Über den Ursprung des Übels

Von Albrecht von Haller

Erstes Buch, 1734.

Dieses Gedicht habe ich allemal mit einer vorzüglichen Liebe angesehen. Die mir wohl bekannte Rauhigkeit einiger Stellen entschuldigte ich mit der moralischen Unmöglichkeit, gewisse Vorwürfe zugleich stark, und dennoch angenehm zu mahlen. Die lange Mühe, die ich daran gewandt, und die über ein Jahr gedauret hat, vermehrte meine Liebe, indem uns ordentlich alles lieber ist, was uns theurer zu stehen kömmt. Ich unterzog mich dieser Arbeit aus Hochachtung für einen Freund, der die Früchte seiner reifen Tugend schon längst in der Ewigkeit genießt. Das Ende gefiel ihm am wenigsten. Er sah es für zu kurz, zu abgebrochen und zu unvollständig an. Es können in der That noch beßre Ursachen für die Mängel der Welt gesagt werden. Aber ein Dichter ist kein Weltweiser, er mahlt, und rührt, und erweiset nicht. Ich habe also dieses Gedicht unverändert beybehalten, ob ich wohl bey gewissen Stellen hätte wünschen mögen, daß ich die nehmlichen Dinge deutlicher und fliessender hätte sagen können.

Auf jenen stillen Höhen,
Woraus ein milder Strom von stäten Quellen rinnt,
Bewog mich einst ein sanfter Abendwind,
In einem Busche still zu stehen.
Zu meinen Füssen lag ein ausgedähntes Land,
Durch seine Größ‘ umgränzet,
Worauf das Aug kein Ende fand,
Als wo Jurassus es mit blauen Schatten kränzet.
Die Hügel deckten grüne Wälder,
Wodurch der falbe Schein der Felder
Mit angenehmem Glanze bricht;
Dort schlängelt sich durchs Land, in unterbrochnen Stellen,
Der reinen Aare wallend Licht;
Hier lieget Nüchtlands Haupt in Fried und Zuversicht,
In seinen nie erstiegnen Wällen.
Soweit das Auge reicht, herrscht Ruh und Ueberfluß,
Selbst unterm braunen Stroh bemoßter Baurenhütten
Wird Freyheit hier gelitten,
Und nach der Müh Genuß.
Mit Schaafen wimmelt dort die Erde,
Davon der bunte Schwarm in Eile frißt und bleckt;
Wann dort der Rinder schwere Heerde,
Sich auf den weichen Rasen streckt,
Und den beblümten Klee im Kauen doppelt schmeckt.
Dort springt ein freyes Pferd, mit Sorgen=losem Sinn,
Durch neubewachsne Felder hin,
Woran es oft gepflüget:
Und jener Wald, wen läßt er unvergnüget?
Wo dort im rothen Glanz halb nackte Buchen glühn,
Und hier der Tannen fettes Grün
Das bleiche Mooß beschattet:
Da mancher heller Strahl auf seine Dunkelheit,
Ein zitternd Licht durch rege Stellen streut
Und in verschiedner Dichtigkeit,
Sich grüne Nacht mit güldnem Tage gattet.
Wie angenehm ist doch der Büsche Stille,
Wie angenehm ihr Wiederhall!
Wann sich ein Heer glückseliger Geschöpfe,
In Ruh und ungesorgter Fülle,
Vereint in einen Freudenschall;
Und jenes Baches Fall,
Der schlängelnd durch den grünen Rasen,
Die schwachen Wellen murmelnd treibt,
Und plötzlich, aufgelößt, in Schnee und Perlenblasen,
Durch gähe Felsen rauschend stäubt!
Auf jenem Teiche schwimmt der Sonne funkelnd Bild,
Gleich einem diamantnen Schild,
Da dort das Urbild selbst, vor irdischem Gesichte,
In einem Strahlen=Meer sein flammend Haupt versteckt,
Und, unsichtbar vor vielem Lichte,
Mit seinem Glanz sich deckt.
Dort streckt das Wetterhorn den nie beflognen Gipfel
Durch einen dünnen Wolken=Kranz;
Bestrahlt mit rosenfarbem Glanz
Beschämt sein graues Haupt, das Schnee und Purpur schmücken,
Gemeiner Berge blauen Rücken.
Ja, alles, was ich seh, des Himmels tiefe Höhen,
In dessen lichtem Blau die Erde grundloß schwimmt;
Die in der Luft erhabnen weissen Seen,
Worauf durchsichtig Gold und flüchtig Silber glimmt;
Ja alles was ich seh, sind Gaben vom Geschicke:
Die Welt ist selbst gemacht zu ihrer Bürger Glücke,
Ein allgemeines Wohl beseelet die Natur,
Und alles trägt des höchsten Gutes Spur.

Ich sann in sanfter Ruh dem holden Vorwurf nach,
Bis daß die Dämmerung des Himmels Farben brach,
Die Ruh der Einsamkeit, die Mutter der Erfindung,
Hielt der Begriffe Reyh‘ in schliessender Verbindung,
Und nach und nach verknüpft, kam mein verwirrter Sinn,
Uneinig mit sich selbst, zu diesen Worten hin:

