seidne Gewänder, um sie den treuen Kammerdienern und Höflingen zu geben. Sie gingen also nach dem Palaste, wurden angemeldet und hineinbeschieden.

Die fromme Königin aber kam ihnen sogleich entgegen mit grosser Freude bis an den Eingang der Halle. Sobald sie die Selige sah in dem armen Gewande, wurde sie tiefbewegt. Sie nahm ihre Hand und nötigte sie Platz zu nehmen auf ihrem goldenen Throne. Dann rief sie alle Palastbewohner zusammen und sagte: „Kommet und sehet doch jene, die uns vor jetzo vier Jahren ein Gegenstand der staunenden Bewunderung war im höchsten Glanze der weltlichen Würde, wie sie nun alt ist an himmlischer Weisheit! Lasset uns lernen von ihr, wie der gottesfürchtige Geist erhaben ist über alles Angenehme, das der Leib verlangt! Denn sehet, sie hat verzichtet auf den Überfluss, der sie von Kindheit umgab, auf unermesslichen Reichtum, Würden und Ehren und jede Spur von allem, was ihr Dasein erquickte. Sie scheute nicht die Schwachheit des Fleisches noch Armut aus eigenem Willen noch irgend ein Ding, das uns andern bange macht; vielmehr bändigte sie die eigene Natur und überlieferte sich dem täglichen Todeund zeigte der ganzen Welt durch ihre Werke, dass an tugendhaftem Wandel vor den Augen Gottes das Weib dem Mann in keiner Weise nachsteht, wenn sie festhält am Entschlusse. Doch die wahre Magd des Herrn wurde nicht eitel, als sie das Lob vernahm, sondern sie demütigte sich um so tiefer, je mehr sie von der Königin gepriesen wurde. So bestätigte sie den Ausspruch des Propheten: „Aller Menschenruhm ist gleich der Blume des Feldes.“ Die Königin aber umarmte und küsste sie auf die Augen und erzählte den Anwesenden, wieviel sie leiden mussten, um der Welt entsagen zu können, und welchen Widerstand der Vater ihnen entgegensetzte, der nicht einmal gestatten wollte, dass sie mit den Heiligen verkehrten und heilsame Worte vernähmen, wie sie die Wege Gottes wandeln könnten. Ihn hatte nämlich Satan trotz seiner Tugendhaftigkeit so verblendet, dass er unter dem Vorwand, Edles zu tun, eine schwere Sünde beging. Um nicht in Verdacht zu geraten, als ob er ihnen die Güter nehmen und andern Verwandten zuwenden wolle, gab er sich Mühe, sie zu hindern am himmlischen Wandel, wie schon erwähnt ist. Von neuem pries dann die Königin beide glücklich und sprach von der grossen Mühsal, die Severus, des Herrn Pinian Bruder, ihnen bereitet hatte, weil er willens war, das ungeheuere Vermögen an sich zu reissen, und wie jene Senatoren, die mit ihnen verwandt waren, insgesamt auf ihre Besitzungen es abgesehen hatten, sich zu bereichern. Und sie sagte zu ihnen: „Ich werde, wenn ihr wollt, den Severus bestrafen, so dass ihm die Lust vergeht, Leute zu plündern, die Gott ihr Leben geweiht haben.“ Doch die Seligen gaben der Königin zur Antwort: „Uns hat Christus befohlen Unrecht zu leiden, nicht Unrecht zu tun; uns auf die rechte Wange schlagen zu lassen und die linke darzubieten; mit dem, der uns eine Meile mitzugeben zwingt, eine zweite zu wandern und dem, der uns den Rock nimmt, auch den Mantel zu lassen. Es ziemt uns also nicht, Böses mit Bösem zu vergelten, zumal es Verwandte sind, die uns schädigen wollten. Wir hegen das feste Vertrauen zu Christo, dass unser bescheidenes Vermögen mit seiner Hilfe dank dem Beistand unsrer frommen Königin gut verwendet wird.“ Die Königin erbaute sich sehr an diesen Worten und teilte die Sache sofort ihrem überaus frommen und christlichen Bruder mit, dem seligsten Kaiser Honorius, damit er in jede Provinz den Befehl ergehen lasse, die Statthalter und Beamten müssten bei Strafe den Verkauf ihrer Güter betreiben und ihnen wiederum bei Strafe den Erlös abliefern. Und so eilig und mit so grosser Freude tat dies der fromme Kaiser, dass ihnen, während sie noch dasassen, die Vollzugsbeamten zugewiesen und die Befehle mitgeteilt wurden.

Sie waren hocherstaunt über solche Freundlichkeit des frommen Geschwisterpaares und lobten Gott, der alles zum Heile lenkt. Dann holten sie die kristallenen Gefässe hervor und die Kleinodien und boten sie ihrer Frömmigkeit, indem sie sagten: „Nehmt diese Kleinigkeiten zum Danke von uns, wie der Herr die beiden Heller der Witwe nicht verschmähte“. Die Königin begann ob der Rede sanft zu lächeln und sagte: „Möge Gott euere Frömmigkeit überzeugen, dass ich jeden, der etwas annimmt aus euerem Besitz – ausgenommen die Heiligen und Armen – für einen Gottesräuber halte, der sich ewiges Feuer bereitet, weil er Gottes Eigentum an sich reisst.“ Nun befahl die Königin dem Kämmerer und den übrigen erlauchten Höflingen, sie mit allen Ehren nach Hause zu geleiten, und beim Heil ihres frommen Bruders tat sie den Schwur, es solle niemand wagen, weder sie noch sonst ein Mensch, der zum Palaste gehöre, nur ein Goldstück von ihnen anzunehmen. Und die frommen Diener des frommen kaiserlichen Geschwisterpaares erfüllten herzlich gerne den Auftrag.

Hocherfreut ob des geistlichen Gewinnes gingen die Heiligen weg; hatten sie doch als Unterpfand das Wort des Herrn: „Wohlan, du guter und getreuer Knecht! Über weniges bist du treu gewesen; ich will dich über vieles setzen. Geh‘ ein in die Freude deines Herrn!“ Sie fingen an auf Erden auszustreuen, was sie zu sammeln hofften für den Himmel als unvergänglichen Schatz. Angelangt in ihrem Heime, hielten sie Rat, wie sie der Königin ihre Dankbarkeit bezeigen könnten für den grossen Gnadenerweis; und da keiner von den römischen Senatoren imstande war, das Haus des seligen Pinien zu kaufen, liessen sie durch heilige Bischöfe der Königin nahe legen, es zu erwerben. Aber sie konnte sich unmöglich entschliessen und äusserte zu den Vermittlern: „Mir scheint, ich kann den Kaufpreis, den es wert ist, nicht erschwingen.“ Die Heiligen baten sie, zu mindest einige der kostbaren Marmorstatuen anzunehmen. Sie liess sich endlich bewegen, da sie die Seligen nicht länger betrüben wollte. Das Haus zu verkaufen gelang ihnen nicht. Nachdem es dann im Barbareneinfall zerstört worden war, schlugen sie es los um einen Spottpreis.

Was ich von ihrem beiderseitigen Vermögen aus dem Mund des Seligen hörte, will ich in Kürze beifügen. Er sagte nämlich, seine Jahreseinkünfte beliefen sich auf nahezu hundertundzwanzigtausend Goldstücke, abgesehen von den Reichtümern seiner Gattin. Was ihnen eigen war an beweglicher Habe, könne man überhaupt nicht ermessen. Freudig begannen sie auszuteilen, indem sie heilige Männer mit der Almosenspende betrauten. In fremde Länder sandten sie durch einen vierzigtausend, durch einen andern dreissigtausend, durch einen andern zwanzigtausend, durch einen zehntausend und das übrige, wie der Herr es fügte. Denn die Heilige sagte zu ihrem seligen Gatten und Bruder: „Irdische Last ist unerträglich und wir können nicht mit ihr zugleich Christi leichtes Joch auf uns nehmen. Wir wollen in Eile den Reichtum ablegen, damit wir Christum gewinnen.“ Und er nahm die Mahnungen der Seligen auf, als kämen sie von Gott, und mit vollen Händen teilten sie das Vermögen aus.

Inständig baten wir einst, sie möge doch erzählen, wie sie von solcher Höhe zu solcher Niedrigkeit herabsteigen konnten; da sagte sie: „Nicht wenig Mühen und Kämpfe mussten wir im Anfang bestehen von Seiten des Feindes, der alles Edle hasst, bevor uns gelang, die Bürde so grossen Reichtums wegzuwerfen. In Angst und Drangsal schwebten wir, denn wir hatten nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, vielmehr, wie der Apostel sagt, gegen die Gewalten, gegen die Machthaber der Finsternis dieser Welt. In so trüber Zeit war uns beiden einst im Traum, als müssten wir uns durch eine furchtbar schmale Mauerspalte zwängen und zwar so mühsam, dass wir in Angst waren das Leben zu verlieren. Als dann endlich alles Leid überwunden war, fanden wir viel Erquickung und unaussprechliche Freude. So hat uns Gott im Kleinmut getröstet, auf dass wir mutig seien im Ausblick auf die Ruhe, die nach grosser Mühsal unser warten sollte.“

Die edle hochgemute Magd Christi hat uns erzählt: Eines Tages hatten wir eine ungeheure Summe Geldes aufgehäuft, fünfundvierzigtausend Goldstücke, die wir zum Dienste der Armen und Heiligen fortzusenden gedachten. Als ich hineintrat, schien mir durch die Macht des Teufels der Saal von der Menge Goldes hell erleuchtet, als ob er in Flammen stünde; zugleich flüsterte der Feind in meine Seele: „Was ist es eigentlich um dieses Himmelreich, dass man es gar so teuer kaufen muss?“ Angsterfüllt in diesem Kampfe mit dem Teufel nahm ich meine Zuflucht zu der unbesieglichen Schutzwehr; ich fiel auf meine Knie nieder und flehte zum Herrn, damit er den Feind von mir hinwegtreibe, und ich sagte, nachdem ich die Ruhe wieder gewonnen hatte, zu mir selbst in meinem Innern: Was man mit so vergänglichen Dingen erkauft, ist das, wovon die Heilige Schrift sagt: „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört und in kein Menschenherz gedrungen ist; was Gott denen bereitet hat, die ihn liehen.“

Zum Beweise, wie mannigfaltig die Schleichwege des Widersachers seien und wie notwendig ängstliche Wachsamkeit in jedem Augenblicke für solche Seelen ist, die Gott zu gefallen streben, erzählte sie, dass sie noch ein zweites Mal dasselbe zu leiden hatte: „Wir hatten nämlich,“ sagte sie, „ein prächtiges Besitztum mit einem Bade, das alle Schönheit der Welt weit übertraf; denn auf der einen Seite lag das Meer, auf der andern ein Wald mit allen Baumarten, worin Wildschweine, Hirsche, Gazellen und anderes Wild sich tummelte, so dass die Badegäste vom Strande seewärts die Segelschiffe sahen und landein das laute Jagdgetriebe. Das alles bot dem Teufel willkommenen Anlass; er stellte vor mein Auge die bunte Pracht der Marmorbauten und erinnerte mich an den unberechenbaren Ertrag des ganzen Gutes, denn ringsum gehörten noch zweiundsechzig Gehöfte dazu.“ Doch wieder hob die Selige den frommen Blick zu Gott empor und trieb den Feind von dannen. „Damit, o Teufel,“ sagte sie, „sollst du meinen Lauf nicht hemmen. Was ist denn alles, das heute besteht und morgen den Barbarenhorden und dem Feuer, Zeit oder irgend einem Unglück zur Beute fällt? Was ist alles im Vergleiche mit den ewigen Gütern, die immer und endlos unveränderlich bleiben, die man in Ewigkeit nie verliert, und die man erkaufen kann um diese vergänglichen Güter?“ Weil der Teufel einsah, dass er machtlos war und seine Niederlage stets der Seligen zu grösserem Verdienste gereichte, liess er endlich ab sie zu quälen.

