Die Alpen

Von Albrecht von Haller (Bern, 1708-1777)

Dieses Gedicht ist dasjenige, das mir am schwersten geworden ist. Es war die Frucht der grossen Alpenreise, die ich mit dem jetzigen Herrn Canonico und Professor Gesner in Zürich gethan hatte. Die starken Vorwürfe lagen mir lebhaft im Gedächtnüß. Aber ich wählte eine beschwerliche Art von Gedichten, die mir die Arbeit unnöthig vergrösserte. Die zehensilbigen Strophen, die ich brauchte, zwangen mich, so viel besondere Gemählde zu machen, als ihrer selber waren, und allemal einen ganzen Vorwurf mit zehen Linien zu schliessen. Die Gewohnheit neuerer Zeiten, daß die Stärke der Gedanken in der Strophe allemal gegen das Ende steigen muß, machte mir die Ausführung noch schwerer. Ich wandte die Nebenstunden vieler Monate zu diesen wenigen Reimen an, und da alles fertig war, gefiel mir sehr vieles nicht. Man sieht auch ohne mein Warnen noch viele Spuren des Lohensteinischen Geschmacks darinn.

Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser,
Braucht was die Kunst erfand, und die Natur euch gab;
Belebt die Blumen=Flur mit steigendem Gewässer,
Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab;
Umhängt die Marmor=Wand mit Persischen Tapeten,
Speist Tunkins Nest aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd;
Schlaft ein beym Saitenspiel, erwachet bey Trompeten,
Räumt Klippen aus der Bahn, schließt Länder ein zur Jagd;
Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben,
Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben!

Die Seele macht ihr Glück, ihr sind die äussern Sachen
Zur Lust und zum Verdruß nur die Gelegenheit:
Ein wohlgesetzt Gemüth kan Galle süsse machen,
Da ein verwehnter Sinn auf alles Wermuth streut;
Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet?
Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten=Stab:
Weh ihm, wann ihn der Geitz, wann ihn die Ehrsucht quälet,
Die Schaar, die ihn bewacht, hält den Verdruß nicht ab:
Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget,
Entschläft der minder sanft, der nicht auf Federn lieget?

Beglückte güldne Zeit, Geschenk der ersten Güte,
O daß der Himmel dich so zeitig weggerückt!
Nicht, weil die junge Welt in stätem Frühling blühte,
Und nie ein scharfer Nord die Blumen abgepflückt;
Nicht, weil freywillig Korn die falben Felder deckte,
Und Honig mit der Milch in dicken Strömen lief;
Nicht weil kein kühner Löw die schwachen Hürden schreckte,
Und ein verirrtes Lamm bey Wölfen sicher schlief;
Nein, weil der Mensch zum Glück den Ueberfluß nicht zählte,
Ihm Nothdurft Reichthum war ,und Gold zum Sorgen fehlte!

Ihr Schüler der Natur, ihr kennt noch güldne Zeiten!
Nicht zwar ein Dichterreich voll fabelhafter Pracht,
Wer mißt den äussern Glanz scheinbarer Eitelkeiten,
Wann Tugend Müh zur Lust, und Armuth glücklich macht?
Das Schicksal hat euch hier kein Tempe zugesprochen,
Die Wolken, die ihr trinkt, sind schwer von Reif und Strahl;
Der lange Winter kürzt des Frühlings späte Wochen,
Und ein verewigt Eis umringt das kühle Thal;
Doch eurer Sitten Werth hat alles das verbessert,
Der Elementen Neid hat euer Glück vergrössert.

Wohl dir vergnügtes Volk! Dir hat ein hold Geschicke,
Der Laster reichen Quell den Ueberfluß, versagt;
Dem, den sein Stand vergnügt, dient Armuth selbst zum Glücke,
Da Pracht und Ueppigkeit der Länder Stütze nagt.
Als Rom die Siege noch bey seinen Schlachten zählte,
War Brey  der Helden Speis und Holz der Götter Haus;
Als aber ihm das Maaß von seinem Reichthum fehlte,
Trat bald der schwächste Feind den feigen Stolz in Graus.
Du aber, hüte dich, was grössers zu begehren,
So lang die Einfalt daurt, wird auch der Wohlstand währen.

Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen,
Allein dein Pflug geht durch, und deine Saat errinnt;
Sie warf die Alpen auf, dich von der Welt zu zäunen,
Weil sich die Menschen selbst die grösten Plagen sind;
Dein Trank ist reine Flut, und Milch die meisten Speisen,
Doch Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu;
Der Berge tiefer Schacht giebt dir nur schwirrend Eisen,
Wie sehr wünscht Peru nicht, so arm zu seyn als du!
Dann, wo die Freyheit herrscht, wird alle Mühe minder,
Die Felsen selbst beblühmt und Boreas gelinder.

Glückseliger Verlust von schadenvollen Gütern!
Der Reichthum hat kein Gut, das eurer Armuth gleicht;
Die Eintracht wohnt bey euch in friedlichen Gemüthern,
Weil kein beglänzter Wahn euch Zweytrachtsäpfel reicht;
Die Freude wird hier nicht mit banger Furcht begleitet,
Weil man das Leben liebt, und doch den Tod nicht haßt;
Hier herrschet die Vernunft von der Natur geleitet,
Die, was ihr nöthig, sucht, und mehrers hält für Last:
Was Epictet gethan, und Seneca geschrieben,
Sieht man hier ungelehrt und ungezwungen üben.

Hier herrscht kein Unterscheid, den schlauer Stolz erfunden,
Der Tugend unterthan, und Laster edel macht;
Kein müßiger Verdruß verlängert hier die Stunden,
Die Arbeit füllt den Tag, und Ruh besetzt die Nacht:
Hier läßt kein hoher Geist sich von der Ehrsucht blenden,
Des Morgens Sorge frißt die heut’ge Freude nie.
Die Freyheit theilt dem Volk, aus milden Mutterhänden,
Mit immergleichem Maaß, Vergnügen, Ruh und Müh.
Kein unzufriedner Sinn zankt sich mit seinem Glücke,
Man ißt, man schläft, man liebt, und danket dem Geschicke.

Zwar die Gelehrtheit feilscht hier nicht papierne Schätze
Man mißt die Strassen nicht von Rom und von Athen,
Man bindet die Vernunft an keine Schulgesätze,
Und niemand lehrt die Sonn‘ in ihren Kreisen gehn:
Witz! des Weisen Tand, wann hast du ihn vergnüget?
Er kennt den Bau der Welt, und stirbt sich unbekannt:
Die Wollust wird bey ihm vergällt, und nicht besieget,
Sein künstlicher Geschmack beeckelt seinen Stand;
Und hier hat die Natur die Lehre recht zu leben
Dem Menschen in das Herz, und nicht ins Hirn gegeben.

Hier macht kein wechselnd Glück die Zeiten unterschieden,
Die Thränen folgen nicht auf kurze Freudigkeit:
Das Leben rinnt dahin in ungestörtem Frieden,
Heut ist wie gestern war, und morgen wird wie heut.
Kein ungewohnter Fall bezeichnet hier die Tage,
Kein Unstern mahlt sie schwarz, kein schwülstig Glücke roth.
Der Jahre Lust und Müh ruhn stets auf gleicher Waage,
Des Lebens Staffeln sind nichts als Geburt und Tod.
Nur hat die Fröhlichkeit bisweilen wenig Stunden
Dem unverdroßnen Volk nicht ohne Müh entwunden.

Wann durch die schwüle Luft gedämpfte Winde streichen,
Und ein begeistert Blut in jungen Adern glüht,
So sammelt sich ein Dorf im Schatten breiter Eichen,
Wo Kunst und Anmuth sich um Lieb‘ und Lob bemüht.
Hier ringt ein kühnes Paar, vermählt den Ernst dem Spiele,
Umwindet Leib um Leib, und schlinget Huft um Huft.
Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele,
Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft.
Den aber führt die Lust, was edlers zu beginnen,
Zu einer muntern Schaar von jungen Schäferinnen.

