Die Flucht vor der Welt

Von Ambrosius von Mailand

Man kann die Lüste und Begierden der Welt nur unter dem Beistande der göttlichen Gnade fliehen.

Wiederholt haben wir ausgeführt, daß man die Welt fliehen müsse: wollte Gott, daß die Herzensmeinung dabei ebenso voll Ernst und Besorgniß wäre, wie die Rede leichthin fließt. Gar schlimm ist es eben, daß nur zu oft die Lockungen der Lust in das Herz Eingang finden, daß die Ergießung der Eitelkeiten den Geist gefangen nimmt, so zwar, daß man im Geiste daran denkt, Das erwägt, was man zu meiden entschlossen ist. So ist es für den Menschen überaus schwer, Das zu meiden, dessen er sich niemals ganz entäussern kann. Man wünscht Das wohl, aber der Erfolg belehrt uns, wie unfruchtbar dieser Wunsch ist. So betet ja auch der Psalmist: „Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zum Geize!“ Wir haben eben unser Herz nicht ganz in unserer Gewalt. Unsere Gedanken, die unversehens in die Seele einströmen, den Geist überschütten und uns nach einer ganz anderen Richtung ziehen, als wir selbst ursprünglich wollten: diese Gedanken rufen uns zu irdischem, weltlichem Begehren, werfen Lüsternheit und Begierlichkeit in unsere Seele hinein; ja selbst in den Augenblicken, wo wir unser Herz im Gebete zu Gott erheben wollen, werden wir oft genug zur Erde wieder herabgezogen.

Wer ist so sehr der Seligkeit schon hier theilhaftig, daß sein Herz allezeit emporgerichtet wäre und bliebe? Und vor Allem, wer vermöchte Das ohne die göttliche Hilfe? Gewiß Niemand. Sagt ja auch die Schrift: „Selig der Mann, der seine Hilfe von dir hat. Aufgänge zur Höhe sind in seinem Herzen.“ Ja vollkommen selig ist Derjenige, den keine Lust zurückruft, den keine Begierde beugt, der auf das Niedere gar nicht mehr zurückblickt: diesem Verlangen unterlag freilich selbst Lots Weib. Und durch dieses Beispiel gemahnt vergißt der Apostel das Vergangene, was hinter ihm liegt, und strebt nur Dem zu, was vor ihm ist: so aber eilt er dem Kampfziele entgegen und erreicht dasselbe. Er sieht Christus vor sich, von dem er zur Krone der Gerechtigkeit gerufen wird. Aber er erreicht diese Krone nur, weil er sich selbst verleugnete, um Christus zu gewinnen. Er lebte sich ja auch nicht mehr selbst, sondern Christus lebte in ihm.

Wer kann aber bei so vielen Leidenschaften, denen wir im Leibesleben unterworfen sind, bei so vielen Versuchungen, welche diese Welt bietet: wer kann da den Weg zum Leben sicher und ohne Wanken inne halten? Da blickt das Auge zurück, und sogleich zieht es das Fühlen der Seele nach; es hört das Ohr und lenkt die Aufmerksamkeit ab; der Geruch wird eingesogen, und die Gedanken sind sofort gehindert; es kostet der Mund und die Sünde bleibt haften; das Gefühl wird angeregt, und sogleich ist das Feuer entzündet. „Der Tod tritt ein durch das Fenster,“ sagt der Prophet; das Fenster aber ist dein Auge. Wenn du ein Weib ansiehst, ihrer zu begehren, so hat der Tod Eingang bei dir gefunden; wenn du buhlerischen Worten lauschest, wenn dein Gefühl von der Lust ergriffen wird: so hat der Tod bei dir Eingang gefunden. Wer also hinansteigen will zur Wohnung Gottes, der darf nicht den Freuden und Lüsten dieser Welt folgen; er muß entschlossen sein, auch Schmerz- und Leidvolles hinzunehmen. Besser ist es ja, in das Haus der Trauer als in das Haus sinnlicher Freude einzutreten. Hätte Adam nicht der Lust sich gefangen gegeben, er wäre niemals aus dem Paradiese herabgesunken.

Mit Recht preist deßhalb auch David, der selbst die Gefahren sündhaften Schauens an sich erprobt hatte, Denjenigen selig, dessen ganze Hoffnung im Namen des Herrn ist. Dann sieht er nicht um nach Eitelkeit, Lüge und Thorheit: er hält vielmehr sein Auge fest und unentwegt auf Christus gerichtet. Darum fleht er: „Wende meine Augen, o Herr, daß sie nicht Eitelkeit schauen.“ Die Eitelkeit ist wie eine Rennbahn ohne Nutzen; sie ist wie die Schnelligkeit des Pferdes, trügerisch hinsichtlich unseres Heiles; wie ein Schauspiel ist die Eitelkeit, und der weise Mann sagt: „Alles ist Eitelkeit, was in dieser Welt ist.“ Wer also selig werden will, der steige über die Welt empor, der suche das ewige Wort beim Vater; er fliehe diese Welt, lasse hinter sich die Erde. Denn Niemand kann jenes ewige, unveränderliche Wort erreichen, wer nicht vorher der Welt entflohen ist. Deßhalb sagte auch der Herr, da er seinem himmlischen Vater sich nahen wollte, zu seinen Aposteln: „Stehet auf, lasset uns gehen!“ 

Die gesetzlichen Ordnungen über die alttestamentlichen Freistätten enthalten die Mahnung, die Welt zu fliehen.

Auch die Schrift lehrt uns, die Welt zu fliehen und einzig Gott zu folgen. Oder was anders liegt in den Worten: „Ihr sollet euch die Städte bestimmen, die zur Zuflucht der Flüchtlinge sein sollen, die Blut vergossen haben aus Versehen. Sechs Städte sollen bestimmt sein zur Zuflucht der Flüchtlinge; drei sollen jenseits des Jordan, drei aber im Lande Chanaan sein.“ Nach dem offenkundigen Wortlaute werden hier freilich nur Denjenigen, welche um eines Todschlages willen flüchtig sind, Zufluchtsstätten bereitet: wir müssen aber den tieferen Sinn zu ergründen suchen. Vier Umstände sind es, die uns mahnen, dem geheimnißvollen Sinne jener Worte nachzugehen. Zuerst ist zu erforschen, warum die sechs Städte, welche zur Zuflucht dienen sollen, gerade aus den Levitenstädten, nicht aber aus dem Erbtheil der übrigen Stämme genommen sind; zweitens, warum gerade sechs Städte ausgesondert sind, — gleichgiltig ist die vorgeschriebene Zahl ja sicher nicht; drittens, warum die Hälfte der Städte jenseits des Jordan, die andere Hälfte im Lande Chanaan liegen soll. Viertens darf auch nicht unerörtert bleiben, warum die Zeit genau umschrieben ist, innerhalb welcher der Flüchtling in jenen Freistädten wohnen darf: — bis zum Tode des Hohenpriesters nämlich, da der Mörder nach dem Tode des Hohenpriesters in seine Stadt zurückkehren durfte.

Zunächst hätten wir zu untersuchen, warum gerade Levitenstädte dem Verbrecher eine Zuflucht bieten sollen. Diese Wahl ist durchaus passend: die Leviten sollten die Welt fliehen, damit sie Gott allein gefallen; sie sollten Vaterland, Eltern, Kinder, die ganze Verwandtschaft verlassen, damit sie allein Gott anhangen möchten. So war auch schon zu Abraham gesagt: „Gehe fort aus deinem Lande, aus deiner Verwandtschaft und aus dem Hauses deines Vaters!“ Wollte man einwenden, Abraham sei kein Levit gewesen, so erwidere ich mit dem Apostel: „Und durch Abraham hat auch Levi, der den Zehenten empfing, den Zehenten geben müssen; denn er war noch in den Lenden des Vaters, als Melchisedech ihm entgegen kam.“ Und auch der Herr spricht zu Leviten, wenn er seinen Aposteln sagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und folge mir nach.“ Freilich ist zu Allen gesagt von dem Apostel: „Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priesterthum, ein heiliges Volk, ein an Kindesstatt angenommenes Volk.“ Das ist eben in der Fülle der Zeit eingetreten, wo alles Andere weichen muß. Christus hat Alle berufen, er bietet sich Allen dar; Alle sollen ihm folgen. Allen hat er das Reich und das ewige Leben verheissen.

Derjenige aber, dessen „Erbtheil der Herr ist“, darf sich um Nichts als um Gott kümmern, darf in dieser Sorge durch kein anderes Geschäft sich behindern lassen. Was immer dabei anderen Pflichten zugewendet wird, Das wird dem pflichtmäßigen Dienste Gottes geradezu entzogen. Die eigentliche Flucht des Priesters besteht eben in der Beseitigung aller häuslichen Sorgen, in der Losreissung auch selbst von den theuersten Menschen: Derjenige, welcher Gott dienen will, muß sich auch den Seinigen versagen. Das Gesetz ordnet also mit Recht an, daß die Flüchtlinge zu Denen fliehen, die selbst Flüchtlinge sind. Diejenigen, welche die Welt vergessen haben, sollen Die aufnehmen, welche die Fehler und Sünden ihrer Vergangenheit verurtheilen und selbst das Vergessen des vergangenen Lebens anstreben; welche gut zu machen wünschen, was sie in der Welt vollbracht haben. Wer die Seinigen fliehen will, Der wird ein Diener des heiligen Altares des Herrn. Darum sagt auch der Heiland: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“ Ich erkenne keine Mutter, keinen Bruder an, will der Herr sagen; ich kenne selbst die nächsten Angehörigen nicht: mir sind Die Mutter und Brüder, welche das Wort Gottes hören und befolgen. Auch der Diener Gottes sieht nur auf das Wort, wenn er Diejenigen kennt und aufnimmt, in denen das fleischgewordene Wort wirksam ist. Darum ist er ein Flüchtling vor der Welt und vor der Macht seiner eigenen Leidenschaften; er entsagt Allen, so daß er mit Elias ausrufen kann: „Ich allein bin übrig geblieben.“Aber doch ist Niemand allein, mit dem Christus vereint ist, und der Herr selbst sagt: „Ich bin nicht allein, denn der Vater ist mit mir.“

Der Grund also, warum die Levitenstädte den flüchtigen Verbrechern geöffnet waren, liegt darin, daß die Leviten eben Diener Gottes waren: ihnen lag also ob, die göttlichen Vorschriften auch rücksichtlich Derjenigen auszuführen, die sich mit einer Todesschuld belastet hatten. Die Kirche stützt sich aber bei ihrem Verfahren nicht auf eigens erlassene Gesetze, vielmehr will sie lediglich, daß der Priester dem Gebote des Herrn folgt. Wir brauchen nur zu erinnern an das Wort des Apostels, der auch ein Levit genannt werden kann: „Ich habe solchen Menschen dem Satan übergeben zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tage unseres Herrn Jesus Christus.“ Getroffen von dem priesterlichen Schwerte möge das Fleisch in uns ersterben, wenn nur die Seele das Leben bewahrt.

