Die pythagorischen Frauen

Von Christoph Martin Wieland

1754

Pythagoras ist einer von diesen ehrwürdigen Nahmen des Alterthums, die, wie die Nahmen Hermes, Orfeus, Zoroaster, Konfucius u. a. kaum den allerunwissendsten gänzlich unbekannt sind; Nahmen, die aus den Fluten der Zeit; während sie von einer Generazion zur andern das Gedächtniß so vieler Myriaden Menschen vom Erdboden hinweg schwemmt, immer in einerley Höhe empor ragen, und, gleich jenen unzerstörbaren Pyramiden des alten Aegyptens, mit Ehrfurcht angestaunt werden, wiewohl sie längst aufgehört haben zu einigem gemeinnützlichen Gebrauch zu dienen, und die hohe Weisheit, die ihnen einen so allgemeinen und dauernden Ruf verschafft hat, sogar für die gelehrtesten und scharfsinnigsten Neuern zur Hieroglyfe geworden ist.

Wie viel man auch immer hiervon auf die bekannte Eigenschaft derZeit – gewisse Gegenstände desto mehr in unsrer Einbildung zu vergrößern, je weiter sie aus unsern Augen rücken – schreiben will: so bleibt doch gewiß, daß ein Ruhm, der sich durch mehr als zwey tausend Jahre an den Nahmen eines Mannes, von welchem beynahe nichts in die Augen fallendes übrig ist, so fest angehängt hat, einen großen Karakter, ungewöhnliche Verdienste, und einen beträchtlichen Einfluß in seine eigene und die nächst folgenden Zeiten voraussetzt.

Daß dieß auf eine sehr vorzügliche Art von Pythagoras gelte, läßt sich meines Erachtens mit hinlänglichem Grunde behaupten, wiewohl wenige berühmte Personen des Alterthums genannt werden können, deren Geschichte ungewisser, durch Tradizion und Volkssagen mehr entstellt, und in spätem Zeiten durch absichtliche Beymischung einer Menge unächter Zusätze, und legendenmäßiger Mährchen ärger verfälscht worden wäre als die seinige.

In diesem Stücke hat Pythagoras mit mehr als Einem außerordentlichen Manne vor und nach ihm einerley Schicksal gehabt: man hat, um ihn zum Werkzeug von Absichten, die er nie gehabt hatte, zu machen, ein so zweydeutiges, wunderbares und geheimnißvolles Wesen aus ihm gemacht, daß es, bey dem Abgang hinlänglicher und zuverlässiger Urkunden, beinahe unmöglich ist zu sagen, was er war.

Das gewisseste indessen ist, daß er, über vierzig Jahre lang, in dem untersten Theile von Italien, welchen die Griechen die große Hellasnannten, eine wichtige Rolle gespielt hat, und der Stifter einer Schule theoretischer und praktischer Weisheit, oder vielmehr einer merkwürdigen geheimen Gesellschaft gewesen ist, die sich durch alle Republiken dieses schönen Landes verbreitet, und, ihrer kurzen Dauer ungeachtet, noch Jahrhunderte nach ihrer Ausrottung wohlthätige Spuren ihres ehmahligen Daseyns in Italien und Griechenland zurück gelassen hat.

 

 

II.

 

Diese Gesellschaft, von welcher Pythagoras die Seele war, scheint sich keinen geringern Zweck, als die sittliche und politische Reformazion oder Wiedergeburt jener größten Theils sehr verderbten Republiken, vorgesteckt gehabt, und zu gewisser Erzielung eines so großen Zwecks den Anfang damit gemacht zu haben, sich selbst zu der höchsten moralischen Vollkommenheit auszubilden, deren die menschliche Natur fähig scheint.

Man kann der Idee, die man sich von dieser ersten Pythagorischen Gesellschaft oder Ordensverbindung und ihrem Einfluß auf die freyen Städte in Groß-Griechenland zu machen hat, vielleicht keine bessere Grundlage geben, als diese: daß, selbst lange nachdem sie in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht mehr vorhanden war, ein so ungemein vortrefflicher Mann wie Archytas von Tarent gleichsam aus ihrer Asche hervor ging; und daß einer der größten Staatsmänner und Kriegshelden und unstreitig der tugendhafteste und vollkommenste Mensch, den Griechenland aufzuweisen hat, Epaminondas, die Ausbildung, die ihn dazu machte, von einem unmittelbaren Schüler des Pythagoras, dem Lysis von Tarent, empfangen hatte.

Sogar die fabelhafte Sage, die sich in spätern Zeiten entspann und zu einem gemeinen Volksglauben wurde, daß einige berühmte Gesetzgeber, Zaleukus von Lokri, Charondas von Katana, und sogar der Römische König Numa, die Weisheit, die ihnen einen so großen Nahmen gemacht, aus dem Unterricht des (erst lange nach ihrem Tode gebornen) Pythagoras geschöpft haben sollten, bestätigt die Wahrheit dessen was ich von der großen Einwirkung des Pythagorischen Ordens auf seine Zeitgenossen behauptet habe; denn sie beweiset, nach einer sehr richtigen Bemerkung des Cicero, wie groß der Nahme der Pythagoräer und der Ruf ihres Instituts in Italien gewesen seyn müsse, da die spätern Römer, die aus den Erzählungen ihrer Vorältern sich von der Weisheit und den Tugenden ihres Königs Numa den größten Begriff machten, bey ihrer Unwissenheit in der Zeitrechnung nicht anders denken konnten, als, ein Mann, der alle seine Zeitgenossen an Weisheit übertraf, müsse ein Schüler des Pythagoras gewesen seyn.

 

 

III.

 

Pythagoras war der erste öffentliche Volkslehrer und Sittenprediger unter den Griechen, und man schreibt seinen Predigten Wirkungen zu, deren sich schwerlich irgend ein neuerer Bußprediger rühmen kann. Als er nach Kroton  kam, sagt Iustinus,  fand er die Einwohner in Ueppigkeit, Wollust und Hoffart versunken. – Ein gewöhnlicher Mensch, wie schön er auch immer sprechen könnte, würde solchen Leuten die Frugalität lange vergebens anpreisen: aber Pythagoras, dem zu seiner hohen Weisheit und allen seinen übrigen Gaben noch eine seltne Schönheit und eine majestätische Gestalt zu Statten kam, wußte sich Eingang zu verschaffen; und kurz, er ließ nicht nach, bis er eine so große und allgemeine moralische Bekehrung in dieser reichen und üppigen Stadt zuwege brachte, daß «man sich gar nicht vorstellen konnte, die Krotoner, die man jetzt sah, hätten jemahls die Wollüstlinge seyn können, die sie ehemahls waren.» – Der Apostel der Weisheit erleichterte sich dieses große Werk nicht wenig dadurch, daß er sowohl die männliche Jugend als die jungen Frauen besonders in die Kur nahm, und jedem Theile seine eigenen Tugenden und Pflichten so nachdrücklich ans Herz legte, daß ein wahrer Wetteifer unter ihnen entstand, wer es dem andern darin zuvor thun möchte. Die Jünglinge wurden Muster der Sittsamkeit, und legten sich mit einem zu Kroton nie erhörten Fleiß auf Filosofie und schöne Wissenschaften: und die jungen Frauen (wird man es auch dem ehrlichenTrogus glauben?) «trugen alle ihre goldgestickten Kleider, Juwelen, Halsketten, Armbänder, u. s. w. in den Tempel der Juno, legten sie der Göttin als ein Opfer der häuslichen Tugend zu Füßen, und gaben zu erkennen, daß Zucht und Keuschheit, nicht schimmernder Putz, die wahre Zierde ihres Geschlechtes sey.»