Nachdem sie, wie schon erwähnt, den Rest der römischen Güter ungestört veräussert hatten, suchten sie gleichsam der ganzen Welt Gutes zu tun. Denn welche Stadt oder Gegend hatte keinen Teil an ihren überaus grossen Wohltaten? Etwa Mesopotamien oder Syrien oder irgend ein Winkel Palästinas? oder Ägypten? oder die Pentapolis? Kurz gesagt, Morgenland und Abendland, sie nahmen teil an den überreichen Gaben. Ich selbst vernahm auf der Fahrt nach Konstantinopel das dankbare Lob der beiden Heiligen aus dem Munde vieler Greise, vor allem des Herrn Priesters Tigrius von Konstantinopel. Sie kauften ganze Inseln und schenkten sie heiligen Männern: auch viele Männer- und Jungfrauenklöster kauften sie und schenkten sie den Insassen und gaben Geld nach allen Seiten, soviel man bedurfte. Die vielen kostbaren Seidengewänder schenkten sie Kirchen und Klöstern als Schmuck der Altäre, sie liessen das unermessliche Silberzeug einschmelzen und daraus Altäre fertigen, Kirchengeräte und andere Weihegaben für den Gottesdienst. Nachdem sie die Besitztümer in Rom und Italien, in Spanien und Kampanien verkauft hatten, segelten sie nach Afrika. Sogleich stürzte sich Alarich auf die Güter, die die Seligen veräussert hatten, und alle priesen Gott und sagten „Selig, die noch ihren Reichtum hingeopfert haben, ehe die Barbaren einfielen!“ Da sie Rom verliessen, stellte der Stadtpräfekt, der ein fanatischer Heide war, im Senat den öffentlichen Antrag, ihren ganzen Besitz solle man als Staatseigentum erklären. Als er tags darauf mit der eiligen Ausführung des Planes umging, empörte sich durch Gottes Zulassung das hungernde Volk, weshalb er mitten durch die Stadt geschleift und getötet wurde. Nun liessen auch die andern alle vor Angst von jener Absicht. Als jene von Sizilien zum hochheiligen Bischof Paulinus segelten, zu dem sie sich früher schon zurückgezogen hatten, hinderten durch Gottes Fügung widrige Winde die Fahrt, so dass sie sehr in Bedrängnis kamen. Weil sie zahlreich waren im Schiffe, ging das Trinkwasser aus und sie litten arge Not. Als die Matrosen die Vermutung aussprachen, es sei Gottes Zorn im Spiele, gab die Selige zur Antwort: „Es ist gar nicht Gottes Wille, dass wir an unser Ziel gelangen. Lasst ohne Widerstand das Schiff dem Winde“ Sie taten gemäss dem Auftrag der Heiligen, hissten das Segel und landeten an einer Insel, die von Barbaren umzingelt war. Diese hatten die angesehensten Männer mit Frauen und Kindern aus der Stadt geschleppt und verlangten eine ungeheure Summe Geldes: bringe man diese zur Stelle, sollten sie frei sein, wenn aber nicht, ermordet und die Stadt in Brand gesteckt werden. Da nun die Heiligen aus dem Schiffe traten, kam der Bischof mit anderen, bat sie fussfällig und sagte: „Von der Summe, die die Barbaren fordern, fehlen uns zweitausendfünfhundert Goldstücke.“ Das gaben sie gern und kauften alle Stadtbewohner los, schenkten ihnen zudem fünfhundert Goldstücke und halfen den armen Leuten Hunger und Angst vergessen durch den mitgeführten Vorrat an Brot und sonstiger Nahrung. Nicht nur das, sondern sie verschafften auch einer hochangesehenen Frau, die den Barbaren zur Beute gefallen war, um fünfhundert Goldstücke die Freiheit.

Dann fuhren sie fort und kamen, wie schon erwähnt, nach Afrika. Sie verkauften sogleich die Besitzungen in Numidien, Mauretanien und in dem eigentlichen Afrika und sandten das Geld zum Dienste der Armen und Los der Kriegsgefangenen. Und während sie mit vollen Händen ausstreuten, waren sie freudig und frohlockten im Herrn und erfüllten im Werke, was geschrieben steht: „Er hat ausgestreut, den Armen gegeben: seine Gerechtigkeit währt immer und ewig.“ Die Seligen hielten es für das Beste, die Güter insgesamt zu verkaufen, doch die grossen hochheiligen Bischöfe Afrikas, der selige Augustinus, dessen Bruder Alypius und Aurelius von Karthago gaben ihnen den Rat: „Das Geld, das ihr jetzt den Klöstern spendet, ist bald aufgezehrt; wollt ihr euch aber ein unauslöschliches Andenken sichern im Himmel und auf Erden, so kaufet jedem Kloster ein Haus und wendet ihm Einkünfte zu!“ Sie gingen gern auf den klugen Vorschlag der Heiligen ein und taten so. Sie selber, eifrig im Streben nach Vollkommenheit, gewöhnten sich an die einfachste Wohnung und Lebensweise.

Die Stadt des seligen Bischofs Alypius, genannt Thagaste, war klein und arm. Diese wählten die Seligen als Wohnsitz, weil sie den Umgang mit dem heiligen Alypius geniessen wollten; denn er besass eine tiefe Kenntnis der Heiligen Schrift. Ihn liebte deshalb unsere selige Mutter, sie selber hatte ja solchen Eifer in diesem Punkte, dass sie stets ein Buch in Händen hielt, und sie wandte der ehemals armen Kirche des heiligen Mannes reiche Stiftungen zu, schmückte sie mit kostbaren Kleinodien aus Gold und Silber und mit wertvollen Teppichen, so dass die andern Bischöfe der Provinz neidisch auf den Bischof von Thagaste sahen.

Auch bauten sie dort zwei grosse Klöster und versorgten sie genugsam mit Einkünften; das eine bewohnten heilige Männer, achtzig an der Zahl, das andere hundertunddreissig Jungfrauen. Nachdem die Heilige so den Dienst der Martha getan und sich von der Last des Reichtums ein wenig erleichtert fühlte, schritt sie wacker einher auf dem Tugendweg und begann dem Beispiele der Maria zu folgen, die vom Evangelium gepriesen wird, weil sie den guten Teil erwählte. Vor allem nahm sie nur ein wenig Öl und etwas Honigwein, und das erst am Abend; Traubenwein hatte sie niemals getrunken, auch da sie noch in der Welt war, denn so werden die Senatorenkinder zu Rom erzogen. Sie fing nun an, durch immerwährendes Fasten ihren Körper zu kasteien; erst ass sie jeden zweiten Tag, dann jeden dritten, dann jeden fünften, des heisst am Sabbat und am Tag des Herrn, und zwar nur schwarzes Brot und nahm etwas Öl und war bestrebt, sich von niemand in Abtötung übertreffen zu lassen.

Sie besass eine schöne Handschrift, schrieb tadellos auf Pergament und gab sich selber eine strenge Regel, wieviel sie täglich in den kanonischen Büchern und in den Werken der Ausleger zu lesen habe. Wenn sie daran sich gesättigt hatte, durchging sie das Leben der Väter, wie man Kuchen als Nachspeise geniesst. Sie schlief dann etwa zwei Stunden und weckte, sobald sie wach geworden war, die Jungfrauen, die mit ihr dem asketischen Leben oblagen. Sie sagte: „Wie der selige Abel und ein jeder aus den Heiligen Gott die ersten Früchte darbrachte, wollen auch wir die Erstlinge der Nacht dem Gotteslobe widmen: denn zu jeder Stunde sollen wir wachen und beten; wir wissen ja – wie geschrieben steht – die Stunde nicht, wann der Dieb kommen wird.“ Auch gab sie den Mitschwestern genaue Vorschriften, damit weder ein unnützes Wort noch mutwilliges Lachen von ihren Lippen käme. Ihre Gedanken suchte sie mit aller Sorgfalt kennen zu lernen und duldete nicht, dass etwas Unreines in ihrem Hause hause.

Sie fastete wie schon erwähnt jedesmal die ganze Woche vom heiligen Pfingstfeste bis Ostern und genoss dabei nicht ein Tröpflein Öl und schlief, wie viele, die genau darum wussten, behauptet haben, niemals ohne Bussgewand noch ass sie Sonntags, bevor sie alle Vorschriften erfüllt hatte.

Nachdem sie schon eine Reihe von Jahren auf solche Weise sich abgetötet hatte, begann sie sogar am heiligen Feste der Auferstehung Christi zu fasten. Darob betrübte sich sehr ihre selige Mutter, die dem Beispiel heiliger Frauen der Vorzeit folgte (mag ihr tugendreiches Leben ein anderer beschreiben; mir genügt, das eine von ihr zu sagen, dass man den Baum an den Früchten erkennt, und dass aus einer guten Wurzel edle Frucht emporwächst.) Sie sagte zu ihr: „Es ziemt einem Christen nicht, zu fasten am Tage der Auferstehung unseres Herrn Jesu Christi, vielmehr leibliche Nahrung nicht minder zu nehmen als geistige.“ Durch solche Reden bewog sie, wenn auch mühsam, ihre selige Tochter zum Ölgenuss an drei Festtagen, dann aber kehrte sie sogleich zur gewohnten Strenge zurück wie ein tüchtiger Landmann, der ein prangend Ackerfeld besitzt, mit Eifer an die Arbeit geht.

Neues und Altes Testament pflegte sie drei bis vier Mal im Jahre zu lesen. Sie schrieb auch vieles eigenhändig ab in prächtigen Buchstaben und schenkte die Bücher den Heiligen. Hatte sie mit den Jungfrauen ihres Klosters das Offizium gebetet, so sprach sie selber noch die anderen Psalmen. Mit solchem Eifer las sie die Schriften der Heiligen, dass ihr kein Buch fremd blieb, dessen sie nur irgendwie habhaft werden konnte: die einen kaufte sie, die anderen nahm sie zu leihen und las mit einer Aufmerksamkeit, dass ihr nichts entging, nicht Wort noch Gedanke. So gewaltig war ihr Wissensdurst, dass man glauben musste, wenn sie lateinisch las, sie verstehe nicht griechisch, und wenn sie griechisch las, sie verstehe nicht lateinisch.

Allen, die sich übten in christlicher Weisheit, kam sie mit unbeschreiblicher Sanftmut entgegen; für den Namen unseres Herrn Jesu Christi und für den wahren Glauben glühte sie von solchem Eifer, dass sie jeden, der nur im leisesten Verdacht einer Irrlehre stand, mit Aufwand aller Mühe zu bekehren suchte, ja sie weigerte sich, wenn es ihr misslang, von einem solchen etwas anzunehmen zum Besten der Armen.