Und dieses ist die Welt, worüber Weise klagen,
Die man zum Kerker macht, worinn sich Thoren plagen!
Wo mancher Mandewil  des Guten Merkmahl mißt,
Die Thaten Bosheit würkt, und Fühlen Leiden ist.
Wie wird mir? Mich durchläuft ein Ausguß kalter Schrecken,
Der Schauplatz unsrer Noth beginnt sich aufzudecken,
Ich seh‘ die innre Welt, sie ist der Hölle gleich:
Wo Quaal und Laster herrscht, ist da wohl Gottes Reich?
Hier reist ein schwach Geschlecht, mit immer vollem Herzen
Von eingebildter Ruh, und allzu wahrem Schmerzen,
Wo nagende Begier, und falsche Hofnung wallt,
Zur ernsten Ewigkeit; im kurzen Aufenthalt
Des nimmer ruhigen und nie gefühlten Lebens
Schnappt ihr betrogner Geist nach echtem Gut vergebens.
So wie ein fetter Dunst, der aus dem Sumpfe steigt,
Dem irren Wandersmann sich zum Verführen zeigt:
So lockt ein flüchtig Wohl, das Wahn und Sehnsucht färben,
Von Weh zu grösserm Weh, vom Kummer zum Verderben.
Nie mit sich selbst vergnügt sucht jeder aussenher
Die Ruh, die niemand ihm verschaffen kan als er;
Getrieben vom Gespenst stäts hungriger Begierden
Sucht er in Arbeit Ruh, und Leichterung in Bürden;
Umsonst hält die Vernunft das schwache Steuer an,
Der Lüste wilde See spielt mit dem leichten Kahn,
Bis der auf seichtem Sand und jener an den Klippen,
Ein untreu Ufer deckt mit trocknenden Gerippen.
Wer ists, der einen Tag von tausenden erlebt,
Den nicht in seine Brust die Reu mit Feuer gräbt?
Wo ist ein seliger, in seltnem Stern gebohren,
Bey dem Verdruß sein Recht auf einen Tag verlohren?
Was hilfts, daß Gott die Welt aufs angenehmste schmückt,
Wann ein verdeckter Feind uns den Genuß entrückt?
Aus unserm Herzen fließt des Unmuths bittre Quelle,
Ein unzufriedner Sinn führt bey sich seine Hölle.
Noch selig, wäre noch der Tage kurze Zahl
Für uns zugleich das Maaß des Lebens und der Qual!
Ach Gott und die Vernunft giebt Gründe größrer Schrecken,
Vor jenem Leben kan kein Grabstein uns bedecken.
Nachdem der matte Geist die Jahre seiner Acht,
Verbannt in einen Leib, mit Elend zugebracht,
Schlägt über ihm die Noth mit voller Wuth zusammen,
Verzweiflung brennt in ihm mit nie geschwächten Flammen,
Und die Unsterblichkeit, das Vorrecht seiner Art,
Wird ihm zum Henkertrank, der ihn zur Marter spart:
Im Haß mit seinem Gott, mit sich selbst ohne Frieden,
Von allem, was er liebt, auf immer abgeschieden,
Gepreßt von naher Qual, geschreckt von ferner Noth,
Verflucht er ewig sich, und hoffet keinen Tod.

Elende Sterbliche! zur Pein erschaffne Wesen,
O daß Gott aus dem Nichts zum Seyn euch auserlesen!
O daß der wüste Stoff einsamer Ewigkeit
Noch läg im öden Schlund der alten Dunkelheit!
Erbarmens voller Gott! in einer dunkeln Stille
Regiert der Welten Kreiß dein unerforschter Wille,
Dein Rathschluß ist zu hoch, sein Siegel ist zu fest,
Er liegt verwahrt in dir, wer hat ihn aufgelößt?
Dies weiß ich nur von dir, dein Wesen selbst ist Güte,
Von Gnad und Langmuth wallt dein liebendes Gemüthe;
Du Sonne wirfest ja, mit gleichem Vatersinn,
Den holden Lebensstrahl auf alle Wesen hin!
O Vater! Rach und Haß sind fern von deinem Herzen,
Du hast nicht Lust an Qual, noch Freud an unsern Schmerzen,
Du schufest nicht aus Zorn, die Güte war der Grund,
Weßwegen eine Welt vor nichts den Vorzug fund.
Du warest nicht allein, dem du Vergnügen gönntest,
Du hiessest Wesen seyn, die du beglücken könntest,
Und deine Seligkeit, die aus dir selber fließt,
Schien dir noch seliger, sobald sie sich ergießt.
Wie daß, o Heiliger! du dann die Welt erwählet,
Die ewig sündiget, und ewig wird gequälet?
War kein vollkommner Riß im göttlichen Begriff,
Dem der Geschöpfe Glück nicht auch entgegen lief?

Doch wo gerath ich hin? wo werd ich hingerissen?
Gott fodert ja von uns zu thun, und nicht zu wissen,
Sein Will ist uns bekannt, er heißt die Laster fliehn,
Und nicht warum sie sind, vergebens sich bemühn.
Indessen, wann ein Geist, der Gottes Wesen schändet,
Die Einfalt, die ihm traut, mit falschem Licht verblendet,
Und aus der Oberhand des Lasters und der Pein
Lehrt schliessen, wie die Welt, so muß der Schöpfer seyn;
Soll Manes im Triumph Gott und die Wahrheit führen?
Soll Gott verläumdet seyn, und uns kein Eifer rühren?
Ist stummer Glaub genug, wann Irrthum kämpft mit Witz,
Und ihm zu widerstehn erwarten wir den Blitz?
Nein, also hat sich noch die Wahrheit nicht verdunkelt,
Daß nicht ihr reiner Strahl durch Dampf und Nebel funkelt:
So schwach ihr Glanz auch ist, kein Irrwisch bleibt vor ihr,
Ihr Stammeln hat mehr Kraft, als aller Lügen Zier.

O daß die Wahrheit selbst von ihrem Licht mir schenkte!
Daß dieses Himmelskind den Kiel mir selber lenkte!
Daß ihr sieghafter Schall, der durch die Herzen dringt,
Beseelte, was mein Mund ihr jetzt zu Ehren singt.

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