Wenn wir auch, wie billig, der Obermacht des Pythagorischen Genius über die Seelen der Krotoner nicht die ganze ausgedehnte Wirkung zutrauen, die ihr Justins Erzählung zu geben scheint; wenn wir annehmen, daß die jungen Frauen und edeln Matronen, die er gewonnen habe, ihren Mitbürgerinnen ein so schönes Beyspiel zu geben, bey weitem den kleinern Theil des schönen Geschlechtes zu Kroton ausgemacht haben dürften: so bleibt diese Anekdote noch immer eines der rühmlichsten Denkmähler dessen, was die Weisheit über die zarten Seelen der sanftern Halfte des Menschengeschlechtes vermag, und die Geschichte hat einige ähnliche, aber wenig größere Triumfe der weiblichen Tugend auszuweisen.

 

 

IV.

 

Pythagoras hatte also auch Jüngerinnen, und unter diesen sogar mehrere, die zu seinem geheimen Unterricht zugelassen wurden, und als Pythagoräerinnen, in der engern Bedeutung des Wortes, hier und da von den Alten erwähnt, werden. Ich weiß nicht, wie viel wir an des Athenischen Geschichtschreibers Filochorus Verzeichnisse der Heroidenoder Pythagorischen Frauen verloren haben: wenig, wenn er sich auf einen bloßen Katalogen eingeschränkt hätte; viel, wenn er (wie aus der Benennung Heldinnen zu vermuthen ist) Züge und Anekdoten aus ihrem Leben angeführt hat, welche diesen erhabenen Nahmen rechtfertigen. Jamblichus, ein anderer romantischer Biograf des Pythagoras, der uns funfzehn Filosofinnen aus der Schule dieses Weisen vorzählt, meldet nur von einer einzigen, die er Timycha nennt, einen solchen heroischen Zug; aber das Ganze sieht einem übel zusammen hangenden Mährchen zu ähnlich, um selbst in dem Munde eines weit zuverlässigern Erzählers als Jamblichus ist Glauben zu verdienen.

Um indessen nicht etwa bey meinen Leserinnen in den Verdacht zu kommen, als ob ich ihr Geschlecht ohne zureichende Ursache einerHeldin berauben wolle, will ich ihnen dieses Geschichtchen aus dem ein und dreyßigsten Kapitel seines Lebens des Pythagoras nacherzählen. – Der Tyrann Dionysius von Syrakus (sagt er) kam auf den Einfall, einigen in den Pythagorischen Mysterien eingeweihten Personen, die zu gewissen Zeiten von Tarent nach Megapontum zu reisen pflegten, durch eine überlegene Anzahl Syrakuser aufpassen und die guten Leute mit Gewalt entführen zu lassen. Sein eigener Schwager Eurymenesschämte sich nicht, sich zu diesem häßlichen Auftrage gebrauchen zu lassen. Er legte sich mit dreyßig wohl bewaffneten Kriegsknechten in einen Hohlweg, den die Pythagoräer nothwendig passieren mußten; und als diese, ungefähr zehen Personen stark, in ihrer Unschuld daher zogen, fiel er unversehens mit großem Geschrey über sie her. Die guten Leute, wiewohl unbewaffnet, schlugen sich dennoch, wie es dem Pythagorischen Ordensmuth geziemte, eine gute Weile mit den dreyßig Soldaten herum; endlich aber, wie sie zu merken anfingen daß die Partie gar zu ungleich sey, glaubten sie der Tugend nichts zu vergeben, wenn sie sich mit der Flucht zu retten suchten. Denn (sagt der weise Jamblichus) die gesunde Vernunft lehrt, daß die Tapferkeit darin besteht, daß man wisse, wann und wo man fliehen, und wann und wo man ausdauern soll. Sie würden auch, da sie leicht zu Fuß, die ihnen nachsetzenden Feinde hingegen schwer bewaffnet waren, glücklich entkommen seyn, wenn sie nicht auf der Flucht an ein großes Bohnenfeld, das bereits voller Schoten war, gerathen wären. Da ihnen nun das Pythagorische Dogmanicht erlaubte, eine Bohne auch nur anzurühren, so blieben sie auf einmahl stehen, wehrten sich noch mit Steinen und Knitteln und allem was ihnen vor die Hand kam, so lange sie konnten, und ließen sich zuletzt alle zusammen lieber todt schlagen, als daß sie sich ergeben hätten. Eurymenes, sehr mißmüthig darüber, daß er auch nicht mit einem einzigen lebendigen Pythagoräer vor dem Tyrannen erscheinen sollte, ließ die Erschlagenen begraben, richtete ihnen ein Heldendenkmahl auf, und zog mißmüthig nach Hause. Unterwegs stieß er auf einen andern Pythagoräer, Myllias von Kroton, der mit seiner im zehnten Monat schwanger gehenden Ehegattin Timycha von den übrigen zurück gelassen worden war, weil die gute Frau, ihrer Bürde wegen, nicht gleichen Schritt mit ihnen halten konnte. Sogleich läßt sie der edle Eurymenes lebendig gefangen nehmen, trägt unterwegs große Sorge daß ihnen nichts abgehe, und langt endlich wohlbehalten bey dem Tyrannen an. Dieser läßt sich den ganzen Hergang erzählen, bezeigt sich sehr getrübt darüber, und verspricht dem Pythagorischen Ehepaar, daß er sie vor allen andern in hohen Ehren halten würde, wenn sie mit ihm regieren wollten. Da aber Myllias und Timycha sich zu nichts verstehen wollten, fuhr Dionysius fort: Antwortet mir wenigstens nur auf eine einzige Frage, so will ich euch unversehrt und mit einer ehrenvollen Begleitung wieder nach Hause schicken. Was war die Ursache, Myllias, warum deine Freunde lieber sterben als durch ein Bohnenfeld entfliehen wollten? Sie, versetzte Myllias, wollten lieber sterben als auf Bohnen treten: und ich will lieber sterben, als dir die Ursache sagen, warum wir auf keine Bohnen treten. Dionysius, dessen Neugier durch diese Antwort aufs höchste stieg, ließ den Pythagoräer sogleich mit Gewalt wegführen, und befahl Tortur-Instrumente herbey zu bringen und die Timycha zu foltern, in Hoffnung, eine schwangere und der Unterstützung ihres Mannes beraubte Frau würde durch die Furcht der Marter leicht dahin zu bringen seyn, ihm das Geheimniß zu entdecken. Aber die heldenmüthige Frau, ohne sich lange zu bedenken, biß sich selbst die Zunge ab und spie sie dem Tyrannen ins Gesicht, um ihm zu zeigen, wenn auch die zärtere weibliche Natur durch die Folter gezwungen werden könnte, etwas, das sie zu verschweigen schuldig sey, zu verrathen, so habe sie doch Muth genug, sich selbst des dazu erforderlichen Organs zu berauben, und ihr Geheimniß dadurch in Sicherheit zu setzen. –