Als ich den Namen einer hochangesehenen Frau, die auf der Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten starb, beim heiligen Opfer mit den entschlafenen Heiligen nannte (denn wir halten diesen Brauch, damit in jener furchtbaren Stunde sie für uns beten), da wurde die Selige sehr ungehalten, weil jene zwar in Gemeinschaft mit uns Rechtgläubigen gestanden hatte, trotzdem aber von einigen als Anhängerin der Irrlehre bezeichnet wurde; sie sagte mir offen und auf der Stelle: „So wahr der Herr lebt, wenn du diese nennest, will ich keinen Anteil an deinem Opfer.“Und als ich ihr versprach, sie nie mehr zu nennen am heiligen Altare, sagte sie: „Genug, dass du diesmal es tatest; ich nehme keinen Anteil, weil du sie schon genannt hast.“ Die Nennung Irrgläubiger im heiligen Opfer empfand sie nämlich als eine Sünde wider den wahren Glauben.

Ihre Liebe zur Enthaltsamkeit war unendlich gross; infolgedessen bewog sie durch heilsame Lehren und Geschenke viele Jünglinge und Jungfrauen, von einem zügellosen unehrbaren Wandel zu lassen. Sie pflegte zu sagen „Das gegenwärtige Leben ist kurz und genau wie ein Traum. Was sollen wir also den Leib verderben, der ein Tempel das Herrn ist, wie der Apostel Gottes lehrt? Und was sollen wir die Reinheit, in der nach dem Aussprache der Heiligen Schrift Christus wohnt, mit Vergänglichkeit und Verderbtheit und schmutziger Lust vertauschen? Gross in der Tat ist die Würde der Jungfräulichkeit, so gross, dass Jesus Christus, unser Herr, sich herabliess, von einer Jungfrau geboren zu werden.“ Viele hörten das und beflissen sich der Reinheit und fingen an, den rauhen Weg der Tugend zu wandeln. Wieviel Heiligen hat sie die Füsse gewaschen! Wieviel Knechten Gottes Dienste geleistet durch Geld und tröstliche Mahnung! Wieviele Samariter, Heiden und Häretiker durch Gaben und Belehrung für Gott gewonnen! Das alles ist dem Herrn allein bekannt, der über alles herrscht und dem zuliebe sie alle die harten Kämpfe bestand.

Almosen gab sie so reichlich, als glaubte sie dadurch allein Barmherzigkeit erlangen zu können gemäss dem Ausspruch des Herrn: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“. Sie war von inniger Liebe zur Armut erfüllt, so dass sie kurze Zeit, ehe sie hinging zum Herrn, uns beteuerte, sie nenne nichts mehr auf Erden ihr eigen ausser etwa fünfzig Goldstücke, die man ihr schenkte. Die sandte sie noch einem heiligen Bischof mit den Worten: „Ich möchte das nicht einmal an meinem väterlichen Erbteil besitzen.“ Nicht genug, dass sie das Eigene Gott zum Opfer brachte! Sie bewog auch andere zur gleichen Tat. Es übergaben deshalb viele, von Liebe zu Christo getrieben, der Seligen ihren Reichtum wie einem treuen und klugen Verwalter. Und treu und verständig sorgte sie, dass alles im Sinne der Spender ausgeteilt wurde.

Sie machte sich Rock und Schleier, Kukulle von Haaren und legte sie niemals ab von den heiligen Pfingsten bis zum fünften Tage der heiligen Ostern, nicht bei Tag und nicht bei Nacht. So lebendig war ihre Liebe zu Gott, und sie, die hochadelige Senatorentochter, war doch aufgewachsen in Bequemlichkeit und Überfluss. Die genau darum wussten, wie sie von frühester Kindheit erzogen wurde, haben erzählt: Als sie noch im weltlichen Gewande ging, begab es sich einst, dass die Stickerei des kostbaren Linnengewebes, das sie trug, ihren Körper berührte und dass sie deshalb eine heftige Entzündung bekam. So empfindlich über alle Massen war sie. Doch der Herr, der verheissen hat: „Bittet und ihr werdet empfangen, suchet und ihr werdet finden, klopfet und es wird euch aufgetan!“ gab auch ihr, weil sie bat, die Kraft aus der Höhe.

Da sie von der Liebe Gottes verwundet war, glaubte sie nicht den gleichen Wandel weiterhin führen zu können, sondern schickte sich an, auch härtere Kämpfe zu bestehen. Darum fasste sie den Vorsatz, sich in eine Zelle zu schliessen und mit keinem Menschen zu verkehren, vielmehr unablässig dem Gebet und Fasten sich zu widmen, Weil aber jene, die Nutzen aus ihrem frommen Unterrichte zogen, die Ausführung des Planes nicht zuliessen, tat sie das nicht, doch setzte sie bestimmte Stunden lest, in denen sie Besuche zum erbaulichen Gespräch empfing; die andere Zeit dagegen widmete sie dem geistlichen Werke, dem Umgang mit Gott im Gebete. Sie liess sich eine hölzerne Kiste machen, die so enge war, dass sie darin liegend weder zur Rechten noch zur Linken sich wenden noch irgendwie sich bewegen konnte. Trotz dieser grossen Tugenden wurde sie niemals stolz auf ihre Taten, sondern hielt und erklärte sich immer für eine unnütze Magd.

Kam zuweilen ihre Mutter, gleichsam von Mitleid getrieben, in die Zelle, wenn sie gerade schrieb oder las, so blickte sie nicht einmal auf und sagte kein Wort, ehe sie die gewohnte Arbeit vollendet hatte. Dann erst sprach sie mit ihr, was nötig war. Die Mutter umarmte sie dann unter Tränen und sagte: „Kind, ich hoffe teilzuhaben an deinen Leiden. Wenn die Mutter der sieben makkabäischen Brüder, die nur eine Stunde lang die Qualen ihrer Söhne sah, die ewige Freude zum Lohn erhielt, um wieviel mehr dann ich, die Tag für Tag noch mehr als jene duldet, weil ich sehen muss, wie du dich aufreibst und dir keine Ruhe gönnst inmitten so grosser Qualen.“ Und wieder sagte sie: „Ich danke Gott, denn ich bin es nicht wert, dass er mir eine solche Tochter gab.“

Sie wurden dadurch sehr getröstet, dankten Gott und reisten nach Jerusalem, dem Ziele der Sehnsucht. Dort nahmen sie Wohnung im Hospiz an der Kirche der Auferstehung. Was sie noch an Geld besassen, wollten sie nicht eigenhändig verteilen, sondern übergaben es jenen, die mit der Armenfürsorge betraut waren; denn sie wollte nicht einmal gesehen werden, wenn sie Gutes taten. Nun waren sie so bettelarm, dass die Heilige selbst uns versicherte: „Zu Beginn des Aufenthaltes in Jerusalem fassten wir den Entschluss, unsere Namen auf die Armenliste setzen zu lassen und gleich den Bettlern von Almosen zu leben, das man um Gottes willen gibt.“ So waren sie wirklich arm geworden aus Liebe zum Herrn, der unsertwegen arm geworden ist und Knechtesgestalt angenommen hat. Als sie gleich anfangs in Jerusalem erkrankte, hatte sie nichts, um darauf zu schlafen, abgesehen von rauhen Busssäcken; eine hochedle Jungfrau gab ihr deshalb ein Kopfkissen zum Geschenk. Sobald sie genesen war, pflegte sie wieder Lesung und Gebet und diente Gott mit ganzem Herzen.

Sie wohnte zusammen mit der eigenen Mutter und verkehrte nicht leicht mit jemand, ausgenommen die heiligen hochberühmten Bischöfe, vor allem jene, die durch Gelehrsamkeit hervorragten; und auch da wollte sie nur Aufschluss über göttliche Dinge bekommen. Sie schrieb, wie schon gesagt, auf Pergament und fastete die ganze Woche. Wenn am Abend die Kirche der Auferstehung geschlossen wurde, blieb sie noch beim Kreuze, bis die Psalmensänger hineingingen. Dann kehrte sie nach der Zelle zurück und schlief ein wenig.

Wegen des Barbareneinfalles hatten sie nicht alle Besitzungen veräussern können, sondern sie waren gezwungen einiges unverkauft zu lassen. Jetzt aber gelang es einem treuen Manne, dessen Herz Gott gerührt hatte, einen Teil davon in Spanien zu verkaufen, in Gebieten, wo der Friede war. Er brachte die kleine Summe den Seligen nach Jerusalem. Sie weihte das Geld dem Dienste Gottes, denn es schien ihr gleichsam aus dem Rachen des Löwen1 entrissen, und sie sagte zu ihrem geistlichen Bruder im Herrn: „Wir wollen nach Ägypten gehen und die Heiligen besuchen!“ Er war allezeit zu solchen Werken bereit und folgte ihr deshalb mit Freuden wie einem wahrhaft trefflichen Lehrer. Als sie schon daran war, auf diesen geistlichen Handel auszugehen, bat sie noch ihre heilige Mutter, ihr am Ölberg ans Brettern eire Zelle zu bauen, damit sie dort bestimmte Zeit in Ruhe verbringen könne. Sie reisten also nach Ägypten und besuchten die Zellen der heiligen Mönche sowie der frommen Jungfrauen und schenkten jedermann, was er nötig hatte, – wahrhaft kluge Verwalter, wie geschrieben steht.

So kamen sie zu der Zelle des heiligen Abtes Hephästion. Sie baten ihn, das Geld anzunehmen, doch er sagte ganz entschieden, er wolle das überhaupt nicht tun. Da die Selige nun in der Zelle des Heiligen nach dessen Hausrat sich umsah, merkte sie, dass nichts sein eigen war in dieser Welt ausser einer Matte, einem Korbe mit ein wenig trockenem Brot und einem winzigen Salzfass. Tiefgerührt von dem unbeschreiblichen himmlischen Reichtum des Heiligen verbarg sie das Geld im Salz und suchte dann eilig hinwegzukommen aus Angst, es möchte der Greis entdecken, was sie getan. Sie baten um seinen Segen und machten sieh schnell davon. Doch der Mann Gottes merkte sogleich, was geschehen war. Sie hatten schon über den Fluss gesetzt, da kam er nachgelaufen, das Geld in der Hand, und schrie: „Was soll ich damit anfangen?“ Die selige Melania gab zur Antwort: „Gib es den Armen,“ Doch er beteuerte, das nicht selber behalten noch anderen geben zu wollen, zumal es unmöglich sei, dass ein Armer in die Wüste komme. Da sie zur Rücknahme nicht zu bewegen war, obgleich der Heilige lange Zeit mit ihr zankte, warf er das Geld in den Fluss. Auch vielen anderen heiligen Einsiedlern und hochehrwürdigen Jungfrauen, die nichts annehmen wollten, liess die Heilige durch fromme List Geld in den Zellen. Den Heiligen helfen galt ihr nämlich als der kostbarste Gewinn für das geistliche Leben und als der grösste Nutzen für die Seele.

Nachdem sie weit umher gewandert waren, kamen sie nach Alexandrien und lernten eine grosse Schar von Heiligen kennen. So trafen sie zusammen mit dem hochheiligen Abte Viktor, dem Archimandriten der Mönche an Tabennä; mit den von glühender Gottesliebe beseelten Vätern und Archimandriten, die man Zeugeten heisst; dem heiligen Priester und Abt Elias und vielen, die zu nennen zwecklos ist ob der ungeheuren Zahl; denn die Selige war bestrebt, durch den Umgang mit jedem Heiligen der eigenen Seele zu nützen, den Segen eines jeden zu empfangen und seiner Tugend teilhaftig zu werden. Dann reisten sie fort aus Alexandrien und begaben sich in das Natrongebirge und zu den sogenannten Zellen, wo die Selige von den hochheiligen Vätern aufgenommen wurde wie ein Mann. In der Tat war sie kein Weib mehr, denn sie besass männlichen, besser gesagt: himmlischen Geist. Einige Zeit verweilte sie dort in Gesellschaft der heiligen Väter, empfing ihren Segen und wurde beim Abschied fortgeleitet mit vieler Freude.