Dort eilt ein schnelles Bley in das entfernte Weisse,
Das blizt, und Luft und Ziel im gleichen Jezt durchbohrt;
Hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleisse
Nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort.
Dort tanzt ein bunter Ring mit umgeschlungnen Händen
In dem zertretnen Gras bey einer Dorf=Schallmey;
Und lehrt sie nicht die Kunst sich nach dem Tacte wenden,
So legt die Frölichkeit doch ihnen Flügel bey.
Das graue Alter selbst sezt hin in langen Reihen,
An seiner Kinder Lust, sich neidloß zu erfreuen.

Denn hier, wo die Natur allein Gesetze giebet,
Umschließt kein harter Zwang der Liebe holdes Reich.
Was liebenswürdig ist, wird ohne Scheu geliebet,
Verdienst macht alles werth, und Liebe macht es gleich.
Die Anmuth wird hier auch in Armen schön gefunden,
Man wiegt die Gunst hier nicht für schwere Kisten hin,
Die Ehrsucht theilet nie, was Werth und Huld verbunden,
Die Staatssucht macht sich nicht zur Unglückskupplerin:
Die Liebe brennt hier frey, und scheut kein Donner=Wetter,
Man liebet für sich selbst, und nicht für seine Vätter.

So bald ein junger Hirt die sanfte Glut empfunden,
Die leicht ein schmachtend Aug in muntern Geistern schürt,
So wird des Schäfers Mund von keiner Furcht gebunden,
Ein ungeheuchelt Wort bekennet, was ihn rührt;
Sie hört ihn, und, verdient sein Brand ihr Herz zum Lohne,
So sagt sie, was sie fühlt, und thut, wornach sie strebt;
Dann zarte Regung dient den Schönen nicht zum Hohne,
Die aus der Anmuth fließt, und durch die Tugend lebt.
Verzüge falscher Zucht, der wahren Keuschheit Affen,
Der Hochmuth hat euch nur zu unsrer Qual geschaffen!

Die Sehnsucht wird hier nicht mit eitler Pracht belästigt!
Er liebet Sie, Sie ihn, dieß macht den Heyrathschluß.
Die Eh wird oft durch nichts, als beyder Treu, befestigt,
Für Schwüre dient ein Ja, das Siegel ist ein Kuß.
Die holde Nachtigall grüßt sie von nahen Zweigen,
Die Wollust deckt ihr Bett auf sanftgeschwollnes Mooß,
Zum Vorhang dient ein Baum, die Einsamkeit zum Zeugen,
Die Liebe führt die Braut in ihres Hirten Schooß.
O dreymahl selig Paar! Euch muß ein Fürst beneiden,
Dann Liebe balsamt Gras, und Eckel herrscht auf Seiden.

Hier bleibt das Ehbett rein; man fragt nach keinen Hütern,
Weil Keuschheit und Vernunft darum zu Wache stehn:
Ihr Vorwitz lüstert nicht nach unerlaubten Gütern,
Was man geliebet, bleibt auch beym Besitze schön.
Der keuschen Liebe Hand streut auf die Arbeit Rosen,
Wer für sein liebstes sorgt, findt Reitz in jeder Pflicht,
Und lernt man nicht die Kunst, nach Regeln liebzukosen,
So klingt auch Stammeln süß, ists nur das Herz, das spricht.
Der Eintracht hold Geleit, Gefälligkeit und Scherzen
Belebet ihre Küß‘, und knüpft das Band der Herzen.

Entfernt vom eiteln Tand der mühsamen Geschäfte,
Wohnt hier die Seelenruh und flieht der Städte Rauch:
Ihr thätig Leben stärkt der Leiber reiffe Kräfte,
Der träge Müßiggang schwellt niemals ihren Bauch.
Die Arbeit weckt sie auf, und stillet ihr Gemüthe,
Die Lust macht sie gering, und die Gesundheit leicht;
In ihren Adern fließt ein unverfälscht Geblüte,
Darinn kein erblich Gift von siechen Vätern schleicht,
Das Kummer nicht vergällt, kein fremder Wein befeuret,
Kein geiles Eiter fäult, kein welscher Koch versäuret.