Was man auch von dieser Erzählung halten mag, so däucht mich, Beyspiele einer weniger ungewöhnlichen Stärke der Seele, Beyspiele der Mäßigung, der Selbstverläugnung, der Geduld, und der Standhaftigkeit in Gelegenheiten, die im gemeinen und häuslichen Leben häufig genug vorkommen, würden den Pythagorischen Frauen eben so viel Ehre gemacht haben, und für den größern Theil ihres Geschlechtes zur Aufmunterung und Nachfolge dienlicher gewesen seyn, als dieses Beyspiel eines beynahe unnatürlichen Heroismus. Manche der Welt unbekannte Frau übt in dem engen Kreise ihres häuslichen Lebens unscheinbare Tugenden aus, zu welchen oft ein höherer Grad von Stärke des Gemüths erfordert wird, als derjenige ist, womit auf dem großen Schauplatze der Welt die Thaten gethan werden, welche die Verwunderung der Menge erregen und die Federn der Geschichtschreiber beschäftigen! Und beruht nicht größten Theils auf jenen unscheinbaren Tugenden das Wohl der Familien, so wie auf diesen der Wohlstand des Staats? Pythagoras scheint mir – so viel ich aus den wenigen ächten Ueberbleibseln seiner Filososie und den beynahe ganz verloschnen Spuren seiner Lebensgeschichte schließen kann – über alles dieses gedacht zu haben, wie derjenige denken muß, der sich zum sittlichen Arzt verderbter Menschen und Staaten berufen fühlt; und wenn auch das Wenige, was uns Justinus von seiner zu Kroton bewirkten Sittenverbesserung erzählt, das Einzige wäre was wir von ihm wüßten, so wäre es genug uns zu überzeugen, daß seine Filososie nicht auf Schwärmerey, oder täuschende Gaukelkünste, (wie viele, die ihre Meinung von ihm auf die Autorität eines Porfyrius, Jamblichus und ihres gleichen stützen, von idm urtheilen) sondern auf richtige und wahre Schätzung der menschlichen Dinge gegründet war.

 

 

V.

 

Unter den Pythagorischen Frauen scheint Theano, die Gemahlin des Pythagoras, noch mehr durch ihre persönlichen Vorzüge, als das Ansehen, welches ihr diese Verbindung mit dem Haupte des Ordens gab, die erste und merkwürdigste gewesen zu seyn. Aber eben das Schicksal, das die ganze Pythagorische Gesellschaft nebst ihrem Stifter betroffen hat, hat uns der Mittel beraubt, auch mit dieser merkwürdigen Frau genauer bekannt zu werden. Etliche Briefe an Freundinnen, die unter ihrem Nahmen gehen, und einige einzelne Züge, die uns von verschiedenen alten Schriftstellern aufbehalten worden, sind alles was den Menschenkenner in den Stand setzen kann, sich einige Vorstellung von ihrem Geist und Karakter zu machen.

Theano war, der wahrscheinlichsten Meinung zu Folge, die Tochter eines Krotoners: und ich glaube mich nicht irren zu können, wenn ich ihre Verbindung mit dem liebenwürdigen Weisen für eine Folge der enthusiastischen Hochachtung halte, die er sich unter den Einwohnern von Kroton erworben hatte. Denn es ist auf keine Weise wahrscheinlich, daß er vor seiner Niederlassung in Groß-Griechenland, d. i. in der ersten Hälfte seines Lebes, die er größten Theils auf seine Reisen und seinen Aufenthalt in Aegypten verwendet hatte, schon vermählt gewesen seyn sollte. Die Person, in welcher ein Pythagoras seine Hälfte erkannte, und die er so sehr liebte, daß er von einem gewissen erotischen Dichter,Hermesianax, (aus dessen verliebten Elegien an die berühmte Hetäre Leontium uns Athenäus ein ziemlich großes Stück aufbehalten hat) beschuldigt wird, rasend in sie verliebt gewesen zu seyn, – diese Person muß um so gewisser alle Vorzüge und Tugenden ihres Geschlechtes in sich vereiniget haben, als es selbst für den Erfolg seines ganzen Instituts wesentlich war, daß die Gemahlin desjenigen, der die Sitten einer ganzen Nazion verbessern wollte, würdig wäre, im Karakter einer Ehegattin und Mutter allen Frauen zum Vorbild aufgestellt zu werden, ja selbst sowohl die Theilnehmerin seiner geheimsten Gedanken und Entwürfe als die Gehülfin ihrer Ausführung zu seyn.

Wir befinden uns, wie gesagt, mit dieser Frau, welche aller Wahrscheinlichkeit nach eine der vorzüglichsten Personen ihres Geschlechtes war, in dem Fall eines Künstlers, der aus dem Bruchstück eines Armes oder Fußes, einem Finger und einem zerstümmelten Kopfe, die Bildsäule der Iuno oder Venus eines Polyklet wieder herstellen sollte. Dieß zu versuchen ist hier meine Absicht nicht: ich begnüge mich meinen Leserinnen (denn für Leserinnen ist der gegenwärtige Aufsatz eigentlich bestimmt) diese Bruchstücke vorzulegen, wie sie zu uns gekommen sind; nicht zweifelnd, ihre angeborne Divinazionskraft werde sie daraus eben so gut, und vielleicht noch sicherer, auf die ursprüngliche Schönheit des durch die Zeit zerstörten Götterbildes schließen lassen, als das Auge der Liebe aus dem zufällig entdeckten Anfang eines zierlichen Fußes oder der leisen Verrätherey einer unvermerkt gesprungnen Stecknadel die schönen Formen ahndet, woraus Gewohnheit und konvenzioneller Wohlstand unter gesitteten Völkern weislich ein Geheimniß macht.

 

 

VI.

 

Ich fange mit den größern Stücken, und also mit den Briefen der Theano an, welche der berühmte Aldus Manuzius, in seiner mit Hülfe des gelehrten Griechen Markus Musurus zu Stande gebrachten Sammlung von Briefen verschiedener Griechischen Filosofen, Redner, Dichter, und anderer berühmter Personen, zu Venedig im Jahre 1499 zuerst durch den Druck bekannt gemacht hat.

Die Frage, was von der Aechtheit dieser Briefe zu halten sey, (worüber die Meinungen der Gelehrten vermuthlich immer getheilt bleiben werden) kann, bey Ermanglung zureichender Entscheidungsgründe, durch keine andere als innere Kennzeichen ausgemacht werden; und am Ende wird wohl immer bey jedem gelehrten Leser ein gewisses Gefühl, das sich schwerlich ganz in deutliche Begriffe auflösen läßt, den Ausschlag geben müssen. Wenn ich dem meinigen trauen darf, so finde ich in den drey Briefen, die ich meinen Leserinnen vorlege, nichts, was Verdacht bey mir erweckte, daß sie nicht von einer Frau, und von einer Frau, wie ich mir die Gemahlin des Pythagoras vorstelle, geschrieben seyn könnten: im Gegentheil ich finde in ihnen einen so sichtbaren Karakter von kunstloser weiblicher Einfalt im Styl, und von Pythagorischem Geiste in Gedanken und Vorstellungsart eingedrückt, daß ich – ungeachtet aller Vermuthungen, welche die Aldinische Briefsammlung gegen sich hat – an ihrer Aechtheit nicht zweifeln mag. – Ueber die Frage, ob diese Briefe nicht einer andern jüngern Theano zuzuschreiben seyen, werde ich meine Meinung in der Folge sagen. Zuerst also die Briefe selbst.

 

 

Theano an Eubula.