Nachdem ihre Frömmigkeit reiche Nahrung gefunden hatte, kehrten die Seligen nach Jerusalem zurück und dienten unermüdlich und mit allem Eifer unserem Herrn Jesu Christo, doch erkrankten beide durch das ungünstige Wetter. Die Selige fand auf dem Ölberg ihre Zelle, die ihre heilige Mutter hatte bauen lassen, fertig vor und schloss sich darein nach dem Tage der heiligen Erscheinung des Herrn, sass daselbst in Sack und Asche ohne mit jemand zu sprechen, ausgenommen ihre hochheilige Mutter und ihren geistlichen Bruder und sogar mit diesen nur an bestimmten Tagen. Auch wurde sie besucht von ihrer Base, der heiligen Jungfrau Paula, die von der Heiligen den Weg aller Gebote Gottes gelehrt und von Eitelkeit und Stolz des römischen Lebens zu tiefer Demut geführt worden war. Die Selige liess sich nur von einer Jungfrau bedienen: diese hat uns oft beteuert: „Wenn wir um die Zeit der heiligen Ostern, da die Selige nun endlich die ganz unglaublich enge Zelle verliess, den Busssack, worauf sie geschlafen hatte, zu schütteln begannen, da fielen grosse Würmer heraus.“ So kasteite sich die Selige während vierzehn Jahren.

Und als ihre heilige Mutter vom Herrn gerufen wurde, ging sie fort um den Lohn in Empfang zu nehmen, der den Heiligen verheissen ist. Mit vielen Ehren liess die Selige den Leichnam unter Psalmengesang auf den Ölberg tragen und blieb sogleich oben in einer dunklen Zelle, denn in der Stadt wollte sie nicht mehr wohnen. In tiefer Trauer, in Abtötung und strengem Fasten vollbrachte sie jenes Jahr. Sie baute dann ein Kloster, um auch andere Seelen zu retten mit der eigenen. Deshalb bat sie den Bruder, dass er ihr einige Jungfrauen zuführe. Nun entstand eine Genossenschaft von etwa neunzig Jungfrauen. Diesen verbot die Selige vor allem jede Unterhaltung mit einem Manne. Nachdem sie darum innerhalb des Klosters eine Zisterne angelegt und für alles, was zur Pflege des leiblichen Lebens nötig ist, hinreichend gesorgt hatte, sagte sie zu den Jungfrauen: „Ich will in jeder Hinsicht buchstäblich euere Magd sein und ihr werdet keinen Mangel leiden an irgend etwas Nötigem; nur müsst ihr den Umgang mit Männern meiden.“ Sogar von unehrbaren Orten brachte sie Weiber, die sie durch Ermahnungen gewonnen hatte, Gott als Opfergaben, denn sie wusste, dass geschrieben steht: „Scheidest du das Wertvolle vom Schlechten, sollst du sein wie mein Mund!“ Oftmals redete sie zu solchen über das Heil. Sie weigerte sich aber aus unendlicher Demut, als Oberin zu gelten, und übertrug das Amt einer andern, die von gutem Geist und Liebe zu Gott erfüllt war. Sie selber oblag nur dem Gebet und dem Dienste der Heiligen. War die Oberin manchmal etwas zu strenge, so war die Selige mit Eifer auf alles bedacht, dessen sie bedurften. Vor allem sorgte sie für die kränklichen Schwestern, brachte, was sie nötig hatten, und legte das gebrauchsfertig einer jeden ganz im Verborgenen in die Zelle unter das Bett. Nun kamen die Schwestern hinein und fanden, ohne dass ihre Mutter etwas ahnte, die mannigfachsten Erfrischungen vor. An der liebevollen Art erkannten sie, dass die Heilige das getan, liebten sie deshalb ungemein und folgten ihr aus allen Kräften zum Dank für das unendlich zarte Mitgefühl.

Die vom Geiste Gottes erfüllten Unterweisungen, die sie fortwährend gab, kann ich unmöglich schildern, will aber dennoch versuchen, einige mitzuteilen. Alle Mühe wandte sie daran, sie die Werke des geistlichen Lebens und jede Tugend zu lehren, damit sie die Jungfraulichkeit der Seele sowie des Leibes Christo, dem himmlischen Bräutigam und Herrn, makellos bewahrten. Vor allem sollten sie zum nächtlichen Gottesdienst ohne Zögern aufstehen, behutsam schlechte Gedanken abwehren und den Geist nicht umherschweifen lassen, sondern zum Psallieren gesammelt sein. Darum sagte sie: „Bedenket, Schwestern, wie vor den sterblichen Fürsten der Welt mit grösster Achtsamkeit und Angst ihre Diener stehen! Wie müssen erst wir angstvoll und zitternd stehen vor dem furchtbaren Himmelskönig, wenn wir dem Gottesdienst obliegen! Erwäget nur, dass kein Engel und kein vernunftbegabtes Geschöpf im Himmel oben den Herrn gebührend preisen kann, der nichts bedarf und über alles Lob erhaben ist. Wenn also die körperlosen Mächte, die der Natur nach uns weit überragen, nicht einmal imstande sind, den Gott der ganzen Schöpfung auf würdige Weise zu verherrlichen, wie viel mehr müssen dann wir unnützen Mägde mit Furcht und Zittern psallieren, damit wir nicht etwa statt Lohn und Nutzen uns die Verdammnis bereiten durch Nachlässigkeit im Lobe des Herrn!“

„Wir müssen die wahre Gottes- und Nächstenliebe lernen aus der Heiligen Schrift und sie mit allem Eifer bewahren, denn wir müssen einsehen, dass ohne die geistliche Liebe jede Tugend und Abtötung umsonst ist; denn alle guten Werke, die wir zu vollbringen scheinen, kann der Teufel nachahmen, doch einen Wettkampf in Demut und Liebe kann er unmöglich eingehen. Um ein Beispiel zu gebrauchen: Wir fasten, er aber isst nicht das Geringste; wir halten Nachtwachen, er aber schläft überhaupt nicht. Hassen wir also den Hochmut, denn dadurch ist jener vom Himmel gefallen und will uns mit sich in die Tiefe reissen. Fliehen wir den eitlen Ruhm dieser Welt, der einer Blume des Feldes gleicht! Bleiben wir unentwegt dem heiligen wahren Glauben treu; denn er ist die Grundlage, das Fundament des ganzen Lebens im Herrn! Befleissen wir uns, heilig zu sein an Geist und Leib, denn ohne das wird niemand den Herrn schauen!“ Sie war in Furcht, dass eine von ihnen auf ein Übermass an Abtötung stolz werden und fallen könne; deshalb sagte sie, das Fasten sei die letzte von allen Tugenden; im reichsten Schmucke prangend trage doch eine Braut nicht schwarze Schuhe, sondern sie gebe sogar den Füssen eine Zier; im gleichen Sinn gezieme der Seele das Fasten zu allen andern Tugenden hinzu; will aber jemand, der die andern Tugenden nicht besitzt, das strengste Fasten üben, so gleicht er einer Braut, die allen Schmuckes bar einhergeht und einzig schöne Schuhe trägt.

Oft ermahnte sie die Schwestern zum Gehorsam nach dem Willen Gottes, indem sie sprach: „Ohne Gehorsam kann auch in der Welt nichts bestehen; denn sogar die Mächtigen dieser Welt sind einander untertan und gehorsam; und ob sie Kronen tragen, dennoch handeln und befehlen sie nicht auf eigene Faust in den meisten und wichtigsten Fällen, es sei denn, sie hätten zuvor den Rat der Senatoren erholt. Genau so steht es in den Häusern der Weltleute; nimmt man den Gehorsam hinweg, das kostbarste Gut, dann ist es auch um die Ordnung geschehen; und wenn die Ordnung fehlt, wankt auch der Friede. Deshalb müssen wir alle gehorchen; darin aber besteht der Gehorsam, dass du tust, was du nicht willst, dem zu Gefallen, der es befiehlt, und dass du dir selber Gewalt antust aus Liebe zu dem, der gesagt hat: ‚Das Himmelreich leidet Gewalt und die Gewalt brauchen, reissen es an sich.'“ Um sie zur Geduld aufzumuntern gegen alles, was einem im notwendigen Verkehre mit den Menschen begegnen kann, erzählte sie den Ausspruch eines heiligen Greises: „Jemand“, sagte sie, „ging zu einem alten heiligen Manne, sich von ihm belehren zu lassen. Der sagte: ‚Kannst du mir aus Liebe zum Herrn Gehorsam leisten in allen Dingen?‘ Er gab zur Antwort: ‚Vater, mit dem grössten Eifer will ich alles tun, was du mir befehlen magst.‘ Der Greis darauf: ‚Nimm eine Geissel, geh‘ dorthin, schlag‘ jene Bildsäule und tritt sie mit Füssen!‘ Da ging er bereitwillig hin, vollzog den Auftrag und kam zurück. Nun fragte der Greis: ‚Hat dir die Bildsäule nichts entgegnet, als du sie schlugest und mit Füssen tratest?‘ Er sagte; ‚Nein, nicht eine Silbe.‘ Da sprach der Vater; ‚Dann geh‘ nochmals hin und schlag‘ sie wiederum und beschimpfe sie noch dazu!‘ Sogar ein drittes Mal gebot ihm der Vater, und als sie noch immer nichts entgegnete – sie war ja steinern und konnte nicht -, da sagte der heilige Greis: ‚Wenn du werden kannst wie jene Bildsäule, so dass du geschmäht nicht wieder schmähst und geschlagen keinen Widerspruch erhebst, so kannst du gerettet werden und bei mir bleiben.‘ Diesem, meine Töchter, lasset uns nachahmen und alles in Geduld ertragen. Verachtung, Schimpf und Schande, damit wir das Reich der Himmel erben!“

Wenn vom beständigen Fasten die Rede war, wiederholte sie stets den Ausspruch des Apostels: „Nicht widerwillig und aus Zwang, denn Gott liebt einen fröhlichen Geber.“ Das überliess sie ganz dem eigenen Ermessen, doch von Liebe, Sanftmut, Demut und den andern Tugenden sagte sie: „Niemand, der des Herrn Gebote nicht erfüllt, kann die Schuld dem Magen oder irgend einem Teil des Leibes zuschieben; er ist unentschuldbar. Darum kämpfet ausdauernd und in Geduld, denn durch die enge Pforte gehen die Heiligen ein in das ewige Leben. Klein ist die Mühe, gross der ewige Lohn. Haltet aus eine kurze Zeit, damit ihr die Krone der Gerechtigkeit erlanget!“

Sie weckte sie zum Gotteslob in nächtlicher Stunde, denn der Prophet sagt: „Vor Tagesanbruch steh‘ ich auf und rufe.“ Und wiederum: „Ich hab‘ mich erhoben um Mitternacht, dein Lob zu singen.“ Sie sagte: „Dann erst aufstehen zum nächtlichen Gottesdienste, nachdem wir sattsam geschlafen haben, ziemt uns nicht. Wir sollen uns vielmehr Gewalt antun, auf dass wir in der künftigen Welt den Lohn empfangen mit jenen, die Gewalt anwenden.“ Nach dem üblichen Offizium durften sie noch ein wenig schlafen; denn sie waren jung und die Selige wünschte deshalb, sie sollten von den Mühen der Nachtwache sich erholen und neu Kräfte sammeln für den Psalmengesang bei Tage.