Von den sechs Freistädten deutet die erste auf die Erkenntnis des Wortes und auf das Leben nach seinem Vorbilde. Wer zu jener Erkenntnis gekommen ist, Der ist auch frei von Strafe nach dem Ausspruche unseres Herrn: „Ihr seid nun rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“ und nach dem weiteren Ausspruche: „Das ist das ewige Leben, daß sie dich erkennen, den wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ Damit ist gewissermaßen die Hauptstadt, der Mittelpunkt angedeutet, um welchen die anderen fünf Städte liegen. Die zweite Stadt deutet auf die Betrachtung des göttlichen Schöpfungswerkes hin, während die dritte auf die Erwägung der königlichen Macht und der ewigen Majestät Gottes hinweist. Die vierte Stadt soll zur Beschauung der göttlichen Erbarmung mahnen. Die fünfte Stadt lehrt, was das göttliche Gesetz befiehlt, die sechste, was es verbietet. Wie groß ist also die Fülle der göttlichen Erbarmung; wie groß sind die Reichthümer seiner Güter! Im Hinblicke auf die Neigungen der Einzelnen und auf die menschliche Gebrechlichkeit, durch welche wir oftmals mit Widerstreben und wider unseren Willen in Schuld und Sünde geführt werden, hat die göttliche Güte uns jene Zufluchtsstätten bereitet. Die Zahl „sechs“ soll uns daran erinnern, daß, wie die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, so auch eine gleiche Anzahl von Freistätten wider die Fehler der Welt als Rettungsplätze aus den Schiffbrüchen dieser Zeit geboten werden sollte.

Der erste Rettungsplatz bietet sich für Denjenigen, welcher trotz seines guten Willens in Schuld verstrickt wurde, wenn er ohne irgend welchen Aufschub, um volle Sicherheit zu finden, zu dem Gipfel aller Schöpfung eilt, wo das ewige Wort in dem geheimnißvollen Schooße des Vaters weilt: dort ist der Quell der Weisheit, aus dem der Unsterblichkeitstrank für das ewige Leben quillt. An zweiter Stelle bietet sich eine andere Rettung von den Sünden der Welt, für Denjenigen, welcher zur vollen Erkenntniß jenes höchsten Gutes nicht vordringen kann, weil er entweder langsamer in seiner Fassungskraft oder in seiner Glaubensentschließung ist, während man mit frischer Geisteskraft und mit scharfer Prüfung zu den höchsten Geheimnissen gelangt. Ein Solcher betrachte wenigstens die Werke Gottes, und aus Dem, was geschaffen ist, schließe er auf den Urheber eines so wunderbar erhabenen Werkes: aus der Güte der Schöpfung —und der Herr selbst sagte, daß Alles sehr gut sei, — wird das ewige, unerschaffene, höchste Gut selbst erkannt. Wenn die Ordnung, das Ziel und die Schönheit der Schöpfung betrachtet wird, muß dann nicht auch der trägste und schwerfälligste Geist angetrieben werden, den Herrn zu lieben? Wir lieben die Eltern, denen wir unser Dasein verdanken; um wie viel mehr müssen wir dann Den lieben, der unser wie der Eltern Schöpfer ist! Wird also auch die schöpferische Kraft Gottes selbst nicht wahrgenommen, so wird sie doch aus den Werken erkannt. Die Werke verkünden den Schöpfer, so daß er, der nicht erfaßt werden kann, doch der Kenntniß sich nicht verschließt. Deßhalb sagt auch der Herr Jesus: „Wenn ihr meinen Worten nicht glaubet, so glaubet doch wenigstens meinen Werken!“ Eine wahrhaftige, eine gute Freistadt ist Das, die für die Huld ihres Erbauers Zeugniß ablegt und dadurch unser Herz anregt, nach Demjenigen zu verlangen, der um unsertwillen solche Schönheit in das Werk seiner Hände gelegt zu haben scheint. An dritter Stelle bietet sich die Betrachtung der königlichen Macht und Gewalt, damit wir dem Könige uns unterwerfen, wenn wir dem Vater die Ehre versagen. Wird doch oft genug der Mensch aus Furcht vor dem Vorgesetzten gehorsam, wenn er des eigenen Heiles sonst auch in thörichtem Undanke vergessen möchte: wie man ja auch die Nothwendigkeit der Mäßigkeit zugibt, obgleich man die Schönheit der Tugend nicht anerkennt. So führt der Zwang zur Besserung, wo die Tugend schon hätte zur Herrschaft kommen müssen.

Das deuten uns die drei Städte jenseits des Jordan an: Zufluchtsstätten für höhere Weisheit. Vor Allem sollen wir zuerst bemüht sein, die Schuld zu fliehen durch geistige Erwägung als Ebenbilder Gottes. Als Solche sind wir nach dem Ausspruch des Herrn selbst geschaffen. „Lasset uns den Menschen machen,“ sprach er, „nach unserem Bilde und Gleichnisse!“ Darin ist somit das Gesetz für jene erste Freistadt gegeben. Können wir aber wegen der Gebrechlichkeit des Fleisches und wegen der Lockungen der Welt unseren Geist nicht so formen und erhalten, dann sollen wir im ehrfurchtsvollen Hinblicke auf unseren Schöpfer und Vater und in der umfassenden Hingabe eines Kindes Sünde und Schuld wieder beseitigen. Die Liebe bedeckt ja die Menge der Sünden. Schließt demnach die erste Freistadt die Sünde aus, so nimmt die zweite sie hinweg; und darum lautet ihre Gesetzesregel: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus allen deinen Kräften.“ Wenn wir endlich aber so armseligen, geschwächten Geistes sind, daß wir die Fülle und Huld dieser Liebe nicht in uns aufnehmen können, so bietet sich uns die dritte Stätte, sofern uns dort die Furcht vor der göttlichen Macht beugt. Da gilt das Wort: „Du sollst Gott deinen Herrn anbeten und ihm allein dienen.“ Damit sind die Haupttugenden gegeben; sie sind das Eigenthum nur Weniger, sicher nicht der Mehrzahl: darum werden sie auch durch die Städte jenseits des Jordan versinnbildet. Wir sollen entweder das Urbild in uns in lauterster Heiligkeit ausprägen, oder wir sollen Gott mit kindlicher Liebe zugethan sein, oder wir sollen ihn in Unterthänigkeit als unseren König verehren und anbeten.

Diejenigen, welche aber den Jordan überschreiten, — in dem Namen Jordan liegt eigentlich ein Herabsteigen: Diejenigen, welche also hinabgestiegen sind von jenen erhabeneren Tugenden zu diesen niederen, d. h. Diejenigen, in welchen die Heiligkeit, die Liebe und die demüthige Furcht nicht festwurzeln konnte: Diese haben nähere Zufluchtsstätten, denen sie zueilen können. Wenn sie Fehlern verfallen und nicht freiwilligen Vergehungen erliegen, so dürfen sie hoffen, daß Gott auch mit ihnen versöhnt werden kann, sofern sie nur Verzeihung erbitten; sie dürfen hoffen, daß sie gebessert werden, wenn sie nur die Weisungen des himmlischen Bundes befolgen, nach welchen sie entweder in voller Unschuld sich gestalten oder von Sünde und Schuld zurückgerufen werden. Das deuten uns die folgenden im Jordangebiete liegenden Städte an; sie mahnen uns, daß wir uns Gott wieder geneigt machen, daß wir befolgen, was er befiehlt, daß wir meiden, was er verbietet. Somit ist das Streben nach der göttlichen Versöhnung, die Befolgung seiner Gebote, das Vermeiden jeglicher Übertretung der Weg, auf dem wir die gesetzgeberische Vorsehung wie die sühnende Erbarmung Gottes verehren. 

Es erübrigt noch die Erörterung des vierten Punktes, warum nämlich mit Rücksicht auf den Tod des hohen Priesters gesagt ist: „Der Todtschläger soll aber in der Freistadt bleiben, bis der Hohepriester gestorben ist.“ Wenn wir den Wortlaut ansehen, so wird die Auslegung fraglich. Vor Allem scheint für den Flüchtling mehr der Zufall als eine billige Prüfung des Sachverhaltes maßgebend zu sein; sodann ist der Verlauf bei durchaus gleicher Lage ungleich, da ja der Hohepriester schon einen Tag nach dem Eintritte des Flüchtlings in die Freistadt sterben kann. Welcher Rechtsspruch gilt aber für die zwischenliegende ungewisse Zeit? Da also der Wortlaut solche Schwierigleiten enthält, so suchen wir den geistigen Sinn. Und wer anders wäre jener Hohepriester, als der Sohn Gottes, das ewige Wort, dessen Fürsprache beim Vater wir uns erfreuen? Er ist gänzlich frei von allen Sünden, von den freiwilligen wie von den zufälligen Übertretungen; in ihm besteht Alles, was im Himmel und was auf Erden ist.  Alles wird erhalten durch das Band, durch die Macht des Wortes, in welchem Alles seinen Urgrund hat; in ihm und durch ihn ist Alles geschaffen, in ihm wohnt die ganze Fülle. Darum bleibt Alles bestehen, so lange er will, so lange er es umschlingt und mit seinem allmächtigen Willen erhält; was er umschließt, Das kann ohne seinen Willen nicht aufgelöst werden. Das Wort lebt immerdar, aber vor Allem lebt es in den Seelen der Gerechten; niemals stirbt Der, in welchem die Fülle der Gottheit wohnt, der selbst die ewige Kraft Gottes ist. Uns aber stirbt er, wenn er von unserer Seele scheidet, zwar nicht in dem Sinne, daß unsere Seele der Verwesung anheimfiele, sondern so, daß sie gelöst und geschieden wird von der Vereinigung mit ihm. Das ist in Wahrheit ein Sterben, wenn die Seele von dem ewigen Worte verlassen wird; dann hat sie aber auch sofort allen, auch den freiwilligen Sünden Eingang gestattet. 

Auch der Apostel Paulus redet von den eben besprochenen Tugenden.