 

Ich höre du ziehest deine Kinder gar zu zärtlich auf. Dein Wille ist, eine gute Mutter zu seyn: aber, meine Freundin, die erste Pflicht einer guten Mutter ist, nicht sowohl dafür zu sorgen , daß sie ihren Kindern angenehme Empfindungen verschaffe, als sie so früh als möglich an das was die Grundlage jeder Tugend ist, an Mäßigung und Bezähmung der sinnlichen Begierden, zu gewöhnen. Du hast dich also wohl vorzusehen, daß die liebende Mutter nicht die Rolle einer Schmeichlerin bey ihnen spiele. Kinder, die von ihrem zartesten Alter an wollüstig erzogen sind, müssen nothwendig unvermögend werden, dem Reitz der Sinnenlust, der so mächtig auf sie wirkt, jemahls widerstehen zu können. Es ist demnach Pflicht, meine Liebe, sie so zu erziehen, daß ihre Natur keine verkehrte Richtung bekomme; welches geschieht, wenn die Liebe zum Vergnügen in ihrer Seele die Oberhand gewinnt, und ihr Körper gewohnt wird immer angenehme Gefühle zu verlangen, folglich dieserübermäßig weichlich und reitzbar, jene eine Feindin aller Arbeit und Anstrengung werden muß. Daher ist nichts nöthiger, als daß wir unsre Zöglinge in demjenigen am meisten üben, wovor sie sich am meisten scheuen, wenn sie gleich traurige Gesichter dazu machen und ihnen wehe dabey geschieht: es giebt kein besseres Mittel, zu machen, daß sie, anstatt Sklaven ihrer Leidenschaften und eben so verdrossen zur Arbeit als nach Wollust gierig zu werden, eine frühzeitige Hochachtung für das was schön und edel ist bekommen, und jener sich enthalten, diesem hingegen sich ergeben lernen.

Also, liebe Freundin , wenn du deine Kinder, gar zu überflüssig und köstlich nährst; vielen Aufwand machst, um ihnen bald dieses bald jenes Vergnügen zu verschaffen; sie immer spielen und Muthwillen treiben lässest; ihnen gestattest alles zu sagen und zu beginnen, was ihnen einfällt, immer befürchtest das liebe Kind möchte weinen, und dir Mühe giebst es lachen zu machen; lachst und deine Freude daran hast, wenn es nach seiner Wärterin schlägt oder dir selbst garstige Nahmen giebt; ferner, wenn du so große Sorge trägst, die Kinder im Sommer immer kühl, im Winter immer recht warm und weich zugedeckt zu halten: so erlaube mir zu sagen, daß du sehr unrecht daran thust. Siehst du nicht, daß armer Leute Kinder, die von diesem allen nichts wissen, dem ungeachtet leichter aufkommen, wachsen und gedeihen, und sich überhaupt weit besser befinden? Du hingegen ziehst deine Söhne wie lauter kleine Sardanapalen auf, und giebst ihrer männlichen Natur durch diese Verzärtelung einen Knick, wovon sie sich nie wieder erhohlen kann. Ich bitte dich, was soll aus einem Knaben werden, der, wenn er nicht den Moment zu essen kriegt, weint? wenn er essen soll, immer nur das leckerhafteste verlangt? wenns heiß ist, gleich vergehen will, wenns kalt ist, schlottert? wenn ihm etwas verwiesen wird, widerbellt und Recht haben will? wenn man ihm nicht alles giebt was er verlangt, das Maul hängen läßt? wenn er nicht immer geätzt wird, sich erboßt? – Was kann aus solchen verzärtelten Kindern, wenn sie zu männlichen Jahren kommen, anders werden, als elende Sklaven ihrer eigenen und fremder Leidenschaften?

Mache dir also eine ernstliche Angelegenheit daraus, liebe Freundin, eine gänzliche Reform mit deiner Kinderzucht vorzunehmen, und anstatt dieser weichlichen eine strenge Erziehung in deinem Hause einzufühlen. Laß sie Hunger und Durst, Hitze und Kälte ausstehen lernen, und gewöhne sie mit Geduld zu ertragen, wenn sie von andern ihres Alters oder von ihren Vorgesetzten beschämt werden. – Denn Abhärtung, Arbeit und Erduldung körperlichen Ungemachs sind für junge Gemüther, was das Alaunwasser für die Zeuge, die man in Purpur färben will: je stärker sie damit getränkt worden sind, desto tiefer dringt die Farbe der Tugend ein, desto schöner, feuriger und dauerhafter wird sie.  Siehe also zu, meine Liebe, daß es deinen Kindern nicht ergehe, wie den Reben, die, von schlechten Säften genährt, nothwendig schlechte Trauben tragen; oder, wie sollte eine üppige und weichliche Erziehung bessere Früchte bringen können, als Leichtfertigkeit, Uebermuth, und das Gegentheil von jeder Eigenschaft, wodurch ein Mensch sich selbst und andern nützlich ist?

 

 

Theano an Nikostrata.

 

Auch mir, liebe Freundin, ist zu Ohren gekommen, was von deinem Manne verlautet, der, wie es heißt, die Thorheit hat sich eine Hetäre  zu halten: aber mir ist leid, daß ich zugleich hören muß. Du seyest schwach genug, eifersüchtig darüber zu seyn. Was deinen Gemahl betrifft, so kenne ich der Männer nur zu viele, die mit seiner Krankheit behaftet sind. Die armen Leute lassen sich, wie dumme Vögel, durch die Lockungen dieser Geschöpfe fangen; sie scheinen von dem Augenblick an, da sie ins Garn eingegangen sind, alle Besinnung verloren zu haben, und verdienen in dieser Rücksicht mehr Mitleiden als Unwillen. Du hingegen überlässest dich Tag und Nacht einer unmäßigen Traurigkeit und Verzweiflung, und beschäftigst dich mit nichts, als wie du ihn beunruhigen und ihm den Genuß seiner neuen Liebschaft verkümmern wollest. Das solltest du nicht thun, meine Liebe! Die Tugend einer Ehefrau ist nicht, ihren Mannn zu belauern und zu hüten, sondern sich in ihn zu schicken; und dieß thut sie, wenn sie seine Thorheiten mit Geduld erträgt. Zudem sieht er in seiner Hetäre bloß eine Person bey der er Vergnügen sucht, in seiner Frau hingegen eine Gattin die einerley Interesse mit ihm hat. Euer gemeinschaftliches Interesse aber ist, Uebel nicht mit Uebeln zu häufen; und wenn Er ein Thor ist, so ist dieß kein Grund, daß Du darum eine Thörin seyn mußt. Es giebt Leidenschaften, meine Freundin, die durch Vorwürfe nur mehr gereitzt, durch Schweigen und Geduld hingegen desto eher gehoben werden: wie man zu sagen pflegt, ein Feuer, das man ruhig brennen lasse, erlösche von sich selbst.  Eine Frau, die ihrem Manne, wenn er seine Untreue vor ihr zu verbergen sucht, Vorwürfe macht, zieht die Decke weg, hinter welcher er heimlich zu sündigen hoffte; und was gewinnt sie damit? Er sündigt fort und läßt sie zusehen. Wenn du dir von mir rathen lassen willst, Liebe, so denke nicht, seine Zuneigung zu dir sey nothwendig an die Unsträflichkeit seiner Sitten gebunden. Betrachte die Sache in einem andern Lichte. Denke, daß deine Verbindung mit ihm eine Gemeinschaft für das ganze Leben ist – daß er zu seiner Hetäre nur geht, weil er gerade nichts klügeres zu thun weiß , und sich die lange Weile bey ihr zu vertreiben hofft, – und daß er immer wieder zu Dirzurück kommt, weil er mit keiner andern als dir zu leben wünscht. Dichliebt er wenn die Vernunft Herr über ihn ist, jene aus Leidenschaft; aber die Leidenschaft dauert eine kurze Zeit, man wird ihrer bald satt, und sie vergeht eben so schnell wieder als sie entstanden ist. Ein Mann müßte ein ausgemachter Taugenichts seyn, den eine Hetäre auf lange Zeit fesseln könnte. Denn was ist thörichter als ein Genuß, wodurch wir uns selbst Unrecht thun? Es wird nicht lange anstehen, so wird er merken, welchen Schaden er seinem Vermögen und guten Nahmen dadurch zufügt. Kein Mensch, der seinen Verstand nicht gänzlich verloren hat, läuft mit sehenden Augen in sein Verderben. Sey also versichert, das Recht, das du an ihn hast, wird ihn dir zurück bringen. Er wird einsehen, wie nachtheilig eine solche Lebensart seinem Hauswesen ist; er wird die Schmach der allgemeinen Mißbilligung nicht länger ertragen können; sein Gefühl für dich wird wieder erwachen, und er wird bald wieder anderes Sinnes werden.