So bald der rauhe Nord der Lüfte Reich verlieret,
Und ein belebter Saft in alle Wesen dringt,
Wann sich der Erde Schooß mit neuem Schmucke zieret,
Den ihr ein holder West auf lauen Flügeln bringt,
So bald flieht auch das Volk aus den verhaßten Gründen,
Woraus noch kaum der Schnee mit trüben Strömen fließt,
Und eilt den Alpen zu, das erste Gras zu finden,
Wo kaum noch durch das Eiß der Kräuter Spitze sprießt:
Das Vieh verläßt den Stall und grüßt den Berg mit Freuden,
Den Frühling und Natur zu seinem Nutzen kleiden.

Wenn kaum die Lerchen noch den frühen Tag begrüssen
Und uns das Licht der Welt die ersten Blicke giebt,
Entreißt der Hirt sich schon aus seiner Liebsten Küssen,
Die seines Abschieds Zeit zwar haßt, doch nicht verschiebt:
Er treibt den trägen Schwarm von schwer=beleibten Kühen,
Mit freudigem Gebrüll, sich im bethauten Steg,
Sie irren langsam um, wo Klee und Mutter  blühen,
Und mäh’n das zarte Gras mit scharfen Zungen weg:
Er aber setzet sich bey einem Wasserfalle,
Und ruft mit seinem Horn dem lauten Widerhalle.

Wann der entfernte Strahl die Schatten dann verlängert,
Und nun das müde Licht sich senkt in kühle Ruh,
So eilt die satte Schaar, von Ueberfluß geschwängert,
Mit schwärmendem Geblöck gewohnten Ställen zu.
Die Hirtin grüßt den Mann, der sie mit Lust erblicket,
Der Kinder froh Gewühl frolockt und spielt um ihn.
Und, ist der süsse Schaum der Euter ausgedrücket,
So sitzt das matte Paar zu schlechten Speisen hin.
Begierd und Hunger würzt, was Einfalt zubereitet,
Bis Schlaf und Liebe sie umarmt ins Bett begleitet.

Wann von der Sonne Macht die Wiesen sich entzünden,
Und in dem falben Gras des Volkes Hofnung reift;
So eilt der muntre Hirt nach den bethauten Gründen,
Eh‘ noch Aurorens Gold der Berge Höh durchstreift.
Aus ihrem holden Reich wird Flora nun verdränget,
Den Schmuck der Erde fällt der Sense krummer Lauf,
Ein lieblicher Geruch aus tausenden vermenget,
Steigt aus der bunten Reyh gehäufter Kräuter auf,
Der Ochsen schwerer Schritt führt ihre Winter=Speise,
Und ein frolockend Lied begleitet ihre Reise.

Bald, wann der trübe Herbst die falben Blätter pflücket,
Und sich die kühle Luft in graue Nebel hüllt,
So wird der Erde Schooß mit neuer Zier geschmücket,
An Pracht und Blumen arm, mit Nutzen angefüllt;
Des Frühlings Augen Lust weicht grösserem Vergnügen,
Die Früchte funkeln da, wo vor die Blüthe stund,
Der Aepfel reifes Gold, durchstriemt mit Purpurzügen,
Beugt den gestützten Ast, und nähert sich dem Mund.
Der Birnen süß Geschlecht, die Honigreiche Pflaume
Reitzt ihres Meisters Hand, und wartet an dem Baume.

Zwar hier bekränzt der Herbst die Hügel nicht mit Reben,
Man preßt kein jährend Naß gequetschten Beeren ab.
Die Erde hat zum Durst nur Brünnen hergegeben,
Und kein gekünstelt Saur beschleunigt unser Grab.
Beglückte klaget nicht; Ihr wuchert im verlieren,
Kein nöthiges Getränk, ein Gift verlieret ihr.
Die gütige Natur verbietet ihn den Thieren,
Der Mensch allein trinkt Wein und wird dadurch ein Thier.
Für euch, o Selige! will das Verhängniß sorgen,
Es hat zum Untergang den Weg euch selbst verborgen.