Die Tugenden, von welchen wir im alten Testamente die Vorbilder fanden, sind auch von dem Apostel Paulus nicht bloß verschleiert angedeutet, sondern ganz ausdrücklich erwähnt. Wir lesen bei ihm: „So bin ich, was an mir liegt, bereit, auch euch, die ihr zu Rom seid, das Evangelium zu verkündigen. Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, indem es eine Kraft Gottes ist zum Heile für einen Jeden, der daran glaubt, für die Juden zuerst und dann für die Heiden; denn Gerechtigkeit Gottes wird darin geoffenbart.“ Der Apostel fügt aber hinzu: „aus dem Glauben an den Glauben,“ wie geschrieben steht: „Der Gerechte lebt aus dem Glauben,“ d. h. in Demjenigen, der glaubt. In wem aber wird die Gerechtigkeit Gottes geoffenbart, wenn nicht in Demjenigen, welcher dem Bilde des Sohnes Gottes gleichförmig ist? Da haben wir also die erste Vorschrift, welche uns mahnt, ein Ebenbild Gottes zu sein. Die zweite Hinweisung finden wir in den Worten: „Das Unsichtbare an ihm ist durch die erschaffenen Dinge erkennbar und sichtbar, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, die in den Schöpfungswerken sich offenbart.“ An dritter Stelle finden wir auch hier das ewige Wort, bekleidet mit der königlichen und richterlichen Gewalt, wie es den Lohn für die guten Werke und die Vergeltung für die Sünden Allen aufbewahrt, die in’s Gericht kommen. „Wir wissen,“ sagt der Apostel, „daß das Gericht Gottes der Wahrheit gemäß ist über Alle, die Solches thun.“ Wer nun die Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit Gottes anerkennt, Der darf Das, was des Todes schuldig macht, nicht thun. Ebenso spricht dann der Apostel von der verzeihenden Güte Gottes: „Oder verachtest du den Reichthum seiner Güte, Geduld und Langmuth? Weißt du nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße leitet?“ Vielleicht sollte es heissen: „leiten müßte“? Die Güte Gottes ruft dich, weil sie dir die Hoffnung einflößt, daß du Verzeihung deiner Sünden erhalten kannst. Gott, der in seiner Güte bereit ist, zu verzeihen, will nicht strafen. Sodann wird auch auf den Gesetzgeber hingedeutet, damit Derjenige, welcher sich durch die Betrachtung der göttlichen Güte etwa mehr zur Lässigkeit als zur Buße führen ließe, erinnert werde, das Gesetz zu befolgen. „Alle, die ohne das Gesetz gesündigt haben, werden ohne das Gesetz verloren gehen; und Alle, die unter dem Gesetze gesündigt haben, werden durch das Gesetz gerichtet werden.“

Das Gesetz ist aber zweifach: das natürliche, in unsere Herzen eingeschriebene und das in die beiden Tafeln eingegrabene. So stehen also Alle unter dem Gesetze, wenn auch unter dem natürlichen: aber nicht von Allen kann man rühmen, daß sie sich selbst Gesetz sind. Derjenige nur ist sich selbst Gesetz, welcher aus eigenem Antriebe thut, was zum Gesetze gehört, und welcher so zeigt, „daß das Werk des Gesetzes in sein Herz geschrieben ist.“ Die Werke des Gesetzes sollen aber nicht bloß obenhin zu unserer Erkenntniß kommen, wir sollen nicht bloß davon hören, sondern wir sollen sie wirken: „Denn nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht vor Gott, sondern die Befolger des Gesetzes werden gerechtfertigt werden.“ Du hast auch, belehrt durch die Stimme des natürlichen Gesetzes, erkannt, was böse ist. Du weißt, daß man nicht stehlen darf, und du bestrafst unzweifelhaft deinen Knecht, wenn er sich eines Diebstahls schuldig gemacht hat. Ebenso wirst du dich berechtigt halten, Denjenigen zu verfolgen, der sündhaftes Gelüste nach deiner Gattin trägt. Willst du nun aber selbst begeben, was du in Anderen verurtheilst? „Du predigst, nicht zu stehlen, und stiehlst? Du sagst, man solle nicht ehebrechen, und brichst die Ehe?“ Das Gesetz, welches durch Moses gegeben wurde, ist nachgefolgt, damit durch dasselbe „die Erkenntniß der Sünde komme.“ Du weißt also, was du vermeiden sollst, und thust gleichwohl, was du als verboten erkennst? Was anders aber wäre der letzte Zweck des Gesetzes, als die Unterwerfung der ganzen Welt unter den Gehorsam gegen Gott: es ist ja doch nicht ganz ausschließlich dem Juden gegeben; auch für den Fremdling und den Proselyten gilt es. So soll das Gesetz „jeglichen Mund verstummen“ machen; aber freilich das Herz umschaffen kann es nicht. Darum ist die letzte Zufluchtsstätte uns geboten, damit wir dort Heilung und Genesung fänden, sofern uns der Tod des ewigen Hohenpriesters von jeder Furcht vor dem eigenen Tode befreien möchte. 

Muß ich noch sagen, wer jener Hoherpriester ist? Ist es denn ein Anderer als Derjenige, von welchem gesagt worden ist: „Siehe, das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt“? — „Ihn hat Gott dargestellt als Sühnopfer durch den Glauben in seinem Blute, um seine Gerechtigkeit zu erweisen.“ Ja, er ist der erhabenste und höchste Priester, von dem der Psalmist mit Recht sagt: „Du bist ein Priester ewiglich;“ alle anderen stehen in der Zeit unter der Sünde: er aber hat einzig das ganz reine, schuld- und sündenlose Priesterthum. Alle anderen Priester sind dem Tode unterworfen; er allein lebt ewig: und wie könnte auch wohl Derjenige, welcher Alle erlöset, selbst dem Tode geweiht sein? „Es geziemte uns aber,“ sagt der Apostel, „daß wir einen solchen Hohenpriester hätten.“ Mit Recht gebraucht der Apostel das Wort: „Es geziemte sich.“ Einen gleichen Gebrauch des Wortes finden wir übrigens auch bei solchen Schriftstellern, denen reiche Auswahl von Wörtern zu Gebote stand. So spricht Sallust von einem „Orte, der hervorragender war, als es sich für Sieger geziemte“. Ich wollte Das nicht verschweigen, um zu zeigen, daß der Apostel seine Worte mehr nach dem einfachen als nach dem streng grammatischen Gebrauche wählt. Er sagt also: „Es geziemte uns, daß wir einen solchen Hohenpriester hätten, der da wäre heilig, schuldlos, unbefleckt, ausgeschieden von den Sündern und höher als die Himmel geworden.“ Und das ist das ewige Wort, das über allen Himmeln wohnend Alles erleuchtet. Deßhalb heißt es auch von ihnen, daß er „vom Vater seiner Natur nach gesalbt sei“. Er ist das wahre „Licht, das da jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt.“ Das ist das ewige Wort, dem jenes höchste Priesterthum verliehen war, dessen Gewandung Moses in dem Schmucke des Hohenpriesters gefunden und beschrieben hat: das Wort hat in seiner wesenhaften Macht die Welt wie ein Gewand umgethan, und von ihr gleichsam gegürtet erglänzt es in Allem. In die Verwandtschaft des menschlichen Geschlechtes ist das Wort eingetreten, indem es in unsagbarer Liebe Fleisch angenommen hat: in Alle ergießt es sich im Geiste und in der Fülle der Gottheit, von welcher wir alle empfangen haben, damit wir die übergroße Liebe Christi erkannten, damit wir alle zur eigenen Vollendung in die ganze Fülle Gottes eingeführt würden. Das Haupt Aller ist Christus; ihm verdankt der Leib, dessen Glieder wir sind, sein Dasein; mit ihm ist dieser Leib durch gegenseitige Einigung verbunden, von ihm empfängt er die Mehrung der Liebe zur eigenen Vervollkommnung. Das also ist das Wort, von welchem Moses bei Erbauung der Arche des Bundes spricht, wenn er sagt: „In die Lade lege das Zeugniß, das ich dir geben werde; und einen Gnadenthron mache vom reinsten Golde! — Von da herab will ich gebieten und zu dir reden.“ Damit wird auf das Wort hingedeutet, das über allen Himmeln wohnt, das von dort herab, wo es beim Vater ist, reden wird.

Was das heißt: die Welt fliehen; Mahnung zur Nachfolge der glorreichen Beispiele der Väter.

Getragen und geleitet von hingebendem Vertrauen wollen wir denn zu jenem Gnadenthrone eilen, indem wir die Welt und die Berührung mit ihr fliehen. Diese Flucht besteht aber nur darin, daß wir uns von der Sünde enthalten, daß wir durch die Gestaltung unseres Tugendlebens uns nach dem Ebenbilde Gottes umbilden, daß wir alle unsere Kräfte bis an die Grenze der Möglichkeit aufbieten, um Gott ähnlich zu werden. Der vollkommene Mensch ist ein Abbild der Herrlichkeit Gottes, weßhalb auch der Herr uns mahnt: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Das aber heißt Gott ähnlich sein, wenn man Gerechtigkeit und Weisheit besitzt und vollkommen in der Tugend ist. Gott ist ohne Sünde; wer also die Sünde flieht, ist nach dem Ebenbilde Gottes geformt. Ebenso gewiß ist aber auch, daß man vor der Sünde sich nur durch die Flucht bewahrt, weßhalb der Apostel mahnt: „Fliehet die Unzucht!“ Es verfolgen uns die Lockungen der Sünde; es verfolgt uns die Begierlichkeit: du aber fliehe sie wie eine grausame Tyrannin, die Tag und Nacht dir keine Ruhe lässet, die unaufhörlich dich quält und wie mit Feuersgluth entzündet. Fliehe den Geiz; er würde dich ganz in Beschlag nehmen. Fliehe den Neid, er würde nicht so sehr Andere, als dich selbst zerfleischen. Fliehe auch die Treulosigkeit, die in den eigenen Netzen sich fängt. So sagt der Herr: „Wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, so fliehet in eine andere; wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende gekommen sein, bis der Menschensohn kommen wird.“ Wenn nun auch der Herr um der Schwachheit des Fleisches willen solche Flucht zu rathen scheint, so flieht doch in edlerer Weise Derjenige, welcher die Lust der Welt flieht, so zwar, daß er nicht durch die Sorge um seine Reichthümer, nicht durch den sehnsüchtigen Blick auf irdische Schätze, nicht durch die Begierlichkeit dieses Lebens gefesselt wird. Frei von diesen Fesseln wird er mit voller und gerader Entschlossenheit der Glorie des Himmelreiches zueilen, die Krone des Lebens erstreben und durch keine leidenschaftliche Begier des Leibes sich zurückrufen lassen. 

Die wahre Flucht ist der wirkliche oder der freiwillig in Entsagung und Abtödtung eingeschlossene Tod. Darauf deuten die im Gesetze bezeichneten Freistädte: wir sollen die Fülle der Tugenden anstreben, deren Belohnung der Herr in jenen Worten anzeigt: „Weil du über Weniges getreu gewesen bist, sollst du Macht und Gewalt über zehn Städte erlangen.“ Auch das alte Gesetz kannte sechs Freistädte; Derjenige aber, welcher von sich mit Recht sagen durfte: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zur Vollendung zu bringen,“ —Dieser gewährt auch eine vollkommenere Zahl zur Belohnung.

Schämen wir uns also nicht, zu fliehen. Vor dem Angesichte der Sünde fliehen ist eine glorreiche Flucht. So floh Jakob auf Anrathen seiner Mutter Rebekka, die zu ihm gesagt: „Stehe auf und fliehe nach Mesopotamien!“ So floh auch Moses vor dem Angesichte des Pharao, damit ihn der königliche Hof nicht verführe, damit die Macht ihn nicht irreleite: er achtete höher als alle Reichthümer Aegyptens die Schmach seines Volkes. So floh auch David vor dem Angesichte des Königs Saul und vor dem Angesichte Absaloms. Indem er floh, mehrte er das Wachsthum seiner Tugend, da er des Feindes schonte und für den vatermörderischen Sohn Schonung erflehte. So floh auch das Volk der Hebräer: sein Glaube und sein Leben nach dem Glauben öffneten ihm den Weg durch die Meeresfluten. Die Flucht des Volkes geschah auf dem Pfade der Unschuld, auf dem Wege der Tugend, in der vollen Hingabe des kindlich vertrauenden Herzens. Ich nehme sogar keinen Anstand, zu versichern, daß so auch Jonas zwar nicht dem Leibe nach, aber doch in der Erhebung dem Geiste nach floh. Er stieg empor bis zur Ebenbildlichkeit mit Christus, so daß er in Wahrheit ein Vorbild Christi geworden ist. „Wie Jonas“, sagt der Herr, „drei Tage und drei Nächte im Bauche des Wallfisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Bauche der Erde sein.“ Wäre er nicht geflohen, so würde sein Flehen aus dieser traurigen Zufluchtsstätte auch nicht gehört worden sein.