Du hingegen, liebe Freundin, anstatt dich mit einer Hetäre messen zu wollen, zeige den großen Unterschied zwischen dir und einer solchen Dirne durch anständiges Betragen gegen deinen Mann, sorgfältige Führung deines Hauswesens, gutes Vernehmen mit deinen Bekannten, und wahre Mutterliebe zu deinen Kindern. Erweise diesem Geschöpfe die Ehre nicht, mit ihr zu eifern. Denn nur mit tugendhaften Personen zu eifern ist schön. Deinem Manne hingegen zeige dich immer zur Aussöhnung bereit. Ein edles Betragen gewinnt uns endlich sogar das Herz unsrer Feinde, und die Tugend, aber auch Sie allein erwirbt uns die allgemeine Achtung. Durch sie kann eine Frau in gewissem Sinne über ihren Mann selbst Gewalt bekommen, und er wird immer lieber von einem solchem Weibe hochgeschätzt, als gleich einem Feinde belauert seyn wollen. Je mehr Achtung du ihm zeigst, desto beschämter wird er werden, desto eher sich mit dir auszusöhnen verlangen, und dich dann um so stärker und zärtlicher lieben, wenn er, durch Betrachtung, deiner untadeligen Aufführung und deiner Liebe zu ihm, zu einem so viel lebhafteren Gefühl seines Unrechts gegen dich gebracht worden ist. Euer Glück wird dann dieser kurzen Unterbrechung wegen nur desto größer seyn. Denn so wie nach einer überstandenen Krankheit nichts süßeres ist als das erste Gefühl der wiederkehrenden Gesundheit, so enden sich auch die Mißhelligkeiten unter Freunden in einer desto innigern Gemüthsvereinigung. –

Nun, meine Freundin, stelle diesem Rath die Eingebungen der Leidenschaft entgegen! Diese rathet dir, weil Er krank ist, sollst Du dich durch Gram und üble Laune ebenfalls krank machen; weil Er gegen die Rechtschaffenheit sündigt, sollst Du wenigstens gegen die Anständigkeit sündigen; weil Er seinem Vermögen und Kredit Schaden zufügt, sollstDu das deinige auch dazu beytragen, indem du dich über ihn hinauf zu setzen scheinst, und dein Interesse von dem seinigen absonderst. Du glaubst ihn zu züchtigen, und strafst dich selbst. Denn, sage mir, wie willst du dich an ihm rächen? Etwa dich von ihm scheiden? So wirst du, weil du doch noch viel zu jung bist verwittwet zu bleiben, es wieder mit einem andern Manne versuchen, und wenn dieser in den nehmlichen Fehler fällt, wieder mit einem andern – oder dich entschließen müssen, dein Leben ledig und einsam zuzubringen  – Oder willst du dich nicht mehr um deine Haushaltung bekümmern, und, indem du alles drüber und drunter gehen lassest, deinen Mann zu Grunde richten?

Würdest du dich dadurch nicht selbst zugleich mit ihm unglücklich und elend gemacht haben? – Du drohest der Hetäre mit deiner Rache? Sie wird sich vor dir in Acht zu nehmen wissen: und wolltest du es bis zu einem persönlichen Angriff treiben, so rechne darauf, daß ein Weib, die der Scham entsagt hat, streitbar ist. – Hältst du es für etwas schönes, alle Tage mit deinem Manne in Zank und Hader zu gerathen, so bedenke, daß alles Keifen und Schelten seinen Ausschweifungen kein Ziel setzt, sondern bloß euere Zwietracht immer unheilbarer macht. Oder wie? solltest du etwa gar mit Anschlägen gegen seine Person umgehen? Nein, meine Freundin! da würde die Tragödie, die uns die Verbrechen einer Medea in ihrem ganzen Zusammenhang darstellt, ihren Zweck sehr an dir verfehlen;  denn sie lehrt uns die Eifersucht zu bezähmen, nicht ihr den Zügel schießen zu lassen. Die Krankheit, an der du leidest, gleicht in diesem Stücke den Augenkrankheiten; man muß schlechterdings die Hände davon zurück halten: Geduld und Standhaftigkeit sind das einzige Mittel, wodurch du sie zu heilen hoffen kannst.

 

 

Theano an Kallisto.

 

Die Gesetze haben euch jungen Frauen zwar die Gewalt gegeben, euer Hausgesinde zu regieren so bald ihr heirathet: aber wie ihr regieren sollt, überlassen sie euch von den Aeltern zu lernen, die ohnehin so gern von Oekonomie sprechen und gute Lehren geben. Es ist eine schöne Sache, das, was man nicht weiß, zu lernen, und den Alten zuzutrauen, daß sie durch ihre Erfahrenheit am geschicktesten sind uns guten Rath zu geben. Eine Person, die noch erst so kürzlich aus dem jungfräulichen Stand in den häuslichen getreten ist, kann nicht früh genug anfangen, ihre junge Seele mit solchen Dingen zu nähren. –