Allein es ist auch hier der Herbst nicht leer an Schätzen,
Die List und Wachsamkeit auf hohen Bergen findt.
Eh sich der Himmel zeigt, und sich die Nebel setzen,
Schallt schon des Jägers Horn und ruft dem Felsen=Kind:
Da setzt ein schüchtern Gemß, beflügelt durch den Schrecken,
Durch den entfernten Raum gespaltner Felsen fort:
Dort kürzt ein künstlich Bley den Lauf von schnellen Böcken,
Hier flieht ein leichtes Reh, es schwankt und sinket dort.
Der Hunde lauter Kampf, des Erztes tödtlich Knallen
Tönt durch das krumme Thal, und macht den Wald erschallen.

Indessen, daß der Frost sie nicht entblößt berücke,
So macht des Volkes Fleiß aus Milch der Alpen Meel.
Hier wird auf strenger Glut geschiedner Ziger dicke,
Und dort gerinnt die Milch, und wird ein stehend Oel:
Hier preßt ein stark Gewicht den schweren Satz der Molke,
Dort trennt ein jährend Saur das Wasser und das Fett:
Hier kocht der zweyte Raub der Milch dem armen Volke,
Dort bildt den neuen Käß ein rund geschnitten Brett.
Das ganze Haus greift an, und schämt sich, leer zu stehen,
Kein Sklaven=Handwerk ist so schwer, als müßiggehen.

Wann aber sich die Welt in starrem Frost begraben,
Der Berge Thäler Eiß, die Spitzen Schnee bedeckt,
Wann das erschöpfte Feld nun ruht für neue Gaben,
Und ein krystallner Damm der Flüsse Lauf versteckt,
Dann zieht sich auch der Hirt in die beschneyten Hütten,
Wo fetter Fichten Dampf die dürren Balken schwärzt,
Hier zahlt die süsse Ruh, die Müh, die er erlitten,
Der Sorgenlose Tag wird freudig durchgescherzt,
Und wenn die Nachbarn sich zu seinem Heerde setzen,
So weiß ihr klug Gespräch auch Weise zu ergetzen.

Der eine lehrt die Kunst, was uns die Wolken tragen,
Im Spiegel der Natur vernünftig vorzusehn,
Er kann der Winde Strich, den Lauf der Wetter sagen
Und sieht in heller Luft den Sturm von weitem wehn:
Er kennt die Kraft des Monds, die Würkung seiner Farben,
Er weiß, was am Gebürg ein früher Nebel will:
Er zählt im Merzen schon der fernen Ernde Garben
Und hält, wenn alles mäht, bey nahem Regen still;
Er ist des Dorfes Rath, sein Ausspruch macht sie sicher,
Und die Erfahrenheit dient ihm vor tausend Bücher.

Ein junger Schäfer stimmt indessen seine Leyer,
Dazu er ganz entzückt ein neues Liedgen singt,
Natur und Liebe gießt in ihn ein heimlich Feuer,
Das in den Adern glimmt, und nie die Müh erzwingt;
Die Kunst hat keinen Theil an seinen Hirtenliedern,
Im ungeschmückten Lied mahlt er den freyen Sinn;
Auch wann er dichten soll, bleibt er bey seinen Widern,
Und seine Muse spricht wie seine Schäferin:
Sein Lehrer ist sein Herz, sein Phöbus seine Schöne,
Die Rührung macht den Vers, und nicht gezählte Töne.

Bald aber spricht ein Greiß, von dessen grauen Haaren
Sein angenehm Gespräch ein neu Gewichte nimmt,
Die Vorwelt sah‘ ihn schon, die Last von hundert Jahren
Hat seinen Geist gestärkt, und nur den Leib gekrümmt;
Er ist ein Beyspiel noch von unsern Heldenahnen,
In deren Hand der Blitz, und Gott im Herzen war:
Er mahlt die Schlachten ab, zählt die ersiegten Fahnen,
Umschanzt der Feinde Wall und nennet jede Schaar.
Die Jugend hört erstaunt, und zeigt in den Gebärden,
Die edle Ungeduld noch löblicher zu werden.