Sofern man aber noch zweifeln wollte an der Wahrheit des Gesagten, so möge Rebekka zeigen, wie selig die Flucht war, welche Jakob unternahm. Rebekka rieth ihm dazu. „Fliehe nach Mesopotamien,“ sagte sie ihm; und Isaak sprach: „Stehe auf und gehe nach Mesopotamien in das Haus Bathuels.“ In den Lobgesängen und in den Weissagungen wird oft — wie von anderer Seite schon früher erinnert ist —Bathuel als „Weisheit“ gefaßt, in der Uebertragung als „Tochter Gottes“. In das Haus der Weisheit wird Jakob gesandt; er wird gemahnt, eine Gattin von den Töchtern Labans, der in Charris wohnt, zu nehmen. Charris bezeichnet „Höhlen“ und deutet auf die Höhlen in denen unsere Sinneswerkzeuge nach ihrer Eigenart ruhen: so das Gesicht in den Augen, das Gehör in den Ohren, der Geruch in der Nase, der Geschmack im Munde. Wer an dieser Welt sich ergötzt und gleichsam freudig aufhüpft in den Lüsten des Fleisches, der ist den Sinnesleidenschaften unterworfen und läßt seine Seele gewissermaßen in ihnen wohnen. Deßhalb sagte auch Rebekka dem Jakob: er möge nur einige wenige Tage, aber nicht lange Zeit dort zubringen, damit er nicht fleischlichen Lüsten sich ergebe und von den Lockungen der Welt gefesselt werde.

Wohnen soll er freilich dort, damit er den Sinn geregelter Tugend, aber auch den Sinn, d. h. gewissermaßen die Richtung und Herrschaftsgebiete des Fleisches kennen lerne, damit er andrerseits klar darüber werde, warum und wozu er erschaffen, und wie jeder Sinn nach seiner Art sich wirksam äussern soll. Wer nach den Worten des Herrn „ein Weib ansieht, ihrer zu begehren,“ — der hat sein Auge schlecht gebraucht. Das Auge soll im Sehen sein Amt erfüllen, es soll aber nicht unter der Herrschaft eines schlüpfrigen Geistes zum Falle dienen: das wäre schmachvolle Pflichtverletzung, nicht Pflichterfüllung. Nur ganz kurze Zeit ist nöthig, um den Gebrauch und die Gewalt der Sinne durch Erfahrung kennen zu lernen; die ersten Zeiten der zartesten Jugend genügen dazu: darum werden wir, wie Jakob, rasch zurückgerufen, damit wir nicht zu lange auf dem schlüpfrigen Pfade wanken, und damit nicht das innerste Seelenleben die Eindrücke davon empfange, wenn unser äusseres Sinnenleben sich allzusehr in die Welt und ihre Lust ergießt. Wenn Jakob hinreichende Erfahrung sich erworben, oder wenn er auf dem unsichern, wankenden Boden gestanden hat, dann soll er von der Mutter zurückgerufen werden: „Ich will schicken“ — sagt Rebekka — „und dich von dannen wieder hieher holen.“ Auch dort auf dem schlüpfrigen Boden sollst du den sicheren Hafen mütterlicher Weisheit finden, damit du nicht rettungslos im Schiffbruche umhergeworfen werdest. So wird zu unserer Seele gesprochen und hinzugefügt: Zurückgekehrt wirst du kennen die Verehrung des wahren Gottes, und du sollst Zeugniß geben für die Treue desselben, um die Heiden gleichfalls zur heiligen Versammlung zu rufen.

Nachdem Jakob durch die Übung der Geduld und Ausdauer vollkommene Unterweisung empfangen, kehrte er zurück: er hatte die Verbindung mit der Weisheit sich verdient, eine Verbindung, welche reiche Mitgift an jener Lebensklugheit brachte, die uns lehrt, ohne Sünde und Beleidigung die Lebenszeit zu durchwandern. Dieser Schatz der Weisheit lehrte ihn, die Heerden derart zu theilen, daß eine jede in der Verschiedenheit ihrer besonderen Vorzüge erglänzte. Darum konnte er auch den Übermuth des Fleisches bändigen, worauf das Verdorren seiner Hüftsehne deutet, obgleich die tiefere Deutung des Geheimnisses Anderes bietet. Diese Tugenden waren für den Patriarchen gewissermaßen Stufen, auf denen sein Geist zum Himmel emporstieg, um die Geheimnisse Gottes zu schauen. So kam es auch, daß Laban, als er das Eigenthum Jakobs durchsuchte, nichts Eitles, nichts Verwerfliches fand, keine Götzenbilder, kein Abbild sündhafter Eitelkeit. Bei Jakob war überhaupt kein Bild, kein Schein, sondern Wirklichkeit und Wahrheit; da fand sich nicht ein Abbild träger Ruhe, sondern die volle Darstellung der Gerechtigkeit, der greifbare Ausdruck wahrer Tugend. Hätte Laban also auch in geistigem Sinne die Behausung Jakobs durchsucht: er hätte Nichts von Bild und Schein gefunden. Auch in diesem Sinne war Jakobs Wohnung angefüllt mit der Bethätigung echter Tugend, ohne eitlen Schein.

Laban hätte denn auch unzweifelhaft, wie die echten Grundlagen, so die Gipfel der Tugenden in Jakob gefunden, wenn nicht die Blindheit des Geistes und die Finsterniß eines treulosen Herzens ihn beherrscht hätte. Mit derselben Blindheit geschlagen, vermochten einstmals die gottlosen Sodomiter die Thüre des frommen Lot nicht zu finden. Wie sollte auch ein gottentfremdetes Herz Ausgang und Eingang eines heiligen Mannes erkennen können? Der Herr selbst sagt im Evangelium: „Es kommt der Fürst dieser Welt, aber an mir findet er Nichts.“ Wie aber war es möglich, in Demjenigen, in welchem die Fülle der Gottheit wesenhaft wohnte, von dem schöpferische Kraft ausging, der Alle genesen machte: wie war es möglich, in ihm Nichts zu finden? Ist denn in der Vollkommenheit der Tugend, in dem Übermaße an Weisheit, an Erkenntniß und himmlischer Gerechtigkeit: ist in allem Diesem Nichts zu finden? Du selbst, o Herr, hast beim Propheten gesagt: „Ich bin übervoll.“ Du selbst hast gesagt: „Lege deine Hand in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Er, der bis dahin nicht gläubig war, legte seine Hand in deine Seite, und er fand dich, seinen Herrn und Gott. Du bist also, o Herr, wahrhaftig nicht arm und nackt; aber der Fürst dieser Welt ist blind und thöricht: er versteht nur, Das zu sehen und zu finden, was sein Eigenthum ist; was aber Christi ist, Das bleibt ihm in alle Ewigkeit verborgen.

Man kann auch mit Anderen lesen: „Der Fürst dieser Welt wird Nichts in mir finden,“ d. h. er wird in mir nicht Sünde und Schuld finden. Die Sünde ist das Nichts. Er wird Den nicht todt finden, der dem Tode nicht verfallen ist. Oder wie könnte er Denjenigen todt finden, der Alle lebendig macht, der ebenso das Unerschaffene wie das Erschaffene ruft? „In mir,“ sagt der Herr, „der ich die Sünden der ganzen Welt trage, wird er keine Sünde finden. Wie sollte das wesenhafte Nichts der Sünde in Dem haften, der Alles besitzt? Ja, der Alles besitzt, was auch der Vater besitzt, wie er selbst sagt: „Alles, was der Vater hat, ist mein.“

Wir sollen Alles fliehen, um mit Moses zur Anschauung Gottes zu gelangen; zum Himmel soll unser Flug sich richten.

Fliehen wir denn von hier, wo Nichts ist, wo Alles eitel ist, was für erhaben gilt, wo Derjenige, welcher glaubt, Etwas zu sein, Nichts, gar Nichts ist. „Ich habe,“ sagt der Psalmist, „den Gottlosen überaus erhöhet gesehen und hochgewachsen wie die Cedern des Libanon; und ich ging vorüber und siehe, er war nicht mehr!“ Gehe auch du vorüber, wie David, wie jener gute Knecht, dem gesagt wurde: „Gehe hin, setze dich nieder!“ Gehe vorüber, wie Moses, damit du den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, damit du ein großes Gesicht sehest. Aber zuvor löse, wenn du dieses Gesicht sehen willst, die Schuhe von deinen Füßen, löse jedes Band der Gottlosigkeit, löse alle Bande der Welt, löse dich von Allem, was irdisch ist! Darum hat Jesus seinen Aposteln geboten, ohne Schuhe, ohne Gold und ohne Silber hinauszugehen: nichts Irdisches sollen sie mit sich führen. Und nach der Schrift ist der Ruhm Derjenigen, die das höchste Gut suchen, nicht im Schmucke, sondern in der schnellen Bereitwilligkeit ihrer Füße zu finden. „O wie schön,“ sagt der Prophet, „sind die Füße Derer, die den Frieden, die Gutes verkünden!“ Löse also die Schuhe mit dem Erdenstaube von deinen Füßen, damit auch sie schön werden, bereit zur Verkündigung des Evangeliums. „Löse“ rief der Herr, nicht: „Binde!“ Mache dich los, gehe vorüber und du wirst finden, daß Derjenige, den du im Leben in seiner Gottlosigkeit bewundertest, Nichts vermag, Nichts ist. Gehe vorüber, d. h. fliehe vor der Welt, in welcher Bosheit und Habsucht herrscht. Darum ruft David dir zu: „Weiche vom Bösen und thue das Gute!“ Weichen ist nichts Anderes als fliehen; das Böse aber ist auf der Erde, wie das Gute im Himmel ist. Deßhalb fügt David hinzu: „Suche den Frieden und jage ihm nach!“ Der Friede ist im Himmel: Derjenige, welcher vom Himmel herab kam, sagte uns: „Meinen Frieden gebe ich euch, meinen Frieden lasse ich euch.“ Das Böse also muß man meiden und fliehen; das Böse aber und die Missethaten sind hier in der Welt herrschend: so fliehen wir denn die Welt, damit ihre Ungerechtigkeiten uns nicht in Fesseln schlagen, vor denen selbst David nach seinem eigenen Geständnisse nicht sicher war: „Meine Ungerechtigkeiten haben mich ergriffen, und ich konnte nimmer sehen.“ Das Auge des Geistes wird ja durch den Dunstnebel der Sünde geblendet, so daß es nicht sieht, was hell und licht ist, deßhalb konnte ja auch Laban die geistigen Güter Jakobs nicht sehen; deßhalb kann der Fürst dieser Welt die Glorie des Erlösers nicht erkennen.

