Aesthetica in nuce

Von Johann Georg Hamann

Elihu im Buch Hiob XXXII, 19-22.

הנה בטני כײן לא־יפתח
כאבות חדשים יבקע׃
אדברה וירוח לי
אפתח שפתי ואענה׃
אל־נא אשא פני־איש
ואל־אדם לא אכנה׃
כי לא ידעתי אכנה
כמעט ישאני עשני׃

[19. Siehe, mein Inneres ist wie der Most, der zugestopft ist, der die neuen Schläuche zerreißt.
20. Ich muß reden, daß ich mir Luft mache; ich muß meine Lippen auftun und antworten.
21. Ich will niemands Person ansehen und will keinem Menschen schmeicheln.
22. Denn ich weiß nicht zu schmeicheln; leicht würde mich sonst mein Schöpfer dahinraffen.]

HORATIVS.
Odi profanum vulgus & arceo.
Fauete linguis! carmina non prius
Audita, Musarum sacerdos,
Virginibus puerisque canto.
Regum timendorum in proprios greges;
Reges in ipsos imperium est Iouis,
Clari giganteo triumpho,
Cuncta supercilio mouentis.
[Gemeinen Pöbel haß ich und wehre ihm.
Voll Andacht lauscht: Als Priester der Musen sing
den Mädchen und den Knaben ich jetzt
Lieder, wie keiner sie je vernommen.
Ihr Volk beherrschen Fürsten mit Schreckensmacht;
den Fürsten selbst gebietet noch Jupiter,
gefeiert als Gigantensieger,
mit seiner Braue das All erschütternd.
Horaz, Oden III 1]

Nicht Leyer! – noch Pinsel! – eine Wurfschaufel [Matth. 3,12] für meine Muse, die Tenne heiliger Litteratur zu fegen! – – Heil dem Erzengel [d. i. Johann David Michaelis (1717-91), Orientalist und Vertreter einer rationalistischen Bibelwissenschaft, von Hamann scharf kritisiert] über die Reliquien der Sprache Kanaans! – auf schönen Eselinnen  siegt er im Wettlauf; – aber der weise Idiot Griechenlands [Sokrates-Hamann] borgt Euthyphrons  stolze Hengste zum philologischen Wortwechsel.
Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts; wie der Gartenbau, älter als der Acker: Malerey, – als Schrift: Gesang, – als Deklamation: Gleichnisse, – als Schlüsse:  Tausch, – als Handel. Ein tieferer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen; und ihre Bewegung, ein taumelnder Tanz. Sieben Tage im Stillschweigen des Nachsinns oder Erstaunens saßen sie; – – und thaten ihren Mund auf – zu geflügelten Sprüchen.
Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntniß und Glückseeligkeit. Der erste Ausbruch der Schöpfung, und der erste Eindruck ihres Geschichtschreibers; – – die erste Erscheinung und der erste Genuß der Natur vereinigen sich in dem Worte: Es werde Licht![1. Mose 1,3] hiemit fängt sich die Empfindung von der Gegenwart der Dinge an. 
Endlich krönte GOTT die sinnliche Offenbarung seiner Herrlichkeit durch das Meisterstück des Menschen. Er schuf den Menschen in Göttlicher Gestalt; – – zum Bilde GOttes schuf er ihn [1. Mose 1,27]. Dieser Rathschluß des Urhebers löst die verwickeltesten Knoten der menschlichen Natur und ihrer Bestimmung auf. Blinde Heyden haben die Unsichtbarkeit erkannt, die der Mensch mit GOTT gemein hat. Die verhüllte Figur des Leibes, das Antlitz des Hauptes, und das Äußerste der Arme sind das sichtbare Schema, in dem wir einher gehn; doch eigentlich nichts als ein Zeigefinger des verborgenen Menschen in uns; –

Exemplumque DEI quisque est in imagine parua. 
[und ein Gegenstück GOTTES ist jeder im kleinen Abbild (Manilius, Astron. lib. IV 895)]

Die erste Nahrung [1. Mose 1,29] war aus dem Pflanzenreiche; die Milch der Alten, der Wein; die älteste Dichtkunst nennt ihr gelehrter Scholiast [Michaelis, s.o., Scholien sind sachliche und sprachliche Erläuterungen zu antiken Autoren] (der Fabel des Jothams und Joas zu folgt ) botanisch ; auch die erste Kleidung des Menschen war eine Rhapsodie von Feigenblättern [1. Mose 3,7]. – –
Aber GOTT der HERR machte Röcke von Fellen [1. Mose 3,21], und zog sie an – unsern Stammeltern, welche die Erkenntniß des Guten und Bösen Schaam gelehrt hatte. – Wenn die Nothdurft eine Erfinderin der Bequemlichkeiten und Künste ist: so hat man Ursach sich mit Goguet [Antoine Yves Goguet (1716-58) hatte in seiner Schrift «De l’Origine des Loix, des Arts et des Sciences et leur Progrès chez les anciens Peuples» (Bd. I 114f.) 1758 ausgeführt, daß die Sitte, Kleider zu tragen, nicht durch das Bedürfnis, sich vor Kälte zu schützen, entstanden sei, da diese Sitte auch in warmen Ländern seit jeher verbreitet sei.]
zweymal zu wundern, wie in den Morgenländern die Mode sich zu kleiden, und zwar in Thierhäuten, hat entstehen können. Darf ich eine Vermuthung wagen, die ich wenigstens für sinnreich halte? – – Ich setze das Herkommen dieser Tracht, in der dem Adam durch den Umgang mit dem alten Dichter, (der in der Sprache Kanaans Abaddon[Engel des Abgrunds, vgl. Offb. 9,11], auf hellenistisch aber Apollyon heist,) bekannt gewordenen allgemeinen Bestandheit thierischer Charaktere, – die den ersten Menschen bewog unter dem gelehnten [geliehenen] Balg eine anschauende Erkenntnis vergangener und künftiger Begebenheiten auf die Nachwelt fortzupflanzen – – –
Rede, daß ich Dich sehe! [Sokrates zugeschriebener Ausspruch, von Erasmus überliefert in seinen Apophthegmata III 70] – – Dieser Wunsch wurde durch die Schöpfung erfüllt, die eine Rede an die Kreatur durch die Kreatur ist; denn ein Tag sagts dem andern [Ps. 19,2-5], und eine Nacht thuts kund der andern. Ihre Losung läuft über jedes Klima bis an der Welt Ende und in jeder Mundart hört man ihre Stimme. – – Die Schuld mag aber liegen, woran sie will, (außer oder in uns): wir haben an der Natur nichts als Turbatverse [durcheinandergeworfene Wörter eines Verses; die Schüler mußten sie wieder in metrische Ordnung bringen] und disiecti membra poetae [des zerstückten Dichters Glieder (Horaz Sat. I 4,62)] zu unserm Gebrauch übrig. Diese zu sammeln ist des Gelehrten; sie auszulegen, des Philosophen; sie nachzuahmen  – oder noch kühner! – – sie in Geschick zu bringen, des Poeten bescheiden Theil.
Reden ist übersetzen – aus einer Engelsprache in eine Menschensprache, das heist, Gedanken in Worte, – Sachen in Namen, – Bilder in Zeichen; die poetisch oder kyriologisc , historisch, oder symbolisch oder hieroglyphisch – – und philosophisch oder charakteristisch  seyn können. Diese Art der Übersetzung (verstehe Reden) kommt mehr, als irgend eine andere, mit der verkehrten Seite von Tapeten überein,