Ein andrer, dessen Haupt mit gleichem Schnee bedecket,
Ein lebendes Gesätz, des Volkes Richtschnur ist;
Lehrt wie die feige Welt ins Joch den Nacken strecket,
Wie eitler Fürsten Pracht den Mark der Länder frißt:
Wie Tell mit kühnem Muth das harte Joch zertretten,
Das Joch, das heute noch Europens Helfte trägt:
Wie um uns alles darbt, und hungert in den Ketten,
Und Welschlands Paradies nur nackte Bettler hegt;
Wie Eintracht, Treu und Muth, mit unzertrennten Kräften,
An eine kleine Macht des Glückes Flügel heften.

Bald aber schließt ein Kreiß um einen muntern Alten,
Der die Natur erforscht, und ihre Schönheit kennt;
Der Kräuter Wunderkraft und ändernde Gestalten
Hat längst sein Witz durchsucht und jedes Mooß benennt;
Er wirft den scharfen Blick in unterirrdsche Grüfte,
Die Erde deckt vor ihm umsonst ihr falbes Gold,
Er dringet durch die Luft, und sieht die Schwefeldüfte,
In deren feuchter Schooß gefangner Donner rollt:
Er kennt sein Vaterland, und weiß an dessen Schätzen
Sein immerforschend Aug am Nutzen zu ergetzen.

Dann hier, wo Gotthards Haupt die Wolken übersteiget
Und der erhabnen Welt die Sonne näher scheint,
Hat, was die Erde sonst an Seltenheit gezeuget,
Die spielende Natur in wenig Lands vereint:
Wahr ists, daß Lybien uns noch mehr Neues giebet
Und jeden Tag sein Sand ein frisches Unthier sieht:
Allein der Himmel hat dieß Land noch mehr geliebet,
Wo nichts, was nöthig, fehlt, und nur, was nutzet, blüht:
Der Berge wachsend Eiß, der Felsen steile Wände,
Sind selbst zum Nutzen da, und tränken das Gelände.

Wenn Titans erster Strahl der Felsen Höh‘ vergüldet,
Und sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt,
So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet,
Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt;
Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen Wolke,
Eröfnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt,
Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem Volke
Zeigt alles auf einmahl, was sein Bezirk enthält;
Ein sanfter Schwindel schließt die allzuschwachen Augen,
Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.

Ein angenehm Gemisch von Bergen, Fels und Seen,
Fällt nach und nach erbleicht, doch deutlich ins Gesicht,
Die blaue Ferne schließt ein Kranz beglänzter Höhen,
Worauf ein schwarzer Wald die letzten Strahlen bricht:
Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft erhobnen Hügel,
Wovon ein laut Geblöck im Thale widerhallt:
Bald scheint ein breiter See ein Meilen langer Spiegel,
Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt:
Bald aber öfnet sich ein Strich von grünen Thälern,
Die, hin und her gekrümmt, sich im entfernen schmälern.

Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder,
Den ein verjährtes Eiß dem Himmel gleich gethürmt,
Sein frostiger Krystall schickt alle Strahlen wieder,
Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt.
Nicht fern von diesem streckt, voll Futterreicher Weide,
Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her;
Sein sanfter Abhang glänzt von reiffendem Getreide,
Und seine Hügel sind von hundert Heerden schwer.
Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen
Trennt nur ein enges Thal, wo kühle Schatten wohnen.

Hier zeigt ein steiler Berg die Mauergleichen Spitzen,
Ein Waldstrom eilt hindurch, und stürzet Fall auf Fall.
Der dickbbeschäumte Fluß dringt durch der Felsen Ritzen,
Und schießt mit gäher Kraft weit über ihren Wall:
Das dünne Wasser theilt des tiefen Falles Eile,
In der verdickten Luft schwebt ein bewegtes Grau,
Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten Theile,
Und das entfernte Thal trinkt ein beständig Thau.
Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fließen,
Die aus den Wolken fliehn, und sich in Wolken gießen.