Vielleicht wird mir der Einwand gemacht: warum wurde denn Jakob zu Laban gesandt, wenn Dieser tadelnswerth war? Sehen wir auf den Namen, so müssen wir sagen, daß Laban so viel als „weiß, glänzend“ heißt: Jakob erhielt also den Befehl, höherem Glanze zuzufliehen. Da Jener indessen fleischlich gesinnt war, so beziehen wir seinen Namen besser auf den Glanz dieses Lebens. Noch nicht vollkommen kam er Anfangs zu Demjenigen, in dessen Lichte er aufjauchzen sollte. Die Söhne Labans aber waren niedrigeren Geistes, zwar nicht dem Namen, wohl aber ihren Werken nach. Deßhalb wurde er denn auch nach dem Rathe der Mutter und in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen, aber auch in eigener Entschließung wegen der Liebe zu rechter Tugendübung von Jakob alsbald verlassen.

Damals verbarg Rachel die Götzenbilder: sie sinnbildet die Kirche oder auch die Weisheit. Die Kirche kennt keine leeren Einbildungen, keine elenden Götzenbilder: sie kennt nur die wahrhaftige Wesenheit der allerheiligsten Dreieinigkeit: sie hat den Schatten beseitigt, da sie den Glanz dieser Glorie brachte. So lasset uns denn den Schatten fliehen, weil wir die Sonne selbst suchen; dem Rauche wollen wir uns entziehen, da wir dem Lichte folgen. Die Ungerechtigkeit gleicht dem qualmenden Rauche: wie der Rauch die Augen umdüstert, so wirken Ungerechtigkeit und Sünde auf Die, welche dieses Leben genießen. Dieses unser Leben — sagt Job — ist ein Schatten; was gibt es hier Anderes als Versuchungen? Die ganze Zeit vergeht in Sorgen, das ganze Leben in Mühen. „Mitten unter Schlingen wandelst du,“ sagt der weise Mann. Der Psalmist aber singt von einem Manne, der auf seinem Wege ausschauete „nach den Schlingen, die sie vor ihm verbargen.“ damit er nicht plötzlich von ihnen erfaßt niederfalle. Er wollte fliehen, wie ein Sperling flieht; aber die Fessel war nicht zerrissen: „Verwehrt,“ sagt er, „ist mir die Flucht.“ Beschwert fühlte er seine Flügel durch das dichte Nebelwasser in den Wolken der Luft, und darum wohl konnte er sich nicht emporschwingen. So wünschte er denn andere Flügel zu besitzen, sich aufzuschwingen und zu ruhen: „Wer gibt mir Flügel wie die Flügel einer Taube, daß ich fliege und ruhe?“ Die Ruhe folgt ja dem Aufschwunge alsbald. Darum heißt es an einer anderen Stelle: „Wenn ihr ruhet mitten in euren Loosen, gleichet ihr Taubenflügeln, mit Silber überzogen.“ 

Vielleicht wird mir hier der Einwand entgegengehalten: Wie kann der heilige Sänger sagen, daß die Flucht ihm verwehrt sei, wenn er an einer anderen Stelle versichert, „er nähme die Flügel der Morgenröthe“? Aber darin liegt keineswegs ein Widerspruch. Gar viele Kämpfe hat der Gerechte zu bestehen. Kämpft etwa der Ringkämpfer nur einmal? Wie oft geschieht es, daß er nach manchem errungenen Siege in einem andern Wettstreite besiegt wird! Wie oft wird Derjenige, der bis dahin stets gesiegt hatte, auf unsicherem Boden zum Falle gebracht! Mitunter tritt Demjenigen, der seither als stark sich erwiesen, ein anderer Starker entgegen: ein gewaltigeres Ringen hebt dann an, weil größere Kräfte sich messen. So wankte David, als er Flügel begehrte, dem Feinde zu entfliehen, ohne sie zu finden, in unsicherem Kampfe. Sobald er aber den vollen freien Gebrauch seiner Flügel hatte, zeigt schon die Inschrift des Psalmes: „Zum Ende,“ daß er des vollen Sieges sich bewußt war. Einem Sieger gleich beginnt der heilige Sänger: „Herr, du durchforschest mich und kennest mich; du kennest mein Sitzen und mein Aufstehen.“ Der kann ja mit Recht sagen, daß er den vollen Gebrauch seiner Schwingen habe, der Flügel zur Auferstehung empfangen hat. Hier aber, gefesselt an die Erde, befindet er sich im Fleische wie in einer Höhle, zusammen mit Saul, dem Bilde des Sohnes der Ungerechtigkeit, mit der Macht jenes Fürsten ringend, der nicht gesehen, dessen Gewalt aber gleichwohl erkannt wird. Daher kommt auch wohl die Überschrift „zur Erkenntniß“; durch sein Flehen erlangte es David, daß er noch im Leibesleben diese Erkenntniß zum Abschluß brachte: er begann ja auch mit dem Worte innigen Flehens! 

29. Zum tieferen Verständniß führt uns noch, wenn wir erwägen, daß in jenen Psalmen die Person des Erlösers redet, in diesem aber David, der aus sich selbst den Sieg nicht erlangt, sondern ihn nur von Christus hofft. Er hoffte ihn, nachdem er seine Hände gleichsam wie Flügel des Geistes zu Gott erhoben hatte; nachdem er zum Herrn geflohen war und die Ausgießung des heiligen Geistes erfleht hatte, damit er den Weg erkannte, auf dem er emporsteigen könnte. So sah er den Himmel sich herniederneigen, auf daß der Messias herabstiege; da bat David, daß Christus mit seiner allmächtigen Hand auch ihn emporhöbe. Vielleicht aber hat er auch um deßwillen seinen eigenen Flügeln nicht vertraut, weil er in seiner größeren Vollkommenheit Sehnsucht nach der Hand des Erlösers empfand.

Wer also durch die Hand des Erlösers sich will emporheben lassen, der muß zunächst im Gebrauche seiner eigenen Geistesflügel sich aufschwingen. Wer die Welt fliehen will, muß gleichfalls Flügel haben; hat er nicht eigene, so muß er von Dem, der sie ihm geben kann, sie erhalten. Derjenige, welcher die Welt aber flieht, erhebt sich über sie hinaus, wie der Psalmist sagt: „Siehe, ich floh in die Ferne und blieb in der Einsamkeit.“ Gleich dem einsamen Sperling auf dem Dache entfloh David. Beziehen wir das Wort aber auf Christus, so sagen wir, daß er in seinem Leiden und Sterben am Kreuze sich aufschwingend entflog, so daß er unter dem Schatten seiner Flügel die Völker und Nationen schirmend barg. Er erhob sich in der Kraft seiner Gottheit; sein Leib blieb zurück in der Einsamkeit des Grabes in tiefer Verlassenheit, damit die Kinder der Verlassenen zahlreicher würden als die Kinder der Vermählten, die den Gatten behielt. Den todten Leib des Herrn wollen wir geleiten, damit wir mit ihm dereinst die Auferstehung feiern. Auch hier paßt ja das Wort: „Wo ein Leib ruht, da sind auch die Adler.“

Kann aber Jemand nicht auf Adlerschwingen sich erheben, so möge er dem Sperlinge gleichen. Wer nicht zum Himmel emporsteigen kann, der fliege zu den Bergen; er enteile den Thalgründen, welche nur zu rasch durch die niedersinkende Feuchtigkeit verdorben werden. So stieg zu dem Berge Segor der Neffe Abrahams und wurde gerettet. Die Gattin aber, die weiblicher Neugier folgend sich umschaute, verlor, da sie nicht hinansteigen konnte, ihr Leben. Der Herr mahnt durch den Propheten: „Nahet den ewigen Bergen!“ Stehet auf und gehet; denn nicht ist dieses die Ruhestätte, ob der Verunreinigung, die euch Verfolgung und Verderben bringt.“ Der Herr selbst aber sagt: „Dann mögen Die, welche in Judäa sind, auf die Berge fliehen“, wo der Berg Sion ist und jene Friedensstadt Jerusalem, die nicht aus irdischen, sondern aus lebendigen Steinen erbaut ist: das ist die Stadt der zehntausend Engel; das ist die Versammlung der Erstgeborenen, dort herrscht der Geist der Vollkommenen, der Gott der Gerechten, der in seinem Blute lauter und segenbringender redet als Abel. Abel rief die göttliche Rache heraus, er ruft um Verzeihung; Jener klagte die Missethat des Bruders an, der Herr aber nahm die Missethat der Welt hinweg. Abel zeigte das begangene Verbrechen, Jesus bedeckte die Sünden nach dem Worte: „Selig, dessen Sünden bedeckt sind.“

Wie schnell man fliehen und zu welchen Gütern man sich erheben müsse.

Wer aber flieht, der möge seine Flucht beschleunigen, damit er nicht ergriffen werde: er beraube schnell diese Welt, wie einst die Juden Ägypten beraubten. Er hüte sich, daß er sein Herz belastet habe mit Ungerechtigkeit, damit er nicht durch sie gehindert werde; er möge sorgen, daß seine Seele gekräftigt und herangewachsen sei in Christo Jesu. Die Flucht soll nicht in der Sabbathruhe, sondern in vollem Eifer geschehen; auch nicht in winterlicher Kälte, sondern beladen mit der Frucht einer reichen Ernte. Darum hat der Herr ja gerade gesagt: „Betet, daß eure Flucht nicht am Sabbathe und nicht im Winter geschehe.“ Stattfinden soll diese Flucht mit einem Schatze von Tugenden, nicht aber im Zustande des Mangels an Verdiensten, nicht im Zustande geistiger Schwäche. Dann kennt sie Nichts von der Kälte der Furcht, weiß Nichts von den Schrecken des Todes. Nichts von der Beklommenheit einsamen Wandelns; unbekannt bleibt ihr müßige Zerstreutheit und müde Trägheit, wie üppige Feier ausgelassener Freude; sie sucht den unverdrossenen Wanderer zum himmlischen Leben, den entschlossenen Bewerber um das erhabene Reich Gottes, den reichen Besitzer, der seine Früchte sich erzwingt und im Zwange sich ihrer bemächtigt.

Was wird denn nun, du Menschenkind, Anderes von dir verlangt, als daß du den Herrn fürchtest, ihn suchest, daß du ihm nachfolgest und seine Fußtapfen inne hältst? Würde darauf gefragt: Wodurch soll ich ihn denn gewinnen? etwa durch zahlreiche Brandopfer? — so müßte die Antwort lauten: Nicht in Tausenden von Widdern und Stieren wird der Herr versöhnt, werden die Sünden vergeben; sondern in heiligem Leben wird die Huld und Gnade Gottes erworben. Es ist dir, o Mensch, ja ganz klar verkündet, was gut ist und heilig, und was der Herr von dir verlangt. Was Anderes wäre Das, als daß du Gerechtigkeit übest und Barmherzigkeit liebest und bereit bist, mit dem Herrn, deinem Gotte, zu wandeln? Das Evangelium sagt dir: „Stehet auf, lasset uns von hinnen gehen!“ Das Gesetz sagt: „Du sollst dem Herrn, deinem Gotte, nachgehen.“ Du weißt also, wie du fliehen sollst; warum zögerst du noch? Inzwischen mahnt das Evangelium: „Ihr Schlangengezücht, wer hat euch gelehrt, dem künftigen Zorne zu entgehen?“ Und Das ist Solchen gesagt, die kamen, um die Taufe der Buße zu empfangen.