Das Nachtoffizium bestand aus drei Responsorien und drei Lektionen, das Morgenoffizium aus fünfzehn Antiphonen. Auch um die dritte Tagesstunde sangen sie Psalmen; denn zu dieser Stunde, sagten sie, kam der Heilige Geist auf die Apostel herab, ebenso zur sechsten Stunde, denn da ward der Patriarch Abraham gewürdigt, den Herrn gastlich aufzunehmen; auch um die neunte Stunde nach dem Brauche der heiligen Apostel, denn zur neunten Stunde gingen Petrus und Johannes zum Gebete hinauf in den Tempel und heilten den Lahmen. Auch andere passende Schriftstellen führte sie an zum Beweis; so nannte sie das Beispiel des heiligen Propheten Daniel, der täglich dreimal zur bestimmten Zeit die Kniee beugte zum Gebet, und das Gleichnis im Evangelium, wo vom Hausvater geschrieben steht, dass er um die dritte, sechste und neunte Stunde ausging, Arbeiter zu dingen in seinen Weinberg. „Dem Abendoffizium“, sagte sie, „müssen wir mit allem Eifer obliegen, nicht allein zum Danke, dass wir den Tag im Frieden durchmassen, sondern zugleich, weil der Herr nach seiner Auferstehung sich herabliess, mit Kleophas und seinem Weggenossen zu wandern.“ Sie mahnte die Schwestern besonders am Tag des Herrn und den übrigen hohen Festen, unermüdlich zu sein im Psalmengebete: „Ziemt es sich schon im täglichen Gottesdienste nie lau und lässig zu sein, dann sollen wir am Tag des Herrn und den anderen hohen Festen noch länger dem Psalmengebet obliegen als an gewöhnlichen Tagen.“

So sehr bestärkte sie den guten Willen der Schwestern, dass sie nicht einmal abliessen, wenn zuweilen die Selige selber sie schonen wollte, da sie müde waren. Sie sagten ihr: „Tag um Tag trägst du Sorge für alles, dessen unser Leib bedarf. Nun müssen doch wir um so mehr in geistlichen Dingen uns Mühe geben, nicht das Geringste vom üblichen Offizium auszulassen.“ Es freute die Selige sehr, dass sie so edler Gesinnung waren im Herrn. Sie liess ihnen deshalb eine Kapelle bauen und einen Altar hineinstellen, damit sie regelmässig an den heiligen Geheimnissen teilnehmen konnten. Zweimal in jeder Woche liess sie – von den Festen abgesehen – für sie das Opfer darbringen; am Freitag und am Tag des Herrn. Sie barg daselbst Reliquien heiliger Blutzeugen, des Propheten Zacharias, des heiligen Erzmärtyrers Stephanus, der vierzig Heiligen, die zu Sebaste den Martertod erlitten, und von andern, deren Namen Gott bekannt sind.

Während unsere heilige Mutter Melania damit beschäftigt war, ging ihr seligster Bruder – acht Jahre vor ihrem eigenen Tode – nachdem er den Lauf des leiblichen Lebens vollendet und den guten Kampf gekämpft hatte, freudig zu Gott, dem Herrn des Weltalls, und wurde gekrönt zum Lohne, weil er arm geworden war aus eigener Wahl und die Gebote Gottes treu befolgte. Gott selber fügte das, denn er kam ihrem guten Vorsatz entgegen, da sie noch härtere Kämpfe bestehen und ihren Wandel im Herrn noch glänzender gestalten sollte. Nachdem nun ihr Bruder im Herrn entschlafen war, blieb sie bei der Apostelkirche, die sie kurze Zeit zuvor gebaut und worin sie den Leichnam des Seligen beigesetzt hatte. Da rieb sie den Rest ihrer Kräfte gänzlich auf in nahezu vierjährigem masslosen Fasten und beständiger Trauer. Dann wurde sie vom Eifer um Gottes Ehre getrieben, für heilige Männer ein Kloster zu bauen, damit bei Tag und Nacht unablässig Psalmengesang ertöne, wo der Herr in den Himmel erhoben ward, und in der Höhle, wo der Heiland mit seinen heiligen Jüngern vom Ende der Welt gesprochen hatte. Doch einige widersetzten sich dem schönen Plan, indem sie sagten, sie könne ganz unmöglich ein so gewaltiges Werk vollenden, sie sei ja bettelarm; aber Gott, der unendlich reich ist, erfüllte den Wunsch ihrer heiligen Seele und bewog einen frommen Mann, ihr zweihundert Geldstücke zu geben. Hocherfreut nahm sie die Summe, rief den Priester, der bei ihr war und den sie Gott aus der Welt zum Opfer dargebracht hatte (das bin ich Armseliger) und sprach: „Im festen Vertrauen, dass du den Lohn für deine Mühe vom Herrn bekommen wirst in der künftigen Welt, nimm das wenige Geld und kauf‘ uns Steine! Dann wollen wir anfangen im Namen unseres Herrn Jesu Christi, das Männerkloster zu bauen, damit ich selber noch im Fleische den immerwährenden Gottesdienst in der Kirche schauen mag und meiner Mutter und meines Herrn Gebein Erquickung finde durch den Psalmengesang.“ Kaum hatte sie mit Gottes Gnade die Hand gelegt an das grosse Werk, da ward es unter Gottes Beistand, den sie stets in jeder Hinsicht erfuhr, in einem Jahre vollendet und staunend erkannten alle, wie das Werk auf himmlischen Antrieb gewachsen war. Dann führte sie heilige, gottgeliebte Männer hinein, die den Gottesdienst prächtig vollzogen in der Kirche der Auferstehung Christi und in der Apostelkirche, wo die Seligen bestattet sind.

Doch standen ihr allsogleich neue Kämpfe bevor, die noch grösser waren als die vorausgegangenen Mühsale. Da der Klosterbau vollendet war und die Selige nun ein wenig aufatmen konnte, kam ein Brief ihres Onkels Volusian, des Expräfekten der grossen Stadt Rom, er weile zu Konstantinopel als Gesandter am Hofe der frommen Kaiserin Eudoxia, die den ehelichen Bund geschlossen hatte mit unserem christlichen Kaiser Valentinian.1 Nun fühlte sie das Verlangen, den Onkel zu sehen. Von Gottes Gnade geleitet fasste sie den Plan, um jeden Preis seine Seele zu retten, weil er noch ein Heide war. Voll Angst, in irgend etwas dem Wohlgefallen Gottes entgegenzuhandeln, teilte sie das Anliegen allen Heiligen mit und bat um deren unablässiges Gebet, damit die Reise nach Gottes Willen geschehe, Dann empfahl sie die Klöster dem Herrn und verliess Jerusalem.

Unbeschreiblich ehrten sie beim Aufbruch die Heiligen aus der Stadt und deren Umkreis, Bischöfe nämlich und Kleriker. Die gottgeliebten Mönche und ehrwürdigen Jungfrauen nahmen unter vielen Tränen Abschied von ihr, denn alle kannten lange schon ihre leuchtende Tugend.

Ich wage nicht zu verschweigen, welch ein Zeichen der Herr in Tripolis um ihretwillen tat: denn es sagt die Schrift: „Das Geheimnis des Königs verbergen ist gut; aber die Werke Gottes offenbaren ist ehrenvoll.“ Dort angekommen blieben wir bei der Kirche des heiligen Märtyrers Leontius, wo nicht wenige Wunder geschehen, Wir, die Reisegenossen der Seligen, waren in grosser Anzahl, hatten aber keinen Pass. Deshalb weigerte sich der allzustrenge kaiserliche Beamte namens Messala mit aller Entschiedenheit, uns die nötigen Reittiere zu stellen. Dadurch tiefbetrübt verharrte die Selige betend und wachend bei den Überresten des heiligen Märtyrers Leontius vom Abend, bis die Tiere gebracht wurden. Als wir etwa sieben Meilen zurückgelegt hatten, holte uns der Beamte ein und fragte voll Aufregung: „Wo ist der Priester?“ Weil ich unerfahren im Reisen war, geriet ich in Angst, er sei gekommen uns die Tiere zu nehmen; so stieg ich denn ab und fragte nach seinem Begehren. Er gab zur Antwort: „Ich bitte mit der hohen Herrin sprechen zu dürfen.“ Sobald er sie sah, umfing er ihre Füsse und begann unter vielen Tränen zu flehen: „Verzeihe mir, Magd Christi, dass ich zögerte die Tiere zu senden! Ich wusste nicht, welch‘ grosse Heilige du bist.“ Sie sagte: „Gott segne dich, Sohn, dass du sie dennoch gesendet hast, wenn auch nach einigem Zögern.“ Er holte sodann drei Goldstücke vor, die er von mir als Geschenk erhalten hatte, und bat, ich solle sie zurücknehmen. Auf meine Weigerung fing er an der Heiligen zu berichten: „Die ganze Nacht wurden ich und deine Magd, meine Gattin, vom heiligen Leontius gepeinigt; deshalb standen wir frühe schon auf und eilten in die Kirche. Da wir euch nimmer fanden, kehrte sie zurück, denn sie war nicht imstande sich weiter zu bemühen, ich aber folgte dir schleunigst nach und bitte nun deine Heiligkeit um dein Gebet, dass Gott uns gnädig sei.“ Nachdem wir das vernommen hatten, widersetzten wir uns nicht länger wegen des Geldes, sprachen ein Gebet und nahmen freundlichen Abschied von dem Beamten, der in freudiger Stimmung den Rückweg antrat. Als die ganze Reisegesellschaft ihrem Staunen über den Vorfall Ausdruck gab, sagte die Selige: „Fasset Mut, denn Gott will es, dass wir reisen!“ Nun drangen wir sehr in sie, den Grund der Überzeugung auszusprechen. Die Heilige sagte darauf: „Ich flehte die ganze Nacht zum heiligen Märtyrer Leontius um ein günstiges Zeichen für die Reise. Nun sehet, ich Unwürdige ward erhört.“ Da zogen wir voll Zuversicht weiter und fanden überall guten Empfang.