And shews the stuff, but not the workman’s skill;
[Und zeigt den Stoff, doch nicht des Handwerks Kunst.
Earl of Roscommon, Poems, London 1717, S. 9]

oder mit einer Sonnenfinsternis, die in einem Gefäße voll Wassers in Augenschein genommen wird. 
Mosis Fackel erleuchtet selbst die intellectualische Welt, die auch ihren Himmel und ihre Erde hat. Bacon vergleicht daher die Wissenschaften mit den Gewässern über und unter dem Gewölbe unserer Dunstkugel. Jene [Wissen aus göttlicher Offenbarung] sind ein gläsern Meer [Offb. 4,6], als Krystall mit Feuer gemengt; diese [Wissen durch die Sinne vermittelt] hingegen kleine Wolken aus dem Meer, als eine Manneshand[1. Kön. 18,44]. [Bacon, Works I 539]
Die Schöpfung des Schauplatzes verhält sich aber zur Schöpfung des Menschen: wie die epische zur dramatischen Dichtkunst. Jene geschah durchs Wort; die letzte durch Handlung. Herz! sey wie ein stilles Meer! – – Hör den Rath: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sey, die da herrschen! [1. Mose 1,26f.] – – Sieh die That: Und GOTT der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß [1. Mose 2,7] – – Vergleich Rath und That; bete den kräftigen Sprecher  mit dem Psalmisten; den vermeynten Gärtner  mit der Evangelistin der Jünger [Maria Magdalena]; und den freyen Töpfer  mit dem Apostel[Paulus] hellenistischer Weltweisen und talmudischer Schriftgelehrten an!
Der hieroglyphische Adam [Adams Leben ist im Sinne Wachters eine Hieroglyphe, ein Symbol der Geschichte des ganzen Menschengeschlechts: Erschaffung, Sündenfall, Erlösung]
ist die Historie des ganzen Geschlechts im symbolischen Rade: – – der Charakter der Eva [Eva ist im Sinne Wachters Zeichen vom charakteristischen oder philosophischen Typus], das Original zur schönen Natur und systematischen Ökonomie, die nicht nach methodischer Heiligkeit auf dem Stirnblatt geschrieben steht; sondern unten in der Erde gebildet wird, und in den Eingeweiden, – in den Nieren der Sachen selbst – verborgen liegt. [Ps. 139,13-15]
Virtuosen [Virtuose im Sinne Shaftesbury’s: ein künstlerisch, wissenschaftlich und moralisch universal gebildeter Mensch] des gegenwärtigen Äons, auf welchen GOTT der HERR einen tiefen Schlaf [1. Mose 2,21-23] fallen lassen! Ihr wenigen Edeln! macht euch diesen Schlaf zu Nutz, und baut aus einer Ribbe dieses Endymions [der in Schlaf versenkte Geliebte der Mondgöttin Selene] die neueste Ausgabe der menschlichen Seele, die der Barde mitternächtlicher Gesänge [Edward Young, Night Thoughts, 1742/46] in seinem Morgentraum sahe , – – aber nicht von nahe. Der nächste Äon wird wie ein Riese vom Rausch erwachen, eure Muse zu umarmen, und ihr das Zeugnis zuzujauchzen: Das ist doch Bein von meinem Bein, und Fleisch von meinem Fleisch!
Sollte diese Rhapsodie im vorübergehen [Luk. 10,31-32] von einem Leviten der neuesten Litteratur [Moses Mendelsohn (1729-1786), Philosoph, Vorkämpfer für die politische und soziale Gleichstellung der Juden mit den Christen] in Augenschein genommen werden: so weiß ich zum voraus, daß er sich seegnen wird, wie der heilige Petrus  vor dem großen leinenen Tuch an vier Zipfeln gebunden, darin er mit einem Blick gewahr ward, und sahe vierfüßige Thiere der Erden und wilde Thiere, und Gewürme und Vögel des Himmels – – – «O nein; besessener – Samariter! [Joh. 8, 48]» – – (so wird er den Philologen schelten in seinem Herzen) – «für Leser von orthodoxem Geschmack gehören keine gemeine Ausdrücke noch unreine Schüsseln [Mk. 7,4.8.]» – – Impossibilissimum est, communia proprie dicere [Es ist ganz unmöglich, gemeine Sachen beim Namen zu nennen (vgl. Horaz, ars poet. 127)] – Siehe! darum geschieht es, daß ein Autor, dessen Geschmack acht Tage alt, aber beschnitten ist, lauter weißen überzogenen Entian [andere Bezeichnung für den weißen Hundskot] – zur Ehre menschlicher Nothdurft! – in die Windeln thut – – Die fabelhafte Häßlichkeit des alten Phrygiers [Aesop] ist in der That lange so blendend nicht, als die ästhetische Schönheit Äsop des jüngern [Lessing]. Heuer ist Horazens typische Ode an Arist  erfüllt, daß ein Sänger der süßlächelnden Lalage [Anspielung auf eine Jugenddichtung Lessings und dessen flotte Lebensführung in Breslau], die noch süßer küßt als sie lacht, aus sabinischen, apulischen und mauritanischen Ungeheuern Stutzer gemacht hat. – Man kann allerdings ein Mensch seyn, ohne daß man nöthig hat ein Autor zu werden. Wer aber guten Freunden zumuthet, daß sie den Schriftsteller ohne den Menschen denken sollen, ist mehr zu dichterischen als philosophischen Abstractionen aufgelegt. Wagt euch also nicht in die Metaphysick der schönen Künste, ohne in den Orgien  und Eleusinischen Geheimnissen vollendet zu seyn. Die Sinne aber sind Ceres, und Bacchus die Leidenschaften; – alte Pflegeltern der schönen Natur.