Das erste, was eine Frau in ihrem Hause zu regieren hat, sind ihre Mägde; und hierbey, meine Liebe, kommt alles darauf an, es dahin zu bringen, daß sie dir mit gutem Willen dienen. Die Herzen unsrer Sklavinnen werden nicht zugleich mit ihren Personen gekauft: jene muß eine verständige Herrschaft sich erst durch ihr Betragen zu eigen machen; und dieß geschieht, wenn man ihnen nicht mehr zumuthet als recht ist, und sie so behandelt, daß sie weder unter zu vieler Arbeit einsinken, noch aus Mangel an hinreichender Nahrung unvermögend werden müssen. Denn sie sind Menschen wie wir. Es giebt Frauen, die zu ihrem größten Schaden viel dabey zu gewinnen glauben, wenn sie ihre Mägde recht übel halten, sie mit Arbeit überladen, und ihnen so viel sie nur immer können an ihrem nothdürftigen Unterhalt abbrechen. Böser Wille, Untreue, und heimliche Zusammenverschwörung des Gesindes gegen das Interesse der Herrschaft sind die natürlichen Folgen davon; um etliche Dreyer im Einzelnen zu ersparen, zieht man sich einen Schaden zu, der zuletzt ins Große läuft. Um nicht in diesen Fehler zu verfallen, meine Liebe, wirst du am besten thun, deinen Sklavinnen etwas Gewisses und Festgesetztes, nach Proporzion der Wolle, die sie gesponnen oder verarbeitet haben, zu ihrem täglichen Unterhalt zuzumessen, so daß sie desto besser leben können, je, fleißiger sie gewesen sind. Was aber ihre Vergehungen betrifft, so siehe dabey hauptsächlich auf das, was dir selbst anständig ist. Strafe deine Mägde, je nachdem sie mehr oder weniger verschuldet haben, ohne Zorn und ohne Grausamkeit; denn was dir jener an deiner Würde benommen hat, kann durch diese nicht wieder ersetzt werden. Wenn du immer deiner selbst mächtig bleibest, so kannst du ihnen nur desto besser zeigen, daß du entschlossen seyest, keine Unarten noch Bosheiten an ihnen zu dulden. Sind ihre Laster unverbesserlich, so mache lieber daß du ihrer auf einmahl los wirst und verkaufe sie; denn was soll dir die Herrschaft über ein Ding, das dir unnütz ist? In allem diesem aber nimm immer die Vernunft zur Rathgeberin; sie wird dich nicht nur belehren, ob wirklich gefehlt worden ist, damit du nicht einem Unschuldigen Unrecht thust, sondern auch wie groß der Fehler sey, damit du die Strafe dem Vergehen proporzionieren kannst. Oft ist Nachsicht und Verzeihung die vernünftigste Maßregel, die eine Frau nehmen kann, um größern Schaden zu verhüten, und ihr Ansehen, worauf in den häuslichen Verhältnissen so viel ankommt, beyzubehalten. Manche Frauen können so grausam seyn, ihre Sklavinnen zu geißeln, und in einem Anfall von Zorn oder Eifersucht ihren Grimm auf eine unmenschliche Art an ihnen auszulassen, um, wie sie sagen, ein abscheuliches Exempel an den armen Geschöpfen zu statuieren. Aber was ist der Vortheil, den sie von einem so strengen Hausregiment haben? Die einen grämen sich über das Marterleben, das sie führen müssen, vor der Zeit zu Tode; andere suchen ihr Heil in der Flucht; noch andere haben sogar aus Verzweiflung Hand an sich selbst gelegt. Wenn sich dann zuletzt die Frau in ihrem Hause allein sieht, und mit ihrem Schaden die Unklugheit ihrer häuslichen Regierung bejammert, dann kommt die Sinnesänderung zu spät. Erinnere dich, meine junge Freundin, der Saiten auf einem Instrumente, die, zu wenig gespannt, keinen Ton von sich geben, und, zu hoch gespannt, springen. Gerade so verhält es sich zwischen einer Frau und ihrem Gesinde. Durch zu viel Nachsicht verliert die Frau ihr Ansehen und die Mägde vergessen ihre Schuldigkeit; zu viel Strenge hingegen kann die Natur nicht aushalten. Und so gilt auch hier der goldne Spruch:

Der Mittelweg ist überall der beste.

 

 

VII.

 

Dieß sind die drey Briefe der Theano, die aus einer vermuthlich weit größern Anzahl  durch die Gunst des Zufalls dem Schicksal der übrigen entronnen sind, und von deren Aechtbeit ich meines Orts überzeugt bin.  Verschiedene alte Autoren erwähnen noch einer jüngern Theano, die von den meisten (nach der gewöhnlichen Ungenauigkeit der Griechen in solchen Dingen) immer mit der ältern, so wie diese mit jener, vermengt wird. Mir scheint es Jamblichus am besten getroffen zu haben, nach welchem die eine mit dem Pythagoras selbst, und die andere mit Brontinus, einem seiner vornehmsten Anhänger zu Kroton, vermählt war. Diese letztere macht eine ungenannte Biografie des Pythagoras  (die von der andern nichts zu wissen scheint) zu einerTochter dieses Weisen; und mir ist wahrscheinlich, daß dieVermahnungen an Frauenzimmer und die Denksprüche verschiedener Personen aus dem Pythagorischen Orden, die ihr von Suidaszugeschrieben werden, nichts anders als Sammlungen waren, die diese jüngere Theano theils von den Briefen ihrer Mutter und anderer Frauen des Ordens, theils von so genannten Apoftegmen, oder denkwürdigenSinn- und Sittensprüchen derselben, die ihr aufbehaltenswürdig schienen, gemacht hatte; Sammlungen, aus welchen vermuthlich sowohl die mitgetheilten Briefe, als folgende Apoftegmen sich als Fragmente zufälliger Weise erhalten haben.

 

 

Theano wurde einst gefragt, wodurch sie berühmt zu werden gedächte? – Die Frage sollte vielleicht eine Schlinge seyn. – Sie antwortete mit dem Homerischen Verse: 

 

Fleißig die Spindel drehend und meines Ehebetts wartend.

 

Einer andern Person, welche von ihr wissen wollte, worin der Inbegriff dessen, was einer Frau ziemt, bestehe, antwortete sie: Ganz für ihren eigenen Mann zu leben.

Meines unmaßgeblichen Erachtens wiegen diese beiden kurzen Antworten alle goldnen Sprüche des Pythagoras auf, und enthalten (wie sehr auch der Geist, worin Theano sie gab, aus der Mode gekommen seyn mag) den Text zu einer sehr vollständigen Sitten- und Pflichtenlehre der einen Hälfte des menschlichen Geschlechts. Wir würden bald bessere Zeiten sehen, und es würde in weniger als einem halben Iahrhundert eine wunderbare Regenerazion aller unsrer ihrem Untergang zueilenden Europäischen Staaten erfolgen, wenn ein Trichter erfunden werden könnte, allen jetzt lebenden Frauen und Jungfrauen die Sinnesart einzugießen, die in diesen einfälligen Antworten der schönen Theano athmet.

Die Griechischen Frauen, die in den Mysterien der Ceres eingeweiht waren, sahen sich durch die Gesetze derselben genöthiget, neun Tage, theils vor theils während der Begehung der Thesmoforien, von ihren Männern abgeschieden zu leben. Wenn die Meinung, die uns Herr vonPauw von dem feurigen Temperament der Griechischen Damen beybringen möchte, gegründet wäre, so müßten ihnen allerdings diese neun Tage und Nächte etwas lang vorgekommen seyn. Ein Spötter könnte vielleicht eine mitleidige Rücksicht auf diesen Umstand in der Antwort finden, welche Theano einer jungen Frau gab, von welcher sie gefragt wurde, nach wie langer Zeit eine Frau, die sich einem Manne genähert habe, rein genug sey, um den Thesmoforien beywohnen zu können? «Sogleich, wofern es ihr eigener ist, antwortete Theano; und ist es ein anderer, niemahls.» – Ich sehe in dieser Antwort nichts als eine mit wenig Worten sehr viel sagende Belehrung einer jungen Person, die (nach ihrer Frage zu urtheilen) von der ehelichen Verbindung und von den Thesmoforien gleich unrichtige Begriffe hatte. Die Mysterien der ersten (wollte die eben so aufgeklärte als tugendhafte Theano sagen) sind zu heilig, als daß eine Ehefrau, die ihren Pflichten getreu ist, jemahls durch sie verunreiniget werden könnte; und die andern sind es so sehr, daß eine Frau, die jene zu profanieren fähig ist, durch keine Abstinenztage rein genug werden kann, sie jemahls ohne Entheiligung begehen zu können.