Als wir aber in die Nähe Konstantinopels gelangten, der Christo treuergebenen Stadt, da wurde die Heilige von grosser Furcht befallen, weil sie die mächtige Kaiserstadt betreten sollte; sie war ja nur mehr an Einsamkeit und Abtötung gewöhnt. Wir besuchten die Kirche der heiligen Euphemia zu Chalcedon und diese ruhmreiche Blutzeugin gab der Heiligen gute Fahrt und frohe Zuversicht. So ging sie mutig im Herrn nach Konstantinopel hinein, wo sie Herr Lausos, der kaiserliche Kämmerer, aufnahm, wie es ihrem tugendhaften Wandel geziemte. Den Onkel traf sie krank durch Gottes Fügung. Als er sie mitten in seinem irdischen Glanz und Reichtum in ihrem armseligen Gewande sah, begann er heftig zu weinen und sagte zu meiner Wenigkeit: „Du weisst wohl nicht, Herr Priester, dass sie weichlicher denn alle von unserem Stamm erzogen ward und jetzt hat sie soviel Abtötung und Armut auf sich genommen.“ Die Selige benützte diesen Anlass und sagte: „Du siehst, mein Herr, ich habe Ruhm und Reichtum und alles Angenehme verachtet in diesem Leben um der ewigen Güter willen, die der weise Schöpfer des Weltalls seinen getreuen Gläubigen schenken wird. Ich bitte dich deshalb, entsage dem, was vergeht, komm‘ zum Bade der Unsterblichkeit, damit du der ewigen Güter teilhaftig werdest! Entreisse dich den Schlingen der Teufel, die mit ihrem Anhange brennen werden im ewigen Feuer!“ Sobald er merkte, sie wolle sich in dieser Angelegenheit an die kaiserliche Familie wenden, geriet er in tiefe Bestürzung und sprach: „Ich bitte dich bei deiner Gottesfurcht, nimm mir nicht die Möglichkeit der freien Wahl, denn diesen ehrenvollen Vorzug gab uns Gott von Anbeginn. Ich will ja von Herzen gerne den Schmutz meiner vielen Sünden abwaschen; soll ich es aber tun in kaiserlichem Auftrag, so geschieht es ja gleichsam erzwungen und ich verliere den Lohn des freien Entschlusses.“ Doch sie fühlte sich gedrängt, die Sache durch sehr angesehene Männer dem hochheiligen Bischofe Proklus mitteilen zu lassen. Dieser kam zu Besuch und redete lange mit ihm in trefflicher Weise vom Heile. Der Kranke merkte wohl, dass der Erzbischof gekommen war auf Anstiften der Seligen, liess ihr aber sagen, als ob er nichts ahnte: „Hätten wir in Rom drei Männer von des Herrn Proklus Art, dann gäb‘ es dort überhaupt keine Heiden mehr.“

Eben um jene Zeit hatte der Teufel die Geister unerfahrener Leute verwirrt durch des Nestorius gottlose Lehre. Deshalb suchten viele Gattinnen von Senatoren und andere Leute unsere heilige Mutter auf und stritten mit ihr um den wahren Glauben. Da sie den Heiligen Geist im Herzen hatte, lehrte sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend unermüdlich die göttlichen Dinge, führte viele vom Irrtum zum wahren Glauben, bestärkte die Zweifler und nützte den Besuchern insgesamt durch den gottbegeisterten Unterricht. Doch Satan, der Feind der Wahrheit, wütend, dass soviele sich an ihren Gesprächen erbauten, und voll Angst, ihr Onkel möchte zum Heile gelangen, verwandelte sich in einen schwarzen jungen Mann und kam zu ihr und sagte: „Wie lange noch willst du mit deinen Reden meine Hoffnung zerstören? Wisse, dass ich alles aufbiete, das Herz des Lausos und die Herzen der kaiserlichen Familie zu verhärten! Gelingt es mir aber nicht, so will ich deinen Leib mit furchtbaren Schmerzen plagen, so dass du in Lebensgefahr kommen und gerne schweigen sollst.“ Sie trieb ihn von dannen durch Anrufung des Namens unseres Herrn Jesu Christi. Hierauf liess sie mich holen und erzählte mir die Drohungen des Schwarzen. Noch hatte sie nicht ausgeredet, da befielen sie Schmerzen in der Hüfte; diese wuchsen sofort in einer Weise, dass sie drei Stunden der Sprache beraubt war. Nachdem wir für sie das Opfer gefeiert hatten, kam sie wieder ein wenig zu sich. Von der Stunde, da sie den Schwarzen erblickte, litt sie sechs Tage den unbeschreiblichen, immer wachsenden Schmerz. Am siebenten Tage, da man befürchten musste, sie verlasse das zeitliche Leben, kam ein Bote von ihrem Onkel mit der Meldung, er befinde sich in Gefahr, noch während der Vorbereitung auf die Taufe zu sterben.

Diese Nachricht empfand sie mehr als die Qualen der Krankheit. Sie sagte uns: „Bringt mich zu ihm, bevor ich sterbe!“ Wir wagten aber nicht einmal, sie anzurühren, denn ihr Fuss war wie dürres Holz. Sie drängte: „Tragt mich zu meinem Onkel; sonst wird die Gefahr, worin ich schwebe, noch grösser infolge des Kummers.“ Wir brachten also nach ihrem Befehl eine Sänfte und legten sie mit grosser Mühe darein. Ich eilte voraus zum Palaste und fragte nach dem Befinden des Expräfekten. Bekannte gaben die Antwort: „Er wollte gestern die Heilige holen lassen, doch als er von ihrer schweren Erkrankung hörte, liess er die Herrin Eleutheria, die Amme der frommen Kaiserin Eudoxia, rufen und empfing mit Gottes Gnade die Taufe,“ Sobald ich das vernommen hatte, war ich hocherfreut im Herrn und sandte schleunigst einen Reiter mit dieser Botschaft an die Selige. Kaum hörte sie, dass der Onkel getauft sei, begann sie mühelos zu gehen und der Teufel entwich zur nämlichen Stunde tiefbeschämt und die Selige war von allen Schmerzen erlöst. War sie zuvor kaum fähig, sich tragen zu lassen, so stieg sie nun selber alle Stufen hinauf, durchschritt das Seitentor des Palastes und trat in die Wohnung der frommen Kaiserin Eudoxia. Staunend priesen alle den Herrn ob der Niederlage, die der Feind des Heiles erlitten hatte. Sie sass die ganze Nacht am Krankenlager des Onkels, ihn tröstend. „Wahrhaft selig bist du, Herr,“ so sagte sie, „denn in dieser Welt hast du hohen Ruhm genossen und in der künftigen kommst du zum Herrn, gerechtfertigt durch das Bad der Unsterblichkeit,“ Und sie liess ihn dreimal teilnehmen an den heiligen Geheimnissen und freute sich, als er mit Tagesanbruch – es war das Fest der heiligen Erscheinung Gottes – im Frieden hinging zum Herrn. Während alle dem dankten, der grosse Wunder wirkt, pries die Selige seine grenzenlose Barmherzigkeit. Indem sie sagte: „Wie treu besorgt ist seine Güte doch um jede Menschenseele! Denn er hat es so gefügt, dass er bis von Rom und wir von Jerusalem an diesen Ort uns begeben mussten, damit seine Seele gerettet wurde, die das ganze Leben lang ihn nicht erkannte.“

Sie harrte noch aus in Konstantinopel, bis sie den Vierzigsten für ihn begangen hatte, nützte dort allen, besonders den christlichen Kaiserinnen und erbaute zugleich den überaus frommen Kaiser Theodosius. Von ihm erbat sie seiner Gattin Urlaub, weil diese Verlangen trug, die heiligen Orte zu verehren. Am Schlusse des Monats Februar brachen wir auf. Gerade damals war ein so rauher Winter, dass die Bischöfe Galatiens und Kappadokiens versicherten, niemals einen so entsetzlichen erlebt zu haben. Wir aber reisten stets im Schneegestöber den ganzen Tag und sahen nichts von der Gegend, nur die Herbergen, wo wir am Abend Einkehr nahmen. Trotzdem liess die Selig nicht ab von ihrem Fasten, allzeit unerbittlich strenge bei sich selber, gleich dem Diamant, der seine Härte niemals einbüsst. Sie sagte nur: „Jetzt muss ich um so mehr mich abtöten zum Danke gegen Gott, den Herrn der Welt, für alles Wunderbare, das er an mir getan.“ Ausdauernd im unaufhörlichen Gebet bewirkte sie, dass weder sie noch wir die furchtbare Kälte lästig empfanden, und zeigte so, dass der sicherste Schutz das Gebet des Gerechten ist, sogar den Elementen gegenüber. So liebevoll die Heiligen alle, bei denen wir vorüberkamen, uns drängten zu bleiben, keinem gab die Selige nach, denn sie kannte nur den einen Wunsch: das Leiden des Herrn in Jerusalem zu feiern, und das gewährte Gott ihr huldvoll nach der untrüglichen Verheissung des heiligen Propheten: „Den Willen jener, die ihn fürchten, wird er tun und ihr Flehn erhören“.

Wir kamen zu den heiligen Stätten am dritten Tag der Woche vor dem Leiden des Herrn, und hocherfreut im Geiste beging sie mit ihren Schwestern das Pascha und die Auferstehung des Herrn, nahm die gewohnten Übungen wieder auf und die Sorge für die beiden Klöster. Als sie sah, wie feierlich die gottgeliebten Mönche den Psalmengesang im Gotteshause hielten, erwachte neuerdings ein frommes Verlangen in ihrem Herzen: sie beschloss ein Kirchlein zu gründen und sagte zu meiner Wenigkeit: „Das ist der Ort, wo die Füsse des Herrn gestanden haben. Da wollen wir ihm ein würdiges Bethaus bauen, damit an dieser Stätte nach meinem Hingang zum Herrn aus dieser Welt das Opfer beständig dargebracht werde für mich und meine Gebieter.“ Weil aber all ihr Sinnen und Sehnen wohlgefällig war vor dem Angesicht des allmächtigen Gottes, wurde das Werk in wenigen Tagen vollendet. Dorthin versammelte sie eine neue Schar von heiligen Männern und gab ihnen eine Wohnstätte.

Inzwischen bekam sie Botschaft, die Kaiserin befinde sich auf dem Wege nach Jerusalem und sei schon in Antiochien eingetroffen. Nun überlegte sie, womit sie Gott am meisten ehren und den Menschen am meisten nützen könne. „Wenn ich ihr entgegengehe“, sagte sie, „muss ich Tadel erwarten, dass ich in so wertlosem Gewand in den Städten erscheine; bleib‘ ich aber, so bin ich in Angst, es möchte mein Verhalten als Hochmut gedeutet werden.“ Nachdem sie die Sache fromm erwogen hatte, reiste sie fort, indem sie sprach: „Da wir Christi Joch auf uns genommen haben, sollten wir eine Kaiserin, die so festen Glauben hat, sogar auf den Schultern tragen, wenn wir es würdig wären; zum mindesten obliegt uns, die Macht des Herrn zu preisen, der in diesen Tagen eine Kaiserin von so tiefer Frömmigkeit erweckte.“ Sie zog ihr entgegen bis nach Sidon zum Ausdrucke des Dankes für das Übermass von Liebe, das ihr jene zu Konstantinopel erwies, und blieb in der Kirche des heiligen Märtyrers Phokas, wo das Haus der gläubigen Kananäerin sein soll, die zum Herrn im Evangelium gesprochen hat: „Ja, Herr, auch die Hündlein fressen von den Brosamen die vom Herrentische fallen“.Mit solchem Eifer suchte die Selige Gott zugefallen sogar in der Wahl der Wohnung, durch ihren Umgang und ihren ganzen Wandel. Sobald die gottgeliebte Kaiserin sie sah, bot sie der Seligen voll Ehrfurcht ihren Gruss, wie das vor einer wahrhaft geistlichen Mutter passend ist, denn ihr selber gereichte zum Ruhme, dass sie jene so verherrlichte, die den himmlischen König vor den Augen der ganzen Welt verherrlicht hatte. Die Heilige lobte sie wegen ihres Glaubens und der Geduld, womit sie der mühsamen Reise sich unterzog und ermahnte sie, wacker voranzuschreiten in guten Werken. Die fromme Kaiserin aber sagte die denkwürdigen Worte: „Zwei Dinge dank‘ ich dem Herrn: dass ich die heiligen Orte verehren darf und dass ich meine Mutter sehe; denn ich sehnte mich, solange du noch dem Herrn im Fleische dienest, deiner heiligen Nähe gewürdigt zu werden.“ Vom Übermasse geistlicher Liebe geleitet, besuchte die christliche Kaiserin das Kloster der Heiligen, verkehrte mit den Jungfrauen, als wären es ihre leiblichen Schwestern, erbaute sich sehr und äusserte die Absicht, auch die Mönche zu besuchen in ihrem Kloster und ihren Segen zu empfangen. Es stand der Tag bevor, an dem man die heiligen Reliquien in das neugebaute Kirchlein übertragen wollte. Nun bat die Kaiserin, es möchte dieses Fest in ihrer Gegenwart begangen werden.