Bacche! veni dulcisque tuis e cornibus vua
Pendeat, & spicis tempora cinge Ceres!
[Bacchus, komme hierher, dein Füllhorn strotze von Trauben,
Und aus Ähren ein Kranz schmücke dir, Ceres, das Haupt.]

Sollte diese Rhapsodie gar die Ehre haben einem Meister in Israel[Michaelis] zur Beurtheilung anheim zu fallen: so laßt uns ihm in heiliger Prosopopee  [Personifizierung, Einführung einer toten oder erdichteten Person in die Rede], die im Reiche der Todten eben so willkommen als im Reiche der Lebendigen ist (– – si NVX modo ponor in illis [falls ich als Nußbaum überhaupt zu denen (den fruchtbaren Bäumen) zähle (Pseudo-Ovid, Nux 19)]) entgegen gehen:

Hoch- und Wohl-gelahrtester
Rabbi!
[an Michaelis gerichtet]      «Des heiligen Römischen Reichs Postillon [Ordentliche Wöchentliche Kayserliche Reichs-Postzeitung], der auf dem Schilde seines Wapens zum Wahlspruch: Relata refero [Berichtetes berichte ich, vgl. Herodot VII 152], trägt, hat mich zur letzten Hälfte der Homilien de sacra poesi [Der letzte Teil der Lowth-Ausgabe von Michaelis erschien erst 1761] recht lüstern gemacht. Ich brenne darnach – und warte umsonst bis auf den heutigen Tag, wie die Mutter des Hazoritischen Feldhauptmanns nach dem Wagen ihres Sohns zum Fenster aussahe, und durchs Gitter heulte [Buch der Richter 5, 28] – – Verdenken Sie es mir also nicht, wenn ich gleich dem Gespenst im Hamlet durch Winke mit Ihnen rede, biß ich gelegnere Zeit haben werde, mich durch sermones fideles  [wahre Worte] zu erklären. Werden Sie es ohne Beweiß wohl glauben, daß des berühmten Schwärmers, Schulmeisters und Philologen Amos Comenius  Orbis pictus [Johann Amos Comenius (1592-1670), tschechischer Pädagoge und Verfasser des Orbis pictus sensualium, 1657] und Muzelii Exercitia [Friedrich Muzelius, 1684-1753, Verfasser lateinischer Lehrbücher] viel zu gelehrte Bücher für Kinder sind, die sich noch im bloßen Buch-sta-bi-ren üben – – und wahrlich, wahrlich, Kinder müssen wir werden [Matth. 18,3], wenn wir den Geist der Wahrheit empfahen sollen, den die Welt nicht fassen kann, denn sie sieht ihn nicht [Joh. 14,17], und (wenn sie ihn auch sehen sollte) kennt ihn nicht. – – Vergeben Sie es der Thorheit meiner Schreibart, die sich so wenig mit der mathematischen Erbsünde Ihrer ältesten, noch mit der witzigen Wiedergeburt Ihrer jüngsten Schriften reimt, wenn ich ein Beyspiel aus der Fibel borge, die ohne Zweifel älter als die Bibel seyn mag. Verlieren die Elemente des A B C ihre natürliche Bedeutung, wenn sie in der unendlichen Zusammensetzung willkührlicher Zeichen uns an Ideen erinnern, die, wo nicht im Himmel, doch im Gehirn sind? – – Falls man aber die ganze verdienstliche Gerechtigkeit eines Schriftgelehrten auf den Leichnam des Buchstabens erhöht; was sagt der Geist dazu? Soll er nichts als ein Kammerdiener des todten oder wohl gar ein bloßer Waffenträger des tödtenden Buchstabens [2. Kor. 3,6] seyn? Das sey ferne! – – Nach Dero weitläuftigen Einsicht in physischen Dingen [Anspielung auf Michaelis‘ Betonung geographischer und klimatischer Faktoren in seiner Bibelexegese] wissen Sie besser, als ich Sie daran erinnern kann, daß der Wind bläst, wo er will [Joh. 3,8] – Ungeachtet man sein Sausen wohl hört; so ersieht man doch am wankelmüthigen Wetterhahn, von wannen er kommt, oder vielmehr, wohin er fährt – –»

Ah scelus indignum! soluetur litera diues?
Frangatur potius legum veneranda potestas.
Liber & alma Ceres succurrite! – –
[O empörendes Verbrechen! Die kostbare Schrift zu zerstören?
Eher werde der Gesetze ehrwürdige Macht gebrochen.
Bacchus und hohe Ceres, eilet zu Hilfe! (Anthologia Latina 672, 4, 20, 8)]