Es geschah einst zufälliger Weise, daß einer ihrer Bekannten, ohne daß sie es gewahr wurde, Gelegenheit bekam, ihren Arm bis über den Ellenbogen entblößt zu sehen. Welch ein schöner Arm! rief er aus. – Aber nicht für jedermann, (all‘ ou demosios) sagte Theano. – Man begreift nicht gleich, was an diesem Worte so witziges oder besonderes seyn soll, daß es von einem Moralisten, zwey Kirchenvätern und einer kaiserlichen Prinzessin  als ein gar merkwürdiges Apoftegma citiert worden ist. Um den ganzen Nachdruck des Wortes demosios auszudrücken, hätte ich eigentlich übersetzen sollen: Aber er gehört nicht dem Publikum an. Man sieht, daß ein zwar indirekter, aber ziemlich scharfer Verweis in der Wendung dieser Antwort liegt. Wenn ich (will sie sagen) eine Bildsäule wäre, die an einem öffentlichen Platze stände und ihren Arm zeigte, so wäre jedermann berechtigt, ihn anzusehen und in so laute Ausrufungen über seine Schönheit auszubrechen als ihm beliebte; denn da gehörte er dem Publikum an. Bey einer Hetäre oder öffentlichen Tänzerin wär‘ es eben dasselbe. Aber es war unschicklich und gegen die Ehrerbietung, sich eine solche Ausrufung zu erlauben, wenn man durch ein Ungefähr den Arm der Gemahlin des Pythagoras unverhüllt zu sehen bekommen hatte: wenn die Bescheidenheit in einem solchen Falle auch den Augen erlaubt, sich die Gunst des Zufalls zu Nutze zu machen, so sollte sie wenigstens den Mund verschließen. – Freylich erfordern die heutigen Begriffe von Galanterie gerade das Gegentheil; und nach diesen kam Theano mit der bloßen Ausrufung des unbescheidenen Zuschauers noch leicht genug davon: aber sie nahm es, wie man sieht, etwas schärfer mit dem was sich für eine ehrliche Frauschickt; und vielleicht las sie auch in den Augen dieses Profanen etwas, das eine Antwort, die ihn sogleich in seine Schranken zurück wies und vermuthlich mit keinem sehr anziehenden Lächeln begleitet war, nothwendig machte. Eine Petite Maitresse hätte sich freylich anders benommen!

Die Alten schreiben ihr auch ein Buch über die religiöse Frömmigkeit (Eusebia) zu, aus welchem vermuthlich der folgende, vonKlemens Alexandrinus angezogene Gedanke genommen ist: «Dieses Leben wäre eine wahre Lustpartie für die Lasterhaften, wenn die Seelen nicht unsterblich wären, und der Tod wäre in diesem Falle für sie Gewinn.» – Ein Gedanke, der zwar keine scharfe Prüfung aushält, aber doch, in ein gewisses Licht gestellt, für die meisten etwas so einleuchtendes hat, daß Plato selbst kein Bedenken trug Gebrauch von ihm zu machen.

Nach dem Zeugnisse des Didymus soll Theano auch Verse gemacht, und (wie Theodoretus, ich weiß nicht aus welcher Quelle, berichtet) nach dem Tode des Pythagoras gemeinschaftlich mit ihren Söhnen, Telaugesund Mnesarches, der Schule, oder richtiger zu reden, der geheimen Gesellschaft desselben vorgestanden haben.

 

 

VIII.

 

Unter den Pythagorischen Frauen werden ArignoteDamo, undMyia als Töchter des Pythagoras und der Theano genannt. Die beiden erstern sind wenig bekannt; aber von der letztern wird als etwas, das sie mit Einem Zuge karakterisiert, angemerkt: daß sie während ihres jungfräulichen Standes bey festlichen Gelegenheiten den Kor der Jungfrauen, und als Ehefrau den Kor der Frauen geführt habe. Sie war mit dem berühmten Athleten Milo von Krotona vermählt, den seine ungewöhnliche Leibesstärke und die gymnastischen Uebungen nicht verhinderten, ein Freund und Jünger des Pythagoras zu seyn. Man hat nichts von ihr übrig, als einen Brief an eine junge Mutter, über die Wahl einer Amme, der durchaus so verständige Regeln enthält, daß Sokrates und Hippokrates gemeinschaftlich nichts weiseres über diesen Gegenstand hätten sagen können. Es ist meines Erachtens merkwürdig, daß sich in diesem Briefe (an dessen Aechtheit nicht zu zweifeln ist) auch nicht die geringste Spur zeigt, daß Myia – die doch als eine Tochter des Pythagoras und des Theano die Grundsätze der reinsten Moral unmittelbar aus der Quelle eingesogen hatte – das Selbststillen der Kinderfür eine Naturpflicht der Mütter gehalten hätte. In der That überwiegen (seltene Ausnahmen abgerechnet) die Gründe, welche es den Müttern aus den höhern Klassen auch sogar des bürgerlichen Standes mißraten, bey weitem diejenigen, die unsre populären Moralisten, bis auf die trivialsten Romanschreiber herab, seit mehrern Iahren einigen ausländischen Deklamatoren nachgehallt haben. Eine Amme, die mit allen den körperlichen und sittlichen Tugenden begabt wäre, welche die weise Myia mit größtem Rechte für unentbehrliche Erfordernisse zu diesem Dienste hält, dürfte in unsern Tagen nicht viel leichter zu finden seyn, als eine Mutter, welche die Stelle einer so vollkommnen Ammeselbst einnehmen könnte. Und so werden denn wohl Ziegen, Kühe oder Eselinnen (bey denen man aller Besorgnisse ihres moralischen Karakters halber überhoben ist) in den meisten Fällen die tauglichsten Ammen seyn – welches hier nur im Vorbeygehen gesagt, und den Müttern – die über die Frage, «wie eine Sache gethan wird,» nicht so gleichgültig sind als die gute Madam Shandy, Tristrams Mutter – zu näherer Beherzigung empfohlen wird.

Neben dieser Pythagorischen Tochter finden sich unter einer ziemlichen Anzahl andrer Frauen dieses Ordens, deren Nahme das einzige ist was sich von ihnen erhalten hat, noch drey, welche jenen gewöhnlich beygefügt werden, wiewohl, außer einigen Ueberbleibseln ihrer Schriften, weder von der Zeit wenn sie gelebt, noch von ihren Umständen das geringste bekannt ist. Ihre Nahmen sind Fintys,Periktione und Melissa. Von den beiden ersten hat uns ein gewisserJohannes von Stobä, der Kompilator einer schätzbaren Blumenlese aus ungefähr fünf hundert poetischen und prosaischen Schriftstellern des Alterthums, einige Fragmente aufbehalten.

Das erste ist aus einer Schrift der Fintys gezogen, worin sie von der Tugend, die ihrem Geschlechte besonders und eigens zukomme, von der weiblichen Sofrosyne, handelt – ein Wort, dessen ganze Bedeutung zu erschöpfen mir keines in unsrer Sprache geschickt scheint. Denn es umfaßt alle die besondern Tugenden, die ein wohl geordnetes Gemüth zur Quelle haben: eine Seele, die über ihre Sinne, Begierden und Leidenschaften Herr ist, und sich gern in den engen Kreis der häuslichen Pflichten und der aus ihrer Erfüllung entspringenden Glückseligkeit, einschränkt. Sie setzt diese weibliche Sofrosyne, in welcher eigentlich die moralische Schönheit des Weibes bestehe, hauptsächlich in die Keuschheit und eheliche Treue; in Reinlichkeit und äusserste Simplicität in Kleidung und Putz; in Entfernung von allem, was auch nur den leisesten Verdacht der Koketterie und Begierde, andern Männern als ihrem eigenen zu gefallen, auf sie werfen könnte; in die geflissenste Einschränkung in ihr Hauswesen; in Zärtlichkeit und Sorge für ihren Mann, ihre Kinder und ihr Hausgesinde; und in eine von aller abergläu-bischen oder schwärmerischen Neigung zum Außerordentlichen und Geheimnißvollen gereinigte religiöse Frömmigkeit.