Doch der Feind alles Guten war ob solcher geistlichen Liebe gewaltig erbost und bewirkte, dass die Kaiserin eben am Tage der Reliquienübertragung den Fuss verstauchte, weshalb die grösste Bestürzung entstand. Aber auch das sollte nur den Glauben der Heiligen bestärken. Sie hatte sie eben in dieser Stunde zur Kirche der Auferstehung begleitet und verharrte jetzt mit den Jungfrauen bei den Überresten der heiligen Märtyrer andächtig betend, weinend und fastend, bis die Kaiserin nach ihr sandte, weil der Schmerz gewichen war. Dennoch liess die Heilige nicht ab, den Teufel zu bekämpfen, der eine solche Störung hervorgerufen hatte. Die Kaiserin blieb noch einige Tage mit ihr zusammen, schöpfte grossen Nutzen aus ihrem Umgang und wurde von der Seligen bis Cäsarea begleitet. Sie konnten sich kaum voneinander trennen, so fest war die geistliche Liebe, womit eine der anderen zugetan war. Dann kehrte die Heilige zurück und begann die gewohnten Abtötungen und flehte besonders zu Gott, er möge die fromme Kaiserin wohlbehalten zu dem Gatten heimgelangen lassen; und der allmächtige Gott gewährte das in seiner Güte.

Nur wenige der vielen Wunder, die Gott durch sie gewirkt hat, will ich erzählen; denn alle zu berichten wäre ganz unmöglich bei der ungeheuren Anzahl; auch bin ich in meiner Einfalt dieser Aufgabe gar nicht gewachsen. Ein junges Weib wurde von einem argen Teufel besessen. Mund und Lippen waren ihr so fest verschlossen, dass sie viele Tage nicht reden noch die geringste Nahrung nehmen konnte, weshalb sie dem Hungertod entgegenging. Die vielen Mittel der vielen Ärzte hatten nicht einmal den Erfolg, dass sie nur die Lippen bewegen konnte. Da man endlich die Ohnmacht aller ärztlichen Kunst erkannte, schleppte man sie zur Heiligen hin; die eigenen Eltern waren dabei. Doch die Selige, die niemals Ehre bei den Menschen suchte, sagte nur: „Ich bin eine Sünderin und kann unmöglich etwas solches tun. Tragen wir sie zu den heiligen Märtyrern! Auf ihre Fürsprache wird der barmherzige Gott sie heilen.“ Als sie nun hingekommen waren, rief die Heilige voll inniger Andacht zu dem allmächtigen Herrn, nahm geweihtes Öl von den Reliquien der heiligen Märtyrer und salbte dreimal den Mund des armen Weibes, während sie mit lauter Stimme sprach: „Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, öffne deinen Mund!“ Sobald der Name des Herrn ausgesprochen war, entwich der Teufel tiefbeschämt und angsterfüllt und das Weib öffnete seinen Mund. Die Heilige gab ihr zu essen und alle, die es sahen, lobten Gott. Und sie ging geheilt nach Hause zurück und dankte dem Herrn. Auch ein anderes Weib, von demselben Übel ergriffen, wurde durch sie geheilt.

Wieder ein Weib konnte nicht gebären und weil das Kind im Mutterschose gestorben war, schwebte die Arme zwischen Leben und Tod. Sobald die edle Magd des Herrn es hörte, sagte sie, von Mitleid bewegt, zu den Jungfrauen: „Lasset uns hingehen und die Todkranke besuchen, damit wir beim Anblick der furchtbaren Wehen, die die Kinder dieser Welt aushalten müssen, zum mindesten erkennen, welcher Mühsal Gott uns enthoben hat.“ Als sie den Raum betrat, worin die Kranke lag, begann sie zu beten, und das arme Weib in seiner Qual flehte mit kaum vernehmlicher Stimme zur Heiligen: „Erbarme dich meiner“ Da bestürmte sie Gott aus tiefster Seele, nahm den Gürtel, den sie trug, und legte diesen ihr auf mit den Worten: „Ein grosser Mann hat ihn mir geschenkt und ich, hoffe, dass sie Gott auf seine Fürbitte sogleich heilen wird.“ Und augenblicklich kam das tote Kind heraus und sie schenkte dem Weibe Lebensmittel und ging eilig heim und sie lobten Gott nach ihrer Gewohnheit. Und die Selige sagte voll tiefer Demut: „Es ist der Gürtel eines Heiligen, und dessen Fürbitte gab der Todkranken die Gesundheit wieder“. So schrieb sie stets den Heiligen alles Gute zu, das sie selber tat.

Um jene Zeit wurde sie von einer aus den Jungfrauen, die mit ihr zusammenlebten, befragt, ob sie mitten in soviel Abtötung und Tugend nie versucht sei vom Teufel der Eitelkeit und Hoffart. Da gab sie eine Antwort, die uns allen im höchsten Grad zur Erbauung diente; sie sagte nämlich: „Etwas Gutes zu besitzen bin ich mir in keiner Weise bewusst, und wenn ich jemals merkte, dass der Feind mir eitle Gedanken in die Seele säen wollte, so hab‘ ich ihm entgegnet: Wie sollte das etwas Grosses sein, wenn ich faste während der Woche, da doch viele vierzig Tage lang nicht essen? Und wenn ich kein Öl geniesse, während andere nicht einmal am Wasser sich satt trinken? Und wollte mich der Feind in seiner grenzenlosen Bosheit zur Überhebung reizen durch den Hinweis, dass ich arm geworden sei, so hab‘ ich voll Vertrauen auf die göttliche Macht ihm stets erwidert: Wieviele werden kriegsgefangen von Barbarenhand und verlieren sogar die Freiheit! Wieviele fallen in Ungnade bei den Königen und verlieren alles Eigentum, sogar das Leben! Wieviele stehen bettelarm in der Welt durch elterliche Schuld! Andere geraten in die Schlingen, die Verleumder und Räuber ihnen gestellt haben, und stürzen aus dem Reichtum über Nacht in bitterste Not. Darum ist es in der Tat nichts Grosses, irdische Güter wegzuwerfen um der unvergänglichen und ewigen willen. Und wenn ich wahrnahm, dass der Böse mir eitle Gedanken deshalb einflüstern wollte, weil ich vordem feinste Leinwand und Seide trug, jetzt dagegen rauhe Wolle, so kam ich mir ganz erbärmlich vor und ich musste denken, wieviele nackt und vor Kälte starr am Marktplatz auf Binsen kauern. So jagte Gott den Satan weg von mir.“ Sie sagte, die Nachstellungen des Teufels seien sofort erkennbar; „doch haben mir oftmal Menschen, die man für Heilige hielt, grössere Hindernisse bereitet als der Widersacher. Weil sie sahen, dass ich im vollen Sinne das Wort des Herrn erfüllen wollte, das er zu dem Reichen sprach: ‚Willst du vollkommen sein, so geh, verkaufe, was du besitzest, gib es den Armen und nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach‘, deshalb sagten sie zu mir: ‚Armut und Abtötung üben aus Liebe zum Herrn soll man gewiss, aber mit Mass.‘ Ich dachte daran, wie jene, die sterblichen Gebietern dienen in dieser Welt, sogar ihr Leben auf das Spiel setzen, um höher zu steigen auf der Stufenleiter in Amt und Würde. Wenn aber jene wegen dieser Blume des Feldes (nichts anderes ist ja der irdische Ruhm) sich so bemühen, um wieviel mehr muss dann ich Opfer bringen um der himmlischen Herrlichkeit, die doch höher ist, teilhaftig zu werden!“ Soviel sei gesagt von allem, was sie den Seelen zu Nutz und Frommen an geistlicher Lehre bot! Sie besass eine solche Sanftmut und Ruhe, dass sie, wenn eine der Schwestern – was zuweilen vorkam – sie verletzt hatte und deshalb um Verzeihung bat, nur zu sagen pflegte: „Gott weiss, ich wage nicht, einem ehrbaren Weib in der Welt mich an die Seite zu stellen; aber ich hoffe, dass mich der Feind am Tage des Gerichtes nicht verklagen kann, ich hätte je mich schlafen gelegt mit Bitterkeit auf jemand im Herzen.“

Wie der wackere Wettläufer, wenn er die weite Rennbahn durchmass, nach dem Siegespreise sich sehnt, so trug sie nun bald Verlangen, aufgelöst und mit Christo vereint zu werden. Denn auch sie seufzte, wie der Apostel sagt, mit der himmlischen Wohnung umkleidet zu werden. Es kam das heilige Fest der Geburt des Erlösers. Da sagte sie zu ihrer Base, der Herrin Paula: „Gehen wir nach dem heiligen Bethlehem; denn ich weiss nicht, ob ich dieses Fest noch ein Mal im Fleische sehen werde!“ Sie gingen also hin, durchwachten die ganze Nacht und empfingen am Morgen die furchtbaren Geheimnisse. Die Heilige sagte sodann, als hätte sie von Gott Gewissheit erhalten, zur Base gewendet: „Bete für mich! In Zukunft wirst du die Geburt des Herrn allein begehen; denn die Zeit meines Wandels im Fleische wird sich in kurzem erfüllen.“ Jene war ob dieser Äusserung auf das tiefste bestürzt. Sie kehrten aus dem heiligen Bethlehem in das Kloster zurück, ohne dass die Heilige das mühevolle Wachen und Wandern geachtet hätte; sondern sie ging sogleich in die Höhle, wo sie lange Zeit im Gebete blieb.