Die Meynungen der Weltweisen sind Lesarten der Natur und die Satzungen der Gottesgelehrten, Lesarten der Schrift. Der Autor ist der beste Ausleger seiner Worte; Er mag durch Geschöpfe – durch Begebenheiten – oder durch Blut und Feuer und Rauchdampf  reden, worinn die Sprache des Heiligthums besteht.
Das Buch der Schöpfung enthält Exempel allgemeiner Begriffe, die GOTT der Kreatur durch die Kreatur; die Bücher des Bundes enthalten Exempel geheimer Artickel, die GOTT durch Menschen dem Menschen hat offenbaren wollen. Die Einheit des Urhebers spiegelt sich bis in dem Dialecte seiner Werke; – in allen Ein Ton von unermäslicher Höhe und Tiefe! Ein Beweiß der herrlichsten Majestät und leersten Entäußerung! [Phil. 2,7] Ein Wunder von solcher unendlichen Ruhe, die GOTT dem Nichts gleich macht, daß man sein Daseyn aus Gewissen leugnen oder ein Vieh  seyn muß; aber zugleich von solcher unendlichen Kraft, die Alles in Allen erfüllt [Eph. 1,19-23], daß man sich vor seiner innigsten Zuthätigkeit [Zuwendung] nicht zu retten weiß! –
Wenn es auf den Geschmack der Andacht, die im philosophischen Geist und poetischer Wahrheit [Joh. 4,23] besteht, und auf die Staatsklugheit  der Versification ankommt; kann man wohl einen glaubwürdigern Zeugen als den unsterblichen Voltaire anführen, welcher beynahe die Religion für den Eckstein [Ps. 118,22] der epischen Dichtkunst erklärt, und nichts mehr beklagt, als daß seine Religion  das Widerspiel der Mythologie sey? –
[Le point le plus important est la religion, qui fait en grande partie le sujet du poème, et qui en est le seul dénouement – Der wichtigste Punkt ist die Religion, die zu einem großen Teil den Gegenstand des Gedichts bildet und die allein die Lösung bringt (Voltaire, Idée de la Henriade, Oeuvres completes de Voltaire, Paris 1785, tome X, S. 45)]
Bacon stellt sich die Mythologie als einen geflügelten Knaben des Äolus [Gott der Winde] vor, der die Sonne im Rücken, Wolken zum Fußschemel hat, und für die lange Weile auf einer griechischen Flöte pfeift .
Voltaire aber, der Hohepriester im Tempel des Geschmacks schlüßt so bündig als Kaiphas , und denkt fruchtbarer als Herodes . Wenn unsere Theologie nämlich nicht so viel werth ist als die Mythologie: so ist es uns schlechterdings unmöglich, die Poesie der Heyden zu erreichen – geschweige zu übertreffen; wie es unserer Pflicht und Eitelkeit am gemäßesten wäre. Taugt aber unsere Dichtkunst nicht: so wird unsere Historie noch magerer als Pharaons Kühe [1. Mose 41,3]aussehen; doch Feenmährchen und Hofzeitungen ersetzen den Mangel unserer Geschichtschreiber. An Philosophie lohnt es garnicht der Mühe zu denken; desto mehr systematische Kalender! [Die Kalendermacher galten als Scharlatane und Schwindler] – mehr als Spinneweben in einem verstörten Schlosse. Jeder Tagedieb, der Küchenlatein und Schweitzerdeutsch mit genauer Noth versteht, dessen Name aber mit der ganzen Zahl M. oder der halben des akademischen Thieres gestempelt ist [M. Abkürzung für 1000 und Magister; D. für 500 und Doctor], demonstrirt Lügen, daß Bänke und die darauf sitzende Klötze Gewalt! schreyen müssen, wenn jene nur Ohren hätten und diese, wiewohl sie der leidige Spott Zuhörer nennt, mit ihren Ohren zu hören geübt wären. – – –

«Wo ist Euthyphrons Peitsche, scheues Gaul?
daß mein Karren nicht stecken bleibt – – –»

Mythologie hin! Mythologie her!  Poesie ist eine Nachahmung der schönen Natur – und Nieuwentyts [B. Nieuwentyt, Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph, 1654-1720], Newtons [Isaac Newton (1643-1727), englischer Naturforscher, Begründer der klassischen theoretischen Physik] und Büffons [Georges Louis Leclerc Buffon (1707-1788), französischer Naturforscher, verfasste die 44-bändige «Histoire naturelle générale et particulière» (1749-1804)] Offenbarungen werden doch wohl eine abgeschmackte Fabellehre vertreten können? – – Freylich sollten sie es thun, und würden es auch thun, wenn sie nur könnten – Warum geschieht es denn nicht? – Weil es unmöglich ist; sagen eure Poeten.
Die Natur würkt durch Sinne und Leidenschaften. Wer ihre Werkzeuge verstümmelt, wie mag der empfinden? Sind auch gelähmte Sennadern [Sehnen] zur Bewegung aufgelegt? – –
Eure mordlügnerische Philosophie hat die Natur aus dem Wege geräumt, und warum fordert ihr, daß wir selbige nachahmen sollen? – Damit ihr das Vergnügen erneuren könnt, an den Schülern der Natur auch Mörder zu werden –
Ja, ihr feinen Kunstrichter! fragt immer was Wahrheit ist [Joh. 18,38], und greift nach der Thür, weil ihr keine Antwort auf diese Frage abwarten könnt – Eure Hände sind immer gewaschen, es sey, daß ihr Brodt essen wollt [Matth. 15,2], oder auch, wenn ihr Bluturtheile [Matth. 27,24] gefällt habt – Fragt ihr nicht auch: Wodurch ihr die Natur aus dem Wege geräumt? – – – Bacon beschuldigt euch, daß ihr sie durch eure Abstractionen schindet. Zeugt Bacon die Wahrheit; wohlan! so werft mit Steinen – und sprengt mit Erdenklößen oder Schneeballen nach seinem Schatten – – –
[Bacon, Novum Organon, Aph. 51: Der menschliche Verstand neigt seiner eigenen Natur nach zu Abstraktionen . . . aber es ist besser, die Natur in ihre gehörigen Teile zu zerlegen als zu abstrahieren.][vgl. Apg. 7, 55 f.]
Wenn eine einzige Wahrheit gleich der Sonne herrscht; das ist Tag. Seht ihr an statt dieser einzigen so viel, als Sand am Ufer des Meeres[Jer. 33,22]; – hiernächst ein klein Licht  das jenes ganze Sonnenheer am Glanz übertrift ; das ist eine Nacht, in die sich Poeten und Diebe verlieben. – – Der Poet  am Anfange der Tage ist derselbe mit dem Dieb  am Ende der Tage – –
Alle Farben der schönsten Welt verbleichen: so bald ihr jenes Licht, die Erstgeburt der Schöpfung [Kol. 1,15], erstickt. Ist der Bauch euer Gott[Phil. 3,19]: so stehen selbst die Haare eures Hauptes [Matth. 10,30] unter seiner Vormundschaft. Jede Kreatur wird wechselsweise euer Schlachtopfer und euer Götze [Jes. 44,9-20]. – Wider ihren Willen – aber auf Hofnung – unterworfen, seufzet sie unter dem Dienst oder über die Eitelkeit [Röm. 8,9-23]; sie thut ihr Bestes eurer Tyranney zu entwischen, und sehnt sich unter den brünstigsten Umarmungen nach derjenigen Freyheit, womit die Thiere Adam huldigten, da GOTT sie zu dem Menschen brachte, daß er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch sie nennen würde, so sollten sie heißen. [1. Mose 2,19]
Diese Analogie des Menschen zum Schöpfer ertheilt allen Kreaturen ihr Gehalt und ihr Gepräge, von dem Treue und Glauben in der ganzen Natur abhängt. Je lebhafter diese Idee, das Ebenbild des unsichtbaren GOttes  in unserm Gemüth ist; desto fähiger sind wir Seine Leutseeligkeit in den Geschöpfen zu sehen und zu schmecken, zu beschauen und mit Händen zu greifen. Jeder Eindruck der Natur in dem Menschen ist nicht nur ein Andenken, sondern ein Unterpfand der Grundwahrheit: Wer der HERR ist. Jede Gegenwürkung des Menschen in die Kreatur ist Brief und Siegel von unserm Antheil an der Göttlichen Natur , und daß wir Seines Geschlechts  sind.
O eine Muse wie das Feuer eines Goldschmieds, und wie die Seife der Wäscher  Sie wird es wagen, den natürlichen Gebrauch der Sinne von dem unnatürlichen Gebrauch der Abstractionen  zu läutern, wodurch unsere Begriffe von den Dingen eben so sehr verstümmelt werden, als der Name des Schöpfers unterdrückt und gelästert wird. Ich rede mit euch, Griechen [Winckelmann und seine Schule?]! weil ihr euch weiser dünkt, denn die Kammerherren mit dem gnostischen Schlüssel;[Voltaire als Kammerherr Friedrichs des Großen, Hamann vergleicht hier die antike Gnosis mit der rationalistischen Philosophie, bei beiden: die Verwerfung des einfachen Glaubens und der leibgebundenen menschlichen Existenz bei gleichzeitiger Libertinage]
– versucht es einmal die Iliade zu lesen, wenn ihr vorher durch die Abstraction die beyden Selbstlauter α und ω ausgesichtet habt, und sagt mir eure Meynung von dem Verstande und Wohlklange des Dichters.