Die Fragmente aus den Schriften der Periktione sind größten Theils nichts als Wiederholung und Bestätigung eben derselben sittlichen Begriffe, Grundsätze und Maximen, auf welche die Pythagorische Schule die Filosofie der Frauen hauptsächlich einschränkte. Periktione eifert sehr gegen Luxus, Hoffart und Wollust; sie geht hierin beynahe so weit als der strengste Cyniker oder Anachoret, ohne daß man sie mit Grund beschuldigen könnte zu weit zu gehen. Wie ungefällig auch ihre Moral gegen die gemeinsten Schwachheiten ihres Geschlechls ist, so kann man sich doch nicht erwehren, ihr völlig Recht zu geben, wenn sie behauptet: daß nur eine Frau, die über alle diese Schwachheiten, über alle Eitelkeit, Sinnlichkeit und Hang zu Müßiggang und Wollust erhaben ist, nur eine durchaus vernünftige, gesetzte, sich selbst genugsame, und allen ihren Pflichten unverrückt getreue Frau, in deren Kopf und Herzen, Innerlichem und Aeußerlichem, kurz, in deren ganzem Leben und Wesen alles zusammen stimmt, alles Harmonie ist, – daß nur eine solche Frau fähig sey, ihren Mann, ihre Kinder, ihr ganzes Haus, und, wofern das Schicksal sie zu der hohen Bestimmung einer Fürstin oder Königin berufen hätte, ganze Staaten und Völker glücklich zu machen. –

In einem andern Fragmente schärft sie eine andere Rubrik von Pflichten ein, auf welchen das Wohl der Familien, und also mittelbarer Weise das Wohl der Staaten, beruht, «die Pflichten der Kinder gegen die Aeltern.» Auch diese treibt sie – so wie die Pflichten der Ehefrau gegen den Mann – auf die äußerste Spitze, ohne daß man ihr zumuthen könnte, auch nur das geringste von ihren Forderungen nachzulassen.

Von Melissa ist nichts auf uns gekommen, als ein kleiner Brief an eine junge Dame, die sich einige Belehrung von ihr ausgebeten hatte, was eine vernünftige Frau in Absicht auf ihren Putz zu beobachten habe? Ich hoffe meinen Leserinnen durch die Mittheilung desselben Vergnügen zu machen, wiewohl sie daraus sehen werden, daß die Frauen des Pythagorischen Ordens zu den Hauptartikeln eines Modejournals ihrer Zeit, wofern ein solches schon damahls zu Kroton, Tarent oder Sybaris heraus gekommen wäre, wenig Beyträge geliefert haben würden.

 

 

Melissa an Klearete.

 

Du scheinst mir von selbst und vermöge einer glücklichen Naturanlage so voll schöner und guter Gesinnungen zu seyn, daß dein so ernstlich bezeigtes Verlangen, etwas über den Putz einer Frau von mir zu hören, mir desto gewisser Hoffnung giebt, du werdest durch alle Stufen des Alters eine getreue Anhängerin der Tugend seyn. Eine verständige und edel denkende Frau muß sich dem Manne, mit dem sie gesetzmäßig verbunden ist, immer in einem stillen unscheinbaren Putze nähern, aber keineswegs prächtig, kostbar und mit entbehrlichen Auszierungen überladen: in einer ganz einfachen, reinlichen weißen Kleidung wird sie immer geputzt genug seyn.

Durchsichtige,  ganz purpurne und mit Gold durchwirkte Kleider müssen aus ihrer Garderobe gänzlich ausgeschlossen seyn. Die Hetären, die darauf ausgehen so viele Männer als möglich in ihr Garn zu ziehen, mögen solcher Anlockungen nöthig haben: aber der Schmuck einer Frau, die nur einem einzigen gefallen will und soll, besteht in ihren Sitten, nicht in ihren Kleidern. An einer ehrlichen Frau ist nichts schöner, als wenn sie ihrem eigenen Manne angenehm zu seyn sucht, unbekümmert ob sie einem jeden, der ihr vor die Augen kommt, gefalle oder nicht.

Statt der Schminke diene dir die schöne natürliche Röthe, die ein Zeichen der Schamhaftigkeit ist, und Rechtschaffenheit, Anständigkeit und Sittsamkeit statt goldner Ketten und Edelsteine.

Eine Frau, der die Erfüllung ihrer Pflichten am Herzen liegt, zeigt ihre Liebe zum Schönen nicht in einem kostbaren Aufzuge, sondern in der guten Einrichtung ihres Hauswesens; und sie ist gewiß, daß sie ihrem Manne durch nichts besser gefallen kann, als wenn sie alles nach seinen Wünschen anordnet und ausführt. Denn die Wünsche des Mannes müssen das ungeschriebene Gesetz seyn, nach welchem eine wohl geartete Frau ihr ganzes Leben führt. Sie muß glauben, daß ihre Tugend und ihr gutes Betragen die reichste Mitgift sey, die sie ihrem Manne zugebracht habe, und daß sie sich weit mehr auf die Schönheit und den Reichthum der Seele als auf äußerliche gute Gestalt und Vermögen zu verlassen habe. Denn diese kann uns eine Krankheit oder die Mißgunst der Menschen und des Schicksals rauben: jene hingegen bleiben uns bis in den Tod, weil sie einen Theil, und unstreitig den besten Theil, von uns selbst ausmachen.

 

――――――

 

Was denken nun meine Leserinnen von den Frauen des Pythagorischen Ordens? Sie sind freylich zu alt, um Frauen nach der heutigen Welt und Mode zu seyn: auch muß man den Umstand nicht ganz aus den Augen lassen, daß sie sämmtlich in Republiken lebten, deren Verfassung den großen Unterschied der Stände und Kondizionen nicht zuließ, der bey den meisten Völkern des heutigen Europa die Grenzen des Schicklichen und Anständigen für einige so sehr erweitert hat.

Bey dem allen dürfte doch schwerlich zu läugnen seyn, daß wir in der Entfernung von der Pythagorischen Sofrosyne unvermerkt bis an den äußersten Rand der andern Extremität gekommen sind, wo einer oder zwey Schritte mehr in unwiederbringliches Verderben stürzen würden.

Wir werden also doch wohl, je eher je besser, wieder umkehren müssen; und leider! haben wir einen nur gar zu langen Weg zu machen, bis wir der gegenseitigen Extremität (wenn anders einige, die dieses zu lesen Geduld genug gehabt haben, die Sinnes- und Lebensart einerTheanoMelissa und Periktione mit diesem Nahmen belegen sollten) so nahe gekommen sind, daß wir ohne uns selbst zu schaden, stille stehen dürften.

Indessen freue ich mich, hinzu setzen zu können, daß ich, sogar in den höchsten Ständen, mehr als Eine kenne, die, es sey als Jungfrau oder Vermählte, eben so würdig als die Tochter des Pythagoras gewesen wäre, den Kor der Jungfrauen und Frauen zu führen.

Und da mein glückliches Loos mich selbst seit ein und dreyßig Jahren mit einem Weibe vereinigt hat, die als Ehefrau und Mutter, und in jedem andern reinen menschlichen Verhältniß, von jenen Pythagorischen Frauen für ihre Schwester erkannt worden wäre: so sey mir erlaubt, Ihr zu einem öffentlichen Denkmahl der Dankbarkeit für das Glück meines Lebens, das ich Ihrer Liebe und Ihren Tugenden schuldig bin, und unsern Töchtern, zur Aufmunterung einer solchen Mutter immer ähnlicher zu werden, diesen kleinen Aufsatz hiermit besonders zuzueignen.

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