Doch wer den edlern Sinn, den Kunst und Weißheit schärfen,
Durchs weite Reich der Welt, empor zur Wahrheit schwingt;
Der wird an keinen Ort gelehrte Blicke werfen,
Wo nicht ein Wunder ihn zum stehn und forschen zwingt.
Macht durch der Weißheit Licht, die Gruft der Erde heiter,
Die Silberblumen trägt, und Gold den Bächen schenkt;
Durchsucht den holden Bau der buntgeschmückten Kräuter,
Die ein verliebter West mit frühen Perlen tränkt;
Ihr werdet alles schön, und doch verschieden finden,
Und den zu reichen Schatz stäts graben, nie ergründen!

Wann dort der Sonne Licht durch flücht’ge Nebel strahlet,
Und von dem nassen Land der Wolken Thränen wischt,
Wird aller Wesen Glanz mit einem Licht bemahlet,
Das auf den Blättern schwebt, und die Natur erfrischt;
Die Luft erfüllet sich mit lauen Ambradämpfen,
Die Florens bunt Geschlecht gelinden Westen zollt,
Der Blumen scheckicht Heer scheint um den Rang zu kämpfen,
Ein lichtes Himmelblau beschämt ein nahes Gold:
Ein ganz Gebürge scheint, gefirnißt von dem Regen,
Ein grünender Tapet, gestickt mit Regenbögen.

Dort ragt das hohe Haupt am edlen Enziane
Weit übern niedern Chor der Pöbel=Kräuter hin:
Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne,
Sein blauer Bruder selbst, bückt sich, und ehret ihn.
Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein grau Gewand;
Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,
Strahlt mit dem bunten Blitz von feuchtem Diamant:
Gerechtestes Gesätz! daß Kraft sich Zier vermähle;
In einem schönen Leib wohnt eine schönre Seele.

Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel,
Dem die Natur sein Blat in Kreutze hingelegt;
Die holde Blume zeigt die zwey vergöldten Schnäbel,
Die ein von Amethyst gebildter Vogel trägt.
Dort wirft ein glänzend Blat, in Finger ausgekerbet,
Auf eine helle Bach den grünen Widerschein;
Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet,
Schließt ein gestreifter Stern in weisse Strahlen ein:
Smaragd und Rosen blühn, auch auf zertretner Heide,
Und Felsen decken sich mit einem Purpur=Kleide.

Allein wohin auch nie die milde Sonne blicket,
Wo ungestörter Frost das öde Thal entlaubt,
Wird holer Felsen Gruft mit einer Pracht geschmücket,
Die keine Zeit versehrt, und nie der Winter raubt.
Im nie erhellten Grund von unterird’schen Pfühlen
Wölbt sich der feuchte Leim mit funkelndem Krystall,
Ein Fels von Edelstein, wo tausend Farben spielen,
Blitzt durch die düstre Luft, und strahlet überall.
O Reichthum der Natur! verkriecht euch, welsche Zwerge,
Europens Diamant  blüht hier und wächst zum Berge.

Im Mittel eines Thals von Himmel=hohem Eise,
Wohin der wilde Nord den kalten Thron gesetzt;
Entsprießt ein reicher Brunn mit siedendem Gebräuse,
Raucht durch das welke Gras, und sänget, was er netzt.
Sein lauter Wasser rinnt voll flüßiger Metallen,
Ein heilsam Eisensalz vergüldet seinen Lauf;
Ihn wärmt der Erde Gruft, und seine Fluten wallen
Vom innerlichen Streit vermischter Salze auf:
Umsonst schlägt Wind und Schnee um seine Flut zusammen,
Sein Wesen selbst ist Feu’r, und seine Wellen Flammen.

Dort aber, wo im Schaum der Strudelreichen Wellen
Ein schneller Avanson gestürzte Wälder welzt,
Rinnt der Gebürge Gruft mit unterird’schen Quellen,
Wovon der scharfe Schweiß das Salz der Felsen schmelzt.
Des Berges holer Bauch, gewölbt mit Alabaster,
Schließt zwar dieß kleine Meer in tiefe Schachten ein;
Allein sein etzend Naß zermalmt das Marmor=Pflaster,
Dringt durch der Klippen Fug, und eilt gebraucht zu seyn:
Die Würze der Natur, der Länder reichster Segen
Beut selbst dem Volk sich an, und strömet uns entgegen.