Μῆνιν ἄειδε Θεὰ Πηληιάδεω Ἀχιλῆος
[Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus, Homer Ilias I,1]

Seht! die große und kleine Masore [Kommentare jüdischer Gelehrter zur hebräischen Bibel] der Weltweisheit hat den Text der Natur, gleich einer Sündfluth, überschwemmt. Musten nicht alle ihre Schönheiten und Reichthümer zu Wasser werden? – Doch ihr thut weit größere Wunderwerke, als die Götter sich jemals belustiget   haben, durch Eichen und Salzsäulen, durch petrificirte und alchymische Verwandlungen und Fabeln, das menschliche Geschlecht zu überreden – Ihr macht die Natur blind, damit sie nämlich eure Wegweiserin seyn soll! oder ihr habt euch selbst vielmehr durch den Epikurismum [nach Epikurs Lehre ist die Natur blind, alles entsteht und vergeht durch zufällige Atomkombinationen]die Augen ausgestochen, damit man euch ja für Propheten halten möge, welche Eingebung und Auslegung aus ihren fünf Fingern saugen. – Ihr wollt herrschen über die Natur, und bindet euch selbst Hände und Füße durch den Stoicismus [Lehre von der absoluten Notwendigkeit allen Geschehens], um desto rührender über des Schicksals diamantene Fesseln in euren vermischten Gedichten fistuliren [wie ein Kastrat] zu können.
Wenn die Leidenschaften Glieder der Unehre sind, hören sie deswegen auf, Waffen der Mannheit zu seyn? [vgl. Röm. 6,13] Versteht ihr den Buchstaben der Vernunft klüger, als jener allegorische Kämmerer der alexandrinischen Kirche den Buchstaben der Schrift, der sich selbst zum Verschnittenen machte, um des Himmelreichs willen? [der wegen seiner allegorischen und von der Gnosis beeinflußten Exegese bekannte Kirchenlehrer Origenes (185-254) entmannte sich selbst] Die grösten Bösewichter gegen sich selbst, macht der Fürst dieses Äons [Friedrich der Große und seine französische Tafelrunde]zu seinen Lieblingen; – – seine Hofnarren sind die ärgsten Feinde der schönen Natur, die freylich Korybanten und Gallier zu Bauchpfaffen, aber starke Geister zu wahren Anbetern hat.
Ein Philosoph, wie Saul , stellt Mönchengesetze – – Leidenschaft allein giebt Abstractionen sowohl als Hypothesen Hände, Füße, Flügel; – Bildern und Zeichen Geist, Leben und Zunge – – Wo sind schnellere Schlüsse? Wo wird der rollende Donner der Beredsamkeit erzeugt, und sein Geselle – der einsylbichte Blitz  – –
Warum soll ich Ihnen, nach Stand, Ehr und Würden unwissende Leser! Ein Wort durch unendliche umschreiben, da sie die Erscheinungen der Leidenschaften allenthalben in der menschlichen Gesellschaft, selbst beobachten können; wie alles, was noch so entfernt ist, ein Gemüth im Affect mit einer besonderen Richtung trift; wie jede einzelne Empfindung sich über den Umkreis aller äußeren Gegenstände verbreitet ; wie wir die allgemeinsten Fälle durch eine persönliche Anwendung uns zuzueignen wissen, und jeden einheimischen Umstand zum öffentlichen Schauspiele Himmels und der Erden [vgl. 1. Kor. 4,9] ausbrüten. – Jede individuelle Wahrheit wächst zur Grundfläche eines Plans, wunderbarer als jene Kuhhaut [Dido erhielt vom König Jarbas soviel Land, wie sie mit einer Kuhhaut umspannen konnte: sie schnitt die Haut in schmale Streifen und umspannte so ein großes Gebiet, in dem sie Karthago erbauen konnte]
zum Gebieth eines Staats; und ein Plan, geraumer als das Hemisphär, erhält die Spitze eines Sehpuncts. – – Kurz, die Vollkommenheit der Entwürfe, die Stärke ihrer Ausführung; – die Empfängnis und Geburt neuer Ideen und neuer Ausdrücke; die Arbeit und Ruhe des Weisen, sein Trost und sein Eckel daran, liegen im fruchtbaren Schooße der Leidenschaften vor unsern Sinnen vergraben.
«Des Philologen Publicum, seine Welt von Lesern, scheint jenem Hörsaal ähnlich zu seyn, den ein einziger Platon füllte . – Antimachus fuhr getrost fort, – wie geschrieben steht:
Non missura cutem nisi plena cruoris hirudo.»
[Der Blutegel läßt nicht von der Haut, bis er voll ist (Horaz, De arte poet. 476)]
Gerade, als wenn unser Lernen ein bloßes Erinnern wäre, weist man uns immer auf die Denkmale der Alten, den Geist durch das Gedächtnis zu bilden. Warum bleibt man aber bey den durchlöcherten Brunnen der Griechen stehen, und verläst die lebendigsten Qvellen[Jer. 2,13] des Alterthums? Wir wissen vielleicht selbst nicht recht, was wir in den Griechen und Römern bis zur Abgötterey bewundern. Daher kommt der verfluchte Widerspruch in unsern symbolischen Lehrbüchern, die bis auf diesen Tag in Schaafsfell zierlich gebunden werden, aber inwendig [Matth. 7,15] – ja inwendig, sind sie voller Todtenbeine [Matth. 23,27], voller hypo-kritischer Untugend .
Gleich einem Manne, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschaut, nachdem er sich aber beschaut hat, von Stundan davon geht und vergißt, wie er gestaltet war [Jak. 1,23f.]; eben so gehen wir mit den Alten um – Gar anders sitzt ein Maler zu seinem eignen Contrefait. – Narciß, (das Zwiebelgewächs schöner Geister) liebt sein Bild mehr als sein Leben .
Das Heil kommt von den Juden [Joh. 4,22] – Noch hatte ich sie nicht gesehen; ich erwartete aber in ihren philosophischen Schriften gesundere Begriffe – zu eurer Beschämung – Christen! – Doch ihr fühlt den Stachel des guten Namens, davon ihr genennt seyd , eben so wenig als die Ehre, die sich GOTT aus dem Eckelnamen [Schimpfname]des Menschensohns machte – – – –