So ist denn der Weg der Buße eine gute Flucht. Die Gnade Gottes aber ist das Ziel, bei dem die Flucht enden soll. Auch jene Wüste birgt solches Ziel, zu dem Elias, Elisäus, Johannes der Täufer flohen. Elias floh vor der sündhaften Königin Jezabel, deren Name auf die Ergüsse sündhafter Eitelkeit deutet; er floh zum Berge Horeb, der „Trockenheit“ bedeutet: so sollte in ihm der Erguß fleischlicher eitler Lust verdorren, er selbst aber sollte Gott vollkommener erkennen. Bei dem Flusse Charrad, dessen Name auf steigende Erkenntnis hinweist, weilte er: dort sollte er überströmende Fülle himmlischer Erkenntniß schöpfen. So vollständig floh er die Welt, daß er nicht einmal Speise verlangte, ausser dem Wenigen, was die Vögel ihm zutrugen; seine gewöhnliche Speise war ja auch nicht von der Erde. In Kraft der Speise, die er empfangen, wanderte er vierzig Tage. So floh denn dieser so große Prophet im Grunde nicht vor dem Weibe, sondern vor der Welt. Fürchtete Der etwa den Tod, der sich freiwillig dem Häscher darbot? der zum Herrn sprach: „Nimm meine Seele“? der damit viel mehr Eckel als dauernde Lust am Leben offenbarte? Aber die irdische Lust, die Annäherung an den verderbten Verkehr und die Gottesschändungen eines übermüthigen, sündhaften Volkes: die fürchtete und floh er.

Auch Salomo erläutert die Verderbtheit dieser Welt unter der Gestalt jenes Weibes und lehrt, ihren buhlerischen Künsten zu entgehen. Das ist das fremde, verworfene Weib, vor welchem du dich nach seiner Mahnung hüten und bewahren sollst. Wende dein Herz nicht auf die Wege dieser Welt, sondern stelle es ganz in die Hand des Herrn, in der ja auch das Herz des Königs ruht. Wer sich selbst beherrscht, — Das will ja mehr sagen, als Anderen gebieten, — dessen Herz ist in der Hand Gottes, und er wendet es, wohin immer er will. Ist es etwa zu verwundern, wenn er es zum Guten lenkt, da er ja selbst die höchste, vollkommenste Güte ist? In der Hand Gottes ruht unser Herz, damit wir jenes unvergängliche und unveränderliche Gut suchen, von dem der Prophet Amos sagt: „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf daß ihr lebet, so wird der Herr, der allmächtige Gott, mit euch sein.“ Wie sagtet ihr: Wir haben das Böse gehaßt, das Gute geliebt? Wo der ewig gute Gott ist, da sind alle Güter. David wünschte, aber er vertraute auch, daß er sie sähe. „Ich glaube,“ sprach er, „daß ich des Herrn Güter schaue im Lande der Lebendigen.“ Das allein sind wahrhaft und wesenhaft Güter, welche ewig bleiben, welche durch Zeit und Alter nicht verderben.

Im Besitze dieser Güter ist Derjenige, welcher Gott gesucht und gefunden hat: wo das Herz des Menschen ist, da ist ja auch sein Schatz. Der Herr versagt aber Denen, die ihn darum bitten, keine gute Gabe. Weil also der Herr unsäglich gut ist und vor Allem gegen Diejenigen, die treu zu ihm halten, so wollen wir ihm anhangen; ihm wollen wir uns ergeben mit unserer ganzen Seele, mit ganzem Herzen, mit allen Kräften: dann werden wir in seinem Lichte die ewige Glorie sehen und höchster Wonne uns erfreuen. Zu jenem Gute sollen wir unser Herz erheben; unser ganzes Sein und Leben und Sinnen soll ihm gehören, der alles Denken und Betrachten weit überragt, der auch im ewigen Frieden ruht. Und auch dieser Friede übersteigt alles Denken und Fühlen. Das ist das ewige Gut, das Alles durchdringt; in ihm leben wir alle, von ihm hängen wir ab: höher ist Nichts, weil es göttlich ist. Eigentlich ist ja auch Gott allein wahrhaft gut, so daß man sagen darf: was gut ist, ist göttlich, und was göttlich ist, ist gut. Darum heißt es auch: „Du thust deine Hand auf und erfüllest Alles mit Gutthaten.“ Durch die Güte Gottes wird uns alles Gute zu Theil ohne Beimischung des Üblen. Wir sollen also jenem höchsten Gute ähnlich zu werden suchen, damit wir erlangen, was wahrhaft gut ist. Dieses Gut ist ohne Übelthat, ohne Hinterlist, ohne abstoßende Härte: voll der Huld und Liebe, voll von lauterstem Wohlwollen und voll der Gerechtigkeit. Alle Tugenden schließt dieses Gut ein.

Wir müssen die Welt fliehen, weil sie der Sitz der Bosheit ist.

Nicht gering sind also die Gründe, die uns zur Flucht zwingen müssen; wir sollen vom Bösen zum Guten, von dem Ungewissen zu festem Glauben und zur vollen Wahrheit, vom Tode zum Leben gelangen. Der Herr selbst, der uns zuruft: „Ich habe dir vorgelegt Gutes und Böses, Leben und Tod,“ — hat dadurch anzeigen wollen, daß das Leben und zwar das ewige Leben das wahre Gut sei. Das Leben auf Erden ist der Vergänglichkeit und der Bosheit der Welt unterworfen; jenes Leben aber ist frei vom Wechsel und Vergehen; kein Frevel schändet dasselbe, nur durch Tugend wird es erreicht. So fliehen wir denn die Bosheit dieser Zeit, deren „Tage böse sind“; fliehen wir ungesäumt, ohne Zögern! Deßhalb mahnt Isaias: „Stärket die laffen Hände, kräftigt die schwachen Kniee!“ Das ist geistig zu verstehen: der Prophet will uns mahnen, daß wir zu den höchsten Höhen des Himmels unseren Geist erheben sollen; dadurch wird unser Wandel sicherer, unser Leben gereifter, die Huld und Gnade unseres Gottes reichlicher und die Klugheit des Lebens umsichtiger.

Das heißt fliehen mit vollem Bewußtsein des Zieles, dem man zusteuert, wenn man von der Welt sich losreißt, das Fleisch überwindet. Anderen Falls könnte es sich ereignen, daß Jemand hochmüthig sein Haupt erhöbe, unter der Herrschaft fleischlicher Gesinnung und höhnend versicherte: „Sie sind geflohen und haben nichts Gutes gesehen.“ Das heißt also von hinnen fliehen, wenn man den Dingen dieser Welt abstirbt und sein Leben in Gott verbirgt; wenn man der Verderbtheit entweicht, von sündhaften Lüsten sich fernhält; wenn man gar nicht weiß, was diese Welt ist, die uns nur ungezählte Leiden bereitet, die verwüstet, während sie zu spenden scheint, die aber Verderben spendet, während sie das Leben verwüstet. Dieses alles aber ist eitel und elend, und keine feste Frucht bietet sich uns darin. Wenn der Reiche stirbt, so hat er Nichts mehr, weil er nicht in Gott reich war, und darum war er unsäglich thöricht: die Pflege wahrer Gottesfurcht ist Weisheit; von dem Bösen sich gänzlich frei halten, ist echte Zucht.

Wer sollte nun nicht diesen Ort der Bosheit, diese Werkstätte einer Gottlosigkeit fliehen, die niemals ihr Ende erreicht? Wahrlich nicht ohne Grund hat der Herr dem Kain ein Zeichen aufgedrückt, daß Niemand ihn tödten möchte: es sollte damit angedeutet werden, daß die Bosheit niemals ganz von der Erde vertilgt wird. Kain fürchtete, getödtet zu werden, weil er nicht erkannt hatte, wie er fliehen mußte. Die Bosheit aber wird durch die Übung immer noch vermehrt und gesteigert ohne Maß und Ziel. Mit List und Betrug kämpfend wird sie indessen durch ihre eigenen Thaten, durch das Blut der Gemordeten verrathen, wie Kain’s Missethat offenkundig wurde. Die Bosheit weilt auf Erden, hier irrt sie ruhelos umher; und darum beten wir, daß Gottes Wille, wie im Himmel, so auch auf Erden geschehen möge, damit auch hier die Unschuld herrschend werde. Dort im Himmel hat die Bosheit keine Stätte; hier weilt, hier wüthet sie in reichlichem Ergusse: nicht die Sündfluth, die die ganze Erde bedeckt, nicht der Brand, der Sodoma einäscherte, konnte sie vertilgen. Nachher reifte sie nur noch voller und schwerer heran, bis die gottesmörderischen Hände sogar an dem Schöpfer des Weltalls sich vergriffen. Das Gesetz verurtheilt die böse That, aber es kann die Bosheit nicht vertilgen. Der Herr Jesus aber hat die Sünde gerichtet und ihre Urheber besiegt: so ist er es, durch den die Gerechten bewährt werden. Eben weil Gott das Böse nicht gewirkt, weil es vielmehr durch die Bosheit des Teufels in die Welt geworfen ist: darum hat Gott die Sühne gebracht, so daß der Verführer von Denen, welche er betrogen hatte, auch wieder besiegt wurde.

Die Betrogenen sollen also in steter Übung darauf bedacht sein, daß sie den Lohn für ihre Tugendgewandtheit, wie für ihre Vorsicht und stete Sorgfalt erlangen. Mahnt uns doch der Herr: „Seid klug wie die Schlangen!“ Warum soll die Schlange unser Vorbild sein? Damit jene verführerische Schlange beraubt werde, damit sie, die Andere berauben wollte, selbst verlöre, was ihr Eigenthum ist: zwar nicht ihr Gift, wohl aber, was sie durch ihre natürliche Verschlagenheit erreicht hat. Der Teufel wird herabgestürzt, wenn du hinaufsteigst, wie geschrieben steht: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.“ Er ist nicht ein leuchtender Blitzstrahl, sondern er erschien als ein solcher: das Licht, das er in sich trug, ehe er dir dein Licht rauben wollte, hat er verloren. Vielleicht erinnerst du hier daran, daß es auch vom Erlöser heißt: „Seine Ankunft werde sein wie der Blitz, der von der einen Gegend unter dem Himmel aufleuchtet bis zu der anderen.“ Aber auch Das ist ganz zutreffend: Unter dem Himmel erscheint er dem Blitze vergleichbar; als das wahre Licht aber ist er droben im Himmel. Satan hat sein Licht, das er Uranfangs besaß, verloren; du aber hast wieder erlangt, was du durch die Sünde verloren hattest.