Am nächsten Tage begaben wir uns in die Kirche des heiligen Erzmärtyrers Stephanus, denn es war das Gedächtnis seines Entschlafens. Wir wohnten dem Gottesdienste bei und gingen sodann in das Kloster zurück. Während der Nachtwache lasen ich und drei Schwestern, zuletzt sie selber aus der Apostelgeschichte den Tod des heiligen Stephanus. Nachdem sie den Abschnitt vollendet hatte, sagten alle Schwestern zu der Heiligen: „Mögest du gesund bleiben und noch viele Jahre die Gedächtnistage der Heiligen feiern!“ Sie gab zur Antwort, als hätte sie von oben die Gewissheit: „Mögt auch ihr gesund sein! Mich aber hört ihr nicht mehr lesen.“ Da wurden alle vom tiefsten Schmerz bewegt, denn sie merkten wohl, sie wisse das Gesagte durch Offenbarung. Und als ginge sie jetzt schon zum Herrn hinweg aus dieser Welt, gab sie den Schwestern sofort ihr geistliches Testament in den Worten: „Ich bitte, feiert den Gottesdienst auch nach meinem Hingange mit Ehrfurcht und scheuet keine Nachtwache, denn es steht geschrieben: ‚Verflucht sei wer das Werk des Herrn nachlässig verrichtet!‘ Mag ich in Bälde von euch getrennt und dem Fleische nach nimmer in eurer Mitte sein, dann ist doch der ewige, alles erfüllende Gott mit euch und kennt die Herzenstiefen einer jeden. Das haltet allezeit vor Augen und bewahret eure Seelen in Reinheit und Liebe bis an das Ende, denn ihr wisset, dass wir alle vor seinem furchtbaren Richterstuhl erscheinen werden und jede dann den Lohn der Mühen empfangen soll oder für die Sünden die Verdammnis.“ Während alle laut zu klagen begannen, dass sie nun eine so treffliche Leiterin und vom Geiste Gottes erfüllte Lehrerin verlieren sollten, wandte sich die Selige zu meiner Wenigkeit und sagte: „Gehen wir in die Kirche des Männerklosters zum Gebet, denn es ruhen auch dort Reliquien des heiligen Stephanus!“ Tiefergriffen kam ich dem Wunsche der Seligen nach und ging mit ihr in die Kirche. Da fing sie weinend zu beten an, als sei sie schon mitten im Kreise der heiligen Märtyrer: „Herr“, so flehte sie, „Herr, Du Gott der heiligen Märtyrer, der alles kennt, bevor es in das Dasein tritt, Du weisst, worauf mein Sinn gerichtet war von Anbeginn. Du weisst, ich liebte Dich von ganzem Herzen und es hat mein Fleisch in Deiner Furcht geklebt an dem Gebeine. Du hast mich aus dem Mutterschoss gebildet und Dir weiht‘ ich meinen Geist und meinen Leib. Du hast meine rechte Hand ergriffen und mich geführt nach Deinem Willen. Doch in Menschenweise fehlt‘ ich oft im Wort und Werk vor Dir, dem einzig Reinen, Sündelosen. Nimm jetzt mein Flehen gnädig auf, das ich weinend sende vor Dein Angesicht durch Deine sieggekrönten Heiligen und läutere Deine Magd, dass meine Seele frei von jeder Fessel Dir entgegengehe, dass nicht die bösen Geister dieses Luftgebiets mich hemmen, sondern dass ich makellos von deinen heiligen Engeln geleitet zu Dir im himmlischen Hause gelangen und Deine benedeite Stimme hören darf, womit Du dann zu denen, die Dir wohlgefallen, sagen wirst: ‚Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmet in Besitz das Reich, das euch bereitet ist seit Grundlegung der Welt!‘ Du hegst ja unaussprechliches Erbarmen und Mitleid ohne Mass und rettest alle, die hoffen auf Dich“. Dann bat sie die heiligen Märtyrer mit den Worten: „Ihr Helden des Herrn, die das kostbare Blut vergossen, ihn zu bekennen, habt Erbarmen um mich, eure niedrige Magd, die eure heiligen Überreste stets in Ehren hielt! Ihr habt mich allezeit erhört; bittet jetzt den barmherzigen Gott, bei dem ihr grossen Einfluss übet, er möge meine Seele nun aufnehmen in Frieden und die Klöster fort und fort in seiner Furcht bewahren!“ Noch ehe sie das Gebet vollendet hatte, befiel sie das Fieber. Als wir in das Jungfrauenkloster zurückkamen, waren die Schwestern gerade beim Psalmengesang. Ich fühlte mich von innerem Schmerze gänzlich erschöpft, so dass ich nahe daran war niederzustürzen; ich zog mich deshalb zurück um ein wenig auszuruhen. Aber die Selige ging zu den Schwestern und beteiligte sich am Chorgebete. Sobald sie merkten, dass sie krank sei, baten sie: „Raste doch ein wenig, du kannst ja nicht mehr stehen.“ Allein sie wollte nicht und gab zur Antwort: „Lasset uns erst die Morgenpsalmen zu Ende beten!“ Nachdem der ganze Gottesdienst vorbei war, ging sie fort und legte sich nieder. Sie bekam sehr heftiges Seitenstechen und erkrankte schwer. Da liess sie die Schwestern alle holen und sagte zu mir: „Siehe, nun geh‘ ich zum Herrn. Bete für mich!“ Da bohrte sich der Kummer tief in mein Herz.

Sie sagte dann zu den Jungfrauen: „Ich bitte, betet auch ihr für mich! Denn ich habe niemals einer aus euch übelgewollt und wenn ich zuweilen ein strengeres Wort gebrauchte, tat ich es nur in geistlicher Liebe. Habet acht auf euch als wahre Mägde Christi! Behutsam sollt ihr wandeln, solang ihr noch am Leben seid, damit eure Lampen leuchten und ihr dem himmlischen Bräutigam gefallet an jenem Tage. Sehet, ich empfehle euch Gott, der mächtig ist, eure Seelen und Leiber zu bewahren. Auch dem Herrn Priester will ich euch empfehlen und ich bitte, betrübet ihn nicht im geringsten, sondern seid ihm untertan in aller Demut und vergesset nicht, dass er aus Liebe zu Gott eure Last auf sich genommen hat! Wer ihm sich widersetzt und den Gehorsam versagt, beleidiget Gott.“ Nachdem sie so geredet hatte, sprach sie den Wunsch aus, in die Kirche gebracht zu werden: „Bringet mich so nahe wie möglich zu den heiligen Märtyrern!“

Als die Schmerzen immer zunahmen, sagte sie uns: „Der Tag ist erfüllt.“ Alle weinten bitterlich, besonders die Jungfrauen, denn sie sollten die Mutter verlieren, die so innige Liebe zu ihnen hegte. Weil sie mich vom tiefsten Weh überwältigt sah, sprach sie zu mir am fünften Tage der Krankheit, ihrem Sterbetage: „Sohn, soviel ihr auch beten und weinen möget, es ist doch alles umsonst; denn ich vernahm eine Stimme, die zu mir in meinem Herzen sprach, ich müsse, von den Fesseln des Leibes gelöst, hingehen zum Herrn.“ Als der Sonntagmorgen anbrach, sagte sie vor Sonnenaufgang zu mir: „Sei so gütig, feiere das heilige Opfer!“ ich konnte vor Schmerz nicht mehr laut sprechen während des Opfers. Da nun die Sterbende nicht beten hörte, liess sie mir am Altare sagen: „Erhebe deine Stimme, damit ich das Gebet vernehme!“

Nachdem sie an den heiligen Geheimnissen teilgenommen halte, kam der gottgeliebte Bischof in Begleitung seiner Priesterschaft. Sie sprachen viel vom Heil der Seele und zuletzt sagte die Selige zum Bischof: „Lass dir den Priester und die Klöster empfohlen sein und sorge treulich um alle nach dem Beispiel deines Herrn als guter Hirt!“ Er war tiefbewegt, denn er dachte, wieviel Gutes scheiden sollte von dieser Welt. Die Heilige bat ihn um die Kommunion und nahm in Frieden Abschied von ihm.

Hierauf kamen die gottgeliebten Mönche aus dem Kloster der Seligen. Zu diesen sagte sie: „Weil ich im Begriffe stehe, dies zeitliche Leben zu verlassen, drängt es mich, Abschied zu nehmen von euch mit der Bitte: Machet in allen Dingen dem Priester Freude; denn ihr wisset, dass er seine Freiheit hingegeben hat, euer Knecht zu sein um des Herrn willen und dass er aus eigenem Antrieb eure Last auf sich genommen hat.“ Dann kamen die anderen Klöster und viele von der Stadt. Und sie, das wahrhaft starke Weib, war voll zarter Aufmerksamkeit für alle, so sehr die Schmerzen ihren Leib zermarterten. In Freundlichkeit und Güte bot sie jedermann ein passend Lebewohl. Dann erschien ihre Base, die Herrin Paula, mit allen Hausgenossen; diesen gab sie gute Lehren, besonders suchte sie die Base zu trösten, die gänzlich aufgelöst in Jammer um die Trennung war, und entliess sie unter vielen Segenswünschen und Gebeten. Zuletzt von allen wandte sich die Selige zu mir Armen und sagte: „Du bist voll Liebe zu Gott und es ist nicht nötig dich zu bitten, dass du sorgest um die Klöster; denn während ich im Fleische war, bist du’s gewesen, der sich aller angenommen, die Last getragen und mir selber treulich zur Seite gestanden hat, ich empfehle dir deshalb auch jetzt die Klöster und bitte dich, wenn ich nimmer da bin, nicht überdrüssig zu werden der doppelten Mühe. Gott wird dich belohnen in der künftigen Welt.“ Nachdem sie von allen in Frieden Abschied genommen hatte, sprach sie: „Betet!“ Dann entliess sie alle, indem sie sagte: „Nun lasst mich ruhen!“ Sie fiel in Ohnmacht um die neunte Stunde; wir aber meinten, sie sei gestorben, und gingen daran, ihre Füsse zu strecken. Da kam sie wieder etwas zu sich und sagte mit leiser Stimme zu meiner Wenigkeit: „Noch ist die Stunde nicht da.“ Ich konnte zwar den Schmerz, der mich umfangen hielt, nicht mehr beherrschen, doch gab ich ihr trotzdem zur Antwort: „Wenn nun die Stunde kommt, willst du darin es uns sagen?“ Sie entgegnete: „Ja.“ So sprach sie, scheint mir, um anzudeuten, es sei nicht nötig, dass jemand den Leib nach ihrem Tod gerade richte. Heilige Männer blieben bei mir, denn allezeit war es ihr Wunsch gewesen, ihren Geist aufzugeben in Mitte von Heiligen. Nochmal kam der gottgeliebte Bischof mit den Einsiedlern aus der Gegend um Eleutheropolis, hochheiligen Männern, die zu der Seligen sagten: „Du hast den guten Kampf gekämpft auf Erden und freudig gehst du zum Herrn und es frohlocken die Heiligen alle; wir aber bleiben zurück in tiefer Trauer um dich, deren heilsamen Umgang wir schmerzlich vermissen.“ Sie sagte darauf – und es war ihr letztes Wort: „Wie’s dem Herrn gefiel, so geschah es“. Und sogleich übergab sie die Seele sanft und ruhig, freudig und frohlockend ihrem Gebieter am Abend des heiligen Sonntags zum Ausdruck der innigen Liebe zum Herrn und seiner heiligen Auferstehung. Es war nicht nötig, ihren heiligen Leichnam in andere Lage zu bringen. Denn die Füsse waren ausgestreckt, die Hände lagen zusammengefügt auf der Brust und die Augenlider waren geschlossen, als ob sie schliefe. Gemäss ihrem Auftrag fanden sich die heiligen Väter ein aus verschiedenen Orten und sangen feierlich Psalmen die ganze Nacht und hielten Lesungen und begruben sie.

Das Totengewand war der Heiligen würdig. Mir scheint es nötig, das genauer anzugeben zum Nutzen jener, die vielleicht dies lesen werden. Den Leibrock hatte sie von einem Heiligen, den Schleier von einer anderen Magd Gottes, von einem andern ein Stück des ärmellosen Rockes, von einem den Gürtel, den sie schon lebend trug und von einem die Kukulle, statt eines Kopfkissens falteten wir die härene Kukulle eines Heiligen zusammen und legten sie unter das ehrwürdige Haupt. Denn es ziemte sich, dass sie bestattet ward in den Kleidern jener, deren Tugenden sie besass, solange sie lebte. Wir gaben ihr an Leinwand nur ein Leichentuch; das wanden wir aussen um sie.

Was die Heilige wünschte, ward ihr zuteil; frohlockend stieg sie zum Himmel empor, angetan mit Tugend wie mit einem Gewande. Die feindlichen Mächte kreuzten nicht ihren Weg, denn sie konnten nichts Eignes an ihr entdecken. Freudig aber empfingen sie die heiligen Engel, ahmte sie doch im verweslichen Fleisch ihr Leben nach, das jeder Leidenschaft entbehrte. Desgleichen begrüssten sie mit grosser Freude die heiligen Propheten und Apostel und nahmen sie auf in ihren Chor, denn ihren Wandel und ihre Lehren hatte sie dargestellt im Werke. Die heiligen Märtyrer, deren Andenken sie verherrlicht und deren Kämpfe sie aus eigenem Antrieb überstanden hatte, zogen ihr jubelnd entgegen. So wurde sie dort im Himmel teilhaftig dessen, was kein Auge gesehen und was kein Ohr gehört hat und was in kein Menschenherz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Melania veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s