Natur und Schrift also sind die Materialien des schönen, schaffenden, nachahmenden Geistes – – Bacon vergleicht die Materie der Penelope; – ihre freche Buhler sind die Weltweisen und Schriftgelehrten. [Nach einer von Bacon allegorisch interpretierten Mythe entstammt Pan (die Natur) der Verbindung Penelopes (der formlosen Materie) mit den Freiern (den platonischen Ideen oder Formen) Richtig ist – so Bacon -, daß er der Sohn der Materie mit Merkur (= Wort Gottes) ist. (Bacon, Works I 523)] Die Geschichte des Bettlers [Odysseus (Od. 17, 336f.)], der am Hofe zu Ithaka erschien, wißt ihr; denn hat sie nicht Homer in griechische und Pope [Alexander Pope’s Odyssee-Übersetzung (1725/26)] in englische Verse übersetzt? – – [Hamann verbindet hier den Bettler Odysseus mit dem Gedanken von der Knechtsgestalt und der Entäußerung Christi, des Wortes Gottes]
Wodurch sollen wir aber die ausgestorbene Sprache der Natur von den Todten wieder auferwecken? – – Durch Wallfahrten nach dem glücklichen Arabien [Auf Michaelis‘ Anregung hatte die dänische Regierung 1761 eine wissenschaftliche Expedition nach Südarabien entsandt], durch Kreuzzüge nach den Morgenländern, und durch die Wiederherstellung ihrer Magie, die wir durch alte Weiberlist, weil sie die beste ist, zu unserer Beute machen müssen. – Schlagt die Augen nieder, faule Bäuche![Tit. 1,12] und lest, was Bacon  von der Magie dichtet. – Weil euch seidene Füße in Tanzschuhen eine so beschwerliche Reise nicht tragen werden: so laßt euch einen Richtweg [direkter Weg] durch die Hyperbel [Übergang/Paß über Berge oder Flüsse] zeigen –
Du, der Du den Himmel zerrissest und herabfuhrst! – vor Dessen Ankunft Berge zerfließen, wie heiß Wasser vom heftigen Feuer aufseudet, damit Dein Name unter Feinden desselben, die sich gleichwol nach Ihm nennen, kund werde, und gesalbte Heyden zittern lernen vor den Wundern, die Du thust, derer man sich nicht versieht![Jes. 64,1f.] – Laß neue Irrlichter [Sterne] im Morgenland aufgehen! – Laß den Vorwitz ihrer Weisen durch neue Sterne erweckt werden, uns ihre Schätze selbst ins Land zu führen – Myrrhen! Weyrauch! und ihr Gold![Matth. 2,1-11] woran uns mehr gelegen als an ihrer Magie! – Laß Könige durch sie geäfft werden [Matth. 2,16-18, Anspielung auf Friedrich den Großen], ihre philosophische Muse gegen Kinder und Kinderlehren [Mark. 10,14]vergeblich schnauben [Apg. 9,1]; Rahel aber laß nicht vergeblich weinen! – –
Wie sollen wir nun den Tod in den Töpfen [2. Kon.. 4,38-42]verschlingen, um das Zugemüse für die Kinder der Propheten schmackhaft zu machen? Wodurch sollen wir den erbitterten Geist[Jes. 63,10] der Schrift versöhnen? «Meynst du, daß ich Ochsenfleisch essen wolle oder Bocksblut trinken?» [Ps. 50,13] Weder die dogmatische Gründlichkeit pharisäischer Orthodoxen, noch die dichterische Üppigkeit sadducäischer Freygeister wird die Sendung des Geistes erneuren, der die heiligen Menschen GOttes trieb [2. Petr. 1,21] (εὐκαίρως ἀκαίρως [zur rechten Zeit oder zur Unzeit (2. Tim. 4,2)]) zu reden und zu schreiben. – – Jener Schooßjünger [Joh. 13,23-25] des Eingebornen, der in des Vaters Schooß [Joh. 1,18] ist, hat es uns verkündigt: daß der Geist der Weissagung [Offb. 19,10] im Zeugnisse des Einigen Namens lebe, durch den wir allein seelig werden [Apg. 4,12], und die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens [1. Tim. 4,8] ererben können; – des Namens, den niemand kennt, als der ihn empfäht [Offb. 2,17], der über alle Namen ist, daß in dem Namen JESU sich beugen sollen alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind; auch alle Zungen bekennen sollen, daß JESUS CHRISTUS der HERR sey zur Ehre GOttes! [Phil. 2,9-11] – des Schöpfers, der da gelobt ist in Ewigkeit! Amen![Röm. 1,25]
Das Zeugnis JESU also ist der Geist der Weissagung , und das erste Zeichen, womit er die Majestät seiner Knechtsgestalt [Phil. 2,7]offenbart, verwandelt die heiligen Bundesbücher in alten guten Wein, der das Urtheil der Speisemeister [Joh. 2,8-10] hintergeht, und den schwachen Magen [1. Tim. 5,23] der Kunstrichter stärkt. Lege libros propheticos non intellecto CHRISTO [Lies die prophetischen Bücher, ohne (darin) Christus verstanden zu haben], sagt der punische   Kirchenvater [Augustinus, Com. in Joannem, tract. IX 3], quid tam insipidum & fatuum inuenies? Intellige ibi CHRISTUM, non solum sapit, quod legis, sed etiam inebriat [was findest du darin ebenso Fades wie Albernes. Verstehe Christus darin, dann schmeckt nicht allein, was du liest, sondern es berauscht auch]. – «Aber den freveln und hochfahrenden Geistern hier ein Mal zu stecken, – – muß Adam zuvor wohl todt seyn, ehe er dies Ding leide und den starken Wein trinke. Darum siehe dich für, daß du nicht Wein trinkst, wenn du noch ein Säugling bist; eine jegliche Lehre hat ihre Maße, Zeit und Alter  
Nachdem GOTT durch Natur und Schrift, durch Geschöpfe und Seher, durch Gründe und Figuren, durch Poeten und Propheten sich erschöpft, und aus dem Othem geredt hatte: so hat er am Abend der Tage zu uns geredt durch Seinen Sohn [Hebr. 1,1], – gestern und heute![Hebr. 13,8] – bis die Verheißung seiner Zukunft [Ankunft] – nicht mehr in Knechtsgestalt – auch erfüllt seyn wird –