Aus Schreckhorns kaltem Haupt, wo sich in beyde Seen
Europens Wasser=Schatz mit starken Strömen theilt,
Stürzt Nichtlands Aare sich, die durch beschäumte Höhen
Mit schreckendem Geräusch und schnellen Fällen eilt;
Der Berge reicher Schacht vergüldet ihre Hörner,
Und färbt die weisse Flut mit Königlichem Erzt,
Der Strom fließt schwer von Gold, und wirft gediegne Körner,
Wie sonst nur grauer Sand gemeines Ufer schwärzt.
Der Hirt sieht diesen Schatz, er rollt zu seinen Füßen,
O Beyspiel für die Welt, er siehts, und läßt ihn flüssen.

Verblendte Sterbliche! die, bis zum nahen Grabe,
Geitz, Ehr‘ und Wollust stäts an eitlen Hamen hält,
Die ihr der kurzen Zeit genau gezählte Gabe
Mit immer neuer Sorg und leerer Müh vergällt,
Die ihr das stille Glück des Mittelstands verschmähet
Und mehr vom Schicksal heischt, als die Natur von euch,
Die ihr zur Nothdurft macht, worum nur Thorheit flehet,
O glaubts, kein Stern macht froh, kein Schmuck von Perlen reich.
Seht ein verachtet Volk bey Müh und Armuth lachen,
Die mäßige Natur allein kann glücklich machen.

Elende! rühmet nur den Rauch in großen Städten,
Wo Bosheit und Verrath im Schmuck der Tugend gehn,
Die Pracht, die euch umringt, schließt euch in güldne Ketten
Erdrückt den, der sie trägt, und ist nur andern schön.
Noch vor der Sonne reißt die Ehrfurcht ihre Knechte
An das verschloßne Thor geehrter Bürger hin,
Und die verlangte Ruh der durchgeseufzten Nächte
Raubt euch der stäte Durst nach nichtigem Gewinn.
Der Freundschaft himmlisch Feu’r kan nie bey euch entbrennen,
Wo Neid und Eigennutz auch Brüder=Herzen trennen.

Dort spielt ein wilder Fürst mit seiner Diener Rümpfen,
Sein Purpur färbet sich mit lauem Bürger=Blut:
Verläumdung, Haß und Spott, zahlt Tugenden mit Schimpfen,
Der Giftgeschwollne Neid nagt an des Nachbarn Gut:
Die geile Wollust kürzt die kaum gefühlten Tage,
Um deren Rosenbett ein naher Donner blitzt;
Der Geitz bebrütet Gold, zu sein und andrer Plage,
Das niemand weniger, als wer es hat, besitzt;
Dem Wunsche folgt ein Wunsch, der Kummer zeuget Kummer,
Und euer Leben ist nichts als ein banger Schlummer.

Bei euch, vergnügtes Volk, hat nie in den Gemüthern
Der Laster schwarze Brut den ersten Sitz gefaßt,
Euch sättigt die Natur mit ungesuchten Gütern,
Die macht der Wahn nicht schwer, noch der Genuß verhaßt:
Kein innerlicher Feind nagt unter euren Brüsten,
Wo nie die späte Reu mit Blut die Freude zahlt:
Euch überschwemmt kein Strom von wallenden Gelüsten,
Dawider die Vernunft mit eiteln Lehren prahlt.
Nichts ist, das euch erdrückt, nichts ist, das euch erhebet,
480Ihr lebet immer gleich und sterbet, wie ihr lebet.

O selig! wer wie Ihr mit selbstgezognen Stieren
Den angestorbnen Grund von eignen Aeckern pflügt:
Den reine Wolle deckt, beraubte Kränze zieren
Und ungewürzte Speis‘ aus süsser Milch vergnügt:
Der sich bey Zephyrs Hauch, und kühlen Wasserfällen
In ungesorgtem Schlaf, auf weichen Rasen streckt:
Den nie in hoher See das Brausen wilder Wellen,
Noch der Trompeten Schall in bangen Zelten weckt.
Der seinen Zustand liebt, und niemals wünscht zu bessern,
Gewiß der Himmel kan sein Glücke nicht vergrößern.

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