Der Wahrspruch gegen die Schlange ist also ganz anders, als gegen dich ausgefallen. Die Gnade Christi, welche dich befreite, hat ihn gebunden. Der Fluch, welcher einstmals die Schlange getroffen hat, bleibt, weil sie dich verführte. Der Spruch lautete: „Du sollst verflucht sein von allen Thieren der Erde.“ Die Schlange war der gemeinsame Feind: als Feind der wahren Güter muß er deßhalb den Fluch auch für Diejenigen tragen, die er selbst nicht geschädigt hatte: wer aber den Menschen, dem Alles unterworfen sein soll, schädigt, Der verletzt Alles. Darum ist die Verfluchung der Schlange auch mit dem gemeinschaftlichen Hasse, mit der allgemeinen Verwünschung sämmtlicher Geschöpfe belastet. Das Verwerfungsurtheil brachte aber nicht den Tod, sondern ewige Strafe: „Auf deinem Bauche sollst du kriechen.“ Niedergedrückt mußte das mit Sünde beladene Gewissen sein; zertreten mußte die Bosheit werden, und das Geheimniß des boshaften Herzens mußte von Gottes Angesicht verstoßen werden. Zugleich aber liegt in dem Fluche die Hindeutung darauf, daß die Bosheit allein der Erde gehört und zur Erde zurücksinkt. Deßhalb ist hinzugefügt: „Du sollst Staub der Erde fressen alle Tage deines Lebens.“

Es scheint nun zwar, als ob Dieses lediglich auf die körperliche Beschaffenheit der Schlange bezogen sei: es gilt aber doch von jeder Verkörperung der Bosheit und Nichtswürdigkeit. Diese Schlange der Sünde wirft sich nieder zur Erde und verschließt in sich ihr Gift, das im Herzen gährt: schlüpfrig im Denken schleicht sie hin in den Windungen ihrer List, über ihr Gift brütend in all’ ihrem Sinnen; auf ihrem Bauche kriecht sie, der gewissermaßen die Keimstätte für die sündhaften Herzensbegierden ist. Deßhalb sagt denn auch David so schön: „Abgewichen sind die Sünder vom Mutterleibe an; sie irren von der Geburt her und reden Lügen; ihr Wüthen ist gleich dem Wüthen einer Schlange: gleich einer tauben Natter, die ihre Ohren verstopft, daß sie nicht höre die Stimme der Beschwörer und des Zauberers, der wohl beschwören kann.“ Auch das Wort des Propheten erscheint schön und wahr: „Mein Eingeweide, mein Eingeweide, wie schmerzt es!“ So klagt Derjenige, welcher in sich Bosheit findet, wo Unschuld sein sollte. Wo tiefe Ruhe herrschen sollte, da ist größere Verwirrung; wo die Pflanzstätte für die Ewigkeit sein sollte, im Herzen, da sind die Fußtapfen der Bosheit zu finden, da schwillt und keimt Sünde und Verderben.

Um aber zu unserem eigentlichen Gedanken zurückzukehren, wiederhole ich, daß Gott wohl beschlossen hat, die Bosheit zu bekämpfen, aber nicht, dieselbe gänzlich zu vertilgen. Deßhalb sprach er zu Schlange: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen: sie wird dir den Kopf zertreten, du wirst ihrer Ferse mit List nachstellen.“ Wo aber Feindschaft ist, da ist auch Kampf und gegenseitiges Streben, sich zu schaden; wo aber Das vorhanden ist, da ruht ja die Bosheit auf dem Grunde: diese ist also nicht ganz beseitigt. Der Schlange ist die Freiheit belassen, der Ferse des Weibes nachzustellen, um ihr zu schaden. Spritzt nun die Schlange ihr Gift aus, so nehmen wir unsere Zuflucht zu den Schuhen, von welchen das Evangelium spricht, die Gift und Biß der Schlange unschädlich machen. Vielleicht erging gerade deßhalb an Moses der Befehl, seine Schuhe auszuziehen, damit er mit den Schuhen des Evangeliums sich bekleide. Vielleicht sollte auch angedeutet werden, daß nicht Moses, daß nicht die Propheten, sondern die Apostel den Auftrag erhielten, das Evangelium zu verkündigen. Das wird genügen, um den gegen die Schlange gerichteten Spruch des Richters zu verstehen: wir müssen noch den Spruch, der den Menschen traf, beobachten.

Verflucht wurde Jener, welcher der Urheber der Sünde, nicht aber Derjenige, welcher durch fremde List betrogen war. Da Dieser aber immerhin das Gebot Gottes nicht beobachtet hatte, so wurde er versucht in der Arbeit seiner Hände. Verflucht wird die Erde, aber nur in der Arbeit des Sünders und nur so lange, bis dieser zur Erde zurückkehrt. Deßhalb nahm der Herr Jesus Fleisch an, damit er den Fluch des sündigen Fleisches tilgte; deßhalb ist er für uns zum Fluche geworden, damit der Segen den Fluch, damit die Unschuld die Sünde, damit die Sühne die Verurtheilung, damit das Leben den Tod hinwegnehme. Der Herr nahm aber auch den Tod an, damit das Urtheil ganz vollstreckt werde und jenem Richterspruche Genüge geschehe: es solle der Fluch, der auf dem sündigen Fleische laste, dauern bis zum Tode. Es ist also Nichts gegen diesen göttlichen Spruch geschehen, da die Bedingung ganz erfüllt ist. Der Fluch sollte dauern bis zum Tode; nach dem Tode sollte aber Huld und Gnade wieder herrschen. Wir sind also der Welt gestorben: was kümmern wir uns noch um sie? Wir sind mit Christus gestorben; was sorgen wir noch um dieses Leben? Wir tragen den Tod Christi in unserem Leibe, damit auch das Leben Christi in uns offenbar werde. Nicht mehr unser altes Leben ist es, welches wir ferner noch leben, sondern das Leben Christi, das Leben lauterster Unschuld, das Leben himmlischer Einfalt, das Leben aller Tugenden. Wir sind auch mit Christo auferstanden: in ihm sollen wir also leben, in ihm und mit ihm sollen wir emporsteigen, damit die Schlange unsere Ferse, der sie nachstellt, gar nicht auf der Erde finden könne.

Unsere Seele kann und muß zu Gott fliehen, wenn auch der Leib an die Erde gefesselt bleibt.

So laßt uns denn von hier fliehen: wir können der Seele nach fliehen, wenn wir auch dem Leibe nach zurückgehalten werden. Du kannst hier sein und doch bei Gott weilen, wenn deine Seele ihm anhängt, wenn du in deinen Gedanken ihm nachgehst, wenn du im treuen Glauben und nicht bloß dem Scheine nach seinen Wegen folgst, wenn du zu ihm fliehst. Er ist unsere Zuflucht und unsere Kraft, wie David sagt: „Zu dir, o Gott, bin ich geflohen, und ich bin nicht getäuscht worden.“ Gott also ist unsere Zuflucht; er wohnt im Himmel, ist über die Himmel erhoben: darum müssen wir von hier dorthin fliehen, wo Friede ist und Ruhe von allen Mühen und Plagen, wo wir an jenem großen Sabbathmahle Theil nehmen, von dem Moses spricht. Das ist das himmlische Mahl, voll der Freude und Seligkeit: in Christo ruhen und seine Herrlichkeit schauen. Wenn wir aber zu Gott geflohen sind, wie sollten wir dann zur Erde zurückkehren? Wenn wir der Sünde gestorben sind, wie sollten wir dann gleichwohl die Sünde wiederholen? Wenn wir der Welt und dem Gebrauche der Welt widersagt haben, wie dürfen wir dann doch uns wieder in ihren Schmutz versenken?

Laßt uns denn fliehen von hier, weil die Zeit so kurz ist. Wie du aber fliehen sollst, sagt dir der Apostel: „Die Zeit ist kurz; es übrigt nur, daß Die, welche Weiber haben, seien, als hätten sie keine, und Die, welche weinen, als weinten sie nicht, und Die, welche sich freuen, als freuten sie sich nicht, und Die, welche kaufen, als besäßen sie nicht, und Die, welche diese Welt gebrauchen, als gebrauchten sie selbe nicht: denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ Mit der vergehenden Welt sollen unsere Werke nicht vergehen; auch wir selbst sollen nicht vergehen, sondern bleiben in der Wahrheit. Wenn wir in Christus bleiben, bleiben wir auch in der Wahrheit; mit ihm aber werden wir ewig bleiben, niemals vergehen, sondern sagen können: „Der Segen des Herrn sei über euch, wir segnen euch im Namen des Herrn.“ Die vorbeigehen, können nach dem Ausspruch des Psalmisten nicht so sagen. Wollen wir unsere Werke also vor dem Vergehen bewahren, so überschreiten wir die Gebote Gottes nicht; lassen wir nicht nach in dem Eifer, den Herrn zu suchen, seine Gnade zu erlangen. Jenes Weib folgte dieser Mahnung, das bis in das Haus des Pharisäers dem Erlöser folgte und dort über seine heiligen Füße das Salböl ausgoß.

Vernachlässigen wir ferner den Fortschritt in der rechten Zucht und Tugend nicht, wie auch Joseph Das nicht vernachlässigte. Er suchte seine Brüder und eilte zu dem Orte, wo sie ihre Schafe hüteten, und da er vernahm, daß sie in Dothaim waren, ging er dorthin. Mit dem Worte Dothaim soll auf ein geeignetes Abnehmen hingedeutet werden, worin ja schließlich der wahre Fortschritt der Seele besteht. Wenn der Weise in sich schwinden läßt, befördert er das Wachsthum. Von dem Hinschwinden thörichter weltlicher Meinungen gilt auch das Wort des Psalmisten: „Es schmachtet hin meine Seele nach deinem Heile.“ Jakob ferner erwies sich ebenso eifrig im Auffinden als in der Ausführung dessen, was seine Mutter ihm aufgetragen hatte, daß er nämlich dem Vater die gewünschte Speise darreichen möchte. Rasch fand er das Gewünschte, und gerne bezeugte er, daß er Das Gott verdanke, der ja nicht bloß den Lohn für den aufgewandten Fleiß darreicht, sondern auch die Fülle seiner Gnadenanregung ausgießt. Damit sind denn auch die Grenzen bezeichnet, in denen das Tugendleben sich bewegt. Die erste Abgrenzung liegt in dem Auffinden: was gefunden wird, muß gesucht sein; was aber gesucht wird, muß zur rechten Zeit und in fleissiger Anwendung der Zeit gesucht werden. Das, was aber aller Zeit, allem Fleiße vorangeht, gibt Gott; und Das ist nicht die Errungenschaft unseres Fleißes. Die Gnadenanregung ist ein Geschenk der göttlichen Freigebigkeit und wird dadurch gewissermaßen zu einem Bestandtheile unserer Natur. Die Anregung also liegt ausser unserem Verdienste, das Auffinden aber ist das Ergebniß unseres Fleißes: jene ist von der Zeit unabhängig, dieses ist ganz durch die Zeit bedingt. Während jenes in der Zeit bereit sein muß, wird dieses in einem bestimmten Zeitabschnitte erreicht: jenes entzieht sich unserer Einwirkung, weil es über uns hinausliegt, dieses aber hängt von uns ab.