Du Ehrenkönig, HERR JESU CHRIST!
GOTTES VATERS ewiger SOHN Du bist;
Der Jungfraun Leib nicht hast verschmäht – –
[Aus Luthers Übersetzung des Te Deum (Herr Gott, Dich loben wir…)]

Man würde ein Urtheil der Lästerung [Judas 9] fällen, wenn man unsere witzige Sophisten, die den Gesetzgeber der Juden einem Eselskopf, und die Sprüche ihrer Meistersänger dem Taubenmist [2. Kön. 6,25] gleich schätzen, für dumme Teufel schelten wollte; aber doch wird sie der Tag des HERRN – – – ein Sonntag, schwärzer [Offb. 6,12] als die Mitternacht, in der unüberwindliche Flotten [die spanische Armada, von den Engländern 1588 vernichtend geschlagen] Stoppeln [Hiob 21,18] sind – – Der verbuhlteste West, ein Herold des jüngsten Ungewitters, – so poetisch – als es der HERR der Heerschaaren nur denken und ausdrücken kann, wird da den rüstigsten Feldtrompeter überschmettern: – – Abrahams Freude [Joh. 8,56] den höchsten Gipfel erreichen; – sein Kelch überlaufen[Ps. 23,5] – Die allerletzte Thräne! unschätzbar köstlicher als alle Perlen, womit die letzte Königin in Egypten Übermuth treiben wird [Kleopatra soll bei einem Festgelage eine Perle in Essig aufgelöst und damit Antonius zugetrunken haben]; – diese allerletzte Thräne über Sodoms letzten Brand und des letzten Märtyrers  Entführung, wird GOTT eigenhändig von den Augen Abrahams, des Vaters der Gläubigen! [Röm. 4, 11/16] abwischen [Offb. 21,4] – –
Jener Tag des HERRN, der Christen Muth macht des HERRN Tod zu predigen [1. Kor. 11,26], wird die dummsten Dorfteufel unter allen Engeln, denen ein höllisches Feuer [Matth. 25,41] bereitet ist, offenbar[bekannt] machen. Die Teufel glauben und zittern! [Jak. 2,19] – aber eure durch die Schalkheit der Vernunft verrückte Sinne zittern nicht – Ihr lacht, wenn Adam, der Sünder, am Apfel, und Anakreon, der Weise, am Traubenkern erstickt! [In einem Gedicht von Hamanns Freund Johann Friedrich Lauson heißt es: «Anakreon der Dichter starb von dem Traubenkerne»] – Lacht ihr nicht, wenn Gänse das Capitol entsetzen [Beim Gallierüberfall auf Rom 387 v. Chr. wurde das Capitol durch das laute Geschnatter von Gänsen gerettet] – und Raben den Patrioten ernähren [1. Kön. 17,6], in dessen Geist Israels Artillerie und Reuterey [2. Kön. 1, 10-14] bestand? – Ihr wünscht euch heimlich zu eurer Blindheit [Joh. 9,39f.] Glück, wenn GOTT am Kreuz unter die Missethäter gerechnet [Mark. 15,27f.] wird – und wenn ein Gräuel [Matth. 24,15] zu Genf oder Rom [die Zentren des Calvinismus und Katholizismus], in der Oper [der katholische Gottesdienst] oder Moschee [die reformierten Kirche, in denen es wie in den Moscheen keine Bilder gab], apotheosirt [vergöttlichen]und koloqvintisirt [reinigen (die Koloquinte oder Purgiergurke diente als Abführmittel)] wird. – –

Pinge duos angues! pueri, sacer est locus; extra
Meiite; discedo – – –
PERS.
[Male zwei Schlangen! Kinder, dieser Ort ist heilig; pißt draußen; ich gehe weg. (Persius, Sat. I 113; Schlangen waren heilige Tiere, die als Warnung vor Verunreinigungen an die Wände gemalt wurden. Die Verse sind die höhnische Antwort des Persius, als er wegen seiner bissigen Kritik die Gunst der Vornehmen zu verlieren droht)]

Der Geburtstag eines Genies wird, wie gewöhnlich, von einem Märtyrerfest unschuldiger Kinder [Matth. 2,16] begleitet – Man erlaube mir, daß ich den Reim und das Metrum mit unschuldigen Kindern vergleichen darf, die über unsere neueste Dichtkunst einer drohenden Lebensgefahr ausgesetzt zu seyn scheinen.
Wenn der Reim zum Geschlechte der Paronomasie  [Wortspiel durch Zusammenstellung ähnlich klingender Worte] gehört: so muß das Herkommen desselben mit der Natur der Sprachen und unserer sinnlichen Vorstellungen beynahe gleich alt seyn. – – Wem das Joch des Reims zu schwer fällt, ist dadurch noch nicht berechtigt, das Talent desselben zu verfolgen. Der Hagestolze hätte dieser leichtsinnigen Feder sonst so viel Anlaß zu einer Stachelschrift [Satire] gegeben, als Platon haben mochte den Schlucken des Aristophanes im Gastmal [Plat. Symp. 185c-185e], oder Scarron [Paul Scarron (1610-60), französischer Dichter] seinen eigenen durch ein Sonnet zu verewigen.
Das freye Gebäude, welches sich Klopstock, dieser große Wiederhersteller des lyrischen Gesanges, erlaubet, ist vermuthlich ein Archaismus, welcher die rätzelhafte Mechanick der heiligen Poesie bey den Hebräern glücklich nachahmt, in welcher man nach der scharfsinnigen Beobachtung der gründlichsten Kunstrichter [Michaelis und Lessing] unserer Zeit   nichts mehr wahrnimmt als «eine künstliche Prose in alle kleine Theile ihrer Perioden aufgelöst, deren jeden man als einen einzelnen Vers eines besondern Sylbenmaaßes ansehen kann; und die Betrachtungen oder Empfindungen der ältesten und heiligsten Dichter scheinen sich von selbst» (vielleicht eben so zufälliger weise wie Epikurs Sonnenstäubchen [Atome]) «in symmetrische Zeilen geordnet zu haben, die voller Wohlklang sind, ob sie schon kein (vorgemaltes noch Gesetzkräftiges) Sylbenmaas haben.»
Homers monotonisches Metrum sollte uns wenigstens eben so paradox vorkommen, als die Ungebundenheit des deutschen Pindars. Meine Bewunderung oder Unwissenheit von der Ursache eines durchgängigen Sylbenmaaßes in dem griechischen Dichter ist bey einer Reise durch Curland und Liefland gemäßigt worden. Es giebt in angeführten Gegenden gewisse Striche, wo man das lettische oder undeutsche Volk bey aller ihrer Arbeit singen hört, aber nichts als eine Cadenz von wenig Tönen, die mit einem Metro viel Ähnlichkeit hat. Sollte ein Dichter unter ihnen aufstehen: so wäre es ganz natürlich, daß alle seine Verse nach diesem eingeführten Maasstab ihrer Stimmen zugeschnitten seyn würden. Es würde zu viel Zeit erfordern, diesen kleinen Umstand (ineptis gratum fortasse – qui volunt illa calamistris inurere [vielleicht den Toren zuliebe, die es (das Geschriebene) mit dem Brenneisen kräuseln wollen (Cic. Brutus 75, 262)]) in sein gehörig Licht zu setzen, mit mehreren Phaenomenen zu vergleichen, den Gründen davon nachzuspüren, und die fruchtbaren Folgen zu entwickeln –

Iam satis terris niuis atque dirae
Grandinis misit Pater, & rubente
Dextera sacras iaculatus arces
Terruit vrbem,

Terruit gentes; graue ne rediret
Seculum Pyrrhae, noua monstra questae,
Omne quum Proteus pecus egit altos
Visere montes. – –

HORATIVS.

Schnee genug und grausigen Hagel sandte
Vater Zeus dem Land, seine rote Rechte
schreckte, Blitze schleudernd auf heil’ge Höhen,
unsere Hauptstadt,

schreckte rings die Völker, daß wiederkehre
Pyrrhas schwere Zeit, voll der schlimmsten Wunder,
da einst Proteus trieb sein Getier hinauf ins
steile Gebirge.
(Horaz, Oden I 2, 1-8)
Anspielung auf die antike Sintflutsage. Pyrrha ist die Gattin Deukalions, Proteus der alte Seegott.

A p o s t i l l e .
[erläuternde oder kritische Rand- oder Nachbemerkung]
Als der älteste Leser dieser Rhapsodie in kabbalistischer Prose seh ich mich vermöge des Rechts der Erstgeburt verpflichtet, meinen jüngern Brüdern, die nach mir kommen werden, noch ein Beyspiel eines barmherzigen Urtheils zu hinterlassen, wie folget:
Es schmeckt alles in dieser ästhetischen Nuß nach Eitelkeit! – nach Eitelkeit! [Pred. 12, 8-10] – Der Rhapsodist  hat gelesen, beobachtet, gedacht, angenehme Worte gesucht und gefunden, treulich angeführt, gleich einem Kaufmannsschiffe [Spr. 31,14] seine Nahrung weit her geholt, und von ferne gebracht. Er hat Satz und Satz zusammengerechnet, wie man die Pfeile  auf einem Schlachtfelde zählt; und seine Figuren abgezirkelt, wie man die Nägel zu einem Gezelt [Jes. 54,2; Pred. 12,11]abmißt. Anstatt Nägel und Pfeile hat er mit den Kleinmeistern [Stutzer (vielleicht eine Anspielung auf Lessing)] und Schulfüchsen seiner Zeit * * * * * * * * und – – – – – – – – Obelisken und Asterisken  geschrieben.
Laßt uns jetzt die Hauptsumme [Pred. 12,13]seiner neusten Ästhetick, welche die älteste ist, hören:
Fürchtet GOtt und gebt Ihm die Ehre, denn die Zeit Seines Gerichts ist kommen, und betet an Den, der gemacht hat Himmel und Erden und Meer und die Wasserbrunnen! [Offb. 14,7]

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