Esau hatte für seinen Vater, welcher die Speise des göttlichen Wortes suchte, solche nicht bereit; aber es lebt doch der Mensch nicht allein vom Brode, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt; nach dieser Speise verlangte Isaak, wie auch Petrus nach ihr hungerte, als ihm das Geheimniß kund wurde, wie auch die Heidenvölker zum Glauben kommen sollten. Esau sucht auf der Jagd und sinnt über die schwere, herbe Rede, die er dem Vater entgegenhalten will: inzwischen kommt aber Jakob nach raschem Finden, mit sanftem und mildem Worte, um den Vater gleichzeitig zu laben und zu erquicken. Der Vater fragte ihn voll Staunens: „Wie hast du es so bald finden können, mein Sohn?“ Und Jakob antwortete: „Es war Gottes Wille, daß bald mir begegnete, was ich wollte.“ In dieser Frage und Antwort liegen beide Erfordernisse des Tugendlebens. Der Vater aber, der Alles vollkommen bei seinem Sohne fand, sprach: „Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch eines vollen Feldes, das der Herr gesegnet hat.“ Auf dem Acker zeigt sich die Gabe der Natur, wie die Frucht des Fleißes, und und wo Beides sich findet, darf man von einer Fülle des Landes sprechen. Daß er aber den Segen Gottes höher hielt als die eigene Arbeit, deutete Isaak in den Worten an: „Den der Herr gesegnet hat.“ Und Esau bekräftigte Das, indem er sprach: „Mit Recht heißt sein Name Jakob: denn jetzt hat er mich zweimal hintergangen und mein Erstgeburtsrecht mir genommen.“

Man könnte fragen: warum denn Esau gezögert habe, da er doch von seinem Vater geschickt war? Der Vater hatte ihm indessen kund gegeben, daß er nicht zur Hand haben könne, was er geistig begehre, weil ihm die Anregung der göttlichen Hilfe oder auch weil ihm die Bereitwilligkeit mitzuwirken, fehlte. Zur Eile hatte er gemahnt: „Nimm schleunigst Köcher und Bogen.“ Derjenige aber empfing den Lohn seiner Bemühung, der erkannt hatte, daß es sich um eine höhere Gnadengabe handelte.

Jakob nahm die Speise, die er dem Vater brachte, aus dem eigenen Hause, wie er ja auch in der Wahl der Gattin aus seiner Verwandtschaft die Verbindung mit der Weisheit gewann. Gut und erfolgreich eint sich eigene Mühe mit himmlischer Weisheit, wie das eigene Finden mit der göttlichen Gnade zusammentreffen muß. Viele freilich, die der Weisheit entbehren, suchen gar schlecht. So war es mit Kain: weil er von Gott die Gabe der Weisheit nicht empfangen hatte, darum war sein Gang in das Feld übel und vergeblich, während Abel mit Erfolg hinausging, da er ein vollkommenes Opfer darbrachte. Die Weisheit bringt ihre Opfer dar, und mischt den Opfertrank, zu dem sie die thörichten Völker ruft, damit sie den Trank des Glaubens empfangen. „Wer thöricht ist, der komme zu mir; kommet, esset mein Brod und trinket den Wein, den ich euch gemischt habe.“ Von diesem Mischkruge hat auch Plato geglaubt reden zu dürfen: aus ihm zu trinken, hat er die Seelen herbeigerufen. Die Seelen aber zu sättigen, konnte er nicht verstehen, weil er ja nicht den Trank des Glaubens bot, sondern immer noch den Trank heidnischen Betruges.

Wiederholte dringende Mahnung zur Flucht.

So fliehen wir denn von hier, wie der heilige Patriarch Jakob aus seiner Heimath floh, weil er wußte, daß das wahre Vaterland im Jenseits lag. Fliehen wir, wie die Hirsche fliehen zur Wasserquelle: nach dieser Quelle dürstete David; laßt auch unsere Seele nach ihr dürsten. Wer ist jene Quelle? Höre ihn selbst: „Bei dir, o Herr, ist die Quelle des Lebens.“ Zu dieser Quelle spricht die Seele: „Wann werde ich kommen und erscheinen vor deinem Angesichte?“ Die Quelle ist Gott selbst: wer nach dieser Quelle verlangt, Der muß seine Seele ganz ausströmen lassen, so daß für die Leidenschaft des Fleisches kein Raum verblieb.

So ließ Susanna ihre Seele sich ergießen, daß keine Gluth des Körpers, keine Schrecken des Todes, keine Begierden des Lebens in sie ihre düsteren Schatten werfen konnte. Ihre Seele drängte jedes fleischliche Begehren, jedes weltliche Streben zurück. Sie hätte selbst die Flammen der Begier in den Herzen der schamlosen gottesschänderischen Greise ersticken können, wenn in diesen nicht die Fluth der Begierlichkeit übermächtig aufgebraust wäre. Da sie sah, daß ihr schmachvolle Nachrede von diesen bereitet würde, wenn sie ihrem Verlangen widerstände, so seufzte sie und sprach: „Ich bin bedrängt von allen Seiten, denn wenn ich Das thue, werde ich in ewigem Tode verderben; thue ich es nicht, so entkomme ich euren Händen nicht.“ Sie erachtete es aber für besser, das Verbrechen zu meiden, als der irdischen Gefahr zu entgehen. Wohl weinte sie, als man des Verbrechens sie zieh, — als man das Urtheil über sie, die rein und keusch war, wie über eine Ehebrecherin sprach: aber sie beweinte nicht den Tod, sondern die Schmach und Schande, die der Keuschheit bereitet wurde. Sie beweinte die Beleidigung, welche dem Heiligen zugefügt wurde: sie ließ ihre ganze Seele sich ergießen in diesen Stunden. Hätte sie dem Fleische Freiheit gestattet, so wäre ihr Leib herrschend gewesen. Als sie dann zum Tode verurtheilt wurde, stand sie wie eine Richterin den Anklägern, wie eine schuldlose Herrin den Verläumdern gegenüber. Furcht vor dem Tode kannte sie nicht, aber sie fühlte die Gewalt der ungerechten Anklage: und so erlangte sie es durch die siegreiche Macht ihres reinen Gewissens, daß Gott die Kenntniß ihrer Unschuld vermittelte. So floh Susanna die Welt und begab sich ganz in den Schutz Gottes, indem sie zur Schutzwehr jener ewigen Stadt aufblickte, welche die ganze Welt umfaßt, da ja in Gott alle Dinge sind.

So floh auch Paulus, indem er in einem Korbe aus dem Fenster herabgelassen wurde: er wußte, daß das dreifach gewundene Seil nicht zerreissen würde. Er floh, um das Evangelium der ganzen Welt verkündigen zu können: und darum ist er aufgenommen in das ewige Paradies. So wollen auch wir durch das Fenster fliehen, indem wir das Gebot des Herrn hören, und mit züchtigem Blicke und voller Reinheit des Auges Gott dienen.

Lasset uns fliehen wie Lot, der mehr die Verbrechen der Sodomiter als das drohende Verderben scheute: er vermied ja, indem er den Sodomitern das Haus geschlossen hielt, jede Berührung mit den Verbrechen. So lange er bei ihnen wohnte, wollte er Diejenigen, deren Laster er verabscheute, deren Sünden er haßte, nicht kennen; auf der Flucht aber vermied er es, nach Denen auch nur umzusehen, mit welchen er jeden Verkehr vermieden hatte. Derjenige flieht wie Lot, der der Sünde widersagt, der den bösen Sitten seiner Landsleute sich entzieht, der nicht rückwärts blickt, vielmehr in seinem Geiste vorwärts schaut nach jener höheren Stadt, die ihm Rettung bietet; der dort ausharrt, bis auch für ihn jener Hohepriester stirbt, der die Sünden der Welt hinwegnimmt. Zwar ist er einmal gestorben und stirbt nun nicht mehr: aber mit dem Apostel können wir doch sagen, daß er Jedem, der getauft wird auf den Tod Christi, wiederum stirbt, damit wir mit ihm begraben, auch mit ihm auferstehen und dann in jenem neuen Leben mit ihm wandeln.

Du wirst eine gute Flucht haben, wenn dein Herz die Rathschläge und Gedanken der Gottlosen nicht nachahmt. Segenbringend ist deine Flucht, wenn dein Auge Becher und Gläser flieht, damit nicht, während es am Weine haftet, die Begierde in dir rege werde. Heilsam ist deine Flucht, wenn dein Auge nicht zu einer Fremden hinschaut; deine Zunge wird dann auch Treue bewahren. Gut ist deine Flucht, wenn du dem Thörichten auf seine Thorheit nicht antwortest; wenn du dich fernhältst von dem Munde der Gottlosen. Rasch fällt Derjenige in Irrthum welcher schlechter Führung folgt; willst du aber zu deinem Heile suchen, so halte deinen Weg weit ab von solchen Führern.

Gestorben ist der König der Priester auch für dich; er ist auch dir gekreuzigt, damit du an seine Nägel dich heftest. In seinem Fleische hat er auch deine Sünde gesühnt. Der Schuldbrief auch für deine Sünden ist zerrissen an das Kreuzesholz angenagelt: du schuldest der Welt, der du einmal entsagt hast, Nichts mehr. Mit vollem Rechte wird Das betont, da dir aufliegt, zu sagen: „Mir ist die Welt, ich bin der Welt gekreuzigt.“ Du darfst den Tod nicht mehr fürchten, wenn du Christus in dir trägst, indem du sagen kannst: „Tod, wo ist dein Sieg? Wo ist, o Tod, dein Stachel?“ Wenn unser alter Mensch an’s Kreuz geheftet ist, so ist die Sünde vernichtet, der Stachel entfernt, die Schuld getilgt: wir müssen dann aber auch ablassen, ferner noch der Sünde zu dienen. Der alte Mensch ist todt; wir sind nun eine neue Schöpfung, in der Ähnlichkeit mit Jesus Christus. In der Ähnlichkeit seines Todes mit ihm begraben, haben wir nun auch das Ebenbild seines Lebens angenommen; ja die Flügel himmlischer Gnade haben wir empfangen.

So schwinget euch denn empor, daß auch von euch gesagt wird: „Wer sind Die, welche wie Wolken daher fliegen und wie Tauben zu ihren Gittern?“ Daß doch die Wolken die Gerechtigkeit thaueten, daß die Einfalt der Tauben das Erbtheil wäre! Über die Welt hinaus richtet den Lauf eures Schiffes; irret nicht in ihr umher, gleich den Tharsisschiffen, bis ihr beladen mit den Reichthümern des Meeres im sicheren Hafen einläuft. Eilet so, daß von euch gesagt werden kann: „Schneller sind sie, als die Adler unter dem Himmel.“ Sehet zu, wie ihr dem kommenden Zorne entfliehet, dem Diejenigen ausbeugen konnten, die durch Reue und Buße sich die Hoffnung auf Verzeihung sicherten, die den Glauben an die Versöhnung bewahrten durch unseren Herrn Jesum Christum, dem die Herrschaft gebührt, jetzt und immer und in alle Ewigkeit. Amen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s